1843_Mill_Logik.html



  In der Art und Weise wie die Schriftsteller die Logik zu definieren

pflegen herrscht eine eben so große Verschiedenheit als in der Behandlung des

Details derselben Dies ist naturgemäß bei einem jeden Gegenstande zu erwarten

über welchen die Schriftsteller vermittelst ein und derselben Sprache

verschiedene Ideen auszudrücken haben Die Ethik und die Jurisprudenz

unterliegen so gut wie die Logik derselben Bemerkung Fast ein jeder

Schriftsteller hat eine verschiedene Ansicht über einige der Einzelheiten

welche diese Zweige des Wissens anerkanntermaßen einschließen ein jeder hat

seine Definition so geformt dass er von vorn herein seine eigenen besonderen

Lehrsätze angibt und zuweilen zu deren Gunsten als wahr annimmt was noch zu

beweisen ist

    Diese Verschiedenheit ist nicht sowohl ein zu beklagendes Übel als ein

unvermeidliches und gewissermaßen eigentümliches Resultat des unvollkommenen

Zustandes jener Wissenschaften Es ist nicht zu erwarten dass eine

Übereinstimmung in Beziehung auf die Definition eines Dinges stattfinde bevor

eine Übereinstimmung in Betreff des Dinges selbst stattfindet Ein Ding

definieren heißt aus dem Ganzen seiner Eigenschaften diejenigen wählen welche

durch dessen Namen bezeichnet und ausgesprochen werden sollen bevor wir daher

im Stande sind zu bestimmen, welche von diesen Eigenschaften zu diesem Zwecke

die geeignetsten sind müssen wir mit denselben wohl bekannt sein In dem Falle

einer so verwickelten Anhäufung von Einzelheiten wie sie in dem enthalten sind

was den Namen einer Wissenschaft verdient ist die Definition, mit der wir

beginnen selten diejenige welche eine ausgedehntere Kenntnis des Gegenstandes

als die geeignetste erscheinen lässt Bevor wir die Einzelheiten selbst kennen

können wir nicht über die genaueste und umfassendste Weise sie durch eine

allgemeine Beschreibung zu umschreiben entscheiden

    Erst nach einer ausgedehnten und genauen Bekanntschaft mit den Details der

chemischen Erscheinungen fand man es möglich eine rationelle Definition der

Chemie zu geben die Definition der Wissenschaft des Lebens und der Organisation

ist immer noch ein Gegenstand des Streites So lange die Wissenschaften

unvollkommen sind müssen die Definitionen an ihren Unvollkommenheiten Teil

nehmen und wenn die ersteren fortschreiten so müssen es auch die letzteren

Von der Definition die einem wissenschaftlichen Gegenstand vorangeht kann man

daher nur erwarten dass sie das Ziel unserer Untersuchungen definiere und die

Definition, welche ich nun von der Wissenschaft der Logik geben werde

beansprucht nichts mehr als eine Darlegung der Frage zu sein welche ich mir

selbst vorgelegt habe und welche dieses Buch zu beantworten versucht Der Leser

hat die Freiheit gegen eine solche Definition der Logik Einwendungen zu machen

es ist indessen auf alle Fälle eine richtige Definition von dem Gegenstande

dieses Werkes

    

     Die Logik ist oft die Kunst des Schließens genannt worden Ein

Schriftsteller Erzbischof Whately welcher mehr als eine jede andere lebende

Persönlichkeit beigetragen hat um das Studium derselben wieder auf die Stufe

der Achtung zu erheben von welcher es bei der gebildeten Klasse unseres eigenen

Landes herabgesunken war hat die obige Definition mit einer Verbesserung

angenommen er hat die Logik definiert als die Wissenschaft sowohl als die

Kunst des Schließens indem er durch den ersteren Namen die Analyse des

geistigen Prozesses zu bezeichnen meint welcher stattfindet wenn wir Schlüsse

ziehen durch den letzteren aber die Regeln für die richtige Ausführung der auf

diese Analyse gegründeten Prozesse Man kann die Zulässigkeit diese Berichtigung

nicht bezweifeln Ein richtiges Verständnis des geistigen Prozesses selbst der

Bedingungen, von welchen er abhängig ist, und der Stufen aus welchen er

besteht ist die einzige Basis auf welche sich ein für die Ausführung dieses

Prozesses geeignetes System von Kegeln möglicherweise gründen kann Die Kunst

setzt notwendigerweise Wissen voraus die dem Zustande der Kindheit entwachsene

Kunst setzt wissenschaftliches Wissen voraus und wenn eine jede Kunst nicht den

Namen der Wissenschaft trägt auf welche sie sich stützt so ist dies nur weil

oft mehrere Wissenschaften erforderlich sind um das Grundwerk einer einzigen

Kunst zu bilden So verwickelt sind die Bedingungen welche unsere praktische

Tätigkeit regieren dass um uns in den Stand zu setzen ein Ding zu tun es

oft nötig ist die Natur und die Eigenschaften vieler Dinge zu wissen

    Die Logik umfasst also sowohl die Wissenschaft des Schließens als auch eine

auf diese Wissenschaft gegründete Kunst Aber das Wort Schließen enthält

wiederum ähnlich den meisten anderen wissenschaftlichen Ausdrücken im

gewöhnlichen Sprachgebrauch eine Menge Zweideutigkeiten In der einen seiner

Bedeutungen bezeichnet es das Syllogisieren oder die Schlussweise welche man

mit hinreichender Genauigkeit für den gegenwärtigen Zweck das Schließen vom

Allgemeinen auf das Besondere nennen kann In einer andern Bedeutung heißt

Schließen einfach irgend eine Behauptung aus anderen bereits zugegebenen

Behauptungen folgern und in diesem Sinne hat die Induktion so gerechte

Ansprüche auf den Namen Schließen wie die Beweise der Geometrie.

    Die über Logik Schreibenden haben im Allgemeinen die erstere Bedeutung des

Ausdruckes vorgezogen die letztere und umfassendere Bedeutung ist es deren ich

mich zu bedienen gedenke Ich tue es vermöge eines Rechtes welches ich für

jeden Schriftsteller in Anspruch nehme des Rechtes nämlich von seinem eigenen

Gegenstande irgend eine beliebige vorläufige Definition zu geben

    Es werden sich aber wie ich glaube im Verlauf unserer Untersuchungen

genügende Gründe dafür entwickeln dass dies nicht bloß die vorläufige sondern

dass es auch die letzte Definition sein sollte Sie schließt auf alle Fälle

keine willkürliche Änderung an der Bedeutung des Wortes ein denn mit dem

allgemeinen Gebrauche der englischen Sprache und wohl auch der deutschen d

U stimmt die weitere Bedeutung besser überein als die engere

    

    Aber Schließen scheint sogar nicht in der weitesten Bedeutung deren

das Wort fähig ist alles das zu umfassen was in der besseren oder auch nur in

der geläufigeren Vorstellung von dem Umfang und dem Inhalt unserer Wissenschaft

eingeschlossen liegt Der Gebrauch des Wortes Logik um die Theorie der

Argumentation zu bezeichnen rührt von den Aristotelischen oder wie sie

gewöhnlich genannt werden, den scholastischen Logikern her

    Aber auch bei ihnen in ihren systematischen Abhandlungen nämlich bildete

die Argumentation nur den Gegenstand des dritten Theiles die beiden ersten

handelten von den Wörtern und den Urteilen Propositionen unter der einen

oder der andern dieser Rubriken wurde auch die Definition und die Einteilung 

divisio begriffen Von einigen wurden diese vorläufigen Themata offenbar nur

wegen ihres Zusammenhanges mit dem Schließen und als eine Vorbereitung für die

Lehre und die Regeln des Syllogismus eingeführt Sie wurden jedoch mit größerer

Ausführlichkeit und Weitläufigkeit behandelt als für diesen Zweck allein nötig

war Neuere Schriftsteller über Logik haben im Allgemeinen den Ausdruck so

verstanden wie er von dem geschickten Verfasser der PortRoyalLogik gebraucht

wurde dh als gleichbedeutend mit der Kunst zu Denken Auf diese Bedeutung

beschränkt er sich nicht bloß in Büchern und bei wissenschaftlichen Forschern

sogar in der gewöhnlichen Konversation schließen die mit dem Worte Logik

verbundenen Ideen zum wenigsten Präzision der Sprache und Genauigkeit der

Klassifikation ein und wir hören vielleicht Manche öfter von einer logischen

Anordnung oder von logisch definierten Ausdrücken als von logisch aus Prämissen

abgeleiteten Schlüssen sprechen Auch wird oft Mancher ein großer Logiker oder

ein Mann von gewaltiger Logik genannt nicht der Genauigkeit seiner Deduktionen

sondern der umfassenden Beherrschung der Prämissen wegen indem ihm die für die

Erklärung einer Schwierigkeit oder die Widerlegung eines Sophismas nötigen

allgemeinen Urteile reichlich und schnell zur Hand sind kurz weil er reiches

Wissen für den argumentativen Gebrauch leicht beherrscht Ob wir uns daher zu

der Behandlungsweise derjenigen welche aus dem Gegenstande ein besonderes

Studium gemacht haben oder zum Brauch der populären Schriftsteller und der

gewöhnlichen Sprechweise bekennen so schließt das Bereich der Logik immerhin

mehrere Geistesoperationen ein welche man gewöhnlich nicht als in der Bedeutung

der Wörter Schließen und Argumentiren eingeschlossen betrachtet

    Die Wissenschaft würde alle diese verschiedenen Operationen umfassen und

durch eine sehr einfache Definition würde noch ein weiterer Vorteil erreicht

werden wenn wir durch eine von hohen Autoritäten sanktionierte Ausdehnung der

Bedeutung des Wortes die Logik definieren würden »als die Wissenschaft, welche

von den Operationen des menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit

handelt« denn diesem letzten Zweck sind Benennung Klassifikation Definition

und alle anderen Operationen über welche die Logik jemals eine Herrschaft

beanspruchte wesentlich dienstbar Sie können alle als Kunstgriffe betrachtet

werden, welche uns befähigen sollen die nötigen Wahrheiten zu wissen und zwar

genau in dem Augenblicke zu wissen wo wir ihrer bedürfen Diese Operationen

dienen in der That auch noch anderen Zwecken zB dem Zweck unser Wissen

Anderen mitzuteilen Aber unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wurden sie

niemals als dem Bereich der Logik zugehörig angesehen Die Leitung der eigenen

Gedanken ist der einzige Gegenstand der Logik, die Mittheilung dieser Gedanken

an Andere ist die Sache der Rhetorik in dem weiteren Sinne in welchem diese

Kunst von den Alten aufgefasst wurde oder auch die Sache der noch

ausgedehnteren Kunst der Erziehung Die Logik nimmt nur Kenntnis von unseren

Geistesoperationen in dem Maß als sie uns selbst zum Wissen und zur

Herrschaft über dieses Wissen behufs der eigenen Anwendung führt Wenn es in dem

ganzen Weltall nur ein einziges vernünftiges Wesen gäbe und dieses Wesen wäre

der vollkommenste Logiker so würde die Wissenschaft und die Kunst der Logik für

dieses einzige Wesen dieselbe sein wie für das ganze Menschengeschlecht

    

     4 Wenn aber die vorher geprüfte Definition zu wenig einschloss so fallt

die nun gegebene in den entgegengesetzten Fehler

    Wir erkennen die Wahrheiten auf zweierlei Weise manche werden direkt und

von selbst erkannt manche vermittelst anderer Wahrheiten Die ersteren sind

Gegenstand der Anschauung Intuition oder des Bewusstseins,1 die letzteren der

Folgerung Die durch Anschauung erkannten Wahrheiten sind die ursprünglichen

Prämissen aus denen alle anderen gefolgert werden. Da sich unsere Zustimmung zu

dem Schluss auf die Wahrheit der Prämissen gründet so könnten wir niemals durch

Schließen zu irgend einer Erkenntnis gelangen wenn nicht etwas dem Schließen

Vorausgehendes erkannt werden könnte

    Beispiele von Wahrheiten die uns durch das unmittelbare Bewusstsein bekannt

werden sind unsere körperlichen Empfindungen und geistigen Gefühle Ich weiß

direkt aus meiner eigenen Erkenntnis dass ich gestern geärgert wurde und heute

hungrig bin Beispiele von Wahrheiten die wir nur vermittelst des Folgerns

erkennen sind Ereignisse welche während unserer Abwesenheit stattfanden die

von der Geschichte aufgezeichneten Begebenheiten oder die Lehrsätze der

Mathematik. Die beiden ersteren folgern wir aus dem beigebrachten Zeugnis oder

aus den noch vorhandenen Spuren jener vergangenen Ereignisse die letzteren aus

den Prämissen welche in den Büchern über Geometrie unter dem Titel Lehrsätze

und Axiome enthalten sind Was wir nur immer zu erkennen fähig sind gehört der

einen oder der andern dieser Classen an muss in der Anzahl der ursprünglichen

Data oder der Schlüsse welche daraus gezogen werden können, enthalten sein

    Mit den ursprünglichen Datis oder letzten Prämissen unserer Erkenntnis mit

ihrer Zahl oder Naturder Art in welcher wir zu ihnen gelangen oder den

Mitteln durch welche sie unterschieden werden können, hat die Logik, so wie ich

die Wissenschaft verstehe direkt wenigstens nichts zu tun Diese Fragen sind

zum Teil nicht Gegenstand der Wissenschaft überhaupt zum Teil einer ganz

andern Wissenschaft

    Was wir durch das Bewusstsein durch die Anschauung erkannt haben

schließt die Möglichkeit des Zweifels aus was jemand körperlich oder geistig

sieht oder fühlt davon ist er sicher dass er es sieht oder fühlt Behufs

solcher Wahrheiten bedarf es keiner Wissenschaft keine Kunstregeln können unser

Wissen in dieser Beziehung gewisser machen als es an und für sich ist. Für

diesen Teil unserer Erkenntnis gibt es keine Logik

    Wir mögen uns aber einbilden dass wir sehen oder fühlen was wir in

Wirklichkeit folgern Newton sah die Wahrheit vieler Sätze der Geometrie ohne

die Beweise zu lesen aber gewiss nicht ohne dass die letzteren durch seinen

Geist blitzten Von einer Wahrheit oder einer supponierten Wahrheit welche

wirklich das Ergebnis einer sehr raschen Folgerung ist kann es scheinen als

wäre sie intuitiv erkannt Die Denker der entgegengesetztesten Schulen stimmten

lange darin überein dass dieser Irrtum in dem so gewöhnlichen Fall des Sehens

tatsächlich begangen wird Nichts scheinen wir direkter zu erkennen als die

Entfernung eines Gegenstandes von uns Man hat indessen schon längst erkannt

dass das was das Auge gewahrt höchstens eine verschieden gefärbte Fläche ist

dass wenn wir uns einbilden eine Entfernung zu sehen wir in der That nur

gewisse Abwechslungen von scheinbarer Größe und Färbung sehen und dass unsere

Schätzung der Entfernung eines Gegenstandes das Resultat einer Vergleichung die

so rasch gemacht wird dass wir uns dessen nicht bewusst sind zwischen der

Größe und Farbe des Gegenstandes ist wie sie zur Zeit erscheinen und der

Größe und Farbe desselben oder ähnlicher Gegenstände wie sie in unserer Nähe

oder auch wie sie erschienen als ihre Entfernung durch andere Mittel erwiesen

wurde Die Perzeption der Entfernung durch das Auge welche der Intuition so

ähnlich sieht ist also in Wirklichkeit eine auf Erfahrung gegründete Folgerung

und noch dazu eine Folgerung welche wir zu machen lernen und welche wir in dem

Maß als unsere Erfahrung wächst mehr oder weniger richtig machen obgleich

sie in gewöhnlichen Fällen so schnell stattfindet dass sie genau jenen

Wahrnehmungen des Gesichtes gleichkommt welche wirklich intuitiv sind nämlich

den Wahrnehmungen der Farbe2 Von der Wissenschaftwelche die Operationen des

menschlichen Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit erklärt ist demnach

die Frage ein wesentlicher Teil welche Tatsachen sind Gegenstand der

Anschauung und des Bewusstseins, und welche sind ein Ergebnis des bloßen

Folgerns Diese Frage wurde indessen niemals als ein Teil der Logik betrachtet

Sie findet ihren Platz in einem wohl unterschiedenen Teil der Wissenschaft, dem

vielmehr der Name Metaphysik zukommt in jenem Teil der spekulativen

Philosophie welcher zu bestimmen sucht welcher Teil von dem Geistesgeräte

ursprünglich zu dem Geist gehört und welcher Teil aus Material besteht das

von außen beigebracht wurde Dieser Wissenschaft gehören die großen und

vielbesprochenen Fragen über die Existenz der Materiedie Existenz des Geistes

und des Unterschiedes zwischen ihm und der Materiedie Realität zwischen Zeit

und Raum als Dinge außerhalb des Geistes und unterscheidbar von den

Gegenständen, von denen man sagt sie existieren in ihnen di in Raum und Zeit

Denn bei dem gegenwärtigen Zustand der Diskussion dieser Gegenstände wird fast

allgemein zugegeben dass die Existenz der Materie oder des Geistes, der Zeit

oder des Raumes ihrer Natur nach des Beweises nicht fähig ist und dasswenn

wir etwas von diesen erkennen es durch unmittelbare Anschauung sein muss

Derselben Wissenschaft gehören die Untersuchungen über die Natur der

Vorstellungder Wahrnehmung, des Gedächtnisses und des Glaubens an es sind

dies alles Operationen des Verstandes bei der Erforschung der Wahrheit mit

welchen aber als Phänomene des Geistes, der Logiker eben so wenig zu tun hat

als mit der Möglichkeit oder Unmöglichkeit sie in einfachere Phänomene zu

zerlegen Auch die folgenden und alle analogen Fragen müssen jener Wissenschaft

zugewiesen werden Wie weit sind unsere geistigen Fähigkeiten und unsere

Empfindungen angeboren wie weit Resultate der Assoziation sind Gott und

Pflicht Realitäten deren Existenz uns vermöge der Beschaffenheit unserer

Vernunft a priori klar ist oder sind unsere Ideen von ihnen erworbene

Vorstellungen deren Ursprung wir verfolgen und erklären können und ferner die

Realität der Gegenstände selbst eine Frage nicht des Bewusstseins oder der

Anschauung, sondern des Beweisens und Schließens

    Das Bereich der Logik muss auf jenen Teil unserer Erkenntnis beschränkt

werden der aus Folgerungen aus vorherbekannten Wahrheiten besteht

gleichgültig ob diese vorausgehenden Data allgemeine Urteile oder besondere

Beobachtungen und Wahrnehmungen sind Die Logik ist nicht die Wissenschaft des

Glaubens sondern die Wissenschaft des Beweises oder der Evidenz Soweit der

Glaube sich auf den Beweis zu stützen vorgibt ist es die Aufgabe der Logik,

ein Prüfemittel zu liefern wodurch bestimmt werden kann, ob derselbe wohl

begründet ist oder nicht mit den Ansprüchen jedoch welche irgend ein Urteil

auf den Beweis die Evidenz der Anschauung hin di also ohne Beweis in dem

eigentlichen Sinn des Wortes, auf Glauben macht hat die Logik nichts zu

schaffen

    

     8 Da bei weitem der größte Teil unseres Wissens sei es allgemeiner

Wahrheiten oder besonderer Tatsachen offenbar aus Folgerungen besteht so ist

fast das Ganze nicht allein der Wissenschaft, sondern auch der menschlichen

Handlungsweise überhaupt der Autorität der Logik unterworfen Folgerungen ziehen

ist das große Geschäft des Lebens genannt worden Ein jeder hat täglich

stündlich in jedem Augenblick Tatsachen zu prüfen welche er nicht direkt

beobachtet hat und zwar nicht zu dem allgemeinen Zweck der Vermehrung seines

Wissens sondern weil die Tatsachen selbst für seine Interessen und

Beschäftigungen von Wichtigkeit sind Die Geschäfte der Magistratsperson des

militärischen Befehlshabers des Seefahrers des Arztes oder des Landwirts

bestehen nur in der Beurteilung von Beweisen der Evidenz und in dem Handeln

danach Sie alle haben gewisse Tatsachen zu bestimmen, um sodann gewisse Regeln

anzuwenden welche sie entweder selbst erfunden oder welche ihnen andere als

eine Richtschnur vorgeschrieben haben und je nachdem sie dies gut oder übel

tun erfüllen sie gut oder übel die Pflichten ihres Berufes Es ist dies die

einzige Beschäftigung von welcher der Geist niemals befreit ist und ist der

Gegenstand, nicht der Logik, sondern der Erkenntnis im Allgemeinen

    Die Logik ist indessen nicht einerlei mit Wissen obgleich das Feld der

Logik ebenso ausgedehnt ist als das des WissensDie Logik ist der gemeinsame

Richter aller besonderen Untersuchungen sie unternimmt es nicht Beweise zu

finden sondern zu bestimmen, ob sie gefunden worden sindDie Logik beobachtet

weder noch erfindet oder entdeckt sie sondern sie urteilt und richtet Es ist

nicht die Sache der Logik, dem Wundarzt zu erklären von welchen Erscheinungen

ein gewaltsamer Tod begleitet ist er muss dies von seiner eigenen Beobachtung

und Erfahrung oder von der seiner Vorgänger in dieser besonderen Beschäftigung

lernen aber die Logik sitzt darüber zu Gericht ob diese Beobachtung und

Erfahrung hinreichend ist um seine Regeln und ob seine Regeln hinreichend

sind um sein Verfahren zu rechtfertigen Sie liefert Ihm keine Beweise aber

sie lehrt ihm was diese zu Beweisen macht und wie er sie zu beurteilen hat

Sie lehrt nicht dass irgend eine besondere Tatsache eine andere beweist

sondern sie zeigt welchen Bedingungen alle Tatsachen entsprechen müssen um

andere Tatsachen zu beweisen Die Entscheidung ob eine gegebene Tatsache

diese Bedingungen erfüllt oder ob in einem gegebenen Falle Tatsachen

aufzufinden sind welche sie erfüllen gehört ausschließlich der besonderen

Kunst oder Wissenschaft oder unserer Kenntnis des besonderen Gegenstandes an

    In diesem Sinne ist die Logik, was Bacon so bezeichnend ars artium nennt

die Wissenschaft der Wissenschaft selbst Alle Wissenschaft besteht aus Datis

und aus Schlüssen die aus diesen Datis gezogen wurden aus Beweisen und aus

dem was durch diese bewiesen wird die Logik zeigt nun aber welche Beziehungen

stattfinden müssen zwischen Datis und dem was aus ihnen geschlossen werden

kann, zwischen einem Beweis und dem was damit bewiesen werden kann. Wenn solche

unumgängliche Beziehungen stattfinden und genau bestimmt werden können, so muss

ein jeder besondere Zweig der Wissenschaft sowohl als ein jedes Individuum bei

der Führung seiner Geschäfte sich danach richten und zwar bei Strafe falsche

Folgerungen oder Schlüsse zu ziehen welche nicht auf die Realität der Dinge

gegründet sind Was nur immer zu irgend einer Zeit richtig geschlossen worden

ist, welches Wissen wir nur immer auf anderm Wege als durch unmittelbare

Anschauung erworben haben hängt von der Beobachtung der Gesetze ab deren

Untersuchung dem Bereich der Logik angehört Sind die Schlüsse richtig und ist

das Wissen ein reelles so sind jene Gesetze bewusst oder unbewusst beobachtet

worden

    

     6 In Beziehung auf die oft angeregte Frage wegen der Nützlichkeit der

Logik brauchen wir also keine weitere Lösung zu suchen Wenn eine Wissenschaft

der Logik existiert oder existieren kann so muss sie nützlich sein Wenn es

Regeln gibt nach denen sich jeder Verstand in einem jeden Fall in welchem er

richtig geschlossen hat wissentlich oder unwissentlich richtet so scheint es

kaum nötig zu erörtern ob es wahrscheinlicher ist dass einer diese Regeln

beobachten wird wenn er sie kennt als wenn er sie nicht kennt

    Eine Wissenschaft kann ohne Zweifel auf eine gewisse Höhe gebracht werden

ohne die Anwendung einer andern Logik als derjenigen welche alle Menschen die

einen gesunden Verstand besitzen im Verlauf ihrer Studien empirisch erlangen

Die Menschen urteilten über den Beweis und zwar häufig ganz richtig ehe die

Logik eine Wissenschaft war auch würden sie dieselbe sonst niemals zu einer

Wissenschaft haben machen können sie führten große mechanische Arbeiten aus

ehe sie die Gesetze der Mechanik kannten Es gibt aber eine Grenze sowohl in

Beziehung auf das was die Mechaniker ohne die Grundsätze der Mechanik als auf

das was die Denker ohne die Grundsätze der Logik zu leisten vermögen Wenige

ungewöhnlich begabte Individuen mögen die Resultate der Wissenschaft

antizipieren der größte Teil der Menschen aber muss entweder die Theorie von

dem was er tut verstehen oder er muss Regeln haben welche von denjenigen

welche die Theorie verstanden haben aufgestellt worden sind. Bei dem

Fortschreiten der Wissenschaft von der leichtesten zu der schwierigsten Aufgabe

hatte jeder große Schritt vorwärts gewöhnlich als seinen Vorläufer oder als

seinen Begleiter und seine notwendige Bedingung eine entsprechende

Verbesserung in den Begriffen und den Prinzipien der Logik, wie sie von den

besten Denkern aufgefasst wurde Und wenn mehrere der schwierigeren

Wissenschaften noch in einem so mangelhaften Zustand sind wenn in ihnen nicht

allein so wenig bewiesen wird sondern wenn der Streit über das wenige Bewiesene

sogar nicht enden zu wollen scheint so liegt der Grund vielleicht darin dass

die logischen Begriffe der Menschen noch nicht jenen Grad von Ausdehnung und

Genauigkeit erlangt haben welche für die Beurteilung des jenen besonderen

Teilen der Wissenschaft zugehörigen Beweises erforderlich sind

    

     7 Die Logik ist also die Wissenschaft von den Verstandesoperationen

welche zur Schätzung des Beweises dienen sowohl des Prozesses selbst von

unbekannten Wahrheiten zu bekannten zu schreiten als auch von allen anderen

geistigen Operationen welche hierbei Hülfe leisten Sie schließt daher die

Operation des Benennens ein denn die Sprache ist sowohl ein Instrument des

Gedankens als auch ein Mittel die Gedanken mitzuteilen Sie schließt ebenso

die Definition und Klassifikation ein denn diese Operation wenn wir nur unsern

eigenen Geist und nicht den von Anderen in Betracht ziehen dient nicht allein

dazu unsere Beweise und die Schlüsse aus ihnen unvergänglich und dem

Gedächtnis zugänglich zu erhalten sondern auch die Tatsachenwelche wir zu

einer beliebigen Zeit untersuchen wollen so anzuordnen dass wir im Stande

sind deutlicher wahrzunehmen welcher Beweis vorhanden ist, und dass wir in

unserm Urteil über dessen Zulänglichkeit dem Irrtum weniger ausgesetzt sind

Es sind daher Operationen welche speziell zur Schätzung des Beweises dienen

und fallen als solche in das Bereich der Logik. Es gibt noch andere mehr

elementare Prozesse wie Vorstellung Gedächtnis und dergleichen welche bei

dem Denken in Betracht kommen es ist indessen nicht nötig dass die Logik von

ihnen besondere Kenntnis nehme indem sie mit der Aufgabe des Beweisens in

keiner andern speziellen Verbindung stehen als dass sie dieselben wie alle

anderen an den Verstand gerichteten Aufgaben voraussetzt

    Unser Ziel also ist der Versuch einer richtigen Analyse des geistigen

Schließen und Folgern genannten Prozesses und derjenigen geistigen

Operationen welche denselben erleichtern sollen so wie auch auf diese Analyse

gestützt und pari passu mit ihr ein System von Regeln aufzustellen um die

Zulänglichkeit eines gegebenen Beweises wodurch ein gegebenes Urteil bewiesen

werden soll zu prüfen In Beziehung auf den ersten Teil dieses Unternehmens

versuche ich nicht die in Frage stehenden Geistesoperationen in ihre letzten

Elemente zu zerlegen Es ist hinreichend wenn die Analyse, so weit sie geht

richtig ist und wenn sie für die praktischen Zwecke einer als eine Kunst

betrachteten Logik weit genug geht Die Trennung eines verwickelten Phänomens in

seine Bestandteile gleicht durchaus nicht einer zusammenhängenden Kette von

Beweisen Wenn ein Glied eines Argumentes bricht so fällt das Ganze zu Boden

aber ein Schritt vorwärts in einer Analyse bleibt bestehen und besitzt einen

unabhängigen Werth wenn wir auch niemals einen zweiten Schritt vorwärts tun

können Die Resultate der analytischen Chemie sind nicht weniger wertvoll wenn

man die Entdeckung machen sollte dass alles was wir jetzt einfache Substanzen

nennen in der That Verbindungen sind Auf jeden Fall sind alle anderen Dinge

aus diesen Elementen zusammengesetzt ob die Elemente selbst eine weitere

Zerlegung zulassen ist an und für sich eine wichtige Frage sie berührt aber

nicht die Gewissheit der bis zu diesem Punkt gelangten Wissenschaft

    Ich werde demnach versuchen den Prozess des Folgerns und die demselben

untergeordneten Prozesse nur so weit zu analysieren als es erforderlich ist um

den Unterschied zwischen einer richtigen und einer unrichtigen Ausführung dieser

Prozesse zu bestimmen. Der Grund einer solchen Beschränkung meiner Absicht ist

klar Es ist von den Gegnern der Logik bemerkt worden dass wir unsere Muskeln

nicht dadurch stärken dass wir ihre Anatomie studieren Die Tatsache ist aber

nicht ganz richtig angegeben denn wenn der Gebrauch einer unserer Muskeln durch

örtliche Schwäche oder andere physische Mängel fehlerhaft wird so mag die

Kenntnis ihrer Anatomie für die Heilung wohl nötig werden Jene Einwürfe wären

indessen ganz gerecht wenn wir in einer Abhandlung über die Logik die Analyse

des Prozesses des Schließens über den Punkt hinaus führen würden bei welchem

eine Ungenauigkeit welche sich eingeschlichen haben könnte ersichtlich wird

Wenn wir um den Vergleich fortzusetzen körperliche Übungen erlernen so

müssen wir die Bewegungen des Körpers so weit analysieren als es nötig ist um

zwischen auszuführenden und nicht auszuführenden Bewegungen zu unterscheiden

Bis zu einer ähnlichen Ausdehnungund nicht weiter muss der Logiker die

geistigen Prozesse analysieren welche die Logik angehen Eine jede weitere

Analyse nun dem Metaphysiker überlassen werden welcher bei diesem wie bei

jedem andern Teil unserer geistigen Natur entscheidet was letzte Tatsachen

sind und was in andere Tatsachen zerlegbar ist Auch glaube ich dass man

finden wird dass die Schlüsse, zu denen das vorliegende Werk gelangt in keiner

notwendigen Verbindung mit irgend besonderen Ansichten bezüglich der letzten

Analyse stehen Die Logik ist ein gemeinsamer Grund auf welchem sich die

Anhänger von Hartley und von Reid von Locke und von Kant begegnen und die Hände

reichen können Besondere und einzelne Meinungen aller dieser Denker werden ohne

Zweifel gelegentlich bestritten werden indem sie alle sowohl Logiker als auch

Metaphysiker waren aber das Feld auf welchem sie ihre Hauptschlachten

lieferten liegt außerhalb der Grenzen unserer Wissenschaft

    Es kann in der That nicht behauptet werden dass logische Prinzipien für

jene abstrusen Untersuchungen gänzlich bedeutungslos sein können auch ist es

möglich dass die Anschauung welche wir von der Aufgabe der Logik haben für

die Annahme der einen Ansicht über diese viel bestrittenen Gegenstände günstiger

stimmt als für die andere denn indem die Metaphysik ihre eigene Aufgabe zu

lösen sucht muss sie Mittel gebrauchen über deren Gültigkeit die Logik zu

entscheiden hat Ihr Verfahren besteht ohne Zweifel so lange als möglich bloß

in einer genauem und aufmerksamem Befragung unseres Bewusstseins oder besser

gesagt unseres Gedächtnisses und so weit ist sie der Logik nicht unterworfen

wo aber diese Methode für die Erreichung des Zweckes ihrer Untersuchungen

unzureichend ist muss sie wie andere Wissenschaften zu dem Beweise greifen

Aber von dem Augenblicke an wo diese Wissenschaft Folgerungen aus dem Beweise

zu ziehen beginnt wird die Logik der oberste Richter darüber ob ihre

Folgerungen wohl begründet sind oder welche andere Folgerungen es sein würden

    Dies stellt indessen keine nähere und auch keine andere Beziehung zwischen

der Logik und der Metaphysik her als zwischen der Logik und allen anderen

Wissenschaften besteht und ich kann mit gutem Gewissen versichern dass kein in

diesem Werke ausgesprochener Satz in der Absicht angenommen worden ist, um

vorgefasste Meinungen in irgend einem Zweige des Wissens oder Untersuchens

worüber die spekulative Welt noch unentschieden ist aufzustellen oder auch nur

wegen der Verwendbarkeit des Satzes zu einem solchen Zwecke

 
 



                                  



            »La scolastique qui produisit dans la logique comme dans la

            morale et dans une partie de la metaphysique une subtilité une

            précision didées dont lhabitude inconnue aux anciens a contribué

            plus quon ne croit au progrès de la bonne philosophie«  Condorcet

             Vie de Turgot

            

            »Den Schulgelehrten Scholastikern verdanken die Vulgärsprachen

            hauptsächlich was sie an Präzision und analytischer Schärfe

            besitzen«  Sir W Hamilton Discussions in Phylosophy

 
 



 


     1 Es ist bei den über Logik Schreibenden so sehr der allgemeine

Gebrauch ihre Abhandlungen mit einigen allgemeinen obschon meistens etwas

mageren Bemerkungen über die verschiedenen Arten von Wörtern zu beginnen dass

es bei der bloßen Befolgung nies allgemeinen Gebrauchs für mich kaum nötig

sein dürfte für dieses Verfahren so weitläufige Gründe anzugeben als man

gewöhnlich von denjenigen erwartet welche in anderer Weise verfahren

    Der Gebrauch empfiehlt sich in der That durch so einleuchtende Gründe dass

er keiner förmlichen Rechtfertigung bedarf Die Logik ist ein Teil der Kunst

des Denkens. Die Sprache ist offenbar und nach dem Eingeständnis aller

Philosophen das Hauptwerkzeug oder Hilfsmittel des Denkens, und irgend eine

Unvollkommenheit in dem Instrument und der Art seines Gebrauches kann hier

unleugbar den Gedankenprozess eher verwirren und verhindern und einen jeden

Grund von Vertrauen in dessen Resultat eher zerstören als in fast einer jeden

andern Kunst Denn wenn ein mit der Bedeutung und Bern richtigen Gebrauch der

verschiedenen Arten von Wörtern noch nicht vertrauter Geist die Methoden des

Philosophierens zu studieren versucht so heißt das gerade so viel als wenn

irgend jemand der nie gelernt hat optische Instrumente richtig einzustellen

versuchen wollte astronomische Beobachtungen zu machen

    Da Schließen oder Folgern der Hauptgegenstand der Logik, eine Operation

istwelche gewöhnlich vermittelst der Wörter stattfindet und in verwickelten

Fällen in keiner andern Weise stattfinden kann so wird die Gefahr unrichtig zu

schließen oder zu folgern bei denjenigen welche nicht eine gründliche

Kenntnis von der Bedeutung und dem Zweck der Wörter haben sich fest zur

Gewissheit erheben Auch haben die Logiker allgemein gefühlt dass wenn sie

nicht von vorn herein diese reiche Quelle des Irrtums entfernten dass wenn sie

ihre Schüler nicht lehrten die die Gegenstände verzerrenden Gläser

hinwegzulegen und Gläser zu gebrauchen welche dem Zwecke so angepasst sind dass

sie das Sehen unterstützen und nicht verwirren sie niemals im Stande sein

würden den übrigen Teil ihrer Lehre mit einer Aussicht auf Erfolg anzuwenden

Eine Untersuchung der Sprache so weit sie nötig ist um gegen die Irrtümer zu

schützen zu denen dieselbe Veranlassung gibt ist deshalb zu allen Zeiten als

eine notwendige Einleitung in das Studium der Logik betrachtet worden

    Es gibt aber noch einen andern fundamentaler Grund warum die Bedeutung

der Wörter der erste Gegenstandder Betrachtung des Logikers sein sollte ohne

dieselbe nämlich kann er die Bedeutung der Urteile nicht untersuchen Dieser

Gegenstand steht aber an der Schwelle der Wissenschaft der Logik.

    Nach der Definition des einleitenden Kapitels ist der Gegenstand der Logik,

zu bestimmen, auf welche Weise wir zu demjenigen Teil unserer Erkenntnis bei

weitem der größte Teil gelangen welcher nicht intuitiv ist und durch

welches Kennzeichen man bei nicht von selbst einleuchtenden Gegenständen

unterscheiden kann zwischen bewiesenen und nicht bewiesenen Dingen zwischen

dem was glaubwürdig und dem was nicht glaubwürdig ist Manche der

verschiedenen Fragen welche sich unserm Forschungsvermögen darbieten empfangen

eine Antwort von dem direkten Bewusstsein andere wenn sie überhaupt zu

beantworten sind können nur vermittelst des Beweises gelöst werden Die

letzteren sind Gegenstand der Logik. Aber ehe wir die Art und Weise untersuchen

wie Fragen gelöst werden ist es nötig zu untersuchen welche Fragen sich

darbieten welche Fragen sind denkbar welche Fragen gibt es auf welche die

Menschen entweder eine Antwort erhalten haben oder von denen sie denken

konnten dass es möglich wäre eine Antwort darauf zu erhalten Dieser Punkt

wird am besten durch eine Untersuchung und Analyse der Urteile aufgeklärt

    

     2 Die Antwort auf eine jede Frage die möglicherweise gestellt werden

kann, ist in einem Urteil Proposition oder einer Behauptung Assertion

enthalten Alles was ein Gegenstand des Glaubens oder Unglaubens sein kann

muss wenn es in Worte gefasst wird die Form eines Urteils annehmen Alle

Wahrheit und aller Irrtum liegen in Urteilen Was wir einer bequemen

Missanwendung des abstrakten Wortes nach eine Wahrheit nennen heißt einfach

ein wahres Urteil die Irrtümer sind falsche Urteile Den Inhalt und die

Bedeutung aller möglichen Urteile wissen hieße alle Fragen wissen welche

gestellt werden können, alle Gegenstände wissen welche fähig sind geglaubt

oder nicht geglaubt zu werden

    Wie viele Arten von Fragen gestellt wie viele Arten von Urteilen gefällt

werden können, wie viele Arten von, eine Bedeutung einschließenden Urteilen

es möglich ist aufzustellen alles dieses sind nur verschiedene Formen einer und

derselben Frage Da also alle Gegenstände des Glaubens und Forschens durch

Urteile ausgedrückt werden, so wird uns eine genügende Untersuchung der

Urteile und ihrer Arten lehren welche Fragen sich die Menschen wirklich

gestellt haben und was sie in der Natur der Antworten auf diese Fragen für

glaubwürdig hielten

    Der erste Blick auf ein Urteil zeigt nun dass es dadurch gebildet wird

dass man zwei Wörter aneinander fügt Nach der gewöhnlichen einfachen und für

ungern Zweck hinreichenden Definition ist ein Urteil eine Aussage in welcher

etwas von etwas bejaht affirmiert oder verneint negiert wird So wird in dem

Urteil Gold ist gelb die Eigenschaft gelb von der Substanz Gold bejaht In

dem Urteil Franklin war nicht in England geboren wird die durch die Worte in

England geboren ausgedrückte Tatsache von dem Menschen Franklin verneint

    Ein jedes Urteil besteht aus drei Teilen dem Subjekt dem Prädikat und

der Copula Das Prädikat ist der Name welcher angibt was behauptet oder

verneint wird Das Subjekt ist der Name welcher die Person oder das Ding

bezeichnet wovon etwas behauptet oder verneint wird Die Copula ist das

Zeichen welches anzeigt dass eine Behauptung oder eine Verneinung stattfindet

und dadurch den Hörer oder Leser in den Stand setzt ein Urteil von irgend

einer andern Redeform zu unterscheiden So ist in dem Urteil die Erde ist

rund das Wort rund das Prädikat, welches die behauptete Eigenschaft bezeichnet

oder wie der Ausdruck ist aussagt prädiziert die Erde zwei Wörter die den

Gegenstand bezeichnen von welchem diese Eigenschaft behauptet wird bilden das

Subjekt das Wort ist welches als Verbindungszeichen von dem Subjekt und

Prädikat dient um zu zeigen dass das eine von dem andern behauptet wird

heißt die Copula

    Indem wir einstweilen die Copula von welcher später mehr gesagt werden

wird bei Seite lassen besteht also ein jedes Urteil aus wenigstens zwei

Namen bringt zwei Namen in einer besonderen Weise zusammen Es geht hieraus

hervor dass für den Akt des Glaubens ein Gegenstand nicht hinreichend ist der

einfachste Glaubensakt setzt voraus und hat etwas zu tun mit zwei Gegenständen

zum wenigsten mit zwei Namen und da die Namen Namen von Etwas sein müssen mit

zwei benennbaren Dingen Viele Denker würden dies kurz fassen und sagen zwei

Ideen Sie würden sagen dass beide Subjekt und Prädikat Namen von Ideen sind

zB die Idee von Gold und die Idee von gelb und dass das was in dem

Glaubensakt stattfindet oder ein Teil von dem was stattfindet darin

besteht dass wie es oft ausgedrückt wird die eine dieser Ideen der andern

untergeordnet wird Wir sind indessen noch nicht im Stande dies zu sagen und

ob es überhaupt die richtige Art ist das Phänomen zu beschreiben bleibt einer

späteren Betrachtung vorbehalten Das Resultat, womit wir uns für jetzt begnügen

müssen ist dass in einem jeden Glaubensakt zwei Gegenstände auf irgend eine

Weise in Betracht gezogen werden dass kein Glaube verlangt oder keine Frage

gestellt werden kann, welche nicht zwei unterschiedene Gedankenobjekte

materielle oder intellektuelle umfassen wovon jedes allein der Vorstellung

zugänglich ist oder nicht aber nicht für sich allein geglaubt werden kann.

    Ich kann zB sagen »die Sonne« Das Wort hat eine Bedeutung und erweckt

diese Bedeutung in dem Geiste eines jeden der mir zuhört Wenn ich aber frage

ob es wahr ist so kann man mir keine Antwort geben Es ist noch nichts

vorhanden was geglaubt oder nicht geglaubt werden kann. Wenn ich nun von allen

möglichen Behauptungen in Beziehung auf die Sonne diejenige aufstelle welche am

wenigsten irgend einen andern Gegenstand berücksichtigt zB die »die Sonne

existiert« so hat man hier sogleich etwas wovon jemand sagen kann dass er es

glaube Wir haben aber hier statt nur eines zwei verschiedene Gegenstände der

Vorstellung, wovon der eine die Sonne der andere die Existenz ist Es kann

nicht gesagt werden dass diese zweite Vorstellung Existenz in der ersten

eingeschlossen liege denn man kann sich die Sonne als nicht mehr existierend

vorstellen »Die Sonne« teilt nicht dieselbe Bedeutung mit wie »die Sonne

existiert« »mein Vater« schließt nicht dieselbe Meinung ein wie »mein Vater

existiert« denn er kann gestorben sein »ein rundes Viereck« schließt nicht die

Bedeutung ein »ein rundes Viereck existiert« denn es existiert nicht und kann

nicht existieren Wenn ich sage »die Sonne« »mein Vater« oder »ein rundes

Viereck« so fordere ich von dem Hörer weder Glauben noch Unglauben auch kann

mir der eine oder der andere nicht geschenkt werden wenn ich aber sage »die

Sonne existiert« »mein Vater existiert« oder »ein rundes Viereck existiert« so

fordere ich Glauben auch würde mir dieser in dem ersteren der drei Fälle

geschenkt werden in dem zweiten würde ich je nach den Umständen Glauben oder

Unglauben finden in dem dritten nur Unglauben

    

     3 Dieser erste Schritt in der Analyse von dem Gegenstand des Glaubens

welchen man obgleich an und für sich sehr einleuchtend nicht für unwichtig

halten wird ist der einzige den wir ohne eine vorläufige Untersuchung der

Sprache für ausführbar erachten Wenn wir auf demselben Wege weiter zu gehen

dh die Bedeutung der Urteile weiter zu analysieren versuchen so drängt sich

uns als ein Gegenstand vorläufiger Betrachtung die Bedeutung der Namen auf denn

ein jedes Urteil besteht aus zwei Namen und ein jedes Urteil behauptet oder

verneint den einen oder den andern dieser Namen Es muss nun aber das was wir

tun was in unserm Geist vorgeht wenn wir zwei Namen von einander behaupten

oder verneinen von dem abhängen von was sie die Namen sind denn in Beziehung

auf das und nicht auf die bloßen Namen selbst affirmieren oder negieren wir Wir

finden also hier einen neuen Grund warum die Bedeutung der Namen und die

Beziehungen zwischen den Namen und den durch sie bezeichneten Dingen den ersten

Platz in der Untersuchung einnehmen müssen mit welcher wir beschäftigt sind

    Man könnte einwerfen dass die Bedeutung der Namen uns höchstens nur zu den

Meinungen zu den möglicherweise törichten und grundlosen Meinungen führen

könne welche sich die Menschen in Beziehung auf die Dinge gebildet haben und

dass da der Gegenstand der Philosophie Wahrheit und nicht Meinung ist der

Philosoph die Namen fallen lassen und auf die Dinge selbst sehen sollte um zu

bestimmen, welche Fragen in Beziehung auf sie gestellt und beantwortet werden

können. Dieser Rath welchen niemand in seiner Gewalt hat zu befolgen heißt in

Wirklichkeit jemand ermahnen die ganze Frucht der Arbeiten seiner Vorgänger

bei Seite zu setzen und sich selbst so zu benehmen als wenn er der Erste wäre

der jemals ein forschendes Auge auf die Natur gerichtet hätte Wie hoch beläuft

sich denn unsere eigene Kenntnis der Dinge, wenn wir alles abziehen was wir

von anderen vermittelst der Wörter erlangt haben Wenn jemand so viel gelernt

hat als man gewöhnlich von anderen lernt werden dann die in seinem

individuellen Geiste enthaltenen Vorstellungen von den Dingen eine ebenso

hinlängliche Basis für einen catalogue raisonné darbieten als die Vorstellungen

in dem Geiste aller Menschen

    In einer nicht von den Namen ausgehenden Aufzählung Enumeration und

Klassifikation der Dinge werden natürlich nur solche Arten von Dingen enthalten

sein welche durch den speziellen Forscher erkannt sind und es ist noch durch

eine darauf folgende Prüfung darzutun dass die Aufzählung nichts ausgelassen

hat was hätte eingeschlossen werden sollen Wenn wir aber mit den Namen

beginnen und sie als ein Führer zu den Dingen gebrauchen so überblicken wir

auf einmal alle Unterscheidungen welche nicht von einem einzelnen Forscher

sondern von allen Forschern zusammengenommen erkannt worden sind. Man kann ohne

Zweifel und ich glaube man wird finden dass die Menschen die verschiedenen

Arten unnötigerweise vermehrt und Distinktionen zwischen Dingen gebildet

haben wo nur Unterschiede in der Art und Weise sie zu benennen waren Wir sind

aber nicht berechtigt dies gleich im Anfang anzunehmen wir müssen mit der

Anerkennung der Unterscheidungen beginnen welche die gewöhnliche Sprache

gemacht hat Wenn sich einige von diesen bei genauer Prüfung als nicht

fundamental erweisen so wird die Aufzählung der verschiedenen Arten von

Realitäten demgemäß abgekürzt werden können. Aber den Tatsachen von vorn

herein das Joch einer Theorie aufzuerlegen während die Fundamente der Theorie

einer späteren Diskussion überlassen bleiben ist kein Verfahren das ein Logiker

vernünftigerweise befolgen kann

 
 




     1 »Ein Name« sagt Hobbes4 »ist ein Wort das willkürlich als ein

Zeichen gewählt worden ist, welches in unserm Geist einen Gedanken erwecken

kann der einem früher gehabten Gedanken gleicht und der wenn er vor anderen

ausgesprochen wird ihnen ein Zeichen sein kann welchen Gedanken der Sprechende

vorher in seinem Geiste hatte«5 Diese einfache Definition eines Namens als

eines Wortes oder einer Reihe von Wörtern welches dem doppelten Zweck dient

uns selbst die Ähnlichkeit früherer Gedanken zurückzurufen und ein Zeichen zu

sein sie anderen kundzugeben scheint untadelhaft Die Namen tun in der That

viel mehr als dieses aber was sie auch immer sonst noch tun mögen so ist es

ein aus diesem hervorgehendes Resultat wie man am geeigneten Orte sehen wird

    Ist es besser zu sagen die Namen seien Namen der Dinge, oder sie seien

Namen unserer Ideen von den Dingen? das erstere ist der Ausdruck des

gewöhnlichen Sprachgebrauches das letztere der Ausdruck einiger Metaphysiker

welche durch dessen Annahme eine höchst wichtige Unterscheidung zu machen

glaubten Auch der eben angeführte hervorragende Denker scheint dieser Meinung

zu sein »Da die in der Sprache aneinander gereihten Wörter« fährt er fort

»Zeichen unserer Vorstellungen sind so ist es offenbar dass sie nicht Zeichen

der Dinge selbst sind denn dass der Laut des Wortes Stein das Zeichen des

Steines sein soll kann nur in dem Sinne verstanden werden dass derjenige

welcher es hört schließt dass derjenige welcher es ausspricht an einen

Stein denkt« Wenn hiermit gemeint ist dass nur an die Vorstellung und nicht an

das Ding selbst durch den Namen erinnert oder dass sie dem Hörer mitgeteilt

wird so kann dies natürlich nicht geleugnet werden Nichtsdestoweniger sind

gute Gründe vorhanden um bei dem gewöhnlichen Gebrauche zu bleiben und das

Wort Sonne den Namen der Sonne und nicht den Namen unserer Idee von der Sonne zu

nennen denn die Namen sollen nicht allein bezwecken bei dem Hörer dieselbe

Vorstellung zu erwecken die wir haben sondern auch ihm mitzuteilen was wir

glauben Wenn ich nun aber einen Namen gebrauche um einen Glauben auszudrücken

so ist es ein Glaube in Beziehung auf das Ding selbst und nicht in Beziehung

auf meine Idee von demselben Wenn ich sage »die Sonne ist die Ursache des

Tages« so meine ich nicht dass meine Idee von der Sonne die Idee des Tages in

mir verursacht oder erregt oder mit anderen Worten, dass mich das Denken an die

Sonne anöden Tag denken macht Ich meine aber dass eine gewisse physische

Tatsache welche die Gegenwart der Sonne genannt wird und welche bei der

weitem Analyse in Sensationen und nicht in Ideen aufgelöst wird eine andere

physische Tatsache verursacht welche man den Tag nennt Es scheint geeignet

ein Wort als den Namen von dem zu betrachten was wir verstanden haben wollen

wenn wir das Wort gebrauchen von dem was unter einer Tatsache die wir von

ihm behaupten verstanden werden soll kurz von dem was wir mittheilen wollen

wenn wir das Wort gebrauchen In diesem Werke wird daher immer von den Namen

gesprochen werden als von Namen der Dinge selbst, und nicht bloß von unseren

Ideen der Dinge.

    Es entsteht nun aber die Frage von welchen Dingen für die Beantwortung

dieser Frage ist es nötig die verschiedenen Arten von Namen in Betracht zu

ziehen

    

     2 Es ist gebräuchlich vor der Prüfung der verschiedenen Classen in

welche die Namen gewöhnlich eingeteilt werden von den Namen jeder Art

diejenigen Wörter zu unterscheiden welche nicht Namen sondern nur Theile von

Namen sind Unter diese rechnet man die Partikel wie von zu wahrlich oft

die Beugefälle von Substantiven als mich ihm Johanns und sogar die

Adjektive breit schwer Diese Wörter drücken nicht Dinge aus von denen etwas

behauptet oder verneint werden kann; wir können nicht sagen Schwer fiel oder

ein Schwer fiel Wahr oder ein Wahr wurde behauptet oder von Esel war in dem

Zimmer wir müssten denn von den Wörtern selbst sprechen indem wir zB sagen

Wahr ist ein deutsches Wort oder Schwer ist ein Adjektiv Im letzten Falle

sind es vollständige Namen nämlich Namen jener besonderen Laute oder jener

besonderen Reihen von geschriebenen Charakteren Dieser Gebrauch eines Wortes

bloß um die Buchstaben und Silben zu bezeichnen aus denen es besteht wurde

von den Scholastikern suppositio materialis des Wortes genannt In keinem andern

Sinne können wir eines dieser Wörter in das Subjekt eines Urteils einführen

als in der Verbindung mit anderen Wörtern wie Ein schwerer Körper fiel  Eine

wahrhaft wichtige Tatsache wurde behauptet  Ein Mitglied des Parlaments war

in dem Zimmer

    Ein Adjektiv kann indessen als das Prädikat eines Satzes stehen wie wenn

wir sagen der Schnee ist weiß gelegentlich kann es sogar als Subjekt stehen

denn wir können sagen Weiß ist eine angenehme Farbe Von dem Adjektiv sagt man

oft dass es als eine grammatikalische Ellipse gebraucht wird der Schnee ist

weiß anstatt der Schnee ist ein weißer Gegenstand Weiß ist eine angenehme

Farbe anstatt eine weiße Farbe oder die weiße Farbe ist angenehm Die Regeln

der Sprache erlaubten den Griechen und Römern diese Ellipse allgemein sowohl in

dem Subjekt als in dem Prädikat eines Urteils zu gebrauchen Im Englischen kann

dies im Allgemeinen nicht geschehen wir können im englischen sagen die Erde

ist rund wir können aber nicht sagen Hund ist leicht zu bewegen6 wir müssen

sagen Ein runder Gegenstand Diese Unterscheidung ist indessen mehr

grammatikalisch als logisch Da in der Bedeutung von rund und ein runder

Gegenstand kein Unterschied ist so ist es nur der Gebrauch welcher

vorschreibt dass in einem gegebenen Fall das eine und nicht das andere

anzuwenden ist Wir werden daher ohne Skrupel von den Adjektiven als von Namen

sprechen sei es zufolge ihres eigenen Rechtes sei es als von Repräsentanten

der oben erläuterten umständlicheren Ausdrucksweise Die anderen Classen von

Hilfswörtern haben gar keinen Anspruch darauf als Namen betrachtet zu werden

Ein Adverb oder ein Akkusativ kann unter keinerlei Umständen ausgenommen wenn

man von ihren Buchstaben und Silben sprüht als ein Teil eines Satzes

figurieren

    Wörter welche nicht als Namen sondern nur als Theile von Namen gebraucht

werden können, worden von einigen Scholastikern synkategorematische Ausdrücke

genannt von syn mit und katêgoseô aussagen da sie nur mit einem andern Wort

ausgesagt werden konnten Ein Wort welches sowohl als Subjekt als auch als

Prädikat eines Satzes allein gebraucht werden konnte wurde von denselben

Autoritäten ein kategorematischer Ausdruck genannt Eine Verbindung von einem

oder mehreren kategorematischen Ausdrücken und einem oder mehreren

synkategorematischen Wörtern wie Ein schwerer Körper oder Eine Stätte der

Gerechtigkeit wurden zuweilen ein gemischter Ausdruck genannt dies scheint

aber eine unnötige Vermehrung der technischen Ausdrücke Ein gemischter

Ausdruck ist in dem allein nützlichen Sinne des Wortes kategorematisch er

gehört der Klasse von dem an was man vielwörterige Namen genannt hat

    Denn gleich wie ein Wort häufig nicht ein Name sondern nur ein Teil eines

Namens ist so setzt eine Anzahl von Wörtern nur einen einzigen Namen und nicht

mehr zusammen Die Worte »der Ort den die Klugheit oder die Staatskunst des

Altertums für die Residenz der abessinischen Prinzen bestimmt hatte« bilden in

der Meinung des Logikers nur einen einzigen Namen einen kategorematischen

Ausdruck Die Art und Weise zu bestimmen, ob eine Reihe von Wörtern nur einen

Namen oder mehrere Namen ausmacht besteht darin, dass man etwas von Ihr aussagt

und zusieht ob man durch diese Ausgage nur eine Behauptung gemacht hat oder

mehrere Wenn wir sagen John Nokes welcher Mayor der Stadt war starb gestern

 so enthält diese Aussage nur eine Bemerkung worin hervorgeht dass »John

Nokes welcher Mayor der Stadt war« wir ein Name ist und nicht mehr Es ist

wahr dass in diesem Satze außer der Behauptung John Nokes starb gestern noch

eine andere Behauptung eingeschlossen liegt die nämlich dass John Nokes Mayor

der Stadt war Die letztere Behauptung war aber schon gemacht wir machten sie

nicht meiern wir das Prädikat »starb gestern« hinzufügten Wir wollen indessen

annehmen die Worte hätten gelautet »John Nokes und der Mayor der Stadt« so

hätten sie statt eines zwei Namen gebildet Denn wenn wir sagen John Nokes und

der Mayor der Stadt starben gestern so stellen wir zwei Behauptungen auf die

eine dass John Nokes gestern starb die andere dass der Mayor der Stadt

gestern starb

    Da es unnötig ist den Gegenstand der vielwörterigen Namen noch weiter zu

erläutern so gehen wir zu den Unterscheidungen über welche zwischen Namen

gemacht worden sind, nicht nach den Wörtern aus denen sie zusammengesetzt sind

sondern nach ihrer Bedeutung

    

     3 Alle Namen sind Namen von etwas sei dies etwas wirklich oder

eingebildet reell oder imaginär aber nicht alle Dinge haben Namen welche

ihnen individuell zukommen Für einige individuelle Gegenstände bedürfen wir und

haben wir folglich besondere unterscheidende Namen es gibt einen Namen für

eine jede Person für einen jeden merkwürdigen Ort Andere Gegenstände von

denen wir nicht so häufig zu sprechen Gelegenheit haben bezeichnen wir nicht

mit ihnen eigens zugehörigen Namen wenn sich aber die Notwendigkeit sie zu

bezeichnen einstellt so tun wir dies indem wir mehrere Wörter von denen

jedes allein für eine unbestimmte Anzahl von anderen Gegenständen gebraucht

werden kann und gebraucht wird zusammen stellen so wenn ich sage dieser Stein

 indem »dies« und »Stein« Namen und welche außer den speziell gemeinten von

vielen anderen Gegenständen gebraucht werden können, obgleich der einzige

Gegenstand von dem sie beide in einem gegebenen Augenblick gebraucht werden

können, in Übereinstimmung mit ihrer Bedeutung derjenige ist von welchem ich

zu sprechen wünsche

    Wenn dies der einzige Zweck wäre für welchen Namen die mehreren Dingen

gemeinsam sind gebraucht werden können; wenn sie nur dazu dienten um durch

gegenseitige Beschränkung eine Bezeichnung für solche individuellen Gegenstände

darzubieten welche keine eigenen Namen haben so könnten sie nur unter die

Erfindungen gerechnet werden welche den Gebrauch der Sprache sparsamer machen

Es ist aber klar dass dies nicht ihre einzige Funktion ist Wir sind durch sie

in den Stand gesetzt allgemeine Urteile zu behaupten auf einmal von einer

unbestimmten Anzahl von Dingen irgend ein Prädikat zu behaupten oder zu

verneinen Die Unterscheidung zwischen allgemeinen Namen und zwischen

individuellen oder einzelnen Namen ist daher fundamental und kann als die erste

große Abtheilung der Namen betrachtet werden.

    Ein allgemeiner Name Gemeinname wird gewöhnlich definiert als ein Name

welcher in demselben Sinne von jedem einer unbestimmten Anzahl von Dingen

wahrheitsgemäß behauptet werden kann. Ein individueller oder einzelner Name 

Eigenname ist ein Name welcher in demselben Sinne nur von einem Dinge

wahrhaftig behauptet werden kann.

