1845_Willkomm_WeiseSclaven.html




        
                              Ernst Adolf Willkomm
                   Weiße Sklaven oder die Leiden des Volkes
                                   Erster Teil
                                   Erstes Buch
                                 Erstes Kapitel
                              Der Haidekretscham
Ein ansehnlicher Teil der beiden Lausitzen namentlich die früher unter
sächsischer Botmässigkeit stehende Niederlausitz ist mit unermesslichen
Kieferwaldungen bedeckt welche unter dem Namen der großen Heide bekannt sind
Diese ungeheuren Wälder auf deren feinem Sandboden nur Haidekraut und dürre
Gräser Nahrung finden erstrecken sich bis in die Nähe der Stadt Görlitz und
bergen in ihrem schattigen Dunkel mehrere Städte und eine Menge Dörfer so wie
einzeln gelegene Häuser und Vorwerke Hie und da unterbricht ein niedriger
Höhenzug das einförmige Dickicht von dem herab man die schwarze Waldung
meilenweit übersehen kann Am Fuße solcher meist kahlen Hügel haben sich an
Waldbächen deren Gewässer grünen Wiesenbänder um die gelben Sandflächen winden
genügsame Menschen angesiedelt um von Kohlenbrennerei von Fischfang dürftigem
Ackerbau Handarbeit und Bienenzucht kümmerlich zu leben Ergiebiger wird der
Boden der Heide an den Grenzen der Oberlausitz Hier durchschneiden fruchtbare
Täler die rauschende Waldung ansehnliche tiefe und bereits schiffbare Flüsse
bewässern das umliegende Land und sichern den Anwohnern eine heiterere Existenz
als ihren in den dürren Haideflächen versteckten Brüdern Weiterhin gegen die
Mark zu verliert sich das fruchtbare Erdreich wieder und die ganze Heide
verwandelt sich in einen ungeheuren waldigen Moorbruch den zahllose Flüsschen
Bäche Kanäle und Teiche durchschneiden und in welchem noch ein eigentümliches
Völkchen mit altertümlichen Sitten still und zurückgezogen haust Es sind die
Bewohner des Spreewaldes
    Durch die ermüdende Öde jener sandigen Heide schleppte sich in den letzten
Tagen des Septembers 1832 ein ärmliches Fuhrwerk dessen gebrechlicher Bauart
man es ansah dass es polnischen Juden angehören müsse Die Räder waren
teilweise ohne Schienen eine zerlöcherte und mit hundert Flicken besetzte
Plane von schmutzig grauer Leinwand war über halb zerknickte Reifen ausgespannt
um die darunter Sitzenden gegen Wind und Wetter zu schützen In liederlichem
Geschirr an Strängen mit zahllosen Knoten und Troddeln gingen drei muntere
polnische Pferde von denen zwei an die Deichsel das dritte nach polnischer
Sitte mittelst einer Kette an die Achse des Hinterrades gespannt war Dies
letztere Tier jung und feurig versuchte selbst in dem fusstiefen Sande häufig
zu galoppiren was ihm bei dem langsamern Schritt der beiden andern Pferde nicht
recht gelingen wollte
    Vorn in der sogenannten Kelle saß ein untersetzter Kerl im langen
schmutzigen Rock der gemeinen polnischen Trödeljuden Ein struppiger Bart von
unsicherer Farbe bedeckte sein ganzes blaurotes Gesicht ein vielfach
eingebogener Filzhut hie und da zerbrochen seinen Kopf In Ermangelung eines
Stützbretes für die Füße ließ er die in starken juchtenen Stiefeln steckenden
Beine zu beiden Seiten der Deichsel herabbaumeln so dass sie wenn die Räder im
Sande tief einsanken oft den Boden streiften
    Im Innern dieses Fuhrwerks saßen ein Greis und ein Jüngling von etwa
siebzehn Jahren und auf der an der Seite des Wagens angebrachten eisernen
Stiege stand ein jüdischer Knabe von etwa fünfzehn Jahren und hielt sich mit
beiden Händen an den Tragreifen der Plane fest um nicht das Gleichgewicht zu
verlieren
    Dies polnische Fuhrwerk hatte in schräger Richtung auf einem der vielen
tiefen Sandwege die Heide aus der Gegend von Priebus her durchschnitten und
erreichte jetzt eine hochgelegene Waldblösse über die eine etwas besser
gehaltene Landstraße führte Links am Fuße des Haidehügels in grünem von vielen
Gräben durchschnittenen Wiesengrunde lag ein Schenkhaus mit Stallung Scheuer
und Schuppen Hinter den Wiesen sah das graue Dach einer Torfgräberhütte unter
den Bäumen hervor und weiter hin beschrieb die Heide einen schmalen Bogen
durch welchen man die blauen Wasserspiegel mehrerer großer Teiche im Abendschein
blinken sah
    Die Sonne war dem Untergang nahe und ließ hinter blaugrauen Wolkenschichten
eine Menge jener breiten Strahlen auf die Erde fallen welche der Landmann für
Vorzeichen nahen Regens hält Die breite schwarze Heide jenseits der Teiche ward
dabei stellenweise blendend hell erleuchtet während der Horizont purpurn
erglühte und sowohl den interessanten Gebirgsknoten der weit bekannten
Königshainer Berge als auch die einsam gelegene hohe Doppelluppe der
Landeskrone mit blitzendem Gold überströmte
    Nach dem Einerlei der Heide musste dieser unerwartete Anblick einer fernen
schönen Gebirgsgegend das Auge der Reisenden erquicken Auch war der polnische
Fuhrmann wirklich so überrascht dass er unwillkürlich die Pferde anhielt und
einige Sekunden die heitere Aussicht dummdreist angaffte Mehr aber noch als
die farbigen Tinten der Abendbeleuchtung schien dem Juden ein rötlicher
Feuerschein in die Augen zu stechen der aus dem unfern im Tale gelegenen
Schenkhause vertraulich einladend heraufwinkte Fragend sah er sich um nach dem
Greise und zeigte dabei mit der Peitsche nach dem rauchenden Schornsteine der
Talschenke Der Greis nickte bejahend und in leichtem Trabe flog das ärmliche
Fuhrwerk den Sandweg hinab und lenkte in den offen stehenden Torweg des
Gehöftes
    Ein Knecht unter dem Schuppen mit Holzspalten beschäftigt ging den Fremden
entgegen behandelte aber den hastig fragenden Juden sehr kurz und machte sich
mehr mit den hübschen wohlgenährten Pferden zu tun Erst als der Greis mit
seinem jugendlichen Begleiter abstieg und ihn in wendischer Sprache anredete
erheiterte sich sein Gesicht Er reichte beiden Fremden die Hand sagte ihnen
ebenfalls auf wendisch dass sie ein vortreffliches Nachtquartier bekommen
sollten und geleitete sie bis an die Haustür ein paar Bündel und Packen
dienstfertig ihnen nachtragend
    Der Greis war ein hoch gewachsener von der Last der Jahre nur wenig
gekrümmter Mann Er trug sich ziemlich altmodisch und vollkommen bäurisch Kurze
Beinkleider von schwarzem Leder bedeckten kaum das Knie blauwollene Strümpfe
schützten die Beine und grobe rindslederne Schuhe mit großen messingenen
Schnallen umschlossen seine Füße Außerdem trug er einen dunkelblauen Tuchrock
der von oben bis unten mit sehr breiten übersponnenen Knöpfen besetzt war über
der Brust aber bloß durch zwei silberne Heftchen zusammengehalten wurde und eine
bis an den Hals zugeknöpfte Weste von hellerem Tuch sehen ließ Ein niedriger
runder Hut mit sehr breiter muldenartig aufwärts gebogener Krempe bedeckte sein
schneeweisses starkes Haupthaar Als er diesen an der Schwelle des Hauses abnahm
musste ein fingerbreiter Riemen von schwarzem Glanzleder den der Alte um das
Haar gelegt und vorn auf der Stirn mittelst einer Silberschnalle befestigt
hatte die einen auffliegenden Habicht darstellte Jedermann auffallen Dieser
Riemen hielt die reiche Haarfülle des Greises fest zusammen und gab dem stramm
Einherschreitenden eine überraschende Ähnlichkeit mit irgend einem Helden des
Altertums wie wir sie aus Abbildungen auf antiken Münzen kennen
    Schon von dem Waldhügel herab hatte der Greis die am Wiesenrande liegende
Schenke an ihrer ganzen Bauart noch mehr an dem leuchtenden Heerd oder
Kaminfeuer für einen der vielen gastlichen Haidekretschame erkannt die in den
endlosen Wäldern zerstreut liegen Er schien darüber sehr erfreut zu sein und
seine strengen tief gefurchten Züge die in einem Zeitraume von mehr als
achtzig Jahren vielen Kummer und schweres Herzeleid erfahren haben mochten
heiterten sich etwas auf als er in die Schenkstube trat Es kam ihm Alles darin
so bekannt vor dass er den Arm seines jungen Begleiters drückte und auf der
Türschwelle stehen bleibend mit leiser Stimme zu ihm sagte »Sieh Paul das
ist die Heimat Deiner Väter«
    Der Wirt stutzte als er diese obwohl in deutscher Sprache gemachte
Bemerkung hörte und rückte mit größerer Eile als er sonst zu tun pflegte ein
paar Schemel an den großen in der südlichen Stubenecke befindlichen Tisch
Inzwischen sah der Jüngling sich neugierig im Zimmer um wo der umfangreiche
Kachelofen mit dem großen hellpolirten kupfernen Ofentopfe und daneben der in
die Wand eingemauerte Kamin auf dem ein knisterndes Kienfeuer hochauf loderte
und die dämmernde Stube mit grellem Lichtschein beleuchtete besonders seine
Aufmerksamkeit zu fesseln schienen Auf der Ofenbank dem Kaminfeuer zunächst saß
eine bejahrte Frau mit hagerm bleichem Gesicht und drehte rastlos beim Schein
der Flamme die Spindel Sie war in schwarze Stoffe gekleidet nur um das
ergrauende Haar die Stirn mehr als zur Hälfte bedeckend hatte sie ein zwei
Hände breites weißes Tuch geschlungen das am Hinterkopf in zwei steif
auslaufende ohrenähnliche Zipfel zu einem Knoten verknüpft war Sie sah die
Fremden mit großen neugierigen Augen an ohne sie zu grüßen oder ihren Gruß zu
erwidern und drehte dann emsig die Spindel fort dann und wann leise mit sich
selbst redend Ihr ganzes Benehmen ließ erraten dass sie geistesschwach oder
vor Alter kindisch geworden sein musste
    »Ich bitte um Nachtquartier für mich und meine Leute« sagte jetzt der
ernste Greis am Tische Platz nehmend »Eine gute Streu und ein Gericht
Kartoffeln oder Haidegrütze werdet Ihr wohl für uns haben«
    »Für Euch gäbs wohl auch noch ein Stück geräuchertes Fleisch und frisches
Sauerkraut« fiel der Wirt ein »und dazu möcht ich Euch raten damit Euer
Knecht nicht Hunger leiden darf Mit Erlaubnis Ihr kommt aus Polen«
    »Tief aus Polen«
    »Nun ich will hoffen dass Ihr nicht zu den Rebellen gehört und Eure Papiere
in Richtigkeit sind Die Gensdarmen sind jetzt wachsamer und strenger als vor
Jahr und Tag denn die Haiden stecken voll verlaufenen Gesindels das sich
heimlich über die Grenzen geschlichen hat«
    »Mein Pass steht Euch zu Diensten«
    »Dass mich Gott bewahre Meinetalb frag ich nicht es geschieht bloß der
Sicherheit der Reisenden wegen Gäbs nicht Gensdarmerie mir zu Gefallen
brauchten die Pässe weiß Gott nicht erfunden worden zu sein Ihr seid kein
Pole scheint mir«
    »Von Geburt nicht«
    »Sahs Euch gleich an alter Vater So ehrlich und treuherzig wie Ihr sieht
kein polnischer Bauer aus«
    »Muss ich denn gerade ein Bauer sein« versetzte der Fremde »Heut zu Tage
trägt mancher einen Rock der nicht auf seinen Leib gemacht ist«
    »Das trifft sich wohl alter Vater indes wer so viel mit Menschen
verschiedenen Schlages umgehen muss wie der Wirt eines Haidekretschams der
bekommt ein scharfes Auge glaubt mirs und so leicht ist ihm nicht etwas weiß
zu machen Ja ich wollte wetten dass mehr altwendisches als deutsches Blut in
Euren Adern fließt«
    Der Greis sah den Wirt nach dieser Bemerkung mit seinen hellen dunkelblauen
Augen scharf an und da er einen ehrlichen Mann in ihm zu entdecken glaubte
nickte er und rief ihm den wendischen Gruß »Bomhai boh« zu denn bisher war das
Gespräch deutsch geführt worden Schnell und heiter entgegnete der Wirt »Wersh
bomhasi« schüttelte beiden Gästen die Hand und setzte mit Lebhaftigkeit und
jener traulichen Freundlichkeit und sorglosheitern Laune die den Wenden eigen
ist die Unterhaltung fort
    Inzwischen war auch der jüdische Knecht mit seinem Sohne in das Zimmer
getreten und hatte sich abseits vom Schenktische dem Ofen gegenüber an einen
besonderen Tisch gesetzt Sie verlangten Schnaps und trockenes Brod mit Salz das
ihnen nebst einem Glase Bier ein junges Mädchen vorsetzte Das Mädchen war stark
und kräftig strotzte von Gesundheit und schien sich um Druck und Not der Zeit
keine Sorge zu machen Es richtete einige Fragen an die emsige Spinnerin
erhielt aber keine Antwort Erst als sie ziemlich heftig ihre Fragen
wiederholte und dabei aus Versehen den Faden am Rocken zerriss sah die alte Frau
erzürnt auf Ein paar Sekunden schien es als wolle sie eine Flut von
Schimpfreden über das Mädchen ausgiessen plötzlich aber ward ihr Gesicht wieder
ernst ein wehmütiges Lächeln spielte um den reizlosen faltigen Mund und den
Faden wieder anknüpfend und mit größerer Emsigkeit die Spindel drehend summte
sie erst leise dann immer lauter eine jener melancholischen Liederweisen vor
sich hin die noch heut bei den Wenden der Lausitzen in Gebrauch sind Nachdem
sie mehrere Verse unverständlich geflüstert hatte erhob sie plötzlich ihre
Stimme ganz laut und der fremde Greis verstand die Worte
»Hinaus sie ihn trugen
Viel Volk hinterher
Jüdevoi
Vor allen sein Liebchen
Ging zwischen zwei Andern
Jüdevoi
Das Mägdelein weinte
Und brach ihre Hände
Jüdevoi«1
    Hier ließ sie die Stimme sinken so dass die nächsten Verse den Zuhörern
unverständlich blieben dann aber die Spindel heftig an sich reißend an ihren
Brustlatz stemmend und den Faden aufwickelnd fiel sie wieder laut ein
»Für mich starb der Liebste
Für ihn will ich sterben
Jüdevoi
Hier hab ich zwei Messer
Die hat er gekauft mir
Jüdevoi
Eins senkte sie in sich
Warfs andr hintr ihm her
Jüdevoi
Begrabt nun uns Beide
Dort unter die Linde
Jüdevoi«
    Abermals ließ sie die Stimme sinken und erhob sie erst beim letzten Verse
wieder zu verständlichem Gesange indem sie äußerst langsam in zitternden Tönen
und Tränen vergiessend mehr rief als sang
»Sie liebten sich Beide 
In Eines verflochten
Jüdevoi
In Eines verflochten«
    Mit steigender Aufmerksamkeit hatte der junge Begleiter des Greises den
Gesang verfolgt Als nun die spinnende Alte am Schluße des Liedes die Spindel
auf ihren Schoss sinken ließ und schluchzend das Gesicht in die mageren Hände
drückte sagte Paul zu dem Greise gewandt »Großvater war das nicht meiner
verstorbenen Mutter Lieblingslied«
    »Es war das Lied das sie nimmer vergessen konnte die arme Seele«
erwiderte die alte Wende »Man kennt und singt es so wenn die wendische
Sprache reicht zumal wenn man ein selbst erlebtes Unglück zu beweinen hat
Aber wie Herr Wirt wie kommt die alte Mutter zu dem Liede«
    Der Wirt zuckte die Achseln »David wäre viel zu erzählen« versetzte er
»wenn ich Euch mit den Einbildungen einer schwachsinngen alten Frau unterhalten
wollte Wir sind darauf gewöhnt und lassen uns nicht mehr durch ihre Gesänge
stören Wohl zehnund mehrmal täglich pflegt sie das alte Lied abzuleiern so
oft sie ein junges Mädchengesicht erblickt Es scheint sie bildet sich dann
ein ihre Tochter stände vor ihr die ein schlechtes Ende nahm in Folge einer
leichtsinnigen Liebelei Eine alte Klage aller Eltern die nie ganz aufhören
wird so lange es noch junge heissblütige Burschen gibt«
    Das Mädchen hatte unterdes ein Linnentuch über den Tisch gebreitet eine
Schüssel kaltes Rauchfleisch und gewärmtes Sauerkraut aufgesetzt und auch ein
paar Gläser Bier eingeschenkt Dann legte sie neue Kienspäne auf die Kaminplatte
und fachte die Flamme mit ihrem Atem an bis sie knisternd hoch aufflackerte
und die geräumige Stube leidlich erhellte Lichter wurden nicht angezündet das
Kaminfeuer musste so gut es gehen wollte deren Stelle ersetzen
    »Nun langt zu alter Vater und Du blonder Junge sieh munter in die Welt«
ermahnte der Wirt seine Gäste selbst zulangend und ein tüchtiges Rippenstück
auf seinem hölzernen Teller deren einen jeder Gast erhalten hatte emsig
zerlegend »Wart Ihr lange in Polen« fragte er den Greis »Vordem ging viel
Volks dahin auch hier aus der Gegend Man erzählte sich Wunderdinge von dem
billigen Leben in den polnischen Wäldern und von dem leichten Verdienst den
Einwanderer haben sollten wenn sie die Feld und Landwirtschaft verständen Es
muss aber doch nicht so gar herrlich gewesen sein sonst hätten sie wohl
schwerlich die martialische Revolution gemacht die nun ein so klägliches Ende
genommen hat Habt Ihr auch darunter gelitten alter Vater«
    »Persönlich bin ich verschont geblieben« versetzte der Wende »aber zwei
meiner Enkel mussten den Aufstand mit ihrem Leben büßen Doch lasst uns davon
schweigen Es ist nicht gut von Dingen reden die nicht zu ändern sind«
    »Gedenkt Ihr Euch wieder ganz in Deutschland niederzulassen« nahm der Wirt
das Gespräch abermals auf da es ihm nicht gemütlich war sein Mahl
stillschweigend zu verzehren
    »Das hängt von Umständen ab« erwiderte der Greis »und vielleicht könnt
Ihr mir selbst über Einiges das für mich bestimmend sein dürfte Aufschluss
geben«
    »Von Herzen gern Landsmann Nur zugefragt und Ihr sollt Antwort haben bis
meine Zunge sich nicht mehr rühren kann«
    »Ihr seid doch hier einheimisch«
    »Hier und aller Orten in der Heide bis hinauf an die Berge in den böhmischen
Grenzen«
    »Da werdet Ihr vermutlich in früherer Zeit von einem vielbekannten und in
seiner Art berühmten Manne gehört haben den man zu meiner Zeit nur den
Maulwurfsfänger nannte von dem Gewerbe das er trieb Wisst Ihr wohl wo und wann
der Mann gestorben ist und ob seine Verwandten noch leben Denn Kinder hat er
meines Wissens nicht Wenigstens war er niemals verheiratet«
    »So gerade heraus alter Vater kann ich auf Eure Frage nicht antworten Es
gibt hier in den Haiden mehrere Maulwurfsfänger alte und junge die sich alle
nähren viel herumkommen auf den Dörfern bei Bauern und Herren leicht Quartier
finden und alle der Eine mehr der Andere weniger einen guten Ruf haben«
    »Derjenige den ich meine kann nicht zehn volle Jahre jünger sein als ich
Er war nicht aus der Heide auch kein Wende von Geburt sondern ein rechter
hartköpfiger Oberlausitzer Bin ich nicht ganz irre so lebten seine Eltern auf
dem Hahne unterm Hochwalde Später zog er aus dem Gebirge herunter und kaufte
sich auf dem hohen Hübel zwischen Löbau und Herrnhut ein Häuschen Den Ort
nannten sie dazumal insgemein den Toten weshalb wir den Mann scherzweise oft
den toten Maulwurfsfänger hießen«
    »Mein Gott mein Gott wie ist mir denn« sagte der Wirt im Haidekretscham
»Gewiss ich kenne den Mann und sicherlich leb er noch und treibt sein Gewerbe so
sachte hin immer noch fort wenn ich mich nur auf seinen Namen besinnen könnte«
    »Mit dem Spitznamen hieß er PinkHeinrich weil ihm des vielen Sprechens
wegen die Pfeife häufig ausging und er fortwährend genötigt war aufs Neue
Feuer anzuschlagen was die Oberländer pinken heißen«
    »Meine Seel alter Vater Ihr habt Recht« rief erfreut der Wirt aus das
erhobene Glas wieder niedersetzend ohne es zum Munde zu führen »Der Mann lebt
und wie Gesund und frisch wie ein junger Bursche und alert wie eine Forelle
Weiß Gott wie er es macht dass ihn nichts auf Erden anficht weder Krankheit
noch Krieg noch Kummer noch Arbeit Er läuft wie ein Rebhuhn noch heut sein
sechs Meilen des Tages und schläft dann auf harter Bank besser als mancher
grossmächtige König und Herr in seinen weichen Pfühlen Ja das ist noch ein Mann
so unverwüstlich und herzerfreuend wie die Berge auf denen er jung geworden«
    Zustimmend lächelnd nickte der Greis freundlich mit dem Kopfe »Ihr
schildert den PinkHeinrich meiner Jugend den wackeren Helfer in jeglicher Not
den Freund aller Armen Notleidenden und Bedrückten und den unversöhnlichen
aber schlauen Feind rechtloser Gewaltaber Er lebt Gott der Mann lebt Und
wisst Ihr wo ich ihn treffen ihn sprechen kann«
    Zwar kam es dem Wirt sonderbar vor dass sein Gast der seit langer
Abwesenheit tief aus den Wäldern des zerrütteten mit Blut gedüngten rechtlos
unterjochten Polen kam mit solchem Jugendfeuer von einem Manne sprach der in
der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr Geltung hatte als der gemeinste
Tagelöhner indes war er doch auch zu gutmütig und mitteilsam als dass er
einen Gast der noch dazu von Stamm sein Landsmann war nicht die gewünschte
Auskunft hätte geben sollen
    »Wenn Euch daran gelegen ist den Maulwurffänger zu sprechen« versetzte er
nach kurzem Besinnen »so könnte ich Euch wohl einen Ort nennen wo Ihr ihn
sicher trefft wenn die Witterung nicht ganz zum Davonlaufen schlecht wird Das
Häuschen auf dem Toten hat er längst verkauft weils ihm zu einsam gelegen war
und er die Aussicht nicht mehr leiden konnte Sie hatten ihm nämlich in den
ersten zwanziger Jahren oder noch früher kaum eine Viertelstunde von seinen
Fenstern am Saum des Waldes ein Rad aufgepflanzt und darauf die Gebeine eines
Mordbrenners geflochten der wohl ein halbes Dorf aus gemeiner Rache in Asche
gelegt hatte Das verdross ihn und so zog er in das letzte sächsische Dorf auf
der Straße von Löbau nach Reichenbach Was ihn bewegen mochte gerade diesen Ort
zu wählen weiß ich nicht anzugeben Es muss aber wohl eine besondere Bewandtnis
damit haben«
    »Wie so« warf der Greis fragend ein
    »Ich vermute dies bloß weil der Mann so lange ich ihn kenne und das mögen
jetzt an die zwanzig Jahre her sein alle Sonntage dir Gott werden lässt und an
denen nicht Hagen oder todbringendes Schneewetter die Wege ungangbar macht in
die Königshainer Berge wallfahrtet Kennt Ihr den Todtenstein«
    »Ob ich ihn kenne« sagte der Greis die Hände faltend und seine großen
blauen Augen mit schauerlichem Ernst zum Himmel aufschlagend
    »Nun seht« fuhr der Wirt fort den die geheimnisvolle Schweigsamkeit des
alten Wenden immer mehr anzog »heut ist Sonnabend wills Gott und wenn Ihr
morgen in der Frühe mit Eurem ungläubigen Kutscher aufbrecht und die Richtung
nicht ganz verliert auch Euer gottserbärmliches Gerüll von Wagen nicht auf
unsern mitunter holprigen Wurzelwegen zerbricht so mögt Ihr in den ersten
Nachmittagsstunden am Fuße der Königshainer Berge ankommen Macht Ihr Euch dann
auf den Weg und geht schnurstracks nach dem Todtensteine den Ihr in einer guten
halben Stunde vom Gasthofe aus erreichen könnt so werdet Ihr unter irgend einer
der vorspringenden Felsenkanten den Mann den Ihr sucht in stilles Nachdenken
verloren sitzen sehen Ob er ein Anhänger des lieben Heidentums ist das vor
alten Zeiten in der Gegend gehaust haben soll oder ob er heimlich Schätze gräbt
oder gar mit den Geistern und Holzweibeln Verkehr treibt die um die
schauerlichen Klüfte schweben und ihre unheimlichen Weisen singen das weiß ich
nicht und mags auch nicht wissen Aber ich will kein Wort wendisch mehr
sprechen wenn Ihr dem PinkHeinrich nicht am Todtensteine begegnet«
    Sichtlich erheitert reichte der alte Wende dem Wirt die Hand über den
Tisch dankte und trank ihm nach altwendischer Sitte zu »Gott segne Euch und
Euer Haus für diese Auskunft« sagte er »Ruhiger als ich glaubte lege ich
jetzt mein weißes Haupt auf das Stroh nieder das auf dem Boden meiner teuren
Heimat gewachsen ist Schwere traurige furchtbare Schicksale vertrieben mich
daraus und ich verließ sie mit der lähmenden Gewissheit sie nie mehr wieder zu
sehen Aber der Herr hat es anders mit mir beschlossen Er will vielleicht die
Wunden welche seine prüfende Hand meinem armen Herzen in den Jahren der Kraft
schlug jetzt im Alter heilen und einen vollen segnenden Strahl seiner Gnade
mir schenken Sein Name sei gepriesen was mir immer begegnen möge aber
verdreifacht wird mein Glaube werden der mich stets aufrecht erhalten hat in
Not und Elend wenn ich diese abgehetzten Glieder endlich nach langer Irrfahrt
an meiner Eltern Grabe zur Ruhe niederlegen sollte«
    Der Greis sprach so ernst und feierlich dass selbst dem etwas neugierigen
Wirt der gern heiter und launig war die Wiederanknüpfung des Gespräches
verleidet ward Er schwieg gänzlich auch der jüdische Kutscher mit seinem Sohne
flüsterte nur leise dagegen erhob die spinnende Alte die schon längst wieder
ihrer Gewohnheit nach die Spindel drehte und ein Gespräch nur dann beachtete
wenn Worte darin vorkamen die irgend ein vergangenes Ereignis urplötzlich in
ihr unklares Gedächtnis zurückriefen abermals ihre Stimme Phantastisch die
linke Hand schüttelnd sprach sie in singendem dumpfem Tone
»Zu Haus im Felde
Zwiefache Not
Schlimm ists für Jeden
Der hat kein Brod«
    Dann fiel sie sogleich in ein lustiges Gelächter stampfte taktmässig mit dem
Fuße auf das Bänkchen ihres Rockenhalters und sang munter und fröhlich den Kopf
hin und her wiegend und häufig laut dazwischen auflachend indem sie die Spindel
in hohen Bogen um sich tanzen ließ
»Tom tom tinz
Sie buck ne Blinz
Tom tom tich
Drauf lüsterts mich
Tom tom tin
Sie gab mir ihn
Tom tom tauf
Ich aß ihn auf
Tom tom ter
Ich wollte mehr
Tom tom ticht
Sie gab mirs nicht
Tom tom terr
Da kam der Herr
Tom tom tort
Ich wälzt mich fort«
    »Wollt Ihr nicht Feierabend machen Mutter Maja« sagte jetzt der Wirt zu
der wunderlichen Alten als sie den barocken Gesang endigte »Ihr habt ja bald
einen ganzen Rocken abgesponnen und was soll ich mit dem vielen Garne anfangen
bis Weihnachten Der Garnsammler kommt nicht vor Neujahr wie Ihr wisst und in
unserm ganzen Hause gibts so viel Mäuse dass weder Speck noch Flachs einen Tag
lang sicher sind Schade um Euer schönes Gespinnst«
    »Wohl gesprochen mein Sohn Ich will schlafen gehen« erwiderte die Alte
schob den Rocken bei Seite und steckte die Spindel darauf »Des Nachts seh ich
die Wassernixen tanzen und wenn sie singen und mit mir reden machts mir
keinen Ärger wie das dumme Geschwätz der Mägde Gute Nacht Jürge wünsche
angenehme Ruhe edle Herren«
    Sie stand auf und machte ein paar tiefe Knixe gegen die Fremden worauf sie
langsam die Tür aufstiess und quer über die Hausflur nach ihrer eigentlichen
Wohnung schritt Denn Mutter Maja lebte als Wittwe des früheren Wirtes und als
Mutter des jetzigen im Ausgedinge
    »Es ist übel mit solchen alten Leuten« sagte Jürge zu seinen Gästen »Mit
Härte und Gewalt ist nichts von ihnen zu erlangen und Güte und freundliches
Zureden fruchten bloß dann wenn sie grade mit ihrem verworrenen Gedankengange
im Einklange stehen Die arme Mutter So treibt sies nun alle Tage schon seit
Jahren Bald bricht sie in herzerschütterndes Weinen aus und singt die
traurigsten Lieder unseres Volkes bald ehe man die Hand umdreht lacht und
jubelt sie und erinnert sich der schabernäckischen Weisen mit denen die jungen
Burschen ihre Mädchen bei der Spinte und auf dem Felde necken Denn Ihr müsst
wissen dass Maja die erste Liederkennerin im ganzen Wendenlande ist Fragt sie
wonach Ihr immer wollt sie wird Euch Rede stehen und auf jedes Begegniss auf
jede Verrichtung im gewöhnlichen Leben einen passenden Vers ein Lied oder einen
Spruch wissen Desshalb kommen auch Sonntags im Winter die Burschen oft
stundenweit her zu mir um von der Mutter neue Lieder und Melodien zu lernen
und es geht dann in meiner einsamen Schenke häufig lustiger zu als im
besuchtesten Kretscham großer Hofedörfer«
    Nach seiner Weise gab der Greis seine Zustimmung durch Kopfnicken zu
erkennen Die heitere unbefangene Unterhaltung des Wirtes gefiel ihm und er
hätte gern noch etwas Näheres über die Verhältnisse des Mannes und seiner alten
gestörten Mutter erfahren da ihm die Schicksale seiner Stammesgenossen immer
wichtig erschienen weil er selbst von den traurigsten nicht verschont geblieben
war allein die Müdigkeit Pauls der schon während des Essens eingenickt war
und der Wunsch am nächsten Morgen zeitig wieder aufzubrechen bestimmten ihn
für diesmal neue Erörterungen zu unterlassen Er bat daher den Wirt dass er die
Streu für ihn möge bereiten lassen was dieser bereitwillig selbst unternahm
Der Knecht der schon geraume Zeit am Ofen gesessen hatte führte den Juden in
den Stall und wies ihm und seinem Sohne auf dem Futterkasten eine warme
Lagerstatt an
    »Solltet Ihr früher wach sein als ich oder meine Leute« sagte der Wirt
nachdem die Streu auf umgestürzten Schemeln bereitet war so dürft Ihr bloß mit
dem Deckel des Ofentopfes herzhaft klappern »Das ist unsere Klingel für die
wir allesammt ein gar feines Ohr haben Gute Nacht der Herr behüte Euch«
    Er drückte seinen Gästen nochmals die Hand und ging dann ohne Licht wie die
Übrigen in die an die Wohnstube stossende Schlafkammer
 
                                    Fußnoten
1 Bruchstücke noch jetzt unter den Wenden gäng und geber Volkslieder
 
                                Zweites Kapitel
                                Eine Eröffnung
Unter halblautem Gebet streckten sich Greis und Jüngling auf die duftige Streu
Wie schläfrig aber auch Paul den ganzen Abend gewesen war so munter ward er
jetzt als jedes Geräusch um ihn her verstummte Die bleichen Flämmchen die
noch zuweilen über dem Aschenhäufchen des erlöschenden Kaminfeuers gaukelten
zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und beschäftigten seine Einbildungskraft
Die tote Stille der Heide von keinem Tierlaut unterbrochen wirkte gewaltiger
auf den Geist des Jünglings ein als das verworrenste Gelärm Die Nacht war so
still dass nicht einmal das fast nie feiernde leise Rauschen der Wälder dies
Atmen der Natur, gehört ward Sanft rieselnd schlug ein feiner Regen an die
Fenster dem sich bald das lautere Plätschern einer ausgiessenden Dachrinne auf
die Steinplatten vor dem Hause zugesellte
    Das wiederholte tiefe Aufseufzen des Großvaters sagte ihm dass auch diesen
der Schlummer fliehe Jetzt mehr als vorher wo fremde Gesichter ihn störten
zum Reden aufgelegt sprach er zu dem Greise
    »Ihr schlaft auch nicht Großvater«
    »Mit den Jahren kommt der Schlaf nur langsam doch lass Dich dadurch nicht in
Deiner Ruhe stören Paul«
    »Mir ists als hätt ich schon ausgeschlafen Hört nur wie es regnet«
    »Haidewetter nichts weiter«
    »Großvater ich möcht Euch was fragen«
    »Wer verwehrt es Dir«
    »Haben wir noch weit bis an den Ort wo meine selige Mutter geboren ward«
    »Nein Paul Wir kommen aber vor jetzt nicht dahin«
    »Aber warum denn nicht Ich möchte so gern das Haus sehen wo sie gewohnt
wo sie Euch gepflegt und geliebt hat«
    Der Greis richtete sich auf und wendete sein patriarchalisches Gesicht dem
Enkel zu Die hüpfenden bläulich roten Flämmchen am Kamin beleuchteten
ruckweise seine ausdrucksvollen von Schmerz durchfurchten aber in Demut
gefassten Züge »Paul« sprach er »ich habe als wir zusammen die weite Reise
antraten versprochen deren Veranlassung und Zweck Dir an dem Tage zu erklären
wo wir das Land unserer Väter betreten würden Dieser Tag ist gekommen und da
es scheint als wolle Gott mein Gebet erhören und mir die letzten Stunden meines
Lebens aufheitern so will ich gleich jetzt mein Wort lösen und Dich so weit es
frommt in das einweihen was die Zukunft auch von Dir erheischen wird«
    »Du hast mich oftmals gefragt« fuhr der Greis fort »weshalb ich da es
doch sonst Niemand zu tun pflegt mit ledernem Riemen mir Haar und Stirn
umwinde Es geschieht dies zur Erinnerung an eine schwere und furchtbare
Vergangenheit deren Schauplatz diese endlose Heide und deren Umgegend ist Oft
lieber Paul ehe die blutige Revolution in Polen ausbrach hast Du den Zustand
der elenden unwissenden Bauern beklagt die jeder Laune ihrer hochmütigen
brutalen Herren demütig nachkommen müssen und nicht einmal murren dürfen wenn
sie unmenschlich gemisshandelt gleich dem Vieh mit Füßen getreten werden Es ist
dies das beklagenswerte empörende Loos aller Leibeigenen es war auch das
meine Paul als ich hier lebte denn Dein Großvater war ein Leibeigener«
    Hier überwältigte das Gefühl den alten Wenden die Stimme versagte ihm in
lautem Schluchzen und weinend barg er sein Antlitz in die zitternden Hände
    »O Gott o Gott« rief Paul »Wie kann dies möglich sein«
    »Es war noch weit mehr möglich« versetzte der Greis sich wieder
beruhigend »Höre mich an und schweige  Wir die wir einem und demselben Herrn
untertan waren wir erhielten von ihm am Tage der Konfirmation den Stirnriemen
als Schmuck und Zierde wenn Du willst als Abzeichen Wie man den Schaafen mit
glühendem Eisen eine Ziffer in ihre Wolle brennt damit kein Anderer sie als sein
Eigentum ansprechen kann so legte uns unser Herr und Gebieter diesen
schimmernden Sclavenring um die freie Stirn um uns aus allem Volk heraus zu
erkennen und sein Recht auf uns geltend zu machen Du wirst sagen wir hätten ja
nur dieses Band der Schmach wegwerfen und fliehen dürfen um frei um Menschen
zu werden aber das war nicht so leicht Einmal ist der in schimpflicher
Abhängigkeit geborene Mensch von Natur feig und nur im Augenblick wilder
Aufreizung zu selbstständigen Taten und Entschlüssen fähig und sodann gab es
tausend Verräter aus Furcht vor Strafe Nie gelang es einzelner Flüchtlingen
für immer zu entkommen Man entdeckte ihre Spur ehe sie noch die Grenzen
überschritten hatten und dienstwillig lieferte sie ein Herr dem andern aus«
    »Aber Ihr entkamt ja doch Großvater Ihr fandet in Polen Aufnahme und ein
freies Leben warum kehrt Ihr nun dahin zurück wo es Euch so elend erging und
noch dazu mit der Abzeichen der Knechtschaft um die Stirn«
    »Ja« sagte der Greis »ich entkam aber nicht allein nicht weil ich es
überdrüssig was zu dienen sondern in Folge eines Ereignisses wovon Du später
hören sollst  Warum ich hieher zurückkehre und das Band der Sklaverei trage
Nun ich suche am Rande des Grabes mein Vaterland auf um Gerechtigkeit zu
fordern oder Rache zu üben Und ich habe diesen Reif der Schmach und Schande bis
heut getragen damit er mir in jeder Minute ein ernster Mahner sein möge nicht
bloß an mein eigenes vergangenes Elend sondern an die rechts und naturwidrige
Unterdrückung von tausenden meiner Brüder Längst hätte ich zu sterben
gewünscht denn ich habe alle meine Angehörigen begraben wäre nicht die Bitte
stärker gewesen die ich an Gott richtete mich noch die Zeit erleben zu lassen
wo das Wort Sklaverei nur noch in der Sprache nicht mehr in der Welt existiert
So lebe ich noch und ich fürchte noch lange leben zu müssen sollte der Herr
der Sterne die Wünsche der Sterblichen dem Wortsinne nach erhören«
    »Gewiss Gott wird Euer Gebet erhören« sagte Paul mit der naiven Zuversicht
eines jungen Menschen der noch geneigt ist die Lehren der Schule ohne
Bekrittelung als untrüglich hinzunehmen »Ihr werdet dann auch Eure Enkelin
meine Schwester wiedersehen von der ich Euch so oft heimlich mit der Mutter
sprechen hörte wenn sie heftig weinte und keinen Trost finden konnte«
    Ein letztes Aufflackern des Kaminfeuers warf bei diesen Worten helle Lichter
auf den Greis Paul erschrak als er die entsetzten Mienen des Großvaters
gewahrte die seine Bemerkung hervorgerufen hatte
    »Um Gott Großvater« schrie der Jüngling auf und warf sich an die breite
Brust des Greises »Was ist Euch Ihr seht ja bleich wie die steinernen Männer
auf den Kirchhöfen und Eure Augen glühen wie Kohlen«
    »Fürchte Dich nicht« erwiderte der Alte schwer aufatmend »Ich zürne
nicht ich bin auch nicht krank ich wusste nur nicht dass schlafende Kinder
zuweilen wachen«
    »Ich darf also hoffen meine Schwester zu sehen« fragte Paul nochmals
    »Deine Schwester Nun ja ja Du hast oder hattest eine Schwester aber ich
weiß doch nicht ob Ihr einander liebhaben würdet«
    »Hat denn die selige Mutter nie etwas von ihr gehört«
    »Sie war verschollen oder verloren gegangen ehe wir auswanderten«
erwiderte ausweichend der Greis
    »Das ist traurig« sagte Paul »Ich war immer der Meinung jener Brief mit
dem zerbrochenen Kreuz der Euch so heftig erschütterte sei von dieser
unbekannten Schwester und ihr gelte unser Besuch nachdem wir in Polen keine
näheren Freunde mehr hatten«
    »Allerdings war es jener Brief den ich noch auf meinem Herzen trage
welcher mich zum Verkauf meines kleinen Höfchens veranlasste Er rührte von dem
Manne her den wir morgen aufsuchen wollen Der Maulwurffänger war so lange ich
in meiner Heimat lebte mein treuester uneigennützigster Freund Er war der
Letzte dem ich beim Abschiede die Hand drückte und der mir wiederholt die
Versicherung gab dass er nie aufhören würde meiner zu gedenken und nach Kräften
für Freimachung meiner Stammbrüder zu wirken Wir versprachen uns gegenseitig
einander zu schreiben aber die Sorgen und Mühen schwerer Jahre ließ mich dies
Versprechen scheinbar vergessen Ein einziges Mal bald nach meinem Anlauf
meldete ich dem Freunde wie es mir in der Ferne gehe und bald kam ein
ausführliches Antwortschreiben zurück das neben manchem lustig klingenden
Schwank viel Trauriges enthielt Mir fehlte es an Zeit und Stimmung darauf zu
antworten und so erfuhr ich auch nichts mehr von dem aufopfernden Freunde Nur
die Hälfte des Messingkreuzes das wir beim Abschiede teilten damit es uns als
Erkennungszeichen dienen möge am Tage der Not oder des Glücks bewahrte ich
sorgfältig auf Der Brief des Maulwurffängers enthielt die andere Hälfte und
eben dies zeigt mir an dass er mir Eröffnungen von außerordentlicher Wichtigkeit
zu machen hat«
    »Habt Ihr ihm denn unsere Ankunft gemeldet«
    »Wie hätte ich dies vermocht Auch bedarf es dessen nicht Ich kenne den
Mut und die Ausdauer Heinrichs der nicht müde werden würde täglich nach mir
auszuschauen und die Hoffnung erst mit dem letzten Atemzuge aufzugeben Ist er
wie der Wirt versichert wirklich noch am Leben so finden wir uns irgendwo
zusammen um uns fernerweit zu beraten«
    »Nun dann Großvater lasst uns freudig Vertrauen fassen« sagte Paul
»Unangefochten haben wir den alten teuren Vaterlandsboden betreten sind
herzlich begrüßt worden von diesem Fremden und wissen sogar die Wege die wir
gehen sollen Wesshalb da noch zagen und fürchten Lass uns gemeinschaftlich den
Allmächtigen anrufen und auf unsern Knien ihn um Erhörung bitten Er wird dann
die milden Schatten des Schlummers über unsere Augen breiten und die trüben
Erinnerungen in unsern Seelen auslöschen bis das Licht des neuen Tages uns
weckt«
    Die ungeheuchelte natürliche Frömmigkeit des Enkels rührte den Greis und gab
ihm wirklich ein Vertrauen das eigener Wille nicht mehr lebendig machen konnte
    »Amen Amen« versetzte er »Du sprichst wie rechtgläubige Christen handeln
sollten Komm denn und lass uns beten«
    Und der Greis kniete auf sein Strohlager streckte die Arme nach seinem
jungen Enkel aus und schloss ihn fest an seine Brust Paul aber begann mit
bewegter halblauter Stimme eines jener langen aus einer Menge Bibelsprüche und
Liederversen zusammengesetzten Gebete worauf die Landleute besonders viel
halten herzusagen Andächtig und gemessen wiederholte der Greis jeden Satz und
wer diese beiden in hoffnungreiches Gebet tief Versunkenen so treuherzig und
kindlich gläubig einander umschlingen gesehen hätte der würde nicht ungerührt
vorüber gegangen sein und wäre er ein Verächter des Glaubens gewesen
vielleicht mit dem Seufzer des Zöllners an seine Brust geschlagen haben
    Wohl eine Viertelstunde beteten Großvater und Enkel Dann küsste Paul die
faltige Stirn des Greises und Beide legten sich wieder auf die harte prunklose
Streu Noch hörten sie eine Zeitlang das raschelnde Brüseln des feinen Regens an
den Fensterscheiben zählten die Tropfen die in gemessenen Pausen durch eine
schadhafte Stelle des Daches über ihnen auf einen metallenen Gegenstand fielen
und versanken dann unmerklich in einen erquickenden traumlosen Schlummer aus
dem sie erst durch das Knarren der Tür wieder erweckt wurden welche zur Kammer
des Wirtes führte
 
                                Drittes Kapitel
                                Der Todtenstein
Ein kühler Nordwestwind hatte über Nacht die Regenwolken zerstreut und die rein
und klar aufgehende Sonne verhieß einen schönen Tag Mit freundlichem »guten
Morgen« grüßte der Wirt seine Gäste die schnell aufstanden und die
Strohhälmchen welche an Haaren und Kleidern hängen geblieben waren
abschüttelten
    »Ihr habt eine ruhige Nacht gehabt unter meinem Dache will ich hoffen«
sprach der Wirt klappte den Deckel des Ofentopfes auf und fuhr mit beiden
Händen in das noch laue Wasser »Schönes Reisewetter heut und gute Haidewege So
ein anhaltender Nachtregen ist der beste Wegausbesserer Ihr findet harten Sand
bis an die bergigen Lande hin«
    Ohne die Antwort der Reisenden abzuwarten schlug er den kupfernen Deckel
jetzt drei Mal laut schallend zu worauf die hübsche Magd vom vorigen Abend den
Kopf zur Tür hereinsteckte und nach seinem Begehr fragte
    »Zünde Feuer an Lene« befahl der Wirt »Der Morgen ist schaurig und ehe
die Sonne über die Heide geht fegt uns der Wind die ganze Stube aus Du kannst
auch ein Kienfeuerchen anmachen der Heimlichkeit wegen und hörst Du sag dem
Knecht er solle das faule Judenpack wecken und ihm die Pferde unserer
Nachtgäste anschirren helfen Ihr wollt doch bei Zeiten aufbrechen« fuhr er zu
dem Greise gewandt fort »oder habt Ihr Euch anders besonnen«
    »Mein Beschluss steht fest Sobald der Fuhrmann gefüttert hat brechen wir
auf«
    »Doch zuvor esst Ihr noch ein paar Löffel frische Grützsuppe Die Lene
versteht sich auf die Kocherei wie selten eine Dirne Euer Lebtage sag ich
Euch habt Ihr in Polen keine solche Grützsuppe gegessen wie ich sie Euch
vorsetzen werde«
    Dankbar nahmen die Reisenden diesen Vorschlag an und gaben gern schon dem
freundlichen Wirte zu Gefallen zu dass die genannte Morgenspeise untadelig und
überaus vortrefflich sei Nach diesem derben kräftigen Frühstück berichtigte der
Greis die billige Zeche und verabschiedete sich von dem Schenkhalter
    »Habt Dank« sprach er »für Quartier Kost und gute Auskunft die Ihr mir
gegeben Der Herr vergelts Euch tausend Mal und sollten wir uns einmal wieder
zusammenfinden wills Gott so möge unser Wiedersehen ein recht fröhliches
sein Behüt Euch Gott«
    »Reist glücklich alter Vater und macht gute Verrichtung Aber sagt wollt
Ihr mich so fremd wieder verlassen als Ihr in mein armes Haus getreten seid Es
ist Sitte bei uns dass ein Nachtgast seinen Namen zurücklässt Also wie nennt
Ihr Euch«
    »Jan Sloboda« versetzte der Greis »Der Name erlöscht mit meinem Tode da
ich keine männlichen Nachkommen habe«
    »Gottes Segen auf Euer Haupt Jan Sloboda« rief der Wirt schüttelte dem
Alten wiederholt die Hand und half ihm in das zerbrechliche Fuhrwerk steigen
das bereits vor der Tür auf die Reisenden wartete Der schmächtige jüdische
Knabe sprang auf den Wagentrim der Kutscher pfiff den Pferden und in munter
Trabe ging es fort an dem Wiesenrande hin in die rauschende harzduftige Heide
hinein
    Der sandige vom Nachtregen festgeschlagen Weg führte dicht an den großen
Teichen von über die alle nur durch schmale Dämme getrennt waren und mittelst
Schleussen mit einander in Verbindung standen Zusammen bildete sie eine
ansehnliche Wasserfläche die auf alle Seiten von der dichtesten Heide
umschlossen ward Ein paar Vorwerke Torfhütten und ein Forstaus lagen in der
Nähe auf ausgerodetem Haideboden Der Fahrweg streifte fast die Försterwohnung
bog alsdann wieder in die Kieferwaldung ein und verlor sich im Dunkel der hohen
rauschenden Stämme Die Reisenden brauchten ein paar Stunden um diese Wälder in
querer Richtung zu durchschneiden und sie würden auf diesem einförmigen Wege
lange Weile gehabt haben wären sie nicht von Zeit zu Zeit an Köhlerwohnungen
und Pechsiedereien vorübergekommen um die es immer ein buntes Gewimmel von
Menschen gab Auf freien hochgelegenen Plätzen im Walde über die sich die
Straße zog sahen die Reisenden auch über dem unabsehbaren schwarzen Dickicht
die blauen Rauchsäulen der Meiler an hundert Orten zugleich in die kühle
Morgenluft steigen
    Mit dem Aufhören der Heide nahm die Gegend sogleich einen andern Charakter
an Täler Hügel Berge und Felsgruppen traten zu romantischen Ausund
Ansichten zusammen Klare lebendige Bäche hüpften murmelnd über Kies und
schimmerndes Gestein Heitere Dörfer zogen sich in Tälern und an Hügeln hin
Kirchtürme blinkten im Sonnenschein und die hohen Giebel und alten Turmzinnen
manchen Edelhofes sahen aus ehrwürdigem Ulmen und Eichengebüsch hervor Das
Geläut der Glocken die zur Kirche riefen ertönte auf allen Seiten und
berührten die Reisenden ein Dorf so begegneten sie häufig geschmückten Mädchen
und Frauen die wohl dem ungewohnten Fuhrwerk verwundert nachsahen
    Obwohl der Jude seine Pferde tüchtig antrieb war die Mittagsstunde doch
schon vorüber als das am Fuß seiner romantischen Gebirge prächtig gelegene
Königshain den Reisenden sichtbar ward Paul konnte sich nicht satt sehen an den
vielen wechselnden Fernsichten und den sonderbar gestalteten Gipfeln der Berge
die kühn und phantastisch hinter dem im Tale liegenden volkreichen Orte
emporstiegen Hätte Sloboda ihn nicht belehrt dass er nur uralte Felsgebilde vor
sich habe so würde der schaulustige Jüngling mit Zinnen und Warttürmen
geschmückte ungeheure Burgtrümmer aus dem Mittelalter zu erblicken geglaubt
haben
    Von einer Menge gaffender Kinder umgeben erreichte das polnische Fuhrwerk
den Gasthof Hier beschloss der Greis bis auf Weiteres zu rasten ließ ein
Mittagsmahl auftragen und erkundigte sich gleich einem Fremden nach den
Sehenswürdigkeiten der Gegend und namentlich nach den umliegenden merkwürdigen
Felsbergen Der Wirt war sogleich bereit jede möglich Auskunft zu geben Er
hielt die Reisenden für Russen schon wegen der ungewohnten Tracht des Greises
und pries ihnen die wundervolle Aussicht auf den nahen Bergen namentlich auf
dem Todtensteine mit beredter Zunge an
    »Den Todtenstein ja den müssen Sie sehen meine Herrschaften« sagte er
auf einem Schemel neben den Reisenden Platz nehmend und behaglich seine Pfeife
rauchend »Das ist ein Felsen wie es keinen mehr gibt in deutschen Landen Die
Gelehrten aus Görlitz und Dresden und andern berühmten Städten kommen bloß
hieher um die alten Steine zu beschauen und ich habe von den gelahrten Herren
manch wundersames Wort vernommen wenn sie nachher mit einander bei einem Glase
Bier hier an demselbigen Tische über das Gesehene und Gefundene discurirten Sie
müssen nämlich wissen meine Herrschaften dass hier herum und weit ins Land
hinein sogar bis hinauf in die Gebirge vor alten Zeiten dumme und blinde Heiden
gewohnt haben von denen die Wenden nach Löbau zu und weiterhin noch ein
Überrest sind In meiner Jugend gabs auch ganz in der Nähe noch einzelne
wendische Bauern jetzt aber sind sie schon seit Jahren teils ausgestorben
teils weggezogen Es hieß sie hätten sich nicht mit den Deutschen vertragen
können was leicht sein kann denn es ist ein hartköpfiges abergläubisches
Volk das eine Sprache redet wie sie kein Hund bellt  Aber was ich sagen
wollte die Herren Gelehrten und Bücherschreiber haben es richtig
herausgebracht dass diese alten Heiden auf dem Todtensteine ihre
götzendienerischen Opfer gehalten ihre Feinde geschlachtet und sie nachher mit
Stumpf und Stiel verbrannt haben Denn grausam ach grausam war das Volk ganz
abscheulich Letztin erst es sind noch keine vier Wochen her haben ein paar
Gelehrte die über acht Tage lang in den alten Klüften herumgekrochen sind und
alle Spalten visitirt und genau beguckt haben eiserne Ringe gefunden und
Kettenglieder und einen steinernen Schlägel den sie ein Opferbeil nannten und
Blutkrüge und Schüsseln und mehr solch Zeug was Alles die wendischen
Götzenpriester bei ihren Opferfesten brauchten Deswegen meine Herrschaften
weil entsetzlich viel Blut da oben vergossen worden ist, heißt der Fels auch bis
auf den heutigen Tag der Todtenstein«
    Nach diesen Bemerkungen die Sloboda dankend hinnahm erbot er sich da es
gerade Sonntag sei und er weiter nichts zu tun habe die Reisenden wenn sie es
wünschen sollten zu begleiten Damit war aber dem Greise nicht gedient weshalb
er für diese Gefälligkeit dankte unter dem Vorwande dass er schwerlich schon
heut dazu kommen werde die umliegenden Berge zu besteigen indem wichtige
Geschäfte seine Zeit in Anspruch nähmen an einem der nächsten Tage dagegen
würde es ihm sehr angenehm sein wenn er ihm einen der Gegend kundigen Führer
verschaffen wolle Der Wirt stand sogleich von seinem Vorhaben ab da er auf
ein längeres Verweilen der Reisenden hoffen durfte und Sloboda konnte sich nach
einiger Zeit in Pauls Begleitung unbemerkt entfernen
    Auf Stegen die ihm noch wohl bekannt waren führte Sloboda seinen Enkel aus
dem Dorfe Ein vielspuriger Feldweg zog sich den Berg hinan dessen Gipfel die
hohe und breite Steinmasse der granitenen Burg schmückte Links und rechts war
der Berg eine gute Strecke hinauf bebaut bis Steingeröll Schlinggewächse und
Schwarzholz das fruchttragende Erdreich verdrängten
    Etwa einen Büchsenschuss von dem Todtensteine entfernt hörte der eigentliche
Weg auf An dieser Stelle übersah man das reich angebaute Land mit seinen
Dörfern Schlössern und Kirchen bis weit in die Lausitz hinein Sloboda blieb
stehen und kehrte sich um Eine Träne rieselte über seine gefurchten Wangen
und indem er Pauls Hand ergriff und auf die sich kreuzenden Pfade deutete deren
eine Menge nach allen Seiten liefen sprach er »Das ist der Ort wo das große
Unglück begann«
    »Welches Unglück Großvater«
    »Das mich vertrieb mich flüchtig und heimatlos machte und Dich unter einem
fremden Volke geboren werden ließ«
    »Und das meine arme Mutter nie vergessen konnte«
    »Das sie nie vergessen durfte« wiederholte Sloboda mit dumpfem
Zornesgrolle
    »Ach warum habt Ihr so oft davon gesprochen und mir doch nie gesagt worin
es bestanden hat«
    »Weil es unnütz gewesen wäre Doch jetzt Paul ist vielleicht die Zeit
gekommen wo Du erfahren musst was Deine Mutter Dein Vater was ich und alle
Diejenigen erduldet haben die vor vierzig und mehr Jahren in diesen gesegneten
Fluren lebten Darum lass uns eilen Dort oben unter den drohenden Granitklippen
des Todtensteines wird sich das Rätsel lösen«
    Mit sonderbaren Gefühlen traten die beiden Reisenden in das gelichtete Holz
einen schmalen Fußsteig hinanklimmend der durch niedriges Gestrüpp durch
Wachholderbüsche und Brombeergesträuch grade nach dem Granitfelsen führte
dessen schwarzgraue Breitseite von Immergrün Epheu wildem Wein und Hopfen
malerisch umrankt wie eine ungeheure Burgmauer grade vor ihnen lag Hie und da
wucherte in dürftigem Erdreich eine Kiefer auf dem Gestein und schlang ihre
gekrümmten Wurzeln gleich goldglänzenden Schlangen um die vorspringenden
Felsen Der Anblick des Todtensteines war imposant und staunend starrte der
junge Paul die zerrissenen wohl achtzig Fuß hohen Wände an um die jetzt
pfeifend der Nordwestwind heulte Sloboda aber ließ ihm keine Ruhe Schneller
als man von dem Greise erwarten konnte schritt er nach einer tiefen Kluft die
den riesigen Granitblock in zwei ungleiche Hälften zerschneidet und den Aufgang
zur freien Höhe desselben bildet Nicht fern von dieser kaum anderthalb Ellen
breiten Schlucht sieht man schräg am Gestein eine sitzartige Vertiefung welche
das Volk den »Teufelssitz« nennt
    Die Reisenden mochten etwa noch hundert Schritte von dem Felsen entfernt
sein als Sloboda ein Geräusch zu hören glaubte wie wenn Jemand mit Eisen oder
Stahl gegen einen Stein schlüge
    »Was war das« fragte er mehr sich selbst als seinen neben ihm
herschreitenden Enkel
    »Ich glaube es schlug sich Jemand in der Nähe Feuer an« versetzte Paul und
blieb horchend stehen Indem wiederholte sich das Geräusch deutlich und die
Horchenden konnten nicht mehr zweifeln dass wirklich irgend wer mit Stahl und
Feuerstein zu schaffen habe
    »Paul« rief Sloboda mit gepresster vor Freude und Erwartung zitternder
Stimme »das ist Niemand als Heinrich mein Jugendfreund der ehrliche
Maulwurffänger vom Toten«
    Mit verdoppelter Eile kletterten sie nun über das von hohem Farrenkraut
Ginster und anderem Gesträuch wild bewachsene Steingeröll erreichten die
erwähnte Schlucht in welcher hölzerne Stiegen zur Erleichterung des
Hinaufklimmens eingekeilt waren und erblickten jetzt den moosbewachsenen von
Epheu dachartig überwölbten Teufelssitz Er war nicht leer ein Mann hatte ihn
eingenommen der eben damit beschäftigt war ein frisch angezündetes Stückchen
Schwamm auf seine kurze Holzpfeife zu legen die er mit bedächtigen Zügen
tüchtig in Brand zu setzen suchte Er war so ganz mit Seele und Auge dabei dass
er die Annäherung der Fremden nicht bemerkte
 
                                Viertes Kapitel
                              Der Maulwurffänger
Unschlüssig blieb Sloboda stehen und betrachtete den Rauchenden so gierig als
wolle er ihn mit seinen Blicken durchbohren Der Mann am Teufelssitze war von
untersetzter Statur stämmig und von breitem Schulterbau Sein Gesicht ähnelte
einem Europäer nur wenig so dunkelbraun hatten es Sonne und Wetter gefärbt Wie
alle Landleute dieser Gegend trug er keinen Bart Ein schmales spitz
zulaufendes Kinn ein kleiner Mund und eine keckgebogene stolze Adlernase über
der sich trotzig eine stark gewölbte etwas vorspringende Stirn erhob gaben ihm
ein unternehmendes furchtloses und ungemein listiges Ansehen Ein offenbar viel
getragener und nur bei alten Leuten noch üblicher dreieckiger Hut saß ihm etwas
schief auf dem linken Ohr Neben ihm an dem Felsen lehnte ein langer Stock von
rotgebeiztem Schlehdorn der keine andere Zierde als ein schmales
Lederbändchen am oberen Ende trug um es um die Hand zu schlingen
    Als dieser Mann seine Pfeife gehörig in Brand gesetzt hatte schlug er die
Beine über einander und sah aufwärts nach dem Himmel als wolle er das Wetter
erproben dabei fiel sein Blick auf die Fremden die kaum zwanzig Schritte von
ihm an einem Felsblock lehnten Dieser Blick war so merkwürdig so
charakteristisch dass wer nur ein Mal von ihm getroffen ward ihn nie wieder
vergessen konnte Wie ein silberner Funken glitt er aus einem krystallklaren
hellgrauen Auge in dem ein unbeschreibliches Gemisch von Gutmütigkeit und
Schalkheit von Humor und Ernst von Stolz und Demut lag Starke und struppige
eisgraue Augenbrauen verliehen diesem wunderbarem Auge noch mehr Charakter
während das lang gewachsene Haupthaar das ein schwarzer Hornkamm am Hinterkopf
zusammenhielt zu scheuer Ehrfurcht aufforderte
    »Jan Sloboda« sagte er nach kurzem Zögern »wenn es nicht Dein Geist ist
der hier umgeht so tritt näher denn bei der heiligen Gottesmutter ich sehe
Dich vor mir wie ehedem in vergangenen Tagen«
    »Du irrst Dich nicht Heinrich ich bin Jan Sloboda« rief der Wende und
warf sich dem Jugendfreunde gerührt an die Brust
    Der Maulwurffänger nicht gewohnt seine Gefühle rücksichtslos zu
offenbaren erwiderte die Umarmung des alten Freundes herzlich aber weniger
stürmisch als der heftig ergriffene Greis Er stand auf und ohne langes Hin
und Herreden Pauls Hand ergreifend der dieser Begrüßung stumm zugesehen hatte
zog er Beide mit sich fort nach einem Überhange unter dem sich eine breite
Moosbank geschützt gegen den Luftzug befand
    »Hier setzt Euch Großvater und Enkel« sprach er heiter lächelnd »denn dass
der schlanke Junge Dich etwas angeht das ist ihm auf die breite Stirn
geschrieben Also niedergesetzt und dann erzählt ruhig ohne Sprung und
Leidenschaft Hat mein Brief Dich gefunden«
    »Ihm verdanke ich es dass ich Dich noch ein Mal wiedersehe dass ich nach
vierzig Jahren Deine Hand nochmals in der meinigen fühle Dich wieder sprechen
höre«
    »Ja« fiel der Maulwurffänger still lachend ein »ein Erdfahrer wie ich der
mit allerhand schlechtem Gewürm frühzeitig Bekanntschaft macht wird bei Zeiten
klug und hart gegen weltliches Ungemach und menschliche Tücken Noch fühle ich
mich kräftig wie vor vierzig Jahren und wenns mir nachgeht und meinem Willen
so höre ich unter zwanzig Jahren nicht auf die feinöhrige Brut in ihren
Schatzgräbereien zu stören Aber weißt Du dass mir bange war vor Dir Alter Der
hat lange ins Gras gebissen dacht ich als ich mich hinsetzte und mühselig
die paar Zeilen kritzelte Denn ich rechnete so entweder er ist vor Kurzem
gestorben oder Polen und Russen haben ihn gemeinschaftlich massacrirt Dass Du
trotz dem am Leben bist und obendrein gesund und hier hier an dem alten
Götzensteine das freut mich von Herzen Jan Wie gehts Deinem Kinde«
    Sloboda zeigte gen Himmel »Sehr wohl Heinrich Sie ging heim ehe die
Revolution beendigt war«
    »Also auch schon dahin Nun Alter das tut nichts Sie war grade kein
apartes Glückskind trotz ihrer Lieblichkeit und für ihre Jahre hat sie genug
erdulden müssen Aber wieder auf meinen Brief zu kommen was dachtest Du denn
dazu«
    »Ich bin hier und Du fragst noch«
    »Freilich Jan Das Schäkern und Necken hab ich noch immer nicht verlernt
Verdammt Da ist mir richtig mein Kraut wieder ausgegangen« Und  pink pink 
schlug Heinrich aufs Neue Feuer an und setzte sein Gespräch gemütlich fort
    »Was veranlasste Dich zu diesem rätselhaften Briefe«
    »Ein glücklicher Zufall ein Wunder wenn Du willst Du kennst mein Gewerbe
dem ich von Jugend auf mit Lust und Liebe zugetan war das mich leidlich nährte
und mir die Bekanntschaft vieler bald guter bald böser Menschen verschafte Ich
habs fortgetrieben bis heut ohne die Lust dran zu verlieren obschon in
neuester Zeit wenig mehr dabei zu verdienen ist weil die meisten Grundbesitzer
sich einbilden das Maulwurffangen sei keine Kunst und nun was ich mit der
elastischen Schlinge zierlich und leise bewerkstellige sie mit plumper Hand
mittelst spitzer Fangeisen zu erreichen suchen Freilich läuft ihnen manchmal
eine der blinden Bestien in die grob gelegte Falle aber ich sage Dir ein solch
gefangenes Tierchen sieht sich nicht mehr ähnlich Die Stacheln zerfleischen
ihm den sammetweichen schwarzen Spenser den ihnen unser Herrgott angezogen und
der mir manchen Speciestaler eingetragen hat Na seis wies sei ich mache
doch noch immer meine Wege senke meine schlank gebogenen Schlingen in die Erde
und habe meine Freude daran wenn früh und Abends die frischen Wippen mit meinen
Gefangenen wie schwarze Fähnchen über den grün schillernden Saaten aufgerichtet
stehen«
    »Nach Deiner Auswanderung tat mir Niemand etwas zu Leide« fuhr er fort
»obwohl Mancher heimlich Lust dazu haben mochte Sie trauten sich nicht an mich
weil sie mich fürchteten und auch nichts Sicheres gegen mich aufbringen konnten
So blieb ich denn völlig ungestört wer ich war und fing Jahr aus und Jahr ein
meine Maulwürfe Der Edelhof an der Haidenkante wo damals unser blauhutener
Junker hauste war nach wie vor ein häufiger Aufenthaltsort für mich Seine
Aecker Wiesen und Ländereien standen unter meinem Messer und ich habe manch
tausend Nasenwürfel auf die künstlich gegrabenenen Mördergruben gelegt aus
denen meine Springeisen die fleißigen Arbeiter in die Luft schleuderten Sieh da
begab sichs in diesem Frühjahr dass ich auf dem großen Flachsfelde dicht hinter
dem Herrenhause eine Falle stellen will just neben einem hohen frisch
aufgeworfenen Maulwurfshaufen Um Raum zu gewinnen stoss ich mit dem Fuße den
Erdaufwurf um und ein zusammengerolltes Papier kommt zum Vorschein Das wundert
mich denn es war mir dergleichen noch nicht begegnet Sind denn die Maulwürfe
Schriftgelehrte geworden denk ich und hebe das Röllchen auf das ganz sauber
in ein wachstuchenes Läppchen eingeschlagen ist Als ichs aufwickle wars
nicht mehr und nicht weniger als ein Bogen gestempeltes Papier auf einer Seite
halb beschrieben und was mir auffiel unter der Schrift stand in mir
wohlbekannten Zügen der ganze Name unsers sauberen Zeisigs von Grafen Wohl
bekomm ihm das ewige Leben er ist schon lange tot Das machte mich natürlich
neugierig und so fange ich denn an zu lesen lese ein zwei drei Mal und glaube
immer noch zu träumen denn ich hatte nichts anderes in Händen als eine
vollkommen giltige rechtskräftig untersiegelte Verschreibung vom Grafen Blauhut
für Röschen «
    »Für Röschen« unterbrach ihn Sloboda
    »Das ist unmöglich Du hast Dich getäuscht Röschen hat nie eine Sylbe davon
gesagt«
    »Leider wahr Sie hat nie davon gesprochen dass ich es wüsste dennoch aber
Freund Jan ist die Verschreibung da und ich habe sie daheim wohl verschlossen
in meiner Lade«
    »Es muss ein Irrtum sein Heinrich Wie hätte sich auch das Papier so lange
halten können und wie konnte es in den Maulwurfshaufen kommen«
    Heinrich lachte »Das ist eben das spasshafte Wunder dabei« versetzte er
»Unser Herrgott weiß immer Mittel und Wege zu finden wenn ihm etwas daran
gelegen ist altes furchtbares Unrecht auszugleichen und frühere Missetaten zu
bestrafen«
    »Und was stand in dem Stempelpapiere das Du eine Verschreibung nennst«
    »Darin steht dass Röschen Sloboda falls sie lebendige Nachkommen
hinterlässt zu Gunsten dieser Kinder nach des Grafen Tode Anspruch haben soll
auf den fünften Teil seiner Güter Noch mehr Das Schreiben führt namentlich
die Besitzungen auf welche ihr von Rechtswegen zufallen sollen und unter
diesen den schon erwähnten Edelhof nebst dem Vorwerke die großen Fischteiche
und die ganze moorige Haidestrecke die sie links und rechts umgibt Das und
noch mehr kannst Du mit eigenen Augen lesen wenn Du zu mir kommst«
    »Und aus diesem Grunde allein hieltest Du es für nötig mich alten Mann
über hundert Meilen hieher zu rufen« fragte mit betrübter Stimme und äußerst
niedergeschlagener Miene der alte Wende
    »Ich glaube gar« erwiderte Heinrich indem er die schon wieder erloschene
Pfeife durch neuen Schwamm in Brand setzte »ich glaube gar Du willst mir
Vorwürfe machen dass ich Dich aus Deinem halbwilden Schlupfwinkel unter
vernünftige Menschen gebracht habe Rechne doch nur zusammen was Dir und Deinen
Nachkommen dieser Fund nützen kann Der Graf ist freilich tot an ihn können
wir uns nicht mehr wenden aber seine drei Söhne leben und besitzen was in
Folge schlechter und lüderlicher Wirtschaft von den großen Gütern ihrer
Vorfahren aus dem allgemeinen Untergang zu retten war Zwei sind im Auslande
der Aelteste blieb in seiner Heimat An ihn wenden wir uns Die Jugendstreiche
seines grausamen Vaters sind noch nicht vergessen im Volke Der Vater erzählt
sie dem Sohne der Sohn dem Enkel wenn sie den Kindern ein Bild schwerer
Zeiten kummer und tränenreicher Tage entwerfen wollen Er hat oft davon hören
müssen und es kann und wird ihn nicht überraschen wenn die Folgen von seines
Vaters Schandtaten jetzt an seine Tür klopfen und um Recht bitten Ich weiß
dass er hochmütig drein schauen wird denn er ist von Gemüt nicht viel besser
als sein Herr Vater Er wird die Aechteit des Papieres leugnen und Dich anfangs
abweisen Später wenn Du mit gerichtlicher Verfolgung drohst wird er sich
geschmeidiger zeigen und das Ende nach mancherlei Winkelzügen wird sein dass er
Dir eine anständige Geldsumme zahlt dem Scheine nach um Dich abzufinden
eigentlich aber um Dein Schweigen damit zu erlaufen Diese aber wird Dir und
Deinem Enkel vortrefflich zu statten kommen«
    »Du vergisst alter ehrlicher Freund dass jene Nachkommen deren die Schrift
Erwähnung tut gar nicht vorhanden sind
    Der Maulwurffänger sah den Wenden mit seinen hellgrauen funkelnden Augen so
schlau an dass Sloboda ganz verwirrt ward
    »Diese Nachkommenschaft will ich aus ihrem Grabe erwecken« sagte er düster
und mit einem Blick in dem ein Gemisch triumphirender Lust Bosheit und
Rachsucht funkelte »Frage mich nicht alter Freund was ich damit sagen will
Du sollst es später erfahren Erinnere Dich nur noch der schauerlichen
Hochzeitsnacht des Herbsttages der Streu in der Heide «
    »O ich erinnere mich« rief Sloboda aus sein Gesicht mit beiden Händen
bedeckend als wolle er die Erscheinung eines erschütternden Bildes das in
grausiger Beleuchtung vor ihm aufstieg von sich abwenden »Aber sie kam um 
ward umgebracht  mit Gewalt mit Absicht  ich darf nicht daran denken«
    »So heißt es Jan und möglich dass es so ist dennoch verspreche ich Dir
die Schatten der Toten aus ihren unbekannten Gräbern aufsteigen und sie Zeugnis
ablegen zu lassen Ich will nicht umsonst gelebt haben nicht umsonst ruhelos
Berge und Heide durchwandert sein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht Für
Dich oder für die allgemeine Gerechtigkeit lebte forschte arbeitete ich Nicht
der kleinste Umstand ging meinem scharfen Auge meinem sich nie trügenden
Gedächtnis verloren Ich habe Alles aufgezeichnet und aus längst vergangenen und
verschollenen Begebenheiten ein Netz geschürzt das Niemand ahnt am wenigsten
Deine Feinde Du konntest das nicht wissen was zu meiner Kenntnis gelangte
Deine Flucht hinderte Dich daran Ich aber sammelte und würde meine Sammlung
schon längst benutzt haben wäre die Zeit günstig dazu gewesen Jetzt ist der
glückliche Augenblick endlich gekommen und nun soll der große Prozess der
Unterdrückten Gepeinigten Geknechteten gegen ihre Unterdrücker und Peiniger
beginnen und ich verlange von Dir weiter nichts als dass Du zuerst Deine Stimme
als Kläger erhebst«
    Obwohl Sloboda kaum eine Ahnung von dem Vorhaben des Maulwurffängers hatte
setzte er doch ein so unbedingtes Vertrauen in die Redlichkeit dieses seltenen
eigentümlichen Charakters dass er ohne Zaudern seine Einwilligung dazu gab und
als Kläger aufzutreten erklärte
    »Top es gilt« sagte Heinrich mit jenem schlauen und gutmütigen Lächeln
das stets über seine braunen Züge lief wenn er einen weislich entworfenen Plan
seinem Gelingen sich nähern sah »Ehe wir jedoch die Feindseligkeiten eröffnen
will ich mit meinem Bruder dem Schulmeister Rücksprache nehmen Bei all seinen
oft beschränkten Ansichten hat er doch einen praktischen Blick und hinlängliche
Rechtskenntnisse um in den vertrackten Formeln nicht zu verstoßen Auch kann er
gut schreiben weshalb er die ganze Unglücksgeschichte bis in alle kleinsten
Einzelnheiten zu Papiere gebracht hat Solche Schriften sind gute
Gedächtnissaufhelfer und wenn mir irgend etwas nicht mehr ganz deutlich vor der
Seele steht so werfe ich einen Blick in die Schreiberei und frische die
erbleichenden Farben wieder auf«
    Sloboda von dem Gehörten ganz betäubt schüttelte mehrmals den Kopf als
könne und dürfe er nicht daran glauben Nach einer Weile fragte er lebhaft »Wie
ist Nathanael gestorben Ich habe oft in der Fremde sein Schicksal beklagt
obwohl er glücklicher war als ich«
    »Er starb den Tod der Armen« versetzte Heinrich »Fasse Dich nur in Geduld
Du sollst über Nichts in Zweifel gelassen werden und Alles soll beitragen Deine
Feinde die immer auch die meinigen sein werden zu demütigen wo möglich zu
stürzen Dich aber zu erhöhen«
    »Ich verlange nicht danach Freund ich will mich glücklich schätzen und
dem Vater im Himmel danken wenn ich in nicht gar langer Zeit ruhig und
glaubensvoll sterben und dann sagen kann Gott Lob Deine Gnade hat sich
wunderbar an mir und den Meinigen offenbart«
    »Das ist nimm mirs nicht übel Jan ein Bischen wendisch gesprochen Die
göttliche Gnade mag eine ganz hübsche Einrichtung sein zu der wir in schlimmen
Stunden Alle unsere Zuflucht nehmen können allein mein Kopf und Ruhekissen
will ich mir nicht damit ausstopfen lassen Ein Stück redlicher Wille und
geistige Kraft reichen schon eine Weile aus und befriedigen mehr als die liebe
Gnade und überdies taugt es in dieser verdorbenen Welt oft gar nichts wenn man
allzu häufig von ihr Gebrauch machen will Ich halts in diesem wie in manchem
andern Punkte mit meinen Landsleuten den Bauern die immer und immer wenn
ihnen der Pfarrer hundert erquickliche Predigten von Vergeben und Hinhalten des
andern Backen vorgesagt hat auf die einfachen und vernünftigen Worte
zurückkommen So denke ich eben auch Herr Pfarrer aber ich will justement mein
Recht und sollte michs den letzten Groschen kosten  Diese Bauernregel Freund
Jan ist ein Satz voll Weltweisheit den Niemand vergessen sollte am wenigsten
der Arme der Gedrückte Erst wenn jeder Arme unablässig nach dem Rechte schreit
und Blut und Gut so viel er eben davon hat willig dafür hingibt erst dann
wird es besser werden mit dem Volke In meinen Gedanken stelle ich mir unter
dieser Zeit der allgemeinen Rechtsherrschaft das vor was die Gottesgelehrten
das tausendjährige Reich nennen«
    Während Heinrich wieder Feuer anschlug fuhr er fort »Bisher Alter habe
ich von dem gesprochen was sich hier zugetragen hat jetzt dächte ich wär es
Zeit dass Du auch mir Dies und Jenes von Deinen Erlebnissen mitteiltest Ich
sehe dass Röschen Dich zum Großvater gemacht hat denn der Page da hat die
ganzen Augen der Mutter«
    »Paul ist mein Enkel Du hast es erraten der einzige noch übrige Sprössling
meines unglücklichen Kindes  Lieber Gott was soll ich viel von meinem Leben
voll Arbeit Mühseligkeit und Drangsal sprechen  Als ich mit den Meinigen nach
jenem entsetzlichen Ereignisse die Flucht ergriff nahm ich den
niederschmetternden Eindruck des Erlebten mit mir in die Fremde Froh und heiter
ward ich nur auf Stunden Es gelang mir durch große Sparsamkeit und
unermüdliches Arbeiten nach Jahren etwas vor mich zu bringen wobei meine
Tochter mit ihrem Manne mich redlich unterstützte Röschen gebar ihrem Gatten
drei Söhne wovon Paul der jüngste ist Sie wuchsen zu unser Aller Freude
kräftig auf und ihre Eltern glaubten dass vor dem dereinstigen Glück dieser
Kinder ihr eigenes Unglück endlich ganz in den Hintergrund treten werde Obwohl
die Eltern es wünschten dass sich die um Vieles älteren Brüder Pauls
vorteilhaft verheiraten möchten blieben sie doch ledig zu unserm Glück muss
ich sagen nach dem was später sich ereignete Ich übergehe die kleinen
Erlebnisse im Hause da sie von keiner Wichtigkeit sind Unser Umgang war so
beschränkt dass wir eigentlich nur unter uns allein lebten und einen kleinen
Staat für uns bildeten Wir waren den Umständen nach zufrieden denn was wir
besaßen darüber konnten wir nach Belieben verfügen Es gab keinen Herrn der
uns plagen und schinden durfte obwohl wir nur zu oft dies Schauspiel bei den
armen verdummten Bauern traurigen Blickes mit ansehen mussten  Da brach die
Revolution aus und gestaltete das ganze Land um Alles was Waffen tragen
konnte musste freiwillig oder gezwungen unter die Reihen der
Vaterlandsverteidiger eilen Auch Pauls ältere Brüder teilten mit tausend
Andern das nämliche Schicksal Sie schlossen sich den gefürchteten Sensenmännern
an und obwohl sie mit ihren Herzen nicht Polen waren muss ich ihnen doch das
Zeugnis geben dass sie rühmlich und heldenmütig ihr zweites Vaterland gegen die
hereinbrechenden russischen Heere verteidigten Bei Ostrolenka fiel der
Aelteste mit Wunden bedeckt kehrte sein Bruder zu uns zurück um uns die
Trauerkunde zu überbringen Die Mutter warfen Schreck Kummer Verzweiflung aufs
Krankenlager Nach kurzer Rast verließ uns der kaum von seinen Wunden Genesene
abermals diesmal in Begleitung seines Vaters Es galt die Verteidigung der
Hauptstadt zu der auch ältere Männer dringend aufgerufen wurden Vater und Sohn
schieden mit stummem Händedruck von meiner weinenden Tochter und von Paul der
allein mit mir und zwei jüdischen Dienstboten bei der Kranken zurückblieb Ich
habe die Scheidenden nicht wiedergesehen Russische Kartätschenkugeln zerrissen
Beide in einem Augenblicke auf den Schanzen von Wola Dieser neuen
Todesbotschaft erlag auch Röschen Sie ruht von Immergrün umrankt in den
polnischen Wäldern Ich gedachte bald neben sie gebettet zu werden als Dein
Brief das erlöschende Licht meines Lebens von Neuem anfachte und mich um Kraft
zu dieser schweren gefahr und mühevollen Reise zu Gott bitten ließ  Ehe ich
aufbrach verkaufte ich mein Besitztum an einen vornehmen Russen dem ich das
Leben gerettet hatte und der aus Dankbarkeit dafür nicht wissen wollte dass zwei
meiner Enkel gegen ihn gekämpft hatten Er verschafte mir zugleich die nötigen
Papiere um nicht an den Grenzen als Flüchtling aufgegriffen und zur Strafe nach
Sibirien transportirt zu werden So kam ich denn glücklich nach Preußen
erreichte die heimischen Haiden und sah Dich wieder den ich hundert Mal unter
den Toten geglaubt und gesucht hatte«
    »PinkHeinrich stirbt nicht so geschwind« versetzte gutmütig lachend der
Maulwurffänger sich selbst mit seinem immerwährenden Feueranschlagen
persifflirend »Aber das muss ich sagen Jan ein Glücksvogel bist Du grade nicht
geworden ausgenommen dass Du selber dem gefrässigen Untiere das wir so
bescheiden Tod nennen entgangen bist Freut mich nur dass meine alten Augen
wenigstens ein Stiftchen von dem lieben sauberen Haideröschen sehen in das ich
mein Lebtage vernarrt gewesen bin Gott gebe ihr eine sanfte Ruhe und Dir ihrem
Ebenbilde eine fröhliche Zukunft«
    Der Maulwurffänger reichte bei diesen Worten dem Jünglinge seine braune
schwielige Hand die Paul mit Herzlichkeit drückte Nur unvollkommen mit den
seltenen Schicksalen seiner Eltern bekannt vermochte er nicht ein Wort in das
für ihn äußerst wichtige Gespräch der beiden alten Freunde zu streuen Seiner
gespannten Aufmerksamkeit entging keine Sylbe von Heinrichs freilich immer
dunkler und geheimnisvoller sich gestaltenden Mitteilungen aber er musste ihm
in natürlichem Rechtsgefühle vollkommen beistimmen und seine noch in
undurchdringliche Schleier gehüllten Pläne durchaus billigen Deshalb sagte er
jetzt zu dem alten graden Manne
    »Ich danke Euch Freund meiner verstorbenen Mutter und meines Großvaters
für den Eifer womit Ihr Euch bereit erklärt einer Angelegenheit Eure Kräfte
und Geistesgaben zu widmen von der ich gegenwärtig wenig mehr begreife als dass
dies Alles mir dereinst im Falle des Gelingens zu Gute kommen soll Gibt es
dabei eine Rolle die meine Kräfte nicht übersteigt so möchte ich Euch bitten
mir diese zu übertragen Ich habe schweigen gelernt und missbrauche kein mir
geschenktes Vertrauen«
    »Brav gesprochen mein Sohn Just so dachte und handelte auch Deine Mutter
das schöne reizende Kind der braunen Heide  Doch genug für heut ihr Lieben
Ich merke der Wind macht sich wieder auf und treibt ein Rudel Wolken vor sich
her die nicht das freundlichste Aussehen haben Das Wichtigste wisst Ihr jetzt
Morgen wills Gott gehen wir unserm Ziele ein paar Schritte näher Wo habt Ihr
Euer Quartier aufgeschlagen«
    »In der Königshainer Schenke bei einem Wirte der fürs Leben gern den
Führer gemacht hätte«
    »Ha ha ha Ich kenne den Götzenleopold Was bei ihm einkehrt muss sich auch
seine gelehrten Bissen in Suppe und Kaffee brocken lassen Immer lasst ihn reden
bleibt bei ihm heut Nacht und morgen bis Nachmittags dann aber macht Euch auf
mit Zug und Zeug und kommt in mein stilles Haus Ich wohne in B  ein ganz
natürlich gemalter Maulwurf wie er grade aufstösst zeigt Euch schon von weitem
mein Haus an Ihr trefft mich des Abends sicher den Tag über muss ich
herumstreichen da ich verschiedene Geschäftsgänge zu besorgen habe«
    »Gott behüte Dich« sprach Sloboda dem Freunde zum Abschiede die Hand
schüttelnd »Er hat es wunderbar mit mir vor seh ich und will mich nicht zu
Schanden werden lassen zum Jubel meiner Feinde Morgen Abend wenn die Sonne zur
Ruhe geht wird Jan Sloboda mit seinem Enkel an Deine gastliche Tür klopfen«
    »Wer da klopfet dem wird aufgetan« citirte listig blinzelnd der
Maulwurffänger langte Stahl und Stein aus seiner Westentasche und verschwand
dem Steine häufige Funken entlockend hinter dem bergenden Tannicht
    Sloboda und Paul stiegen schweigend den Berg hinab nach Königshain wo sie
GötzenLeopold den ganzen Abend hindurch mit Geschichten und Sagen vom Toten
und Hochsteine unterhielt die dem alten Wenden größtenteils bekannt waren den
jugendlichen Paul aber höchlichst ergetzten
 
                                Fünftes Kapitel
                                Die Unterredung
Heinrichs Wohnung lag etwa eine Stunde hinter den Königshainer Bergen im Dorfe B
 und bestand aus einem kleinen wohl eingerichteten und in baulichem Stande
erhaltenen Häuschen An Raum war darin kein Überfluss dennoch konnte der
Maulwurffänger im Notfalle drei bis vier Gäste beherbergen ohne dadurch zu
sehr beschränkt zu werden denn es stand und lag jedes Ding am rechten Orte
Heinrich hatte noch einen Hausgenossen den früheren Besitzer der Wohnung der
sich nach dem Verkaufe derselben wie dies in der Gegend uralter Brauch ist das
Gedinge ausgemacht hatte Es war dies ein stiller alter Mann von großer fast
übertriebener Frömmigkeit die stark nach Herrnhuterei schmeckte In der Jugend
war er lange Soldat gewesen hatte als sächsischer Dragoner tüchtig
dreingeschlagen bei einem Überfalle des Feindes aber das Unglück gehabt dass
er um sicherem Tode zu entgehen sich auf einen Turm retten und um auch hier
nicht entdeckt zu werden aus dem Fenster steigen und an dem blechernen
Vorsprunge desselben mit beiden Händen so lange festgeklammert hängen musste bis
er aus seiner fürchterlichen Lage befreit wurde Schreck Todesangst
übermenschliche Anstrengung und Dehnung aller Flechsen zogen ihm bald darauf
eine Schwäche in den Armen zu in Folge deren er einen ehrenvollen Abschied
erhielt In seine Heimat zurückgekehrt ging diese Schwäche in vollständige
Lähmung über so dass er beide Arme nicht mehr ordentlich brauchen konnte und
sich auf Arbeiten legen musste die keine Anstrengung der Muskeln erforderten
    Schlenker hütete in Heinrichs Abwesenheit das Haus gleich dem treuesten
Kettenhunde vertrieb sich die Zeit mit Lesen religiöser Bücher namentlich
solcher die Missionsangelegenheiten behandelten und über die Ausbreitung des
Christentums in Asien und auf den Inseln des stillen und indischen Meeres ein
Langes und Breites berichteten Für solche Bücher gab er jährlich ein hübsches
Sümmchen aus War er aber des Lesens müde so pappte er Düten von allen Größen
die er an die Landkrämer verkaufte oder reinigte säuberte und glättete die
gegerbten Fellchen der Maulwürfe welche Heinrich in freien Abendstunden auf
mancherlei Weise zu verarbeiten und für sich einträglich zu machen wusste
    Hinsichtlich ihrer religiösen Überzeugung waren diese beiden Hausgenossen
niemals gleicher Meinung Heinrich tadelte Schlenkers Hinneigung zum Pietismus
und zu zeitraubendem Bitten und Beten und Schlenker eiferte wieder über den
argen Weltsinn seines Hauswirtes und über dessen sündlichen Hang andern Leuten
gelegentlich eine Nase zu drehen Dass er ihn noch nie in der Kirche gesehen
hatte konnte er ihm vollends gar nicht vergeben Dennoch aber war er ihm von
Herzen gut und konnte Nächte lang in seinem hartgesessenen alten Lederstuhle auf
ihn warten und sich die Augen müde lesen wenn Heinrich ohne ihn zuvor davon zu
benachrichtigen nicht nach Hause kam
    Besser vertrug er sich mit Heinrichs Bruder dem Schulmeister Gregor Dieser
war ein Verehrer des Wortglaubens der nie über irgend eine religiöse Frage oder
über einen tiefsinnigen vieldeutigen Spruch der Schrift Zweifel hegte »Was
geschrieben steht das steht geschrieben« war sein Grundsatz Nach diesem
brachte er den Kindern die Grundlehren des Christentums bei und hatte seit
einem halben Jahrhunderte beinahe ein paar Generationen zu gehorsamen
Untertanen und zufriedenen Staatsbürgern erzogen Gregor teilte keineswegs die
sehr revolutionären Ansichten seines Bruders obwohl er dessen größere
Geistesgaben willig anerkannte Nur zuweilen wenn Heinrich es ihm nach seiner
Meinung zu arg trieb erlaubte er sich ihn zu ermahnen und sich als
christlicher Schullehrer zu zeigen In solchen äußerst selten vorkommenden
Fällen konnte Gregor sogar beredt werden während er in der Regel bei aller
Aufmerksamkeit die er nahen und fernen Ereignissen politischen und religiösen
Bewegungen schenkte doch stets so einsylbig blieb dass er geradezu häufig
albern erschien
    Täglich kam dieses Kleeblatt bei sinkendem Abende zusammen um sich über die
Weltangelegenheiten zu unterhalten deren Heinrich immer eine Menge von seinen
Herumstreifereien mit heim brachte Häufig geschah es dann dass sowohl Schlenker
als auch Gregor über die frivolen Anmerkungen des Maulwurffängers unwillig
wurden und im Zorne die Stube verließen Beide kehrten jedoch sogleich wieder
um der Schulmeister an der Haustüre und der ehemalige Dragoner an der Stiege
zur Kammer um nochmals die Stubentüre zu öffnen und dem schlau lächelnden
Haberecht eine gute Nacht zu wünschen
    Am Abende nach dem Zusammentreffen der alten Freunde am Todtensteine waren
alle drei beinahe gleichaltrige Männer in Heinrichs Zimmer versammelt das
überall Spuren von der Beschäftigung seines Bewohners trug Zu beiden Seiten
eines schmalen und etwas trüben Spiegels an dessen oberem Teile die Geschichte
vom keuschen Joseph mit karminroter Farbe auf Glas gemalt war hingen eine
Menge länglich runder glänzend heller und feiner Drähte an hanfenen Bindfäden
Hinter dem Spiegel an den Fensterstöcken und in allen vier Winkeln des Zimmers
staken und lehnten große und kleine Bündel biegsamer Birken Eichen und
Buchenstäbe die zu schnellem Gebrauch am einen Ende bereits zugespitzt und
etwas gekrümmt waren Ein Einschnitt am oberen Ende um die Bindfäden darum zu
schlingen war an keinem vergessen
    Der Maulwurffänger saß hinter seinem großen Tisch von ungemaltem weißen
Lindenholz und beschäftigte sich die feinen zarten und wie Seide glänzenden
Fellchen der Feldtiere die er mit so großem Geschick zu verderben wusste in
ausgehöhlte lange Hölzer fest zu kleben aus denen er dann Blaseröhre machte
die guten Abgang fanden Schlenker hatte sich am Ofen postirt die Beine über
einander geschlagen und die breiten großen Hände seiner lahmen und abgemagerten
Arme um das eine Knie geschlungen Er hörte mit größter Aufmerksamkeit der
Erzählung Heinrichs zu die sein Zusammentreffen mit Sloboda und dessen Enkel
schilderte Auf einem freistehenden Schemel endlich in ansehnlicher Entfernung
vom Tische wo der Maulwurffänger handtierte und fast in der Mitte des Zimmers
saß Gregor der Schulmeister in seiner altmodischen halbbäuerischen Tracht denn
er ging wie die alten Leute auf dem Lande in kurzen schwarzen Manchesterhosen
Strümpfen und Schuhen mit großen silbernen Schnallen und einem entsetzlich
langen und weiten Rocke dessen Taille grade um eine halbe Elle zu lang war Ein
dreieckiger Hut bedeckte sein viereckiges Haupt gleich dem seines verwegenen
Bruders
    Gregor hatte die Gewohnheit sobald er sich irgendwo setzte seinen Körper
nicht allein in eine rechtwinklige Lage zu bringen was äußerst komisch aussah
sondern auch die Schösse seines Rockes jedesmal sorgfältig zurückzuschlagen und
seine prallen Schenkel Jedermann zu zeigen Den Grund davon konnte Niemand
erfahren und so oft auch Spötter und Witzbolde sich darüber lustig machten
befreite sich der Schulmeister doch immer wieder von den ihm lästigen
Rockschössen indem er rund und nett erklärte dass es ihm unmöglich sei anders
in sitzender Stellung sich wohl zu befinden
    »Es ist aber doch mit tausend Schrecken« sagte Schlenker als der
Maulwurffänger eine Pause machte »Ja rede mir nur Einer von Krieg und
Kriegsnot Ich weiß ein Lied davon zu singen dass es Gott im Himmel erbarme«
    Und der tapfere Dragoner griff nach der neben ihm stehenden zinnernen
Schnupftabaksdose öffnete sie und schüttete sich eine tüchtige Prise auf die
Außenseite seiner rechten Hand Dann schob er die linke darunter und führte
beide Hände dadurch dass er ihnen mit dem Beine einen tüchtigen Ruck gab an die
Nase die begierig das wohlriechende Kraut einschlürfte Klotzartig fielen die
Hände wieder auf den Schoss zurück wo sie ein buntes Taschentuch erhaschten
dessen Grundfarben nicht mehr zu erkennen waren Nachdem auch dies seine Dienste
verrichtet hatte wusste Schlenker dem rechten Arme einen solchen Schwung zu
geben dass er sich mit der Hand bis zur Stirn erhob Hier setzte sich der
Zeigefinger über dem Auge fest und wackelte beim Sprechen fortwährend wie ein
bewegliches Horn hin und her während Schlenker jeden Satz durch eine
schütternde Bewegung des Oberkörpers begleitete Nur in solcher Stellung pflegte
er längere Zwiegespräche zu führen oder ernste Ermahnungsreden an Heinrich zu
halten
    »Aber Freund Heinrich« fuhr er fort »bildet Euch nur nicht ein Ihr mit
Eurem Briefe hättet den Wenden hieher citirt Wenn Ihr das glaubt so tut Ihr
Sünde sag ich Euch Dass Jan Sloboda noch lebt und dass Euer Brief wirklich in
seine Hände kommen muss noch mehr dass der alte Mann auf Eure Krakelfüsse hört
und spornstreichs hundert und so und so viel Meilen herkutschirt endlich Euch
gar bei dem alten Götzendieneraltar trifft und Euch flugs erkennt das seht
Ihr das ist Gottes allmächtige Fügung Und weils justement so gekommen ist und
auch kein Stäubchen anders darum und dessentwegen glaube ich und wills gegen
eine Million behaupten dass Eure Sache gerecht ist und einen gott und
menschengefälligen Fortgang haben wird«
    »Natürlich natürlich« sagte der Schulmeister seinen langen Rohrstock mit
dem glänzenden Silberknopfe bald mit der linken bald mit der rechten Hand
zwischen den Beinen drehend
    »Gottgefällig ist sie zuverlässig« erwiderte Heinrich ein neues Fellchen
aufleimend »den Menschen wird aber sollt ich meinen ihr glücklicher Fortgang
verdammt viel Herzeleid machen Ihr könnt dann Gelegenheit haben Freund
Schlenker Eure Gebete an den Mann oder vielmehr an den lieben Gott zu bringen
denn an Flüchen die auf Vergebung harren wird kein Mangel sein Da kenne ich
meine Leute zu gut«
    »s Ist gar mit tausend Schrecken was Ihr für ein gottvergessener Spötter
seid« sagte Schlenker »Manchmal mach ich mir ordentlich ein Gewissen darüber
dass ich mit Euch umgehe zumal vor dem Einschlafen wo einem die unrechten
Gedanken am ärgsten zusetzen«
    »Setzt Euch lieber die Schlafmütze auf« erwiderte der Maulwurffänger »Das
hält warm und soll ein vortreffliches Mittel sein einen gesunden und dauernden
Schlaf herbeizuführen«
    »Natur ganz Natur« meinte Gregor »Also heute kommt der wendische Mann
der so viel erfahren hat«
    »Heute wenn Dus erlaubst Bruder Schulmeister Ich habe ihn zu mir
eingeladen samt seinem Enkel und schon mit eigenen Händen die Betten für sie
aufgeschlagen Mich wunderts dass sie noch nicht hier sind Wie weit Bruder
bist Du mit der Auszeichnung dieser verwickelten Geschichte«
    »Ich simulire schon geraume Zeit wie ich das zuletzt Vernommene schicklich
in Worte fasse Es ist ein wichtiger Kasus höchst wichtig und für ein Chronikon
wie geschaffen Ich werde noch eine Nacht dem angestrengtesten Nachdenken
opfern«
    »Machs wie Du willst nur vergiss nichts Hauptsächliches«
    »Natürlich natürlich Alles Hauptsächliche ist natürlich«
    »Kann sein bei Euch Schulmeistern bei uns andern Menschen ist das
Hauptsächliche manchmal ganz verflucht unnatürlich Wers nicht glauben will
der denke doch nur an diese vermaledeite Grafengeschichte Du weißt es ja so
gut wie ich Bruder Gregor«
    Der Schulmeister wollte auf diese Bemerkung eigentlich bloß mit einem
beistimmenden Kopfnicken Antwort geben es fuhr ihm aber doch unwillkürlich ein
höchst überflüssiges »ganz Natur« heraus worauf er seine Miene wieder in die
würdevollsten Lehrerfalten zu legen suchte
    Schlenker der sich über die Antwort Gregors höchlichst verwunderte konnte
sein Staunen ebenfalls nicht bemeistern und rief sein ihm sprichwörtlich
gewordenes »s ist gewiss und wahrhaftig mit tausend Schrecken« was denn dem
Maulwurffänger Veranlassung gab mit der ironischsten Betonung die ihm zu
Gebote stand und mit jenem vergnüglichen Lachen das nie laut ward sondern in
der Kehle wieder erstarb zu beteuern es sei wirklich mit tausend Schrecken 
    In diesem Augenblicke klingelte messingbeschlagenes Riemenzeug vom Wege her
drei muntere kleine polnische Pferde kamen in schnellem Trabe auf das Haus zu
dessen Maulwurf am Giebel schon von weitem zu erkennen war und rissen das
ärmliche Judenfuhrwerk so schnell über die steinige Straße dass die Speichen in
den Felgen seufzten und ächzten
    »Da kommen sie« sagte Heinrich in seiner gemütlichen Ruhe und legte das
beinahe fertige Blaserohr weg »Ich bitt Euch Schlenker fallt mir den Alten
nicht gleich mit Euren frommen Redensarten an dass er nicht denkt er komme in
ein Brüderhaus und Du Bruder lass die steifen Komplimente sein Das dumme Zeug
taugt nichts«
    »Disziplin bloß Disziplin« sagte Gregor höchst bedächtig
    »Dummes Zeug« wiederholte Schlenker die Hände faltend »Fromme Redensarten
nennt der gottlose Mann dummes Zeug Himmlischer Vater ich bitte Dich hör ihn
nicht denn er weiß wahrlich nicht was er spricht «
    Inzwischen hatten Sloboda und Paul den polnischen Planwagen verlassen und
wurden von Heinrich ins Zimmer geführt Neugierig starrten Gregor und Schlenker
die Ankömmlinge an die ihrerseits keine Rücksicht auf sie nahmen Erst als
Heinrich ihre Namen nannte wünschte der ernste Sloboda Beiden einen guten Abend
und reichte Jedem die Hand zum Gruße
    »Ehe wir eins ins andere reden Freund Jan« begann der Maulwurffänger
»sage mir was Du mit Deinem Judengesindel anfangen willst In mein Haus nehme
ich das Volk nicht auf und ob sie der Kretschamwirt beherbergt bezweifle ich
auch denn wir haben ein Gesetz in den Lausitzen nach dem Niemand verbunden
ist das Volk von Schacherern und Betrügern über Nacht bei sich zu behalten«
    »Ich werde sie ablohnen« erwiderte Sloboda »Pferde und Wagen sind ihr
Eigentum und von mir nur auf die Dauer der Reise gemietet Brauche ich später
wieder einen Wagen um meine etwas stumpf gewordenen Glieder fortzuschleppen so
wirst Du schon für ein leidliches Transportmittel sorgen«
    »Natürlich ganz Natur« sagte Gregor der seinen langern hageren Körper
wieder auf den Schemel hatte niederknicken lassen
    Da sich der Wende schon früher mit seinem jüdischpolnischen Fuhrmann über
den Preis geeinigt hatte war die Ablohnung bald geschehen und mit einem
wohltuenden Gefühl heimischer Sicherheit sah er das ärmliche Gefähr mit den
wild davon galoppirenden Pferden im Sandstaub der Straße hinter dem Dorfe
verschwinden
    »Ihr seid ein vielgeprüfter Mann« redete jetzt Schlenker den Wenden an ihm
seine steif herabhängende kühle und stets feuchte Hand aufdringend bedenkt aber
nur dass wen Gott lieb hat den züchtigt er und Ihr werdet genugsame Ursache
finden ihm ein Hosiannah anzustimmen »In der Perlenburger Bibel könnt Ihr eine
grausam prächtige Abhandlung über das Hosiannahsingen lesen  ich will sie Euch
nach dem Abendsegen bringen  denn es ist gar mit tausend Schrecken was der
Herausgeber dieses seltenen Bibelbuches für ein hochgelahrter Mann gewesen sein
muss«
    »Hochgelahrt sehr hochgelahrt« beteuerte Gregor die in Unordnung
gekommenen Rockschösse behutsam bis an die Schemellehne zurückschiebend
    »Ich danke Euch« erwiderte Sloboda die Bank hinter dem Lindentische
einnehmend »Meine Augen legen mir ab so dass ich des Abends bei Licht nicht
mehr gut Gedrucktes lesen kann es wäre denn sehr große Schrift«
    »O eine Schrift für Blinde«
    »Halt Dein Maul Freund Schlenker« fiel Heinrich dem Frommen in die Rede
»Was wir zusammen mit einander zu verhandeln haben geht allem Bibellesen vor
hat Jan später noch Lust dazu so könnt Ihr ihn meinetwegen ins Gebet nehmen
so lange Ihr wollt und ihm alle Lügen hererzählen die Ihr Euch von den
Missionsblättern aufbinden lasst«
    »Lügen Bruder Heinrich ist in diesem Falle kein gewähltes Wort« bemerkte
der Schulmeister »ich würde lieber Unrichtigkeiten sagen Lehrer der
christlichen Religion pflegen nicht zu lügen«
    »Wie Du willst Gregor meinethalben brings zu Papiere«
    »Natürlich natürlich«
    Schlenker schüttelte den Kopf setzte sich wieder auf die Ofenbank die
Beine über einander schlagend und beide Hände gefaltet über seine Knie legend
In dieser Stellung verharrte er den ganzen Rest des Abends und hörte mit größter
Spannung dem Gespräche Heinrichs mit Sloboda zu Nur wenn er das Bedürfnis
fühlte eine Prise Tabak zu nehmen machte er regelmäßig die schon beschriebenen
wunderlichen Bewegungen Auch Gregor mischte sich nicht in das Gespräch nur bei
Stellen die ihn besonders ansprachen oder wo sein Bruder sich direkt an ihn
wandte ließ er sein bekräftigendes »Natürlich« hören
    Das Erste was der Maulwurffänger hervorholte war jenes rätselhafte
Papier dessen Entstehung sich eben so leicht erklären ließ als es beide
befreundete Männer wunderte dass nie ein Wort davon zu ihrer Kenntnis gelangt
war Nur die Annahme, dass Röschen in Folge des Verlustes der Verschreibung an
deren Giltigkeit völlig verzweifelt sein möge und deshalb mit Absicht über
deren Empfang gänzliches Stillschweigen beobachtet habe gab im Notfall den
Schlüssel dazu her
    Als sich Sloboda von der Aechteit des Papieres und der Handschrift des
Grafen vollkommen überzeugt hatte drang er in Heinrich ihn mit seinen Plänen
und Schritten die er beabsichtige bekannt zu machen Der Maulwurffänger war
dazu bereit und ließ sich in eine genaue Auseinandersetzung des Geschehenen ein
alles Mutmassliche vor der Hand noch ganz bei Seite schiebend
    »Du musst vor Allem wissen« sagte er »dass die früheren mächtigen Grafen von
Boberstein schon seit Jahren weiter nichts sind als speculirende Handelsherren
die sich in dieser neuen Eigenschaft des Grafentitels begeben haben da das
Markten und Feilschen allem Adel schlecht zu Gesicht steht Sie nennen sich
jetzt als Grosshändler einfach Herren am Stein Solcher Herren am Stein leben
gegenwärtig noch drei wovon zwei schon sehr lange auf großen Reisen sind wie
es heißt der älteste aber auf seinem Grund und Boden geblieben ist Ich will
dem Manne den ich nur selten gesehen habe nichts Böses nachsagen nur so viel
bemerke ich dass ihn der Ruf als harterzig und egoistisch schildert Den Rest
des väterlichen Erbes in nicht viel mehr bestehend als dem Grundbesitz der zur
eigentlichen Stammburg gehörenden Ländereien hat er klug angelegt indem er
die Zeit und ihre Bestrebungen richtig deutend eine bedeutende Fabrik errichtet
hat und wohl gegen tausend Arbeiter darin beschäftigt«
    »Wenn das der maßlos stolze Blauhut geahnt hätte« fiel Sloboda ein »er
würde sich noch im Grabe umwenden vor Ärger und Zorn Aber was fabriciren denn
die ehemaligen Herren Grafen«
    »Röcke für die Ungläubigen« versetzte der Maulwurffänger mit boshaftem
Lächeln
    »Für die Ungläubigen«
    »Wie ich Dir sage Jan für die Ungläubigen Die Herren am Stein spinnen
nämlich Baumwolle ein Artikel von dem man behauptet dass sich mit leichter
Mühe die Erde von dem gegenwärtig vorhandenen Vorrate desselben drei bis
viermal einwickeln lassen könnte Mir gefällt es eigentlich von den großen
Herren dass sie jetzt bedacht sind das nackte Elend die heulende Armut den
frierenden Mangel mit ihrer Hände Arbeit zu bekleiden woran sie selbst
schwerlich denken werden Früher sannen sie immer nur darauf den Leuten die
Kleider vom Leibe zu reißen was ihnen wie Du ja weißt besonderes Vergnügen
machte So ändern sich die Zeiten  Nun wie gesagt diese grossmächtigen Herren
sind jetzt grossmächtige Baumwollenspinner und nebenbei Garnbleicher geworden
Beide Geschäfte sind in gutem Gange und mögen was Tüchtiges eintragen Ich
schließe dies daraus dass der Aelteste am Stein im vorigen Jahre den Versuch
machte ein Stück Land das seinen Vorfahren gehörte beim Tode seines
verschuldeten Vaters aber in fremde Hände übergegangen war durch Kauf wieder an
sich zu bringen Ob es ihm gelungen ist weiß ich nicht denn ich bin seit
langer Zeit nicht mehr in jene Gegend gekommen die mich wie Du leicht denken
kannst nicht sehr anlockt«
    »Wo wohnen sie denn«
    »Auf der Burg Boberstein«
    »Auf dem zerstörten Schloss des alten Grafen«
    »Auf jenen schwarzen Trümmern hat der gegenwärtige Herr am Stein die
himmelhohen Gestocke seiner großen Spinnerei erbauen lassen Er selbst bewohnt
ein bescheidenes Häuschen dicht unter dem Felsen wovon er seinen neuen Namen
als Handelsherr entlehnt hat Unter seines Gleichen nennt er sich nach wie vor
Graf von Boberstein«
    »Dies kann scheint mir unser Geschäft sehr erschweren da sich der jetzige
Herr am Stein gar nicht auf die Sache einlassen wird«
    »Man muss es versuchen Jan und einige krumme Wege nicht verschmähen Ihn zu
kirren habe ich mir folgende List ausgedacht Wir besuchen ihn in seiner
Spinnburg als Fremde die seine großartigen Werke zu besehen wünschen Um mehr
Respekt einzuflößen geben wir uns für Russen aus das öffnet uns alle Türen
oder ich müsste unsere deutschen Herren nicht kennen Er wird keinen Zweifel in
unsere Aechteit setzen Haben wir uns nun aufs Genaueste über den Zustand der
Fabrik über ihre in und ausländischen Verbindungen und so fort Kenntnis
verschafft so bringst Du wie von ungefähr das Gespräch auf die Grafen von
Boberstein und fragst naiv als wissest Du gar nichts von der noblen Race was
denn aus ihnen geworden sein möge Das altadlige Blut wird diese Frage nicht
ruhig hinnehmen und der Baumwollenspinner keine Minute anstehn sich mit
selbstgefälligem Stolz als Stammhalter des alten Geschlechtes uns vorzustellen
Was dann zu tun sein wird hängt von den Umständen ab Jedenfalls genügt dieser
Besuch uns Fuß fassen zu lassen und uns die Herren am Stein als die wahren
Grafen von Boberstein kennen zu lehren Noch wird es nötig sein dass der
Fabrikherr dieses Geständnis vor vielen Zeugen ablegt«
    »Natürlich natürlich« sagte der Schulmeister
    »Mich schaudert jene Gegend wieder zu betreten« erwiderte düster der alte
Wende »Alle Schrecknisse werden wieder aufsteigen vor meinen Augen und beim
Dienst der Leibeigenen werde ich alle Pein nochmals empfinden die ich und die
Meinigen so lange Jahre ertrugen«
    »Lass Dich davon nicht abschrecken« sagte Heinrich beruhigend »Auch in
dieser Hinsicht haben die Jahre eine völlige Umwälzung bewirkt Die jetzigen
Herren am Stein haben so wenig über einen Untertanen zu gebieten wie ich Es
gibt bei uns keine Leibeigenen mehr seit jener Katastrophe Das Volk ist frei
wie die Herren es kann sich jetzt beliebig in vollkommenster Freiheit
ertränken erhängen erschießen oder freiwillig verhungern Die Hungerfreiheit
sagt man sei die am häufigsten vorkommende weshalb es Hunderte gibt die sie
um einen Spottpreis losschlagen und sich als Knecht bald der Menschen bald der
Maschinen verdingen«
    »Nun so vergeb ich dem Feinde meiner Familie seine Ungerechtigkeiten«
sagte Sloboda feierlich »ja ich segne seine Frevel da sie Ursache geworden
sind eine Einrichtung aufzuheben die kein göttliches Gesetz billigen kann Wo
es keine Leibeigenen gibt da steht die Tür des Paradieses offen Nur der freie
Mensch ist das Ebenbild Gottes der Knecht ein verkrüppeltes Scheusal Mitleid
und Abscheu in gleichem Masse erregend«
    »So glauben wir Jan und wohl uns dass wir diesen Glauben haben geht man
aber der Sache näher auf den Grund so mindert sich unsere Freude wird unser
Entzücken herabgestimmt Das Wort Freiheit hat die neue Zeit wirklich ans Licht
gebracht ihr Wesen aber liegt noch tief verborgen im Schoss der Zukunft
Vielleicht muss das Menschengeschlecht noch einige Revolutionen wie jene erste
französische erleben ehe dies heilige Kind dieser wahre Sohn Gottes und der
Menschen zum Heil der Welt geboren wird«
    »Mein lieber Heinrich« unterbrach hier Schlenker den Maulwurffänger »wenn
Ihr noch lange so fortfahrt in der Gotteslästerei so muss ich ich mag nun
wollen oder nicht die Stube meiden Es drückt mir das Herz ab und bringt mich
um alle gottseligen Gedanken Bedenkt doch es ist ja mit tausend Schrecken«
    »Ganz Natur« beteuerte Gregor
    »Nun so geht zum Teufel« versetzte Heinrich kurzab verdrießlich dass ihn
der Fromme in seinen besten Gedanken unterbrochen hatte
    Schlenker stand beleidigt auf der Schulmeister folgte »Es steht in der
Schrift« sagte der Fromme »wir sollen nicht sitzen im Rate der Spötter und
Toren Darum verlasse ich Euch Heinrich bis dass Ihr in Euch geht und Euch
bekehrt«
    Gregor nickte stumm mit dem Kopfe und schritt dem voranwackelnden Schlenker
dessen Strümpfe bis auf die Schuhe herabhingen steif und gravitätisch nach
Kaum aber war die Tür hinter den beiden wunderlichen Leuten zugefallen als sie
Gregor auch schon wieder aufriß und beide die Köpfe durch den Spalt
hereinschiebend der Schulmeister den seinigen über den Schlenkers dem
Maulwurffänger eine gute Nacht wünschten 
    »So sind nun die Menschen« nahm Heinrich lächelnd wieder das Wort »Die
Wahrheit mögen auch die Besten und Guterzigsten nicht hören und doch verlangt
man es solle besser werden auf Erden  Sieh Sloboda das allein verbittert
mir oft die reinsten Stunden und lässt mich zuletzt an allem Großen und Dauernden
verzweifeln Ich bin weder so klug noch so beschränkt wie die großen Gelehrten
ich habe auch in ihrem Sinne wenig gelernt Meine Schule war und ist noch die
Erfahrung, die Beobachtung das große und kleine Leben des Volkes und der Natur.
Was mit diesem nicht übereinstimmt halte ich für unächt für erkünsteltes
Product irgend eines verkünstelten Geistes  Ich spreche selten mit Jemand von
diesen meinen Ansichten denn ich finde selten Gehör und habe es mir schon oft
müssen gefallen lassen dass mich vornehme Leute einen verschrobenen Narren
nannten  Nun was tuts Ein Licht das vom Zufall angezündet unsern Geist
mit klarer Helligkeit erfüllt können auch die witzigsten Spötter nicht
auslöschen Deshalb lasse ich Spott und Scherz über mich ergehen wie ich es mir
erlaube gelegentlich dieselbe Münze ebenfalls auszugeben Es wird aber nur zu
bald eine Zeit kommen in der Viele wo nicht alles Volk erkennen werden dass es
noch sehr jämmerlich aussieht in unsern wohlgeordneten Staaten dass unsere
Gesetze häufig nur die Stützen der Willkür sind und dass wie ehedem die rohe
Gewalt jetzt das kalte Metall die Alleinherrschaft in der Welt ausübt Die
Sklaverei hebt man auf und die Engländer hab ich in den Blättern gelesen
wollen alles Ernstes den verruchten Menschenhandel abschaffen aber Niemand
denkt daran den immer härter werdenden Sclavendienst inmitten unserer
christlichen Gesellschaft aufzuheben Man kennt und steht ihn nicht oder will
ihn nicht sehen und kennen Wir Sloboda in deren Gedächtnis noch unverwischt
die Schrecken brutalen Herrendienstes leben wir wollen uns mit dieser neuen
Sklaverei die sich über die ganze alte Welt verbreitet hat genauer bekannt
machen und morgen am Tage unsere Wallfahrt beginnen«
    »Soll Paul uns begleiten«
    »Nein er wird stören«
    »Ich werde Euch hier erwarten Großvater«
    »Erwäge was ich Dir gesagt habe« ermahnte nochmals Heinrich den Greis
»Nur List kann uns zum Ziele führen Wenn der Tag graut werde ich Dich wecken«
    »Gute Nacht Ich werde bereit sein« versetzte Sloboda und zog sich mit Paul
in die enge Kammer zurück die der Maulwurffänger für seine Gäste in
Bereitschaft gesetzt hatte
 
                               Sechstes Kapitel
                               Der Herr am Stein
Auf der Felseninsel eines kleinen aber tiefen Sees mitten in der Heide lag die
Fabrik der Herren am Stein Zwei turmhohe Schornsteine aus rot gebrannten
Backsteinen erbaut ragten hoch in die Luft und fesselten die Blicke des
einsamen Wanderers schon in meilenweiter Entfernung durch ihre langen und
breiten schwarzen Rauchwimpel die weithin über die stille Waldung wehten Die
vielen Sandwege die von allen Seiten durch die Heide nach dem See führten
einigten sich an dessen Ufern in einem breiten Landungsplatze an welchem stets
eine Fähre lag die mit den Dampfmaschinen der Fabrik in Verbindung stand und
sehr häufig Waarenballen und ab und zugehende Geschäftsund Arbeitsleute bald
nach der Insel bald von dieser zurück ans feste Land übersetzte Etwa eine
volle Stunde rund um diesen See bestand die Heide aus schönem jungem überaus
harzreichem Kiefer und Fichtenholz durchwachsen von üppig wucherndem Gestrüpp
Die Schlankheit der Stämme und ihre in Vergleich mit der übrigen Waldung
unbeträchtliche Höhe zeigten deutlich dass dieser Teil der Heide vor einigen
Jahrzehnten ganz ausgerottet und erst später wieder bepflanzt worden sein musste
    Unweit des Ufers auf der felsigen Insel fiel ein heiteres in leichtem
geschmackvollem Styl erbautes Wohnhaus in die Augen Es bestand bloß aus einem
Erdgeschoss und erstem Gestock und war mit niedrigem Schieferdache versehen
Grüne Jalousien vor den Fenstern ein wohlgepflegter Blumengarten mit einem
Pavillon den ein dunkelblaues Dach mit glänzendem Goldknopf zierte gaben ihm
das Ansehen einer ländlichen Villa Hinter diesem Wohnhause zog sich der Weg in
mehrfachen Krümmungen den Granitfels hinauf bis zum Tor der Fabrik deren
fünfstockige weissglänzenden Gebäude mit ihren zahllosen Fenstern ein großes
Fünfeck bildeten und einen sehr geräumigen Hof umschlossen Ein Blick genügte
um jeden Wanderer zu überzeugen dass diese Fabrikgebäude auf den festen Trümmern
alten Gemäuers errichtet worden waren deren Überreste mit den gotischen
Verzierungen unverkennbar auf ein hohes Alter hinwiesen Das alte Tor mit
seinen Spitzbogen der ein feingemeisseltes mit Moos und Flechten überzogenes
Wappenschild umschloss und über diesem ein verwitterter starker Mauerkranz mit
Schiessscharten konnten nicht eine Minute in Zweifel lassen dass hier ehedem ein
altes ehrwürdiges Feudalschloss aus den bessern Zeiten des Mittelalters gestanden
habe
    Die große Menge von Arbeitern welche in der Fabrik auf dieser Insel
beschäftigt waren hatte die nächste Umgebung derselben seit einigen Jahren
bedeutend lebhafter gemacht als andere Gegenden der Heide Ein kleines Dorf war
mitten im Walde entstanden ausschließlich von den Arbeitern und ihren Familien
bewohnt Hie und da hatte man die Heide gelichtet und Kartoffelfelder nebst
einigen Wiesen zu gewinnen gesucht die von murmelnden Waldbächen welche in den
See mündeten bewässert wurden und das allernötigste Futter für die wenigen
Ziegen lieferten welche die armen Häuslerfamilien hielten Weiterhin gab es
Pechhütten und Kohlenbrennereien die auf Kosten der Fabrikherren betrieben
wurden Alles Holz was zum Kohlenbrennen nicht tauglich war zog die Fabrik an
sich und verwandte es zu Heizung der Dampfmaschinen
    Am dritten Tage nach der im vorigen Kapitel mitgeteilten Unterredung
zwischen Heinrich und Sloboda war Adrian von Boberstein Besitzer und Leiter der
Fabrik in dem erwähnten villaartigen Hause am Seeufer beschäftigt mit seinem
ersten Buchhalter die Rechnungen durchzusehen Adrian war acht und dreißig Jahre
alt hatte ein wohlgefälliges Äußeres und einen vornehmen Anstand der eher
einen Diplomaten als einen Fabrikherrn in ihm hätte vermuten lassen In
gewisser Hinsicht stand auch seine Handlungsweise damit im vollkommensten
Einklange Adrian war einer jener klugen Diplomaten der Industrie die in unsern
Tagen mehr als die der Politik die Geschicke der Völker bestimmen und jene
unheimlichen Beschlüsse über Krieg und Frieden entwerfen von denen das Wohl der
europäischen Gesellschaft abhängig ist.
    Mit übergeschlagenen Beinen in einem weichgepolsterten Lehnstuhl von
massivem Mahagonyholze nachlässig ruhend und eine aromatisch duftende Zigarre
von ächtestem Havannah rauchend deren tief dunkelblaues Gedüft er mit
wohlgefälligem Lächeln verfolgte ließ sich Adrian von dem Buchhalter Bericht
erstatten über die Ausgaben der letzten Woche an Arbeitslohn Der Buchhalter
las
    »Hundert und zwanzig Feinspinnern jedem Einzelnen einen Taler fünf
Silbergroschen«
    »Streichen Sie für nächste Woche diese fünf Silbergroschen Herr
Vollbrecht« unterbrach Adrian den Vortragenden »Die letzten Briefe meiner
Korrespondenten in Leipzig Hamburg Wien und andern Plätzen berichten dass uns
ein großer Gewinn sicher ist wenn wir auf den nächsten Messen alle Koncurrenten
durch Billigkeit unserer Wolle aus dem Felde schlagen können Dies lässt sich
leicht durch eine Herabsetzung des Arbeitslohnes erreichen der ohnehin zu hoch
war«
    »Aber Herr Graf «
    »Herr am Stein lieber Vollbrecht wenns beliebt«
    »Nun denn Herr am Stein die Arbeiter klagen schon seit langer Zeit dass
sie mit dem jetzigen Lohne kaum mehr ihre Familien unterhalten können Der harte
Winter von 29 auf 30 ist sehr vielen dieser Armen gefährlich geworden und hat
ihre geringen Ersparnisse gänzlich erschöpft«
    »Desto besser so haben wir sie in unserer Gewalt Es ist nicht gut wenn
der Arbeiter wohlhabend wird Das macht ihn nur stolz brutal aufsätzig wie
wirs vor einigen Jahren schon einmal erleben mussten Damals hätte es not
getan wir hätten diese Elenden mit Bitten bestürmt und sie vom Kopf zur Zehe
übergoldet nur um ein paar Hände zu bekommen Ich habe mir diese Lehre gemerkt
und mich fest entschlossen es nie wieder dahin kommen zu lassen Noch einige
Jahre und die im Wohlleben schwelgenden Arbeiter wären unsere Gebieter geworden
Gott Lob mein und einiger Kollegen System hat bereits angefangen Früchte zu
tragen Das unmerkliche Schmälern des Lohnes durch die große Koncurrenz leicht
zu rechtfertigen hat diese Übermütigen uns wieder untertänig gemacht
Sorglos verprassten sie inzwischen ihre Ersparnisse der schwere Winter half auch
mit zehren und jetzt haben sie nichts mehr als ihr gutes Auskommen von einem
Tage zum andern Was wollen sie mehr Ihr Verdienst wird ihnen pünktlich zur
Stunde ausgezahlt während wir armen Speculanten die Gefahr des Wagens stets mit
in Anschlag bringen und sie häufig genug mit Gleichmut überwinden müssen«
    »Sie sprechen von einem guten Auskommen Ihrer Arbeiter Herr am Stein und
müssen doch wissen dass schon seit Jahr und Tag die Kartoffel der Meisten
alleinige Nahrung ist«
    »Kartoffeln sind eine sehr nahrhafte Kost und geben Kraft Man merkts an
den vielen Kindern dieser Spinner und Weber Und überdies gibt es noch
Hunderttausende für die ein Menschenfreund auch sorgen muss Der Arme will sich
kleiden will sich billig kleiden mithin dürfen baumwollene Stoffe nicht teuer
sein Streichen Sie also ganz ruhig die fünf Silbergroschen«
    Kopfschüttelnd gehorchte der Buchhalter und fuhr fort
    »Sechzig Wollzupfern einem Jeden 1712 Silbergroschen«
    »Sind das nicht Mädchen von vierzehn bis siebzehn Jahren aus den
Gemeindehäusern«
    »Allerdings Herr am Stein«
    »Und diese bekommen wöchentlich einen so hohen Lohn Das geht nicht das muss
geändert werden Machen Sie 15 Silbergroschen bis nach Beendigung der Leipziger
Michaelismesse Das Wollezupfen ist eine bloße Tändelei keine Arbeit Man muss
unnötige Ausgaben ersparen um so mehr als ich nächstens eine dritte
Dampfmaschine zu stellen genötigt bin um den Anforderungen der Zeit zu
genügen«
    »Es sind Waisen Herr am Stein« sagte Vollbrecht bedeutungsvoll »Keines
dieser armen Mädchen besitzt mehr als einen Anzug nicht einmal an Sonn und
Feiertagen können sie sich wie ihre glücklicheren Schwestern das Haar mit
einem bunten Tuche umwinden Sie müssen von ihrem Verdienste all ihre
Bedürfnisse bestreiten und Eine oder die Andere teilt wohl auch noch einer
kränkelnden hinfälligen Mutter etwas davon mit«
    »Lieber Vollbrecht« versetzte Adrian ruhig »wenn ich mich um den
häuslichen Kummer meiner mehr als tausend Arbeiter kümmern und ihn heilen
wollte so müsste ich die Schätze des Krösus besitzen Ich bin selbst nicht
reich wie Sie wissen ich suche nur die mir verliehenen Mittel auf eine unserer
Zeit angemessene Weise anzulegen und zum Besten der Menschheit zu vermehren Wem
mein Lohn nicht behagt den will ich nicht halten Er mag gehen und wo anders
sein Unterkommen suchen Was ich zahlen kann das gebe ich und junge Mädchen
gedeihen am besten wenn sie frugal leben Das macht sie nicht üppig«
    Der Buchhalter las seufzend weiter
    »Achtig Spindelknaben jedem Einzelnen zehn Silbergroschen«
    
    »Eigentlich sollte ich diesen Lohn ebenfalls verringern indes mag er für
die nächsten Wochen noch fortbestehen da in letzter Zeit mehrere Unglücksfälle
vorgekommen sind Ich will nicht unbillig sein und die Gefahr der Beschäftigung
so gut wie die Beschäftigung selbst bezahlen Fahren Sie fort Vollbrecht«
    »Den Käutchenschlingern jedem Einzelnen zwanzig Silbergroschen«
    »Setzen Sie 15 für die Zukunft Diese Arbeit wird vom nächsten Montage an
eine bloße spasshafte Unterhaltung sein sobald die Käutchenmaschinen aufgestellt
sind«
    »Ich erlaube mir Ihnen zu widersprechen Herr am Stein Die Arbeit wird
durch die Maschine erschwert da der Arbeiter beinahe noch ein Mal so viel
Käutchen liefern muss als früher wo er bloß mit seinen eigenen Händen
arbeitete Legen Sie den armen Menschen die ohnehin meistenteils in Ihrer
Fabrik Verunglückte sind lieber einige Groschen zu da sie einen bedeutenden
Vorteil durch die Maschinen gewinnen«
    »Vom Gewinn lebt der Kaufmann für den Gewinn speculirt er Die Maschinen
kosten Geld viel Geld und ehe die Arbeiter das Käuteln auf denselben lernen
werden sie mir manches Schock Garn verderben Schreiben Sie 15 statt 20 und
halten Sie mich nicht länger durch Ihre humanistischen und kosmopolitischen
Einwürfe auf«
    Nach dieser in spöttischem Tone vorgebrachten Bemerkung enthielt sich
Vollbrecht jedes neuen Einwurfes bei den noch häufigen Lohnverkürzungen die
Herr am Stein zu besserm Gedeihen seiner Fabrik anordnete Der reiche Mann tat
dies mit dem heitersten Gleichmut ohne eine Miene zu verziehen oder nur seine
bequeme Lage im prächtigen Polsterstuhle zu ändern Er wusste dass er ungestraft
so verfahren durfte da er längst vielleicht noch genauer von dem Zustande
seiner Arbeiter unterrichtet war als der menschenfreundliche an fremdem
Unglück innig Anteil nehmende Vollbrecht Adrian gründete eine mit
diplomatischer Schlauheit berechnete Spekulation auf diese Lohnverkürzung die
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht missglücken konnte Es lag nämlich in seinem
Plane während des Winterhalbjahres bei heruntergesetztem Lohne noch einige
hundert Arbeiter mehr anzunehmen und deshalb eine dritte Maschine zu stellen
Durch so viele Hände hoffte er binnen sechs Monaten so viel Ware zu liefern
dass er andern Koncurrenten damit den Rang ablaufen und durch billigere Preise
sie nicht allein für kurze Zeit völlig beseitigen sondern sie auch zwingen
könnte ihren Arbeitern ebenfalls geringeren Lohn zu geben was dann seinerseits
eine abermalige Lohnverkürzung zur Folge haben musste Durch diese doppelte
Betrügerei oder fein angelegte Spekulation musste Adrian über hunderttausend
Taler rein verdienen Sie machte ihn ferner zum Ersten in seinem Fache und
lieferte alle Arbeiter die ihm früher die Zähne gewiesen hatten so ganz in
seine Gewalt dass sie völlig von seiner Gnade abhängig wurden Mit dem
Überschuss des neu gewonnenen Kapitals wollte Adrian einen Teil der Güter
wieder an sich bringen die sein wilder sittenloser Vater durch schlechte
Wirtschaft verbunden mit den lang dauernden Kriegsstürmen und den gewaltigen
Umwälzungen in allen Verhältnissen verloren hatte
    Inzwischen setzte sich die Fähre vom Seeufer her nach der Insel zu in
Bewegung beladen mit einer Menge Ballen und vielen Menschen Adrian sah dies
aus den Fenstern seines Arbeitszimmers achtete jedoch wenig oder gar nicht
darauf da sich das nämliche Schauspiel täglich mehrmals wiederholte Der
Buchhalter packte seine Bücher zusammen und entfernte sich doch kehrte er schon
nach einigen Minuten wieder zurück um dem Herrn am Stein zu melden dass zwei
Fremde ihn zu sprechen und die Fabrik zu sehen begehrten
    Adrian hatte es gern wenn man im Auslande von seinem Etablissement sprach
Er wies daher Niemand zurück der Interesse für Maschinenwesen und Industrie
zeigte vielmehr ließ er sich meistenteils herab Fremde selbst herumzuführen
und mit großer Zuvorkommenheit alle ihre Fragen zu beantworten Er bat also auch
jetzt die fremden Ankömmlinge vorzulassen damit er sich mit ihnen unterhalte
und nach dem Grade ihrer Bildung sein eigenes Betragen abmesse
    Gewohnt immer nur Personen aus den vornehmen oder den vorzugsweise so
genannten gebildeten Ständen unter den wissbegierigen Besuchern zu finden war er
überrascht jetzt auf ein Mal zwei Männer des niederen Volkes zu erblicken die
noch dazu ihrer veralteten Tracht nach mit der Zeit wenig fortgeschritten zu
sein schienen Diese Fremden waren wie unsere Leser schon erraten haben der
Wende Sloboda und sein Freund der Maulwurffänger Beide gingen so gekleidet wie
wir sie bereits kennen nur hatte Sloboda auf Anraten seines Freundes den
schmalen Lederriemen den er für gewöhnlich um Stirn und Haar schlang abgelegt
um durch ihn nicht Anlass zu Vermutungen zu geben die er jetzt noch nicht
hervorgerufen wissen wollte
    Adrian empfing die beiden alten Männer mit kühler Höflichkeit indem er nach
ihrem Begehr fragte Sloboda antwortete darauf er komme aus dem Innern
Littauens um die Fortschritte der Industrie in Deutschland und namentlich die
außerordentlichen Verbesserungen hinsichtlich der Maschinenspinnerei die bei
ihnen noch nirgends eingeführt sei kennen zu lernen Er selbst sei von Geburt
Deutscher habe sich von jeher mit dem Manufactur und Fabrikwesen beschäftigt
und gehe damit um die große Wohltat der Maschinenspinnerei auch seinen
jetzigen neuen Landsleuten wo möglich zu Teil werden zu lassen Diese ohne
Schüchternheit und Zurückhaltung gegebene Erklärung ihres Besuches ererregte
kein Misstrauen in Adrian sie machte ihn eher etwas freundlicher da er sich für
Russland interessierte und während er die beiden Männer ihm zu folgen einlud
stellte er manche Frage an den Wenden über die gegenwärtige Lage Polens nach
dessen Unterjochung durch die Russen über die dortigen Aussichten für Industrie
und dergleichen die Sloboda bereitwillig und zu seiner Zufriedenheit
beantwortete
    dabei hatten sie den sich krümmenden Felsenweg zu den Fabrikgebäuden
erstiegen und das alte vollkommen erhaltene Eingangstor des ehemaligen
Grafenschlosses erreicht Sloboda blieb stehen und betrachtete aufmerksam die
gotischen Steinschnörkel und das colossale Wappenschild von zwei Löwen
gehalten in deren geöffneten Rachen Sperlinge ihre Nester gebaut hatten
    »Es fällt Ihnen gewiss auf« sagte Adrian »dass Sie über dem Eingangstore
einer Spinnfabrik ein gräfliches Wappen von uralter Herkunft erblicken Andere
Zeiten andere Sitten meine Herren könnte man hier sagen Ehemals stand hier
ein stattliches Feudalschloss deren Besitzer mächtige Herren waren und sich
rühmen durften es an Reichtum jedem Fürsten gleich zu tun Unglückliche
Ereignisse Stürme der Zeit die Niemand voraussehen Niemand abwenden kann
brachen die festen Mauern auch dieses Schlosses und damit wenigstens sein
unzerstörbar fester Grund etwas nütze ward vor mehreren Jahren auf die Trümmer
der alten Burg die Fabrik erbaut die besser als die früheren Bewohner des
Schlosses Wasser Wald und Sumpf welche sie rings umgeben sich auf nutzbare
Weise zinsbar zu machen versteht«
    »So etwas kommt häufig vor in unsern Tagen« versetzte der Maulwurffänger
»Es scheint überhaupt die Aufgabe der neuen Zeit zu sein alle Ungleichheiten
an denen die Vergangenheit krankte nach und nach auszugleichen und dadurch
gewissermaßen die Verbrechen der Geschichte bessernd zu bestrafen«
    »Nicht übel« meinte Adrian »Ihr macht demnach die Zeit zum Zuchtmeister
was sie freilich von jeher gewesen ist nur dass sie jetzt ihre strafende Hand
gegen andere Personen und Geschlechter erhebt wie früher«
    »Das ist eine sehr weise Einrichtung Herr am Stein« bemerkte Sloboda der
bisher unverwandt das steinerne Wappen betrachtet hatte »Ist die Familie
ausgestorben die früher hier herrschte«
    »Noch nicht mein Herr«
    »Aber vermutlich ward sie arm durch die Kriegsunruhen«
    »Auch das nicht Gott Lob Sie befindet sich vielmehr in den besten
Verhältnissen ist noch mächtig wie in den Zeiten ihres größten Glanzes nur in
zeitgemässiger Umgestaltung und sie hofft noch lange zu blühen und zu
herrschen«
    »Sie waren bekannt mit ihr«
    »Sehr genau mein Herr Doch beliebt es Ihnen nicht einzutreten«
    »Mich dünkt auch ich kannte die Herren dieser Burg« sagte Sloboda
nachdenkend indem er unter dem Tore hinweg in den geräumigen Hof schritt den
jetzt die unermesslich hohen Fabrikgebäude umgaben
    »Wie« sagte Adrian »Sie kannten die Herren dieser Inselburg Das muss wohl
ein Irrtum sein«
    »Ich will es nicht bestimmt behaupten nur so viel unterliegt keinem
Zweifel dass jenes Wappen Zier und Helmschmuck der Grafen von Boberstein
enthält O die Grafen von Boberstein gottseligen Angedenkens wer der sie
kannte möchte sie und ihr Schild je vergessen«
    »Ganz recht es ist das Wappen der Grafen von Boberstein« sagte der
Maulwurffänger trocken »und das hier war ehedem gräflich Bobersteinscher Grund
und Boden«
    Adrian wechselte die Farbe Es ärgerte ihn sichtlich dass der alte Mann im
Bauerkittel so entschieden sein Eigentum als ihm nicht mehr gehörig
betrachtete er hielt jedoch an sich und als hätte er die Bemerkung des
Maulwurffängers nicht gehört wendete er sich gleichgültig fragend an den
Wenden
    »Standen Sie in so naher Verbindung mit den Grafen von Boberstein«
    »In sehr naher Verbindung Doch das ist schon lange her fast ein halbes
Jahrhundert«
    Adrian schwieg und führte die Besuchenden quer über den fünfeckigen Hof nach
einer schmalen Tür deren rotbraune Sandsteinumkleidung und spitze
Bogenwölbung ihr hohes Alter verriet Über dieser Tür in einem Stück alten
Gemäuers auf welchem der leichtere schlanke Neubau der Fabrik ruhte sah man
abermals das gräflich Bobersteinsche Wappen Wenige Schritte links im stumpfen
Winkel der hier zusammenstossenden Gebäude erhob sich einer der beiden turmhohen
Schornsteine und die unmittelbare Nähe der Maschinenkammer die in einer
Abteilung des ehemaligen Erdgeschosses von der Burg angelegt war erfüllte die
Luft mit dumpfem Rauschen und machte ringsum den Felsengrund leis erbeben Aus
dem Innern scholl das Klirren Schrillen Sausen Rollen und Stoßen der tausend
und abertausend Räder die hier in ununterbrochener Bewegung waren
    »Wie kommt es« fragte Sloboda eine gewundene Treppe hinansteigend von der
herab ihm ein unangenehmer warmer Oeldunst entgegenqualmte »wie kommt es dass
die früheren Besitzer dieser alten in eine Spinnfabrik verwandelten Burg nicht
mehr hier leben«
    »Die gräfliche Familie ist zu ansehnlich« versetzte Adrian »als dass sie
hier Raum finden würde Und dann was hätte sie auch mit einem wüsten
Trümmerhaufen anfangen sollen«
    »Das Schloss brannte ab ich erinnere mich« sagte Sloboda
    »So erzählt man Ein Blitzstrahl setzte es in Flammen«
    »Ein furchtbares Unwetter brachte ihm den Untergang«
    »Lebten Sie damals in der Nähe« fragte Adrian »Es interessiert mich etwas
über den Untergang dieser ehrwürdigen Stammburg des alten Grafengeschlechtes zu
erfahren Was ich bisher davon hörte konnte mich nicht befriedigen«
    »Wenn Sie erlauben Herr am Stein so teile ich Ihnen das was ich selbst
weiß späterhin mit Mein Freund noch vertrauter mit der Vergangenheit wie
ich kann vielleicht manchen Irrtum aufklären manche Lücke ausfüllen Die
Natur hat ihn mit einem wunderbaren Gedächtnis begabt«
    »Ja das hat sie« bestätigte der Maulwurffänger mit einer Trockenheit im
Tone als fehle es ihm an geistiger Kraft Adrian konnte sich kaum eines
spöttischen Lächelns enthalten als er die wichtige Miene des Mannes dabei
bemerkte die wirklich einen auffallenden Ausdruck von Simplicität an sich trug
    »Ihr wart vermutlich dabei und saht den Blitz einschlagen nicht so«
fragte Adrian spöttisch lächelnd
    »Wie Sie wollen« versetzte Heinrich »Als der Rummel losging machte mirs
Spaß die alten Schiefertürme so lustig brennen zu sehen und ich kann sagen
dass es selten ein hübscheres Feuerchen gegeben hat bei meiner Mutter Seligkeit
Nachher wenn Sie Lust haben alte Geschichten anzuhören will ich Ihnen
verteufeltes Zeug davon erzählen«
    Noch während dieser Antwort des Maulwurffängers hatten sie den ersten
ungeheuren Saal erreicht in welchem die frische Wolle gekrempelt wurde Hundert
und mehr Mädchen und Knaben in einem Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren
schlecht gekleidet und von bleichem Ansehen liefen ruhelos geschäftig hin und
her um die mit furchtbarer Schnelligkeit arbeitenden Maschinen zu bedienen Der
ganze weite Saal war mit einem trüben öligen Nebeldunst erfüllt der aus den
staubfeinen fast unsichtbaren Wollenteilchen gebildet ward die immerwährend
von den Maschinen abflogen Häufiges abgebrochenes Husten der Arbeitenden fiel
jedem Fremden auf und ward auch sogleich von Sloboda und Heinrich bemerkt Es
machte einen fast unheimlichen Eindruck die vielen schlanken Gestalten stumm
und traurig unter den rasselnden Maschinen in dieser brühwarmen feuchten und
fettigen Atmosphäre ewig hüstelnd umherwandern zu sehen Hände Gesicht Kleider
und Haare mit feinen Wollenflöckchen bedeckt die nicht selten an den reizbaren
Stellen der Haut ein heftiges Jucken verursachten
    »Diese Arbeit muss anstrengen« sagte Sloboda »und scheint mir nicht ganz
unschädlich zu sein Arme Kinder wie sie husten«
    Adrian lächelte »Glauben Sie diesen intriganten Geschöpfen nicht« sprach
er »sie verstellen sich und heucheln einen krampfhaften Kitzel in der Kehle
der in Wahrheit nicht vorhanden ist. Ich will Ihnen erklären woher dies kommt
Früher arbeiteten die Maschinen nur zehn Stunden täglich in welcher Zeit sie
abwechselnd von zwei sich ablösenden Parteien bedient wurden Später als das
Maschinengarn mehr in Aufnahme kam und die Bestellungen sich häuften ward die
Arbeitszeit verlängert und der Lohn natürlich auch erhöht während im Übrigen
die Verhältnisse ganz dieselben blieben Bald aber reichte auch dies nicht mehr
hin und ich sah mich genötigt die Maschinen Tag und Nacht mit Ausnahme der
Stunden von elf bis ein Uhr Nachts ununterbrochen gehen zu lassen Natürlich
muss ich nun auch die Arbeitszeit meiner Leute verlängern wofür sie angemessen
bezahlt werden Allein diese Menschen die anfangs froh waren dass sie Arbeit
fanden und die ein schönes Geld verdienten und durchbrachten können jetzt
nicht mehr genug Lohn erhalten In der Meinung dass unser Gewinn in gleichem
Verhältnis stehe mit dem Mehrertrage verlangen sie doppelten ja wohl gar
dreifachen Lohn behauptend es litte ihre Gesundheit bei den Maschinen und
weil ich auf so törichte und völlig unsinnige Forderungen bei den äußerst
gesunkenen Preisen der baumwollenen Waren nicht eingehen kann und will
verstellen sie sich und husten als ob sie alle die Schwindsucht hätten Doch
ich lache zu solchen Maskeraden«
    »Eilf Stunden täglichen Aufenthalts in diesem Oeldunst ist kein Genuss Herr
am Stein« sagte der Maulwurffänger »Könnten Sie nicht um die Maschinen zum
Segen der Menschheit wirken zu lassen die Arbeitszeit vierteilen und vier
Parteien beschäftigen«
    Adrian sah den Alten mit großen Augen an verwundert über einen solchen
Gedanken »Das wäre der erste Schritt zum sichern Bankerott« versetzte er
verächtlich »Ich müsste dann wenigstens zwei Mal mehr Lohn geben als jetzt und
hätte überdies noch mit der Widerspänstigkeit dieser nie zufriedenen Menschen
unablässig zu ringen Nein es ist so besser und ich rate Ihnen mein lieber
alter Herr wenn Sie etwa in Russland das Maschinenspinnen einführen sollten nie
auf die Klagen Ihrer Arbeiter zu achten Nachgibigkeit macht sie stets
unzufrieden Sie haben so wenig bei den Maschinen zu tun dass man das Bischen
Hin und Herlaufen eigentlich gar nicht Arbeit nennen kann Es ist eine bloße
müssiggängerische Spielerei für die ein Trinkgeld hinlänglicher Lohn wäre Doch
bei Ihnen wird solche Aufsätzlichkeit wie hier nicht vorkommen Sie besitzen
zum Glück Leibeigene die Sie für jede Klage mit Knutenhieben belohnen können
eine Einrichtung die sehr vernünftig und practisch ist und die auch bei uns
bestehen sollte Glauben Sie mir man hat unsäglichen Ärger mit diesem
widerhaarigen Arbeitervolk«
    Sie hatten die verschiedenen Säle durchschritten stiegen in das zweite
Stockwerk hinauf und traten in die Räume der Grobspinnmaschinen Auch hier
flutete dieselbe schwere ölige das freie Atmen hemmende Atmosphäre durch alle
Säle und die Luft war ebenfalls wenn auch nicht in so hohem Grade mit
Millionen feiner Wollenteilchen geschwängert die als weissgrauer Niederschlag
an den Kleidern sich anlegten und bei vielen Arbeitern Augenentzündungen
verursacht hatten Die Heftigkeit mit welcher der feine Wollstaub von den
schwirrenden Würteln und Spillen abflog und die darüber Gebeugten traf mochte
viel dazu beitragen Sloboda und Heinrich bemerkten dasselbe trockene Hüsteln
das freilich aus dem schmetternden Lärm der Räder und Spindeln nur ein achtsames
Ohr heraushörte
    Als unsere Bekannten auch diese Räume ihrer ganzen Ausdehnung nach
durchwandert waren kamen sie im dritten Gestock in ein Vorgemach wo mehrere
Aufseher versammelt waren Achtungsvoll grüßten diese die Eintretenden Adrian
nahm eine sehr vornehme und herrische Miene an und erwiderte den Gruß nur
obenhin Sloboda blieb stehen um aus den Fenstern einen Blick über die
unermesslichen Haidestrecken zu werfen die dunkelblau wie die Wogen des Meeres
sich bis an den Horizont ausdehnten Sinnend schüttelte er bei diesem Anblick
den Kopf
    »Fällt Ihnen etwas auf« fragte Adrian der stolz auf seine Einrichtungen
keinerlei Tadel gut vertragen konnte
    »Ach nein« versetzte Sloboda »ich dachte nur der Vergangenheit und was der
alte Herr Erasmus den ich wohl kannte zu der Veränderung sagen würde Eine
Spinnfabrik auf den Mauern seines Schlosses und dies selbst in fremden Händen
ach das ertrüge der ehrenwerte Herr nicht wenn er noch lebte Lieber würde er
sich in die tiefste Stelle des Sees gestürzt haben«
    »Wer sagt Ihnen denn mein Herr dass die Besitzungen der Boberstein in
fremde Hände gekommen seien«
    »Sind Sie nicht der Eigentümer dieser Fabrik« fragte Sloboda
    »Der bin ich«
    »Man sagte mir ein Herr am Stein besitze See und Heide in ziemlicher
Ausdehnung«
    »Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt mein Herr aber man hat vergessen
hinzuzufügen dass die Herren am Stein und die alten Grafen von Boberstein ein
und dieselben Personen sind Mein Stammname ist Adrian Graf von Boberstein
ältester Sohn des erlauchten Grafen Magnus seiner Zeit unter dem Namen Blauhut
wohl bekannt bei Vornehm und Gering«
    Sloboda und Heinrich entblößten ehrerbietig ihre Häupter und stellten sich
äußerst überrascht »Herr Graf« sagte der Wende »es ist Ihre Schuld wenn wir
einigermaßen die Ihnen zukommende Achtung aus den Augen gesetzt haben Wir
glaubten bloß den reichen umsichtigen kühnen und glücklichen Fabrikherrn
Herrn am Stein zu sprechen nicht den Enkel des Grafen Erasmus von Boberstein
Doch muss ich bekennen dass mir diese Entdeckung von hohem Wert ist da Sie mir
Aufschluss über eine Angelegenheit geben können die mich zum Teil auch
veranlasst hat diese Gegend zu besuchen Sie werden lächeln Herr Graf wenn ich
mich Ihnen als Ihren Verwandten vorstelle«
    »Sie und in diesem Rock« sagte Adrian verwundert und empört zugleich
    »Lassen Sie sich den Rock nicht stören Er deckt ein grades ehrliches Herz
das die Gerechtigkeit über Alles liebt Ich kannte Ihren Herrn Vater Graf
Magnus Schade dass ihn der Tod schon abgerufen hat«
    »Ich muss wirklich bitten« fiel Adrian etwas ungeduldig ein »dieses
Gespräch abzubrechen oder mir auf der Stelle die bündigsten Beweise zu liefern
dass ich in Ihnen einen Verwandten meiner Familie vor mir habe sonst möchte ich
mich genötigt sehen Ihnen den Weg aus der Burg zeigen zu lassen«
    »Verzeihung verehrter Herr Graf« erwiderte Sloboda »Ihre Burg ist
gegenwärtig eine moderne Spinnfabrik weshalb es Ihnen schwer fallen möchte Ihr
Wort wahr zu machen Die gewünschten Beweise sollen Sie erhalten Heinrich
zeige doch dem Herrn Grafen das Papier«
    Der Maulwurffänger holte hierauf mit großer Ruhe die bewusste Verschreibung
hervor und reichte sie dem Wenden Dieser entrollte sie so weit dass
Unterschrift und Wappen des Grafen Magnus sichtbar wurden und hielt sie Adrian
vor
    »Kennen Sie dies Wappen diese Handschrift«
    »Wie sollte ich nicht« versetzte arglos der Graf »Es ist mein
Familienwappen und die Handschrift meines verstorbenen Herrn Vaters«
    »Darf ich die Herren ersuchen« wandte sich Sloboda an die umstehenden
Aufseher »mir zu bezeugen dass der Herr Graf Adrian von Boberstein diese
Schriftzüge als die seines verstorbenen Herrn Vaters anerkannt hat«
    »Sie dürfen es mein Herr« erwiderte der Aelteste in dem wir den
Buchhalter Vollbrecht wieder erkennen »Die Schrift des Grafen Magnus kann
Niemand verkennen«
    Die Übrigen stimmten schweigend bei und verbeugten sich
    »Ich danke Ihnen meine Herren« sagte Sloboda die Schrift wieder
zusammenrollend und an Heinrich zurückgebend
    »Aber mein Herr was soll das« fragte Adrian der von dem unerwarteten
Auftritt ganz bestürzt war und nicht wusste was er dazu sagen sollte
    »Bitte Herr Graf lassen Sie sich nicht stören noch beunruhigen Haben Sie
vielmehr die Güte mir und meinem Freunde die noch übrigen Räume Ihrer
ausgezeichneten Fabrik zu zeigen die mich allein zu Ihnen geführt hat Denn ich
ließ mir nicht träumen im Herrn am Stein den Sohn des Grafen Magnus zu finden
Sie wünschten Aufschlüsse über die Zeit zu erhalten die vor Ihrer Geburt über
die Burg Ihrer Ahnen dahinrauschte Ich werde mir erlauben falls Sie die Gnade
haben mir und gelegentlich meinem Freunde zuhören zu wollen Ihnen eine
Geschichte von Ihren Vorfahren zu erzählen aus welcher Sie mancherlei lernen
können und die hoffentlich auch dazu dient mich ungeachtet meines groben Rockes
für Ihren Verwandten anzuerkennen Dürfen wir eintreten«
    Von der gewandten Höflichkeit des steinalten Greises besiegt machte Graf
Adrian lächelnd eine billigende Handbewegung Sloboda und Heinrich traten in die
Säle der Feinspinnmaschinen und betrachteten mit größter Aufmerksamkeit Alles
was ihnen bedeutend schien Auch unterließ der Wende nicht häufige Fragen an
Adrian zu richten welche dieser schon aus Höflichkeit zuvorkommend beantworten
musste So gingen denn die beiden dem Herrn am Stein jetzt rätselhaft und
unheimlich gewordenen Fremden von Gestock zu Gestock von den Maschinen in die
Weifsäle aus diesen in die Packgewölbe zu den Käutchenschlingern und erst
nach zweistündigem Umherstreifen und nachdem sie auch in die glühendheissen
Wölbungen hinabgestiegen waren wo cyclopenähnliche riesige Söhne der Heide die
ungeheuren metallenen Oefen heizten geleitete sie Adrian wieder über den
Felsenpfad hinab in sein lichtes freundliches Wohnhaus und lud sie um
ungestört und ausführlich mit ihnen sprechen zu können ein den Rest des Tages
bei ihm zu verleben
    Sloboda und Heinrich nahmen diese Einladung dankend an
 
                                  Zweites Buch
                                 Erstes Kapitel
                               Die letzte Spinte
Ehe noch Adrian mit seinen Gästen das Haus am See erreichte zeigte das Läuten
der Glocke auf der Fabrik die Mittagsstunde an die zugleich diejenige Zeit war
wo die Arbeiter einander ablösten ohne den Gang der Maschinen zu unterbrechen
Es begegneten daher den vom Felsen Herabsteigenden eine Menge junger Burschen
und Mädchen nebst einer hübschen Anzahl kaum achtjähriger Kinder die zum
Auszupfen der Wollenflocken aus den Rädern und Haken der Spinnmaschinen so wie
zum Auflesen verstreuter Wollbüschel unter den arbeitenden Maschinen verwendet
wurden Alle diese Kinder sahen krank und blass aus gingen in elenden
zerrissenen und geflickten Kleidern einher und hatten meistenteils aufgedunsene
Gesichter starke Leiber und krumme Beine eine Folge der ungesunden Luft und
des alltäglichen eilfstündigen Hockens unter den stählernen Rechen und Zangen
Walzen und Rädern die ihre zarten Glieder mit den furchtbarsten Verstümmelungen
bedrohten Einen heitern Anblick dagegen bot der blaue See dar der jetzt in
hellem Sonnenschein wie eine Fläche geschliffenen Stahles unbeweglich dalag und
mit hundert und mehr Kähnen bedeckt war in denen die in den nahen Haidehütten
wohnenden Arbeiter sich selbst zur Insel herüberruderten auf dessen
Granitgestein die glänzende Zwangsanstalt lag die ihnen ein spärliches Brod gab
und jetzt mit ihren hohen weißen Wänden und vielen hundert Fenstern wie ein
Feenschloss schimmerte
    Die schon bereit stehende Mittagstafel hinderte den Grafen die Fremden
sogleich mit weiteren Fragen zu bestürmen Vornehm höflich lud er sie ein sein
Mahl mit ihm zu teilen das keineswegs lucullisch genannt werden konnte denn
Adrian war ein eben so großer Anhänger der Sparsamkeit als sein Vater ein
Freund der Verschwendung gewesen war Selbst der Wein fehlte anfangs und ward
erst auf einen Wink Adrians aufgesetzt
    Von dieser aussergewöhnlichen Frugalität abgesehen zeigte sich der Graf
durchaus als angenehmer Wirt als gebildeter unterhaltender Weltmann und als
ein mit feiner Sitte wohl vertrauter Aristokrat Erst nach Beendigung der Tafel
bemerkte der lauernde Blick des schlauen Maulwurffängers dass es Adrian schwer
falle nicht sogleich eine Erklärung von ihnen zu verlangen und weil ihm selbst
daran gelegen war diesen auch ihm peinlichen Besuch möglichst abzukürzen
fragte er in seiner trockenen Weise ob er die Geschichte seines alten Freundes
jetzt anhören wolle Adrian beeilte sich seine Bereitwilligkeit auszudrücken
worauf Heinrich um Erlaubnis hat statt der ihm angebotenen Zigarre seine Pfeife
rauchen zu dürfen was Adrian natürlich auch gestatten musste
    Wir bitten jetzt unsere Leser sich zugleich mit uns aus dem neunzehnten in
das achtzehnte Jahrhundert zurückzuversetzen wo sich die wechselvollen
Begebenheiten die wir jetzt erzählen müssen zutrugen Auch sei es uns
gestattet die Mitteilungen des Wenden und des Maulwurffängers nicht von diesen
selbst erzählen zu lassen sondern sie als eine eigene in sich abgeschlossene
Geschichte aus welcher alle späteren Ereignisse hundertästig entsprossen in
einem wir wünschen unterhaltenden und ergreifenden Tone vorzutragen
    Aschermittwoch fiel im Jahre 179 Ende Februar da Ostern erst Mitte April
gefeiert ward In einem jener regelmäßig gebauten wendischen Dörfer der Lausitz
die gleichsam die Grenze bilden zwischen den großen Ortschaften des Gefildes
oder freien Landes und den zerstreut liegenden Wohnungen der Haidebauern war
von einer der vielen Spinngesellschaften die sich nach altem Herkommen
regelmäßig in allen sowohl wendischen wie deutschen Ortschaften des genannten
Landstrichs bilden eine recht fröhliche Feier des letzten Spinnabends der
jederzeit am Aschermittwochstage gehalten wird beschlossen worden Man nennt
diese lustige Feier noch heutiges Tages »das Erstechen der Spinte« eine
Bezeichnung die wir alsbald erklären werden
    Die Spinngesellschaft war alle Tage den ganzen Winter hindurch auf Ehrholds
Hofe zusammengekommen hatte ihre volle Mädchenzahl nämlich zwölf ohne
Unterbrechung gehabt und manchen Spaß der Burschen die wöchentlich ein Mal um
die Erlaubnis eines Besuches baten mit angesehen Jetzt zum
Aschermittwochsabende hatten die jungen Burschen abermals ihren Besuch anmelden
lassen und es war mit Bestimmtheit auf muntere Scherze und ausgelassene
Tollheiten zu rechnen Die Mädchen freuten sich über alle Massen darauf um so
mehr da manche der fleißigen Spinnerinnen fast ihren ganzen Flachsertrag des
vorigen Jahres zu feinem Garn versponnen hatte woraus wenn sie vom Glück
begünstigt werden sollte binnen ein oder zwei Jahren das Linnen zu ihrer
Ausstattung gewebt werden konnte
    Ehrhold hatte einen jüngeren Stiefbruder Jan Sloboda der einige Stunden
weiter im ersten Gürtel der Heide ein kleines Gärtchen mit Sorgfalt
bewirtschaftete Letzterer überließ für die Dauer des Winters dem Bruder seine
Tochter Rosa damit sie ihm spinnen und der Wirtschaft vorstehen helfe So jung
Rosa oder Haideröschen wie die jungen Burschen sie nannten noch war so viele
Bewerber fand sie unter den schlanken gesunden und heitern Bauerssöhnen ja es
war so ziemlich für gewiss anzunehmen dass Röschen im künftigen Herbst Braut sein
werde
    Ohne Gesang vergeht keine Spinte unter den Wenden Das Schnurren der
Rädchen das Tanzen der Spillen die bejahrte Frauen vorziehen das Schrillen
und Zirpen der Heimchen im Heerd des Ofens und in dem tief in die Wand
gemauerten Kamin wo das Kienfeuer sprüht und prasselt laden wie von selbst
dazu ein und da Gesang und Gespräch die reinliche Arbeit nicht stören oder
unterbrechen so dauern beide so lange als die Gesellschaft beisammen bleibt
Späte Wanderer die in der strengen Jahreszeit ein wendisches Dorf betreten
werden angenehm überrascht von den lieblichen reinen Stimmen den bisweilen
heitern meistens aber melancholischen Melodien die ihnen aus der Schneenacht
über die Breterwand irgend eines Bauerngehöftes entgegenschallen
    Bei diesen Gesangübungen hatte sich Röschen besonders durch eine Menge neuer
Lieder oder doch solcher die nur in der Heide bekannt waren sehr ausgezeichnet
und die Liebe Aller erworben Ihr zu Ehren sollte deshalb Aschermittwoch auf
Ehrholds Hofe so feierlich wie möglich begangen werden Röschen musste da sie
keine neuen Lieder mehr wusste versprechen die Gesellschaft mit einigen
Märchen zu unterhalten die sie ebenfalls mit reizender Naivität vorzutragen
verstand
    Wirt und Wirtin der Spinte hatten für Speise und Trank reichlich gesorgt
Kaum brach der Abend herein so kamen die Mädchen ihre Spinnräder nebst Rocken
in den Händen bei Ehrhold an nahmen ihre gewohnten Plätze auf der rund um die
hölzernen Stubenwände laufenden Bank ein und ließ lustig die Rädchen schnurren
und die Mäulchen plappern
    Nach Verlauf einer Stunde schlug es plötzlich ohne dass man vorher ein
Geräusch im Hofe oder auf der Flur gehört hatte so heftig an die Tür dass man
hätte glauben sollen ein Pferd schlage mit dem Hufe daran Die Mädchen
zerrissen vor Schreck ihr Gespinnst und kreischten laut auf manche bloß zur
Gesellschaft und um die andern noch mehr in Furcht zu setzen oder warfen gar
Rocken und Rädchen um Inzwischen stieß Ehrhold anscheinend verdrießlich über
den Grobian der so ungeschliffen sein Ankommen meldete die Stubentüre auf
durch welche in gewaltigen Sprüngen ein künstlich aus weißen Regentüchern
zusammengesetzter Schimmel hereingaloppirte auf die Mädchen zusprengte und
längs den Bänken unter den lächerlichsten Kapriolen hintrabte hier einen Rocken
mit seinem Strohschwanz herabstreifend dort gar eine der Spinnerinnen mit
zudringlichem Kusse beehrend Erst nachdem das Ungetüm jedem Mädchen einen Kuss
geraubt hatte und von ihnen mit Rosinen und Weissbrod gefüttert worden war
unterließ es seine Schelmenstreiche nickte gravitätisch mit dem Kopfe wobei
die Ohren abfielen und unter lautem Gewieher ein schöner Rocken zum Vorschein
kam Zugleich sanken die Tücher nebst ein paar Sieben auf die Dielen und ein
schmucker Bursche einige zwanzig Jahre alt kam unter dem zufriedenen Lachen
der gefoppten Mädchen zum Vorschein
    Schon früher waren noch mehrere andere Burschen eingetreten Diese
bemächtigten sich jetzt des mitgebrachten Spinnrockens steckten ihn über der
Stubentür fest und reichten dem ausgelassenen Darsteller des Schimmels den wir
Klemens nennen wollen eine Ofengabel Klemens nahm sie mit feierlicher Miene
an fragte jedes der Mädchen ob auch ihr Rocken rein abgesponnen und Platz in
der Flachskammer für die Aerndte des nächsten Jahres sei Als er die
befriedigendsten Antworten darauf erhalten hatte hielt er dem Rocken eine
komische Standrede indem er sich bei ihm für die vielen Freuden die er den
Winter über gebracht hatte bedankte sich aber nachträglich auch bei ihm
entschuldigte wenn er ihm zu guter Letzt anstatt ihn zu pflegen und zu hegen
wie einem Feinde mitspielen müsse Er könne nicht anders denn er liebe die
Sonne und hasse den Schnee der Rocken aber sei ein Verehrer gefrorner Fenster
geheizter Stuben und lodernder Heerdfeuer Das müsse notwendig ein Ende nehmen
da der Saft schon lange in die Bäume getreten sei und die weißen unschuldigen
Todtenglocken des Winters die Schneeglöckchen schon längst den Frühling
eingeläutet hätten Um also der Winterwirtschaft mit einem Male ein Ende zu
machen ersteche er hiermit im Rocken auch die Spinte und verbiete allen
weisshändigen Mädchen Rocken und Rädchen vor dem Sanct Burkhardtstage wieder
anzugreifen So sprechend ergriff Klemens die Ofengabel und machte von Burschen
und Mädchen umstanden von diesen unter Lachen zurückgehalten von jenen
angetrieben mehrmals vergeblich einen Versuch die schwarze zinkige Waffe in
den weichen seidenglänzenden Flachsleib zu stoßen Endlich aber traf die Gabel
unter lautem Jauchzen aller Anwesenden den Rocken er stürzte an die Erde und
die Spinte war erstochen 
    Sogleich wurden nun die Spinnrädchen fortgeschaft die Schemel an den
großen Tisch gerückt auf dem schon Kuchen Bier und Tabak in Menge stand und
Mädchen und Jünglinge nahmen in weitem Halbkreise nach Belieben Platz Nur für
Wirt und Wirtin ließ man einen freien Gang um sie im Zutragen neuer
Lebensmittel nicht zu stören Klemens erklärte die Spinte nochmals für tot und
forderte die Gesellschaft auf dies wichtige Fest so heiter und lustig wie
möglich zu begehen
    Die Wenden teilen mit ihren übrigen slavischen Brüdern nur das heitere
sinnliche Temperament das gern in laute Lustbarkeit ausbricht dagegen ist
ihnen der Hang zu ritterlichen Taten zu Kampf und Krieg dem sich die große
Masse aller slavischen Völkerschaften so gern hingibt nicht eigen Sie lieben
den Frieden die stille Häuslichkeit die Freuden geselligen Zusammenlebens und
harmloser Vergnügungen über Alles und vermeiden jeglichen Streit wenn es irgend
möglich ist Beschäftigungen des Friedens die nichts mit Waffenprunk zu tun
haben sind ihnen die liebsten Darum blühten stets und blühen noch heute unter
diesem singenden Volk der Heide Ackerbau Fischerei und Bienenzucht mehr wie
anderwärts und der Soldatenrock wird von ihnen selbst in Friedenszeiten mit
furchtsamem Auge betrachtetWerden sie aber zum Kriegshandwerk gezwungen so
wissen sie sich mit slavischer Gewandtheit in das Unvermeidliche zu fügen und
selbst eine Tapferkeit anzueignen die der angeborenen wenig nachgibt
    Das Festmahl welches die Spinngesellschaft in Ehrholds Hause der
erstochenen Spinte zu Ehren hielt war so heiter wie man es nur wünschen
konnte Einer von des Wirtes Knechten spielte das Brummeisen mit
bewundernswürdiger Gewandtheit und entlockte der zitternden feinen Stahlzunge
mit Meisterschaft alle Melodien der vielen Lieder die nur dem Volke bekannt
sind und sich unter diesem von Generation zu Generation fortpflanzen So oft der
geschickte Spieler eine neue Melodie auf das Brummeisen hauchte brach die
Gesellschaft die schmausend und lachend um den großen Tisch saß das Gespräch
ab um in Menge oder von einem Vorsänger geleitet je nachdem die Melodie es mit
sich brachte ihre geliebten Gesänge anzustimmen Man setzte dies eine geraume
Zeit fort bis einer der Burschen sich Röschens gegebenen Versprechens erinnerte
und jetzt mit geballter Faust auf den Tisch schlagend und seine kurze dampfende
Holzpfeife aus dem vergnügt lächelnden Munde nehmend ausrief »Gottes Segen auf
uns Haideröschen muss erzählen«
    Von allen Seiten stimmte die Versammlung dieser Aufforderung bei und Röschen
war ein viel zu natürliches und unverdorbenes Kind des Waldes als dass sie sich
wie dies unsere fein gebildeten und wohlerzogenen Mädchen mit so wirksamer
Koketterie zu tun wissen mit scheinbarer Schüchternheit lange gesträubt hätte
Sie nickte vielmehr beistimmend ganz vergnügt mit ihren großen kornblumenblauen
Augen die Gesellschaft überblickend legte beide Arme die von dem blendend
weißen »Kittelchen« leicht verhüllt und am Handgelenk mit Knöpfchen von
Glasperlen zugeheftet waren so auf den Tisch dass die vollen runden Ellbogen
die Höhlung ihrer kleinen Händchen füllten und wartete nur auf völlige Ruhe und
auf das tüchtige Qualmen aller in Tätigkeit gesetzten Tabakspfeifen
    Röschen zählte siebzehn Jahre und war so schlank und ebenmässig schön
gewachsen wie die jungen Tannen der Heide aus der sie stammte Fast alle
Wenden am meisten aber die Mädchen zeichnen sich durch hohen Wuchs durch
schöne Körperform und durch einen wunderbar reinen Teint aus Das Wort »Ein
Mädchen wie Milch und Blut« lässt sich vorzugsweise auf Mädchen wendischen
Stammes anwenden Auch sind sie ihrer starken Gesundheit wegen im ganzen Lande
berühmt und bei den Vornehmen bis auf den heutigen Tag als Ammen überaus
gesucht
    Ein solches Mädchen nun von Milch und Blut war Röschen Krankheit kannte Sie
nur vom Hörensagen denn ihr hatte buchstäblich noch kein Finger weh getan sie
müsste sich denn beim Abraffen des Getraides zur Aerndtezeit in eine Distel
gestochen haben Röschen hatte seidenweiches goldgelbes Haar das sie nach der
Sitte ihres Volkes in Flechten geschlungen und in ein hohes Kränzchen auf der
Mitte des Kopfes zusammengebunden trug und hier mittelst einer messingenen
»Senkenadel« befestigte Diese Fülle reichen Haares das jede Dame von Welt als
verführerisches Netz ausgeworfen haben würde um schmachtende Anbeter darin zu
fangen verhüllte Röschen im Haus und bei der Arbeit mit einem rot und blau
gewürfelten Tuche von Kattun das sie in ein Dreieck zusammengeschlagen über den
Kopf legte zwei Zipfel in den Nacken herabfallen ließ und die andern beiden
unter dem feinen Kinn lose zusammenschürzte Diese ungekünstelte einfache
Kopfbedeckung die nirgends für einen Kopfputz angesehen wird kleidet doch alle
jungen und hübschen Landmädchen äußerst vorteilhaft da sie das reine Oval der
heitern rosigen Gesichter in flatternden Purpur fasst der wie das Blatt irgend
einer mährchenhaften Pflanze oder wie ein luftiges Gewölk Haar und Wangen der
ländlichen Schönen umgibt Der allgemeine Reiz dieser Tracht ward bei Röschen
noch erhöht durch die vielen zarten und dicht gekräuselten kleinen Löckchen die
rund um ihre Stirn wie goldene Rosenknospen blühten und wenn sie den schönen
Kopf bewegte sich häufig auf die klare Stirn herabbeugten als wollten sie
diesen Tempel echter Jungfräulichkeit ehrfurchtsvoll küssen
    »Wenn Ihr fein ruhig seid und mich nicht auslacht« sagte jetzt dies
anmutige Geschöpf voll gesunden Mutterwitzes »so will ich Euch zur Belohnung
für Eure schönen Lieder das Märchen von den andächtigen Sängern erzählen Habt
Ihr die Geschichte schon einmal gehört«
    »So wie Dus erzählen wirst mit Deinen Marienlippen« sagte Klemens »so
haben wirs sicher noch nicht gehört«
    »Wir kennens auch nicht« beteuerten ein paar andere junge Bursche
    »Nun so hört denn zu« versetzte Röschen ihr blühendes Gesicht gegen
Klemens wendend an den sie vorzugsweise ihre Mährchenworte zu richten schien
    »Noch einen Augenblick Röschen« fiel Ehrhold ein »Das Heerdfeuer will
verlöschen und das wäre ein schlimmes Zeichen Des Wanderers Lampe muss hell
brennen wenn die Ohren der Bauern nicht Zeit haben aufzupassen« Damit warf er
ein paar Hände voll Kienspäne auf den Kamin dass die glimmenden Kohlen schnell
hoch aufloheten und setzte sich wieder an den Tisch
    Haideröschen begann
                   Das Märchen von den andächtigen Sängern1
    »Es geschah aber dass der Herr Christus und der heilige Petrus in der Welt
herumwandelten Und sie kamen in ein Dörflein wo man in einem Hause so schön
sang Und der Herr Christus blieb stehen um zuzuhören der heilige Petrus ging
aber immer weiter Und als er ein Stückchen weiter gekommen war sah er sich um
und der Herr Christus stand noch dort Der heilige Petrus ging aber immer
weiter Und als er ein Stückchen weiter gekommen war sah er sich wieder um und
der Herr Christus stand noch immer da Der heilige Petrus ging aber doch noch
immer weiter Und als er ein Stückchen weiter gekommen war sah er sich noch
einmal um und siehe  der Herr Christus stand immer noch da und hörte zu Da
kehrte der heilige Petrus auch um und kam wieder zu dem Hause und dort sang man
so schöne Volkslieder Da sie nun eine Zeitlang zugehört hatten gingen sie
beide weiter und kamen an ein anderes Haus dort sang man auch Und der heilige
Petrus blieb stehen um zu horchen der Herr Christus ging aber immer weiter Da
ging der heilige Petrus auch weiter und wunderte sich gewaltig Da sprach der
Herr Christus Was wunderst Du Dich so gewaltig Und der heilige Petrus sprach
Ich wundere mich darüber so gewaltig dass Du dort stehen bliebst wo sie
Volkslieder sangen und hier vorbeigehst wo sie geistliche Lieder singen Da
sprach der Herr Christus Mein lieber heiliger Petrus dort singen sie
Volkslieder aber mit aller möglichen Andacht hier singen sie geistliche
Lieder aber ohne die geringste Andacht«
    Allgemeines Händeklatschen belohnte die glückliche Mährchenerzählerin und
als wollte man zum Dank für das rechtfertigende und kluge Wort Christi im
Märchen sich selbst eine Genugtuung zu Teil werden lassen stimmten sogleich
ein paar von den Burschen das Lied von der Brautwahl an in welchem das reiche
Mädchen dem armen klagt dass sie ein und denselben Schatz mit ihr liebe und sie
bittet ihr den Burschen gegen ihren eigenen Bruder abzutreten Das Mädchen
dankt jedoch für diesen Tausch und ihr Bursche der die Pferde hütend das
Gespräch mit angehört hat und in dessen Herzen sich doch die Lust nach reichem
Besitz bei den Worten des wohlhabenden Mädchens regt wird durch die Entgegnung
seiner armen Geliebten schnell wieder zu seiner Pflicht zurückgeführt und
verschmäht die arbeitsscheue Reiche um der Armen Herz und Hand zu reichen
    »Nun was Lustiges« rief Klemens »Das Lied war zwar hübsch und recht
herzerquickend wenn aber Haideröschen ihr Purpurglöckchen läutet klingts doch
noch viel schöner Was meint Ihr«
    »Ach ja Röschen muss uns noch eins ihrer Märchen erzählen« riefen einige
von den Mädchen
    »Aber was recht Lustiges das bitt ich mir aus« sagte nochmals der
lebhafte Klemens
    »Ich weiß aber nichts das so lustig ist«
    »Warum denn nicht Besinne Dich nur«
    »Das hilft nicht Wenn mirs nicht gleich einfällt so kommt auch beim
Nachdenken nichts heraus«
    »Du weißt aber doch ein lustiges Märchen« sagte ihre Nachbarin »Gelt Du
hasts uns erzählt letzthin zur Vesper beim Flachsbrechen Nun«
    »Ich erinnere mich nicht«
    »Es war eine Geschichte von einem armen Manne «
    »Mit den vielen Kindern meinst Du« fiel Röschen ein
    »Ganz recht O bitte erzähle sie uns«
    »Ja die Geschichte ist recht lustig« sagte Röschen schelmisch lächelnd »Es
kommt mir nur vor als wolle sie jetzt wo ich ein so ernsthaftes Märchen
vorgetragen habe nicht recht passen«
    »Sieh Schelm« rief Klemens »bist Du nicht gerade wie der heilige Petrus
Wäre doch der Herr Christus gleich bei der Hand er würde Dir Dein
Flachsköpfchen schön waschen Unser Herrgott hat uns das Lachen in die Augen und
in das ganze Gesicht gelegt dass wir recht oft diesen fröhlichen Spiegel seinem
Himmel zukehren sollen damit er an ihm sehen kann ob wir auch noch seinem
Ebenbilde gleichen«
    »Immer frischweg erzählt« sagte Ehrhold ermunternd »Es ist eben so wenig
eine Sünde als wenn Einer bei der Litanei niest und sein Nachbar ruft ihm Gott
helf zu«
    Röschen noch blühender aussehend wie gewöhnlich blinzelte mit ihren
strahlenden Augen Klemens zu und begann abermals
          Die Geschichte vom armen Manne der die vielen Kinder hatte
    »Es war aber einmal ein Vater und eine Mutter die hatten eine große Schaar
Kinder Da fuhr der Vater einmal in die Stadt und kaufte ein Viertel Eicheln
Als er nach Hause kam gab er jedem Kinde eine und da blieb noch eine übrig
die warf er hinter den Ofen und daraus erwuchs eine Eiche bis in den Himmel
Darauf sagte der Vater dass er daran hinaufsteigen wolle Die Mutter sagte
Meinetwegen steige hinauf Er kam hinaufgestiegen und klopfte an Gott der Herr
sprach zu St Petrus Geh sieh wer dort klopft Er ging und sagte Wer ist
da Der arme Mann sagte Ich der arme Mann der die vielen Kinder hat Sanct
Petrus sagte der arme Mann der die vielen Kinder hat Gott der Herr sprach zu
St Petrus Im Kämmerlein sind zwei Laib Brod gib sie ihm Der arme Mann stieg
fröhlich herab und rief Frau mach auf ich habe es gut getroffen ich bringe
zwei Laib Brod Sie verzehrten das Brod und er sagte Frau ich möchte dort
wieder hinaufsteigen Sie sagte Meinetwegen steige hinauf Er kam dort wieder
hinaufgestiegen und klopfte an Gott der Herr sprach zu St Petrus Geh sieh
wer dort wieder klopft Er ging und sagte Wer ist da Der arme Mann antwortete
Ich der arme Mann der die vielen Kinder hat St Petrus sagte Der arme Mann
der die vielen Kinder hat Gott der Herr sprach zu St Petrus Im Kämmerlein
steht ein Korb mit Semmeln gib sie ihm Der arme Mann der stieg wieder fröhlich
herab und rief Frau mach auf ich habe es wieder gut getroffen ich bringe
einen Korb mit Semmeln Sie verzehrten die Semmeln und er sagte Frau ich
möchte dort wieder hinaufsteigen Sie sagte Meinetwegen steige hinauf Er kam
dort hinaufgestiegen und klopfte an Gott der Herr sprach zu St Petrus Geh
sieh wer dort schon wieder an die Tür donnert Er ging und sagte Wer ist da
Der arme Mann antwortete Ich der arme Mann der die vielen Kinder hat St
Petrus sagte Der arme Mann der die vielen Kinder hat Gott der Herr sprach zu
St Petrus Hinter der Tür steht ein großer Stock nimm den und haue ihn doch
so durch dass er von einem Aste auf den andern fliegt St Petrus ging hin und
hieb ihn durch Der arme Mann stieg eilig herab und rief Frau mach auf mach
auf ich bin dort sehr übel angekommen ich bringe sehr große Prügel mit «
    Während die jungen Mädchen noch über die humoristische Bestrafung des
Unersättlichen lachten und die Burschen sich nicht genug in Lobeserhebungen über
das prächtige Erzählertalent Röschens erschöpfen konnten klopfte es einigemal
an den halbgeschlossenen Fensterladen erst leise dann laut und immer lauter
Ehrhold bemerkte es zuerst und gebot der summenden Spinngesellschaft Ruhe
Sogleich erscholl das Klopfen von neuem und diesmal so stark dass die hölzerne
Balkenwand schütterte
    »Nun nun reißt mir nur nichts Haus ein« sagte der Wirt aufstehend und so
laut dass der außen so heftig Anklopfende seine Worte vernehmen konnte »Ihr
hört ja doch dass die Spinte beisammen ist und unter Scherz und Lust begraben
wird werdets also erwarten Was solls denn«
    »Das Krummholz ist da« erwiderte von draußen die Ehrhold wohlbekannte
Stimme des Nachbars
    »Schon wieder Was hat denn der Richter zu melden« versetzte Ehrhold den
Schieber am Fenster öffnend und den hölzernen Laden vollends aufstossend Ein
Mann in Pelzmütze und weissgrauem Schaafpelz reichte ihm ein krummes fast wie
ein Hammer gestaltetes Holz an das ein Papier genagelt war welches eine
Einladung oder einen Befehl der Obrigkeit enthielt der auf diese Weise den
einzelnen Hauswirten zugeschickt und mitgerheilt ward
    »Es ist von wegen der Hofemädchen« sagte der Nachbar »Der Herr will sie
über acht Tage beschauen und sich die kräftigsten und die ihm am meisten
gefallen aussuchen Ihr sollt deshalb wie alle Andern übermorgen in der
Dämmerung in die Schenke kommen und da Meldung tun welche und wie viele
Mädchen Ihr zu stellen habt Weiter steht nichts auf dem Papiere und wollt Ihr
Eure Gäste nicht gern verlassen so mach ich mir schon den Spaziergang bis zum
nächsten Nachbar«
    »Vielen Dank Nachbar und es wird mir lieb sein« erwiderte Ehrhold »Was
aber für dieses Jahr den Mägdedienst bei Hofe anbelangt so habe ich Niemand zu
stellen Ihr wissts ja«
    »Ihr kommt aber doch in die Schenke Nachbar«
    »Ich werd schon da sein und meinen Krug Bier trinken«
    »Gute Nacht denn und fröhliche Spinte Ich denke es wird diese Nacht noch
ein Schneegestöber geben Ihr könnt immer vor Schlafengehen die Bodenfenster
schließen dass Euch der schöne Winterwaizen nicht verweht wird«
    »Gute Nacht« sagte Ehrhold schloss Laden und Fenster und setzte sich wieder
zu seinen Gästen
    »Vater Ehrhold« nahm Klemens das Wort ohne Zweifel durch Röschen dazu
veranlasst die ihn während des Wirtes Gespräch mit dem Nachbar zu sich gerufen
und heimlich mit ihm geflüstert hatte »wir hätten Lust wie wir da beisammen
sitzen künftigen Sonntag über drei Wochen nach Königshain zu gehen Ihr seid
doch mit dabei«
    »Was habt Ihr dort vor«
    »Ach da ist das Todaustreiben Vetter« fiel Röschen ein vor Freude in die
Hände klatschend »und das möcht ich gar so gern einmal mit ansehen Es gehen
viele hin auch der Vater wird vermutlich dort sein da er um diese Zeit für
die gnädigste Herrschaft eine Lieferung Getraide nach Görlitz führen muss Ich
will auch recht fromm sein die Zeit her und für Dich und die Muhme so schöne
Käse machen dass Du auf Ostern beim Kuchenbacken Deine Freude daran haben
sollst Geh nur mit«
    »Wenn den Andern so viel daran liegt wie Dir so werd ich wohl nachgeben
müssen Zwar hab ich mir sagen lassen es sei weiter nichts als ein dummer
Spectakel bei dem viel müssiges Volk zusammenlaufe Abends die Schenken auskehre
und sich auf dem Heimwege die Jacken tüchtig ausklopfe indes  Dir zu Liebe «
    »Nun also mir zu Liebe Vetter und meinem guten Vater der sich um das
Unglück meines Bruders so sehr grämt«
    »Kind Kind« versetzte Ehrhold »mit Deinen frommen blauen Augen ziehst Du
einem das Herz aus der Brust Was will ich tun Ich muss klein zugeben um nur
den lieben hellen Himmel in Deinem Köpfchen nicht zu trüben Ganz umsonst aber
will ich mein Versprechen doch auch nicht geben Gewähr um Gewähr Ich begleite
Dich und die ganze Spinngesellschaft nach Königshain für ein Märchen und zwar
ein frommes das Du uns zum Schluße erzählen sollst«
    »Hurrah ho« riefen die jungen Burschen und schwenkten ihre Mützen und die
Mädchen fielen plaudernd über einander her als hätten sie sich die wichtigsten
Dinge mitzuteilen Röschen aber nahm ihre vorige hausmütterliche bequeme
Stellung wieder ein und sagte mit der freundlichsten Miene von der Welt Zum
Schluss der Spinte das Märchen von
                                Diter Bernhard
    »Es war aber einmal ein vornehmer frommer Herr mit Namen Diter Bernhard so
fromm dass er seine Kleidung in die Sonnenstäubchen hängen konnte ohne zu
fürchten dass sie auf die Erde fielen Er ging jeden Sonntag in die Kirche und
erblickte dort einst den Teufel hinter dem Altare sitzen wie er die Namen
derjenigen auf eine Kuhhaut schrieb welche in der Kirche schliefen Der Teufel
hatte aber die Haut ganz und gar vollgeschrieben und fing sie daher an mit den
Zähnen auszudehnen damit er noch mehr aufschreiben könnte Sie entschlüpfte ihm
aber auf einmal und er schlug mit dem Kopfe so an die Wand hinter sich dass ihm
ein Zahn ausfiel Hierbei konnte sich Diter Bernhard des Lachens nicht
enthalten Weil er aber in der Kirche gelacht hatte so rechnete ihm dies der
liebe Gott als eine große Sünde an Als Diter Bernhard nach Hause gekommen war
wollte er seine Kleidung wieder in die Sonnenstäubchen hängen aber diese
hielten sie nicht mehr und sie fiel dort zur Erde Darüber erzürnte er sich und
wollte dem lieben Gott auch etwas zum Possen tun Und er nahm Brosamen und warf
sie in seine Stiefel und schritt einher indem er so Gottes Gabe mit Füßen trat
Deswegen entführte ihn bald ein Wagen in die Luft und er fährt dort seiner
Bosheit wegen noch bis zum heutigen Tage umher«
    »Besten Dank mein liebes Röschen« sagte Ehrhold »Ich erkläre hiermit die
Spinte für geschlossen damit nicht Einer oder der Andere auf schlechte Gedanken
komme sondern ein Jeglicher als rechtgläubiger Christ den Heimweg antrete Gute
Nacht meine lieben ehrenwerten Gäste«
    Ehrhold gab das Zeichen zum Aufbruch Alle reichten ihm und seiner Frau beim
Abschiede die Hand bedankten sich für gute Bewirtung und heitere Unterhaltung
und verließen die Mädchen schirmend umgebend das Bauernhaus
 
                                    Fußnoten
1 Dies und die folgenden kurzen Märchen sind wörtlich dem trefflichen Werke
Volkslieder der Oberund Niederlausitz von Haupt und Schmaler herausgegeben
entlehnt
 
                                Zweites Kapitel
                               Der Todtensonntag
Die warme Märzsonne am wolkenlosen Himmel machte den Schnee auf den Gebirgen
schmelzen und ließ zahllose Bäche über Wiesen und Saatfelder rieseln dass
überall schon an den bewässerten Stellen zarte Keime eines frischen
erquickenden Grüns aus der Erde hervorsprossten Auch die Saalweiden entüllten
ihre weichen honiggelben süssduftenden Blüten der milden Luft und ragten hie
und da an den bewaldeten Bergen über die noch dürren Gesträuche wie leuchtende
Kerzenbüschel empor Knaben und Mädchen sah man in einzelnen Gruppen auf den
Rainen unfern der Dörfer hinwandeln und diese Erstlingsgeschenke des
wiederkehrenden Lenzes triumphierend in der Luft schwingen Sie zogen heim aus
den Hügeln um ihre niedrigen schwarz geräucherten und dunstigen Stuben mit den
Palmzweigen des deutschen Nordens die sie in ihrer kindlichen Weise
»Palmmietzel« nennen zu schmücken
    Einer Schaar solcher mit blühenden Weidenzweigen versehener Kinder begegnete
am Sonntage Lätare des genannten Jahres in den schon erwähnten Königshainer
Bergen ein rüstig über die Felder einsam daher schreitender Mann Die Kinder
grüßten ihn freundlich wie einen guten Bekannten wünschten ihn gute Geschäfte
und einen fröhlichen Nachmittag und eilten beschleunigten Schrittes dem großen
Kirchdorfe zu das sich am Fuß dieser Berge im fruchtbaren Tale ausbreitet Der
Gegrüsste dankte eben so freundlich den Kleinen ließ sich aber in kein Gespräch
ein da er selbst ebenfalls Eile zu haben schien
    Es war ein kräftiger Mann von untersetzter Statur in einem Alter von etwa
dreißig Jahren Seine Tracht bestand aus einer blautuchenen Jacke mit großen
Seitentaschen kurzen Beinkleidern von schwarzem Leder graublauen Strümpfen und
schweren rindsledernen Schuhen mit großen Messingschnallen Als Kopfbedeckung
trug er eine niedrige Mütze von Grimmerpelz die ihm tief in der Stirn saß so
dass nur seine lebhaften grauen überaus klugen Augen sichtbar wurden Über
Brust und Rücken hingen diesem Mann an starker Hanfschnur eine Menge
länglichrund gebogener Drähte an deren zusammengehenden Enden Bindfaden
befestigt waren Diese Drähte verursachten bei jedem Schritte ein klirrendes
Geräusch und machten dass man ihn schon in einiger Entfernung kommen hörte
Außerdem trug er noch einen großen Quersack von Kalbsfell
    Recht heiter und selbstzufrieden seine kurze Holzpfeife rauchend und bei
jedem Schritte eine dicke Rauchwolke in die Luft blasend ging dieser bäurisch
gekleidete Mann quer über Wiesen und Saatfelder ohne sich um Weg und Steg
sonderlich zu bekümmern und wanderte so in fast schnurgrader Richtung dem
Todtensteine zu dessen wir schon gedacht haben Hier verschwand er in der
schmalen Kluft welche die hohen Granitmassen in fast zwei gleiche Hälften
scheidet erklomm mit gelenker Behendigkeit die Plattform und ließ wohlgemut
sein scharfes Auge über die malerische Gegend gleiten die fern und nah dem
Schauenden entgegentritt Von der Frühlingssonne hell beschienen lagen die
hügeligen Niederungen der Lausitz zu seinen Füßen bis an den dunklen Saum der
Heide Die Landeskrone mit ihrem gespaltenen Gipfel und dem weißen Turme ragte
hoch aus der Ebene zu ihrer Linken im breiten Tal der Neisse glänzten die
Türme und altertümlichen Giebel von Görlitz und darüber in blauer Ferne
schloss die schimmernde Kette der schneebedeckten Sudeten das reizende
Landschaftsbild
    Nachdem der Mann mit den Drähten sich geraume Zeit an der prächtigen
Aussicht gelabt und während dem seine Pfeife vollends ausgeraucht hatte
streckte er sich auf ein Mooslager hin das etwa auf der Mitte der Plattform in
einer unbedeutenden Vertiefung bereitet war Diese Vertiefung hatte die Form
einer liegenden Menschengestalt von riesiger Größe und schien künstlich in das
harte Gestein gemeisselt zu sein Hier verbarg er einen Teil seiner Drähte unter
das Moos legte dann seinen Quersack darauf drückte die Mütze über die Augen
und überließ sich sorglos einem festen Schlafe
    Nach ungefähr einer Stunde während der unser Bekannter in der stillen
sonnenwarmen Luft ganz ruhig geschlummert hatte ward er durch näherkommendes
Jubeln Lachen Schreien und die quäkenden Töne mehrerer Dudelsäcke in die sich
schrillend das Gepfeif der wendischen Flöte oder Tarackawa mischte aufgeweckt
Hastig schob er die Mütze zurück fuhr sich mit der breiten schwieligen Hand
über die Augen und richtete sich so weit auf dass er seinen rechten Ellbogen
unterstemmen und den Kopf in die hohle Hand stützen konnte Ein langer und
breiter Menschenschwarm umhüpft von Kindern mit blühenden Weidenzweigen und
angeführt von einer Schaar Dorfmusiker die sich möglichst anstrengten ihren
Instrumenten unharmonische Töne zu entlocken zog von Königshain den Berg
herauf Unmittelbar hinter der Musikbande gingen Knaben und Mädchen paarweise
geordnet die allesammt lange strohumwundene Stöcke trugen an denen bunte
Bänder flatterten An diese schloss sich ein junger Bursche an der auf seinen
kräftigen Armen eine große Strohpuppe hielt die er zu Aller Ergetzen sorgsam
gleich einer Kindermutter wiegte Jung und Alt sang in regelmäßigen Absätzen
laut lachend »Eia Popeia« und sprang und lärmte dann wieder nach Herzenslust
    Über diesen wunderlichen Aufzug brach der Mann auf dem Todtensteine in ein
fröhliches Lachen aus ohne jedoch Miene zu machen sich den Tumult genauer und
in der Nähe betrachten zu wollen Vielmehr behielt er seine bequeme lauschende
Stellung ruhig bei und heftete nur mit größerer Aufmerksamkeit seine schlauen
Augen auf den immer mehr anwachsenden Menschenschwarm
    Sobald der Vortrab desselben den Todtenstein erreicht hatte holten mehrere
Burschen Stahl Stein und Schwamm aus den Taschen ihrer kurzen Jacken schlugen
Feuer an und entzündeten mitgebrachtes Werg und Heu über dem sie schnell im
Schutz des Felsen einen hell lodernden Scheiterhaufen aus dürren Reisern und
Wurzeln erbauten Um dieses Feuer stellten sich alle diejenigenwelche mit
Stroh umwundene Stöcke trugen im Kreise und setzten sie an der Flamme in Brand
Hierauf trat der junge Mann mit der Strohpuppe in den Kreis hielt an die
zahlreiche Versammlung eine kurze Rede und warf das wunderliche Wickelkind unter
fröhlichem Zuruf der Menge in die knisternde Flamme Kaum schlug die Lohe über
der Puppe zusammen als jeder Fackelträger um sich selbst zu tanzen begann
seinen Strohbrand um Kopf und Schulter schwang und in kurzen abgestossenen Sätzen
wiederholt die Worte sang
»Den Tod haben wir ausgetrieben
Den Frühling bringen wir wieder«
    Dieser Gesang ward unter fortdauerndem Tanz dem sich auch die bei der
Handlung selbst Untätigen lustig mit anschlossen so lange fortgesetzt bis die
Strohpuppe in ein Häufchen glimmender Asche verwandelt war Dann warfen die
Fackelträger ihre Brände teils auf die Feuerstatt teils in nahe Klüfte des
Felsens und umtanzt und umjauchzt von den »Palmmietzeln« tragenden Kindern
machten sich die vielen Hunderte welche dem Schauspiele beigewohnt hatten
wieder auf den Heimweg
    Diese sonderbare Feier auf welche man heut zu Tage vergeblich warten
möchte hieß das »Todaustreiben« und ward noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts
an sehr vielen Orten Böhmens Mährens Schlesiens und der Lausitz gehalten Weil
man sie seit undenklichen Zeiten auf den Sonntag Lätare verlegte nannte man
diesen Tag den »Todtensonntag« Das Volk hing wie an allem Herkömmlichen auch
an diesem uralten jedenfalls der heidnischen Vorzeit entlehnten Gebrauche und
die Jugend freute sich auf das Verbrennen der Strohpuppe welche den Tod
vorstellte fast eben so sehr wie auf den Weihnachtsabend Bei den heidnischen
Slawen war diese Puppe wahrscheinlich nicht ein Abbild des Todes sondern des
Winters gewesen und das Verbrennen derselben bei Beginn des wiedererwachenden
Lenzes hatte symbolisch die Wiederbelebung der Natur, das Hinsterben des Winters
darstellen sollen Es gab wenige Orte wo der Todtensonntag so altertümlich
solenn begangen wurde wie am Fuße des Todtensteines was unstreitig seinen
Grund darin hatte dass dieser hochgelegene eigentümlich gestaltete Felsen im
heidnischen Altertume einer der geheiligten Opferplätze gewesen sein mochte an
denen die Priester der Wenden ihre religiösen Gebräuche seis öffentlich seis
heimlich übten Wenigstens deuten vielfache Spuren darauf hin selbst die
erwähnte in Form einer menschlichen Gestalt auf der Plattform des Felsens
ausgehauene Vertiefung stand wahrscheinlich in irgend einem geheimnisvollen
Zusammenhange mit jenen heidnischen Opfergebräuchen 
    Unserm Freunde mit den Drähten war diese Festlichkeit nichts Neues Er hatte
ihr schon häufig beigewohnt und fand sie eigentlich lächerlich Sie konnte ihn
deshalb auch nicht fesseln und er hätte sich vielleicht wäre ihm der Gedanke
eingefallen dass heut der Todtensonntag vieles Volk um den Stein versammeln
würde eine andere Ruhestätte ausgesucht Da er nun aber doch einmal durch
Zufall am Orte war machte es ihm Vergnügen von seinem Versteck herab die
wogende bunte fröhliche so lebhaften Anteil nehmende Menschenmenge zu
beobachten Diese bot wirklich ein unterhaltendes schönes Bild dar indem sich
deutsches und wendisches Volk heiter mischte Die Wenden mehr als die Deutschen
ihren uralten Sitten treu zeichneten sich durch ihre eigentümliche nichts
weniger als unschöne Tracht aus und weil die Wenden der Lausitz noch bis heut
für einen schönen Menschenschlag gelten können war es in der Tat eine Lust
die vielen kräftigen jungen Männer und die schlanken fein gegliederten Mädchen
mit den edlen häufig wahrhaft vornehmen vor Freude strahlenden Gesichtern
ungestört bewundern zu können
    Besonders zog seine Blicke ein Trupp junger wendischer Burschen und Mädchen
auf sich die fest zusammen hielten und ein und demselben Orte anzugehören
schienen Unter ihnen zeichnete sich vor Allen ein Mädchen durch Schlankheit der
Formen und zierliche obwohl nicht feine Kleidung aus Ein schneeweisses Häubchen
von gestreifter Leinewand an den Kanten mit Spitzen umsäumt umschloss ihr
zartes ovales Gesichtchen und verlieh ihm einen bezaubernden Ausdruck von
Kindlichkeit und Unschuld Zwei ebenfalls weiße Bandschleifen befestigten das
einfache Häubchen unter dem runden Kinn das ein allerliebstes Grübchen reizend
verschönte Das Mädchen indem unsere Leser gewiss Röschen schon erkannt haben
sah mit ihren großen kornblumenblauen Augen die lange goldige Wimpern wie mit
sonnigen Franzen schirmten seelenvergnügt aus und bewegte sich in ihrem braunen
kurzen Rocke ihren blendend weißen mit rot und blauen Zwickeln versehenen
Strümpfen und den kleinen Schuhen unter den übrigen Wendinnen wie eine
verkleidete Fee Unter dem rechten Arme trug sie ihr weißes Regentuch sauber
und faltenlos zusammengerollt um es im Fall eines sich entladenden Unwetters
nach wendischer Sitte als Mantel gebrauchen zu können
    Mit unbeschreiblich süßem Lächeln hatte Röschen dem Verbrennen der
Strohpuppe und dem Fackeltanze zugesehen indem sie sich auf die Schulter eines
jungen Burschen stützte oder vielmehr den Nacken desselben mit ihrem linken Arm
traulich umschlang Der etwas zur Seite gebeugte Kopf ließ genug von ihrem
Hinterhaupte sehen um die reiche Fülle ihres seidenweichen Haares zu zeigen
das sich unter dem Häubchen hervordrängte und in glänzendem Gekräusel über den
Nacken herabfiel
    Als sich jetzt die bedeutende Volksmenge unter der man auch verschiedene
Städter aus Görlitz und Reichenbach bemerken konnte nach und nach zerstreute
veränderte Röschen ihre wunderbar anmutige Stellung und ihrem Begleiter einen
Wink gebend drehte sie sich auf den Hacken um und entfernte sich leichten
Schrittes von der alten Opferstätte In gedrängter Schaar schlossen sich die
übrigen Wenden dem jungen Paare an Haideröschen hatte jedoch kaum den vierten
Teil einer Feldlänge zurückgelegt als sie plötzlich stehen blieb dem Burschen
leise einige Worte ins Ohr flüsterte und gleich darauf in schnellstem Laufe
durch die ihr jetzt entgegendrängende Volksmasse wieder nach dem Todtensteine
hineilte Auf diesem Laufe begegnete ihr ein riesengrosser Mann im langen
Sonntagsrocke einen dreieckigen Hut auf dem Kopfe dessen dichtes lichtbraunes
Haar bis in den stämmigen Nacken herabhing Hingebend warf sich Röschen diesem
Manne an die breite Brust Wenige schnell gesprochene Worte genügten sich ihm
verständlich zu machen und indem er den linken Arm um die schlanke Gestalt des
schönen Mädchens legte stützte er die halbe Wucht seines riesigen Körpers auf
den rotgebeizten Stock von Schlehdorn den er in der rechten Hand trug
    Während dies geschah jagte ein Reiter auf schnellfüssigem Rosse quer über
die Felder und schlug unverkennbar die Richtung nach dem Todtensteine ein an
dessen geschwärztem von Schmarotzerpflanzen umranktem Felsgeschiebe noch
weisslicher Rauch von dem erlöschenden Feuer emporwirbelte Der Reiter war ein
junger Mann in sehr eleganter vornehmer Kleidung Kleine goldene Sporen
glänzten an seinen Reitstiefeln ein dunkelgrüner Jagdrock vom feinsten Tuch
reich mit Goldtressen besetzt wie es die Mode der Zeit erheischte schloss eng
um seine Taille und ein kleiner dreieckiger Hut von schwarzblauem Kastor saß
recht kokett auf seinem wohlfrisirten Haar In der Rechten schwang er eine lange
Reitpeitsche mit der er häufig knallte sei es um das an sich schon feurige
Tier noch mehr zu beleben sei es zur bloßen Unterhaltung
    In einigen Sekunden war der wilde Reiter der vom Todaustreiben
zurückkehrenden Menge so nahe dass er den Strom derselben durchbrechen musste
Dies tat er auch ohne sich im Geringsten darum zu kümmern ob sein rasch und
wild galoppirendes Pferd bei solchem Wagnis auch Jemand verwunden könne Ja er
erkühnte sich sogar mit hochmütiger Miene links und rechts mit seiner langen
Reitpeitsche in die Volksmenge hineinzuhauen um seinem Tiere Platz zu
verschaffen und während er dies wie es schien mit vielem Behagen tat
versäumte er nicht durch entehrende Schimpfworte die unschuldigen Menschen zu
schmähen und zu beleidigen Wahrscheinlich hatte der anmassende Mann ein Recht zu
solchem Verfahren denn der Menschenstrom teilte sich sofort freiwillig und die
Meisten zogen überdies noch ehrerbietig oder scheu ihre Mützen und Hüte Selbst
diejenigenwelche die schwer niederfallende Peitsche schmerzhaft getroffen
hatte murrten nicht sondern wichen nur um so ehrerbietiger zurück
    Nicht so geduldig nahmen dies brutale Betragen einige wohlhabende Bürger aus
Görlitz hin Sie waren mit Recht über das tyrannische Verfahren des fremden
Reiters empört und erwiederten seine Schmähreden mit drohend erhobenen Stöcken
Ein Tuchmacher heftiger als die Andern wollte sogar dem Pferde in die Zügel
fallen und den herrischen Reiter mit seinem gewichtigen Rohrstocke gut
bürgerlich bearbeiten
    »So ein reicher Taugenichts« rief er aus »dems Geld durch den Schornstein
ins Haus fliegt und der doch ehrlichen Handwerksleuten keinen wohlverdienten
Böhmen gönnt den soll ja gleich der Teu «
    »Pst« fiel dem Aufbrausenden ein wendischer Bauerbursche ins Wort »machen
Sie doch keinen unnützen Lärm Der Herr hat Sie gar nicht gemeint denn über Sie
hat er keine Gewalt nur uns die wir ihm gehören oder bald gehören werden
galten seine Worte Kennen Sie den Junker Blauhut nicht«
    Dieser Mann musste sehr bekannt und gefürchtet sein denn der erhitzte
Tuchmacher ließ nicht allein von seinem Vorhaben sogleich ab sondern hatte auch
sichtlich alle Lust verloren dem vornehmen Herrn mit einem Wörtchen zu nahe zu
treten Inzwischen hatte der Reiter den Menschenschwarm durchbrochen und den
Trupp wendischer Bauern Burschen und Mädchen erreicht Mit leichtem
Peitschenschlage auf den Rücken Ehrholds der Klemens zurückhielt Röschen
nachzueilen hielt er sein schnaubendes Tier an beugte sich über den
Sattelknopf und sprach
    »Du scheinst ein schlechtes Gedächtnis zu haben Ehrhold was doch bei Euch
Gesindel selten der Fall ist, wenn es sich um klingenden Lohn handelt Ich werde
mich deshalb genötigt sehen Deine Vergesslichkeit Dir auf andere Weise
abzugewöhnen wenn Du mir nicht auf der Stelle Deine Pate die ich an ihrem
Feenlaufe gar wohl erkannt habe hieher schaffst« Bei diesen Worten schwang der
Junker die Peitsche und ließ sie einige Male pfeifend um die Ohren des Bauers
sausen Dieser zog demütig seine Pelzmütze wodurch ein glänzender Lederriemen
um die Stirn sichtbar ward den vorn ein Schlösschen welches zwei Adlerflügel
vorstellte fest zusammenhielt
    »Ach gnädigster Herr Gnädigster Herr« stotterte Ehrhold bestürzt
    »Warum hast Du mich getäuscht« fragte der Reiter abermals mit strenger
Stimme und funkelndem Zornesblicke
    »Ich habe Ew Gnaden nicht getäuscht Sie wissen es Ihr Anerbieten gebot
mir die Ehre abzulehnen und «
    »Ehre« lachte höhnisch der Junker »Seit wann hat ein Hund von einem
Sklaven Ehre Ich werde Dich peitschen lassen Schuft und einen Tag lang in
meinem Schlosshofe an den Pranger stellen Zum letzten Male warum hast Du mir
Deine Pate verheimlicht«
    »Ew Gnaden können mit mir verfahren wie Sie es für recht halten«
erwiderte Ehrhold »ich muss es erdulden und werde nicht darüber murren allein
Röschen konnte ich nicht ins Schloss schicken weil das gute zarte Kind nicht
Ihre Untertanin ist«
    »Nicht meine Untertanin« fuhr der junge Graf auf »Wie erfrechst Du Dich
mir ein solches Wort ins Gesicht zu behaupten mir dem alleinigen Erben aller
Güter meines weichherzigen Vaters Ich sage Dir Schuft das Mädchen gehört mir
so gut wie Du und Deine ganze Familie und wenn ich befehle dass sie im
Schloss ihre Dienstzeit antreten soll so hat sie bloß zu gehorchen Wer sich
weigert kommt vier und zwanzig Stunden in den Stock und wenn ich bisher diese
wohlverdiente Strafe noch nicht über sie verhängt habe so hat sie dies bloß
ihrer Anmut und Zartheit zu verdanken«
    »Das liebe Kind ist so schwach Ew Gnaden«
    »Zu den Diensten die ich von ihr verlange besitzt sie Kraft genug« sagte
der Reiter mit spöttisch aufgeworfener Lippe »Sie soll weder das Haus scheuern
noch Stallmagd werden ich will sie unterrichten und ihr was lernen lassen
damit sie in freien Stunden mir die Zeit durch heitere und gebildete
Unterhaltung vertreibe Aber Euch dummem Volk ist nicht beizukommen Will man
Euch auch helfen und aus Eurem Elende herausheben so habt Ihr stets
tausenderlei Bedenken und gebraucht diese so lange als Waffe bis man mit
Gewalt erzwingt was Milde nicht erreichen kann Dann habt Ihr freilich gut über
Willkür und Ungerechtigkeit schreien Nochmals also schaffe mir die
Widerspänstige herbei damit ich gleich hier mit ihr abschliesse«
    Ehrhold wollte abermals Einwendungen machen aber des sehr grimmig
blickenden Reiters neuerdings geschwungene Peitsche machte ihn verstummen »Eile
Dich« rief der junge Graf dem langsam Fortgehenden nach »ich werde Dich hier
erwarten« Und sorglos ließ er die Zügel auf dem Nacken des feurigen Tieres
ruhen und sah stolz und verächtlich auf die vor ihm vorübergehende Menge von
welcher bei weitem die Meisten ihn äußerst demütig grüßten Der Reiter dankte
nur selten und tat er es wirklich ein Mal so bestand sein Dank in einem kaum
merklichen kurzen Zucken des Kopfes
    Fünf Minuten mochten etwa seit dem Weggange Ehrholds verstrichen sein als
er an der nördlichen Seite des Todtensteines wieder sichtbar ward die schöne
Wendin von dem riesigen Manne begleitet in dessen Schutz sie sich begeben
hatte an der Hand führend Das wetterbraune Gesicht des Letzteren hatte einen
würdigen herzgewinnenden Ausdruck und der Blick seiner hellen blauen Augen
etwas so Offenes und Ehrliches dass man wohl hätte glauben dürfen diesem Manne
eine Bitte vom Blick seines Auges unterstützt abzuschlagen müsse Jedermann
unmöglich sein Er hatte bereits das Haupt entblößt und zeigte jetzt wie die
meisten übrigen Wenden welche bei diesem Auftritte zugegen waren einen
schmalen glänzenden Lederriemen um die Stirn der wie es schien am meisten
dazu diente die reiche Haarfülle fest zusammenzuhalten Zienckich rasch
schritten diese drei Personen den Hügel herab der Stelle zu wo der herrische
Ritter mit kurzen Fragen Klemens festhaltend auf sie wartete In einiger
Entfernung vor und hinter dem jungen Grafen war das Volk wieder
zusammengetreten offenbar aus Neugierde was wohl der gebieterische und
gefürchtete Herr mit dem schönen Kinde anfangen werde
    Als der Reiter den starken großen Mann erblickte verfinsterte sich sein
Gesicht und eine dunkle Röte bedeckte auf einige Momente Wange und Stirn
Inzwischen waren jene Drei so nahe gekommen dass sich leicht ein Gespräch mit
ihnen anknüpfen ließ weshalb der Graf in scherzhaftem Tone sprach
    »Röschen Röschen Du lässt mich frühzeitig die spitzen Dornen fühlen die
Deine Schönheit birgt Das ist lieblos von Dir und eigentlich sollte ich Dich
dafür strafen Doch ich weiß dass alle schönen Mädchen kleine anmutige Launen
haben die sie uns Männern nur begehrenswerter machen Darum soll Dir verziehen
sein wenn Du mir jetzt mit Deiner törichten Furcht nicht die Geduld raubst
Hier ist meine Hand Schlag ein Auf Ritterwort es soll Dir kein Leid
geschehen«
    Obwohl der junge Herr eine geraume Zeit seine vom Reitandschuh freie weiße
und schlanke Hand vom Pferde herab der Wendin entgegenstreckte rührte diese
doch keinen Finger Gesenkten Hauptes die Hände unter der Schürze lose
verschlungen stand sie da gleich einer Verbrecherin die ihr Urteil erwartet
Da trat ihr Begleiter vor beugte sich tief vor dem Reiter und dessen Hand mit
seinen Lippen streifend sagte er ehrfurchtsvoll
    »Gnädigster Herr Graf ich bitte Sie fussfällig lassen Sie mir die arme
Kleine nur noch ein Jahr dann will ich sie Ihnen wenn Sie darauf bestehen
selbst aufs Schloss bringen und sie wird gewiss gern ihre Pflicht tun Es ist
meine einzige Tochter Ew Gnaden ihre Muhme dass Gott erbarm ward im Walde
erschlagen von einem Baume den Ew Gnaden Holzschläger fällten Das schlimme
Unglück zog sich mein Sohn ihr Mann zu Gemüte bis dass ihm die Gedanken
vergingen und er so zu sagen ein Narr wurde Das arme Ding hat nun eigentlich
keine Menschenseele außer mir und ihrem Paten bei dem sie den Winter über die
Wirtschaft erlernt hat und ich hab sie gepflegt und erzogen so gut ich
konnte was sie mir Dank weiß Ew Gnaden denn es ist ein recht wackeres und
frommes Mädchen Aber sie möchte mir nun auch gern einen Beweis ihrer Kenntnisse
aus Dankbarkeit geben wonach mein Vaterherz sich sehnt und sehn Sie
gnädigster Herr grade deshalb hätte ichs gern wenn Sie mir die liebe kleine
Unruh noch ein Jährchen ließ Sie würde mein Herz erquicken mit ihrem süßen
Lächeln und mir die kleine Wirtschaft redlich führen helfen Es ist ja doch
Alles zu Ew Gnaden eigenem Besten«
    Der Wende sah den jungen Gebieter mit seinen offenen Augen so flehentlich
an dass gewissermaßen schon im Ausdruck des Blickes eine Gewährung seiner Bitte
hätte liegen müssen Dennoch erwiderte der Graf kühl und unfreundlich »Ich
sehe es nicht gern Jan Sloboda dass Du so oft bittest Es verbirgt sich
dahinter ein aufsätziges Gemüt wie ich gar wohl weiß und weil Du hoffst
meinen Vater auf Deiner Seite zu haben meinst Du es sei Dir erlaubt alle
meine Befehle durch höfliche Gegenreden zu beseitigen Ich bin dieser bittenden
Widersetzlichkeit müde und will derselben ein Ende machen Was aber Deinen
Familienkummer anlangt den Du mir auch auf Schritt und Tritt erzählst so
wisse dass ich mich gar nichts um ihn kümmere und ihn nicht eines einzigen
Wortes wert halte Deine Schnur erschlug ein fallender Baum wahrscheinlich zur
Strafe weil sie Zweige brach wo es verboten ist oder zur unrechten Zeit Streu
machte Was ists weiter Du bist zwei hungrige Mäuler auf einmal los geworden
was Ihr ja stets für eine besondere Gnade Gottes haltet Deinem Sohne geht
nichts ab im Gemeindehause Er hat müßige Zeit und wird auf Anderer Unkosten
gefüttert Meine ich es denn nicht gut wenn ich Dir auch noch die dritte
Esserin abnehmen will Wozu brauchst Du eine Gehilfin Du bist noch rüstig und
kannst immerhin allein arbeiten Das Faullenzen taugt nichts für Euch Leute
Müssige Zeit macht Euch nur unzufrieden Röschen aber will ich weil sie mir
gefällt ins Schloss nehmen und ihr eine gute Erziehung geben Sie soll nicht
wie ihre Eltern eine elende Bettlerin werden und nach fremdem Gut ihre schöne
Hand ausstrecken«
    »O Herr« versetzte Sloboda ohne seine gebückte Stellung zu verändern
»Ihre Worte fallen wie Feuerflocken auf mein Herz und brennen darin so tiefe
Wunden dass sie wohl nie mehr vernarben und ich sie immer fühlen werde Möchten
Sie durch die Worte eines Andern nie ähnliche Schmerzen empfinden«
    Nach diesen Worten trat er einen Schritt zurück denn er wusste nicht was er
dem herzlosen Gebieter noch sagen sollte Röschen weinte dass ihr die Tränen
wie Perlen über die fein geröteten Wangen herabliefen aber sie wagte nicht die
Augen aufzuschlagen zu dem Manne der sich das Recht und die Gewalt willkürlich
über sie zu verfügen anmasste
    »Folge mir Röschen« wandte sich der Graf an die Schöne »Meine Zeit ist
kurz und meine Geduld zu Ende Ich verlange Gehorsam und werde ihn zu erzwingen
wissen wenn dies Sträuben fortdauert Ich bin kein Freund harter Maßregeln
aber ich werde sie schonungslos anwenden wenn dieser Geist der
Widerspänstigkeit der anderwärts schon zu Excessen geführt hat auch unter
meinen Untertanen oder denen die es dereinst werden sollen einzunisten droht
Du bist siebzehn Jahre mithin hofepflichtig Ob Du auf meinem oder meines
Vaters Schloss in Dienst trittst ist gleichgültig Ich beanspruche Dich im
Namen meines Vaters der mir Dich ohne Widerrede abtreten wird Zum letzten Male
spreche ich als Freund und im Guten zu Dir Lass Dich von Deinem Vater oder von
wem Du sonst willst bis dort nach jenem Vorwerke begleiten Ich reite heim und
werde Dich zu Wagen abholen lassen«
    Trotz dieses entschieden ausgesprochenen Befehles blickte Röschen weder auf
noch machte sie Anstalt den Grafen zu begleiten Das Gesicht zur Erde geneigt
und mit den schlanken Händen die häufigen Tränen von den Wimpern streichend
schmiegte sie sich furchtsam fest an den starken in finsterer Ruhe neben ihr
stehenden Vater Da sprang der junge Graf aufbrausend vom Pferde schlug Sloboda
mit der Peitsche über den entblößten Kopf dass sogleich eine dicke blaurote
Schwiele auflief und der schwer Getroffene mehrere Schritte rückwärts taumelte
Dann umfasste er das junge wendische Mädchen hob es mit kräftigem Arm auf den
Hals seines Pferdes schwang sich behend in den Sattel und jagte trotz Röschens
wimmerndem Hilferuf und dem dumpfen Murren des in naher Entfernung neugierig
gaffenden Volkes mit seiner schönen Beute quer über die Felder dem Vorwerke zu
das in halbstündiger Entfernung aus einer Gruppe schöner Buchen und Birken mit
seinen weißen Schornsteinen einladend hervorschaute Als der tyrannische Graf in
der Ferne verschwand verlief sich auch das Volk ohne über die gewaltsame
Handlung des vornehmen Herrn anders als durch heimliche Bemerkungen flüsternd
seine Missbilligung zu erkennen zu geben
 
                                Drittes Kapitel
                                 PinkHeinrich
Alle diese Vorgänge hatte der Mann mit den Drähten welchen wir zu Anfange des
vorigen Kapitels den Todtenstein besteigen sahen genau beobachtet ohne seine
nachlässige Stellung in der er auf dem Felsen ruhte zu verändern Erst jetzt
als das Volk achtlos auseinanderlief und der Graf in wildestem Rennen mit dem
jungen Mädchen davon jagte stand er auf warf Quersack und Drähte über die
Schulter umfasste heftig seinen langen Stock und stieg die enge Schlucht wieder
hinab Ehe er jedoch diese verließ raffte er aus einem tiefen Felsenspalt der
ihm als Magazin diente noch ein Bündel etwa zwei Ellen langer und einen Zoll
dicker Buchen Birkenund Eichenstäbe auf nahm es unterm linken Arm und ging
darauf mit großen Schritten die Knie stets etwas gebogen den Stab regelmäßig
weit vorsetzend und bei jedem nächsten Schritt weifenartig damit nach rechts
ausbiegend dem gemisshandelten Wenden entgegen Dieser ächte Bauerngang der
ohne zu ermüden schnell vorwärts bringt sah bei dem untersetzten Manne sehr
komisch aus und verursachte durch das immerwährende Schaukeln und
Aneinanderschlagen der Drähte auf Brust und Rücken ein eigentümlich klirrendes
Rascheln
    Betäubt von dem unerwarteten Schlage und von Ehrhold dem jungen Klemens und
noch einigen andern Wenden und Wendinnen umringt bemerkte Sloboda nicht die
Ankunft eines Fremden Erst als ihn der Mann mit den Drähten sanft auf die
Achsel schlug kehrte sich Sloboda um und reichte da ein gutmütiges Auge ihn
grüßte dem Manne die Hand
    »Man hat Euch da behandelt wie einen Hund wackerer Freund« sagte der Mann
mit einer Stimme die vor gerechter Entrüstung grollend zitterte »Schade dass
ich nicht bei der Hand war sonst bei meiner armen Seele hätte ich dem
hochmütigen Burschen ein Rad um den Kopf geschlagen Ihr müsst klagen Mann«
    Der Wende seufzte und schüttelte in stummer Verzweiflung sein braunlockiges
Haupt
    »Ihr wollt nicht« fuhr der mit den Drähten fort »Warum nicht Meint Ihr
der Herr behalte Recht weil er reich ist Solche Gedanken dürft Ihr gar nicht
in Euch aufkommen lassen mein Lieber Es ist wahr der Arme richtet bei unserer
Art die Prozesse zu führen und sie auf Kind und Kindeskind zu vererben hier
zu Lande selten etwas aus aber Freund es ist nicht klug dergleichen Bedenken
merken zu lassen Ich sage Euch soll das Volk den Vornehmen gegenüber dereinst
und gebe Gott bald eine bessere Stellung einnehmen die es verdient die es
fordern darf so müssen wir jedes erlaubte Mittel ergreifen und vor Allem uns
von diesen hochmütigen Narren gar nichts mehr gefallen lassen  Glaubt mir
Freund ich kenne die Herren denn ich komme viel mit ihnen zusammen ich kenne
auch den wilden Blauhut Sie geben klein zu wenn man ihnen recht derb mit
hartem Schuh auf die Zehen tritt Mut und Ausdauer machen sie ängstlich und
furchtsam Und was wollt Ihr denn guter Freund Seid Ihr denn nicht im
vollkommensten Recht Mädchenraub ist Gott sei Dank in christlichen Landen vor
jedweder Obrigkeit ein Verbrechen Darum nur geklagt Freund Der Blauhut muss
mir durchaus an den Pranger«
    »Er ist mein Herr« sagte dumpf der Wende
    »Desto besser Der Herr muss seine Untertanen schützen er darf sie nicht
misshandeln«
    »Ich bin nicht sein Untertan guter Mann«
    »Ja zum Teufel was seid Ihr denn sonst«
    »Sein Leibeigener« murmelte Sloboda mit einem furchtbaren Blick gen Himmel
indem er seinen Hut wieder abnahm und dem teilnehmenden Deutschen das Zeichen
der Knechtschaft den glänzenden Lederriemen um Stirn und Haupthaar zeigte
»Ich muss schweigen und dulden« setzte er hinzu indem Zorn und Ingrimm seinen
Augen bittere Tränen entpressten »denn wenn mir der Herr nicht ans Leben geht
habe ich wider ihn kein Recht Auch ist er sonst immer gut gegen mich gewesen
und ich habe keine Not bei ihm gelitten Erst seit die Schönheit meiner Tochter
ihn berückt hat und ich mich seinem Befehle den ich für ungesetzlich halte
geweigert habe behandelt er mich hart O ich wollte ich wollte « Und beide
Hände geballt zum Himmel erhebend knirschte der Wende mit den Zähnen und stieß
einen fürchterlichen Fluch über alles Herrentum aus
    »Lieber Freund« versetzte jetzt der Maulwurffänger  denn dieses Geschäft
betrieb der Mann mit den Drähten  »mit blinder Wut ist in Eurer Lage nichts zu
gewinnen Ich glaubte Euch nur hofepflichtig dass Ihr leibeigener Knecht seid
ändert die Sache freilich doch verloren habt Ihr deshalb noch immer nicht Ich
rechne mir nämlich dass es einen Weg gibt auf welchem diesen Herren beizukommen
sein muss Das lieber Freund ist die Ruhe die Schlauheit die Verstellung Und
Ihr müsstet doch mein ich kein eingebornes Kind dieses Landes sein wenn Ihr
nicht die zehn Gebote aus dem Katechismus des gemeinen Mannes vollkommen
begriffen haben solltet Was mich betrifft seht Ihr so ist Schlauheit die
Seele meines Geschäfts Der Maulwurf ist ein verteufelt kluges Tier der Euch
die schönsten Anschläge zu nichte macht wenn Ihr ihn nicht zu überlisten
versteht Mich aber täuscht so eine blinde Ereatur nicht denn ich kenne ihre
Weise Wo ich meine Drähte ins Erdreich senke da zappelt auch der unermüdliche
Schaufler mit fest zugeschnürter Kehle bevor zwölf Stunden ins Land gegangen
sind Darum Freund ist es mein Rat seid klug und besonnen Haltet Euch alle
Leidenschaftlichkeit fern und senkt Fangdrähte in den Grund und Boden Eurer
Herren so geschickt so schlau so heimlich dass auch der Klügste sie nicht
spürt und ich versichere Euch binnen hier und zehn Jahren seid Ihr frei wie
der Vogel in der Luft«
    »Euer Wort in Ehren  wie seid Ihr getauft«
    »Heinrich Euch zu dienen ins Gemeine PinkHeinrich«
    »Euer Wort in Ehren also Heinrich die Sache mag ihre Richtigkeit haben
allein ich selber kann nichts dazu tun Für mich gibt es keine Hilfe ich muss
dulden und sterben«
    »Lasst mir den Kirchhof aus dem Spiele« versetzte Heinrich »ich bin gerade
kein sonderlicher Liebhaber von dem Gewürm Doch sagt wie hängt denn die
Geschichte mit dem Blauhut und Eurem Kinde zusammen Ihr liesst vorhin em
Wörtchen von Rechtlosigkeit und Willkür des Grafen fallen Könnten wir ihn daran
päcken so sollte er schon zappeln dass ihm die Augen aus dem Kopfe sprängen«
    »Darüber kann ich Euch die beste Auskunft geben« fiel Ehrhold ein »Vor
etwa vierzehn oder sechzehn Tagen müsst Ihr wissen schrieb der Herr einen
Gesindetag aus Ich gehöre ihm erbuntertänig zu mit den Meinigen denn der
Edelhof zu dem unser Dorf gehört ist sein ihm verschriebenes Eigentum Nun
war dazumal meine Pate das Haideröschen grade zu Besuch bei mir als die
Dienstladung kam Als eine Fremde meldete ich sie nicht als hofepflichtig denn
ihr Vater der Jan Sloboda steht unter der Herrschaft des alten Grafen und
frohnt und dient dem Schloss im See wie wir die alte Burg Boberstein nennen
Meines Wissens ging dem Haideröschen der Dienstruf des jungen Herrn gar nichts
an und ich war im Recht dass ich sie nicht zur Dienstschau abschickte Es hätte
wohl auch kein Hahn darüber gekräht wäre nicht zum Unglück am nämlichen Tage
der junge Herr in unser Dorf gekommen Obschon es eigentlich nicht seine Art
ist sich um uns arme Leute viel zu bekümmern stieg er doch am Kretscham ab und
trat in die Schenkstube wo sein Voigt eben mit Aufzeichnung der Namen aller
Mädchen beschäftigt war Ich verwette meinen Kopf die vielen hübschen Gesichter
hatten den Herrn ganz allein hereingelockt Wie er nun die verschämten Kinder
mit Kennerblick mustert und Dem und Jenem ein freundlich aufmunterndes Wort
sagt tritt Röschen ein um mich heimzuholen weil das junge Fohlen weiß der
Himmel wodurch den Koller gekriegt hatte Kaum sah der Junker Blauhut meine
Pate so fragte er wer sie sei Und als ihm der Name Sloboda genannt wird
befiehlt er das arme Ding ebenfalls auf die Dienstliste zu setzen Dass wir im
Namen des Vaters Einwendungen machten war natürlich und dass Röschen selbst
keine Lust zeigte in die Dienste Blauhuts zu treten könnt Ihr Euch denken
wenn Ihr erwägt was die Sage von dem jungen Herrn berichtet Nach einigem Hin
und Herreden stand er auch scheinbar von seinem Entschlusse ab allein kaum war
ich heimgekommen als auch der Graf in mein Haus tritt mit Röschen schön tut
und ihr lauter schöne Dinge vorsagt Darauf nahm er mich bei Seite und bot mir
goldene Berge wenn ich ihm das Mädchen auf den Edelhof schicken wollte Ich
weigerte mich dessen in zweideutigen Worten um den Drängenden nur aus dem Hause
zu schaffen Der Graf ging zufriedengestellt Drauf melde ich Sloboda das
Vorgefallene und weil ich wusste dass er in den letzten Tagen auf des alten
Grafen Befehl in Görlitz sein werde versprach ich ihm hier mit ihm
zusammenzutreffen um über die gefährliche Angelegenheit zu sprechen Wie ich
daran verhindert wurde habt Ihr selbst mit angesehen«
    Der Maulwurffänger der seine hellen schlauen Augen bald über die Gegend
schweifen bald auf dem Sprechenden ruhen ließ schüttelte bedenklich den Kopf
zwischen den beiden Männern langsam fortschreitend
    »Wo seid Ihr zu Hause« fragte er »Führt Euer Weg nicht bis ins
Niederland so begleite ich Euch eine Strecke«
    »Ich wohne zwei gute Stunden von hier hinter den Teichen« versetzte
Ehrhold »Das junge Volk da vor uns ist eben daher«
    »Seitwärts Rotenburg«
    »Ganz recht Der Ort heißt die Zeisel und steht unter dem jungen Grafen der
auf dem eine Stunde südlicher gelegenen Zeiselhofe wohnt Was Wendisch ist
gehört ihm zu mit Leib und Leben Die Deutschen haben mehr Glück gehabt denn
sie brauchen ihm bloß noch etliche Frohntage zu leisten«
    »Da gehen unsere Wege wacker zusammen« erwiderte der Maulwurffänger »Ich
habe Kunden in jener Gegend die ich immer einmal mit umstossen kann Unterwegs
besprechen wir wohl noch Eins und das Andere«
    Freudig nahmen die niedergeschlagenen Wenden die Begleitung des Deutschen
an Obwohl Jan Sloboda den Maulwurffänger bisher bloß von Ansehen und Hörensagen
kannte  denn Heinrich war in sehr weitem Umkreise ein in seiner Art berühmter
Mann  so war es ihm doch grade in seiner jetzigen düstern Stimmung angenehm
einen verständigen Begleiter gefunden zu haben dem er nicht zu misstrauen
brauchte Oft schon hatte er von deutschen Bauern gehört dass der
Maulwurffänger der aus dem Grenzgebirge stammte ein geschworner Feind des
drückenden Herrenwesens sei das noch so schwer und entwürdigend auf dem Volke
lastete Die vielen Frohn und Hofedienste welche Bauer Gärtner und Häusler
verdammten die schönsten Tage im Jahre dem Gutsherrn zu opfern der sich
Besitzer des Ortes nannte und ihn dadurch an Verbesserung und gehöriger
Bearbeitung des eigenen Grund und Bodens hinderte hatten ihn längst geärgert
Wo sich Gelegenheit fand den Saamen der Unzufriedenheit unter dem hörigen Volke
auszustreuen benutzte er sie klug und warf wohl auch bisweilen eine Hand voll
Unkraut mit aus Seine ihm angeborene und in einem tätigen Leben äußerst geübte
Schlauheit bewahrte ihn bei diesem gefährlichen Geschäft vor jedem Missgriff der
ihm selbst hätte nachteilig werden können, und so erwarb er sich zahlreiche
Freunde unter den gemeinen Leuten ohne die Gunst der Herren die er ebenfalls
brauchte zu verscherzen Ein gewissenhafter Mann in streng christlichem Sinne
würde ihn wahrscheinlich einen Schalk genannt und ihn der Zweiächselei
bezüchtigt haben die wahre Kultur aber die nie und nirgend solche aus Gut und
Böse aus Erlaubtem und Unerlaubtem aus Herzensgüte und lächelnder Falschheit
zusammengesetzte Charaktere entbehren kann besaß in ihm ein unschätzbares
Instrument um die heiligen und großen Zwecke des Fortschrittes der
Volksbildung der Verbreitung gesunder und freier Ideen im Volke fördern zu
helfen Wir wollen nicht behaupten dass der Maulwurffänger sich dieses
segenbringenden Zweckes um diese Zeit schon vollkommen bewusst gewesen sei ihm
genügte vorerst der Reiz den alles heimliche Miniren für ihn hatte weil es ihn
einfach ergetzte und unterhielt dem Gedrückten zu nützen und dem Mächtigen
stechende Dornen in das bequeme Leben zu streuen
    Bei dieser etwas frivolen Lebensansicht und bei seiner Beschäftigung die
ihn zu fortwährendem Herumziehen im Lande nötigte war es kein Wunder dass
Heinrich in seinen Mitteln nicht wählig war und dass er häufig auch mit Menschen
verkehrte die in der bestehenden bürgerlichen Ordnung nur ein Hemmniss der
Erdenglückseligkeit erblickten
    Sloboda und Ehrhold gaben auf alle Fragen die Heinrich aushorchend an sie
richtete des Breitesten Antwort und dieser erfuhr dadurch Alles was er zu
wissen begehrte um den Bedrückten in seiner Weise nützlich werden zu können
    »Habt keine Sorge um Röschen« sprach er hierauf mit den Wenden rüstig
weiter schreitend »Ein Mädchen mit gesunden Augen und natürlichem Tact führt
Euch den abgefeimtesten Teufel ein paar Tage lang an der Nase herum Mir ist
nicht bange um das liebe Kind Der Junker wird sich vor ihr sie sich nicht vor
ihm beugen müssen Nur die ersten Stunden der Angst und Beklemmung werden sie
peinigen später möchte ich wetten dass sie leichter und besser als wir ihren
Vorteil zu wahren verstehen wird Darin sind die Weiber noch pfiffiger als die
Juden  Doch was ich Euch fragen wollte lieber Jan habt Ihr nicht gehört wem
das Fräulein angehört das schon seit Jahr und Tag auf der Burg des alten Grafen
lebt Es wird viel darüber gefabelt was Alles ich nicht glauben kann Nur so
viel weiß ich dass es zwischen Himmel und Erde etwas Lieblicheres als Fräulein
Herta wie man sie nennt nicht gibt«
    »Ich sah letzthin das Fräulein mit dem alten Herrn durch den Wald reiten«
versetzte Sloboda »und wirklich bei ihrem Anblick ward mir zu Mute als
schwebe ein Engel vorüber«
    »Es muss eine eigene Bewandtnis mit dieser Herta haben« fuhr der
Maulwurffänger fort »Der alte Graf ein braver Herr wie mich dünkt trägt das
Fräulein auf den Händen und auch die Frau Gräfin die doch eine stolze Frau
ist lächelt immer recht freundlich wenn sie das feine schlanke Mädchen
erblickt ja sie lässt es sogar geschehen dass Herta ihr um den Hals fallen und
sie nach Herzenslust küssen darf was ich ihrer eigenen Tochter wenn sie eine
hätte nicht raten würde Aus alle dem geht hervor Freund Jan dass sie von gar
vornehmer Abkunft sein muss«
    »Sehr möglich« sagte Sloboda »Die Verbindungen der gräflichen Familie sind
groß und sollen sogar mit dem churfürstlichen Hause verzweigt sein«
    »Wisst Jan ich habe einen Gedanken Ihr müsst das Fräulein zu Eurer
Fürsprecherin machen Junker Blauhut fürchtet den Alten weshalb er auch selten
auf das Schloss im See kommt Stecken wir uns nun hinter diesen und lassen ihm
durch Herta die Gewalttat des Sohnes vortragen so könnt Ihr versichert sein
dass der Nichtsnutz Euch das liebe Kind binnen wenig Tagen mit Extrapost in den
Hof fahren lässt«
    »Wer soll einen so gefährlichen Auftrag übernehmen Ich selbst  Mir würde
man nicht glauben und ein Anderer Ach Heinrich Ihr kennt die Menschen und
ihren Eigennutz nicht«
    »Hat das nette Ding denn keinen Liebsten« fragte etwas ungeduldig der
Maulwurffänger
    »Die Burschen sind ihr wohl alle gut und gingen für sie durchs Feuer aber
erklärt hat sich doch noch keiner«
    »Noch keiner« warf Klemens ein der einige Schritte vor den ratschlagenden
Männern mit den Übrigen ging und drehte sich um »Fragt Vater Ehrhold ob
Haideröschen ohne Schutz ist«
    »Ehrhold« sagte Jan gedehnt den jungen Burschen mit langen Blicken
messend
    »Er weiß was ich nicht lang und breit erzählen mag Ich liebe das
Haideröschen und habt Ihr nichts dagegen Vater Jan und kommt sie heil und rein
wieder zurück in unser stilles Dorf so gibts eine lustige Hochzeit noch ehe
die Blätter fallen«
    Der Maulwurffänger lachte leise und sah den Wenden mit dem verschmjetztesten
Blick seiner munteren Augen an »Da haben wir ja gleich einen Unterhändler wie
wir ihn nur wünschen können« sagte er »Gelt frischer Junge Du scheust eine
Tracht Prügel nicht wenn Du der schmucken Dirne und ihrem trauernden Vater
einen Dienst erweisen kannst Legen sie Dich in den Stock je nun so sitzest Du
eben auf demselben Ehrenplatze auf welchem vor Dir schon sehr viele ehrliche
Leute gesessen haben Wer liebt und das Herz auf dem rechten Flecke hat
fürchtet weder den Teufel noch seine Großmutter«
    »Ich bin zu Allem bereit« versetzte Klemens »Lasst mich nur wissen was ich
zu tun habe«
    »Nachher wackeres Blut« sagte der Maulwurffänger »Ich sehe die Teiche
durch das Gesträuch schimmern und da ich einmal so weit mit Euch gelaufen bin
werdet Ihr mich hoffentlich eine halbe Stunde bei Euch ausruhen lassen Da
können wir das Nähere besprechen Wichtiger ist es dem Junker sogleich
beizukommen und da ich mich so tief in die Sache eingelassen habe möchte ich
am liebsten selber mit ihm reden vorausgesetzt dass es Euch recht ist«
    »Ihr wolltet Heinrich« rief Sloboda erfreut und erstaunt zu gleicher Zeit
aus »Habt Ihr auch den Zorn des jungen Herrn überlegt Er vergibt Euch nie
mehr wenn Ihr seine Wege kreuzt und wird Euch auf Schritt und Tritt verfolgen
denn in ihm wohnt eine böse tückische verwahrloste Seele«
    »Aus Blauhuts Zorne mache ich mir nicht so viel« sprach der Maulwurffänger
lächelnd indem er mit aufgeworfener Lippe über die Spitzen seiner Finger
hinblies »Ich bin ein freier Mann dem er nichts zu befehlen hat Bisher fing
ich ihm redlich das blinde Gewürm von seinen Aeckern wofür er mich immer
pünktlich bezahlt hat Will er mir fernerhin die Kundschaft entziehen und sich
die Felder von dem Ungeziefer ruiniren lassen so steht ihm das frei Mich soll
die Ungnade des Grafen Magnus wenig kümmern wenn ich um so geringen Preis einem
Armen helfen und ein schreiendes Unrecht verhüten oder hintertreiben kann«
    Gerührt über ein so uneigennütziges Anerbieten ergriff Sloboda Heinrichs
beide Hände drückte sie mit Inbrunst und umarmte ihn seine Stirn küssend
    »Vergib« sagte er »dass ein Leibeigener einen freien Mann des Volkes zu
umarmen und Bruder zu nennen wagt Ich kann nicht anders mein Herz treibt mich
dazu  Hast Du doch selbst gesagt dass die Kette die noch an meinen Händen
klirrt gebrochen zu werden verdiente Nimm an ich sei frei wie Du ich
brauchte nicht mehr blindlings den Winken eines launenhaften Herrn zu folgen
und die Schmach die auf der Person eines Leibeigenen haftet wird Deine freie
Seele nicht beflecken«
    »Ich bin Dein Bruder Jan Sloboda« erwiderte Heinrich ernst Händedruck
und Kuss erwiedernd
    »Und nun noch eine Bitte« sagte Ehrhold »Tretet als Gast in meine Hütte
Sie ist zwar ärmlich aber rein und unentweiht von jeder Freveltat«
    »Ich will die Abendmahlzeit mit Euch und Eurem Freunde teilen« versetzte
der Maulwurffänger denn wenn ich ehrlich sein soll so muss ich gestehen dass
ich einen recht gesunden Appetit verspüre Verspätigen wir uns auch beim
Gespräch und bricht die Nacht herein ehe ich meinen Stab weiter setze so soll
mich das wenig verschlagen Mir sind alle Wege und Stege im Gebirge in Ebene
und Heide genau bekannt
    Die Wanderer hatten auf verschiedenen zwischen den Teichen hinlaufenden
Dämmen die fischreichen Weiher durchschritten und erreichten jetzt das Dorf wo
Ehrhold wohnte Zwischen Wald und sanft ansteigenden Wiesen in breitem
Talgrunde gelegen den ein heller Bach durchrieselte machte es einen
freundlichen Eindruck Die mit Moos und Gras bewachsenen Strohdächer leuchteten
im goldigen Duft der bereits niedrig stehenden Sonne Auf den Forsten mehrerer
Häufer zeigten sich Storchnester deren Bewohner noch nicht aus ihren
afrikanischen Winterquartieren zurückgekehrt waren Die alten Mütterchen und
Greise des Dorfes saßen vor den Haus und Hoftüren während verheiratete
rüstige Frauen und Männer auf dem ungepflasterten Fahrwege der zwischen den
beiden Häuserreihen aus welchen das Dorf bestand hinlief mit einander
plaudernd auf und niedergingen Die Männer rauchten meistenteils Tabak und
als sie die vom Todaustreiben Heimkehrenden gewahr wurden gingen sie ihnen
lebhafter entgegen und begrüßten sie herzlich eine Menge der verschiedensten
Fragen an sie richtend
    Das freudlose Wesen der Heimkehrenden musste den daheim Gebliebenen alsbald
auffallen denn man war gewohnt die Jugend wenn sie von ihren
Sonntagsausflügen ins Tal herab zog schon von fern heitere Feldlieder singen
zu hören Es fragten deshalb bestürzt und unruhevoll Mehrere nach der Ursache
dieser allgemeinen Betrübnis
    »Vermisst Ihr denn Niemand« entgegnete Ehrhold »Seht Euch um Sind das all
unsere Kinder und Schutzbefohlenen«
    »Wo bleibt unser Haideröschen« rief eine ihrer Freundinnen mit bangem
Herzklopfen
    »Sie ist uns gewaltsam entrissen worden« sagte Ehrhold »Habt Ihr den
Dienstbotentag vergessen«
    Alle standen wie vom Schlage getroffen während Ehrhold seine Gäste in das
uns schon bekannte Wohnhaus geleitete
 
                                Viertes Kapitel
                                     Pläne
In demselben verräucherten Zimmer wo unter allgemeiner Lust die Spinte nach
altem Brauch erstochen worden war an dem nämlichen Tische wo Haideröschen ihre
dankbaren Zuhörer mit dem Zauber ihrer Märchen und Waldlieder entzückt hatte
saßen Ehrhold Sloboda Heinrich und Klemens in beratendem Gespräch Der junge
Bursch den die überkecke Tat des Grafen erst völlig betäubt hatte überließ
sich jetzt wieder ganz seiner natürlichen Lebhaftigkeit und seinem heftigen
sinnlichen Temperamente das nur angewohnte Scheu vor der Gewalt eines
gebietenden Herrn eine Zeitlang hatte niedrücken können
    »Gott im Himmel« rief er aus »warum konnte ich ruhig zusehen und das
Entsetzliche geschehen lassen Röschen wird mich verachten und dem Feiglinge für
immer den Rücken kehren Verflucht sei die Stunde wo der Graf sie zum ersten
Male erblickte«
    »Lass das gut sein« bemerkte der Maulwurffänger »Geschehene Dinge sind
nicht zu ändern Das ist zwar eine sehr abgegriffene aber doch immer eine wahre
Lebensregel Was sollte denn außerdem noch geschehen Es ließ sich bei der
Affäre schlechterdings nichts tun als dass Ihr etwa den Herrn Grafen
todtschlugt Das wäre aber meiner schlichten Meinung nach eine eben so
respectwidrige als verbrecherische Handlung gewesen Weit besser ists dass sie
unterlassen wurde Unterlassungssünden solcher Art tragen ihrer Zeit die
süßesten Früchte Haideröschen wie Ihr das nette Ding nennt hat einen Ritt
durch die Hügel gemacht und dieser wird ihr ohne Zweifel gut bekommen denn es
war heut eine prächtige Luft«
    »Der Spott steht Euch übel zu Gesichte Landsmann« versetzte Klemens
verdrießlich
    »Dein Landsmann kann und will ich nicht sein wenn Du nichts dawider hast«
erwiderte Heinrich listig mit den Augen blinzelnd »Hat uns auch dieselbe Erde
geboren so gehören wir doch zwei Volksstämmen an die in früherer Zeit nicht
brüderlich einträchtig zusammen lebten«
    »Wie Ihr wollt« sagte der junge Wende »Die Hauptsache bleibt immer dass
wir jetzt redlich und wacker zusammen halten um der verruchten Grafenbrut den
Hals zu brechen Allein dürfen wir armen geknebelten Teufel dem Gespinnst doch
nicht ans Leben ohne gehangen gespiesst oder gar verbrannt zu werden«
    »Der größte deutsche Weltweise Eulenspiegel der recht eigentlich der
einzige wahre Philosoph unseres Volkes ist« nahm Heinrich in unerschütterlicher
Ruhe abermals das Wort »sagte das große Wort Eile mit Weile Das ist
absonderlich in dieser Angelegenheit mein Rat Versprichst Du mir fein still
zu sitzen und ganz untätig zuzusehen bis ich sage jetzt mach Dich auf die
Socken und handle so mische ich mich auf meine Weise in die Geschichte und ein
verwirrter Knäuel Bindfaden den ich in die Hände kriege wird gewiss entwirrt
oder ich will kein Maulwurffänger sein s Ist mein Geschäft die Pfiffigen
hinters Licht zu führen und was Lustigeres wüsste ich mir gar nicht
auszudenken als wenn mirs gelänge dem hochmütigen Blauhut seinen melirten
Filz bis über die Nasenlöcher in den Kopfzu schlagen«
    »Ihr spracht vorhin von dem Fräulein auf der alten Burg Was habt Ihr mit
dem Engelsbilde zu schaffen«
    »Misslingt mein Plan so sollst Du Dir mit dem Prachtmädchen etwas zu
schaffen machen damit es dem Herrn Junker den Kopf zurecht setzt Überhaupt
gelüstet michs schon lange etwas genauer und tiefer hinter die alten
Burgmauern und die vermoderten Tapeten zu gucken denn mir schwant man hält da
alte Sünden fein säuberlich hinter Schloss und Riegel Diesen möchte ich auf die
Spur kommen nicht aus Neugier sondern weil ich davon für Euch Gutes hoffe«
    »Wie meinst Du das Bruderherz« fragte Sloboda
    »Eins nach dem Andern Freund Ich gehöre zu den langweiligen Leuten die
nie zwei Dinge unter einander mengen aber wenns sein muss hundert auf einmal
anfangen um sie gelegentlich alle zu Ende zu führen Kommt Zeit kommt Rat
heißt einer meiner Glaubenssätze Die Zeit rechne ich wo Fräulein Herta unsere
Verbündete werden soll wird nicht mehr gar fern sein heut jedoch liegt sie
noch ganz außerhalb der Schlingen die wir auszuwerfen haben um den Feind zu
fangen«
    Klemens sah finster drein und schien kein rechtes Vertrauen zu dem Deutschen
fassen zu können der immer von Vorschlägen und Plänen sprach und wenn man sie
zu hören begehrte stets wieder ausweichend antwortete Das Phlegma Heinrichs
ärgerte ihn und brachte sein sinnlich regeres Temperament in immer heftigere
Wallung Nur Slobodas Blicke vermochten ihn den teilnehmenden Gast mit
gebührender Rücksicht und Höflichkeit zu behandeln
    Der Maulwurffänger schlug sich Feuer für seine Tabakspfeife an die ihm
schon auf dem Wege zehnmal ausgegangen war und auch jetzt nicht in Brand bleiben
wollte Während er wiederholt Stahl und Stein zusammenschlug oder wie die
Lausitzer sagen »pinkte« sprach er
    »Ihr habt doch gewiss vielmals von der Bande des braunen Lips gehört wisst
Ihr vielleicht wo sie jetzt ihr Hauptquartier hat«
    »Lips wird sich hüten seine Schlupfwinkel zu verraten« sagte Ehrhold
    »Ach was« versetzte Heinrich dicke Tabakswolken von sich blasend »Räuber
haben so gut ihre Launen wie sogenannte ehrliche Leute und nun erst ein Mann
wie Lips Es heißt er verrate immer eine Abteilung seiner Leute selbst um
während man diesen nachläuft mit seinen übrigen Gesellen desto bequemer
plündern und rauben zu können Der Teufelskerl kommt mir in den Sinn weil wir
ihn just recht bequem brauchen könnten«
    »Mit Spitzbubengesindel will ich nichts zu tun haben« sagte Klemens stolz
    »Dann tust Du am klügsten Du verkriechst Dich ins erste beste Mauseloch
und hältst Dir jede Kreatur vom Leibe die einem Menschen ähnlich sieht Das
Geschlecht der Spitzbuben ist so groß wie die Menschheit und ohne alle Widerrede
der älteste Adel den es gibt«
    »Gehts« meinte Sloboda »so lass die Teufelsbrut aus dem Spiele
Mitgegangen mitgehangen«
    »Weißt Du so genau was den Lips zum Freijäger gemacht hat und wer der Mann
früher gewesen ist« fuhr Heinrich fort »Du weißt es nicht Nun seht es läuft
ein Gerücht von ihm um das ihm eine hohe Abstammung andichtet Vielleicht ists
rein erlogen vielleicht wer kanns sagen klebt ein Eierschälchen Wahrheit
daran Ich kann das nicht entscheiden Etwas aber weiß ich und deshalb fiel mir
der Kerl ein Er hats nämlich absonderlich ja beinahe ausschließlich auf die
Reichen abgesehen und ist flugs mit seinem Ausräumen Anzünden und
Gurgelzuschnüren bei der Hand wenn er sichere Kunde von boshaften und
niederträchtigen Bedrückungen vornehmer Herren gegen das arme Volk erhält Nun
mag ich nicht grade behaupten dass es Lob oder Belohnung verdiene wenn Einer
Untaten mit Untaten bestraft aber ich bin doch der vorsichtigen Meinung dass
es in dieser unvollkommenen Welt Fälle geben könne in denen man sich
verschmitzter Schufte zum Besten ehrlicher Leute bedienen dürfe Das heiße ich
das Laster ein klein wenig wieder zu Ehren bringen und den argen Schälken tut
man stillschweigend sogar einen Himmelsdienst da man sie Gutes zu stiften
nötigt ohne dass sies merken«
    »In Deinem Christentume Bruder kann ich mich nicht ganz zurecht finden«
sagte Sloboda »Mein einfaches stilles Leben ließ mich so künstliche Gedanken
nie denken viel weniger weiter verfolgen«
    »Dafür bist Du auch ein friedlicher Pflüger und ich bin ein reisender
Künstler« entgegnete pfiffig lächelnd der Maulwurffänger »Kurz und gut wüsst
ich den Lips aufzutreiben ich machte hol mich Dieser und Jener zu des Grafen
Verderben Bekanntschaft mit ihm Er soll sich seit einigen Wochen in die Heide
geworfen haben die freilich für eine so zahlreiche und unruhige Familie das
bequemste Haus ist Aber wo ihn dort aufsuchen ohne zuvor selbst ein paarmal
bis auf die Haut durchsucht und ausgeraubt zu werden Indes nun ich mich doch
einmal in diesen vielgekrümmten Maulwurfsgang begeben habe will ich ihn auch
nicht wieder verlassen ohne das Gewürm unschädlich gemacht zu haben«
    »Vergiss nur nicht wackerer Freund auf Deine eigene Sicherheit dabei Acht
zu geben« sagte teilnehmend und dem Deutschen dankend die Hand drückend
Sloboda
    Heinrich schnippte mit den Fingern und lachte überaus vergnügt dazu »Ich
bin schlüpfrig wie ein Aal« versetzte er »dabei aber auch hungrig wie ein
Wolf Und da meine Pfeife bei dem Geschwätz wieder einmal das Atemholen
vergessen hat so dächt ich wackerer Gastfreund es wäre höchst zweckmäßige
wenn Ihr Eure Ehewirtin rieft und sie im Brodschranke nachsehen liesset ob
vielleicht ein Restchen Grütze oder ein derbes Stück Speck von gestern her übrig
wäre das wir gemeinschaftlich nebst Brod und Butter verzehren könnten Ein
paar Seidel gute nicht ganz abgerahmte Milch würde ein recht erfrischendes
Getränk dazu sein wenigstens bin ich ein ausnehmend großer Liebhaber davon
Habt Ihr aber von dem Allen gerade nichts im Hause so würde es diesen jungen
hitzigen Burschen nichts schaden wenn er sich auf einem Spatziergange in die
Schenke die Füße etwas verträte und das Erforderliche nebst einer halben Kanne
Schnaps und einigen Maß Bier herbeiholte Ich bemerke hierbei dass ich Braunbier
lieber trinke als Weissbier teils weil ich mehr davon genießen kann teils
auch weil es mir besser schmeckt Offenheit unter Freunden die sich einander
dienstbereit die Hände reichen ist eine große Tugend und ich denke daher
Freund Ehrhold Ihr werdet meinen bescheidenen Wünschen kein Hindernis in den
Weg legen«
    Sloboda musste über die ernstaft trockene Art in welcher der Maulwurffänger
seinen Speisezettel vortrug trotz seines Kummers lachen und Ehrhold stand
munter auf um eigenhändig eine tüchtige Schüssel voll Haidegrütze mit kaltem
Schweinefleisch nebst Butter und Brod aufzutragen Klemens aber musste da
vermutlich der Milchkeller des Wenden für den gesunden Appetit des
diensteifrigen Maulwurffängers zu klein gewesen wäre in die Schenke wandern um
die gewünschten Quantitäten Schnaps und Bier herbeizuschaffen
    Heinrich ließ sich die aufgetragenen Speisen trefflich munden und unterhielt
dabei fortwährend seine Freunde mit allerhand wunderlichen Geschichten die ihm
alle selbst begegnet sein sollten Darüber ging die Sonne unter und ein
schwerer feuchter Nebel begann Dorf Hügel und Feld in schmutziges Grau zu
hüllen Dies konnte jedoch unsern Freund nicht abhalten nach beendigter
Mahlzeit unverweilt aufzubrechen so angelegentlich ihn auch Ehrhold und Sloboda
baten die Nacht bei ihnen zu bleiben
    »Wenn ich nur nicht solche Redensarten hören sollte« erwiderte Heinrich
darauf »Ihr wisst kaum was Ihr bittet und hörte ich darauf so könnten wir
allesammt hinterher ein großes Unglück zu beklagen haben Lasst mich nur machen
sag ich Ich kenne die Wege genau und finde sie in finsterer Nacht so gut wie
beim hellsten Sonnenschein Darum Gott befohlen und ein baldiges frohes
Wiedersehen«
    Von den besten Wünschen der Wenden begleitet verließ Heinrich das Dorf
wendete sich dann südöstlich ließ die Teiche die schützend von zwei Seiten den
Ort umgaben rechts liegen und wanderte in gemessenen Schritten seinen langen
Stecken fleißig brauchend und sich gleichsam mittelst desselben wiegend und
weifend vorwärts schiebend einer Waldzunge zu welche die zur Linken seitwärts
laufende Heide hier ins bebaute Land vorgeschoben hatte
    Es nebelte so stark dass der Maulwurffänger kaum einige Schritte weit sehen
konnte sein Auge war aber durch immerwährende Übung in jeder Tages und
Jahreszeit und bei allen möglichen Witterungsveränderungen so sehr an dies
feuchte Nebelgrau gewöhnt dass er stets genau wusste wo er sich befand Selbst
im dichtesten Kieferwalde blieb ihm diese Sicherheit treu Nach seiner
Gewohnheit schlug er sich Feuer an um für die lange Weile eine Pfeife zu
rauchen und schlüpfte bald links bald rechts um die rötlichgelben Stämme
Die Luft war völlig still Man hörte das Geriesel der dürren Nadeln die in der
feuchten Luft zu Boden fielen und die behutsamen Tritte der Füchse die nach
ihren Bauen schlüpften Über den Wald hin zogen bisweilen einige Krähen deren
unmelodisches Geschrei in der dicken Luft dumpf verhallte
    Eine gute halbe Stunde mochte der Maulwurffänger tüchtig ausgeschritten
sein als die Waldung lichter wurde und einzelne helle mit dunstigen Ringen
umgebene Puncte die Nähe eines benachbarten Ortes ankündigten Ein des Weges
minder kundiger Wanderer würde auf diese freundlich lockenden Zeichen
zugeschritten sein Heinrich aber wendete sich nachdem er den Wald verlassen
hatte zur Rechten und schlüpfte hart an den letzten Bäumen hin bis die Lichter
weit zur Linken dämmerten Nun senkte sich der Boden die scharfe Waldzunge fiel
in ein Tal oder eine Niederung ab und verlor sich in wolkigem Dunst Behend
lief Heinrich die schlüpfrige Lehne hinunter übersprang einen Bach und gelangte
nun auf einen hohen Damm hinter welchem unter rollendem Nebelgewölk ein breiter
Wasserspiegel sichtbar ward Diesen entlang schritt der Maulwurffänger bis ein
zweiter kaum fussbreiter Damm quer durch den kleinen See lief und ihn in zwei
fast gleiche Hälften teilte Obwohl kein Fußsteig über diesen schmalen und vom
Niederschlag der feuchten Dünste äußerst schlüpfrigen Damm führte wagte sich
Heinrich doch darauf und erreichte nach viertelstündiger Wanderung eine freie
von anmutigen Hügeln umschlossene Gegend Fernes Hundegebell verriet die Nähe
bewohnter Dorfschaften oder zerstreut liegender Vorwerke Auch dauerte es nicht
gar lange so blitzten deutlich bald in der Tiefe bald schwebend in der Luft
erst vereinzelte Lichter dann ganze Reihen trüber Flammen Das Rauschen eines
Wehres das Klappern einer Mühle ward hörbar und nach einiger Zeit ließ sich
vor und neben einem hohen und breiten Gebäude das von langgestreckten
Nebenflügeln umgeben und von hoher Steinmauer festungsartig umschlossen war
eine Menge kleinerer Wohnungen unterscheiden Eine heisere Seigerschelle schlug
eben die neunte Stunde
    »Na da wären wir ja« sprach der Maulwurffänger zufrieden zu sich selbst
indem er den Kopf seiner Pfeife ausklopfte und sie in die Westentasche steckte
s Ist doch eine prächtige Sache um verbotene Wege Sie bringen einen
entschlossenen Mann in kurzer Zeit eine Strecke vorwärts »Ha ha ha« fuhr er
lachend fort »im Schloss wird noch stark geleuchtet Sollte Gesellschaft da
sein Aber da gings lebhafter zu denn wo Junker Blauhut zu befehlen hat darf
sich die stille Kopfhängerei nicht blicken lassen«
    Das Gebäude dem unser Freund den Namen eines Schlosses gab war eigentlich
bloß ein geräumiges von außen stattlich aussehendes Herrenhaus wie es deren in
den meisten größeren wendischen Dörfern gibt Es lag fast in der Mitte des
Dorfes das sich in breiter Gasse diesseits und jenseits des Edelhofes eine
fruchtreiche Berglehne hinanzog und von einem starken Bache durchströmt ward
Besitzer dieses Dorfes war der reiche Graf von Boberstein wie er sich nach
seinem mitten in einem See gelegenen Stammschlosse nannte seit Jahresfrist aber
hatte er es seinem Sohne Magnus als Eigentum überlassen um ihn zu beschäftigen
oder weil er sich nicht mit ihm vertragen konnte ihn möglichst fern zu halten
Magnus von dem Volke seines blauschwarzen Hutes wegen gewöhnlich Blauhut
genannt stand im Rufe eines jähzornigen herrschsüchtigen und ausschweifenden
Mannes Niemand achtete Jedermann fürchtete ihn und weil er dies wusste suchte
er den möglichsten Vorteil für sich daraus zu ziehen Sein Vater ein milder
vornehmer und hoch gebildeter Mann hatte wohl nicht bedacht dass er dem
zügellosen Sohne durch Abtretung des Zeiselhofes grade eine erwünschte
Gelegenheit zu Befriedigung aller seiner Lüste gab Die meisten dem Rittergute
zugehörigen Untertanen waren nämlich entweder hart bedrückte Frohnbauern oder
völlige Leibeigene mit denen ein strenger Gebieter geradezu verfahren konnte
wie es ihm beliebte Magnus war zu genau mit den Vorrechten seines Standes
vertraut als dass er diese nicht im Übermaß hätte ausüben sollen wenn er sich
Nutzen und Vergnügen davon versprach Er herrschte daher schon seit Monaten wie
seine Urahnen zur Zeit des Faustrechtes Besondere Aufmerksamkeit schenkte er
seinen leibeigenen Wenden deren schlanke Töchter ihm ungemein gefielen Ein
herzloser gegen den Gebieter hündisch kriechender Voigt bot ihm bereitwillig
seine Hand zu jeder willkürlichen Handlung und mit diesem feigen Schurken
vereint verübte nun Magnus Dinge die vor dem Richterstuhle der Menschheit als
Verbrechen verdammt und bestraft worden wären Nur die Macht des Herrn die
Furcht des Volkes vor dieser und die sclavische Scheu als Kläger gegen den
kleinen Tyrannen aufzutreten schützten ihn und ließ ihn wohl gar glauben er
sei in seinem vollsten Rechte und deshalb völlig unantastbar
    Als der Maulwurffänger der hohen düstern Mauer sich näherte welche die
umfangreiche Hoferöte umschloss mäßigte er seine Schritte und ging mit sich
selbst zu Rate auf welche Weise er sein Anliegen dem auffahrenden Junker am
besten vortragen könne Es fehlte unserm Freunde weder Gewandtheit noch
Unverschämtheit wenn es galt irgend etwas von dem er sich persönlich Vorteil
versprach mit Nachdruck durchzusetzen Er hatte daher in Kurzem eine ganze
Menge Vorwände in Bereitschaft mit denen allen er wenn es notwendig sein
sollte den Grafen zu bearbeiten gedachte Furchtlos ergriff er jetzt den
schweren metallenen Widderkopf am Hoftor und schmetterte ihn mehrmals mit
solcher Gewalt gegen die eiserne Platte dass augenblicklich ein wütendes
Hundegebell im Hofe entstand und unmittelbar darauf einige schnüffelnde Köter
von innen gegen die Tür sprangen
    »Vortrefflich gelungen« murmelte Heinrich sich vor Freuden die Hände
reibend »Der unvernünftige Lärm jagt ihnen wenigstens einen solchen Schreck
ein dass sie alles Andere darüber vergessen Sehr wahrscheinlich sogar dass das
Gesinde ein aufgehendes Feuer mutmasst Das gibt Unordnung Durcheinanderrennen
und Teufelszwirn die Menge dabei kann Flucht oder Verstecken höchst täuschend
nachgeahmt werden denn Angst lehrt eben so gut Komödie spielen wie Not beten
 Horch sie kommen Bin doch neugierig aus welchem Tone sie mir aufspielen
werden«
    Während der Maulwurffänger dieses Selbstgespräch hielt waren mehrere Diener
oder Knechte über den Hof nach dem Torwege geschritten einige Laternen
tragend andere mit tüchtigen Knitteln bewaffnet um einem möglicherweise
beabsichtigten Einbruche deren in den letzten Wochen mehrere in der
Nachbarschaft versucht worden waren kräftig begegnen zu können Der Anführer
dieser Eskorte fragte während seine Begleiter die wütenden Hunde zu
besänftigen suchten wer so spät Einlass begehre und was dies unverschämte Lärmen
zu bedeuten habe
    »Unverschämt« wiederholte Heinrich mit seiner den Knechten des Edelhofes
wohlbekannten halb zornigen halb scherzhaften Stimme »Ich finde es verteufelt
unverschämt einen ehrlichen guten Freund durchs Schlüsselloch zu examiniren
und in solchem Hundewetter das ihn nicht abhalten konnte auf des Herrn Grafen
Vorteil zu sehen eine halbe Stunde lang stehen zu lassen Zum Teufel macht
auf oder ich klettere trotz Eurer Zinken da oben und Eurer dummen Kläffer
drinnen wie ein Dieb über den Torweg«
    »Gott straf mich« versetzte der Voigt »es ist gewiss und wahrhaftig der
SackermentsMaulwurffänger«
    »Ich will dich schon besackermentiren« entgegnete Heinrich »wenn ich Dich
nur erst hinterm Tische in der Gesindestube habe«
    Inzwischen klirrten die Riegel die Torflügel gingen knarrend aus einander
und das helle Licht der Laternen zeigte drei oder vier Knechten in deren Mitte
der Voigt mit blankem Hirschfänger stand die abenteuerliche Gestalt des
Maulwurffängers
    »Der gnädige Herr wird Dir ein schönes Gesicht schneiden wenn er hört dass
Du den unnützen Specakel gemacht hast« redete ihn der Voigt an »Wir dachten
nicht anders als es würde Jemand draußen massacrirt«
    »Seine Gnaden werden das Gesichterschneiden wohl bleiben lassen« erwiderte
Heinrich »Mach nur geschwind und melde mich Ich muss den Herrn sogleich
sprechen denn ich habe ihm Nachrichten von äußerster Wichtigkeit zu
überbringen«
    »Du« sagte der Voigt spöttisch »Vermutlich willst Du ihm ein paar
gestohlene Maulwürfe für sein Eigentum aufhängen«
    »Ich werde gleich den Versuch an Dir machen ob Deine Kehle zäher ist als
die eines Maulwurfs« versetzte Heinrich »Geh sag ich oder ich melde mich
selbst«
    »Es geht aber nicht« sagte der Voigt trotzig das Tor wieder fest
verriegelnd
    »Es muss und wird gehen«
    »Niemand darf zu ihm heut Abend Nicht wahr so lautete sein Befehl«
    Die Knechte bejahten diese Frage einstimmig doch Heinrich beharrte
hartnäckig darauf dass er den Grafen sprechen müsse »Grade deswegen weil ers
verboten hat muss ich nun zu ihm« sagte er »Seinen Zorn nehm ich ganz allein
auf mich Ihr Alle geht frei aus das verspreche ich Euch so wahr ich der beste
Maulwurffänger im Lande bin«
    »Warum hast Du nicht gepfiffen wie sonst wenn Du des Nachts auf dem Hofe
einkehren willst« fragte der Voigt dem unwillkommenen Ankömmlinge zögernd nach
dem Herrenhause vorleuchtend
    »Weil es heut Sonntag ist und ich mir die Lunge schon in der Kirche
ausgesungen ausgepfiffen und ausgeschrieen habe und weil ich außerdem weiß
dass Ihr um die jetzige Zeit in Euer gottloses Kartenspiel so vertieft seid dass
Ihr eines ehrlichen Christen fromme Melodie und pfiff er sie so rein und schön
wie eine Nachtigall doch nicht hören würdet Endlich und zuletzt aber weil ich
stets auf aller Menschen Bestes bedacht bin und für Euch dieses Beste eine
rasche Motion war die ich am sichersten durch mein Klopfen bewerkstelligen
konnte Sagt selbst ob Euch nicht das faule Blut jetzt viel munterer durch die
Adern schießt Nun und das denk ich sind Gründe genug um dafür einen Krug
englisches Bier und ein warmes Lager in der Hölle beanspruchen zu dürfen«
    »Du bist ein Schalk« sagte verdrießlich lachend der Voigt
    »Darin irrst Du Dich« versetzte der Maulwurffänger mit größter
Gelassenheit »ich bin vielmehr ein Mittel gegen Schälke und alle Schurkerei
Meine Kunst beweist es«
    So sprechend öffnete er seinen Schnappsack und hielt ihn dem Voigte unter
die Nase »Was siehst Du Trefflichster« fragte er
    »Narr tote Maulwürfe«
    »Bestrafte Schälke« verbesserte listig lächelnd der Maulwurffänger den
Quersack wieder zuschnürend »Nun geh aber und richte meinen Auftrag genau und
pünktlich dem Herrn Grafen aus«
 
                                Fünftes Kapitel
                              Herr und Leibeigene
Ehe wir unsere Erzählung weiter fortführen müssen wir uns zurückwenden zum
Grafen Magnus Dieser hatte nach halbstündigem scharfen Jagen mit seiner schönen
Beute die inzwischen vor Angst und Schreck ohnmächtig geworden war jenes
einsam gelegene Vorwerk erreicht dessen Schornstein man vom Fuße des
Todtensteines aus sah Dieses Vorwerk gehörte zum Edelhofe und wurde von einem
Pachter mit Frau und Gesinde bewohnt Magnus hielt hier sein schaumbedecktes Ross
an sprang aus den Bügeln und trug die noch immer bewusstlose junge Wendin in das
Wohnzimmer des Vorwerks
    Des Staunens nicht achtend das Blicke und Mienen der einfachen Landleute
aussprachen forderte er herrisch ihr bestes Fuhrwerk Leider bestand dies bloß
aus einem sehr schadhaften und unbequemen Karren der für gewöhnlich zur
Transportirung grüner Feldfrüchte in die Stadt gebraucht ward Nötigenfalls
bediente man sich desselben allerdings auch zu Spazierfuhren und dann
überspannte ihn der Pachter mit einer viel gebrauchten fleckigen sehr oft
geflickten und doch immer noch zerrissenen groben Leinewand oder Plane Da
innwendig keine Sitze angebracht waren so half man sich durch untergebreitetes
frisches Stroh über welches eine Matratze aus grober Wolle und Rosshaar
gewirkt zur Verschönerung gebreitet wurde
    Dieses unvollkommene Transportmittel richtete jetzt der erschrockene Pachter
auf Befehl seines Herrn so schnell wie möglich her während Magnus mit schlecht
verhehlter Ungeduld die feinen Züge Röschens beobachtete die noch immer
besinnungslos in den Armen der besorgten Pachtersfrau lag Röschen sah wunderbar
schön aus in dieser dürftigen Umgebung Ein feiner Zug schelmischen Lächelns
der ihren kleinen Mund immer umspielte war auch dem jähen Schreck nicht
gewichen der sie betäubt hatte Auf den lieblich gerundeten Wangen glomm noch
wie verduftendes Abendrot ein rosiger Schimmer Die Augen waren fest
geschlossen und zeigten erst jetzt vollkommen die zarte Durchsichtigkeit der
bläulichweißen Lider und die langen gleich feinen Goldfäden erglänzenden
Wimpern Das weiße Häubchen hatte sich während des raschen Rittes verschoben und
enthüllte jetzt zugleich mit der weißen regelmäßig geformten Stirn ein Gewirr
kurzer krauser und dicht gewundener Löckchen die wie goldene Glockenblumen die
schuldlose Stirn küssten Ihre schmalen Hände jetzt kalt und weiß hingen noch
matt verschlungen in einander
    Die Pachterin eine in gewissem Sinne gemeine Frau bot dem Grafen mit
beredter Zunge eine ganze Menge in solchen Fällen sehr erprobter Hausmittel an
die jedoch Magnus alle von der Hand wies Denn wünschte er auch sehnlichst das
Erwachen Haideröschens alls ihrer Ohnmacht so lag ihm doch wieder Alles daran
dass dies nicht vor Zeugen geschehe die seinem Willen nicht unbedingt
unterworfen waren Deshalb trieb er auch so sehr wie möglich zur Eile und ließ
alle Fragen der Pachterin die unter vielen Tränen die Schönheit des
bewusstlosen Mädchens bewunderte und pries unbeantwortet Sie glaubte nämlich
was allerdings nahe lag annehmen zu dürfen der Graf habe die armselig
Gekleidete in diesem hilflosen Zustande irgendwo auf dem Felde liegend gefunden
und wolle ihr aus Menschenfreundlichkeit Unterstützung gewähren
    »Ach was ein feines Händchen hat die Arme« rief sie aus »Das ist nicht
gemacht um unsere harten Arbeiten zu verrichten o behüte Das sollte nur die
Nadel führen um seidene Zeuge zum Putz der lieben schlanken Glieder
zusammenzunähen Nun warte nur meine arme Kleine« fuhr sie fort indem sie die
Stirn der Ohnmächtigen sanft küsste »der gnädige Herr Graf wird Dich schon
erziehen lassen wies Dein junges Herz nur wünschen kann Ach und wie prächtig
musst Du aussehen wenn Du feine vornehme Kleider anziehen wirst Ja dann möchte
ich Dich schon wieder ein Mal bei mir sehen und begucken  Ach und gewiss hast
Du auch nicht immer in so groben Hüllen gesteckt Du liebes Engelsbild Die böse
Brut der Welt wird Dir nachgestellt haben und um ihr zu entgehen bist Du
sicherlich in Deiner Herzensangst auf und davon gelaufen und vor Ermattung
liegen geblieben  O ich hab ein gar feines Auge das Vornehm und Gering auf
den ersten Blick unterscheiden kann wenn sie sich auch noch so wunderlich
verpacken Das kommt daher weil ich in meiner Jugend bei einer gar reichen
Herrschaft in Dresden Amme gewesen bin ehe ich meinen jetzigen Mann kennen
lernte Es ist eine recht gute Seele gnädigster Herr mein Mann er hat mirs
nicht ein einziges Mal vorgeworfen dass ich vor ihm schon zwei Andere recht von
Herzen lieb gehabt hatte Die armen Teufel  Ich wäre ihnen wohl treu
geblieben aber sie waren ja alle beide geborene Bettelleute  Und nun sitzt
einer schon seit vier Jahren auf dem Baue  Ja sehen Sie gnädigster Herr
Graf der Mensch könnte mir jetzt wieder vor die Augen kommen nicht ansehen
täte ich ihn den schlechten Kerl Spitzbuben und Schufte sollte man verhungern
lassen das sag ich immer Es ist nicht anders aufzuräumen unter diesem
abscheulichen Unkraut «
    Die redselige Frau deren gemeine Denkungsart deutlich genug aus ihrem
Geschwätz zu ersehen war hätte den Grafen wahrscheinlich noch lange mit
Entwickelung ihrer Lebensansichten und Erfahrungen unterhalten wäre sie durch
die Zurückkunft ihres Mannes nicht daran verhindert worden
    »Seid Ihr fertig« fragte Magnus ungeduldig
    »Wenn Ew Gnaden befehlen können wir aufbrechen«
    »Das arme Kind« klagte die Pachterin Der gnädige Herr Graf würden Ihre
Menschenfreundlichkeit verdoppeln wollten Sie mir erlauben dass ich
untertänigst meinen »Lebensgeist« oder auch den »schmerzstillenden Spiritus «
    »Schweigt« unterbrach sie Magnus einen blanken Taler in ihre Hand
schiebend »Dies für Eure Mühe und jetzt packt Euch«
    »Tausend Dank gnädigster Herr Aber Sie werden mir doch erlauben dass ich
das liebe Ding auf meinen Armen in den Wagen trage«
    »Ich werde Euch die unnützen Arme mit meiner Peitsche zerklopfen« fuhr
Magnus die dienstfertige Frau an »wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle fortpackt
Zu lange schon hat mein Schützling in Eurer Nähe verweilt Ich werde Sorge
tragen dass sie Euch nie wieder sieht«
    Obwohl die Pachterin über die letztere Bemerkung sehr bestürzt wurde da sie
durchaus nicht begreifen konnte was den Grafen dazu veranlassen mochte musste
sie doch lächeln denn sie besaß hinlänglichen Mutterwitz um das Sinnlose in
des Grafen Drohung sogleich einzusehen
    »Ach Du lieber Gott« rief sie wehmütig die Hände faltend »Das wird gar
nicht in des gnädigen Herrn Gewalt stehen Das arme Ding hat ja keine einzige
Sekunde ihre gewiss sternenhellen Augen aufgeschlagen noch ein kurzes
Sterbenswörtchen gesprochen Wie soll mich die niedliche kleine Wendin da
wiedersehen Möge sie der liebe Gott nur so treulich behüten wie Ew Gnaden
sich ihrer liebevoll annehmen«
    Magnus hatte inzwischen Haideröschen behutsam von ihrem Lager aufgehoben und
nach dem vor der Haustür haltenden Planwagen getragen Die schwatzende Frau
folgte ihm immerfort sprechend auf dem Fuße obwohl ihr Mann finster genug
drein sah und ihr mehrmals winkte dass sie endlich einmal ihren
Herzensergiessungen ein Ziel setzen solle Nachdem der Graf seine schöne Beute
auf dem für sie im Wagen bereiteten Heulager niedergelegt und mit Decken und
Matratzen so verhüllt hatte dass ihr die Stöße des Fuhrwerkes auf dem schlechten
steinigten Feldwege keine Kontusionen oder andere Verletzungen zufügen konnten
bestieg er wieder sein rüstiges Tier und trabte an der Seite der zugezogenen
Plane welche der Pachter selbst leitete dem entfernten Edelhofe zu ohne sich
weiter um die Lamentationen und Bitten der Pachtfrau zu bekümmern die sie mit
unermüdlicher Zunge bald ihrem Eheherrn bald dem Grafen nachrief
    Trotz der Ungeduld die ihn zu größter Eile anspornte musste sich Magnus
doch entschließen einen sehr langsamen Trab zu reiten da der Pachter kurz und
bündig erklärte dass es durchaus unmöglich sei schneller zu fahren wenn sein
Fuhrwerk nicht binnen Kurzem in Stücken zerbrechen solle
    Verdrossen fügte sich der Graf in das Unabänderliche immer dicht an dem
Wagen herreitend und ihn mit Auge und Ohr eifrigst bewachend Sie waren noch
kaum eine Viertelstunde über das Vorwerk hinaus als Magnus eine Bewegung im
Wagen bemerkte und durch eine schadhafte Stelle der Plane sah dass Röschen
wieder zu sich gekommen war Um sie nicht zu erschrecken und vielleicht eine
Szene herbeizuführen zog er sich jetzt hinter den Wagen zurück Wider Erwarten
blieb es aber ruhig in der Plane so dass er glaubte die furchtsame Wendin sei
aufs Neue in Ohnmacht gefallen Er wartete eine mit Rasen bewachsene Stelle ab
um dem Wagen wieder zur Seite zu reiten und dann und wann forschende Blicke
hinein zu werfen Da sah er denn Haideröschen an die Heupolster gelehnt
aufrecht sitzen Die hellen Tropfen auf ihren rosigen Wangen und der traurige
Zug um den reizend schönen Mund sagten ihm dass sie weinte doch deutete ihre
stille Gefassteit auch darauf hin dass sie jeden Widerstand für unmöglich halte
und sich in die böse Notwendigkeit ergebe Haideröschen hatte das Häubchen
abgenommen und saß jetzt in der vollen Schönheit ihres goldnen Haares vor den
begehrlichen Blicken des Grafen Sie zupfte die einzelnen Grashälmchen aus dem
zarten Gelock kräuselte die aufgegangenen Ringel über der Stirn mit dem Finger
und steckte die starken Flechten am Hinterkopf wieder auf Dann bemühte sie sich
vergeblich ohne ihr stilles Weinen zu unterbrechen das zerknitterte Häubchen
auf ihrem runden Knie mittelst Streichen und sanftem Klopfen wieder zu glätten
Da ihr dies schlecht gelingen wollte setzte sie es in der etwas unscheinbar
gewordenen Form auf und band es unter dem Kinn mit zierlicher Schleife fest die
sie nicht vergaß in die gehörige Richtung und Breite auszuzupfen Hierauf
faltete sie fromm die Hände und fing an in der Not ihres Herzens Sprüche und
Liederverse in wendischer Sprache leise herzusagen eine Beschäftigung in der
sie nur bisweilen ein unwillkürlich lautes Aufschluchzen unterbrach
    Zufrieden mit dieser Fügsamkeit überließ Magnus das Mädchen sich selbst und
langte ohne fernere Störung mit ihr auf dem Zeiselhofe an Erst hier im Innern
der dunkeln Hausflur wohin er mit Borbedacht den Wagen fahren ließ zeigte er
sich Röschen diesmal sein interessantes keckes männliches Gesicht in die
lichtesten Farben gewinnender Freundlichkeit kleidend
    »Welch arges Herzeleid hast Du Dir selbst unnötig zugefügt kleiner
Trotzkopf« sagte er lächelnd zu der kleinen Wendin nachdem er den Pachter
fortgeschickt hatte »Bitte reiche mir jetzt Deine Hand dass ich Dir von diesem
elenden Fuhrwerk herunterhelfe Ich konnte leider kein besseres auftreiben um
Dich wie Du es verdient hättest in mein Schloss zu geleiten  Sei nicht
ängstlich nicht blöde sondern sprich keck aus was Du begehrst Es wird mir
ein unaussprechliches Vergnügen gewähren Dir in allen billigen Dingen gefällig
sein zu können«
    Haideröschen war über dieses veränderte Betragen so verwundert dass sie sich
anfangs wirklich besinnen musste ob sie nicht etwa träume Inzwischen hob sie
Magnus aus dem Wagen geleitete sie äußerst zuvorkommend und mit einer ihr an
Männern bisher noch nicht vorgekommenen Galanterie wobei er kaum die Spitzen
ihrer Finger berührte eine breite Treppe hinan auf deren gewundenen Absätzen
seltene Blumen mit phantastischen Blättern und Blüten wie sie in ihrem Leben
noch keine gesehen hatte in großen Töpfen und Kübeln standen und führte sie
ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte in ein mittelgrosses Zimmer das
außer einem reich verzierten Divan und mehreren hochlehnigen mit kostbarem
Seidenstoff überzogenen Stühlen große vom Fußboden bis an die Decke hinauf
reichende Spiegel von kristallklarer Reinheit enthielt die Röschens
Aufmerksamkeit vorzugsweise fesselten Eine Stutzuhr von einem jener
geschnörkelten Gehäuse umgeben die jetzt wieder unter dem Namen Rococco Mode
geworden sind zierte einen Schrank aus Nussbaumflaser Schwere gewirkte Teppiche
von bunter Farbe überdeckten den Fußboden die Wände waren mit altertümlichen
Tapeten bekleidet auf denen allerhand Jagdscenen abgebildet waren Ein hoher
Kamin mit marmorner Einfassung trug Spuren eines unlängst erloschenen Feuers
Auf einem runden Tisch mitten im Zimmer standen zwei silberne Armleuchter mit
Kerzen und zwischen diesen eine silberne Schelle deren Griff eine zierlich
gearbeitete Figur Dianas darstellte
    »Hier bist Du alleinige Gebieterin mein schönes Kind« sagte der Graf die
Erstaunte ritterlich galant zum Divan führend »Sobald Du etwas begehrst darfst
Du nur diese Schelle läuten Auf einmaliges Geläut wird eine Dienerin
erscheinen um Deine Befehle zu empfangen schellst Du zweimal so soll dies ein
Zeichen sein dass Du mich selbst zu sprechen begehrst«
    
    Höflich grüßend entfernte sich Magnus und überließ Röschen sich selbst und
der Einsamkeit Geraume Zeit konnte sich das in den einfachsten Verhältnissen
aufgewachsene Mädchen in die sich häufenden Seltsamkeiten nicht finden und es
kostete ihr wirklich Mühe nicht fest zu glauben dass sie während ihrer
Betäubung von unsichtbaren Mächten verwandelt ihr Verfolger aber gebssert
worden sei Das Land noch mehr ihr Volksstamm war reich an Erzählungen dieser
Art und mäkelte nicht an ihrer Wahrhaftigkeit wenn auch gegenwärtig Niemand
lebte dem so Wunderbares zugestoßen war Nur ihre groben Kleider die sie noch
unverändert trug machten sie wieder irr und ließ neue Bedenken in ihrem
geängsteten Gemüt aufsteigen
    Aus weiblicher Neugier zum Teil auch um sich einigermaßen zu zerstreuen
begann Haideröschen die auffallendsten Einzelnheiten des geräumigen von
eigentümlichem Duft erfüllten Zimmers wie er Wohnungen eigen ist die zwar zur
Aufnahme von Gästen stets bereit stehen doch nur höchst selten wirklich dazu
benutzt werden genauer zu betrachten Sie trat zuerst ans Fenster um sich in
der Gegend zu orientiren Die Aussicht war nicht großartig aber ansprechend und
recht passend für ein Gemüt das mehr mit den geheimen Reizen der Natur, als
mit den geräuschvollen und gefährlichen Genüssen durch zu hoch gesteigerte
Zivilisation schon wieder verdorbener Menschen vertraut ist Eine Landschaft
rechts von niedrigen Höhen begrenzt von freundlichen Häusern zwischen denen
breite Ackergelände sich ausdehnten belebt lag in goldigem Sonnenschein vor
ihr und verlor sich fern in höheren gegen den Horizont scharf abschneidenden
Bergkuppen Nur zur Linken blieb ein schmaler Streif von jeder eigentlichen
Begrenzung frei Ein bläulich grauer Schimmer über dem jetzt blassrote Wölkchen
wie vom Himmel herabflatternde Rosen schwebten deutete hier nur den Punkt an
bis wie weit die Sehkraft reichte
    Diese Aussicht in ihrer toten Unveränderlichkeit hatte etwas Schwermut
Erweckendes Dennoch machte sie auf das junge Mädchen grade den
entgegengesetzten Eindruck Sie die bis dahin all das Seltsame und Prächtige
mit kaltem Auge angestaunt hatte fühlte plötzlich elektrisches Feuer durch ihre
Nerven strömen Die großen klaren unendlich liebreichen Augen glänzten im
Feuer kindlichen Entzückens und indem sie wie grüßend ihre beiden Hände nach
dem grauen Dunststreif ausstreckte rief sie unwillkürlich »Meine liebe liebe
Heide«
    Röschen täuschte sich nicht Es war der graue Saum der unermesslichen Heide
deren äusserstes Ende sie über den grünen Saatfeldern gewahrte jener Heide die
einen großen Teil der Oberlausitz und fast die ganze Niederlausitz bedeckt
Dieser Anblick gab ihr Kraft und Lebendigkeit wieder Sie trat vor einen der
hohen Spiegel und betrachtete selbstgefällig ihre schlanke Gestalt Lächelnd
schüttelte sie den Kopf weil es ihr ungemein komisch vorkam dass die kleinen
munteren Löckchen über ihrer Stirn die unter dem Häubchen hervorguckten so zum
Angreifen natürlich vor ihren Augen nickten und hin und her schwankten denn
Röschen hatte wohl zuweilen einen Spiegel zu Rate gezogen doch immer nur einen
kaum handbreiten fleckigen und nie ganz reinen Hier nun sah sie sich von Kopf
zu Fuß und wenn sie sich gestehen musste dass sie recht hübsch sei und
allenfalls wohl auch einem reichen Edelherrn gefallen könne so errötete sie
zugleich auch was ihr früher nie begegnet war über ihre gar so ärmliche und
unscheinbare Kleidung
    Recht betrübt ließ sie das Köpfchen sinken und sah traurig auf ihren rot
und schwarz gestreiften Wollenrock herab der nur durch das Leibchen von
allerdings sehr verschossenem Samt einen Schimmer von Wert erhielt Es kam
ihr vor als sei sie noch nie so ganz abscheulich gekleidet gewesen und der
Gedanke doch einmal zu sehen wie ihr wohl bessere Kleider stehen möchten
stieg so plötzlich in ihr auf und bemächtigte sich so ganz ihrer Phantasie dass
sie mit dem festen Willen dergleichen zu verlangen rasch nach der silbernen
Schelle griff und sie heftig schwang Ihr unbedachter Eifer ließ das Glöckchen
zweimal ertönen worauf sie jedoch nicht achtete sondern erwartungsvoll mitten
im Zimmer stehen blieb und angestrengt lauschte ob man ihren Befehlen zu
gehorchen wohl bereit sein werde Sie richtete dabei ihre Blicke auf die Tür
um gleich beim Erscheinen der begehrten Dienerin einigermaßen über deren
Willfährigkeit sich ein Urteil bilden zu können
    Haideröschen mochte etwa eine Minute in dieser horchenden Stellung verharrt
haben als sie es rauschen hörte nicht aber vor der Tür sondern hinter oder
an der Wand Sie hielt den Atem an und horchte noch angestrengter Da bemerkte
sie deutlich dass die gemalten Jäger auf der Tapete zu zittern begannen die
Wand aus ihren Fugen wich und sich gegen sie bewegte Ein dumpfes Ach entrang
sich ihren Lippen sie wollte fliehen und eilte nach der Tür Allein wie
heftig sie auch am Schloss drückte es wich und wankte nicht Auch wäre Flucht
bereits zu spät und höchst unklug gewesen denn Graf Magnus stand schon im
Zimmer und drückte die unsichtbar in die Wand eingefugte Tür leise wieder zu
Eben so freundlich wie er sie vor einer Stunde verlassen hatte trat er wieder
zu ihr und fragte bescheiden was sie ihm mitzuteilen habe
    Überrascht schwieg Haideröschen mit zu Boden gesenkten Blicken
    »Mut mein Kind Mut« sprach der Graf seine Hand sanft unter ihr Kinn
schiebend und das Köpfchen aufrichtend »Du hast mir geschellt jetzt musst Du
auch sprechen«
    »Ach gnädigster Herr Erbarmen« erwiderte die Wendin zaghaft »Die
Schelle sollte nur einmal läuten und sie hat «
    »Zweimal geläutet« fiel ihr Magnus lächelnd ins Wort »Ja mein Kind das
hab ich gehört darum bin ich hier Und da meine Schelle so klug ist die
verborgenen Gedanken meiner reizenden Gästin zu erraten und mir zuzuflüstern
so werde ich jetzt hier bleiben Es ist so traulich so einladend hier zu
freundlicher Unterhaltung  Aber sage mir doch Du lieblicher kleiner Schelm
was gedachtest Du denn mit meiner Dienerin zu plaudern«
    »O gar nichts gnädigster Herr« versetzte Röschen aus Verlegenheit mit dem
Bandendchen spielend das ihr zum Zuschnüren des Leibchens diente
    »Wenn Du lügst werde ich Dich bestrafen müssen Röschen«
    »Tun Sies nicht gnädigster Herr«
    »Ich würde es ungern tun allein ich sehe mich dazu genötigt sobald Du
mir Deine Wünsche und Gedanken verheimlichst  Was hat Dir den das Bändchen
getan«
    Eine geschickte Wendung ließ Magnus die spielende Hand der Wendin erhaschen
die das Bändchen noch festhielt Er zog sie mit der seinigen zurück und die
Schleife ging auf und ließ das Leibchen so weit zurückweichen dass das grobe
Linnenzeug darunter welches den Busen des Mädchens züchtig verhüllte sichtbar
ward
    »Ach die schlechten Kleider« stotterte Haideröschen »Berühren Sie sie ja
nicht gnädigster Herr Sie sind nicht gewöhnt so grobe Sachen in Ihre Hand zu
nehmen« Und behend entschlüpfte sie dem Grafen und schlang flink wieder das
Band zusammenziehend eine feste Schleife
    »Ich billige Dein Gefühl liebes Kind« entgegnete Magnus noch immer sanft
und zurückhaltend »So schlechte Kleider mögen für plumpe Bauermägde passen ein
so zartes Wesen wie Du mein Röschen ist bestimmt feinere Stoffe zu tragen
und wenn Du den Versuch machen willst so werde ich dafür sorgen dass Du morgen
das Nötige vorfindest«
    Haideröschen errötete und konnte eine schelmisch lächelnde Miene nicht ganz
verbergen Magnus bemerkte dies und fragte rasch »Du lächelst Freust Du Dich
darauf«
    Jetzt erst wagte die Wendin ihre prächtigen Augen ein paar Sekunden lang
frei und offen zu dem Grafen aufzuschlagen während sie noch immer sehr
schüchtern erwiderte »Darum wollte ich ihre Dienerin bitten gnädigster Herr«
    Der Graf jubelte innerlich über dies freimütige Geständnis des schönen
Mädchens da es ihm deutlich den Kern weiblicher Eitelkeit und Putzsucht
enthüllte der auch in dem noch unverdorbenen Herzen dieses Kindes der Heide
tief verborgen lag und sorgfältig gepflegt eine ergiebige Aerndte versprach Er
setzte sich auf den Divan und schmeichelte der vor ihm stehenden Wendin so lange
mit freundlichen Redensarten bis sie Mut fasste und neben dem jungen Manne der
jetzt keine Spur von Heftigkeit oder Hochmut zeigte schüchtern Platz nahm
    »Sieh mein süßes Haideröschen« redete er sie zutraulich an und ganz so
als wolle er ihr bloß eine Geschichte erzählen »ich muss Dich jetzt über Dich
selbst und Dein Glück etwas aufklären Dein sonst recht braver Vater ist ein
befangener Mann der vom heutigen Weltleben nichts versteht Ihm muss ich es
daher auch zu Gute halten wenn er in seiner schwachsinnigen Torheit meinen
guten Absichten entgegentritt Du aber ein junges blühendes schönes Mädchen
von aufgewecktem Geist und heiterem Gemüt Du musst Dich gewöhnen die Zeit mit
dem lustigen Auge verständiger Weltleute anzusehen Dazu mein Kind will ich
Dich eben erziehen und nur dies allein ist der Grund weshalb ich Dich mit
Gewalt zu mir genommen habe da es auf andere Weise nicht gehen wollte Es fällt
mir nicht ein Dich wie andere meiner Untertanen in die Viehställe zu
stecken Dich will ich für mich allein zu meiner Gesellschafterin haben Du
sollst mich begleiten wenn ich ausreite oder fahre Du sollst das ritterliche
Vergnügen der Jagd mit mir teilen Du sollst mit mir essen und trinken kurz
Du sollst leben wie ich gebieten wie ich Hättest Du wohl Lust dazu
Haideröschen«
    Die schöne Wendin sog diese verführerischen Worte des Grafen wie Zaubertöne
eines Mährchens ein Sie blickte mit den brennenden dunkelblauen Augen zu ihm
auf und lächelte ihn freundlich an Magnus wagte jetzt seinen Arm lose und wie
zufällig von der Lehne des Divans auf ihren verhüllten Nacken gleiten zu lassen
Er fuhr fort
    »Du wirst von dem törichten Volk gehört haben ich sei hart ein Tyrann
Glaube nicht daran mein Röschen Ich mache nur einen Unterschied zwischen den
Menschen Wo ich Rohheit Gemütsverhärtung unbändigen Starrsinn und
Widerwillen gegen jeglichen Befehl bei vollkommenem Mangel an Bildung entdecke
da wende ich scharfe empfindliche Mittel an wie sie allein durchdringen
können Die Mehrzahl dieser Menschen die zerstreut auf meinen Besitzungen in
der Heide und dem niedrigen Hügellande wohnen verdienen nicht besser wie das
unvernünftige Vieh behandelt zu werden Es ist ein Glück für sie dass sie keinen
freien Willen haben sie würden an ihrer Freiheit nur zu Grunde gehen Dass sie
zuweilen murren und in ihrer Störrigkeit gegen mich zu rennen suchen ist Folge
ihrer gänzlichen Verstandeslosigkeit  Wo ich dagegen Anlage Herz Gemüt
Geist entdecke wie bei Dir meine Perle da bin ich immer geneigt zu
vergessen dass ich das Recht habe blindlings zu befehlen Ich wünsche dann als
Lehrer aufzutreten und solchen bevorzugten Wesen die Wohltaten welche die
Freiheit gewährt sich selbst verdienen zu lassen«
    Haideröschen hätte gebildeter sein müssen als sie es war um diese Rede des
Grafen vollkommen verstehen zu können Sie hörte ihm zwar aufmerksam zu aber
sie wusste doch eigentlich nicht was er mit all den schönen Worten hatte sagen
wollen Nur die milde Freundlichkeit die unveränderlich seine interessanten
Züge geistig belebte und verschönerte machten sie begierig noch mehr zu
vernehmen Sie stützte daher das feine Köpfchen in ihre Hand und wandte mit
schalkhaft klugem Lächeln dem eine entzückende kindliche Unwissenheit inne
wohnte das Gesicht dem Grafen zu
    »Wenn ich von dem Verdienen der Freiheit spreche« fuhr Magnus fort »so
will ich damit nichts Anderes sagen als dass ich wünsche es möge jeder Einzelne
meiner Untertanen die guten Absichten anerkennen die meinen Handlungen stets
zum Grunde liegen Von Dir Röschen verlange ich das vor Andern Du bist klug
und alt genug um mich zu verstehen Der Instinkt welchen die Natur Deinem
Geschlecht in so reichem Masse verliehen hat sagt Dir schon von selbst was am
meisten dazu dienen kann Dich mir gefällig zu machen Ohne Dir einen Wink zu
geben bist Du von selbst darauf gefallen diese unschönen Kleider mit zarteren
geschmackvolleren Hüllen vertauschen zu wollen Sieh mein Kind das nenne ich
natürliches Talent Anlage meine Gedanken zu erraten Mit dem Kleide wirst Du
unmerklich auch Deine Wünsche Deine Erwartungen Deine Gefühle wechseln Glaube
mir es ist gar nicht gleichgültig wie man sich kleidet Der rohe Stoff die
grobe unschöne Tracht drückt mit lähmender Gewalt unsere geistigen Anlagen
nieder und stumpft alles feinere Gefühl ab während die leichte schimmernde
weiche Hülle die sich sanft den Formen anschmiegt unsern Gedanken Schwung und
Kraft unsern Empfindungen dauernden Reiz unserm Willen erhöhte Festigkeit und
einen schönen vornehmen Stolz verleiht  Vermöchte es der Bettler über sich
die Lumpen die seine Blöße decken von sich zu werfen und der Unreinlichkeit zu
entsagen an die ihn sein faules Leben gewöhnt hat wahrlich er würde sich
alsbald seiner selbst schämen und in Kurzem ein anderer ein besserer Mensch
werden Und so hoffe ich soll der Geist der Anmut der feineren Sitten der
größeren Lebensgewandteit auch in Deinem schuldlosen Busen mit dem
Kleidertausche den Du wünschest einziehen Dafür musst Du mir jedoch einen
Gefallen tun«
    Röschens Bezauberung die mit ihrer Ankunft auf dem Edelhofe begonnen hatte
und in welcher sie wie in einer Welt wunderbarer Träume seitdem lebte ward
immer gewaltiger Sie fühlte sich von den lockenden Tönen die von des Grafen
Lippe fielen und um ihre Schläfen schmeichelten wie von einer reizenden Musik
berauscht und ohne zu ahnen was man eigentlich mit ihr vorhabe oder von ihr
wolle gab sie jetzt durch billigendes Kopfnicken zu erkennen dass sie die
Meinung ihres klugen Gebieters zu teilen bereit sei
    »Recht gut« fuhr der Graf fort »wir müssen uns nur auch über das Was und
Wie verständigen Zuvörderst wirst Du also hier bleiben und Dich nach Art der
Vornehmen kleiden«
    »O ich werde ganz närrisch werden vor Freude wenn ich in schönen langen
Kleidern blitzende Steine im Haar und an den Füßen Sammetschuhe mit hohen
roten Stelzchen vor den hohen großen Spiegeln aufund niedergehe« sagte
Haideröschen und lachte dabei munter und seelenvergnügt wie ein Kind
    »Dann wirst Du mich auch lieb haben nicht wahr«
    »Ich werde Ew Gnaden immerdar als meinen Herrn und Gebieter verehren«
    »Nicht doch Haideröschen Liebe ist mehr als Verehrung und es ist mein
Wille und mein Befehl dass Du mich lieben sollst«
    In Röschens Augen erlosch jetzt der Freudenglanz der sie während der
einschmeichelnden Rede des Grafen belebt hatte »Lieben« wiederholte sie mit
einem leichten Seufzer »Gnädigster Herr die Liebe können sie nicht befehlen
Sie ist nicht auf Erden sie fliegt durch die Himmel und spielt über den Herzen
der Menschen wie Schmetterlinge über den duftenden Blumen der Heide Sie ist
ein Gnadengeschenk des Himmels dem Geringen so oft so reieh so beglückend
zugeteilt wie dem Vornehmen  Nein gnädigster Herr Graf Sie können Alles
mit Ihrem Willen erreichen nur nicht dass eines armen leibeigenen Mädchens
schüchternes Herz Sie liebe«
    Magnus ward von dieser unerwarteten Antwort des aufgeweckten Naturkindes
sehr wenig erbaut Doch hielt er noch an sich und fragte anscheinend verwundert
    »Du willst mich also nicht lieben«
    »Ich will gnädigster Herr aber ich kann nicht« versetzte Haideröschen
»Ich liebe den Gesang der Lerche über dem blühenden Buchwaizen ich liebe den
Hänfling der im Laube unseres Gärtchens sein Nest baut ich liebe das Schwärmen
und Flattern der Schmetterlinge um die nickenden Blumenhäupter ach ich liebe
die feierliche Stille und den brausenden Sturm meiner heimatlichen Heide ohne
es zu wollen ohne mich zu zwingen Gott will es so und legte die Kraft dazu in
mein Herz aber er hat mir nicht gesagt dass ich auch Sie lieben soll Vor dem
gnädigen Herrn beuge ich nur in Demut und Ehrfurcht mein niedriges Haupt«
    »Wenn Du bei diesen Gesinnungen verharrst wirst Du mich erzürnen Röschen
und mich zwingen Dich härter zu behandeln als ich will«
    »Der gnädigste Herr Graf haben über mich zu gebieten« sagte die Wendin
still ergeben
    »So tue was ich will« rief Magnus heftig und stand auf das zarte
reizende Kind der Heide mit hartem Druck von sich stossend
    »Ich tue was ich kann« versetzte Haideröschen bescheiden und unterwürfig
    »Du bist mir untertan Du musst meinen Befehlen gehorchen«
    »Befehlen Ew Gnaden was Sie dürfen und ich werde ohne Murren Gehorsam
leisten«
    »Dürfen  Hast Du mir Vorschriften zu machen Ich darf was ich will Du
bist meine Leibeigene«
    »Nun ja« sagte Haideröschen »ich bin Ihre oder Ihres gnädigen Herrn Vaters
Leibeigene Bedienen sich der Herr Graf meines Körpers aber über mein Herz zu
verfügen wollen Sie unterlassen«
    Diese rührende Antwort hätte Magnus beinahe erweicht als er aber die
anmutige Gestalt der schlanken Wendin mit seinen lüsternen Blicken überflog
verhärtete sich sein Gemüt aufs Neue und die Lust dies schöne Mädchen um
jeden Preis zu besitzen steigerte sich zur grimmigsten Leidenschaft
    »Wer hat Euch denn so feine Unterschiede machen gelehrt« fragte er
spöttisch lächelnd »Eure wendischen Schulmeister sind meines Wissens abgedankte
Soldaten verdorbene Schuhmacher und Schneider die aus Not weil ihr Handwerk
sie nicht ernährt in die Gelehrsamkeit pfuschen und mit Not und Mühe erst
selbst das ABC lernen um es dann ihren Staarmatzen mittelst Rute und Stock in
Jahr und Tag ebenfalls beizubringen Menschenverstand und Geist habe ich auf
diesen Eselsweiden noch niemals angetroffen«
    »Bedürfen wir eines Lehrers um zu begreifen was Hunger und Durst ist
gnädigster Herr« warf Röschen ein
    »Ich glaube gar die Dirne ist trotz ihrer sechzehn Jahre schon in irgend
einen Tölpel aus ihrem Sumpfund Haidelande verliebt bis über die Ohren«
    Haideröschen schwieg errötend auf diese rohen Worte Magnus ging einige
Male im Zimmer auf und nieder und schellte dann heftig »Licht« rief er dem
Bedienten zu setzte seinen Gang fort und wendete sich erst nachdem die Kerzen
auf den Armleuchtern angezündet worden waren abermals zu dem hartnäckigen
Mädchen
    »Liebst Du« fragte er grollend
    »Ich habe es Ew Gnaden schon gesagt«
    »Wem hast Du Deine Neigung zugewendet«
    Haideröschen sah den Grollenden mit mutigem Auge an »Wenn der gnädige Herr
diese Frage an mich richten« erwiderte sie »in der Absicht mir den Geliebten
rauben zu wollen so würde ich Sie meinem Gefühle nach der Grausamkeit zeihen
müssen«
    »Mädchen Mädchen« rief Magnus mit zornbebender Lippe »Du wagst viel Aber
ich will Deine Worte nicht gehört haben Deiner körperlichen und geistigen
Schönheit wegen Versprich mir Deinen Geliebten zu vergessen und ich will
seinen Namen nicht wissen«
    »Ich zweifle dass ich ein solches Versprechen würde halten können
gnädigster Herr Geböte mir Jemand ich sollte anfhören Gott zu lieben den ich
doch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen habe so würde ich mich traurig von
ihm wenden weil ich ja doch wüsste dass ich seinen Befehl nicht vollziehen
könnte Wie soll es mir nun erst möglich sein den Mann zu vergessen dessen
Bild in mein Herz eingegraben ist dessen Stimme mich entzückt in dessen Auge
mir ein Himmel aufgeht O nein gnädigster Herr Graf das wollen und können Sie
nicht verlangen denn es hieße sündigen gegen die Gesetze Gottes und unserer
Religion«
    »Nun ich sehe und höre dass die Kunst Deine Gedanken geheim zu halten Dir
nicht eigen ist« versetzte Magnus »Da ich Dich nicht überreden kann stände es
mir jetzt frei Dich durch allerhand kleine Foltern von Deiner kindischen
Schwärmerei zu heilen doch ich mag auch zu diesem Mittel nicht meine Zuflucht
nehmen  Du hast Dir selbst Dein Urteil gesprochen mein schönes
Haideröschen« fuhr er nach kurzem Besinnen fort und sein jetzt stechendes Auge
funkelte tückisch wie das des Tigers der seine Beute lauernd umschleicht »Du
hast freiwillig was ich nur loben muss zugestanden dass Dein Leib mir gehöre
Dein Herz dagegen ein Eigentum sei über das ich nicht verfügen könne  Ich
halte Dich beim Worte Röschen Du wirst mir von jetzt an mit Deinem Leibe
dienen und ihn ganz meiner Willkür anheim geben Dein Herz magst Du wenn es Dir
Vergnügen macht meinetwegen den Schmetterlingen oder einem schmutzigen Fischer
schenken Bist Du mit dieser Teilung zufrieden«
    »Gnädigster Herr ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht« stammelte
Haideröschen an allen Gliedern bebend und mit scheuem Blick die furchtbar
verwandelten Gesichtszüge des stolzen durch sie beleidigten und zur Rache
aufgereizten Grafen betrachtend der mit verschränkten Armen vor ihr am Tische
lehnte
    »Ich werde Dir das Verständnis beibringen ungehorsame Leibeigene«
versetzte Magnus hämisch lachend und trat dem Mädchen einen Schritt näher »Du
wirst die Gefälligkeit haben Dein Häubchen abzulegen und mir den Anblick Deiner
schönen Haare zu gönnen Auch möchte ich Dich ersuchen ohne Zögern Deinen
weißen Nacken zu enthüllen und mir zu erlauben dass ich Dir an den feinen
Handgelenken die Hemdeknöpfchen löse damit ich den vollen schönen Arm der mich
an das hasserfüllte Herz drücken wird bewundern kann Ich bitte lass mich nicht
länger auf Gehorsam warten«
    Wie ein Rallbvogel die schüchterne schwache Taube in engen und immer engeren
Zirkeln umkreist so gewährte es jetzt dem jungen wüsten Grafen
unaussprechliches Vergnügen die vor ihm fliehende Wendin aus einem
Schlupfwinkel in den andern zu treiben Wohl zehnmal hätte er sich des schwachen
Mädchens bemächtigen können aber er wollte nicht Die von Sekunde zu Sekunde
wachsende Seelenangst seines Opfers ergetzte ihn mehr als schnelles
Überwältigen und rohes Genießen Er spielte mit ihr wie der zum Sprunge
ausholende Tiger ja er hoffte dass Haideröschen es eben so wie der Vogel machen
solle auf welchen die Klapperschlange ihr brennendes Auge gerichtet hat Um nur
die fürchterliche Qual zu enden glaubte er bestimmt sie würde sich ihm im
Angenblick einer an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung in seine Arme werfen  Da
geschahen draußen drei gewichtige Schläge ans Schlosstor und während Magnus
ein paar Sekunden ans Fenster trat um zu sehen was es wohl geben möge gewann
das arme Haideröschen Zeit sich wieder zu fassen und auf einen neuen
furchtbareren Angriff sich zu rüsten Ihr Häubchen war bereits in der Hand des
frechen Räubers Die goldblonden Flechten hatten sich aufgelöst und rollten in
glänzender Fülle über das schwarzsammetne Leibchen und den grobwollenen Rock
herab Sie lehnte sich ermattet an den hohen Marmorsims des Kamins und strich
sich die aufgegangenen in Angstschweiß gebadeten zierlichen Löckchen aus der
Stirn die gleich vom Tau befeuchteten Goldblümchen ihren Scheitel umsäumten
    Ergrimmt durch die Störung deren Ursache er nicht entdecken konnte schritt
jetzt der Graf wieder auf sie zu Haideröschen konnte nicht fliehen sie hätte
sich denn in den Kamin retten müssen Verzweifelt griff sie um sich und erfasste
ein Scheit Holz das hinter ihr lag Wie ein Schwert schwang sie jetzt diese
Waffe mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihren Verfolger Magnus lachte zwar
der Ohnmächtigen erhielt aber dennoch einen so heftigen Schlag auf den gegen
sie ausgestreckten Arm dass er ihn kraftlos sinken ließ In diesem letzten
entscheidenden Moment nahten eilige Schritte es ward heftig an die Tür
geklopft und die Stimme des Voigtes begehrte dringend den Grafen sogleich zu
sprechen
    Haideröschen atmete froh auf und erhob dankend ihre schönen Augen zum
Himmel
    »Triumphire nicht zu früh« drohte Magnus mit furchtbarem Hohne »Jetzt habe
ich bloß zärtlich um Dich geworben das nächste Mal feiern wir unsere Hochzeit«
    Mit nicht zu schilderndem Frohlocken sah die Wendin ihren tückischen
Peiniger das Zimmer verlassen das er fest hinter sich verriegelte
 
                               Sechstes Kapitel
                              Des Landmanns List
Aergerlich kehrte Magnus in sein Gemach zurück die von der Wendin getroffene
und heftig blutende Hand im Rocke verbergend Er war kaum eingetreten als auch
unser Freund schon an der Tür erschien Beim Anblicke dieses Herumstreichers
färbte sich das Gesicht des jungen Grafen braunrot vor Zorn und er machte
Miene diesen handgreiflich dem unberufenen Störenfried fühlen zu lassen
Heinrich besaß jedoch ein zu scharfes Auge und zu viel schlangenglatte
Gewandtheit um selbst einem erzürnten mächtigen Edelmanne gegenüber den Kürzern
zu ziehen In seiner kordialen Manier schwenkte er grüßend die Mütze und sagte
geheimnisvoll und pfiffig mit den Augen blinzelnd
    »Gelt Ew Gnaden heut verdien ich eine Extrabelohnung«
    »Wohl etwa dafür dass Du in finsterer Nacht mich und mein ganzes Gesinde
durch Dein Gelärm in Schrecken setzest«
    »Das will ich just nicht behaupten Ew Gnaden wenn aber der Herr Graf
wüssten weshalb ich so gelärmt habe  ja Ew Gnaden dann «
    »Was dann so endige doch«
    »Endigen Ich möchte wissen wozu Sie machen ja ein Gesicht als hätte
Ihnen der Teufel ein Bein gestellt Und da sollt ich mich in die Gefahr
begeben Ihnen durch meine Nachrichten noch obendrein den Kamm schwellen zu
machen Ja dass ich ein Narr wäre Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht«
    Der schlaue Maulwurffänger machte einen Kratzfuss und wollte das Zimmer
verlassen
    »Bleib« befahl Magnus durch diesen Eingang neugierig gemacht »Ich
verspreche Dich meinen Verdruss nicht entgelten zu lassen Rede was gibt es«
    »Wenn mich Ew Gnaden anhören wollen so habe ich Ihnen vorerst gehorsamst
ein volles Dutzend Maulwürfe zu präsentiren die ich heut und gestern auf Ihren
schönen Aeckern durch meine Kunst gefangen habe Begehren Sie die kleinen
Bestien zu sehen«
    »Behalte das Ungeziefer und mache damit was Du willst Mein Voigt wird Dir
den Lohn dafür auszahlen«
    »Danke untertänigst Herr Graf«
    »Was bringst Du sonst noch«
    Heinrich sah sich um als fürchte er es möchte irgendwo Jemand versteckt
Ihr Gespräch belauschen können
    »Wir sind ganz allein« sagte Magnus noch immer mit schlecht verhehltem
Ärger »Was Du hier sprichst bleibt unter uns«
    »Was geben Sie mir« flüsterte der Maulwurffänger dem Grafen leise zu »wenn
ich mache dass die niedliche kleine Wendin die Sie vom Todtensteine mit sich
genommen haben Ihren Willen tut«
    Misstrauisch betrachtete ihn der Graf eine Weile dann versetzte er kühl
»Woher weißt Du dass ich beim Todtensteine war«
    »O die Luft ist geschwätzig Ew Gnaden« erwiderte Heinrich »und die
Wenden haben auch eine geläufige Zunge Ich kenne Haideröschens Vater wie mich
selbst«
    »Ein Glück für ihn dass er nicht in meiner Nähe wohnt sonst ließ ich ihn
vier und zwanzig Stunden lang bei Wasser und Brod in den Stock schließen und
nachher noch mit dem Halseisen schmücken Er allein Niemand sonst ist Schuld
dass sich die Kleine so spröde zeigt«
    Heinrich schüttelte ungläubig den Kopf »Wie gut dass ich gekommen bin«
fiel er ein »O ich kenne meine Freunde ich«
    »Du zweifelst«
    »Ich weiß gnädigster Herr Das Mädchen hat einen Liebsten einen handfesten
Bauernlümmel dumm aber eifersüchtig und diesem Kerl zu Liebe würde sie jedes
Ungemach selbst Schläge und andere Qualen erdulden«
    »Kennst Du ihn«
    »Ich sollte meinen«
    »Gehört er zu meinen Untertanen«
    »Er ist Ew Gnaden Leibeigener mit mehr Recht als das Mädchen«
    »So verdienst Du dass ich Dich mit Hunden aus dem Schlosshofe hetzen lasse«
    »Zu Ihrem Haushofmeister sollten Sie mich lieber ernennen« versetzte
Heinrich lachend »Wollten Sie nur Geduld haben so gäb ich Ihnen einen Rat
wie sie ihn bei allen Weisen der alten und neuen Welt umsonst suchen möchten«
    Magnus bemühte sich ruhig zu bleiben und winkte dem Maulwurffänger dass er
in seinen Mitteilungen fortfahren solle
    »Der Bursche Haideröschens Liebhaber« sprach Heinrich »gehört zu den
Murrköpfen der neuen Zeit die der Meinung sind ein Mensch sei grade so gut wie
der andre woraus Ew Gnaden schon abnehmen können wie beschränkten Verstandes
der Bursche sein muss Jüngst hatte ich Gelegenheit ihn zu sprechen und da hat
er mir eine Predigt gehalten über die Freiheit dass mir jetzt noch die Ohren
davon weh tun Alle Menschen behauptete er müssten frei und ihre eigenen
Herren sein es dürfte keine Gebieter keine Knechte mehr geben und wer nicht
dieselben Gedanken hege der müsse je eher je lieber fortgejagt oder noch besser
todtgeschlagen werden Dass man im Guten mit Bitten und Vorstellungen nicht sehr
weit kommen werde leuchte ihm wohl ein darum habe er sich auch ein anderes
Mittel ausgedacht Dies sei heimliche Aufwiegelung aller Leibeigenen gegen ihre
rechtmäßigen Herren Der Bund sei schon hübsch weit verbreitet Die gesammten
Haidewenden hätten sich auf Tod und Leben Beistand und Unterstützung
zugeschworen nur die im Hügellande und dem Gefilde zerstreut wohnenden
zauderten noch und ohne sie könne man doch nichts anfangen Sobald sie aber
überzeugt und ebenfalls gewonnen seien würde plötzlich in einer Nacht der
Aufstand ausbrechen und Alles was dem Herrenstande angehöre ohn Erbarmen
ermordet werden«
    Während dieser Rede war Magnus immer bleicher geworden jetzt musste er sich
auf die Lehne seines Stuhles stützen um sich aufrecht erhalten zu können Nach
einer Pause während welcher der Maulwurffänger ohne eine Miene zu verziehen
die Wirkung seiner List belauschte sagte der Graf
    »Glaubst Du dass diese Unsinnigen wagen werden ihre Pläne auszuführen«
    »Wer soll sie denn daran hindern« erwiderte Heinrich »Alles Volk bis
herab auf das verworfenste Gesindel wird sich ihnen zugesellen weil es gegen
Herrschaft und Besitz geht und Jeder etwas dabei für sich zu erobern gedenkt Es
sind ihrer Viele die Wut wird ihre Macht um das Zehnfache der wirklichen Kraft
verstärken und ehe sich die unerwartet Überfallenen sammeln können sind sie
schon vertilgt«
    »Ich kenne bisher nur Deine Neuigkeiten« sagte Magnus »Lass jetzt wenn Du
sie erschöpft hast auch Deine Ratschläge hören«
    »Nun sehen Ew Gnaden« fuhr Heinrich fort »ich getraue mir flugs das
Abendmahl drauf zu nehmen dass mein Plan wie ich ihn mir heut während meiner
Geschäftswanderung ausgedacht habe zweifellos zum Ziele führt Der Bursche
liebt das Haideröschen auf welches Ew Gnaden ein Auge haben Er wird glauben
Sie wollten dem hübschen Kinde im Ernst ein Leid zufügen was einem so gütigen
und gerechten jungen Herrn gewiss nie in den Sinn gekommen ist Wenn nun ein paar
Tage vergehen ohne dass der verwegene Bursche etwas Tröstliches von seiner
Liebsten hört so fürcht ich treibt ihn die Wut zum Äußersten und der
Aufstand bricht los ehe Sie Ihre Jagdflinte zu laden im Stande sind Gäben Sie
sich aber den Schein als seien Sie von der beispiellosen Tugend und erhabenen
Engelsschönheit des jungen Mädchens im Innersten gerührt und dermaßen ergriffen
worden dass Sie nicht mehr vermöchten ihr mit Bitten anzuliegen sondern das
liebe Ding großmütig laufen ließ ja ihr sogar gelobten am Tage der Hochzeit
etwa ihr und ihrem Bräutigam die Freiheit zu schenken so möchte ich meinen Kopf
verwetten dass Sie sich den wilden Burschen mit samt seinem Anhange zum Freunde
und treuesten Beschützer machen«
    »In der Tat Dein Vorschlag ist gut und kann zum Ziele führen und doch «
    »Was hält Sie ab sogleich Anstalt zu seiner Ausführung zu treffen«
unterbrach ihn Heinrich »Beruhigung ist nötig und nichts schläfert die Menge
fester und tiefer ein als eine recht unerwartete wie vom Himmel herabfallende
Grossmuthandlung Es kommt ja dabei nicht so genau darauf an was man etwa
später noch vorzunehmen gedenkt«
    Magnus Züge überstrahlte wieder ein lebhafter Freudenglanz »Bei meiner
Ehre ich muss Dich loben Heinrich« rief er aus »Eine angemessene Belohnung
soll Dir nicht fehlen Geh jetzt lass Dirs wohl sein in der Gesindestube aber
halte reinen Mund Sobald ich mit meinen Anschlägen vollkommen im Klaren bin
werde ich Dich rufen lassen sollte auch diese Nacht darüber hingehen Hältst Du
übrigens für nötig das Mädchen von meinem Entschlusse in Kenntnis zu setzen
so magst Du sie sprechen Dieser Schlüssel öffnet die Türe ihres Gemaches Der
Voigt wird Dich zu ihr führen Auf Wiedersehen«
    Magnus zog sich in sein Kabinet zurück und der Maulwurffänger musste
gewaltsam an sich halten dass er nicht durch lautes Lachen zur Unzeit seine List
dem Gebieter verrate Selbstzufrieden sich die Hände reibend verließ er das
Prunkgemach um sich inmitten der Dienstboten des Edelhofes gütlich zu tun 
 
                               Siebentes Kapitel
                               Die Gesindestube
Während der kurzen Unterredung Heinrichs mit dem Grafen Magnus hatte sich das
Gesinde des Edelhofes zur Abendmahlzeit niedergesetzt Die späte Tagesstunde war
eine ungewöhnliche dazu denn in der Regel pflegte das Hofgesinde um sieben Uhr
Abends sein frugales Essen zu halten Weil aber die Marterwoche so nahe war und
in dieser Zeit jede Lustbarkeit und Zerstreuung an den Sonntagen streng gemieden
wurde hatte der Voigt dem größeren Teile sämmtlicher Dienstboten erlaubt dem
letzten Tanz im Kretscham mit beiwohnen zu dürfen In Folge dieser Vergünstigung
war das beurlaubte Hofgesinde kurz vor der Ankunft des Maulwurffängers aus dem
Kretscham zurückgekommen und wollte nun das Versäumte einige Stunden später als
Sitte und Ordnung erheischten nachholen
    Die große Gesindestube befand sich abgeschieden vom Herrenhause in der
Wohnung des Voigtes die einen abgesonderten Bestandteil des Edelhofes
ausmachte Sie erstreckte sich zu ebener Erde fast durch die ganze Länge des
Voigtgebäudes und hing mittelst eines kurzen bedeckten Ganges mit den
weitläufigen Stallungen zusammen in denen zugleich auch die Schlafstätten für
Knechte und Mägde angebracht waren Das Möblement in der Gesindestube bestand
nur aus einer langen Tafel von fichtenem Holz einer Anzahl Schemel und einer
rund um die Holzwände laufenden Bank die hinter dem sehr großen und bis fast an
die Decke hinauf reichenden Ofen die Breite eines gewöhnlichen Bettes annahm und
der jüngsten unter den Mägden als Lagerort diente Zu diesem Behufe lagen einige
vielgebrauchte Schaaffelle jetzt zusammengerollt und gegen die Wand gelehnt
hinter dem stets erwärmten Ofen Denn da dieser vorzugsweise zur Erhitzung des
nötigen Wasserbedarfs in der großen Wirtschaft gebraucht wurde ging das Feuer
in seinem geräumigen Bauche selten aus
    Dies ländliche Wohnzimmer ward von vier starken brennenden Kienspänen die
je zwei in eisernen Spanhaltern an jedem Ende des langen Speisetisches staken
düster erleuchtet Wenn man von der Hausflur durch die starke aus Holzpfählen
mit Lehm und Stroh fest durchflochtene Zuschlagtür die weder Schloss noch
Riegel hatte in die Stube trat vernahm man sogleich das schrillende zuweilen
fast wimmernd klingende Gezirp zahlloser Heimchen vom Landmanne »Heimliche«
genannt die in allen Ritzen und Spalten der Wände wie des Ofens unsichtbar
nisteten Gewöhnlich verstecken sich diese Tiere immer vor den Menschen hier
aber gab es deren eine so ungeheure Menge dass sie schaarenweise an den Wänden
hingen daran auf und ab liefen und häufig selbst von der Decke herab auf Tische
und Bänke fielen Ihre dünnen graugrünen Flügeldecken verursachten ein seltsames
Schimmern in der trüben Kienbeleuchtung und konnten nicht daran Gewöhnten wohl
ein leises Grauen einflößen
    In etwa ellenweiter Entfernung von einander waren rings an der Holzwand
runde blecherne Löffel zwischen lederne Riemchen gesteckt von denen jeder
seinen bestimmten Herrn hatte Denn nach der Hofgesindeordnung nahmen alle
Knechte und Mägde beim Essen immer denselben ihnen zugewiesenen Platz ein je
nach dem Range welchen sie als Dienstboten bekleideten Und damit nie eine
Verwechselung derselben stattfinden konnte pflegten wenigstens alle männlichen
Dienstboten ihre Löffel nach gehaltener Mahlzeit sogleich eigenhändig auf die
einfachste Art von der Welt indem sie dieselben mit der Hand oder an ihren
Jacken abwischten zu reinigen und sogleich wieder in die ledernen Haltriemchen
zu stecken Die Mägde waren weniger accurat und wählig und ließ diesem
Instrument die Wohltat einer Abscheuerung durch Wasser zu Teil werden
    In Folge der schon erwähnten Aushebung neuer Dienstmägde waren vor Kurzem
einige junge Mädchen auf den Hof gekommen Solche Neulinge dienten den Aelteren
meistens zum Stichblatt und mussten wenn sie sich in ihre neuen Verhältnisse
nicht leicht zu finden verstanden von den rohen Witzen und Gewohnheiten der
Knechte viel Ungemach ertragen Wie überall gab es auch unter diesen fast aller
Bildung baren Menschen Einzelne die sich eine gewisse Oberherrschaft über die
Andern anmassten und ihnen diese auf die empfindlichste ihnen verhassteste Weise
fühlen ließ Geschah dies auch nicht gerade aus Bosheit so nahm doch nicht
selten die Art wie man mit Neulingen scherzte den Schein derselben an Denn im
Grunde wollten und suchten Knechte und Mägde am Feierabend nur Unterhaltung
wobei freilich auf zarte Natur auf angeborene Sinnigkeit auf tiefes und leicht
verletzbares Gemüt keine Rücksicht genommen wurde
    Unter den neu angezogenen Mädchen befand sich namentlich eins das einen
unüberwindlichen Abscheu vor den an sich unschädlichen und völlig harmlosen
Heimchen hatte Es kam wohl vor dass einige dieser Tierchen während der
Mahlzeit in die riesengrosse Schüssel fielen in welcher die Suppe aus Roggenmehl
dampfte Die Knechte fischten dann die zappelnden Geschöpfchen ohne sich den
Appetit dadurch im Geringsten verderben zu lassen mit ihren Löffeln heraus und
warfen sie unter den Tisch Marie aber kreischte laut auf wurde blass vor Ekel
und legte den Löffel aus der Hand Dies reichte hin um das arme Kind zum
Sündenbock für alles Gesinde zu machen Stillschweigend kam man überein sich
gemeinschaftlich an dem Schreck des Mädchens zu ergetzen und ihr regelmäßig die
ärmliche Mahlzeit zu verderben Kaum war nämlich das Gebet gesprochen das man
niemals vergaß so strich der oberste Knecht der als solcher den Ehrennamen
Grossknecht führte mit halb zugebogener Hand flach über die Wand raffte damit
eine Menge Heimchen zusammen und warf sie lachend auf die Stelle der Schüssel
wo Marie ihren Löffel eintauchen musste Dadurch ward das bedauernswerte Mädchen
regelmäßig um ihre Mahlzeit betrogen da sie durchaus den Ekel vor den
geflügelten Tieren nicht überwinden konnte Sie musste wider Willen fasten und
magerte zusehends ab Die übrigen Knechte aber fanden den Spaß unübertrefflich
aßen nur mit desto größerem Appetit und wollten sich über die Gebehrden des
entsetzten Mädchens zu Tode lachen Wenn jedoch ein jüngerer Knecht dem
Vorsitzenden ins Handwerk pfuschen und dasselbe Manöver auf seine eigene Faust
machen wollte gebrauchte der Grossknecht sein Recht indem er gelassen die
Heimchen zählte und dem Vorwitzigen eine gleiche Anzahl sehr derber Maulschellen
verabreichte Diese bewirkten dann dass dem Bestraften nicht allein die Lust zum
Essen auf der Stelle gänzlich verging sondern dass er auch noch den nächsten Tag
darauf verzichten musste das harte schwarze Hofebrod zu beißen weil er vor
Schmerzen keinen Zahn gebrauchen konnte
    Marie hatte so eben zur Unterhaltung ihrer übrigen Mitdienstboten wieder auf
ihr Abendbrot verzichtet und stand betrübt am Ofen mit Mühe die Zähren
zurückhaltend die ihr ins Auge stürzten Sie fühlte doppelten Hunger da sie
sich im Kretscham müde getanzt hatte und nun weil sie keine Suppe essen wollte
auch weder Kartoffeln noch Brod erhielt
    Diese Behandlung war unstreitig herzlos grausam und unwürdig allein der
Grossknecht dachte nicht daran Er hatte im Gegenteil das Mädchen sehr gern und
behandelte sie in seiner Weise nur so brutal um sie abzustumpfen und
unempfindlich gegen die Rohheiten zu machen denen jeder Einzelne im Hofedienst
ausgesetzt ist Das übrige Gesinde lachte noch und machte sich lustig über das
zimperliche Wesen der Betrübten als der Voigt eintrat und mit Einem Blick die
Lage der Sachen erkannte
    Wir haben schon angedeutet dass dieser einflussreiche Mann ein
dienstbereiter nicht eben scrupulöser Knecht des Grafen war Dies hinderte ihn
jedoch nicht unter den Dienstboten selbst strenge Zucht zu halten und eine
gewisse derbe Gerechtigkeit zu üben Mit wenigen Fragen erfuhr er den
Zusammenhang missbilligte mit drohender Miene das Verfahren des Grossknechtes
untersagte es ihm bei Strafe und wandte sich dann zu der jetzt ihren Tränen
freien Lauf lassenden Marie indem er sagte
    »Lass gut sein armes Ding Weil Dich diese Lümmel um Deine wohlverdiente
Mahlzeit gebracht haben sollst Du heut mein Gast sein und alle Deine bösen
Widersacher sollen trocknen Mundes dabei zusehen während ihnen das Wasser vor
Sehnsucht zusammenläuft Einen Augenblick Ich werde sogleich wieder da sein«
    »Der Prahlhans« sagte der Grossknecht verächtlich als der Voigt die
Gesindestube wieder verlassen hatte »Er tut auch immer als regnete es
Blutwürste und Schinken und wenn es auf und an kommt tütscht er eben auch bloß
Erdbirnen in schlechte gesalzene Butter Ich bin doch neugierig was für
Delikatessen er der kleinen Vornehmen auftischen wird«
    »Mir gilts gleich« versetzte sein Nachbar »die Suppe war recht dick und
klossig und ich bin so satt dass mir Einer Schweinebraten und gebackene Pflaumen
vorsetzen könnte ohne mich sehnsüchtig zu machen«
    »Nun auf ein paar fette Bissen käm mirs nicht an« meinte der Grossknecht
»Für ein halbes Pfund Fleisch oder was drüber habe ich immer noch Platz«
    »Gebratene Tauben bringt er nicht« sagte die älteste Magd ein stämmiges
Frauenzimmer mit hochrotem Gesicht und gutmütigen aber nichts weniger als
klugen Augen
    »Ich glaube er ist bloß heruntergekommen um ein paar Bissen zu
erschnappen« fiel lächelnd eine der jüngeren Mägde ein »denn seine Alte wisst
Ihr hält ihn verdammt kurz und verzehrt die besten Bissen immer für sich
allein«
    »Allein« sagte der Grossknecht »Lass Dir nicht Dinge weiß machen Mit dem
Jäger frisst sie alle Teufelsnäschereien auf wenn ihr Brummbär andere Geschäfte
hat Wovon würde sie auch sonst so dick wie eine Biertonne Und der Jäger
schleppt ihr immer was Leckeres zu unter dem Vorwande das oder jenes Stück
Wild tauge nichts Deshalb stellt sich der Sapperlot auch so fromm denn wärs
ihm nicht um ein gut Stück Essen zu tun er säh die Alte wahrhaftig mit keinem
Auge an«
    »Das hat er auch nicht nötig« meinte die jüngere Magd »So ein schmucker
flinker Kerl«
    »Gelt Du möchtest ihn in der Hölle warm halten« warf der Grossknecht ein
und während die Magd errötete und die Augen niederschlug fiel das ganze übrige
Gesinde in das lauteste und anhaltendste Gelächter
    Die jüngeren Mägde kicherten noch als der Voigt wieder eintrat Er trug in
der linken Hand einen miltelgrossen irdenen Napf und unterm rechten Arm ein
angeschnittenes Roggenbrod von weißem abgenommenem Mehl wie es für die
herrschaftliche Tafel gebacken wurde Lächelnd stellte er beides auf den
Gesindetisch wobei namentlich die entfernter sitzenden Knechte neugierig lange
Hälse machten um zu sehen was die Schüssel wohl enthalten möchte
    »Nun komm Marie« sagte der Voigt zwei Schemel an den Tisch rückend
»Bring die Salzmeste her und nachher iss so lange Dirs schmeckt Es ist das
reinste Leinöl süß wie Mandelmilch und gesunder wie Kleebutter«
    Sichtlich erheiterten sich bei dieser angenehmen Nachricht die bisher so
traurigen Züge Mariens Sie brachte die Salzmeste aus welcher der Voigt einen
vollen Löffel Salz schöpfte und es in den mit der braunglänzenden dicken
Flüssigkeit bis zum Rande angefüllten Napfe schüttete Dann schnitt er von dem
weichen Laib Brod ein tüchtiges Stück für sich und das Mädchen ab holte sein
Einschlagmesser hervor und reichte dem Mädchen die kurze zweizinkige Gabel die
am unteren Ende des Messers eingefugt war Er selbst bediente sich der stumpfen
Klinge um riesengrosse Bissen weißen Brodes damit anzuspiessen sie in das Öl zu
tauchen und nachdem sie sich vollgesogen in seinen nicht eben kleinen Mund zu
schieben
    Es gibt wenige Genüsse welche die Wenden und auch viele Deutsche unter den
Landleuten so sehr lieben als den des frischgeschlagenen Leinöls und Marie
ließ sich daher nicht zweimal auffordern dem für einen verwöhnten Gaumen
vielleicht ungeniessbar erscheinenden ländlichen Gericht tüchtig zuzusprechen
Der Voigt hatte nicht zu viel behauptet die Knechte am meisten der Grossknecht
ärgerten sich wirklich dass sie hätten blau anlaufen mögen sie durften es sich
aber nicht merken lassen wenn sie nicht von dem bei solchen Gelegenheiten
unerbittlichen Voigt unbarmherzig aufgezogen sein wollten Deshalb stellten sie
sich als läge ihnen gar nichts an dem duftenden Leinöle an welchem jetzt Marie
so behaglich mit dem Voigte sich gütlich tat ja als sei ihnen die Pfeife
schlechten Tabaks die sich einer nach dem andern am Kienspane anzündete
zehnmal lieber
    Der Voigt unterließ auch nicht nach jedem Bissen den er hinunterschluckte
seine malitiösen Bemerkungen zu machen und dabei die aussergewöhnliche Güte des
Oeles zu preisen Glücklicherweise endigte diese für die Knechte sehr
empfindlichen Hänseleien der Eintritt des Maulwurffängers der ohne viel zu
fragen nachdem er den Versammelten einen »guten Abend beisammen« gewünscht
hatte seinen Quersack mit samt den Drähten ablegte das Bündel Eichenstäbe
unter die Bank warf einen Schemel neben Marie an den Tisch schob sie sanft
ins Ohr kniff dann nach dem Brode langte von dem er sich ein ansehnliches
Stück abschnitt und gleich dem Voigte mit schiffartigen Bissen in den Oelnapf
fuhr
    »Hätte ich doch nicht gedacht« sagte er »dass ich heut noch so ein grausam
gutes Abendessen vors Maul kriegen würde Nur schade dass die Freude so bald
ein Ende haben wird«
    Obwohl der Voigt die Manier unseres Freundes kannte war er doch über die
Unverschämtheit des Mannes erstaunt der ohne zu fragen und um Erlaubnis zu
bitten seine Abendmahlzeit mit ihm teilte Er vergaß darüber auf einige
Sekunden das Zulangen und diese benutzte Heinrich mit so beharrlicher Ausdauer
und Gewandtheit dass er den Rest des Oeles aufgezehrt hatte ehe der Voigt
wieder Teil daran nehmen konnte Die gefoppten Knechte brachen darüber in ein
wieherndes Gelächter aus
    »Du bist ein Kerl wie ein Hamster« sagte der Voigt »vermutlich ist Dir
der Zorn des gnädigen Herrn in den Leib geschlagen denn menschlich kann man
solch ein Schlingen nicht nennen und natürlich ists eben so wenig«
    »Ich finde es sogar höchst vernünftig« erwiderte mit behaglicher
Gelassenheit der Maulwurffänger »Wer ein gutes Werk gestiftet hat soll sich
freuen wer sich freut verdient dass er belohnt werde und gutes Essen und
Trinken ist der beste Lohn für einen rechtschaffenen Hunger Sag mir mal
Voigt ob Du darin nicht die sonnenklarste Vernunft findest«
    »Sag Du mir lieber« erwiderte der Gefragte »ob der Herr Graf Vernunft in
Deinem Kommen und verzwickten Geschwätz fand«
    »Ich versichere Dich« versetzte Heinrich »hätte der Herr Graf Orden zu
verleihen und Titel zu vergeben er würde mich nicht fortgelassen haben ohne
mir und meinem Quersack beide Lasten auf und anzuhängen O das ist ein kluger
Herr Der hat ein Einsehen und weiß seine Leute zu nehmen Ich sage Euch es
fehlte wenig so hätte er mich gedutzt«
    »Das ist eine große Neuigkeit« sagte der Voigt »Seine Gnaden heißen alle
Menschen Du da soll er etwa bei Dir eine Ausnahme machen«
    »Sobald der nächste Schleifer kommt Voigt bitte ich Dich lass Dir Deinen
Verstand abziehen dass er künftig schneller fassen lernt Wenn man von Dutzen
spricht ists doch wohl natürlich dass zwei verschiedene Personen einander die
Ehre antun«
    »Und für Deine Neuigkeiten hat er Dir das angeboten« fragte ungläubig
lächelnd der Voigt »Darf man denn nichts erfahren«
    »Warum nicht« erwiderte der Maulwurffänger »Ich bin ja nicht des Herrn
Grafen Untertan und verboten hat ers mir auch nicht Aber was krieg ich für
meine Neuigkeit Denn Ihr wisst allesammt umsonst ist der Tod und ich muss vom
Verdienst leben«
    »Einen Krug Bier lass ich Dir holen« sagte der Voigt
    »Wird angenommen« meinte Heinrich »und wenn sich das Hofgesinde wies da
sitzt und mir zuhört sich dazu versteht mir noch eine Mohnsemmel verehren zu
wollen morgen zum Frühstück so will ich machen dass Ihr alle mit einander die
ganze Nacht vor lauter süßen Träumen in Abrahams Schoss zu liegen glaubt«
    »Das müsste wunderlich zugehen« sagte der Grossknecht »Ich habe mein Tage
von nichts geträumt als dass mir der schlägsche Hengst eins versetzte und dass
ich darüber Paradiesesfreuden empfunden hätte kann ich grade nicht behaupten«
    »Und ich verspreche Dir nochmals dass Du alle Himmel offen sehen wirst
Zündt mir zuvor ein paar frische Späne an denn wenns so dustert glaub ich
immer ich sähe in die Zukunft hinein und hörte es darin von wüstem Unglück
rumoren Davon bin ich just kein Liebhaber Viel angenehmer ist mirs ich sehe
klar und höre deutlich da kann man sich schon eher ein Herz fassen und frisch
von der Leber weg reden«
    Marie entzündete neue Kienspäne die Knechte rückten näher zusammen auch
die Mägde die auf der Ofenbank Platz genommen hatten horchten mit gespannter
Aufmerksamkeit Heinrich bog sich nun halb über den Tisch und sagte mit
gedämpfter Stimme »Ehe ein Jahr vergeht sind die Hofedienste abgeschafft«
    »Was« fragten Mehrere zugleich und der Voigt setzte hinzu »Sein
ungewaschenes Maul bringt ihn noch um Vermögen und Freiheit«
    »Den Teufel auch« fuhr Heinrich auf »Mit meinem Vermögen siehst Du da
kann ich mir nicht einmal eine Stube kaufen so groß wie diese hier in der das
Geschmeiss die Kammermusikanten abgibt und was die Freiheit anbelangt so hat
darüber kein anderer Mensch auf Gottes Erdboden zu gebieten als mein
allergnädigster Herr Churfürst«
    »Nun nun« erwiderte der Voigt »nur nicht gleich oben hinaus Man wird
doch reden und vermuten dürfen«
    »Das Gute ja das Schlechte nimmermehr Ich bin einmal gegen alles
Schlechte und da mag und will ichs nicht leiden dass mir einer ein Wort drein
reden soll Und so sage ich noch einmal es gibt in Jahr und Tag keine
Hofedienste mehr so der Herr will und Ihr armen Teufel und hübschen
Teufelinnen werdet künftig nicht mehr für fremde Herren sondern für Euch selbst
und ganz allein leben und arbeiten dürfen«
    »Wenn das wahr ist Maulwurffänger« fiel der Grossknecht ein dem mit der
bloßen Aussicht auf ein freier sich gestaltendes Leben der Mut schon wuchs »so
geb ich Dir ein Gebäck Mohnsemmeln ganz allein und sollt ich meinen ganzen
Flachs verkaufen«
    »Aber wie ist das gekommen Wer hat das gemacht und erfunden Was werden die
Herren dazu sagen« fragten jetzt mehrere Knechte und die Mädchen hörten mit
größter Spannung zu
    »Wies eigentlich gekommen ist weiß ich selber nicht« erwiderte immer
mit größter Ruhe der Maulwurffänger »Es hat da vorm Jahre einen großen Lärm
gegeben in Paris wisst Ihr  die Zeitungen und Wochenblätter schrieben auch
davon Das Volk hab ich mir sagen lassen war dort schon sehr lange ärgerlich
und unzufrieden mit seinen Herren die alle Tage herrlich und in Freuden lebten
wie der reiche Mann im Evangelium während der Arme kaum den trocknen Bissen
Brod hatte und die schwere Arbeit obendrein Nun wisst Ihr oder solltet es doch
wissen dass ein großer Lärm von wegen der grausamen Ungerechtigkeiten losging
die man seit undenklichen Zeiten grade wie bei uns über die Armen verhing
Vermutlich wars ein Jahr wo im Kalender des Himmels den guten Mächten die
besondere Pflege der Elenden und Unterdrückten anbefohlen ist denn der Lärm zu
ihren Gunsten griff um sich wie eine Feuersbrunst bei frischem Winde und
setzte die Herren in solche Bestürzung dass sie geschwind den Entschluss fassten
sich aller alten und schlechten Rechte zu begeben um nur nicht ganz zu Grunde
gerichtet zu werden Auf solche Manier seht Ihr wurde der Arme ein freier
Mensch Herr seiner Zeit und seiner Hände und vermutlich haben die deutschen
Herren auch etwas von Aufstand und Niederbrennen munkeln hören und sind deshalb
gesonnen in Zeiten ein Wort zur Güte zu reden«
    »Freiwillig« fragte der Voigt »Da werde der Teufel draus klug Herr sein
und die Hofedienste aufheben  tus und glaubs wer will  was mich betrifft
ich ließe mich ehe ich dazu meine Einwilligung gäbe lieber in Kochstücke
zerhacken«
    »Man wird Dich auch nicht fragen« versetzte Heinrich
    »Und Du sagst unser Herr Graf habe diesen verrückten Entschluss gebilligt«
    »Von Billigung ist dabei nicht die Rede mein Lieber hier gilts stch
gewandt aus der Schlinge ziehen«
    »Wer hat denn den Rumor angezettelt« fragte der Voigt höchst ärgerlich
weiter
    »Kann ich Dir auch nicht sagen Es schwebt in der Luft es rumort und
spricht sich herum auf allen Haidegütern und viele deutsche Herren im
Braunschweigschen geht die Rede habens just wie die französischen Herren
gemacht«
    »Wenn das wahr werden sollte« erwiderte der Voigt »dann sage mir doch
von wem in Zukunft der reiche Gutsherr sein Feld soll bearbeiten seine Wälder
ausholzen seine Teiche fischen kurz all die zahllose Arbeit soll verrichten
lassen die großer Besitz unausbleiblich in seinem Gefolge hat«
    »Ohne Zweifel von Menschenhänden wie bisher« sagte unbeschreiblich ruhig
der Maulwurffänger
    »Na siehst Du« fuhr der Voigt mitleidig lächelnd fort »so ists ja gleich
rein unmöglich dass ein Herr nur daran denken kann die Hofedienste abschaffen
zu wollen«
    »Warum nicht Braucht er Menschenhände so kaufe er sich dieselben Erhalte
ich erhältst Du irgend eine Handreichung umsonst Musst Du nicht Deine Kleider
Deine Stiefeln bezahlen«
    »Das müssen die Herren auch«
    »Und hebt man Dir einen Graben rodet man Dir nur einen elenden Strauch aus
ohne einen bestimmten zuvor ausbedungenen Lohn dafür zu fordern«
    »Nein das tut man nicht aber das ist auch etwas ganz Anderes«
    »Was Anderes« fuhr Heinrich auf und seine grauen Augen schienen vor Zorn
Funken zu sprühen »Ich sage Dir es ist ganz dasselbe nach dem uralten und ewig
richtigen Grundsatze was dem Einen recht das ist dem Andern billig Braucht
der Herr weil er viel Besitz hat viele Hände so bezahle er sie und es wird
Niemand darüber murren dass er in dieses oder jenes reichen Herrn Lohne stehe
Es ist aber ein himmelschreiendes Unrecht von hundert und tausend Armen die
das Glück in keine goldne Wiege mit Perlmutterwalzen gelegt hat zu verlangen
dass sie zwei Dritteile ihres ganzen Lebens unentgeltlich dem Manne zum Opfer
bringen sollen den ihnen der blinde Zufall zum Herrn gegeben und dass sie
dieses furchtbare Opfer auf Kosten ihres eigenen vernunftgemässen Vorteils
bringen sollen Wer viel besitzt viel gewinnt soll viel davon ab und
ausgeben Das ist Naturgesetz und bringt eine wohltätige Gleichheit unter die
Menschen die ohnehin zu sehr von einander abhängig gemacht worden sind durch
allerhand Wunderlichkeiten die sich seit Adams Zeiten in der Welt eingenistet
haben Braucht also Jemand viel Arme so bezahle er diese Arme verlangt er
aber dass diese Arme für ihn ohne Entgelt arbeiten und sich abmühen sollen so
verdient er dass man ihm den Kopf zurecht setze wies drüben in Paris die
Franzosen gemacht haben und noch machen«
    Auf diese lebhafte Entgegnung blieb der Voigt dem Maulwurffänger eine
Antwort schuldig die Knechte sonst gegen Alles gleichgültig was nur irgend
wie mit allgemeinen Interessen zusammenhing rückten dem Sprecher immer näher
und bekundeten ihre Teilnahme am sichersten dadurch dass nach und nach eine
Tabakspfeife nach der andern zu qualmen aufhörte Zuletzt rauchte nur Heinrich
noch der nie versäumte dem verglimmenden Kraut durch frisches Feuer wieder
nachzuhelfen
    »Ein Wort Maulwurffänger« sprach der Grossknecht nach einigem Zögern »Habt
Ihr das unserm gnädigen Herrn ins Gesicht gesagt«
    »Dazu hatte ich keine Zeit« versetzte Heinrich »Überdies war das auch gar
nicht nötig da ich ihm genug zugeflüstert habe um ihn festhalten zu lassen an
seinem Beschlusse«
    »Ists wie Du sagst« fiel hier der Voigt wieder ein »so begreife ich eben
so wenig was aus der Welt noch was aus den Herren werden soll Sie müssen
gradeswegs zu Grunde gehen bei meinem Eid«
    Heinrich lachte mit dumpfem Kehllaut Man konnte nicht leicht erraten ob
aus Schadenfreude oder weil er die Bemerkung des Voigtes lächerlich fand »Was
würdest Du denn machen he« sagte er »wenn nun alle die reichen und mächtigen
Grundbesitzer mit samt ihren alten gemalten Vorfahren und steinernen
Wappenschildern so über Nacht verschwänden als hätte sie die Erde verschlungen
oder als wären sie in einem Brücherche1 versunken He was würdest Du denn
machen«
    Der Voigt wusste auch auf diese Frage keine Antwort zu geben Er schüttelte
den Kopf und sah finster vor sich hin
    »Nun ich will Dir auf die Sprünge helfen« fuhr der Maulwurffänger fort
»Kommt es wirklich dahin wohin ich wünsche dass es recht bald kommen möge so
kann zweierlei geschehen Entweder schlagen die reichen Herren in sich kriegen
wie vom heiligen Geist erleuchtet gesunden Menschenverstand und geben ihren
Nebenmenschen was ihnen gehört Dann werden sie bei einigem Verlust sich ganz
wohl befinden und den Dank ihrer Mitbrüder erwerben Oder sie bleiben verstockt
und pochen auf ihre Rechte die ich in meiner Beschränktheit für Unrecht halte
In diesem Falle wird man ihnen mit Gewalt nehmen was sie im Guten nicht geben
wollen und da kanns wohl möglich sein dass Mancher mit samt seinem Hechelkram
von Ritterschwerten und Grafenkronen ehe er sichs versieht in eine Irre
gerät aus der ihm keine Sonne mehr heim leuchtet«
    »So dumm wird unser gnädiger Herr nicht sein rechne ich mir« warf einer
der Knechte ein »Was auch Der und Jener an ihm aussetzen mag gescheidt ist er
wie der Teufel und pfiffig wie ein Advokat«
    »Er wird tun was die Andern tun« sagte Heinrich »und in diesem
löblichen Eutschlusse habe ich ihn zu bestärken gesucht Dafür hat er mich
belobt wie ein Schulmeister seine Jungen wenn sie was gelernt haben und mir
verheißen Du mein lieber Voigt würdest mir die Mandel Maulwürfe die ich heut
auf Seiner Gnaden Feldern abgeknötelt habe bezahlen Du kannst sie zuvor
nachzählen sie stecken in meinem Ranzen Für diese Nacht bitt ich mir ein
Oertel2 aus wenns sein kann in der Hölle denn morgen mit dem Frühesten will
mir der Herr Graf zu wissen tun was er von der Sache hält und wie er dabei zu
handeln gesonnen ist«
    Wir brechen die Unterhaltung in der Gesindestube auf kurze Zeit ab um
denjenigen unserer Leser die mit den Verhältnissen der Untertanen zu ihren
Herren wenig oder gar nicht vertraut sind einige Winke darüber zu geben Zu der
Zeit wo unsere Geschichte spielt waren noch alle Dorfbewohner ihren
verschiedenen Herrschaften frohnpflichtig eine Last die mit wenigen Ausnahmen
bis in die neuere Zeit sich erhalten hat und erst seit wenigen Jahren ganz
aufgehoben worden ist. Alle Landbewohner zerfielen in drei Klassen in Bauern
Gärtner und Häusler Das Landeigentum der Bauern war sehr verschieden doch
kann man annehmen dass jeder Bauer durchschnittlich wenigstens zu dreißig
Dresdner Scheffel Aussaat besaß Bei Einzelnen mochte sich dieser Besitz
verdoppeln ja verdreifachen Weit geringer war das Landeigentum der Gärtner
indes immer noch groß genug um darauf Zugvieh zu halten Der Häusler dagegen
hatte über nichts als über sein kleines Häuschen zu verfügen dem im
günstigsten Falle noch ein kleiner Wiesenplan zu Gebote stand um eine Ziege
darauf grasen zu lassen Solche Häusler lebten teils von Weberei teils von
Handarbeit und Tagelohn
    Jene leibeigenen Bauern nun von denen wir vorzugsweise sprechen besaßen
zwar Hof und Ackerland als Eigentum waren dabei aber doch nicht ihre eigenen
Herren sondern mussten dem Besitzer des Dorfes in allen Dingen zu Willen sein
Um indes nicht zu hart von der Willkür Einzelner bedrückt zu werden bestanden
gewisse gesetzliche Bestimmungen zwischen Herren und Untertanen welche der
Herr so gut respectiren musste als der Untertan Der Letztere war nämlich
gebunden seinem Gebieter jährlich eine gewisse Anzahl Zug und Handdienste zu
leisten Grade diese waren aber sowohl für Bauer wie für Gärtner und Häusler
eine Last der sie erlagen die sie nie aufkommen ließ und selbst bei
übermenschlicher Anstrengung in schmachvoller Unterwürfigkeit erhielt Auf dem
Schauplatz unserer Erzählung unter den leibeigenen Wenden war zB jeder Bauer
der ungefähr für zwanzig Scheffel Kornaussaat Land besaß gehalten seinem Herrn
wöchentlich sechs Handtage zu leisten oder drei Zugtage mit Pferden und besaß
er diese nicht mit vier Ochsen Es blieb ihm also wöchentlich bloß ein einziger
Tag zu Bestellung seines Feldes wenn er nicht im Stande war die Handtage in
Zugtage verwandeln zu können Wollte überdies der Zufall oder das Missgeschick
dass der Herr auf seinen Gütern Brandschaden erlitt oder dass ein Unwetter seine
fahrbaren Wege zerriss oder dass ein Wasserbau notwendig ward oder endlich dass
es ihm einfiel Holz schlagen zu lassen so musste der arme geplagte Bauer die
Brandstelle räumen und neue Gebäude mit aufführen helfen Er war außerdem
verbunden die schlechten Wege auszubessern Steine zu einem nötigen Wehrbau
anzufahren und das geschlagene Holz einzuführen Alle diese Dienste raubten ihm
Zeit ruinirten ihm Wagen Geschirr und Vieh und wenn er ermattet heim kam
trat oft die schlechte Jahreszeit ein und verhinderte ihn an tüchtiger
Bestellung seines eigenen Landes So geriet er immer tiefer und tiefer in Elend
und Armut versank unter dem steten Druck in Schmutz und Unwissenheit und ward
eine willenlose stupide Maschine seines launischen im Überfluss schwelgenden
Herrn
    Nicht besser hatten es Gärtner und Häusler Jener musste drei Vierteljahre
hindurch wöchentlich der Herrschaft drei Handtage und im vierten wöchentlich
zwei leisten dieser wöchentlich einen Handtag außerdem noch zwölf Tage als
Monatsdienst und während der Aerndtezeit vier Handtage Hierzu kam noch dass
Söhne und Töchter aller Bauern Gärtner und Häusler den sogenannten Hofedienst
auf dem herrschaftlichen Gute oder Schloss als Knechte und Mägde abhalten und
oft mehrere Jahre unablässig gegen bloße Verköstigung die schlecht und oft
unsauber war dienen mussten
    Man kann sich demnach vorstellen wie tief und allgemein der Eindruck war
den Heinrichs Neuigkeiten bei allem Hofgesinde hervorbrachten Eine neue Welt
die unbekannte Welt der sonnigen Freiheit lag vor den Augen Aller aufgetan
Wurden die Hofedienste wie der Maulwurffänger behauptete abgeschafft so war
das Joch damit abgeworfen das ursprünglich die Leibeigenschaft erzeugt hatte
Sie wurden frei wurden ihren Herren gleich durch die Willkür nach der sie dann
über ihr Handeln verfügen konnten War aber das Gerücht erdichtet so war damit
ein furchtbarer Feuerbrand in die Gemüter aller Leibeigenen geschleudert
worden den keine noch so milde Behandlung mehr auslöschen konnte Die
Herrschaft wandelte von Stund an auf einem glühenden Vulkan der in jedem
Augenblicke bersten und sie zermalmt in die Luft schleudern konnte
    Der Maulwurffänger erkannte dies sehr gut und wusste genau was er tat ohne
sich vor der Hand um die Folgen zu kümmern die seine Handlungsweise haben
konnte und musste Der Saame der Unzufriedenheit war ausgestreut in der Masse
aller Leibeigenen frass der Gedanke um sich dass sie rechtlos gegen die heiligen
Gebote der Religion unterjocht seien und dieser Gedanke musste ein
Selbstbewusstsein unter der an sich kräftigen Bevölkerung wecken von dem sie
früher keine Ahnung gehabt hatte Ihm waren außerdem noch so viele geheime
Missbräuche bekannt welche viele Herren übten und auf die nur hingedeutet werden
durfte um die Unterdrückten von der Unzufriedenheit zur Erbitterung von dieser
zu einer drohenden Stellung den Herren gegenüber aufzuregen Der Raub der Wendin
durch Magnus gab die erwünschteste Veranlassung diese Missbräuche nach und nach
wie es Zeit und Umstände erheischten aufzudecken Die bedenklichen Unruhen im
Auslande waren ein vortrefflicher Anhaltepunkt den man beliebig benutzen
konnte um den Herren zu drohen In jedem Falle stand ein Krieg der
Unterworfenen gegen die Unterdrücker in naher Aussicht und diesen durch
schmeichelndes Zureden wieder zu beseitigen hielt Heinrich für unwürdige
Feigheit Wenn überhaupt konnte nur auf diese Weise uraltes Unrecht aufgehoben
und ausgeglichen werden
    Da er gewahrte welchen Eindruck seine unschuldig und nachlässig
hingeworfenen Äußerungen selbst auf diese ungebildeten Menschen machten ging
er noch einen Schritt weiter den missmutigen Voigt jetzt gar nicht beachtend
Er richtete seine Worte direkt an das Gesinde des Edelhofes das ihm wie einem
Propheten gläubig zuhörte
    »Ist Euch nichts zu Ohren gekommen« sprach er »dass sich Graf Magnus bald
verheiraten will Ich hörte in der Heide davon reden Auf seines Vaters
Schloss dem alten Boberstein lebt ein schönes junges Fräulein um das er
werben soll«
    »Ihr meint gewiss Herta die Mutter der Armen« sagte der Grossknecht
    »Es kann wohl sein dass sie Herta heißt« erwiderte der Maulwurffänger
»Ich habe mein Lebtage nicht mit ihr gesprochen Aber ein Engel an Schönheit ist
sie davon sind meine eigenen Augen Zeuge Hat das Gerücht Grund so ists doch
nicht recht dass der gnädige Herr auch noch mit andern Weibsleuten scherzt«
    »Tut er das« fragten ein paar von den Mädchen
    »Ich will nicht geradezu behaupten dass er es tue der Schein kann trügen
aber ein hübsches Mädchen das ich kenne ist bei ihm im Herrenhause«
    »Hier auf dem Hofe« sagte Marie
    »Es muss doch wohl so sein sonst hätt ich sie ja nicht sehen können«
    Hier winkte ihm der Voigt dass er schweigen solle und stieß ihn verstohlen
mit dem Fuße an Heinrich aber tat als sehe und fühle er nichts
    »Als ich vorhin bei ihm war« fuhr er fort »sah ich ein wendisches
Häubchen in dem ein allerliebstes Gesichtchen steckte fast noch hübscher als
das Deinige Marie und das hat noch keinem schmucken jungen Burschen missfallen
Geweint musste das blutjunge Ding auch haben denn sie hatte rote Augen Ich
möchte doch wissen warum er das arme liebe Kind bei sich eingesperrt hält«
    »O in dem Punkte« fiel einer von den Knechten ein »da hat unser gnädiger
Herr gar kein Gewissen Was ihm gefällt das nimmt er sich und hat er sich
amusirt lässt er so ein gutwilliges Geschöpf wieder laufen Da sieh zu wo Du
ein Unterkommen findest«
    »Wer könnte denn das Mädchen sein« sagte ein anderer Knecht
    »Ist sie hübscher als Marie so ist sie nicht aus der Nähe« meinte der
Grossknecht »Hier herum kenne ich alle Mädchen«
    »Der Tracht nach muss sie irgendwo in der Heide zu Hause sein«
    Bei diesen Worten des Maulwurffängers hörte man einen schrillenden Ton als
ob eine Fensterscheibe zerspränge und gleich darauf einen lauten gellenden
Hilferuf
    Alle horchten auf und sahen einander bestürzt an Nur der Voigt senkte die
Augen zu Boden und der Maulwurffänger lächelte unheilvoll
    »War das im Hofe« sagte Marie
    »Ich möchte darauf wetten dass der wunderliche Ton aus dem Herrenhause kam«
sprach Heinrich und stand gelassen auf »Bleibt nur sitzen ich werde nachsehen
Kämt Ihr ungerufen so könnts Euch Busse tragen mir tut Blauhut nichts zu
Leide«
    Und ungehindert nicht einmal von dem unschlüssigen Voigt begleitet verließ
der Maulwurffänger die Gesindestube mit ihrer aufgeregten im Herzen heimlich
gegen Magnus erbitterten Gesellschaft
 
                                    Fußnoten
1 Moorsumpf
2 Platz Stelle
 
                                Achtes Kapitel
                                  Die Flucht
Erzürnt und niedergeschlagen zugleich über die freche Heuchelei durch welche
Graf Magnus ihr Vertrauen bis zu einem gewissen Grade erschlichen hatte um
seine verbrecherischen Pläne auszuführen blieb Haideröschen eine Zeit lang am
Simse des Kamins lehnen der ihr bei Abwehr des lüsternen Grafen als Rückhalt
gedient hatte Von der übernatürlichen Anstrengung und der unaussprechlichen
Seelenangst die sie dabei gelitten hatte gänzlich erschöpft brach sie jetzt
zusammen und glitt mit vorgebeugtem Körper auf den weichen buntfarbigen Teppich
nieder der über den Fußboden des prächtigen Zimmers ausgebreitet war Ströme
von Tränen entstürzten ihren Augen und obwohl sie in tiefstem Herzen Gott
dankte dass er sie aus den Händen ihres Peinigers errettet konnte sie doch des
bitteren Schmerzes nicht Meister werden der sich zugleich ihrer bemächtigte Wie
sollte sie den Verfolgungen des entsetzlichen Grafen begegnen wenn er seine
kaltblütig ausgesprochene Drohung wahr machte Und mit welchen Gefühlen konnte
sie es wagen unter ihre Gespielinnen zurückzukehren hatte sie nur eine einzige
endlose Nacht unter dem Dache des Verhassten zugebracht der sie kurze Zeit mit
so meisterhafter Verstellung gekirrt und zutraulich gemacht hatte
    Diese Fragen legte sich die arme Wendin wiederholt vor ohne in ihrer Angst
und Bestürzung eine Antwort darauf zu finden Sie wusste und ahnte nicht wer den
Grafen abgerufen hatte und dass dieser kecke und entschlossene Eindringling in
ihrem Interesse zu ihrer Rettung auf dem Edelhofe erschienen sei Der bloße
Name des Maulwurffängers würde sie beruhigt und getröstet haben
    In ihrer Ratlosigkeit blieb sie kange auf den Knien liegen abgebrochene
Gebetbrocken mit zitternder Lippe hersagend Bald faltete sie in wilder Hast die
kalten Hände bald rang sie dieselben verzweiflungsvoll über ihrem Haupte und
warf sich dann schluchzend mit dem Gesicht auf den Fußboden Nach und nach aber
ward sie ruhiger und sie begann zu überlegen wie sie sich gegen den
Schändlichen waffnen könne wenn es ihm einfallen sollte in kurzer Zeit
wiederzukommen
    Sie stand auf und untersuchte das Zimmer Leicht und geräuschlos schlüpfte
sie auf den Zehen die Wände entlang und prüfte jeden Falz jede Buckel der
Tapete Nirgends entdeckte sie eine Tür die ihrem Druck weichen wollte Eben
so vergebens bemühte sie sich die Zimmertür zu öffnen Sie war und blieb fest
verschlossen Die Schelle zu läuten nahm sie mit Recht Anstand da es fast
wahrscheinlich war dass sie in ihrer unsicheren Hand mehr als einmal erklingen
und dadurch den herrischen Gebieter nur zu schnell wieder herbeirufen würde
    Sie schlich jetzt nach den Fenstern die hoch und breit waren und von denen
das eine bis an den Fußboden herabreichte Behutsam versuchte sie die Wirbel
umzudrehen die wirklich schon gelinder Kraftanwendung nachgaben Der
Fensterflügel ging wie von selbst auf so dass Haideröschen bequem
hindurchschreiten konnte auf einen sehr schmalen Altan der hier an dem Hause
hinlief Zu beiden Seiten desselben standen ausländische Gewächse in hölzernen
Kübeln die jetzt noch in wärmenden Bast und Leinwand dicht eingeschlagen waren
Unter dem Altan schimmerten die breiten mit rotgelbem Sand bestreuten Gänge
eines Gartens unklar durch den schweflig riechenden schwarzgrauen Nebel der
feucht und dick an der Erde lag und Alles mit seinen finsteren Schwingen
bedeckte Dennoch bemerkte Haideröschen dass die Höhe des Fensters unbedeutend
sei Augenblicklich entstand der Gedanke an Flucht in ihrer Seele Aber sie war
unbekannt in der Gegend sie wusste nicht wie und ob sie aus dem Garten würde
entrinnen können und wo sollte sie in dieser finsteren nasskalten Märznacht in
diesem grausigen Nebel einen Ort auffinden der ihr Schutz und Obdach bis zum
nächsten Morgen gewähren konnte
    So beschloss sie denn auszuharren ergeben sich in ihr Schicksal zu fügen und
auf Gott zu vertrauen An ihn wendete sich die fromme Gläubige im Gebet wie sie
es seit ihrer ersten Kindheit gewohnt war Sie bat ihn dass er sie beschirmen
dass er den Schlaf in dieser Nacht von ihren Augen verscheuchen und ihr klare
Besonnenheit und nicht wankenden Mut in der Stunde der Gefahr verleihen möge
    Gestärkt erhob sie sich von ihren Knieen löschte instinktartig auf den
beiden silbernen Armleuchtern drei Kerzen weil es ihr Verschwendung dünkte so
viele Lichter für eine einzelne Person anzuzünden die noch dazu vollkommen
müßig ging Unvollständig erleuchtete die vierte Kerze deren Docht sich in der
trüben Flamme krümmte das einsame Gemach mit den dunkeln Bildern an den
Tapeten Haideröschen schien es oft als bewegten sich alle Wände als
verdrehten die grimmig blickenden Jäger die Augen und als schlügen sie ihre
Gewehre auf sie an Dann musste sie sich Gewalt antun um nicht laut
aufzuschreien und als ob sie Beruhigung darin fände presste sie beide Hände auf
ihren fieberhaft klopfenden Busen So saß sie lange unbeweglich nur von Zeit zu
Zeit schüchterne Blicke nach der Stelle werfend wo die verborgene Tür sich
befand auf dem weichen seidenen Divan mit ihren Gedanken in der Heide auf dem
Garten des Vaters dessen Sorgen um sie und ihr Loos die Betrübnis ihres
schuldlosen Herzens noch vergrösserten
    Sie saß und zählte die Viertelstunden welche die Seigerschelle auf dem
Herrenhause regelmäßig anschlug Über eine Stunde war lautlos verstrichen als
sie wieder das unheilvolle Rascheln hinter der Tapetenwand vernahm Sogleich
stand sie auf ergriff den Armleuchter auf dem sie beide Kerzen ausgelöscht
hatte und stellte sich mit ihm dicht an das bis zur Erde herabreichende
Fenster Kaum hatte Haideröschen hier Posto gefasst als die Tapetenwand
zurückwich und Graf Magnus mit einiger Schüchternheit und sehr blass in das
Zimmer trat
    Die Gedanken dieses Wüstlings waren durch Heinrichs erdichtete Mitteilungen
von Röschen eine Zeitlang ganz abgewendet worden Der Maulwurffänger hatte ihn
mit seinen Neuigkeiten gleichsam überfallen und Magnus sah im ersten Augenblick
der Bestürzung wie alle Menschen die sich geheimer Schuld bewusst sind Tage
blutigen Aufruhrs wilder Verheerung in unmittelbarster Nähe Obwohl er wie der
gesammte Adel die furchtbaren Ereignisse in Frankreich die eine neue Zeit
ansagten geflissentlich nicht beachtete waren sie ihm doch genau bekannt Denn
es gebrach ihm keineswegs an Bildung an Sinn für geschichtliche Ereignisse und
an Talent aus sich selbst ein tüchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft
zu bilden wenn er Lust und Willen dazu gehabt hätte
    Erst nachdem er den Maulwurffänger verabschiedet hatte drängten sich ihm
verschiedene Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzählungen dieses Mannes auf
Heinrich konnte ja selbst betrogen worden sein und ihn wieder belogen haben
Denn an die Erdichtung des drohenden Unheils durch den Maulwurffänger dachte er
nicht im entferntesten weil er den umherstreifenden Mann für einen bloßen
Schwätzer hielt der aus purer Selbst und Gewinnsucht alle Dinge so zu drehen
und zu benutzen verstehe dass sie ihm selbst irgend etwas eintrügen Leute
dieser Art waren nicht selten im Gebirge und weil sie eigentlich aller Welt
Freund waren und Jedermann sie für geringes Entgelt für sich gebrauchen konnte
überall beliebt Dennoch verdross es den Grafen dass er so schnell dem
schwatzhaften Manne Gehör gegeben und dadurch das kaum in seine Gewalt bekommene
Mädchen sich schon wieder hatte entreißen lassen Freilich baute er im
Hintergrunde seiner Seele einen glänzenden verbrecherischen Plan auf von dem er
sich den größten Genuss und eine furchtbare Genugtuung versprach Er hütete sich
aber wohl diesen abscheulichen Plan irgend Jemand merken zu lassen denn er
hatte bei sich beschlossen den Grossmütigen Milden Bekehrten zu spielen aber
freilich auch nur zu spielen
    Am meisten verdross es den eitlen Edelmann dass diese kleine Wendin einen
plumpen Bauerburschen ihm unverhohlen vorzog und dass eigentlich nur dies in
seinem Auge der Grund ihrer Widerspänstigkeit war Obwohl er bei seiner
Abberufung den festen Willen gehabt hatte die Wendin um jeden Preis zu
gewinnen stand er jetzt in Folge seiner Unterredung mit dem Maulwurffänger
davon ab und um in Röschens Gemüt die üble Meinung wieder zu verwischen die
sein letztes Auftreten hervorgerufen haben musste entschloss er sich nochmals
sie zu sehen bevor Heinrich Rücksprache mit ihr genommen habe
    »Haideröschen« sprach er mit sanfter Stimme da er die Wendin bei der
einzelnen trüb brennenden Kerze nicht sogleich gewahr wurde »Wo hast Du Dich
denn versteckt und wer heißt Dir die Lichter auslöschen Sprich wo bist Du Ich
komme als Freund und gelobe Dir kein Leid zuzufügen«
    Während er nur halblaut flüsternd diese besänftigenden Worte an das Mädchen
richtete trat er vollends in das Gemach und lenkte seine Schritte nach dem
Kamin wo er die Wendin verborgen glaubte Da er sie hier nicht fand besorgte
er schon der Maulwurffänger sei ihm zuvorgekommen und habe Röschen mitgenommen
Ein wilder Fluch entglitt seinem Munde der seltsam gegen die sanften Worte
abstach die er so eben noch geflüstert hatte dabei kehrte er sich um und die
am schon aufgewirbelten Fenster lehnende Wendin stand vor ihm
    »Kleine Spitzbübin« sagte er mit freundlichem Lächeln »Du kannst doch das
Necken nicht lassen Komm näher mein Täubchen ich möchte Dich gern um
Verzeihung bitten denn ich sehe ein dass ich Unrecht habe und Dir unwürdige
Zumutungen machte«
    Haideröschen beharrte in schweigender Regungslosigkeit nur ihre großen
Augen schleuderten Blitze der Verachtung auf den Nichtswürdigen der seine
Frechheit so weit trieb dass er jetzt als Bittender zu erscheinen wagte wo er
vor Kurzem noch die brutalsten Drohungen ausgestoßen hatte
    »Ich will nicht hoffen« fuhr er fort der Wendin sich nähernd »dass Du vor
Angst und Furcht in dieser Einsamkeit die Sprache verloren hast Es ist nicht
angenehm allein in Gesellschaft dieser grotesken Jäger zu sein und weil ich
dies aus Erfahrung weiß und die furchtsame Gemütsart junger Mädchen kenne wage
ich es nochmals vor Dich zu treten Dir Abbitte zu tun wenn Du es wünschest
und Dich unter Menschen zu führen«
    Haideröschen schwieg noch immer teils aus Verachtung teils weil ihr
Blut so ungestüm wallte dass ihr die Sprache versagte
    »Du bist mir immer noch böse wie ich sehe« begann Magnus abermals »es
wird mir demnach wohl nichts übrig bleiben als mich fussfällig vor Dir zu
demütigen und Dich mit einem Handkuss zu versöhnen«
    Der Graf stand nur noch wenige Schritte von der Wendin Als er weiter
vordringen wollte erhob Haideröschen entschlossen den Armleuchter und rief
befehlshaberisch »Wagen Sie nicht näher zu kommen Es könnte Sie gereuen«
    Magnus stutzte und verschlang das in ihrem Zorn noch schönere Mädchen mit
sinnlichen Blicken Sie hatte etwas von dem trotzigen Stolz und dem fanatischen
Heroismus der Judit wie sie den linken vollen Arm von dem sich der am
Handgelenk aufgegangene weiße Hemdärmel abgestreift hatte nach dem Wirbel über
ihrem Haupte ausgestreckt mit der rechten den blank polirten silbernen Leuchter
gegen den Grafen drohend erhoben dastand
    »Wahrhaftig Du bist schön dass es mir wie eine Versündigung gegen die
Schönheit die wir anbeten sollen erscheint Dich nicht zu küssen Lass Dich
also herab kleine Wilde und vergib mir im Kusse«
    »Elender« stammelte Haideröschen kaum die Lippen öffnend »Wenn Du es
wagst mich zu berühren so stoss ich Dir die Augen mit dem Leuchter aus Ich
will nichts mehr von Dir hören will Dich nicht sehen Ehe ich es dulde dass Du
mich berührst werde ich mir lieber den Kopf an der Wand zerbrechen«
    »Immer lass Deinem Zorn freien Lauf ich werde Dich nicht hindern« versetzte
Magnus mit gehaltener Ruhe »Sobald Du Dich erschöpft hast und die Überzeugung
gewinnst dass ich nur Dein Gutes will wirst Du auch wieder vernünftig mit mir
reden«
    »Verlassen Sie mich« sagte Haideröschen ohne ihre Stellung zu verändern
    »Sobald Du mir verziehen und angehört haben wirst was ich Dir mitteilen
will«
    »Wenn Sie nicht auf der Stelle gehen so gehe ich«
    »Das kann ich nur wünschen weil Du dann an mir vorüber musst und ich den
Saum Deines Gewandes fürbittend mit meinem Munde berühren kann«
    »Sie irren sich Herr Graf Ich werde weder in Ihre Nähe kommen noch es
dulden dass Sie die meinige suchen«
    »Dann wirst Du lange Deinen Platz behaupten müssen kleine wendische
Heldin«
    »Zwei Minuten noch nicht länger« versetzte Haideröschen in finsterer
Entschlossenheit
    »Ich werde diese Frist gehorsam benutzen um Dich von meiner Reue zu
überzeugen Du willst nicht zugeben dass ich Dir näher schreiten soll gestatte
denn dass ich mich auf meinen Knieen Dir nähere Die ärgsten Sünder in der
katholischen Christenheit nahen sich so der zürnenden Gottheit die ihnen nach
überstandener Kniewallfahrt großmütig vergibt«
    Und während Magnus noch so sprach ließ er sich wirklich auf die Knie
niedergleiten und näherte sich rutschend dem erzürnten und ihn fürchtenden
Mädchen Schon streckte er die Hände flehend nach ihr aus indem ein
schalkhaftes Lächeln seine interessanten Züge nicht unbedeutend verschönerte Da
hieß ihn Haideröschen nochmals einhalten mit der Drohung sie werde unfehlbar
wenn er seinen Vorsatz ausführe entweder ihm oder sich selbst ein Leid zufügen
Magnus achtete nicht auf ihre Befehle Er war so bezaubert von dem Reiz ihrer
entzückenden Schönheit dass er sie nicht mehr sprechen hörte dass er nur ihre
Hand zu fassen sie zu umarmen wünschte Jetzt erhaschte er ihr grobes Gewand
und wollte sie zu sich heranziehen um den Saum desselben zu küssen Da
zerbrachen klirrend die großen Fensterscheiben mit schwerer Wucht flog der
silberne Leuchter auf ihn streifte seine Stirn und verwundete ihn mit scharfer
Kante an der Schläfe Taumelnd stürzte er zurück auf den Teppich Er sah dunkel
dass die Fenstertür die Haideröschen ausholend mit dem Leuchter zertrümmert
hatte sich öffnete und gleich darauf die entschlossene Wendin mit einem laut
ausgestossenen Hilferuf im feuchten Nebeldunst verschwand 
    Dieser Hilferuf war es der den Maulwurffänger in seinem Gespräch mit dem
Gesinde des Edelhofes störte und ihn unglückahnend ins Frei trieb Eingedenk
der Erlaubnis des Grafen die Wendin in ihrer Einsamkeit besuchen und trösten zu
dürfen machte er sich jetzt Vorwürfe über seine Saumseligkeit obwohl er sich
gestehen musste dass seine Absicht dabei die beste gewesen sei Er zweifelte
keinen Augenblick dass Haideröschen ein neues Unglück zugestoßen sei sogar der
Verdacht Graf Magnus möge nicht Wort gehalten haben stieg in ihm auf
    Mit den Oertlichkeiten vertraut eilte er schnellen Schrittes über den
Hofraum nach dem Portale des Herrenhauses Durch den niedrig ziehenden Nebel sah
er den Lichtschimmer aus den Fenstern des gräflichen Wohnzimmers alle übrigen
Fenster in dem geräumigen Gebäude waren jetzt finster Dies fiel ihm auf
zugleich aber bestärkte es ihn auch in seinem Verdachte
    »Ha« sprach er zu sich selbst »der Schelm hat die Lichter ausgelöscht um
desto leichteres Spiel zu haben Hätte ich nur eine Leuchte mitgenommen Aber
Dank meinem häufigen Hiersein ich werde auch ohne Licht den Unhold finden und
noch zeitig genug an der Gurgel packen Den Griff des Maulwurffängers soll er
sein Lebtage nicht vergessen«
    Die Haustür war bloß angelehnt und drehte sich geräuschlos auf den Angeln
Im Flur brannte keine Lampe mehr ein Zeichen dass die Dienerschaft zur Ruhe
gegangen war Heinrich schritt auf den hallenden Fliessen nach der Treppe als er
ganz nahe mehrmals nach einander »Hilfe Hilfe« wehklagend und laut schreiend
rufen hörte
    »Es ist Haideröschens Stimme« sprach er »ich kenne diese Nachtigall der
Wälder Aber wie kommt sie hieher Sollte sie Junker Blauhut in den
Gartenpavillon gelockt haben«
    Während sich diese Gedanken in seinem Innern kreuzten lag seine Hand auch
schon am Riegel der nach deln Garten führenden Tür und stieß ihn zurück Mit
kräftigem Ruck riss er sie auf der Wind jagte ihm Nebel und dürres Laub das
sich auf den Sandgängen kräuselte ins Gesicht und zwang ihn auf einige
Sekunden die Augen zu schließen Dann trat er hinaus auf die breiten Stufen die
in den Garten hinab führten eilte einige Schritte vorwärts und drehte sich um
seine scharfen luchsartigen Blicke durch den Nebelflor auf die Breitseite des
Herrenhauses richtend Das Zimmer in dem Haideröschen bisher zugebracht hatte
befand sich fast in der Mitte des Gebäudes und lag grade vor ihm Der Schimmer
der einzigen noch brennenden Kerze drang bis zu ihm herab Er sah das Flattern
der Vorhänge an der offenen Fenstertür und erriet den Zusammenhang
    »Sie muss auf dem Balcon sein« dachte er und suchte mit verschärfter
Aufmerksamkeit an der steinernen Brüstung und hinter den verpackten Stämmen der
Oleander und Citronenbäumchen Am linken Ende schlangen sich an dünnem Spalier
die zitternden schlanken Äste eines Jelängerjelieberstrauchs oder wie der
Landmann diesen Baum nennt einer »Rose von Jericho« empor Dort sah er etwas
Weisses schwebend zwischen Himmel und Erde flattern
    Schleunig eilte er darauf zu und erkannte die Wendin die sich vergeblich
anstrengte aus den sie umrankenden schlangenartigen Ästen des alten Baumes in
denen ein Teil ihrer Kleider hängen geblieben war sich los zu machen und
herabzuspringen
    »Bist Du es Röschen« fragte er flüsternd
    Die Wendin hörte ihn »O rettet mich rettet mich wer Ihr auch sein mögt«
gab sie flehentlich zur Antwort »Die Angst tötet mich und er wird mich
verfolgen«
    »Wo ist der Graf« fragte Hemrich am Spalier empor kletternd die Kleider
des Mädchens gewaltsam von dem Geäst losreissend und sie sanft auf die Erde
herabhebend
    Haideröschen zitterte wie ein Espenlaub »Dort dort« sagte sie stammelnd
vor Angst und Schauder mit den Zähnen klappernd und deutete nach den trüb
schimmernden Fenstern
    »Gott Lob ich bin ihm entronnen Aber wer seid Ihr wackerer Mann«
    »Kennst Du den Maulwurffänger nicht den Freund der Armen und
Notleidenden« versetzte Heinrich lächelnd »Ich komme von Deinem Vater in der
Absicht Dich zu beschützen Hat Dir der Bube ein Leid angetan«
    »Nein nein Gott sei gelobt« sagte Haideröschen atemlos ihre Arme
vertrauensvoll um den stämmigen Nacken des schlichten Landmannes schlingend
»Die Engel des Himmels haben über mir gewacht und dem Bösen die Hände gebunden
Aber komm Heinrich komm lass uns fliehen ehe er mir nachsetzt«
    »Das soll er wohl bleiben lassen« sagte der Maulwurffänger drohend die
Hand gegen die erleuchteten Fenster ballend »Beruhige Dich Haideröschen Du
bist jetzt geborgen«
    So sprechend legte er sanft seinen Arm um ihren Oberkörper und führte sie
dicht an dem Gebäude hin nach der Haustür
    »Nicht da hinein Heinrich« flehte sie bebend »Er könnte uns begegnen und
seine Knechte rufen«
    »So schlage ich ihm den verruchten Schädel ein wie einem tollen Hunde«
rief Heinrich erbittert »Komm nur es gibt hier keinen andern Ausweg«
    Er zog die Zitternde mit sich fort ins Schloss durchschritt mit ihr die
Hausflur und trat in den Hof Hier vernahm er die verworrenen Stimmen des
Gesindes die den Voigt mit Schmähungen überhäuften Sie hatten bald nach dem
Maulwurffänger die Gesindestube mit dem Voigte verlassen und trugen mehrere
Laternen um bei ihrem Licht zu sehen was es gebe Auf sie ging jetzt Heinrich
mit seiner Schutzbefohlenen zu Alle erstaunten das schöne bleiche zitternde
Mädchen im Arm des Landmannes vertrauensvoll ruhen zu sehen
    »Voigt« sagte der Maulwurffänger befehlshaberisch »öffne das Tor Ein
rechtschaffener Mann verschmäht es in der Höhle eines Räubers zu übernachten
er will lieber auf offener Heide unter Wölfen obdachlos umherirren Meinen
Quersack meine Drähte und Bügel wirst Du mir in den Kretscham schicken Dort
werde ich sie mir abholen wenn ich Zeit und Lust habe Ausgemacht sag ich
oder es nimmt kein gutes Ende«
    Die zornigen Blicke des Maulwurffängers die drohenden Gesichter der
Knechte die murrend umher standen schüchterten den Voigt ein und ließ ihn
den Willen des Landmannes tun Als die Torflügel zurückwichen wendete sich
Heinrich nochmals um und sprach
    »Gib diesen Schlüssel Deinem Herrn und sag ihm der Maulwurffänger ließ
ihn grüßen Von jetzt an habe er ihn als seinen Todfeind zu betrachten«
    Dann schritt er mit Haideröschen zum Tore hinaus in die finstere windige
Nebelnacht hinein
                            Ende des ersten Teils
 
                                 Zweiter Teil
                                   Drittes Buch
                                 Erstes Kapitel
                                     Herta
Am Fuße der alten Burg Boberstein breitete sich ein Garten aus der gegen Süden
die ganze Ausdehnung der kleinen Insel einnahm und die Ufer des Sees berührte
Nach dem abscheulichen Geschmacke damaliger Zeit durchschnitten steife
Taxuswände diesen Garten in verschiedener Richtung Sie waren so vortrefflich
unter der Scheere des Gärtners gehalten dass kaum ein Blatt oder dünnes
Zweiglein über die glatte Linie hervorragte Jetzt standen diese Baumwände
entblättert nur an den Wurzeln der Büsche auf den Rabatten brannten gelbe
Crocus gleich Flämmchen aus der braunen Erde und dunkelblaue Veilchen
verkündigten durch ihr duftiges Arom dass sich bald der hellblaue
Frühlingshimmel wieder über die sehnsüchtige Erde ausspannen werde
    In den sich kreuzenden Gängen dieses Gartens wandelte am »stillen«
Sonnabend der dem Ostertage vorhergeht leichten Schrittes ein junges schlankes
Mädchen Ein schneeweisses Musselinkleid floss gleich einer Wolke von glänzendem
Lichtstoff um die liebliche Gestalt die am linken Arm ein zierlich aus
Fischbein und gespaltenem Rohr geflochtenes Körbchen trug dessen Rand und
Henkel mit aufbrechenden Feldröschen von künstlicher Arbeit eingefasst war Eine
Menge kleiner Veilchensträusschen lag kranzförmig geordnet in der mit Rosataffet
ausgeschlagenen Höhlung des Körbchens und in deren Mitte ein Häufchen frischer
Bucheckern Am Busen trug das Mädchen ebenfalls ein Veilchensträusschen dem noch
zwei Crocus beigefügt waren
    Wer die einsam Dahinwandelnde von Ferne erblickte konnte sie leicht für
eine überirdische Erscheinung halten so schwebend und graziös wir möchten
sagen äterisch waren alle ihre Bewegungen Sie ging stets selbst bei sehr
schlechtem und stürmischem Wetter in bloßem Kopfe und ihr schönes und reiches
aschfarbenes Haar das sie in zahllosen Locken fessellos trug umwehte dann
häufig ihr von Engelsgüte strahlendes Gesicht gleich weichen Seidenfittichen
    Dieses Mädchen war Herta deren Name bereits mehrmals in unserer Geschichte
genannt worden ist. Auch jetzt wo sie die Erstlinge des Lenzes gesammelt und
mit geschickter Hand und sinnigem Geschmack in zarte Sträusschen gebunden hatte
wühlte der Morgenwind der scharf und kältend über die Heide fuhr in ihrem
reichen Haarwuchs und verschleierte oft den Glanz ihrer großen rehbraunen Augen
Herta kam von ihrem Morgenspatziergange zurück und ging nach dem Schloss
dessen graue mit Moos Flechten und Epheu überwachsenen alten Mauern mit den
vielen zackigen Zinnen und spitzen Schiefertürmen von der Sonne beleuchtet
recht ehrwürdig auf dem schroffen Granitfelsen dalagen
    Die Zimmer in diesem alten Feudalschlosse waren mehrenteils düster und fast
immer nur von je zwei Fenstern erhellt die sich in turmartigen halbrunden
Vorsprüngen befanden Auch Herta bewohnte eins dieser schmalen langen dunkeln
und hohen Gemächer deren uralte Tapeten von gepresstem Leder mit breiten
Goldleisten verziert diesen Gemächern ein echt mittelalterliches Ansehen gaben
Selbst die Möbeln erinnerten an längst vergangene Tage Sie waren steif und
massenhaft dabei aber von großer Dauerhaftigkeit und mit äußerster Sorgfalt
gearbeitet Alle Stuhllehnen zeigten die wertvollsten Holzschnitzereien und
die Überzüge von ächtem venetianischen Samt waren prachtvoll und tadellos
    Herta war zeitig darauf bedacht gewesen sich ihr Zimmer wohnlich
einzurichten und hatte zu diesem Behufe einen jener erwähnten halbrunden
Turmerker den sie als Arbeitsplatz benutzte in eine reizende Epheulaube
verwandelt die sie mit nie ermüdender Geduld pflegte und in der sie wie eine
Fee in grünem Blätterdämmer saß
    Als das Mädchen von ihrem Spatziergange im Schlossgarten zurück kam stellte
sie das Körbchen auf ihren Arbeitstisch in der Epheulaube nahm eine Buchecker
und rief »Hänschen« Sogleich klirrte ein dünnes Messingkettchen und ihrem
Stuhle gegenüber aus einer Höhle dunkler Epheublätter die eine Öffnung im
Fenster verdeckten guckte das kleine zierliche Köpfchen eines braunen
Eichhörnchens Lächelnd nahm Herta die Buchecker zwischen ihre frischen
schwellenden Lippen und näherte sich dem reinlichen Tierchen das sogleich
gewandt an dem Geäst herabkletterte und das beliebte Futter mit großer
Geschicklichkeit aus dem Munde des jungen Mädchens nahm Während sich Herta noch
an den gewandten Sprüngen dem behenden Entülsen der Eckern und dem komischen
Geknusper des munteren Tierchens ergetzte trat eine Dienerin ein die jung und
hübsch wie ihre Herrin war und überaus saubere Kleider trug
    »Gnädiges Fräulein« sprach das Mädchen »es hat schon zweimal ein junger
Bauer aus dem nächsten Haidedorfe nach Ihnen gefragt Erlauben Sie dass ich ihn
einlasse«
    »Warum sollte ich das nicht erlauben« versetzte Herta heiter und
zutraulich ununterbrochen ihrem Lieblinge neue Bucheckern aus dem Körbchen
reichend und die Schalen die er fallen ließ behend wieder vom Boden auflesend
    »Ich dachte es möge sich nicht schicken« entgegnete das Mädchen »wenn das
gnädige Fräulein mit einem Bauerburschen allein sprechen will«
    »Nun das ist wohl denk ich eine sehr unschuldige Sache« erwiderte Herta
lachend »Wie oft gehe ich allein durch den dichtesten Wald in die Haidedörfer
um die Hütten der Armen und Kranken zu besuchen Da begegnen mir gar oft recht
hässliche Menschen von Ansehen aber wenn ich ihnen offen ins Auge blicke da
ziehen sie sogleich alle ihre Kappen und Mützen und gehen ihres Weges Manche
bleiben freilich auch stehen und sehen mir nach aber es hat mir noch niemals
irgend Jemand ein unschönes Wort gesagt Nun siehst Du Emma da wirds wohl
auch mit dem Bauerburschen nicht gefährlich sein Bist Du aber durchaus der
Meinung es schicke sich nicht dass ich allein höre was er will so bleibe Du
hier Du kannst ja mit anhören was ich ihm sage«
    »Er will Sie aber durchaus allein spreehen«
    »Ja meine gute Emma da hilft kein Widerstreben Ich muss ihn entweder
anhören oder fortschicken und da will ich doch lieber das Erstere tun wenn
auch die Schicklichkeit dieses Schlosses einen kleinen Klaps dabei abkriegen
sollte Das kann ihr gar nichts schaden sie würde nur etwas natürlicher werden
Rufe also in Gottes Namen den Burschen  Aber wart Du bist ja auch eine
Blumenfreundin Da suche Dir eins von diesen Veilchensträusschen aus die ich
heut gebunden habe Nicht wahr sie sind ganz hühsch und wirklich so zart und
duftig als hätten sie die Elfen gepflückt«
    »Ach Sie sind gar so geschickt« sagte Emma und nahm mit dankbarem Knicks
das kleinste der Sträusschen
    »Nicht doch mein Kind Das waren die schlechtesten Überreste Hier das
ist hübsch das duftet wunderlieblich und wart das muss sich an Deiner Brust
gar lieblich ausnehmen«
    Und während Herta so plauderte nahm sie das allerschönste Sträusschen aus
dem Körbchen und befestigte es mit eigenen Händen an Emmas Busen »Sieh wie
das prächtig steht« rief sie vergnügt aus »Guck geschwind mal in den
Spiegel damit Du Dich nicht zu verwundern brauchst wenn Du nächstens ein
ganzes Dutzend Liebeserklärungen bekommst Und nun mach und bringe mir den
Burschen Ich bin doch neugierig was der für ein Anliegen an mich hat Es ist
der erste junge Bursche der mich besucht« setzte sie mit einem Anflug kecker
Laune hinzu »und wenns recht ist so muss er mir Glück bringen Ich will mich
aber auch gleich ein bisschen hübsch machen  So «
    Herta trat vor den Spiegel warf ein paar ihrer weichen vollen Locken über
ihr schelmisches Gesicht und ließ die andern einmal durch heide Hände rollen
dass sie verlängert Nacken und Schultern mit ihrem Glanz verhüllten
    Zögernd verließ Emma das Zimmer Herta nahm Platz in ihrer Epheulaube und
warf dem wieder aus seiner Blätterhöhle klug herausguckenden Eichhörnchen noch
ein paar Bucheckern zu
    Mit vielen linkischen Bücklingen und Kratzfüssen trat der Bauerbursche ein
seine niedrige Pelzmütze verlegen in der Hand drehend
    Herta gegen Jeden auch den Geringsten höflich und zuvorkommend stand auf
und erwiderte den befangenen Gruß des Burschen mit einer Verbeugung und der
zutraulich an ihn gerichteten Frage »Wer bist Du mein Guter und was wünschest
Du von mir Ich höre dass Du mir allein etwas Wichtiges mitteilen willst«
    »Ach ja was sehr Wichtiges gnädiges schönes Fräulein« versetzte der
Bursche der vor Verlegenheit der vornehmen Dame gegenüber nicht wusste was er
sagen sollte
    »Bist Du etwa arm und hast kranke Eltern oder kleinere Geschwister die Du
nicht ernähren kannst« fragte Herta weiter um dem Schüchternen Mut zu machen
    »Ach ja recht sehr arm gnädiges Fräulein«
    »Dann wünschest Du gewiss dass ich Dich unterstützen soll Armer Bursche ich
möchte Dir gern recht viel geben aber meine kleinen Schätze sind ganz
erschöpft Erst nach dem Feste bin ich wieder im Stande « und die Freundin der
Armen schüttete den Rest kleiner Münzen aus ihrer perlengestrickten Börse in
ihre hohle Hand und reichte sie dem Burschen
    »Ach nein das kann ich nicht annehmen gnädiges Fräulein« sagte der
Bursche errötend da er sah dass das schöne Mädchen seine Worte in einem Sinne
auslegte den er ihnen nicht hatte geben wollen »Ich wünschte wohl Ihre
Unterstützung aber das Geld da  o nein  das brauche ich nicht«
    Herta hielt das Häufchen Münze dem Burschen noch immer entgegen »Ja mein
Guter Du sagtest doch eben dass Du sehr arm seist«
    »O das bin ich auch mein schönstes allergnädigstes Fräulein und recht
unglücklich dazu Und wenn sie mich nur anhören wollen und nicht böse werden
wenn ich ungehörige Dinge sage so werden Sies gleich sehen wie gar grausam
unglücklich ich bin«
    »Armer Junge« sagte Herta mitleidig »Nun fasse Dich nur und erzähle was
ich wissen muss dann will ich gern stehts in meiner Macht Dir helfen«
    »Ach sehen Sie mein gutes gnädiges Fräulein« fuhr der Bursche durch
Hertas sanfte und teilnehmende Worte aufgemuntert fort »ich heiße Klemens
eigentlich Klemens Ehrhold und bin von drüben her aus dem Gehege wo mein Vater
ein Bauergut hat und sich redlich plagt um das liebe Brod zu verdienen Und da
hat mein Vater einen Stiefbruder der ein paar Jahr älter ist und aus der Heide
stammt und der heißt Jan Sloboda tröst ihn Gott Ja und sehn Sie gnädiges
Fräulein im Winter da halten wir doch die Spinte wie Sie wissen werden damit
die jungen Mädchen ihren Flachs aufspinnen den sie im vergangenen Jahre
geärndtet geröstet gebrochen und gehechelt haben und wir Burschen wir
besuchen die Spinnerinnen manchmal und da machen wir einen Spaß zusammen so
gut arme Leute es können  Und da war des Sloboda seine Tochter das
Haideröschen auch da weil sie beim Vater die Wirtschaft lernen sollte Ew
Gnaden  denn mein Vater o das ist ein Hauptwirt im Gefilde  Nun sehen Sie
gnädiges Fräulein Haideröschen ist sehr hübsch fast so hübsch wie Sie bitt
um Verzeihung und auch jung ist sie und wie aus Rosen und Schnee
zusammengebosselt Und da hat sie dem gnädigen Herrn gefallen aber er gefiel
ihr nicht und weil sie nicht auf seine schönen Worte hörte da hat er sie
entführt vom Todtensteine Nachher aber ist sie ihm entsprungen mit Hilfe des
Maulwurffängers den Ew Gnaden gewiss auch kennen und lebt wieder bei ihrem
Vater Und da hätt ich nun die grausam große Bitte an Sie dass Sie das arme
Ding zu sich nähmen damit sie der böse Herr nicht wieder fortschleppen kann
denn sie gehört zu den hiesigen Untertanen EwGnaden«
    Aufmerksam zuweilen lächelnd über den etwas verworrenen und drolligen
Vortrag des Burschen hatte ihn Herta angehört jetzt versetzte sie »Das ist ja
eine ganze Geschichte und noch dazu eine recht böse Geschichte mein Guter Eine
Entführung Pfui Wie heißt denn der Bösewicht«
    »Wir heißen ihn ins Gemein nur Blauhut von wegen seiner Filzkappe aber
eigentlich heißt er Graf Magnus«
    »Wie« sagte Herta und stand auf »mein Vetter Magnus hätte eine solche
Freveltat begangen an einem armen schuldlosen Mädchen«
    »Der liebe Gott muss den gnädigen Herrn Grafen wohl auch im Zorn zu des
gnädigen Fräulein Vetter gemacht haben« versetzte Klemens »aber meine Muhme
hat er entführt obwohls nicht seine Untertanin ist«
    »Du bist ihr gewiss recht gut« sagte Herta den Burschen schlau ansehend
    »Ach ja gnädiges Fräulein ich bin ihr gut das kann ich wohl sagen und
Haideröschen hat auch nichts dawider und wenn nichts drein kommt und es ist
alles auf Pfarre und Hofe wegen der Dispensation in Richtigkeit gebracht so
wollen wir uns auf den Herbst heiraten Aber nun fürcht ich wird der Herr
Graf seine Einwilligung dazu nicht geben wenn das gnädige Fräulein nicht etwa
ein gutes Wort bei ihm einlegen und ihm die Sache vorstellen wollte Denn es
heißt überall dass Ew Gnaden mit dem unbändigen Grafen machen könnten was Sie
wollten«
    »Da schreibt man mir eine Macht zu die ich leider nicht besitze guter
Klemens« erwiderte Herta traurig den Kopf schüttelnd »Mein Vetter hat einen
gar unbeugsamen Willen den nicht einmal sein eigener Vater immer leiten kann
wie er es wünscht Indes glaube ich wohl dass stelle ich ihm die Sache in einer
glücklichen Stunde recht dringend vor er Deinem Glück nichts in den Weg legen
wird«
    »Ach Sie sind so gut als schön gnädiges Fräulein« fiel Klemens ein vor
Freude einen Blick innigster Dankbarkeit auf das junge Mädchen werfend »Aber
ehe es dahin kommt wird der Herr Graf Haideröschen wieder abholen und sie zum
Dienst zwingen wollen und dann «
    »Nun Du stockst Sage grade heraus was Du meinst«
    »Ja sehen Ew Gnaden wenn er das beabsichtigen sollte dann fürchte ich
gibt es Mord und Todtschlag Denn was wendisches Blut in den Adern hat das wird
dann zuschlagen und wahrhaftig gnädiges Fräulein Sie dürfen mir das nicht übel
nehmen aber ich werde gewiss nicht der Letzte sein«
    »Wills Gott soll das verhütet werden guter Klemens« erwiderte Herta
»Ich zähle mich auch halb und halb mit unter die Wenden obwohl ich meine guten
Eltern nie gekannt habe und da verlangt es schon die Stammverwandtschaft dass
ich mich Deiner und Deiner Geliebten annehme Ich kann es Dir zwar nicht
bestimmt versprechen guter Bursche dass Haideröschen hier auf dem Schloss eine
Zuflucht finden wird denn von mir hängt das nicht ab Ich bin selbst nur Gast
wenn ich auch für das Kind des Hauses gelte Mein Wort jedoch gilt etwas beim
alten Grafen und diesen werde ich von Deinem Anliegen in Kenntnis setzen Komm
morgen um diese Zeit wieder und hole Dir Antwort Adieu auf Wiedersehen«
    Herta reichte dem Burschen ihre kleine weiße Hand die Klemens schüchtern
und voll Ehrfurcht küsste Als er sich mit vielen Kratzfüssen wieder entfernen
wollte rief ihn Herta nochmals zurück
    »Sage mir doch Klemens« sprach sie »ob Du Haideröschen heut noch siehst«
    »Ei Jeses freilich« erwiderte der Bursche »Ich werde nicht schlecht
laufen wenn ich nur erst über das breite Wasser da unten bin Die Wege durch
die Heide kenne ich aus Wurzeln Dornen und Disteln mache ich mir nichts und
wenn ich durch Dick und Dünn immer grad aus wie ein herrschaftliches
Kutschpferd renne da ermach ichs in knappen zwei Stunden Hussah das liebe
kleine Ding wird nicht schlecht springen wenn sie hört dass Ew Gnaden so
liebreich mit mir gesprochen haben«
    »Haideröschen klingt so zartsinnig« versetzte Herta »dass ich mir einbilde
Deine Geliebte müsse eine Freundin zarter und duftiger Blumen sein Grüße sie
denn von mir als eine Schwester und bringe ihr dies Veilchensträusschen Ich habe
die lieben Blümchen selbst gepflückt und gebunden denn ich habe sie gar zu
gern«
    »Ach gnädiges Fräulein so viel Güte« sagte Klemens vor Staunen über so
ungewohnte Herablassung ganz versteinert
    »Lass das und geh jetzt Morgen früh vergiss nicht Dir Antwort zu holen«
    Klemens ging Herta aber sprang vergnügt ein paar Mal in die Höhe schlug
jubelnd die kleinen Händchen zusammen und sprach dann mit glücklichem Lächeln
in den schönen Augen den Kopf em wenig niederwärts beugend und langsam das
Zimmer aufund abgehend »Das ist heut der zweite Mensch den ich durch eine
unbedeutende Kleinigkeit glücklich gemacht habe Erst freute sich Emma weil ich
sie eigenhändig schmückte und ihre Reize pries und nun jubelt dieser gute
ehrliche Bursche über ein paar wertlose Blümchen die ich ihm absichtslos
reiche Gewiss teilt Haideröschen seine Freude und hebt die Blümchen auf wie
einen teuer erkauften Schatz  Ach wie süß und angenehm ist es wohlzutun
Freuden und Segen überall auszustreuen ohne damit zu prahlen Ich möchte wohl
die Wunderkräfte besitzen von denen uns alte Märchen erzählen Dann erhöbe ich
mich des Nachts von meinem Lager verwandelte mich in eine Taube einen
Schmetterling oder in was es mir gerade beliebte und flöge auf den Strahlen des
Mondes und der Sterne überall hin wo Armut Kummer Elend und Schmerz nach
Rettung Trost und Heilung seufzen Müsste das ein seliges Leben sein«
    Herta blieb stehen und richtete ihr nur mit feinem blassroten Duft
überhauchtes Gesicht empor die großen braunen Augen ernst auf den blauen Damm
der Heide heftend den man in meilenweiter Ausdehnung aus dem Fenster übersehen
konnte Ein paar kleine Wölkchen wurden zwischen den Augenbrauen über ihrer
feinen ganz wenig gebogenen Nase sichtbar
    »Magnus« fuhr sie nachdenklich fort und an dem Zittern des durchsichtigen
feinen Stoffes über dem Busen sah man dass ihr Herz heftiger schlug »Wie oft
wenn er hier war hat er mir beteuert dass er nur mich liebe dass ich allein
ihn glücklich machen könne und dass er elend würde wenn ich auf meiner Weigerung
bestände Ich traute seinen Versicherungen und Schwüren nie denn es liegt eine
Wolke in seinen schwarzen Augen die verderbliche Blitze birgt Er ist ein
schöner ein interessanter ein gebildeter Mann und doch kann ich ihn nicht
lieben nicht einmal gern um mich dulden  Es ging mir von jeher wie es diesem
wendischen Mädchen jetzt geht Armes Kind  Sie schützt kein mächtiger
zürnender Vater sie gehört sich nicht einmal selbst Er kann und wird sie
zermalmen wenn er es vermag denn Verzeihung glaub ich ist dem Herzen dieses
unbändigen heuchlerischen Menschen unbekannt  Eben darum muss ich ihr die Hand
reichen muss ich sie retten und es wird mir gelingen wenn ich meinem gütigen
Beschützer den Vorfall mit einiger Ausführlichkeit mitteile«
    Nachdem Herta in solcher Weise für Haideröschen in die Schranken zu treten
fest bei sich beschlossen hatte ging sie wieder in ihre dämmernde Epheulaube
durch welche jetzt ein paar schräge Sonnenstrahlen fielen Hier nahm das junge
Mädchen eine feine Perlenstickerei in die Hand schlug ein sauber gebundenes
Buch auf und legte es vor sich auf ein Lesepult Die Hände fleißig rührend warf
sie häufige Blicke in das Buch dessen Inhalt sie zwar langsam aber mit desto
mehr Nachdenken durchlas Nicht selten nahm sie auch einen Silberstift zur Hand
und unterstrich einzelne Zeilen die ihr vorzugsweise gefielen
    Dieses Buch war der eben erschienene Don Karlos von Schiller der sich
bereits bis in dies abgelegene Schloss der Heide verirrt hatte Herta liebte
diese eine neue Religion eine neue Weltordnung predigende Dichtung mit aller
Glut und Begeisterung eines für das ewige Recht für Menschenwürde und Freiheit
schwärmenden Herzens und je häufiger sie täglich sehen musste wie wenig
Hoffnung vorhanden war die Ideale zu verwirklichen an denen der Dichter in
seinen heiligen Träumen hing desto mehr vertiefte sie sich in die berauschenden
Worte in die hinreichende Gedankenfülle der Dichtung und gelobte sich in der
Unschuld ihres Herzens das Ihrige mit beizutragen um der Menschheit jenes
allgemeine Recht jene ächte und wahre Freiheit mit erringen zu helfen die
Marquis Posa von Don Philipp fordert 
 
                                Zweites Kapitel
                                 Am Teetisch
Wenn Herta ihrem reichen Verwandten ein Anliegen von Wichtigkeit vorzutragen
hatte verschob sie dies immer bis zum Abend Die Teestunde war die günstigste
Zeit für dergleichen Eröffnungen Dann hatte Graf Erasmus obwohl immer mild
zuvorkommend und billigen Wünschen geneigt seine rosenfarbigste Laune Er hörte
dann häufig bloß mit seinem menschenfreundlichen Herzen und schob die kalte
verständige Überlegung sanft bei Seite Um diese Zeit hatte er dem jungen
Mädchen das er zärtlich liebte noch nie etwas abgeschlagen und deshalb sparte
sie die Mitteilung ihrer Neuigkeit bis zu dieser glückverheissenden Stunde auf
Ein herrschsüchtiges intriguantes und politisch kluges Mädchen würde an Hertas
Stelle diese Macht schlau benutzt haben um den alternden Grafen sich
untertänig zu machen Herta dachte nicht daran Sie war zu ehrlich um von den
guten Schwächen Anderer Vorteil zu ziehen und außerdem auch zu sehr von
Dankbarkeit gegen das gräfliche Haus durchdrungen als dass sie irgend etwas
gegen dasselbe hätte unternehmen mögen das sie vor ihrem Gewissen nicht
unbedingt gut heißen konnte Sie wusste dass sie zur Familie des Grafen gehöre
allein ihre Armut und der edle Schutz den ihr Erasmus anfangs in einer
Pension später in seinem eigenen Schloss gewährt hatte machten sie
bescheiden Sie war eine Waise gewesen von Jugend auf hatte weder Vater noch
Mutter gekannt und wusste nur dass die Letztere eine Schwester von Erasmus
gewesen sei Mehr hatte sie von ihren Eltern nicht erfahren und den Grafen
ihren gütigen Oheim wagte sie nicht zu fragen weil er ihr mit mildem Ernst
bestimmt erklärt hatte dass ihr mehr zu wissen jetzt nicht fromme dass sie aber
vollkommenere Kunde über ihre verstorbenen Eltern erhalten solle sobald sie
verheiratet sein werde In einsamen Stunden wenn sie dieser Rede gedachte
ertappte sich die liebe Unschuld wohl zuweilen auf dem Wunsche dass diese Zeit
nicht mehr fern sein möge und dann errötete ihr feines Gesicht und das Herz
klopfte ihr vor Neugier und verschämter Sehnsucht Manchmal aber konnte sie auch
recht schwere Seufzer nicht unterdrücken denn es bangte ihr dass sie von denen
die sie in anbetender Liebe still verehrte gewiss recht viel Trauriges wo nicht
gar Entsetzliches erfahren werde
    Graf Erasmus litt am Podagra Zu seiner Bequemlichkeit ward daher der Tee
in seinem Zimmer servirt Dies war ein hohes dunkles altertümliches Gemach
feudalistisch grau wie das ganze Schloss und mit gemalten Tapeten
ausgeschlagen die idyllische Schäferscenen darstellten Es hatte wie Hertas
Wohnzimmer nur zwei mehr hohe als breite Bogenfenster Möbeln von hohem Alter
und neuerer Erfindung standen in bunter Mischung umher Neben dem großen Kamin
dessen Flamme nicht wie heut zu Tage mit Steinkohlen sondern mit Holzkloben
genährt wurde erhob sich noch ein hoher und breiter Ofen von sehr veralteter
Fassung Sein Inneres konnte bequem eine Viertelklafter Holz fassen Er bestand
aus dunkelgrünen Kacheln in Wolkenform aus denen geflügelte Engelsköpfchen
sahen Um stets eine gleichmäßige Temperatur im Zimmer zu erhalten ließ Graf
Erasmus Kamin und Ofen zugleich heizen schob dann zwischen heide seinen
bequemen Lehnstuhl legte die schmerzenden Füße auf weiche Polster und brachte
so namentlich die Abendstunden in ruhiger Behaglichkeit unter Gesprächen mit
den Seinigen zu
    Erasmus war ein Mann von einigen sechzig Jahren mit edlen vornehmen Zügen
Die Zeit der er angehörte und die Gewohnheiten mit denen er von Jugend auf
vertraut geworden hatten ihn zu einem entschiedenen Aristokraten im bessern
Sinne des Wortes erzogen Er hielt den Adel für eine Menschenrace die
himmelweit verschieden sei von dem gemeinen Volk Dass beide Kinder des Adels
wie des Volkes gleiche Anlagen gleiche geistige Befähigung und deshalb gleiche
Rechte hätten das bestritt er aufs Heftigste und wer ihn sich gewinnen wollte
durfte diesen Punkt nicht berühren Es ging sogar die Sage dass er in seiner
Jugend mehr als einmal in Folge dieser Ansicht unbillige Handlungen verübt habe
dabei aber ließ er dem Volke worunter er immer Untertanen verstand insofern
Gerechtigkeit wiederfahren als er zugab dass es zu sehr vielen Dingen nützlich
sei dass man es pflegen schonen und mit Liebe behandeln müsse weil sonst kein
Staat bestehen könne und alle Herrschaft aufhöre Nach diesen Grundsätzen
behandelte Erasmus seine eigenen Untertanen die ihn deshalb liebten und
ehrten
    Die Bildung des Grafen war eine durchaus französische Er hatte mehrere
Jahre in Paris gelebt und dort die Gesinnungen der vornehmen Welt sich zu eigen
gemacht wie sie unter der lockern entsittlichenden Regierung Ludwigs XV sich
ausbildeten
    Dies könnte unserm Schützling in den Augen der Leser nicht eben sehr zur
Empfehlung dienen hätten wir nicht hinzuzufügen dass Graf Erasmus nur die
geschmeidige Feinheit im Umgangstone das sarkastischwitzige Element bei
geistiger Unterhaltung die frivole aber aufrüttelnde französische Philosophie
damaliger Zeit mit einem Worte das feine Arom der französischen Bildung mit all
seinen Mängeln sich zugeeignet das FrechUnsittliche aber das gleissnerisch
anlockend mit diesem geistigen Rausche sich verschwisterte als strenger
Deutscher von jeher verachtet hatte So kam er als vollendeter Weltmann aus
Paris zurück der eleganten Formen mächtig aber im Innern voll fester und
ehrenwerter Grundsätze Der Anblick der kokettirenden Lasterhaftigkeit womit
der französische Adel prunkte hatte ihn zurückgeschreckt und zu der
Überzeugung hingetrieben dass bei solchem Leben in kurzer Frist das ganze Reich
bedroht und in seinen Grundfesten erschüttert werden müsse
    Weil Erasmus im Spiegel des Schlechten das Gute erkannt hatte gab er sich
Mühe auf seiner Herrschaft danach zu streben Er verbesserte so weit es sich
mit seinen Ansichten vertrug die Lage seiner Untertanen Er sah darauf dass
seine Vögte Menschen von gutem Herzen waren die seine Leibeigenen nicht
unnötig quälten Hatte Jemand ein Anliegen so hörte ihn der Graf ruhig an und
half wo er konnte oder Hilfe nötig erachtete Er verringerte sogar aus eigenem
Antriebe die Zahl der Hofetage um durch größere Freigebung der Bauern eine
Verbesserung seines Besjetztumes zu erzielen Und Erasmus hatte nicht falsch
gerechnet Die Untertanen hingen ihm an taten ihm manche Handleistung
freiwillig wurden wohlhabender hielten bessere Aerndten und konnten ihm in
Folge derselben auch die Abgaben pünktlicher zahlen
    Ganz auders dachte seine Gemahlin Utta aus einem stolzen hannöverschen
Adelsgeschlecht Sie war was Eleganz Form äußern Bildungsfirniss anlangt
vollkommen das Ebenbild von Erasmus aber sie verachtete ja hasste sogar den
gemeinen Mann War sie genötigt mit irgend Jemand aus dem Volke zu sprechen
so wehte sie sich immer mit ihrem Fächer Luft zu damit der unedle Atem des
armen Proletariers ihre hochgräfliche exclusive Nase nicht mit seinem
ungebildeten Duft entweihe Sogar in Gegenwart ihrer Dienstboten hatte sie diese
noble Passion beibehalten obwohl sie jeden Diener ein wahres Purgatorium
durchmachen ließ ehe sie ihn würdig fand ihr zu nahen Gräfin Utta würde es
jedenfalls vermieden haben sich mit Leuten aus dem Volke zu umgeben hätte es
sich nur schicken wollen Adelige zu so erniedrigenden Diensten zu gebrauchen
Daher bedauerte sie auch häufig die unvollkommene Einrichtung der Welt die
nicht eine eigene Dienerkaste hatte erfinden und begründen können welche
zwischen dem rohen Haufen und dem adlig Gebornen mitten inne stehe diesem
allein aber seine unbefleckte Hand zu dienender Huldigung darreiche
    Diese Frau eine kühle hohe Schönheit deren Spuren selbst das Alter der
Matrone noch nicht gänzlich verwischen konnte war Magnus Mutter Unter ihrer
Aufsicht wurde der stolze trotzige begabte Knabe erzogen Ihm lehrte sie
täglich den Katechismus der unverfälschten Aristokratie fragte ihm denselben ab
und überschüttete ihn mit Liebkosungen wenn er gut bestand Erasmus billigte
eine solche Kindererziehung zwar nicht er hatte aber auch nicht hinreichende
Zeit und noch weniger Geduld ihr entschieden entgegen zu treten So begnügte er
sich mit spöttischem Lächeln und gelegentlichen Bemerkungen die jedoch Gräfin
Utta unbeachtet an sich vorüberrauschen ließ Konnte man da verlangen dass
Magnus mit seinem angeborenen Sinn zum Herrschen mit seiner heftigen
Sinnlichkeit mit dem sorgsam gepflegten Hange den unbeschränkten Tyrannen zu
spielen ein Anderer werden sollte als wie wir ihn bereits kennen gelernt
haben Immer fand er eine bereitwillige Fürsprecherin in seiner Mutter wenn er
als Knabe die Herrscherwillkür zu weit getrieben hatte und deshalb Klagen bei
seinem Vater einliefen Ein Verweis bald mehr bald minder streng war die
einzige Art der Bestrafung die Magnus kennen lernte Diesen nahm er mit der von
seinem Vater streng geforderten Ergebung hin um sich unmittelbar darauf von der
zärtlichen Mutter seiner Selbstbeherrschung und anmutigen Sitte wegen loben und
in seinen Torheiten bestärken zu hören
    Nach Entwerfung dieser Silhouetten bitten wir den Leser uns in das Zimmer
des Grafen Erasmus zu begleiten Der Graf saß in seinem auf Rollen ruhenden
Lehnstuhle zwischen Kamin und Ofen Ein mit Zobelpelz verbrämter Schlafrock von
feinstem Stoff umhüllte ihn Den edel geformten wohl frisirten Kopf hatte er
auf die rechte Hand gestützt So hörte er mit feinem Lächeln einem Gespräche
seiner Gattin zu das diese in dem Augenblick abbrach wo Herta mit dem
Bedienten eintrat der ein Teeservice von kostbarem meissener Porzellan in
chinesischem Geschmack trug
    Das junge Mädchen grüßte Oheim und Tante mit schalkhafter Vertraulichkeit
und machte sich sodann auf der Seite des Kamins Platz nehmend mit Einschenken
des Tees zu schaffen dessen Bereitung die Gräfin ihr stets überließ
Seltsamerweise liebte die schroffe Aristokratin ihre Nichte über alle Massen
obwohl sie mit ziemlicher Bestimmtheit wusste dass Herta ganz andern Ideen
nachhing als sie Die unverkennbare Herzensgüte des jungen Mädchens verbunden
mit dankbarer Hingabe an ihr Haus und die natürliche schwebende Grazie die das
junge Geschöpf mit weit mehr Reiz umgab als die kunst und erziehungsgerechteste
Tournüre je um sich verbreitet gewann der schönen Nichte ihr Herz und ließ sie
kleine Flecken die sonst in ihrem Auge entstellenden Fehlern ja
verachtungswürdigen Verbrechen geglichen haben würden übersehen
    »Nun meine Liebe« sprach Erasmus als ihm Herta die erste Tasse Tee mit
freundlichem Lächeln reichte »worüber hast Du heut so lange nachgedacht dass
der reine Himmel Deiner Stirn mit leichten Wolken umschleiert ist«
    Herta schlug hastig die tiefen großen Augen auf und ein sanftes Rot
überrieselte ihre Wangen
    »Bin ich so ernst« fragte sie schüchtern
    »Nachdenkend mit Wünschen und Ideen Dich tragend wie ich es gern habe
doch wär es mir noch lieber wenn ich Dich immer frei und froh erblickte Deine
Jugend will ich nicht von dem kleinsten Schatten getrübt wissen«
    »Da musst Du die Sonne auslöschen« versetzte Herta schalkhaft »denn das
liebe warme Himmelslicht hat mir schon manchen Schatten in mein Zimmer geschickt
und mich gar arg verfinstert«
    Erasmus schlürfte bedächtig den Tee und ließ dabei mehrmals sein Auge auf
dem Mädchen ruhen das darüber beunruhigt niederblickte »Deine scherzhafte
Antwort kann mich doch nicht täuschen« sagte er nach einigem Zögern »Du bist
nicht meine klare seelenstille Herta Du bist aufgeregt«
    »Ach ja das bin ich auch Onkel aber von weiter nichts als der Lektüre«
    »Was lasest Du« fragte schneidend scharf die Gräfin
    »Ein deutsches Buch« erwiderte kaum halblaut das junge Mädchen
    »Herta« versetzte die Gräfin ruhig aber in befehlendem Tone »ich habe
Dich schon so häufig ermahnt diese rohe unzarte und alle ächte Bildung
zerstörende Lektüre aufzugeben aber es scheint nicht dass meine mütterlichen
Warnungen etwas bei Dir fruchten Wie hab ich solchen Undank verdient Fehlt es
Dir etwa an bildender Unterhaltung Die gesammte Bibliothek steht Dir zu Gebote
Du brauchst mir Deine Wünsche nur zu nennen Altes und Neues ist reichlich
vorhanden alle Schriften der geistreichsten französischen Autoren denen
gebildete Geister allein Geschmack abgewinnen können und dürfen öffnen sich
Dir Warum also diese Abweichung vom Wege der Pflicht und guten Sitte Warum
diese abscheuliche Vorliebe für unsere neuesten plumpen deutschen
Schriftsteller denen ich kaum diesen Namen zugestehen möchte Es ist nicht
einer darunter der wahrhafte Lebensart besitzt Sie lieben alle den Verkehr mit
dem Pöbel und incanaillisiren sich durch so entwürdigenden Umgang Ja habe ich
doch sogar von einer Freundin hören müssen dass mehrere dieser Menschen von
denen der ungebildete Haufe jetzt so großes Geschrei macht sich zuweilen
betrinken Fi donc Sich betrinken wie unsere wendischen Holzbauern  Das
allein verdirbt mir allen Geschmack macht dass ich jedem Buche so roher
Menschen den Zutritt in mein reines Zimmer verwehre und entielte es selbst
entzückende Dinge Nur der Mann der Gesellschaft der feinen Lebensart kann
Werke schreiben die uns fesseln und gefallen  Was lasest Du«
    Herta warf einen fragenden Blick auf den Grafen der mit stillem Lächeln
dieser Strafrede seiner Gattin zugehört hatte Erasmus verstand seinen Liebling
und sagte mit leichtem Augenblinken das Herta Unterstützung verhieß »Ja
Liebe das möchte ich auch wissen«
    Das Mädchen senkte wieder die Blicke und während sie Wasser in die
Teekanne goss was eigentlich ein Eingriff in die Rechte der Gräfin war
erwiderte sie »Es war das neue Trauerspiel von Schiller von dem die Zeitungen
so viel sprachen Don Karlos Infant von Spanien hat es der Dichter genannt«
    »Von Schiller« fiel die Gräfin ein »Ist das nicht der aufrührerische
Taugenichts der heimlich seinem gnädigen Herrn entlaufen ist und das
abscheuliche schwülstige der lästerlichsten Gedanken volle Buch Die Räuber
geschrieben hat Ein sauberer Mensch dieser Schiller Die Polizei sollte auf
ihn fahnden und ihn in lebenslänglichen Arrest bringen um alle Unschuldigen vor
seiner Verführung zu schützen Hat er es ja doch schon so weit gebracht mit
seinen hochverräterischen und aufrührerischen Schriften dass die Schuljugend
zusammengelaufen ist und seine höllischen Phantasien aufs wirkliche Leben hat
anwenden wollen Grade dieser Mensch ist mir unter allen deutschen Autoren der
verächtlichste der boshafteste und der Hass aller Gutgesinnten wird ihn
verfolgen Und dieser Mensch wagt es seine unsaubern plebejischen Hände zu
einem Infanten von Spanien zu einem Königssohn zu erheben«
    Es war dies ein Thema bei welchem die Gräfin immer sehr beredt wurde und
nicht selten in etwas unaristokratischen Zorn geriet Wenn Erasmus einen
Ausbruch dieser Art bemerkte fing er an zu husten was ein sicheres Zeichen
seiner Unzufriedenheit war Dann mäßigte sich seine Gemahlin weil sie es für
entschieden roh hielt auch nur die Ahnung an einen Streit mit ihrem Gatten in
Andern aufkommen zu lassen Auch jetzt hustete Erasmus da er sah dass Herta von
den Worten ihrer Pflegemutter in tiefstem Herzen verwundet wurde Utta brach
ihre Rede sogleich ab und reichte dem Grafen einen Teller fein geschnittener
Brödchen als wolle sie ihm den Mund damit stopfen
    Erasmus dankte verbindlich drehte spielend seine goldene Tabatière zwischen
dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand und sprach zu Herta
    »Teile ich auch nicht vollkommen die Entrüstung meiner Frau über Deine
Lektüre mein gutes Kind so gestehe ich doch dass ich ebenfalls keinen Gefallen
an Deiner sonderbaren Wahl finde Ich gebe zu dass die neueren deutschen Poeten
gebildeter feiner und geistreicher sind als ihre Vorgänger allein Geschmack
jener unbeschreibliche Duft der uns aus jedem französischen Geistesproduct
entgegenweht dieser fehlt ihnen noch gänzlich Sie wollen durch Kraft und
Ungeheuerlichkeit die mangelnde Eleganz der Form ersetzen welche einzig und
allein nur dem Witz und freien Spiel des Geistes erreichbar ist Sie besitzen
mit einem Worte keinen Esprit Auch werden sie es nie dazu bringen weil unsere
Sprache zu schwerfällig ist und sich nie die leichte Geschmeidigkeit der
französischen Sprache aneignen kann Doch billige ich es dass man auf diese
Bewegungen in der deutschen Literatur achtet und Teil daran nimmt soweit es
sich mit guter Gesellschaft verträgt Nur sei man vorsichtig dabei Man wisse zu
sondern und lasse sich nicht von Leidenschaft und Vorurteil leiten Wir haben
bereits recht geschmackvolle und feinsinnige deutsche Schriftsteller mit deren
Werken ich mich selbst einigermaßen beschäftigt habe Wieland Herder Goethe
haben recht liebe Sachen geschrieben Einige ihrer Schriften würde ich Dir wenn
Du deutsche Bücher so sehr liebst empfehlen Allein gegen diesen Schiller habe
ich meine Bedenken Er ist ein entschiedener Revolutionär gefahrvoll für die
Jugend gefahrvoll für das ungebildete Volk Er redet Ideen das Wort die
griffen sie Platz im Leben unsere ganze Existenz bedrohten Namentlich richtet
er seine ich gebe es zu furchtbaren Schwertiebe gegen die höchsten Stände und
schon deshalb müssen wir ihn ignoriren Ignoriren ist eine höchst empfindliche
Strafe die mehr wirkt als Lärm  Dies meine Meinung liebes Herzchen und nun
sage mir weshalb Du von der Lektüre so nachdenkend gestimmt worden bist«
    »Erlasse mir dies guter Onkel« versetzte Herta »Ich müsste die herrlichen
Worte die königlichen Gedanken welche alle Menschen ja die ganze Welt mit
gleicher Liebe umfassen auswendig wissen wenn ich Dir ein nur schwaches Bild
von dem Gemälde entwerfen wollte das jeden Guten entzücken muss Nein Oheim
lies es selbst das Buch Lies es ohne Vorurteil in völlig reiner
Geistesstimmung und dann sage mir unumwunden was Du davon hältst Verurteilst
Du meinen Schützling so verspreche ich Dir meine Hand von ihm abzuziehen«
    »Brav mein Mädchen« sagte Erasmus zog die schlanke Gestalt an sich und
küsste sie auf die im Feuer der Begeisterung leuchtende Wange »Du hast Recht
man muss prüfen ehe man urteilt oder gar verdammt«
    »Aber sage mir doch kleiner Schalk« warf die Gräfin ein gewaltsam ihren
Verdruss über die Milde und Nachgibigkeit ihres Gemahls niederkämpfend »wie bist
Du denn zu diesen aufregenden Büchern gekommen«
    Herta presste feurig die Hand der Tante an ihre schwellenden Lippen »Nicht
zürnen beste Tante« sagte sie so hold bittend mit so engelsanftem Blick der
großen schönen Augen dass Weigerung nicht möglich war Die Gräfin gewährte die
Bitte durch gnädiges Kopfnicken
    »Also« fuhr Herta munter und treuherzig fort »so hört mich denn Einige
Meilen von hier gegen die Berge hin wohnt ein wunderlicher aber herzensguter
Mann der sich durch Unterricht der Dorfkinder kümmerlich genug sein Brod
erwirbt Er ist Schulmeister und heißt Gregor Wenigstens kennt ihn Groß und
Klein unter diesem Namen Ich halte den guten Mann nicht eben für sehr gelehrt
dazu ist er zu steif und unbeweglich auch mag er wohl nicht viel Zeit zum
Studiren übrig behalten aber für Besorgung des geringsten Auftrages den man
ihm gibt lässt sich Keiner bereitwilliger finden«
    »Bauernschulmeister« bemerkte hier die Gräfin und wehte sich mit dem
aufgeschlagenen Fächer Luft zu
    »Dorfschulmeister« verbesserte Herta etwas boshaft
    »Nun siehst Du dieser ganz prächtige Mann ist ein leidenschaftlicher
Bienenvater und als solcher sehr geübt und gesucht Schon im vorigen Jahre sah
ich ihn mehrmals in der Gegend beschäftigt ausgeflogene Schwärme einfangen und
die Bauern in der Kunst der Bienenzucht unterrichten Bei seiner Wortkargheit
macht er sich dabei recht drollig Nun Ihr wisst ja meine besten Herzensältern
dass ich ein klein wenig neugierig bin und mein Näschen überall hinstecke So
fragte ich also den Schulmeister Gregor eines Tages wo ich ihn wieder mit
seiner Arbeit die Drahtmaske vor dem Gesicht beschäftigt sah was Alles dazu
gehöre ein tüchtiger Bienenvater zu werden Darüber erschrak der gute Mann so
furchtbar dass er den Räucherkrug fallen ließ und beinahe den Bienenkorb noch
obendrein umgestossen hätte Er stotterte verbeugte sich unbeschreiblich komisch
und sagte nach mehrmaligem fruchtlosen Ansatz zum Sprechen weiter nichts als« 
»ganz natürlich«
    Erasmus lachte recht herzlich über den erschrockenen Schulmeister und auch
die Gräfin erlaubte sich eine lächelnde Miene zu ziehen und die Erzählung ihrer
neugierigen Nichte spaßhaft zu finden
    »Nach und nach ward mein Mann etwas dreister« fuhr Herta fort »und durch
langes und vieles Fragen bekam ich doch einen Begriff von der Bienenzucht Es
ist aber keine Beschäftigung für Mädchen und Frauen darum will ich den Bienen
ihre Geheimnisse lassen und mich mit den Früchten ihres Sammelfleisses begnügen
Schon wollte ich dem guten Schulmeister für seine Belehrung danken als er mich
beim Saum des Aermels ergriff «
    »Fi donc« rief die Gräfin entrüstet und schob ihren Stuhl um einen halben
Schritt vom Teetisch zurück »Ein Dorfschulmeister hat den Ärmel Deines
Kleides angefasst« Der Fächer geriet dabei wieder in sehr lebhafte Bewegung
    »Beruhige Dich meine Liebe« sagte der Graf sarkastisch »er hat ihn
angefasst und das mag uns trösten«
    »Ja« fuhr Herta fort »er fasste mich am Ärmel und sagte in langen Pausen
Engel hehrer süßer Engel  ganz Natur  Wollen Sie vielleicht ein Buch über
Bienenzucht lesen so kann ich Ihnen ein vortreffliches leihen natürlich
Dieses Anerbieten rührte mich ich dankte ihm aufrichtig und fragte dabei weil
es mir gerade einfiel ob er mir vielleicht irgend ein anderes Buch besorgen
könnte  Ganz Natur gab er zur Antwort mit einer Würde als habe er über ein
mächtiges Königreich zu gebieten Sie dürfen nur wünschen Engel in
Menschengestalt und es soll geschehen wenn es meine Kräfte nicht
überschreitet natürlich Natur  Da nannte ich ihm denn einige Werke nach
denen ich lüstern war und mein braver Gregor hat mir pünktlich Wort gehalten
So kamen wie Frühlingsvögel die den warmen Sommer verkünden zugleich mit den
Lerchen ein paar Bände von Schiller Novalis und Bürger so flog auch Don Karlos
in mein stilles grünes Blätterboskett und ich sage Euch dass sie mich alle
recht glücklich gemacht haben weit glücklicher als Eure vielgepriesenen
steifen und unwahren Franzosen Und nun rufe ich mit meinem lieben Schulmeister
natürlich Natur«
    Herta unterließ nicht nach diesem Geständnis sowohl Oheim wie Tante
ehrfurchtsvoll die Hand zu küssen gleichsam als bitte sie ihrer Kühnheit wegen
um Verzeihung Die Gräfin war auch sichtbar aufgebracht weil sie aber dem
Mädchen ihr Wort gegeben hatte nicht zürnen zu wollen so hüllte sie sich in
den undurchdringlichen Panzer ihrer aristokratischen Abgeschlossenheit
spreitete den Fächer aus und wehte sich immer von Hertas Seite her frische Luft
zu Die harmlose Erzählung musste ihr erstaunlich auf die Brust gefallen sein
    Erasmus klopfte Herta auf die vor Schaam und Furcht glühenden Backen »Sei
ohne Furcht« sagte er »kein Unwetter soll Deinen blauen Unschuldshimmel
trüben Du bist zwar eine kleine gefährliche Schmugglerin die eigentlich Strafe
verdiente für diesmal jedoch soll diese nur in vorläufiger Konfiscation Deiner
Kontrebande bestehen Du wirst mir die Lieferungen Deines prächtigen
Schulmeisters ausliefern und zwar sogleich Nach einigen Tagen werde ich Dir
Dein Eigentum zurückgeben und mich darüber erklären ob der Schulmeister auch
künftig noch mit Dir soll verkehren dürfen oder ob ich ihm verbieten muss in die
Nähe des Schlosses zu kommen Jetzt geh und hole die Bücher«
    Still gehorchend entfernte sich das junge Mädchen Diesen Augenblick
benutzte die Gräfin um ihrem Gatten einige Vorwürfe über sein Verfahren zu
machen Sie schlug den Fächer zusammen legte ihn vor sich hin und sagte mit
vornehmem Aufwerfen der Lippen
    »Du verwöhnst das Kind mein Freund Durch solches Gestatten stählen wir
ihren an sich schon festen Willen und impfen ihr eine Selbstständigkeit ein die
auf falsche Bahnen geratend ihr äußerst gefährlich werden kann. Es wäre
diplomatischer gewesen Du hättest dem überspannten Kinde ihre schlechte Lektüre
ohne Angabe des Grundes verboten Das Dictatorische macht auf Jugend und Volk
den nachhaltigsten Eindruck«
    »Herta ist ein kluges Mädchen« versetzte Erasmus »und ich will nicht dass
man der Entwickelung ihrer reichen gesunden Naturanlagen hemmend entgegentritt
Sie soll selbst unterscheiden lernen damit sie in späteren Jahren nach eigenem
Urteil wählen kann«
    »Zu stark treibende Pflanzen muss man der Sonne entziehen damit sie sich
nicht überwachsen«
    »Du erinnerst mich doch immer an Deinen frühern Verkehr mit dem Onkel Immer
und immer schimmert aus Deinen sammetweichen Worten die noch sanfter klingen
wenn sie über Deine Lippen gleiten ein feiner Strahl jesuitischen Lampenlichtes
heraus das heimlich in die Herzen der Menschen hineinleuchtet«
    »Warum gedenkst Du dieses als eines Unheils« versetzte die Gräfin »Wir
verstehen schlecht unsern Vorteil wenn wir uns blödsinnig der Privilegien
begeben die uns Geburt und Rang verliehen haben Den Jesuitismus betrachte ich
nicht als einen religiösen Orden mir ist er nur ein System dessen Anwendung
auf das Leben von unberechenbarer Wirkung ist Das sollte der Adel wohl bedenken
und sich gleichviel welcher Konfession er angehört mit den Jesuiten in
stillster Stille verbrüdern Oder siehst Du nicht ein mein Freund dass die
Erschütterungen in Frankreich eine völlige Auflösung allen Standesunterschiedes
prophezeihen Dass der wahnsinnig gewordene Pöbel seine blutigen Kothände gegen
uns erhebt um uns in die Kloaken seiner Gemeinheit hinabzureissen«
    Als Erasmus auf diese Bemerkungen seiner umsichtigen Gattin antworten
wollte kam Herta mit den Büchern zurück und legte sie freundlich vor den Grafen
hin
    »Hier bringe ich Dir meine Herzensfreunde« sagte sie einen langen und
tiefen Blick aus ihrem frommen Auge dem Oheim sendend »Ich werde sie recht
vermissen denn sie waren mir früh und Abends liebe Gefährten die meine Seele
mit ihren entzückenden Weisheitssprüchen labten und mich erkennen ließ wie
herrlich das Leben auf dieser schönen Erde sein müsse wenn ihre Lehren auf
fruchttragendes Land fielen O mir stürzen die heißen Schmerzenstränen in die
Augen blicke ich hinaus ins dampfende Land der Heide und sehe überall nur
gebückte Knechte statt aufrechtgehender Menschen wie Gott will dass wir alle
sein sollen«
    »Es scheint Du hast bei Deinem Schulmeister Unterricht genommen im
Predigen« bemerkte die Gräfin mit vorwurfsvollem Tone
    »Beste gnädige Tante schmähe meinen alten Freund nicht er hat es wirklich
nicht um mich verdient« sagte Herta und küsste der Grafin die Hand »Wenn Du so
verächtlich von den armen Leuten sprichst sinkt mir aller Mut dem Oheim eine
Bitte vorzutragen die mir recht am Herzen liegt«
    »Mir meine kleine Revolutionärin« fragte der Graf der inzwischen das
Personenverzeichniss des Don Karlos gelesen hatte Er zeigte das Buch jetzt
seiner Frau über den Tisch und sagte »Gegen diese Gesellschaft lassen sich
keine gegründeten Einwendungen machen«
    »Darf ich reden« fragte Herta mit leuchtenden Blicken
    »Ich habe Dir nie eine Frage an mich verwehrt Sprich offen und wahr«
    »Wie immer mein gütiger Oheim  Nicht wahr einer Deiner armen
Haidebauern oder ist er ein Gärtner heißt Sloboda«
    »Das weiß ich wirklich nicht liebes Kind doch glaube ich dass mehrere
dieses Namens unter meine Untertanen zählen«
    »Der Mann den ich meine ist schon bei Jahren und hat eine hübsche junge
Tochter die Röschen heißt«
    »Ja ja« sagte Erasmus nachdenkend »das wird der große Jan sein dessen
Sohn im Gemeindehause als irr untergebracht worden ist
    »Ganz recht« fiel Herta lebhaft ein »ein Baum erschlug ihm seine Frau beim
Holzfällen Den schrecklichen Tod hat er sich zu Gemüte gezogen und nun ist er
geisteskrank der Arme«
    »Sein Vater bittet mich gewiss um eine Unterstützung«
    »Nein mein gütiger Oheim Ich habe weder Vater noch Tochter gesehen und
weiß überhaupt Alles was ich Dir jetzt gesagt habe bloß von einer dritten
Mittelsperson einem jungen schlanken Bauerburschen der mich heut Morgen um
Fürsprache bat«
    »Aber Herta Du ein Spross des hochgräflichen Hauses von Boberstein lässt
Dich in Unterredungen mit schmutzigen Bauerburschen ein« rief die Gräfin und
schob das Buch mit einer Bewegung des Abscheus zurück um wieder nach ihrem
schirmenden Fächer zu greifen
    »Ach beste Tante der gute Mensch war nicht schmutzig aber arm recht sehr
arm mochte er wohl sein« versetzte Herta betrübt die Augen niederschlagend
»Und was ist es denn Böses wenn ich einen Unglücklichen anhöre An wen anders
soll sich denn der Bedrängte wenden als an den Mächtigern Die Starken sollen
die Schwachen beschützen sollen die Bösen im Zaume halten und sie zum Guten
zwingen Und wenn ich auch weder stark noch mächtig bin so hat das arme Volk
doch Zutrauen zu mir weil ich es liebe und ihm helfe wo ich es vermag Und
deshalb wenden sich die Bekümmerten an mich in der Hoffnung dass ein bittendes
Wort bei meinem braven mächtigen Oheim Linderung ihrer Leiden bewirken könne«
    »Du spannst meine Neugier Mädchen fast befürchte ich eine gewalttätige
ungesetzliche Handlung« sagte der Graf
    »So dürfen wir das Geschehene wohl nennen« ergriff Herta abermals das Wort
und fuhr immer leidenschaftlicher und zürnender ihre zarte Stimme erhebend
fort »Der erwähnte Bursche Klemens liebt Slobodas junge Tochter und will sie
als Gattin heimführen wenn Du Deine Einwilligung dazu gibst Der arme Wende
wohnt in einem entlegenen Dorfe das zum Zeiselhofe gehört Auf seines Vaters
Gehöft war Röschen zu Besuche Da wird die Dienstschau ausgeschrieben und der
Gutsherr verlangt dass das zarte Mädchen mit andern ihres Alters auf den Hof
kommen soll «
    »Er wusste gewiss nicht dass sie fremd war«
    »Dies wurde ihm gesagt und dennoch beharrte er auf seinem Befehle«
    »Nun«
    »Die Wendin und ihre Verwandten weigerten sich dem Befehle zu gehorchen «
    »Und  Sprich sprich was geschah«
    »Der erzürnte Herr raubte das arme Kind mit Gewalt und schleppte es mit
sich«
    »Der Bube Wie heißt er Kennst Du ihn Kann ich ihn erreichen«
    »Ich sagte schon mein guter Oheim dass der Herr vom Zeiselhofe sich eine
solche Gewalttat erlaubt hat«
    »Das ist eine von den ekelhaften Erfindungen des Pöbels« fiel die Gräfin
ein »wodurch er sich an dem Adel rächen will weil er nichts besitzt«
    »Wie ist das« sagte Erasmus mit zitternder Lippe und mit beiden Händen die
gepolsterten Arme des Lehnstuhles umklammernd »Herr des Zeiselhofes ist ja mein
Sohn Magnus«
    »Der arme Klemens nannte bebend diesen Namen«
    »Weiter weiter« rief der Graf mit zornfunkelndem Auge
    »Durch einen Zufall den ich nicht näher kenne entkam das Mädchen und
flüchtete sich zu ihrem Vater Dieser fürchtet aber dass ihm sein Kind abermals
entrissen werden könne und wünscht es deshalb unter Deinen oder  fügte sie
lächelnd hinzu  wie der gute Bursche sagte unter meinen Schutz zu stellen«
    »Hast Du ihm Hoffnung gemacht«
    »Der arme Mensch dauerte mich bester Oheim Er zitterte an allen Gliedern
vor Furcht und Scheu und bat so inständig so aus der rechten Schmerzenstiefe
seines Herzens dass ich mich seines verfolgten Bräutchens anzunehmen versprach
wenn Du mir Erlaubnis dazu gäbest«
    »Sehr brav mein Mädchen Doch was soll ich mit der Wendin beginnen«
    »Diese Sorge will ich Dir sogleich abnehmen Herzensoheim Aller
Beschreibung nach ist Röschen hübsch und ich habe gern hübsche Dienerinnen um
mich Sie wird auch geschickt lernbegierig sein wie alle Wenden und da hab
ich mir denn vorgenommen so lange sie in meinen Diensten bleibt sie zu
unterrichten und recht gebildet ihrem Bräutigam auszuliefern wenn er sie als
Hausfrau von mir zurückbegehrt«
    »Gestatte dies nicht ich bitte Dich mein Freund« sprach die Gräfin »Das
Mädchen weiß in ihrer Tollheit nicht mehr was sie verlangt was sie zu tun im
Begriffe steht Eine gebildete Leibeigene mon dieu wo soll das hinaus«
    Erasmus saß mir vorgebeugtem Oberkörper schweigend im Lehnstuhl Er hielt
den ausdrucksvollen Kopf etwas gesenkt und aus seinen düster zusammengezogenen
Augenbrauen und der tiefen Furche die sich von der Nasenwurzel an senkrecht bis
in die Hälfte der hohen intelligenten Stirn hinauf zog war zu ersehen dass er
ernstlich und grollend über den Vorfall nachdachte Aengstlich und
erwartungsvoll schwieg Herta empört über die ihrer festen Überzeugung nach
erfundene Geschichte die Gräfin In der stillen Abendluft klang vom See herauf
Stimmengeräusch dann schlugen die Wolfshunde im Schlosshofe an und die
Dienerschaft ward lebendig
    Der Graf erhob langsam sein Haupt Sein Gesicht war bleich sein Blick ernst
und entschlossen
    »Herta« sprach er die Winke seiner grollenden Gemahlin nicht beachtend
»wenn Magnus dies wirklich getan hat dann wehe ihm Er hat mein Vaterherz
hundertmal verwundet und immer verzieh ich ihm wieder eine Schandtat aber die
mein reines Wappen beschmutzt vergeb ich nimmer Ich verstosse ich enterbe
ihn Er ist mein Sohn nicht mehr«
    Der Bediente trat ein
    »Was gibt es für Geräusch im Schloss« fragte die Gräfin
    »Seine Gnaden der Herr Graf Magnus ist so eben angekommen und bittet den
gnädigen Herrschaften seine Aufwartung machen zu dürfen«
    Bei diesen Worten trat Magnus ins Zimmer
 
                                Drittes Kapitel
                                Vater und Sohn
Ein zertrümmernder Erdstoss hätte keine größere Wirkung auf die kleine
Teegesellschaft hervorbringen können als die unerwartete Erscheinung des
jungen Grafen Erasmus wendete langsam sein todtenbleiches stolzes Gesicht nach
dem frechen Sohne ihn mit flammendem Blick betrachtend Herta stand auf und
verbeugte sich leicht vor dem Vetter der mit zarter Anfmerksamkeit an die
Gräfin herantrat und ihr ehrfurchtsvoll die Hand küsste Nur von der Seite
streifte sein Blick den alten Vater dessen Aussehn und finstre Miene ihm sagte
dass er kein willkommener Gast sei Dies hinderte ihn jedoch nicht sein Auge mit
brennender Lüsternheit auf der untadelichen Gestalt seiner schönen Kousine ruhen
zu lassen
    Magnus trug seinen alltäglichen modischen Reitrock und war überhaupt eben so
fein als elegant gekleidet Nur sein linkes Auge und die Schläfe waren jetzt mit
einem feinen schwarzseidenen Tuche umwunden was ihm ein lauerndes Ansehen gab
Der kecke Schlag Röschens mit dem silbernen Leuchter hatte diesen Verband nötig
gemacht
    Da Niemand Anstalt traf den Sohn des Hauses freundlich zu begrüßen und
selbst die Mutter nur einen »guten Abend lieber Sohn« zu flüstern wagte
schwellte der Zorn seine Adern Er trat hart an den Lehnstuhl des Vaters und
fragte höflichkalt
    »Sollte ich vielleicht einen wichtigen Familienrat stören mein Vater so
bin ich erbötig mich zurückzuziehen und zu gelegnerer Stunde um eine
Unterredung mit Ihnen zu bitten«
    »Kommst Du als reuiger Sohn so werde ich Dich gern anhören« versetzte der
Greis »willst Du aber Deine neueren Taten mit gleissnerischen Worten
beschönigen dann wirst Du wohl tun Dich so lange von meinem Zimmer fern zu
halten bis ich als Leiche darin liege«
    »Man hat mich verleumdet wie ich sehe« fuhr Magnus auf »Es wird mir doch
gestattet sein nach dem Namen meines Verleumders fragen zu dürfen«
    »Das habe auch ich behauptet« sagte die Gräfin dem Sohne beitretend »Du
hast dem Mädchen ein zu leichtgläubiges Ohr geliehen«
    »Also meiner liebenswürdigen Kousine bin ich für diesen unfreundlichen
Empfang zu Dank verpflichtet« entgegnete Magnus mit teuflischer Grazie und das
verschüchterte Mädchen mit einem furchtbaren Blicke überflammend »Nimm
einstweilen die Versicherung meiner innigsten Erkenntlichkeit für diese
Aufmerksamkeit«
    »Magnus« nahm jetzt der alte Graf das Wort »ich will mich noch einmal
bemühen ruhig und liebreich wie ein Vater mit Dir zu reden aber ich bedinge
mir aus dass Du Herta mit all der Achtung behandelst die ein tugendhaftes
Mädchen von Dir fordern darf«
    »Ich werde mich anstrengen Ihren Befehlen nachzukommen«
    »Ich wollte Du hättest es stets getan dann hätten wir beide nicht so
viele traurige Stunden zu beklagen Doch lass uns dieses Gespräch endigen und
sage was Dich zu so ungewohnter Stunde zu uns führt«
    Diese Frage hatte Magnus erwartet Er richtete sich stolz auf und versetzte
»Hätte mein gnädiger Vater mich weniger unfreundlich empfangen so würde er in
meinen Nachrichten erkannt haben dass kindliche Gefühle meinem Herzen nicht
fremd sind«
    Er stützte sich jetzt mit dem linken Arm auf die Lehne eines Sessels und
nahm eine nachlässige aber leichte und gefällige Stellung an Dann fuhr er
fort
    »Mein Vater die Folgen der revolutionären Bewegungen in Frankreich fangen
an auch in Deutschland einen Wiederhall zu finden Unsere Bauern unsere
Leibeigenen werden widerspänstig und wagen es einen eigenen Willen haben zu
wollen«
    »Dies ist ein Pröbchen welchen Nutzen die Verbreitung neuer Ideen stiftet«
bemerkte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Herta
    »Sprichst Du aus eigener Erfahrung« fragte der Graf
    »Seit einigen Tagen murren meine Knechte« versetzte Magnus »Sie weigern
sich dem Voigte einem rechtlichen strengen Manne zu gehorchen und zeigen
sogar mir unzufriedene Mienen Ich kann und will das nicht dulden und weil ich
weiß dass mein Vater niemals der Willkür das Wort geredet hat wende ich mich
zuerst an Sie und ersuche ja flehe Sie mit mir vereint diesen aufrührerischen
Trotz zu beugen den frechen Übermut elender Sklaven empfindlich zu strafen«
    »Ich erwarte Deine näheren Angaben« sagte Erasmus vornehm gelassen
    »Vielleicht wissen Sie nicht mein Vater dass der Heerd der Unzufriedenheit
unmittelbar am Fuße Ihres Stammschlosses zu suchen ist Ihre Milde Ihre Güte
Ihre Herablassung hat diese Rotte armseligen Volkes kühn gemacht Meine schöne
Kousine  Sie vergeben mir mein Vater dass ich mit aller Achtung vor Schönheit
und Herzensgüte den Ankläger machen muss  meine schöne Kousine sät täglich wild
fortwucherndes Unkraut durch ihre Besuche in den schmutzigen Hütten der
Leibeigenen Sie behandelt diese Auswürflinge wie gesittete Menschen sie
spricht mit ihnen als wären sie ihres Gleichen und fabelt ihnen von bessern
Tagen von einer gerechten Freiheit und Gleichheit der Gesetze vor Kurz meine
liebenswürdige Muhme predigt mit dem besten Erfolge die schmachvollen Lehren der
französischen Jakobiner Sie erlauben mir mein Vater dass ich meine
Behauptungen durch Tatsachen beweisen darf Vor einigen Wochen schrieb ich eine
Gesindeschau auf meinen Ortschaften aus Ein Mädchen das ich besonders tauglich
fand für meine Dienste widersetzte sich hartnäckig und bestritt meine
Herrschaft über sie Diese Dirne war die Tochter eines Ihrer Untertanen seit
längerer Zeit aber schon heimisch in einem mir speciell zugehörenden Dorfe
Dennoch war sie weder durch freundliche Worte noch durch Drohungen zu einer
Sinnesänderung zu bewegen So tat ich denn was ich musste ich brachte sie
gewaltsam auf meinen Edelhof und was glauben Sie wohl mein Vater dass diese
Dirne zu tun wagte«
    Magnus sah den Grafen und seine gespannt aufhorchende Mutter lange an
Erasmus winkte
    »Sie war so beispiellos frech Hand an mich zu legen mich beinahe
lebensgefährlich zu verwunden« sagte Magnus »Überzeugen Sie sich selbst mein
Vater und Sie meine gütige Mutter halten Sie Ihr Entsetzen über eine Tat
zurück für die ich vorschlagen möchte eine eigne Strafe zu erfinden«
    Geschickt wusste der schlaue Magnus während dieser Worte die schwarze Binde
zu lösen unter der eine rotblaue noch nicht ganz verharrschte Wunde sichtbar
ward die gefährlicher aussah als sie war Gräfin Utta schlug die vollen weißen
Hände in stummem Erstaunen in einander und auch Herta warf einen kurzen Blick
auf den vorgebeugten schönen Kopf des jungen Mannes Vollkommen ruhig
betrachtete Erasmus die Verwundung seines Sohnes
    »Nur eine geringe Kraftvermehrung würde mich tot niedergeworfen haben«
sagte Magnus mit erheuchelter innerer Erregung »So lag ich nur eine Zeit lang
in starrer Betäubung und diese benutzte das freche Geschöpf um zu entfliehen
Ich habe sichere Kunde dass dieses strafwürdige Mädchen sich unter Ihre Obhut
mein Vater begeben hat und weil ich nicht Ihre Rechte schmälern will bitte
ich ganz gehorsamst entweder um ihre Auslieferung an mich damit ich über die
Art ihrer Bestrafung mit mir zu Rate gehen kann oder ersuche Sie dass Sie
selbst das Richteramt in dieser Sache übernehmen«
    »Wie heißt das Mädchen« fragte Erasmus
    »Röschen Sloboda«
    »Röschen« wiederholte Herta leise doch laut genug um von Magnus
verstanden zu werden
    »Hast Du bei Deiner Erzählung auch nichts zu erwähnen vergessen Es wäre mir
sehr unlieb wenn ich in dieser Angelegenheit zu Deinem Nachteil entscheiden
müsste«
    »Sie haben die volle Wahrheit gehört«
    »Wahrheit die uns mit ewigem Abscheu gegen diese Elenden erfüllen muss«
rief die Gräfin »Armer Sohn guter gemisshandelter Magnus Sei versichert dass
Dein Vater diese uns Allen zugefügte Schmach streng beispiellos streng ahnden
wird«
    »Übereilen wir uns nicht meine Freundin« erwiderte Erasmus »Hat sich
das Mädchen wirklich so hart an unserm Sohne vergangen wie Magnus behauptet so
wird es der Strafe nicht entgehen Vorher aber wollen wir ganz unparteiisch die
Sache untersuchen«
    »Sie setzen Mistrauen in die Worte Ihres Sohnes«
    »Ich vertraue Dir so viel wie Du verdienst« arrtwortete Erasmus streng
»Darin erfülle ich nur Demen Willen Hättest Du mich nie getäuscht so würde ich
keine Zweifel in die Wahrhaftigkeit Deiner Erzählung setzen So aber pflegtest
Du mich stets zu hintergehen und der lügenhaften Worte sind zehnmal mehr über
Deine Zunge gegangen als der wahrheitsgetreuen«
    »Mein Vater«
    »Schweig es ist so  Und was hast Du zu Deiner Entschuldigung anzuführen
wenn ich Dir sage dass die arme Wendin Dich bereits bei mir verklagt hat«
    Magnus verließ seine bisher beibehaltene etwas kokette Stellung und trat
einen Schritt vom Stuhle zurück Dann sagte er
    »Ich kann es mir denken dass diese intrigante Person ihre Frechheit so weit
getrieben hat oder sollte ich vielleicht auch diese neue Wendung der Dinge der
zuvorkommenden Vermittlung meiner schönen Kousine «
    »Herta bittet bloß für Arme und Unterdrückte« fiel Erasmus ein »aber
entstellt nie einfache Tatsachen Mich dünkt mein Sohn es ist nicht Alles
rein in Deinen Worten Röschen ward gewaltsam entführt und hat Gewalt mit Gewalt
erwidert Es ist daran gar nichts Unbegreifliches nichts Übernatürliches
Aber wenn ich nun Gelegenheit nehme diese geheime Entführungsgeschichte genauer
zu beleuchten würde dann mein Sohn nicht etwa Ursache haben zu erröten Ich
will jetzt nicht weiter gehen Magnus ich gebe Dir nur zu bedenken dass ein
böses Gerücht umläuft unter dem Volke über den Tod von Jan Slobodas
Schwiegertochter und dass ich alter Mann nicht vermag diesem Gerücht die Zunge
auszureissen«
    »Geschwätz rachsüchtige Verleumdungen derer die ich wegen Waldfrevel
bestrafen ließ«
    »Ich sprach die Sterbende« sagte Erasmus mit einem Tone der furchtbar
klang und selbst Magnus erblassen machte »Sie hat mir mir ganz allein
gebeichtet und auf ihren Wunsch habe ich ihre Beichte tief in mein bekümmertes
Herz verschlossen Doch glaube mir Magnus dass ich seitdem an jedem Abend mein
Haupt mit schwerem Kummer zur Ruhe lege dass ich die Zukunft dass ich Deine
Zukunft fürchte«
    Gräfin Utta blickte zum ersten Male mit Entsetzen auf ihren Liebling in der
Hoffnung dass der Ausdruck seiner Züge ihr zu mutiger Entgegnung Anlass geben
werde Aber sie bebte in sich selbst zurück vor Magnus Dieser stand wie leblos
vor seinem mit finsterem Richterauge zu ihm aufblickenden Vater Seine Hände
zitterten sichtbar und das Antlitz mit der schwarzen Binde glich vollkommen
weißem Marmor Er hatte die Augen fest auf den Boden geheftet Weil ihm die
Kräfte versagten sank er auf den Stuhl nieder auf dessen Lehne er sich bisher
in eitler Selbstgefälligkeit gestützt hatte Es musste ein furchtbares Geheimnis
sein zu dessen Kenntnis der alte Graf gekommen war und das er jetzt im
entscheidenden Augenblick als niederschmetternde Waffe gegen seinen eigenen Sohn
gebrauchte Eine beklemmende Pause trat ein die Niemand zu unterbrechen wagte
Um diese Todtenstille aufhören zu lassen die wie ein Sargdeckel über den
Häuptern der Familie schwebte fing Herta an mit dem Teegeschirr zu klappern
Dies gab dem alten Grafen aufs Neue Fassung und da es nun einmal zu einer
Aussprache gekommen war ergriff er abermals das Wort und wendete sich damit
fast ausschließlich an seinen Sohn
    »Es scheint als verkenntest Du ganz die Pflichten des Herrn gegen seine
Untergebenen« sagte er »Dir und leider tausend Andern welche Dir gleichen
sind alle Untertanen nur Werkzeuge nur Maschinen die man abnutzen kann nach
Belieben und zu seinem Vergnügen Du glaubst bloß Forderungen keine Pflichten
an sie zu haben Es sollte aber die Ehre des Adels sein die Untertanen zu
schirmen sich in Not und Jammer ihrer anzunehmen sie zu bilden zu erziehen
und aus der dumpfen Atmosphäre geistiger Erniedrigung in der sie schmachten
emporzuheben in die heitere Luft einer hellern Denkungsart eines bessern
Daseins Was soll denn aus uns und der Welt werden wenn wir immer nur auf einem
Punkte uns fortdrehen wollen wie wahnsinnige Derwische Wir müssen zuletzt in
völlige Apathie versinken und als blödsinnige Schwächlinge verkümmern Schreitet
fort ruft jede Seite der Weltgeschichte uns zu lernt die Zeiten und deren
Bedürfnisse verstehen predigt uns jeglicher Tag Es taucht keine Sonne hinter
Berg und Meereswoge unter ohne fern von unserm Auge einen neuen Bildungshalm
ins Leben zu rufen und jeder neue Morgen ist der Tauftag einer neuen Tat
eines gewaltigen ins Leben geschleuderten Geistes Das mein Sohn lass uns
bedenken dann wird uns der Sturmschritt der Zeit nicht wie ein versengender
Sirocco überfallen  Wir sind alle krank krank an Gedanken Meinungen
Vorurteilen die wir aus längst vergangenen Tagen in unsere Zeit
herübergeschleppt haben und die wegzuwerfen als leere Hüllen aus ihnen
hervorgegangener buntbeschwingter Seelen uns schwer fällt Aber wir müssen uns
selbst an die Brust fassen und munter rütteln wenn uns der ermattende Schlaf
trüber Erbschaft überfallen will  Was war was ist was soll der Adel sein
Die Gesellschaft der Besten der Fähigsten der Mutigsten aller Zeiten Sucht
er nicht darin seinen Ruhm seine Ehre so hat er sich überlebt und ist auf ewig
verloren  Wir Deutschen die wir diesem glücklichen und bevorzugten Stande
angehören sollten nicht blind und taub sein bei den furchtbaren Ereignissen in
Frankreich Sie enthalten eine große Lehre für Jeden der in albernem Dünkel und
in brutaler Macht sich über die Masse der Menschheit erheben will Ich mag nicht
behaupten dass ich ein Anhänger jenes Kamille Desmoulin jenes Danton und
Robespierre sei dass ich billige was der Wahnsinn eines verzückten
wutschäumenden Pöbels ruft Jeder sei dem Andern gleich und Alle hätten gleiche
Rechte zu fordern Aber ich glaube und sterbe auf die Wahrheit des hohen
gottähnlichen Gedankens dass es Zweck und Ziel dieses Erdenlebens und irdischer
Fortenlwickelung sei im Laufe der Jahrhunderte das gesammte Menschengeschlecht
zu vervollkommnen und jedem Individuum ein solch allgemeines Bildungsmass zu
Teil werden zu lassen dass jeder Einzelne behaupten darf er sei gleich dem
Besten der Besten Diese Zeit wann sie kommt wer weiß es Dass sie kommen wird
und muss sagt mir meine eigene Vernunft Dass sie bald komme dahin wirke wer
Kraft und Macht dazu hat und dies ist zur Zeit noch der Adel Will er stolz
sein und Ursache haben zu solchem Stolze so schmücke er seine Wappen und die
Zinnen seiner Burgen mit Lorbeerkränzen gewunden von den Händen derer die er
jetzt seine Untertanen seine Leibeigenen nennt «
    Schon geraume Zeit hatte Herta mit froh glänzendem Auge dem Grafen zugehört
Als dieser jetzt schwieg warf sie sich mit Leidenschaft an Erasmus Brust küsste
ihn auf den Mund und sagte »Ich wusste es ja dass mein guter klarer Oheim mich
nicht missverstehen könne Grade so wenn auch mit andern Worten spricht mein
lieber Schiller der noch vor einer Stunde ein schlechter anfrührerischer
Mensch sein sollte Jetzt lies Du nur meine Bücher lies so lange Du willst
ich weiß doch dass Du mir sie selbst wiederbringen und mich obendrein noch
beloben wirst«
    »Der Entwurf Ihres idealen Lebens mein Vater hat viel Bestechendes«
erwiderte Magnus »Offen gestanden aber ist es mir noch unklar wie Sie die
gepriesene Bildung in der rohen Masse des Volkes hervorrufen wollen Sie
verlangen doch schwerlich dass wir selbst das Amt der Schulmeister verwalten
oder als Vögte und Verwalter uns unter Knechte und Mägde mischen sollen Ich
wenigstens muss dieses Amalgamirungssystem ein für allemal verschmähen Es ist
mir persönlich nichts entsetzlicher als eine schwielige Hand die sich nur mit
wenigen Tropfen Wasser begnügt«
    »Mir aus der Seele gesprochen« sagte die Gräfin und begann wieder ihr
Fächerspiel
    »Ich hätte meinen Sohn für fassungskräftiger gehalten« entgegnete Erasmus
»Wie ich jedoch zu meinem Leidwesen sehe gehört oder zählt er sich mit Absicht
den Hohlköpfen zu die Würde und Ehre des Adels nur im Junkertume und all den
äußern Dingen suchen zu deren Erlangung weiter nichts als leidliches Geld
etwas Frechheit und ein kaltes Herz gehört«
    »Verzeihen Sie mein Vater Haben Sie vielleicht die Absicht den Notablen
Frankreichs nachzuahmen und sich freiwillig zu Gunsten der brüllenden Menge die
sich Volk nennt Ihrer Ehren Würden Titel und Besitztümer zu entschlagen«
    »Damit wir Deutschen nicht ebenfalls eines schönen Morgens dazu genötigt
sind fordere ich Gerechtigkeit Milde und Erziehung für das Volk«
    »Ich möchte Ihnen gern gefällig sein und bitte deshalb mir die Wege zu
zeigen die wir einschlagen müssen um das Volk wie Sie sagen zu uns
emporzuheben«
    »Wem sie das eigene Herz die ruhige Besonnenheit nicht nennt dem wird kein
Fingerzeig eines Andern etwas frommen Es ist so leicht wie den Gesetzen der
Natur folgen Erhebe Dich zu der freien und allein richtigen Ansicht jeden
Menschen als Deines Gleichen zu betrachten und Du wirst gegen Deinen geringsten
Diener nicht hart nicht launisch nicht herrisch sein können Die Stellung die
er durch einen bloßen Unfall Dir gegenüber einnimmt berechtigt Dich nicht sein
Menschengefühl zu beleidigen im Gegenteil wir sind verpflichtet weil er
abhängig ist, ihn zu schonen und seine Schwächen mit Geduld zu tragen«
    »Sehr wohl mein Vater Sind Sie gesonnen diese Grundsätze unter Ihren
Leibeigenen mittelst Ausruf bekannt machen zu lassen«
    »Lieber Magnus« bat die Gräfin »Du vergisst Dich«
    »Nicht doch meine Freundin er bleibt sich nur selbst gleich Da ich aber
nicht gesonnen bin einen Streit über Ideen und Zeitansichten fruchtlos länger
auszudehnen erkläre ich diese Unterredung für beendigt Unser Sohn mag
überlegen was zu seinem Frieden dient und sich am Tage nach Ostern früh um
zehn Uhr in der Schlosshalle einfinden Dort wird er sich seiner Anklägerin
gegenüber rechtfertigen oder für schuldig erklärt werden. Keine Einwendung
meine Freundin Die Frucht ist reif zur Aerndte und ich will endlich einmal
dieser tyrannischen Willkürherrschaft ein Ziel setzen und müsste ich mein
eigenes Fleisch und Blut verurteilen«
    In diesen Worten des alten Grafen lag eine so bestimmt ausgesprochene
Entlassung dass Magnus Anstand nahm seinem Vater nochmals starren Trotz
entgegen zu setzen Dennoch durfte er um keinen Preis die rücksichtslose
Konfrontation mit der Wendin geschehen lassen wenn er nicht vor Untertanen und
Dienerschaft gebrandmarkt dastehen und allen Einfluss auf sie verlieren wollte
In dieser peinlichen Verlegenheit richteten sich seine Gedanken auf Herta Sie
allein konnte wenn sie zu überreden war den Vater zu anderer Massnahme
bestimmen Sie wusste um seine Gewalttat wie er aus der Einleitung des
Gesprächs wohl erkannt hatte und darum galt es sie entweder auf seine Seite
herüberzuziehen oder durch irgend welche Scheingründe zu einer andern Ansicht zu
vermögen Noch war er sich unklar über den Operationsplan den er einschlagen
wollte aber er hoffte auf sein gutes Glück auf prägnante Einfälle und auf sein
Überredungstalent wenn ein schönes Mädchen seinem Geiste Schwung seiner Rede
Kraft und Feuer verlieh Er stand auf und griff nach seinem Hut
    »Ich bitte meinen Ungestüm der Aufregung zu verzeihen beste Eltern in die
mich das Unerhörte versetzt hatte Gehorsam Ihren Winken ziehe ich mich zurück
um zur bestimmten Stunde im Auge meines Vaters Gnade oder Verdammung für sein
einziges Kind zu lesen Meine teure Mutter vergeben Sie mir wenn die
gemachten Mitteilungen Ihre Nachtruhe stören sollten«
    Magnus führte Uttas Hand mit der ihm eigenen gewinnenden Liebenswürdigkeit
an den Mund verbeugte sich achtungsvoll vor seinem Vater und grüßte mit
wohlwollender Vertraulichkeit Herta Dann verließ er das Zimmer
    »Leuchte mir nach meinen Gemächern« befahl er barsch dem Bedienten und
folgte dem Vorausschreitenden durch mehrere schmale Korridore Während dieses
Ganges riss er ein goldberändertes Blatt aus seiner Schreibtafel schrieb einige
Worte darauf und faltete es in einen Knoten zusammen Auf seinem Zimmer
angekommen fragte er den Bedienten »Wann zieht sich Fräulein Herta auf ihr
Zimmer zurück«
    »Schlag neun Uhr gnädigster Herr«
    »Siehst Du sie noch«
    »Ich kann es so einrichten«
    »Willst Du mir einen Dienst leisten von dem das Wohl unseres Hauses
abhängt«
    »Gnädigster Herr Sie wissen dass ich für das gräfliche Haus in den Tod
gehe«
    »Dann gib dies Billet an Fräulein Herta Ich werde in der Nähe sein und
sobald das Fräulein es erbricht zeige es mir durch das Oeffnen der Türe an
Ich werde dann in demselben Augenblick wo Du das Zimmer des gnädigen Fräuleins
verlässt dasselbe betreten Hast Du mich verstanden«
    »Sehr wohl Herr Graf«
    »Dann gib Acht dass uns Niemand störe«
    Der Bediente verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Erben des Hauses und ging
nachdenkend das unscheinbare Blättchen zwischen den Fingern drehend zu seinen
Genossen zurück
 
                                Viertes Kapitel
                               Magnus und Herta
Etwa fünf Minuten vor neun Uhr verließ Magnus sein Zinrmer ohne Licht und
schlüpfte durch die engen matt erleuchteten Gänge des alten Schlosses nach dem
Flügel welchen seine Eltern bewohnten In dem großen Vorzimmer auf das eine
ganze Reihe von Türen mündete befand sich ein hoher schwerfälliger
Kaminschirm der zugleich als Garderobe benutzt ward Hinter diesen zog sich
Magnus zurück nachdem er mit schnellem Griff die gemeinsame Klingel mit einem
seidenen Tuche umwunden hatte Aus diesem Versteck konnte er bequem die ganze
Länge und Breite des Gemaches so wie sämtliche Zimmertüren übersehen Als die
Schlossuhr langsam die neunte Abendstunde verkündigt hatte öffnete sich die Tür
zum Wohnzimmer seines Vaters eine glockenhelle weiche Mädchenstimme rief
herzlich »gute Nacht« und Herta ihr Arbeitskörbchen am weißen Arm trat heraus
von dem vorleuchtenden Bedienten begleitet Mit etwas gesenktem Köpfchen so dass
die reiche Lockenfülle ihre schönen Züge fast ganz in Schatten hüllte schritt
das schlanke Mädchen über den Vorraum ließ sich von dem Bedienten die Tür
öffnen und empfing noch ehe sie diese wieder schloss das Billet des jungen
Grafen
    »Von wem« hörte sie Magnus mit sanfter Stimme fragen
    »Ich sollte es abgeben« erwiderte der kluge Bediente
    Herta dachte nicht im Entferntesten daran dass Magnus mit ihr in
Korrespondenz treten könne und wolle Sie hatte noch nie eine Zeile von dem
verführerisch wilden Manne erhalten selbst damals nicht als er noch auf
Boberstein wohnte Später war er absichtlich kühl und verletzend gegen sie
geworden da er seine Werbungen um ihre Gunst mit einer Kühnheit betrieben
hatte die sie nötigte ihm die härtesten Vorwürfe zu machen und sich streng
von ihm abzuschließen Obwohl aber das junge Mädchen den sittenlosen
flatterhaften und rachsüchtigen Jüngling fürchtete fühlte sie doch etwas in
ihrem Herzen das für ihn sprach Seine feine Galanterie seine stolze
Ritterlichkeit wohl auch das völlig Rücksichtslose in allen Angelegenheiten wo
seine Leidenschaft ins Spiel kam zog sie an und veranlasste sie in früheren
Tagen häufig bei dem unzufriedenen Vater ihm Fürsprecherin zu werden
Allerdings war ihre Achtung vor Magnus jetzt völlig verschwunden Die
Gewalttat welche er gegen das schwache wendische Mädchen ausgeübt hatte sie
empört und die Art und Weise wie er noch so eben seine Gesinnung gegen den
braven alten Vater ausgesprochen hatte der sich die größte Mühe gab die Stimme
einer neuen Zeit zu verstehen und ihrem Rufe sich anzuschließen erfüllte ihre
jungfräulich reine Seele wirklich mit Abscheu und kaltem Entsetzen Es lag so
gar nichts Kindliches in dem Betragen des Sohnes gegen den Vater Seine höflich
gefassten Antworten klirrten von scharf geschliffenem Spott von beissendem Hohn
Er durfte nur diese glatte Form noch abstreifen und das widerlichste Scheusal
wie es je Undank und Verachtung alles Göttlichen im Menschen auszubrüten
vermochten stand m grauenvoller Nacktheit vor Aller Augen
    Das Billet ihres Vetters in der Hand ging Herta nach der Epheulaube am
Fenster um das Körbchen auf den Arbeitstisch zu stellen Erst als sie dies
getan und durch freundliches Nicken ihr Eichhörnchen begrüßt hatte dessen
kluge muntere Augen am gläsernen Schieber glänzten knotete sie das
Papierstreifchen auf Der Bediente verbeugte sich und vertauschte unter der Tür
seine Stelle mit dem jungen Grafen
    Magnus verhielt sich ruhig bis Herta seine Zeilen überflogen hatte und
entrüstet ausrief »Johann wie kannst Du Dich unterstehen « Zugleich wendete
sie sich rasch um und erblickte ihren Vetter im Halbdunkel des grauen langen
Zimmers Das Wort erstarb ihr auf der Zunge aber sie errötete so heftig vor
Zorn dass flammende Purpurglut Gesicht Stirn und Nacken übergoss
    »Verzeihung schöne Kousine« sagte Magnus mit leichtem Tritt und ohne die
geringste Schüchternheit näher kommend »Ich erscheine heut mit weißer
Friedensfahne und trage Dir unter annehmbaren Bedingungen Waffenstillstand an
Hoffentlich wirst Du Dein Geschlecht nicht so ganz verleugnen dass Du einen
unglücklich Bittenden ungehört von Dir weisest«
    »Es ist entwürdigend mich so zu überfallen« stotterte mit vor Zorn
grollender Stimme das empörte Mädchen
    »Im Gegenteil es zeigt von einer Anhänglichkeit an Dich die keine Gefahr
scheut ja die es sogar wagt den Zorn der Schönsten unter den Schönen auf sich
zu laden Aber wie Du auch jetzt von mir denkst Du wirst milder über mich
urteilen wenn Du meine Beweggründe gehört hast«
    »Ich will nichts hören ich befehle Dir Dich auf der Stelle zu entfernen«
versetzte zitternd Herta und stampfte dabei trotzig mit dem kleinen Fuße auf den
Boden
    »Wenn Du so reizend zürnst werde ich mich für immer bei Dir einquartieren
schöne Kousine Ein geistreiches Mädchen ist nie entzückender als im göttlichen
Wahnsinne des Zornes Sieh ich mache es mir bequem um Dich ruhig bewundern zu
können Tobe Dich jetzt aus Herzensblume wirf mir alle Sonnenfunken Deines
Ingrimms ins Gesicht ich will sie mit gierigen Händen auffangen und mit
solcher Andacht an meine Lippen führen als seien es Blättchen aus der
Rosenknospe Deines Herzens«
    Und Magnus streckte sich gemächlich auf das altertümliche Sopha und
verschlang seine Arme über der Brust
    Herta antwortete nicht Dem kecken Eindringling gegenüber lehnte sie an
ihrem Schreibtische und maß ihn mit stolzen kalten Blicken
    »Du wirst ruhig das gefällt mir« nahm Magnus nach einer Pause wieder das
Wort »Ein ruhiger Zuhörer lässt dem Sprecher stets am leichtesten Gerechtigkeit
widerfahren  Ich sagte vorhin dass ich als Friedensbote zu Dir käme jetzt
gehe ich noch weiter und schlage Dir vor lass uns Bundesgenossen sein«
    Da Herta auch darauf keine Antwort gab fuhr Magnus fort »Mein gestrenger
Herr Vater der ich weiß nicht wie und weshalb auf einmal zur Partei der
Revolutionäre überzutreten Miene macht hat mir als Nachfeier des Festes eine
Szene angekündigt die unterhaltend und originell zu werden verspricht Der
letzte Sprosse eines edlen Grafengeschlechts einer Rotte schmutziger Leibeigener
gegenüber als Angeklagter vor dem Richterstuhle des empörten eigenen Vaters 
wahrhaftig das ist so wild romantisch dass die blutdürstige Kanaille aus den
Straßen von Paris es nicht vortrefflicher erfinden könnte In seinem absoluten
Gerechtigkeitsfieber sieht der alte Mann nicht ein dass dadurch wie sich die
Sachen auch gestalten mögen ein unauslöschbarer Flecken auf sein Haus auf sein
Wappen fällt den Jahrhunderte neuen Glanzes nicht wieder auslöschen können Der
simpelste Menschenwerstand begreift dass dies nicht geschehen darf «
    »Warum nicht« unterbrach Herta den jungen Grafen »Soll der hochgeborne
Graf und Fürst wenn er ein Schuft gewesen ist nicht dieselbe Gleichheit vor
dem Gesetze haben in die er sich vorher durch seine Handlungsweise mit dem
Pöbel gebracht hat«
    »Diese Sprache der Neuzeit meine schöne Kousine verstehe ich nicht Ich
sage es befleckt unser Haus für immerwährende Zeiten wenn die angekündigte
Gerichtssitzung in der Schlosshalle stattfindet Darum muss sie hintertrieben
werden«
    »Von wem«
    »Von Dir und mir Wir beiden im Bunde halten die ganze Meute ab«
    »Auf mich rechne nicht Ich kann und will nichts tun als die gekränkte
Unschuld beschützen«
    »Das ist so löblich von Dir dass ich Dich gleich dafür küssen möchte müsste
ich nicht befürchten Du würdest Deine weißen runden Perlenzähnchen in meine
Lippen schlagen und das wäre in sofern ein Unglück als dies nach dem Feste
gegen mich zeugen würde Darum lass uns vernünftig mit einander sprechen und uns
verständigen  Ich habe es längst gemerkt dass sich die kleine erboste Wendin
direkt an Dich gewendet und Dir ein Histörchen erzählt hat welches die
Ausschmückungen weggelassen der Wahrheit nahe kommen mag Du siehst angebetete
Herta dass ich ganz ehrlich bin und mich Dir gegenüber gar nicht besser machen
will als ich in der Tat bin Ja ich gestehe Dir sogar freiwillig dass ich bei
der niedlichen Wendin ein klein wenig zu weit gegangen sein mag Ich habe sie
entführt weil sie ein so böses Gesicht machte und mir grade deswegen gefiel
Und das Satansmädchen hat mich dafür schön gezeichnet Nun höre mich ganz ruhig
an und urteile ob ich Urecht habe  Dass ich kein Joseph geworden bin das mag
mein Herr Vater mit der Frau Mama ausmachen Mein Temperament gefällt sich nun
einmal nicht im Entbehren sondern im Genießen und solche allerliebste duftende
Mädchenblumen die in stiller Heide lockend aufschiessen sind doch wahrlich
nicht dazu da dass sie von plumpen Bauern geknickt werden Auch magst Du
bedenken dasswenn ich in meinen Wünschen und Begierden wirklich zu tadeln sein
sollte nur Du ganz allein daran Schuld bist Immer nur schwebt Deine zarte
schlanke warm geschmeidige Elfengestalt vor meinen Blicken so reizend und
begehrerisch dass ich in jedem schönen Mädchen das Schattenbild von Dir zu
erblicken glaube und in Leidenschaft für sie entbrenne Hättest Du mich erhört
süßer Engel so säh ich außer Dir kein Mädchen ich wüsste gar nicht dass es
noch Weiber gäbe die auch schön auch liebeverheissend sind Seit Du mich aber
verschmäht mir sogar verboten hast mit Dir zu sprechen seitdem tobt und
lodert eine verzehrende Flamme in meiner Brust die Nahrung sucht und Alles was
ihr nahe kommt oder was sie erreichen kann in Fieberwut zu verbrennen begehrt
Habe ich also der kleinen Wendin ein Leid in sofern zugefügt als ich sie mit
Gewalt und unter heimlichen Nebengedanken entführte so bist eigentlich Du der
Anstifter dieses Unglücks und auf Dich müssen alle Folgen die sich daraus
ergeben zurückfallen Werde ich nun gezwungen vor Gericht Rede zu stehen so
sei versichert dass ich Dich nicht schone Die Notwehr zwingt mich jedes
Auskunftsmittel zu ergreifen«
    »Magnus« unterbrach Herta den Sprechenden mit einem Ausdruck in Stimme und
Miene der ihre moralische Entrüstung hinlänglich verrieten »bisher habe ich
Dich bedauert wohl auch zuweilen gehasst von jetzt an aber muss ich Dich
gründlich verachten Du bist ein gemeiner verrotteter Bösewicht«
    »Das scheint Dir bloß so schöne Kousine höre noch meine Gründe und Du
wirst Dein Urteil ändern und mich freisprechen  Es leuchtet Dir ein dass so
nahe Verwandte wie wir es sind einander mit solchen Anklagen nicht
entgegentreten dürfen Dadurch würde unrettbar ein Skandal entstehen den
wirklich alles Wasser der Welt nicht mehr von unserm Namen abwaschen könnte Nun
überlege aber was auf dem Spiele steht Hier unser aller Ehre und
Ehrenhaftigkeit dort ein unbekanntes verachtetes Mädchen ein Geschöpf
überdies das ich als Leibeigene behandeln kann wie ich will Ich habe das
Recht dazu und wir wollen uns über Recht oder Unrecht dieses Rechtes jetzt
nicht streiten Halten wir fest was da ist und gilt Was frag ich ist
besser ist leichter zu verantworten wozu rät gesunder Menschenverstand und
Klugheit zu Brandmarkung unseres alten Namens zu Vernichtung unserer Ehre oder
zu Verurteilung einer leibeigenen Wendin durch das ganz einfache Mittel dass
man sie Lügen straft Mich dünkt die Wahl kann hier nicht schwer sein «
    »Einem gewissenlosen Menschen gewiss nicht«
    »Ich danke für das Prädicat  Um jedoch weiter zu kommen fahre ich fort
Nach dem Vorausgeschickten verlange ich von Dir dass Du morgen früh bei Zeiten
meinem Vater erfolgreiche Vorstellungen machst und ihm aufzählst was Alles bei
dem beabsichtigten Verfahren unserm Hause droht Ferner wirst Du mir
versprechen Dich bei der Gerichtsscene gar nicht zu zeigen um nicht durch
Deine allbekannte Herzensgüte meine Pläne zu kreuzen und endlich verbitte ich
mir jede Fürsprache wenn ich es in unserm Interesse für nötig erachte eine
gelinde Strafe über das Mädchen zu verhängen die misshandelnd ihre Hand gegen
mich aufhob«
    »Ich hätte schon dabei sein mögen wie die an ihrer Ehre gekränkte Wendin
Dich so empfindlich züchtigte«
    »Was hat meine schöne Kousine auf die gemachten Vorschläge zu antworten«
    »Sie fragt zurück was gedenkt der Herr Graf zu tun wenn die Kousine gar
nicht auf ihn achtet«
    Bis dahin hatte Magnus nachlässig im Sopha lehnend das Gespräch mit Herta
geführt jetzt schnellte er empor als bewegten ihn unsichtbare Kräfte und
stellte sich vor das junge Mädchen »In diesem nicht denkbaren Falle meine
Schöne« versetzte er flüsternd »wird der entehrte Graf Magnus von Boberstein
in der gemütlichsten Weise Genugtuung von seiner liebenswürdigen Gegnerin
fordern«
    »Und diese Gegnerin wird nicht anstehen diese dem Grafen zu geben wenn sie
es für notwendig hält«
    »Wirklich Sieh da meine schöne Kousine hat wirklich Heldenblut in ihren
Adern«
    Herta wendete sich ab von dem Grafen und setzte sich unter das grüne
Laubdach am Fenster »Da ich nunmehr weiß« sprach sie »was Dich zu diesem
unschicklichen Besuche veranlasst hat und auch Du von mir erfahren hast was und
wie ich von Dir denke so wünscht ich dass eine Unterhaltung beendigt werden
möge die beiden Teilen gleich unangenehm ist«
    »Glaubst Du ich werde mit solcher Antwort unverrichteter Dinge fortgehen
Dann wäre ich wert dass man mich als wahnsinnig einsperrte«
    »Du willst mich also noch länger beunruhigen Nun dann werde ich Hilfe bei
denen suchen müssen die mir sie angelobt haben«
    Sie stand auf um zu schellen
    Magnus vertrat ihr den Weg
    »Daran hab ich gedacht« sagte er sarkastisch lächelnd »und weil ich einem
so schönen und zarten Geschöpf nicht gewaltsam entgegentreten wollte schnitt
ich vor meinem Besuch der Glocke die Zunge aus«
    »Abscheulicher« murmelte Herta wie vorhin sich wieder mit dem Rücken gegen
ihren Schreibtisch lehnend
    »Ich sorgte bloß dafür dass kein nutzloser Lärm noch Skandal entstehn
möchte  Also ganz in der Kürze zürnender Engel willst Du mir beistehen und
eine Torheit durch feines Schweigen zur rechten Stunde vergessen machen Blos
ja oder nein«
    »Nein«
    »Das ist wirklich eine bündige Antwort Auch in der Schlosshalle wirst Du
nicht fehlen«
    »Auch da nicht«
    »Und wenn mich die Wendin und ihre vermutlichen Beistände anklagen«
    »Dann werde ich gegen Dich zeugen«
    Magnus senkte den Kopf ein wenig und schloss die Augen einige Sekunden als
wolle er um jeden Preis einen Ausweg ersinnen Er fühlte dass der Boden unter
ihm zusammenbrach dass sein Ansehen für immer dahin war wenn sein Vater in
momentaner Missstimmung gegen ihn entschied und Röschen frei sprach Nach einiger
Zeit richtete er seine durchbohrenden Blicke wieder auf Herta
    »Nun« sprach er »ein Mann schickt sich in das Unvermeidliche so gut es
geht Der Tag nach dem Feste soll mich als Mann kennen lernen Wie aber stehen
wir von jetzt an mit einander, süßer Trotzkopf«
    »Einem wohlerzogenen Kavalier wird dies der Anstand sagen«
    »An Frieden ist also nicht zu denken«
    »Ich heuchele nie«
    »Und wenn ich statt der weißen die blutrote Flagge aufziehe«
    »Auch dann werde ich weder meine Meinung noch mein Verfahren ändern«
    »Das wird freilich Blut kosten« erklärte Magnus achselzuckend
    »Willst Du mich ermorden« fragte Herta lächelnd
    »Nicht doch nur an die versprochene Genugtuung erinnern«
    »Ja so«
    »Darf ich die schöne Kousine vielleicht gleich heut nach der Waffengattung
fragen die sie für diesen Fall bestimmt«
    »Wenn der Graf Magnus sich mit einem Mädchen durchaus schlagen will«
versetzte Herta mit komischer Ernsthaftigkeit »so muss ich ja wohl zur Pistole
greifen«
    »Also Pistolen Sehr wohl Und der Ort des Rencontre«
    »Jeder beliebige welchen Graf Magnus für sicher hält«
    »Grossmütig entschieden ich muss gestehen«
    Die letzte Hälfte dieses Gespräches hatte Magnus mit gesenktem Blicke
geführt Es schien als grabe er während des Sprechens mit allem Scharfsinne
nach Mitteln die ihn retten könnten oder als wühle er in den Schachten seines
erfinderischen Geistes nach irgend einem abenteuerlichen Plane Jetzt sah er
seine Kousine wieder mit einem jener dämonischen Blicke an in denen die ganze
Glut der Hölle überschwebt von einem einzigen bleichen Funken himmlischen
Lichtes strahlte und schien ihr Bild tief in seine Seele einsaugen zu wollen
    »Nun so wünsche ich Ihnen eine gute Nacht und süße Träume« sagte er sich
tief vor ihr neigend »Auf Wiedersehen in der Schlosshalle«
    Magnus durchschritt langsam das Zimmer ohne dass Herta seinen Abschiedsgruss
erwiderte oder ihn zurückrief Dicht an der Schwelle blieb er stehen und kehrte
sich nochmals um
    »Schöne Kousine soll es denn wirklich geschehen« sagte er mit beklommenem
Herzen »Muss es durch den Starrsinn eines Mädchens dahin kommen dass die Buben
auf den Straßen mit Fingern auf uns zeigen werden Und dieses selbe Herz dieser
selbe Mund der jetzt kein Wort der Gnade für mich hat ließ mich ehedem
glauben sie hörten nicht ungern auf meine Gespräche  O ich will nicht
sprechen von Liebe  das wäre eine Entweihung  ich will nur Minuten nur lichte
gaukelnde Sekunden aus der Vergangenheit zurückrufen in denen wir nicht ahnten
dass wir uns dereinst so gegenüberstehen würden Und uun welche Kluft hat sich
aufgerissen welche entsetzliche Verwandlung ist vorgegangen«
    »Wer hat sich dessen anzuklagen« fragte gleichgültig Herta
    Magnus tat hastig einige Schritte rückwärts »O Gott sei Dank doch ein
Wort ein Laut der mich lehrte dass jene Bilder noch nicht gänzlich in der
Seele verwischt sind  Herta angebetetes Mädchen Engel wegen dessen Verlust
ich gefrevelt habe für den ich litt wie Wenige gelitten vergib mir reiche
mir Deine Hand nimm mich auf an Deinen reinen Busen und ich will Dich ehren
wie eine Heilige«
    Und er warf sich vor ihr nieder
    »Man sieht dass Graf Magnus die französischen Schauspieler in Berlin nicht
ohne Nutzen gesehen hat«
    Dem Grafen stieg das Blut in den Kopf seine Stimme zitterte wie sein
ganzer Körper
    »Herta« keuchte er »keinen Hohn ich bitte um Deines ewigen Heiles willen
Es ist keine Lüge es ist Wahrheit quälende mich aufreibende Wahrheit ich
liebe Dich liebe Dich bis zur Raserei«
    »Wenn Sie jetzt wirklich vielleicht zum ersten Male in Ihrem Leben die
Wahrheit reden sollten Herr Graf« erwiderte Herta mit vornehmer Ruhe kalt
aber nicht verletzend »so muss ich Ihnen wie ich dies immer getan zu haben
mich entsinne ebenfalls die volle lautere einfache Wahrheit sagen Ich liebe
Sie nicht aber ich interessierte mich für Sie weil ich das Eigentümliche in
Ihrem Charakter Ihre großen Vorzüge und Anlagen unter einem wüsten Trümmerfeld
gemeiner Schwächen achtete Mit solchem Auge sah ich Sie kommen und gehen bis
Sie mich jetzt so unritterlich überfielen Ich habe es Ihnen bereits gesagt und
nur Sie haben es dahin gebracht  jetzt folgt Ihnen meine Verachtung  Wir
können uns nichts mehr sein und würde auch diese feindselige Trennung die ich
jetzt so ruhig ausspreche mein Unglück auf Erden«
    Magnus war inzwischen wieder aufgestanden »Ein so hartes Urteil aus so
schönem Munde ist sehr niederschlagend« sagte er tonlos »Ich sehe dass ich zu
viel gewagt zu viel verloren habe um noch etwas zu gewinnen So füge ich mich
denn in mein Schicksal  Aber nach dem Feste «
    »Werde ich Wort halten« sagte Herta kühl und entschlossen
    »Dann bleibt es also bei dem Rencontre«
    Herta gab ihre Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen und Magnus schlich
unbemerkt in sein Zimmer zurück
 