    In solcher Weise kann Mensch wahrheitsgemäß von Johann Peter Georg

Marie und ohne angebbare Grenze von anderen Personen behauptet werden und wird

von allen in demselben Sinne behauptete denn das Wort Mensch drückt gewisse

Eigenschaften aus und wenn wir es von diesen Personen aussagen so behaupten

wir dass alle diese Eigenschaften besitzen Aber Johann kann wenigstens in

demselben Sinne nur von einer einzelnen Person wahrheitsgemäß behauptet

werden Denn wenn es auch viele Personen gibt welche diesen Namen führen so

wird er ihnen nicht gegeben um irgend Eigenschaften oder etwas anzuzeigen was

ihnen gemeinsam ist man kann nicht sagen dass er von ihnen in irgend einem

Sinne überhaupt und folglich auch nicht dass er in demselben Sinne behauptet

wird »Der König welcher auf Wilhelm den Eroberer folgte« ist also ein

individueller Name denn dass es jedesmal nur eine Person geben kann von dem er

wahrheitsgemäß behauptet werden kann, liegt in der Bedeutung dieser Worte

eingeschlossen Sogar »der König« wenn das darunter verstandene Individuum

durch die Umstände oder durch den Kontext bezeichnet wird darf ganz gerecht als

ein individueller Name betrachtet werden.

    Es ist nicht ungewöhnlich dass man als eine Erklärung der Bedeutung eines

allgemeinen Namens sagt dass es der Name einer Klasse sei Wenn auch für manche

Zwecke eine bequeme Ausdrucksweise so ist diese Definition doch mangelhaft da

sie das klarere von zwei Dingen durch das unklarere erklärt Es wäre logischer

den Satz umzukehren und ihn in eine Definition des Wortes Klasse zu verwandeln

»Eine Klasse ist die durch einen allgemeinen Namen ausgedrückte unbestimmte

Menge von Individuen«

    Es ist nötig zwischen allgemeinen und kollektiven Namen zwischen

Gemeinnamen und Kollectivnamen zu unterscheiden Ein Gemeinname ist ein

solcher der von einem jeden Individuum einer Menge von Individuen ausgesagt

wird ein Kollectivname kann nicht von jedem einzelnen sondern nur von allen

zusammengenommen ausgesagt werden »Das 76ste Regiment Infanterie« was ein

Kollectivname istist nicht ein Gemeinname sondern ein individueller Name ein

Eigenname denn obgleich er von einer Menge Soldaten zusammengenommen ausgesagt

werden kann, so kann er doch nicht von dem einzelnen ausgesagt werden Wir

können sagen Johann ist ein Soldat und Thomas ist ein Soldat wir können aber

nicht sagen Johann ist das 76ste Regiment Thomas ist das 76ste Regiment und

Schmitt ist das 76ste Regiment Wir können nur sagen Johann Thomas und Schmitt

usw indem wir alle Soldaten anführen sind das 76ste Regiment

    »Das 76ste Regiment« ist ein Kollectivname aber kein Gemeinname »ein

Regiment« ist zugleich ein Kollectivname und ein Gemeinname Gemeinname in

Beziehung auf alle einzelnen Regimenter und kann von jedem separat behauptet

werden Kollectivname in Beziehung auf die einzelnen Soldaten aus denen ein

Regiment zusammengesetzt ist

    

     4 Die zweite allgemeine Einteilung der Namen ist die in konkrete und in

abstrakte Ein konkreter Name ist ein Name der für ein Ding, ein abstrakter

Name ist ein Name der für ein Attribut steht Johann das Meer dieser Tisch

sind Namen von Dingen. Weiß ist der Name eines Dinges oder vielmehr von Dingen;

Weiße ist der Name einer Eigenschaft oder eines Attributs dieser Dinge Mensch

ist der Name vieler Dinge Menschlichkeit ist ein Name eines Attribute diener

Dinge Alt ist ein Name von Dingen; Alter ist der Name eines ihrer Attribute

    Ich habe die Wörter concret und abstrakt in dem Sinne gebraucht der ihnen

von den Scholastikern beigelegt wurde welche ungeachtet der Unvollkommenheit

ihrer Philosophie in dem Aufbau der technischen Sprache unerreicht blieben und

deren Definitionen in der Logik wenigstens obgleich sie nie tief in den

Gegenstand eindrangen bei ihrer Änderung nur verdorben wurden In neuerer Zeit

ist indessen ein Gebrauch entstanden der zwar nicht von Locke selbst eingeführt

wurde der aber durch dessen Beispiel doch sehr an Verbreitung gewann der

Gebrauch nämlich den Ausdruck »abstrakte Namen« auf alle Namen anzuwenden

welche das Resultat der Abstraktion und Generalisation sind anstatt ihn auf die

Namen von Attributen zu beschränken Die Metaphysiker aus der Schule von

Condillac  deren Bewunderung für Locke über die tiefsinnigsten Spekulationen

dieses wahrhaft originellen Geistes hinweggeht und mit besonderem Eifer auf den

schwächsten Punkten verweilt  haben diesen Missbrauch der Sprache so lange

fortgeübt dass es nun einige Schwierigkeit hat das Wort auf seine

ursprüngliche Bedeutung zurückzubringen Eine mutwilligere Veränderung der

Bedeutung eines Wortes ist selten vorgekommen denn der Ausdruck Gemeinname

dessen genaues Äquivalent sich in allen mir bekannten Sprachen wiederfindet

konnte schon für den Zweck gelten wofür man abstrakt missbrauchte während

dieser Missbrauch jene wichtige Klasse von Wörtern die Namen von Attributen

ohne eine bündige unterscheidende Benennung lässt Die alte Bedeutung kam

indessen nicht so vollständig aus dem Gebrauch dass diejenigenwelche ihr noch

anhängen ganz und gar nicht mehr verstanden werden sollten unter abstrakt

verstehe ich darum immer das Entgegengesetzte von concret unter einem

abstrakten Namen den Namen eines Attributs unter einem konkreten Namen den

Namen eines Gegenstandes.

    Gehören abstrakte Namen zu der Klasse der Gemeinnamen oder zu derjenigen

der Einzelnamen Einige von ihnen sind gewiss Gemeinnamen diejenigen nämlich

welche nicht Namen eines einzelnen und bestimmten Attributes sondern einer

Klasse von Attributen sind Der Art ist das Wort Farbe welches ein der Weiße

der Röte etc gemeinsamer Name ist Der Art ist auch das Wort Weiße in

Beziehung auf die verschiedenen Schattierungen von Weiße auf die es gewöhnlich

angewendet wird das Wort Größe in Beziehung auf die verschiedenen Grade von

Größe und die verschiedenen Dimensionen des Raumes; das Wort Gewicht in

Beziehung auf die verschiedenen Abstufungen von Gewicht Der Art ist sogar das

Wort Attribut selbst als der gemeinsame Name aller besonderen Attribute Wenn

aber nur ein einziges weder der Art noch dem Grade nach veränderliches Attribut

durch den Namen bezeichnet wird wie Sichtbarkeit Berührbarkeit Gleichheit

Viereckigkeit Milchweiße etc so kann der Name kaum als ein Gemeinname

betrachtet werden, denn obgleich er ein Attribut vieler verschiedenen

Gegenstände bezeichnet so ist das Attribut selbst doch immer als eines nicht

aber als viele verstanden Die Frage ist indessen ohne Wichtigkeit und es wäre

vielleicht die beste Art sie zu entscheiden wenn man diese Namen weder als

Gemeinnamen noch als Einzelnamen betrachten sondern sie zu einer besonderen

Klasse vereinigen würde

    Unserer Definition des Ausdrucks »ein abstrakter Name« kann man

entgegenhalten dass nicht allein die Namen welche wir abstrakt genannt haben

sondern auch die Adjektive welche wir in die konkrete Klasse gesetzt haben

Namen von Attributen sind dass zB weiß so gut wie Weiße der Name der Farbe

ist Aber wie oben bemerkt muss ein Wort als der Name von dem betrachtet werden,

was wir verstanden haben wollen wenn wir es in seiner hauptsächlichen Anwendung

gebrauchen dh wenn wir es in der Prädikation gebrauchen Wenn wir sagen

Schnee ist weiß Milch ist weiß Leinwand ist weiß so wollen wir nicht damit

verstanden haben dass Schnee Milch oder Leinwand eine Farbe sei wir meinen

dass sie Dinge sind welche die Farbe besitzen Das Umgekehrte ist der Fall bei

dem Worte Weiße was wir behaupten Weiße zu sein ist nicht Schnee sondern

die Farbe des Schnees Weiße ist daher ausschließlich der Name der Farbe

weiß ist ein Name aller Dingewelche die Farbe haben ein Name nicht der

Eigenschaft Weiße sondern eines jeden weißen Gegenstandes Dieser Name wurde

zwar allen diesen verschiedenen Gegenständen der Eigenschaft wegen gegeben und

wir können daher ganz geeignet sagen dass die Eigenschaft einen Teil seiner

Bedeutung bildet man kann aber von einem Namen nur sagen er stehe für das Ding

oder sei ein Name des Dinges, von welchem er ausgesagt prädiziert werden kann.

Wir werden sogleich sehen dass man von allen Namen von denen man sagen kann

sie hätten eine Bedeutung von allen Namen durch deren Anwendung auf ein

Individuum wir eine Information in Beziehung auf das Individuum geben sagen

kann dass sie irgend ein Attribut einschließen sie sind aber nicht Namen des

Attributes letzteres hat seinen eigenen abstrakten Namen

    

     5 Dieses führt zu der Betrachtung einer dritten großen Klasse von

Namen der mitbezeichnenden konnotativen und nichtmitbezeichnenden

nonkonnotativen oder wie die letzteren zuweilen unrichtigerweise genannt

werden, absoluten Dies ist eine der wichtigsten Unterscheidungen welche wir

Gelegenheit haben werden hervorzuheben eine von denjenigen welche am tiefsten

in die Natur der Sprache eindringen

    Ein nichtmitbezeichnender Ausdruck ist ein solcher der nur einen Gegenstand

oder ein Attribut bezeichnet Ein mitbezeichnender Ausdruck ist ein solcher der

einen Gegenstand bezeichnet und ein Attribut einschließt Unter einem

Gegenstand wird hier etwas verstanden was Attribute besitzt So sind Johann

London oder England Namen welche nur einen Gegenstand bedeuten Weiße Länge

Tugend bedeuten ein Attribut Keiner dieser Namen ist daher mitbezeichnend Aber

weiß lang tugendhaft sind mitbezeichnend Das Wort weiß bezeichnet alle

weißen Dinge wie Schnee Papier Meeresschaum etc und schließt ein oder wie

es die Scholastiker nannten mitbezeichnet konnotiert7 das Attribut Weiße

Das Wort weiß wird nicht von dem Attribut sondern von den Gegenständen Schnee

etc ausgesagt wenn wir es aber von ihnen aussagen so schließen wir ein oder

mitbezeichnen dass das Attribut Weiße ihnen zukommt Dasselbe kann von den

anderen oben angeführten Wörtern gesagt werden Tugendhaft zBist der Name

einer Klasse, welche Sokrates Howard den Mann von Ross und eine unbestimmte

Anzahl anderer vergangener gegenwärtiger und zukünftiger Individuen

einschließt Von diesen Individuen allein zusammengenommen und einzeln kann

man passenderweise sagen dass sie durch das Wort bezeichnet werden von ihnen

allein kann man geeigneterweise sagen dass es der Name sei Aber es ist ein

Name der auf alle angewendet wird in Folge eines Attributes welches ihnen der

Voraussetzung nach gemeinsam ist eines Attributes welches den Namen Tugend

erhalten hat Er wird auf alle Wesen angewendet von denen man glaubt dass sie

dieses Attribut besitzen und auf keine von welchen man dieses nicht glaubt

    Alle konkrete Namen sind mitbezeichnend Das Wort Mensch zB bezeichnet

Peter Hans Christoph und eine unbestimmte Anzahl anderer Individuen von

welchen es als von einer Klasse, ein Name ist Aber es wird auf sie angewendet

weil sie gewisse Attribute besitzen und soll bezeichnen dass sie dieselben

besitzen Diese scheinen zu sein Körperlichkeit tierisches Leben Vernunft

und eine gewisse äußerliche Form welche wir der Unterscheidung wegen

menschlich nennen Ein jedes existierende Ding das diese Attribute besitzt

würde ein Mensch genannt werden; und was keines oder nur eines oder zwei oder

sogar drei dieser Attribute ohne das vierte besäße würde nicht so genannt

werden. Wenn zB in dem Innern von Afrika eine Tierklasse entdeckt würde

welche so viel Vernunft als menschliche Wesen aber die Form des Elephanten

besitzt so würde man sie nicht Menschen nennen Swifts Houyhnhnms wurden nicht

so genannt oder wenn solche neuentdeckten Wesen die menschliche Form ohne eine

Spur Vernunft besäßen so würde wahrscheinlich für sie ein anderer Name als

der »Mensch« erfunden werden Warum hierüber überhaupt irgend ein Zweifel

bestehen kann wird später klar werden Das Wort Mensch bedeutet demnach alle

diese Attribute und alle Gegenstände welche diese Attribute besitzen aber es

kann nur von den Gegenständen ausgesagt werden Was wir Menschen nennen sind

die Gegenstände die Individuen Nokes und Stiles nicht die Eigenschaften,

welche ihre Menschlichkeit ausmachen Man sagt daher von dem Namen dass er den

Gegenstand direkt die Attribute indirekt bedeutet er bedeutet die Gegenstände

und schließt ein oder umfasst oder zeigt an oder wie wir künftig sagen

werden mitbezeichnet die Attribute Er ist ein mitbezeichneter Name

    Die konnotativen Namen wurden auch benennende denominative genannt weil

der Gegenstand, welchen sie bezeichnen durch sie benannt wird oder von dem

Attribut welches sie mitbezeichnen einen Namen erhält Schnee und andere

Gegenstände erhalten den Namen weiß weil sie das Weiße genannte Attribut

besitzen Johann Marie und andere erhalten den Namen Mensch weil sie die die

Menschlichkeit ausmachenden Attribute besitzen Man kann daher sagen dass die

Attribute diese Gegenstände benennen oder ihnen einen gemeinsamen Namen geben8

    Wir wir sahen so sind alle konkrete Gemeinnamen mitbezeichnend Obgleich

nur Namen von Attributen so können doch auch abstrakte Namen in manchen Fällen

mit allem Recht als mitbezeichnend betrachtet werden; denn Attribute selbst

können Attribute besitzen die ihnen beigelegt werden und ein Wort welches

Attribute bezeichnet kann ein Attribut dieser Attribute mitbezeichnen Es ist

dies zB der Fall mit dem Worte Fehler gleichbedeutend mit böse oder

schädliche Eigenschaft Dieses Wort ist ein vielen Attributen gemeinsamer Name

und mitbezeichnet Schädlichkeit ein Attribut dieser verschiedenen Attribute

Wenn wir zB sagen bei einem Pferd ist Langsamkeit ein Fehler so wollen wir

damit nicht sagen dass die langsamen Bewegung die Ortsveränderung des

langsamen Pferdes ein zu vermeidendes Ding istsondern dass die Eigenschaft und

Eigentümlichkeit des Pferdes welche ihm diesen Namen verschaffen die

Eigenschaft sich langsam zu bewegen eine nicht wünschenswerte

Eigentümlichkeit ist

    In Beziehung auf jene konkreten Namen welche nicht allgemein sondern

individuell sind ist eine Unterscheidung zu machen

    Eigennamen sind nicht konnotativ sie bezeichnen die mit diesem Namen

benannten Individuen sie zeigen aber nicht jenem Individuen zugehörige

Attribute an schließen sie nicht ein Wenn wir einen Knaben Paul oder einen

Hund Cäsar nennen so sind diese Namen bloße Zeichen vermittelst deren man

jene Gegenstände zum Gegenstand der Rede machen kann Es mögen Gründe vorhanden

sein dass wir ihnen diese Namen eher geben als andere aber wenn der Name

einmal gegeben ist so ist er unabhängig von diesen Gründen Ein Mensch wurde

Johann genannt weil sein Vater so hieß eine Stadt wurde Dortmund genannt weil

sie an der Mündung der Dort liegt Es ist kein Teil der Bedeutung des Wortes

Johann dass der Vater der so genannten Person ebenso hieß noch ist es ein

Teil der Bedeutung des Wortes Dortmund dass dies an der Mündung der Dort

liegt Wenn die Mündung des Flusses durch Sand verstopft oder der Lauf

desselben durch ein Erdbeben verändert würde so müsste der Name der Stadt nicht

notwendigerweise geändert werden Diese Tatsache kann daher nicht einen Teil

der Bedeutung des Namens ausmachen denn sonst würde man beim Aufhören der

Tatsachen den Namen nicht mehr anwenden Eigennamen werden den Gegenständen

selbst angehängt und sind unabhängig von der Dauer der Attribute der

Gegenstände.

    Es gibt indessen eine andere Art von Namen welche obgleich sie

individuelle dh von einem einzigen Gegenstand aussagbare Namen wirklich

mitbezeichnend sind Denn obgleich wir einem Individium einen höchst

bedeutungslosen Namen einen sogenanntem Eigennamen beilegen können ein Wort

welches den Zweck erfüllt zu zeigen von welchem Ding wir sprechen ohne etwas

anderes von ihm auszusagen so ist doch nicht ein jeder einem Individuum eigene

Name notwendig von dieser Art er kann ein Attribut oder eine Reihe von

Attributen andeuten welche nur im Besitz eines einzigen Gegenstandes sind und

daher den Namen des Individuums ausschließlich bestimmen Die »Sonne« ist ein

solcher Name ebenso »Gott« in dem monotheistischen Sinne Dies sind indessen

kaum Beispiele von dem was wir erörtern wollen da sie in strenger Sprache

allgemeine und nicht individuelle Namen sind denn obgleich sie faktisch nur von

einem Gegenstand aussagbar sind so liegt letzteres doch nicht in der Bedeutung

der Wörter eingeschlossen und wenn wir nur erdichten und nicht affirmieren

wollen so können wir von vielen Sonnen sprechen ebenso hat die Mehrzahl der

Menschen geglaubt und glaubt noch jetzt dass es viele Götter gibt Man kann

indessen ohne Mühe viele mitbezeichnende individuelle Namen anführen Es kann

ein Teil der Bedeutung des mitbezeichnenden Namens selbst sein dass nur ein

Individuum existiert welches das dadurch mitbezeichnete Attribut besitzt zB

»der einzige Sohn von John Stiles« »der erste Kaiser von Rom« oder das

mitbezeichnete Attribut kann ein Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis

und der Zusammenhang der Art sein dass ihn nur ein Individuum haben könnte oder

wenigstens in der That nur hatte und dies kann in der Form des Ausdrucks

eingeschlossen sein »der Vater des Sokrates« ist ein Beispiel der ersten Art

denn Sokrates konnte nicht zwei Väter haben »der Sänger der Ilias« »der

Mörder von Heinrich dem Vierten« sind Beispiele der zweiten Art Denn obgleich

es denkbar ist dass beider Verfassung der Iliade oder bei dem Morde Heinrich

des Vierten mehrere Personen beteiligt waren so schließt doch der Gebrauch

des Artikels der ein dass dies nicht der Fall war Was hier durch den Artikel

der geschieht in anderen Fällen durch den Kontext so ist »Cäsars Armee« ein

individueller Name wenn aus dem Kontext ersichtlich wird dass die gemeinte

Armee diejenige istwelche von Cäsar in einer besonderen Schlacht befehligt

wurde Die noch allgemeineren Ausdrücke »die römische Armee« oder »die

christliche Armee« können in einer ähnlichen Weise individualisiert werden Ein

anderer häufig vorkommender Fall wurde bereits angeführt nämlich der folgende

Der vielwörterige Name kann erstens ein Gemeinname sein der also an und für

sich von vielen Dingen behauptet werden kann, der aber zweitens durch so viele

hinzugefügte Wörter so beschränkt wird dass in Übereinstimmung mit der

Bedeutung der allgemeinen Namen der ganze Ausdruck nur von einem Gegenstand

ausgesagt werden kann, zB »der gegenwärtige erste Minister von England«

Erster Minister von England ist ein Gemeinname die von ihm mitbezeichneten

Attribute können in dem Besitz einer unbestimmten Anzahl von Individuen sein

wenn sie auch nicht gleichzeitig sondern nacheinander erste Minister sind da

die Bedeutung des Wortes einschließt dass es meiner bestimmten Zeit nur eine

derartige Person geben kann Da dies also der Fall ist, und die Anwendung des

Namens hernach durch das Wort gegenwärtig auf solche Individuen beschränkt wird

welche in einem unteilbaren Zeitraum diese Attribute besitzen so kann es nur

für ein Individuum gebracht werden Da dies aus der Bedeutung des Namens

ersichtlich ist so ist es im strengsten Sinne ein individueller Name ein

Einzelname

    Aus den vorhergehenden Bemerkungen wird man leicht ersehen dass immer wenn

die den Gegenständen beigelegten Namen eine Information eine Auskunft

übermitteln dh wenn sie eigentlich eine Bedeutung haben die Bedeutung nicht

in dem liegt was sie bezeichnen sondern in dem was sie mitbezeichnen Die

Eigennamen sind die einzigen nicht mitbezeichnenden Namen von Gegenständen, und

diese haben streng genommen keine Bedeutung9

    Wenn wir ähnlich dem Räuber in Tausend und eine Nacht mit Kreide einen

Strich an ein Haus machen damit wir es wiedererkennen können so hat der Strich

einen Zweck er hat aber eigentlich keine BedeutungDer Kreidestrich erklärt

nichts in Begehung auf das Hans er bedeutet nicht dies ist das Haus von

diesem oder jenem oder dies ist das Haus welches Beute enthält Der Zweck des

Zeichens ist einfach Unterscheidung Ich sage mir alle diese Häuser sind

einander so ähnlich dasswenn ich sie einmal aus dem Gesicht verliere ich

dasjenige welches ich suche nicht mehr erkennen werde ich muss daher suchen

das Äußere dieses Hauses dem der anderen unähnlich zu machen damit wenn ich

später das Zeichen  nicht ein Attribut des Hauses  erblicke ich einfach nur

erkenne dass das gesuchte Haus das ist welches ich ansehe Morgiana strich

alle anderen Häuser mit Kreide an und vereitelte so den Plan des Räubers und

wie einfach indem er den Unterschied in dem Äußern der Häuser beseitigte

Die Kreidestriche waren noch alle da aber sie entsprachen nicht dem Zweck ein

unterscheidendes Zeichen zu sein

    Wenn wir einen Eigennamen beilegen so gleicht das Verfahren gewissermaßen

dem des Räubers als er das Haus mit einem Kreidestrich bezeichnete Wir machen

in der That ein Zeichen nicht auf den Gegenstand selbst sondern auf unsere

Idee von dem Gegenstand Ein Eigenname ist ein bedeutungsloses Zeichen welches

wir in unserm Geist mit der Idee des Gegenstandes in Verbindung bringen damit

wir an den besonderen Gegenstand denken wenn wir das Zeichen erblicken oder

wenn es in unseren Gedanken auftaucht Da es dem Ding nicht selbst angehängt

ist so setzt es uns nicht ähnlich dem Kreidestrich in den Stand den Gegenstand

zu unterscheiden wenn wir es sehen aber es setzt uns in den Stand ihn in dem

Verzeichnis unseres eigenen Gedächtnisses oder in der Rede anderer zu

unterscheiden wenn von ihm gesprochen wird zu wiesen dass das was in einem

Satz von welchem es der Gegenstand ist, behauptet wird von dem besonderen Ding

behauptet wird mit dem wir vorher schon bekannt waren

    Wenn wir den Eigennamen von etwas aussagen wenn wir auf einen Menschen

deutend sagen dies ist Braun oder Schmidt oder auf eine Stadt deutend dies

ist York so teilen wir damit dem Hörer keine weitere Auskunft keine

Information mit als dass dies deren Name istIndem wir ihn in den Stand

setzen die einzelnen Dinge zu identifizieren können wir sie mit der Auskunft in

Verbindung bringen die er schon früher von ihnen besaß indem wir sagen dies

ist York können wir ihm sagen dass es den Münster enthält dies aber nur kraft

dessen was er früher von York gehört hat nicht durch das was im Namen

eingeschlossen liegt Anders verhält es sich wenn man von Gegenständen

vermittelst mitbezeichnender Namen spricht Wenn wir sagen die Stadt ist aus

Marmor gebaut so geben wir dem Leser eine möglicherweise ganz neue Auskunft

und dies einfach durch die Bedeutung des vielwörterigen mitbezeichnenden Namens

»aus Marmor gebaut« Derartige Namen sind nicht Zeichen der bloßen Gegenstände

erfunden weil wir Gelegenheit haben an die einzelnen Gegenständer zu denken und

von ihnen zu sprechen sondern Zeichen welche ein Attribut begleiten eine Art

Livrée in welche das Attribut alle Gegenstände kleidet von denen erkannt ist

dass sie es besitzen Sie sind nicht bloße Zeichen sondern mehr dh

bedeutsame Zeichen und die Mitbezeichnung die Konnotation macht ihre

Bedeutung aus

    Da ein Eigenname der Name des einen Individuums heißt von welchem er

prädiziert wird so sollte sowohl der Analogie als der früher angeführten Gründe

wegen ein mitbezeichnender Name als ein Name aller der verschiedenen Individuen

angesehen werden, von denen er ausgesagt werden kann, oder mit anderen Worten,

die er bezeichnet und nicht als ein Name von dem was er mitbezeichnet Aber

indem wir lernen von welchen Dingen er ein Name ist lernen wir nicht die

Bedeutung des Namens denn wir gebrauchen für dasselbe Ding ebenso schicklich

viele andere nicht gleichbedeutende nicht in der Bedeutung äquivalente Namen

So nenne ich einen gewissen Menschen mit dem Namen Sophroniscus dann nenne ich

ihn Vater des Sokrates Beides sind Namen desselben Individuums aber ihre

Bedeutung ist völlig verschieden sie werden auf dasselbe Individuum zu zwei

ganz verschiedenen Zwecken angewendet der erste um das Individuum von andern

zu unterscheiden von denen geredet wird der zweite um eine Tatsache in

Beziehung auf dasselbe anzugeben die Tatsache, dass Sokrates sein Sohn war

Ich wende ferner die folgenden anderen Ausdrücke auf ihn an ein Mensch ein

Grieche ein Athener ein Bildhauer ein alter Mann ein ehrlicher Mann ein

braver Mann Es sind dies alles Namen von Sophroniscus aber in der That nicht

von ihm allein sondern von ihm und einer unbestimmten Anzahl anderer

menschlichen Wesen Ein jeder von diesen Namen wird auf den Sophroniscus aus

einem andern Grund angewendet und jeder der die Bedeutung des Namens versteht

erfährt eine bestimmte Tatsache oder eine Reihe von Tatsachen in Beziehung,

auf ihn diejenigen hingegen welche von den Namen nichts mehr wissen sollten

als dass sie auf Sophroniscus anwendbar sind würden ihrer Bedeutung völlig

unkundig sein Es ist sogar denkbar dass ich ein jedes Individuum kenne von

dem ein gegebener Name mit Wahrheit ausgesagt werden könnte ohne dass man

behaupten könne dass ich die Bedeutung des Namens kenne Ein Kind weiß

welches seine Brüder und Schwestern sind lange bevor es eine bestimmte

Vorstellung von den Tatsachen hat welche in der Bedeutung dieser Wörter

eingeschlossen liegen

    Es ist in manchen Fällen nicht leicht zu entscheiden wieviel ein besonderes

Wort mitbezeichnet und wieviel nicht dh wir wissen nicht genau da der Fall

noch nicht vorgekommen ist welcher Grad von Verschiedenheit im Gegenstand

einen Unterschied im Namen verursachen würde Es ist klar dass das Wort Mensch

außer animalischem Leben und Vernunft eine gewisse äußere Form mitbezeichnet

es wäre aber nicht möglich genau zu sagen welche Form dh zu entscheiden

wie groß die Abweichung von der Form, die wir gemeiniglich bei Wesen finden

welche wir gewohnt sind Menschen zu nennen sein müsste damit wir einer etwa

neuentdeckten Race den Namen Mensch versagen Da also Vernunft eine Eigenschaft

istwelche eine Abstufung zulässt so ist es nicht ausgemacht welches der

niedrigste Grad dieser Eigenschaft ist der einem Geschöpf Anspruch verschafft

als ein menschliches Wesen angesehen zu werden In allen solchen Fällen ist die

Bedeutung des Gemeinnamens unbestimmt und schwankend das Menschengeschlecht ist

in dieser Sache nicht zu einer positiven Übereinkunft gelangt Wenn wir von der

Klassifikation handeln werden wir Gelegenheit haben zu zeigen unter welchen

Bedingungen diese Undeutlichkeit ohne praktische Nachtheile stattfinden kann

und es werden sich Fälle zeigen in denen der Zweck der Sprache dadurch besser

erreicht wird als durch Vollständigkeit und Genauigkeit in der Naturgeschichte

zB wenn Individuen oder Species von nicht besonders hervortretendem Charakter

besser charakterisierten denen sie alle Fähigkeiten zusammengenommen noch am

nächsten stehen angereiht werden müssen

    Aber diese teilweise Ungewissheit in der Mitbezeichnung der Namen kann nur

dadurch unschädlich gemacht werden dass man sich streng dagegen vorsieht Die

Gewohnheit mitbezeichnende Wörter ohne eine deutlich festgestellte

Mitbezeichnung zu gebrauchen und ohne ein genaueres Verständnis ihrer

Bedeutung als sich in einer laxen Weise und in der Art ableiten lässt dass man

beobachtet welche Gegenstände man mit diesen Wörtern zu bezeichnen pflegt ist

in der That eine der hauptsächlichsten Quellen nachlässiger Denkgewohnheiten

Ohne es vermeiden zu können erlangen wir gerade in dieser Weise die erste

Kenntnis unserer Muttersprache Ein Kind lernt die Bedeutung der Wörter Mensch

oder weiß indem es dieselben auf eine Menge von Gegenständen angewendet hört

und durch einen ihm nur unvollkommen bewussten Prozess der Verallgemeinerung und

der Analyse ausfindig macht was diesen verschiedenen Gegenständen gemeinsam

ist In Beziehung auf diese zwei Wörter ist der Prozess so leicht dass er von

der Kultur keine Hülfe verlangt indem sich die menschliche Wesen genannten

und die weiß genannten Gegenstände von allen anderen Gegenständen durch

Eigenschaften von besondere bestimmtem und deutlichem Charakter unterscheiden

Aber in anderen Fällen haben die Gegenstände eine allgemeine Ähnlichkeit mit

einander  was zu ihrer Klassifikation unter einem gemeinsamen Namen führt 

während es bei den gewöhnlichen analytischen Gewohnheiten der Mehrzahl der

Menschen nicht unmittelbar ersichtlich ist welches die besonderen Attribute

sind von deren gemeinsamem Besitz die allgemeine Ähnlichkeit abhängig ist.

Wenn dies der Fall ist, so gebrauchen die Menschen den Namen ohne eine

anerkannte Mitbezeichnung dh ohne eine genaue Bedeutung sie sprechen und

folglich denken sie auch ganz vage und sind damit zufrieden mit ihren eigenen

Worten denselben Grad von Bedeutsamkeit zu verbinden welche ein Kind von drei

Jahren mit den Worten Bruder und Schwester verbindet Bei dem Auftreten neuer

Individuen von denen es noch nicht weiß ob es ihnen diesen Titel geben soll

wird das Kind wenigstens nicht in Verlegenheit gebracht da gewöhnlich eine

Autorität in der Nähe istwelche seine Zweifel zu lösen vermag Aber für die

Allgemeinheit der Fälle ist ein solcher Rückhalt nicht vorhanden und Männern

Frauen und Kindern bieten sich beständig neue Gegenstände dar die sie proprio

motu zu klassifizieren aufgefordert werden Sie tun dies nur nach dem Prinzip

einer oberflächlichen Ähnlichkeit indem sie jedem neuen Gegenstand den Namen

jenes familiären Gegenstandes geben dessen Vorstellung er am leichtesten

zurückruft oder dem er bei einer oberflächlichen Besichtigung am meisten zu

gleichen scheint sowie eine in dem Boden gefundene unbekannte Substanz je nach

ihrer Textur Erde Sand oder ein Stein genannt wird Auf diese Weise kriechen

Namen von Gegenstand zu Gegenstand bis zuweilen eine jede Spur einer

gemeinsamen Bedeutung verloren geht und das Wort zuletzt eine ganze Anzahl von

Dingen bezeichnet und zwar nicht allein unabhängig von einem gemeinschaftlichen

Attribut sondern tatsächlich Dingewelche gar kein oder wenigstens kein

anderes gemeinsames Attribut besitzen als auch andere Dinge besitzen denen man

den Namen hartnäckig verweigert Sogar wissenschaftliche Schriftsteller haben zu

dieser Sprachverkehrung beigetragen zuweilen weil sie es gleich dem großen

Haufen nicht besser verstanden und zuweilen aus Nachgiebigkeit gegen jene

Abneigung neue Wörter zuzulassen eine Abneigung welche die Menschen zu dem

Bestreben veranlasst bei allen Gegenständen die nicht als technische

betrachtet werden, den ursprünglich nur geringen Vorrat von Namen möglichst

wenig zu vermehren und durch ihn eine fortwährend zunehmende Anzahl von

Gegenständen und Unterscheidungen auszudrücken und dies folglich in einer mehr

und mehr unvollkommenen Weise10

    Bis zu welchem Grade diese nachlässige Weise die Gegenstände zu

klassifizieren und zu benennen das Wörterbuch der spekulativen und der

Moralphilosophie unbrauchbar für die Zwecke eines genauen Denkens gemacht haben

ist einem jeden bekannt der über den Zustand dieser Zweige des Wissens

nachgedacht hat Da indessen die Einführung einer neuen technischen Sprache als

des Vehikels von Betrachtungen über Gegenstände der täglichen Erörterung

äußerst schwierig auszuführen ist und wenn ausgeführt sogar nicht frei von

Nachtheilen sein würde so ist es die Aufgabe des Philosophen  und es ist dies

eine der schwierigsten welche er zu lösen hat  die Unvollkommenheiten der

bestellenden Ausdrucksweise bei deren Beibehaltung unschädlich zu machen Dies

kann er nur dadurch erreichen dass er einem jeden allgemeinen konkreten Namen

den er häufig auszusagen Gelegenheit hat eine bestimmte und feststehende

Mitbezeichnung gibt damit wenn wir einen Gegenstand mit dem Namen nennen man

wisse welche Attribute wir wirklich von dem Gegenstande aussagen wollen Die

schwierigste Aufgabe hierbei ist einem Namen diese feststehende Mitbezeichnung

mit der möglichst geringen Änderung in den Gegenständen zu geben für deren

Bezeichnung der Name gewöhnlich gebraucht wird mit der möglichst geringen

Störung der Gruppe von Gegenständen, welche er wenn auch noch so unvollkommen

zu umschreiben und zusammenzuhalten dient und mit dem geringsten Ungültigmachen

von Sätzen welche gemeiniglich als wahr angenommen werden

    Eine festgesetzte Mitbezeichnung zu geben wo sie erfordert wird ist das

Ziel wonach jeder strebt wenn er eine Definition eines bereits gebräuchlichen

Gemeinnamens gibt indem eine jede Definition eines mitbezeiehnenden Namens ein

Versuch ist die Mitbezeichnung des Namens bloß anzuzeigen oder anzugeben und

zu Analysieren Die Tatsache, dass in den moralischen Wissenschaften keine

Fragen mehr zum Gegenstand eifriger Kontroversen gemacht worden sind, als die

Definitionen fast all der leitenden Ausdrücke ist ein Beweis bis zu welcher

Ausdehnung das angeführte Übel gediehen ist

    Namen mit unbestimmter Mitbezeichnung sind nicht zu verwechseln mit Namen

welche mehr als eine Mitbezeichnung haben dh mit zweideutigen Wörtern Ein

Wort kann mehrere Bedeutungen haben die aber alle festgesetzt und anerkannt

sind wie zB das Wort Kammer dessen verschiedene Bedeutungen kaum aufzuzählen

sind Die Spärlichkeit der bestehenden Namen im Vergleich mit dem Bedarf macht

es oft ratsam und sogar notwendig einen Namen mit dieser Mannigfaltigkeit von

Bedeutungen beizubehalten indem man die letzteren so deutlich und klar

unterscheidet dass einer Verwechselung derselben mit einander vorgebeugt wird

Ein solches Wort kann als zwei oder mehr Namen betrachtet werden, welche

zufällig gleich geschrieben und gesprochen werden11

    

     6 Die vierte Hauptabtheilung der Namen ist die der positiven und

negativen Positiv wie Mensch Baum Gut negativ wie Nichtmensch Nichtbaum

Nichtgut Für jeden positiven konkreten Namen könnte ein entsprechender

negativer hergestellt werden Nachdem wir irgend einem Dinge oder einer Anzahl

von Dingen einen Namen gegeben haben könnten wir einen zweiten Namen bilden

der ein Name aller Dinge nur nicht jenes besonderen Dinges oder Dinge ist

Diese negativen Namen werden immer gebraucht wenn wir Gelegenheit haben

kollektiv von allen anderen Dingen zu sprechen die von irgend einem Dinge oder

einer Klasse von Dingen verschieden sind Wenn der positive Name mitbezeichnend

ist so ist der entsprechende negative ebenfalls mitbezeichnend aber in einer

besonderen Weise indem er nicht die Gegenwart sondern die Abwesenheit eines

Attributs mitbezeichnet So bezeichnet nichtweiß alle Dinge ausgenommen

weiße Dinge und mitbezeichnet das Attribut keine Weiße zu besitzen Denn der

Nichtbesitz eines gegebenen Attributes ist auch ein Attribut und kann als

solches einen Namen erhalten und auf diese Weise können negative konkrete Namen

ihnen entsprechende negative abstrakte Namen erhalten

    Namen welche der Form nach positiv sind sind in Wirklichkeit häufig

negativ und andere sind wirklich positiv obgleich ihre Form negativ ist Das

Wort unbequem zB drückt nicht die bloße Abwesenheit der Bequemlichkeit aus

es drückt ein positives Attribut aus das die Ursache von Betrübnis oder

Belästigung zu sein So mitbezeichnet das Wort unbequem ungeachtet seiner

negativen Form nicht die bloße Abwesenheit von Annehmlichkeit sondern einen

geringeren Grad von dem was durch das Wort schmerzhaft ausgedrückt wird ein

Wort das wie kaum nötig zu sagen positiv ist Auf der anderen Seite ist

träge ein Wort welches obgleich der Form nach positiv nichts ausdrückt als

was entweder durch die Redensart nichtarbeitend oder durch nicht aufgelegt zu

arbeiten gemeint ist eben so ist nüchtern gleichbedeutend mit nicht trunken

oder mit nicht betrunken

    Es gibt eine Klasse von privativ genannten Namen Ein privativer Name ist

in seiner Bedeutung äquivalent mit einem positiven und einem negativen Namen

zusammengenommen indem er der Name von etwas ist was einst ein besonderes

Attribut hatte oder von dem man eines andern Grundes wegen hätte erwarten

können dass es dasselbe besitze in der That aber nicht besitzt Der Art ist

das Wort blind welches nicht gleichbedeutend ist mit nicht sehend oder mit

nicht fähig zu sehen denn man würde es nicht ausgenommen als poetische oder

rhetorische Figur aufstocke und Steine anwenden Ein Ding wird gewöhnlich nicht

blind genannt wenn nicht die Klasse welcher es gemeiniglich oder welcher es

bei einer besonderen Gelegenheit zugezählt wird hauptsächlich aus Dingen

zusammengesetzt istwelche sehen können wie es der Fall ist bei einem blinden

Manne oder bei einem blinden Pferde oder wenn nicht aus einem besonderen Grunde

vorausgesetzt wird dass es sehen sollte zB wenn man von jemand sagt er eile

blindlings dem Abgrund zu oder wenn man von Philosophen oder von der

Geistlichkeit sagt sie seien größtenteils blinde Führer Die privativ

genannten Namen mitbezeichnen daher zwei Dinge die Abwesenheit gewisser

Attribute und die Gegenwart anderer wonach die Anwesenheit auch der ersteren

naturgemäß hätte erwartet werden dürfen

    

     7 Die fünfte Hauptabtheilung der Namen zerfällt in relative und absolute

 oder sagen wir in relative und nichtrelative denn das Wort absolut hat in

der Metaphysik zu harte Pflichten zu erfüllen als dass wir es nicht schonen

sollten wenn wir seiner Dienste nicht bedürfen Es gleicht dem Wort civil in

der Sprache der Jurisprudenz welches als das Entgegengesetzte von kriminal von

kirchlich von militär von politisch kurz als das Entgegengesetzte eines jeden

positiven Wortes steht das eines negativen bedürftig ist

    Relative Namen sind die folgenden Vater Sohn Herrscher Untertan

ähnlich gleich unähnlich ungleich länger kürzer Ursache Wirkung Ihre

charakteristische Eigenschaft ist dass sie immer paarweise gegeben werden. Ein

jeder relative Namen der von einem Gegenstande ausgesagt wird setzt einen

anderen Gegenstand oder Gegenstände voraus von dem wir entweder denselben

Namen oder einen anderen relativen Namen aussagen welcher der korrelative der

mitbeziehliche des ersteren heißt Wenn wir zB jemanden einen Sohn nennen so

setzen wir andere Personen voraus welche Eltern genannt werden müssen Wenn wir

irgend ein Ereignis eine Ursache nennen so setzen wir ein anderes Ereignis

voraus welches eine Wirkung ist Wenn wir von einer Entfernung sagen sie sei

länger so setzen wir eine andere Entfernung voraus welche kürzer ist Wenn wir

von einem Gegenstande sagen er sei ähnlich so meinen wir dass er einem andern

Gegenstande ähnlich ist von dem es ebenfalls heißt er sei dem ersteren

ähnlich Im letzteren Falle erhalten beide Gegenstände denselben Namen das

relative Wort ist sein eigenes korrelatives

    Es ist klar dass wenn diese Wörter concret sind sie wie andere konkrete

Gemeinnamen mitbezeichnend sind sie bezeichnen ein Subjekt und mitbezeichnen

ein Attribut und ein jedes von ihnen hat oder könnte einen entsprechenden

abstrakten Namen haben um das durch den konkreten Namen mitbezeichnete Attribut

zu bezeichnen So hat das konkrete ähnlich das abstrakte Ähnlichkeit die

konkreten Vater und Sohn haben oder könnten haben Vaterschaft und Kindschaft

oder Sohnschaft Der konkrete Name mitbezeichnet ein Attribut und der ihm

entsprechende abstrakte bezeichnet dieses Attribut Aber welcher Natur ist das

Attribut Worin besteht die Eigentümlichkeit in der Mitbezeichnung eines

relativen Namens

    Das durch einen relativen Namen angezeigte Attribut sagen einige ist eine

Beziehung eine Relation und geben dies wenn auch nicht als eine genügende so

doch wenigstens als die einzige mögliche Erklärung Wenn sie gefragt werden was

ist aber eine Relation so gestehen sie dies nicht sagen zu können Sie wird

allgemein als etwas besonders Verborgenes und Mysteriöses betrachtet Ich kann

indessen nicht wahrnehmen in welcher Beziehung sie dies mehr sein sollte als

ein jedes andere Attribut sie scheint es mir im Gegenteil weniger zu sein Ich

stelle mir eher vor durch eine Prüfung der Bedeutung relativer Namen oder mit

anderen Wortender Natur des von ihnen mitbezeichneten Attributes sei eine

klare Einsicht in die Natur von allen Attributen von allem was mit einem

Attribute gemeint ist am besten zu erlangen

    Es ist in der That einleuchtend dasswenn wir zwei korrelative zwei

mitbeziehliche Namen nehmen zB Vater und Sohn so mitbezeichnen sie beide in

einem gewissen Sinne dasselbe Ding, obgleich die durch die Namen bezeichneten

Gegenstände verschieden sind Man kann in Wahrheit nicht sagen dass sie

dasselbe Attribut mitbezeichnen ein Vater sein ist etwas anderesals ein Sohn

sein Wenn wir aber jemanden einen Vater einen andern seinen Sohn nennen so

wollen wir eine Reihe von Tatsachen behaupten welche in beiden Fällen genau

dieselben sind Von A aussagen er sei der Vater von B und von B aussagen er

sei der Sohn von A, heißt eine und dieselbe Tatsache durch verschiedene Worte

behaupten Die zwei Sätze sind genau gleichbedeutend äquivalent keiner

derselben behauptet mehr oder weniger als der andere Die Vaterschaft von A und

die Sohnschaft von B sind nicht zwei verschiedene Tatsachen sondern zwei

verschiedene Ausdrucksweisen für dieselbe Tatsache Wenn diese Tatsache

analysiert wird so besteht sie aus einer Reihe von physikalischen Vorgängen oder

Erscheinungen von denen beide Theile A und B, betroffen werden und von denen

sie beide ihre Namen erhalten Was durch diese Namen wirklich mitbezeichnet

wird besteht in dieser Reihe von Vorgängen dies ist die Bedeutung und zwar die

ganze Bedeutung welche ein jeder der beiden Namen ausdrücken soll Von der

Reihe von Vorgängen kann man sagen dass sie die Beziehung ausmacht

konstituiert die Scholastiker nannten sie die Grundlage der Beziehung 

fundamentum relationis

    Auf diese Weise kann eine Tatsache oder eine Reihe von Tatsachen), mit

welcher zwei verschiedene Gegenstände in Verbindung stehen und welche daher von

beiden aussagbar ist sowohl als ein Attribut des einen als auch als ein

Attribut des anderen konstituierend angesehen werden. Je nach dem wir sie in der

ersteren oder in der letzteren Beziehung betrachten wird sie von dem einen oder

dem andern der zwei korrelativen Namen mitbezeichnet Vater mitbezeichnet die

ein Attribut von A konstituierende Tatsache Sohn mitbezeichnet dieselbe

Tatsache aber als ein Attribut von B ausmachend Sie kann offenbar ebensogut

in dem einen wie in dem andern Lichte betrachtet werden, und alles was nötig

scheint um die Existenz von beziehlichen oder relativen Namen zu erklären ist

dass wenn es eine Tatsache gibt welche zwei Individuen angeht so kann ein

auf diese Tatsache gegründetes Attribut dem einen oder dem andern dieser

Individuen zugeschrieben werden

    Man sagt daher ein Name sei relativ wenn er außer dem Gegenstand welchen

er bezeichnet in seine Bedeutung die Existenz eines andern Gegenstandes

einschließt der seine Benennung ebenfalls von derselben Tatsache welche der

Grund des ersten Namens ist ableitet oder mit anderen Worten ausgedrückt ein

Name ist relativ wenn da es der Name eines Dinges ist seine Bedeutung nicht

erklärt werden kann ohne ein anderes Ding zu erwähnen Wir können es auch so

ausdrücken wenn der Name in der Rede als ein eine Bedeutung habender Name nicht

gebraucht werden kann, ohne dass der Name noch eines andern Dinges als

desjenigen wovon er selbst der Name ist entweder ausgedrückt oder verstanden

wird Diese Definitionen sind im Grunde alle gleichbedeutend indem sie

verschiedene Ausdrucksweisen des einen unterscheidenden Umstandes sind  dass

jedes andere Attribut eines Gegenstandes ohne einen Widerspruch als noch

existierend betrachtet werden könnte12 wenn mit Ausnahme des einen auch niemals

ein anderer Gegenstand existiert hätte aber diejenigen seiner Attribute welche

durch relative Namen ausgedrückt werden, würden bei einer solchen Voraussetzung

hinwegfallen

    

     8 Die Namen sind ferner unterschieden worden in eindeutige und

zweideutige univoke und äquivoke dies sind indessen nicht zwei Arten von

Namen sondern verschiedene Arten Namen zu gebrauchen Ein Name ist eindeutig

oder eindeutig angewendet in Beziehung auf alle Dinge von denen er in demselben

Sinne ausgesagt werden kann; er ist aber zweideutig oder zweideutig angewendet

in Beziehung auf jene Dinge von denen er in verschiedenem Sinne ausgesagt wird

Es ist kaum nötig Beispiele von einer so bekannten Tatsache zu geben wie die

Zweideutigkeit eines Wortes Ein zweideutiges Wort ist wie bereits bemerkt

nicht ein Name sondern es sind zwei Namen die zufällig denselben Klang haben

Linie steht für einen Strich auf dem Papier und Linie steht für eine Reihe von

Soldaten sie haben aber wenn auch gleich geschrieben nicht mehr Anspruch

darauf als ein Wort betrachtet zu werden als Währen und Wehren haben weil

ihnen gleiche Aussprache zukommt  Sie sind ein Laut der geeignet ist zwei

verschiedene Wörter zu bilden

    Ein dazwischenstehender ein intermediärer Fall entsteht wenn ein Name

analog oder metaphorisch gebraucht wird dh wenn ein Name von zwei Dingen

nicht eindeutig oder genau mit derselben Bedeutung sondern mit einer

einigermaßen ähnlichen Bedeutung ausgesagt wird Da hier die eine aus der

andern abgeleitet wird so kann die eine Bedeutung als die ursprüngliche

primäre die andere als die untergeordnete sekundäre betrachtet werden. So

wenn wir von einem glänzenden Licht und von einer glänzenden That sprechen Das

Wort glänzend wird auf Licht und That wohl in demselben Sinne angewendet da es

aber in seiner ursprünglichen Bedeutung auf das Licht angewendet wurde in der

nämlich von Helligkeit für das Auge so wird es auf die That in einer

abgeleiteten Bedeutung von der vorausgesetzt wird dass sie der ursprünglichen

einigermaßen ähnlich sei übertragen Das Wort vertritt indessen in diesem Fall

so gut wie in dem vollkommensten Fall von Zweideutigkeit zwei Namen und eine

der gewöhnlichsten Formen von aus Zweideutigkeit hervorgehenden Trugschlüssen

ist diejenige wo aus einem metaphorischem Ausdruck so geschlossen wird als

wenn es der buchstäbliche Ausdruck wäre dh als wenn ein figürlich gebrauchtes

Wort derselbe Name wäre wie der Name in der ursprünglichen Bedeutung Hiervon

mehr am geeigneten Ort

 
 






     1 Indem wir nun auf den Anfang unserer Untersuchung zurückblicken

wollen wir versuchen zu ermessen wie weit sie gediehen ist Die Logik, fanden

wir ist die Theorie des Beweises. Aber ein Beweis setzt etwas Beweisbares

voraus was ein Urteil oder eine Behauptung sein muss da nur ein Urteil

Gegenstand des Glaubens oder des Beweises sein kann Ein Urteil ist eine

Aussage welche etwas von einem Dinge behauptet oder verneint Dies ist der

erste Schritt es müssen wie es scheint in einem Glaubensakt zwei Dinge

vorhanden sein Aber was sind diese Dinge Es können nur diejenigen sein welche

durch die zwei Namen die nach ihrer Verbindung durch eine Copula das Urteil

bilden ausgedrückt sind Wenn wir daher wüssten was alle Namen bedeuten so

würden wir alles wissen was entweder zu einem Gegenstand der Behauptung oder

Verneinung gemacht oder was selbst von einem Gegenstande behauptet oder

verneint werden kann. Wir haben deshalb in einem vorhergehenden Kapitel die

verschiedenen Arten von Namen betrachtet um zu bestimmen, was ein jeder von

ihnen bedeutet Wir haben diese Untersuchung nun soweit geführt um uns von

ihrem Resultat Rechenschaft geben und eine Aufzählung von allen Arten von Dingen

machen zu können welche zu Prädikaten gemacht werden können, oder von welchen

etwas prädiziert werden kann. Den Inhalt der Prädikation dh der Urteile zu

bestimmen, kann hiernach keine schwere Aufgabe sein

    Die Notwendigkeit einer Aufzählung von Existenzen als Basis der Logik

entging nicht der Aufmerksamkeit der Scholastiker und ihres Meisters

Aristoteles des umfassendsten wenn auch nicht des scharfsinnigsten der alten

Philosophen Die Kategorien oder Prädikamente  das erstere ein griechisches

Wort das letztere dessen wörtliche Übersetzung in die lateinische Sprache 

sollten nach seiner und seiner Nachfolger Absicht eine Aufzählung aller Dinge

sein die der Benennung fähig sind eine Aufzählung durch die summa genera di

durch die umfassendsten Classen in welche Dinge eingeteilt werden können, und

welche daher ebensoviele höchsten Prädikate waren von denen man das eine oder

das andere fähig hielt mit Wahrheit von jedem benennbaren Dinge ausgesagt

affirmiert zu werden Es sind die folgenden Classen auf welche nach dieser

philosophischen Schule die Dinge im Allgemeinen zurückgeführt werden können:

    Ousia Substantia

    Poson Quantitas

    Poion Qualitas

    Pros ti Relatio

    Poiein Actio

    Paschein Passio

    Pou Ubi

    Pote Quando

    Keisthai Situs

    Echein Habitus

Die Unvollkommenheiten dieser Klassifikation sind zu augenscheinlich um eine

genaue Prüfung zu verlangen auch sind ihre Verdienste nicht groß genug um

eine solche Prüfung zu belohnen Sie ist ein bloßer Katalog der durch die

gewöhnliche Sprache des Lebens roher Weise bezeichneten Distinktionen und sucht

nur wenig oder gar nicht durch eine philosophische Analyse in das rationale

sogar dieser gewöhnlichen Distinktionen einzudringen Eine auch nur

oberflächlich angestellte Analyse würde gezeigt haben dass die Aufzählung

zugleich weitschweifig und mangelhaft ist Manche Gegenstände sind ausgelassen

und andere mehrmals unter verschiedenen Rubriken wiederholt sie gleicht einer

Einteilung der Tiere in Menschen Vierfüßer Pferde Esel und Ponys es

konnte zB keine sehr umfassende Ansicht über die Natur der Relation sein

welche Actio Passio und Situs von dieser Kategorie ausschließen konnte

Dieselbe Bemerkung lässt sich von den Kategorien Quando Lage in der Zeit und

Ubi Lage im Raum machen während die Unterscheidung zwischen der letzteren und

Situs bloß eine wörtliche ist

Die Ungereimtheit die Klasse welche die zehnte Kategorie ausmacht zu einem

summum genus zu machen ist handgreiflich und auf der andern Seite nimmt die

Aufzählung von allen anderen Dingen außer von Substanzen und Attributen gar

keine Notiz

In welche Kategorie sollen wir die Sensationen oder irgend andere Gefühle oder

Zustände des Geistes bringen zB Hoffnung Freude Furcht Ton Geruch

Geschmack Schmerz Vergnügen Gedanke Urteil Vorstellung u dergl

Wahrscheinlich würden alle diese durch die Aristotelische Schule in die

Kategorien actio und passio gebracht worden sein und die Beziehung relatio

derjenigen von ihnen welche tätig aktiv sind zu ihren Objekten und

derjenigen von ihnen welche passiv sind zu ihren Ursachen würde mit Recht in

diese Kategorien gebracht werden aber die Dinge selbst, die Gefühle und

Zustände des Geistes mit Unrecht Die Gefühle und Zustände des Bewusstseins

müssen sicherlich zu den Realitäten gezählt werden man kann sie aber weder zu

den Substanzen noch zu den Attributen rechnen

 

 2 Ehe wir daher den von dem großen Gründer der Wissenschaft der Logik mit

so geringem Erfolg gemachten Versuch unter günstigeren Auspizien wieder

aufnehmen müssen wir eine unglückliche Zweideutigkeit in allen konkreten Namen

welche dem allgemeinsten aller abstrakten Wörter dem Worte Existenz

entsprechen anführen Wenn wir Gelegenheit haben einen Namen anzuwenden der

als Gegensatz zu dem Nichtsein oder Nichts alles zu bezeichnen im Stande ist

was existiert so gibt es kaum ein für diesen Zweck verwendbares Wort welches

nicht auch und zwar noch gewöhnlicher in einem solchen Sinne genommen wird

dass es nur Substanzen bezeichnet Aber die Substanzen sind nicht alles was

existiert die Gefühle existieren ebenfalls Wenn wir aber von einem Gegenstand

oder von einem Ding sprechen so setzt man fast immer voraus dass wir eine

Substanz damit meinen Es scheint eine Art von Widersprach in einem Ausdruck zu

liegen wie ein Ding ist nur ein Attribut von einem andern Ding Ich glaube

dass bei der Ankündigung einer Klassifikation der Dinge die meisten Leger sich

auf eine Aufzählung ähnlich der der Naturgeschichte gefasst machen würden

beginnend mit den großen Abtheilungen Tiere Pflanzen und Mineralien mit

darauf folgenden Unterabtheilungen in Classen und Ordnungen Wenn wir das Wort

Ding verwerfen und ein anderes von einer allgemeineren Bedeutung oder

wenigstens ein ausschließlicher auf diese allgemeine Bedeutung beschränktes

Wort zu finden suchen ein Wort das alles bezeichnet was existiert und welches

nur einfache Existenz mitbezeichnet so könnte man vielleicht keines für

zweckdienlicher halten als das Wort Wesen13 ursprünglich der Infinitiv eines

Zeitworts welches in der einen seiner Bedeutungen äquivalent mit dem Zeitwort

existieren ist und das sich daher schon durch seine grammatikalische Bildung als

das konkrete von dem abstrakten Existenz eignet Aber dieses Wort ist so

sonderbar dies auch aussieht noch vollständiger als das Wort Ding für den Zweck

vordorben für den es besonders gemacht schien Wesen ist dem Gebrauch nach

genau synonym mit Substanz nur dass es frei von einer leichten Färbung einer

zweiten Zweideutigkeit istindem es unparteiisch auf Materie und Geist

angewendet wird während Substanz obschon ursprünglich und mit aller Strenge

auf beide anwendbar eher die Idee von Materie von Stoff einflößt Attribute

werden niemals Wesen genannt auch nicht Gefühle Ein Wesen ist das was Gefühle

erregt und welches Attribute besitzt Die Seele Gott und Engel werden Wesen

genannt wenn wir aber sagen würden Ausdehnung Farbe Weisheit Tugend seien

Wesen so würden wir vielleicht in den Verdacht kommen mit einigen der Alten zu

denken die Kardinaltugenden seien Tiere oder wenigstens mit der Schule von

Platon die Lehre von den selbstexistierenden Ideen oder mit den Jüngern Epicurs

die der sensiblen Formen welche sich in jeder Richtung von den Körpern ablösen

und bei dem Kontakt mit unseren Organen die Vorstellungen verursachen aufrecht

erhalten zu wollen kurz wir würden in den Verdacht kommen zu glauben Attribute

seien Substanzen In Folge dieser Verderbnis des Wortes Wesen suchten die

Philosophen nach einem Ersatz für dasselbe und fielen so auf das Wort Entität

ein Stück barbarisches Latein von den Scholastikern erfunden um als abstrakter

Name  in welche Klasse es seine grammatikalische Form zu bringen scheint 

gebraucht zu werden da es aber von in Not geratenen Logikern verwendet wurde

um einen Leck in ihrer Terminologie zu verstopfen so wurde es seitdem immer als

ein konkreter Name gebraucht Das verwandte Wort Essenz zur selbigen Zeit und

von denselben Eltern geboren erlitt kaum eine vollständigere Umwandlung als es

 während es das abstrakte vom Zeitwort essere sein ist  dazu dienen musste

etwas zu bezeichnen das genugsam concret war um es auf Flaschen ziehen zu

können Seitdem sich das Wort Entität als ein konkreter Name festgesetzt hat

ist die Universalität seiner Bedeutung etwas weniger beschädigt worden als die

der vorher angeführten Namen Aber derselbe allmälige Verfall dem nach einem

gewissen Alter die ganze Sprache der Psychologie ausgesetzt zu sein scheint war

auch hier wirksam Wenn wir die Tugend eine Entität nennen so geraten wir in

der That etwas weniger stark in den Verdacht zu glauben sie sei eine Substanz

als wenn wir sie ein Wesen nennen wir bleiben aber keineswegs ganz frei von

Verdacht Ein jedes Wort das ursprünglich nur bloße Existenz mitbezeichnen

sollte scheint nach einer gewissen Zeit seine Mitbezeichnung auf gesonderte

Existenz oder auf Existenz auszudehnen welche von der Bedingung einer Substanz

anzugehören befreit ist da nun diese Bedingung genau das ist was ein Attribut

konstituiert so werden Attribute allmälig ausgeschlossen und mit ihnen Gefühle

welche in neun und neunzig unter hundert Fällen keinen andern Namen als den des

Attributs haben das auf sie gegründet ist Es ist sonderbar dass während alle

diejenigenwelche irgend eine beträchtliche Menge von Gedanken auszudrücken

haben in der größten Verlegenheit sind eine hinreichende Menge genauer dafür

passender Worte zu finden es keinen andern wenigstens von wissenschaftlichen

Denkern geübten Kunstgriff geben sollte als den wertvolle Wörter zu nehmen

um Ideen auszudrücken welche hinreichend durch andere bereits dafür bestimmte

Wörter ausgedrückt sind

Wenn es unmöglich ist gute Werkzeuge zu bekommen so ist das zunächst Beste

dass wir suchen die Mängel derjenigen welche wir haben gründlich kennen zu

lernen Ich habe daher den Leser in Beziehung auf die Zweideutigkeit gerade

derselben Namen gewarnt welche ich zu gebrauchen genötigt sein werde Der

Verfasser muss sich nun bemühen sie so zu gebrauchen dass seine Meinung in

keinem Falle zweifelhaft oder dunkel bleibe Da keiner der obigen Ausdrücke frei

von Zweideutigkeit ist so werde ich mich nicht auf den Gebrauch bloß von einem

derselben beschränken sondern bei jeder Gelegenheit dasjenige Wort gebrauchen

welches in dem besonderen Fall am wenigsten zu einem Missverständnis führen

dürfte auch behaupte ich nicht sowohl diese wie auch andere Wörter mit

strenger Beibehaltung einer einzigen Bedeutung zu gebrauchen Wenn wir dies

täten so würden wir häufig ohne ein Wort sein um die verschiedenen

Bedeutungen eines bekannten Wortes auszudrücken es müssten denn die

Schriftsteller eine unbeschränkte Freiheit haben neue Wörter zu erfinden und

was seine Schwierigkeiten hätte auch die unbeschränkte Macht ihre Leser zu

deren Annahme zu zwingen Auch würde es beim Schreiben über einen so abstrakten

Gegenstand nicht klug sein einen wenn auch von dem unrichtigen Gebrauch eines

Wortes kommenden Vorteil von der Hand zu weisen wenn durch ihn eine geläufige

Ideenassoziation herbeigeführt wird welche dem Geiste eine Meinung blitzartig

zuführt

Für den Schriftsteller und den Leser ist die Schwierigkeit des Versuches

schwankende Wörter für den Ausdruck bestimmter Meinungen zu gebrauchen nicht so

sehr zu bedauern Es ist ganz in der Ordnung wenn Abhandlungen über Logik ein

Beispiel von dem darbieten was zu erleichtern eine ihrer wichtigsten Aufgaben

ist Lange wird die philosophische und länger noch wird die gewöhnliche Sprache

soviel Schwankendes und Zweideutiges behalten dass die Logik wenig Nutzen

stiften würde wenn sie neben anderen Vorteilen nicht auch den Verstand darin

üben würde seine Arbeit mit so unvollkommenen Werkzeugen rein und richtig

auszuführen

Nach dieser Einleitung ist es Zeit zu unserer Aufzählung zu schreiten Wir

beginnen mit den Gefühlen der einfachsten Klasse benennbarer Dinge der

Ausdruck Gefühle natürlich in dem weitesten Sinne verstanden

 







                   I Gefühle oder Zustände des Bewusstseins.



 

     3 Ein Gefühl und ein Zustand des Bewusstseins sind in der Sprache der

Philosophie gleichbedeutende Ausdrücke alles ist Gefühl dessen sich der Geist

bewusst ist, alles was er fühlt oder mit anderen Worten, was einen Teil

seiner empfindenden Existenz bildet Gefühl ist in gewöhnlicher Sprache nicht

immer synonym mit Zustand des Bewusstseins, da das Wort häufig mehr für jene

Zustände gebraucht wird die als der sensitiven oder der erregbaren Phase

unserer Natur und bei einer noch größeren Beschränkung zuweilen als der

erregbaren allein zugehörig betrachtet werden, im Gegensatz zu dem was als der

wahrnehmenden oder intellektuellen Phase angehörig betrachtet wird Dies ist

aber eine zugestandene Abweichung von einer richtigen Sprache gerade wie durch

eine gewöhnliche Vermehrung welche genau das Entgegengesetzte von dieser ist

das Wort Geist seiner rechtmäßigen allgemeinen Bedeutung beraubt und auf die

Intelligenz allein beschränkt wird Eine noch größere Verkehrung durch welche

Gefühle zuweilen nicht bloß auf körperliche Empfindungen sondern auf die

Empfindungen eines einzigen Sinnes des Gefühlsinnes beschränkt werden bedarf

kaum der Erwähnung

    In dem eigentlichen Sinne des Wortes ist Gefühl eine Gattung von welcher

Sensation Empfindung Emotion Gemütsbewegung oder Erregung und Gedanke

untergeordnete Arten sind In dem Worte Gedanke ist hier alles einzuschließen

dessen wir uns innerlich bewusst sind wenn wir sagen dass wir denken und zwar

von dem Bewusstsein an das wir haben wenn wir an eine rote Farbe denken ohne

sie vor Augen zu haben bis zu den abstrusesten Gedanken eines Philosophen oder

Dichters Es muss indessen bemerkt werden dass unter einem Gedanken das

verstanden ist was in dem Geiste selbst vorgeht und nicht ein äußerlicher

Gegenstand von dem man gewöhnlich sagt wir dächten an ihn Wir können an die

Sonne oder an Gott denken aber die Sonne und Gott sind keine Gedanken unser

geistiges Bild von der Sonne und unsere Idee von Gott sind aber Gedanken sind

Zustände unseres Geistes und nicht der Gegenstände selbst ebenso sind unser

Glaube an die Existenz der Sonne oder Gottes oder auch unser Unglaube Gedanken

oder Zustände des Bewusstseins. Sogar eingebildete Gegenstände von denen man

sagt sie existierten nur in unserer Idee sind von unseren Ideen von ihnen zu

unterscheiden Ich kann an ein Gespenst an einen gestern verzehrten Laib Brod

oder an eine morgen blühende Blume denken Aber das Gespenst das nie existiert

hat ist nicht dasselbe Ding, wie meine Idee von dem Gespenst so wenig als der

Laib Brod welcher einst existiert hat oder die Blume welche noch nicht

existiert hat aber existieren wird einerlei mit meiner Idee von dem Laib Brod

oder der Blume ist Sie alle sind nicht Gedanken sondern Gegenstände der

Gedanken obgleich eben jetzt alle in gleicher Weise nicht existieren

    In gleicher Weise muss eine Empfindung sorgfältig von dem Gegenstand

unterschieden werden, welcher die Empfindung verursacht unsere Empfindung von

weiß ist von dem weißen Gegenstand und nicht weniger sorgfältig von dem

Attribut Weiße zu unterscheiden welches wir dem Gegenstand in Folge seiner

Erregung der Empfindung zuschreiben Zum Unglück für Klarheit und gehörige

Unterscheidung erhalten unsere Empfindungen bei der Betrachtung dieser

Gegenstände selten besondere Namen Wir haben einen Namen für die Gegenstände

welche in uns eine gewisse Sensation erregen das Wort weiß Wir haben einen

Namen für die Eigenschaft in diesen Gegenständen welcher wir diese Empfindung

zuschreiben den Namen Weiße Wenn wir aber von der Sensation selbst sprechen

wozu wir nicht häufig Gelegenheit haben außer bei unseren wissenschaftlichen

Betrachtungen so hat uns die Sprache welche sich meistens nur den

gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens anpasst mit keiner einwörtlichen oder

unmittelbaren Beziehung versehen und um zu sagen die Empfindung von weiß, oder

die Empfindung von Weiße müssen wir eine Umschreibung gebrauchen wir müssen

die Empfindung entweder nach dem Gegenstand oder nach dem Attribut nennen von

welchem sie erregt wird Obgleich aber die Empfindung ohne das Vorhandensein

eines sie erregenden Gegenstandes nicht wirklich existiert so kann man sich doch

vorstellen sie existiere Wir können uns denken dass sie von selbst spontan

in der Seele entsteht im letzteren Falle wäre aber ein jeder Name mit dem man

sie zu bezeichnen versuchen sollte ein Missnennen Bei unseren

Gehörsempfindungen sind wir besser vorgesehen wir haben das Wort Ton und ein

ganzes Wörterbuch voll Wörter um die verschiedenen Arten von Tönen zu

bezeichnen denn da wir uns bei Abwesenheit eines wahrnehmbaren Gegenstandes

dieser Empfindungen häufig bewusst sind so können wir uns eher vorstellen dass

wir sie auch bei Abwesenheit eines jeden Gegenstandes überhaupt haben können

Wir brauchen bloß die Augen zu schließen und einer Musik zu lauschen um eine

Vorstellung von einem Universum zu erhalten das nichts umfasst als Töne und

uns die Hörenden und das was wir uns leicht abgesondert separat vorstellen

können erhält auch leicht einen gesonderten Namen Im Allgemeinen aber

bezeichnen unsere Namen ohne Unterschied die Empfindung und das Attribut So

steht Farbe für die Empfindung von weiß, rot etc aber auch für die

Eigenschaft in dem farbigen Gegenstand

    

     4 Bei den Sensationen oder Empfindungen muss man noch eise andere

Unterscheidung im Auge behalten die häufig verwechselt wird und zwar nicht

ohne nachtheilige Folgen Es ist dies die Unterscheidung zwischen der Empfindung

selbst und dem Zustand der Organe des Körpers, welcher der Empfindung

vorausgeht und welcher das physikalische Mittel ist durch welches sie

hervorgebracht wird Die gewöhnliche Einteilung der Gefühle in körperliche und

geistige ist eine der Quellen der Verwirrung bezüglich dieses Gegenstandes Für

eine solche Unterscheidung ist philosophisch gesprochen gar kein Grund

vorhanden auch die Empfindungen sind Zustände der empfindenden Seele und nicht

davon unterschiedene Zustände des KörpersDas Bewusstsein, welches ich habe

wenn ich eine blaue Farbe sehe ist ein Gefühl von blauer Farbe dies ist ein

Ding; das Bild auf meiner Netzhaut oder das Phänomen von einer bis jetzt noch

geheimnisvollen Natur welches in meinem Sehnerv oder in meinem Gehirn

stattfindet ist ein anderes Ding dessen ich mir gar nicht bewusst bin und

dessen mich nur wissenschaftliche Forscher belehren konnten Es sind dies

Zustände des Körpers, aber die Folge dieser körperlichen Zustände die

Empfindung von blau ist nicht ein Zustand des Körpers: dasjenige welches

wahrnimmt und sich bewusst ist, wird Geist genannt Wenn die Empfindungen

körperliche Gefühle genannt werden, so geschieht dies nur weil sie die Klasse

von Gefühlen sind welche unmittelbar durch körperliche Zustände verursacht

werden während die anderen Arten von Gefühlen die Gedanken zB oder die

Emotionen unmittelbar nicht durch etwas auf die Organe wirkendes sondern durch

Empfindungen oder vorhergehende Gedanken erregt werden Dies ist indessen eine

Unterscheidung nicht in unseren Gefühlen sondern in der Tätigkeit welche

unsere Gefühle erzeugt wenn sie einmal wirklich erzeugt sind so sind sie alle

Zustände des Geistes.

    Außer der äußerlichen Erregung Affizierung unserer körperlichen Organe

und der dadurch in unserm Geist erzeugten Empfindungen nehmen manche

Schriftsteller noch ein drittes Glied in der Kette der Erscheinungen an welches

sie Wahrnehmung Perzeption nennen und welche in der Erkennung eines äußeren

Gegenstandes als der erregenden Ursache der Empfindung besteht Diese

Wahrnehmung sagen sie ist eine Handlung ein Akt des Geistes, der von seiner

eigenen spontanen Tätigkeit ausgeht während sich bei einer Empfindung der

Geist passiv verhält indem bloß durch einen äußeren Gegenstand auf ihn

eingewirkt wird Nach einigen Metaphysikern wird die Existenz Gottes der Seele

und anderer übersinnlicher Gegenstände durch einen Geistesakt erkannt welcher

der Wahrnehmung ähnlich ist nur dass ihm nicht Empfindungen vorausgehen

    Diese Akte der sogenannten Perzeption müssen wie ich glaube ihren Platz

unter den verschiedenen Arten von Gefühlen oder Zuständen des Geistes erhalten

welcher Art auch die Schlüsse bezüglich ihrer Natur sein mögen zu denen wir

schließlich gelangen Indem ich ihnen diesen Platz anweise habe ich nicht die

geringste Absicht irgend eine Theorie der Gesetze des Geistes, denen diese

geistigen Prozesse möglicherweise entspringen oder der Bedingungen, unter denen

sie legitim oder es nicht sind anzukündigen Noch weniger aber will ich damit

sagen wie Dr Whewell14 in einem analogen Falle sagen zu müssen scheint dass

da sie bloß Zustände des Geistes sind es überflüssig sei ihre

unterscheidenden Eigentümlichkeiten zu untersuchen Ich enthalte mich dieser

Untersuchung weil sie für die Logik ohne Bedeutung ist In diesen sogenannten

Perzeptionen oder direkten Erkennungen durch den Geist von physischen oder

geistigen Gegenständen welche außerhalb seiner selbst sind kann ich nur Fälle

von Glauben sehen aber von Glauben der Anspruch darauf macht intuitiv oder

unabhängig von äußerem Beweis zu sein Wenn ein Stein vor mir liegt so bin ich

mir gewisser Empfindungen bewusst welche ich von ihm empfange wenn ich aber

sage dass diese Empfindungen von einem äußeren Gegenstande kommen den ich

wahrnehme so bedeuten diese Worte dass ich bei dem Erhalten dieser

Empfindungen intuitiv glaube dass eine äußere Ursache dieser Empfindungen

vorhanden istDie Gesetze des intuitiven Glaubens und der ihn legitimierenden

Bedingungen bilden einen Gegenstandder, wie schon öfter bemerkt nicht der

Logik, sondern der Wissenschaft von den letzten Gesetzen des menschlichen

Geistes angehört

    Demselben Bereich der Spekulation gehört alles an was hinsichtlich der

Unterscheidung gesagt werden kannwelche die deutschen Metaphysiker und ihre

englischen und französischen Nachfolger so mühsam zwischen HandlungenAkten des

Geistes und seinen bloß passiven Zuständen zwischen dem was er von dem rohen

Material seiner Erfahrung empfängt und dem was er ihm gibt gemacht haben

Ich weiß wohl dass in Betreff der Ansicht welche diese Schriftsteller von den

ersten Elementen des Denkens und Erkennens haben diese Unterscheidung eine

fundamentale ist aber für den gegenwärtigen Zweck welcher dahin geht nicht

die ursprüngliche Grundlage unserer Erkenntnis zu untersuchen sondern zu

untersuchen auf welche Weise wir den nicht ursprünglichen Teil derselben

erlangen ist der Unterschied zwischen aktiven und passiven Zustanden unseres

Geistes nur von untergeordneter Bedeutung Für uns sind sie alle Zustände des

Geistes, sind sie alle Gefühle womit ich um es noch einmal zu sagen nichts

von Passivität mit inbegriffen haben sondern womit ich nur sagen will dass sie

psychologische Tatsachen sind Tatsachen die in dem Geist stattfinden und

welche sorgfältig von äußeren oder physikalischen Tatsachen mit denen sie als

Ursache oder Wirkung im Zusammenhange stehen unterschieden werden müssen

    

     5 Unter den aktiven Zuständen des Geistes verdient eine Art eine

besondere Aufmerksamkeit da sie einen hauptsächlichen Teil der Mitbezeichnung

einiger wichtiger Classen von Namen bildet Ich meine das Wollen die

Willenstätigkeit oder Willensakte Wenn wir vermittelst relativer Namen von

empfindenden Wesen sprechen so besteht gewöhnlich ein großer Teil der

Mitbezeichnung dieser Namen aus Handlungen Akten dieser Wesen aus

vergangenen gegenwärtigen und möglich oder wahrscheinlicherweise zukünftigen

Handlungen Nehmen wir zB die Wörter »Souverän und Untertan« Welche andere

Bedeutung haben diese Wörter als die unzähliger Handlungen welche durch den

Souverän und die Untertanen in wechselseitiger Beziehung zu einander geschehen

oder zu geschehen haben So bei den Wörtern Arzt und Patient Führer und

Nachfolger Vormund und Mündel In manchen Fällen mitbezeichnen die Wörter auch

Handlungen welche unter gewissen Zufälligkeiten durch andere Personen als die

bezeichneten stattfinden wie bei den Wörtern Pfandgläubiger und Pfandschuldner

Gläubiger und Schuldner überhaupt und bei vielen anderen Wörtern welche

rechtliche Beziehungen ausdrücken und welche mitbezeichnen was ein Gerichtshof

tun würde um die Erfüllung gesetzlicher Verbindlichkeiten nötigenfalls zu

erzwingen Es gibt auch Wörter welche Handlungen mitbezeichnen die früher und

von anderen Personen geschahen als diejenigen sind welche entweder durch den

Namen selbst oder durch dessen korrelativen Namen bezeichnet werden zB das

Wort Bruder Aus diesen Beispielen kann man ersehen welch großer Teil der

Mitbezeichnung von Namen aus Handlungen besteht Was ist nun eine Handlung

Nicht ein Ding, sondern eine Reihe von zwei Dingen der Willenstätigkeit

genannte Zustand und eine darauf folgende Wirkung Die Willenstätigkeit oder

die »Absicht« eine Wirkung hervorzubringen ist ein Ding; die in Folge der

Absicht erzeugte Wirkung ist ein anderes Ding die zwei zusammen machen die

Handlung aus Ich bilde in mir die Absicht sogleich meinen Arm zu bewegen dies

ist ein Zustand meines Geistes mein Arm wenn er nicht gebunden oder lahm ist

bewegt sich meiner Absicht gehorchend dies ist die auf einen Geisteszustand

folgende physikalische Tatsache Die von der That gefolgte Absicht oder wenn

man den Ausdruck vorzieht die Tatsache, wenn ihr die Absicht vorausgeht und

sie verursacht heißt die Handlung des Armbewegens

    

     6 Wir begannen damit von der ersten Hauptabtheilung benennbarer Dinge

nämlich von derjenigen der Gefühle und Zustände des Bewusstseins, drei

Unterabtheilungen Empfindungen Sensationen Gedanken und Emotionen zu

unterscheiden Die zwei ersteren haben wir weitläufig erörtert die dritte

Unterabtheilung die der Emotionen bedarf keiner solchen Erörterung da sie

nicht mit ähnlichen Zweideutigkeiten behaftet ist Zuletzt fanden wir es noch

für nötig den drei Arten eine vierte gewöhnlich Willenstätigkeiten genannte

Art hinzuzufügen Ohne die metaphysische Frage gibt es geistige Zustände oder

Phänomene welche nicht in der einen oder der andern dieser vier Arten

eingeschlossen sind beeinträchtigen zu wollen scheint es mir dass die

vorhergehenden Erläuterungen für unsern Zweck genügen Wir wollen daher zu den

zwei übrigen Classen von benennbaren Dingen übergehen indem wir alle Dinge

außerhalb des Geistes entweder als der Klasse der Substanzen oder der Klasse

der Attribute angehörig betrachten

 



                                II Substanzen.



    Die Logiker haben sich bemüht Substanz und Attribut zu definieren aber ihre

Definitionen sind nicht sowohl Versuche eine Unterscheidung zwischen den Dingen

selbst zu ziehen als Unterweisungen in Beziehung auf den Unterschied den man

in dem grammatikalischen Bau des Urteils zu machen pflegt je nachdem man von

Substanzen oder von Attributen spricht Dergleichen Definitionen sind eher ein

Unterricht in englischer griechischer lateinischer oder deutscher Sprache als

in der Philosophie des Geistes. Ein Attribut sagen die Logiker der Schule die

Scholastiker muss ein Attribut von etwas sein die Farbe zB muss die Farbe

von etwas die Güte muss die Güte von etwas sein und wenn dies etwas aufhören

sollte zu existieren oder mit dem Attribut verknüpft zu sein so würde auch die

Existenz des Attributs zu Ende sein Eine Substanz ist im Gegenteil selbst

existierend wenn wir von ihr sprechen brauchen wir ihrem Namen das von nicht

folgen zu lassen ein Stein ist nicht der Stein von etwas der Mond ist nicht

der Mond von etwas sondern er ist einfach der Mond es müsste denn der Name

welchen wir der Substanz beilegen ein relativer Name sein ist er dies so muss

entweder das von auf ihn folgen oder eine andere Partikel die wie diese

Präposition eine Beziehung auf etwas anderes andeutet es würde aber dann die

andere charakteristische Eigentümlichkeit eines Attributs fehlen das Etwas

könnte vernichtet werden und die Substanz könnte doch noch bestehen So muss ein

Vater der Vater von etwas sein und gleicht insofern einem Attribut als er auf

etwas anderes als er selbst bezogen wird wenn kein Kind da wäre so würde kein

Vater da sein dies heißt aber bei genauer Einsicht in die Sache dass wir ihn

nicht Vater nennen würden Der Vater genannte Mensch könnte noch existieren wenn

auch kein Kind vorhanden wäre so wie er vor dem Kind existierte in der

Voraussetzung seiner Existenz würde kein Widerspruch liegen wenn auch außer

ihm das ganze Weltall zerstört worden wäre Wenn aber alle weißen Substanzen

zerstört würden wo würde das Attribut Weiße sein Weiße ohne irgend weiße

Dinge ist ein Widerspruch in den Worten eine contradictio in adjecto

    Dies ist die kürzeste näherungsweise Lösung einer Schwierigkeit der man in

den gewöhnlichen Abhandlungen über Logik begegnet Man wird sie kaum für

genügend halten Wenn sich ein Attribut von einer Substanz dadurch

unterscheidet dass es das Attribut von etwas ist so scheint es sehr nötig zu

wissen was unter von verstanden wird da dies eine Partikel istwelche der

Erklärung selbst zu sehr bedarf um an der Spitze der Erklärung von etwas

anderem stehen zu können Was die Selbstexistenz der Substanzen betrifft so ist

es sehr wahr dass man sich eine Substanz als ohne eine jede andere Substanz

existierend denken kann man kann sich aber auch ein Attribut ohne irgend ein

anderes Attribut denken und wir können uns ebensowenig eine Substanz ohne

Attribute denken als wir uns Attribute ohne eine Substanz denken können

    Die Metaphysiker haben indessen die Frage tiefer sondiert und eine viel

befriedigendere Erklärung der Substanz gegeben als die vorhergehende Die

Substanzen werden gewöhnlich als Körper und Geist unterschieden und in Betreff

beider haben uns die Philosophen mit einer untadelhaft scheinenden Definition

versehen

    

     7 Nach der von den neueren Metaphysikern angenommenen Lehre kann ein

Körper als die äußerliche Ursache unserer Empfindungen definiert werden Wenn

ich ein Stück Gold sehe und berühre so bin ich mir der Empfindung der gelben

Farbe und der Empfindungen von Härte und Gewicht bewusst und wenn ich es auf

verschiedene Weise handhabe so kann ich diesen Empfindungen noch viele andere

durchaus von ihnen unterschiedene hinzufügen Die Empfindungen sind alles

dessen ich mir direkt bewusst bin aber ich betrachte sie als von etwas erzeugt

was nicht allein unabhängig von meinem Willen sondern was auch außerhalb

meiner körperlichen Organe und meines Geistes existiert Dieses äußerliche Etwas

nenne ich einen Körper

    Man könnte fragen wie kommen wir dazu unsere Empfindungen äußeren

Ursachen zuzuschreiben Ist dafür ein hinreichender Grund vorhanden Es ist

bekannt dass es Metaphysiker gibt welche hierüber gestritten und behauptet

haben dass wir unsere Sensationen auf eine Ursache, wie sie unter dem Wort

Körper verstanden wird oder auf irgend eine Ursache überhaupt nicht mit

Sicherheit zurückführen können Obgleich uns hier weder dieser Streit selbst

noch die metaphysischen Subtilitäten um welche er sich dreht etwas angehen so

ist doch eines der besten Mittel zu zeigen was unter Substanz verstanden ist

wenn wir betrachten welche Stellung wir einzunehmen haben um deren Existenz

gegen ihre Gegner zu behaupten

    Es ist also gewiss dass ein Teil unserer Vorstellung von einem Körper in

der Vorstellung einer Anzahl von gewöhnlich gleichzeitig stattfindenden

Empfindungen besteht die uns selbst oder anderen empfindenden Wesen angehören

Meine Vorstellung von dem Tisch an welchem ich schreibe ist zusammengesetzt

aus Keiner sichtbaren Form und Größe was zusammengesetzte Empfindungen des

Gesichtes sind aus seiner fühlbaren Form und Größe was zusammengesetzte

Empfindungen unserer Gefühlsorgane und Muskeln sind aus dem Gewicht was

ebenfalls eine Empfindung des Tastsinnes und der Muskeln ist seiner Farbe was

eine Empfindung des Gesichtes ist seiner Härte was eine Sensation der Muskeln

ist seiner Zusammensetzung was ein anderes Wort für alle die verschiedenen

Empfindungen istwelche wir unter verschiedenen Umständen von dem Holz aus dem

er gemacht ist erhalten Alle oder doch die meisten dieser verschiedenen

Empfindungen werden häufig und wie wir durch die Erfahrung lernen könnten nach

unserer eigenen Wahl immer zu gleicher Zeit oder in den verschiedensten

Reihenfolgen empfunden werden und daher verursacht das Denken an die eine dass

wir an die anderen denken und das Ganze amalgamiert sich geistig zu einem

gemischten Zustand des Bewusstseins, der in der Sprache der Schule von Locke und

Hartley eine »Complexe Idee« genannt wird

    Es gibt nun Philosophen welche in folgender Weise geschlossen haben Wenn

wir eine Orange nehmen und sie ihrer natürlichen Farbe beraubt denken ohne

dass ihr eine andere Farbe verliehen wird wenn wir ferner denken sie verlöre

ihre Weichheit ohne hart zu werden ihre Rundung ohne viereckig fünfeckig

oder andergestaltig zu werden sie verlöre Gestalt Gewicht Geruch Geschmack

und alle mechanischen und chemischen Eigenschaften ohne neue zu bekommen kurz

wenn sie unsichtbar unfühlbar nichtwahrnehmbar würde und zwar nicht bloß für

unsere Sinne, sondern auch für die Sinne aller anderen reellen oder möglichen

empfindenden Wesen so würde nichts übrig bleiben Denn fragen diese Denker

welcher Art könnte der Rückstand sein Durch welches Zeichen könnte er seine

Gegenwart offenbaren Für den Nichtnachdenkenden scheint dessen Existenz auf dem

Zeugnis der Sinne zu beruhen Den Sinnen ist aber nichts bekannt als

Empfindungen Wir wissen zwar dass diese Empfindungen durch irgend ein Gesetz

mit einander verbunden sind; sie treffen nicht zufällig zusammen sondern nach

einer systematischen Ordnung welche ein Teil der Ordnung im Weltall ist Wenn

wir die eine dieser Sensationen erfahren so erfahren wir auch gewöhnlich die

anderen oder wir wissen dass es in unserer Macht steht sie zu erfahren Aber

ein bestimmtes Gesetz des Zusammenhanges welches macht dass die Empfindungen

zugleich stattfinden verlangt nicht notwendig sagen diese Philosophen was

man ein sie tragendes Substrat nennt Die Vorstellung eines Substrats ist nur

eine der vielen möglichen Formen unter denen sich jener Zusammenhang unserer

Einbildungskraft darstellt es ist gleichsam ein Modus die Idee zu Stande zu

bringen zu realisieren Angenommen es gäbe ein solches Substrat und es würde

durch ein Wunder in diesem Augenblick vernichtet die Empfindungen aber würden

fortwährend in derselben Ordnung stattfinden würde man dann das Substrat

vermissen Aus welchen Zeichen könnten wir erfahren dass seine Existenz zu Ende

ist Würden wir nicht mit eben soviel Recht wie jetzt annehmen dass es noch

existiert Wenn aber unserem Glauben alsdann jede Gewähr fehlen würde woher soll

er dieselbe jetzt nehmen Nach diesen Metaphysikern ist daher ein Körper nicht

etwas wesentlich Verschiedenes von den Sensationen von denen man sagt der

Körper errege sie in uns kurz er ist eine Reihe von Empfindungen welche durch

ein bestimmtes Gesetz mit einander verbunden sind.

    Die Streitigkeiten zu welchen diese Spekulationen Anlass gegeben haben und

die Lehren welche bei dem Versuch eine entscheidende Antwort darauf zu finden

entwickelt wurden hatten für die Wissenschaft des Geistes wichtige Folgen Die

Empfindungen so war die Antwort deren wir uns bewusst sind und welche wir

nicht dem Zufall nach sondern in einer gewissen allgemeinen Weise mit einander

verbunden erhalten schließen nicht allein ein Gesetz oder Gesetze des

Zusammenhanges sondern auch eine außerhalb unseres Geistes befindliche Ursache

ein welche Ursache nach ihren eigenen Gesetzen die Gesetze bestimmt nach denen

die Empfindungen mit einander verknüpft sind und nach denen sie erfahren werden

Die Scholastiker pflegten diese äußerliche Ursache mit dem von uns bereits

gebrauchten Namen Substrat und dessen Attribute wie sie sich ausdrückten ihm

inhärent wörtlich ihm anhängend zu benennen Diesem Substrat wird bei

philosophischen Diskussionen gewöhnlich der Name Materie gegeben Von allen

denjenigen welche über den Gegenstand nachdachten Wurde indessen bald

zugestanden dass die Existenz der Materie durch äußeren Beweis nicht bewiesen

werden kann. Es wird daher Berkeley und seinen Anhängern gegenwärtig entgegnet

dass der Glaube intuitiv ist dass sich die Menschheit zu allen Zeiten durch die

Notwendigkeit ihrer Natur gezwungen sah ihre Empfindungen auf eine äußere

Ursache zu beziehen dass sogar diejenigenwelche es in der Theorie leugnen in

der Praxis der Notwendigkeit nachgeben und in Rede Gedanken und Gefühlen mit

dem großen Haufen bekennen dass ihre Empfindungen Wirkungen von etwas

außerhalb ihrer selbst sind diese Erkenntnis so wird behauptet ist daher

augenscheinlich ebenso intuitiv als die Erkenntnis unserer Empfindungen selbst

Hier geht die Frage in die fundamentale Aufgabe der Metaphysik über und wir

überlassen sie dieser Wissenschaft

    Aber wenn auch die extreme Lehre der idealistischen Metaphysiker die

Gegenstände seien nichts als unsere Empfindungen und die sie verknüpfenden

Gesetze von späteren Denkern nicht allgemein angenommen wurden so nimmt man

doch jetzt allgemein an die Metaphysiker seien über einen wirklich sehr

wichtigen Punkt einverstanden nämlich darüber dass die Sensationen welche sie

uns geben und die Ordnung in welcher diese Sensationen eintreten alles sind

was wir von den Gegenständen wissen Über diesen Punkt ist Kant selbst so

bestimmt wie Berkeley oder Locke Obgleich fest überzeugt dass ein Universum

von »Dingen an sich« und gänzlich verschieden vom Universum der Erscheinungen

oder der Dinge, wie sie sich unseren Sinnen darbieten existiert und selbst

nachdem er einen technischen Ausdruck Noumenon eingeführt hat um zu

bezeichnen was das Ding an sich im Gegensatz zur Repräsentation desselben in

unserm Geiste ist gibt er zu dass diese Repräsentation oder Vorstellung

deren Stoff nach ihm aus unseren Empfindungen besteht obgleich die Form durch

die Gesetze des Geistes selbst gegeben wird alles ist was wir von dem

Gegenstand wissen und dass die wahre Natur der Dinge bei der Beschaffenheit

unserer geistigen Fähigkeiten für uns ein undurchdringliches Rätsel bleiben

wird

    »Von den Dingen absolut genommen oder an sich« sagt Sir W Hamilton15 »sie

seien äußere oder innere wissen wir nichts oder wissen wir nur dass sie

nicht erkannt werden können; wir erfahren ihre unbegreifliche Existenz nur wenn

uns dieselbe indirekt und zufällig durch gewisse mit unserem

Erkenntnisvermögen verwandte Eigenschaften offenbart wird welche Eigenschaften

wir wiederum nicht als unbedingt beziehungslos in und an sich existierend

denken können Alles was wir wissen ist daher phänomenal  phänomenal

bezüglich des Unbekannten«16

    Diese Lehre wird von H Cousin in sehr klaren Worten ausgedrückt seine

Bemerkungen sind der Aufmerksamkeit um so würdiger als sie bei dem im

Allgemeinen ultradeutschen und ontologischen Charakter seiner Philosophie als

das Zugeständnis eines Gegners betrachtet werden können.17

    Es ist nicht der geringste Grund vorhanden zu glauben dass das was wir

die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des Gegenstandes nennen ein Bild von

etwas ihm selbst Inhärierendem sei oder irgend eine Ähnlichkeit mit seiner

eigenen Natur habe Eine Ursache gleicht als solche nicht ihren Wirkungen ein

Ostwind gleicht nicht dem Gefühl von Kälte noch gleicht die Wärme einem

Dampfstrahl warum also sollte die Materie unseren Empfindungen gleichen Warum

sollte die innere Natur von Feuer oder Wasser den von diesen Gegenständen auf

unsere Sinne hervorgebrachten Eindrücken gleichen18 Und wenn nicht vermittelst

des Prinzips der Ähnlichkeit nach welchem andern Prinzip kann uns die Art und

Weise wie uns die Gegenstände durch unsere Sinne erregen affizieren eine

Einsicht in die inhärente Natur dieser Gegenstände darbieten Wir können es

daher als eine Wahrheit aussprechen die sowohl an und für sich einleuchtend

als auch von allen denjenigen zugegeben istwelche wir für jetzt zu

berücksichtigen haben dass wir von der Außenwelt absolut nichts erkennen

können als die Empfindungen welche wir von ihr erfahren Diejenigen aber

welche die Ontologie noch immer als eine mögliche Wissenschaft betrachten und

nicht allein glauben dass die Körper eine ihnen eigene und tiefer als unsere

Wahrnehmungen liegende essentielle Beschaffenheit haben sondern auch dass

diese Essenz oder Natur der menschlichen Forschung zugänglich sei können nicht

erwarten hier widerlegt zu werden Die Frage ist von den Gesetzen der

intuitiven Erkenntnis abhängig und gehört nicht in das Bereich der Logik.

    

     8 Nachdem wir nun die Körper definiert haben als die äußerliche Ursache,

und zwar zufolge der vernünftigeren Meinung als die verborgene äußerliche

Ursache auf welche wir unsere Empfindungen beziehen so bleibt uns noch übrig

eine Definition vom Geist aufzustellen Nach den vorhergehenden Bemerkungen wird

dies keine Schwierigkeiten haben Denn da unsere Vorstellung von einem Körper

die einer unbekannten Empfindungen erregenden Ursache ist so ist unsere

Vorstellung von einem Geist die eines unbekannten Rezipienten oder Perzipienten

dieser Empfindungen und nicht bloß ihrer allein sondern aller andern Gefühle

von uns Ein Körper ist das geheimnisvolle Etwas dass den Geist zu fühlen

anregt der Geist ist das mysteriöse Etwas das fühlt und denkt Es ist

unnötig auch hier die skeptische Lehre besonders auseinanderzusetzen durch

welche die Existenz des Geistes als eines Dinges an sich und unterschieden von

der Reihe von sogenannten Zuständen desselben in Zweifel gezogen wird Es ist

aber nötig zu bemerken dass wir in Beziehung auf die innere Natur des

denkenden Prinzips sowohl als auf die innere Natur der Materie gänzlich im

dunkeln sind und bei unseren Fähigkeiten es immer bleiben müssen Alles was wir

sogar in unserem eigenen Geist erkennen ist mit den Worten von Mill »ein

gewisser Faden von Bewusstsein« eine mehr oder weniger zahlreiche und

verwickelte Reihe von Gefühlen dh von Empfindungen Gedanken Emotionen

Willenstätigkeiten Es ist etwas vorhanden das ich mein Ich oder als eine

andere Form des Ausdrucks das ich meinen Geist nenne und den ich als von

diesen Empfindungen Gedanken etc unterschieden betrachte als ein Etwas das

ich nicht für die Gedanken sondern für das Wesen halte welches die Gedanken

hat und welches ich mir als ewig in einem Zustand der Ruhe ohne alle Gedanken

existierend vorstellen kann Obgleich dieses Wesen Ich selbst bin so weiß ich

doch nicht mehr von ihm als dass es eine Reihe von Zuständen des Bewusstseins

ist So wie sich mir die Körper nur durch die Empfindungen kund geben für deren

Ursache ich sie halte so gibt sich mir der Geist oder das denkende Prinzip in

meiner eigenen Natur nur durch die Gefühle zu erkennen deren er sich bewusst

ist. Ich kenne von mir nichts als meine Fähigkeiten zu fahlen oder bewusst zu

sein natürlich einschließlich des Denkens und Wollens und wenn ich in

Betreff meiner eigenen Natur etwas Neues erfahren sollte so kann ich mir mit

meinen jetzigen Fähigkeiten diese neue Auskunft als in nichts anderem bestehend

vorstellen als dass ich einige weitere mir noch unbekannte Fähigkeiten des

Fühlens Denkens und Wollens besitze

    Sowie also die Körper die nichtempfindende Ursache sind auf die wir uns

naturgemäß veranlasst sehen einen gewissen Teil unserer Gefühle zu beziehen

so kann der Geist als das empfindende Subjekt im deutschen Sinne des Wortes)

aller Gefühle bezeichnet werden als das Subjekt welches sie hat oder fühlt

Aber von der Natur von Körper und Geist kennen wir zufolge der besten jetzt

existierenden Lehre nichts als die Gefühle welche der erstere erregt und die

der letztere erfährt und wenn uns etwas weiteres bekannt wäre so hat die Logik

damit und mit der Art wie die Kenntnis gewonnen wird nichts zu schaffen Mit

diesem Resultat beschließen wir diesen Teil unseres Gegenstandes und gehen

zur dritten noch allein übrigen Klasse benennbarer Dinge über

 



                   III Attribute und erstens Eigenschaften



     9 Aus dem was bereits über Substanz gesagt worden ist, lässt sich das

über Attribut zu sagende leicht ableiten Denn wenn uns von den Körpern nichts

bekannt ist und nichts bekannt sein kann als die Empfindungen welche sie in

uns oder in anderen erregen so müssen diese Empfindungen alles sein was wir

zuletzt unter Attributen der Körper verstehen können und die wörtliche

Unterscheidung welche wir zwischen den Eigenschaften der Dinge und den von

ihnen erhaltenen Empfindungen machen muss eher aus der Bequemlichkeit der Rede

entspringen als aus der Natur von dem was der Name bezeichnet

    Die Attribute werden gewöhnlich unter drei Rubriken gebracht unter

Qualität Quantität und Relation Wir werden bald zu den zwei letzteren kommen

uns jedoch vorerst auf die erstere beschränken

    Als Beispiel wollen wir eine der sogenannten sinnlich wahrnehmbaren

Eigenschaften der Gegenstände, zB Weiße nehmen Wenn wir einer Substanz zB

dem Schnee Weiße zuschreiben wenn wir sagen der Schnee besitzt die

Eigenschaft Weiße was ist wirklich damit behauptet Einfach dasswenn Schnee

unseren Organen gegenwärtig ist wir eine gewisse Empfindung haben welche wir

gewohnt sind die Empfindung von weiß zu nennen Aber wie wissen wir dass

Schnee vorhanden ist? Augenscheinlich durch die davon hergeleiteten Empfindungen

und nicht anders Ich schließe dass der Gegenstand zugegen ist weil er mir

eine Reihe von Empfindungen verursacht und wenn ich ihm das Attribut Weiße

zuschreibe so meine ich damit nur dass unter den diese Gruppe oder Reihe

bildenden Empfindungen eine istwelche ich die Empfindung von weiß nenne

    Dies ist die eine Ansicht welche man von dem Gegenstand haben kann es

gibt aber noch eine andere hiervon verschiedene Ansicht Man könnte sagen es

ist wahr wir erkennen von den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen nichts als

die Empfindungen welche sie in uns erregen die Tatsache, dass wir von dem

Schnee die besondere Empfindung empfangen welche wir die Empfindung von weiß

nennen ist der Grund auf den hin wir dieser Substanz die Eigenschaft Weiße

zuschreiben sie ist der einzige Beweis dass sie diese Eigenschaft besitzt

Aber daraus dass ein Ding der einzige Beweis von der Existenz eines andern

Dinges ist folgt nicht dass beide ein und dasselbe sind Das Attribut Weiße

so kann man sagen ist nicht die Tatsache des Empfangens der Empfindung

sondern etwas in dem Gegenstand selbst eine ihm inhärierende Kraft etwas

vermöge oder kraft dessen der Gegenstand die Empfindung hervorruft Wenn wir

behaupten dass der Schnee das Attribut Weiße besitzt so behaupten wir nicht

bloß dass die Gegenwart des Schnees diese Empfindung in uns erzeugt sondern

dass er dies durch und wegen dieser Kraft oder Eigenschaft tut

    Für die Zwecke der Logik ist es von keiner wesentlichen Bedeutung welche

von diesen Meinungen wir annehmen wollen Die ganze Diskussion des Gegenstandes

gehört jenem schon so oft als Metaphysik angeführten Zweig der

wissenschaftlichen Forschung an es mag aber hier bemerkt werden dass ich für

die Lehre von der Existenz einer besonderen Art von Entitäten welche

Eigenschaften Qualitäten genannt werden, nirgends einen Grund finden kann als

in einer Neigung des menschlichen Geistes welche die Ursache vieler Täuschungen

ist Ich meine die Neigung da wo wir zwei nicht genau synonyme Namen finden

vorauszusetzen dass sie die Namen von zwei verschiedenen Dingen sein müssen

während sie in Wirklichkeit Namen eines und desselben aber aus verschiedenen

Gesichtspunkten betrachteten Dinges sein können was so viel sagen will als

unter verschiedenen Voraussetzungen in Beziehung auf die umgebenden Umstände

Weil Qualität und Sensation Eigenschaft und Empfindung nicht ohne Unterschied

für einander gesetzt werden können, so nimmt man auch an dass sie nicht beide

dasselbe Ding, nämlich den Eindruck oder das Gefühl bezeichnen können mit dem

wir durch unsere Sinne, bei Gegenwart eines Gegenstandes affiziert werden

obgleich wenigstens keine Absurdität darin liegt anzunehmen dass diesem

identischen Eindruck oder Gefühl der Name Empfindung gegeben werden kann, wenn

an und für sich betrachtet dagegen der Name Eigenschaft wenn als von einem der

vielen Gegenstände ausgehend betrachtet die wenn sie unseren Organen

gegenwärtig sind in unserm Geist unter verschiedenen anderen Empfindungen oder

Gefühlen auch jene Empfindung erregen Wenn nun dies als Voraussetzung zulässig

ist so bleibt es denen überlassen welche für eineEigenschaft genannte

Entität per se streiten zu zeigen dass ihre Meinung vorzuziehen und in der

That nicht ein zehrendes Überbleibsel der scholastischen Lehre von dunklen

Ursachen nicht die Absurdität istwelche Molière so lächerlich machte als er

einen seiner pedantischen Ärzte die Tatsache, dass »lopium endormit« durch

den Ausspruch erklären ließ »parcequil a une vertu soporifique«

    Es ist klar dass als der Arzt angab dass das Opium »une vertu soporifique«

hat er die Tatsache, dass es »endormit« nicht erklärte sondern dass er sie

nur noch einmal behauptete Wenn wir in gleicher Weise sagen der Schnee sei

weiß weil er die Eigenschaft Weiße besitzt so behaupten wir die Tatsache,

dass er die Empfindung von weiß in uns erregt noch einmal nur in einer

kunstgerechteren Sprache Wenn man sagt die Empfindung müsste eine Ursache

haben so entgegne ich ihre Ursache ist die Gegenwart der gesamten

Erscheinungen welche der Gegenstand genannt werden. Mit der Behauptung dass

so oft der Gegenstand gegenwärtig ist und unsere Organe im normalen Zustande

sind die Empfindungen stattfinden haben wir alles gesagt was wir von der

Sache wissen Nach dem Nachweis einer bestimmten und begreiflichen Ursache ist

es unnötig noch eine verborgene Ursache anzunehmen welche die wirkliche

Ursache in den Stand setzt ihre Wirkung hervorzubringen Wenn man mich fragt

warum verursacht die Anwesenheit des Gegenstandes diese Empfindung in mir so

weiß ich es nicht ich kann nur sagen dass solches meine Natur und die des

Gegenstandes ist dass die Tatsache einen Teil der Einrichtung der Dinge

ausmacht Und dahin müssen wir zuletzt kommen auch nach der Einschaltung jener

imaginären Entität Aus wieviel Gliedern die Kette von Ursachen und Wirkungen

auch bestehen mag die Art der Erzeugung des einen Gliedes aus dem andern bleibt

für uns gleich unerklärlich Es ist ebenso leicht zu begreifen dass der

Gegenstand die Empfindung direkt und auf einmal erzeugt als dass er dieselbe

Empfindung mit Hülfe von etwas anderem erzeugt was das Vermögen sie zu erzeugen

genannt wird

    Da die Schwierigkeiten welche sich einer Annahme dieser Ansicht von dem

Gegenstand entgegenstellen könnten nicht zu beseitigen sind ohne in

Diskussionen einzugehen welche die Grenzen unserer Wissenschaft überschreiten

so begnüge ich mich mit einer flüchtigen Angabe derselben und werde mich für

die Logik einer Sprache bedienen welche mit beiden Ansichten von der Natur der

Eigenschaften verträglich ist Ich werde sagen  was wenigstens keinen Streit

zulässt   dass die dem Gegenstand Schnee zugeschriebene Eigenschaft Weiße

darauf gegründet ist dass er in uns die Empfindung von weiß erregt und indem

ich die Sprache annehme welche bereits von den Scholastikern für die Relationen

genannte Art von Attributen gebraucht wurde werde ich die Empfindung von weiß

die Grundlage das Fundament der Qualität Weiße nennen Für die Zwecke der

Logik ist die Sensation der allein wesentliche Teil von der Bedeutung des

Wortes, der einzige Teil dessen Beweis uns interessiert Wenn er bewiesen ist

so ist die Eigenschaft bewiesen wenn ein Gegenstand eine Empfindung erregt so

besitzt er natürlich das Vermögen sie zu erregen

 



                  IV Relationen Beziehungen Verhältnisse



     10 Die Eigenschaften eines Körpers, sagten wir sind die Attribute

welche auf die Empfindungen gegründet sind die durch die Gegenwart dieses

Körpers vermittelst unserer Organe in unserem Geist erregt werden Wenn wir aber

einem Gegenstand die Relation genannte Art Attribut zuschreiben so muss die

Grundlage des Attributs etwas sein worin außer ihm selbst und dem

wahrnehmenden perzipierenden noch andere Gegenstände beteiligt sind

    Da man ganz geeignet sagen kann es existiere eine Relation zwischen irgend

zwei Dingen denen zwei korrelative Namen gegeben werten oder werden könnenso

können wir vielleicht entdecken was im Allgemeinen eine Beziehung Relation

ausmacht wenn wir die Hauptfälle aufzählen in denen die Menschen korrelative

Namen gegeben haben und wenn wir dabei beobachten was diese Fälle gemeinsames

haben

    Was also ist der Charakter der so heterogenen und nichtübereinstimmenden

Umständen gemeinsam ist wie diese ein Ding ähnlich dem andern ein Ding

unähnlich dem andern ein Ding nahe einem andern ein Ding weit von einem

andern ein Ding vor hinter neben einem andern ein Ding grösser gleich

kleiner als ein anderes ein Ding die Ursache eines andern ein Ding die Wirkung

eines andern eine Person der Herr Diener Sohn Vater Schuldner Gläubiger

Herrscher Untertan Sachwalter Client eines andern usf

    Wenn wir für jetzt den Fall einer Ähnlichkeit eine Relation welche einer

besonderen Betrachtung bedarf bei Seite setzen so scheint allen diesen Fällen

ein Ding, und nur eines gemeinsam zu sein nämlich das dass in einem jeden

derselben eine Tatsache oder ein Phänomen existiert oder sich zuträgt existiert

hat oder sich zugetragen hat oder man kann erwarten dass es existiert oder sich

zuträgt in welches die zwei Dinge von denen gesagt wird dass sie gegenseitig

in Relation stehen als beteiligte Parteien eintreten Diese Tatsache oder

dies Phänomen ist es was die aristotelischen Logiker das fundamentum relationis

nannten So ist in der Relation von grösser und kleiner das fundamentum

relationis die Tatsache, dass die eine der zwei Größen unter gewissen

Bedingungen in die andere eingeschlossen wird ohne den von der andern Größe

eingenommenen Raum gänzlich auszufüllen In der Relation Herr und Diener ist das

fundamentum relationis die Tatsache, dass der eine zum Nutzen oder auf Geheiß

des andern gewisse Dienste geleistet hat oder zu leisten gezwungen ist Man

könnte die Beispiele ins Unbestimmte vermehren es ist indessen schon

ersichtlich dass wenn man von zwei Dingen sagt sie ständen in einer Beziehung

eine Tatsache oder eine Reihe von Tatsachen vorhanden ist, in welche beide

eintreten und dass wenn irgend zwei Dinge in einer Tatsache oder Reihe von

Tatsachen eingeschlossen sind wir diesen Dingen eine auf diese Tatsache

gegründete gegenseitige Beziehung zuschreiben können Selbst wenn sie nichts

gemein haben als was allen Dingen gemein ist dass sie Theile des Weltalls

sind so nennen wir dies eine Relation eine Beziehung und bezeichnen sie als

Mitgeschöpfe Mitwesen Mitbewohner des Weltalls. Aber im Verhältnis als die

Tatsache, in welche die zwei Gegenstände als Theile eintreten vor einer mehr

speziellen und eigentümlichen oder von einer mehr komplizierten Natur istist

es auch die darauf gegründete Beziehung und es lassen sich so viele Beziehungen

denken als es denkbare Arten von Tatsachen gibt in welche zwei Dinge

Zusammen eintreten können

    In derselben Weise also wie eine Eigenschaft ein Attribut ist das auf die

Tatsache einer in uns durch den Gegenstand erzeugten gewissen Empfindung oder

Empfindungen gegründet istist ein Attribut das auf irgend eine Tatsache

gegründet ist in welche der Gegenstand in Verbindung mit einem andern eintritt

eine Relation zwischen ihm und dem andern Gegenstand Aber die Tatsache in dem

letzteren Fall besteht ganz aus derselben Art von Elementen wie die Tatsache in

dem ersteren Falle nämlich aus Zuständen des Bewusstseins. Bei einer rechtlichen

Relation zB wie Gläubiger und Schuldner Prinzipal und Agent Vormund und

Mündel besteht das fundamentum relationis gänzlich aus Gedanken Gefühlen und

Wollen entweder der Personen selbstoder anderer in derselben Reihe von

Geschäften beteiligten Personen wie zB die Absicht welche sich ein Richter

bilden würde im Falle eine Klage wegen Verletzung der durch die Relation

auferlegten gesetzlichen Verbindlichkeiten vor seinen Richterstuhl gebracht

werden würde dann die Handlungen welche der Richter in Folge hiervon vornehmen

würde während Handlungen wie wir bereits sahen nur ein anderes Wart für

Absichten auf die eine Wirkung folgt und diese Wirkung nur ein anderes Wort für

Sensationen oder andere entweder uns selbst oder anderen verursachten Gefühlen

ist In den die Relation ausdrückenden Namen liegt nichts eingeschlossen was

sich nicht in Zustände des Bewusstseins auflösen ließe indem ohne Zweifel

äußere Gegenstände durchweg als die Ursachen vorausgesetzt werden durch welche

einige dieser Zustände des Bewusstseins erregt und Geister als die Subjekte

durch welche sie alle erfahren werden aber weder die äußeren Gegenstände noch

der Geist geben ihr Dasein in anderer Weise zu erkennen als durch Zustände des

Bewusstseins.

    Die Fälle von Relation sind nicht immer so verwickelt wie die zuletzt

angeführten Die einfachsten aller Fälle von Relation sind diejenigenwelche

durch die Wörter Antezedens und Konsequenz Vorausgehendes und Folgendes und

durch das Wort gleichzeitig ausgedrückt werden.