                                Fünftes Kapitel
                                  Das Gericht
Weder Magnus noch Herta schliefen in dieser Nacht Jenen folterte gekränkte
Eitelkeit und Durst nach Rache diese entwarf menschenfreundliche Pläne zum
Besten des armen leidenden Volkes und ließ ihre Gedanken in die Zukunft
hinüberschweifen wo ihren aufgeregten Sinnen und ihrer entzückten Phantasie das
strahlende Bild einer Welt erschien in der alle Menschen gleichermassen in Glück
und Freiheit schwelgten
    Die Drohungen ihres entarteten Vetters schreckten das mutige Mädchen nicht
denn sie lebte des festen Glaubens dass Lug und Trug an dem silbernen Schilde
der Wahrheit zerschellen müssten Das angedrohte Rencontre vergaß sie sogar
vollständig weil sie es durchaus nicht für möglich hielt dass ein ehrenwerter
Mann im Ernst einem Weibe solche Zumutungen machen könne Auch kannte Herta den
abenteuerlichen Charakter ihres Vetters hinlänglich um in seinem Vorschlage
eben nichts als einen neuen romanesken Auswuchs seiner mittelalterlichen
Ritterlichkeit zu erblicken Hätte sie wirklich an Ausführung der Drohung
glauben können dann würde die gegen ihre schöne Brust gerichtete Mündung eines
Pistols wahrscheinlich alle schelmischen Träumereien aus ihrer Seele verscheucht
haben
    Am andern Morgen gab Herta dem fragenden Klemens zusagende Antwort und
bestellte ihn mit seiner Geliebten am Tage nach dem Feste wieder aufs Schloss 
Da in der Zwischenzeit nichts Bedeutendes sich zutrug übergehen wir dieselbe
mit Stillschweigen 
    Zur festgesetzten Zeit wurden ihr am Tage nach Ostern die Wenden gemeldet
und Herta ließ ihre Schutzbefohlene sogleich vor Sie ward überrascht von der
verschämten Lieblichkeit Haideröschens und konnte jetzt wohl begreifen dass
diese frische naive Mädchenknospe die Sinne ihres lockeren Vetters hatte
bestricken und in Flammen setzen können
    Die Wendin hatte ihren besten Staat aufgelegt der in jener einfachen
Kleidung bestand die wir schon früher beschrieben haben Eine dichte Reihe
goldener krauser Löckchen drang unter dem sauber geglätteten leinenen
Spitzenhäubchen hervor und umsäumte die klare Stirn des lieblichen Kindes mit
einer reizenden Glorie Schüchtern und von Dankgefühl durchdrungen warf sich
Haideröschen vor Herta auf die Knie und stammelte unter Freudentränen
    »Dank tausend Dank gütige Herrin für so viel Gnade«
    »Steh auf mein Kind« sagte Herta der Wendin liebreich beide Hände
reichend »Umarme mich und betrachte mich wie eine Schwester Auch mir nagt
mancher Kummer am Herzen und die Bekümmerten sollen einander ja suchen trösten
und aufrichten  Arme Kleine wie Du zitterst Wie Dein Herz schlägt Bist Du
allein gekommen oder hat Dich Dein Bräutigam begleitet«
    Bei dem Worte »Bräutigam« errötete Haideröschen bis an die Stirn Sie
schlug die Augen nieder und versetzte »Wir sind noch nicht verlobt gnädiges
Fräulein aber Klemens hat mir gesagt dass er kein anderes Mädchen als mich
zur Frau nehmen will«
    »Gewiss so soll es geschehen Ist Klemens im Schloss«
    »Klemens mein armer Vater und auch mein Pate Ehrhold Sie ließ sich
nicht zurückhalten und warten draußen um Ihnen für so viele unverdiente Gnade
recht von Herzen zu danken«
    »Das ist mir lieb arme Kleine denn ich glaube wir werden ihrer in Kurzem
bedürfen Dein Widersacher ist nämlich hier erschienen und hat Dich bei seinem
Vater verklagt«
    »Graf Magnus« rief Haideröschen erbleichend aus
    »Ja gutes Mädchen er selbst Aber fürchte Dich nicht so er kann Dir heut
kein Leid zufügen Sein Vater der gerechtigkeitliebende Graf Erasmus und Dein
eigentlicher Gebieter hat mir zugesagt Dich zu schützen Du stehst also unter
seiner Obhut und wenn Du mir offen und wahrheitsgetreu den Vorgang mit dem
bösen Grafen Magnus erzählst so kann Dir Niemand ein Haar krümmen«
    »Muss ich denn meinen Todfeind sehen« fragte Haideröschen
    »Nicht bloß sehen wirst Du ihn Du musst ihn auch als Deinen Verführer
bezeichnen und genau Alles was er Dir vorgespiegelt hat im Beisein des alten
Grafen erzählen«
    »Ach Gott das kann ich ja nicht«
    »Warum nicht mein liebes Röschen«
    »Das würde ja dem Herrn Grafen zur Unehre gereichen«
    »Eben deshalb musst Du es Wort für Wort erzählen Der Elende soll entlarvt
werden vor denen die er beleidigt hat Die armen Untertanen sollen erfahren
dass er ein harter Tyrann ein schlechter Mensch ist und dasswenn er sich nicht
bessert ihm Niemand Gehorsam zu leisten braucht«
    »Wenn er seinen stechenden Blick auf mich richtet vermag ich nicht zu
reden«
    »Es wird schon gehen gutes Röschen nur Mut Graf Erasmus will Dir wohl
Du bist von diesem Augenblicke an in meinen Diensten und darfst meinen Schutz in
Anspruch nehmen Mit ein wenig Selbstvertrauen wird Alles zu Deinem Gunsten sich
entscheiden«
    Niedergeschlagen neigte die Wendin ihr Köpfchen und weinte dass die hellen
Tränen über ihre Wangen herabliefen Herta ließ inzwischen die Ankunft Röschens
und ihrer Angehörigen dem Grafen anzeigen und um dessen fernere Befehle bitten
Bevor Antwort auf diese Anfrage erfolgt wenden wir uns auf einige Minuten zu
Magnus
    Der geneigte Leser erinnert sich aus dem vorigen Kapitel dass die Zimmer des
jungen Grafen der ein seltener Gast im alten Schloss war in beträchtlicher
Entfernung von den übrigen bewohnten Gemächern lagen und nur durch vielfach in
einander laufende und sich kreuzende Korridore mit diesen in Verbindung standen
Eine Menge schmaler Treppen und finsterer Gänge wie man sie in allen alten
Feudalschlössern findet fehlten auch auf Boberstein nicht und machten es dem
der sie genau kannte leicht möglich das ganze Schloss in seiner großen
Ausdehnung von einem Flügel zum andern zu durchwandern Magnus in Boberstein
erzogen besaß diese Kenntnis da er als Knabe die abgelegensten Verstecke die
finstersten Treppen und geheimsten Türen zu seinen Spielen aufgesucht und
benutzt hatte Wir erwähnen dies hier weil es für unsere Erzählung alsbald von
Bedeutung sein wird
    Der junge Graf hatte den größten Teil der Nacht in heftiger Aufregung
verlebt nicht aus Furcht vor dem nächsten Tage der ihm eine Demütigung
prophezeite die seinen Stolz tötlich zu verwunden drohte sondern von Gedanken
gepeinigt von Plänen und Entwürfen gefoltert die er bei sich erwog und wieder
verwarf Er hatte einen Entschluss gefasst der ihn vor wilder Freude zittern
machte von dem er sich unaussprechlichen Genuss versprach nur über die Art und
Weise der Ausführung desselben war er mit sich noch nicht vollkommen im Klaren
Es war dazu nötig dass er vorerst wie er dies als Knabe fast täglich getan
hatte alle Verbindungsgänge des alten Schlosses genau wieder untersuchte und
sich mit Schloss und Riegel so vieler nie geöffneter Türen abermals bekannt
machte Denn um seinen Zweck zu erreichen musste jedes Hindernis bei Zeiten
entfernt werden
    So schlich nun Magnus in der Nacht welche dem Gerichtstage vorherging als
die tiefe Stille ihm sagte dass alle Diener im Schloss zur Ruhe gegangen seien
leise aus seinem entlegenen Zimmer Er glich einem feigen Mörder wie er das
Licht mit vorgehaltener Hand schirmend den blanken Hirschfänger unterm Arm
gebückt mit falschem funkelnden Auge das bleiche Antlitz von dem
schwarzseidenen Tuche umrahmt die knisternden Stiegen auf und nieder wandelte
Türen öffnete die mit grauen Spinngeweben vergittert waren und deren
Bewohner vom plötzlichen Lichtschein erschreckt in schnellem Laufe nach allen
Seiten hin auseinander stoben Einige Türen fand er geschlossen Vor diesen
blieb er lange stehen während seine Hand die Türschlösser prüfend untersuchte
Über dieser Nachtwanderung verstrich mehr als eine Stunde Magnus hatte sie
gegen elf Uhr begonnen und als die Schlossschelle dumpf dröhnend Mitternacht
schlug kehrte der finstere entschlossene junge Mann eben zurück Das lange
schrille Austönen der Glocke machte ihn stehen bleiben Ein dünner Luftzug der
von rechts durch eine schmale hohe Tür hereinblies und die Flamme des Lichts
niederwärts krümmte erregte seine Aufmerksamkeit Er stellte den Leuchter in
eine Mauerblende zur Seite drückte gegen die Pforte und öffnete sie Der dunkle
Nachthimmel mit seinen flimmernden Sternen fiel herein in den düstern Gang und
übergoss mit weichem Glanz die dämonischen Züge des Grafen
    Magnus trat hinaus auf die Zinne des Schlosses die rund um die weitläufige
Burg lief und von einer ziemlich hohen Brustwehr geschirmt war Unter ihm lag
der See schwarz und still nur erleuchtet von den Sternbildern die sich in ihm
spiegelten Darüber in unabsehbarer Ausdehnung dunkelte die Heide Ein
geisterhaftes Rauschen klang von ihr herüber und bewegte leis die dunklen Kronen
ihrer Millionen Bäume Hie und da schoss eine Sternschnuppe nieder bei deren
dunstigem Leuchten fern und nah grauweisse Rauchsäulen über dem endlosen
Baummeere sichtbar wurden die sich erst hoch in der Luft ausbreiteten und dann
wie zartes Piniengeäst majestätisch in den Nachthimmel hinaufwuchsen Von Zeit
zu Zeit dröhnte ein dumpfes Krachen aus der Heide und erstarb in matten
Echolauten Dann kreischten Uhu und anderes Gevögel laut auf und schwarzes
Gefieder ward momentan sichtbar über den zitternden Wipfeln
    Graf Magnus ließ sein brennendes Auge bald auf dem See bald auf dem
schwarzen Saum der Heide ruhen indem er langsam nach einem der vier Ecktürme
ging die mit ihrem braunen Mauerwerk weithin die Heide überragten Bei jedem
dieser Türme wand sich in das Gestein gesprengt eine schmale Treppe bis auf die
Felsen der Insel hinab wo sie mit den tiefen Verliessen und Kellern des
Schlosses in Verbindung stand Von Außen konnte auch das schärfste Auge diese
Felsenstiege nicht entdecken was in früher vorgekommenen Befehdungsfällen für
die Bewohner der alten Burg sich als höchst vorteilhaft erwiesen hatte Jetzt
hatte Niemand mehr Acht auf diese feudalistischpraktische Befestigungsart Die
Stufen waren zum Teil zerbröckelt und der ganze beschwerliche Weg nur mit
einiger Anstrengung noch gangbar
    Magnus beschlich das Gelüst auch diese Treppe wieder einmal zu betreten
Als er aber den Fuß auf die erste Stufe setzte zitterte die Melodie eines
Gesanges von der Heide herüber Er blieb stehen Die Worte konnte er nicht
vernehmen allein Ton und Weise des Gesanges sagten ihm dass ein später Wanderer
eines jener zahllosen wendischen Lieder singe die unter dem Namen »Feldlieder«
bekannt sind und vom Volke bei der Arbeit auf Feld und Wiese erst gedichtet
dann nach selbst dazu erfundener Melodie gesungen werden Der nächtliche Sänger
hatte eine kräftige klangreiche Tenorstimme die mit dem heiligen Rauschen der
Wälder eigentümlich harmonirte Nach einigen Minuten verhallte der Gesang in
der Ferne und die vorige tiefe Ruhe trat wieder ein
    Den jungen Grafen überfiel plötzlich ein Frösteln Er schauerte in sich
selbst zusammen und obwohl er von Natur durchaus nicht furchtsam war kam es
ihm auf der öden Zinne seines Stammschlosses jetzt doch unheimlich vor Es war
ihm als habe der Schutzgeist der uralten Türme und Giebel seine Stimme
erschallen lassen und als fühle er noch seine unsichtbare Nähe Schneller als
zuvor ging Magnus zurück schloss mit einiger Hast die Luckentür und kam in
kalten Schweiß gebadet auf seinem Zimmer an Hier ging er noch lange auf und
nieder ehe er sich ruhig genug fühlte um sich den schirmenden Armen des
Schlafes anvertrauen zu können
    Am nächsten Morgen erweckte ihn Hundegebell Als er in den Schlosshof
hinabsah bemerkte er Haideröschen inmitten ihrer nächsten Anverwandten Dieser
Anblick jagte ihm das wilde Blut ins Gesicht und vergegenwärtigte ihm die
vergangenen ärgerlichen Auftritte die jetzt einen so peinlichen Ausgang
verhiessen
    Die Flucht der schönen Wendin von seinem Besitztum war ihm in jeder
Hinsicht verdrießlich am meisten aber deshalb weil es nach dem was zwischen
ihm und dem Mädchen vorgefallen war ganz den Anschein haben musste als sei er
ein verworfener Bösewicht Ob ihn das Volk im Allgemeinen dafür hielt darum
kümmerte er sich nicht Er machte überhaupt kein Geheimnis aus seinen Gelüsten
Dass er aber gerade in einer Angelegenheit wo er sich einer bessern Absicht
wenigstens in jenem Augenblicke bewusst gewesen als frevelhafter Verführer
erscheinen musste dies verdross ihn über die Massen und erzeugte jetzt einen Hass
gegen Haideröschen wie er ihn gegen sonst Niemand empfand noch je empfunden
hatte Je mehr er sich dessen bewusst ward desto fester bildete sich in ihm ein
Racheplan gegen das arme Mädchen aus an dessen Verwirklichung er jedoch nur
dann zu gehen sich gelobte wenn seine eigene Ehre auch nur leise durch ihr
Betragen gekränkt werden sollte Dies war indes bloß ein jesuitischer Kniff mit
dem er sein Gewissen retten wollte in seinem geheimsten Innern war es längst
fest beschlossen die widerspänstige Leibeigene zu verderben weil sie gewagt
hatte ihm zu widerstehen ja ihn sogar zu verklagen und Schutz gegen ihn zu
suchen
    Verächtlich ließ Magnus seine Blicke über die drei wendischen Männer
gleiten die unter dem gotischen Portal der Burgtür stehen blieben und leise
mit einander sprachen während Haideröschen allein das Innere des Schlosses
betrat Er kleidete sich gemächlich an schellte dem Diener und befahl das
Frühstück das er mit gutem Appetit verzehrte Er wunderte sich dass sein
pünktlicher strenger Vater so lange auf sich warten ließ und glaubte schon er
könne sich wohl gar anders besonnen haben als ein Bedienter ihm den Befehl des
Grafen Erasmus überbrachte sich schleunigst in die untere Schlosshalle zu
verfügen Magnus nickte vornehm mit dem Kopfe beeilte sich aber keineswegs dem
erhaltenen Befehle pünktlich nachzukommen 
    Inzwischen waren die drei Wenden Jan Sloboda Ehrhold und Klemens auf
Erasmus Geheiß in die erwähnte Schlosshalle gerufen worden Diese Halle lag im
Erdgeschoss rechts von der Eingangspforte Sie war gotisch gewölbt und erhielt
durch drei schmale gotische Fenster mit runden erblindeten Scheiben ihr Licht
Eine große Flügeltür von gewaltigen eichenen Pfosten schied sie von der Flur
Doch war diese Tür in der Regel geöffnet weil aus der Halle eine aus
Eichenholz geschnitzte Wendeltreppe in Form eines runden Turmes in das erste
Gestock hinaufführte und dieser Aufgang zu den Zimmern des Burgherrn näher war
als auf der breiten Freitreppe von Sandsteinquadern im Flur Die Schlosshalle war
mit bunten achteckigen Kacheln und Ziegeln gepflastert und an den Wänden etwa
drei Ellen hoch mit einer Verschaalung von Eichenholz eingefasst an der sich
breite Bänke hinzogen In der Mitte stand ein großer langer Tisch ebenfalls von
Eichenholz und wie für die Ewigkeit gezimmert und der hohen Eingangstür
gegenüber sah man an der Wand einen langen über drei Fuß hohen eichenen Klotz
aufgerichtet der mehrere runde Oeffnungen hatte die etwa vier Zoll im
Durchmesser halten konnten Dieser Klotz war der »Stock« das gewöhnliche
Werkzeug welches die ländliche Gerechtigkeitspflege bei Bestrafung leichter
Vergehen damals anzuwenden pflegte und das Vorhandensein dieses »Stockes« in
der Halle bewies dass man dieselbe in vorkommenden Fällen stets als
Gerichtszimmer benutzte
    An der einen Wand der Halle den Fenstern gegenüber war eine Art Empore oder
Gallerie angebracht zu welcher eine Treppe führte Auf dieser pflegten sich bei
solchen Gelegenheiten wo der Schlossherr den Richtern der ihm untergebenen
Ortschaften feierlich seine Verordnungen und Befehle bekannt machte die
Mitglieder seines Hauses zu versammeln Dasselbe fand bei Gerichtsverhandlungen
statt und auch jetzt nahmen die alte Gräfin nebst Herta bereits ein paar Stühle
mit geschnitzten hohen Holzlehnen ein die zu diesem Behufe auf der Gallerie
vorhanden waren
    Der Graf selbst hatte sich von seinen Dienern in die Halle hinab tragen
lassen und saß als Richter an dem erwähnten eichenen Tische Rechts von ihm
unweit der Tür hatte Haideröschen bleich und zitternd Platz genommen während
die Wenden und die Dienerschaft an der Schwelle zur Halle mit entblößten
Häuptern standen und ehrfurchtsvoll der Eröffnungen harrten die ihnen der Graf
machen würde
    Erasmus beauftragte so eben seinen Kammerdiener nachzusehen wo sein Sohn
bleibe als Magnus auf der Wendeltreppe erschien und dem Anscheine nach
vollkommen harmlos in die Halle hinabstieg Er trug sein gewöhnliches grünes
Jagdkleid der kleine dreieckige blaugraue Hut saß schief auf den Locken seines
frisch gepuderten Haares Erst als er in die Halle trat nahm er ihn ab grüßte
mit verbindlichem Lächeln nach der Gallerie hinauf und verbeugte sich dann gegen
den Grafen indem er an die schmale Seite des Tisches trat und den Fenstern den
Rücken zukehrte
    »Sie haben befohlen mein Vater« sagte Magnus »und aus der
Bereitwilligkeit mit welcher ich Ihren Befehlen gehorche mögen Sie ersehen
welches Vergnügen es mir gewährt Ihnen gefällig zu sein«
    Diese Worte obwohl lächelnd und mit Grazie gesprochen enthielten doch
einen offenbaren Hohn denn die Versammelten hatten geraume Zeit auf den jungen
Grafen warten müssen und deutlich geung die langsamen Schritte gehört und das
Zögern gesehen womit er die Treppe herunterstieg Erasmus gab sich nicht die
Mühe seinem ungeratenen Sohne zu antworten da er voraussah dass ein Wortkampf
daraus entstehen würde der hier zu nichts führen konnte Er wendete sich
vielmehr sogleich an die junge Wendin und redete sie freundlich und leutselig
an
    »Sage mir jetzt mein Kind ganz offen und ohne Scheu wie Du heißt«
    Furchtsam stammelte Haideröschen ihren Namen die schönen Augen fest auf die
bunten Ziegeln heftend
    »Du bist ihr Vater Jan Sloboda« fragte Erasmus weiter
    »Ja ja gnädigster Herr Graf das arme Ding ist mein liebes liebes Kind
Ihre Mutter  tröst sie Gott  war just eben so munter und zierlich als ich
sie kennen lernte vor einem Vierteljahrhunderte«
    Der Graf winkte dem Wenden dass er schweigen solle und kehrte sich wieder
zu dem zaghaften Mädchen
    »Kennst Du diesen jungen Mann« fragte er auf seinen Sohn zeigend
    »Ach gewiss kenne ich ihn« seufzte Röschen »Es ist ja Ew Gnaden gnädiger
Herr Sohn«
    »Ich höre Röschen Sloboda dass Du eine Klage gegen meinen Sohn angebracht
hast ich fordere Dich auf diese in allen ihren Einzelnheiten jetzt hier zu
wiederholen«
    Purpurglut übergoss Gesicht und Nacken der Wendin sie blickte einige Male
scheu auf nach dem Grafen schlug aber die Augen sogleich wieder zu Boden und
schwieg Magnus der seinen scharfen Geierblick keine Sekunde von Röschen
verwendete lächelte ironisch
    »Rede mein Kind der gnädige Herr Graf will es« flüsterte ihr Sloboda zu
allein dem geängstigten Mädchen war die Zunge wie gelähmt sie brachte nur
unverständliche stotternde Worte heraus
    »Besinne Dich und nimm Dir Zeit« redete sie Erasmus wieder äußerst
freundlich an »Ich will Dir wohl arme Kleine und verspreche Dir geschehenes
Unrecht so viel wie möglich wieder gut zu machen Hat Dich Graf Magnus unwürdig
behandelt«
    »Ach nein nein Ew Gnaden wie wäre das möglich« stieß Röschen heraus
während verdoppelte Glut ihr zartes Kindergesicht überflammte
    »Ich sagte es ja« fiel Magnus lächelnd ein
    »Hat Dich mein Sohn nicht aus der Mitte Deiner Freunde mit Gewalt entführt«
    »Das ist freilich wahr aber nachher sagte mir der junge gnädige Herr dass
er es getan habe um mir schöne Kleider machen zu lassen«
    »Und hast Du ihm verziehen«
    »Warum nicht Er war nachher recht gütig gegen mich«
    »Aber späterhin drohte er Dir nicht wahr und deshalb ergriffst Du einen
Leuchter um Dich gegen ihn zu verteidigen«
    Hier stürzte Röschen auf die Knie erhob flehend die gefalteten Hände zu dem
Grafen und rief »Sein Sie gnädig Herr Graf dass ich so arg gefehlt habe Ich
wusste ja nicht dass ich den guten jungen Herrn treffen würde Ich fürchtete mich
so sehr«
    Erasmus hieß die Wendin aufstehen und betrachtete sie schweigend »Eine
andere Klage hast Du also wirklich nicht gegen den Grafen Magnus vorzubringen«
fragte er nach einer Pause
    »Gewiss und wahrhaftig nicht«
    »Sie sehen mein Vater« fiel Magnus ein »dass man Ihnen unartige Märchen
erzählt hat Es ist vollkommen wahr was die kleine Wendin behauptet Ich
entführte sie wenn man einen Scherz Entführung nennen will weil ich ihr eine
ihren Naturgaben angemessene Erziehung zu geben gedachte und ich gestehe es
weil mich der offene Widerstand verdross den ihre Angehörigen meiner Forderung
entgegensetzten Als Ihr Sohn und Erbe mein Vater glaubte ich das Recht zu
besitzen eine Ihrer Leibeigenen gleichsam leihweise mir zur Dienerin auswählen
zu dürfen Diesen Eingriff in Ihre Rechte wenn mein Verfahren ein solcher ist
hat sie hart an mir gerächt Die Kopfwunde welche ich trage zeugt noch von der
dämonischen Wut die in ihr kochte und von der aufsätzigen Gesinnung die seit
einiger Zeit unter Ihren Knechten mein Vater sich geltend macht Gern wollte
ich der kleinen schönen Sünderin ihr Unrecht gegen mich verzeihen forderten
nicht Gesetz und Recht dass man ihr Verfahren bestrafe Ein Leibeigener der
frevelnd seine Hand gegen den Herrn erhebt darf nicht frei ausgehen wenn
ähnliche Verbrechen in Zukunft unterbleiben sollen Aus keinem andern Grunde
trage ich auf exemplarische Bestrafung des Mädchens an«
    Erasmus ward durch das furchtsame Schweigen der Wendin in nicht geringe
Verlegenheit gesetzt da es nicht nur nicht in seiner Macht stand Haideröschen
freizusprechen sobald sie sich selbst schuldig bekannte sondern ihm auch alle
Aussicht sich als milden Gebieter seiner Untertanen und als strengen Richter
gegen sein eigenes Haus zu zeigen damit gänzlich abgeschnitten ward Er hatte
grade auf das Gerechtigkeitsgefühl und die Naivetät des unverdorbenen Mädchens
am meisten gehofft und darauf hin allein diesen öffentlichen Weg eingeschlagen
und nun sah er seinen wohl überlegten Plan an der Schüchternheit und Herzensgüte
der Wendin scheitern Rechnen wir noch dazu dass ihm die Richtigkeit der
Bemerkungen seines Sohnes einleuchtete und dass er obwohl grade bieder und
durchaus rechtlich gesinnt keineswegs offenem Umsturze des Bestehenden und
rohem Aufstande das Wort reden wollte so blieb ihm nichts übrig als sich den
Umständen zu fügen und Haideröschen für ihr Vergehen wirklich zu bestrafen
obwohl dasselbe nur die allergerechteste Notwehr gewesen war
    »Besinne Dich wohl Röschen« nahm er nach einiger Zeit wieder das Wort 
»Bist Du hart und unehrerbietig von diesem jungen Mann behandelt worden so sage
es mir Es soll Dir Niemand ein Haar krümmen bei meinem gräflichen Wort«
    Allein auch auf diese nochmalige dringende und in väterlich bittendem Tone
an die Wendin gerichtete Aufforderung schüttelte Haideröschen den Kopf indem
sie unter rinnenden Tränen sprach »Seine Gnaden haben mich behandelt wie eine
Magd nicht anders aber ich fürchtete mich vor seiner flehenden Miene und
darum schlug ich ihn«
    Magnus triumphirte Sein glänzendes Auge begegnete dem Blick seiner Mutter
die neben Herta auf der Gallerie saß und mit stolzer Verachtung auf die
demütigen Wenden hinabsah
    Ein vergnügtes Lächeln ging über ihr Gesicht und grüßend erhob sie graziös
die Hand mit dem Fächer der häufig von ihr auf und zugeklappt wurde
    »Es tut mir leid mein Kind« versetzte Graf Erasmus nach diesem
Geständnisse des geängstigten Mädchens mit sichtbarem Verdruss »dass ich Dir eine
gelinde Strafe für das gewalttätige Benehmen gegen meinen Sohn zuerkennen muss
Deine Jugend Deine Unerfahrenheit und die offenbar ungewohnte Lage in welcher
Du Dich befunden mildern mein Urteil das nach dem Buchstaben des Gesetzes
weit härter lauten würde Meine Frohnknechte werden Dich eine Stunde in den
Stock legen diese Strafe durch Anschlag an dem Burgtore und in Deinem
Geburtsorte bekannt machen und Jedem freien Zutritt gestatten der Dich in
dieser demütigen Lage sehen will«
    Bei diesem Urteilsspruche stieß Herta einen lauten Schrei aus und fiel
entkräftet Gräfin Utta auf die Schulter Entrüstet über ihre empfindsame Nichte
rief die stolze Frau die Zofen herbei um die Ohnmächtige deren Pflege zu
übergeben
    Zugleich trat Magnus seinem Vater einen Schritt näher
    »Wie« sagte er »eine Stunde im Stock soll die Strafe für diese freche
Dirne sein die mir den Hirnschädel mit dem gewichtigen Leuchter zerschmettern
konnte Ich protestire gegen diesen Spruch mein Vater im Namen aller Edlen
die sich in mir entehrt sehen Den Pranger hat das ungehorsame Geschöpf verdient
und eine Tracht Rutenstreiche auf den entblößten Sclavenrücken unter
Zusammenruf aller Leibeigenen auf dem Schlosshofe Ich trage darauf an und
erwarte mein Vater dass Sie meine Gründe berücksichtigen werden«
    Ruhig versetzte dagegen Erasmus »Mein Urteilsspruch bleibt in Kraft Ich
habe ihn gefällt nach reiflicher Überlegung und wünsche dass Du die geheimen
Beweggründe die mich dazu veranlassen Dir selbst sagst damit ich mich nicht
genötigt sehe sie Dir einzeln hier vor diesen Leuten ins Gedächtnis zu rufen
 Frohnknechte vollzieht das Urteil und legt die Wendin in den Stock«
    Bleich vor Zorn und mit zitternden Lippen trat Magnus zurück Zugleich
ergriffen zwei Knechte des Grafen das schlanke Mädchen und führten es zu dem
Eichenblocke der an der Wand der Halle stand Haideröschen folgte willig und
schweigend wie ein Lamm das man zur Schlachtbank schleppt Nur die häufigen
Tränen die in schmalen Silberbächen über die mattroten Wangen herabrieselten
zeugten von dem Kummer ihres Herzens von der Schaam die sie verzehrte Denn im
Stocke gelegen zu haben war eine Schmach für Jeden zumeist für ein junges
Mädchen das im Begriff stand einem ehrlichen Burschen ihre Hand als Gattin zu
reichen Sie sah jetzt ihr ganzes kleines Glück zertrümmert ihre Zukunft die
sie sich in rührender Genügsamkeit so freundlich ausgemalt hatte für immer
verdüstert Kein ehrlicher Wende glaubte sie würde ihr jetzt einen Tanz mehr
antragen Klemens werde sie verlassen sie fliehen wie eine Aussätzige und
jedes Schutzes bar werde sie in die Schlingen des boshaften Blauhuts fallen der
sich wie sie deutlich durch ihre Tränen bemerkte an ihrem Jammer weidete
    Sie musste sich Schuhe und Strümpfe ausziehen während die Knechte den
schweren Block abhoben Dann nötigte man das geduldige Kind auf den kältenden
Ziegelboden niederzusitzen und die zartgeformten Füße bis über die
alabasterweissen Knöchel in die Löcher des Eichenpfostens zu legen worauf die
Knechte die abgenommene Hälfte des Blockes wieder aufsetzten mit starken
Klammern an den unteren Klotz anschlossen und die arme kleine Wendin unbarmherzig
zwischen beide Klötze einklammerten Haideröschen ward durch diese Strafe in
eine höchst unbequeme Lage versetzt Da sie nur von mittlerer Frauengrösse der
untere Teil des Stockes aber bis zu den Oeffnungen fast eine halbe Elle vom
Fußboden erhoben war konnte sie sich nur mit großer Anstrengung aufrecht
erhalten Doch würde sie dies mit Geduld ertragen haben da ihre Seele
tausendmal mehr litt als ihr Körper dass aber durch diese Stellung ihre
jungfräulichen Glieder bis an die Knie entblößt wurden und dass die lüsternen
Blicke des schadenfrohen Grafen Magnus an ihren entüllten schönen Formen sich
ungestraft weiden durften das presste ihr Herz zusammen und raubte ihr beinahe
alle Besinnung
    Sobald die Straffällige in den Stock gelegt war ließ sich Erasmus zurück in
sein Zimmer tragen Man sah es ihm an dass er diesen Ausgang nicht erwartet
hatte und sehr unzufrieden mit der Wendung war die die ganze Angelegenheit
genommen Er zürnte sogar der kleinen Wendin die ihre eigene Schüchternheit
gegen seinen Willen so hart büßen musste Darum sah er sich auch weder nach ihr
noch ihren Begleitern um die mit entblößten Häuptern den Riemen der
Knechtschaft um die Stirn gewunden lautlos auf der Schwelle standen und mit
Betrübnis das weinende Mädchen im Stocke betrachteten Glücklicherweise fanden
sich außer der zahlreichen Dienerschaft des Grafen keine Neugierigen ein um die
Bestrafte anzuglotzen oder wohl gar zu verhöhnen Nur Magnus blieb in der Halle
und wanderte eine volle Stunde mit verschränkten Armen an Haideröschen auf und
nieder eben so begehrliche als wütende Blicke auf sie heftend Die
Unglückliche fühlte die Glut seiner bösen Augen obwohl sie nicht zu ihm
aufzublicken wagte und weil sie ahnte dass ihre Erniedrigung ihn ergetzte und
die nackten Glieder seinem Herzen ein Labsal seien tat sie sich die
entsetzliche Gewalt an eine volle Stunde ohne die geringste Bewegung in
derselben qualvollen Stellung zu verharren Man würde sie für tot gehalten
haben wäre nicht in bald längeren bald kürzern Pausen ihrer Brust ein schwerer
Seufzer entschlüpft und hätte man nicht das heftige fieberhafte Klopfen des
züchtig verhüllten jungen Busens gesehen
    Die Stunde dünkte Haideröschen allerdings eine Ewigkeit indes sie verging
und mit einem unbeschreiblichen Wonnegefühl sah sie die Knechte wieder nahen und
sie aus dem Blocke erlösen Als sie sich aufrichtete traf ihr scheues Auge wie
ein Weheruf den jungen Grafen der mit seinem kalten festen Lächeln in den
dämonisch schönen Zügen vor ihr stand und sich höflich verbeugte Zu ihrem
unsagbaren Erstaunen reichte ihr Blauhut die Hand und sagte
    »Jetzt Versöhnung liebes Röschen Ich trage keinen Groll mehr gegen Dich in
mir Du hast gebüßt das genügt mir Von heut an bin ich wieder Dein gnädiger
gütiger Dir wohlwollender Herr«
    Haideröschen war sprachlos vor Erstaunen Magnus musste ihr seine Hand
aufdringen was sie zwar geschehen ließ doch ohne den sanften Druck zu
erwidern den sie fühlte Selbst auf den Gruß mit dem er von ihr ging zu
danken vergaß sie vor Verwunderung und Entsetzen
    Dagegen jauchzte sie innerlich auf vor Frende und süße fromme Klänge wie
heiliges Glockengeläut das zur Kirche rief ging durch ihre Seele als sie
jetzt eine Hand sich sanft auf ihre Schulter legen fühlte und beim Umwenden ihr
noch von Tränen feuchtes Auge auf das gutmütige Gesicht des Geliebten fiel
der sie sanft rüttelnd ausrief »Arme Röse nun hast Dus überstanden und bist
wieder mein«
    Sie warf sich jubelnd an die breite Brust des jungen Wenden und ohne dass er
sie darum bat drückte sie die heißen vor Schmerz und Wonne bebenden Lippen an
seinen Mund Dann fiel sie wieder in ein stilles Weinen Klemens ließ sie
gewähren und strich nur manchmal mit seiner flachen harten Hand über die
duftigen Löckchen ihrer blütenweissen Stirn
    Nachdem sich Haideröschen an der Brust des Geliebten ausgeweint hatte
bemerkte sie erst dass sie barfuß auf den kalten Ziegeln der Halle stand
Schnell bückte sich das arme Kind raffte die blauen Zwickelstrümpfe mit samt
den blanken Bänderschuhen auf und lief der Türe zu wo ihr Vater und Ehrhold
lehnten Treuherzig reichte sie beiden Männern die Hand und bat sie flehentlich
sie möchten ihr die Schande nicht entgelten lassen die sie unwillkürlich über
ihre Angehörigen gebracht habe Es hätte jedoch solcher Bitte nicht bedurft
denn den beiden ernsten Männern war es nie eingefallen das arme Mädchen
anzuklagen Jan zog sie an sich und küsste sie auf die Stirn und Ehrhold nahm
ihre kleine Hand und legte sie in die seines Sohnes um der Zweifelnden durch
die Tat zu beweisen dass er sie gern und freudig als Tochter begrüßen wollte
    Beruhigt setzte sich nun Haideröschen auf die Holzbank womit die Wände
rundum bekleidet waren und beeilte sich die frierenden Füßchen mit Strümpfen
und Schuhen wieder zu bekleiden Noch damit beschäftigt sagte sie zu ihrem
Vater
    »Nicht wahr ich darf wieder mit Euch heimgehen Denn das liebe gnädige
Fräulein wird mich jetzt nun ich eine solche Strafe habe erleiden müssen nicht
mehr um sich sehen mögen«
    »Ich werde Dich in der Heide verbergen mein Kind« versetzte Sloboda
    »Und Klemens sieht schon darauf dass mir der junge Herr nicht wieder
nachstellt« meinte Haideröschen lächelnd
    »Warum lässt unser Herrgott solche Menschen leben und die besten die
frömmsten die gütigsten sterben hin wie Mücken Da kräht kein Hahn drüber«
    »Nach Regen folgt Sonnenschein Jan Lass uns hoffen und stark bleiben«
sagte Ehrhold
    Haideröschen hatte die Schuhe angezogen und strich die üppig vorquellenden
goldenen Haare unter das reine Linnenhäubchen zurück
    »Nun da können wir aufbrechen denk ich« sagte sie mit einem Anfluge von
Munterkeit »Ein Frühstück setzt uns die Herrschaft schwerlich vor«
    Jan schlang den Arm um den Nacken seiner Tochter und sah ihr still in die
großen hellen Kinderaugen
    »Gott erhalte mir nur Dich« sagte er gerührt »Ich wüsste nicht was ich
täte wenn Du mir genommen oder verführt würdest Alles Andere allen Kummer
Not und Elend und Druck will ich ertragen aber Dich mein süßes duftendes
Veilchen das einzige Erbe meines guten Weibes Dich kann ich nicht entbehren
ohne den Verstand zu verlieren«
    Sloboda überschritt die Schwelle der Halle und wollte eben die wenigen
Stufen hinabsteigen die in die geräumige Flur der Burg führten Da hörte er
laut den Namen seiner Tochter von einem Bedienten hinter sich rufen der
eilenden Laufes die eichene Wendeltreppe herab stürmte Die Wenden blieben
stehen
    »Was befiehlt der gnädige Herr Graf« fragte Klemens
    »Fräulein Herta will Röschen Sloboda sprechen«
    Die Augen des Mädchens glänzten vor Freude und Dank »O sie ist gut« rief
sie aus ihre Hände faltend »Ihr dürfen wir und Alle die unglücklich sind
vertrauen Wartet auf mich bis ich zurückkomme oder Euch Antwort sagen lasse«
    Sloboda nickte beistimmend und Haideröschen stieg gesenkten Hauptes fromme
Wünsche für das gute Fräulein in sich tragend hinter dem Bedienten die
Wendeltreppe in das alte Schloss hinauf
 
                               Sechstes Kapitel
                                Ein Bubenstück
Der großen Schlosshalle gegenüber in welcher Haideröschen die schmählige Strafe
erlitten hatte lag die Wohnung des Kastellans Ein gewölbter finsterer Gang
der für Unbekannte auch bei hellstem Sonnenschein nur mit einer Leuchte zu
finden war führte in den zweiten Flügel des Schlosses wo Magnus seine Zimmer
hatte Diesen Gang benutzte der Kastellan wenn ihm sein Amt in diesem Teile
des Schlosses etwas zu tun gab Magnus kannte diese Verbindung sehr genau und
stand von früherer Zeit her mit dem alten Haspel wie der Kastellan hieß auf
leidlich gutem Fuße obwohl neuerdings der grade Sinn des Alten sich gegen die
Lasterhaftigkeit des reichen jungen Herrn auflehnte
    Eine Stunde nach der Strafscene begab sich Magnus durch den erwähnten Gang
in Haspels Wohnung Er fand sie leer Hatte er dies auch nicht erwartet so
freute er sich doch darüber denn zu seinem Geschäft das er mit Haspel abmachen
wollte war Einsamkeit weit vorteilhafter Er hätte lügen müssen wenn er im
Falle der Anwesenheit des Kastellans seinen Zweck erreichen wollte und dies
fiel ihm gerade jetzt etwas schwer
    Horchend blieb der junge Mann einige Sekunden lang an der Tür stehen bis
er sich überzeugt halten konnte dass ihn Niemand sehe Niemand höre Dann
schlich er quer über die Stube bis an den bunten Kachelofen der zur Hälfte in
die Mauer eingeschoben war damit er noch ein kleineres Gemach wo die Diener
hausten zugleich mit erwärme In einem an den Ofen stossenden und etwas gegen
die Tür vorspringenden Pfeiler war ein starker Haken angebracht An diesem hing
ein gewaltiges Schlüsselbund mit vielen blanken und verschiedenen verrosteten
großen und kleinen Schlüsseln Magnus griff danach und hob es behutsam damit es
nicht klirre von dem Hacken Wieder zauderte und horchte er aber es blieb
draußen im Flur wie auf dem Hofraum und im Zimmer der Diener mäuschenstill
    Nun setzte sich der Graf auf den alten mit brüchigem Leder überzogenen
Lehnstuhl am Ofen legte sanft das Schlüsselbund auf seinen Schoss drehte die
Schraube auf welche den eisernen Reif zusammenhielt und bog diesen auf halbe
Zollweite auseinander Dann ließ er prüfend die Schlüssel durch seine Finger
laufen und wählte drei der rostigsten aus zwei größere und einen kleinen die
er dem Reif entnahm Sobald dies mit größter Vorsicht geschehen war schloss er
den Reif wieder mit der Schraube hing das Bund an den Haken versteckte
sorgfältig seinen Raub und verließ das Zimmer des Kastellans auf demselben Wege
den er gekommen war Kaum hatte sich die Gangtür hinter ihm geschlossen so
trat Haspel ein Nichts ließ erraten dass vor wenig Sekunden sein junger
Gebieter sich in der Kunst des Stehlens mit so vielversprechendem Erfolge geübt
hatte
    In seine Zimmer zurückgekehrt verschloss Magnus die Tür legte die drei
entwendeten Schlüssel vor sich hin und betrachtete sie lange mit Blicken in
denen eine satanische Freudenflamme zuckte Dann nahm er gelassen den Riemen
seines Hirschfängers und säuberte sie von den ärgsten Rossflecken worauf er sie
wieder zu sich steckte Die Schlossschelle schlug eben die eilfte Morgenstunde
als er damit fertig war
    Magnus öffnete das Fenster und sah hinab auf den Schlosshof über dem sich
fröhlich zwitschernde Schwalben in dem blauen Luftzelt auf und niederschwangen
das in sonniger Durchsichtigkeit auf den grauen Zinnen der Burg ruhte Die drei
Wenden traten aus der Schlosshalle ihre Hüte in den Händen ehrfurchtsvoll den
Worten lauschend die Hertas zierlich gekleidete Dienerin zu ihnen sprach Dies
machte den Grafen stutzig und spannte seine Neugier Das hübsche Mädchen sprach
laut genug um über den ganzen Schlosshof gehört zu werden
    »Es jst der Wille des gnädigen Fräuleins und unseres guten Herrn Grafen«
sagte Emma »und da fügt Euch nur immer darein Es wird einmal nicht anders«
    »Wer möchte dies auch wollen gutes Kind« versetzte Sloboda »Ich sage ja
bloß dass ich es nicht begreifen kann Wundert Euch nicht darüber meine Gute
Wir armen Ungkücklichen wir finden uns eher zurecht in schwerem Jammer als in
dürftiger Freude Das kleinste Glück bringt uns gleich aus dem Häuschen Und
wenn ich bedenke was mein süßes kleines Herzblättchen mein Röschen so eben
hat ausstehen müssen  so vor allen Leuten  vor Hoch und Niedrig  und ich höre
nun dass das gnädige Fräulein sie trotzdem umarmt und geküsst und mit ihr geweint
hat über die Strafe und dass sie von Stund an bei ihr Dienst Brod und Schutz
finden soll  seht da schwindelts mir vor den Augen und ich kanns nur mit
Mühe fassen«
    »Fräulein Herta tut nichts halb mein Lieber« entgegnete mit sichtbarem
Stolz die Zofe »Das müsstet Ihr doch eigentlich schon wissen wenn Ihr Augen und
Ohren hättet Darum lässt sie Euch sagen es sei Euch erlaubt Eure Tochter zu
jeder Stunde zu sehen So oft Ihr wollt könnt Ihr ins Schloss kommen so lange
bis Alles wegen der Heirat Röschens die der Herr Graf in Gnaden und gegen
Erlegung der üblichen Loskaufskosten genehmigt in Richtigkeit gebracht sein
wird«
    »Tausend Dank Tausend Dank« stammelte Sloboda gerührt beide Hände des
niedlichen Mädchens im Eifer seiner Erregung heftig drückend Mit einem Ausdruck
schmerzlichen Unbehagens entzog diese sich dem riesigen Wenden
    »Schon gut« sagte sie »ich tue so was gern umsonst«
    »Ach« fiel Klemens ein »sagt doch auch dem gnädigen Fräulein viele tausend
Segensgrüsse von mir und ich würde für sie beten bei Wachens und Schlafenszeit
und so viel Sterne flimmerten nicht auf der Milchstrasse des Himmels als gute
Gedanken für sie in meinem armen Herzen leuchteten und glänzend über sie
aufgingen wie Gestirne an einem hellen Winterabend und ich ließe sie um alles
in der Welt bitten sie möchte mich nur noch ein aussereinziges Mal ihr
mildtätiges Segenshändchen küssen und mein trauriges Auge in ihrem frommen
Himmelsblick sich sonnen lassen Um Gottes willen vergesst das nicht mein
schönes Kind«
    »Gewiss ich will es nicht vergessen weil Du ein so höflicher Bursche bist«
    »Auch von Pate Ehrhold sagt ihr viele schöne Grüße Jungfer und Gottes
Segen möge mit ihr sein allerwärts«
    »Lassts nun gut sein Gevatter« sagte Sloboda »Es ist Zeit heimgehen
damit wir noch ein paar Stunden an die Arbeit kommen denn morgen ist Hofetag
Der Herr sei gepriesen dass ich leichtern Herzens von dannen gehen kann als ich
herkam Nochmals Gottes Segen auf Seine Gnaden des alten Herrn Grafen graues
Haupt und Euch Jungfer viel fröhliche Tage und einen schmucken Schatz«
    »Ich dank schön« sagte Emma schnippisch und hüpfte leichtfüssig die breiten
Stufen zur Pforte hinan Die Wenden aber gingen leise in ihrem Idiom mit
einander sprechend nach dem innern Burgtore über dessen crenelirte Mauerzinne
ein paar Zacken der colossalen steinernen Grafenkrone heraufragten welche das
stolze Wappen der Boberstein schmückte
    Magnus verfolgte die drei Wenden bis sie auf dem gewundenen abwärts
führenden Wege seinem Auge entschwanden Seine vorher heitern Gesichtszüge waren
jetzt hart und streng geworden und der böse tückische Ausdruck seines Blickes
der in solchen Momenten Entsetzen erregend in ihm aufloderte schleuderte falbe
zuckende Blitze aus den nach innen sich senkenden Augenhöhlen Ungestüm wendete
er sich um und sah tückisch nach dem Schlossflügel wo seine Eltern und Herta
wohnten Wilder Hohn zuckte um seine Lippe und kräuselte sie in stolzer
Verachtung Dann trat er zurück ins Zimmer verschlang die Arme über der
breiten Brust und ging das Haupt mit dem zierlich gekräuselten Haar bald
senkend bald es stolz zurückwerfend und triumphierend in die Luft starrend im
Zimmer auf und nieder
    »Also doch« sprach er für sich »doch das schöne Trotzköpfchen aufgesetzt
trotz Ohnmacht Stock und Schande  Das ist so Mädchenart wenn sie wissen dass
sie einen Anbeter den sie nicht lieben mögen damit ärgern können  Aber Du
verrechnest Dich schönes Mühmchen Magnus gehört nicht zu jenen schmachtenden
Liebhabern die wochenlang zu den Füßen ihrer grausamen Prinzessinnen liegen
können ohne die Geduld zu verlieren und etwas von Stolz in sich lebendig werden
zu fühlen Der sittenlose leichtsinnige Magnus hat seit einigen Tagen mit allem
Ärger abgeschlossen sein treuer Gefährte und tapferer Bundesgenosse ist jetzt
die Rache  Du hast ihn selbst dazu aufgefordert und darfst Dich jetzt nicht
beklagen wenn er sein Mannesund Grafenwort löst  Es soll originell geschehen
schönes Mühmchen das verspreche ich Dir so originell wie Du mich immer
fandest ohne mich doch Deiner Liebe wert zu achten «
    Magnus ging hastiger durch das Zimmer dann blieb er stehen und sprach
wieder
    »Mein Herr Vater hat mich heut zwar auffallend glimpflich behandelt und nur
vereinzelte dünne Strahlen seiner Ungunst auf mich fallen lassen ja im Ganzen
kann ich sogar zufrieden sein mit dem Ausgange dieser fatalen Geschichte
Dennoch aber bin ich tief gekränkt an meiner Ehre und davon trägt Herta allein
die Schuld  Für diesen Trotz und Stolz soll sie büßen soll sie mir
Rechenschaft geben  Genugtuung hat sie mir zugesagt  die Wahl des Ortes mir
freigelassen  Wie wenn ich sie nun wirklich beim Worte nehme und sie als Dame
mit aller ihr gebührenden Galanterie behandle  Darf ichs wagen«
    Ein Blick voll Glut und Flamme schoss aus dem Auge des beleidigten
rachgierigen und in sinnlicher Lust wild entbrannten Mannes Er ballte die linke
Hand gegen das Fenster die heiße üppig schwellende Lippe öffnete sich und
zeigte den Silberglanz feiner weißen Zähne Er holte tief und röchelnd Atem
denn das Blut schoss ihm stürmisch zum Herzen und machte seine Adern auf der
Stirn und an den Schläfen schwellen dass sie wie blaues Pflanzengeäst an die
weiße glänzende Haut sich anklammerten Ein Beben ging durch seinen Körper als
rase die Wut eines hitzigen Fiebers in ihm
    »Ja« keuchte er pfeifend aus röchelnder Brust »es geht wenn ich die Zeit
klug berechne  es geht und Niemand kann etwas ahnen Niemand kann mich
hindern«
    Wohl über eine Minute stand der kräftige Mann in dieser furchtbaren
Aufregung mitten im Zimmer dann ließ die Spannung seiner Muskeln und Nerven
langsam nach Die Pulse schlugen wieder ruhiger der Atem röchelte nicht mehr
die strotzende Fülle der pochenden Adern verlor sich Er hatte einen festen
furchtbaren Entschluss gefasst und jeden Einwurf seines Gewissens mit dämonischer
Kraft beseitigt Sanft mit weicher schalkhafter Miene setzte er sich an das
Pult und begann einen Geschäftsbrief zu schreiben 
    Haideröschen war inzwischen von Herta mit schwesterlicher Zärtlichkeit
empfangen worden Gerade die Schmach die man dem wehrlosen furchtsamen Mädchen
angetan und die sie mit der Ergebung einer gottgefassten Märtyrerin ohne Murren
erduldet hatte machte sie ihr noch werter und ihres besonderen Schutzes
bedürftiger Herta zürnte sogar mit dem alten Grafen dass er auf Kosten einer
armen Wendin dem Buchstaben mehr gefolgt war als seinen bessern
Herzensregungen Nur der ausdrückliche Befehl des Grafen dass sie nunmehr
Haideröschen in ihre Dienste nehmen solle versöhnte sie wieder einigermaßen mit
ihm
    Das Bestreben des zartfühlenden Edelfräuleins ging zuvörderst dahin die
Wendin zutraulich zu machen Obwohl ihre Dienerin sollte sie doch vollkommen
wie eine Gesellschafterin mit ihr leben Darauf hatte sie nach Hertas Art Welt
und Menschen zu beurteilen gerechte Ansprüche teils weil sie ohne Schuld
Verfolgung und Strafe erduldet teils weil sie schön aufgeweckten Geistes und
reinen Herzens war Der edele heilige Wunsch Hertas für die Befreiung armer
Darniedergebeugter vom Schicksal oder menschlicher Härte Gedrückter ihr eigenes
Glück zu wagen konnte sie nicht anders handeln lassen So auffallend und dem
eingefleischten Verfechter adelicher Vorurteile anstößig daher die trauliche
Umarmung dieser beiden trefflichen Geschöpfe erscheinen mochte so tief
berechtigt fühlte sich Herta dazu Es war nur das unverholene ehrliche
Geständnis der rein menschlichen Weltanschauung die Herta in dem grünen Frieden
ihrer Epheulaube aus den Schriften der neuen deutschen Dichter gesogen hatte
das sie am Busen einer ihrer zarten Schwestern ablegte jenes Geständnis dass
alle Menschen einander gleich sind, mögen sie in schimmernden Palästen oder im
feuchten Moorrauch zerbröckelnder Hütten geboren werden Für sie gab es keine
Stände keine Kasten Sie kannte weder Aristokraten noch Demokraten sondern nur
gute und schlechte Menschen und wo sie jenen begegnete da blühte ihnen ihre
weiche Seele entgegen wie die sich öffnende Rose dem weltvergoldenden
Morgenrot wo diese ihr in den Weg traten da schrak sie zurück und ihr Herz
verhüllte sich vor jeder Berührung mit ihnen
    Ohne zu sprechen hielten sich beide Mädchen lange innig umschlungen und
ließ ihre Tränen wie zwei silberne Bächlein in einander fließen denn auch
bei Haideröschen verschwand die angeborene Schüchternheit da ihr das feine
Fräulein mit solcher Liebe solcher tiefen und reinen Teilnahme entgegen kam
Leicht vergaß sie ihre grobe dürftige Kleidung und schmiegte sich an die
zarten weichen Stoffe die Hertas edle Gestalt umflossen und die sie nur
gewählt zu haben schien um mittelst derselben ihre schönen Formen deutlicher
hervorzuheben
    Über die Schönheit beider Mädchen ein Urteil zu fällen würde auch dem
gewiegtesten Kenner schwer gefallen sein Herta überragte die Wendin um eine
halbe Handbreite und schien in ihrer feinen modernen Kleidung und dem einfach
schönen Haarputz der bloß aus einer üppigen Fülle glänzend brauner Locken
bestand voller schlanker und von jener unbeschreiblichen Atmosphäre geistigen
Adels umwogt in der ein unnennbares Gemisch von Anziehungskraft und scheuer
Abstossung für Alle liegt die sich ihr nahen Der edelste Blütenstaub reinster
Bildung leuchtete auf ihrer Stirn strahlte mild aus ihren großen gütigen
Augen in denen so oft eine goldene Träne glänzte oder durch dessen schönen
Himmel der trübe Schatten eines melancholischen Gedankens flatterte 
Haideröschen war die schönste Verkörperung ihres Namens  ein Kind der duftigen
Kieferwälder deren Rauschen ihr das erste Schlummerlied sang frisch
natürlich ohne Ahnung jener feinen Verderbteit mit deren süßem Parfüm sich
die Zivilisation besprengt und unter deren befleckender Schminke sie sich erst
für gebildet hält Haideröschen war naiver als Herta und nach einem
überstandenen Schmerze ohne alle Sorge und banges Nachdenken Sie dachte erst
dann an das Vorhandensein eines Unglückes wenn sie mitten darin stand und sich
nicht mehr zu helfen wusste
    Herta sah auf den ersten Blick ein dass sie gerade in diesem Kinde des
Waldes gefunden habe was sie sich stillschweigend so oft gewünscht Ihre
gegenseitige Verschiedenheit verbunden mit dem edelen Kern und unverfälschten
Grundton ihres Wesens musste das glücklichste Einverständnis zwischen ihnen
hervorbringen sobald die Schranken gefallen waren die zwischen der Tochter des
Leibeigenen und der Kousine des allgewaltigen Grafen aufgerichtet standen Herta
hatte das beste Mittel ergriffen diese auf einen Ruck für immer
niederzustürzen Die Wendin fühlte sich ihre Schwester als sie nach langer
Umarmung der gütigen Retterin in die überströmenden Augen sah Alle
Schüchternheit war von ihr gewichen sie hatte ein Herz gefunden dem sie
vertrauen an dem sie sorglos ruhen konnte
    Die ersten Stunden ihres Beisammenseins brachten die seelenverwandten
Mädchen mit Erzählung ihrer Jugendschicksale zu Wir können mit gutem Gewissen
sagen dass diese zu einfach waren um die Teilnahme unserer heutigen Leser zu
erwecken weshalb wir nicht weiter darauf Rücksicht nehmen wollen Später wusste
Herta durch allerhand Fragen den Bildungsgrad ihrer Schützlingin zu erforschen
und da sie diesen sehr niedrig stehend fand beschloss sie der Wendin eine
vorsichtige und liebevolle Lehrerin zu werden Ganz zuletzt erst kam die Rede
auf die Beschäftigung die fortan Haideröschens Tagewerk bilden sollte und hier
ordnete Herta an dass sie wesentlich weiter nichts zu tun haben solle als ihr
Zimmer in steter Ordnung zu halten und sie zu bedienen Dies konnte füglich
nicht Arbeit genannt werden; allein grade dies beabsichtigte Herta um bei dem
geschäftigen Müssiggange ihrer schönen Dienerin diese selbst nie aus den Augen
zu verlieren und immer über sie und ihr Wohl zu wachen
    Erst bei Tafel sah Herta ihre Pflegeältern wieder die beide nicht in der
besten Stimmung waren Graf Erasmus hatte sich geärgert über das bösartige
Benehmen seines Sohnes so wie dass er sich in Folge desselben genötigt sah
eine Strafe über das lammruhige Haidekind zu verhängen die mit seinen
Empfindungen nicht sympatisirte Dadurch hatten sich seine Gichtschmerzen
vermehrt und folterten ihn mit hartnäckiger Ausdauer Seine Gemahlin dagegen
fühlte sich schwer beleidigt durch die Aufnahme der bestraften Leibeigenen in
ihr Haus und würde ihren Ärger Herta haben entgelten lassen wenn dies
unbemerkt und ungeahndet hätte geschehen können Da keine Hoffnung dazu
vorhanden war musste sich die empörte Frau mit schweigender Abneigung und
fleissigem Gebrauch ihres Fächers begnügen wenn ihr von der aufmerksamen und
stets zarten Kousine ein Speisegerät gereicht wurde oder wenn der Graf mit
seinem Liebling em karges Gespräch anknüpfte
    Magnus nahm an dieser kleinen Familientafel keinen Teil was bei dem
vorherrschenden Verhältnis zwischen ihm und dem Vater nicht auffallen konnte Es
hieß er sei beschäftigt und werde noch vor Abend nach dem Zeiselhofe abreisen
Bei dieser Nachricht schien Herta leichter zu atmen und ein Gefühl der
Bewegteit das bisher die gewohnte Freiheit ihres Benehmens behindert hatte und
das sie immer befiel wenn sie Magnus auf Boberstein wusste verschwand Auch sah
sie bald nach der Tafel den jungen Grafen in Begleitung seines Reitknechtes zum
Schlosstore hinausgehen
    Niemand von den sämtlichen Schlossbewohnern wusste bei hereinbrechender
Nacht ob der künftige Besitzer Bobersteins wirklich abgereist sei Auch
kümmerte sich Niemand darum da dem jungen herrischen Gebieter nicht ein
einziger Diener wahrhaft zugetan war Hätte es wie in den Zeiten des
Mittelalters noch einen Turmwart gegeben so würde dieser bei einiger
Aufmerksamkeit Abends bei grauweissem Mondlicht das rollendes Gewölk sehr
dämpfte um die Mauerzinnen eines der vier hohen Ecktürme der Burg einen
Schatten haben schlüpfen sehen welcher der Gestalt des jungen Grafen ähnelte
Und wirklich war es Magnus der nach halbstündiger Entfernung von Boberstein
plötzlich sein Ross anhielt etwas auf dem Schloss vergessen zu haben vorgab
den Reitknecht vorausschickte und in langsamstem Schritt auf Umwegen durch die
Heide zurückritt Erst mit Einbruch der Nacht ruderte er sich selbst über den
See und erstieg auf dem von uns bereits angedeuteten Felsenwege die Höhe der um
das ganze Schloss laufenden Brustwehr die er einige Nächte früher schon
umschritten hatte Die schmale Dachtür verschafte ihm Zutritt in das Innere
der Burg wo er geraume Zeit brauchte um  diesmal ohne Licht  die schon
vorher untersuchten Gänge und Treppen wieder zu finden und mittelst der
geraubten Schlüssel die verrosteten Türen zu öffnen die seinem weiteren
Vordringen im Wege gewesen waren
    Häufig hat es den Anschein als sei die Vorsehung mit dem Verbrecher als
ebene sie ihm bereitwillig die Bahn um das Verderben mitten in das Heiligtum
edler Familien zu tragen Auch Magnus ward auf seiner nächtlichen Wanderung von
jener dämonischen Macht beschützt deren geheimnisvolle Zwecke wir oft erst nach
langen langen Jahren begreifen und dann als weise anerkennen müssen Niemand
störte den Grafen in seinem verbrecherischen Vorhaben Die seit Jahren nicht
mehr geöffneten Türen wichen dem leisesten Drucke geräuschlos und ohne ein
einziges Mal zu straucheln ohne an verdächtig hallende Wände zu streifen stieg
Magnus von Stockwerk zu Stockwerk hinab bis in den von seinen Eltern bewohnten
Flügel So erreichte er nach mühseliger Wanderung  um der Wahrheit die Ehre zu
geben  nicht ohne heftiges oft seinen Atem versetzendes Herzklopfen einen
engen Verschlag Behutsam betastete er alle Wände bis er auf den kaum fühlbaren
Knopf einer Feder stieß der bei starkem Druck die Wand nach außen öffnete Ein
zweiter noch engerer Raum der sich als ein Wandschrank erwies nahm ihn auf
Mit Behagen sog er den Duft ein der aus diesem kaum eine Elle tiefen Verschlage
ihm entgegenflutete und seine Seele mit wollüstigen Bildern umgaukelte Er
griff in das graue Gewebe das er berührt hatte und die weichen Seiden und
Sammetgewänder die sich schlangenglatt an seine Hände schmiegten überzeugten
ihn dass ein junges Mädchen hier ihe Kleider aufbewahre Er trat zurück schloss
die verborgene Tür wieder und setzte sich lauschend auf die letzte Stufe der
Treppe die ihn bis hieher geführt hatte
    Aus einem der früheren Kapitel werden sich unsere freundlichen Leser
erinnern dass Herta die Gewohnheit hatte gegen neun Uhr die Gemächer ihrer
Pflegeältern zu verlassen und in ihrem stillen Zimmer noch eine Stunde oder auch
länger mit den edlen für das Wohl der Menschheit arbeitenden Geistern ihres
Volkes zu verkehren Die letzten Abende musste sie auf diesen Genuss verzichten
da Erasmus ihre ganze Bibliothek besaß Um so erfreuter und von herzinnigem Dank
bis zu Tränen gerührt war sie als ihr heut der Greis während sie den Tee
servirte ihren kleinen Schatz freiwillig wieder einhändigte Er sah dabei so
mild und dankbar aus dass in dem klaren Ausdruck seiner Mienen und dem
sprechenden Blick seines Auges das Geständnis lag er billige die Lektüre seiner
Nichte Herta fühlte dies so schnell und sicher wie ein Liebender die
Erwiderung seiner Neigung und die geliebten Bücher an ihr Herz drückend sagte
sie mit schönem Feuerauge
    »Nicht wahr Väterchen das ist ein Mann der Schiller Und die Andern wie
fein wie lieb wie voll ruhigen Geistes und lebengebender Anmut sind sie Das
kann nichts Unedles sein was sie uns sagen und lehren obs auch ungewohnt
klingen mag Es muss so geschehen und werden auf dieser schönen Erde mit dem
sternengestickten Sammetimmel wie sies wagen und wünschen«
    »Es sind Gesänge neuer Propheten« versetzte Erasmus mit mildem Ernst
»Propheten wie sie wohl jedes Volk haben muss und gehabt hat wenn es groß
werden groß bleiben oder groß sterben soll Vielleicht bedarf jedes Jahrhundert
solcher zürnender Geister um die Völker immer auszurufen aus Traum und
Schlummer dem sie alle Neigung haben sich hinzugeben Warum sollte das deutsche
Volk eine Ausnahme machen Versteht es die Sprache dieser Geister so verdient
es sie zu hören Ich wenigstens werde gewiss der Letzte sein welcher Stimmen
begeisterter Gotteskinder für närrisches Gespött hält und zu unterdrücken sucht
Deshalb stille immerhin Deinen Durst an diesem Springquell heiliger Töne so
lange Du Genuss daran findest«
    Ihre Schätze im Arm küsste sie Oheim und Tante die Hände wünschte ihnen mit
ihrer Silberstimme gute Nacht und bemerkte in ihrer Seligkeit nicht dass Utta
sich von ihr abwendete und die stolze Hand den frommen Lippen beinahe entzog
    Auf ihrem stillen Zimmer schlug sie unverweilt unter dem Epheudach
Schillers Don Karlos auf und schwelgte noch lange in den stolzen Worten dieses
freiheittrunkenen für das Wohl aller Menschen so hoch begeisterten Herzens
Erst als ihre Augen beim Flackern des Lichtes ermüdeten legte sie das Buch weg
faltete ihre schmalen Hände darüber wie über einem Andachtsbuche und sprach
mit zum Himmel erhobenen Augen ihr Nachtgebet Ohne Worte flehete Herta in der
Reinheit ihrer Gedanken um Verwirklichung der Ideen die Marquis Posa vor Don
Philipp ausspricht um allgemeine Freiheit allen Volkes und um Aufhebung
jeglichen Elendes das auf ihm lastet wie ihr wohl bekannt war Dann schellte
sie Haideröschen schob schüchtern ihr feines Gesicht durch die halbgeöffnete
Tür
    »Immer herein« sagte Herta fröhlich »Es ist schon spät später als ich
gewöhnlich die Ruhe suche Aber das macht das Glück von dem ich heut ordentlich
überschüttet worden bin Ich bin ganz aufgeregt fast besorge ich nicht
schlafen zu können so zittert mir vor Wonne das Herz  Und Du bist Du nicht
auch glücklich mein holdes Röschen Deine Augen strahlen wenigstens als hätte
sie Dir ein Engel geliehen Sieh mich immer mit solchen Himmelsaugen an gutes
Kind dann wollen wir zusammen ein Leben führen wie im Paradiese Jetzt hilf
mich entkleiden«
    Beide Mädchen traten in Hertas Schlafgemach das unmittelbar an ihr
Wohnzimmer stieß und von aller Verbindung mit andern Gemächern abgeschlossen
lag Es glich einer Kapelle und mochte wohl in früherer Zeit auch dazu benutzt
worden sein Wie die meisten kleineren Zimmer des alten Schlosses hatte es bloß
ein Fenster Dies war aber so hoch an der ellendicken Mauer angebracht dass man
einer Stiege bedurfte um es öffnen zu können Das Meublement des Schlafgemaches
bestand aus einem geräumigen Bett mit Vorhängen aus schneeweissem Wollenzeuch
einer Kommode nebst Waschtisch und einigen wenigen Stühlen Ein Teppich
überbreitete den Boden In der Wand dem Bett schräg gegenüber war ein Schrank
angebracht In diesem bewahrte Herta ihre Kleider auf
    Während Haideröschen ihre junge Herrin entkleiden half und die Zartheit
ihrer Haut eben so sehr wie die Feinheit ihrer Kleider bewunderte plauderte
Herta ununterbrochen und drückte manchen schwesterlichen Kuss auf die Stirn der
schönen Wendin
    »Nun kommt das Schlimmste« sagte sie schalkhaft zu ihrer neuen Zofe als
sie das weiche bequeme Nachtgewand angelegt hatte »und wenn Du mir darin nicht
genügst jage ich Dich morgen wieder fort Du mein Herzensröschen Wickele mir
die Locken aber raufe mich nicht Bei meiner Ungnade«
    Obwohl Haideröschen mit den Toilettengeheimnissen der vornehmen Damen nicht
vertraut war ging sie doch mit leidlicher Zuversicht an das verlangte Geschäft
und beendigte es nach mannichfachen Scherzen und Unterbrechungen zu Hertas
vollkommenster Zufriedenheit Sie konnte dabei nicht unterlassen den prächtigen
schneeweißen Nacken ihrer jungen Gebieterin wiederholt zu küssen worüber Herta
jedesmal in so komischen Zorn geriet dass Haideröschen nur ermuntert ward
ihren Lippen die Ruhe in dem warmen duftigen Samt noch mehrmals zu gönnen
    Endlich war die Nachttoilette beendigt und Hertas Kopf mit einer solchen
Menge weißer Papiewickel besät dass man glauben konnte die junge Schöne habe
sich die braunen Haare mit dem glänzend weißen Geflock jener Sumpfblumen
geschmückt die über Torfmooren in ganzen Wäldern wachsen und des Nachts im
Mondschein wie flatternde Mantillen tanzender Elfen blitzen und leuchten Eine
nochmalige Umarmung begleitete die letzte gute Nacht der beiden Mädchen worauf
Haideröschen sich zurückzog und Herta in die weichen Hüllen ihres Lagers
flüchtete die Brust voll süßen Jubels die Seele voll der edelsten und
uneigennützigsten Gedanken
    Ungeachtet ihrer Aufregung fiel Herta doch bald in jenen halbbewussten
Zustand der dem festen Schlaf meistenteils vorauszugehen pflegt Die heitern
Gedanken mit denen sie sich beschäftigt hatte schufen ihr angenehme
Phantasiebilder die ihrem geistigen Auge in leuchtender Schöne
vorüberschwebten In diesem glücklichen Schwärmen der Seele hörte sie die
Schlossuhr elf schlagen Die Bilder erloschen in ihr und es ward still und
dunkel Plötzlich fuhr sie schreckhaft zusammen vor einem Geräusch dicht neben
ihr Sie erwachte aus der unklaren Seelendämmerung und schlug weit die großen
Augen auf Da schien es ihr als weiche die Tür des Wandschrankes aus den
Angeln und ihre Kleider schwebten langsam gegen sie heran Anfangs glaubte sie
sich zu täuschen und sah dem nächtlichen Spuk mit erstarrenden Pulsen zu als
sie aber unverkennbar gewahrte dass eine dunkle Gestalt Schritt vor Schritt
ihrem Lager näher kam richtete sie sich auf und sagte »Haideröschen lass die
Possen« denn sie meinte wirklich die kleine Wendin habe sich wieder in die
Kammer geschlichen und wolle sich aufgemuntert durch ihre Heiterkeit einen
Scherz mit ihr erlauben Aber das Herz stand ihr still und ein eisiger Schauer
überrieselte sie als auf ihre Frage eine Männerstimme antwortete
    »Ich bedaure dass meine schöne Kousine ihr Herz so schnell an dieses
Geschöpf verschenkt hat«
    Es war Magnus der in Lebensgröße vor ihr stand und mit der ihm eigenen
galanten Unverschämtheit die Arme über der Brust verschlang und höhnisch
lächelnd seine Falkenaugen auf das erschrockene Mädchen heftete
    Die erste Bewegung Hertas war nach der Klingel zu langen die auf dem
Nachttisch zu Häupten ihres Bettes stand Allein Magnus sah dies voraus und fiel
ihr in den Arm
    »Das ist nicht die Art schöne Muhme einen Ehrenhandel beizulegen«
    Herta kehrte die Sprache zurück Sie schleuderte einen Blick tiefer
Verachtung auf den Abscheulichen und sagte
    »Entfernen Sie sich sogleich Elender oder ich erhebe ein Geschrei dass die
Mauern dieses Schlosses beben«
    »Das wirst Du nicht tun reizendes Mühmchen weil Du ein Weib bist und
Deine Stimme dadurch an Klang verlieren könnte Bei Gott ich sah Dich nie in
einem verführerischeren Kostüme«
    Im ersten Schreck hatte Herta uicht bemerkt dass ihr Nachtkleid von den
runden Schultern gefallen war und sie wie eine blendende Marmorbüste in
reizender Formenschönheit dem Grafen gegenüber saß Schmerz und Schaam
entlockten ihren zürnenden Augen die bittersten Tränen und indem sie sich
schnell in die Decken hüllte und das Gewand wieder zu ordnen suchte versetzte
sie
    »Vergebe Ihnen Gott diesen Frevel ich vermag es nicht«
    »Ich komme auch nicht deshalb anbetungswürdiges Mädchen ich erscheine
weil Du es befohlen hast«
    »Schamloser Lügner ich befohlen«
    »Auf Edelmannswort Muhme Gestatte mir zu reden und Du wirst einsehen dass
ich vollkommen in meinem Rechte bin«
    Herta verhüllte ihr Gesicht und begann laut zu schluchzen Magnus stützte
sich nachlässig auf den Nachttisch und fuhr in leisem Flüstertone fort
    »Erinnere Dich Deiner vor einigen Tagen mir gegebenen Zusage liebenswürdige
Kousine Du versprachst mir für die Beleidigung welche Du mir durch Deine
Fürsprache für das Bauernkind zugefügt Genugtuung Mir überliessest Du Ort und
Zeit unseres Zusammenkommens und um Dir zu zeigen wie hoch Du in meiner
Achtung stehst wählte ich grade diesen Ort grade diese Stunde und schlug den
gefahrvollsten Weg zu diesen traulichstillen Plätzchen ein Hier werden wir
hoffentlich recht ungestört sein und unsern Ehrenhandel ganz in der Ruhe und
ohne Zeugen schlichten können«
    »Sie sollen sich irren mein Herr« versetzte Herta entschlossen »Ihre
Abscheulichkeit übersteigt alle Grenzen darum sollen Sie entehrt und
gebrandmarkt werden wie Sie es verdienen«
    Herta richtete sich wieder auf und suchte abermals die Schelle
    »Was willst Du tun« fragte Magnus mit schwer verhaltenem Atem
    »Das ganze Schlossgesinde nebst Deinen ergrauenden Eltern will ich
herbeirufen damit sie sehen welcher namenlosen Schändlichkeit Du fähig bist«
    »Wenn dies wirklich Deine Absicht ist will ich Dich nicht weiter hindern
und stehe mit Vergnügen von meinem Anliegen zurück Immerhin lass die Schelle
läuten erhebe Deine Stimme Mache Lärm so viel Du wünschest Nur gestatte dass
ich hier Platz behalten darf Du wirst alsdann zu spät einsehen dass Du Dich
selbst in den Augen aller ehrbaren Menschen entehrt hast und dadurch genötigt
werden dem verhassten Vetter Magnus Deine schöne Hand zu reichen um ihn zum
Altar zu führen«
    Schaudernd leuchtete dem unglücklichen Mädchen die furchtbare Wahrheit
dieser Worte ein Schüchtern zog sie die Hand wieder zurück und verbarg sie
frierend in die weißen Decken Magnus lächelte
    »Was haben Sie mir zu sagen« stammelte Herta
    »Dass ich Dich liebe schöne Muhme liebe bis zum Wahnsinn und dass ich
Erwiderung meiner Leidenschaft wünsche hoffe befehle«
    »Sie haben längst meine Antwort gehört Verlassen Sie mich und ich will
vergessen welche Schmach Sie mir zugefügt haben ja sogar versuchen ob ich Sie
in Zukunft wieder achten lernen kann«
    »Ich ziehe Deine Liebe jeder Art von Achtung vor«
    »Magnus ich hasse Sie«
    »Dann habe ich gegründete Hoffnung dass Du nach Jahresfrist sind wir nur
erst Mann und Frau närrisch in mich verliebt sein wirst«
    »Gehen Sie oder ich zerschelle mir den Kopf an der Wand«
    »An meiner Brust wirst Du weicher und angenehmer ruhen«
    »Hinweg«
    »Schöne Muhme ich habe hier zu fordern Du nur zu gewähren Gedenke Deiner
Zusage Ich komme um Genugtuung«
    »Nun so nimm sie Dir« rief Herta in der Angst der Verzweiflung richtete
sich auf und bot ihm den schönen Busen dar der zart glänzend aus dem Gewande
schimmerte
    »Durchstosse mich mit Deinem Hirschfänger dann hast Du Genugtuung«
    »Es fällt mir nicht ein so grausam zu sein« erwiderte abwehrend der junge
Graf den Augenblick benutzend und seinen Arm um die lebende volle Gestalt
schlingend »Versprich mir Deine Gunst zu schenken« fuhr er flüsternd fort
»mein Weib zu werden und ich beendige diese Unterbrechung Deiner Nachtruhe«
    Immer heftiger immer glühender umschlang er die einer Ohnmacht nahe Herta
mit wilden Küssen ihr Lippen Stirn und Busen bedeckend Ihr Sträuben gegen die
Liebkosungen des Verachteten steigerte nur seine Glut seinen Ungestüm Er
wusste dass die Wehrlose gänzlich in seiner Gewalt sei dass sie es nicht wagen
werde noch könne durch lautes Toben und Schreien sich Hilfe zu verschaffen Und
selbst in diesem Falle war er zu dem Äußersten entschlossen um seinen Zweck zu
erreichen
    Als er gewahrte dass die Kräfte des unglücklichen Opfers seiner brutalen
Wildheit sich erschöpften und der Körper des schönen Mädchens in seinen Armen
zusammen zu brechen drohte vergönnte er Herta einige Augenblicke der Erholung
    »Herta mein Herzenskind« sprach er »willst Du denn ewig grausam ewig
unerbittlich sein Habe ich nicht in schüchternster Weise zart und sinnig um
Dich geworben Und empfing ich je eine andere Antwort von Dir als starre Kälte
oder beleidigende Stichelreden  O Du göttliches widerspänstiges Mädchen Du
weißt nicht welchen verzehrenden Feuerbrand Du in meine Seele geschleudert
hast Ich kann ich will nicht leben ohne Dich zu besitzen Und wenn jetzt ein
Erdstoss die hundert Gewölbe dieser Burg mit ihren zahllosen Quadern über uns
zusammenstürzt ich weiche doch nicht von Dir An Deinem Busen Lippe an Lippe
im Feuerhauch der Liebe will ich die Schauer des Todes begrüßen und die Wonnen
einer Seligkeit schlürfen gegen welche das Paradies Mohammeds ein wesenloser
Schatten bleibt«
    Herta suchte sich gegen den Rasenden in ihrer Ohnmacht dadurch zu schützen
dass sie ihre kleinen Händchen ihm entgegenstemmte und unverständliche Bitten
wimmerte Aber Magnus hatte kein Gefühl mehr für den Schmerz der Verlassenen Er
verdoppelte seine stürmischen Liebkosungen seine wilden Ausbrüche einer
wahnsinnigen Leidenschaft so lange bis das schwache Mädchen in völlige Apathie
versank Erst als er bemerkte dass Herta ohne Leben ohne Puls und Atem mit
gebrochenem Auge ein bleiches Marmorbild Tränenperlen in den Grübchen der
Wangen und weiße Schaumblüten auf der duftigen Lippe vor ihm lag fuhr auf
Sekunden ein Reuegedanke durch seine verbrecherische Seele Mit einem Anflug von
Mitleid hüllte er die Bewusstlose in ihre Decken und ließ seine Blicke
wohlgefällig auf ihrem Antlitz ruhen
    »Jetzt denk ich doch soll sie mein Weib werden« sprach er mit
triumphirender Miene »Wenn sie aber aus eigenem Antriebe zu mir kommt ihre
schönen Arme um meine Knie schlingt und mit herzzerreissender Klage zu mir fleht
ich möge mich doch ihres Elendes erbarmen dann will ich die Rolle mit ihr
tauschen und eben so gewandt den Harterzigen spielen wie das hochmütige
Mädchen es bisher mit mir zu halten beliebte Erst wenn sie ganz zerknirscht
sein wird und Hand an sich selbst zu legen sich entschlossen zeigt erst dann
will ich sie wieder zu Gnaden annehmen und mit meinem gräflichen Schild und
Namen ihre zerstörte Jugend bedecken Frohes Erwachen mein süßes weißes
Täubchen«
    Magnus schlich auf leiser Sohle gegen die Wand verschwand schnell hinter
der eingefalzten Tür und schlug wohlgemut und jetzt wieder äußerst zufrieden
mit sich den finsteren Rückweg durchs Schloss ein Unbemerkt erreichte er das
Ufer des Sees sprang in den verborgenen Kahn und ruderte sich behend ans Ufer
der Heide Es schlug Mitternacht als der Missetäter hinter den riesigen Föhren
verschwand sein Pferd bestieg und auf bekannten Wegen in wildem Ritt dem
Zeiselhofe zujagte
 
                               Siebentes Kapitel
                                Eine Botschaft
Drei Tage später klopfte der Maulwurffänger an Slobodas niedrige Behausung Ein
ehrlicher Handschlag des Wenden verbunden mit treu gemeintem Gruße empfing den
Freund
    »Woher des Weges« fragte Sloboda indem er mit dem Fuße die Stubentür
aufstiess und den Gast voranschreiten ließ
    »Von Boberstein« versetzte PinkHeinrich seine Geräte auf Tisch und Bank
werfend und daneben selbst mit untergestemmten Armen Platz nehmend
    »Und Du sagst mir nichts von meiner Tochter von meinem Herzblatt Keinen
Gruß von ihren lieben Kinderlippen«
    »Sie lässt grüßen und wird bald selber wieder zu Dir kommen«
    »Ist man der Armen schon überdrüssig« sagte stirnrunzelnd der Wende »Ich
dachte sie sollte bis zum Herbste auf dem Schloss bleiben was Rechtes lernen
und eine tüchtigere Hausfrau werden als die meisten andern Haidebäuerinnen«
    »Es ist was vorgegangen auf Boberstein das ihre baldige Entfernung nötigt
macht«
    »Hat sie sich vergangen«
    »Mit keinem Blick und Gedanken«
    »Nun was denn«
    »Kennst Du das Fräulein Röschens Gebieterin«
    »Gottes Segen auf ihr Engelshaupt« rief Sloboda mit ausdrucksvoll erhobenem
Blicke
    »Sie ist schwer erkrankt und man fürchtet für ihr Leben«
    »Mein Gott das herzige Mädchen war ja frisch wie ein aufgeblühtes
Kleeköpfchen Sollte ihr der Schreck geschadet haben den sie über Röschens
Verurteilung hatte«
    »Darüber ist mir keine Kunde geworden« erwiderte der Maulwurffänger immer
starr vor sich hinsehend und ohne Feuer zum Anbrennen seiner Pfeife zu begehren
die halb ausgeraucht neben den Fangdrähten lag Gestern Vormittag rudr ich mich
über den See wie ich das immer selbst getan habe und steige den Schlossberg
hinan Ich trete in den Hof  kein Mensch lässt sich weder sehen noch hören  Da
ich weiß dass der Herr Graf kränkelt und es nicht gern hat wenn man so gradezu
die Treppen hinanrennt fange ich an leise vor mich hin den Reihzufinkenschlag
zu pfeifen und steige die Stufen in die Halle hinauf Des Kastellans Zimmer war
leer die Halle desgleichen So setze ich mich auf den langen Tisch in der
letztern pfeife mein Stückchen fort und läute dabei mit den Beinen die Esel
aus Weil ich nun grade nicht gar sacht pfiff und auch zuweilen verdammt hart an
die Tischbeine anschlug ward es doch endlich lebendig und das kluge Auge
Haideröschens guckte durch das Gegitter der Wendeltreppe Sie jauchzte vor
Freude als sie mich mutterseelenallein so wunderprächtig musiciren sah
klapperte wie ein Rädchen die Treppe vollends herunter und umhalste mich was
mir recht wohl tat  weiß Gott Sloboda s tat mir wohl  Aber mir fror der
Finkenschlag in der Kehle ein wie ich Dein schneeweisses Töchterchen mir näher
betrachtete Sie hatte geweint dass sie der Bock noch stieß und ganze
Tränenbäche sich auf ihren weissrotsammtenen Wängelein kreuzten Ich sah sie
groß an und hatte nicht wenig Lust etwas grob zu werden da kam sie mir zuvor
und sagte
    »Ach PinkHeinrich das Unglück Nun geht es wohl zu Ende mit mir und all
den Meinigen denn wir haben keinen Schutzengel mehr«
    »Gar so arg ist es noch nicht« versetzte ieh »denn wenn Du sonst dem Worte
eines armen Mannes Glauben schenken willst so verspricht Dir der PinkHeinrich
was er auch schon früher getan hat Dich so weit sein Arm und Fuß reicht
ebenfalls zu schützen Aber sag an was gibt es«
    »Fräulein Herta liegt im Sterben« ruft schluchzend Deine Tochter
»Ohnmächtig fanden wir sie gestern auf ihrem Lager weiß wie neu gefallener
Schnee oder wie Lilienblätter mit unendlich lächelndem Schmerzenszug um die
zarten weichen Lippen Als wir sie riefen kam sie zwar bald zu sich allein sie
war krank so krank dass ich gar nicht weiß wie ichs beschreiben soll Auch
die Ärzte schüttelten den Kopf wie sie das leichenblasse Fräulein mit den
gläsernen geisterhaft schönen Augen sahen das jede Frage hörte aber keine
beantwortete Und so ist es mit ihr geblieben bis jetzt Sie sitzt wieder an
ihrem Fenster füttert ihr Hänschen drückt mir freundlich die Hände ja küsst
mich liebevoll wenn ich ihr die nötigen Handreichungen tue nimmt Speise zu
sich wenn man sie ihr bringt und liest in den Büchern die sie so lieb hat
Doch kein Laut geht über ihre Lippen Es ist recht entsetzlich und der gute alte
Graf grämt sich unaussprechlich um seinen Liebling«
    »Darf ich sie sehen« fragte ich Haideröschen worauf sie mich zu melden und
mein Anliegen dem gnädigen Herrn mitzuteilen versprach »Ich ward vorgelassen
und in das Zimmer des guten Fräuleins geführt  Gütiger Himmel welch einen
Anblick hatten da meine Augen Ich bin doch just kein Weichling und habe auch zu
Zeiten schon mancherlei Trübseliges erlebt aber solch Schreckensbild ist mir
noch niemals vorgekommen  Die kluge schöne gütige Herta saß still und stumm
auf ihrem Fensterplatz die durchsichtig zarten Hände auf dem Schoss gefaltet
Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch eine von den Schriften die ihr Gregor
besorgt hat Das starrte sie an mit Augen aus denen nicht der Glanz einer
lebendigen Seele leuchtete sondern mit einem kalten fahlen Schein als habe
sich ein Mondstrahl darin gefangen und mühe sich vergeblich sein kristallenes
Haus zu durchbrechen  Und welche tiefe Blässe war an die Stelle der Rosen
getreten die in den Grübchen ihrer Wangen so reizend blühten Wie erschrocken
neigten sich die Krausköpfchen ihrer Locken zu ihnen herab und zitterten vor dem
Leichenduft der ihnen entgegen zu wehen schien  Ich nannte grüßend ihren
Namen  da blickte sie verwundert auf doch schien sie mich nicht zu kennen
oder ein grässliches Trugbild musste an ihrer Seele vorüberrauschen denn sie
schauerte innerlichst zusammen und Fieberfrost schüttelte ihre Glieder wie der
Herbstwind die Zweige der Birken  Bestürzt bis zur Verzweiflung umringten die
Unglückliche das gräfliche Paar und die vertrauteren Diener Keiner sprach
Keiner wusste zu raten zu trösten Nur das sahen Alle schaudernd ein dass dies
herrliche Gemüt durch ein rätselhaft Furchtbares zerrüttet worden sein müsse
und dass ihr klarer Geist vielleicht für immer verwirrt sei«
    »Herr des Himmels« rief Sloboda erblassend »Herta wahnsinig die Mutter
der Armen den Verstand verloren«
    »Es steht zu fürchten denn auch heut ist keine Änderung in ihrem Zustande
eingetreten«
    Sloboda rang die Hände und ging gebückten Hauptes durch die niedrige Stube
Vor dem Maulwurffänger blieb er stehen legte seine beiden gewaltigen Hände auf
dessen Schultern und forschend in seine Augen blickend sagte er
    »Glaubst Du dass dies von ungefähr und ohne besondere Veranlassung geschehen
sei«
    PinkHeinrich schüttelte den Kopf
    »Hast Du auch keine Vermutungen«
    Ein Blick des Maulwurffängers traf den Wenden vor welchem dieser
zurückprallte als fürchte er durchbohrt zu werden
    »Was denkst Du« sagte er leise als entsetze er sich vor seiner eignen
Stimme
    Der Maulwurffänger stand auf lehnte sich auf beide Arme gestützt über den
Tisch und erwiderte mit ergreifendem Tone
    »Ich denke dass Gott in seiner Weisheit beschlossen hat ein Strafgericht zu
halten über Alle so verworfen sind und dass er der unschuldigen Opfer viele
bedarf ehe im Weltall die Stunde dazu schlägt«
    »Das sind vieldeutige Worte auf die ich mich nicht verstehe«
    »Nicht Nun wohl so spricht die Zeichensprache vielleicht deutlicher zu
Dir  Als ich heut Mittag das Schloss wieder verließ traz mich der Kastellan
ängstlich an und fragte ob ich in seinem Zimmer gewesen sei oder Jemanden darin
beschäftigt gesehen habe Da ich jenes bejahen dieses verneinen musste so drang
er in mich keinen Scherz mit ihm zu treiben Nun war ich weiß Gott nicht zum
Scherzen aufgelegt und ließ ihn also nicht sehr freundlich an Darauf gestand er
mir dass er drei Schlüssel an seinem Bunde vermisse und nicht begreifen könne
wie diese ihm weggekommen sein sollten Nach einigem Hin und Herreden ergab es
sich dass die fehlenden Schlüssel alte selten betretene Gänge des Schlosses
öffnen von denen einer mit sämtlichen Gemächern der alten Burg zusammenhängt
 Das fiel mir auf denn nun erst erinnerte ich mich von meinem Bruder Gregor
gehört zu haben dass Blauhuts bestes Pferd auf einem nächtlichen Ritt gestürzt
sei und die linke Fessel gebrochen habe Es war in der Nacht geschehen die
jenem traurigen Erkranken Hertas voranging«
    »Sollte daraus ein Schluss zu ziehen sein« sagte Sloboda »Das scheint mir
gewagt und könnte zu entsetzlichen Folgen veranlassen«
    »List und Vorsicht helfen aus jedem Irrtum« erwiderte PinkHeinrich »So
wenigstens dachte ich als ich des bestürzten Kastellans Rede vernahm Ach
entschuldigt unterbrach ich den Alten ich habe was vergessen« So stieg ich
denn nochmals hinauf trat abermals in das Zimmer der Kranken und sagte zum
Grafen Erasmus »Verzeihung gnädigster Herr ich wollte nur untertänigst
fragen ob Sie dem Herrn Grafen Magnus  und diesen Namen betonte ich recht
scharf  irgend etwas zu melden vielleicht von dem Erkranken seiner schönen
Verwandten in Kenntnis zu setzen hätten Bei Nennung dieses Namens fuhr das
Fräulein zusammen wie vom Schlage getroffen ein grauenhafter Seufzer entrang
sich dem gepressten Herzen und ihre Hände gegen die Augen erhebend begann sie
zu weinen  Die Frau Gräfin flüsterte ihrem Herrn Gemahl leise zu Das gute
Kind scheint liebeskrank zu sein der Herr Graf aber wechselte einen finsteren
Blick mit mir und äußerte sehr ungnädig ich habe meinem Sohne keine Botschaft
zu senden Er soll nicht wissen dass Herta erkrankt ist  Darauf verbeugte ich
mich und ging durch die Heide zu Dir ohne dass ich auf andere Gedanken kommen
konnte«
    Sloboda war sehr nachdenkend geworden Er wagte nicht dem schlauen
Maulwurffänger zu widersprechen und mochte ihn noch weniger in seinem
furchtbaren Verdachte bestärken Endlich sprach er unwillkürlich
    »Es wäre doch entsetzlich«
    »Warum« sagte Heinrich mit seiner sarkastischen Gleichgiltigkeit »Die
Natur will ihren Lauf haben und die Geschichte der Völker auch Ich sehe da bloß
Ursachen und Folgen«
    »Glaubst Du dass der Graf Deinen Verdacht teilt«
    »Nein Dazu ist er zu wenig Politiker Das Erschrecken des Fräuleins stellt
er auf Rechnung ihrer Abneigung gegen Magnus«
    »Sollte man ihn nicht auf den Fall aufmerksam machen«
    »Auch das nicht Es bleibe ein Dunkel über Hertas traurigem Zustande bis
sie erliegt oder von selbst die Wolken jener Nacht sich lichten  Noch hoff
ich dass Hertas kräftige Natur diesen Sturm überdauern dass sie Empfindung
Sprache und Errinnerung wieder erhalten wird und dann steigt der Geist Gottes
mit Windesschnelle herab auf die Zinnen Bobersteins und deutet uns an was wir
für Recht zu achten haben Läge aber meiner Vermutung dennoch eine Täuschung
zum Grunde, so könnte ich mit deren Verbreitung ein nie wieder gut zu machendes
Unglück anstiften Und solch eine Sünde soll nie und nimmer auf dem Gewissen
PinkHeinrichs lasten«
    »Und meine Tochter Was soll mit ihr geschehen wenn das unglückliche
Fräulein stirbt«
    »Dein Kind muss aus dem Schloss auch dann wenn Fräulein Herta am Leben
bleibt«
    »Zu wem Heinrich zu wem Ich kann sie nicht beschützen denn mir sind die
Hände gebunden und ich muss Tag und Nacht arbeiten wenn ich leben soll«
    »Nur nicht verzweifelt Freund Jan« sagte der Maulwurffänger »Ich habe
darüber simulirt auf dem ganzen einsamen Wege durch die Heide Mein Anschlag ist
reif und nach meinem Erachten recht gut ausführbar Wir warten geduldig einige
Tage ab um zu sehen wie sich die Krankheit der allgeliebten Herta gestaltet
Inzwischen bereitest Du und Ehrhold Alles zu baldiger Ausrichtung einer Hochzeit
vor denn kann Dein Kind nicht auf dem Schloss bleiben wovon ich überzeugt
bin so muss sie unverweilt den Klemens heiraten Als Frau dafür steh ich hat
Blauhut keinen freundlichen Blick mehr für sie«
    »Gut« versetzte Sloboda »Meine Einwilligung hat sie längst wird aber auch
die Herrschaft einwilligen Graf Magnus muss sie als Untertanin annehmen muss
dem Burschen seinen Konsens freiwillig geben  Wenn er sich weigert können wir
ihn zwingen«
    »Zwingen nicht aber dazu ängstigen Er fürchtete mich Jan und er hat
Grund dazu Und bei meiner ewigen Seele diesen Wüstling verderbe ich wenn er
den hochfahrenden gebietenden Herrn spielen will«
    »Er wird es dennoch tun Heinrich«
    »Er tut es nicht Sein Vater weiß mehr von seinen Lasterwegen als er
glaubt und wenn ich mit diesem Rücksprache zu nehmen drohe gwährt er mir was
ich verlange Überdies schwebt er in beständiger Furcht wegen der Gerüchte die
zum Teil durch meine Veranlassung in Umlauf sind Er fühlt sich nicht mehr
sicher in seiner Herrschaft Die finsteren drohenden Mienen seiner Knechte
weissagen ihm nichts Gutes und um den langsam heranziehenden Sturm nichr zu
vollem Ausbruche kommen zu lassen fügt er sich dem Unvermeidlichen«
    »Willst Du selbst mit ihm sprechen«
    »Nein Seit der Flucht Haideröschens betrete ich den Zeiselhof nicht mehr
Ich habe meine Vermittler«
    »Wen meinst Du«
    »Das ist mein Geheimnis Freund Jan« sagte der Maulwurffänger mit ernstem
Auge »Es muss verschwiegen bleiben bis es gewirkt hat oder ich ziehe meine
Hand zurück«
    »Nicht doch Heinrich Du hast mein Du hast das Vertrauen aller meiner eben
so gedrückten Stammesbrüder Tue was Du für recht und zweckdienlich hältst
und rechne auf die Dankbarkeit eines leibeigenen Mannes«
    Sloboda reichte nicht ohne lebhafte Bewegung dem Maulwurffänger seine raue
Hand Heinrich ergriff und drückte sie herzhaft
    »So ist es gut« sprach er »Nun ich mit Deiner Einwilligung handle will
ich eilen und Alles ins Werk setzen«
    Er stand auf warf seine Drähte nebst dem Quersack wieder über die Schultern
und schlang sich den Lederriemen seines Stockes fest um die Hand
    »Wann kommst Du wieder« fragte Sloboda
    »Ich kann es nicht bestimmen Meine Geschäfte führen mich diesmal tiefer in
die Heide und da mögen wohl ein paar Wochen vergehen ehe ich zurückkehre Doch
wirst Du schon früher mittelbar von mir hören Sage Deinem Kinde einen Gruß und
sie solle nur mutig treu und fromm bleiben dann würde sie Gott nicht
verlassen«
    Mit nochmaligem Händedruck trennten sich die beiden Männer Der Wende sah
gedankenvoll dem Maulwurffänger nach wie er mit großen wiegenden Schritten dem
Saum der Heide entgegen ging die in goldigem Feuerduft Dorf und Feld im weiten
Bogen umspannte
 
                                Achtes Kapitel
                                 Der Drohbrief
Magnus dehnte sich mit wollüstigem Behagen auf schwellender Ottomane und las
einen jener verführerischen Romane von Crebillon die damals unter den
verdorbenen höheren Ständen ihrer graziös verhüllten Unmoralität wegen eben so
großen Beifall fanden als durch den geistreichen Witz und treffenden Sarkasmus
des frivolen Franzosen In langen Pausen schlürfte der junge Graf dabei starke
Chocolade aus einer großen reich vergoldeten Tasse In diesem zwiefachen Genuße
störte ihn sein vertrauter Kammerdiener welcher mit den fein gebürsteten
Sonntagskleidern des Herrn eintrat sich jedoch in respectvoller Entfernung von
dem Lesenden hielt Nach einiger Zeit legte Magnus das Buch weg und trank den
Rest seiner Chocolade
    »Was willst Du Jean« fragte er den Kammerdiener der bewegungslos den
Sammetrock des Gebieters auf dem Arme im Zimmer stand
    »Mit Ew Gnaden gütiger Erlaubnis wollte ich untertänigst melden dass so
eben zum dritten Male zur Kirche geläutet worden ist
    »Schon so spät Jean  Ja dann muss ich mich beeilen Die Zeit vergeht doch
wunderbar schnell bei angenehmer geistreicher Lektüre«
    Magnus erhob sich von seinem bequemen Lager winkte dem Kammerdiener ihm
dem Pudermantel umzuwerfen und ließ sich die Haartour in Ordnung bringen dabei
gähnte er mehrmals
    »Der gnädige Herr Graf scheinen eine schlaflose Nacht gehabt zu haben«
    »Ach nein guter Jean ich langweile mich nur im Voraus schon bei der
stundenlangen albernen Predigt unseres zahnlosen alten Pfarrers«
    »Dann brauchen ja Ew Gnaden bloß nicht in die Kirche zu gehen« sagte Jean
»Sind Sie nicht Ihr eigener unabhängiger Herr«
    »Nicht so ganz wie Du glaubst Ich muss meinen Untertanen mit gutem
Beispiel vorangehen und mich also ihnen zu Liebe zu Tode langweilen Man hält
mich für einen Freigeist ich weiß es bestimmt und eben deshalb will ich von
heut an jeden Sonntag die Kirche besuchen Ich gebe Dir mein Ehrenwort Jean es
geschieht bloß so lange bis sich die dummen Bauern von meiner wahrhaftigen
Gottesfurcht augenfällig überzeugt haben«
    Es war nämlich Magnus erzählt worden dass viele seiner Untertanen laut
geäußert hatten ihr Herr müsse ehestens vom Himmel bestraft werden weil er
nicht ein einziges Mal das Gotteshaus besucht habe und so hielt er es denn für
unumgänglich nötig sich in die Umstände zu fügen
    »Noch kein Bote von Boberstein angekommen« fragte er während ihm der
Kammerdiener den Pudermantel abnahm und einige weiße Tüpfel von Stirn und Wange
stäubte
    »Man hat noch nichts gehört«
    »Wie geht es mit Sultan«
    »Der Voigt ist mir die Antwort auf meine Frage bis jetzt schuldig
geblieben«
    »Warum Sollte Sultans Leben bedroht sein  Geh Jean Bescheide den Voigt
zu mir Ich will sogleich die genaueste Nachricht über das Befinden meines
Lieblingspferdes haben«
    »Irre ich nicht gnädigster Herr so höre ich den schwerfälligen Tritt des
Voigtes auf dem Korridor«
    So war es Der Voigt erschien Er hatte einen ziemlich großen Brief in der
Hand der schlecht couvertirt und mit schwarzbraunem Siegellack äußerst plump
verschlossen war Auf dem Siegel konnte man kein bestimmtes Zeichen erkennen da
der vermutlich ungeübte Schreiber zwei oder dreimal das Petschaft in das halb
geronnene Lack gedrückt hatte
    »Du wirst täglich lässiger Ephraim« redete Magnus den Eintretenden
ziemlich barsch an »Wenn das so forfgeht werde ich künftig eine Gesandtschaft
an Dich abschicken müssen um zu erfahren wie Du Dich in meinen Diensten
benimmst Was bringst Du von Sultan für Nachricht«
    »Die Geschwulst mindert sich gnädigster Herr« versetzte der Voigt mit
niedergeschlagener Miene »bei sorgfältiger Pflege wird das arme Tier wieder
vollkommen hergestellt werden«
    »Das ist mir lieb aber was zum Henker schneidest Du für Gesichter Und was
hast Du denn da in den Händen«
    »Ich wollte Ew Gnaden eben um Entschuldigung bitten der Säumniss wegen der
ich mich schuldig gemacht habe Dieser Brief «
    »Brief« fiel Magnus schnell ein mit dem rechten Arm in den Sammetrock
fahrend und so plötzlich dem Voigte entgegenschreitend dass er dem Kammerdiener
das Kleidungsstück entriss und es auf dem Boden hinter sich fortschleifte »Ein
Brief von Boberstein«
    »Von dem Stammschlosse des gnädigen Herrn ist mir ein solcher Brief noch
nicht zu Gesicht gekommen« versetzte der Voigt »Überhaupt habe ich solche
Schriftzeichen noch niemals erblickt und eben deshalb zögerte ich mit der
Überreichung«
    »Wer brachte ihn Wie kam er an Dich« fragte Magnus hastig jetzt mit Hilfe
des Kammerdieners auch den zweiten Ärmel seines Feierkleides anziehend
    »Ich fand ihn gnädigster Herr Draußen am Tor zwischen Schloss und Riegel
war er eingeklemmt«
    »Vermutlich ein Pasquill« sagte Magnus verächtlich »lass doch sehen«
    Der Voigt überreichte das ungleich gefalzte äußerlich beschmuzte Schreiben
Magnus besah das verwischte Siegel die unleserliche gekleckste Handschrift
    »Vielleicht ist es ein Brandbrief Man hat neuerdings verschiedene auf
Edelhöfen ausgeworfen um Milderung der Hofedienste zu erzwingen Wie ich höre
haben sich einige Furchtsame dadurch einschüchtern lassen und wirklich
Versprechungen getan Bei mir können diese Toren auf solche Weise nichts
erlangen Ich trotze der Rohheit und werde um so härter strafen je unerlaubter
ein solches Verfahren ist«
    Während dieses Gesprächs hatte er den Brief erbrochen Schon beim Durchlesen
der ersten Zeilen runzelte er die Stirn und wechselte die Farbe
    »Was ist das« hörten ihn Voigt und Kammerdiener murmeln Er las noch einige
Zeilen worauf die Anwesenden bemerken konnten dass ihm die Hände zitterten
    »Meinen Wagen« befahl er dem Voigt »Du Jean hole mein Gesangbuch aus der
Bibliothek«
    Kaum hatten sich die Diener entfernt so warf sich Magnus auf einen Stuhl
und stampfte wütend mit dem Fuße
    »Abscheulich« rief er »Mich zwingen zu wollen und in so stolzen
beleidigenden Ausdrücken«
    Der Brief lag auf seinem Schoss Er lautete
    »Vier Wochen nach Empfang dieses wird Röschen Sloboda bekannt unter dem
Namen Haideröschen den Bauer Klemens Ehrhold heiraten Sie werden Herr Graf
ohne Säumen genannten Klemens Ehrhold die Erlaubnis dazu erteilen und Röschen
Sloboda als Ihre Untertanin annehmen Ferner wollen Sie nicht anstehen
obgenanntem Röschen ein Heiratsgut von dreihundert Reichstalern zu
überantworten und am Tage der Hochzeit zu deren Feier Sie hiermit eingeladen
werden den Neuvermählten einen Freibrief als außerordentliches
Hochzeitsgeschenk zu überreichen Binnen zweimal vier und zwanzig Stunden werden
Sie gnädigst Antwort geben wozu das Abfeuern Ihrer Jagdflinte aus demselben
Fenster durch welches die kleine Wendin Ihrer Verfolgung sich entzog für
genügend erachtet wird Sollten Sie anstehen die oben genannten Bedingungen
eingehn zu wollen und das verlangte Zeichen nicht geben so werden eine Stunde
später alle Fenster Ihres Schlosses von hundert Schüssen zugleich zertrümmert
werden und die gerechte Strafe des Himmels wird Sie erreichen mitten im Triumph
Ihrer nichtswürdigen Verbrechen«
    Dieser Brief war ohne Namensunterschrift und unverkennbar mit verstellter
Hand geschrieben Magnus fiel daher sogleich auf den Gedanken der Verfasser
desselben könne Niemand anders als sein erklärter Feind der Maulwurffänger sein
Deshalb war er anfangs auch fest entschlossen die herrische Forderung ganz
unbeachtet zu lassen und dem frechen Schreiber damit seine Verachtung zu
erkennen zu geben allein später stiegen doch wieder Zweifel in ihm auf Der
überall tätige Maulwurffänger konnte ja bloß das Werkzeug eines Mächtigeren
sein Es ließ sich nicht leugnen dass eine unglaublich kühne Räuberbande die
Heide seit Jahren unsicher machte dass Mitglieder derselben als Bauern und
Bürger verkleidet auf allen Dörfern und Schlössern Bekanntschaften anknüpften
und über öffentliche und geheime Vorgänge sehr wohl unterrichtet waren Von der
Stärke dieser kunstreich organisirten Räuberbande erzählte man sich Wunderdinge
die Schlauheit Kraft und originelle Gesinnung ihres Anführers konnte man nicht
genug rühmen Ja das unwissende Volk legte ihm sogar höhere Kräfte bei hielt
ihn für hieb und stichfest und behauptete er könne zugleich an mehreren Orten
gegenwärtig sein und wie der Sturmwind im Augenblick erscheinen und
verschwinden  Es war ferner so gut als gewiss dass die niedrigen Volksklassen
namentlich das arme darbende Volk in sehr enger Verbindung mit diesem
Schrecken der Wälder stand Jede Hütte stand dem Unhold bei drohender Gefahr
offen während sie sich vor der verfolgenden Macht verschloss Der schlaue »Fürst
der Heide« wie man den Räuber wohl nennen hörte hatte nicht selten schreiendes
Unrecht auf seine Weise ausgeglichen und harterzige Herren auf das
Empfindlichste gezüchtigt
    Dies und manche auffallende Einzelheiten aus dem unstätten abenteuerlichen
Leben des Räubers traten dem jungen Grafen blitzschnell vor die Seele und
nachdenkend stützte er den Kopf in seine Hand das bedrohliche Schreiben
zerknitternd und auf die glimmenden Kohlen des Kamins schleudernd
    Um Auswege war Magnus nie verlegen da es ihm auf die Wahl seiner Mittel
nicht ankam Den Inhalt des Briefes nochmals sich wiederholend sprang er auf
und schnalzte lächelnd mit dem Finger
    »Vortrefflich« sagte er das Zimmer langsam durchschreitend »Gräfliche
Gnaden fügen sich unbedingt dem Willen des dunklen Unbekannten fertigen die
Erlaubnis zur Hochzeit des jungen Burschen mit der niedlichen Kleinen aus sind
überhaupt unaussprechlich herablassend und zuvorkommend und knallen zu guter
Letzt mit ihrer Vogelflinte zu dem famosen Fenster hinaus  Warum auch sollte
ich es nicht tun« fuhr er fort in seiner Wanderung inne haltend »Wer von all
meinen Leuten weiß denn was mir zugemutet wird welcher unbekannten Gewalt ich
mich ohne alles Sträuben ergebe  Und welcher Vorteil kann mir aus solchem
unbedingt willigen Nachgeben erwachsen  Diese Schlauen wer sie immer sein
mögen sind in der Tat ungemein kurzsichtig Sie muten mir der ich jedenfalls
weit über ihnen stehe zu ich solle mich ohne Rückhalt ohne Säumen ihren
Händen überliefern und scheinen dabei zu vergessen dass grade dieses grobe
Drängen wenn ich mich ihm füge eine laute Aufforderung ist vorsichtig zu
sein  Sie laden mich naiv gutmütig zu Haideröschens Hochzeit ein  ein
vortrefflicher Gedanke  Ich habe Lust die lieben Leute in ihrer Lustigkeit
kennen zu lernen  Und den Freischein soll ich mitbringen zum Trunk und Tanz 
Wirklich diese Tölpel ahnen nicht wie bereitwillig sie mir in die Hände
arbeiten  Der Freischein zur Hochzeit  mein Recht als Herr  der Lärm und die
ausgelassene Lust der Wenden  ich kann mich gar nicht täuschen dass ich dabei
einen vollständigen Sieg erringe und dem Feinde die empfindlichste Niederlage
bereite«
    »Ew Gnaden« sagte der Kammerdiener die Tür öffnend
    »Ist angespannt«
    »Wie Sie befohlen haben«
    »So will ich denn zur Kirche fahren und im inbrünstigen Gebet Gott danken
dass er mich erleuchtet und aus schwerer Gefahr gnädig errettet hat«
    Der Kammerdiener machte große Augen als er seinen Gebieter eine so
ungewohnte noch nie vernommene Sprache anstimmen hörte indes begleitete er ihn
gehorsam zur Kirche wo er sich abermals über die außerordentliche Andacht und
die gespannte Aufmerksamkeit des Grafen zu wundern hatte Magnus wartete den
Gottesdienst gänzlich ab dankte sehr gnädig allen Vorübergehenden die ihn
grüßten und war nicht nur an diesem sondern auch in den nächsten Tagen die
Freundlichkeit und Güte selbst gegen Diener und Knechte Die Letzteren hielten
ihn für geisteskrank und wurden in dieser Meinung noch mehr bestärkt als sie
ihn eines Tages am frühen Morgen wie toll mit der Flinte durch mehrere Zimmer
rennen sahen als ob er einen Dieb verfolge Gleich darauf fiel ein Schuss Mit
noch rauchender Flinte ging der Graf ruhig zurück in sein Wohnzimmer
 
                                Neuntes Kapitel
                                 Die Hochzeit
Durch die altertümlichen Hallen des Schlosses Boberstein schwebte der
unheimliche Schatten eines nahe drohenden Unglücks Herta war in tiefe
herzzerreissende Melancholie versunken die auf allen Schlossbewohnern drückend
lastete namentlich aber die Tage des alten kränklichen Grafen vollends ganz
verdüsterte Zwar sprach die Leidende wieder seit einiger Zeit mit ihren
Umgebungen Keine Schwäche ihrer geistigen Kräfte war zu bemerken auch eine
fixe Idee schien sie nicht zu beunruhigen aber sie war dennoch ein ganz anderes
Wesen geworden dem man es ansah und anhörte dass ein unaussprechliches Weh ein
entsetzlicher Schmerz an ihrem Herzen nagte Deutete man darauf hin so
verstummte sie und konnte tagelang schweigen bis man sich denn gegenseitig
gelobte die Unglückliche mit ihrem Schmerz sich selbst zu überlassen
    Überraschen und angenehm berühren konnte Herta nichts mehr Sie hörte daher
mit vollkommener Gleichgiltigkeit die Botschaft dass ihr liebes Haideröschen in
wenigen Wochen schon verheiratet werden solle Die Wendin war über diese Eile
offenbar mehr erschrocken und zeigte sich gar nicht als glückliche Braut Immer
standen ihr die Tränen in den Augen die ihr Herta nicht selten mitleidig
abtrocknete Weil sie aber von Jugend auf an blinden Gehorsam gewöhnt und
außerdem überzeugt war dass ihr Vater nur aus besonderen Gründen und zu ihrem
eigenen Besten die Hochzeit so beeile fügte sie sich willig allen Anordnungen
    In der kurzen Zeit ihres eigentlichen Brautstandes ereignete sich nichts
was eine besondere Erwähnung nötig machte Graf Erasmus gab das Mädchen auf
erfolgte Anfrage los und Magnus nahm sie bereitwillig als Untertanin an Die
herkömmlichen Schriften darüber wurden in üblicher Form ausgefertigt und
Haideröschens Vater übergeben der jetzt fast täglich auf dem Schloss erschien
Klemens hatte mit Einrichtung des neuen Hauswesens zu viel zu tun um den
weiten Weg nach Boberstein häufig einschlagen zu können Er begnügte sich daher
mit Grüssen an seine Braut die Haideröschen von ganzem Herzen aber doch immer
niedergeschlagen erwiderte Das gute Kind härmte sich um Herta noch mehr
darüber dass es ihr nicht gelingen wollte die Gemütskranke aufzuheitern und
ihr Vertrauen zu gewinnen So blieb ihr nichts übrig als sie mit aufopferndster
Sorgfalt und zärtlichster Liebe zu pflegen was sie denn auch so rührend tat
dass sie dem bleichen jetzt immer so düstern und wie in furchtbarem Schmerz
versteinerten Gesicht ihrer Gebieterin zuweilen ein flüchtiges Lächeln
entlockte
    Unter diesem sich immer gleich bleibenden öden Hinvegetiren vergingen die
festgesetzten vier Wochen nach deren Verlauf Haideröschen ihrem Geliebten
angetraut werden sollte Nur die uralten Förmlichkeiten und Gebräuche die jeder
wendischen Hochzeit vorangehen und die zu vernachlässigen man nicht allein für
einen Verstoss gegen alle Sitte sondern auch für eine frevle Herausforderung der
finsteren Mächte und des heimlich schaffenden Unglückes gehalten haben würde
brachten einige Abwechselung und auf kurze Stunden ein originelles Leben und
Treiben in das so stille traurige Grafenschloss So erfolgte unter Andern die
eigentümliche Werbung des Bräutigams um die Braut durch den Brauwerber oder
Brazka mit allen Zeremonien die dabei vorgeschrieben sind Eben so reich an
wunderlichen Gebräuchen an seltsamen Sprüchen und Reimreden war die feierliche
Verlobung Haideröschens mit Klemens und diese noch nie in der Nähe beobachteten
volkstümlichen Gebräuche interessirten auch Herta so sehr dass sie während
derselben ihr schweres Seelenleid vergaß und mit dem alt gewohnten Glanz in
ihren schönen Augen das liebliche Gesicht überstrahlt von freudigen Flammen
das Ungewohnte an sich vorübergehen ließ
    Graf Erasmus der es sich angelegen sein ließ die schöne Dienerin seiner
Nichte bei dieser Gelegenheit recht auszuzeichnen wäre beinahe mit Sloboda in
unangenehmen Streit geraten Der Graf wollte nämlich dass Haideröschen Dienst
und Schloss erst am Tage ihrer Hochzeit verlassen solle was die Notwendigkeit
einer Abholung der Braut vom Schloss unabweisbar bedingte Sloboda sonst in
allen Dingen die Fügsamkeit selbst und nie einem Befehle zu widersprechen
gewohnt widersetzte sich dieser Anordnung hartnäckig und meinte es sei
durchaus unmöglich dass der gnädige Herr Graf so etwas Widersinniges verlangen
könne Eine Braut müsse schlechterdings aus ihres Vaters eigenem Hause abgeholt
werden und dies sei seine schlechte niedrige Hütte Unterbliebe diese Abholung
so könne aus der ganzen Hochzeit nichts werden denn alle dabei üblichen und
notwendigen Gebräuche müssten unterbleiben
    Je heftiger der trotzige Sloboda auf seiner Meinung beharrte desto
hartnäckiger ward auch der Graf Ihn verdross bloß der Widerspruch des
Untergebenen und dass man ihm eine Freude damit verdarb die er sich ausgedacht
hatte Hier nun schritt Herta wieder wie immer bei streitigen Fragen als
Vermittlerin und Friedensstifterin ein Sie brachte es dahin dass Haideröschen
am Hochzeitstage von Klemens und dessen Begleitung auf dem Schloss abgeholt
die Hochzeit selbst aber und Alles was Ceremonielles dabei zu beobachten sein
möchte im Hause ihres Vaters gehalten werden solle
    Dieser Entscheidung fügte sich Sloboda erst nach vielem Zureden
Kopfschüttelnd behauptete er jedoch es sei nicht gut dass er nachgebe denn es
könne daraus leicht Unglück für sein ohnehin schon so tief gedemütigtes Haus
entstehen Das Warum wusste er freilich nicht anzugeben
    »Nun ja« sagte er nach mehrmaligem Bearbeiten von Seiten Hertas »es ließe
sich zuletzt Alles recht gut hier einrichten Der gnädige Herr Graf will uns die
Schlosshalle einräumen zur Brautschau wofür ich meinerseits vielmals danke aber
wo haben wir eine alte Frau die bei der ersten Frage nach der Braut meine
Tochter vorstellen kann Die Frau Gräfin «
    »Um Gotteswillen Sloboda« unterbrach Herta den Rücksichtslosen »Meine
Tante wird sich während der ganzen Zeremonie fest in ihre Zimmer verschließen«
    »Wir müssen aber doch eine alte Frau haben gnädiges Fräulein« behauptete
Sloboda sehr bestimmt und so ernstaft dass die immer traurige Herta darüber
lächeln musste
    »Könnte nicht einer der Bedienten «
    »Die Frau vorstellen meinen Sie«
    »Ja so denk ich Für eine täuschende Verkleidung will ich sorgen«
    »Das geht nicht liebes gnädiges Herzensfräulein denn es ist sehen Sie
noch niemals bei uns vorgekommen«
    »Es muss also durchaus ein Frau sein«
    »Ja lieber Engel und zwar eine Frau in den Jahren«
    »Seid Ihr zufrieden wenn ich meine Amme dazu herkommen lasse Sie wird es
gern tun«
    Sloboda überlegte den Vorschlag und nahm ihn endlich zaudernd an Dagegen
lehnte er die Ausrichtung des Hochzeitmahles auf dem Schloss die Graf Erasmus
nochmals in Vorschlag brachte entschieden ab weil es wie er sich ausdrückte
gegen Grundsatz und Sitte seines Volkes verstosse bei der Hochzeit das Brod
Fremder in fremdem Hause zu essen Die Zukunft lehrte ihn nur zu bald dass ein
prophetischer Geist in dem Grafen tätig gewesen und dass alles nachfolgende
Unglück aus seiner Weigerung herzuleiten sei
    Als der festgesetzte Tag herankam bestand die unglückliche Herta darauf
die geliebte Braut mit eigener Hand schmücken zu dürfen Sie ringelte ihr mit
zartem Finger die glänzenden Löckchen auf der Stirn setzte ihr die hohe Borta
von schwarzem Samt auf mit dem goldbrokatenen Deckel und der daran befestigten
grünen Rautenkrone sie legte ihr das Halsband mit bunten Perlen um das mit
silbernen Sternen geschmückte Haarband über den unteren Absatz der Borta und
knüpfte die verschiedenen vorgeschriebenen grünen Bänder in zierliche Schleifen
Ganz besondere Aufmerksamkeit empfahl das ängstliche Haideröschen ihrer sie
putzenden Gebieterin bei der Befestigung der Flizur So nennen nämlich die
Wenden ein Stück feiner weißer Leinwand welches in einer Breite von vier Zoll
in Falten gelegt und mit grüner Seide eingefasst über Brust Schulter und Rücken
läuft und nebst den zwei bis drei Schnuren goldener oder silberner Schaumünzen
um Brust und Hals ein nur Bräuten gestatteter Schmuck ist Außerdem reichte
Herta der kleinen Wendin ein feines weißes Tuch das sie selbst in glücklicheren
Tagen gestickt hatte
    Müssten wir nicht befürchten unsere Leser durch ausführliche Beschreibung
der übrigen zahllosen und zum Teil höchst seltsamen Gebräuche bei einer
wendischen Bauernhochzeit zu ermüden so würden wir noch manches Eigentümliche
hier anzuführen haben So beschränken wir uns darauf zu erwähnen dass sich aus
Haideröschens Geburtsorte zwei Brautjungfern einfanden die fast eben so wie die
Braut selbst gekleidet waren Mit diesen kam natürlich auch die ganze
Verwandtschaft der Sloboda was denn ein lautes und lebendiges Treiben in den
unteren Räumen des alten Schlosses verursachte
    Es war ein schöner klarer und warmer Frühlingstag Die Wipfel der schlanken
Tannen wiegten sich mit leisem Rauschen in der blauen Luft und schmetternde
Lerchen hingen dem Auge kaum sichtbar in dem unermesslichen Dome Die meisten
Menschen wünschen sich an ihrem Hochzeitstage einen solchen glückverheissenden
Frieden der Natur, und auch Haideröschen sah mit ihren wunderbaren Kinderaugen
dankend gen Himmel als sie in der ersten Nachmittagsstunde die schrille Musik
der Haidebauern aus dem Walde erklingen hörte die den Bräutigam begleiteten
Verstohlen sah sie hinab auf den spiegelklaren See über den eine ganze Flotille
kleiner Nachen segelte alle mit geputzten Männern besetzt welche jubelnd ihre
bebänderten Hüte schwenkten und unaufhörlich mit der Musik um die Wette
jubelten Sogar einzelne Schüsse wurden abgefeuert und weckten das schlummernde
Echo der stillen Heide
    Am Fuße des Schlossfelsens angekommen ordneten sich die Begleiter des
Bräutigams paarweise das Musikchor aus mehreren Klarinetten einem Fagott und
andern nationalwendischen Instrumenten bestehend stellte sich an die Spitze und
der Brautführer mit bandverziertem Stock Hut und Kleid schritt gravitätisch
voraus Unter fortwährendem Musiciren erstieg diese Schaar junger Männer den
Schlossberg und zog bis vor die große Eingangspforte
    Hier wurde sie durch herbeispringende Knechte die ein langes rosenrotes
Band schnell vor die Pforte zogen aufgehalten und ihnen erst nach Erlegung
eines geringfügigen Trinkgeldes der Eintritt gestattet indem der Brazka
mehrmals die Versicherung gab dass sie nicht als ungebetene Gäste erschienen
sondern mit Erlaubnis des Schlossherrn und auf dessen besondere Einladung kämen
    Ein neues noch bedenklicheres Hindernis stieß dem Bräutigamszuge im Innern
des Schlosshofes auf Es waren nämlich alle Fenster fest verschlossen einige
sogar mit Läden verbaut Auch die Haupteingangstür die doch sonst immer offen
stand zeigte sich heut fest verriegelt Bescheidentlich nahte sich nun während
die Musik schwieg der Brautwerber der Schlosstür und klopfte leise mit seinem
Stabe an Allein Niemand gab Antwort Das Schloss schien unbewohnt oder gar
ausgestorben zu sein Erst auf heftigeres Klopfen ließ sich drinnen eine
mürrische Stimme vernehmen die Jan Sloboda angehörte Er fragte was man
begehre Der Brautwerber antwortete man suche Herberge Übrigens könne er auf
Ehre und Seligkeit versichern dass er und seine Begleiter vollkommen ehrliche
Leute wären und mit den freundschaftlichsten Gesinnungen kämen Obwohl Sloboda
und die hinter ihm jetzt sichtbar werdenden Gäste dies in Zweifel zu ziehen
schienen ließ er sich doch bewegen zaudernd die Tür zu öffnen Allein weder
der Bräutigam noch sein Gefolge trat ein nur der Brazka erschien auf der Flur
und wendete sich nach alter Sitte mit nochmaliger formeller Werbung um die Braut
an den Wenden Eine Zeit lang stellte sich Sloboda als wisse er um keine Braut
bis endlich die Gäste sich bereit erklärten den Wunsch des Bittenden zu
erfüllen Sie entfernten sich und der Brazka ward von Sloboda in die Schlosshalle
geführt auf deren Gallerie Graf Erasmus mit Herta der wendischen Brautwerbung
neugierig zusah Gräfin Utta fand ein solches Schauspiel zu gemein um ihre
Augen darauf zu richten
    Bald kamen die Gäste der Braut wieder zurück in ihrer Mitte eine ältliche
Frau führend die Hertas Amme war und welche der Brautwerber nach genauer
Betrachtung als eine falsche wieder zurückschickte Auch ein junges hübsches
Mädchen das ihm nunmehr vorgeführt ward wollte er nicht als die ihm verheissene
Braut die er als noch weit schöner und lieblicher beschrieb gelten lassen
Erst nach drittmaligem Suchen ward Haideröschen im vollsten Brautstaat
vorgeführt von dem Brautwerber mit jubelndem Gruß von der Musik mit einem
Tusch empfangen Jetzt trat auch der Bräutigam mit seinen Geleitsmännern in die
Halle um sich die verschämte Braut zuführen zu lassen Der Brazka hielt wieder
lange gereimte Dankreden an Sloboda an Haideröschen an die Gäste und erst
nachdem all diesen lang dauernden Gebräuchen volles Recht geschehen war gab er
der jedesmalige Ordner solcher Feste das Zeichen zum Aufbruch Die Musik
spielte wieder auf vom Brazka angeführt Ihr schloss sich Haideröschen geleitet
von zwei Ehrendienern an denen die Slonka oder Salzmeste so geheißen weil
sie bei Tafel das Salz aufzusetzen hat und überhaupt als erste Pate der Braut
Tafelordnerin ist nebst den Brautjungfern folgte Erst nach diesen durfte
Klemens in den Brautzug treten begleitet von einer zweiten Slonka und zwei
Züchtjungfern Nach diesem sehr hoch gehaltenen und für unerlässlich geachteten
Ehrenpersonal schloss sich erst der Zug der beiderseitigen Gäste an und bewegte
sich unter fortwährender Musick den Schlossberg hinab an den See
    Als auch dieser hinter dem Brautzuge lag bestieg die ganze ziemlich
zahlreiche Gesellschaft im Schatten des Waldes harrende Wagen deren Kutscher
und Pferde mit buntseidenen Tüchern und großen Blumensträussern bestens
aufgeputzt waren In vorgeschriebener Ordnung Braut und Bräutigam voraus nahm
das Brautgeleit Besitz von diesen Wagen unter denen mehrere aus einfachen
Leitern bestanden wie sie der Bauer zu Holz und Getraidefuhren allein brauchen
kann und in raschem Trabe nicht selten in wildestem Galopp jagte der lustige
Brautzug hinein in die rauschende harzduftige Heide dem Geburtsorte
Haideröschens zu wo Trauung und Hochzeitsmahl stattfinden sollten
Seltsamerweise lief bald nach der Abfahrt was in Jahren nicht vorzukommen
pflegte als erster Begegnender ein Hase über den Waldweg was als ein böses
Zeichen die Lustigkeit der Gäste einigermaßen störte und die lieblichen Träume
der jungen Braut etwas verdüsterte
    Unmittelbar nach der Trauung begann das Mahl unter genauer Befolgung aller
durch Sitte und Gewohnheit vorgeschriebenen und geheiligten Zeremonien Zu
diesem Mahle waren noch zwei längst erwartete Ehrengäste gekommen Heinrich der
Maulwurffänger und dessen Bruder Gregor Sie erhielten ihre Sitze zunächst dem
Pfarrer der jederzeit die erste Stelle neben dem Bräutigam einnimmt Durch das
Erscheinen dieser beiden Männer namentlich aber durch die trockenen Witze und
komischen Erzählungen des Maulwurffängers ward die Hochzeitsgesellschaft sehr
bald in die munterste Laune versetzt Man vergaß das viele Ungemach das die
Hauptpersonen erlitten hatten und freute sich der angewandten Listen die ein
so gelungenes erfreuliches und glückverheissendes Ende herbeigeführt
    Bier und Branntwein wurden zu den vielen und fetten Speisen in Menge
genossen und äußerten bald genug ihre Wirkungen Die Unterhaltung ward so
lebhaft dass sie einem heftigen Gezänk Aller unter einander glich Dazwischen
klapperten Messer hölzerne Teller  denn nur auf solchen aßen die
Hochzeitsgäste  Bierkannen und Gläser Im Eifer des Anstossens und Zutrinkens
ward auch manches Glas zerbrochen Die Aufwartenden rannten mit ihren hoch mit
Fleisch beladenen Schüsseln zuweilen gegen einander und verschütteten einen
Teil der dampfenden Stücke die alsdann ab und zugehende Gäste unter
allgemeinem Jubel mit ihren kurzen zweizinkigen Gabeln aufhoben und triumphierend
selbsteigen auf ihre Teller trugen wo sie bald verschwanden
    Das eigentliche Mahl war beinahe beendigt als unerwartet noch ein Gast in
Slobodas glückliche Behausung trat Graf Magnus wollte die Einladung nicht
versäumen die ihm der unbekannte Briefschreiber zugeschickt hatte Der junge
Mann strahlte in voller männlicher Schönheit Er trug einen prächtigen mit
Goldstickerei reich verzierten Reitrock die feinsten Spitzenmanschetten fielen
über seine schönen Hände herab und der feine graublaue Hut saß kokett auf dem
wohl frisirten Haar
    So trat er leichten Schrittes unter die tobenden Bauern die Erstaunten mit
Anmut und freundlicher Herablassung grüßend Einige Augenblicke verstummten
Alle man hörte kaum einen Atemzug
    »Lasst Euch nieht stören meine Lieben« redete Magnus die Versammelten an
»Ich komme die Freude und das Glück des jungen Paares mit Euch zu teilen und
als ihr Grundherr demselben ein kleines Geschenk zu überreichen Von morgen an
wo Klemens und Röschen als Ehegatten meinen Grund und Boden betreten erkläre
ich sie für freie Leute Es lebe das freie Brautpaar«
    Schnell entriss er dem zunächst sitzenden Bauer das Glas und leerte es in
einem Zuge bis auf den Grund mit freundlichem Augenwink Klemens und
Haideröschen grüßend und sich gegen Letztere graziös verneigend
    Es würde ein vergebliches Bemühen sein den Jubel zu schildern der jetzt
ausbrach Ohne Maß und Ziel in Freude und Schmerz in Verehrung wie in Hass
betäubten die vom Trunk aufgeregten Wenden den jungen Grafen mit
Lobeserhebungen Er war auf einmal der gütigste der gerechteste der
freundlichste und mildtätigste Herr Jeder beeiferte sich ihm dies persönlich
zuzuschreien und wo möglich für seine Großmut die Hand zu küssen was denn
einen unbeschreiblichen Lärm und die größte Unordnung hervorbrachte
    »Tusch Tusch  Ein Hoch dem allergnädigsten Herrn Grafen  Zugeblasen
Zugeblasen  Musikanten aufgepfiffen « so schrien und commandirten hundert
Stimmen durch einander und die Tusche der Musiker nahmen eine Viertelstunde lang
kein Ende
    Obwohl das Essen noch nicht ganz beendigt war gab man es doch freiwillig
auf Der Brazka ließ die Diele fegen um den Tanz beginnen zu lassen nach dem
Jung und Alt unter johlendem Schreien lebhaft verlangte Ein so
außerordentlicher Fall ein Hochzeitsgeschenk so unerhörter Art schien solchen
Verstoss gegen das Herkommen zu rechtfertigen
    »Immer seid lustig Kinder« sagte Magnus »Ein Fässchen Branntwein geb ich
der Gesellschaft zum Besten Es wird eben angezapft und soll hoff ich etwas
besser munden als Euer kraftloser Fusel Ein Stündchen will ich mich mit den
schönen Gefährten der schönen Braut auf der Diele drehen dann muss ich heim
eilen denn morgen warten meiner wichtige Geschäfte«
    Der kaum gedämpfte Jubel brach von Neuem wo möglich in noch verstärkterem
Maße aus Tische Bänke und Schemel wurden bei Seite geschoben die Burschen
bestellten den Vortanz und als sich die durchdringenden Klänge der Tarackawa
begleitet von dem kreischenden Schreien der Huslje hören ließ konnte
Haideröschen nicht umhin dem freundlich lächelnden Grafen gewährend die Hand zu
reichen
    Magnus hatte viele bestechende Eigenschaften mit denen es ihm ein Leichtes
gewesen wäre die Herzen seiner Untertanen zu gewinnen und Jedermann für sich
einzunehmen Dazu gehörte eine genaue Kenntnis aller dem Volke eigentümlichen
Gebräuche seine Meisterschaft in den von den Wenden hochgehaltenen Spielen und
Tänzen die Leichtigkeit mit welcher er sich in ihrer Sprache ausdrücken
konnte und noch manches Andere der Art wodurch der Vornehme dem gemeinen Manne
angenehm gleichsam menschlicher wird weil es in gewissem Sinne die Kluft
ausfüllen hilft die vom Glück Begünstigte immer in weiter Ferne hält von dem
Armen Mittellosen und Ungebildeten
    Magnus tanzte den Brautreigen bewunderungswürdig leicht und doch mit so
viel dörflichem Tact dass selbst die im Tanz geübtesten jungen Burschen gestehen
mussten sie wüssten es nicht besser ja nicht einmal so gut zu machen
    Während des Tanzes der sich bald zu einem wirren drängenden Menschenknäuel
verdichtete ward viel getrunken Der Branntwein des Grafen mundete zu gut als
dass die Wenden im Genuss desselben hätten Maß halten können Sogar ältere Männer
und Frauen ließ sich vom allgemeinen Frohsinn mit hinreißen und taten des
Guten mehr als ihre vorgerückten Jahre vertrugen Dies hatte denn einen
leichten Rausch fast Aller zur Folge der durch den immer wilder rasenden Tanz
noch mehr gesteigert wurde
    Frei von dieser Überlustigkeit hielten sich nur der Maulwurffänger und
dessen Bruder Sogar Sloboda hatte einen leichten »Hieb« und chassirte nicht
selten von einem Beine aufs andere hüpfend quer durch den qualmigen Tanzsaal
nach seiner Kammer die wie in den meisten wendischen Häusern an die Wohnstube
grenzte Eine einzige niedrige Stufe oder eine hohe Schwelle trennte sie von der
letztern und eine Zuschlagtür welche von innen verriegelt werden konnte
sperrte den Eingang Aus dieser Kammer führte eine zweite Tür in einen schief
zur Erde abfallenden schuppenartigen Anbau wo Sloboda Holz Reissig einige
Ackergeräte und andere in einer Wirtschaft nötige Dinge aufbewahrte
    Mit Absicht vermied es der Maulwurffänger den Grafen anzureden Er saß in
der Ecke des Zimmers den Rücken der Tür zugekehrt trank ein Glas Bier und
ließ sich dazu seine kurze Maserpfeife schmecken Nach dem ersten Tanze mit der
Braut trat Magnus an diesen Tisch und grüßte den unermüdlichen Raucher Der
Maulwurffänger stand auf und erwiderte gebührend den Gruß des Grafen
    »Du hast den Zeiselhof recht lange nicht mehr besucht« redete Magnus unsern
Freund an »Wie kommt das«
    »Ich war daselbst nicht nötig gnädiger Herr«
    »Du weißt aber dass ich Dich gern kommen sehe«
    »Wenn dem so ist werde ich wieder einmal anklopfen«
    
    Magnus schob einen Schemel an die Wand und setzte sich dem Maulwurffänger
gegenüber so dass jetzt drei an dem Tische saßen denn auch Gregor hatte
inzwischen seinen Platz daran wieder eingenommen und bedächtig die breiten
Schösse seines langen mit rotem Fries gefütterten Rockes von den strammen
Beinen zurückgeschoben so dass sie zu beiden Seiten des Schemels bis auf den
Boden herabreichten
    »Wie geht die Kundschaft« begann Magnus das Gespräch von Neuem »Ich höre
dass in diesem Jahre der Maulwurf weniger Schaden anrichtet als in dem letzt
vergangenen«
    »Möcht ich nicht so schlechtin behaupten Ew Gnaden Es kommt aufs
Erdreich an denn das Ungeziefer hat einen Geschmack so fein wie der
delicateste Fürstbischof«
    Gregor lachte und sagte mit dem Kopfe nickend »Natürlich Natur«
    »Wie ist es denn« sprach Magnus nach abermaliger Pause »hast Du neuerdings
nichts von dem braunen Lips gehört Vor einigen Wochen machte er wieder viel von
sich reden durch ein paar Einbrüche die mit großer Kühnheit verübt worden
waren«
    »Ich bin kein Polizeimann Herr Graf« entgegnete der Maulwurffänger sein
scharfes Auge wie einen leuchtenden Blitz auf ihn heftend
    Magnus stand auf und umfasste die erste Züchtjungfer die eben vorbeiging um
mit ihr unter die Tanzenden zu treten
    »Aus mir soll er nichts herausbringen« flüsterte Heinrich seinem Bruder zu
»und wenn er Schraubenstöcke anlegt und vier Hengste vorspannt Ich werde kein
Narr sein«
    »Natur ganz Natur« sagte Gregor und zündete sich der Unterhaltung wegen
eine Pfeife an
    Inzwischen dauerte der Tanz ununterbrochen fort Magnus kam nicht mehr vom
Plane Die jungen Mädchen rissen sich um den schönen leichten vornehmen Tänzer
und legten alle Schüchternheit ab da sie den als so schrecklich verschrienen
Blauhut auf einmal so zugänglich sahen Wäre es nicht der gnädige Herr gewesen
der alle Dorfschönen ihren Burschen untreu machte so würde die Hochzeit wie so
oft mit blutiger Schlägerei geendet haben So aber war man eines Teils zu sehr
hingerissen von der Freigebigkeit und Großmut des Grafen und sodann hatte man
auch wirklich zu viel Gefallen an seinem Tanz als dass nur Einer gewagt hätte
über das Glück des hohen Gastes zu murren
    Haideröschen hatte schon mehrmals mit Magnus getanzt Sie war aufgeregt wie
alle Übrigen und von mehrmaligem Kosten geistiger Getränke sogar etwas
exaltirt Ihr lachendes Gesichtchen glühte wie eine Purpurrose das weiße
Brusttuch zitterte von dem stürmischen Klopfen ihres Herzens
    Magnus führte sie aus der Hand ihres Bräutigams wieder zum Tanz Klemens
lachte über Röschens Unermüdlichkeit er lachte so laut dass der Maulwurffänger
aufmerksam wurde und ihn beim Arme nahm
    »Trinke nicht mehr Klemens« sprach er zu ihm »Du wirst zu laut«
    »Weiß Gott Bruderseele Du hast Recht  s ist verdammt heiß in diesem
Backofen Komm wir wollen draußen frische Luft schlucken«
    Der Maulwurffänger verließ Arm in Arm mit Klemens die erstickende Atmosphäre
der Hochzeitsstube und ging plaudernd im Baumgarten mit ihm auf und nieder Ein
sternenklarer Himmel überwölbte funkelnd die schlummernde Heide 
    Magnus hatte das Verschwinden beider Männer bemerkt Er sah jetzt außerdem
dass Sloboda trotz des unbändigen Lärmes in einem dunkeln Winkel des Zimmers vor
Ermattung zu nicken begann Alle übrigen waren nur mit sich und dem Tanze
beschäftigt und hatten kein Auge auf ihn  Sogleich endigte er den Tanz und
geleitete Haideröschen durch die dicht gedrängte Schaar walzender und
zuschauender Gäste  Er winkte ihr griff in die Brusttasche seines Rockes wo
ein weißes Papier sichtbar ward und deutete auf die anstossende Kammer 
Haideröschen erhitzt glücklich und neugierig gab nicked ihre Zustimmung und
verschwand bald darauf in der erwähnten Kammer Ungesehen folgte ihr Magnus der
mit geschicktem Griff von innen den Riegel vorschob
    Es vergingen mehrere Minuten ohne dass Jemand die Braut oder den Grafen
vermisste Die Musik spielte munter auf die Burschen klatschten in die Hände
sprangen jauchzend in die Höhe umschlangen mit nervigen Armen ihre Mädchen und
stürzten sich in die unaufhaltsame Woge des Tanzes Da schien es einigen älteren
Männern als vernähmen sie den Hilferuf einer weiblichen Stimme Sie horchten
aufmerksam durch den Lärm da sich aber nichts regte achteten sie nicht weiter
darauf Nach einer Pause erklang dieselbe Stimme wieder aber auch jetzt hörten
sie nur einige Wenige undeutlich Sloboda erwachte jedoch davon aus seinem
schläfrigen Hindämmern und suchte mit großen Augen seine Tochter
    In diesem Augenblick trat Klemens mit dem Maulwurffänger wieder ins Zimmer
Beide in sichtbarer Aufregung
    »Wo ist meine Braut Mein süßes Haideröschen« schrie er mit lauter vor
Angst bebender Stimme in den Jubel der Tänzer
    »Hat Jemand den Grafen fortgehen sehen« fragte nicht minder laut der
Maulwurffänger
    Wie vom Donner gerührt schwiegen plötzlich Musik und Tanz Es war eine
furchtbare erwartungsvolle Pause Ein wiederholter gellender Aufschrei brachte
neues drohendes grauenvolles Leben in die Masse der keuchenden Tänzer
    »Meine Tochter Meine Tochter« rief Sloboda stürzte nach der Tür zur
Kammer  aus der der herzzerreissende Schrei erklungen war  und wollte sie
aufreißen allein sie widerstand jeder Kraftanstrengung
    »Mein Röschen« jammerte Klemens und schlug wütend mit den Fäusten gegen
die Tür
    Ein paar Sekunden und die Tür stürzte krachend unter den Tritten der
wütenden Wenden zusammen
    Es war finster in der Kammer Der schwache Schimmer halb niedergebrannter
dünner Unschlittlichter aus der Wohnstube in feuchtem Rauche trüb und flackernd
brennend ließ am Boden liegend eine Mädchengestalt erkennen die in völliger
Erschöpfung kaum noch atmete Es war Haideröschen  Die Brautkrone lag neben
ihr das schöne goldblonde Haar hing in aufgelösten Flechten um den entblößten
Busen Ihre festliche Kleidung war schmutzig zum Teil zerrissen Ein Blick
genügte um hier an einem verübten Verbrechen nicht mehr zu zweifeln 
    Klemens stürzte neben der Röchelnden nieder und rief sie mit den
zärtlichsten Namen Sie gab keine Antwort aber sie hörte sie sah ihn Jammernd
nur schlug sie beide Hände fest über ihre Augen und wimmerte in herzzerreissenden
Tönen
    Der scharfe Blick des Maulwurffängers der in jedem Winkel der dunklen
Kammer den Grafen suchte bemerkte auf dem Tische ein weißes Blatt Er hob es
auf und hielt es gegen herbeigeholte Lichter Es war der Freibrief für Klemens
und Haideröschen mit Magnus Namensunterschrift und Wappen Der Brief lautete
auf den morgenden Tag 
    Als der Maulwurffänger das Blatt durchlesen hatte ließ er es entsetzt zur
Erde fallen
    »Auf morgen also Satanische Bosheit Du hast gesiegt und wir Armen können
nicht einmal gegen ihn klagen Der Entsetzliche hat bloß sein Herrenrecht an der
Leibeigenen geübt «
    Alle standen sprachlos Sloboda lag gebeugt am Boden neben Haideröschen und
netzte mit seinen Schmerzenstränen ihre schönen Haare Klemens weinte ebenfalls
wie ein Kind Ehrhold dagegen stieß in gerechtem Grimme furchtbare
Verwünschungen aus und erhob inmitten der bestürzten Hochzeitsgäste die Hand zum
Schwur
    Der Maulwurffänger fiel ihm in den Arm
    »Halt ein« sagte er »Nicht Du allein nicht ein Einziger schwöre hier wir
alle die wir Männer sind verbinden uns in gemeinsamem Schwure zu gemeinsamer
Tat Wer mir beistimmt der tue wie ich«
    Der Maulwurffänger kniete nieder Alle ahmten seinem Beispiel nach Dann
erhoben sämtliche Wenden zugleich mit dem Deutschen ihre Hände und dieser
sprach
    »So lange es noch Herren gibt die ihre Macht missbrauchen zum Nachteile
ihrer Untergebenen so lange noch ein Volk auf Erden lebt das in Armut Elend
und Druck jammert und rechtlos umherirren muss so lange lasst uns Brüder sein und
mit einem Herzen in einem Sinne handeln So lange lasst uns verbunden sein zur
Befreiung des Volkes vom Druck der Herrschaft welchen Namen sie auch führen
mag So lange endlich lasst uns nicht schonen weder Gut noch Blut noch Leben
Dazu verhelfe uns der gnädige Gott Amen«
    In dumpfen Tönen sprachen alle Wenden diesen Schwur nach Als das Amen
monoton von ihren Lippen hallte vernahm man in der Ferne Hufschläge eines
davonjagenden Pferdes Es war Magnus der in schnellstem Karrière dem Ort seiner
Bubentat und der Rache der beleidigten Wenden entfloh
 
                                  Viertes Buch
                                 Erstes Kapitel
                              Der Fürst der Heide
Es war Ende September Feuchte Schneestürme zogen brausend über die Heide und
schleuderten hohe Kronen von den Wipfeln der uralten Tannen und Fichten die
sich mit ihren hundert Ästen wie ungeheuerliche Arme gespenstischer Riesen
gegen die Wut der Windsbraut schirmten Der feuchte Boden mit
Schlinggewächsen knorrigen Wurzeln mit Nadeln und Tannenzapfen bedeckt zeigte
in der stürmischen Nacht nur an Stellen wo die Waldung sich etwas lichtete
Schilder glänzenden Schnees auf denen Schaaren von Krähen saßen die bei jedem
neuen pfeifenden Windstoß mit heiserm Gekrächz aufflogen und unstätt die in der
Luft hin und her sausenden schwarzen Baumpyramiden umkreisten
    Mitten in der dichtesten Wildnis turmhoher Bäume lag eine sumpfige
Waldwiese die im Sommer nur mit einem wallenden Teppich ewig nickender
Moorblumen bekleidet war Ein ziemlich breiter und tiefer Fluss der sich in
zahllosen Krümmungen durch die endlosen Wälder wand umspülte die Wiese mit
seinen schwarzen nie rauschenden Wellen Der heiterste Sonnentag verwandelte
sich in dem trüben Spiegel dieses schleichenden Gewässers in graue kühle
Dämmerung und der silberne Glanz der Sterne zitterte und zerrann auf den still
kräuselnden Fluten wie bleicher Irrlichtsschein Zuweilen trieb dieser Fluss
kleine Inseln abgerissenen Moorbodens die an hinein gestürzten halb
verwitterten Baumstämmen sich ansetzten und eine todesgefährliche mit grünem
Schlammmantel lockend verhangene Brücke bildeten Schwarze Wasserschlangen und
andere Insekten sonnten sich auf diesen zeitweilig erbauten Überbrückungen bis
ein plötzliches Anschwellen des Wassers den lockern Bau wieder zerstörte
    Hart am Ufer dieses Flusses der im weiten Halbbogen die erwähnte sumpfige
Wiese umspülte erhob sich ein breiter Erdwall von nur wenigen Fuß Höhe und
hinter diesem starrten die schwarzen Mauern eines alten Gebäudes in die Luft
Epheu Immergrün und wilder Hopfen umspannen einen großen Teil des Mauerwerks
und überwölbten es im Frühling und Sommer mit grünendem Laubdache Jetzt nickten
die tausend und abertausend dünnen Äste und Ranken blätterlos im Sturme und die
großen feuchten Schneeflocken flimmerten kaum secundenlang an dem ruhelosen
Geäst
    Selten kamen Menschen in diese Gegend der Heide da sie von allem Verkehr
abgeschieden lag und durch natürliche Verhaue vom Winde niedergestürzter
Riesenbäume fast unzugänglich gemacht wurde Nur wer die Heide sehr genau kannte
und durch kein Hindernis sich abhalten ließ in ihre unheimlichsten
Abgeschiedenheiten einzudringen fand diesen Versteck mit seinen schauerlichen
Umgebungen
    Der wallartige Aufwurf am Rande der moorigen Wiese einige alte Schanzen
nicht unähnliche Erhöhungen auf dem andern Ufer des breiten Flusses und mehrere
auf der Wiese befindliche Reste zerstörten Gemäuers nebst der Umschrotung eines
Brunnens deuteten auf ehemalige Befestigung dieses Ortes hin Jetzt war Alles
verfallen begrast oder bemoost und Sturm und Wetter nagten eben so unermüdet
an den schwarzen Mauern wie die begehrliche Welle des Flusses die uralten
Erdschanzen unterwusch und zerstörte
    Als wahrscheinliche Überreste einer Feste aus den Zeiten des an Raubnestern
reichen Mittelalters nannte man diese Trümmer das Raubhaus Wer es vom Volke
kannte mied es mit Absicht da durch die gesammte Heide die Sage ging die
Moorwiese mit dem grauen Getrümmer sei schon seit Jahrhunderten von bösen
Geistern bewohnt Dass das arme unwissende Volk einem solchen Gerücht willig
Glauben schenkte war nicht zu verwundern denn der Ort an sich schon weckte
finstere Gedanken und vermochte die Einbildung mit schauerlichen Bildern zu
ängstigen Dazu kam dass Viele die zufällig oder durch Not gedrungen dem
Raubhause nahe gekommen waren seltsame Stimmen gehört unerklärliche Gestalten
um die Ruinen lohende Flammen auf Fluss und Wiese gesehen hatten 
Erscheinungen die ihre natürliche Erklärung in der sumpfigen an entzündbaren
oder leuchtenden Dünsten überreichen Umgebung fanden
    Nach diesem von allem Volk gemiedenen und verrufenen öden Versteck wanderte
in der erwähnten Sturmnacht ein einzelner Mann durch das Krachen Stöhnen
Seufzen und Brüllen der vom Zorn der Elemente gegeisselten Heide Die spärlichen
Schneeflecke im Dickicht zerstreut waren seine Wegweiser Immer richtete er
seine Schritte nach diesen kleinen Lichtoasen in der grauenvollen Finsternis der
stürmischen Herbstnacht und von ihnen geleitet errichte er nach langem Suchen
das Ufer des schwarzen Flusses
    Finster und leblos wie immer lagen die schwarzen Mauern des verfallenen
Gebäudes jenseit des Flusses Der Sturm raste und tobte in den Fensterhöhlen
als wolle er sie in die Luft sprengen Vereinzelte Krähen schossen wie schwarze
Pfeile durch das Flockengewimmel nach der sausenden Heide und mischten ihr
klagendes Geschrei mit dem Brüllen des Sturmes Sonst war weit umher keine Spur
eines lebenden Wesens zu entdecken
    Am Erdaufwurfe zunächst dem Ufer des Flusses rastete der einsame Wanderer
lehnte sich auf seinen Stab und schöpfte Luft An seiner Kleidung an Haltung
und Blick erkennen wir unsern alten Bekannten den Maulwurffänger Unverwandt
heftete er sein Auge auf die unter ihm lautlos dahinschleichende Welle in deren
glänzenden Schwärze sich die jagenden Schneewolken abspiegelten Jenseits des
Flusses und noch eine gute Strecke hinter dem alten Mauerwerk auf der
weisslichgrauen Fläche der sumpfigen Wiese leuchteten bisweilen spitze Flämmchen
die wie blaue Dolchklingen von unsichtbaren Händen gehandhabt die
unverwundbare Luft durchstiessen Diese jähen blendend aufzuckenden Flammen
zeigten sich bald nah bald fern und warfen bleifarbene Lichter auf die
nächsten Gegenstände so dass mancher abgebrochene Baumstumpf abenteuerlich
geformt erschien und hie und da aus dem finsteren Schlunde der Heide in wildem
Feuer rollende Augen glotzten Dann schluchzte auch wohl die Welle des Flusses
und zog in gurgelnden Trichtern weiße Schaumblumen schaukelnd zitternde Ringe
als sei in ihren verborgenen Tiefen ein Geist erwacht und hebe träumerisch die
müde Hand empor
    Eine geraume Zeit betrachtete der Maulwurffänger diese Erscheinung mit
gleichgiltigem Auge Dann schritt er langsam dem Sturme entgegen längs des
Erdaufwurfes am Fluße fort bis die Breitseite des zertrümmerten Gemäuers
sichtbar ward Ein gewaltiger ast und blütenloser Baumstamm stand hier
aufrecht an dem Gestein und sah in der dunklen Nacht wie verkohlt aus Als der
Maulwurffänger diesen Stamm gewahrte blieb er wieder stehen und erstieg dann
mit zwei Schritten den Damm Der Fluss war hier in ein sehr schmales Bett
eingeengt und auf dem andern Ufer mit niedrigem Gebüsch besetzt das zaunartig
die ganze Länge des alten Mauerwerkes hinablief
    »Das wird die angegebene Stelle sein« sprach Heinrich für sich beugte sich
zur Erde und entdeckte in dem lockern Boden Spuren eines Eindruckes »Nun denn
auf gut Glück sei es versucht«
    Darauf setzte er zwei Finger an die Zähne und pfiff dreimal hinter einander
mit solcher Kraft dass der gellende Ton selbst das Getöse des Sturmes überschrie
und wohl zehnmal im Waldesdickicht vom Echo erst laut dann schwach und immer
schwächer wiederholt ward bis er im Lärmen des Windes erstarb
    Es währte nicht lange so bewegte sich der abgestumpfte schwarze Baumstamm
sank gegen den Fluss langsam nieder und legte sich als schmale aber doch sichere
Brücke über das Gewässer In dem Mauerspalte der mit dem Sinken der rohen
Zugbrücke enthüllt ward schimmerte ein rotes Licht gleich dem Wiederschein
eines nahen Feuers oder einer brennenden Fackel Heinrich besann sich keinen
Augenblick auf dem etwas wankenden nur fussbreiten Stege den Fluss zu
überschreiten und durch die Öffnung in das verfallene Raubhaus zu treten
Unmittelbar hinter ihm schloss sich geräuschlos wieder die Pforte durch
gespenstisches Aufsteigen des Stammes
    Der Maulwurffänger befand sich in einem weiten teils kahlen teils mit
Moos und Gestrüpp bewachsenen Mauerviereck dem jeder Schutz durch Dach und
Sparrwerk fehlte Etwa in der Mitte war eine Erhöhung wie von herabgestürztem
Schutt zu entdecken denn dürre Gräser überwucherten es und eine dünne
Schneedecke hatte es jetzt überzogen Von diesem hünengrabähnlichen Hügel schlug
aus der Tiefe der Flammenschein herauf und als Heinrich dreist darauf
zuschritt entdeckte er den aus festen Quadern gewölbten nur halb mit
verkrüppelten Wurzeln verrammelten Eingang zu einem Keller Drei bis vier Stufen
unter der Öffnung saß ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren einen
helllodernden Kienbrand über sich emporhaltend und dadurch den Eingang zum
Keller vollkommen erleuchtend
    Über den Gesichtsausdruck dieses Menschen erschrak der Maulwurffänger trotz
seiner bekannten und in hundert Gefahren erprobten Entschlossenheit Es war eine
vollendet classische Spitzbubenphysiognomie Das Gesicht hager und länglich
lief in ein spitzes bartloses Kinn aus das jedoch nicht vorstand sondern sich
mehr nach rückwärts dem Halse zusenkte Dadurch trat der Mund mit seinen
schmalen Lippen und vier ungewöhnlich großen Vorderzähnen auffallend stark
hervor Diese Zähne blendend weiß und fast spitzig wie die eines Wolfes
glänzten immer aus den nie vollkommen schliessenden Lippen und zeigten sich in
ihrer ganzen Größe wenn ihr Inhaber sprach oder gar lachte Noch entsetzlicher
war der Blick seiner Augen Diese lagen wie Äpfel gleichsam außerhalb ihrer
Höhlen waren von tiefstem Schwarz und glühten wie Kohlen auf einem Ringe weiß
glänzenden Emails denn weil der junge Mensch heftig schielte und dabei aus
Angewohnheit oder Argwohn die Augen immerwährend hin und her rollte kehrte sich
das weiße Innere derselben mehr als gewöhnlich heraus
    Seine Kleidung war die eines armen Dorfbewohners schlecht etwas schmutzig
und nicht im Geringsten auffällig
    Als er den Schreck des Maulwurffängers bemerkte lachte er höchst vergnügt
hielt den Kienbrand noch etwas höher und sagte
    »Immer kommt näher Mann Ich bin nicht der Teufel obwohl mich das dumme
Pack häufig dafür hält und ich es mir zum Vorteile unsers Handwerkes gefallen
lasse Doch bevor ich Euch in unser Heiligtum geleite noch eine Frage Wer
seid und was wollt Ihr«
    »Als Wächter kommst Du mir trotz Deines verbotenen Gesichtes etwas dumm vor
lieber Junge« erwiderte PinkHeinrich »denn auf Deine Frage kann ich Dir
hundert Antworten geben die alle passen«
    Der junge Bursche zeigte abermals grinsend sein Gebiss und stieß den
Kienbrand gegen die feuchte Mauer dass zischend die abstäubenden Kohlen daran
niederfielen
    »Nicht gar so dumm wie Ihr meint Mann Nur Eine Antwort gestattet Euch den
Eintritt jede andere würde Euch sehr unsanft durch jenen Spalt befördern und
vielleicht für ewige Zeiten im schwarzen Wasser des Flusses verstummen machen
Also nicht lange gefackelt mein Bester Der Brand droht zu verlöschen und mir
gefällt es nicht hier noch länger im feuchten Luftzuge zu sitzen«
    »Du bist sehr kurz angebunden mit müden Wanderern die eine Herberge
suchen« versetzte der Maulwurffänger »Indes jedes Kraut hat seinen eigenen
Saft und so will ich mich denn herablassen ohne lange Umschweife auf Deine
Frage zu antworten Dratschlinge will zu Nachschlüssel«
    »Da ich sehe dass Du unsern Katechismus vortrefflich auswendig kannst so
tritt ein Gegerbter der Hölle« sagte der Bursche und zog grüßend seine
verschossene Mütze von Fuchspelz »Nachschlüssel hat schon seit einer Woche auf
Dich gewartet und ist Dir zu Gefallen in dieser ganzen Zeit nicht aus seinem
Schloss gewichen Deine Ankunft wird ihn sehr erfreuen«
    Während dieser Gegenrede schritt der junge Mensch die Stufen hinab den
Kienbrand leuchtend hinter sich haltend Der Maulwurffänger folgte ohne Furcht
doch mit jener vorsichtigen Bedächtigkeit die wir in bedenklichen Lagen des
Lebens unwillkürlich annehmen
    »Gib Acht Drahtschlinge« rief er unserm Freunde zu »Die Stufen unserer
Staatstreppe sind mit glatter und schlüpfriger Schlammfeuchtigkeit statt eines
Teppichs überzogen und wer darauf ins Stolpern kommt bricht regelmäßig Hals
und Beine so dass wir ist er unten angekommen weiter keine Not mehr mit ihm
haben als dass wir ihn begraben müssen Solche spasshafte Fälle haben sich schon
häufig zugetragen«
    Der Maulwurffänger verachtete diese Warnung nicht und fand dass sie nicht
unnötig gewesen war Nur mit Mühe und durch Anklammern beider Hände an die
vorspringenden Mauersteine die im roten Schein des Kienbrandes vor
Feuchtigkeit blitzten und von langen Streifen grünlicher Flechten umsäumt waren
kam er ohne auszugleiten in dem brunnentiefen Keller an Hier ward die Luft
trockener und wärmer Ein gewundener Seitengang hie und da mit tiefen Löchern
in beiden Mauern und mit Überresten verrosteter an schweren Eisenringen
hängender Ketten versehen führte in das geheime Innere Sein Führer öffnete
mehrere Türen und verriegelte sie wieder sorgfältig bis sie ein kleiner mit
einigem Hausgerät versehener Raum aufnahm der ein ziemlich freundliches
Aussehen hatte Hier hörte unser Freund sprechen und dazwischen ein Geräusch
als ob Jemand in Holz arbeite oder mit scharfem Instrumente buchene Späne
schleisse
    »Warte« sagte sein spitzbübischer Geleiter »Ich will Dich erst melden
denn es ist Sitte in unserm vortrefflich eingerichteten Hofstaat dass nur
Bekannte oder Genannte vor seiner Alldurchdringlichkeit erscheinen«
    Der Maulwurffänger blieb ein paar Sekunden in tiefster Finsternis dann kam
der junge Mensch wieder zurück öffnete eine dreifache Reihe sehr fester Türen
aus eichenen Pfosten die auf beiden Seiten mit starkem Eisenblech beschlagen
und mit den künstlichsten Schlössern versehen waren und sagte mit einem Anflug
von Höflichkeit
    »Beliebt es einzutreten«
    Unser Freund folgte dieser Aufforderung Ein großes vierecktes Kellergewölbe
nahm ihn auf das jedoch wie ein gewöhnliches Wohnzimmer gedielt und mit alten
zum Teil sehr kostbaren Schränken Tischen und Stühlen meublirt war Ein Ofen
von Kacheln verschiedener Farbe und Arbeit zusammengesetzt verbreitete eine
behagliche Wärme in dem Gemache das von mehreren hell brennenden Kerzen die
auf zinnernen und silbernen Leuchtern staken vortrefflich erleuchtet ward Vor
dem Ofen kauerte eine Frau von unschönem Äußern deren Kleidung ein
wunderliches Gemisch von Lumpen und ehemaligen Überresten prächtiger Stoffe
zeigte Sie war beschäftigt über heller Kohlenglut ein wohlschmeckendes
Gericht zu schmoren wenn der Maulwurffänger dem angenehmen Duft trauen durfte
welcher kitzelnd davon in seine Nase stieg
    Neben ihr an der Wand saß ein noch junger Mann mit auffallend schönem und
regelmässigem Gesicht auf einer Schnitzelbank und glättete eben erst aus dem
Groben gearbeitete dünne Buchenhölzer mit einem scharfen Schnitzer wie sie die
Tischler zu führen pflegen Im Hintergrunde des Kellers endlich an einem runden
Tische der mit silber und golddurchwirkten Stoffen überdeckt war und unserm
Freunde ganz besonders in die Augen fiel saß ein großer starker Mann die
kräftigen Glieder in einen feinen Pelz gehüllt Dieser Mann hatte bereits graue
Haare ein stark gebräuntes mit vielen Falten und einigen tiefen Narben
bedecktes Gesicht trug einen lang herabhängenden Schnurrbart dessen Enden er
häufig mit der rechten Hand kräuselte und las mit großer Aufmerksamkeit in
einem Buche deren mehrere auf einem in die Wand befestigten Regale in guten
wohl erhaltenen Einbänden standen
    Obwohl der Maulwurffänger wusste dass der berüchtigte und gefürchtete »Fürst
der Heide« ein Mann von vornehmenr Anstande und feinen Manieren sei  denn
selbst hatte er ihn nie gesehen  war er doch in Zweifel ob er die vor ihm
sitzende ruhige und imponirende Gestalt für diesen halten sollte Ungeachtet des
Geräusches das Heinrich beim Eintreten mit seinen starksohligen mit großen
Nägeln beschlagenen Schuhen machte blickte Lips doch nicht auf Erst als er
seine Lektüre beendigt hatte schlug er das Buch zu und hob langsam das
freundliche blaue Falkenauge zu seinem Gaste empor
    »Ihr seid nicht pünktlich« sprach er aufstehend einen alten mit kostbarem
rotbraunen Saffian überzogenen Lehnstuhl von Nussbaumflaser an den Tisch ziehend
und mit graziöser Handbewegung unsern Freund zum Sitzen einladend »Hätte mich
nicht die ungestüme Witterung an Ausführung meiner Pläne verhindert so würdet
Ihr mich nicht mehr getroffen haben«
    Während der Räuber mit klangvoller fast sanfter Stimme so sprach hatte der
Maulwurffänger Zeit ihn genauer zu betrachten sein lebhaftes Mienenspiel und
seine Bewegungen zu studieren Verwundert ja entsetzt trat er jetzt einen
Schritt näher seine schwielige Hand schirmend über die Augen haltend um das
Licht der Kerzen zu dämpfen dessen Glanz ihn blendete
    »Mein Gott« sagte er tief aufatmend »welche Ähnlichkeit Aber das kann
ja nicht sein«
    Nun horchte auch Lips auf und aus den freundlichen stillen Augen fuhr ein
funkelnder Blitz über Heinrich Er beugte sich über den Tisch und erhob den
schweren zinnernen Leuchter um das Gesicht des Fremden besser zu beleuchten
    »Seid Ihr nicht der kluge Heinrich vom Toten« fragte er den Leuchter
wieder ruhig vor sich hinsetzend und ohne eine Miene zu verziehen
    »Als Knabe hieß ich so bei meinen Gespielen und wahrhaftig wärt Ihr nicht
der der Ihr eben seid so würde ich Euch Herr Johannes nennen«
    »Und wenn ich nun wirklich jener Johannes wäre den Ihr meint würde mich
dies in Eurer Meinung sinken machen«
    »Ich will nicht Richter sein in fremden Angelegenheiten« erwiderte der
Maulwurffänger in seiner ihm zur Gewohnheit gewordenen ausweichenden Manier
»Weiß ich doch dass Jeder seine Brodrinde mit den Zähnen beißt die er dazu
gebrauchen kann warum Ihr nicht auch die Eurige«
    »Wann sahen wir uns zuletzt« sagte Lipps
    »Nach unserer Art zu rechnen Herr Johannes  erlaubt dass ich Euch so nenne
 wird das wohl in vergangener Lichtmess ein neunzehn oder zwanzig Jahre gewesen
sein«
    »Mich dünkt es war später Heinrich denn ich besinne mich dass ich mit dem
Grafen auf den Schnepfenstrich gegangen war«
    »Mit dem Grafen  Wenn der alte brave Mann das hätte ahnen sollen«
    Dem Räuber schwoll die Zornader in seinen blauen Augen sprühte ein wildes
Feuer er ballte die gebräunte schön geformte Hand und schlug wütend auf den
Tisch dass er knackte
    »Brav« stieß er höhnisch heraus »Wenn Ihr diese Bestie brav nennt so
könnt Ihr eben so gut den Wolf zu Eurem Schlafkameraden machen Mir wäre wohl
hätte ich ihn in meinen Händen wie der Geier das Lamm Dann wollte ich mich an
seinem Jammer erlaben und wenn er unter den Qualen die ich für ihn erfinden
würde ausgeröchelt hätte wollte ich ein frommer Büsser wieder unter
friedliebenden Menschen wohnen«
    »Möge Euch Gott diese lästerlichen Worte vergeben zu denen Ihr doch wohl
gegründete Ursache haben müsst Herr Johannes« sagte Heinrich »allein wenn Ihr
auf diesen Tag warten wollt so werdet Ihr Euch noch einige Jahrtausende in
Geduld zu fassen haben Der Graf ist heimgegangen zu seinen Bätern«
    Der Räuber erblasste »Also tot« sprach er sich mit der Hand über die hohe
Stirn streichend »tot ohne erfahren zu haben wozu seine Tyrannei seine
Lieblosigkeit seine verballhornte Ansicht von der Menschheit und ihrer
Gliederung in verschiedene Stände mich getrieben hat  Nun ich hoffe dass er
eines elenden verzweifelten Todes gestorben ist«
    »Gott sei ihm gnädig« sagte der Maulwurffänger »er erstickte an einem
Fluche «
    »Ha An einem Fluche O Gott ist gerecht Gott ist den Armen gnädig Gott
straft die Übermütigen« schrie der Räuber und erhob beide Hände wie zu einem
wilden Gebet gen Himmel
    »An einem Fluche den er über seinen eigenen Sohn außstieß« ergänzte
Heinrich
    »Sprecht Ihr vom Grafen Erasmus«
    »Erasmus von Boberstein verfluchte sterbend seinen Sohn Magnus« wiederholte
langsam und ernst der Maulwurffänger
    Der Räuber ließ sein Haupt sinken und hing eine lange Weile seinen Gedanken
nach Dann winkte er nochmals dem Gaste sich zu setzen und nahm selbst wieder
Platz in seinem Stuhle
    »Diesen Vorgang müsst Ihr mir ausführlich erzählen Heinrich« hob er nach
einiger Zeit wieder an »denn wie ich auch darüber nachdenke ich kann keinen
Zusammenhang darin finden  Magnus war damals sein Augapfel sein Ein und
Alles Wer ihm zu nahe trat der zog sich unausbleiblich den Zorn des Grafen zu
 Es war ein kräftiger feuriger Knabe voll eigentümlicher Energie  Und
solchen Sohn hat solch ein Vater verflucht  Doch erzählt Heinrich erzählt«
    »Ihr sähet mich nicht hier in diesem unauffindbaren Versteck Herr Johannes
hätte mich nicht der Tod des Grafen Erasmus und die Umstände welche ihn
veranlasst haben zu Euch geführt  Es scheint Ihr seid trotz Eurer
Allseitigkeit nicht gut unterrichtet von den Verhältnissen und wisst namentlich
nicht welche außerordentliche Fortschritte Euer ehemaliger Zögling in der
Energie gemacht hat  Vergebt Herr Johannes wenn ich mein Erstaunen darüber
nicht bergen kann Als Ihr vor mehreren Monaten eine an Euch ergangene Bitte
die von mir herrührte so bereitwillig erhörtet und durch dieselbe den
unbändigen Grafen Magnus nötigtet einem unterdrückten armen Mädchen
Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen da glaubte ich Ihr durchschautet die
geheimsten Pläne dieses gewissenlosen Mannes Wer konnte ahnen dass jene Drohung
so schreckliche Folgen haben würde  Nun es geschah was geschehen musste nach
dem Ratschlusse Gottes und es wird nicht umsonst geschehen sein Die
entsetzliche Hochzeitsnacht Röschen Slobodas hat Drachenzähne gesät die bald
aufgehen werden um blutige Wiedervergeltung zu üben«
    »Ich habe von dem Bubenstück gehört« versetzte der Räuber »ohne mich
jedoch um den Namen des Herren zu kümmern Magnus also war der Schurke  Dann
sehe ich dass er seinem Vater keine Schande macht«
    »Wollte Gott Ihr sprächet die Wahrheit« entgegnete der Maulwurffänger
»Wollte Gott Graf Magnus wäre in die Fußstapfen seines zwar vorurteilsvollen
aber nichts desto weniger redlichen Vaters getreten Ich brauchte dann nicht in
wilder Sturmnacht durch die Heide zu wandern und bei denen Hilfe gegen
Herrenwillkür zu suchen die im gewöhnlichen Leben der gemeine ehrliche Mann
flieht«
    »Stachlige Reden verwunden mich nicht also sprecht Euren Unmut immerhin
aus wenn es Euch dazu drängt nur bitte ich fasst Euch kurz damit ich erfahre
warum Ihr den verstorbenen Grafen so lebhaft gegen den Sohn in Schutz nehmt«
    »Das ist bald gesagt« erwiderte Heinrich mit umgekehrter Hand die
unwillkürlich ihm in die Augen stürzenden Tränen abwischend »Seit Jahren
schon genau weiß ich die Zeit freilich nicht zu bestimmen, lebte ein junges
Mädchen auf Boberstein eins von jenen Wesen deren körperliche Schönheit von
ihrer himmlischen Seele Zeugnis ablegt Niemand wusste recht wo das engelschöne
Mädchen herkam und wem sie angehörte Es kümmerte sich auch Keiner darum denn
Alle hatten sie zu lieb und da konnte es Jedem gleichgültig sein von wem sie
ihr Dasein ableitete Natürlich gehörte auch Magnus zu den Verehrern seiner
Kousine «
    »Kousine Ihr sagt Kousine«
    »Auf dem Grafenschlosse nannte man sie so und sie musste es wohl auch sein
denn von Herrschaft und Dienern ward sie wie ein Kind des Hauses gehalten und
standesgemäss erzogen  Genug der junge Graf steigerte seine Verehrung der
Kousine bis zur Liebe und trug ihr seine Hand an  mehrmals wie ich späterhin
erfahren habe Allein Herta «
    »Wer nennt sich Herta« warf der Räuber aufspringend ein
    »Es pfiff nicht es war nur der Wind der im Schlot heult« sagte der junge
Mensch welcher den Maulwurffänger in die Kellerwohnung geführt hatte denn er
glaubte sein Herr vermute oder erwarte noch einen Besuch
    »Nun ich denke des Grafen Kousine nannte sich Herta« erwiderte unser
Freund
    »Denke  Wenn Ihr erzählen wollt so unterrichtet Euch zuvor damit Ihr
Andere nicht in Angst und Unruhe versetzt«
    Lips stützte nach diesen Worten den ergrauenden Kopf in die Hand und drehte
wildblickend seinen Schnurrbart Der Maulwurffänger ward jetzt aufmerksamer
Sein schärfster Blick glitt über die Mienen des Räubers dann sagte er mit
feierlichernstem Tone
    »Bei meinem Eid Herr Johannes ihr Name ist Herta und ein Gerücht im Volke
will behaupten dass ihr Ursprung nach den gewöhnlichen Begriffen des Adels und
der Vornehmen kein ganz gesetzlicher sei«
    Der Räuber hatte sich wieder aufgerichtet Er sah den Gast mit Augen an vor
deren brennender Glut selbst Heinrich erschrak
    »Nun« fragte Lips heftig da unser Freund schwieg »Ist Eure Geschichte zu
Ende«
    »Sie ist es bald Herr Johannes  Das gute schuldlose Kind wies den
kühnen zudringlichen Bewerber ab verbot ihm das Zimmer sagte ihm ins
Gesicht dass sie ihn und seinen Lebenswandel hasse verabscheue  Magnus
lächelte und ging Er hasste jetzt seine Kousine und als er die Gelegenheit
erspäht hatte schlich er sich in stiller Nacht auf nur ihm bekannten und
zugänglichen Wegen in ihre Kammer «
    »Weiter Weiter« schrie Lips den Tisch mit beiden Händen umklammernd
    »Und zwang sie seinem Willen« flüsterte der Maulwurffänger
    Ein Schrei des Räubers hallte wieder an dem grauen Kellergewölbe dann hörte
man ein Krachen der Tisch borst mitten auseinander und der gewaltige Körper des
bis zum Wahnsinn aufgeregten Mannes stürzte zugleich mit den Trümmern des
Tisches mit Leuchtern und Allem was darauf lag zu Boden
    Heinrich sprang helfend auf doch Lips erhob sich schon wieder aus eigener
Kraft stieß die zerbrochene Tafel von sich und befahl einen andern Tisch
herbeizubringen was ohne Zaudern geschah
    »Ich bitte Euch jetzt« sagte er mit ruhiger Haltung aber bleich vor
Entsetzen und mit bläulichen zitternden Lippen »ich bitte Euch Heinrich
endiget«
    »Das entehrte Mädchen schwieg bis vor wenigen Tagen Da drang Graf Erasmus
in sie weil sie immer elender immer bleicher ward und als sie die Schandtat
seines Sohnes ihm gestand und dass sie die schreckliche Hoffnung habe Mutter zu
werden da raufte der Greis sein Haar verfluchte den Sohn und stürzte vom
Schlage getroffen bewusstlos zu Boden Seine Diener hoben eine Leiche auf In
vier Tagen soll er mit allem Pomp des alten Grafenhauses beerdigt werden«
    Der Räuber hatte den letzten Teil dieser Mitteilungen mit abgewandtem
Gesicht angehört Jetzt verhüllte er es mit beiden Händen und aus dem schweren
Atmen zu schließen kämpfte er gewaltsam mit seinen hervorquellenden Tränen
Keiner der Anwesenden wagte den von Schmerz oder Entsetzen so furchtbar
Ergriffenen anzureden selbst der Jüngling mit dem Wolfsgebiss der gern die
grauenvollsten Taten mit wieherndem Gelächter begleitete verzog keine Miene
Nach längerer Pause ermannte sich Lips wieder und reichte dem Maulwurffänger
jedoch mit immer noch abgewandtem Gesicht seine braune schlanke Hand
    »Ich erinnere mich mit Wehmut jenes Pfades« sagte er »Des Grafen
Schwester so jung so schön so unschuldig wie Ihr Herta beschreibt ging ihn
oft um auf den freien Zinnen der alten Burg Unterricht in der Sternenkunde zu
nehmen Es war der Weg zu ihrem Tode Und nun «
    Schaudernd unterbrach sich der gerührte Räuber als habe er ein tiefes
heiliges Geheimnis zu verschweigen dann fragte er mit einiger Hast um das
Gespräch gewaltsam auf einen andern Gegenstand zu leiten
    »Ihr kommt als Abgesandter der armen Wenden Heinrich das Euch zugesendete
Stichwort sagt es mir Welch ein Anliegen haben sie an mich Was kann ich für
sie tun Beabsichtigen sie ihren Zwingherrn zu züchtigen«
    »Ja« sagte der Maulwurffänger »ich komme im Auftrage dieser armen
unterdrückten Leibeigenen Sie Alle wissen dass der plötzliche Tod des alten
Erasmus den großen Grundbesitz dieses Mannes in die Hände seines Sohnes bringt
Der Graf ist ohne Testament gestorben wenigstens hat sich keines gefunden
Magnus wird als alleiniger Sohn Universalerbe des unermesslichen Vermögens Er
kann damit schalten und walten nach Gutdünken er kann seine nächsten
Verwandten er kann vor Allem die arme verlassene Herta quälen so lange es ihm
Vergnügen macht und wie ich ihn kenne wird er es tun wenn sie ihm nicht die
Hand reicht was er vielleicht beabsichtigt «
    »Nimmermehr« rief der Räuber »Herta soll eher auf den Landstraßen betteln
soll verhungern ehe sie einen Groschen von dem Elenden annimmt«
    »Das ist ungefähr auch meine Meinung« fuhr der Maulwurffänger fort »Allein
Ihr werdet begreifen dass im Guten mit diesem Wüterich nichts anzufangen ist
Gesichert in seinen Rechtsansprüchen verlacht er uns Alle und tut doch was er
will  Darum sind die Leibeigenen entschlossen sich in Masse gegen ihn
aufzulehnen ihm einen förmlichen Vertrag abzunötigen der Hertas Zukunft
sichert und ebenso der Tochter Slobodas ein Jahrgeld zuspricht und will er
sich diesen Forderungen nicht fügen im Notfall mit Waffengewalt ihn dazu zu
zwingen Ihr aber Herr Johannes sollt als ein in heimlichen Belagerungen
erfahrener und wie das arme Volk am besten weiß nicht so schlimmer Mann als
Euch die Verleumdungen der Reichen schildern Ihr sollt diesen Aufstand leiten
und ordnen«
    »Hört mich an« erwiderte der Fürst der Heide »und wollt Ihr dass ich
gemeinschaftliche Sache mit Euch machen soll so lasst mir freie Hand in dieser
Angelegenheit Ich mache sie ganz zu der meinigen denn sie ist die meinige Ich
habe alte Frevel zu rächen alte Verbrechen zu sühnen  Ich will Beides zu
vereinigen suchen Geht« fuhr er lebhafter fort »geht zurück in die
verfallenden Hütten des geknechteten Volkes und sagt ihm der Johannes der
Heide ihr Fürst und Herr käme aus der Einöde zurück um eine neue Religion zu
predigen Sie brächte Friede den Armen und Gepeinigten Krieg und unerbittliches
Gericht den rechtlosen Unterdrückern Ich wolle die Leibeigenschaft vernichten
oder unter ihnen kämpfend sterben  Sagt das Euren Freunden Heinrich und
vergesst nicht hinzuzufügen dass sie von heut an gerechnet in der dritten Nacht
sich bereit halten sollen«
    Statt aller Antwort drückte der Maulwurffänger dem ungewöhnlichen Räuber
dessen Schicksal ihm in seltsame Schleier gehüllt zu sein schien herzlich die
Hand worauf von der bisher besprochenen Angelegenheit unter den beiden Männern
nicht mehr die Rede war
    Lips befahl der früher am Ofen beschäftigten Frau das Abendessen
aufzutragen was sogleich ohne Widerrede geschah Uneingeladen nahm Heinrich
daran Teil da er wie uns bekannt ist sich eines sehr gesunden Appetites
erfreute
    Erst spät in der Nacht sank der schwarze Baum wieder über die finster
kräuselnde Flut und der Maulwurffänger schritt wie ein Gespenst über die
schwanke Brücke und verschwand in der jetzt von grauen Nebelwolken durchsausten
Heide
 
                                Zweites Kapitel
                                  Geheimnisse
Abgesondert von den übrigen Wohnungen des Dorfes lag das Gemeindehaus der
Heimat Slobodas Auf dem Lande vertritt ein solches auch die Stelle des
Kranken und Armenhauses und wird auf Kosten der Gemeinde zuweilen mit
Zuschüssen des Gutsherrn in baulichem Stande erhalten Unter »baulich« versteht
man nämlich in diesem Falle dass Wände Gebälk und Dachstuhl nicht geradezu über
den Köpfen der Bewohner zusammenbrechen Mit allen übrigen zu einem wohnlichen
Hause gehörenden Dingen nimmt man es nicht allzu genau Daher gibt es nur
äußerst selten Gemeindehäuser mit ganzen Fenstern guten Oefen unzerbrochenen
Schemeln Bänken und Tischen Dergleichen hält man für unnötigen überdies den
Bewohnern solcher Gebäude nicht ziemenden Luxus
    Das Gemeindehaus von dem wir sprechen gehörte unter die schlechtesten Es
war einstöckig Lehmwand und Strohdach waren jene nach außen dieses nach innen
eingesunken so dass der Firsten eine Schlangenlinie beschrieb und die kleinen
mit Spänen Papier und Scherben verklebten Fenster jeden Augenblick auf die
Straße zu fallen drohten Von der Feuerösse waren bloß noch vier stumpfe Pflöcke
übrig Ein Gewittersturm hatte das runde Schutzdach entführt und seitdem fanden
Regen und Schnee ungehindert Eingang in diese Höhle der Armut Krankheit und
Not
    Glücklicherweise war das Dorf nicht stark bevölkert so dass die Zahl der
Bewohner des Gemeindehauses sich nur auf vier Individuen belief Zu diesen
gehörte auch Slobodas verwittweter Sohn der »närrische Nathanael« wie ihn
seine Bekannten nannten Seit er den Verstand verloren hatte war er hier
untergebracht worden weil es Sloboda an Zeit fehlte den Unglücklichen zu
beaufsichtigen und zu pflegen Denn im Gemeindehause musste auf Kosten der
Gemeinde für Kranke eine Wärterin gehalten werden die für ihren höchst kargen
Lohn verpflichtet war zu bestimmten Stunden für die Bedürfnisse derselben zu
sorgen
    Eigentlich hätte Nathanael keine Wartung gebraucht Er war der stillste
gemütlichste lenksamste Wahnsinnige den es geben konnte Wer an der
baufälligen Hütte vorüberging konnte sein blasses immer lächelndes Gesicht
entweder in der Öffnung einer fehlenden Fensterscheibe sehen was ganz den
Anstrich hatte als habe man statt des Glases eine menschliche Larve mit
beweglichen Augen hineingeklebt oder ihn selbst vor der lochartigen Haustüre
betrachten wo er einen Knüttel im Arm Wache stand und wie ein Posten
gravitätisch auf und niederging Er tat keinem Kinde etwas zu Leide war mit
Allem zufrieden aß und trank wenn man ihm etwas gab und fastete ohne Murren
wurde dies vergessen Gewöhnlich sprach er mit sich selbst und so wenig man
auch von seinen Reden verstehen konnte so war doch aus vereinzelten Worten und
aus stets wiederkehrenden Wendungen und Gedankenbruchstücken abzunehmen dass er
des festen Glaubens lebe seine erschlagene Frau habe ihm einen Knaben
hinterassen der beim Begräbnis der Mutter verloren gegangen sei und nun ohne
Vater und Mutter elend umkommen müsse Es wusste aber Jedermann dass Natanaels
Frau nach kaum andertalbjähriger Ehe ums Leben gekommen war dass sie niemals
ein lebendiges Kind geboren hatte wohl aber etwa ein halbes Jahr vor ihrem
plötzlichen Tode von einem toten Knaben entbunden worden war
    An alle dem hatte bei Lebzeiten der unglücklichen Frau Niemand gezweifelt
jetzt aber durch des Irrsinnigen Reden aufmerksam gemacht erhoben sich ganz im
geheim einzelne Stimmen welche andeutungsweise behaupteten es sei damals bei
der Entbindung von Natanaels Frau nicht ganz nach Recht und Gerechtigkeit
zugegangen Ihr Kind habe wohl gelebt indes  später sei es als todtgeboren
begraben worden   Solche Gerüchte liefen wie gesagt jetzt um allein wer
hätte Zeit Lust und Bedürfnis gehabt ihrem Ursprunge nachzuspüren und die
Wahrheit zu ermitteln Die arme Frau war tot Nathanael verrückt und sein Vater
hatte mit der einzigen Tochter Kummer genug als dass irgend einer seiner
Mitbrüder ihm eines hohlen Gerüchtes wegen das Herz noch mehr hätte beschweren
mögen 
    Fast alle Tage besuchte der bekümmerte Vater seinen unglücklichen Sohn um
ein paar Worte mit ihm zu reden und sich von seinem elenden Hinvegetiren zu
überzeugen Stand Nathanael Wache vor der Tür so ließ er den Vater nich ins
Haus denn er behauptete dann sein Knabe sei drinnen in der Pension werde zum
vornehmen Herrn erzogen und erhalte jetzt eben Unterricht in feiner Lebensart
wer nun da Einlass begehre der beabsichtige ihn zu entführen und wieder unter
die Bauern zu verstoßen Lag dagegen das blasse Gesicht des Wahnsinnigen in der
fehlenden Fensterscheibe so durfte Sloboda eintreten und dann erzählte ihm
Nathanael die Verirrung seines Kindes beim Begräbnis der Mutter Um diese beiden
fixen Ideen drehte sich nun schon seit langen Monaten der Gedankengang des
Unglücklichen 
    Am Tage nach Heinrichs nächtlicher Zusammenkunft mit Lips machte Sloboda
seinen gewöhnlichen Besuch im Gemeindehause Es war nach der stürmischen
Schneenacht wie dies zu Anfang Herbst oft geschieht am Morgen wieder ganz
still und warm geworden und die Sonne schien so erquickend mild dass man hätte
glauben können der Lenz sei eben angebrochen
    Nathanael lag mit dem lächelnden Gesicht im Fensterloche und sah mit den
blödsinnigen ausdruckslos gläsernen Augen auf die Heide über deren
blauschwarzem Walle die äußersten Turmspitzen des fernen Schlosses Boberstein
deutlich zu erkennen waren
    »Guten Tag Nathanael« sagte Sloboda grüßend »es will nochmals Sommer
werden scheint es«
    »Er kommt doch nicht wieder« entgegnete mit traurigem Kopfschütteln der
Wahnsinnige indem er das Fenster verließ um seinem Vater bis an die Stubentür
entgegen zu gehen
    Außer ihm war noch eine alte Frau in der dunstigen schmutzigen Stube die
auf der Ofenbank saß und die Spindel drehte Ein paar Überreste von Dielen
waren erst am Morgen aufgebrochen und in kleine Stückchen zerspalten worden um
Feuer damit anzumachen denn das Reissig war ausgegangen und die Gemeinde hatte
noch kein neues geliefert weil der Vorstand vergessen hatte anzuzeigen dass
alles Holz der Armen verbrannt sei Der Fußboden des Gemeindehauses bestand
daher gegenwärtig aus nacktem schwarzgrauen Lehm Die Bewohner hatten große
Löcher darin ausgehöhlt um Kartoffelschalen und Spülicht hineinzugiessen oder
sie auch gelegentlich als Waschbecken zu gebrauchen Auf den Stangen um den Ofen
hingen graue Lumpen die Schürzen und Kleidungsstücke vorstellen sollten Auf
dem gemeinsamen Tische summten gefrässige Fliegen um einen Teich verschütteter
saurer Milch und um einige Stücke eisenharter Rinde von Schwarzbrod Bänke und
Schemel denen die Beine fehlten und welche wenn man sich setzen wollte erst
aus allen Winkeln zusammen gesucht werden mussten waren unsauber und fettig da
Niemand sich die Mühe gab sie zu reinigen
    In dieser ungesunden ekelerregenden Wohnung lebte Nathanael und dieses
Leben würde für ihn unerträglich gewesen sein hätte ihn die Außenwelt überhaupt
noch gekümmert Die Nacht welche seinen Geist umhüllte verdeckte auch mit
wohltätigem Schleier das entsetzliche Elend seiner Umgebung
    »Er kommt noch immer nicht« sagte er zu Sloboda seine abgemagerten
schweissigkalten Finger in die Hand des Vaters legend »Sie haben die Haiden
durchsucht bis nach Schlesien aber die Fußstapfen sind verweht von Laub und
Nadeln«
    »Wenn die rechte Zeit kommt werden sie ihn schon finden« erwiderte
Sloboda mit schwerem Seufzer »Warten Geduld haben ist leider unser aller
trübes Loos auf dieser unvollkommenen Erde«
    »Geduld  Ich hatte immer viel Geduld«
    »Weißt Du schon von dem Todesfalle« fragte Sloboda
    Nathanael sah den Vater blöd lächelnd an dann erwiderte er »Es wird bald
ein großes Sterben kommen  unter die Hochmütigen Alle Bäume trauern schon 
das sieht so fürchterlich aus«
    »Sie trauern um ihren Herrn den Grafen«
    »Graf  Graf heißt Schurke Marianne hats hundertmal gesagt«
    »Nicht immer Nathanael Graf Erasmus der nun zu seinen Vätern gegangen
ist war ein braver Mann«
    Der Wahnsinnige lachte und schüttelte wiederholt den Kopf dazu »Närrisches
Volk solche Grafen  Kartoffeln dem Braten vorzuziehen  Rechte
Schurkenkost«
    Sloboda hatte seinen Sohn noch nie in solcher Stimmung gesehen und wusste
nicht wie er sich die unverständlichen Reden deuten sollte Um ihn auf andere
Gedanken zu bringen fragte er ob er Lust habe den alten Grafen auf dem
Paradebette zu sehen so wenig er selbst daran dachte das graue Schloss zu
diesem Zwecke zu besuchen
    Mit dem wahrhaft entsetzlichen stereotypen Lächeln auf seinem blassen
Gesicht trat Nathanael nach dieser Frage an sein Fenster legte den Finger in
die Öffnung und sagte
    »Schloss dort drüben Abends die Sonne dahinter  immer ein gräfliches
Paradebett«
    Dann legte er das Gesicht wieder in die zerbrochene Scheibe und ohne sich
ferner noch um seinen unglücklichen Vater und dessen an ihn gerichtete Fragen zu
bekümmern sah er unverwandt hinüber auf die Heide und die vier Türme von
Boberstein dessen hohe Schieferbedachung mit den vergoldeten Kreuzen Knöpfen
und Windfahnen jetzt im Goldschaum der Abendsonne zu glühen begannen Mit
schwerem Herzen und der trostlosen Gewissheit dass sein armer Sohn noch immer
keine Spur des zurückkehrenden Verstandes zeige musste Sloboda das wacklige
Gemeindehaus wieder verlassen um in der eignen stillen Hütte immer noch den
alten Kummer als treuen Hausgenossen zu finden
    Aus der Tür dieses Asyls der elendesten Armut tretend ließ er seine
melancholischen Augen über die dunstige jetzt mit einem breiten Gürtel purpurn
flimmernden Duftes umwundene Heide gleiten und sie auf den blitzenden Spitzen
der Schlosstürme ruhen Eine Flut der widersprechendsten Gedanken trieb mit
Sturmeseile durch seinen Geist ohne dass er in seiner tiefen
Niedergeschlagenheit im Stande gewesen wäre nur einen einzigen ihm praktisch
scheinenden festzuhalten und in ruhiger Überlegung weiter zu verfolgen Nach
einiger Zeit keines vollkommen klaren Gedankens sich mehr bewusst schritt der
Wende gebeugten Hauptes die kotige Gasse entlang welche das Dorf in zwei
gleiche Hälften teilte Auf dieser Wanderung überholte ihn ein Anderer und
grüßte ihn ermutigend mit den Worten
    »Nicht so verzagt Freund Jan Unsere Angelegenheiten schießen rasch in
Blüte«
    Es war der Maulwurffänger der unermüdlich die halbe Nacht durchwandert war
und jetzt schon wieder von einem anstrengenden Gange durch eine Menge zu
Boberstein gehörender Dorfschaften kam »Lips ist unser mit Herz und Hand und
voll Feuer und Flamme Ich sage Dir Jan der Mann hat einen Zweck bei seinem
Tun und wie hart immer Sitte und Gesetz dies tadeln mögen auf wessen Seite
das größere Recht zu finden sein dürfte das ist noch eine schwer zu
beantwortende Frage Ein feiner verschlagener und in vielem Betracht auch
rechtlicher Mann ist unser Fürst der Heide und einen Giftzahn hat er jetzt auf
den Blauhut dass mir fast bange wird um das Leben des exquisiten Schurken«
    »Er will also unsere Partie ergreifen«
    »Mehr mehr Freund Jan Er will uns bloß zur Stütze haben und übrigens die
ganze Angelegenheit zu seiner eignen machen Lass Dir genügen wenn ich Dir sage
dass Lips ein alter Bekannter von mir ist und dass er die Heimlichkeiten der
gräflichen Familie besser kennt und Schlimmeres von ihr wissen muss als wir
ahnen Vor zwanzig und mehr Jahren stand unser Todfeind Magnus unter seiner
Zuchtrute Lips war der Hofmeister des wilden Jungen«
    »Sprächst Du nicht zu mir dann würde ich die ganze Erzählung für ein
Märchen erklären« versetzte Sloboda »und weil uns wirklich zu unnützen Fragen
und Erörterungen keine Zeit übrig bleibt unterlasse ich alles vergebliche
Forschen Du sprichst er ist der Unsrige mit seinem ungeheuren Anhange er will
teilnehmen an der Rache die unser Gewissen fordert und somit erkläre ich ihn
für meinen Freund meinen Bruder  Seid Ihr einig geworden über Zeit und
Stunde«
    »Übermorgen Abend während Familie und Dienerschaft am Sarge des
Verstorbenen knieen und Tränen heucheln soll der Angriff geschehen«
    »Auf welche Art«
    »Das wollte mir Lips nicht mitteilen Wir sollen überhaupt keinen tätigen
Anteil nehmen an dem was er zu tun gesonnen ist nur im Rücken sollen wir
wachen damit nicht fremde Eindringlinge ihn überrumpeln und den ganzen Plan
zerstören Dies hat für Euch Wenden das Gute dass Ihr nicht als Aufwiegler
dasteht und Euch späterhin kommt die Sache zur Sprache vor Gericht in bester
Manier herausreden könnt Denn wer einem Feinde im Rücken steht kann eben so
gut diesen anzugreifen beabsichtigen als ungebetene Gäste ihm fern halten Das
ist eine prächtige Zwickmühle in der ich selbst die Kniffe und Kreuzund
Querfragen des allerschlauesten Inquisitionsrichters allemal fangen und
erdrücken will«
    »Dass nur kein Schwächling uns verrät«
    »Sorge nicht Jan Deine gesammten Stammesgenossen beseelt nur ein Gedanke
Bestrafung des Verbrechers und Losreissung von seiner Herrschaft Seine letzten
Schandtaten die ihn aus dem Verbande der Menschheit ausstoßen machen jeden
Fürsprecher verstummen Er ist reif zur Aerndte und so soll denn auch die
Sichel welche ihn mähet mit aller Kraft an ihn gelegt werden  Heute Nacht
beginnt der persönliche Aufruf auf allen Haidedörfern Ich selbst habe den
Richtern beim Aufsetzen der Verordnung redlich geholfen Es bedarf nun bloß noch
des von Haus zu Haus wandernden Krummholzes Es wird diesmal auch an die Tür
der niedrigsten und ärmsten Hütte nicht vergebens pochen«
    Während dieses Gesprächs hatte Sloboda sein Haus erreicht und nötigte den
für ihn so unermüdlich tätigen Freund einzutreten und ein frugales Abendbrot
mit ihm zu genießen Wir wissen dass Heinrich ein solches Anerbieten nie von der
Hand wies wenn es ihm irgend die Zeit erlaubte und so nahm er auch diesmal die
Einladung des Wenden an  
    Um dieselbe Zeit saß Haideröschen in der geräumigen Wohnstube Ehrholds auf
der Bank am Fenster ließ flink das Rädchen schnurren und zupfte mit ihren
schlanken Fingern die ungeachtet der harten Arbeit der sie sich in der
Wirtschaft unterziehen musste immer weiß und zart blieben den silbernen Flachs
vom Rocken um das feinste Garn daraus zu spinnen Es war dasselbe Rädchen
derselbe Rockenhalter den sie am lustigen Abend der letzten Spinnte gebraucht
hatte Seitdem war bloß ein halbes Jahr vergangen und ach welche Tage des
Kummers welche schlaflos durchwachten tränenreichen Nächte lagen dazwischen
 Sie war Frau die geliebte Frau ihres Erwählten geworden sie fühlte ein zum
Leben erwachendes Leben unter ihrem Herzen sich regen und sie schauderte vor
diesem erwachenden Leben und Gedanken trüben Wahnsinns ließ ihre Brandmale in
der gepeinigten Seele zurück denn sie konnte und durfte ja den geliebten Gatten
nicht Vater nennen Selbst der Name Mutter machte sie erbeben und häufig in
Krämpfe und ohnmächtige Erstarrung fallen
    Seit der unseligen Hochzeitsnacht die für sie die letzte Nacht irdischer
Freuden gewesen war trug sie die halbe Trauer Ein schwarzer lündischer1
Faltenrock umhüllte ihre zarten Glieder Das bunte Tuch von lebhaften Farben
musste einem schlichten weißen Linnentuch weichen das sie um Hals und Busen
legte Eben so verhüllte sie sich den Kopf und die schönen seidenweichen
goldblonden Haare die in ein dickes Nestchen gewunden unter der Frauenhaube um
verlorenes Glück und geraubte Unschuld trauerten Die aufknospenden
Lockenröschen die ihrem Gesicht einen so eigentümlichen Ausdruck schalkhaften
Reizes gegeben hatten waren verschwunden Ging sie aus so warf sie noch ein
weißes Tuch über Kopf und Schulter so dass nur das jetzt bleicher gewordene
trauernde Gesicht und die schönen melancholisch tiefen Augen sichtbar blieben
    Mit immer gleicher Beharrlichkeit zupfte Haideröschen die zartesten Fäden
aus dem schimmernden Flachse und drehte taktmässig ihr schnurrendes Rädchen ohne
des Pochens und Schütterns an den Holzwänden zu achten welche Klemens und sein
Vater mit Laub und Stroh gegen die Winterkälte verwahrten Der schnelle Tod des
Grafen Erasmus beschäftigte auch sie und über dem Unglücke Hertas das in
wenigen Tagen zum lauten Geheimnis geworden war vergaß sie ihr eigenes der
verehrten Herrin so ähnliches Leid Nun begrisf sie auf einmal das tiefe
Verstummen das entsetzliche Hinstarren des Fräuleins nach jener rätselhaften
Nacht ja sie wunderte sich fast dass ein so zartes schönes und gebildetes
Wesen wie Herta es in ihren und Aller Augen war das Grässliche hatte überleben
können ohne den Verstand zu verlieren
    Es war bereits so dunkel im Zimmer dass Haideröschen nicht mehr den Faden
deutlich erkennen konnte den sie zwischen den Fingern drehte als die draußen
schaffenden Männer von ihrem Tun abliessen und ins Haus zurückkehrten Jetzt
hielt auch die Spinnerin ihr Rädchen an schob es zurück und ging nach dem
Kamin um Holz aufzuschichten und das weithin leuchtende Abendfeuer anzuzünden
Während dieser Beschäftigung sagte sie zu Klemens
    »Hast Du Dich nun entschieden ob wir zusammen aufs Schloss gehen werden
damit ich dem guten toten Herrn meine Hand zum ewigen Lebewohl reichen kann«
    »Es wird sich nicht tun lassen liebes Röschen« versetzte der Gefragte
»Sichern Nachrichten zufolge ist der böse Herr auf Boberstein und Du kannst wohl
denken «
    »Ich verstehe guter Klemens« unterbrach ihn Haideröschen »Wir bleiben
daheim ich bete für den geschiedenen Greis für das arme Fräulein und singe an
seinem Begräbnisstage ein Lied zu seinem Andenken Er wird mir das im Himmel eben
so hoch anrechnen als hätte ich an seinem Sarge geweint  Wenn soll er denn
bestattet werden«
    »Übermorgen«
    »Ist es wahr dass er kein Testament hinterlassen hat«
    »Es geht allgemein die Rede davon«
    »Dann bedaure ich bloß das gütige Fräulein  Nicht wahr Klemens Du stehst
ihr gern bei wenn sie es je bedürfen sollte«
    »Ihr und Dir soll mein letzter Blutstropfen fließen  Aber sie wird unserer
Hilfe nicht bedürfen glaube mir Der Himmel lässt es gewiss nicht zu dass ein
böser Mensch in allen Genüssen irdischer Glücksgüter schwelgen darf während
eine Gerechte dem Mangel erliegen muss«
    Indem pochte es an die Haustür und Ehrhold der hinausging um zu fragen
wer Einlass begehre begann ein kurzes Zwiegespräch mit demselben Nachbar
welcher am Abend wo die Spinnte erstochen ward das Gemeindeholz gebracht
hatte Auch kehrte Ehrhold erst nach einigen Minuten wieder zurück
    »Warst Du beim Nachbar Vater« fragte Haideröschen schüchtern denn ihr
Herz sagte ihr dass eine Zusammenberufung der Wenden eingeleitet werde Ehrhold
läugnete es nicht ja er fügte sogar offenherzig hinzu »Es handelt sich um den
bösen Grafen und ob man verpflichtet sein soll einem so offenkundig schlechten
Menschen fernerhin noch zu gehorchen  Uns geht das im Grunde freilich nichts
mehr an denn wir sind ihm nicht mehr erbuntertänig aber der Sache selbst
wegen dürfen wir uns nicht ausschließen«
    
    »Sie wollen ihm doch nicht ans Leben« fragte Haideröschen besorgt
    »Damit geschähe dem Schufte zu viel Ehre Nein bloß das Vermögen soll ihm
verschnitten werden und dazu scheint mir haben Viele triftige Gründe wenn
alle rechtmäßige Erben von ihm sowohl lebende wie solche die noch auf den
Eintritt ins Leben warten zu gleichen Teilen befriedigt werden sollen«
    Bei der letzten Bemerkung seufzte Haideröschen und Klemens ging um seine
kochende Unruhe möglichst zu verbergen summend in der Wohnstube auf und ab Es
trat eine Pause ein die Niemand von den Dreien zu unterbrechen wagte bis
Ehrholds Gattin aus der Kammer kam und mit Schüsseln und Tassen im Topfbret zu
klappern begann dabei redete sie mit allen Dreien zu gleicher Zeit nach Art
alter Leute ohne von irgend Jemand eine directe Antwort zu erwarten
    Zum zweiten Male klopfte es draußen diesmal jedoch an einem der
Fensterladen
    »Gott sei uns gnädig« rief Haideröschen ihr Rädchen anhaltend an das sie
sich wieder gesetzt hatte und die Hände im Schoss faltend »Das bedeutet
sicher ein recht großes Unglück denn grade so klopfte es am Abend der letzten
Spinnte seitdem das Elend unter uns anhob«
    Klemens hatte inzwischen das Schiebfenster aufgestoßen und gefragt was man
begehre
    Eine Stimme die er nicht kannte verlangte die »Jungefrau« zu sprechen
Haideröschen hörte dies und stand neugierig auf
    »Wer seid Ihr« fragte Klemens ziemlich barsch
    »Ich darfs nicht sagen es ist mir verboten« antwortete die Stimme »Ich
soll was abgeben an die Jungefrau«
    »Von wem« fragte Klemens schon ungeduldiger
    »Wenn mich die Jungefrau selbst anhören will werd ichs ihr nicht
verschweigen«
    Klemens fühlte eine Hand auf seiner Schulter Haideröschen stand neben ihm
»Lass mich mit dem Manne reden guter Klemens« sagte sie sanft und bittend
»Vielleicht kenne ich ihn und er hat mir etwas zu sagen das uns zum Guten
gereicht Du kannst ja dableiben und mit anhören was wir reden«
    Ungern und mit verdriesslichem Gesicht trat Klemens vom Fenster zurück
Haideröschen erblickte einen Mann in bäurischer Alltagskleidung
    »Was habt Ihr an mich zu bestellen« fragte sie freundlich
    »Der Voigt vom Zeiselhofe schickt mich zu Euch liebe Jungefrau« erwiderte
der draußen Stehende »Ich bin der Grossknecht vom Hofe und eigentlich nicht der
beste Freund von unserm Voigt Weil aber der Mann krank ist und mich schon seit
ein paar Tagen anfleht ich möchte ihm doch den Gefallen tun und zu Euch gehen
bin ich heut in der Dämmerung fortgelaufen Er hat mir eine Rolle gegeben
vermutlich mit Schriften oder Verschreibungen  von dem gnädigen Herrn sagt er
«
    »Hört auf ich will nichts mehr hören« rief Haideröschen »Nicht eine
Stecknadel rühre ich an wenn ich weiß dass der Graf sie zuvor in den Händen
gehabt hat«
    »So ists recht« sagte Klemens »Immer packe den Rackern auf dass sie
erfahren wie hoch man ihren Herrn in Ehren hält«
    »Aber liebe Jungefrau so nehmt doch Vernunft an« fuhr der Grossknecht fort
»Ich bin weiß Gott nicht für den gnädigen Herrn und wünschte lieber der
Teufel zerriss ihn heut als morgen und zerfetzte ihn dermaßen dass nichts von ihm
übrig bliebe als eine Prise Schnupftabak für alle Herren die just eben so
denken wie er aber den Auftrag des Voigtes muss ich vollziehen sonst bringt er
mich um Werfts ins alte Gerülle das Ding wenn Ihrs nicht ansehen wollt nur
nehmts mir ab dass ich als ehrlicher Kerl sagen kann ich habs richtig
abgeliefert«
    »Du nimmst nichts« befahl Klemens »Hat der Herr Dir etwas zu übergeben so
kann er selber kommen Dann will ich ihn schon empfangen«
    »Es ist sehr wichtig« sagte der Voigt
    »Und wenn Tod und Leben daran hängt Du nimmst es nicht« rief Klemens wie
besessen
    »Guter Freund« fiel Ehrhold ein »Ihr macht hier wie Ihr seht schlechte
Geschäfte Darum geht nur in Gottes Namen wieder auf den Zeiselhof sagt dem
Voigte einen guten Abend und für seine Geschenke im Namen des Herrn Grafen müsse
die Jungefrau gar sehr danken«
    »Nun so erbarme sich Gott meiner und des Voigtes« murmelte der Grossknecht
»Seine Gnaden haben mit Galgen und Rad gedroht wenn das Röllchen nicht vor
Beerdigung des verstorbenen Herrn Grafen in der Jungefrau Hände gekommen sei
und wer ihn kennt der weiß dass er Wort zu halten pflegt Wenn Ihr aber
durchaus nicht wollt nun gut so weiß ich was ich tun muss Ich gebe das Ding
zurück und flüchte mich noch in dieser Nacht in die Heide um morgen nicht zu
fehlen Dann wärs möglich dass weder Voigt noch Graf jemals ein Wort wieder von
mir hörten«
    »Was soll das heißen« fragte Haideröschen ihren Gatten »Wäre wirklich
etwas im Werke Ein Angriff auf den Zeiselhof  Vater wie ist das«
    »Gedulde Dich bis morgen« sagte Ehrhold bedeutungsvoll »Von einer Sache
welche gelingen soll darf man nicht sprechen«
    Haideröschen sah noch einmal zum Fenster hinaus um durch neue Fragen dem
Grossknechte Näheres zu entlocken der so schnöde Abgewiesene war aber
inzwischen ohne gute Nacht zu wünschen seiner Wege gegangen
    Nun fühlte sich die junge Frau so beunruhigt dass sie den Rest des Abends
für nichts mehr Sinn hatte und die ganze Nacht teils schlaflos teils von
fürchterlichen Träumen geängstigt zubrachte
 
                                    Fußnoten
1 So genannt weil das Zeuch früher aus Lund bezogen wurde
 
                                Drittes Kapitel
                            Mutter Sohn und Nichte
Unsere Leser erinnern sich dass in Haideröschens verhängnissvoller Hochzeitsnacht
die zu feierlichem Schwure niederknieenden Wenden die weithin schallenden
Hufschläge des davon jagenden Grafen hörten Magnus trieb nicht das innere
Entsetzen über die eigene Schandtat von dem Schauplatze des Verbrechens nur
die Furcht im Augenblick der Entdeckung von den zu ausgelassener Lust wie zu
rasender Wut aufgereizten Leibeigenen zerrissen zu werden veranlasste ihn in
größter Eile zu fliehen Die Tat selbst hatte er dem strengen Rechte nach nicht
zu scheuen denn als Herr und unumschränkter Gebieter stand ihm nach uraltem
Herkommen das jus primae noctis zu und wenn er es ausübte durch List oder
Gewalt so konnte er sicher auf den jubelndsten Beifall all seiner
Standesgenossen rechnen
    Später stiegen allerdings Zweifel in ihm auf und als er durch genaue
Erkundigungen erfahren hatte dass Haideröschen Mutterfreuden entgegensehe
beschlich ihn ein großmütiger Gedanke Er dachte nicht daran die Frucht wilder
Sinnenlust und capriciöser Herrenlaune vor der Welt anzuerkennen aber zugleich
lehnte sich der Stolz des Aristokraten gegen den Zufall auf dem es in
höhnischer Ironie einfallen konnte den Sohn des reichen Grafen ein langes
langes Leben als Bettler durch die erbarmungslose Welt zu hetzen Schon diese
Möglichkeit die bei nur einigem Nachdenken bei nur mittelmässigem
Kombinationstalent sich in grauenvolle Wahrscheinlichkeit verwandelte empörte
ihn Deshalb musste einer so entwürdigenden Lage seines Sprösslings vorgebeugt
werden
    Lange war Magnus unschlüssig was er tun wollte Er wartete von Woche zu
Woche von Monat zu Monat Am liebsten hätte er eine so delicate Angelegenheit
mit Röschen persönlich besprochen allein er sah wohl ein dass er von dem
Versuch mit ihr ungesehen zu verkehren abstehen müsse Es war unmöglich und
noch weniger ratsam sich ohne bedeutende Bedeckung unter die Wenden zu wagen
Die Hochzeitsnacht von Slobodas Tochter hatte diese so harmlos heitern Menschen
vollkommen umgewandelt Sie waren still und ernst geworden Ihre Lieder auf
Feldern und Wiesen ihre schreiende Lustigkeit in Schenke und Kretscham waren
verstummt Man hörte weder am Feierabende noch Sonntags den quäkenden Dudelsack
und die schrillende Huslje
    Diese auffallenden Zeichen tiefen Grams und nach Innen sich einwühlenden
Unmutes entgingen Magnus nicht Zugleich rief er sich die Äußerungen des
Maulwurffängers in Bezug auf das Vorhandensein einer Verschwörung unter den
leibeigenen Wenden wieder ins Gedächtnis Noch glaubte er zwar nicht daran denn
er kannte die Friedliebe und Mutlosigkeit dieses armen unterdrückten
ungebildeten Völkchens allein er konnte doch auch nicht umhin rückwärts zu
blicken auf Welt und Sittengeschichte So oft er dies tat überrieselten ihn
eiskalte Schauer und eine nicht zu beseitigende Furcht vor der Zukunft
bemächtigte sich seiner Taten wie sie rohe Herrenwillkür ihn hatte begehen
lassen waren häusig grauenvoll bestraft worden waren nicht selten das Zeichen
gewesen zu völligem Umsturz alles Bestehenden zu Zertrümmerung heiliger oder
doch geheiligter Rechte zu Vernichtung mächtiger Throne und Reiche  Konnte
ihm jetzt nicht etwas Ähnliches bevorstehen  Die unheimliche Stille unter
seinen Leibeigenen schien fast darauf hinzudeuten Es war daher gevissermassen
Sache der Notwehr die nicht zu verkennende Gährung zu ersticken das jetzt
noch aus der Ferne drohende Unglück abzuleiten Eine Grossmutshandlung glaubte
er würde dazu hinreichend sein
    Aus diesen Gründen setzte er sich hin und entwarf eine Schenkungsurkunde
laut welcher Röschen Sloboda im Falle sie lebendige Kinder zur Welt bringe
nach seinem Tode den fünften Teil seiner sämtlichen liegenden Gründe als
Entschädigung für das ihr durch ihn zugefügte Unrecht als rechtmäßige Erbin
erhalten sollte Magnus war schlau genug die Formel dieser Urkunde so allgemein
wie immer möglich zu halten denn im Ernst dachte er gar nicht daran sein
zukünftiges Besitztum auf solche Weise zu zerstückeln Eben deshalb war auch
des Ablebens seines Vaters gar nicht gedacht so dass die Urkunde ohne Kraft
gewesen wäre im Fall Magnus vor seinem Vater sterben sollte Ferner stand in
dieser Verschreibung keine Hindeutung auf des Grafen Testament in welchem doch
notwendig von einer solchen Schenkung die Rede sein musste Alles dies hatte
Magnus mit Vorbedacht weggelassen um seinen gesetzlichen Erben möglichst viele
Auswege zu geben wenn die Wendin dereinst ihre Ansprüche auf die Schenkung
geltend machen sollte Dass er die Wenden selbst mit einem derartigen Papiere
betrügen und ihre bösen Anschläge würde abhalten können daran zweifelte er
nicht denn er kannte den leichten Sinn dieses Völkchens und ihre
unzureichenden fast an das Kindische streifenden Rechtskenntnisse
    Wie aber dieses Papier in Haideröschens Hände bringen Anfangs wollte er
selbst sein eigener Bote sein Dies gab er jedoch bald auf denn er sah ein dass
die jugendliche Frau des Freibauers Klemens wie eine Fürstin bewacht wurde und
durchaus jeder noch so schlau angelegten List unzugänglich bleiben musste
Gewaltsames Eindringen wäre allerdings noch möglich gewesen dies konnte aber
auch das Signal zu einem wütenden Aufstande vielleicht gar zu seiner Ermordung
sein Er hatte ein für allemal das Vertrauen seiner Untertanen verloren und
dafür musste er jetzt büßen Wäre er als strahlender Engel der Liebe unter ihnen
erschienen sie würden ihn dennoch für einen verkappten Teufel gehalten und als
solchen behandelt haben
    Nach langem Hin und Hersinnen entschloss er sich endlich den Voigt mit
dieser Sendung zu belasten Er war der einzige Mensch aus seiner näheren
Umgebung dem er noch vertrauen konnte da die persönlichen Juteressen desselben
an die seinigen geknüpft waren Der Voigt wurde von dem Gesinde das er
beaufsichtigte und tyrannisirte gehasst als das blind gehorchende Werkzeug des
gefürchteten Herren Schon deshalb konnte dieser Mann nicht von ihm abfallen
Alle Übrigen sowohl Dienerschaft wie Knechte und Mägde waren ihm feindlich
gesinnt und zu offenem Aufstande geneigt wenn das Zeichen dazu gegeben ward
Vor diesen also musste er sich hüten Erst wenn Haideröschen das Papier
empfangen und gelesen hatte und der Inhalt desselben von ihren nächsten
Verwandten den Bewohnern der Haidedörfer mitgeteilt ward erst dann konnte er
wieder furchtlos unter seine Leute treten und ausrufen Seht so verkennt Ihr
mich der ich doch immer nur für Euch denke und nur Euer Bestes will
    Zu diesem Behufe schlug nun Magnus die entworfene Schenkungsurkunde für
Haideröschen und deren Nachkommenschaft in Wachsleinwand und übergab sie dem
Voigte mit der Weisung dieselbe in den nächsten Tagen an die verehelichte
Klemens abzuliefern Von dem Inhalt der Rolle ließ er nichts verlauten und der
Voigt war nicht der Mann aus Neugierde danach zu fragen Er sagte zu und Magnus
dachte nicht mehr daran
    Da starb Erasmus in Folge der Entdeckung welche ihm seine unglückliche
Nichte gemacht hatte Die bestürzte Utta sendete sogleich einen Eilboten an
ihren Sohn ab damit er als Universalerbe persönlich Besitz von der Burg nehme
Ein Testament war nicht vorhanden mithin über Erbschaft und Erbschaftsantritt
gar kein Zweifel
    Magnus gehorchte auf der Stelle seiner Mutter im Herzen froh den Vater
nicht mehr lebendig zu finden Äusserlich nahm er freilich die Haltung eines
tief Betrübten eines unaussprechlich Erschrockenen an Er gab die nötigen
Befehle an den Voigt schärfte ihm nochmals ein die sehr wichtige Rolle nunmehr
abzugeben und ja nicht länger damit anzustehen
    Der Voigt hatte auch den besten Willen aber er erkrankte plötzlich wie wir
wissen und der nach Magnus Dafürhalten so überaus schlau angelegte Plan
scheiterte gänzlich Als der Grossknecht an dem erwähnten Abende verdrießlich
wieder zurückkam und dem im Bett liegenden Voigte die Rolle einhändigte warf
dieser sie ebenfalls ärgerlich in ein altes Pult wo verschiedene Papiere und
Briefschaften die Niemand brauchte aufbewahrt wurden und sagte »Nun so
bleibts bis ich wieder gesund bin Wir Beide könnens nicht ändern «
    An demselben Abend gegen Mitternacht wusste alles Gesinde auf dem Zeiselhofe
was die Wenden im Sinne hatten und nicht ein Einziger selbst nicht die Mägde
weigerten sich ihre Teilnahme zuzusagen Der kranke Voigt allein erfuhr nichts
von der still fortglimmenden Verschwörung gegen seinen verachteten Herrn
    Magnus war seit dem Osterfeste nicht mehr auf Boberstein gewesen Er hatte
daher auch nichts Zuverlässiges von Herta und deren Zustande erfahren Oft
schmeichelte er sich mit der Hoffnung durch einen Brief von seiner schönen
Kousine überrascht und zu einem Besuche nach Boberstein eingeladen zu werden
Aber das stolze tötlich beleidigte Mädchen schwieg so hartnäckig wie sein
Vater Außer dem was hin und wieder gehende Boten Unklares mündlich erzählten
war die Kunde von dem Ableben des Greises die erste directe Nachricht von der
Burg seiner Väter Magnus verwünschte sein böses Geschick und sah mit bitterem
Verdruss auch diesen seinen kühnsten Plan seinen heißesten Wunsch an der
Unlenksamkeit eines festen Charakters zu Grunde gehen
    Die trauernde Dienerschaft begrüßte den jungen Erben mit der ihm zukommenden
Ehrerbietung doch schweigend und düster gestimmt Magnus achtete nicht darauf
Er eilte mit schnellen Schritten die Freitreppe hinan  denn in der Schlosshalle
ruhte bereits die Leiche des Grafen  um am Busen seiner Mutter den zärtlichsten
gerührtesten Sohn zu heucheln
    Utta war so vollendete Aristokratin und so ganz ein verbildetes Geschöpf
ihrer Zeit dass sie die Fehltritte ihres geliebten Sohnes als verzeihliche
Amusements eines liebenswürdigen Kavaliers betrachtete Diese Art kecker
Donjuanerie verschaffre den Söhnen reicher Familien die besten Partien da sie
das unwiderleglichste Zeugnis von der Fähigkeit ablegten ein altes Geschlecht
frisch wieder aufblühen zu machen Was daher immer von dem sittenlosen Wandel
des Grafen Magnus ihr zu Ohren kam sie ließ es unbeachtet verhallen und ging
nur im Geiste recht fleißig die großen und reichen Grafen und Fürstenfamilien
des heiligen römischen Reichs durch um aus ihnen die schönste und reichste
Erbin als dereinstige Gattin für ihren geliebten und liebenswürdigen Sohn
auszuwählen An ein ernstliches Verhältnis des leichtfertigen jungen Mannes mit
seiner schönen Kousine hatte sie nie gedacht und mochte es auch nicht Herta war
ihr zu neugeistig gesinnt zu selbstständig und außerdem arm und nicht makellos
genug geboren um dem einzigen Erben von Boberstein mit Fug und Recht ihre Hand
reichen zu können
    Als sie nun das berechnete Bubenstück ihres Sohnes erfuhr war sie
vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben wahrhaft erzürnt auf Magnus Zwar
wollte sie nicht zugeben dass er mittelbar der Mörder seines Vaters geworden
sei so wie sie auch in ihrer kühlen Ruhe den Tod des Gatten mit vornehmer
Gefassteit ertrug und als ein Schicksal dahin nahm Was sie aber mit der
entehrten Herta beginnen wie sie diese Schandtat des Sohnes verheimlichen und
das gekränkte herzlos hingeopferte Mädchen einigermaßen entschädigen sollte
darüber konnte sie mit sich selbst nicht einig werden
    Einen wahren Trost gewährte ihr in dieser Not die Gewissheit dass ihr Gemahl
ohne testamentarische Verfügungen gestorben war Als einziger Erbe der
keinerlei Legate zu zahlen hatte war Magnus jetzt einer der reichsten Adligen
in Deutschland der nötigen Falls auch einige Prozesse ohne merkliche
Vermögensverluste durchfechten konnte Entehrt von der öffentlichen Meinung
gebrandmarkt wollte sie ihren Sohn nicht sehen und außerdem war sie doch so
sehr Weib dass ihr die verübte Tat Alles zu übertreffen schien was ein
gewissenloser Mann einem wehrlosen Mädchen zufügen kann und so dachte sie
entschieden daran Herta ihrem Sohne zu vermählen Sie setzte voraus dass Magnus
diesen Gedanken selbst hege und dass ihre Nichte auch im Fall mangelnder
Neigung diesen Ausweg für klug und wohlwollend anerkennen und genehmigen werde
    Mit nicht erkünstelter Kälte empfing Utta den jungen Grafen der sich
anfangs sehr ergriffen zeigte und dem Toten alle möglichen Lobsprüche
erteilte Seine Mutter hörte diesen Ergüssen eines nach dem Erbe gierenden
Sohnes gelassen zu dann aber erzählte sie ihm eben so ruhig wie ernst die
Veranlassung zum Tode ihres Gatten und wie er ihn verfluchend seinen Geist
aufgegeben habe 
    Das hatte Magnus doch nicht erwartet und weil es ihn so ganz fremd als
grauenvolle Wahrheit überraschte darum brach er fast vor den grässlichen Folgen
seiner Tat zusammen Er war so ganz zerschmettert dass er weder aufzusehen noch
zu antworten wagte Schweigend ließ er die gerechten Vorwürfe seiner zürnenden
Mutter über sich ergehen die einmal in den Fluss gekommen auch wirklich den
Verbrecher nicht eben zart und rücksichtsvoll behandelte
    Nachdem sie sich hinlänglich über die Scheusslichkeit seiner Tat
ausgesprochen und namentlich das gänzlich Unadlige derselben gebührend
hervorgehoben hatte ging sie sogleich grade auf das Ziel los
    »Es ist jetzt Deine Pflicht« sagte sie »Deiner Kousine die Ehre
wiederzugeben Noch weiß Niemand unserer hohen Verwandten das Vorgefallene
meine Nichte hat sich sehr klug sehr edel völlig unegoistisch benommen Ihr
Augenmerk war bloß auf unser altes Geschlecht gerichtet darum schwieg sie so
hartnäckig still Du wirst demnach noch heut um Herta werben und Dich vierzehn
Tage nach dem Begräbnisse Deines Vaters mit ihr verbinden«
    »Teuerste Mutter« erwiderte Magnus Uttas Hand mit Küssen bedeckend
»Sie sprechen den tiefsten den heiligsten Wunsch meines reuigen Herzens aus
Ich liebte Herta immer ich habe sie geliebt vom ersten Augenblicke an wo ich
sie kennen lernte bis auf die gegenwärtige Minute Meine Kousine kannte meine
Leidenschaft aber sie gefiel sich darin mir kalt schneidend abweisend zu
begegnen Sie ließ es mich so oft fühlen dass ich nicht rein sei und edel wie
sie dass mein heiß brausendes Blut mich zu mancher tadelnswürdigen Handlung
hinreisse Ja sie gestand mir sogar dass sie mich deswegen hasse und verachte Da
verließ mich die ruhige Besinnung Mit Hertas Abneigung wuchs meine Liebe zu
ihr und von blinder Leidenschaft getrieben griff ich zu einem Mittel das ich
tausendmal selbst verflucht habe das ich für schändlich verbrecherisch
anerkenne und willig mit jeder Strafe abbüssen will die Herta über mich zu
verhängen gesonnen sein sollte Aus Schaam Reue und Zerknirschung verbannte ich
mich freiwillig von dem Angesicht der Geliebten deren zürnendes Bild doch im
wilden Schmerz der Einsamkeit mein alleiniger Trost war und blieb bis auf den
heutigen Tag«
    Solche Zerknirschung versöhnte Utta schnell wieder mit ihrem Sohne Sie
hörte es gern dass Magnus einer großen überwältigenden Liebe fähig und dieser
erlegen war und sie hielt es nach diesem reuigen Geständnis für Mutterpflicht
dem Gesunkenen die Hand zu reichen und ihn mit Milde wieder aufzuheben
    »Ich werde Dir Gelegenheit verschaffen Herta ohne Zeugen zu sprechen«
sagte Utta schon viel sanfter als vorher »Sie wird Dich freilich nicht sehr
freundlich begrüßen denn sie zürnt Dir mit Recht Aber sie ist ein Mädchen ein
gefühlvolles mit großen Eigenschaften begabtes Mädchen das Selbstüberwindung
zu den ersten Tugenden rechnet Überzeugt sie sich also von der Wahrhaftigkeit
Deiner Reue wie ich schon davon überzeugt bin so wird sie nicht immer taub
gegen Deine Bitten bleiben und Dir endlich sogar verzeihen«
    »Willig füge ich mich allen Bedingungen meine gütige Mutter Um den Besitz
der geliebten Herta mir zu erringen würde ich das Himmelreich opfern«
    »Es wird so großer Opfer nicht bedürfen« sagte die Gräfin »Ich werde Dich
bei Herta selbst anmelden und sie auf Dich und Deinen Antrag vorbereiten«
    Magnus klopfte das Herz denn obwohl er das von seiner Mutter angedeutete
Ziel wünschte schlug ihm doch auch das böse Gewissen und eine ernste Frage an
sich selbst sagte ihm dass er Herta nicht mehr liebe sie vielleicht nie geliebt
habe Ihre Schönheit ihre Jugend ihr hoher Geist und der verführerische Trotz
den sie seinen Bewerbungen entgegengesetzt hatten sie ihm begehrenswert
gemacht Nur die Sinne, nicht sein Herz hatte geliebt Dies war hohl leer
nicht fähig einer großen reinen Leidenschaft Tausend unerlaubte und unreine
Genüsse hatten seine ursprüngliche Glut vor der Zeit aufgezehrt Magnus
fürchtete ein Zusammentreffen mit Herta
    Indes war Utta keine Frau die einen einmal entworfenen Plan wenn er
größeren Zwecken zu entsprechen schien sogleich wieder aufgab oder einen
Entwurf nur zur Hälfte ausführte Ihr langer Verkehr mit ihrem jesuitischen
Onkel hatte sie die Wichtigkeit consequenten Handelns kennen gelehrt und wie
sie im Denken und Leben von der praktischen ob auch unlautern Weltweisheit des
feinen vielerfahrnen Mannes den Schein als glänzenden Ersatz eines in der
Wirklichkeit nicht vorhandenen Gutes kennen gelernt hatte so hielt sie auch
Alles für erlaubt was nicht durch ausdrückliche Gesetze verboten war oder was
durch ein betrügliches Spiel des Geistes, gleichsam durch ein Volteschlagen aus
Schwarz in Weiß aus Böse in Gut aus Verlust in Gewinn verwandelt werden
konnte
    Sie ging deshalb unverweilt zu ihrer Nichte und so vortrefflich hatte sich
die kluge Frau mit zarter teilnehmender Anmut mit mütterlicher Würde mit
christlich mildem Zuspruch mit liberal tönenden ein lautes Echo in Hertas
halbgebrochenem Herzen erweckenden Phrasen ausgerüstet dass ihr das
Unbegreifliche in kurzer Frist gelang nämlich ihrer Nichte die Bewilligung zu
entlocken den reuigen Frevler ruhig anzuhören
    Eine Viertelstunde später meldete Emma ihrer traurigen Gebieterin den jungen
Grafen Herta winkte der Zofe ihren Cousin einzulassen und sich zurückzuziehen
    In einfacher schwarzseidener Kleidung ein Florband durch ihr schönes Haar
gewunden saß Herta in der Epheulaube ihres Fensters Grüssend erhob sie sich
beim Eintritt des Grafen den sie mit anmutiger Handbewegung aufforderte
niederzusitzen Zum ersten Male in seinem Leben war Magnus verlegen und in Folge
dessen etwas linkisch Er rückte einen der altmodischen aber kostbaren Stühle
in Hertas Nähe und sich nach seiner Gewohnheit auf die Lehne stützend überflog
er die reizenden Züge seiner Kousine mit scheuem Aufblick ohne sie anzureden
Statt seiner ergriff nun Herta das Wort
    »Auf Fürbitten meiner geliebten Tante Ihrer verehrten Frau Mutter« sprach
sie vollkommen ruhig »habe ich mich entschlossen Sie zu sprechen Herr Graf
Ich ersuche Sie daher mir Ihr Anliegen in möglichster Kürze vorzutragen da Sie
hoffentlich einsehen werden dass unsere Unterhaltung keine ausführliche sein
kann«
    »Es scheint mein Schicksal zu sein teure Kousine« versetzte Magnus
»Ihnen stets widersprechen zu müssen und weil dies denn einmal so ist so stehe
ich nicht an auch jetzt eine andere Meinung zu verfechten Mich dünkt liebe
Herta nie hätten zwei Menschen mehr Ursache gehabt sich recht viel zu sagen
als wir«
    Herta errötete und der Zorn grub eine leichte Falte in ihre weissglänzende
Stirn Sie erwiderte
    »Da ich Ihnen nichts zu sagen habe Herr Graf so fahren Sie fort«
    »Lassen wir diese erkältenden Förmlichkeiten teure Herta« sagte Magnus
wärmer und dringender indem er den Stuhl einen halben Schritt näher an Hertas
Sitz schob »sprechen wir wie nahe teure Verwandte zusammen und reichen wir
uns die Hand zur Versöhnung«
    »Ich verstehe Sie nicht«
    »Sie wollen mich nicht verstehen Herta  Ein Unglücklicher ein von den
grausamen Rachefurien eines schuldbeladenen Gewissens furchtbar Gepeinigter
steht vor Ihnen Bittere Reue nagt an seinem Herzen der Fluch eines Vaters
lastet auf seiner Seele und dennoch dennoch wagt er zu hoffen wagt er leben
und wieder unter gesittete Menschen treten zu dürfen ohne dass man ihm
ausweicht wie einem Scheusal Er wagt dies wenn Sie Herta Ihre Engelshand
ausstrecken sein schuldbeladenes Haupt damit berühren und ihm vergeben«
    Magnus schob den Stuhl zur Seite und ließ sich mit Heftigkeit vor der
ernsten stillen Mädchengestalt auf ein Knie nieder
    »Stehen Sie auf Herr Graf Um Komödie zu spielen wählen Sie den Ort
schlecht«
    »Komödie spielen Sie nennen Komödie spielen was mein Herz zerreißt was
mit Höllenqualen meine Seele foltert«
    »Es gab eine Zeit wo ich weit mehr litt Graf Damals ergetzten Sie sich an
den Qualen eines armen schwachen Mädchens und lachten ihrer flehenden Bitten
War dies nicht auch Komödie gespielt«
    »Ich bekenne mich ja schuldig teure geliebte Herta «
    »Missbrauchen Sie nicht ein so heiliges Wort ich verbiete es Ihnen«
unterbrach Herta mit edlem Zorn die Rede des Grafen »Sie kennen keine Liebe
Sie trachten nur nach Sinnenlust nach betäubendem Rausch Gehen Sie und
befreien Sie mich von Ihrer verhassten Gegenwart«
    Magnus hatte die Lehne des Stuhles wieder erfasst Seine Kousine die ihm
immer reizender erschien schon mit zuversichtlicherem Auge betrachtend
versetzte er
    »Herta Mein Vater ist aus dieser Welt geschieden ohne mir die Hand
gereicht zu haben Wie die Sachen stehen muss ich mich für seinen Mörder halten
Begreifst Du welch entsetzliches Gewicht welch grässliche Anklage darin liegt
 Soll ich erdrückt werden von ihr trotz meiner Reue  Ist es christlich einen
zerknirschten Sünder erbarmungslos zu verstoßen «
    »Wer verstösst Sie denn«
    »Du Du mein heiliger Engel Du Herta an der ich gefrevelt habe aus
Übermut von Wahnsinn erfasst im Augenblick gänzlicher Verwilderung Du
Herta um deretwillen ich jetzt gern all mein Gut ja mein Leben dahin geben
möchte Du verstösst mich und doch kann ein Wort von Dir mich glücklich machen
kann uns Beiden eine traurige öde Vergangenheit in ein blühendes Paradies
verwandeln«
    »Ich bitte mir diese Zauberformel zu sagen Ich selbst kenne sie nicht«
    »Du willst sie nicht kennen Herta«
    »Ich will Alles was ich für recht und gut erkenne Alles was mein Verstand
billigt was mein Herz zulässt Der unaussprechliche Kummer welchen Sie meinem
Wesen eingeimpft haben hat mich alle Täuschung ablegen lassen und meinen
Gefühlen den schönen Reiz entwendet der alle Glücklichen bezaubert«
    »Das ist sehr sehr traurig« versetzte Magnus »Wenn Ihre Gefühle erstorben
sind dann habe ich freilich nichts mehr zu hoffen aber ich glaube Sie
täuschen sich selbst Wollten Sie nur in die Tiefe Ihres Wesens schauen so
würden Sie daselbst den Kern aller göttlichen Gefühle die Liebe zu dem
Nächsten wiederfinden«
    »Fände ich ihn wirklich noch dann sein Sie überzeugt Graf dass ich ihn nur
mit dem Würdigsten teilen würde«
    »Halten Sie einen bussfertigen Sünder solcher Gnade nicht wert« fragte
Magnus mit allem Zauber der ihm zu Gebote stand
    »Darauf kann ich mir jede Antwort ersparen Graf Sie wissen dass ich Sie
nie geliebt habe weil ich Sie wahrer Liebe nie fähig hielt Vernehmen Sie jetzt
zum letzten Male dass Sie bei mir nie auf Erwiderung einer Neigung zu rechnen
haben die Sie nur heucheln Ihr ganzes verdorbenes Wesen ist Lüge schändliche
schwarze geschmackvoll vergoldete Lüge Ich hasse die Lüge und verachte die
Jünger derselben Und nun ich weiß was Sie zu mir der tief Gekränkten der
unversöhnlich Beleidigten trieb nun vernehmen Sie von mir mein letztes Wort
Ich will mit vergebender Milde die Sünde von Ihnen nehmen und Ihnen verzeihen
aber fortan meiden Sie mich durch Ihre Gegenwart zu kränken mich in meinem
Kummer zu stören«
    Noch gab Magnus nicht Alles verloren Er entschloss sich das Äußerste zu
versuchen
    »Teure Herta« sagte er mit niedergeschlagener schwankender Stimme »Du
scheinst zu vergessen dass die Mutter für ihre Kinder eines Vaters bedarf«
    »Gott ist aller braven Mütter gemeinsamer Vater«
    »Und die Welt Die scheelen Blicke der verleumdungssüchtigen Welt«
    »Wünschen Sie dass Ihre Schande weltkundig werden soll«
    »Die Deinige meine schöne Kousine wird durch meinen Namen zugedeckt Einer
Gräfin von Boberstein begegnet Jedermann mit höchster Achtung«
    Herta stand auf Sie legte das Buch in welchem sie während dieses
peinlichen Gespräches geblättert hatte auf den Tisch und trat dem Grafen
entgegen Ihr zürnendes Auge sprühte Funken ihr Gesicht war mit zarter Röte
überhaucht der Busen hob sich in heftigster Aufregung
    »Endigen Sie Herr Graf« erwiderte sie mit bebender Stimme »Sie nötigen
mich sonst meine Dienerschaft zu rufen Ein Reuiger wurde mir angemeldet und
einen Niederträchtigen sehe ich vor mir«
    Da Magnus jetzt alle seine Berechnungen zu Schanden werden sah kehrte ihm
schnell die geistige Keckheit wieder die er bisher nur mühsam niedergehalten
hatte Selbst gekränkt wollte er noch empfindlicher kränken denn er erkannte in
Herta seine unversöhnlichste Feindin Mit vornehmer Verbeugung zurücktretend
sagte er
    »Ich muss wirklich um Entschuldigung bitten schöne Heilige dass Dein Anblick
so mächtig auf mich wirkt und mein ganzes Wesen zu einem Spiegel macht aus dem
Du in mich verwandelt Dir selbst vor die Augen trittst«
    »Das überschreitet alle Grenzen« stotterte Herta für sich »Herr Graf ich
befehle Ihnen mein Zimmer zu verlassen«
    »Widerspänstige Zauberin bedenken Sie wohl dass zum Befehlen Macht und
Recht gehört Sie besitzen weder das Eine noch das Andere«
    »Ich wünsche noch einmal allein zu sein«
    »Und ich werde mir erlauben Ihnen noch einige Minuten Gesellschaft zu
leisten Ich bin Erbe und Herr dieses Schlosses mein holdes Mühmchen und wenn
ich befehle die unanständige Dirne hinauszuwerfen in den Wald so hoffe ich
noch genug willige Hände zu finden die meinen Befehl ausführen Mein sehr
kluger Herr Vater der sanft und selig in Gott ruhen möge war doch nicht klug
genug sein verzogenes Püppchen bei Zeiten mit Geld und Gut zu bedenken Er
starb ohne Testament und das schöne vornehme Burgfräulein wird künftighin in
seidenen Kleidern Brod und Leinwandfetzen unter ihren Freunden den armen
Wenden zusammenbetteln müssen damit sie leben und ihren mutmasslichen Erben
standesmässig erziehen kann«
    Höhnisch lag sein satanisch blitzendes Auge auf der üppigen Gestalt der über
solche Bosheit entsetzten Herta die sich kaum aufrecht erhalten konnte Als er
sie zittern und zusammenbrechen sah umfasste er sie trotz ihrer abwehrenden
Gebehrden
    »Es bedarf jedoch bloß eines Wortes« fuhr er gleissnerisch fort »und die
Bettlerin trägt eine schimmernde Grafenkrone auf ihren stolzen Flechten Ich bin
billig meine Geliebte Als Vater werde ich auch zärtlich freigebig und
großmütig sein Wenn Du mir aber untreu wirst dann fürchte meine Rache Dem
Erben von Boberstein Reichtum und Ehre dem Bastard der leichtgläubigen Kousine
Armut Schande und Elend Wähle jetzt meine stolze Geliebte«
    Herta saß erblassend tief und schwer atmend in ihrer Epheulaube Emma trat
ein und überreichte ihr auf silbernem Teller einen Brief Sie kannte die Hand
nicht
    »Von wem« sagte sie kaum hörbar
    »Ein Köhlerbube brachte ihn« versetzte die Zofe und verließ wieder das
Zimmer Herta drehte den Brief nachdenkend in den Händen
    »Darf ich gefälligst um Antwort bitten« sagte Magnus äußerst freundlich
    »Ja das dürfen Sie« erwiderte die Gekränkte »Ich flüchte mich an den
Busen meiner Tante und wähle Armut Schande und Elend«
    »Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Glückwunsch zu dieser Wahl und zu dem
neuen Lebenslaufe der drei Tage nach der Bestattung meines hochseligen Herrn
Vaters seinen Anfang nehmen wird Ich empfehle mich der verehrten Kousine aufs
Angelegentlichste«
    Magnus verbeugte sich und ließ die unglückliche Herta allein mit ihrem
Schmerz ihrem Hass ihrer Verachtung
    »Hat denn der Himmel keine Blitze mehr« seufzte sie »um solche Frevler zu
strafen und die von ihnen Verfolgten zu erretten«
    dabei ballte das arme Mädchen ihre kleine Hand und zerbröckelte das Siegel
auf dem erhaltenen Briefe
 
                                Viertes Kapitel
                                  Der Besuch
Als Herta den Brief erbrach gewahrte sie mit Verwunderung dass sich der
Verfasser desselben nicht genannt hatte Mit gesteigerter Neugier durchflog sie
das Schreiben dessen geheimnisvoller auf eine schreckenreiche Vergangenheit
hindeutender Inhalt ihre Unruhe und Aufregung noch mehr steigerte Der Brief
lautete
        »Ein Ihnen völlig unbekannter Mann verehrtes gnädiges Fräulein bittet
        um die Vergünstigung Sie am Tage nach Empfang dieser Zeilen besuchen zu
        dürfen Die Umstände und sein eigentümliches Verhältnis zu den
        Besitzern des Schlosses Boberstein nötigen ihn diesen Besuch einen
        durchaus geheimen sein zu lassen Aus diesem Grunde wird Schreiber
        dieses erst mit Einbruch der Nacht bei Ihnen erscheinen und zwar auf
        einem Wege der Sie vielleicht mit schauderndem Entsetzen erfüllt Kein
        Mensch im Schloss außer Ihnen und wenn Sie es wünschen Ihre vertraute
        Dienerin darf von dem nächtlichen Wanderer Kunde erhalten Ihre
        Zukunft Ihre Ruhe Ihre Sicherheit ja Ihr Leben hängt von Genehmigung
        dieser Bedingungen ab Alles Unrecht das man Ihnen zugefügt hat wird
        durch denselben bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden 
        Wappnen Sie sich also mit Mut und Entschlossenheit und vertrauen Sie
        einem Manne vollkommen der Ihrem zeitlichen Wohlergehen sein ewiges
        Heil zu opfern gern und stündlich bereit ist Leben Sie wohl und ruhig
        bis die verschwiegene Stunde der Nacht uns zusammenführt«
    Die Bestürzung Hertas über diesen Brief war groß und bei dem Misstrauen
gegen Jedermann das ihr durch Magnus unverzeihliches Betragen eingeflößt
worden hatte sie wenig Neigung den Unbekannten zu empfangen Bei ruhiger
Überlegung jedoch und bei wiederholter aufmerksamer Durchlesung des Schreibens
musste sie die gute wohlwollende Absicht des Verfassers erkennen Überdies
gestattete er ja das Zugegensein einer Zofe was ihre Sicherheit um Vieles
steigerte und so beschloss Herta unverbrüchlich zu schweigen und das
angekündigte Abenteuer abzuwarten
    Emma die ihrer Gebieterin mit unbegrenzter Liebe ergeben war wurde erst am
nächsten Abend in das Geheimnis gezogen worauf beide Mädchen in ungewöhnlicher
Schweigsamkeit die Erscheinung des Unbekannten in Hertas Zimmer erwarteten
    Die Nacht war ruhig der Himmel leicht bewölkt Das melancholische Rauschen
der Heide drang herauf bis in das erstorbene alte Schloss In langen Pausen
schlug die schrillende Schelle die zehnte Stunde Gespannter und immer
ängstlicher werdend harrten die Mädchen des Unbekannten Eng verschlungen saßen
sie lautlos auf der dunkelsammtenen Ottomane Da knackte es in Hertas
Schlafzimmer als ob eine scharfe Feder einschnappe Die Mädchen sahen einander
an sie hörten den beflügelten Schlag ihrer Herzen Gleich darauf klopfte es
vernehmlich an die innere Kammertür
    »O Gott« flüsterte Herta und schlang beide Arme fest um den Nacken Emmas
ihr bleiches Antlitz in neugierigem Entsetzen starren Auges halb abgewandt auf
die Tür richtend »Emma es ist der Graf es ist Magnus Niemand als er kennt
diesen fürchterlichen Weg«
    Indem wiederholte sich das Klopfen um ein weniges lauter und da auch darauf
von Seiten der erschrockenen Mädchen kein »Herein« erfolgte ward die Tür
behutsam geöffnet und ein stattlicher Mann in voller Lebensgröße erschien auf
der Schwelle
    Regungslos betrachteten die scheuen Mädchen ihre furchtsame Stellung
beibehaltend den Fremdling Dieser blieb ebenfalls ruhig stehen ließ sein
scharfes Auge über beide in schwarze Trauerkleider gehüllte Gestalten gleiten
und sagte dann mit wohltönender kräftiger Männerstimme »Guten Abend liebe
Kinder«
    Es lag so viel Zutrauliches Weiches und Väterliches im Ausdruck der Stimme
dieses Mannes dass die Mädchen nach diesem Gruße froh aufatmeten und aufstehend
sich gegen den Fremden höflich aber noch immer schweigend verneigten Dieser
trat jetzt ins Zimmer und ein voller Strahl des Lichtes fiel auf ihn Es war
ein starker großer sehniger Mann mit interessanten Zügen welche der
sorgfältig gepflegte sehr dichte und lange Schnurrbart noch ausdrucksvoller
machte Sein ergrauendes Haupthaar zeigte dass er die Höhe des Lebens bereits
überschritten hatte es müssten denn Kummer Gram und tiefe Seelenleiden ihn vor
der Zeit gealtert haben Der Fremde trug die gewöhnliche Kleidung eines Försters
und war wie ein solcher mit schönem Hirschfänger bawaffnet
    »Empfangen Sie zuvörderst« hob er mit zitternder Stimme an »meinen
aufrichtigen herzinnigen Dank für das Vertrauen welches Sie mir durch Ihre
Gegenwart schenken verehrtes Fräulein«  dabei richtete er seine Worte
entschieden an Herta als kenne er sie schon längst  »Ja« fuhr er fort »ich
täusche mich nicht Sie sind Herta die arme schöne fromme Tochter der nicht
minder armen Schwester Grafen Erasmus von Boberstein Ist es mir doch als wäre
sie die längst Dahingeschiedene wieder zurückgekehrt ins Leben und sähe mich
mit ihren dunklen Wunderaugen erstaunt an über die Veränderung die mit mir
vorgegangen Denn nur sie die Verewigte und ihre einzige ihr in allen
Tugenden und Eigenschaften so ganz gleiche Tochter besitzen diesen Zauber des
Blickes dies seelentiefe herzdurchforschende Engelsauge  Gestatten Sie
Tochter Eugeniens von Boberstein dass der einzige Freund Ihrer Mutter die Hand
küsst die seit zwanzig Jahren nicht mehr in der seinigen geruht hat«
    Damit ergriff der Fremde Hertas schlanke feine Hand und führte die bebenden
Finger an seine Lippen
    »Gütiger Himmel« stammelte das erstaunte Mädchen »Sie haben meine Mutter
gekannt rätselhafter Mann Wer sind Sie Was haben Sie mir zu eröffnen dass
Sie auf so ungewöhnliche versteckte Weise zu mir dringen«
    Mit schmerzlichem Lächeln ruhte das glühende Auge des Fremden auf Herta
Seine wetterbraunen Züge wurden weich und sanft und seine Stimme zitterte als
er antwortete
    »Sie dürfen und müssen so fragen teures Mädchen und ich bin gekommen
Ihnen Rede zu stehen Sie zu Fragen und Forschungen aufzumuntern  Haben Sie
von Ihren Pflegeältern nie eines Mannes erwähnen hören den man Johannes
nannte«
    »Nie« beteuerte Herta kopfschüttelnd
    »Nie« wiederholte der Fremde und seufzte »Also so ganz hatte man ihn
vergessen oder so geflissentlich schwieg man von ihm dass nicht einmal in
Beisein seines   Doch bevor ich fortfahre« unterbrach er sich selbst »bitte
ich inständigst lassen Sie Ihre Gefährtin in ein Nebenzimmer treten Ich weiß
nicht ob Sie selbst es billigen würden wenn ich Ihnen vor Zeugen meine
Geheimnisse mitteilte«
    Der gerührte väterliche Blick des Fremden und sein ergrauendes Haar
machten dass Herta diese Bitte gewährte »Verlass uns Emma« sagte sie »und gib
Acht dass wir nicht gestört werden«
    Die Zofe entfernte sich Lebhafter wendete sich Herta zu dem Fremden
ergriff mit beiden Händen seine Rechte und sagte innig »Nun edler Mann nun
reden Sie Wer war jener Johannes«
    »Ein armer ein unglücklicher Mann« erwiderte der Fremde »Vor mehr als
zwanzig Jahren glaubte dieser Johannes unter die glücklichsten Sterblichen zu
gehören Er war jung hübsch aufgeweckten lebhaften Geistes empfänglich für
alles Schöne ein Liebling und Verehrer Ihres Geschlechtes Wo Heiterkeit und
Frohsinn scherzten da war er gern gesehen wo Anmut und Liebe duftende
Blütenkränze wanden da versäumte er nie zu erscheinen um ein feuriges Lied
ertönen zu lassen Johannes war kein Pedant obwohl er sich von Geburt an als
Hofmeister auf Edelhöfen seinen Unterhalt erwerben musste Geübt in jeder Kunst
gewandt in ritterlichem Spiel ein eben so geschickter Fechter Tänzer und
Reiter als ein scharfsinniger und sieghafter Kämpfer im Wortgefechte errang er
sich manchen schönen Preis um den vornehme reiche Grafen ihn beneideten Er
siegte auf der Rennbahn und im Gesellschaftszimmer Frauen und Mädchen ehrten
ihn mit ihrem Vertrauen ihrer Gunst«
    »Aber Johannes war kein leichtfertiger gewissenloser Mann Er unterschied
streng holdes Spiel von gewichtigem Ernst Er reizte nicht wo er zu verlocken
glauben konnte Anstand und Sitte waren die beiden Genien denen er auch im
Rausch lebenstrunkener Stunden nie entsagte So begünstigt so von Glück und
Liebe vereint in blendende Lebenskreise emporgehoben kam Johannes in diese
Burg Graf Erasmus wünschte einen Hofmeister für seinen wilden Knaben Magnus
einen Mann der Strenge mit Milde der französischen Weltton mit deutschem
Ernst deutscher Gründlichkeit anmutig zu verknüpfen wisse Solcher Aufgabe war
Johannes vollkommen gewachsen Er kam nach Boberstein und nie schien Graf
Erasmus mit der Wahl eines Erziehers zufriedener gewesen zu sein Magnus ward
ihm übergeben und gewöhnte sich bald an die Vorschriften seines Lehrers der bei
vorkommender Widerspänstigkeit unerbittlich streng sein konnte«
    »Johannes hatte im Spätherbst seine ehrenvolle und verantwortungsreiche
Stellung angetreten und binnen einigen Monaten die wilden Auswüchse an den
Launen und Einfällen seines Zöglings mit Glück verschnitten Da kam die junge
schöne Schwester des Grafen Erasmus aus der Residenz wo sie den Winter in der
großen Welt gelebt hatte zurück auf ihres Bruders alte Haideburg Eugenie war
ein bezauberndes Wesen Ihre Mutter teure Herta lässt sich nur mit der Tochter
vergleichen«
    »Meine arme Mutter Ich kannte sie nie ich konnte sie nur im kalten toten
Bilde lieben und küssen«
    »Beklagen Sie Ihre Mutter nicht edles Fräulein Eugenie war glücklich und
als das Unglück über sie herein brach nahm der erlösende Tod sie sanft in seine
Vaterarme«
    Herta stürzten die Tränen in die Augen während der Fremde ruhig fortfuhr
    »Johannes und Eugenie sahen einander lernten sich kennen und liebten sich
 Es gibt Wesen die beim ersten Zusammentreffen sich in der Tiefe ihres
erbebenden Herzens gestehen müssen dass sie von Ewigkeit her für einander
bestimmt sind Ein paar solche ursprüngliche Naturen waren Johannes und Gräfin
Eugenie Ein Strahl aus ihren Augen reichte hin in Beide den heiligen
Glutstrom der Liebe zu gießen der in den Pulsadern der Welt schlägt und das
Reich der Geister beherrscht Über der Ursprünglichkeit ihrer reinen Neigung
über der geistig schönen Tiefe ihrer Leidenschaft und der sittlichen Höhe ihres
Standpunktes vergaßen sie dass es bevorzugte und verachtete Kasten gab wollten
sie nichts wissen von einem Unterschiede zwischen gräflichem und bürgerlichem
Blut Eugenie liebte den reinen tiefen edlen Menschen in Johannes und dieser
fühlte an Eugeniens Busen nur das Herz eines Mädchens schlagen das von Lüge und
Verstellung nichts wusste«
    Vor dieser Glutfülle ihrer Neigung sah Johannes alle Hindernisse stürzen
ja er dachte nicht einmal daran dass es deren überhaupt geben könne Er wollte
Eugenie besitzen bald besitzen und hielt um dieselbe an bei  ihrem Bruder 
Graf Erasmus lachte dem Hofmeister ins Gesicht und nannte ihn einen Narren Er
glaubte anfangs wirklich Johannes erlaube sich in übermütiger Stimmung einen
Scherz Als er aber sah dass der Hofmeister im glühendsten Redestrome nur seinem
überschäumenden Glück Worte gegeben und als er von Eugeniens blühenden Lippen
die Bestätigung vernommen da trat er stolz an Johannes heran maß den jungen
Mann von Kopf zu Fuß und sagte verächtlich »Der Wein von meinem Tisch ist Ihm
zu Gesicht gestiegen Trinke Er künftighin wieder Wasser wie sichs gehört und
esse Er mit meinen Bedienten damit Er Mores lernt Und jetzt packe er sich und
verlaufe sich die verrückten Gedanken auf einem Spatziergange durch die Heide 
Darauf kehrte er dem Hofmeister den Rücken nahm die Hand der Schwester und zog
sie ins Nebenzimmer das er hinter sich verriegelte«
    »Johannes blieb wie vom Schlage getroffen stehen Er glaubte ein wirrer
Traum habe sich festgesetzt in seiner Seele Er konnte lange Zeit weder Sprache
noch gesundes Gefühl wieder erhalten Als er endlich des ganzen entsetzlichen
Unglücks sich bewusst ward schüttelte ein förmliches Wutfieber geraume Zeit
seinen sehnigen Körper Damit fand er sich selbst und seine Tatkraft wieder Er
schrieb in den gemässigsten Ausdrücken an den Grafen Der Brief kam uneröffnet
zurück mit ihm eine Rolle Gold als Reisegeld begleitet von dem mündlichen
Befehl des Grafen an den Überbringer binnen zwei Tagen das Schloss zu
verlassen  Johannes tobte aufs Neue er suchte die Diener zu bestechen um mit
Eugenie sprechen zu können aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem
hündischen Gehorsam dieser Leibeigenen«
    »Verzweiflung im Herzen ward Johannes am dritten Tage nach der Unterredung
mit Erasmus gewaltsam aus dem Schloss gebracht Als er um die letzte Felsenecke
bog die unter den Fenstern dieses Zimmers steil abfällt glitt ein Stück
Schiefer daran nieder mitten auf den Fußsteig Etwas Weisses schimmerte darunter
was ihn aufmerksam machte Er hob den Schiefer auf und fand daran gebunden zwei
Schlüssel mit einem Zettel der in wenigen Worten die Weisung enthielt dass er
in finsteren Nächten vermittelst dieser Schlüssel unbemerkt zu Eugenien gelangen
könne wenn er am südlichen Turme den Felsengang erklimme und über den Balkon
wo er ihr Unterricht in der Sternkunde erteilt habe nach der dritten
Luckentür schreite die er stets offen finden werde  Johannes kannte diesen
Pfad wie die heimlichen Gänge des Schlosses und ruderte den Busen von neuen
Hoffnungsträumen geschwellt wohlgemut über den See«
    »Schon die dritte Nacht sah den kühnen Mann die finsteren Steige hinauf die
ächzenden Treppen die feuchten gespenstischen Gänge treppauf treppab an den
jauchzenden Mund der Geliebten fliegen  und von Stund an begann für die
grausam Geschiedenen beim Lallen des Sees das wie Gebet flehender Engel zu
ihnen herauf erklang ein stilles hohes Liebesleben das häufig erst mit dem
Rufe des Morgenhahnes endigte wenn auf Fels und See und Heide das Perlennetz
des Frühtaus blitzend niedersank«
    »Über fünf Monate dauerte dieses hohe Liebesglück um so zauberischer und
reicher an Genuss als es mit Gefahr und mannichfachen Entbehrungen verknüpft
war Johannes hatte nichts unterlassen um Eugenien eine heitere Zukunft zu
sichern Diese war bereit dem Geliebten zu folgen und ein kleines stilles
dauerndes Glück einem von Glanz und Goldschmuck schimniernden Elend von
vielleicht langer Dauer vorzuziehen Der Tag oder vielmehr die Nacht zur Flucht
ward festgesetzt und als am Vorabend derselben Johannes von ihr schied gestand
ihm Eugenie mit seligem Lächeln dass ihre Einsamkeit nur kurz sein werde Ein
langer Kuss belohnte dies süße Geständnis«
    »Zum ersten Male seit seiner Verbannung aus dem Schloss hatte sich Johannes
bis zur Morgendämmerung aufgehalten Ein ungewöhnlich starker Tau war gefallen
der in Millionen zarten Perlen auf Gräsern Stegen und Steinen lag Ein Knecht
des Grafen diesem vorzugsweise ergeben entdeckte die Fussspuren des nächtlichen
Gastes und zeigte sie seinem Gebieter Erasmus verfolgte sie und fand einen
Verdacht den er zuweilen still gehegt doch nie zu äußern gewagt hatte
bestätigt Er befahl dem Knechte unverbrüchliches Stillschweigen und traf
heimlich seine Anstalten«
    »Voll froher Erwartungen sich dem Ziele so nahe zu sehen ersteigt Johannes
um Mitternacht auf bekanntem Felsenpfade das Schloss Niemand sieht Niemand
stört ihn Er erreicht die Zinne die innern finsteren Gänge Bis dicht an das
Gemach der Geliebten dringt er vor da fällt plötzlich verräterisch blendendes
Licht auf ihn und auf beiden Seiten in engen Nischen die er nie gewahrt hatte
zeigen sich Bewaffnete Erasmus an ihrer Spitze  Zwar wehrte sich Johannes
allein Augenblicke reichten hin ihn zu überwältigen Während der schadenfroh
lachende Graf den Überrumpelten mit Schimpf und Schmähworten überhäufte
erschien die entsetzte Gestalt Eugeniens in Reisekleidung Die Liebe siegte über
Schreck und Schaam Sie warf sich über Johannes mit aller Glut und Seelenwärme
eines Herzens dem man sein Teuerstes rauben das man vielleicht entehren und
töten will Ihr grausamer Bruder ließ die reizende Gestalt durch die Knechte
den umschlingenden Armen des Geliebten entreißen Selbst ihr lauter
Verzweiflungsruf Ich bin sein Weib Vor Gott gehöre ich ihm an konnte den
blind Wütenden nicht erweichen Sie wurden getrennt Eugenie um in ihre Zimmer
zurückgebracht zu werden Johannes um am nächsten Morgen wie ihm Erasmus
ankündigte seine Strafe zu empfangen«
    »Dieser Morgen kam Johannes ward gebunden in die Schlosshalle geführt Dort
waren bereits der Graf und seine ganze Dienerschaft nebst zahlreichen Knechten
versammelt Eugenie wurde mit Gewalt auf die Gallerie geschleppt und dort
festgehalten Hierauf verurteilte Erasmus den ehemaligen Hofmeister seines
Sohnes zu der für einen Freien entehrenden Strafe des Blockes die er sogleich
erlitt Während derselben ward Eugenie als tot fortgetragen Nachdem Johannes
in ohnmächtiger Wut diese Strafe überstanden hatte befahl der Graf «
    »Sie stocken O ich bitte Sie« rief Herta »beendigen Sie diese
fürchterliche Geschichte«
    »Verzeihen Sie meine Schwäche« nahm der Fremde nach kurzer Pause abermals
das Wort »Es gibt Erlebnisse die schon in der Erinnerung auf einen Mann wie
tödtendes Gift wirken  Nun« sagte er »der Graf befahl den Geliebten seiner
Schwester draußen im Schlosshofe an den Pfahl zu binden der für die Leibeigenen
als Pranger dient ihm den Rücken zu entblössen und für seine Freveltat mit
Ruten zu hauen Er nannte das den Lohn für die im Dienste seines Hauses
geopferten Nächte auszahlen«
    Dem Fremden versagte die Sprache Er hatte diese letzten Eröffnungen kaum
verständlich geflüstert
    »Und Graf Erasmus« fiel Herta ein »nicht wahr er ließ es bei der
schrecklichen Drohung bewenden«
    »Nein« versetzte mit eisiger Kälte und furchtbarem Aufflammen seiner tief
liegenden Augen der Fremde er sah der Vollziehung der grausamen Strafe mit
Wohlgefallen zu Als der Unglückliche sie überstanden hatte ohne vor Schaam zu
sterben oder vor Wut den Verstand zu verlieren sagte er zu Johannes »Jetzt
hab ich Ihn ganz in Gold fassen lassen Er kann nun gehen wohin Er will und
von der Münze des Grafen Boberstein leben oder damit Handel treiben Jagt den
Schurken hinaus und wenn er sich noch einmal im Bereich meines Schlosses
blicken lässt so erhält er dieselbe Belohnung wie heut«
    Johannes ward losgebunden Mit todtenbleichem Gesicht und fast brechendem
Auge kehrte er sich zu seinem Henker und sprach
    »Ich werde Ihr Gold auf Zinsen legen Herr Graf und Ihre Güter damit
aufkaufen«
    »Am Ufer des Sees in der Heide setzte man den todtwunden Mann nieder
Mühselig schleppte er sich fort bis in eine Köhlerhütte Dort fand er Hilfe und
den Trost guter Menschen denn sie waren arm und hatten noch ein Herz Acht Tage
raste Johannes im Fieber Als er wieder zur Besinnung kam und langsam genas war
sein pechschwarzes Haupthaar grau geworden Kummer und Schande hatten einen
Greis aus ihm gemacht Aber die Rache erhielt ihn jung stärkte seine Muskeln
stählte seine Nerven wieder und ließ ihn der Geliebten gedenken «
    »Es vergingen Wochen ehe Johannes von Eugenien hörte Das arme Mädchen
hatte die gewaltige Seelenerschütterung überstanden Sie war gesund geblieben
vielleicht nur weil sie ein Pfand der Liebe mit ihrem Herzblut nährte Erasmus
ließ die Unglückliche in ein entferntes Haidedorf schaffen Dort entdeckten sie
Johannes Pfleger die Köhler und brachten ihm Nachricht Er sah sie wieder
als sie eben eines zarten Mädchens ihres schönsten Ebenbildes genesen war Sie
nannte das Kind Herta und starb am Tauftage desselben Von neuem Schmerz
ergriffen rannte Johannes in den dichtesten Wald Als er zurückkam war Herta
verschwunden Er sah sie nie wieder obwohl er ahnen konnte dass Graf Erasmus
die Neugeborene entführt haben würde «
    Herta drückte schluchzend ihr Gesicht in die Sammetkissen der Ottomane Der
Fremdling betrachtete mitleidig die Weinende Als sie ruhiger ward rief er sie
bei Namen sie richtete sich wieder auf und sah ihn groß und teilnehmend mit
ihren glänzenden Rehaugen an
    »Johannes begrub Eugenien« fuhr er fort »und nichts blieb ihm übrig von
der Unvergesslichen als ihr Bild das sie ihm in der ersten glücklichen Nacht
geschenkt hatte«
    »Mein armer armer unglücklicher Vater« rief Herta »O sagen Sie bester
Mann sagen Sie wenn Sies wissen welch Schicksal ist ihm gefallen nach so
viel Schmerz und Erdenjammer«
    »Er verscholl in dem Andenken der Menschen« sagte der Fremde mit
feierlichem Ernst »und hat dem Grafen Wort gehalten«
    Wieder blickte das Mädchen verwundert zu ihm auf »Er hielt Wort«
wiederholte sie »Und kennen Sie ihn Hat er Sie gekannt«
    »In seinem Namen bin ich hier«
    »Gott Gott mein Vater lebt« rief Herta und erhob mit entzücktem Blick die
Hände zum Himmel
    »Durch mich lässt er seine Tochter grüßen« fuhr der Fremde fort immer
feierlicher sprechend »und ihr sagen dass die Stunde gekommen sei wo der
Schutzengel von dem Hause der Grafen Boberstein weichen wo die Rache für die
Härte des Grafen Erasmus und für die noch schmählichere Schandtat seines Sohnes
beginnen werde«
    »Himmlischer Vater Sie wissen« stammelte Herta
    »Ich weiß Alles Herta aber ich zürne Dir nicht noch verdamme ich Dich
Ich komme nur um Dich zu retten«
    »Und wer sind Sie« fragte ahnungsvoll das zitternde Mädchen
    Der Fremde griff in seinen Busen und hielt ihr das Bild Eugeniens entgegen
    »Meine Mutter« lallte sie sanft und durch Tränen lächelnd indem sie die
zarten Hände nach dem teuren Medaillon ausstreckte »Mein Vater schickt es mir
dass ich Ihnen vertrauen soll  O wie gut wie lieb «
    »Herta« rief mit von Tränen unterdrückter Stimme der Fremde und breitete
seine Arme gegen sie aus »Herta ich bin Dein Vater bin der unglückliche
Johannes«
    Von dem lauteren Gespräch geängstigt trat jetzt Emma ins Zimmer Sie fand
Herta in den Armen des Fremden an seinem Halse seinen Lippen hangend Sie trat
näher zu der Gruppe und berührte mit leisem Finger die Schulter ihrer
Gebieterin
    »Es regt sich im Schloss« flüsterte sie ängstlich »Irgend ein Diener muss
noch wach sein«
    »Ich danke Dir gutes Mädchen für Deine Warnung« versetzte Johannes eben
so leise noch immer seinen nervigen Arm um die wiedergefundene Tochter
schlingend »Begleite mich« fuhr er dann fort »denn nicht lange mehr wirst Du
hier geborgen sein Die Leibeigenen haben sich erhoben und vielleicht schon in
wenigen Stunden beginnt ihr Rachewerk Von ihnen erfuhr ich Dein Schicksal und
beschloss Dich zu retten Dir Deinen Vater wieder zu geben  Du zitterst
Herta Du schwankst Solltest Du Magnus «
    »O still still Ich hasse ich verachte ihn«
    »Er wird Dich zur Gemahlin begehren«
    Herta nickte matt mit dem müden Haupt
    »Er fällt von meiner Hand wenn er es wagt nochmals um Dich zu werben«
    »Er tut es nicht mehr« sagte Herta sanft
    »Du darfst ihn nicht sehen nicht mehr sprechen Komm Es ist die höchste
Zeit Schon naht die Mitternachtsstunde«
    Leise entwand sich Herta den Armen ihres Vaters »Lass mich hier« bat sie
mit dem rührenden alle Herzen bewältigenden Ton ihrer Silberstimme »Erasmus
mein Onkel der so hart an Dir gehandelt und der mich dafür so innig geliebt hat
und über mein Unglück gestorben ist Erasmus ist noch nicht bestattet Lass mich
an seinem Sarge für ihn und für uns Alle beten dann komme wieder und fordere
mich von Utta«
    »Es geht nicht« sagte Johannes mit steigender Unruhe »Ich kann nicht
wieder kommen Wer weiß  «
    »Wo wohnst Du« fragte kindlich fromm die Tochter dem Vater die starken
grauen Haare aus der finsteren Stirn streichend
    »Tief tief in der Heide«
    »Nun so komme ich selbst zu Dir Die Heide liebe ich ich bin bekannt bei
Köhlern und Bauern Ich frage mich durch sie hindurch bis zu Dir«
    »Aber Herta«
    »Vater es muss so sein Mein Herz gebietet es und das wirst Du nicht kränken
wollen«
    »Nun so bleib« erwiderte Johannes entschlossen »Aber hab Acht Sollte
sich etwas Außerordentliches ereignen dann halte Dich bereit Flüchte durch
diesen Gang der uns Allen verhängnisvoll war bis an das Ufer des Sees und
Dein Vater wird Dich erretten  Jetzt gute Nacht liebe holde süße Tochter«
    »Gute Nacht mein armer Vater« hauchte Herta umschlang nochmals den
starken Mann und ließ erst von ihm als er mit einem Fuße auf der Schwelle des
geheimen Ganges stand Als die Tür zufiel sank sie Enma still weinend in die
Arme
 