    Wenn wir zB sagen die Morgendämmerung geht dem Sonnenaufgang voraus so

besteht die Tatsache, an welcher die beiden Dinge Morgendämmerung und

Sonnenaufgang gemeinschaftlich beteiligt sind nur aus den beiden Dingen

selbst, kein drittes Ding tritt in die Tatsache oder das Phänomen ein wir

müssten denn das Aufeinanderfolgen die Reihenfolge der zwei Dinge selbst ein

drittes Ding nennen aber das Aufeinanderfolgen ist nichts den Dingen selbst

hinzugefügtes es ist etwas in ihnen enthaltenes Morgendämmerung und

Sonnenaufgang geben sich unserem Bewusstsein durch zwei aufeinanderfolgende

Empfindungen zu erkennen Basar Bewusstsein von der Reihenfolge dieser

Empfindungen ist keine dritte Empfindung oder Gefühl was jenen hinzugefügt

wird wir haben nicht zuerst zwei Gefühle und sodann ein Gefühl von der

Reihenfolge Zwei Gefühle überhaupt haben heißt sie entweder nacheinander oder

gleichzeitig haben Wenn Empfindungen oder andere Gefühle gegeben sind so sind

Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit die Bedingungen das EntwederOder

welchem sie durch die Natur unserer Fähigkeiten unterworfen sind und niemand

war oder wird je im Stande sein den Gegenstand weiter zu analysieren

    

    11 In einer gewissermaßen ähnlichen Lage sind zwei andere Relationen

Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Ich habe zwei Empfindungen von denen ich

annehmen will sie seien einfach zwei Empfindungen von weiß, oder eine

Empfindung von weiß und eine von schwarz Die zwei ersteren Empfindungen nenne

ich ähnlich die zwei letzteren unähnlich Was ist das die Tatsache oder das

Phänomen ausmachende fundamentum dieser Relation Zuerst die zwei Empfindungen

und dann das was wir das Gefühl einer Ähnlichkeit oder eines Mangels an

Ähnlichkeit nennen Beschränken wir uns auf den ersteren Fall Ähnlichkeit ist

offenbar ein Gefühl ein Zustand des Bewusstseins vom Beobachter Ob das Gefühl

der Ähnlichkeit zweiter Farben ein dritter Zustand des Bewusstseins ist

welchen ich nach den zwei Empfindungen der Farben habe oder ob es ähnlich dem

Gefühl ihrer Reihenfolge in den Sensationen selbst inbegriffen ist bleibt der

Erörterung überlassen In beiden Fällen aber sind diese entgegengesetzten

Gefühle von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Theile unserer Natur und zwar

Theile die der Analyse so wenig fähig sind dass sie bei einem jeden Versuch

unsere anderen Gefühle zu analysieren vorausgesetzt werden Ähnlichkeit und

Unähnlichkeit müssen daher so gut wie Antecendenz und Sequenz Vorhergehen und

Folge und Gleichzeitigkeit unter den Relationen als Dinge sui generis stehen

Es sind Attribute die auf Tatsachen dh auf Zustände des Bewusstseins

gegründet sind aber auf Zustände die eigentümlich unauflösbar und

unerklärlich sind

    Aber obgleich Ähnlichkeit und Unähnlichkeit in nichts anderen aufgelöst

werden können, so lassen sich zusammengesetzte Fälle von Ähnlichkeit und

Unähnlichkeit in einfachere auflösen Wenn wir von zwei aus Teilen bestehenden

Dingen sagen dass sie einander ähnlich sind so lässt die Ähnlichkeit eine

Analyse zu sie besteht aus den gegenseitigen Ähnlichkeiten der verschiedenen

Theile Aus welch großer Menge von Ähnlichkeiten der Theile muss jene

Ähnlichkeit zusammengesetzt sein die uns veranlasst zu sagen ein Portrait

oder eine Landschaft sei dem Original ähnlich Wenn jemand die Gebärden eines

andern getreu nachahmt aus wie vielen einfachen Ähnlichkeiten muss die

allgemeine oder komplexe Ähnlichkeit zusammengesetzt sein Ähnlichkeit in der

Reihenfolge der Körperstellungen Ähnlichkeit in Stimme oder in Accent und

Intonation der Stimme Ähnlichkeit in der Wahl der Worte und in den Gedanken

oder den durch Worte Mienen oder Gebärden ausgedrückten Meinungen

    Alle Ähnlichkeit und Unähnlichkeit wovon wir irgend Kenntnis haben löst

sich in Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen Zuständen unseres eigenen

Geistes oder denen des Geistes eines andern auf Wenn wir sagen ein Körper sei

einem andern ähnlich so meinen wir in Wirklichkeit da wir von den Körpern

nichts erkennen als die Empfindungen welche sie uns erregen dass eine

Ähnlichkeit zwischen den durch die zwei Körper erregten Empfindungen oder

wenigstens zwischen einigen labilen dieser Empfindung besteht Wenn wir sagen

zwei Attribute seien einander ähnlich so meinen wir in Wirklichkeit da wir von

Attributen nichts erkennen als die Empfindungen oder Zustände des Gefühls auf

welche sie gegründet sind dass diese Empfindungen oder Zustände des Gefühls

einander gleichen Wir können auch sagen zwei Relationen seien einander

ähnlich Die Ähnlichkeit zwischen Relationen wird zuweilen Analogie genannt

indem dies eine der zahlreichen Bedeutungen dieses Wortes ausmacht Die

Relation in welcher Priamus zu Hektor stand dh die von Vater und Sohn ist

ähnlich der Relation in der Philipp zu Alexander stand Die Beziehung, in

welcher Cromwell zu England stand ist ähnlich der Beziehung, in welcher

Napoleon zu Frankreich stand obgleich nicht so sehr ähnlich um dieselbe

Relation genannt zu werden In beiden Fällen muss die Meinung die sein dass

eine Ähnlichkeit zwischen den Tatsachen bestand welche das fundamentum

relationis ausmachten

    Diese Ähnlichkeit kann in allen denkbaren Abstufungen von vollkommener

Nichtunterscheidbarkeit an bis zu etwas ganz Unbedeutendem stattfinden Wenn wir

sagen ein in dem Geist eines genialen Menschen angeregter Gedanke sei einem in

die Erde gelegten Samenkorn ähnlich weil der erstere eine Menge anderer

Gedanken und das letztere eine Menge anderer Samenkörner hervorbringt so

heißt das soviel als dass zwischen der Relation eines erfindungsreichen

Geistes und der in ihm enthaltenen Gedanken und der Relation eines fruchtbaren

Bodensund der in ihm enthaltenen Saat eine Ähnlichkeit besteht die wirkliche

Ähnlichkeit besteht in den zwei fundamenta relationis in beiden ist ein Keim

vorhanden der durch seine Entwickelung eine Menge anderer ihm ähnlicher Dinge

hervorbringt Da nun wenn zwei Gegenstände zusammen an einem Phänomen beteiligt

sind dies eine Relation zwischen diesen Gegenständen ausmacht so ist wenn

zwei andere Gegenstände an einem zweiten Phänomen beteiligt sind die geringste

Ähnlichkeit zwischen den beiden Phänomenen hinreichend damit wir sagen die

beiden Relationen seien ähnlich natürlich vorausgesetzt dass die ähnlichen

Punkte in jenen Teilen der zwei beziehlichen Phänomene liegen die durch die

relativen Namen mitbezeichnet werden

    Da wir von der Ähnlichkeit sprechen so ist es nötig einer Zweideutigkeit

der Sprache zu erwähnen gegen welche kaum jemand genugsam auf der Hut ist Wenn

Ähnlichkeit im höchsten Grad vorhanden ist und bis zur Nichtunterscheidbarkeit

geht so wird sie häufig Identität genannt und die zwei ähnlichen Dinge heißen

dieselben Ich sage häufig nicht immer denn von zwei sichtbaren Gegenständen

von zwei Personen zB sagen wir nicht sie seien dieselben weil sie einander

so ähnlich sind dass wir sie mit einander verwechseln könnten aber wir

brauchen diese Ausdrucksweise immer wenn wir von Gefühlen sprechen wie wenn

ich sage der Anblick eines Gegenstandes errege mir heute dieselbe Empfindung

wie gestern oder dieselbe welche er jemand anders erregt Dies ist offenbar

eine unrichtige Anwendung des Wortes dieselbe denn das Gefühl welches ich

gestern hatte ist dahin auf Nimmerwiederkehren was ich heute habe ist ein

anderes Gefühl dem frühem vielleicht genau ähnlich aber doch von ihm

unterschieden auch ist es klar dass zwei verschiedene Personen dasselbe Gefühl

nicht in dem Sinne haben können als wir von ihnen sagen dass sie beide an

demselben Tische sitzen Es ist eine ähnliche Zweideutigkeit wenn wir sagen

zwei Personen litten an derselben Krankheit zwei Personen ständen in demselben

Amt und zwar nicht in dem Sinne in welchem wir sagen sie seien in demselben

Abenteuer begriffen oder sie segelten mit demselben Schiffe sondern wenn wir

damit sagen wollen dass sie in genau ähnlichen Ämtern obgleich vielleicht an

von einander entfernten Orten stehen usw Es entsteht oft eine große

Gedankenverwirrung dadurch und viele Trugschlüsse werden bei sonst aufgeklärten

Verstandeskräften dadurch hervorgerufen dass manche die an und für sich nicht

immer zu vermeidende Tatsache nicht genug beachten dass sie denselben Namen

gebrauchen um so verschiedene Gedanken wie Identität und nichtunterscheidbare

Ähnlichkeit auszudrücken Unter den neueren Schriftstellern ist Whately der

einzige der die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied und die damit verbundene

Zweideutigkeit gelenkt hat

    Mehrere gewöhnlich mit anderen Namen belegte Relationen sind wirkliche

Fälle von Ähnlichkeit zB Gleichheit was nur ein anderes Wort ist für die

gewöhnlich Identität genannte genaue Ähnlichkeit welche als zwischen Dinge in

Beziehung auf Quantität existierend betrachtet wird Dieses Beispiel bietet einen

geeigneten Übergang zur dritten und letzten der drei Rubriken unter die wie

bereits bemerkt die Attribute gebracht werden

 



                                 V Quantität



     12 Wir wollen uns zwei Dinge denken zwischen denen kein Unterschied

di keine Unähnlichkeit als nur in der Quantität besteht zB eine Gallone

Wasser und mehr als eine Gallone Wasser Von einer Gallone Wasser erfahren wir

die Anwesenheit wie von anderen äußerlichen Gegenständen durch eine Reihe von

Sensationen welche sie in uns erregt Zehn Gallonen Wasser sind ebenfalls ein

äußerer Gegenstand dessen Anwesenheit wir in ähnlicher Weise erfahren und da

wir die zehn Gallonen Wasser nicht für eine Gallone Wasser halten so ist es

klar dass die Reihe von Empfindungen in den beiden Fällen mehr oder weniger

verschieden ist In ähnlicher Weise sind eine Gallone Wasser und eine Gallone

Wein zwei äußere Gegenstände deren Gegenwart sich uns durch zwei von einander

verschiedene Reihen von Empfindungen kundgibt Im ersteren Fall sagen wir

indessen dass der Unterschied in der Quantität liegt im letzteren dass er in

der Qualität liegt während die Quantität Wasser und Wein dieselbe ist Welches

der wirkliche Unterschied zwischen den beiden Fällen sei hat die Logik nicht zu

untersuchen noch hat sie zu entscheiden ob er einer Untersuchung fähig ist

oder nicht Für uns sind die folgenden Betrachtungen hinreichend Es ist klar

dass die Empfindungen welche ich von der Gallone Wasser empfange und

diejenigenwelche ich von der Gallone Wein empfange nicht dieselben dh

nicht genau ähnlich sind sie sind aber auch nicht ganz unähnlich sie sind

teils ähnlich teils unähnlich und das worin sie ähnlich sind ist genau

das worin allein die Gallone Wasser und die zehn Gallonen Wasser unähnlich

sind Dasjenige worin die Gallone Wasser und die Gallone Wein einander ähnlich

sind und worin die Gallone Wasser und die zehn Gallonen Wasser einander

unähnlich sind wird ihre Quantität genannt So wenig wie irgend eine andere Art

von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit unternehme ich es diese Ähnlichkeit und

Unähnlichkeit zu erklären Meine Absicht ist zu zeigen dass sowohl wenn wir

sagen dass zwei Dinge der Quantität nach als wenn wir sagen dass sie der

Qualität nach verschieden sind die Behauptung immer auf eine Verschiedenheit

der von ihnen erregten Empfindungen gegründet ist Niemand glaube ich wird

sagen dass zehn Gallonen Wasser zu sehen heben trinken nicht eine andere

Reihe von Empfindungen in sich einschließt als eine Gallone zu sehen heben

trinken oder dass das Sehen oder Handhaben eines Fußmaßes und das Sahen

oder Handhaben eines genau ähnlich verfertigten Yardmaßes dieselben

Sensationen erregt Ich versuche nicht zu sagen welcher Art die Verschiedenheit

in den Empfindungen ist denn niemand kann dies sagen obgleich sie jedermann

kennt so wenig man jemanden der niemals die Empfindung gehabt hat sagen kam

was weiß ist Aber die Verschiedenheit so weit sie durch unsere Fähigkeiten

erkennbar ist liegt in unseren Empfindungen Welche Verschiedenheit wir

immerhin von den Dingen selbst aussagen mögen sie ist in diesem wie in allen

anderen Fällen ausschließlich auf eine Verschiedenheit der in uns erregten

Empfindungen gegründet

 



                           VI Schluss der Attribute



     13 Alle unter Qualität und Quantität klassifizierten Attribute der

Körper sind also auf die Empfindungen gegründet welche wir von diesen erhalten

und können definiert werden als das Vermögen der Körper, diese Empfindungen in

uns zu erregen Es wurde gefunden dass diese allgemeine Erklärung auf die

meisten der unter die Rubrik Relation gebrachten Attribute anwendbar ist Auch

sie sind auf eine Tatsache oder eine Erscheinung gegründet in welche die in

Relation stehenden Gegenstände als Teilnehmer eintreten während diese

Tatsache oder Erscheinung keine Bedeutung und keine Existenz hat als die Reihe

von Empfindungen oder andere Zustände des Bewusstseins, durch welche sie sich

kundgibt während die Relation einfach die Fähigkeit oder das Vermögen ist

welches der Gegenstand besitzt samt dem mit ihm in Korrelation stehenden

Gegenstand an der Erzeugung dieser Reihe von Empfindungen oder Zustände des

Bewusstseins Teil zu nehmen Bei gewissen eigentümlichen Relationen denen der

Reihenfolge und Gleichzeitigkeit der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit mussten

wir einen einigermaßen verschiedenen Charakter anerkennen Da diese nicht auf

eine von den in Relation stehenden Gegenständen selbst verschiedene Tatsache

oder Erscheinung gegründet sind so ist dieselbe Analyse bei ihnen nicht

anwendbar Aber diese Relationen wenngleich nicht auf Zustände des Bewusstseins

gegründet sind selbst Zustände des Bewusstseins; Ähnlichkeit ist nichts

anderes als unser Gefühl von Ähnlichkeit Aufeinanderfolge nichts als unser

Gefühl von Aufeinanderfolge oder wenn dies bestritten würde und wir können

ohne die Grenze unserer Wissenschaft zu überschreiten dies hier nicht

erörtern so ist wenigstens die Erkenntnis dieser Relationen und sogar die

Möglichkeit unserer Erkenntnis auf diejenigen Relationen beschränkt welche

zwischen Empfindungen oder anderen Zuständen des Bewusstseins stattfinden denn

obgleich wir Ähnlichkeit Folge oder Gleichzeitigkeit den Gegenständen oder

Attributen zuschreiben so geschieht dies doch vermöge der Ähnlichkeit Folge

oder Gleichzeitigkeit in den Empfindungen oder Zuständen des Bewusstseins,

welche diese Gegenstände erregen und auf welche diese Attribute gegründet sind

    

     14 Bei der vorhergehenden Untersuchung haben wir der Einfachheit wegen

bloß Körper betrachtet und den Geist nicht berücksichtigt Auf letzteren ist

indessen mutatis mutandis alles anzuwenden was wir oben gesagt haben Die

Attribute des Geistes sind so gut wie die der Körper auf Zustände des Gefühls

oder des Bewusstseins gegründet aber bei dem Geist haben wir sowohl seine

eigenen Zustände als auch diejenigen zu betrachten welche er in dem Geiste

anderer erregt Ein jedes Attribut eines Geistes besteht darin, dass er in einer

bestimmten Weise selbst affiziert ist oder andere Geister affiziert An und für

sich betrachtet können wir von ihm nichts aussagen als die Reihen seiner

eigenen Gefühle Wenn wir von einem Geiste sagen er sei devot oder

abergläubisch oder nachdenklich oder fröhlich so meinen wir dass die in

diesen Wörtern eingeschlossenen Ideen Emotionen oder Willenstätigkeiten einen

häufig wiederkehrenden Teil der Reihen von Gefühlen oder Zuständen des

Bewusstseins ausmachen welche die empfindende Existenz dieses Geistes erfüllen

    Außer den Attributen des Geistes, welche auf die Zustände seines eigenen

Gefühls gegründet sind können wir ihm in derselben Weise wie bei den Körpern

Attribute zuschreiben welche auf die Gefühle gegründet sind welche er in

anderen Geistern erregt Ein Geist erregt nicht wie ein Körper Empfindungen

Sensationen aber er kann Gedanken oder Emotionen erregen Das Wichtigste

Beispiel von auf dieser Grundlage ruhenden Attributen besteht in dem Gebrauche

von Wörtern welche Lob oder Tadel ausdrücken Wenn wir zB von einem

Charakter oder mit anderen Worten) von einem Geiste sagen er sei

bewunderungswürdig so meinen wir dass die Betrachtung desselben das Gefühl der

Bewunderung erregt in der That meinen wir etwas mehr denn das Wort schließt

nicht allein ein dass wir Bewunderung fühlen sondern auch dass wir das Gefühl

in uns gutheißen In manchen Fällen werden dem Anschein nach nur ein in

Wirklichkeit aber zwei Attribute ausgesagt das eine ein Zustand des Geistes

selbst das andere ein Zustand womit der Geist anderer beim Denken daran

affiziert wird zB wenn wir von jemand sagen er sei großmütig Das Wort

Großmut drückt einen gewissen Zustand des Geistes aus da es aber ein Lob

enthält so drückt es auch aus dass dieser Zustand des Geistes in uns einen

andern geistigen Zustand erregt welcher Beifall genannt wird Die Aussage ist

daher eine doppelte und hat folgenden Sinn Gewisse Gefühle bilden gewöhnlich

einen Teil der empfindenden Existenz eines Menschen und der Gedanke an diese

seine Gefühle erregt in uns oder anderen das Gefühl des Beifalls

    In derselben Weise nun wie wir dem Geiste auf Gedanken und Emotionen

gegründete Attribute zuschreiben können wir auch den Körpern nicht bloß auf

Sensationen sondern auch auf Gedanken und Emotionen gegründete Attribute

zuschreiben wie wenn wir zB von der Schönheit einer Bildsäule sprechen indem

das Attribut auf ein eigentümliches Gefühl von Vergnügen welches die Bildsäule

in unserm Geiste erzeugt gegründet ist was nicht eine Sensation sondern eine

Emotion ist

 



                             Allgemeine Resultate



     15 Unsere Untersuchung der Mannigfaltigkeit von Dingen, welche Namen

erhalten haben oder zu erhalten fähig sind welche entweder von Dingen ausgesagt

wurden oder ausgesagt werden können, oder welche selbst Gegenstand der Aussage

werden können, ist nun zu Ende geführt

    Die Aufzählung begann mit den Gefühlen Diese unterschieden wir genau von

den Gegenständen, durch welche sie erregt und Ton den Organen durch welche sie

wirklich oder der Voraussetzung nach übertragen werden Wir unterschieden vier

Arten von Gefühlen Empfindungen Sensationen Gedanken Gemütsbewegungen

Emotionen und Willenstätigkeiten Wollen Was man Wahrnehmungen nennt ist

nur ein besonderer Fall von Glauben und Glaube ist eine Art Gedanke Handlungen

sind bloß Willenstätigkeiten auf welche eine Wirkung folgt Wenn es noch

einen in diese Unterabtheilungen nicht eingeschlossenen Zustand des Geistes

gibt so hielten wir es nicht für nötig oder geeignet uns bezüglich seiner

Existenz oder des ihm zukommenden Platzes hier in Erörterungen einzulassen

    Von den Gefühlen gingen wir zu den Substanzen über Diese sind entweder

Körper oder Geist Ohne auf die Gründe der metaphysischen Zweifel einzugehen

welche in Beziehung auf die Existenz von Materie und Geist als objektive

Realitäten erhoben wurden führten wir den Schluss an in dem die besten Denker

jetzt übereinstimmen dass die Sensationen und die Ordnung ihres Eintretens

alles ausmachen was wir von der Materie wissen können und dass während die

Substanz Körper die unbekannte Ursache unserer Empfindungen ist die Substanz

Geist der unbekannte Rezipient derselben ist

    Die einzige noch übrige Klasse von benennbaren Dingen ist die der Attribute

deren es drei Arten gibt Qualität Relation und Quantität Qualitäten werden

wie Substanzen von uns nicht anders als durch die Empfindungen oder andere

Zustände des Bewusstseinswelche sie erregen erkannt und während wir in

Übereinstimmung mit dem allgemeinen Gebrauche von ihnen als von einer

unterschiedenen Klasse von Dingen sprachen zeigten wir dass beim Prädizieren

derselben niemand etwas anderes auszusagen meint als jene Empfindungen oder

Zustände des Bewusstseins, auf welche sie gegründet sind und durch welche sie

allein definiert und beschrieben werden können. Relationen sind mit Ausnahme der

einfachen Fälle von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit Folge und Gleichzeitigkeit

ebenfalls auf irgendeine Tatsache oder Erscheinung dh auf irgend eine mehr

oder weniger komplizierte Reihe von Empfindungen oder Zuständen des Bewusstseins

gegründet Die dritte Art von Attributen die Quantität ist offenbar auch auf

etwas in unseren Empfindungen oder Zuständen des Gefühls vorhandenes gegründet

indem ohne allen Zweifel ein Unterschied in den Sensationen besteht welche

durch eine größere oder kleinere Masse oder durch einen größeren oder geringem

Grad von Intensität in einem Gegenständeder Sinne oder Bewusstsein hat erregt

werden Alle Attribute sind daher für uns nichts als entweder unsere

Empfindungen oder andere Zustände des Gefühls oder etwas das unauflöslich in

diesen eingeschlossen liegt und hiervon machen seihst die eben angeführten

besonderen einfachen Relationen keine Ausnahme Diese besonderen Relationen sind

indessen so wichtig und wenn sie auch Streng genommen zu den Zuständen des

Bewusstseins gezählt werden könnten so sind sie doch von den übrigen Zuständen

des Bewusstseins so fundamental verschieden dass es eine nutzlose

Spitzfindigkeit wäre sie unter diese gemeinsame Rubrik zu bringen anstatt wie

erforderlich sie besonders zu klassifizieren

    Als das Resultat unserer Analyse erhalten wir daher Folgende als Aufzählung

und Klassifikation aller benennbaren Dinge

    1 Gefühle oder Zustände des Bewusstseins.

    2 Der Geist, welcher diese Gefühle erfährt

    3 Die Körper oder äußeren Gegenstände welche diese Gefühle erregen samt

dem Vermögen oder den Eigenschaften, wodurch sie dieselben erregen diese

letzteren schließen wir mehr in Übereinstimmung mit der gewöhnlichen Ansicht

und mehr darum ein weil ihre Existenz im gewöhnlichen Sprachgebrauch von dem

nicht gut abzuweichen ist als zugegeben angenommen wird als weil die

Anerkennung dieses Vermögens oder dieser Eigenschaften als reale Existenzen

durch eine gesunde Philosophie geboten erscheint

    4 Die Aufeinanderfolgen Sukzessionen und Koexistenzen die Ähnlichkeiten

und Unähnlichkeiten zwischen Gefühlen oder Zuständen des Bewusstseins. Diese

Relationen wenn sie auch als zwischen anderen Dingen bestehend betrachtet

werden, bestehen in Wirklichkeit nur zwischen Zuständen des Bewusstseins, welche

diese Dinge wenn sie Körper sind erregen und wenn sie Geigt sind entweder

erregen oder erfahren

    So lange nichts besseres vorhanden kann dies als ein Ersatz für die

misslungene Klassifikation der Existenzen dienen welche die Kategorien des

Aristoteles genannt werden. Die praktische Anwendung wird sich ergeben wenn wir

die Untersuchung über den Inhalt der Urteile beginnen mit anderen Worten, wenn

wir Untersuchen was der Geist wirklich glaubt wenn er einem Urteile seine

sogenannte Zustimmung gibt

    Da wenn die Klassifikation richtig ist diese vier Classen alle benennbaren

Dinge umfassen so müssen sie oder einige von ihnen naturgemäß die Bedeutung

aller Namen zusammensetzen und aus ihnen oder einigen von ihnen besteht was wir

eine Tatsache nennen

    Der Unterscheidung wegen wird eine jede Tatsache welche nur aus Gefühlen

oder aus als solche betrachteten Zuständen des Bewusstseins zusammengesetzt ist

häufig eine psychologische oder subjektive Tatsache genannt während eine jede

Tatsache welche entweder ganz oder zum Teil aus etwas davon verschiedenem

di aus Substanzen und Attributen zusammengesetzt ist eine objektive Tatsache

heißt Wir können daher sagen dass eine jede objektive Tatsache auf eine

entsprechende subjektive gegründet ist und außer der ihr entsprechenden

subjektiven Tatsache für uns keine Bedeutung hat es sei denn als ein Name für

den unbekannten und unerklärlichen Vorgang durch welchen jene subjektive oder

psychologische Tatsache herbeigeführt wird

 
 






     1 Wie bei den Namen so müssen wir auch bei den Urteilen einige

Betrachtungen von vergleichungsweise elementarer Natur bezüglich deren Formen

und Varietäten vorausschicken ehe wir auf den eigentlichen Gegenstand und Zweck

dieses einleitenden Theiles auf die Analyse des Inhalts der Urteile eingehen

    Ein Urteil ist wie bereits oben bemerkt ein Redeteil in welchem ein

Prädikat von einem Subjekt behauptet oder verneint wird Ein Prädikat und ein

Subjekt sind alles was nötig ist um ein Urteil zu bilden da wir aber aus der

bloßen Zusammenstellung zweier Namen nicht ersehen können dass sie Prädikat

und Subjekt sind dh dass das eine von dem andern behauptet oder verneint

werden soll so muss ein Modus oder eine Form da sein woraus sich dies erkennen

lässt irgend ein Zeichen um eine Prädikation von jeder andern Redeform zu

unterscheiden Dies geschieht zuweilen durch eine Beugung Inflektion

genannte leichte Veränderung des einen Wortes wie wenn wir sagen Feuer

brennt die Veränderung des zweiten Wortes brennen in brennt zeigt hier dass

wir das Prädikat brennen von dem Subjekt Feuer behaupten vollen Diese Funktion

wird indessen bei einer Affirmation gewöhnlich von dem Worte ist bei einer

Negation von ist nicht oder durch einen andern Teil des Zeitwortes sein

übernommen Ein solches als Zeichen der Prädikation dienendes Wort wird wie

früher bemerkt Copula genannt Es ist von Wichtigkeit dass in Beziehung auf

die Natur und Verrichtung der Copula in unseren Begriffen keine Unklarheit sei

denn verworrene Begriffe hierüber gehören mit zu den Ursachenwelche den

Mystizismus über das Gebiet der Logik verbreitet und ihre Spekulationen in

Wortstreitereien verwandelt haben

    Man könnte leicht zu der Annahme verleitet werden die Copula sei etwas mehr

als ein Zeichen der Prädikation sie bedeute auch Existenz Es könnte scheinen

dass in dem Urteile Sokrates ist gerecht nicht bloß eingeschlossen liegt

dass die Eigenschaft gerecht von Sokrates behauptet werden kann, sondern auch

dass Sokrates ist dh dass er existiert Dies zeigt indessen nur dass in dem

Worte ist eine Zweideutigkeit liegt es ist ein Wort welches nicht allein die

Funktion der Copula bei der Affirmation versieht sondern es hat auch für sich

allein eine Bedeutung vermöge deren es selbst das Prädikat eines Urteils

werden kann. Dass Seine Verwendung als Copula nicht notwendig die Behauptung

der Existenz einschließt geht aus folgendem Urteil hervor »ein Zentaur ist

eine Erfindung der Poeten« hier kann Existenz unmöglich eingeschlossen sein da

das Urteil selbst ausdrücklich behauptet dass das Ding kein reales Dasein

besitzt

    Man könnte viele Bände füllen mit den wertlosen Spekulationen bezüglich der

Natur des Seins to on ousia Ens Entitas Essentia u dergl welche dadurch

entstanden dass man die doppelte Bedeutung des Wortes sein übersah dass man

annahm dass wenn es existieren bedeutet und wenn es von einem Ding das sein

bedeutet wie ein Mensch sein Sokrates sein gesehen oder gehört sein ein

Phantom sein sogar ein Nonens sein es doch noch im Grund derselben Idee

entsprechen müsse und dass eine Bedeutung für dasselbe gefunden werden müsse

welche allen diesen Fällen angepasst ist Der von diesem kleinen Fleck

aufsteigende Nebel verbreitete sich frühzeitig über das ganze Gebiet der

Metaphysik Es ziemt sich indessen für uns nicht die große Intelligenz von

Plato und Aristoteles zu missachten weil wir uns jetzt gegen viele Fehler

schützen können in welche sie auf vielleicht unvermeidliche Weise verfielen

Der Heizer einer Dampfmaschine bringt durch seine Verrichtungen viel größere

Wirkungen hervor als Milo von Crotona aber er ist deshalb nicht ein stärkerer

Mann Die Griechen kannten außer der ihrigen kaum eine andere Sprache es war

daher für die viel schwieriger in der Entdeckung von Zweideutigkeiten eine

Fertigkeit zu erlangen Einer der Vorteile des gründlichen Studiums mehrerer

Sprachen namentlich derjenigen in welchen hervorragende Denker ihre bedanken

mitgeteilt haben ist die praktische Lehre die wir bezüglich der

Zweideutigkeit der Wörter erhalten wenn wir finden dass dasselbe Wort einer

Sprache mehreren Wörtern in der andern Sprache entspricht Ohne eine solche

Erfahrung fällt es den stärksten Geistern schwer einzusehen dass Dingewelche

einen gemeinsamen Namen haben in der einen oder der andern Beziehung nicht auch

eine gemeinsame Natur besitzen und sie verschwenden oft nicht bloß in

nutzloser sondern in wahrhaft unheilbringender Weise viel Arbeit wie es häufig

von Seiten der zwei genannten Philosophen geschah um zu entdecken Worin diese

gemeinsame Natur besteht Hat sich jene Erfahrung aber einmal gebildet so sind

viel untergeordneter Geister im Stande Zweideutigkeiten zu entdecken welche

verschiedenen Sprachen gemeinsam sind und es ist überraschend dass die in

Frage stehende Zweideutigkeit obgleich sie in den neuer an so gut wie in den

alten Sprachen besteht von fast allen Schriftstellern übergehen worden ist.

Schon Hobbes spielte auf die Menge von nutzlosen Spekulationen an welche durch

eine Verkennung der Natur der Copula verursacht wurden aber Mill19 glaube ich

war der erste der die Zweideutigkeit klar charakterisierte und nachwies wieviel

Irrtümer sie in den angenommenen philosophischen Systemen verschuldet hat In

der That hat sie die Neueren kaum weniger verleitet als die Alten wenn auch

ihre Irrtümer dadurch weniger vernunftwidrig erscheinen dass unser Geist sich

noch nicht so vollständig von dem Einfluss der Alten emanzipiert hat

    Wir wollen nun auf die Hauptunterschiede zwischen den Urteilen und auf die

behufs dieser Unterscheidung gewöhnlich gebrauchten termini technici in aller

Kürze einen Blick werfen

    

     2 Da ein Urteil ein Redeteil ist in welchem etwas von einem Ding

behauptet bejaht oder verneint wird so ist die erste Einteilung der Urteile

in bejahende affirmative und verneinende negative Ein bejahendes Urteil

ist ein solches in welchem das Prädikat von dem Subjekt bejaht wird wie Cäsar

ist tot Ein verneinendes Urteil ist ein solches in dem das Prädikat von dem

Subjekt verneint wird wie Cäsar ist nicht tot In dem letzten Urteil besteht

die Copula aus den Worten ist nicht sie sind das Zeichen der Verneinung sowie

ist das Zeichen der Bejahung ist

    Manche Logiker unter ihnen Hobbes machen eine andere Unterscheidung sie

anerkennen bloß eine Form von Copula ist und verknüpfen das negative Zeichen

mit dem Prädikat »Cäsar ist tot« und »Cäsar ist nicht tot« sind nach diesen

Schriftstellern Urteile welche nicht im Subjekt und Prädikat sondern in dem

Subjekt übereinstimmen Sie betrachten nicht »tot« sondern »nicht tot« als

das Prädikat des zweiten Urteils und definieren demnach ein negatives Urteil

als ein Urteil in dem das Prädikat ein negativer Name ist Obgleich nicht von

praktischer Bedeutung verdient dieser Punkt doch als ein in der Logik nicht

seltenes Beispiel erwähnt zu werden wie vermittelst einer scheinbaren und

überdies bloß wörtlichen Vereinfachung die Dinge verwickelter werden als sie

vorher waren Jene Autoren glaubten dass wenn sie einen jeden Fall von

Verneinung als die Affirmation eines negativen Namens behandelten sie der

Unterscheidung zwischen bejahen und verneinen los würden Was ist aber ein

negativer Name Ein Name der die Abwesenheit eines Attributs ausdrückt Wenn

wir daher einen negativen Namen affirmieren so prädizieren wir in Wirklichkeit

Abwesenheit und nicht Anwesenheit wir behaupten nicht dass etwas istsondern

dass etwas nicht ist eine Operation zu deren Ausdruck kein Wort so genügend

ist wie das Wort verneinen Die fundamentale Unterscheidung ist die zwischen

einer Tatsache und der Nichtexistenz dieser Tatsache zwischen dem Sehen von

etwas und dem Nichtsehen zwischen Cäsars Totsein und Nichttotsein und

selbst wenn dies bloß eine wörtliche Unterscheidung wäre so würde die

Generalisation welche beides unter dieselbe Form von Behauptung bringt eine

wirkliche Vereinfachung sein Da indessen die Unterscheidung eine wirkliche und

in den Tatsachen unterscheidende ist so ist die die Unterscheidung

verwechselnde Generalisation eine bloß wörtliche und dient nur dazu den

Gegenstand dunkel zu machen indem sie den Unterschied zwischen zwei Arten von

Wahrheiten gehandelt als wäre es nur ein Unterschied zwischen zwei Arten von

Wörtern Dinge zusammenstellen und Dinge von einander-bringen oder halten

bleiben zwei verschiedene Operationen welche Kunststücke wir auch mit der

Sprache machen mögen

    Eine ähnliche Bemerkung kann man in Betreff der meisten jener

Unterscheidungen zwischen Urteilen machen welche sich wie man sagt auf deren

Modalität beziehen wie Unterschied von Tempus oder Zeit zB die Sonne ging

auf die Sonne geht auf die Sonne wird aufgehen Diesen Unterschieden könnte

man wie dem Unterschied zwischen Bejahung und Verneinung einen Anstrich von

Einfachheit anerklären wenn man das Zufällige der Zeit als eine bloße

Modifikation des Prädikats betrachten würde wie die Sonne ist ein Gegenstand,

der aufgegangen ist die Sonne ist ein Gegenstandder nun aufgeht die Sonne

ist ein Gegenstandder hernach aufgeht Aber die Vereinfachung würde bloß ein

wörtliche sein Vergangenheit Gegenwart und Zukunft konstituieren nicht ebenso

viele verschiedenen Arten des Aufgehens sie sind nur Bezeichnungen welche zu

dem behaupteten Vorgang dem heutigen Aufgehen der Sonne gehören Sie berühren

nicht das Prädikat, sondern die Anwendbarkeit des Prädikats auf das Subjekt Was

wir als vergangen gegenwärtig oder zukünftig affirmieren ist weder das was das

Subjekt noch das was das Prädikat bedeutet sondern spezifisch und

ausdrücklich das was die Prädikation bedeutet das was nur durch das Urteil

als solches und nicht durch eines der Wörter oder durch beide ausgedrückt wird

Der Zeitumstand wird daher ganz geeignet als mit der Copula welche das Zeichen

der Prädikation ist und nicht als mit dem Prädikat verknüpft betrachtet Wenn

dasselbe nicht von solchen Modifikationen gesagt werden kann, wie Cäsar kann

tot sein Cäsar ist vielleicht tot es ist möglich dass Cäsar tot ist so

ist dies nur weil dieselben unter eine ganz andere Rubrik gehören indem sie

eigentlich Behauptungen sind nicht von etwas das sich auf die Tatsache selbst

bezieht sondern von unserem eigenen Geisteszustand in Betreff derselben

nämlich von der Abwesenheit unseres Unglaubens »Cäsar kann tot sein« will so

viel sagen als »Ich bin nicht gewiss dass Cäsar lebt«

    

     3 Die nächste Einteilung der Urteile ist die in einfache und

zusammengesetzte komplexe In dem einfachen Urteil wird ein Prädikat von

einem Subjekt behauptet oder verneint Ein komplexes Urteil enthält mehr als

ein Prädikat oder mehr als ein Subjekt oder auch mehr als eines von beiden

    Beim ersten Anblick schon hat diese Einteilung das Ansehen einer

Absurdität es ist eine förmliche Einteilung von Dingen in eins und in mehr als

eins wie wenn wir Pferde in einzelne Pferde und in Gespanne von Pferden

einteilen wollten Auch ist es Wahr dass ein sogenanntes zusammengesetztes

Urteil oft nicht ein Urteil istsondern dass es aus mehreren durch ein

Bindewort zusammengehaltenen Urteilen besteht wie z B Cäsar ist tot und

Brutus lebt oder auch Cäsar ist tot aber Brutus lebt Es Bind hier zwei

verschiedene Behauptungen und wir könnten eine Straße mit demselben Recht ein

zusammengesetztes Haus als diese zwei Urteile ein zusammengesetztes Urteil

nennen Die syncategorematischen Wörter und und aber haben zwar eine Bedeutung

aber diese Bedeutung weit entfernt aus den zwei Urteilen eines zu machen fügt

eher ein drittes Urteil hinzu Alle Partikel sind Abkürzungen und im

allgemeinen Abkürzungen von Urteilen eine Art Geschwindschrift wodurch der

Geist auf einmal erfährt was um vollständig ausgedrückt zu werden ein Urteil

oder eine Reihe von Urteilen erfordert hätte So sind die Worte »Cäsar ist tot

und Brutus lebt« gleichbedeutend mit Cäsar ist tot Brutus lebt diese beiden

Urteile sollen mit einander verbunden betrachtet werden. Wenn die Worte

lauteten »Cäsar ist tot aber Brutus lebt« so wäre ihr Sinn gleichbedeutend

mit denselben drei Urteilen und noch mit dem vierten »zwischen den zwei

vorhergehenden Urteilen besteht ein Gegensatz« ein Gegensatz nämlich zwischen

den zwei Tatsachen selbstoder zwischen den Gefühlen womit gewünscht wird

dass sie betrachtet werden.

    In den angeführten Beispielen wurden die zwei Urteile sichtlich

unterschieden gehalten indem jedes Subjekt sein besonderes Prädikat und jedes

Prädikat sein besonderes Subjekt hatte Der Kürze wegen und um Wiederholungen

zu vermeiden werden die zwei Urteile oft mit einander verschmolzen zB

»Petrus und Jacobus predigten zu Jerusalem und in Galiläi« Hierin liegen vier

Urteile Petrus predigte zu Jerusalem Petrus predigte in Galiläi Jacobus

predigte zu Jerusalem Jacobus predigte in Galiläi Wir haben gesehen dass wenn

die zwei oder mehr Urteile welche in einem sogenannten zusammengesetzten

Urteil enthalten sind absolut und nicht bedingungsweise und mit Vorbehalt

ausgesagt werden nicht ein Urteil sondern mehrere Urteile ausmachen da in

dem darin Ausgedrückten nicht eine einzige sondern mehrere Behauptungen liegen

die wenn sie in ihrer Verbindung wahr auch nach der Trennung wahr sind. Es

gibt indessen eine Art Urteil die obgleich sie mehrere Subjekte und

Prädikate enthält und auch in gewissem Sinne als aus mehreren Urteilen

bestehend gedacht werden könnte nur eine einzige Behauptung enthält deren

Wahrheit durchaus nicht die der sie zusammensetzenden einfachen Urteile

einschließt Ein Beispiel hiervon ist die Verbindung einfacher Urteile durch

die Partikel oder und wenn wie Entweder A ist B oder C ist D A ist B wenn C D

ist Im ersteren Fall heißt das Urteil ein trennendes disjunktives im

letzteren Fall ein bedingtes konditionelles ursprünglich war der Name

hypothetisch beiden gemein Die trennende Form kann wie Whately und andere

bemerkten in die bedingte aufgelöst werden indem jedes trennende Urteil zwei

oder mehreren bedingten äquivalent ist »Entweder A ist B oder C ist D«

bedeutet »Wenn A nicht B ist, so ist C D und wenn C nicht D ist so ist A,

B.« Alle hypothetischen Urteile sind daher der Bedeutung nach bedingte wenn

sie auch der Form nach trennende sind und die Worte hypothetisch und bedingt

können als synonym gebraucht werden, und werden in der That gemeinlich so

gebraucht Urteile in denen die Behauptung nicht von einer Bedingung abhängig

ist, heißen in der Sprache der Logiker kategorische

    Ein hypothetisches Urteil besteht nicht wie die angeblich komplexen

Urteile aus einer Anhäufung von einfachen Urteilen die einfachen Urteile

welche einen Teil der Worte ausmachen in welche das hypothetische Urteil

gekleidet ist bilden nicht einen Teil der Behauptung welche es aussagt Wenn

wir sagen »Wenn der Koran von Gott kommt so ist Mahomed der Prophet Gottes«

so wollen wir damit nicht behaupten dass der Koran von Gott kommt oder dass

Mahomed wirklich sein Prophet ist Keines dieser einfachen Urteile braucht wahr

zu sein und dennoch kann die Wahrheit des hypothetischen Urteils

unwidersprechlich sein Nicht die Wahrheit von einem der Urteile wird hier

behauptet sondern es wird behauptet dass das eine aus dem andern gefolgert

werden kann. Was also ist das Subjekt und Was das Prädikat des hypothetischen

Urteils Weder »der Koran« noch »Mahomed« denn von beiden wird weder etwas

bejaht noch verneint Das wirkliche Subjekt der Prädikation ist das ganze

Urteil »Mahomed ist der Prophet Gottes« und die Affirmation ist dass dies

eine legitime Folgerung des Urteils »der Koran kommt von Gott« ist Das Subjekt

und Prädikat eines hypothetischen Urteils sind daher Namen von Urteilen Das

Subjekt ist irgendein Urteil das Prädikat ist ein relativer auf Urteile

anwendbarer Gemeinname und zwar von dieser Form  »eine Folgerung aus so und

so« Es bietet sich hier ein neuer Beleg für die Bemerkung dar dass alle

Partikel Abkürzungen sind denn »wenn AB ist, so ist C D« erscheint als eine

Abkürzung von Folgendem »das Urteil, C ist D ist eine rechtmäßige Folgerung

vom Urteil A ist B«

    Der Unterschied zwischen hypothetischen und kategorischen Urteilen ist daher

nicht so groß als es im Anfang scheint In der bedingten wie in der

kategorischen Form wird ein Prädikat von einem Subjekt ausgesagt und nicht mehr

aber ein bedingtes Urteil ist ein Urteil in Betreff eines Urteils das

Subjekt der Behauptung ist selbst eine Behauptung Auch ist dies keine besondere

Eigenschaft der hypothetischen Urteile Es gibt in Betreff der Urteile noch

andere Classen von Behauptungen Ein Urteil hat gleich anderen Dingen

Attribute welche von ihm prädiziert werden können. Das in einem hypothetischen

Urteil von ihm ausgesagte Attribut ist dass es eine Folgerung aus einem

gewissen andern Urteil istDies ist indessen nur eines der vielen Attribute

welche ausgesagt werden könnten Wir können sagen dass das Ganze grösser ist

als seine Theile ist ein Axiom der Mathematik; dass der heilige Geist von dem

Vater allein ausgeht ist ein Glaubenssatz der griechischen Kirche die Lehre

von dem göttlichen Recht der Könige wurde in der Revolution vom Parlament

verworfen die Unfehlbarkeit des Papstes findet in der heiligen Schrift keine

Stütze In allen diesen Fällen ist das Subjekt der Aussage ein ganzes Urteil

Dasjenige wovon diese verschiedenen Prädikate affirmiert werden besteht in dem

Urteil »das Ganze ist grösser als seine Theile« in dem Urteil »der heilige

Geist geht vom Vater allein aus« in dem Urteil »Könige haben ein göttliches

Recht« in dem Urteil »der Papst ist unfehlbar«

    Wenn wir daher sehen dass zwischen hypothetischen und anderen Urteilen

viel weniger Unterschied ist als aus ihrer Form hervorzugehen scheint so

könnten wir uns die hohe Stellung welche dieselben in den Abhandlungen über

Logik einnehmen kaum erklären wenn wir uns nicht daran erinnern würden dass

das was sie von einem Urteil aussagen nämlich dass es eine Folgerung aus

etwas anderem ist genau dasjenige seiner Attribute ist womit sich vor allem

der Logiker zu beschäftigen hat

    

     4 Die nächste der gewöhnlichen Einteilungen der Urteile ist die in

Allgemeine Universale Besondere Partikulare Unbestimmte Indefinite und

Einzelne Singuläre es ist dies eine Unterscheidung welche auf den Grad von

Allgemeinheit des als Subjekt des Urteils dienenden Namens gegründet ist

Hiervon die folgenden Beispiele

 

Alle Menschen sind sterblich Allgemeines

Manche Menschen sind sterblich Besonderes

Der Mensch ist sterblich Unbestimmtes

Julius Cäsar ist sterblich Einzelnes Urteil

 

    Das Urteil ist Einzelurteil wenn das Subjekt ein individueller Name ist

letzterer braucht kein Eigenname zu sein »Der Stifter des Christentums wurde

gekreuzigt« ist ebensogut ein Einzelurteil als »Christus wurde gekreuzigt«

    Wenn das Subjekt eines Urteils ein Gemeinname ist so können wir das

Prädikat entweder von allen Dingen welche das Subjekt bezeichnet oder nur von

einigen bejahen oder verneinen Wenn das Prädikat von allen und jedem der durch

das Subjekt bezeichneten Dinge bejaht oder verneint wird so ist das Urteils

ein allgemeines wenn dies von einem unbestimmten Teil derselben geschieht so

ist es ein besonderes »Alle Menschen sind sterblich« »jeder Mensch ist

sterblich« sind allgemeine Urteile Auch »Kein Mensch ist unsterblich« ist

ein allgemeines Urteil indem das Prädikat unsterblich von allen durch das Wort

Mensch bezeichneten Individuen verneint wird das negative Urteil ist hier ganz

gleichbedeutend mit folgendem »Jeder Mensch ist nichtunsterblich« Aber »Manche

Menschen sind weise« und »Manche Menschen sind nicht weise« sind besondere

Urteile da das Prädikat weise in dem einen und dem andern dieser Fälle nicht

von jedem der durch das Wort Mensch bezeichneten Individuen sondern nur von

einem Teil derselben von einigen nicht weiter spezifizierten Individuen bejaht

oder verneint wird wären dieselben näher spezifiziert so würde das Urteil in

ein Einzelurteil oder in ein allgemeines Urteil mit verschiedenem Subjekt

verwandelt wie zB »Alle wohl unterrichteten Menschen sind weise« Es gibt

noch andere Formen von besonderen Urteilen wie »Die meisten Menschen sind

unvollkommen erzogen« wo es so lange unwesentlich ist wie groß der Teil des

Subjekts sei von dem das Prädikat behauptet wird als es unbestimmt bleibt wie

dieser Teil sich von dem Rest unterscheidet

    Wenn die Form des Ausdrucks nicht deutlich zeigt ob der das Subjekt des

Urteils darstellende Gemeinname für alle durch ihn bezeichneten Individuen

oder nur für einige derselben stehen soll so wird das Urteil gewöhnlich ein

Unbestimmtes genannt dies ist indessen, wie Whately bemerkt ein Solözismus

derselben Art, wie wenn manche Grammatiker in ihrer Liste der Genera

zweifelhafte Genera aufführen Der Sprechende muss das Urteil entweder als ein

allgemeines oder als ein besonderes gemeint haben wenn er dies auch nicht

erklärt hat und wenn auch häufig die Worte nicht zeigen welches von beiden er

beabsichtigt so ersetzen doch Kontext und Sprachgebrauch diesen Mangel Wenn

behauptet wird »der Mensch ist sterblich« so zweifelt niemand dass die

Behauptung von allen menschlichen Wesen gemeint sei das die Universalität

anzeigende Wort wird gewöhnlich ausgelassen weil die Bedeutung ohne dasselbe

klar ist In dem Urteil »der Wein ist gut« versteht man sogleich wenn auch

aus etwas verschiedenen Gründen dass die Behauptung nicht eine allgemeine

sondern eine besondere sein soll

    Wenn ein Gemeinname für jedes Individuum steht von dem er ein Name ist

oder mit anderen Worten, welches er bezeichnet so heißt er bei den Logikern

verteilt distribuiert oder distributiv genommen In dem Urteil Alle Menschen

sind sterblich ist das Subjekt distributiv indem die Unsterblichkeit von jedem

Menschen behauptet wird Das Prädikat Sterblich ist nicht distribuiert da die

einzigen Sterblichen von denen in dem Urteil die Rede ist alle Menschen sind

während das Wort noch eine unbestimmte Anzahl von anderen Gegenständen als

Menschen in sich einschließen kann In dem Urteil Einige Menschen sind

sterblich sind sowohl Subjekt als Prädikat unverteilt in dem folgenden Kein

Mensch hat Flügel sind Prädikat und Subjekt verteilt Nicht allein dass das

Attribut Flügelhaben von der ganzen Klasse Mensch verneint wird sondern diese

Klasse ist auch von dem Ganzen der Klasse Geflügelt und nicht bloß von einigen

Teilen derselben gesondert und aufgestoßen

    Diese Phraseologie welche bei der Darlegung der Regeln des Syllogismus von

großem Nutzen ist setzt uns in den Stand die Definitionen eines allgemeinen

und eines besonderen Urteils sehr concis auszudrücken Ein allgemeines Urteil

ist dasjenige dessen Subjekt distribuiert ist ein besonderes Urteil ist ein

solches dessen Subjekt nicht distribuiert ist

    Es gibt noch viele andere Unterscheidungen zwischen Urteilen als die hier

angeführten und manche von ihnen sind von besonderer Wichtigkeit Für die

Erklärung und Erläuterung derselben werden wir indessen in dem Folgenden eine

geeignetere Gelegenheit finden

 
 



                                



     1 Eine Untersuchung über die Natur der Urteile muss entweder den Zweck

haben den Glaube genannten Geisteszustand zu analysieren oder das, was geglaubt

wird Eine jede Sprache erkennt einen Unterschied an zwischen einer Doctrine

oder Meinung und dem Akt der Meinungsbildung zwischen Zustimmung und

demjenigen welchem zugestimmt wird

    Nach unserer Auffassung hat aber die Logik mit dem Urteils oder

Glaubensakte nichts zu tun die Betrachtung dieses Aktes als eines

Geistesphänomens gehört einer andern Wissenschaft an Diese Unterscheidung

wurde indessen von den Philosophen von Descartes an und besonders seit der Ära

von Leibnitz und Locke nicht beobachtet einen jeden Versuch einer nicht auf

die Analyse des Urteilsaktes gegründeten Analyse des Inhalts der Urteile würde

man mit großer Verachtung angesehen haben Eine jede Proposition hätten diese

Philosophen gesagt ist nur der wörtliche Ausdruck von einem Urteil Judicium

Das ausgedrückte Ding nicht der bloße wörtliche Ausdruck ist die Hauptsache

Wenn der Geist einer Proposition zustimmt so urteilt er Sachen wir daher zu

finden was der Geist tut wenn er urteilt so werden wir die Bedeutung der

Propositionen erfahren nicht anders

    In Übereinstimmung mit diesen Ansichten haben in den letzten zwei

Jahrhunderten fast alle englischen deutschen und französischen Schriftsteller

über Logik ihre Theorie der Urteile vom Anfang bis zum Ende zu einer Theorie

des Urteilens gemacht Sie glaubten eine Proposition oder ein Urtheil20 

judicium denn die beiden Worte gebrauchten sie ohne Unterscheidung bestände

darin dass eine Idee von einer andern bejaht oder verneint wird Urteilen

hieß zwei Ideen zusammenstellen oder eine Idee der andern unterordnen oder

zwei Ideen vergleichen oder die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung

zweier Ideen perzipieren so wurde die ganze Theorie des Urteilens samt der

Theorie des Schließens die notwendig immer auf die Theorie der Urteile

gegründet ist dargestellt ab ob Ideen oder Begriffe Konzeptionen oder

welches andere Wort der Schriftsteller als ein Name für geistige Bilder im

allgemeinen gebrauchen mochte den Gegenstand und die Substanz dieser

Operationen wesentlich ausmachten

    Es ist natürlich ganz richtig dass bei einem jedem Urteil wie wenn wir

zB Urteilen »Gold ist gelb« in unserm Geist ein Vorgang statt findet von

welchem die eine oder die andere jener Theorien eine teilweise richtige

Rechenschaft gibt Wir müssen die Idee von Gold und die Idee von gelb haben

und beide Ideen müssen in unserm Geist zusammengebracht werden Vorerst ist nun

aber klar dass dies nur ein Teil von dem ist was vorgeht denn wir können

zwei Ideen zusammenstellen ohne dass ein Glaubensakt Statt findet wie wenn wir

etwas nur erdichten wie einen goldenen Berg oder wenn wir tatsächlich nicht

glauben denn sogar um nicht zu glauben dass Mahomed ein Apostel Gottes war

müssen wir die Idee von Mahomed und die eines Apostels Gottes zusammenstellen

Zu bestimmen, was im Fall von Zustimmung oder Nichtzustimmung außer dem

Zusammenstellen zweier Ideen noch weiter vorgeht ist eines der verwickeltsten

metaphysischen Probleme Welches die Lösung aber auch sein mag so dürfen wir

dreist behaupten dass sie mit dem Inhalt der Urteile nichts wird zu tun

haben und zwar aus dem Grunde weil mit Ausnahme des Falls wo der Geist selbst

der behandelte Gegenstand ist) Urteile nicht Behauptungen bezüglich unserer

Ideen von den Dingen, sondern Behauptungen bezüglich der Dinge selbst sind Um

zu glauben das Gold gelb ist muss ich in der That die Idee von Gold und die

Idee von gelb haben und etwas auf diese Ideen Bezügliches muss in meinem Geist

Statt finden aber mein Glaube hat keine Beziehung zu diesen Ideen sondern zu

den Dingen selbst. Was ich glaube ist eine Tatsache bezüglich des äußerlichen

Dings Gold und des Eindrucks den dieses äußere Ding auf meine menschlichen

Organe gemacht hat nicht aber eine Tatsache bezüglich meiner Vorstellung von

Gold was eine Tatsache in der Geschichte meines Geistes und nicht eine

Tatsache der äußeren Natur wäre Es ist wahr um diese Tatsache in der äußeren

Natur zu glauben muss eine andere Tatsache in meinem Geist Statt finden muss

ein Prozess mit meinen Ideen vorgenommen werden aber dies muss bei allem

andern was ich tun mag geschehen Ich kann nicht in der Erde graben wenn ich

nicht die Idee von der Erde von einem Spaten und von allen anderen Dingen

habe auf die ich einwirke und wenn ich diese Ideen nicht zusammenstelle21 Es

würde aber eine sehr lächerliche Beschreibung des Grabens in der Erde sein wenn

wir sagen wollten es wäre eine Zusammenstellung unserer Ideen Das Graben ist

eine mit den Dingen selbst vorgenommene Operation wenn sie auch nicht ohne die

Ideen von den Dingen in dem Geist zu haben vorgenommen werden kann. In ähnlicher

Weise ist der Glaube ein Akt der die Tatsachen selbst zum Gegenstand hat

obgleich eine vorhergehende geistige Vorstellung von den Tatsachen eine

unerlässliche Bedingung ist Wenn ich sage das Feuer verursache die Wärme

meine ich damit dass meine Idee vom Feuer die Idee von Wärme verursacht Nein

ich meine dass das natürliche Phänomen Feuer das natürliche Phänomen Wärme

verursacht Wenn ich bezüglich der Ideen etwas behaupten will so gebe ich ihnen

ihren eigenen Namen ich nenne sie Ideen wie wenn ich zB sage eines Kindes

Idee von einer Schlacht gleicht nicht der Wirklichkeit oder die Ideen welche

die Menschen sich von der Gottheit machen haben großen Einfluss auf ihren

Charakter

    Die Meinung dass in einem Urteil die Relation zwischen den zwei dem

Subjekt und Prädikat entsprechenden Ideen anstatt der Relation zwischen den

zwei Phänomenen welche sie beziehungsweise ausdrücken von vorzüglicher

Wichtigkeit für den Logiker sei scheint mir einer der verhängnisvollsten

Irrtümer die je in die Philosophie der Logik eingeführt wurden und die

Hauptursache dass die Theorie der Wissenschaft in den letzten zwei

Jahrhunderten so geringe Fortschritte gemacht hat Die Abhandlungen über Logik

und die mit der Logik im Zusammenhang stehenden Zweige der Geistesphilosophie

welche seit der Einführung jenes Irrtums zuweilen sogar von ungewöhnlich

befähigten und gelehrten Männern veröffentlicht wurden schließen alle

stillschweigend die Theorie ein dass die Erforschung der Wahrheit in der

Betrachtung und Handhabung unserer Ideen oder Vorstellungen von den Dingen,

anstatt der Dinge selbst bestehe eine Lehre die auf die Behauptung

herauskommt dass das einzige Mittel zu einer Kenntnis der Natur zu gelangen

darin besteht dass wir sie aus zweiter Hand dh wie sie in unserm Geist

abgebildet ist studieren Unterdessen brachten uns die Untersuchungen aller

Arten von Naturerscheinungen fortwährend große und fruchtbare Wahrheiten

bezüglich der wichtigsten Gegenstände und vermittelst Verfahrungsweisen auf

welche diese Ansichten von der Natur des Urteilens und Schließens kein Licht

warfen und bei denen sie keinerlei Hülfe zu leisten vermochten Kein Wunder

dass diejenigenwelche wussten wie man zu Wahrheiten gelangt eine

hauptsächlich aus solchen Spekulationen bestehende Wissenschaft für völlig

nichtig erachteten Was für den Fortschritt der Logik geschah seit jene Lehren

en vogue kamen wurde nicht von eigentlichen Logikern sondern von Entdeckern in

anderen Wissenschaften herbeigeführt In den Untersuchungsmethoden der letzteren

kamen allmälig viele logischen Prinzipien ans Licht an welche man vorher nicht

gedacht hatte man beging indessen allgemein den Fehler zu glauben dass weil

ihre modernen Ausleger so wenig brauchbares in dieser Beziehung schrieben die

alten Logiker von der wahren Kunst des Philosophierens gar nichts gekannt hätten

    Wir haben also bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht das Urteilen

sondern die Urteile Judicia nicht den Glaubensakt sondern die geglaubten

Dinge zu untersuchen Was ist in einem Urteil der unmittelbare Gegenstand des

Glaubens Was ist die darin ausgedruckte Tatsache Was ist es dem ich wenn

ich ein Urteil behaupte meine Zustimmung gebe und dem auch andere ihre

Zustimmung geben sollen Was wird durch die ein Urteil Proposition genannte

Redeform ausgedrückt dessen Übereinstimmung mit der Tatsache die Wahrheit des

Urteil ausmacht

    

     2 Einer der klarsten und konsequentesten Denker der Welt Hobbes hat

auf diese Fragen die folgende Antwort gegeben In einem jeden Urteil sagt er

ist der Glaube des Sprechenden ausgedrückt dass das Prädikat ein Name desselben

Dinges ist wovon das Subjekt ein Name ist und wenn dies wirklich der Fall ist,

so ist das Urteil wahr So ist nach ihm das Urteil, alle Menschen sind lebende

Wesen wahr weil lebende Wesen ein Name für Alles ist wovon Mensch ein Name

ist Alle Menschen sind sechs Fuß groß ist nicht wahr weil sechs Fuß groß

nicht ein Name für Alles obgleich von Manchem ist wovon Mensch ein Name ist

    Was in dieser Theorie als die Definition eines wahren Urteils angegeben

ist muss als eine Eigenschaft anerkannt werden welche alle wahren Urteile

besitzen Da Subjekt und Prädikat Namen von Dingen sind so könnte der eine Name

nicht im Einklang mit seiner eigenen Bedeutung von anderen Namen prädiziert

werden wenn sie beide Namen von ganz verschiedenen Dingen wären Wenn es wahr

ist dass einige Menschen kupferrot sind so muss es wahr sein  und das

Urteil behauptet dies wirklich  dass es unter den mit dem Namen Mensch

bezeichneten Individuen einige gibt welche zu den mit dem Namen kupferrot

bezeichneten gehören Wenn es wahr ist dass alle Ochsen widerkäuen so muss es

auch wahr sein dass alle mit dem Namen Ochs bezeichneten Individuen auch zu den

mit dem Namen widerkäuend bezeichneten gehören und wer behauptet dass alle

Ochsen widerkäuen behauptet auch ohne Zweifel dass diese Beziehung zwischen

den zwei Namen existiert

    Die Behauptung, welche nach Hobbes in irgend einem Urteil allein

ausgesprochen wird findet demnach wirklich in einem jeden Urteil Statt und

seine Analyse besitzt folglich eines der Erfordernisse der richtigen Analyse

Wir können aber einen Schritt weiter gehen und sagen es ist die einzige

Analyse welche von allen Urteilen ohne Ausnahme streng wahr ist Was er als

die Bedeutung der Urteile gibt bildet einen Teil der Bedeutung aller

Urteile und die ganze Bedeutung einiger Dies zeigt indessen nur welch ein

äußerst geringes Fragment von Bedeutung in die logische Formel eines Urteils

eingeschlossen werden kann; es zeigt aber nicht dass kein Urteil mehr

bedeutet Um uns zu berechtigen zwei Worte mit einer Copula dazwischen

zusammenzustellen ist es wirklich hinreichend dass das durch einen der Namen

bezeichnete Ding oder Dinge ohne Verletzung des Sprachgebrauchs auch mit dem

andern Namen benannt werden könne Wenn also dies die ganze Bedeutung ist,

welche in dem Urteil genannten Redeteil eingeschlossen liegt warum nehme ich

dies nicht als die wissenschaftliche Definition der Bedeutung der Urteile an

Weil obgleich die bloße Zusammenstellung welche das Urteil zum Urteil

macht so wenig Bedeutung enthält dieselbe Zusammenstellung in Verbindung mit

anderen Umständen dieselbe Form mit anderer Materie verbunden mehr und zwar

viel mehr enthält

    Die einzigen Urteile von denen Hobbes Grundsatz hinreichend Rechenschaft

gibt sind jene beschränkte und unwichtige Klasse von Urteilen in denen

Prädikat und Subjekt Eigennamen sind denn wie bereits bemerkt schließen

Eigennamen streng genommen keine Bedeutung ein sondern sind bloß Merkmale für

individuelle Gegenstände und wenn ein Eigenname von einem andern Eigennamen

ausgesagt wird so besteht die ganze mitgeteilte Bedeutung darin dass beides

Namen oder Kennzeichen für denselben Gegenstand sind Dies ist aber genau was

Hobbes als eine Theorie der Prädikation im Allgemeinen gibt Seine Lehre

enthält eine vollständige Erklärung von Aussagen wie diese Tullius ist Cicero

Flaccus ist Horaz Sie erschöpft die ganze Bedeutung dieser Urteile ist aber

total unzureichend für alle anderen Ihre Annahme kann nur durch die Tatsache

erklärt werden, dass Hobbes wie alle anderen Nominalisten der Konnotation oder

Mitbezeichnung der Wörter keine oder nur eine geringe Aufmerksamkeit schenkte

und ihre Bedeutung nur in dem suchte was sie bezeichnen als ob alle Namen wie

die Eigennamen Kennzeichen wären die den Individuen angehängt sind und als ob

zwischen einem Eigennamen und einem Gemeinnamen kein anderer Unterschied wäre

als dass ersterer nur ein Individuum und letzterer eine größere Anzahl

derselben bezeichnet

    Wir haben indessen gesehen dass die Bedeutung aller Namen mit Ausnahme der

Eigennamen und jenes Teils der Klasse von abstrakten Namen die nicht

mitbezeichnend sind in der Konnotation liegt Wenn wir daher die Bedeutung

irgend eines Urteils analysieren in dem das Prädikat und das Subjekt oder

eines derselben mitbezeichnende Namen sind so müssen wir ausschließlich auf

die Mitbezeichnung dieser Wörter sehen und nicht auf das was sie bezeichnen

oder in der soweit richtigen Sprache von Hobbes auf das wovon sie Namen

sind

    Es ist bemerkenswert dass bei der Behauptung die Wahrheit eines Urteils

sei von der Übereinstimmung zwischen seinen Worten abhängig bei der Behauptung

zB das Urteil, Sokrates ist weise sei ein wahres Urteil weil Sokrates und

weise Namen sind die auf dieselbe Person anwendbar oder wie er es ausdrückt

weil es Namen derselben Person sind ein so bedeutender Denker sich nicht die

Frage vorgelegt hat Aber wie kamen sie dazu Namen derselben Person zu sein

Gewiss nicht weil es die Absicht derjenigen war welche diese Wörter erfanden

Als die Menschen die Bedeutung des Wortes weise feststellten dachten sie nicht

an Sokrates und als dessen Eltern ihm den Namen Sokrates gaben dachten sie

nicht an die Weisheit Die Namen passen zufällig auf dieselbe Person wegen einer

gewissen Tatsache welche weder bekannt war noch existierte als die Namen

erfunden wurden Wenn wir suchen worin die Tatsache besteht so finden wir den

Schlüssel dazu in der Mitbezeichnung der Namen

    Ein Vogel oder ein Stein ein Mensch oder ein weiser Mensch bedeutet

einfach ein Gegenstand mit den und den Attributen Die wahre Bedeutung des

Wortes Mensch sind jene Attribute und nicht Johann Peter und die übrigen

Individuen Das Wort sterblich mitbezeichnet in gleicher Weise ein gewisses

Attribut oder Attribute und wenn wir sagen Alle Menschen sind sterblich so

meinen wir dass alle Wesen welche die eine Reihe von Attributen besitzen auch

die andere besitzen Wenn nach unserer Erfahrung die durch Mensch

mitbezeichneten Attribute immer von dem durch sterblich bezeichneten Attribute

begleitet sind so ist eine Folge hiervon dass die Klasse Mensch ganz in der

Klasse sterblich eingeschlossen ist und dass sterblich ein Name von allen

Dingen ist von denen Mensch ein Name ist aber warum Jene Gegenstände werden

unter dem Namen zusammengefasst weil sie die durch ihn mitbezeichneten

Attribute besitzen aber ihr Besitzen der Attribute ist die wirkliche Bedingung

von welcher die Wahrheit des Urteils abhängig ist, nicht ihr Benanntsein mit

dem Namen Konnotative Namen gehen den Attributen welche sie mitbezeichnen

nicht voraus sondern folgen auf sie Wenn ein Attribut immer in Verbindung mit

einem andern Attribut angetroffen wird, so werden die diesen Attributen

entsprechenden konkreten Namen natürlich von denselben Gegenständen prädiziert

werden können, und dürfen in Hobbes Sprache deren Angemessenheit ich in diesem

Fall gänzlich zustimme zwei Namen für dieselben Dinge genannt werden. Aber die

Möglichkeit einer konkurrierenden Anwendung der zwei Namen ist eine bloße Folge

der Verbindung zwischen den zwei Attributen und in den meisten Fällen wurde an

sie nicht gedacht als man die Namen erfand und ihre Bedeutung feststellte Von

dem Urteil Der Diamant ist verbrennlich ließ man sich sicher nichts träumen

als die Wörter Diamant und Verbrennlichkeit ihre Bedeutung erhielten auch hätte

es nicht durch die scharfsinnigste und feinste Analyse der Bedeutung dieser

Wörter entdeckt werden können. Es wurde durch ein ganz anderes Verfahren

gefunden nämlich indem man die Sinne brauchte und von ihnen lernte dass das

Attribut Verbrennlichkeit in allen Diamanten existierte mit denen man das

Experiment vorgenommen hatte die Anzahl Und der Charakter dieser Experimente

war aber der Art dass man schließen konnte dass was von diesen Individuen

wahr war auch von allen »mit dem Namen benannten« Substanzen von allen

Substanzen wahr sei welche die durch den Namen mitbezeichneten Attribute

besitzen Die Behauptung ist daher, wenn man sie analysiert dass wo wir gewisse

Attribute finden wir auch gewisse andere Attribute finden dies ist aber nicht

eine Frage bezüglich der Bedeutung von Namen sondern bezüglich von

Naturgesetzen als einer unter Naturerscheinungen existierenden Ordnung

    