                                Fünftes Kapitel
                                 Der Aufstand
Der auf diese Nacht folgende Tag war ein Hofetag Alle wendischen Bauern und
Gärtner mussten mit ihrem Gespann in die Heide um Holz auf den Zeiselhof zu
schaffen Obwohl der Befehl dazu erst am letzten Abend an sie ergangen war
gehorchten sie ihm doch Alle wie gut geschulte Hunde dem Wink ihres Herren Sie
waren so an blinden Gehorsam gewöhnt dass der Begriff eines freien Willens gar
nicht in ihnen aufkommen konnte Und solch blindes Gehorchen war noch möglich in
demselben Augenblicke wo der ganze Stamm gegen den grausamen Herrn sich zu
erheben fest entschlossen war Wie tief gewurzelt wie mit dem ganzen Dasein
mit allen Gewohnheiten fest verwachsen musste dieser knechtische Sinn der Wenden
sein Welch entsetzliches Licht fiel gerade dadurch auf die entsittlichende
Leibeigenschaft
    Im tiefsten Walde trafen die Wagenzüge der einzelnen Dorfschaften mit den
verschiedenen Vögten der Herrschaft zusammen Auch die Förster waren versammelt
um den Frohnbauern die Holzschläge anzuweisen Dies waren ungeheure Lichtungen
oder Waldblössen im dichtesten Gebüsch Klaftern trockenen starken
harztriefenden Holzes reihten sich an Klaftern von hohen in die lockere Erde
getriebenen Pfählen gehalten Dazwischen lagen ausgerodete Stöcke die mit ihren
gewundenen Wurzeln gleich sich bäumenden Riesenschlangen in die Luft griffen
Baumstümpfe vor Alter verwittert und mit rötlichem Moos überwachsen hockten
in den abenteuerlichsten Gestalten wie unheimliche Geister oder greise Wächter
des Waldes zwischen den leuchtenden Scheiten Der Boden voll tiefer
Aushöhlungen und brüchiger Stellen war mit moderduftigen grauweissen Schwämmen
oder mit riesigen Fächern großer Tüpfelfarren bedeckt deren zarte
durchsichtige in brennendem Rot glimmernde Fasern rastlos im Morgenwinde auf
und niederwogten Rotbraune und schwarze Schnecken die weißen zierlich
gewundenen Häuser auf ihren klebrigen Rücken kletterten langsam auf die breiten
Mooshäupter der erstorbenen Baumstümpfe und legten silberglänzende Streifen um
die finsteren krausen Stirnen dass sie in dämmerndem Lichtschein mit blitzenden
Diademen gekrönt schienen Schwärme munterer Goldammern mit gelblich
schimmernden Brustfedern flogen zwitschernd auf und sanken in kleineren
Geschwadern wieder nieder um hüpfend und flatternd die gefällten Tannen zu
beschauen und aus Baumerde und Pflanzenleichen ihre Nahrung zu picken
    Es war ein heiterer stiller Herbsttag Die Waldung rauschte harmonisch in
mildem Luftzuge ähnlich dem Meere wenn es bei ruhigem Wetter nur säuselnde
Schaumbrandungen an den Strandwänden hinaufrollt als tauchten gaukelnde
Wassergeister aus der Tiefe auf und mühten sich in ergetzendem Spiele ab die
harte starre Erde zu erklimmen Manchmal rauschte in sausendem pfeifendem Fluge
ein Schwarm wilder Gänse oder in ägyptischer Hieroglyphengestalt die Pfeilwolke
eines Storchgeschwaders über die Lichtung
    Ohne diesen alltäglichen Erscheinungen die geringste Aufmerksamkeit zu
widmen begaben sich die Wenden an ihre Arbeit In Gesellschaft verrichtet dies
sinnlich heitere Völkchen auch die schwerste Arbeit stets unter Gespräch
Gesang Gelärm Auch an kräftigen Flüchen gebricht es ihrer Sprache nicht wenn
das Zugvieh nicht gehorchen will oder wenn irgend etwas am Wagen zerbricht Ohne
derartiges Unglück sind Holzfuhren nicht wohl denkbar Bald bricht eine Achse
bald ein Ortscheit bald stürzt der ganze Wagen in eine verdeckte Grube und
Stunden mühsamer Arbeit reichen oft nicht hin die schwere Last abermals
aufzuladen die scheu werdenden Tiere zu bändigen und vor Schaden zu behüten
Förstern und Vögten fiel es daher auf dass alle Bauern an diesem so schönen und
für einen Herbsttag in der Heide milden Morgen überaus wortkarg ja völlig stumm
waren Alle sahen finster und mürrisch aus und verrichteten die Arbeit mit einem
gewissen Verdruss mit einem Widerwillen den sie noch niemals gezeigt hatten
Die Aufseher schrieben diese ungewohnte Niedergeschlagenheit auf Rechnung des
unerwarteten Todesfalles denn es war bekannt dass die meisten Haidebauern den
alten Grafen wahrhaft geliebt hatten da sie von ihm nicht in dem Sinne bedrückt
worden waren wie sie den Begriff der Bedrückung überhaupt fassten
    Bis an den Hals in ihre groben meistenteils schmierigen Schaafpelze
gehüllt eine blau und rot geränderte Zipfelmütze auf dem langen Haar welche
die Meisten noch über die Ohren herabzogen wodurch der Ausdruck ihrer Gesichter
etwas Stupides bekam so räumten sie die aufgeschichteten Klaftern ab und
beluden damit ihre nicht immer sehr standhaften Wagen Nicht einmal die
Branntweinflasche die der Wende doch sonst immer in der Sacktasche seines
Pelzes führt machte heut die Runde
    War es nun dass in Folge der Nüchternheit Aller durch nutzloses Lärmen und
Reden keine Zeit verloren wurde oder weil die größere Anzahl derselben am Abend
dieses Tages nach Boberstein zu wandern beabsichtigte um die Leiche ihres
bisherigen Herrn auf dem Paradebett zu sehen und nach Sitte und Herkommen durch
stilles Umwandeln des Sarges von ihm Abschied zu nehmen genug sämtliche
Frohnbauern verließen in verhältnismäßig kurzer Frist den Holzschlag Auch auf
den schlechten hundertfach durchkreuzten Wurzelwegen und in rollenden
Sandtiefen geschah wider Aller Erwarten kein Unfall Die zuerst im Walde
erschienenen Bauern langten schon in der Mittagsstunde auf dem Zeiselhofe an und
um zwei Uhr des Nachmittags war auch der letzte Wagen abgeladen Für das
Unterbringen und Aufschichten des eingebrachten Winterholzes hatten die
Hofeknechte zu sorgen Auch diese waren rasch zur Hand und betrieben das wenig
schwierige Geschäft mit liederlicher Eile da der Voigt noch immer krankte und
der erste Knecht welcher an des Voigtes Statt die Aufsicht führte kein
strenger Herr war 
    Um die siebente Abendstunde wo in der erwähnten Jahreszeit aus allen
Haidedörfern die von Wenden bewohnt werden die freundliche Flamme der
Heerdfeuer über das Blachfeld leuchtet sah man an diesem Tage die flackernden
Kienlohen erlöschen Dann traten die Männer in Pelzen mit Hacken Heugabeln
oder Knütteln bewaffnet aus ihren niedrigen Häusern Viele begleitet von Frauen
und Mädchen die in ihre weissleinenen Regentücher gehüllt gleich wandelnden
Gespenstern schweigsam durch Nacht und Dunkel schwebten
    Auf verschiedenen Wegen wie sie jeden Hausbesitzer in unmittelbare
Verbindung mit seinen Saatfeldern setzen verloren sich die stummen Wanderer in
die Heide deren schwarze Wand von flackernden Sternen matt beglänzt
sämtliche Dörfer umschloss
    Erst unter den rauschenden Stämmen fanden sich Bekannte und Freunde zusammen
und schritten nun truppweise immer tiefer in die Heide hinein Unter einer
dieser kleinen Abteilungen begegnen wir Sloboda und Ehrhold Klemens und dem
Maulwurffänger denen sich einige verhüllte Frauengestalten anschlossen
    »Es bleibt doch immer ein Wagstück Freund« sagte Jan zwischen Heinrich
und Ehrhold auf unsichtbaren Pfaden grad nach Norden rüstig fortschreitend
»Lässt uns jetzt Dein Lips im Stiche so sind wir ohne Gnade und Barmherzigkeit
verloren und unsere Rücken werden es dann vier Wochen lang spüren«
    »Ich tausche mit Dir wenns dahin kommt« erwiderte der Maulwurffänger
»Zweifle doch nicht an dem einmal gegebenen Wort eines solchen Räubers wenn er
nun doch so heißen soll Will er nicht Alles auf sich allein nehmen und sollt
Ihr ihn nicht bloß schützen«
    »So sagt er und weil Du für ihn bürgst gehen wir jetzt auf Wegen der
Finsternis«
    »Sie werden zeitig genug licht werden Aber wo sind wir«
    »Zwischen den Torfteichen« sagte Ehrhold »Der große Holzschlag wo vor
zehn Jahren der schreckliche Windbruch war liegt noch eine halbe Stunde
seitwärts Wir müssen die Sandhöhe hinauf und mitten durchs Dickicht wenn wir
zur rechten Zeit eintreffen wollen«
    »Nur vorwärts« drängte der Maulwurffänger »Was uns hinderlich ist wird
niedergesäbelt Ohne Stich und Hieb geht es ja doch nicht ab«
    Der Trupp zog weiter Einzeln stets Einer hinter dem Andern mussten sie
sich durch die verwilderte Heide winden Oft war der Wald so dicht dass Keiner
den Andern erkannte Stamm rieb sich an Stamm und bei der Umschlingung dieser
Riesenbäume fuhren Töne durch die Luft wie Seufzer dass auf den wankenden
Ästen deren Nadelbehänge in der Luft raschelten das zur Nachtruhe
niedergefallene Geflügel kreischend und purrend wieder auffuhr Zuweilen liefen
an zerborstenen Fichten ein paar blitzende Funken bis in die schwarzen Kronen
hinauf und sahen glänzend hinab auf die späten Wanderer Es waren Eichhörnchen
deren muntere Aeuglein so seltsam leuchteten Dann riss wieder plötzlich der
schwarze Nadelvorhang über ihren Häuptern und ein Stück blauschwarzen Himmels
mit Sternen umsäumt und ausgeschlagen lauschte herein bis ein weißer
glänzender Streif mit nickender Krone und abwärts wehenden Dunständen in
ungeheuerlicher Bildung sich über die ruhige Klarheit des Sternenhimmels schob
Wo aber die Bäume weit auseinander traten an Moorbrüchen sumpfigen Waldbächen
und kleinen Wiesen da hingen graue Schleier um ihre Hüften die sich bald
verlängerten bald verkürzten bald über die finstere Erde rollten bald zu
einem Dome sich ausbreitend eine feuchte flatternde Dunstwölbung über die Heide
bauten Füchse Wiesel und anderes Getier schoss raschelnd über den Weg
buntgefleckte Schlangen glotzten mit stechenden Augen aus feuchten Laubschobern
die von dem vielen Unterholz sich angehäuft hatten und Molche und Eidechsen
hingen in zahlloser Menge an bemoosten Marksteinen und auf großen gelben Pilzen
    Dies ungewohnte Leben der Heide bei Nachtzeit machte nicht selten die Wenden
stutzig denn obschon Alle vertraut waren mit der Natur der Heide und ihren
Schauern gebrach es ihnen im Allgemeinen doch zu sehr an Bildung um natürliche
Erscheinungen sich natürlich zu erklären Deshalb schritten auch die Weiber
ununterbrochen betend den Männern nach Denn wenn die seltsam geformten Nebel
mit den mattleuchtenden Säumen plötzlich vor ihnen auftauchten wie aus tiefem
Schlunde oder in eilender Schnelle gegen sie heranzogen und dann wie
erschrocken zurückweichend in hundert Schlangenwindungen zur Seite rollten
glaubten sie sich umlauert von bösen Geistern bedroht von Gewalten finsterer
Dämonen
    Nach mühsamer Wanderung erreichten unsere Freunde in der neunten Stunde den
Windbruch Dies war ein waldfreier Platz in der Heide von einer halben Stunde im
Durchmesser Er bot jetzt einen seltsamen Anblick in der kühlen Herbstnacht die
kein Mond erhellte Spärliche Sternenfunken flimmerten nur stellenweise mit
mattem Glanze aus phantastischen Wolkenpalästen
    Von allen Seiten der ringsum schliessenden Heide wankten schwarze Gestalten
und grauweisse Schatten die in unklarer Ferne zu riesiger Größe anwuchsen gegen
die Mitte der Lichtung Hier drängte sich ein schwarzer Knäuel verworrener
Menschen umgeben von einem Halbkreise weißer Statuen die auf Blöcken
vermoderten Wurzelstöcken und halb zerbrochenen Stämmen regungslos dasassen von
dem roten Schein eines knisternden Feuers das pechschwarze Rauchwolken gen
Himmel wirbelte grell beleuchtet Diese Gestalten waren die wendischen Frauen
und Töchter der Leibeigenen in ihren schimmernden Regenmänteln Ein monotones
Gesurr vieler Stimmen trug der Luftauch unsern Wanderern entgegen Weitin über
die Lichtung glühten zahllose dunkle Flammen als ob unterirdische Erdgeister
riesige Leuchten aus ihren Höhlen emporhielten Hie und da wälzte sich auch in
gleich düsterer Brandfarbe eine endlose Schlange am Boden deren Kopf in vielen
gleichfalls leuchtenden Hörnern endigte Diesen Spuk verursachten die vielen
verfaulten Baumstümpfe und vermoderten Bäume mit ihren Wurzeln deren feuchtes
Holz jetzt in der Finsternis phosphorescirte
    Nach dem Feuer inmitten des Windbruches führte der Maulwurffänger seine
Freunde Sie wurden mit dumpfem Zuruf begrüßt von diesem und jenem Bekannten
mit einem treuherzigen Handschlage Nach und nach wuchs die Schaar der Wenden
auf einige tausend an die sie begleitenden Frauen mitgerechnet In der Mitte
dieses Menschenhaufens saß der Fürst des Waldes vom Volke der braune Lips
genannt mit seinem eigentlichen Namen wie wir wissen Johannes Hertas
unglücklicher Vater
    Er trug die Kleidung eines vornehmen Oberförsters war aber außer seinem
Hirschfänger noch mit doppelläufiger Büchse und mehreren Pistolen bewaffnet Ihm
zunächst kauerte auf einem Steine der schlanke Jüngling mit dem abscheulichen
Spitzbubengesicht Hinter ihm lehnte der hübsche stille Mann der bei Heinrichs
Besuche im Raubhause Knebel geschnitzt hatte Alle diese so wie die meisten
übrigen Männer die zu des Haidefürsten Hofstaate gehörten und seinem Wink ohne
Säumen gehorchten trugen Jägerkleidung Es war eine Schaar von wenigstens
hundert der verwegensten Männer tollkühn beutegierig lechzend nach Brand und
Plünderung  das gefürchtete wilde Heer der Heide das ungeahnt ungesehn in
trüber Nacht die Mauern der Edelhöfe überstieg in die Schlösser eindrang und
die kostbarsten Kleinodien entführte Nie hatte diese Schreckensschaar einen
Mord begangen dafür aber wurden die Überfallenen wenn sie als harte Gebieter
verschrien waren auf grausame Weise geknebelt nicht selten mit Peitschenhieben
zerfleischt und jede bald erscheinende Hilfe mit berechnender Schlauheit fern
gehalten Dies war die Rache Johannes für die ihm zugefügte Beleidigung
    Keiner dieser Männer war verheiratet Jeder stand ganz allein hatte nur
für sich zu sorgen und gehorchte dem Fürsten wie Lips von seinen Genossen ohne
Ausnahme genannt ward Da sie zum größten Teil der Meinung waren dass ihr
Gewerbe kein unehrliches schändliches und verbrecherisches obwohl ein
verbotenes sei so brüsteten sie sich gern mit ihren Taten und lebten wie
dies bereits angedeutet worden ist, mit dem armen Volk auf vertrautem Fuß Ihr
sie beherrschender und mit entschiedener Geistesüberlegenheit leitender Anführer
hatte ihnen ob aus Überlegung oder weil er sich größeren Erfolg davon
versprach mit leichter Mühe eingeredet dass sie weiter nichts wollten als das
entsetzliche Unrecht der herrschenden Besitzer ausgleichen Deshalb ward nach
jeder glücklich vollführten Beraubung eines Reichen der zehnte Teil des
geraubten Gutes in irgend einem Gotteskasten niedergelegt wo es der Armut
wenigstens zu Gute kommen konnte Der Rest ward unter sämtliche Räuber gleich
verteilt Johannes selbst duldete nicht einmal dass ihm ein Mehr von der Beute
zufiel Dagegen gestattete er den Vorschlag eines willkürlichen Geschenkes von
Seiten der Bande das ihm zu Anfange jeden Vierteljahres überreicht ward So
bestand unter dieser Gesellschaft eine Verfassung die in freilich sehr roher
Gestaltung und vielleicht ohne dass irgend einer derselben darüber nachgedacht
hatte die Idee einer möglich gleichen Verteiluug des Vermögens wie der Arbeit
zu verwirklichen suchte
    Als man annehmen durfte dass die unter dem Grafen stehenden Leibeigenen zum
größten Teile auf der Waldblösse versammelt waren erhob sich der Fürst der
Heide und winkte den Maulwurffänger nebst seinen Gefährten zu sich
    »Euch bin ich Dank schuldig wackerer Mann« sagte der Räuber dem
schlichten Manne aus dem Volke die Hand schüttelnd »Ihr seid nicht müßig
gewesen wie mich diese zahlreiche Versammlung lehrt und so wäre es nun wohl an
der Zeit vom Warten zum Handeln überzugehen  Wo ist Jan Sloboda«
    »Hier ist der unglückliche Vater« versetzte der Wende vortretend und seinen
Hut lüftend
    Johannes sah den riesenstarken Mann eine geraume Zeit mit seltsamen Blicken
an dann sagte er mit einer Stimme in der schmerzliche Wehmut nachzitterte
»Ihr kennt Fräulein Herta«
    »Sie war die Wohltäterin meiner Tochter Möchte sie noch recht viele
sonnige Tage erleben recht glücklich werden wie sies verdient Ja Herr meine
armen Augen tragen ihr Bild immer mit sich herum«
    »Wollt Ihr mir zur Seite bleiben um im Fall der Not das Fäulein aus
Magnus Händen zu befreien«
    »Ich werde Euch nicht verlassen bis der Engel der Armen in Sicherheit ist«
    »Und ich trenne mich nicht von Euch« rief Klemens »Auf diesen meinen Armen
will ich sie trockenen Fadens über den See in die Heide tragen«
    »Dann gehe auch ich mit« sagte Ehrhold »Haideröschen bedarf heut keines
männlichen Schutzes«
    »Und was gedenkt unser wackerer Freund zu tun« wandte sich der Räuber an
Heinrich
    »Gebt mir keinen Auftrag wenn Ihr mich lieb habt« versetzte der
Maulwurffänger »Mit dem Pariren hab ich mein Lebtage nichts anzufangen gewusst
Wenn Ihr mir aber erlauben wollt nach meinem Gusto unter Euch allen
herumzufahren wie das Gewürm dem ich nachspüre so kann ich manchen Nutzen
stiften Ein Raufbold oder Kriegsheld bin ich meines Wissens nicht Die Kourage
sitzt bei mir mehr in den Augen als in den Händen obwohl ich als junger Bursche
meine Tachteln1 zuweilen mit gutem Erfolge ausgeteilt habe  Besser jedoch ist
es Ihr überlasst mir in dieser Nacht die Wahl meiner Tätigkeit selbst
Faullenzen werd ich meiner Seele nicht sonst wär ich lieber gleich hinterm
Ofen sitzen geblieben«
    Johannes fügte sich ohne Weiteres in Heinrichs Bedingungen und kehrte sich
nunmehr zu seinen Vasallen
    »Waldbrüder« redete er sie an »Heut bei Sonnenuntergang erfuhrt Ihr von
mir welche Verbrechen der Graf Magnus von Boberstein an der wehrlosen Unschuld
verübt hat Ihr wisst wen zu rächen ich Euch versammelt habe weshalb diese
Schaar rechtlos unterdrückter Männer zu uns gestoßen ist Es soll heut Nacht ein
Anfang gemacht werden mit Bestrafung herrischer Bosheit und schützt uns der
Vater der Nacht und der Geist gerechter Vergeltung dessen Stimme an mich
ergangen ist so wird unsere Rache eine segenreiche sein Nur keine Freveltat
Keinen Mord An unsern Händen darf kein Tropfen Menschenblut kleben Wir sind
die Schergen der Nemesis die unsichtbar über uns waltet Wo wir in ihrem Namen
auftreten da geschieht es zur Herbeiführung eines besseren Zustandes auf Erden
Schwört dass sich Keiner frevelnd vergehen Keiner etwas Anderes tun will als
was ich ihm befehle«
    Die Räuber schworen ohne Zaudern
    »Zwanzig von Euch die zuletzt in unsern Bund getreten sind bleiben zurück
um die Frauen zu schützen« fuhr Johannes fort »Ihr erwartet uns was auch
geschehen mag an der Streu wo wir jüngst übernachteten bis ich das Zeichen
gebe«
    Ohne Murren traten zwanzig der Räuber zurück die Übrigen warfen ihre
Büchsen über die Schultern und ordneten sich in Reihe und Glied
    »Zündet einige Kienfackeln an« befahl der Räuber »und haltet die
Wergballen bereit«
    Blitzschnell lohten die harzigen Brände in dem niedergebrannten Kohlenstosse
auf
    »Folgt mir in tiefstem Schweigen« rief Johannes und schritt umgeben von
den drei Wenden und Heinrich über die Lichtung dem Walde zu in dem nach einer
Viertelstunde die Kienfackeln wie funkelnde Leuchtkäfer verschwanden Hinter den
Räubern in dicht gedrängten Schaaren folgten die Leibeigenen ihre Angehörigen
dem Schutz der vereideten Söhne der Heide überlassend
 
                                    Fußnoten
1 Ohrfeigen
 
                               Sechstes Kapitel
                                Der Haidebrand
Auf Boberstein trafen an diesem Tage zahlreiche Verwandte des verstorbenen
Grafen ein um am nächsten Morgen dessen feierlicher Beisetzung in der
Familiengruft des Schlosses beizuwohnen In der uns bekannten Schlosshalle ruhten
auf schwarzem Katafalk die sterblichen Überreste des Toten Die Halle war mit
schwarzem Tuch ausgeschlagen schwarze Gardinen verhüllten die Fenster den
Fußboden bedeckten schwarze Teppiche Auf prächtigen Kandelabern von gediegenem
Silber ein Familienerbstück des Hauses Boberstein brannten flimmernde
Wachskerzen und verbreiteten Tageshelle in der sonst so düstern Halle Die
Dienerschaft ging in tiefer Trauer mit langen wehenden Flören um Arm und Hut
    Es war festgesetzt worden dass von Anfang der Ausstellung bis zum Augenblick
der Beisetzung eine Ehrenwache von sechs Männern in der Tracht trauernder
Knappen den Sarg umgeben sollte Diese Männer waren der Dienerschaft entnommen
und unterzogen sich dem traurigen Loose von Abends sieben Uhr an Um diese Zeit
nahten sich auch die Verwandten des hohen Verstorbenen in ernster Haltung um
durch Auflegung ihrer Hände ihm die letzte Ehre zu erweisen Diesen langen Zug
tief trauernder Gestalten eröffnete Graf Magnus mit seiner Mutter Utta Gebückt
einsam in düstere Gedanken versenkt folgte Herta Sie begnügte sich nicht mit
bloßer Berührung der Hand des Toten Sie warf sich nieder auf die Stufen des
Katafalkes und betete innig und heiß für die Ruhe des Grafen für Vergebung
seiner frühern Vergehen für das Wohl ihres wiedergefundenen ihr noch so
unbekannten Vaters und für Bekehrung ihres wüsten boshaften Vetters Nachdem
sie so ganz ihr Herz vor Gott ausgeschüttet hatte kehrte sie mit den übrigen
Leidtragenden wieder zurück in die oberen Gemächer ohne jedoch in deren
Gesellschaft die Abendstunden zuzubringen Sie zog es vor auf ihrem Zimmer nur
von Emma umgeben die Mitternacht heranzuwachen
    Es befremdete die verwittwete Gräfin dass von den Untertanen eine
verhältnismäßig nur sehr geringe Anzahl im Schloss erschien um ihrem
verblichenen Gebieter die letzte Ehre zu erweisen Die Leibeigenen waren
eigentlich dazu verpflichtet indem es die Sitte im Hause Boberstein erheischte
dass der jedesmalige Erbe der Herrschaft den durch das Ableben ihres bisherigen
Gebieters gleichsam Verwaisten mittelst Darreichung seiner Hand zum Kusse von
Neuem Schutz verhieß und sie als rechtmäßig ererbte Untertanen anerkannte Am
Katafalk seines Vaters war die Aufrechtaltung dieser Sitte für Magnus eine
Unmöglichkeit denn außer einigen zitternden Greisen die längst keine Dienste
mehr tun konnten und unter Seufzen und Beten dem Grabe zuwankten befanden sich
unter den Leibeigenen die zur Leichenschau kamen bloß heulende Weiber und
neugierig gaffende in zerlumpten Kutten und Pelzen steckende Kinder
    Über solche Nichtachtung alter Gebräuche der jetzt ihm zugefallenen
Leibeigenen war Magnus höchlichst empört Er konnte nicht zwifeln dass ihm
allein diese Opposition gelte dass die ehemaligen Untertanen des Vaters seinen
Schutz gar nicht begehren wollten Deshalb beschloss er in stillem Grimme der
oft seine stechenden Augen unheimlich machte unmittelbar nach der Bestattung
sämtliche Untertanen auf das Schloss zu rufen und daselbst ein allgemeines
Strafgericht über sie ergehen zu lassen Worin dies bestehen sollte darüber war
er mit sich selbst noch nicht einig
    Noch vor neun Uhr waren Halle und Schlosshof von Zuschauern leer Nur die
wachehaltenden Diener standen am Sarge in welchem Graf Erasmus der Ewigkeit
entgegenschlief
    Da stieg Herta nochmals die geschnitzte Wendeltreppe hinab beugte sich noch
einmal über den Toten und küsste die kalten bläulichen Lippen Am Sarge kniend
und wieder heiße Gebete lallend ließ sie ihren Tränen freien Lauf Keiner von
den Dienern störte die Trauernde in ihrem Schmerz Sie traten schweigend zurück
selbst gerührt von der Andacht des schönen Mädchens das mit wahrhafter
Kindesliebe an dem Greise gehangen hatte Wohl eine Viertelstunde mochte Herta
geweint und gebetet haben als sich über der Halle ein lebhaftes Hin und
Widergehen bemerklich machte Dies weckte sie aus ihrer Versunkenheit Die
Tränen sich von den seidenen Wimpern trocknend verließ sie den Katafalk und
ging nach der Treppe Hier kam ihr Emma eiligen Laufes entgegen bleichen
Schreck auf ihrem hübschen Gesichtchen
    »Was ist Dir meine Liebe« sagte Herta weich die treue Dienerin umfassend
    »Ach gnädiges Fräulein« versetzte die Zofe atemlos »die Herrschaften sind
recht bestürzt Denken Sie es ist ein großes Feuer in der Heide Es muss ein
ganzes Dorf brennen«
    »Beruhige Dich mein Kind« gab Herta zur Antwort »ist es wie Du sagst so
werden die Nachbarn gewiss herbeieilen und den Bedrängten beistehen Auf welcher
Seite ist der Brand«
    »Gegen Süden Graf Magnus besorgt es möge der Zeiselhof sein Die gnädige
Frau Gräfin kann ihn kaum zurückhalten Sie will Boten absenden um sichere
Nachricht zu erhalten«
    »Lass uns sehen« sagte Herta »Von meinem Zimmer aus muss die Feuerstätte
grade zu überschauen sein«
    Als die beiden Mädchen dieses erreichten erlosch fast der Schein der Kerzen
in der lichten Glut die durch die hohen schmalen Bogenfenster hereinschlug
Herta öffnete das Fenster und betrachtete Feuerschein und Zug des Rauches der
von ihm aufstieg Der Anblick war eigentümlich voll schauerlichen Reizes
Über der schwarzen Linie der Heide hoben und senkten sich Wogen glänzender
Flammen die oft wie Riesenhände in den dunkeln Nachthimmel hineingriffen oder
in zerstäubenden Garben in brennenden Fontänen aufsprühten Woge verdrängte
Woge es war als bräche aus den fernen Bergen ein Meer von Glut über die Ebene
und wolle nun in bäumenden Sturzfluten Feld und Heide vernichten Über dem
Flammenheerde aber lag eine blutrote schwere Rauchwolke die in wunderliche
phantastische Gestalten zerfahrend langsam höher und immer höher in den Himmel
hinaufwuchs und wie ein glühender Helmbusch sich über die Heide gegen das Schloss
neigte Der schwarze See in der Tiefe strahlte dies ergreifende Bild aus seinem
stillen leis rauschenden Spiegel drohend zurück 
    Geraume Zeit betrachtete Herta mit ruhigem Auge den furchtbaren Brand
Niemals hatte sie noch ein solches Schauspiel gesehen Sie bebte vor der
Majestät des entfesselten Elementes zurück und fühlte sich doch auch wieder von
der Erhabenheit desselben angezogen und ans Fenster gefesselt
    Der Brand wuchs mit überraschender Schnelligkeit nach allen Seiten hin
Immer gewaltiger immer wilder und lodernder sich überstürzend rang Woge mit
Woge Turmhoch spritzten einzelne Feuerstrahlen aus der allgemeinen Flut und
schleuderten Millionen Leuchtkugeln in den blutigen Gischt der sie auf seinen
raschen Schwingen weit in die Ferne trug
    Herta bemerkte jetzt mit Entsetzen dass solch ungeheurer Brand nicht durch
ein in Flammen geratenes Dorf entstanden sein könne Auch war es nicht der
Zeiselhof mit der umliegenden Ortschaft Weit näher wüteten die Flammen und
griffen mit Riesenarmen um sich Das Prasseln Knattern Sausen und Donnern das
immer deutlicher hörbar ward ließ sie erbleichend die Wahrheit erkennen Sie
wendete sich zu der zitternden Emma und sich auf deren Arm stützend sagte sie
    »Gutes Kind führe mich zu Tante Utta damit ich mit ihr rede Wir werden
eine traurige unruhige Nacht verleben denn  die Heide brennt«
    »Die Heide« schrie Emma entsetzt und entriss Herta den stützenden Arm »Die
Heide« wiederholte sie matter tonloser »O Gott und der Wind treibt Rauch und
Flamme gerade aufs Schloss  Wir werden verbrennen müssen wenn Gott nicht ein
Wunder geschehen lässt«
    »Gott wird uns retten« entgegnete vertrauensvoll das hart geprüfte Mädchen
indem sie ihres unglücklichen Vaters gedachte Zugleich aber fühlte sie einen
Stich in ihrem Herzen als durchbohre es ein kaltes Eisen Sie musste sich gegen
die rotflammende Wand lehnen um neue Kraft zu schöpfen »Mein Vater«
flüsterte sie vor sich hin »Sollte dies das Zeichen sein dessen er gedachte
Es wäre entsetzlich  Mein Vater ein verbrecherischer Mordbrenner«
    Indes gab die herannahende Gefahr ihr schnell die nötige Besonnenheit
wieder Sie ermannte sich und trat in die Zimmer der verwittweten Gräfin um
welche die trauernden Gäste sich mit den seltsamsten Gefühlen drängten
    Die Versammlung dieser reich geschmückten in Samt und Seide von tiefstem
Schwarz gehüllten vornehmen Herren und Damen bot jetzt einen eigentümlichen
fast Entsetzen einflössenden Anblick Die schwarzen Gewänder vom Schein der
Flammen in blutiges Rot getaucht  Dieser in vollem Feuerstrom gebadet Jener
nur zur Hälfte von leuchtendem Strahl getroffen  dort eine ältliche Dame deren
abenteuerlicher Haarputz und Gesicht glühte während der übrige Körper von
Vorstehenden gedeckt schwarz und dunkel erschien  hier eine feurige Hand die
schlotternd von verkohltem Arme herabhing  und überall Gesichter voll
Erwartung Furcht Entsetzen mit der Ohnmacht eines schwachen Körpers ringend
oder Flüche zwischen trotzigen Lippen zermalmend  die Augen vorspringend aus
ihren Höhlen glänzend von innerem Grauen und wie glühende Kugeln rollend im
Dunst der roten Lohe  Der Vergleich mit einer Ratsversammlung höllischer
Fürsten in den Prunkhallen ihres Meisters und Herrn lag so nahe dass Herta bei
ihrem Eintritt dieses schauerlichen Gedankens sich nicht erwehren konnte
    Am grellsten lag die Flamme auf Magnus der mit gekreuzten Armen neben seiner
Mutter am Bogenfenster stand und mit unbeschreiblichem Ausdruck in die wirbelnde
Glut starrte Das Auf und Zugehen seiner Nasenflügel zeugte von der
stürmischen Aufregung seines Innern
    Alle Leidtragenden machten ehrerbietig dem schönen Mädchen Platz das so
fest und würdig auf Utta zuschritt Herta legte ihre Hand auf die Schulter der
Tante Diese wendete sich bei der Berührung um und begegnete mit Verwunderung
dem braunen Auge ihrer Nichte Mechanisch die Hand gegen das Fenster
ausstreckend sagte sie
    »Das ist entsetzlich«
    »Der Anblick ist furchtbar meine gütige Tante« versetzte Herta sanft
»wenn jedoch schnell Anstalten zur Bewältigung des Feuers getroffen werden
dürfen wir nichts fürchten«
    »Törichtes Mädchen« warf Magnus ein »was verstehst Du von Gefahr Ich
sage Dir die Heide ist in Brand geraten ein lebhafter Südwind facht die Glut
an und binnen wenigen Stunden werden Hunderte Morgen Waldes in Asche sinken
Gegen Waldbrände vermögen Menschenhände nichts da kann nur Gott helfen«
    »Gott« wiederholte Herta dumpf und mit innerlichem Schauder »Du wagst von
Gott zu sprechen auf Gott zu hoffen und hast doch nie an ihn geglaubt nie
seine Gebote erfüllt  Gott wird Dich in Deiner Not verlassen«
    Magnus kehrte sein zürnendes und von innerer Wut zuckendes Antlitz wieder
dem Fenster zu Das Feuer wuchs von Minute zu Minute Schon sah man es durch die
schwarze Wand der Heide wie goldene Früchte die zur Erde fallen schimmern Als
Schlangen von blendender Helle bald rot glühend bald weisslich wie glühender
Stahl bald blau wie der zündende Funke des Blitzes jetzt langsam am Boden
fortkriechend dann in kühnen wilden Sprüngen von Wipfel zu Wipfel hüpfend und
nun in goldenen Ballen sich mitten durch das Gezweig fortwälzend so zeigte sich
der verzehrende Brand der bereits eine Viertelstunde breit in Form eines an
der Spitze sich ausbreitenden Keiles grade gegen das Schloss vorrückte
    »Ha die Elenden« fuhr Magnus auf und knirschte mit den Zähnen »Jetzt weiß
ich es weshalb sie unterlassen haben zur Leichenschau zu kommen Die
vermaledeiten Schurken haben mir die Heide angezündet um mich zu ruiniren«
    An die Möglichkeit einer solchen Tat hatte bis jetzt von allen Versammelten
noch nicht Einer gedacht Jeder wähnte ein unglücklicher Zufall habe den
schrecklichen Brand entstehen lassen die Flamme sei von Ungefähr durch Köhler
in die Heide gekommen oder sonst auf andere Art Deshalb entsetzten sich Alle
vor dem Ausrufe des jungen Mannes und starrten einander noch verwunderter in die
bestürzten Gesichter
    »Das wäre ja offener Aufstand« sagte ein alter kontrakter Herr der an zwei
Krückenstöcken durch das Zimmer humpelte »Wie mögen Sie an so etwas glauben
mein werter Herrr Vetter Leibeigene sind zu dumm und zu feig um so krasse
Mittel anzuwenden wenn ihnen der neue Gebieter nicht gefällt«
    »Meine teuren Anverwandten« entgegnete Magnus »geben wir uns allesammt
keiner Täuschung hin Wir sehen mit offenen Augen mit Entsetzen im Herzen dass
die Heide in Flammen steht Bleiben wir untätig hier sitzen so wird die Glut
auch uns erreichen Selbst der See wird uns nicht schützen Der Wind jagt die
Flammen über die Türme er wird sie entzünden und über uns zusammenstürzen«
    »Quel horreur« rief eine vornehme Gräfin die so viel Ahnen zählte als
Deutschland Staaten und drei und sechzig Jahre lang ein jungfräuliches Leben
geführt hatte »quel horreur das wäre ja gegen allen Anstand«
    »Eben deshalb meine Gnädige« fiel ihr Magnus in die Rede »lassen Sie uns
keinen Anstand nehmen auf unsere Sicherheit zu denken Folgen Sie mir meine
Herren Vereint mit unserer Dienerschaft werfen wir jenseits des Sees einen
Damm auf damit die Flammen sich nicht am Boden weiter verbreiten können und
reichen Zeit und Kräfte aus so schlagen wir auch Bäume nieder so viel wir
vermögen Hundert Hände und wir gebieten über mehr können in der Stunde der
Not viel leisten Die Damen werden sich inzwischen bemühen unter Anleitung
meiner würdigen Mutter die wertvollsten Familienpapiere und die Kostbarkeiten
des Hauses Boberstein für den Fall einer unausbleiblichen Flucht bereit zu
halten«
    Bei allen großen Fehlern und Lastern die Magnus anklebten und ihm den
tötlichen Hass aller rechtlichen Untertanen zugezogen hatten besaß er doch
Energie und jenen gebietenden Ernst der allem Widerspruch mit einem Worte ein
Ende macht Die Not drängte die Wahrscheinlichkeit, dass Boberstein ein Raub
dieser grauenvollen Feuersbrunst werden könne lag vor Augen und so entschloss
sich denn der größere Teil der hochgeborenen ahnenreichen Trauergesellschaft
zu Hacke und Spaten zu greifen und gegen das verderbliche Element zu Felde zu
ziehen
    Noch war der laut geäusserte Gedanke des jungen Grafen bloße Vermutung denn
sichere Anzeigen von einer planmässigen und voraus berechneten Ansteckung der
Heide waren nicht vorhanden Deshalb glaubten auch nur Wenige an einen Aufstand
der Leibeigenen die Meisten hofften am jenseitigen Ufer Köhler und Haidebauern
zu treffen die mit ihnen vereint das um sich greifende Feuer bekämpfen würden
    Zum namenlosen Entsetzen dieser Sorglosen loderte während ihrer Überfahrt
auf ganz entgegengesetzter Seite eine neue grässliche Feuersäule unfern des Sees
aus der dichtesten Heide auf Zugleich vernahmen die erbleichenden Herren ein
Geschrei so wild so anhaltend so rachlustig dass sie nicht länger an einem
Aufstande zweifeln konnten Den Dienern entsanken die Ruder und auch Magnus
vergaß das Steuer zu lenken Willenlos trieb die Barke auf dem leicht bewegten
wie schäumendes Blut dahin rollenden See
    Es war ein Augenblick dessen Grausen sich nicht schildern lässt  Von allen
Seiten drohte Verderben Tod denn auch auf einem dritten Orte züngelten neue
grässliche Flammenbüschel empor ergriffen die hin und her schwankenden
harzgetränkten Wipfel der Tannen und setzten sie in helle Glut Die boshaften
Feinde des Grafen ihres Anschlages sicher hatten den See umgangen und schürten
das wilde Element mit wahnsinnigem Behagen um das Grafengeschlecht mit allen
Seitenverwandten auf einmal zu vertilgen Denn wer mochte noch zweifeln dass die
Entmenschten den Tod ihrer Gebieter beabsichtigten dass sie den qualvollen
Flammentod über sie verhangen hatten
    Unter diesen Umständen wäre es Torheit gewesen erfolglos gegen ein
Unabwendbares ankämpfen zu wollen Sobald Magnus die neue Gefahr vollkommen bei
sich erwogen hatte und nur in klug veranstalteter Flucht Rettung des Lebens
erkannte ließ er Barke und Fähre die beide mit schwarz gekleideten Männern
überfüllt waren zurück an die Insel rudern Der Haidebrand der jetzt in
ungeheurem Halbkreise wie eine weit geöffnete sich mit grausamer Sicherheit
langsam verengernde Zange um Heide See und Burg legte war schon so nahe
gekommen dass man die Hitze deutlich selbst in dieser Tiefe empfand Die roten
Flammen bildeten eine blendende mehr als turmhohe Mauer und ihre zuckenden
Spitzen verschlangen sich in tausend und abertausend kühnen Ribben und bauten
eine Flammenkuppel über Boberstein durch deren dunstige Wölbung Millionen
feuriger Sterne schossen Zahllose dieser flackernden Brände fielen zischend
nieder in den See oder stürzten prasselnd und wie Pulver knisternd und puffend
auf die bemooste Schieferbedachung der alten Burg
    Als die erschrockenen Männer von denen die Meisten völlig ratlos waren
wieder in die Gemächer der händeringenden und zu keinem Entschluss zu keinem
Geschäft fähigen Frauen traten hatte sich die Szene völlig geändert Die Heide
brannte so weit dass man den unermesslichen Heerd der Flammen aus den Fenstern
des Schlosses nicht mehr übersehen konnte Die vermehrte Glut und der heftig
wehende Wind der hartnäckig steif aus Süden blies riss von den höchsten Bäumen
ganze Wipfel ab und trug die furchtbar lodernden Kronen als schreckenerregende
Christbäume weit durch die Luft Ein einziger dieser von Rache und gerechter
Nemesis angezündeter Leuchter auf die im heißen Atem der Heide bereits
glühenden Zinnen der Burg geschleudert musste den Stammsitz der Boberstein
rettungslos zerstören
    Von der nie gesehenen Grossartigkeit dieses entsetzlichen Brandes gefesselt
starrten Alle wie verzaubert in den tosenden Flammenocean Wind und Feuer
heulten als zöge das wilde Heer mit seiner höllischen Meute durch die erhitzte
Luft Das Krachen der niederstürzenden Bäume das seltsame diamantenähnliche
Glimmern riesenhoher alter Stämme mitten in der dunkelroten wirbelnden und
zischenden Glut das Auffliegen der abgeschlagenen nadelbehangenen Äste die
vom Winde erfasst wie rotglühende Reiherfedern oft in ungeheuren Bogen
fortgeführt wurden dann wieder das Kämpfen und Auf und Niedersteigen ganzer
Schwärme in Brand geratener Waldkräuter und dürren Reisigs die Wind und Flamme
zugleich aufjagten und die nun einem Heere purpurbeschwingter Vögel glichen
welche in wunderbaren Flugfiguren sich haschen und ergetzen und endlich das
ununterbrochene Zusammenbrechen lodernder Stämme das zahllose Aufwirbeln
breiter leuchtender Funkensäulen die einige Zeit lang in furchtbarer Pracht
höher und immer höher wuchsen zu Kapitälen von wunderbarer Arbeit sich
erweiterten und nun das glühende Himmelsgewölbe mit seiner irrenden jetzt
entstehenden jetzt wieder verlöschenden Sternensaat zu tragen schienen dies
Alles war wohl geeignet selbst die größte Todesgefahr auf Sekunden vergessen zu
machen und die unglücklichen Bewohner des dem Untergange geweihten Schlosses in
die dämonischen Kreise seiner Zauber fest zu bannen
    Vergeblich strengte Herta ihre Augen an um einen nahenden Retter auf dem
blutigen Spiegel des Sees zu entdecken Minute verging nach Minute und Niemand
erschien keines Menschen Stimme ließ sich hören Es war als sei alles Leben
erstorben und nur die blinde Macht des wilden entfesselten Elementes herrsche
und drohe rund umher Alles in die wüste Nacht des Chaos zurückzustürzen 
    Aus dieser allgemeinen an Bezauberung grenzenden Letargie erweckte die
entsetzten Gefangenen der Ruf eines hereinstürzenden Dieners welcher
händeringend verkündigte dass die Burg in Brand geraten sei Dies gab Allen
Leben und Besonnenheit einigermaßen wieder Die Meisten stürzten nach dem
Vorgemach aus dessen in den Schlosshof gehenden Fenstern sie von dem linken
äußersten Eckturme das rote Brandbanner flattern sahen Das Feuer griff
schnell um sich Das Dach der ganzen einen Flanke stand binnen wenigen Minuten
in vollen Flammen 
    Nun dachte Jeder nur auf seine Rettung Alles rannte schreiend und fluchend
durcheinander und stürzte dem Schlosstore zu um den See zu erreichen Noch war
die Möglichkeit der Rettung vorhanden denn im Nordost bildete die Heide eine
schmale sumpfige Wiese die ziemlich tief in den Wald hineinlief und von einem
wasserreichen Bache durchströmt ward Auf dieser Seite war die Heide bis jetzt
noch unversehrt nur erstickender Rauch hüllte sie in glühenden Dunst Es galt
über den See zu setzen ohne von den Flammen lebensgefährlich beschädigt zu
werden und dann in schnellstem Laufe den Schutz der Wiese und durch sie die
Freiheit zu gewinnen
    Auch Magnus entschloss sich obschon mit Widerstreben zu diesem Äußersten
Ehe er jedoch Anstalt zur Flucht machte ließ er einen Blick auf Herta fallen
der eine Welt von Fragen enthielt Er erfasste die Hand seiner zitternden Kousine
und flüsterte ihr zu
    »Herta der Himmel selbst und sein Zorn will uns vereinigen Siehst Du nicht
ein dass ich es bin den er auserwählt hat zu Deinem Retter Auf meinen Armen
werde ich Dich durch die Flammen tragen und mir Dich gewinnen Dem kannst Du
nicht mehr zürnen der Dich aus der Hölle erlöste der mit seinem Munde die
Feuerfluten von Deinem erbleichenden Wangen abhielt«
    Doch Herta schüttelte nur traurig ihr schönes Haupt und kehrte sich von dem
unermüdlichen Verführer
    »Gott wird mich schirmen« versetzte sie »wenn es sein Wille ist dass ich
dieser Gefahr entrinnen soll Retten Sie Ihre Mutter ich bedarf Ihrer Hilfe
nicht«
    Sie verließ mit Emma das Zimmer um nochmals ihre stille so heimliche durch
Freud und Schmerz ihr unvergessliche Wohnung zu betreten Da hörte sie das
Klirren der Messingkette am Fenster und sah das kluge zierliche Köpfchen des
munteren Eichhörnchens unruhig daran hin und wieder fahren
    »Armes kleines Ding« sagte sie »Du sollst gleiches Schicksal mit mir
teilen«
    Darauf öffnete sie den Schieber nestelte die Kette los und ließ es
geschehen dass das niedliche Tier schnuppernd und sein Köpfchen furchtsam in
den weiten Bauschen ihres Trauerkleides verbergend auf ihre Schulter hüpfte
    »Emma« sagte sie mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Trauer und
Niedergeschlagenheit »der Fremde von gestern hat nicht Wort gehalten und doch
nannte er sich meinen Vater Ich unglückliches verlassenes von Allen
verstossenes Kind«
    »Kommt« schrie Magnus mit Donnerstimme durch die sich weit öffnende Tür
»Schon brennt mehr als die Hälfte des Schlosses die geringste Verzögerung muss
uns unfehlbar einen grauenvollen Tod bringen«
    Entschlossen wie er es im Augenblick der Entscheidung stets war schritt er
auf Herta zu umschlang sie trotz ihrer Versuche sich ihm zu entwinden mit
beiden Armen hob sie empor und trug sie wie ein Kind fast laufend die
Wendeltreppe hinab durch die schwarz ausgeschlagene Halle in den feuererfüllten
Schlosshof Die Leiche des Grafen auf dem stolzen Paradebett die matt brennenden
Kerzen auf den hohen silbernen Kandelabern und der rote Glanz des Feuers der
auf den schwarzen Wänden lag und auf dem regungslosen Antlitz des Toten
glitzernd spielte machte einen unaussprechlichen Eindruck selbst auf den
verhärteten Magnus Allein es war nicht an der Zeit jetzt Betrachtungen
anzustellen Die mit jeder Sekunde sich verdoppelnde Gefahr drängte zu
schnellster Eile
    Schon hatten alle Bewohner das Schloss verlassen selbst der alte Kastellan
war geflohen Der Letzte schritt Magnus mit der schönen Last auf seinen Armen
vor ihm her die schlanke Emma über den von lodernden Bränden dicht besäten
Schlosshof Die Luft war erstickend heiß von Millionen Atomen glimmender
Tannennadeln erfüllt die wie ein dichter Regen niederfielen Dazu qualmte und
wirbelte der Rauch aus der Heide in undurchdringlichen Wolken über Schloss und
See und verhüllte alle Gegenstände mit demselben schmutzig roten Gewande
    Unter der Torwölbung erwarteten ihn Utta mit einigen Dienern und Frauen
Schweigend stiegen Alle den Felsenpfad hinab zum See aus dessen brodelndem
Feuernebel verworrene Stimmen erklangen verbunden mit dem Rauschen der Ruder
die mit gewaltigen Schlägen die Wogen teilten Dann hörte man wieder ein
entsetzliches Aufkreischen ein sprühendes Zischen sah die Welle in blutigem
Strahle aufspritzen und den Qualm der brennenden Heide Alles wieder verhüllen
Ganz fern weit im Walde stieg manchmal ein brüllendes Geschrei auf als ob
Tausende auf einmal zu gemeinsamem Ruf sich vereinigten Vor diesem Geschrei
erbebte Magnus er glaubte den Jubelruf der Wenden darin zu erkennen die sein
Geschlecht auszurotten gedachten 
    Ohne bedeutende Beschädigung setzten die letzten Flüchtlinge über den See
Mit Schaudern nur stießen sie zuweilen beim Rudern an schwimmende Leichen die
in ihrer schwarzen Tracht mit den bleichen verzerrten Gesichtern einen
entsetzlichen Anblick darboten Ein glühender Ast deren viele in den See
niederstürzten musste einen der Kähne zerschmettert haben auf welchen die
Trauergäste flohen 
    Als Magnus mit seiner Umgebung das feste Haideland betrat stand Boberstein
in vollem Brande Die stolzen vier Ecktürme schossen ihre gelben Flammen wie
Riesenschwerter weit über die dunklere Glut der übrigen Häusermasse empor und
verscheuchten die Rauchwirbel welche von der Heide in immer sich erneuernden
Wogen darüber zogen  Die Lichtung welche die Wiese bildete war noch dunkel
aber schnell rückten von beiden Seiten die Flammen heran Mutig betrat Magnus
den Rettungspfad die Frauen vorsichtig über die sumpfigen Stellen leitend Man
konnte immer nur wenige Schritte weit sehen auch musste man häufig rasten
teils um den Frauen Zeit zu gönnen teils weil ein Brand mit wildem Getöse in
unmittelbarer Nähe niederstürzte und weithin Funken und Splitter verstreute
    Glücklicherweise war auf dieser Seite das Feuer noch nicht weit
vorgeschritten Auch jagte der Wind die Flammen mehr seitwärts oder ließ solche
Stellen wo die Waldung dünn war fast ganz unversehrt Dies gestattete den
Flüchtlingen schnelles Vorwärtsdringen Und war nur erst der todtdrohende
Flammengürtel überschritten so durfte man auf Rettung hoffen Nur das
fortwährende und jetzt immer näher kommende Gebrüll ängstigte den Grafen da er
kein Mittel sah dem Racheschwarm der Wenden auszuweichen Er musste dem Zufall
und dem Schutz des dichten Rauches vertrauen der Erd und Himmel gleichmäßig
bedeckte
    Hertas körperlicher Zustand gestattete ihr keine große Anstrengung Sie
ermattete bald und sank kraftlos zusammen Magnus hob sie wieder auf seine Arme
und das hilflose Mädchen musste es geschehen lassen So gewannen denn die
Flüchtlinge ohne Hindernis das von den Flammen noch unberührte hier nur dürftig
bewachsene Haideland Schon glaubte Magnus das Schwerste überstanden zu haben
und bald eine sichere Zuflucht zu finden als er plötzlich aus dem finster
strudelnden Qualme dunkle Gestalten auftauchen ihn umstellen und mit dem
Jubelrufe »der Graf Graf Blauhut« auf sich eindringen sah
    Anfangs glaubte Magnus mit den Seinigen entschlüpfen zu können da aber die
kühnen Wegelagerer mehr als er an jede Unbill des Wetters an Kälte Glut und
Dampf gewöhnt waren und ihre Zahl mit jedem Augenblicke sich mehrte sah er bald
die Unmöglichkeit glücklicher Flucht ein Er wollte eben Vergleichsvorschläge
machen als aus der sich verdichtenden Schaar der gebräunten trotzig blickenden
Männer eine stolze Gestalt auf ihn zuschritt
    »Vater mein Vater errette mich« rief Herta und streckte dem als Förster
gekleideten Fremden beide Arme flehend entgegen
    Es war Johanes der Fürst der Heide der inmitten seiner Genossen und
umgeben von einem Heer Leibeigener diese einzige freie und noch zugängliche
Stelle des Waldes besetzt hielt Das überaus schnelle Umsichgreifen der Flammen
hatte ihn verhindert die Tochter persönlich von Boberstein abzuholen Seine
Gegenwart seine Umsicht seine Anordnungen waren nötig um nicht die ganze
Heide ein Raub der wild verzehrenden Gluten werden zu lassen Da er den Mut
seines Feindes kannte durfte er erwarten dass der Graf im Drange des
Augenblickes sein Schloss verlassen und diejenigen um sich versammeln werde an
die ihn Neigung und Verwandtschaft fesselten
    Bei Hertas Ausrufe erbleichte Magnus vor Zorn da er jetzt einsah dass
seine trotzige Kousine in naher Verbindung und unmittelbarem Verkehr mit diesen
Waldbrüdern gestanden haben müsse
    »Vater« wiederholte er verächtlich »Seit wann sucht meine schöne Kousine
ihre Eltern unter Verbrechern«
    »Seit dem Tage« erwiderte Johannes stolz »wo Ihr würdiger Herr Vater den
Geliebten seiner edlen Schwester von Knechtshänden aus Boberstein werfen ließ«
    Magnus starrte den Räuber mit wahnsinnigem Auge an »Johannes« stammelte
er »Johannes am Leben und ein Sohn des Waldes Das wäre entsetzlich«
    »Nicht entsetzlicher als wenn ein Graf schuldlose Jungfrauen überfällt und
sich und die Menschheit entehrt  Blicken Sie hinter sich Herr Graf Die
Gerechtigkeit des ewigen Gottes ist es die Ihrem Vater diese Leichenfackel
angezündet hat  Es sind lange lange Jahre vergangen und nie schlug die Stunde
würdiger Vergeltung heut endlich wo das Maß Ihrer Sünden überschäumte heut
ist sie gekommen und nicht ich allein dem Sie wie ein verworfener Bube das
Kind innigster Seelenverwandtschaft entehrt haben nein die Gesammteit Ihrer
Untertanen die Sie zu schützen von der Vorsehung berufen waren und die Sie
mit Füßen traten sie Alle haben sich gemeinsam wie ein einziger Mann erhoben
Dies arme gemisshandelte und verachtete Volk ist aber mild auch in seinem
Richteramt Es will Sie nicht vernichten nicht langsam zu Tode quälen sondern
bloß an Ihr eingeschläfertes Gewissen klopfen und in die dunkeln Falten Ihrer
Seele mit der entflammten Fackel der Vergeltung hineinleuchten  Mir und der
milden Gesinnung Ihrer Untertanen haben Sie es zu verdanken dass nichts
Härteres über Sie verhängt worden ist. Gehen Sie jetzt wohin Sie wollen es
wird Sie Niemand hindern Nur mein Kind fordere ich von Ihnen zurück«
    Während Johannes sprach hatte Magnus sich vollkommen gesammelt
    »Zurück Elender« rief er jetzt dem Räuber zu »Danke Gott und meiner
Gnade wenn ich Dich nicht kennen will Du würdest sonst dem wohlverdienten Tode
am Galgen nicht entgehen«
    Er wollte vorwärts eilen denn noch immer griff das Feuer um sich und
glühende Funken fielen in großer Menge zu Boden Da riss Johannes seinen
Hirschfänger aus der Scheide und die ihm zunächst Stehenden schlugen die Büchsen
auf Magnus an
    »Mein Kind« sagte der Räuber barsch und doch mit einem Tone in dem
unwillkürlich eine flehende Bitte weich verhallte »Mein Kind oder Du und die
Deinen fallen durch meine Hand und die Glut der Heide verzehrt Eure Gebeine«
    Magnus Trotz war noch nicht gebrochen Von Neuem umschlang er Herta die
sich vergebens sträubte Wie zum Hohne griff er mit roher Faust in ihr wallendes
Lockenhaar um sie hinter sich her zu schleifen und der Macht die auftobende
Brutalität der Leidenschaft entgegenzusetzen Allein eben so rasch war er
umringt und die Hand eines Mannes dessen Gegenwart er vor Allem fürchtete lag
wie die Tatze eines Tigers an seiner Kehle
    »Blauhut« raunte ihm der Mann zu »kennst Du den Maulwurffänger und das
Erlengebüsch wo Dich ein junges Weib um Erbarmen flehte Du hattest kein
Mitleid mit der Armen Du wusstest nur Mittel zu finden die Bittende zum
Schweigen zu bringen Erinnere Dich dessen und wisse dass der Maulwurffänger
Zeuge Deiner Taten war«
    Der Graf keuchte unter den eisernen Fingern des wütenden Landmannes Herta
entwand sich ihm und eilte in die offenen Arme ihres Vaters
    »Nehmt sie hin« stotterte er »und seid verflucht«
    »Sei Du verflucht schamloser Ehrenschänder« klang eine andere nicht minder
furchtbare Stimme in das Ohr des Grafen Er schlug die vom beizenden Rauch
wunden Augen auf und erkannte die riesige Gestalt Slobodas »Ja sei
verflucht« wiederholte der Wende »sei verflucht bis Du in Dich gehst und
Reue qualvolle Reue jede Sekunde Deines Lebens vergiftet Sei verflucht bis
die Geister derer die Du in Elend Schande Wahnsinn und Tod gejagt vor Dir
aufsteigen und durch gemeinsames Gebet die zahllosen Verbrechen die Du begangen
hast von Deinem Haupte nehmen«
    »Sei ewig verflucht« hallte es tausendstimmig von dem tobenden Schwarm der
Leibeigenen wieder die mit Knütteln Sensen und andern Werkzeugen im sausend
niederprasselnden Feuerregen diesem entsetzlichen Auftritt beiwohnten und ihm
zur wahrhaft höllischen Staffage dienten
    Da sank Magnus doch der Mut Er fühlte schaudernd wenigstens auf Minuten
dass ein Gottesgericht über ihn hereingebrochen sei und wie ein Verbrecher der
es nicht wagt den sündigen Blick zum reinen Himmel aufschlagen zu dürfen
winkte er mit der Hand und schlich wie bei den Römern die besiegten Feinde
durchs Joch gebückten Hauptes durch die Schaar seiner Leibeigenen die eine
schmale Gasse öffneten und den Gerichteten unangetastet nur Verwünschungen über
ihn ausstossend in die freie Heide entliessen Erst einige hundert Schritt hinter
dem zürnenden Volk traf er mit den Seinigen wieder zusammen von denen es
Keiner Utta nicht ausgenommen für ratsam erachtet hatte in der drohendsten
Gefahr dem allgemein Verhassten beizustehen oder mit ihm zu unterliegen In ihrer
Mitte verschwand der Geächtete im rollenden Dampf der Flammen 
    Johannes hatte seinen Zweck erreicht Magnus war bestraft vertrieben die
Burg seiner Väter sank in Staub und Asche und Herta sein geliebtes Kind das
Vermächtnis der unglücklichen Eugenie war ihm wiedergegeben  Es blieb jetzt
nichts mehr zu tun übrig als dem noch verderblicheren Umsichgreifen der
Flammen zu steuern Auf sein Geheiß war man schon beim Entzünden der Heide
darauf bedacht gewesen Bei weitem der größte Teil der Wenden hatte ringsum in
ziemlicher Entfernung vom See an Stellen wo die Waldung nicht durch Holzschläge
oder unbebaute Stellen begrenzt war Erdwälle aufwerfen und Bäume niederschlagen
müssen und so bedurfte es jetzt nur noch gehöriger Aufsicht um die Flammen an
weiterem Vordringen zu hindern Eine Anzahl seiner eigenen Leute nebst einigen
Wenden wurden überall hin verteilt so weit die Glut sich erstreckte die
Übrigen nebst Sloboda und dem Maulwurffänger brachen nach der Waldblösse auf wo
sie die wendischen Frauen und Mädchen ihrer harrend wussten
    Zwei Stunden nach Mitternacht erreichten sie die »Streu« wie diese Blöße
genannt wurde schauerlich von den Flammen der Heide und der Glut des in den
Himmel hinaufwallenden Rauches erleuchtet Wie Geister auf Grabmälern saßen die
erschrockenen Wendinnen in weitem Kreise bewacht von den Vertrauten des
Räubers die ebenfalls ihre Blicke in stillem Entsetzen auf den grässlichen Brand
hefteten dessen breite Schwertlohen häufig aus der blutigen Woge die über dem
Saum der Bäume lag aufbljetzten und dann eine furchtbare Helle weithin
verbreiteten
    Hier sah Herta ihr geliebtes Haideröschen wieder und beide gleich
Unglückliche sanken einander schluchzend in die Arme Sie hatten keine Worte für
ihr unendliches Weh nur ihre Tränen ihre Blicke ihre Küsse und Händedrücke
sprachen 
    Johannes gönnte den Ermatteten ein paar Ruhestunden Erst gegen Morgen
nachdem ein die Erde weithin erschütternder Donner durch die Heide gerollt und
eine breite Feuersäule zu unermesslicher Höhe emporgestiegen war Zeichen welche
den gänzlichen Einsturz des Schlosses Boberstein verkündigten gab er Befehl zum
Aufbruch Die Leiche des Grafen Erasmus fand ihre Grabstätte unter den glühenden
Trümmern der zerstörten Burg und nie auch nicht bei dem späteren Aufbaue ward
eine Spur von dem Verschütteten wieder gefunden Grade die Schlosshalle mit den
darunter befindlichen Gewölben war von den Flammen bis zur Unkenntlichkeit
zerstört worden 
    Noch war es Nacht als Sloboda von Johannes und dessen Tochter von Klemens
Ehrhold dem Maulwurffänger Röschen und einigen andern Wenden begleitet seinen
Wohnort erreichte Am Horizont rollten gleich einem blutigen See die Wogen der
Flammen und erleuchteten viele Meilen weit die gleichförmigen Haidestrecken und
die in denselben zerstreut liegenden Dörfer und Höfe Durch Zufall betraten die
vom Rachewerk Zurückkehrenden den stillen Ort auf der Stelle wo das
Gemeindehaus lag Sloboda gedachte seines armen Sohnes und blickte auf die
baufällige Hütte Da sah er  und eisiges Frösteln durchrieselte seine Gebeine 
in der fehlenden Fensterlücke das bleiche immer lächelnde Antlitz Natanaels
mit den blödsinnig stieren Glasaugen Der Wahnsinnige starrte unverwandt in die
fürchterliche Glut und schien sich an dem Wogen und Wallen der Flammen an dem
Auflodern und Zusammenstürzen der unermesslichen Rauchwolken ungemein zu
ergetzen
    Sloboda blieb stehen und deutete auf das niedrige Fenster mit der stieren
lächelnden Gesichtslarve
    »Das ist mein Sohn« sagte er vor Schmerz und Schaudern bebend indem er die
Hand des Räubers fasste »Auch die Seele dieses Armen liegt vor Gottes heiligem
Throne und verklagt den Grafen«
    »Ha ha ha« lachte Nathanael der jetzt durch seines Vaters Stimme aus
seinem Geistesschlummer erweckt die Vorübergehenden gewahrte »Ihr kommt wohl
vom Leichenbegängnis Das war ein prächtiger Fackelzug wie ich ihn mein Lebtage
nie gesehen habe Jetzt sind die Totengräber dabei Seht nur wie lustig sie
das Grab über ihn türmen«
    Und wieder presste er das Gesicht fest in die Lücke und starrte lautlos in
die dunkler werdende Lohe 
    Erschüttert zogen die Wenden vorüber   
    Die Schreckenskunde von diesem beispiellosen Haidebrande der erst nach
vierzehn Tagen in sich selbst erlosch und von dem Schicksale welches dabei die
Familie Boberstein betroffen hatte verbreitete sich schnell in die Nähe und
Ferne Graf Magnus mit den Seinigen war entflohen Er kehrte lange Zeit nicht
zurück da er einen neuen Angriff auf sein Leben fürchtete Man wusste jedoch
dass er durch geschickte Spione die Stimmung der Wenden erforschen ließ und
außerdem entschiedene Maßregeln zu Verwaltung seiner unverwüsteten Besitzungen
getroffen hatte Die ihm zugehenden Berichte lauteten besser als er hoffen
durfte Die Wenden waren still und friedlich zu ihren täglichen Beschäftigungen
zurückgekehrt bis auf Wenige die es für ihre Sicherheit nötig erachteten die
Heimat gänzlich zu verlassen Zu diesen gehörte Sloboda mit Klemens und
Haideröschen Sie verschwanden eines Tages ohne dass Jemand mit Bestimmtheit
sagen konnte wohin sie sich gewendet hatten Nur der blödsinnige Nathanael
blieb zurück und sah vor wie nach durch die Fensterscheibe viele viele Jahre
lang ohne Wunsch ohne Hoffnung ohne Gedanken 
    Mit diesen drei Wenden verscholl auch Herta Sie war mit ihrem Vater in die
tiefste Haideeinsamkeit gezogen und später als Johannes sein räuberisches
Handwerk aufgab gleich diesem dem Gedächtnis der Menschen entschwunden Von
Haideröschen wollte man wissen dass sie unterwegs auf ihrer Flucht von einem
Mädchen entbunden worden sei das jedoch bald nach der Geburt gestorben sein
sollte Wie Alles was nicht immer durch frische Farben neu belebt wild vergaß
das Volk in Kurzem die Ausgewanderten samt ihrem Schicksale Magnus kehrte
inzwischen zurück nachdem er sich im Auslande mit einer reichen Erbin
verheiratet hatte und lebte abwechselnd auf seinen Gütern und auf größeren
Reisen Dadurch kamen seine Vermögensumstände immer tiefer in Verfall so dass er
nur durch Aufnahme großer Kapitalien und durch Veräusserung einzelner Besitzungen
standesmässig leben konnte Seine Gattin mit der er in sehr unglücklicher Ehe
lebte gebar ihm drei Söhne denen nach seinem Tode das was von der großen
Herrschaft Boberstein übrig geblieben war als Erbe zu gleichen Teilen zufiel 

    Hier endigten Sloboda und Heinrich ihre Mitteilungen an den Grafen Adrian
Dieser hatte anscheinend mit großer Aufmerksamkeit aber nicht mit dem
geringsten Zeichen von Ausregung den Erzählungen beider Männer zugehört Jetzt
stand er mit feinem Lächeln auf dankte den Greisen für ihre Mühe und wünschte
ihnen glückliche Reise
    Beide stutzten und maßen den ironisch höflichen Grafen mit großen Blicken
    »In der Tat meine Lieben ich danke Ihnen recht sehr« wiederholte Adrian
Sie haben sich angestrengt um mir Aufschlüsse über meine Familie zu geben wie
ich dies von Fremden nicht erwarten durfte »Leben Sie wohl«
    »Aber mein Herr Graf« unterbrach ihn Sloboda »Sie scheinen ganz zu
vergessen dass wir die Vergangenheit lebendig vor Ihnen werden ließ um Sie zu
überzeugen «
    »Wovon mein guter Alter«
    »Von der Rechtmässigkeit meiner Ansprüche auf den fünften Teil der
ehemaligen Besitzungen des Grafen Magnus«
    »Sagten Sie nicht dass Haideröschens Kind gestorben sei«
    »Die Bäuerin der es meine Tochter übergab während ich nach Polen
vorauseilte behauptete es und ließ es da Haideröschen in Folge der vielen
Strapazen und heftigen Gemütsaufregungen in eine schwere Krankheit verfallen
war in der Stille beerdigen«
    »Es sind also keine Erben da«
    »Doch mein Herr Graf« fiel der Maulwurffänger ein »Ein Sohn Haideröschens
lebt«
    »Ein Sohn von Klemens«
    »Von dem Gatten meiner Tochter« sagte Sloboda
    »Lieber Alter« versetzte Adrian »dann gebe ich Euch den guten Rat
vererbt ihm das Besitztum seiner leichtfertigen Mutter und gebt ihm meinetwegen
noch das Stückchen Papier mit in den Kauf mit dem ihr armen Schwachsinnigen so
große Wunder bewirken zu können glaubt Dieser alte Fetzen ist keinen Heller
wert Jeder Advokat wird Euch das sagen«
    »Sie scherzen Herr Graf«
    »Ich scherze nie Nochmals glückliche Reise«
    »Graf Adrian« nahm der Maulwurffänger abermals das Wort »halten Sie unsere
Erzählung für ein Märchen«
    »Bittet dass ich dies tue« erwiderte ernst und düster der Graf und sein
Gesicht glich auffallend dem seines Vaters »sonst dürftet Ihr entweder in die
Irrenanstalt oder in das Zuchthaus wandern«
    »Herr Graf« rief Heinrich und stützte sich trotzig auf seinen Stab
    »Es ist wie ich sage« fuhr Adrian fort »Ihr seid Betrüger oder
Verbrecher Vor Beiden schützen mich die Gesetze des Staates Aber ich will
annehmen dass Ihr mich mit lustigen Geschichten habt unterhalten wollen«
    »Bedenken Sie was Sie tun«
    »Bedenket Ihr was Ihr wagt«
    »Wir klagen Herr Graf« sagte Sloboda
    »Wie es Euch beliebt«
    »Wir ziehen die Schandtaten Ihrer Ahnherrn ans Licht« drohte Heinrich
    »dabei kann die Particulargeschichte nur gewinnen wenn ich es nicht
vorziehe Euch zuvor als freche Betrüger einsperren zu lassen«
    »Dann zittern Sie vor den Geistern die diesen Felsen umschweben« rief der
Maulwurffänger »Zittern Sie wenn ich sie anrufe und Tote erwecke damit sie
Zeugnis ablegen zittern Sie rufe ich Ihnen zu oder reichen Sie uns die Hand
zum friedlichen Vergleiche«
    Adrian öffnete die Tür und rief einige Diener herbei
    »Begleitet diese Herren bis auf die Fähre« befahl er trocken »sorgt dass
sie unter Bedeckung durch den Wald gebracht werden und benachrichtigt mich
davon sobald es geschehen ist«
    Diese Befehle des reichen Mannes wurden pünktlich vollzogen Die beiden
Greise mussten mit stillem Ingrimme die Insel verlassen Adrian aber setzte sich
unmittelbar nach der Entfernung so unwillkommener Gäste hin und teilte das
Vorgefallene seinen beiden Brüdern mit
    »Man muss sich vorsehen« sagte er als er die Briefe siegelte »Leute die
solche Drohungen wagen haben in der Regel heimliche Hinterhalte die sie erst
später benutzen Schützen wir uns ehe der Kampf beginnt«
                            Ende des zweiten Teils
 
                                  Dritter Teil
                                   Fünftes Buch
                                 Erstes Kapitel
                                     Aurel
Die Versammlung der Kaufleute an der Hamburger Börse war ungemein zahlreich
Kopf an Kopf gedrängt bildeten die verschiedenen Bestandteile der Börsenmänner
eine feste auf und niederwogende Masse Als sich die Weltandelsherren endlich
trennten ergoss sich ein breiter lebhaft sprechender Menschenstrom in die
nächsten Straßen Besonders laut waren die Schiffskapitäne die außerhalb der
Schranken der eigentlichen Börse auf dem Platze vor dem Rathause zu vielen
Hunderten sich drängten Sie waren leicht von Kaufleuten und Mäklern zu
unterscheiden durch ihre fast ganz gleiche Tracht die aus kurzen um die Hüften
eng anschliessenden Jacken von feinem blauen Tuch und Beinkleidern von demselben
Stoffe bestand Aus der linken Seitentasche der Jacke hing bei den meisten der
Zipfel eines feinen buntseidenen Foulards
    Beide Hände in den Taschen seiner Jacke schlenderte getrennt von der
auseinanderstäubenden Menge ein schlanker junger Mann über den Neess durch die
kleine Johannisgasse nach der Straße die damals noch den Namen »hinter dem
breiten Giebel« führte Das lebhafte scharfe Auge der wiegende Gang der
muntere ja leichtfertige Ausdruck seines Gesichtes verrieten den
genusssüchtigen Weltmann der es versteht die Sorgen des Lebens mit keckem Ruck
von sich zu schütteln An den Häuserreihen angekommen die nach dem alten
Jungfernstiege führten ward er durch einige junge Mädchen aufgehalten die ihm
mit zierlich gebundenen Sträusschen den Weg vertraten und mit lieblichen klaren
Stimmen um Kauf derselben baten Die niedrigen breitrandigen Strohhüte mit den
abwärts gebogenen Krempen ließ in den hübschen schlanken Kindern die
Vierländerinnen nicht verkennen 
    Der junge Kapitän keineswegs gleichgültig gegen Jugend Schönheit und
flehende Mädchenstimmen blieb stehen und überlief mit blitzendem Auge die vier
Mädchen die alle mit lächelnden Gesichtern ihre auf lange Holzstiele gebundenen
Sträusser ihm vorhielten Auf der schönsten der Vierländerinnen ließ er
wohlgefällig seine Blicke ruhen Die Schöne lachte ihn mit ihren großen
dunkelblauen Augen noch freundlicher an als zuvor und wiederholte ihre Bitte
den schönsten ihrer Sträusse nach allen Seiten wendend um seine Vorzüge ins
beste Licht zu stellen
    »Wie heißt Du mein Kind« fragte der Kapitän
    »Dörte« erwiderte das Mädchen ein paar Reihen der prächtigsten Zähne
unter den kurzen vollen Lippen zeigend auf denen die Sonnenfunken eines
immerwährenden Lächelns flimmerten
    »Was verdienst Du mit dem Blumenhandel« fragte der Kapitän weiter während
er auch den andern drei Mädchen die sich wieder zurückgezogen hatten und
traulich neben einander an der Häuserreihe standen um neue Käufer abzuwarten
und vorübergehende junge Herren anzurufen seine prüfende Aufmerksamkeit zu
Teil werden ließ
    »Gnädiger Herr« versetzte die schöne Vierländerin »ich brauche nicht viel
und da bin ich immer zufrieden mit dem was ich einnehme Die jungen Herren sind
immer gütig gegen mich«
    »Das heißt mein Kind« fragte der Kapitän und fasste das Mädchen sanft am
Kinn ihr recht warm und tief in die dunkelblauflammenden Augen sehend Dörte
schlug ihn leicht auf die Hand und trat einen Schritt zurück
    »Ei sie sind artiger wie Sie Sie fragen nicht sondern nehmen ein
Sträusschen und geben mir dafür was ihnen in die Hände kommt Wem ich gefalle
der beschenkt mich reichlich«
    Die beredte Blumenverkäuferin gefiel dem Kapitän Er hatte es gern wenn
junge Mädchen recht ungenirt scherzten und zog solche den schüchternen prüden
Gänschen jederzeit vor wie sie leider nur zu häufig auf den Divans der
Gesellschaftssäle angetroffen werden.
    
    »Bist Du täglich hier Dörte« fragte er weiter das dargebotene Sträusschen
aus ihrer Hand nehmend und einen Vierschilling dafür hineinschiebend Dörte
machte einen Knicks und sagte schelmisch
    »Alle Tage wenn der gnädige Herr befehlen«
    »Und wo wohnst Du«
    »Wo es mir gefällt«
    »Für gewöhnlich kleiner Schelm«
    »Nun hier« erwiderte Dörte als wundere sie sich über so curiose Fragen
»Sie sehen ja dass die Sonne ganz prächtig auf diese Bank hier scheint und dass
die Ladendächer ein Schutz gegen Wind und Regen sind«
    »Und des Nachts lustige Finke«
    »Da bin ich mit meinen Gefährtinnen zusammen«
    »Ich verspreche Dir täglich eine Mark wenn Du mir so oft Du kannst einen
recht ausgesuchten Blumenstrauß in mein Logis bringen willst« sagte der
Kapitän
    »Das würde mir schaden gnädiger Herr« entgegnete Dörte »Ich darf meinen
Platz nicht verlassen sonst verliere ich meine Kunden Wollen aber der gnädige
Herr alltäglich hier vorüber spazieren so soll es Ihnen nie an einem
annehmbaren Sträusschen gebrechen«
    Ein abermaliger Knicks begleitete diese mit scherzhafter Grazie gesprochenen
Worte worauf Dörte auf einige andere Vorübergehende zutrat und mit gleicher
Bitte und Zumutung ihre Sträusschen ihnen entgegenhielt
    »Nun also auf Wiedersehen schön Dörtchen« sagte der Kapitän indem er der
Vierländerin verstohlen eine Kusshand zuwarf Den süßen Duft des Strausses in
langen Zügen einschlürfend ging er dann weiter nach dem Jungfernstiege »Das
Mädchen muss ich genauer kennen lernen« sprach er zu sich selbst »Ich muss
erfahren wo sie wohnt wer ihre Eltern sind ob sie Geschwister hat und was
sie in Zukunft zu machen gedenkt Es sind doch reizende Geschöpfe diese
Vierländerinnen  schlank voll zart und feurig aber zurückhaltend wie der
Teufel Für ein einziges solches Naturkind lass ich Hundert unserer
kokettirenden Gesellschaftsdamen sitzen Und kurz und gut die Dörte muss zu mir
kommen oder «
    »Sie entschuldigen Herr am Stein« unterbrach eine raue Stimme den Gang
seiner Gedanken »ich habe Ihnen einen Brief zu überreichen Da Sie mir grade
begegnen erlaube ich mir Sie einen Augenblick aufzuhalten Sie bemerken das
Schreiben ist empfohlen«
    Es war der Briefträger der den in seinen schönsten Gedanken schwelgenden
Kapitän auf so prosaische Weise störte »Schon gut« sagte dieser den Brief
annehmend »Zahlung erfolgt wenn Sie wiederkommen«
    Der Briefträger ging ärgerlich grüßend vorüber der Kapitän aber steckte den
Brief gelassen in die Brusttasche seiner Jacke und trat immer den duftenden
Strauss an Lippe und Nase drückend in den Alsterpavillon Hier wimmelte es von
Gästen die an kleinen Tischen sitzend Zeitungen lasen Kaffee Tee oder Wein
tranken und Zigarren rauchten Eine Menge junger Leute standen in der Mitte des
Pavillons um das Billard und spielten mit großer Beharrlichkeit Poule
    Der Kapitän setzte sich in eine Ecke des geräumigen Locals bestellte ein
Glas Portwein ließ sich vom Kellner Feuer bringen und brannte sich eine
köstlich duftende Havannaheigarre an Erst als er Wein und Zigarre geprüft hatte
und Beide vortrefflich fand holte er den Brief aus der Tasche und erbrach ihn
    Unsere Leser lernen in diesem Kapitän einen jüngeren Bruder des Grafen
Adrian von Boberstein kennen und es wird jetzt nötig sein über diesen in
unserer Geschichte neu auftretenden Charakter der später eine wichtige Rolle
darin übernimmt einige Nachrichten einfliessen zu lassen
    Von den drei Söhnen welche Graf Magnus bei seinem Tode hinterließ war
Aurel in körperlicher Bildung seinem Vater am ähnlichsten In allen körperlichen
Übungen zeichnete er sich sehr frühzeitig aus und brachte es darin zu
bedeutender Vollkommenheit Dagegen hatte er von seiner leidenden durch Magnus
häufig lieblos behandelten Mutter ein gutes Herz geerbt das beim Anblick
fremden Kummers leicht überschwoll und gern jedem Notleidenden beisprang Ein
wunderliches Gemisch von den stillen edlen Eigenschaften der Mutter und den
ungestümen Gelüsten des Vaters hatte die Natur in Aurel einen höchst
glücklichen Menschen gebildet der mit genialem Leichtsinn die ganze Welt an
sein Herz drückte Durch seine Verheiratung war Magnus mit mehreren sehr
wohlhabenden englischen Adelsfamilien in verwandtschaftliche Verhältnisse
gekommen Einer von diesen alten derben Nortumberländern hatte bei Aurels Taufe
Patenstelle vertreten und als der junge Graf von Boberstein sich dem
Jünglingsalter näherte ließ er ihn nach England kommen um seinen Paten auch
persönlich kennen zu lernen Aurel gewann sich sogleich das ganze Vertrauen die
vollste Liebe des alten Mannes Er blieb gern bei dem Earl der in früherer Zeit
zur See gedient und sich viel in der Welt umgesehen hatte Aufgereizt durch die
abenteuerlichen Erzählungen des lebhaften Engländers erwachte eine
unaussprechliche Lust zu gleichen Abenteuern in der Seele Aurels Er machte kein
Hehl aus seinen Neigungen und Wünschen und hocherfreut versprach der Engländer
diese Wünsche des Paten begünstigen zu helfen Er tat die erforderlichen
Schritte und binnen zwei Monaten war Aurel als Seekadet in englische Dienste
getreten
    Der junge Deutsche zeichnete sich bald aus machte verschiedene große
Seereisen nach Südamerika Ostindien und China und als er nach mehreren Jahren
zurückkehrte nach Europa bekleidete er bereits die Stelle eines ersten
Schiffslieutenants Ohne Zweifel hätte Aurel an die großartigen und
gefahrvollen Reize eines fortwährenden Lebens zur See gewöhnt seinem
Geburtslande für immer den Rücken gekehrt wären ihm nicht Briefe seiner Brüder
eingehändigt worden die in höchstem Grade seine Teilnahme erweckten Die
Brüder zeigten ihm nämlich an dass sie entschlossen seien die Trümmer des
väterlichen Vermögens in nutzbarer Weise anzulegen und dass sie hofften Aurel
würde ihre Pläne nicht nur nicht kreuzen sondern dieselben durch persönliche
Beteiligung wesentlich mit fördern helfen Nach dieser Einleitung entwickelten
sie dem Seemanne wie sie auf den Trümmern ihrer Stammburg eine
Baumwollenspinnerei anlegen und in Hamburg ein Handlungshaus gründen wollten
das unmittelbar mit Amerika in Verbindung treten und von den dortigen anerkannt
besten Pflanzungen die rohe Baumwolle beziehen an die Spinnerei weiter
befördern und die verarbeitete wieder an Manufactoreien absetzen solle Um
möglichst größten Gewinn von ihren Speculationen zu ziehen die ohne Aufnahme
bedeutender Kapitalien nicht auszuführen waren schlugen die kaufmännisch klugen
Brüder vor Aurel solle eine Brigg ausrüsten und diese mit Linnenwaaren
befrachtet nach irgend einem Hafen Nordamerikas steuern Nach glücklichem
Absatz der deutschen Linnen in der transatlantischen Welt solle er wo möglich
mit Pflanzern in Louisiana dauernde Verbindungen anknüpfen sein Schiff mit
Baumwolle belasten und alsdann mit diesem rohen Naturproducte nach Hamburg
zurückkehren Im Falle bei dieser ersten Expedition etwas gewonnen werde könne
man in späteren Jahren die Schiffsladungen verdoppeln und verdreifachen doch
immer vorausgesetzt dass Aurel entschieden und für immer die Leitung des ersten
Schiffes übernehme Der Gewinn dieses großartigen kaufmännischen Geschäftes
falle zu gleichen Teilen den Gebrüdern Boberstein zu Sollte derselbe zu
anderweiten Zwecken etwa zur Wiedererlangung verkaufter Ländereien verwendet
werden so sei die unbedingte Einwilligung aller Brüder dazu erforderlich Ohne
eine solche bleibe der baare Gewinn als Betriebscapital im Handelsgeschäft
angelegt
    Aurel schwankte keinen Augenblick Den weitaussehenden Plan seiner Brüder
vollkommen billigend ging er darauf ein Auch der alte lustige Pate konnte
nicht umhin den Gedanken seiner deutschen Verwandten höchst pfiffig und
zeitgemäss zu finden Er segnete seinen Paten übergab ihm zur Ausrüstung des
ersten Schiffes eine ansehnliche Summe Aurel reiste ab und binnen Jahresfrist
war das Handelshaus in Hamburg bereits accreditirt und Aurel mit einem tüchtigen
Dreimaster »die gute Hoffnung« genannt nach Philadelphia NewOrleans und
andern großen Stapelplätzen Nordamerikas unter Segel gegangen Gleich seinen
Brüdern in Deutschland nannte sich der kühne Seekapitän in seiner Eigenschaft
als Handelsschiffsführer Aurel am Stein
    Aus früheren Mitteilungen wissen wir dass Adrians Speculationen mit großem
Erfolge gekrönt worden waren Diese Erfolge erstreckten sich auf alle Zweige des
Unternehmens Nicht allein die Spinnerei auf den Ruinen der alten Burg gedieh
und blühte nach Wunsch auch das Haus in Hamburg »Stein und Kompagnie« ließ sich
in großartige Geschäfte ein die über Erwartung rentirten und die ursprüngliche
Spedition der rohen und verarbeiteten Producte der Firma selbst bald nur als
Nebensache besorgte Schon nach drei Jahren kaufte die Firma ein Haus nebst
geräumigen Speichern am Rödingsmarkt Ein höchst zuverlässiger erfahrener und
geschickter Kaufmann von tüchtiger Gesinnung stand an der Spitze dieses neuen
Etablissements das von Zeit zu Zeit einer der drei Brüder besuchte um sich
persönlich über die Chancen des Geschäfts und etwa neu einzuschlagende Wege mit
dem verständigen Geschäftsführer zu besprechen
    Man konnte annehmen dass Aurel regelmäßig zweimal des Jahres in Hamburg
eintraf und jedes Mal eine Schiffsladung der feinsten Baumwolle in die Speicher
lieferte Diese ward jetzt bereits auf der eigenen Pflanzung der Brüder am Red
River in Arkansas gebaut wodurch der Gevinn des Geschäftes sich unglaublich
steigerte
    So oft nun der muntere lebenslustige Kapitän die deutsche Weltandelsstadt
an der Elbe betrat wohnte er in seinem eigenen Hause doch kümmerte er sich
wenig um den Fortgang des eigentlichen Fabrikgeschäftes da er davon nichts
verstand und es ihm auch zu kleinlich erschien Buch und Rechnung über Maß und
Gewicht zu führen Aurel war kein Handelsmann in seinen Adern brauste noch
unverfälschtes altritterliches Blut immer bereit auf Abenteuer auszugehen
Gefahren aufzusuchen und mit ihnen zu ringen wie ein Held So sehr er sich über
den Gewinn freute den seine speculirenden Brüder aus dem Betrieb der
verschiedenen Geschäfte zogen so wenig gab er sich selbst mit dem eigentlich
kaufmännischen Teile desselben ab Aurel fühlte sich nur als Seemann Als
solcher wäre es ihm ganz recht gewesen wenn er zuweilen mit irgend einem Kaper
auf offener See hätte anbinden und eine kleine Schlacht liefern können wo
persönliche Kraft Mut Gewandtheit und geschickte Manöver den Ausschlag geben
mussten Auch betrachtete er sich im Stillen und zu seinem eigenen Behagen als
Führer eines Kriegsschiffes obwohl ihm die beiden kleinen Karonaden die er
führte um im Fall der Not Signale damit geben zu können täglich die Kühnheit
einer solchen Idee gar sehr herabstimmten Indes etwas hatte er doch vor vielen
Kapitänen voraus Er war Eigentümer des Schiffes das seinem Kommando
gehorchte Eigentümer der Ladung und unumschränkter Gebieter über seine Leute
Dies entschädigte ihn einigermaßen und er unterließ denn auch nicht echt
militärische Disziplin wie er sie im englischen Seedienst erlernt hatte auf
der »guten Hoffnung« einzuführen Den vornehmen Kommis voyageur machte der
jüngste Graf von Boberstein Adalbert ein schlauer Kopf und großer
Rechnenmeister Adalbert war deshalb auch fast ununterbrochen auf Reisen bald
in Deutschland bald in Frankreich und England wo er sich bei einer großen
Kattundruckerei beteiligt hatte Sein fester Wohnsitz war jedoch am Fuße des
Riesengebirge in dessen romantischen Talgründen er ein freundliches Landgut
besaß
    Aurel war durch sein bewegtes Leben mit außerordentlichen Vorfällen und
Begebenheiten so vertraut geworden dass ihn nichts auch nicht das
Entsetzlichste aus der Fassung bringen konnte Er las daher auch den
empfangenen Brief der von Adrian herrührte und der manchen Andern
wahrscheinlich in große Besorgnis gestürzt haben würde mit unerschütterlichem
Gleichmute Das Schreiben war lang denn es enthielt einen gedrängten Auszug
des Allerwichtigsten aus den Mitteilungen Slobodas und des Maulwurffängers
die Adrian als freche Betrüger und speculirende Schurken hinzustellen nicht
unterließ Größeres Gewicht hatte der umsichtige Fabrikherr auf die Hindeutung
gelegt dass von ihrem verstorbenen Vater irgendwo in der Welt natürliche Kinder
noch am Leben sein sollten oder doch sein könnten so wie auf die vorgebliche
Schenkung welche Magnus der schönen Wendin gemacht haben sollte um die
gereizten Gemüter zu beruhigen Zwar fügte er mehrmals hinzu dass er die ganze
Geschichte für bloße Erdichtung halte um Geld zu erpressen doch fordere
Pflicht und brüderliche Liebe den fernen Bruder von dem Vorfalle in Kenntnis zu
setzen Auch liege er ihn dringend an wenn er irgend etwas über Verhältnisse
ihres Vaters und daraus entstandene Folgen in Erfahrung gebracht habe oder je
bringen sollte dies ihm schleunigst wissen zu lassen damit er seine Maßregeln
ergreifen und die unbequemen Dränger so schnell wie möglich beseitigen könne
    Aurel faltete den Brief wieder zusammen ließ zwei breite Strahlen
dunkelblauen Rauches durch seine Nasenlöcher strömen und schlürfte die zweite
Hälfte des Glases Portwein Dann streckte er beide Beine aus legte die Füße
über einander rückte seinen runden Hut so nach vorn in die Stirn dass er sich
mit dem Hinterkopfe bequem an die Wand lehnen konnte und nahm ein Blatt der
Times in dem er mit großer Aufmerksamkeit über eine Viertelstunde las Dann
warf er es weg bestellte ein zweites Glas Portwein setzte sich wieder wie
andere gebildete Menschen und zog nochmals den Brief aus der Tasche
    »Bei Gott ich glaube die beiden alten Männer haben Recht« sprach er nach
einiger Zeit zu sich selbst indem er zum zweiten Male den Brief in seine Tasche
schob »Papa war ein loser Finke wie ich schon als Junge gehört zu haben mich
erinnere und so kann es mit dem Herumlaufen einiger natürlicher Kinder schon
seine Richtigkeit haben Pah was tut das Einen tüchtigen geistreichen Kerl
genirt das nicht Verbotene Gedanken haben den meisten Reiz zeugen von
überwiegendem Geiste warum sollte der Mann anstehen wenn ihn die Lust dazu
treibt geschwind mal einen physischen Witz zu machen Ich merke dass ich der
ächteste Sohn meines galanten Herrn Vaters bin Alle Nationen können zur Not
auf Führung des gräflich Bobersteinischen Wappens Anspruch machen Wer sich
darum kümmern wollte Aber freilich die Schenkungsurkunde  sie wäre ein dummer
Spaß Sollte sie echt sein so könnte sie geniren Aber ich glaube nicht daran
mein Vater war zu klug um wärs auch nur zum Scheine so unvorsichtig zu
handeln«
    Einige Minuten lehnte sich der Kapitän in der eben angedeuteten Weise wieder
zurück blies starke Rauchwolken aus den Nasenlöchern und fuhr dann fort
    »Wissen möcht ich schon ob ein echter Boberstein wie ich sich vor einem
natürlichen schämen müsste Wo mögen diese älteren Geschwister von mir leben
wenn sie wirklich vorhanden sind, wirklich existiert haben Ich bitte Dich gutes
Glück führe mich mit einem derselben zusammen Es soll auch gefällt mir der
illegitime Bruder oder die naseweis in die Welt gesprungene Schwester gewiss und
wahrhaftig nicht ihr Schade sein Bei Gott das soll es nicht«
    Aurel trank sein Glas aus warf den Betrag in neuen Schillingen auf den
Tisch und verließ den Alsterpavillon um schief über den Jungfernstieg nach der
alten Stadt London zu gehen und dort sein Mittagsmahl einzunehmen Die wenigen
Wochen welche sich der Kapitän in Hamburg aufhielt pflegte er jeden Tag in
einem andern Hôtel zu speisen Nicht selten trat er auch in eine gewöhnliche
Restauration oder stieg gar in einen der vielen Speisekeller hinab wo bloß
Hafenarbeiter Packträger Matrosen und anderes geringes Volk für gewöhnlich
einzukehren pflegen Diese Abwechselung gewährte ihm großes Vergnügen und machte
ihn mit allen Klassen der Hamburger Bevölkerung ja man kann sagen mit Menschen
aus allen Enden der Welt bekannt
    Eben so hielt es Kapitän Aurel des Abends Nie brachte er den Rest des Tages
in seiner Wohnung zu selten nur in irgend einem Familienzirkel Am liebsten
schweifte er ungebunden in der weitläuftigen Stadt umher dem Zufall und seinem
guten Glück überlassend ob es ihm heitere und vergnügliche oder trübe und
schauerliche Wege führen werde In solchen Hamburger Nächten  denn vor
Tagesanbruch kehrte Aurel selten von seinen Nachtspatziergängen zurück  hatte
er schon manche Greuelscene erlebt schon manches ergreifende Genrebild wie es
Not Laster und Verbrechen täglich hervorbringen mit angesehen Häufig mochte
er auch selbst nicht die reinsten und tugendhaftesten Pfade gewandelt sein Sein
leichtes Blut trieb ihn bald da bald dorthin hob ihn jetzt auf die lichten
Höhen des Lebens hinauf und schleuderte ihn dann wieder hinab in die finsteren
Schlünde wo Satan in der schauerlichen Glorie seiner Allmacht auf Erden tront
und die Kinder der Sünde in wilder Lust um ihn jauchzen ihn verehren 
    Mit gesundem Appetit und unter zerstreuenden Gesprächen endigte Aurel sein
Diner Es war sechs Uhr Abends als er die Stadt London verließ um nach seinem
Hause auf dem Rödingsmarkte zu gehen Unterwegs sann er nach wie er den Abend
wohl zubringen könne Er war in Verlegenheit denn bereits seit drei Wochen lag
er müßig vor Anker und in dieser Zeit hatte er die meisten Genüsse Hamburgs so
ziemlich ausgekostet Da fiel sein Blick auf einen Anschlag an der Straßenecke
Der Zettel kündigte öffentlichen Tanz an in der Bacchushalle
    »Da bin ich noch nicht gewesen« murmelte der leichtfertige Kapitän und
schritt weiter Als er um die Ecke beim Graskeller bog sah er mit leichtem
tanzenden Gange einen schlanken Jungen in der Sonntagstracht eines gemeinen
Matrosen etwa dreißig Schritte vor sich behend durch die belebte Straße hüpfen
die Stufen an seinem Hause hinanlaufen und in der engen Tür verschwinden Aurel
eilte ihm nach und überholte den Jüngling als er eben pfeifend die Treppe zu
den Zimmern des Kapitäns hinaufschritt
 
                                Zweites Kapitel
                                 Ein Abenteuer
»Gilbert« rief Aurel dem jungen Matrosen nach »Wohin so eilig«
    Der Jüngling kehrte sich um und zeigte dem Kapitän ein offenes von Wetter
Sonne und Seesturm gebräuntes Gesicht Höflich seinen bebänderten Hut lüftend
und mitten auf der Treppe stehen bleibend versetzte er
    »Ich wollte dem Herrn Kapitän Bericht abstatten«
    »Hast Du etwas ausgegattert«
    »Verschiedenes Herr Kapitän« entgegnete mit verschmjetztem Ausdruck seiner
lebhaften Augen der junge Matrose »Es kommt nur auf Sie an ob Sie sich
herablassen wollen «
    »Marsch hinauf« commandirte Aurel die Antwort Gilberts unterbrechend »Ist
die freie Treppe ein Ort um die Geheimnisse eines Seekapitäns darauf
auszuplaudern«
    Gilbert sprang nun leichtfüssig die wenigen Stufen vollends hinan und folgte
seinem Vorgesetzten in ein gut meublirtes mit allem Komfort europäischen Lebens
reich ausgestattetes Zimmer Hier streckte sich Aurel nachlässig in einen
weichen Lehnsessel und Gilbert setzte sich auf ein niedriges Bänkchen am Ofen
dessen weiß glänzende Kacheln eine angenehme Wärme im Zimmer verbreiteten
    »Nun rede« befahl der Kapitän warf seinen Hut auf das ihm gegenüber
stehende Sopha und fuhr mit der linken Hand mehrmals durch sein braungelocktes
Haar
    »Zu allererst« sagte Gilbert »kann ich Ihnen einen Trödler empfehlen Der
Kerl hockt den ganzen langen Tag auf den Stufen seiner Kellertreppe und
schachert mit allem nur erdenklichen alten Unrat Sein Aussehen ist nichts
weniger als anziehend allein man wird entschädigt sobald man die Treppe
hinunterkriecht Denn in der engen dunstigen Kellerwohnung haust eine Fee von
unbeschreiblicher Schönheit Ich habe sie heut bei Sonnenlicht gesehen wie sie
über die Straße schwebte um in irdenem Kruge Wasser zu holen Verstohlen warf
sie auch einen Blick auf mich der wie unter Asche fortglühendes Feuer glänzte
Ich belohnte sie dafür durch höflichen Gruß und eine Kusshand worauf sie mit
köstlichem Purpur auf ihren schönen Wangen wieder in dem eklen Kellerloche
untertauchte«
    »Hast Du mit dem Mädchen gesprochen«
    »Nein Herr Kapitän«
    »Desto besser so ist sie noch nicht eingeschüchtert Wo machtest Du die
anmutige Entdeckung«
    »In einem der abscheulichen engen krummen von Armut und Elend bevölkerten
Gängen der Neustadt«
    »Du weißt ihn genau und kannst ihn zu jeder Zeit wiederfinden«
    »In jeder Minute wenn Sie befehlen«
    »Das war eins nun weiter«
    »Ohne Ihrem Geschmacke vorzugreifen Herr Kapitän würde ich meine zweite
Entdeckung der ersten noch vorziehen Sie kennen die niedlichen Blumenmädchen an
der Alster «
    »Dummer Junge ich will nicht hoffen « Aurel stockte
    »Was wollen Sie nicht hoffen Herr Kapitän Dass ich so kühn gewesen bin mir
ein Sträusschen zu kaufen die Mädchen am Kinn zu fassen und ihnen zu sagen dass
ich ein guterziger verliebter Kerl sei der sich bereits zu Land und See etwas
versucht habe Doch doch Herr Kapitän so dumm bin ich gewesen Und können
Sies glauben das eine Mädchen schrie nicht laut auf als ich es küsste«
    »Du bist unverbesserlich Gilbert ich fürchte ich fürchte«
    »So lange Sie mir zum Vorbilde dienen haben Sie nichts zu fürchten« sagte
der junge Matrose schelmisch
    Aurel musste lachen »Erzähle nur immerhin weiter« sprach er herablassend
»Leider bin ich selbst Schuld daran wenn ein liebenswürdiger Taugenichts aus
Dir wird«
    »Das Brauchbarste auf dieser lustigen Welt ist die Liebenswürdigkeit Herr
Kapitän« versetzte Gilbert »Dieser geistreiche Gedanke kam mir als ich die
Blumenmädchen gewahrte und als ich den Versuch machte meinen flüchtigen
Gedanken zur Tat werden zu lassen fand ich mich in keiner Hinsicht getäuscht
Die Mädchen wurden ebenfalls äußerst liebenswürdig«
    »Alle auf einmal«
    »Der Reihe nach wenn Sie erlauben Herr Kapitän Es waren vier ganz frisch
aus den Elbniederungen gekommene Huldinnen weiß schlank und munter wie
Tummler Ich schenkte auf Ihre Rechnung jeder zwei Schillinge und erhielt von
der Schönsten die Zusage dass sie mich nächstens in meiner Wohnung besuchen
wolle«
    »Teufelskerl Du lügst«
    »Wenn die schlanke Elbnymphe nicht erscheint macht sie mich zum Lügner
allein versprochen hat sie es mir Das hübsche Kind nannte sich Dörte«
    »Aus den Vierlanden«
    »Zu Befehl Herr Kapitän«
    »Du bist ein Schelm  Also darum  darum  O über diese Tugendheldinnen
Wann sprachst Du die Mädchen«
    »Vor kaum einer Stunde«
    Aurel sah den Jüngling groß an dann fiel er in ein heiteres Lachen stand
auf und trat vor den Spiegel »Ich muss doch sehen ob ich schon anfange zu
altern« sagte er scherzhaft »Wenn die Schönen einen glatten Milchbart mir
vorziehen dann ists wirklich Zeit dass ich anfange solid zu werden und ans
Heiraten denke«
    »Haben Sie bereits über den heutigen Abend verfügt Herr Kapitän« fragte
Gilbert »Oder wünschen Sie allein zu bleiben und über die Verbesserung der
neuen Ankerwinde nachzudenken«
    »Ich wünsche dass Du mich begleitest mein Junge« fiel Aurel dem
aufgeweckten Matrosen ins Wort »Entschlossen diese Nacht recht ausschweifend
lustig zu verleben und Dich einen neuen Blick in diese verdorbene Welt tun zu
lassen wollen wir heut einen Ort besuchen den Du noch nicht kennst Du wirst
Freude und Genuss davon haben Zuvor aber will ich doch sehen ob Deine Kellerfee
mich eben so zu bezaubern vermag wie Dich«
    Aurel band sich jetzt nach Art der Matrosen eine Schärpe um den Leib
vertauschte seinen feinen Kastorhut mit einem schlechten von Glanzpappe steckte
einen kleinen Dolch in die innere Tasche seiner Jacke und war so vollkommen
gerüstet auf alle möglichen Abenteuer der Nacht Der trübe Herbstabend trieb
bereits von der Elbe einen dichten Nebel über die Stadt welcher seine feuchten
grauen Schleier in die zahllosen Straßen und Gassen derselben herabflattern
ließ Dies war die Zeit wo der abenteuerlustige zerstreuungssüchtige Aurel
seine nächtlichen Wanderungen und Besuche antrat Da Gilbert bereits auf dem
Sprunge stand zögerte der Kapitän nicht länger doch schritt er behutsamer und
leiser die Treppe hinab als er sie vor kaum einer Stunde hinaufgegangen war
Denn er besorgte der überaus pünktliche und in gewissem Sinne echt philiströse
Geschäftsführer der immer eine bis zwei Stunden länger als Andere auf dem
Komptoir zu arbeiten pflegte möchte ihm begegnen und aus seiner etwas
veränderten Kleidung nicht die günstigsten Schlüsse auf sein Vorhaben ziehen
Indes erreichten die beiden Abenteurer unbemerkt die Straße wo sie im Gewühl
der Menschenmenge und in dem Dunst des immer dichter herabsinkenden Nebels bald
jedem Späherauge verschwanden
    Den jungen geistig aufgeweckten stets heitern Gilbert hatte Aurel aus
NeuOrleans mitgebracht Er war der Sohn eines Engländers mit einer Kreolin die
beide schnell hinter einander am gelben Fieber gestorben waren und den Knaben
ziemlich mittellos hinterlassen hatten Denn es ergab sich dass das Vermögen des
für wohlhabend gehaltenen Gilbert bloß in seinem Kredit bestand Seine Bücher
bewiesen auf unwiderlegliche Weise dass er zwar keine Schulden hinterließ aber
auch keinen einzigen ihm zugehörenden Dollar Da nun in Nordamerika der Besitz
von Geld noch weit mehr wie in Europa dazu gehört einem Menschen in den Augen
seiner Mitbrüder Geltung zu verschaffen und der junge hilflose Gilbert ohne
alles Vermögen wahrscheinlich einer sehr trüben Zukunft entgegen gegangen wäre
so nahm sich Aurel des hübschen Knaben aus reiner Gutmütigkeit an Er hatte
seine junge eben so reizende als eigensinnige Mutter gekannt und den ihr
vollkommen ähnlichen Knaben von Herzen lieb gewonnen und so hielt er es fast
für Freundespflicht bei dem jetzt Verlassenen Vaterstelle zu vertreten
    Gilbert schloss sich gern dem jungen fröhlichen Kapitän an der sich
freilich zu allem andern besser als zu einem Gouverneur und Erzieher eignete
So kam der junge Gilbert auf Aurels Schiff Hier musste er von unten herauf
dienen um dereinst ein tüchtiger Seemann zu werden Obwohl Aurel den Knaben wie
sein eigenes Kind liebte hatte er doch im Dienst durchaus keine Nachsicht mit
ihm Verstösse gegen die Disziplin die sich Gilbert im Anfange häufig zu
Schulden kommen ließ bald aus Nachlässigkeit bald aus Eigensinn und
Widerspänstigkeit bestrafte Aurel mit derselben Härte wie bei dem gemeinsten
Matrosen Mehrmals sah der verzogene Knabe der müssiggehenden Kreolin sein Blut
fließen bis sein Eigensinn vor der Unerbittlichkeit des strengen Kapitäns sich
beugte In allen übrigen Dingen war Aurel der nachsichtigste Pflegevater von der
Welt Lachenden Mundes vergab er seinem Lieblinge jede Dummheit jede
Ausgelassenheit wenn sie nicht den Dienst betraf ja er lobte sogar die
tollsten Streiche sobald sie nur mit Geschick ausgeführt wurden und von
Scharfsinn Willenskraft und persönlichem Mut zeugten
    Später als Gilbert zum Jünglinge herangewachsen war ließ ihm Aurel
vollends gänzlich die Zügel schießen Er verhehlte nicht nur nicht seine eigenen
zahllosen Abenteuer dem kaum noch mannbaren Jünglinge sondern er forderte ihn
sogar auf ihm dabei Gesellschaft zu leisten Häufig gebrauchte er den schmucken
Jungen auch als Lockvogel wenn er selbst nicht Lust hatte gewisse Wege vor
denen er sich scheute zu betreten Spielte ihm dabei Gilbert gelegentlich einen
Possen und trieb er ein zärtliches Schäfchen in sein eigenes Gehege so konnte
der Kapitän wohl über solche Undankbarkeit in komischen Zorn geraten aber dem
lebenslustigen Amerikaner ernstlich böse zu werden vermochte er nicht Im Herzen
freute er sich vielmehr des guten Glückes seines Zöglinges da es bei ihm zur
Überzeugung geworden war dass es außer rüstiger geistiger Tatkraft auf Erden
nichts Höheres gebe als die Gunst schöner Frauen und Mädchen
    Bei solchen Grundsätzen musste der kräftige Kapitän ein Don Juan werden und
er ward es ohne verbrecherische Handlungen zu begehen Niemand konnte mit Grund
behaupten dass Aurel je in seinem Leben ein Mädchen verführt habe Er warb um
die Gunst jedes Mädchens wenn es ihm gefiel und genoss dieselbe in vollen
Zügen ward sie ihm freiwillig aus Neigung mochte letztere auch eine bloß
flüchtige sein geschenkt ging aber auch lachend und eben so zufrieden von
dannen wenn er zuweilen an eine vornehm Spröde an eine kalte Schönheit
geriet die statt heißer Küsse nur eisige Giftworte verschenkte Die brutalen
Neigungen des lasterhaften Vaters traten bei dem Sohne in milderer Gestalt
gleichsam gebildeter auf Wo Magnus sündigte da pflegte Aurel bloß anmutig zu
scherzen Er war kein sittlich reiner aber trotz seiner Schwächen ein
tüchtiger guter und zu großen Opfern fähiger Mensch Er konnte sich für eine
Idee begeistern und dann auch sein Leben für dieselbe einsetzen Aurel würde
unter den edelsten Rittern aus der besten Zeit des Mittelalters eine
hervorragende Rolle gespielt haben Weil sein Jahrhundert zu speculativ zu sehr
auf den bloßen Vorteil bedacht und zu wenig geneigt war einzelnen
Persönlichkeiten freien Spielraum zur Entfaltung ihrer Charakteranlagen zu
gestatten warf er sich dem Abenteuer in die Arme das ihn reizte und seinen
abnormen Launen und Einfällen häufig Befriedigung verschafte 
    Als Aurel und Gilbert sich in dem fortwogenden Menschenstrome verloren
hatten führte der Letztere seinen Wohltäter und Gebieter durch die
Kammermannstwiete beim Küterhause vorüber nach der Ellerntorbrücke von welcher
sie rechtsab nach der Fuhlentwiete einbogen und sich von dieser in das Gewirr
jener durcheinanderlaufenden engen finsteren und unheimlichen Gässchen verloren
die in Hamburg Gänge genannt werden.
    Der fallende Nebel erhöhte noch den trüben Eindruck welchen diese ärmsten
Quartiere der großen Handelsstadt selbst am Tage auf den Besucher machen Es
war als stürze man aus dem sonnigsten heitersten Tage in die tiefste Nacht
wenn man von den breiten belebten durch tausend Flammen erleuchteten Straßen
wo Reichtum Luxus Pracht und Vergnügen herrschten in diese von erstickenden
faulen Dünsten erfüllten schmalen finsteren Gänge trat Zwar an Leben fehlte es
auch in diesen nicht aber es war das Leben der Not oder der Lasterhaftigkeit
Aus zahlreichen Kelleröffnungen qualmte dunstiger Lichtschein der fahle
rötliche Streifen auf das schlüpfrige unebene Pflaster warf Die obere Luft
erfüllte gänzlich dichter schwerer Wolkendunst Auf und nieder in dieser
widerlichen Atmosphäre wandelten einzeln und paarweise ärmlich gekleidete
Mädchen die ungeachtet der kältenden Luft auf Verhüllung ihrer Reize wenig
bedacht waren Sie stießen begegnende Männer leicht an sahen ihnen frech ins
Gesicht und nickten ihnen vertraulich zu Manches von diesen wie Gespenster
durch den Nebel schwebenden Mädchen fasste auch den ersten besten Mann am Arm und
zog ihn unter Zuruf süßer Schmeichelworte oder roher Scherze gewaltsam mit sich
fort Noch häufiger sah man bleiche Kinder der Sünde in den Kellereingängen
lehnen die jedem Vorübergehenden zuwinkten und nicht selten recht flehentlich
baten sich doch ja ihrer zu erbarmen damit sie nicht Hungers sterben dürften
    Wer sich des Nachts allein in diese schmutzigen Gänge wagte die zum größten
Teil von armen Schacherjuden von Trödlern aller Art von herabgekommenen
Handwerkern kurz von Leuten bewohnt werden die zugleich mit Armut Elend und
Schuld zu kämpfen haben der war nicht immer sicher mit heiler Haut sie wieder
verlassen zu können Das Verbrechen fand in diesen qualmigen Kellerhöhlen nicht
nur Schutz und Obdach es ward auch häufig darin geboren und groß gezogen
    Aurel hatte mit seinem Begleiter kaum funfzig Schritte in diesem
Ganglabyrint zurückgelegt als er auch schon das Gebrüll trunkener Stimmen
vernahm Es scholl aus einem noch fernen Keller herauf und endigte nach einiger
Zeit mit rohem Gelächter und dem Sturz eines Menschen den mehrere aus dem
Keller auf die Straße warfen Der so brutal Behandelte rächte sich durch eine
Flut grässlicher Flüche die er mit heiserm Kehllaut in den Keller
hinunterschrie während er sich wieder aufraffte und mühsam bald rechts bald
links taumelnd den Gang fortwankte Der lockenden Syrenenstimme eines jener
harrenden Kellermädchen konnte der Trunkene nicht widerstehen Er lavirte auf
die bleiche Dirne zu und verschwand an ihrem Arm in dem finsteren Schlunde den
sie bewachte
    Die Hand am Griffe seines Dolches schritt Aurel immer tiefer in den trüben
Gang hinein Er flüsterte nur leis mit Gilbert dessen scharfe Blicke herüber
hinüber flogen um den Eingang des bei Tage entdeckten Kellers nicht zu
verfehlen
    »Bist Du auch Deiner Sache gewiss« fragte der Kapitän indem er stehen blieb
und dem Gesange einer weiblichen Stimme horchte die wie vom Himmel herab durch
den Nebel zitterte
    »Wir sind bald zur Stelle Herr Kapitän Sehen Sie dort das flackernde
Lampenlicht in dem vorspringenden Torwege Drei Häuser weiter ist der Eingang
zum Elysium«
    Mehrmals angerufen erreichten die beiden Männer den Torweg Hier vernahmen
sie in größter Nähe den Hilferuf einer Frauenstimme begleitet von einem
Schalle über dessen Entstehung kein Zweifel sein konnte
    »Bei Gott Junge« flüsterte Aurel seinem Begleiter zu »das ist nicht viel
besser wie in St Giles Ich glaube gar irgend ein Wütrich vergreift sich an
einer spröden Dirne und will sie durch Schläge zwingen  Höre nur diese Flüche
dies giftige Gekeif eines alten Weibes  und nun wieder das flehende Gewimmer
Bei Gott dem armen Dinge müssen wir beispringen«
    »Herr Kapitän« fiel Gilbert ein »trügt mich nicht mein Ortssinn der es
wie Sie wissen mit jedem Indianer aufnimmt so ist der abscheuliche Lärm in dem
Keller «
    »Deiner niedlichen Fee Ha das trifft sich ja prächtig Geschwind Gilbert
lass uns als Schiedsrichter Mittler und Versöhner auftreten und alsdann sehen
was sich zu unserm eignen Besten etwa noch tun lässt«
    Inzwischen hatten Beide den Eingang zum Keller erreicht aus dem jetzt von
neuem tobendes Gezänk Flüche entsetzliche Schimpfworte und das Klatschen
gewichtiger Peitschenhiebe erscholl Der gellende Hilferuf eines Mädchens
übertönte noch lauter den wüsten Lärm
    Behend lief Aurel von Gilbert gefolgt die schmale Kellertreppe hinab
stieß mit dem Fuße eine nur angelehnte zersprungene Tür auf und trat mit der
Würde und der stolzen Miene eines geborenen Herrschers in eine Höhle die sich
kein Räuber zu dauerndem Aufenthalt besser hätte wünschen können
    Der Keller war gewölbt und ungeachtet eines stark glühenden
Steinkohlenfeuers doch feucht und von übelriechendem Qualm erfüllt der aus
einer Menge in einen Winkel dieser widerlichen Behausung angehäufter Kraut und
Kohlköpfe und andern zum Teil faulenden Gemüses aufstieg Zunächst dem eisernen
Ofen auf dessen Platte etwas Fettes in irdener Schüssel prägelte und die
Atmosphäre noch mehr verpestete waren an rohen in das Mauerwerk getriebenen
Pflöcken eine große Menge alter abgetragener größtenteils zerrissener
Kleidungsstücke aufgehängt Unter diesen am Boden auf etwas erhöhter Diele lag
altes zerbrochenes Geschmeide von unedlem Metall messingene Schnallen
Kettchen Ringe die ehedem vielleicht als goldene gekauft worden sein mochten
Auch lange Schnuren von schlechten Glasperlen glitzerten in dem trüben
Lampenlicht das in dem Kellerraume nicht eben überflüssige Helle verbreitete
    Bei Aurels Eintritt in diese Wohnung des Elendes sah er niedergedrückt auf
die feuchte Diele ein junges Mädchen von wunderbarer Lieblichkeit knieen Ein
wild blickender offenbar berauschter Mann von atletischer Gestalt hatte sich
die schönen braunen Flechten des wimmernden Mädchens um seine linke Hand
geschlungen und hielt sie mit Gewalt am Boden fest Mit der Rechten schwang er
eine kurze Lederpeitsche die er dem Trödel entnommen haben mochte und ließ
schallende Schläge auf die nackten Schultern der Unglücklichen fallen von denen
ein hässliches altes Weib die dünne Kleidung noch tiefer herabzustreifen eifrigst
bemüht war indem sie neben der Gemisshandelten kniete und immerfort rief »So
ists Recht Papachen Räumt dem Ungetüm den blanken Rücken tüchtig ab bis es
klein zugibt  Brav zugehauen  da wird die Kreatur acht Tage fühlen Und
hilfts noch nicht so fangen wir wieder von Neuem an und verstärken die
Arzenei  Heidi das zischte dass gleich ein rotes Bändchen über den fetten
weißen Rücken lief«
    Während die verwahrloste Alte so kreischte rann in starken Tropfen das
rote Blut von dem schönen Rücken der armen Gemisshandelten an deren Qualen sich
das hässliche Weib mit ihren frechen grauen leuchtenden Augen innig zu erlaben
schien Auch hätte der tobende Wütrich schwerlich seine Züchtigung so bald
eingestellt wäre ihm nicht Aurel mit der Riesenkraft eines heftig Erzürnten in
den Arm gefallen Gilbert ergriff die Alte und schleuderte sie verächtlich in
den äußersten Winkel des Kellers Dann kniete er neben dem gemisshandelten
schönen Mädchen nieder in dem er seine Fee vom Brunnen sogleich wieder
erkannte und umfasste die Erschöpfte von den harten Streichen schmählich
Getroffene mit beiden Armen
    »Elender« rief Aurel dem Berauschten zu die Peitsche ihm entreissend und
gegen ihn schwingend indem er ihn vorn an der Brust packte »Was hat Dir dies
Mädchen getan dass Du es so unbarmherzig schlägst«
    Der Bewohner des Kellers  denn dieser war es  suchte sich von den eisernen
Fingern des Schiffskapitäns frei zu machen rollte wütend die blutunterlaufenen
Augen und ballte beide starkknochigen Fäuste gegen Aurel
    »Lasst los« stotterte er »oder  ich vergesse mich «
    »Unvernünftiges Tier Du hast Dich schon vergessen Sprich was tat Dir
dies arme schwache Mädchen«
    »Elwire ist widerspänstig Aber was habt Ihr danach zu fragen« setzte er
zuversichtlicher hinzu »Ich kann meine Tochter prügeln so lange es mir behagt
ich kann sie lebendig schinden wenn es mir gefällt und Niemand hat ein Wort
drein zu reden Habt Ihr mich verstanden Ihr « Und der Trödler hob abermals
seine Fäuste gegen den Kapitän der ihn fest an der Jacke hielt
    In glücklichem Staunen hatte Aurel mit feurigen Blicken die wahrhaft
reizende Gestalt Elwirens verschlungen die noch immer ganz erschöpft mit
blutendem Rücken am Boden saß und ihren schönen Kopf mit den aufgelösten langen
glänzenden Haarflechten an Gilberts Brust lehnte
    »Wie« versetzte der Kapitän »Diese unvergleichliche Schönheit ist Eure
Tochter«
    »Ho ho ist das so verwunderlich« fiel der Trödler ein »Oder denkt Ihr
wie das reiche Pack dass Geld in Scheffeln misst bloß in den Betten vornehmen
Gesindels kämen schöne Kinder zur Welt Fehl geschossen sag ich die Dirne ist
mein Kind und was hat der Teufel an ihr auszusetzen he«
    »Ihr solltet Euch schämen ein solches Meisterstück der Schöpfung so
unbarmherzig zu misshandeln« sagte Aurel indem er Elwiren die sich jetzt etwas
erholt hatte die Hand reichte und ihr von der schmierigen Diele aufhalf
    »Es ist der Dirne Recht geschehen« antwortete trotzig der barbarische
Vater sich auf einen wackligen Stuhl werfend und die Arme zusammenschlagend
»Sie sollte zeigen dass sie schön sei und das wollte sie nicht will sie noch
nicht Darum hab ich sie gehauen Morgen des Tages beharrt sie auf ihrer
sinnlosen Weigerung werde ich ganz allein einen Rundtanz bei verschlossenen
Türen mit ihr aufführen Ich will doch sehen wer Herr in meinem Keller ist«
    »O retten Sie mich edelmütige Herren« schrie jetzt mit verstörtem Blick
die arme Gemisshandelte »Retten Sie mich oder ich lege selbst Hand an mich Er
will mich verkaufen  Er  mein Vater«
    Die letzten Worte stieß die Unglückliche langsam vor Entsetzen
zusammenschauernd halblaut über die bebenden Lippen
    Aurel maß den Rabenvater mit dunklem Zornesauge Da schlich die Alte wieder
aus dem Winkel hervor wohin Gilberts kräftiger Arm sie geschleudert hatte und
erklärte keifend und unter heftigen Gesticulationen
    »Und ich bestehe darauf dass unser Konract erfüllt wird Handel ist Handel 
da hilft kein Fluch noch Gebet davon  und das Mädchen gehört mir denn ich habe
Handgeld gegeben Und geht sie nicht in Gutem mit mir so lass ich sie von meinen
Leuten holen Hab ich sie nur erst in meinem Hause dann will ich schon mit ihr
fertig werden Es ist nicht die erste törichte Dirne die sich sträubt und
nachher ei wie freundlich hat dann das feingekleidete Püppchen gelacht Wie hat
sie mir die Hand gedrückt die sie anfangs züchtigte und wie hat sie dem Leben
seelenvergnügt zugejauchzt Ja die Mädchen  Man muss sie zur Erkenntnis dessen
was ihnen gut ist zwingen sonst lernten sie glaub ich im Leben nicht wozu
sie Gott so hübsch geschaffen hat«
    Das gemeine freche Weib deren schamlose Worte ihr scheussliches Gewerbe nur
zu deutlich verrieten würde noch geraume Zeit die Weisheit ihres Lasterlebens
ausgekramt haben hätte ihr Aurel nicht mit so befehlshaberischem Tone zu
schweigen geboten dass sie erschrocken nur unverständliche Laute murmelte und
sich wieder in ihrem dunkeln Winkel niederkauerte
    »Wie heißt Ihr« fragte jetzt der Kapitän den Trödler
    »KlütkenHannes« sagte der rohe Kerl
    »Wisst Ihr KlütkenHannes dass Ihr das Zuchthaus verwirkt habt wenn ich dem
hohen Senat Anzeige von Eurer Handlungsweise mache«
    Der wüste Trunkenbold brummte ärgerlich in den Bart und erhob nunmehr die
wild geballte Faust gegen die Kupplerin da er mit dem Fremden der so herrisch
und kraftvoll auftrat nicht anzubinden wagte
    »So wie ich diesen Keller verlasse« fuhr Aurel fort »ohne dass Ihr genau
tut was ich von Euch verlange so seid Ihr und Eure verruchte Helfershelferinn
der Criminaljustiz überliefert Denn ich kehre in Begleitung der Stadtwache
zurück Vollzieht Ihr aber meine Befehle pünktlich ohne das Geringste daran zu
mäkeln so will ich vergessen was ich gesehen und gehört habe und ich gebe
Euch mein Ehrenwort dass von dem Vorgefallenen Niemand etwas erfahren soll Wozu
entschließt Ihr Euch KlütkenHannes«
    Ein abermaliges Brummen und unverständliches Gemurmel war die ganze Antwort
darauf
    »Hört mich an« sagte Aurel »und behagt Euch nicht was ich verlange so
versucht einen Kampf mit dem Gesetz  Ihr versprecht mir bei Allem was Euch
heilig ist und ist Euch nichts heilig meinethalben beim Teufel und seiner
Großmutter Eure Tochter Elwire mit keinem Finger unsanft anzurühren noch ihr
Dinge zuzumuten vor denen ein Vater zurückschaudern sollte Morgen früh werde
ich wiederkommen und dann für ein ehrliches Fortkommen Eurer Tochter Sorge
tragen Seid Ihr dies zufrieden«
    KlütkenHannes stand auf und stellte sich breitbeinig vor den Kapitän hin
»Wenn Sie Mutter Lievers bezahlen wollen bin ichs zufrieden« sagte er »Das
Geld was sie mir für Ablassung des Mädels gegeben hat kann ich nicht entbehren
 ich habs nicht mehr  und wenn Sie also nicht zahlen so wird die Elwire eine
«
    »Scheusal ich erwürge Dich wo Du es wagst Deine gottverhassten Gedanken in
Worte zu kleiden« rief Aurel aus und konnte sich nicht versagen den Rabenvater
neuerdings wieder an der Gurgel zu packen und tüchtig zu schütteln »Elender
schamloser Seelenverkäufer« fuhr er fort »um Deine gemeinen Lüste zu
befriedigen Dich zum vernunftlosen Tiere zu erniedrigen gibst Du Dein reines
Kind jedem Wüstlinge Preis Pfui über Dich vermaledeiter Säufer Die Strafe des
Himmels würde ich herabrufen auf Dein sündenbelastetes Haupt wäre ich nicht von
Gottes nie schlummernder Gerechtigkeit überzeugt dass Deine Vergehungen mit
unauslöschlicher Schrift für ewige Zeiten niedergeschrieben sind«
    »Lirum larum« versetzte KlütkenHannes »um den Herrgott und sein
Strafregiment kümmere ich mich nicht so viel wie um ein Bartaar Geld Herr
Geld ein Sack voll blanker Drittelstücke oder junger Goldfüchse ist mein Gott
Für mit und durch ihn kann ich haben was ich will für Ihren Gott aber mein
guter Herr gibt mir der Bäcker kein Halbschillingbrod«
    Entsetzt vor dieser bodenlosen Frivolität und gotteslästerlichen
Versunkenheit verstummte Aurel auf einige Sekunden Dies machte dem Trödler
Mut Mit unsicheren Schritten in dem dunstigen Kellerloche auf und nieder
gehend fuhr er fort
    »Zahlen mein sehr moralischer Herr zahlen ist bei allen Geschäften die
Hauptsache Zahle ich so lässt mich das Gesetz in Ruhe und ich kann treiben was
mir beliebt Da fragen Sie Mutter Lievers hier die vordem als ich noch jung
und bei Kasse war mit mir viele vergnügte Stunden zugebracht hat Wenn sie
pünktlich bezahlt stört sie der hohe Senat nicht in ihrem Geschäft Er besucht
sie sogar der hohe Senat denn er sieht frische schlanke Mädels eben so gern
wie andere Menschen von Fleisch und Bein Und ein solides Geschäft treibt Mutter
Lievers solider ist nicht der größte Banquier in ganz Hamburg Darum ist sie
auch so erpicht auf solche geschmeidige weiße Kellerblumen die wie meine
Elwire noch kein heißer Sonnenstrahl versengt hat und die in der neuen
Lebensluft um so besser gedeihen weil sie zuvor an schmale Kost gewöhnt waren«
    Während der Trunkenbold so die ganze Gemeinheit seiner Gesinnung
verlautbaren ließ wollte sich die Kupplerin heimlich davonschleichen Allein
Gilbert merkte ihre Absicht und hielt sie fest
    »Nicht von der Stelle alte Hexe« raunte er ihr zu »Du bist überreif zum
Staupenschlage«
    Aurel zog eine Börse und warf sie dem Menschenhändler vor die Füße »Dies
Schurke auf Abschlag Kaufe Dir Opium dafür damit Du den Weheruf des Gewissens
für immer tödtest«
    Der Trödler hob die Börse auf wog sie in der Hand und sah nach ob auch
Silbergeld darin sei Dann nickte er zufrieden mit dem Kopfe und sagte
    »Ich bins zufrieden Bringen Sie morgen noch zweimal so viel gehört das
Mädel Ihnen und Sie können dann mit ihr anfangen was Ihnen beliebt Ich mische
mich nicht drein Die Umarmungen eines so vornehmen Herrn wird mein zimperliches
Töchterlein wohl nicht so unausstehlich finden wie die im Hause der Mutter
Lievers«
    Mit rohem Lachen schloss KlütkenHannes seine Bemerkungen
    Um dem demoralisirten Menschen nicht Gelegenheit zu neuen abscheulichen
Expectorationen zu geben würdigte ihn Aurel keiner Antwort Er wendete sich
vielmehr jetzt an das gemisshandelte schöne Mädchen das mit verhülltem Gesicht
zu Gilberts Füßen am Boden saß und den bisherigen Verhandlungen in tiefstem
Schweigen zugehört hatte Im Innersten erschüttert durch die schamlosen
Bemerkungen des Mannes den sie Vater nennen musste vermied sie aufzublicken
    »Liebe Elwire« redete jetzt Aurel die Unglückliche mit sanfter Stimme an
und legte seine Hand auf ihr gebeugtes Haupt »liebe Elwire können Sie
Vertrauen zu mir fassen«
    Elwire ließ die Hände sinken und schlug die tränenfeuchten Augen schüchtern
zu dem Kapitän auf
    »Wenn Sie mir gestatten dass ich etwas für Sie tun darf Elwire so werde
ich Sie einer achtbaren Familie empfehlen in deren Schoss Sie Niemand
verfolgen wird Oder wollen Sie Ihren Vater nicht verlassen«
    Bei diesen Worten stand das Mädchen hastig vom Boden auf und warf sich mit
leidenschaftlicher Heftigkeit an Aurels Brust
    »O Gott noch immer hier« rief sie schaudernd »Lassen Sie uns fortgehen
recht weit fort Ich will gern Ihre Sklavin sein nur retten Sie mich«
    KlütkenHannes lachte »Da hören Sies ja« sagte er »Noch hat das
Mordmädel Sie nicht ordentlich angeguckt und schon will sie Ihre Magd Ihre
Sklavin Ihre Maitresse sein Ich sags ja das ganze Weibervolk ist
Teufelsgelichter«
    »Fassen Sie Mut Elwire« sprach Aurel der fieberhaft Zitternden zu »Gern
möchte ich Sie schon jetzt dieser Mördergrube entreißen allein es ist mir nicht
möglich Noch eine Nacht müssen Sie hier ausharren in Geduld und Ergebung
Vertrauen Sie auf Gott und mein Wort liebe Elwire Niemand darf Ihnen ein Haar
krümmen ohne der härtesten Strafe gewiss zu sein«
    Das schöne Mädchen trat seufzend von Aurel zurück und legte stützend ihren
Arm auf Gilberts Schulter
    »Wir kommen wieder« flüsterte ihr der Jüngling zu »Ein gegebenes Wort hat
mein Kapitän noch nie gebrochen«
    »Ich hoffe dass Sie mir späterhin werden Gerechtigkeit wiederfahren lassen
Elwire« sagte Aurel zu dem traurigen Mädchen »Bis morgen muss ich Sie dem
Schutz aller Hilflosen empfehlen der Ihnen gewiss einen unsichtbaren Engel
senden wird Leben Sie wohl Elwire und geben Sie der festen Überzeugung Raum
dass Sie in mir einen zuverlässigen Freund gefunden haben«
    Er ergriff die Hand des Mädchens Dieses erfasste schnell mit beiden Händen
die seinige und riss sie leidenschaftlich an ihre Lippen Dann wendete sie sich
eben so heftig ab und lief nach dem Hintergrunde des Kellergewölbes wo sie
hinter einem Verschlage verschwand
    »Jetzt vorwärts verruchtes Weib« rief Aurel der hässlichen Alten zu »Wir
wollen Dich ein paar Gassen weit vor uns hertreiben und wenn Du Dich
unterfängst noch einmal in dieser Nacht hierher zurückzukehren so drehe ich
Dir den Hals um ehe es der Teufel oder der Henker tut Marsch die Treppe
hinan und hüte Dich um Hilfe zu rufen«
    Mutter Lievers wie der Trödler sie nannte musste sich den Umständen fügen
KlütkenHannes aber begann zu lachen zu singen und zu springen über den guten
Handel den er gemacht hatte und spielte mit der Börse die ihm für längere
Zeit ein ausschweifendes Leben sicherte
 
                                Drittes Kapitel
                                Der Bacchussaal
Es war neun Uhr vorüber als der Kapitän und Gilbert mit der Kupplerin aus
Klütkens Keller traten Das Glockenspiel von Sanct Nicolai erklang dumpf in der
schweren neblichen Luft Es spielte Luthers ergreifenden Choral »Gott in der
Höh sei Ehr« denselben Choral unter dessen Accorden es zehn Jahre später in
den Flammen für ewig untergehen sollte 
    Von den scharfen Augen ihrer Begleiter bewacht musste sich Frau Lievers in
das Unvermeidliche fügen und den beiden Männern in geringer Entfernung
vorausschreiten Erst als sie durch den kleinen Trampgang auf eine breite Straße
traten wies Aurel das freche Weib nach den Kohlhöfen indem er ihr zuraunte
    »Das ist Dein Weg vermaledeite Kupplerin Wage nicht umzukehren oder auf
verborgenen Pfaden Hand an meine Schutzbefohlene zu legen sonst sollst Du
empfinden dass ein Schiffskapitän keinen Scherz versteht«
    Frau Lievers machte einen Knicks vor dem strengen Herrn und schlug den
vorgeschriebenen Weg ein der sie in ziemlich gerader Richtung in dasjenige
Stadtquartier führen musste wo Schönheit und Sünde ein unzertrennliches Bündnis
geschlossen haben
    »Was beginnen wir nun« fragte Gilbert da Aurel in Gedanken versunken dem
alten Weibe noch immer nachsah obwohl Nebel und Entfernung es längst ihren
Blicken entzogen hatten »Sie waren so heiter vor einer Stunde und nun sind Sie
verstört wie ich Sie noch nie gesehen habe«
    »Bei Gott Junge Du hast Recht« versetzte Aurel sich ermunternd und wie
ein Pudel schüttelnd gleichsam als wolle er alle unheimlichen Eindrücke welche
die letzten Szenen auf ihn gemacht hatten damit gänzlich beseitigen »Ich ging
aus um Lust« Scherz süßes Vergnügen zu suchen um zu küssen und mein heißes
Blut abzukühlen und ich habe statt dessen Not Jammer Qual und den
fürchterlichsten Ernst des Lebens gefunden  Gilbert Elwire ist bezaubernd
»Das Mädchen hat es mir völlig angetan Bei Gott ich würde sie unter allen
Umständen höchst liebenswürdig gefunden haben aber so wie wir sie trafen sich
krümmend unter der Zuchtrute eines unmenschlichen Vaters so hat sie mich
vollkommen behext Ich glaubte einen Engel des Lichts in den Klauen eines
hasserfüllten Teufels zu erblicken«
    »Sie müssen diesen allzu tiefen Eindruck durch neue zu schwächen suchen
Herr Kapitän Haben Sie mir nicht selbst wiederholt die goldene Regel zugerufen
dass wer das Leben verstehen und recht genießen wolle es immer von der
leichten reizenden Seite erfassen müsse  Und was ists denn weiter um dieses
Mädchen dessen Augen mir allerdings auch noch wie ein Paar dunkle Sonnen durch
den Himmel meines Gedächtnisses rollen Elwire ist wunderbar schön aber sicher
noch lange nicht die Allerschönste in Hamburg Es gibt hier Göttergestalten in
deren Armen man sterben möchte Suchen wir irgendwo ein Paar solche Göttinnen
auf«
    Unter diesem leichtsinnigen Geplauder hatte Gilbert seinen Vorgesetzten nach
dem großen Neumarkt fortgezogen Jetzt als der junge Hans Liederlich seinen
Sermon schloss musste Aurel hellauf lachen dass ihm die Tränen aus den Augen
liefen
    »Sind wir nicht ein Paar rechte Toren die schöne Zeit mit fruchtlosen
Worten so unverzeihlich zu verderben« rief er aus »Im Handeln betätigt sich
der Mann Wir haben selbander Elwiren vom Verderben gerettet  das ist eine
vortreffliche Tat die uns ganz bestimmt hoch angerechnet wird im Himmel wenn
die Diener des göttlichen Wortes wie sich die närrischen Schwarzröcke nennen
uns keine Nase drehen Es sind uns mithin so viel lustige Streiche gut
geschrieben im großen Allerweltshauptbuche dass wir füglich schon jetzt auf
Rechnung unseres Gutabens frischweg ins Zeug hineinleben können Es kann uns
nur als pure Belohnung angerechnet werden Also frisch auf Kamerad in den
wildesten brausendsten Strudel des sinnlich entzügelten Lebens«
    Arm in Arm durchwanderten die Leichtfertigen mehrere Straßen schritten quer
über den Kirchhof der großen Michaeliskirche und folgten dem Zuge einer Menge
Menschen der sich in einer Seitengasse verlor Da sie langsam gingen wurden
sie häufig von Nachfolgenden überholt Es waren meist vornehm gekleidete Herren
die an jedem Arm ein ballmässig costümirtes Mädchen ausgelassene Scherze
trieben Einige Male wurden sie von einem ganzen Schwarme junger geputzter
Mädchen überholt die soviel das dunkle Licht der Strassenlaternen erkennen
ließ alle sehr hübsch und musterhaft gewachsen waren Diese Mädchentruppen
unterliessen nicht die beiden allein gehenden Männer lachend anzurufen sich
ihnen höchst ungenirt zu Begleiterinnen anzubieten sie zu fragen ob sie schon
mit flinken Tänzerinnen versehen seien und wenn Aurel und Gilbert solche Fragen
nicht beantworteten sie mit einiger Zudringlichkeit zu umringen und sogleich
wieder wie Spreu im Winde auseinander zu stauben
    »Wohin führen Sie mich« fragte Gilbert halblaut den Kapitän denn so
leichtfertig und grundsatzlos der junge Matrose teils von Natur teils durch
Aurels Umgang und Beispiel geworden war konnte man ihn doch keinen raffinirten
verdorbenen Wüstling nennen Es war bei ihm wie bei Aurel mehr der
unwiderstehliche Hang nach buntem abenteuerlichem Leben als die Lust an
verbotenen Genüssen die sie in bedenkliche Kreise führte und den Rigoristen
ausreichenden Grund gab den Stab über sie zu brechen
    »Bei Gott Junge ich weiß es selbst nicht bestimmt« entgegnete Aurel in
bester Laune »Sie heißens Salon was heute Nacht so viel junges Volk in diese
Stadtgegend führt Ob aber daselbst getanzt gesungen oder gespielt wird das
müssen wir abwarten Es soll lustig hergehen hab ich gehört und die schönsten
Mädchen Hamburgs doch nicht immer die Tugendhaftesten machen in diesen Salons
die Honneurs Das wollen wir uns denn ein Mal auf gut Glück mit ansehen«
    Gilbert war es zufrieden eine neue Seite des Lebens kennen zu lernen wenn
es auch nur eine tief dunkele Schattenseite sein sollte Ihre Schritte
beschleunigend kamen sie an ein stattliches Haus dessen Torweg hell erleuchtet
war und aus dessen Innerem verworrenes Geräusch vieler Stimmen und die dumpfen
Töne rauschender Tanzmusik erklangen Männer und Frauen oder Mädchen bald
einzeln bald paarweise oder zu Dreien und Vieren traten in den Torweg und
stiegen eine ziemlich breite Treppe im Hinterhause hinauf die auf beiden Seiten
mit grünen Tannenzweigen garnirt war Eine hohe ebenfalls mit frischem Laubwerk
geschmückte Pforte in der buntfarbige Lampen sich drehten eröffnete den
Eingang zu einem geräumigen Saale Dieser endigte in einer Spiegelwand wodurch
er ungleich größer und gewühlvoller erschien als er wirklich war Auch an den
Wänden waren zwischen weichen und breiten Polstern hohe Spiegel angebracht Drei
große Kronleuchter mit zahllosen Flammen schwebten gleichsam aus der
geheimnisvollen Nacht des gestirnten Himmels herab denn die in leichter
Schwingung gewölbte Decke des Saals war mattblau fast etwas ins Schwarze
schillernd gemalt und mit einer Unzahl glänzender silberner Sterne von allen
Größen ausgeschlagen Schien es doch als bedürfe das Laster das sich in
blendendstem Schmuck in verführerischstem Liebreiz in kokettester Anmut in
reizendster Schönheit in diesen Räumen tummelte und dem Götzen der Welt seine
Huldigungen darbrachte dieses künstlichen Deckmantels Unter dem nachgeahmten
Sternenzelt der keuschen heiligen Nacht fühlte die Sünde keine Reue keine
Scham Das Gewissen schwieg bei den Orgien zu denen die schönsten Töchter der
Erde hier geschmückt erschienen 
    An der einen Seite des Saales kredenzte eine Statue des eppichumlaubten
Gottes der Freude und des Weines in goldener Schaale sprudelnden Champagner
Diese Statue gab dem Saale seinen Namen Links und rechts zu beiden Seiten
führten breite Türen auf hell schimmernde Korridore Diese Türen wurden häufig
von erhitzen Tänzerinnen geöffnet um sich in der weichen Kühle der Vorräume
einsam oder in Gesellschaft zu erholen
    Die Musik war nicht vorzüglich aber rauschend und wild Sie harmonirte mit
der Stimmung der meisten Tanzenden die im raschesten Tempo mehr fliegend und
stürzend als sanft schwebend den Saal durchrasten
    Mit anderthalb Mark erkauften sich Aurel und Gilbert das Recht an den
wüsten Freuden des Bacchussaales bis nach Mitternacht Teil nehmen zu dürfen
    Gilbert war ein leidenschaftlicher Tänzer Es währte daher nicht lange so
hatte er schon ein Mädchen gewählt und flog in ihren Armen die sich immer von
Neuem ergänzende Reihe tanzender Paare hinab Aurel tanzte weniger gern und nur
dann wenn ihm ein Mädchen als Tänzerin besonders gefiel Das Rasen im Tanz war
ihm zuwider Er fand in diesem reizlosen gegen alle Schönheit verstossenden
Toben Nichts was Herz und Sinne berücken konnte und doch hielt er
künstlerisches Tanzen wesentlich dazu geeignet die Schönheit in strahlendstem
Glanze erscheinen zu lassen
    Die gepolsterten Sitze entlang schreitend musterte er die geschmückten
jungen Mädchen die vom Tanz ausruhten oder auf neue Tänzer harrten Viele von
diesen Töchtern des Bacchussaales waren ihrer ungewöhnlichen Schönheit
entsprechend gekleidet Weiche Seiden umrauschten die vollen und doch zarten
Glieder falsche Brillanten waren in die Flechten ihrer reichen Haare gestreut
die natürliche und künstliche Blumenkränze geschmackvoll umwanden
    Aurel pflegte in der Regel nicht zu reflectiren Als Mann der Tat auf das
Practische gerichtet von Jugend auf zu tüchtiger Regsamkeit angehalten konnte
sich eine ohnehin schwach vorhandene Anlage zur Philosophie in ihm nicht
entwickeln War er also nicht geradezu in seinem Fache für das er mit ganzer
Seele lebte beschäftigt so liebte er den ungebundenen freien grenzenlosen
Genuss Der Augenblick und seine Freuden waren alsdann die Götter denen er
opferte die er allein anerkannte
    Seltsamerweise wollte sich dieser stürmische Drang zu freudiger Hingabe an
den Genuss diesmal bei Aurel nicht einfinden Er sehnte sich nach Freude nach
tosendem Jubel nach völliger Vergessenheit aber jener berauschende Taumel der
wie eine Sturzsee des Menschen ganzes Wesen ungerufen überströmen und in seine
schäumenden Brandungen hineinreissen muss soll er absichtslos und ohne Rückhalt
genießen dieser entfernte sich mehr und mehr von ihm Der leichtsinnige allen
Freuden leidenschaftlich ergebene Kapitän musste wider Willen denken Die
leidende blutig geschlagene Gestalt der tugendhaften Elwire mit dem stummen
Verzweiflungsschrei in dem großen nachtdunklen Auge drückte sich wie eine
Geistererscheinung in den Spiegel seines Auges Er konnte das ergreifende zu
tiefem Ernste stimmende Bild nicht verwischen Selbst dem perlenden Feuer des
Weines wich es nicht Vor ihm zur Seite an seinen Fersen rauschte es mit ihm
durch das Gewühl der hundert reizenden Evastöchter  der einzige unbefleckte
Engel unter lauter Kindern und Zöglingen der Sünde 
    Aurel suchte an Vergnügungsorten ähnlicher Art immer die ausgelassensten
Dirnen auf um in munterer Weise mit ihnen zu scherzen Zuweilen benutzte er
solche Bekanntschaften wohl auch zu Anknüpfung eines nur Tage oder Wochen
bestehenden zärtlichen Verhältnisses Heut wollte ihm dies nicht gelingen eine
so brennende Sehnsucht ein so verzehrendes Verlangen er auch nach solcher
Zerstreuung hatte Eine unsichtbare geheimnisvolle Gewalt hielt ihn von all
den schönen lockenden jubelnden Kindern der Freude zurück in deren Blicken er
den Wunsch lesen konnte mit ihm bekannt zu werden
    Aergerlich über diese unwillkommene Stimmung die ihn wider Willen kalt
spröde teilnahmlos machte wollte er sein Blut erhitzen um neue Lust zu
fröhlichem Leben in sich zu erwecken Rasch trat er an eine hohe in perlfarbenen
Seidenstoff gehüllte Mädchengestalt und forderte sie zum Tanz auf Höflich
reichte sie ihm die Hand und reihte sich mit ihm den tanzenden Paaren an Sie
tanzte leicht und mit Grazie Ein tadelloser Wuchs ein wunderschön geformter
Arm und Nacken beschäftigten während des Tanzes den Kapitän Das Auge des
Mädchens hatte er noch nicht gesehen denn sie schlug es hartnäckig zu Boden
Auch seine Fragen beantwortete sie ohne ihn anzublicken Das fiel Aurel auf
sein Interesse war erregt er musste das schöne wortkarge Mädchen näher kennen
lernen Auf seine Frage ob sie den Tanz beendigen wollten beugte sie bejahend
den Kopf Aurel führte sie in einen weniger von Menschen umschwärmten Teil des
Saales und setzte sich neben sie
    »Warum so still unter lauter fröhlichen vergnügten Menschen« fragte der
Kapitän die Hand des Mädchens sanft drückend
    »So bin ich immer« versetzte dieses kaum bemerkbar die langen Wimpern
bewegend
    »Aus Grundsatz schönes Geheimnis«
    »Aus Grundsatz«
    »Sollte dies Ihrem Fortkommen nicht hinderlich sein«
    Jetzt schlug das Mädchen ihre Augen auf und die Blicke Beider begegneten
sich Aurel fühlte die Hand seiner Tänzerin leise erbeben Ein Auge von
unergründlicher Tiefe sah ihn traurig und melancholisch groß und fragend an Sie
antwortete nicht
    »Ich scheine Sie beleidigt zu haben« fuhr Aurel fort »das war nicht meine
Absicht«
    »Ich weiß es und verzeihe Ihnen gern«
    »Sind Sie allein hier«
    »Ganz allein«
    »Ohne Lust am Tanz ohne Freude im Herzen Das ist seltsam«
    »Sagen Sie lieber es ist entsetzlich Dann sprechen Sie die Wahrheit«
    »Weshalb besuchen Sie die Salons wenn Ihnen vor den Freuden graut die sie
Ihnen bieten«
    »Es ist mein Fluch mein Schicksal nennen Sie es wie Sie wollen Die
Ketten mit denen das Laster bindet sind unzerbrechlich«
    Diese Worte sprach das Mädchen mit einem solchen innern Entsetzen dass Aurel
davor fröstelte Er überflog mit schnellem Blick die schöne nachlässig im Divan
ruhende Gestalt bewunderte diese edlen reinen Formen den prächtigen Schnitt
des Gesichts mit dem stolzen Munde und der fein gebogenen Nase und der Gedanke
die Bedauernswürdige müsse aus guter Familie stammen und vielleicht durch
außerordentliche Ereignisse in ihre jetzige Lage versetzt worden sein drängte
sich ihm mit Gewalt auf
    »Wäre es Ihnen vielleicht angenehmer in eins der Nebenzimmer zu treten und
ein Glas Champagner mit mir zu trinken« fragte Aurel die schöne Unbekannte »Es
ist unglaublich heiß hier und gar so tumultuös«
    »Wie Sie wünschen mein Herr doch meinetwegen bemühen Sie sich nicht Ich
trinke nie«
    »Das ist Unrecht mein Fräulein Sie sollten sich erheitern«
    »Ich will nicht erheitert sein«
    Aurel war aufgestanden und bot dem schönen Mädchen den Arm Sie nahm ihn
gleichgültig vornehm an und trat mit ihm in ein Nebenzimmer wo einzelne Paare
an runden Tischen saßen flüsterten lachten und tranken Der Kapitän bestellte
Champagner und zwei Gläser
    »Denken Sie nicht mein Herr dass Sie mich bereden können« sagte das
Mädchen mit großer Entschiedenheit »Es soll mich freuen wenn der Wein Sie
belebt was mich betrifft so werde ich mein Wort halten«
    »Sind Sie in allen Dingen so gewissenhaft«
    »In allen«
    »Wenn Sie also einen Mann mit Ihrer Liebe beglückten so würden Sie ihm
umwandelbar treu bleiben«
    »Wenn ein Mann meine Liebe erwürbe und sie verdiente gewiss«
    »Und einen solchen Mann fanden Sie noch nicht«
    »Ich werde ihn nie finden« versetzte seufzend die Schöne
    »Vertrauen Sie Ihren Reizen so wenig schönes Geheimnis So jung so
blühend so interessant  gewiss Hunderte werden sich um Ihr Herz bewerben und
unter diesen Hunderten wird doch wohl Einer Gnade finden vor Ihren tiefsinnigen
Augen«
    »Wäre dies je der Fall so würde ich nicht das Herz haben ihn zu betrügen«
    »Betrügen  Sie werden immer rätselhafter«
    Das Mädchen warf ihm einen flammenden Blick zu der ihn wie ein schwerer
Vorwurf traf und zuckte dabei mitleidig die Achseln
    »Sie erlauben mein Fräulein dass ich mich ein Wenig in den Vorhof Ihres
Geheimnisses zu stehlen wage Werden diese stolzen Lippen es verschmähen mir
Ihren Namen zu nennen«
    »Bianca« sagte das verschlossene ernste Mädchen kühl »Was wollen Sie nun
damit«
    »Bianca« erwiderte Aurel »aus gutem Herzen und in bester Absicht weil
Sie mir eine Teilnahme für Sie eingeflößt haben die nicht mehr verlöschen
kann frage ich Sie offen und ehrlich Halten Sie mich für einen Mann zu dem
ein Mädchen Vertrauen fassen kann«
    »Ich kenne Sie noch zu kurze Zeit um mir ein Urteil über Sie und Ihren
Charakter zu erlauben«
    »Ich bitte Sie darum Bianca«
    »Zu welchem Zweck«
    »Damit Sie mir vertrauen wenn ich es verdiene«
    Bianca ließ jetzt ihre traurigen Augen lange Zeit auf den bewegten Zügen des
Kapitäns ruhen dann sagte sie »Ich glaube mein Herr dass Sie nicht besser und
nicht schlechter sind als Tausende Ihres Geschlechtes doch scheinen Sie ein
gutes Herz zu besitzen und einem Solchen kann ein hilfloses Mädchen wohl
vertrauen«
    »Nun denn Bianca so tun Sie es« rief Aurel leidenschaftlich und küsste
ihre Hand »Giessen Sie den Kummer die Schwermut die Trauer die Sie mit sich
tragen in meine Seele Beichten Sie die Schmerzenseindrücke des Lebens als
wäre ich Ihr Bruder Ihr Vater Ihr Geliebter und empfangen Sie von mir das
heilige Versprechen statt eines Eides dass kein Sterblicher von Ihrer Beichte
eine Sylbe erfahren soll«
    »Wer sind Sie und was veranlasst Sie diese unbegreifliche Teilnahme gerade
mir zuzuwenden«
    »Wer ich bin Was braucht das Sie zu kümmern Es genüge Ihnen zu wissen
dass ich ein freier unabhängiger vermögender Mann bin der in beiden
Hemisphären vor Kummer brechende Augen gesehen der das Volk in seinen Freuden
und Leiden kennen gelernt hat Bianca sein Sie offen Sie gehören nicht in
diese Gesellschaft Ein entsetzliches Verhängnis muss Sie unter diese «
    »Warum stocken Sie Sprechen Sie aus was Sie denken Nennen Sie diese
armen unglücklichen Geschöpfe was sie sind  Verworfene Sie bezeichnen damit
bloß den Rang den ihnen die vornehme so genannte ehrliche bürgerliche
Gesellschaft gibt weiter Nichts Über ihren wahren sittlichen Wert dieser
Armen haben Sie eben so wenig ein Urteil wie alle Übrigen die sich mit
verächtlichem Nasenrümpfen ein solches anmassen«
    »O ich weiß ich weiß« sagte Aurel mit niedergeschlagenen Augen »Wir sind
vorschnell im Richten und verdienen doch so oft selbst gerichtet zu werden«
    »Nun wenn Sie dies fühlen« erwiderte Bianca »dann können Sie noch helfen
und retten Ja mein Herr die Männer sind es mit ihrer Selbstsucht ihrer
kalten Grausamkeit ihrer Genusssucht ihrer Treulosigkeit die aus so vielen
leichtgläubigen und gutherzigen Geschöpfen das bejammernswerte Heer derer
vermehren helfen die sie späterhin Verworfene nennen O kennten Sie das Leben
solcher Verworfenen wüssten Sie wie sie es werden werden müssen und wie es
aussieht unter der glänzenden Hülle die sie prangend um ihre verlorene Ehre
schlagen Sie würden zittern würden sich entsetzen vor Ihrem eigenen Geschlecht
und der Verworfensten dieser Verworfenen mit demütiger Bitte um Vergebung Ihrer
Schuld die Hand küssen«
    »Bianca« sagte Aurel erschüttert »wer sind Sie Wer waren Sie ehe der
böseste Dämon Ihres jungen Lebens Sie auf finstere Abwege fortriss«
    »Ich war was ich noch bin arm schön und verlassen Da hörte ich auf die
schmeichelnde Stimme eines vornehm gekleideten Mannes  und nun bin ich hier«
setzte sie rasch mit plötzlich aufspringender Lustigkeit und einem
unbeschreiblichen Feuerblick des tiefen melancholischen Auges hinzu
    »Sie hätten den Bacchussaal nicht besuchen sollen Bianca«
    »Ich hätte noch weit weniger den schön klingenden Worten eines Mannes
Glauben schenken sollen«
    »Sie dürfen diesen Ort nicht mehr betreten Sie müssen ein anderes Leben
beginnen«
    »Wissen Sie auch ob ich leben kann Ob ich frei bin«
    »Wem können Sie untertan sein«
    »Der Not und dem Hunger« sagte Bianca tonlos und senkte tief aufatmend
den Kopf gegen die Brust
    In diesem Augenblicke ging die Tür auf und Gilberts jugendliches von Tanz
und Wein glühendes Gesicht ward sichtbar
    »Ah da sind Sie ja Herr Kapitän« sagte der junge Matrose »und in schöner
Gesellschaft wie ich sehe« indem er Bianca mit Aufmerksamkeit grüßte »Ich
bedauere dass ich Sie einem so reizenden Umgange entführen muss Hören Sie die
Musik verstummt Alles verlässt den Saal Es heißt ein Schiff im Hafen sei in
Brand geraten«
    Aurel sprang auf »Eile Gilbert so schnell Du kannst« rief er dem
Jünglinge zu »ich folge sogleich«
    Gilbert warf noch einen spähenden Blick auf seinen Wohltäter und verließ
das Zimmer
    »Zu frühzeitig Bianca ruft mich die Pflicht von Ihrer Seite« sprach er zu
dem Mädchen das seine Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregt hatte »Sie
wissen jetzt wer ich bin Besitzer und Führer eines Kauffarteischiffes das
binnen wenigen Wochen in See gehen soll um noch in diesem Jahre an den Küsten
der neuen Welt Anker zu werfen muss ich Sie in diesem Augenblicke verlassen Ich
tue es nicht ohne Sie mit einer Bitte zu belästigen Werden Sie dieselbe
freundlich gewähren«
    »Ich möchte es gern Herr Kapitän«
    »Nun denn  ich muss Sie wieder sehen wieder sprechen Wo und wie kann dies
geschehen In Ihrer Wohnung «
    »Nicht um die Welt« fiel Bianca ein »Aber hören Sie Morgen zwischen vier
und fünf Uhr ist Konzert im Elbpavillon Ich muss dort erscheinen um  doch wozu
davon sprechen  Am dritten Fenster des Saales vom Millerntor her mit der
Aussicht auf die Anlagen werden Sie mich finden Ich trage ein schwarzes Kleid
und ein Sträusschen vor der Brust mit einer dunkelroten Nelke«
    »Adieu Bianca auf Wiedersehen«
    Aurel drängte sich durch die fortstürzende Menge hinaus auf die Straße Der
Nebel hing noch wie früher trüb und feucht über der menschenwimmelnden Stadt
Auf den Türmen schlugen die Glocken an und der Widerschein einer erst
beginnenden Feuersbrunst schimmerte mattrot durch die dicke Luft Auf den
Wällen wurden die Lärmkanonen gelöst  nah und fern hörte man Feuerruf und das
Getöse zu Hilfe eilender Menschen
    Als der Kapitän sich dem Hafen näherte vernahm er dass das Feuer gar nicht
unter den vor Anker liegenden Schiffen ausgebrochen sei Ein kleines schmales
Haus auf dem Kajen in dessen unterstem Geschoss sich eine gemeine Matrosenkneipe
befand war von der Küche aus in Brand geraten und stand jetzt in vollen
Flammen Bei der stillen Luft und den in Übermaß vorhandenen LöschMannschaften
war keine Gefahr vorhanden Die meisten Herbeigeeilten hatte die Neugier
hergelockt Sie standen müßig in den anstoßenden Straßen und sahen ruhig dem
still brennenden Feuer zu Einen nicht geringen Teil dieser Zuschauer machten
die geputzten Mädchen aus die noch vor einer Viertelstunde im Freudentaumel des
wildesten Tanzjubels geschwelgt hatten 
    So angenehm es dem Kapitän auch war dass er sein Fahrzeug außer Gefahr
wusste so sehr verdross es ihn durch den unnützen Lärm in seinem so
interessanten Gespräch mit der schönen Bianca gestört worden zu sein Es war ihm
lieb dass das schöne Geschöpf seiner Bitte gewillfahrt hatte Er konnte kaum den
nächsten Tag erwarten
    Während er jedoch langsam und in Gedanken durch die noch sehr lebhaften
Straßen nach Hause schlenderte fiel ihm die Erinnerung an Elwire wieder schwer
aufs Herz Seine Sucht nach Abenteuern verbunden mit Gutmütigkeit drohte ihn
in Verlegenheit zu bringen Aus purem Leichtsinn hatte er sich da in einem Atem
zwei Mädchen aufgebürdet von denen beiden er noch nicht wusste ob sie es auch
verdienten dass sich ein rechtschaffener Mann für sie verwendete
    »Gleichviel« rief er nach einigem Nachsinnen sich ermutigend zu »ich habe
mich für Beide interessiert mich gleichsam zum Ritter Beider erklärt und ein
ehrlicher Kerl hält sein Wort«
    Für Elwire musste zuerst gesorgt werden Das verlassene Mädchen harrte gewiss
mit schmerzlichem Verlangen auf den neuen Morgen und zählte die verrinnenden
Minuten Aurel musste ein Asyl für sie ermitteln Das hatte er zwar von Anfang an
beabsichtigt allein nun die Zeit schnell heranrückte und rasches Handeln
erheischte sah der leichtblütige junge Mann ein dass ihm der Verstand wieder
einmal mit der Zunge davon gelaufen sei Zum Glück kannte er eine würdige
vermögende Familie in deren Hause er häufig ein und ausging Dahin musste er
vorerst seine Schutzbefohlene bringen
    Zu diesem Entschlusse gekommen erreichte er sein Haus Er setzte sich
sogleich hin und schrieb noch einige Zeilen an die Frau vom Hause worin er ihr
den Eintritt eines jungen Mädchens in ihre Familie ankündigte Nähere
Ausschlüsse über dasselbe zu geben behielt er sich mündlich vor Als Aurel das
Billet couvertirte und mit seinem Wappenringe zusiegelte kam auch Gilbert heim
    Der junge Mensch sah ziemlich wüst und beschmuzt aus
    »Du warst beim Feuer« fragte Aurel
    »Ja Herr Kapitän ich bin ein solcher Narr gewesen Hätte ich gewusst dass
weiter Nichts brennte als eine Käsehütsche zehn Teufel hätten mich nicht aus
dem Bacchussaale gebracht Ich war vergnügt wie ein König In meinem Leben habe
ich mich so vortrefflich noch nicht amusirt Gott welche Gestalten Welch süßes
Fleisch Welche Glutaugen Ich bin ganz toll geworden Herr Kapitän«
    »Das hör ich« sagte Aurel der inzwischen die Adresse auf den Brief
geschrieben »Damit Du nun recht bald wieder zu Dir kommst geh jetzt zu Bett
und schlafe bis morgen früh sieben Uhr Hörst Du Nicht länger sonst verfällst
Du in Strafe Denke Du seist zur See und schliefst auf Kommando Halb acht Uhr
muss dieses Billet an seine Adresse abgegeben sein Gute Nacht mein Junge«
    Gilbert empfing den auf duftendes Rosapapier geschriebenen Brief und stierte
seinen Gebieter verdutzt an Da Aurel unbekümmert darum in sein Schlafzimmer
ging warf der Jüngling das Briefchen verdrießlich auf den Tischriss sich die
Jacke auf um freier Atem zu schöpfen und zog sich brummend ebenfalls in seine
Kammer zurück
 
                                Viertes Kapitel
                                   Ein Fund
Vor dem Dammtore bewohnte die Wittwe Oehlers mit ihrer erwachsenen Tochter
Klara ein heiter gelegenes von wohlgepflegten Rasenplätzen und dichten Hecken
umschlossenes einfaches Haus Diese Lage unmittelbar vor der Stadt und doch in
der kühlen grünen Umarmung eines kleinen Parles vereinigte aufs angenehmste die
Vorzüge des Stadtlebens mit dem freien Genuss ländlicher Einsamkeit und
gestattete der noch rüstigen Frau Sommer und Winter in dem ihr lieb gewordenen
Hause zuzubringen
    Madame Oehlers war die Wittwe eines reichen Hamburger Kaufherren der ihr
bei seinem Tode ein großes Vermögen nebst einem blühenden Handelsgeschäft
hinterlassen hatte Die Wittwe suchte nach dem Ableben ihres Mannes für die
Fortführung dieses Geschäftes das sie nicht selbst betreiben konnte einen
zuverlässigen Mann der sich desselben annehmen sollte und machte dies in
mehreren weit verbreiteten Zeitungen bekannt Dies geschah um jene Zeit wo die
Grafen von Boberstein und namentlich Adrian mit dem Plane umgingen in Hamburg
als dem ersten Stapelplatz des norddeutschen Handels ein eigenes Handelshaus zu
gründen um mittelst desselben die Erzeugnisse ihrer Spinnerei mit größerem
Gewinn wieder umsetzen zu können Adrian zog genaue Erkundigungen über die
Verhältnisse der Firma Oehlers ein fand dieselben seinen Wünschen vollkommen
entsprechend und machte der Wittwe den Vorschlag das Geschäft käuflich an sich
zu bringen Man einigte sich in Kurzem über den Kaufpreis über die
Zahlungstermine und was sonst noch bei derartigen Veräusserungen festzustellen
und zu berücksichtigen ist Madame Oehlers war froh eine große Sorge los zu
sein Adrian hatte unter verhältnismäßig billigen Bedingungen ein in der großen
Handelswelt accreditirtes Geschäft erhalten und konnte nunmehr mit bedeutendem
Gewicht an der Börse erscheinen Ein Geschäftsführer wie er ihn wünschte war
ebenfalls bald gefunden und somit die Angelegenheiten zweier Familien zu
beiderseitiger Zufriedenheit geregelt
    Durch das Hin und Wider während der Geschäftsunterhandlungen hatte sich im
Verkehr zwischen den Gebrüdern Boberstein oder wie sie als speculirende
Handelsherren sich consequent nannten am Stein und der Familie Oehlers ein
freundschaftliches auf gegenseitige Achtung gegründetes Verhältnis ausgebildet
Als späterhin Aurel von England herüber kam um als Rheder festen Fuß in Hamburg
zu fassen öffnete Madame Oehlers dem lebenslustigen Manne ihr gastfreies Haus
Klara hübsch jung und aufgeweckten Geistes eine Meisterin auf dem Fortepiano
das sie leidenschaftlich gern spielte war für Aurel ein fesselnder Magnet wenn
er auch keine ernstlichen Absichten auf das junge Mädchen hatte was die Mutter
laut die Tochter vielleicht im Stillen wünschte
    Die Flatterhaftigkeit des jungen Kapitäns und sein Hang zu sinnlichen
Ausschweifungen konnte den Frauen zwar nicht gar lange verborgen bleiben allein
es störte derselbe doch in keiner Weise den freundschaftlichen Verkehr unter
einander Klara ärgerte sich freilich so oft ihr wieder ein neuer toller
Streich des in der Stadt umher schwärmenden Kapitäns zu Ohren kam persönlich
aber ward er ihr dadurch nur interessanter Sie war nie freundlicher
zuvorkommender liebenswürdiger als wenn sie Aurel recht viele Jugendsünden zu
vergeben hatte und Aurel konnte wieder nie zarter dem jungen Mädchen begegnen
als nach wild durchtobten Nächten An ein Verhältnis mit Klara oder gar an eine
Heirat mit ihr dachte er nicht Das hatte bei ihm noch lange Zeit zuvor wollte
er auf die lustigste und mannichfaltigste Weise sein Leben genießen 
    Klara hatte eben die singende Teemaschine auf den zierlichen Kohlenhalter
gesetzt um für sich und die Mutter das Frühstück zu bereiten als der Bediente
einen Brief überbrachte Es war das Billet Aurels Die Wittwe erbrach es und
durchlas mit einigem Staunen die wenigen Zeilen Sie las sie zwei und dreimal
und legte sie dann kopfschüttelnd neben sich aufs Sopha
    »Von Aurel« fragte Klara neugierig denn ihr scharfes Auge hatte das Wappen
erkannt
    »Von unserm abenteuerlustigen Kapitän« erwiderte die Mutter mit ironischem
Lächeln »Der muntere Herr scheint es wird mit jedem Tage ausgelassener ja
kennte ich nicht bereits zur Genüge seine excentrischen barocken Einfälle so
würde ich das was er mir in diesen Zeilen meldet gradezu für eine
Mystification halten«
    »Ja was gibt es denn« fragte mit schlechtverhehltem Ärger die Tochter
indem ihre vollen runden Wangen im Feuer der Eifersucht erglühten »Hat Aurel
einen dummen Streich gemacht«
    »Das wag ich gegenwärtig noch nicht zu entscheiden liebe Tochter Höre
was mir der tolle Mensch schreibt«
    Madame Oehlers nahm den Brief wieder auf und las
            »Meine verehrteste Freundin
        Wenn Sie beim Lustwandeln irgendwo eine zarte Blume von wunderbarer
        Farbenpracht und süßem Duft gewahren die eine frevelnde Hand
        absichtlich zerstören will nicht wahr dann schirmen Sie das
        bezaubernde Gewächs gegen boshafte Gewalt und bergen sie an Ihrem Busen
        Ich habe durch Zufall heut Abend eine solche Blume gefunden ein junges
        Mädchen weiß zart schlank wie die Lilien in Ihrem Garten
        bescheiden wie ein Veilchen sanft gut und schuldlos wie jedes
        unverdorbene Frauenherz Dieses schöne verlassene Mädchen entriss ich
        den Händen eines Wütrichs der ihr Vater zu sein vorgibt Sie warf sich
        mit Freudentränen vor mir nieder und wollte gar nicht mehr von mir
        lassen Was war da zu tun Ich versprach dem lieblichen Kinde Schutz
        und Pflege aber in meine Kammer kann ich sie doch nicht nehmen  Da
        dachte ich an Sie meine treffliche Freundin an Ihre Güte Ihre sinnige
        Tiefe Ihren schönen wohltuenden Gleichmut Ich dachte auch an die
        gute liebe Klara und ihre Engelsstimme Nicht wahr Sie Beide Mutter
        und Tochter Sie können mir nicht abschlagen bei einem verlassenen
        Mädchen so lange Mutter und Schwesterstelle zu vertreten bis  ja wie
        lange denn Gott mag es wissen Genug machen Sie sich morgen vor Mittag
        auf einen Besuch gefasst der Sie überraschen wird und vergeben Sie im
        voraus für solche Überrumpelung und Erweiterung Ihres Familienkreises
                                                     Ihrem unermüdlichen Kreuzer
                                                                         Aurel«
    »Was hältst Du davon meine Tochter«
    Klara war noch weit ärgerlicher geworden Sie kniff recht bitterböse den
kleinen Mund zusammen und sagte noch tiefer errötend »Ich finde das Verlangen
des Herrn Kapitäns über Gebühr ungezogen Uns ein stockfremdes vielleicht gar
gemeines Mädchen aus freien Stücken ins Haus zu schicken Manchmal scheint es
wirklich als leide der gute Mann an Verstandesschwäche«
    »Verdamme ihn nicht liebes Kind Aus seinem Schreiben geht hervor dass er
eine gute Tat entweder getan hat oder doch hat tun wollen Dies müssen wir
vor Allem ins Auge fassen und darüber das Ungewöhnliche seines Verlangens
vergessen Lassen wir uns immerhin das Mädchen vorstellen dem unser wackerer
Kapitän seinen Schutz zugesagt hat Entspricht sie unsern Erwartungen so kann
sie bei uns bleiben und Dir eine liebe Gefährtin werden sollte sie unsere
gewohnte Ordnung stören uns überhaupt nicht gefallen so wird es ja doch Mittel
und Wege geben für ein verlassenes Geschöpf auf anständige Weise zu sorgen«
    »Ich wette dass es eine von den sauberen Liebschaften des Herrn Kapitäns
ist« versetzte Klara ein Stückchen geröstetes Weissbrod mit ihren Perlenzähnen
zermalmend um den aufkochenden Ärger besser verschlucken zu können »Man kennt
den Herrn von dieser Seite und es wundert mich wirklich liebe Mutter dass Sie
ihm noch nicht einmal recht tüchtig den Text gelesen haben Sie könnten es am
ersten vor Ihnen hat er Respekt und es ist doch wirklich gradezu ein Unglück
und eine Schmach dass ein so gescheidter tüchtiger liebenswürdiger junger Mann
aus einer so alten und ehrwürdigen Familie sich und seine Ehre so ganz vergisst
und wohl auch noch Andere obendrein compromittirt«
    »Auch die Sonne hat ihre Flecken liebe Tochter« sagte die Mutter sanft und
gelassen »Kapitän Aurel ist gut nur etwas flatterhaft und das ist für einen
Mann von Geist und Herz kein gar zu arger Fehler Überdies sagt man ihm mehr
Schlimmes nach als er verdient Weil er den Mädchen gefällt verleumdet man
ihn Das ist so der Welt Lauf«
    »Er wird nie ein Mädchen glücklich machen Welch Frauenherz soll auch einem
solchen Wüstling vertrauen«
    »Jedes mein Kind glaube mir Man hat zahllose Beispiele dass solche
überlustige Kumpane die besten treuesten zärtlichsten und aufmerksamsten
Gatten geworden sind«
    »Es ist aber doch schlecht«
    »Man kann es nicht billigen liebe Klara allein man muss und darf es
entschuldigen«
    »Ich sehe den Kapitän nicht mehr an wenn er nicht ein ganz anderer Mensch
wird«
    »Schwöre nicht darauf« versetzte die Mutter lächelnd »Man nennt uns nicht
mit Unrecht das schwache Geschlecht Ein Wort ein Blick eine Bitte versöhnt
uns schneller als wir glauben und häufig sind grade die Fehler der Männer die
scharfen Angelhaken an denen wider Willen unsere Herzen hangen bleiben Wir
können wohl den Hass der Abwechselung wegen und um uns selbst zu genügen
bisweilen versuchen zur Meisterschaft bringen wir es in ihm nie Auch aus dem
geringsten unserer Blicke leuchtet ein Versöhnungsfunke der vergebenden Liebe
die Gott in unser Herz gelegt hat  Und was mein Kind was hat Dir der Kapitän
getan dass Du so gar böse auf ihn bist«
    Klara seufzte bückte sich als suche sie etwas am Boden und trocknete sich
verstohlen die Tränen ab Es war keine Frage sie liebte Aurel Die
scharfsichtige Mutter bemerkte wohl die heftige Bewegung ihrer Tochter sie
ignorirte sie aber da sie eine Neigung weder nähren noch unterdrücken wollte
von deren Reife sie sich noch nicht überzeugt hatte Eben wollte sie das
abgebrochene Gespräch wieder anknüpfen da trat der Bediente ein und meldete
Aurel
    Klara stand schnell auf und ging ins Nebenzimmer Madame Oehlers gab
Erlaubnis den ungewöhnlich frühen Morgenbesuch einzulassen 
    Aurel war an diesem Morgen zeitig aufgestanden hatte in größter Eile
gefrühstückt und sich dann unverweilt auf den Weg nach KlütkenHannes Keller
gemacht Der Eingang zur Kellertreppe stand bereits offen und war jetzt mit
einigen abgetragenen stellenweise schadhaften Kleidungsstücken behangen um
Kauflustige anzulocken Auf den obersten Stufen lagen Ringe Schnallen Ketten
und andere Putzwaaren von unedlen Metallen in kleinen Körbchen zur Beschauung
Vorübergehender bereit KlütkenHannes selbst saß am Fuß der Treppe auf einem
wackeligen Rohrstuhle rauchte aus kurzer Matrosenpfeife einen widerlich
riechenden Tabak und schenkte sich aus einer schmutzigen Flasche in ein
halbzerbrochenes Glas Genever den er gierig hinunterstürzte Sein freches
vertiertes Gesicht war aufgedunsen und verriet an den rötlichblauen Flecken
die es schmückten den Säufer von Profession Eine ungeheure Warze auf dem
linken Backen zerrissen und in den weisslichgrauen Spalten mit starken Haaren
bewachsen vermehrte noch die tierische Rohheit die sich in der ganzen
Erscheinung des Trödlers aussprach
    Als sich der Raum unter der Treppe durch Aurels Eintritt verdunkelte warf
KlütkenHannes einen schielenden Blick nach oben und goss sich dabei ein frisches
Glas Genever in den breiten von dem struppigen Bartwuchs einer Woche
verunstalteten Mund
    »Aha Sie sinds Herr Kapitän« redete er Aurel an als er ihn erkannte
stand auf und bemühte sich ihn mit einer Art Kompliment zu begrüßen »Kann ich
dienen Echter Genever scharf und heiß wie Feuer aus der Hölle Ist zu brauchen
bei solchem verfluchten Hundewetter«
    »Ich danke KlütkenHannes Wie gehts Eurer Tochter«
    »Verteufelt gut Herr Kapitän aber ich will froh sein wenn ich sie los
bin Seit Sie ihr den Kopf verdreht haben und ein vornehmes Fräulein aus ihr
machen wollen hört sie nicht mehr auf mich die Wetterdirne«
    Der Trödler hatte inzwischen die Tür zum eigentlichen Keller geöffnet und
forderte den Kapitän auf einzutreten Elwire saß im Hintergrunde unter einem
schief abfallenden Fenster das nach dem Hofe hinausging und der unterirdischen
Wohnung das einzige Licht gab Sie war beschäftigt einige Putzsachen die sich
auch die ärmsten Mädchen zu verschaffen wissen in ein Bündel zusammenzupacken
Sie erwiderte den freundlichen Morgengruß Aurels durch eine stumme Verbeugung
und ein hohes Erröten das selbst Nacken und Brust mit flüchtigem Purpur
übergoss Ihre Tracht war ärmlich aber rein und sauber Ein Kleid von
gestreiftem Kattun hie und da schon geflickt umhüllte Elwirens tadellose
Glieder und trug durch seine Feinheit nur dazu bei die herrlichen Formen des
ungewöhnlich schönen Mädchens durchschimmern zu lassen Ein kleiner Fuß eine
schmale schlanke Hand obwohl von schwerer Arbeit gehärtet zeichneten sie vor
Hunderten ihrer Schwestern aus
    Aurel fand das Mädchen heut noch schöner noch reizender als am vergangenen
Abend und es reute ihn nicht ein Wort gegeben zu haben das ihm noch manche
verdrießliche Stunde machen zu mancher üblen Nachrede Anlass werden konnte Um
Elwiren Mut einzuflößen reichte er ihr brüderlich zutraulich die Hand und
fragte sie ob sie noch geneigt sei heut wie gestern einen Freund und
Beschützer in ihm erblicken zu wollen Flüsternd bejahte Elwire diese Frage
    »Dann wollen wir uns einigen KlütkenHannes und wo möglich im Guten Was
verlangt Ihr wenn Ihr von Stund an jeden Einfluss auf Elwire verlieren wenn
Ihr überhaupt Euch nicht im geringsten mehr um das Mädchen kümmern sollt«
    »Herr Kapitän« erwiderte der Trödler »Kind bleibt immer Kind und Vater
bleibt Vater und wenn wir uns zusammen auch nicht immer zum Besten vertragen
haben so waren wir einander doch so zu sagen ins Herz gewachsen Nicht wahr
Elwire«
    Elwire seufzte und legte ein paar verschossene Schürzen auf ihrem kleinen
Arbeitstischchen zusammen
    »Hören Sies« fuhr der Trödler fort »Sie seufzt dass ihrs Mieder knackt
wie lange wirds dauern so fängt sie gar an zu heulen O die Mädel und zumal
die hübschen die hängen an ihren Vätern mit einer Liebe o mit einer Liebe «
    Den Schluss des Satzes verschluckte KlütkenHannes zugleich mit einem frisch
eingegossenen Glas Genever
    »Und also sehen Sie Herr Kapitän das müssen Sie Alles mit einander, ich
meine unsere Liebe und unsern Schmerz  ja das müssen Sie bezahlen  baar
bezahlen«
    Der schnell genossene schwere Branntwein äußerte bereits seine Wirkungen auf
den Trödler was Aurel möglichste Beschleunigung seines Geschäftes  denn ein
solches war das zu treffende Abkommen  wünschenswert machen musste Er hatte
einen frechen betrügerischen herzlosen jeder Schandtat fähigen Handelsmann
vor sich der nur auf seinen Nutzen bedacht war und jedes Mittel ergriff wenn
es nur zum Ziele führte
    »KlütkenHannes« versetzte Aurel »erinnert Euch dass Ihr gestern Abend
bereits eine ansehnliche Summe von mir erhieltet Diese will ich Euch schenken
Ihr könnt damit nach Belieben schalten und walten könnt Euren Trödelkram
vergrößern und besser ausstatten könnt Euch einen wohnlicheren Keller mieten
oder die Summe wenn Euch das mehr behagt verjuxen «
    »Ja verjuxen mein Seel das ists Beste Verjuxen will ich tausend Mark
wenn ich sie erst habe Nun Herr Kapitän wie ists mit tausend Mark he
Banko versteht sich und in gutem alten Silber Ists nicht ein delikater Bissen
für tausend Mark wie Noch keine achtzehn Jahr weiß wie gefallener Schnee und
schuldlos wie ein Gänschen Mein Seel tausend Mark s ist ein Spottgeld«
    Aurels Blut kochte vor Wut und Entrüstung aber er musste den alten Sünder
im Guten zu erhalten suchen wenn er leichten Kaufes davon kommen wollte
    »Ihr kommt wieder auf Eure verruchten Sprünge KlütkenHannes die ins
Zuchthaus führen« sagte er in ernstem Tone »Ich will aus Rücksicht für Euer
Kind die gottlosen Worte nicht gehört haben die Ihr so eben ausstiesst und
warne Euch nur in diesem Tone nicht etwa fortzufahren«
    »Was da Herr Kapitän Handel ist Handel und ob alte Lumpen oder frische
junge Mädels das ist all eins Der Türke «
    »Ich hoffe Ihr seid ein Christ KlütkenHannes«
    »So wahr es einen Gott im Himmel und einen Satan in der Hölle gibt«
    »Lasst uns also unsere Angelegenheit wie Christen beendigen Gestern
erhieltet Ihr an funfzig Mark Kourant Ich habe Euch gesagt dass Ihr dieselben
als Euer Eigentum betrachten könnt Wenn ich jetzt noch zweihundert Mark
zulege so glaube ich wird dies vollkommen hinreichend sein um Eure
Helfershelferin das schlechte Weib das ich gestern hier traf befriedigen zu
können und auch noch eine erkleckliche Summe übrig zu behalten«
    Der Trödler brummte mit unzufriedener Miene goss sich abermals ein Glas
Genever ein und stürzte es auf einen Schluck hinunter Er taumelte vor Aurel hin
und her denn die ganze bisherige Unterredung war stehend geführt worden
    »Ist ein Preis für eine  puh schämt Euch Kapitän«
    »Zweihundert Mark KlütkenHannes Bedenkt dass Ihr für immer einer großen
Sorge und Plage überhoben werdet und dass Euch Elwire keinen Stüber mehr kostet«
    »Oho rechnen Sie die Tränen für nichts Kapitän Für nichts den
Trennungsschmerz Ich bin ein Vater ich Und ich habe auch ein Herz ich Herr
Kapitän«
    Der halbtrunkene Trödelmann schwankte die Flasche in der einen das Glas in
der andern Hand während dieser grossprahlerisch gesprochenen Worte von einem
Bein aufs andere Elwire faltete die Hände und sah mit stieren Augen
leichenblass und vor Furcht und Scham zitternd auf den entsetzlichen Vater
    »Hier sind zweihundert Mark KlütkenHannes« sagte Aurel indem er eine
strotzende Geldbörse mit Gold und Silber gefüllt hervorlangte dem Trödler die
Flasche entriss und die klingenden Münzen ihm in die Hand drückte »Dafür hört
Ihr auf dieses Mädchen für Eure Tochter anzusehen versprecht Euch nie mehr um
sie zu bekümmern noch nach ihr zu fragen Seid Ihr das Willens«
    »Ist mir bei allen Branntweinteufeln nicht möglich« beteuerte der Trödler
eine wichtige Miene annehmend und sich mit der dicken rauen und hässlich
behaarten Hand wiederholt auf die breite Brust schlagend dass es dröhnte »Ein
Trinkgeld muss ich noch haben sonst schick ich zu Mutter Lievers und mein
Töchterchen kehrt unter meine Zuchtrute zurück«
    »Um Gottes willen edler großmütiger Mann« flehte Elwire »geben Sie das
nicht zu Lieber will ich unter freiem Himmel liegen will hungern und dürsten
als mich dem Willen jenes Weibes unterwerfen«
    »Da hören Sies Kapitän Das Blitzmädel singt treff mich der Schlag wie
eine Drossel Noch fünf und zwanzig Mark und das Vögelchen gehört Ihnen Sie
könnens dann in einen silbernen oder goldenen Käfig stecken und ihm alle Federn
einzeln ausrupfen wird kein Hahn darüber krähen sag ich Ihnen«
    Aurel zog eine zweite Börse Er fühlte dass er seiner Entrüstung über die
Scheusslichkeit dieses gänzlich verworfenen Menschen nicht mehr länger Meister
werden könne auch konnte er sich in die Lage des armen Mädchens versetzen um
das der eigene entmenschte Vater wie um ein Stück Schlachtvieh feilschte Ruhig
zählte er fünf und zwanzig Mark ab und warf sie dem Trödler verächtlich vor die
Füße
    »Hier ist das Geld mit dem Du Dir für immer den Eintritt zur ewigen Pein
erkaufst jetzt gib Raum KlütkenHannes und sieh Dich vor dass Du nie meine
Wege kreuzest sonst wehe Deinem Schädel«
    »Der Herr Kapitän haben nur zu befehlen« erwiderte der Trödler mit
grinsendem Lächeln in dem sich die Freude über den abgeschlossenen Handel kund
gab Zugleich nahm er seine Kappe ab kniete nach einigem Schwanken nieder und
las die verstreuten Silberstücke zusammen die er sorgfältig nachzuzählen
ungeachtet seines Rausches nicht vergaß
    Aurel hatte Elwire in seine Arme geschlossen und indem er einen Kuss auf die
kalte Stirn der Schluchzenden hauchte sagte er gerührt »Jetzt komm armes
geduldiges Opferlamm Nach so schweren Leiden soll Dich eine heitere Zukunft
liebend umfangen«
    Während der Kapitän seinen Findling die schlüpfrige Kellertreppe
hinaufgeleitete fiel der matte Wiederschein eines zurückgeworfenen
Sonnenstrahles auf die in Körbchen ausgestellten Schmucksachen Die abgeputzten
unedlen Metalle glitzerten wie das reinste Gold und veranlassten durch ihr
trügerisches Glänzen dass Aurel beim Vorübergehen einen Blick auf das flimmernde
Durcheinander warf dabei gewahrte er einen kleinen Siegelring der unter einer
vergoldeten Kette hervorguckte und mehr als die übrigen Kostbarkeiten glänzte
Er bückte sich um einen schärferen Blick darauf zu werfen und da er glauben
musste der Ring bestehe aus feinem Gold so entließ er Elwire aus seinem Arm und
hob den Ring auf Ein Blick darauf machte ihn staunen er vergaß was ihn so
eben noch ganz beschäftigt hatte und während er vergebens den Ring an einen
seiner starken Finger zu stecken versuchte rief er mit überlauter Stimme in den
Keller hinunter
    »KlütkenHannes komm sogleich herauf Ich will etwas von Dir kaufen«
    Brummend noch mit dem Sammeln des erhaltenen Geldes beschäftigt wankte der
Trödler die Treppe herauf
    »Von wem hast Du diesen Ring gekauft« rief ihm Aurel zu indem er ihm das
Kleinod entgegen hielt
    »Welchen Ring Herr Kapitän«
    »Hier diesen Siegelring trunkener Schelm«
    KlütkenHannes schielte mit halbem Auge nach dem Schmuck und versetzte
murrend »Weiß ich nicht mehr Irgend ein verkommenes Weibsbild hat ihn mir doch
an den Hals geworfen«
    »Du lügst Schurke Heraus mit der Sprache sag ich oder ich behandle Dich
wie einen Dieb Der Ring ist echt und trägt das Wappen eines alten
Adelsgeschlechtes«
    Jetzt ward auch Elwire aufmerksam und bat den Kapitän mit sanftem Blick um
die Erlaubnis den Fund ebenfalls betrachten zu dürfen Der Trödler murmelte
unverständliche Worte in den Bart
    »Vater« sagte Elwire errötend dass sie dem widerlichen verworfenen Manne
diesen Namen geben musste »erinnert Ihr Euch nicht mehr wie Ihr zu diesem Ringe
gekommen seid«
    »Wenn dem Herrn Kapitän an dem Goldreif so viel gelegen ist was bietet er
mir dafür« fragte KlütkenHannes ausweichend
    »Es sind vier Wochen her dass Ihr ihn im Kartenspiel gewannt So wenigstens
sagtet Ihr als ich das Kleinod am Morgen in Eurer Rocktasche fand«
    »Der Ring gehört mir« versetzte der Trödler trotzig »und wer mir ihn gut
bezahlt soll ihn haben«
    »Wer besaß ihn vor Euch« fragte Aurel »Ihr seht der Ring ist auf den
Finger einer Frau gemacht«
    KlütkenHannes schlug ein rohes Gelächter auf »Glauben Sie ich sei
allwissend« sagte er »Wahrhaftig ich müsste ein Gedächtnis haben wie der
abgerichtete Elephant auf dem Berge wenn ich all das Lumpengesindel noch
kennen sollte von dem ich irgend einmal Sachen eingehandelt habe Ich kaufe
was mir angeboten wird im Fall ich es brauchen kann wer es feil bietet gilt
mir gleich Die Ware nicht der Verkäufer ist es mit der ich Handel treibe«
    »Besinnt Euch KlütkenHannes Wenn Ihr mir einen sichern Fingerzeig über
den frühern Besitzer dieses Ringes geben könnt so zahle ich Euch einen
hamburger Taler mehr als der Ring wert ist Ihr habt nach Elwirens Behauptung
den Schmuck im Spiele gewonnen  und noch dazu erst vor vier Wochen Das ist
eine kurze Zeit Überdies sieht man einem Spieler scharf ins Auge prägt sich
seine Gesichtszüge fest ins Gedächtnis damit man bei gelegener Zeit Revanche
von ihm fordern kann Alles das habt Ihr unzweifelhaft aus natürlichem Instinkt
getan und mithin werdet Ihr wenn Ihr nur wollt mir Wohnort und Namen dessen
nennen können der über diesen Reif vor Euch als über sein rechtmässiges
Eigentum verfügte«
    »Lassen Sie doch mal sehen« sagte der Trödler sieh an die Kellerwand
lehnend um das Gleichgewicht nicht zu verlieren und streckte seine schmutzige
Hand nach dem Ringe aus »Wenn ich das Ding genau begucke erinnere ich mich
vielleicht Ich habe viel solchen Quark erspielt und verwechsele oft eins mit
dem andern«
    Aurel ließ den Ring in die Hand des Trödlers gleiten Dieser besah ihn von
allen Seiten schüttelte den Kopf kniff die feuchten blutunterlaufenen Augen
zu als wolle er mit Gewalt aus dem Sumpfe seines Gedächtnisses etwas
herauspressen und schlug sich endlich mit geballter Faust vor die Stirn
    »Dummkopf« rief er aus »Warum konnte mir das nicht gleich einfallen« 
Und zu Aurel gewendet fuhr er fort
    »Nun ja Herr Kapitän wenn Sie was dran wenden wollen als Trinkgeld so
denk ich Ihnen die Wege zeigen zu können auf welchen Sie den Bengel finden
der mir schon manchen Schilling abgenommen hat Ists auch Ihr Ernst«
    »Meine Hand darauf«
    »Am sichersten treffen Sie den Teufelskerl in der Mohrentaverne auf dem
Berge« sagte KlütkenHannes »Dort hockt er alle Nächte am Spieltisch oder auf
dem Orchester um durch Betrug und Geigenspiel sich die Mittel zu verschaffen
seinen Leib mit der erforderlichen Ladung Grog versehen zu können s Ist ein
lustiger wilder Teufel hundertmal reif für Galgen und Rad aber die Hölle hält
ihn warm und so lässt sie ihn hier seine Wirtschaft treiben bis die letzte
Scherbe zerbrochen ist«
    »Sein Name« fragte Aurel mit Heftigkeit
    »Im Kirchenbuche mag er wohl anders heißen als in der Mohrentaverne«
antwortete immer lachend der Trödler »kanns also nicht beschwören ob ich
Ihnen den rechten Namen des alten Fuchses nenne So lange ich ihn kenne und dann
und wann mit ihm zusammen trank oder ein Geschäft abmachte rief ihn der ganze
Tross Blutrüssel«
    »Das ist Alles was Ihr von ihm wisst«
    »Wollen Sie mehr erfahren Herr Kapitän so gehen Sie in die Mohrentaverne
und fragen die Matrosen Antwort kriegen Sie mit Zunge oder Faust darauf können
Sie fluchen«
    Aurel senkte einige Augenblicke nachdenkend den Kopf
    »Wäre es möglich« sagte er halblaut zu sich selbst »Sollten aus längst
vergangener Zeit die mein Auge nie sah Geheimnisse auftauchen und ein trübes
Element in mein bis jetzt so heiteres Dasein bringen  Oder wäre es Täuschung
Betrug  Wohlan wie dem auch sei es steht ein neues interessantes
vielversprechendes Abenteuer in Aussicht und ich stürze mich ihm unbedingt in
die Arme«
    Der Kapitän fragte nach dem Preise des Ringes bezahlte ohne Widerrede die
Forderung des Trödlers legte das versprochene Trinkgeld dazu und bot dann
abermals Elwire höflich seinen Arm sie mit schnellen Schritten aus dem
feuchten dumpfigen Gange nach der nächsten Straße geleitend Hier wartete
bereits ein Wagen Der Kapitän nötigte das schöne Mädchen einzusteigen und
nahm neben ihr Platz Als der Wagen in raschem Trabe über das Pflaster rollte
fragte Elwire bescheiden den nachdenklich neben ihr Sitzenden ob sie es sei
die ihn so wehmütig gestimmt habe
    »Sie gute Elwire machen mein Herz in frohen Pulsen schlagen« gab Aurel
zur Antwort »Dieser Ring aber den ich seltsamerweise bei Ihnen finden musste
beunruhigt mich und jagt tausend Gedanken im Sturm durch mein Gehirn Er trägt
das Wappen meines Hauses«
 
                                Fünftes Kapitel
                                    Bianca
Gefesselt von Elwirens Schönheit und ungewöhnlich erregt von dem zufällig
gemachten Funde begrüßte der Kapitän Madame Oehlers die ihn mit mütterlicher
Freundlichkeit empfing Seine Schutzbefohlene hatte Aurel einstweilen einer
Dienerin übergeben da er es doch für nötig hielt die ihm wohlwollende Dame
vorher noch persönlich zu sprechen
    »Darf ich Verzeihung hoffen gnädige Frau Verzeihung für meinen Ungestüm«
sagte der junge Mann sein feuriges Auge auf den immer sanften Blick der Wittwe
richtend
    »Gewiss mein Freund« versetzte Madame Oehlers anmutig lächelnd »Aber Sie
geben mir Rätsel auf Graf und Sie wissen doch dass sich meine unzulängliche
Bildung nie entschiedener geltend macht als wenn es dergleichen Geistesknoten
zu lösen gibt«
    »Haben Sie meine hastigen Zeilen erhalten«
    »Wie hätte ich Sie ohne dieselben so früh am Tage empfangen können«
    Aurel fühlte den zarten Verweis der in dieser Antwort liegen konnte
erfasste die Hand seiner Freundin und erwiderte indem er sie an seine Lippen
führte
    »Nochmals Verzeihung meine Gnädige Verzeihung wegen meines Verstosses gegen
alle Sitte Ich konnte nicht anders  ein sonderbares Verhängnis zwang mich zu
so ungewöhnlichem Schritte O Gott teure Freundin Sie ahnen nicht wie es in
mir stürmt«
    Besorgt ließ die Matrone einen forschenden Blick über den Aufgeregten
gleiten »In der Tat lieber Graf« sagte sie »es muss Ihnen etwas höchst
Seltsames begegnet sein denn so tief ergriffen sah ich Sie noch nie Reden Sie
ich bitte und wenn irgend meine Vermittlung Ihnen Beruhigung verschaffen kann
so sichere ich Ihnen diese auf das bestimmteste jetzt schon zu«
    Aurel drückte der menschenfreundlichen Frau dankend die Hand »Von Ihrem
Edelmut durfte ich dies erwarten« versetzte er etwas gefasster »Gestehe ich es
Ihnen denn dass ich seit zwölf Stunden ein anderer Mensch geworden bin Könnte
ich Ihnen mit zwei Worten sagen was mich bewegt und erschüttert Sie würden
mich eben so wenig wieder erkennen wie ich mich selbst in diesem Augenblicke
nicht kenne Ich glaube es wäre mir ein Leichtes Einsiedler Trappist oder gar
Herrnhuter zu werden Bei Gott«
    Madame Oehlers konnte ein feines Lächeln nicht ganz unterdrücken »Das sind
Einfälle eines heftig bewegten Gemütes lieber Graf« gab sie zur Antwort
»Werden Sie ruhig überblicken überlegen Sie das Vorgefallene und was Sie
jetzt so gewaltig beunruhigt wird spurlos wieder verschwinden Ich fürchte
mein Freund Sie haben in vergangener Nacht zu sehr geschwärmt« setzte sie
leicht drohend hinzu
    »Soll ich leugnen dass ich mit dieser Absicht mich in das Gewühl der
Menschen stürzte« entgegnete Aurel »Wozu dies da Sie mich meine Natur meine
Neigungen kennen Rascher flüchtiger Genuss ist das heitere Element in dem ich
mich am liebsten bewege mannichfachste Abwechselung verlangt mein schnell
verzehrendes Temperament und wenn ich ihm solchen verschaffe so folge ich nur
der Stimme der Natur, die laut fordernd stündlich an mich ergeht Das
Naserümpfen prüder Schönen und pedantischer Minutenmenschen kümmert mich nicht
Die See mit ihrem Wellengebrause und Sturmesdonner hat alle kleinliche
Rücksichtnahme aus meinem Geiste weggefegt Die Brust ist frei und stark der
Mut immer frisch und begehrend warum also soll ich mich da nicht ganz so
geben wie ich nun eben bin und wie ich mich allein natürlich fühle Aber diese
Nacht hat mich so abgekühlt als wäre ich ein halb Dutzend Mal gekielholt
worden«
    »War das Mädchen von dem Sie mir schrieben eine so kühle Nymphe« fragte
Madame Oehlers
    »Foppen Sie mich immerhin beste Freundin Sie haben ein Recht dazu wenn
Sie nur gewähren was ich fordere«
    »Lieber Graf« entgegnete die Wittwe »Sie haben in dem edelmütigen Drange
Gutes zu tun vielleicht eine Unbesonnenheit begangen die ich weil Sie so
offen gegen mich sind im Fall der Not mit auf meine schwachen Schultern nehmen
will Das Mädchen das Sie so außerordentlich aufgeregt hat soll eine Mutter in
mir finden«
    Aurel atmete freier und ein unaussprechlicher Blick innigsten Dankes brach
aus seinem feurigen Auge »Ich danke« sagte er gerührt »mögen Ihnen diese zwei
dürren Worte genügen In späteren Tagen finde ich wohl schönere klingendere
Redensarten Aber beste Freundin Sie haben mich in einem falschen Verdacht
wenn Sie glauben es sei dies verlassene gemisshandelte schöne Kind die Ursache,
welche mir die Gedanken wie ein Wirbelwind rastlos durch das Gehirn peitscht
Das arme Mädchen interessierte mich forderte meine Menschlichkeit heraus aber
was mich so krampfhaft durchschüttert das ist etwas viel Geringeres«
    »Vergeben Sie mir als Weib ein klein wenig Neugierde Ich wage zu fragen«
    Aurel zeigte auf den kleinen Finger seiner linken Hand »Wofür halten Sie
dies«
    »Ich denke für einen Wappenring wie ihn Frauen tragen«
    »Wie ihn Frauen tragen« wiederholte der Kapitän und senkte nachdenkend das
Haupt
    »Finden Sie dies so wunderbar Oder führte Ihre verewigte Mutter bei
Lebzeiten nicht einen ähnlichen Ring«
    »Eben das ists das ists was mich so tief bewegt« rief Aurel aus »Ich
besitze den Ring meiner geliebten toten Mutter  er gleicht diesem nicht im
geringsten die Wappenzier ausgenommen  und nun muss ich solchen Fund bei
solchem Manne tun Das ist entsetzlich«
    Madame Oehlers die immer verwirrter wurde durch Aurels unzusammenhängende
Äußerungen bat um genauere Angabe und Aussprache wozu sich denn der Kapitän
nach einigen abermaligen Abschweifungen verstand Er teilte der aufmerksamen
Freundin mit was wir bereits wissen und verriet ihr sogar den Ort wo ihm
weitere Auskunft von dem betrunkenen Trödler versprochen worden war
    »Und dies Alles muss Schlag auf Schlag schnell nach einander geschehen Muss
geschehen fast in dem Augenblicke wo ich einen so beunruhigenden Brief von
meinem Bruder aus der Lausitz erhalte«
    Da Madame Oehlers von diesem Briefe nichts wusste fragte sie jetzt danach
und Aurel teilte das Wesentliche seines Inhaltes ebenfalls der Freundin mit
»Muss dies ein einfaches Menschengehirn nicht verwirren« sagte er die Erzählung
beendigend »Bei Gott ich bin ratlos ratloser als hätte die heftigste
Sturzsee das Steuer meiner schönsten Brigg zerbrochen«
    Die Wittwe überlegte einige Minuten das Vernommene dann sagte sie mit
freundlicher Ruhe »Halten Sie die beiden Greise welche auf Boberstein bei
Ihrem Bruder mit so wunderbaren Anforderungen erschienen sind für Betrüger«
    »Anfangs lachte ich darüber gnädige Frau wie dies in meiner Natur liegt
seit heut Morgen aber wo dieser rätselhafte Ring in meine Hände kam nicht
anders als würfe ihn ein dunkles Verhängnis absichtsvoll vor mich hin
beunruhigt mich die Mitteilung meines Bruders  Bedenken Sie selbst wenn die
tausend Schreckensahnungen auch nur in eine einzige entsetzliche Wirklichkeit
zusammenliefen wenn diese Wirklichkeit jetzt aus ihrem dunkeln so lange
verborgenen Dasein auftauchte und als rächende Schreckensgestalt vor uns träte
und von den Kindern Rechenschaft forderte für die Missetaten des Vaters  O
ich bitte erwägen Sie diese Möglichkeit und sagen Sie ob ich dann nicht
Ursache habe ernst zu werden zu schaudern und zu zittern«
    »Wer gibt Ihnen ein Recht lieber Graf sich mit so düstern Phantasien
nutzlos zu peinigen«
    »Wer  Mein Gott Adrians Brief und meine Ahnung seit ich diesen Ring
gefunden  Ich kann das Wort der Schrift nicht mehr aus meinem Gedächtnis
verjagen die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern bis ins dritte
und vierte Glied«
    »Nehmen wir die Drohung in diesem göttlichen Wort nicht so gar wörtlich
lieber Freund« versetzte Madame Oehlers »Wie vermöchten wir eine einzige
Stunde ruhig zu leben freudigen Herzens für der Welt Bestes zu wirken wenn
sich ein solch grässliches Gespenst in unserm Geiste fest einnistete Wir sind
freilich alle schwache sündige Menschen aber uns ist auch Vergebung verheißen
wenn aufrichtige Reue uns die Augen zum letzten Schlummer verschließt«
    »Mein Vater kannte die Reue nicht« sagte Aurel sichtbar erschüttert »Ich
erinnere mich noch mit Entsetzen obwohl ich damals noch ein leichtfertiger
Knabe war der letzten Tage seines Lebens Er konnte nicht sterben der Arme
Seine Todesangst stieg bis zu wilder Raserei Man musste ihn schließen um ihn
nur bändigen zu können So lag er drei Tage Wir Kinder schlichen wohl hundert
Mal an der Tür vorüber die ihn unsern Blicken entzog und flohen entsetzt
wenn wir das Klirren der Ketten das hohle dumpfe Lachen das Knirschen seiner
Zähne vernahmen Die letzten Stunden schlug er die Wände und die Luft mit seinen
Ketten indem er unbekannte Namen nannte Geister Verstorbener die ihm
erschienen und mit denen er kämpfen musste Ihren grausamen Umarmungen erlag er
stöhnend und röchelnd wüste Flüche lallend hauchte er seine gemarterte Seele
aus Man zeigte uns die Leiche nicht Sie soll grauenvoll ausgesehen haben Ganz
in der Stille ohne Begleitung ward sie beigesetzt So befahl es der Arzt und 
die Untertanen sagte man  Sind das nun wohl Erinnerungen die mich beruhigen
können«
    Obwohl Madame Oehlers von den Familienverhältnissen Aurels ziemlich genau
unterrichtet war hatte sie doch nicht über alle Epochen aus dem Leben des
Grafen Magnus gleich ausführliche Nachrichten erhalten Nach Aurels letzten
Äußerungen begann sie mit ihm besorgt zu werden und konnte jetzt selbst nicht
mehr das Bild eines langsam aus verschütteten Gräbern aufsteigenden Rachegeistes
los werden Um jedoch den heftig bewegten jungen Mann einigermaßen zu beruhigen
riet sie ihm vorläufig noch Alles für ein seltsames Zusammentreffen von
Umständen anzusehen und ungesäumt dem Fingerzeige nachzugehen den
KlütkenHannes ihm angedeutet hatte
    »Es ist höchst wahrscheinlich« sprach sie »dass der widerliche rohe Mensch
sich aus Rache weil Sie ihn in seiner eigenen Wohnung zum Sklaven Ihres Willens
machten einen so abscheulichen Scherz erlaubt hat Dieser Ring kann Ihrer
Familie gehört haben und verloren gegangen sein Irgend ein Wanderer hat ihn
gefunden und verkauft und so ist er von Hand zu Hand gegangen bis in den Keller
dieses Trödlers Dies Alles aber beweist noch nichts gegen Sie gibt dem aus
Polens Wäldern heimgekehrten alten Wenden der mit einer Klage gegen das Haus
Boberstein auftreten will kein Fleckchen fester Erde auf dem er fussen könnte
Forschen Sie also nach und Sie werden erheitert gestehen dass Sie ein bloßer
Popanz erschreckt hat«
    Dies leuchtete dem Kapitän ein Er versprach der Freundin Rat zu befolgen
bat nochmals dringend das aus den Händen des Wütrichs befreite Mädchen
mütterlich wohlwollend aufzunehmen und begab sich während die Wittwe in das
Zimmer ihrer Dienerin trat wo Elwire bisher gewartet hatte sogleich auf den
Weg
    Es blieb dem Kapitän hinlängliche Zeit mit sich selbst zu Rate zu gehen
da jene Tavernen wo der gemeine Matrose in den Genüssen des Lebens auf dem
festen Lande schwelgt erst in den späteren Abendstunden besucht werden Teils
weil Aurel wenig Geschäfte zu besorgen hatte teils weil sie ihm verhasst
waren ging er gassauf gassab diesmal nicht der bittenden Mädchen achtend die
mit ihren Blumensträussern vor und neben ihm hertanzten Er schlug den Weg nach
dem Baumhause ein Dort konnte er hoffen zahlreiche Bekannte zu treffen
vielleicht auch waren neue Schiffe eingelaufen deren Kapitäne interessante
Nachrichten aus ferner Welt mitbrachten Was draußen jenseit des Meeres was im
farbigen Süden Europas oder unter der glühenden Sonne des Aequators vorging
das zog ihn mehr an als die heimische nach kleinem oder großem Gewinn atemlos
rennende Welt
    Das Baumhaus war sehr besucht Schiffsmäkler und Kapitäne aller Länder saßen
in Gruppen um kleine Tische aßen frische Austern Lachs oder Kaviar und tranken
dazu heiße spanische Weine Die Konversation ward fast in allen Sprachen
geführt doch herrschte das Englische entschieden vor Neben einigen Bekannten
nahm Aurel Platz bestellte ein Frühstück und las die neuesten
Schiffsnachrichten im Korrespondenten dabei horchte er zuweilen auf die
Gespräche der zunächst Sitzenden ohne selbst Teil daran zu nehmen denn er
fühlte sich durchaus verstimmt
    »Bei Gott das hätt ich über dem neuesten Wirrsal beinahe vergessen« rief
er halblaut aus als sein Blick auf die grossgedruckte Anzeige eines Koncertes
fiel das Nachmittags im Elbpavillon gehalten werden sollte
    »Arme Verirrte« fuhr er fort »mit welcher Verachtung würdest Du Dein
eiskaltes Auge über das Gewühl der Männer haben gleiten lassen wenn Du Dich von
mir getäuscht gesehen hättest  Aber mein Gott was ficht mich denn eigentlich
an dass ich jetzt auf einmal allen Schutzlosen Schirm und Schild sein muss Es
ist komisch bei Gott und wenn ich noch ein paar Tage mit gleichem Glück so
fortfahre habe ich am Ende der Woche einen ganz hübschen Harem beisammen Ich
will vier und zwanzig Stunden im Mastkorbe sitzen wenn ich weiß was ich mit
der blassen Brünette anfangen soll Habe ich doch sogar ihren Namen vergessen 
Und zu welchem Zwecke will ich sie aufsuchen Weil sie mir gefiel mich reizte
Oder aus kindischer Neugier um rührende Szenen aus ihrem Leben zu erfahren 
Pfui Aurel Streife diese ekle Hülle schändender Selbstsucht von Dir und lebe
für gemeinnützige Zwecke Das Mädchen hat meine Zusage ich muss sie halten Mag
dann geschehen was immer will es kann doch unmöglich meine Unruhe noch
vermehren«
    Nachdem unser Freund einen so edelmütigen Entschluss gefasst hatte verließ
er das Baumhaus da er die gewünschte Zerstreuung nicht fand Mittlerweile war
die Zeit der Börse beinahe herangekommen die er mehr aus Gewohnheit als aus
wirklichem Bedürfnis zu besuchen pflegte Er ging daher nicht erst in seine nahe
Wohnung sondern verfügte sich zuvörderst auf die Börsenhalle wo sich um diese
Zeit die Hamburger Kaufmannswelt versammelt Hier und später an der Börse selbst
fand Aurel so viel Unterhaltung dass er momentan vergaß was ihn quälte und
weil er nicht daran gewöhnt war ihm das Leben verbitterte Auf dem Platze
zwischen Rathaus und Bank mit einigen lustigen Freunden auf und abwandelnd
verging die Zeit in gewünschter Schnelligkeit und als auch die Börse vorüber
war und nun jeder seiner Wege ging nahm Aurel die Freunde am Arm und zog sie
mit sich fort bis sie seinem Drängen nachgaben und ihm bei Tafel Gesellschaft
zu leisten versprachen Nun ward er wieder heiter denn er wusste dass ihm bei
Gespräch und Wortwechsel keine Zeit übrig bleiben konnte an die ärgerliche
Angelegenheit früher zu denken als es nötig sein würde So zeigte der
körperlich robuste an die größten Anstrengungen gewöhnte Kapitän dass die
geistige Lebenskraft von seinem sinnlichen dem Genuss ergebenen Temperament weit
überwogen wurde und dass er bei all seiner Rüstigkeit doch eigentlich das
verwöhnte Kind einer siechenden matten und schlaffen Zeit war
    Das Diner verlängerte sich bis gegen Sonnenuntergang so dass Aurel der sich
absichtlich nicht übereilte erst bei grauer Abenddämmerung den Elbpavillon
erreichte Er wusste aus Erfahrung dass um diese Zeit der Andrang
Vergnügungslustiger am stärksten das Gewühl in dem geräumigen Saale des
Etablissements so lebhaft sei dass Keiner den Andern beachtete Und unbeachtet
wünschte er zu sein wenn er mit Bianca zusammentraf
    Die rauschende Koncertmusik hatte verhältnismäßig wenig Damen angelockt Die
Anwesenden verloren sich fast gänzlich unter den Hunderten von Männern die in
modernster Kleidung rauchend und sprechend den Saal und die Nebenzimmer
anfüllten Dieser Umstand erleichterte Aurel das Auffinden Biancas Er traf sie
wirklich an dem angegebenen Orte ein Sträusschen mit dunkelroter Nelke am
Busen An ihr vorübergehend winkte er ihr mit den Augen nach einem weniger
menschenerfüllten Nebenzimmer Bianca folgte und bald saßen der Kapitän und das
Mädchen plaudernd wie alte Bekannte einander gegenüber Aurel fand sie noch
anziehender als in der vergangenen Nacht und gefesselt von ihrem feinen
Benehmen das fern von aller Frechheit war die so oft Geschöpfen dieser Art
unwillkürlich anklebt vergaß er bald alle Sorgen die ihn wiederholt den Tag
über gequält hatten
    »Sie haben länger auf sich warten lassen als ich von einem Schiffskapitän
besorgen konnte« sagte Bianca mit einem reizenden Lächeln »Ich hatte nicht
übel Lust Sie den zahllosen vornehmen Lügnern beizuzählen die uns armen
unerfahrnen Kindern so gefährlich werden«
    »Dass Sie es dennoch nicht getan haben spricht für die Reinheit Ihres
Herzens«
    Bianca schüttelte recht melancholisch ihr schönes Haupt »Spotten Sie nicht
Herr Kapitän« versetzte sie wehmütig »ich weiß ja doch dass solche Worte mit
Ihrer Überzeugung nichts zu tun haben«
    »Würde ich Ihnen gegenüber sitzen wenn ich spotten wollte Und trauen Sie
mir zu dass ich überhaupt fähig sein könnte Scherz zu treiben mit dem Unglück
O nein Bianca so herzlos hat mich die Welt noch nicht gemacht Reine
Teilnahme vielleicht auch ein wenig Ihre Schönheit fesseln mich an Sie und
ich bitte jetzt wo sich Niemand um unser Geplauder bekümmert lösen Sie nunmehr
Ihr verpfändetes Wort Haben Sie dann nur Zutrauen zu mir und meiner
Redlichkeit so darf ich Ihnen wohl jetzt schon die Versicherung geben dass Ihre
Lage eine andere bessere werden wird wenn anders Sie selbst nur Mut und
Entschlossenheit genug besitzen unwürdige Fesseln rücksichtslos abzuschütteln«
    Den schönen von schwarzen glänzenden Locken umflatterten Kopf gesenkt
schwieg Bianca geraume Zeit Dann erwiderte sie mit niedergeschlagenen Blicken
    »Vielleicht finden Sie mich weniger verdammenswert wenn ich Ihnen so weit
ich mich noch auf Tatsachen besinnen kann meine Jugendgeschichte mitteile
Hören Sie denn und brechen Sie bin ich zu Ende den Stab über mich wenn Sie
sich dazu für berechtigt halten sollten«
    Es trat abermals eine Pause ein während der Aurel nur mit Blicken das
schöne so tief betrübte und unglückliche Mädchen zu bitten wagte Bianca
begann
    »Meine Heimat ist das herrliche sagen und poesiereiche Bergland Thüringen
Dort ward ich von sehr armen Eltern geboren deren einziges und dabei größtes
Gut ihre beispiellose Genügsamkeit war Mit einer dürren Brodrinde und einigen
wässrigen Kartoffeln waren sie zufrieden wenn der schmale saure Verdienst ihnen
nichts Besseres gewährte Ich habe so lange ich die väterliche Hütte bewohnte
meine Eltern über das jammervolle Lebensloos das ihnen zugefallen war niemals
murren Andere die reich gesegnet waren mit Glücksgütern nie beneiden hören
Immer fand ich sie fleißig vom ersten Morgensonnenstrahl bis tief in die Nacht
hinein immer fromm und dankbar gegen Gott für Gutes und Böses das sie betraf
Mein Vater tagelöhnerte als er noch kräftig war später musste er diesen
Erwerbszweig aufgeben da ein unglücklicher Sturz vom Firsten eines Bauernhauses
ihn schwer beschädigt hatte Er suchte sich nun kümmerlich durch Schachtelmachen
zu nähren eine Kunst mit der er sich in früher Jugend bekannt gemacht und
einige Zeit abgegeben hatte Das war aber ein so wenig einträgliches Geschäft
dass wir allesammt auch bei größter Einschränkung kaum ein kummervolles Leben
elend hinfristen konnten Der Vater sah dies wohl ein allein es zu ändern stand
nicht in seiner Macht und so half er sich selbst über die trübsten und
schwersten Stunden mit Beten und Singen hinweg«
    »Sie lächeln vielleicht Herr Kapitän über die kindische Torheit eines
alten simplen Mannes« fuhr Bianca fort indem sie einen forschenden dunkeln
Blick auf ihren Zuhörer fallen ließ »und doch ist dies treue Festalten an
Glaube an Sitte und Religion das einzige unentreissbare Gut des Armen Unsere
Zeit spottet freilich darüber und möchte gern allen Glauben aus dem Herzen des
Volkes reißen Unsere Jugend höhnt und lästert Gott aus Überzeugung und brüstet
sich mit Verachtung aller Religion ja sie behauptet wohl gar wie ich oft genug
zu hören Gelegenheit hatte so lange man Glaube Religion und Gott nicht
abschaffe könne es auf Erden nicht besser könne das Volk nicht frei nicht
glücklich werden Manche habe ich sogar behaupten hören unter allen
Sclavenketten welche die gedrückte und misshandelte Menschheit mit sich
herumschleppe sei die furchtbarste jene unsichtbare und grauenvolle die vom
sogenannten Himmel stamme und den demütig Gläubigen zum willenlosen Werkzeuge
eines hohlen Wahnes mache  Möge mir der Ewige verzeihen dass ich bei Anhörung
solcher Worte und Gespräche selbst häufig Stunden hatte wo ich mich zu diesem
fürchterlichsten aller Glauben hinneigte Sie gingen vorüber und mild wie
duftiger Abendwind von den Bergen meiner Heimat berührte wieder der schlichte
altväterische Glaube meiner armen Eltern mein angstvoll schlagendes Herz Ich
armes Mädchen will Niemand richten da ich selbst der Schonung und Nachsicht so
sehr bedarf aber aussprechen muss ich es Herr Kapitän dass der Arme der
Darbende der Unterdrückte ohne sein Festalten an den Überlieferungen der
Religion entweder wahnsinnig oder zum wütenden Tiere werden müsste Nur der
Glaube und die Verheißungen des Glaubens lassen ihn den Jammer eines langen
Lebens standhaft ertragen Nur aus ihnen schöpft er die kargen minutenlangen
Freuden mit denen er wie mit dem Schein einer geheiligten Lampe sein in ewige
Finsternis gehülltes Leben auf Augenblicke erleuchtet Nur der Kraft dieses
Glaubens verdankt er selbst sein sittliches Dasein verdankt die Welt ihr
geordnetes Fortbestehen Könnten jene Verhöhner aller Religion die schreiend
ihre Fahnen entfalten über den Häuptern der Armen und die flatternden Fetzen
Paniere der Freiheit nennen könnten diese das darbende Volk zu ihrem Unglauben
bekehren dann würde man rettungslos den Untergang der Welt hereinbrechen sehen
Es ist wohl gut und wünschenswert dass man das Volk der alten Fesseln
entledige dass man es aufkläre nur den Glauben an Gott und sein religiöses
Bewusstsein nehme man ihm nicht«
    Bianca schwieg sinnend Sie hatte sich so ereifert dass ihr Busen heftig
wogte Aurel betrachtete sie verwundert Welche Wege musste dies Mädchen gegangen
sein dass es solche Ansichten gewonnen über so wichtige die Zeit bewegende
Fragen nachgedacht hatte Nur großem ausserordentlichem Unglück oder dem Umgange
mit gebildeten Männern konnte sie diese Aufklärung verdanken Seine Neugier
steigerte sich
    »Und Ihre Eltern Bianca« fragte er sanft um die in sich Versunkene
wieder zum Reden zu bringen
    »Meine Eltern« seufzte die Verirrte und schlug die großen melancholischen
Augen wie fragend zum Himmel auf Dann begann sie wieder
    »Mein Vater betete also und suchte die Arbeit seiner Hände durch Absingen
frommer Lieder zu fördern Halbe Nächte hörte ich seine wohllautende nur häufig
von Tränen halb erstickte Stimme wenn ich frierend mit meiner älteren
Schwester auf gemeinsamem Lager den Schlaf nicht finden konnte Was ich von
guten Liedern noch weiß  so nennt das ehrliche Volk die Kirchengesänge  das
habe ich in jenen Nächten gelernt wo der arme Vater auf Gott vertrauend für uns
arbeitete Leider blieben mir nur die Worte im Gedächtnis Sinn und Bedeutung
derselben gingen mir verloren«
    »Meine um einige Jahre ältere Schwester hatte um diese Zeit ihr sechzehntes
Jahr erreicht war hübsch von gutem Wuchs und freundlichem Betragen Jedermann
fand an ihr Gefallen und hatte sie gern und da unsere höchst missliche Lage kein
Geheimnis war so würde es Niemand den Eltern verdacht haben wenn sie die
Schwester in die Dienste Fremder hätten treten lassen Der Vater wollte dies
aber nicht einmal weil die Schwester der schon hinfälligen Mutter zur Hand
gehen und mich gelegentlich auch beaufsichtigen konnte und sodann weil das
hübsche Kind für Bauernarbeit zu schwächlich war So blieben wir denn beisammen
bis ein eigener Zufall uns trennte und unser Aller Unglück herbeiführte Dieser
Zufall war ein Gespräch meiner Mutter mit einer Frau von einem nahen
Gebirgsdorfe die als Botenweib häufig in die belebten Städte namentlich nach
Erfurt und Weimar ging und von dort nebst allerhand Neuigkeiten auch sehr freie
Ansichten mit in unsere stille Waldeinsamkeit zurückbrachte Ein Ungefähr machte
mich zum Zeugen dieses charakteristischen Gesprächs das ich damals leider nicht
verstand Vielleicht wäre sonst Alles anders und besser gekommen«
    »Die Mutter kehrte aus dem Walde zurück mit einem Bund Schachtelholz das
sie vom Förster auf Kredit für den fleißigen Vater geholt hatte Müde vom
scharfen Gehen setzte sie sich vor der Tür auf die Bank legte das Holzbündel
an die Erde und sah den goldenen Wolken die von Abend her gleich beschwingten
Engeln langsam über die blauen Berge schwebten mit gefalteten Händen nach Da
ging die Botenfrau vorüber und grüßte die Mutter«
    »Guten Abend Käte So andächtig Und seht doch aus als hättet Ihr in acht
Tagen kein warmes Gericht mehr nur von weitem gerochen Wie möchte ich mich nur
so placken für nichts und wieder nichts«
    dabei blieb sie wenige Schritte von der Mutter stehen stemmte sich mit
beiden Händen auf ihren langen Stock und heftete ihre falschen grünlichgrauen
Augen fest auf meine betende Mutter Ich fürchtete mich immer vor diesem langen
hageren Weibe mit dem braunen von zahllosen Runzeln bedeckten Gesicht in dem
die falschen Augen wie grüne Flammen brannten Im Allgemeinen war das Weib beim
Volke seiner Klugheit und seines körnigen Witzes wegen beliebt auch konnte ihr
Niemand offenbare Schlechtigkeiten nachsagen
    »Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen« entgegnete meine Mutter »Ihr
kennt ja den Spruch Korbmarta« So hieß man nämlich ihres übergrossen
Tragkorbes wegen die Botenfrau Indem hüpfte meine Schwester aus der Hütte um
Wasser im vorüberrauschenden Bache zu schöpfen Korbmarta sah ihr nach und
blickte dann noch lebhafter auf meine Mutter
    »Ist das Eure Tochter« fragte sie den Stecken aufhebend und nach der
Schwester zeigend
    »Ihr wisst es ja« sagte die Mutter »Gott erhalte sie mir nur gesund Das
liebe Kind ist meines Mannes Augapfel«
    Die Botenfrau schüttelte den Kopf und als meine Schwester im Hause wieder
verschwunden war sagte sie
    »Käte Ihr verdientet gradezu Hungers zu sterben für Eure Unvernunft Warum
füttert Ihr das Mädel wie ein Wickelkind Sie könnte ja weiß der Herr von der
Mutter weg flugs heiraten wenn sie Groschen hätte Wäre die mein die müsste
dienen und Ihr werdet recht wohl tun Käte wenn Ihr die hübsche Blitzkröte
lieber heut als morgen fortschaft und ein Maul weniger zu füttern habt«
    »Lieber Gott« versetzte meine Mutter traurig die Hände immer wie zum Gebet
verschlungen »wohin soll ich sie denn bringen Sie ist schwach und zart und
die Bauern mögen sie nicht«
    »Wer spricht denn von groben Bauern« fiel die Botenfrau ein »Ein Mädel so
nett und flink und schelmisch wie Eure Rese muss in die Stadt Solche
Waldforellen hat man da gern Die werden Euch dreimal so teuer bezahlt wie das
plumpe Volk und hat sie erst ein halbes Jahr gedient dann sollt Ihr Eure
Freude an dem Mädel sehen wenn sie Euch mal besucht Wie eine
BürgermeistersTochter wird sie einhergehen und Kleider haben von halbseidenem
Zeuge«
    »Ach Marta das wäre schon Alles recht gut aber bedenkt nur die Verführung
in den Städten Die jungen Herren laufen da jedem frischen Dinge nach das ein
paar rote Bäckchen und muntere Augen aufzuweisen hat und wie bald lässt sich da
solch ein unerfahrenes Kind durch schöne Worte betören Nein nein Marta da
will ich mir lieber den Bissen vom Munde abdarben ja wenn es sein muss
hungern bis mich Gott in seiner Barmherzigkeit ausspannt Nur mein Kind nicht
dem Bösen Preis geben«
    Die Botenfrau lachte hellauf trat meiner Mutter ein paar Schritte näher und
sagte verächtlich
    »Käte Ihr seid eine Närrin  Teufel noch mal in welcher Zeit denkt Ihr
denn dass wir leben Wir sind heutigen Tages aufgeklärter wie vor vierzig
Jahren wir haben begreifen gelernt dass man dem Glück die Hand reichen muss
will man es auf dieser Welt zu etwas bringen Törin die ich war Hätte ichs
Zugreifen verstanden wer weiß ob ich nicht jetzt Frau Soundso wäre O ich
wüsste zu erzählen wenn ich nur wollte aber das ist vorüber und darum mag ich
nicht weiter daran denken  Dagegen was Eure Rese anlangt so rate ich Euch
nochmals tut sie fort und zwar in die Stadt Sie kann erst als Kindermädchen
ziehen damit sie sich benehmen lernt Da hat sie nicht viel zu tun und doch
Gelegenheit sich bekannt zu machen Nun und begegnet ihr was Ihr alte Närrin
ein Unglück nennt so bringt sie das erst recht unter die Leute und macht ihr
Glück Sie entwöhnt ihr Würmchen und zieht als Amme Da hat sies besser wie
ich und Ihr zusammen kriegt Bier so viel sie trinken will und zu essen
vollauf und spielt die Herrschaft so oft sie Lust hat denn um dem Kinde nicht
zu schaden tut man ihr schon allen Willen Ich kenne das«
    »Pfui schämt Euch Marta« entgegnete entrüstet meine Mutter »Das sind
ja verzeih mirs Gott Vorschläge als hätte sie der leibhaftige Satan
erfunden und Euch auf die Zunge gelegt Nicht zufrieden gäb ich mich brächte
eine meiner Töchter solche Unehre auf unsern unbescholtenen Namen«
    »Nun dann betet und hungert oder geht zu guter Letzt betteln« sagte mit
recht höhnischem Tone die Botenfrau »denn dass es über kurz oder lang kein
anderes Ende mit Euch nehmen kann das sieht doch Jeder ein Und dann werdet Ihr
Eure glatten Püppchen noch selbst feilbieten wie frischgebackene Pfannkuchen
Gute Nacht und was Warmes zum Abendessen wenn Ihr ein Stöckchen Holz im Hause
habt«
    »Damit setzte die Korbmarta ihren Stecken fürbass und wackelte langsamen
Schrittes nach dem rauschenden Buchenwalde der in geringer Entfernung die Hütte
meiner Eltern umschloss«
    »Ich hatte aus dem Fenster meiner Dachkammer diese ganze Unterredung mit
angehört und konnte mich nicht genug wundern dass meine so treffliche Mutter den
Ratschlägen Martas nicht folgen wollte die mir eben so annehmbar und klug
erschienen als die Frau selbst mir zuwider war In meinem kindischen
Unverstande zürnte ich der Mutter die regungslos vor dem Häuschen sitzen blieb
und still bittend Gott um Rat und Rettung flehte Das leise Zittern der
festgefalteten Hände sagte mir dies so wie die einzelnen Tränen die in großen
Tropfen über die eingefallenen vom Kummer durchfurchten Wangen liefen Mich
hatte das Wort Stadt bezaubert und ich gelobte mir in kindischer Einfalt sobald
es meine Kräfte erlauben würden als dienende Magd vom einsamen Walddorfe in die
lustige unterhaltende Stadt zu ziehen
    Ehe ich allen Ernstes an Ausführung dieses flüchtigen Einfalles denken
konnte schritt der fürchterlichste Feind des Volks der ausgelassenste Lästerer
aller Tugend und Sitte die Not der Armut eigenmächtig ein und zwang die
bekümmerten Eltern ihre Kinder mit eigener Hand aus dem Hause zu stoßen Es
war eingetroffen was die Korbmarta vorausgesagt hatte Mir mussten langsam
Hungers sterben trennten wir uns nicht freiwillig Dem unerbittlichen Geschick
gaben die Eltern nach Meine Schwester Terese musste ziehen und weil die harte
Arbeit bei den Bauern von ihr nicht hätte verrichtet werden können, brachte sie
die Mutter selbst nach Erfurt Sie fand bei sehr braven Leuten ein anständiges
Unterkommen und gefiel sich wohl Ich blieb einstweilen noch bei den Eltern da
ich noch zu unselbstständig war um mir durch Dienen mein Brod verdienen zu
können
    Von Zeit zu Zeit vierteljährig wenigstens einmal besuchte uns Terese und
an ihrem Benehmen an ihrer Kleidung und heiterem unbefangenen Wesen erkannte ich
mit inniger Freude dass die Botenfrau die Wahrheit gesagt habe Seitdem fasste
ich eine Art Zuneigung zu dem hässlichen Weibe die ich ihr durch freundliches
Grüssen oder Darreichung eines frischen Trunkes zu erkennen gab wenn sie vorüber
ging oder auf der Bank vor unserm Häuschen kurze Zeit ausruhte
    Nach drei Jahren vertauschte Terese Erfurt mit Weimar Zugleich kam ich als
Laufmädchen in ein Haus nach Jena Lieber wäre ich ebenfalls nach Weimar
gezogen um die Schwester stets um mich zu haben und von ihr manchen Wink in den
neuen ungewohnten Verhältnissen zu erhalten Es fand sich jedoch keine passende
Gelegenheit und so war ich denn auch mit Jena zufrieden Das Leben in dem
kleinen Orte machte mir großes Vergnügen Besonders war ich den Studenten sehr
hold die mir wie ein ganz aparter Menschenschlag erschienen Wenn sie Arm in
Arm über den Marktplatz zogen oder gar daselbst schlugen und zuletzt an langen
Tafeln commerschirten staunte ich sie und ihr wundersames Treiben wie
Meerwunder an Niemand hätte mich bewegen können einen dieser jungen meist
bärtigen und dazu abenteuerlich gekleideten Männer anzureden Ich verehrte sie
viel zu sehr als dass ich hätte glauben mögen so gewaltig einherschreitende
Männer würden die Frage eines so unscheinbaren armen Mädchens wie ich damals
wirklich war beantworten
    Wochen und Monate blieb es auch in der Tat bei bloßem vergnüglichen
Anstaunen Nach Jahresfrist war ich aber bedeutend größer und voller geworden
und nun richteten die jungen Leute ihre Blicke auf mich Es dauerte gar nicht
lange so redete mich Einer und der Andere an scherzte mit mir und lachte über
mein Stammeln und Erröten Betrat ich Abends den Markt so begleiteten sie mich
in Masse unter dem Vorgeben mich zu beschützen und mehrmals wenn ich mich
dankend an der Tür meiner Herrschaft gegen sie verbeugte ließ sie mich hoch
leben Obwohl solche Aufmerksamkeit meiner erwachenden Eitelkeit schmeichelte
erschreckte sie mich doch auch um so mehr als meine Herrschaft mich ernstlich
bat der wilden zügellosen Jugend keinerlei Anlass zu fortgesetzter Huldigung zu
geben Dies fiel mir nun zwar nicht ein so wenig als ich mir in meiner
Unschuld irgend etwas dabei dachte nur fand ich bei häufigerem Beschauen meiner
Person im Spiegel dass ich nicht garstig sei und seit dieser unglücklichen
Entdeckung verwandte ich weit mehr Sorgfalt auf meinen Anzug als bisher Fast
alle meine kleinen Ersparnisse von denen ich bereits Einiges nach dem Vorbilde
meiner älteren Schwester den Eltern hatte zufliessen lassen zehrte der Ankauf
neuer und modischer Kleidungsstücke auf
    Ein in dem muntersten Tone geschriebener Brief Theresens meldete mir bald
darauf dass sie ebenfalls nach Jena kommen würde und wir fortan ein recht
geschwisterliches Leben zusammen führen wollten Meine Freude war sehr groß Ich
konnte Theresens Ankunft kaum erwarten und wusste mich nicht zu fassen vor
innerlicher Glückseligkeit als ich die geliebte Schwester nun wirklich in meine
Arme schloss
    Terese war in den letzten beiden Jahren sehr schön geworden Sie konnte mit
ihrem tadellosen Wuchse dem schönen Blond ihrer weichen Haare und dem feurigen
Ultramarinblau ihrer länglichen Augen unter so vielen jungen Männern nicht
unbemerkt bleiben Schon nach Verlauf einiger Tage sprach man nur von dem
schönen Dienstmädchen hatte ermittelt dass es meine ältere Schwester war und
begann nunmehr in galantester Weise vollkommen Jagd auf sie zu machen Ich
erschrak bei dieser unerwarteten Wendung der Dinge, nicht weil ich mich im
Augenblick vernachlässigt sah sondern weil ich für meine Schwester fürchtete
Diese hatte aber während ihrer mehr als vierjährigen Dienstzeit die Welt und das
Gebahren der jungen Männer hinlänglich kennen gelernt und wusste die
Zudringlichsten und Kecksten mit erstaunlichem Tacte in gehöriger Entfernung zu
halten Es fehlte ihr nie an den schärfsten und treffendsten Entgegnungen auf
kecke oder gar zweideutige Anfragen und so wusste sie sich denn inmitten einer
Unzahl von Anbetern vollkommen sicher
    So verstrich wieder mehr als ein halbes Jahr Wir Schwestern lebten in
freien Stunden viel zusammen sendeten so oft wie möglich Botschaft an unsere
Eltern und erhielten dergleichen wieder zurück Es hatte ganz den Anschein als
sei uns das Glück nicht abhold Da bemerkte ich dass Terese die von Natur
lebhafter und gesprächiger war als ich immer stiller wurde und oft sinnend vor
sich hinstarrte Ich beobachtete sie wochenlang ohne nach dem Grunde zu fragen
schlich ihr unbemerkt nach wenn sie am dunklen Abend zu mir kam und wieder nach
Hause ging und entdeckte einen ihrer harrenden Begleiter Es war ein hoher
schöner Mann wie ich späterhin hörte ein Lievländer von adliger Geburt und
sehr reich Bei dieser Entdeckung fielen mir zum ersten Male wieder die Worte
der hässlichen Korbmarta ein und eine peinigende nicht mehr von mir zu wälzende
Angst schnürte mir das Herz zusammen Ich entschloss mich meine Schwester in
teilnehmendstem Tone auszuhorchen zur Rede zu setzen und sie zu warnen
    Die Gelegenheit fand sich schon am nächsten Abend wo ich Terese mit ihrem
Galan auf der Hausflur in zärtlichster Umarmung überraschte Der Lievländer
verließ die Erschrockene mit einem Scherze wobei ich selbst auch etwas abbekam
und wir hatten nun Musse uns nach Herzenslust gegenseitig auszusprechen Meine
sehr eindringliche Rede hörte Terese mit tiefem Schweigen an Sie rechtfertigte
sich nicht sie versuchte es auch später nie sie hörte mir gesenkten Kopfes zu
und seufzte nur Als ich endlich ausrief Bedenke gute Schwester dass ein
reicher Baron so weit her Dich ein armes Dienstmädchen nie heiraten wird da
fiel sie mir laut schluchzend um den Hals küsste mich inbrünstig und drängte
mich dann aus der Tür die sie rasch hinter sich verriegelte
    
    Nachdenklich ging ich heim Die ganze Nacht konnte ich kein Auge zutun
Sollte ich die Eltern von der Neigung Theresens benachrichtigen oder dieselbe
verschweigen Darüber zerbrach ich mir den Kopf bis ein wüster Schmerz mich
befiel Um die Schwester nicht gar zu sehr zu betrüben schwieg ich und
beschloss ferner nur im Stillen aufzupassen Dies fruchtete jedoch nichts
Terese ließ sich nicht mehr überraschen blieb aber still und sinnend wie
zuvor Ob sie noch mit dem Lievländer umging oder um ihn trauerte konnte ich
damals durchaus nicht erraten Mit schwesterlichem Bedauern bemerkte ich nur
dass die Liebende bleicher und immer bleicher ward und schrieb dies auf Rechnung
ihres Grames Nur einmal fragte ich noch teilnehmend was ihr fehle und warum
sie so ganz eine Andere geworden sei Da warf sie mir einen so entsetzlichen
Blick zu dass ich zurückschauderte und mich fortan zuweilen vor der Schwester
sogar fürchten konnte
    Sechs Wochen später weckte mich früh am Morgen ein entsetzlicher Tumult Ich
eile ans Fenster reiße es auf und sehe mitten auf dem Markte eine Menge sich
drängender Menschen Nun stürze ich die Treppe hinunter frage was es gibt und
dringe da mir Jeder schüchtern ausweicht immer weiter vor bis ich vor meinen
Füßen den bleichen schönen Körper meiner armen Schwester liegen sehe Fest
umschlungen und zum Schutz noch mit Stricken an die Brust gebunden hielt sie ein
neugebornes Kind Die Unglückliche hatte sich unmittelbar nach erfolgter
Entbindung in die Saale gestürzt Zwei Tage vorher war der Lievländer ihr
Verführer in seine Heimat abgereist Ein Brief von ihm den ich unter den
Sachen meiner Schwester fand verriet mir dies Er war sehr lakonisch und
scherzhaft beleidigend Der reiche Herr bedauerte dass seine Zärtlichkeiten so
unangenehme Folgen haben sollten und meinte dass für diese nicht er sondern das
schöne gefällige Kind einzustehen habe Schlüsslich wünschte er ihr alles Gute
recht bald einen neuen Freund den das tückische Schicksal nicht von ihr reiße
und damit sie sähe dass er ihr noch immer gewogen sei und für sie sorge erlaube
er sich die Kosten der Taufe in einigen Goldstücken beizuschliessen  «
    Ein Strom von Tränen erstickte Biancas Stimme Aurel ließ die
Bedauernswürdige gewähren und benutzte die eingetretene Pause um einen Blick in
den großen Saal zu werfen wo seit Kurzem lebhafter Wortwechsel sich erhoben
hatte Er bemerkte dass eine Menge junger elegant gekleideter Herren ein
hübsches weinendes Mädchen zu beruhigen suchten während andere tobten fluchten
und bei Allem was Ihnen heilig sei den Unverschämten zu züchtigen schworen
»Ein gewöhnlicher Wirtshausstreit« dachte der Kapitän und nahm seiner Schönen
gegenüber wieder Platz Er fand sie gefasst und bereit den abgerissenen Faden
ihrer Erzählung wieder anzuknüpfen Aurel bat darum und Bianca fuhr sort
    »Sie kennen unstreitig die Einrichtung auf Universitäten nach welcher die
Leichname der Selbstmörder auf die Anatomie abgeliefert werden müssen Ich hatte
mehrmals davon gehört und würde jedenfalls selbst in meinem unaussprechlichen
Schmerze daran gedacht haben wäre ich nicht durch die frohlockende Bemerkung
eines vorübergehenden Studenten auf der Stelle in furchtbarer Weise daran
erinnert worden Ich hörte nämlich dicht hinter mir rufen indem sich ein
bärtiges Gesicht über meine Schulter schob
    Donnerwetter das ist ein Bissen für uns Eine von den drei Grazien ohne
Widerrede Wo das die Theologen spitz kriegen muss der Profector das Auditorium
schließen lassen sonst erdrücken uns die Jünger des heiligen Geistes um den
Genuss zu haben ein junges schönes Mädchen im Naturzustande so lange es ihnen
beliebt mit lüsternen Blicken betrachten zu können«
    »Mich überlief es eiskalt Meine arme unglückliche gemisshandelte Schwester
noch im Tode entehrt den Blicken neugieriger Spötter ausgesetzt zu wissen 
dieser Gedanke empörte mich Ohne Zaudern tat ich Schritte um meine tote
Schwester loszukaufen Dass dies häufig geschah wusste ich Selbst während meiner
Anwesenheit in der Universitätsstadt war es schon einige Male vorgekommen
Namentlich erinnerte ich mich eines Falles wo die Tochter einer angesehenen
Familie die selbst Hand an sich gelegt hatte gegen Erlegung der festgesetzten
Summe sogleich von der Universität frei gegeben wurde Darauf fusste ich An Geld
fehlte es mir auch nicht wenn ich zu dem vorgefundenen Golde meine eigenen
Ersparnisse legte Es hatte nichts mehr Wert für mich als der Körper der
entseelten Terese
    Mit dem nötigen Gelde versehen von Schmerz und Scham tief gebeugt brachte
ich mein Anliegen vor und  ward kühl abgewiesen Schönes Kind sagte man zu
mir es tut uns leid Deine Bitte nicht erfüllen zu können Deine Schwester ist
Mörderin und Selbstmörderin zugleich und überdies als liederliche Dirne aus der
Welt gegangen Solche Personen sind unrettbar dem Messer des Anatomen verfallen
Wäre Terese hässlich nun dann könnten wir allenfalls ein Auge zudrücken so
aber ist die Entleibte ein Meisterwerk der Schöpfung und je seltener so
tadellose Kadaver zu bekommen sind desto mehr müssen wir danach angeln Gib
Dich also nur zufrieden liebes Kind behalte Dein Geld und mache Dir einen
guten Tag
    Ich glaubte vor Entsetzen in die Erde sinken zu müssen Ich warf mich dem
strengen Herrn zu Füßen ich bat mit flehendster Schmerzensstimme ich bot den
doppelten Preis  Alles umsonst Zuletzt ward ich hart angelassen und mit der
Bemerkung aus dem Zimmer geführt Bei armen Mädchen könne man durchaus keine
Rücksichten nehmen man habe genug mit den Reichen zu tun die auf ihr Vorrecht
pochend bei unangenehmen Ereignissen ähnlicher Art nie unterliessen an dasselbe
zu appelliren Ihnen müsse man aus Klugheit willfahren bei armen Dienstboten
aber fiele jeder haltbare Grund weg
    So ungefähr wenn auch in andern Worten lautete der mir gegebene Bescheid
Ich wusste mir nicht mehr zu raten zu helfen Theresens Leichnam war bereits
auf die Anatomie gebracht worden und wie die Sachen standen keinerlei
Aussicht vorhanden irgendwie meinen Zweck zu erreichen Indes wollte ich doch
nichts unversucht lassen und so lief ich denn durch die halbe Stadt um
Erkundigungen einzuziehen und mit den zur Zeit geltenden Verordnungen und
Gesetzen mich bekannt zu machen Was ich auf diesen schweren Gängen ermittelte
war freilich für mich nicht sehr tröstlich Damals ward mein geängstetes Herz
zum ersten Male von der entsetzlichen Wahrheit zerfleischt dass in unsern
civilisirten Staaten die Armut sogar vom Gesetz wie ein Laster behandelt wird«
    »Sollten Sie armes Mädchen« fiel Aurel ein »unserer Gesetzgebung nicht
einen zu harten Vorwurf mit dieser Behauptung machen«
    »Nein Herr Kapitän Hören Sie nach welchen Grundsätzen auf jener
Universität zu meiner Zeit die Anatomie mit Leichnamen versorgt ward Zuerst
erfuhr ich was ich bereits wusste dass nur reiche Verwandte Selbstmörder von der
Anatomie loskaufen können Ferner war es damals noch Sitte  ob inzwischen eine
Änderung stattgefunden hat weiß ich nicht  dass nur bei der Section im
Hospital verstorbener armer Mädchen die gesetzlich auf die Anatomie geliefert
werden mussten das Hospitiren der Nichtmediciner gestattet ward Jedermann weiß
dass diese nicht wissenschaftliches Interesse sondern einzig und allein Neugier
und wollüstiger Kitzel an den Secirtisch treibt Man ergetzt sich in
Gemeinschaft an schönen Formen und unzarten wo nicht sittenlosen Witzen die
man auf Kosten des vorliegenden Leichnams oder des ganzen wehrlosen Geschlechtes
macht
    Nach einer andern gesetzlichen Bestimmung mussten alle unehelichen Kinder
wenn sie vor dem zurückgelegten vierzehnten Jahre starben unausbleiblich auf
die Anatomie geliefert werden Wahrscheinlich sind die Gesetzgeber bei dieser
höchst moralischen Bestimmung der Ansicht gewesen die bis heut noch leider
allgemein verbreitet ist dass jede vom Priester nicht eingesegnete Verbindung
eine sündhafte sei und der erkauften Liebe gleichkomme Eine entsetzliche
verdammenswürdige Annahme die jede reine Neigung tötet die alle wahre
Sittlichkeit gänzlich untergräbt Weit entfernt die Ehe herabsetzen zu wollen
bin ich doch fest übezeugt dass mehr ehelich geborene Kinder unkeuschen
Umarmungen ihre Entstehung verdanken als unehelich geborene und doch entblödet
man sich nicht diesen Schuldlosen einen Fehl einen Flecken anzudichten der
sie in den Augen der vorurteilsvollen Menge der übrigen Menschheit gegenüber
herabsetzt
    Am schrecklichsten aber und gradezu unmenschlich erschien mir die grausame
aller christlichen Liebe hohnsprechende Verordnung nach welcher alle Leichname
gefallener Dienstmädchen wenn auch seit ihrem Falle ein Zeitraum von vierzig
Jahren vergangen sein sollte der Anatomie anheimfallen Merken Sie wohl nur
der Dienstmädchen gefallene Töchter der Bürger und des Adels unterliegen dieser
Strafe die mithin nur für die Armut erfunden worden ist, nicht1
    Schon wollte ich mich in mein Schicksal fügen als ich aufmerksam gemacht
wurde dass vielleicht durch persönliche Rücksprache mit einem hochgestellten
Manne ein Tausch bewerkstelligt werden könne Man lobte die Höflichkeit und
Zuvorkommenheit dieses Mannes und ich ging der toten Schwester zu Liebe zu ihm
In der Tat fand ich einen der einnehmendsten Männer in ihm die mir je
vorgekommen sind Jung interessant sehr lebhaft und überaus galant behandelte
er mich wie eine Dame Dies gewann ihm sogleich mein Vertrauen denn ich war
bisher immer nur an unfreundliche Befehle gewöhnt Meinen inständigen Bitten
schien er nicht abgeneigt Er versprach mir sich zu erkundigen ob eine
Vertauschung ohne Verdacht zu erwecken möglich sei und bat mich ihn Abends
nach Sonnenuntergang nochmals mit meinem Besuche zu beehren
    Beruhigter kehrte ich zu meiner Herrschaft zurück die mich sehr ungnädig
aufnahm Unverdiente Vorwürfe und bittere Schmähungen musste ich ohnehin so tief
Gebeugte über mich ergehen lassen Sie kündigte mir den Dienst da sie ein
Mädchen auf welches die ganze Stadt mit Fingern deutete nicht um sich haben
möge  Ich ertrug Alles schweigend und konnte den Abend kaum erwarten der mir
Gewissheit bringen sollte Er kam ich besuchte den Mann der mir allein noch
helfen konnte abermals Noch höflicher als am Tage empfing er mich Es wird
sich tun lassen mein schönes Kind sagte er Noch in dieser Nacht soll ein
anderer weiblicher Körper abgeliefert werden Niemand weiß davon und so kann ich
Dir gegen Morgen Deine arme Schwester wieder geben
    Ich war gerührt entzückt drückte dem gütigen Manne im heißen Dankgefühl
die Hand und bot ihm all mein baares Geld für seine Großmut an Lächelnd schlug
er es aus Das behalte für Dich Du wirst es schon brauchen sagte er Weit
lieber wäre mir ein Kuss von den schönen Lippen die so anmutig danken können
Werd ich vergeblich darum flehen  Er sah mir so freundlich so mild und
gutherzig in die Augen und ich fand den Gefälligen in jenem Augenblick so schön
und wahrhaft liebenswürdig dass ich mich nicht lange besann Weinend sank ich an
seine Brust schlang meine Arme um seinen Nacken und presste meine Lippen fest an
seinen Mund Lange hielten wir uns umschlungen wir fühlten den beschleunigten
Schlag unserer Herzen Als ich mich endlich aus den Armen des vortrefflichen
Mannes wieder losmachen wollte fühlte ich mich in der heftigsten Aufregung Der
gütige Vermittler entließ mich nicht Von Neuem umschlang drückte er mich an
sich Es ist um Deine Schwester flüsterte er mir zu und dies Zauberwort hätte
mich damals selbst in der Hölle fest gehalten Seinen Bitten konnte ich nicht
widerstehen Ich blieb blieb lange lange und als ich von ihm ging hingen
Tränen an meinen Wimpern Tränen die nicht meiner Schwester die mir selbst
galten Jetzt hätte ich neben der Toten niederknien und auf ihren kalten Mund
einen Kuss der Vergebung drücken mögen Was war ich mehr als sie Konnte ich
nicht gleich ihr endigen nun ich gefallen war wie sie «
    Verstohlen dem Monde ausweichend um den Schatten meiner Gestalt nicht zu
sehen schlich ich nach Hause Schlaflos brachte ich die Nacht unter Tränen
unter Gebet unter entsetzlichen Vorwürfen hin Als der Morgen graute verließ
ich mein ärmliches Lager das mir zur Folterbank geworden war Über die öden
Gassen eilte ich schnellen Laufes nach der Anatomie Da schmetterte mich die
trockene Antwort nieder dass der versprochene Leichnam untauglich sei und mir
demnach die Schwester nicht verabfolgt werden könne  
    dabei blieb es Terese verfiel dem Messer des Anatomen und ich hatte meine
Jugend meine Unschuld meine Ehre einem Phantom geopfert
    Von meiner Diensterrschaft entlassen das Augenmerk der ganzen Stadt für
die ich nur die Schwester der schönen Selbstmörderin war blieb mir nichts übrig
als schleunigste Flucht Vielleicht wäre ich Terese in den Tod gefolgt hätte
mich nicht das Schicksal welches meiner dann harrte abgehalten Der
fürchterliche Secirtisch der Anatomie und die lüsternen Blicke der jungen
Männer die sich lachend an meinen erkalteten Gliedern dann weideten schreckten
mich zurück Flucht Flucht rief ich mir wohl tausendmal zu packte meine
wenigen Habseligkeiten zusammen und brach auf
    Erst als die kleine Stadt mit ihren kahlen Bergen hinter mir lag fragte ich
mich wohin Die Entscheidung war nicht schwer Meine unglücklichen frommen
genügsamen Eltern lebten noch in ihrer rauschenden Bergeinsamkeit Noch ahnten
sie nichts von dem grauenvollen Unglück das sie am Spätabend ihres Lebens
ereilt hatte Sie beteten in gottgefälliger Einfalt für ihre fernen Kinder
davon eins schon nicht mehr unter den Lebenden wandelte Zu ihnen rief es in
der Tiefe meines Herzens und ich schlug den Weg nach der Heimat ein
    Vor der Tür ihrer Hütte sitzend fand ich die Eltern Sie erkannten mich
nicht in der modernen städtischen Kleidung die ich seit meinem Dienstantritt
trug Als ich sie bei Namen rief umarmten sie mich unter Freudentränen Sie
fragten nach Teresen nach ihrem Wohlbefinden Ich senkte den Kopf und schwieg
Als sie nun eine unerfreuliche Nachricht erwarteten und heftig in mich drangen
erzählte ich mit schonendster Milde den Hergang und das traurige Ende der
Schwester Meine Mutter sank besinnungslos in die zitternden Arme des alten
schwachen Vaters Ich kniete vor beiden nieder und benetzte mit reuigen Tränen
ihr Gesicht ihre Hände
    »Dummes Ding« hörte ich hinter mir eine nur zu bekannte krächzende Stimme
höhnisch rufen »Wie abgeschmackt für ein hübsches Mädchen von zwei und zwanzig
Jahren sich eines Kindes wegen ins Wasser zu stürzen Die hat ihren Vorteil
schlecht verstanden und da ist denn freilich weder zu raten noch zu helfen
Sei Du klüger hübscher Schwarzkopf wenn Dirs ähnlich ergehen sollte Zu einem
kalten Bade hat man alle Tage noch überflüssige Zeit«
    Es war die Korbmarte die aus dem Walde ihres Weges ziehend den traurigen
Schluss meiner Erzählung mit angehört hatte und sich zu dieser gemeinen Bemerkung
gedrungen fühlte
    »Dumme Dirne Dumme Dirne Sich zu ersäufen in der Blüte ihrer Schönheit«
murmelte sie vor sich hin indem sie an uns vorüber schritt Die Erscheinung
dieses hässlichen alten Weibes erfüllte mich mit wahrhaftem Entsetzen reizte
aber auch zugleich meinen Zorn dergestalt dass ich mir Gewalt antun musste um
nicht mit Tigerwut mich auf sie zu stürzen und ihr das Genick zu brechen Sie
schien mir eine Abgesandte der Hölle die sich ihres Triumphs über uns freute
    »Ohne ihre tiefe unerschütterliche Gottgläubigkeit würden meine Eltern
diesem Schlage sogleich erlegen sein Die Religion die längst einen wahrhaften
Bestandteil ihres Wesens ausmachte und in ihnen lebendig geworden war hielt
sie aufrecht das Gebet gab ihnen Kraft und Stärke das Entsetzliche zu
ertragen Sie flehten Gott allabendlich um Gnade für ihr verirrtes als
zwiefache Verbrecherin aus der Welt geschiedenes Kind und wenn je das Gebet
frommer Eltern Erhörung findet bei Gott so muss Terese durch das gläubige
Bitten ihrer Eltern begnadigt worden sein
    So innig ich an meinen braven Eltern hing so unheimlich ward mir doch in
ihrer Nähe Ich taugte ja nicht mehr in so heilige Kreise ich war eine
Sünderin deren Herz vor Groll und Ingrimm brechen wollte Eine unsichtbare
Gewalt zog mich hinaus in die Welt um in ihrem Geräusch Vergessenheit und ein
neues Glück zu suchen Mich drückte mich beleidigte die Armut seitdem ich
wusste wie man mit ihr verfährt wie man sie gleich einem räudigen Hunde von
sich stößt oder sie mit herzloser Gleichgiltigkeit behandelt Obwohl fromm und
schlicht und zu genügsamem Leben erzogen vermochte ich doch nicht mehr
andachtsvoll zu einem Gott zu beten der Tausende seiner Geschöpfe so unwürdig
behandeln lässt und das Wort Christi Selig sind die Armen denn das Himmelreich
ist ihr konnte mich zu verzweifeltem Lachen reizen Ich konnte nicht an eine
Seligkeit jenseits glauben die ich mit völliger Vernichtung meiner angeborenen
Menschenwürde diesseits erkaufen sollte Werde reich schrie es Tag und Nacht in
mir mit gellender Stimme werde reich um jeden Preis und Du bist glücklich
angesehen geehrt
    Daheim konnte ich nicht bleiben Meine Eltern wünschten dies eben so wenig
als ich selbst ich war daher Willens wieder einen Dienst wo möglich in einer
großen Stadt zu suchen Dort hoffte ich sollte sich Gelegenheit finden die mir
von der Natur geschenkten Gaben zu meinem Vorteil zu benutzen Ich war ja
schön und Schönheit mit Jugend gepaart wirft man so leicht nicht vor die Tür
wenn sie den zarten Panzer des Weibes die verlockende List anlegen
    Ich wandte mich nun zuerst nach Hannover da ich aber bei meiner schnellen
Dienstentlassung und der Verwirrung in die mich der unerwartete Tod meiner
Schwester versetzt ein Zeugnis meines Wohlverhaltens mir ausstellen zu lassen
vergessen hatte fand ich nicht sogleich einen Dienst wie ich ihn wünschte Es
schien mir sogar als zweifle man an meiner Unbescholtenheit wozu ich
vermutlich selbst Anlass gab durch freundliches einschmeichelndes Betragen das
mehr von forcirter Koketterie als von reizender Natürlichkeit an sich haben
mochte Es vergingen ein paar Wochen und meine Barschaft schmolz zusammen Da
machte ich an einem öffentlichen Orte die Bekanntschaft eines nicht mehr jungen
aber wie ich auf den ersten Blick bemerkte sehr wohlhabenden Mannes Mein
forschend auf ihn gerichtetes Auge mochte ihm Verheißungen vorgespiegelt haben
an die ich selbst nicht dachte Er knüpfte ein Gespräch mit mir an schenkte mir
Blumen und schlug mir vor als er meine nicht eben beneidenswerte Lage erfuhr
die Stelle einer Haushälterin bei ihm anzunehmen Er bedürfe grade einer solchen
und sei in Verlegenheit eine Person zu finden der er vertrauen könne Ich
gefiele ihm und hätte ich Lust es mit ihm und seinen kleinen Launen zu
versuchen so könnte ich gleich morgen in seinem eigenen Wagen mit ihm abreisen
    Herr M war aus Hamburg Kaufmann und Hagestolz Seine Bedingungen dünkten
mir sehr annehmbar und da ich durchaus nichts zu verlieren hatte und dieser
Anfang mir den vielversprechenden Eingang zu den schimmernden Palästen des
Reichtums öffnen zu wollen schien so nahm ich sie an Drei Tage später war ich
in Hamburg
    Sie können erraten Herr Kapitän welch ein Leben ich hier führte Eine
Zeit lang war Herr M sehr zufrieden mit mir Er überhäufte mich sogar mit nicht
ausbedungenen kostbaren Geschenken die ich aus den angedeuteten Gründen annahm
Später musste ich mich dafür erkenntlich zeigen wozu ich mich nach einigen
heftigen innern Kämpfen denn auch entschloss Ich hoffte Madame M zu werden und
gab dies sehr unverhohlen zu erkennen Dies war nicht politisch mein Gebieter
ward von Stund an kälter gegen mich ich begann ihn zu tyrannisiren auf meine
Ansprüche pochend Dies verdross Herrn M und eines schönen Morgens lohnte er
mich ganz ruhig ab und händigte mir außerdem eine ansehnliche Summe als
Abfindungsquantum ein Obwohl ich es jetzt mit Bitten versuchte und keine kleine
List unterließ den Beleidigten mir wieder zu versöhnen konnte ich ihn doch
nicht erweichen Ich musste sein Haus verlassen 
    In diesem Verhältnis hatte ich so viel erworben um nötigen Falles allein
anständig leben zu können Dies zog ich einer neuen dienstlichen Stellung vor
Ich mietete mir ein elegantes Logis gab mich für eine junge Wittwe aus und
spielte nicht ohne äusserliches Glück die gebildete Dame So hoffte ich am
leichtesten ein Ehebündniss mit irgend einem wohlhabenden Manne der mir gefiel
herbeiführen zu können Allein auch diese Spekulation schlug mir nicht zum Glück
aus Ich fand viele Liebhaber keinen Geliebten und da ich schon längst den
festen moralischen Halt verloren hatte sank ich von Monat zu Monat tiefer bis
ich mich selbst verachten musste Ich ging von einer Hand zur andern lebte
äußerlich gut befand mich scheinbar wohl und trug tief verborgen die Hölle in
meinem Herzen Nach und nach wich die erkünstelte Heiterkeit von mir die so
leicht alle Männer bestach und sie mir zuführte Ich ward traurig kalt
abstoßend melancholisch Da flohen mich die Männer die immer nur Lust und
Scherz beim Weibe suchen Ich kam möchte ich sagen klänge es nicht zu
fürchterlich aus der Mode und um doch ein anständiges Leben dem Scheine nach
fortsetzen zu können und der verhassten Armut nicht gänzlich zu verfallen ward
ich genötigt die Salons zu besuchen«
    »Dies ist mein äußerst beneidenswerter Lebenslauf« schloss Bianca mit
bitterem Lächeln ihre Erzählung »und finden Sie jetzt noch dass ein ehrlicher
Mann seine Hand rettend nach mir ausstrecken darf ohne sich für immer zu
besudeln dann Herr Kapitän will ich es wagen Ihrer Großmut mich
anzuvertrauen«
    »Aber Ihre Eltern Bianca Wissen sie auf welchen Wegen ihre geliebte
Tochter wandelte«
    »Gott Lob Sie wissen es nicht wenn sie nicht gleich Gott allwissend sind
Der Tod hat sie längst erlöst«
    Es war stiller und immer stiller geworden im Pavillon Nur wenige Gruppen
saßen noch verstreut im großen Saale Da ward die Tür des kleinen Gemaches wo
Aurel sich mit Bianca unterhielt behutsam geöffnet und Gilberts lebhaftes
Gesicht lauschte herein Gleich darauf stand er vor dem Kapitän
    »Endlich ist das Fahrwasser sicher« sagte er mit leichtfertigem Lächeln
»Ich habe verteufelt warten und mich verkriechen müssen wie eine Schiffsratte
und hatte es doch so eilig«
    »Was gab es« fragte Aurel
    »Zum Teufel Herr Kapitän wird man denn taub wenn man einem so reizenden
Mädchen wie Ihre Gesellschafterin es ist in die geheimnisvollen feuchten
Sterne schaut« Gilbert begleitete diese galanten Worte mit anmutvoller
Verbeugung gegen Bianca »Als ich vor beinahe zwei Stunden Sie hier aufsuchte
lief mir draußen im Saale ein solcher Himmel mit zwei blauen Sonnen in die Arme
ich fing ihn auf und weil es ja doch eine große Seltenheit zu sein pflegt den
Himmel warm und weich an sein Herz zu schließen so nahm ich mir geschwind diese
Freiheit und berührte die beiden funkelnden Sonnen mit meinen Lippen Und um
solcher himmlischen Neigung wegen wollten mich die glanzfilzigen Bengel
todtschlagen Darum musste ich ausreißen und bis jetzt warten Ich habe mich aber
doch amusirt Oben auf dem Stintfange traf ich ein freundliches Kind frisch und
munter wie ein Lachs Mit ihm habe ich Sternenkunde getrieben bis jetzt und alle
sieben Himmel Muhameds durchstreift Es war prächtig auf Matrosenehre«
    Aurel schüttelte lächelnd den Kopf »Schon gut mein Junge ich kenne Dich
Behalte jetzt Deine himmlischen Erkenntnisse für Dich und sage was Deine Eile
zu bedeuten hat«
    »Nichts weiter als einen Brief Da ist er Schleunigst zu besorgen steht
darauf gekritzelt irre ich nicht von der Hand Ihres sehr ehrenwerten Herrn
Bruders«
    Gilbert überreichte Aurel das Schreiben der mit einiger Hast danach griff
    »Sie erlauben mein Fräulein«
    »Bitte«
    Aurel riss das Kouvert auf ein langer Brief blieb in seinen Händen »Das
geht nicht« sagte er das Schreiben zu sich steckend »Ich brauche mindestens
eine Stunde um diese Buchstaben zu entziffern«
    »Lassen Sie sich durchaus nicht stören Herr Kapitän«
    »Es hat Zeit« fiel Aurel Bianca ins Wort »Geh Gilbert und besorge eine
Droschke«
    Gilbert entfernte sich
    »Bianca« rief nun der junge Kapitän gerüht indem er beide Hände des
schönen Mädchens erfasste »Ihre Offenheit hat mich eben so tief erschüttert wie
die betrübenden Erfahrungen die Sie noch so jung bereits gemacht haben Ich
nehme wahrhaften Anteil an Ihnen und ich wünsche dass bessere heiterere
schuldlosere Tage die Vergangenheit mit all ihren Schrecknissen Sie werden
vergessen machen Nehmen Sie es für ein Schicksal dass ich selbst ein vielfach
gefallener Mann Ihnen gerade jetzt begegnet bin und geben Sie mir das
Versprechen Hamburg zu verlassen sobald ich es fordere Es wird sich ein
passenderer Aufenthaltsort für Sie finden ich weiß es und was an mir liegt
einen solchen recht bald zu ermitteln soll geschehen Können Sie sich dazu
entschließen«
    Biancas Blick ruhte geraume Zeit auf den freundlichen treuherzigen Augen
des Kapitäns Sie drückte ihm dankend die Hand und sagte »Ich folge Ihnen denn
ich erblicke in Ihnen den rettenden Engel den meine fürbittenden Eltern mir
senden«
    Aurel stand auf drückte die schöne Sünderin an sich und hauchte einen Kuss
auf ihre Stirn
    Ein Wagen fuhr vor Gilbert meldete dass Alles bereit sei Ein paar Sekunden
später rollte die Droschke mit Aurel Bianca und Gilbert nach der Stadt
 
                                    Fußnoten
1 Diese abscheulichen Verordnungen hinsichtlich der an die Anatomie
abzuliefernden Leichname bestehen noch heutigen Tages in Jena
 
                               Sechstes Kapitel
                               Die Mohrentaverne
Aurel begleitete Bianca bis an ihre Wohnung Hier empfahl er sich nochmals mit
herzlichem Händedruck bat sie wiederholt dass sie ihm blindlings vertrauen
möge und eilte alsdann mit Gilbert nach Hause
    Es war bereits zehn Uhr vorüber und noch stand ihm für die Dauer der Nacht
ein neues Abenteuer bevor Wollte er dies nicht auf einen andern Abend
verschieben so war es die höchste Zeit sich darauf vorzubereiten
    »Gilbert« sagte der Kapitän »suche aus meiner Garderobe die schlechteste
Matrosenkleidung zusammen und lege meine Pistolen und meinen indischen Dolch
bereit Ich will unterdessen sehen was mir der Bruder so eilig zu melden hat«
        Adrian schrieb
        »Kaum habe ich Dir den wunderlichen Besuch mit seinem noch
        wunderlicheren Anliegen gemeldet der mich vor einigen Tagen
        überraschte und schon bin ich genötigt jetzt abermals in dieser mehr
        als rätselhaften Angelegenheit an Dich zu schreiben Wir haben es mit
        ein paar alten Füchsen zu tun die ihrer Sache ziemlich gewiss zu sein
        scheinen Acht Tage haben diesen beiden Greisen genügt mich und
        mittelbar also auch Dich wie Adalbert in die Enge zu treiben Auf welche
        Weise ihnen dies möglich geworden ist weiß ich noch nicht dass sie es
        vermocht haben ist leider nur zu gewiss  Sie haben uns verklagt
        haben wie ich höre Zeugen aufgetrieben welche das Vorhandensein
        verstossener Kinder unseres verewigten Vaters eidlich erhärten wollen
        Daran würde ich mich wenig kehren denn ehe ein so schwieriger Beweis
        rechtskräftig geführt werden könnte würden Jahre vergehen und in so
        langer Zeit lässt sich viel ersinnen um ein drohendes Übel still zu
        beseitigen Weit ärgerlicher ist es mir dass diese mit dem Teufel
        verbündeten alten Bauern auf welche Weise mag Gott wissen meine
        sämtlichen Arbeiter und Untertanen gegen mich aufgehetzt haben Sie
        betrachten mich für den unrechtmässigen Besitzer der Güter des Grafen
        Magnus und drohen mit gewaltsamen unsern Namen entehrenden Maßregeln
        wenn ich nicht die Forderungen dieses weisslockigen Wenden auf der Stelle
        befriedige
        Wohin solche Widersetzlichkeit arbeitender an mich und mein Interesse
        gefesselter Menschen führen kann und muss ist gar nicht abzusehen Ich
        brauche diese zerlumpten Tausende brauche sie unter den Bedingungen
        die ich ihnen bisher kaltblütig und in ruhiger Konsequenz auferlegt
        habe sonst gehen alle meine großartigen Speculationen in Rauch auf Es
        gilt daher den ausgestreuten Saamen des Misstrauens um jeden Preis zu
        entfernen die Murrenden zu beschwichtigen Dies kann nur geschehen
        wenn wir die Quellen verstopfen aus denen sie ihren Argwohn schöpfen
        kann nur von Dauer sein wenn Sloboda und der alte verschlagene
        Maulwurffänger mit seinem ganzen Anhange schnellstens entfernt wird
        Ich unterfange mich nicht eigenmächtig einen Weg anzudeuten der sofort
        eingeschlagen werden müsste um dieses nicht bloß wünschenswerte
        sondern durchaus notwendige Ziel zu erreichen Einige Pläne kreuzen
        sich wohl in meinem Kopfe aber sie bedürfen der sorgfältigsten
        Überlegung Es wäre deshalb am besten wir drei Brüder kämen persönlich
        zusammen berieten uns mündlich tauschten unsere Ansichten offen gegen
        einander aus und fassten einen gemeinsamen Entschluss Koalisation ist in
        unsern Tagen das allersicherste Mittel rasch und entschieden zum Ziele
        zu kommen Bei persönlicher Zusammenkunft ließ sich auch die etwaigen
        Rollen die Jeder von uns zu übernehmen haben dürfte am leichtesten
        verteilen
        Du siehst lieber Bruder dass ich einen Feldzugsplan im Großen
        beabsichtige und diesen gegen einen Feind angewendet wünsche der uns
        fürchterlicher werden kann, als es gegenwärtig noch den Anschein hat
        Soll ich wahr sein so gestehe ich gern dass mir die plumpe Forderung
        dieser Fremdlinge recht zu gelegener Zeit kommt Sie hilft mir eine Idee
        verwirklichen die ich lange Jahre still mit mir herumgetragen habe Das
        Nähere sobald wir uns sprechen Ich wünsche nur dass Du meine Ansichten
        und Entwürfe teilen magst Einigen wir Brüder uns so ist die
        Ausführung leicht und stände ein ganzes Volk uns feindlich gegenüber
        Es gilt nur Einsicht und kraftvolles Handeln
        Nach den Erkundigungen die ich seit zwei Tagen unter der Hand
        eingezogen habe ist es nicht so gar unwahrscheinlich dass wirklich hier
        oder da ein illegitimes Kind unseres galanten Herrn Vaters unbekannt in
        der Welt herumläuft Es wäre zu viel verlangt wenn irgend Jemand von
        uns forderte dass wir solch wilden Sprössling und Ableger aufsuchen und
        an unsere Bruderherzen drücken sollten Ich meines Teils spüre
        wenigstens ganz und gar keine Lust dazu Allein gut wäre es doch wenn
        man mit Bestimmtheit wüsste wo sich diese PseudoBobersteine umtreiben
        die wohl schwerlich auf gräflichen Burgen Hof halten werden Es wäre
        wichtig der Zukunft und unserer eigenen etwaigen Nachkommenschaft wegen
        Auch könnte man mildtätig sein und das großmütige Schicksal spielen
        indem man solch unbekannten Bruder unterstützte falls er sich in Not
        befinden sollte Aber nur spärlich damit er stets abhängig bliebe und
        sich nie überheben könnte Ist eigener Besitz Macht so wird er durch
        Gegenbesitz in gewisser Hinsicht Ohnmacht und das muss ein berechnender
        Kopf vermeiden
        Unterlasse daher nicht, ganz in der Stille herumzuhorchen und nach
        Spuren Bobersteinscher Lebenstätigkeit zu suchen Nur schweige
        schweige unverbrüchlich ich bitte Dich
        Da die Jahreszeit noch nicht zu sehr vorgerückt und das Wetter mild ist
        wird es hoffentlich nichts zu bedeuten haben wenn Du auch vier Wochen
        später unter Segel gehen solltest Es wäre mir ohnehin des Geschäftes
        wegen solche Verzögerung lieb denn um diese Zeit kann ich Dir die
        prächtigsten Proben neuer Druckmuster mitgeben für die sich in
        Ostindien sollte ich meinen ein großer Absatz finden wird Doch darum
        kümmerst Du Dich nicht wie ich weiß deshalb nur diese oberflächliche
        Andeutung 
        So eben erhalte ich Antwort von Adalbert aus Schlesien Er kommt nach
        Boberstein und ist ganz meiner Ansicht Ich bitte Dich eile ebenfalls
        zu mir damit wir schleunigst einen gefährlichen Feind vernichten
        können ehe er noch Zeit und Macht gewinnt sich gegen uns zu erheben
        Es grüßt Dich liebevoll Dein Bruder
                                                                        Adrian«
    »Das wird lustig« sagte Aurel indem er den Brief verschloss und schnell
nach den Kleidern grift die Gilbert inzwischen herbeigeholt hatte »Mein Bruder
glaubt seiner Sache sehr gewiss zu sein« fuhr er im stillen Selbstgespräche
fort während er sich ankleidete »Vielleicht änderte sich diese Ansicht hätte
er Kenntnis von meinem Funde  Arme unschuldige Opfer eines leichtsinnigen
Mannes Verbergen nicht kennen in Dürftigkeit will man Euch schmachten
vielleicht auch verkümmern lassen wenn man Euch wirklich auffindet  Das läuft
schnurstracks Sturm auf mein Gewissen Bruder Adrian und darum besorge ich dass
es in Bezug auf diesen Punkt zwischen uns zu einem Kreuzfeuer kommen wird 
Vergrößerung des Elendes der Armen herzloses vorausberechnetes Verstossen
eigener Blutsverwandten  Nein Bruder das ist ein Weg den ich nicht betrete
 Ich habe des Elendes auf Erden schon zu viel gesehen als dass ich aus
eigensüchtigen Absichten noch beitragen sollte zu dessen Vermehrung Lieber
etwas weniger besitzen und Andere auch glücklich wissen als im Überflusse
schwelgen beim Gewimmer Verhungernder   Gehe ich nach Boberstein Warte ich
unbestimmte Zeit auf die Gefahr hin bei späterem Absegeln mit Mann und Maus
unterzugehen  Hm das Ungefähr das Schicksal mein Spiritus familiaris mag
entscheiden Erfahre ich wessen Finger dieser Ring ehedem zierte so will ich
die Heimat meines Geschlechtes besuchen  Heda Gilbert bist Du fertig«
    »Immer wenn mein Kapitän befiehlt«
    »Wie viel Uhr haben wir«
    »Ein Viertel nach elf«
    »Vorwärts denn nach der Mohrentaverne   «
    Jene hoch liegende Fläche die zwischen Hamburg und Altona in beträchtlicher
Ausdehnung sich hinzieht und nach der Elbe zu in ziemlicher Hügelsteile abfällt
heißt wie bekannt der Hamburger Berg Ein Teil desselben ist den Spiel
Gaukler und Tierbuden eingeräumt die Jahr aus Jahr ein in abwechselnder
Mannigfaltigkeit dem Publicum daselbst offen stehen An diese Buden lehnen sich
Schenken und Tanzplätze für die niedrigsten Volksklassen in reicher Auswahl
Hier tummelt sich der Matrose Nacht für Nacht in ausgelassenster Lust und
verprasst was er zur See sich erspart hat Ein eigentümliches wüstes tolles
oft wahrhaft satanisches Leben entfaltet sich gegen Mitternacht in diesen
geräumigen Höhlen ein Leben wie es in solcher charakteristischen Bunteit in
solcher Raserei der Lust kaum eine zweite Stadt des europäischen Festlandes
kennt Wer den Menschen herabgewürdigt bis zum vernunftlosen Tiere als
willenlosen Knecht der entfesselten Sinnenlust sehen will der trete in eine
dieser Matrosenkneipen und er wird seine kühnsten Erwartungen noch übertroffen
finden Szenen wie sie unter dem Deckmantel der Nacht sich hier fast täglich
wiederholen vermag die ausschweifendste Phantasie des Dichters nicht zu
erfinden
    Zu den besuchtesten Orten des Hamburger Berges gehörte zur Zeit unserer
Geschichte die Mohrentaverne Man hatte ihr diesen Namen gegeben weil durch
Zufall die meisten nicht europäischen Matrosen sich hier zusammenfanden Immer
konnte man sicher sein gegen Mitternacht in der Höllenglut dieser Taverne an
dreißig Mohren Mulatten Indier und Malayen anzutreffen Der farbige Mensch
herrschte hier der weiße ward nur geduldet und musste sich ohne Weigerung den
Gesetzen fügen die zu eigener Belustigung die Fremdlinge jeden Abend aufs Neue
entwarfen und mit unerbittlicher Strenge handhabten
    Die Mohrentaverne zeichnete sich schon äußerlich durch ihre Gestalt aus Sie
stellte nämlich eine colossale schwarz geteerte Tonne vor deren hoher Zapfen
auf dem Spunde zum Schornstein diente Ihr Inneres war sehr geräumig bestand
aus Vorraum Küche dem großen Gesellschaftslocal und mehreren cabinenartigen
Nebenzellell die man durch Riegeltüren beliebig verschließen konnte Im
Hintergrunde ebenfalls auf Tonnen ruhend war das Orchester angebracht denn
ohne Musik kann der Matrose auf dem festen Lande nicht leben Schlecht
gepolsterte Bänke liefen zwischen den Zellen an den Wänden hin Hier standen
auch Tische und Sessel für die Zechlustigen obwohl selten in dem bacchantischen
Getümmel des Tanzes ein paar Menschen ruhig neben einander sitzen konnten
    Kurz vor Mitternacht traten zwei junge Männer von fast gleicher Größe in die
Tür dieser berüchtigten Taverne Sie glichen gemeinen Matrosen Eine kurze
Jacke von verschossenem ziegelroten Tuch weite schlotternde Beinkleider von
blau und weissgestreiftem Wollenzeuge grobe plumpe Schuhe von Rindsleder und ein
gewöhnlicher mit schwarzer Glanzfarbe bestrichener niedriger Strohhut bildete
ihre einfache Tracht Diese späten Gäste waren Aurel und Gilbert
    Wohl bekannt mit dem Tone der in diesen Spelunken herrscht wo der rohe
Matrose nur Leute seines Gleichen duldet und jeden auf höherer Stufe der Bildung
und des Umgangs stehenden Gast sogleich zu entfernen pflegt umfasste Aurel
gleich beim Eintreten eine stämmige Dirne mit hochrotem Gesicht und Busen die
unfern der Tür an der Wand lehnte und erlaubte sich enige nicht eben zarte
Scherze die von dem Mädchen mit heiserm Lachen und frechem Aufblick des unruhig
umherflatternden Auges erwidert wurden Der Anblick der Mohrentaverne in diesem
Augenblick war ein Bild für Höllenbreughel Umdrängt von einer dreifachen Reihe
rauchender siedend heißen Grog oder blau brennenden Punsch trinkender Matrosen
aus aller Herren Ländern von denen Mancher ein wohl auch zwei Mädchen im Arme
hielt führten drei Mohren und zwei Mulatten einen der wildesten und die Sinne
erhitzendsten Tänze ihres Vaterlandes auf Das unheimliche Rollen ihrer weißen
glänzenden Augäpfel in den dunkeln Gesichtern das tigerartige Zähnefletschen
und das convulsivische Zucken ihrer sehnigen Arme wenn sie die blendend weißen
Körper ihrer Tänzerinnen wollüstig umschlangen konnte einem mit solchen Szenen
nicht Vertrauten glauben machen er sei plötzlich in die Hölle unter Verdammte
und Teufel versetzt worden die sich eben in dämonischer Weise vergnügten Die
Mädchen waren groß schlank und von schönem Wuchse nur Blick und
Gesichtsausdruck verrieten ihre moralische Verwilderung Mit fast ganz nacktem
Oberkörper mit fliegenden Locken und gelöstem Haupthaar rasten sie im Arm
ihrer farbigen Tänzer die vor Lust jauchzten und häufig fast tierische Töne
ausstiessen in beschränktem Raume keuchend auf und nieder Dazu schrien ein paar
verstimmte Geigen und schrillte das Tamtam Hinter Tänzern und Zuschauern hockte
auf einigen umgestürzten Fässern eine Gruppe von Negern und olivenbraunen
Indiern Einer dieser Neger hatte ein scharlachrotes Tuch das einem der
anwesenden Mädchen gehören mochte um sich geschlagen was dem glänzenden
nachtschwarzen Gesicht mit dem dichten wolligen Haar ein majestätisches Ansehen
verlieh Die Indier trugen weiße Turbane oder doch turbanähnliche
Kopfbedeckungen Alle rauchten aus langen Pfeifen und weideten sich mit Behagen
an dem Tumult des Tanzes Der Lärm war so arg dass kaum die nächsten Nachbarn
einander verstehen konnten Dolche und Messer von den verschiedensten Formen
trugen die Meisten in ihren Schärpen und Leibbinden Sie mochten häufig
gebraucht werden, denn sämtliche Besucher der Taverne schienen wenig Spaß zu
verstehen In jeder Viertelstunde fasste irgend eine Hand den Griff seiner Waffe
und nicht selten funkelten blaue Klingen über den Köpfen der Ausgelassenen
    Dies chaotische Getümmel halb und ganz trunkener Menschen die gewohnt
waren allen Leidenschaften ungehindert den Zügel schießen zu lassen heiler
Haut zu durchschreiten schien unmöglich Aurel zog es daher vor im
Hintergrunde eine Zeit lang den Beobachter zu spielen und bestellte für sich
und Gilbert steifen Grog Sie nahmen Platz an einem der zur Seite stehenden
Tische und unterhielten sich mit den hübschen Dirnen die auf der Bank dem Tanze
zusahn oder ab und zu gingen und bisweilen die schmucken Matrosen neckten
    Aurels Aufmerksamkeit richtete sich nunmehr auf das Orchester und die
Musiker Es war jedoch unmöglich die Spielenden durch die feuchte und schwere
Rauchwolke zu erkennen die auf das wogende Menschenmeer in grauer Trübe
niederhing Er wandte sich daher an das hübscheste und von ihrem Gesicht auf
ihr Herz zu schließen an das mindest verdorbene Mädchen mit der Frage ob sie
einen Mann kenne welcher den Namen Blutrüssel führe Das Mädchen bejahte und
fügte hinzu dass er so eben das Tamtam spiele
    »Kannst Du es nicht veranstalten hübsches Kind dass er einmal herabsteigt
von seinem Throne«
    »Das tut er schon von selbst nach jedem Tanze« versetzte das Mädchen
»Länger als eine halbe Stunde kann er ohne heißes Getränk nicht leben und damit
er es recht frisch aus der Quelle bekomme holt er sichs allemal selbst Sehen
Sie da ist der alberne Tanz zu Ende Einer von den Schwarzen ist gefallen vor
Erschöpfung Eher hört man nicht auf«
    Die Musik schwieg sogleich das Lärmen Schreien Kreischen und Wiehern ward
dagegen eher noch ärger Der bis zur Ohnmacht erschöpfte Neger ward aufgehoben
auf einen Tisch gelegt und mit Branntwein übergossen Er zuckte kein Glied Die
dicke aufgeworfene Unterlippe hing schlaff herab und enthüllte ein tadelloses
elfenbeinweisses Gebiss Die Augen standen halb offen und glotzten abschreckend in
stierem Glanz durch die schwarzen Lider
    »Giesst ihm Grog in die Kehle oder scharf gewürzten Glühwein« rief Einer aus
der Menge
    »Ich weiß ein besseres Mittel den tollen Schelm wieder auf die Beine zu
bringen« versetzte ein Mulatte »Gebt mir Raum und lasst mich gewähren Bei uns
erweckt man damit Tote wenn noch ein Fünkchen Leben in ihnen brennt«
    So sprechend träufelte er Branntwein auf die Stirn des Ohnmächtigen ergriff
ein Licht und zündete die Flüssigkeit an Blaue Flammenbäche liefen kreuzweis
über Schläfen und Wangen Mit gellendem Schrei fuhr der Gemisshandelte auf und
schüttelte die Flammen von sich die glücklicherweise sogleich erloschen
Rasendes Bravoschreien und unbändiges Gelächter belohnten den tollen Einfall des
Mulatten
    »Das war ein guter Witz Nero« sagte eine bellende vom vielen Trinken
gleichsam verbrannt klingende Stimme »Den hätte ich Dir abkaufen mögen wärs
möglich gewesen Darauf bin ich in meiner besten Zeit nicht gekommen und ich war
doch berühmt im Fache witziger Erfindungen Noch einen Tropfen Höllenwasser
Mutterchen aber warm und steif Ich fühle ein ganzes Eismeer in mir«
    Es war ein ältlicher Mann in struppig grauen Haaren der sich so vernehmen
ließ hager knochig und von sehnigem Körperbau Sein Gesicht verdiente ein
Ideal von Hässlichkeit genannt zu werden Rot aufgedunsen von bläulichen
Flecken bedeckt ward es von einer langen blutroten Nase beherrscht die
wahrhaft fürchterlich aussah und ihm den Ekelnamen zugezogen hatte Die großen
vorstehenden Augen mit kohlschwarzer Pupille und der gespaltene Mund mit großen
und spitzen die Lippen überragenden Vorderzähnen vollendeten das Bild eines
Mannes der mit Fug und Recht bei den Bällen des Satans als Musikdirector hätte
fungiren können
    »Blutrüssel der Nimmersatt« schrien lachend ein Dutzend »Mögest Du noch
eine Million Pinten vertilgen«
    Der Musiker dankte durch ein entsetzenerregendes Grinsen und empfing das
dampfende Glas mit dem glühendheissen Getränk
    »Auf meine Rechnung wackerer Bursche Die drei nächsten hast Du noch gut bei
mir So ungewöhnliche Geistesgaben müssen belohnt werden«
    So rief Aurel überlustig seinen Hut schwenkend und sich mit kräftigen
Rippenstössen Bahn zu dem Musiker brechend
    Dieser vergaß über der Seltsamkeit solch großmütigen Anerbietens das
Trinken und die übrigen Gäste der Taverne wurden von der Keckheit Aurels so
verblüfft dass sie die erhaltenen Stöße und Tritte ungestraft hinnahmen
    »Wer bist Du« sagte Blutrüssel mit gewaltigem Schlingen das große Glas zur
Hälfte leerend und die dargehaltene Hand des Kapitäns annehmend »Hier werden
bloß ausgepichte tausend Millionenmal durchwerterte und mit Teufelsspeck
gemästete Kerle geduldet Man wird eingeführt in so ehrenwerte Gesellschaft
oder nausgeschmissen Bursche Man hat Dich nicht eingeführt dünkt mich und
dazu riechst Du noch genau wie eine frisirte Landratte Hut ab Kerl und
Reverenz gemacht«
    Aurel zog den Hut und blickte mit mächtigem Auge rundum
    »Wohl bin ich eingeführt alter Seehund und wenn ein Kerl der sechsmal die
Linie passierte keine Landratte ist bin ichs nicht«
    »Dann trink mal auf meine Gesundheit« sagte Blutrüssel und reichte ihm das
halbvolle Glas mit dem heißen Grog Aurel zog es aus bis auf die Nagelprobe
    »Pfui« rief er »Lauwarmes Wasser schmeckt besser Ein anderes Mutterchen
und dreimal gesteift«
    »Du gefällst mir Junge« sagte Blutrüssel mit Grandezza »Ich erkläre Dich
hiermit für eingeführt samt Deinem blassen Gesellen der sich dort so
angelegentlich mit der Erforschung von Mäuseöhrchens Montblanc zu schaffen
macht Wie heißt Du«
    »KlütkenHannes«
    »Teufel auch«
    »Oder wenn Du willst Steinherz«
    »Ich grüße Dich Steinherz und nenne Dich Bruder von ganzer Seele Umarme
mich«
    Aurel musste sich dazu entschließen wenn er seinen Zweck erreichen wollte
und tat es demnach mit vieler Rührung und komischem Ernste Inzwischen ward der
bestellte Grog von einer Dirne gebracht und angenommen
    »Lass uns zusammen trinken sechsmal linirtes Steinherz« sagte Blutrüssel
lachend »Wir müssen notwendig eins plaudern mit Erlaubnis meiner werten
Herren Gönner Ich bitte auf eine halbe Stunde um Urlaub«
    »Gewährt Angenommen Musik Negermusik« scholl es wüst durch einander
    Nun begann abermals ein Toben und Lärmen als wolle man alle Lustigkeit auf
einmal erschöpfen Die beliebte Negermusik die nur aus dem unharmonischen
Schrillen aller Instrumente und dem donnernden Gestampf einiger dreißig Füße
bestand begleitete die Tänze der Halbwilden Unbekümmert um dies Getümmel und
seltsamerweise auch unangefochten saß Aurel neben Blutrüssel stieß mit ihm an
und tat ihm Bescheid
    »Jetzt sag mal junger Haifisch wie Du auf den Einfall gekommen bist Dich
KlütkenHannes zu nennen Dahinter steckt etwas«
    »Weil der Kerl mein Freund ist«
    »Du hast Dich vermutlich versprochen und meinst das Mädel« versetzte
Blutrüssel mit widerlichem Grinsen »Soll ein hübsches Forellchen sein wie
geschaffen für den Gaumen eines Haifisches«
    Aurel fühlte dass ihm das Blut nach dem Kopfe schoss doch ließ er sich
nichts von dieser unwillkommenen Bewegung merken Statt aller Antwort erhob er
seine linke Hand und hielt sie dem vertierten Kumpan dicht vor die stieren
rotgelben Augen
    »Kennst Du das« fragte er den Musikanten und deutete auf den feinen
Goldreif am kleinen Finger
    »Sieh mal« rief dieser aus »Du bist ein glattköpfiger Seehund Was hast
Du bezahlt dafür«
    »Mehr als er wert ist Aber was kümmert das Dich Viel lieber wäre es mir
zu hören wie Du zu dem Frauenschmuck gekommen bist Ich denke auf dem Wege der
Geschwindigkeit wie«
    Blutrüssel runzelte fürchterlich die Stirn und schüttelte ungeduldig seinen
grauen borstigen Kopf »Das vergisst sich mit der Zeit« sagte er »nur in der
Jugend wo die Glieder flink und geschmeidig sind ist das was Du meinst ein
einträgliches Gewerbe Den Reif habe ich mit gutem Gelde erkauft«
    »Darf man fragen von wem« warf Aurel mit größter Gleichgiltigkeit hin
indem er sich seine kurze Tonpfeife anzündete und das leere Glas seines Gastes
zum dritten Male füllen ließ
    »Von wem anders als von einem Weibsbilde« grinste der Musikant »Ich
tats aus purem Mitleid denn die Kreatur war von lieblicher Gestalt und feinen
Manieren«
    »Das wird ja ganz interessant« sagte der Kapitän »Wenn Du mich nur so
brockenweise füttern willst mit Deinen Teufelsgeschichten werd ich vor Neugier
das Trinken vergessen«
    »Sollst leben nett aufgetakelte Brigg Beim schlimmsten Fluche ich möchte
noch in Deinen Jahren sein Dann wollten wir zusammen was anstellen dass sich
die alte Jungfer Europa vor Ärger darüber die eigene Nase abfrässe«
    »Kann noch kommen doch Tolleres glaub ich als Deine Geschichte mit dem
Weibsbilde würden wir kaum zu Stande bringen«
    »Hoch drei Mal hoch denn die Vergangenheit« rief Blutrüssel und
zertrümmerte im Stosse das volle Glas Er schleuderte die Scherben nach dem
Schenktische und schrie »Mutterchen eine frische Galleone die alte hat ein
Leck in Grund gebohrt  Ja Bruder Steinherz damals damals gabs noch ein
Leben« fuhr er fort »Du hättest dabei sein sollen wie wir dem reichen Knauser
das Federbett unterm Leibe anzündeten und ihn über Hals über Kopf aus dem Neste
jagten Solch lustiges Feuer hab ich nie wieder gesehen Damals erbeuteten wir
das feine Püppchen in dem unser Hauptmann sein entführtes Töchterlein wieder
erkennen wollte Es ward da viel geweint und gelacht und ein paar Monate später
gabs sogar ein Kindtaufessen Das Töchterchen war in die Wochen gekommen just
durch ein Wunder wie vor Zeiten die Gebenedeite unter den Weibern Der Herr
Hauptmann aber duldete durchaus kein Glossiren über diesen Punnct und so
verschwanden denn Mutter und Kind ohne dass wir Vielbeschäftigten etwas davon
erfuhren Ich hatte längst die ganze Geschichte vergessen war in Folge eines
Umschwunges unseres Geschäftes das seinen Werkführer durch den Tod unseres
Hauptmanns verlor in einem Anfall von Reue wieder unter die Ehrlichen gegangen
und nährte mich durch einen Trödelkram den ich von einem Orte zum andern
schleppte Nach langem Herumziehen kam ich endlich auch zur Messzeit damit nach
Leipzig Hier lachte mir das Glück einige gelungene Speculationen verschaften
mir Geld das ich höchst nutzbar und zum Besten der darbenden Menscheit in einem
kleinen Leihgeschäft sicher anlegte Ich borgte gegen billige Procente auf
Pfänder und handelte auch altes Gold und Silber ein wenn ichs so billig
bekommen konnte dass mir der Jude den doppelten Preis dafür bezahlte Meinen
Namen hatte ich natürlich schon längst abgelegt und einen recht gewöhnlichen
hinter dem die Polizei nichts Verdächtiges witterte angenommen Überhaupt habe
ich im Taufen eine große Gewandtheit und hätte ich zur Zeit des berühmten
Schneidermeisters von Leiden gelebt der sterblich ins Taufen vernarrt war so
würde ich unter den Wiedertäufern als einer der Ersten geglänzt haben  Mein
damaliger Name verschafte mir recht viele Kunden Unter diesen stellte sich
denn eines Tages auch eine schlanke oder vielmehr etwas klapperdürre in
verschossene Seiden gekleidete Dame ein und bot mir das Ringlein zum Verkauf an
Trotz der Jahre und der großen Veränderung die mit der Tochter meines
ehemaligen Hauptmannes der wunderschönen Herta vorgegangen war erkannte ich
sie doch auf den ersten Blick Auch sie erinnerte sich meiner Wir wurden bald
Handels einig denn sie brauchte Geld ich zahlte und sie ging schweigend wie
sie gekommen wieder von dannen Gern hätte ich sie ein wenig über ihr Schicksal
examinirt allein es ist von jeher mein Grundsatz gewesen mit Armen und
Unglücklichen mich nicht sehr gemein zu machen Man wird leicht von der
nämlichen Krankheit ergriffen und vor dieser Art Ansteckung habe ich eben so
großen Abscheu wie mich die Ansteckung der Heide und Schlösser ergetzte Ich
ließ sie also laufen und Gott der die Lilien auf dem Felde kleidet und die
weißen Mäuse nicht verhungern lässt damit sie die Jungen auf Messen und Märkten
mit Tanzen quälen können der wird sich wohl auch der heruntergekommenen Tochter
meines ehemaligen Hauptmannes angenommen haben  Nun Du seehaltiges
Linienschiff was ist Dir denn Bist die Hitze nicht gewohnt Oder incommodirt
Dich das Höllenwasser Siehst aus soll mir der Teufel die Nase krauen als
wärst Du seit ein paar Stunden seekrank  Giess neue Glut auf das hilft 
Mutterchen  eine volle Galleasse aber doppelt geheizt oder ich küsse Dich«
    Aurel saß bleich wie ein Grabmonument dem ehemaligen Räuber gegenüber
Kalter Schweiß rann von seiner Stirn die Hände zitterten ihm dass er kaum das
Glas noch zum Munde führen konnte
    »Es geht vorüber« sagte er matt und sich gewaltsam zusammenraffend »die
entsetzliche Hitze machte mich schwindlig«
    »Beim zweiten Besuch spürst Du nichts mehr davon Komm nur bald wieder Aber
so kratzt doch auf was die Saiten halten Es ist ja weiß Gott still wie in
einer Todtengruft Hört man sich doch selber schon sprechen«
    Die Musik welche eine kurze Pause gemacht hatte da die Tanzenden
abgetreten waren stimmte abermals ihre ohrzerreissenden Töne an die alsbald
auch neue Tänzer auf den Plan lockten Aurel starrte noch immer in halber
Betäubung vor sich hin Die Erzählung Blutrüssels hatte ihn mit furchtbarer
Gewalt getroffen  Die Fremden welche auf Boberstein erschienen waren hatten
ein Recht zu ihren Forderungen denn Alles Alles was Adrians erster Brief ihm
gemeldet fand eine grauenvolle Bestätigung in der spöttischen Erzählung des
ergrauten Sünders Der Brand des alten Schlosses  die Flucht seines Vaters mit
Herta die Rache Johannes  es war nichts erlogen Und diese Herta das
unglückliche Opfer seines wilden Vaters diese liebliche gänzlich verschollene
Verwandte von ihm hatte vor Kurzem noch gelebt im Elend gelebt  Aurel fühlte
sich vernichtet niedergeschmettert von der Macht des Geschickes das seinen
strafenden Arm nach ihm und Allen welche den Namen Boberstein führten
austreckte
    »Ists lange her alte Seele dass Du mit der Besitzerin dieses Ringes
zusammentrafst« fragte er aufstehend und Gilbert zuwinkend
    »Knappe drei Jahre mein Herr Stehnichtfest Es war just Michaelismesse in
Leipzig«
    »Wohnte die Arme in jener Stadt«
    »Weiß nicht  doch ja ja ich besinne mich In der Vorstadt wo die Armut
haust hatte sie ihr Zelt aufgeschlagen Die Leute die sie kannten erzählten
sich sie lebe vom Wahrsagen Ha ha ha ha die heruntergekommene Tochter
einer sehr mächtigen Gräfin vom Unglück gehetzt hat den drolligen Gedanken
von andern Menschen das Unglück mitleidig ablenken zu wollen Beim Schädel
meines Vaters s ist zu komisch  Komm lustiger Tummler lass uns anstossen auf
die Prophetengabe der verblühten Rose Möge sie ihr die Tasche brav füllen«
    Instinktmässig hob Aurel sein Glas stieß an leerte es und ließ es dann
klirrend zu Boden fallen Es litt ihn nicht mehr unter diesen gleich Besessenen
tobenden Menschen Hinaus in die freie kühle Luft trieb es ihn damit er Atem
schöpfen könne und sein glühender Kopf in dem er jede Ader schlagen fühlte
sich abkühle
    Gilbert hatte sich an seine Seite gedrängt »Brechen wir auf Kapitän«
fragte der junge Matrose »Und haben Sie erfahren was Sie zu wissen begehrten
Sie scheinen angegriffen«
    »Mehr Mehr als ich wünschte« seufzte Aurel und legte seinen Arm in den
seines treuen Begleiters Dann zog er den Hut schwenkte ihn gegen das
Orchester auf dem Blutrüssel wieder das Tamtam zu spielen begann und schrie
mit erhobener Stimme
    »Gute Nacht brennende Grogseele Gute Nacht meine Jungen Lange blühe die
Lust in der unvergleichlichen Mohrentaverne«
    Ein wütendes Hurrah das gar kein Ende nehmen wollte und in welches auch
die dünnen Stimmen der Mädchen einfielen begleitet von dem grässlichen Lärm
aller Instrumente antwortete diesem gentilen Toaste Unter dem Getöse dieses
Hurrahs erreichten die Freunde das Freie Sie entfernten sich schnell von der
colossalen Tonne über deren bacchantisches Toben in ihrem Innern Beide ein
wahrhaftes Grauen empfanden Als sie den Weg nach der Stadt etwa zur Hälfte
zulückgelegt hatten drückte Aurel heftig Gilberts Arm indem er sagte
    »Wir gehen nicht in See mein Junge wir setzen uns in eine Postkalesche und
reisen zusammen nach Boberstein Die Zeit des lustigen Schwärmens ist vorüber
von morgen an werden wir ernste Leute«
    Gilbert sah den Kapitän mit großen Augen an da er aber einem festen
traurigen Blicke und einem erdfahlen Gesicht begegnete drückte er ihm die Hand
und erwiderte
    »Ich begleite Sie Herr Kapitän«
    Es schlug drei als sie das Haus am Rödingsmarkte erreichten Zwölf Stunden
später hatten sie Hamburg verlassen und fuhren mit Extrapost der Lüneburger
Heide entgegen
 
                                 Sechstes Buch
                                 Erstes Kapitel
                               Eine Offenbarung
Vier Tage nach dem Besuche Slobodas und Heinrichs auf dem ehemaligen Schloss
Boberstein begegnen wir den beiden Alten nebst Paul in dem gebirgigen Schlesien
Hier lebten in arbeitsamer Zurückgezogenheit alte Bekannte des Maulwurffängers
Seine rastlosen Wanderungen führten den originellen Mann zuweilen auch in diese
fern gelegenen Gegenden wo er dann nie vergaß die alten Freunde zu begrüßen
Seit einigen Jahren war dies unterblieben und da Landleute nur im äußersten
Notfalle zur Feder greifen so wusste Heinrich nicht einmal ob die fernen
Freunde noch alle am Leben sein würden Dennoch zog er eine beschwerliche
Fussreise von mehreren Tagen der unbequemen Schreiberei vor
    An waldigen Hügellehnen in der breiten und fruchtbaren Talsenkung des Queis
lag ein großes freundliches Kirchdorf Hier besaß Leberecht der ehemalige
Grossknecht auf dem Zeiselhofe ein bescheidenes Häuschen mit geringem
Ackerlande Bei angestrengter Tätigkeit und großer Sparsamkeit konnte eine
genügsame Familie von dem Ertrage dieses Ackers und fleißiger Handarbeit grade
leben Kleine Besitzungen dieser Art gibt es in Schlesien die Menge da das
Parcellirungsystem den großen Grundbesitz mannichfach zerstückelt hat Man
findet Dörfer wo beinahe jedes Haus seinen eigenen Acker besitzt welchen die
Inhaber mittelst einer einzigen Kuh bebauen Den flüchtig Reisenden kann der
Anblick solcher Dörfer wo alle Welt für sich selbst pflügt und ärndtet den
Eindruck von allgemein verbreiteter Wohlhabenheit machen wer jedoch die Sachen
genauer betrachtet und sich bei den so fleißig arbeitenden Leuten selbst
erkundigt erfährt zu nicht geringer Bestürzung dass im Allgemeinen große Not
in solchen Ortschaften herrscht und dass die meisten dieser kleinen
Grundbesitzer lieber den Besitz los zu sein wünschen So sonderbar dies klingen
mag so erklärlich und folgerichtig ist es Alle diese Leute müssen nämlich um
das wenige Ackerland das ihnen Kartoffeln etwas Korn und Klee trägt
bearbeiten zu können Zugvieh halten da aber der Ertrag selbst verhältnismäßig
nur gering ist so bringt es Keiner zu mehr als einer einzigen Kuh Diese zehrt
fast die Hälfte allen Ertrages auf Um den Acker nicht zu sehr auszusaugen muss
häufig die mangelnde Düngung für schweres Geld angekauft werden und da man dies
selten oder nie besitzt so wird die Aufnahme eines Kapitals auf das Haus
unabweisbare Notwendigkeit Gewöhnlich aber lastet auf jedem solchen kleinen
Hause ein Kapital so dass bei Verdoppelung desselben die Möglichkeit je einmal
ganz schuldenfrei zu werden dem Besitzer für immer benommen ist Nehmen wir
noch dazu dass ohne anderweiten Verdienst ein Familienvarter von dem was Feld
und Wiesenplan ihm bringen unmöglich leben kann und dass ihn die Bebauung des
Ackers doch häufig an regelmässigem anderweitigem Erwerbe verhindert so wird es
unsern Lesern einleuchten dass Grund und Ackerbesitz unter solchen Umständen
eher ein Unglück als ein Glück zu nennen ist
    Genau in dieser Lage befand sich Leberecht Er hatte zwei Jahre nach der
Katastrophe die Boberstein in einen Schuttaufen verwandelte und dem im
Auslande lebenden Magnus zur Freigebung seiner Leibeigenen Anlass gab die Heide
verlassen um in fruchtbareren Gefilden Arbeit und Nahrung zu suchen Das grüne
Schlesien mit seinem ehrlichen derben gutmütigen Volke behagte ihm
vorzugsweise da er sich hier wie daheim befand Er war sehr fleißig und sehr
sparsam und als er nach seinem Dafürhalten genug besaß um Frau und Kind
ernähren zu können dachte er ans Heiraten Nie hatte ihm ein Mädchen besser
gefallen als die hübsche Marie die auf dem Zeiselhofe so oft seinetwegen
hungrig vom Tische gehen musste Marie diente noch in der Heide war ebenfalls
sparsam und in jeder Hinsicht wirtschaftlich Leberecht machte sich also auf
putzte sich recht stattlich heraus kaufte ein paar silberne Ohrringe und
besuchte das Mädchen Umschweife machte er nicht vielmehr sagte er grade
heraus was er wollte bot Marie Herz und Hand an und hatte die Freude sechs
Wochen später ein allerliebstes Weibchen sein nennen zu können Von den
Ersparnissen beider jungen Ehegatten ward ein eben feilgebotenes Haus nebst
Ackerland gekauft und seitdem bewirtschaftete Leberecht sein kleines
Besitztum redlich und unverdrossen
    Es wollte aber nicht vorwärts gehen Freilich lag die Schuld nicht an ihm
sondern an der Unzulänglichkeit des Besitzes der viel Zeit raubte und wenig
eintrug und dennoch konnte sich Leberecht nicht entschließen Haus und Land zu
veräussern da er mit Leib und Seele Landmann war Marie musste auf einen
Nebenerwerb denken Dieser fand sich auch indem sie zwar etwas spät die
Weberei erlernte Oft ward sie freilich in ihrer Tätigkeit gestört denn ihre
Ehe mit Leberecht war sehr fruchtbar Zur Bekümmernis beider Eltern blieb aber
von allen Kindern bloß ein einziger Sohn am Leben der weil die Weberei damals
grade in Schwung kam sich derselben ebenfalls widmete
    Geraume Zeit verdiente er mehr als hinreichendes Geld das er vorsichtig
zusammenhielt um die auf Haus und Feld der Eltern noch immer lastenden Schulden
nach und nach damit zu tilgen Es gelang ihm auch beinahe da trat eine Stockung
in den Geschäften ein Die Linnenweberei sank mehr und mehr der Verdienst
verminderte sich von Monat zu Monat das Ersparte musste angegriffen werden und
das Haus blieb verschuldet wie bisher Um nur bestehen zu können gab Eduard 
so wollen wir den Sohn der hübschen Marie das Ebenbild seiner Mutter nennen 
die Leinweberei ganz auf und warf sich wie tausende und abertausende seiner
Brüder auf die leichtere und doch etwas besser bezahlte Baumwollenweberei
    So standen die Sachen in Leberechts kleinem Hauswesen bei dem Besuche
welchen Heinrich dem seit Jahren nicht mehr gesehenen Freunde zudachte Die
Veranlassung zu diesem Besuche werden wir sogleich mitteilen
    Die drei Wanderer erreichten den Ort gegen Abend und gingen zuerst ins
Wirtshaus oder den Kretscham um sich zu erfrischen und Erkundigungen
einzuziehen Diese fielen nach Wunsch aus Leberecht war noch munter wie vor
Jahren Marie fleißig wie immer und der Sohn hatte den Ruf eines der
tüchtigsten und accuratesten Weber Heinrich besprach sich mit seinen Begleitern
und ging dann allein nach der Behausung des Freundes
    Schon von weitem vernahm er das taktmässige Klappern zweier Webstühle das
ihm von dem Fleiße der Mutter und des Sohnes Zeugnis gab Trotz der schnell
hereinbrechenden Dämmerung fand er wirklich Beide in emsiger Tätigkeit Erst
bei seinem zutraulichen guten Abend hielten die Webeden an und blickten halb
neugierig halb verwundert nach dem späten Besuche
    »Kennst Du mich nicht mehr Marie« sagte Heinrich nahe an den Stuhl
tretend dessen Werfte vom letzten Schlag der Lade noch zitterte »Freilich die
letzten drei Jahre haben mir hart zugesetzt Ich sehe fast so weiß aus wie ein
Stück gut gebleichte Leinwand«
    »Mein Gott der Maulwurffänger« rief Marie freudig aus stand auf und
reichte dem Alten die Hand »Tausendmal willkommen wackerer Freund Nehmt Platz
nehmt Platz Dort hinterm Ofen steht ein Polsterstuhl Ich bitt Euch schiebt
Euch den zu mir heran denn  nichts für ungut lieber Alter  ich muss noch ein
halb Stündchen schaffen sonst krieg ich nicht meinen Ziel Und die Zeiten sind
jetzt schlecht man muss sich tüchtig rühren will man sich ehrlich
durchschlagen«
    Eduard reichte nun dem Freunde seiner Eltern ebenfalls die Hand zum Gruße
und hieß ihn willkommen Heinrich schüttelte sie derb und setzte sich dann
zwischen beide Stühle wo das Spulrad stand aufs Treibebänkchen
    »Lass gut sein Marie ich kümmere mich schon Ein Oertel wie ichs brauchen
kann find ich immer Lasst nur den Schützen schnellen was er laufen mag ich
will mir gleich was zu tun machen  Gehts auch langsam so dreh ich Euch
doch noch ein paar Spulen ab als hätt ich erst gestern das Geschäft
aufgegeben«
    Damit setzte der Maulwurffänger das Rad in Bewegung steckte ein »Ledgen«1
auf die Spille und drehte schnurrend seine Spule das Garn accurat auf dem Rohr
vor und rückwärts leitend Marie lächelte ließ den Schützen wieder klirren und
arbeitete mit samt dem Sohne bis das Tageslicht gänzlich erloschen war In
dieser Zeit konnte des heftigen Geräusches wegen das Gespräch natürlich nur in
kurzen Pausen unterhalten werden Als nun aber Marie den Webstuhl verließ Feuer
anschlug und die entzündete Lampe auf den Tisch stellte ward die Unterhaltung
lebhafter Heinrich fragte nach Leberecht und wie es ihm gehe
    »Ich weiß nicht wo er sich herumtreiben mag« versetzte Marie »Er hat heut
die paar Körnchen Winterkorn gesät und nachher ist er fortgegangen ohne zu
sagen wohin«
    »Es wäre mir schon lieb wenn er bald wieder käme« meinte der
Maulwurffänger »denn ich habe ihm heut gar Mancherlei zu erzählen Auch alte
Freunde habe ich mitgebracht die er schwerlich noch kennt«
    »Ei wer könnte denn das sein« sagte Marie und sah mit ihren freundlichen
Augen den Maulwurffänger fragend an
    »Ja das musst Du erraten Marie« versetzte Heinrich mit verschmjetztem
Blinzeln  »Du hattest ja immer ein offenes Köpfchen das die verfänglichsten
Fragen zu beantworten wusste«
    Eduard hatte indessen draußen Holz gespalten um Feuer im Ofen anzuzünden
Er brachte jetzt die dünnen Scheite nebst einem halben Bündel Reissig herein und
legte Beides vor den Ofen auf die roten reinlich gehaltenen Ziegel
    »Der Vater wird gleich kommen« sagte er »Er steht unten am Wasser und
discurirt mit dem Nachbar Ich glaube sie wollen heut Nacht noch ein paar
Reussen stellen«
    »Heut Nacht« fiel der Maulwurffänger ein »Das soll ihm schon vergehen
wenn er mir zuhören will und meine Reisegefährten sieht Ja ja Marie ich sage
die reine Wahrheit Nicht umsonst bin ich in meinen alten Tagen die zwölf Meilen
weit gelaufen es hat was zu bedeuten Und wenn Du fein warten und hinterdrein
schweigen kannst so verheimliche ich Dir kein Wörtchen«
    Indem trat Leberecht ein die Jacke über der Schulter und eine Rodehacke in
der Hand
    »Guten Abend« sagte er ohne den Gast zu bemerken der während seiner
Abwesenheit angekommen war
    Frau und Sohn erwiederten den Gruß der Maulwurffänger aber schlug ihn mit
flacher Hand auf die Schulter und sagte »Alter wollen wir zusammen noch einmal
Sprenkel stellen Es ist mehr dabei zu gewinnen als beim Fischfange«
    Leberecht sah den Fremden ein paar Sekunden ernstaft an dann schüttelte er
ihm tüchtig die Hand und versetzte »Weiß Gott er ists der Schelm von
Maulwurffänger Nun grüß Dich Gott Bruderherz und sei bedankt dass Du wieder
einmal an uns gedacht hast Nichts Neues draußen im Flachlande In der Heide«
    »Will ich meinen« sagte der Maulwurffänger »Just deswegen komme ich her
und wenn Du Willens bist eine Liebe der andern wert zu halten sollst Du genug
erfahren um ein paar Jahre lang keine Zeitung mehr in die Hände nehmen zu
dürfen«
    »Das wäre Was gibts denn so Großes«
    »Leberecht« versetzte Heinrich sehr ernst »wenn Deine Frau nichts dawider
hat und ich nehme das an so würdest Du mir einen grausam großen Gefallen tun
wenn Du mich in die Schenke begleitetest Dein Eduard kann auch mitkommen  wir
werden ihn brauchen Kosten soll Dichs übrigens nichts  Unterwegs erzähle ich
Dir was Du wissen musst um eine Neuigkeiten zu verstehen in der Schenke aber
wirst Du mir Gleiches mit Gleichem vergelten«
    »Du hast Dich so lange nicht blicken lassen« erwiderte Leberecht nach
kurzem Schweigen »dass ich Deinen jetzigen Besuch nur etwas Ungewöhnlichem
zuschreiben muss Ich bin nun zwar auch nicht mehr der Mann von früher den kein
Ungemach lange anfechten konnte allein für einen Freund habe ich doch noch
immer Zeit und Ohr Wir sind bereit Dich zu begleiten«
    »Habe Dank für Dein freundliches Entgegenkommen« sagte der Maulwurffänger
»es wird Dich nicht gereuen Und Du Marie zerbrich Dir nicht unnützerweise den
Kopf Mit Leberechts Zurückkunft wirst Du so gescheid wie er selbst«
    Unverweilt brachen nun die drei Männer nach dem Kretscham auf Es war eine
gute Strecke Weges bis dahin welche Heinrich durch Erzählung dessen verkürzte
was sich in den letzten fünf Wochen zugetragen hatte So erfuhr denn Leberecht
die wunderliche Auffindung der Schenkung des Grafen Magnus an Haideröschen die
Rückkehr Slobodas mit seinem Enkel aus Polen ihren Besuch auf Boberstein und
die beleidigenden und herabwürdigenden Drohungen womit Adrian die beiden Greise
abgewiesen hatte
    »Nicht wahr« schloss der Maulwurffänger seinen Bericht »das ist ein Bündel
Neuigkeiten für den plauderhaftesten Landkrämer Wenn Du darüber nicht wieder
jung wirst streiche ich Dich aus der Zahl der Lebendigen«
    »Ich bin erstaunt« erwiderte Leberecht »erstaunt dass so etwas in unseren
nüchternen Tagen möglich ist noch mehr aber muss ich mich wundern dass Du auf
Deinen alten Füßen so weit hergelaufen kommst um mir diese wunderliche
Geschichte zu erzählen Ich freue mich Deiner alten Anhänglichkeit aber ich
hätte Dirs auch nicht nachgetragen wenn Du mich bloß gelegentlich davon
unterrichtet hättest«
    »Wirklich Das höre ich nicht gern Leberecht Ich habe schon gesagt dass
ich Tausch gegen Tausch verlange was in diesem Falle Erzählung gegen Erzählung
bedeutet«
    »Noch begreife ich Dich nicht PinkHeinrich Sprich rund heraus was
solls Was begehrst Du zu hören«
    »Du kanntest den Voigt Ephraim vom Zeiselhofe« erwiderte der
Maulwurffänger »Du warst sein Stellvertreter während seiner Krankheit und dass
er Dir auf dem Sterbelager Geständnisse eigentümlicher Art gemacht hat
äussertest Du schon damals mit Entsetzen In jenen unruhigen Tagen konnte Niemand
daraus Nutzen schöpfen jetzt aber müssen sie dem Enkel Slobodas von größter
Bedeutung sein Darum mein Freund bist Du dringend gebeten im Beisein des
steinalten Wenden seines Enkels und Deines Sohnes die Beichte des Sterbenden
getreu zu wiederholen«
    Sie hatten den Kretscham erreicht ein langes nur einstöckiges Gebäude
ganz aus Holz aufgeführt Eine Schmiede war damit verbunden in welcher noch
zwei riesige Gebirgssöhne auf sprühendes Eisen hämmerten Aus den kleinen und
niedrigen Fenstern der Wohnstube schimmerte Licht
    »Das ist ein Verlangen welches fürcht ich über meine Kräfte gehen wird«
gab Leberecht zur Antwort »Bedenke dass fast über vierzig Jahre inzwischen
abgelaufen sind und dass mein Leben nicht geeignet war Tatsachen von so langer
Zeit her treu im Gedächtnis zu halten«
    »Entschuldigungen werden nicht angenommen« sagte der Maulwurffänger
lachend »Komm nur herein sprich mit dem Alten und mit Paul dem einzigen
Nachkommen des frommen lieblichen Haiderbschens und Dein Gedächtnis wird sich
von selbst erfrischen Kannst Du uns keine Winke geben wie wir sie brauchen so
muss ich den guten Alten mit samt dem frischen Enkel wieder zurück nach Polen
schicken denn wir kommen dann nicht auf gegen die Grafen«
    Zögernd senkte Leberecht das Haupt Die Runzeln auf seiner Stirn deuteten
auf einen heftigen innern Kampf Er holte einigemale tief Atem dann legte er
seine schwere Hand auf Heinrichs Schulter und sagte entschlossen »Ich will mich
besinnen«
    Sie traten in die große vom Ofenrauch geschwärzte Schenkstube die zwei
dünne Talglichter nur dämmernd erleuchteten Blos zwei der täglichen rotbraun
angestrichenen Tische waren mit Gästen besetzt übrigens war das weite Zimmer
leer Zunächst dem Ofen trafen sie den Wenden mit seinem Enkel beschäftigt
einen Abendimbiss einzunehmen Sloboda erkannte Leberecht sogleich und auch
dieser konnte nicht zweifeln den Vater des unglücklichen Haideröschens vor sich
zu sehen Nach ländlicher Sitte treuherzig und derb schüttelten sich die
gealterten Männer zum herzlichen Gruße die Hände
    »Ulrich« sagte Leberecht zum Wirt nachdem er den Wenden durch Zutrinken
des dargereichten Glases Bescheid getan hatte »wenn Ihr heut Abend keine Gäste
im Kabinet erwartet könntet Ihr uns dasselbe auf eine Stunde abtreten Wir
haben was Wichtiges unter einander zu besprechen«
    Zuvorkommend gestattete der Kretschamhalter diese Vergünstigung und alsbald
saßen die fünf Freunde ungestört im engen Kabinet nebeneinander Der
Maulwurffänger ließ Speise und Trank auftragen und forderte Leberecht nochmals
auf seine Erzählung zu beginnen Nach einigem Nachdenken machte dieser den
staunenden Zuhörern folgende Mitteilungen
    »Es ist Euch bekannt dass der Voigt Ephraim wenige Tage vor der Einäscherung
Bobersteins erkrankt war Der Schreck über den furchtbaren Haidebrand über die
Erhebung der Leibeigenen und die Flucht des Grafen ins Ausland verschimmerten
den Zustand des Kranken von Tage zu Tage Er siechte langsam hin und ward
zusehends elender Wer ihn sah konnte nicht mehr an seiner baldigen Auflösung
zweifeln Er selbst ahnte das Herannahen des Todes und verfiel in eine Unruhe
und Herzenasngst die seine körperlichen Schmerzen zur unerträglichen Qual
steigerten Die Lage des Unglücklichen war in der Tat bedauernswürdig da Graf
Magnus die Verwaltung des Zeiselhofes ganz in seine Hände niedergelegt hatte und
von ihm allein Rechenschaft forderte«
    »Obgleich ich dem Voigte nie sehr freundlich begegnet war hatte er zu mir
doch ein auffallendes Zutrauen Freiwillig und in ziemlicher Ausdehnung trug er
seine Macht auf mich über so dass ich wider Willen statt seiner gebietender
Voigt wurde So ungern ich mich ihm unentbehrlich machte so gewissenhaft
erfüllte ich doch meine Pflicht und weil ich wochenlang alle Geschäfte des
Voigtes verrichten musste schenkte mir Ephraim dafür eine fast brüderliche
Zuneigung Am Abend jedes Tages wenn ich ihm Rechenschaft von meinem Tun
ablegte drückte er mir die Hand und häufig gesellten sich zu seinen Seufzern
und Stöhnen sogar Tränen«
    »Dieser Zustand währte mehrere Wochen Die entsetzlichen Ereignisse waren
beinahe vergessen die eine Zeit lang verlassenen Hütten der Untertanen füllten
sich wieder mit ihren heimkehrenden Bewohnern Die wenigen welche ganz
auswanderten verschollen Niemand dachte mehr an sie Niemand kümmerte sich
mehr um das Vergangene Die Leibeigenen wurden für frei erklärt und dadurch ihr
Aufstand gewissermaßen gebilligt Da nahte Ephraims Ende heran der Sterbende
begehrte mich noch einmal ganz allein zu sprechen Ungern gewährte ich die
Bitte doch lehrte mich die Menschlichkeit den angeborenen Widerwillen besiegen
den ich stets gegen den harterzigen Voigt empfunden hatte«
    Ephraim ließ seine gläsernen Blicke lange Zeit auf mir ruhen als ich einsam
neben seinem Sterbelager Platz genommen hatte Er schien in meinen Zügen
forschen zu wollen ob ich das was er mir mitteilen wollte auch als das
Geheimnis eines Sterbenden betrachten werde Nachdem er die Überzeugung davon
gewonnen zu haben schien sagte er röchelnd
    »Leberecht ich will Dir ein Geheimnis beichten«
    »Mir« unterbrach ich den Sterbenden »Verschont mich damit wenn Ihr mich
lieb habt Ich bin kein Pfarrer ich möchte mich nicht damit vertragen können«
    
    »Doch doch Leberecht Du musst  Sieh ich leide namenlose Schmerzen 
mein Gewissen foltert mich  ich kann nicht sterben bevor ich bekannt «
    »Was um Gottes Barmherzigkeit willen wollt Ihr bekennen« rief ich entsetzt
aus denn ich glaubte gewiss und wahrhaftig der Unglückliche habe ein
todeswürdiges Verbrechen begangen »Kann ich Euch vergeben wenn Ihr gesündigt
gegen die Gebote des Herrn«
    »Ja ja Du kannst es« röchelte der Voigt »Setze Dich beuge Dein Ohr zu
meinem Munde  behalte wohl was ich Dir sage  Ich werde ruhiger aus dem Leben
scheiden«
    Der unglückliche Mann sprach so flehentlich seine Stimme obwohl heiser und
fieberhaft zitternd klang doch so vertrauensvoll und seine Zuversicht auf mich
erschien mir so rührend dass ich ihm die Hand ließ die er krampfhaft ergriffen
hatte und seinen Willen tat
    »Wie lebt Nathanael« stotterte Ephraim
    »Nathanael«
    »Jan Slobodas unglücklicher Sohn O wie wie lebt er«
    »In stummer undurchdringlicher Geistesnacht«
    »O wohl ihm  wohl ihm« stammelte der Voigt »besser nichts von sich
wissen als von zu vielen Erinnerungen in die finstere Zukunft hinübergejagt zu
werden Vergib mir armer Betrogener Fluche mir nicht Nathanael«
    Schaudernd sah ich den Sterbenden in die gelben verzerrten Züge suchte in
den eingesunkenen wild flackernden Augen zu lesen Ephraim raffte seine
schwindenden Kräfte zusammen erhob sich mit Gewalt aus den Kissen und schrie
mir zu
    »Nathanael ist Vater  sein Sohn lebt«
    »Heiliger Gott« unterbrach Sloboda den Erzählenden »Also doch doch O
meine Ahnung«
    »Sein Sohn« wiederholte ich fuhr Leberecht fort
    »Nein nein« schrie der Sterbende wie ein Rasender das vom Todesschweiss
triefende Haupt gespenstisch gegen mich schüttelnd »Nicht Nathanaels Sohn der
Sohn des Grafen  Er stockte«
    »Des Grafen«
    »Des Grafen  Magnus« lallte der Sterbende 
    Ich stand wie vom Donner gerührt und starrte den Unglücklichen an der matt
röchelnd mit gebrochenen Augen in die Kissen zurückgesunken war Meine Neugier
wuchs kaum vermochte ich den Augenblick zu erwarten wo der Entkräftete sich zu
weiterer Mitteilung gesammelt haben würde Es vergingen fünf peinvolle Minuten
Dann schlug der Voigt seine Augen wieder auf und fuhr fort
    »Ich bestach die Hebamme  auf Magnus Befehl das Kind der armen Leibeigenen
für tot für zerstückt auszugeben was leicht war da die Gebärende ihre
Besinnung verlor Der Graf besorgte Unannehmlichkeiten wenn das Kind bei der
Mutter bleiben sollte die er verführt hatte Auf sein Geheiß entfernte ich es 
brachte es zu Verwandten wo es in größter Dürftigkeit erzogen ward  Durch
einen Zufall hörte die Mutter von dem ihr gespielten Betruge wagte dem Grafen
zu drohen und ihn bei seinem Vater verklagen zu wollen  Dies geschah im Walde
beim Holzfällen  Magnus tobte innerlich  beherrschte sich aber und gab mir
durch Winke zu verstehen was er wünschte  Auch ich verstand ihn  der nächste
Baum stürzte und erschlug die Frau Natanaels«
    »Das ist entsetzlich« sagte Sloboda
    »Mir schlugen die Zähne zusammen« versetzte Leberecht »bei diesen
Bekenntnissen des Voigts der sich wie ein Wurm auf seinem Lager krümmte und
wiederholt durch wimmernde Schmerzenstöne seine Mitteilungen unterbrach«
    »Kümmert sich der Graf um das verstossene Kind« fragte ich instinktmässig um
nur das Nötigste dem Sterbenden zu entreißen dessen Ende sichtlich
herrannahte
    »Er erhält seinen Sohn  notdürftig« stammelte der Voigt
    »Und wo lebt der Unglückliche«
    »Ephraim nannte mir den Ort den Namen seiner Pflegeältern nahm mir aber
zugleich auch das Versprechen ab das Geheimnis Niemand mitzuteilen da nach
Slobodas Auswanderung und bei der Geistesverwirrung Natanaels eine Aufdeckung
des Frevels nutzlos sein müsse Statt dessen übergab er mir die schriftlichen
Documente über die Geburt des Knaben und beschwor mich dieselben an einem Orte
auf dem Zeiselhofe zu verbergen wo sie unversehrt und unentdeckt sehr lange
Zeit erhalten werden konnten Auch jene Rolle die ich am Vorabend des
Haidebrandes Eurer Tochter durchaus aufdringen wollte befand sich mit bei
diesen Papieren Ephraim drang heftig auf Vernichtung derselben Ich versprach
auch dies dem Sterbenden und war in der Tat entschlossen mein Versprechen zu
halten hätte ich nicht später trotz alles Suchens die geheimnisvolle Rolle
vermisst Ich musste sie verloren haben in irgend einem der weitläufigen
Wirtschaftsgebäude des Zeiselhofes was das spätere Auffinden derselben von
Dir Heinrich erklärlich macht Die Hand des Allmächtigen die sie auf diese
Weise dem Untergange entzog ist auch in diesem scheinbaren Zufalle ersichtlich
denn ohne jenes Verschwinden würde es gegenwärtig keine Schenkungsurkunde mehr
geben«
    Hier ließ Leberecht in seinen Mitteilungen eine Pause eintreten Fragend
glitten seine betrübten Augen über die kaum atmenden Zuhörer
    »Endige« sagte der Maulwurffänger
    »Ich bin zu Ende« erwiderte Leberecht »Der Voigt starb noch in derselben
Stunde und ich habe mein ihm gegebenes Versprechen gehalten bis auf den
heutigen Tag Ohne Dein dringendes Zureden Heinrich würde es mit mir ins Grab
gestiegen sein«
    Sloboda starrte in tiefe Gedanken versunken vor sich hin Paul und Eduard
wagten nicht zu sprechen da das vielverflochtene Gewirr längst begangener
Verbrechen sie mit magischer Gewalt umstrickte
    Von Heinrich sanft angestossen ermunterte sich der Wende
    »Hast Du vernommen Jan« rief er dem Greise zu »Und siehst Du jetzt ein
dass ich genügenden Grund hatte Dich aus der Vergessenheit der polnischen
Wildnisse zurückzurufen Nicht umsonst hat uns Gott so lange das Leben
gefristet Er will dass wir obschon spät verjährte Frevel ans Licht ziehen und
auf gerechtem Wege Vergeltung üben sollen an den Missetätern«
    »Armer unglücklicher Nathanael« rief Sloboda ein paar Tränen in seinen
hellblauen Augen zerdrückend »Der Himmel meinte es gut mit Dir als er ewige
Finsternis in Deine Seele goss Ruhe in Frieden und träume den Traum des
Gerechten«
    »Freund Leberecht« nahm jetzt der Maulwurffänger das Wort »ich und diese
guten braven Leute sind Dir absonderlich zu Dank verpflichtet für die gegebenen
Ausschlüsse zufriedengestellt bin ich aber noch immer nicht Du wirst also aus
purer Freundschaft noch einige Punkte erläutern und uns jetzt zuvörderst den
Namen sagen welchen der verstossene Sohn des wüsten Grafen führt und wo er sich
aufhält«
    »Ich weiß in der Tat nicht ob ich dazu befugt bin« erwiderte Leberecht
    »Für alle Folgen stehe ich ein«
    »Und wenn der in tiefster Niedrigkeit Erzogene seinen Ursprung erfährt wird
er nicht schäumen vor gerechter Wut und nach Rache schreien«
    »Er wird Gerechtigkeit wollen und nach Gerechtigkeit streben wir  Wir
bitten Dich um den Namen des Grafensohnes«
    »Du kennst ihn schon«
    »Ich«
    »Du selbst Seit Jahren sprachst Du bisweilen unbewusst mit ihm Es ist der
Feinspinner Martell in Adrians Fabrik auf Boberstein«
    »Martell mein Gevatter« fiel Eduard ein »Martell der unlängst vor
Schmerz über die Verstümmelung seines jüngsten Sohnes beinahe den Verstand
verloren hat und seitdem in stillem Ingrimm sich verzehrt Martell der mir das
Garn liefert für meinen Webstuhl«
    »Derselbe Martell«
    »Wie ist das« sagte Sloboda zerstreut »Versteh ich Euch recht Leberecht
Der Sohn meiner erschlagenen Schwiegertochter ist ein Sprössling des Grafen
Magnus und dient jetzt als Spinner in der Fabrik seines  seines Bruders«
    »Seines Bruders des Grafen Adrian« ergänzte kaltblütig der Maulwurffänger
    »Aber himmlischer Gott das ist ja entsetzlich unnatürlich« rief Sloboda
    »Es ist die bittere Frucht einer gottlosen Versündigung« sagte Heinrich
    »Die Kinder die armen unschuldigen Kinder des verstossenen Sohnes jetzt
die bettelnden verachteten Sklaven des reichen herzlosen Oheims  Wo soll das
enden«
    »Vor den Schranken des Gerichts« sprach der Maulwurffänger
    »Ihr seid erschüttert alter Vater« fiel Leberecht wieder ein »Das stand
zu erwarten Nach Allem was vorausgegangen wünschte es wohl gar unser
gemeinsamer Freund Beruhigt Euch indes wieder damit wir einmal auf so guter
Fährte jetzt auch rasch dem Feinde zu Leibe gehen und ihn sieghaft angreifen
können Ich bin der Eure mit Leib und Seele denn ich hasse den selbstsüchtigen
Grafen vom Grund des Herzens weil er vielleicht mit mehr Bewusstsein und süsserem
Behagen noch als sein Vater uns arme Feigelassenen wieder zu elenden Sklaven
macht die blindlings willenlos seinem Wink gehorchen müssen wenn sie nicht in
namenloses Elend versinken sollen«
    Heinrich reichte dem neuen Bundesgenossen die Hand und schüttelte sie
    »Du bist hiermit angeworben« sagte er lächelnd »und wollt Ihr noch einmal
einem alten Schlaukopf Gehör schenken so möchte ich Euch sogleich einen rasch
entworfenen Plan mitteilen der Herrn Adrian am Stein in die Enge treiben kann
 Nach meiner Meinung müssen wir den Feind von vorn und im Rücken zugleich
angreifen dass ihm zur Flucht oder Gegenwehr gar nicht viel Zeit übrig bleibt
Es geschieht ihm noch Ehre genug wenn er sich auf Gnade oder Ungnade ergeben
muss Teilen wir uns demnach in die Rollen und handeln wir besonnen und ohne
Verzug  Ich und Leberecht wir wandern morgenden Tages nach dem Zeiselhofe um
die Dokumente aufzusuchen die noch unangetastet dort zu finden sein müssen Mit
diesen und der bewussten Schenkungsurkunde treten wir mit offener Klage gegen die
Gebrüder Boberstein auf und der Prozess nimmt seinen Gang Während dies in der
Stille von uns eingeleitet wird geht Paul mit Eduard in die Heide besucht
Martell und teilt ihm mit welche Gerüchte von dem harterzigen Gebieter im
Volke umgehen Martell kann Alles von Euch erfahren nur nicht dass er selbst
jener verstossene Sohn des Grafen Magnus ist Bei seiner ungestümen Wildheit
könnte eine solche Nachricht zu entsetzlichen Auftritten führen Diese müssen
wir um unsrer selbstwillen vermeiden Ist es Euch gelungen überall unter dem
arbeitenden Volke diese Gerüchte möglichst in Umlauf zu setzen so kehrt Ihr
zurück in meine Heimat wo wir uns treffen und das Nächste dann weiter
besprechen wollen«
    Schweigend reichten die Freunde einander die Hände und legten dadurch das
Gelöbnis ab sich in Verfolgung ihrer Zwecke mit Rat und Tat ohne Wanken
beizustehen
    Zu ungewöhnlich später Stunde verließ Leberecht mit seinem Sohne den
Kretscham und ging durch das längst in tiefem Schlaf versunkene Dorf nach seinem
kleinen verschuldeten Häuschen zurück
 
                                    Fußnoten
1 Eine leere Spule von Schilfrehr
 
                                Zweites Kapitel
                             Martell der Spinner
Am dritten Tage nach dieser Unterredung erreichten spät Abends Paul und Eduard
ein kleines Haidedorf das kaum eine Stunde von der ehemaligen Burg Boberstein
entfernt war Sie beschlossen die Nacht hier zuzubringen und am nächsten Morgen
sehr früh nach dem Dorf am See aufzubrechen Damit ihr Kommen möglichst
absichtslos erscheinen möge hatte Eduard seinen Garnsack mitgenommen um ihn
von Neuem zu füllen
    Der Morgen war hell und kalt Starker Reif lag weissglänzend auf Feld und
Wald Die langsam rieselnden Bäche setzten Eis an und über der rauschenden Heide
lagerte in weiter Ausdehnung eine breite und hohe Schicht blaugrauen Dunstes
Über dieser schimmerte blauer Himmel und an diesem empor flatterten hart neben
einander zwei dunkele sich ewig bewegende Rauchsäulen Sie verkündeten die
ununterbrochene Tätigkeit der Fabrik
    Umschlossen von neuem Baumwuchs und von kleinen mit Dornen eingehegten
Feldern auf denen jetzt das Kartoffelkraut braun welk und vom Nachtfrost
erstarrt sich zur bereiften Erde herabbeugte lag das zu Boberstein gehörige
Dorf Hier wohnten bloß Fabrikarbeiter mit ihren meist zahlreichen Familien Der
Ort war gassenartig gebaut und schmiegte sich halbkreisförmig um die Ufer des
Sees Alle Häuser in dem Dorfe waren klein niedrig und von armseligem Aussehen
Ordnung und Reinlichkeit vermisste man vor den Türen und auf den Gassen Die
Zäune welche jedes Haus umzirkte waren schlecht gehalten selbst die wenigen
kleinen Gärtchen die sich hin und wieder zeigten ließ die pflanzende Hand
eines Gärtners schmerzlich vermissen
    In diesem Wohnort der Fabrikarbeiter der das traurige Bild einer völlig
verarmten Gemeinde einer Bevölkerung wenn nicht von Bettlern doch gewiss von
Menschen darbot die kümmerlich nur von einem Tage zum andern ihr sorgenschweres
Leben hinfristen traten mit Aufgang der Sonne unsere beiden jungen Freunde Der
gelbe beizende Rauch der aus den Hütten aufstieg wirbelte in dicken Wolken
über die Strohdächer und wälzte sich nidergedrückt von der kalten Morgenluft
an der Erde fort An dem eigentümlichen Geruch desselben war das
Feuerungsmaterial  halbtrockenes Kartoffelkraut  nicht zu verkennen Obgleich
mitten im Walde wohnend konnten die Spinner doch kein Holz kaufen weil ihr
Verdienst zu solchen ungewöhnlichen Ausgaben nicht hinreichte Nur die
sogenannte Streu der Abfall von Tannicht das verdorrte Waldkraut und
abgestorbenes Gestrüpp das alte Mütterchen und Greise oder kleine Kinder
zusammenlasen diente den Meisten zur Feuerung
    Auf der Fabrik läutete eben die Glocke zum Arbeitswechsel und die beiden
Wanderer erblickten durch den über dem See schwimmenden Nebel die Fähren und
Kähne welche die ab und antretenden Arbeiter herüber und hinüber beförderten
Fast zugleich mit ihnen landeten die abgelösten Spinner und zerstreuten sich
nach verschiedenen Richtungen in ihre Häuser
    Eduard schon bekannt mit dem Leben und Treiben achtete wenig darauf Paul
dagegen war ganz Auge und verschlang See Fabrik und sonstige Umgebung mit
gierigen Blicken Er sprach kein Wort allein das tiefe Atemholen und das
hastige Umsichblicken verriet seine heftige Aufregung Der Geist seiner
verstorbenen Mutter die hier so viel gelitten hatte umschwebte ihn
    »Dort ist unser Quartier für heute« sagte Eduard mit seinem Wanderstecken
auf ein niedriges Häuschen zeigend das gleich den übrigen mit Stroh gedeckt und
von einem schadhaften Zaune eingehegt war »Dort wohnt der arme Martell mit
seiner Familie«
    »Martell der rechtmäßige Mitbesitzer dieser Wälder mit ihren zahlreichen
Dörfern und Höfen in solche Hütte verbannt« versetzte Paul »Das ist mehr als
hart das ist grausam das ist teuflisch«
    »Bedenke dass wir die ersten Schritte tun um diese Härte eines ungerechten
Verhängnisses in Milde zu verwandeln«
    Eduard legte seine Hand auf die hölzerne Türklinke Sie gab nach und Beide
traten in einen mit Rauch erfüllten Vorraum dessen Fußboden aus brüchigem
schlüpfrigem Estrich bestand Die Stubentür nur in einer Angel noch hängend
stand halb offen und ließ dem beizenden Rauch freien Eingang
    Da es nicht Sitte ist unter armen Leuten vor dem Eintritt ins Zimmer
anzuklopfen so stieß Eduard unangemeldet die Tür auf und trat mit seinem
Begleiter ein
    »Guten Morgen Alle mit einander!« sprach er die versammelte Familie des
Spinners grüßend »Ein frischer Morgen heut ich besorge es wird bald
einwintern Doch Alles gesund und frisch auf Martell Gesundheit ist das halbe
Leben für arme Leute«
    Eine einzige mürrische Stimme antwortete auf diese Begrüßung und hieß die
frühen Gäste willkommen Diese Stimme gehörte dem Familienvater an der eben von
der nächtlichen Arbeit aus der Fabrik zurückgekehrt war und mit den Seinigen das
Frühstück verzehrte
    Die Familie bestand aus sechs Köpfen aus Mann und Frau drei Kindern und
einem alten Großvater der beim Schwiegersohn wohnte sich aber selbst ernähren
musste Die älteste Tochter ein Mädchen von fünfzehn Jahren war so eben zur
Arbeit in die Fabrik gegangen und hatte den ermüdeten heimkehrenden Vater nur im
Vorüberstreifen einen Gruß zurufen können Es kam vor dass sich Vater und
Tochter nur Sonntags die Hand reichen einander ins Auge blicken und sich
sprechen konnten wenn sie gemeinschaftlich zur Kirche gingen um im Gebet auf
wenige Minuten das ihnen zugefallene schwere Erdenloos zu vergessen Die sieben
langen Tage der Woche begegneten sich Vater und Tochter nur auf der schaukelnden
Barke Sie waren schon glücklich wenn die Nachen sich streiften wenn sie im
Fluge einander sehen und sich zuwinken konnten
    Das Frühstück dieser armen Spinnerfamilie bestand wie das aller ihrer
Mitbrüder aus Kartoffeln mit der Schale die trocken mit wenig Salz gegessen
oder in Cichorienkaffee gebrockt wurden Diese Kost wiederholte sich früh
Mittags und Abends alle Tage im Jahre mit Ausschluss der hohen Festtage wo an
die Stelle der Kartoffeln wenigstens Waizenklöse und in sehr glücklichem Falle
ein Stückchen Schweinefleisch trat Erschöpfte sich der Kartoffelvorrat vor der
Zeit so musste der Familienvater für Anschaffung von Roggenmehl Sorge tragen Da
aber dieses zu teuer war so begnügte man sich gern mit einem Gemisch aus
Kleie Roggen und wohl auch Baumrinde Not kennt kein Gebot und der Arme hilft
sich wie er kann und muss
    Martell ein breitschultriger starker Mann über Mittelgrösse mit schwarzem
lockigem Haar das ihm in malerischer Wildheit um die hohe bleiche Stirn hing
lud die frühen Ankömmlinge gastfreundlich ein das karge Mahl mit ihm und den
Seinigen zu teilen was jedoch Eduard und Paul ausschlugen da sie bereits vor
ihrem Aufbruche gefrühstückt hatten Wer den Grafen Magnus genau gekannt hatte
musste unwillkürlich beim Anblick des armen Spinners an ihn denken Martell war
durchaus sein Ebenbild aber ein Ebenbild vor dem man erschrecken konnte denn
in dem von Kummer Sorge Elend und Hunger abgemagerten Gesicht lag ein Stolz
der Verachtung der mit Entsetzen erfüllte dies dunkle brennende Auge von der
nächtlichen Arbeit entzündet sprühte Hass Hass Allen denen die im Glück
geboren achtlos dem Darbenden vorübergingen In jeder Miene sprach sich ein
trotziger Ingrimm aus der nur der Gelegenheit harrte um sich Luft zu machen
und auszutoben
    Martell hatte Ursache mit Gott und Menschen zu grollen Werfen wir einen
Blick auf seinen Haushalt auf seine Lage
    Er war zweiundvierzig Jahr alt seit achtzehn Jahren verheiratet und seit
der Errichtung der Fabrik in Adrians Diensten Das Häuschen in dem er mit den
Seinigen lebte hatte er kaufweise von seinem noch lebenden Schwiegervater mit
allen darauf lastenden Schulden übernommen Seine Frau webte ihr alter Vater
fristete sich durch Handgespinnst Die Kinder zwei Töchter und ein Sohn
arbeiteten gleich dem Vater in Adrians Fabrik
    Vor drei Wochen war dem zehnjährigen Sohne Martells jüngstem Kinde der
linke Fuß von der Maschine halb abgerissen worden Das arme verstümmelte Kind
litt die entsetzlichsten Schmerzen Die Wunde hatte sich aus Mangel an nötiger
Pflege und passender Kost sehr verschlimmert Man fürchtete dass der Brand
dazuschlagen und eine Ablösung des Beines nötig machen werde Auch litt der
verunglückte Knabe seit jenem Unfall an einem Lungenübel Notgedrungen hatten
nun zwar die Eltern ärztliche Hilfe gesucht weil aber der Arzt über eine
Stunde entfernt war und die Umstände der armen Leute auf keine Vergütung seiner
Mühwaltung schließen ließ trat er nur selten in die elende Hütte um sich
persönlich von dem Befinden seines Patienten zu überzeugen
    Dies Alles bemerkte Martell sehr wohl da er obwohl ohne besondere
Schulbildung doch aufgeweckten Geistes und außerdem noch mit dem Scharfblick
des Misstrauens begabt war Er schäumte vor Wut als er die sichtliche
Vernächlässigung seines Kindes sah und sein Zorn ward um so anhaltender weil er
Nichts sagen durfte weil er aus Liebe zu seinem Knaben schweigen musste
    Gerade um diese Zeit hatte Adrian den Anfang gemacht die Arbeitszeit zu
verlängern und die ersten Lohnverkürzungen anzuordnen obwohl schon Jahrelang
das Verdienst eben nur zum mäßigen Auskommen hinreichte
    Lore die Frau des Fabrikarbeiters war hektisch Das ewige Sitzen hinter dem
Webstuhle Kummer und schlechte Kost mochten ein Übel vergrößert haben wozu
sie die Anlage mit auf die Welt brachte Das arme Weib gehörte jedoch zu den
genügsamen unter jede Gewalt demütig und ergeben sich beugenden Geschöpfen
die nie murren die Alles für eine Schickung Gottes halten und mit diesem
beneidenswerten Glauben ohne Schiffbruch an Leib und Seele zu leiden durch
das klippenreiche Meer des Lebens schiffen Als Martell längst schon an seiner
verhaltenen Wut fast erstickte hatte Lore kaum noch einen Seufzer ausgestoßen
Sie pflegte mit der mütterlichsten Liebe und Ausdauer den verstümmelten Knaben
der in Lumpen und wärmende Pelzstücke gehüllt wimmernd hinter dem Ofen lag und
darbte sich die Zeit welche sie damit an der Arbeit versäumte vom Schlafe ab
um ja nicht etwa einen Tag später als es bedungen die Webe dem Brodherrn
abzuliefern
    Als Muster in so beispielloser Ergebung und gläubigem Hoffen ging dem treuen
Weibe ihr Vater voran Traugott war ein Siebziger hatte nie die Fülle irdischen
Glücks kennen gelernt hatte kaum Tage gehabt in die ein hellerer Sonnenstrahl
des göttlichen Segens fiel und war dennoch nie von zweifelnden Gedanken
heimgesucht worden Er gehörte zu den in unsern Tagen immer seltener werdenden
Menschen die sich mit eiserner Kraft an das Wort klammern wie es ihnen in
frühester Jugend von gutmütigen und gedankenarmen Lehrern eingeprägt wird Dies
Wort besitzt die wunderbare Kraft für Alle welche daran glauben dass es sie
über jegliches Fährniss leicht hinweg geleitet und sie mit unerklärbarer
Geistesheiterkeit begabt bis an den Rand des Grabes führt
    Traugott war noch zur Stunde ein solcher beneidenswerter Greis der in
seiner Armut lächeln beten und Gott danken konnte und der nie eine Sekunde
lang über das glücklichere Loos Anderer nur den leisesten Reiz zum Neide
empfunden hatte Was hätte er auch die Reichen die Besitzenden beneiden sollen
Was er beurfte das hatte ihm im strengsten Sinne des Worts noch niemals
gemangelt Eine Rinde Brot ein paar aufspringende Kartoffeln eine Tasse dünnen
Kaffees mit so Wenigem war sein nicht leckerer Gaumen vollkommen zufrieden
gestellt Und außerdem hatte ihm der gütige Gott ein Kleidungsstück am Tage ein
Lager des Nachts bescheert Dafür war er dankbar wenn er bedachte dass ja auch
ihm wie so vielen Andern das weit traurigere Loos hätte zufallen können vor
den Haustüren bettelnd und singend sein Brod suchen zu müssen
    Nachdem wir so die Silhouetten der drei Hauptpersonen in dieser Familie
entworfen haben kehren wir zu unserer Erzählung zurück 
    Auf Martells Gruß und Einladung zum Frühstück schob Eduard Garnsack und
Stock unter die Bank welche die Holzwand umgab und setzte sich dem Freunde
gegenüber Paul nahm neben ihm Platz und ließ seine großen glänzenden in Form
und Farbe Haideröschen so überaus ähnlichen Augen mit einer gewissen
Ängstlichkeit durch das Zimmer laufen Martell von der nächtlichen Arbeit
ermüdet und sichtlich aufgebracht schlug sein Messer zu und legte die letzte
schon halb geschälte Kartoffel wieder in die Schüssel
    »Verzeih mirs Gott« sagte er zu Lore seiner Frau »ist mirs doch als
hätte ich Kieselsteine und Schwefel verschluckt Der Ärger bringt mich um
Wahrlich lange halte ich solch Leben nicht mehr aus«
    Lore schwieg nur ein langer Blick aus ihrem weichen milden Auge traf den
zürnenden Gatten Doch legte auch sie das Messer weg fragte den Vater ob er
gesättigt sei und trug da dieser bejahend nickte den Rest der Mahlzeit in den
Vorraum um sie im Brodschrank für Mittag oder Abend aufzubewahren
    »Ich habe von dem Unglücke gehört das Dich betroffen hat« sprach Eduard
»Du bist von Herzen zu beklagen aber trags mit Geduld wies einem Christen
ziemt«
    »Würden wir armen Arbeiter nur erst wie Christen behandelt an meiner Geduld
sollts nicht fehlen So aber sind wir Hunde die kurz geschlossen an ihrer
Kette liegen und die nicht mal heulen viel weniger um sich beißen sollen
wenn ihnen verfaulte Knochen als Kost vorgesetzt werden Ist das Gerechtigkeit
frag ich«
    Martell hatte sich vor Eduard gestellt und maß jetzt die nervigen Arme
über einandergeschlagen um die ein zerfetztes vom Oeldunst der Maschine
beschmutztes Hemd flatterte bald diesen bald Paul mit seinen flammenden
Blicken
    »Ist der Bursche ein Verwandter« setzte er gleichgültig fragend hinzu den
Enkel Slobodas schärfer anblickend
    »Von mir und Dir« versetzte Eduard
    »Von uns  Seit wann bin ich mit Dir Freundschaft«
    »Er besitzt nichts«
    »Ha ha ha ha« lachte Martell wild auf und schüttelte sich dass seine
lockigen Haare wie eine schwarze Mähne um die blassen eingefallenen Wangen
flogen »O Du hast Recht Die Freundschaft ist groß groß wie die Welt wäre
sie nur auch so mächtig so treu wie Gold Grüß Dich Gott armer Junge« Und
Martell drückte seinem Verwandten die Hand dass sie ihm schmerzte
    »Woran liegt es dass die Armen so unmächtig sind« entgegnete Eduard »An
uns selbst an uns ganz allein«
    Martell sah ihn düster an dann senkte er den Blick und schüttelte traurig
das Haupt
    »Nein o nein« erwiderte er »das liegt nicht an uns Armen Wir vermögen
nichts weil wir nichts haben Das Geld ist das Mark des Lebens der Hebel zur
Tat Wo dieses fehlt da gibt es nicht Kraft nicht Ausdauer nicht
Zusammenhalten  O ich weiß es ich kenne diese entsetzliche Schwäche an der
Millionen hinsiechen und die Gott mag es wissen vielleicht in wenigen
Jahrzehnten die ganze Menschheit einigen Tausenden zinnsbar macht die durch
Glück und Schlechtigkeit diesen allmächtigen Gott der Welt in ihre Hände
gebracht haben«
    »Dahin soll es nicht kommen Wir wollen es verhindern Ich und Paul  so
heißt unser junger Freund und Bruder  haben schon viel darüber nachgedacht und
willst Du uns hören so teilen wir Dir gern unsere Ansichten mit Dies ist
eigentlich der Zweck unseres heutigen Kommens«
    »Ihr tut ja äußerst geheimnisvoll Hat Euer Herr was Ungebührliches
getan«
    »Bedarf es dessen um das Unrecht einzusehen«
    Martell zuckte die Achseln »Hm« sagte er »manchmal hilft es einem doch
schneller die Augen öffnen Ich habe das erfahren bei unserm duftenden Tyrannen
da drüben und bin ebenfalls erbötig Euch Mitteilungen zu machen über die Ihr
erstaunen sollt«
    »Um so besser so berühren sich vielleicht unsere Pläne« sagte Paul der
erst jetzt als Martell ruhiger geworden war ein Wort mit drein zu reden wagte
    Lore hatte inzwischen den Tisch abgeräumt dem Kranken hinter dem Ofen
einige sanfte Trostesworte zugeflüstert und sich wieder an den Webstuhl gesetzt
Auch Traugott der die Unzufriedenheit seines Schwiegersohnes weder teilte noch
billigte begann sein Spinnrad emsig zu drehen und mischte sich nicht in das
Gespräch
    Martell ergriff einen Schemel setzte sich so darauf dass er seine Arme auf
die Lehne übereinanderschlagen und das Kinn darauf stützen konnte und knüpfte
die Unterhaltung wieder an
    »Da hat vor drei Wochen die verfluchte Maschine meinem Hans beim Auflesen
der Wollflocken den linken Fuß abgequetscht ich sage Euch so glatt
abgequetscht als hätte einer Lineal und Winkelmass darauf gelegt Der Fuß ist
fort mein armer Junge ein Krüppel Nun das kann vorkommen das ist ein Unglück
wie es jede Beschäftigung mit sich bringt Der Junge hätte nicht Wollleser unter
der Maschine werden sollen wollte er gesunde Glieder behalten  Nicht wahr
ich räsonnire ziemlich vernünftig und nehme durchaus keine Partei  Ungefähr
dasselbe sagte ich mir schon am ersten Tage wo das Unglück geschah Ich leg es
Niemand zur Last als dem Zufall und da ich dem nicht an die Kehle kann so
fasse ich mich so gut es gehen mag fresse Kummer und Verdruss hinunter und
erspare mir damit manch teures Stück Brod  Ha ha ha Ihr seht dass
Unglücksfälle wenn sie auch Hals und Beine kosten doch die Sparsamkeit
befördern helfen  Also ich beklage mich gar nicht ich nehme bloß meinen
zerquetschten Knaben auf diese meine Arme schließe mit zitternden Lippen seinen
schreienden Mund und trage ihn nach Hause um ihn hier hier in dieser elenden
dunstigen Hütte seiner schluchzenden Mutter in den Schoos zu legen und einen
Blick des Jammers mit ihr auszutauschen  Das tat ich wie es denk ich
meine Pflicht war ich tats mit brechendem Herzen Eh ich den Wundarzt
herbeischafte und für meine paar Groschen Arzenei Salben und Kräuter kaufte
vergingen freilich ein paar Stunden die ich bei der Arbeit versäumte Endlich
todmüde gehe ich wieder in die Fabrik wo inzwischen meine Nachbarn gute
gefällige Menschen meine Stelle so versehen hatten dass der Maschine und dem
Gespinnst kein Nachteil erwachsen konnte Dennoch könnt Ihrs glauben ließ
mich der Herr am Stein hart an zog mir den halben Arbeitstag am Lohne ab
strich den kleinen Verdienst des armen Jungen ganz und drohte mich zu
entlassen  Aber Herr mein Kind sag ich mein Bube mein Herzblatt ist zum
Krüppel gequetscht worden  Gott weiß ob er je wieder genest und ob ich die
Kosten seiner Heilung werde bestreiten können Sein Sie billig und barmherzig
Herr«
    »Billig« fuhr er mich an »Was nennt Ihr billig Wenn ich mich ruinire
eines verkrüppelten Kindes wegen Gott hättet Ihr bitten sollen er möge den
Fresser je eher je lieber sterben lassen so hättet Ihr seinetwegen keine Sorge
mehr Die Maschine verbessert zuweilen was die Menschen schlecht machen in
ihrem Unverstande Es war ein Wink vom Himmel warum achtetet Ihr nicht darauf
Und genug ungetane Arbeit kann ich nicht bezahlen«
    »Das hat Herr am Stein gesagt und er lebt noch« sprach Eduard während Paul
vor Entsetzen die Hände faltete
    »O er lebt vortrefflich der kluge Herr« versetzte unter krampfhaftem
Lachen der Fabrikarbeiter »Der Armen Schweiß verwandelt sich in den Truhen der
Reichen in Gold  Mein Gott was blieb mir übrig Freilich krampfte es mich in
den Händen die Finger bogen sich von selbst zusammen wie Krallen und gern
gern hätte ich dem Ungeheuer die schamlose Kehle damit zugeschnürt Aber mein
Weib meine Kinder  Ich musste mich beherrschen und mein vergiftetes Herz
zwingen still sanft demütig ergeben zu bleiben  So bat ich also den
gnädigen Herrn Gnade vor Recht ergehen zu lassen und mich zu behalten«
    »Weil Ihr Euer Unrecht einseht« versetzte der Gnädige »will ich einmal
gegen meine Grundsätze handeln Ihr mögt bleiben doch nur unter der Bedingung
dass Ihr Euch mit Hätscheln des kleinen Bengels der aus Unvorsichtigkeit in die
Kämme gefallen ist nicht die Zeit versäumt Verstanden Martell«
    »Verstanden gnädiger Herr«
    »Dann geht an Eure Arbeit Acht Tage lang will ich die Kurkosten für den
einfältigen Jungen hezahlen Ich werde dem Chirurgen einschärfen dass er sich
dazu halten soll damit der Fuß in dieser Zeit heilt Spricht man nicht
ernstlich mit diesen gelehrten Herren so sind sie im Stande an einem Beinbruche
monatelang herum zu kuriren«
    »Die Fabrik hat ihren eignen Chirurgen« erzählte Martell weiter »da
Verwundungen Bein und Armbrüche häufig vorkommen Wir zählen deren in manchem
Jahre an funfzig  Ob nun der Chirurg Befehle vom Herrn erhalten und dieselben
befolgt hat oder nicht ist mir zur Stunde noch unklar dass aber mein armer Hans
nach Ablauf der verstatteten acht Tage eine zugeheilte Wunde besaß die wenige
Tage später sich heftig entzündete und wieder aufbrach und seitdem den ganzen
kleinen Körper in Fieberhitze versetzt hat das weiß ich Jetzt besucht der
Chirurg mein Kind kaum zweimal in der Woche pflastert und bindet an dem
jammernden Krüppel herum als wolle er ihm die Seele einwickeln und schweigt
auf alle meine bekümmerten Fragen Für die Gänge muss ich ihn bezahlen und habe
doch nicht satt zu leben«
    »Du hättest in früheren Jahren den Verdienst mehr zusammenhalten sollen
mein Sohn« warf hier Traugott warnend ein »Da warst Du noch unverdrossen Dir
und der Lore ging es von Händen und die Kinder kosteten noch nichts als das
liebe Stückchen Brod«
    »Zusammenhalten« rief Martell unwirsch »Ich bitt Euch Vater werft mir
die paar Groschen nicht vor die ich an Sonn und Festtagen auf einem
Spaziergange für mich mein Weib und Euch ausgab Es waren weiß Gott die
einzigen vergnügten Stunden deren ich mich erinnern kann Kein halbes Jahr
Schulgeld könnte ich davon bezahlen«
    »Freilich freilich« entgegnete wieder begütigend der greise Spinner »Aber
die Zeiten sind schwer Martell und wir sollen uns doch einmal in die Zeit
schicken Das verlangt ja ausdrücklich die heilige Schrift«
    »Es ist eine Lüge sag ich« fuhr Martell auf »Die Zeiten sind nicht
schwer man macht sie mit Absicht schwer um recht viel zu gewinnen Das ists
was mich empört und was mich rasend ja zum wütenden Tiere machen könnte sähe
ich nur Rettung in Wut und Tobsucht Habt Ihr denn schon vergessen Vater was
vor zehn Tagen geschehen ist«
    »Was geschah da« fragte Paul neugierig »Bin ich doch kaum viel länger in
diese Gegend gekommen«
    »Eine Spitzbüberei ohne Gleichen« versetzte Martell »Auf Grund absichtlich
ausgestreuter Gerüchte von schlechtem Absatz baumwollener Waren wozu
vorgeblich die englische Koncurenz und die beliebteren englischen Fabrikate
beigetragen haben sollten setzt Herr am Stein den Arbeitslohn in allen Branchen
herab Wir hatten schon vorher nicht satt zu essen jetzt ist vollends gar nicht
mehr daran zu denken Darauf aber speculirt der reiche Mann Er weiß genau dass
er uns die wir ihm alle verschuldet sind mit Haut und Haar besitzt dass uns
entlassen uns und unsere Kinder für immer ruiniren heißt Kein Stecken blieb
uns übrig nackt und bloß müssten wir in die Wälder laufen und von Wurzeln und
Baumsamen leben  So sind wir denn gezwungen zu arbeiten sind gezwungen die
Geissel zu küssen die uns wund schlägt und unter den qualvollsten
Seelenschmerzen dankbar zu lächeln Herr am Stein wird aber inzwischen ein
Millionär denn der Überschuss an Geld den ihm der verminderte Lohn abwirft
mehrt sich zu einem bedeutenden Kapital das er mit großem Gewinn zur
Erweiterung seiner Fabrik anlegen kann«
    Paul erinnerte sich von dem Maulwurffänger ähnliche Äußerungen nach seiner
Rückkehr von Boberstein gehört zu haben und erhielt durch die Auseinandersetzung
des eingeweihten Fabrikarbeiters tiefere Einsicht in die geheimnisvolle sicher
angelegte und so furchtbare Intrigue der Reichen gegen die Armen die für sie
arbeiten Sein unverdorbenes kindlich reines Herz empörte sich und zum ersten
Male in seinem Leben sagte er mit aufflammendem Feuerblick
    »Ihr müsst Euch wehren wehren wie hungrige Wölfe«
    »Das Gefäß ist gefüllt bis an den Rand« sagte Eduard »wenige Tropfen
werden es überfliessen machen und dann wird kein noch so künstlich angelegter
Damm eine Überschwemmung zerstörendster Art verhindern können«
    »Mein Kopf glüht mein Gehirn siedet und das Herz steht mir still wenn ich
an die Zukunft denke« fuhr Martell fort »Wohin ich blicke nichts als Mangel
nichts als Vermehrung der Armut  Arbeiten Darben Hungern nichts will
diesen fürchterlichen Zustand aufheben  Wir sind immer im Vorschuss wir leben
immer von der Zukunft und verlieren so allen Boden unter unsern Füßen Das ist
entsetzlich wenn es einzelne Familien trifft es ist aber der Anfang einer
Weltempörung wenn Millionen von diesem Gespenst Tag und Nacht geängstigt
werden Als Junge las ich mal in einem Fabelbuche Darin fand ich eine Ges
chichte von einem Manne den man an einen Felsen geschlossen hatte und der nun
so wehrlos zusehen und es dulden musste wie ein gefrässiger Geier mit scharfem
Schnabel ihm die Leber langsam aushackte Ich fühlte damals den Schmerz des
Unglücklichen in der Einbildung und konnte das Bild nicht mehr aus meinem
geängsteten Gemüt verjagen Nun ich schwöre es Euch bei alle Qualen und
Schrecknissen der Hölle zu wir armen gefesselten Arbeiter welchen Namen wir
auch führen mögen wir sind gegenwärtig jener an den Felsen geschmiedete von
tausend Geiern zerfleischte Mann Und wir dürfen nicht seufzen nicht klagen
nein nein wir müssen lächeln müssen den Geiern Schnabel und Fänge küssen und
streicheln  Wäre es ein Wunder wenn die Menschheit in Masse sich selbst
ermordete oder als wahnsinnig gewordene Rächerhorde wutentbrannt die Welt
zerstörte die so unaussprechliche Leiden und Lasten auf sie häuft«
    »Damit dies nicht erfolge müssen wir uns beraten vereinigen und in Einem
Sinne handeln« sagte Eduard
    »Es handelt sich gut in Einem Sinne wenn es an allen Sinnen gebricht«
erwiderte Martell verächtlich »Man hat nicht Mut wenn man keine Zeit hat
keinen Erfolg voraus sieht Durch den Druck sind wir so klein und kleinlich
geworden dass uns der Gedanke an jegliches Große Gemeinsame gar nicht mehr
beschleicht  Und wie ist es anders möglich Um die Krume Brod verlegen die
ich heut Abend mit meinen Kindern teilen soll matt gebrochen von der Arbeit
die meine Kräfte verzehrt wo soll mir die Lust herkommen das allgemeine Leid
zu überschauen und auf Mittel zu denken diesem abzuhelfen  Ich muss ja auf dem
Nächsten Kleinlichsten haften bleiben auf dem elenden Kummer der mich zur
Stunde über wältigen will weil dieser im Augenblick der quälendste ist
derjenige um welchen sich meine fluchwürdige Existenz dreht Dieser Augenblick
dauert aber Monate Jahre ein Menschenleben Dieser Augenblick bei Millionen
immerwährend vorhandenist eine Ewigkeit Dieser Augenblick ist die Hölle und
wir wir sind die Verdammten«
    »Vergib ihm Vater denn er lästert« betete mit leisem Lispeln der spinnende
Traugott
    »Vergib Ihnen nicht denn sie wissen was sie tun« rief in furchtbarer
Aufregung Martell indem er beide nackte Arme gen Himmel streckte »Wer ihnen
vergibt der lästert Gott der schändet den heiligen Geist in des Menschen
Brust«
    »Und ich sage Dir Martell« fiel Eduard ein »es soll ihnen auch nicht
vergeben werden Ein Rächer ein Retter wird aufstehen unter Euch und gegen die
Unbarmherzigen furchtbares Zeugnis ablegen  Wundere Dich immerhin dennoch ist
es so und es wird geschehen was ich sage Noch triumphiren die Unmenschlichen
ihr Triumph wird ihr Grabgeläut sein denn was sie besitzen gehört ihnen nicht
allein Es ist unrechtmässig zugeeignetes Gut das man öffentlich von ihnen
zurückfordern wird Diese Herren am Stein haben Verwandte haben Brüder die
lange verschollen waren und die jetzt mit den gerechtesten Ansprüchen versehen
mit den giltigsten Zeugnissen plötzlich wieder aus ihrem Dunkel hervortreten und
gegen sie klagen  Hier Martell in diesem Jünglinge stelle ich Dir den ersten
Kläger vor Andere werden ihm bald folgen«
    Diese Eröffnung machte einen so gewaltigen Eindruck auf Martell dass er
mehrere Minuten die Sprache nicht wieder finden konnte Selbst Lore die
fleißige Weberin vergaß das Schifflein durch die Werfte zu schnellen und
Traugott hielt sein Spinnrad an Eine ganz neue eine unerhörte Welt drängte
sich in den eng begrenzten Horizont ihres Lebens
    »Die Herren am Stein hätten Verwandte um die sie sich nicht kümmern
sollten« sagte Traugott »Das wird vermutlich ein Irrtum sein weil der
Brüder Boberstein drei am Leben und in der Welt zerstreut sind Sie haben ja
genug um die Ihrigen anständig zu verköstigen«
    »Ihr Herr Vater der verstorbene Graf Magnus war kein Joseph« erwiderte
Eduard »Mein Vater weiß davon zu erzählen und gewiss habt Ihr von seinem
heidnischen Sündenleben seiner Zeit auch reden hören«
    »Wenn es wahr wäre« sagte Martell nachdenkend »so ließe sich darauf eine
leichte Hoffnung bauen Ein Prozess  große Geldverluste  Uneinigkeit unter den
Brüdern  ja das wäre ein Ausweg zur Rettung Aber ich kann trotz Deiner
Versicherung noch nicht daran glauben Und dein Gefährte sieht auch nicht in das
Grafengeschlecht mit seinen blauen MarienAugen«
    »Der Morgen ist schön die Luft rein« sagte Eduard »ein Gang in den
duftenden Wald kann Dir nur gesund sein Er wird Deinen Kopf frei machen Deine
gelähmte Kraft stählen Begleite uns Unterwegs teile ich Dir das Nähere mit
das vorerst nur noch für Dich allein bestimmt ist«
    Diese mit leiser Stimme gesprochenen Worte hatten die beabsichtigte Wirkung
Martell zog schnell seine zerrissene Kattunjacke an drückte eine fettige
Tuchmütze schief auf sein üppiges schwarzes Haar und erklärte sich bereit die
jungen Freunde sogleich zu begleiten
    »Ihr kehrt doch wieder mit mir zurück« fragte er
    »Im Fall wir Dich überzeugen«
    »Lore hab ein Auge auf den armen Hans und Ihr Vater verzeiht wenn ich
nicht immer Eurer Meinung sein kann Ich will das Gute wie Ihr Ihr wisst es
aber unsere Wege gehen auseinander«
    Traugott murmelte ein Gebet und drehte eifriger denn je sein Rad aber ein
mild versöhnender Blick seines Auges sagte dem ungestümen Martell dass ihm der
Greis längst seine heftigen Worte vergeben habe
    Arm in Arm durch das junge Holz wandelnd erzählten Eduard und Paul
abwechselnd dem Fabrikarbeiter was wir in dem Vorhergehenden unsern Lesern
bereits mitgeteilt haben nur dass er selbst jener verschollene illegitime Sohn
des Grafen Magnus sein solle verschwiegen sie ihm noch Das Geheimnis musste ihm
Geheimnis bleiben bis zu dem günstigsten Augenblick
    Martell fasste schnell den angedeuteten Plan und war mit Herz und Seele
dabei Er hoffte er sah treue Verbündete und Beides entflammte seinen
persönlichen Mut Er war im ersten Moment der Aufregung kaum zu halten
    »Wenn es nur nicht lange währt Wenn wir nur rasch zu Ende kommen könnten«
rief er wiederholt mit aufgeblähten Nüstern aus
    »Wir dürfen es hoffen Martell wenn Du von heute an vorsichtig unsere
wichtigen Neuigkeiten unter allen Arbeitern ausstreust« versetzte Eduard »Es
muss dies schnell geschehen damit ein jäher Geist der Unruhe der freudigen
Erwartung sie ergreift Dann haben sie Mut den Herrn zu bestürmen Von zwei
Seiten in die Enge getrieben wird er nachgeben und Eure Lage verbessern
Inzwischen beginnt der Prozess dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein kann Die
Kläger müssen gewinnen«
    Martell erklärte sich zu Allem bereit Mit erheiterter Stirn fast lustig
und seit Monaten wieder einmal scherzend führte er die Verbündeten nach ein
paar Stunden wieder in seine Hütte wo sie bis zum folgenden Tage ungeachtet
ihres Sträubens bleiben mussten
 
                                Drittes Kapitel
                                   Dokumente
Früher noch als unsere jungen Freunde das Ziel ihrer Wanderung erreichten
erschien Leberecht Sloboda und der Maulwurffänger auf dem Zeiselhofe Diese
alte Besitzung der Familie Boberstein war jetzt verpachtet sollte aber im
nächsten Jahre einen andern Bewirtschafter erhalten da der gegenwärtige
Pachter zurücktreten wollte Die Familie hatte es öffentlich bekannt machen
lassen und einsichtsvolle Oeconomen zur Besichtigung des Grundstücks
aufgefordert Dadurch war Jedermann Gelegenheit zu leichtem Zutritt gegeben und
der listige Maulwurffänger der jeden Zufall zu seinem Gunsten zu nutzen
verstand hatte seinen Plan darauf gebaut
    Unter den drei hochbejahrten Männern war die ganze Vergangenheit während der
dreitägigen Reise nochmals übersichtlich zur Sprache gekommen dabei ergab sich
dass ungeachtet der völligen Umgestaltung aller Verhältnisse in einem Zeitraume
von über vierzig Jahren doch ein allgemeiner Fortschritt zum Bessern von der
Masse des Volkes nicht anerkannt ward Liessen sich doch sogar laute Stimmen
Unzufriedener hören welche eine Wiederkehr und Wiederbelebung alter zerstörter
und abgeschafter Institutionen wünschten und für bei weitem erspriesslicher
hielten Leberecht gehörte zu diesen und leider vermochten seine Freunde ihn
nicht immer durch haltbare Gründe zu widerleben und eines Bessern zu belehren
    In welcher Lage sich Leberecht befand haben wir zu Anfang dieses Buches
angedeutet Diese Lage war niederdrückend und musste einen Mann von Leberechts
Fleiß und Redlichkeit mit Unwillen erfüllen Als Leibeigener geboren an Druck
und Gehorsam gewöhnt und später durch unerwartetes Zusammentreffen günstiger
Ereignisse unabhängig und frei geworden hatte er in der Freiheit ein Glück
höherer Art zu finden gedacht Dass er sich schwer getäuscht dies lähmte seit
Jahren seine Energie und machte ihn häufig wahrhaft unglücklich Da seine
Freunde nicht recht daran glauben wollten suchte er sich durch eine offene
Darlegung seiner Verhältnisse die genau jene von tausend und abertausend ihm
Gleichgestellter waren zu überzeugen
    »Was versteht Ihr denn eigentlich unter Volksfreiheit und
Volksselbstständigkeit« sagte er »worin Ihr ein Universalheilmittel aller nur
denkbaren Übelstände erblickt Ich begreife Euch nicht und muss mich deshalb
gegen Euch erklären Gott bewahre mich dass ich das veraltete Schlechte das
Unnatürliche und Entehrende verteidigen oder gar zurückwünschen sollte Nur
loben billigen preisen kann ich das Neue nicht das menschenfreundliche
Gesinnung als unreife Frucht an dessen Stelle gesetzt hat Geht doch herum unter
dem Volke fragt den Weber den Kleinbauer den Tagelöhner ob er zufrieden sei
und Alle werden mit trauriger Miene ein wehklagendes Nein antworten«
    »Weil sie den Augenblick nicht benutzen und Alles nach dem alten Schlendrian
forttreiben« unterbrach ihn der Maulwurffänger
    »Das ist die gewöhnliche Redensart Aller denen es an gründlicher Einsicht
gebricht« versetzte Leberecht »Nein nein Freund Heinrich nicht der
Schlendrian nicht Mangel an Scharfblick ist Schuld an diesem unter sich
fressenden Volksunglück sondern die ungleiche Belastung und die Unmöglichkeit
bei einmal vorhandener Schuld je im Leben schuldenfrei zu werden  Der
Gerechtigkeitssinn einer aufgeklärten Zeit hat den Hörigen zum freien Bürger
seines Geburtslandes gemacht Gut dies soll man loben Aber warum frag ich
hat man ihm die persönliche Freiheit gegeben und doch die Kette an seinem Fuß
gelassen die ihn an freier Bewegung hindert deren dumpfes Klirren ihn
stündlich an seinen frühern Sclavenstand erinnert«
    »Was nennst Du Kette« fragte der Maulwurffänger
    
    »Die Lasten die man nicht von uns genommen hat« entgegnete Leberecht 
»Ihr wisst ich habe ein kleines Häuschen mit nur wenigem Ackerland Es ernährt
mich nicht in guten Jahren es stürzt mich immer tiefer in Schulden tritt
Misswachs ein Ich würde es verkaufen wäre es nicht schon über den eigentlichen
Wert verschuldet Um also nicht zum Bettler zu werden muss ich den Haus und
Ackerbesitzer fortspielen und unverhältnissmässige Gaben an Staat Herrschaft und
Kirche zahlen Ich muss wie ehedem der leibeigene Bauer dem Herrn frohnen ich
muss ihm die Wege ausbessern muss ihm Hand und Spanndienste leisten oder  Geld
dafür zahlen Was bringt mir Geld Der Verkauf von Naturalien die ich erbaue
Was aber erbaue ich Kaum so viel als ich mit größter Not zum spärlichen
Durchkommen brauche  Dennoch fordert man Geld von mir und ich muss es schaffen
oder werde erst mit Execution zuletzt mit unbarmherziger Pfändung bestraft
Lasse ich es so weit kommen so mag ich mich nur nach einem Strick umsehen denn
verloren bin ich doch einmal So ergreife ich denn das letzte Mittel nehme ein
kleines Kapital zu hohen Zinsen auf das ich nie zurückbezahlen kann und
entrichte meine ordentlichen und unordentlichen Steuern«
    »Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen Alter« sagte Sloboda »Das sind
die Leiden des freien Bauers ohne Vermögen Sie schmerzen oft mehr als die Rute
des Herrn Es ist traurig sehr traurig«
    »Ich will nicht weiter von mir sprechen« fuhr Leberecht fort »ich will nur
an einem Beispiele nachweisen dass ich meine Klagen nicht aus der blauen Luft
greife Mein Nachbar schief über hat ein Häuschen mit Gartenland Er ist Weber
verheiratet Vater von drei Kindern  und in ganz gleichen Verhältnissen sind
an unserm Ort allein über hundert Familien in zwanzig dreißig Ortschaften
zusammen einige Tausende  und verdient bei größtem Fleiße angenommen dass
keine Krankheit vorkommt und die Arbeit nie fehlt im ganzen Jahre fünf und
funfzig bis höchstens sechzig Taler Was ist davon sein Eigentum  Ich will
es Euch sagen Auf Haus und Gartenland das ihm seinen Kartoffelbedarf bringt
lastet ein Kapital von vierhundert Talern das zu fünf Prozent Zinsen die
Jahreseinnahme um zwanzig Taler vermindert Er muss außerdem an Grundsteuer dem
Staate jährlich einen Taler fünfzehn Silbergroschen zahlen Klassensteuer zwei
Taler Grundzins an die Herrschaft drei Taler und drüber Jagd und Spinngeld
fünfzehn Groschen Gemeindeabgaben gegen anderthalb Taler das Schulgeld für
seine Kinder beläuft sich auf vier Taler und endlich kommen an Feuerassecuranz
an Abkauf der Handdienste auch noch gegen zwei Taler zusammen so dass ihm zur
Ernährung seiner Familie zur Instandhaltung seines Hauses und zur Bestreitung
etwaiger nicht zu berechnender Ausgaben nicht mehr als zwanzig Taler übrig
bleiben1 Ist solch ein Loos beneidenswert und ist derjenige dem es gefallen
ein freier Mensch zu nennen zu beneiden von dem Neger der in heißen Ländern
die Pflanzung seines Herrn bebaut und dafür sorglos seinen Reis essen kann«
    »Wenn das keine Ausnahmen sind dann wehe uns Wehe unsern geordneten
Saaten Wehe der Zukunft unseres Volkes« sagte der Maulwurffänger
    »Du sprichst es aus Wehe der Zukunft unseres Volkes wenn gleichsam auf
gesetzmässigem Wege die Verarmung mit Riesenschritten um sich greifen darf Weil
es so ist  und es ist leider fast überall so  darum vermaledeie ich die uns
gewordene Freiheit die uns zur verabscheuungswürdigsten Sklaverei verurteilt
zur Sklaverei des freien Willens Tausende möchten vor Ekel sich von sich selbst
abwenden aber sie dürfen nicht ihrer Weiber und Kinder wegen Sie müssen das
Joch der Sklaverei der Freiheit von einem Jahre zum andern fortschleppen bis es
sie erdrückt Frei macht sie nur der Tod Das aber ist ein namenloses Elend ein
Jammer vor dessen Größe und Unendlichkeit man vor Entsetzen versteinert«
    »Um so entsetzlicher als Niemand ihm steuern kann« bemerkte Sloboda
    »Dann stehen wir am Vorabende des Weltunterganges« fiel der Maulwurffänger
ein »Doch noch haben wir keinen Anlass zu solcher Verzweiflung die sich selbst
und die Zukunft aufgibt Noch sind Auswege vorhanden auf denen das
fortwuchernde Elend des Volkes verjagt werden kann. Der Staat muss sich des
Volkes annehmen muss ihm dem darbenden die Lasten abnehmen und sie auf die
Schultern der Verzehrenden der Reichen legen«
    »Träume schöne bunte ergetzliche Träume« sagte Leberecht wehmütig
lächelnd »Ich glaube an keine Träume«
    »Du hast Recht Freund noch sind es Träume Diese Träume aber werden
Wahrheit werden ist sich alles Volk erst der Mittel bewusst die es der überhand
nehmenden Verarmung entreißen können Nur Massen bewirken etwas Großes in unsern
Tagen nur gemeinsamer Hilfeschrei wird beachtet Darum trachte der Einzelne
dahin dass die Armen sich einigen und durch ihre Masse und Anhänglichkeit eine
unzerreissbare Kette bilden Mit geschlossenen Gliedern können sie den Reichen
trotzen und durchsetzen dass man ihre volle Freiheit anerkenne und sie
menschlich behandle«
    Zweifelnd schüttelte Leberecht den Kopf ohne das Gespräch weiter zu führen
Die nahen Gebäude des Zeiselhofes die über die kahlen Felder emporstiegen
gaben seinen Gedanken eine andere Richtung Sie bogen in einen flachen Hohlweg
ein und sahen sich nach wenig Minuten dem offenstehenden Torwege des Edelhofes
gegenüber
    »Dort drüben« sagte der Maulwurffänger indem er mit der Hand nach dem
Herrenhause deutete »dort drüben begann vor mehr als vierzig Jahren das große
Unglück dessen Folgen uns drei greise Männer an diesem verhängnisvollen Orte
wieder zusammenführt Möge Gott unsern Eingang segnen wie er ihn damals
segnete als ich Dein liebliches Töchterlein den Händen Blauhuts entriss«
    »Amen Amen« versetzten Leberecht und Sloboda indem sie ihre Hüte abnahmen
und die Hände bittend falteten 
    Eine genaue Besichtigung des Zeifelhofes war leicht zu erlangen da wie
bemerkt ein neuer Pachter gesucht ward Um nicht aufzufallen und Verdacht zu
erwecken gingen die drei Freunde alle Gebäude der Reihe nach durch indem sie
bei dem herumführenden Verwalter sich genau nach dem Ertrage des Rittergutes mit
Sachkenntniss erkundigten Das Herrenhaus betraten sie zuletzt Es war nicht mehr
in gutem Stand erhalten denn seit der Katastrophe welche Magnus auf längere
Zeit ins Ausland trieb hatte es keinen bleibenden Bewohner gehabt Die späteren
Pachter nahmen bloß zeitweise davon Besitz gefielen sich aber in der
Verwalterwohnung besser da sie ihren Neigungen und Bedürfnissen mehr entsprach
    Als sie die breite ehemals mit kostbaren erotischen Pflanzen reich
geschmückte Treppe hinaufstiegen flüsterte Leberecht dem Maulwurffänger leise
zu
    »An der dritten Tür rechts lenke die Aufmerksamkeit unseres Begleiters ab
und richte es so ein dass ich ein paar Minuten allein im Zimmer bleiben kann«
    Mit schnellem Augenwink gab Heinrich seine Zustimmung zu erkennen
    »Hier siehts nicht mehr sehr gräflich aus« bemerkte Sloboda »Zeit
Holzwurm und Motte haben arg gewirtschaftet Man müsste alle Gemächer durchaus
neu meubliren und herrichten lassen wollte man sie mit Vergnügen bewohnen«
    »Es fehlte seither eben ein Herr« sagte achselzuckend der Begleiter
    »Ah« unterbrach ihn der Maulwurffänger »da sind wir ja im Balconzimmer
Wir doch die alten Zeiten wieder lebendig werden Wie oft bin ich in diesem
Garten gelustwandelt Wie viele tausend Maulwürfe habe ich auf jenen Feldern
gefangen Lasst mich doch nach so langen Jahren wieder einmal einen Blick auf
all die verwilderten Herrlichkeiten tun Denn dem Gärtner scheint mir haben
der jetzige Herr Pachter und seine Vorgänger nicht viel zugewendet«
    »Von Herzen gern« versetzte der sie herumführende Begleiter »Beliebt es
auf den Balcon zu treten Die Herren folgen uns wohl nach«
    Heinrich nahm den Arm des Begleiters zog ihn mit sich und verstrickte ihn
in ein lebhäftes Gespräch Leberecht und Sloboda blieben allein im Zimmer
zurück Es war dasselbe in welchem Haideröschen den ersten Überfall ihres
Gebieters so kräftig abwehrte Noch war es ganz so meublirt wie damals
Dieselben Tapeten jetzt nur geschwärzt und mit Spinnengeweben überzogen
bedeckten noch immer die Wände
    »Hier ist es« sagte Leberecht indem er gegen einen verborgenen Knopf in
der Tapete heftig drückte Die Wand wich kreischend zurück und öffnete den
Eingang zum anstoßenden Zimmer Ein kaum handbreiter Raum mit Getäfel
verkleidet schied beide Zimmer von einander. Dies Getäfel öffnete ein Druck
nach innen worauf mehrere Fächer sichtbar wurden die offenbar zur Aufbewahrung
von Kostbarkeiten den ehemaligen Besitzern gedient hatten Aus einem der Fächer
in denen jetzt nur Spinnen hausten langte Leberecht ein ansehnliches Volumen
sorgfältig eingepackter Schriften heraus die mit dem wohlbekannten Wappenringe
der Boberstein fünffach versiegelt waren Sloboda sah ihn fragend an
    »Das sind die Documente«
    »Sie sind es«
    »Gott gebe wohlerhalten«
    »Ja das gebe Gott«
    Leberecht schob das Packet in die Brusttasche seines weiten Rockes ließ das
Getäfel wieder in seinen Falz die verborgene Tapetentür in ihre Fugen gleiten
und folgte dem Maulwurffänger auf den Balcon Dieser hielt den Begleiter noch
fest mit Fragen welche Adrian und seine Brüder betrafen um dem Freunde
möglichst viel Zeit zu ungestörtem Suchen zu verschaffen
    »Nun seid Ihr fertig mit Eurer Musterung« sagte er jetzt kurz abbrechend
»Dann könnten wir allenfalls unsern Auftrag für erledigt betrachten denn was
mich betrifft so erspare ich mir ein nochmaliges Beschauen dieser Zimmer Ich
war ehedem darin wie zu Hause«
    Als er in den Blicken Leberechts gelesen hatte dass er glücklich gewesen
sei übermannte den so gemessenen alten Mann eine unglaubliche Unruhe Er musste
gewaltsam an sich halten um den Begleiter nicht zu enttäuschen über den wahren
Zweck ihres Besuches Indes wusste er doch ihren Aufenthalt möglichst abzukürzen
Noch vor Abend verließen die Greise den Zeiselhof und schlugen den Weg nach
Königshain ein
    »Was soll jetzt geschehen« fragte Sloboda als er die belebten von
freudiger Erwartung strahlenden Züge seines alten Freundes gewahrte »Gehen wir
zu den Freunden in Deine Heimat«
    »Vor Gericht Vor Gericht« rief der Maulwurffänger »Jetzt sind wir die
Herren und sie die Knechte«
    Am nächsten Tage früh gegen elf Uhr sahen mehre Bewohner der Stadt Görlitz
drei Männer in weißen Haaren die gewundene Steintreppe am stattlichen Rathause
hinaufsteigen Man wunderte sich über diese Alten in ihrer wunderlichen nirgend
mehr üblichen Tracht und als sie spät am Tage mit feierlicher Miene das
Rathaus wieder verließen wollte man wissen dass sie den Hochweisen ein höchst
wichtiges Staatsgeheimniss wo nicht gar eine Verschwörung entdeckt hätten
 
                                    Fußnoten
1 Diese Angaben beruhen auf Tatsachen
 
                                Viertes Kapitel
                                Die Wahrsagerin
Wind und Regen peitschten die Fenster Ein Postorn schallte durch die kalte
stürmische Octobernacht und rasselnd fuhr die schlecht verwahrte Kalesche über
das holprige stossende Pflaster Leipzigs Die Extrapost hielt vor dem Hotel de
Pologne Diensteifrig stürzte der Oberkellner an den Wagenschlag um ihn zu
öffnen wäre aber beinahe von einem behend herausspringenden Manne kräftiger
Statur umgerannt worden dem ein zweiter jüngerer wo möglich noch ungestümer
folgte Die Fremden begehrten zwei Zimmer befahlen das Gepäck ihnen
nachzubringen und dem Postillon ein tüchtiges Trinkgeld zu geben Dann schritten
sie Arm in Arm dem vorleuchtenden Kellner nach zwei Treppen hinauf und
bezeigten sich mit dem angewiesenen Logis zufrieden Auf die Frage des Kellners
ob die Herren sonst noch etwas zu befehlen hätten bestellte der Aeltere Tee
und später ein Abendbrot wie es zu haben sei
    »Wie erfahren wir nun die Wohnung unserer Sibylle« sagte Aurel zu seinem
jungen Begleiter »Auf gut Glück und so geradezu Wirt oder Kellner nach einer
Kartenschlängerin fragen kann man doch nicht ohne sich lächerlich zu machen
oder für einen Narren gehalten zu werden«
    »Überlassen Sie das mir Herr Kapitän« erwiderte Gilbert »Ein bis zwei
Tage müssen wir uns doch hier verweilen Das ist Zeit genug um die Geheimnisse
dieser Universitäts und Handelsstadt auszukundschaften«
    »Ich werde mich langweilen zum Sterben guter Junge Ich kenne Leipzig und
weiß was es dem Fremden für interessante Seiten zu bieten hat wenn er nicht
Handlungsreisender oder Weinbeflissener ist Und nun gar dieses Wetter Man kann
keinen Fuß aus dem Hause setzen«
    »Es ist ja die Saison Herr Kapitän Da gibt es Koncerte alle Abende Am
Tage laufen wir die Kaffeehäuser und Weinkeller durch oder grüßen die hübschen
Mädchen die in Leipzig alle so verliebte Augen haben«
    »Gilbert«
    »Verzeihung Kapitän Man sagt so und mich dünkt eine Nachrede solcher Art
bringt dem schönen Geschlecht der Stadt keine Schande Mädchen ohne
Liebesblicke ich bitte Sie Kapitän wie soll es ein vernünftiger Mann mit
solchen Geschöpfen aushalten Uns schräg gegenüber im Erker wohnt ein
neugieriges Lockenköpfchen  ich hab es gleich bemerkt Morgen früh bei Zeiten
werd ich der schönen Nachbarin mit Ihrer gütigen Erlaubnis auf Matrosenart
meine Reverenz machen«
    Der Kellner erschien wieder und legte dem Kapitän das Fremdenbuch zur
Einzeichnung seines Namens vor Aurel machte die Förmlichkeit kurz ab und
verlangte nochmals den Tee
    »Kapitän am Stein nebst Pflegesohn« las der Kellner mit einiger
Verwunderung »Vermutlich ein schiffbrüchiger Kapitän der sich aufs Festland
geflüchtet hat um daselbst auszuruhen und bessere Zeiten abzuwarten«
    Eine Stunde später wusste die gesammte Dienerschaft im Hotel dass ein
Seekapitän aus Hamburg angekommen sei und auf seinem Zimmer Tee trinke stark
wie Braunbier Da er auch das Abendessen auf dem Zimmer zu servieren befahl und
mit den Kellnern gar nicht sprach wurde er stillschweigend entnationalsiirt und
zu einem Engländer verwandelt
    Am andern Morgen war das Wetter etwas erträglicher Die Sonne schien ab und
zu durch fliegende Wolken und gestattete wenigstens einige Spaziergänge Aurel
verbrachte den Tag ziemlich nach Gilberts Vorschlag und dieser knüpfte nicht
bloß mit seinem hübschen Gegenüber durch Gruß und Blick eine oberflächliche
Bekanntschaft an die zwar nicht geradezu erwidert aber doch bemerkt und nicht
unfreundlich aufgenommen wurde sondern wusste auch so geschickt zu manövriren
dass er bereits um die Mittagsstunde sich für wohlunterrichtet halten durfte
Aurel schloss von der Heiterkeit des Jünglings auf die guten Nachrichten
desselben und eilte davon Kenntnis zu erlangen
    »Bist Du im Klaren« fragte er nach Tische bei Kaffee und Zigarre
    »Ich kenne das Fahrwasser aber nicht den Curs«
    »Wie das«
    »Weil sich drei ehemalige Grazien damit abgeben dem Neugierigen aus Hand
und Karte die Zukunft zu enthüllen«
    »Verdammt Und wer steuert uns«
    »Ich habe schon einen Lootsen gefunden der mir zuverlässig scheint Es ist
ein alter ve rschmjetzter kupfriger Lohnbedienter eingeweiht in alle
Heimlichkeiten und heimisch auf jedem verbotenen Wege Dieser Mentor hat mir
versprochen uns gegen doppelte Bezahlung zu der jetzt berühmtesten und
namentlich bei den Damen in größtem Ansehen stehenden Sibylle zu geleiten Bei
nur einigermaßen glücklichem Winde müssen wir in den rechten Port kommen wenn
der Musiker in der Mohrentaverne uns nichts aufgeheftet hat«
    Aurel lobte die Vorkehrung Gilberts und schrieb während des Nachmittags um
nur die Zeit hinzubringen mehrere Briefe So kam der Abend heran der minder
regnerisch zu werden versprach Um sieben Uhr meldete Gilbert dass der
Geleitsmann ihrer harre Aurel schob sogleich Alles bei Seite warf seinen
Mantel um und verließ von Gilbert und dem Lohndiener begleitet das Hotel
    Dieser führte die Fremden zum Peterstore hinaus über den Rossplatz nach der
Johanisvorstadt dem Stadtteil wo der ärmere Teil der Bevölkerung Leipzigs
wohnt Durch schmuzzige finstere Gassen von kleinen schlecht gebauten Häusern
gebildet schritten Aurel und Gilbert dem Führer nach bis an das äußerste Ende
der Stadt Ein paar zweistockige Häuser schlossen hier die schmale Gasse die
ungeachtet des scharf wehenden Windes von übelriechender Luft erfüllt war
welche selbst bis in das Innerste der Häuser drang In einem dieser Häuser war
eine Schenkwirtschaft Man hörte es an dem Durcheinander der vielen laut
sprechenden Männerstimmen Das zweite etwas sauberer aussehende Haus schien
unbewohnt zu sein Die Tür war verschlossen an keinem der kleinen Fenster
schimmerte Licht Der Lohndiener wusste jedoch Bescheid Er bat die Fremden etwas
zurückzutreten und sich ruhig zu verhalten Dann hustete er leise und schnalzte
dreimal mit der Zunge indem er zugleich an der Tür klinkte Bald darauf
erschien hinter schneeweißen Vorhängen ein wanderndes Licht im ersten Stock Man
hörte klappernde Pantoffeln ein Schlüssel klirrte im Schloss und die Tür ward
geöffnet
    »Ein gutes Zeichen« flüsterte Gilbert dem Kapitän zu als er das rosige
Gesicht eines jungen Mädchens an dem Spalt der behutsam geöffneten Tür
gewahrte »Die Weiber haben uns bisher immer Glück gebracht es wird uns auch
heute nicht fehlen mögen sie uns nun Gutes oder Böses prophezeihen Ha der
alte Schelm unterhandelt mit der niedlichen Kleinen Wär ich doch an seiner
Stelle Ich wollte das plappernde Mündchen so geschickt küssen wie Tysbe ihren
Pyramus durch den Spalt in der Mauer«
    Aurel stand auf Kohlen denn die Unterhandlung dauerte etwas lange und ward
äußerst bedächtig und förmlich geführt
    »Es sind Fremde zuverlässsge und vornehme Leute« sagte der Lohnbediente
»Ein Kapitän aus Hamburg wie ich im Fremdenbuch gelesen habe«
    »Und sein Begleiter« fragte blinzelnd das Mädchen mit gebogener Hand das
flackernde Licht gegen den Luftzug schützend »Sie wissen dass meine Herrschaft
immer nur eine Person auf einmal vorlässt«
    »Die beiden Herrn sind so gut wie nur eine Person  der Vater mit seinem
Pflegesohn«
    »Wollen Beide ihre Zukunft wissen«
    »Was kümmert das Dich kleiner Schabernack Mach auf die Herren haben Eile
Morgen bei Zeiten wollen Sie abreisen«
    »Sie werden schon warten wenn ihnen an der Klugheit meiner Herrschaft so
viel gelegen ist Noch zwei Minuten Geduld«
    Rasch klirrte ein Kettchen hinter der Tür das Mädchen verschwand
klapperte die Treppe hinauf und ging denselben Weg den sie gekommen war wieder
zurück
    Aurel ward ungeduldig »Ihre Prophetin scheint sehr launenhafter Natur zu
sein« sagte er zu dem Lohndiener »Wenn die Verhandlungen in gleicher Weise
fortgesetzt werden kommt Mitternacht heran ehe wir die Orakelsprüche der
klugen Frau vernommen haben«
    Der Lohndiener zuckte die Achseln »Wunderliche Leute wollen apart behandelt
sein« versetzte er trocken »Man muss sich ihrem Willen unbedingt unterwerfen
oder erfährt gar nichts Alles Bitten und Drängen bleibt fruchtlos Doch da
kommt die klappernde Vermittlerin ja schon wieder zurück Jetzt meine Herren
dürfen Sie sich gratuliren Sie werden beide angenommen und können wenn Sie es
wünschen die Enthüllungen Ihrer Zukunft gemeinschaftlich vernehmen«
    Das Kettchen ward jetzt abgenommen und die Tür weit geöffnet Aurel und
Gilbert nebst dem Lohndiener traten ein worauf das Mädchen die Tür wieder fest
verschloss und verriegelte Gilbert konnte sich nicht versagen die hübsche
Pförtnerin deren Füßchen in plumpen Holzpantoffeln steckten zu mustern Sie
war in der Tat frisch wie eine Pfirsiche vollbusig und von starken Hüften
Dies reizte den kecken Matrosen und eh es sich die niedliche Dienerin versah
hatte er sie umschlungen und ihr einen Kuss geraubt Eben so schnell fühlte er
aber auch ihr nichts weniger als sanftes Händchen auf seiner Backe
    »Dank mein süßes Schäfchen« lachte Gilbert der errötenden Pförtnerin in
die munteren braunen Augen »Mit dem Anfange wäre ich zufrieden Treffen mich
nicht härtere Schläge in meinem Leben so will ich es ein von seltenem Glück
getragenes nennen Pflegst Du für so vortrefflich geratene Maulschellen
Bezahlung anzunehmen«
    Aurel gebot dem Schwätzer mit zornigem Blick Schweigen Der Lohndiener
schon bekannt mit der Einrichtung in diesem Hause war zur Seite in ein
Nebenstübchen getreten um die Rückkehr der Fremden abzuwarten Das Mädchen ging
schmollend vorauf unterließ aber trotz dem nicht verstohlene funkelnde Blicke
auf den dreisten Burschen mit dem gebräunten Gesicht und den nachtschwarzen
Augen zu werfen
    Über einen gewundenen Gang der unter ihren Tritten knisterte und
schwankte kamen sie in ein freundliches Hintergebäude das neueren Ursprungs zu
sein schien Die saubere Einrichtung und die glänzende Reinlichkeit zeigte dass
es Frauen bewohnten Die kleinen Zimmer dufteten von mildem Arom und deuteten
nichts weniger als eine dürftige oder unbehagliche Existenz an
    »Belieben die Herren einen Augenblick zu verziehen« sagte die hübsche
Pförtnerin in Holzpantoffeln »Madame wird sogleich erscheinen«
    Sie zündete drei Lichter auf blank gescheuerten zinnernen Leuchtern an und
ließ die Fremden allein
    »Mässige Dich Gilbert« ermahnte Aurel den Jüngling »Du kannst mit Deinem
verliebten Ungestüm das Ziel meiner ganzen Reise verrücken«
    »Warum stellt mir der Versucher so apetitliche Mädchen in den Weg
Aufbrechende Rosenknospen muss ich brechen es juckt mich in den Fingern und auf
Matrosenehre Kapitän Sie würden mir treulich Gesellschaft leisten wenn Ihre
Gedanken nicht gerade so angestrengt auf Über oder Unterirdisches gerichtet
wären«
    »Mag sein mag sein« versetzte Aurel zerstreut und seufzend »Wenigstens
liegt mir die Erforschung der Vergangenheit mehr am Herzen die unklare jedem
Sterblichen verhüllte Zukunft«
    Es rauschte hinter der Tür des Nebenzimmers sie drehte sich klanglos in
den Angeln und eine mittelgrosse Frauengestalt von Kopf zu Fuß in aschgraue
Zeuge gehüllt stand auf der Schwelle Die Matrone hielt in der linken Hand eine
kleine silberne Lampe von feiner Arbeit aus deren flacher Höhlung ein spitzes
blaues Flämmchen brannte Die Rechte umschloss ein vollzähliges Spiel deutscher
Karten
    Den Gruß der Fremden erwiderte sie durch mehrere tiefe Verbeugungen die
wunderlich und fast gespenstisch anzusehen waren Noch immer ohne zu sprechen
schritt sie dann fest und mit gezwungener Feierlichkeit auf den Tisch zu winkte
den Fremden nieder zu sitzen und nahm selbst Platz auf einfachem Sessel Die
Lampe vor sich hinstellend und das Spiel Karten daneben legend erhob sie den
Blick um die Fremden genau zu betrachten
    Auf diesen Moment hatte Aurel mit Ungeduld gewartet Seine scharfen Blicke
begegneten denen der Wahrsagerin und rangen gleichsam sekundenlang mit einander.
Aurel kannte die Matrone so wenig wie diese ihn Seine Hoffnung schwand sogar
sehr bedeutend als er in ein kleines abgemagertes faltenreiches Gesicht sah
das nicht gerade hässlich war und in frühern Jahren wohl auch einmal hübsch
gewesen sein mochte das aber unmöglich jener Herta angehören konnte die er
suchte und hier zu finden wünschte Graue Haare legten sich in dünnen Scheiteln
um die kleine zusammengefasste Stirn der Wahrsagerin
    »Sie wünschen die Zukunft zu befragen« sagte das Mütterchen zu den Fremden
»Wenn Sie nicht aus bloßer Neugierde sondern aus innerstem Drange des Herzens
und mit gläubigem Gemüt zu mir kommen dürfen Sie hoffen die reine Wahrheit zu
hören«
    Aurel bat durch eine Handbewegung dass sie fortfahren möge
    »Ziehen Sie es vor dass ich die Flamme oder die Karte befrage«
    »Ganz nach Belieben Madame« entgegnete Aurel »Ich bin nicht bewandert in
den Geheimnissen Ihrer Kunst oder Wissenschaft«
    »Die Flamme erheischt lange Zeit und große Geduld Sie scheinen mir
lebhaften Temperaments und da ich eine Unterbrechung meiner Fragen befürchten
muss was traurige Folgen für Sie haben könnte so erlaube ich mir mit Ihrer
Zustimmung die Karte vorzuziehen«
    Aurel neigte billigend den Kopf und die Wahrsagerin ließ die Lampe sogleich
verlöschen was so schnell und geheimnisvoll geschah dass Gilbert darüber
erstaunte und den Kapitän verwundert ansah Sie mischte hierauf das Spiel
Karten richtete verschiedene Fragen an Aurel  in welchem Monat er geboren sei
Ob verheiratet oder ledig An welchem Tage er seine letzte Reise angetreten
habe usw Gleichgiltig doch wahrheitgetreu gab Aurel darauf Antwort Die
Wahrsagerin legte nun die Karten in Form einer strahlenden Sonne vor sich hin
anfangs der Reihe nach die einzelnen Blätter abhebend Später gab sie manchem
eine andere Stelle so dass die Form der Sonne oder des Sterns sich vielfach
veränderte und bald einen Strahlenkreis ohne Kern bald einen festen Körper in
fast eirunder Form ohne Strahlen bildete Während dieses Hin und
Wiederschiebens der Kartenblätter sprach sie immerfort lächelte jetzt und
schüttelte dann wieder mürrisch den Kopf Zuweilen tupfte sie auch mit ihrem
dürren weißen Zeigefinger auf eines der Blätter oder drohte ihm mit freundlicher
Miene Endlich entglitt das letzte Blatt ihrer Hand Sie erhob sich vom Sessel
und schob die drei Lichter näher an einander Aurel stand ebenfalls auf und
beugte sich beide Hände auf den Tisch stützend über das wunderlich gestaltete
Kartenbild das seines Lebens Zukunft enthalten sollte Obwohl er nicht im
Geringsten an Wahrsagerei glaubte ward ihm doch ganz eigen zu Mute Mit
gespanntester Aufmerksamkeit folgte er dem lesenden Auge der Wahrsagerin
lauschte er den seltsamen Orakelsprüchen die in lauter zusammenhangslosen
Satzfragmenten ihrem Munde entglitten
    Unser Freund würde sehr unbefriedigt davon gegangen sein hätte nicht
seltsamerweise die Sibylle durch einen unerklärlichen Zufall Alles was ihm in
jüngster Zeit Auffallendes begegnet war aus den Karten gelesen und mit
unerschütterlicher Seelenruhe ihm mitgeteilt Dies machte ihn stutzig er
glaubte sich erkannt verraten und ohne das Ende der Prophezeiung abzuwarten
rief er mit lauter Stimme der Wahrsagerin zu
    »Weib wer bist Du dass Du mein vergangenes Denken weißt«
    In seiner Aufregung rüttelte er so heftig am Tische dass die Karten
ordnungslos durch einanderfielen und die ganze so künstlich zusammengefügte
Figur zerstört ward
    Die Wahrsagerin richtete sich auf und ließ prüfender als im Anfange ihre
Blicke über den Kapitän gleiten Sie bemerkte den goldenen Reif am kleinen
Finger seiner linken Hand den Aurel jetzt völlig vergessen hatte Zitternd mit
offenem Munde starrte sie den Fremden an und sank dann laut aufschreiend in den
Lehnsessel
    »Jesus er ist es« rief sie aus »Nur er allein konnt ihn haben«
    »Herta« lispelte im tiefsten Innern erschüttert und von geheimnisvollen
Schauern erfasst der Kapitän »Herta so sind Sie es wirklich Man hat mich nicht
hintergangen«
    »Herta« erwiderte die Wahrsagerin »Nein nein ich bin nicht Herta«
    Und sie machte eine Bewegung des En tsetzens als wolle sie Aurel mit Gewalt
von sich abwehren
    »Nicht Herta Und Sie glauben mich doch zu kennen«
    »Wer ruft den Namen einer längst verschollenen Unglücklichen« ließ sich
jetzt aus der Tiefe des Zimmers eine sanfte Frauenstimme vernehmen »Es muss
etwas Ungewöhnliches vorgehen wo dieser traurige Name unter Lebenden genannt
wird«
    Aurel wandte sich um Eine Frau in schwarzer Tracht ohne Prunk aber rein
und geschmackvoll gekleidet stand auf der Schwelle derselben Tür durch welche
die Wahrsagerin eingetreten war Ein brennendes Licht schwankte in ihrer
zitternden Hand die blütenweisse Spizzenmanschetten zur Hälfte überdeckten
Weder Jahre noch Trübsal noch Kummer und Elend hatten die ursprüngliche
Schönheit dieser erhabenen Züge gänzlich verwischen können Der Adel einer
reinen großen Seele verklärte noch immer diese schön geformte Stirn und glänzte
in dem milden versöhnenden Licht des braunen Auges Ein schmerzliches Lächeln
auf den bleichen Lippen schritt sie fest auf die seltsame Gruppe zu die von der
magischen Gewalt eines Zaubers erfasst zu sein schien Indem sie das Licht ein
wenig erhob so dass der volle Schein der Flamme auf die beiden Fremden fiel
wiederholte sie nochmals mit eigentümlicher Weichheit des Tones die Frage
    »Wer nannte Herta Wer sucht sie Hier ist was von ihr übrig geblieben«
    Aurel kehrte ihr das Gesicht zu Das Unerwartete des vorhergegangenen
Auftritts die neue Unterbrechung die gewaltige Spannung seines ganzen Wesens
die ihn gefangen hielt gaben seinen Zügen einen so fest ausgeprägten Charakter
dass die Ähnlichkeit mit seinem Vater schärfer hervortrat als in der
gleichmäßigen Ruhe des alltäglichen Lebens So traf ihn Hertas Auge  Das Licht
entfiel ihrer Hand sie selbst drohte umzusinken Mit kräftigen Arm umfing
Gilbert die bebende Frau
    »Es ist sein Sohn« lallte sie ohnmächtig »Wie er ihm gleicht dem
Entsetzlichen  «
    Wir vermessen uns nicht die Empfindungen beschreiben zu wollen die nach
dieser Erkennungsscene die Herzen der Beteiligten bestürmten Herta bedurfte
einer geraumen Zeit ehe sie vollkommen ihre Fassung wieder erlangte Emma
sonst ihre Zofe jetzt Wahrsagerin aus Not um den mehr als kargen Verdienst
welchen beide gerettete Frauen durch den Fleiß ihrer Hände sich erschwangen zu
mehren überfiel dem Fremden gegenüber ein Gefühl der Scham das sie
beängstigte Aurel war glücklich und betrübt zugleich glücklich weil er eine
ihm teure Verwandte wiedergefunden hatte und sie einer Lage entziehen konnte
die ihrer Geburt ihrer geistigen und gesellschaftlichen Bildung unwürdig war
betrübt weil es ihn schmerzte dem eignen Vater grollen zu müssen der so viele
und schwere Vergehungen auf sich geladen und seinen Nachkommen einen befleckten
mit Verachtung oder Ingrimm genannten Namen hinterlassen hatte
    Diese Entdeckung dies Wiederfinden hatte der kleine goldene Siegelring
bewirkt Aurel konnte nicht mehr von ihm lassen Er war ihm ein Talisman ein
wunderkräftiges Amulet geworden
    Mit dieser Überzeugung saß er jetzt neben Herta und führte wiederholt die
zwar magere aber noch immer schöne Hand seiner Tante an die Lippen
    »O könnte ich es ungeschehen machen all das Unglück das man Ihnen zugefügt
hat« rief er bewegt aus »Könnte ich diesen gebleichten Locken den Glanz der
Jugend diesem schmerz und ergebungsvoll blickenden Auge den freudigen Strahl
wiedergeben der aus der Tiefe einer ungetrübten Seele blitzt Dass ich es nicht
vermag teure Tante das macht mich unglücklich O mein Vater Mein Vater«
    Herta war in Gesinnung und Wesen fast unverändert geblieben Milde
Versöhnung den Glauben an Verallgemeinerung eines sittlichen Fortschrittes im
Volk hatte sie festgehalten selbst in tiefster Erniedrigung Die Armut hatte
ihr zartfühlendes Herz wohl durch die Qual der Not zerfleischen können die sie
begleitete ihre schmutzigen Schlacken die sich schuppenartig fest zu setzen
pflegen an den ihr verfallenen Öpfern und es durch einen Panzer von Gemeinheit
abschließen von der übrigen Welt diese hatten sie nie berührt Was sie
erduldet das sah sie für eine Schickung an für ein zur Fortentwickelung des
Weltbildungsgangs Notwendiges zu dessen Werkzeuge sie Gott ausersehen hatte
Diese allerdings mehr fatalistische als christliche Weltansicht trug Herta stets
über alle unreinen Tiefen und wüsten Abgründe des Lebens hinweg und ließ sie mit
den Jahren eine Ruhe und geistige Besonnenheit gewinnen die für sie ein hoher
Ersatz des jubelnden phantastischen Glücks war in dem als Mädchen ihre Seele
aufjauchzte Herta war nicht glücklich aber zufrieden geworden Sie hatte ihr
Herz eben so gut zu beschränken gewusst wie ihre Bedürfnisse und dies allein
rettete sie vor geistigem und leiblichem Untergange
    Aurel bestand in seiner Aufregung eine Zeit lang darauf dass Herta sogleich
ihren Versteck verlassen und ihm ins Hotel folgen sollte Es kostete Mühe dem
hartnäckigen Mann das Unpassende dieses Vorschlages begreiflich zu machen
Endlich aber sah er es doch ein und gab ihn auf
    »Nun gut denn so bleiben Sie« sagte er lebhaft »Nur verbieten Sie dieser
dämonischen Sibylle fernerhin ihre Orakelsprüche Ich könnte mich sonst in die
unangenehme Notwendigkeit versetzt sehen ihre von äußerer Not dictirten
Betrügereien aufdecken zu müssen Wer gläubigen Herzens ihren Aussagen lauscht
dem können sie verhängnisvoll werden fürs ganze Leben Es ist Sünde Frevel mit
dem Geheimnis zu spielen Oft rächt es sich fürchterlich«
    »Ich verspreche Ihnen Herr Kapitän dass Emma ihre Kunst zu unserm Glück an
Ihnen zum letzten Male erprobt haben soll«
    »Versprechen Sie mir auch teure Tante dass Sie mich nicht mehr verlassen
dass Sie zurückkehren wollen in die Welt in den Schoos der Familie deren
edelstes Glied Sie sind«
    »Darüber will ich mit Gott der mein Schicksal bisher gelenkt hat zu Rate
gehen«
    »O Gott ist barmherzig und gerecht Sie werden mir folgen«
    »Ich möchte es gern weil Sie so gut so großmütig sind«
    »Werden Sie auch dann noch mich für großmütig halten wenn ich Sie bitte
mich einen Blick in Ihr Leben tun zu lassen Dieser Zauberring fordert dazu
auf«
    »Um ihn einzulösen will ich der Zeit gedenken wo ich ihn von mir gab«
    »Dann gute Nacht teure Herta«
    Aurel küsste der Wiedergefundenen nochmals die Hand und winkte Emma die
nicht zu reden vermochte einen Gruß zu Gilbert verbeugte sich mit tiefer
Ehrfurcht vor der würdevollen vornehmen Matrone
    Das Mädchen das sie mit ihren klappernden Holzpantoffeln wieder bis an die
Haustür geleitete sah schelmisch lächelnd in das sehr ernsthafte Gesicht
Gilberts
    »Ist die Liebste untreu geworden« flüsterte sie ihm zu »Das hat man davon
wenn man ehrbare Mädchen zur Unzeit küsst«
    Sie blies das Licht aus und schob die Fremden mit samt dem murrenden
Lohndiener hastig aus der Tür die hinter ihnen sogleich wieder fest verriegelt
ward
 
                                Fünftes Kapitel
                                 Weiße Sklaven
Zu ungewöhnlich früher Stunde wurde Graf Adrian von seinem Kammerdiener aus dem
Schlafe geweckt Der arme Mensch sah bleich und verstört aus Der doppelarmige
Leuchter mit den Wachskerzen schwankte in seiner Hand
    Adrian erhob sich langsam aus den weichen üppigen Pfühlen und warf ihm einen
funkelnden Zornesblick zu
    »Gnädigster Herr Verzeihung« stotterte der Kammerdiener »Herr Vollbrecht
sendet mich«
    »Um mir sagen zu lassen dass er den Verstand verloren hat Daran habe ich
schon lange nicht mehr gezweifelt«
    »Um Vergebung gnädigster Herr «
    »Ich will nichts hören Zur Geschäftsstunde bin ich Jedermann der sich mit
Anstand naht zugänglich«
    Adrian hüllte sich wieder in die seidene Decke und kehrte dem bestürzten
Kammerdiener den Rücken zu
    »Mein Gott was nun anfangen« murmelte dieser ganz verzweifelt »Erfährt er
das Unglück erst später so jagt er uns Alle aus dem Hause«
    »Du sprichst von Unglück« rief Adrian indem er jäh auffuhr von seinem
Lager »Wo und wem ist ein Unglück widerfahren«
    »Eben deshalb schickt mich Herr Vollbrecht vor Tagesanbruch zu Ew Gnaden«
entgegnete der Kammerdiener mit geläufiger Zunge »Die Spinner in der Fabrik
haben die Arbeit eingestellt und sich auf dem großen Hofe in Rotten geordnet
Alles Zureden des Herrn Vollbrecht konnte sie nicht andern Sinnes machen«
    Diese Nachricht kam Adrian so unerwartet dass er auf der Stelle sein Lager
verließ und das Morgenkleid überwarf
    »Wann hat diese Unordnung begonnen« fragte er ruhig
    »Darüber wird Herr Vollbrecht Ew Gnaden die erwünschte Auskunft geben
können« sagte der Kammerdiener indem er sich zurückzog und dem ersten
Buchhalter den Vortritt gestattete
    »Sie sind von dem Vorgefallenen unterrichtet Herr am Stein« fragte
Vollbrecht
    »Was fällt den Unsinnigen ein« fuhr der Graf auf »Wollten sie aus meinen
Diensten gehen so konnten sie dies in aller Ruhe tun mir gesetzlich
aufkündigen und anderwärts ein Unterkommen suchen Dieses Einstellen der Arbeit
aber nimmt die Miene eines Aufstandes an Man wird sie zwingen und züchtigen
müssen«
    »Diese Widersetzlichkeit Herr am Stein kann Sie nicht überraschen«
versetzte Vollbrecht »Ich habe Sie wie es meine Pflicht war genau von der
überhand nehmenden unzufriedenen Stimmung unterrichtet die seit Ihrer letzten
Lohnherabsetzung den Ältesten wie den Jüngsten Ihrer Arbeiter ergriffen hat
Sie lachten meiner Warnungen erklärten die getroffenen Maßregeln für
unumgänglich nötig und verboten mir sogar diese Angelegenheit je wieder in
Ihrer Gegenwart zu berühren  Ich erlaubte mir Ihren Befehlen entgegen zu
handeln Ihren Zorn auf mich zu laden Sie lachten mich aus Herr am Stein Ich
flehe Sie inständigst an wenigstens jetzt nicht mehr jene Verfahrungsart
beizubehalten die notwendig Ihre persönliche Sicherheit gefährden muss«
    »Nun ich will mich einmal tüchtig von Ihnen schulmeistern lassen lieber
Vollbrecht« erwiderte mit spöttischer Miene Adrian »Reden Sie was
beabsichtigt dies hungrige Lumpengesindel«
    Der Graf warf sich in einen mit violettem Samt ausgeschlagenen großen
Fauteuil der neben seinem Bett stand und lehnte den Kopf mit geschlossenen
Augen aus das warme nachgebende Polster
    »Wenn dies Lumpengesindel wie Sie Ihre Arbeiter zu nennen belieben
wirklich hungrig ist« entgegnete Vollbrecht »so vermute ich dass es Brod von
Ihnen verlangen wird Es wäre dies wenigstens sehr folgerecht Indes weiß ich
nicht wohin Ihr Streben geht Meine Beobachtungen haben mir nur gesagt dass
seit der großen Lohnverkürzung sämtliche Arbeiter eine trostlose
herzzerreissende Niedergeschlagenheit ergriffen hat der sich bei Einzelnen ein
tiefer Unmut beigesellte Mir schien es als habe der letztere zum Teil einen
andern Grund Die Arbeiter sprechen zuweilen wenn sie sich unbeobachtet
glauben von unbekannten Verwandten des gnädigen Herrn die  Ansprüche auf den
Mitbesitz des gräflich Magnusschen Nachlasses haben sollen«
    Adrian riss die Augen weit auf ohne seine halbliegende bequeme Stellung zu
verändern
    »Davon sprechen meine Arbeiter« sagte er mit bittersüssem Lächeln »Hm
daraus sehe ich dass meine bäurischen Freunde die ich vor ein paar Wochen etwas
kühl entließ ihre Drohungen wahr zu machen suchen Was weiter Herr
Vollbrecht«
    »Ich muss im Voraus Ihre Verzeihung beanspruchen« nahm der erste Buchhalter
abermals das Wort »wenn ich mit einer zweiten Mitteilung die ich Ihnen nicht
verheimlichen darf Ihr Ehrgefühl beleidigen sollte«
    »Mein Ehrgefühl Ich wüsste nicht wie Sie dazu kommen sollten Herr
Vollbrecht das Ehrgefühl des ältesten Grafen von Boberstein beleidigen zu
können«
    »Verzeihung Herr Graf Gerüchte sind tausendzüngig und meine Kraft ist zu
schwach um müßigen Schwätzern die Zunge zu binden«
    »Man spricht also  Bitte vollenden Sie Ihre Geschichten unterhalten
mich«
    »Man spricht von einem verstossenen Bruder Herr am Stein von einem älteren
natürlichen Sohne des hochseligen Grafen Magnus «
    »Man ist ein Schurke wenn man so spricht« rief Adrian mit bebenden Lippen
»Ich will den nichtswürdigen Buben wissen der solche Schmach auf meinen Namen
zu häufen sich erdreistet Wer ist es«
    Vollbrecht schwieg einige Augenblicke Ein summendes dumpfes Geräusch als
ob ferner Donner in Gebirgsschluchten verhallte ward hörbar Graf Adrian erhob
sich und trat ans Fenster Grauer Nebel lag auf den Wellen des Sees der vom
Winde bewegt in gleichmäßigen Pausen gegen das Ufer brandete Das summende
Geräusch wiederholte sich lauter anhaltender näher
    »Was bedeutet das Vollbrecht«
    »Es ist die Stimme des nichtswürdigen Buben der an das erwähnte Gerücht
glaubt Es sind Ihre Arbeiter Herr am Stein«
    »Und was wollen sie diese Elenden« zürnte in ohnmächtiger Wut der stolze
Graf und Fabrikherr
    »Von ihrem Willen bin ich nicht genau unterrichtet Herr am Stein Ich komme
nicht als ihr Abgesandter sondern als ein Vorbote um Sie pflichtschuldigst auf
das Nächstfolgende aufmerksam zu machen Ohne Zweifel haben die armen Menschen
die wirklich von ihrem Verdienst nicht mehr leben können einen Entschluss gefasst
und bereiten sich jetzt vor Sie Herr am Stein persönlich mit demselben
bekannt zu machen«
    Adrian biss sich die Lippen blutig vor Grimm aber er schwieg Unverwandt
starrte sein Auge auf den mit schweren Nebelwolken bedeckten See während sein
Herz vor einer Wiederholung des wüsten Geschreis zitterte das aus den heisern
Kehlen eines von ihm wahrhaft verachteten Menschenhaufens kam Dies Geschrei
wiederholte sich in der Tat und jetzt zwar so nahe dass an der Ankunft der
aufsätzigen Arbeiter nicht mehr zu zweifeln war Erbleichend sah Adrian gleich
darauf mehrere dunkle Gestalten wie Schatten durch den Nebel wanken und von
allen Seiten das Haus umringen Ehe er sich besinnen konnte war er der
Gefangene seiner missachteten gedrückten mit Füßen getretenen Spinner Es
geschahen unter lebhaftem Murren heftige Schläge an die Tür
    »Wünschen Sie die Abgesandten der Arbeiter in Ihrem Schlafzimmer zu
empfangen« fragte Vollbrecht »oder befehlen Sie dass man sie abweisen soll
Ich bin bereit Ihre Befehle zu überbringen«
    »Vollbrecht Vollbrecht wo Sie mich hintergehen« rief Adrian drohend »Wo
Sie mit diesem Gesindel gegen mich conspiriren  Meine Rache würde fürchterlich
sein«
    »Gnädiger Herr« entgegnete der Buchhalter »ich bin durchaus nicht Partei
in dieser unerfreulichen Angelegenheit In Ihren Diensten habe ich nur Ihre
Befehle zu vollziehen Dieser Pflicht glaube ich bisher zu Ihrer Zufriedenheit
genügt zu haben Als Arbeiter obschon in anderem Fache und unter andern
Verhältnissen betrachte ich mich gleichermassen als ein Bruder und Gefährte
Ihrer Spinner und war als solcher immerdar bemüht das nicht sehr
beneidenswerte Loos dieser Unglücklichen möglichst erträglich zu machen Nur
aus diesem Grunde sprach ich zuweilen für sie und widerriet Anordnungen welche
Sie, Herr am Stein im Interesse Ihres persönlichen Vorteils für nötig
hielten  Von dieser meiner Gesinnung sind die Arbeiter unterrichtet denn ich
machte nie ein Hehl daraus um ihretwillen bin ich von ihnen geachtet
vielleicht geliebt und weil ich als parteiloser aber milder Vermittler
zwischen inne stehe nicht rechts nicht links sehend sondern den graden Weg
meiner Überzeugung gehend darum glaube ich Ihnen Herr am Stein in diesem
wichtigen Augenblicke sogar von Nutzen sein zu können Was Sie auch befehlen
mögen aus meinem Munde werden die Arbeiter Ihren Entschluss ruhiger aufnehmen
als wenn Sie selbst ein hartes Wort zu ihnen sagten«
    Es ward von Neuem lauter und ungestümer an die Tür gepocht Hin und wieder
aus dem schmutzigen Nebel gellte ein grelles Pfeifen oder ward unter Schimpfen
eine wilde Drohung laut
    »Ich muss um schleunigste Entscheidung bitten gnädiger Herr« sagte
Vollbrecht mit Nachdruck »Die Leute werden ungeduldig«
    »Nun gut ich will die Rädelsführer sprechen« versetzte Adrian düster
»Gehen Sie Vollbrecht führen Sie die Lautesten ins Speisezimmer und bedeuten
den Tross dass er sich ruhig verhalten soll Ich will mir mit ihren Beschwerden
die Ohren vollschreien lassen um zu hören wie der Pöbel die Worte setzt wenn
er Bittschriften überreicht«
    Während Vollbrecht den erwählten Sprechern der Spinner die Tür öffnete
kleidete sich Adrian mit Hilfe seines Kammerdieners an und ging in den
Speisesaal Dieser Saal lag zu ebener Erde und war nicht sehr groß aber mit
fürstlichem Luxus möblirt Seidene Tapeten aus Lyon kunstvoll gewebt und von
einem prächtigen Karmoisin bekleideten die Wände Lehnstühle und Sophas in
verschiedenen Formen mit entsprechendem Samt überzogen standen in reicher
Auswahl um den länglich runden Speisetisch von massivem Mahagony Hohe breite
Spiegel in Mahagonyrahmen mit Rosenholz ausgelegt waren zwischen den Fenstern
angebracht Ein erst kürzlich fertig gewordener Kamin von reinstem Alabaster
auf dessen Sims marmorne Statuen und große antike Vasen mit duftendem
Blumenstaub gestellt waren schmückte die südliche Ecke dieses luxuriösen
Zimmers Ein dicker echt persischer Teppich den Adrians jüngster Bruder vor
einigen Monaten in England gekauft hatte bedeckte den kunstreich getäfelten
Fußboden
    Adrian hatte am Ahend des vergangenen Tages einige Gäste bewirtet Es war
sein Geburtstag gewesen und diesen pflegte er in Gesellschaft Gleichdenkender
festlich zu begehen Er hatte deshalb auch ein lucullisches Mahl bereiten
lassen Überreste desselben standen durch Nachlässigkeit der Dienerschaft die
an solchem Freudentage unbeaufsichtigt geblieben und hinsichtlich des Genusses
dem guten Beispiel des Gebieters schuldigst nachgefolgt war noch jetzt im
grauen Schein des kalten Novembermorgens auf der Tafel Halbgeleerte
Champagnergläser kastanienlaubgrüne große Römer breite Tummler von Purpurglas
und kleine goldgelbe Henkelkrüge zum Genuss heißer Getränke bestimmt gaben einen
ungefähren Begriff von der schwelgerischen Mahlzeit die man hier eingenommen
hatte Dazwischen blinkten die hohen prächtigen Tafelaufsätze von gediegenem
Silber zum Teil noch Familienerbstücke des alten Grafengeschlechtes die
modernen geschmackvollen Karaffen aus Kristallglas und die hunderterlei
brillanten Kleinigkeiten mit denen man in neuester Zeit eine festliche Tafel
recht glänzend auszuschmücken pflegt
    In dieses von Wein und Speisen noch duftende Zimmer begab sich Adrian um in
dem prächtigsten der rotsammtenen Sessel seine Sklaven zu erwarten Hierher
führte Vollbrecht die darbenden vor Frost und Hunger klappernden Spinner Der
Zufall oder die göttliche Vorsehung hätte keinen passenderen Ort für die
folgende Unterredung wählen können
    Adrian hatte kaum mit einem missbilligenden Blicke auf die noch herrschende
Unordnung im Zimmer seinen Platz eingenommen als Vollbrecht die Flügeltüren
des Saales öffnete und vier bis fünf Männer einließ
    »Herr am Stein will Euch anhören« sprach er zu den frühen Gästen mit seiner
milden herzgewinnenden Freundlichkeit »Klagt ihm Euer Leid entwerft ein Bild
Eurer Not und gewiss Eure Worte werden nicht unbeachtet verklingen«
    Vollbrecht betrat zugleich mit den Arbeitern das Speisezimmer dessen
schimmernde Pracht jetzt nur von einigen wenigen tief herabgebrannten
Wachslichtern welche ein Bedienter in größter Eile angezündet hatte
undeutlich aber desto bezaubernder erleuchtet wurde
    Diese fünf Männer waren Spinner aus der Fabrik Sie gingen in groben
geflickten Beinkleidern von weissgrauer Leinwand trugen Holz oder Lederschuhe
und hatten über das bloße zerrissene Hemd zum Schutz gegen den rauen feuchten
Novembermorgen eine tuchene Jacke gezogen die über der Brust zugeknöpft war bis
an den Hals und die heraushängenden Zipfel eines baumwollenen roten oder blauen
Tuches sehen ließ Ihre Pelzkappen hielten sie in den Händen oder unter den
linken Arm geklemmt
    Anführer dieser verzweifelten Abgesandten einer aufs Äußerste getriebenen
Arbeiterschaar war Martell der Feinspinner
    Eine unwillkürliche Bewegung des Erstaunens ließ die Eintretenden ein paar
Augenblicke stutzen Die ungeahnte Pracht des Zimmers blendete sie verwirrt
schlugen sie die Augen zu Boden Nur Martell ließ seine finsteren blitzenden
Augen über Wand und Boden laufen um all den stolzen Luxus der höhnend ihrer
Not ins bleiche Antlitz lachte mit einem Blick aufzufassen Sein
eingefallenes erdfahles Gesicht färbte sich während dieser Musterung allmälig
immer dunkler bis es in der unsicheren Helle dunckelbraun erschien Verworren
wild in lockigem Geringel hing ihm das rabenschwarze glänzende Haar in Stirn
und Nacken Mit einem tiefen Seufzer der wie ein Todesröcheln klang schlug er
beide Arme über seine breite Brust und trat dem Grafen um einige Schritte näher
    »Herr am Stein« sagte er sanft und fast traurig
    Adrian der bisher getan hatte als sei außer ihm Niemand im Zimmer warf
stolz den Kopf zurück und erwiderte
    »Blos weil Ihr Euch erfrecht habt mich wie Räuber zu überfallen gebe ich
Euch Gehör Macht es kurz Aufrührer damit ich die Schuldigen später zur Strafe
ziehen kann«
    »Wir sind keine Aufrührer Herr am Stein wir sind bloß arme unglückliche
Menschen die vom Elend müde gehetzt ihre letzten Kräfte zusammennehmen um dem
Manne in dessen Hand allein unser kleines irdisches Glück liegt eine Bitte
ans Herz zu legen«
    »Ihr habt eigenmächtig die Arbeit eingestellt habt die Maschinen verlassen
und stundenlang gefaullenzt Ich werde dafür Schadenersatz von Euch fordern vor
Gericht«
    »Fordern dürfen Sie was Ihnen beliebt« entgegnete die Augenbrauen
zusammenziehend Martell »das Geben wird von uns abhängen Wir haben kein Geld
kein Gut wir haben nur Tränen und verzweiflungsvolle Blicke Herr am Stein im
Namen aller Fabrikarbeiter trete ich in Gesellschaft dieser rechtlichen Männer
am frühen Morgen zu Ihnen und flehe flehe Sie aus tiefstem Herzensgrunde an
haben Sie Erbarmen mit Ihren Knechten Wir arbeiten mit unsern Weibern und
Kindern zu Ihrem Wohle und Ruhme Tag und Nacht wir arbeiten gern und willig
aber unser Fleiß unsere Arbeitslust muss erschlaffen wenn es uns aus Mangel an
Nahrung an der erforderlichen Kraft gebricht  Ihr Lohn Herr am Stein wie er
uns seit drei Wochen ausgezahlt wird ist zu gering Wir können dabei nicht mehr
bestehen wir müssen langsam verhungern Darum bitten wir Sie im Namen
Tausender erhöhen Sie ihn wieder und wir Alle werden Sie preisen und auf Händen
tragen«
    Adrian schlug die Beine über einander zog einen der schweren eiselirten
silbernen Armleuchter zu sich heran gab dem Rollstuhle einen Stoß dass er die
Mitte der Tafel erreichte und griff nach einem goldenen Cigarrenetui Dies
öffnend nahm er eine der feinsten Havannacigarren heraus und zündete sie an Nun
erst erwiderte er
    »Es tut mir leid  allein wenn Ihr mir weiter nichts mitzuteilen hattet
bedaure ich dass Ihr Zeit und mithin Geld verloren habt Wer sich bei mir
zurückgesetzt glaubt kann gehen Ich halte ja Niemand zwinge Niemand mir zu
dienen Lieber Gott was will man denn noch Freier bewegt sich auf Gottes
weiter Erde kein König und kein Kaiser wie meine Arbeiter«
    »Dieser Scherz Herr am Stein ist sehr bitter« entgegnete Martell »Obwohl
arm haben wir doch ein Herz das eben so gut und tief fühlt wie das Ihrige
Was Sie Freiheit nennen ist unser aller Joch unter dessen entsetzlicher Last
wir sterben«
    »Das scheint mindestens sehr langsam zu gehen Martell denn an Deinen und
Deiner Genossen Gliedmaßen sehe ich noch keine Todtenflecke«
    Wieder trat die dunkle Röte des schwer verhaltenen Zornes auf Martells
Wangen
    »Ja« sagte er mit Mühe seine Entrüstung bekämpfend »es geht freilich
recht langsam so fürchterlich langsam dass man es mit Fug und Recht eine
ausgesuchte Folterqual nennen kann Wir sterben hundertmal halb ehe sich der
Tod unseres Elendes ganz erbarmt Und Herr am Stein wir haben auch Weiber
haben Kinder Wissen Sie wie diese Schwachen leiden Wie sie die Ohnmacht der
Natur durch Überspannung reizen um für Sie hören Sie für Sie zu arbeiten Es
ist das ein Anblick zum Erbarmen der jedem rechtlichen Vater gar sehr sehr
wehe tut«
    »Gott Lob« entgegnete Adrian der Himmel hat mich mit dem Amt eines
Armenpflegers verschont Wenn ich mich nicht speciell um das Lamento jedes
quakelnden Kindes oder hüstelnden Weibes kümmere so handle ich nur christlich
denn es heißt wie Euch bekannt ist »was Deines Amtes nicht ist da lass Deinen
Fürwitz« Ich will mich solchen Fürwitzes nicht teilhaftig machen sag ich
Euch
    Martell warf seine abgetragene Mütze auf den kostbaren Teppich und stampfte
wütend mit seinen groben nägelbeschlagenen Schuhen darauf
    »Herr am Stein« rief er aus und packte die Platte des mit den Überresten
des schwelgerischen Nachtmahls noch schwer beladenen Tisches »Herr am Stein
Sie verdienten dass man Sie just so behandelte wie ich hier meine elende
Kappe«
    Die schwarzen Augen des Spinners rollten wie glühende Kohlen in ihren
Höhlen jede Muskel seines Körpers bebte jeder Nerv zitterte Er fühlte tausend
Pulse in sich klopfen
    »Es freut mich Martell dass Du so viel Lebensart besitzest Deinen
lächerlichen Verdruss in meiner Gegenwart an einem Kleidungsstück auszulassen
das jedenfalls an solche Behandlung längst gewöhnt ist Komm trink ein Glas
Wasser um Dich abzukühlen Die ungewohnte Untätigkeit macht Dich üppig Hier
auf Dein Wohl auf Deine Rückkehr zur Besonnenheit Ich kredenze es Dir mit
eigener Hand«
    Wirklich füllte Adrian eins der prächtigen Mundgläser von blauem Glas und
reicher Vergoldung auf denen das stolze Wappen der Boberstein prangte mit
abgestandenem Wasser und reichte es lächelnd dem Unglücklichen
    Bei diesem neuen entsetzlichen Hohne ver mochte Martell sich nicht mehr zu
bändigen Ein Faustschlag schleuderte das Glas aus Adrians Hand und warf es in
hundert Stücken auf den Teppich
    »Meine Brüder« rief er sich zu seinen Gefährten wendend »Gott will es
dass wir Hand an ihn legen sollen Er spottet unser Not spotten wir denn seines
Ranges Die Zeit des Bittens ist vorüber erzwingen wir was der Unmensch uns
nicht freiwillig gewährt«
    Martell trat beherzt auf Adrian zu zögernder schlossen sich die vier andern
Spinner ihm an Ehe jedoch Martell den Grafen erreicht hatte war dieser
kaltblütig aufgestanden um den Erbitterten Gereizten zu empfangen Zugleich
trat Vollbrecht zwischen ihn und seine Gefährten
    »Keine Gewalttat meine Lieben ich bitt Euch« sagte der gutmütige
Buchhalter
    »Ich danke Ihnen lieber Vollbrecht« fiel Adrian ein »indes bedarf ich
nicht Ihrer Dazwischenkunft Auf dergleichen Komödienspiel ist man vorbereitet
wenn man mit ungehorsamem Pöbel zu tun hat Sie sehen ich kann diese
remarkable Szene mit einem vortrefflichen Knalleffect endigen«
    Eine doppelläufige Pistole blitzte in der Hand des Grafen Die Hähne
knackten und beide Läufe richteten sich auf die unbeschützte Brust Martells
Gelassen setzte sich der Graf wieder und rauchte ungestört seine Zigarre
    »Wenn es beliebt können wir jetzt die Unterhandlungen mit einiger
Bequemlichkeit fortsetzen« sagte er zu dem wehrlosen Spinner »Wir kennen uns
jetzt und wissen was Jeder von dem Andern zu erwarten hat Sprechen wir uns
also ohne allen Rückhalt offen gegen einander aus Du hast das Wort Martell«
    Diese unerwartete Ruhe und überlegene Kälte verfehlte nicht ihren Eindruck
Martell mäßigte sich ebenfalls ohne seinen Zweck aufzugeben
    »Ich bitt um Vergebung« erwiderte er mit gebrochener Stimme »Ich
übereilte mich die Angst meines Herzens die Not meiner Mitbrüder und Freunde
riss mich hin Erlauben Sie nur Herr am Stein dass ich die Frage an Sie richten
darf wie sollen wir leben wenn Sie auf Ihrer Weigerung beharren«
    »In fremde Angelegenheiten mische ich mich nicht das ist Eure Sache«
    »Es ist auch die Ihrige gnädiger Herr Ihre Fabrik leidet wenn die
Arbeiter leiden«
    Adrian zuckte die Achseln »Eine Zeitlang vielleicht Sehe ich dass die
alten Kräfte verbraucht sind so muss ich für neue sorgen«
    »Und was soll aus den alten verbrauchten werden«
    »Man dankt sie ab«
    »Wie nennen Sie das« fragte Martel eiskalt und seine Blicke lagen wie
Dolchspitzen auf dem Gesicht Adrians
    »Lebensklugheit auch Spekulation wenn Du willst  Das Alte Abgenutzte
wird überall bei Seite geworfen um dem Neuen und Kräftigen Platz zu machen Es
ist der Lauf der Welt nichts weiter«
    »Gott und wir Armen die wir Gottes sein sollen nach der Schrift eben weil
wir nichts haben« versetzte Martell mit entsetzlichem Lächeln »wir nennen das
unmenschlich ohne alle Nebenbedeutung Herr am Stein wenn Sie wollen«
    Adrian zuckte abermals die Achseln und rauchte mit noch größerem Behagen
seine Zigarre
    »Wir sollen also wirklich verhungern wenn Ihr jetziger Lohn uns nicht mehr
ernähren kann« fragte Martell noch einmal
    »Ich muss Euch wirklich das ganz allein überlassen« antwortete Adrian »Lebt
wie Ihr könnt ich tue dasselbe«
    »Ha ha ha ha« lachte Martell laut auf »Er lebt wie er kann  O
himmelschreiende Gotteslästerung  Er lebt wie er kann Mensch Unmensch heißt
dies leben wie ein vernünftiges Geschöpf Gottes« Martell ging mit großen
Schritten um den gedeckten Tisch und deutete auf die übrig gebliebenen
Leckerbissen  »Nur vornehme Sünder wagen es so zu schwelgen während tausend
Arme die für sie arbeiten hungrig zu Bett und hungrig wieder an die Arbeit des
nächsten Tages gehen müssen Gott hat es gehört das Stöhnen meines hungernden
Weibes in vergangener Nacht er hat Wimmern meiner Kinder vernommen die ihre
Hände nach mir ihrem Ernährer ausstreckten und um Brod nur um eine kleine
Krume Brot baten  Ich konnte ihnen nichts gar nichts geben Ein kalter Blick
der Verzweiflung war meine Antwort Aber tief im Herzen und bei dem ewigen Heil
an das ich glaube gelobte ich mir mit Dir ein ernstes Wort zu sprechen Wie
ich dachten alle meine leidenden Brüder Sie jauchzten mir zu und von ihnen
bevollmächtigt kamen wir fünf Männer hierher Und wen haben wir getroffen«
    »Einen consequenten Mann will ich hoffen« sagte Adrian
    »Einen Mann ohne menschliche Regung Einen Mann dessen Herz von Granit ist
wie die Felsen auf denen sein Sclavenzwinger ruht Einen Mann der Unglückliche
verhöhnen kann während ihm noch die sardanapalische Mast des vorigen Abends
aufstösst O einen Mann dem alle Guten fluchen und dessen Untergang ein Segen
sein würde für Millionen«
    »Du hättest studieren sollen Martell Zu einem Stegreifredner scheinst Du
Anlage zu haben Indes der Tag bricht an wie ich sehe und da denn doch einmal
Alles ein Ende nehmen muss so bitte ich falls mein Bescheid Dir und Deinem
liederlichen Anhange genügt diese Unterredung zu schließen Ich erlaube Dir
auch für die gehabte Mühe Deinen Gaumen durch ein Glas Wein aufzufrischen und
ein Frühstück einzunehmen von den Leckerbissen die wie es scheint Deinen
Appetit so ungewöhnlich erregen dass Du auf der Stelle die Beschreibung einer
leibhaften Hungersnot improvisirst«
    Martell wandte sich mit Abschen ab Seinen schwarzen Lockenkopf schüttelnd
sagte er verächtlich
    »Behüte mich Gott vor solchem Frevel Herr am Stein Der Bissen den ich aus
diesen silbernen Schalen zum Munde führte würde sich auf meiner Zunge in Gift
verwandeln Ein Vater kann so hart sein dass er tränenlos sein Weib seine
Kinder vor Hunger hinsterben sieht so grausam so cannibalisch aber ist er
nicht dass er von dem Herzblut dieses geliebten teuren Weibes dieser ihm von
Gott geschenkten Kleinen seinen Hunger stillen könnte  Das Herr am Stein
können nur die Reichen denen das Gespenst der Armut nicht allnächtlich als
Gardine das Lager umfängt«
    Martells Begleiter sahen einander an und traten dem unerbittlichen
Fabrikherrn näher
    »Haben Sie Erbarmen mit uns« sagte der Eine
    »Gott der Herr wirds Ihnen vergelten immer und ewiglich« rief ein Anderer
    »Wir müssen sonst schlecht wir müssen Diebe und Räuber werden« grollten
die übrigen
    Vollbrecht trat ebenfalls hinzu Mit gefaleten Händen mit einem Blick des
tiefsten Bedauerns und mit flehentlich bewegter Stimme sprach er
    »Herr am Stein ich vereinige meine Bitten mit denen dieser Männer Es ist
unmöglich dass sie bei ihrem jetzigen Lohne leben und ehrlich fortkommen können
es ist aber auch gewissenlos und unverantwortlich fleißige Menschen nur deshalb
zur Verzweiflung zu treiben weil mit Durchführung eines geschickt ausgedachten
Systems ein Mehrgewinn erzielt wird der zu späterer Vergrößerung des Geschäftes
wesentlich beiträgt«  Ich bitte hören Sie mich aus Herr am Stein  Die
Erfindung der Maschinen welche dem menschlichen Scharfsinn Ehre macht wird nur
dann eine Wohltat für Volk und Staat wenn sie dem Arbeiter die Last der Arbeit
erleichtert Die Maschine ist nicht dazu da ihren Besitzer zu bereichern
sondern dem Arbeiter leichter als durch seine Hand ein sicheres und gutes
Auskommen zu gewähren Die Maschine kann das wenn ihr Besitzer es will Es gibt
aber leider der Maschineninhaber nur wenige die sich zu dieser einfachen Ansicht
erheben Sie betrachten ihre Riesenkraft als ein unverwüstliches Kapital das zu
mehren ihnen zusteht in welcher Weise es ihnen beliebt und weil sie die Macht
besitzen und die dämonische Kraft dieser Macht kennen werden sie grausam und
verwandeln die Wohltat dieser segensreichen Erfindung in einen Fluch der
unaussprechliches Elend über die Welt verhängt  »Herr am Stein Sie bekennen
sich zu diesen unbarmherzigen Egoisten ich sage es offen und Sie entehren sich
selbst in den Augen jedes Biedermannes wenn Sie länger das gerechte Anliegen
dieser Armen von sich weisen«
    Mittlerweile war es Tag geworden Die Morgenröte durchbrach den Nebel und
warf matte Lichter in den Saal und auf die von Kummer und Leidenschaft
durchfurchten Gesichter der Arbeiter Adrian nahm die Zigarre aus dem Munde und
spielte mit der Pistole
    »Auf Ihre meisterhafte Rede lieber Vollbrecht werde ich späterhin
antworten« sagte er mit vornehmem glattem Lächeln »Vor der Hand ein letztes
Wort mit diesen zudringlichen Menschen«
    Er kehrte sich nachlässig zu Martell der seitwärts stand mit verschränkten
Armen und unheimlich gerunzelter Stirn
    »Ihr seid also unzufrieden in meinen Diensten« sagte er »Ja oder nein«
    »Weil wir so nicht bestehen können«
    »Ja oder nein«
    »Ja«
    »Was gedenkt Ihr zu tun wenn ich dennoch aus höchst wichtigen Gründen Eure
Klagen unberücksichtigt lasse«
    »Von Gott kommen gute Gedanken Gott allein weiß es« rief Martell
    »So vertrauet auf Gott er wird Euch helfen« sagte Adrian und stand auf
»Und nun habt Acht auf das was ich Euch sage  Ihr habt durch Euer
unbesonnenes törichtes und strafbares Betragen fast eine halbe Arbeitsfrist
versäumt und mir dadurch sehr beträchtlichen Schaden zugefügt Aus besonderer
Rücksicht und Menschenfreundlichkeit will ich das vergessen und Euch verzeihen
wenn Ihr ohne Murren sofort in alter Ordnung und Pünktlichkeit die Arbeiten
wieder aufnehmt Martell allein wird mir Rechenschaft ablegen Seid Ihr damit
zufrieden«
    Die Spinner murmelten unverständliche Worte
    »Ja oder nein« rief Adrian herrisch »Weigert Ihr Euch nur noch
minutenlang so entlasse ich Euch in Masse und suche mir andere Arbeiter Die
Fabrik gehört mir das Geld ist mein ich kann Arbeit geben wem ich will und
diese Arbeit bezahlen wie ich will Wem das nicht ansteht der gehe in Gottes
Namen seiner Wege Ich halte Keinen  Trotzen aber lasse ich mir nicht am
wenigsten von Leuten die ich erhalte Und ehe ich nur um eines Haares Breite
von meinem Vorsatze abweiche soll meinentalb das Werk vierzehn Tage still
stehen Gehorsam will und befehle ich Dem blind Gehorchenden werd ich ein
gütiger Herr sein  Jetzt geht«
    Diese Antwort war ein Donnerschlag für die armen Spinner Mit gesenktem
Haupt standen sie vor dem allgewaltigen Herrn nicht wissend was sie ihm
antworten wozu sie sich entschließen sollten Da erhob sich von außen ein
lautes Geschrei das immer heftiger wurde und schnell dem Hause näher kam
Adrian verfärbte sich und ließ einen langen Blick durchs Fenster fallen Über
den See der jetzt vom Nebel frei war kam die Fähre mit Menschen und
Waarenballen belastet Einige Kähne mit Frauen und Mädchen hatten teils grade
angelegt teils waren sie im Landen begriffen Aus dem mehrmals sich
wiederholenden Geschrei konnte man deutlich eine klagende Frauenstimme
unterscheiden Sie kam näher und näher Ein Rudel Menschen drängten zur Tür
die Stimme erklang im Hause selbst
    Vollbrecht öffnete die Saaltür Ein bleiches Weib kümmerlich in leichte
Kleidung gehüllt mit verworrenem flatterndem Haar ohne Kopf und Brusttuch
nacktarmig und mit einem Wahnsinnsblick im Auge stürzte schreiend und
händeringend in das goldstrahlende Prunkgemach und warf sich vor Adrian auf die
Knie
    »Herr am Stein Sie müssen es wieder lebendig machen« rief sie hohl und
dumpf »oder ich verfluche Sie mit den grässlichsten Flüchen«
    Es war Lore Martells Weib In ihrer Verzweiflung hatte sie ihren Mann nicht
bemerkt Stier und gläsern das weit aufgerissene Auge über dessen Lider dicke
Tränen auf die erdfahlen Wangen herabrieselten auf Adrian geheftet lag sie
zitternd auf dem Teppich Man hörte das Zusammenschlagen ihrer Zähne
    »Lore mein Weib« rief Martell und streckte beide Hände nach der Armen aus
    Die Unglückliche wendete sich um Ein mildes Lächeln lief über ihr
schmerzzerrissenes Antlitz wie ein goldener Sonnenblick über eine verwüstete
Landschaft »Martell« sagte sie gerührt die rechte Hand dem Gatten
entgegenstreckend »er ist tot unser Hans Hier an dieser verwelkten Brust ist
er gestorben Er wimmerte der gute liebe Knabe wimmerte immer leiser bis ein
Lächeln seine bleiche Lippe krümmte Und in diesem Lächeln küsste ihn der Engel
des Todes  O mein Kind mein armes Kind«
    Martell hatte mit entsetzlicher Ruhe diesen Bericht angehört Jetzt wendete
er Blick und Antlitz wieder dem Grafen zu
    »Mörder« sprach er düster »Mörder meines Kindes Vor Gottes Throne werde
ich Dich anklagen Jetzt sollst Du frei ausgehen«
    Er hob Lore mit sanfter Gewalt auf und wollte sie fortführen
    »Geht an die Arbeit« sprach er barsch zu seinen Begleitern »Spinnt bis
Euch die Finger verkrummen und Gott ein Wunder tut
    Und er wird es tun ich weiß es es müsste denn in seinem Ratschlusse
beschlossen worden sein dass die Welt untergehen solle«
    Neues Klopfen und ein Zurückweichen der Menge vor der äußern Tür machte die
im Zimmer Versammelten aufmerksam Durch die weit aufgehenden Flügeltüren
traten einige Gerichtsdiener ein Alle erstaunten und sahen einander an
    »Treffen wir hier den hochwohlgeborenen Herrn Grafen Adrian von Boberstein
genannt Herr am Stein« fragte der Stattlichste dieser unheimlichen Ankömmlinge
    Adrian verneigte sich Der Gerichtsdiener griff in seine Rocktasche und
langte ein großes versiegeltes Schreiben hervor das er mit kalter Verbeugung
dem Grafen überreichte indem er sprach
    »Vom Landesgericht zu Görlitz«
    Adrian sah ihn erstaunt an riss das Sigel auf und warf einen Blick in das
Schreiben Die Umstehenden bemerkten dass seine Hand zitterte
    »O Sloboda Sloboda« murmelte er zwischen den Zähnen »Er hats erreicht
ein falscher Boberstein ist aufgefunden«
    Erschöpft sank er in seinen prachtvollen Fauteuil und bedeckte sein Gesicht
mit beiden Händen
    »Das ist Gottes Hand« rief Martell »Er ist mit den Gerechten Geht
Brüder an Euer Tagewerk ich aber ich will mein gemordetes Kind begraben«
    Schluchzen erstickte seine Stimme Er schloss Lore in seine Arme küsste das
arme Weib auf Stirn und Mund und führte sie aus dem glänzenden Saale Die
Übrigen folgten dem trauernden Paare schweigend Auch Vollbrecht schloss sich
den Spinnern an Allein von tausend Zweifeln gepeinigt von innerem Frost
geschüttelt blieb Adrian zurück in der kalten Pracht seines modernen Palastes
 
                               Sechstes Kapitel
                               Die Zusammenkunft
Wohl eine Stunde verharrte Graf Adrian in dieser Stellung Niemand störte seinen
Gedankengang In und außer dem Haufe überall war Todtenstille Der schreiende
Haufe seiner Spinner war auseinandergestoben Vollbrecht und die Diener waren
verschwunden Er hatte vollkommen Zeit über sich und seine Lage nach zudenken
    Als er die Augen wieder aufschlug fielen sie auf die gerichtliche
Vorladung Von Neuem erwachte sein Grimm und machte sich in Worten Luft
    »Fluch diesem Sloboda diesem grauhaarigen Schuft von Maulwurffänger« rief
er aus »Gewiss es ist bloß eine freche Erfindung mit der sie mich schrecken
und einschüchtern wollen denn wo ist gleich ein Boberstein vorhanden mit allen
erforderlichen unwiderleglichen Papieren  Irgend ein Landläufer muss sich dazu
hergegeben haben diesen elenden Plebejern für ein Stück Geld zu willfahren
Aber ich werde ihre Schliche aufdecken ich werde die Lügner entlarven und dann
wehe Euch schamlose Buben Erbarmungsloser als mein von Euch so hart
geschmähter Vater werd ich dann mit Euch verfahren«
    
    Ein Bedienter trat ein
    »Was gibt es«
    »Der Briefbote ist angekommen gnädiger Herr Wenn Sie ihn etwa persönlich
sprechen wollen  im Komptoirzimmer wartet er Ihrer Befehle«
    Adrian war sehr erfreut von dieser Botschaft Er verließ die kalten
prunkvollen Räume des Speisesaales steckte die Citation zu sich und ging nach
dem Komptoir Unterwegs warf er einen Blick auf die weißen Gebäude auf die
turmhohen rotbraunen Schornsteine der Fabrik Sie rauchten und das surrende
Getön das aus der Luft herabklang sagte ihm dass die Spinner wieder an ihre
Arbeit gegangen waren Diese Entdeckung machte ihn um Vieles zuversichtlicher
und gab ihm die angeborene feste Zähigkeit des Willens wieder die eine Zeit
lang ihn verlassen hatte
    Unter den vielen Geschäftsbriefen befand sich auch ein Schreiben Aurels Es
war kurz und derb wie der Kapitän es liebte und verkündigte dem älteren Bruder
seine nahe Ankunft Adrians Züge nahmen einen spöttischen Ausdruck vornehmen
Übermutes an der in glücklicher Gefühlsstimmung wie eingemeisselt auf ihnen
lag Adalbert konnte jede Minute eintreffen Aurel näherte sich mit Sturmeseile
 was sollte er von seinen geliebten Brüdern umgeben noch für das Haus
Boberstein fürchten das von Allen mit gleicher Liebe umfasst ward für das Jeder
sein Leben in die Schanze geschlagen hätte
    »Alle diese Stürme werden vorübergehen« rief er sich voll Selbstvertrauen
zu »und sich in der Stille beruhigen wie diese gewagte und so drohend
aussehende Demonstration meiner Spinner Hatte ich nicht vorausgesehen dass es
dahin kommen musste und wird nicht gerade dieser erfolglos gebliebene Aufstand
sie mir rückhaltlos in die Hände liefern  Diese elenden Kreaturen müssen mir
dienen weil sie ohne mich keinen Tag leben können Ich bin ihr Herr ihr Gott
Nicht bloß ihre Hütten auch ihre Leiber und Seelen gehören mir Es bedurfte
nicht dieses unheimlichen Martell um mir eine Wahrheit ins Gesicht zu geifern
über die ich längst reifliche Betrachtungen angestellt habe Der Mensch ist mir
verhasst ich fürchte seine entsetzlichen Blicke Am besten er wird mit Weib und
Kind entfernt Ich muss das Wie in Überlegung ziehen  Ein fataler Zufall dass
sein Bube an der Verwundung gestorben ist Diese Brust verträgt nichts mehr wie
ich sehe Ehedem etwa zu meines Vaters unverweichlichten Zeiten hätte Niemand
eine Miene deshalb verzogen und noch weniger über die versuchsweise Behandlung
meines Chirurgen  Allerdings gestand mir der Mann zu dass es ein Versuch auf
Tod und Leben sei den abgequetschten Fuß so rasch zuheilen zu lassen doch was
tuts sagte er lachend Wie soll die Wissenschaft Fortschritte machen wenn es
ihr nicht erlaubt wäre neue Mittel zu erproben an einzelnen Patienten zu
experimentiren Die Armen welche nur um Gotteswillen behandelt werden müssen
sind die wahre Goldsaat der Ärzte und Wundärzte An ihnen rankt sich die
Wissenschaft empor wie die Rebe am Stock Gehen sie dabei zu Grunde so ist der
Gewinn auf beiden Seiten Der Leidende wird seiner Qual enthoben und der
Experimentator geht klüger von dem Sterbebett des Geopferten ohne die geringste
Verantwortung befürchten zu dürfen Über den Tod eines Armen wäre er auch noch
so auffallend kräht kein Hahn Gott erhalte die Armut«
    Während Adrian diesen Sermon seines gewissenlosen Fabrikchirurgen zu seinem
eigenen Ergetzen sich wiederholte hatte er sämtliche mit dem Postboten
empfangene Briefe durchlesen und sich einzelne Notizen an den Rand derselben
gemacht Ein neuer Transport Waren war inzwischen über den See geschafft
worden ohne dass Adrian darauf achtete Es war ihm daher ein vornehm gekleideter
Herr entgangen der eine junge schöne Dame am Arm auf der Fähre aufund nieder
schritt Daher überraschte ihn die frohe Meldung des Bedienten dass Graf
Adalbert von Boberstein so eben mit seiner Gemahlin auf der Insel gelandet sei
und den gnädigen Herrn zu begrüßen wünsche
    
    Adrian kleidete sich zum Empfange seiner Schwägerin mit größter Eleganz
schleunigst an und eilte nach dem Salon wo er die heiß Ersehnten seiner bereits
warten fand Die Begrüßung beider Brüder war warm und herzlich und trug den
Charakter wirklicher Aufrichtigkeit und verwandtschaftlicher Zuneigung
    Von den drei Gebrüdern Boberstein war Adalbert der vornehmste Aus
Überzeugung und Neigung Aristokrat achtete er gleich seinem Vater Magnus das
Volk nicht Er vermied mit ihm zusammenzukommen hatte aber nichts dawider dass
man es klug und mit Vorsicht benutze um sich zu bereichern und das in größter
Fülle zu verschaffen was neuerdings dem Adel allein noch Glanz und Nachdruck
verleihen kann nämlich Geld Deshalb willigte er auch in die speculativen Pläne
seines älteren Bruders doch nur unter der Bedingung dass er selbst mit
Arbeitern und ähnlichem Volk nicht das Mindeste zu schaffen habe Weil es ihm
nicht an Kenntnis und Scharfsinn gebrach ja eine gewisse vornehme List ihm zu
Gebote stand die fast den Namen Instinkt verdiente wegen der eigentümlichen
Weise in der sie sich geltend machte so übernahm er gern das erheiternde
Geschäft eines im Interesse ihrer großartigen Spekulation reisenden Kaufherrn
Reisen war Adalberts Leidenschaft und dieser konnte er auf bequemere Weise nicht
fröhnen Was ihn persönlich anekelte wusste er stets mit unnachahmlicher
Gewandtheit brieflich oder durch Unterhändler abzumachen die seinen
aristokratischen Launen nicht anstößig erschienen
    Adalbert war seit zwei Jahren mit Beatrice einer sehr schönen jungen Dame
aus fürstlichem Geblüt vermählt und hatte aus dieser Ehe ein blühendes
Töchterlein der einzige legitime Sprössling dessen sich zur Zeit das Haus
Boberstein rühmen konnte Beatrice nicht weniger vornehm und adelstolz dabei
anmutig und in hohem Grade liebenswürdig beglückte ihren Gatten wahrhaft
Dieses Paar lebte wie bereits andeutet wurde für gewöhnlich auf seinem
Edelsitz in Schlesien einer einträglichen Herrschaft zu welcher auch das Dorf
gehörte wo Leberecht mit Frau und Sohn unter Sorge und Kummer sein sauer
erworbenes Brod aß
    Wer diese drei Brüder neben einander sah würde Adalbert für keinen
Boberstein gehalten haben Er ähnelte weder Adrian noch Aurel noch erinnerte
irgend ein Zug an Magnus Nur wenn er sich mit einer Dame unterhielt die seine
Phantasie beschäftigte zeigte sich ein flüchtiges Zucken um seinen Mund das
eben so seinem ausschweifenden Vater eigentümlich gewesen war und das in Aurels
Gesicht bei jedem Lächeln zum Vorschein kam
    Graf Adalbert war groß und schlank hatte durchaus die Tournüre eines
vornehmen Mannes und trug sich stets nach der neuesten Mode ohne sich ängstlich
an ihre Gesetze zu binden Auch der Schnitt seiner Kleidung war aristokratisch
zu nennen zugleich elegant und graziös ungenirt
    Diesen Mann mit den großen hellgrauen Augen drückte Adrian wiederholt an
sein Herz nachdem er zuvor seine Schwägerin ehrfurchtsvoll begrüßt hatte
Adalbert erwiderte Handschlag und Umarmung mit gleicher Herzlichkeit und zeigte
sich hoch erfreut endlich nach sehr langer Zeit wieder einmal den Stammboden
ihrer Familie betreten zu können
    »Ich habe mich eingerichtet lieber Bruder nötigenfalls ein paar Wochen
bei Dir zu bleiben« sagte Adalbert »leider unter der traurigen Bedingung den
beglückenden Umgang meiner Beatrice alsdann längere Zeit entbehren zu müssen
Sie reist zu ihren Eltern und wird sich demnach bloß zwei bis drei Tage hier
verweilen können«
    »Vielleicht gelingt es mir oder unserm vielgereisten Bruder Aurel der
stündlich eintreffen kann diesen Entschluss der gnädigen Frau wankend zu
machen« versetzte Adrian indem er Beatrice die Hand küsste »Ich habe hier
freilich nicht die rauschenden Zerstreuungen der Residenz dafür aber ein
lustiges und unterhaltendes Waldleben Und die Eigentümlichkeiten eines
Fabrikvölkchens die Gräfin Beatrice noch gar nicht kennt werden kleine Reize
genug darbieten um einige Zeit meiner schönen Schwägerin eine angenehme
Unterhaltung zu gewähren«
    »Ich verstehe nur so wenig von Industrie und was mit ihr zusammenhängt«
fiel Beatrice ein »dass ich zu viel Zeit brauchen würde um nur einen Begriff
davon und mit dem Begriffe den Sinn dafür zu erhalten«
    »Überlassen Sie mir das ganz allein gnädige Frau Ich schmeichle mir von
Ihnen das Zeugnis eines geschickten Lehrers zu erhalten«
    »Nun denn« erwiderte Beatrice »auf diese Bedingungen hin will ich über
meine Zeit noch nicht verfügen Es wird von Ihrem Erfindungsgeist von Ihrer
geselligen Gewandtheit von Ihrem Lehrertalent abhängen ob ich gern Ihre
Schülerin bleiben werde oder mich ganz heimlich auf und davon schleiche«
    Beatrice reichte Adrian freimütig ihre unvergleichlich schöne Hand und
Adrian versäumte nicht während er sie sanft in der seinigen drückte einen
tiefen Blick in die blauschwarzen Augen der Schwägerin zu tun dessen Feuer sie
nicht ertragen konnte
    »Diese erste Konspiration wäre sonach vortrefflich eingeleitet« sagte
Adalbert lachend »Haben die übrigen Verschwörungen die uns ja doch hier
zusammenführen gleich raschen Fortgang so dürfen wir um ein erwünschtes
Endresultat nicht besorgt sein«
    Adrian hatte inzwischen in dem luxuriösen Speisesaale ein Frühstück
auftragen lassen das er jetzt mit seinen lieben Gästen unter den heitersten
Gesprächen verzehrte Niemand konnte dem geistreich Scherzenden die
Erschütterungen ansehen die vor wenigen Stunden seine Seele durchstürmt hatten
    Nach so fröhlich eingenommenem Frühstück beurlaubte sich Beatrice um mit
Hilfe ihrer Kammerjungfer Toilette zu machen Adalbert blieb mit Adrian allein
und dieser benutzte sogleich die günstige Stunde um den Bruder von den
allerneuesten Vorgängen zu unterrichten und seine Ansichten seinen Rat darüber
zu hören
    Adalbert nahm alle diese Mitteilungen außerordentlich ruhig auf Zu der
gerichtlichen Vorladung lächelte er sogar
    »Du ignorirst diese einfältige Citation« sagte er »bis sie wiederholt
wird Dann lässt Du dem Gericht vornehm einen höflichen Gruß entbieten und ladest
dasselbe Krankheit vorschützend ein sich zu Dir zu bemühen Erscheinen die
gelehrten Herren was nicht fehlen kann so forderst Du ganz ruhig sie möchten
Dir den fraglichen Bruder und Miterben persönlich vorstellen Man wird ja sehen
aus welchem Kehrichtaufen sie ihren Prätendenten herbeiholen werden«
    »Ich teile vollkommen Deine Meinung lieber Bruder« erwiderte Adrian
»und bin keineswegs in Angst wegen dieses fern drohenden brüderlichen
Gespenstes Nur den Eindruck den es auf meine Arbeiter macht fürchte ich Es
liegt ein Zauber in dem dumpf erklingenden Gerücht der bei Ungebildeten selbst
die sonnenhellste Wahrheit nicht mehr entkräften kann Meine Arbeiter wissen um
den mir bevorstehenden Kampf und benutzen die Enge in welche ich scheinbar
dadurch getrieben werde auf ihre Weise Dass sie aus freiem Antriebe so handeln
ist nicht wahrscheinlich Es leben geheime Agenten unter ihnen die sie
aufreizen stacheln und drängen und deren moralischer Einfluss nicht unbedeutend
sein kann Liesse sich ein Mittel auffinden diese unschädlich zu machen so
hätten wir jedenfalls leichteres Spiel und brauchten uns die Widerspänstigkeit
der Unzufriedenen nicht weiter anfechten zu lassen«
    »Der alte Wende mit seinem deutschen Beistande dem Maulwurffänger dessen
ich mich noch dunkel erinnere scheinen demnach großen Anhang zu haben« sagte
Adalbert
    »Dieser Maulwurffänger ist ein Teufel« rief Adrian aus »Für einen Mann aus
dem Volke besitzt er einen so durchdringenden Scharfsinn eine Ruhe List und
Ausdauer dass der gewandteste Diplomat ist er nicht beständig auf seiner Hut
von ihm hinters Licht geführt werden kann
    »Seine Geschichten sind gut erfunden« lächelte Adalbert vornehm
    »Verzweifelt gut Bruder Diese beiden steinalten Greise haben aus ihren
Erinnerungen und ein paar moderfleckigen Papierfetzen eine Geschichte
zusammengewoben die sich an all ihren Teilen fest wie die Glieder einer Kette
verschlingt Unser gemeinschaftliches Streben wird es sein müssen die falschen
Glieder in dieser Kelte aufzusuchen und zu zerbrechen«
    »Ich stelle mir dies leicht vor sobald das Kapitel von den Beweisen
ausgeschlagen wird«
    »Und wenn sie auch diese beibringen«
    »Tun wir die Unächteit derselben dar«
    Adrian zuckte die Achseln »Das scheint mir gefährlich« sagte er »Ohne
Zeugen werden wir den Gegenbeweis nicht führen können Und dann  unser seliger
Herr Vater ging nicht unbescholten aus der Welt«
    »Das eben ist der Punkt den wir ins Auge fassen müssen Der etwas
zweideutige Ruf des Vaters ist unbedingt unsere Rettung wenn es zum Äußersten
kommt Die Gegner bauen einzig und allein auf ihn ihr glänzendes Luftgebäude
meinend das sei der untrüglichste Boden Sie sollen sich irren Wir beweisen
ihnen klar und bündig dass nur Rache und kleinlicher Neid zu solchen Mitteln
seine Zuflucht nimmt Mein Wort darauf Bruder diese armen Schlucker werden mit
Schimpf und Schande abgewiesen und sollen uns noch demütig die Spitzen unserer
Stiefeln küssen wenn wir sie großmütig frei von dannen ziehen lassen  Wie
stehst Du mit Deinen Untertanen«
    »Mein seit Jahren befolgter Plan nähert sich immer mehr der Reife«
entgegnete Adrian mit Vergnügen diese Wendung des Gespräches erfassend »Von
dieser Seite glaube ich sind wir nunmehr so gut wie unangreifbar Darum
beharre ich auch mit eiserner Festigkeit dabei und lasse mich weder durch Bitten
noch Drohungen in meinem Verfahren stören Findest Du nicht auch dass es das
alleinige Mittel ist dem in der Meinung des sogenannten Volksbewusstseins
gesunkenen Adel den alten Glanz die alte Obmacht wieder zu verschaffen«
    »Ich bin davon überzeugt obwohl in meiner Stellung die Ausführung
schwieriger ist und längere Zeit erfordert«
    »Desto größer ist der Ruhm nach gewonnenem Kampfe  Es sind jetzt etwas
über fünf Jahre dass ich von meinen Reisen zurückkehrend den Entschluss fasste
unser altes Geschlecht wieder zu Ehren zu bringen Der Zeitgeist dies
tausendköpfige Phantom des modernen Lebens sollte mir dazu verhelfen Ich hatte
die Schwächen unseres Jahrhunderts wohl erlauscht und wusste wie man ihm
schmeicheln muss um es sich dienstbar zu machen Der Materialismus fing eben an
von Hoch und Niedrig verehrt zu werden Das Geld ward die Alles bewegende Kraft
der Besitz desselben gab Ansehen und Macht  Du weißt lieber Bruder dass wir
grade nur so viel besaßen um als alte Edelleute anständig und mit dem
notdürftigsten Aufwande leben zu können Das konnte nicht besser werden wenn
man nicht die Zeit benutzte und sich ihrer Schwächen bediente  missbrauchte
wenn Du willst Ich entschloss mich dazu erbaute mit geborgtem Gelde die Fabrik
und begann meine modernen Speculationen Das Glück lächelte mir weil ich den
rechten Zeitpunkt getroffen hatte Binnen Jahresfrist war unser gemeinsames
Vermögen verdoppelt und ich konnte jetzt einen Schritt weiter gehen«
    »Das Umsichgreifen der sogenannten Volksfreiheit verbunden mit dem offen
ausgesprochenen Hass gegen den Adel war mir von jeher ein Dorn im Auge und
empörte mich wie Dich Wir haben in frühern Jahren häufig unsere Meinungen
darüber gegen einander ausgesprochen Betrachtete ich nun dieses gerühmte Volk
diesen Klumpen anstandsloser wenig gebildeter Menschen die in ermattender
Arbeit Zweck und Lust des Lebens finden und jedem höheren geistigen wie
sinnlichen Genuße fremd bleiben so bemächtigte sich meiner ein
unaussprechlicher Ekel der jedoch bald einem stillen Jubel der Seele weichen
musste Ich glaubte nämlich das Mittel gefunden zu haben dies freche plumpe
auf seine junge Freiheit überstolze dumme Volk demütigen und es uns seinen
angestammten rechtmäßigen Herren wieder unbedingt unterwürfig machen zu können
Seine Lust sein Vermögen dacht ich soll seine Geissel werden Nicht mit
Skorpionen nein mit freundlichen Worten will ich es peitschen mit der
Freiheit auf die es so stolz ist werde ihm sein aufgespreizter Dünkel gewürzt
Ich beschloss die Freiheit zum Büttel zu machen Höre wie ich dies anfing«
    »Kaum ward es ruchbar dass Herr am Stein eine große Spinnfabrik anlegen
wolle als sich eine große Menge Arbeiter meldeten Viele ja die Meisten kamen
von fern her nur der kleinere Teil waren meine Untertanen Ich nahm Jedermann
freundlich auf und warb so viele als ich beschäftigen konnte Nur bedang ich
mir aus dass wer bei mir Arbeit finden und behalten wollte sich auf meinem
eigenen Grund und Boden ansässig machen müsse Anfangs stutzte Mancher bei
diesem Verlangen als ich ihnen aber vorschlug unentgeltlich ein Stück Land zu
geben und für Bau eines kleinen Hauses Geld zu niedrigem Zins vorzuschiessen
schlug Jeder ein Ich fing die Freiheitshelden wie genäschige Mäuschen
Schaarenweise sprangen sie in meine Falle und so entstand das Spinnerdorf
drüben am See«
    »Als meine Schuldner waren diese Toren von Anfang an in meiner Gewalt die
ich sogleich hätte gebrauchen können wenn ich nicht ein größeres Ziel im Auge
gehabt hätte Mein Streben ging wie Du weißt auf Wiedererwerbung aller durch
die Verschwendung unseres Vaters verloren gegangenen Ländereien Ich erreichte
mein Ziel und gewann dadurch um ein Dritteil Untertanen mehr als unser Vater
je besessen hat Es waren dies freilich keine Leibeigenen sondern freie
Menschen die tun und lassen konnten was sie wollten die mir bloß einige
geringfügige Steuern und andere unbedeutende Dienste zu leisten hatten Sollte
nun mein Plan einen dauernden Zweck haben so mussten diese Freien die ich als
Volk so gern über uns erheben und uns Gesetze vorschreiben möchten durch sich
selbst zu Knechten gemacht werden und zwar zu freien Knechten dh zu solchen
deren Joch die Freiheit deren Galeere der Feiertag ist«
    »Arbeit Arbeit Dieser Ruf hallt wieder in aller Welt Jeder will Arbeit
Jeder preist die Arbeit Jeder sieht in der Arbeit Gewinn Überfluss ein
schönes glückliches sorgenfreies Leben in der Zukunft blühen«
    »Euch soll dies ersehnte Paradies baldigst lachen dachte ich bei mir und
gab dem freien Volke was es wünschte suchte liebte  Arbeit Glücklichere
Menschen habe ich nie gesehen Von früh bis Abends scholl lustiger Gesang durch
die Säle meiner Fabrik Sie nannten mich ihren Wohltäter ihren Vater und ich
ließ es mir gefallen Um sie noch fester an mich zu ketten bezahlte ich meine
Arbeiter einige Jahre gut besser als ich es eigentlich durfte ohne Großes zu
riskiren Indes auch hier blieb mir das Glück treu und ich gewann doch noch
Meine Freigebigkeit hatte den gewünschten Erfolg Die Arbeiter wurden luxuriös
weil sie leicht verdienten und ihrer Einnahme gewiss waren Sie sparten durchaus
nicht An Sonn und Feiertagen lebten sie lustig und froh«
    »Dahin wollte ich die glückseligen Freien haben Plötzlich wie der Wind
umschlug trete ich eines Tages unter sie mit betrübter Miene und verkündige
ihnen dass ich den bisherigen Arbeitslohn eingetretener Konjuncturen wegen nicht
mehr zahlen könne dass ich große Verluste gehabt und meinen Ruin befürchten
müsse wenn ich dieselben Summen wie bisher zahlen sollte Ich stellte es ihnen
daher frei ob sie mir für geringeren Lohn dienen wollten und könnten Wer
darauf nicht eingehen könne dem stünde es frei anderwärts ein besseres
Unterkommen zu suchen«
    »Nicht ein Einziger verließ mich Die Dankbarkeit wie ich erwartet hatte
kettete sie an mich So wenigstens sagten Alle wenn auch die wahre Veranlassung
zu ihrem Bleiben in den Verbindlichkeiten zu suchen war die sie gegen mich
hatten Das gute freie Volk arbeitete von Stund an noch emsiger für geringeres
Geld lebte etwas sparsamer weil es nichts besaß und noch weniger erübrigen
konnte und war zufrieden« 
    »Später wiederholte ich meine Lohnverkürzungen aber immer bei schicklichen
Gelegenheiten ich verlängerte zugleich die Arbeitszeit  weil die lieben Leute
Genuss im Arbeiten finden  und erreichte mehr und mehr meinen Zweck Das alte
Haus Boberstein erhielt wieder den Besitz verdrängte später aufgeschossene
Glückspilze brachte alle baare Kapitale an sich und entwand das Geld
vollständig dem arbeitenden Volke Ich ließ ihm lebensgern das Bewusstsein, sich
als freie Männer zu fühlen ich rief es ihnen wo ich nur konnte ins
Gedächtnis doch je mehr ich die Freiheit pries desto enger umschnürte ich sie
mit unzerreissbaren Ketten Ehe sie es ahnten waren sie meine Sklaven geworden
deren Leben an einem Zucken meines Auges hing«
    »Ich blieb nicht auf halbem Wege stehen mein biederer Bruder  Da ich
weiß was Bildung was sogenannter Fortschritt der Zeit und Volksaufklärung
vermag und wie grade ihre größere immer zunehmende Verbreitung unser
allergefährlichster Feind ist so gab ich mir Mühe dieselbe zu beschränken Bei
meinem System war dies eine leichte Aufgabe Die Arbeiter konnten bald nur zur
höchsten Not auskommen sie mussten dabei Vermehrung des Verdienstes wünschen
und erstreben aber sie durften von mir nicht verlangen dass ich sie auf meine
Kosten bereichern sollte Meine Vorkehrungen waren so getroffen dass kein
Verdacht in ihnen aufsteigen konnte So geschah was ich voraus berechnet hatte
Diese armen Teufel kamen bittweise bei mir um Verkürzung der Schulstunden ein
damit ihre Kinder ihnen zur Hand sein und auch etwas erwerben möchten  Sollte
ich den Tyrannen spielen Ich hätte mich nicht beruhigen können  Ich
beschränkte also die Schulstunden gab auch den Kindern Arbeit und bereite
nunmehr eine consequente Verwilderung der Nachkommenschaft vor die man am
besten durch Furcht und Strenge wird erziehen können Dieses Geschlecht wird in
doppelter Hinsicht Sclav sein Sclav der Freiheit die es nicht wünschen darf
und Sclav der eigenen Lasterhaftigkeit in die es rettungslos versinken muss ohne
Bildung ohne Besitz und ohne Hoffnung auf solchen«
    »Noch bin ich nicht am Ziele aber ich nähere mich ihm Der heutige Morgen
hat mir gezeigt dass ich diese freie Arbeiterschaar nicht mehr zu fürchten habe
Ungeachtet des Lärms den sie machten und trotz der heftigen Drohungen
Einzelner bin ich doch überzeugt dass sie eher neben meinen Maschinen den Geist
aufgeben als mir die Arbeit aufkündigen Nur die fatale Geschichte mit dem
Wenden und die schmählichen Gerüchte die unsere Ehre compromittiren macht mir
einiges Bedenken und hat auch diesen schon halb bewusstlosen Maschinenmenschen
eine Art Selbsttätigkeit eingeimpft die ich ihnen kaum zugetraut hätte Auf
welche Weise wir auch diese unterdrücken und das von uns abhängige Volk für
immer uns wieder untertänig ja vollkommen leib und seeleneigen machen können
das wollen wir Brüder sobald Aurel angekommen sein wird reiflich überlegen«
    »Herr Aurel am Stein« meldete der Bediente Im Feuer des Gesprächs hatte
Adrian nicht auf die Fähre geachtet die einigemale von der Insel ans Land und
von diesem wieder nach der Insel gekommen war
    »Sehr willkommen« rief Adrian indem er lebhaft aufsprang um den teuren
Bruder zu empfangen
    Aurel stand schon auf der Schwelle Adrian ging ihm mit offenen Armen
entgegen drückte ihn jubelnd an sich und küsste ihn wiederholt Auch Adalbert
gab seine Freude in gleicher Weise nur weniger stürmisch zu erkennen
    »Was hast Du denn für wunderliche Begleiter« fragte Adrian da er im
Vorzimmer einige verhüllte Gestalten bemerkte die einzutreten zögerten
    »Sehr liebe werte Gäste teure Brüder« versetzte Aurel mit strahlendem
Auge und bat die Harrenden durch leisen Wink näher zu treten Ein paar Frauen
von Kopf zu Fuß in feine schwarzseidene Kleider gehüllt und dicht verschleiert
verbeugten sich tief und schweigend vor den beiden erstaunten Brüdern Hinter
ihnen zeigte sich Gilbert
    Aurel ergriff die größere der Frauen bei der Hand schlug den Schleier
zurück und sagte mit bewegter Stimme
    »Deinem wiederholten Drängen lieber Adrian unsern Verwandten nachzuspüren
verdanke ich die unaussprechliche Freude Dir in dieser würdigen Dame eine
schwer Verfolgte vorstellen zu können an der wir Vieles gut zu machen haben Es
ist Herta Gräfin von Boberstein unsere Tante«
    »Herta« schrie Adrian laut auf und klammerte sich zitternd an Adalbert
»Herta lebt«
    »Fassung« flüsterte der kältere Adalbert dem Entsetzten zu »Der Boden
weicht unter unsern Füßen Aurel steht bei unsern Feinden«
    »Herta« wiederholte Adrian tonlos dann sank er zusammen Kalter Schweiß
trat auf seine Stirn die Augen brachen ihm Bewusstlos fiel der Überraschte in
die Arme seiner zu seinem Verderben wieder erschienenen Tante
                            Ende des dritten Teils
 
                                 Vierter Teil
                                  Siebentes Buch
                                 Erstes Kapitel
                             Des Armen Weihnachten
Sechs heisere Glockenschläge verhallen langsam in der eiskalten Luft Auf den
wundervoll zarten Gebilden des Frostes auf Palmzweigen Orchideen und
Lotosblumen an den Fensterscheiben der Hütten und Paläste flimmert das
Silberlicht des Mondes Der frisch gefallene Schnee knirscht unter den
Fusstritten Vorüberwandelnder schreit und wehklagt unter dem Räderdruck
beschwerter Lastwagen
    Es ist Weihnachten Weihnachten das Freudenfest für Kinder und Erwachsene
der gemeinsame Jubeltag im Jahre für Reiche und Arme In Städten und Dörfern
entzünden sich die geschmückten Christbäume um die erwartungsvoll harrenden
Kinder zu begrüßen Fern und nah auf allen Seiten bald laut bald leise
erklingen die Glocken welche zur Christmesse rufen und wo auf kahler Höhe im
blendend weißen mit Millionen Eisdiamanten geschmückten Flachfelde ein
Kirchlein sich erhebt da ist es jetzt erleuchtet von tausend Kerzen um die
Geburt des Heilandes des Welterlösers zu feiern
    Wie begeht Martell der tiefgebeugte arme Arbeiter diesen glückverheissenden
Jubeltag der gesammten gläubigen Christenheit Sehen wir uns um nach ihm und den
Seinen betreten wir nochmals die Wohnung des Mittellosen um zu erfahren ob er
den Schmerz überwunden hat der sein geängstigtes Vaterherz zerriss über den
unverschuldeten Tod seines lieben Knaben
    Martells Hütte liegt still und finster von dem gastlichen Fuße keines
Freundes betreten im funkelnden Schnee Die Haustür ist verschneit kein Weg
gebahnt zur Verbindungsstrasse des Arbeiterdorfes In der Wohnstube brennt kein
geschmückter Tannenbaum um auf den fröhlichen Jubel der beschenkten Kinder
herabzulächeln mit seinen Flammenaugen ein spärliches Reissigfeuer nur knistert
im Ofen das nicht hinreicht um die luftige schlecht verwahrte Stube zu
durchwärmen Dem Verlöschen nahe glimmt die Lampe über Lores Webstuhle und
wirft mit ihren gaukelnden blauen Flämmchen ein unsicheres Licht auf Todtes und
Lebendes Heller noch scheint der Mond durch die kleinen gefrorenen Fenster an
denen sich die Schatten eines entlaubten Ahornbaumes vom Nordwinde geschüttelt
rastlos bewegen
    Die Familie des Arbeiters ist vollzählig versammelt da wegen des morgenden
Festes die Arbeit eingestellt worden ist. Auch der Arme soll ruhen von seiner
Arbeit an diesem hohen segensreichen Freudenfeste auch er soll Zeit und Musse
haben Teil zu nehmen an dem allgemeinen Jubel der die halbe Welt zu Brüdern
und Schwestern macht Darum feiern seit Mittag schon die Maschinen Darum sieht
man nicht die ewigen Rauchsäulen aus den Riesenschornsteinen aufwirbeln darum
liegen die hochstockigen fensterreichen Gebäude auf den Granitfelsen der Insel
heut finster und verlassen
    Warum mag es so still so freudlos sein in Martells Hütte Warum rinnen
einzelne große Tränenperlen über die zarten von kränklichem Rot angehauchten
Wangen Dorels der funfzehnzährigen hübschen Tochter des Spinners Warum hält
Lore die Mutter Dorels ihre mageren Hände über dem Knie gefaltet und sieht so
stier und geisterhaft auf das Schattenspiel der Äste am Fenster dessen blinde
Scheiben der hämische Winter hohneckend mit dem Pflanzenwuchs heißer Länder so
üppig verziert hat  Sollte sie an ihren verstorbenen Knaben denken der
draußen in der Heide schlummert dessen Grabstätte sie kaum finden wird unter
den hochaufgewehten Schneehügeln Und gilt diesem entrissenen Kinde etwa auch
das dumpfe Stöhnen Martells der am leeren Tische sitzt und seinen wüsten Kopf
unbeweglich in beide Hände stützt
    Horch Traugott der alte gottgläubige Vater spricht Neben seinem Spinnrade
ist er niedergesunken auf die unebene schmutzige Diele Der Wiederschein des
Mondes und ein zitternder Strahl des flimmernden Lämpchens liegt auf seinem
runzelvollen eingefallenen Gesicht Mit einem Seufzer erhebt der Greis die
Hände und spricht
    »Sechs Uhr Das ist die Stunde wo sie allerorten in Heide und auf Fluren
die Christnacht einläuten mit denselben Glocken die mein kindliches Ohr von
nunmehr sieben und siebzig Jahren zum ersten Male vernahm Gnädiger gütiger
allbarmherziger Gott sieben und siebzig Jahre Wird es der letzte Geburtstag
sein den ich begehe An dem ich dankend im Gebet meine Hand zu Dir erhebe mein
Vater und Heiland O Du hast es gewiss gut mit mir vorgehabt dass Du mich ließest
geboren werden am Tage wo Dein eingeborener Sohn zum Wohl und Heil der
Menschheit auf Erden erschien Nimm dafür meinen Dank Allbarmherziger und wenn
es Dir gefällt und zu meinem Frieden dient so lass mich bald eingehen in die
Wohnungen der Gerechten die bei Dir sind und bleiben ewiglich  Des Menschen
Leben währet siebzig Jahre und wenn es hoch kommt achtzig und wenn es
köstlich gewesen ist so ist es Mühe und Arbeit gewesen«
    Während Traugott so im Gebet sein Herz beruhigte erhob Martell langsam
seinen Kopf heftete seine düstern brennenden Augen fest auf den alten Mann und
horchte genau auf dessen Worte
    »Mühe und Arbeit« wiederholte der unglückliche Spinner »Mühe und Arbeit
und Verzweiflung in jeder Minute Ja ja die Bibel hat Recht aus Mühe und
Arbeit besteht unser Leben und köstlich ists wenn es immer bloß daraus
besteht kommt noch etwas mehr dazu so wird es sehr hässlich und widerwärtig
und es ist dann schon vom Übel wenn es vierzig Jahre dauert Meinst Du nicht
auch Lore«
    Die arme Frau antwortete nur durch einen unsäglich wehmütigen Blick der
sanft bittend auf dem convulsivisch zuckenden Antlitze Martells haftete Dieser
jedoch achtete nicht darauf sondern fuhr fort indem er seinen Platz verließ
und die enge Stube kreuz und quer nach allen Richtungen durchschritt
    »Es leuchtet mir stündlich mehr ein dass die Armut den Menschen schlecht
grausam ja zum Kannibalen machen kann wenn er nicht immer an das Wort des
Heilandes denkt Selig sind die Armen denn das Himmelreich ist ihr  Ach das
Himmelreich« fuhr der Spinner mit bebender Stimme fort »Wer von uns wünscht
nicht je eher je lieber unter seiner Sonnendecke auszuruhen ohne Schuld
auszuruhen vom Jammer dieser Welt Aber wie hinüberschlummern ohne Fehl Wie aus
dem Leben scheiden ohne zuvor mit einem einzigen sündhaften Wort oder Gedanken
das ewige Heil verscherzt zu haben  Das ist das Loos des Armen das sind seine
Freuden am heiligen Weihnachtsabend«
    »Ja Lore« rief er mit grimmiger Miene seinem Weibe zu indem er vor ihr
stehen blieb »Du kannst es glauben dass mich den Hungernden heut ein Gedanke
nicht rasten und nicht ruhen lässt vor dem ich selbst mich entsetze«
    »Geduld Geduld Armer es wird besser werden« tröstete Lore »Besser
Vielleicht Bewahre mich nur Gott vor den bösen Träumen in denen ich mich immer
und immer als  Menschenfresser sehe  Nun s ist ein krankhafter Gedanke«
    »Ein Gedanke der mich frieren macht« flüsterte Lore dem Gatten zu »Ein
entsetzlicher Scherz«
    »So scherzt die Verzweiflung« sagte Martell trocken und setzte seine
Wanderung durch die kälter werdende Stube fort denn das Reisigfeuer war längst
niedergebrannt und die letzte Kohle davon dem Erlöschen nahe
    »Morgen ist Christtag« fuhr der unglückliche Arbeiter fort und dem
Anscheine nach gibt es starken Frost Unser Holzvorrat ist zu Ende unser
Beutel so leer wie unsere Magen Erst in acht Tagen haben wir auf einige
Pfennige zu hoffen Bis dahin müssen wir hungern und frieren wenn wirs
aushalten und nicht etwa darüber sterben was beiläufig sehr gescheidt von uns
wäre  Was mich nun betrifft so bekenne ich unverholen das ich für diesmal
gar keine Stimmung habe dies hochheilige Fest das der Welt einen Heiland und
Erlöser schenkte wie die Bibel sagt hungernd und frierend zu verleben Mich
sehnt wieder einmal nach menschlicher Existenz oder nach schleuniger gänzlicher
Auflösung und darum spreche ich mit Festigkeit Brod oder Tod Weißt Du Rat
Lore
    »Vertraue auf ihn Martell«
    »Auf ihn Auf den der oben über den Wolken die Welt beherrscht lenkt und
regiert  Ich weiß nicht Lore ob er mich nicht verstoßen und versäumen wird
wenn ich selbst nicht Kraft genug habe mich ihm zu nähern Dazu braucht man
Zeit und ich habe keine Zeit zu verlieren«
    »Wenn Du beten wolltest Martell«
    »Seit uns der Hans gestorben ist kann und will ich nicht mehr beten«
versetzte der Arbeiter mit trotzigem Stirnrunzeln »Ich habe ein Gelübde getan
am Grabe unseres Kindes das ich halten muss und dies erfordert bloß trotzige
Kraft kein Gebet Meine Seele schwimmt in einem Meer von Hass sie lechzt und
schreit nach Rache Habe ich mich gerächt und somit meinen Hass gesühnt dann
will ich Gott um Verzeihung bitten und wieder ein stiller frommer demütiger
Mensch zu werden versuchen Früher aber nicht bei allen Strafen der
Verdammnis«
    »Gott hat ihn schon gestraft überlass ihm auch die Rache ihm ganz allein«
    »Ich kann nicht«
    »So wir vergeben wird auch uns vergeben werden« sagte Traugott
    »Es mag edel und großmütig sein Vater wenns nur auch so recht einfach
menschlich wäre«
    »Du hast Dein Herz verhärtet darum fühlst Du nicht mehr rein und lauter
Bete ach bete mein Sohn damit Du nicht in Anfechtung fällst und uns verloren
gehst«
    »So Gott mir und den Meinigen Rettung sendet bis zum neuen Jahre so will
ich wieder beten Vater wenn nicht dann fahre dahin Menschlichkeit und der
Böse rüste mich aus mit der Kraft die ich bedarf zu meinem Werke«
    Martell riss die Pelzmütze von der Wand und zog seine ärmliche mit zahllosen
Flicken besetzte Winterjacke an
    »Willst Du noch ausgehen so spät« sagte Lore indem sie mit einer
Stecknadel den kaum noch glimmenden Docht der Lampe ein wenig ausspreitete und
aus einem zerbrochenen Töpfchen die letzten paar Oeltropfen darauf träufeln
ließ Heller schoss das Flämchen empor und beleuchtete die bekümmerten
bestürzten und vergrämten Gesichter der unglücklichen Familie
    »Es wird mir zu eng und zu heiß in meinen vier Pfählen« versetzte Martell
mit der fürchterlichen Ironie die ihm seit seines Knaben Tode zur andern Natur
geworden war »Ihr braucht nicht auf mich zu warten« fügte er hinzu »denn wenn
mir der heilige Christ in den Weg läuft wie ich vermute so biet ich mich ihm
zum Begleiter an wandere mit ihm von Haus zu Haus und ergetze mich an Anderer
Freuden Darum gute Nacht ihr Lieben Auf ein frohes Wiedersehen morgen früh«
    Ohne der bittenden Blicke und Worte zu achten womit Frau und Kinder den
verzweifelten Vater zu halten suchten stürzte Martell aus seiner frostigen öden
Behausung setzte mit großen Schritten durch den hohen Schnee und verlor sich
auf der etwas betreteneren Fahrstrasse ins Dorf
    Wohin Martell auch seine Blicke richtete nirgends gewahrte er ein Zeichen
fröhlicher Weihnachtszeit Still und traurig lagen die einzelnen Häuser im
Schnee vergraben Hie und da schimmerte Licht durch die geschlossenen
Fensterladen auch das Klappern einzelner Webstühle ließ sich da und dort
vernehmen Aus den Wohnungen alter Leute schollen dem hasserfüllten Martell Töne
kirchlichen Gesanges entgegen Die Armen in grauem Haar sangen Buss Bet und
Weihnachtslieder und vergaßen darüber ihren Kummer ihre irdischen Leiden
    Diese unbedingte Ergebung in ein kaum zu ertragendes Schicksal erbitterte
Martell noch mehr Er fand es feig unmännlich charakterlos ja gemein für die
Qualen des Lebens Dem Dank zu sagen der anscheinend nichts zu Erleichterung
Notleidender tut Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelnd schritt der
arme Spinner über den knisternden Schnee bis ans Ende des Dorfes Hier wo es
die Heide mit schattigem Arm umfing lag ein Schenkhaus Der Schein vieler
Lichter glänzte Martell schon von weitem aus diesem entgegen und als er näher
kam konnte er aus dem lebhaften Geräusch auf zahlreichen Besuch schließen
    Zaudernd blieb Martell einige Sekunden unfern des Hauses stehen Seine linke
Hand vergrub sich unwillkürlich in die Tasche seiner Beinkleider und suchte mit
krampfhaft gebogenem Finger nach Geld Allein die Tasche war leer Kalter
Schweiß trat auf die Stirn des verarmten Arbeiters er stöhnte unter
unaussprechlichen Qualen Kummer und Hunger schlugen gemeinschaftlich ihre
zerfleischenden Krallen in sein gequältes Herz Er schwang in ohnmächtigem Zorn
den Stock sein Auge rollte seine grimme Seele lechzte nach einem Opfer das
sie zermalmen könnte Hell glänzend blauschwarz unermesslich sah der klare
Winterhimmel auf ihn nieder mit seinen zahllosen funkelnden Sternen Ihr
Flimmern und Sprühen kam Martell vor als wollten sie ihn verspotten als
lächelten sie schadenfroh über sein Elend und ergrimmt wirbelte er den
Knotenstock um sein Haupt und schleuderte ihn sausend in die Luft während sich
ein grässlicher Fluch über seine bebenden Lippen drängte Als der Stock klappernd
wieder niederfiel und dabei seine aufwärts gekehrte Stirne hart streifte kam er
wieder zur Besinnung Er schämte sich jetzt seiner sinnlosen Wut murmelte
etwas von Verzeihung und trat in das Schenkhaus
    Trauriges fast unvermeidliches Loos der Armut die aller Hilfe bar sich
von Gott und Menschen verlassen glauben muss und Vergessenheit ihres Elendes in
wüster Betäubung sucht  Martell einst so still ordnungsliebend häuslich
arbeitsam und zufrieden war seit dem Tode seines einzigen Knaben ein anderer
Mensch geworden Es litt ihn nicht mehr im stillen Hause unter den traurigen
Gesichtern So oft er konnte floh er sein Haus suchte Gesellschaft und ergab
sich dem Trunke Der letzte Pfennig wurde aufgespart um das schleichende Gift
des Branntweins in reichlichem Masse genießen um sich in seinem narkotischen
Dunst bis zur vollkommensten geistigen Dumpfheit betäuben zu können Sein armes
Weib seine beklagenswerten Kinder sein frommer Schwiegervater wussten und
sahen dies Versinken ihres geliebten Martell und konnten ihm doch nicht zürnen
noch weniger helfen Bei seinem heftigen aufbrausenden Charakter musste der
unglückliche Spinner diesen traurigen Abweg betreten
    Die Gäste der Schenke ebenfalls herabgekommene und verzweifelte
Familienväter begrüßten Martell mit heiterem Zutrunk
    »Auf gesunde Feiertage«  »Auf fröhliches Weihnachten«  »Auf bessere Tage
im neuen Jahr«  »Auf baldigen Untergang unserer Feinde«  »Auf ewige
Verdammnis des Herrn am Stein«  »Verflucht sei er verflucht tausend Jahre
über die Ewigkeit hinaus« Mit solchem Zuruf Einer den Andern überschreiend
reichten die Gäste Martell ihre kleinen Spitzgläschen zum Willkommen
Hergebrachterweise tat dieser Bescheid warf sich ermattet auf einen Schemel
und trank mit fieberhafter Hast zwei Gläschen aus dem zinnernen Viertelmass das
ihm der gefällige Wirt unverweilt darreichte Nun erst holte er beruhigter
Atem und musterte die Gesichter seiner Umgebung Es waren lauter Bekannte
Fabrikarbeiter wie er verarmt wie er auf dem Punkte unrettbar unterzugehen in
wüstem Trunk durch Adrians Unmenschlichkeit
    »Hast Du Nachricht« fragte ihn sein Nachbar zur Rechten ein langer
schlanker Mensch mit schmaler Brust dem die hellroten Flecke auf seinen Wangen
ein baldiges Ende prophezeiten »Heut Morgen soll er dem Tode nahe gewesen
sein«
    »Pah er stirbt nicht« entgegnete Martell »Wäre auch ein Unglück wenn er
so plötzlich von hinnen ginge Gott selber könnte das nicht verantworten vor
seinem Gewissen Nein er muss und soll leben soll leben so lange bis er durch
uns und seine Schuld verarmt ist bis er vor uns liegt als ohnmächtig Flehender
und bis wir ihn wie einen Hund treten stoßen ins Angesicht speien können Ha
wäre doch diese Zeit der süßesten Rache schon da Schade nur dass er keine
Kinder hat«
    »Warum Wolltest Du sie ihm töten«
    »Tödten  Nein« sagte Martell mit entsetzlichem Lächeln »Der Tod ist eine
Wohltat keine Strafe nur das Leben ist Strafe wenn es recht tief in Elend
eingewickelt wird Und das Freunde glaubt mir das wollte ich schon besorgen«
    »Wie denn« fragte der Hektische ein Gläschen des berauschenden Getränkes
hinunterstürzend
    »Hätte der Adrian Jungen so steckte ich sie unter die Maschinen grade an
Orten wo die geringste unzeitige Bewegung unheilbringend ist Dort müssten sie
herumkrabbeln bis ihnen nach und nach Hände und Füße zerquetscht würden wie
meinem Hans Gott hab ihn selig und wären sie so recht metodisch zu Krüppeln
gesponnen und gehaspelt worden dann müssten sie bettelnd am Wege sitzen alle
Tage harte Worte hören und in einer Stunde tausendmal sterben Über solcher
Rache könnte ich vielleicht all das Elend vergessen das ich mein Lebetag habe
ertragen müssen«
    »Nicht doch« fiel ein Anderer ein »solche Rache wäre grausam und
unmenschlich Warum unschuldige Kinder mutwillig verstümmeln Ihn selbst müsste
man unter die Kämme stoßen und die scharfen Kanten und Zangen ein paarmal über
ihn hinrasseln lassen dass sein Körper wie ein gepflügtes Ackerland aussähe Das
wäre ihm gesund und würde ihn von Grund aus heilen«
    »Du bist im Irrtum Anton« erwiderte Martell mit seinem unheimlichen
kalten Lächeln »Gesetzt Adrian hätte Kinder so müsste er seine Missetaten
schlechterdings in der Qual seiner Kinder büßen Nichts schmerzt heftiger
länger und tiefer als die Leiden geliebter Kinder nichts überwindet ein Vater
schwerer als die Qualen die Zufall oder Menschen seinen Kindern zufügen
Folter ist Genuss gegen solche Pein und eben weil ich das weiß aus eigener
Erfahrung müssten mir die Kinder die Jungen daran Das würde ihn schon weich
machen«
    »Und die Mädchen« fragte der Hektische »Sollten die zarten kleinen Dinger
auch so gequetscht und zerrissen werden«
    »Mit ihnen würde ich etwas glimpflicher verfahren« versetzte Martell
»Damit sie einen Begriff bekämen von den Lasten und Mühen ihrer armen gedrückten
Mitschwestern und in späteren Jahren wenn sie nicht mehr Lust hätten auf
Liebschaften auszugehen sich etwas erzählen könnten würde ich sie in den
Kattundruckereien Adalberts in England als Zieher anstellen«
    »Damit sie dicke Füße dünne Beine und aufgetriebene Leiber kriegten« rief
ein roher halbtrunkener Bursche mit struppigem Flachshaar »Ha ha ha das
ist mein Seel ein teufelmässig höllisch gescheidter Einfall Das Ziehen machte
sie hässlich vor der Zeit und ungesund obendrein und dergleichen Weibsleute
sollen auch unter den Vornehmen sehr schlechten Abgang finden Heda
Mitgenossen die Gläser gefüllt und angestossen auf die Gesundheit Martells Wo
das Regiment einmal wechselt soll er unser König sein Meine Stimme hat er«
    Alle Umsitzenden stießen an auf das Wohl des zukünftigen Spinnerkönigs
Martell nahm diese Huldigung ruhig hin und fuhr dann fort
    »So scharfsinnig unser Freund und Bruder auch ist in seinen Voraussetzungen
so hat er doch das Wahre nicht getroffen Freilich werden die Zieher elend und
hässlich in wenigen Jahren und manch Dutzend stirbt ehe sie mannbar geworden
sind aber wäre das Strafe wäre das Rache zu nennen wie unsere Qualen sie
verdient haben Nein und abermals nein sag ich Nur wenn augenblickliche Qual
und späteres lebenslanges Hinsiechen sich vereinigen nur dann könnten wir uns
rühmen hinreichende Rache geübt zu haben Deshalb müssten Adrians Töchter 
Gottes Fluch auf sein Haupt weil er keine hat  gleich jenen unglücklichen
Ziehern vier und zwanzig Stunden ohne Unterbrechung arbeiten und damit ihnen
der Schlaf nicht die Kräfte lähmte von Viertelstunde zu Viertelstunde Niesswurz
schnupfen Das erhält wach und peinigt grausam das ganze Nervensystem so armer
Kinder Oder man ließ ihnen eiskaltes Wasser tropfenweis in kurzen
Zwischenräumen auf den Kopf fallen1 teils zur Abwechselung teils zur
Erfrischung und mein Wort darauf binnen zwei Jahren hätte man die gräfliche
Nachkommenschaft in Grund und Boden ungesund siech und elend gemacht«
    »Die eigene Not Martell und die bitteren Erfahrungen die Du vor Kurzem
gemacht hast« meinte der besonnene Anton »führen Dich auf Abwege und lassen
Gedanken in Dir entstehen die nichts gemein haben mit christlicher Milde Du
frevelst Du versündigst Dich wenn Du im Ernst solche Wünsche äußern kannst«
    Martell schoss flammende Blicke auf den zurechtweisenden Tadler Der schnell
genossene Branntwein war ihm schon zu Kopfe gestiegen sein eingefallenes
bleiches Gesicht begann sich zu röten
    »Ein Hund der vergibt was mir geschehen ist« rief er aus »Er soll
verfaulen auf dem Schindanger Rache sag ich Rache für das Unrecht das wir
erlitten haben Die Gläser voll Elendsgenossen Ein langes Leben für Adrian
Ein Leben voll Qual und Jammer und Armut Der Bettelstab sei der Freund seines
Alters«
    Jauchzend stießen die Unglücklichen ihre kleinen Gläschen zusammen und
stürzten sie mit wilden Blicken mit wutgerötteten Gesichtern aus Mitten in
diesem Taumel wüster Lust hörte Martell sich mit Namen rufen
    »Wer fragt nach mir« sagte er und wendete sich unwirsch um denn er
besorgte seine Frau möchte ihm nachgeschlichen sein und ihn heim holen wollen
Statt dessen sah er in die offenen ernsten und doch so schalkhaft funkelnden
kleinen Augen des Maulwurffängers
    »PinkHeinrich« sagte er lächelnd und reichte dem Greise die Hand »Was
treibt Euch in die Heide bei solchem Frost und Schneewetter«
    »Die Sorge um Dich und Deine Familie« sagte der Maulwurffänger mit ernstem
Tone
    Martell runzelte die Stirn und schlug die linke Hand in sein lockiges Haar
    »Ich hielt Dich für einen starken Mann und sehe nun dass Du schwach bist
wie ein Weib Schäme Dich Martell«
    »Rechte nicht mit mir Heinrich rechte mit der Verzweiflung die in meinen
Adern rast rechte mit Gott der mich verlassen hat«
    »Er hat Dich nicht verlassen er ist mit Dir«
    »Gott mit mir Ha ha ha ha Wenn Gott mit mir sein soll so muss der
Teufel eine Betschwester geworden sein  Heinrich ich glaube es gibt keinen
Gott oder nur einen Gott für die Reichen«
    »Es gibt einen Gott für Arme und Reiche für Gute und Böse und dieser Gott
ist mit Dir Martell mit Dir vor tausend Andern«
    Der Spinner sah den Maulwurffänger mit ungläubigem Auge an
    »Ah so« sagte er ironisch lächelnd »ich erinnere mich dass heut
Weihnachten ist Da willst Du vermutlich den heiligen Christ spielen und mir
was schenken Knecht Ruprecht lieber Alter würde Dir aber jedenfalls besser
zu Gesicht gestanden haben«
    »Bin ich auch nicht der heilige Christ so betrachte ich mich doch als
seinen auserwählten Boten Ja Martell ich komme Dir ein Weihnachtsgeschenk zu
überreichen Bist Du bereit es in Empfang zu nehmen«
    »Ein armer Mann ist immer bereit zu nehmen Pack also getrost aus«
    »So lerne einsehen dass Gott mit Dir ist Martell« erwiderte der
Maulwurffänger feurig »und dass er diejenigen züchtiget die er lieb hat Du
weißt dass Dein und jedes Rechtlichen Feind Graf Adrian von Boberstein krank
darniederliegt ob des Schreckens den der Abfall seines Bruders Aurel von ihm
und seiner ungerechten Sache ihm verursacht hat Du weißt ferner dass der gegen
ihn angehängte Prozess schwerlich zu seinen Gunsten entschieden werden kann; Du
weißt endlich dass seine Besitzungen in andere Hände übergehen werden und ihm
selbst vielleicht nur ein geringer Teil der großen Herrschaft zufällt Oder
wusstest Du dies nicht«
    »Ich weiß es« sagte Martell
    »Und dennoch verzweifelst Du Dennoch wirfst Du Dich dem Laster des Trunkes
in die Arme Dennoch sinnst Du auf kannibalische Rache«
    »Die Not hat mein Herz verbrannt Rache würde die Flammen kühlen die ich
in mir lohen fühle«
    »Ich bringe Dir Rache zum Weihnachtsgeschenk«
    »Rache Ist Adrian tot oder wahnsinnig«
    »Adrian lebt und wird hoffentlich noch lange leben Du aber Martell Du bist
«
    Der Maulwurffänger hielt inne und heftete fest sein klares Auge auf den
aufgeregten Spinner
    »Ich bin ein armer Mann« sagte Martell »das weiß ich das fühle ich in
diesem Augenblick mehr als je mit einem Reichen würdet Ihr Euch keinen solchen
Scherz erlauben«
    Schwer fiel die Hand des Maulwurffängers auf Martells Schulter Er
schüttelte ihn heftig »Ungestümer« sprach er »gleichst Du doch ihm dem Du
verwandt bist in allen Dingen nur nicht in der kalten Ruhe der
Entschlossenheit Martell die Stimme des Gerichts nennt Dich einen nahen
Verwandten Paul Slobodas und Adrians am Stein Zu Deinen Gunsten wird der
Prozess gewonnen«
    Bei diesen Worten fiel der bestürzte Arbeiter wie vom Schlage getroffen
rückwärts auf seinen Schemel sein Gesicht rötete sich er röchelte krampfhaft
und ein Strom schwarzen Blutes entströmte seinem Munde
    »Ich dachte es dass es ihn fürchterlich erschüttern würde« murmelte der
Maulwurffänger für sich »Gott Lob dass ich ihn nicht die volle Wahrheit sagte
Sie hätte ihn getötet«
 
                                    Fußnoten
1 In den englischen Kattundruckereien wendet man wirklich diese grausamen Mittel
an um die Zieher wozu selbst die kleinsten Kinder benutzt werden während
ihrer vier und zwanzigstündigen Arbeit wach zu erhalten
 