     3 Obgleich Hobbes Theorie der Prädikation so wie er sie darlegte von

späteren Denkern nicht sehr günstig aufgenommen wurde so erhielt doch eine dem

Inhalt nach damit identische aber keineswegs gleich klar ausgedrückte Theorie

fast den Rang einer feststehenden Meinung Die fast allgemein angenommene

Verstellung von der Prädikation ist entschieden diejenige wonach dieselbe in

dem Beziehen von Etwas auf eine Klasse besteht dh indem man entweder ein

Individuum unter eine Klasse oder eine Klasse unter eine andere Klasse bringt

Nach dieser Ansicht behauptet das Urteil, der Mensch ist sterblich dass die

Klasse Mensch in der Klasse Sterblich eingeschlossen liegt »Plato ist ein

Philosoph« behauptet dass das Individuum Plato eines der Individuen istwelche

die Klasse Philosophen zusammensetzen Ist das Urteil ein negatives so wird es

ein Etwas von einer Klasse ausschließendes genannt Das Urteil, der Elephant

ist kein Fleischfresser behauptet nach dieser Theorie dass der Elephant von

der Klasse Fleischfresser ausgeschlossen ist oder dass er nicht unter die Dinge

gezählt wird welche diese Klasse ausmachen Mit Ausnahme der Sprache ist

zwischen dieser Theorie der Prädikation und der von Hobbes kein wirklicher

Unterschied denn eine Klasse ist absolut nichts anderesals eine durch den

Gemeinnamen bezeichnete unbestimmte Anzahl von Individuen Der ihnen verliehene

gemeinsame Name macht sie zur Klasse Etwas auf eine Klasse beziehen heißt

daher es als eines der Dinge betrachten welche bei diesem gemeinschaftlichen

Namen genannt werden sollen es von einer Klasse ausschließen heißt so viel

als dass der gemeinschaftliche Namen nicht auf es anwendbar ist

    Wie sehr diese Ansichten von der Prädikation die herrschenden waren geht

daraus hervor dass sie die Basis des berühmten dictum de omni et nullo sind

Wenn in den Abhandlungen von allen welche sich mit ihm befassten der

Syllogismus in die Folgerung aufgelöst wird dass was von einer Klasse wahr

ist von allen Dingen wahr istwelche zu dieser Klasse gehören und wenn dies

von fast allen Fachlogikern als das letzte Prinzip aufgestellt wird dem alles

Schließen seine Gültigkeit verdankt so ist es klar dass nach der allgemeinen

Meinung der Logiker die Urteile aus welchen sich das Schließen zusammensetzt

der Ausdruck von nichts anderem sein können als von dem Prozess des Einteilens

der Dinge in Classen und des Beziehens eines jeden Dinges auf seine besondere

Klasse

    Diese Theorie scheint mir ein merkwürdiges Beispiel eines in der Logik

häufig begangenen Fehlers des vom hysteron proteron zu sein wonach ein Ding

durch Etwas erklärt wird was es das Ding voraussetzt Wenn ich sage Schnee

ist weiß so kann und muss ich Schnee ab eine Klasse denken weil ich einen

Satz ab von allem Schnee wahr behaupte aber ich denke weiße Gegenstände sicher

nicht als eine Klasse ich denke überhaupt gar keinen weißen Gegenstand als

Schnee und die Empfindung von weiß, welche er mir gibt Wenn ich geurteilt

habe oder wenn ich dem Urteil Schnee und noch verschiedene andere Dinge sind

weiß meine Zustimmung gegeben habe so fange ich in der That allmälig an

weiße Gegenstände als eine Schnee und jene anderen Dinge einschließende

Klasse zu denken Dies ist aber eine Vorstellungwelche jenen Urteilen nicht

vorausging sondern folgte und sie kann daher nicht als eine Erklärung

derselben gegeben werden. Statt die Wirkung durch die Ursache zu erklären

erklärt diese Lehre die Ursache durch die Wirkung, und ist wie ich glaube auf

eine latente falsche Vorstellung von der Natur der Klassifikation gegründet

    In diesen Diskussionen herrscht sehr allgemein eine Sprechweise die

vorauszusetzen scheint dass die Klassifikation in einer Anordnung und

Gruppierung bestimmter und bekannter Individuen besteht dass die Menschen bei

der Namensverleihung alle einzelnen Gegenstände in Betracht zogen Haufen oder

Listen darauf bildeten und den Gegenständen einer jeden Liste einen gemeinsamen

Namen gaben und diese Operation toties quoties wiederholten bis sie alle

Gemeinnamen aus denen die Sprache besteht erfunden hatten Entsteht nun

nachdem dies einmal geschahen ist die Frage ob ein gewisser Gemeinname in

Wahrheit von einem gewissen besonderen Gegenstand prädictirt werden kann, so

brauchen wir so zu sagen nur die Liste der Gegenstände, denen jener Name

verliehen wurde zu überlaufen und zu sehen ob sich der fragliche Gegenstand

darauf befindet Die Erfinder der Sprache haben wie man vorauszusetzen scheint

alle Gegenstände vorausbestimmt welche eine jede Klasse zusammensetzen sollen

und wir haben nur auf das Protokoll einer vorausgegangenen Entscheidung zu

verweisen

    Eine so absurde Lehre in dieser Weise nackt vorgetragen wird Niemand zu

der seinigen machen wenn aber die allgemein üblichen Erklärungen der

Klassifikation und Benennung diese Theorien nicht einschließen so bleibt zu

zeigen mit welcher anderen Theorie sie in Einklang zu bringen sind

    Gemeinnamen sind nicht auf bestimmte Gegenstände gemachte Kennzeichen

Classen werden nicht so gemacht dass man um eine gegebene Anzahl bestimmbarer

Individuen eine Linie zieht Die eine gewisse Klasse zusammensetzenden

Gegenstände fluktuieren beständig Wir können eine Klasse bilden ohne die

Individuen oder auch nur irgend eines der Individuen zu kennen aus denen Sie

bestehen wird wir können dies sogar unter der Voraussetzung tun dass die

Individuen gar nicht existieren Wenn wir unter der Bedeutung eines Gemeinnamens

die Dinge verstehen von denen er der Name ist so hat überhaupt kein Gemeinname

eine festgesetzte Bedeutung oder behält seine Bedeutung lange es sei denn

zufällig Ein Name einer unbestimmten Menge von Dingen zu sein und zwar aller

bekannten oder unbekannten vergangenen gegenwärtigen und zukünftigen Dinge

die bestimmte Attribute besitzen ist die einzige Weise wie ein Gemeinname eine

bestimmte Bedeutung besitzt Wenn wir beim Studium nicht der Bedeutung der

Wörter, sondern der Naturerscheinungen finden dass ein anderer vorher nicht

bekannter Gegenstand diese Attribute besitzt als die Chemiker zB fanden dass

der Diamant verbrennlich ist so schließen wir diesen neuen Gegenstand in die

Klasse ein er gehörte aber nicht von vorn herein zu der Klasse Wir rechnen den

Gegenstand zur Klasse weil das Urteil wahr ist nicht dass das Urteil wahr

wäre weil wir den Gegenstand zu der Klasse zählen

    Es wird sich später wenn wir vom Schließen handeln zeigen wie sehr die

Theorie jenes intellektuellen Prozesses durch den Einfluss dieser irrigen

Begriffe und der Gewohnheit alle Operationen des menschlichen Verstandes

welche die Wahrheit zum Gegenstand haben zu bloßen Prozessen des

Klassifizierens und Benennens zu machen verkehrt wurde Die in diese Netze

verstrickten Geister waren zum Unglück gerade diejenigenwelche den im Anfang

dieses Kapitels besprochenen Hauptirrtümern entgangen waren Seit der

Revolution die Aristoteles aus den Schulen vertrieb könnten die Logiker nahezu

eingeteilt werden in solche welche das Schließen wesentlich als eine Sache

der Ideen und solche die es wesentlich als eine Sache des Benennens

betrachten

    Obgleich indessen Hobbes Theorie der Prädikation zufolge der Bemerkung von

Leibnitz und dem eigenen Zugeständnis von Hobbes22 selbst Wahrheit und Irrtum

vollständig ohne Maßstab lässt und ganz willkürlich macht so darf man doch

nicht schließen dass sowohl Hobbes als auch die mit ihm in der Hauptsache

übereinstimmenden Denker den unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum in der

That als weniger real betrachtet oder ihm geringere Wichtigkeit beigelegt

hätten als andere dies zeigt aber nur wie geringe Herrschaft ihre Lehre über

ihren eigenen Geist übte Niemand hat sich im Grund jemals eingebildet dass in

der Wahrheit nichts anderes liege als Richtigkeit des Ausdrucks als ein

Gebrauchen der Sprache in Übereinstimmung mit einer früheren Übereinkunft

Wenn die Frage nicht mehr allgemein gehalten sondern auf einen besonderen Fall

beschränkt wurde so wurde jederzeit anerkannt dass zwischen wörtlichen und

realen Fragen ein Unterschied besteht dass manche falschen Urteile aus einer

Unkenntnis von der Bedeutung der Wörter fließen dass aber bei anderen die

Quelle des Irrtums in einem Missverstehen der Dinge liegt das Jemand der gar

nicht den Gebrauch der Sprache besitzt geistig Urteile die unwahr sein

können bilden kann dh dass er etwas für tatsächlich halten kann was es

wirklich nicht ist Man kann dies nicht mit stärkeren Worten einräumen als es

Hobbes selbst getan hat23 obgleich er einen solchen irrtümlichen Glauben

nicht Unwahrheit falsitas sondern nur Irrtum genannt haben will auch hat er

selbst an anderen Stellen Lehren aufgestellt in denen die wahre Theorie der

Prädikation stillschweigend eingeschlossen liegt Er sagt ganz deutlich dass

den Dingen Gemeinnamen ihrer Attribute wegen gegeben werden, und dass abstrakte

Namen die Namen dieser Attribute sind »Abstract ist das was bei einem

Gegenstande die Ursache des konkreten Namens bezeichnet Und diese Ursachen

von Namen sind dieselben wie die Ursachen unserer Vorstellungen, nämlich ein

Vermögen der Einwirkung Action oder Affektion des vorgestellten Dinges was

zwar einige die Art und Weise nennen wie etwas auf unsere Sinne wirkt was von

den meisten Menschen jedoch zufällige Eigenschaften Akzidenzien genannt wird«

24 Nachdem er soweit gegangen ist erscheint es sonderbar dass er nicht noch

einen Schritt weiter ging und sah dass das was er die Ursache des konkreten

Namen nennt in Wirklichkeit die Bedeutung desselben ist und dass wenn wir von

einem Gegenstande einen Namen aussagen der eines Attributs oder wie er es

nennt eines Accidenzes wegen gegeben wird unser Zweck nicht ist einen Namen

zu affirmieren sondern vermittelst des Namens das Attribut zu affirmieren

     4 Es sei das Prädikat, wie wir sagten ein mitbezeichnendes Wort und um

den einfachsten Fall zuerst zu nehmen sei das Subjekt ein Eigennamen »Der

Gipfel des Chimborazos ist weiß« Das Wort weiß mitbezeichnet ein Attribut

welches der durch die Worte »der Gipfel des Chimborazos« bezeichnete

individuelle Gegenstand besitzt dieses Attribut besteht in der physikalischen

Tatsache in menschlichen Wesen die Empfindung zu erregen welche wir eine

Empfindung von weiß nennen Man wird zugeben dass wir bei der Behauptung des

Satzes die Mittheilung dieser physikalischen Tatsache zu machen wünschen und

dass wir an die Namen nur als das Mittel für diese Mittheilung denken Die

Bedeutung des Urteils ist daher die dass das durch das Subjekt bezeichnete

einzelne Ding die durch das Prädikat mitbezeichneten Attribute besitzt

    Wenn wir annehmen das Subjekt sei ebenfalls ein mitbezeichnender Name so

ist die durch das Urteil ausgedrückte Meinung schon etwas verwickelter Wir

wollen zuerst annehmen das Urteil sei allgemein und bejahend »Alle Menschen

sind sterblich« In diesem wie in dem vorhergehenden Fall behauptet natürlich

das Urteil oder drückt den Glauben aus dass die durch das Subjekt Mensch

bezeichneten Gegenstände die durch du Prädikat sterblich mitbezeichneten

Attribute besitzen Das Charakteristische des Falls ist aber dass die

Gegenstände nicht länger mehr individuell bezeichnet sind Es wird nur durch

einige ihrer Attribute auf sie hingewiesen sie sind die Menschen genannte

Gegenstände dh sie besitzen die durch den Namen Mensch mitbezeichneten

Eigenschaften und alles was von ihnen bekannt ist sind vielleicht jene

Attribute da das Urteil ein allgemeines ist und die durch das Subjekt

bezeichneten Gegenstände in unbestimmter Anzahl vorhanden sind, so sind in der

That die meisten individuell gar nicht bekannt Die Behauptung ist daher nicht

wie vorher dass die vom Prädikat mitbezeichneten Attribute im Besitz eines

gegebenen Individuums oder einer als Johann Thomas etc bekannten Anzahl von

Individuen sind sondern dass ein jedes, gewisse andere Attribute besitzende

Individuum auch diese Attribute besitzt dass was die durch das Subjekt

mitbezeichneten Attribute besitzt auch die durch das Prädikat mitbezeichneten

besitzt dass die letztere Reihe von Attributen die erstere beständig begleitet

Was die Attribute Mensch hat hat das Attribut Sterblichkeit Sterblichkeit

begleitet die Attribute Mensch beständig25

    Wenn man sich erinnert dass ein jedes Attribut auf irgend eine Tatsache

oder Erscheinung entweder des äußeren Sinnes oder des Inneren Bewusstseins

gegründet ist und dass ein Attribut besitzen eine andere Redeweise ist für

die Ursache sein oder ein Teil von der Tatsache oder der Erscheinung sein

auf welche das Attribut gegründet ist so können wir einen Schritt weiter gehen

und die Analyse vervollständigen Der Satz, welcher behauptet dass ein Attribut

immer ein anderes Attribut begleitet behauptet hierdurch in Wirklichkeit nichts

anderesals dass eine Erscheinung immer eine andere Erscheinung begleitet so

dass wo wir die eine finden wir des Daseins der andern sicher sind In dem

Urteil Alle Menschen sind sterblich mitbezeichnet das Wort Mensch die

Attribute welche wir einer gewissen Art lebender Geschöpfe auf Grund gewisser

Erscheinungen die sie darbieten zuschreiben diese Erscheinungen sind teils

physikalischer Natur wie die Eindrücke auf unsere Sinne durch Gestalt und

Körperbau teils geistiger Art wie das empfindende und intellektuelle Leben

welches ihnen eigen ist Ein Jeder vor dem wir es aussprechen versteht alles

dieses unter dem Worte Mensch wenn ihm dessen Bedeutung bekannt ist Wenn wir

nun sagen die Menschen sind sterblich so meinen wir dass wo diese

verschiedenen physikalischen und geistigen Erscheinungen getroffen werden wir

sicher sind dass das Tod genannte andere physikalische und geistige Phänomen

unfehlbar eintreffen wird Das Urteil affirmiert nicht wann denn die

Mitbezeichnung des Wortes sterblich geht nicht über das Eintreffen des Phänomens

überhaupt hinaus und lässt die Zeit ganz unbestimmt

    

     5 Wir sind nun soweit vorgeschritten um nicht allein den Irrtum

Hobbes demonstrieren sondern auch um den wirklichen Inhalt der bei weitem

zahlreichsten Klasse von Urteilen bestimmen zu können In einem Urteil das

mehr behauptet als eine bloße Bedeutung von Wörtern ist der Gegenstand des

Glaubens gewöhnlich wie in den untersuchten Fällen entweder das Zugleichsein

Koexistenz oder das Aufeinanderfolgen Sequenz Sukzession zweier Phänomene

Schon beim Beginn unserer Untersuchung fanden wir dass jeder Glaubensakt zwei

Dinge einschließt wir haben nun bestimmt was in dem häufigsten Fall diese

beiden Dinge sind nämlich zwei Erscheinungen mit anderen Worten, zwei Zustände

des Bewusstseins und was das Urteil als zwischen ihnen bestehend bejaht oder

verneint nämlich Koexistenz oder Sukzession Dieser Fall schließt unzählige

Fälle ein welche Niemand ohne vorher darüber nachgedacht zu haben auf ihn

zurückführen würde Nehmen wir folgendes Beispiel Ein großmütiger Mensch ist

der Ehre würdig Wer sollte hier einen Fall von Zugleichsein zweier Phänomene

suchen Aber dennoch ist es so Das Attribut welches die Ursache ist dass ein

Mensch großmütig genannt wird wird ihm auf Grund von Zuständen seines Geistes

und von Einzelheiten seines Benehmens zugeschrieben beides sind Phänomene das

erstere Tatsachen des inneren Bewusstseins das letztere soweit es vom

ersteren unterschieden ist sind physikalische Tatsachen oder Wahrnehmungen der

Sinne. Der Ehre würdig lässt eine ähnliche Analyse zu Ehre wie hier gebraucht

bedeutet ein Zustand von beistimmender und bewundernder Emotion dem

gelegentlich entsprechende äußere Handlungen folgen »Der Ehre würdig«

mitbezeichnet alles dieses und zugleich unsere Beistimmung zu dem Akt des

Ehrebezeigens Alles dieses sind Erscheinungen Zustände des inneren

Bewusstseins begleitet oder gefolgt von physikalischen Tatsachen Wenn wir

sagen ein großmütiger Mensch ist der Ehre würdig so bejahen wir das

Zugleichsein zweier zusammengesetzten beziehungsweise durch die zwei Wörter

mitbezeichneten Erscheinungen Wir affirmieren dass wenn die in dem Worte

Großmut eingeschlossenen innerlichen Gefühle und äußerlichen Tatsachen

stattfinden der Existenz und Kundgebung eines Inneren Gefühls Ehre in unserm

Geist ein anderes innerliches Gefühl folgt nämlich Beifall

    Nach der in einem früheren Kapitel enthaltenen Analyse des Inhalts der Namen

bedarf es nicht vieler Beispiele um den Inhalt der Urteile zu erläutern Wenn

ein Dunkel oder eine Schwierigkeit vorhanden ist, so liegt sie nur in der

Bedeutung der Namen welche das Urteil zusammensetzen in der sehr komplizierten

Mitbezeichnung vieler Wörter in der großen Menge oder langen Reihe von

Tatsachen, welche das durch den Namen mitbezeichnete Phänomen zusammensetzen

Wo aber die Natur des Phänomens erkannt wird da sieht man gewöhnlich ohne

Schwierigkeit dass die in dem Urteil ausgesprochene Behauptung das

Zugleichsein einer solchen Erscheinung mit einer andern oder die Nachfolge

einer solchen Erscheinung auf eine andere kurz dass ihre Verbindung so ist

dass wo wir die eine finden wir darauf rechnen können auch die andere zu

finden

    Wenn dies aber auch die gewöhnlichste Bedeutung der Urteile ist so ist es

doch nicht die einzige Erstens werden Koexistenz und Sukzession nicht allein

bezüglich von Erscheinungen behauptet wir bilden auch Urteile bezüglich jener

verborgenen Ursachen der Erscheinungen, welche Substanzen und Attribute genannt

werten Da aber eine Substanz für uns nichts ist als das was entweder diese

Erscheinungen verursacht oder das was sich ihrer bewusst ist, und da dasselbe

mutatis mutandis von Attributen wahr ist so kann keine Behauptung wenigstens

nicht wenn sie eine Bedeutung haben soll im Betreff dieser unbekannten und

unerkennbaren Wesen gemacht werden als Kraft der Erscheinungen, durch welche

sie sich unserer Wahrnehmung kundgeben Wenn wir sagen Socrates war

gleichzeitig mit dem Peloponnesischen Krieg so ist die Grundlage dieser

Behauptung wie aller Behauptungen bezüglich von Substanzen eine Behauptung

bezüglich der Erscheinungenwelche sie darbieten  nämlich dass die Reihe von

Tatsachen, durch welche sich Socrates den Menschen kundgab und die Reihe von

Geisteszuständen welche seine empfindende Existenz ausmachten gleichzeitig mit

einer Reihe von Tatsachen stattfand die unter dem Namen Peloponnesischer Krieg

bekannt sind Das Urteil behauptet dies dennoch nicht allein es behauptet

dass das Ding an sich das Noumenon Socrates während derselben Zeit existierte

und diese verschiedenen Tatsachen vollführte oder erfuhr Zugleichsein und

Aufeinanderfolgen können daher nicht allein als zwischen Erscheinungen sondern

auch als zwischen Noumena oder zwischen einem Noumenon und einer Erscheinung

stattfindend bejaht oder verneint werden Und von beiden von Noumena und

Erscheinungen können wir einfache Existenz behaupten Aber was ist ein Noumenon

Eine unbekannte Ursache Wenn wir daher die bloße Existenz eines Noumenon

affirmieren so affirmieren wir Verursachung Hier sind daher zwei weitere Arten

von Tatsachenwelche in einem Urteil behauptet werden können. Außer den

Urteilen welche Koexistenz und Sukzession behaupten gibt es also andere die

einfache Existenz behaupten noch andere behaupten Verursachung und da dieser

letztere Gegenstand der Erklärungen des dritten Buches sind so sind sie

einstweilen als eine unterschiedene und besondere Klasse von Behauptungen zu

betrachten

    

     6 Diesen vier Arten von Tatsachen oder Behauptungen muss eine fünfte

hinzugefügt werden nämlich Ähnlichkeit Es war dies eine Art Attribut das wir

zu analysieren nicht für möglich fanden für welches kein von den Gegenständen

selbst unterschiedenes fundamentum angegeben werden konnte Es gibt also außer

den vorhergehenden noch Urteile welche eine Ähnlichkeit zwischen

Erscheinungen behaupten wie diese Farbe ist jener Farbe ähnlich  die Hitze

von heute ist der Hitze von gestern gleich Eine solche Behauptung könnte

freilich mit einigem Wahrheitsschein unter die Behauptungen der Sukzession

gerechnet werden wenn man sie als eine Behauptung betrachten würde dass der

gleichzeitigen Betrachtung zweier Farben ein besonderes Gefühl von Ähnlichkeit

genanntes Gefühl folgt Wir gewinnen indessen nichts besonders hier nicht

durch eine Generalisation die als eine gezwungene betrachtet werden kannDie

Logik unternimmt es nicht geistige Tatsachen in ihre letzten Elemente

aufzulösen Ähnlichkeit zwischen Erscheinungen ist an sich verständlicher als

irgend eine Erklärung machen könnte und muss unter einer jeden Klassifikation

spezifisch verschieden von den gewöhnlichen Fällen von Sequenz und Koexistenz

bleiben

    Man sagt zuweilen dass alle Urteile deren Prädikat ein Gemeinname ist

tatsächlich eine Ähnlichkeit affirmieren oder negieren Alle derartigen Urteile

bejahen dass ein Ding einer Klasse angehört da aber die Dinge nach ihrer

Ähnlichkeit klassifiziert werden so wird natürlich ein jedes mit denjenigen

Dingen klassifiziert denen es am meisten zu gleichen scheint man kann daher

sagen dass wenn wir affirmieren Gold ist ein Metall oder Sokrates ist ein

Mensch so ist die beabsichtigte Affirmation dass Gold anderen Metallen und

dass Sokrates anderen Menschen mehr gleicht als den Gegenständenwelche in

irgend einer andern der diesen koordinierten Classen enthaltenen sind

    Diese Bemerkung stützt sich nur auf leichte Gründe Die Anordnung der Dinge

zu Classen wie die Klasse Metall oder die Klasse Mensch gründet sich in der

That auf eine Ähnlichkeit zwischen den Dingenwelche in dieselbe Klasse

eingeteilt werden aber nicht auf eine bloße allgemeine Ähnlichkeit sondern

auf eine Ähnlichkeit welche in gewissen gemeinsamen Eigentümlichkeiten aller

jener Dinge besteht und diese Eigentümlichkeiten sind es welche die Wörter

mitbezeichnen und welche das Urteil folglich behauptet nicht aber die

Ähnlichkeit denn obgleich ich bei der Aussage Gold ist ein Metall implicite

sage dass wenn es andere Metalle gibt sie ihm gleichen müssen so könnte ich

doch wenn es gar keine andere Metalle gäbe dasselbe Urteil wie jetzt

behaupten nämlich dass Gold die verschiedenen Eigenschaften hat welche das

Wort Metall einschließt ebenso könnte man sagen die Christen sind Menschen

wenn es auch gar keine Menschen gäbe die nicht Christen sind Urteile in

denen Gegenstände auf eine Klasse bezogen werden, weil sie die die Klasse

konstituierenden Attribute besitzen sind daher so weit entfernt nichts als

Ähnlichkeit zu behaupten dass sie strenggenommen gar keine Ähnlichkeit

behaupten

    Wir haben aber früher die Bemerkung gemacht und die Gründe dafür werden in

einem späteren Buch auseinandergesetzt werden26 dass es zuweilen bequem ist

die Grenzen einer Klasse so auszudehnen dass Dinge darin eingeschlossen werden

welche einige der charakteristischen Eigenschaften der Klasse nur in einem

geringen Grade wenn überhaupt besitzen  vorausgesetzt dass sie dieser

Klasse mehr als irgend einer andern ähnlich sind so dass die allgemeinen

Urteile welche von der Klasse wahr sind, von jenen Dingen näher wahr sind, als

irgend andere gleich allgemeine Urteile Es gibt zB Metalle genannte

Substanzen welche wenige von den bei den Metallen erkannten Eigenschaften

besitzen und fast eine jede große Pflanzen oder Tierfamilie hat an ihren

Grenzen einige abnorme Genera oder Species die aus einer Art Gnade zu ihr

gezählt werden und in Betreff derer es als zweifelhaft angesehen wurde zu

welcher Familie sie eigentlich gehören Wenn nun von einem derartigen Gegenstand

der Klassenname ausgesagt wird so affirmieren wir damit Ähnlichkeit und nichts

weiter um skrupulös genau zu sein müssten wir sagen dass wir in einem jeden

Falle wo wir einen Gemeinnamen aussagen affirmieren dass der Gegenstand die

durch den Namen bezeichneten Eigenschaften nicht absolut besitzt sondern dass

er sie entweder besitzt oder nicht und dass er jedenfalls den Dingen, die sie

besitzen ähnlicher ist als anderen Dingen In den meisten Fällen ist es

indessen unnötig eine solche Alternative vorauszusetzen da der letztere von

den zwei Gründen sehr selten derjenige ist auf welchen hin die Behauptung

ausgesprochen wird wenn dies aber der Fall ist, so findet gewöhnlich ein

leichter Unterschied in der Form des Ausdrucks statt wie diese Species oder

dieses Genus wird angesehen als gehörte sie zu dieser oder jener Familie oder

sie kann eingereiht werden in etc wir werden kaum sagen dass sie positiv zu

ihr gehört wenn sie nicht ganz unzweideutig die Eigenschaften besitzt wovon

der Klassenname der wissenschaftliche Ausdruck ist

    Es gibt noch einen andern Ausnahmefall in dem wir obgleich das Prädikat

ein Klassenname ist beim Aussagen desselben nichts als Ähnlichkeit affirmieren

indem die Klasse nicht auf Ähnlichkeit in irgend einer Einzelheit sondern auf

eine gewisse allgemeine nicht analysierbare Ähnlichkeit gegründet ist Es sind

dies namentlich diejenigen Classen in welche unsere einfachen Sensationen oder

andere einfachere Gefühle eingeteilt werden Dia Sensationen von weiß werden

zB zusammen klassifiziert nicht weil wir sie auseinandernehmen und sagen

können in diesem sind sie ähnlich in jenem sind sie unähnlich sondern weil

wir fühlen dass sie im Ganzen ähnlich sind wenn auch in verschiedenen Graden

Wenn ich daher sage die Farbe welche ich gestern sah war eine weiße Farbe

oder die Empfindung welche ich habe ist eine Empfindung von Enge so ist in

beiden Fällen das von der Farbe oder der anderen Empfindung affirmierte Attribut

bloße Ähnlichkeit  einfache Ähnlichkeit mit Empfindungen welche ich vorher

gehabt und welchen man jene Namen gegeben hatte Die Namen von Gefühlen sind wie

andere konkrete Gemeinnamen mitbezeichnend aber sie mitbezeichnen eine bloße

Ähnlichkeit Wenn sie von einem einzelnen Gefühl ausgesagt werden so drücken

sie seine Ähnlichkeit mit anderen Gefühlen aus die wir gewohnt sind mit

demselben Namen zu benennen Dies mag hinreichen um die Art von Urteilen zu

erläutern in welchen die behauptete oder verneinte Tatsache einfache

Ähnlichkeit ist

    Dasein Zugleichsein Folge Verursachung Ähnlichkeit  Existenz

Koexistenz Sequenz Kausalität Similarität   das eine oder das andere wird

ohne Ausnahme in einem jeden Urteil behauptet oder verneint diese fünffache

Einteilung ist eine erschöpfende Klassifikation der Tatsachen aller Dinge,

welche geglaubt oder dem Glauben dargeboten werden können, aller Fragen welche

gestellt und aller Antworten die darauf gegeben werden können. Anstatt

Koexistenz und Sequenz werden wir der besseren Sonderung wegen zuweilen Ordnung

im Raum und Ordnung in der Zeit sagen indem Ordnung im Raum der spezifische

Modus von Koexistenz ist den wir hier nicht weiter zu analysieren brauchen

während die bloße Tatsache der Koexistenz oder Gleichzeitigkeit mit der

Sequenz unter die Rubrik Ordnung in der Zeit gebracht werden kann.

    

     7 Bei der vorhergehenden Untersuchung des Inhalts der Urteile fanden

wir für nötig jene allein direkt zu analysieren in denen die das Urteil

zusammensetzenden Wörter oder wenigstens das Prädikat) konkrete Wörter sind

Wir haben aber hierbei indirekt diejenigen analysiert in denen die Wörter

abstrakt sind Der Unterschied zwischen einem abstrakten und dem entsprechenden

konkreten Wort beruht nicht auf einem Unterschied in dem was sie bedeuten

sollen denn die wirkliche Bedeutung eines konkreten Gemeinnamens ist wie oft

bemerkt seine Mitbezeichnung und das was das konkrete Wort mitbezeichnet

bildet die ganze Bedeutung des abstrakten Namens Da in dem Inhalt eines

abstrakten Namens nichts liegt was nicht auch in dem Inhalt des entsprechenden

konkreten liegt so ist es natürlich anzunehmen dass auch in dem Inhalt eines

Urteils dessen Wörter abstrakt sind nichts liegen könne als was auch in

irgend einem Urteil liegt das aus konkreten Wörtern zusammengesetzt werden

kann.

    Eine genauere Untersuchung wird dies bestätigen Ein abstrakter Name ist der

Name eines Attributs oder einer Kombination von Attributen Der entsprechende

konkrete Name ist ein Name der den Dingen gegeben wird weil sie diese

Attribute oder Kombination von Attributen besitzen und der ausdrücken soll

dass sie dieselben besitzen Wenn wir daher einen konkreten Namen von Etwas

aussagen so sagen wir in Wirklichkeit ein Attribut von demselben aus Es wurde

aber eben gezeigt dass in allen Urteilen in denen das Prädikat ein konkreter

Name ist von fünf Dingen eines ausgesagt wird Existenz Koexistenz

Verursachung Folge Ähnlichkeit Ein Attribut ist daher notwendig entweder

eine Existenz eine Koexistenz eine Verursachung eine Folge oder eine

Ähnlichkeit Wenn ein Urteil aus einem Subjekt und einem Prädikat besteht

welche abstrakte Wörter sind so besteht es aus Wörtern die notwendig eines

oder das andere von diesen Dingen bedeuten müssen Wenn wir einen abstrakten

Namen von Etwas aussagen so affirmieren wir von dem Dinge dass es ein Fall von

Existenz oder von Koexistenz oder von Kausalität oder von Sukzession oder

von Ähnlichkeit ist

    Es ist nicht möglich ein durch abstrakte Wörter ausgedrücktes Urteil zu

finden das nicht in ein genau gleichbedeutendes Urteil mit konkreten Namen

verwandelt werden könnte so dass letztere entweder die konkreten Namen sind

welche die Attribute selbst mitbezeichnen oder die Namen der fundamenta dieser

Attribute der Tatsachen oder Erscheinungen auf welche sie gegründet sind Um

den letzteren Fall zu erläutern wollen wir ein Urteil wählen wovon nur das

Subjekt ein abstrakter Name ist  »Gedankenlosigkeit ist gefährlich«

Gedankenlosigkeit ist ein auf die Tatsachen gegründetes Attribut welche wir

gedankenlose Handlungen nennen und das Urteil ist folgendem Urteil

äquivalent Gedankenlose Handlungen sind gefährlich Im folgenden sind sowohl

Subjekt als Prädikat abstrakte Namen »Weiße ist eine Farbe« oder »die Farbe

des Schnees ist eine weiße« Da diese Attribute auf Empfindungen gegründet

sind so würden die entsprechenden äquivalenten Urteile im Konkreten sein 

die beim Erblicken von Schnee verursachte Gesichtsempfindung ist eine von den

Empfindungen von weiß, genannten Empfindungen Wie wir vorher sahen ist die in

diesem Urteil behauptete Tatsache eine Ähnlichkeit In dem folgenden

Beispiele entsprechen die konkreten Wörter den abstrakten Samen ganz direkt

indem sie das Attribut mitbezeichnen welches diese bezeichnen »Klugheit ist

eine Tugend« dies kann so wiedergegeben werden »Alle tugendhaften Personen

sind soweit als sie klug sind tugendhaft« »Muth verdient Ehre« heißt »Alle

mutigen Personen verdienen Ehre soweit sie mutig sind« was gleichbedeutend

ist mit »Alle mutigen Personen verdienen eine Vermehrung der Ehre oder eine

Verminderung der Ungunst welche ihnen anderer Gründe wegen zu Teil wird«

    Um noch mehr Licht auf den Inhalt der Urteile zu werfen deren Wörter

abstrakte sind wollen wir eines der obigen Beispiele einer genaueren Analyse

unterwerfen  »Klugheit ist eine Tugend« Substituieren wir dem Worte Tugend

einen gleichbedeutenden aber bestimmteren Ausdruck wie »eine der Gesellschaft

heilsame geistige Eigenschaft« oder »eine Gott gefällige geistige

Eigenschaft« oder welche Definition der Tugend wir sonst gebrauchen wollen Wir

haben hier eine Sukzession aber zwischen was Wir verstehen das Nachfolgende in

der Sequenz aber das Vorausgehende haben wir noch zu analysieren Klugheit ist

ein Attribut und in Verbindung damit sind noch zwei Dinge in Betracht zu

ziehen kluge Personen reiche die Subjekte des Attributs sind und kluges

Benehmen welches man das Fundamentum desselben nennen kann Ist nun eines von

diesen das Vorausgehende Antezedens Und hauptsächlich ist damit gemeint

dass das Gefallen Gottes oder das Heil der Gesellschaft alle klugen Personen

begleitet Nein sondern nur soweit als sie klug sind denn kluge Personen

welche Schurken sind können im Ganzen der Gesellschaft nicht zum Heil werden

noch können sie einem guten Wesen angenehm sein Es folgt also das Gefallen

Gottes oder das Heil der Menschen dem klugen Benehmen Auch dies liegt nicht in

der Behauptung Klugheit ist eine Tugend sondern es gilt hier ein ähnlicher

Vorbehalt wie vorher nämlich dass ein kluges Benehmen obgleich der

Gesellschaft heilsam soweit als es klug ist durch den Einfluss anderer

Eigenschaften einen den Nutzen überwiegenden Schaden anrichten und mehr Tadel

als der Klugheit sonst schuldiges Lob verdienen kann Es ist daher weder die

Substanz dh die Person noch die Erscheinung das Benehmen ein Antezedens

auf welches das andere Wort der Sequenz allgemein folgt Was ist es nun aber

wovon das Urteil behauptet dass die fraglichen Wirkungen im allgemeinen darauf

folgen Das in der Person und in dem Benehmen welches die Ursache ist dass sie

klug genannt werden, und was auch noch darin ist wenn die Handlung, obgleich

klug verderblich ist nämlich eine richtige Voraussicht von Folgen eine

richtige Schätzung ihrer Wichtigkeit für den beabsichtigten Gegenstand und die

Unterdrückung eines jeden unüberlegten Dranges der mit dem wohlerwogenen Zweck

nicht im Einklang steht Diese Geisteszustände bilden das in dem Urteil

behauptete wirkliche Antezedens in der Sequenz die wirkliche Ursache in der

Verursachung aber sie bilden auch die wirkliche Grundlage des Attributs

Klugheit Denn wo diese Geisteszustände vorhanden sind, da können wir Klugheit

prädizieren bevor wir wissen ob irgend ein Benehmen darauf gefolgt ist Auf

diese Weise kann eine jede Behauptung bezüglich eines Attributs in eine genau

gleichbedeutende Behauptung bezüglich der den Grund des Attributs bildenden

Tatsache oder Erscheinung verwandelt werden und es kann kein Fall angegeben

werden wo das von der Tatsache oder Erscheinung Ausgesagte nicht der einen

oder der andern der oben angegebenen fünf Dinge angehörte und wonach es

entweder einfache Existenz oder Koexistenz oder Sequenz Kausalität oder

Similarität ist

    Da dies die einzigen fünf Dinge sind welche affirmiert werden können, so

sind sie auch die einzigen Dingewelche verneint werden können. »Keine Pferde

besitzen Füße mit Schwimmhäuten« verneint dass die Attribute eines Pferdes

jemals mit Füssen mit Schwimmhäuten koexistieren Es ist kaum nötig dieselbe

Analyse auf besondere Behauptungen und Verneinungen anzuwenden »Einige Vögel

haben Füße mit Schwimmhäuten« affirmiert dass mit den durch Vogel

mitbezeichneten Attributen die Erscheinung Füße mit Schwimmhäuten zuweilen

koexistiert » Einige Vögel haben keine Füße mit Schwimmhäuten« behauptet dass

es andere Fälle gibt in welchen dieses Zugleichsein nicht stattfindet Eine

jede weitere Erklärung eines Dinges ist wenn man der vorhergehenden

Auseinandersetzung zustimmt so einleuchtend dass sie hier übergangen werden

kann.

 
 






     1 Als eine Vorbereitung für den eigentlichen Gegenstand der Untersuchung

der Logik, für die Untersuchung der Frage nämlich auf welche Weise können

Urteile bewiesen werden, fanden wir es nötig zu untersuchen was in den

Urteilen enthalten ist, das des Beweises fähig oder seiner bedürftig wäre

oder was dasselbe ist, was sie behaupten Im Verlauf dieser vorläufigen

Untersuchung des Inhalts der Urteile prüften wir die Ansicht der

Konzeptionalisten dass ein Urteil der Ausdruck einer Beziehung zwischen zwei

Ideen sei und die Lehre der Nominalisten dass es der Ausdruck der

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung der Bedeutung zweier Namen sei Wir

kamen zu dem Resultat dass als allgemeine Theorien beide irrig sind und dass

obgleich sowohl in Beziehung auf Namen als auch auf Ideen Urteile gebildet

werden können, weder die einen noch die anderen den ganzen Gegenstand der

Urteile im Allgemeinen ausmachen Wir prüften die verschiedenen Arten von

Urteilen und fanden dass mit Ausnahme der bloß wörtlichen Urteile sie fünf

verschiedene Arten von Tatsachen behaupten nämlich Existenz Ordnung im Raum

Ordnung in der Zeit Verursachung und Ähnlichkeit dass in jedem Urteil von

diesen fünf Dingen eines von irgend einer Tatsache oder Erscheinung oder von

irgend einem Gegenstandder die unbekannte Quelle dieser Tatsache oder

Erscheinung ist behauptet oder verneint wird

    Indem wir die in den Urteilen behaupteten verschiedenen Tatsachen

unterschieden behielten wir uns eine Klasse von Urteilen vor welche sich im

eigentlichen Sinne des Wortes gar nicht auf Tatsachen sondern auf die

Bedeutung der Namen beziehen Da Namen und ihre Bedeutung ganz willkürlich sind

so sind derartige Urteile strenggenommen der Wahrheit oder des Irrtums gar

nicht fähig sondern sie sind nur übereinstimmend oder nichtübereinstimmend mit

dem Sprachgebrauch oder der Übereinkunft aller Beweis dessen sie fähig sind

bezieht sich auf den Sprachgebrauch es ist ein Beweis dass die Worte von

Anderen in derselben Bedeutung gebraucht worden sind, in welcher sie der

Sprechende zu gebrauchen gedenkt Diese Urteile nehmen indessen in der

Philosophie eine hervorragende Stelle ein und ihre Natur ist in der Logik von

ebenso großer Wichtigkeit als die der vorher angeführten anderen Classen von

Urteilen

    Wenn alle Urteile beziehlich der Bedeutung der Wörter so einfach und

unwichtig wären wie diejenigenwelche uns bei der Prüfung von Hobbes Theorie

der Prädikation als Beispiel dienten  diejenigen wovon Subjekt und Prädikat

Eigennamen sind und welche nur behaupten dass diese Namen demselben Individuum

der Übereinkunft nach verliehen worden sind oder nicht  so würden derartige

Urteile die Aufmerksamkeit der Philosophen wenig erregen Aber die Klasse der

bloß wörtlichen Urteile umfasst in der That nicht allein viel mehr als diese

sondern auch viel mehr als irgend welche Urteile die beim ersten Anblick als

wörtliche erscheinen sie umfasst eine Art von Behauptungen welche man nicht

bloß als auf Dinge Bezug habend sondern als mit den Dingen wirklich in einer

näheren Beziehung stehend als irgend andere Urteile betrachtet hat Man wird

bemerken dass ich auf jene Unterscheidung anspiele auf welche die Scholastiker

so großes Gewicht legten und welche bis auf den heutigen Tag von den meisten

Metaphysikern entweder unter demselben oder unter anderen Namen beibehalten

wurde die Unterscheidung nämlich zwischen dem was sie wesentliche essentielle

und was sie zufällige akzidentelle Urteile nannten sowie zwischen

wesentlichen und zufälligen Eigenschaften oder Attributen

    

     2 Fast alle Metaphysiker vor Locke und viele nach ihm taten sehr

geheimnisvoll in Beziehung auf Wesentliche Prädikation und auf Prädikate von

denen man sagte sie gehörten zum Wesen essentia des Subjekts Das Wesen der

Dinge, so sagten sie ist dasjenige ohne welches das Ding weder sein noch als

seiend gedacht begriffen werden kann. So ist die Vernunft das Wesen des

Menschen weil der Mensch nicht als ohne Vernunft existierend gedacht werden

könnte Die verschiedenen Attribute welche das Wesen der Dinge ausmachen

wurden wesentliche Eigenschaften genannt ein Urteil in welchem eine derselben

ausgesagt wird hieß ein wesentliches Urteil und man betrachtete es als

tiefer in die Natur der Dinge eingehend und in Betreff derselben mehr Auskunft

erteilend als irgend ein anderes Urteil Alle Eigenschaftenwelche nicht zu

dem Wesen der Dinge gehören wurden seine zufälligen Eigenschaften Akzidenzien

genannt Man nahm an sie hätten gar nichts oder verhältnismäßig wenig mit

der innersten Natur desselben zu tun und die Urteile in denen eine derselben

prädiziert wurde nannte man zufällige Urteile Es lässt sich ein Zusammenhang

nachweisen zwischen dieser bei den Scholastikern entstandenen Unterscheidung

und den wohlbekannten Lehren von substantiae secundae oder allgemeinen

Substanzen und substantiellen Formen Lehren die unter verschiedenen

Ausdrucksweisen in der Aristotelischen Schule und in der Schule von Platon

herrschten und von deren Geist die moderne Zeit mehr geerbt hat als man aus

dem Verschwinden der Redeweise vermuten sollte Die bei den Scholastikern

herrschende falsche Ansicht über die Natur der Klassifikation und

Generalisation von welcher diese Lehren der technische Ausdruck waren bietet

die einzige Erklärung ihres Missverstehens der wirklichen Natur jener Essenzen

dar die in ihrer Philosophie eine so hervorragende Stelle einnahmen Sie sagen

ganz wahr der Mensch kann nicht ohne Vernunft gedacht werden Aber obgleich der

Mensch nicht so gedacht werden kann, so könnte man doch ein Geschöpf denken das

ihm in allen Punkten ähnlich ist mit Ausnahme dieser einen Eigenschaft und

derjenigen anderen die eine Bedingung oder Folge derselben sind In der

Behauptung der Mensch könne nicht ohne Vernunft gedacht werden ist daher in

Wirklichkeit nur wahr dass wenn er keine Vernunft besäße so würde man ihn

nicht für einen Menschen halten Es ist an sich keine Unmöglichkeit vorhanden

das Ding zu denken noch soviel wir wissen dafür dass es existiere die

Unmöglichkeit liegt in dem Sprachgebrauch welcher nicht erlaubt das Ding wenn

es existierte bei einem Namen zu nennen der vernünftigen Wesen vorbehalten ist

In kurzen Worten Vernunft ist in der Bedeutung des Wortes Mensch

eingeschlossen es ist eines der durch den Namen mitbezeichneten Attribute Das

Wesen des Menschen heißt einfach das Ganze der durch das Wort mitbezeichneten

Attribute und ein jedes dieser Attribute ist einzeln genommen eine wesentliche

Eigenschaft des Menschen

    Die Lehren welche das Verständnis der wirklichen Bedeutung der Essenzen

verhinderten hatten zur Zeit des Aristoteles und seiner unmittelbaren

Nachfolger noch nicht die ausgeprägte Gestalt angenommen welche ihnen später

von den Realisten des Mittelalters gegeben wurde und wir finden deshalb in den

Schriften der älteren Peripatetiker eine rationellere Ansicht von dem

Gegenstand als bei ihren modernen Nachfolgern In seiner Isagoge kommt

Porphyrius der wahren Vorstellung von dem Wesen so nahe dass ihm nur noch ein

Schritt zu tun übrig blieb aber dieser Schritt so leicht dem Anschein nach

war den Nominalisten der neueren Zeit zu tun vorbehalten Durch das Ändern

einer nicht zum Wesen des Dinges gehörigen Eigenschaft macht man nach Porphyrius

nur einen Unterschied in ihm man macht es alloion aber beim Ändern einer zu

dem Wesen gehörigen Eigenschaft macht man es zu einem andern Ding macht man es

allo27 Einem Neuern ist es einleuchtend dass zwischen der Änderung welche

das Ding verschieden und der Änderung welche es zu einem andern Ding macht

der einzige Unterschied darin liegt dass es in dem einen Fall obgleich

verändert noch mit demselben Namen genannt wird Zerstößt man Eis in einem

Mörser und wird es noch Eis genannt so wird es bloß alloion gemacht schmilzt

man es so wird es allo ein anderes Ding nämlich Wasser Nun ist es aber

wirklich in beiden Fällen dasselbe Ding, dh es sind dieselben materiellen

Teilchen und man kann kein Ding in der Art ändern dass es aufhört in diesem

Sinne dasselbe Ding zu sein Die Identität deren es beraubt werden kann, ist

eine bloße Identität des Namens wenn das Ding nicht mehr Eis genannt wird so

ist es ein anderes Ding geworden das Wesen, welches es zum Eis machte ist

verschwunden während so lange es Eis genannt wird nichts verschwunden ist als

vielleicht einige seiner zufälligen Eigenschaften Aber diese uns so geläufigen

Erwägungen waren für diejenigen schwierig welche wie die meisten Anhänger des

Aristoteles glaubten dass die Gegenstände zu dem gemacht würden was sie

heißen dass zB Eis zu Eis gemacht wurde nicht durch das Besitzen gewisser

Eigenschaften denen die Menschen diesen Namen gaben sondern durch die

Teilhaftigkeit an der Natur einer gewissen allgemeinen Substanz Eis im

Allgemeinen genannt welche Substanz mit allen dazu gehörigen Eigenschaften

jedem einzelnen Stück Eis inhäriert Da sie diese allgemeinen Substanzen nicht

als allen sondern nur als einigen Gemeinnamen anhängig betrachteten so

glaubten sie dass ein Gegenstand nur einen Teil seiner Eigenschaften von der

allgemeinen Substanz nähme und dass der Rest ihr individuell angehöre den

ersteren nannten sie sein Wesen Essenz letzteren sein Accidens Die

scholastische Lehre von den Essenzen überlebte die Theorie, auf welcher sie

ruhte die der Existenz realer den Gemeinnamen entsprechender Entitäten auf

lange hinaus und es war gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts Locke

vorbehalten die Philosophen zu überzeugen dass die angenommenen Essenzen der

Classen bloß in der Bedeutung ihrer Namen besteht Unter den hohen Diensten

welche seine Schriften der Philosophie leisteten war keiner nötiger und keiner

schätzenswerther28

    Da nun der familiärste der Eigennamen durch den ein Gegenstand bezeichnet

wird nicht bloß eines sondern mehrere Attribute des Gegenstandes

mitbezeichnet wovon ein jedes, das Band der Vereinigung irgend einer Klasse und

die Bedeutung irgend eines Gemeinnamens bildet so können wir von einem Namen

welcher eine Menge von Attributen mitbezeichnet einen andern Namen aussagen

der nur eines von diesen Attributen oder eine geringere Anzahl derselben

mitbezeichnet In solchen Fällen wird das allgemeine bejahende Urteil wahr

sein denn was das Ganze einer Reihe von Attributen besitzt muss auch einen

Teil dieser Reihe besitzen Ein derartiges Urteil gibt aber dem der die

ganze Bedeutung der Wörter vorher verstanden hat keine weitere Auskunft Die

Urteile Jeder Mensch ist ein körperliches Wesen Jeder Mensch ist ein

lebendiges Geschöpf Jeder Mensch ist vernünftig erweitert nicht das Wissen

desjenigen der die ganze Bedeutung des Wortes Mensch kannte denn die Bedeutung

des Wortes schließt alles dieses ein und dass jeder Mensch die durch alle

diese Prädikate mitbezeichneten Attribute besitzt wird schon behauptet wenn er

Mensch genannt wird

    Es ist wahr von einem Urteil das irgend ein Attribut sei es auch ein in

dem Namen eingeschlossenes prädiziert wird in den meisten Fällen angenommen es

schlösse die stillschweigende Behauptung ein dass ein dem Namen entsprechendes

Ding das die durch denselben mitbezeichneten Attribute besitzt existiert und

diese eingeschlossene Bedeutung könne sogar denjenigen welche die ganze

Bedeutung des Namens kannten Auskunft Wissen mittheilen Aber alle durch die

wesentlichen Urteile deren Subjekt der Mensch ist mitgeteilte derartige

Auskunft liegt in der Behauptung eingeschlossen der Mensch existiert Jene

Annahme einer realen Existenz ist am Ende doch nur das Resultat einer

Unvollkommenheit der Sprache Es entspringt aus der Zweideutigkeit der Copula

welche außer ihrer eigenen Funktion  ein Merkmal zu sein welches zeigt dass

eine Behauptung gemacht worden ist  wie früher bemerkt auch ein konkretes

Wort ist das Existenz mitbezeichnet Die wirkliche Existenz des Subjekts vom

Urteil ist daher nur scheinbar und nicht in Wirklichkeit in der Prädikation

wenn sie eine essentielle ist eingeschlossen wir können sagen »ein Gespenst

ist ein entkörperter Geist« ohne an Gespenster zu glauben Aber eine

akzidentielle oder nichtessentielle Behauptung schließt die wirkliche Existenz

des Subjekts nicht ein weil bei einem nicht existierenden Subjekt dem Urteil

nichts zu behaupten bleibt Ein Urteil wie folgendes der Geist eines

Gemordeten spukt an dem Lager des Mörders kann nur eine Bedeutung haben wenn

es so verstanden wird dass es den Glauben an Geister einschließt denn da die

Bedeutung des Wortes Geist nichts derartiges einschließt so will der

Sprechende entweder nichts oder er will etwas behaupten von dem er wünscht

dass man glaube es habe wirklich stattgefunden

    Man wird hernach sehen dass wenn, wie in der Mathematik, irgend wichtige

Folgerungen aus einem wesentlichen Urteil oder mit anderen Worten, aus einem

in der Bedeutung des Namens eingeschlossenen Urteil hervorzugehen scheinen die

stillschweigende Annahme der realen Existenz des so benannten Gegenstandes die

wirkliche Quelle ist aus der sie fließen Außer dieser Annahme von wirklicher

Existenz entspricht die Klasse von Urteilen in denen das Prädikat zu dem Wesen

des Subjekts gehört dh in denen das Prädikat das Ganze oder einen Teil von

dem mitbezeichnet was das Subjekt mitbezeichnet aber nichts weiter keinem

Zweck als dass sie denjenigen welche sie nicht vorher wussten die ganze

Bedeutung des Namens oder auch nur einen Teil davon darlegt Die nützlichsten

und wenn man es streng nimmt die einzig nützlichen von den wesentlichen

Urteile sind daher die Definitionen welche um vollständig zu sein das Ganze

von dem in der Bedeutung des definierten Wortes Eingeschlossenen dh wenn es

ein mitbezeichnendes Wort ist das Ganze von dem was es mitbezeichnet erklären

sollen Bei der Definition eines Namens ist es nicht üblich seine ganze

Mitbezeichnung anzuführen sondern nur so viel als hinreichend ist um die damit

bezeichneten Gegenstände von allen bekannten Gegenständen zu unterscheiden

Zuweilen dient eine bloß zufällige in der Bedeutung des Namens nicht

eingeschlossene Eigenschaft dem Zweck ebenso gut Die verschiedenen Arten von

Definitionen welche aus diesen Unterscheidungen entspringen und die Zwecke

denen sie beziehungsweise dienen werden am geeigneten Ort näher betrachtet

werden.

    

     3 Nach der obigen Ansicht von wesentlichen Urteilen kann zu denselben

kein Urteil gerechnet werden das sich auf ein mit Namen angeführtes Individuum

bezieht dh dessen Subjekt ein Eigenname ist Individuen haben keine Essenzen

Wenn die Scholastiker von der Essenz eines Individuums sprechen so meinen sie

damit nicht die in dem Namen eingeschlossenen Eigenschaften denn die Namen von

Individuen schließen keine Eigenschaften ein Sie betrachteten als zu dem Wesen

des Individuums gehörig was zum Wesen der Species gehörte welcher sie jenes

Individuum zuzuteilen pflegten dh jener Klasse welcher es gewöhnlich

zugeteilt wurde und zu welcher es daher wie sie glaubten seiner Natur nach

gehörte Weil das Urteil, der Mensch ist ein vernünftiges Wesen ein

essentielles Urteil ist so affirmierten sie in gleicher Weise Julius Cäsar ist

ein vernünftiges Wesen Dies würde natürlich folgen wenn Genera und Species als

Entitäten zu betrachten wären unterschieden von aber inhärent den sie

zusammensetzenden Individuen Wenn der Mensch eine Substanz wäre die einem

jeden individuellen Menschen inhäriert so wäre von dem Wesen des Menschen was

auch damit gemeint sei anzunehmen dass es von ihr begleitet ist dass sie John

Thompson inhäriert und dass sie das gemeinsame Wesen Essenz von Thompson und

Julius Cäsar bildet Man könnte dann ganz wohl sagen dass die Vernunft, da sie

das Wesen des Menschen ist auch das Wesen von Thompson ist Wenn aber Mensch

ganz und gar nichts als individuelle Menschen heißt und wenn diesen in Folge

gewisser gemeinsamen Eigenschaften ein Name gegeben wird was wird aus John

Thompsons Wesen

    Durch einen einzigen Sieg wird selten ein fundamentaler Irrtum aus der

Philosophie vertrieben er zieht sich nur langsam zurück verteidigt seinen

Boden zollweise und behält häufig noch festen Fuß in einer verborgenen Feste

wenn er aus dem offenen Felde vertrieben worden ist. Die Wesen der Individuen

waren eine aus einem Missverstehen der Wesen der Classen hervorgehende

bedeutungslose Erdichtung sogar Locke konnte sich als er den ursprünglichen

Irrtum zerstörte von dessen Frucht nicht frei halten Er unterschied zwei

Arten von Wesen reelle und nominelle Seine nominellen Wesen waren nahezu die

Wesen der Classen wie wir sie erklärt haben Um das dritte Buch von Lockes

Essay zu einer fast tadellosen Abhandlung über die Mitbezeichnung der Namen zu

machen ist fast nichts nötig als seine Sprache von der Annahme sogenannter

abstrakter Ideen zu befreien die unglücklicherweise in der Terminologie

verwoben wenn auch nicht notwendig im Zusammenhang mit den Gedanken stehen

welche in jenem unsterblichen dritten Buch29 enthalten sind Aber außer

nominellen Wesen nahm er noch reelle Wesenoder Wesen von individuellen

Gegenständen an die er für die Ursachen der sinnlichen Eigenschaften dieser

Gegenstände hielt Wir wissen nicht sagt er was diese sind und dieses

Geständnis machte die Erdichtung verhältnismäßig unschädlich aber wenn wir

es wüssten so könnten wir aus ihnen allein die sinnlichen Eigenschaften der

Gegenstände erklären gleich wie die Eigenschaften eines Dreiecks aus der

Definition desselben bewiesen werden. Bei der Behandlung des Beweises und der

Bedingungen, unter denen eine Eigenschaft eines Dinges aus einer andern

Eigenschaft desselben erklärt werden kann, werde ich Gelegenheit haben auf

diese Theorie zurückzukommen Hier reicht es hin zu bemerken dass man sich

nach dieser Definition das reelle Wesen eines Gegenstandes beim Fortschreiten

der Physik im Falle es ein Körper war zuletzt als nahezu gleichbedeutend mit

seiner körperlichen Struktur gedacht hat was es aber gegenwärtig bedeuten soll

wenn es irgend andere Entitäten sind möchte ich nicht zu definieren unternehmen

    

     4 Ein wesentliches Urteil ist also bloß wörtlich es behauptet von

einem Ding unter einem besonderen Namen was schon von ihm tatsächlich dadurch

behauptet worden ist, dass man es bei jenem Namen nannte und gibt daher

entweder gar keine Auskunft oder gibt sie bezüglich des Namens nicht des

Dinges selbst Nichtessentielle oder zufällige Urteile können im Gegensatz zu

wörtlichen wirkliche Urteile genannt werden. Sie sagen von einem Ding irgend

eine Tatsache aus die in der Bedeutung des Namens womit das Urteil sie

nennt nicht eingeschlossen liegt irgend ein Attribut das durch jenen Namen

nicht mitbezeichnet wird Alle Urteile bezüglich individuell bezeichneter

Dinge alle allgemeinen oder besonderen Urteile in welchen das Prädikat ein

Attribut mitbezeichnet das nicht durch das Subjekt mitbezeichnet wird sind

dieser Art Alle diese wenn sie überhaupt wahr sind, vermehren unser Wissen,

sie geben eine nicht bereits in dem Namen eingeschlossene Auskunft Wenn ich

höre dass alle oder auch nur einige Gegenstände die gewisse Eigenschaften

besitzen oder welche in gewissen Beziehungen stehen auch gewisse andere

Eigenschaften haben oder in gewissen anderen Beziehungen stehen so erfahre ich

aus diesem Urteil eine neue Tatsache eine Tatsache, die weder in meiner

Kenntnis von der Bedeutung der Wörter, noch sogar von der dieser Bedeutung der

Wörter entsprechenden Existenz von Dingen eingeschlossen lag Diese Klasse von

Urteilen ist allein an und für sich belehrend aus solchen Urteilen allein

können belehrende Urteile gefolgert werden.30

    Wahrscheinlich hat nichts mehr zu der so lange vorherrschenden Meinung von

der Nichtigkeit der scholastischen Logik beigetragen als der Umstand dass fast

alle in den gewöhnlichen Schulbüchern für die Erläuterung der Lehre von der

Prädikation und dem Syllogismus gebrauchten Beispiele aus essentiellen Urteilen

bestehen Sie waren gewöhnlich entweder von den Zweigen oder von dem Stamm des

prädikamentalen Baumes genommen der nichts einschloss als was zum Wesen der

Species gehörte Omne corpus est substantia Omne animal est corpus Omnis homo

est corpus Omnis homo est animal Omnis homo est rationalis und so weiter Es

ist gar nicht zu verwundern dass die syllogistische Kunst für ein richtiges

Schließen als ganz unnötig angesehen wurde da beinahe die einzigen Urteile

für deren Beweis ihre berufenen Lehrer die Kunst anwandten der Art waren dass

ihnen ein jeder in dem Augenblick zustimmte als er die Bedeutung der Wörter

verstand und die in Betreff der Evidenz auf gleicher Linie mit den Prämissen

standen aus denen sie gezogen waren Ich habe deshalb in diesem Werk den

Gebrauch von wesentlichen Urteilen als Beispiele durchgängig vermieden

ausgenommen wo die Natur des zu erläuternden Prinzips sie besonders verlangte

    

     5 In Beziehung auf Urteile welche eine Information mittheilen welche

von einem Ding etwas durch einen Namen behaupten der nicht schon voraussetzt

was erst noch behauptet werden soll gibt es zwei verschiedene Gesichtspunkte

unter denen man wenigstens diejenigen unter ihnen die allgemeine Urteile sind

betrachten kann wir können sie entweder als Theile spekulativer Wahrheit oder

als Memoranda für den praktischen Gebrauch ansehen Je nachdem wir Urteile in

dem einen oder dem andern Licht betrachten kann deren Inhalt füglich durch die

eine oder die andere der zwei Formeln ausgedrückt werden.