                                Zweites Kapitel
                                Ein Genesender
Adrian war schwer doch nicht lebensgefährlich erkrankt Er hatte sich von dem
geistigen Schwindel der ihn bei Hertas Ankunft befallen nicht wieder
vollständig erholt Vermehrte Sorgen gehäufte feindliche Bewegungen unter
seinen nächsten Umgebungen endlich ein heftiger erschütternder Zwist mit Aurel
dem ein vollkommener Bruch folgte hatten seine an sich starke und elastische
Natur doch untergraben Ein Nervenfieber warf ihn nieder und hielt ihn noch
jetzt ans Lager gefesselt
    In der Zwischenzeit hatte der Maulwurffänger all seine Schlauheit
aufgeboten um für die Sache seiner Freunde festen Boden zu gewinnen Er machte
riesige Fortschritte da Adrian nicht Gegenminen graben und den gefährlichen
Feind in die Luft sprengen konnte Etwas hätte der Leidende wohl tun können
durch geschickte Bevollmächtigte allein er nahm Anstand in so verwickelten und
delikaten Angelegenheiten einen Dritten für sich und in seinem Namen handeln zu
lassen Lieber wollte er den nunmehr unvermeidlichen Prozess auf ungewisse Zeit
hinaus verlängert sehen als Familiengeheimnisse die er nicht einmal selbst
klar durchschaute Andern rücksichtslos Preis geben
    An dem schon in den ersten Tagen nach Hertas Ankunft auf Boberstein
ausbrechenden Bruderzwiste war Aurels herbe Geradheit Schuld Adrian bekannt
mit seines Bruders schroffem und leicht erregbaren Charakter schlug von Anfang
an die glatten Wege sanft streichelnder und freundlich lächelnder Politik ein
Er glaubte Aurel durch gleissnerische Überredungskünste für seine Pläne gewinnen
zu können Auch gab er nur Andeutungen nichts Ausgeführtes Allein bei Aurel
verfing Alles nicht Er blieb mit seemännischer Festigkeit bei seinem
Ausspruche da man vor langen langen Jahren verübtes Unrecht entdeckt habe sei
es ihre Pflicht dasselbe möglichst wieder gut zu machen Man müsse daher nicht
allein Tante Herta einen anmutigen Wittwensitz geben sondern allen denen die
rechtmäßige Forderungen an ihre Familie zu machen hätten nach Kräften genügen
Zum Glück sei dies jetzt möglich ohne dass sie selbst im strengen Sinne des
Wortes zu leiden hätten Ehe man jedoch einen solchen Schritt tue sei es
nötig durch öffentlichen Aufruf jedes etwa zerstreut oder verschollen im In
oder Auslande lebende Glied der gräflichen Familie Boberstein zu schleunigster
Rückkehr in seine ursprüngliche Heimat aufzufordern Nur so würde man jedem
Prozess entgehen und die Achtung des gesammten deutschen Publicums sich für immer
erwerben 
    Diese Vorschläge und Zumutungen liefen nun freilich den eigennützigen
Plänen Adrians schnurstracks entgegen Ihm war daran gelegen jede Spur seines
Vaters der ein Boberstein sich zu schämen oder richtiger die er zu fürchten
hatte für immer zu vertilgen auf ewig in die Nacht der Vergessenheit zu
stürzen Er wollte die verstreuten Reste verhasster Verwandten nur kennen lernen
um sie in der Stille unvermerkt ja wenn es nötig sein sollte durch neue
heimliche Verbrechen auszutilgen In diesem Sinne hatte er den uns bekannten
Brief an Aurel geschrieben diesem Zwecke entsprechend hatte er in jeder
Hinsicht gehandelt für die Notwendigkeit dieses Verfahrens hatte er ohne Mühe
seinen jüngsten Bruder Adalbert gewonnen Seine Meinung aufgeben und Aurels
rechtlichen Forderungen beitreten hieß den festen Unterbau seines kaum
begründeten irdischen Glückes vernichten Seiner Charakteranlage nach konnte er
sich dazu nicht entschließen Lieber würde er gestorben sein als Märtyrer des
Gelderwerbes der jedes andere Interesse bei ihm überwog weil er im Besitz
möglichst großen Reichtumes die mächtige gebietende Gewalt erkannte welche die
Welt beherrscht leitet regiert und knechtet
    Mehrere Tage lang fielen unter den drei Brüdern viele harte Kämpfe vor ohne
dass Einer den Andern zum Übertritt auf seine Seite bewegen konnte Es war an
Einigung an friedliche Ausgleichung nicht zu denken da sich fester
Gerechtigkeitssinn und christlicher Humanismus an jesuitischer Schlauheit und
aller sittlichen Unterlage gänzlich entbehrendem einseitig modernen
Speculationsgeiste rieben
    Unter keiner Bedingung wollte Adrian gestatten dass Herta als Familienglied
betrachtet werde Er drang hartnäckig in Aurel dass er die unheimliche Matrone
mit einem tüchtigen Geldgeschenk welches ihr ein sorgenfreies Leben gewähre
entlassen und ihr einen bestimmten Wohnort anweisen solle mit der Bedingung
über ihre Vergangenheit gegen Jedermann unverbrüchlich zu schweigen Diesem
Verlangen trat Adalbert sehr energisch bei indem er nachzuweisen suchte dass
die Ehre ihres Hauses ein solches an sich ganz ehrenwertes und lobenswürdiges
Verfahren erheische Eine Menge Beispiele aus der Geschichte großer
Fürstengeschlechter sollten dem Kapitän beweisen wie rechtmäßig oder doch
wenigstens erlaubt und weltklug solche Handlungsweise sei
    Aurel gab aber nur sarkastische und nichts weniger als beistimmende oder
beruhigende Antworten Je länger und lebhafter die Unterhandlungen gepflogen
wurden desto mehr überzeugte sich der schlichte Seemann von der tiefen
Verderbteit seiner Brüder Gewohnt seinen Gedanken Worte zu leihen erklärte
er sie für ehrlos ihr Handeln für infam und kündigte ihnen Krieg auf Leben und
Tod an Der vornehme Adalbert wollte sich darauf mit dem rücksichtslosen Bruder
schlagen stand jedoch auf Adrians Zureden von seinem Vorhaben ab Die Brüder
trennten sich in größter Erbitterung und Aurel verließ sechs Tage nach seiner
Heimkehr Boberstein um sich unvermerkt mit Herta und Emma nebst Gilbert auf den
Zeiselhof zu übersiedeln Entschlossen den feindlichen Brüdern die Spitze von
jetzt an zu bieten gab er seine Reise nach Amerika und Westindien auf übertrug
die Führung des bereits befrachteten Schiffes einem zuverlässigen ihm
befreundeten Kapitän und suchte sich unverweilt mit denjenigen Personen in
Verbindung zu setzen die er von nun an als Freunde und Bundesgenossen begrüßen
musste
    Das konnte ihm bei seiner Umsicht und erlangten Vorkenntniss nicht schwer
fallen Gilberts Gewandtheit unterstützte ihn außerdem vortrefflich und in Zeit
von kaum acht Tagen war er in das Gewebe welches der Maulwurffänger zu Adrians
Verderben angezettelt hatte so tief eingeweiht dass er rüstig mit daran
arbeiten und in verwandtem Sinne fortwirken konnte
    So groß diese Störungen waren einen sichtbaren Einfluss auf die
Geschäftstätigkeit in der Fabrik äußerten sie nicht Hier blieben alle von
Adrian getroffene Anordnungen in Kraft und erlitten während der ganzen Dauer
seiner Krankheit nicht die geringste Abänderung Ohne Vollbrechts milde
Verwaltung und Oberaufsicht wäre diese kritische Zeit wohl kaum so gänlich
ungestört vorübergegangen doch diesem Manne gelang es durch väterliches
Ermahnen und durch Hindeuten auf die nahe Zukunft die Murrenden immer wieder zu
beschwichtigen Aurel nebst seinen bäurischen Verbündeten musste freilich an
Aufrechtaltung der Ruhe und strengster Gesetzlichkeit jetzt Alles gelegen sein
wenn der Prozess für alle daran Beteiligte einen glücklichen Ausgang haben
sollte Er fürchtete für seinen namenlos erbitterten in allen Gefühlen
tiefgekränkten natürlichen Bruder und doch wünschte er vor Allem gerade diesen
gerettet vor dem Gesetz gerechtfertigt zu sehen Vollbrecht auf dessen
Verschwiegenheit man bauen konnte ward in das Geheimnis gezogen und entledigte
sich des schwierigen Auftrags zu Aller Zufriedenheit Als er dennoch einen
ungesetzlichen Schritt von Martell befürchtete und keinen Weg zur Beruhigung des
bis zum Wahnwitz erbitterten Spinners mehr einzuschlagen wusste meldete er diese
bedenkliche Stimmung dem Kapitän worauf dieser den vermittelnden und immer
dienstbereiten Maulwurffänger abschickte um durch Mitteilung des Geheimnisses
das man aus Vorsicht noch nicht laut aussprechen durfte den unglücklichen Armen
zu beruhigen und mit neuem Hoffnungsatem zu beleben Wir haben gesehen dass
diese Vorsicht nicht unnötig war wenn Martell nicht geistig und körperlich
untergehen vielleicht gar in wilder Raserei brennend und mordend sterben
sollte
    Am Weihnachtsabende verließ Adrian zum ersten Male wieder sein Bett Er war
äußerst schwach geworden und konnte nur mit Hilfe zweier Diener über das Zimmer
gehen Gebückt mit zitternden Gliedmaßen hustend bleichen Angesichts und mit
tiefen noch krankhaft lodernden Augen ließ er sich von Sessel zu Sessel
gängeln bald ans Fenster tragen um sein brennendes Auge an dem reinen
silbergestickten Winterkleide zu laben mit dem sich die Natur zum Feste
geschmückt hatte bald wieder zum Kamine geleiten damit er die wohltätige
Wärme des stillglimmenden Kohlenfeuers einsaugen könne
    »Hat Vollbrecht die Arbeiten einstellen lassen« fragte er matt »Es ist
mein Wille dass alle Arbeiter die Feiertage über freie Zeit haben damit sie
sich erholen und Gott danken können für alles Gute das er an ihnen getan hat«
    Obwohl Adrian seine abgemagerten Finger dabei faltete zuckte doch ein
flüchtiger Zug grausamen Hohnes um den eingekniffenen Mund der Zeugnis gab von
des Kranken zur Gewohnheit gewordenen Heuchelei
    »Seit heut Morgen stehen die Maschinen still gnädigster Herr« versetzte
der Kammerdiener
    »Das ist Recht das freut mich Wie zufrieden werden meine Arbeiter mit
dieser Einrichtung sein«
    »Ew Gnaden« sagte der Bediente unterbrach sich jedoch selbst da ihn der
Kammerdiener unsanft anstieß
    »Nun« fragte Adrian als er die Verlegenheit des jungen Menschen und sein
Erröten bemerkte »Warum schweigst Du wenn Du mir eine Mitteilung zu machen
hast«
    »Es hat Zeit damit bis nach dem Feste« bemerkte der Kammerdiener
    »Ich will es aber jetzt will es sogleich wissen und ohne Vorbehalt« fiel
Adrian heftig ein da ihn der obwohl gutgemeinte Widerspruch seines
Kammerdieners ärgerte »Rede oder ich jage Dich noch heute fort ohne Lohn und
Christbescheerung«
    Fragend sah der Diener seinen älteren Gefährten an und da ihm dieser
achselzuckend zuwinkte sagte er
    »Ich wollte bloß bemerken Ew Gnaden dass die Mehrzahl der Spinner sehr
traurige Feiertage halten wird da wie Sie wissen das Fest in die Woche fällt
und auf Ihren ausdrücklichen Befehl die Lohnauszahlung erst am Tage nach Neujahr
erfolgen soll Die Meisten sind nun ohne Brod ohne Holz ohne Winterkleider und
die Kälte ist seit heute Morgen um viele Grade gestiegen«
    Adrian bewegte teilnehmend und bejahend den Kopf ohne wie der
Kammerdiener gefürchtet hatte im Geringsten deshalb aufzubrausen was doch in
gesunden Tagen seine Art war
    »Freilich« sagte er »das ist sehr schlimm für die guten Leute allein es
wird auch das Gute haben sie in Zukunft vorsichtiger und sparsamer zu machen
Ich konnte es nicht wissen dass sie die paar Groschen so gar nötig brauchten 
ich phantasirte ja Vielleicht habe ich gar diesen Befehl in der Fieberhitze
gegeben denn ich kann mich durchaus nicht mehr auf ihn besinnen«
    »Befehlen vielleicht Ew Gnaden dass Herr Vollbrecht jetzt noch  es ist
sechs Uhr vorüber «
    »Nein nein nein keine Störung kein Widerruf Ein Herrenwort muss heilig
sein sonst sinkt der Respekt Die guten Leute werden sich behelfen wie sie
können werden einander borgen und recht sparsam leben Sie verderben sich nicht
die Magen im Christbrod was sie gern tun wenn sies haben und so stiftet
mein Fieberbefehl noch eine gute Tat«
    Wieder flog jenes teuflische Hohnlächeln über die Züge des kraftlosen
Kranken Adrian wusste sehr wohl was er getan hatte Er wollte keinen seiner
Arbeiter entlassen was nur möglich war wenn er die Ablohnung verzögerte Nach
dem Neujahr waren sie abermals sein unter jeder Bedingung denn bis dahin konnte
das Ergebniss der Leipziger Messe ein Vorwand werden den Lohn auf der bisher
beliebten niedrigen Taxe zu erhalten Und dies war Adrians Absicht
    »Geh« sagte er nach einer langen Pause zu seinem Kammerdiener »geh und
bitte Herrn Vollbrecht wenn es ihm gefällig sei mich bald mit seinem Besuche
zu beehren«
    Nach diesem Befehl legte sich der Kranke bequem in den Lehnstuhl zurück
schloss die Augen und schien zu schlafen Der Bediente entfernte sich um den
Gebieter nicht zu stören und so gewann dieser Zeit und Ruhe im Stillen über
die mancherlei wichtigen Angelegenheiten die ihn beschäftigten mit sich zu
Rate zu gehen
    Nach Verlauf einer Viertelstunde während dem Adrian kein Zeichen des Lebens
von sich gegeben hatte ließ sich Vollbrecht melden und ward angenommen
    Nie hatte Herr am Stein seinen Buchhalter und Geschäftsführer mit größerer
Innigkeit empfangen als an diesem Abende Von schnöder Entlassung von
rachsüchtigen Drohungen wie Adrian sie vor wenig Wochen gegen den freimütigen
Mann ausgestoßen war nicht mehr die Rede Adrian hatte das entweder wirklich
vergessen oder ignorirte es aus geheimen Beweggründen geflissentlich Dass er
Vollbrecht fein volles Vertrauen noch immer schenken sollte war bei seinem
misstrauischen und versteckten Charakter der alles gerade Wesen hasste nicht
anzunehmen
    Der Buchhalter beglückwünschte den Grafen kühl zu seiner Besserung und
überreichte ihm zwei Briefe von Adalbert und dessen Gattin Ein paar Packete
die zugleich mit angekommen waren legte er auf den Tisch
    »Mein lieber Herr Vollbrecht« begann Adrian mit den Briefen spielend »ich
habe Ihnen großes Unrecht abzubitten Heut wo ich mich zum ersten Male als
einen zum Leben Erwachten ansehen darf fühle ich mich unwiderstehlich zu
solcher Abbitte gedrungen denn ich sehe wohl ein dass ich nur Ihrer Umsicht
Vorsorge Treue und Anstrengung den gesegneten Fortgang meines umfangreichen und
verwickelten Geschäftes zu verdanken habe und ganz allein durch Ihr ernstes und
zugleich mildes Wesen durch Ihre Anhänglichkeit an mich und Ihre Herablasung
gegen die unruhige Masse der Arbeiter großer Gefahr entgangen bin Sie haben
mich gerettet mich mir selbst erhalten und feurige Kohlen auf mein Haupt
gesammelt Empfangen Sie für so uneigennützige Liebesdienste den aufrichtigen
Dank eines kranken Mannes der Sie beleidigte als er schon nicht mehr bei
voller Besinnung war«
    Vollbrecht konnte die dargebotene Hand nicht ausschlagen Adrian drückte und
schüttelte seine Rechte wie ein wahrer Freund
    »Mit diesem Händedruck lassen Sie das Vorgefallene vergessen für immer aus
unserm Gedächtnis verschwunden sein« fuhr Adrian fort »Gern möchte ich Ihnen
meine Erkenntlichkeit an den Tag legen allein ich weiß schon dass Sie ein
hartnäckig edelmütiger Mann sind dem schwer beizukommen ist Sie nehmen keine
Geschenke an nicht einmal an Festen wie das heutige wo sich die halbe Welt
beschenkt Wie Herr Vollbrecht soll man es denn anfangen um es Ihnen zu
beweisen dass man Ihnen Dank schuldig ist Darf ich Ihnen eine Gehaltszulage
anbieten ohne Sie zu beleidigen«
    »Ich würde mich wahrhaft freuen ja im Innersten beglückt fühlen Herr am
Stein wenn Sie das Wohlwollen welches Sie unverdienterweise mir schenken auf
Diejenigen übertragen wollten die es in weit höherem Grade verdienen und dessen
weit mehr bedürftig sind als ich«
    »Sie meinen die Arbeiter«
    »Ihre darbenden Arbeiter«
    Adrian schloss auf einige Sekunden die Augen dann sagte er »Verurteilen
Sie mich nicht lieber Herr Vollbrecht der Schein trügt häufig und Handlungen
die ursprünglich von der edelsten Gesinnung dictirt werdenkönnen sich
oberflächlich betrachtet als verbrecherisch darstellen Fast scheint es mir
als geschähe dies mit dem Verfahren das ich seit längerer Zeit gegen meine
Arbeiter beobachte Läugnen will ich zwar nicht dass ich von ihrer Aufsätzigkeit
erbittert einigemale härter mit ihnen umgegangen bin als es vielleicht vom
christlichhumanen Standpunkte aus erlaubt war allein das muss man auf Rechnung
der Gereiztheit setzen wo auch der beste Mensch sich schlimmen Neigungen und
bösen Einflüsterungen überlässt Ich habe dies vielmals beklagt um so mehr
beklagt als mich Klugheit und Selbsterhaltung nötigen mir keine Blöße zu
geben Das begreifen Sie so gut wo nicht besser als ich Sie wissen wie
schwierig eine so große Menge immer zu übertriebenen Forderungen aufgelegter
Arbeiter zu lenken und zu befriedigen ist Die Güte des Arbeitgebers wird von
solchen Leuten regelmäßig gemissbraucht zuvorkommende Behandlung freigebige
Anerkennung ihrer Dienstleistungen nie dankbar aufgenommen Das Herz des
Arbeiters ist dem Arbeitgeber stets feindlich gesinnt weil er sich immer
bevorteilt und den Herrn im Vorzuge glaubt Alle Fabrikbesitzer haben diese
Erfahrungen gemacht und sind durch sie zur Erkenntnis sowohl ihres eignen wie
des Vorteils ihrer Arbeiter gekommen Hoher Lohn mein lieber Herr Vollbrecht
verdirbt jeden auch den allerbesten Arbeiter Er macht ihn hochmütig üppig
verschwenderisch ungehorsam und unverträglich Statt zu sparen und auf die
Zukunft zu denken schwelgt prasst spielt und wettet er und statt dem Herrn
treu und ergeben zu bleiben verleumdet er ihn und sinnt nur darauf wie er sich
in seinem Sinne noch verbessern kann Nie lieber Volbrecht wird die Arbeit
schlechter verrichtet als wenn der Lohn ein verhältnismäßig hoher der
Verdienst mithin ein leichter istDies erkennend schlug ich einen andern Weg
ein und gedenke diesen mit Gottes Hilfe auch fernerhin beizubehalten Ein
gewisser Grad von Dürftigkeit ist ein wahres Glück für den Arbeiter wie für die
Arbeit Jener wird williger fleißiger und genügsamer diese besser und mithin
vom Käufer begehrter Wenn der Arbeiter sich abhängig fühlt begründet er von
selbst sei Glück Es ist also nicht Härte nicht Grausamkeit und Eigennutz von
mir wenn ich die häufigen Klagen meiner Arbeiter nicht beachtete vielmehr
stellte ich mich hart und unerbittlich zu ihrem eignen Besten Was ich ihnen an
Überfluss abgehen ließ behielt ich für sie und ihre Kinder zurück damit ihnen
im Fall der Not bei wirklich eintretendem Mangel und ausbrechender Teuerung
ein Kapital gesichert bleiben möge Freilich musste das heimlich und ohne ihr
Mitwissen geschehen weil sie mich sonst auf der Stelle ermordet oder doch
geplündert haben würden aber mein Testament wird dereinst Zeugnis ablegen von
meiner Rechtlichkeit und väterlichen Fürsorge für Diejenigen die ihr Leben
meinem Dienst geweiht haben Ihre Kinder werden mein Grab noch mit Tränen
benetzen und die unverdienten Flüche und Verwünschungen damit auszulöschen
suchen die ihre kurzsichtigen Eltern auf meinen Namen gehäuft haben in blindem
Wüten«
    Adrian verstand es vortrefflich eine Rührung zu heucheln von der sein Herz
nichts wusste Dennoch ward Vollbrecht von diesem scheinbar ehrlichen und offenen
Bekenntnisse doch überrascht Genau mit den Neigungen der Fabrikarbeiter
vertraut musste er Adrian in vielen Behauptungen Recht geben tausend Beispiele
bestätigten den Hang dieser Leute leicht und schnell Erworbenes eben so schnell
wieder zu verwüsten Ihre Neigung zu sinnlich verschwenderischem Leben zu
hochmütiger und prunkvoller Tracht ließ sich nicht verleugnen und dass sie die
Herren gern tyrannisirten wenn sie die Macht dazu besaßen war einer der
hässlichsten Züge in ihrem Charakter Eine gewisse Beschränkung konnte daher
wirklich nötig und zu ihrer sittlichen Veredlung dienlich sein nur durfte eine
solche nicht die äußersten Grenzen des Erlaubten überschreiten und den freien
Menschen zu einem nach Brod winselnden Hunde herabwürdigen So weit aber hatte
Adrian urkundlich sein sogenanntes Wohlwollen und seine väterliche Fürsorge
getrieben Vollbrecht selbst glaubte übrigens nicht an die Versicherungen des
Grafen er hielt sie nur für eine neue zu völligem Verderben der Wehrlosen
lockend ausgeworfene Schlinge
    »Wenn dies wirklich Ihre höchst ehrenwerte Absicht ist Herr am Stein«
versetzte der Buchhalter »so würden Sie sich mit einemmale die Herzen aller
Ihrer Arbeiter gewinnen durch ein Weihnachtsgeschenk das Sie ihnen verabreichen
ließ Sie dürfen nicht besorgen dass ein solches Ihre Untergebenen übermütig
machen würde Dazu besitzen sie samt und sonders zu wenig wohl aber würde es
viele Tränen trocknen viele Gemüter beruhigen und einer Bevölkerung von
einigen Tausenden den Übergang aus einem alten Jahre in ein neues versüßen«
    »So glauben Sie in Ihrer Menschenfreundlichkeit lieber Vollbrecht«
entgegnete Adrian »ich aber weiß dass der Eindruck einer solchen Handlung
gerade jetzt ganz andere Folgen haben würde Das Sprüchwort vom Löwen der wenn
er Blut geleckt hat lüstern wird nach dem Fleische würde sich in erschreckende
Wahrheit verwandeln Ein solches Geschenk sagte diesen unersättlichen mir
feindlich gesinnten Menschen dass meine Behauptung von geringer Einnahme nicht
streng wahr gewesen sei sie würden gierig mehr verlangen und im
Weigerungsfalle voll Wut und Raserei mein Besitztum überfallen Damit dies
unterbleibe ich selbst aber die Feiertage ruhig verleben und mich etwas erholen
kann mögen sie noch bis Neujahr schmale Kost genießen Sie sind daran gewöhnt
und werden also nicht sehr davon belästigt werden am wenigsten aber verhungern
Meinen Sie dies nicht auch Herr Vollbrecht«
    »Ihre Maßregeln zu beurteilen gnädiger Herr erlaube ich mir nicht da ich
Sie in Ihren Entschließungen so fest und unwandelbar finde«
    »Das heißt mit andern Worten Sie missbilligen mein Verfahren«
    »Ich billige es nicht Herr am Stein«
    »Aus Philantropismus«
    »Auch aus Klugheit«
    »Fürchten Sie neue Ausbrüche der Unzufriedenheit«
    »Das nicht Herr am Stein Es gibt keine Unzufriedenen mehr es gibt bloß
noch Verzweifelnde und diese verlangen keine Unterredungen«
    »Sondern Sie verheimlichen mir noch einen Gedanken«
    »Wenn ich es tue so geschieht es aus Schonung und Rücksicht für Ihren
Gesundheitszustand Herr am Stein«
    »Dennoch bitte ich Sie ehrlich mit mir zu verfahren wie ich es mit Ihnen
getan habe Was fürchten Sie«
    »Den Wahnsinn Martells«
    »Wahnsinn« wiederholte Adrian und sein Auge loderte heftiger auf »Martell
ist wahnsinnig Wahnsinnig über den Tod seines Kindes«
    »Man besorgt allgemein dass seine Vernunft dem namenlosen Seelenschmerz und
der grenzenlosen Not die in seiner Familie herrscht ehestens unterliegen
wird Die Folgen eines solchen Unglücks wage ich nicht voraus zu bestimmen
    »Hat Martell die Arbeit eingestellt«
    »Immer bis auf den heutigen Tag war er der Erste an der Maschine und der
Letzte welcher den Saal verließ Er arbeitete stets unverdrossen aber mit
einem Blick mit einem Lächeln die das Entsetzliche das in ihm vorgeht oder
sich vorbereitet verraten Man sagt er betäube seinen Gram durch Branntwein«
    »Ich begreife nicht was mich an diesem wilden Menschen anzieht« sagte
Adrian nach kurzem Schweigen»was mich wünschen lässt dass er in eine bessere
Lage versetzt werden möge ohne dass ich selbst die Hand dazu reichen darf Ein
unerklärliches Etwas eine dunkle Warnungsstimme hält mich ab dass ich es nicht
tue Aber verderben ganz elend wohl gar wahnsinnig werden aus Mangel an dem
Allernotwendigsten mag ich ihn doch nicht sehen Geben Sie daher Befehl lieber
Herr Vollbrecht dass morgen früh der rückständige Lohn nebst dem auf die erste
Arbeitswoche im neuen Jahr fallenden Martell ins Haus geschickt werde Sie
werden mir morgen Bericht erstatten wie der Spinner diese Aufmerksamkeit
aufgenommen hat und wie sein geistiges Befinden ist Gesunde Feiertage«
    Vollbrecht verabschiedete sich »Also doch noch eine Regung von
Menschlichkeit« sagte er im Fortgehen »Oder wäre es das unerklärliche
geheimnisvolle Band des Blutes das den herzlosen Egoisten zu einem Schritte des
Mitleids zwingt den er aus freiem Willen niemals getan hätte  Wahrlich mich
verlangt zu wissen mit welchem Blicke Martell das Geld empfangen wird  «
    Adrian öffnete jetzt die erhaltenen Briefe Sie enthielten höflich gefasste
glatte und süße Glückwünsche zum Fest und nahenden Jahreswechsel und waren
außerdem noch von sehr reichen und kostbaren Geschenken begleitet die Adalbert
nebst Gattin dem lieben kranken Bruder zum Andenken überschickten Der Kranke
freute sich wirklich einen Augenblick darüber ließ in einem Anfall kindischer
Laune die Geschenke vor sich auf dem Tische ausbreiten an Ermangelung eines
Tannenbaums die goldnen Kronleuchter anzünden und weidete sich an dieser stillen
kalten Christbescheerung in dem reich meublirten von würzigem Duft und
behaglicher Wärme erfüllten Zimmer
    Um dieselbe Zeit ruhten Martells Töchter ihre Blöße kaum mit Lumpen
bedeckt Brust an Brust auf dem kalten Lager Der Frost schüttelte sie dass der
Schlummer ihre verweinten brennenden Augenlider nicht schloss Pfeifend fuhr der
Wind durch die zerknickten Scheiben und trieb den Staub auf von dem rohen
Estrich der unwirtlichen Kammer Lore weinte die bittersten Tränen über ihr
grenzenloses Elend Traugott suchte wie immer Trost und Erhebung im Gebet
Über ihn breitete zuerst der Engel des Schlafes seine schirmenden Fittiche
    Gegen Mitternacht schwankte der halbtrunkene Martell am Arme des
Maulwurffängers in seine Wohnung und bettete sich für diese verhängnisvolle
Nacht auf der Bank hinter dem Ofen Heinrich rückte die Pelzmütze in die Stirn
verschlang die Arme über die Brust und schlief fest und tief bis an den Morgen
    Nach Tische ließ Vollbrecht dem Herrn Adrian am Stein durch seinen
Kammerdiener sagen dass Martell jede Gabe des Grafen die nicht zugleich auch
seinen Mitarbeitern zu Teil werde mit Stolz und Verachtung zurückweise
    Adrian zuckte die Achseln strich das Geld wieder ein und sagte verächtlich
»So mag er verhungern der Trotzkopf oder wahnsinnig werden Mir alleins wenn
er nur zu Grunde geht«
    dabei flog der Glanz eines leuchtenden Gedankens über sein krankhaft
bleiches Gesicht Er griff nach Papier und Feder blätterte in seinem
Taschenbuche um sich einige Notizen darin aufzusuchen und schrieb dann eiligst
einen Brief nach Hamburg den er seinem Kammerdiener zu schneller Besorgung
übergab
 
                                Drittes Kapitel
                                  Rückblicke
Lange Jahre hatte der Zeiselhof keine so heitern Tage gesehen als das
diesmalige Weihnachtsfest Ein anderer ein guter Geist war mit Aurel und
seinen Begleitern eingezogen und hatte bald wieder Leben und Frische in die bis
dahin verödeten Gemächer gebracht Der Kapitän fest entschlossen das Vaterland
vor Ausgang des Prozesses nicht mehr zu verlassen nahm sich der innern
Verwaltung des bedeutenden Rittersitzes mit Eifer an und obwohl er von
Oeconomie wenig verstand wusste er sich doch mit Hilfe des gegenwärtigen
Verwalters schnell so weit zu orientiren dass er Anordnungen treffen und in
streitigen Punkten ein entscheidendes Wort sprechen konnte ohne sich eine Blöße
zu geben
    Gilbert musste dem rüstigen Kapitän auch hier stets zur Hand sein und sich
außerdem bald als munterer Erzähler bald als schnellfüssiger Bote bald als
schlauer Unterhändler gebrauchen lassen eine Verwendung die dem lebensfrischen
Jünglinge ihrer Mannigfaltigkeit wegen ganz wohl gefiel
    Herta lebte ebenfalls mehr und mehr wieder auf Ihr durch die unwürdigsten
Verhältnisse und beklagenswertesten Schicksale so lange niedergedrückter Geist
erwachte zu alter schöner Lebendigkeit in den Umgebungen die ihren frühesten
Gewohnheiten entsprachen Sie hatte zwar nie den Zeiselhof in den Tagen ihres
träumerischschönen Jugendglücks betreten aber diese hohen Zimmer mit den
veralteten Tapeten waren ihr lieb als Zeugen der Versuchungen welchen
Haideröschen hier so trotziglich widerstanden hatte Das Andenken dieser
unglücklichen dieser unvergesslichen Freundin und Lebensgefährtin ehrend
erwählte sie das schmale Balconzimmer das mit dem ehemaligen Wohnzimmer des
Grafen Magnus durch die verborgene Falztüre in unmittelbarer Verbindung stand
zu ihrem Boudoir
    Später erschien auch Sloboda mit seinem Enkel auf dem Rittersitze und
verkehrte tagelang mit dem redlichen Aurel der das entsetzliche Unrecht seiner
ganzen Familie durch seinen grosssinnigen Edelmut allein vergessen zu machen
gesonnen schien Auf sein Bitten ließ Sloboda seinen Enkel ganz auf dem
Zeiselhofe und der Kapitän behandelte den jungen Menschen sofort mit einer Art
humoristischen Respectes als rechtmäßigen Besitzer desselben obschon der
Entscheid dieser Frage noch in weiter Ferne lag
    Zu den Feiertagen hatte Aurel die beiden Alten um einen Besuch auf längere
Zeit gebeten Sloboda und der Maulwurffänger trafen mehrere Tage vor dem Feste
ein Dadurch ward die Sendung des immer rüstigen Heinrich nach Boberstein
möglich die der alte Mann selbst übernehmen musste wenn sie glücklichen Erfolg
haben sollte Schon am Abend des Christtages kam der schlaue Greis mit sehr
zufriedener Miene wieder zurück und meldete den erwartungsvoll Harrenden dass
Martell vorläufig gerettet und seiner Familie notdürftig geholfen sei
    Man hatte bisher nicht hinlängliche Ruhe und geistige Sammlung gehabt um
von Herta die Erzählung ihrer Schicksale erbitten zu können So nötig Aurel und
der Maulwurffänger ein solches Aufschliessen der Vergangenheit auch hielten
immer gab es noch Dringenderes zu beschicken und zu ordnen Erst zum
Weihnachtsfeste trat ein erwünschter Ruhepunkt ein und diesen bestimmte der
Kapitän im Voraus zu einer Besprechung der Angelegenheiten seiner Tante die ihm
für den dereinstigen Ausgang des Prozesses sehr wichtig erschienen Aus diesem
Grunde wünschte er auch des Wenden und Heinrichs Anwesenheit
    Am Abende des zweiten Feiertages hatte sich dieser Zirkel so fremdartiger
verschiedenaltriger und doch so eng und nah verwandter Personen  die
Repräsentanten dreier Generationen  in Hertas Zimmer am Teetische versammelt
Man zog es vor die Diener gänzlich zu entfernen um völlig ungestört sich der
Vergangenheit und ihren Eindrücken überlassen zu können Aurel schlug sogar vor
größerer Sicherheit wegen die Unterhaltung französisch oder englisch zu führen
man musste indes aus Rücksicht für Sloboda und PinkHeinrich darauf verzichten
Letzterer konnte nicht umhin bei diesem echt aristokratischen Vorschlage eine
seiner trocknen Bemerkungen zu machen die hinter drolliger und neckisch
klingender Einkleidung immer einen sehr ernsten Sinn versteckten
    »Schade mein Herr Seemann« sagte er »dass ich dummer Dorfteufel in meinem
langen müssiggängerischen Leben mein Tage nicht den gescheiten Einfall gehabt
habe das Parlezvous zu traktiren An Gelegenheit war kein Mangel dazumal als
der Bonaparte die Welt mit Schwert und Kanonen regierte s wurde mir salt1
sogar von einem grossbesternten Offizier den ich als Ordonnanz ins Oberland
begleiten musste angeboten mir unentgeltlich in dem welterobernden Kauderwelsch
Unterricht geben zu lassen ich Narr bedankte mich aber gar schön bei selbigem
Großen Denn mein Herr Seemann ich schämte mich just in meine altdeutsche
Seele hinein dass ich die Sprache eines Volkes lernen sollte deren
vermaledeites Lallen die Tugend unsrer Weiber untergrub Ich kriegte so zu
sagen mit Verlaub den Bittern auf die Parlezvous und ihr Genäsele und so bin
ich denn ein altdeutscher ehrlicher Dumrjan geblieben Beliebt es demnach den
ehrenwerten Versammelten so bitte ich und mein alter Freund um deutschen
Discours Es gilt ja dem unterdrückten Volke und da mein ich ist es recht und
billig dass der Hochgeborene lieber ein paar Staffeln herabsteigt als dem armen
Volke die Zumutung macht sich mühsam mit seinem schweren Geschüht zu ihm
herauf zu haspeln«
    Aurel nahm diese etwas derbe aber mit listigem Augenblinzeln gehaltene
Entschuldigungsrede seiner Unkenntnis mit Heiterkeit auf scherzte selbst über
sein undeutsches Ansinnen und wusste die Unterhaltung unmerklich so zu leiten
dass sich ein Gespräch über die Vergangenheit ungezwungen daran knüpfen ließ Man
war heiter traulich und fühlte sich bei dem brausenden Schneesturme der über
die Heide herantobte und Wolken staubfeinen Eises gegen die Fenster jagte
heimlich in der friedlichen Umgebung Mit komischem Behagen und etwas täppischer
Unbeholfenheit genossen Paul Sloboda und unser Maulwurffänger das aromatische
Getränk das Herta noch mit der ganzen Zierlichkeit und Anmut ihrer Jugendjahre
bereitete Emma die natürlich in diesem Kreise auch nicht fehlen durfte versah
das Amt einer Dienerin
    »Ich erinnere mich einer Nacht wo es eben so stürmte« sagte der
Maulwurffänger indem er mit den Lippen schnalzte und die geleerte Tasse der
teebereitenden Herta ungenirt zuschob »Das war dazumal als ich die
Bekanntschaft des Fürsten der Heide machte eines in seiner Art braven Mannes
weshalb ich aufrichtig bedaure dass ich nicht weiß was aus ihm geworden ist«
    »Ist es mir doch als hätte ich kurz vor dem Tode meines Oheims zuweilen
ebenfalls von diesem Manne sprechen hören« bemerkte Herta »Er musste ein Mann
von Gewicht sein«
    »Wie mans nimmt meine gnädige Gräfin« versetzte der Maulwurffänger die
neugefüllte Tasse dankend aus Hertas schmaler Hand empfangend »Als ich jung
war fürchtete hasste und liebte man ihn je nachdem Einer oder der Andere ein
gutes oder böses Gewissen sich zur Nachtruhe unter den Kopf schieben konnte
denn der Johannes der Heide wie er mit seinem richtigen Tauf und Familiennamen
hieß war seiner Zeit ein ganz scharfer Richter bei dem zwei mal zwei vier und
krumm immer krumm blieb und wenn ihm einer versprochen hätte das Öl aus den
Lampen aller klugen Jungfrauen für seine Nachtleuchte ihm zu verschaffen«
    »Sonderbar« fiel Herta ein »Obwohl ich immer ein düsteres Vorgefühl und
eine Scheu vor den Taten meines Vaters gehabt habe mit Bestimmtheit konnte ich
doch nie erfahren ob er und der berühmte oder berüchtigte Fürst der Heide ein
und dieselbe Person seien Denn Ihr wisst braver Alter dass sich Johannes nach
der Zerstörung des Schlosses Boberstein in die abgeschlossenste Einsamkeit
zurückzog Die Streifzüge des Fürsten der Heide wurden aber noch geraume Zeit
fortgesetzt  wie ich nunmehr vermute von den Tapfersten seiner Gefährten Und
so erfahre ich mithin erst jetzt dass Johannes mein Retter und Rächer wirklich
jenen für alle vornehmen Verbrecher schreckenvollen Namen führte«
    »Es ist so wie ich sage meine gnädigste Gräfin« beteuerte PinkHeinrich
»Derselbige Johannes der in seinen guten Tagen ein Hauptschütze war und ein
wahrer Mordhahn im Fechten und Reiten und dem just wegen so vortrefflicher
Eigenschaften der gnädigen Gräfin in Gott ruhende liebe Mutter zu tief in Aug
und Herz geblickt hatte derselbige Johannes legte sich später nach dem Unglück
und Verdruss mit dem seligen Herrn Oheim auf das freie Kriegshandwerk Nach Ihrer
gnädigen Äußerung hat er also ferner nicht mehr mit dem Stegreif gut Freund
sein mögen«
    Auf einen Wink Hertas trug Emma die Teemaschine nebst Tassen fort und
Herta schickte sich an in zusammenhängender Erzählung eine Skizze ihres Lebens
seit ihrer gezwungenen Flucht von Boberstein den Freunden zu entwerfen
    »Ich beginne von dem Augenblicke an wo wir von einander schieden« sprach
Herta indem sie ihre abgemagerte Hand dem neben ihr sitzenden Maulwurffänger
reichte als wolle sie ihm nach so langen Jahren nochmals für den ihr
geleisteten Beistand und für die vielen Dienste und Gefälligkeiten die er ihrer
Freundin erwiesen hatte Dank sagen »Umgeben von den vielen Bewaffneten in
Jägerkleidung immer begleitet von dem häufig erstickenden Brandgeruch der Heide
und überwölbt von einem trübrot flammenden Himmel rollten wir in schlechter
schütternder Kalesche auf bald holprigen bald tief in weichem Sande sich
verlierenden Wegen dem verstecktesten Dickicht der Heide zu Mein Vater rastete
nur bei zerstreut liegenden Köhlerhütten deren Bewohner staunend neben ihren
knisternden und qualmenden Meilern standen und dem gespenstischen Zuge der
finsteren Rauchwolke nachsahen die uns wie der mahnende Geist einer
entsetzlichen Tat verfolgte Überall bei diesen schlichten ungebildeten
rohen aber ehrlichen Leuten fand mein Vater zuvorkommende Aufnahme sogar eine
gewisse Ehrfurcht ward ihm erwiesen und als er einmal auf eine an ihn
gerichtete Frage mich gar seine Tochter nannte trugen die guten Menschen das
Allerbeste auf was Küche und Keller bargen und riefen uns tausend
Segenswünsche bei unserm Aufbruche nach Wehe mir möchte ich noch jetzt sagen
dass sie sich nicht erfüllten müsste ich nicht glauben dass Gott mich zum
Werkzeug seiner höheren Zwecke bestimmt und deshalb durch so grausame und lange
Läuterungen führend tüchtig dazu hat machen wollen«
    »Nach dreitägigem allerdings meist langsamem Vordringen in dem unermesslichen
Waldesdickicht  des Nachts rasteten wir entweder bei Köhlern oder auf einer
sogenannten Streu wo sich dann immer einige kräftige Männer in grünen
Jagdröcken und mit guten Büchsen bewaffnet einfanden  erreichten wir drei
Häuser die einsam auf einer unbedeutenden Waldblösse lagen und an der freien
Seite noch durch einen tiefen schwarzen Sumpf gegen unwillkommene Gäste
geschützt waren Nur vom Walde her konnte man diese geräumigen einstöckigen
Bauernhäuser auf kaum sichtbaren Fusswegen betreten Hier blieben wir da mein
Vater Geschäfte zu haben vorgab Mir war Alles recht wenn ich nur sicher sein
konnte das Angesicht dessen den ich hasste nicht mehr sehen zu dürfen Die
Bewohner der drei Häuser waren wendische Haidebauern gutmütig lustig und
überaus gefällig wenigstens gegen mich Was ich wünschte ward mir gebracht
jeder meiner unbedeutendsten Winke war ihnen Befehl Ich ward bedient wie nie
besser selbst als es Emmas Gewandheit und Haideröschens Anmut je gelungen war
Man verwöhnte mich und nannte mich unverhohlen die Prinzessin der Heide einen
Titel den ich herzlich belachte den ich mir aber auch als höchst unschuldig
gutmütig gefallen ließ
    Bis zu diesem von allem Verkehr und jeder befahrenen Straße fern gelegenen
Versteck hatten wohl gegen dreißig jener grün gekleideten Männer uns
unverdrossen begleitet Hier verabschiedeten sie sich bis auf drei von denen
mir einer seiner furchtbaren Hässlichkeit und seiner boshaften scheusslich
rollenden Augen wegen immer unvergesslich bleiben wird Diese drei noch sehr
jungen Männer weigerten sich den Übrigen sich anzuschließen bestanden
vielmehr darauf bei dem Vater zu bleiben und hefteten sich buchstäblich an
seine Person Johannes wollte dies nicht dulden weil aber all sein Zureden
nichts half ging er am Tage nach unsrer Ankunft in diesem verborgenen Haideorte
mit ihnen in eines der Nachbarhäuser und blieb mehrere Stunden mit ihnen im
vertrauten Gespräch beisammen«
    »Gegen Abend kamen Alle in großer Verstimmung wieder zurück namentlich ließ
jener mir Furcht und Entsetzen einflössende Hässliche mit dem Wolfsgebiss
fortwährend fürchterliche unverständliche Drohungen hören auf die jedoch mein
Vater nicht achtete Die beiden Andern blieben mit düstern Blicken und
gerunzelten Stirnen still neben einander sitzen«
    »Liebe Tante« unterbrach hier Aurel die Erzählende »können Sie sich nicht
auf den Namen des erwähnten Hässlichen besinnen«
    »Keiner der Männer nannte ihn beim Namen« erwiderte Herta »abwechselnd
hörte ich ihn nur bald Lugauge bald Wolfszahn rufen«
    »Kein Zweifel er ist es« sagte Aurel und verdoppelte wo möglich noch seine
Aufmerksamkeit
    »Wer« fragte Herta »Den Schrecklichen in dessen Hand mein unglückliches
Leben geriet können Sie nie erblickt haben«
    »Davon später gnädige Tante Bitte fahren Sie fort wenn es Ihnen genehm
ist«
    »Lugauge oder Wolfszahn wie ich ihn nennen will warf meinem Vater
Treulosigkeit Wortbruch und Egoismus vor und ließ nicht undeutlich merken dass
ich ihm verhasst sei Die kalte Ruhe Johannes erbitterte ihn immer mehr und
verleitete ihn zuletzt Hand an ihn zu legen indem er wütend an seine geladene
Büchse schlug Verächtlich stieß Johannes den Rasenden von sich rief ihm barsch
zu dass er sein Teil erhalten habe und ihn fortan ungestört lassen solle Er
sei Herr seines Willens und könne tun was er wolle nur auf seinen Johannes
Wegen solle er sich nicht mehr blicken lassen«
    »Schon gut« versetzte Wolfszahn nach dieser eben so kurzen als heftigen
Szene die ich an Emmas Brust geschmiegt zitternd und zagend mit angehört
hatte »es wird schon Tag und Stunde kommen Herr Johannes wo wir zusammen
Abrechnung halten können Hoffentlich sind wir dann ohne Zeugen und mithin
ungestört und weigert sich der gewissenhafte Herr dann abermals mir gerecht zu
werden so kenne ich ein untrügliches Mittel mir auf eigne Faust Gerechtigkeit
zu verschaffen«
    »Johannes lächelte bloß zu dieser Drohung Lugauge winkte den beiden
Schweigsamen und verließ mit ihnen das Bauerhaus Im Fortgehen schleuderte er
mir noch unter grinsendem Lachen einen boshaften Blick zu der mich lange im
Traume noch erschreckte und mir ein namenloses Entsetzen einflößte«
    »Als diese drei Männer endlich im finsteren Föhrenwalde verschwanden«
atmete mein Vater erst frei auf »Gott Lob und Dank« rief er mich zärtlich
umarmend aus »jetzt erst bist Du vollkommen mein teures heissgeliebtes Kind
von nun an kann ich wieder ganz Dein sorgender treuer Vater sein Keine Gewalt
auf Erden soll uns wieder scheiden als der Tod«
    »In diesem Augenblick klirrte neben uns eine Scheibe dass die Stücken zur
Erde fielen und pfeifend schlug eine Büchsenkugel in den geschwärzten Tragbalken
der Decke dass einige braune Splitter umherflogen« Ich schrie entsetzt laut auf
und barg mein Gesicht an der Brust des Vaters Dieser tat als sei nichts
geschehen »Unvorsichtigkeit eines Jägerburschen« sagte er »der mit
Schiessgewehr noch nicht umzugehen weiß«  Ich ahnte aber wohl aus wessen
Büchse diese mahnende Kugel ausgesendet worden war
    »Ohne die traurigen Erinnerungen an grauenvolle hirnverrückende Momente der
Vergangenheit hätte ich jetzt ein zufriedenes ja glückliches Leben führen
können Die völlige Abgeschiedenheit die rauschende Waldeinsamkeit der
Harzduft der Kiefern und Tannen die zauberischen Sonnenuntergänge welche die
unabsehbare Waldung in goldenes funkenflimmerndes Aeterrlicht tauchten  das
Brausen der nächtlichen Stürme in denen die Geisterstimme der Heide erklang 
dies Alles entsprach meinen Neigungen und sympatisirte mit meiner
traurigfeierlichen Stimmung Auch Altgewohntes fehlte nicht ganz da ich außer
dem kleinen Eichhörnchen das mich immer mit seinen zierlichen Sprüngen
erheiterte auch einige meiner geliebten Bücher aus dem brennenden Schloss
gerettet hatte«
    »Von den Folgen dieses Brandes hörten wir nichts Wir waren weit genug von
dem Schauplatz des furchtbaren Ereignisses entfernt um in größter Ruhe auch die
ausserordentlichsten Ereignisse abwarten zu können Zeitungen und fliegende
Blätter verirrten sich nicht zu uns nur von ab und zugehenden Köhlern oder
Kienrusshändlern drang bisweilen eine Neuigkeit aus der bewegten Welt des
bewohnten Landes in unsre Einsamkeit«
    »Johannes trieb mit einer gewissen Leidenschaft Vieh und Bienenzucht Er
hatte wie er mir später sagte das von uns bewohnte und bequem mit städtischem
Luxus eingerichtete Haidehaus käuflich an sich gebracht und lebte von dem nicht
unbedeutenden Ertrage desselben Ein ansehnlicher Strich Wald mit guter
Torfgräberei gehörte dazu und gab ausreichenden Gewinn«
    »Sehr lebhaft interessierte mich die Bienenzucht an der ich schon früher
durch die Bekanntschaft mit Gregor dem drolligen Schulmeister Gefallen
gefunden hatte Ich fürchtete mich zwar noch immer vor den schwärmenden kleinen
Tieren ließ mich aber doch von Johannes überreden ihn einigemale in den Wald
zu begleiten und der Pflege der wilden Bienen zuzusehen Diese bauen in schlanke
Baumstämme ihre durchsichtigen zarten Zellen und gewähren einen sonderbaren
Anblick Oft siedelten mehrere Schwärme in ein und demselben Stamme
stockwerkartig über einander oder es standen in weitem Halbkreise eine Menge
hoher Föhren beisammen die von Millionen Bienen bewohnt waren In solche Hecken
wilder Bienen einzudringen war nicht immer gefahrlos Der Bienenvater der
Zeidler wie man ihn hier nennt musste vertraut sein mit den Gewohnheiten dieser
fleißigen und an sich harmlosen Tiere und die Zeit abpassen wo die Sonne zu
Rüste ging oder ihre Strahlen doch nicht gerade den wimmelnden Zellenbau
trafen Denn im vollen Schein dieses Gestirns flogen die summenden Tiere
sammelnd zu Tausenden ab und zu und wer dann ihre Wege kreuzte der konnte den
empfindlichsten Stichen trotz aller Vorsicht nicht entgehen«
    »Mein Vater besaß auf seinem Heideanteil über hundert Beuten wilder Bienen
die er mit großer Aufmerksamkeit pflegte und beim Schwärmen durch Anlegung neuer
Beuten zu mehren suchte Der Ertrag an Honig war bedeutend und um so
gewinnreicher als er süßer und von Geschmack aromatischer vom Kenner gefunden
wurde als der der zahmen Bienen Ich erwähne dieser Bienenzucht so ausführlich
weil das Schicksal meines Vaters durch sie eine tragische Wendung erlitt«
    »Zwischen Lektüre Handarbeit und Erholung meine Zeit einteilend kam der
Spätherbst heran und nötigte mich im Hause zu bleiben Johannes ging fleißig
auf die Jagd meistenteils allein nur zuweilen von einem stämmigen Burschen
begleitet der sich in Emmas rosiges Gesicht verliebt hatte und halbe Tage lang
die Pelzmütze in der Hand neben dem Wandheerde stehen und stumm und stier die
Flamme anglotzen konnte Mit ihr gesprochen hat der Bursche meines Wissens
niemals Oder doch Emma«
    Die gefragte jetzt mit Runzeln bedeckte treue Dienerin bestätigte die
Wahrheit des Gesagten durch ein freundliches Lächeln Herta fuhr fort
    »Ungeachtet des Abscheues den ich bei der bloßen Erinnerung an meinen
Vetter Magnus empfand drängte es mich doch Johannes zu fragen ob er nichts
mehr von ihm und den Seinen gehört habe Johannes behauptete ohne Nachricht zu
sein doch hatte ich Grund die Wahrheit dieser Behauptung zu bezweifeln Mein
Vater schrieb und empfing Briefe an wen und von wem konnte ich nicht erfahren
Sie mussten aber nicht immer erfreulichen Inhaltes sein denn oft ward Johannes
so davon verstimmt oder gar erschüttert dass er seine Bewegung mit aller Kraft
des Willens nicht verbergen konnte und häufig noch des Nachts seufzend in seiner
Kammer auf und niederging Ich vermute dass Wolfszahn sich mit Magnus in
Verbindung gesetzt und ihm Johannes in einem Licht dargestellt hatte das ihm
gefährlich werden vielleicht gar seine persönliche Sicherheit gefährden
konnte«
    »Es blieb indes bei diesen momentanen Aufregungen Johannes ging nach
solchen beunruhigenden Briefen wie ich bemerkte jedesmal am nächsten Tage sehr
frühzeitig aus mochte das Wetter gut oder schlecht sein« Selten kehrte er vor
Abend zurück dann aber erheitert wo möglich mit vermehrter Zärtlichkeit und
Vaterliebe gegen mich Einmal hörte ich dass er tief in der Nacht vor einem
solchen frühen Morgenspaziergange Geld zählte und es dann in einen Beutel
schüttete wobei ich deutlich die Worte vernahm »Endlich wird sein Gelddurst
doch wohl gestillt sein Es ist das Letzte was ich Herta hinterlassen wollte«
 »Ich dankte Gott dass ich den Vater für beruhigt halten durfte dachte nicht
an mich und meine unsichere Zukunft und entschlief mit einem Seufzer des
aufrichtigsten innigsten Dankes zu Gott«
    »Tief im Winter ward ich Mutter Mutter eines munteren braunen Knaben dessen
kindliche Gesichtszüge mich schaudernd an seinen entsetzlichen Vater erinnerten
Nichts desto weniger liebte ich das Kind zärtlich weidete mich an seinem
Lächeln und küsste ihm die trotzigen kleinen Lippen mit namenloser Wonne Ich
gelobte an der Wiege des schlummernden Knaben durch seine Erziehung die
Vergehungen des herzlosen Vaters zu sühnen Nach meinem Vater nannte ich ihn
Johannes«
    »Der Knabe gedieh sichtlich entwickelte ungewöhnlich zeitig gelenke
Körperkraft und geistige Schärfe lernte sehr bald sprechen und war mit zwei
Jahren ein prächtiger Junge Mein Vater nannte ihn scherzweise den Haidekönig
und war nahe daran ihm zu Liebe dem grausamen Magnus zu verzeihen«
    »In dieser Zeit trug sich nichts Bemerkenswertes zu Unser Waldleben war
einsam eintönig wie das eines Einsiedlers und würde mir lästig geworden sein
hätten wir uns nicht auf mancherlei Weise nützlich und angenehm zu beschäftigen
gewusst Überdies unterhielt mich die eigentümliche Poesie der Heide auf deren
Stimme zu lauschen ich nie müde ward Kein Tag ja keine Stunde verging wo ich
nicht ein neues Phänomen entdecken und bewundern konnte Ich ward ein Kind der
Natur und lebte mich so tief und innig ein in ihre wunderbaren Geheimnisse dass
mir Alles andere schaal dagegen erschien Im nickenden Grase im Spiel der Käfer
und Insecten auf krauslockigen Moosen in den phantastischen Schlachten der
Wasserspinnen und Fliegen auf braunroten Wassertümpeln in Moor und Sumpf
überall entdeckte ich ein Atom göttlichen Daseins ein heiliges Fortatmen der
schaffenden und welterhaltenden Allmacht Und Abends in herbstlicher Kühle
welch bezauberndes Schauspiel gewährte dann die ruhende Heide Oft blau und
klar wie eine kristallene Kuppel stieg das Himmelsgewölbe über der Waldung
empor Anfangs blieb Alles still und öde bis der Goldrauch der Sonne am Rande
der Kuppel verdampfte und dunklere Tinten wie Nachtgedanken des Weltgeistes an
ihren glänzenden Ribben heraufliefen Nun bewegten sich in regellosem Spiele die
heimkehrenden Waldvögel bald zitternd schwebend bald in welligem Fluge auf und
abstürzend bald im jähen Falle niedersinkend in die flüsternden Wipfel der
zusammengeneigten Föhren durch die dunkelnde von blassem Sternenlicht neu sich
entzündende Kuppel Später glitten mit schwirrendem Echoschall breite Geschwader
wandernder Staare über die Waldung oder einzelne Störche ruderten schwerfällig
mit lang gestrecktem Halse und klapperndem Schnabel durch die dunkle Luftflut
oder ein Habicht kreiste wie ein von unsichtbarer Kraft bewegter Bohrer lange
lange um sich selbst bis er plötzlich gleich einer schwarzen Flamme niederschoss
in den Wald  ein Schmerzensschrei hallte wieder in der Öde und die Stille des
Todes breitete sich abermals über die schlummernde Waldung Sie betete zu Nacht
 dann rieselten silberne Lichtwellen über die nickenden schwarzen
Föhrenhäupter grauweisse Schleier sanken auf ihre Schultern und die ewige Lampe
der Welt brannte still und mild im dunkeln Osten«
    »Ich fühlte mich glücklich in dieser hehren Abgeschiedenheit ich vergaß
mehr und mehr den erlittenen Kummer das mir zugefügte Unrecht und ich zweifle
nicht dass mich ein fortgesetzter Aufenthalt in dieser waldigen Einöde mit der
Zeit gänzlich den Menschen wieder versöhnt haben würde Aber es scheint als sei
es Gottes Wille die Kräfte seiner Geschöpfe und ihre Geduld bis zum äußersten
Grad der Anspannung zu versuchen und in dieser Versuchung gleichsam die Probe
auf sein Schöpfungsexempel zu machen Wer in ihr erliegt der ist vielleicht
noch nicht würdig gewesen in wahrem Sinne sein Kind zu heißen es sei denn dass
dem Schwachen die ewige Liebe ihre milde versöhnende Hand reiche «
    »Es war die Zeit wo die Bienen zu schwärmen beginnen Mein Knabe stand im
vierten Jahre und konnte kaum den Tag erwarten wo er den Großvater in den Wald
begleiten sollte um das unterhaltende Schauspiel mit anzusehen und die
Behandlung dieser nützlichem Tiere zu erlernen Johannes hatte ihm eine Beute
zu stellen versprochen wenn sich ein gesunder neuer Schwarm auf seinem Revier
anlegte«
    »Um einer glücklichen Bienenärndte versichert zu sein hatte Johannes schon
vorsorglich die leeren Beuten mit sogenannter Bienenschminke bestrichen eine
aus vielen wohlriechenden Kräutern unter mancherlei Heimlichkeiten
zusammengesetzte Salbe Diese dient den Spurbienen zum Köder welche gleichsam
als Herolde den Schwärmen vorausfliegen und sich auf den ihnen am meisten
zusagenden Beutebäumen niederlassen«
    »Endlich erschienen die Bienen Die ganze Heide summte von den schwärmenden
Tieren und lockte überall die Zeidler auf ihre Standorte zu den Beuten Auch
Johannes bewaffnet mit seiner Zeidelart meinen Sohn an der Hand brach zeitig
auf Der alberne Nachbarsbursche der sich in Emmas Schelmenaugen vergafft
hatte wollte als Beistand mitgehen allein Johannes gestattete dies nicht und
wies den in seinem Vornehmen etwas Hartnäckigen barsch zurück Der Zeidler
duldet nie Uneingeweihte in seinem Revier am wenigsten zur Zeit des Schwärmens
da ihre Gegenwart dem Volksglauben zufolge den neu eingefassten Schwärmen
Unglück bringen soll«
    »So ging mein Vater mit dem kleinen lachenden braunlockigen Johannes der
mir noch von weitem manches Kusshändchen zuwarf allein in die Heide Was bis zum
späten Abend im öden Dickicht geschehen sein mag an jenem unheilvollen Tage
weiß nur Gott allein Wir armen Zurückgebliebenen die wir sorglos der
Heimkehrenden warteten wir haben über das Geschehene nur Vermutungen
zusammenstellen können Wir ahnten nichts Böses wir saßen arbeitend am
blumengeschmückten Fenster und freuten uns der warmen hellen Luft des sonnigen
windstillen Tages Bis in die sinkende Nacht beschlich uns kein ängstlicher
Gedanke da Johannes in der Heide eben so heimisch war wie auf seinem Hofe
Erst als die Schatten erloschen waren und die Nacht ihre grauen Dämmerungen in
trüben Nebeln über die Wälder breitete begann mein Herz ängstlich zu schlagen
und unruhig nach Vater und Sohn zu verlangen«
    »Noch immer hoffte ich dass die Zögernden unversehrt heimkehren würden denn
ich kannte die Gewohnheiten meines Vaters in Folge deren er oft sogar ganze
Nächte hindurch bei einem Köhler übernachtete oder in warmen Sommernächten
unter freiem Himmel den jungen Tag erwartete Eine sonderbare Unruhe die ihn
nie ganz verließ schien ihn von Zeit zu Zeit in solchen einsamen
Nachtspaziergängen im finsteren Walde zu nötigen Darum ließ ich auch diesmal
Mitternacht herankommen als aber immer noch kein Laut aus der Ferne hörbar
ward der Nebel immer dichter und feuchter wurde und ich für die Gesundheit
meines Knaben fürchten musste brachen unaufgefordert die Nachbarn mit Laternen
und Kienfackeln auf um zuvörderst die Beutestände mit ihren Umgebungen zu
durchsuchen und sodann bei den nächsten Köhlerwohnungen einzusprechen«
    »In der zweiten Nachtstunde kamen die Suchenden zurück Ich hörte von weitem
ihre Stimmen die Angst der Mutter trieb mich ans Fenster Der Nebel war dünner
durchsichtiger geworden und verschwebte um Moorsumpf und hohe Föhrenkronen die
mittlere Luftschicht frei lassend von jeglichem Dunst Da sah ich die Männer mit
ihren Laternen und Kienbränden über die Wiese schreiten nach der Waldbeschirmten
Hinterseite des Hauses ich sah dass zwei von ihnen etwas Unbewegliches auf
Tannenzweigen trugen  Mein Herz stand still ich fühlte mich einer Ohnmacht
nahe Doch raffte ich mich zusammen Die Angst gab mir Kräfte  auf Emmas Arm
gestützt eilte ich an die Tür und erwartete bleich atemlos einer Bildsäule
ähnlich die Ankunft der Männer«
    »Sie traten aus dem finsteren Dickicht das knisternde Licht der Kienfackeln
fiel rötlich und fahl auf eine kunstlose Tragbahre auf welcher der blutige
Leichnam eines Mannes ausgestreckt lag Ich erkannte schaudernd meinen Vater 
Und Johannes Johannes mein Sohn schrie ich händeringendn an der Bahre
niederstürzend  Wir haben keine Spur von ihm gesehen lautete die dumpfe
einstimmige Antwort der erschütterten Männer«
    »Johannes war unstreitig meuchelmörderisch erschlagen worden Eine klaffende
Wunde am Hinterkopfe deutete auf feigen verruchten Überfall Sie schien von
einer Art herzurühren Mehrere minder tiefe und kaum unmittelbar tödtliche
Wunden im Gesicht und auf der Brust sprachen deutlich für den festen Entschluss
des Täters den Unglücklichen töten zu wollen«
    »Eine spätere genauere Besichtigung des Ortes wo die Tat wahrscheinlich in
den ersten Nachmittagsstunden geschehen war führte zu mancherlei Vermutungen
aber durchaus zu keiner Gewissheit Man fand den Ermordeten kaum zwanzig Schritte
von seinem Beuteplatze Weitere zwanzig Schritte jenseits des ihm zugehörenden
Reviers steckte seine eigene Zeidelaxt fest in dem schlanken Stamme einer jungen
Fichte auf der wie man deutlich bemerken konnte ein Bienenschwarm sich
niedergelassen hatte Unstreitig war dieser Schwarm durch Spurbienen verlockt
auf nachbarliches Gebiet geraten und Johannes hatte ihn nach den bestehenden
Zeidler gesetzen für seine Beuten einfangen wollen Es geschah dies mittelst der
Zeidelaxt indem der Zeidler dieselbe auf der Grenze seines Reviers stehend
rücklings unter dem linken Arme nach dem Baume schleudert den sich der Schwarm
zum Rastorte auserkoren hat Die Zeidlergesetze erlaubten die Wegnahme des
Schwarms wenn der werfende Zeidler mit der Axt den Stamm traf wogegen der
Schwarm im entgegengesetzten Falle verloren ging und der Werfende auch noch in
Strafe verfiel«
    »Bei diesem Wurf der Axt auf das Gebiet des Nachbars mochte sich ein Streit
zwischen Johannes und seinem Gegner entsponnen haben Wer dieser Gegner gewesen
 denn der Nachbar konnte sich von allem Verdachte aufs gnügendste reinigen 
blieb unermittelt und wird wohl nie ans Tageslicht kommen Noch an dem
getroffenen Stamme hatte ein Faustkampf stattgefunden wie das zerstampfte Moos
am Boden bewies Man gewahrte Blutspuren die sich in das Gebiet des Nachbars
verloren woraus man schloss dass Johannes seinen Gegner überwunden und mit einem
tüchtigen Denkzettel heimgeschickt habe Dafür sprach noch mehr die fast zur
Gewissheit erhobene Annahme dass Johannes den durch Axtwurf nach Zeidlerrecht
erworbenen Schwarm eingefangen und in die bereitgehaltene Beute gebracht hatte
Gerade bei Einbeutung des Schwarmes musste ihm die Axt des Mörders den Schädel
gespalten haben denn der tötlich Verwundete war mehrere Schritte rückwärts
getaumelt und gegen einen Baumstamm niedergestürzt wo dann der feige Mörder
Zeit hatte ihn vollends zu töten Die neu ausgehauene Beute stand offen der
Schwarm war wieder entflohen  an dem starken Blutfleck dicht daneben war der
Standort des Unglücklichen als die Mordaxt ihn traf zu erkennen«
    »Mein armer Kleiner blieb von Stund an verschwunden Kein noch so
anhaltendes Rufen und aufmerksames Durchsuchen der Heide mit allen ihren Bächen
Teichen und Morästen zeigte die geringste Spur des Verlorenen Niemand vermochte
zu ermitteln ob der arme schuldlose Knabe sich in der Heide verlaufen oder ob
der Mörder seines Großvaters ihn ebenfalls getötet und in irgend einen
versteckten Winkel des Waldes verscharrt hatte Einzelne Stimmen behaupteten
der Knabe sei entführt worden doch konnten sie für solche Annahme keine
triftigen Gründe anführen«
    »Was ich in diesen Schreckenstagen litt darüber lassen Sie mich schweigen«
fuhr Herta mit tränenden Augen fort »Ich hatte Alles verloren was mich noch
an die Erde kettete Ich stand jetzt einsam verlassen eine trostlose Waise
unter fremden Menschen Oft wünschte ich in diesen fürchterlichen
Schmerzenstagen unter den Trümmern Bobersteins neben den Gebeinen meines Oheims
begraben zu liegen Aber ich erlag nicht dem Jammer ich ward nicht einmal
krank Mein schwacher Körper schien unzerstörbar zu sein meine Nerven empfanden
nur den Schmerz das namenlose Seelenweh aber ihre Kraft und Elastizität
spottete meiner Leiden«
    Tief erschüttert von der bloßen Rückerinnerung an so vernichtende
Lebensstürme unterbrach sich Herta um ihre schmerzlichen Gefühle zu
bemeistern Aurel Benutzte diesen Augenblick um eine Frage an sie zu richten zu
der es ihn schon längst drängte
    »Glaubten Sie an den Tod Ihres Kindes gnädigste Tante« sprach er »oder
neigten Sie sich zu der Ansicht einiger Ihrer Freunde dass es in den endlosen
Wäldern in die Irre geraten sein könne«
    »Mein Mutterherz wünschte das Letztere weil es dann hoffen durfte den
Verschwundenen doch einmal wiederzufinden«
    »Und ein anderer schrecklicher Gedanke beschlich Sie nicht«
    »Welcher andere Gedanke hätte mich ängstigen sollen«
    »Sie erwähnten einer Drohung des Menschen den Sie Wolfszahn oder Lugauge
nannten  Sie sprachen von Briefen die Ihren Vater empörten ihm die Ruhe
raubten  Sie hörten ihn endlich eines Nachts Geld zählen und dabei Worte
äußern die auf einen teuer erkauften Frieden auf einen unersättlichen Dränger
schließen lassen Wie gnädigste Tante wenn unter diesen uns und Ihnen
unbekannten Vorfällen und dem Tode Ihres Vaters wie dem Verschwinden Ihres
Sohnes ein geheimnisvoller Zusammenhang stattgefunden hätte«
    »O mein Gott Aurel quälen Sie mich nicht« bat Herta mit flehendem Blick
und legte beide zarte Hände an ihre Stirn »Mit Gewalt unterdrückte ich solche
Vermutungen die ja doch zu keinem Ziele führen könnten  ich will ihnen jetzt
nach fast einem halben Jahrhunderte nicht noch einmal frische Nahrung zufliessen
lassen«
    »Und dennoch verehrte Gräfin« fiel Sloboda ein »dennoch wird es fast
nötig sein dass wir Ihnen den Schmerz gewagter Vermutungen zufügen«
    »Ein glückliches Ungefähr hat schon so Vieles enthüllt« sagte Aurel »dass
wir uns selbst der Feigheit anklagen müssten verabsäumten wir auf den
aufgespürten Pfaden rüstig weiter zu schreiten Adrians Aufforderungen an mich
mit Ernst zu forschen ob ich Spuren entdecken könnte die auf Bestätigung der
Erzählung unserer wackeren Freunde hinleiteten machte mich achtsam und
scharfblickend und darf ich einer Ahnung des Herzens trauen einer innern
prophetischen Stimme des Geistes lauschen so glaube ich fast behaupten zu
können dass jener Ihnen so furchtbare Mensch jener Wolfszahn noch lebt«
    Herta ließ einen langen Blick voll Angst und Erwartung auf ihren Neffen
fallen
    »Ich kenne ihn wenn mich nicht Alles täuscht teure Tante und seiner
Bekanntschaft allein habe ich es zu danken dass ich Sie wiederfand und Sie den
unwürdigen Verhältnissen glücklich entriss in welche Sie langjähriges Unglück
gebracht hatte Man nannte ihn damals Blutrüssel aber die Beschreibung seines
Aussehens sein Wolfsgebiss sein glotzendes boshaftes Auge charakterisiren ihn
zu deutlich als dass ich Ihren Wolfszahn mit einem Andern verwechseln könnte«
    »Und gesetzt dieser widerliche und vielleicht verbrecherische Mensch lebte
wirklich noch« entgegnete Herta »was kann uns dies jetzt interessieren«
    »Sind Sie nie wieder mit ihm zusammengetroffen in Ihrem späteren Leben«
fragte Aurel sie unterbrechend
    
    »Nein« sagte Herta »ich selbst sah ihn niemals wieder Emma aber
behauptete noch einmal mit ihm verkehrt zu haben«
    »Damals als Sie aus Mangel diesen Siegelring an den Trödler verkauften oder
verkaufen ließ« rief Aurel lebhaft und zog eine Kapsel aus seiner
Brusttasche in der er das ihm so teure Kleinod jetzt aufbewahrte
    Herta empfing die Kapsel mit dem feingearbeiteten Ringe
    Sie betrachtete ihn lange mit bewegten Zügen und untersuchte genau ob er
echt sei Als sie ihn dafür erkennen musste presste sie die Hände an ihre Brust
und sagte mit zitternder Stimme »Gott im Himmel es ist wirklich sein Ring«
    »Und Sie ließ ihn durch Emma an jenen betrügerischen Menschen verkaufen«
fragte Aurel abermals
    »Diesen Ring o nie nie Diesen Ring ein Geschenk meiner Mutter schob ich
an den Finger meines Kindes als es das dritte Jahr zurückgelegt hatte«
    »Ha so bin ich belogen worden« rief Aurel aus »Belogen um schlimmern
Verdacht abzuleiten  «
    »Es will mir vorkommen« sagte der Maulwurffänger in seiner trocknen Manier
»als wären wir auf die blutigen Fußstapfen eines Verbrechers gestoßen der mir
in einer verhängnisvollen Nacht einst das Licht gehalten hat damit ich nicht
Hals und Beine brechen sollte Lassen Sie uns doch wenns gefällig ist diese
Fußstapfen etwas genauer betrachten«
    »Gnädige Tante« nahm Aurel abermals das Wort »es sind jetzt zwei
Möglichkeiten vorhanden hinsichtlich des kleinen nach Auffindung seines
ermordeten Großvaters verlorenen Johannes Entweder hauchte auch er unter
Mörder und Räuberhand sein junges schuldloses Leben aus oder «
    » Oder« fiel Herta erwartungsvoll ein
    »Oder man entführte ihn auf Anstiften und Befehl eines Dritten eines
Mächtigeren der vielleicht  mein eigener Vater war«
    »Was veranlasst Sie zu so gewagten Vermutungen«
    »Gewagt gnädige Tante Im Gegenteil ich finde dass es kaum anders sein
kann Magnus vermählte sich ungefähr zwei Jahre nach der Zerstörung Bobersteins
mit einer reichen stolzen Erbin Es musste ihm Alles daran gelegen sein einen
undurchdringlichen Schleier über die unheilvolle Vergangenheit über sein ganzes
beflecktes Leben zu werfen Nichts war natürlicher als dass er Ihre Ansprüche
wenn nicht an seine Person doch an sein Vermögen fürchtete vielleicht sogar
erwartete Diese konnten kaum unterbleiben wenn Ihr Sohn am Leben blieb Tod
oder Entfernung desselben war mithin sein Wunsch der nie in Magnus Seele
erlöschen durfte«
    »Wir wissen bereits wie dieser unbändige Mann bei Slobodas Schwiegertochter
verfuhr und wie nur durch die größere Weichherzigkeit seines Helfershelfers
Martell einem qualvollen Leben erhalten ward Verbindungen mit Personen
anzuknüpfen die früher Ihren Vater ergeben waren die seine Verhältnisse seine
 ich muss es aussprechen  Vergehungen gegen die sittliche Ordnung des Staates
und gegen die menschliche Gesellschaft kannten musste ihm ebenfalls leicht
fallen Als Johannes seine Getreuen verabschiedete und die Hartnäckigsten im
Groll ihn verließen konnten sie da nicht die Angeber spielen um ihn stets zu
quälen und in ihren Händen zu haben Sie ahnten selbst etwas der Art Mir wird
dies mehr als wahrscheinlich wenn ich der Briefe und des Geldes gedenke womit
Johannes sich das Schweigen Nichtswürdiger zu erkaufen glaubte Gewiss kein
Anderer als jener Wolfszahn oder Blutrüssel war der gefährlichste Feind Ihres
unglücklichen Vaters war später als er kein Geld mehr von ihm erpressen
konnte sein Angeber bei Magnus und entführte nachdem er ihn getötet den
kleinen Johannes um ihn Gott mag wissen wo und wie unschädlich zu machen So
fiel der Ring den der Knabe trug von selbst in seine Hände und blieb es bis
er ihn im Spiel an  «
    Plötzlich versagte dem lebhaft Sprechenden die Stimme und eine dunkle Röte
überflammte sein geistreiches Gesicht
    Ein furchtbarer Gedanke der zündend mit blendender Helle einem Blitze
gleich in seine Seele schlug machte ihn schwindeln Er wagte nicht
auszusprechen was er dachte was er schaudernd fürchtete
    »O nein doch nein« sagte er beschwichtigend zu sich selbst »Dies kann
nicht sein dies wäre ein zu grässliches Unglück«
    Und als wollte er um jeden Preis den ihn peinigenden Gedanken aus seiner
Seele verscheuchen bat er seine Tante freundlich um Beendigung ihrer
Lebensskizze
    »Meine späteren Schicksale lassen sich in wenigen Worten charakterisiren«
sagte Herta »Als sich mein Herz still in sich verblutet hatte verließ ich mit
meiner treuen Emma die sich durchaus nicht von mir trennen wollte die Heide
indem ich einem der freundlichen Nachbarn das Besitztum meines Vaters in Pacht
gab Von dem Ertrage dieses Pachtes lebte ich zurückgezogen in einem kleinen
Landstädtchen als Wittwe Für die Welt war ich tot wollte ich tot sein Sie
hatte mir ich ihr nichts mehr zu bieten Zehn Jahre und darüber traf mich kein
neues Leid erst die Unterjochung Deutschlands durch Napoleon wobei mein
Haidebauergut abbrannte und mir verloren ging stürzte mich in ein Elend das
ich bis dahin noch nicht gekannt hatte Ich verarmte verarmte so gänzlich dass
Emma mehrmals für mich bitten ging«
    »Nur die größte Sparsamkeit und unsäglicher Fleiß retteten uns Beide vom
Hungertode Um mehr zu verdienen übersiedelte ich mich endlich nach Leipzig
Wie ich dort lebte wie sich Emma entschloss die Wahrsagerin zu spielen weil
sie es nicht mehr ertragen konnte mich an dem Nötigsten Mangel leiden zu
sehen das habe ich Ihnen schon unterwegs mitgeteilt Und so stünde ich denn
nunmehr am Ende eines vielbewegten traurigen und dennoch nicht ohne allen Segen
gebliebenen Lebens Wäre mir nur vor meinem Tode auch vergönnt klar in all die
Dunkelheiten zu schauen die es zum Teil noch erfüllen und meinen Geist nicht
selten tief darnieder beugen«
    Unter lautem Schellengeläut fuhr jetzt ein Schlitten in den Hof der
Kutscher knallte heftig die Hunde schlugen an
    »Es kommt noch Besuch« sagte der Maulwurffänger »Wäre doch ein
hellsehender Geist mit darunter der mit klarem Blick das lügenhafte Gewebe
unserer Feinde durchschaute und sagen könnte hier packt an und zerreißt es so
findet Ihr was Ihr begehrt«
    »KlütkenHannes« murmelte Aurel dumpf vor sich hin »Es wäre entsetzlich«
    Der Bediente meldete dem Grafen dass so eben ein Herr und zwei Damen
angekommen wären und ihn zu sprechen wünschten Aurel beurlaubte sich trat ins
Nebenzimmer und  stand Elvire und Bianka gegenüber Ihr Begleiter war der alte
gutmütige pedantische Schulmeister Gregor der ehrliche Bruder des
Maulwurffängers
 
                                    Fußnoten
1 zu jener Zeit
 
                                Viertes Kapitel
                                  Fingerzeige
Wir haben die beiden eben genannten Ankömmlinge so lange aus dem Gesicht
verloren dass es jetzt höchste Zeit ist die Aufmerksamkeit unserer Leser wieder
auf sie zu lenken
    Die Ergebnisse welche Aurels Besuch in der Mohrentaverne gehabt und seine
unmittelbar darauf folgende eilige Abreise hatten ihm keine Zeit vergönnt sich
persönlich seiner Schützlinge anzunehmen Er glaubte Beide für den Augenblick
geborgen und gerettet Auch bestätigte ein Brief von Madame Oehler den er schon
in Leipzig erhielt die mütterliche Freundlichkeit dieser sanften zartfühlenden
Frau und erfreute ihn durch die Nachricht dass Elwire bis auf Weiteres eine
zweite Mutter an ihr finden solle Biancas minder gesicherten Lage suchte er
durch Übersendung einer ansehnlichen Geldsumme der ein sehr freundschaftliches
Schreiben beigefügt war einen festen Halt zu geben und so glaubte er unter den
obwaltenden Umständen wenigstens seine Pflicht als redlicher Mann ehrlich getan
zu haben
    Später setzte er sich mit beiden jungen Mädchen wieder durch Briefe in
Verbindung die mit überströmendem Dank erwidert wurden Es tröstete den
Kapitän in seiner vielfach zerrütteten Stimmung dass zwei ihm vollkommen fremde
junge und schöne Geschöpfe durch eine natürliche Handlung einfachster
Menschlichkeit so fest und dauernd an ihn gekettet waren dass sie mit
unbedingtem Vertrauen sich ihm anschlossen und seinen Befehlen gern und willig
gehorchten
    Hertas körperliche Hinfälligkeit bedurfte liebevoller zarter Pflege und
obwohl Emma das Muster einer vollkommen treuen und aufopfernden Dienerin genannt
werden konnte so erlaubte ihr zunehmendes Alter ihr doch nicht mehr die
verehrte Gebieterin mit gebührender Aufmerksamkeit zu bedienen Nun war aber
Aurel der Ansicht dass Herta von Elwire mit kindlicher Anhänglichkeit und Liebe
behütet und gepflegt werden und Elwire in dieser hartgeprüften und aus so vielen
schweren Versuchungen immer geläuterter hervorgegangenen sanften und
hochgebildeten Matrone die mildeste Lehrerin und feinste Erzieherin finden
dürfte Dies bewog ihn seinem schönen Findlinge vorzuschlagen zum Neujahr auf
den Zeiselhof zu kommen um fortan in Hertas Umgebung zu bleiben Dass eine
geheime Sehnsucht seines Herzens bei diesem Vorschlage mit beteiligt war
gestand er sich selbst nicht zu obwohl er ein freudiges Herzklopfen fühlte als
Elwires Zusage einlief mit einem freundlichen Begleitschreiben von Madame
Oehler die seine Anordnungen wohlwollend billigte Damit nun Bianca in ihrer
Einsamkeit nicht aufs Neue gefahrvollen Versuchungen ausgesetzt werde und bei
dem Mangel an wahrer Bildung und ächtem Charakter solchen nicht schimpflich
unterliege erwählte er diese arme Gerettete der es übrigens an einer gewissen
Entschlossenheit und männlicher Energie nicht fehlte zu Elwirens Begleiterin
Auch dieses gesunkene Mädchen dieser schöne gefallene Engel musste seiner
Überzeugung nach durch Hertas Nähe und Umgang wieder aufgerichtet und gänzlich
auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden Die gute Wittwe in Hamburg musste
auch diesmal die Vermittlerin und Ordnerin der Vorschläge des wunderlichen
Kapitäns sein und sie unterzog sich diesem Geschäft mit der ganzen
Liebenswürdigkeit ihrer Natur Klara erlaubte sich freilich deshalb mit der
Mutter zu schmollen Sie zürnte im Herzen dem flatterhaften Aurel der so weit
her an ein paar unbedeutende wenn auch hübsche Mädchen schrieb und für ihre
Zukunft besorgt war ihrer aber die sie ihn doch so häufig gesehen und immer
mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt hatte nicht einmal mit kühlem Gruß
gedachte Es schmerzte sie dies schnelle Vergessen und indem sie sich gestehen
musste dass Aurel sie nicht liebe sie nie geliebt habe zerdrückte sie eine
stille Träne die unwillkürlich ihr ins Auge trat
    Die unerwarteten Ankömmlinge fanden die herzlichste Aufnahme in dem
versammelten Kreise nur der Schulmeister dessen Mitkommen man sich anfangs
nicht erklären konnte verursachte einige staunende Gesichter Am längsten ward
das seines Bruders Dieser war auch der Einzige der seine Verwunderung in Worte
kleidete und kurzab fragte wo Gregor ein paar so schöne wie aus dem Ei
geschälte Mädchen im Schnee aufgelesen habe
    »Natürlich« versetzte der Schulmeister indem er seine steifen Gliedmaßen
mit nicht geringer Gravität auf den weich gepolsterten Sessel niedersinken ließ
den Gilbert ihm mit komischer Ehrerbietung zutrug »Natürlich die gnädigen
Fräuleins bedurften eines verlässlichen Wegweisers«
    Und nun erzählte der alte seelengute Mann in seiner barocken Manier mit
unzähliger Wiederholung seines Lieblingswortes dass die einsamen Reisenden in
der Nähe seiner Wohnung umgeworfen und die Deichsel zerbrochen hätten dass er
beispringend Hilfe geleistet und auf Anfrage des Kutschers der nicht aus der
Gegend gewesen nach dem geradesten und sichersten Weg zum Zeiselhofe aus
Menschenliebe und sonderbarer Zuneigung  Gregor liebte die altertümlichen und
veralteten Sprachwendungen über Alles  sich freiwillig zum Geleitsmann
angeboten habe
    Die »Fräuleins« wären darüber sehr erfreut gewesen was ihm »ganz Natur«
scheine und so befinde er sich denn unter so hochgeborenen Herren und Damen
wie ein Fink unter Paradiesvögeln was jedoch seiner Meinung nach nichts
Befremdliches haben könne wenn man Veranlassung und Absicht näher betrachten
wolle
    Der Maulwurffänger lachte herzinnig über den steifen Pedanten und unternahm
es ihn bei Aurel zu entschuldigen Doch hätte es dessen nicht bedurft Gregor
ward als eine Art alter Vertrauter in dem kleinen Kreise aufgenommen und
willkommen geheißen und fühlte sich hoch beglückt als ihm Herta die Hand
reichte und sich dem jetzt alten Manne als das ehemalige Fräulein von Burg
Boberstein vorstellte Der gute Alte erschrak darüber dermaßen dass ihm
buchstäblich der Mund offen stehen blieb und keinerlei Antwort über seine Lippen
kam Er begnügte sich ein paar tiefe Atemzüge stöhnend von sich zu blasen
schob dann seine Rockschösse zurück legte beide Hände auf den Knopf seines
langen Stockes und blieb kerzengerade die lächelnden halbgeschlossenen Augen
unverwandt auf die gealterte vornehme Dame gerichtet vor ihr sitzen
    Zu sehr beschäftigt mit den Offenbarungen Hertas wollte es Aurel nicht
recht gelingen den heitern unbefangenen Umgangston wiederzufinden der ihm
doch von Natur so eigen war und ihn so liebenswürdig machte Häufig vergaß er
auf die Antworten zu hören die seine Fragen hervorriefen und so kam eine Art
Missstimmung in die Gesellschaft die sich Niemand recht erklären konnte und die
doch Jedem schüchterne Zurückhaltung wider Willen zur Pflicht machte Alle
fühlten sich erst wieder frei und ungezwungen als man sich trennte
    Aber auch auf seinem Zimmer fand Aurel keine Ruhe Er musste immer wieder an
den ermordeten Vater Hertas an den verschwundenen Johannes denken und wie
sehr sich sein Wille auch dagegen sträubte in seinem ahnenden Herzen vernahm er
Laute die ihn erschütterten und an die er doch schaudernd glauben musste Nach
einigem Schwanken entschloss er sich zu einem ungewöhnlichen Schritte den er
jedoch in seiner Lage rechtfertigen zu können glaubte Er ergriff das Licht
schritt geräuschlos den Korridor entlang und klopfte an das Zimmer Elwirens Ein
sanftes »Herein« von den Lippen des achtlosen Mädchens die eine Dienerin
erwarten mochte ermutigte ihn und verhieß ihm Glück Er fand beide Mädchen vor
dem Trumeau beschäftigt sich die vollen Locken ihrer schönen Haare
aufzuwickeln Errötend schraken sie auf beim Eintritt des Grafen
    »Tausend Pardons« sagte Aurel mit seinem gewinnenden anmutigen Lächeln
»Pflicht und Teilnahme veranlassen mich so rücksichtslos gegen alle Sitte zu
verstoßen und mich in Ihre Schlafzimmer zu drängen Einem ausgewetterten
Seemanne schöne Kinder müssen Sie dergleichen Extravaganzen schon zu Gute
halten Gewöhnt an das ungenirte Wesen und die oft allzu zutraulichen
Gunstbezeigungen von Sturm und Wogen kann ich der beliebten Kürze nicht
entsagen wo vielleicht weite Umwege und schmeichelnde Galanterien zu gleichem
Ziele führen würden und den Beweis guter Erziehung abgäben Mein Herz mein
Charakter wissen von diesen beengenden Formen nichts und da Sie mir schon
einmal vertraut haben glaube ich auch jetzt noch derselben Gunst in Ihren Augen
teilhaftig geblieben zu sein Liebe Bianca ich möchte Ihrer schönen
Begleiterin ein kleines Geheimnis verraten Alle Mädchen sind wissbegierig ich
rechne Sie mit Ihren dunkeln Augen nicht zu den Ausnahmen und da ich außerdem
Beweise habe von Ihrem vortrefflichen Gehör was schon die zierliche Form Ihrer
zarten Ohren verraten lässt so fürchte ich sehr Sie erlauschen mein Geheimnis
noch ehe es in klaren Worten von meinen Lippen schwebt Darf ich also bitten «
    Bianca lächelte verbeugte sich gegen den Kapitän und verließ das Zimmer
Verschüchtert blieb Elwire allein mit Aurel Sie schlug die Augen nieder und
holte beklommen Atem aus klopfender Brust
    »Teure Elwire« flüsterte Aurel des Mädchens Hand ergreifend und die
Zaghafte neben sich aufs Sopha niederziehend »Als ich Sie kennen lernte in
trostloser Verlassenheit und es meinen Bitten und Drohungen gelang Sie für
immer den Händen eines Nichtswürdigen eines moralisch schon Halbuntergegangenen
zu entreißen da sanken Sie dankend an meine Brust und gelobten jeden meiner
Wünsche mit der Bereitwilligkeit einer dienenden Magd zu erfüllen Denken Sie
jetzt noch so wie damals Elwire oder gereut Sie das im moderfeuchten Keller
des Elends gegebene Versprechen«
    »Wie sollte ich anders denken« erwiderte Elwire »Haben Sie nicht mehr als
ich je erwarten durfte getan um mein Vertrauen zu Ihnen zu rechtfertigen«
    »Ich danke Ihnen holdes Kind Aber Ihr Vater Lebt er noch Sahen Sie ihn
wieder«
    »Es war Ihr Wunsch Herr Kapitän die Wege sorgfältig zu vermeiden die mich
ihm wieder zuführen könnten Ach und mein eigenes Herz warnte mich vor ihm«
    Elwire schauderte dass Aurel das Erbeben ihrer schönen Glieder durch die
wallenden Falten ihres weißen Nachtgewandes bemerken konnte
    »Aber er lebt«
    »Er lebt« hauchte das bewegte Mädchen und Tränen des bittersten Schmerzes
perlten an ihren langen dunkeln Wimpern »Er lebt  entsetzlich entwürdigend
wie seit Jahren« setzte sie schluchzend hinzu
    »Sie erhielten also Nachricht von ihm und seinem Tun«
    »O ich sah ihn ohne dass ich es wollte ohne dass er selbst es ahnte
Inmitten eines Trosses trunkener Matrosen begegnete ich ihm auf einer Fahrt nach
Altona Ich vernahm sein trunkenes Geheul womit er den Gesang seiner Genossen
begleitete ich sah das Drohen seiner geballten Fäuste die er gen Himmel hob
ich erbebte vor seinem heisern Lachen vor seinen Flüchen O ich war sehr
unaussprechlich unglücklich«
    »Kannten Sie den Armen nie anders«
    »Doch Herr Kapitän Als kleines Mädchen erinnere ich mich schaukelte er
mich kosend auf seinen Knieen Damals lebte die Mutter noch obwobl sie schon
sehr krank und hinfällig war Wir wohnten noch nicht in einem Keller sondern in
luftigen kleinen aber hübschen Zimmern Aus den Fenstern konnten wir den
breiten Strom mit den weissbeschwingten zahllosen Schiffen überblicken Abends
weidete ich mein Auge an dem Glänzen und Schimmern der Flut und zählte die
Sterne die mit den schäumenden Wogen bald kamen bald gingen Der Vater war
damals immer fleißig fröhlich und guten Muts Er ging früh aus und kam meist
erst Nachmittags wieder Dann klimperte er mit vielen blanken Silberstücken und
ließ es geschehen dass ich mit meinen kleinen Händen gierig danach griff und
sie lachend im Zimmer herumkollerte Er trieb Mäklergeschäfte und nährte sich
gut Da starb die Mutter Zur Erhaltung des Hausstandes bedurfte der Vater einer
Wirtschafterin die zugleich auch mich beaufsichtigte Seine Wahl war keine
glückliche Die stämmige eigennützige herrschsüchtige und betrügerische Dirne
behandelte mich hart und lieblos wusste sich aber mit abgefeimter Schlauheit bei
dem Vater einzuschmeicheln und mich wenn ich über sie klagte als ein kleines
ungezogenes und höchst verläumderisches Wesen zu schildern Anfangs strafte mich
der Vater bloß durch missbilligende Blicke später aber als sich meine Klagen
und mithin auch die Verleumdung unserer Haustyrannin wiederholten erhielt ich
viele und harte Schläge Inzwischen hatte sich die betrügerische Person ganz des
Vaters zu bemächtigen gewusst Sie plünderte ihn metodisch was zur Folge hatte
dass Klütken als er den Krebsgang seines Geschäftes vor Augen sah immer
nachlässiger liebloser und unordentlicher wurde die Gesellschaft lustiger
Brüder suchte und bald in wüstem Leben mehr und mehr unterging Dadurch verlor
er nicht nur seine früheren Gönner und Freunde er geriet auch in manche
ärgerliche Händel die seinen Kredit gänzlich untergruben Um nur leben zu
können legte er mit Hilfe eines Menschen den ich zu allem Bösen fähig hielt
einen Trödelkram an mietete den Keller welchen Sie kennen und es begann nun
jenes Leben aus dem mich Ihr menschenfreundlicher Sinn großmütig rettete«
    Elwire drückte hier die Hand des Kapitäns leidenschaftlich und musste
offenbar mit sich kämpfen um sie nicht in überwallendem Gefühl aufrichtigen
Dankes an ihre feuchten Lippen zu führen
    »Erinnern Sie sich noch jenes Gefährten Ihres Vaters« fragte Aurel
    »Leider werde ich ihn nie vergessen können Zwar kam er nur selten zu uns
und immer nur dann wenn er dem Vater heimliche Mitteilungen zu machen hatte
die sich wohl meistenteils auf den Trödel und etwaige vorteilhafte Einkäufe
beziehen mochten Ich ging wenn es irgend möglich war dem Verhassten stets aus
dem Wege denn ich ahnte und wusste dass er Abscheuliches mit mir beabsichtigte
und dem leicht zu überredenden Vater deshalb beständig in den Ohren lag Seinen
Namen kennen Sie«
    »Blutrüssel« sagte Aurel
    Elwire bejahte durch stilles Kopfnicken
    »Lernte Klütken diesen Unhold erst nach dem Tode Ihrer Mutter kennen«
    »Gesehen und oberflächlich mit ihm verkehrt musste er schon früher haben«
versetzte Elwire »Manche Äußerung in ihren Gesprächen ließ mich dies
vermuten zu einem vertrauten und häufigen Umgange konnte es aber nicht kommen
da Blutrüssel zu jener Zeit nicht in Hamburg oder dessen Umgegend lebte«
    »Stammte Klütken aus Hamburg« fiel Aurel rasch fragend ein
    »Nein Herr Kapitän Wie so viele die später in der großen reichen
Handelsstadt ihr Glück machten war er als zwölfjähriger Knabe in zerrissenen
Kleidern und halb verhungert nach Hamburg gekommen Sein freundliches Wesen
erweckte das Mitleid eines wohlhabenden Handelsherrn Er nahm ihn als
Laufburschen an und nannte ihn da er bloß seinen Taufnamen Johannes wusste nach
dem Besitzer des Hauses vor dessen Schwelle er ihn in stürmischer Herbstnacht
wimmernd und frierend fand Seine Eltern hatte Johannes nicht gekannt Er
schien überhaupt ein sehr ruheloses Herumstreicherleben geführt zu haben und
bald von Diesem bald von Jenem aus Barmherzigkeit eine Zeit lang mit
durchgeschleppt worden zu sein Ehe sein Hamburger Wohltäter ihn fand hatte er
bei einer auf den Dörfern herumziehenden elenden Schauspielertruppe Knechts und
Statistendienste verrichten müssen Eines schönen Morgens war der bankerotte
Direktor dieser Truppe verschwunden die Gesellschaft löste sich fluchend Jeder
den Andern seinem eigenen Schicksal überlassend auf und so befand sich auch
Johannes ohne Herrn ohne Brod ohne Verdienst Er bettelte sich von Dorf zu
Dorf suchte bei den Bauern ein Unterkommen ward aber überall abgewiesen da er
keine Zeugnisse seines Wohlverhaltens seiner Fähigkeiten aufweisen konnte und
sein eigenes naives Geständnis er habe zuletzt bei Schauspielern gedient in
den Augen dieser Leute eine sehr schlechte Empfehlung war  Sein großmütiger
Wohltäter entdeckte bald bildungsfähige Anlagen in Johannes und beförderte ihn
nach einigen Monaten die er als Laufbursche in seinem Hause zubrachte zum
Komptoirdiener Zugleich ließ er ihm Unterricht im Schreiben und Rechnen geben
und freute sich der guten und schnellen Fortschritte seines Findlings Später
trat er als Kommis in seine Dienste so wie er auch nur den uneigennützigen
Empfehlungen dieses redlichen Mannes es verdankte dass er Mäkler werden und mit
einem hübschen braven aber armen Mädchen ziemlich früh ein glückliches
Ehebündniss schließen konnte Doch all dieses unerwartete Glück zerstörte der
frühzeitige Tod meiner armen Mutter«
    »Also doch Johannes« sprach Aurel in Nachdenken versunken »Johannes
Klütken  ein verlaufenes Kind  ohne Vater und Mutter «
    »Wundert Sie das so« unterbrach Elwire das Selbstgespräch des Kapitäns
    »Und so zu enden So tief zu sinken Im Augenblicke wo «
    »Aber was ist Ihnen denn Herr Kapitän« rief Elwire erschrocken und ergriff
die Hand des träumerisch mit irren Blicken vor sich Hinstarrenden »Meinen Sie
meinen armen verlorenen Vater dem Gott gnädig sein mag Wissen Sie etwas von
ihm von seinen Eltern«
    Aurel sah melancholisch in die großen schönen Augen des jungen Mädchens und
ein Schauer beseligender Lust und grimmigen Schmerzes schüttelte alle Fibern
seines Körpers War es Einbildung oder sprach die Natur ihre unverkennbare
Sprache Er glaubte Herta in blühendster Jugendschöne im verführerischen
Gewande reiner Unschuld neben sich zu sehen
    »O Vergebung teure Elwire« rief er aus nur mit Mühe Fassung erringend
und den aufbrausenden Sturm seiner Gefühle besänftigend  »Vergebung edles
unschuldiges Mädchen Nur eine eine einzige Frage beantworten Sie mir noch der
Wahrheit gemäß Können Sie beschwören dass jener Ring den ich am Tage nach
unserer Bekanntschaft am Eingange zur Kellertreppe Ihres Vaters fand und für
meiner Familie zugehörig erkannte können Sie es beschwören dass jener Ring von
KlütkenHannes im Spiele gewonnen wurde«
    »Ich weiß es nicht anders« versetzte Elwire verwundert
    »Gewonnen im Spiele mit Blutrüssel« rief Aurel in leidenschaftlicher
Aufregung
    »Klütken spielte nie mit einem Andern so viel ich weiß«
    »So ist es denn gewiss unumstösslich gewiss dass sie seine Mutter« murmelte
er Elwiren unverständlich vor sich hin »Gott der Barmherzigkeit zeige mir
Mittel und Wege um die Arme so endlose Jahre in Elend und Not Umhergestossene
auf diese Entdeckung vorbereiten zu können  Ach Magnus  Magnus  zittere
nicht wenn das Gebet Deines eigenen Sohnes über Deinem Grabmale sich in wirre
Verwünschungen verwandelt«
    Aurel ging heftig im Zimmer auf und nieder Elwire fest in ihr schimmerndes
Nachtkleid gehüllt zur Hälfte von einer glänzenden Wolke schwarzer Haare
umschattet mit Blicken die sich bald furchtsam bald liebevoll und
sehnsuchtswarm auf den erschütterten Kapitän hefteten schmiegte sich
bewegungslos in die Ecke des weichen Divans Jetzt trat Aurel nochmals zu dem
schönen Mädchen und nahm ihre beiden Hände in die seinigen
    »Elwire« sagte er so weich und flehend wie sie den starken kühnen Mann
noch nie hatte sprechen hören »Elwire dass ich Sie gefunden habe ist eine von
den rätselhaften Schickungen Gottes die starrgläubige Christen Wunder zu
nennen pflegen Ich meines Teils glaube an keine Wunder ich glaube nur an die
allwaltende Vorsehung Gottes und an eine heilige unerbittlich strenge
Gerechtigkeit die Jeden straft oder belohnt je nachdem er es verdient hat Ich
glaube an eine schon in diesem Leben ausgleichende Gerechtigkeit des
Weltenschöpfers selbst wenn Jahrzehnte und Jahrhunderte vergehen ehe der
letzte unwiderrufliche Richterspruch gefällt wird Teilen Sie diesen Glauben
mit mir teure Elwire und Sie werden glücklich werden wie ich«
    Das überraschte Mädchen konnte es nicht hindern dass sie Aurel mit einer
raschen Bewegung an seine Brust zog und ein paar brennende Küsse auf ihre
blühenden Lippen drückte
    Ohne ihr gute Nacht zu sagen verließ er hastig das Zimmer
    »Was war das« fragte sich Elwire ganz bestürzt mit dem vorgehaltenen
feinen Taschentuch die Röte verbergend die sich verräterisch auf ihre zarten
Wangen wie ein Teppich duftender Rosen ausbreitete
    Ein paar volle weiße Arme umschlossen sie und lächelnd antwortete eine
rührende Stimme auf diese Frage
    »Das war der erste Hauch glückbringender Leidenschaft mein Herz Das war
die beredte Bitte eines liebesuchenden Mundes«
    Elwire neigte ihr schönes Haupt und lehnte es an den stürmisch klopfenden
Busen der sündigen Bianca die erschrocken über die Heftigkeit des Kapitäns
unmittelbar nach seinen letzten Worten wieder ins Zimmer getreten war 
    Als Aurel über den dunkeln Korridor nach seinem Zimmer zurückging stieß er
an ein menschliches Wesen das ihm entgegen kam Er fuhr es barsch mit harter
Frage an
    »Ein Kreuzer wie Sie« versetzte lächelnd der abenteuerlustige Gilbert »Da
es ganz den Anschein hat als sollten wir hier noch lange vor Anker liegen so
wollte ich bloß einen Versuch machen um nicht ganz aus der Übung zu kommen
Herr Kapitän Die beiden schönen Prisen die sich spät Abends am Horizont
zeigten forderten mich dazu auf und wie ich mit Vergnügen gewahre sind Sie mir
mit gutem Beispiele bereits vorangegangen«
    Der kecke Matrose wollte an seinem Gebieter vorüberschlüpfen Aurel erfasste
aber sein Ohrläppchen und indem er dies tüchtig schüttelte und so heftig
presste dass der nächtliche Kreuzer einige sehr unharmonische Laute von sich gab
sagte er gelassen
    »In Hamburg oder London mein Junge würde ich Deinen Eroberungszug
belachen hier aber muss ich Dich ernstlich bedeuten für künftig jeden Gedanken
daran aufzugeben wenn Du mich ferner noch zum Freunde haben willst Die beiden
Prisen habe ich ins Schlepptau genommen  Gute Nacht«
    Gilbert rieb sich sein blau und braun gedrücktes Ohr und murmelte etwas von
unglücklichem Philisterleben Dann suchte er geräuschlos seine Kammer
 
                                Fünftes Kapitel
                            Zwei Kinder des Lasters
Wir überspringen einige Tage in denen nichts Merkwürdiges vorfiel und bitten
den Leser uns auf kurze Zeit nach Hamburg zu begleiten
    Es ist Silvesterabend Auf allen Straßen erschallt gedämpfte Musik Die
langen Reihen der reichen Kaufmannshäuser mit ihren glänzenden polirten
Spiegelscheiben schimmern von tausend Lichtern und werfen ihren strahlenden
Widerschein auf die weissgetünchten Wände oder die mit Schnee bedeckten Dächer
der gegenüberstehenden Häuser Die hüpfenden Schatten die schnell
vorüberschweben an den leisbewegten Gardinen verraten den jubelnden Frohsinn
das lachende Glück den sichern Übermut der Versammelten die kaum die Stunde
erwarten können deren dumpfe Glockentöne über das Grab eines versinkenden
Jahres den Segen läuten und ein neues mit unverstandenem Gruß über die Schwelle
der Zeit geleiten Noch wimmeln die breiten Straßen von geschäftigen schauenden
oder auf verbotenen Erwerb ausgehenden Menschen denn der Winter hat streng
begonnen das Leben ist teuer und der Verdienst karg Und die Jugend will
genießen will fröhlich sein mit den Fröhlichen ausschweifend mit den
Ausschweifenden  Seit langer Zeit hüpften nicht so viele geschmückte
lächelnde Kinder der Sünde durch Hamburgs Straßen wie an diesem sternenhellen
eiskalten Sylvesterabende
    Die Glocken von den Haupttürmen verkündeten die eilfte Stunde der Nacht
Die beiden Glockenspiele auf St Nicolai und St Petri sangen weitschallend über
Stadt und Strom und Land ihre ernsten mahnenden Choräle Aber Niemand von den
Bewohnern Hamburgs achtete auf die ehernen Stimmen die wie ein Chor
vorüberschwebender Geister aus dem Himmel herabklangen Die Reichen tanzten
jubelten und schwelgten in den Prunkgemächern ihrer Paläste die Armen
hungerten weinten beteten oder fluchten in feuchten Spelunken tief unter der
Erde oder in versteckten von keinem reinigenden Luftauch wohltätig berührten
Kammern Sie konnten das Abschiedslied der dumpfen Glocken nicht hören Sie
vernahmen nur den Groll ihres gefolterten Herzens und den Verzweiflungsschrei
der wie Schakalsgeheul in der trostleeren Wüste ihrer ausgebrannten Seele
verhallte
    Mit den letzten Accorden der schrillend auszitternden Töne des Glockenspiels
trat Klütken Hannes aus seinem Keller hob die trüb brennende Lampe von dem
halbverfaulten Eichpfahle auf dem sie befestigt war um spät Vorübergehenden
den Eingang in die dunstige Höhle zu zeigen und schloss mit doppeltem Riegel die
mit dem schlechten Pflaster in gleicher Höhe angebrachte aus zwei gleichen
Bretern von starkem Fichtenholz bestehende Tür Dann löschte er die Lampe aus
stellte sie in eine Vertiefung der zerbröckelnden Ziegelwand und schlurrte mit
schweren Schritten durch den engen Gang der jetzt mit beinahe fusshohem Schnee
und Eise bedeckt und hie und da von großen Löchern die man durch Ausschütten
von Spühlicht in den Schnee gegossen hatte in eine halsbrecherische Straße
verwandelt worden war
    Gewöhnt an solche Fährlichkeiten hinderten sie KlütkenHannes nicht im
geringsten Zwar stolperte der schon längst nicht mehr ganz nüchterne Trödler
häufig immer aber wusste er mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit im
Gleichgewicht zu bleiben Um den fatalen kalten Wind der mit schneidender
Schärfe sein bläulichrotes Gesicht traf zu verscheuchen stimmte er ein
lustiges Lied an das er überlaut vor sich hinkrähte Das erwärmte ihn etwas und
ernüchterte zugleich auch seine von häufigem Genuss des schlechtesten Branntweins
befangenen Sinne
    Auf den gangbaren Straßen schritt KlütkenHannes rascher aus Er hatte noch
einen weiten Weg zurückzulegen bis auf den Hamburger Berg Dorthin hatte ihn ein
Freund beschieden um unter gemeinschaftlichem Gespräch bei voller Flasche das
alte Jahr in glückseliger Vergessenheit zu beschließen das neue in wüstem
Taumel anzutreten Solche Einladungen schlug der herabgekommene Trödler niemals
aus er wünschte vielmehr dass sie sich alle Tage wiederholen möchten denn ohne
berauschenden Trunk ohne Spiel und rohen Scherz beschlich ihn eine so
unbehagliche Stimmung dass er Furcht vor sich selbst empfand
    Heut jedoch war er überaus lustig und zu den tollsten Unternehmungen
aufgeregt Er hatte Geld viel Geld er konnte mithin spielen im Spiele wagen
und noch mehr gewinnen und überdies schwindelten ihm die exaltirtesten Gedanken
durch sein erhitztes Gehirn und ein Bild der glänzendsten Zukunft hob sich
gleich einem Feenpalast aus dem brodelnden Sumpf seiner verpesteten
Einbildungskraft
    Bald eine Strophe seines wüsten Liedes singend bald hellauf lachend hob er
von Zeit zu Zeit den trüben Blick zu den glänzenden Häusern empor aus deren
geschmückten Sälen die sanften oder rauschenden Weisen heiterer Tänze erklangen
    »Ha ha ha« rief KlütkenHannes verächtlich lachend und drohte mit
geballter Faust hinauf nach den verhüllten Spiegelfenstern »Immer tanzt und
schwelgt ihr reiches Lumpengesindel  mich ficht das nicht an In vier Wochen
tu ichs Euch Allen zuvor bade mich in Burgunder spüle mir den Mund mit
Champagner aus und esse nie unter sechs Gerichten Heidi das soll ein Leben
geben wie ehedem zu Babel als die Narren anfingen den großen Turm zu bauen 
Sardanapal soll ein Hundejunge sein mit seinen Schwelgereien und verprassten
Nächten gegen das Leben das ich führen werde  Ho ho hab ich doch Geld Geld
die Hülle und Fülle«
    Und johlend schlug der Trödler an seine Tasche dass die blanken Gold und
Silberstücken zusammenklirrten und sein gemeines Ohr mit dieser lieblichen Musik
ergetzten  Dann sang er wieder
»Ich hab mein Sach auf nichts gestellt
Juchhe«
unterbrach sich aber sogleich und stimmte dafür den ihm geläufigeren Gassenhauer
an
»Ich bin liederlich Du bist liederlich etc«
den er auch glücklich zu Ende brachte
    Ohne Murren bezahlte KlütkenHannes den teuren Torschilling was er für
gewöhnlich nicht zu tun pflegte und taumelte dann des eisigen Nordostwindes
nicht achtend dem bekannten Tavernenlabyrint zu Schon aus ziemlicher Ferne
vernahm man das lärmende Toben und dumpfe Brüllen der Tausende die bei wüsten
Gelagen und im Schlamm moralischer Verwilderung sich wälzend das neue Jahr mit
dem alten vermählten Dem Trödler waren diese vertrauten Töne Genuss Er musste
sich Gewalt antun um nicht von ihnen verführt in eine jener besuchten Tanz
und Trunkhallen gelockt zu werden mit denen wir früher unsere Leser bekannt zu
machen suchten Mit einiger Überwindung gelang es ihm sie ungefährdet zu
passieren Er ging nun abwärts dem Strande der Elbe entgegen und erreichte unweit
des Altonaer Hafens ein schlecht gebautes Häuschen An die wackelige Tür
desselben donnerte er mit seinen gewaltigen warzenbedeckten Händen dass nicht
bloß die Fenster sondern selbst das Balkenwerk zitterte Sogleich ließ sich im
Innern des Häuschens ein heiseres Grunzen hören mit einzelnen Flüchen und
pfeifendem Lachen gemischt Schlürfende Schritte näherten sich der Tür und eine
tappende Hand schob den Riegel zurück Im Scheine einer flackernd brennenden
Lampe grinste dem Trödler das unbeschreiblich abschreckende in teuflischem
Lachen die spitzen langen Zähne fletschende Gaunergesicht Blutrüssels entgegen
    »Da bin ich« sagte KlütkenHannes »Teufel noch mal beißt heut die Luft
Ich glaube Du hast gegen eine Bowle guten Punsch dem verfluchten Windmacher
Deine Zähne versetzt alte Seele«
    Blutrüssel belachte den rohen Scherz seines Freundes und führte ihn in ein
geheiztes Zimmer Vor dem rotglühenden eisernen Ofen stand ein Kohlenbecken und
über diesem schwebte in gehöriger Entfernung ein kupfernes kesselartiges
bauchiges Gefäß an einer eisernen Stange Das Gefäß war bedeckt aber der
brodelnde Dampf der zischend und singend aus dem schadhaften Deckel
hervordrang verriet dem Trödler durch sein einladendes Duften dass er hier
finden sollte was er suchte
    Blutrüssel schob sofort geschäftig zwei hohe Gläser auf den Tisch der am
Ofen gegenüber an der Ziegelwand stand hob den Kessel herab und stellte ihn
neben die Gläser Dann langte er einen verzinnt gewesenen bleiernen
Vorlegelöffel aus dem Tischkasten hob den Deckel der heißen Terrine damit ab
und schenkte die Gläser voll
    »Stoß an borstige Kellerratte« rief er dem Trödler zu und hob das
dampfende Glas »Dem weißes Püppchen soll leben Es ist glaub ich heut ihr
Geburtstag mög es auch der Entstehungstag oder vielmehr die Nacht eines Dinges
sein das ihr mal gleich wird der blanken Hexe«
    Und der rüde Mensch belachte seinen unzarten Witz so anhaltend dass er gar
nicht mehr zu sich kommen konnte und das heiße scharfe Getränk ihn fast erstickt
hätte 
    KlütkenHannes stieß auf diesen Toast zwar an mit großem Beifall nahm er
ihn aber nicht auf Er runzelte drohend die Stirn drückte seine geröteten
stechenden Augen halb zu dass nur die funkelnden Pupillen sichtbar blieben und
erwiderte
    »Eigentlich ist das eine beleidigende Gesundheit mordverbrannte Seele denn
sie heißt mein schmuckes Mädel im Gedanken zur «
    »Still« fiel Blutrüssel ein »Was es heißt wenn ich einen Witz mache das
brauchst Du mir nicht auf der Tafel zu erklären Dem Scharfsinn wie Dein
Gedächtnis haben gelitten im Zugwinde sonst würdest Du Dich erinnern dass es
immer Dein Wunsch war das schlanke Kind einem oder einigen Männern an den Hals
zu werfen wenn sich jeder Kuss den sie ihm gäben mit einen Goldfuchs bezahlt
machte Und ich fand guter Junge dass Du damals als ein vernünftiger Mann und
ein weiser Vater dachtest  Und hast Du etwa nicht genau nach meinen
Anleitungen gehandelt Griesgram Oder meinst Du solch ein grossmäuliger Laffe
wie Jener es war der Dir den schönen Nichtsnutz für ein hübsches Stück Geld
abkaufte hätte das getan aus purer dummer Menschenliebe und werde sich das
warme lebendige Püppchen bloß so zum Augenverdrehen in einen Glasschrank setzen
Wär er so dumm bei meinen Sünden dann wollt ich seine Mutter wär als alte
Jungfer gestorben«
    »Keinen Groll deswegen Weiß ich doch wie Dus meinst Deine Kralle her
verwitterter Graukopf und Freundschaft für heut und immer«
    Blutrüssel schlug ein Die Gläser wurden aufs neue gefüllt und fast eben so
schnell wieder gelehrt
    »Weißt Du dass ich noch nie ein Jahr so sorgenlos beschlossen habe« sagte
KlütkenHannes mit einem Auflug von Sentimentalität in seiner Stimme »Ich bin
zu Weihnachten beschenkt worden wie ein Fürst Man liebt mich denke Dir liebt
mich den armen heruntergekommenen Trödler der ohne Genever und Grog nicht mehr
leben kann Und wir beklagen uns dass Gott die Seinen verlässt«
    »Schon betrunken und hat erst den zweiten Zug getan« wieherte Blutrüssel
der in der Tat die ungewöhnliche Rührung und Weichheit seines Gastes dem Trunke
und unzeitiger Betäubung zuschrieb »Du bist wohl ein reicher Mann geworden im 
Hinterstübchen«
    Blutrüssel zeigte dabei auf seinen Hinterkopf und verzog seine abscheuliche
Fratze zu dem abschreckendsten Lächeln
    »Lache lache immer hin so viel Du willst« entgegnete KlütkenHannes »ich
sage doch so ist es und es grenzt ans Wunderbare dass es so ist In der Tat
ich bin reich kann es wenigstens werden wenn ich will und  mein Wort darauf 
mir ist ganz so zu Mute als hätte ich den Willen dazu«
    Von Neuem fiel Blutrüssel in ein heiseres wieherndes Lachen »Ich bitte
Dich blaugetüpfelter Glückspilz teile mit mir wenn Du reich sein wirst Nimm
mich altes Menschenwrack ins Schleptau und ziehe mich durch Wind und Flut in
den stillen Hafen Deines Weihnachtsglückes Denn ich kann Dich auf Ehre
versichern dass ich des Spielens und Saufens unter dem Reger und Mulattenpack
längst überdrüssig bin Ich wäre auf und davon gelaufen wäre ich noch jung und
rüstig aber in meinen Jahren und bei meinen Gewohnheiten lebt sichs immer am
besten da wo man warm sitzt und wo sich das leere Glas immer wie von selbst
wieder füllt«
    Blutrüssel hatte dies in einem spöttischen Tone gesprochen der seinen Gast
verhöhnen sollte Allein KlütkenHannes ließ sich nicht davon anfechten Er
schüttelte seinen borstigen Kopf schlug mit flacher Hand auf den Tisch und rief
aus
    »Es gilt Blutseele Nehm ichs an so sollst Du mein Gefährte mein Bruder
sein«
    »Befiehlst Du Wasser Hänschen« grinste der Gauner »Dein Kellerloch ist
feucht Du bist daran gewöhnt ich will Dir einen Kübel voll holen und Dir den
Kopf damit waschen bis Du wieder klar hörst und denkst«
    »Lass die Possen« versetzte darauf der Trödler mit ärgerlichem Tone »Ich
war in meinem Leben niemals nüchterner als eben jetzt Was ich sage ist wahrer
als alle Evangelien zusammengenommen wenn Du mir aber nicht glauben willst so
sieh«
    KlütkenHannes fuhr in die Tasche seiner Jacke und warf eine Hand voll
Ducaten auf den Tisch stand dann auf und schüttete auch aus beiden Hosentaschen
noch eine ansehnliche Summe in Gold und Silbermünzen
    »Hast Du gestohlen« fragte der Gauner »oder einen Schatz gehoben«
    KlütkenHannes fuhr auf »Tausend Donner wie oft soll ichs Dir Vieh denn
in die Ohren schreien dass es mir als Gottesgabe gradezu vom Himmel in den
Schoss gefallen ist«
    »Das begreife ich nicht« entgegnete Blutrüssel zum ersten Male ein
ungeheucheltes Erstaunen zeigend
    »Ist auch nicht vonnöten« versetzte der Trödler »Ich habe das Geld ich
kann alle Tage noch einmal so viel wo nicht das Drei und Vierfache erhalten
wenn ich tue was man verlangt«
    »Du bist wirklich ein Glückskind Da sieht man dass es doch etwas auf sich
hat mit der Abstammung«
    »Was Abstammung« lachte KlütkenHannes »Kommst Du wieder einmal auf dies
abgeschmackte Kapitel das Du mir so oft vorsangst in besseren Zeiten Glück
Was will das sagen Man wird meiner bedürfen darum überschüttet man mich mit
Gold«
    »Aber wer goldenes Paradiesvögelchen« schmeichelte Blutrüssel mit seiner
süßesten Flüsterstimme während er einige Goldstücke erwischt hatte und sie
spielend durch seine Finger gleiten ließ »Wer ist so unnatürlich dumm einem
Unbekannten solche Summen zuzuwerfen ohne dass ein großer Zweck im Hintergrunde
ruht«
    »So ist es unstreitig Und man kennt mich Glotzauge Man hat Gutes von mir
gehört und traut nur was zu Mein Talent als Mäkler muss viel in der Welt von
sich haben sprechen machen denn ich merke schon dass man ähnliche Dienste
wieder von mir verlangt«
    »Du wirst immer rätselhafter Hans Bald werde ich Dich von einer Glorie
umgeben erblicken was Dir wundervoll zu Gesicht stehen muss«
    »Nun vielleicht bringt Dein Spitzbubenwitz mehr Zusammenhang in dies
beantragte geheime Mäklergeschäft als mir es zur Stunde hat gelingen wollen Da
lies den Brief Vor drei Tagen erhielt ich ihn nebst einer Anweisung auf tausend
Mark die mir in rundem Gold und Silber heut baar ausgezahlt worden sind
    KlütkenHannes reichte dem grinzenden Gauner einen sehr zerknitterten und
mit allerhand Schmutzflecken besudelten Brief
    »Du weißt ja ich kann bloß buchstabiren und noch dazu bloß Gedrucktes Lies
mir den Umsinn vor«
    Der Trödler entfaltete nun das Schreiben und brachte mit vielen
Unterbrechungen dessen mysteriösen Inhalt zusammen Der Brief lautete
            »Werter Herr
        Es ist mir von einem schätzenswerten Manne der Sie genau zu kennen die
        Ehre hat  Ehre warf der Gauner ein Teufel noch mal den Lump möcht
        ich kennen  Ergrimme Dich nicht Bruder sagte der Trödler etwas
        hochmütig wollten wir unsere beiderseitigen Verdienste auf die Wage
        legen so würdest Du im Betreff der Ehrenhaftigkeit mir gegenüber ein
        ausgeblasenes stinkigtes Ei bilden Nur keine Komplimente ich bitte 
        Er las weiter  der Sie genau zu kennen die Ehre hat versichert
        worden dass Sie ein eben so ausgezeichnetes Talent als die größte
        Willfährigkeit besitzen ein Geschäft zu übernehmen das neben großer
        Kühnheit und Entschlossenheit auch einen hohen Grad von Klugheit
        erheischt Nach allen Erkundigungen die ich unter der Hand durch
        beglaubigte und zuverlässige Personen über Sie eingezogen habe fehlt es
        Ihnen an keiner dieser Eigenschaften Leider sind seit einiger Zeit
        äußere Umstände der Ausübung und Ausbildung Ihrer höchst kostbaren
        Talente hindernd in den Weg getreten Hier lachte Blutrüssel dass ihm
        die Tränen aus den Augen liefen Er goss die Gläser von neuem voll und
        nötigte seinen Gast mit ihm anzustossen Auf Deine kostbaren Talente
        die Du selbst nicht kennst KlütkenHannes tat Bescheid und fuhr fort
         Sie sind arm und stehen an einem Abgrunde der schon manchen wackeren
        Mann verschlungen hat Wollen Sie nur unbedingt und ohne zu fragen
        vertrauen auch späterhin ohne das geringste Widerstreben meine Befehle
        pünktlich und treu vollziehen so werde ich Ihnen helfen Zum Beweise
        dass ich es redlich meine lege ich diesen Zeilen eine Anweisung auf
        tausend Mark Banco bei die Ihnen von der beigefügten Firma honorirt
        werden wird Es soll dies nur ein geringer Zuschuss sein damit Sie Ihre
        vielleicht in Unordnung gekommenen Angelegenheiten schleunigst ordnen
        und die Reise die ich von Ihnen begehre mit dem übrig bleibenden Rest
        bestreiten können Jede Summe die Sie später bedürfen steht Ihnen zu
        Gebote wenn Sie rasch und verschwiegen handeln Einer Antwort bedarf es
        durchaus nicht Sie haben weiter nichts zu tun als genau die unten
        angeführte Marschroute zu verfolgen Man weiß was Sie tun wenn Sie
        nach raschem Entschlusse am Ort Ihrer künftigen Bestimmung eintreffen
        werden Ihr Empfang wird Ihren Verdiensten die Sie sich alsbald
        erwerben können entsprechend sein Leben Sie wohl und folgen Sie dem
        Wink den ein mild gesinntes Schicksal Ihnen hierdurch gibt
                                   Gehorsamst
                                                                        a  n«
    Die angegebene Reiseroute endigte eine Stunde von Boberstein bei einer tief
in der Heide gelegenen Torfgräberhütte die allgemein unter dem Namen der
»Wurzelhütte« bekannt war KlütkenHannes hatte den Brief Adrians erhalten
welchen dieser am Weihnachtsabende nach der Unterredung mit Vollbrecht schrieb
Seine früheren langen Gespräche mit Aurel hatten ihn hinlänglich eingeweiht in
die Verhältnisse des heruntergekommenen Trödlers und den Äußerungen des
Bruders zufolge glaubte Adrian in diesem verwilderten geldgierigen Menschen ein
willenloses Werkzeug für seine geheimen verbrecherischen Zwecke gefunden zu
haben
    »Ist das Alles« fragte Blutrüssel als KlütkenHannes das Schreiben
zusammenfaltete und gelassen einsteckte
    »Es fehlt kein Wort außer denen die ich nicht entziffern kann«
    »Aber daraus wird ja kein Teufel klug«
    »Warum denn nicht Es gibt nichts Kläreres unter der Sonne das ist plan
Man reist man lässt sich bestimmen man streicht Geld ein und lebt fidel und
sorgenlos bis es ein Ende hat«
    »Es kann eine Falle sein« bemerkte Blutrüssel und rollte seine vorstehenden
gelblichtrüben Augen unter furchtbarem Zähnefletschen »Ich habe Erfahrung
darin Hans Ehedem reiste ich auf kurze Zeit in ähnlichen Geschäften«
    »Pah Was Falle Tausend Mark wirft kein Mensch zum Fenster hinaus um einem
Andern damit bequem den Hals umdrehen zu können«
    »Darüber siehst Du blöde Kellerafsel darüber ließ sich ein Langes und
Breites reden Weil Du aber für gewisse Feinheiten interessanter Lebensarten
keinen Sinn hast will ich es unterlassen Du bist bloß für die plumpen großen
Geschäfte  fürs bequeme Gelderpressen wenn der Erwerb mit Schwierigkeiten
verbunden ist Nun ich tadle dies auch nicht denn es führt manchmal weiter
als studierte Handgriffe und raffinirte Pläne Aber Eins wenigstens nimm nicht
auf die leichte Achsel  ich meine die Reise Wohin lockt Dich der splendide
Zahler«
    Gleichgiltig zog KlütkenHannes seinen Brief nochmals vor und nannte die
einzelnen Orte welche berührt werden sollten Es waren dies mit Ausnahme von
zwei bis drei unbedeutenden Landstädtchen immer nur Vorwerke oder einsam
gelegene Schenkhäuser die über wenig befahrene Kommunicationswege in
bedeutender Entfernung von der großen Landstraße tief in die Heide führten
Über diese Reiseroute stutzte Blutrüssel mehr wie über Alles Sein Gesicht
würde wäre dies möglich gewesen bleifarbig geworden sein so heftig erschrak
er denn er sah sich auf einmal wieder auf den Schauplatz seiner
Jugendvergehungen versetzt Waren diese auch längst in seinem Gewissen begraben
so traten sie doch als bleiche Geistererscheinungen jetzt unerwartet vor sein
inneres Auge und ein Frösteln der Angst ein Schauer der Verzweiflung rieselte
ihm durch Mark und Bein
    »Hans« sagte er nach einiger Zeit zu seinem Gaste der inzwischen behaglich
seinen Punsch trank »Du wirst einen Begleiter brauchen in jenen Einöden Die
Wege sind dort nicht immer leicht zu finden kaum im Sommer wie viel weniger im
Winter Man muss lange vertraut sein mit jenen endlosen Haiden um nicht
umzukommen in Sumpf und Moorbruch Nimmst Du mich an zum Führer«
    »Du kannst mir nichts nützen Hast ja gehört dass meine Reise ein Geheimnis
bleiben soll Dein Gesicht ist gar zu interessant Wers einmal gesehen hat
kanns nie mehr vergessen«
    »Ich bin bekannt in jenen Gegenden und mich sehnts sie wieder einmal zu
betreten Hier gehts ohnehin mit mir zu Ende Also Hans sei klug «
    »Unter einer Bedingung«
    »Sprich«
    »Du wirst mein Knecht und trittst in meine Dienste«
    
    »Bin dabei topp«
    »Die Kasse führ ich ganz allein«
    »Wenn Du für mich zahlst was ich brauche mir gleich«
    »Alles was zum Leben gehört«
    »Grog so viel ich will  Abends Beefsteak  überhaupt gutes Essen  und ein
Taschengeld zu Geschenken für hübsche Dirnen  gelt«
    »Für den ersten Kuss den ein Mädel Dir gibt zahle ich hundert Mark bei
meinen Sünden«
    KlütkenHannes reichte dem Gauner lachend die Hand über den Tisch und der
Pact war geschlossen
    »Wenn brechen wir auf« fragte Blutrüssel »Ich gestehe Dir dass ich aus
verschiedenen Gründen Eile habe Ich halte mich nicht mehr für ganz sicher seit
mir die Mohrentaverne den Schimpf angetan hat mich eines unfreiwillig
gemachten Darlehns wegen vor die Tür zu setzen«
    »In drei vier Tagen Bis dahin wird mein Trödel verkauft sein und dann bin
ich ein freier Mann«
    »Das wäre demnach in Ordnung Nun geht mir aber noch ein Gedanke im Kopfe
herum der uns Vorsicht empfiehlt«
    »Was Gedanke Sind wir nicht unabhängige reiche Leute Wer Geld hat braucht
nicht zu denken Lass uns trinken und lustig sein Auf das Wohl des unbekannten
großmütigen Wohltäters und auf das Gelingen des Geschäftes zu dessen
Vollführung man mich hundert Meilen weit verschreibt«
    Blutrüssel trank sein Glas aus bis auf die Nagelprobe Mit lallender Zunge
knüpfte er das Gespräch wieder an
    »Alles vortrefflich« sagte er »aber meinen Gedanken lass ich nur deshalb
nicht nehmen Du hast den Herrn nicht gekannt der Dir Dein Kind abkaufte
Wenns nun ein Schuft war ein Spion He«
    »Hol ihn der Teufel oder die Cholera«
    »An den Galgen kann er Dich bringen ich kenne das«
    »Geld hilft von Galgen und Rad und  ich glaube nicht dran«
    »Für Dolch und Pistolen alter Molch lass Dichs nicht gereuen viel Geld
auszugeben«
    »Du hast mehr Kenntnis davon sorge Du also dafür Hier ist Geld«
    KlütkenHannes warf sechs Louisdor auf den Tisch die Blutrüssel mit
zufriedener Miene einsteckte
    »Und ist das Geschäft abgetan« sagte der Trödler »und es gefällt uns
nicht mehr in der Heide so kehren wir wieder hierher zurück oder gehen in die
weite Welt oder «
    »Gründen eine famose Wirtschaft« schloss Blutrüssel
    
    »Mit einem Schilde drauf in ellenlangen Buchstaben geschrieben steht  na
was denn«
    »Zum goldenen Wallfisch« schrie der Gauner
    »Pfui Verbrauchte Phrasen  Nein was ganz Neues was Unerhörtes muss
drauf gemalt sein das zugleich verlockt und entsetzt und den Gästen die Haare
zu Berge treibt«
    »Zum Höllenpfuhl« grinste Blutrüssel schwankend
    »Zur Rache klingt besser« lachte KlütkenHannes
    »Meinetalb auch Aufs Gedeihen der neuen Sündenwirtschaft Zur Rache«
    Die beiden verlorenen Söhne der Welt wiederholten immerfort trinkend wohl
hundertmal diese Worte bis sie in völlige Bewusstlosigkeit versanken Als sie
mit gläsernen stieren Blicken in dumpfen Schlaf fielen rauschten wieder die
Accorde des Glockenspieles über Stadt und Strom und verkündeten den noch wachen
Bewohnern Hamburgs den Beginn des neuen Jahres
 
                               Sechstes Kapitel
                               Neujahrsgeschenke
Auf den Fittichen des Windes der die melancholischen Melodien der Glocken
Hamburgs nach allen Himmelsgegenden verwehte enteilen wir abermals in die
Heide Noch ist es tiefe finstere kalte Nacht aber der vor Mitternacht klar
gestirnte Himmel hat sich über diesen unermesslichen Wäldern jetzt mit schweren
grauen Wolken bedeckt Auf den fernen dunkleren Schichten der Heide liegt es wie
Nebel der rasch sich verdichtet und gleich einem weissgrauen Mantel von
ungeheurer Ausdehnung über die Gegend fortrollt Ein Schneesturm zieht herauf
von Norden und durchrast mit namenloser Wut die Haiden
    Im Spinnerdorfe am See hatten viele Bewohner das neue Jahr unter Seufzern
und Tränen erwartet Es erschien die erste Stunde dieses Jahres verging aber
das Geschick der Armen blieb dasselbe trostlose verzweiflungsvolle
    Wir wollen unsere Leser nicht in die Hütten dieser Unglücklichen führen nur
eine Szene wollen wir schildern die in jener Nacht sich dort zutrug
    Bald nach Mitternacht waren die ersten Zeichen des nahenden Schneesturmes
wahrgenommen worden Dennoch sah man um diese Stunde mehrere Bewohner des Dorfes
ihre baufälligen Hütten verlassen und dem See zueilen Sie trugen alle etwas auf
ihren Armen das in Lumpen gehüllt oder mit einem Mantelfetzen umwickelt in
den Wirbeln des rieselnden Schnees sich nicht erkennen ließ Am Ufer des Sees
da wo in der guten Jahreszeit die Fähre landete sammelten sich die vereinzelt
aus dem Dorfe hervorschreitenden Gestalten Es waren fünf Männer und eine Frau
Vereint traten diese sechs schweigenden Menschen den Weg über den See an der
jetzt mit fussdickem Eise bedeckt war und eine gefahrlose Brücke bis zur
Felseninsel bildete Vor dem bald auf bald abwärts treibenden sandfeinen Schnee
konnte man die hohen Gebäude der Fabrik nicht erkennen nur die zwei braunroten
Schornsteine schimmerten wie die hohen Masten eines Kriegsschiffes durch das
niederfallende Gewölk Zuweilen wenn der Sturm über die Häupter der nächtlichen
Wanderer dahin fuhr und fern am schwarzen Wall der Heide verbrauste ließ die
Glocke auf der Fabrik schrillende Töne hören die wie das Wimmern Verunglückter
in der Einsamkeit der Nacht erklangen
    Nach mehrmaligem Rasten mitten auf dem öden Schneefelde des Sees erreichten
die sechs Meister endlich sehr erschöpft und trotz der schneidenden Kälte
erhitzt das schützende Ufer der Felseninsel Sie gingen schnurstracks nach dem
modernen Wohnhause des Herrn am Stein Vor der Tür desselben bildeten sie einen
Kreis traten den angehäuften Schnee etwas nieder und legten dann ohne ein Wort
zu wechseln die Lasten welche sie trugen behutsam so auf die Schwelle nieder
dass sie zur Hälfte sich gegen die Tür anlehnen mussten Wäre die Nacht nicht so
finster der Schneesturm nicht so überaus heftig gewesen so würde ein
heimlicher Zuschauer die starren Leichen von fünf Kindern erkannt haben  Sie
hatten alle mit dem hinsterbenden Jahre ihre Augen für immer geschlossen sie
waren  arme schuldlose Opfer der Spekulation eines herzlosen Tyrannen  vor
Hunger gestorben Ihre bejammernswerten Eltern hatten den furchtbaren
Entschluss gefasst ihrem gemeinsamen Peiniger mit den kleinen Leichen der
Geopferten ein Neujahrsgeschenk zu machen Die bleichen kalten Lippen ihrer
Kinder aus denen noch jetzt die gelblichen Zähne wie um Brod bittend
hervorsahn sollten dem Manne des Goldes ein glückliches Neujahr wünschen
    Als die Leichen mit den Gesichtern nach Osten gewandt an die Tür des
reichen Fabrikherrn niedergelegt waren sprachen die Männer ein Vaterunser wie
über dem Grabe eben Beerdigter Nur die Frau die einzige welche von allen
Müttern der übrigen Verhungerten den Mut gehabt hatte ihr Kind ein Mädchen
von sieben Jahren auf diesem Schmerzenswege zu begleiten brach jetzt in lautes
Schluchzen aus Der Kälte und des tiefen Schnees nicht achtend stürzte sie
nieder auf ihre Knie umschloss nochmals mit mütterlichem Arm den entschlafenen
Liebling und drückte Kuss auf Kuss auf seine kalten Lippen Bald ging ihr
Schluchzen in ein lautes Weinen und Stöhnen über Ausrufe des Schmerzes Worte
des Zornes und der Verzweiflung endlich ein erschütterndes Gebet um Erbarmen
stieg von ihrem Munde zum stürmenden Himmel auf
    Die Männer schwiegen und ließ die Arme gewähren Erst als der Schnee in
dichteren Flocken niederfiel und die Knieende schon mit weißem Todtenschleier
zu bedecken begann hoben sie die unglückliche Mutter auf und trugen die
Widerstrebende fort Der Schmerz erpresste ihr einen gellenden die Seele
zerreissenden Schrei der selbst im Walde noch einmal wiederhallte
    Diesen grellen zitternden langsam verklingenden Jammerruf hörte Adrian auf
seinem prunkvollen üppigen Lager
    Der reiche Mann hatte geträumt anfangs von hohem Glück und süßen Genuss
später von minder ergetzlichen Dingen Die Wirren der letzten Monate sanken in
Gestalt eines Knäuels giftiger Schlangen auf seine brennende Stirn und stachen
mit tausend spitzen Zungen nach seinem krampfhaft zitternden blutenden Herzen
Zur Vermehrung seiner Qual hatten diese unerbittlichen hungrigen Schlangen
menschliche Gesichter die er alle kannte und die ihn alle mit versteinertem
kalten wahnsinnerzeugenden Lächeln starr ansahen Da war Martell mit dem dunkeln
Zornesauge und den schwarzen gegen ihn sich erhebenden Locken  Da streckte
sein verstorbener Sohn den bleichen kleinen Kopf hinter dem finsteren Vater
hervor und bohrte mit fürchterlicher Ausdauer seine blutrote Zungenspitze wie
einen glühenden Dolch gerade in die empfindlichste Stelle seines Herzens Dort
schüttelte Lore mit irren Blicken ihr todtenbleiches Haupt und neben unter
über ihr drängten sich noch hundert Köpfe die alle näher kamen alle ihn mit
vernichtenden Blicken ansahen Sie peinigten ihn mit unaussprechlichen Qualen
doch den höchsten Grad der entsetzlichen Folter erreichte sein Leiden als fern
aus dem finsteren Hintergrunde in jähem Sprunge eine schillernde Schlange über
all das ihn umschlingende Gewürm gegen ihn heranschnellte Sie wiegte auf
schlankem Halse einen lieblichen Mädchenkopf mit langen blonden Haaren die
triefend niederhingen bis auf ihren schuppigen Schlangenleib Statt der giftigen
stechenden Zunge erblühten die zartesten farbenduftigsten Blumen auf ihrem
Munde die ein Windhauch abbrach und auf das Herz auf Stirn und Brust des
Träumenden niederfallen ließ Jedes Blatt brannte ihn wie ein Tropfen glühenden
Schwefels und je mehr Blumen dem lächelnden Munde entblühten und auf ihn
niederfielen desto unerträglicher ward seine Qual Er stöhnte und wälzte sich
convulsivisch auf seinem Lager er wehrte sich mit beiden Händen gegen die
niederflatternden Blumen aber sie brannten in brillantenen Flammen durch sie
hindurch und stürzten mit vergrösserter Intensität auf seinen gemarterten Körper
Da entrang sich ein Angstschrei der gefolterten Seele und Adrian erwachte 
Fiebernd in kaltem Schweiß gebadet erhob er sich auf dem Lager dem wimmernd
verhallenden Tone lauschend der von der Heide herüberschallte und an den
gefrorenen Fenstern auszitterte
    »Gott Lob« sagte er tief aufatmend »es war em Traum  Aber ich werde
nicht mehr schlafen dürfen denn immer häufiger wiederholen sich diese
grässlichen Träume Das macht mein krankes Blut meine Aufregung bei Tage die
vielen Verdrießlichkeiten die mich verstimmen  Wäre nur dieser Prozess zu Ende
oder die Alten tot und  Martell  Gewiss dann würde ich schnell ganz wieder
genesen und Niemand könnte mich mehr anfeinden denn Aurel fürchte ich nicht 
Und Herta ist ein armes schwaches hejahrtes Weib Sie ist froh wenn sie
ungestört auf den Tod sich vorbereiten kann  Segne meine Pläne o Gott und
lass sie mich bald und vollkommen ausführen«
    So sprechend hüllte sich Adrian wieder fester in die weichen Decken und
schloss die Augen Ein zweiter Schrei gleich dem ersten dessen Wiederhall er nur
vernommen hatte erreichte sein Ohr Nochmals richtete er sich unter Herzklopfen
auf und öffnete weit die matten Augen Der Sturm peitschte den Schnee an die
Fenster die Fabrikuhr verkündigte die erste Morgenstunde
    »Es wird ein Betrunkener verunglückt sein im Sturmwetter« sagte er sich
beruhigend und legte sich zurück in die schwellenden Kissen
    Ein dumpfer unerquicklicher Schlaf fiel auf den armen Reichen Wir entfernen
uns von seinem Lager und begleiten die hungernden Arbeiter auf ihrem traurigen
Rückwege ins Dorf
    Die unglückliche Mutter die Mut genug besessen hatte ihr verhungertes
Kind auf den eigenen Händen bis vor die Tür des Mannes zu tragen von dem
allein so namenloses Elend über Tausende gekommen war lag jetzt noch ohnmächtig
in den Armen der Spinner Es war ein schlankes im Anfange der Vierzig stehendes
Weib dessen eingefallene von Kummer und Nahrungssorgen scharf und eckig
gewordenen Züge die Überreste ursprünglicher Schönheit doch nicht ganz
verwischen konnten Weiches blondes Haar war in sehr starken Flechten an ihrem
Hinterkopfe in einen starken Knoten geschlungen und jetzt von dem grau
gewordenen und hin und wieder zerrissenen Regentuche bedeckt Nur ein paar feine
Locken stahlen sich über der Stirn aus der nonnenartigen Umhüllung hervor und
fielen vom Winde bewegt in verworrenem Gefaser über das marmorkalte Antlitz
der Bewusstlosen
    Maja hatte in dieser Nacht ihr zweites Kind ein Mädchen von sieben Jahren
begraben vor dem Palast des Tyrannen der Armen Sie besaß jetzt nichts mehr als
die Liebe ihres Mannes der arm wie sie von der ewigen Arbeit gleich ihr
niedergedrückt weder Zeit uoch Lust hatte die Gefühle welche sie einst so
ganz beglückten gegen sie auszusprechen Das Elend zerstört alles Heilige und
Erhabene es tötet die Liebe zwar nicht aber es zieht sie herab in den
gemeinen Strudel des Lebens Im Glück allein  mag diese Behauptung auch noch so
oft und eifrig bestritten werden  im Glück allein entfaltet die Wunderblume der
Liebe ihren duftenden Kelch und gewährt denen die sie finden in beseligendem
Rausch dauerndes Entzücken Liebe in Not und Mangel schrumpft ein zur dienenden
Magd Ihre Zauber schwinden die verborgen wohnen im geheimnisvollen Bande man
sieht nur die Fesseln und empfindet ihren Druck 
    An der verschneiten Tür seiner Hütte nahm Simson das halb erstarrte
kraftlose Weib auf seine Arme um die Hilfe seiner Begleiter nicht länger
anzusprechen
    »Habt Dank Unglücksgenossen« sagte er zu den gleich ihm Beraubten und gab
Jedem der Reihe nach die Hand »Unser gemeinsames Gebet in dieser unvergesslichen
Nacht wird nicht unerhört bleiben Gott ist ein gerechter Gott und ein Vater der
Armen wenn es auch bisweilen scheinen will als habe er uns verlassen Hoffen
wir auf ihn in unserem Drangsal und der erste Morgensonnenstrahl in diesem
schwer begonnenen neuen Jahre wird für uns zur Flamme werden die aufsteigt vom
Altar der Gerechtigkeit Ein glückseliges neues Jahr«
    Mechanisch wie es zur Gewohnheit gewordene Sitte mit sich bringt
erwiederten die betrübten durch unablässige Stöße des Schicksals und die
ausgesuchtesten Schmerzen stumpf und fast gleichgültig gewordenen Arbeiter den
angelernten Gruß und verloren sich in den verschneiten todtenstillen
Häuserreihen des ärmlichen Dorfes 
    Am Neujahrsmorgen entdeckte einer von den Packknechten beim Wegfegen des
Schnees die fünf aufrecht stehenden Kinderleichen Sein Entsetzen wurde nur noch
von dem der übrigen Hausgenossen und Knechte übertroffen die der Erschrockene
mit stammelnder Zunge davon benachrichtigte Von diesen erfuhr es der
Kammerdiener des Grafen dem es überlassen blieb seinen kränkelnden Herrn davon
zu benachrichtigen
    Wie Alles was ihn nicht persönlich betraf oder seine Stellung als Grund
und Fabrikherr gefährdete nahm Adrian auch diese entsetzliche Botschaft mit
unglaublicher Gelassenheit auf
    »Wirklich« sagte er zu dem Kammerdiener der es sich angelegen sein ließ
das Unerhörte möglichst schonend vorzubringen »Fünf Kinder aufrecht stehend und
bis an den Hals verweht hat man heut Morgen vor meiner Tür gefunden Kennt man
sie«
    Während dieser Gegenfrage tauchte er mit Aufmerksamkeit den feinsten weißen
Stollen in der Heide »Christbrod« genannt in die lieblich duftende starke
Chokolade bis er von dem aromatischen Saft vollkommen durchzogen war
    »Herr Vollbrecht getraut sich ihre unglücklichen Eltern bezeichnen zu
können«
    »Sehr wohl Wo hat man die Leichen hingeschaft«
    »Sie liegen im Schuppen  eine ganze Hand voll Leichen Befehlen Sie dass
man die armen Kinder Ihnen zeige«
    »Behüte« sagte Adrian sehr fein lächelnd »Ich bin nicht neugierig und da
ich vom Leichenbeschauen wenig verstehe so überlasse ich die genauere
Besichtigung dem Fabrikarzte Es war unklug von den Eltern die Kinder in so
stürmischer Nacht im Freien herumlaufen zu lassen Wahrscheinlich sollten sie
betteln oder stehlen und da hat sie der Finger Gottes berührt«
    »Sie scheinen nicht erfroren zu sein« wagte der Kammerdiener schüchtern zu
bemerken
    »Nicht Dann ist wohl gar eine Gewalttat ein Verbrechen begangen worden«
versetzte mit erkünstelter Teilnahme der Herr am Stein »Ich will dass man die
Verunglückten genau untersuche und wenn sich nur die geringsten Spuren eines
verübten Verbrechens zeigen ihre Eltern sogleich gefänglich einziehe«
    »Mit schuldigem Respekt gnädiger Herr bringe ich Ihnen meinen Glückwunsch
zum neuen Jahre« sagte Vollbrecht der während dem eingetreten war und die
letzten Worte des Grafen noch gehört hatte »Möge Gott ihre Gesundheit von neuem
kräftigen und Ihnen in jeder Hinsicht gnädig sein«
    »Ich danke mein Lieber Doch lassen wir die Phrasen  ich gebe wenig
darauf Nun was sagen Sie zu der seltsamen Neujahrbescherung«
    »Sie hat mich nicht überrascht Herr am Stein Verwundert aber bin ich dass
sie so still so ganz ohne ein Zeichen laut jammernder Verzweiflung
vorübergegangen ist«
    Adrian gedachte des gellenden Notschreis in der Nacht und konnte sich jetzt
das Markerschütternde desselben erklären Dennoch stellte er sich mit
consequenter Frechheit unwissend wie ein neugeborenes Kind
    »Mein lieber Vollbrecht« versetzte er seine stark vergoldete große Tasse
von Meissner Porzellan aufs neue mit Chocolade füllend »man erfriert meines
Wissens ganz in der Stille Die Ärzte behaupten es sei ein angenehmer
schmerzloser Tod«
    »Die fünf Kinder von denen hier die Rede ist sind nicht erfroren« sagte
Vollbrecht finster
    »Also doch nicht erfroren Also mit Gewalt mit Willen getötet«
    »So ist es Herr am Stein«
    »Und wer sind die Täter Ohne Zweifel diese Feiglinge von Eltern denen es
unmöglich dünkt sich aus Rücksicht und Liebe für ihre Kinder ein wenig zu
beschränken Ich will sie kennen«
    »Davon nachher Herr am Stein Der Mörder dieser nunmehr in Frieden ruhenden
Kleinen ist  der Hunger«
    Adrian behauptete auch jetzt noch seine unerschütterliche Ruhe
    »Wenn sich dies ärztlich beglaubigen lässt« versetzte er »so wundere ich
mich nur weshalb ich bis heut kein Wort von drohender Hungersnot drüben im
Dorfe vernommen habe Ich bin nicht allwissend ich kann auch bei meiner
fortdauernden Kränklichkeit die mir größte Schonung und Vermeidung jeglicher
Aufregung streng zur Pflicht macht nicht von Haus zu Haus gehen Man hätte mir
das Vorhandensein des allgemeinen oder teilweisen Notstandes anzeigen sollen
dann würde man gesehen haben dass ich wo es nötig ist immer eine offene Hand
in Bereitschaft habe Ich werde sogleich Befehl erteilen Lebensmittel in das
Dorf schaffen und die Dürftigsten reichlichst speisen zu lassen Was aber soll
zuletzt diese affreuse Farce«
    »Mich dünkt Sie können aus ihr lernen wie die Arbeiter von Ihnen denken
Herr am Stein wen sie für den Mörder ihrer Kinder halten«
    »Es schmerzt mich« erwiderte Adrian mit erheuchelter Rührung eine kalte
Träne in sein funkelndes Auge pressend »dass ich so arg verkannt werde Diese
Elenden sind wirklich zu verwildert um mit ihnen wie mit vernünftigen Menschen
zu reden Sie wissen es ja Vollbrecht wie mein grossmütiges Anerbieten am
Weihnachtstage schnöde zurückgewiesen wurde Solche Beispiele boshafter
Herzensverhärtung entmutigen Hätte Martell vor acht Tagen meine freiwillig
dargebotene Unterstützung angenommen ich würde unverweilt genaue Erkundigungen
eingezogen haben über die Angelegenheiten auch anderer Familienväter Seine
lieblose Antwort aber verdross mich und aus gerechtem Ärger darüber unterließ
ich jede weitere Nachfrage Die stolzen Toren haben mithin nur sich nicht aber
mir das Elend zu danken das nunmehr über sie hereingebrochen ist Ich sehe
darin sogar eine warnende Stimme des gerechten Gottes an die Übermütigen
gegen mich stets aufsätzig Gesinnten ergangen damit sie zur Besinnung kommen
und sich bessern«
    Vollbrecht hielt es für überflüssig dieser Ansicht des Grafen dessen
innerste teuflische Gesinnung ihm längst kein Rätsel mehr war zu opponiren Er
fragte kühl was mit den fünf aufgefundenen Kinderleichen geschehen solle
    »Je nun« versetzte Adrian mit dem eigentümlichen um seinen stolzen Mund
aufhüpfenden spöttischen Lächeln »da wir hier kein so kühles Grabgewölbe
besitzen wie auf dem Sanct Gottardt so glaube ich mein Gewissen hinlänglich
zu salviren wenn ich die Scheuer auf einen Tag zur Morgue erhebe und das ganze
Dorf aufrufe die Leichen zu beschauen Auf diese Weise kann jeder Vater jede
Mutter ihr Kind am leichtesten erkennen und wir unsererseits haben die
Genugtuung die maßlos Frechen ebenfalls kennen zu lernen die unsere Tür ganz
naiv zum Kirchhofe machen wollen Übrigens erlaube ich dass man die so oder so
Verstorbenen nach christlichem Gebrauche doch ohne Leichenspectakel auf meine
Kosten beerdige«
    Vollbrecht machte Einwendungen gegen diesen Befehl Es schien ihm nicht klug
zu sein das ganze Dorf öffentlich zur Todtenschau aufzurufen er erblickte
vielmehr darin von Seiten des Grafen eine versteckte schauerliche Verhöhnung des
grenzenlosen Jammers der Armen Adrian wollte aber dies gerade Die Hungernden
mussten sehen dass er weder Ohr noch Auge habe für ihre Leiden so lange sie ihn
dazu nötigen wollten Gehorsam Unterwerfung Geduld Geduld bis zum Hungertode
musste er sich bei den Arbeitern erzwingen eher war sein Sieg kein
vollständiger kein dauernder
    »Sie verzeihen gnädiger Herr wenn ich mir noch einen Einwand erlaube«
sagte Vollbrecht »Ich kenne die Eltern der Aufgefundenen Man kann ihnen also
ihre Kinder ohne Aufsehen still ins Haus schicken«
    »Wenn auch besser ists immer sie kommen selbst Haben sie sich die
strapaziöse Mühe gegeben mitten in stürmischer Nacht mir die toten Würmer
herzuschaffen so mögen sie sich ihre Bälger jetzt am Tage wo die Sonne recht
hübsch warm scheint auch wieder abholen Sonst müsste ich sie ihnen am Ende noch
in meine Staatskarosse heimfahren lassen«
    »Und wenn sie trotz des Aufrufes nicht erscheinen Herr am Stein Wenn der
Aufruf das ganze Dorf in Gährung versetzt«
    »Ich lasse es darauf ankommen lieber Vollbrecht Im Winter geschehen keine
gefährlichen Revolten Kälte und Regen sind die besten Gemütsbesänftiger
Erlassen Sie daher in Goltes Namen den Aufruf Finden sich die betreffenden
Eltern wirklich nicht ein so weiß ich schon was ich zu tun babe Ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort dass diese fünf toten Kinder Niemand als ihre leiblichen
Väter oder Mütter auf ihren Armen heimtragen sollen«
    Adrians Befehl wurde vollzogen Die Bekanntmachung lief schnell von Mund zu
Mund von Haus zu Haus und schon gegen Mittag zogen Männer Frauen und Kinder
schaarenweise über den gefrorenen See um die gefundenen fünf Kiuder zu
betrachten Diese hatte der Graf aus Vorsicht in eine Art vergitterten Käfig
der ursprünglich als Gänsestall diente neben einander legen lassen um alles
Betasten und allzugrossen Andrang zu verhindern In vollem Sonnenlicht mitten auf
der Tenne stand diese wunderliche und erschütternde Morgue von vier Bedienten
des Fabrikherrn bewacht die auf Ordnung und Schicklichkeit zu sehen hatten
    Der martervolle Tod hatte die Unglücklichen nicht so sehr entstellt dass sie
für Bekannte und Freunde unkenntlich gewesen wären Man hörte daher von fast
jedem an den Gitterkasten Herantretenden bald laut bald leise ihre Namen nennen
und ihre Eltern beklagen Mancher mochte sich wohl auch wundern dass unter so
vielen hundert Neugierigen nur allein die Beteiligten fehlten denn von dem
eigentlichen Hergang der Sache war noch Keiner unterrichtet Wie es nun aber
überall geschäftige Seelen gibt die jedes Ereignis sei es erfreulich oder
betrübend sogleich weiter tragen müssen so fanden sich auch unter den
herbeieilenden Fabrikarbeitern sehr bald einige Händeringende die jammernd
rückwärts nach dem Dorfe stürzten um den betreffenden Eltern das entsetzliche
Unglück ihrer Kinder zu melden Bei dieser Botschaft musste nun die eigentliche
Todesart an den Tag kommen die wo möglich von denselben Dienstbeflissenen noch
schnellere Verbreitung fand
    Hatte man bisher bloß die Verstorbenen und ihre armen Eltern beklagt so
verwandelte sich nach Verbreitung dieses neuen Gerüchts an dessen Wahrheit man
nicht lange zweifeln konnte das Bedauern in ein dumpfes Entsetzen Der Plan vor
der Tenne so eben noch von Hunderten erfüllt ward leerer und immer leerer
Viele wandten sich mit bestürzten Mienen mit vor die Augen gehaltenen Händen
von dem Gitter und eilten als wäre ihnen ein Geist erschienen nach dem See
dessen Eisdecke sie in vollem Laufe überschritten Das Entsetzen der Abscheu
das innere moralische Grauen welches man empfand war so allgemein dass Alle
instinktmässig einen Ort flohen der von Gott als ein verfluchter bezeichnet zu
sein schien Man wollte der Nähe des Mannes entfliehen der so fürchterliche
Verantwortung auf sich geladen und trotzdem noch den wahrhaft dämonischen Mut
besaß das Ergebniss seiner Grausamkeit zu einem Schauspiel zu benutzen
    Mit eigentümlichem Lächeln beobachtete Adrian von seinem Zimmer aus
unbemerkt das Benehmen seiner Arbeiter bei diesem ihnen bereiteten Schauspiele
Nichts dabei schien ihn zu überraschen denn er wiegte zufrieden das stolze
Haupt als sich die Zuschauer so plötzlich verloren und keine neuen vor dem
Gitter mehr erscheinen wollten Die Eltern der Verhungerten hatten sich
wirklich nicht blicken lassen Unberührt blieben die Leichen der armen Kinder
dem grausamen Gebieter als Neujahrsgeschenk der Verzweifelten 
    Vollbrecht erstattete wie es von ihm verlangt ward Bericht über den
Hergang und erbat sich fernere Verhaltungsbefehle Adrian hielt diese nicht für
nötig Kalt und entschieden wie immer ließ er sich jetzt die Namen der
Eltern nennen die ihrer Kinder auf so entsetzliche Weise beraubt worden waren
Er notirte sich dieselben in seine Schreibtafel Dann erkundigte er sich nach
den Arbeitsstellen der Väter und Mütter der Verstorbenen in der Fabrik fragte
auf welche Weise diese selbst beschäftigt gewesen wären und wie man ihre Stellen
werde besetzen können Auf all diese Fragen gab Vollbrecht genau Antwort da
sie das Geschäft und dessen ungestörten Fortgang betrafen Es fiel ihm nicht
auf dass Adrian auch darüber einige Bemerkungen in seine Schreibtafel machte
Zuletzt als der Geschäftsführer sich noch die Frage erlaubte wohin man die
fünf Leichname schaffen solle versetzte Adrian als verstünde sich dies von
selbst er werde die Eltern derselben bedeuten lassen dass sie im Lauf der
Nacht um alles unnötige Aufsehn zu vermeiden die Abholung der Leichen ohne
Widerrede zu besorgen hätten 
    Diese Nacht kam heran sternenklar still und kalt Ebenso still und kalt
lag das Dorf jenseits des Sees nur die leuchtenden Sterne des Glückes der
Liebe der Hoffnung des Glaubens waren über ihm und seinen trauernden Bewohnern
erloschen Von der Insel aus sah man kein Licht mehr in den Hütten der Arbeiter
schimmern Außer dem Bellen einiger Hunde lag das Schweigen einer kalten toten
Winternacht rings auf der waldbedeckten Gegend
    Auch im Hause des Fabrikherrn war es ruhig geworden Nur Adrian wachte noch
in seinem Zimmer und durchschritt es wiederholt mit großen Schritten Endlich
zog er die Klingel Der Kammerdiener erschien und rieb sich schlaftrunken die
Augen
    »So müde Jean« fragte der Graf mit ungemeiner Freundlichkeit »Das ist mir
unlieb Ich hatte Dir noch ein spätes Geschäft zugedacht«
    Jean war durch diese Anrede vollkommen munter geworden Er verbeugte sich
und antwortete
    »Der gnädigste Herr Graf dürfen nur befehlen«
    »Ich hätte eine Bitte an Dich lieber Jean Aber Du musst verschwiegen sein«
    »Wie das Grab gnädigster Herr Graf«
    »Auch gegen Vollbrecht«
    »Gegen mich selbst wenn Ew Gnaden befehlen«
    »Wenn Du mein Vertrauen das ich Dir in diesem Augenblicke schenken will
rechtfertigst werde ich Deinen Sohn  still still ich kenne Deine kleinen
verliebten Abenteuer ohne Dich deshalb zu schelten  Deinen Sohn also werde
ich erziehen lassen und Dir eine lebenslängliche Pension von dreihundert Talern
aussetzen Was meinst Du«
    »Der gnädigste Herr Graf sind der grossmütigste Mann auf Erden«
    »Ich werde es sein wenn Du schweigst« sagte Adrian nochmals mit einem
bedeutenden eben so freundlichen als drohenden Blick »Zünde jetzt die
Blendlaterne an und hole die Schlüssel zur Fabrik«
    »Jetzt Ew Gnaden wollten «
    »Gehorche und schweige« raunte ihm der Graf befehlshaberisch zu
    Jean verfärbte sich schlich auf den Zehen ins Komptoir und überbrachte
Adrian der sinnend in das kleine Flämmchen der Blendlaterne sah die Schlüssel
mit zitternder Hand
    »Meinen Wolfspelz«
    Jean holte auch diesen und warf ihn seinem Gebieter um »Es ist sehr kalt
gnädiger Herr« sagte er »der Doktor würde einen so späten Ausgang gewiss nicht
gestatten«
    »Jetzt nimm den großen Henkelkorb der die neuen Garnproben enthält Leere
ihn und bringe ihn an die Tenne«
    Adrian schritt schon die Treppe hinunter entriegelte die Haustür und ging
auf die Tenne zu wo die Leichen der Kinder die in seinem Dienst umgekommen
waren den Schlummer des ewigen Friedens schliefen Auf den bleichen Gesichtern
der Kleinen spielte der Schimmer der silbernen Gestirne die am dunkeln
Nachthimmel flammten
    »Wollen Ew Gnaden die armen Würmer begraben oder sie eigenhändig ihren
Eltern vor die Haustüren legen« stotterte der Kammerdiener dem die Zähne vor
Frost und Furcht klapperten und der seine Zusage längst schon bereute
    »Lege die Leichen in den Korb Jean« befahl der Graf »und schlage dann die
graue Deckleinwand sorgfältig über sie zusammen«
    Jean musste trotz seines namenlosen Grauens das grässliche Geschäft
verrichten dem Adrian mit verschränkten Armen still und ernst wie ein
Todtenrichter zusah Dann nahmen Beide den Korb auf Adrian stellte die kleine
Blendlaterne auf die verhüllten Kinderleichen und schlug den Felsenpfad nach der
Fabrik ein Dem Kammerdiener rieselte kalter Schweiß in Bächen über sein
Gesicht Er sprach kein Wort Keuchend half er dem marmorbleichen wie eine
lebendig gewordene Statue neben ihm fortwandelnden Grafen die schreckliche Last
nach den hochgelegenen Fabrikgebäuden tragen
    Das Entsetzen des armen Kammerdieners erreichte seinen höchsten Grad als
sie die Maschinensäle betraten Diese unermesslichen Räume sonst mit
erstickendem Oeldunst und dem heißen Broden von mehr als hundert Arbeitern
erfüllt jetzt kalt und von einem seltsam pfeifenden Luftzug durchweht der aus
den geöffneten Wärmeröhren drang und an den blaugrauen oder schwarzen
Stahlschenkeln und Armen der Maschinen wie der Atem eines hier festgebannten
bösen Geistes flüsterte säuselte wimmerte und heulte  diese endlosen Räume
hatten etwas unbeschreiblich Grauenvolles Durch die hohen tausendscheibigen
Fenster jetzt mit beinahe fingerdicken Eis und Schneeblumen bedeckt fiel kein
Schimmer des bläulichen Sternendämmers der die Nacht der Heide matt
erleuchtete Nur das einzige dünne und trübe Flämmchen der Blendlaterne in
Adrians Hand sandte seinen gaukelnden Irrlichtglanz hüpfend über die hundert
Werkstätten der modernen Industrie durch die grässliche mitleidslose
Folterkammer der Zivilisation des neunzehnten Jahrhunderts 
    »Oeffne den Korb Jean« befahl Adrian »und folge mir mit dem kleinen
toten Schlingel der das Pfeilmaal auf der linken Wange hat«
    Mechanisch hob der Kammerdiener jetzt in sein Schicksal still ergeben die
Leiche aus dem Korbe und trug sie dem vorausschreitenden Grafen nach In der
Mitte des Saales blieb er an einer der größten Spinnmaschinen stehen deren
nackte Spindeln im Schein der Leuchte mattrot erglühten
    »Das ist der Ort« sagte Adrian spöttisch lächelnd »Drücke dem kalten
Schelm die steifen Glieder zusammen dass er in eine sitzende Stellung kommt und
schiebe ihn unter die Kämme Er hat da geschafft bei Lebzeiten er mag sich noch
einmal im Tode die ungelenken Finger von den stählernen Rechen krumm biegen
lassen Wenn ihn morgen früh der Herr Papa hier nicken sieht wird er sich wohl
nicht mehr weigern ihn als redlicher Vater nach Hause zu tragen Man muss diese
pflichtvergessenen Menschen mit der Nase auf das stoßen was sich schickt und
was sie zu tun haben«
    Jean starrte den Grafen mit offenem Munde mit schlotternden Knieen und
klappernden Zähnen an Sein Auge schwamm in Tränen er vermochte nicht zu
reden Nur stammelnd lallte er
    »Aber gnädigster Herr Graf  Gnade Gnade«
    »Gehorsam verhilft zu Gnade« versetzte Adrian schneidend »Weil sie mir
nicht gehorchen bin ich ihnen ungnädig gesinnt und bestrafe sie jetzt Tue
also was ich Dir heiße«
    Jean drückte die Leiche zaudernd in die klirrenden Stähle Heisse Tränen
fielen auf das Gesicht des Toten und blieben an seinen gesenkten Wimpern
hängen
    Adrian schritt weiter beim trüben Schein der Laterne mit Mühe die Notizen
in seiner Schreibtafel durchfliegend In mehrere Säle kehrten die schrecklichen
Wanderer ein überall ein Geschenk des Todes bald sitzend bald stehend bald
gegen die Erde gepresst bald über die Flucht der Spindeln gebeugt
zurücklassend Erst nachdem dies nächtliche Geschäft zu Adriaus Zufriedenheit
beendigt war verließen sie schweigend wie sie gekonnnen die Fabrik und
kehrten von Niemand gesehen von Niemand in ihrem grauenvollen Tun belauscht
als von Gott in die Wohnung am Ufer des Sees zurück
    »Vergiss nicht zu schweigen« ermahnte der Graf seinen Kammerdiener mit
vertraulichem Lächeln in dem eine satanische Genugtuung triumphirte während
dieser ihn entkleidete »Es wird Dich nicht gereuen«
    Jean schwieg Er wünschte dem Grafen schweigend gute Racht suchte
schweigend das Lager und stand am andern Morgen schweigend wieder auf Er
schwieg fortan immer sein ganzes Leben hindurch Das Entsetzen der Nacht hatte
ihm die Zunge gelähmt und das Vermögen der Spräche genommen  Die Vorsehung
liebt es zuweilen die größten Verbrechen am härtesten an denen zu strafen die
nur als blinde Werkzeuge zu deren Vollziehung dienen 
 
                               Siebentes Kapitel
                                 Die Ablöhnung
Noch am Neujahrstage war die Kunde von dem Hungertode der fünf Kinder bis auf
den Zeiselhof gedrungen Aurel hielt es für eine schamlose Übertreibung um
ferne und nahe Untertanen Adrians gegen diesen aufzuhetzen und wollte durchaus
nichts davon hören Anders dachte der Maulwurffänger der die gedrückte Lage der
Fabrikarbeiter zu genau kannte um nicht auch einen solchen Fall für möglich zu
halten Er erbot sich unverweilt nach Boberstein aufzubrechen um sich von den
dortigen Verhältnissen zu unterrichten Die an sich geringe Entfernung war zu
Schlitten in sehr kurzer Zeit zurückzulegen weshalb Heinrich ein derartiges
Fuhrwerk begehrte Da er selbst kein zuverlässiger Rosselenker war ergriff
Sloboda die Zügel Diesen trieb es überhaupt wieder in die Heide an den Ort wo
sein Kind so glückliche Stunden verlebt hatte Ohnehin wollte es ja scheinen
als bleibe für ihn und seinen Enkelsohn wenig zu hoffen denn während
allerorten wo Niemand es vermutete Blutsverwandte des gräflichen Geschlechtes
von Boberstein plötzlich und unerwartet austauchten wollte sich nirgends eine
Spur des Kindes zeigen das Haideröschen auf der Flucht geboren hatte und um
das sie gebracht worden war Man wusste nur dass es ein Mädchen gewesen dass es
gelebt hatte und während der tagelangen Ohnmacht der angegriffenen Mutter
verschwunden war
    Frühzeitig brachen die Greise am Tage nach Neujahr auf flogen in leichtem
Schlitten über die spiegelnden Schneefelder der Heide entgegen und entdeckten
bald in der durchsichtigen Luft die Schornsteine der Fabrik Zu ihrem großen
Befremden lagen keine Rauchwolken über denselben obwohl neun Uhr Vormittags
schon vorüber war Der Maulwurffänger trieb Sloboda zu schnellerem Fahren an da
nur ein ungewöhnlicher Vorfall diesen Stillstand der Fabrik veranlasst haben
konnte In gestrecktem Galopp jagten nun die beiden jungen feurigen Tiere mit
ihrer leichten Last durch die gewundenen Haidewege durch phantastisch gewölbte
mit krystallenen Schneebehängen drapirte Eishallen wie sie der Winter in seiner
wunderlichen Launenhaftigkeit in dichten Föhrenwäldern über Nacht voll
zauberischer Pracht erbaut Lange vor Mittag spiegelte ihnen durch den
Unterbusch der See entgegen von hin und wieder gehenden Menschentruppen reich
belebt
    Wir haben früher bemerkt dass Herr am Stein alls Rücksicht auf seine klug
berechneten Speculationen die Lohnzahlung an seine Arbeiter bis auf den heutigen
Tag verschoben hatte Obwohl er sehr genau die verzweiflungsvolle Lage des
größten Teils dieser armen von einem Tage zum andern kümmerlich ihr Leben
hinfristenden Sklaven seines Willens kannte glaubte er doch nicht an den
Ausbruch einer wirklichen Hungersnot Er hoffte die Mehrzahl werde mit einigem
Darben die wenigen Tage überstehen werde dann hungrig nach Brod und gierig nach
einigen Groschen schon vor Tage sein Haus umlagern und ohne Zögern unter den
zuletzt aufgestellten Bedingungen lebensgern für ihn fortarbeiten um nur wieder
Geld in die Hände Brod und Torf ins Haus zu bekommen Wusste er doch aus
Erfahrung was man dem armen Volke zumuten kann wenn man die Macht besitzt
ihm zu helfen und zu schaden
    Diefe Lohnausteilung erfolgte auf Adrians Hausflur durch ein Schiebfenster
das mit dem Komptoir in Verbindung stand Vollbrecht hatte als vereideter
Geschäftsführer die Verteilung zu besorgen Adrian selbst kümmerte sich nie
darum noch ließ er sich vor seinen Arbeitern blicken
    Martell hatte diesem Zahlungstage in einer kaum zu beschreibenden
Gemütsaufregung entgegengesehen Das Wort des Maulwurffängers war wie eine
Feuerflamme in seine Seele gefallen Er der arme verachtete misshandelte
Spinner ein Verwandter des reichen allmächtigen Herrn am Stein Ein Mitglied der
Familie die über fürstliche Besitzungen gebot Er ein Mann dem vielleicht
gleiche Rechte an diese unermesslichen Ländereien zustanden wie dem unter
dessen eiserner Zuchtrute er grollend seinen Rücken beugte
    Martell bedurfte einiger Tage um den gewaltigen Eindruck dieser Offenbarung
zu überwinden und sich an den Gedanken zu gewöhnen dass ihm em besseres Loos
gebühre als das unter dem er gegenwärtig sich abmühe Ein minder kräftiger
Charakter wäre vielleicht still demütig heiter und zufrieden geworden durch
die erwähnte Entdeckung hätte vielleicht alles ausgestandene Elend schnell
vergessen und sich mit der Aussicht auf baldige bessere Tage getröstet Bei
Martell dagegen wuchs der Groll der Ingrimm die Lust nach Rache mit der
Gewissheit, dass er von Kindes Beinen auf unwürdig ja niederträchtig behandelt
worden sei Die ausgestandene Not das erlittene Unrecht zu vergessen war
nicht seine Absicht Er sann Tag und Nacht nur darüber nach wie er sich recht
empfindlich rächen wie er Wiedervergeltung üben konne  Traugotts Zuspruch
machte ihn noch wilder noch erbitterter Der arme Spinner in seiner moralischen
Entrüstung war furchtbar und erhaben zugleich Er war ein zürnender Gott in
Lumpen
    »Schweigt Vater« rief er nach einer abermaligen frommen Ermahnung des
gottvertrauenden Greises die am Morgen des Neujahrstages vorfiel als Martell
sich weigerte den schwächlichen Alten zur Kirche zu begleiten »Mein Gebet wäre
schlimmer als Fluch denn es käme ja doch aus einem hasserfüllten Herzen  Und
wofür soll ich denn beten und danken Dafür dass ich vierzig Jahre am Elende
mich sattgegessen dass ich mir an der verschimmelten Brodrinde der Armut das
Herz zu Gott und Menschen abgekaut habe Solch jammervolles Dasein ist keinen
Dank wert man bezahlt es schon viel zu teuer mit den hunderttausend Flüchen
die willenlos unserm Munde entgleiten  Lasst mich also Vater und betet Ihr
für mich wenn Ihr könnt ich will mich rüsten auf die Kämpfe der nächsten
Tage«
    Betrübt über die Halsstarrigkeit seines Schwiegersohnes ging der alte
Spinner von seiner Enkelin geführt zur Kirche Lore blieb ebenfalls daheim um
das sehr zerrüttete Hauswesen einigermaßen in Ordnung zu bringen
    »Mich verlangt es zu erfahren« sagte Martell zu seiner Frau »was der
verfluchte Sünder mein sehr werter Herr Vetter zu der Neujahrsbescheerung
sagen wird Ha ich denke sie soll ihm ein Zähneklappen verursachen das er im
ganzen Jahre nicht wieder los wird  Freilich da sind wir immer noch glücklich
zu nennen gegen die armen Eltern der Verhungerten  Unser Hans starb so zu
sagen wie ein Mensch wenn auch elendiglich verstümmelt aber diese
Unglücklichen  o Gott lass michs nicht denken«
    »Wenn wir fortzögen von hier was meinst Du Wir haben jetzt Freunde die
uns gewiss unterstützen werden Es gehen so Viele nach Amerika «
    »Nein Lore jetzt müssen wir bleiben und wenn man uns die Glieder einzeln
abriss«
    »Es tut nicht gut Martell Du vertiefst Dich zu sehr in Deine Gedanken und
am Ende wenn Du keinen vernünftigen Ausweg mehr siehst begehst Du was nicht
recht ist«
    »Glaubst Du ich werde ihn den Herrn Vetter ermorden Bei meiner
unsterblichen Seele das geschieht nicht«
    »Du bist so heftig so ungestüm Ach und den frommen Vater kränkst Du
damit«
    »Er ist gut aber er versteht mich nicht Dächten wir alle wie er in seiner
Einfalt so schindeten uns die Herren zuletzt lebendig Ich weiß schon was ich
will«
    »Was Martell Sage mirs ich bitte Bin ich auch nur ein armes von Kummer
tief gebeugtes Weib eine trauernde Mutter  was das Rechte ist das sagt mir
mein zitterndes Herz«
    Lore schlang ihre mageren Arme um den stämmigen Nacken des zürnenden Mannes
und strich ihm die verworrenen langen Locken aus der Stirn die ihre bleichen
Lippen in flüchtigem Kusse berührten Martell sah ihr lange still und ernst in
die liebreichen von Tränen erfüllten blauen Augen
    »Bedanken will ich mich« sagte er nach einer geraumen Pause und sein bisher
kaltes Auge blitzte in dunkelm Feuer auf
    »Bedanken Bei wem und für was«
    »Bei meinem Herrn Vetter für die ausgezeichnete Behandlung die er mir hat
zu Teil werden lassen« erwiderte Martell höhnisch lächelnd
    »Das ist es gerade was ich fürchte« seufzte Lore und ließ ihren Arm
langsam von der Schulter des geliebten Mannes gleiten »Das was Du Dank nennst
wird hart und bitter sein «
    »Ei mein Schatz die Wohltaten die er uns erzeigt hat waren auch nicht
süß die Lasten die wir für ihn trugen nicht leicht Ich will bloß mit ihm
sprechen wie es ein Vetter darf und soll«
    »Und wenn hast Du die Absicht eine solche Unterredung unt Herrn am Stein
Dir zu erbitten«
    »Ich werde gar nicht darum bitten arme Taube ich werde warten bis es Zeit
ist und dann sprechen«
    »Wenn er Dich nur zu Worte kommen lässt«
    »Ich besitze Gott Lob eine kräftige Stimme wahrscheinlich das Einzige
wofür ich ihm mittelbar Dank schuldig bin da ich als Saalaufseher das Geräusch
der Maschinen oft überschreien musste Andere freilich deren Lungen nicht
kräftig genug waren bekamen die Schwindsucht und siechten hin Grade weil Gott
mich erhalten hat scheint mir soll ich noch zu etwas Besserem berufen sein
als mein Lebelang bloß an hundert und mehr Spindeln auf und abzulaufen um die
zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen«
    Während dieses Zwiegespräch zwischen Martell und seiner Frau stattfand war
der Aufruf zur Todtenschau auf der Insel an vielen Orten erfolgt Schaaren
Neugieriger eilten nach dem See denn nur Wenige kannten den Hergang der Sache
und wussten um die letzten Augenblicke der Verstorbenen
    »Siehst Du« sagte Martell lächelnd zu Lore und deutete auf die Reihen der
schnell dahin eilenden Menschen »Graf Adrian hat den Neujahrwunsch seiner
getreuen Arbeiter empfangen Er beeilt sich ihnen pflichtschuldigst seinen
gefühltesten Dank abzustatten  so ungefähr heißt ja die herzlose Redensart die
alle Vornehmen und Hochgeborenen den Armen und Niedrigen gegenüber süß lächelnd
in den Mund zu nehmen pflegen«
    Bald nach erfolgtem Aufruf kam Traugott aus der Kirche zu neuen Leiden
ermutigt wie immer wenn er das Haus des Herrn besucht hatte Etwas später
erscholl die lähmende Nachricht von dem Hungertodte der fünf Kinder ihm folgte
das Zurückstürzen der Arbeiter von der Insel und jenes furchtbare Schweigen des
Entsetzens das der beredteste Ausdruck tiefster Empörung und größter
Seelenerschütterung ist
    »Nun freue ich mich auf morgen« sagte Martell »Morgen ist Zahltag für den
reichen Herrn da hat er allemal schlechte Laune Wir merken das immer an den
schlechten Geldsorten die uns dann für vollgiltig zugeworfen werden Diesmal
jedoch soll das nicht wieder einreissen das steht fest Ich appellire«
    »Und erhältst den Abschied« seufzte Traugott »Ach wenn werde ich Dich
demütig ergeben und in die Zeit Dich fügend sehen«
    »Sobald es besser geworden ist mit den Arbeitern Vater nicht eine einzige
Stunde früher «
    Gegen Abend sprach Simson bei Martell ein Der unglückliche Mann wohnte nur
wenige Häuser weit und war unserm heissblutigen Freunde immer ein treuer Helfer
in der Not gewesen so weit dies unter so beschränkten Verhältnissen möglich
und denkbar ist Der Mann war völlig ratlos Händeringend den stieren
Verzweiflungsblick bald an die schwarzen Dielen heftend bald zur Decke
aufschlagend ging er in der kleinen Stube ruhelos auf und nieder
    »Beim ewigen allbarmherzigen Gott Martell ich weiß nicht mehr was ich
anfangen wie ich die Jammernde besänftigen soll« rief er aus »Sie will
durchaus ihr Kind wieder haben um die Leiche noch herzen und küssen zu können
und wir haben uns doch hoch und teuer verschworen nach Deinem Rat es nicht
eher von des Grafen Schwelle zu heben als bis er unsere billigen Wünsche
genehmigt und erfüllt hat  Mein Jesus ich glaube sie stirbt vor Jammer und
Angst noch diese Nacht«
    »Rede ihr zu Simson verständig und mild« erwiderte Martell »Sie wird
sich schon wieder fassen und noch ein paar Stunden gedulden Unser Aller Zukunft
in diesem Jahr hängt ja davon ab«
    »Was gilt das Alles einer Mutter die ihr Kind beweint« entgegnete Simson
»Ein Kind das in ihren Armen vor Hunger gestorben ist Da hat alle Vernunft ein
Ende Martell Will es doch unser einem den wüsten Kopf auseinander sprengen«
    »Maja muss sich dennoch gedulden Leidensgenosse Es ist der einzige Weg um
dem Unbarmherzigen Zugeständnisse abzunötigen Wir wollen keinen Aufstand
damit wir in späteren Tagen mit Gottes Hilfe Recht erhalten«
    Simson schlich wieder heimwärts um der klagenden Mutter Tröstungen
zuzuflüstern an die er selbst nicht glaubte und eine endlose von
unermesslichem Schmerz zur Ewigkeit sich ausdehnende Nacht schlaflos mit ihr
zuzubringen 
    Hunderte von Arbeitern floh der Schlaf in dieser langen kalten Winternacht
Diese fanden die Ruhe nicht weil sie von körperlichen Schmerzen  den Folgen
des Hungers gepeinigt wurden Jene rieb die Seelenqual auf um der Ihrigen
Zukunft wenn nicht binnen kürzester Frist ein totaler Umschwung der
Verhältuisse eine Revolution der Gesellschaft eintreten sollte
    Lange vor Tage und noch länger vor der bestimmten Arbeitszeit ward es
lebhaft im Dorfe am See Männer Frauen und Kinder schaarten sich truppweise
zusammen um sich gegenseitig die allgemeine Not zu klagen die Jeder für sich
zur Genüge kannte und doch von dem Dritten mit gespannter Aufmerksamkeit
nochmals schildern hörte
    Bald nach fünf Uhr des Morgens setzten sich die Truppen der Arbeiter in
Bewegung still und ohne ein äußeres Zeichen der tiefen innern Aufregung die in
der Brust fast jedes Einzelnen tobte Sie beabsichtigten durch diese frühere
Ankunft an Adrians Behausung eine Beschleunigung der Lohnauszahlung zu bewirken
und dadurch Zeit zur Auseinandersetzung ihrer Forderungen zu gewinnen Martell
war einstimmig zum Wortführer ernannt worden Auf ihn gründete das ganze
Arbeiterdorf seine Zukunft denn man hielt ihn für besonders geeignet dem
grausamen Fabrikherrn zu imponiren da man wusste dass er ein Anverwandter dieses
modernen Despoten war oder doch sein sollte Auch die Eltern der verhungerten
fünf Kinder zogen in mitten ihrer Kameraden der hohen Zwingburg auf den
Granitfelsen Bobersteins entgegen
    Obwohl es noch tiefe Nacht war zeigten sich doch in der weisslichen
Atmosphäre über den Schornsteinen der Fabrik schon krause dunkle Wölkchen die
von der kalten Luft niedergedrückt wie schwarze Riesenschlangen mit
abenteuerlich gehörnten Drachenköpfen an den hohen Schloten abwärts krochen und
sich auf den weißen Abhängen der felsigen Insel convulsivisch krümmten und
wanden Die Tätigkeit der Oefen hatte begonnen da eine Stunde später die
ersten Arbeiter wieder antreten sollten
    Erwartungsvoll sammelten sich die Spinner vor dem Hause des Fabrikherrn In
diesem war noch kein Laut des Lebens zu hören dennoch unterliessen die schlecht
gegen den scharfen Morgenwind Verwahrten jede tumultuarische Bewegung um nicht
zur Unzeit den Zorn Adrians zu reizen Pünktlich in seinen Anordnungen und
Versprechungen ließ dieser die Tür mit dem ersten Glockenschlage sechs öffnen
und gestattete je drei Arbeitern auf einmal den Eintritt in den Flur Martell
war der Erste ihm schloss sich Simson und jener Anton an der am
Weihnachtsabende die Aufgeregten durch besonnenes Zureden zu beruhigen suchte
    Das freundliche Gesicht Vollbrechts lächelte ihnen durch das Schiebefenster
entgegen und ein freundlicher Morgengruß ward ihnen zu Teil Als man diesen
eben so herzlich erwiderte sprach Vollbrecht
    »Es ist der ausdrückliche Wunsch und Befehl des Herrn am Stein dass die
Arbeit nach so langer Rast sogleich wieder ihren Anfang nehme Die
eigentümlichen Handelsconjuncturen gebieten es damit noch vor Mittag die vor
dem Feste angelegte Wolle aufgesponnen geweift und gekäutelt werde Geschähe
dies nicht so würde durch die Koncurrenz einer andern bedeutenden Spinnfabrik
Sachsens der Markt früher mit dem nötigen Bedarf überfüllt und dadurch der
Firma am Stein und Kompagnie nicht nur der diesmalige sondern auch jeder ferner
noch zu hoffende Gewinn verloren gehen Haltet Euch also jetzt nicht auf
sondern begebt Euch sogleich an die Maschinen Später etwa um die zehnte
Morgenstunde will Euch Herr am Stein als zum ersten Tage im Jahre den Lohn
selbst auszahlen«
    Viele murrten über diese Neuerung und machten Miene zu bleiben und durch
Drohungen die ohnehin so lange verzögerte Auszahlung auf der Stelle zu
erzwingen Martell aber erkannte schnell den Vorteil der ihnen aus
geschäftiger Willfährigkeit grade in diesem Augenblicke erwachsen musste und
forderte die vereinzelten Truppen gebieterisch auf ihm zu folgen Da Viele gar
nicht die Veranlassung der sofortigen Ersteigung der Fabrik kannten schloss sich
die ganze sehr zahlreiche Masse aus reiner Neugier an In zehn Minuten wimmelte
der Fabrikbof der ein großes Fünfeck bildete von dem Summen der in die
verschiedenen Säle und Stockwerke sich verteilenden Arbeiter
    Das pfeifende Gezisch des gefesselten Dampfes das bisweilen aus einem der
Sicherheitsventile erklang und eine schneeweiße wirbelnde Dunstsäule in die
kalte Luft entsendete zeigte an dass Alles in Bereitschaft sei um die
Maschinen ohne Verzug in Gang zu setzen
    Vollbrecht öffnete die einzelnen Säle bald entzündeten sich die Lampen an
Wänden und Decken die Arbeiter nahmen ihre Plätze ein und das Zeichen die
Maschinen wirken zu lassen ward gegeben
    Martell und Simson arbeiteten in demselben Saale an den feinen
Spinnmaschinen Hier waren auch ihre nunmehr verstorbenen beiden Kinder
Flockenzupfer unter den hin und wieder rollenden Spindelwagen gewesen
    In seinen Kummer vertieft auf nichts um sich her achtend trat der
halbverhungerte Mann an seinen Ort ergriff mechanisch die Feder durch deren
Druck sein Spindelwagen mit der allgemeinen Maschinerie in Verbindung gesetzt
ward und ließ als das dumpfe Stampfen der eisernen Gestänge verkündigte dass
sich die Dampfmaschine in Bewegung setze seinen klirrenden Stahlwagen in das
rollende Kammrad greifen In diesem Augenblick hörte er von wohl zehn seiner
mitarbeitenden Nachbarn einen grässlichen gemeinsamen Aufschrei sah eben so
rasch ein Aushängen ihrer Spindelfluchten und ein geisterartiges Hinstieren nach
ihm und seiner Maschinenabteilung Bestürzt ließ auch Simson die Feder wieder
einschnappen folgte den Blicken seiner Mitspinner und sah  sah mit stockendem
Herzen mit blutleeren Wangen mit fiebernder Lippe und verzerrten Zügen den
Körper seiner verstorbenen Tochter unter den Kämmen am Boden sitzen in einer
Stellung als wolle sie die abfallenden Wollflocken einsammeln  Fast zu
gleicher Zeit wiederhallten noch mehrere Säle von ähnlichen Entsetzenstönen
Überall wurden die Maschinen gehemmt überall die Arbeit sofort eingestellt
    Adrians Wunsch ging wirklich in Erfüllung Die unglücklichen Eltern die
ihre verhungerten Kinder in der stürmischen Sylvesternacht dem Despoten als
Neujahrsgabe vor die Tür gelegt hatten trugen die Wiedergefundenen auf ihren
Armen heim in ihre Hütten Die Freude die dem Gesammtwillen der Darbenden
dahingegebenen Opfer jetzt wieder zu besitzen unterdrückte jede andere
Herzensregung bei sämtlichen Eltern und ohne den boshaften Hohn zu empfinden
oder zu ahnen der sich in dieser Wiederbescheerung kund gab verließen die
Trauernden die Kinderleichen im Arm die Fabrik Wie sie in die Maschinensäle
gekommen und dass nur Adrian der Veranstalter dieser Überraschung sein konnte
darüber dachten die Beteiligten nicht nach
    Um desto größer und anhaltender war das Grauen aller Übrigen Die Hand
jedes Einzelnen erlahmte seine Pulse stockten Schwindel erfasste Alle als
stünden sie dicht an einem unergründlichen höllentiefen Abgrunde in den eine
finstere Gewalt sie hohnlachend hinabstossen wolle Diesem allgemeinen Grauen und
Entsetzen folgte ein Moment unbeschreiblicher Aufregung Man dachte zwar nicht
was doch nahe gelegen und worin der rohe Sinn der Menge die sicherste
Genugtuung für die ihr angetane Beleidigung ohne Zweifel gefunden hätte an
Zerstörung Aufruhr Brand und Mord aber man fühlte das unabweisbare Bedürfnis
jetzt unmittelbar etwas Gemeinsames etwas Wohlüberlegtes zu unternehmen
    Zuvörderst ward die Arbeit eingestellt Vollbrecht selbst der nicht weniger
erschüttert und empört war als die Arbeiter ließ die Maschinen hemmen und
befahl den Dampf auszulassen Als dies geschehen war versammelte man sich im
größten der Säle Dieser fasste ungefähr die Zahl der anwesenden stimm und
beratungsfähigen Männer Die Kinder und Frauen wurden heimzugehen bedeutet oder
mussten sich ruhig verhalten Sie zogen samt und sonders das Letztere vor und
blieben
    Diese über drei Stunden dauernde Arbeiterberatung hier zu schildern kann
nicht unsere Absicht sein Sie würde den Gang der Begebenheiten nur unnötig
aufhalten und unsere Leser vielleicht langweilen Auch würde sie ihres Zweckes
in so fern verfehlen als die während jener Versammlung gefassten Beschlüsse an
diesem Tage wie auch später nicht sogleich zur Ausführung kamen indem andere
Ereignisse dazwischen traten und Allem eine andere Wendung gaben
    Tiefer in seinem Wesen als Martell konnte Niemand erschüttert sein Dennoch
wusste er sich zu mäßigen und erhielt wie er wünschte im Namen seiner
Mitgenossen zum zweiten Male den Ehrenposten eines Sprechers
    In der zehnten Stunde endlich verließen sämtliche Arbeiter die Fabrik um
von Adrian den Lohn in Empfang zu nehmen Vollbrecht eilte ihnen der Abrede
gemäß voraus um die Ankommenden dem Herrn zu melden Damit kein nutzloser nur
störender Zudrang entstehen möge war beschlossen worden dass bis auf die zehn
Abgeordneten die man erwählt hatte Niemand an der Verhandlung mit Adrian Teil
nehmen sollte Es schieden sich daher die Nichtbeteiligten einstweilen in
einzelne Gruppen die müßig teils in der Nähe des Hauses teils auf dem See
hin und wieder gingen
    Martell war sehr bleich als er an das Schiebefenster trat aus welchem der
Millionair an drei tausend seiner Sklaven mit zögernder Hand den kargen
Zehrpfennig für wenige Tage mit verdrießlicher Miene und falschem Auge reichen
wollte Die scharfkantige hohe Stirn der feste Mund mit dem ironischen
Schmerzenszuge das düstere Auge und der starke schwarze Haarwuchs dessen
natürliches Gelock ihm finster und drohend in die Stirn hing gaben Martell das
Ansehen eines entschlossenen Richters der im Begriff steht ein
unwiderrufliches Todesurteil zu fällen
    Nach kurzem Zögern klang das Fenster und Adrian in einem Morgenrocke von
kostbarem Seidenstoff gekleidet nahm Platz auf dem Lehnsessel den ihm ein
Bedienter an das Fenster schieben musste Auch Adrian war bleich und um seinen
Mund spielte ebenfalls ein seltsames ironisches Lächeln Sein kleines boshaftes
Auge funkelte unter den stark hervorspringenden Stirnknochen wie das einer
giftigen Schlange Die Blicke Martells und Adrians berührten sich und Beide
erbebten innerlich Jeder vor dem Andern Wer in diesem Augenblicke den beiden
sich tötlich hassenden Männern einen Spiegel hätte vorhalten können würde
wahrscheinlich ein noch größeres Wunder bewirkt haben denn nie sahen sich zwei
Menschen einander ähnlicher
    »Du bist pünktlich Martell« sagte Adrian mit erkünsteltem Lächeln indem
er sich von Vollbrecht eine Schwinge mit Silbergeld reichen ließ und diese vor
sich hin stellte »Das freut mich denn ich liebe pünktliche Arbeiter«
    Martell schwieg seine Brust hob sich in wildem Kampf Er rang vergeblich
nach der ihm so nötigen Ruhe Inzwischen suchte Adrian auf einer langen Tabelle
den Namen Martells um zu sehen wie viel Lohn der Feinspinner zu fordern habe
    »Hier Martell nimm« sagte er vornehm kalt »Du verdienst es zwar nicht
dass ich so freundlich mit Dir verkehre denn Du hast mich letzthin an den
Feiertagen wo ich Dein so väterlich gedachte durch Deine harte und lieblose
Antwort recht sehr beleidigt Aber ich will Nachsicht haben und Dir Dein Unrecht
nicht weiter nachtragen«
    Adrian hielt das Geld aus dem Fenster doch Martell rührte keine Hand um es
in Empfang zu nehmen Langsam erhob er seinen strafenden Blick zu dem Grafen
und indem ein schreckliches Lächeln seine todtenbleichen Züge überzitterte
versetzte er
    »Lassen Sie uns erst Ahrechnung halten mit einander, Herr am Stein ehe Sie
mich ablohnen Sie wissen nicht was ich zu fordern habe«
    »Das steht genau verzeichnet auf der Liste«
    »Mein Verdienst an der Maschine ja gnädiger Herr was Sie mir aber
außerdem noch schuldig sind das weiß nur ich allein«
    Adrian warf einen sonderbar stechenden Blick auf den Spinner im zerrissenen
Kittel doch schwieg er
    »Zuvörderst« fuhr Martell ruhig fort »zuvörderst haben Sie mir das
Entsetzen zu vergüten das Ihr schreckliches Erfindungstalent nicht mir allein
sondern Ihren sämtlichen Arbeitern bereitet hat«
    »Eine Liebe ist der andern wert« sagte Adrian teuflisch lächelnd
    »Das meine ich auch« entgegnete Martell »Sie haben uns schon so viel
ähnliche Liebe geschenkt dass wir wirklich ohne ungerecht zu sein dies nicht
mehr stillschweigend mit ansehen können Darum werden Sie die Güte haben nicht
nur die in Ihrem Dienst verhungerten Kinder ehrlich und anständig auf Ihre
Kosten begraben zu lassen sondern uns auch eine Summe die wir später näher
bestimmen wollen auszuzahlen wenn Sie wünschen dass diese Geschichte nicht mit
zur Sprache kommen soll in dem Prozesse der gegen Sie anhängig ist und der
Ihnen vielleicht noch einige ruhelose Nächte verursacht Ich fordere dies ganz
ruhig von Ihnen Herr am Stein als Ihr Arbeiter machen Sie aber Umstände so
werfe ich das Arbeiterkleid ab und trete als Verwandter vor Sie und diese
Verwandlung denk ich wird Ihnen nicht ganz gleichgültig sein denn alsdann
fordere ich noch besonders Abrechnung für mich«
    Bei dieser fast spöttisch gegebenen Antwort fühlte Adrian wie sich sein
Herz zusammenzog und erkaltete Seine Abneigung sein Hass und seine Furcht die
er immer gegen Martell empfunden hatte fanden plötzlich die vollkommenste
Erklärung Er ward noch bleicher seine Augen schienen den armen Spinner
durchbohren zu wollen und die Geldstücken in seiner zitternden Hand die auf
dem Rahmen des geöffneten Fensters ruhte begannen zu klingen und entglitten
eins nach dem andern
    Die Gruppen welche sich unmittelbar vor dem Hause gebildet hatten drängten
jetzt herein indem die Vordersten mit drohend ausgestreckten Armen schrien
    »So ists Herr am Stein Er sagt die Wahrheit Martell ist Ihr Vetter und
könnte Graf sein so gut wie Sie«
    »Das könnte er auch und das soll er« rief lautschallend dazwischen die
Stimme des Maulwurffängers der in dem Augenblicke als Martell dem Grafen mit
der erwähnten Verwandlung drohte die Insel erreicht hatte Sich jetzt an das
gaffende Volk der Arbeiter wendend fuhr er fort indem er Martells Hand erfasste
und ihn mitten ins volle Tageslicht führte so dass von gleich hellem
Sonnenschein der Kopf des Grafen und der des Spinners grell beleuchtet wurden
    »Seht her Ihr Armen Hungernden und Darbenden Das ist Adrian Graf von
Boberstein und hier steht Martell Graf von Boberstein sein älterer Bruder
Können zwei Brüder einander körperlich mehr gleichen«
    Die Ähnlichkeit war wie wir bereits anduteten auffallend an diesem Tage
wo alle Leidenschaften in Martell erregt waren was bekanntlich die
Familienähnlichkeit der Boberstein ungemein erhöhte Das Volk zweifelte keinen
Augenblick Es stürzte in drängendem Knäuel auf den so unerwartet in den
Grafenstand erhobenen Spinner und rief dass es bis in die fernsten Gruppen auf
den See wiederhallte
    »Martell ist des Grafen Bruder Es lebe Graf Martell«
    Adrian ließ den Schieber sinken und stand auf Man hörte dass er röchelnd
wiederholt »fort Fort« rief und schlürfend in seine Zimmer zurückkehrte
    Martell stand mehrere Minuten ohne Bewegung nur an dem Zittern seiner
Oberlippe und dem krampfhaften Zucken der Augenbrauen konnte man sehen dass er
lebte Die Augen hielt er krampfhaft geschlossen Als er sie wieder öffnete
fielen sie zuerst auf die stattliche Figur des greisen Wenden
    »Martell« redete ihn dieser an »Martell Sohn meiner erschlagenen
Schwiegertochter Dein alter Großvater der leibeigene Knecht Deines Vaters
reicht Dir die Hand zum Gruße Komm an meine Brust unglücklicher Sohn Sie
kennt den Schmerz und weiß ihn zu tragen mit Andern«
    Martell ließ dem Wenden seine kalte zitternde Hand Das jetzt wild
aufflammende Auge suchte den Maulwurffänger
    »Ist es  wahr« stammelte er und lehnte seine herkulische Gestalt auf die
Schultern Slobodas
    »Du bist Martell Graf von Boberstein« sagte dieser kurz und rund
»Taufschein und sonstiges Papier liegt schon lange auf dem Landesgericht und
geht der Teufel nicht ganz allein hier herum spazieren so musst Du binnen Jahr
und Tag sein was der Schalksknecht da drinnen jetzt ist Straf ihn Gott«
    »Rache Rache Rache« flüsterte Martell und richtete sich in seiner ganzen
wilden Größe auf
    Indem fiel abermals der Schieber am Fenster herab Vollbrechts Gesicht
grüßte die staunende Gruppe
    »Herr am Stein bietet Euch heut doppelten Lohn« sagte der Geschäftsführer
»Eine glückliche Chance von der er so eben Kenntnis erlangt hat diesen
Umschwung des Geschäftes bewirkt«
    »Rache« schrie Martell und schlug sich mit beiden Fäusten an seine mit
Lumpen bedeckte Brust
    Ein Teil der lohnbegierigen Arbeiter war nahe daran dem so plötzlich
großmütig geworden Grafen ein Lebehoch zuzuschreien ein Wink Antons genügte
jedoch dies zu verhindern
    »Komm fasse Dich mein Sohn« sagte Sloboda »Gott ist gerecht und mild er
wird Dich aus den Tagen der Angst und Not in Jahre der Freude führen Komm
Verkündigen wir die frohe Botschaft Deinem Weib und Deinen Kindern«
    Martell widerstrebte nicht denn er war seiner selbst kaum mächtig An
Heinrichs und Slobodas Arm verließ er das Haus des gräflichen Bruders
    »Rache Rache Rache« waren die einzigen Worte die er bald flüsternd bald
schreiend bald laut auflachend zahllose Male wiederholte
    Die Fabrikarbeiter aber drängten sich mit gierigen Blicken um das Glück
spendende Fenster und gingen frohlockend von dannen weil sie wider Erwarten und
ohne lange Unterhandlung doppelten Lohn empfingen
 
                                  Achtes Buch
                                 Erstes Kapitel
                                 Entdeckungen
Im hohen Bogenfenster des Balconzimmers auf dem Zeiselhofe saßen Herta und Aurel
einander einsam gegenüber Das gedämpfte Licht einer Astrallampe mischte sich
mit dem bleichen Silberglanz des Mondes der draußen auf den dicht beschneiten
Bäumen des Gartens flimmerte Die zarten Hände Hertas ruhten leicht
verschlungen auf ihrem Schoss Ihre großen Augen waren unverwandt auf den
Neffen gerichtet und drückten eben sowohl banges Staunen als freudige
Überraschung aus Tränen hingen an ihren Wimpern und fielen in großen Perlen
langsam auf die gefalteten Hände
    »Vergeben Sie mir teuerste Tante« fragte Aurel mit bewegter Stimme die
Hände der Matrone ergreifend und sie rasch an seine Lippen führend »Vergeben
Sie mir den Schmerz den ich Ihnen bereitet habe Verzeihen Sie mir dass ich Sie
dem Frieden des Nichtwissens entriss der Sie mit sanftem Fittich umfächelte und
Ihnen ein stilles Glück gewährte«
    Herta bewegte die Lippen zu einer Antwort allein sie vermochte nicht zu
sprechen so mächtig war sie erschüttert Nur ein leiser Druck ihrer kalten
Hände sagte dem Kapitän dass ihm vergeben sei
    »Ich danke Ihnen ich danke Ihnen von ganzem Herzen teure Tante« rief
Aurel heftig »Sie sollen nunmehr auch erfahren dass ich geschlagene Wunden zu
heilen nicht säumig bin«
    »Es wird unmöglich sein mein Freund« erwiderte Herta bebend »Ein so tief
gesunkener Mensch lässt sich nicht mehr retten Sein Wille ist gebrochen und mit
dem gebrochenen Willen geht alle moralische Kraft gehen Leib und Seele
verloren O das ist entsetzlich«
    Die arme greise Dame legte still schluchzend die Hände über ihre
überströmenden Augen und überließ sich ganz ihren schmerzlichen Gefühlen
    »Ich wage noch zu hoffen« versetzte Aurel »Tun wir wenigstens ohne Säumen
unsere Pflicht Johannes muss vor Allem seinen demoralisirten Verhältnissen
entrissen seinem bisherigen Umgange entfremdet werden Der Edelstein den Gott
jedem Menschen bei seiner Geburt in das Allerheiligste des Herzens legt kann
noch nicht gänzlich vom Schmutz der Lasterhaftigkeit zermalmt sein Man muss den
Beklagenswerten auf diesen leuchtenden Schatz aufmerksam machen muss ihn
anhalten dass er wieder danach grabe ihn ans Licht hebe und an seinem magischen
Gefunkel Herz und Seele erlabe Man darf auch nicht unterlassen auf seinen
Ehrgeiz zu wirken Ahnt er erst dass er edlen Ursprungs ist dass ihm noch eine
verehrungswürdige tief gebeugte Mutter lebt die ihn mit bangem Zagen mit
schmerzlichem Sehnen erwartet so wird er in sich gehen den Schmutz mit Abscheu
von sich werfen und als ein Wiedergeborener reuig zu den Füßen einer frommen
Mutter einer tugendhaften Tochter niedersinken«
    »Ihn wiedersehen« rief Herta aus »Meinen Johannes wiedersehen der als
braunlockiger aufgeweckter schöner und munterer Knabe vor meinen geistigen
Augen steht jetzt als verwilderten rohen Trunkenbold begrüßen müssen dem
selbst die Ehre seiner Tochter nicht zu heilig war um sie seinen
tierischbrutalen Neigungen zu opfern Ach Aurel ich fürchte es wird mir
nicht möglich sein für ein so erniedrigtes Geschöpf noch Muttergefühle in
meinem Herzen zu finden  Ich werde sehr sehr unglücklich sein«
    »Hören Sie mich an teure Tante« entgegnete Aurel der mit überraschender
Geistesgewandteit einen Plan entworfen hatte »Meine erprobte Freundin die
würdige Dame Oehler bei der ihre gerettete Enkelin eine so traute
Zufluchtsstätte fand mag sich ins Mittel schlagen Ihr teile ich mit was uns
das Zusammentreffen mannigfacher Zufälle entdeckt hat und fordere sie auf den
Vater Elwirens zu retten Sie ist befreundet und verwandt mit den
einflussreichsten Männern Hamburgs deren Einschreiten in dieser Angelegenheit
notwendig sein wird Die unmittelbare Verwendung dieser Männer wird Klütken aus
seiner Dumpfheit aufrütteln und ihn zur Erkenntnis bringen Mir schien es als
sei er leicht zu rühren als folge er mit ziemlicher Gelassenheit überlegener
Kraft gebietendem Worte und Blick Die Reue über sein bisheriges unwürdiges
Treiben und Leben muss ihn zu Boden werfen Aus solcher Zerknirschung wird er als
ein neuer Mensch wieder aufstehen und uns mit Tränen der Freude und des Dankes
umarmen  Ferner aber ist es nötig dass man sich seines Räubers und
Verführers jenes entsetzlichen Blutrüssels oder Lugauges bemächtige in dessen
verderblichen Banden der Unglückliche zu schmachten scheint Es ist Zeit dass
der Verbrecher endlich zur Verantwortung gezogen wird Scheint dieser grässliche
Mensch doch der Letzte von Allen zu sein welche Teil hatten an den verworrenen
Begebenheiten welche das Grab der Jugend der Unschuld und des Glückes so
vieler tugendhafter und braver Menschen wurden«
    Nach einem längeren Zwiegespräch worin es Aurel gelang die zahlreichen
Einwürfe und Bedenklichkeiten Hertas siegreich zu bekämpfen und der Zweifelnden
größeres Vertrauen einzuflößen trennten sich die beiden vortrefflichen Menschen
mit dem Entschlusse keinen Angenblick Zeit zu verlieren um KlütkenHannes 
wie er bei uns nach wie vor heißen mag  dem Untergange zu entreißen Herta bat
mit kaum hörbarem Flüstern dass Aurel ihr Elwiren senden möge Es drängte die
bekümmerte von so widersprechenden Gefühlen und Eindrücken tief erschütterte
Greisin das Kind um sich zu sehen und an ihre Brust zu drücken dessen Vater
sie bebend für einen sittlich untergegangenen Menschen betrachten musste Auch
sollte Elwire von ihrem Munde zuerst und allein das neue Geheimnis erfahren das
ihr jugendliches Dasein durch neue Freuden und Leiden verklären sollte
    Anfangs war Aurel gesonnen den lebensfrohen Gilbert als Geschäftsträger
nach Hamburg zu schicken während er aber die erforderlichen Briefe an Madame
Oehler und diesmal auch an deren Tochter schrieb fiel es ihm ein dass ein so
kecker und rücksichtsloser Unterhändler nicht die geeignete Person zu
glücklicher Lösung dieser mit großen Schwierigkeiten verknüpften Angelegenheit
sei Weit geeigneter schien ihm grade dazu der peinlich pünktliche und
pedantische Dirigent des gemeinsamen Handelshauses am Stein und Kompagnie dem
er im Übrigen seiner allzustrengen Lebensansichten wegen nichts weniger als
gewogen war An diesen Mann schrieb er daher sehr ausführlich sehr kühl und
prosaisch und trug ihm die ganze Sache deren eigentlichen Kern er ihm jedoch
nicht entülste bloß als ein zu betreibendes Geschäft auf wohl wissend dass er
es dann keinen treueren zuverlässigeren und geschickteren Händen empfehlen
könne
    Inzwischen war Elwire von Herta auf die nahe Verwandtschaft vorbereitet
worden die zwischen ihnen bestand Diese Eröffnung machte das junge Mädchen
erblassen Sie begann krampfhaft zu zittern und es bedurfte der ganzen
mütterlichen Zartheit und der sanften tröstenden Worte Hertas um die
Erschrockene nur einigermaßen wieder aufzurichten Erst als ihre heftige
Erregung sich in Tränen auflöste ward sie wieder ruhiger und den Worten der
Großmutter zugänglicher An die Knie der Matrone geschmiegt und ihr in Tränen
gebadetes zartes Gesicht in die seidenen Kleider der Vielgeprüften drückend
weinte sie leise und lange
    »Armes Kind« sagte Herta mit ihrer feinen Hand Elwiren die schönen weichen
Haare die in langen Locken bis in ihren Nacken herabfielen streichelnd »armes
Kind ich fühle mit Dir was Dich bewegt was Dich ergreift und erschüttert Du
weinst über Deinen Vater wie ich über meinen Sohn«
    Elwire richtete sich auf und sah mit unbeschreiblicher Anmut die ein
tiefer Zug des Schmerzes noch erhöhte mit feuchten Augen die Großmutter an
»Man hätte es mir eher sagen sollen« stammelte sie am ganzen Körper erbebend
»Es ist hart dass ich es erst jetzt erfahre nun es mich unglücklich macht«
    Und heftiger anhaltender erschütternder als voher begann sie aufs Neue
zu schluchzen
    Immer die glänzend braunen Haare der schönen wiedergefundenen Enkelin mit
unverkennbarer Freude liebkosend versetzte Herta
    »Es war uns ja selbst ein Geheimnis bis heut Seit kaum einer Stunde
verriet es mir der gute Kapitän«
    »Er Er« rief Elwire lebhaft und stand auf funkelnde Blicke durch den
zitternden Tränenschleier auf Herta sendend »Kapitän Aurel hat es Ihnen
gesagt«
    »Wie kann Dir das wunderbar oder nur überraschend vorkommen« erwiderte
Herta »Ein Zufall oder der Finger Gottes die allwaltende Vorsehung ließ ihn
Dich finden Er wollte nur ein Werk der Humanität üben nichts weiter Er freute
sich ein leidendes hilfloses junges Mädchen den Misshandlungen herzloser und
tief in den Sumpf der Lasterhaftigkeit versunkener Menschen entreißen zu können
Ohne Absicht ohne allen Plan handelte er fast nur instinktmässig Da erblickte
er jenen Ring von dem Du wissen wolltest dass ihn Dein Vater einem wüsten
Menschen im Spiele abgewonnen habe Du erinnerst Dich dass Aurel sogleich von
diesem Funde bestürzt wurde dass er Dir kein Geheimnis daraus machte Er suchte
den Mann auf welcher diesen Ring früher besessen haben sollte Was er in einer
wüsten Nacht unter Menschen die mehr der Hölle als der Erde anzugehören
schienen erfuhr ließ ihn nicht länger zweifeln dass ich noch am Leben sein
müsse die man allgemein für tot hielt oder tot wissen wollte Aurel fand
mich zeigte mir den Ring und ich musste ihn für Denjenigen erkennen den mein
verlorener Sohn vor seinem Verschwinden trug Dein unglücklicher tief
gesunkener Vater  ich kann nicht länger daran zweifeln  ist mein verschollener
Sohn Johannes jener Schreckliche aber mit dem Du ihn zuweilen verkehren sahst
der mit ihm spielte und trank und Dich Deiner Schönheit wegen hasste armes
Kind er ist der Mörder meines Vaters der Räuber meines Sohnes  Aurels
Bemühungen Nachfragen und Scharfsinn haben wir diese düstern und doch
beglückenden Aufschlüsse zu danken und Gott sei Lob Aurel ist der Mann dazu
durch seine Energie endlich ein finsteres Verhängnis von uns Allen abzuwenden
Schon jetzt handelt er schnell mit Umsicht und Kraft Dein Vater mein armer
elender Sohn soll sich und uns wiedergegeben werden und der wackere Kapitän
ists der dafür sorgt Möge nur der Himmel seine Schritte segnen und unsre
stillen Gebete erhören«
    Eine durchsichtige Röte hatte während dieser letzten lobpreisenden Worte
die Wangen Elwirens überzogen Ihre Tränen hörten auf zu fließen zärtlich
liebevoll dankerglühend hingen die Augen der Enkelin an dem Munde der
Großmutter und als diese endigte konnte sich Elwire nicht enthalten sie zu
umarmen und heiße Küsse auf ihre Lippen zu drücken Stürmisch klopfte dabei ihr
voller Busen und die glühenden Wangen die sich immer höher röteten schmiegten
sich fest und lange an die Stirn Hertas
    »Großmutter Liebe gute Großmutter« flüsterte sie ihr zu »Darf ich es
denn glauben Darf ich mich der Wonne hingeben ein geliebtes Wesen an mich zu
drücken dem ich den süßen heiligen Namen Mutter geben darf O ich verlor die
Mutter fo früh Ich kannte sie kaum anders als leidend Und später war ich recht
unglücklich Immer einsam immer im Wege von Niemand mehr geliebt«
    Sie begann von Neuem heftig zu weinen und wollte sich weder durch Zureden
noch durch die Liebkosungen Hertas beruhigen lassen
    »Du wirst desto inniger geliebt werden von jetzt an mein Kind« sagte Herta
zutraulich »Du bist keine Fremde mehr in diesem Hause Du gehörst zu uns Du
hast Teil an unsern Leiden und Freuden und der schwere Kampf welchen Aurel
mit seinen harterzigen Brüdern begonnen hat wird auch Dich erschüttern
entzücken begeistern Oder solltest Du nicht eben so lebhaft empfinden wie
ich Deine alte Großmutter«
    Mit unbeschreiblichem Liebreiz sah Herta der über sie gebeugten schlanken
Enkelin in die glänzenden Augen In diesem tiefen seligen Blick erkannten sich
die Seelen Beider Ein Wonneruf des Entzückens entglitt Elwirens Munde dann
brannte ihr Kuss auf den bleichen Lippen der teuren Großmutter und die
wiederholt mit bebendem Munde und stürmisch klopfendem Herzen getane Äußerung
»Ja Großmutter ich bin glücklich ich werde immer glücklich sein« klang wie
Sphärenmusik zu Hertas tiefbewegtem Herzen
    Lange hielten sich Großmutter und Enkelin umschlungen Immer von Neuem
suchten sich wieder ihre Augen in deren feuchtem Glanz sie tausend Geheimnisse
tausend Einverständnisse lasen Alles Elend aller Druck alle Schrecknisse der
Vergangenheit waren vergessen in diesem höchsten Erdengenuss der Gegenwart Sie
bedurften keiner Worte um sich zu verstehen Blick Händedruck Kuss und
Umarmung sagten tausend Mal mehr als Worte 
    In diesem seligen Rausch des Entzückens störte sie die Rückkunft Aurels
der ein paar gesiegelte Briefe in der Hand unangemeldet ins Zimmer trat Als
er Elwire sah grüßte er sie mit feurigem Blick vor dem das junge Mädchen
schüchtern die Augen niederschlug
    »Weiß sie es« fragte er Herta Diese hejahte mit leisem Kopfnicken
    Rasch trat nun Aurel auf Elwire zu und ergriff ihre Hand
    »Gestatten Sie mir teure Kousine« sagte er feurig indem sein zärtlicher
Blick das Auge des lieblich befangenen Mädchens suchte »gestatten Sie mir dass
ich der Erste sein darf der Sie als Verwandte willkommen heißt in diesem Hause
Als mich Gott zu Ihnen führte  und nur Gott der Allsehende und Allgütige hieß
mich jene Wege gehen  damals glaubte ich bloß ein armes verlassenes Mädchen der
Schande und dem Verderben zu entreißen dass ich meiner Verwandten diesen
geringen Dienst der Menschlichkeit leisten würde ahnte ich nicht Elwire
finden Sie nicht auch eine Fügung Gottes in diesem Zusammentreffen«
    Langsam und nicht ohne Beben erhob das Mädchen ihre Blicke und ließ sie nur
eine Sekunde lang dem mildglänzenden forschenden Auge des Kapitäns begegnen
Ein leiser Seufzer entrang sich ihrem Busen aber sie schwieg und blickte rasch
wieder zu Boden
    »Nun wenn Sie auch schweigen schöne Kousine« fuhr Aurel schon
vertraulicher fort und drückte ihre Hand in der seinigen »das glückliche
Lächeln Ihres Auges das frohe Beben Ihres Mundes und die stumme Sprache im
verschlossenen Busen haben es mir doch verraten dass Sie meine Gefühle meine
Überzeugungen teilen Dafür danke ich Ihnen liebe Elwire Und nun erlauben
Sie dass ich das Recht der Vetterschaft übe Oder ziehen Sie es nach Mädchenart
vor nur im Traum einen jungen Mann zu küssen Dann muss ich Sie von dieser
eigennützigen Liebhaberei heilen«
    Und schnell und gewandt schlang Aurel seinen Arm um die Taille Elwirens und
pflückte der zwar zart aber im Grunde doch nur scheinbar Widerstrebenden ein
paar frische Küsse von den rosigen Lippen
    Tief errötend entwand sich das schöne Mädchen den Armen des Kapitäns und
hüpfte leichten Schrittes der Tür zu als habe sie sich der geschwisterlichen
Vertraulichkeit die sie widerstrebend dem Grafen gestattet zu schämen Bei
dieser Flucht wäre es ihr beinahe noch übel gegangen Es begegnete ihr nämlich
Gilbert unter der Tür der bekanntlich kein hübsches Mädchen ohne Lösegeld
entschlüpfen ließ Nur die Nähe Aurels und eine hohe Achtung vor Herta ließ ihn
diesmal bescheiden zur Seite treten Er begnügte sich der schlanken Gestalt
eine geraume Zeit nachzusehen ehe er Hertas Zimmer betrat
    »Hast Du die Wache« redete Aurel den Jüngling scharf an denn der Kapitän
liebte es mit seinem Pfleglinge im Kommandoton zu sprechen sobald er ihm zu
ungelegener Zeit in den Weg trat
    »Nein Kapitän« versetzte Gilbert indem er sogleich kerzengrade stehen
blieb
    »Weshalb störst Du dann meine gnädige Tante«
    »Weil ich Sie hier zu finden hoffte«
    »Warst Du auf meinem Arbeitszimmer«
    »Ja Kapitän«
    »Was gibt es«
    »Ich suchte einen Narren«
    »Junge«
    »Verzeihen Sie Kapitän Ich habe mich etwas unklar ausgedrückt Mein Narr
ist der Maulwurffänger«
    »Der brave Mann« sagte Herta »Ging es nach Recht und Verdienst so müsste
die Brust dieses Mannes mit den höchsten Orden aller Fürsten geschmückt sein«
    »Er bedarf deren nicht beste Tante Der Orden der ihn mehr ziert als
tausend goldne und silberne Sterne an purpurroten Bändern diesen trägt er in
der Brust Es ist sein edles menschenfreundliches von allem Arg freies und
reines Herz Was hast Du mit dem Manne Du weißt doch von Paul dass er seit heut
Morgen einen seiner wichtigen Wege eingeschlagen hat um zu hören wie es dem
Volk im Gebirge geht Ich erwarte ihn erst spät in der Nacht zurück«
    »Um so lobenswerter ist es von mir dass ich mich Ihnen aufdränge Kapitän
Sie kennen mich als einen beherzten Burschen Sie wissen aber auch dass es mich
juckt ein mir anvertrautes versiegeltes Geheimnis je eher je lieber zu
erforschen Man sagt meine zärtliche Mutter habe in hohem Grade an dieser
eigentümlichen krankhaften Wissbegierde gelitten und dieselbe mir vererbt«
    Lächelnd zog Gilbert bei diesen Worten einen Brief halb aus der Seitentasche
seiner Matrosenjacke
    »Ein Brief für unsern alten Freund Von wem«
    »Die Botenfrau vom nächsten Orte überreichte ihn mir als ich in der
Abenddämmerung unter dem Torwege stand dabei erzählte sie mir unaufgefordert
dass der fromme Schlenker  ich bedaure sehr diesen frommen Mann nicht persönlich
zu kennen  das Schreiben ihr eigenhändig mit der dringenden Bemerkung übergeben
habe es ja unverweilt an seine Adresse abzuliefern« Diese Adresse lautet
wunderlicher Weise  »An den berühmten Maulwurffänger in B  genannt
PinkHeinrich Hochwohledelgeboren Sonst auf dem Toten In großer Eile« 
»Sie werden mir zugestehen Herr Kapitän dass solch eine pomphafte und
mysteriöse Adresse wohl die Neugier eines wissensdurstigen jungen Mannes von
Distinction zu einem gelinden Verstoss gegen die Regel verleiten kann«
    »Lass sehen« sagte Aurel und betrachtete sehr aufmerksam die Schriftzüge
    »Es ist eine ungeübte Hand Der Schreiber scheint bejahrt oder in großer
Aufregung gewesen zu sein Ich werde das Schreiben aufbewahren«
    »Sehr wohl Herr Kapitän«
    »Was hast Du sonst noch auf dem Herzen«
    »Darf ich ganz frei sprechen«
    »Wie ichs immer von Dir verlangt habe«
    »Dann erlaube ich mir Ihnen unumwunden das Geständnis abzulegen dass ich
mich unaussprechlich in dieser Untätigkeit langweile Ich bin durchaus kein
Verächter des Nichtstuns wenn es mich zerstreut und vergnügt allein in dieser
Todtenstille wo ich kein Abenteuer anknüpfen kann wo die Mädchen alle so kalt
oder grob sind dass sie einem die schönste Artigkeit mit einer Ohrfeige
bezahlen und wo selbst die allerliebste Bianca von der ich mir eine
vortreffliche Unterhaltung versprach matronenhaft ernst wird hier werde ich
entweder verrückt oder ich erschiesse mich Geben Sie mir was zu tun Kapitän
Wo möglich was recht Tolles Halsbrecherisches«
    Aurel lächelte über die trotzige Ungeduld seines Lieblings »Gedulde Dich
nur noch eine kurze Zeit wackerer Ungestüm« versetzte er dem kräftigen
Burschen auf die Schulter klopfend »dann will ich Dir alle Hände voll zu tun
geben«
    »Schicken Sie mich ins wildeste Wetter jagen Sie mich wie ein Kourierpferd
durch dick und dünn von Ort zu Ort nur sperren Sie mich nicht länger in diese
Zimmer und verlangen dass ich fein sanft und gelassen sein soll wie ein
duckmäusriger Seminarist von der altluterischen Secte Ich muss leben und
handeln oder  ich mache die ärgsten Dummheiten«
    »Kannst Du Dich gar nicht mehr mäßigen guter Junge so gehe in den Garten
und baue einen Rutschberg Das unterhält und gibt späterhin Gelegenheit beim
Rutschen Hals und Beine zu brechen wenn mans recht toll und verkehrt anfängt«
    »Im Ernst« fragte Gilbert und seine schwarzen Augen erglänzten lebhafter
    »Du hast meine Erlaubnis«
    »Danke Kapitän Sie sollen mit mir zufrieden sein und Ihre verehrte Tante
soll mir bezeugen dass ich der geschickteste Mensch bin der ihr noch je ein
Kompliment gemacht hat Paul soll mir helfen Gute Nacht Gräfin Gute Nacht
Kapitän«
    »Tollkopf So warte doch bis man Dir erlaubt Dich zu heurlauben«
    »Zu Befehl Herr Kapitän«
    »Ist Sloboda zurück aus dem Dorfe«
    »Er kauderwälschte seine Muttersprache schon vor einer halben Stunde mit dem
Verwalter«
    In diesem Augenblicke hörte man das Zusammenschlagen von Stahl und Stein auf
der Gartenseite denn die Luft war ganz still und Herta hatte einen
Fensterflügel geöffnet um das unterhaltende Spiel der Sternschnuppen zu
beobachten die in großer Menge durch den glänzend gestirnten Himmel flogen
    »Da kommt PinkHeinrich« sagte sie das Fenster wieder schließend »Man
erkennt ihn an seiner Gewohnheit sich während des Gehens häufig Feuer
anzuschlagen heut noch eben so sicher wie vor vierzig Jahren«
    »Eile ihm entgegen Gilbert« befahl Aurel »und schicke ihn sogleich zu
mir Und damit Du für morgen eine Abwechselung hast so trage diese Briefe nach
Görlitz«
    Dankend nahm der abenteuerlustige Jüngling diesen Auftrag hin empfahl sich
nochmals und schickte den ihm an der großen Eingangstüre zum Zeiselhofe
begegnenden Maulwurffänger sogleich zu Aurel
    Heinrich empfing den wunderlich adressirten Brief mit gewohnter
Gleichgiltigkeit Er kannte weder Petschaft noch Handschrift und konnte
durchaus nicht erraten woher er kommen noch wer der Schreiber desselben sein
könne Dass er in seiner Heimat richtig abgegeben worden sei ging aus der
Nennung Schlenkers hervor der in seiner gutmütigen Gefälligkeit trotz Schnee
und Kälte doch einen Weg von mehr als zwei Stunden zurückgelegt hatte um das
Eile heischende Schreiben sobald wie möglich in die Hände des Adressaten zu
bringen
    Erst nach Durchlesung des Briefes sprang die Gleichgiltigkeit des
Maulwurffängers in die lebhafteste Teilnahme über Seine kleinen grauen Augen
mit verschmjetztem Blinzeln zu Aurel aufschlagend sagte er
    »Herr Kapitän ich wette so viel Taler als ich in meinem ruhelosen Leben
Maulwürfe gefangen habe dass dieser ungeleckte Brief eine Tonne Goldes wert
ist Halten Sie die Wette«
    »Ernstaft ernstaft alter Freund Jetzt ist gar keine Zeit zu unnützen
Scherzen«
    »Sie kennen den alten PinkHeinrich noch lange nicht aus gnädiger Herr 
Sonst ermahnten Sie ihn nicht zum Ernste wo er es von Grund der Seele schon
durch und durch ist«
    »Aber was steht denn in dem Briefe« forschte der ungeduldige Aurel
    »Viel und nichts wenn Sie wollen Herr Kapitän Es kommt Alles darauf an
ob Einer richtig lesen gelernt hat Denn der Landmann ist just bei den
wichtigsten Dingen am kürzesten Und eigentlich geht mich der Brief auch gar
nichts an sondern Sie und Ihre Familie oder um auf ebener Straße zu bleiben
den alten Jan«
    »Ihr werdet mich noch ganz ärgerlich machen mit Eurem peinlichen Zögern«
    »Gut Ding will Weile haben mein bester Herr Kapitän und gut geschmierte
Räder laufen am besten Darum übereile ich mich nie und nirgend Es ist das so
Sitte bei uns Lausitzern von undenklichen Zeiten her Aber wieder auf das
Brieflein zu kommen so schreibt der Haidekretschamwirt Jürge dass es ihm ein
grausam lieber Gefallen sein würde und eine särgliche1 Ehre wenn ich den Jan
Sloboda mit seinem Enkel Paul zu ihm schicken könne Der Friede vielleicht die
ewige Seligkeit seiner alten sterbenskranken Mutter hinge davon ab Sie hätte
dem alten Wenden eine Entdeckung von äußerster Wichtigkeit zu machen und seufze
nach dem Augenblicke wo Sloboda oder sein Enkelsohn an ihr Schmerzenslager
treten und ihr die abgemagerte Hand zum letzten Lebewohl vergebend und
vergessend drücken werde«
    »Was haltet Ihr davon Glaubt Ihr dass Sloboda der Aufforderung Folge zu
leisten habe«
    »Solche Bitten eines schlichten Landmannes haben jederzeit Grund Herr
Kapitän Und obschon ich nicht ahnen kann was eine alte sterbende Mutter dem
Wenden zu offenbaren hat bleibe ich doch bei meinem Satze und bestehe wenn Sie
wollen auf meiner Wette«
    »Ihr seid gewiss ein guter Freund des Haidekretschamwirtes«
    »Wird nicht gar arg sein Herr Kapitän Kennen mag ich ihn wohl denn wen
kennte ich nicht im Umkreise von zehn Meilen Aber so recht besinnen kann ich
mich zur Zeit noch nicht Indes wird sich das Gedächtnis schon wieder ermuntern
wenn ich ihn erst sehe und ich rechne das muss unverweilt geschehen Begleiten
Sie uns Herr Kapitän«
    »Wenn Ihr glaubt dass ich nicht störe bin ich dabei«
    »Ein Wort ein Mann« rief Heinrich seine schwielige Rechte dem Grafen
darhaltend »Jetzt gehe ich zum Sloboda und Morgen nach dem zweiten Hahnschrei
sausen wir allesammt im Galopp durch die Heide«
    Aurel schlug ein und am nächsten Tage verließen zwei sogenannte
Rennschlitten den Zeiselhof Der Kapitän und der Maulwurffänger saßen in dem
ersten den zweiten nahmen Sloboda und Paul ein
 
                                    Fußnoten
1 särglich Lausitzisch für schrecklich
 
                                Zweites Kapitel
                                Ein Sterbebett
Unsere Leser werden sich erinnern dass Jan Sloboda und sein Enkelsohn bei ihrer
Rückkehr aus Polen in einem einsam gelegenen Haidekretscham übernachteten und
von dem Wirte desselben die ersten Erkundigungen über den Maulwurffänger
einzogen Sie werden ferner noch der greisen blödsinnigen Spinnerin gedenken
die mehrmals das Gespräch der Männer durch Absingung von Volksliedern
unterbrach die keinerlei Zusammenhang unter einander hatten
    Diese hochbejahrte Frau die Mutter des gegenwärtigen Kretschamhalters war
seit Wochen schon krank und bettlägrig Wie es jedoch unter den Landleuten zu
gehen pflegt wenn nicht augenfällige Todesgefahr vorhanden ist, dass sich die
Angehörigen wenig in ihren täglichen Geschäften dadurch stören lassen so ging
es auch hier Man bebalf sich mit Hausmitteln oder bekümmerte sich auch zuweilen
gar nicht um die Kranke An übermäßige Pflege nicht gewöhnt fühlte sich die
alte Maja durch solche scheinbare Vernachlässigung keineswegs beleidigt Sie
vertrieb sich die langen endlosen Stunden mit Absingung ihrer Liederbruchstücke
oder mit Hersagung von Volksmährchen die sie sich unermüdlich selbst
vorerzählte und sich dabei vortrefflich unterhielt Da sie außerdem keine
Schmerzen litt sondern eigentlich bloß in Folge langsam hinschwindender
Körperkräfte nicht mehr aufdauern konnte so war ihr Zustand weder für sie
selbst noch für die Hausgenossen störend
    Auf die wunderlichen Reden auf das heimliche nicht selten unheimliche
Lachen und auf das heftige Gezänk das sie mit Personen führte die sie
gegenwärtig glaubte achtete Niemand da man die Wunderlichkeiten der alten
Mutter sattsam kannte und ihre Worte für eben so schuldlos als verworrenen
Einbildungen entsprungen hielt und so konnte denn Maja Tage und Nächte lang
nach Herzenslust die tollsten Geschichten erzählen und die entsetzlichsten
Schmähund Schimpfreden ausstoßen ohne dass es Jemandem einfiel sie mit Bitten
zur Ruhe zu verweisen
    Jürge Majas Sohn hatte die Mutter immer tiefsinnig zu stiller
Melancholie hinneigend gekannt Später nach seines Vaters Tode war sie
geistesschwach endlich vollkommen blödsinnig geworden wenigstens nannte man
sie so da sie seitdem aus ihrer schauerlichen Schweigsamkeit erwachte und die
erwähnten Lieder zu singen begann Wir wissen dass Jürge diesen betrübenden
Zustand seiner Mutter dem Herzeleid zuschrieb welches ihr eine unglückliche
Tochter zugefügt hatte
    Landleute sind selten empfindsam obwohl sie häufig mehr Herz besitzen als
die höchstgebildeten Bewohner der Städte Fromm und strenggläubig wissen sie
sich mit stiller Ergebenheit in alles Unabänderliche und Notwendige zu fügen
Zu dem Unabwendbarsten aber rechnen sie den Tod bejahrter Personen Wo dieser
späte und ernste Gast an einem Hause anklopft da empfängt man ihn eben so ernst
und pflegt sich männlich zu fassen Zuweilen kommt es wohl auch vor dass man der
Stunde des Abscheidens einer geliebten Person erwartungs ja sehnsuchtsvoll
entgegen sieht und kein Hehl daraus macht weil man sich in vollkommener Ruhe
gestehen muss dass der Tod eine Wohltat für den Sterbenden wie für die
Überlebenden sein würde
    In diesem Falle war Jürge Majas hohes Alter erlaubte nicht die Annahme,
dass sie wieder genesen werde und die Geistesnacht in die versunken sie nur
noch vegetirte musste eine baldige Auflösung wünschenswert machen Als ein
umsichtiger praktischer Hausvater von unverwüstlich derber aber durchaus
gutmütiger Natur sorgte er für Alles was zu einer stattlichen Beerdigung
nötig war im Voraus Er bestellte nicht nur in Zeiten den Sarg sondern er
ging sogar so weit zu den bereits vorrätigen zwei Schweinen die in seinem
Koben grunzten noch ein fettes dickes eine »Bachune« zu erhandeln so genannt
weil sie von Viehhändlern aus dem Bakonyer Walde in Ungarn bis in diese
Haidestrecken in kleinen Heerden herumgetrieben werden Es wird Leute geben die
ein solches durchweg prosaisches Verfahren herzlos finden diese werden aber ihr
vorschnelles Urteil zurücknehmen wenn sie erwägen dass dem Gebrauche dem
uralten Herkommen und der Sitte huldigen dem biederben Landmanne ein eben so
heiliges und unantastbares Gesetz ist als dem gebildeten und ängstlichen
Culturmenschen die strenge Beobachtung dessen was er mit dem Namen Konvenienz
bezeichnet Überdies wusste Jürge voraus dass sich bei dem Leichenbegängnis
seiner alten Mutter die Bevölkerung der halben Heide einfinden würde und eine
solche Anzahl Leidtragender war nicht leicht zufrieden zu stellen
    Man kann sich nun die Überraschung Jürges denken als er eines Morgens die
greise Mutter aufrecht auf ihrem Lager sitzen fand und Worte von ihr vernahm
die klar und verständig lauteten und ihn anmuteten als würden sie im Traume
gesprochen Majas Geistesnacht war plötzlich gewichen die volle Vernunft war
ihr zurückgekehrt und sie kündigte dem Sohne ruhig an dass sie ihr Ende nahen
fühle und nicht mehr über vier Tage werde leben können Jürge wollte ihr zureden
und wagte es ihre Behauptung zu bestreiten die alte Mutter ward aber darüber
aufgebracht hieß ihn schweigen und befahl dass er tun solle was sie von ihm
verlangen werde Nach dieser wunderlichen Einleitung nannte die lebensmüde
Greisin Namen die Jürge nie von ihr vernommen hatte und richtete Fragen an
ihn vor denen er erschrak Sie wollte vor Allem wissen ob Jan Sloboda noch am
Leben sei oder Einer seiner vertrauten Freunde Als Jürge dies bejahen musste
trug sie ihm mit befehlshaberischem Tone und mit dem unheimlichen glänzenden
Auge einer Sterbenden auf dass er diesen Mann sogleich zu ihr rufen solle Ehe
dies nicht geschehe ehe sie den alten Wenden nicht gesprochen habe erklärte
sie mit wahrhaft entsetzlichem Nachdruck nicht sterben zu können und zu wollen
da ihr Gott die große Gnade erwiesen und ihr den so lange Jahre umnachteten
Verstand am Ende ihres sündigen Lebens wieder geschenkt habe Sie wollte die
Stimme des Weltenrichters laut in sich vernehmen die sie aufrief zu einer
Unterredung mit dem Wenden
    Anfangs glaubte Jürge in diesem wunderlichen Verlangen ein abermaliges
Verlöschen der geistigen Kräfte zu erblicken allein Maja sprach so
zusammenhängend so ruhig und besonnen auch von andern Dingen dass diese Annahme
an Wahrscheinlichkeit verlor und gehorsam eilte er ihrem Verlangen zu
entsprechen So schrieb denn der bestüzte Kretschamhalter jenen Brief an den
Maulwurffänger der unsere alten Freunde zu raschem Aufbruch in die abgelegene
Haideschenke veranlasste
    Drei Tage waren seitdem vergangen und die Kranke wurde sichtlich schwächer
und unruhiger Mit Einbruch der Nacht verwandelte sich ihr Gesicht und nahm
jenen eigentümlichen Ausdruck an der ein sicheres Zeichen des nahenden Todes
zu sein pflegt Das unruhig flackernde Auge sank tief in die schwarzen Höhlen
zurück und leuchtete wie ein Irrlicht auf finsterem Moor Die Lippen verkürzten
sich und entblösten die wenigen verbrochenen Zähne der Sterbenden Matter und
immer matter schlugen die Pulse und in kurzen Pausen stellte sich ein
lebhaftes ja wildes Phantasiren ein
    Jürge und Lene die rüstige Hausmagd saßen wachend an dem Lager der
Kranken die in dunkle Gewänder gehüllt gleich einem Gespenst sich häufig
krampfhaft aufrichtete das Auge durch die kleine Kammer schweifen ließ die
Hände seltsam bewegte und wiederholt eine lauschende Stellung annahm als horche
sie auf ein fernes Geräusch Entfesselt hingen ihr die langen weißen Haare um
die fahlen Wangen über die runzelvolle Stirn So verging eine bange Stunde nach
der andern Mitternacht kam heran und noch immer vernahm man keinen andern Laut
als das monotone Rauschen der schneebelasteten Heide Mit jedem Stundenschlag
der alten schwarzwälder Uhr die tickend an der braunen Holzwand hing vermehrte
sich die Unruhe der Alten Sie wimmerte bald wie von körperlichem Schmerz
gepeinigt bald murmelte sie Gebete vor sich hin Zuweilen fing sie auch wieder
an ihre melancholischen Liederweisen zu singen Die Wachenden fürchteten sich
vor der Greisin aber sie wagten nicht sie zu unterbrechen noch beunruhigende
Worte an sie zu richten
    So brach das fahle Dämmerlicht des Morgens an das grau und kalt durch die
Fensterladen schimmerte Die Kienspäne brannten düster und krümmten ihre
glimmenden Rispen niederwärts Hoch auf lohte nur manchmal noch das Kienfeuer
dem Lene immer von Frischem neue Nahrung gab Da klingelten endlich Schellen aus
weiter weiter Ferne Peitschen klatschten schnaubende Rosse jagten den Waldweg
herein und kläffend schlugen die Hunde an
    »In einer Stunde drückst Du mir die Augen zu mein Sohn« sagte Maja indem
sie sich lebhaft aufrichtete und ihre kalte zitternde Hand auf Jürges Arm
legte »Geh lasse die Freunden ein denn sie sind es Die Stimme hat aufgehört
in das Ohr meines Herzens zu schreien«
    Sie legte sich wieder zurück strich sich die Haare aus dem Gesicht und
faltete die abgemagerten Hände über die Brust Ihr Blick war ruhig sanft und
matt geworden die nervöse Spannung ihrer Gesichtsmuskeln wich einer demütigen
Ergebung
    Jürge ging bewegt und von eigentümlicher Furcht geschüttelt den frühen
Gästen entgegen in denen er auch wirklich unsere Bekannten begrüßte Ohne große
Einleitung führte er sie alle gleich an das Lager seiner sterbenden Mutter
    Maja erkannte Sloboda auf den ersten Blick
    »Ihr seid der Vater Haideröschens« sagte sie mit fester Stimme und streckte
dem Wenden die Hand entgegen während ein schmerzliches Lächeln über die
bleichen Züge lief »Setzt Euch zu mir  und auch Du junger Bursche der Du ihr
so ähnlich siehst«
    Aurel und dem Maulwurffänger schien sie keine besondere Aufmerksamkeit
schenken zu wollen doch ließ sie es geschehen dass auch sie zu Füßen ihres
Sterbelagers Platz nehmen durften Lene dagegen musste das Zimmer verlassen und
ihr Sohn darauf die Tür verriegeln
    Nachdem dies geschehen war richtete Maja geraume Zeit ihre dunkeln Augen
auf Sloboda ohne das erwartungsvolle bange Schweigen der Anwesenden zu
unterbrechen
    »Kennt Ihr mich denn gute Mutter« fragte Jan die Alte gerührt »Ich kann
mich Eures Gesichtes nicht entsinnen Freilich mit den Jahren wird das
Gedächtnis schwach«
    Maja nickte düster mit dem Kopfe ihre Züge wurden wieder finster fast
abschreckend und mit hohlem Brustton erwiderte sie
    »Wenn Ihr mich kenntet Jan Sloboda so würdet Ihr mich verfluchen Ich habe
Euch viel viel Böses zugefügt«
    Sie begann zu röcheln und schloss auf einige Sekunden die Augen
    »Ihr mögt Euch wohl irren gute Mutter« sagte begütigend der Wende »Ein
kranker Kopf spiegelt uns allerhand schlimme Dinge vor die wie Nebel vor der
Sonne schwinden wenn die Gesundheit uns wiederkehrt«
    »Ich irre nicht ich weiß was ich spreche und damit ich mit ruhigem
Gewissen eine reuige Sünderin aus der Welt gehen kann will ich mit Euch reden«
    Diese Worte sagte Maja eintönig hohl mit einer erschütternden
Grabesstimme
    »Ihr hattet eine Tochter Röschen« begann sie nach einer Weile abermals
»Man nannte sie ihrer Lieblichkeit wegen Haideröschen Sie ist tot ich weiß
es Die Stimme die mich so oft drohend rief dass ich zusammenschauderte in mir
selbst hat es mir gesagt«
    »Möge der Friede Gottes auf ihrem Grabe weilen« sagte Sloboda mit gen
Himmel erhobenen tränenden Augen »Sie schläft schon lange Monde in fremder
Erde und ruht aus von den Qualen dieses Lebens«
    »O sie war immer fromm und gut darum ging es ihr auch so schlecht Aber ich
war eine wilde sinnliche Dirne der Tanzboden war meine Kirche und lustige
Lieder auf meiner losen Zunge spottete ich dem Himmel Mir fehlte es an nichts
so lange ich nichts wissen mochte von Gott und seinen Geboten«
    »Versündigt Euch nicht Mutter« bat Jürge »Der Tod sitzt Euch auf der
Zunge und Ihr lästert«
    »Still still mein Sohn Ich muss beichten wenn ich Gnade finden will vor
dem Herrn  Jan Sloboda ich sprach Eure Tochter nach dem großen Haidebrande 
Als Ihr vorausgingt in das fremde Land mit Eurem Schwiegersohne kam ich zu ihr
nannte mich ihre Freundin und wollte ihr beistehen in der schweren Stunde der
sie entgegensah«
    »Unglückliche« rief Sloboda aus Aurel und der Maulwurffänger beugten sich
horchend über das Lager Auf ihren bleichen Gesichtern spielten die Schatten des
flackernden Heerdfeuers
    »Ha« fuhr Maja auf und hielt die zitternden Hände schirmend über ihre
Augen die mit wahnsinnigem Ausdruck auf Aurels Antlitze ruhten »Das ist sein
Geist  der Geist des bösen Grafen  der mir Gold gab so viel Gold als Tage im
Jahre  der mich zu der Freveltat verführte«
    »Sie hält mich für Magnus« flüsterte Aurel dem Maulwurffänger zu »So
straft Gott die Sünden der Väter an ihren Kindern«
    »Geh Geh Ich komme schon  ich entfliehe Dir nicht« fuhr Maja fort Dann
ergriff sie abermals die Hand des Wenden sah ihn mit grausamen Lächeln an und
sagte kalt »Ich entband Haideröschen von einem Mädchen und raubte es ihr in der
Stunde des bitteren Schmerzes  Graf Magnus wollle es erziehen lassen  im
Gemeindehause Ha ha ha war das nicht lustig von dem vornehmen Schalke«
    Die Kranke fiel jetzt in ein so krampfhaftes Gelächter dass alle Umstehenden
glaubten ste würde daran ersticken Aber sie erholte sich wieder und blickte
ruhig um sich als habe sie eine ganz alltägliche unschuldige Geschichte
erzählt
    Sloboda klapperten die Zähne er konnte nicht sprechen Der Maulwurffänger
dessen scharfes Auge keine Sekunde die Sterbende zu beobachten aufgehört hatte
ergriff anstatt des Wenden das Wort
    »In welches Gemeindehaus brachtet Ihr das Kind Haideröschens« fragte
PinkHeinrich
    Maja nannte den Ort Er gehörte noch zu den Besitzungen der Grafen
Boberstein
    »Ward das Kind getauft arme Mutter«
    »Es erhielt meinen Namen  die Zeugnisse liegen  dort in dem Kasten  unter
 dem Ofen «
    Mit ungestümer Hast bemächtigte sich Paul des Kastens dessen Deckel seinen
Faustschlägen nicht lange widerstehen konnte Er enthielt das Taufzeugniss von
Haideröschens Tochter
    »Also doch eine Tochter« sagte der Maulwurffänger »Eine Tochter wie die
Sage ging unter dem Volke Sie hat ein Mal«
    »Einen purpurnen Stern an der  linken Schläfe  von der Größe eines
Hirsekorns«
    »Jan Sloboda Deines Kindes Tochter ist gefunden« rief der Maulwurffänger
»Sie lebt in tiefem Weh aber bald bald soll sie jauchzen vor Freude weil der
Allmächtige Gericht zu halten beginnt über die Gottlosen« 
    »Und ich ich soll meine Schwester finden« lallte Paul schluchzend während
er das Taufzeugniss der Verstossenen Aurel überreichte
    Maja schloss jetzt die Augen ihr Atem ging langsamer zuweilen röchelte und
stöhnte sie und die Lippen bewegten sich wieder in leisem Gesange
    »Sie stirbt« rief Jürge dem salzige Tränen schon längst die Augen
füllten »Sie stirbt ohne mir die Hand zu drücken ohne mir Adje zu sagen 
Die gute alte Mutter«
    »Horch sie singt« sagte der Maulwurffänger und bedeutete den Übrigen
sich schweigend zu verhalten Sloboda erhob wieder sein auf die Brust gesunkenes
Haupt und wendete sich der Sterbenden zu Diese hielt die Augen fortwährend
geschlossen bewegte wie im Tacte die mageren Hände und sang in langsamen
melancholischen Weisen folgende Strophen
»Helf Gott altes Mütterlein
Wo ist Euer Aennelein
Didlomdajom didlomdai
Wo ist Euer Aennelein
Nicht zu Haus ist Aennelein
Scharrten in das Grab sie ein
Didlomdajom didlomdai
Scharrten in das Grab sie ein«
    Nach diesem Verse riss die Sterbende nochmals die Augen weit auf und blickte
sich wie erstaunt um An dem Ausdruck ihres Gesichtes sah man dass sie Niemand
erkannte Ihr Geist war wieder umnachtet wie seit zehn JahrenSie lächelte
blödsinnig nickte Allen zu schlug von Neuem den Tact auf der Decke ihres
Lagers und sang abermals nur matter und immer langsamer
»Hanka sage was das ist
Dass Du mir gestorben bist
Didlomdajom didlomdai
Dass Du mir gestorben bist
Was sollt ich auf dieser Welt
Wo mir Alles nachgestellt
Didlomdajom didlomdai
Wo mir Alles nachgestellt
Immer dacht ich dieses doch
Würden uns bekommen noch
Didlomdajom didlomdai
Würden uns bekommen noch
Jetzt nun weiß ichs ganz gewiss
Nimmer kann geschehen dies
Didlomdajom didlomdai
Nimmer kann geschehen dies«
    Stärkeres Röcheln unterbrach den melancholischen Gesang Die Hände fielen
über einander und bewegten sich nur noch zuckend
    »Lasst uns beten« sagte Sloboda und kniete nieder neben dem Bett der
Greisin die seiner Tochter um schnödes Gold und vielleicht aus Eitelkeit ihr
Kind vorenthalten und ins Elend verwiesen hatte »Lasst uns beten für das Heil
ihrer armen Seele So wie wir vergeben wird auch uns vergeben werden«
    Alle folgten dem Beispiele des alten Wenden der mit lauter Stimme aus
vollem inbrünstigen Herzen ein Vaterunser betete das die Übrigen andächtig
leise mitsprachen
    Während dieses Gebetes sang die Sterbende noch abgerissene Strophen ihrer
Lieder bald lustigen bald traurigen Inhalts Gegen den Schluss des Vaterunsers
erhob sie noch einmal ihre Stimme und die Betenden verstanden deutlich die
Worte
»Schlösslein dort schimmert im roten Schein
Jedeweh
Dort sind erzogen beide wir
Tod ist der Vater die Mutter mein
Jedeweh
Uns ist vergangen das Schmäuselein«
    »Amen« sagten die Betenden und erhoben sich Die Schwarzwälder Uhr hob auf
acht Uhr aus Majas Hände waren kalt aber sie holte in langen Pausen noch tief
und röchelnd Atem und auf ihren Lippen schien immer noch Gesang zu schweben Da
schlug es acht die Sterbende seufzte tief und laut
»Ein Hemdelein nähe
Jüdevoi«
lispelte die Lippe und verstummte für immer Mit dem letzten Schlage der Uhr war
sie entschlafen
    Jürge ihr Sohn beugte sich über die Tote drückte ihr die Augen zu und
reichte dann den Umstehenden in stummem Schmerz die Hände Sprechen und ihnen
Dank sagen dass sie der sündigen Mutter die letzte Stunde durch ihr Kommen
erleichtert hatten konnte er nicht
    Arm in Arm mit dem Maulwurffänger verließ Sloboda das Sterbezimmer Ebenso
folgten Aurel und Paul Unter der Türe drückte der Kapitän seinem jungen
Freunde die Hand
    »Jetzt zu unsrer Schwester« sprach er tief bewegt »Möge der gütige Gott
seine Hand schirmend über sie gehalten haben dass wir uns ihres Wiederfindens
freuen können«
    Schon nach einer Viertelstunde jagten die beiden Schlitten wieder der Heide
entgegen auf einem Wege der sich in der Richtung nach Boberstein im
kristallbehangenen Dickicht verlor
 