    Nach der Formel die wir bisher gebraucht haben und die sich am besten dazu

eignet um den Inhalt der Urteile als ein Teil unseres theoretischen Wissens

auszudrücken bedeutet Alle Menschen sind sterblich dass die Attribute des

Menschen immer von dem Attribut Sterblichkeit begleitet sind Keine Menschen

sind Götter bedeutet dass die Attribute des Menschen niemals von den

Attributen oder wenigstens nicht von allen durch das Wort Götter bezeichneten

Attributen begleitet sind Ist aber das Urteil als ein Memorandum für den

praktischen Gebrauch anzusehen so werden wir einen anderen Modus finden um

dieselbe Bedeutung in einer Weise auszudrücken die geeigneter ist die

Funktion welche das Urteil hat anzuzeigen Der praktische Gebrauch eines

Urteils ist uns zu lehren oder uns daran zu erinnern was wir in einem

einzelnen Falle der unter die im Urteil enthaltene Behauptung fällt zu

erwarten haben In Beziehung auf diesen Zweck bedeutet das Urteil: Alle

Menschen sind sterblich dass die Attribute des Menschen ein Beweis Evidenz

von oder ein Merkmal von Sterblichkeit sind eine Anzeige durch welche das

Attribut offenbart wird Keine Menschen sind Götter bedeutet dass die

Attribute des Menschen ein Merkmal oder ein Beweis sind dass einige oder alle

den Göttern zugeschriebenen Attribute nicht vorhanden sind, dass da wo die

ersteren sind wir die letzteren nicht erwarten dürfen

    Im Grund sind diese zwei Formen des Ausdrucks gleichbedeutend aber die eine

lenkt die Aufmerksamkeit direkter auf die Bedeutung des Urteils die andere

mehr auf die Art wie es zu gebrauchen ist

    Es ist nun noch zu bemerken dass das Schließen der Gegenstand, zu dem wir

bald übergehen ein Prozess ist in welchem Urteile nicht als Endresultate

sondern als ein Mittel eintreten um andere Urteile aufzustellen Wir dürfen

daher erwarten dass diejenige Art den Inhalt eines allgemeinen Urteils

darzulegen welche es in seiner Anwendung auf praktische Zwecke zeigt am besten

die Funktion ausdrückt welche die Urteile beim Schließen erfüllen Es wird

sich daher in der Theorie des Schließens diejenige Anschauungsweise welche

annimmt dass ein Urteil behauptet eine Tatsache oder Erscheinung sei ein

Merkmal oder ein Beweis von einer anderen Tatsache oder Erscheinung als fast

unentbehrlich herausstellen Für die Zwecke dieser Theorie ist die beste Weise

den Inhalt eines Urteils zu definieren nicht diejenige welche am klarsten

zeigt was es an und für sich istsondern diejenige welche am deutlichsten die

Art und Weise angibt wie es zu benutzen ist um von ihm zu anderen Urteilen

überzugehen

 
 



                               



     1 Bei der Prüfung der Natur allgemeiner Urteile haben wir weniger als

es bei den Logikern der Gebrauch ist die Ideen von einer Klasse und der

Klassifikation beachtet Ideen die seitdem die realistische Lehre von

allgemeinen Substanzen aus dem Schwang kam die Grundlage fast eines jeden

Versuchs einer philosophischen Theorie der allgemeinen Namen und Urteile

bildeten Wir betrachteten die Bedeutung der Gemeinnamen als ganz unabhängig

davon dass sie Namen von Classen sind Es ist dies in Wahrheit ein zufälliger

Umstand da es für die Bedeutung des Namens ganz ohne Belang ist ob viele

Gegenstände oder nur ein einziger oder auch gar keiner vorhanden auf die er

anzuwenden ist Gott ist sowohl für den Christen als auch für den Juden oder

den Polytheisten ein Gemeinname und Drache Hippogryph Chimäre Meerweibchen

Gespenst sind so gut Gemeinnamen als wenn es wirkliche diesen Namen

entsprechende Gegenstände gäbe Jeder Name dessen Bedeutung durch Attribute

konstituiert wird ist potentiell ein Name einer unbestimmten Anzahl von

Gegenständen, aber er braucht aktuell nicht der Name von irgend einem oder er

braucht es nur von einem einzigen zu sein Sobald wir einen Namen gebrauchen um

Attribute mitzubezeichnen so konstituieren die Dinge seien es mehr oder

weniger welche diese Attribute besitzen ipso facto eine Klasse Aber wenn wir

den Namen aussagen so prädizieren wir nur die Attribute und die Tatsache,

einer Klasse anzugehören kommt in gewöhnlichen Fällen gar nicht in Betracht

    Wenn die Prädikation nun aber auch nicht Klassifikation voraussetzt und

wenngleich die Theorie der Namen und der Urteile durch das Eindrängen der Idee

von der Klassifikation eher verwirrt als aufgeklärt wird so besteht

nichtsdestoweniger zwischen der Klassifikation und dem Gebrauch von Gemeinnamen

ein enger Zusammenhang Bei der Einführung eines Gemeinnamens schaffen wir

jedesmal eine Klasse wenn es reelle oder imaginäre Dinge gibt aus denen sie

bestehen kann dh Dingewelche der Bedeutung des Namens entsprechen Die

Classen verdanken daher ihre Existenz meistens der gewöhnlichen Sprache

Umgekehrt verdankt die gewöhnliche Sprache ihre Existenz zuweilen den

Gemeinnamen wenn dies auch nicht der gewöhnlichste Fall ist. Ein allgemeiner

was so viel heißt als ein bedeutsamer Name wird in der That meistens

eingeführt weil wir eine Bedeutung damit auszudrücken haben weil wir eines

Wortes bedürfen um die Attribute zu prädizieren welche er mitbezeichnet Es ist

aber auch wahr dass ein Name zuweilen eingeführt wird weil wir es bequem

fanden eine Klasse zu schaffen weil wir es zur Regelung unserer

Geistesoperationen für nützlich hielten von einer gewissen Gruppe von

Gegenständen als von einem Ganzen zu denken Ein Naturforscher findet in den

besonderen Zwecken seiner Wissenschaft Gründe die Thier oder Pflanzenwelt in

gewisse Gruppen eher als in andere einzuteilen und er bedarf eines Namens um

eine jede dieser Gruppen gleichsam zusammenzubinden Man darf indessen nicht

glauben dass sich solche Namen bezüglich ihrer Bedeutung in irgend einer Weise

von anderen mitbezeichnenden Namen unterschieden Die von ihnen bezeichneten

Classen werden so gut wie andere Classen durch gewisse gemeinsame Attribute

konstituiert und ihre Namen bezeichnen diese Attribute und nichts anderes Die

Namen von Cuviers Classen und Ordnungen Plantigrada Digitigrada etc sind so

gut der Ausdruck von Attributen als wenn diese Namen seiner Klassifikation der

Tiere vorausgegangen wären anstatt aus ihr zu entstehen Die einzige

Eigentümlichkeit des Falles besteht darin, dass die Bequemlichkeit der

Klassifikation das ursprüngliche Motiv für die Einführung der Namen war während

in anderen Fällen der Name als ein Mittel für die Prädikation eingeführt wird

und die Bildung einer damit bezeichneten Klasse nur eine indirekte Folge ist

    Die Prinzipienwelche die Klassifikation als einen der Erforschung der

Wahrheit dienenden logischen Prozess beherrschen müssen können erst in einem

späteren Teil unserer Untersuchung erörtert werden Aber die aus dem Gebrauch

der gewöhnlichen Sprache hervorgehende und in demselben eingeschlossene

Klassifikation müssen wir hier abhandeln wenn wir die Theorie der Gemeinnamen

und ihres Gebrauchs bei der Prädikation nicht verstümmelt und formlos lassen

wollen

    

     2 Der jetzt folgende Teil der Theorie der allgemeinen Sprache ist der

Gegenstand der sogenannten Lehre von den Prädikabilien oder allgemeinen

Begriffen eine Reihe von Unterscheidungen die uns von Aristoteles und seinem

Nachfolger Porphyrius überliefert wurden und von welchen viele in der

wissenschaftlichen und manche in der populären Sprache feste Wurzel gefasst

haben Die Prädikabilien sind eine fünffache Einteilung der Gemeinnamen welche

sich nicht wie gewöhnlich auf einen Unterschied in ihrer Bedeutung dh in den

von ihnen mitbezeichneten Attributen sondern auf einen Unterschied in der Art

der Classen gründet die sie bezeichnen Wir können von einem Dinge fünf

verschiedene Klassennamen prädizieren

    Ein Genus des Dinges genos

    Eine Species eidos

    Eine Differentia diaphora

    Ein Proprium idion

    Ein Accidens symbebêkos

Von diesen Unterscheidungen ist zu bemerken dass sie ausdrücken nicht was das

Prädikat an und für sich bedeutet sondern in welcher Beziehung es zum Subjekt

steht von dem es ausgesagt wird Es gibt nicht irgend Namen welche

ausschließlich Genera oder welche ausschließlich Species oder Differentiae

wären sondern derselbe Name wird je nach dem Subjekt von welchem er bei einer

besonderen Gelegenheit prädiziert wird auf das eine oder das andere Prädicabile

bezogen Thier ist zB ein Genus in Beziehung auf Mensch oder Johann eine

Species in Beziehung auf Substanz oder Wesen Rechtwinklig ist eine der

Differentiae eines geometrischen Vierecks es ist bloß eines der Accidentia von

dem Tische an welchem ich schreibe Die Wörter Genas Species etc sind daher

relative Ausdrücke es sind Namen die auf gewisse Prädikate angewendet werden

um die Beziehung zwischen diesen und einem gegebenen Subjekt auszudrücken eine

Beziehung die wie wir sehen werden nicht auf das gegründet ist was das

Prädikat mitbezeichnet sondern auf die Klasse welche es bezeichnet und auf

die Stelle welche diese Klasse in einer gegebenen Klassifikation bezüglich des

besonderen Subjectes einnimmt

 

 3 Von diesen fünf Namen werden zwei Genus und Species nicht nur von den

Naturforschern in einer technischen Bedeutung gebraucht die mit der

philosophischen Bedeutung nicht gerade übereinstimmt sondern sie haben auch

eine populäre Bedeutung erlangt die viel allgemeiner ist als die beiden

ersteren In diesem populären Sinne können irgend zwei Classen wovon die eine

das Ganze der andern und noch mehr einschließt ein Genus und eine Species

genannt werden. Solcher Art sind zB Thier und Mensch Mensch und Mathematiker

Thier ist das Genus Mensch und Brutus sind dessen zwei Species man kann es

auch in eine größere Anzahl von Species einteilen wie Mensch Pferd Hund

etc Biped oder zweifüßiges Thier kann ebenfalls als ein Genua betrachtet

werden, von dem Mensch und Vogel zwei Species sind Geschmack ist ein Genus von

welchem süßer Geschmack saurer Geschmack salziger Geschmack etc Species

sind Tugend ist ein Genus Gerechtigkeit Klugheit Muth Gemütsstärke

Großmut etc sind seine Species

Dieselbe Klasse welche in Beziehung auf eine in ihr eingeschlossene SubKlasse

oder Species ein Genus ist kann in Beziehung auf ein umfassenderes oder wie es

oft genannt wird ein höheres Genus eine Species sein Mensch ist eine Species

in Beziehung auf Thier aber ein Genus in Beziehung auf die Species

Mathematiker Thier ist ein Genus das in zwei Species Mensch und vernunftloses

Thier zerfällt aber Thier ist auch selbst eine Species die mit einer andern

Species Pflanze das Genus organisiertes Wesen bildet Biped ist ein Genus in

Beziehung auf Mensch und Vogel aber eine Species in Beziehung auf das höhere

Genus Thier Geschmack ist ein in Species eingeteiltes Genus es isst aber auch

eine Species des Genus Empfindung Tugend ist ein Genus in Beziehung auf

Gerechtigkeit Mäßigkeit etc es ist aber eine Species von dem Genua geistige

Eigenschaft

In diesem populären Sinne sind die Wörter Genus und Species in den gewöhnlichen

Sprachgebrauch übergegangen und es ist zu bemerken dass in gewöhnlicher Rede

nicht der Name der Klasse sondern die Klasse selbst das Genus oder die Species

heißt natürlich nicht die Klasse im Sinne eines jeden Individuums dieser

Klasse sondern der Individuen zusammengenommen und als ein ganzes Aggregat

betrachtet der Name welcher die Klasse bezeichnet wird dann nicht das Genus

oder die Species sondern der generische oder spezifische Name genannt Dies ist

eine zulässige Ausdrucksweise und es ist gleichgültig welche von den zwei

Sprechweisen wir wählen wenn nur unsere übrige Sprache damit im Einklang steht

wenn wir aber die Klasse selbst das Genus nennen so dürfen wir nicht sagen

dass wir das Genua prädizieren Wir sagen von Mensch den Namen sterblich aus und

indem wir den Namen aussagen prädizieren wir was der Name ausdrückt das

Attribut Sterblichkeit aber in keinem zulässigen Sinne des Worts Prädikation

prädizieren wir von Mensch die Klasse sterblich Wir prädizieren von ihm die

Tatsache, dass er zu der Klasse gehört

Von den Aristotelischen Logikern wurden die Ausdrücke Genus und Species in einem

beschränkteren Sinne gebraucht Nicht eine jede Klasse welche in andere

Classen eingeteilt werden konnte ließen sie als ein Genus nicht jede Klasse

welche in eine weitere Klasse eingeschlossen werden konnte ließen sie als eine

Species gelten Thier betrachteten sie als ein Genus Mensch und vernunftloses

Thier als koordinierte Species unter diesem Genus Biped hätte man nicht als ein

Genus in Beziehung auf Mensch sondern nur als ein Proprium oder ein Accidens

zugelassen Nach ihrer Theorie war es erforderlich dass Genus und Species zu

dem Wesen des Subjekts gehören Thier gehörte zum Wesen des Menschen nicht aber

zweifüßiges Thier In einer jeden Klassifikation betrachteten sie irgend eine

Klasse als die unterste oder infima Species Mensch zB war die unterste

Species und irgend weitere Einteilungen deren die Klasse fähig war wie

weißer schwarzer und roter Mensch oder Priester und Laie ließen sie nicht

als Species gelten

Wir haben aber im vorhergehenden Kapitel gesehen dass die Unterscheidung

zwischen dem Wesen einer Klasse und den Attributen oder Eigenschaftenwelche

nicht zu ihrem Wesen gehören  eine Unterscheidung welche viel abstruse

Spekulationen veranlasste und welcher früher ein so geheimnisvoller Charakter

verliehen wurde und von manchen Schriftstellern jetzt noch verliehen wird  auf

nichts anders hinausläuft als auf den Unterschied zwischen denjenigen

Attributen der Klasse welche in der Bedeutung des Classen  Namens

eingeschlossen und solchen die nicht darin eingeschlossen liegen Wir fanden

dass auf Individuen angewendet das Wort Wesen nur in Verbindung mit den

aufgegebenen Sätzen der Realisten eine Bedeutung hat und dass das was die

Scholastiker das Wesen eines Individuums zu nennen beliebten einfach das Wesen

der Klasse war zu welcher dieses Individuum am gewöhnlichsten gezählt wurde

Gibt es denn aber außer diesem bloß wörtlichen keinen Unterschied zwischen

den Classen welche die Scholastiker als Genera oder Species gelten ließen und

denen welche sie diesen Titel versagten Ist es ein Irrtum einige von den

zwischen den Gegenständen bestehenden Unterschieden als Unterschiede in der Art

genere oder specie und andere nur als Unterschiede in dem Accidens zu

betrachten Hatten die Scholastiker Recht oder Unrecht als sie einigen von den

Classen in welche die Dinge eingeteilt werden können, den Namen Arten gaben

und andere als sekundäre auf Unterschiede von verhältnismäßig oberflächlicher

Natur gegründete Einteilungen betrachteten Eine hierauf eingehende Prüfung

wird zeigen dass die Aristotelianer mit dieser Unterscheidung etwas sehr

Wichtiges bezweckten da sie aber in Betreff desselben nur unklare Begriffe

hatten so drückten sie es durch die Phraseologie von Essentiae und durch die

verschiedenen anderen Sprechweisen zu denen sie ihre Zuflucht nahmen ganz

mangelhaft aus

 

 4 Es ist ein fundamentaler Grundsatz in der Logik, dass so lange die

geringste Verschiedenheit wahrzunehmen ist auf welche sich eine Unterscheidung

gründen lässt die Klassenbildung unbegrenzt ist Man nehme irgend ein Attribut

so können wir wenn einige Dinge dasselbe besitzen und andere nicht eine

Einteilung aller Dinge in zwei Classen darauf gründen wir tun dies

tatsächlich in dem Augenblick wo wir einen Namen schaffen der das Attribut

mitbezeichnet Die Zahl der möglichen Classen ist daher endlos und es gibt

so viele wirkliche Classen entweder von reellen oder imaginären Dingen als es

positive und negative Gemeinnamen zusammengenommen gibt

Betrachten wir einige von den so gebildeten Classen wie die Klasse Thier oder

Pflanze oder die Klasse Schwefel oder Phosphor oder die Klasse Weiß oder

Roth und sehen wir zu in welchen Einzelheiten sich die in der Klasse

eingeschlossenen Individuen von den nicht darin enthaltenen unterscheiden so

finden wir in dieser Beziehung eine sehr bemerkenswerte Verschiedenheit

zwischen Classen und Classen Die in manchen Classen eingeschlossenen Dinge

unterscheiden sich von anderen Dingen nur in gewissen Einzelheiten die man

aufzählen kann während sich andere in mehr Einzelheiten unterscheiden als wir

aufzählen können oder sogar in mehr als wir jemals zu wissen erwarten dürfen

Manche Classen haben wenig oder nichts gemein wodurch sie charakterisiert

werden mit Ausnahme gerade von dem was der Name mitbezeichnet Weiße Dinge

zB sind mit Ausnahme von Weiße durch keine gemeinsamen Eigenschaften

unterschieden oder wenn sie es sind so ist es nur durch solche die in irgend

einer Art mit Weiße im Zusammenhang stehen Aber Hunderte von Generationen

haben die gemeinsamen Eigenschaften von Tieren oder Pflanzen von Schwefel oder

Phosphor nicht erschöpft auch setzen wir gar nicht voraus dass sie zu

erschöpfen seien sondern wir machen immer neue Beobachtungen und neue

Experimente in der vollen Zuversicht neue Eigenschaften zu entdecken welche in

vorher gekannten keineswegs eingeschlossen liegen Wenn sich aber Jemand

vornehmen wollte die gemeinsamen Eigenschaften aller Dinge zu untersuchen

welche dieselbe Gestalt dieselbe Farbe oder dasselbe spezifische Gewicht

besitzen so wäre dies eine handgreifliche Absurdität Wir haben keinen Grund zu

glauben dass irgend andere gemeinsame Eigenschaften zwischen ihnen existieren

als in der Voraussetzung selbst liegen oder durch ein Kausalgesetz davon

ableitbar sind Es scheint daher dass die Eigenschaften, auf welche wir unsere

Classen gründen manchmal alles erschöpfen was der Klasse gemeinsam ist oder

dass sie es durch irgend einen Implicationsmodus enthalten dass wir aber in

anderen Fällen einige wenige Eigenschaften aus einer nicht bloß größeren

sondern aus einer für uns unerschöpflichen und soweit wir selbst dabei in

Betracht kommen als endlos zu betrachtenden Anzahl von Eigenschaften auswählen

Es ist nicht anpassend zu sagen dass von diesen zwei Klassifikationen die eine

einer viel radikaleren Unterscheidung in den Dingen selbst entspricht als die

andere und wenn man sagen würde dass die eine Klassifikation von der Natur,

die andere von uns zu unserer Bequemlichkeit gemacht wird so würde man nicht

Unrecht hoben vorausgesetzt dass damit nicht mehr gemeint sei als folgendes

Wo ein gewisser sichtlicher unterschied zwischen Dingen obgleich vielleicht an

sich von geringer Bedeutung einer uns unbekannten Anzahl von anderen

Unterschieden entspricht und nicht allein ihre bekannten sondern auch noch

unentdeckten Eigenschaften durchdringt da bleibt uns keine andere Wahl als

diesen Unterschied als die Grundlage einer spezifischen Unterscheidung

anzuerkennen während im Gegenteil bloß begrenzte und bestimmte Unterschiede

wie die durch die Worte weiß rot schwarz bezeichneten außer Acht gelassen

werden können, wenn die Zwecke für welche die Klassifikation gemacht wurde die

Beachtung dieser besonderen Eigenschaften nicht besonders verlangt Von der Natur

werden indessen in beiden Fällen diese Unterschiede gemacht während die

Anerkennung dieser Unterschiede als Grund der Klassifikation und Benennung

ebenfalls in beiden Fällen die Handlung des Menschen ist nur würden in dem

einen Fall die Zwecke der Sprache und der Klassifikation vernichtet werden wenn

von dem Unterschied keine Notiz genommen würde während in dem andern Fall die

Notwendigkeit von ihm Notiz zunehmen von der Wichtigkeit oder Unwichtigkeit

der besonderen Eigenschaften aus welchen der Unterschied gerade besteht

abhängig ist.

Diejenigen Classen welche sich nicht bloß durch einige bestimmten

Eigenschaften sondern durch eine unbekannte Menge von Eigenschaften

unterscheiden sind nun aber die einzigen Classen welche die Aristotelischen

Logiker als Genera oder Species betrachten Unterschiede welche sich nur auf

eine gewisse Eigenschaft oder Eigenschaften erstreckten und dabei stehen

blieben sahen sie nur als Unterschiede in den Akzidenzien der Dinge an; wo sich

aber eine Klasse durch eine endlose Reihe von bekannten oder unbekannten

Unterschieden von anderen Dingen unterschied da betrachteten sie die

Distinktion als eine der Art nach und sprachen von ihr als von einem

wesentlichen Unterschied was auch heute noch eine der gewöhnlichen Bedeutungen

dieses vagen Ausdrucks ist.

Indem ich mir vorstelle dass die Scholastiker wohl daran taten zwischen

diesen zwei Arten von Classen und Klassenunterscheidungen eine starke Linie zu

ziehen werde ich nicht allein die Einteilung seihst sondern auch die Art sie

in ihrer Sprache auszudrücken beibehalten In dieser Sprache wird die nächste

oder unterste Art auf welche ein Individuum bezogen werden kann, seine

Species genannt hiernach würde Sir Isaac Newton als zur Species Mensch gehörig

bezeichnet werden In der Klasse Mensch sind in der That viele Unterklassen zu

denen auch Newton gehört eingeschlossen wie zB Christen Engländer und

Mathematiker Aber obgleich verschiedene Classen so sind dieselben doch nicht

in unserm Sinne des Worts verschiedene Arten von Menschen Ein Christ zB

unterscheidet sich von anderen menschlichen Wesen aber er unterscheidet sich

von ihnen nur in den Attributen welche das Wort ausdrückt nämlich im

christlichen Glauben und was darin sonst noch entweder als in der Tatsache

selbst enthalten oder durch irgend ein Kausalgesetz mit ihr verbunden

eingeschlossen liegt Wir würden uns niemals einfallen lassen zu untersuchen

welche mit dem christlichen Glauben als Ursache oder Wirkung nicht im

Zusammenhang stehenden eigentümlichen Eigenschaften alle Christen gemein

haben während die Physiologen in Beziehung auf den Mensch derartige

Untersuchungen fortwährend ausführen und es nicht wahrscheinlich ist dass sie

jemals damit zu Ende kommen werden Den Mensch können wir daher eine Species

nennen nicht aber den Christen und Mathematiker

Es ist hier wohl zu bemerken dass keineswegs gemeint ist es könne nicht zwei

verschiedene Arten oder logische Species von Menschen geben Die verschiedenen

Racen und Temperamente die zwei Geschlechter und sogar die verschiedenen Alter

können innerhalb unserer Bedeutung des Wortes Unterschiede der Art sein Ich

sage nicht dass sie es sind denn beim Fortschritt der Physiologie kann es fast

als ausgemacht betrachtet werden, dass sich die unterschiede, welche zwischen

verschiedenen Racen Geschlechtern etc wirklich existieren naturgesetzlich als

Folgen einer kleinen Anzahl von ursprünglichen Unterschieden herausstellen die

genau bestimmt werden können und welche wie man sagt alle übrigen erklären

Wenn dem so ist so sind dieselben ebensowenig Unterscheidungen der Art nach

als Christ Jude Muselmann oder Heide eine Unterscheidung die ebenfalls viele

Folgen nach sich zieht Auf diese Weise werden Classen oft fälschlich für

wirkliche Arten genommen und es wird dann erst später bewiesen dass sie es

nicht sind Wenn es sich aber zeigen würde dass die Verschiedenheiten nicht so

erklärt werden können, so würden Kaukasier Mongolen Neger etc wirklich

verschiedene Arten von menschlichen Wesen und berechtigt sein von dem Logiker

wenn auch nicht von dem Naturforscher als Species aufgeführt zu werden denn

wie bereits bemerkt das Wort Species wird in der Logik in einem andern Sinne

gebraucht als in der Naturgeschichte Der Naturforscher hält organisierte Wesen

niemals für verschiedene Species wenn von ihnen angenommen werden kann, dass

sie möglicherweise von demselben Stock abstammen Dies ist indessen ein dem Wort

künstlich beigelegter den technischen Zwecken einer besonderen Wissenschaft

dienender Sinn Wenn ein Neger und ein weißer Mann sich in derselben Weise

wenn auch dem Grad nach weniger unterscheiden wie ein Pferd und ein Kameel

dh wenn ihre Verschiedenheiten unerschöpflich und nicht auf eine gemeinsame

Ursache zurückführbar sind so sind sie für den Logiker verschiedene Species ob

sie von denselben Eltern abstammen oder nicht Wenn aber ihre Verschiedenheiten

auf Klima und Gewohnheiten oder auf irgend einen speziellen Unterschied im Bau

zurückgeführt werden können, so sind sie der Auffassung des Logikers nach nicht

spezifisch verschieden

Wenn die infima species oder nähere Art zu welcher ein Individuum gehört

bestimmt worden ist, so schließen die dieser Art gemeinsamen Eigenschaften

notwendig das Ganze der gemeinsamen Eigenschaften einer jeden andern wirklichen

Art ein auf welche das Individuum bezogen werden kann. Es sei zB Sokrates das

Individuum, und die infima species Mensch Thier oder lebendes Geschöpf ist

ebenfalls eine wirkliche Art und schließt Sokrates ein da es aber auch Mensch

einschließt oder mit anderen Worten, da alle Menschen Tiere sind so bilden

die den Tieren gemeinsamen Eigenschaften einen Teil der gemeinsamen

Eigenschaften der Unterklasse Mensch und wenn es irgend eine Klasse gibt

welche Sokrates einschließt ohne den Menschen einzuschließen so ist diese

Klasse keine wirkliche Art Es sei zB die Klasse plattnasig was eine Klasse

ist die Sokrates einschließt ohne alle Menschen einzuschließen Um zu

entscheiden ob es eine wirkliche Klasse sei müssen wir uns fragen Haben alle

plattnasigen Tiere außer dem was ihre Plattnasigkeit einschließt noch

irgend andere gemeinsamen Eigenschaften die nicht allen Tieren gemein wären

Wenn dies so wäre wenn eine platte Nase ein Merkmal oder ein Anzeichen einer

unbestimmten Anzahl anderer von den ersteren durch ein nachweisbares Gesetz

nicht abzuleitenden Eigenschaften wäre so könnten wir aus der Klasse Mensch

eine andere Klasse plattnasiger Mensch herausnehmen und nach unserer

Definition würde sie eine wirkliche Art sein Aber wenn wir dieses könnten so

würde der Mensch nicht wie vorausgesetzt eine infima species oder nähere Art

sein Die Eigenschaften der näheren Art umfassen daher diejenigen bekannten

oder unbekannten aller anderer Arten zu denen das Individuum gehört was zu

beweisen war Es wird daher eine jede andere einem Individuum beilegbare Art zu

der infima species oder näheren Art in dem Verhältnis eines Genus stehen und

dies sogar nach der populären Bedeutung der Ausdrücke Genus und Species d i

es wird eine das Individuum und mehr einschließende größere Klasse sein

Wir sind nun im Stande die logische Bedeutung dieser Ausdrücke festzustellen

Eine jede Klasse die eine wirkliche Art ist dh welche sich von allen anderen

Classen durch eine unbestimmte Menge von aus irgend einer andern Eigenschaft

nicht ableitbaren Eigenschaften unterscheidet ist entweder ein Genus oder eine

Species Eine Art die nicht in andere Arten eingeteilt werden kann, kann kein

Genus sein da keine Species unter ihr stehen aber sie ist selbst eine Species

sowohl in Beziehung auf die Individuen unter als die Genera über ihr species

praedicabilis und species subjicibilis Aber eine jede Art welche eine

Einteilung in wirkliche Arten zulässt wie Thier in vierfüßiges Thier Vögel

etc oder Vierfüßer in verschiedene Species von Vierfüßern ist ein Genus

für alle Arten unter ihr eine Species gegen alle Genera in welchen sie selbst

eingeschlossen liegt Und hier können wir die Diskussion dieses Theiles

schließen und zu den drei übrigen Prädikabilien Differentia Proprium und

Accidens übergehen

 

 5 Wir beginnen mit Differentia Dieses Wort ist korrelativ mit den Worten

Genus und Species und bedeutet wie jedermann zugibt das Attribut das eine

gegebene Species von einer jeden andern Species desselben Genus unterscheidet

Dies ist soweit klar aber wir können noch fragen welches von den

unterscheidenden Attributen damit gemeint sei denn wir haben gesehen dass sich

eine jede Art und eine Species muss eine Art sein von anderen Arten nicht

durch ein einziges sondern durch eine unbestimmte Anzahl von Attributen

unterscheidet Der Mensch zBist eine Species vom Genuss Thier Vernünftig

oder Vernünftigkeit denn es ist gleichgültig ob wir die konkrete oder

abstrakte Form gebrauchen wird von den Logikern gewöhnlich als die Differentia

angegeben und es dient dieses Attribut ohne Zweifel für den Zweck der

Unterscheidung aber es ist vom Menschen auch bemerkt worden dass er ein

kochendes Thier ist das Thier das sich sein Futter zubereitet Dies ist daher

ein anderes von den Attributen durch welche sich die Species Mensch von anderen

Species desselben Genus unterscheidet würde nun dieses Attribut ebensogut als

Differentia dienen Die Aristotelianer sagen Nein indem bei ihnen der Grundsatz

gilt dass die Differentia wie Genus und Species zum Wesen des Dinges gehören

muss

Und hier verlieren wir sogar jene Spur einer auf die Natur der Dinge selbst

gegründeten Bedeutung von der man voraussetzen könnte dass sie dem Wort Wesen

zukommt wenn man sagt Genus und Species müssten zum Wesen des Dinges gehören

Wenn die Scholastiker von dem Wesen der Dinge im Gegensatz zu ihrem Accidens

sprachen so hatten sie ganz ohne Zweifel die Unterscheidung zwischen

Unterschieden der Art und Unterschieden die nicht der Art nach sind in

unklarer Weise im Auge sie wollten damit andeuten dass Genera und Species

Arten sein müssen Ihre Vorstellung von dem Wesen eines Dinges war eine vage

Vorstellung von einem Etwas welches das Ding zu dem macht was es ist di

welches es zu der Art Ding macht die es ist welches macht dass es die ganze

Menge der Eigenschaften hat welche seine Art unterscheiden Als man aber die

Sache etwas näher betrachtete so konnte Niemand entdecken was die Ursache

davon war dass das Ding alle diese Eigenschaften hatte oder auch nur ob

wirklich irgend etwas vorhanden war was verursachte dass sie dieselben hat Da

die Logiker dies jedoch nicht zugeben wollten aber auch nicht im Stande waren

zu entdecken was das Ding zu dem machte was es war so begnügten sie sich mit

dem was es zu dem machte was es genannt wurde Von den unzähligen bekannten

und unbekannten Eigenschaften die einer Klasse gemein sind wird natürlich nur

ein sehr kleiner Teil durch ihren Namen mitbezeichnet diese wenigen werden

aber entweder ihrer größeren Augenscheinlichkeit oder ihrer größeren

vorausgesetzten Wichtigkeit wegen von den übrigen unterschieden worden sein Auf

diese durch den Namen mitbezeichneten Eigenschaften griffen nun die Logiker

zurück und nannten sie das Wesen der Species und sie blieben nicht einmal dabei

stehen sondern behaupteten auch bei der infima species dass dieselben das

Wesen auch des Individuums seien denn es war ihr Grundsatz dass die Species

»das ganze Wesen« des Dinges enthalte Die Metaphysik jenes fruchtbare Feld von

durch die Sprache verbreiteter Täuschung bietet kein besseres Beispiel einer

solchen Täuschung Auf diesen Grund hin wurde Vernunft da sie durch den Namen

Mensch mitbezeichnet ist als eine Differentia der Klasse zugelassen aber die

nicht mitbezeichnete Eigentümlichkeit die Speisen zu kochen wurde zu den

zufälligen Eigenschaften verwiesen

Es ist daher die Unterscheidung zwischen Differentia Proprium und Accidens

nicht auf die Natur der Dinge, sondern auf die Mitbezeichnung der Namen

gegründet und da müssen wir sie suchen wenn wir sie finden wollen

Aus der Tatsache dass das Genus die Species einschließt oder mit anderen

Worten, dass es mehr bezeichnet als die Species oder dass es von einer

größeren Anzahl von Individuen aussagbar ist folgtdass die Species mehr

mitbezeichnen muss als das Genus Sie muss alle Attribute mitbezeichnen welche

das Genua mitbezeichnet es würde sie sonst nichts verhindern Individuen zu

bezeichnen die nicht in dem Genus eingeschlossen sind Auch muss sie noch etwas

Anderes mitbezeichnen sonst würde sie das ganze Genus einschließen Thier

schließt alle von Mensch bezeichneten Individuen ein und noch mehr Mensch muss

daher alles mitbezeichnen was Thier mitbezeichnet es könnte sonst Menschen

geben die keine Tiere sind auch muss es etwas mehr mitbezeichnen als Thier

mitbezeichnet sonst würden alle Tiere Menschen sein Diesen Überschuss von

Mitbezeichnung  das was die Species mehr mitbezeichnet als das Genus  ist die

Differentia oder die spezifische Verschiedenheit oder in anderen Worten, die

Differentia ist das was zur Mitbezeichnung des Genus addiert werden muss um die

Mitbezeichnung der Species zu vervollständigen

Das Wort Mensch zB mitbezeichnet außer dem was es in Gemeinschaft mit Thier

mitbezeichnet auch noch Vernünftigkeit und wenigstens annäherungsweise jene

äußere Form die wir alle kennen die wir uns jedoch begnügen die menschliche

zu nennen da wir keinen an und für sich betrachteten Namen dafür haben Die

auf das Genas Thier bezogene Differentia oder spezifische Verschiedenheit des

Menschen ist jene äußerliche Gestalt und der Besitz von Vernunft Die

Aristotelianer sagten der Besitz von Vernunft ohne die äußerliche Gestalt

Wenn sie aber hierauf beständen so müssten sie die Houyhnhms Menschen nennen

Die Frage wurde niemals aufgeworfen und sie wurden demnach niemals

aufgefordert zu entscheiden wie ein solcher Fall ihren Begriff von der

Wesenheit berührt haben würde Wie dies aber auch sein mag sie begnügten sich

einen hinreichenden Teil von der Differentia zu nehmen um die Species von

allen anderen existierenden Dingen zu unterscheiden obgleich sie damit die

Mitbezeichnung des Namens nicht erschöpften

 

 6 Um zu verhüten dass der Begriff der Differentia in zu enge Grenzen

eingeschlossen werde ist es nötig hier zu bemerken dass sogar eine auf

dasselbe Genus bezogene Species nicht immer dieselbe sondern je nach dem

Prinzip und dem Zweck einer besonderen Klassifikation eine verschiedene

Differentia haben wird Ein Naturforscher zB untersucht die verschiedenen

Arten von Tieren und sucht nach einer Klassifikation derselben die am besten

in Einklang mit der Ordnung stehe welche unsere Gedanken für zoologische Zwecke

annehmen sollten Zu diesem Zweck findet er es ratsam dass eine seiner

Haupteinteilungen die in warmblütige und kaltblütige Tiere sei oder in

Tiere die mit Lungen und solche die mit Kiemen atmen oder in

fleischfressende fruchtfressende und grasfressende Tiere oder solche die

sich auf dem flachen Teil und solche die sich auf Spitzen der Füße bewegen

eine Verschiedenheit auf welche einige von Cuviers Familien gegründet sind31

Der Naturforscher schafft damit ebensoviele neue Classen die keineswegs auch

diejenigen sind auf welche das individuelle Thier gemeinlich und spontan

bezogen wird auch würden wir niemals daran denken ihnen in unserer Ordnung des

Tierreichs eine solche hervorragende Stellung zu geben wenn es nicht für den

vorgefassten Zweck einer wissenschaftlichen Bequemlichkeit wäre Der Freiheit

dies zu tun ist keine Grenze gesetzt In den von uns gegebenen Beispielen sind

die Classen wirkliche Arten da eine jede der Eigentümlichkeiten ein Anzeichen

einer Menge von Eigenschaften ist die zur Klasse gehören welche durch sie

charakterisiert werden wenn aber der Fall auch anders wäre  wenn durch ein uns

bekanntes Verfahren die anderen Eigenschaften jener Classen von einer

Eigentümlichkeit auf welche die Klasse gegründet ist abgeleitet werden

könnten  so würde der Naturforscher wenn jene abgeleiteten Eigenschaften für

seine Zwecke von Urwichtigkeit wären immer noch berechtigt sein seine ersten

Einteilungen auf sie zu gründen

Wenn uns aber praktische Bequemlichkeit genugsam berechtigt bei unserer

Anordnung der Gegenstände die Hauptdemarcationslinien so zu ziehen dass sie mit

irgend einer Unterscheidung in der Art nicht coincidiren und so Genera und

Species im populären Sinne zu schaffen die im strengen Sinne gar keine Genera

und Species sind so müssen wir wenn unsere Genera und Species wirkliche Genera

und Species sind um so mehr berechtigt sein die Verschiedenheit zwischen ihnen

durch diejenigen ihrer Eigenschaften zu bezeichnen welche durch die Zwecke

praktischer Bequemlichkeit stark empfohlen werden Wenn wir aus einem gegebenen

Genus eine Species in der Absicht herausnehmen  zB die Species Mensch aus dem

Genus Thier   dass die Eigentümlichkeit die uns bei der Anwendung des Namens

zu leiten hat Vernunft sein soll so ist Vernunft die Differentia der Species

Mensch Wir wollen indessen annehmen in unserer Eigenschaft als Naturforscher

nähmen wir für die Zwecke eines besonderen Studiums aus dem Genas Thier dieselbe

Species Mensch heraus aber nur in der Absicht dass die Unterscheidung des

Menschen von einer jeden andern Tierspecies nicht in der Vernunft, sondern im

Besitz von »vier Schneidezähnen in jeder Kinnlade einzelnen Fangzähnen und

aufrechter Stellung« zu suchen sei Es ist klar dass das Wort Mensch wenn wir

es nun als Naturforscher gebrauchen nicht mehr Vernünftigkeit sondern die drei

anderen angegebenen Eigenschaften mitbezeichnet denn das was wir besonders im

Auge haben wenn wir einen Namen geben bildet sicher einen Teil der Bedeutung

dieses Namens Wir können daher als einen Grundsatz aufstellen dass wo ein

Genus vorhanden und eine aus dem Genus herausgegriffene Species durch eine

nachweisbare Differentia bezeichnet ist da muss der Name der Species konnotativ

sein und muss die Differentia mitbezeichnen die Mitbezeichnung kann aber eine

spezielle sein  nämlich eine nicht in der Bedeutung des Wortes, wie es

gewöhnlich gebraucht wird eingeschlossene sondern eine die ihm beigelegt wird

wenn es als ein Ausdruck der Kunst oder Wissenschaft gebraucht wird Im

gewöhnlichen Gebrauch mitbezeichnet das Wort Mensch Vernünftigkeit und eine

gewisse Gestalt aber nicht die Zahl und den Charakter der Zähne im Linnéischen

System mitbezeichnet es die Anzahl der Schneidezähne und Hundszähne nicht aber

Vernünftigkeit und eine besondere Gestalt Das Wort Mensch hat daher obgleich

es gewöhnlich nicht als zweideutig angesehen wird zwei verschiedene

Bedeutungen weil es zufällig in beiden Fällen dieselben individuellen

Gegenstände bezeichnet Es ist aber ein Fall denkbar in welchem die

Zweideutigkeit augenfällig wird wir haben uns nur zu denken es würde eine neue

Tierart entdeckt welche Linnés drei charakteristischen Kennzeichen der

Menschheit aber keine Vernunft und keine menschliche Gestalt besitzen In

gewöhnlicher Sprache würden diese Tiere nicht Menschen genannt werden, aber in

der Naturgeschichte müssten sie von den Anhängern der Linnéischen Klassifikation

so genannt werden, und es würde die Frage entstehen ob das Wort ferner noch in

der doppelten Bedeutung gebraucht oder ob die Klassifikation und mit ihr die

technische Bedeutung des Wortes aufgegeben werden sollte

Wörter die sonst nicht mitbezeichnend sind können in der so eben angeführten

Weise eine spezielle oder technische Mitbezeichnung erlangen So mitbezeichnet

das Wort Weiße wie oft bemerkt nichts es bezeichnet bloß das einer gewissen

Empfindung entsprechende Attribut wenn wir aber eine Klassifikation der Farben

vornehmen und die in unserer Anordnung der Weiße angewiesene besondere Stelle

rechtfertigen oder auch nur bezeichnen wollen so können wir sie definieren als

»die durch die Mischung aller einfachen Strahlen erzeugte Farbe« und obgleich

keineswegs in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes Weiße eingeschlossen

sondern nur als Resultat wissenschaftlicher Forschung bekannt bildet diese

Tatsache doch einen Teil der Bedeutung des Wortes in besonderen Abhandlungen

und wird zur Differentia der Species32

Die Differentia einer Species kann daher definiert werden als ein Teil der

gewöhnlichen oder speziellen und technischen Mitbezeichnung des spezifischen

Namens welcher die fragliche Species von allen anderen Species des Genus auf

das wir dieselbe bei einer besonderen Gelegenheit beziehen unterscheidet

Nachdem wir mit Genus Species und Differentia zu Ende gekommen wird es uns

nicht schwer fallen eine klare Vorstellung von der Verschiedenheit sowohl

zwischen den zwei übrigen Prädikabilien als auch zwischen diesen und den drei

ersteren zu erlangen

In der Aristotelischen Ausdrucksweise gehören Genus und Differentia zum Wesen

des Subjekts wodurch wie wir sahen in Wirklichkeit gemeint ist dass die

durch das Genus und die durch die Differentia angedeuteten Eigenschaften einen

Teil der Mitbezeichnung des die Species bezeichnenden Namens bilden Von der

andern Seite bilden Proprium und Accidens keinen Teil des Wesens, sondern

werden von der Species nur zufällig ausgesagt In dem weiteren Sinne wonach die

zufälligen Eigenschaften eines Dinges seinem Wesen entgegengesetzt sind sind

beide Proprium und Accidens zufällige Eigenschaften obgleich in der Lehre von

den Prädikabilien Accidens nur für eine und Proprium für eine andere Art von

zufälliger Eigenschaft gebraucht wird Proprium sagen die Scholastiker ferner

wird in der That zufällig aber doch notwendig prädiziert oder wie sie weiter

erklären es bedeutet ein Attribut das in der That nicht zum Wesen gehört das

aber aus demselben fließt oder eine Folge davon ist und daher der Species

unauflöslich verliehen ist wie zB die verschiedenen Eigenschaften eines

Dreiecks welche obgleich kein Teil der Definition desselben von allem was

unter die Definition fällt notwendig besessen werden müssen Accidens hat im

Gegenteil keinen Zusammenhang irgend einer Art mit dem Wesen sondern es kann

kommen und gehen und die Species wird doch bleiben was sie vorher war Wenn

eine Species ohne ihre Propria existieren könnte so müsste sie auch ohne das

wovon ihre Propria eine notwendige Folge sind demnach ohne ihr Wesen ohne

das was sie zur Species macht existieren können aber ein Accidens sei es der

wirklichen Erfahrung nach trennbar oder untrennbar von der Species kann von ihr

getrennt gedacht werden ohne dass dabei notwendig irgend eine andere Änderung

angenommen werden oder wenigstens ohne dass vorausgesetzt werden müsse es

ändere sich eine der wesentlichen Eigenschaften der Species da das Accidens mit

ihnen keinen Zusammenhang hat

Ein Proprium einer Species kann daher definiert werden als ein Attribut das

allen in der Species eingeschlossenen Individuen angehört und welches obgleich

es je nach dem Zwecke der Klassifikation gewöhnlich oder speziell von dem

spezifischen Namen nicht eingeschlossen wird dennoch aus irgend einem Attribute

folgt welches der Name entweder gewöhnlich oder speziell mitbezeichnet

Ein Attribut kann aus einem andern in zweierlei Weisen folgen und es gibt

daher zwei Arten von Propria Es kann folgen wie ein Schluss aus den Prämissen

oder wie eine Wirkung aus der Ursache folgt So folgt das Attribut gleiche

einander gegenüberliegende Seiten zuhaben welches nicht durch das

Wortparallelogramm mitbezeichnet wird nichtsdestoweniger aus den durch den

Namen mitbezeichneten Attributen nämlich daraus dass die einander

gegenüberliegenden Seiten gerade Linien und parallel sind und dass die Zahl der

Seiten vier ist Das Attribut die gegenüberliegenden Seiten gleich zu haben

ist daher ein Proprium der Klasse Parallelogramm und zwar ein Proprium der

ersteren Art da es aus dem mitbezeichneten Attribut durch Demonstration folgt

Das Attribut die Sprache verstehen zu können ist ein Proprium der Species

Mensch da es ohne durch das Wort mitbezeichnet zu werden aus einem Attribut

folgt das von dem Worte wirklich mitbezeichnet wird nämlich aus dem Attribute

der Vernünftigkeit Dies ist aber ein Proprium der zweiten Art und folgt aus

einer Verursachung Wie eine Eigenschaft eines Dinges aus einer anderen folgen

oder geschlossen werden kann, unter welchen Bedingungen dies möglich ist und

welches die genaue Bedeutung der Redensart istist eine der Fragen die uns in

den zwei folgenden Büchern beschäftigen werden Für jetzt haben wir bloß

anzuführen dass wo ein Proprium durch einen Schluss oder durch eine

Verursachung folgt es notwendig folgt dies heißt soviel als in

Übereinstimmung mit irgend einem Gesetz das wir als einen Teil der

Beschaffenheit entweder unseres Denkvermögens oder des Weltalls betrachten muss

es folgen

Unter das noch übrige Prädicabile Accidens fallen alle Attribute eines Dinges,

die weder in der Bedeutung des Namens eingeschlossen liegen noch in einem

notwendigen Connex mit den darin eingeschlossenen Attributen stehen Sie werden

gewöhnlich in trennbare und untrennbare Akzidenzien eingeteilt Untrennbare

Akzidenzien sind solche von denen man weiß dass sie  obgleich wir keinen

Connex zwischen ihnen und den die Species konstituierenden Attributen kennen und

obgleich sie daher soviel wir wissen fehlen könnten ohne den Namen unanwendbar

und die Species zu einer anderen Species zu machen  in Wirklichkeit niemals

fehlen Eine concise Weise dieselbe Bedeutung auszudrücken ist untrennbare

Akzidenzien sind Eigenschaftenwelche für die Species allgemein universell

aber nicht notwendig sind So ist Schwärze ein Attribut einer Krähe und soviel

wir wissen ein universelles Wenn wir aber eine Klasse von weißen Vögeln

entdecken würden die den Krähen in anderen Beziehungen gleichen so würden wir

nicht sagen Dies sind keine Krähen wir würden sagen Dies sind weiße Krähen

Krähe mitbezeichnet daher nicht Schwärze und dieselbe könnte auch nicht aus

irgend einem der durch das Wort in populären oder wissenschaftlichen Sinne

mitbezeichneten Attribute gefolgert werden. Wir können uns daher nicht allein

eine weiße Krähe vorstellen sondern wir sehen auch keinen Grund warum ein

solches Thier nicht existieren sollte Da indessen bis jetzt bloß schwarze

Krähen bekannt sind so tritt Schwärze bei dem gegenwärtigen Zustande unserer

Kenntnisse als ein untrennbares Accidens der Species Krähe auf

Trennbare Akzidenzien sind solche die der Species in Wirklichkeit manchmal

fehlen die ihr nicht allein nicht notwendig sondern nicht einmal allgemein

sind sie gehören nicht einem jeden Individuum der Species sondern nur einigen

derselben oder wenn allen dann doch nicht zu jeder Zeit an So ist die Farbe

eines Europäers eines der trennbaren Akzidenzien der Species Mensch weil sie

nicht ein Attribut aller menschlichen Geschöpfe ist Geborensein ist im

logischen Sinne ebenfalls ein trennbares Accidens der Species Mensch denn

obgleich ein Attribut aller menschlichen Wesenist es dies bloß zu einer

besonderen Zeit Um so mehr müssen solche Attribute die sogar in demselben

Individuum nicht beständig sind wie an einem und demselben Orte sein warm oder

kalt sein sitzend oder gehend sein zu den trennbaren Akzidenzien gezählt

werden

 





     1 Ein notwendiger Teil der Lehre von den Namen und Urteilen bleibt

hier noch abzuhandeln die Theorie der Definitionen Schon in einem der

vorhergehenden Kapitel haben wir dieselben als die wichtigste Klasse der als

bloße wörtliche charakterisierten Urteile erwähnt Mit der Klassifikation in

engem Zusammenhange stehend konnten sie jedoch erst nach deren Verständnis in

einer zweckmäßigen und verständlichen Weise abgehandelt werden

    Der einfachste und richtigste Begriff von einer Definition ist ein Urteil

das die Bedeutung eines Wortes erklärt sei es die Bedeutung bei der

gewöhnlichen Anwendung desselben sei es die welche der Schreibende oder

Sprechende ihm für seine besonderen Zwecke beilegt

    Da die Definition eines Wortes ein Urteil ist welches die Bedeutung des

Wortes angibt enunziert so sind Wörter die keine Bedeutung haben auch

keiner Definition fähig Eigennamen können daher nicht definiert werden Da ein

Eigenname bloß ein einem Individuum angeheftetes Zeichen ist und da dessen

charakteristische Eigenschaft darin besteht keine Bedeutung zu besitzen so

kann seine Bedeutung natürlich auch nicht erklärt werden; obgleich wir durch die

Sprache oder noch bequemer durch Deuten mit dem Finger angeben könnten auf

welches Individuum dieses besondere Zeichen gemacht worden ist oder gemacht

werden soll Wenn man sagt »der Sohn vom General Thompson« so ist dies keine

Definition von »John Thompson« denn der Name John Thompson drückt dies nicht

aus Es ist auch keine Definition von »John Thompson« wenn wir sagen »der Mann

welcher über die Straße geht« Diese Urteile können dazu dienen um den

besonderen Mann dem der Name angehört erkennen zu lassen dies kann aber noch

unzweideutiger dadurch geschehen dass man auf ihn deutet was man indessen

nicht als eine Definitionsweise zu betrachten pflegt

    Bei den mitbezeichnenden Namen liegt die Bedeutung, wie oft bemerkt in der

Mitbezeichnung und die Definition eines mitbezeichnenden Namens ist daher das

Urteil, das die Mitbezeichnung angibt Dies kann direkt oder indirekt

geschehen Die direkte Weise würde ein Urteil von folgender Formsein »Mensch

oder welches Wort es sei ist ein die und die Attribute mitbezeichnender Name«

oder »es ist ein Name der wenn er von einem Ding ausgesagt wird den Besitz

durch dieses Ding von den und den Attributen bedeutet« Oder auch so Mensch ist

ein jedes Ding das die und die Attribute besitzt Mensch ist ein jedes Ding

das Körperlichkeit Organisation Leben Vernunft und eine gewisse äußerliche

Gestalt besitzt

    Diese Form der Definition ist die präziseste und am wenigsten zweideutige

von allen sie ist aber nicht kurz genug und ist überdies für die gewöhnliche

Rede zu technisch und pedantisch Die üblichere Art die Mitbezeichnung eines

Namens anzuzeigen besteht darin, einen andern Namen von bekannter Bedeutung von

ihm auszusagen einen Namen der dasselbe Aggregat von Attributen mitbezeichnet

Dies kann entweder dadurch geschehen dass von dem zu definierenden Namen

entweder ein anderer mit ihm genau synonymer mitbezeichnender Name ausgesagt

wird wie »der Mensch ist ein menschliches Wesen« was man gewöhnlich gar nicht

für eine Definition hält oder indem man zwei oder mehr mitbezeichnende Namen

aussagt welche für sich die ganze Mitbezeichnung des zu definierenden Namens

ausmachen Im letzteren Falle können wir unsere Definition wiederum entweder aus

so vielen mitbezeichnenden Namen zusammensetzen als Attribute da sind von denen

jedes durch einen Namen mitbezeichnet wird wie »der Mensch ist ein

körperliches organisiertes belebtes vernünftiges so und so gestaltetes

Wesen« oder wir können Namen gebrauchen die mehrere Attribute zugleich

anzeigen wie der Mensch ist ein vernünftiges so und so gestaltetes Thier

    Nach dieser Ansicht ist die Definition eines Namens die ganze Summe aller

wesentlichen Urteile welche mit diesem Namen als Subjekt aufgestellt werden

können. Alle Urteile deren Wahrheit in dem Namen eingeschlossen liegt alle

diejenigenwelche wir durch das bloße Hören des Namens auffassen sind in der

Definition wenn sie vollständig ist eingeschlossen und können ohne die

Mithülfe irgend anderer Prämissen daraus entwickelt werden die Definition

drücke sie in zwei oder in drei oder auch in einer größeren Anzahl von Wörtern

aus Nicht ohne Grund haben daher Condillac und andere Autoren die Definition

eine Analyse genannt Ein verwickeltes Ganze in die es zusammensetzenden

Elemente zu zerlegen ist der Zweck der Analyse und dieses tun wir wenn wir

ein eine Reihe von Attributen kollektiv mitbezeichnendes Wort durch zwei oder

mehr Wörter ersetzen welche dieselben Attribute einzeln oder in kleineren

Gruppen mitbezeichnen

    

     2 Hieraus entsteht aber natürlich die Frage auf welche Weise sollen wir

einen Namen definieren der nur ein einziges Attribut mitbezeichnet wie zB

»weiß« das nichts als Weiße mitbezeichnet »vernünftig« das nichts als den

Besitz von Vernunft mitbezeichnet Es könnte scheinen dass die Bedeutung

solcher Namen nur auf zwei Weisen zu erklären ist durch ein synonymes Wort

wenn ein solches vorhanden oder auf die bereits angeführte direkte Weise

»weiß ist ein Name der das Attribut Weiße mitbezeichnet« Wir wollen indessen

zusehen ob die Analyse der Bedeutung des Namens d h das Zerbrechen dieser

Bedeutung in mehrere Theile noch weiter fortzuführen ist Ohne für jetzt die

Frage in Beziehung auf das Wort weiß zu entscheiden ist es einleuchtend dass

in Beziehung auf vernünftig die Erklärung seiner Bedeutung weiter zu führen ist

als in dem Satz »Vernünftig ist was das Attributvernunft besitzt« enthalten

ist, da das Attribut Vernunft selbst eine Definition zulässt Hier nun müssen

wir unsere Aufmerksamkeit den Definitionen von Attributen oder vielmehr von

Namen von Attributen dh von abstrakten Namen zuwenden

    In Beziehung auf diejenigen Namen von Attributen welche mitbezeichnend

sind und Attribute von diesen Attributen ausdrücken werden wir keine

Schwierigkeiten finden wie andere mitbezeichnenden Namen werden sie durch

Anführung ihrer Mitbezeichnung definiert So kann das Wort Fehler definiert

werden »eine Eigenschaft, die Übel oder Unbequemlichkeit erzeugt« Zuweilen

ist auch das zu definierende Attribut nicht ein Attribut sondern eine Verbindung

von mehreren wir haben daher nur die Namen der einzelnen Attribute

zusammenzustellen um die Definition des Namens zu erhalten der ihnen sämtlich

angehört eine Definition welche der des entsprechenden konkreten Namens genau

entsprechen wird Denn da wir einen konkreten Namen durch das Aufzählen der

Attribute die er mitbezeichnet definieren und da die durch einen konkreten

Namen mitbezeichneten Attribute die ganze Bedeutung des entsprechenden

abstrakten Namens bilden so wird dieselbe Aufzählung als eine Definition beider

dienen Wenn also die Definition eines menschlichen Wesens so lautet »ein

körperliches belebtes vernünftiges so und so gestaltetes Wesen« so wird die

Definition von Menschheit sein Körperlichkeit und tierisches Leben verbunden

mit Vernünftigkeit und der und der Gestalt

    Wenn von der andern Seite der abstrakte Name nicht einen Komplex von

Attributen sondern ein einziges Attribut ausdrückt so müssen wir uns erinnern

dass sich ein jedes Attribut auf eine Tatsache oder Erscheinung gründet von

welcher es allein seine Bedeutung erhält Zu dieser in einem früheren Kapitel

die Grundlage des Attributs genannten Tatsache oder Erscheinung müsset wir

daher wegen dessen Definition unsere Zuflucht nehmen Die Grundlage des

Attributs kann nun eine einigermaßen verwickelte Erscheinung sein die aus

verschiedenen koexistierenden oder aufeinanderfolgenden Teilen besteht Um eine

Definition des Attributs zu erhalten müssen wir die Erscheinung in diese Theile

zerlegen Beredsamkeit zBist der Name von nur einem Attribut aber dieses

Attribut gründet sich auf äußerliche Wirkungen von einer komplizierten Natur

welche aus Handlungen desjenigen fließen dem wir dieses Attribut zuschreiben

und wenn wir dieses Phänomen in seine zwei Theile Ursache und Wirkung,

auflösen so erhalten wir die Definition der Beredsamkeit nämlich die Macht

durch Rede oder Schrift auf die Gefühle einen Einfluss auszuüben

    Es lässt daher sowohl ein konkreter als auch ein abstrakter Name eine

Definition zu wenn wir das Attribut oder die Reihe von Attributen welche die

Bedeutung des konkreten und des entsprechenden abstrakten Namens zugleich

ausmacht analysieren dh in Theile unterscheiden können ist es eine Reihe von

Attributen durch Aufzählen derselben ist es ein einzelnes Attribut durch

Zerlegen der Tatsache oder Erscheinung sei es der Wahrnehmung, sei es des

Inneren Bewusstseins welche die Grundlage des Attributs ist Aber selbst wenn

es eine Tatsache oder Erscheinung unserer einfachen Gefühle oder Zustände des

Bewusstseins, und daher nicht zerlegbar wäre so lässt doch der Name des

Gegenstandes sowohl als der des Attributs eine weitere Definition zu oder

vielmehr würde sie zulassen wenn alle unsere einfachen Gefühle Namen hätten

Weiße kann definiert werden die Eigenschaft oder das Vermögen die Empfindung

von weiß zu erregen Ein weißer Gegenstand kann definiert werden ein

Gegenstand welcher die Empfindung von weiß erregt Die einzigen Namen welche

einer Definition nicht fähig sind weil ihre Bedeutung der Analyse nicht fähig

ist sind die Namen der einfachen Gefühle selbst Diese sind in derselben Lage

wie die Eigennamen Sie sind in der That nicht wie die Eigennamen aller

Bedeutung ledig denn das Wort Empfindung von weiß bedeutet dass die so

bezeichnete Empfindung anderen Empfindungen gleicht welche ich mich erinnere

vorher schon gehabt und mit diesem Namen benannt zuhaben Da wir aber kein

anderes Wort haben wodurch wir diese früheren Empfindungen wachrufen könnten

als das zu definierende Wort selbstoder ein der Definition ebenfalls

bedürftiges damit synonymes Wort so können Wörter die Bedeutung dieser Klasse

von Namen nicht enthüllen und wir sind gezwungen direkt an die persönliche

Erfahrung desjenigen zu dem wir sprechen zu appellieren

    