                                Drittes Kapitel
                                  Die Weberin
An dem nämlichen Tage erhielt Graf Adalbert von seinem Bruder ein inhaltreiches
Schreiben Dieses Schreiben lautete wörtlich wie folgt
            »Mein teurer Bruder
        Seit acht Tagen hat sich unsere Familie vermehrt Wir sind nämlich jetzt
        der Brüder Boberstein vier und möglicherweise finden sich in Kurzem noch
        einige bisher unbekannte Geschwister zu uns angelockt von dem reichen
        Erbe das wir besitzen Du wirst mich vollkommen verstehen wenn ich Dir
        mitteile dass in der Tat ein wilder Sprössling unsers hochseligen Herrn
        Vaters gerichtlich aufgefunden worden ist. Mem Sachwalter hehauptet es
        fehle nicht ein Jota zur vollkommensten Beglaubigung der Aechteit des
        neu entdeckten Boberstein und zuckt bedenklich die Achseln wenn ich
        ihn frage wessen Wagschale steigen wessen fallen werde Ich gestehe
        lieber Bruder dass mich diese widerwärtige Angelegenheit je länger sie
        sich hinzieht desto gleichgiltiger macht Der Besitzende bleibt doch
        immer im Recht unser Grafentum kann man uns nicht nehmen wir sind
        außerdem legitim im Besitz der Güter unseres Vaters und wenn bei so
        bewandten Umständen überhaupt etwas für uns Nachteiliges erzielt werden
        sollte so kann es sich schließlich doch bloß um eine Abfindungssumme
        handeln Unter jetzigen prosperirenden Verhältnissen können wir uns gern
        dazu verstehen Will außerdem die Gerechtigkeitsliebe des Staates noch
        ein Übriges tun und unsern frisch ausgegrabenen Bruder in den Grafen
        oder Freiherrnstand erheben so können wir dabei ruhig zusehen Es gibt
        eben eine neue Linie Boberstein von der die ursprünglichen von dem
        Glanze ihres erlauchten Namens durchdrungenen Erben des alten
        Geschlechtes schwerlich Notiz nehmen werden
        Aber nicht wahr Du bist begierig zu hören wer denn unser Bruder ist
        Wo er lebt Wie er sich im Leben nimmt Was er treibt und besitzt 
        Nun das ist ein wahrhaft kostbarer Spaß ein Spaß wie ihn kein Hofnarr
        zur Zeit wo diese göttlichen Witz und Possenreisser an fürstlichen
        Hoflagern noch Sitte waren besser hätte erfinden können Du erinnerst
        Dich doch des Spectakels von dem ich Dir bei Deinem letzten Besuche
        Einiges erzählte Damals bezeichnete ich Dir den Fabrikarbeiter Martell
        als den gefährlichsten Menschen unter all meinen Knechten Und gerade
        dieser ungebildete wüste leidenschaftliche Bengel ist unser älterer
        Herr Bruder Als ehrlicher Mann gestehe ich dass mich diese Entdeckung
        unangenehm berührt hat bloß deshalb weil ich jetzt selbst an die
        Aechteit seiner Geburt glaube Der Mensch steht unserm Herrn Papa zum
        Erschrecken ähnlich wenn ihn die Leidenschaft erregt und gerade diese
        Ähnlichkeit ärgert mich denn sie compromittirt uns Deshalb habe ich
        auch meine bereits früher gehegten und entworfenen Pläne der Ausführung
        behutsam näher geschoben Besser ist es doch unser Geschlecht allein zu
        repräsentiren als immer und ewig von einem zottigen Hungerleider
        angebellt zu werden dessen man sich eben so zu schämen als ihn zu
        fürchten hat
        Mir scheint daher der von Dir gebilligte Vorschlag sei jetzt mit
        Energie aufzunehmen und mit Schlauheit auszuführen Deiner Zustimmung
        gewiss habe ich nicht angestanden schon vor der anmutigen Entdeckung
        des neuen Bruders Anstalten zu treffen und es ist mir gelungen em
        überaus taugliches Individuum dazu aufzufinden Noch heut oder morgen
        werde ich persönlich mit diesem Helfer in der Not zusammenkommen und
        Alles mündlich abmachen Vorsicht ist nötig bei solchen Angelegenheiten
        und mir wenigstens soll die Welt nicht nachsagen können dass ich bei
        allem Speculalionsgeiste doch den eigentlichen Kern und die Blüte des
        Glückes  List und Verschlagenheit  nicht besessen hätte
        Mein Befinden ist wieder ganz erträglich Die reine scharfe Winterluft
        hat mich wunderbar gekräftigt Bis zum Frühjahr denk ich gesunder als
        je zu sein und was dann etwa noch fehlt wollen wir zusammen im Seebade
        von Ostende oder Dieppe nachholen
        Übrigens kann ich Dir die tröstliche Versicherung geben dass ich mein
        System consequent durchgeführt habe Man kann viel erreichen wenn man
        klug ist und die Neigungen und Leidenschaften derer zu benutzen weiß
        die uns dienstbar geworden sind So habe ich es mit meinen Arbeitern
        gemacht die dabei gutmütig in dem Wahne bleiben ich sei auf dem
        besten Wege mich in Folge ihrer mir zu Ohren gekommenen Klagen für sie
        aufzuopfern Freilich geben sich nicht Alle diesem kindlichen Glauben
        hin aber doch bei weitem die Meisten Und das Alles weil ich ihnen
        kürzlich doppelten Lohn auszahlen ließ Ist das nicht amusant Beweist
        das nicht dass derjenige menschlich genommen immer im Recht ist der in
        Wahrheit vielleicht das größte Unrecht begeht Haben es die Eroberer und
        Despoten alter und neuer Zeit etwa anders gemacht Und lebt ihr Name
        nicht hochgepriesen in der Geschichte fort von Jahrhundert zu
        Jahrhundert Du musst nur siegen um groß und unsterblich zu werden
        siegen ohne Unterbrechung und es ist vollkommen gleichgültig ob Du als
        ein Solon oder als ein Kaligula die Welt in Erstaunen setzest
        Dass man Lust zu solchen Siegen erhält ist sehr natürlich wenn man
        längere Zeit unter so heruntergekommenem Volke lebt Ich weiß in der
        Tat nicht ob ich diese Menschen mehr beklagen oder verachten soll
        denn wer sie so sieht in Schmutz und geistige Dumpfheit gleich tief
        versunken dem ist es zu verzeihen wenn er sich urplötzlich auf dem
        ärgerlichen Gedanken ertappt es möchten diese prädestinirten
        Unglücksphysiognomieen wohl nicht Geschöpfe seines Gleichen sein  Ich
        kann nicht leugnen dass ich mich selbst einigemale auf dieser
        aristokratischen Gedankensünde überrascht habe ganz wider Willen Nehmen
        wir aber an es bestünde wirklich ein geheimer Unterschied zwischen hoch
        und niedrig Geborenen was ich frage Dich was könnte es dann nutzen
        wenn wir uns fruchtlos abmühten ein von Urfang an minder begabtes
        geistiger Entwickelung unfähigeres Geschlecht zu uns heraufzuheben
        Kannst Du Dichter Künstler Fürsten bilden Nein sie alle werden
        geboren  Wenn dem aber so ist woran kein Vernünftiger zweifeln kann
        dann muss ich sehr bitten mich mit allen philantropischen Ideen zur
        Heraufbildung der Menschheit auf gleiche Höhe der Anschauung und
        Entwickelung mit uns zufrieden zu lassen Dann bleibe Staub was Staub
        ist und jegliche Kreatur begnüge sich mit dem was ihr Gott in seiner
        unergründlichen Weisheit zugeteilt hat
        Ich hoffe wir verstehen uns und wandeln Hand in Hand unserm großen
        Ziele entgegen Lass mich wissen in wiefern Deine Bemühungen gleichen
        Erfolg gehabt haben 
        Noch eine Sorge hat sich in diesen Tagen zu den übrigen gesellt Meme
        Haushälterin ist aus meinen Diensten gegangen Das stört mich mehr als
        die hundert und aber hundert Verwünschungen meiner ohnmächtigen
        Arbeiter Ich muss fast verhungern so schlecht wird Alles zubereitet
        Solltest Du eine passende Person wissen  wohl zu merken sie muss jung
        hübsch und heiteren Temperamentes sein  so setze mich davon in
        Kenntnis
        Meiner liebenswürdigen Frau Schwägerin die ehrfurchtsvollsten Grüße
                                                                        Adrian«
    Auf diesen Brief den Adalbert mit großer Seelenruhe las ging Tages darauf
folgendes Antwortschreiben an Adrian ab
            »Mein lieber Bruder
        Die Empfindungen welche mir das Lesen Deines interessanten liebevollen
        Briefes erregte kann ich nur mit dem unbeschreiblich wohltuenden
        Gefühle vergleichen das unsern Körper nach genommenem Dampfbade
        durchrieselt Ich befinde mich ganz à mon aise äußerst behaglich
        befriedigt in jeder Weise und nicht im mindesten aufgelegt mich
        künstlich zu melancholisiren wie dies jetzt in der aristokratischen
        Welt wohl einigermaßen Mode zu werden beginnt Für dieses Wohlbefinden
        bin ich Dir dankbar ergeben teurer Bruder und drücke Dir par distance
        die Hand
        Deine Mitteilungen anlangend so wüsste ich nicht was ich darauf zu
        erwidern hätte es müsste denn das sublimste Lob sein Da ich nun aber
        weiß dass Du nicht diese plebeje Art von Ehrgeiz besitzest die nach
        faustdickem Lobspruche giert so halte ich an mich und werfe Dir nur
        einige bescheidene fein lächelnde Winke zu Du bist ein Kenner und
        weißt den haut goût geistigen Genusses zu schätzen
        Eins aber muss ich doch tadeln Du hast vergessen mir eine Beschreibung
        zu liefern von dem Grafen in der Zwillichhose und Kattunjacke Wie
        konntest Du so meinen Geschmack verkennen und mich eines Genrebildes
        berauben wie es wahrscheinlich vor Deinen Augen nicht zum zweiten Male
        auftaucht Du kennst meine romantischen Liebhabereien meinen
        Enthusiasmus für die Niederländer mem Schwärmen für Künstler die es
        sich angelegen sein lassen mit sicherem Pinsel die Zerrissen und
        Zerfahrenheiten des Lebens im eigentlichen Sinne des Worts auf die
        Leinwand zu zaubern
        Gestehe ichs immerhin dass vielleicht grade dieser capriciöse Hang mich
        zu Deinem treuesten Bundesgenossen macht Etwas und zwar nicht ganz
        wenig trägt er bei Deinem Systeme zu huldigen  Es ist so schwer in
        unserer unkünstlerischen nur auf grob Materielles gerichteten Zeit
        gute Kunstwerke zu erhalten An Künstlern die sich so nennen fehlt es
        freilich nicht solche aber die es wirklich sind in deren Producten
        man Seele sprossendes Leben zündenden Geist findet solche wollen mit
        hundert Laternen gesucht sein
        Da unterhält es mich denn ungemein und bildet mein Urteil wie meinen
        Kunstsinn zu einiger Meisterschaft aus wenn ich künstlich ein Leben um
        mich her entstehen lasse das mir bisweilen allerdings etwas zu
        naturgetreu jene Genrebilder aus den niedrigen und gemeinen
        Lebenskreisen unmittelbar vors Auge führt Um dasselbe besser aus der
        Ferne genießen zu können und mir einen wirklichen Kunstgenuss also
        zugleich Bild und Leben zu verschaffen habe ich mir von meiner letzten
        Reise nach England einen vortrefflichen Dollond mitgebracht der sehr
        weit trägt die Gegengenstände außerordentlich rein und scharf und mit
        zauberischer Klarheit festhält Mit diesem bewaffnet bringe ich
        Stundenlang an den Fenstern meines Schlosses zu und schwelge in den
        Genüssen die er mir aus der dumpfen Gemeinheit des in Schmutz und
        Schande sich wälzenden Volkes zuträgt Grösseren Reiz im Genuss und
        dauerndere Befriedigung daran habe ich noch auf keiner Bildergallerie
        gehabt meine Art das Leben in der Kunst zu goutiren und auch vom
        Schmutz und Elend die unsichtbare Schicht feinsten Aroms die sie
        umwebt mit Behagen einzuschlürfen ist die vorzüglichste und wird gewiss
        fashionable wenn ich einmal in die Laune komme die vertrauten Freunde
        zu verraten
        Aus diesen Andeutungen kannst Du entnehmen dass ich keineswegs müßig
        gewesen bin Meine Macht wächst täglich der Untertan neigt sich
        gehorsam vor mir und ist sehr zufrieden wenn ich ihm nicht das Ohr
        kneipe Ich herrsche vollkommen unumschränkt über Bauern und Weber Es
        gibt fast kein Haus mehr in den nächsten drei Dörfern das mir nicht
        angehört und ich halte sehr streng auf pünktliche Zinszahlung Enfin
        ich bin sehr zufrieden Übrigens sind meine Leute friedlicher gesinnt
        als Deine Fabrikarbeiter Hier denkt Niemand an Empörung oder gar an
        Petition Gott Lob der Landmann und der bloße Lohnweber gehören noch
        der alten Zeit an die sich mit Lesen nicht viel abgab Vortrefflich
        arbeiten auch meine Pastoren uns in die Hände und ich danke Gott
        wirklich dass er mich so kostbare Wahlen hat treffen lassen Es sind
        musterhaft gute fromme mir treu ergebene Herren diese beiden
        Pastoren aber Theologen vom Scheitel zur Zeh Aber auch bloß Theologen
        sag ich Dir Sie halten mit eifersüchtigen Blicken auf Befolgung des
        geschriebenen Wortes Was geschrieben steht steht geschrieben heißt
        ihr Gott ihr Glaube ihre Seligkeit
        Du kannst Dir vorstellen was sich mit solchen gelehrten Büffeln
        anfangen lässt Sie wollen nichts hören von Volksaufklärung was ich nur
        billigen muss und verleiden meinen Bauern und Webern alle Zeitungen und
        Bücher durch ihr fanatisches Eifern gegen die Presse Ihnen ist Alles
        schlecht und verdammenswert was nicht in der Vulgata und etwa in einer
        geistlosen Postille steht Kann ich etwas Besseres tun als diese
        Ehrenmänner in ihrem Amtseifer unterstützen und bestärken Während sie
        meine Untertanen geistlich und selig machen bringen sie ihnen den
        herrlichen Glauben bei dass irdisches Glück und Wohlsein dem Himmel
        abwendig mache und Niemand zukomme als den Auserwählten Unter diese
        gehören natürlich die Herren und alle Obrigkeiten und ich bin gar nicht
        böse dass meine sehr unteologische Überzeugung trotzdem Allem mit
        dieser banalen Theologie vortrefflich harmonirt
        Gesteh es lieber Bruder dass ich Glück habe Was Andere in einem
        ganzen Leben voll Mühen nicht erreichen das fällt mir von selbst in den
        Schoss Es erfolgt was ich wünsche nur dadurch dass ich es wünsche
        Höchstens gehe ich meinen guten Seelsorger um ein passendes Kirchengebet
        oder eine eindringliche Predigt an Und nun sage Einer noch dass die
        Interpretation des Lebens wie der Bücher nicht die Hauptsache sei Dass
        man nicht Alles in das liebe Leben hinein und auch wieder aus ihm
        herauserklären kann wenn es nötig ist
        Viel Glück zu der beabsichtigten Unterredung Führt sie zum Ziele so
        geb ich ihr meinen Segen Nur sei jetzt doppelt vorsichtig Wenn Du es
        doch so einrichten könntest dass Martell einen Ort besuchte in deren
        Nähe sich die Cholera gezeigt oder schon einige Opfer gefordert hat
        Sollte sich das nicht tun lassen Glück Schicksal und Teufel pflegen
        alle drei auf ein Ausstrecken des kleinen Fingers zu warten Darauf muss
        man achten
        Eine Haushälterin brauchst Du Hm es ist fatal dass wir mit Aurel so
        übel stehen Der gute lebenslustige Bruder hat ein paar hübsche Mädchen
        als Dienerinnen für Herta bei sich die sehr gut erzogen sein sollen
        wie ich in Erfahrung gebracht habe Auf Umwegen ließe sich die eine oder
        andere doch vielleicht gewinnen Ich werde mich erkundigen lassen und
        Dir später Antwort geben
        Meine Frau erwidert Deine ehrfurchtsvollen Grüße sehr angelegentlich
            Ganz
                                                                  Dein Adalbert«
    Der vornehme Herr übertrieb in seiner Schilderung durchaus nicht Die Lage
seiner Untertanen war erbarmungswürdig war es vorzugsweise durch Adalberts
kalte und eiserne Konsequenz Wie immer wo kluge Verderbteit und kühler
Verstand herrschen der minder begabte gutmütige Mensch sich gutwillig gängeln
lässt so verstand auch Adrian die Schwächen derer zu missbrauchen die zum
Wohltun ihr Leben anwenden sollten Ohne dass die Kurzsichtigen es ahnten
trugen sie zur Vermehrung der Unwissenheit bei welche in der Masse des Volkes
herrschte und leisteten willenlos und unabsichtlich dem Elende Vorschub
während sie des Paradies auf Erden auszubreiten glaubten
    Ein treues Bild der allgemeinen Not die bei Adalberts Untertanen
eingerissen war und an deren entsetzlichen Ausbrüchen sein Auge sich weidete
gewährte der Hausstand unsers alten Bekannten Leberecht Der Mangel hatte ihn
vor Weihnachten in die traurige Notwendigkeit versetzt sein Haus verkaufen zu
müssen Er bot es anfangs einer Menge Bekannten an allein diese waren teils
fast in derselben Lage teils besaßen sie auch nicht so viel um selbst einen
billigen Kauf eingehen zu können Und Leberecht brauchte Geld Geld um jeden
Preis
    So blieb ihm zuletzt nichts übrig als sein Haus an Adalbert selbst für
einen Spottpreis abzutreten unter der Bedingung es bis zu seinem Tode
ungestört bewohnen zu dürfen und ein paar Aecker in Pacht zu erhalten
    Nun saß der arme bejahrte Mann der sich sein ganzes Leben lang geplagt
hatte um sich ein paar Taler auf seine alten Tage zusammen zu sparen
verlassen da und musste wieder anfangen für kargen Lohn Tagarbeiterdienste zu
tun Mit Dreschflegel und Schüttegabel auf der Schulter ging er alle Morgen vor
Sonnenaufgang eine volle halbe Stunde über Feld oft in schauerlichem
Stöberwetter oder bei einem Kältegrade der das Blut in den Adern gerinnen
machte um in zugiger Scheune mit leerem Magen bis in die sinkende Nacht hinein
zu dreschen Und für so schwere Arbeit ward noch dazu kein Pfennig Geld
verabreicht Die Arbeiter erhielten Korn je nach dem Belieben des Herrn bald
aller acht bald auch aller vierzehn Tage In dieses Korn das für ein
ausgegedroschenes Schock aus einem Viertelscheffel dresdner Maß bestand hatten
sich sämtliche Drescher zu teilen Kamen nun auf Leberecht einige Metzen so
musste er sich diesen schwer verdienten Lohn nicht nur selbst den weiten Weg bei
Nacht und Sturm nach Hause tragen er hatte auch außerdem noch die Mühe
entweder das Getreide in Geld zu verwandeln oder es mahlen zu lassen um das
tägliche Brod davon zu gewinnen Hatte er nicht Zeit oder konnte er die Nächte
nicht opfern um in die Mühle zu wandern und es selbst aufzuschütten so zog
auch der Müller noch sein bescheiden oder unbescheiden Teil ab und was zu
guter Letzt übrigblieb glich nur noch einem Almosen
    Maria und Eduard ihr Sohn führten kein beneidenswerteres Leben Sie
schafften von früh vier Uhr bis häufig nach Mitternacht hinter ihren Webstühlen
und mussten in dieser Zeit mehr als sechzigtausendmal die Trittbreter
niedertreten um ihren täglichen Arbeitsziel zu fertigen Aus Sparsamkeit
brannten sie nur eine einzige Lampe die zwischen beiden Stühlen in der Mitte
hing und ihren trüben Lichtschein gar spärlich auf die graublauen Köper fallen
ließ die Mutter und Sohn webten Nur langer Gewohnheit war es möglich bei
dieser unvollkommenen Beleuchtung jeden zerrissenen Faden im dunkeln Gewebe
sogleich zu entdecken und wieder auszuknüpfen die Augen der unermüdlich
fleißigen Weber aber litten darunter Sie fingen an zu brennen entzündeten sich
später wozu am Tage noch der blendend weiße Schnee beitrug auf dem die Sonne
funkelte und wurden namentlich bei Marieen immer röter und trüber Schon zu
Weihnachten vermochte sie kaum noch das Gewebe zu erkennen sie musste sich ganz
auf ihr Gefühl verlassen Schlichten konnte sie gar nicht mehr weil sie dabei
den etwa reißenden Faden nicht bemerkt und beim Fortarbeiten das ganze Gewebe
verdorben haben würde
    Leberecht und Eduard redeten der armen Frau wiederholt zu sie solle sich
eine Zeit lang schonen sich ausruhen und pfegen und einen Arzt befragen Marie
aber achtete nicht auf ihre Bitten Sie kannte den Mangel die Not am besten
und sah wohl voraus dass zwei feiernde Hände diese zu einem Grade vermehren
würden aus dem Rettung nicht mehr denkbar sei Darum arbeitete sie unverdrossen
Tag und Nacht fort ohne zu murren noch zu klagen Ein frisches Krautblatt das
sie unter ihr Kopftuch band so dass es kühlend über das Auge berabhing war die
einzige einfache Medizin der sie sich bediente
    Oft beschlich die beiden rastlosen Weber der Schlaf Konnten sie sich gar
nicht mehr retten so gestattete sich Mutter und Sohn abwechselnd einen kurzen
viertelstündlichen Schlummer damit sie der Mattigkeit nicht zu lange oder wohl
gar die ganze Nacht erlagen Traf nun Eduard die Reihe des Wachens so strengte
er alle seine Kräfte an um durch schnelleres Arbeiten wo möglich den Verulst an
Zeit wieder einigermaßen auszugleichen Oder er stand wohl auch auf wenn er die
Mutter fest schlafend wusste schlich sich an ihren Webstuhl hinter dem die sehr
gealterte abgemagerte Frau nickend saß die Arme frostig über die Brust
verschlungen und träufelte behutsam ein wohltuendes Augenwasser auf ihre
Lider das er sich zu verschaffen gewusst und von dem er sich viel versprach da
es nicht allein ihm selbst gute Dienste geleistet sondern auch Marieen einige
Linderung brachte seit er es ihr heimlich im Schlafe auf die entzündeten Lider
goss
    Schade dass Adalberts Dollond nicht bis in diese Hütte darbender und
arbeitender Armut dringen konnte Vielleicht hätte eine einzige Nacht inmitten
dieses zärtlichen Sohnes und dieser schlummernden Mutter verlebt ihm sein
Vergnügen an jenen Genrebildern vergällt die er über Alles liebte Aber
Adalbert sah nur die Not vom Licht der Sonne vergoldet und diese verliert an
Schauerlichkeit an erschütternder Kraft gegen jene bleichen kalten Nachtgemälde
gehalten die im Silberrahmen des Mondlichtes geisterhaft glänzen 
    Der starke Schneefall und die häufigen anhaltenden Stürme welche gegen Ende
November namentlich im Gebirge sich einstellten erschwerten die Kommunication
zwischen entfernt liegengenden Ortschaften so sehr dass Wochen vergingen bevor
aus weiterer Ferne Nachrichten einliefen Unsere Freunde auf dem Zeiselhofe
unterrichteten Leberecht und seine Familie von dem was ihnen in Bezug auf die
Bobersteinische Angelegenheit zu wissen nötig war durch die wöchentlichen
Boten die zwischen den einzelnen Dörfern hin und wieder gehen Dadurch blieben
die Abgeschiedenen ziemlich im Zusammenhange Nur während des ganzen Decembers
und auch in der ersten Hälfte des Januars trat eine Unterbrechung ein so dass
Leberecht seit mehr als fünf Wochen nichts mehr von Sloboda und dem
Maulwurffänger gehört hatte Die eigene Not im Hause die schwere und
gefahrdrohende Augenkrankheit Marieens ließ den sorgenvollen Mann auch wirklich
eine Zeit lang den schwebenden Prozess vergessen oder doch mehr und mehr im
Hintergrund seiner Erinnerung verschwinden
    Da kam Leberecht eines Abends  es war am Tage vor Pauli Bekehrung  in
großer Aufregung nach Hause In der Hast des Eintretens hätte er beinahe Marie
umgerannt deren Augen so schlimm geworden waren dass sie kein Licht mehr
vertragen konnte ohne vor Schmerz laut aufzuschreien und die nun mit
festverbundenem Kopf tappend in der kleinen engen Stube umherschlich
    »Weißt Dus Maria und Du Eduard was in der Heide passiert ist«
    Eduard hielt die Lade an und legte das kreuzförmige Schnellholz woran das
Weberschiffchen mittelst Bindfaden befestigt ist auf die Werfte
    »Ich bin nicht hinterm Stuhle vorgekommen Vater und ans Fenster hat auch
kein Nachbar gepocht  woher soll ich was Neues erfahren haben«
    »Was gibts denn« fragte Marie auf der Ofenbank Platz nehmend und den
schmerzenden Kopf in beide Hände nehmend
    »Paul Sloboda hat seine Schwester gefunden« sagte Leberecht »Die ganze
Heide ist lebendig geworden von dem Aufruf denn es hat in den Blättern
gestanden Die Advokaten heißts sollen vor dem blauäugigen Jungen die Mützen
ziehen bis an die Erde denn es ist ausgemacht dass er nun Graf wird und die
Schwester Gräfin und dass sie allesammt der alte Jan nicht ausgenommen in
prächtigen Palästen wohnen werden«
    »Wenns nur Grund hat Vater« warf Eduard ein »Der Lügenkrämer laufen
heut zu Tage gar zu viele herum und nachher hats wieder Menschen die sich
eine Lust draus machen ehrliche Leute anzuführen«
    »Warum wirds nicht« erwiderte etwas ärgerlich Leberecht »Der erste Bote
hat die Nachricht von PinkHeinrich selber und der weiß was er redt sonst
macht er lieber die Zähne nicht auseinander Wir aber Marie Eduard wir wollen
Gott danken dass es dahin gekommen ist denn nun gehen wir gewiss und wahrhaftig
besseren Zeiten entgegen«
    »Wers erlebt« seufzte Marie den schmerzenden Kopf immer in leise
schwingender Bewegung haltend
    »Nur nicht verzagt« ermahnte Leberecht die Kranke »Es ist mit der Not wie
mit Zahnschmerzen Auf einmal wenns recht entsetzlich gezogen und gestochen
hat hörts von selber auf und man fühlt sich wie neu belebt So wirds uns
gehen gebt acht Das Elend hat sein Tun aus wie wir sagen und kein Unglück
kann uns mehr was anhaben Schon die bloße Nachricht hat mich neu gestärkt und
frisch belebt und da Morgen Pauli Bekehrung ist und unser katholischer Herr da
nicht dreschen lässt will ich mich flugs aufmachen und ein paar Stunden weit
laufen um genauere Kundschaft einzuziehen«
    »O Jesus Christus« wimmerte Marie
    »Was hast Du Mutter« fragte Leberecht und setzte sich neben sie behutsam
seinen Arm um die vor Schmerz Zitternde legend
    »Mir ists als sollten mir die Augen aus dem Kopfe springen Nimm mir das
Tuch ab  es brennt mich wie glühende Kohlen«
    Leberecht entfernte die Binde und nahm die brennend heißen Leinwandflecken
von den entzündeten Augen Marie presste die Lider fest zusammen erst nach
einiger Zeit versuchte sie aufzublicken
    »Noch im Finsteren« sagte sie verwundert »Ich dächte doch Eduard hätte
gewirkt und sich zuvor Feuer angeschlagen«
    »Die Lampe brennt Mutter«
    »Wo denn«
    »Mein Gott keine drei Schritte von Dir Das Tuch hat Dich gedrückt«
    »Blinzle ein paar Mal« sagte Leberecht »das wird helfen«
    Marie drückte die schmerzenden Augen wieder fest zu und blickte dann mit
weit aufgerissenen Lidern um sich
    »Nicht wahr nun ists besser armeTaube«
    »Es ist noch immer finster«
    »Die Lampe Eduard Geschwind die Lampe«
    Der erschrockene Sohn sprang mit dem helllohenden Docht heran Leberecht riss
sie ihm aus der Hand und hielt sie dicht vor Mariens Augen Sie waren ganz
trocken und ein dicker grauer Schleier überzog die Pupillen
    »Siehst Du jetzt«
    »Nacht nichts als Nacht«
    »Barmherziger Gott« schrie Leberecht und ließ die Lampe fallen dass der
brennende Docht einige Garnflocken erfasste die Funken glimmend über die Stube
his unter die Webstühle liefen und in wenigen Augenblicken die Werften in helle
Flammen setzten
    »Also blind« jammerte Marie »Blind geworden von der nächtlichen Arbeit
bei der wir doch fast verhungert sind«
    »Feuer Die Stühle brennen« schrie Eduard der die aufschlagenden Flammen
zuerst gewahrte In der Angst stürzte er sich mit Ungestüm auf die Gewebe
schlug mit beiden Händen in die Flammen um sie zu dämpfen verschafte ihnen
aber dadurch nur noch mehr Nahrung Er fühlte nicht dass er sich furchtbar
verbrannte dass ihm die Haare auf dem Kopfe abfengten und die leckende Flamme
schon durch die Fensterritze an den Wänden hinaufschlug
    »Es ist keine Rettung« sprach Leberecht in verzweifelter Ruhe »Lass
brennen was mag Komm hilf uns die blinde Mutter retten«
    Eduard vermochte aber vor Schmerz keine Hand mehr zu rühren Er stieß nur
die Tür auf um den Vater mit der teuren Last hinaus zu lassen Dann stürzte
er nach ins Freie und warf sich heulend in den kalten flimmernden Schnee
    Die Glocken stürmten die Nachbarn eilten zum Löschen herbei aber Niemand
Niemand geedachte im Moment der Bestürzung der Unglücklichen Auf der Schwelle
des Nachbarhauses saß Leberecht und starrte in die Flammen seines gewesenen
Hauses Auf seinem Schoss hielt er die erblindete Marie die mit den
entzündeten trüben Sternen in die kalte Nacht lautlos hineinstierte Zu ihren
Füßen krümmte sich Eduard in wildem Schmerz die verbrannten Hände in seinen
Tränen badend
 
                                Viertes Kapitel
                                 Das Komplott
Zwölf Tage vor diesem traurigen Ereignisse das wir des Zusammenhangs wegen
schon jetzt unsern Lesern mitzuteilen für schicklich hielten und einen Tag
später als Adrian an seinen Bruder Adalbert schrieb flog ein einzelner
Schlitten durch die öde erstarrte Heide Der Lenker ein stattlicher Mann mit
blassem Gesicht und dünnem braunen Haar trug starke Fuchshandschuhe und war in
einen kostbaren mit feinem Zobel verbrämten Bärenpelz gehüllt Hinter ihm auf
der Pritsche die Füße in Pelzstiefeln steckend und ebenfalls hinlänglich gegen
die Kälte verwahrt saß der Kutscher oder Bediente oder was der Mann sonst etwa
noch vorstellen mochte
    Der einsame Schlitten glitt bisweilen über kleine Lichtungen auf welchen
Stangen mit Tafeln standen an denen man das Wort »Schonung« las Diese Tafeln
waren numerirt
    »Darauf gib Acht Jean« sagte der Mann im Schlitten auf die Stange mit der
Tafel zeigend »Schreib Dir die Nummer auf damit Du Dich später nicht
verirrst«
    Jean nickte mit dem Kopfe zog ein Taschenbuch hervor und notirte sich die
Nummerzahl des Pfahles mit der Tafel
    »Wenn Du Dich genau nach diesen Nummern richtest kannst Du nie fehlen
welche Kreuz und Querwege Du auch wider Willen einschlagen magst«
    Ein abermaliges Kopfnicken gab dem Leiter des Schlittens die Zustimmung
seines Dieners zu erkennen und in raschem Galopp jagte das feurige polnische
Gespann dessen brillantes Geschirr mit purpurnen Troddeln und Fransen reich
aufgeschmückt und mit silbernen melodisch gestimmten Schellen behangen war in
die windige Heide hinein
    Der geneigte Leser hat in diesen einsamen Reisenden bereits den Grafen
Adrian mit seinem stummen Kammerdiener erkannt Aber was sucht der kaum genesene
reiche Mann in dieser frostigen Wildnis die kaum im Sommer von wandernden
Köhlerbuben betreten wird Was sollen die Winke bedeuten die er seinem stummen
Vertrauten kalt und ernst gibt Um auf diese Fragen Antwort geben zu können
verlassen wir den im rauschenden Tannicht verschwindenden Schlitten und wenden
uns einer schon früher betretenen Gegend jetzt wieder zu
    In hohen Schneewehen mehr als zur Hälfte begraben ragen vier schwarze
rissige starke Mauern mit zerborstenen Fenstern hinter breitem Erdwall in die
Luft Die schräg liegenden Balken eines niedrigen Wetterdaches geben dem wüsten
Gemäuer einigermaßen ein gastliches Ansehen und eine Breterhütte auf der
Südseite von ziemlich hoher Planke umgeben und mit über einander geschichteten
Ästen und jungen Stämmen wie die Windbrüche des Herbstes sie niederwerfen in
dichten Wäldern geschützt zeigen an dass dieser entlegene Ort trotz seiner
schauerlichen Einsamkeit doch bewohnt ist Ein breiter und tiefer Fluss jetzt
mit dickem Eis und Schnee bedeckt krümmt sich in weitem Halbkreis um Hütte und
Mauertrümmer Auf dem hohen Uferrande desselben am Anfang der Waldwiese die
sich gegen Norden ausbreitete sieht man abermals eine der erwähnten Stangen mit
beschriebener Tafel
    Wir befinden uns in der Nähe des »Raubhauses« jener verfallenen alten Burg
welche ehedem dem »Fürsten der Heide« Hertas Vater zum Schlupfwinkel diente
Die größere Kultur der Forste und die vermehrten Kohlenbrennereien und
Teerhütten die neuerdings unter Adrians Herrschaft entstanden waren hatten
auch diesen versteckten und geflohenen Winkel der Heide bekannter und besuchter
gemacht und im Schutz der Mauertrümmer ein Schenkhaus für Köhler Kien Span
und Russhändler entstehen lassen dessen genügsamer Wirt sich leidlich nährte
Seit Jahresfrist gehörte Raubhaus und damit verbundene Köhlerkneipe zu den
Besitzungen Adrians
    Der Wirt dieser traurigen Waldschenke hatte in den früheren Jahren als
Reitknecht in Adrians Diensten gestanden durch einen unglücklichen Sturz mit
dem Pferde aber beide Hände gebrochen und war dadurch unbrauchbar zu jedem
Geschäft geworden Der Graf ließ ihn heilen gab ihm ein geringes Jahrgeld und
setzte ihn als Schenkhalter endlich in diese Haidekneipe Für diese gräfliche
Huld war der nunmehr Versorgte seinem großmütigen Gebieter sehr dankbar Adrian
konnte ihm blindlings vertrauen und Jussuff  so hatte ihn der Graf seines
gewaltigen Bartes wegen den er nach türkischem Schnitt zu tragen pflegte
getauft  Jussuff freute sich dem gnädigen Herrn gefällig sein zu können
    Vor drei Tagen hatte Jussuff in einem mehrere Stunden entfernt gelegenen
Kretscham wie Adrian ihm brieflich gemeldet einen fremden Mann gefunden
dessen Signalement ihn nicht täuschen konnte Nur sein widerlicher Begleiter
machte ihn anfangs stutzig da ihn jedoch der Fremde für seinen alten treuen
Knecht ausgab ließ er ihn unbedenklich den mitgebrachten Bauerschlitten
besteigen und brachte beide nichts weniger als freundlich aussehende Männer in
seine abgelegene betretene Behausung Als dies geschehen war tat er Adrian
vorschriftsmässig Meldung und ließ es den Fremden an nichts fehlen
    »Nun was hab ich gesagt alte Hyäne« rief KlütkenHannes seinem
scheußlichen Gefährten zu als Jussuff auf sein Geheiß vier Kannen glühenden mit
Zucker und Gewürz stark vermischten Branntwein den Unersättlichen ohne Widerrede
in ihre wohl verwahrte Bretterkammer trug »Heißt das nicht leben wie im
Feenmährchen Immer Tischlein deck Dich Krüglein füll Dich und nichts zu tun
Das ist prächtig Aber weißt Du was Blutrüssel ich glaube doch es ist der
Teufel der uns so kannibalisch füttert Wie«
    »Er wird Dich mästen wollen zum sechstausendsten Geburtstage seiner
Großmutter um Dich ihr als sündengespicktes Spanferkel zum Frühstück
vorzusetzen« grinste der ehemalige Räuber »Aber was tut das Friss nur immer
zu und sauf so lange der Magen vor Brandlöchern nicht in Stücke zerfällt Der
Teufel soll leben«
    »Und wers mit ihm hält hier und dort«
    Beide taten einen tüchtigen Zug aus den dampfenden Krügen und schnalzten
vor Wohlbehagen mit den Zungen
    »Bin doch neugierig wie lange das Satansfest dauern wird« sagte
KlütkenHannes »Verflucht wärs wo wir hier in dieser Bude in Schnee und Eis
vergraben sitzen bleiben müssten und Niemand als unser lahmer Wirt sich um uns
kümmerte«
    »Du hast ja noch Geld«
    »Noch dreihundert Mark«
    »Dann scher ich mich um Niemand Ich bin hier bekannt Hannes denn ich
sitze hier auf meiner hohen Schule und lässt man uns im Stiche so krieche ich
in die alten Gewölbe hier unter uns suche eine alte Laterne und ein paar Dolche
zusammen und schlage mich mit Dir durch Dick und Dünn bis an einen Ort wos uns
gefällt«
    »Morgen früh hat mir Jussuff vornehmen Besuch angekündigt« sagte
KlütkenHannes etwas nachdenklich »Was würdest Du tun wenns nun wirklich so
ein Stück vom Teufel wäre«
    »Fluchen und lästern«
    »Warum«
    »Das machte ihn guter Laune denn s ist ja sein Geschäft«
    »Schade dass es kein Mädel hier gibt«
    »Ha Dein Töchterchen« rief Blutrüssel zähnefletschend »Ich sage Dir
Hundesohn es war dumm von Dir das blanke Ding mit dem jungen Laffen fortziehen
zu lassen Das wäre hier eine Taube für ein Teufelsgericht Wir selbst rupften
ihr die Federn aus was«
    »Mir Alles gleich« hohnlachte der verwilderte KlütkenHannes »Mädel ist
Mädel und wenn mir der Teufel immer genug Geld satt Branntwein und fette
Bissen zuwirft so viel ich verlange tu ich ihm einen Gefallen beim
brennenden Höllenpfuhl Es kann doch weiter nichts kosten als die Seele Die
Seele aber ist Luft blauer Dunst siehst Du alte Hyäne und das hat kein
Gefühl das Also mag es schmoren meinetwegen zehn tausend Millionen Jahre«
    »Aufs Wohlergehen Deines Schmorbratens« wieherte Blutrüssel stieß an mit
KlütkenHannes und beide tranken den Höllensoff bis ihnen die stieren Augen
übergingen
    »Noch eine Kanne Jussuff« brüllte der Mörder Johannes sein Herr und
Meister fiel ihm aber ins Wort und sagte
    »Halt Nimmersatt Das Befehlen ist gegen die Abrede weißt Du Ich bin
Gebieter Du bist Knecht und wenn ich will legst Du Dich vor die Tür und
bellst oder heulst auf mein Kommando Verstanden Zähnefletscher «
    Blutrüssel rollte seine vorstehenden Augen wie Feuerräder ballte die Faust
gegen seinen Herrn schwieg aber doch
    »Ich will mir nicht den Verstand versaufen« fuhr KlütkenHannes fort
»damit ich frisch bin wenn mein großmütiger Freund und Gönner mich besucht
Ein vernünftiger Herr aber kann kein unvernünftiges Vieh zum Diener brauchen
siehst Du Also couche und verschnarche den Höllenbräu den Du angegeben hast
Mich brennen die Eingeweide als hätt ich glühendes Blei hinuntergeschüttet
Gott verdamm mich«
    So fluchend warf sich Elwirens unwürdiger Vater auf die Streu zog die Kotze
von Pferdehaaren über sich und fiel bald in dumpfen Schlaf
    Blutrüssel blieb noch geraume Zeit am Zechtisch sitzen und stierte bald in
den sprützelnden Docht der Tranlampe bald warf er gehässige wilde Blicke auf
den schlafenden Hannes Endlich schob er den Schemel zurück und stand auf
Scheusslich rollten die großen weissgelben Augäpfel unter seiner niedrigen Stirn
die spitzen Wolfszähne klappten ein paar Mal heftig auf einander als seien sie
begierig nach Frass Dann fuhr er jäh in die Seitentasche seiner Jacke ein
langer spitzer Stahl funkelte in der hochgeschwungenen Rechten und mit lautlosem
Sprunge am Lager des dumpf und fest schlafenden KlütkenHannes niederkauernd
streifte die scharfe Klinge schon den starken geschwollenen von dicken blauen
Adern durchzogenen Hals des Sorglosen Doch eben so schnell zog er die Mordwaffe
wieder zurück und ließ die Hand sinken
    »Noch nicht« murmelte er finster und seine abschreckenden Züge
überschauerte ein herzloses Hohnlächeln »Ich will warten bis morgen und
horchen was man verlangt was man bietet Erst Geld dann Blut  So hielt
ichs mit seinem Vater dem fanatischen Tugendhelden als er geizig und
hochmütig ward so will ichs auch mit dem verlorenen Söhnchen halten das in
meiner Schule ein allerliebstes Mutterfrüchtchen geworden ist  Ha ha ha
ha« lachte der Mörder leise durch die Zähne »welche Freude würde die Alte
haben die in ihren guten Tagen weiß Gott ein wahres Grafenessen war träte
ihr das wohlgeratene Söhnlein im schönsten Aufputz der triumphirenden Hölle
unter die Augen s wär mir ein Labsal bei allen Todsünden und wüsst ichs
dahin zu bringen so spielt ich noch Trumpf aus mit Satan um das nächste
Schaltjahr«
    Während der Verworfene dieses Selbstgespräch hielt hatte er den Stahl
wieder sorgfältig verborgen und sich in kaum fussbreiter Entfernung von dem
sorglos schlafenden KlütkenHannes ebenfalls auf die Streu niedergestreckt Der
heiße Branntweindunst und die Gewohnheit sich an den verruchtesten
Phantasiebildern zu laben wiegten auch diesen Sohn der Hölle in festen
traumlosen Schlummer 
    Die Betäubten schliefen noch als Adrians Schlitten am andern Tage ziemlich
zeitig an der Köhlerschenke hielt
    »Alles in Ordnung« fragte er Jussuff nur die gerötete Nasenspitze aus
seinem Pelz hervorsteckend
    »Zu Ew Gnaden Befehl Aber «
    »Aber«
    »Ich hab ihrer zwei gefunden Ew Gnaden«
    »Sind sie munter«
    »Wie ein paar Teufel Von früh bis in die Nacht nichts wie Lärmen Fluchen
Saufen mit Ew Gnaden Erlaubnis«
    »Schon gut Du hast es ihnen doch an nichts fehlen lassen«
    »Im Gegenteil Sie empfingen Speis und Trank im Überfluss Sechs Menschen
könnten bequem vier Tage von dem leben was diese beiden Haifische in einem Tage
vertilgen Sie sehen aus verzeih mirs Gott wie entsprungene
Galeerensclaven«
    »Desto besser Wo hast Du sie untergebracht«
    »Sie schlafen noch gnädigster Herr Der Branntweinpunsch von gestern Abend
wird ihnen zu Kopfe gestiegen sein«
    »Wecke sie ich werde warten Und ist derjenige welcher sich KlütkenHannes
nennt nicht vollkommen nüchtern so begiesse ihn so lange mit frischem Wasser
bis er seinen Verstand vollkommen beisammen hat Wer ist sein Begleiter«
    »Ein grauhaariger Schelm Ew Gnaden mit blutroter langer Nase und
Krokodilsaugen Ew Gnaden Empfohlener heißt ihn seinen Diener sie dutzen sich
aber wenn sie allein sind wie Holzhauer«
    Adrian gab Jussuff durch einen Wink zu erkennen dass er genug wisse und
befahl nochmals den fremden wüsten Gast zu wecken
    Nach einiger Zeit vernahm er ein heiseres Husten und raues Flüstern
Jussuff kam zurück und zeigte seinem Gebieter an dass der Fremde ganz fest auf
den Beinen stehe und sehr begierig auf den Besuch des Herrn sei
    »Den angeblichen Bedienten hab ich abtreten lassen« fügte er hinzu
    »Ich lobe Dich mein Getreuer« sagte Adrian und folgte dem Wirte in die
abgelegne Kammer
    KlütkenHannes saß sein aufgedunsenes Gesicht in die linke Hand gestützt
am Tische dessen Platte noch klebrig war von dem verschütten Getränk der
vergangenen Nacht Da er auf sein Äußeres nicht eitel war hingen ihm
Strohhalmen in dem borstigen ungekämmten Haar und Gesicht und Hände waren mit
widerlichen Schmutzflecken bedeckt Bei Adrians Eintritt der sich durchaus als
vornehmer und gebietender Herr zeigte stand der Trödler auf und versuchte seine
beste Verbeugung
    »Habe ich das besondere Vergnügen mit Herrn Johannes Klütken aus Hamburg zu
sprechen« fragte Adrian mit großer Freundlichkeit
    »Sie haben dies Vergnügen mein sehr werter Herr« erwiderte
KlütkenHannes seinerseits ebenfalls eine herablassende Miene annehmend denn
er sah wohl dass er es mit einem hochgestellten mächtigen Herrn zu tun hatte
    »Kommen Sie in Folge eines mit a  n unterzeichneten Briefes dem tausend
Mark in Anweisungen beigefügt waren an diesen Ort«
    »Tausend Mark ganz recht  meine Schulden habe ich bezahlt auf Schilling
und Grote  bin gereist habe mir nichts abgehen lassen und da sitze ich nun
mit noch gut gespicktem Sacke«
    »Dürfte ich um jenen Brief ersuchen«
    »Herr« sagte KlütkenHannes sein Gesicht zu einem bedenklichen Lächeln
verziehend »ganz werde ich das Schreiben nicht mehr zusammen bringen Es hat
sich zerrieben in der Tasche«
    Er suchte indes und brachte nach einiger Zeit einen zerknitterten Fetzen von
Adrians Briefe hervor Der Graf warf nur einen flüchtigen Blick darauf um sich
von der Identität desselben mit seinen Schriftzügen zu überzeugen Als er diese
erkannt hatte sagte er
    »Ich danke Ihnen mein sehr lieber Herr Reichen Sie mir jetzt die Hand und
lassen Sie uns im Vertrauen ein ernstes Wort sprechen«
    KlütkenHannes streckte tölpisch seine ekelhafte Rechte dem Grafen entgegen
welche dieser mit einiger Scheu leis drückte Dann setzte er sich dem Trödler
gegenüber auf demselben Schemel den Abends vorher der Räuber und Mörder
eingenommen hatte
    »Können Sie schweigen Herr Klütken wenn man Sie gut dafür bezahlt«
    »Wie das Grab«
    »Auch wenn Sie  durch den Genuss geistiger Getränke in heitere Laune
versetzt werden«
    »Dann knüpfe ich mir einen Knoten ins Gedächtnis und über den kommt kein
Geheimnis und wärs ein Vatermord«
    »Sie sind gegenwärtig ohne Beschäftigung Ihr eigener Herr«
    »Mein Geschäft ist gut essen und trinken nichts weiter«
    »Sie würden also gern und mit Eifer ein Geschäft für mich ausführen immer
vorausgesetzt dass man Sie reich dafür bezahlt«
    »Bin nicht heikel mein sehr verehrter Herr Was es auch sei für Geld tu
ich Alles«
    »Demnach würden Sie auch Verrat üben für Geld«
    »Verrat Vielleicht wenn man mich königlich belohnte«
    Bei dieser Wendung des seltsamen Gesprächs zeigten sich die Augen
Blutrüssels den Jussuff in einen Verschlag neben der Kammer geführt hatte an
einem zersprungenen Kieferbrett Stier und blutgierig funkelnd hafteten sie auf
der vornehmen Gestalt des Grafen
    »Sie haben dies nicht zu befürchten Herr Klütken« erwiderte Adrian
lächelnd auf diese Bemerkung »Ich betrachte Sie vorläufig als in meine Dienste
getreten und da ich weder ein König noch ein Fürst bin sondern bloß ein
vermögender Mann der von zahllosen Feinden umringt ist und schmachvoll verfolgt
wird so bin ich im Begriff Sie mit Überwachung derer die ich Ihnen als meine
erbittertsten Feinde bezeichnen werde zu beauftragen Dünkt Ihnen dies ein Amt
das Ihre Kräfte übersteigen wird«
    »Ich halte mich dessen im Gegenteil vollkommen gewachsen«
    »Zur Bestreitung aller dabei vorkommenden nötigen Ausgaben etwaiger
Reisen Traktamente usw biete ich Ihnen einen monatlichen Gehalt von zwei
hundert Talern an Glauben Sie damit zu reichen«
    »Zwei hundert Taler« murmelte mit schlecht verborgener Freude welche dem
Grafen nicht entging der überraschte Trödler »Ich  ich will es  wenigstens
damit versuchen Geht es nicht «
    »So erhalten Sie Zuschuss das versteht sich Wir sind also einig«
    »Vollkommen vollkommen« sagte KlütkenHannes sehr eilig »Aber das
Geschäft«
    Adrian kehrte sich um und ließ seine scharfen Blicke rund um die
Bretterwände laufen Blutrüssels glotzende Augen verschwanden an dem gespaltenen
Brett Zufrieden mit seiner Musterung wendete sich der Graf wieder zu seinem
angeworbenen Helfershelfer und beugte sich über den Tisch
    »Dämpfen wir unsere Stimmen etwas« sagte er bedeutungsvoll lächelnd »Dünne
Wände pflegen Ohren zu haben und ich möchte nicht gern dass unser intimes
Gespräch zur Kenntnis Vieler käme  Empfangen Sie vor Allem« fuhr er flüsternd
fort indem er ein Packet aus seinem Pelze zog die Vorausbezahlung für den
ersten Monat und nun merken Sie wohl auf Von morgen an haben Sie zu Fuß oder
zu Schlitten wie es Ihnen bequem ist diese Heide zu durchwandern bis an den
See von Boberstein Sie erkennen ihn an der großen Spinnfabrik die sich
inmitten desselben auf einem Felsen erhebt Um den See zieht sich ein Dorf in
dem es ein einziges Wirtshaus gibt Dies Wirtshaus besuchen Sie des Abends um
die daselbst einkehrenden Gäste kennen zu lernen Geben Sie Acht auf die
Gespräche derselben und merken Sie sich diejenigen genau welche dem Besitzer
der Fabrik alles nur denkbare Böse wünschen Vor Allem suchen Sie mit einem
schwarzhaarigen großen und starken Manne bekannt zu werden der Martell heißt
und sich einbildet der eigentliche Besitzer der genannten Fabrik zu sein Er
trinkt gern mithin 
    »Soll er trinken auf meine Kosten bis er sich den Verstand versäuft«
    »Sie besitzen einen bewunderungswürdigen Scharfsinn mein Herr« fuhr Adrian
mit seinem gewinnendsten Lächeln fort »Indes ein starker an Branntwein
gewöhnter Mensch verträgt sehr viel wie Sie wissen «
    »Teufelmässig viel ich weiß es«
    »Es wird daher zweckmäßige sein dass man die Wirkung des Getränkes zu
verstärken sucht durch Anwendung eines unschädlichen Mittels das ich Ihren
Händen hiermit anvertrauen will«
    Ein zweites wohl versiegeltes Packet fiel neben KlütkenHannes auf den
Tisch Immer flüsternd fuhr Adrian fort
    »Von dem darin entaltenen Pulver lassen Sie unvermerkt bloß einige Körnchen
in jedes Viertelmass gleiten das Martell und seine guten Freunde leeren Die
Gelegenheit werden Sie wohl abzupassen verstehen dafür bürgt mir Ihre
Gewandtheit und die Liebe zum Leben Denn wohl zu merken schöpfte man Verdacht
so könnte man sich Ihrer bemächtigen was unangenehme Folgen für Sie haben
würde Also Vorsicht mein Herr Gewandtheit und Ausdauer«
    »Stirbt man von diesem Pulver« fragte KlütkenHannes gelassen indem er
eifrig daran roch
    »Man stirbt davon wenn man viel auf einmal genießt man welkt aber bloß
hin wenn man zur Delicatesse nur davon kostet Meinen Feinden in geringen
Dosen aber häufig diesen delicaten Genuss zu verschaffen wird also die Aufgabe
Ihres jetzigen Wirkens sein Drei bis vier Monate dürften hinreichen Ihr Werk
mit gutem Erfolg zu krönen Sie haben mich doch verstanden«
    »Sehr genau mein werter Herr Und Sie haben Ihre Großmut an keinen
Unwürdigen verschwendet«
    »Dessen war ich gewiss Aller acht Tage kehren Sie hierher zurück auf eine
Nacht Sie werden dann einen Boten von mir finden dem Sie über Ihr Wirken und
die erlangten Resultate Bericht erstatten Diese Berichte setzen Sie regelmäßig
fort bis wir uns persönlich wiedersehen Sie haben nichts zu befürchten für
Ihre Sicherheit so lange Sie klug handeln Ist geschehen was ich beabsichtige
so gehen Sie wieder nach Hamburg oder verlassen doch diese Gegend Für
Anerkennung Ihrer mir geleisteten Dienste erhalten Sie jährlich eine Pension von
tausend Mark immer vorausgesetzt dass Sie schweigen können Sind Sie damit
zufrieden«
    »In meinem Leben macht ich kein besseres Geschäft« rief KlütkenHannes
aus sich vor Freude die Hände reibend »Ich bin Ihr blind ergebener Knecht und
wenns mich an den Galgen bringt Hier meine Hand drauf und der Teufel soll
mich lebendig statt Zuckerkant auffressen wenn ich nicht Wort halte«
    »Gut« sagte Adrian trocken »Wie ich höre haben Sie einen Bedienten
Können Sie sich auf den Menschen verlassen«
    »Wie auf mich selbst«
    »Ich wünsche ihn zu sehen«
    Als Adrian diesen Wunsch äußerte verschwanden blitzschnell die glühenden
Augen Blutrüssels am Spalt des Kieferbrettes KlütkenHannes rief nach dem
Wirte und befahl seinen Bedienten eintreten zu lassen
    Zögernd erschien die abschreckende Gestalt des Mörders an der Tür Er
blickte dem Grafen tückisch und hohnlächelnd in das bleiche vom Pelz fast ganz
wieder verdeckte Gesicht Adrian richtete kein Wort an den Abscheulichen Er
begnügte sich einen kalten Blick über ihn gleiten zu lassen worauf er
KlütkenHannes höflich grüßte und eilig Kammer und Bretterhütte verließ
    Ein paar Minuten später lauteten wieder die silbernen Schellen und
verklangen im Walde Auf dem Heimwege begegnete Adrian einem seine Bahn
kreuzenden Schlitten Er erkannte Sloboda und den Maulwurffänger die in raschem
Trabe an ihm vorüberflogen Der Wind jagte ihm von dem Schlitten der Begegnenden
einen gedruckten Bogen zu der an einer Branke des Bärenfelles das Adrians Füße
schützte hängen blieb
    KlütkenHannes und Blutrüssel standen einander lange Zeit sprachlos
gegenüber dann fielen sie fast zugleich in ein krampfhaftes Lachen von dem sie
sich nur erholten um die am Abend vorher abgebrochene Lebensweise sogleich
wieder fortzusetzen
 
                                Fünftes Kapitel
                               Das Wiederfinden
Adrian griff mechanisch nach dem im Winde flatternden Papier und warf
gleichgiltige Blicke darauf Es war eins jener kleinen von dem Landvolke viel
und eifrig gelesenen Wochenblättchen die neben einer Menge gerichtlicher
Vorladungen obrigkeitlicher Bekanntmachungen und Anzeigen anderer Art die
neuesten Zeitereignisse in dürftigstem Auszuge enthalten Der reiche Mann nahm
in der Regel nie ein solches Blatt in die Hand da er die bedeutendsten und
einflussreichsten Zeitungen des In und Auslandes schon aus Spekulation selbst
hielt und daher immer sehr wohl unterrichtet war von Allem was in der Welt
vorging Schon wollte er das Blättchen dem Winde wieder Preis geben als er
gegen das Ende hin mit etwas größerer Schrift und in schief stehenden Lettern
wie sie als etwas Neues damals gerade erst aufgekommen waren das Wort »Aufruf«
las Dies veranlasste ihn doch zu genauerer Betrachtung und mit einiger
Verwunderung las er
    »Diejenige Person welche den Namen Maja Pisom als Geburtsnamen führt in
dem Haidedorfe E am 13 Februar 1791 zur Welt gekommen ist und mithin zur Zeit
ein Alter von beinahe zwei und vierzig Jahren erreicht hat sich auch vor Andern
durch ein purpurrotes Muttermal an ihrer linken Schläfe in Gestalt eines
kleinen Sternes auszeichnet wird hierdurch dringend aufgefordet ihren
gegenwärtigen Wohnort anzuzeigen oder sich persönlich im Hause des
Maulwurffängers Heinrich zu B so bald als möglich einzufinden da man ihr eine
höchst wichtige Mitteilung zu machen hat«
    »Was soll das nun wieder heißen« murmelte Adrian vor sich hin indem er das
Wochenblatt zusammenfaltete und zu sich steckte »Zu welchem Zweck verlässt
dieser intriguante alte Mann einen so dringenden Aufruf und wer mag jene Maja
sein Maja Maja Pisom Dieses Namens kann ich mich nicht erinnern Unter meinen
Arbeitern wäre sie demnach wohl kaum zu suchen  Aber einen Grund muss der
Aufruf doch haben Und der verschlagene alte Schlaukopf ist sicherlich dabei
beteiligt  Dahinter muss ich kommen und das bald  Wahrhaftig es täte Not
dass man sämtliche Arbeiter wie die Neger oder wie das liebe Vieh mit eigenen
Augen besichtigte um sich die besonderen Kennzeichen jedes Einzelnen
gewissenhaft zu notiren Ich werde mich sogleich erkundigen und merke ich
Unrat die so Gezeichnete ohne Weiteres entfernen Der malitiöse Bursche soll
nicht allein und nicht immer truimphiren«
    Mit dieser Aufforderung hatte es folgende Bewandtnis
    Als unsere Freunde das Sterbebett der alten Maja verließen drangen sie tief
in die Heide ein um den Geburtsort von Haideröschens Tochter aufzusuchen Es
war dieser kein eigentliches Dorf bloß ein paar zerstreut stehende Häuser wie
man sie häufig in jenen endlosen Wäldern findet und mit dem prunkenden Namen
eines Dorfes bezeichnet bildeten es Auf seinen Wanderungen hatte der
Maulwurffänger auch diesen versteckten Ort mehrmals betreten und wollte sich
jetzt erinnern dass ihm vor vielen Jahren ein sehr hübsches Mädchen um ein
Almosen gebeten habe an deren linken Schläfe er das erwähnte Muttermal bemerkt
zu haben vorgab Auch behauptete er zuversichtlich die hübsche Bettlerin habe
sich Maja Pisom genannt Wie es nun häufig zu gehen pflegt dass der Suchende
wirklich zu finden glaubt so meinte auch PinkHeinrich das Mädchen sei ihm
gleich damals durch eine Ähnlichkeit aufgefallen wozu er das Original lange in
seinem Gedächtnis vergeblich gesucht habe nun aber stehe dasselbe lebhaft vor
seiner Seele und er wolle darauf einen körperlichen Eid ablegen dass jene Maja
dem verstorbenen Haideröschen in Haltung und Gesichtsbildung sehr ähnlich
gewesen sei
    Alle Nachfragen blieben jedoch ohne Erfolg Die gegenwärtigen Bewohner des
Ortes waren zum Teil nicht einheimisch daselbst sondern vor wenigen Jahren
erst aus andern Haideorten hergezogen Von jener Maja wusste Niemand etwas
    Unter diesen Umständen blieb den Suchenden nichts weiter übrig als ein
öffentlicher Aufruf in den gelesensten Blättern Dies sind für den Bauer und
Landmann die Wochenblätter und amtlichen Anzeiger kleiner Städtchen weshalb der
Maulwurffänger nur diese als geeignet für den zu erreichenden Zweck vorschlug
Er selbst sorgte für zahlreiche Verbreitung derselben in allen Haidedörfern
indem er die Kolporteure und Herumträger dieser Blättchen anwies sie in den
meisten Häusern unentgeltlich abzugeben Man hatte den Drucker freigebig bezahlt
und eine größere Auflage als gewöhnlich davon abziehen lassen Wo PinkHeinrich
am ehesten die Gesuchte zu finden oder doch eine Spur von ihr entdecken zu
können glaubte da eilte er in seinem Rennschlitten von Sloboda begleitet
überall selbst hin verteilte die Blätter und suchte die Aufmerksamkeit und
Teilnahme des armen Volks zu erwecken Von einem dieser Streifzüge
zurückkehrend begegnete er dem Grafen dessen seltsame Liebhaberei auf
ungebahnten Pfaden so früh am Tage die Heide zu durchstreifen ihm auch
verdächtig vorkam
    Kaum war daher Adrians rascher Schlitten hinter den beschneiten Stämmen
verschwunden so ließ der Maulwurffänger halten
    »Was runzelst Du die Stirn« fragte ihn der Pferdelenkende Sloboda
    »Freund Jan lass uns umkehren« versetzte PinkHeinrich »Die Spazierfahrt
des Herrn am Stein hat was zu bedeuten ich wette Er ist viel zu verweichlicht
als dass er um nichts und wieder nichts seine gesteppten Seidenmatratzen von sich
würfe und bei solchem Frost mutterseelen allein in die tiefste Heide führe Es
hat das einen Grund und zwar einen gewichtigen Komm also Alter lass uns seiner
Fährte folgen und nachspüren woher er kommt wo er gewesen ist«
    Dies war eine leichte Aufgabe Der gefrorene Schnee zeigte sehr deutlich die
Geleise des Schlittens so dass unsere beiden wackeren Alten ohne Mühe bis vor die
Tür der Köhlerschenke im Schutze des Raubhauses gelangten
    »Also hier hat der Herr Graf gefrühstückt« sagte der Maulwurffänger
lächelnd »Das sieht ja beinahe aus wie ein Wink des Schicksals Wie wäre es
Jan wenn wir die Überreste des hochgräflichen Frühstücks kosteten Ich
verspüre meiner Six Hunger und der Schornstein der verräucherten Bude dampft
gar so einladend«
    Sloboda hielt die Pferde an und alsbald saßen die Freunde in Jussuffs
Schenkstube tranken gemeinschaftlich ein Glas Branntwein und ließ sich
frisches Schwarzbrod mit geräuchertem Speck vortrefflich schmecken Während
dieses Morgenimbisses vernahmen sie manchmal wie aus dem Walde hereinschallend
ein heiseres Lachen dem das Klirren zusammengestossener Gläser folgte
PinkHeinrich winkte dem Wenden heimlich und wandte sich an Jussuff
    »Bei Euch gehts wohl um« fragte er sich Feuer anschlagend »Ich hab
immer gehört beim Raubhause sollt es nicht geheuer sein Es ist viel Blut hier
herum vergossen worden in alten Zeiten«
    »So lange ich hier schenke ist mir nichts vorgekommen alter Vater Woher
des Landes«
    »Aus dem Gefilde mein Lieber Aber ich bitt Euch steckt mir ein büchen
Spänl an sonst muss ich pinken bis zu Lichtmess Der Schwamm hat angezogen in der
kalten Luft«
    »Es hat wohl nicht viel Einkehr« sagte Sloboda während Jussuff einen
lichterloh brenneden handbreiten Buchenspan dem Maulwurffänger brachte womit
dieser in größter Seelenruh seine Maserpfeife anzündete
    »Je nun gar stark gehts freilich nicht bei so hartem Frost Ab und zu
verlaufen sich doch ein paar Strolche im Walde und die lassen dann was mehr
aufgehen als unsere gar zu genauen Köhler und Torfgräber«
    
    »Gelt Ihr habt ein paar solche Goldfinken grade heut irgendwo eingesperrt
damit sie Euch nicht davon fliegen«
    »Pst« erwiderte Jussuff erschrocken auf diese lächelnd getane Frage des
Maulwurffängers denn er besorgte irgend ein Unglück wenn diese beiden so
würdig aussehenden Männer mit jenen verruchten wüsten Säufern zusammenkämen
über deren Verkehr mit seinem Gebieter er sich schon gewaltig den Kopf
zerbrochen hatte »Pst Es sind ein paar Betrunkene die mir Alles in Grund und
Boden schlagen wenn ich sie aus ihrer Klause herauslasse Sie haben einiges
Geld bei sich  Gott mag wissen obs ehrlich erworben ist  und spielens
einander jetzt bei der Flasche ab s Liegt mir weiß Gott nichts an solchem
Besuch aber Ihr wissts ja ein armer Schenkhalter muss halt die Groschen
mitnehmen wo er sie findet Ist die Zeit um will der Pacht auch bezahlt sein
und da wird keine Rücksicht genommen auf einen verkrüppelten Mann«
    »Wem seid ihr denn untertänig«
    »Dem reichen Herrn am Stein eigentlich Herrn Adrian Grafen von Boberstein
aber er hats nicht gern wenn ihn ein armer Mann so nennt dass es die Leute
hören«
    »s Ist ein Sonderling hört man sagen und das muss wohl auch sein sonst
würde er nicht sein zierliches Haus verlassen und in solch einer Hütte einen
schlechten Schnaps trinken«
    Jussuff warf dem Maulwurffänger einen lauernden Blick zu dieser ließ sich
aber nicht im geringsten dadurch stören sondern versetzte ganz gelassen »Wir
begegneten ihm eine halbe Stunde von hier Er musste es sehr eilig haben denn er
jagte verteufelt wild in den Wald hinein Vermutlich waren ihm die lustigen
Säufer ein Greuel die jetzt wieder anfangen einen Höllenspektakel zu
verführen Da Ihr behauptet sie wären streit und zanksüchtig und wir beiden
Alten grade nicht von der herzhaftesten Menschensorte sind so wollen wir doch
wieder aufbrechen Was macht die Zeche«
    Froh die unwillkommenen Gäste so bald los zu werden forderte Jussuff eine
sehr geringe Summe Während Sloboda einen kleinen Lederbeutel zog und bezahlte
stieß der Maulwurffänger die Tür auf In demselben Augenblicke prallte schief
über eine zweite starke Brettertür auf und taumelnd wankten unter Lachen und
Fluchen die unheimlichen Gäste Jussuffs an ihm vorüber Es war zu dunkel um die
Gesichtszüge der Trunkenen erkennen zu können PinkHeinrich erhaschte daher nur
einen unklaren Schattenriss von ihnen der indes vollkommen genügte ihm die
Überzeugung beizubringen dass diese unheimlich wüsten Menschen in irgend einer
Verbindung mit Adrian stehen müssten welche seinen Freunden verderblich werden
solle
    »Duldet es Herr am Stein dass Ihr solchen wüsten Gesellen Obdacht gebt«
fragte er Jussuff Dieser stotterte und wusste nicht was er antworten sollte
    »Da könnt ich Euch schön in die Patsche bringen« setzte PinkHeinrich
lachend hinzu »wenn ich ein schlechter Kerl sein wollte Ich kenne Herrn am
Stein ging ich nun zu ihm und verriet es dass Ihr arges Spitzbubengesindel
beherbergt so setzt er Euch gewiss aus dem Pacht denn s ist ein gestrenger
Herr wenn er gereizt wird«
    »Still doch still« raunte ihm Jussuff vertraulich zu »Er weiß es ja dass
die Schelme da saufen und fressen aber er will nicht dass die Schälke seinen
Namen erfahren Nun Ihr versteht mich doch Alter Reinen Mund ich bitte«
    »Das ändert die Sache« erwiderte munter lachend der Maulwurffänger »Ich
bin kein Spassverderber und große Herren ich weiß haben zuweilen auch ihre
schwachen Stunden Gott behüt Euch und gute Einkehr«
    »Jetzt müssen wir auf unsrer Hut sein Freund Jan« sprach der
Maulwurffänger sehr ernst zu seinem Begleiter als der Schlitten wieder einsam
unter den schneebehangenen Tannen fortglitt Die beiden Kerle deren Fratzen ich
leider nicht gesehen habe führen sicher nichts Gutes im Schilde und ich will
keinen Maulwurf mehr fangen wenn Adrian sie nicht besoldet
    Sloboda teilte die Meinung seines Freundes doch hielt er es für klug sich
zu stellen als wisse man nichts Deshalb schlug er auch vor ihren Freunden
diese zufällig gemachte Entdeckung vorläufig noch ganz zu verschweigen damit
wenn Adrian wirklich etwas Unerlaubtes oder gar Verbrecherisches beabsichtigen
sollte die versuchte Tat laut gegen ihn zeuge und ihn unrettbar ins Verderben
stürze 
    Sehr früh am Morgen dieses Tages zum Teil auch schon am Abend zuvor war
von den gewöhnlichen Kolporteuren und Herumträgern das Wochenblatt mit dem
Aufruf in vielen Ortschaften ausgegeben worden Man kann annehmen dass seis
aus übertriebener Sparsamkeit die namentlich für gedrucktes Papier nicht gern
Geld ausgibt seis aus Mangel an klingender Münze die meisten Ortschaften
selbst wenn sie stark bevölkert sind sich mit drei bis vier Exemplaren eines
derartigen Blattes begnügen Obwohl jede einzelne Nummer mit höchstens sechs
Pfennigen vom Herumträger gekauft wird treten doch immer zwanzig und noch mehr
Familien zusammen um ein Exemplar gemeinschaftlich zu bezahlen bei denen es
dann Reih umgeht und oft erst nach mehreren Tagen in die Hände des Letzten
fällt Der jedesmalige Käufer hat allemal das Recht es zuerst zu lesen 
    Auch in den Haidedörfern war diese Sitte Geld zu sparen allgemein
verbreitet Der Maulwurffänger dem solche Kleinigkeiten auf die so leicht
Niemand achtet niemals entgingen und der in wohlhabenderen Ortschaften auch
häufig über gräuliche Knauserei spottete hatte dies wohl in Überlegung
gezogen Blieb man dem Herkommen treu so konnten Tage vergehen ohne dass irgend
Jemand den Aufruf sah und las denn leider hielt man zwar das Blättchen sah
aber nicht hinein Es musste daher das achtlose stumpfsinnige Volk gleichsam mit
Gewalt zu Ansicht des Wochenblattes gezwungen werden Dies konnte nur durch
unentgeltliche Verteilung und durch besonderen Hinweis auf etwas
Beherzigenswertes das darin enthalten sei geschehen und darum ergriff unser
Freund dies sicherste und kürzeste Mittel
    Während er die in der Nähe Bobersteins und des Zeiselhofes gelegenen Dörfer
Höfe und Vorwerke den Landboten überließ durchstrich er selbst mit Sloboda die
fern gelegenen Orte in der Heide auf flüchtigem Schlitten Sie hatten einen
weiten Weg zu machen so dass es schon dunkelte als sie ermüdet und durchfroren
dem Dorfe am See sich wieder näherten Hier gedachten sie zu übernachten und am
andern Morgen nach B aufzubrechen um dort in der Behausung des Maulwurffängers
die Folgen des Aufrufes gelassen abzuwarten 
    Über den Schornsteinen der Fabrik lag eine breite Schicht schwarzen
Rauches als sie aus dem Hochwald in die niedrige Heide kamen wo vor zwei und
vierzig Jahren der furchtbare Brand gewütet hatte Die Lichter des Dorfes
flimmerten trüb durch das hängende Gezweig während über den leis schwankenden
Wipfeln die breiten flammenden Fensterreihen der colossalen Fabrik gleich einem
prachtvollen Feenschloss aufleuchteten Der Luftzug wehte bisweilen das dumpfe
Surren der tausend und aber tausend Räder herüber über See und Wald
    In unmiltelbarer Nähe des Dorfes bemerkten die Reisenden eine ungewöhnliche
Bewegung unter den Einwohnern desselben Truppweise eilten die Männer dem
Hauptverbindungswege zu nach welchem auch der Schlitten unserer Freunde einbog
um den Kretscham zu erreichen wo sie übernachten wollten Nicht gar fern von
diesem in einer schmalen Seitengasse wenn man einen unebenen gewundenen Weg so
nennen darf lag Martells Hütte und drei Häuser weiter die noch ärmlichere
Wohnung des Spinners Simson dessen Kind am Sylvesterabend aus Mangel an Nahrung
gestorben war
    Nach dieser schmalen jetzt spiegelglatten Gasse drängte sich ein Haufen
durcheinander sprechender Menschen Unsere Freunde besorgten es möge sich
abermals ein Unglück vielleicht wohl gar ein Selbstmord zugetragen haben und
trieben ihr schnaubendes Pferd grade darauf zu Die Einwohner des Dorfes waren
übrigens so ungewöhnlich aufgeregt dass sie bisher durchaus nicht auf den
heranschellenden Schlitten geachtet hatten An der Gasse angekommen fanden
unsere Freunde dieselbe von Menschen verstopft Sie mussten notgedrungen halten
und der Maulwurffänger stieg aus
    »Aber so sagt mir doch Kinder« rief er zutraulich ein paar junge Bursche
an die sich auf die Zehen hoben und mit langen Hälsen gaffend über die unruhig
brausende Menge wogender Köpfe hinwegschielten »sagt mir doch was zum Henker
hier geschehen ist Es hat sich doch Niemand ein Leides getan Etwa Martell «
    »Da ist er Heda Ihr dort vorn der Maulwurffänger ist da«  »Hurrah
Platz für PinkHeinrich«  »Macht eine Gasse dass sie ungestossen durchschreiten
können er selbst der kluge Vater und sein Freund der wackere alte Wende«
    So ließ sich mehrere Stimmen vernehmen und ehe noch der Maulwurffänger
Zeit gewann sich nach der Ursache dieses frohen Jubels zu erkundigen sah er
sich halb geschoben halb getragen vor der weit offen stehenden Haustür
Simsons aus der Menschen wie in einem schwärmenden Bienenkorbe ausund
eingingen
    Es brannten eine Menge dünner Pfenniglichter in der niedrigen Stube die vom
rauchenden Ofen kohlschwarz gefärbt und durch einen Webstuhl nebst Treibrad und
dem übrigen unentbehrlichen Hausrat so verengt war dass kaum sechs bis acht
Menschen stehend bequem darin Platz hatten Dennoch befanden sich mehr als ein
Dutzend Neugieriger in der ärmlichen Hütte Man hatte außerdem noch die
Stubentür aus den Angeln gehoben um auch den draußen Stehenden Gelegenheit zu
geben einen Blick in das Zimmer zu werfen Frost und Kälte fühlte Niemand
achtete Keiner
    Ein wunderlicher Anblick bot sich unserm alten Freunde dar als er unter dem
sich häufig wiederholenden Triumphgeschrei »Da ist der Maulwurffänger«  »Der
kluge Maulwurffänger kommt«  »Platz dem Vater der Armen« usw in die von
Menschen überfüllte Stube fast gewaltsam gedrängt ward
    Auf dem fichtenen Tische der vor Zeiten mit blauen und roten Blumen bemalt
gewesen war wie sie in der Phantasie des Dorfschreiners erblühten saß auf
niedrigem Treibebänkchen Simsons Frau vor Frost Angst Bestürzung und
Erwartung zitternd Sie war sehr bleich und elend anzusehen in der dürftigen
schwarzen Trauerkleidung die sie seit dem Tode ihres Mädchens trug Neugierig
lauschend und beide Händchen fest an die Platte des Tisches geklammert sah ihr
zweites Kind ein neunjähriges Mädchen mit klarem Kinderauge zu der betrübten
Mutter auf die den Kopf nach vorn und zur rechten Seite gesenkt es ruhig
geschehen ließ dass von den neuen Ankömmlingen Jeder den purpurnen Stern an
ihrer linken Schläfe genau betrachtete Simson und einige andere Männer hielten
die Lichter bei dieser wunderlichen Beschauung
    Ehe man noch sprach wusste der Maulwurffänger bereits dass sein Aufruf
gefruchtet hatte dass die Gesuchte gefunden sei und hier in der abgehärmten
Gestalt Maja Simsons vor ihm sitze
    Man kann sich denken welcher Schwall von Fragen sich über ihn ergoss Für
solche Szenen aber war PinkHeinrich der rechte Mann Er antwortete nicht eine
Sylbe bis er durch wiederholtes Winken die größte Ruhe erzwungen hatte
    »Ich bitt Euch Freunde schweigt bis Ihr mich gehört habt« sagte er
nunmehr und grüßte dankend durch Abnehmen seiner Pelzmütze die Anwesenden
»Zuvor aber Maja Simson erlaubt dass auch ich Euch beunruhige Ihr wisst ja dass
Jäger und Maulwurffänger die Fährte genau kennen müssen ehe sie auf Glück
hoffen dürfen  Danke danke es ist gut Ihr seids die ich suche wenn Maja
Pisom Euer Geschlechtsname und der 13 Februar 1791 Euer Geburtstag ist«
    Statt aller Antwort reichte Simson unserm Freunde die Patenbriefe die nach
uralter Sitte auch noch heutigen Tages dem Täuflinge von den Paten geschenkt
werden Geburts und Tauftag sind regelmäßig in denselben verzeichnet
    Zufrieden mit dem Kopfe nickend und verschmitzt zu der schweigenden Maja
aufblickend gab er die Briefe zurück und sagte
    »Ihr könnt jetzt immer wieder heruntersteigen vom Tische liebe Frau Simson
Das Komödjespielen scheint mir ist Euch nicht angeboren, und da wir nunmehr
bestimmt wissen wer und was Ihr seid so brauchts weiter keiner Rede mehr und
noch weniger unnützen Alarms Zu seiner Zeit und ich denke das soll nicht gar
lange dauern erfährts jeder Christenmensch in und außer der Heide was heut
Abend hier vorgegangen ist«
    »Aber so redet doch PinkHeinrich« drängte Simson der gleich den Übrigen
in größter Spannung dastand
    »Geschwind nur herein« hörte man zugleich von außen die tönende Stimme
Slobodas der nur eine Sekunde lang die trauernde stille Gestalt auf dem Tische
betrachtet und sich dann sogleich wieder entfernt hatte An seiner Hand trat
jetzt der düster blickende gigantische Martell ein
    »Was soll ich hier« fragte dieser mürrisch und kreuzte die Arme über seine
Brust
    Da hob der Maulwurffänger Maja Simson vom Tische führte sie dem finsteren
Spinner zu und legte sie ihm mit den Worten in die Arme
    »Du sollst Deine Schwester umarmen die Tochter der Tochter Deines
Großvaters«
    Martell zuckte zusammen doch fing er die erschütterte weinende Schwester
mit der er hundertmal die letzte Rinde verschimmelten Brodes geteilt deren
verzweifelnden Mann er so oft getröstet hatte auch wenn er selbst untröstlich
war in seine Arme auf Secundenlang ruhten seine düster funkelnden Blicke auf
der trauernden armen Weberin dann küsste er die Leidende sanft auf die Stirn und
das blitzende Auge wild zum Himmel aufschlagend stammelte er in heftiger
Bewegung
    »Gott Lob Gott Lob so ist noch mehr Grund zur Rache vorhanden«
    Alle Umstehenden schwiegen ehrfurchtsvoll Das Schicksal und in seinem
Gefolge die zürnende Nemesis war in zu ernster Gestalt unter diese einfachen
Menschen getreten 
 
                               Sechstes Kapitel
                               Adrian und Bianca
Diese Auffindung des letzten natürlichen Kindes des Grafen Magnus blieb Adrian
ein Geheimnis Alle Beteiligten gaben sich das feierliche Versprechen gegen
ihren gemeinsamen Peiniger das tiefste Stillschweigen zu beobachten damit sie
desto ungehinderter das Werk gerechter Wiedervergeltung fördern könnten
    Auf dem Zeiselhofe verbreitete die Kunde von dem so über Erwarten schnell
gelungenen Anschlage des Maulwurffängers ungemeine Freude und näherte einander
die hier versammelten Menschen in immer größerer Vertraulichkeit Elwire hatte
sich seit sie wusste wie nahe sie Herta verwandt war mit wahrer Kindesliebe an
die stets sanft und mild bleibende Großmutter angeschlossen Das schöne Mädchen
erblühte im steten Verkehr mit dem gebildeten Geiste Hertas zu reizender
Jungfräulichkeit Mit überraschender Schnelligkeit entwickelten sich ihre
vortrefflichen Anlagen so dass Aurel selbst eben so sehr darüber erstaunt als
entzückt war Erlaubten es dem Kapitän seine Geschäfte deren er jetzt sehr
viele zu besorgen hatte so brachte er jede freie Stunde bei der schönen Kousine
zu Er fühlte dass sie ihm nicht gleichgültig sei und glaubte hoffen zu dürfen
auch seinerseits keinen unangenehmen Eindruck auf Elwire gemacht zu haben Zu
ungestörter herzlicher Aussprache blieb dem Vielbeschäftigten jetzt freilich
keine Zeit Auch wollte er kein bindendes Verhältnis knüpfen bevor der so
verworrene Prozess in dem er ja selbst um sein bisheriges großes Vermögen kommen
konnte entschieden sei
    Weit unbehaglicher innerlich unzufrieden und von mancherlei Stürmen bewegt
fühlte sich Bianca Herausgerissen aus dem betäubenden Strudel des Hamburger
Lebens lastete die friedliche Stille und Einsamkeit des Zeiselhofes drückend auf
ihr Zu wenig an ernste Beschäftigung gewöhnt und körperlicher Arbeit
entfremdet tauchten im einsamen Zimmer die Schreckgestalten der Vergangenheit
aus dem finsteren Abgrunde ihres Innern vor ihr auf Das Gewissen mit seinen
tausend kleinen Qualen erwachte und peinigte sie Tag und Nacht Sie kam sich
verworfen vor in diesem Kreise schuldloser Menschen die ein furchtbares
Geschick wohl tief hatte beugen nicht aber einen wirklichen Makel ihren Seelen
hatte anhaften können und die Verachtung vor ihr selbst steigerte sich mit dem
Bewusstsein dass sie mit Vorbedacht gefehlt habe Dies ließ sie eine baldige
Veränderung wünschen und sie war eben im Begriff Aurel um die Erlaubnis zu
bitten ihr irgend ein passendes Unterkommen in einer größeren Stadt zu
verschaffen als ein Brief von Adalbert eintraf und den Gedanken Biancas eine
andere Richtung gab
    In seinem vornehm kühlen und freundlich zarten Tone schrieb der stolze
Bruder an Aurel dass er gehört habe es lebten unter seinem Schutze zwei sehr
hübsche gebildete junge Damen die alle Eigenschaften besässen das Hauswesen
eines wohlhabenden Mannes in Ordnung zu erhalten Vorausgesetzt dass er geneigt
sei eine oder die andere dieser jungen Damen einem Dritten zu überlassen wage
er es im Namen ihres Bruders Adrian anzufragen ob sich vielleicht eine von den
Schönen entschließen könne ihm sein verwaistes und einer umsichtigen Lenkerin
bedürftiges Hauswesen zu führen Aurel dürfe immerhin annehmen setzte Adalbert
hinzu dass keinerlei Nebenabsicht bei dieser Anfrage im Spiele sei Ihre
Rechtsangelegenheiten hätten durchaus nichts damit zu schaffen und er sowohl
wie auch Adrian seien weit entfernt die gesuchte Dame etwa als Spion zu
missbrauchen
    Aurel wunderte sich zwar über diesen Brief indes fand er am Ende die Frage
nicht so gar ungewöhnlich Deshalb sprach er mit Herta darüber und als auch
diese kein Bedenken trug dem Gegner in diesem Punkte sich gefällig zu erweisen
teilte er Bianca den Antrag mit deren wachsender Trübsinn ihn seit einiger
Zeit zu beunruhigen begann
    Bianca war auf der Stelle bereit darauf einzugehen nur wollte sie sich
nicht eher verbindlich machen als bis sie Adrian persönlich kennen gelernt und
mit ihm gesprochen haben würde Sie läugnete nicht dass sie schon längst
begierig sei mit einem Manne zusammen zu kommen der ihrem
gerechtigkeitliebenden großmütigen Retter so gar nicht gleiche und der einen
so eisernen Willen zeige dass er sich nicht scheue allen seinen Gegnern mit
kalter Stirn zu trotzen
    Dieser Bereitwilligkeit freute sich Aurel Biancas wegen und es ward
festgesetzt dass man Boberstein oder vielmehr das Dorf am See besuchen wolle
sobald die neu entdeckten Documente mit den nötigen Angaben ihrem Anwalt
überliefert sein würden
    Nur Einer konnte sich mit diesen Anordnungen nicht befreunden Dies war
Gilbert Der junge lebensfrohe Matrose hatte Bianca angelegentlichst den Hof
gemacht obwohl ganz ohne Erfolg Es schien aber gerade als wünsche und
beabsichtige er dies denn je kecker spitziger und trotziger die spröde Schöne
seine Galanterieen beantwortete desto beharrlicher setzte er sie fort Es
gewährte ihm unbeschreibliches Vergnügen von den blühenden Lippen des schönen
Mädchens in der er eine büssende Magdalene in üppigster Formenpracht erblickte
die härtesten Wahrheiten anhören zu müssen Abweisen ließ sich Gilbert durchaus
nicht so sehr Bianca auf ihrer Hut war Verriegelte sie ihm die Tür so
unterhielt er sich mit ihr durchs Schlüsselloch und sagte ihr die
verlockendsten Schmeicheleien über ihre Schönheit Er lobte ihre Hand ihre
Anmut ihr reizendes Zürnen das schmollende Stampfen ihres zarten Fußes kurz
wie immer sich die Aergerliche gebehrdete der unermüdliche Gilbert fand alles
reizend und entzückend an ihr 
    Als ihm später Aurel seine Zudringlichkeiten verbot und Bianca dem Späher
jeden Spalt verstopfte kletterte er in Schnee und Wind an den Wänden hinan um
durchs Fenster mit seiner Angebeteten zu conversiren und so brachte er Bianca
fast zur Verzweiflung Weil sie sah dass Zürnen heftige und beleidigende Worte
bei dem jungen Tollkopf nichts furchteten ließ sie endlich geschehen was sie
nicht hindern konnte und ertrug die wunderlichen Aufmerksamkeiten des
verliebten Jünglings mit heroischem Gleichmut Sie tat als spräche flehte
und girrte der tolle Mensch gar nicht mochte er nun vor der Tür ihre Augen in
einem Sonett besingen oder vor dem Fenster ihres Zimmers klappern um den Umriss
des schönen Mädchens durch die Gardinen mit Seufzen zu betrachten
    Gilbert amüsirte sich bei dieser originellen Art eine hübsche
Widerspänstige andauernd zu verfolgen und auf alle Malicen nur süße Liebesworte
zu erwidern über alle Massen Es verging ihm die Zeit dabei und außerdem konnte
man ja doch nicht wissen ob die neue Magdalene nicht zuletzt von der
wandellosen Treue ihres Verehrers gerührt werden und ihm dieselbe auf das
Anmutigste belohnen würde Gilbert hatte Erfahrung genug um zu wissen dass oft
die sprödesten und widerspänstigsten Mädchen nach einiger Zeit die
freundlichsten und hingebendsten werden und dass gerade eine so erzwungene Liebe
die genussreichste ist Darum fiel es ihm nicht ein seine Nachstellungen
aufzugeben und die Vorschriften des Kapitäns zu befolgen
    Als er den Beschluss Biancas hörte schimpfte er ganz lästerlich setzte
seinen bebänderten Hut schief auf den Kopf und rannte in den Garten um an dem
Rutschberge zu arbeiten dessen Erbauung ihm Aurel erlaubt hatte
    »Erst soll die verdammte Hexe doch noch Arm und Beine brechen« rief er aus
»Ja das soll sie oder  ich gehe wieder zu Schiffe Verdammtes Landrattenleben
s Ist langweilig zum Sterben«
    Und wütend als säßen ihm Schweisshunde auf den Fersen häufte er Schnee auf
Schnee schleppte Wasser und arbeitete sich so matt und müde dass er an diesem
Abende nicht einmal das Spalier erklettern und vor dem Fenster seiner grausamen
Schönen eine verliebte Serenade ächzen konnte 
    Inzwischen kam der Tag heran auf welchen Aurel seine Reise nach Boberstein
in Begleitung Biancas festgesetzt hatte Es war derselbe Tag an dem Leberechts
Haus im Gebirge von den Flammen verzehrt wurde Zuvor hatte der Kapitän seinem
Bruder freundlich geantwortet und ihm gemeldet dass die jugendliche Bianca eine
seiner Dienerinnen nach Boberstein abreisen werde um sich Adrian vorzustellen
Bereitwillig setzte Adalbert den Fabrikherrn von seinen Bemühungen in Kenntnis
und zeigte ihm den baldigst zu erwartenden Besuch an
    Auf diesem Ausfluge begleitete nur Paul noch seinen gräflichen Freund
Sloboda war mit dem Maulwurffänger in dessen Heimat zurückgekehrt und Gilbert
musste zum Schutz der Damen auf dem Zeiselhofe bleiben
    Paul wollte seine Schwester Maja Simson kennen lernen und ihr von der
verstorbenen teuren Mutter von seinen im Kampfe für Polens Freiheit gefallenen
Brüdern erzählen Und Aurel der nunmehr ebenfalls in ein halbgeschwisterliches
Verhältnis zu Paul getreten war hatte die Absicht den in Schmerz und Groll und
Rachegedanken hinbrütenden Martell von dem bisherigen Schauplatz seiner Leiden
zu entfernen und durch unmittelbaren Verkehr mit ihm durch heitere
liebeatmende Umgebung mildernd auf ihn einzuwirken
    Mit so löblichen Vorsätzen erreichten sie bei guter Zeit Dorf und See Über
beiden lag die schwere dunkle langsam nach der Heide fortrollende Rauchwolke
der Fabrik ein Anblick für Bianca der das nicht unempfindliche Mädchen
gleichermassen fesselte und erbeben machte Die ungeheueren Gebäude auf dem Felsen
im See das bewegte Leben auf diesem selbst der mit Hand und Zugschlitten
aller Art bedeckt war das dröhnende Rollen und Schwirren in der stillen Luft
das immer zitternd wie die ferne Stimme eines Erdbebens in der Luft schwebte
das umfangreiche ärmliche Dorf mit den geflickten oder mit alten Lumpen
verstopften Fenstern mit den schadhaften Dächern ohne Schornsteinen und dem
ganzen Äußern eines Anfentaltes von unglücklichen Bettlern machte den tiefsten
Eindruck auf Bianca Ihre Augen schwammen in Tränen als sie diese
entsetzlichen Kontraste erblickte  dort der unermessliche Reichtum mit der
Zwingburg die ihn schaffte und täglich mehrte und hier die namenloseste Armut
mit den unverkennbarsten Zeichen eingerissener moralischer Verwilderung 
    Sie trat mit Aurel und Paul zuerst in die Hütte Martells des gräflichen
Spinners
    Ein Schrei wäre beinahe ihren Lippen entschlüpft als der immer finstere und
meistenteils schweigsame Martell beim Eintritt des unerwarteten Besuchs von
seinem Schemel sich erhob und die reich und modern gekleidete junge Dame
begrüßte Doch fasste sich Bianca eben so schnell und beseitigte die plötzliche
Aufregung mit den leis geflüsterten Worten
    »Gott sei Dank er ist es nicht Aber welche Ähnlichkeit Welch
interessante Züge«
    Aurel achtete nicht auf das erschrockene Mädchen dasselbe der freundlich
geschäftigen Lore überlassend Bieder offen vertrauensvoll erfasste er Martells
beide Hände küsste und umarmte ihn wie einen Bruder und hoffte gerade durch so
ungeheucheltes Kundgeben seiner uneigennützigen wahren Bruderliebe den
Unglücklichen seinem unheilvollen Grübeln zu entreißen und zu wohltuenden
Mitteilungen zu bewegen Ebenso ließ es sich Paul angelegen sein den finsteren
Spinner durch herzliches Fragen und Erkundigen mitteilsam zu machen Leider
aber mussten Beide erfahren dass diesem jetzt versteinerten Herzen oder
verstörten Gemüt auf keine Weise beizukommen sei Still gelassen ohne eine
Miene zu verziehen hörte der Spinner die Erzählungen seiner Blutsverwandten an
nur ein zitternder wilder Händedruck sagte dass er sie verstehe und ihnen
danke Der Schmerz Martells musste entsetzlich sein nur ein so titanenhaft
gebildeter Körper und eine so stolze und ungebändigte Seele wie sie in diesem
leidenschaftlichen Kopfe lebte vermochten ihn zu ertragen
    Mit eigentümlichen Empfindungen die ihr Herz hörbar klopfen machten trat
Bianca um die Mittagsstunde von Paul begleitet den Weg nach der Insel an
Adrian hatte sie um diese Zeit zu sprechen begehrt Es beschlich sie eine
unerklärliche Angst je näher sie dem schwarzen Felsencoloss mit den
weissschimmernden Fabrikgebäuden auf seinem Scheitel kam und fast reute es sie
eine Zusage gegeben zu haben von der sie ja nicht wusste ob sie dieselbe würde
halten können
    Auf der Insel angekommen empfing sie Vollbrecht mit Herzlichkeit doch
konnte er einen leisen Seufzer nicht unterdrücken als er das wirklich ungemein
schöne Mädchen erblickte und den Kopf missbilligend schüttelnd sagte er
betrübt »Solch Glück verdient der Mann nicht und Sie mein liebes Fräulein
Sie werden sich ewig Vorwürfe machen wenn Sie sich verführt durch seine
bestechenden Redensarten mit Banden an ihn fesseln lassen die Sie nicht
willkürlich lösen können Darum mein Fräulein empfehle ich Ihnen Vorsicht
Vorsicht in allen Dingen«
    Diese Worte konnten die Zuversicht Biancas nicht vermehren Zagenden
Schrittes mit kurzem Atem und bleichem Antlitz folgte sie dem meldenden
Diener während Paul bei Vollbrecht zurückblieb Bianca ward in das glänzende
nicht sehr große aber mit desto größerem Komfort und im feinsten Geschmack
ausmeublirte und decorirte Empfangszimmer geführt das ein starkes
wohlriechendes Arom durchzog welches aus einer silbernen Pfanne auf dem Kamine
in hellblauen Ringelsäulen emporstieg Hier verabschiedete sich der Bediente mit
der Bemerkung dass Herr am Stein sogleich erscheinen werde
    Bianca lehnte sich gegen einen runden sehr geschmackvoll gearbeiteten
Blumentisch der das mittelste Fenster des Zimmers grade ausfüllte und mit den
schönsten Exemplaren seltenster ausländischer Gewächse ansprechend aufgeschmückt
war Zu beiden Seiten standen auf kleinen runden gusseisernen und bronzirten
Gestellen andere wohlriechende Blumen die das liebliche Duften ihrer Kelche mit
dem kostbaren Rauchwerk vereinigten
    Nach wenigen Minuten öffnete sich eine Seitentür und Adrian trat ein Er
ging nachlässig vornehm in einem feinen bequemen Rock von bronzefarbenem Tuch
gekleidet trug in der rechten Hand einen seidenen Foulard und wehte sich
bisweilen Luft damit zu als bedürfe er der Kühle Sein Gesicht war blass
eingefallen und trug noch die Spuren der kaum überstandenen Krankheit Das dünne
braune Haar hatte er aus Stirn und Schläfen gestrichen wodurch die schöne Form
des intelligenten Kopfes scharf hervortrat
    Mit funkelndem Blick und graziösem Lächeln begrüßte er Bianca herablassend
Diese aber erbebte vor dem mittelgrossen hageren bleichen Manne mit dem tiefen
kaltglühenden Tigerauge Sie musste sich festklammern an den Blumentisch um
nicht umzusinken denn sie fühlte wie ihr die Sinne zu vergehen drohten
    »Er ist es« lispelte sie unverständlich mit dem Ausdrucke des Entsetzens
ihr schönes Auge auf ihn heftend »Er der schamlose Lügner der herzlose
Verführer und Mörder meiner armen Schwester«
    Adrian hörte nur ein unverständliches Murmeln und da er das Erbleichen
Biancas und ihr sichtliches Zusammenbrechen sah glaubte er der allerdings
etwas sehr starke Blumenduft verbunden mit dem süßen Arom des Räucherwerkes habe
die Nerven des schönen Mädchens angegriffen und sie diesem Zustande der Ohnmacht
nahe gebracht Dienstbereit eilte er daher auf die Sinkende zu schoh rasch
einen bequemen Polsterstuhl heran und umfing sie gerade noch zu rechter Zeit um
sie sanft in die weichen Kissen niedergleiten zu lassen
    »Mein Gott« sagte er diesmal mit ungeheuchelter Teilnahme »die Schwüle
in diesem üherheizten Zimmer wird Sie umbringen armes liebenswürdiges Wesen
Fühle ich selbst mich doch unwohl Aber dieser Äther womit ich mein Tuch
getränkt habe wird Ihnen bewundernswürdige Dienste leisten So  so  Es ist
ein wahrer Lebenszauber in diesem Äther«
    Und Adrian von Stein betupfte Stirn Lippen und Schläfen der matt
Aufatmenden mit seinem Taschentuche bis sich die Erschütterte sichtlich wieder
erholte
    Diese kurze Spanne Zeit war aber auch hinreichend gewesen dem von Natur
beherzten Mädchen ihre ganze Spannkraft und Entschlossenheit wieder zu geben
Sie wollte nur noch wissen ob auch Herr am Stein sich ihrer noch erinnerte um
ihr Benehmen danach einzurichten Deshalb erhob sie sich jetzt dankend aus ihrer
gedrückten Lage und schlug langsam forschend die großen Augen zu dem
gewissenlosen Manne auf Adrian wich diesem langen tiefen und heißen Blicke
nicht aus vielmehr sog er ihn mit dem wollüstigen Behagen eines Durstigen ein
der lange nach Kühlung nach Linderung und Erquickung geschmachtet hat Er
erkannte sie nicht 
    Nun erst holte Bianca beruhigt Atem ihr Entschluss war gefasst ihr Plan in
einem Augenblick entworfen Sie wollte Rache nehmen an dem Ehrlosen für die an
ihrer unglücklichen Schwester begangene Schändlichkeit Sie fühlte urplötzlich
die ganze Folterqual Martells und begriff wie dieses trotzigen Mannes
unverwüstliche Natur nach dem süßen Genuss der Rache schmachten und zittern
müsse Aber Bianca war ein Weib ein betrogenes Weib  Männer hatten ihr Liebe
Verehrung Anbetung geheuchelt und doch nur augenblicklichen Reiz gesucht  Sie
hatten die Flehende verhöhnt der Darbenden nicht einmal ein Almosen gereicht 
Solche Lieblosigkeit solch grausamer Egoismus hatte in ihrem Herzen die edleren
Gefühle zwar nicht getötet aber abgestumpft und den berechnenden Verstand
über das blinde Zucken des getretenen Herzens zum Wächter gesetzt Bianca konnte
sich verstellen 
    Kaum also hatte sie die Überzeugung gewonnen dass Adrian am Stein nicht
ahne wer vor ihm stehe als sie auch bereits einen vollständigen Sieg über den
nichtswürdigen Heuchler errungen hatte Das reizendste Lächeln auf ihren
blühenden Lippen verbeugte sie sich jetzt tief und ehrfurchtsvoll vor dem
reichen Herrn und sagte mit musterhaft geheuchelter Befangenheit
    »Verzeihen der gnädige Graf einem armen Mädchen dass es sich so sehr
vergessen und in Ew Gnaden Gegenwart eine ungebührliche Schwäche zeigen konnte
Verzeihen Sie gnädigster Herr«
    Und demütig suchte sie die Hand Adrians um sie Vergebung erflehend zu
küssen
    »Nicht doch mein Fräulein« sagte dieser abwehrend während ein sonderbarer
Schauer durch seine Nerven bebte der in den flammenden Augen des verschämten
Mädchens seine Quelle zu haben schien »Nicht doch mein Fräulein Wenn hier
irgend Jemand um Entschuldigung zu bitten hat so kann nur ich es sein Aber der
unachtsame Schelm von einem Diener soll dafür büßen Lieber Gott was hätte ich
beginnen sollen wenn ein Schlagfluß diese schönen Glieder gelähmt die Pulse in
diesem reizenden Körper stocken gemacht hätte Meine Seelenruhe wäre dahin
gewesen auf ewige Zeiten«
    »Der gnädige Herr haben ein solches Unglück nicht zu befürchten« erwiderte
Bianca mit schelmischem Lächeln und mit so schmelzend feuchtem Blick dass
Adrians Innerstes wie von einem elektrischen Funken getroffen wurde »Ihre
herablassende Güte vermag nur aufzurichten Ihr liebevolles Auge die Schwachen
nur zu stärken Nochmals gnädigster Herr Verzeihung und tausend Dank dass Sie
einem so tief unter Ihnen stehenden Geschöpf so aufrichtige Teilnahme
schenkten«
    »Ein himmlisches Wesen Ein wahrer Engel« sagte Adrian für sich »Dieses
Mädchen muss bei mir bleiben oder ich bin ein unglücklicher Mann« Dann wandte er
sich zu der noch immer mit demselben schwimmenden Blick zu ihm aufschauenden
Mädchen und fuhr laut fort
    »Ich hoffe mein holdes Kind dass ich mich Ihnen später werde erkenntlich
erweisen können denn ich will nicht Ihre Willfährigkeit in meine Dienste zu
treten in Zweifel ziehen Wenn ich dies einmal schon meiner selbst wegen
wünschen muss so möchte ich auch andrerseits um Ihretwillen dass Sie die
Oberaufsicht in diesem Hause übernähmen Ich bin allein einsam ja verlassen
denn was Ihnen ja kein Geheimnis mehr sein kann Einer meiner Brüder hat sich
von mir losgesagt Da wäre es mir nun wohl zu gönnen dass in diese stillen und
verödeten Räume das schöne Bild eines guten reinen Menschen träte der durch
seine Liebenswürdigkeit mir die Grillen verscheuchte und die finsteren Stunden
durch sein heiteres Geschwätz fern von mir hielt  Sie sind mir empfohlen
liebes Kind und obwohl ich mit einigem Misstrauen Ihrer Ankunft entgegensah
weil ich Sie ja unter dem Schutze des mir feindlich gesinnten Bruders wusste so
habe ich doch beim ersten Blick in Ihr kindlich klares Auge mein Unrecht
sogleich erkannt und es Ihnen von ganzem Herzen abgebeten Bleiben Sie also bei
mir Bianca Es wird zwischen uns keines ängstlichen und kleinlichen Abkommens
bedürfen um uns gegenseitig einander Vertrauen einzuflößen Das meinige haben
Sie wenigstens schon jetzt vollkommen und unbedingt«
    Adrian reichte Bianca die Hand Diese legte schamhaft zögernd die ihrige
hinein indem sie mit leicht geröteten Wangen erwiderte
    »Leider muss ich bekennen gnädigster Herr dass ich mich weit größerer
Lieblosigkeit gegen Sie schuldig gemacht habe Nicht bloß Mistrauen gegen die
Redlichkeit Ihrer Absichten erfüllte mich ich hielt Sie auch für einen gar
argen Tyrannen nach dem was ich von Ihnen gehört hatte und dachte einen
Unhold ein giftig blickendes Ungeheuer in Ihnen zu finden Da mir nun von dem
Allem das Gegenteil begegnet ist« setzte sie mit naivem Lächeln und
wiederholtem schalkhaften Blinzeln ihrer glänzenden Augen hinzu »so werden Sie
wohl mein Erstaunen natürlich finden und mir die Unartigkeit desselben
vergeben«
    Adrian war entzückt von den Antworten wie von dem ganzen Benehmen dieses
bezaubernden Mädchens Er hatte nie geliebt höchstens aus Lust an Intriguen
oder den Neigungen der Natur zu genügen leichtfertige Verbindungen geschlossen
die er nach Erreichung seines Zweckes gleich seinem dämonischen Vater wieder
fallen ließ Bei Magnus hatten diese an dem schwächeren Geschlecht begangenen
Frevel etwas Grossartiges weil seine Leidenschaft heiß zügellos blind einer
Raserei zu vergleichen war Wo Magnus sündigte da musste etwas in ihm lodern
das den Glanz seiner momentanen Neigung von der hehren Flamme der wahren Liebe
entlehnte Adrian dagegen war völlig leidenschaftslos In ihm dachte und
rechnete nur der Verstand! Daher trugen alle seine Vergehungen mochten sie
einen Namen führen welchen sie wollten den Stempel der Gemeinheit Adrian
sündigte auch mit dem Verstande, berechnend schlau mit größter Vorsicht
    Vielleicht empfand er auch bei dem geschilderten Zusammentreffen mit Bianca
nichts Tieferes Dauernderes vielleicht waren die angenehmen Regungen die ihn
durchströmten nur das willenlose Zittern das dem sinnlichen Reiz vorangeht
dennoch aber hatte der eigentümliche unbeschreibliche Blick des schönen
Mädchens ihn vollkommen bezaubert Wie stark und anhaltend diese Bezauberung
war bemerkte er erst als er Bianca entlassen musste Er fühlte dass ein Teil
seines unsichtbaren Seins mit dem davoneilenden Mädchen verschwand dass eine
namenlose bisher nie empfundene Leere in seinem Herzen entstand die sich durch
nichts ergänzen ließ Adrian hatte seinen Fuß auf die Schwelle gesetzt die vor
der finsteren Pforte des Unglücks liegt Er begann unglücklich zu werden Der
rächende Finger der Nemesis hatte ihn berührt und mit dem Kusse den er der
kokett Widerstrebenden beim Abschied auf die Stirn hauchte hatte er dieser
furchtbaren Göttin das Gastrecht in seinem Hause eingeräumt
    Bianca ward von Adrian als Haushälterin unter Bedingungen angeworben die
man dem habgierigen Manne nicht zugetraut hätte Es ward festgesetzt dass
dieselbe schon am ersten Februar ihr neues Amt antreten und ganz allein über die
innern Angelegenheiten des Hauses zu verfügen haben solle
    Adrian genehmigte Alles um nur das wunderbare Mädchen bald wiederkehren zu
sehen Als sie sich endlich nicht mehr halten ließ sah er der mit Paul über den
See Wandelnden nach bis sie hinter den ersten Häusern des Arbeiterdorfes
verschwand
    »Ach« rief er tief aufseufzend aus »ein Mann ist doch unglücklich wenn
ihm kein liebendes Weib zur Seite steht Ich werde mich verheiraten sobald der
Prozess entschieden ist«  
    Es schlug zwei Uhr als Bianca wieder in Martells Hütte trat Ihre Wangen
glühten ihr Auge flammte Sie glich in der reichen glänzenden Lockenfülle ihres
schwarzen Haares das vom raschen Gange in liebliche Unordnung geraten war
einer zürnenden Pallas Atene Ein Helm auf dieses schöne Haupt mit dem kecken
Profil gestürzt mit Schild und Schwert Arm und Hand dieses Mädchens bewaffnet
und Bianca wäre in eine entzückende Heldin verwandelt worden
    Aurel erkannte sie kaum wieder
    »Was ist geschehen« fragte er bestürzt »Sie zittern vor Aufregung vor
Empörung Hat mein Bruder Ihnen unwürdige Fragen vorgelegt«
    Bianca lächelte So entsetzlich schön würde eine Hyäne lächeln wenn sie die
Gestalt eines reizenden Weibes annehmen könnte
    »Herr am Stein war die Artigkeit selbst« versetzte sie »und mit Vergnügen
werde ich in seme Dienste treten«
    »Bianca das ist nicht Alles« fiel Aurel ein »Sie verheimlichen uns etwas
Die Flamme in Ihrem Auge gemahnt mich an den kalten Todtenschein der mich
zuerst auf Sie aufmerksam macht Sie verabscheuen meinen Bruder«
    »Verabscheuen Ja könnte ich ihn doch auch verachten Aber ich muss ihn ja
nur hassen ewig unersättlich hassen«
    »Und wollen dessen ungeachtet in seine Dienste treten«
    »Eben deshalb Aber ich werde ihm nicht dienen ich werde ihn mir dienstbar
machen Er soll die Hölle haben auf Erden«
    »Bianca So schön so liebenswürdig «
    »Und so vom Teufel besessen Ja lieber Kapitän Nicht nur in diesen Hütten
gibt es Tote zu rächen es leben auch anderwärts Seelen die gleich diesen
Armen nach Rache schreien Ich schließe mich ihnen an und reiche diesem
finsteren verschlossenen Manne diesem von der Bosheit und Schlechtigkeit der
Menschen verstossenen Bruder meine schwache Hand zum Bunde der Rache Martell
bald vielleicht Graf Martell wollen Sie mir zur Seite stehen und mich stützen
und ermahnen wenn ich zu schwach werden und das Weib in mir siegen will«
    »Zur Rache bis in den Tod bleibt Martell Ihnen ein treuer Gefährte« sagte
der Spinner und presste die dargereichte Hand des exaltirten Mädchens an seine
Brust
    Aurels Fragen was ihr zugestoßen wodurch sie so namenlos ja dämonisch
gegen Adrian aufgebracht worden sei ließ Bianca unbeantwortet und vertröstete
ihn auf spätere Tage wobei sich denn der teilnehmende Kapitän beruhigen musste
    Gegen Abend verließen die drei Reisenden wieder das Dorf am See Als sie an
dem Kretscham vorüberfuhren traten zwei als Köhler gekleidete Gestalten in die
Gaststube
    Es waren Blutrüssel der Mörder und Hertas Sohn KlütkenHannes
                           Ende des vierten Teiles
 
                                 Fünfter Teil
                                   Neuntes Buch
                                 Erstes Kapitel
                                  Zwei Briefe
Drei Wochen nach den zuletzt mitgeteilten Vorgängen finden wir im Hause des
Maulwurffängers den Schulmeister Gregor den frommen Schlenker und den Wenden
Sloboda um den Wirt versammelt Es ist der 13 Februar der Geburtstag Maja
Simsons PinkHeinrich mit Abglättung eines Blaserohrs beschäftigt hat seine
Freunde so eben auf die Wichtigkeit dieses Tages aufmerksam gemacht und
bedauert dass er der schwer geprüften Frau nicht persönlich seine Glückwünsche
darbringen könne denn in Folge schnell eingetretenen Tauwetters sind alle
Flüsse ausgetreten und fast überall hin die Kommunication gehemmt Selbst vom
Zeiselhofe hat man seit mehreren Tagen keine Nachricht erhalten
    Schlenker der wie gewöhnlich auf der Bank am Ofen saß und auf der rechten
Seite die zerlesene alte Bibel mit der zinnernen Schnupftabaksdose auf der
linken gesalzte Düten liegen hatte schüttelte den Kopf warf seine Hand mit dem
wackelnden Zeigefinger ans rechte Auge und ließ sich folgendermaßen vernehmen
    »Es ist mit tausend Schrecken was noch heutigen Tages bei Vornehmen und
Reichen passiert In den Büchern der Chronika und der Könige liest man nichts
Grausamlicheres s Ist eine auserlesene Geschichte und ich wollte schon dass
ich schreiben gelernt hätte und die Worte setzen könnte wie unser lieber
Schulmeister so schrieb ich Alles haarklein auf wie sich Unglück und
Verbrechen und Strafe Gottes und menschliches Irren durch einander gemengt
haben Das müsste ein Hauptbuch werden für Junge und Alte und eine moralische
Erzählung würde ichs betiteln«
    Schlenker ließ den lahmen Arm fallen ergriff die Dose nahm eine tüchtige
Prise und pfropfte sie den Oberkörper bis auf seine Knie herabbeugend in seine
breite Stumpfnase Gregor wiegte bedächtig den Kopf drehte seinen großen
Rohrstock und sagte
    »Natürlich Eine moralische Erzählung für Kinder und Erwachsene Ganz
Natur«
    »Ich möchte schon wissen wie Ihr das anfangen wolltet Freund Schlenker«
fiel der Maulwurffänger ein »Freilich Moral steckt ein gut Teil in der
vornehmen Herrengeschichte wie sie aber ein vernünftiger Christenmensch zu
einem Schulbuche zurechtschneiden will das begreife ich nicht«
    »Nichts leichter wie das« sagte Schlenker die Hand wieder ans rechte Auge
schleudernd wo dann sogleich der wackelnde Finger mit dem krummen langen und
braunblauen Nagel seinen angewiesenen Platz einnahm »Da ist zB das uneheliche
Kind Maja Haideröschens Tochter am dreizehnten Februar geboren hat von
Kindesbeinen an ein Leben geführt wie Hiob und Lazarus zusammen und ist wie
verlassen von Gott gewesen bis jetzt Nutzanwendung aus dieser herzbrechenden
Geschichte weil Maja am 13 Februar zur Welt gekommen ist und zwar als ein
Kind das nach dem Willen des grundgütigen Gottes eigentlich gar nicht hätte
geboren werden dürfen und sollen darum und in Anbetracht der erschrecklichen
Folgen der Erbsünde hat das arme Weib an die vierzig Jahre im Elende schmachten
und allen Jammer dieser Erde gründlich auskosten müssen zuletzt aber kommt der
Herr reicht der frommen Dulderin seine Hand und nimmt sie als eine Auserwählte
zu Gnaden an  Nun ist das nicht eine Moral mit tausend Schrecken«
    Und wieder fiel der steife Arm des Herrnhuters auf den Deckel der Dose um
der immer hungrigen Nase neue Nahrung zufliessen zu lassen
    »Kreuzhimmeldonnerwetter« fuhr der Maulwurffänger auf und warf das
Blaserohr so heftig auf den weiß gescheuerten Lindentisch dass es einen feinen
Sprung bekam »Ihr seid ein Narr mit tausend Schrecken Ich glaube gar Ihr
beweist mir noch in Eurer unergründlichen Weisheit dass wir der blinkerblanken
Gnade Gottes die Aufdeckung all der erbaulichen Schurkereien zu verdanken haben
über die sich gegenwärtig die hohen Gerichtshöfe des Königreichs die Köpfe
zerbrechen«
    »Wir sind Würmer des Staubes ohne die Gnade« docite Schlenker »und so ein
Mensch aus dem Gnadenstande verstoßen wird so bleibt er verloren hier und dort
und all sein Trachten ist nichtig all sein Reden vergleichbar dem Klingklang
einer tönenden Schelle die Niemand verstehen kann«
    »Habt Ihr das in der Kirche gelernt dass Gott erbarm« fragte der
Maulwurffänger seine Arbeit wieder vornehmend
    »Mir ist das Verständnis gekommen im Tempel des Herrn und in der Kammer der
Trübsal wenn meine Seele im Gebete rang«
    »Ihr scheint mir allzu lange gerungen zu haben Schlenker Die gute Seele
ist dabei aus den Gelenken geschnappt und kann sich nun nicht mehr zurecht
finden in Eurem Kopfe«
    »So man uns verachtet so gewinnen wir an Heiligung und wachsen in der Gnade
des Herrn« versetzte Schlenker schlug die Beine über einander setzte sich
eine große Brille vorn auf die Nasenspitze und nahm die Bibel vor in der er
sehr eifrig zu blättern begann
    Der Maulwurffänger musste lächeln Sich zu Sloboda wendend der mit großer
Ausdauer aus frisch geglühtem Draht Fangdrähte bog und die nötigen Bindfäden
daran knüpfte sagte er
    »Um die Rechtgläubigkeit ists doch eine schöne Sache Jan Die hilft Dir
über Berge hinweg und reichten sie hinauf bis an den Mond die trägt Dich
unvermerkt über Millionen Meilen breite Abgründe Kurz die gleicht nahezu der
Allmacht selbst Sei rechtgläubig und Du hörst nicht wenn Dich Jemand einen
Schalk schimpft Gutwillig nicht murrend und nicht mucksend lässt Du Dich
lästern schlagen hänseln Alles weil Du fest überzeugt bist dass jedem
Auserwählten solche Fatalitäten zustossen müssen Weiß Gott ich möchte schon
manchmal ein Rechtgläubiger sein«
    Schlenker nahm die Brille wieder ab legte sie in die Bibel und schlug das
Buch zu In etwas predigendem Tone nur weniger salbungsvoll sprach er
    »Gott will nicht dass der Sündige untergehe sondern dass er lebe und sich
bekehre  Das seht Ihr« fuhr er fort mit seiner plumpen ungewaschenen Hand
auf die Bibel schlagend »das steht da drin und weil meine alten Augen just
jetzunder darauf gefallen sind will ich Eure wegwerfenden Reden nicht gehört
haben sondern tun als hättet Ihr nicht gesprochen Das steht einem alten
Manne wohl an der sich zu jenen Geduldigen zählt von denen der Herr sagt
Nehmet Euer Kreuz auf Euch und folgt mir nach  Denn seht Ihr Heinrich
obwohl Ihr ein böses Maul habt gleichsam eine Schnauze so bin ich Euch doch
von Herzen gut denn Ihr seid bei all Euren Schwächen und Eurer unglücklichen
Neigung zum Spotten doch ein Mann der unter Tausenden gescheidt ist mit
tausend Schrecken«
    »Wenn ich das wirklich sein sollte so würde ich das nach meiner religiösen
Überzeugung die Gnadenwahl nennen«
    »Natürlich natürlich« sagte der Schulmeister
    »Hm s ist erstaunlich« murmelte Schlenker »Aber es soll nichts
ausmachen Wir wollen gute Freunde bleiben Heinrich und wenns Euch beliebt
von der Gnadenwahl wieder auf den Geburtstag Majas zurückkommen obwohls ein
Tag von böser Vorbedeutung ist Judas wisst Ihr verriet seinen Herrn und
Meister weil er der Dreizehnte war und seit der Zeit ist die Zahl dreizehn wo
immer sie uns begegnet bei gläubigen Christen eine Unglückszahl«
    »Es wird kein Freudentag für sie sein« sagte Sloboda »denn was sie seither
von sich und ihrer Mutter erfahren hat heißt bitteren Wermut schütten in den
Kelch ihrer Schmerzen«
    »Schmerzen und Leiden reinigen und läutern das Gemüt« bemerkte Schlenker
»Darum gibts keine größere Wohltat für ein recht sündhaftes Menschenkind als
wenn er so zu sagen mit Bekümmernissen und Trübsalen überschüttet wird Der
stürmische Martell ist freilich nicht dieser gotterleuchteten Ansicht aber
dafür ists auch ein Mensch mit tausend Schrecken«
    »Natur Natur Ganz Natur«
    »Tut mir den aussereinzigen Gefallen Bruder Gregor und Schlenker« fiel der
Maulwurffänger wieder ein »und lasst den braven Martell in Ruhe Wollte Gott
wir hätten ein paar tausend so treuherzige und felsenfeste Menschen es würde
dann wahrhaftig besser aussehen auf Erden Martell nenne ich meiner Religion
nach einen Mann nach dem Herzen Gottes«
    Schlenker warf mit krampfhaster Bewegung seine Hand an die Stirn ließ sie
jedoch gleich wieder fallen und begnügte sich unter Murren und Seufzen eme große
Prise einzuschlürfen
    »Unbegreiflich bleibt es mir alter Freund« sagte Sloboda »wie Martell
nach solchen Offenbarungen im Stande ist gleich dem gemeinsten Spinner ohne
Murren unverdrossen in der Fabrik seines harterzigen Bruders fortzuarbeiten
Hat er sich nie darüber ausgelassen«
    Der Maulwurffänger legte das Blaserohr bei Seite zog Stahl Stein und
Schwamm aus der Tasche seines tuchenen Brustlatzes und schlug sich behaglich
Feuer an Erst als die Pfeife tüchtig qualmte erwiderte er
    »Kapitän Aurel wünschte dass Martell bis Austrag der Sache die Arbeit bei
Adrian einstelle und erbot sich freiwillig die Kosten für den Lebensunterhalt
seiner Familie zu tragen Martell aber widersetzte sich diesem großmütigen
Anerbieten hartnäckig Ich will spinnen und für ihn der meinen Sohn gemordet
hat arbeiten sagte er so lange mich das Gericht nicht frei spricht und ihm
dem ich diene gleichstellt Kommt dereinst diese Zeit  und Gott lasse mich sie
erleben  dann werde ich als freier ihm ebenbürtiger Mann Abrechnnng mit ihm
halten  Und darin find ich hat der tief gekränkte Mann vollkommen Recht«
    »Arbeitet auch Maja gleich ihrem Halbbruder«
    »Sie ehrt seine Gründe und will dem unglücklichen Bruder nicht nachstehen
Auch ist dies unter den jetzigen Verhältnissen unerlässlich Durch ein
stillschweigendes Übereinkommen hat man wie Ihr wisst die zuletzt gemachte
Entdeckung von Majas Abstammung dem Herrn am Stein verheimlicht Er weiß jetzt
noch nicht wem mein Aufruf in den Blättern galt und dass die Aufgefundene
gleichsam unter seinen Augen wandelt Dies Geheimnis so lange wie möglich
ungelüftet zu lassen ist unser wohlerwogener Plan der später seine Früchte
tragen wird Bei der feindseligen Stimmung aller Arbeiter gegen ihren Herren ist
es leicht dies Schweigen Monate lang fortzusetzen Die Fabrik betritt Adrian
mit keinem Fuße mehr seit er in Martell einen unwillkommenen Bruder gefunden
hat und da Vollbrecht uns blind ergeben ist und Herr am Stein mit diesem ganz
allein Alles verhandelt was Geschäftsangelegenheiten betrifft so haben wir
keinerlei Verrat zu fürchten«
    »Nichts desto weniger lebe ich doch immer in Sorgen trage ich mich stets
mit düstern Gedanken die mir Tag und Nacht die Ruhe rauben«
    »Aber wozu Freund Jan Ist es denn nicht genug dass Du in so kurzer Zeit
zwei Enkelkinder wieder gefunden hast Du bist undankbar Jan gegen Gott und
seine Barmherzigkeit«
    »Nein alter Freund undankbar bin ich nicht aber mich ängstigt ein
unheildrohendes Vorgefühl«
    »Immer noch abergläubisch« sagte gutmütig lächelnd der Maulwurffänger
»Dein altwendisches Blut bicht doch überall heraus Nun was schwant Dir denn
wieder«
    »Ein Unglück Martells«
    »Natürlich Natürlich« rief Gregor feierlich und drehte seinen langen
Rohrstock
    »Martells« wiederholte fragend der Maulwurffänger indem er seine breite
Stirn nachdenklich runzelte »Zu so böser Ahnung sehe ich keine Veranlassung«
    »Aber ich Freund Heinrich ich sehe sie deutlich sehe sie in drohender
Nähe Erinnere Dich des Briefes von Paul den ich gestern empfing Aber Du hast
ihn nicht gelesen fällt mir ein Höre also was er enthält Martell scheint
sich mit energischer Leidenschaft dem Trunke zu ergeben« schreibt der gute
Junge niedergeschlagen »Ich habe ihn mehrmals in diesen Tagen in einem Zustande
künstlicher Aufregung getroffen die nur von überreichem Genuss des unseligen
Branntweins herrühren konnte Freilich leugnete er als ich ihn freundlich
fragte aber ich merkte nur zu bald dass er mich hintergangen hatte denn als
ich spät Abends Maja besuchte sah ich den Unglücklichen in Gesellschaft zweier
Köhler nach dem Kretscham eilen wo er sich das schreckliche Gift sehr gut
schmecken ließ Die Köhler  oder waren es Holzhändler  hielten ihn frei denn
es schienen wohlhabende Leute zu sein und Martell musste sich ganz gut mit ihnen
unterhalten denn er lachte herzlich über die Geschichten die sie ihm
erzählten Auch dauerte es nicht lange so gesellten sich noch andere
Fabrikarbeiter zu den Dreien und weil die Fremden sehr freigebig waren und auch
diesen ihre Viertelmässer füllen ließ war in Kurzem Alles ein Herz und eine
Seele Ich sah dem ärgerlichen Treiben durchs Fenster zu wagte aber nicht mich
blicken zu lassen da Martell sehr laut und heftig war und die entsetzlichsten
Drohungen gegen Adrian außstieß Mehr oder minder anhaltend setzte er dies Leben
allabendlich fort und dass es ihm verderblich werden muss beweist Das Zittern
seiner Hände früh Morgens Auch klagt er häufig über Übelkeiten Lore trägt
dies neue gegen sie heranschleichende Unglück mit Lammesgeduld und Traugott
betet da er nur im Gebet Trost und Ruhe für seine Seele findet Ich aber melde
Dir lieber Großvater diese unerfreuliche Wahrnehmung damit Du Dich mit dem
Maulwurffänger beraten kannst«
    PinkHeinrich hatte mit größter Aufmerksamkeit dem Wenden zugehört Jetzt
verließ er seinen Sitz hinter dem lindenen Arbeitstische und trat neben Sloboda
    »Wann erhieltest Du diesen Brief« fragte er den Greis
    »Gestern während Du über Land warst«
    »Und an welchem Tage ist er geschrieben«
    »Am achten Februar«
    »Von wo datirt«
    »Vom Zeiselhofe«
    Nach diesen raschen Fragen und Antworten ließ der Maulwurffänger seinen Kopf
sinken und sah den Wenden mit vieldeutigem Blick lange an
    »Alles erwogen« sagte er nach einer Pause »muss Martell dieses
ausschweifende Leben wenigstens seit vierzehn Tagen fortsetzen denn Paul ging
Ende Januar nach Boberstein um Bianca zu Adrian zu bringen und am sechsten des
laufenden Monates ist er spätestens wieder auf dem Zeiselhofe eingetroffen 
Hm  Und Fremde Fremde Köhler oder Holzhändler die allabendlich in der
schlechten Schenke am See unzufriedene Fabrikarbeiter frei halten ihnen
Branntwein zu trinken geben so viel sie wollen  Könnte nicht irgend eine
verteufelte Schurkerei dahinter stecken«
    »Teilst Du nun meine Besorgnisse meine Ahnungen«
    Der Maulwurffänger drückte dem Wenden statt aller Antwort die Hand der
Schulmeister aber sagte als sei es Pflicht für den Bruder zu antworten
    »Natur Ganz Natur«
    »Ich vermute« sagte PinkHeinrich nach einer Weile »dass man die
unglücklichen Arbeiter zu irgend einer strafbaren Torheit verführen will die
Martell als der Verwegenste und Aufgereizteste angeben soll Der Teufel spinnt
seinen Zwirn gar nicht dumm denn wenn ihm das Ding gelingt wenn sich die
Arbeiter von Branntwein und stachelnden Redensarten erhitzt zu strafbaren
Excessen verleiten lassen so haschen uns die Gerichte den Martell weg stecken
ihn ein und machen ihm als Aufrührer den Prozess Beim Himmel es wäre das die
leichteste und bequemste Weise einen gefürchteten Gegner und einen
widerwärtigen Bruder auf einmal los zu werden«
    »Mir sind ungefähr dieselben Gedanken durch den Kopf gefahren« erwiderte
Sloboda »wie man aber Martell warnen und seine Verführer wenn die fremden
Köhler diesen Namen verdienen von ihm fern halten soll weiß ich nicht«
    »Das wird Zeit und Mühe kosten Vor Allem muss man die freigebigen Herren
kennen lernen um zu ermitteln ob sie sich bloß auf ihre eigene Faust einen
Scherz machen oder im Solde eines Dritten stehen und in dessen Auftrage
handeln«
    »Wer alter Freund soll hier spioniren Wir Beide «
    »Haben keine Zeit dazu das seh ich ein Da lebt aber der muntere
ausgelassene Zeisig der gelenke Gilbert auf dem Zeiselhofe Ihm wird die Zeit
übermäßig lang er verlangt nach Beschäftigung und keine schickt sich besser
für diesen aufgeweckten Jungen als solche, bei der es etwas zu erlauschen gibt
die ans Abeuteuerliche streift Gilbert ist just der rechte Mann für unser
Geschäft«
    »Der Kapitän wird ihn nur kaum von sich lassen  Biancas wegen«
    »Ich will das schon vermitteln  und übrigens Bianca lebt ja im Hause
Adrians das der verliebte Matrose schwerlich betreten wird«
    Schlenker hatte diesem Gespräch sehr aufmerksam zugehört ohne es durch
seine frommen Bemerkungen zu unterbrechen Jetzt aber stand er auf ging mit
vorgebeugtem Oberkörper die lahmen Arme mit gespreizten Fingern zu beiden
Seiten steif herabhängen lassend zu den beiden alten Freunden und sagte
    »Hab ichs nicht voraus prophezeit als wär ich einer der vier großen
Propheten dass es ein Mensch der von Gott und seinem heiligen Wort so wenig
weiß und wissen mag wie Euer SpinnerGraf dass solch ein Mann sag ich in der
Stunde der Versuchung dem Teufel in die Hände fällt Er musste sich fügen und
demütigen lernen als er seine hohe Abstammung erfuhr Das hätte ihn zu einem
Christen und Gott wohlgefälligen Menschen gemacht Statt dessen aber flucht und
lärmt er und sinnt auf Rache und da hat Gott seinen Boten ausgesendet und ihm
denselbigen zum Begleiter gesetzt So ists meine lieben Freunde Von
verhärteten und verstockten Sündern mag der Herr nichts wissen woraus folgt,
dass auch Ihr Eure Hand von ihm abziehen sollt«
    »Und das nennt nun der wackere Apostel seiner Secte Christentum« rief
PinkHeinrich gutmütig und schmerzlich lächelnd »Wäre die Gnade und
Barmherzigkeit des Herrn den gerade seine eifrigsten Bekenner am meisten zu
lästern pflegen der ihrigen gleich die Frommen würden einen harten Stand haben
in den paradiesischen Gauen die sie mit so verführerischen Farben zu schildern
verstehen«
    Unerwartet flog jetzt ein leichtes Fuhrwerk die Straße herein und hielt vor
dem Hause des Maulwurffängers Gregor erhob sich lotrecht von seinem Schemel
und wendete steif den Kopf nach dem Fenster Schlenker suchte durch wiederholtes
starkes Schnupfen seinen Ärger zu verwinden den ihm die Bemerkung seines
Hauswirts verursacht hatte Zugleich zog er die grauwollenen Strümpfe die
stets schlotternd um seine dünnen Waden hingen bis an die zerrissenen Kniehosen
herauf und schnallte sie mit einiger Mühe fest unter diese
    »Mein Enkelsohn« sagte Sloboda »Was kann der bringen«
    »Es muss etwas Wichtiges sein denn er hat die junge Stute angetrieben dass
sie ganz und gar mit Schweiß bedeckt ist«
    Und beide gingen zugleich dem Jünglinge bis an die Haustür entgegen
    Paul begrüßte seinen Großvater und dessen treuen Freund mit treuherzigem
Handschlage spannte das Pferd aus und zog es in den Holzschuppen wo er es eine
geraume Zeit auf und abführte Als er später den Freunden ins Wohnzimmer
folgte sprach Sloboda zu ihm
    »Du bist ein Hiobsbote«
    »Gott Lob doch endlich einmal eine christliche Redensart« seufzte
Schlenker klappte die zinnerne Dose auf und bot dem Wenden eine Prise an die
dieser auch in der Zerstreuung annahm
    »Zum Teil Großvater komme ich um der Überbringer einer
Unglücksbotschaft zu sein« versetzte Paul »Leberechts Wohnhaus ist bis auf die
Sohle niedergebrannt Adelbert hat den unglücklichen armen Mann der
Fahrlässigkeit beschuldigt und ihn sodann aus dem Dorfe gejagt da im
Gemeindehause keine Stelle frei war Leberecht hat nun in seiner Verzweiflung
die arme Frau bis zu seinem gegenwärtigen Brodherrn geleitet der den
Flüchtlingen auch ein Plätzchen in der Scheuer angewiesen hat für einen Tag und
eine Nacht Am andern Tage mussten die bedauernswerten Leute die all ihre Habe
verloren haben weiter ziehen und da Leberecht nirgends ein Unterkommen für
sich und die Seinen erwarten darf hat er sich mit einem beweglichen Schreiben
an den Kapitän gewandt und für kurze Zeit um Aufnahme seine Familie auf dem
Zeiselhofe gebeten «
    »Was ihm Graf Aurel nicht abschlagen wird« fiel der Maulwurffänger ein
    »Mitleidig ließ er nicht allein sogleich ein paar Kammern in Bereitschaft
setzen sondern er schickte den Abgebrannten auch eine ganze Tagereise weit
seinen eigenen Kutschwagen entgegen um die ermüdeten verlassenen Wanderer so
bald wie möglich in Sicherheit zu bringen und ihnen die nötige Pflege
angedeihen zu lassen«
    »Und wie lautet die andere Hälfte Deiner Botschaft« fragte Sloboda sich
wieder an seine Arbeit setzend
    »Diese kenne ich selbst nicht Großvater Der Herr Graf unser Beschützer
und Wohltäter hat mir nur einen Brief übergeben den er mir in unseres
Freundes des Maulwurffängers eigene Hände niederzulegen wiederholt
einschärfte Hier ist dieser Brief«
    PinkHeinrich nahm sich nicht erst die Mühe die Adresse zu lesen Er zerriss
das zierliche Siegel welches den Abdruck des kleinen Goldringes trug den Aurel
in Hamburg gefunden hatte Aufmerksam und mit steigender Teilnahme durchflog er
das Schreiben Er atmete hörbar auf als er zu Ende gelesen hatte
    »Darf man fragen« sagte Sloboda
    »Kapitän Aurel hat Nachrichten aus Hamburg erhalten«
    »Auf seine Briefe Ist der Gesunkene aufgefunden«
    »KlütkenHannes hat seinen Keller verkauft und Hamburg verlassen«
    »Das ist auffallend«
    »Noch auffallender kommt es mir vor dass der arme Trödler einen Pass auf alle
deutschen Bundesstaaten genommen und genau eingezogenen Nachforschungen zufolge
den Weg nach Osten eingeschlagen hat«
    »Sollte er die Spur seiner Tochter verfolgen wollen Oder sollte ihm seine
unnatürliche Handlungsweise gereuen«
    »Darüber steht nichts in dem Briefe Nur die Bemerkung ist noch hinzugefügt
dass man guten Grund habe zu glauben KlütkenHannes sei nicht allein aus
Hamburg abgereist«
    Der Maulwurffänger lehnte sich schweigend gegen die getäfelte Holzwand
seines Zimmers und sah mit seinen blitzenden grauen Augen bald gerade vor sich
hin bald auf die Schriftzüge des erhaltenen Briefes An den strengen Zügen
seines ehrwürdigen Gesichtes sah man dass er angestrengt nachdachte Niemand
störte den Sinnenden selbst Schlenker schwieg oder unterhielt sich doch nur
flüsternd mit Gregor zu dem er sich auf den Socken geschlichen hatte um einen
langen Disput mit dem einsylbigen Manne zu führen über hochwichtige
Missionsangelegenheiten Schlenker hatte bei dieser Unterhaltung den großen
Vorteil dass er von seinem geduldigen Zuhörer nie oder doch nur durch die
längst gewohnten stereotypen Worte »natürlich« oder »ganz Natur« unterbrochen
wurde
    Nach etwa fünf Minuten stand der Maulwurffänger sehr heftig auf und trat so
schnell auf Paul zu dass er den ehemaligen Husaren dabei hart auf seine
erfrorenen Zehen trat was Schlenkern zu den fürchterlichsten Grimassen und zu
unbeschreiblich komischen Sprüngen Anlass gab
    »Heinrich Heinrich« rief der Getretene »Ihr seid verzih mirs Gott ein
Mann mit tausend Schrecken  o weh o weh  ja mit tausend Schrecken ach mit
tausend Schrecken«
    Lamentirend hinkte der Fromme nach seiner Stube Der Maulwurffänger achtete
gar nicht auf ihn Mit jugendlich blitzenden Auge fragte er Paul wenn er
glaube dass die Stute wieder eingespannt werden könne
    »Zwei Stunden genügen um das Tier volllommen wieder herzustellen«
    »Nun dann brechen wir alle drei in zwei Stunden nach dem Zeiselhofe aus
Ich muss notwendig mit dem Kapitän selbst reden  Du hattest Recht Freund Jan
Beobachtung tut Not Darum mag Gilbert je eher je lieber in die Heide reisen«
    Zwei Stunden darauf verließ der Maulwurffänger mit Sloboda und Paul sein
trauliches Häuschen zu nicht geringem Verdrusse Schlenkers dem er seiner
Unvorsichtigkeit wegen weder ein freundlich entschuldigendes Wort gesagt noch
ihm zum Abschiede einen Gruß zugerufen hatte Der gute Herrnhuter beteuerte
nochmals es sei mit tausend Schrecken wie der Mann mit seinen Nebenmenschen
verfahre und vertiefte sich in die Lektüre jener wichtigen Missionsschrift
deren Vortrefflichkeit er vor Kurzem seinem aufmerksamen Freund Gregor
anempfohlen hatte
 
                                Zweites Kapitel
                             Gezwungenes Abkommen
Während unsere Freunde dem Zeiselhofe entgegen eilen jagt eine leicht gebaute
Droschke der Heide zu In Folge des eingetretenen starken Tauwetters waren die
an sich schon schlechten Wege beinahe unfahrbar geworden und hinderten das
Fortkommen ungemein Adrian der Lenker dieses leichten Zweigespanns stieß vor
Ungeduld die ärgsten Schimpfreden aus und ließ seinen Ärger die unschuldigen
Tiere entgelten an denen es wahrhaftig nicht lag wenn der Wagen nicht im
Fluge über Stock und Stein dahin sauste Der stumme Kammerdiener Jean den sich
Adrian bei all seinen neuerdings unternommenen Ausflügen zum alleinigen
Begleiter auserlesen hatte suchte durch Mienen und Gebehrden seinen erzürnten
Gebieter zu beruhigen und deutete ihm an dass ja Niemand dafür könne und die
böse unfreundliche Jahreszeit allein Schuld sei an den schlechten Wegen die
freilich bisweilen noch bloßen Sumpflöchern und Sandlachen glichen Adrian hörte
aber auf alles Zureden nicht Er schimpfte fluchte peitschte nach wie vor und
warf dann und wann einen verzweifelten Blick auf die sich dunkler färbende
Waldung
    »Es wird sinkende Nacht ehe ich zurückkomme« murmelte er durch die Zähne
»und wenn ich auf diesen grundlosen Haidewegen nicht den Hals breche kann ich
mich obendrein noch bei dem Wegeverderber bedanken  Jean der Mensch wird doch
sicher auf mich warten«
    Der Kammerdiener bejahte durch Kopfnicken und Adrian ließ pfeifend die
Peitsche um die Köpfe der schnaubenden Rosse knallen
    Herr am Stein war auffallend blass geworden Hohle fahle Wangen und tief
liegende brennende Augen sahen unheimlich aus seinem Reisemantel Sein ganzes
Wesen hatte etwas Hastiges Unstätes angenommen das man früher nicht an ihm
bemerkte Dennoch schien dies nicht Folge körperlicher Krankheit sondern mehr
geistiger Aufregung zu sein Die trübe und doch verzehrende Glut seines Auges
zeugte von dem Vorhandensein einer großen Leidenschaft die nach Befriedigung
lechzte und diese trotz der ungeheuersten Anstrengungen doch nicht erlangen
konnte
    Es dunkelte bereits als Adrian das Ziel seiner Fahrt die Köhlerschenke am
Raubhause erreichte Die Zügel heftig dem Kammerdiener zuwerfend trat er rasch
in die räucherige Barake Jussuff kam ihm mit demütigen Bücklingen entgegen und
fing schmunzelnd an von der hohen Ehre zu schwatzen die der gnädige Herr ihm
wiederfahren lasse Ohne darauf zu achten fragte der Graf barsch
    »Wo stecken die Burschen«
    »Meinen Ew Gnaden die mir empfohlenen Gäste so werden Sie die immer sehr
durstigen Herren in ihrer Kammer finden Sie befehlen«
    »Marsch voran Ich habe Eile«
    Demütig öffnete Jussuff die Zuschlagtüre schritt dem nachfolgenden Grafen
einen dunkeln Gang voran und zeigte ihm das Gemach seiner Gäste Diese waren
übrigens so laut dass Adrian auch ohne des Wirts Geleite den Weg zu ihnen
gefunden haben würde
    »Du kannst jetzt gehen Jussuff« sagte er etwas sanfter »Gib meinen
Pferden etwas Zucker und wirf ihnen ein Bündel Heu in die Krippe Für mich halte
ein Glas Punsch in Bereitschaft Sobald ich meine Geschäfte mit diesen Burschen
abgetan habe breche ich sogleich wieder auf um noch vor gänzlichem Einbruch
der Nacht den schlimmsten Teil der Heide zurückzulegen«
    Jussuff entfernte sich und Adrian trat ohne anzupochen in die Kammer wo
Blutrüssel und KlütkenHannes bei ihrem Lieblingsgetränk saßen schwatzten
lachten fluchten und Tabak dazu qualmten Bei dem Erscheinen des vornehmen
Mannes von dessen Herkunft und Beschäftigung Keiner etwas Bestimmtes wusste
fuhren sie auf und unterbrachen ihr Gespräch
    
    Adrian nickte stolz zum Gruß und deutete dann auf Blutrüssel worauf er
durch eine leicht zu verstehende Gebehrde zu erkennen gab dass er mit
KlütkenHannes allein zu sein wünschte Der feige Mörder schlich knurrend
hinaus wie ein Panter der gezwungen seine Beute verlassen muss
    »Ist es durchaus nötig Herr Klütken dass dieser unaustlehliche Schleicher
immer bei Ihnen sein muss« fragte der Graf indem er sich mit verschlungenen
Armen an die Bretterwand lehnte Eine Elle über seinem Haupte funkelten zugleich
die rollenden Augen des Mörders
    »Ich bin ihm von früher her Dank schuldig gestrenger Herr« versetzte der
ehemalige Trödler »und Sie kennen das Sprichwort eine Hand wäscht die andere«
    »Gut  Stehen Sie für seine Verschwiegenheit Denn ich verhehle es Ihnen
durchaus nicht Herr Klütken dasswenn Sie ein einziges Wort von unserm
Abkommen gegen irgend Jemand verlauten lassen ich nichts mehr von Ihnen weiß
und meine Hand auf der Stelle von Ihnen abziehe«
    KlütkenHannes lächelte wenn das Grinsen seines breiten Mundes und das
Blinzeln seiner kleinen blutunterlaufenen Augen ein Lächeln genannt werden
kann, und zog das Hirschhornheft eines Schiffermessers aus der Brusttasche
seiner Jacke
    »Das macht still mein großmütiger Herr Gönner wenn der Dummkopf in
lustigem Schwindel ja einmal unsern Pact vesgessen sollte«
    »Verdammter Hund« murmelte Blutrüssel und rollte seine Augen so
entsetzlich dass sie blutigen Fleischballen ähnlich sahen Dann zog er sich
zurück und drückte die spitzen Zähne an den Bretterspalt als wäre es ihm
Bedürfnis etwas vor Ingrimm zermalmen zu müssen
    Adrian schien durch die Antwort seines Verbündeten beruhigt worden zu sein
Er warf sich jetzt auf den Schemel und fuhr fort
    »Obwohl ich Ihren Bemühungen mir gefällig zu sein meine Anerkennung nicht
versagen kann Herr Klütken muss ich Sie doch wiederholt ersuchen auch
fernerhin nicht lässig zu sein Sie haben Anerkennungswertes geleistet es ist
wahr allein es genügt noch lange nicht Dieser Mensch hat die Kraft eines
Riesen und die Natur eines Stieres Wissen Sie mein Herr dass er noch jetzt wie
am ersten Tage nach Gebrauch der ihm verschriebenen Arznei seine Arbeit ohne
Anstrengung verrichtet«
    »Ich will ewig verflucht sein wenn ichs nicht weiß« schwur der Trödler
ein Glas heißen Branntwein an seine blauen Lippen setzend »Aber der Teufel soll
mich holen wenn ich mehr tun kann Bins nicht im Stande Herr«
    »Vielleicht ließ sich die Arzneigaben verdoppeln da uns die bisherigen
Erfahrungen gelehrt haben dass man dieser unverwüstlichen Natur etwas zumuten
kann«
    »Soll ich«
    »Machen Sie wenigstens einen Versuch«
    »Bei alledem ist das ein Wagstück mein Herr Gönner denn sehen Sie der
Teufelskerl hat manchmal die Gewohnheit einem zuzutrinken zumal wenn ihms
Herz aufgeht und die Galle überläuft und wenn man sich dann weigert einen
tüchtigen Schluck zu nehmen so wird er unangenehm«
    »Nun und was tut das«
    »Was das tut Ei mein sehr großmütiger Herr das kann einem mir nichts
Dir nichts das Leben kosten Denn ein so robuster Kerl ich auch bin mit dem
Martell mag ich doch keine Rauferei anfangen«
    Adrian zuckte die Achseln und erwiderte sehr gleichgültig
    »Es wird nicht gleich ans Leben gehen Herr Klütken ein paar Püffe und
Striemen müssen Sie aber schon geduldig einstecken wenn man Sie dafür so
anständig bezahlt«
    »Aus Prügeln mache ich mir gar nichts mein Herr Gönner denn ich bin in
meinem Leben sehr viel geprügelt worden aber eine Art muss doch Alles haben Und
die hat der Martell nicht«
    »Dann werden Sie ihm Bescheid tun so oft er es verlangt«
    »Mit doppelt gepfeffertem Trank«
    »Mit verdoppelter Arznei«
    »Herr das wäre Mord  Selbstmord«
    »Stecken Sie Brechpulver zu sich und trinken Sie viel Wasser dazwischen
Übrigens haben Sie ja immer einen ganzen Tag Zeit um sich durch die
kräftigsten Speisen wieder zu stärken Entalten Sie sich in dieser Zeit aller
berauschenden und aufregenden Getränke so werden Sie nicht die mindeste
Abspannung oder gar Hinfälligkeit spüren«
    »Ich kann nicht essen ohne zu trinken«
    »Schlechte Gewohnheit Herr Klütken für die Sie mich nicht verantwortlich
machen dürfen Sie sind freiwillig in meine Dienste getreten und wenn ich für
den anständigen Gehalt den ich Ihnen gebe verlange dass Sie mir treu und
rücksichtslos dienen sollen so glaube ich nur billige Rechtsansprüche an Sie zu
machen«
    KlütkenHannes ward unruhig ob aus Ärger über die Bedingungen seines
unheimlichen Wohltäters oder aus Furcht vor der Zukunft konnte man aus seinen
verwilderten Gesichtszügen nicht herauslesen
    »Ich ersuche Sie dringend Herr Klütken« sagte Adrian nach kurzer Pause mit
teuflischer Freundlichkeit »mir gefälligst unumwunden anzugeben ob Sie
gesonnen sind meinen Wünschen zu entsprechen Sie sind durchaus frei wenn Sie
wollen nur freilich fällt alsdann die versprochene Pension weg da Sie vor
Erreichung des ausbedungenen Zweckes aus meinen Diensten treten«
    »Teufel das ist ein Kerl« knirschte Blutrüssel der schon längst seine
Augen wieder an den Spalt drückte »Der hätte vor einigen vierzig Jahren unter
uns leben sollen«
    »Es ist gewiss und wahrhaftig der leibhaftige Satan« murmelte
KlütkenHannes der sich in eine verzweifelte Klemme getrieben sah Hier gähnte
in furchtbarer Nähe das dunkle Grab mit all seinen geheimnisvollen Schauern ihn
an und dort drohte das eben so entsetzliche Gespenst der Armut des Elendes
der schauerlichsten Verzweiflung Er wusste nicht wem er die Hand reichen
sollte und wieder versank er in ein düsteres brütendes Schweigen
    Mit einem Blick der fast ins Liebevolle hinüberspielte betrachtete Adrian
sein ihm verfallenes Opfer
    »Sie haben noch zwei Minuten Bedenkzeit Herr Klütken« sagte er ungemein
höflich und zog die goldene Repetiruhr aus der Tasche
    KlütkenHannes fuhr auf und ballte unwillkürlich die Hände Einen Augenblick
lang war er Willens sich auf den entsetzlichen Gebieter zu werfen und ihn zu
erdrosseln aber die Liebe zum Leben und der Durst nach möglichst großem und
schnellem Gewinn siegten Den wüsten Kopf auf beide Hände stützend sah er starr
vor sich nieder ohne einen klaren Gedanken zu fassen
    Adrian verwandte keinen Blick von dem Unglücklichen Sein Lächeln ward immer
freundlicher immer satanisch verklärter
    »Wenn Sie die Güte haben wollen Herr Klütken mir Ihren Entschluss kund zu
tnn so mache ich Sie darauf aufmerksam dass Ihnen grade noch eine halbe Minute
Zeit dazu übrig bleibt«
    Er öffnete ruhig die Tür und rief
    »Jussuff in einer Minute reise ich ab Sag es meinem Diener«
    Und wieder trat er mit dem kalten unerbittlichen Auge eines Todtenrichters
vor den noch immer Zaudernden
    »Acht Sekunden mein Herr«
    »Donner und Höllenbrand« fuhr KlütkenHannes auf »wenns nun einmal nicht
anders sein soll so will ich mit saufen Läufts schlecht ab je nun so war
der Rausch vor dem verfluchten Endreigen doch lustig Hier meine Hand Von
morgen an soll Martell und wer zu ihm hält doppelte Portionen schlucken«
    »Gute Nacht Herr Klütken Ich danke Ihnen verbindlichst«
    Adrian verließ die Kammer Als die Türe hinter ihm zuschlug flüsterte er
lächelnd
    »Es ist mir ganz lieb wenn sie Alle mit einander zum Teufel fahren Bleibt
auch nur Einer am Leben so wäre ich keine Stunde mehr mein eigener Herr Nein
fort müssen sie fort für immer Und im Grunde kann man dieser versoffenen
Kanaille keinen größeren Dienst erweisen  O über den Esel Zu glauben ich
würde einen Kerl seines Charakters für einen Schurkendienst Gott weiß wie viele
Jahre gleich einem Fürsten erhalten«
    Mit Behagen schlürfte er sein Glas Punsch ließ sich dann von Jussuff in die
Kalesche helfen und fuhr sehr zufrieden mit seinem Verfahren wieder nach
Boberstein zurück Ungeachtet der entsetzlichen Finsternis und der schrecklichen
Waldwege erreichte er es doch ungefährdet
    KlütkenHannes verlebte eine qualvolle Nacht denn zu seinem Entsetzen musste
er sich die hämischen Vorwürfe seines Verführers und Dieners gefallen lassen
ohne ein Wort darauf erwidern zu können Seit undenklichen Zeiten zum ersten
Male genoss er keine berauschenden Getränke in dieser Nacht so häufig ihn auch
Blutrüssel dazu aufforderte
    Gegen Sonnenaufgang schlichen sich die beiden Verworfenen wieder in
Köhlertracht durch das undurchdringlichste Dickicht und erreichten auf großen
Umwegen gegen Mittag das Dorf am See
 
                                Drittes Kapitel
                                Ein Geständnis
Unter dem Geläut der Feierabendglocke fuhren unsere Freunde durch das Dorf nach
dem Zeiselhofe Sie wurden von manchem Vorübergehenden der eben seine Mütze zum
Gebet abnahm freundlich gegrüßt denn in dieser Gegend waltet noch die fromme
Sitte beim Mittag und Abendläuten seis unter freiem Himmel oder im
heimlichen Zimmer mit entblösstem Haupt ein Vaterunser zu beten
    Nach alter Gewohnheit pflegte der Maulwurffänger immer zuerst die
Gesindestube zu betreten um entweder seinen Ranzen nebst Fangdrähten oder was
er sonst grade bei sich trug abzulegen oder sich daselbst nach dem Gebieter zu
erkundigen Sloboda hatte von seinem alten Freunde die nämliche Gewohnheit
angenommen Ihr erster Gang war daher auch diesmal nach der Gesindestube
gerichtet aus deren Fenstern ihnen bereits das freundliche Glänzen brennender
Späne einladend entgegenschimmerte
    Als PinkHeinrich die schwere Lehmtüre aufzog gewahrte er in dem großen
Raume eine Szene die ihm ein paar Sekunden lang an die Schwelle fesselte
    Wir bitten den Leser sich zu erinnern dass die Gesindestube im Zeiselhofe
ein großes mehr langes als breites Zimmer war mit einer Menge Fenster einer
sehr langen Tafel von grobem Holz und einer rund um die Wand laufenden Bank
Dieses Zimmer hatte im Laufe der Zeit keine Veränderung erlitten es war nicht
einmal ausgeweisst worden Der ungeheure Kachelofen mit dem bequemen Lager hinter
ihm dieselben Schemel und Bänke wie vor vierzig Jahren nur wurmstichiger als
damals füllten den nicht eben freundlichen Raum Sogar das Gezirp und Geschrill
der zahllosen Heimchen hatte sich eher vermehrt als vermindert denn Niemand war
es eingefallen diese unschuldigen Tierchen zu vertreiben
    Der Maulwurffänger brachte wenn man will aus Angewohnheit gern ein paar
Stunden in diesem gemeinschaftlichen Plauderzimmer der Dienstleute zu denn er
liebte es noch immer das Dienstpersonal mit alten Geschichten zu unterhalten
die hübschen Mägde zu necken und aufzuziehen Auch mochte ihn alte
Anhänglichkeit und jene unerklärliche Wehmut der Sehnsucht die sich an Orte
knüpft wo uns in früheren Zeiten Wichtiges begegnet ist mit energischer Gewalt
dahin ziehen
    In diesem Raume nun den außer den dunkel brennenden Spänen an beiden Enden
der langen Gesindetafel noch einige dünne Talglichter sehr unvollkommen
erleuchteten gewahrte der Maulwurffänger eine rührende Gruppe Umwallt von
bläulichen Rauchwolken die aus dem erlöschenden Wacholderreisigfeuer auf dem
geziegelten Teile der großen Stube aufwirbelten saß eine hagere fast ganz
weiß gekleidete Frau in Landestracht auf der Ofenbank Um den Kopf trug sie nach
Art alter Frauen ein blau und weiß geblümtes Tuch das am Hinterkopf in einen
einfachen Knoten verschlungen war und beide Zipfel nach beiden Seiten steif
ausbreitete Ihr zur Rechten saß Herta in modernem schwarzseidenen Gewande Zur
Linken schmiegte sich die liebliche schlanke Gestalt Elwirens an die alte Frau
und lehnte ihren schönen Lockenopf auf deren Schulter Alle Drei schluchzten
leise Unfern von dieser Gruppe sah man auf der Wandbank einen jungen Mann mit
verbundenen Händen sitzen neben dem ein anderer ergrauter starker Mann aufrecht
stand und mit Aurel der am Gesindetische lehnte ein lebhaftes Gespräch
unterhielt
    »Du mein Jesus Marie« rief jetzt der Maulwurffänger und schritt hastig auf
die Gruppe am Ofen zu »Kehren denn die alten Zeiten zurück ganz und gar Wie
viele Male habe ich Dich just auf demselben Oertl sitzen und weinen sehen wenn
ich des Abends einsprach um Essenszeit und der arge Schalk von Grossknecht der
nun so lange Jahre schon Dein Eheherr ist Dir die Suppe mit dem graugrünen
Heimlichzeuge verdarb Aber was weinst Du denn Marie Ists nicht eine rechte
Gottesfügung dass er Alle die sich lieb haben so kurz vorm Niederlegen zum
ewigen Schlafe noch einmal zusammenführt Ich meines Teils danke ihm dafür von
Herzen und auch Du wirst es tun gute Marie wenn Du erst den großen Verlust
verschmerzt hast der Dich betroffen Freilich freilich noch abzubrennen auf
seine alten Tage und gleichsam an den Bettelstab geraten das ist hart Aber
Gott Lob noch gibt es redliche Menschen die arme brave Lente nicht verkommen
lassen in unverschuldetem Unglück  Guten Abend Leberecht Willkommen
Eduard«
    Und der treuherzige Mann reichte sowohl Vater wie Sohn seine harte ehrliche
Hand
    Die blinde Marie erkannte den alten Freund an der Stimme Gewaltsam hielt
sie die Tränen zurück stammelte einen guten Abend und streckte ihm ihre weiße
abgemagerte Hand entgegen
    »Sapperment bin ich denn gar so durchsichtig geworden« lachte der
Maulwurffänger »Du greifst ja frisch weg in den blauen Dunst hinein der mich
gar angenehm in die Nase sticht Hier alte Mutter hier ist der gutmütige
Narr der sein Lebelang für andere Leute seine eigene Haut zu Markte trug«
    »Gott erhalte Dich noch lange gesund Heinrich« erwiderte Marie mit
beiden Händen die Rechte des alten Freundes ergreifend »Gott schenke Dir noch
viele viele frohe Tage und behüte das Licht Deiner Augen«
    »Das wolle er in Gnaden tun der gute alte Gott sonst möcht es mir übel
ergehen auf meine alten Tage Ich habe weder Kind noch Kegel und die Hand die
mich pflegen wird soll noch geboren werden«
    »Wir setzten uns dann neben einander Heinrich auf den grünen Plan vor dem
Gemeindehause und wenn wir die warme Sonne auf dem Gesichte fühlten bildeten
wir uns ein wir könnten auch noch die von ihr beschienene Landschaft sehen«
    »Aber Marie Wie magst Du so reden«
    »Die Mutter ist blind« sagte Eduard kalt »In der Stunde wo das Licht
ihrer Augen erlosch ging unser Häuschen in Flammen auf und ich verbrannte mich
zum Krüppel Auf dieser Welt kann ich keinen Faden mehr drehen keinen Schützen
mehr schnellen Ich muss eben betteln gehen wenn mitleidige Seelen sich meiner
nicht erbarmen«
    Der Maulwurffänger erblasste bei dieser Nachricht seine stets sichere Hand
zitterte Er musste sich auf seinen Wanderstab stützen um nicht
zusammezubrechen Inzwischen ergiff Leberecht eines der Talglichter und näherte
sich Marien die noch die Hand des alten Freundes umklammert hielt und ihre
lichtblauen Augen über deren Sternen graue Nebelwolken lagen fest auf ihn
richtete Bei diesem Anblick schossen auch dem Maulwurffänger die Tränen
unaufhaltsam in die Augen und laut schluchzend warf er sich nieder auf die Knie
und drückte sein Gesicht in die linnene Kleidung der Jugendfreundin
    »Wie war dies möglich Marie« sagte er nach einer Pause »Wie bist Du um
Deine Augen gekommen armer Engel«
    »Durch die Arbeit« seufzte die Blinde »Das Weben bei Nacht vertrugen meine
Augen nicht und weil sie mich so sehr schmerzten und das Licht nicht mehr
ertragen konnten löschte sie der liebe Gott lieber ganz aus Seit ich blind
bin habe ich keine Schmerzen mehr Auch das Leid Anderer rührt mich nicht denn
ich sehe ja nicht ihr Elend O ich sage Dir PinkHeinrich eine größere
Wohltat als Blindheit kann es für den gefühlvollen Armen nicht geben Ihn quält
nichts und doch hat Jeder Erbarmen mit ihm Unaufgefordert empfängt der Blinde
Gaben während andere elendiglich Darbende hart angelassen und unbeschenkt
fortgewiesen werden Darum danke Gott alter Freund dass er mir das Licht der
Augen genommen hat als es Zeit war Ich kann nun ruhig sein wegen meiner
Zukunft und geduldig der Stunde harren wo der Ewige mich rufen wird«
    »Hat Euch Paul mein Schreiben eingehändigt« fragte jetzt Aurel um diesen
schmerzlichen Auftritt zu beendigen »Ich bin dann begierig Eure Meinung zu
hören«
    »Um uns mit Ihnen zu beraten Herr Kapitän sind wir Beide Sloboda und
ich unverweilt mit Paul hierher gekommen Es steht nicht Alles gut um
Boberstein«
    »Von meinem Enkel erfuhren wir die Verirrung Martells« sagte der alte
Wende »Wir vermuten dass eine böse List dahinter verborgen liegt«
    »Dieser Ansicht bin ich ebenfalls wackere Freunde doch macht sie mir wenig
Sorge Martell ist ein sehr kräftiger Mann den sein geistiger Stolz schon nicht
untergehen lässt Er schmachtet nach Vergeltung und weil er diese nicht in der
Art üben kann wie er es vielleicht wünscht gerät er auf Abwege Mehr
bekümmert mich das Verschwinden des Hamburger Trödlers Ihn müssen wir
auskundschaften sonst laufen wir Gefahr unsere Absicht nur zur Hälfte zu
erreichen Habt Ihr eine Vermutung Heinrich«
    »Blos unbestimmte Herr Kapitän«
    »Lasst hören«
    »Bewahre mich der Himmel Was ich denke erfährt gegenwärtig kein Mensch
Aber ich bin der Meinung Spione nach Boberstein zu schicken«
    »Wollt Ihr selbst einen so schwierigen Posten übernehmen«
    »Hätte ich nur zwanzig Jahre weniger auf dem Rücken so machte ich mir wohl
den Spaß aber jetzt Herr Kapitän jetzt bin ich doch etwas zu unzuverlässig
geworden Ein flinker Junge wie der Gilbert ist der rechte Mann dazu«
    »Er ist zu leichtsinnig zu verliebt«
    »Desto mehr wagt er und einen Wagehals brauchen wir Kann er auch zechen«
    »Wie ein Bacchus«
    »So ist er wie geschaffen zu dem Posten den ich ihm zugedacht habe«
    »Ihr wollt Martell einen Gefährten geben nicht wahr«
    »Einen Gefährten und einen Spion zugleich Ein Bursche der es mit dem
Spinner und seinen Freunden aufnimmt kann auch erfahren wer den fremden
Köhlern immer von Neuem den Geldbeutel füllt«
    Dies leuchtete Aurel ein und nach kurzem Bedenken gab er seine Zustimmung
Unterdessen war es auch den vereinten Bemühungen Hertas und Elwirens gelungen
die Blinde zu beruhigen indem sie nicht allein ihr selbst sondern eben so
bestimmt auch Leberecht und Eduard Obdach und Unterhalt zusicherten Marie
presste Hertas Hände wiederholt an ihre Lippen ohne Worte des Dankes für so
viel Liebe und Teilnahme zu finden Es erschütterte die gealterte von tausend
Stürmen durch ein sorgenschweres Leben gepeitschte Frau tief dass sie am Ende
ihres Erdenwandels wieder durch die Not an dieselbe Bank gefesselt war die sie
vor mehr als vierzig Jahren ebenfalls nur zu ihrem traurigen Ruhesitz hatte
erwählen müssen Nur waren die Gefühle welche jetzt in ihr aufstiegen Gefühle
des Dankes und trotz ihrer unheilbaren Blindheit musste sie sich schweigend doch
sagen dass der Allmächtige sie wunderbar und gut geführt habe
    Mit einigem Geräusch erschienen jetzt die Knechte und Mägde um ihr frugales
Abendbrot gemeinsam zu verzehren Aurel hatte nicht die Absicht durch seine und
der Frauen Gegenwart diese braven arbeitsamen Menschen in ihrer Unterhaltung zu
stören und bot deshalb seiner Tante den Arm um sie in ihre Zimmer zu geleiten
    »Ich hoffe Ihr und Euer alter Freund werdet den Tee mit uns trinken«
sagte er im Aufbrechen zu dem Maulwurffänger »Gilbert wird ebenfalls erscheinen
und so können wir ohne große Mühe gleich Alles ins Reine bringen«
    Der Maulwurffänger schlug blinzelnd sein graues Auge zu dem Kapitän auf und
sah ihn mit der schlauesten Miene an die seine Gesichtszüge annehmen konnten
    »Wollen der Herr Kapitän dass ich oberländisch sprechen darf« sagte er
lächelnd
    »Ganz nach Belieben braver Alter«
    »Nun dann bitt ich ganz gehorsamst um Urlaub mein Herr Kapitän Die
gnädige Gräfin und ihr wunderschönes Nichtchen verstehen zwar einen Tee
zusammen zu brauen wie ihn meine alte Zunge ihr Tage nicht geschlürft hat aber
ein richtiges Maulwurffängerabendbrod ists denn doch nicht Da in dem Bauche
des alten Kachelofens habe ich einen Topf überlaufen sehen der ein genaues
Viertel Erdbirnen enthalten mag und der Duft von diesen lieben Knollen kitzelt
mich noch in der Nase Auch habe ich einen starken Apettit vornehmlich auf eine
nahrhafte gut geschmalzte Mehlsuppe wie sie dort auf dem Tische dampft Finden
Sie es also nicht gar zu grob und despectirlich so bleibe ich mit samt dem
Alten da und seinem Enkel in der Gesindestube helfe die Riesenschüssel mit dem
schönen Reimspruche am Rande mit auslöffeln und schäle nachher der blinden
Mutter dort einen Teller voll Erdbirnrn was sie in ihren jungen Tagen oft aus
purer Liebe mir ebenfalls getan hat Die mehligen Knollen schmecken mir noch
einmal so gut wenn die hübsche Marie die Schalen mit ihren kleinen dicken
Fingern so appetitlich abzog«
    Dies Lob des alten Mannes machte die Blinde lächeln Zugleich ward sie aber
auch gerührt von PinkHeinrichs Anhänglichkeit und die Hand gegen ihn
ausstreckend sagte sie
    »Habt Dank Alter Die blinde Mutter wird heut mit Euch zu Abend essen und
wenn auch ein paar Tränen aus ihren erloschenen Augen mit auf Euren hölzernen
Teller fallen Ihr werdet ihr deshalb doch nicht grollen«
    Herta traten die Tränen in die Augen Sie entzog Aurel ihren Arm um in dem
vorgehaltenen Taschentuche ihre Rührung zu verbergen
    »Gelt Herr Kapitän Sie entschuldigen den Grobian von Maulwurffänger und
lassen ihn in der alten räucherigen Erdfahrt in die er von Rechts wegen
gehört«
    »Gott segne Euch und Euer Mahl« rief Aurel bewegt »Lasst es Euch so wohl
schmecken wie in Euren besten Tagen Gilbert werde ich von Euch grüßen und auf
seine Sendung vorbereiten«
    Unter dem lauten und gemeinsamen Zuruf aller Dienstboten die ihrer
Herrschaft von Herzen gute Nacht wünschten verließ Aurel mit Herta und Elwire
die Gesindestube
    Auf dem Wege nach dem Herrnhause fragte der Kapitän Elwire ob er sie auf
einige Minuten in ihrem Zimmer sprechen könne Das schöne Mädchen gab mit
Herzklopfen ihre Einwilligung und Aurel beurlaubte sich für kurze Zeit bei
seiner Tante nachdem er sie in das uns bekannte Zimmer geführt hatte wo die
immer geschäftige Emma ihre Gebieterin empfing
    Mit niedergeschlagenen Augen begrüßte Elwire ihren Vetter Auch Aurel war
ein klein wenig befangen da er heut nicht seinen gewöhnlichen scherzhaft
kecken Ton anstimmen wollte in den er gern bei ungenirter Unterhaltung mit
jungen Mädchen verfiel
    »Liebe Elwire« sagte er nach einigen unbedeutenden Fragen die das kluge
Mädchen gewiss belacht hätte wäre sie nicht eben so befangen gewesen wie Aurel
»Liebe Elrwire ich erbat mir die Erlaubnis zu diesem Gespräch unter vier Augen
um von Ihren schönen Lippen mein Schicksal zu erfahren«
    »Glauben Sie dass ich wahrsagen kann« fiel Elwire mit einem reizenden
Anflug von Übermut ein »Emma hat mir nie Unterricht gegeben in der Kunst aus
den gemalten Herzen auf Kartenblättern die Geheimnisse in den Herzen der
Menschen zu erraten«
    »Sie spotten Elwire Ist es möglich dass Sie mich so gar nicht verstehen
dass ich Ihnen ein Fremder geblieben bin«
    Auf diese mit sichtbarer innerer Bewegung gesprochenen Worte senkte Elwire
den Kopf und seufzte »Bitte sprechen Sie« sagte sie kaum hörbar aber
unendlich sanft und zärtlich
    »Ja das sind Sie das ist wieder die schüchterne Taube die sich duckend an
meine schützende Brust flüchtete und an dieser wieder zum Leben erwachte  Wozu
viele Worte machen teure Elwire wozu in langen nichtssagenden Tiraden die
heiligsten Empfindungen des Herzens profanisiren wenn es doch so einfach so
natürlich ist durch einen einzigen Blick einen herzlichen Händedruck sich zu
verständigen Sie kennen mich zur Genüge meine schöne Kousine um längst zu
wissen dass ich ein Feind aller Umschweife bin Ich liebe ein gerades offenes
Wesen ein klares bestimmtes Wort Ein solches Wort will ich jetzt an Sie
richten indem ich die Bitte hinzufüge mir durch ein eben so gerades Wort zu
antworten Wollen Sie«
    Elwire ließ ihre Hand welche Aurel ergriffen hatte in der seinigen und
schlug ihre großen sanften Augen zu ihm auf Sie sprach nicht aber ihr Blick
sagte dem Kapitän dass sie seinen Wunsch erfüllen werde
    »Wir dürfen hoffen« suhr Aurel fort »dass binnen wenigen Monden dieser
anscheinend so verwickelte Proze der uns hier zusammengeführt hat sein Ende
erreicht Ich bin keineswegs in Sorge oder nur zweifelhaft über seinen Ausgang
denn Alles was zur Bildung eines gerechten Urteils selbst im Sinne unserer
höchst unvollkommenen Gesetze nötig war ist beinahe im Übermasse vorhanden
Alle aufgefundenen Documente sind als echt von Zeugen beschworen worden und so
hat denn unser altes sündhaftes Geschlecht eine Anzahl von Verwandten bekommen
die späterhin nach Massgabe des Richterspruches Anteil haben werden an unsern
Gütern Ich weiß aus den Berichten unseres Anwaltes dass dieser Spruch sehr bald
erfolgen wird und muss und bin schon jetzt hoch erfreut darüber da viele
Menschen durch ihn glücklich wohl nur ein Einziger unglücklich werden wird Dass
dieser Einzige grade mein ältester Bruder ist schmerzt mich tief ich nehme es
aber als eine gerechte Schickung der Vorsehung hin die verjährte Frevel und
Vergehungen so oft in eigentümlicher Weise bestraft Wäre Adrian genügsam
hätte er sein Herz nicht verstockt so würde er die Armen mit Brüderarmen
umschlingen und sich mit uns freuen Er will es nicht darum walte das
Schicksal  Ich rufe Ihnen dies jetzt ins Gedächtnis zurück weil ja auch Sie
an dem gemeinsamen Glück Anteil haben werden Wollen Sie diesen Anteil allein
für sich getrennt von Andern genießen«
    »So lange meine geliebte Tante lebt werde ich mich nicht von ihr trennen«
    »Unter keiner Bedingung Elwire Wirklich unter keiner  Sie seufzen Ach
geben Sie diesem Seufzer Worte Lassen Sie Ihr Herz sprechen wie das meinige zu
Ihnen spricht Knüpfen Sie Ihr Schicksal an das meinige«
    Aurel fühlte die Hand Elwirens in der seinigen zittern aber sie schwieg
den Blick zu Boden gesenkt Mit gedämpfter Stimme fuhr Aurel fort
    »Ein Wort Elwire ein einziges Wort genügt um mich glücklich zu machen
Können Sie dieses Wort nicht aussprechen so dürfen Sie versichert sein dass
Kapitän Aurel nicht eine zweite dringende Bitte an Sie richten wird Nur jetzt
in diesem geheiligten Augenblick gestatten Sie dass ich Ihnen einmal sagen darf
ich liebe Dich teure Elwire«
    Aurel drückte heftig ihre Hand an seine Lippen und heftete wieder fragend
sein brennendes Auge auf die liebliche zarte Gestalt
    »Elwire« bat er »Ist es denn so schwer sich zu entscheiden Lass mich in
Dein Auge schauen In ihm will ich lesen ob über meinem zukünftigen Dasein der
Azurbogen eines sonnigen Himmels schweben soll«
    Da erhob Elwire zögernd ihr schönes Haupt die Blicke begegneten sich und
jauchzend sanken sie einander in die Arme
    »Ewig Dein« hauchte Elwire als Aurel die bebende Braut wieder aufrichtete
»Möchte es mir nur auch vergönnt sein Dir ein kleiner lichter Stern am Himmel
Deines Lebens zu werden«
    Lächelnd schloss ihr Aurel den lieblichen Mund durch einen Kuss
    »Zu Herta« sagte er »Die Großmutter muss ihre kleine verliebte Nichte doch
ein wenig schelten dass sie unter ihren Augen mit dem schelmischen Gott Amor
geheime Zwiesprach gepflogen hat«
    Elwire lächelte jetzt ebenfalls schelmisch hüpfte leichten Fußes am Arme
Aurels in Hertas Zimmer und ließ sich von dem Kapitän der liebreichen Tante als
Braut vorstellen
    »Hat sie doch endlich geplaudert der liebe Schalk« sagte Herta legte die
Hände der Liebenden in einander und gab ihnen ihren grossmütterlichen Segen
    Als gleich darauf Gilbert eintrat und die Verlobung erfuhr schnitt er ein
sehr verdriessliches Gesicht das sich indes sehr bald wieder aufheiterte da er
den Auftrag erhielt am nächsten Tage nach Boberstein abzureisen
    »Das ist höchst gescheidt von dem Kapitän« sagte er nach eingenommenem
Tee »Heiraten mag ich zwar nicht aber lieben muss ich wieder Und dazu ist
Bianca die passendste Person«
 
                                Viertes Kapitel
                           Das Erwachen der Nemesis
Es schlug neun auf der Fabrikuhr Die Nacht war finster die Luft still Das
gewöhnliche Brausen der Heide erstarb in einem kaum bemerkbaren Säuseln und
Flüstern Als der letzte Glockenschlag verhallte stieß die Fähre vom Lande und
durchschnitt langsam die trägen schwarzen Gewässer des Sees der große schwere
Eisschollen in Menge trieb
    Auf dieser Fähre kehrte Adrian von seinem heimlichen Besuche im Raubhause
zurück Es war derselbe Abend an dem wir die blinde Marie auf dem Zeiselhofe
begrüßt haben beinah dieselbe Stunde in welcher Aurel Elwiren seine Liebe
gestand
    Adrian holte tief und seufzend Atem als er den Lichtschein am Ufer der
Insel durch die Jalousien schimmern und im Wasser des Sees sich wiederspiegeln
sah Auf diesen kleinen flimmernden Lichtpunkt heftete er sein Auge als liege
in dem schwankenden Flämmchen ein unwiderstehlicher Zauber Die blendenden
Reihen der erleuchteten Fenster der Fabrik zogen ihn heut nicht an
    Wie kam es dass Adrian sein hohles Auge unter Herzklopfen an jenen irrlicht
trüben Lichtschimmer heftete der spielend auf dem Gewässer gaukelte Um diesen
geheimnisvollen Zauber zu begreifen müssen wir die prächtige Wohnung des
Fabrikherrn betreten und uns in dieser etwas genauer umsehen 
    Hier kommen wir in ein kleines behagliches Zimmer dessen Wände mit blauen
Tapeten ausgeschlagen sind Ein reiches Möblement gibt diesem wohnlichen Zimmer
jenen fesselnden Reiz den wahrer Komfort immer mit sich führt Vor einem hohen
und breiten in kostbaren Goldrahmen gefassten Spiegel brennen auf zwei
dreiarmigen Leuchtern starke Wachskerzen und gießen ihr volles stilles Licht
über eine weibliche Gestalt aus die auf gesticktem Sessel in einem blendend
weißen Kleide kniet und eben damit beschäftigt ist in ihr prächtiges schwarzes
Haar eine purpurrote Kamelie zu befestigen Die schönen glänzenden Flechten
sind am Hinterhaupt in einen einfachen geschmackvollen griechischen Knoten
verschlungen und nur um die Schläfe und die feinen Ohren ringeln sich einige
lange Locken
    Dieses Mädchen ist Bianca die ihre Abendtoilette macht Die zarten Hüllen
des weißen Kleides mit den kurzen Aermeln die ein breiter Spitzenbesatz
umflattert zeigen ihren schlanken und doch edlen Wuchs auf das Vorteilhafteste
und erhöhen die natürliche Anmut des schönen Geschöpfes noch durch ihre
ausgesuchte Einfachheit in welcher ein Kenner die raffinirteste Koketterie
erblicken würde
    Bianca betrachtet sich lange im Spiegel lässt die starken schwarzen Locken
so lange durch ihre Finger laufen bis sie die marmorweissen vollen Schultern
berühren welche das weit ausgeschnittene Kleid nicht verhüllt Um den schlanken
Hals trägt sie ein Kollier von ächten Perlen deren reines Wasser gegen den
zarten Glanz der sammetnen Haut nicht aufkommen kann Es ist ein Geschenk
Adrians Bianca aber findet heut Abend dass Nacken Hals und Brust ohne diesen
kostbaren Schmuck verführerischer sind und so legt sie es denn mit kaltem
Lächeln wieder in die Sammetkapsel der sie es entnommen hat Nun verlässt sie
den Sessel ergreift einen der Leuchter erhebt ihn bis zur Höhe ihrer Achseln
und den Blick immer fest auf den Spiegel richtend dreht sie sich langsam im
Kreise um sich selbst Bei diesem koketten Spiel stahl sich der Strahl des
Lichtes durch die halbgeöffnete Jalousie und hüpfte verlockend gleich einer
dämonischen Flamme vor der rauschenden Fähre her welche den Herrn am Stein nach
der Insel trug
    Bianca machte ihrem Spiegelbilde mit reizendem Lächeln eine graziöse
Verbeugung setzte den Leuchter wieder fort und schlang ein rosaseidnes Band
gürtelartig um ihre schlanke Taille Erst nachdem dies geschehen war erklärte
sie mit stolzem Kopfnicken ihre Toilette für beendigt schritt bedächtig durch
mehrere Gemächer bis sie Adrians Wohnzimmer erreichte wo sie Alles zum
Abendtisch ordnete Dann zog sie sich zurück und ging die Hände über dem
klopfenden Busen gefaltet sinnend im Zimmer auf und nieder
    Bald darauf hörte sie die befehlshaberische Stimme Adrians Sie erbebte leis
und ein fulckelnder Blitz schoss aus ihren großen schwarzen Augen Ihre
schwellenden Lippen zuckten und ein Zug bitteren Hohnes ja tiefer Verachtung
verunstaltete auf einige Sekunden ihr tadellos schönes Gesicht Lauschend blieb
sie an der Tür stehen die Stirn in ihre linke Hand stützend an deren kleinem
Finger ein Brillantring blitzte Als sie sich überzeugt hatte dass ihr Gebieter
nach seinem Zimmer gegangen sei zog sie ein zusammengefalteles Blatt aus dem
Busen schlang schnell eine bereit liegende Schnur darum an welcher ein
Schlüssel hing öffnete eben so rasch Fenster und Jalousie und warf Beides unter
dreimaligem Husten hinaus Bald darauf schlüpfte hinter der Scheuer auf deren
Tenne Adrian die verhungerten Kinder ausgestellt hatte eine dunkle hohe Gestalt
hervor schlich behutsam nach dem Hause und ergriff das weiße Papier das Bianca
absichtlich ruckweise am Boden flattern ließ Als sie es in den rechten Händen
wusste ließ sie die Schnur fallen der nächtliche Gast verschwand wieder hinter
der Scheuer und Bianca schloss behutsam ihr Fenster
    Wieder trat sie vor den Spiegel um sich von ihrem Liebreiz zu überzeugen
Sie sah jetzt weit bleicher aus als zuvor allein diese Blässe tat ihren
Reizen keinen Abbruch sondern machte sie eher noch verführerischer Selbst ihr
Lächeln das nichts weiblich Sanftes an sich hatte und nur wie eine Maske über
die ursprünglich reinen Züge geworfen war konnte durch die Eigentümlichkeit
des spöttischen Ausdruckes bezaubern in dem sich Schallhaftigkeit und Laune
höchst anmutig umarmten
    Fast erschöpft lehnte sich Bianca jetzt an den Divan und wartete ruhig bis
sie Adrians Schritte vernahm Vor diesem Tone schauderte sie zusammen ob vor
Wonne oder Entsetzen würde schwer zu entscheiden gewesen sein denn ihr Blick
blieb kalt ihre Miene ruhig
    Sie ergriff abermals einen der Armleuchter und indem sie das Zimmer
verließ sprach sie flüsternd zu sich selbst
    »Nun Gott der Rache sende mir Deine schrecklichen Engel dass ich ihn
züchtigen mag wie er es verdient hat«
    Und mit dem süßesten verführerischsten Lächeln verschämter Liebe trat sie
in Adrians Zimmer 
    Der Herr am Stein war sehr zufrieden mit seiner jungen schönen Haushälterin
Bianca war fleißig sorgsam accurat und die Aufmerksamkeit selbst Besser war
Adrian nie bedient worden delicater hatte er nie gespeist Und was ihm
besonders gefiel war dass Bianca selbst die Stelle eines Dieners versah und ihm
eigenhändig die Speisen reichte dabei erschien sie täglich in geschmackvoller
Kleidung immer einfach und immer reizend
    Zwar bat Adrian das schöne Mädchen es möge die Aufwartung seinen Bedienten
überlassen und Teil nehmen an seinem Mahle wie dringend er aber auch bat
Bianca ließ sich nicht dazu bewegen Sie wisse gar wohl was ihr zukomme
behauptete sie mit dem allerschelmischsten Blick ihrer leidenschaftlichen Augen
und wenn der gnädige Herr nur zufrieden sei mit ihren Leistungen so würde sie
mit dem größten Vergnügen als Dienerin ihm während der Mahlzeit Gesellschaft
leisten 
    Von diesem Entschlusse war Bianca nicht abzubringen so große Mühe sich
Adrian auch gab Sie legte ihm vor wenn er es wünschte sie setzte sich auch
auf Verlangen neben ihn und unterhielt ihn munter plaudernd mit allerliebsten
Geschichten dabei benahm sie sich so unbefangen wie ein unschuldiges Kind von
fünfzehn Jahren Sie streifte mit ihren warmen bloßen runden Schultern beim
Darreichen einer Schüssel Adrians Wangen dass der sinnlich erregte Mann von der
elektrischen Berührung des schönen Mädchens zitterte oder sie beugte sich mit
zur Seite geneigtem Kopf zu ihm herab mit Mund und Augen zugleich eine Frage an
ihn richtend wobei der arme Mann notwendig seine Blicke auf den weißen
klopfenden Busen der schlauen Verführerin richten musste der die zarten Bande
die ihn gefesselt hielten zu sprengen drohte
    Schon beim ersten Besuche Biancas war Adrian in das Netz dieses unendlich
verführerischen Geschöpfes geraten wie wir wissen Das heitere verschämte
naive Mädchen hatte ihn so gefesselt dass er bei sich beschloss ihr nach
Beendigung des Prozesses seine Hand zu reichen Dass Bianca einen solchen ihr
gemachten Antrag ausschlagen könne daran dachte er nicht Er selbst glaubte
sich noch rüstig und liebenswürdig genug um einem schönen Mädchen ohne Namen
und Vermögen Liebe einflößen zu können Auch verlangte er nicht Unmögliches oder
nur Seltenes Eine stille Neigung ein freundliches Anschmiegen ein
aufmerksames Eingehen auf seine Wünsche zog er in jeder Hinsicht aufreibender
Leidenschaftlichkeit und quälender argwöhnischer Eifersucht vor womit liebende
Mädchen so gern den leidenschaftlich geliebten Mann peinigen Leider aber
passirte Adrian bei aller Verstandeskälte im Umgange mit Bianca selbst das
Unglück dass er sich mit aller Leidenschaft deren die Sinne fähig sind in
seine jugendliche Haushälterin verliebte Und Bianca das schuldlose Kind
merkte gar nichts von dem Unglück das sie angerichtet hatte Immer lächelnd
immer guter Laune täglich in reizenderem Kostüme umschwebte die schalkhafte
Sirene den stolzen Fabrikherrn und gab auf all seine Fragen die scherzhaftesten
Antworten errötete wenn er ziemlich verständlich auf die Gefühle anspielte
die sie in ihm erregte und wehrte schüchtern aber standhaft jede vertrauliche
Liebkosung ab mit der ernstaften Bemerkung dergleichen schicke sich nicht 
Gleich darauf war sie aber schon wieder die alte verführerische Fee die mit
geübter Kunst und diabolischer Sicherheit ihre tötlich treffenden Liebespfeile
auf das unbewachte Herz ihres unglücklichen Opfers abschoss
    Durch dieses schlaue Betragen erreichte Bianca in unglaublich kurzer Zeit
ihren Zweck Es war wohlüberdachter Plan bei ihr den Verführer und Mörder ihrer
armen Schwester bis zum Wahnsinn in sich verliebt zu machen ohne die geringste
Hoffnung auf Gegenliebe in ihm aufkommen zu lassen Sie wusste im Voraus dass ihr
dies vollkommen gelingen würde und deshalb rüstete sie sich mit dem ganzen
Scharfsinn weiblicher List aus um Schritt vor Schritt langsam und sicher ihr
Opfer zu umgarnen
    Adrian widerstand Biancas meisterhaft geheuchelter Zärtlichkeit die jedoch
immer die Zärtlichkeit eines schuldlosen Kindes von höchster Anmut blieb nicht
einen Tag er widerstand ihr um so weniger als er das reizende Mädchen zu
seiner Gattin erheben und durch Freundlichkeit sich ihm geneigt machen wollte
Darum überhäufte er sie schnell mit kostbaren Geschenken und ließ sie ahnen was
er für sie fühlte Ihr scheues Zurückschrecken bei solchen Andeutungen war ihm
freilich nicht angenehm da es ein längeres Bewerben in Aussicht stellte
Täglich oft stündlich von Bianca bis zu dem höchsten Gipfel sinnlicher Erregung
gereizt berührt von ihren vollen Armen gestreichelt von ihren Händen den
süßen Atem ihres Mundes auf seinen Lippen fühlend überall von ihr unrschwebt
geriet Adrian in einen fieberhaft exaltirten Zustand der ihn leiblich und
geistig verzehrte und schnell aufzureiben drohte Er verfiel zusehends seine
Augen sanken zurück in ihre braunen Höhlen in denen sie wie gefesselte Tiger
lagen und grollend unheimliche Glutblicke auf Jeden warfen der ihm nahte
    Am Tage war dieser Zustand noch zu ertragen denn dann weidete sich der
unglückliche Liebende an seiner grausamen Zauberin aber des Nachts erreichte
die Pein der rasenden Leidenschaft die sich seiner bemächtigt hatte die größte
Höhe irdischer Folterqualen Adrian fiel in einen traumdurchrasten Schlaf der
ihm in tausend bunten Gestalten immer und immer Biancas liebreizende Gestalt
vorführte und zwar in so lockender Schöne dass ein Verschwinden dieses lächelnd
an ihn heranschwebenden Bildes dem furchtbarsten Seelenschmerz gleichkan Und
doch wiederholte sich dieser höllische Zauber unzählige Male immer von Neuem in
jeder Nacht und dem Unglücklichen war es nicht einmal vergönnt die Locken
seiner süßen Peinigerin zu küssen wie viel weniger sie an sein stürmisch
klopfendes Herz zu reißen und an ihrem Busen in ihren Küssen die Glut zu
kühlen die ihn verzehrte Kühl und ernstaft wie am Tage enlschlüpfte sie ihm
auch im Traume um sogleich wieder ihr gaukelndes Liebesspiel anzufangen und mit
immer schrecklicheren Zaubern den Gefangenen auf ewig zu binden
    Diese göttlichen Träume voll süßer Höllenqualen wechselten ab mit jenen
düstern Erscheinungen die Adrian seit seiner Krankheit häufig im Schlafe
verfolgten wie wir wissen Auf diese Weise glich sein Leben seit Bianca zu ihm
gezogen war einer nie endenden Folter Er musste sich dies selbst gestehen aber
schon hatte ihn die grausame Schöne so ganz mit ihren diabolischen Zauberfäden
umsponnen dass er lieber diese Qual fort erdulden und sie immer um sich wissen
als ohne sie in vielleicht ähnlicher Pein fortleben wollte
    Der schlauen ihren Plan mit wahrhaft entsetzlicher Konsequenz verfolgenden
Bianca blieb diese Verwandlung ihr Gebieters kein Geheimnis Nur Adrian
gegenüber tat sie als sähe und ahne sie nichts Als sie bemerkte dass der Graf
nach Tische auf seinem Zimmer kurze Zeit zu schlummern versuchte schlich sie
auf den Zehen bis an die Tür legte ihr Ohr an das Schlüsselloch und horchte
gespannt ob er vielleicht im Schlafe spreche Sie hatte sich nicht getäuscht
Sobald der Schlaf Adrians Augenlider schloss öffneten sich vor den Blicken
seiner Seele die Pforten der Pein und nach wenigen Tagen wusste Bianca dass unter
allen Gestalten die um den Schläfer schwebten sie selbst und ihre verstorbene
Schwester am häufigsten wiederkehrten
    Da flog ein glänzendes Lächeln rachsüchtiger Freude über die schönen Züge
des Mädchens und die kleine Hand ballend schwor sie dem Verhassten noch
schrecklichere Qualen zu bereiten
    Die Folter des Unglücklichen sollte in dieser Nacht beginnen
    Um ihren Zweck zu erreichen hatte sich Bianca mehr wie je mit allem
Liebreiz geschmückt und keine der vielen kleinen Toilettenkünste verschmäht die
liebenden Männern so gefährlich werden Als sie nun die Rückkunft des Grafen
hörte und die Klingel desselben vernahm begab sie sich wie wir wissen nach
seinem Zimmer
    Adrian hatte ermüdet von der beschwerlichen nächtlichen Fahrt durch den
morastigen Wald bereits sein Hauslkeid angelegt und es sich in dem behaglichen
Zimmer bequem gemacht Auf Biancas Befehl war der runde Tisch schon gedeckt und
mit Allem versehen was zu einem reichlichen Abendimbiss erforderlich war Sie
selbst hatte nur für Bereitung des Tees Sorge zu tragen und den Grafen wie er
es seit Kurzem gewohnt war in ihrer anmutigen und graziösen Weise zu bedienen
    Heiter lächelnd trat die Sirene Adrian entgegen grüßte ihn mit zierlicher
Verbeugung wusste aber auch sogleich ihren so eben noch überaus munteren Zügen
einen Ausdruck der Bestürzung und Sorge zu verleihen welcher den Grafen
vollkommen täuschte
    »Mein Gott« rief sie mit geheucheltem Schrecken aus ihr Arbeitskörbchen
neben die singende Teemaschine setzend und lebhaft auf den Gebieter
zuschreitend »Wie blass wie angegriffen sehen Sie aus Herr am Stein Gewiss
Ihnen ist nicht wohl Sie müssen sich bei dem unfreundlichen Wetter in der
wüsten ungastlichen Heide erkältet haben Ihre Stirn ist wahrhaftig ganz kalt
und doch fühle ich das heftige Klopfen ihrer Pulse Wie geht es Ihnen armer
Mann«
    Und Bianca legte sanft schmeichelnd ihre weiche warme Hand auf die Stirn des
Grafen der unter dieser magnetischen Berührung in süßen Schauern erbebte
    »Sehe ich denn wirklich so angegriffen aus gutes Kind« erwiderte er
lächelnd »Nun wenn dies der Fall ist, so mag die Ursache davon wohl anderswo
zu suchen sein als in meiner heutigen allerdings angreifenden Waldreise Wäre
ich aber auch zum Tode krank von solchen Engelslippen bedauert von so
teilnehmendem Auge angeblickt würde ich alsbald genesen Teure Bianca eine
Berührnng Ihrer Hand hat tausendmal mehr Wunderkraft als alle Arzneien der
Welt Wissen Sie schönes Kind dass Sie heut entzückend sind«
    »Gefalle ich Ihnen« fragte die Verführerin zurück indem sie die vergoldete
Tasse des Grafen mit der aromatischen Flüssigkeit füllte und dabei einen halb
verschleierten Blick auf ihn warf »Meine Gespielinnen behaupteten immer weiß
kleide mich nicht vorteilhaft Es soll mir einen zu farblosen Teint geben«
    »Offenbarer Neid gefallsüchtiger Mädchen Ich finde dass keine Farbe besser
zu dem glänzenden Schwarz Ihrer Haare passt als dieses durchsichtige silberweisse
Gewebe Und welche Einfachheit Welcher Geschmack Man sollte glauben Sie
hätten Jahre lang die Kunst der Toilette auf der Bühne studiert so meisterhaft
finde ich Ihren Anzug den Regeln des guten Geschmackes angepasst«
    »Da machen Sie mir ein sehr zweideutiges Kompliment gnädigster Herr«
versetzte Bianca schelmisch »Wir armen Mädchen halten uns immer für geborene
Genies was Geschmack anbelangt und da uns die Natur so stiefmütterlich
ausgestattet hat den Männern gegenüber so sind wir ja schon gezwungen unsern
Geschmack zu bilden um mittelst einiger Bänder Spitzen und Haarwickel die
Mängel vergessen zu machen die uns in so abhängiger Stellung erhalten«
    »Ich kann Ihnen die Versicherung geben schöne Mutwillige dass wir Männer
nicht so scharfsichtig sind die gerügten Mängel bei Ihrem Geschlecht zu
entdecken Wir finden im Gegenteil nur Vollkommenheiten von denen wir
gefesselt entzückt zur Leidenschaft hingerissen werden«
    Bianca nippte mit großer Zierrlichkeit ihren Tee wobei sie nicht
unterließ häufig zu Adrian aufzublicken und ihre schönen Zähne aus dem feuchten
Purpur ihrer vollen Lippen hervorglänzen zu lassen Jetzt schob sie ihren Sessel
um einen Schritt näher an den Lehnstuhl Adrians und indem sie ihren bloßen
vollen Arm auf die purpursammetne Lehne desselben legte und ihre zarten Finger
mit dem Rosabande spielen ließ das ihre Taille umschlang sagte sie naiv
    »Wie muss nur das sein gnädiger Herr wenn man von Leidenschaft hingerissen
wird«
    Ihre schwarzen Augen ruhten bei dieser verführerischen Frage mit so innigem
warmen Ausdruck auf Adrian dass diesem fast die Sinne vergingen Er suchte sich
indes zu mäßigen und fragte das verführerische Mädchen seinerseits
    »Hat Ihnen denn noch kein Mann eine Neigung abgewinnen können«
    »Ich bin allen hübschen und artigen Männern immer gut gewesen wie Brüdern
aber Liebe oder gar Leidenschaft habe ich nie für einen empfinden können Es muss
das bei mir ein Fehler des Herzens sein da ich lebensgern einmal wissen möchte
wie man empfindet wenn man liebt«
    »Wahrhaftig Bianca«
    »Ganz im Ernst Herr am Stein Ein Mädchen das so allein so ganz einsam in
der Welt dasteht wie ich hat wahrhaftig kein beneidenswertes Loos gezogen
Man täuscht man betrügt uns und macht uns zuletzt unglücklich«
    Ein paar Tränen stürzten in Biancas Augen Sie zupfte zerstreut an ihrem
Kleide und wusste dadurch geschickt ihren wunderhübschen Fuß zu enthüllen den
ein feiner durchbrochener Strumpf kaum bedeckte Diesen reizenden Fuß stellte
sie jetzt absichtlich auf ein niedriges Tabourett das Adrian immer neben sich
stehen hatte um ebenfalls bisweilen seine Füße in denen er oft Anfälle
podagrischer Schmerzen fühlte darauf ruhen zu lassen Sie bewegte das zierlich
gebildete Füßchen so kokett in dem schmalen Atlasschuh dass Adrians Herz
heftiger zu schlagen begann Die unmittelbare Nähe des schönen von dem feinsten
Spitzengewebe umflatterten Armes wirkte so verführerisch auf ihn dass er ihn
bebend mit brennenden Lippen küsste
    »O bitte gnädigster Herr« sagte Bianca den Arm zurückziehend »Eine
solche Huldigung könnte mich ja eitel machen Man küsst so viel ich aus Büchern
und Erzählungen weiß nur vornehmen Damen Gräfinnen und Prinzessinnen die
schönen Hände Arme Mädchen wie ich müssen sich solche Aufmerksamkeiten
verbitten«
    »Von der Hand zum Munde ist nicht aus der Welt Sie lieber Schalk«
erwiderte Herr am Stein »Und da Sie nach Ihrem eigenen Geständnis noch gar
nicht wissen wie man liebt so will ich Ihnen für Ihre kleine Bosheit die
Ahnung dieser Empfindung beibringen«
    Und mit gewandtem Arm unrschlang Adrian Biancas vollen Körper zog sie an
sich und drückte heiße flammende Küsse auf ihren Mund
    Zitternd und errötend entwand sich das reizende Mädchen der heftigen
Umarmung des Grafen indem sie ihn zürnend anblickte
    »Gnädigster Herr« sagte sie die klare Stirn kraus zusammenziehend »wäre
ich Ihnen nicht Dank schuldig so würde ich Ihnen ernstaft zürnen Es ist nicht
recht von Ihnen meine Unerfahrenheit so arglistig zu benutzen«
    Sie stand auf und schenkte in einer wo möglich noch koketteren Stellung
abermals Tee ein dabei kehrte sie dem Grafen halb den Rücken zu so dass die
Flamme der Astrallampe ihren vollen Schein über sie ausgoss und die anmutigen
Rundungen ihrer classischen Formen durch die leichte Gewandung deutlich erkennen
ließ
    »Aber Bianca« rief Adrian aufgeregt
    »Sie befehlen Herr Graf« sagte die Schöne und wendete schon wieder
schelmisch lächelnd ihr volles Gesicht mit den tanzenden schwarzen Locken gegen
ihn
    »Schelten Sie mich lachen Sie mich aus nennen Sie mich einen Toren ja
misshandeln Sie mich wenn Sie wollen nur dulden Sie es dass ich Sie lieben
darf Bianca« rief Adrian leidenschaftlich indem er den Sessel welchen Bianca
inne hatte näher an seinen Sitz zog Diese sah ihn mit großen Augen verwundert
an nur auf ihren Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln Sie reichte ihm die
gefüllte Tasse stäubte mit ihren gestickten Taschentuche einige Krumen feinen
Weissbrodes aus den Falten des Kleides und setzte sich zutrauensvoll wieder
neben den leidenschaftlich aufgeregten Grafen
    »Wenn ich nun töricht genug wäre Ihre in einem Moment der Aufregung
gesprochenen Worte für wahr zu halten« sagte Bianca indem sie ihren Kopf so
gegen den Grafen beugte dass eine ihrer glänzenden Locken fast dessen Lippen
berührte »wenn ich solch eine Törin wäre dann würde ich mich wahrscheinlich
in Ihre Arme werfen und wenn ich im Herzen auch nichts für Sie fühlte Ihnen
eine glühende Leidenschaft heucheln Ich bin aber weder so albern noch so
eingebildet und deshalb erlaube ich mir denn Ihnen auf das Freundschaftlichste
für die mir zugedachte Ehre zu danken und sich vor der Hand noch mit meiner
vollkommensten Achtung und innigsten Freundschaft zu begnügen Sind der
gnädigste Herr damit zufrieden«
    Wieder ruhten Biancas Augen mit unbeschreiblichem Liebeszauber auf Adrian
während jeder Zug ihres lieblichen Gesichtes nur dankbare Ergebenheit
ausdrückte Der wunderbaren Macht dieses Blickes erlag der Graf Die lange
schwarze Locke erfassend rief er mit gepresster Stimme
    »Bianca Geliebte Bianca habe Mitleid mit einem Unglücklichen«
    Bianca lächelte noch reizender und beugte sich da sie das tändelnde Zupfen
Adrians an ihrer Locke schmerzlich empfand so über ihn dass der Graf ihren nur
halb bedeckten wallenden Busen erblicken musste
    »Haben Sie lieber Mitleid mit nur Sie raufen mich ja«
    »Ich sterbe Bianca«
    »Vor Liebe Behüte Gott Man sagt ja immer die Liebe belebe das Auge der
Geliebten sei die Sonne in deren Licht der Liebende die Seligkeiten und Wonnen
des ewigen Lebens empfinde Nun ich dächte dieses Auge wäre Ihnen doch jetzt
nahe genug Oder muss ich Sie mit meinen Blicken versengen«
    »Könnt ich sterben in Deinen Armen Grausame« stammelte der Graf die
erfasste Locke des schönen Mädchens immer fester um seine Finger schlingend
»Jahrtausende des verheissenen jenseitigen Lebens wollte ich dafür opfern«
    »Pfui gnädigster Herr wer wird einem sterblichen Geschöpfe zu Liebe solche
Lästerungen ausstoßen Aber bitte entlassen Sie die arme Gefangene die mich
noch zwingen wird mein Gesicht mit dem Ihrigen in Verbindung zu bringen Sie
tun mir wahrhaftig weh Herr Graf«
    »Sprich dass Du mich lieben willst Bianca Versprich meine Geliebte mein
Weib zu werden Alles was ich besitze soll Dein sein  Nur verstosse
verschmähe mich nicht«
    Und Adrian presste seinen Mund wie ein Rasender auf den klopfenden Busen
Biancas
    Satanischer Freudenglanz strahlte in diesem Moment aus den Augen der schönen
Sünderin Secundenlang ließ sie den vor Liebe und Wollust zitternden Grafen in
ihren Reizen schwelgen dann entriss sie ihm die festgehaltene Locke und sprang
ihn von sich stossend zurück Adrian wollte ihr folgen
    »Keinen Schritt mein Herr oder ich muss nach Hilfe rufen« sagte Bianca mit
einer Stimme die vor Entrüstung zitterte und von Tränen des Zorns gedämpft
ward »Es ist abscheulich ein schwaches Mädchen auf so hinterlistige Weise
festzuhalten und mit Küssen fast zu ersticken  Ich werde Ihnen nicht mehr
Gesellschaft leisten bis Sie sich gebessert und mir durch einen Schwur gelobt
haben nie wieder meine Freundschaft so unwürdig zu missbrauchen Schlafen Sie
wohl gnädigster Herr und verzeihen Sie Ihrer armen Dienerin dass Sie Worte an
Sie richten muss die ihrer Stellung nicht zukommen Allein Notwehr kennt keine
Grenzen Gute Nacht«
    Dies »gute Nacht« klang bereits wieder so verlockend so sanft und süß dass
Adrian bei diesem Sirenentone wütend aufsprang und die zürnende Schöne um
Vergebung flehend abermals in seine Arme schließen wollte Allein Bianca war
schon hinter der Tür verschwunden und das Vorschieben des Riegels verhinderte
wenigstens im Augenblick jede Verfolgung
    Adrian war sehr unzufrieden mit sich Er beehrte sich mit allen möglichen
Ehrennamen die ihm einfielen und ging dabei aufgeregt im Zimmer auf und
nieder Sein Blut kochte seine Adern hämmerten die Aufreizung seiner Nerven
hatte den höchsten Grad erreicht
    »Dies Mädchen ist ein Dämon eine Zauberin die mir atomweise Herz und Seele
zerpflückt Und ich liebe sie  Ich liebe sie wie ein Wahnsinniger  Wenn
ich sie gehen sie sprechen höre stockt mein Blut in den Adern wenn ich sie
sehe habe ich keinen andern Gedanken als nur sie nur ihren Besitz  Wenn
sie lächelt wie unendlich liebreizend ist sie dann Wenn sie spricht wie
scherzen alle Grazien um die Liebliche Anbetungswürdige  O es ist seliger
Genuss um sie zu sein aber auch Höllenqual in ihrem Blick sich sonnen und
diese Wunderaugen nicht küssen zu dürfen   Nicht lieben können  Welch
Mädchen von ihrem Alter mit solchem Körper begabt fühlte nicht die Regungen
der Liebe in der Nähe eines Mannes der sie anbetet  Aber gewiss Bianca liebt
mich muss mich lieben nur mag sie es mir nicht gestehen  Sie ist klug und
will sich gesichert sehen ehe sie meine Leidenschaft erwidert Sie wird an
Magnus und Herta denken  und den Sohn gleicher Handlungen für fähig halten 
O Gott o Gott  Aber das ist vorüber längst vorüber Hinunter feuchter
Schatten in Dein Grab Bianca lebt ich liebe Bianca und sie muss mein sein und
sollte ich ein Verbrechen begehen«
    Mit fest an die Stirn gedrückten Fäusten blieb Adrian mitten im Zimmer
stehen so dass der Spiegel seine ganze Gestalt zurückwarf Sein Blick erfasste
das Spiegelbild und er schrak zusammen
    »Ha bin ich bleich und verfallen« sagte er niedergeschlagen »Ich werde
von Tage zu Tage elender ich fühl es aber ich kann sie nicht aus den Gedanken
bringen  Wenn nur die Nächte nicht wären  diese qualvollen endlosen
Nächte  Oder wenn nur ihr holdes Bild mich umschwebte und mir nur einmal des
Nachts die schmachtende Lippe mit dem Hauche ihres Göttermundes kühlte  Aber
jenes Schattenbild jenes elende Geschöpf das ich verachte es verdrängt immer
dies Kind des Himmels und erstickt mich mit seinen kalten Umarmungen«
    Vom See herüber erklang jetzt ein lautes schrilles Pfeifen dem ein
matteres dem Echo ähnliches antwortete Adrian in seine Gedanken vertieft
achtete nicht darauf
    »Ich muss sie zu versöhnen suchen« fuhr er fort »denn ich fürchte dass ich
sie wirklich beleidigt habe  Sie ist gut ein unschuldiges liebes Kind  sie
wird mir vergeben und mir gewiss wieder Gesellschaft leisten  Ich aber will
mich mäßigen alle meine Gefühle verbergen und mich erst ihrer Neigung
versichern bevor ich sie mit neuen Liebesanträgen bestürme  Könnte ich nur
auch der Leidenschaft gebieten sich in keinem Blick in keiner Bewegung zu
verraten«
    
    Ein zweites Pfeifen diesmal um Vieles näher machte die Fensterscheiben
schrillen Adrian schien auch dieses nicht zu hören denn er zündete mit
zitternder Hand ein Licht an und schritt nach der Tür
    »Wenn ich mich schon jetzt als ein Reuiger bei ihr melde« sprach er »dann
wird sie mir um so lieber vergeben weil ihr dies ein Beweis von meiner
Gutmütigkeit und Nachgiebigkeit sein muss Schmollt sie aber dennoch dann werde
ich sie morgen durch ein kostbares Geschenk zur Vergebung zwingen Reichen Gaben
hat noch kein Mädchen widerstanden Gutes Glück das Du mir so lange treu
geblieben bist verlasse mich auch ferner nicht«
    So sprechend verließ Adrian sein Wohnzimmer und ging mit unhörbaren
Schritten bis zu Biancas Tür
    Er horchte eine Zeit lang ob er Geräusch in dem Zimmer vernehme da sich
aber kein Laut hören ließ klopfte er leise an die Tür Nichts regte sich
selbst nach mehrmaligem Klopfen blieb Alles still Nun wagte Adrian Biancas
Namen zu flüstern und um Einlass zu bitten Allein auch darauf erhielt er keine
Antwort und seufzend sah er sich genötigt den Rückzug auzutreten
    »Sie muss schon zur Ruhe gegangen sein« sagte er sich selbst beruhigend
»Ich werde ihrem Beispiele folgen und von ihrem entzückenden Engelslächeln
träumen«
    Bianca schlief aber nicht Sie hatte die schlürfenden Schritte des herzlosen
Mannes wohl vernommen und mit Entzücken sein Bitten und Seufzen gehört Die Uhr
schlug elf kurz nachdem Adrian ihre Tür wieder verlassen hatte Sie bereitete
sich nunmehr auf das nächtliche Rachewerk vor das sie sich ersonnen Den
reizenden Schmuck der Abendtoilette abwerfend legte sie ein verschossenes
leichtes Kattunkleid an das sie zum Andenken an ihre unglückliche Schwester aus
deren Nachlass behalten hatte Dann löste sie ihr reiches langes Haar feuchtete
es ein wenig mit Wasser an und wirrte es durch einander dass es verworren und
ungleich ihre ganze Gestalt bis weit über die Hüften herab umfloss Das
todtenbleiche Mädchen sah in diesem verwilderten Anzuge eben so schön als
furchtbar aus Ihr dunkles Auge blitzte vor Lust nach Rache die stolzen Lippen
öffneten sich und ließ beide Reihen ihrer tadellosen Zähne sehen
    Über eine halbe Stunde ging Bianca unruhig aber so behutsam dass Niemand
ihre Schritte hören konnte im Zimmer auf und nieder Manchmal blieb sie auch
stehen und warf einen Blick in den Spiegel worauf sie wild die feuchten Locken
schüttelte und ihre Wanderung durchs Zimmer fortsetzte Nun sah sie nach der
Uhr und da sich kein Laut im ganzen Hause regte eilte sie ohne Licht durch die
ihr bekannte Reihe der Gemächer bis an Adrians Zimmer Sie öffnete es behutsam
und fand es leer ohne Licht Die Tür zum Schlafzimmer war nur angelehnt Dahin
schlich sie lauschte lauschte lange und hörte dass Adrian in unruhigem Schlafe
röchelte Wie ein erzürnter Geist flog sie auf schwebenden Sohlen zurück
zündete eine Blendlaterne an und löschte die Wachslichter Dann stieß sie
nochmals das Fenster auf und hustete Es ward ihr in gleichem Tone geantwortet
und aus dem Schatten der Nacht kam mit langen Schritten eine hohe Gestalt auf
das Haus zu Bianca wartete die Annäherung des unheimlichen Gastes nicht ab
sondern ergriff die Blendlaterne hüpfte damit die breite Treppe hinunter die
mit weichen Teppichen belegt war und empfing an der Haustür den bereits
eingetretenen nächtlichen Besuch
    »Haben Sie die Tür wieder verschlossen« fragte das wild blickende Mädchen
    »Fest und sicher«
    »So kommen Sie doch ziehen Sie zuvor Ihre harten Schuhe aus«
    Hand in Hand mit dem Fremden erstieg sie die Treppe und geleitete ihn bis
vor Adrians Zimmertür Hier erst öffnete Bianca die Laterne und ließ ihr volles
Licht auf den Fremden fallen Es war Martell der Spinner
    Dieser Arme zeigte jetzt hohle tief eingefallene Wangen sein finster
blickendes Auge brannte wie in Fieber und ein leichtes Zittern war an seinen
Händen zu bemerken
    »Sind die Köhler heut wieder bei Ihnen gewesen« fragte Bianca
    »Nein« versetzte Martell düster und verstimmt »ich habe mich allein
behelfen müssen aber es ist nicht das Man wird nur mürrisch davon«
    »Ich sage Ihnen Martell sein Sie auf Ihrer Hut Man will nicht Ihr Bestes
man beabsichtigt Sie zu Grunde zu richten«
    »Das ist nicht mehr nötig« erwiderte der Spinner »Ich bin schon so sehr
zu Grunde gerichtet dass es ganz gleichgültig ist ob es einen Tag früher oder
später zu Ende geht Und überdies zerstreuen mich die beiden lustigen Schälke
und machen mir zum ersten Male seit ich denken kann das Leben leicht Dafür
bin ich ihnen dankbar und deshalb trinke ich mit ihnen so lange die Haut über
diesen Knochen zusammenhängt  Aber Sie Bianca was haben Sie vor Welch
Schauspiel wollen Sie mir bereiten«
    »Leise Martell damit wir nicht gestört werden«  Bianca hob sich auf ihre
Zehen und flüsterte dem gebeugt neben ihr stehenden Spinner zu
    »Vor einiger Zeit habe ich Ihnen feierlich das Versprechen gegeben den
Entsetzlichen den ein grausames Geschick zu Ihrem Bruder und Zwingherrn gemacht
hat nach Kräften zu bestrafen Sie haben ihm Rache geschworen müssen aber die
Zeit abwarten wie Sie sagen um sie auch üben zu können Ich bin glücklicher
denn meine Rache hat bereits begonnen Ich lud Sie ein mich in dieser Nacht zu
besuchen und schleuderte Ihnen zu diesem Behufe den Hausschlüssel nebst Angabe
der Stunde zu wo dieser Besuch am leichtesten zu bewerkstelligen wäre Ihr
wiederholtes gellendes Pfeifen sagte mir dass Sie meines Winkes gewärtig seien
Die Stunde ist gekommen Haben Sie Mut Zeuge der Rache eines Mädchens zu sein
an dessen Familie sich dieser schleichende Satan freventlich vergangen hat«
    »An seinen Qualen werd ich mich weiden Ich lechze nach seinem Blut nach
seiner Seele obwohl er mein Bruder ist Denn sehen Sie schönes Fräulein mein
liebster Junge ist von seinen Maschinen zerrissen worden und hat elendiglich
umkommen müssen weil ihn der Chirurg auf seinen Befehl schlecht curirte Er
starb am Brande Dafür leide der Elende im ewigen Feuer der Hölle«
    »Verhalten Sie sich ganz ruhig und Sie sollen mit Zittern schauen dass
Adrian leidet«
    Bianca schloss die Laterne und Beide umfloss dichte Finsternis
    »Halten Sie sich nur fest an meine Hand Im Zimmer waltet spärliche
Dämmerung«
    Geführt von dem rachedurstigen Mädchen trat Martell in das Schlafgemach
seines gräflichen Bruders Die nur halb geschlossenen Jalousien ließ gerade so
viel Licht eindringen dass man nach einiger Zeit alle Gegenstände des
mittelgrossen Zimmers wie von leichtem Nebel verschleiert erkennen konnte Auf
breitem mit seidenen Decken und schwellenden Kissen reich erfüllten Bett lag
Adrian in tiefem Schlummer Er ruhte auf dem Rücken die linke Hand war
überrücks geworfen und schmiegte sich fest geballt an seinen mit dünnem Haar
bedecken Scheitel Das feine weiße Hemd entblößte zur Hälfte den Arm und war
auch auf der stark behaarten Brust weit gelüftet Vor dem Bett breitete sich ein
pupurroter Teppich aus Zu Füßen des Lagers stand ein sehr bequemer
Polsterstuhl Auf diesen deutete Bianca indem sie Martell zuflüsterte
    »Setzen Sie sich und geben Sie Acht ohne einen Laut hören zu lassen«
    Nun stellte sich das schöne Mädchen dicht neben Martell legte ihre Hände
gefaltet über den Busen und richtete ihre beiden dunkeln Augen unverwandt auf
den schlummernden schwer atmenden Grafen
    Es ist bekannt dass der Blick des Menschen fest auf einen Schlummernden
geheftet eine geheimnisvolle magnetische Kraft ausübt Diese Kraft steigert
sich bis zum Wunderbaren wenn dem Magnetiseur ein starker Wille zu Gebote
steht Noch gewaltiger und überraschender ist die Wirkung, wenn zwischen zwei
auf solche Weise mit einander in Rapport tretende Personen Bande der
Verwandtschaft oder leidenschaftliche Zuneigung obwalten
    Bianca kannte Adrians leidenschaftliche Liebe zu ihr sie wusste dass er Tag
und Nacht nur an sie dachte von ihr träumte und sie hatte das grausame
Experiment das sie mit kaltblütiger Überlegung jetzt zu Martells Genugtuung
wiederholen wollte schon mehrmals mit gutem Erfolge versucht Bianca wollte
Adrian nicht aus seinem unruhigen Schlummer wecken sie wollte ihn durch ihre
starren Blicke und die starke Kraft ihres Willens nur im Schlafe magnetisiren
und ihr Bild in seiner geängstigten Seele aufsteigen lassen um diesem sodann
ein anderes entsetzlicheres unterzuschieben
    Dieses grausame Experiment gelang ihr bewunderungswürdig Schon nach wenigen
Minuten hob sich die Brust des Schlummernden unter schmerzlichem Stöhnen Er
bewegte das bleiche schweisstriefende Haupt und die Lippen öffneten sich zu
flüsterndem Gespräch
    »Grausame« stöhnte Adrian »Warum diese Dolchspitzen in Deinen Blicken 
Sie verwunden  mein Herz  sie schneiden tief  tief in das Mark 
meiner Gebeine Sieh  Du kannst lächeln  o wie süß lächeln  Nun
kommst Du  näher  nun fühle ich  Deinen warmen  Atem  Dein Busen
 klopft an meiner Brust  o welche Wonne  Ha Gespenst  Fort fort
«
    Adrian wand sich convulsivisch auf seinem Lager während Bianca lautlos
kalt mit entsetzlicher Entschlossenheit und verstärktem Willen tiefer und immer
tiefer gleich einer grauen Riesenschlange sich über das Bett des Unglücklichen
beugte ihre langen aufgelösten feuchten Haare darüber breitend bis sie die
Brust des Träumenden berührten Ihr Hauch traf seine Lippen seine Augen und
unbewegt fuhr Bianca fort ihre schrecklichen Blicke auf den Gefolterten zu
heften
    »Terese« wimmerte der Träumende »noch immer verfolgst Du mich  Willst
Du mir  denn nie  vergeben  O diese brennenden Locken  Wie sie
glühen  Wie sie mich umlohen  wie Flammen  der Hölle  Nein ich
will nicht  diese triefende Hand  Diese blauen schaudernden Lippen
sollen  mich nicht berühren  Bianca O rettender heiliger geliebter
süßer Engel  verscheuche  erwürge  dies Gespenst «
    Bianca warf ihre Haare zurück und erhob sich etwas doch ohne ihre Augen von
dem Röchelnden zu verwenden Mit der Hand winkte sie Martell dass er sich
langsam bis an die Tür zurückziehen solle
    Adrians Gesichtszüge trugen die Spuren der furchtbarsten Seelenschmerzen
aber gebannt von dem dämonischen Auge des schönen Mädchens konnte er die
qualvollen Bande des Schlafes nicht abschütteln den Geisterarmen des Traumes
unter dessen Umarmungen er litt nicht sich entwinden
    »Tödte mich« flehte er wimmernd »nur diese Blicke  bohre nicht in meine
jammernde Seele  Ich war nicht Schuld  an Deinem Tode «
    »Elender Selbst im Traume noch lügt er« flüsterte Bianca verächtlich und
wich Martell folgend Schritt vor Schritt nach der Tür zurück
    »Ha  Gott Lob  Gott Lob  das Gespenst  zerrinnt  Ich lebe
 wieder  Ich fühle meine Pulse wieder schlagen  O des Jammers«
    Mit einem stöhnenden Schrei fuhr Adrian wild auf vom Lager Seine Augen
waren noch auf Bianca gerichtet die in diesem Augenblick an der Tür
verschwand Ihren Schatten erhaschte der erwachende Graf und beide Hände
heulend über sein Gesicht drückend warf er sich zurück in die Kissen und
wimmerte
    »Barmherziger Himmel es ist wirklich ihr Geist der mich peinigt der mich
noch wahnsinnig machen wird «
    Geräuschlos und schweigend wie Bianca den Spinner die Treppe heraufgeleitet
hatte führte sie ihn wieder hinunter Auf der Flur öffnete sie abermals ihre
Blendlaterne Alle Fibern ihres schönen Gesichtes zitterten aber sie lächelte
    »Nun Martell gefällt Ihnen diese Art Rache« fragte sie mit einem Zuge
teuflischer Schalkheit um den jetzt bleich gewordenen Mund
    »Sie ist eines Weibes würdig« erwiderte Martell
    »Dünkt Ihnen diese Art sich an seinem Todfeinde zu rächen allzu grausam«
    »Nein schönes Fräulein Sie gefällt mir bloß nicht«
    »Warum mein Freund«
    »Weil der Bestrafte bewusstlos leidet«
    »Haben Sie sein Stöhnen gehört seine Worte vernommen sein krampfhaftes
Beben gesehen Und nennen Sie das bewusstlos leiden«
    »Sobald er erwacht glaubt er ein böser Traum hat ihn gequält oder hält es
für Alpdrücken Es bleibt immer nur ein vorübergehender Spuk«
    »Aber ein Spuk der sich allnächtlich wiederholt Der Tag beginnt ihm nur zu
scheinen damit er sich während seiner Dauer vor den höllischen Schrecknissen
der Nacht fürchtet Wäre dies aber auch nicht der Fall so peinigte ihn doch
seine Liebe zu mir«
    »Er  Adrian liebt Sie«
    »Ja mein Freund« lächelte Bianca und strich sich die wilden Locken aus der
Stirn »er liebt mich bis zur Tollheit und ich bin so freundlich ihn immer noch
verliebter in mich zu machen Das gibt mir größere Gewalt über ihn und dass ich
diese auf die denkbarste Weise zu benutzen verstehe haben Sie gesehen Sie
könnten künftighin Teil nehmen an meiner Rache«
    »Nein Fräulein Ich will lieber warten bis ich ihn wachend quälen kann
das ist männlicher gegen wache Qual kann er sich wenn er Kraft und Mut
besitzt verteidigen«
    »Wie Sie wünschen mein Freund Aber nicht wahr Martell mein Wort hab ich
gehalten und die Schwester die seinetwegen frewillig aus dem Leben ging und
mich um Tugend und Ehre brachte gerächt wie nur ein Weib es kann«
    »Ich muss Sie bewundern ohne Sie loben zu können«
    »Gute Nacht denn mein Freund Sinnen Sie alsbald nach wie Sie den
Wachenden züchtigen wollen ich will indes fortfahren den Schlafenden auf die
Qualen der Hölle vorzubereiten die er tausendfach verdient hat Nochmals gute
Nacht«
    Bianca sprach dieses zweite »gute Nacht« wieder mit jenem verführerischen
Sirenentone dass es Martell heiß über den ganzen Körper lief Er floh mit
raschen Schritten dem See zu indem er ausrief
    »Steh Gott jedem Manne bei der in die Schlingen dieser furchtbaren
Schönheit fällt«
    Langsamer ging die verkörperte Nemesis nach ihrem Zimmer wo sie sich ruhig
entkleidete und mit vergnügtem Lächeln auf den sich wieder rötenden Lippen ihr
weiches Lager bestieg und schnell sanft und ruhig entschlummerte
 
                                Fünftes Kapitel
                                 Die Torfhütte
Mit den nötigen Instructionen versehen kam inzwischen Gilbert nach Boberstein
Zu Erreichung seines Zweckes würde es nicht ratsam gewesen sein wenn er sich
wie ein Schatten an Martells Fersen geheftet hätte Er zog es daher vor dem
Spinner nur besuchsweise zu begegnen sein Quartier aber auf der Insel selbst
aufzuschlagen Dies ließ sich leicht und ohne Aufsehen bewerkstelligen da
Vollbrecht bereitwillig die Hand zu jedem Schritte bot der seinem verhassten
Gebieter verderblich werden konnte und sollte
    Gilbert entusiasmirte sich sogleich für das Fabrikwesen weniger aus
wirklichem Interesse an der Sache als weil seine lebhafte Natur das Bedürfnis
nach Beschäftigung fühlte und diese in Betrachtung der kunstreichen Maschinerie
fand die für den wissbegierigen Matrosen gleicherweise ein Rätsel und ein
Gegenstand der höchsten Bewunderung war Über dem gewaltigen Mechanismus dieser
tausend und abertausend Räder vergaß er anfangs den Zweck seiner Sendung
vollkommen Nur die Maschilrenkammer mit ihren ächzenden Hebeln und Walzen oder
die vom Rollen der Spindeln ewig erbebenden Säle der Spinner fesselten ihn Hier
konnte man den jungen Matrosen von früh bis in die Nacht umherwandern und mit
glänzenden Augen das geheimnisvolle Schaffen der kunstreich ineinandergreifenden
Stahlzähne anstaunen sehen Selbst seine angebliche Leidenschaft für Bianca trat
eine Zeitlang vor dem neuen Gegenstande seiner Bewunderung in den Hintergrund
    Vollbrecht benutzte dies hohe Interesse des Jünglings zur Förderung der
Zwecke seiner Freunde Er weihte ihn mehr und mehr in das Geheimleben des
Geschäftes ein nahm ihn so oft er konnte mit auf sein Komptoir um ihm aus
den Büchern dazutun wie unendlich verwickelt das Geschäft sei dem er
vorstand und welche große Summen es dem Besitzer eintrage wenn es mit so
ausgesuchter Spekulation betrieben werde wie Adrian seit Jahren es beliebte
Gilbert ließ sich gern von dem freundlichen Manne unterrichten glaubte ihm
aufs Wort bat ihn aber recht dringend ihn fernerhin mit Vorzeigung der
Rechnungsbücher zu verschonen da er von diesen Dingen durchaus nichts verstehe
    Bei diesen täglichen langen Besuchen in der Fabrik lernte Gilbert nicht
allein die Wirksamkeit der Maschinen ihre Sructur und wie man sie zu leiten
habe kennen er tat auch einen tiefen Blick in das Leben der Arbeiter die in
diesen öldunstigen ungesunden Räumen mühselig ihr Brod verdienten Sein leicht
empfängliches Herz empörte sich beim Anblick dieser kümmerlichen Existenz so
vieler Menschen und wenn je so wünschte er jetzt dem welcher dieselbe über sie
verhing alles nur erdenkliche Böse Begreifen aber konnte er nicht wie es
Martell nach den gemachten Entdeckungen noch möglich war mit dieser wahrhaft
heroischen Ruhe täglich oder nächtlich wie eben die Reihe ihn traf fleißig und
ohne Murren zu schaffen und für den zu arbeiten der ihn nach menschlichem und
göttlichem Recht mit Rührung an sein Herz hätte drücken ihn Bruder nennen und
gleiche Rechte ihm hätte zugestehen sollen Diese Ruhe und Entschlossenheit des
meistenteils finsteren und verschlossenen Mannes nötigte dem Jünglinge eine
Ehrfurcht ab wie er sie vor Niemand noch empfunden hatte und hinderte ihn
länger als es ihm lieb war den heimlichen Gängen Martells mit der Ausdauer
nachzuspüren die man von ihm heischte
    Das anfänglich absichtliche Zögern das sich nach einigen Tagen von selbst
unabsichtlich verlängerte hätte beinahe seine ganze Sendung fruchtlos gemacht
Denn als der junge Matrose nach Verlauf von etwa acht bis zehn Tagen die
Dorfschenke in später Abendstunde aufsuchte und Martell daselbst inmitten seiner
freigebigen Freunde zu treffen glaubte begegnete er nur fremden Gesichtern
Mehrere Tage hinter einander setzte er seine regelmäßigen Besuche mit keinem
bessern Erfolge fort Martell war und blieb verschwunden und auf Befragen des
Wirtes erfuhr Gilbert zu seinem großen Leidwesen dass ein Zwist den riesigen
Spinner mit seinen Gästen vertrieben habe 
    Das war ein ärgerlicher Zufall und Gilbert machte sich ernstliche Vorwürfe
dass er über Gebühr gezögert und das Vertrauen seiner Freunde so wenig
gerechtfertigt hatte Von Martell selbst war nichts zu erfragen obwohl Gilbert
kein Mittel unversucht ließ um den Spinner geschickt auszuhorchen Der finstere
Mann schwieg hartnäckig auf alle Fragen Doch zeigten sich täglich immer
unverkennbarer die Folgen seiner unregelmässigen aufreibenden Lebensweise Sein
bisher bleiches eingefallenes Gesicht begann sich zu röten die Haut erschien
rissig und glänzend und das Zittern seiner Hände war namentlich am frühen
Morgen so heftig dass die große Übung Martells dazu gehörte um diesen
Übelstand wieder auszugleichen Jeder andere minder Geschickte würde alles in
Grund und Boden verdorben vielleicht gar die Maschine in momentanes Stocken
gebracht und dadurch unübersehbares Unglück hervorgerufen haben
    Von Lore erfuhr Gilbert dass Martell wenn seine Arbeitszeit es gestattete
mit Anbruch der Nacht regelmäßig das Haus verlasse und gewöhnlich erst spät
zurückkomme Weder ihre eigenen noch ihres frommen Vaters Bitten vermochten den
rabiaten Spinner von diesen nächtlichen Spaziergängen abzuhalten Er hatte sogar
wiederholt beteuert sie würden zu seinem und der Seinigen Glück führen und
hingen sehr genau zusammen mit den Bestrebungen der übrigen vornehmen
Verwandtschaft
    Unserm jungen Freunde blieb nach diesen Erkundigungen weiter nichts übrig
als auf eigene Faust zu handeln und das Versäumte wo möglich nachzuholen Dies
erforderte aber große Vorsicht da in Martell bereits Verdacht gegen den jungen
Matrosen erwacht war und er sich möglichst fern von ihm zu halten suchte
Dennoch sollte Gilbert seinen Zweck noch früher erreichen als er nach dem
Vorhergegangenen selbst glaubte Bianca bot ihm dazu freundlich die Hand
    Seit der im vorigen Kapitel geschilderten Nacht fühlte Martell bisweilen das
schreckliche Bedürfnis seinen Todfeind sich winden zu sehen unter den Qualen
die das dämonische Mädchen über ihn verhing Er verständigte sich mit Bianca und
diese ließ den Spinner auf ein verabredetes Zeichen an Adrians Folterbett
treten wenn sie sich ihrer Gewalt über den Grafen gewiss war Ob während dieses
kurzen Zusammenseins eine heimliche Neigung des Spinners zu dem schönen
grausamen Mädchen erwachte wagen wir nicht zu entscheiden vermuten aber lässt
es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit indem Martell Bianca unaufgefordert den
vorgefallenen Zwist mitteilte und ihr sagte wohin er seit dieser Zeit seinen
sich immer gleich bleibenden großmütigen Freunden gefolgt sei
    Die jetzige Haushälterin Adrians hatte Gilbert bei seiner Ankunft nach
Boberstein weit freundlicher empfangen als es der Jüngling vermuten und
erwarten durfte Diese Zuvorkommenheit veranlasste ihn zu häufigen Besuchen bei
der Schönen und bald verging kein Tag mehr wo nicht beide junge Leute ein
Stündchen angenehm mit einander verplauderten Bianca war die Anmut selbst
immer heiter zuvorkommend bis zu gewissem Grade dienstfertig aber freilich an
ein Kundgeben von Neigung war bei alledem nicht im Entferntesten zu denken Es
schien wirklich als besitze dieses unerklärbare Wesen das Geheimmittel gegen
Jedermann die Liebe selbst zu sein ohne doch die geringste Ahnung davon zu
haben Sie bezauberte und nahm doch immer den Schein an als wisse sie nichts
davon als sei es Pflicht jedes weiblichen Wesens in ihrer Stellung grade so
und nicht anders sich Männern gegenüber zu betragen
    Gilbert gab es daher auch auf das Herz der Schönen zu bestürmen obwohl er
nicht immer genug Herr über sich war der lächelnden Spötterin dies nicht merken
zu lassen Unwillkürlich fiel er bisweilen aus der Rolle eines Freundes in die
eines feurigen Verehrers und Bianca hatte dann die angenehme Pflicht mit der
liebreizendsten Grazie ihn darauf aufmerksam zu machen
    In seinen Gesprächen mit diesem Mädchen gedachte er auch Martells und seines
unregelmässigen Lebens Wider Erwarten fand er in ihr eine ganz entschiedene
Bundesgenossin die kein Mittel für unerlaubt hielt wenn es nur zur Rettung des
Unglücklichen dienen konnte Ohne langes Bitten erfuhr er von Bianca wohin
Martell und seine bedenklichen Freunde sich gewendet hatten und schon in der
nächsten Nacht sehen wir Gilbert mit seinem Dolche bewaffnet das Niederholz
durchstreifen und einem trüben Lichtschimmer zueilen der aus einer Vertiefung
heraufglänzte die rundum von dichtem Gehölz umgeben war
    Diese wichtige Entdeckung machte unser junger Freund Anfang März Das
Versteck lag eine halbe Stunde von Boberstein in einer nicht mehr benutzten
Torfgräberei und bestand aus einer bloßen Bretterhütte wie sie zum Obdach für
die Waldwächter häufig in den großen Waldungen angetroffen werden. Zu
ungestörter Zwiesprach eignete sich die Oertlichkeit vortrefflich denn es
führten nicht allein bloß schmale wenig betretene und sich noch dazu mehrmals
kreuzende Fusssteige nach dem Versteck die alte Torfgrube war außerdem auch noch
durch steile Wände von dem übrigen Haidelande abgeschnitten so dass es einem
Unbekannten schwer ward in die Tiefe hinabzusteigen und die Hütte zu erreichen
    Lauschend blieb Gilbert am Rande der Torfgrube stehen Aus der schlechten
Hütte die graues Nebeldüster kaum erkennen ließ drangen Töne verworrener
Stimmen heiseren Lachens und das matte Klingen voller Gläser zu ihm herüber
Rundum war Alles todtenstill bis auf das melancholischeintönige Rauschen der
Heide
    Furcht kannte Gilbert nicht dennoch schlich er zaudernd an dem Rande der
finsteren Grube fort da er keine Spur von Weg entdecken konnte und auf
Geratewohl in die Tiefe hinabzuspringen doch keine Lust hatte Es verging eine
geraume Zeit ehe er eine Stelle fand die man im Notfalle für einen Weg halten
konnte Der Boden war nass und glatt so dass es kaum möglich war Fuß darauf zu
fassen Indessen an halsbrecherische Pfade gewöhnt und im kühnen Klettern
geübt wagte der junge Matrose diesen kaum erkennbaren Weg zu betreten der ihn
auch sehr schnell auf den Grund der Grube beförderte obwohl in einer Weise die
er nicht beabsichtigt hatte Unten angekommen fand er sich in einem Tümpel zähen
Schlamms bis an die Knöchel stehen den er unter kräftigem Fluche durchwatete
Zum Glück hielt die Lache nur wenige Schritte im Durchmesser Gilbert erreichte
bald das Trockene eine etwas höher gelegene Schicht lettigen Erdreichs das
dammartig die Grube durchschnitt und in gerader Richtung auf die Hütte zuführte
Über diesen Damm lief auch der eigentliche Fußpfad nach dem Haidelande wie der
Matrose jetzt zu spät bemerkte
    Eiligen Schrittes näherte sich nun der jugendliche Späher der Torfhütte
deren Tür von innen fest verriegelt war wie ein behutsamer Druck auf die
Klinke ihm sagte Auch das einzige kleine Fenster schützte ein Bretterladen
gegen Wind Wetter und Blicke Zudringlicher Gilbert fand auch diesen so stark
befestigt dass er ihn nicht bewegen konnte An den Seiten schimmerte zwar der
Lichtschein durch allein Raum für einen Blick ins Innere gewährten die feinen
kaum sichtbaren Spalten nicht
    Wie ein Luchs umschlich Gilbert die Hütte um irgend eine Öffnung zu
entdecken Lange blieb sein Suchen fruchtlos llnd die Geduld des heftigen jungen
Menschen begann zu wanken Am liebsten hätte er mit beiden Fäusten gegen die
dünnen Bretter gedonnert und die lustigen Kumpane dadurch zu einem Ausfalle
gezwungen allein er besann sich welche Folgen so übereiltes Tun haben könne
und begann von Neuem die Hütte zu umschleichen Endlich entdeckte er einen Ast
der sich in der etwas erweiterten Öffnung hin und wiederschieben ließ Es wäre
ein Leichtes gewesen diesen nach Innen zu stoßen da er aber nicht wissen
konnte ob die Hütte gedielt sei und der Fall des Astes unfehlbar Geräusch
verursacht haben würde so bemeisterte Gilbert seine Unruhe ergriff seinen
Dolch und zog den Ast mit großer Behutsamkeit aus dem Brett Ein voller Strahl
des Lichtes belohnte seine Bemühungen und als er das Auge an die Öffnung legte
konnte er den engen Raum der Hütte vollkommen übersehen Doch kaum hatte Gilbert
einen Blick in das Innere getan als er erschrocken und zitternd wieder
zurücktaumelte
    »Gott erbarme sich« rief er flüsternd aus »Das ist Elwirens Vater und der
scheussliche Musiker aus der Mohrentaverne  Und zwischen Beiden mitten inne der
unglückliche Martell  Bei meiner Mutter Haupt sie trinken brennenden Punsch
oder Grog  und der Spinner des Kapitäns Halbbruder er ist wahrhaftig
betrunken wie ein Neger  Aber was lärmen und lachen diese Elenden denn über
den armen Fabrikarbeiter Lasst doch hören«
    Und statt des Auges legte jetzt Gilbert sein Ohr an das Astloch und vernahm
schaudernd folgendes Gespräch
    »Heda Schwarzkopf aufgeschaut« sagte KlütkenHannes indem er Martell
der auf seinem Sessel hin und her wankte derb anstieß »Was meinst Du zu einer
neuen Gesundheit auf Ihn Das Glas ist voll und singt schon von selber vor
Freude über den Toast den es sich mit anhören soll Bei allen blaubrennenden
Branntweinteufeln Kerl lass das Kopfwackeln sein und stoss mit an Der
Fabrikherr «
    »Soll leben wie ich« fiel Martell ein erhob mit zitternder Hand sein Glas
und goss die glühend heiße Flüssigkeit gurgelnd in den Schlund Gleich darauf
schlug er mit dem Kopf gegen den Tisch und bewusstlos brach der riesige Körper
des Betäubten zusammen
    »Er hat genug« grinste Blutrüssel indem er schnell sein Glas ausgoss und es
trotzig vor sich hinstellte
    »Heut glaub ich selber das Pulver wirkt« entgegnete KlütkenHannes
folgte dem Beispiele seines entmenschten Gefährten und richtete alsdann den
Berauschten mit Hilfe Blutrüssels auf
    Martell war jetzt völlig bewusstlos Jedes Glied seines Körpers zitterte als
ob ein heftiger Frost es schüttelte die Augen standen offen und sahen stier und
gläsern auf einen Fleck Eine grünblaue Farbe überzog sein Antlitz und gab ihm
das Ansehen eines an der Cholera Verstorbenen
    »Dummer Teufel« lachte Blutrüssel »Säuft was wir ihm vorsetzen weils
ihn munter macht und schließt Freundschaft mit zwei stockfremden Kerlen bloß
deswegen weil sie den Mann den er hasst einen Menschenschinder nannten  Ich
bitt Dich Hannes ist Dir je noch ein unschuldigerer Lümmel begegnet unter
hungerndem Lumpenpack«
    »Mir wärs am liebsten er läge schon in den letzten Zügen« versetzte
KlütlenHannes »Sieh er rührt sich wieder  So macht ers nun alle Abende
trotz der doppelten Gaben Und ich der ich doch bloß nippe ich spür es in
allen Gliedern«
    »Ha ha ha ha Du wirst mit ihm abfahren gröhlend und brüllend wie ein
gestochenes Schwein Es ist zum Todtlachen Ha ha ha«
    »Vieh ich glaube gar Du wünschest mir den Tod Sieh Dich vor
Zähnefletscher«
    »Ah was Meinetwegen lebe noch hundert Jahre ich hindere Dich nicht daran
aber lachen müsst ich doch wenn Du drauf gingst wie ein Hund«
    »Und warum Geselle des Teufels«
    »Weil Du so dumm gewesen bist einen so einfältigen Kontract abzuschließen
Mit Schuften Freundchen muss man ganz anders unterhandeln«
    »Nun beruhige Dich alter Sünder Du sollst mir auch im Tode Gesellschaft
leisten«
    »Doch nicht gleich« höhnte Blutrüssel »Ich bitte Dich wohlgeratenes
Muttersöhnchen lass mir nur Zeit zuvor das gewonnene Geld in Sicherheit zu
bringen dann kann der Tanz losgehen wenn Du willst Du kennst meine Finten«
    Und das viehische Scheusal zog sein Messer und schwang es mit blutgieriger
Freude mehrmals um sein grauhaariges Haupt
    »Schweig Hund Er richtet sich auf wir müssen ihn unterstützen dass er
keinen Verdacht schöpft So  halt ihm den wackelnden Kopf Er wird gleich
wieder bei sich sein«
    Von den Armen der beiden Verworfenen gehalten kehrte Martell das Bewusstsein
zurück Das Gesicht rötete sich die Augen bekamen wieder Glanz aber einen
Glanz der entsetzen musste so glühten die finsteren Sterne Die Hände flogen
als würden sie von electrischen Schlägen fortwährend in Bewegung gesetzt Seine
Stimme lallte bloß denn auch die Zunge des Unglücklichen gehorchte nicht mehr
seinem Willen
    »Ich habe Feuer  im Herzen« stammelte Martell »Gebt mir  Wasser dass
ich  die Gluten  auslösche Hu Wie mich friert  Als ob  die Hand
 des Todes auf  meiner Stirn  ruhte«
    »Er hat das Fieber« lachte Blutrüssel »Wie wärs wackerer Kumpan wenn Du
noch ein Gläschen oder ein halbes aufgössest Feuer muss man mit Feuer löschen
das ist probat«
    »Ja ja  einen Schluck  Himmel wies mich wirft«
    »Du hast Dich erkältet armer Bursche« sagte KlütkenHannes »Der Abend ist
auch wirklich noch zu kühl für Deine Kleidung Du hättest den Mantel umwerfen
sollen«
    »Mantel« schrie Martell wie rasend und riss sich mit gewaltiger Anstrengung
aus den Armen der beiden falschen Freunde »Ich zermalme Euch wie ein paar
Regenwürmer wenn Ihr  davon sprecht Ein elender Spinner  einen 
Mantel«
    Die Kraft verließ den Unglücklichen abermals und ermattet fiel er wieder in
die Arme seiner Genossen
    »Also noch ein Schlückchen Halbwarmen wie  Zur Stärkung für den
Heimweg Denn es ist Gott verdamm mich schon in der eilften Stunde Vor
Mitternacht erreichen wir den See nicht«
    Mit diesen Worten reichte KlütkenHannes dem zum Tode Verurteilten von
Neuem das gefüllte Glas geleitete die zitternde Hand des Unglücklichen zum
Munde und ließ nicht ab bis er es ganz geleert hatte
    »Nicht wahr das wärmt«
    »Es brennt  aber  das tut nichts  Wenn nur ihn der Teufel holt
 Wie ists  Morgen«
    »Übermorgen Freund Wir müssen in die Heide Geschäfte halber«
    »Dann gehts wieder volle acht Tage wie heut« setzte Blutrüssel hinzu
    »Wie heut Hu  dann gings  schlecht  Ich brenne und  erfriere
zu gleicher Zeit  O das ist  grässlich«
    Martell warf sich an die Erde und wälzte sich convulsivisch auf dem Boden
    »Er machts aus« flüsterte KlütkenHannes seinem verbrecherischen Genossen
zu »Morgen stellt uns der Teufel kein Bein können wir unser Geld einstreichen
und fröhlich von dannen ziehen«
    »Noch nicht  Er wird schon wieder ruhig«
    »Sieh wie er zuckt  Das ist der Todeskampf«
    »Lassen wir ihn liegen  Das Vieh mag ohne uns himmeln«
    »Und wenn er wieder zu sich kommt«
    »Hol ihn die Pest oder  mein Messer hilft dem Pulver nach  Ich bin es
überdrüssig mich länger mit der wildtrotzigen Fratze herum zu martern«
    »Wer heißt Dirs Du kannst gehen wenns Dir nicht gefällt Bist mir
ohnehin nur im Wege«
    »So lange es mir gefällt« grinste der Mörder »Will ich mein altes Handwerk
wieder aufnehmen so hast Du am längsten Wasser geschluckt  Na sei ruhig
Freund Ich erinnere Dich bloß wenn Du die Pflichten der Dankbarkeit im Unmut
hintansetzen willst Wir bleiben Freunde denk ich bis uns beim lustigsten
Trunk der Teufel selbander holt«
    KlütkenHannes musste notgedrungen die dargereichte Hand des Entsetzlichen
annehmen Beide Verworfene schüttelten sich die verbrecherischen Hände und
gelobten sich unter grässlichen Eidschwüren aufs Neue unverbrüchliche Treue
Inzwischen raffte sich Martell doch wieder auf Nach den erschütternden Krämpfen
schien ihm die angeborene Riesenkraft zurückzukehren Er stand vom Boden auf
ohne Beihilfe schüttelte mehrmals sein lockiges Haupt und forderte dann die
beiden Andern barsch zum Aufbruche auf Diese zeigten sich willig und nachdem
KlütkenHannes das Licht behutsam ausgelöscht und die Überreste des Branntweins
in einem Verschlage verborgen hatte entriegelte er die Tür und trat Martells
Hand in der seinigen haltend in die finstere Nacht hinaus Ihm auf dem Fuße
folgte einem unheimlichen Schatten gleich der Mörder von Hertas Vater 
    Mit angehaltenem Atem hatte Gilbert diesem Gespräch zugehört und daraus den
abscheulichen Anschlag auf Martells Leben entnommen Er konnte keinen Augenblick
zweifeln dass Adrian der Anstifter dieser Schändlichkeit sei dass hier ein
Bruder seinen Bruder auf Befehl eines dritten Bruders meuchlings morden solle
vielleicht schon gemordet hatte denn wer konnte wissen ob die Riesennatur
Martells der Gewalt des genossenen Gistes widerstehen oder erliegen werde
    Da es töricht gewesen wäre den beiden heimtückischen Mördern den Weg
vertreten zu wollen so hielt sich Gilbert bei ihrem Aufbruche aus der Torfhütte
ganz ruhig Er ließ sie eine Strecke vorausgehen bis sich die rauen Stimmen
der laut Sprechenden im Dickicht des Waldes verloren Dann folgte er ihrer Spur
und traf fast zu gleicher Zeit mit ihnen im Arbeiterdorfe ein
    In seiner Wohnung angekommen überlegte der heftig erschütterte Jüngling
was jetzt zu tun sei um wo möglich Martell noch zu retten die gedungenen
Mörder unschädlich zu machen und den Anstifter des Verbrechens der gerechten
Strafe zu überliefern Ein schneller und energischer Entschluss war nötig denn
schon übermorgen sollte der nichts Böses Ahnende im Rausche vollends umgebracht
werden 
    Allein und auf seine Verantwortung hin mochte er nicht handeln Deshalb
schrieb er wenige dringende Zeilen an Aurel worin er ihm meldete dass er
Entdeckungen von der größten Wichtigkeit gemacht habe Der Kapitän möge daher
unmittelbar nach Empfang dieser Zeilen nach Boberstein aufbrechen und wo möglich
den Maulwurffänger mitbringen
    Dann weckte er Vollbrecht bat diesen inständigst er möge ihm einen
zuverlässigen Boten nennen dem die Besorgung eines wichtigen Briefes
anzuvertrauen sei und beruhigte sich erst als ein solcher gefunden und mit der
wichtigen Meldung nach Boberstein abgeschickt worden war
    Vollbrechts Fragen ließ Gilbert unbeantwortet indem er ihn auf die Vorgänge
der nächsten Tage verwies
    
    So kam der Morgen heran ohne dass unser junger Freund ein Auge geschlossen
hatte Um sich zu zerstreuen eilte er in die Fabrik Hier fand er Martell schon
an der Arbeit zitternder als gewöhnlich und mit fahlem eingefallenen
Todtengesicht Der Spinner reichte ihm die Hand sie war heiß und trocken und
ein schneller harter Puls klopfte in den blutstrotzenden Adern Von einem
Rausche konnte man übrigens nichts bemerken nur ein trockener Husten ein
pfeifendes Atemholen und zuweilen tiefes Stöhnen ließ den Ausbruch einer
Krankheit vermuten die bereits in den Eingeweiden des Unglücklichen wühlte
    Schon gegen Abend trafen Aurel der Maulwurffänger und Paul Sloboda
Haideröschens jüngster Sohn auf raschem Fuhrwerk in Boberstein ein Gilbert war
ihnen eine Strecke Wegs entgegen gegangen um sie zu verhindern in der Wohnung
Martells einen Besuch zu machen Er wünschte dass ihre Ankunft ganz verborgen
bleibe Deshalb bat er auch den Kapitän er möchte erst im Schutz der Nacht die
Insel heimlich betreten
    Aurel musste diese Vorsichtsmassregeln billigen Die mündlichen Mitteilungen
Gilberts entsetzten sowohl ihn als den Maulwurffänger und es dauerte geraume
Zeit ehe sie daran glauben konnten
    »Es wäre doch zu entsetzlich« rief der Kapitän wiederholt aus »wenn sich
alles so verhielte wie Du behauptest  Arme Herta Unglückliche Elwire  Und
dieser Blutrüssel «
    »Ich täusche mich nicht Kapitän Die Nacht in der Mohrentaverne ist meinem
Gedächtnis zu tief eingeprägt Kein Anderer als jener scheussliche Musikant von
dem Sie Kunde erhielten dass Ihre gnädige Tante noch am Leben sei war gestern
Nacht des Trödlers Gefährte«
    »Weißt Du seinen Aufenthalt Wir müssen ihn unschädlich machen«
    »Nein Kapitän Gedulden Sie sich aber bis morgen Nacht so können wir die
beiden Unholde gefangen nehmen«
    »Weshalb so lange zögern«
    »Weil sie heut in Geschäften wie ich aus ihrem eigenen Munde gehört habe
in der Heide herumlaufen«
    »Sind sie bewaffnet«
    »Mit langen Messern«
    »Dann müssen wir die Torfhütte umstellen sie einschliessen und überrumpeln«
    »Damit die beiden Teufel dem armen Martell die Kehle abschneiden« warf der
Maulwurffänger ein »Wenn Sie erlauben mein Herr Kapitän so möchte ich mich
diesem Feldzugsplane widersetzen Ich habe einen andern Gedanken«
    »Lasst hören braver Alter« sagte Aurel
    »Aus der Beschreibung des flinken Matrosen kann ich mir abnehmen«
erwiderte der Maulwurffänger »dass die verruchten Satanskinder Ihren Herrn
Halbbruder nach jener Torfgrube gelockt haben die in der Heide unter dem Namen
des Binsenloches bekannt ist Ich kenne die alte Wächterhütte ganz gut denn sie
hat mir manche Nacht zum Obdach gedient Groß ist das Bretterhäusel freilich
nicht aber um sich drin zu verstecken hat es doch Raum genug Es besteht aus
zwei ungleichen Hälften und einem Verschlage um Lebensmittel drin zu
verschließen« Die Gauner sind im eigentlichen Wohnzimmer gewesen hör ich die
Kammer daneben scheint mir hat Keiner von ihnen betreten Wer weiß ob sie sie
gar kennen Wie dem aber auch sei es tut nichts zur Sache »Wer vorkommt mäht
vor« ist ein altes gutes Sprichwort auf das sich alle Deutschen verlassen
können bis zum jüngsten Tage Aus diesem Grunde mein ich meine Herren wir
schlichen uns alle vier mit Stricken wohl versehen bei Zeiten nach dem
Binsenloche und verkröchen uns schönstens in der Kammer des Wächterhauses
Kommen dann später die Mordkerle mit ihrem vergifteten Gesöff um unserm
unglücklichen Freunde vollends das Garaus zu machen so packen wir die
Sackermenter risch1 bei der Kehle und binden sie dass sie die Engel im Himmel
singen hören als stünden sie wie die Ostersänger dicht vor der Hütte Was
hernach weiter geschehen soll das mag der Herr Kapitän und das Gericht
bestimmen
    Aurel fand diesen Vorschlag so annehmbar dass er sich dankend dafür
entschied und den Maulwurffänger beauftragte für alles Nötige zu sorgen
    Am frühen Morgen des nächsten Tages ging Aurel sehr zeitig mit Gilbert aus
um die Torfgrube zu besichtigen und sich mit den Oertlichkeiten bekannt zu
machen Sie fanden die Tür der Hütte unverschlossen in dem Verschlag einen
großen Vorrat von Branntwein und Rum ein Kohlenbecken nebst Feuerzeug und
mehrere Gläser und Kannen Die Kammer war bis auf einige von Ratten und Mäusen
zernagte Strohsäcke ganz leer Sie eignete sich vortrefflich zu einem Versteck
da an der Tür ein schmales Schiebefenster angebracht war das man nach Belieben
öffnen und schließen konnte Um unbemerkt zu bleiben ordnete Aurel die Schemel
in der Stube so um den Tisch dass die nächtlichen Zecher der Tür den Rücken
zukehren mussten
    Den Rest des Tages verbrachte der Kapitän mit Gilbert auf der Jagd da
Vollbrecht aus Adrians Gewehrzimmer unbemerkt ein paar vortreffliche
Doppelflinten hatte entnehmen können Mit der Abenddämmerung kehrten sie zurück
und eilten sogleich in ihr Versteck wo bald darauf auch der Maulwurffänger und
Paul ankamen
    Lange mussten sie vergeblich warten erst in der neunten Stunde hörten sie
dass sich schlürfende Schritte der Hütte näherten und drei Männer schweigend in
die Stube traten Einer von ihnen schlug Feuer an entzündete ein Talglicht und
stellte es auf den Tisch Aurels Späherauge erkannte in ihm KlütkenHannes
Inzwischen beschäftigte sich Blutrüssel mit Entflammen der Kohlenpfanne um das
scharfe Getränk zu erhitzen Martell aber welcher diesen Vorbereitungen
schweigend zusah stützte beide Arme auf die Lehne seines Schemels und schien
kaum den Augenblick erwarten zu können wo das erste Glas des vernichtenden
Getränkes seine fieberhaft brennende Lippe benetzen werde
    »Beim ewigen Gott sie sind es« flüsterte Aurel dem Maulwurffänger zu »Und
solchen Menschen soll ich Bruder nennen  O fast möchte ich wünschen nie das
Licht dieser entsetzlichen Welt erblickt zu haben«
    »Still« sagte der Maulwurffänger »Der Kerl der mir damals den Span hielt
als ich Hertas Vater gegen ihren Cousin zu Hilfe rief im Namen der armen
Wenden er fletscht seine Zähne gegen Martell und wird vermutlich einen
gottlosen Witz reißen wollen Hören wir zu«
    »Mordelement« kreischte Blutrüssel ein Glas füllend und die heiße
Flüssigkeit anzündend »brennt das nicht wie ein Todtenlicht Und wie lebendig
machts einen resoluten Kerl der solche Flammen dutzendweise einschlürft Wer
will«
    Mit krampfhaft zitternder Hand griff Martell nach dem Glase weidete ein
paar Sekunden lang seine Blicke an der zuckend spielenden Flamme in deren
blauer Lohe sein Gesicht einer Todtenmaske ähnlich ward blies sie dann aus und
leerte das Glas auf einen Zug Als er es auf den Tisch niedersetzte benutzte
KlütkenHannes den günstigen Moment und schüttete weißes Pulver in das Gefäß
während Blutrüssel es sogleich wieder füllte Martell hatte nichts bemerkt
    »Heiliger Gott er vergiftet ihn« stammelte Aurel und wollte die Tür
aufreißen
    »Geduld Herr Kapitän« ermahnte der Maulwurffänger »Wir können immer noch
eine Weile zusehen Unser Geschäft hat Zeit bis Martell wirklich trinkt«
    »Und wenn er stirbt Bedenkt wie furchtbar angegriffen er ist«
    »Von dem halben Kaffeelöffel Giftpulver stirbt er nicht« versetzte der
Maullwurffänger mit großer Ruhe »Der Magen eines Armen verträgt was Er wird
hart und schwielig wie die Hand die ihn erhalten muss«
    »Jetzt lass mal hören armer Teufel« sagte KlütkenHannes »was das für eine
Geschichte ist mit dem Prozesse von dem wir gestern sprechen hörten Du sollst
ja auch mit dabei sein Aber um was ins Teufels Namen prozessirst denn Du
Bist ja ärmer wie eine Kirchenmaus«
    »Ich prozessire nicht ich lasse es nur geschehen« erwiderte Martell mit
finsterer Miene »und weil ich gar nichts davon wissen mag darum sitze ich hier
und trinke mit Euch  auf Eure Kosten Euer Geldsack soll leben«
    »Hurrah Und sich immer von Neuem füllen«
    »Sauf« schrie Blutrüssel und stieß mit Martell an Der Spinner trank spie
aber schon nach dem ersten Schluck den Branntwein wieder aus Sein Geschmack war
noch nicht verdorben er selbst noch zu nüchtern
    »Nun was hast Du« fragte KlütkenHannes »Was ist das für Manier uns für
unsern guten Willen nicht Bescheid zu tun«
    »Das Gesöff schmeckt nicht Es ist verdorben«
    »Albernheiten Es schmeckt ja uns«
    »Koste  Aber wie zum Henker sieht das Zeug denn aus Ganz trüb und wolkig
Puh und wie riecht das Wie Knoblauch«
    »Ich rieche nichts« sagte Blutrüssel »Trinke nur und ich wette es
schmeckt Dir wie kein anderes«
    Martell setzte das Glas abermals an die Lippen und versuchte zu trinken
Aber nur wenige Tropfen vermochte er zu verschlucken Schaudernd setzte er es
nieder und warf einen furchtbar ernsten Blick auf die beiden Schurken die
unvorsichtig verräterische Blicke unter einander gewechselt hatten
    »Ich glaube« sagte er mit schauerlicher Ruhe »Ihr seid alle Beide ein paar
elende Hunde Eure Satansaugen haben Euch mir verraten Ihr wollt mich
vergiften denn Gift und nichts weiter als Gift ist in diesem Glase Was hab
ich Euch getan«
    »Er ist betrunken« lachte Blutrüssel
    »Sei kein Narr giesse das Glas aus und lass Dirs mit frischem Branntwein
füllen Wer weiß was zufällig mit hineingekommen ist«
    »Halt« donnerte Martell als KlütkenHannes das vergiftete Getränk auf die
Diele gießen wollte Kein Tropfen soll davon verloren gehen bevor es ein
Apotheker untersucht hat Seit vorgestern will mir ein entsetzliches Licht über
Euch aufgehen Mein armes Weib das mich weinend umfing als ich zitternd und
taumelnd in die elende Kammer trat mein Weib hat mich zuerst darauf aufmerksam
gemacht Der grimmige Schmerz in meinen Eingeweiden der während der Nacht
wiederkehrte und sich erst verlor als ich mich erbrechen musste dieser Schmerz
behaupt ich rührte von einem Giftstoffe her den Ihr mir unvermerkt wenn ich
halb trunken war ins Glas geschüttet habt Seit einiger Zeit fühle ich ein
merkliches Abnehmen meiner Kräfte eine Schwäche meines Gedächtnisses Ich werde
elend ich zittere wie Espenlaub meine Farbe hat sich verwandelt So wirkt der
Genuss rein geistiger Getränke nicht es sind dies die Folgen der schädlichen
Beimischungen mit denen Ihr mich elend machen wollt  Ich behaupte dies jetzt
und werde es so lange behaupten bis das Gegenteil bewiesen ist Ihr aber sollt
nicht von der Stelle bis Ihr mir sagt was Euch zu solcher Schändlichkeit
bewogen hat
    Martell ergriff seinen Schemel schob ihn vor die Tür der Hütte und stellte
sich in seiner ganzen riesigen Größe hinter denselben
    »Gebt Antwort oder ihr sollt empfinden dass Ihr es mit einem Verzweifelten
zu tun habt der trotz Eurer verfluchten Tränke doch noch im Stande ist ein
paar Hallunken zu züchtigen«
    »Genug des Spectakels jetzt« entgegnete Blutrüssel dem an Aufrechtaltung
des Friedens am meisten gelegen war »Deine alberne Gans von Frau hat Dir die
Narrheit in den Kopf gesetzt und weil Du angegriffen warst vom Arbeiten und
Trinken so hast Du das dumme Zeug geglaubt Was sollten wir denn profitiren
wenn wir Dir das Lebenslicht ausbliesen He«
    »Ja das sag uns Grobian was sollten wir profitiren« wiederholte
KlütkenHannes
    »Man hat Euch bestochen erkauft Pfui über Euch Wichte« schrie Martell und
spuckte vor ihnen aus »aber ich will es Euch eintränken so wahr ich ein
geborener Graf bin«
    »Du ein Graf Ein Graf in zerrissener Leinwandhose« höhnte Blutrüssel »Wie
teuer schlägst Du Deine Garderobe wohl los Etwa für ein halbes Spitzglas«
    »Dafür Du Hund« schrie Martell indem er dem Mörder mit geballter Faust
ins Gesicht schlug dass er krachend mit samt dem Schemel zu Boden stürzte
    Dieser Faustschlag war das Signal zu einem allgemeinen fürchterlichen
Kampfe der sich jetzt zwischen den beiden Verworfenen und dem gereizten Martell
entspann Eine Zeit lang hielt der starke Spinner die Angriffe seiner wütend
gewordenen Gegner mit Kraft und Gewandheit ab selbst das versuchte feige
Unterlaufen des heimtückischen Blutrüssel der mordlustig sein Messer gegen den
Unglücklichen schwang vereitelte er Allein bald ermatteten seine nur künstlich
gespannten Kräfte er wankte ward von KlütkenHannes gepackt und dröhnend zu
Boden geworfen
    Jubelnd stürzte sich Blutrüssel auf den gefallenen Riesen kniete ihm auf
die Brust und zückte das Messer
    »Mit wie vielen Stichen willst Du zur Hölle fahren verrückter Teufel«
schrie ihm der bestialische Mensch ins Ohr »Geschwind tus Maul noch einmal
auf eh ich einen Schlund daraus mache denn fort musst Du durch Stahl oder
Gift das ist unser Geschäft«
    »Erbarmen« röchelte Martell von KlütkenHannes Händen wie von eisernen
Klammern umschlungen
    »Kein Erbarmen« rief der ehemalige Trödler »Die Kanaille verrät uns doch
wenn sie wieder frei kommt also nur zugestoßen Je tiefer desto besser«
    Blutrüssel fiel in ein grässliches Gelächter Er zog sein langes dolchartiges
Messer durch die schwarzen Locken des Spinners erhob es dann langsam vor dessen
Augen und begann zu zählen während eben so langsam die scharfe Spitze der
Mordwaffe sich wieder gegen den Hals des Wehrlosen senkte
    »Eins  zwei  «
    Da hörte man ein Krachen wie von zerberstenden Brettern und eine
unsichtbare Gewalt ergriff hinterrücks den Mörder und schleuderte ihn mit
Riesenkraft gegen die Diele
 