     3 Nachdem wir angegeben haben was die wahre Idee von einer Definition

zu sein scheint wollen wir einige Ansichten von Philosophen und einige populäre

Vorstellungen von dem Gegenstand die mehr oder weniger mit dieser Idee in

Widersprach stehen erörtern

    Die einzige adäquate Definition eines Namens ist wie bereits bemerkt

diejenige welche die Tatsache und zwar die ganze Tatsache andeutet welche

der Name in seine Bedeutung einschließt Für die meisten Menschen ist der

Gegenstand einer Definition nicht so umfassend sie suchen in der Definition

nichts als eine Anleitung zu dem richtigen Gebrauch des Wortes  einen Schutz

gegen eine nicht gebräuchliche Anwendung desselben Für sie ist daher alles eine

hinreichende Definition des Wortes, was ihnen richtig angibt was das Wort

bezeichnet wenn es auch nicht das Ganze und zuweilen vielleicht nicht einmal

einen Teil von dem umfasst was das Wort mitbezeichnet Hieraus entstehen zwei

Arten von unvollkommenen und unwissenschaftlichen Definitionen nämlich

wesentliche aber unvollständige Definitionen und zufällige akzidentelle

Definitionen oder Beschreibungen In der ersteren wird ein mitbezeichneter Name

nur durch einen Teil seiner Mitbezeichnung definiert in der letzteren durch

etwas was gar keinen Antheil an der Mitbezeichnung hat

    Ein Beispiel der ersteren Art von unvollkommener Definition ist die folgende

Der Mensch ist ein vernünftiges Thier Es ist nicht möglich dies für eine

vollständige Definition des Wortes Mensch anzusehen indem wir sonst wie früher

bemerkt die Houyhnhms Menschen nennen müssten da es aber keine Houyhnhms

gibt so reicht diese unvollkommene Definition hin um die mit »Mensch«

bezeichneten Gegenstände alle existierenden Wesen von denen der Name ausgesagt

werden kann, von allen anderen Dingen zu unterscheiden Obgleich das Wort nur

durch einige der Attribute welche es mitbezeichnet und nicht durch alle

definiert wird so trifft es sich doch dass alle bekannten Gegenstände welche

die aufgezählten Attribute besitzen auch die hinweggelassenen besitzen so dass

sowohl das Bereich der Prädikation des Wortes, als auch der mit dem Herkommen

übereinstimmende Gebrauch desselben ebenso gut durch die unzureichende

Definition wie durch eine zureichende angegeben wird Derartige Definitionen

werden indessen durch die Entdeckung neuer Gegenstände in der Natur leicht

umgestoßen

    Definitionen dieser Art hatten die Logiker im Auge als sie die Regel

aufstellten dass die Definition einer Species per genus et differentiam

geschehen sollte Da differentia selten so genommen wird dass sie das Ganze der

eine Species konstituierenden Eigentümlichkeiten sondern gewöhnlich nur so

dass sie einige derselben bedeutet so würde eine vollständige Definition eher

per genus et differentias als per differentiam stattfinden Sie würde mit dem

Namen des höheren Genus nicht bloß irgend ein, die zu definierende Species von

allen anderen Species desselben Genus unterscheidendes Attribut einschließen

sondern auch alle im Namen der Species eingeschlossenen Attribute die der Name

des höheren Genus nicht schon einschließt Die Behauptung, dass eine Definition

notwendig aus einem Genus und aus einer Differentia bestehen muss ist indessen

nicht haltbar Die Logiker bemerkten schon frühe dass das summum genus einer

Klassifikation da es kein Genus über sich hat auf diese Weise nicht definiert

werden könnte Wir haben aber gesehen dass mit Ausnahme der Namen unserer

einfachen Empfindungen alle Namen in strengster Weise dadurch definiert werden

können, dass wir die konstituierenden Theile der Tatsache oder Erscheinung aus

denen zuletzt die Mitbezeichnung eines Wortes zusammengesetzt ist in Worten

angeben

    

     4 Obgleich die erste Art von unvollkommener Definition welche ein

mitbezeichnendes Wort nur durch einen Teil von dem definiert was es

mitbezeichnet durch einen Teil der indessen hinreicht um die Grenzen seiner

Bezeichnung richtig anzugeben von den Alten und von den Logikern im allgemeinen

als eine vollständige Definition angesehen wurde so hielt man es doch immer für

nötig dass die gebrauchten Attribute wirklich einen Teil der Mitbezeichnung

bildeten denn die Regel war dass die Definition aus dem Wesen der Klasse

genommen werden sollte dies wäre aber nicht der Fall gewesen wenn sie

irgendwie aus nicht durch den Namen mitbezeichneten Attributen bestanden hätte

Die zweite Art von unvollkommener Definition diejenige in welcher der Name

einer Klasse durch irgend eines ihrer Akzidenzien definiert wird  dh durch

Attribute die in seiner Mitbezeichnung nicht eingeschlossen liegen   wurde

daher von allen Logikern aus der Reihe der ächten Definitionen verwiesen und

Beschreibung genannt

    Diese Art von unvollkommener Definition entsteht aber aus derselben Ursache

wie die andere nämlich aus der Geneigtheit alles für eine Definition zu

nehmen was uns mit oder ohne Erklärung der Bedeutung des Namens in den Stand

setzt die durch den Namen bezeichneten Dinge von allen anderen Dingen zu

unterscheiden und folglich das Wort in der Prädikation zu gebrauchen ohne vom

Herkommen abzuweichen Dieser Zweck wird passend durch die Angabe irgend eines

gleichgültig welches der dem Ganzen der Klasse gemeinschaftlichen und ihm

eigentümlichen Attribute oder auch durch Angabe einer Verbindung von

Attributen erreicht welche ihm dem Ganzen vielleicht eigentümlich sind

obgleich ein jedes dieser Attribute ihm einzeln mit irgend anderen Dingen

gemein sein kann Es ist nur nötig dass die so gebildete Definition oder

Beschreibung mit dem Namen den sie zu definieren vorgibt verwechselt werden

könne dh dass sie soweit gehe wie dieser indem sie von allem aussagbar

wovon dieser aussagbar ist und von nichts wovon es dieser nicht wäre obgleich

die angegebenen Attribute vielleicht mit denjenigen keinen Zusammenhang haben

welche die Menschen im Auge hatten als sie die Klasse bildeten oder erkannten

und ihr einen Namen gaben Die folgenden Urteile halten diese Probe aus der

Mensch ist ein Säugetier das von Natur aus zwei Hände hat denn die

menschliche Species aber kein anderes Thier entspricht dieser Beschreibung

der Mensch ist ein Thier das seine Speise kocht der Mensch ist ein

zweifüßiges Thier ohne Federn

    Durch den besonderen Zweck den der Sprechende oder Schreibende im Auge hat

kann zu dem Rang einer Definition erhoben werden was sonst nur eine bloße

Beschreibung wäre Wie wir in dem vorhergehenden Kapitel sahen so kann es der

besonderen Zwecke einer Kunst oder Wissenschaft oder der bequemeren Darlegung der

besonderen Lehren eines Autors wegen ratsam sein einem Gemeinnamen ohne

Veränderung seiner Bezeichnung eine spezielle Mitbezeichnung zu geben die von

der gewöhnlichen verschieden istIst dies geschehen so wird eine Definition

des Namens mit Hülfe von Attributen welche die spezielle Mitbezeichnung

ausmachen obgleich sie im allgemeinen eine bloß zufällige Definition oder

Beschreibung ist bei der besonderen Gelegenheit und zu dem besonderen Zweck zu

einer vollständigen Und ächten Definition Dies findet in Beziehung auf eines

der vorhergehenden Beispiele wirklich statt »Der Mensch ist ein Säugetier mit

zwei Händen« was die wissenschaftliche Definition des Menschen als eine der

Species in Cuviers Einteilung des Tierreichs ist

    Obgleich die Definition in solchen Fällen immer noch eine Erklärung der dem

Namen bei der besonderen Gelegenheit beigelegten Bedeutung ist so kann man doch

nicht sagen dass es der Zweck der Definition sei die Bedeutung des Wortes

anzugeben Ihr Zweck ist nicht einen Namen zu erklären sondern eine

Klassifikation erklären zu helfen Die besondere Bedeutung welche Cuvier dem

Wort Mensch beilegte die der gewöhnlichen Bedeutung ganz fremd ist obgleich

sie keine Änderung in der Bezeichnung des Wortes einschließt gehörte zu dem

Plan einer Anordnung der Tiere in Classen nach einem gewissen Prinzip dh

nach einer gewissen Reihe von Verschiedenheiten Und da die Definition des

Menschen nach der gewöhnlichen Mitbezeichnung des Wortes nicht den von der

Species in der Klassifikation eingenommenen Platz angezeigt wenn sie auch jedem

andern Zweck einer Definition entsprochen hätte so gab er dem Wort eine

spezielle Mitbezeichnung um es durch die Art von Attributen definieren zu

können auf welche er der wissenschaftlichen Zweckmäßigkeit wegen seine

Einteilung der belebten Natur zu gründen beschloss

    Wissenschaftliche Definitionen sind fast immer von der zuletzt erwähnten

Art sie mögen Definitionen wissenschaftlicher Ausdrücke oder gewöhnlicher in

einem wissenschaftlichen Sinn gebrauchter Ausdrücke sein ihr Hauptzweck ist

als ein Grenzzeichen der Klassifikation zu dienen und da in einer jeden

Wissenschaft die Klassifikationen durch den Fortschritt der Wissenschaft

modifiziert werden so sind auch die Definitionen in den Wissenschaften beständig

der Veränderung unterworfen Ein auffallendes Beispiel hiervon bieten die Worte

Alkali und Säure besonders das letztere Die zu den Säuren gezählten Substanzen

haben sich beim Fortschreiten experimenteller Entdeckungen fortwährend vermehrt

und die durch das Wort mitbezeichneten Attribute haben sich als eine natürliche

Folge hiervon verringert Im Anfang mitbezeichnete das Wort die Attribute durch

Verbindung mit einem Alkali eine neutrale ein Salz genannte Substanz zu

bilden aus einem Radikal und Sauerstoff zu bestehen ätzender Geschmack

Flüssigkeit etc Die Zerlegung der Salzsäure in Chlor und Wasserstoff schloss

die zweite Eigenschaft Zusammensetzung aus einem Radikal und Sauerstoff von

der Mitbezeichnung aus Dieselbe Entdeckung richtete die Aufmerksamkeit der

Chemiker auf den Wasserstoff als einen wichtigen Bestandteil der Säuren und da

spätere Entdeckungen seine Gegenwart in der Schwefelsäure Salpetersäure und

vielen anderen Säuren33 in denen seine Anwesenheit nicht vermutet worden war

nachwiesen so zeigte sich jetzt eine Neigung die Gegenwart dieses Elements in

die Mitbezeichnung des Wortes einzuschließen Aber Kohlensäure Kieselsäure

schweflige Säure sind keine Verbindungen die Wasserstoff enthalten diese

Eigenschaft kann daher nicht durch das Wort mitbezeichnet werden es sei denn

dass man diese Substanzen nicht länger mehr als Säuren betrachte Ätzender

Geschmack und Flüssigkeit sind durch die Kieselsäure und viele andere Substanzen

längst von den charakteristischen Eigenschaften der Klasse ausgeschlossen die

Bildung neutraler Körper durch Verbindung mit Alkalien samt einigen

elektrochemischen Eigentümlichkeiten welche dieselbe einzuschließen scheint

sind nun die einzigen differentiae welche die festgesetzte Mitbezeichnung des

Wortes Säure als eines Ausdrucks der chemischen Wissenschaft ausmachen

    Wissenschaftliche Männer suchen noch immer und werden wahrscheinlich noch

lange eine taugliche Definition eines der frühesten Wörter in dem Wörterbuch des

Menschengeschlechts und dazu noch eines von den Wörtern deren populäre

Bedeutung am besten verstanden wird suchen Dieses Wort ist »Wärme« die Quelle

der Schwierigkeit ist in dem unvollkommenen Zustand unserer wissenschaftlichen

Kenntnisse zu suchen der uns zwar eine Menge von Erscheinungen zeigt die mit

der Kraft welche das verursacht was unsere Sinne als Wärme erkennen im

Zusammenhange stehen der uns aber die Gesetze dieser Erscheinung noch nicht

genau genug kennen gelehrt hat um entscheiden zu können unter welchen

charakteristischen Eigenschaften das Ganze dieser Erscheinungen zuletzt als eine

Klasse zusammengefasst werden soll welche charakteristischen Eigenschaften

natürlich ebenso viele differentiae für die Definition der Kraft selbst sein

würden

    Was von der Definition irgend eines Ausdrucks der Wissenschaft wahr istist

natürlich auch von der Definition einer Wissenschaft selbst wahr und es muss

daher wie in der Einleitung bemerkt die Definition einer Wissenschaft

notwendig eine vorläufige und fortschreitende sein Irgend eine Erweiterung

unseres Wissens oder eine Veränderung in den gewöhnlichen Ansichten über den

Gegenstand können zu einer mehr oder weniger weitgreifenden Veränderung der in

der Wissenschaft eingeschlossenen Einzelheiten führen und wenn sich ihre

Zusammensetzung auf diese Weise verändert hat so dürfte vielleicht eine

verschiedene Reihe von charakteristischen Eigenschaften leicht zu finden sein

die sich als differentiae für die Definition des Namens der Wissenschaft besser

eignen

    In derselben Weise wie eine spezielle oder technische Definition zum Zweck

hat die künstliche Klassifikation der sie entwächst zu erklären so sollte

wie die Aristotelischen Logiker zu glauben schienen eine gewöhnliche Definition

die gewöhnliche und nach ihrer Meinung natürliche Klassifikation der Dinge,

nämlich die Einteilung derselben in Arten erklären und den Platz zeigen

welchen eine jede Art als höhere kollaterale oder untergeordnete Art unter

anderen Arten einnimmt Diese Vorstellung würde die Regel dass eine jede

Definition notwendig per genus et differentiam geschehen muss erklären und

würde auch erklären warum man eine jede differentia für hinreichend hielt Es

ist aber bereits die Unmöglichkeit nachgewiesen worden eine Verschiedenheit der

Art zu erklären oder in Worten auszudrucken es liegt gerade in der Bedeutung

einer Art dass die sie unterscheidenden Eigenschaften nicht auseinander

hervorwachsen und dass sie daher in Worten sogar implicite nicht anders als

durch Aufzählung ihrer aller darzustellen sind aber alle sind nicht bekannt

und werden es auch niemals sein Man betrachtet dies daher vergeblich als einen

der Zwecke einer Definition während wenn es nur erforderlich ist dass die

Definition einer Art anzeige welche Arten dieselbe einschließen oder von ihr

eingeschlossen werden dies durch eine jede Definition geschieht welche die

Mitbezeichnung der Namen darlegt denn der Name einer jeden Klasse muss

notwendig so viele von ihren Eigenschaften mitbezeichnen dass die Grenzen der

Klasse dadurch festgesetzt werden Wenn daher die Definition eine vollständige

Angabe der Mitbezeichnung ist so ist dies alles was man von einer Definition

verlangen kann

    

     5 Was von den zwei unvollständigen oder unwissenschaftlichen

Definitionsweisen und dem Unterschied zwischen ihnen und der vollständigen oder

wissenschaftlichen Definitionsweise gesagt worden ist, wird nun genügen Wir

wollen nun zunächst eine alte einst allgemein herrschende und noch jetzt

keineswegs verworfene Lehre prüfen die ich als die Quelle eines großen Teils

des Dunkels betrachte welches über einigen der wichtigsten

Verstandesoperationen bei der Erforschung der Wahrheit schwebt Nach dieser

Lehre gehören die Definitionen nur der einen von zwei Arten an in welche die

Definitionen eingeteilt werden können; es sind entweder Definitionen von Namen

oder Definitionen von Dingen. Die ersteren sollen die Bedeutung eines Wortes

die letzteren die Natur eines Dinges erklären letztere sind bei weitem die

wichtigsten

    Diese Ansicht wurde von den alten Philosophen und ihren Nachfolgern mit

Ausnahme der Nominalisten verteidigt da aber der Geist der modernen Metaphysik

bis zur neuesten Zeit im ganzen ein nominalistischer war so wurde zwar die Idee

von Definitionen von Dingen bis zu einem gewissen Grade fern gehalten sie

stiftet aber immer noch mehr durch ihre Folgen als direkt durch sich selbst

Verwirrung in der Logik. Hie und da bricht diese Lehre in ihrer eigenen Gestalt

hervor so hat sie sich unter anderen Orten da gezeigt wo man sie kaum hätte

erwarten sollen in einem verdientermaßen beliebten Buch Whatelys Logik34 In

einer Rezension dieses Werkes welche ich in der Westminster Review für Januar

1828 veröffentlichte und welche einige Ansichten enthält die ich nicht mehr

habe finde ich die folgenden Bemerkungen über die vorliegende Frage

Bemerkungen mit denen meine jetzigen Ansichten von der Sache genugsam

übereinstimmen

    »Die Unterscheidung zwischen Nominal und Realdefinitionen zwischen

Definitionen von Wörtern und sogenannten Definitionen von Dingen, wenn sie auch

mit den Vorstellungen der meisten Aristotelischen Logiker übereinstimmen

können wie uns scheint doch nicht aufrecht erhalten werden Wir glauben dass

eine Definition niemals den Zweck hat die Natur des Dinges zu enthüllen Unsere

Meinung wird dadurch bestätigt dass es keinem von den Schriftstellern welche

glaubten es gäbe Definitionen von Dingen, jemals gelang ein Kriterien zu

entdecken durch welches die Definition eines Dinges von einem andern auf das

Ding sich beziehenden Urteil unterschieden werden kannDie Definition, sagen

dieselben enthüllt die Natur des Dinges, aber keine Definition kann seine ganze

Natur enthüllen und ein jedes Urteil in welchem irgend eine Eigenschaft des

Dinges ausgesagt wird enthüllt einen Teil seiner NaturDer wahre Sachverhalt

ist nach unserer Meinung der folgende Alle Definitionen sind Definitionen von

Namen und nur von Namen aber bei manchen Definitionen ist es einleuchtend dass

sie nur die Bedeutung des Wortes erklären sollen während andere außer der

Worterklärung noch einschließen sollen dass ein dem Wort entsprechendes Ding

existiert Ob dies in einem gegebenen Fall eingeschlossen ist kann aus der

bloßen Form des Ausdrucks nicht geschlossen werden Ein Zentaur ist ein Thier

dessen obere Theile die eines Menschen und dessen untere Theile die eines

Pferdes sind und ein Dreieck ist eine geradlinige Figur mit drei Seiten sind

in der Form genau ähnliche Ausdrücke obgleich der erstere nicht einschließt

dass irgend ein mit dem Wort übereinstimmendes Ding existiert während dies beim

letzteren der Fall istdies ergibt sich einfach wenn man in beiden Definitionen

für ist das Wort bedeutet setzt Ein Zentaur bedeutet ein Thier etc der Sinn

bleibt unverändert bei dem zweiten ein Dreieck bedeutet etc würde der Sinn

verändert werden denn es wäre offenbar unmöglich geometrische Wahrheiten aus

einem Satz abzuleiten der nur ausdrucken soll in welcher Weise wir ein

besonderes Zeichen gebrauchen wollen

    Es gibt daher gewöhnlich für Definitionen geltende Ausdrücke welche mehr

als die bloße Erklärung des Wortes in sich einschließen Es ist aber nicht

richtig solche Ausdrücke eine besondere Art Definition zu nennen Ihre

Verschiedenheit von den anderen besteht darin, dass sie nicht eine Definition

istsondern eine Definition und etwas mehr Die obige Definition eines Dreiecks

enthält offenbar nicht eines sondern zwei vollkommen unterscheidbare Urteile

Das erste ist es kann eine von drei geraden Seiten begrenzte Figur geben das

andere diese Figur kann ein Dreieck genannt werden. Das erstere Urteil ist gar

keine Definition das letztere ist eine bloße Nominaldefinition oder eine

Erklärung der Anwendung des Wortes. Das erstere kann wahr oder falsch sein, und

kann daher zur Grundlage eines Syllogismus gemacht werden Das letztere kann

weder wahr noch falsch sein, Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit dem

Sprachgebrauch ist der einzige Charakter den es besitzen kann«

    Es ist also ein wirklicher Unterschied zwischen Definitionen von Namen und

irrtümlich Definitionen von Dingen genannten Definitionen denn die letzteren

behaupten samt der Bedeutung des Namens verdeckterweise auch noch eine

Tatsache. Diese verdeckte Tatsache ist keine Definition sondern ein Postulat

Die Definition ist bloß ein identisches Urteil das nur bezüglich des

Sprachgebrauchs Auskunft gibt und aus welchem unmöglich Schlüsse bezüglich von

Tatsachen gezogen werden können. Von der andern Seite behauptet das begleitende

Postulat eine Tatsache, welche zu allen möglichen wichtigen Folgen führen kann

Es behauptet die wirkliche Existenz von Dingenwelche die in der Definition

angegebene Verbindung von Attributen besitzen und dies kann wenn wahr die

Grundlage für ein ganzes Gebäude von wissenschaftlichen Wahrheiten abgeben

    Wir haben schon die Bemerkung gemacht und werden sie noch zu wiederholen

haben dass die Philosophen welche den Realismus über den Haufen warfen

keineswegs die Folgen des Realismus loswurden sondern lange noch in ihrer

eigenen Philosophie viele Sätze aufrecht erhielten die nur als ein Teil des

realistischen Systems eine vernünftige Bedeutung haben konnten Es ist uns von

Aristoteles und vielleicht aus noch früheren Zeiten stammend als eine

einleuchtende Wahrheit überliefert worden dass die ganze Wissenschaft der

Geometrie aus Definitionen abgeleitet sei So lange eine Definition als ein

Urteil angesehen wurde »das die Natur des Dinges enthüllt« ging dies an Aber

Hobbes kam und verwarf die Vorstellung, dass eine Definition die Natur des

Dinges erkläre oder etwas mehr tue als die Bedeutung eines Namens anzugeben

aber er behauptete immer noch so breit wie einer seiner Vorgänger dass die

archai principia oder ursprünglichen Prämissen der Mathematik, und sogar aller

Wissenschaften Definitionen seien erstellte so das sonderbare Paradoxon auf

dass Systeme von wissenschaftlicher Wahrheit ja sogar dass alle Wahrheit zu

welcher wir durch Schließen gelangen aus der willkürlichen Übereinkunft der

Menschen bezüglich der Bedeutung von Wörtern abgeleitet sind

    Um das Ansehen der Lehre die Definitionen seien die Prämissen

wissenschaftlicher Erkenntnis zu retten fügt man zuweilen den Vorbehalt bei

dass sie in Übereinstimmung mit den Naturerscheinungen geformt sein müssen

dh dass sie den Wörtern Bedeutungen unterlegen welche auf die wirklich

existierenden Dinge passen Dies ist aber nur ein Beispiel von dem oft gemachten

Versuch der Notwendigkeit zu entgehen alte Sprechweisen zu verlassen nachdem

die dadurch ausgedrückten Ideen mit entgegengesetzten vertauscht worden sind.

Aus der Bedeutung eines Namens sagt man uns können unmöglich physikalische

Tatsachen gefolgert werden, wenn nicht ein dem Namen entsprechendes Ding

vorhanden ist. Wenn aber dieser Vorbehalt nötig ist aus was ist die Folgerung

gezogen aus der Existenz eines die Eigenschaften besitzenden Dinges oder aus

der Existenz eines dieselben bedeutenden Namens

    Nehmen wir als Beispiel eine der in Euklids Elementen als Prämissen

aufgestellten Definitionen sagen wir die Definition des Kreises Wenn dieselbe

analysiert wird so besteht sie aus zwei Sätzen der eine ist eine Annahme

bezüglich einer Tatsache der andere ist eine ächte Definition »Es kann eine

Figur existieren welche alle Punkte in der sie begrenzenden Linie von einem

Punkt in ihr gleichweit entfernt hat« »Eine jede diese Eigenschaft besitzende

Figur wird ein Kreis genannt« Betrachten wir einen von den Beweisen welche von

dieser Definition abhängig sind und bemerken wir an welchen von den zwei darin

enthaltenen Sätzen der Beweis appelliert »Um den Mittelpunkte soll der Kreis B

C D beschrieben werden« Hierin liegt eine Annahme dass eine Figur wie sie die

Definition ausdrückt beschrieben werden kann; was nichts anderesals das

Postulat oder die in der sogenannten Definition versteckte Annahme ist Ob aber

diese Figur ein Kreis genannt werde oder nicht ist ganz gleichgültig Mit

Ausnahme der Kürze würde der Zweck gerade so gut erfüllt werden wenn wir sagen

würden »durch den Punkt B ziehe man eine in sich selbst zurückkehrende Linie

wovon jeder Punkt von dem Punkt A gleichweit abstehe« Hierdurch wurde die

Definition eines Kreises beseitigt und nutzlos gemacht werden nicht aber das

darin enthaltene Postulat ohne welches der Beweis nicht bestehen könnte

Nachdem der Kreis beschrieben ist sehen wir nach den Folgen »Da B C D ein

Kreis ist so ist der Halbmesser B A dem Halbmesser C A gleich« B A ist gleich

C A nicht weil B C D ein Kreis sondern weil B C D eine Figur mit gleichen

Halbmessern ist Unsere Berechtigung anzunehmen dass eine solche Figur um den

Mittelpunkt A mit dem Halbmesser B A hervorgebracht werden kann, liegt in dem

Postulat Ob sich die Zulässigkeit dieser Postulate auf Anschauung oder auf

einen Beweis stützt mag eine Streitfrage sein jedenfalls aber sind sie die

Prämissen, von denen der Lehrsatz abhängig ist, und so lange man diese bewahrt

würde es für die Gewissheit der geometrischen Wahrheiten nichts ausmachen wenn

eine jede Definition im Euklid und ein jeder darin definierte technische Ausdruck

bei Seite gelegt würde

    Es ist fast überflüssig so lange bei etwas zu verweilen was fast

selbsteinleuchtend ist wenn aber eine Verschiedenheit so augenfällig sie auch

scheinen mag trotz starker Verstandeskräfte verwechselt worden ist, so ist es

besser eher zu viel als zu wenig zu sagen um solche Missverständnisse künftig

unmöglich zu machen Ich werde daher den Leser noch damit aufhalten dass ich

eine von den absurden Folgen nachweise die aus der Annahme entspringen die

Definitionen als solche seien mit Ausnahme der bloß auf Wörter bezüglichen die

Prämissen von irgend welchen unserer Schlüsse Wenn diese Voraussetzung wahr

wäre so könnten wir in ganz richtiger Weise von wahren Prämissen ausgehend

argumentieren und doch zu falschen Schlüssen gelangen Wir brauchen bloß als

Prämisse die Definition einer Nonentität anzunehmen oder vielmehr einen Namen

dem keine Entität entspricht Es sei zB unsere Definition

    Ein Drache ist eine feuerspeiende Schlange

Als eine Definition betrachtet ist dieser Satz unstreitig richtig Ein Drache

ist eine feuerspeiende Schlange das Wort bedeutet dies Die stillschweigende

Annahme wenn es eine solche gäbe der Existenz eines Gegenstandes, welcher die

der Definition entsprechenden Eigenschaften besitzt würde in dem vorliegenden

Falle eine falsche sein Aus dieser Definition können wir die Prämissen des

folgenden Syllogismus herausbilden

Ein Drache ist ein feuerspeiendes Ding

Ein Drache ist eine Schlange

woraus der Schluss folgt

    Daher speit manche Schlange Feuer  ein untadelhafter Syllogismus nach dem

ersten Modus der dritten Figur in dem beide Prämissen wahr und der Schluss

dennoch falsch ist was wie jeder Logiker weiß eine Absurdität ist Da der

Syllogismus richtig und der Schluss falsch ist so können die Prämissen nicht

wahr sein Aber als Theile einer Definition betrachtet sind die Prämissen wahr

sie können daher als Theile einer Definition keine wirklichen Prämissen sein

Die wirklichen Prämissen müssen sein

    Ein Drache ist ein wirklich existierendes Ding das Feuer speit

    Ein Drache ist eine wirklich existierende Schlange

und da diese Prämissen falsch sind so bietet die Falschheit des Schlusses keine

Absurdität mehr dar

    Wenn wir entscheiden wollen welcher Schluss aus denselben Prämissen folgt

wenn die stillschweigende Annahme der wirklichen Existenz hinweggelassen wird

so brauchen wir darin bloß bedeutet für ist zu setzen Wir haben dann

    Ein Drache ist ein Wort das ein Ding bedeutet welches Feuer speit

    Ein Drache ist ein Wort das eine Schlange bedeutet hieraus folgt der

Schluss

    Manches Wort das eine Schlange bedeutet bedeutet auch ein Ding, das Feuer

speit

und dieser Schluss sowie die Prämissen) ist wahr und ist die einzige Art

Schluss welche aus einer Definition folgen kann nämlich ein auf die Bedeutung

von Wörtern bezügliches Urteil

    Wir können diesen Syllogismus noch in eine andere Form bringen Wir können

annehmen der Untersatz bezeichne weder ein Ding, noch ein Name sondern eine

Idee Wir haben dann

    Die Idee von einem Drachen ist eine Idee von einem Ding welches Feuer

speit

    Die Idee von einem Drachen ist eine Idee von einer Schlange

    Folglich gibt es eine Idee von einer Schlange welche eine Idee von einem

Ding ist welches Feuer speit

Hier sind sowohl Schluss als Prämissen wahr aber die Prämissen sind keine

Definitionen es sind Urteile die affirmieren dass eine in dem Geist

existierende Idee gewisse ideale Elemente einschließt Die Wahrheit des

Schlusses folgt aus der Existenz der psychologischen die Idee eines Drachen

genannte Erscheinung und daher immer wieder aus der stillschweigenden Annahme

einer Thatsache35

Wenn wie in dem letzten Syllogismus der Schluss ein Urteil bezüglich einer

Idee ist so kann die Voraussetzung von welcher er abhängig ist, die der

bloßen Existenz einer Idee sein Ist aber der Schluss ein Urteil bezüglich

eines Dinges, so ist das in der Definition eingeschlossene sichtlich als

Prämisse stehende Postulat die Existenz eines mit der Definition

übereinstimmenden Dinges und nicht bloß einer damit übereinstimmenden Idee

Dieser Annahme realer Existenz überlassen wir immer den beabsichtigten Eindruck

wenn wir einen Namen definieren von dem bereits bekannt ist dass es der Name

eines wirklich existierenden Dinges ist Aus diesen Gründen war die Annahme auch

nicht notwendig in der Definition eines Drachen eingeschlossen während über

ihr Eingeschlossensein in der Definition eines Kreises kein Zweifel stattfinden

konnte

 

 6 Einer von den Umständen welche die Vorstellung, dass demonstrative

Wahrheiten mehr aus Definitionen als aus den in diesen eingeschlossenen

Postulaten folgen aufrecht erhielten besteht darin, dass sogar in den

Wissenschaften welche der allgemeinen Ansicht nach alle anderen an

demonstrativer Gewissheit übertreffen die Postulate nicht immer ganz wahr sind.

Es ist nicht wahr dass ein Kreis mit genau gleichen Halbmessern existiert oder

dass er beschrieben werden kann. Eine solche Genauigkeit ist eine bloß ideale

sie wird weder in der Natur gefunden noch kann sie durch Kunst verwirklicht

werden Man fand es daher schwierig zu begreifen dass der gewisseste aller

Schlüsse sich auf Prämissen stützen könne welche anstatt gewiss wahr zu sein

gewiss nicht ganz soweit wahr sind, als deren Behauptung geht Dieser scheinbare

Widerspruch wird geprüft werden wenn wir die Beweisführung Demonstration

abhandeln wir werden dann im Stande sein zu zeigen dass in dem Postulat

gerade soviel wahres liegt als in dem Schluss wahres liegt der auf ihm beruht

Diejenigen Philosophen denen diese Ansicht nicht beifiel oder die nicht von

ihr befriedigt wurden hielten es für unumgänglich nötig dass in den

Definitionen mehr Gewissheit liege oder wenigstens etwas genauer wahres als

das eingeschlossene Postulat von der Existenz eines entsprechenden Gegenstandes

Und dieses Etwas schmeichelten sie sich gefunden zu haben wenn sie den Satz

aufstellten dass eine Definition die Angabe und Analyse nicht der bloßen

Bedeutung eines Wortes noch auch der Natur eines Dinges, sondern einer Idee

sei So betrachteten sie den Satz »Ein Kreis ist eine ebene Figur die von

einer Linie begrenzt wird wovon alle Punkte von einem Inneren Punkt gleich weit

entfernt sind« nicht als eine Behauptung dass ein wirklicher Kreis die

Eigenschaft habe was nicht genau wahr wäre sondern dass wir uns einen Kreis

denken der sie hat dass unsere abstrakte Idee von einem Kreis die Idee einer

Figur mit genau gleichen Halbmessern ist

In Übereinstimmung hiermit wird behauptet dass der Gegenstand der Mathematik

und einer jeden demonstrativen Wissenschaft nicht wirkliche Dinge sondern

Abstraktionen unseres Geistes sind Eine geometrische Linie ist eine Linie ohne

Breite aber eine solche Linie existiert nicht in der Natur, es ist eine

Vorstellungdie der Geist aus dem in der Natur vorhandenen Material schafft

Die Definition so heißt es ist eine Definition dieser geistigen Linie nicht

aber einer wirklichen Linie und nur von dieser geistigen Linie nicht aber von

einer in der Natur existierenden Linie sind die Lehrsätze der Geometrie genau

wahr

Selbst wenn man diese Lehre bezüglich der Natur demonstrativer Wahrheit für

richtig hielte und ich werde später zu zeigen suchen dass sie es nicht ist

so folgen die Schlüsse, welche aus einer Definition zu folgen scheinen doch

nicht aus der Definition als solcher sondern aus einem darin enthaltenen

Postulat Auch wenn es wahr wäre dass es in der Natur keinen Gegenstand gibt

welcher der Definition einer Linie entspräche und dass die geometrischen

Eigenschaften der Linien nicht von Linien in der Natur wahr sind, sondern nur

von der Idee einer Linie so postuliert die Definition jedenfalls die wirkliche

Existenz einer solchen Idee sie setzt voraus dass der Geist die Vorstellung

von Länge ohne Breite oder irgend eine andere sinnlich wahrnehmbare Eigenschaft

bilden könne oder gebildet habe Mir scheint es aber dass der Geist in der

That eine solche Vorstellung nicht bilden kann er kann sich keine Länge ohne

Breite vorstellen er kann bloß bei der Betrachtung der Gegenstände

ausschließlich auf ihre Länge und abgesehen von deren anderen sinnlichen

Eigenschaften Acht haben und so bestimmen welche Eigenschaften kraft dieser

Länge allein von ihnen ausgesagt werden können. Wenn dies wahr ist so ist das

in der geometrischen Definition einer Linie enthaltene Postulat die wirkliche

Existenz nicht von Länge ohne Breite sondern nur von Länge dh von langen

Gegenständen Dies gibt eine hinreichende Stütze für alle Wahrheiten der

Geometrie ab indem eine jede Eigenschaft einer geometrischen Linie wirklich

eine Eigenschaft aller Länge besitzenden physikalischen Gegenstände ist Aber

selbst was ich in Beziehung auf diesen Gegenstand für die falsche Lehre halte

lässt den Schluss dass unsere Folgerungen auf die in den Definitionen

postulierten Tatsachen und nicht auf die Definitionen selbst gegründet sind

ganz unberührt hierin stimme ich daher mit der von Dr Whewell in seiner

Philosophie der induktiven Wissenschaften ausgesprochenen Anschauung überein

wenn auch seine Ansichten über die Natur demonstrativer Wahrheit von den

meinigen sehr verschieden sind Und hier wie bei anderen Gelegenheiten bekenne

ich gern dass seine Schriften sehr nützlich und förderlich sind um die ersten

Schritte in der Analyse der Geistesprozesse von Verwirrung frei zu halten sogar

dann noch wenn seine Ansichten bezüglich der letzten Analyse der Art sind dass

ich sie obgleich mit ungeheuchelter Achtung als fundamental irrig betrachten

muss

 

 7 Obgleich nach der hier vorgelegten Ansicht die Definitionen eigentlich nur

Definitionen von Namen und nicht von Dingen sind so folgt hieraus doch nicht

dass sie willkürlich sind Einen Namen zu definieren kann nicht allein eine sehr

schwierige und verwickelte Aufgabe sein sondern kann auch Betrachtungen

verlangen welche tief in die Natur des von dem Namen bezeichneten Dinges

eindringen Der Art sind zB die Untersuchungen welche den Gegenstand des

wichtigsten von Platons Gesprächen bilden wie »Was ist Rhetorik« das Thema

von den Georgias oder »Was ist Gerechtigkeit« das Thema von der Republik

Der Art ist auch die mit Entrüstung von Pilatus gestellte Frage Was ist

Wahrheit und die fundamentale Frage der spekulativen Moralphilosophen aller

Zeiten »Was ist Tugend«

Diese schwierigen und edlen Untersuchungen so darzustellen als hätten sie

keinen andern Zweck als die konventionelle Bedeutung eines Namens zu bestimmen,

wäre ein großer Irrtum Es sind Untersuchungen nicht sowohl um zu bestimmen,

was die Bedeutung eines Namens ist als was sie sein sollte was wie eine jede

andere praktische Frage der Terminologie zu seiner Lösung erfordert dass wir

auf die Natur nicht bloß der Namen sondern der benannten Dinge eingehen und

zuweilen sehr tief eingehen

Obgleich die Bedeutung eines jeden konkreten Gemeinnamens in den durch ihn

mitbezeichneten Attributen liegt so wurden die Gegenstände doch vor den

Attributen benannt dies geht aus der Tatsache hervor dass die abstrakten

Namen in allen Sprachen meistenteils Zusammensetzungen oder andere Ableitungen

von den ihnen entsprechenden konkreten Namen sind Nach den Eigennamen waren

daher die mitbezeichnenden Namen die zuerst gebrauchten und in den einfacheren

Fällen war dem Geiste derjenigen welche den Namen zuerst gebrauchten eine

deutliche Mitbezeichnung gegenwärtig und sollte ihrer Absicht nach auch dadurch

mitgeteilt werden Der erste der das Wort weiß so gebrauchte wie es auf

Schnee und andere Gegenstände angewendet wird wusste ohne Zweifel recht gut

welche Eigenschaft er aussagen wollte und hatte von den durch den Namen

bezeichneten Attributen in seinem Geiste eine vollkommen deutliche Vorstellung

Wo aber die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten auf welche unsere

Klassifikationen gegründet sind nicht so greifbar und leicht zu bestimmen sind

besonders wo sie nicht aus einer Eigenschaft sondern aus einer Anzahl von

Eigenschaften bestehen deren miteinander vermischte Wirkungen nicht so leicht

zu unterscheiden und eine jede auf ihre wahre Quelle zurückzuführen sind da

geschieht es häufig dass benennbaren Dingen Namen beigelegt werden ohne dass

dem Geist der sie Beilegenden eine deutliche Mitbezeichnung gegenwärtig wäre Es

ist nur der Einfluss einer allgemeinen Ähnlichkeit zwischen dem neuen

Gegenstand und allen oder einigen der alten familiären Gegenstände welche sie

bei jenem Namen zu nennen gewöhnt sind der bei ihnen tätig ist Wie wir

gesehen haben ist dies das Gesetz, dem sogar der Geist des Philosophen folgen

muss wenn er den einfachen elementaren Gefühlen unserer Natur Namen gibt wo

aber die zu benennenden Dinge ein verwickeltes Ganze sind da begnügt sich der

Philosoph nicht mit der Beachtung einer allgemeinen Ähnlichkeit er untersucht

worin die Ähnlichkeit besteht und er gibt denselben Namen nur Dingen die

einander in denselben bestimmten Einzelheiten gleichen Der Philosoph gebraucht

daher seine Gemeinnamen gewöhnlich mit einer bestimmten Mitbezeichnung Aber die

Sprache wurde nicht von Philosophen gemacht und kann von ihnen auch nur bis zu

einem geringen Grade verbessert werden In dem Geiste der wahren Schiedsrichter

der Sprache mitbezeichnen Gemeinnamen besonders wo die durch sie bezeichneten

Classen der Identifizierung und Unterscheidung wegen nicht vor den Richtstuhl der

äußeren Sinne gebracht werden können, wenig mehr als eine vage grobe

Ähnlichkeit mit den Dingen, welche jene am frühesten oder am meisten gewöhnt

waren bei diesen Namen zu nennen Wenn zB gewöhnliche Menschen die Wörter

gerecht oder ungerecht von einer Handlung edel oder gemein von einer Gesinnung

einem Ausdruck oder einer Handlung Staatsmann oder Scharlatan von einer in der

Politik eine Rolle spielenden Persönlichkeit aussagen beabsichtigen sie dann

von diesen verschiedenen Gegenständen bestimmte Attribute von irgend einer Art

auszusagen Nein sie erkennen nur wie sie glauben eine mehr oder weniger vage

und unbestimmte Ähnlichkeit zwischen diesen und einigen anderen Dingen welchen

sie gewöhnt waren diese Benennungen zu geben oder von anderen gegeben zu sehen

Die Sprache »wird nicht gemacht sondern wächst« geradeso wie es Sir James

Mackintosh von Regierungen zu sagen pflegte Ein Name wird einer Klasse von

Gegenständen nicht auf einmal und in vorausgängiger Absicht erteilt sondern er

wird erst auf ein Ding angewendet und dann durch eine Reihe von Übergängen auf

ein anderes und wieder ein anderes Durch dieses Verfahren geht wie von

verschiedenen Schriftstellern bemerkt und von Dugald Stewart in seinen

philosophischen Essays sehr nachdrücklich und klar erläutert worden ist) ein

Name durch eine zusammenhängende Kette von Ähnlichkeiten von einen Gegenstand

auf den andern über bis er zuletzt auf Dinge angewendet wird die mit den

Dingen, denen er zuerst gegeben wurde und die ihn aber darum nicht fallen

lassen nichts gemein haben so dass er zuletzt einen Wirrwarr von Gegenständen

bezeichnet die gar nichts gemeinsames mehr besitzen und dass er nichts

mitbezeichnet nicht einmal eine vage und allgemeine Ähnlichkeit Wenn ein Name

in diesen Zustand verfallen ist und wir durch Aussagen desselben von einem

Gegenstande buchstäblich nichts von dem Gegenstande behaupten so ist er für die

Zwecke des Denkens oder der Gedankenmittheilung untauglich geworden er kann

dann nur wieder brauchbar werden wenn er eines Teils seiner mannigfaltigen

Bezeichnungen entkleidet und auf Gegenstände beschränkt wird die einige

Attribute gemein haben und welche man ihn dann mitbezeichnen lässt Dies sind

die Unannehmlichkeiten einer Sprache welche »nicht gemacht wird sondern

wächst« Wie die Regierungen welche in einem ähnlichen Falle sind kann sie mit

einem Weg verglichen werden der nicht gemacht worden istsondern der sich

selbst gemacht hat er bedarf fortwährend der Ausbesserung um gangbar zu

bleiben

Schon hieraus ist ersichtlich warum die Frage bezüglich der Definition eines

abstrakten Namens oft mit so großen Schwierigkeiten verbunden ist Die Frage

was ist Gerechtigkeit heißt mit anderen Worten, welches Attribut wollen die

Menschen aussagen wenn sie eine Handlung gerecht nennen Die erste Antwort

hierauf ist dass weil sie über diesen Punkt zu keiner genauen Übereinstimmung

gelangen konnten sie gar kein Attribut in deutlicher Weise aussagen wollen

Nichtsdestoweniger glauben alle dass irgend ein den Handlungen welche sie

gewöhnt sind gerecht zu nennen gemeinsames Attribut vorhanden sei Es muss

daher die Frage entstehen gibt es ein solches gemeinsames Attribut und vor

allem stimmen die Menschen in Beziehung auf die von ihnen gerecht genannten

Handlungen genugsam überein um eine Untersuchung der diesen Handlungen

gemeinsamen Eigenschaft möglich zu machen und wenn dies so ist haben die

Handlungen wirklich eine Eigenschaft gemein und wenn sie sie haben welches ist

sie Von diesen drei Fragen ist die erste allein eine Frage in Beziehung auf

Gebrauch und Übereinkommen die beiden andern sind Fragen in Beziehung auf

Tatsachen Und wenn die zweite Frage ob die Handlungen eine Klasse bilden mit

Nein beantwortet worden ist, so bleibt noch eine vierte und schwierigere als

alle nämlich wie soll man am besten eine künstliche Klasse bilden welche der

Name bezeichnen kann

Es ist hier der geeignete Ort zu bemerken dass das Studium des spontanen

Wachstums der Sprachen für diejenigen von der äußersten Wichtigkeit ist,

welche dieselben logisch umgestalten wollen Wenn die rohen Klassifikationen der

bestehenden Sprache durch die Hand des Logikers verbessert werden was sie fast

immer erfordern so sind sie an und für sich für seine Zwecke vortrefflich

geeignet Mit den Klassifikationen des Philosophen verglichen sind sie wie die

Gewohnheitsgesetze eines Landes welche im Vergleich mit den durchdachten und

methodisch zu einem Gesetzbuch geordneten Gesetzen spontan gewachsen sind die

ersteren sind viel unvollkommener als die letzteren aber da sie das Resultat

einer langen wenn auch unwissenschaftlichen Erfahrung sind so enthalten sie

eine Masse von Material das bei der Bildung des systematischen Corpus von

geschriebenem Gesetz sehr nützlich werden kann. In ähnlicher Weise ist die

bestehende Gruppierung von Gegenständen unter einem gemeinsamen Namen wenn sie

sich auch nur auf eine grobe und allgemeine Ähnlichkeit gründet ein Beweis

erstens dass die Ähnlichkeit augenfällig und daher bedeutend ist zweitens dass

es eine Ähnlichkeit ist die während einer langen Reihe von Jahren und

Jahrhunderten vielen Menschen aufgefallen ist Sogar wenn ein Name durch eine

Reihe von sukzessiven Übertragungen zuletzt auf Gegenstände angewendet wird

welche diese grobe Ähnlichkeit nicht mehr mit einander gemein haben so finden

wir doch bei jedem Schritte in der Reihe eine Ähnlichkeit und diese Übergänge

in der Bedeutung der Wörter sind oft ein Anzeichen eines wirklichen

Zusammenhangs der durch sie bezeichneten Dinge welcher sonst leicht der

Beobachtung der Denker entgehen könnte wenigstens derjenigen welche wegen des

Gebrauchs einer verschiedenen Sprache oder einer Verschiedenheit in ihren

gewohnten Ideenassoziationen ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise einer andern Seite

der Dinge zugewendet haben Die Geschichte der Philosophie ist reich an

Beispielen von solchen Versehen sie wurden begangen weil die verborgene Kette

welche die anscheinend unvereinbaren Bedeutungen irgend eines zweideutigen

Wortes mit einander verknüpfte nicht wahrgenommen wurde36

Wenn die Untersuchung über die Definition des Namens eines realen Gegenstandes

in etwas mehr besteht als in einer bloßen Vergleichung von Autoritäten so

nehmen wir stillschweigend an dass für den Namen eine mit dem Umstand

verträgliche Bedeutung gefunden werden muss wonach er immer noch wo möglich

alle jedenfalls aber den größeren oder wichtigeren Teil der Dinge, von denen er

gewöhnlich ausgesagt wird fortbezeichnet Die Untersuchung über die Definition

ist daher eine Untersuchung der Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen

diesen Dingen Ist eine Ähnlichkeit vorhanden welche durch alle hindurchgeht

und wenn nicht durch welchen Teil derselben können wir eine solche allgemeine

Ähnlichkeit verfolgen und endlich welches sind die gemeinsamen Attribute

deren Besitz ihnen allen oder einem Teil von ihnen den Charakter von

Ähnlichkeit verleiht der zu ihrer Klassifikation miteinander geführt hat Dies

sind die zu entscheidenden Fragen Wenn diese gemeinsamen Attribute bestimmt und

einzeln angegeben worden sind, so erlangt der den sich gleichenden Gegenständen

gemeinsame Name eine deutliche Mitbezeichnung anstatt einer unbestimmten und

wird durch den Besitz dieser deutlichen Mitbezeichnung einer Definition fähig

Wenn der Philosoph einem Gemeinnamen eine deutliche Mitbezeichnung gibt so

wird er solche Attribute zu wählen suchen die während sie allen gewöhnlich mit

dem Namen bezeichneten Dingen gemein auch an und für sich von größerer

Wichtigkeit sind sei es direkt sei es der Anzahl der Sichtbarkeit oder des

interessanten Charakters der Folgen wegen zu denen sie führen Er wird soviel

wie möglich solche differentiae wählen welche zu der größten Anzahl von

interessanten propria führen Denn diese mehr als die dunklen und verborgenen

Eigenschaften von denen sie oft abhängig sind geben einer Reihe von

Gegenständen jenen allgemeinen Charakter der die Gruppen bestimmt in welche

sie zerfallen Aber zu der verborgenen Übereinstimmung zu gelangen von welcher

diese sichtliche und oberflächliche Übereinstimmung abhängt ist oft eines der

schwierigsten wissenschaftlichen Probleme und so wie es zu den schwierigsten

gehört gehört es mit seltener Ausnahme auch immer zu den wichtigsten Und da

von dem Resultat dieser Untersuchung bezüglich der Ursachen von den

Eigenschaften einer Klasse von Dingen gelegentlich die Frage abhängig ist, was

die Bedeutung eines Wortes sein soll so sind einige der tiefsten und

schätzbarsten Untersuchungen welche uns die Philosophie darbietet unter der

Maske von Untersuchungen über die Definition eines Namens eingeführt worden

 



 


            Aiôrismenôn de toutôn legômen êdê dia tinôn kai pote kai pôs

            ginetai pas syllogismos hysteron de lekteon peri apodeixeôs

            Proteron gar peri syllogismou lekteon ê peri apodeixeôs dia to

            katholou mallon einai ton syllogismon Hê men gar apodeixis

            syllogismos tis ho syllogismos de ou pas apodeixis

                                             Arist Analyt Prior 1 I cap 4

 
 



                                



     1 In dem vorhergehenden Buche waren wir nicht mit der Natur des Beweises

 sondern mit der Natur der Behauptung beschäftigt mit dem Inhalt der Urteile

sie mögen wahr oder falsch sein, nicht mit den Mitteln durch welche man wahre

Urteile von falschen unterscheiden kann Der eigentliche Gegenstand der Logik

ist aber der Beweis Ehe wir verstehen konnten was der Beweis ist war es

nötig dasjenige zu verstehen auf welches der Beweis anwendbar ist das was

Gegenstand des Glaubens und Unglaubens der Bejahung und Verneinung werden kann,

kurz das was die verschiedenen Urteile behaupten Diese vorläufige

Untersuchung haben wir zu einem bestimmten Resultate geführt Eine Behauptung

bezieht sich entweder auf die Bedeutung von Wörtern oder auf eine Eigenschaft

des durch Wörter angedeuteten Dinges Die Behauptungen bezüglich der Bedeutung

von Wörtern unter denen die Definitionen die wichtigsten sind nehmen in der

Philosophie eine hervorragende Stelle ein da aber die Bedeutung der Wörter

wesentlich willkürlich ist so ist diese Klasse von Behauptungen der Wahrheit

oder dem Irrtum und demnach auch dem Beweis oder der Widerlegung nicht

unterworfen Behauptungen bezüglich der Dinge, oder was man im Gegensatz zu den

bloß wörtlichen reale Urteile nennt zerfallen in mehrere Arten Wir haben

den Inhalt einer jeden Art untersucht und die Natur der Dinge, auf welche sie

sich beziehen sowie die Natur von dem was sie bezüglich dieser Dinge

behaupten bestimmt Wir fanden dass welches auch die Form des Urteils was

immerhin sein nominelles Subjekt und Prädikat sein möge das wirkliche Subjekt

eines jeden Urteils aus irgend einer oder mehreren Tatsachen oder

Erscheinungen des Bewusstseins, oder aus irgend einer oder mehreren der

verborgenen Ursachen oder Kräften besteht denen wir diese Tatsachen

zuschreiben wir fanden dass alles was von diesen Erscheinungen oder Kräften

im bejahenden oder verneinenden Sinne ausgesagt oder behauptet wird entweder

Existenz Ordnung im Raume, Ordnung in der Zeit Verursachung oder Ähnlichkeit

istDies ist also die auf ihre letzten Elemente zurückgeführte Theorie des

Inhalts der Urteile es gibt aber noch einen andern weniger abstrusen

Ausdruck der für viele Zwecke wissenschaftlich genug ist wenn er auch die

Analyse nicht weit durchführt Dieser Ausdruck anerkennt die gewöhnlich

angenommene Verschiedenheit zwischen Subjekt und Attribut und gibt folgendes

als die Analyse der Bedeutung der Urteile Ein jedes Urteil behauptet dass

ein gegebenes Subjekt irgend ein Attribut besitzt oder nicht oder dass irgend

ein Attribut entweder in allen oder in einem Theile der Subjekte in denen es

angetroffen wird) mit irgend einem andern Attribute vereinigt ist oder nicht

    Wir wollen nun von diesem Theile unserer Untersuchung Abschied nehmen und zu

dem eigentlichen Gegenstände der Logik übergehen wie werden die Behauptungen

deren Inhalt wir analysiert haben bewiesen oder widerlegt wenigstens diejenigen

unter ihnen welche da sie nicht auf das unmittelbare Bewusstsein oder die

Anschauung zurückführbar sind für den Beweis geeignet sind

    Von einer Tatsache oder einer Behauptung sagen wir sie sei bewiesen wenn

wir ihre Wahrheit auf Grund einer andern Tatsache oder Behauptung glauben aus

welcher sie wie man sagt folgt Die meisten Urteile es seien bejahende oder

verneinende allgemeine besondere oder einzelne glauben wir nicht auf ihre

eigene Evidenz hin sondern auf Grund von Etwas dem wir vorher beistimmten und

aus dem sie wie man sagt gefolgert werden. Einen Satz ein Urteil aus einem

vorhergehenden Urteil oder Urteilen folgern ihm als einer Folgerung aus etwas

anderem Glauben schenken oder für es Glauben in Anspruch nehmen heißt

schließen im weitesten Sinne des Wortes. Im engeren Sinne wird der Ausdruck auf

die Art zu folgern angewendet welche Vernunftschlüsse ziehen ratiocinatio

genannt wird und von welcher der Syllogismus der allgemeine Typus ist Die

Gründe uns nicht nach diesem beschränkten Gebrauche des Wortes zu richten sind

schon früher angegeben worden und bei den nun folgenden Betrachtungen werden

weitere Motive dafür angegeben werden

    