                                    Fußnoten
1 risch so viel wie geschwind
 
                               Sechstes Kapitel
                              Die Gefangennehmung
Ein zornig flammendes Auge und ein stolzes von edler Entrüstung gerötetes
Antlitz beugte sich über den Missetäter während drei andere Männer teils
seinen Genossen gleich ihm zu Boden warfen teils dem Gemisshandelten
beisprangen In der kümmerlichen Beleuchtung und der qualmigen Atmosphäre der
Hütte die von Kohlendampf geschwängert war erkannten weder Blutrüssel noch
KlütkenHannes ihre Überwältiger Erst nachdem Beide gefesselt am Boden lagen
ließ Aurel seine zürnenden Blicke von Einem zum Andern gleiten und sagte
    »Elende kennt Ihr mich«
    Keiner antwortete sei es weil der Schreck sie betäubte oder sei es dass
sie wirklich in dem unerwartet eingedrungenen Gegner den Kapitän nicht wieder
erkannten Aurel fuhr fort
    »KlütkenHannes Als ich mich Deines schuldlosen Kindes gegen Dich und Deine
brutalen Forderungen annahm als ich es für immer Deinen Händen entriss damals
machte ich es Dir zur Bedingung Dich nie mehr um Deine Tochter zu bekümmern
nie mehr meine Wege zu kreuzen Du hast nicht Wort gehalten«
    
    »Zum Teufel mit Ihrem Geschwätz Herr« entgegnete der frühere Trödler
»Denken Sie denn es liegt mir was daran Ihnen wieder vors Gesicht zu kommen
Wer heißt Sie sich zu mir drängen he Oder haben Sie mich und meinen Freund
nicht überfallen wie Räuber Mitin laufen Sie mir in den Weg nicht ich Ihnen
Das ist klar wie Alsterwasser«
    »Um Euch an einem Morde zu hindern überfiel ich Euch Was aber
KlütkenHannes was führt Dich in diese Gegend«
    »Ich müsste klüger sein als Eulenspiegel wenn ich darauf genaue Antwort
geben sollte Was meinen Sie dazu wenn ich sage ich wollte mich in der Welt
umsehen da mich nichts mehr in Hamburg festhielt und ich aller Not und Mühen
durch den guten Handel mit Ihnen überhoben war«
    »Ich würde Dich einen Lügner nennen denn ich weiß dass Du auf Veranlassung
eines Dritten hier bist«
    »Wer sich mit dem Teufel einlässt darf sich nicht wundern dass ihm Krallen
wachsen« hemerkte mit höhnischem Lachen Blutrüssel »Ich riet Dir gleich ab
von dem Handel so einträglich er sich auch anliess Du mochtest aber nicht
hören Nun haben wir die Bescheerung denn ich will mir gleich die Zunge
abbeissen wenn der hochnasige Herr nicht selber der Schreiber jenes Wisches ist
der uns eine goldene Zukunft versprach Fluch und Verdammnis«
    »Da stößt der Maulwurf auf« bemerkte PinkHeinrich leise »Senken Sie nun
behutsam die Fangdrähte in die Fährte und Sie werden der glatten Bestie sicher
den Hals zuschnüren«
    »Mit Dir spreche ich später« sagte Aurel Blutrüssel den Rücken zukehrend
Zu KlütkenHannes gewandt fuhr er fort
    »Du erhieltst also einen Brief der Dich für Geld in diese Gegend lockte«
    »Wozu die Frage Herr Oder verstehen Sie nicht deutsch  Die verwilderte
Hyäne hat ja schon geplaudert«
    »Was solltest Du hier«
    »Trinken bis mir die Seele flammend aus dem Leibe und wie vor Zeiten Elias
auf Feuerrädern in den Himmel führe«
    »Um dieses Verhör abzukürzen will ich Dir das Weitere selbst vorerzählen
Du kamst in die Heide und erhieltest von einem vornehmen Manne der  besinne
Dich  mir etwas ähnlich sah den Auftrag einen armen Arbeiter Namens Martell
durch Branntwein zu betäuben diesem Getränk Gift beizumischen und den
Unglücklichen auf diese Weise langsam zu töten Ist es nicht so«
    »Sie spielen unter einer Decke« murmelte Blutrüssel
    
    »Fahren Sie nur fort Herr Kapitän« erwiderte KlütkenHannes äußerst
brutal »Ich habe nichts dagegen meine Zunge zu schonen die ohnedies heut
Nacht sehr trocken geblieben ist auch macht es mir Spaß von einem Fremden mein
eigenes Leben so hübsch erzählen zu hören«
    »Du schlichst Dich mit Deinem sauberen Genossen als Köhler in die
Gesellschaft der armen Fabrikarbeiter drüben im Dorf am See die mit ihrem Herrn
unzufrieden bei ihren Zusamrmenkünften häufig heftige Reden führten und
demselben seiner Härte und Grausamkeit wegen alles Böse wünschten dabei fandest
Du Gelegenheit die Armen zutraulich zu machen und namentlich Martell an Dich zu
fesseln durch Deine Freigebigkeit Man versprach Dir goldene Berge wenn Du
seinen Tod bald herbeiführtest doch so dass es den Anschein habe als sei er in
Folge ausschweifender Trunksucht gestorben«
    »Sehr verbunden Herr Kapitän Es freut mich zu hören dass Sie von Ihrem
eigenen Auftrage kein Wort vergessen haben Die Komödie fängt nunmehr an mich zu
belustigen«
    »Diese Lust wird sich bald in Entsetzen verwandeln Unglücklicher« rief
Aurel indem er dem Gefesselten näher trat »Betrachte mich genau und erinnere
Dich dass ich mich Dir als Kapitän am Stein zu erkennen gab«
    »Kapitän am Stein ganz recht Das passt zusammen wie Ober und Untertasse«
    »Mit meinem wahren Namen Aurel Graf von Boberstein«
    »Von Boberstein« schrie Blurüssel auf und strich sich die borstigen grauen
Haare aus der Stirn »Ha dann bricht die Hölle über uns herein«
    Und heulend schlug sich der Mörder mit den eigenen Fäusten Brust und Stirn
    »Sieh selbst dieser verwilderte Elende erschrickt vor meinem bloßen Namen
Glaubst Du jetzt an namenlosen Jammer an unaussprechliche Vergehungen die Du
zum Teil begangen hast zum Teil begehen wolltest«
    KlütkenHannes hatte sich aufgerichtet und schloss die gebundenen Hände
unwillkürlich wie zum Gebet Sein entsetztes Auge hing fragend an den Lippen des
Kapitäns
    »Es gibt der Grafen von Boberstein drei alle Söhne eines Vaters der zu den
unglücklichsten Menschen gehörte« fuhr der Kapitän fort Er war leichtsinnig
und beging in sträflichem Leichtsinn schwer zu sühnende Übeltaten Eine der
entsetzlichsten bestand darin dass er schöne Mädchen mit Gewalt sich dienstbar
machte und die unglücklichen Geschöpfe späterhin verstiess Die Kinder so
sträflichen Umgangs gab er dem Elende preis sie irrten ungekannt in der Welt
umher Erst nach langen langen Jahren leitete ein Zufall ihr Wiederfinden ein
Man traf einen Sprössling des Grafen Magnus von Boberstein unter den darbenden
Arbeitern in der Fabrik des Grafen Adrian von Boberstein genannt Herr am Stein
Der Bruder war ohne Wissen und Willen fast leibeigner Knecht elender Sklave des
eigenen leiblichen Bruders geworden Dieser Bruder nannte sich Martell
    »O Gott erbarme sich« stammelte KlütkenHannes »Ein Bruder wollte den
Bruder ermorden«
    »Wir sind noch nicht zu Ende Unseliger Nicht genug dass der Bruder aus
Geiz und Habsucht Mörder gegen den Bruder dang er suchte sich zu diesem
gedungenen Mörder auch einen  dritten Bruder aus in  Dir«
    »Erbarmen« winselte KlütkenHannes
    »Ja Beklagenswerter Du ein verlorenes Kind als Knabe von diesem
Scheusal das sich jetzt winselnd zu Deinen Füßen krümmt auf Befehl Deines
Vaters in die Welt hinausgestossen Du bist der Sohn Hertas der Kousine des
Grafen Magnus die jetzt eine Greisin wieder im Schoße ihrer Familie lebt Du
bist der Bruder dieses Mannes dem Du täglich Gift zu trinken gabst Du bist
auch mein mein Bruder«
    Aurel vermochte nicht mehr zu sprechen Tränen des Jammers erstickten seine
Stimme Er setzte sich auf einen der Schemel legte beide Arme gekreuzt auf den
Tisch senkte den Kopf und schluchzte laut
    Stumm und ernst umstanden der Maulwurffänger Gilbert und Paul die Opfer
dieser schauerlichen gesellschaftlichen Verbrechen unter deren qualvollen Last
die Beteiligten jammernd zusammenbrachen Nach einiger Zeit ermannte sich Aurel
wieder und fuhr fort
    »Die unerforschliche Vorsehung hat mir das Amt vorbehalten als Ankläger und
Richter gegen meine eigenen Brüder auftreten zu müssen So schwer dieses Amt
ist so halte ich es doch für meine Pflicht es zu übernehmen  Johannes
Klütken Du bleibst mein Gefangener Ich verhafte Dich als Mörder als
Brudermrörder  Und Du Blutrüssel oder wie Du sonst heißen magst Dich
verhafte ich als Mörder desjenigen Mannes der ehedem unter dem Namen Fürst der
Heide in diesen Wäldern berühmt und gefürchtet war denn Niemand als Du erschlug
den Vater Hertas im Walde Niemand als Du entführte den Knaben Johannes und
bereitete seinen moralischen Untergang vor«
    Zerknirscht und überwältigt von der so unerwartet hereingebrochenen Nemesis
wagte der freche Mörder nicht zu leugnen Die Angst des Entsetzens schüttelte
ihn wie Fieberfrost presste ihm Töne aus die dem fernen Geheul hungernder Wölfe
glichen
    »Bis zum Anbruch des neuen Tages bleibt Ihr in dieser Hütte von meinen
Begleitern bewacht Morgen werde ich Euch dem strafenden Arm der Gerechtigkeit
überliefern Zeigt Ihr Euch reuig so kann ich vielleicht zu Milderung der über
Euch zu verhängenden Strafe in Betracht der eigentümlichen Verhältnisse ein
fürsprechendes Wort einlegen seid Ihr aber halsstarrig verstockt und in Sünden
verhärtet dann treffe Euch die ganze Strenge des Gesetzes «
    Aurel wandte sich nun zu Martell der dem Bisherigen mit demselben ernsten
Schweigen beigewohnt hatte das alle Übrigen beherrschte Gerürt reichte er dem
schwer geprüften Halbbruder die Hand und sprach
    »Mut Martell und Selbstbeherrschung und ich hoffe noch auf dieser
düstern Stirn das Lächeln der Freude glänzen zu sehen Dein unversöhnlicher
Feind wird seine verbrecherischen Absichten nicht erreichen Du wirst leben und
glücklich sein«
    Martell schüttelte das Haupt und schlug die krankhaft blitzenden Augen zu
dem Kapitän auf
    »Wie kann ich glücklich werden selbst wenn ich am Leben bleibe« sagte er
»Mein Vertrauen zu den Menschen ist dahin mein Glaube an das gerechte Walten
eines höchsten Wesens hat den wildesten Zweifeln weichen müssen Ich kann nicht
mehr lieben ich möchte nur hassen Sündige ich nun so möge Gott mir in Gnaden
vergeben und diejenigen zur Verantwortung ziehen die mich zu einem so
unglücklichen Menschen gemacht haben«
    »Zeit und sanfte Umgebungen werden Dir andere Gefühle einflößen armer
Gedrückter Komm jetzt wenn Du Dich stark genug fühlst Begleite mich auf einem
Gange durch die Heide Der Anblick dieser Unglücklichen taugt nicht für Dich
Sobald wir sie morgen der Gerechtigkeit überliefert haben gehst Du mit mir auf
den Zeiselhof mit Weib und Kind«
    »Nicht um die Welt Kapitän« unterbrach ihn Martell heftig und ungestüm
»Ich mag meine baufällige Hütte nicht verlassen ich will ein Bettler ein
verachteter Lohnarbeiter bleiben bis die Stimme des Gerichtes gesprochen hat
Ist dies geschehen so  wandere ich vielleicht aus vielleicht lege ich mich
hin und sterbe Denn nütz bin ich auf dieser Welt doch einmal nichts mehr«
    Aurel wollte den Erbitterten von dem genossenen Gift noch krankhaft
Erregten durch Widerspruch nicht noch mehr reizen und ließ deshalb die Zukunft
des Spinners einstweilen auf sich beruhen Ein bittender Blick auf den
Maulwurffänger genügte diesen als Wächter in der Hütte zurückzuhalten Ihm
gesellten sich Gilbert und Paul zu der Kapitän aber und Martell verließen den
Schauplatz eines mit so ausgesuchter Bosheit vorbereiteten Verbrechens
    »Gebt mir Wasser« kreischte Blutrüssel als sich die beiden Halbbrüder
entfernt hatten »Meine Eingeweide brennen«
    PinkHeinrich öffnete den Verschlag fand einen Krug Brunnenwasser darin und
reichte ihn dem scheußlichen Mörder Nachdem dieser getrunken hatte sah ihn der
Maulwurffänger mit seinen grauen durchdringenden Augen forschend an
    »Du kennst mich wohl nicht mehr alter Knochen« redete er den Gefesselten
an »Vor langen Jahren hielten wir einmal eine verwunderliche Zwiesprach mit
einander, an einem Orte der just auch nicht zu den apart schönen Palästen
gehörte«
    »Ich kenne Euch nicht« sagte Blutrüssel mürrisch
    »Das beweist mir dass Du für Dein schlechtes Gewerbe nicht das tauglichste
Subject bist Hättest meiner Seele was Besseres werden können! Aber freilich
der Wächterdienst im Raubhause «
    »Im Raubhause«
    »Ei ja doch Dazumal warst Du zwar auch kein Ausbund von Schönheit aber
doch ein fixer Bursche dems Maul auf dem rechten Flecke stand Zu dem Besuche
beim Fürsten der Heide zündetest Du mir die schlüpfrige Treppe voran«
    »Hm Ihr seid also der berühmte Maulwurffänger vom Toten Dachte der Satan
hätte Euch längst das Genick umgedreht«
    »Wäre ich so eng mit ihm befreundet wie Du dann hätte er mir diesen
Liebesdienst wahrscheinlich erwiesen So aber hielt ich es lieber mit seinem
mächtigen Erbfeinde und der geleitete mich noch immer an seiner starken Hand
durch alle Fährnisse dieses wechselvollen Lebens«
    Blutrüssel murmelte unverständliche Worte in den Bart Der Maulwurffänger
warf einen Blick auf den verwahrlosten Sohn der engelguten Herta und wiewohl es
ihn drängte einige Worte an den doppelt Unglücklichen zu richten unterließ er
es doch um die Seelenleiden des Armen nicht zu vermehren In sich versunken
regungslos nur zuweilen mit den warzenbedeckten Händen krampfhaft in sein
verworrenes Haar fahrend schreiende Seufzer ausstossend und von Zeit zu Zeit die
blutunterlaufenen Augen rollend so saß KlütkenHannes am Boden der Hütte
    Eine endlose für Alle gleich entsetzliche Nacht umfing Gefangene und
Wachtaltende Als es zu grauen begann kamen Martell und Aurel von ihrem
Nachtspatziergange wieder zurück Man wartete nun vollends den Tag ab und brach
dann die Verbrecher in der Mitte nach Boberstein auf
 
                               Siebentes Kapitel
                              Der Urteilsspruch
In derselben Nacht hatte Adrian einen sonderbaren Traum
    Er wandelte einsam durch die Säle seiner Fabrik Die Maschinen standen
still kein Arbeiter war zu sehen dennoch aber hörte er das Schwirren der Räder
und Spindeln und eine leichte Wolke feinen Wollstaubes umhüllte ihn Er konnte
nicht unterscheiden ob es Tag oder Nacht war denn obgleich die Lampen nicht
brannten glühten und leuchteten doch die gläsernen Kugeln welche sie umgaben
und ein rötliches scharfes Licht strahlte von ihnen aus Auch der Himmel war
hell und durchsichtig blau wie am Tage nur schien es als sei statt der Sonne
der Mond aufgegangen Die goldglänzende Kugel wärmte nicht ihr Licht war kalt
und farblos Wie bläuliches Feuer durchströmte es die umliegende Heide und
spiegelte sich in den schimmernden Wellen des Sees
    Die Glocke schlug die zwölfte Stunde dann läutete es Die Türen aller
Säle die Adrian auf einmal übersehen konnte taten sich auf und in langem
Zuge erschienen die Spinner Es waren aber keine Menschen von Fleisch und Bein
sondern graue durchsichtige Schatten mit kummervollen Mienen tief
eingefallenen entsetzlich leuchtenden Augen die sie alle unverwandt auf den
erschrockenen Gebieter richteten Jeder trat an seinen Ort und das ganze Heer
dieser murmelnden Schatten begann zu spinnen
    Kaum bewegten sich die Maschinen als Adrian einen namenlosen Schmerz
empfand Er sah wie seine Haare sich bäumten wie die Finger der gespenstischen
Spinner danach griffen und sie an die Spindeln hefteten dabei hörte er das
Höhnen und Lachen von tausend Stimmen die sich freuten über seine Qualen Die
verhungerten Kinder krochen hervor unter den rasselnden Walzen umringten ihn
und führten einen phantastischen Tanz auf während er von den zahllosen Spindeln
emporgehoben wurde und nach allen Seiten hin durch die Spinnsäle schwebte Ihm
war als fühle er sich unter unsäglichen Qualen immer kleiner werden zum Zwerg
einschrumpfen und endlich fast ganz verschwinden Was von ihm übrig blieb war
nicht größer als ein gewöhnlicher Ball deren sich die Kinder bei ihren Spielen
bedienen Diesen Ball in dem Adrian sich fühlte und wusste und sah ergriff
zuerst der finstere Martell und schleuderte ihn Maja Simson zu die ihn in
großen Bogen weiter warf Ein Wesen das er kannte obwohl es mit den Arbeitern
in keiner Verbindung stand fing ihn auf legte ihn behutsam auf die Erde und
stampfte dann mit beiden Füßen darauf dass er jeden Tritt schmerzhaft fühlte und
unter den erbarmungslosen Stößen laut seufzte und stöhnte Ein Fußtritt
schnellte ihn wieder zurück in Martells Hände der das vorige Spiel von Neuem
begann Wohl zwölf Mal musste Adrian sein fühlendes Selbst in so schrecklicher
Weise durch einen endlosen Raum fliegen sehen Da fing ihn zuletzt Bianca auf
liebkoste ihn und legte ihn in ihren Schoss Adrian war wieder er selbst Er
kniete vor der spröden Schönen und flehte um ihre Liebe Die Grausame lächelte
kalt und schüttelte ihre glänzenden Locken indem sie mit dem Zeigefinger der
rechten Hand seitwärts deutete und Adrian zwang diesem Fingerzeige zu folgen
    Da sah er in ein dunkles feuchtes Gewölbe Einander gegenüber saßen zwei
scheussliche Gestalten die bald sich bald ihn verfluchten Zwischen ihnen kniete
eine greise Frau in schwarzen Gewändern Er erkannte in ihr Herta seine Tante
Sie betete und rief um Gnade für ihren Sohn über den eine strafende Stimme laut
das Todesurteil aussprach so laut dass Adrian jedes Wort deutlich verstehen
und an dem Tone die Stimme seines Bruders Aurel erkennen konnte Obwohl der
Träumende diesen Sohn weder sah noch kannte fühlte er doch die Nähe desselben
und bei diesem Gefühl ward ihm so schwer und bang dass er zu ersticken glaubte
Er wollte nach Hilfe rufen konnte aber nicht denn die nassen kalten und
schönen Haare Theresens die seinetwegen sich den Tod gegeben hatte umschnürten
seinen Hals
    Lange musste er röchelnd die erschütternde Gruppe in dem dunkeln Gewölbe
betrachten ohne eine Sekunde lang sein Auge davon wegwenden zu dürfen und als
endlich das peinigende Bild verschwand zogen in langer Reihe alle diejenigen
wieder an ihm vorüber denen er im Leben einmal Böses zugefügt hatte Dieser Zug
war von grauenvoller Ausdehnung und von schauerlicher Lebendigkeit Jeder rief
händeringend Wehe über ihn und kehrte sich wenn er vorüber war nochmals mit
grimmiger Gebehrde gegen ihn um einen zürnenden Fluch auf ihn zu schleudern
    Als endlich auch dieser gespenstische Zug in feurigem Dunst verschwand
hörte er von fern Trompetengeschmetter das schnell näher kam Adrian erbebte
vor diesen rauschenden schreienden Tönen denn ihm kam es vor als solle das
Weltgericht beginnen und von allen Geschöpfen sei er allein der Verworfene zu
ewigen Qualen Verdammte Nochmals erklang der Ruf der Trompete das seinen Hals
umschlingende Haar löste sich er konnte atmen und erwachte
    Dieser wüste Traum ein treues Abbild von Adrians Seelenzustande schien mit
der Wirklichkeit einigermaßen im Zusammenhange zu stehen Es war lichter Tag und
Adrian hörte jetzt wirklich das laute Geschmetter einer Trompete das der Wind
vom Dorfe her über den See jagte Auf sein heftiges Klingeln trat der stumme
Jean ein und bedeutete dem bestürzten Grafen dass etwas Ungewöhnliches im Dorfe
vorgehen müsse
    Adrian stand nun auf und eilte ans Fenster Mitten auf dem See schwamm die
Fähre gegen die Insel Sie war mit Menschen dicht besetzt aus deren Mitte ein
Reiter hervorragte der von Zeit zu Zeit in eine Trompete stieß worauf sowohl
die Menschen auf der Fähre als die Bewohner des Dorfes ein lang andauerndes
Hurrah erschallen ließ Der Name Martell ward häufig unter jauchzendem Zuruf
genannt
    Irgend eine neue Demonstration vermutend warf sich der Graf schnell in die
Kleider und griff nach seinen stets geladenen Pistolen In seinem Zimmer fand er
bereits Bianca in einem wundervollen Negligé beschäftigt den Frühstückstisch
zu ordnen Mit dem anmutigsten Lächeln wünschte sie Adrian guten Morgen und
ließ es geschehen dass er dankend ihr die Hand drücken durfte
    »Hören Sie den Lärm« fragte er mit verstellter Gleichgiltigkeit »Was mag
das dumme Volk wieder haben«
    »Ein klein wenig Geduld gnädiger Herr wird uns sogleich davon in Kenntnis
setzen Die Fähre nähert sich bereits dem Ufer  Befehlen Sie Chokolade«
    »Wenn Sie mir Gesellschaft beim Frühstück leisten wollen schönes Kind wird
mir Alles munden was Sie mir reichen  In dieser Nacht waren Sie mein
Schutzengel«
    »Danke sehr  War ich hübsch«
    Bei dieser Frage neigte Bianca sich mit so verführerischem Blick zu Adrian
dass es diesem große und schmerzliche Überwindung kostete das Mädchen nicht an
sich zu reißen und mit Küssen zu bedecken
    »Nicht hübsch aber schön entzückend schön wie jetzt  Bianca bitte «
    »Still still  Sie machen mich eitel  Oder meinen Sie ein armes Mädchen
bleibe gleichgültig wenn es von so liebem Munde immer mit so großen Lobsprüchen
überschüttet wird«
    »Ich bin Ihnen also doch lieb Bianca«
    »Recht sehr Warum auch nicht  Aber da landet ja die Fähre«
    »Vom lieb sein bis zum lieben ist nur ein Schritt Versuchen Sie doch mit
Ihrem zierlichen Fuße diesen Schritt zu tun der einen unglücklichen Mann auf
einmal unaussprechlich glücklich machen würde«
    »Ich bin nicht liebenswürdig gnädigster Herr ich scheine es bloß zu sein
Sie würden erschrecken wenn ich Törin genug wäre und mich von Ihrem Zureden
bestimmen ließe Ihren Wünschen Gehör zu geben«
    Diese Worte sprach Bianca mit so meisterhafter Kunst dass Adrian nie ein
hinreissenderes Weib gesehen und gehört zu haben glaubte Er wollte darauf
antworten als die rätselhafte Trompete dicht unter den Fenstern erklang
    »Soll ich mich nach der Neuigkeit erkundigen die der Mann unstreitig zu
verkündigen hat« sagte Bianca »Vermutlich eine wichtige Bekanntmachung«
    »Gehen wir zusammen« erwiderte Adrian »Ich vermute es wird abermals
etwas sein das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt«
    »Hoch lebe Graf Martell unser gnädiger Herr« riefen jetzt hundert und mehr
Stimmen in jubelndem Chor
    »Mein Bruder« sagte Adrian der Aurel unter dem hervordrängenden
Menschenhaufen gewahrt hatte »Was kann der Kapitän auf Boberstein wollen«
    »Mein großmütiger Beschützer Dann hoffe ich ist die Zeit der Versöhnung
gekommen Gehen wir dem wackeren Manne entgegen«
    Bianca hing sich schmeichelnd an Adrians Arm Einer solchen Berührung konnte
dieser nicht widerstehen Vor Seligkeit bebend schritt er mit dem heiter
plaudernden Mädchen die Treppe hinunter nach dem freien Platze vor dem Hause
    Dieser war von einer Menge sehr aufgeregter Menschen umstellt in deren
Mitte Martell an Aurels Arme der Trompeter zu Ross und der greise Maulwurffänger
dem Grafen sogleich ins Auge fielen Als die Menge den Herrn der Fabrik
ansichtig ward erhob sich verworrenes Geschrei und die heftigsten
Verwünschungen wurden gegen ihn ausgestoßen Nur die schöne Mädchengestalt an
seinem Arme hielt die Heftigsten ab Hand an ihn zu legen Dennoch blieb Adrian
ruhig trat entschlossen näher gebot Schweigen und fragte
    »Was hat dieser Auflauf zu bedeuten Wünscht Herr Kapitän Aurel am Stein mir
eine Mitteilung zu machen so folge er mir in meine Zimmer Ich liebe nicht im
Beisein tumultuirenden Pöbels Privatangelegenheiten zu verhandeln«
    Sogleich trat die Menge zurück und machte dem Kapitän Platz Aurel immer
den Spinner festhaltend trat vor und näherte sich seinem Bruder Hinter ihm
schloss sich abermals der Haufe
    »Es ist eine öffentliche keine Privatangelegenheit die mich heut nach
Boberstein führt« sagte der Kapitän »Unser Streit ist zu Ende wir können
wenn die Parteien sich einigen uns binnen wenigen Minuten versöhnen Das
Gericht hat in unserer Rechtssache entschieden«
    »So schnell« stotterte Adrian
    »Wo es an Beweisen nicht mangelt kann ein Urteil rasch gesprochen werden
mein Bruder Der Prozess ist in meinem und meiner Freunde Sinne gewonnen mithin
für Dich verloren«
    »So bin ich ein Bettler« rief Adrian erbleichend
    »Keineswegs« versetzte Aurel »Das Gericht ist nicht ungerecht verfahren
Es spricht Jedem das Seinige zu und so bleibt denn dem Herrn am Stein außer
dieser Fabrik noch hinlänglicher Besitz um als freier unabhängiger und
wohlhabender Mann leben und Gutes wirken zu können«
    Adrian atmete wieder auf Er bat den Bruder durch einen Wink fortzufahren
    »In den nächsten Tagen werden uns die Details des Urteilsspruches
zugefertigt und dieser selbst späterhin im Namen des Gerichts vollzogen werden
Gegenwärtig habe ich nur um die Vergünstigung zu bitten Du wollest diesen
meinen Halbbruder vor der hier versammelten Menge laut und öffentlich ebenfalls
als Bruder anerkennen und versöhnend umarmen«
    Ein spöttisches Lächeln kräuselte Adrians Lippe Tückisch ruhte sein Blick
einige Sekunden auf dem zerlumpten in Folge des genossenen Giftes gleich einem
altersschwachen Greise zitternden Martell
    »Ich weiß nicht« versetzte er mit schneidender Höflichkeit »ob mein Herr
Bruder vielleicht vorher die Güte haben wird dem neuen Verwandten dessen
Anerkennung das Gericht uns aufzwingen will zu bedeuten dass er Schmutz und
Kleid der Gemeinheit erst ablege ehe er Ansprüche macht in die Gesellschaft
anständiger und vornehmer Menschen aufgenommen zu werden Was mich betrifft so
muss ich entschieden alle Gemeinschaft mit Leuten abläugnen die so lange ich
denken kann in meinem Lohn standen und deren Existenz nur von meiner Großmut
abhing Kann mich das Gericht zwingen solch einen Menschen Bruder zu nennen so
mag es den Versuch machen laut aber muss ich hiermit erlkären dass ich nur der
Gewalt weichen werde«
    Aurel antwortete bloß durch eine stumme Verbeugung Dann kehrte er sich um
und winkte den Umstehenden dass sie zurücktreten möchten Dies geschah so
schnell als sei Jedermann darauf vorbereitet Zugleich wurden die beiden
Gefangenen von Gilbert Paul und dem Maulwurffänger bewacht sichtbar Adrian
trat einen Schritt zurück und erbleichte als hätte er Geister gesehen Der
Kapitän fixierte ihn unverwandt und erkannte schaudernd die Schuld auf den fahlen
Zügen des Bruders
    »Was ist das für Gesindel« rief Adrian heftig und befehlshaberisch »Ich
will dass man alle Landstreicher die auf meinen Besitzungen eingefangen werden
nicht zu mir bringe sondern an die betreffenden Gerichte abliefere«
    »Tretet vor« befahl Aurel
    Die Gefesselten gehorchten und näherten sich bis auf wenige Schritte dem
bestürzten Grafen Der Kapitän flüsterte KlütkenHannes ins Ohr
    »Ist dieser Mann derselbe von dem Du in Sold genommen und mit jenem
verbrecherischen Befehle beauftragt wurdest«
    »Er ist es« sagte kalt und fest der Gefangene
    »Mein Herr Bruder wird erlauben« wandte sich darauf Aurel zu Adrian »dass
man diesen beiden Übeltätern ein festes Gefängnis einräume Man hat sie
ergriffen in dem Augenblicke wo sie einen Schuldlosen vergiften wollten Das
Korpus delicti ist in unsern Händen Sie waren frech genug sich nur für
Werkzeuge eines höher Gestellten auszugeben und wagten sogar den Namen eines
Mannes zu nennen den wir einer solchen Freveltat nicht für fähig halten
können Schon aus diesem Grunde muss es wünschenswert sein die Verbrecher in
festes Gewahrsam zu bringen Die spätere Untersuchung wird das Übrige
enthüllen Dürfen wir also hoffen «
    Aurel stand jetzt an Adrians Seite Hinter ihm lehnte der Maulwurffänger auf
seinem Stabe Seine kleinen grauen Augen magnetisirten den entlarvten
Verbrecher der nur mit Mühe seine Ruhe zu behaupten wusste Mit lallender
matter Stimme antwortete er
    »Man schaffe sie fort  Vollbrecht wird einen passenden Raum für sie
wissen«
    Aurel winkte dass die Gefangenen abgeführt würden Es geschah unter
staunendem Gaffen des Volkes Als sie hinter dem Hause verschwanden beugte sich
Aurel zu dem gebückt dastehenden Bruder und sagte nur ihm vernehmbar
    »Der Mann welcher den Namen KlütkenHannes führt und dem armen Martell den
Gifttrank mischte gehört auch mit zu den Erben der Bobersteinschen Güter Es
ist der verlorene Sohn Hertas«
    Adrian erstarrte bei dieser Kunde Sein Auge ruhte gläsern auf dem zürnenden
Antlitz des Kapitäns Dennoch fasste er sich nur an dem röchelnden Atemholen
und den zuckenden Bewegungen seiner Hände die nach einem Halt an seiner
Kleidung suchten konnte man die große Erschütterung erkennen der er fast
erlag
    Da berührte die Hand des Maulwurffängers den Unglücklichen
    »Herr am Stein« sagte der Greis »ich habe Wort gehalten Die Geister der
Toten habe ich aus ihren Gräbern hervorgerufen zu Ihrer Züchtigung Wehe Ihnen
wenn Sie jetzt nicht in sich gehen und bereuen«
    »Hurrah Hoch lebe Martell unser neuer Graf und Gebieter« jubelte die
Menge indem sie sich den riesigen Spinner in ihrer Mitte zerstreute um auf
die Fabrik an ihr Tagewerk zu gehen
    Auch Aurel und der Maulwurffänger zogen sich zurück
    Bianca die während dieser Szene entschlüpft war um die Blicke der Menge
nicht auf sich zu ziehen trat jetzt wieder vor und schob ihre Hand unter
Adrians Arm Freundlich lächelnd blickte sie ihn an indem sie mit hinreissender
Zärtlichkeit sagte
    »Sie werden sich erkälten Herr Graf Bitte folgen Sie Ihrer gehorsamen
Dienerin ins warme trauliche Zimmer«
    Diese Stimme rief Adrian wieder ins Leben Er drückte den weichen vollen
Arm der Schönen und ließ sich von ihr ins Haus geleiten
 
                                  Zehntes Buch
                                 Erstes Kapitel
                                Weibliche Rache
Graf Adrian hatte drei entsetzliche Tage verlebt Er schloss sich in sein Zimmer
ein und ließ Niemand zu sich als Bianca Ihr Kommen und Gehen ihr immer gleich
anmutiges zartes und teilnehmendes Betragen war in dieser schweren Zeit seine
einzige Zerstreuung Unschlüssig ob er sich dem Ausspruche des Gerichtes fügen
oder dagegen appelliren sollte ging er mit großer Genauigkeit alle Schriften
und Documente durch die ihm inzwischen von seinem Anwalt zugeschickt worden
waren Aus diesen konnte er leider keine Hoffnung schöpfen Martell Maja Simson
und KlütkenHannes waren unläugbar Kinder seines Vaters blieben trotz seines
Sträubens und seines innern Entsetzens das sich bei dieser Gewissheit seiner
bemächtigte seine eigenen beklagenswerten Halbgeschwister Maja Simsons
Ansprüche auf den fünften Teil der Güter des Bobersteinschen Hauses die ihr
die freiwillige Schenkung des Grafen Magnus gesichert hatte war als giltig
anerkannt worden und sollte der rechtmäßigen Erbin in einigen Wochen
rechtskräftig zugeschrieben werden
    Ein Brief Adalberts dem es zu gemein erschien persönlich sich in diese
Angelegenheit zu mischen und der sich deshalb nur durch Mittelspersonen darum
bekümmert hatte richtete den niedergeschlagenen Herrn am Stein einigermaßen
auf Adalbert schrieb
            »Mein teurer Bruder
        Es ist mir von Seiten des Gerichtes die Mitteilung gemacht worden dass
        wir unsern Prozess gegen Jan Sloboda und Konsorten verloren haben Obwohl
        ich auf diesen Ausgang gefasst war hat er mich doch überrascht Die
        Justiz ist überaus eilig gewesen und hat sich der Sache mit einem Eifer
        angenommen den wir für gewöhnlich nicht an ihr rühmen können
        Unstreitig sind Dir wie mir die nötigen Mitteilungen zugekommen Bei
        Durchsicht derselben leuchtet mir ein dass für uns nichts als Kosten in
        Aussicht stehen wenn wir den Instanzenzug verfolgen wollen Wir müssen
        unter obwaltenden Umständen von jedem Gericht verurteilt werden Es
        scheint mir daher politischer zu sein uns schweigend in die bittere
        Notwendigkeit zu fügen einen Teil unserer Güter abzutreten die
        Kosten gemeinschaftlich zu tragen und uns übrigens von der neuen
        Verwandtschaft stolz zurückzuziehen Mir ist nicht bange vor diesen
        Sprösslingen unseres alten Geschlechtes Halb illegitim sind und bleiben
        sie doch und da es dem gütigen Himmel gefallen hat sie unter der
        niedrigsten Hefe des Volkes aufwachsen die Gewohnheiten und Allüren
        derselben annehmen zu lassen so hoffe ich sie werden allesammt
        Plebejer bleiben bis an ihren Tod«
        »Meine Frau deren Ansichten fast immer mit den meinigen zusammen
        treffen billigt vollkommen dass wir uns stolz zurückziehen und mit
        vornehmer Gelassenheit den Bettlern das begehrte Almosen auszahlen Man
        kann ja nicht wissen ob sie es lange genießen werden  Ereilt sie der
        Tod bald was ich erwarte da unsere gemeinschaftliche Handlungsweise
        Verlängerung ihres Lebens weder beabsichtigen noch hervorrufen konnte
        so ist es ja immer noch möglich dass wir sie später wieder beerben Es
        käme nur darauf an ihre Nachkommenschaft die nicht unbedeutend sein
        soll unschädlich zu machen Beschlüsse darüber fassen wir bei unserer
        nächsten Zusammenkunft die ich hier in meinem romantischen Asyl zu
        halten vorschlage Der Stammsitz unserer Väter ist mir verhasst ich
        werde ihn sobald nicht wieder betreten Die Gemeinheit hat ihn mehrfach
        entweiht Wir tun deshalb besser und handeln im Geiste unserer großen
        Ahnen wenn wir uns einen andern unbefleckten Sitz für uns und unsere
        Kinder aussuchen
        Teile mir Deine Ansichten recht bald darüber mit füge Dich wie ich es
        tue mit stoischer Ruhe in das Unvermeidliche und eile in die Arme
        Deines Bruders
                                                                      Adalbert«
    Die Notwendigkeit solchen Entschlusses sah Adrian ein an schleuniger
Ausführung desselben hinderte ihn aber Verschiedenes Adalbert wusste nicht dass
KlütkenHannes des beabsichtigten Mordes überführt auf Boberstein gefangen saß
Er ahnte nicht dass sein unglücklicher Bruder als Anstifter dieses Mordes
bereits bekannt war dass Aurel um die ganze empörende Schandtat wusste und mit
einem einzigen Worte den eigenen Bruder verderben konnte
    Ungeachtet seiner schrecklichen Lage verzweifelte Adrian nicht Er hielt es
sogar für möglich noch zu siegen und selbst den Schein der Mitwissenschaft von
sich abzuwenden wenn er Zeit gewinnen konnte War dies geschehen dann stand
einer Zusammenkunft mit seinem Bruder nichts mehr im Wege
    Es gab zwei Mittel dies Ziel zu erreichen Flucht oder Tod der beiden
Gefangenen Die Pflicht der Selbsterhaltung die Notwehr gebot ihm zu dem zu
greifen das ihm das sicherste dünkte Dies konnte nur ein Mord sein ein
heimlicher Mord der unentdeckt blieb
    Adrian schauderte vor solcher Tat nicht mehr zurück Er überlegte nur wie
man sie ausführen müsse um sicher zu gehen und als er mit sich darüber einig
war fühlte er eine Anwandlung von Freude
    Ein Umstand trug bei die Ausführung ihm leicht zu machen Niemand kannte
die Fremden Sie lebten als Herumstreicher in der endlosen Heide und wurden
schwerlich vermisst wenn sie gänzlich verschwanden und man das Gerücht von ihrer
Flucht verbreitete An ihrer Habhaftwerdung konnte ohnehin Niemand ein Interesse
haben als Aurel und Martell Diesen fürchtete Adrian nicht da er seine
Auflösung nahe glaubte und von Jenem nahm er an er werde Edelmut und
Grosssinnigkeit genug besitzen um seinen eigenen Bruder nicht des Mordes
anzuklagen
    Unglücklicherweise bedurfte er noch einer Mittelsperson da er einen nicht
zu überwindenden Abscheu vor persönlicher Ausübung des Verbrechens empfand Die
Anordnungen dazu zu treffen den Plan zu entwerfen selbst die Mittel
herbeizuschaffen schien ihm weniger entsetzlich und strafbar als die
Vollbringung der Tat Sophistik half ihm über alle Skrupel hinweg und beruhigte
ihn vollkommen
    »Ich bin ja kein Mörder« rief er sich ermutigend zu »wenn ich nicht
selbst Hand anlege Ich gebe bloß Ratschläge und überlasse die Ausführung die
Anwendung derselben andern Händen«
    Auch diese Hände glaubte er schnell zu finden Die zarte Aufmerksamkeit
Biancas ihr weniger freundlichkaltes Benehmen seit jenem entscheidenden
Morgen ihre aufmunternden Blicke und Worte ließ Adrian glauben sie erwiedere
seine Neigung Die Leidenschaft machte ihn blind er sah die Liebliche sich
schon verbunden und in dieser unbegreiflichen Verblendung zauderte er nicht
sein Wohl und Wehe diesem verführerischen Mädchen anzuvertrauen 
    Es war gegen Abend Blitzende Goldfäden spannen sich durch die dunkelgrünen
Nadelbehänge der Heide und warfen ein zitterndes Strahlennetz über den leis
wallenden See Adrian saß auf kostbarem Rollstuhle am Fenster und warf von Zeit
zu Zeit einen zerstreuten Blick auf den prachtvoll glühenden Abendhimmel Seine
Gedanken schienen aber mit ganz anderen Dingen beschäftigt zu sein denn das
erhebende Schauspiel des Sonnenunterganges erheiterte nicht seine düstern
unheimlichen Mienen Er war so tief in sich versunken dass er nicht einmal das
Kommen und den schwebenden Schritt Biancas hörte die wie immer reizend
angekleidet für den Grafen einige Erfrischungen auftragen wollte Erst als sie
hustete sah er auf und reichte ihr die Hand
    »Immer aufmerksam immer liebenswürdig und gut« sagte er mit einem Anflug
von Schwermut
    »Meine Schuldigkeit gnädigster Herr«
    »Werden Sie mir nicht auch den Rücken kehren nach diesem Unglück«
    »Warum sollte ich Sie sind ja gütig gegen mich wie früher«
    »Ich werde aber sehr mürrisch zänkisch herrisch vielleicht gar tyrannisch
werden denn ich hasse die Menschen weil sie mich hassen und betrogen haben«
    »Nicht doch Herr am Stein Nun und wenn auch bisweilen wirklich die böse
Stunde Sie überfällt so werde ich armes Kind durch meine Possen den garstigen
Feind aus dem Felde zu schlagen bemüht sein und geben Sie Acht er weicht
Meine Blicke kann er nicht ertragen Was meinen Sie«
    Bianca kniete vor Adrian nieder der noch ihre Hand gefasst hielt und ließ
einen jener schmelzenden seelenbezaubernden Blicke auf ihn fallen über welche
die Sirene nach Belieben verfügen konnte
    »Was könnte Ihnen unmöglich sein entzückendes Kind« erwiderte der Graf
»Ich glaube Sie können Tote erwecken und Verdammte selig machen«
    »O nein so umfassend ist meine Macht nicht« versetzte die Schöne lächelnd
und die Liebkosungen ihres Gebieters ohne Sträuben duldend was sie bisher noch
nie getan hatte »Höchstens vermag ich Kranke zu heilen und mürrischen
Trotzköpfen ein freundliches Lächeln abzugewinnen Begeben Sie sich unter meine
Herrschaft und Sie werden der heiterste Mensch werden«
    »O Bianca habe ich das nicht immer gewünscht Aber Du wiesest mich ja von
Dir«
    »Die Kriegskunst haben Sie nicht studiert das sieht man« sagte mit
schalkhaftem Lächeln die verführerische Kokette und legte ihr duftendes
Lockenhaupt auf seinen Schoss Adrian küsste wiederholt die weichen glänzenden
Haare und die Glut der Leidenschaft die ihm Bianca eingeflößt hatte gab sich
in dem Zittern seiner Hände kund die an den Wangen der Schönen ruhten
    »Wollen Sie mich glücklich mich ruhig machen«
    »Sie wissen es ja«
    »Dann reichen Sie mir Ihre schöne Hand und werden meine treue verschwiegene
Bundesgenossin«
    »Recht gern Herr Graf doch bloß unter der Bedingung dass Sie keinen
offenen Krieg gegen Ihre Feinde beginnen wollen Wir Mädchen wissen Sie haben
vor allen Arten von Waffen eine unwiderstehliche Furcht«
    »Ich suche eine Bundesgenossin die sich auszeichnet durch Treue
Verschwiegenheit und List Sollte ich mich irren wenn ich diese drei Vorzüge
Ihnen zutraute«
    »Es käme auf die Probe an«
    »Und wenn Sie diese Probe nicht beständen«
    »Nun was dann«
    »Dann würden Sie mich vielleicht unglücklich machen und sich selbst schwerer
Verfolgung aussetzen«
    »Auf diese Gefahr hin hätte ich beinahe Lust den Versuch zu wagen«
    »Im Ernst Bianca«
    »Im vollen Ernst Hier meine Hand«
    »Engel Retterin Göttin meines Lebens« rief Adrian das noch immer vor ihm
knieende Mädchen zu sich emporziehend mit leidenschaftlicher Glut umarmend und
es wiederholt an sein Herz drückend
    »Nicht so ungestüm Lieber« flehte Bianca ihrerseits eine schmachtende
verschämte Hingebung heuchelnd die den Grafen vollends in seinem Vorsatze
bestärkte und jede Vorsicht bei Seite setzen ließ Sie blieb aus seinem Schoss
sitzen das Gesicht an seine Brust gedrückt den rechten halb entblösten Arm
lose um seinen Nacken geschlungen
    »Habe wohl Acht aus das was ich Dir jetzt sage« flüsterte Adrian bald die
linke weiche Hand der Schönen an seine Lippen drückend bald einen Kuss auf ihre
klare Stirn hauchend »Sahst Du die beiden wüsten verwilderten Männer die mein
Bruder Aurel vor einigen Tagen in Banden hierher brachte«
    Bei dem Namen »Aurel« erbebte Bianca unmerklich Ohne auszublicken gab sie
dem Grafen durch einen Händedruck ihre Mitwissenschaft zu erkennen
    »In wenigen Tagen wird man die Elenden verhören« fuhr Adrian fort »Ich
weiß dass sie mich verläumdet dass sie mich bei Aurel und dem Maulwurffänger
angeschwärzt haben um ihre verbrecherischen Handlungen zu bemänteln Eine Klage
steht bevor wenn sie ihre Aussagen frech zu Protocoll erklären und eine
endlose meinen Namen befleckende Untersuchung wird die besten Jahre meines
Lebens vergiften Dem muss man zuvorkommen dem müssen und können wir vereint
steuern«
    »Wie« fragte Bianca und erhob ihren Kopf das dunkelflammende Auge fragend
und neugierig auf den Grafen heftend »Wie stünde das in unserer namentlich in
meiner Macht Ich weiß ja von nichts ich kann nicht einmal Zeuge sein«
    »Kleine Törin wie du Dich einfältig stellst Hörst Du nicht dass es gar
nicht bis zum Verhör kommen darf wenn ich nicht compromittirt werden soll«
    »Also«
    »Sie müssen beseitigt heimlich entlassen werden«
    »Man soll ihnen demnach zur Flucht behilflich sein«
    »Dass ist mein Plan indes «
    »Indes« erwiderte Bianca strich sich die ausgegangenen Locken zurück und
legte beide Hände auf ihren Busen
    »Der Vorsicht wegen müsste noch etwas Anderes geschehen «
    »Etwas Anderes Und worin soll dies bestehen«
    »Wozu mir die kluge schlaue treue und verschwiegene Bundesgenossin deren
Wort ich besitze behilflich sein wird«
    Bianca neigte ernst und schweigend den Kopf und entschlüpfte dem Schoss des
Grafen Adrian ergriff ihre Hand
    »Schelmen wie es jene beiden sind ist nie zu trauen Lässt man sie also
entfliehen so können sie mir immer noch einen Streich spielen denn es sind von
Grund aus verworfene und dem Henker anheim gefallene Menschen Jedes Gericht muss
sie zum Tode verurteilen den sie mehr als ein Mal verdient haben Es wäre
deshalb ein Verdienst sie unschädlich zu machen  sie unmerklich ohne
vorhergegangene langweilige Untersuchung  sterben zu lassen Wer dazu die Hand
reichte würde sich verdient machen um Staat und Gesellschaft«
    »Bitte sprechen Sie weiter« lispelte Bianca
    »Ich bin entschlossen mir dieses Verdienst zu erwerben allein ich bedarf
eines Gehilfen der mich versteht der mich dabei unterstützt und  verschwiegen
ist«
    »Das begreife ich Nur weiter Herr Graf«
    »Du hast Dich mir verbündet Bianca  Du kennst Du verstehst Du liebst
mich  Deine Hand «
    »Soll die verfluchte Hand einer Mörderin werden«
    »Bianca Welche Schlussfolgerung Welche Verwandlung Deines Wesens  Was
geht in Dir vor«
    In der Tat hatte die verführerische Schöne während der letzten
einschmeichelnden Worte des Grafen eine ganz andere eine furchteinflössende
Miene angenommen Ihre schlanke Gestalt hoch aufgerichtet ihre großen
zornsprühenden Augen auf Adrian geheftet die vollen Arme fest über dem heftig
wallenden Busen geschlungen warf sie den schönen Kopf mit den schwarzen
flatternden Locken zurück und ein furchtbares Lächeln spaltete die blassroten
Lippen Ihr Antlitz war weiß wie das einer Leiche
    »Brudermörder Zweifacher Brudermörder« rief Bianca und schleuderte Blitze
des Zorns und der Verachtung auf den Grafen »Endlich hab ich Dich gefangen
Elender«
    »Wozu diese Verstellung« entgegnete Adrian indem er ebenfalls aufstand und
das dämonisch schöne Mädchen umschlingen wollte »Wir verstehen uns ja doch und
ein so schöner und süßer Mund wie der Deinige wird nicht aus der Schule
plaudern Deine Hand aber bleibt zart und weich wie immer Von ihr wird nichts
weiter begehrt als dass sie einen silbernen Löffel erfasse und mit der ihr
eigenen graziösen Bewegung den armen Gefangenen einen warmen Trank mit Zucker
versüsse Sollte das meinem lieben freundlichen und klugen Mädchen nicht möglich
sein«
    Adrian wollte schmeichelnd die Hand Biancas wieder erfassen diese aber
trat stolz einen Schritt zurück und donnerte ihn an
    »Hinweg verabscheuungswürdiges Scheusal Hinweg  Dein bloßer Hauch
verpestet die Luft die Dich umgibt  Qualen der Hölle lohen um Dein
verbrecherisches Haupt  Wer Dir naht gerät in Gefahr durch bloße Berührung
von Dir mit fortgerissen zu werden auf die Lasterbahn die Du wandelst seit
Jahren  Ja ich nenne Dich nochmals einen zwiefachen Brudermörder denn ich
weiß dass Martell von Dir mit brennendem Gifte getränkt dem Grabe
entgegenwankt und Dein eigener schamloser Mund hat mir gestanden dass ein
zweiter Brudermord Dein Tag und Nachtgedanke ist  O ich kenne die
Gefangenen Herr am Stein Ich weiß dass jener unglückliche KlütkenHannes der
beklagenswerte Sohn Hertas ist die Dein Vater der Ehre beraubte 
Entsetzlich grauenvoll seelenerschütternd geht jetzt nach fast einem halben
Jahrhundert die Saat der Frevel und Verbrechen auf die ein gewissenloser Mann
ausstreute und die eigenen unseligen Kinder sind es die sie mit sich ins
Verderben reißen  Adrian Graf von Boberstein zittere denn die Rachegöttin
zückt ihr Schwert über Deinem Haupte  Kennst Du mich«
    Bianca trat immer die Arme über der Brust verschränkt dem Grafen näher
der entsetzt über die unerwartete Verwandelung seiner schönen Bundesgenossin in
den Polsterstuhl zurückgesunken war
    »Bianca« rief er die Hände flehend gegen sie ausstreckend »Bianca vergib
mir  Sei barmherzig Sei ein mildes sanftes Weib«
    »Ha ha ha« lachte die Rachedurstige »Erbarmen Sanftmut Vergebung
weibliche Milde suchst Du bei der deren Schwester Du herzlos in den Tod gejagt
hast«
    Todtenblässe lag auf Adrians eingefallenen Zügen Die vor Seelenangst
zitternden Hände gegen das zürnende Mädchen ausstreckend lallte er
    »Wer  wer  bist Du«
    »Ich bin die Schwester Theresens des armen Dienstmädchens das ob Deiner
grausamen kalten Treulosigkeit ihrem Leben in den Fluten der Saale ein Ende
machte Kennst Du dies«
    Und die Rächerin ihrer Schwester hielt dem Grafen jene höhnischen Zeilen
vor die der stolze Edelmann der armen Verführten kurz vor ihrem Tode
geschrieben hatte
    »Gerechter Gott ich bin gerichtet« schrie Adrian und stürzte Bianca zu
Füßen
    »Gerichtet und verdammt« sagte die Unerbittliche streng und kalt »Winsele
bis der letzte Kieselstein dieser Welt Empfindung bekommt krümme Dich Millionen
Jahre hier und dort vor meinen Füßen um Vergebung von mir zu erlangen ich
werde nur höhnende Worte tödtende Blicke verachtendes Lächeln für Dich haben
denn ich will Rache Rache für meine schuldlos hingeopferte Schwester Als Weib
habe ich keine andere Waffe als die Lust der Rache die aus Hohn und Spott und
Verachtung ihren Honig saugt wär ich ein Mann so würde ich Dich vor die
Mündung einer Pistole oder die Spitze eines Degens fordern um Deine schwarze
Seele möglichst früh zur Hölle zu senden Da ich dies nicht kann will ich mich
wenigstens weiden an der feigen Angst Deiner frechen Seele an der Qual die
jede Minute Deines unseligen Lebens vergiftet O könnte ich noch tausend Jahre
leben und Dich in meiner Nähe tausend Jahre leiden sehen  dann wollte ich
meine arme Schwester für hinreichend gerächt halten«
    »Ist es möglich Bianca« wimmerte der zu Boden geschmetterte Graf »So
schön so voll süßer Reize und so erbarmungslos«
    »Es ist mein Amt Gott will es dass ich es treu und redlich übe«
    »O und ich ich liebte Dich ich liebe Dich noch«
    »Die Strafe des Himmels Das Verhängnis das richtend über uns waltet«
    »Finsterer Wahnsinn packt mich wenn Du von mir gehst wenn ich Dich nicht
mehr um mich sehen kann«
    »Zur Steigerung Deiner Seelenqualen will ich nicht von Deiner Seite
weichen«
    »O diese Nächte Diese endlosen einsamen grässlichen Nächte« jammerte
Adrian Bianca sah dämonisch lächelnd auf ihn herab
    »Sie nennen ihre Nächte einsam« sagte sie aus dem zürnenden Tone plötzlich
in einen scherzenden übergehend »Sie sind sehr ungerecht Herr Graf Ich war
immer bei Ihnen oft Stundenlang  An Ihrem Lager knieend bannte ich Ihre Seele
in den Zirkel meiner Macht Der scharfe Blick meines liebeheuchelnden Auges
zauberte sie in die wilde Jagd schreckhafter Träume und die seelenfolternde
Gewalt die Ihre blinde Leidenschaft mir über Sie gegeben hatte hob Gestalten
und Bilder vor Ihr Auge die alle Qualen der Hölle über Sie verhingen Gewiss
Herr Graf ich war Ihnen eine treue Haushälterin« schloss sie lächelnd indem
sie abermals einen ihrer zärtlichen zur Liebe reizenden Blicke auf den
Unglücklichen warf Adrian klammerte sich mit beiden Händen an ihre Kleider
    »Furie« rief er »göttliche Furie Peinige mich im Leben und im Tode nur
ein Mal schließe mich in Deine Arme«
    Lange blickte Bianca auf den zu ihren Füßen sich krümmenden Grafen Dann
schlug sie die Augen zum Himmel auf und sagte
    »Schwester Terese wenn es Dir vergönnt ist aus dem Jenseits
herabzublicken auf diese verbrecherische Welt dann öffne Dein Auge und sieh
wie ich Deinen Verführer gezüchtigt habe Ich bin mit mir zufrieden«
    In diesem Augenblicke pochte es
    »Man kommt« sagte Bianca »Bitte Herr Graf reichen Sie mir die Hand
damit ich Ihnen aus dieser unwürdigen Stellung aufhelfe«
    Seufzend erhob sich Adrian Das Pochen an der Tür wiederholte sich
    »Sie erlauben Herr Graf« sagte die schöne Furie und hüpfte graziös zur
Tür die sie öffnete und einige Worte mit dem Bedienten wechselte
    Inzwischen war die Sonne untergegangen Nur blutiges Abendrot überflammte
noch Himmel Heide und See und warf einen duftigen Widerschein ins Zimmer
Adrian stand wie in einer dunkeln Feuerwolke Bianca trat wieder zu ihm
    »Ein Mann wünscht mit Ihnen zu sprechen gnädigster Herr« sagte sie mit dem
sanftesten und bescheidensten Tone von der Welt indem sie die Falten ihrer
kleinen Atlasschürze welche Adrians Festalten in diese gedrückt hatte mit der
Hand sorgfältig ausglättete »Befehlen Sie dass ich ihn vorlassen soll«
    »Ich bin nicht in der Stimmung «
    »Um Fremde zu empfangen wollen Sie sagen Zu Ihrer Beruhigung gnädiger
Herr kann ich Ihnen melden dass es ein sehr naher Bekannter und noch dazu ein
ganz schlichter Mann ist«
    Adrian sah die boshaft Lächelnde mistrauisch an
    »Sein Name«
    »Ihr Bedienter meinte eigentlich solle er den Mann als Graf Martell melden
indes «
    »Martell« wiederholte Adrian und seine verstörten Züge nahmen den Ausdruck
des wildesten Hasses an Bianca aber winkte hüpfte nach der Tür und warf dem
auf der Schwelle ihr begegnenden Spinner mit verliebtem Blick eine Kusshand zu
    Als sich Adrian umwandte stand ihm Martell allein gegenüber
 
                                Zweites Kapitel
                              Adrian und Martell
Die beiden Halbbrüder standen einander Minutenlang schweigend gegenüber und
maßen sich mit finsteren feindlichen Blicken So betrachten sich zwei Raubtiere
ehe sie zum tödtenden Sprunge sich erheben
    Martell trug noch seine gewöhnliche schlichte Arbeitstracht grobe
leinwandene Beinkleider und eine Zwillichjacke Seine abgegriffene Pelzmütze
hielt er in der Hand Ein schwarzbaumwollenes Tuch von dessen Schadhaftigkeit
die vielen Fasern und Troddeln am verschlungenen Knoten Zeugnis ablegten war
lose um den stämmigen Hals geschlungen Ihm gegenüber stand Graf Adrian in einem
kostbaren Pelz im Übrigen ungezwungen aber doch vollkommen elegant gekleidet
    Der Spinner war sehr bleich seine tiefliegenden schwarzen Augen brannten in
den dunkeln Höhlen sein dichtes schwarzlockiges Haar schien einen Totenkopf zu
bedecken
    »Was beliebt« redete Adrian den unversöhnlich beleidigten fast zum
Lasttier herabgewürdigten Bruder an seine heimliche Furcht in ein trotziges
und hochfahrendes Wesen hüllend
    »Herr am Stein« erwiderte Martell »oder wie ich eigentlich sagen sollte
Herr Bruder ich komme Ihnen anzuzeigen dass ich nicht mehr Ihr untertäniger
Knecht bin und von morgen an als Arbeiter Ihre Fabrik verlasse«
    »Das hättet Ihr Euch ersparen können Nach dem Vorgefallenen verstand sich
dies von selbst Guten Abend«
    »Sie erlauben Herr am Stein Ehe ich Sie von meiner ich kann es mir wohl
denken verhassten Gegenwart befreie habe ich noch einige Worte mit Ihnen zu
sprechen«
    »Jedenfalls muss ich auf die größte Kürze dringen« fiel Adrian ein Ohne auf
diese Bemerkung Rücksicht zu nehmen fuhr Martell fort
    »Da ich demzufolge für immer aus Ihren Diensten gehe scheint es mir
unerlässlich dass wir zuvor Abrechung mit einander halten«
    »Ist man Euch rückständigen Lohn schuldig so wendet Euch an Vollbrecht«
    »Von Geld ist hier nicht die Rede Herr am Stein sondern von einer
moralischen Abrechnung«
    »Das verstehe ich nicht«
    »Dann muss ich es Ihnen erklären« sagte Martell mit grollender Stimme und
trat dem grausamen Bruder der an einem Spigeltische lehnte um einige Schritte
näher »Ich will nicht anheben von dem Beginn unserer Verbindung und von den
Ungerechtigkeiten die ich während derselben von Anfang an erduldet habe Es
sind deren so viele dass ich mich ihrer nicht mehr erinnern kannDeshalb
vergesse ich sie geflissentlich und nehme an sie hätten mich nie oder doch nur
als ein unabwendbares Schicksal getroffen«
    »Ihr würdet sehr gut tun wenn Ihr Euer ganzes Leben als von so
unabwendbarem Schicksal gleitet betrachten wolltet«
    »Ich weiß zu unterscheiden Herr am Stein zwischen Zufall der vom Himmel
kommt und zwischen Qualen welche die Willkür unbarmherziger selbstsüchtiger
Menschen über uns verhängt So viele deren von Ihnen ausgingen über diese
sollen Sie mir jetzt nun mich der Spruch gerechter Richter Ihnen gleichgestellt
hat Red und Antwort geben«
    Adrian zuckte vornehm die Achseln und zog die Stirn in noch krausere Falten
    »Durch Ihre Schuld ist der Tod in meine Hütte gebrochen« rief Martell »und
hat mir den einzigen Sohn unter grausamen Martern geraubt Dafür fordere ich
jetzt Genugtuung«
    Adrian verharrte ohne aufzublicken in seinem vornehmen Schweigen
    »Mein armes geliebtes Weib liegt in Folge der verlängerten Arbeitszeit auf
dem Siechbette und wird langsam eines elenden Todes sterben Auch dafür fordere
ich Genugtuung«
    Abermals tiefes und unverbrüchliches Schweigen von Seiten Adrians
    »Ihr teuflisches System durch vermehrte Arbeit der Unbemittelten Ihr
eigenes Vermögen ins Ungeheure zu vergrößern hat mich selbst der Liebe
entfremdet hat mich beinahe zum Gotteslästerer gemacht und mir den Frieden
meiner Seele geraubt der mich sonst in aller Not und Drangsal erquickte«
    »Dafür werdet Ihr jetzt auch die Früchte meiner schweren Mühen mit
genießen« fiel Adrian ironisch dem Spinner ins Wort
    »Zuvor fordere ich für diesen Diebstahl den Sie rechtlos an meinem besseren
Selbst begangen haben Genugtuung«
    Der Graf lächelte und fing an mit der Spitze seines Fußes auf der
parkettirten Diele zu trommeln
    »Nummer drei« sagte Adrian spöttisch »Ich muss die einzelnen Punkte in
meinem Gedächtnisse numeriren damit ich nicht in die Irre gerate Viertens
Bitte mein sehr unterhaltender Herr Bruder fahren Sie fort Es fängt an dunkel
zu werden und ich würde in der Tat Etwas entbehren könnte ich Ihr
interessantes Mienenspiel bei diesen Mitteilungen nicht mehr beobachten  Also
Viertens Herr  Martell«
    »Sie haben mich geistig beinahe getötet« sagte tief erschüttert der
ehemalige Fabrikarbeiter »und körperlich mich zum Krüppel gemacht  Aus
elendem niedrigen Geiz aus schmuziger Hab und Gewinnsucht aus gemeinem Hass
gegen Alles was nicht Ihrer Ansicht war nicht hochadliger Abkunft sich rühmen
konnte dungen Sie  Meuchelmörder ließ mir vergiftete Getränke reichen und
untergruben meine so starke nie von einer Krankheit angefochtene Gesundheit 
Es stünde mir frei Sie deshalb bei dem weltlichen Gericht zu denunciren allein
ich kann und will das nicht Ein Etwas das ich nicht näher bezeichnen kann ein
unklares Gefühl hält mich davon zurück Es dünkt mir unsittlich wenn ein Bruder
den Bruder  habe er es auch hundertmal verdient  angibt Und sodann wäre mir
auch damit nicht gedient wäre mein Groll mein Durst nach Rache nicht gelöscht
wenn auch das Gericht den Mann der mich mit teuflischer List elend machte auf
Erden zum entehrenden Tode verdammte  Eben darum komme ich vor dieser Zeit
und  fordere Genugtuung«
    »Ist Herr Martell zu Ende«
    »Sogleich Ich habe bloß noch zu fragen ob Herr am Stein mir diese
Genugtuung geben will«
    »Man muss Euch etwas zu Gute halten Herr Martell« erwiderte Adrian »In
Eurer bisherigen Lage und Stellung zur Welt konntet Ihr Euch wenig gediegene
Bildung aneignen es darf mich deshalb auch nicht wundern dass Ihr Euch klar
auszudrücken nicht gelernt habt«
    »Wollte ich mich verständlicher ausdrücken so müsste ich Ihnen den
schurkischen Hals umdrehen« rief Martell dessen erkünstelte Ruhe der
angeborenen Lebhaftigkeit des Temperamentes zu weichen drohte
    »Das ist schon deutlicher« erwiderte Adrian »Ich fange an den Sinn Ihrer
Worte ahnungsweise zu begreifen Aber was wollen Sie Herr Martell dass ich tun
soll«
    »Herr mir Genugtuung geben Ist das deutlich«
    »Ihre Stimme ist laut ich habe die Worte vollkommen verstanden Doch lassen
Sie hören Auf welche Weise verlangen Sie von mir Genugtuung«
    »Ich wünsche Sie dieselben Qualen empfinden zu lassen die mir seit Jahren
das Herz zerrissen haben« raunte Martell seinem kalt lächelnden Halbbruder zu
indem er dicht an seine Seite trat »Ja« fuhr er fort »ich habe unter tausend
Seufzern diese Stunde herangefleht vom ewigen Richter der Welt und ich beklage
nur dass es nicht in meiner Macht steht Auge um Auge Zahn um Zahn mit Ihnen
abzurechnen Es peinigt mich dass Sie keine Kinder haben Ich würde mich ihrer
bemächtigen und mit ihnen verfahren wie Sie mit meinem armen Haus Ich würde
Ihre Gemahlin peinigen erschrecken durch Truggebilde in wahnsinnige
Seelenangst hineinhetzen bis sie zum Schatten hinschwände und unter Seufzen und
Schauern eingebildeter Schrecknisse verschied Das wäre Abrechnung wie ich sie
will das wäre Rache wie sie ein Mann nehmen darf und soll der so gelitten
hat wie ich  Nun ich hoffe wir verstehen uns endlich«
    »Diese Bekenntnisse machen Ihnen als Mensch und Bruder viel Ehre Ich danke
Ihnen dafür«
    »Werden Sie mir Genugtuung geben Herr am Stein«
    »Muss ich nicht« versetzte Adrian »Das Gericht gegen dessen Weisheit ich
nicht die geringsten Zweifel hege hat Sie einstimmig zum Kavalier erhoben Sie
sind mein leiblicher Halbbruder sagt man  Ich habe Sie beleidigt behaupten
Sie  Enfin ich bin Ihnen Genugtuung schuldig«
    Adrian lachte und begann im Zimmer das jetzt ganz dunkel geworden war auf
und nieder zu gehen
    Martell etwas verblüfft durch die leichtfertige beinahe cordiale Art und
Weise wie sein Halbbruder den von ihm gemachten Antrag hinnahm schwieg eine
Weile
    »Befehlen Sie Licht Herr Martell« fragte der Graf der jetzt seine ganze
Sicherheit seinen geübten gesellschaftlichen Ton ungeachtet der Aufregung die
in ihm tobte äußerlich doch wieder gewonnen hatte Mich dünkt es wäre
schicklicher Feinde müssen einander Aug in Auge blicken können wenn sie es
ehrlich meinen
    Und Adrian zog mehrmals die Klingelschnur dass die Glocke laut durch das
stille Haus dröhnte
    Als der Bediente Licht gebracht hatte blieb Adrian vor seinem Halbbruder
stehen
    »Beliebt es Herr Martell so können wir unsere Angelegenheit vollends
beendigen« sagte er »Sie haben zu bestimmen, in welcher Weise das was Sie
Genugtuung nennen stattfinden soll Lassen Sie hören«
    »Sie werden sich mit mir schlagen«
    »Ich muss bemerken mein Herr« versetzte Adrian sehr höflich »dass dies
abermals zu den unnötigen Äußerungen gehört auf denen ich Sie schon
einigemale ertappt habe Man schlägt sich immer wenn man Genugtuung fordert
Es handelt sich jetzt um Ort Zeit und Waffen«
    Martell schwieg eine lange Weile dann richtete er sein schwarzes Auge
durchbohrend auf den Halbbruder und erwiderte
    »Obgleich mein Haus sehr schnell bestellt sein wird da ich zur Zeit nichts
besitze habe ich dennoch mancherlei Anordnungen zu treffen die mich aufhalten
können Deshalb wünsche ich dass unser Zusammentreffen morgen um Mitternacht
stattfinde«
    »Um Mitternacht Wir werden dann auf gut Glück wie Blinde mit einander
kämpfen Fürchten Sie etwa das Tageslicht oder schreckt Sie die blanke Waffe die
drohende Öffnung einer geladenen Pistole«
    Martell verfärbte sich doch blieb er gelassen und antwortete ruhig
    »Das Zusammentreffen selbst wird Ihnen beweisen dass ich keine Furcht kenne
Übrigens soll es an dem erforderlichen Licht nicht fehlen«
    »Nun so sei es Und der Ort wenn ich fragen darf«
    »Der Saal in der Fabrik wo ich unter Kummer Sorge und Angst Ihnen
arbeitete damit Sie ein reicher Mann werden konnten«
    »Sie haben seltsame Gelüste mein Herr Indes wenn man sich auf Tod und
Leben schlägt kommt es nicht auf den Ort an wo man zum letzten Mal sein Auge
schließt Ich bin also auch damit einverstanden«
    »Um nicht gestört zu sein werde ich Herrn Vollbrecht beauftragen in dieser
Nacht die Arbeiter jenes Saales zu beurlauben«
    »Es sei  Nun aber die Waffen  Vermutlich verstehen Sie den Degen nicht
zu führen und wünschen deshalb Pistolen«
    »Nein Herr am Stein Weder Degen noch Pistolen vermögen mir Genugtuung zu
verschaffen das vermag einzig und allein Gott der als Zeuge unserm gerechten
Kampfe beiwohnen wird«
    »Ah jetzt verstehe ich« sagte Adrian mit verächtlichem Zucken der Lippen
»Sie haben es auf einen Faustkampf auf eine Rauferei abgesehen und weil Sie in
solchen Fechterkünsten natürlich sehr geübt sein müssen als geborener und
erzogener Proletarier so hoffen Sie mich auf die leichteste Weise besiegen und
zum Krüppel schlagen zu können  Sie sind sehr großmütig mein Herr indes
mein Grafenwort darauf zu solcher Gemeinheit reiche ich Ihnen nicht die Hand«
    Martell schoss das Blut ins Gesicht Den Grafen verächtlich anblickend
erwiderte der Spinner
    »Stünden Sie auf meinem Platze Herr am Stein dann würden Sie vielleicht
dies Auskunstsmittel ergriffen haben ich bei Gott dem Herrn sei es geschworen
ich habe nie daran gedacht Nur Gleichheit der Waffen wünsche fordere ich und
da ich nun weder ein Fechter noch ein Schütze bin weil die Not des Lebens mir
keine Zeit zu Spiel und Lust gestattete so verwerfe ich auch diese Waffen 
Herr am Stein wir werden uns schlagen ohne dass Einer die Hand gegen den Andern
erhebt Es würde dies Brüdern übel anstehen und ich meines Teils mag das
Kainszeichen nicht auf der Stirn mit mir herumtragen«
    Adrian setzte sich und sah den Spinner halb erstaunt halb ungläubig an Der
Gedanke Martell möge in Folge des genossenen Giftes an seinem Verstande
gelitten haben gewann bei ihm die Oberhand
    »Das ist Alles recht schön Herr Martell« entgegnete er »und zeugt von
einem ungewöhnlich zarten Schicklichkeitsgefühl allein da es auf Ihr eigenes
Verlangen zwischen uns denn doch zum Blutvergießen kommen soll so erklären Sie
sich jetzt gefälligst wie wir dies zu bewerkstelligen haben«
    »Ihr Blut Herr am Stein habe ich nie gewollt« sagte Martell mit stolzer
eiserner Ruhe »nur Genugtuung für alle mir und den Meinigen zugefügten
Beleidigungen und Qualen nur Abrechnung für das was ich unter Ihrer
Willkürherrschaft gelitten habe Das sühnt kein Blut das sühnt nur ein Kampf
wie er mir vorschwebt ein Kampf der Sie lehrt wie dem Elenden zu Mute ist
der unter der Geissel eines übermütigen Reichen täglich und stündlich tausend
Tode stirbt«
    »Verstehe ich Sie recht« sagte Adrian erschrocken »so wollen Sie mich dem
Hungertode Preis geben«
    »Nichts von alledem Ich werde Sie vielmehr sich selbst und Ihrer
Geschicklichkeit überlassen Sie sind ein kluger ein fürchterlich kluger Mann
Sie sind gewandt und in tausenderlei Fertigkeiten geübt Ihnen gebricht es weder
an Um noch an Vorsicht Das Alles geht mir ab Ich bin rasch ungestüm
körperlich ungeübt geistig nicht halb so gewandt wie Sie Überdies hat das
von Ihnen nur beigebrachte Gift meinen Körper geschwächt dass all seine Muskeln
ein krampfhaftes Zittern rastlos bewegt Ich bin also nur noch der Schatten
eines Menschen Dennoch vertraue ich Gott und meiner Geschicklichkeit und auf
Gott der ja auch über Ihnen waltet auf Gott und Ihre Geschicklichkeit sind Sie
jetzt von mir gefordert«
    »Mein Gott das sind aber ja keine Waffen« rief Adrian erstaunt aus
»Besässe ich auch hundert Fertigkeiten wäre ich gelenk wie ein Seiltänzer ich
könnte mich durch solche Kunstfertigkeiten doch nicht schlagen Das ist also ein
Unsinn eine Torheit die allen vernünftigen Grundes entbehrt«
    »Dennoch bestehe ich darauf« erwiderte Martell »Sie haben mir die Wahl
der Waffen freigestellt und ich wähle als völlig gleiche Waffen unsere
beiderseitige Geschicklichkeit Antwort Sind Sie damit zufrieden«
    Adrian sann lange hin und her was der rachsüchtige Spinner wohl unter einem
Kampfe verstehen könne bei welchem einzig und allein die Geschicklichkeit
gleichsam als Waffe dienen sollte er konnte aber zu keinem haltbaren Resultate
kommen Längst schon der Unterhaltung müde obwohl ihn das unbeholfene Wesen
seines Halbbruders einige Male vergnügt hatte sagte er ärgerlich
    »Nun denn der bloßen Curiosität wegen bin ich mit dieser neuen Art einen
sogenannten Ehrenhandel zu schlichten einverstanden Ich nehme die Waffen an
Waffen von denen ich zur Stunde noch gar keine Vorstellung habe«
    »Morgen um Mitternacht«
    »Angenommen«
    »Im Saal der Feinspinner und ohne Zeugen«
    »Ohne Zeugen« sagte Adrian und legte seine kleine weiße Hand in die harte
zitternde des Spinners
    »Gute Nacht denn auf Wiedersehen«
    Martell ließ die Hand des Grafen sinken kehrte ihm den Rücken und verließ
das kostbar meublirte Zimmer des reichen Halbbruders ohne einen Laut von diesem
als Gegengruss zu vernehmen
    »Dieser Mensch ist fürchterlich« sagte Adrian als die schweren Schritte
des Davongehenden auf dem Korridor verhallt waren »Hat je ein Mensch so etwas
gehört Ein Duell auf Geschicklichkeit Man sollte glauben der Tollkopf wolle
mich zwingen nach Art der Jongleure scharfe Messerklingen im Kreise um mich zu
werfen Müsste ich nicht wider Willen seiner Ehrlichkeit vertrauen nie und
nimmer wäre ich diesen Handel eingegangen So aber sei es der puren Seltsamkeit
wegen und um zu zeigen dass der legitime Erbe von Boberstein dem Bastard an Mut
in keiner Weise nachsteht«
 
                                Drittes Kapitel
                                   Ein Mord
Sehen wir jetzt welchen Eindruck die erwähnten Vorfälle auf die stillen
Bewohner des Zeiselhofes machten
    Aurel war nach erfolgter Einkerkerung der Verbrecher mit seinen Freunden
wieder abgereist und hatte in den nächsten Tagen Herta auf die schonendste Weise
von dem Wiederfinden ihres verlorenen Sohnes unterrichtet Es war die traurigste
Aufgabe für den Kapitän die so schwer Geprüfte jetzt auf das Entsetzliche
vorzubereiten ihr beizubringen in welchem Zustande der Erniedrigung
KlütkenHannes betroffen worden war wie man einen tief gesunkenen Verbrecher in
ihm gefunden habe
    Herta bedurfte geraumer Zeit um dies neue Unglück das alle früheren harten
Prüfungen und Schicksalsschläge noch zu übertreffen schien mit der ihr eigenen
schönen Seelenruhe und wahrhaft christlichen Ergebenheit zu ertragen Sobald sie
sich aber daran gewöhnt und mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte dass ihr
unseliger Sohn ein verabscheuungswürdiger Brudermörder geworden sei war sie
auch schnell entschlossen und einig mit sich über das was ihr zu tun jetzt
obliege
    »Also in Boberstein lebt der Unglückliche« sagte Herta mit gepresster
Stimme »und wenn mein Herz dabei brechen wenn ich auf der Stelle vor Gram und
Kummer sterben sollte noch einmal ihn sehen vielleicht mit einem Blick meines
Mutterauges ihn trösten muss ich«
    »O stehen Sie ab davon« bat Elwire deren Schmerz sich in einer Flut von
Tränen Luft machte »Es muss Sie töten«
    »Halte mich nicht liebes Kind es ist meine Pflicht«
    Elwire viel schluchzend der Großmutter um den Hals und bedeckte sie mit
Küssen
    »Die Tante hat Recht« sagte der Kapitän nach einer Pause »Wenn irgend
etwas den unglücklichen Mann zur Erkenntnis seiner Freveltat bringen und ihn
der Neue zuführen kann so ist es der Anblick seiner beklagenswerten Mutter
Ich werde Sie begleiten«
    Herta drückte dem Neffen dankend die Hand
    »Nicht wahr Sie eilen«
    »Sobald Sie wünschen können wir aufbrechen«
    »Auf morgen denn«
    »Ich bin bereit«
    »Herta Teure Großmutter« schluchzte Elwire
    »Fürchte nichts mein Kind Ich bin durch ein Leben voll Schrecknisse an das
Entsetzliche gewöhnt Ich werde auch dies ertragen ich werde die Zusammenkunft
mit meinem Sohne der  ein Mörder  geworden ist  still überleben«
    Tränen erstickten ihre Stimme Sie verbarg ihr Gesicht in den Locken der
schmerzlich bewegten Enkelin
    »Nehmen Sie mich mit Großmutter« sagte Elwire nach einiger Zeit und sah
bittend mit ihren großen von Tränen verschleierten Augen zu Herta auf vor der
sie kniete
    »Aber mein Kind«
    »Bitte nehmen Sie mich mit« flehte das schöne Mädchen dringender »Ich
sterbe vor innerer Angst wenn ich allein zurückbleiben soll«
    »Liebe Elwire« sagte Aurel indem er die Weinende sanft aufhob und sie
nötigte an Hertas Seite niederzusitzen »es würde Dich zu heftig erschüttern
Du bist ja nicht allein die treue erprobte Dienerin der Tante die sorgende
Emma bleibt bei Dir«
    »Nein nein Aurel ich verlasse die Großmutter nicht« rief Elwire mit
leidenschaftlicher Heftigkeit
    »Bedenke welch ein Wiedersehen Welch Zusammentreffen«
    Elwire trocknete ihre Tränen und schlug die Augen zu dem Geliebten auf
    »Wiedersehen« sagte sie dann düster und ein Frostschauer überrieselte ihren
zarten Körper »Nein Aurel ich will ihn nicht wiedersehen aber ich will um
Euch ich will in Eurer Nähe sein«
    Der Kapitän küsste sie auf die Stirne und drückte zärtlich ihre Hand
    »Unter dieser Bedingung nehme ich Deine Begleitung an« erwiderte er »nur
versprich mir auch nicht wankend zu werden in Deinem Entschlusse«
    »Bin ich nicht Deine Braut« sagte Elwire durch Tränen lächelnd »Du darfst
meinem Wort vertrauen wie meinem Blicke «
    Nach diesem Entschlusse machte sich eine größere Ruhe bei den Bewohnern des
Zeiselhofes geltend Die Frauen trafen die nötigsten Vorkehrungen zu der
bevorstehenden kleinen Reise Aurel schrieb eine Menge Briefe an ferne und nahe
Freunde Ausführlich berichtete er das Vorgefallene sowie den Ausgang des
Prozesses an Madame Oehler in Hamburg und sprach die Hoffnung aus sie recht
bald wiederzusehen
    Der Maulwurffänger war in seinen Wohnort zurückgekehrt um Gregor und
Schlenker die frohe Kunde von dem Ausgange des Prozesses mitzuteilen Er hatte
versprochen in einigen Tagen wieder nach Boberstein zu gehen da seine
Anwesenheit dort nötig sein konnte um Martell teils zu beaufsichtigen teils
zu beruhigen Man durfte also hoffen den treuen Bundesgenossen dort
anzutreffen wenn etwa mehrere Tage vergehen sollten ehe an Rückkehr gedacht
werden konnte Einstweilen war bloß Gilbert im Arbeiterdorfe geblieben um über
Alles was sich daselbst begeben konnte sogleich Bericht an den Kapitän zu
erstatten 
    Es war am Tage nach der merkwürdigen Unterredung zwischen Adrian und
Martell als Kapitän Aurel mit Herta Elwire und Sloboda der nunmehr für immer
seine Wohnung auf dem Zeiselhofe aufgeschlagen hatte nach Boberstein fuhr um
die Gefangenen zu sehen und zu sprechen Wir eilen den trauernden Reisenden
voraus um uns nach den Verbrechern zu erkundigen die wir am Morgen des
wichtigen Tages verließen welcher den drei gräflichen Brüdern drei
Halbgeschwister unter so erschütternden Umständen zuführte
    Vollbrecht hatte die Verbrecher in einen sichern Ort geführt aus dem kein
Entkommen möglich war Dieser lag unter den Fabrikgebäuden und bestand aus einem
kellerartigen Gewölbe das für gewöhnlich zu Aufbewahrung von Waarenballen
benutzt ward Feste Türen und Riegel ein hohes vergittertes Fenster mit
altgotischem steinernen Fensterkreuz und mehrere Ellen starke Mauern ließ auf
den ersten Blick erkennen dass dieses Gewölbe noch ein Überbleibsel der alten
Burg Boberstein sei
    Unmittelbar neben diesem Kellergewölbe befand sich eine der
Maschinenkammern weshalb die Gefangenen das dumpfe monotone Stampfen und
Rauschen der arbeitenden Maschine Tag und Nacht vernahmen Auf dieser Seite war
auch die Mauer des Gewölbes neueren Ursprungs und wie ein leises Klopfen daran
deutlich verriet bei weitem nicht so stark Der Keller mochte beim Brande der
Burg zum Teil eingestürzt später aber die schadhaften Stellen mittelst
Mauerwerk aus Backsteinen wieder aufgeführt worden sein
    Dies Gewahrsam war für ein Gefängnis ein ganz erträglicher Aufenthaltsort
Vollbrecht ließ einen Tisch nebst ein paar Stühlen hereinschaffen ein eiserner
Ofen half die etwas dunstige und feuchte Luft erwärmen Matratzen wurden auf den
gedielten Fußboden gebreitet und außerdem für Lebensmittel die nötige Sorge
getragen Nicht einmal Fesseln legte man den Verbrechern an da Vollbrecht
keinen Auftrag dazu erhalten hatte vielmehr löste er sogleich mitleidig und
menschenfreundlich die Stricke womit den Unglücklichen die Hände auf den Rücken
gebunden waren
    So konnten denn die beiden Verbrecher nach Belieben in ihrem gemeinsamen
Kerker umhergehen sich nach Herzenslust unterhalten und treiben was ihnen
gefiel Täglich drei Mal brachte ein Bedienter des Grafen den Gefangenen Speise
und Trank in Fülle und weit besser zubereitet als sie es erwarten durften
Selbst auf ihre schlechten Gewohnheiten nahm Vollbrecht Rücksicht indem er den
Elenden täglich eine halbe Kanne Branntwein verabreichen ließ
    Anfangs beobachteten Beide ein finsteres Stillschweigen Jeder schien über
die missliche Lage nachzudenken in welche sie rohe Gewinnsucht und unüberlegtes
Handeln gebracht hatte Keiner sprach mit dem Andern Wie grimmige Bestien
gingen sie mürrisch bisweilen wütende Blicke sich zuwerfend an einander
vorüber
    Dies Schweigen dauerte den ganzen ersten Tag ihrer Gefangenschaft Am
nächsten Morgen aber fühlte sich Blutrüssel doch gar zu sehr gelangweilt und so
hielt er es für klüger seinen Unglücksgenossen anzureden Sich mit halbem
Körper von seiner Matratze erhebend ließ er unter hässlichem Rollen seiner
vorspringenden immer entzündeten Augen die Blicke durch die dämmrige Helle des
Gewölbes schweifen heftete sie dann fest auf Hertas unglücklichen Sohn und
sagte mit mürrischem Humor
    »Guten Morgen Hans Wie hast Du auf Deiner Stammburg geschlafen«
    KlütkenHannes antwortete nicht Er wendete dem Sprecher den Rücken zu und
seufzte
    »Hm« fuhr der Mörder fort »der hat noch Lust zu träumen von den
Herrlichkeiten die seiner warten«
    »Dass Du ersticktest« murmelte Elwirens Vater
    »Bruder sei kein Narr« erwiderte Blutrüssel »lass uns lieber vernünftig
mit einander reden Wir sitzen Beide in einer verdammt ärgerlichen Patsche aber
der Teufel müsste über Nacht all seinen Witz verloren haben wenn wir nicht mit
heiler Haut davon kämen Lass uns einig sein und wir sind geborgen«
    »Hätte ich Dich nie gesehen nie auf Dein Wort gehört Du hast mich
verführt mich unglücklich gemacht hier und ewiglich«
    »Bleib mir vom Leibe mit solchen Redensarter alter Junge  Unglücklich
gemacht  was will das sagen  Und hier und ewiglich Da ist kein
Menschenverstand drin«
    »Ich  ein Brudermörder  O Fluch Fluch tausendmal Fluch über Dich
seelenverderbendes Scheusal«
    »Recht so Hans tobe Dich aus Das klärt die Seele auf und stärkt den
Körper  Sobald Du Dich satt geschimpft hast wollen wir zusammen reden wie
Brüder  Ich weiß dass Du mir ruhig zuhören wirst denn halb und halb bin ich
Dein Stiefvater und  kann das von Dir verlangen«
    »Mörder ich werde mich rächen« drohte KlütkenHannes erhob drohend seine
Faust gegen Blutrüssel und schüttelte wild das struppige graue Haar
    »Ja doch« sagte sein Verführer immer räche Dich das ist in der Ordnung
Wenn heut zu Tage ein ehrlicher Kerl eine Ohrfeige kriegt so hat er keine
ruhige Minute bis er zwei Ohrfeigen zurückgegeben hat Das nennt man sich
rächen oder bezahlt machen und Alles ist wieder ins alte Gleis gebracht Ich
sehe also gar nicht ein weshalb Hans Klütken von Geschlecht der Sohn einer
Gräfin eine andere Methode befolgen sollte
    »Du bist ein Teufel  mit Deinem Hohn  O meine Mutter meine Mutter«
    »Deine Mutter die alte Frau ist in guten Händen Nach einigen Jahren
schlechten Lebens geht es ihr vortrefflich fast so vortrefflich als es eine
Gräfin verlangen kann«
    »Sie wird sterben um mich um ihren verworfenen Sohn  Sie wird sich die
weißen Haare ausraufen um den elenden Verbrecher  den Brudermörder  Und
mein Kind  meine Tochter«
    »Wärst Du meinen Rate gefolgt so brauchtest Du jetzt nicht diese
lamentable Höllenlitanei statt des Morgensegens zu beten Dein blankes glattes
Mädel gehörte dahin wohin ich sie Dir zu verhandeln riet als es mit dem
Trödel nicht mehr vorwärts gehen wollte Dort wäre sie gut aufgehoben gewesen
und Dein Lebetage hättest Du nichts von den Dummheiten erfahren die im
vergangenen Jahrhundert Deine hochgeborene Sippschaft beging  Aber Du wolltest
flugs mit Gewalt reich werden ließest Dich mit dem flinken Gelbschnabel ein
der zum Unglück Dein Bruder sein musste und so kamst Du in diesen zähen Morast
in dem wir jetzt Beide bis an den Hals stecken«
    »Gottes Finger Gottes Finger« rief KlütkenHannes beide Hände über sein
Gesicht schlagend »Ich fühle wie er meinen Scheitel berührt  wie er im
sündhaften Sohne die Verbrechen des sündhaften Vaters strafen und sühnen will«
    »Das muss ein sehr widerliches Gefühl sein mit Verlaub« erwiderte
Blutrüssel höhnisch »ungefähr so widerlich als ein nüchterner Magen der sich
nach einem derben Stück Fleisch und einem kräftigen Glas Porter sehnt  Teufel
noch mal ich glaube die Bestien wollen uns Hungers sterben lassen«
    Er sprang von seinem Lager auf und suchte KlütkenHannes der schon früher
aufgestanden war und ruhelos im Kerker auf und niederging den Weg zu
vertreten Dieser wich ihm aber geflissentlich aus um alle Reibung zu
verhindern und durch die frechen und höhnischen Bemerkungen des gänzlich
demoralisirten Mörders gereizt nicht zu Tätlichkeiten veranlasst zu werden
    KlütkenHannes im tiefsten Innersten erschüttert durch die furchtbaren
Aufschlüsse über seine Abstammung und sein Verhältnis zu der Familie der Grafen
Boberstein bereute jetzt wirklich sein unseliges Leben seinen sträflichen
Leichtsinn seine habgierige Verblendung Ihm graute vor sich selbst wenn er
seine jüngste Vergangenheit überblickte denn wohin er sein zitterndes Auge
wandte überall begegnete er einer rohen Gewalttatt oder einem heimlichen
Frevel Verkäufer seines eigenen Kindes  wüster Säufer  frecher Gotteslästerer
 gewissenloser Heuchler  und endlich gedungener Mörder  Alle Sünden und
Laster der weiten Welt fühlte er bei dieser Rundschau auf sich lasten ja Satan
selbst schien ihm nicht entsetzlicher nicht fluch und verabscheuungswürdiger
zu sein als er der verachtete Trödler der Sohn einer frommen
rechtschaffenen liebenswürdigen Mutter aus altem Geschlecht
    »Und sie lebt noch« rief er wie wahnsinnig »Sie muss leben um den
grauenvollen Untergang ihres heissbeweinten Sohnes zu sehen  O dass ein Blitz
mich tödtete und meinen Leib in Asche verwandelte damit die Winde jedes
Stäubchen von mir spurlos in alle Lüfte zerstreuten«
    Drei Tage lang wiederholten sich diese Klagen des bedauernswerten Mannes
In dieser ganzen Zeit vermied er jede Gemeinschaft mit seinem verbrecherischen
Genossen obwohl er gezwungen war stets um ihn zu sein Blutrüssel ward dadurch
sehr erbittert doch ließ er sich nichts merken da er sehr richtig voraussah
dass KlütkenHannes neuen Verkehr mit ihm anknüpfen werde sobald er die ersten
tobenden Stürme der Verzweiflung überstanden haben würde
    Der abgefeimte Bösewicht hatte sich nicht getäuscht Schon am Abend des
dritten Tages gab Hertas Sohn auf seine Fragen zusammenhängendere Antworten
was der ergraute Sünder für ein günstiges Zeichen hielt Er hatte neue Pläne
entworfen und wollte diese nunmehr seinem Genossen mitteilen doch verschob er
dies bis auf den künftigen Tag um recht sicher zu gehen
    KlütkenHannes war am nächsten Morgen demselben wo Herta in Begleitung
ihrer geliebten Verwandten nach Boberstein abreiste um den verlorenen Sohn
nochmals zu sehen niedergeschlagen und schweigsam Dennoch trank er
unaufgefordert von dem Branntwein den sie zum Frühstück erhalten hatten
Blutrüssel merkte dass sein Vertrauter und ehemaliger Freund lebhafter ward und
glaubte diesen Moment benutzen zu müssen So freundlich lachend als es ihm bei
seiner abschreckenden Gesichtsbildung möglich war sagte er
    »Wenn wir klug sind und uns Einer auf den Andern verlassen so können wir in
ein paar Tagen wieder unsere eigenen Herren sein«
    »Daran liegt mir nichts« erwiderte KlütkenHannes »Habe ich gefrevelt so
will ich auch jetzt Strafe dafür leiden«
    »Und Dich aufknüpfen oder was noch wahrscheinlicher ist von unten auf
rädern lassen Denn das ist jetzt Sitte in manchen civilisirten Staaten Ich
sage Dir Du hast einen schlechten Geschmack Aus dass Du bessere Einfälle
bekommst  stoss an«
    »Mit Dir  Nun und nimmermehr und sollte es mir die Seligkeit losten«
    Blutrüssel setzte sein Glas vor sich hin und warf dem Reuigen wilde Blicke
zu
    »Weshalb nicht« sagte er barsch »Bin ich Dir nicht gut genug«
    KlütkenHannes saß mit untergestemmtem Arm am Tische runzelte die
blatternarbige Stirn und trank häufig kurze Züge aus seinem vollen Glase
    »Antwort verlange ich« rief der Bösewicht heiser kreischend und stieß sein
Gegenüber unsanft an »Ob ich Dir nicht mehr gut genug bin Herr  Bettelgraf
frag ich«
    »Du bist mein böser Geist« versetzte dumpf und ernst Hertas Sohn
    »Ha ha ha« lachte Blutrüssel »Weil der Narr jetzt weiß dass er aus
anderm Teig geknetet ward als ich und Hunderttausend meines Gleichen und weil
ich so gescheidt war einen talentvollen Jungen bei Zeiten ins harte Leben
hineinzustossen damit er auch Einer der Unsrigen ein armer Teufel werde der
von seinem Erwerb sich das Leben fristen muss deshalb bin ich jetzt sein böser
Geist  Hans alter Hans ich siehst Du ich finde das lächerlich«
    »Ich aber fürchterlich unaussprechlich grauenvoll« sagte KlütkenHannes
mit demselben ernsten und dumpfen Tone in dem er das Gespräch begonnen hatte
während er immerfort von dem Glase nippte
    »Vergiss was vorüber ist und schau vorwärts Ein rechter Kerl kümmert sich
den Henker um die Vergangenheit«
    »Auch nicht um seinen Vater seine Mutter«
    »Um diese schon gar nicht denn sie gehen ihn nichts an wenn er sich so
lange wie Du allein und ohne Hilfe in der Welt hat fortelfen müssen«
    »Ohne Dich wäre ich glücklich wäre ich ein guter Mensch ein dankbarer Sohn
geworden«
    »Oho« rief Blutrüssel »Am Ende soll ich gar daran Schuld sein dass Du Dein
liebes Brüderchen den Mohrenkopf mit Gift vergeben wolltest«
    »Bei der ewigen Pein das bist Du«
    »Kellerhaus« drohte Blutrüssel und ballte die Hand gegen ihn »Trödelbube
mach mich nicht mürrisch«
    »Ja« fuhr KlütkenHannes fort mit der Faust auf den Tisch schlagend »Du
bist es der mich um Zeit und Ewigkeit gebracht hat Du  Von Dir fordere ich
mein verlorenes Leben Dich werde ich dereinst vor dem ewigen Richter
verklagen«
    »Der kennt mich nicht so gut ich ihn nicht kenne« höhnte der Mörder »und
überdies da ich nicht zu seiner Gerichtsbarkeit gehöre lache ich Deiner
Klage«
    »Gotteslästerer« murmelte KlütkenHannes »Seine Hand wird Dich ereilen
ehe Du es vermutest«
    »Ach das ist gut« erwiderte der Bösewicht »Du fängst schon an zu predigen
 und wirst mich mithin belehren wenn wir uns noch einige Wochen Gesellschaft
leisten sollten«
    »Dann erwürge ich Dich«
    »Im Schlafe nicht wahr Denn wachend fürchte meine Kralle«
    »Mörder meines Großvaters« sagte KlütkenHannes dumpf vor sich hin und
schauderte unwillkürlich zusammen »Und mit ihm muss ich den Kerker teilen«
    »Ein witziger Einfall fürwahr Aber warum war auch Dein Großpapa so albern
und lief mir in den Weg da ich eben beschäftigt war mir ein paar Honigwaben zu
holen Du wirst zugeben dass dies höchst unklug war von dem Fürsten der Heide
Übrigens aber meine Hand darauf ich tat damals nichts mehr nur mit etwas
besserem Glück und mit wenigeren Umständen als Du neulich tun wolltest Ich
handelte im Auftrage des Herrn Grafen Magnus Du aber  nun Herr Bruder in
diabolo was beliebten denn Ew gräfl Gnaden zu beginnen«
    »Mord Mord Nichts als Mord und Todtschlag« rief Hertas Sohn
händeringend »Mord an Eltern Brüdern Verwandten «
    »Noch nicht aber es kann dahin kommen« sagte Blutrüssel trocken »Wer
Nesseln sät der ärndtet Nesseln und das Zeug brennt wie Feuer wenns recht
gedeiht Ha und Du bist gediehen teufelmässig gediehen«
    Und das Scheusal fiel in ein so fürchterliches Hohngelächter dass
KlütkenHannes aufsprang und mit zorniger Miene dem Unholde näher trat
    »Vermaledeiter Hund« schrie er ihm zu »Du höhnst mich noch Du wagst zu
lachen wenn sich die Haare einzeln auf meinem Scheitel bäumen über das
grauenvolle Verhängnis das an meinem Geschlechte nagt An dessen Sturze ich
elender Verführter unwissenderweise mitgearbeitet habe«
    »Wenn Ew Gnaden erlauben so lache ich« versetzte Blutrüssel »Denn es
macht mir Vergnügen zu sehen dass meine Aussaat so vortreffliche Früchte
getragen hat Auf Du und Du mit einem Grafensohne leben noch dazu mit dem
Sprösslinge des übermütigsten Aristokraten der je einen Wappenring am Finger
und goldene Sporen an den Fersen trug mit einem Sohne des Mannes der alle
übrigen Menschen nur als Spielpuppen seiner Laune behandelte und kein größeres
Unglück kannte als Armut Mangel niedere Geburt und schlechte Gesellschaft 
was die Großen so nennen  ja bei dem Fluch aller Flüche das macht mir
Vergnügen das ergetzt mich wies etwa den Teufel ergetzen mag wenn er ein
schuldloses Seelchen in sein Netz gelockt hat«
    Mit harter Faust packte KlütkenHannes seinen Verführer am Arm und
schüttelte ihn heftig indem er ihm zurief
    »Du kanntest also meine Abstammung Du wusstest wirklich dass eine
verzweifelte Mutter um mich weinte«
    »Ob ich es wusste «
    »Und hattest kein Mitleid mit ihr mit mir«
    »Ich hatte Geld viel Geld gnädiger Herr Graf und Mitgefangener und wenn
ich Geld hatte so kannte ich das Wort Mitleid niemals«
    »Wie kam es dass Du mich späterhin verliessest« fuhr KlütkenHannes mit
kalter Inquisitorstimme fort den abscheulichen Mörder zu verhören »Denn ich
erinnere mich erst Dich in späteren Jahren als ich schon Komptoirdiener war
gesehen zu haben«
    »Das ging sehr einfach zu mein Vortrefflichster Du warst ein hübscher
kräftiger Junge mit prächtigen Haaren und einem allerliebsten frischen
Gesichtchen Eine herumziehende Schauspielerbande fand Dich liebenswürdig
machte mir annehmbare Anträge und so schlug ich Dich für ein gutes Handgeld los
Du wirst billig sein und mir dies nicht verdenken  Ich hatte es satt die
Kindermuhme zu spielen und Dich bei meinen Wanderungen auf den Armen
herumzuschleppen Im Grunde bist Du mir sogar vielen Dank dafür schuldig denn
ich konnte Dich straf mich Gott abstechen wie eine Gans die Vollmacht dazu
war mir gegeben Aber ich hatte mich in Dein Lärvchen vergafft und so ließ ich
Dich denn leben«
    »Um mich langsam und desto sicherer zu töten Um mich dem ewigen Verderben
zu opfern« rief KlütkenHannes aus »Und dafür meinst Du dafür soll ich Dir
jetzt dankbar sein«
    »Als guter und treuer Kumpan beim Element ja Das ist Sitte und Brauch bei
allen honetten Leuten«
    »Wir sind nicht honette Leute wird sind Elende  Verbrecher«
    »Oho Verbrecher sind auch honett Oder haben wir nicht honett gehandelt mit
 mit  den beiden Brüdern«
    KlütkenHannes fühlte das sein Blut sich mehr und mehr empörte Er
vermochte sich nicht mehr zu zügeln Einen Schritt zurücktretend knirschte er
mit den Zähnen und spie dem Abscheulichen den Geifer der Wut ins Gesicht
    »Nimm das für Deine Judasdienste« rief er ihm zu »und verflucht will ich
sein wenn ich von dieser Stund an noch einen Bissen Brod mit Dir teile Wenn
ich je wieder Deine vermaledeite Hand berühre«
    »Nun so sei verflucht« erwiderte Blutrüssel sprang auf ergriff sein
Branntweinglas schlug den Rand desselben an der Tischkante ab und stürzte
brüllend wie ein wütender Tiger auf ihn zu
    Hertas Sohn hatte einen so ungestümen Angriff nicht erwartet Ohne Waffe
ungeübt im Ring und Faustkampfe überdies von dem häufigen Genuss starken
Branntweins geschwächt vermochte er dem Anstürmen des wütend gemachten Mörders
kaum zu begegnen Er empfing rasch hinter einander mehrere empfindliche Stöße
mit dem scharfen Fuß des zerbrochenen Glases und sah Hände Arme und Gesicht
alsbald von heißem Blute überströmt In der Angst ergriff er zwar einen Schemel
und wehrte sich tapfer gegen den Blut und Rachedurstigen Auch rief er mehrmals
laut schreiend um Hilfe Wenn aber auch Jemand in der Nähe gewesen wäre den
wimmernden Ruf würde er kaum gehört haben da das Rauschen der Maschine im
Erdgeschoss und das dumpfe Gesurr der Spindeln in den oberen Stockwerken jeden
andern Laut übertäubten
    Blutrüssel erhitzt bis zu sinnloser Wut gewandter als sein unglücklicher
Gegner und von diabolischer Mordlust erhitzt hetzte unter wildem Lachen unter
Fluchen und Lästern den Geängsteten aus einem Winkel in den andern entriss ihm
den Schemel da schon sein erster Stoß eine Flechse an der rechten Hand Klütkens
zerschnitten hatte und trieb nun mit raffinirter Grausamkeit sein wehrloses
Opfer in den äußersten Winkel des Kerkers Ohn Aufhören versetzte er dem
Jammernden rasche Stöße mit dem scharfen Glase auf Schenkel Arme Brust und
Kopf so dass er aus hundert Wunden blutete und kaum mehr einen Schatten seines
wütenden Gegners sah In die Ecke gedrängt stürzte er erschöpft zu Boden
Blutrüssel warf sich auf ihn kniete dem Halbbewusstlosen auf die Brust und
fletschte tierartig lachend die Zähne
    »Recht so mein Honigpüppchen« sagte der Schreckliche indem er ihm mit
furchtbarem Stosse die Lippen abschnitt »das wird Dich satt machen für immer und
Dich verhindern honetten Leuten wieder ins Gesicht zu speien  So  Du
hattest ja die Spitzgläser lieb gib ihm noch einen innigen Kuss  Ha wie das
rieselt  Das hilft fürs Ausplaudern «
    Blutrüssel zerriss dem Vater Elwirens die Zunge  Der Unglückliche röchelte
nur noch aber seine Hände wischten das Blut von den Augen die mit
vorwurfsvollem entsetzlichen Ausdruck den Mörder anstierten Dieser erbebte vor
diesem kalten glänzenden wie aus einer andern Welt aufleuchtenden Blick
    »Ha« rief er aus »Willst Du gleich die Deckel schließen Satanskind
Willst Du«
    Der Sterbende hörte ihn nicht mehr Die Augen stierten weit geöffnet und
regungslos den Entmentschten an
    »Nun so empfangt von mir die Sargnägel« tobte Blutrüssel in der Raserei des
Mordens und schlug mit zwei furchtbaren Schlägen das spitze Glas dem jahrelangen
Genossen in beide Augenhöhlen Die Stöße waren so gewaltig dass ihm das Blut ins
Gesicht spritzte KlütkenHannes zuckte noch einige Male und verschied
    Jetzt erst kehrte dem blutbesudelten Mörder die Besinnung zurück Er
entsetzte sich vor seiner grässlichen Tat und die Angst der Verzweiflung kam
über ihn Die innere Qual zu betäuben trank er rasch den noch vorrätigen Rest
des Branntweins aus setzte sich dann den Rücken gegen den Ermordeten gewendet
auf den Tisch und starrte in dumpfes Hinbrüten verloren das vergitterte
Fenster an um dessen steinernes Kreuz sich dann und wann der Schatten einer
Rauchwolke schlang die von den hohen Schornsteinen in den hellblauen Himmel
emporwirbelte
    Der verzweifelte Mörder hatte noch kaum zehn Minuten in dieser Stellung
verharrt da nahten sich Tritte und er hörte das Klirren von Schlüsseln
Zusammenschaudernd sprang er von dem Tische trat zurück und lehnte sich im
äußersten Winkel des Gewölbes an die kalte trockene Steinwand
    In diesem Augenblicke knarrte der Schlüssel im Schloss und die Tür ward
geöffnet
 
                                Viertes Kapitel
                                  Der Besuch
Der Eintretende war Vollbrecht Er blieb unter der Türe stehen und wunderte
sich über die Ruhe der beiden Gefangenen von denen er keinen erblickte
    »KlütkenHannes« rief er nach kurzer Pause »Wo bist Du Man will Dich
besuchen«
    Keine Antwort Vollbrecht ließ jetzt seine Augen nochmals durch den etwas
düstern Kerker schweifen und bemerkte die unsicheren Umrisse von Blutrüssels
Gestalt der regungslos an der Wand lehnte
    »Es ist sehr ungezogen von Euch« fuhr er fort »dass Ihr für die gute
Behandlung die Euch zu Teil wird nicht einmal so viel Erkenntlichkeit habt
um auf eine Frage Antwort zu geben Wer steht dort an der Wand Und wohin hat
sich der andere Schelm verkrochen«
    Jetzt erhob sich der Mörder und ging mit wankenden Schritten nach der Tür
Zugleich trat Aurel neben Vollbrecht Man konnte das Schluchzen Hertas die
hinter ihm stand hören
    »KlütkenHannes Unglücklicher Bruder« sagte der Kapitän gerührt und mit
weicher Stimme »Tritt hervor aus der Dunkelheit und reiche mir Deine Hand Ich
möchte Dich gern einem Wesen zuführen das Dir teuer sein muss das Dich noch
einmal umarmen und wenn auch unter bitteren Schmerzenstränen verzeihend
sühnend segnend seine zitternde Hand auf Dein sündiges Haupt legen will Armer
beklagenswerter Mann Deine Mutter  will Dich sehen«
    Beide Männer traten jetzt in den Kerker Blutrüssel den die entsetzliche
Wucht des eben verübten Verbrechens fast zu Boden drückte stöhnte in
unarticulirten Tönen und schüttelte sein wüstes blutbeflecktes Haupt wie ein
wildes Tier
    »Tritt zurück Kannibale« befahl Aurel seiden Arm mit Abscheu gegen den
Unmenschen ausstreckend »Wo ist Dein Gefährte«
    »Er  schläft murmelte der Mörder«
    »Wo aber Das Lager ist ja leer«
    »Dort  hinter  dem Ofen« stotterte Blutrüssel indem er sich wieder
auf den Tisch setzte der unter seiner Körperlast knackte
    »Dort« wiederholte der Kapitän schnell gegen den Ofen vorschreitend »Ist
ihm etwas zugestoßen«
    »Beim Teufel ja« schrie Blutrüssel in einem Anfalle wahnsinnigen Humors auf
und brach in ein schallendes Gelächter aus »Es ist ihm so viel zugestoßen dass
er sich verblutet hat«
    Diese scharf und gellend ausgestossenen Worte vernahm Herta Sogleich folgte
sie den vorangegangenen Männern in den Kerker stützte sich auf Vollbrechts Arm
und sagte leise zu dem Geschäftsführer
    »Kommen Sie kommen Sie ehe er stirbt«
    Aurel stieß an die Füße des Getödteten Er kniete nieder ergriff seine
Hand sah die Blutlache die ihn umgab und wie ein dunkelroter Saum die tiefe
Wandseite umfing er entdeckte die zahllosen Wundenmale die blutigen tiefen
schrecklichen Augenhöhlen des grausam Gemordeten
    »O Gott« rief er aus mit schnellem Griff eine der Matratzen erfassend und
sie mitleidig über den Verstümmelten werfend »Seine Leiden sind vorüber man
hat ihn getötet«
    Obwohl Aurel nur leise sprach konnte Herta doch den Sinn seiner Worte
erfassen und mit dem jammernden Weheruf »getötet« stand sie an Aurels Seite
neben dem entseelten Schlachtopfer der Mordlust Blutrüssels
    »Lassen Sie uns gehen teuerste Tante« bat der Kapitän indem er die
unglückliche vor Entsetzen bebende Mutter sanft umfasste »Dieser Anblick ist
nicht für Frauen denn hier hat die Hölle selbst eine ihrer grässlichsten Taten
vollbracht«
    Allein Herta ließ sich nicht zurückhalten Ohne auf die Bitten Aurels zu
hören sank sie in die Knie streckte ihre mageren weißen Hände nach der Matratze
aus hob sie langsam empor und heftete ihre in Tränen schwimmenden Augen auf
das blutbedeckte von Mörderhand zersetzte Antlitz des Mannes in dem sie ihren
Sohn wieder erkennen wollte Lange betrachtete sie den verstümmelten in
schmutzige Kleider gehüllten Leichnam die Tränen versiegten ihre Augen
brannten  Dann faltete sie die Hände als wolle sie beten ihre Lippen
bewegten sich und indem sie ihr Gesicht tief herabbeugte über den noch
rauchenden blutigen Leichnam des Erschlagenen schlug sie ein Kreuz über seine
Stirn und sagte
    »So ruhe wohl Kind der Schmach und des Unglücks Möge der Segen Deiner
armen Mutter von deren Herzen Dich unbarmherzige Räuberhände rissen die
Pforten des Himmels Dir erschließen und Dir Vergebung Deiner Frevel bei dem
Allbarmherzigen erwirken«
    Kaum hatte die erschütterte Dame diese Worte geflüstert so verließen sie
die Kräfte Sie brach zusammen sank vorwärts auf die Leiche des Sohnes und
tauchte ihre weichen erbleichenden Locken in das warme Blut des eigenen Kindes

    Aurel hob die Ohnmächtige schnell auf und legte sie in die Arme Vollbrechts
der vor dieser unerhörten Freveltat verstummt war
    »Schützen Sie die Arme« sagte er »ich muss noch ehe wir diese Blutöhle
verlassen ein Wort mit diesem Bösewicht sprechen«
    Blutrüssel saß noch immer regungslos auf dem Tische die schrecklich
rollenden Augen scheu zu Boden schlagend Seine blutigen Hände hatte er in die
Seitentasche der Jacke gesteckt die ebenfals mit Blut besudelt war
    »Aus welchem Grunde hast Du Deinen Genossen getötet« fragte der Kapitan
streng und kalt »Hattet Ihr Streit mit einander
    »Es mochte so was sein denn er spie mir ins Gesicht«
    »Du bekennst Dich also zu seinem Mörder«
    »Was hilfts Läugnen wenn es unmöglich ist« grinste der Entsetzliche
    »Unglücklicher« sagte Aurel »Zwei ja dreifacher Mörder Erhebe Deine
rollenden Augen und sieh hin auf dies trauernde dem Grabe zuwankende Weib
Kennst Du die Arme«
    »Es mag wohl die gefallene Gräfin sein« versetzte der Mörder mit kalter
Gleichgiltigkeit »Ich erkenne sie an der Art die Haare zu tragen Als sie jung
war hätte ich was drum gegeben wenn es mir erlaubt gewesen wäre ihr eine
Locke zu rauben Aber das eitle Ding fand mich zu hässlich und dafür schwur ich
ihr Rache«
    »Du hast Deinen Schwur gehalten Entsetzlicher Denn nicht allein ihren
Vater erschlugst Du meuchelmörderisch Du raubtest ihr auch ihren Sohn
verführtest ihn zu grauenhaftem Lasterleben und als Du ihn herabgezogen hattest
in Deine Lebenskreise als Du ihn zum Morden verleitet erschlugst Du auch ihn
 Elender hörst Du nicht den Rachegesang der Furien die in engerem und immer
engerem Kreise Dich umschleichen«
    Zwar hatte den mordgewöhnten Bösewicht die grässliche Bluttat selbst
überrascht und ihn wie wir gesehen haben in eine geistige Dumpfheit
hinabgedrückt die ihn vielleicht die strafende Stimme des Gewissens auf einige
Augenblicke vernehmen ließ Allein Blutrüssel war zu sehr an alle Arten von
Verbrechen gewöhnt er hatte von Jugend auf im Schlamm der tiefsten
Lasterhaftigkeit gelebt die raffinirtesten Sünden hatten ihn ergetzt es war
ihm Genuss Zerstreuung gewesen bald hier bald dort eine neue Übeltat zu
begehen oder ihr wenigstens Vorschub zu leisten dass ein Aufzählen seiner
Schandtaten den Verstockten jetzt unmöglich einschüchtern und bis zu wahrhafter
Reue zerknirschen konnte Deshalb schleuderte er auch dem Kapitän nach diesen
vermahnenden Worten einen Blick der tiefsten Verachtung aus seinen hässlichen
Augen zu zuckte kaltblütig mit den Achseln und erwiderte
    »Auf dieser curiosen Welt hat Jeglicher sein Geschäft Wer das gut besorgt
und zu einigem Aufschwung bringt der wird belobt Wozu also Ihr jammervoller
Lärm Raub und Mord war mein Geschäft der Herr Vater dieser Dame den ich
zuletzt nach Verdienst das Lebenslicht ausblies hat mich darin unterrichtet und
war immer zufrieden mit der Ausführung seiner Aufträge Ich finde es daher ganz
ordnungsmässig dass ich auch den Enkel abtue wenn er mir nicht mehr gefällt
Immer besser von der Hand eines geübten Mörders zu sterben als von einem
Stümper geschlachtet zu werden Ich habs getan und ich meine das Werk soll
den Meister loben Basta«
    Blutrüssel hatte seine ganze Frechheit während dieser Gegenrede wieder
erlangt Er fühlte sich sicher ja in gewissem Sinne groß und stolz und ohne
sich weiter um den Kapitän und seine Begleiter zu kümmern sprang er vom Tische
und schritt wie ein wildes Tier im Kerker auf und nieder
    »Nun so zittere« sagte empört über die Rohheit des Mörders der Kapitän
»Für Dich keine Gnade kein Erbarmen Für Dich die härteste Strafe des
Gesetzes«
    »Bah« lachte Blutrüssel »Es kostet doch weiter nichts als den Kopf und
der ist bei mir grau und alt genug um abgeschüttelt zu werden«
    Heiseres Lachen begleitete diese höhnischen Worte Aurel fühlte wie ein
unabweisbares Grauen vor diesem Scheusal sich seiner bemächtigte und da er sah
dass Herta sich wieder zu regen begann fasste er sie unterm Arm und geleitete die
zum Leben Erwachende mit Vollbrechts Hilfe aus dem Kerker
    »Schliessen Sie den Wüterich fest ein« befahl er »und lassen Sie ein paar
sichere Leute vor die äußere Tür stellen denn dieses Scheusal soll der Strafe
nicht entgehen«
    Mit größter Schonung führten die beiden Männer die noch halb bewusslose Herta
zurück in Vollbrechts Wohnung wo Elwire in Biancas Gesellschaft die Großmutter
mit Unruhe erwartete Zärtlich liebreich und voll kindlicher Sanftmut schloss
die jugendliche Braut die Zitternde in ihre Arme benetzte ihr Stirn und Lippen
mit stärkenden Essenzen und suchte sie durch freundlichen Zuspruch zu trösten
Herta beobachtete ein tiefes Schweigen über das was sie gesehen hatte und so
hielt es auch Aurel für besser vor der Hand der Tochter das schreckliche Ende
ihres unglücklichen Vaters noch zu verschweigen
    Blutrüssel aber erhob grinsend seinen Kopf bei den letzten Worten des
Kapitäns und sah mit gleichgiltigem Lächeln die Tür verschließen
    »Nicht entgehen soll ich der Strafe« wiederholte er »Meinst Du weil Du
Graf bist werde das Gericht Dir schneller zu Handen sein Dummkopf das weiß
ich besser «
    Hastig schritt er einigemal im Gewölbe auf und nieder Das brausende Stöhnen
der Maschine hinter der tönenden Wand und die verworrenen Stimmen mehrerer
Menschen die in der Maschinenkammer laut mit einander sprachen machte ihn
aufmerksam Er blieb stehen und horchte
    »Wachen wollen Sie mir vor die Tür stellen Ha ha ha als ob es möglich
wäre diese Schlösser und Riegel zu sprengen mit den bloßen Händen  Wacht
immerhin meine abschreckende Physiognomie soll Euch nicht in die Flucht
schlagen  Aber meinen Kopf sollt Ihr doch nicht in Eurer Schlinge fangen «
    Auf den Zehen als fürchte er gehört zu werden schlich jetzt der blutige
Mörder nach der Wand hinter welcher die Maschine stampfte und fauste Geraume
Zeit legte er sein Ohr an das Gestein um zu horchen Dann richtete er sich
wieder auf und fletschte die hässlichen Zähne wie zum Hohn
    »Sie sind fort« sprach er nachdenkend »aber es waren Menschen da was ein
Beweis ist dass hinter dieser Wand ein Raum sich befindet den man betreten
kann«
    Seine vorstehenden Augen liefen forschend über das graue Gestein und mit
gekrümmten Fingern pochte er mehrmals daran
    »Kein Zweifel« fuhr er fort »es ist eine Wand aus Ziegelsteinen  Sie
kann nicht dick sein sonst könnte ich die Stimmen der Sprechenden nicht so
deutlich gehört haben  Das Rauschen und Lärmen der Maschinen ist sehr
vorteilhaft  es überschallt vorsichtig geführte Schläge  es unterstützt mein
Vorhaben Eine Feuerzange ist zwar ein sehr unvollkommenes Brecheisen indes 
in der Hand eines klugen Mannes kann sie eine Spitzhaue ersetzen  Wir wollen
es versuchen sobald es Nacht geworden und Satan müsste seine besten Gesellen
auf Urlaub schicken wenn ich den Narren nicht vor Tagesanbruch entschlüpfen
könnte Der Teufel soll mir den Kopf abbeissen wo ich mich nicht befreie«
    Diesen Plan in seinem verbrecherischen Gehirn ausbildend setzte sich
Blutrüssel ruhig wieder auf seinen Schemel und vertrieb sich die Zeit so gut
als es gehen wollte durch Absingung unsittlicher Lieder
 
                                Fünftes Kapitel
                           Die verhängnisvolle Nacht
Um die Mittagsstunde trat Aurel in die Hütte Martells die schon seit einiger
Zeit häufig der Versammlungsort derjenigen gewesen war die sich als Verbündete
die Hand gereicht hatten Der Kapitän war bei seiner Ankunft am Morgen nur auf
Augenblicke bei seinem Halbbruder eingekehrt um ihm die Veranlassung seines
Besuches auf Boberstein zu melden Später hatte er wiederzukommen versprochen
um noch manches Wichtige mit dem ehemaligen Fabrikarbeiter zu besprechen
    Er traf die Familie nebst Gilbert bereits beim Mittagsmahle das noch immer
so einfach wie früher nur etwas reichlicher war da Aurel dem halsstarrigen
Halbbruder fast mit Gewalt Geld zu Bestreitung der nötigen Ausgaben
aufgedrungen hatte Man hätte glauben sollen ein so plötzlicher und
erfreulicher Glückswechsel müsse die ganze Familie in einen Jubel des Entzückens
versetzen denn sie ging ja mit vollkommener Gewissheit einer schöneren Zukunft
und einem Leben entgegen das ihren Augen als ein wahres Paradies erscheinen
musste Dem war jedoch nicht so Martell war nichts weniger als heiter eher
zeigte er sich jetzt noch mürrischer und verschlossener als früher und die
übrigen Glieder der Familie litten mehr oder weniger an den Folgen zu großer
Anstrengung und lange stillschweigend ertragenen Mangels Traugott war sogar
krank geworden mehr vielleicht aus freudigem Schreck als weil seine Lebenskraft
wirklich zur Neige ging Er lag hinter dem Ofen auf derselben Bank wo Hans
unter namenlosen Schmerzen seinen Geist im Arm der jammernden Mutter aufgegeben
hatte Die vielgelesene Bibel vor sich auf dem abgetragenen Pelze der ihm zur
Bettdecke diente und ein Gesangbuch daneben lag er mit vorgebeugtem Haupte um
das sein langes Haar in schimmerndem Silbergelock floss mit gefalteten Hände auf
dem Krankenbett und besiegte Zeit und Kummer durch gläubige Hingabe an das
ewige Wort der Verheißung
    Der entsetzliche Anblick im Kerker hatte Aurel so gewaltig erschüttert dass
sich der Schreck darüber noch jetzt in seinen Mienen aussprach Martell bemerkte
dies weshalb er ruhig sagte
    »Du hast etwas erlebt«
    »Etwas Unerhörtes« erwiderte der Kapitän aus Lores Händen den Schemel
annehmend den ihm die kränkelnde Frau an den Tisch schob
    »Herta ist ein Unglück begegnet« rief Martell »Ihr Herz brach beim Anblick
des maßlos Verwilderten«
    »Vielleicht wäre erfolgt was Du sagst hätte die Vorsehung nicht anders
über sie bestimmt Die Tante hat ihren Sohn nicht gesprochen sie hat ihn nur
sehen und weinend segnen können für ein besseres Leben Er war tot«
    »Tot Schon tot Und vor drei vier Tagen noch die Gesundheit selbst Wie
ist dies möglich«
    »Er starb an Gift« warf Gilbert ein »Kredenzte er Ihnen doch wiederholt
den vergifteten Trank wie ich mit eigenen Augen schaudernd sah«
    »O nein« sagte Aurel betrübt »er starb eines fürchterlichen qualvollen
Todes durch Mörderhand«
    »Blutrüssel erschlug ihn« rief Gilbert
    »Mein Gott welche Gräuel« sagte Lore »Und das heißt eine christliche
Welt«
    »Betet betet« flehte der greise Traugott »damit die Seele des
unvorbereitet Dahingegangenen Gnade finde vor dem Herrn«
    »Ich habe Auftrag gegeben« fuhr Aurel fort »den grässlich verstümmelten
Leichnam aus dem Kerker wo er jetzt noch liegt zu entfernen Sein Tod sühnt
seine Verbrechen Wir wollen dem Irrenden dem Verführten von Herzen verzeihen
und seine Gebeine ehrenvoll bestatten Obwohl ein tiefgesunkener Mensch war er
doch unser Bruder und sein Zwist mit dem Ungeheuer Blutrüssel dem er mit Recht
und in harten Ausdrücken seine moralische Verwilderung Schuld gab beweisst dass
er im Herzen sein sündhaftes Leben bereute und auf dem Wege war sich zu
bekehren Darum Friede seiner Asche und keinen Groll seinem Andenken«
    »Ist Adrian von dieser Mordtat unterrichtet« fragte Martell
    »Vollbrecht überbrachte ihm die Nachricht«
    »Wie nahm er sie auf«
    »Mit gewohnter Ruhe nur wollte der Geschäftsführer ein seltsames Glänzen
seiner kleinen Augen bemerkt haben«
    »Wohl denkbar der Tod des Bruders freut ihn« sagte Gilbert
    »Er kommt ihm wenigstens gelegen« versetzte Martell »Mit dem letzten
Atemzuge dieses Unglücklichen verschwindet auch der letzte Zeuge gegen ihn
denn Blutrüssel ist ein unschädlicher Mensch ja wer weiß «
    »Du ziehst die Stirn in Falten Welch ein Gedanke foltert Dich«
    »O nichts nichts Ich überlegte nur wie ich mich bei meinem Abschiede von
Adrian benehmen soll«
    »Bestehst Du noch immer darauf« sagte Lore »Wozu diese fortwährende Qual
Bleib fern vor der Insel und überlasse den der uns so viel Übles zugefügt hat
der Strafe seines Gewissens  Ich kenne Dich Martell ich weiß dass Du Dich in
bitteren Ärger hineinredest wenn Du eine geheime Zusammenkunft mit ihm hältst
darum also ich bitte Dich stehe davon ab und bleibe bei uns Noch vor Ostern
verlassen wir Dorf und Heide und siedeln uns über zu unserm treuen guten Bruder
und Schwager«
    »Ich muss zuvor Abrechnung halten« versetzte Martell trocken
    »Abrechnung Was hast Du denn noch zu fordern Es ist kein Lohn mehr
rückständig«
    »Das verstehst Du nicht« erwiderte der Spinner »Mein Herz mein Gewissen
meine und Eure Zukunft verlangen dass ich dennoch eine Abrechnung mit dem Manne
der Willkür und des Eigennutzes halte wie ich sie als Euer Oberhaupt und
Versorger zu fordern habe Also lass mich Lore und bringe mich nicht auf durch
Widerspruch Adrian ist überdies schon davon unterrichtet und erwartet mich«
    »Wann« fragte Aurel lebhaft
    »Heute Nacht«
    »Ich begleite Dich«
    »Bis zu Vollbrecht wenn Du willst aber nicht weiter bei meinem Zorne«
    »Martell« bat Lore
    »Bruder Du tust mir Unrecht« erwiderte Aurel »Will ich Dich denn
hindern Nein nur über Deine Sicherheit wachen wenn ein Hinterhalt Deiner
warten sollte«
    Martell lächelte unheimlich
    »Ich fürchte nichts« sagte er ruhig »aber Du magst mich begleiten wenn es
Dich beruhigt doch bestehe ich nochmals darauf dass Du meine Zusammenkunft mit
Adrian die mehrere Stunden dauern kann unter keiner Bedingung störst«
    »Wunderlicher einsinniger Mensch« versetzte Aurel »Wenn es nicht anders
sein kann so muss ich mich ja wohl fügen«
    Zur Bekräftigung seines Wortes reichte er Martell die Hand zugleich aber
wechselte er mit Gilbert einen bedeutungsvollen Blick den der kluge Matrose
vollkommen verstand 
    Die übrige Tageszeit brachte der Kapitän mit Besprechungen zu welche die
künftige Einrichtung seiner Halbgeschwister betrafen Martell nebst Frau sowie
Maja Simson und ihr Gatte bei dem Sloboda eingekehrt war nahmen lebhaften
Anteil daran Es ward beschlossen zum nahen Osterfeste bis wohin eine
Ausgleichung möglich war die bisherigen Wohnungen zu verlassen und diejenigen
Besitzungen zu beziehen welche Haideröschens Tochter also Maja rechtmäßig
zugehörten Dies waren der Zeiselhof nebst einigen dazu gehörigen Ortschaften
Vorwerken Meiereien und Mühlen Aurel wünschte dies schon deshalb weil er sich
möglichst bald mit Elwiren zu vermählen gedachte und alsdann wieder entweder
nach Hamburg oder in irgend eine andere große Stadt sich übersiedeln wollte da
ihm das stille und eintönige Leben eines Landedelmanns nicht für lange Zeit
behagen konnte
    Sloboda fühlte sich nunmehr wahrhaft glücklich Er konnte sich von der
Tochter seines geliebten Kindes gar nicht mehr trennen folgte ihr auf Schritt
und Tritt und war im Stande Stundenlang vor ihr zu sitzen sie mit seinen
gutmütigen hellblauen Augen fröhlich lächelnd zu betrachten und vergnügt sich
die Hände zu reiben Die Freude schien es hatte den Geist des alten Mannes so
heftig erschüttert dass eine sich meldende Verstandesschwäche eine Rückkehr in
die Kindheit kaum mehr zu bezweifeln stand Ihm war es daher auch ganz
gleichgültig wohin seine Enkel sich jetzt wendeten Nur immer bei ihnen zu
bleiben und ruhig die letzten Tage seines Lebens auf dem Boden der ihn geboren
hatte zu beschließen wünschte er sehnlichst und sprach es wiederholt aus
    Seltsamerweise ließ den ehrwürdigen Greis die Nachricht von dem
schrecklichen Ende Klütkens ganz unberührt Er nahm sie hin wie etwas
Alltägliches sah mit ernster Miene drein da er die bestürzten und betroffenen
Gesichter der Übrigen bemerkte aber sein Herz wusste offenbar nichts davon
    Diese schnelle unerwartete Verwandlung des alten Wenden machte seine Freunde
sehr besorgt um ihn und ließ sie stillschweigend der Aesserung Aurels
beistimmen welcher Gilbert zuflüsterte
    »Es geht eilig mit ihm zu Ende Deshalb müssen auch wir uns sputen«
    Gegen Abend kehrte Aurel auf die Insel zurück um Herta und Elwire nicht
länger allein ihren Gram zu überlassen Um Mitternacht wo Martell seine letzte
Zusammenkunft mit Adrian halten wollte versprach ihn der Kapitän am Ufer des
Sees zu treffen was der ehemalige Spinner zusagte Gilbert erhielt von Aurel
den Auftrag erst mit Martell aber ungesehen von ihm nach Boberstein zu kommen
und alsdann wo möglich das Zusammentreffen desselben mit dem Fabrikherrn zu
belauschen damit jedes Unglück verhindert werden könnte wenn ja die beiden
feindlichen Brüder einander Böses sollten zufügen wollen
    So waren menschlicher Berechnung nach alle Vorsichtsmassregeln getroffen um
einen etwa gefährlichen Plan des verschlossenen Spinners zu vereiteln und die
Sorge Aurels um beide Brüder verminderte sich merklich
    Herta und Elwire fand der Kapitän ziemlich gefasst in Biancas Gesellschaft
Er hütete sich wohl von der Ermordung des Unglücklichen zu sprechen aber es
freute ihn dass Elwire heiße Tränen des Andenkens dem unwürdigen Vater weinte

    Es war schon spät als Bianca die Trauernden verließ um in ihr noch nicht
gelöstes Dienstverhältniss zu Adrian zurückzukehren Sie hatte Herta entdeckt
welchen Frevel der Graf an ihrer Schwester begangen wie sie dafür Rache
genommen und welche qualvolle Strafe sie über den gewissenlosen Verführer
verhangen Sie versprach den hinlänglich Gestraften dem sie eine aufreibende
Neigung eingeflößt hatte zu Ostern für immer zu verlassen und in den Schoss
häuslichen Friedens bei ihren neu erworbenen Freunden zurückzukehren Von der
neuerdings beabsichtigten Vergiftung des inzwischen Ermordeten wozu sie die
Hand hatte reichen sollen schwieg sie
    Wie gewöhnlich versah auch Bianca an diesem Abend bei Tisch das Amt einer
Dienerin mit der ihr eigenen Anmut und Grazie Adrian suchte sich möglichst zu
beherrschen um nicht den schrecklichen Hohn der grausamen Schönen zu reizen und
sich durch eigene Schuld brennende Schmerzen zu bereiten allein ganz vermochte
er seinem Vorsatze nicht treu zu bleiben und so suchte denn sein Blick mehr als
einmal mit flehender Sehnsucht das diabolisch lächelnde Auge seiner entzückenden
Peinigerin
    Von dieser unseligen Leidenschaft abgesehen war Adrian seit Mittag ein fast
heiterer und glücklicher Mensch geworden Der Tod KlütkenHannes entriss ihn
plötzlich aller Sorge Der gefürchtete Bruder war von Mörderhand gefallen ohne
dass er eine Ahnung davon gehabt hatte mit dem Ermordeten war das Geheimnis
begraben das ihm dem Grafen noch schwere Stunden und ein trübes Schicksal
hätte bereiten können Niemand konnte jetzt gegen ihn klagen ihn als Mörder
denunciren denn die etwaigen Aussagen Blutrüssels von dem er von jeher nichts
hatte wissen wollen konnten ihn selbst in keiner Weise compromittiren
    Bianca blieb bis nach zehn Uhr bei Adrian dann verabschiedete sie der Graf
indem er um die Vergünstigung bat sie küssen zu dürfen
    »Weshalb« fragte die Schöne »Sie wissen dass ich Sie hasse Ihnen alles
nur mögliche Böses wünsche dass ich so lange es mir vergönnt ist als Furie um
Ihr Lager wandeln werde Wie also können Sie mich küssen wollen«
    »Um Sie zu versöhnen armes verblendetes Kind Es ist dies ja meine
Pflicht Oder sehen Sie nicht ein dass ich das Unrecht welches ich Ihrer
Schwester zugefügt habe hier bemühte sich Adrian schwermütig zu seufzen an
Ihnen wider gut machen muss Ich bin nicht so schlecht als Sie und mit Ihnen so
viele meiner Feinde glauben Die Verhältnisse allein sind es die meinem
Charakter eine Richtung gegeben haben welche der allzustrenge Sittenrichter als
eine bösartige bezeichnen kann Sie sehen ich bin offen Bianca Ich gestehe
freimütig meine Schwächen und Untugenden ja ich bereue sie aufrichtig Und
dennoch stoßen Sie die Hand des Reuigen von sich kehren dem der sich bessern
will und nur einer liebevollen Leitung dazu bedarf verächtlich den Rücken  O
das ist nicht liebreich Bianca Das widerstreitet dem christlichen
Sittengesetz in dem wir doch Beide erzogen worden sind, so oft wir auch später
dagegen gefehlt haben mögen  Also  Vergebung Bianca Vergebung um der
Liebe willen die ja Alles heilt Alles söhnt Alles bindet Vergib mir und Du
erfüllst das Gebot Christi«
    Adrian erhob flehend seine Hände zu Bianca die stolz lächelnd vor ihm
stand
    »Bemühen Sie sich nicht weiter Herr Graf mich durch geübte Heuchelei und
wohl einstudirte Verstellung meinem Vorsatz abwendig machen zu wollen«
erwiderte sie höflich »Ich habe Sie durchschaut und lasse mich nicht von Ihnen
täuschen Ich weiß was ich von Ihrer Zerknirschung zu halten habe Ihrem
Wunsche gemäß bin ich in ihre Dienste getreten Diesen Diensten unterziehe ich
mich mit Aufopferung aller meiner Kräfte und mit größter Sorgfalt und
Pünktlichkeit Das ists was Sie von mir zu fordern haben was ich leisten muss
und leisten werde bis unser Abkommen zu Ende geht Ich würde Sie außerdem
meiden allein Sie wünschen meine Gegenwart und so bleibe ich denn Ihnen zur
Qual weil dies der Wille der Vorsehung ist Gute Nacht Herr Graf«
    Bianca ging Adrian war allein Die Fabrikuhr schlug halb elf
    »Ihre Liebe und ich wäre glücklich« murmelte der einsame von Allen
verlassene vornehme Mann »Aber sie ist ein Dämon  ein entzückender Dämon bei
dessen Erscheinen ich Himmel und Hölle zugleich in mir fühle  Diese Raserei
der Leidenschaft wird mich noch töten wenn ich dieser unnatürlich schönen
Gorgo nicht das Herz im Busen umwenden kann«
    Er machte einen Gang durchs Zimmer und trat dann ans Fenster um einen
Blick auf See und Heide zu werfen die im weichen bläulichen Silberlicht des
Mondes zauberisch glänzten
    »Wie die Stunden schleichen« rief er aus »Wäre es nur erst Mitternacht
damit ich den entsetzlichen Menschen für immer los würde  Diese Abrechnung
warum denn fürchte ich sie Warum schlägt mein Herz lebhafter wenn ich an sie
denke Warum überrieselt es mich kalt weil ich mit einem Manne den das
Ungefähr zu meinem Halbbruder gemacht hat in stiller Nacht einsam von Niemand
beschützt und bewacht ein ernstes Gespräch halten soll in einem Saale meiner
Fabrik  Wird er mich töten  Nein denn er ist ein ehrlicher obwohl
rachsüchtiger Mann Und er hat mir versprochen das was er seine Waffen nennt
so zu wählen dass die Vorteile auf beiden Seiten gleich verteilt sein sollen
 Warum also diese Furcht die mein Verstand töricht nennen muss  Warum
dieses Zweifeln das mich einer Feigheit bezüchtigt die ich doch früher nie
gekannt habe«
    Und Adrian setzte sich in trübes Nachdenken versunken in den weichsten
seiner Lehrstühle neigte den Kopf auf seine Hand und schloss die Augen So saß
er lange lange man hätte glauben können er schlafe wenn er sich nicht
bisweilen bewegt den Kopf geschüttelt oder tief und schwer Atem geholt hätte
 Allemal wenn die Schläge der Uhr in der völlig windstillen Nacht
verhallten richtete er sich auf und sah hinaus auf den See Dann nahm er seine
frühere halb nachdenkende halb ruhende Stellung wieder ein
    Als es zwei Viertel nach Eilf geschlagen hatte belebte sich der See Die
Arbeiter aus dem Dorfe ruderten sich nach der Insel um nach Mitternacht ihre
Brüder und Schwestern abzulösen
    Jetzt stand der Graf auf öffnete das Fenster und sah starr hinaus auf den
glitzernden See über welchen unter leise rauschenden Ruderschlägen die dunkeln
Nachen herüberglitten nach der Felseninsel Obwohl der Mond sehr hell schien
konnte er doch Niemand erkennen denn es flirrte ihm vor den Augen so regte ihn
die Erwartung auf
    Endlich landeten die Nachen die Arbeiter stiegen ans Land und schlugen
unter verworrenem Gespräch truppweise den Weg nach der Fabrik ein Adrian hörte
ein dreimaliges Händeklatschen
    »Er kommt« sagte er und sein bleiches aschfarbenes Gesicht wurde noch
bleicher und fahler Dann beantwortete er das Zeichen auf die nämliche Weise
Langsam schritt Martell als bereits sämtliche Arbeiter verschwunden waren
gegen Adrians Villa vor Seine hohe Gestalt war im vollen klaren Mondlicht
deutlich zu erkennen In größerer Entfernung unweit der Scheuer wo sich der Weg
aufwärts nach dem Felsen zog glaubte der Graf noch zwei andre Gestalten zu
bemerken doch konnte er nicht bestimmt sagen ob er sich nicht vielleicht
getäuscht habe Ihre Schatten verschwanden ebenfalls auf dem Sandwege zu den
Fabrikgebäuden
    Adrian beugte sich jetzt weit aus dem Fenster winkte Martell der unsern
des Hauses stehen blieb schloss das Fenster löschte die Lichter aus und verließ
sein Zimmer Vor Biancas Tür blieb er einige Augenblicke stehen und horchte Es
war still darin seufzend eine gute Nacht mit sehnsüchtiger Lippe lispelnd
schritt der Graf die Treppe hinunter schloss die Haustüre auf und sah sich dem
finsteren Halbbruder gegenüber 
    Zwischen Beiden ward kein Wort gewechselt Sie begrüßten sich nur mit
Blicken in denen Jeder die Gedanken des Andern zu lesen suchte Martell war
eben so bleich wie Adrian Hände und Arme zitterten ihm merklich Neben
einander fortschreitend schlugen sie den Weg nach der Fabrik ein
    Sie gingen sehr langsam um den Arbeitern nicht zu begegnen die sich im
Hofe versammelten und daselbst so lange warteten bis die Fabrikglocke das Ende
der Arbeitszeit verkündigte
    Mit dem Schlage zwölf standen sie unter dem ehemaligen Burgtore über
dessen gotischer Wölbung das verwitterte Wappen der Boberstein mit seinen
Emblemen und seiner colossalen Grafenkrone wie sich unsere Leser erinnern
werden noch sichtbar war
    »Zur Seite« sagte Martell das erste Wort welches die feindlichen Brüder
mit einander wechselten und deutete nach einer tiefen Mauerblende die wohl in
früherer Zeit als Wachtaus benutzt worden sein mochte Diese Blende lag im
Schatten und war geräumig genug um zwei bis drei Personen fassen und verbergen
zu können Die Brüder traten in die Vertiefung und ließ hier den Blicken
Aller entzogen die Schaar der abgelösten Arbeiter schweigend an sich
vorüberwandeln Erst als es wieder still geworden war verließen sie ihr
Versteck und betraten den fünfeckigen großen Hof der Fabrik
    Zwei pechschwarze Rauchwolken stiegen fast senkrecht aus den beiden
turmhohen Schornsteinen neigten sich aber durch einen seltsamen Zufall
welchen der Luftzug in den oberen Regionen der Atmosphäre herbeiführen mochte so
gegen einander dass sie ein colossales Kreuz bildeten welches tief schwarz und
unbeweglich gerade über dem Hofe stand und sich scharf gegen den glänzenden
Nachthimmel abzeichnete
    Adrian bemerkte dieses Kreuz zuerst blieb stehen und machte seinen
Begleiter darauf aufmerksam
    Gleichgiltig betrachtete es Martell sein fest verschlossener Mund verzog
sich zu einem matten Lächeln er zuckte die Achseln und ging nach der
Fabriktüre die zu seinem Saale führte Auf diesem Wege mussten sie an
Blutrüssels Kerker vorüber und Beiden schien es als belustige sich der
Gefangene damit dass er in einem gewissen Tacte Schläge gegen die Mauer führte
Sie beachteten indes dieses Geräusch durchaus nicht da sie mit sich selbst viel
zu beschäftigt waren
    An der Treppe blieb Martell stehen und lud Adrian durch eine Handbewegung
ein ihm voranzuschreiten Stirnrunzelnd und einen scharfen misstrauischen Blick
auf den Halbbruder werfend gab er dem Verlangen seines ehemaligen Spinners
nach In diesem Augenblicke schritten noch drei Männer durchs Tor auf den Hof
Diese waren Aurel Gilbert und Vollbrecht
    »Wo können die seltsamen Menschen hingegangen sein« sagte der Kapitän »Ich
sehe Niemand«
    »Ohne Zweifel in den Saal der Spinner deren Arbeiter nach strenger Weisung
des Herrn Grafen in dieser Nacht Urlaub erhalten haben« erwiderte Vollbrecht
    »Aber das ist ja unbegreiflich rätselhaft«
    »So lassen Sie uns eilen damit wir es enträtseln«
    Drei Minuten später erstiegen die drei Freunde dieselbe Treppe die so eben
erst unter den Fusstritten Martells und Adrians geseufzt hatte
 
                               Sechstes Kapitel
                                   Das Duell
Wir haben schon erwähnt dass die Nacht sternhell und still war Die halbvolle
Mondsichel goss ihr silbernes Licht in blendender Fülle über die schlummernde
Gegend und spiegelte sich in den zahllosen Fensterscheiben der Fabrik
    Zögernd betrat Adrian von Martell gefolgt den Spinnsaal Bei dem Anblick der
jetzt ruhenden Maschinen mit ihren tausend Rädern und Zangen mit den
unheimlichen Hebeln Stangen und Bügeln mit den gezahnten Wellen die sich in
Manneshöhe kreuzten und verbanden und auf deren polirtem Stahl jetzt der Mond
seine bleichen Flammen spielen ließ überlief den Herrn am Stein ein kalter
Schauer Noch niemals hatten seine Maschinen einen so gewaltigen so
grauenhaften Eindruck auf ihn gemacht Er dünkte sich in einen Gerichtssaal
versetzt um von unsichtbaren Geschworenen einstimmig und erbarmungslos verdammt
zu werden und schaudernd musste er des wüsten Traumes gedenken der ihn am
Morgen vor der Einbringung seiner verbrecherischen Söldlinge gefoltert hatte
    Ja das war derselbe Saal in dem er sich damals unter körperlosen Arbeitern
qualvoll wandeln sah So schwarzblau kalt und eisern glänzte in jener
Traumnacht über ihm der Himmel so hell und blendend und ohne Wärme schien der
Mond in die weiten Räume Genau so lange düstere ölige Flammen lohten aus den
gläsernen Lampenhüllen und verbreiteten einen widerlichen stinkenden Dunst im
öden menschenleeren Saale  Adrian blieb wie verzaubert an der Tür stehen und
richtete seine fragenden Blicke auf Martell
    Dieser lächelte winkte dem Halbbruder und schritt nun mit ihm den breiten
Gang entlang welcher den Saal in zwei gleiche Hälften schied bis etwa in
dessen Mitte Hier befanden sich hart neben einander die beiden Spindelfluchten
an denen Martell und Simson gearbeitet hatten von deren Kämmen dem kleinen Hans
der Fuß abgerissen worden war und wo Adrian Majas Tochter als Leiche dem
jammernden Vater zum Neujahrsgeschenk aufbewahrt hatte
    Man hörte das Surren der Maschinen aus den übrigen Sälen in denen
gearbeitet wurde das Sausen und Zischen des Dampfes und empfand das schütternde
Dröhnen des ganzen Gebäudes im Übrigen aber unterbrach kein Laut die
mitternächtliche Stille
    »Wir sind zu Stelle« sagte Martell »Hier ist der Ort wo Sie mir
Genugtuung geben werden Herr am Stein«
    Adrian verneigte sich zustimmend Zugleich erschienen Aurel Gilbert und
Vollbrecht an der Türe die sie nur angelehnt fanden Sie erkannten die beiden
gegeneinander überstehenden Brüder und konnten genau Alles beobachten was in
dem nun folgenden Auftritte sich zwischen Beiden zutrug
    »Sie haben mir Genugtuung zu geben versprochen« sagte Martell »und mir
Ort Zeit und Wahl der Waffen zu bestimmen überlassen nicht wahr«
    »Ich erinnere mich dessen noch deutlich da ich bei vollem Verstande bin«
    »Wie ich Ihnen schon sagte Herr am Stein bin ich kein Fechter ich kann
mich also nicht in hergebrachter Weise schlagen Ebenso müsste ich ein Duell mit
Pistolen ablehnen da mich Ihre brüderlichen Gifttränke zum alten zitternden
Manne gemacht haben und endlich konnte ich mich aus seltsamen Gewissenscrupeln
nicht entschließen an einem so liebevollen Bruder zum Mörder zu werden«
    »Es bedarf keiner Wiederholung Herr Martell da ich Sie nochmals
versichere dass ich mich genau des jüngst zwischen uns Verabredeten erinnere
Ich bitte kommen wir zur Sache«
    »Erlauben Sie Herr am Stein dass ich mich offen gegen Sie ausspreche denn
was ich von Ihnen begehre bedarf der Rechtfertigung«
    Martells Züge wurden jetzt finsterer seine Stimme drohend Er fuhr fort
    »Als mein Sohn unter diesen Walzen zum Krüpel gequetscht wurde um dann in
Folge grausamer Behandlung einem schmerzlichen Tode zu unterliegen da schwur
ich Ihnen Rache Ich wusste damals noch nicht dass ich Ihr Bruder sei dachte
auch gar nicht dass ein verbrecherisches Leben gewissenloser Eltern über ihre
eigenen Kinder solchen Erdenjammer verhängen dass sie sich in ihren Nachkommen
so grauenvoll selbst bestrafen könnten  Als ich es später erfuhr schwur ich
Ihnen abermals Rache denn ich glaubte das mir und den Meinigen zugefügte
Unrecht nur mit Ihrem Herzblut sühnen zu können  Noch vor ganz kurzer Zeit in
dem Augenblicke wo ich überzeugt ward dass Sie Mörder gedungen hatten die mich
heimlich und ohne dass es die Welt ahnen könne still bei Seite schaffen sollten
und dass einer dieser Mörder durch eine furchtbare Fügung des Schicksals oder der
Vorsehung des richtenden Gottes unser beider unglücklichster Bruder sei in
jenem erschütternden Augenblicke wiederholte ich meinen Racheschwur zum dritten
Male Ich wollte Abrechnung mit Ihnen halten nach altem Gesetz ich wollte Ihnen
Alles das wiedertun was Sie mir getan hatten aber  ich habe mich inzwischen
anders besonnen«
    »Sie wollen mir großmütig verzeihen« fiel Adrian wieder aufatmend ein
denn der Oeldunst des Saales die von Wollstaub geschwängerte Luft und die Angst
vor dem Kommenden das er nicht kannte nicht einmal ahnen konnte lasteten
erdrückend auf ihm »Das ist brüderlich gehandelt«
    »Verzeihen  Nein Herr am Stein Ich vermochte meine wilden Leidenschaften
zu zügeln meinen Zorn zu bändigen aber die aus meinem Herzen gerissene Liebe
diesem wiederzugeben das konnte ich nicht Das überstieg alles menschliche
Empfinden  Verzeihen kann ich Ihnen als schwacher unvollkommener Mensch nicht
aber  ich lege die Strafe in Ihre eigene Hand«
    »Wie das« fragte Adrian zögernd
    »Ihre Geschicklichkeit wird die Waffe sein mit der Sie gegen mich fechten
sollen«
    »Das verstehe ich nicht«
    »Ich werde es Ihnen sogleich erklären  Zu wiederholten Malen wenn ich und
meine armen Mitarbeiter untertänigst bittend zu Ihnen kamen um Ihnen
vorzustellen dass Verlängerung der Arbeitszeit einer Art Folter gleichzustellen
sei wiesen Sie uns bald mit harten Worten bald mit spöttischem Lächeln von
sich Sie glaubten uns nicht allein nicht Sie behaupteten sogar wir
verstellten uns nur um Ihnen höheren Lohn abzupressen Wir hatten gegen Sie
keine Waffen denn wir waren arm hingen von Ihnen ab standen in Ihren
Schuldbüchern waren mit einem Wort Ihre leib und seeleneigenen Knechte Ihre
weißen Sklaven  Wir fühlten diese Sklaverei um so tiefer je bestimmter wir
uns sagen mussten dass Rettung dh Fristung unseres jammervollen Daseins nur im
Fortbestehen dieses entwürdigenden unser Volk unser Jahrhundert unsere
Religion schändenden Verhältnisses zu suchen sei  Herr am Stein wir riefen es
uns hundertmal zu in schlaflosen Nächten dass man das Wort Freiheit zum
Schalksnarren gemacht dass man ihm die Knechtspeitsche in die Hand gegeben habe
und uns armes gedrücktes wehr und rechtloses Volk unbarmherzig damit geissele
 Dies Gefühl demütigte uns bald bald ergrimmte es uns und wenn wir murrten
gegen Ihr Regiment so war Sinn in diesem Murren Die getretene Menschennatur
setzte sich nur zur Wehr zur Notwehr Aber der Schwache hat immer Unrecht so
lange dem Gesetz die höhere Sittlichkeit gebricht vermöge welcher es auch über
Gewaltige Strafen verhängt wo sie es verdient haben Das Gesetz ist zur Zeit
der Gewalt zinsbar und straft nie ein Verbrechen das bloß an der Humanität
verübt wird Sie konnten also ungestraft sündigen und werden es vielleicht
späterhin noch oft weil Sie wissen dass Sie es dürfen Zuvor aber will ich Sie
für die an schuldlosen Menschen begangenen Verbrechen in meiner Weise strafen
und zwar brüderlich und darin allein soll meine Rache bestehen«
    Martell kreuzte seine Arme über der Brust und sah mit zornfunkelndem stolzen
Blick herab auf den zaghaften Bruder
    »Fahren Sie fort« sagte Adrian kaum hörbar »Der Aufenthalt in diesem Saale
greift mich an Ich bin noch hinfällig von meiner letzten Krankheit her«
    Martell lächelte »Schon jetzt« erwiderte er »Nun das höre ich gern Es
liegt in diesem Bekenntnis eine Bestätigung meiner Behauptung die meiner Strafe
nur größeren Nachdruck geben wird  Glauben Sie denn Herr am Stein wir
Spinner die wir doch Menschen hinfällige Krankheiten und anderen Zufällen
gleich Ihnen unterworfene Menschen sind glauben Sie denn dass unsere Nerven
anders empfinden als die Ihrigen Meinen Sie unsere Lungen würden nicht auch
von dieser dunstigen unreinen fettigen von Wollstaub erfüllten Luft
angegriffen  Denken Sie etwa ein immerwährender Aufenthalt in diesen Räumen
gewöhne den Körper daran Und trösten Sie sich denn etwa mit der Vermutung
eine Stunde Aufenthalt hier sei qualvoller als deren zehn bis zwölf  Sollte
dies wie ich fürchten muss der Fall sein so will ich Ihnen diesen Glauben für
alle Zukunft benehmen  Sie werden mit mir allein eine ganze Arbeitsfrist in
diesem Saale zubringen«
    »Zehn Stunden« rief Adrian entsetzt »Ich bitte «
    »Sie irren Herr am Stein« unterbrach ihn Martell »Nicht zehn sondern
zwölf Stunden dauert nach Ihren letzten Verordnungen die Arbeit bei den
Feinspinnern Sie werden also zwölf Stunden mit mir hier bleiben und damit Sie
aus eigener Erfahrung das Leben Ihrer Fabrikarbeiter kennen lernen damit Sie
fühlen wie süß wie erheiternd wie stärkend für Geist und Körper dies Dasein
diese irdische Bestimmung ist sollen Sie während dieser Zeit mit mir arbeiten«
    »Um Gottes Willen Martell«
    »Sie werden mit mir spinnen Herr am Stein ohne alle Widerrede Bei der
geringsten Weigerung vergesse ich dass wir Brüder sind und erwürge Sie wie
einen Hund  Ich mache es Ihnen ja leicht« fuhr Martell mit zuckendem Munde
fort »ich strafe Sie ja bloß mit Ihren eigenen Gesetzen Was Sie Tausenden
Ihrer Brüder jahrelang zumuteten das können Sie selbst versuchsweise wohl eine
Nacht probiren  Sie werden also an Ihren eigenen Maschinen mit mir spinnen
werden Alles das tun und üben was von Ihren Arbeitern verlangt wird und haben
Sie das getan dann sollen Sie frei ausgehen und  ich hoffe es  menschlicher
werden Diese Nacht an Ihrer Maschine als Spinner verbracht wird Ihnen
unvergesslich bleiben und Sie erkennen lehren wie grausam Sie gegen hilflose
Kreaturen verfahren sind Das ist das Duell welches ich mit Ihnen auskämpfen
will  und hier die Maschinen sind unsere Waffen Wohlan fangen wir denn an«
    Adrian würde einer Batterie geladener Kanonen mit geringerer Furcht entgegen
gegangen sein als der dämonischen Kraft der Maschinen die ihre glänzenden
Stahlhände grimmig nach ihm ausstreckten Er zitterte kalter Schweiß rann ihm
von Stirn und Wange seine Augen stierten ohne Ausdruck ohne die Gegenstände zu
erkennen in die dunstige feuchtwarme Luft
    »Ich verstehe  die Behandlung  nicht« stotterte der Entsetzte
    »Die Behandlung ist leicht und gefahrlos« entgegnete Martell »Sie dürfen
nur Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit richten  Belieben Sie mir zu
folgen Herr am Stein und sich wohl einzuprägen was ich Ihnen sage Sobald Sie
diesen Bügel hier heben und diesen Schraubenflügel links drehen setzt sich die
Maschine mit der gemeinsamen Dampfwelle in Verbindung und die Arbeit beginnt
Der Spindelwagen läuft gegen anderthalb Ellen vorwärts auf Sie zu dann bleibt
er eine Sekunde lang stehen Diese Sekunde benutzen Sie um den Haken hier
oberhalb der Würtel aufzuheben wodurch das Aufrollen des gesponnenen Garnes
bewirkt wird Sobald dies geschehen ist läuft der Wagen wieder zurück steht
wieder still und dieselben Operationen wiederholen sich Bemerken Sie dass ein
Faden reißt was zuweilen häufig vorkommt so drehen Sie den bekannten
Schraubenflügel rechts Dies setzt die Maschine außer Verbindung mit der
Dampfkraft und macht das Werk stehen Ungefährdet können Sie die Fäden wieder
knüpfen und dann in angedeuteter Weise die Maschine wieder in Gang setzen Sie
sehen es ist so einfach dass jedes Kind diese Arbeit verrichten kann weshalb
Sie ja auch so viele Kinder angestellt haben denen Sie nur halb so viel Lohn
geben als uns Erwachsenen  Sind Sie bereit«
    »Einen Augenblick  Geduld« bat Adrian »Mir schwirrt es  vor den 
Augen  Ich fühle  Schwindel «
    »Sie teilen alle Gefühle Ihrer Arbeiter« erwiderte Martell dessen Stimme
ruhig aber kalt und ehern klang »der Schwindel verlässt uns nie allein Not
kennt kein Gebot und so lernen wir auf bewundernswürdige Weise balanciren Ich
will Ihnen jetzt vorspinnen«
    Nun trat Martell an die Maschine welche Adrian durch zwölf Stunden bedienen
sollte verfuhr in angedeuteter Weise und ließ den klirrenden und schwirrenden
Spindelwagen einige Male vor und rückwärts laufen
    »Haben Sie jetzt begriffen Herr am Stein« fragte er höflich
    »Ich  glaube  wenn Sie  noch einmal  bei mir bleiben  wollen
«
    »Mit Vergnügen Einen Schüler muss man unterstützen Beliebt es«
    Adrian ergriff mit zitternder Hand den Bügel drückte die Schraube und
sausend rollte der Wagen gegen ihn Er stand der Haken ward aufgehoben die
Würtel klirrten und abermals lief der Stahlwagen mit seinen scharfen Zangen
Rädern und Spiessen auf den Eisenrollen in der ihm vorgeschriebenen Bahn
    »Vortrefflich« sagte Martell »Sie bedienen die Maschine wie ein geübter
Spinner  Fahren Sie nun so fort Herr am Stein und Sie werden das größte
Vergnügen haben wenn Sie später einmal sagen können so viele hundert Ellen
Garn habe ich mit eigener Hand auf meinen eigenen Maschinen gesponnen  Nur
hüten Sie sich den Messingflügeln dieser Welle nahe zu kommen Sie versteht
keinen Spaß Es ist dieselbe die meinem Hans unten am Boden wo sie ebenfalls
zwei solche Flügelschaufeln hat den Fuß abquetschte  Armer Hans in dieser
Nacht soll Dein Geist gesühnt werden«
    Mit angehaltenem Atem hatten unsere Freunde diesem Gespräche der Brüder
zugehört Bei dem Geräusch der in Bewegung gesetzten Maschinen wagten sie zum
ersten Male einige Worte mit einander zu wechseln
    »Eine eigentümliche originelle und in gewissem Sinne großartige Rache«
flüsterte Aurel dem Geschäftsführer zu »An ihr erkenne ich dass Bobersteinsches
Blut in den Adern dieses willensstarken Mannes fließt«
    »Er sammelt feurige Kohlen auf das Haupt des Harterzigen« erwiderte
Vollbrecht »nicht indem er ihm Gutes mit Bösem vergilt sondern indem er seine
Lippen zwingt aus dem Kelch der Arbeit zu trinken und ihre Bitterkeit zu
kosten Es gibt kein besseres kein wirksameres Mittel Verstockte zu bekehren
Wohl bekomm es ihm«
    »Still« sagte Gilbert »Auch Martel tritt an seine Maschine und lässt das
Spiel der Spindeln beginnen«
    Der Anblick dieser einsamen beiden Spinner in dem weiten öden Saale von
flackerndem Lampenschein und bläulichem Mondlicht matt erleuchtet hatte etwas
durchaus Gespenstisches Die blassen knochigen verfallenen Gesichter der
beiden Brüder die in der geistigen Aufregung in der sie lebten sich
auffallend ähnlich sahen ihre düstern unheimlichen Blicke das Zittern ihrer
Hände das lautlose schattenhafte Auf  und Niederwandeln auf ein und derselben
Stelle verbunden mit dem eigentümlich schrillenden Geräusch der rastlos
arbeitenden Maschinen dies Alles machte einen unbeschreiblichen unvergesslichen
Eindruck auf die heimlichen Zuschauer Und damit dieser Eindruck noch verstärkt
werde hörte man aus den unteren Gewölben wie aus dem Grabe herauf ein Geräusch
als sänge eine tiefe heisere Männerstimme wilde Lieder
    Eine Zeitlang spannen die beiden Brüder ungestört fort dann aber rissen auf
Adrians Spindelflucht mehrere Fäden und er musste die Maschine hemmen Es gelang
ihm erst nachdem der Wagen noch mehrmals auf  und niedergerollt und eine Menge
Fäden abgerissen waren
    »Bruder« sagte er bittend sich mit dem seidenen Taschentuche den
Angstschweiß abtrocknend »Bruder habe Nachsicht  Verzeihe mir und 
entlasse mich Ich fühle meine Brust kaum noch  die Augen entzünden sich 
und hindern mich deutlich zu sehen«
    »Das ist die gewöhnliche Arbeiterkrankheit Bruder Adrian« versetzte
Martell ohne seine Maschine einzuhemmen »Alle leiden daran Einige kurze Zeit
Andere immerwährend und für den Lohn den sie für ihre Mühen erhalten zeigt es
wahrlich von Ausopferung und großer Geduld wenn sie dabei zufrieden bleiben
Aber schnell schnell sonst wird man Dir den Lohn verkürzen«
    »Habe Erbarmen« winselte Adrian noch beschäftigt mit ungeübter Hand die
zerrissenen Fäden anzuknüpfen und die Wollflocken aus einigen gehemmten Kämmen
zu zupfen »Ich vermag nicht mit Dir  gleichen Schritt zu  halten«
    »Hatte der Herr am Stein Erbarmen als sein armer Bruder Martell darum
flehte Hatte er Erbarmen als fünf Kinder seiner Arbeiter Hungers starben 
Nein er hatte kein Erbarmen Er legte ihre gefrorenen Leichen an die
Arbeitsstätten ihrer Eltern und blieb gleichgültig bei ihren Wehklagen  Also
nur vorwärts Herr Bruder Es gilt Deine Ehre Dein Leben«
    Adrian raffte sich zusammen und ließ die Maschine wieder spinnen Aber von
Minute zu Minute vermehrten sich seine Leiden  Der verhängnisvolle Traum
tanzte wie ein Schattenspiel vor seinen brennenden Augen auf und nieder Er
glaubte wirklich den Saal sich bevölkern zu sehen mit den grauen durchsichtigen
Gestalten der Arbeiter die für gewöhnlich ihn füllten Sie schwebten um ihn wie
ein Heer drohender Geister  Sie grüßten ihn winkten ihm zu schlugen ihm
Schnippchen höhnten ihn durch lautes Gelächter  Ach und auch die Spindeln
der Maschinen um ihn hörte er klirren er vernahm das Knarren und Knirschen
ihrer Stahlzähne das Rollen und Klappern der langgestreckten Wagen  Und die
Schattenkörper standen daneben beugten sich über die Spindeln knüpften die
Fäden hoben Bügel drehten Schrauben krochen mit eingezogenen Beinen unter den
haspelnden Kämmen herum und richteten  o Entsetzen  ihre rollenden blutigen
Feueraugen alle auf ihn auf ihn  Die Hände des Grafen zitterten nicht mehr
sie flogen  Sein Flehen verwandelte sich in ein schreiendes Rufen das in dem
Rauschen der Maschine erstarb  Martell hörte ihn nicht er wendete nur
bisweilen seine kalten Flammenaugen auf ihn nickte ihm Beifall zu und lächelte
 Einmal hielt Martell seine Maschine an Adrian tat dasselbe warf sich auf
seine Knie und rief
    »Erbarmen Bruder Erbarmen Ich werde wahnsinnig in diesem Tross spinnender
Gestalten«
    »Das macht der fliegende geölte Wollstaub Er täuscht und quält die armen
Spinner wenn sie sich nicht an die Luft gewöhnen können mit sonderbaren
Bildererscheinungen Aber nur ans Werk Die Zeit vergeht«
    Es schlug ein Uhr
    »Noch elf Stunden« sagte Martell zu Adrian »Für einen der bloß zur
Bereicherung seiner Kenntnisse spinnt ein wahres Kinderspiel«
    »Eilf Stunden« wiederholte Adrian und ließ verzweiflungsvoll den Wagen
wieder rollen Aber seine Qualen obwohl sie bloß Ausgeburten eines
schuldbeladenen Gewissens und eines krankhaften überreizten Nervensystems
waren vermehrten sich von Minute zu Minute Die blutige augenlose Gestalt des
Bruders den er zum Mord hatte verführen wollen erschien ihm und Herta im
Trauergewande breitete ihre erbleichenden Locken über den Ermordeten und
schluchzte dass er es zu hören glaubte die Tränen zu fühlen wähnte die ihren
Augen entströmten Und wieder hob er bittend die schweisstriefenden Hände zu
Martell auf und rief
    »Gnade Gnade Bruder Ich bekenne mich besiegt«
    »Spinne« sagte Martell und fliess ihn zurück an die Maschine
    Keuchend ging Adrian nochmals an das für ihn entsetzliche Werk Die
Phantasiegestalten verschwanden noch immer nicht sie mehrten sich eher Unter
seiner eigenen Maschine glaubte er jetzt den verstümmelten Hans kauern zu sehen
 neben ihm seine Mutter in der elenden Tracht der Armut zerlumpt frierend
ein Bild des schrecklichsten Erdenjammers  Und über den Spindeln breitete
ein junges Mädchen die weißen Arme aus kroch auf ihn zu und flüsterte in
markdurchschütterndem Geistertone ich starb für Dich  vor Hunger  und Du
wolltest  mich nicht begraben lassen
    »Ha das ist die Hölle« rief Adrian in der Angst seiner Verzweiflung mit
der Hand in die Spindeln schlagend um das Gespenst zu verscheuchen dass er sie
blutend und zerschnitten wieder zurückzog »Tödte mich entsetzlicher Rächer
nur mache diesen Qualen ein Ende«
    »Spinne« wiederholte eintönig grabeshohl die Richterstimme des rächenden
Bruders »Spinne bald geht die zweite Stunde zu Ende«
    Adrian ging nochmals an die für ihn grässliche Arbeit und wieder sah er das
gespenstische Leben eingebildeter Personen im Saale wieder hörte er ihr
Zischeln ihr Lachen ihr Flüstern ihr Rufen  Um der Pein dieses Anblickes
zu entgehen richtete er seine Blicke starr auf die arbeitende Maschine Da ward
es heller vor seinen Augen  Funken flogen herüber hinüber Feuerballen
rollten und zischten um ihn  ein Meer von blitzender Glut stieg empor von
der dunkeln Diele schwoll gegen ihn heran brandete an seiner Brust und
enthüllte ihm eine goldene Bernsteinmuschel in deren Innerm von rosigem Gewölk
umflattert ein wunderbares Frauenbild ruhte
    »O rette rette mich gütiger Engel« schrie Adrian in wilder Fieberhitze
    »Spinne« klang Martells Todtenstimme zurück »Spinne bis Deine Zeit um
ist Im Schweiße seines Angesichts heißt es soll der Mann sein Brod essen und
wer nicht arbeitet der soll auch nicht leben Also arbeite und spinne«
    »Ich will aber nicht leben« rief Adrian noch aufgeregter indem sich sein
Gesicht in convulsivischem Krampfe verzog »Zu ihr nur will ich zu meiner
Retterin zu meiner süßen Bianca die mir vergebend mit zauberischem Lächeln
die rettende Hand entgegenstreckt   O ich komme ich komme «
    Und Adrian drängte sich hochaufrichtend dem rückwärtsrollenden Spindelwagen
nach streckte die Arme aus streifte mit dem Haupthaar die metallenen Schaufeln
der eisernen Welle die unmittelbar von der Dampfmaschine in Bewegung gesetzt
ward und war im nächsten Augenblicke  skalpirt Ein entsetzlicher alle Mauern
durchdringender Schmerzensschrei entschlüpfte ihm  seine Hände erfassten die
blitzende schwingende Welle und zerrissen eine blutige Guirlande hing der
Unglückliche an dem dampfenden Eisenschaft
    Die Maschine stand  auch in den übrigen Sälen wo man den Schrei gehört
hatte wurden die Maschinen gehemmt Die Zuschauer an der Tür stürzten atemlos
herein  da vernahm man von unten herauf einen zweiten dem ersten ähnlichen
Schrei und Alles ward still
    Martell aber neigte sein Haupt und sagte düster
    »Gott hat ihn gerichtet«
    Auf der Fabrikuhr schlug die Glocke die zweite Morgenstunde
 
                               Siebentes Kapitel
                                Die Versöhnung
Dieser unerwartete unbeabsichtigte Ausgang des von Martell ersonnenen Duells
machte auf einmal allem Streit und Hader ein Ende Das Erscheinen seiner
Freunde die er fern gelaubt hatte von dem Orte wo er auf edle Weise seinen
grausamen Bruder bestrafen wollte war ihm jetzt obwohl unerwartet doch sehr
lieb Sie konnten als Zeugen des Ausgangs im Notfalle eidlich erhärten dass
Martell vollkommen schuldlos sei am Tode seines Halbbruders dass diesen nur die
innere Seelenangst die von wilder Leidenschaft und Sinnenlust erhitzte
Phantasie in den Tod gejagt habe  Martells Absicht bei dem von ihm ersonnenen
Duell war eine durchaus ehrenwerte gewesen Sein Herz sagte ihm dass Adrian
Strafe sogar harte empfindliche Strafe für sein gewissenloses Handeln verdient
habe sein unverdorbenes natürliches Gefühl verlangte eine solche und so
erdachte er denn diese eigentümliche Art der Bestrafung Er bezweckte damit
eine große moralische Wirkung auf den Grafen er wollte ihm durch die Tat
beweisen dass es kein Vergnügen sei ein ganzes Leben hindurch ohne die
geringste Aussicht auf Verbesserung seiner Lage täglich so lange Stunden in
verdorbener Luft zu arbeiten und bei der geringsten Nachlässigkeit Gesundheit
und Leben aufs Spiel zu setzen Er wollte ihm praktisch dartun dass ein
solches Leben die vom Schicksal dazu Verurteilten verschlechtern bösartig zu
ungesetzlichen aber leicht erklärbaren Schritten geneigt machen und bei
günstiger Gelegenheit sie zu Grausamkeiten verleiten müsse Nur in dieser
Absicht zwang er den Bruder mit ihm eine Arbeitsfrist zu spinnen fest
überzeugt dass er den verweichlichten Mann dadurch vollständig bekehren und für
alle Zukunft ihn in einen milden Herrn gegen seine Arbeiter verwandeln werde 
    Adrian war eines schmerzlosen schnellen Todes gestorben Als die Maschinen
standen und Martell seine Freunde in größter Bestürzung auf sich zueilen sah
wiederholte er die Worte
    »Gott hat ihn gerichtet«
und erhob seine Rechte wie zum Schwur Von allen Sälen stürzten nun die Arbeiter
herbei drängten in den Saal und umstanden bald in dichten Reihen die vier
Männer die sich vergeblich abmühten die zerbrochenen Glieder des Unglücklichen
von dem Eisenschaft abzulösen
    Es konnte den Arbeitern nicht verborgen bleiben wer auf so schreckliche
Weise geendet habe »Es ist der Herr am Stein«  »Unser Graf unser Gebieter«
  »Die Maschine hat ihn zermalmt den Armen« so lief es flüsternd von Mund zu
Mund Kein Laut der Schadenfreude kein Ruf des Triumphes kein Schrei der Rache
ward vernommen was man von diesen größtenteils ungebildeten Leuten denen der
Tote nie Wohltaten erwiesen hatte so sehr fürchten musste Das unmittelbare
Eingreifen von Gottes allmächtiger Hand wehrte aller niederen
Leidenschaftlichkeit Jeder fühlte sich erschüttert gedemütigt Es war als ob
man die Nähe des Ewigen scheue als ob man vor dem unerforschlichen Walten
desselben an seine Brust schlagen und sein Knie beugen müsse
    »Gott sei ihm gnädig und vergeb uns unsere Sünden«
    »Ehrt seinen Namen flucht ihm nicht Er ist gestorben wie ein Märtyrer«
    »Es sei ihm von ganzem Herzen vergeben«
    »War er doch unser Brodherr der uns Kleider und Nahrung gab wenn schon
nicht immer gute und reichliche Aber ohne ihn was wäre aus uns geworden«
    »Darum Friede mit ihm Der Herr lasse sein heiliges Antlitz über ihn
leuchten«
    »Ja Friede mit ihm Amen Amen«
    So riefen sich alle Arbeiter zu nahmen ihre Mützen ab falteten die Hände
und beteten für die Seele des Verunglückten mit gläubigem Herzen ein
Vaterunser
    
    Inzwischen wurde es laut auf dem Hofe Einige waren fortgestürzt um das
Geschehene der Dienerschaft des Grafen zu melden und seine Leute herbeizurufen
Andere eilten mit ungläubiger Miene in die Maschinenkammer aus der man jetzt
ein wüstes Durcheinander lauter Stimmen vernahm
    Mitten in diese Verwirrung die mit dem tiefen Frieden der wunderbar klaren
und milden Nacht seltsam contrastirte trat atemlos der Maulwurffänger Er
hatte bereits von einem Unglück gehört wen es aber betroffen habe nicht
erfahren können
    »Wer ist zermalmt worden von der Maschine« rief er jetzt in den drängenden
Haufen hinein seine durchdringende Stimme erhebend und arbeitete sich vorwärts
bis an die trüb erhellte Tür zur Maschinenkammer die mit Menschen dicht
angefüllt war
    »Der Mörder Der Mörder« antworteten eine Menge Stimmen »Dem Bösewicht ist
Recht geschehen  Der Teufel hat ihn geholt wie ers verdiente«
    »Welcher Mörder« sagte der Maulwurffänger der von den Vorgängen dieses
Tages noch nichts wusste »Es sitzen deren zwei im Gefängnis wenn sich nicht
einer durch irgend ein Mauseloch auf und davon gemacht hat«
    »Wie er noch die Zähne fletscht Wie er grinst«
    »Das macht des Satans Bruderkuss hat ihm nicht gut geschmeckt«
    »Ja und darum verdreht er auch die hässlichen Augen so greulich«
    Unter diesen Bemerkungen der Gaffenden erreichte der Maulwurffänger das
Innere der Maschinenkammer Diese war eng und bot nur so viel Raum dar als
nötig war um Denjenigen welche die Maschine zu bedienen hatten Zutritt zu
verstatten Die ungeheueren Hebel streiften beinahe die Wände und machten es
unmöglich dass Menschen sie nach allen Seiten hin umgehen konnten Am nächsten
berührten die Hebel jene schwache Ziegelwand welche den Kerker des Mörders von
der Maschinenkammer schied Diese Wand und ihr gegenüber zwischen Wand und
Hebeln ein abgestumpfter Eichenpfosten der mit zur Maschine gehörte waren
jetzt das Augenmerk der Ab und Zugehenden Die Wand zeigte sich nämlich
durchbrochen und in der entstandenen Öffnung die gerade so weit war dass ein
mittelstarker Mann sie vollkommen ausfüllte hing der blutige Rumpf eines
Menschen Der Kopf war hart an den Achseln abgerissen und von der Kraft des
tödtenden Hebels nach dem erwähnten Eichenstumpf geschnellt worden Dort stand
er als habe eine geschickte Hand ihn mit Absicht dahin gestellt das Gesicht
der Tür zugekehrt mit offenen Augen den hässlichen Mund mit den Wolfszähnen im
Todeskampfe scheusslich verzogen Blutrüssels Wunsch der Teufel solle ihm den
Kopf abreißen wenn er sich nicht befreie war somit buchstäblich in Erfüllung
gegangen
    PinkHeinrich den es bei diesem widerlichen Anblick und bei den rohen
Bemerkungen welche sich die Arbeiter über den Tod des Elenden zu machen
erlaubten kalt überlief wendete sich mit Abscheu ab und ging ins Innere der
von Menschen überfüllten Fabrik Schon an der Treppe begegnete ihm Aurel und
Vollbrecht Sie führten Martell der sich jetzt kaum noch auf den Füßen erhalten
konnte Hinter ihnen ging Gilbert und sodann trugen vier Arbeiter den
zerschmetterten Leichnam Adrians den Niemand mehr erkennen konnte
    »Der Maulwurffänger« rief Aurel aus als er den alten Mann erschüttert von
dem Schauspiel das sich ihm darbot am Fuß der Treppe auf seinen
Schlehdornstock gestützt mit erschrockenem Auge und bekümmerter Miene das
runzelvolle Gesicht von ehrwürdigem Silberhaar umflossen auf den Trauerzug
hinstarren sah
    »Er ists« erwiderte PinkHeinrich kummervoll »Aber er kommt diesmal zu
spät um zu helfen  Die Tat ist geschehen wehe dem der sie vollbrachte«
    Der alte Mann entblößte sein Haupt und wischte sich eine Träne aus den
Augen
    »Ihr seid im Irrtum braver Alter« versetzte Aurel »Dieses Unglück wenn
wunderbare Schicksalsfügungen solchen Namen verdienen dieses Unglück lastet auf
keines Sterblichen Gewissen Wir drei waren Zeugen des Hergangs wir können mit
den heiligsten Eiden beschwören dass Martell am Tode des Herrn am Stein unseres
unglücklichen Bruders eben so schuldlos ist als Ihr selbst wackerer Mann 
Es war Gottes Hand die ihn schlug und wo diese in die Geschicke der Menschen
eingreift da müssen wir uns beugen und ausrufen Sein Wille geschehe für und
für  Die Phantasien des Verunglückten jagten ihn in den Tod Gott sei ihm
gnädig«
    Der Maulwurffänger schloss sich dem Trauerzuge an der sich langsam über den
Hof den gewundenen Kiesweg hinab nach der Wohnung Adrians bewegte Alle
Arbeiter folgten paarweise Das seltsame Kreuz welches der Rauch über dem Hofe
der Fabrik bildete war noch immer zu sehen Erst als der Zug vor dem Hause
anhielt zerflatterte es nach und nach in der Luft
    Das heftige Laufen so vieler Menschen und das damit verbundene
unvermeidliche Rufen und Schreien hatte die Frauen aufgeschreckt und ihnen das
Geschehene verraten Sie erwarteten am Portale des Hauses den nahenden Zug
Bianca die zwischen Herta und Elwire in der Mitte stand machte auf Aurel einen
unauslöschlichen Eindruck Während nämlich Großmutter und Enkelin schwarz
gekleidet waren trug Bianca ein durchsichtiges weißes Gazekleid das ihre
vollendeten Formen mehr enthüllte als verbarg Ihre schwarzen Haare waren über
der blassen Stirn gescheitelt im Nacken durch eine Perlenschnur zusammengefasst
und ergossen sich in fesselloser Pracht eine glänzende Lockenwelle bis weit
über ihre Hüften Diese phantastische Kleidung war reizend und abschreckend
zugleich Bianca hatte wie schon so oft auch in dieser Nacht den Grafen wieder
in jene grässliche Gedankenhölle stürzen wollen die sie willkürlich um ihn
erbauen konnte und an der sich ihr grollendes Auge erlabte Überrascht von dem
unerwarteten Tode ihres Feindes hatte sie in der ersten Bestürzung ihre Kleider
zu wechseln vergessen So empfing nun die zur Rache gerüstete schöne Furie die
blutige Leiche dessen den sie durch ihre Reize in Verzweiflung und Wahnsinn
stürzen wollte an der Schwelle seines Hauses 
    Der Tod ist ein mächtiger Vermittler Das fühlte in diesem unvergesslichen
Augenblicke selbst die unerbittliche Rächerin Tränen wahrhaft weiblichen
Mitgefühls füllten ihre bis dahin kalten Augen die wohl zuweilen geweint
hatten aber nur vor Wut und vor Begierde sich zu rächen Der Anblick des
grausam Zerrissenen erschütterte sie das starre Herz brach ihr im Busen und
weinend beugte sie sich über den Toten um ihm vergebend die Hand zu drücken
    »Ich verzeihe Dir Unglücklicher« sagte sie »Ich verzeihe Dir im Namen
meiner Schwester Du hast gefrevelt aber Du hast auch gebüßt Friede Deiner
Asche «
    Die Leiche ward ins Haus getragen und hier in jenem prachtvollen
Speisesaale wo Adrian die bittenden Arbeiter so schnöde abgewiesen und Lore ihr
Kind in brennendem Mutterschmerz von ihm zurückgefordert hatte auf reiche
Teppiche niedergelegt Hier kniete Bianca nochmals neben dem Toten an die Erde
ein Strom heißer Tränen entfloss ihren Augen und Reue über ihr unbarmherziges
unglaublich hartes und sündiges Verfahren versetzte sie in tiefe Traurigkeit Da
trat Vollbrecht an sie heran hob sie liebevoll auf und sagte
    »Lassen Sie ihn ruhen Wir können die Geschicke nicht ändern Sie aber
meine Freundin werden vor Gott gerechtfertigt erscheinen denn Sie waren in
seiner Hand ein Werkzeug der Strafe Ein Leben voll Milde Sanftmut und Liebe
wird auch Sie vergessen lassen was Ihnen geschah und was Sie verübten Kommen
Sie«
    Der gutmütige Geschäftsführer zog die nur schwach Widerstrebende mit sich
fort Herta und Elwire folgten Die Männer aber gingen zusammen in Adrians
Wohnzimmer um sich über die Schritte zu einigen die zu tun man jetzt für
nötig halten würde 
    In dieser Unterredung erfuhr der Maulwurffänger erst die Ermordung des
unglücklichen KlütkenHannes dessen Leichnam auf der Tenne der Scheuer lag
Eine unerklärbare Unruhe hatte den Maulwurffänger vom Hause fortgetrieben Er
war trotz seines hohen Alters rastlos fortgewandert hatte erst nach Mitternacht
das Dorf am See erreicht und bei Martell den Rest der Nacht zubringen wollen
Von Lore benachrichtigt dass ihr Mann in dieser Nacht eine Zusammenkunft mit
seinem Halbbruder habe um Abrechnung mit ihm zu halten trieb es ihn ruhelos
fort nach der Felseninsel Leider fand er keinen Fährmann er musste sich also
mit eigener Hand über die Gewässer rudern was ein Wagstück für ihn war da er
keine Übung in der Schifferkunst besaß Er brauchte daher auch verhältnismäßig
lange Zeit ehe er die Insel erreichen konnte denn mehr als einmal trieb er
seinen Kahn rückwärts anstatt vorwärts Daher kam er erst nach der schrecklichen
Katastropfe an die durch sein früheres Auftreten vielleicht verhindert worden
wäre Indes leuchtete seinem hellen Verstande sehr wohl ein dass vielleicht
gerade dieser Ausgang die besten und segenbringendsten Folgen haben könne
    In der nun folgenden bis an den Morgen dauernden Beratung ward
beschlossen den beiden an einem Tage umgekommenen Brüdern ein feierliches
Begräbnis zu veranstalten und sämtliche Mitglieder der Familie dazu zusammen zu
rufen Adalbert von den erschütternden Ereignissen zu benachrichtigen übernahm
Aurel in einem ausführlichen Briefe der eben so wahr offen und gerade als
liebenswürdig und versöhnlich geschrieben war und wohl geeignet sein konnte
auch das hasserfüllteste Herz zu erschüttern und wider Willen zur Versöhnung zu
zwingen Da er Adalbert als einen vornehmen und abgeschlossenen Aristokraten
kannte hütete er sich wohl in einen allzuvertraulichen Ton zu fallen obwohl
sein Herz diesen gern angeschlagen hätte Seinen Zweck zu erreichen und zugleich
den feindlich gesinnten Bruder von der Schuldlosigkeit dessen zu überzeugen auf
den ein Bösgesinnter wohl einige Schuld wälzen konnte zog er es vor mehr die
Klugheit als das Gefühl sprechen zu lassen Dieser Brief der Aurels Charakter
in so schönem Lichte zeigte lautete folgendermaßen
            »Mein vielgeliebter Bruder
        Es ist löblich wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen Mit diesem
        treuherzigen Bibelwort von dem ich freilich nicht behaupten will dass
        ich es ganz wörtlich nach Luthers Übersetzung citirt habe  denn es ist
        eine ziemlich lange Reihe von Jahren seit der Zeit verflossen wo ich
        mich bibelfest nennen durfte  mit obigem Wort also rufe ich Dir heut
        einen wohlgemeinten von Herzen kommenden Gruß zu Wir haben vor wenigen
        Tagen einen Prozess gegen arme und rechtliche Leute verloren die ein
        unerforschlicher Wille der Vorsehung von Geburt an zu unsern nächsten
        Verwandten auserwählte ohne dass wir eine Ahnung davon hatten Gewiss
        ein ganz anderer Geist hätte unser Aller Leben und Wirken beseelt wäre
        vor nur zehn Jahren diese für uns so wichtige Entdeckung gemacht worden
        Weil dies nicht geschah nicht geschehen konnte und sollte deshalb
        trennten wir uns in einer finsteren Stunde und standen uns feindlich
        gegenüber  Ich bekenne lieber Bruder dass ich durch meine
        Hartnäckigkeit und die Gereiztheit meines ganzen Wesens nicht wenig
        Schuld gewesen bin an dieser Trennung Indes Gott Lob ich kann mir
        auch selbst Unrecht geben wenn ich es verdient habe und so hoffe ich
        der Freudentag wo unrechtmässig getrennte Brüder sich wieder in Liebe
        vereinigen einander aufrichtig vergeben und sich für immer versöhnen
        wird nicht mehr fern sein «
        »Alles fordert uns dazu auf der verlorene Prozess der für uns gewonnen
        ist wenn wir wie ich getan habe diejenigen als unserm Geschlecht
        zugehörig anerkennen welche vermöge ihrer Abstammung ein unbestrittenes
        Recht dazu haben Das Schicksal das den Samen der Zwietracht unter uns
        ausgestreut hat und endlich die Vorsehung selbst die in diesem
        Augenblick uns schwer ihre strafende Hand fühlen lässt«
        »Ich sehe Dich grollend die Stirn runzeln aber höre mir geduldig zu und
        Du wirst mir Recht geben«
        »Unser armer Bruder Adrian den ein seltsamer Geist des Irrtums
        verblendete und auf Abwege führte die ich eben so wenig wie Du
        vereinbaren kann mit dem angeborenen Sinne für Gerechtigkeit der unserm
        alten stolzen und berühmten Geschlecht bis in die Zeiten des grauen
        Altertums eigen gewesen ist dieser arme Bruder hat plötzlich aus dem
        Leben scheiden müssen  Ich sage müssen weil sein Tod wirklich einer
        unbegreiflichen Fügung Gottes einem wahrhaften Schicksal gleichkommt«
        »Du weißt dass er seit langer Zeit kränkelte Eine gewisse Schwäche die
        sich in nervöser Reizbarkeit und nicht selten in unheimlichen
        erschreckenden Einbildungen bekundete verließ ihn seit jener Zeit nie
        mehr Ärger Verdruss wohl auch wahrhafter Kummer steigerten diese
        krankhafte Gemütserregung und eine unbegreifliche Leidenschaft die
        ihn mit dämonischer Gewalt überfiel und zum willenlosen Kinde eines
        armen aber schönen Mädchens machte das seine Neigung nicht erwiderte
        rieb ihn geistig und körperlich beinahe auf«
        »In dieser Gemütsstimmung überraschte ihn wie mich die Nachricht von
        dem Verlust des Prozesses Du kennst Adrians Festalten an irdischem
        Besitz dem er häufig mehr Wert beilegte als ein besonnener Mann es
        sollte Er hielt sich daher im ersten Augenblick völlig ruinirt und nur
        meinen wiederholten Versicherungen gelang es ihn dieser fixen Idee zu
        entfremden Zum Unglück mussten sich an die Mitteilung von dem
        verlorenen Prozess auch noch andere Eröffnungen knüpfen die sein Gemüt
        tief erschütterten Es galt nichts Geringeres als einen unserer
        wiedergefundenen Halbbrüder gefänglich einzuziehen da man ihn auf
        verbrecherischen Wegen ertappt hatte Ich schweige über das Nähere und
        verschiebe ausführlichere Mitteilungen bis auf persönliches
        Zusammenkommen«
        »Brauche ich Dir noch zu sagen dass seit jenen Tagen unsern armen Bruder
        eine Melancholie befiel die uns ernstlich um ihm besorgt machte Aber
        wer wer sollte ihn nahen wer ihn bewachen Sein Misstrauen war
        grenzenlos seine Heftigkeit nicht zu ertragen Abgemagert bis zum
        Skelett erkannte man ihn kaum noch Seine Phantasien die ihm die
        seltsamsten und schrecklichsten Träume vorspiegelten streiften hart an
        den Wahnsinn und immer kehrte in ihnen neben tausend fratzenhaften
        Spukgestalten das bezaubernde ihn beseeligende aber auch aller
        Vernunft auf Augenblicke beraubende Bild des Mädchens wieder dem er
        hoffnungslos sein Herz geschenkt hatte«
        »Durch den plötzlichen Tod jenes Bruders der als angeklagter Verbrecher
        im Kerker saß von Neuem ungewöhnlich erschüttert machte er seiner
        Gewohnheit nach tief in der Nacht einen Besuch in der Fabrik wo vor
        Kurzem die Arbeiter ihre Stellen gewechselt hatten Lampenlicht
        Mondschein Oeldunst und Maschinengerassel verwirrten seine Gedanken 
        er hielt die Spinner für Geister glaubte in dem blitzenden Glänzen
        einer eisernen Welle die senkrecht vom Fußboden zur Decke sich erhebt
        und das ganze Werk durch alle Stockwerke treibt das heiß geliebte
        Mädchen zu erblicken  eilte darauf zu und  ward von der Dampfkraft
        zerschmettert«
        »Traure mit mir um den beklagenswerten Bruder dessen Leiden so
        tragisch enden sollten  Ich hatte ihn seine Wohnung verlassen sehen
        und war ihm seine Stimmung fürchtend nachgegangen aber erst in dem
        Augenblicke als die Welle ihn erfasste konnte ich den Saal erreichen
        der seine Todeskammer werden sollte«
        »Dieser unvermutete nicht allein uns Brüder sondern auch Adrians
        sämtliche Untertanen tief darniederbeugende Tod ruft uns mahnend zu
        Vergebt und vergesst Seid einander wieder liebende Brüder und lebt als
        solche in christlicher Eintracht Lasst allen Groll auf immer dahin
        fahren und vertragt Euch wie Brüder es sollen  Und was teurer
        Bruder was soll uns denn eigentlich entfremden  Haben wir uns
        gegenseitig um unser Eigentum gebracht  Nein wir haben es in
        brüderlich gutem Einverständnis vermehrt  Sind wir Schuld daran dass
        alte Frevel zu sühnen waren dass tief Gekränkten Gerechtigkeit
        verschafft werden musste  Keineswegs  Nun und haben wir denn an
        unserer Ehre etwas verloren wenn wir denen die Gottes Wille aus der
        Nacht unverdienter Armut zu uns emporhob in den mildernden und
        bildenden Sonnenschein mäßigen Besitzes wenn wir diesen brüderlich die
        Hände reichen und sie neben uns wandeln lassen  Auch dies muss ich
        verneinen  Warum also noch länger getrennt und unversöhnt leben Warum
        grollen und grollend vom Tode überrascht werden wie unser armer
        Bruder«
        »Adalbert lass uns großmütig lass uns ritterlich handeln Nimm die
        Hand die ich zu aufrichtiger Versöhnung Dir entgegenstrecke
        vertrauensvoll an und lass uns treue Brüder sein und bleiben so lange
        uns Gott am Leben erhält«
        »Schwere traurige Gedanken ziehen durch meinen Geist und stören die
        Ruhe meiner Seele  Mich dünkt wir haben den ernsten Wink der
        Vorsehung zu spät verstanden Schon damals sollten wir froh und frei uns
        einigen in Liebe als wir die ersten Spuren entdeckten von den
        Fußstapfen welche verlorene Kinder unseres Vaters in den Staub der
        Armut in den Schlamm der Erniedrigung gedrückt hatten Es war an uns
        zu vergeben zu sühnen was ein Verstorbener vor uns gesündigt
        Glücklich und beneidenswert sind die zu preisen denen Gelegenheit
        geboten wird Vergehungen ihrer Vorfahren durch Taten des Segens in der
        Gegenwart auszugleichen  Wir haben dies nicht so eifrig nicht so gern
        getan wie wir sollten ja es bedurfte erst eines so erschütternden
        gewaltigen Donnerschlages ehe wir trauernd gebeugt und reuig zu dieser
        Erkenntnis kamen «
        »In fünf Tagen soll die feierliche Beerdigung des Abgeschiedenen
        stattfinden Ich weiß Du wirst nicht dabei fehlen denn ich kenne Dein
        Herz das gern geneigt ist zum Vergeben wenn es auf ehrliches
        Entgegenkommen rechnen kann«
        »Mit schmerzlicher Sehnsucht erwarte ich Dich und Beatrice meine
        schöne liebenswürdige Schwägerin der ich mich angelegentlichst zu
        empfehlen bitte Lebe wohl bis dahin Über den Sarg des geliebten
        Bruders reicht Dir die Hand zur Versöhnung
                               Dein treuer Bruder
                                                                         Aurel«
    Die kleine Abweichung von der Wahrheit welche sich der Kapitän in diesem
Briefe erlaubte glaubte er vor sich selbst rechtfertigen zu können da es ihm
zumeist daran lag Adalbert wirklich zu aufrichtiger Versöhnung zu bewegen
Deshalb nahm er sich selbst auch gar nicht aus von denen die ein irrtümliches
Handeln sich vorzuwerfen hatten Adalbert war Diplomat und nur auf
diplomatischem Wege ließ er sich zu einem Abweichen von der einmal
eingeschlagenen Bahn bestimmen
    Aurel hatte sich übrigens nicht verrechnet Sein Bruder kam früher in
Boberstein an als der Kapitän vermutete Beatrice begleitete ihn Der Empfang
war zwar nicht herzlich aber doch erwärmt Blick Händedruck und Bewegung
Adalberts sagten Aurel dass er seinen Zweck erreicht habe Der vornehme stolze
Herr bat sogar der Kapitän möge ihm seine Halbgeschwister vorstellen und
stattete zu diesem Behufe einen freilich sehr kurzen Besuch in Martells und
Simsons Hütte ab Über den Eindruck welchen der einsilbige Spinner auf den
Aristokraten gemacht haben mochte sprach sich Adalbert nicht aus
    Mit großem Pomp fand am fünften Tage nach der Zerschmetterung Adrians die
Beerdigung beider Brüder statt Aurel glaubte die Verfolgung und Bestrafung
selbst eines überführten Verbrechers nicht bis über das Grab hinaus erstrecken
zu dürfen
    Die beiden geschmückten Särge auf denen das Wappen der Boberstein prangte
wurden feierlich in die alte noch wohl erhaltene Grafengruft eingesenkt Außer
den Leidtragenden zu denen Aurel Adalbert Martell Herta Elwire Maja
Simson Paul und Sloboda gehörten begleiteten die sämtlichen Arbeiter ihren
verunglückten Gebieter zur Gruft und weinten ihm eine Träne des Mitleids
zollten ihm ein Wort der Teilnahme und der Verzeihung
    Über der Gruft reichten die bis dahin so feindlich gesinnten Brüder
Schwestern und Verwandten einander die Hände zur Versöhnung Auch der
Maulwurffänger der gleich den Übrigen dem Leichenconduct beiwohnte erhielt
von Adalbert und Beatrice den versöhnenden Handschlag
    Nach der Beerdigung reisten Adalbert und seine Gattin sogleich wieder ab Er
versprach Aurel recht bald zu schreiben und ihm seine Gedanken über Teilung
der zugefallenen Erbschaft mitzuteilen
    Man trennte sich mit der Überzeugung dass die Vergehungen des alten
Geschlechts zugleich mit den sterblichen Überresten Adrians und Johannes
Klütkens gesühnt und für immer in die Gruft gesenkt worden seien 
    In derselben Nacht trugen zwei Spinner von Aurel und Gilbert begleitet die
Leiche des Mörders nach der Torfhütte und vergruben sie in den tiefsten Moor
Über den schlammigen Hügel sprachen die beiden Seemänner ein stilles
andächtiges Gebet
 
                                Achtes Kapitel
                                  Beschlüsse
Es ist stiller Sonnabend jener Tag vor Ostern den der Landmann fromm und ernst
zu verleben pflegt Alle noch lebenden Glieder der Familie Boberstein mit
Ausschluss von Adalbert und Beatrice sind auf der ehemaligen alten Stammburg
versammelt Aurel hat den verheissenen Brief von seinem Bruder erhalten dessen
Inhalt er den Versammelten mitteilt Dieser Brief lautete
            »Mein teurer Bruder
        Durch den schnellen Hintritt unseres Bruders Adrian sind der Familie
        eine beträchtliche Anzahl Güter zugefallen über deren Verteilung wir
        uns in jener schönen Eintracht beraten wollen die ferner unter uns
        obwalten soll Als dem Nächstältesten in der Familie fällt Dir
        Boberstein nach Recht und Gesetz zu und mit Freuden sehe ich es in Deine
        Hände übergehen Damit aber nicht in späterer Zeit wieder ein
        unglücklicher unser Geschlecht in Zank und Streit und Feindschaft
        verwickelnder Prozess darüber entstehen möge wünsche ich dass unsere
        lieben Halbgeschwister von Dir entschädigt werden Ich meines Teils
        verzichte auf alle Teilnahme an der Erbschaft Ich besitze genug um
        zufrieden und glücklich leben zu können Da man Dir von jeher ein großes
        Zutrauen bewiesen hat wird es für Dich nicht schwer sein die
        verschiedenen gesetzlichen Miterben zu befriedigen Wie Du dies tun
        willst bleibe Dir ganz allein überlassen«
        »Adrians Tod hat mich so heftig angegriffen dass ich mich durch eine
        Reise zerstreuen muss Ich werde nach dem Orient gehen dessen hohe
        Eigentümlichkeit dessen mysteriöse Überreste alter Kunst mich immer
        wunderbar angezogen haben Beatrice begleitet mich So genussreich
        belehrend und bildend unstreitig eine solche Reise ist so viele
        Gefahren bietet sie auch dar Wer dergleichen unternimmt muss zuvor mit
        dem Leben abschließen muss auf ewig von seinen Lieben Abschied nehmen
        und sich betrachten als einen Toten Darum geliebter Bruder wirst Du
        mir verzeihen wenn ich Dir gegenwärtig mit gerührtem Herzen zurufe
        Lebe wohl lebe wohl auf ewig Gott weiß ob wir uns je wieder sehen in
        diesem Leben Lebe wohl und grüße die Lieben die wir vor Kurzem als
        unserer Familie zugehörig haben kennen gelernt Ich wünsche ihnen recht
        viel Gutes und dass sie Freude an ihren Kindern erleben mögen Gott der
        sie Alle so wunderbar geführt hat beschirme sie auch fernerhin«
        »Wenn Du diese Zeilen erhältst bin ich schon weit von Dir Ich habe
        dies vorgezogen damit Du mich nicht mit Einwendungen bestürmen und mich
        wankend machen mögest in meinem Entschlusse Die Verwaltung meiner Güter
        ist treuen und zuverlässigen Händen übergeben Nochmals lebe wohl Im
        Leben und im Tode in der Nähe und Ferne immer
                               Dein treuer Bruder
                                                                      Adalbert«
    Aurel ward von diesem Schreiben sehr unangenehm berührt Adalberts Reise sah
vollkommen einer Flucht ähnlich einer Flucht zu welcher sich der stolze
Aristokrat bloß deshalb entschlossen hatte um nie wieder mit denen in Berührung
zu kommen die er als seine Blutsverwandten hatte annerkennen denen er die Hand
zur Versöhnung hatte reichen müssen Aurel fühlte dass diese vornehme
Freundlichkeit bloß Maske war und dass Adalbert im Herzen noch eben so grollte
wie früher Indes war dem Scheine genügt Die Versöhnung war geschehen ein
freundliches Verhältnis unter den Geschwistern hergestellt und so musste Aurel
schweigen und die Beteuerungen des geflüchteten Bruders als aufrichtig und wahr
gelten lassen
    Er wendete sich darauf zu den Versammelten und sagte
    »Liebe Geschwister Vettern und Verwandte Als rechtmässiger Erbe dieser
Besitzungen steht mir das Recht zu über dieselben zu verfügen wie ich es für
gut und zweckmäßige halte Ich bin kein Fabrikant kein Kauf und Handelsherr
ich bin nur ein schlichter grader Seemann dies aber mit Herz und Seele«
    »Bravo« rief Gilbert aus der an der halboffenen Tür hochte »Jetzt bläht
eine frische Brise doch endlich wieder die Segel«
    »Daraus folgt« fuhr Aurel fort »dass ich diese Fabrik der wir die
Wiederkehr unseres ehemaligen Wohlstandes zu verdanken haben nicht leiten kann
ohne ihr zu schaden ohne vielleicht das ganze Geschäft zu zerstören und damit
die Quelle unseres gemeinsamen Glückes zu verstopfen Es ist daher, sofern
Niemand Einspruch tut mein Wille dass statt meiner unser ältester Bruder
Martell nicht bloß die Leitung der Fabrik antrete sondern auch Boberstein mit
allen Pertinenzien als wirklicher Erbe übernehme«
    »So soll es sein« sagten sämtliche Anwesende wie aus einem Munde und
reichten dem neuen Besitzer der großen Herrschaft der schweigend in ihrer Mitte
saß die Hände
    »Unter Martells Leitung« sprach Aurel weiter »wird die Fabrik gedeihen und
blühen allein ich habe noch einen andern wichtigen Vorschlag zu machen worüber
ich Eure Meinungen zu hören wünsche Um ihn zu rechtfertigen muss ich etwas weit
ausholen Ich erbitte mir also für einige Zeit Eure ungeteilte Aufmerksamkeit«
    »Es gibt eine sehr große Anzahl Menschen welche der Überzeugung leben die
Erfindung der Maschinen und deren Verwendung in den verschiedenartigen Fabriken
sei ein unerhörtes Unglück für das gesammte Menschengeschlecht Seit man sich
ihrer bediene nehme Armut Elend Hunger Kummer und Verbrechen unter den
niederen Ständen des Volkes auf eine wahrhaft entsetzenerregende und
staatsgefährliche Weise überhand Es sei daher Pflicht jedes wahren Menschen
und Volksfreundes mit aller Kraft auf Abschaffung der Maschinen zu dringen den
Armen neue Arbeit und hinreichenden Verdienst zu verschaffen und ihnen somit
wieder zu geben den alleinigen Besitz der ihnen geworden ist das Kapital des
Fleißes ihrer Hände  Diese Leute diese wohlmeinenden aber kurzsichtigen
Eiferer irren«
    »Nein liebe Geschwister und Freunde die Maschinen sind ein Segen Gottes
eine Wohltat für die Menschheit Ihre Beibehaltung ihre Vermehrung und
Verbesserung muss der Wunsch jedes Biedermannes sein allein man muss sich ihrer
nur bedienen zur Befreiung nicht zur Unterjochung der arbeitenden Klassen
Leider ist letzteres so häufig geschehen und geschieht noch täglich in der
gesammten civilisirten Welt dass die Verwünschungen derer gerechtfertigt
scheinen die in den Maschinen den Untergang des Volkes erblicken Dies muss
anders werden Aufgeklärte humane Männer müssen dem Unfuge steuern welchen
gemeine Eigenliebe und brutaler Speculationsgeist mit einer der größten
Segnungen die das Genie des Menschen der Erde geschenkt hat treiben Der
Maschinenbesitzer muss  gebe Gott dass wir bald diese Zeit erleben  durch ein
Staatsgesetz gezwungen werden diese Hebel der Kraft zur Erleichterung der
Arbeit zu benutzen und diejenigenwelche mittelst der Maschinen ein ungleich
größeres Mehr von Arbeit liefern auch ein Teilhaben zu gönnen an den
Vorteilen dieses Mehr Der Maschinenbesitzer der Fabrikant darf nicht allein
den Gewinn einstreichen es muss eine verhältnissmässige vernünftige Teilung
zwischen ihm und seinen Arbeitern stattfinden Geschieht dies dann wird die
Not die Armut die Unzufriedenheit das Laster sich mindern im Volke Dann
wird der Arbeiter die Erfindung der Maschinen segnen seinen Arbeitsherrn lieben
und verehren ihm treu und ergeben bleiben mit inniger Liebe mit und für ihn
dulden ohne Murren«
    »Und dahin geliebte Geschwister und Freunde dahin muss es kommen Darauf
lasst uns hinwirken Damit lasst uns einen Anfang machen«
    Alle Versammelten jauchzten Aurel Beifall zu und erhoben sich von ihren
Sitzen
    »Ich schlage vor« fuhr der Kapitän fort »und mache es meinem Bruder
Martell zur unerlässlichen Bedingung dass er seinen Arbeitern den Arbeitslohn
verdoppele dass er ihnen außerdem einen Anteil am Gesammtgewinn sichere diesen
Anteil aber nicht in baarem Gelde auszahle sondern bloß verzinse damit zu
größerem Nutzen das Betriebskapital nicht allein ungeschmälert bleibe sondern
auch von Jahr zu Jahr sich mehre Dadurch werden dem Fabrikherrn nicht die
unerlässlichen großen Geldmittel dem Arbeiter nicht der kleine Vorteil den er
beanspruchen darf entzogen Auf Verlangen wird den Arbeitern am Schluße des
Jahres Rechenschaft abgelegt über den Stand der Sachen und je nachdem die
Geschäfte sich verbessert oder verschlechtert haben die Teilnahme der Arbeiter
am Gewinn geregelt Der Arbeitslohn aber darf den Arbeitenden nie und unter
keiner Bedingung verkürzt werden damit sie stets ein menschliches Leben führen
können und nie erniedrigt werden zu willenlosen Sklaven  Bist Du bereit
Martell unter diesen Bedingungen die fernere oberste Leitung der Fabrik zu
übernehmen«
    »Ohne Bedenken« sagte Martell »Ich will ein Mensch sein unter Menschen
nicht ein Despot unter Sklaven Lieber will ich verhungern«
    »Dann bin ich zu Ende meine Lieben Vollbrecht der fleißige gewissenhafte
und umsichtige Geschäftsführer unseres verstorbenen Bruders ist bereit dem
kaufmännischen Teile des Geschäfts wie bisher vorzustehen Seine Rechtlichkeit
ist eben so anerkannt wie seine milde Gesinnung Alle Arbeiter lieben und
vertrauen ihm Sie werden auch seinen Worten Glauben schenken wenn er am Schluss
des ersten Jahres ihnen Rechenschaft ablegt und mitteilt welcher Anteil am
Gesammtgewinn ihnen zufällt«
    »Seine Rechtlichkeit soll mir Vorbild sein« sagte Martell
    »Was nun mich betrifft meine Freunde« fuhr Aurel mit größerer
Lebhaftigkeit fort »so habe ich Lust mein altes Leben wieder zu beginnen
Unsere überseeischen Verbindungen und Besitzungen verlangen bisweilen einen
raschen Inspector Überdies ist mir ein Leben ohne Wagnis und Abenteuer zur
Last denn der ächte Geist der Boberstein ich hoffe im edelsten Sinne des
Wortes, schäumt und tobt in meinen Adern Daher Geschwister Neffen Freunde
werde ich in diesem Frühjahr wieder zur See gehen«
    »Zu Befehl Herr Kapitän« sagte Gilbert die Tür öffnend und militärisch
grüßend »Ich bin bereit in jedem Augenblick die Anker zu lichten«
    »Du sollst mich begleiten braver Junge und verschlingt mich dereinst eine
Sturzsee mein wackerer Nachfolger werden«
    »Hurrah« schrie Gilbert aus Leibeskräften wie toll seinen bebänderten
Matrosenhut schwenkend »Es lebe Kapitän Aurel hoch«
    Alle Anwesenden stimmten in die tolle Lustigkeit des munteren Burschen ein
und brachten dem braven uneigennützigen Manne ebenfalls ein Lebehoch
    Noch während desselben zeigte sich der Maulwurffänger der an dieser
Verhandlung keinen Teil genommen hatte Seine Mienen waren traurig sein ganzes
Wesen ernst und feierlich
    »Was bringst Du« fragte Aurel erschrocken
    »Wenn der Herr Kapitän mit Ihren GeGeschäften zu Ende sind« versetzte
PinkHeinrich »so möchte ich Sie ersuchen mit Ihren lieben Angehörigen in
größter Eile in Martells bisherige Behausung zu kommen«
    »Ist ein Unglück geschehen« fragte Martell
    »Kein Unglück ach nein aber Lore säh es doch gern wenn ihr alter Vater
Dich segnen könnte bevor er hinübergeht«
    »So plötzlich« versetzte Martell »Und ich verließ ihn doch ganz munter heut
Morgen«
    »Es ist stiller Sonnabend« bemerkte der Maulwurffänger »und da lieben es
alte frommgläubige Väter Abschied vom Leben zu nehmen«
    »Nun so lasst uns aufbrechen« sagte Aurel »Bisher ist uns der Tod nur in
schrecklicher Gestalt begegnet sehen wir jetzt wie er sich einem Gerechten
naht«
    Die Versammlung verließ die prunkende Wohnung des Reichtums um in der
Armut Hütte einzukehren und dem Tode des greisen Spinners beizuwohnen
 
                                Neuntes Kapitel
                            Das Ende des Gerechten
Schon in einiger Entfernung von der ärmlichen Hütte vernahm man den gedämpften
Gesang eines Kirchenliedes Die Stimmen waren nicht grade sehr rein und
angenehm kamen aber aus bewegten Herzen und ergriffen deshalb die Hörer Der
Gesang klang feierlich und erhebend zugleich in der dämmernden Abendstille die
sich über See und Heide bereits auszubreiten begann
    Beim Eintritt unserer Freunde gewahrten sie einige Nachbarn die auf den
Knieen lagen und mit tränenfeuchten Augen das alte Kirchenlied
»O Haupt voll Blut und Wunden etc«
andächtig absangen Traugott hatte noch einmal vor seinem Hingange die kräftigen
Worte dieses vortrefflichen geistesstarken Liedes zu vernehmen gewünscht Von
Lore gestützt saß er auf dem Lager hinter dem Ofen hielt die abgemagerten
Hände über der Brust gefaltet und sprach die gläubigen Augen heiter zum Himmel
gerichtet für sich das Lied in stillem Gebet nach
    Die Freunde störten die Andächtigen nicht in ihrem Gesange Schweigend
beugten auch sie ihre Knie und stimmten zum Teil mit in das Lied ein wie zB
der Maulwurffänger und Sloboda Erst als der Gesang endigte drängte Martell mit
einigem Ungestüm zum Sterbelager des ehrwürdigen Greises beugte sich mit
Heftigkeit über ihn und fragte besorgt
    »Wie geht es Vater Soll ich nicht nach dem Doctor schicken«
    Traugott drückte dem Schwiegersohn matt die Hand und schüttelte lächelnd
sein Haupt
    »Der Herr kommt« sagte er flüsternd »und der ist der beste Doctor  Aber
setze Dich zu mir mein Sohn und höre  was ich Dir sagen werde  Ihr
Andern Nachbarn und gute Freunde auch Ihr könnt meine Worte in einem feinen
Herzen bewahren denn  sie werden Euch keine Gewissensbisse verursachen 
auf dem Sterbebette und am Tage des Gerichts«
    Er schwieg eine lange Zeit um Atem zu schöpfen und seine letzten Kräfte zu
sammeln Christel seine jüngste Enkeltochter zündete die Lampe an bei deren
flimmernden Schein die Mutter gar manche Nacht am Webstuhl den kalten morgen
herangewacht hatte und stellte sie auf den Ofensims dass ihr Schimmer auf das
welke Gesicht des sterbenden Großvaters fiel
    »Mein Sohn« nahm jetzt Traugott das Wort wieder auf »so arm wie ich wills
Gott noch heut aus der Welt scheide um morgen mit Jesu Christo das
Auferstehungsfest im Himmel zu feiern so arm trat ich in die Welt so arm lebte
ich an die achtzig Jahre Es heißt etwas ein solches Leben zurückzulegen es
erfordert nicht bloß Mühe und Geduld es erfordert vor Allem Glaube und Liebe
und Gehorsam  O Martell ich kenne Dein Herz und weiß dass es im
tiefinnersten Grunde gut ist und rechtschaffen aber Glaube Liebe und Gehorsam
 diese drei  sie haben darin nicht ihre bleibende Stätte gefunden«
    Martell wollte dem Greise antworten dieser aber machte eine abwehrende
Bewegung
    »Unterbrich mich nicht lass mich endigen denn meine Zeit ist kurz«
    Traugott holte einigemal tief Atem dann fuhr er fort
    »Sieh mein Sohn so arm ich war und blieb bis auf den heutigen Tag so
fröhlich schlug doch immer mein Herz auch unter den härtesten Bedrängnissen
Du wirst sagen das mache mein glückliches heiteres Temperament ich aber rufe
dagegen das machte der Glaube aus dem Liebe und Gehorsam die beiden
sichersten Führer durch die Irrwege der Welt uns erwachsen  Ach warum lacht
die heutige Welt über den Glauben warum kennt sie die Liebe nicht warum will
sie den Gehorsam nicht mehr  Am Abend meines Lebens kommt mir dies vor wie
ein Frevel an der heiligen Lehre des Sohnes Gottes und es will mir scheinen als
müsse daraus nur Böses entstehen Unfrieden und Blutvergießen«  »Liebet
einander« sagte der sterbende Evangelist Johannes und »liebt einander« rufe
auch ich Euch zu als die letzte väterliche Mahnung
    »Du bist ein reicher Mann geworden habe ich mir sagen lassen« sprach
Traugott weiter und seine Stimme ward von Sekunde zu Sekunde schwächer »ein
vornehmer großer Graf Das verstehe ich nicht aber es mag wohl gut sein da es
Gott so gefügt hat Wird es Dich und Deine Kinder auch glücklicher machen 
Wird es Dir die Liebe wieder geben die aus Deinem Herzen entschwunden war ob
der Ungerechtigkeiten welche Einzelne Dir zugefügt hatten  Wirst Du jetzt
wieder glauben lernen und den Gehorsam als eine hohe Tugend achten  Wo das
nicht geschieht mein armer Sohn dann wünschte ich Du lägest neben mir und
führst zugleich mit meinem grauen Haupt in die Grube«
    »Beruhigt Euch Vater «
    »Still Keine Versprechungen Keine Eide  Seit die Welt so rasch bei der
Hand ist mit dem Schwur seitdem sind Vertrauen und Ehrlichkeit noch seltener
geworden als klingende Münze  Nun es mag sein «
    »Gönnt Euch Ruhe Vater« bat Lore »Der Atem geht Euch aus«
    »Lass ihn werde ich doch bald Paradiesesluft schlürfen« versetzte Traugott
mit verklärten Zügen »Der Graf von Boberstein der ein Bruder von Dir gewesen
sein soll« fuhr Traugott fort »der harterzige Herr am Stein ist begraben
worden  die Maschinen die er missbrauchte haben ihn zerrissen  die Welt
nennt das Strafe Gottesgericht  Wie sie doch ungerecht ist  Kann sie
wissen warum Gott den begrabenen Mann mit solch einem Herzen von Marmelstein
schuf und über so viele Menschen setzte als obersten und gewaltigen Gebieter
 Er hatte seine heiligen großen Zwecke ich zweifle nicht aber die Welt die
arme sünhafte Welt mag nichts hören von Züchtigung und darum grollt sie und
schreit nach Rache wenn sie die strafende Rute des Herrn fühlt  Du hast
oft gemurrt Martell wenn Not und Krankheit bei uns einkehrten darum
versprich mir von jetzt an nie mehr gegen die Vorsehung zu murren wenn Du ihre
Wege auch nicht begreifen kannst«
    Martell legte seine zitternde Hand in die seines Schwiegervaters
    »Blicke zurück und Du wirst einsehen dass die Pfade gut waren welche der
Herr Dich geführt  Siehe ohne jene Bedrückungen unter denen wir und alle
unsere Brüder leiden mussten wären niemals die alten Frevel ans Tageslicht
gekommen und Du  würdest als armer Spinner gestorben sein  Das lehrt uns
nachdenken das mahnt uns demütig bescheiden und fromm zu sein  Es
geschieht nichts zwischen Himmel und Erde das der Herr nicht kennt von dem er
nicht will dass es geschehen soll warum also wollen wir zagen und zittern 
Glaubet nur und Ihr seid glücklich Liebet und Ihr urteilt mild Gehorchet
gern und man wird Euch mit Freuden dienen «
    Der Greis sank völlig entkräftet von dem langen Sprechen zurück auf sein
dürftiges Lager und schloss die Augen Lore küsste ihn wiederholt auf die
erkaltenden Lippen und die beiden Enkeltöchter erfassten weinend seine Hände
    »Habt Ihr mir vergeben Vater« fragte Martell
    »Ich habe nichts zu vergeben« murmelte der Sterbende ohne die Augen zu
öffnen »Ich wollte nur mein Herz noch einmal ausschütten  vor meinem Tode
und mich rechtfertigen  meines Tadels wegen  den ich manchmal  gegen
Dich  ausgesprochen  Wie sie so schön singen«
    »Wer Vater« fragte Lore »Die Nachbarn beten still für sich es singt
Keiner«
    »In lieblichen Tönen  in sanften  reinen Silberstimmen  Und wie die
Sonne glänzt  dort  über den  Bergen «
    »Er schwärmt« sagte Aurel »Die Seele ringt sich los von den Banden des
Körpers
    »So sterben Dulder und Gerechte« sagte der Maulwurffänger und legte seine
Hand auf die Stirn des alten Spinners
    »Sie ist schon ganz kalt Bald wird es mit ihm vorüber sein«
    »Über mir  unter mir  Alles  blauer sonniger  Himmel Die Orgel
tönt  der Ostermorgen tagt  Sie singen Alle  Alle  Alle
O Haupt voll Blut und Wunden etc«
    Und ganz leise und zitternd stimmte der Sterbende nochmals sein
Lieblingslied an Unwillkürlich fielen die Versammelten einer nach dem andern
mit ein und unter diesem erhebenden Gesange schlummerte Traugott ohne Todeskampf
in ein besseres Leben hinüber
    Martell Lore und ihre Kinder neigten schluchzend ihre Häupter über den
Toten über den Armen der nie sein Kreuz zu schwer gefunden hatte und nur
Dank innigen Dank gegen Gott auf der Lippe glücklicher gestorben war als
tausend Reiche
    »Wir wollen die Trauernden nicht stören« sagte der Maulwurffänger »Es ist
schon der Mühe wert einen solchen Vater zu beweinen«
    Still schlichen sich Freunde und Nachbarn aus dem Sterbezimmer Als eine
Viertelstunde später Martell und Lore sich wieder aufrichteten waren sie allein
Zu Füßen des Lagers knieten betend die beiden Schwestern Das kleine Flämmchen
der Lampe brannte düster und das Silberlicht des Vollmonds wob um das
Greisenhaupt Traugotts einen verklärenden Heiligenschein
 
                                Zehntes Kapitel
                             Der letzte Geburtstag
Der Maulwurffänger hatte seinen Sonntagsrock angezogen den wohl gebürsteten
dreieckigen Hut aufgesetzt und stand wartend mitten in der Wohnstube seines
kleinen sauberen Häuschens zu B  In ähnlicher Kleidung nur weniger accurat
und reinlich saß Schlenker auf der Ofenbank die zinnerne Tabaksdose häufig
unruhig auf und zuklappend
    Ein Wagen mit zwei jungen mutigen Füchsen bespannt fuhr vor
PinkHeinrich schüttelte den Kopf stampfte ungeduldig mit seinem
Schlehdornstecken auf die Diele und sagte
    »Na da haben wirs KrückenGottlobsFriedel so genannt weil sein Vater
Gottlob an Krücken ging hält schon vor der Tür und mein Bruder kommt immer
noch nicht Wo er nur bleibt«
    »Mein Gott wo wird er bleiben« versetzte Schlenker »Wo er immer steckt
zu Hause Er trödelt gar mit tausend Schrecken«
    »Hast Du ihn nicht gesehen da kommt er über die Wiese hergestiefelt« sagte
der Maulwurffänger sein würdiges Gesicht zu ironischem Lachen verziehend »Nimm
Dir Zeit Bruder Schulmeister sonst kannst Du noch eine Lerche schießen dass
Dir acht Tage lang die Ohren gellen  Friedel« rief er durch das
Schiebefenster dem jungen Burschen am Wagen zu »Krempele die Plane auf dass man
eine Umsicht hat Das Wetter ist schön heut und die Luft würzig und warm
Obgleich wir drei alte Knackse sind vertragen wir doch noch ein Bissel Zugluft
Nicht wahr«
    »Natürlich natürlich ganz Natur« sagte Gregor der eben ins Zimmer trat
als der Maulwurffänger diese Frage an Schlenker richtete
    »Aber wo steckst Du denn Bruder Schulmeister« rief ihm PinkHeinrich zu
»Es geht schon auf zwölf wir haben noch einen langen Weg zurückzulegen und um
vier sollen wir doch schon auf dem Zeiselhofe sein Da ists höchste Zeit dass
wir aufbrechen«
    »Aufbrechen natürlich Dennoch musste ich mein Chronikon erst schließen 
Jetzt geht kein Sterbenswort verloren ganz Natur«
    »Wovon Bruder Schulmeister«
    »Von der grausamverwickelten in vielem Betracht erschrecklichen dabei aber
wiederum hochlehrsamen und moralischen Geschichte welche anhob mit dem
sonderbaren Betragen des hochseligen Grafen Magnus von Boberstein genannt
Blauhut Selbige Geschichte ist nunmehr von meiner Hand sorgfältig zu Papier
gebracht bis auf den heutigen Tag und zwar leserlich höchst leserlich
natürlich«
    »Hast Du auch nichts vergessen«
    »Nichts Wesentliches Und weil heut des Mannes Geburtstag ist der
unverschuldet durch sein schönes Tochterlein Rose oder Röse genannt
Haideröschen Veranlassung gab zu so traurigen Vergehungen und herzbrechenden
Ungerechtigkeiten darum wollte ich ihm und seinen nunmehr gesetzlich
anerkannten Nachkommen dies wohlausgearbeitete und schön niedergeschriebene
Chronikon zum Präsent machen«
    »Und darum kommst Du so spät«
    »Natürlich Und hätte mir beinahe den Fuß vertreten«
    »Es ist meiner Six mit tausend Schrecken« sagte Schlenker den Schulmeister
mit einer Art von Verwunderung betrachtend »Ich hätts Euch nicht zugetraut
verzeih mirs Gott nun aber da Ihrs doch zu Stande gebracht habt nun flösst
Ihr mir so zu sagen einen ehrfürchtigen Respekt ein Glaubt Ihrs
Schulmeister«
    »Glaubs Ganz Natur«
    »Und ich glaube« sagte der Maulwurffänger »es wird jetzt ebenfalls sehr
natürlich sein wenn wir einsteigen und die beiden Füchse austraben lassen was
Zug und Zeug hält Ists also genehm so bitt ich einen Anfang zu machen
Unter der Plane können wir noch schwazzen dass alle Sterne blau davon anlaufen«
    Von dem jugendlichen Fuhrmann unterstützt bestiegen die drei Alten den
leichten Wagen der nun rasch auf der wohl erhaltenen Straße den Königshainer
Bergen entgegen rollte die im duftigsten Blau ihre malerischen Gipfel über das
Blachfeld erhoben
    »Es wird heut just ein Jahr sein« sprach der Maulwurffänger »dass ich die
wichtige Schrift fand der unsere Freunde eine so wunderbare Umgestaltung ihrer
Verhältnisse zu verdanken haben Gott weiß wie lange ich noch zwischen Himmel
und Erde herumspazieren darf Deshalb will ich am heutigen Tage doch wieder
einmal das Bergrevier besuchen und mich recht lebhaft aller Glücks und
Leidenstage erinnern Ich bin lange nicht mehr zum Todtenstein gekommen«
    Er rief nun dem Kutscher zu vom graden Wege abzubeugen und nach dem
genannten Gebirgsstock einzulenken Da die Pferde jung und kräftig waren und
fast ununterbrochen lustig galoppirten so erreichten die Greise in
verhältnismäßig kurzer Zeit den Fuß des Todtensteines Hier ließ der
Maulwurffänger halten fragte seine Begleiter ob sie mit ihm die Berglehne
ersteigen wollten und schritt da er bejahende Antwort erhielt rüstig den
holprigen Fußsteig hinan
    Auf einem Kreuzwege rastete er da Gregor und Schlenker ihm nicht so schnell
folgen konnten
    »Wo nehmt Ihr nur die Kräfte her Ihr Tausendsasa« sagte Schlenker
puhstend indem er sein blauund rotgewürfeltes mit Tabakflecken romantisch
gezeichnetes Taschentuch mühsam aus der breiten Klappentasche des
viertelhundertjährigen Rockes hervorzog den Dreikantigen abnahm und sich den
perlenden Schweiß von der Stirn wischte »Es ist mit tausend Schrecken was Ihr
noch laufen könnt«
    »Ganz Natur« sagte Gregor mit größter Ernsthaftigkeit die Hände auf den
Knopf seines Stockes legend und die Gegend mit freudigem Auge überblickend »Wir
leben doch in einem herrlichen Landstriche Gott segne ihn ewiglich«
    »Ist es mir doch als wäre die Geschichte erst gestern passiert« bemerkte
der Maulwurffänger nachdenklich den Ort betrachtend wo er rastete »Ja
Freunde ich möchte einen körperlichen Eid ablegen dass wir uns genau auf der
Stelle befinden vor welcher vor nunmehr dreiundvierzig Jahren Graf Magnus das
liebliche Haideröschen entführte Dort liegt die Meierei ihre weißen
Schornsteine aus den Saftgrün der Buchen glänzend emporstreckend und jenseits
der bewaldeten Hügelkette führt die Straße nach dem Zeiselhofe Wer hätte damals
gedacht dass dieser freche Raub eines leibeigenen Mädchens so viel Unglück über
die hohe Familie des Räubers verhängen und ein ganzes Geschlecht beinahe dem
zeitlichen und ewigen Untergange nahe bringen würde  O die Wege des Herrn sind
wunderbar aber immer immer gerecht«
    »Immer gerecht« wiederholte Schlenker der durch lebhaftes Kopfnicken dem
Maulwurffänger seinen Beifall zu erkennen gab Gregor stieß ein trockenes
»natürlich« aus und haspelte neben dem stark ausschreitenden Bruder die
Berglehne vollends hinan
    Trotz Schlenkers Abmahnen der seiner lahmen Arme wegen alles Klettern
vermeiden musste und den Maulwurffänger auch nicht mehr die nötige Gewandtheit
zutraute schwang sich PinkHeinrich doch die Stufen in dem zerklüfteten Felsen
hinauf und erschien nach wenigen Minuten auf der Platform desselben Der
Schulmeister der dem Bruder zu folgen Anstalt machte und auch den besten Willen
dazu hatte musste das schwierige Unternehmen aufgeben Seinen steifen Gliedmaßen
fehlte es an aller Geschicklichkeit so halsbrecherische Pfade ohne Fall und
Sturz wandeln zu können
    Der Maulwurffänger begnügte sich mit kurzer Umsicht Dann bückte er sich
riss aus einem Felsenspalt frischgrünes Hauswurz und kam fast springend wieder
herab zu seinen Gefährten
    »Jetzt kanns wieder fortgehen alte ehrliche Seelen« sagte er heiter
»Ich habe mich wahrhaft erquickt an der prächtigen Aussicht und in den Lüsten
der Erinnerung die da oben das alte Gestein umsäuseln Ich werde lustig sein
wie ein Junggeselle dem ein liebes Mädel zum ersten Mal verheissungsvoll ins
Auge schaut Auf auf nach dem Zeiselhofe«
    Noch vor der festgesetzten Zeit erreichten die Greise diesen alten
stattlichen Edelsitz der heut überaus belebt war Aurel und Gilbert Beide
festlich gekleidet empfingen die Freunde und geleiteten sie in das Herrenhaus
Hier kamen dem Maulwurffänger lauter bekannte Gesichter entgegen Es war nämlich
die ganze Familie Boberstein zum Geburtstage des alten Wenden auf dem Zeiselhofe
zusammen gekommen Selbst Vollbrecht dessen geräuschlosem Wirken man viel zu
verdanken hatte fehlte nicht Martell und Lore mit ihren beiden Töchtern jetzt
alle zwar einfach aber gut und reinlich gekleidet Maja und Simson mit ihrer
vom Hungertode verschonten Tochter der kräftige Paul der ausgelassene Gilbert
die jetzt wieder still gewordene schöne Bianca und endlich die glückberauschte
Elwire mit Herta Alle Alle umschlang nunmehr ein gemeinsames Band der Liebe
und des Friedens Denn Frieden der Frieden schwergeprüfter Herzen durch
Unglück geläuterter Seelen war über jeden Einzelnen dieses wunderbar geführten
Geschlechtes gekommen Selbst Martell obwohl seine Gesundheit litt und seine
Kraft gebrochen war schien doch mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein das ihn
so furchtbare Wege geführt so nahe an verderbenschwangere Abgründe gestoßen
hatte Wie früher war er auch jetzt noch still und von wenig Worten aber sein
Auge blickte klar und heiter und der milde Sonnenglanz der Liebe der Vergebung
blitzte wieder in der dunkeln Pupille auf
    Den allverehrten Mittelpunkt des festlichen Tages bildete Jan Sloboda Nach
so vielen glücklich durchgekämpften Lebensstürmen wollte der alte Wende
eingedenk bleiben seiner Abstammung und seiner früheren Leiden Deshalb legte er
heut was er seit langer Zeit nicht getan hatte den glänzenden Lederriemen
das Zeichen ehemaliger Knechtschaft wieder um Haar und Stirn und wandelte in
seiner schlichten Kleindung das starke silberne Haar von braunem Hornkamm im
Nacken festgehalten wie ein greiser Heros durch die ihm zu Ehren geschmückten
Zimmer
    Man verbrachte den Tag heiter ohne ausgelassen zu sein was bei den
traurigen Erinnerungen die jedem Einzelnen der Versammelten sich aufdrängen
mussten moralisch unmöglich war Spät Abends als von dem Bedienten die Lichter
angezündet wurden bemerkte der Maulwurffänger dass man der ereignissvollen
Vergangenheit wegen auch derer gedenken möge welche mittelbar zur Enthüllung
der vielen Geheimnisse beigetragen hätten die anfangs ihren Bestrebungen kein
vorteilhaftes Ende verhiessen
    »Ich vermisse die gute blinde Mutter Marie Leberechts getreue Ehefrau
nebst Vater und Sohn« sagte der wackere Mann »Sie haben uns Allen wesentliche
Dienste geleistet und wenn wir ehrlich sein wollen für das Haus Boberstein
Gesundheit und Leben mehr denn einmal in die Schanze geschlagen Ich schlage
daher dem vielgereisten Herrn Kapitän und seiner hohen Verwandtschaft in aller
Demut vor machen wir den Armen die sich am heutigen Tage nicht mit uns hier
in Glanz und Wohlleben freuen können samt und sonders einen Besuch in ihrer
bescheidenen Wohnung Sie werden sich geehrt und glücklich fühlen durch solche
Aufmerksamkeit Und ich meine Herrschaften ich bin der Meinung dass die
Gesindestube just der rechte Ort ist wo wir heut allesammt hingehören Denn aus
ihrem dunkeln Bereiche sind alle diejenigen hervorgegangen die in späteren
Jahren die Stützen und Träger des uralten Geschlechtes der Grafen Boberstein
sein und bleiben sollen Es lebe also die Gesindestube«
    Des Maulwurffängers Antrag fand lebhafte Unterstützung ehe man jedoch zur
Ausführung schritt in der Weise wie PinkHeinrich es vorschlug schickte der
Kapitän seinen Merkur Gildert erst als Gesandten an die Bewohner der
Gesindestube ab um diese auf den ihrer wartenden Besuch vorzubereiten und die
Dienstboten während der Dauer desselben zu entfernen
    Mit lautem Hurrah kehrte der junge Matrose zurück verkündete der
zahlreichen Gesellschaft dass Leberecht und Marie bis zu Tränen gerührt dem
verheissenen Besuche ihrer großmütigen Beschützer erwartungsvoll entgegensähen
und sich innigst darauf freuten
    Unverweilt brach nun die Versammlung unter Vortritt mehrerer Bedienten auf
die jedoch an der Zuschlagtüre der Gesindestube die Weisung erhielten sich
wieder zu entfernen Elwire von Jugend Glück und Schönheit strahlend
geleitete den alten Wenden der lächelnd seine feenhafte Führerin betrachtete
Herta mit Aurel Bianca und Vollbrecht und hinter diesen die Übrigen schlossen
sich paarweise an und nahmen wie sie einander folgten Platz auf Schemeln und
Bänken an der langen fichtenen Tafel an deren beiden Enden lohende Kienspäne
brannten wie dies seit Jahrhunderten gebräuchlich war Am obersten Ende quervor
auf etwas erhöhtem Stuhl dem einzigen den es in diesen Räumen gab musste der
greise Wende der Held des Tages niedersitzen von Herta und Elwire umgeben
Diesem gegenüber am untersten Ende auf der Ofenbank saß die blinde Marie
zwischen Leberecht und Eduard Aurel ließ von Paul und Gilbert einige Karaffen
edlen Weines holen um die Gesundheit Slobodas in diesen Umgebungen mit den
Versammelten zu trinken Lebhaft und herzlich fielen alle in das wohlgemeinte
Hoch ein
    Als es wieder ruhig geworden war erhob sich Aurel nochmals um der
Gesellschaft seine Verlobung mit Elwire anzukündigen dabei ergriff Gilbert
rasch die Gelegenheit um seine schöne zukünftige Kapitänin leben zu lassen und
auf ihr Wohl mehr als ein Glas zu leeren
    »Der vorlaute Bursche hat Recht« sagte Aurel da einige noch Zweifel in den
schon früher ausgesprochenen Entschluss des Grafen zu setzen schienen »Es ist
mein fester Wille nach dem Pfingstfeste aus Eurer Mitte zu scheiden meine
Lieben Ich werde mein Schiff die Hoffnung wieder besteigen aber diesmal nicht
allein Ein Engel ein Engel des Glückes der Liebe des Friedens wird mich
begleiten Elwire wird mein Weib und Schutzgeist sein  Vernehmt nun an diesem
Freudentage der nach so langem Jammer den Anfang einer schöneren Zukunft
verkündet vernehmt jetzt von mir dass ich den dritten Teil meines Vermögens
allen Armen und Hilfsbedürftigen schenke die auf Bobersteinschem Grund und
Boden geboren worden sind und daselbst leben Ich habe mehr als ich bedarf ich
bin kräftig und unternehmend und da ich einer guten Sache diene wird Gott
meine Bemühungen segnen Vor meiner Abreise werde ich die nötigen Papiere über
diese Schenkung und wie ich sie zum Besten der Darbenden angewendet wissen will
in Vollbrechts Hände niederlegen Auf das Wohl und ein besseres Loos der
arbeitsamen Armen«
    Freudig stimmte Jeder auch in diesen Toast ein der ebenso die Menschenliebe
wie die Großmut des Kapitäns kund gab Elwire lächelte dem Geliebten glücklich
zu und führte auf sein Wohl das volle Glas nippend zum schönen Munde
    »Nunmehr mag es aber gut sein« fiel der Maulwurffänger in seiner trockenen
Weise ein »Das viele Trinken treibts Einer auch noch so vorsichtig macht
einem zuletzt doch schwer im Kopfe und davon muss ich sagen bin ich kein
aparter Liebhaber Statt also das Gesundheittrinken fortzusetzen was eine ganz
hübsche Sitte ist wenns nicht zu lange dauert hätte ich mit Verlaub einen
Vorschlag zu machen der mir passend scheint«
    »Und dieser besteht« fragte Aurel
    »Worin er bestehen wird hängt nicht ganz allein von mir ab Ich will bloß
in Anregung bringen dass wir heut den Geburtstag unsers wackeren Freundes des
braven ehrwürdigen Jan Sloboda des letzten Wenden der leibeigen gewesen ist
feiern Zugleich begehen wir so zu sagen auch den Begräbnisstag aller
Sklaverei wenn jeder Herr die hohen Gesinnungen des Grafen Aurel zu den
seinigen macht was Gott geben wolle Ein solcher Freudentag muss dünkt mich
gefeiert werden in mannichfacher Weise namentlich aber auf wendische Art da
Sloboda dem wendischen Stamme von Geburt angehört«
    »Mir recht so erfahre ich was Neues« flüsterte Gilbert Bianca zu hinter
deren Schemel er sich meistens aufhielt »Die Wenden sollen merkwürdige Einfälle
haben«
    »Bilden wir uns ein« fuhr der Maulwurffänger fort »wir hätten uns hier
eingefunden zur Spinnte «
    »Ja ja zur letzten Spinnte« fiel Sloboda ein sein greises Haupt in
Erinnerung an die traurige Vergangenheit bedeutungsvoll neigend »In der letzten
Spinnte beschlossen sie den Besuch am Todtenstein  Es ist seltsam  seltsam«
    Er stützte die müde Stirn umfangen von dem Riemen ehemaliger Knechtschaft
in die hohle Hand und lächelte still für sich Freudige Verklärung breitete sich
über seine abgespannten Züge
    »Denken wir« sprach der Maulwurffänger weiter »die Spinnräder schnurrten
die Weifen klapperten Es würde an die Tür geklopft und ein Dudelsackpfeifer
träte mit vielen Bücklingen ein und verspräche ein lustiges Stücklein zu
pfeifen Davon wachten die schläfrigen Geister auf würden heiter lustig
ausgelassen  begönnen Volkslieder zu singen und Tänze aufzuführen und schlössen
zuletzt wies Sitte ist beim Volk der Wenden mit « hier ließ der
Maulwurffänger den Kopf hängen und schwieg
    »Nun womit denn« fragte Gilbert
    »Hole mich Der und Jener ich weiß nicht ob ichs rund heraussagen darf
denn s fällt mir eben ein dass außer Jan Sloboda kein geborner Wende unter uns
ist und dann seht dann habe ich mich selber zum Narren gehabt«
    »Kann jetzt nichts helfen mein Freund« sagte Aurel »Ihr habt angefangen
seht nun zu wie Ihr zu Ende kommt«
    »Meinetalb denn  Ich dächte also wir schlössen nach wendischer Sitte mit
Erzählung einer der Geschichten wie sie im Munde des wendischen Volkes leben
und an langen Winterabenden während der Spinnte erzählt werden«
    »Der Vorschlag ist gut wenn nur der Erzähler sich findet« meinte Herta
    »Eigentlich« sagte der Maulwurffänger »dachte ich dabei an die blinde
Marie denn ich weiß dass sie ehemals in den wendischen Liedern und Geschichten
fast eben so bewandert war wie Slobodas Tochter«
    »Wie mein Haideröschen das arme Kind Gott beglücke sie in seinem
Paradiese«
    »Wirst Du mich in Schande bringen Marie« fragte PinkHeinrich die Blinde
ihre Hand erfassend »Suche in Deinem Gedächtnis und ich möchte wetten dass im
verborgensten Fache des Betkästchens eine Perle ersten Wassers herumkollert die
sich auf Deiner Zunge in den allerfeinsten geistigen Honigseim verwandelt«
    Marie lächelte drückte dem Jugendfreund die Hand und sagte
    »Lass mir eine Weile Zeit Maulwurffänger Alles hab ich noch nicht
vergessen aber es ist wüst durch einander geschüttelt worden durch die vielen
harten Stöße die mein armer Kopf in diesem drangvollen Leben aushalten musste«
    »Besinne Dich Mutter und die Engel im Himmel sollen Dein Lob preisen«
    »Die Engel werden ihr Lob preisen« wiederholte in seiner Geisteszerstreuung
der Wende seine hellblauen Augen zum Himmel aufschlagend »Sie war schon auf
Erden ein Engel«
    Es trat eine kurze Pause ein Das monotone Schrillen der Heimchen in den
Wänden unterbrach allein die allgemeine Stille Da erhob Marie anmutig lächelnd
ihr auf die Brust geneigtes Haupt ließ die erblindeten glanzlosen Augen über
die Gesellschaft gleiten als könne sie jeden Einzelnen erblicken und sagte
    »Deutlich erinnere ich mich bloß einer einzigen Geschichte die ich zu
erzählen bereit bin so gut ichs vermag In manchem Betracht kann sie uns Allen
zur Beruhigung dienen und uns über das Schicksal derer trösten die
unfreiwillig in ihrer Sünden Blüte aus dem Leben schieden«
    »Ohne Einleitung erzähle Jedes Wort soll uns ein Evangelium sein«
    »Natürlich« sagte Gregor zu Schlenkern der in dieser Bemerkung des
Maulwurffängers eine Art Gotteslästerung erblicken wollte und sich zu einer
Predigt in Bereitschaft setzte Bevor er jedoch zu Worte kommen konnte hatte
sich Marie des Gespräches bereits wieder bemächtigt und trug den aufmerksam
Lauschenden folgende mährchenhafte altwendische Erzählung vor
                               Lipskulijans Bett
    »Es war aber ein armer Mann der sich fast nicht mehr ernähren konnte und
doch hatte man ihm noch große Abgaben auf sein Haus gelegt Und er musste aufs
StöckeRoden gehen Und als er eines Tages auch sehr traurig in die Heide ging
begegnete ihm ein Männchen das ihn fragte Weshalb bist Du so traurig Der arme
Mann antwortete ihm Du kannst mir auch nicht helfen  Wer weiß sagte das
Männchen sage mir es so will ich Dir helfen«
    Der arme Mann erzählte ihm dass er in großer Not sei und dass es ihm
unmöglich wäre die Steuern zu geben  Darauf sagte das Männchen Wenn Du mir
das versprichst wovon Du in Deinem Hause nichts weißt so will ich Dir helfen
 Der arme Mann gedachte bei sich Das kannst Du Du weißt ja Alles was Du in
Deinem Hause hast  Hierauf brachte das Männchen ein Stück Papier hervor und
auf dieses hat sich der arme Mann mit seinem Blut unterschreiben müssen
    Als dies geschehen war sagte das Männchen Nach sechszehn Jahren bringe mir
das was Du mir versprochen hast auf dieselbe Stelle Und es gab ihm eine große
Summe Geld Und nach einiger Zeit gebar seine Frau einen Sohn und er erinnerte
sich was sich der Teufel bedungen hatte und war sehr traurig
    Der Knabe wuchs aber und lernte sehr fleißig so dass ihn der Vater studieren
ließ und als er fünfzehn Jahr alt war da hatte er schon ausstudirt Und weil
sich die Zeit näherte wo er an das Männchen ausgeliefert werden sollte so
grämte sich sein Vater je länger je mehr Er sagte daher Was seid Ihr so
traurig lieber Vater  Ach antwortete ihm dieser ich habe Dich schon ehe als
Du geboren wurdest dem Teufel versprochen und hab ihm eine Schrift darüber
gegeben und erzählte ihm die ganze Sache Er aber sagte Keine Sorge Ich werde
mir selbst diese Schrift holen 
    Und er nahm seinen Degen und etwas Weihwasser und begab sich auf den Weg Er
kam aber in einen so großen Wald dass ihn die Nacht darin übereilte und er sich
zuletzt verirrte Als er aber lange umhergegangen war erblickte er Licht und
dann ein Häuschen Und als er hinein trat war dort Niemand weiter als eine
alte Frau Diese bat er um Herberge aber sie antwortete ihm hierauf er solle
seines Weges gehen wenn ihm sein Leben lieb wäre denn da wohne ein großer
Räuber Er sagte aber dass er sich nicht fürchte und blieb dort
    Nach einer Weile kam auch der Räuber und frug ihn wohin er gehe  Da tat
ihm der Räuber nichts sondern gab ihm zu essen und zu trinken und bat ihn des
andern Tages am Morgen er möge doch so gut sein und den Teufel fragen was
Lipskulijan zu erwarten habe 
    Und als er in die Hölle gekommen war war dort grade kein Anderer als der
oberste Teufel Der wusste aber von der Schrift nichts und sagte das ginge ihn
nichts an und er solle ihn in Frieden lassen Da besprengte er ihn mit
Weihwasser und der oberste Teufel fing so an zu brüllen dass die andern in
Hausen hereingestürzt kamen Er befragte sie auch nach der Schrift aber es
hatte sie Keiner Da besprengte er den obersten Teufel wieder mit Weihwasser und
er fing an noch viel mehr zu brüllen so dass ihrer noch viel mehr hereingestürzt
kamen  Er befragte sie wieder wegen der Schrift aber es hatte sie Keiner Da
besprengte er den obersten Teufel noch einmal und er fing an so schrecklich zu
brüllen dass ihrer von allen Seiten hereingestürzt kamen und zuletzt kam auch
ein Lahmer angehinkt und der hatte die Schrift Der wollte sie aber nicht geben
    Da sagte der oberste Teufel Werft ihn auf Lipskulijans Bett  Da gab sie
der lahme Teufel Und als er die Schrift erhalten hatte frug er was für ein
Bett Lipskulijan bekommen würde Und sie zeigten es ihm und es war von der Art
dass als er seinem Degen hineinsteckte und ihn wieder herauszog die Klinge so
weit sie in das Bett hineingestossen worden war zerschmolzen war denn das Bett
bestand aus lauter glühendem Eisen
    Hierauf ging er wieder nach Hause und kam unter wegs zum Lipskulijan Der
frug ihn ob er wüsste was ihn erwartete Und er erzählte ihm Alles Da erschrak
Lipskulijan und erkundigte sich ob er doch noch nicht könnte begnadigt werden
Und er antwortete ihm Gott ist jedem Sünder gnädig wenn er sich bessert
Entziehe Du Dich allem Bösen und bete ohne Aufhören zu Gott so wird er Dir auch
gnädig sein 
    »So wird er Dir auch gnädig sein« wiederholte Sloboda ohne sein auf dem
untergestemmten Arm ruhendes Haupt zu erheben  Marie fuhr fort
    »Und er führte Lipskulijan ein Stück von der Straße ab errichtete dort
einen kleinen Hügel und pflanzte darauf eine Gerte und sprach Auf dem Hügel
bete Du und wenn die Gerte Äpfel tragen wird so magst Du daraus erkennen dass
Dir Deine Sünden vergeben werden Hierauf ging er nach Hause«
    Nach langer Zeit als er schon ein hoher Geistlicher war fuhr er durch
denselben Wald und es erblickte dort sein Diener schöne Äpfel auf einem Baume
Er wollte einen pflücken aber wie er ihn berühren wollte da hörte er eine
Stimme welche sprach Du hast mich nicht gepflanzt Du wirst mich auch nicht
pflücken
    Er erzählte dies in aller Schnelligkeit seinem Herrn Der ging hin und als
er zu dem Aepfelbaum kam fand er unter demselben einen knieenden Menschen und
besann sich auf Lipskulijan Und der wollte ihm beichten Und als er ihm die
Sünden vergeben hatte zerfiel Lipskulijan in lauter Staub und die Äpfel
welche die Seelen derer waren die er ermordet hatte verschwanden alle Und eine
weiße Taube flog zum Himmel auf und sang
Aepflein trug das Gertelein
Meine Seele muss nun selig sein
Und er hatte so die Gewissheit dass Lipskulijan selig gestorben sei
    Als Marie dies eigentümliche wendische Märchen beendigt hatte hörte man
ein leises Schluchzen Es war Bianca welche ergriffen von dem tiefen Sinn der
ungekünstelten Volksdichtung ihre Gefühle nicht länger verheimlichen konnte
Schlenker gab seinen Beifall durch lebhafte Gebehrden zu erkennen und reichte in
seiner Freude der Blinden sogar eine Prise Slobodas Haupt war langsam immer
tiefer herabgesunken so dass es jetzt beinahe die Tischplatte berührte
    Die Kienspäne mit ihren langgekrümmten Rispen brannten dunkel und
verbreiteten über Stube und Versammlung mehr Schatten als Licht
    »Der greise Wende ist glaub ich vor Ermüdung eingeschlafen« sagte Elwire
leise um den Schlummernden nicht zu stören
    »So schnell« erwiderte Aurel »Und er hat doch vor Kurzem noch
gesprochen«
    »Sonderbar« sagte Herta »Der wackere alte Mann schläft so sanft dass man
ihn nicht einmal atmen hört«
    Bei dieser Bemerkung verließ der Maulwurffänger seinen Platz und näherte
sich dem Wenden Behutsam neigte er sein Ohr zu dem Schlummernden Da aber auch
er keinen Atemzug entdecken konnte erlaubte er sich seine Hand auf das
Silberhaar des Greises zu legen und ihn laut bei Namen zu rufen
    Sloboda antwortete nicht
    Da schob der Maulwurffänger seine Hand unter die Stirn des Wenden und
richtete ihn sanft auf
    Sloboda hatte die Augen fest geschlossen ein Lächeln umspielte seinen Mund
er war tot Gleich der Seele des Räubers im Märchen hatte die Seele dieses
greisen Wenden unter Sangesgeflüster ihre irdische Hülle verlassen
 
                                Elftes Kapitel
                                    Schluss
Wir haben unserer Erzählung nur wenige Worte noch hinzufügen
    Sloboda ward feierlich auf dem Kirchhofe des zum Zeiselhofe gehörigen Dorfes
in der herrschaftlichen Gruft beerdigt Vierzehn Tage später reichte vor dem
Altar der nämlichen Kirche die glückliche Elwire dem Kapitän ihre Hand als
Gattin Die Neuvermählten verließen Heimat Verwandte und Freunde um wenige
Wochen später auf dem Schiffe »die Hoffnung« nach Amerika unter Segel zu gehen
nicht weil sie Europa fliehen wollten sondern weil es Aurel für rühmlicher
hielt sein Leben in rüstiger Tätigkeit zum Besten des Volkes zu verbringen
Gilbert begleitete ihn und erhielt die Stelle eines Schiffslieutenants da
Kapitän Aurel auf seinem Kauffahrer die Gesetze eingeführt hatte die ihm
während seiner Dienstzeit in der englischen Marine lieb und wert geworden
waren
    Elwire folgte dem geliebten Gatten mit leichtem Mut und bewährte ihren
Heroismus auf glänzende Weise
    Nach Jahresfrist kehrten die Seefahrer wieder auf längere Zeit nach Europa
zurück und statteten ihren Freunden einen mehrtägigen Besuch auf Boberstein und
dem Zeiselhofe ab Sie fanden Vieles verändert
    Marie war Sloboda in die Gruft nachgefolgt und Martell der sich nur
scheinbar von seiner Entkräftung erholt hatte wankte sichtlich dem Grabe zu Er
war fast zum Geripp abgemagert und ging jetzt in denselben Gemächern die sein
schuldiger Bruder so oft in der Angst seiner Seele durchwandert hatte rastlos
umher um die Schmerzen die seinen Körper folterten zu unterdrücken Sein
Geist aber hatte sich beruhigt Er verzieh dem Verstorbenen vollkommen und
wünschte nichts sehnlicher als neben ihm zu schlummern Noch im Herbst
desselben Jahres ward sein Wunsch erfüllt
    Vollbrecht war zu Aller Erstaunen ein glücklicher Gatte geworden an 
Biancas Seite Nie schien es ein gesetzteres Ehepaar gegeben zu haben als diese
beiden einander so gänzlich widersprechenden Charaktere
    Darüber war Gilbert sehr ärgerlich weshalb er sich auch allen Ernstes
vornahm sich für solche Untreue die so gar wenig guten Geschmack verriet an
Bianca der allerliebsten Geschäftsführerin empfindlich zu rächen Der
leidenschaftliche Jüngling hielt auch wirklich Wort indem er bei seiner
Rückkehr nach Hamburg um die Hand Klaras anhielt und die freundlichste Aufnahme
fand Der wilde Sohn des Meeres ward durch seine Liebe zu dem klugen Mädchen
sogar unerwartet zahm denn er entschloss sich da Klara sich entschieden
weigerte zur See zu gehen als Kompagnon in das Haus »Am Stein und Komp« zu
treten und einige Jahre später finden wir ihn als geschickten tätigen und
höchst soliden Handelsmann wieder
    Paul übernahm die Bewirtschaftung des Zeiselhofes wobei ihm Leberecht
Eduard und Simson treulich zur Hand gingen Man sprach bei der erstmaligen
Wiederkehr des Kapitäns von einer Neigung die Martells älteste Tochter dem
jüngsten Sohne Haideröschens eingeflößt haben sollte
    Herta lebte in tiefstem Frieden fortwährend auf dem Zeiselhofe und versprach
zugleich mit ihrer Zofe Emma ein sehr hohes Alter zu erreichen
    Von Adalbert hörte man nie wieder etwas Bestimmtes Er schien sich im Orient
niedergelassen zu haben
    Der Maulwurffänger ging noch immer seinen Geschäften nach kehrte häufig auf
dem Zeiselhofe ein pilgerte nicht selten auch nach Boberstein und verschmähte
nie einer tüchtigen Mahlzeit mit gesundem Appetit zuzusprechen
    Schlenker und Gregor kamen nur selten aus desto lebhafter konnten sie
Stunden und Tagelang über Dinge streiten die sie hochwichtig fanden während
der Maulwurffänger sie dummes Zeug nannte
    Die Fabrik gedieh die Arbeiter wurden verhältnismäßig wohlhabend und
Niemand hat je wieder gehört dass irgend Einer mit seinem Loose unzufrieden
gewesen wäre oder die Erfindung der Maschinen als ein Werk des Teufels
verwünscht hätte Die Freveltaten welche auf dem Geschlecht der Boberstein
lasteten und es gleich Furien umrauschten waren durch die zahlreichen Opfer
welche die strafende Nemesis forderte für immer gesühnt und ein neues
frischeres Geschlecht erblühte auf den Gräbern der Toten