     2 Betrachten wir nun weiter die Fälle, wo Folgerungen in rechtmäßiger

Weise gezogen werden können, so müssen wir einiger Fälle erwähnen wo die

Folgerung nur scheinbar und nicht wirklich ist sie bedürfen der Erwähnung

hauptsächlich deswegen damit sie nicht mit Fällen von eigentlicher Folgerung

verwechselt werden Dies findet Statt wenn das scheinbar aus einem andern

gefolgerte Urteil bei der Prüfung eine bloße Wiederholung derselben oder eines

Theiles derselben Behauptung ist die in dem ersten Urteile enthalten war Alle

in den Büchern über Logik als Beispiele von Äquipollenz oder Äquivalenz

angeführten Fälle sind der Art Wenn wir argumentieren wollten Kein Mensch ist

der Vernunft unfähig denn alle Menschen sind vernünftig oder Alle Menschen

sind sterblich denn kein Mensch wird vom Tode ausgenommen so wäre es klar

dass wir das Urteil nicht beweisen sondern nur in andere Worte kleiden würden

wodurch es der Hörer vielleicht besser verstehen könnte oder auch nicht oder

wodurch es den wahren Beweis vielleicht besser an die Hand gäbe wodurch aber an

und für sich kein Schatten eines Beweises gewonnen würde

    Ein anderer Fall ist derjenige wenn wir aus einem allgemeinen Urteile ein

anderes folgern das sich nur dadurch von jenem unterscheidet dass es ein

besonderes ist wie Alle A sind B daher sind einige A auch B Kein A ist B

daher sind einige A nicht B Auch dies heißt nicht ein Urteil aus einem andern

folgern sondern es heißt nur noch einmal wiederholen was schon einmal

behauptet worden ist, bloß mit dem Unterschiede dass wir nicht die ganze

Behauptung wiederholen sondern nur einen Teil derselben

    Ein dritter Fall ist, wenn der Vordersatz von einem gegebenen Subjekte ein

Prädikat behauptet hat und der Nachsatz von demselben Subjekte etwas affirmiert

was durch das erste Prädikat schon mitbezeichnet war wie Sokrates ist ein

Mensch daher ist Sokrates ein lebendes Geschöpf wo alles durch lebendes

Geschöpf mitbezeichnete schon durch die Behauptung affirmiert wurde er sei ein

Mensch Sind die Urteile negativ so müssen wir ihre Ordnung umkehren wie

Sokrates ist kein lebendes Geschöpf folglich ist er kein Mensch denn wenn wir

das Geringere verneinen so wird das Größere welches es einschließt

stillschweigend implicite verneint Es sind dies demnach nicht wirklich Fälle

von einer Folgerung und dennoch sind die trivialen Beispiele durch welche in

den Handbüchern der Logik die Regeln des Syllogismus erläutert werden von

dieser schlecht gewählten Art es sind Beweise in Form von Schlüssen denen ein

jeder der die Bedeutung der Wörter in der Angabe der Data kennt schon mit

allem Bewusstsein beigestimmt hat

    Der verwickeltste Fall von dieser Art scheinbarer Folgerang ist die

sogenannte Umkehrung der Urteile welche darin besteht dass das Prädikat in

ein Subjektund das Subjekt in ein Prädikat verwandelt und aus den so

umgekehrten Ausdrücken ein Urteil gebildet wird das wahr sein muss wenn das

erste wahr ist So können wir aus dem besonderen bejahenden Urteile Einige A

sind B einige B sind A folgern Aus dem allgemeinen negativen Urteile Kein A

ist B können wir schließen Kein B ist A Aus dem allgemeinen bejahenden

Urteile Alle A sind B können wir nicht folgern Alle B sind A obgleich alles

Wasser flüssig ist so liegt hierin doch nicht dass alles Flüssige Wasser ist

es liegt aber darin dass manches Flüssige es ist und wir können demnach den

Satz Alle A sind B ganz mit Recht in Einige B sind A umkehren Dieses

Verfahren welches ein allgemeines Urteil in ein besonderes umwandelt heißt

die Umkehrung durch das Accidens conversio per accidens Aus dem Satz einige

A sind nicht B können wir nicht einmal folgern dass einige B nicht A sind

obgleich einige Menschen nicht Engländer sind so folgt hieraus nicht dass

einige Engländer nicht Menschen sind Die einzige rechtmäßige Umwandlung wenn

man sie so nennen darf eines besonderen negativen Urteils findet in der Form

Statt Einige A sind nicht B daher ist etwas das nicht B istAund dies wird

Umkehrung durch Kontraposition zuweilen auch Umwendung J S genannt In

diesem Falle werden jedoch Subjekt und Prädikat nicht bloß umgekehrt sondern

das eine von ihnen wird verändert Anstatt Aund B) sind die Bestandteile

des neuen Urteile ein Ding das nicht B ist), und A Das ursprüngliche

Urteil Einige A sind nicht B wird zuerst in ein Urteil verändert das mit

ihm äquipollent ist Einige A sind »ein Ding, das nicht B ist« und da das

Urteil nun nicht länger ein besonderes negatives sondern ein besonderes

bejahendes ist so lässt es eine Umwandlung der ersten Art oder sogenannte

einfache Umwandlung zu37

    In allen diesen Fällen ist nicht wirklich eine Folgerung vorhanden es liegt

in dem Schlusse keine neue Wahrheit sondern nur das was in den Prämissen schon

behauptet worden ist, und was einem Jeden einleuchtet der dieselben versteht

Die in dem Schlusse behauptete Tatsache ist entweder dieselbe Tatsache oder

ein Teil derselben Tatsache welche in dem ursprünglichen Urteil behauptet

wurde Dies folgt aus der vorhergehenden Analyse des Inhalts der Urteile Wenn

wir zB sagen manche legitime Herrscher sind Tyrannen was will diese

Behauptung sagen Dass die durch den Ausdruck »legitime Herrscher«

mitbezeichneten und die durch »Tyrann« mitbezeichneten Attribute zuweilen in

demselben Individuum zu gleicher Zeit vorhanden sindDies ist nun genau was wir

meinen wenn wir sagen dass manche Tyrannen legitime Herrscher sind es ist

daher dieses Urteil kein aus dem ersten gefolgertes so wenig als die englische

Übersetzung von Euklids Elemente eine Sammlung von Lehrsätzen ist die

verschieden und eine Folge von den im Original enthaltenen sind Wenn wir

behaupten Kein großer General ist ein unbesonnener Mensch so meinen wir

damit dass die durch »großer General« und »unbesonnener Mensch«

mitbezeichneten Attribute niemals in demselben Subjekt existieren was dasselbe

bedeutet wie wenn wir sagen kein unbesonnener Mensch ist ein großer General

Wenn wir sagen alle vierfüßigen Tiere sind warmblütig so behaupten wir nicht

bloß dass die durch »vierfüßige Tiere« und »warmblütig« mitbezeichneten

Attribute manchmal zugleich sind sondern auch dass die ersteren niemals ohne

die letzteren sind das Urteil, Einige warmblütigen Geschöpfe sind Vierfüßer

drückt nun aber die erste Hälfte dieser Bedeutung aus indem es in die zweite

übergeht es ist daher schon in dem vorhergehenden Urteile Alle vierfüßigen

Tiere sind warmblütig eingeschlossen Aber dass alle warmblütigen Tiere

Vierfüßer sind oder mit anderen Worten, dass die durch »warmblütig«

mitbezeichneten Attribute niemals ohne die durch »Vierfüßer« bezeichneten

existieren ist weder behauptet worden noch kann es gefolgert werden, um in

einer umgekehrten Form das in dem Urteile Alle vierfüßigen Tiere sind

warmblütig Behauptete noch einmal zu behaupten müssen wir dasselbe durch

Kontraposition umwandeln nämlich so Nichts was nicht warmblütig istist ein

vierfüßiges Thier Dieses Urteil und das woraus es abgeleitet ist sind genau

äquivalent und das eine kann dem andern substituiert werden denn sagen dass

wenn die Attribute eines Vierfüßers vorhanden sind, auch die eines warmblütigen

Geschöpfs vorhanden sind, heißt sagen dass wenn die letzteren abwesend es

auch die ersteren sind

    In einem Handbuche für junge Studierende wäre es ganz geeignet bei der

Umwandlung und Äquipollenz der Urteile noch langer zu verweilen denn obgleich

man das was bloß eine wiederholte Behauptung des schon einmal Behaupteten ist

nicht Folgern oder Schließen nennen kann so gibt es doch keine wichtigere

geistige Gewohnheit deren Pflege mehr in das Bereich der Logik fiele als die

sicher und rasch die Identität einer Behauptung zu unterscheiden wenn sie durch

eine sprachliche Verschiedenheit verdeckt ist Das wichtige Kapitel in den

Abhandlungen über Logik welches sich auf die Opposition der Urteile bezieht

und die vortreffliche technische Sprache welche die Logik darbietet um die

verschiedenen Arten und Modi der Opposition zu unterscheiden sind hauptsächlich

für diesen Zweck von Nutzen Betrachtungen wie diese  konträre Urteile können

beide falsch sein, sie können aber nicht beide wahr sein subkonträre Urteile

können beide wahr sie können aber nicht beide falsch sein; von zwei

kontradiktorischen Urteilen muss das eine wahr und das andere falsch sein; von

zwei subalternierenden Urteilen beweist die Wahrheit des universellen die

Wahrheit des partikularen Urteils und die Falschheit des partikularen die

Falschheit des universellen aber nicht umgekehrt38  können auf den ersten

Blick sehr kunstgerecht und mysteriös erscheinen stellen sich jedoch bei

näherer Erklärung als zu einleuchtend heraus um so förmliche Behauptungen

nötig zu machen indem derselbe Aufwand von Erklärung der nötig ist um diese

Prinzipien verständlich zu machen auch die Wahrheitenwelche sie in einem

vorkommenden besonderen Falle mitführen erkennen lassen würde In dieser

Beziehung stehen indessen diese Axiome der Logik auf gleicher Linie mit denen

der Mathematik. Dass Dingewelche demselben Ding gleich sind, auch einander

selbst gleich sind, ist in einem besonderen Falle ebenso einleuchtend wie in der

allgemeinen Behauptung und wenn solche allgemeinen Grundsätze niemals

aufgestellt worden wären so wären die Beweise in Euklid doch niemals durch die

Schwierigkeit über die durch diese Axiome jetzt ausgefüllte Lücke

hinwegzuschreiten aufgehalten worden Dennoch hat es noch Niemand getadelt

dass in den Schriften über Geometrie gleich im Anfang eine Liste jener

elementaren Generalisationen gegeben wird damit der Lernende die ihm bei jedem

Schritt nötige Fähigkeit übe eine allgemeine Wahrheit zu begreifen Und so

erlangt auch bei der Erörterung solcher Wahrheiten wie wir oben angeführt

haben der Logik Studierende die Gewohnheit einer vorsichtigen Auslegung der

Wörter und eines genauen Bemessens der Länge und Breite seiner Behauptungen

eine Gewohnheit welche zu den unumgänglichsten Bedingungen einer irgend wie

bedeutenden geistigen Vollkommenheit gehört und die zu pflegen einer der

Hauptzwecke der logischen Disziplin ist

    

     3 Nachdem wir von dem eigentlich sogenannten Schließen oder Folgern die

Fälle ausgeschlossen haben wo das Fortschreiten von einer Wahrheit zur andern

nur scheinbar istindem der logische Nachsatz nur eine Wiederholung des

logischen Vordersatzes ist gehen wir nun zu den Folgerungen in der eigentlichen

Bedeutung des Wortes über zu denen wo wir von bekannten Wahrheiten ausgehen

um zu anderen zu gelangen die von diesen wirklich verschieden sind

    Schließen in dem weiten Sinne in dem ich das Wort gebrauche und in dem es

synonym mit Folgern istist der gewöhnlichen Annahme nach von zweierlei Art

Schließen vom Besonderen aufs Allgemeine und Schließen vom Allgemeinen aufs

Besondere das erstere wird Induktion das letztere Syllogismus ratiocinatio

genannt Es wird sogleich gezeigt werden dass es noch eine dritte Schlussweise

gibt die keiner dieser beiden angehört die aber nichtsdestoweniger nicht

allein gültig sondern sogar die Grundlage der beiden anderen ist

    Es ist zu bemerken nötig dass die Ausdrücke Schließen vom Besonderen

aufs Allgemeine und Schließen vom Allgemeinen aufs Besondere sich mehr durch

Kürze als durch Genauigkeit empfehlen und ohne die Beihilfe eines Kommentars

den unterschied zwischen Induktion in dem eben angeführten Sinne und dem

Syllogismus nicht in angemessener Weise wiedergeben Die Ausdrücke sollen

bedeuten Induktion ist ein Urteil aus weniger allgemeinen Urteilen als es

selbst ist folgern und der Syllogismus ist ein Urteil aus gleich oder mehr

allgemeinen Urteilen folgern Wenn wir von der Beobachtung einer Anzahl von

einzelnen Fällen zu einem allgemeinen Urteile aufsteigen oder wenn wir durch

die Verbindung einer Anzahl allgemeiner Urteile ein noch allgemeineres Urteil

folgern so Wird das in beiden Fällen wesentlich gleiche Verfahren Induktion

genannt Wenn wir aus einem allgemeinen Urteile aber nicht aus ihm allein

denn aus einem einzigen Urteile kann nichts geschlossen werden was nicht

schon in dessen Worten läge sondern in Verbindung mit anderen Urteilen ein

Urteil von demselben Grad von Allgemeinheit wie es selbstoder ein weniger

allgemeines oder auch ein bloß einzelnes Urteil folgern so ist dies

Verfahren ein Syllogisieren Kurz wenn der Schluss allgemeiner als die weiteste

der Prämissen ist so heißt das Argument Induktion wenn weniger oder gleich

allgemein Syllogismus

    Da alle Erfahrung mit einzelnen Fällen beginnt und von ihnen zum Allgemeinen

fortschreitet so könnte es dem natürlichen Gedankengange am angemessensten

erscheinen dass die Induktion vor dem Syllogismus abgehandelt werde Bei einer

Wissenschaft welche unser erlangtes Wissen auf seine Quellen zurückzuführen

sucht wird es aber vorteilhafter erscheinen die Untersuchung bei den letzten

und nicht bei den ersten Stufen des Aufbaues unseres Wissens anzufangen und

abgeleitete Wahrheiten rückwärts bis zu den Wahrheiten zu verfolgen von denen

sie abgeleitet sind und von denen ihr Beweis abhängig ist, ehe wir die

ursprüngliche Quelle anzugeben versuchen welcher zuletzt beide entspringen Die

Vorteile dieses Verfahrens werden sich später in einer Weise zeigen die eine

jede weitere Rechtfertigung oder Erklärung überflüssig macht

    Von der Induktion werden wir daher für jetzt nicht mehr sagen als dass sie

ohne Zweifel zum wenigsten eine wirkliche Folgerung ist Der Schluss umfasst in

der Induktion mehr als in den Prämissen enthalten ist. Das aus besonderen Fällen

gefolgerte Prinzip oder Gesetz das allgemeine Urteil dem wir das Resultat

unserer Erfahrung einverleiben bedeckt ein weiteres Feld als die einzelnen

Beobachtungen die man seine Basis nennt Ein durch die Erfahrung bestimmtes

Prinzip ist etwas mehr als ein bloßes Summieren von dem was in den einzelnen

Fällen die geprüft wurden beobachtet worden ist; es ist eine auf jene Fälle

gegründete Generalisation und drückt unsern Glauben aus dass das was wir dort

wahr gefunden haben in einer unbestimmten Anzahl von Fällen, die wir nie

geprüft haben und wahrscheinlich auch niemals prüfen werden ebenfalls wahr ist

Die Natur und die Gründe dieser Folgerung so wie auch die Bedingungen welche

sie zulässig machen werden den Gegenstand des dritten Buches ausmachen dass

aber eine solche Folgerung wirklich stattfindet ist außer aller Frage Bei

einer jeden Induktion gehen wir von Wahrheiten die wir wussten zu Wahrheiten

die wir nicht wussten über von durch die Erfahrung bestätigten Tatsachen zu

Tatsachen die wir nicht beobachtet haben und sogar zu Tatsachen die wie

zukünftige Tatsachen der Beobachtung gar nicht zugänglich sind die wir aber

auf die bloße Evidenz der Induktion selbst hin keinen Anstand nehmen zu

glauben

    Die Induktion ist daher ein wirkliches Schließen oder Folgern Ob und

wieweit dies vom Syllogismus behauptet werden kann, bleibt durch die nun

folgende Untersuchung zu entscheiden

 
 





     1 Die Analyse des Syllogismus findet sich so genau und vollständig in

den gewöhnlichen Handbüchern der Logik, dass es hinreichend ist in diesem Werk

das nicht zu einem Handbuch bestimmt ist die Hauptresultate dieser Analyse

memoriae causa anzuführen damit sie als eine Grundlage für die Bemerkungen

dienen die wir später über die Funktionen des Syllogismus und über die Stelle

welche er in der Wissenschaft einnimmt machen werden

    Der echte Syllogismus verlangt drei und nicht mehr als drei Urteile

nämlich den Schlusssatz conclusio oder das zu beweisende Urteil und zwei

andere Urteile welche diesen beweisen und welche die Prämissen propositiones

praemissae genannt werden. Es ist wesentlich dass nur drei Hauptbegriffe

vorhanden seien nämlich das Subjekt und Prädikat des Schlusses und der

sogenannte Mittelbegriff terminus medius der in beiden Prämissen vorkommen

muss indem er die beiden anderen Begriffe mit einander verbindet Das Prädikat

des Schlusssatzes wird der Oberbegriff terminus major des Syllogismus genannt

das Subjekt des Schlusssatzes heißt Unterbegriff terminus minor Da nur drei

Hauptbegriffe vorhanden sein können so müssen sich der Oberbegriff und der

Unterbegriff in einer und nur in einer der Prämissen mit dem Mittelbegriff der

in beiden ist zusammenfinden Die Prämisse welche den Mittelbegriff und den

Oberbegriff enthält wird Obere Prämisse diejenige welche den Mittelbegriff

und den Unterbegriff enthält die Untere Prämisse genannt

    Von einigen Logikern wird der Syllogismus in drei Figuren eingeteilt von

anderen in vier je nach der Stellung des Mittelsatzes der entweder in beiden

Prämissen das Subjekt in beiden das Prädikat, oder in dem einen das Subjekt und

in dem andern das Prädikat sein kann Der gewöhnlichste Fall ist der wo der

Mittelsatz das Subjekt der oberen Prämisse istDies wird als die erste Figur

genommen Wenn der Mittelsatz das Prädikat in beiden Prämissen ist so gehört

der Syllogismus zur zweiten Figur wenn er das Subjekt in beiden ist zur

dritten In der vierten Figur ist der Mittelsatz das Subjekt der untern Prämisse

und das Prädikat der oberen Die Autoren welche nur drei Figuren annehmen

schließen diesen Fall in der ersten Figur mit ein

    Eine jede Figur ist in Modi eingeteilt je nach der sogenannten Quantität

und Qualität der Urteile dh je nachdem dieselben allgemein oder partikular

bejahend oder verneinend sind Die folgenden sind Beispiele aller echten Modi

dh aller jener in denen der Schluss in richtiger Weise aus den Prämissen folgt

A ist der Unterbegriff C der Oberbegriff B der Mittelbegriff

 



                                 Erste Figur39



B a C B e C B a C B e C

a B A a B A i B A i B

           

A a C A e C A i C A o C

 



                                  Zweite Figur



C e B C a B C e B C a B

a B A e B A i B A o B

           

A e C A e C A o C A o C

 



                                  Dritte Figur



B a C C e C B i C B a C B o C B e C

B a A B a A B a A B i A B a A B i A

                 

A i C A o C A i C A i C A o C A o C

 







                                  Vierte Figur



                                       

 

a B C a B C i B C c B C e B

B a A B e A B a A B a A B i A

              

A i C A e C A i C A o C A o C

 

    In diesen Mustern oder Formularen für Syllogismen ist den Einzelurteilen

keine Stelle angewiesen natürlich nicht weil solche Urteile im Syllogismus

nicht gebraucht werden, sondern weil sie da ihr Prädikat von dem Ganzen des

Subjekts behauptet oder verneint wird für den Zweck des Syllogismus zu den

allgemeinen Urteilen gerechnet werden Die zwei Syllogismen

 

            Alle Menschen sind sterblich

            Alle Könige sind Menschen

            daher

            Sind alle Könige sterblich

            

            Alle Menschen sind sterblich

            Sokrates ist ein Mensch

            daher

            Ist Sokrates sterblich

 

sind auf diese Weise genau ähnliche Argumente und gehören beide zum ersten Modus

der ersten Figur

    Die Gründe warum Syllogismen von der obigen Form echt sind dh warum bei

der Wahrheit der Prämissen auch der Schluss notwendig wahr sein muss und warum

dies nicht bei einem jeden andern möglichen Modus bei einer andern Verbindung

von allgemeinen und besonderen bejahenden und verneinenden Urteilen der Fall

ist, wird jeder der an diesen Fragen ein Interesse nimmt entweder aus den

gewöhnlichen Lehrbüchern der Logik gelernt haben oder wird er im Stande sein

selbst zu erraten Für eine jede nötige Erklärung kann der Leser indessen auf

Erzbischof Whatelys Elemente der Logik verwiesen werden die ganze Lehre vom

Syllogismus wird er dort mit philosophischer Präzision und mit einer

merkwürdigen Klarheit auseinandergesetzt finden

    Ein jeder gültige Syllogismus ein jedes Schließen durch welches aus

vorher zugegebenen Urteilen gleich oder weniger allgemeine Urteile gefolgert

werden, stellt sich in einer der obigen Formen dar Der ganze Euklid könnte ohne

Schwierigkeit in eine Reihe von nach Modus und Figur regelmäßigen Syllogismen

gefasst werden

    Obgleich ein nach irgend einer dieser Formeln gebildeter Syllogismus ein

gültiges Argument darstellt so lässt ein richtiges Schließen doch nur den

Syllogismus nach der ersten Figur zu Die Regeln nach welchen ein Argument in

einer der anderen Figuren der ersten Figur angepasst wird heißen Regeln für

die Reduktion des Syllogismus Es geschieht durch die Umwandlung der einen oder

der andern oder auch beider Prämissen So kann ein Argument nach dem ersten

Modus der zweiten Figur wie

    Kein C ist B

    Alles A ist B

    folglich ist

    Kein A C

in folgender Weise reduziert werden Da das Urteil, Kein C ist B ein

allgemeines negatives ist so lässt es eine einfache Umwandlung zu und kann in

Kein B ist C geändert werden wie wir gezeigt haben ist dies dieselbe

Behauptung mit anderen Worten wiedergegeben dieselbe Tatsache nur verschieden

ausgedrückt Nach dieser Transformation nimmt das Argument folgende Form an

    Alles B ist C

    Alles B ist A

    folglich ist

    Ein Teil von A, C

wo die untere Prämisse Alles B ist A nach dem was im letzten Kapitel bezüglich

allgemeiner bejahender Urteile aufgestellt worden ist, zwar keine einfache

Umwandlung zulässt aber per accidens umgewandelt werden kann, in dieser Weise

nämlich Ein Teil von A ist B Obgleich dies nicht das ganze in dem Urteil

Alles B ist C Behauptete ausdrückt so drückt es doch wie früher gezeigt wurde

einen Teil davon aus und muss daher wahr sein wenn das Ganze wahr ist Als

Resultat der Reduktion haben wir daher den folgenden Syllogismus nach dem

dritten Modus der ersten Figur

    Alles B ist C

    Ein Teil von A ist B

woraus augenscheinlich folgtdass

    Ein Teil von A, C ist

    In derselben Weise oder in einer Weise über die wir uns nach diesen

Beispielen nicht weiter auszulassen brauchen kann ein jeder Modus der zweiten

dritten oder vierten Figur auf einen der vier Modi der ersten Figur reduziert

werden mit anderen Worten, ein jeder Schluss der nach einer der drei letzteren

Figuren bewiesen werden kann, kann nach einer kleinen Veränderung in der

Ausdrucksweise aus denselben Prämissen nach der ersten Figur bewiesen werden.

Ein jeder gültige Syllogismus kann daher in der ersten Figur angegeben dh in

eine der folgenden Formen gekleidet werden

    Alles B ist C Kein B ist C

    Alles A Jedes A

    Einiges A Einiges A

    ist Bist B

    folglich folglich

    Alles A Kein A ist

    Einiges A Einiges A ist nicht

    ist C C

    Oder wenn bezeichnendere Symbole vorgezogen werden  Um ein bejahendes

Urteil zu beweisen muss das Argument in der folgenden Form anzugeben sein

    Alle Tiere sind sterblich

    Alle Menschen

    Einige Menschen  sind Tiere

    Sokrates

    folglich sind

    Alle Menschen

    Einige Menschen  sterblich

    Sokrates

    Um ein negatives Urteil zu beweisen muss das Argument in folgender Form

ausgedrückt werden können:

    Niemand der der Selbstbeherrschung fähig ist notwendig lasterhaft

    Alle Neger

    Einige Neger  sind der Selbstbeherrschung fähig

    Herr Ns Neger

    daher

    Sind Keine Neger

    Sind Einige Neger nicht  notwendig lasterhaft

    Ist Herr Ns Neger nicht

    Obgleich ein jeder Syllogismus in die eine oder die andere dieser Formen

gefasst werden kann, und durch die Transformation zuweilen bedeutend in der

Klarheit und Augenscheinlichkeit seiner Folgerichtigkeit gewinnt so gibt es

doch ohne Zweifel Fälle wo das Argument naturgemäßer einer der anderen drei

Figuren angehört und wo seine Schlussrichtigkeit sich in jenen Figuren auf den

ersten Blick besser zeigt als nach der Reduktion auf die erste Figur Wenn das

Urteil wäre dass Heiden tugendhaft sein können und Aristides wäre das

Beispiel um dies zu beweisen so würde ein Syllogismus von der dritten Figur

    Aristides war tugendhaft

    Aristides war ein Heide

    folglich

    War ein Teil der Heiden tugendhaft

eine natürlichere Form der Argumentation sein und würde die Überzeugung eher

mit sich führen als der in die erste Figur gezwängte Syllogismus wie

    Aristides war tugendhaft

    Ein Teil der Heiden war Aristides

    folglich

    War ein Teil der Heiden tugendhaft

    Ein deutscher Philosoph Lambert dessen Neues Organon im Jahre 1764

veröffentlicht unter anderen Dingen eine so durchgearbeitete und vollständige

Darlegung der syllogistischen Lehre enthält wie sie je gemacht wurde hat

besonders geprüft welche Arten von Argumenten am natürlichsten und passendsten

unter eine jede der vier Figuren fallen und seine Untersuchung charakterisiert

sich durch großen Scharfsinn und Gedankenklarheit40 Das Argument ist indessen

ein und dasselbe in welcher Figur es auch ausgedrückt sei denn die Prämissen

eines Syllogismus nach der zweiten dritten oder vierten Figur und diejenigen

des Syllogismus nach der ersten Figur auf die er zurückgeführt werden kann,

sind wie wir schon sahen in allem dieselben Prämissen ausgenommen in der

Sprache oder wenigstens ist soviel von ihnen als zum Beweis des Schlusses

beiträgt einerlei Es steht uns daher frei in Übereinstimmung mit der

allgemeinen Ansicht der Logiker die zwei elementaren Formen der ersten Figur als

die allgemeinen Typen eines richtigen Schließens zu betrachten die eine wenn

der zu beweisende Schluss bejahend die andere wenn er verneinend ist wenn

auch gewisse Argumente eine Neigung haben sich in die Formen der zweiten

dritten und vierten Figur zu kleiden dies kann indessen möglicherweise bei der

einzigen Klasse von Argumenten die von höchster wissenschaftlicher Bedeutung

sind bei denen wo der Schluss eine Bejahung ist nicht vorkommen indem

derartige Schlüsse nur des Beweises in der ersten Figur fähig sind41

    

     2 Wenn wir daher diese beiden allgemeinen Formeln prüfen so finden wir

dass in beiden die eine Prämisse die obere ein allgemeines Urteil und je

nachdem dieses bejahend oder verneinend ist es auch der Schluss ist Ein jeder

Syllogismus geht daher von einem allgemeinen Urteil Prinzip oder Annahme aus

von einem Urteil in dem das Prädikat von einer ganzen Klasse affirmiert oder

negiert wird dh in welchem ein Attribut oder die Negation eines Attributs von

einer unbestimmten Anzahl von durch ein gemeinsames charakteristisches Merkmal

unterschiedenen und daher mit einem gemeinsamen Namen bezeichneten Gegenständen

behauptet wird

    Die andere Prämisse ist immer bejahend und behauptet dass etwas was ein

Individuum eine Klasse oder ein Teil einer Klasse sein kann der Klasse in

Betreff deren in der oberen Prämisse etwas behauptet oder verneint worden ist,

angehört oder in ihr eingeschlossen ist Es folgt hieraus dass die von der

ganzen Klasse behaupteten Attribute wenn wahr von dem in der Klasse

eingeschlossenen Gegenstand oder Gegenständen behauptet oder verneint werden

können, und dies ist genau die in dem Schlusssatz gemachte Behauptung

    Ob das Vorhergehende eine angemessene Beschreibung der Bestandteile des

Syllogismus ist oder nicht soll sogleich untersucht werden eine treue

Beschreibung ist sie soweit sie geht Auch ist sie demgemäß generalisiert und zu

einem logischen Grundsatz erhoben worden auf den ein jedes syllogistische

Schließen dergestalt gegründet ist dass man annimmt schließen und diesen

Grundsatz anwenden sei ein und dasselbe Der Grundsatz lautet dass das was

von einer Klasse behauptet oder verneint werden kann, auch von jedem in der

Klasse eingeschlossenen Individuum behauptet oder verneint werden kann. Dieses

Axiom das man für das Fundament der syllogistischen Lehre hält heißt bei den

Logikern das dictum de omni et nullo42

    Als ein Prinzip des Schließen betrachtet scheint dieser Grundsatz einer

Metaphysik angepasst die man in den letzten zwei Jahrhunderten allgemein als

aufgegeben ansah wenn es auch in unseren Tagen nicht an Versuchen gefehlt hat

sie wieder zu beleben So lange die sogenannten Allgemeinen Dinge Universalien

als eine besondere Art von Substanzen betrachtet wurden die eine von den unter

ihnen klassifizierten individuellen Gegenständen unterschiedene objektive

Existenz besitzen hatte das dictum de omni et nullo eine wichtige Bedeutung

denn es drückte die Gemeinschaft der Natur aus welche man nach jener Lehre

notwendig als zwischen den allgemeinen Dingen und den ihnen untergeordneten

besonderen Dingen bestehend annehmen musste Dass man alles was von den

allgemeinen Dingen ausgesagt werden kann, auch von den in ihnen enthaltenen

verschiedenen individuellen Dingen aussagen kann war damals kein identisches

Urteil sondern die Angabe eines fundamentalen Gesetzes des Universums Die

Behauptung, dass die ganze Natur und die Eigenschaften der substantia secunda

einen Teil der Natur und Eigenschaften einer jeden mit demselben Namen

benannten individuellen Substanz ausmachen dass die Eigenschaften des Menschen

zB die Eigenschaften aller Menschen seien war ein Satz der eine wirkliche

Bedeutung hatte als der Mensch nicht alle Menschen bedeutete sondern etwas den

Menschen Inhärentes an Würde weit über ihnen Stehendes Gegenwärtig aber wo es

bekannt ist dass eine Klasse ein allgemeines Ding ein Genus oder eine Species

keine Entität per se istsondern nichts mehr und nichts weniger als die in die

Klasse eingeordneten individuellen Substanzen selbst und dass an der Sache

nichts Reales ist als diese Gegenstände selbst ein ihnen gemeinsam gegebener

Name und die durch diesen Namen bezeichneten gemeinsamen Attribute gegenwärtig

also möchte ich gern wissen was wir dadurch lernen dass man uns sagt dass was

von einer Klasse affirmiert werden kann, auch von jedem in der Klasse enthaltenen

Individuum affirmiert werden kann? Die Klasse ist nichts als die in ihr

enthaltenen Gegenstände und das dictum de omni et nullo ist nichts als das

identische Urteil dass was von gewissen Gegenständen wahr ist auch von einem

jeden dieser Gegenstände wahr ist Wenn alles syllogistische Schließen nichts

als die Anwendung dieses Grundsatzes auf besondere Fälle wäre so wäre der

Syllogismus in der That das wofür er so oft erklärt worden ist, eine bloße

Spielerei Der Syllogismus steht auf gleicher Linie mit einer andern Wahrheit

der man seiner Zeit auch eine große Wichtigkeit beigelegt hat »Was istist

Um dem dictum de omni et nullo eine wirkliche Bedeutung zu geben muss man es

nicht als ein Axiom sondern man muss es als eine Definition betrachten wir

müssen annehmen dass es die Bestimmung habe die Bedeutung des Wortes Klasse in

einer weitschweifigen und paraphrastischen Weise zu erklären

    Ein Irrtum der für immer widerlegt und aus den Gedanken verwischt scheint

bedarf häufig nur einer neuen Bekleidung von Phrasen damit ihm in seinem alten

Quartier ein Willkomm bereitet und für einen neuen Cyclus von Jahrhunderten eine

unangefochtene Ruhe zugestanden werde Die neuern Philosophen sparten keine

Verachtung für das scholastische Dogma dass die Genera und Species eine

besondere Art von Substanzen sind welche allgemeinen Substanzen die einzigen

beständigen Dinge darstellen während die in ihnen enthaltenen individuellen

Substanzen in einem fortwährenden Fluss bleiben dass sich also die Erkenntnis

worin notwendig Stabilität inbegriffen ist nur auf diese allgemeinen

Substanzen oder Dinge und auf die in ihnen enthaltenen Tatsachen oder

besonderen Dingen beziehen kann Aber wenn auch dem Namen nach aufgegeben so

hat diese Lehre doch niemals aufgehört sei es unter der Maske der abstrakten

Ideen von Locke dessen Spekulationen indessen vielleicht weniger dadurch

verschändet wurden als die eines jeden andern dadurch infizierten

Schriftstellers unter dem Ultranominalismus von Hobbes und Condillac oder der

Ontologie der späteren Kantianer die Philosophie zu vergiften Da die Menschen

einmal gewöhnt waren die wissenschaftliche Forschung als wesentlich in dem

Studium der Universalien bestehend zu betrachten so gaben sie diese Gewohnheit

auch nicht auf nachdem sie den Universalien ihre unabhängige Existenz benommen

hatten und sogar diejenigenwelche soweit gingen sie als bloße Namen zu

betrachten konnten sich von der Vorstellung nicht frei machen dass die

Erforschung der Wahrheit gänzlich oder teilweise in einer Art Beschwörung oder

einer Gaukelei mit diesen Namen bestehe Ein Philosoph der die nominalistische

Ansicht von der Bedeutung der allgemeinen Sprache vollständig annahm und

zugleich das dictum de omni als die Grundlage alles Schließens beibehielt

musste wenn er ein konsequenter Denker war durch zwei solcher gehörig

zusammengestellter Prämissen zu überraschenden Schlüssen geführt werden Es

behaupteten demgemäß Autoren von verdienter Berühmtheit dass das Verfahren

durch Schließen zu neuen Wahrheiten zu gelangen einzig in der Substitution

einer Reihe von willkürlichen Zeichen für eine andere Reihe bestehe eine Lehre

welche nach ihrer Meinung durch das Beispiel der Algebra eine unwiderstehliche

Bestätigung erhielt Ich würde mich sehr verwundern wenn es in der Hexerei und

Nekromanie ein übernatürlicheres Verführen gäbe als dieses Den

Kulminationspunkt dieser Philosophie bildet der bekannte Aphorismus von

Condillac wonach eine Wissenschaft nichts oder kaum mehr ist als une langue

bien faite wonach mit anderen Worten die einzige genügende Regel für die

Entdeckung der Natur und Eigenschaften der Gegenstände in einer passenden

Benennung derselben besteht als wenn das Umgekehrte nicht wahr wäre dass es

unmöglich ist sie in geeigneter Weise zu benennen wenn nicht im Verhältnis

als wir mit ihrer Natur und ihren Eigenschaften bekannt werdenKann es nötig

werden zu sagen dass auch nicht das geringfügigste Wissen in Beziehung auf die

Dinge durch irgend eine denkbare Manipulation bloßer Namen jemals erlangt

werden könnte und dass das was wir von den Namen lernen können nichts anderes

ist als was der sie gebrauchende schon vorher wusste Die philosophische

Analyse bestätigt den Ausspruch des gemeinen Menschenverstandes dass die

Funktion der Namen nur die ist uns in Stand zu setzen uns unserer Gedanken zu

erinnern und sie mitzuteilen Dass sie auch und zwar bis zu einer

unberechenbaren Weite das Denkvermögen selbst starten ist sehr wahr aber sie

tun dies nicht durch eine innerliche und eigentümliche Tugend sondern durch

das einem künstlichen Gedächtnis inhärente Vermögen durch ein Instrument also

dessen mächtige Wirksamkeit nur Wenige gehörig erwogen haben Als ein

künstliches Gedächtnis ist die Sprache wahrhaft das was sie so oft genannt

wurde ein Werkzeug des Gedankens aber es ist ein Ding, das Werkzeug zu sein

und ein anderes Ding der ausschließliche Gegenstand zu sein an dem das

Werkzeug gebraucht wird Wir denken in der That vermittelst der Namen in einer

ausgedehnten Weise aber die mit diesen Namen benannten Dinge sind es die wir

denken und es kann keinen größeren Irrtum geben als der Glaube dass wenn in

unserm Geist nichts wäre als Namen wir Gedanken ausführen könnten dass es

möglich wäre die Namen für uns denken zu lassen

    

     3 Diejenigenwelche das dictum de omni als die Grundlage des

Syllogismus betrachteten hatten von den Argumenten eine eben so irrtümliche

Ansicht wie Hobbes von den Urteilen hatte Da es einige bloß wörtliche

Urteile gibt so definierte Hobbes anscheinend um seine Definition streng

allgemein zu machen ein Urteil so als ob die Urteile nichts erklärten als

die Bedeutung von Wörtern Wenn Hobbes Recht hatte wenn von dem Inhalt der

Urteile keine andere Erklärung zu geben war als diese so konnte keine andere

als die allgemein angenommene Theorie von der Verbindung der Urteile in einem

Syllogismus aufgestellt werden Wenn die untere Prämisse nichts behauptete als

dass etwas zu einer Klasse gehört und wenn die obere Prämisse von dieser Klasse

nichts behauptete als dass sie in einer andern Klasse eingeschlossen ist so

würde der Schluss nur sein dass was in der untern Klasse eingeschlossen ist es

auch in der oberen ist und das Resultat würde demnach nur sein dass die

Klassifikation mit sich selbst übereinstimmt Wir haben aber gesehen dass es

nicht genügt von den Urteilen zu sagen dass sie etwas auf eine Klasse

beziehen oder von ihr ausschließen Ein jedes wirklich informierende Urteil

behauptet eine von Naturgesetzen und nicht von einer künstlichen Klassifikation

abhängige Tatsache Es behauptet dass ein gegebener Gegenstand ein gegebenes

Attribut besitzt oder nicht oder es behauptet dass zwei Attribute oder Reihen

von Attributen beständig oder gelegentlich zugleich existieren oder nicht Da

dies der Sinn aller Urteile ist die reales Wissen mittheilen und da der

Syllogismus ein Modus ist um reales Wissen zu erlangen so kann keine Theorie

des Syllogisierens welche diesen Inhalt der Urteile nicht anerkennt die wahre

sein

    Wenn wir diese Ansicht von den Urteilen auf die zwei Prämissen des

Syllogismus anwenden so kommen wir zu folgendem Resultat Die obere Prämisse

welche wie bereite bemerkt immer universell ist behauptet dass alle Dinge

die ein gewisses Attribut oder Attribute besitzen damit zugleich ein anderes

Attribut oder Attribute besitzen Die untere Prämisse behauptet dass das Ding

oder die Reihe von Dingen, woraus das Subjekt dieser Prämisse besteht das

zuerst erwähnte Attribut besitzt und der Schluss ist dass sie das zweite

besitzt oder nicht So sind in dem vorhergehenden Beispiel

    Alle Menschen sind sterblich

    Sokrates ist ein Mensch

    daher ist

    Sokrates sterblich

das Subjekt und Prädikat der oberen Prämisse mitbezeichnende Wörter welche

Gegenstände bezeichnen und Attribute mitbezeichnen Die Behauptung der oberen

Prämisse ist dass wir mit der einen der zwei Reihen von Attributen immer auch

die andere vorfinden dass die durch »Mensch« mitbezeichneten Attribute niemals

anders als von dem Sterblichkeit genannten Attribut begleitet existieren Die

Behauptung der untern Prämisse ist das das Individuum Sokrates die ersteren

Attribute besitzt und hieraus wird geschlossen dass es auch das Attribut

Sterblichkeit besitzt Oder wenn beide Prämisse allgemein sind

    Alle Menschen sind sterblich

    Alle Könige sind Menschen

    daher sind

    Alle Könige sterblich

so behauptet die untere Prämisse dass die durch Königtum bezeichneten

Attribute nur in Verbindung mit denen durch Mensch bezeichneten existieren Die

obere Prämisse behauptet wie vorher dass die letztgenannten Attribute niemals

ohne das Attribut Sterblichkeit angetroffen werden. Der Schluss ist dass wo

die Attribute der Königswürde sind sich auch das Attribut Sterblichkeit findet

    Wenn die obere Prämisse negativ wäre wie Keine Menschen sind allmächtig

so würde sie behaupten nicht dass sich die durch »Mensch« mitbezeichneten

Attribute mit dem durch »allmächtig« mitbezeichneten Attribut immer

zusammenfinden sondern dass sie niemals mit ihm zugleich vorkommen woraus in

Verbindung mit der untern Prämisse geschlossen wird dass dieselbe

Unverträglichkeit zwischen den Attributen Allmacht und den Attributen eines

Könige stattfindet In ähnlicher Weise können wir ein jedes andere Beispiel von

einem Syllogismus zerlegen

    Wenn wir dieses Verfahren verallgemeinern und das Prinzip oder das Gesetz

suchen das in einer jeden derartigen Folgerung enthalten ist und bei einem

jeden Syllogismus dessen Urteile etwas mehr als Wörtlich sind vorausgesetzt

wird so finden wir nicht das bedeutungslose dictum de omni et nullo sondern

einen fundamentalen Grundsatz oder vielmehr zwei Grundsätze welche den Axiomen

der Mathematik auffallend ähnlich sind Das erste ist der Grundsatz des

bejahenden Syllogismus und lautet Dingewelche mit demselben Ding koexistieren

zugleich sind koexistieren miteinander Der zweite ist der Grundsatz des

verneinenden Syllogismus und heißt Ein Ding, das mit einem andern Dinge

existiert mit dem ein drittes Ding nicht zugleich ist koexistiert nicht mit

diesem dritten Ding Diese Axiome beziehen sich offenbar auf Tatsachen und

nicht auf etwas Konventionelles und das eine oder das andere bildet den Grund

der Gültigkeit eines jeden Arguments in dem Tatsachen und nicht etwas

Konventionelles den behandelten Gegenstand ausmachen43

    

     4 Es ist nun noch diese Darstellung des Syllogismus aus der einen in die

andere der zwei Sprachen zu übersetzen in denen wie früher bemerkt44 alle

Urteile und daher auch natürlich alle Verbindungen von Urteilen ausgedrückt

werden können. Wir haben gesehen dass ein Urteil unter zwei verschiedenen

Gesichtspunkten betrachtet werden kann, nämlich als ein Teil unserer Kenntnis

der Natur, und als ein Memorandum das uns als ein Wegweiser dienen kann Von

dem ersten oder theoretischen Gesichtspunkte aus ist ein bejahendes allgemeines

Urteil die Behauptung einer theoretischen Wahrheit nämlich die dass was ein

gewisses Attribut besitzt auch ein gewisses andere Attribut besitzt Von dem

andern Gesichtspunkte aus betrachtet stellt es sich nicht als ein Teil unseres

Wissens sondern als ein Hilfsmittel für unsere praktischen Bedürfnisse dar

indem es uns in den Stand setzt wenn wir sehen oder erfahren dass ein

Gegenstand eines der zwei Attribute besitzt zu folgern dass er auch das andere

besitzt indem wir so das erste Attribut als ein Merkmal oder Beweis des andern

gebrauchen So betrachtet entspricht ein jeder Syllogismus der folgenden

allgemeinen Formel

    Das Attribut A ist ein Merkmal vom Attribut B

    Der gegebene Gegenstand besitzt das Merkmal A

    daher

    Besitzt der gegebene Gegenstand das Attribut B

Auf diesen Typus bezogenwerden die zuletzt als Beispiele von Syllogismen

angeführten Argumente in folgender Weise ausgedrückt

Die Attribute des Menschen sind ein Merkmal des Attributs Sterblichkeit

Sokrates besitzt die Attribute des Menschen

daher

Besitzt Sokrates das Attribut Sterblichkeit

Ebenso

Die Attribute des Menschen sind ein Merkmal des Attributs Sterblichkeit

Die Attribute eines Königs sind ein Merkmal der Attribute des Menschen

daher

Sind die Attribute eines Königs ein Merkmal des Attributs Sterblichkeit

Und zuletzt

Die Attribute des Menschen sind ein Merkmal von der Abwesenheit des Attributs

Allmacht

Die Attribute eines Königs sind ein Merkmal der Attribute des Menschen

daher

Sind die Attribute eines Königs ein Merkmal der Abwesenheit der durch das Wort

allmächtig bezeichneten Attribute oder sie sind ein Beweis von der Abwesenheit

dieser Attribute

 

Um mit dieser Änderung in der Form des Syllogismus übereinzustimmen müssen die

Axiome auf welche das syllogistische Verfahren gegründet ist eine ähnliche

Veränderung erfahren In veränderter Ausdrucksweise können beide Axiome in einen

allgemeinen Ausdruck zusammengefasst werden in den nämlich was irgend ein

Merkmal besitzt besitzt auch das wovon es ein Merkmal ist Oder wenn sowohl

die untere als auch die obere Prämisse allgemein ist Was ein Merkmal von

irgend einem Merkmal ist auch ein Merkmal von dem wovon letzteres ein Merkmal

ist

Die Identität dieser und der früher aufgestellten Axiome aufzufinden bleibt dem

intelligenten Leser überlassen Wir werden finden dass die letzte

Ausdrucksweise sehr bequem und besser geeignet ist als eine jede andere mir

bekannte um genau und kräftig auszudrücken was in einem jeden Fall von

Bestimmung einer Wahrheit durch den Syllogismus bezweckt und wirklich erreicht

wird

 





     1 Im Gegensatz zu der mehr oberflächlichen Weise der gewöhnlichen

Theorie haben wir gezeigt welches die wirkliche Natur der Wahrheiten ist von

denen der Syllogismus handelt und welches die fundamentalen Axiome sind von

denen seine Beweiskraft abhängig ist. Wir haben nun zu untersuchen ob das

syllogistische Verfahren das Schließen vom Allgemeinen aufs Besondere ein

Folgern ist oder nicht ob es ein Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten

ein Mittel ist zur vorher nicht besessenen Kenntnis von etwas zu gelangen

    Die Logiker haben diese Frage in einer merkwürdig übereinstimmenden Weise

beantwortet Er wird allgemein zugeben dass der Syllogismus fehlerhaft ist

wenn im Schluss mehr liegt als in den Prämissen vorausgesetzt wurde Dies

heißt aber in der That nichts anders als dass durch den Syllogismus niemals

etwas bewiesen worden ist oder werden konnte was nicht schon vorher bekannt

oder als bekannt angenommen war Ist dann aber der Syllogismus nicht ein

Folgern Und hat der Syllogismus für den man das Wort Schließen als besonders

angemessen hielt wirklich gar keinen Anspruch auf diese Benennung Dies scheint

eine unvermeidliche Folge der von allen Autoren zugestandenen Lehre zu sein ein

Syllogismus könne nichts beweisen was nicht schon in den Prämissen enthalten

ist. Demnach aber hielt dieses so klare Bekenntnis eine Anzahl von

Schriftstellern nicht ab den Syllogismus immer noch darzustellen als wäre er

die richtige Analyse von dem was der Geist bei dem Entdecken und Beweisen der

größeren Hälfte der von uns geglaubten wissenschaftlichen oder alltäglichen

Wahrheiten wirklich verrichtet während diejenigenwelche diese Inkonsequenz

vermieden und den allgemeinen Lehrsatz bezüglich des logischen Wertes des

Syllogismus bis zu seinem rechtmäßigen Folgesatz durchgeführt haben sich

verleiten ließen auf Grund der petitio principii die nach ihnen einem jeden

Syllogismus inwohnt der syllogistischen Theorie selbst Nutzlosigkeit und

Frivolität vorzuwerfen Da ich beide Meinungen für fundamental irrig halte so

muss ich die Aufmerksamkeit des Lesers für gewisse Betrachtungen beanspruchen

ohne die mir eine richtige Würdigung des wahren Charakters des Syllogismus und

der Funktionen welche er in der Philosophie erfüllt unmöglich erscheint die

aber sowohl von den Anhängern als von den Gegnern der syllogistischen Lehre

entweder übersehen oder nicht genau beachtet worden zu sein scheinen

    

     2 Es muss zugegeben werden dass als ein Argument betrachtet das den

Schluss beweisen soll in einem jeden Syllogismus petitio principii liegt Wenn

wir sagen

    Alle Menschen sind sterblich

    Sokrates ist ein Mensch

    daher

    Ist Sokrates sterblich

so bestehen die Gegner der syllogistischen Lehre auf der unwiderlegbaren

Behauptung dass das Urteil, Sokrates ist sterblich in der allgemeineren

Annahme Alle Menschen sind sterblich schon vorausgesetzt liegt dass wir nicht

von der Sterblichkeit aller Menschen überzeugt sein können wenn wir nicht schon

der Sterblichkeit aller individueller Menschen gewiss sind das wenn es noch

zweifelhaft ist ob Sokrates oder irgend ein anderes genanntes Individuum

sterblich ist oder nicht derselbe Grad von Ungewissheit der ganzen Behauptung

Alle Menschen sind sterblich eigen ist dass der allgemeine Grundsatz anstatt

als Beweis für den besonderen Fall zu dienen nicht eher für unbedingt wahr

gehalten werden kann, bis ein jeder Schatten eines Zweifels bezüglich eines

jeden in ihm enthaltenen Falles durch einen Beweis aliunde beseitigt worden ist;

und was bleibt dann dem Syllogismus zu beweisen übrig Kurz dass das Schließen

vom Allgemeinen aufs Besondere als solches nichts beweisen kann da man aus

einem allgemeinen Satz keine anderen besonderen Sätze folgern kann als die der

Hauptsatz schon als bekannt voraussetzt

    Diese Lehre scheint mir unwiderleglich und wenn die Logiker obgleich sie

nicht im Stande waren sie zu bestreiten doch gewöhnlich sehr geneigt waren

sie hinweg zu erklären so geschah dies nicht weil sie in dem Argument selbst

einen Fehler entdecken konnten sondern weil die entgegengesetzte Meinung auf

ebenso unbestreitbaren Argumenten zu beruhen schien Ist es zB bei dem zuletzt

angeführten Syllogismus oder bei einem der früher konstruierten nicht klar

dass der Schluss für denjenigen dem er vorgelegt wird wirklich und bona fide

eine neue Wahrheit enthalten kann Ist es nicht eine Sache der täglichen

Erfahrung dass vorher ungeahnte Wahrheiten Tatsachen welche nicht direkt

beobachtet worden sind und nicht werden können, vermittelst des allgemeinen

Schließens gewonnen werden Wir glauben dass der Herzog von Wellington

sterblich ist Wir wissen dies nicht aus der direkten Beobachtung da er noch

nicht tot ist Da dies nun so ist so würden wir auf die Frage woher wir

wissen dass der Herzog sterblich ist wahrscheinlich antworten Weil alle

Menschen sterblich sind Hier gelangen wir daher zur Kenntnis einer bis dahin

der Beobachtung nicht zugänglichen Wahrheit durch ein Schließen das in dem

folgenden Syllogismus darzustellen ist

    Alle Menschen sind sterblich

    Der Herzog von Wellington ist ein Mensch

    daher

    Ist der Herzog von Wellington sterblich

Da nun ein großer Teil unseres Wissens auf diese Weise erlangt wird so

bestanden die Logiker darauf den Syllogismus als einen Prozess des Schließens

und Beweisens darzustellen obgleich keiner unter ihnen die Schwierigkeit

aufgehellt hat welche aus der Unverträglichkeit dieser Behauptung mit dem

Grundsatz entsteht dass wenn in dem Schluss etwas liegt was nicht schon in den

Prämissen behauptet worden istdas Argument fehlerhaft ist denn einer solchen

nackten Ausflucht wie die Unterscheidung zwischen in den Prämissen implicite

enthalten sein und direkt in ihnen behauptet sein kann man unmöglich einen

wissenschaftlichen Werth beilegen Wenn Whately zB sagt45 der Gegenstand des

Schließens sei »bloß die Behauptungen auszubreiten und zu entfalten welche in

den Behauptungen von den wir ausgehen gleichsam eingehüllt und eingeschlossen

liegen und jemanden dahin zu bringen die volle Kraft von dem was er zugegeben

hat wahrzunehmen und anzuerkennen« so begegnet er wie ich glaube nicht der

wirklichen und zu erklärenden Schwierigkeit der nämlich woher es kommt dass

eine Wissenschaft wie die Geometrie in einigen wenigen Definitionen und Axiomen

»eingehüllt« sein kann Auch unterscheidet sich diese Verteidigung des

Syllogismus nicht viel von der Anklage seiner Gegner worin ihm vorgeworfen

wird dass er nur denjenigen von Nutzen sei welche die Folgen einer Einräumung

in welche sich jemand verstrickt hat ohne deren volle Kraft erwogen und

verstanden zu haben zu urgieren suchen Als ihr die obere Prämisse behauptetet

behauptetet ihr den Schluss aber ihr behauptetet ihn nur implicite sagt

Erzbischof Whately dies kann indessen hier nur so viel heißen als ihr

behauptetet ihn unbewusst aber wenn dem so ist so ersteht die Schwierigkeit

wieder in folgender Gestalt  Hättet ihr es nicht wissen müssen Wäret ihr

berechtigt das allgemeine Urteil zu behaupten ohne euch von der Wahrheit von

allem darin Enthaltenen zu überzeugen Und wenn nicht was ist denn die

syllogistische Kunst anders als eine Vorrichtung um euch in einer Falle zu

fangen und darin festzuhalten46

 

     3 Es scheint mir einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit zu geben Das

Urteil, der Herzog von Wellington ist sterblich ist offenbar eine Folgerang

es wird als ein Schluss aus etwas Anderem erhalten aber schließen wir es in

Wirklichkeit aus dem Urteil Alle Menschen sind sterblich Ich antwortete

nein

    Der begangene Irrtum liegt glaube ich darin dass man den unterschied

zwischen den zwei Teilen des Philosophierens zwischen dem folgernden und dem

registrierenden Teil übersehen und dem letzteren die Funktionen des ersteren

zugeschrieben hat Der Irrtum liegt darin dass einer auf seine eigene Notizen

als den Ursprung seiner Erkenntnis verwiesen wird Wenn man jemand eine Frage

über etwas stellt und er kann sie nicht augenblicklich beantworten so kann er

seinem Gedächtnis damit an Hülfe kommen dass er in einem Memorandum das er

bei sich trägt nachschlägt Wenn er aber gefragt würde wie die Tatsache zu

seiner Kenntnis kam so würde er schwerlich antworten weil sie in seinem

Notizbuche verzeichnet war es müsste denn letzteres wie der Koran mit einer

Feder aus dem Flügel vom Engel Gabriel geschrieben worden sein

    Angenommen das Urteil, der Herzog von Wellington ist sterblich wäre eine

unmittelbare Folgerung aus dem Urteil Alle Menschen sind sterblich woher

haben wir denn die Kenntnis dieser allgemeinen Wahrheit Natürlich aus der

Erfahrung. Nun sind aber alle Fälle die wir beobachten können individuelle

Fälle Aus diesen müssen alle allgemeinen Wahrheiten gezogen werden und in

diese müssen sie wieder aufgelöst werden können, denn eine allgemeine Wahrheit

ist bloß ein Aggregat von einzelnen Wahrheiten ein umfassender Ausdruck

wodurch eine unbestimmte Anzahl von einzelnen Fällen auf einmal bejaht oder

verneint wird Aber ein allgemeines Urteil ist nicht bloß eine umfassende

Form um dem Gedächtnis eine Anzahl von einzelnen beobachteten Tatsachen

einzuprägen und zu erhalten die Generalisation ist nicht bloß ein Benennen

sie ist auch ein Folgern Wir fühlen uns berechtigt aus beobachteten Fällen zu

schließen dass das was wir in diesen Fällen wahr fanden in allen ähnlichen

noch so zahlreichen vergangenen gegenwärtigen und zukünftigen Fällen wahr

ist Vermittelst jener schätzbaren Einrichtung der Sprache die uns erlaubt von

Vielen so zu sprechen als wenn sie nur Eines wären verzeichnen wir alsdann

alles was wir beobachtet haben samt dem was wir aus unseren Beobachtungen

folgern in einen kurzen Ausdruck und haben uns so nur eines einzigen Urteils

anstatt einer endlosen Zahl zu erinnern Die Resultate vieler Beobachtungen

Folgerungen und Anweisungen um in unvorhergesehenen Fällen zahllose Folgerungen

zu machen sind in einen kurzen Satz zusammengefasst

    Wenn wir daher aus dem Tod von Johann und Thomas und einem jeden andern

unserm Wissen nach dem Experiment Unterworfenen schließen dass der Herzog von

Wellington sterblich ist wie die übrigen so mögen wir in der That durch die

Generalisation Alle Menschen sind sterblich als einer Zwischenstation

hindurchgehen aber die Folgerung liegt nicht in der letzten Hälfte des

Verfahrens sie liegt nicht in dem Herabsteigen von allen Menschen herab bis auf

den Herzog von Wellington die Folgerung ist zu Ende nachdem wir behauptet

haben dass alle Menschen sterblich sind Was hernach noch zu tun bleibt ist

ein bloßes Entziffern unserer eigenen Notizen

    Erzbischof Whately hat behauptet dass das Syllogisieren oder das Schließen

vom Allgemeinen auf das Besondere nicht wie gewöhnlich geglaubt wird ein

besonderer Modus des Schließens sondern die philosophische Analyse des Modus

sei in welchem alle Menschen schließen und schließen müssen wenn sie es

überhaupt tun Bei aller Achtung vor einer so hohen Autorität muss ich doch

glauben dass diesmal die gewöhnliche Vorstellung die richtigere ist Wenn wir

berechtigt sind aus unserer Erfahrung in Betreff von Johann Thomas etc die

einst lebten und nun tot sind zu schließen dass alle Menschen sterblich

sind so hätten wir ganz gewiss ohne logische Inkonsequenz aus diesen Fällen

geradezu schließen können dass auch der Herzog von Wellington sterblich ist

Die Sterblichkeit von Johann Thomas und Compagnie ist am Ende doch nur der

einzige Beweis den wir für die Sterblichkeit des Herzogs von Wellington haben

Durch das Einschalten eines allgemeinen Urteils wird dem Beweis kein Jota

hinzugefügt Da die individuellen Fälle den ganzen Beweis ausmachen den wir

besitzen können einen Beweis den keine logische Form grösser machen kann als

er ist und da dieser Beweis entweder an und für sich genügend ist oder wenn er

es für den einen Zweck nicht ist es auch für den andern nicht sein kann so bin

ich nicht im Stande zu sehen warum wir den Weg von diesen genügenden Prämissen

zum Schluss nicht abschneiden dürfen und durch das Fiat der Logiker gezwungen

sein sollten die »a priori Hochstraße« zu wandeln Ich vermag nicht

einzusehen warum es nicht möglich sein sollte von einem Platz nach dem andern

zu reisen ohne »den Berg hinauszumarschieren und dann wieder hinabzumarschieren«

Es mag der sicherste Weg und auf dem Gipfel des Berges mag ein Ruheplatz sein

der eine Aussicht auf die Umgebung darbietet aber für den bloßen Zweck an das

Ziel unserer Reise zu gelangen steht uns die Wahl des Weges ganz frei es ist

nur eine Frage der Zeit der Mühe und der Gefährlichkeit

    Nicht allein dass wir vom Besondern aufs Besondere schließen können

sondern wir schließen sogar fortwährend so alle unsere frühzeitigen

Folgerungen sind dieser Art Von den ersten Tagen der Intelligenz an ziehen wir

Folgerungen aber Jahre vergehen ehe wir den Gebrauch der allgemeinen Sprache

lernen Das Kind welches seine Finger in das Feuer zu stecken vermeidet

nachdem es sie verbrannt hat hat geschlossen oder gefolgert wenn es auch

niemals an den allgemeinen Grundsatz Das Feuer brennt gedacht hat Es weiß

aus seiner Erinnerung dass es sich verbrannt hat und auf diesen Beweis hin

glaubt es wenn es Feuer sieht dasswenn es seine Finger hineinhalten es sich

wieder verbrennen würde Es glaubt dies in jedem einzelnen Fall und jedesmal

ohne über den gegenwärtigen Fall hinwegzusehen Es generalisiert nicht sondern

schließt vom Besondern auf das Besondere In ähnlicher Weise schließen auch

die Tiere Es ist kein Grand vorhanden irgend einem der unteren Tiere den

Gebrauch von Zeichen zuzuschreiben welche allgemeine Urteile möglich machen

aber diese Tiere benutzen ihre Erfahrung und vermeiden das wovon sie wissen

dass es ihnen Schmerz verursacht hat in derselben Weise wenn auch nicht immer

mit demselben Geschick wie ein menschliches Geschöpf Nicht allein das

gebrannte Kind sondern auch der gebrannte Hund scheut das Feuer

    Ich glaube dasswenn wir aus unserer persönlichen Erfahrung und nicht aus

Grundsätzen die uns durch Bücher oder Tradition überliefert wurden Folgerungen

ziehen wir tatsächlich öfter direkt vom Besondern auf das Besondere

schließen als durch die Dazwischenkunft eines allgemeinen Urteils Wir

schließen fortwährend von uns auf andere oder von einer Persönlichkeit auf die

andere ohne uns die Mühe zu geben unsere Beobachtungen in allgemeine

Grundsätze zu fassen Wenn wir schließen dass jemand bei einer gegebenen

Gelegenheit so und so fühlen oder handeln wird so schließen wir allerdings

zuweilen aus einer weiteren Betrachtung der Art und Weise in der menschliche

Geschöpfe im allgemeinen oder Menschen von einem besonderen Charakter zu fühlen

oder zu handeln pflegen aber viel häufiger schließen wir aus der Bekanntschaft

mit den Gefühlen und Handlungen derselben Person in irgend einem früheren Fall

oder aus der Erwägung wie wir selbst fühlen oder handeln würden Nicht bloß die

Dorfmatrone die des Nachbars Kindes wegen zu einer Konsultation gerufen wurde

tut auf die Erinnerung und die Autorität des ähnlichen Falles hin den sie mit

ihrer Julie hatte ihren Ausspruch über die Krankheit und die Mittel dagegen

sondern wir alle folgen einer ähnlichen Richtschnur wenn wir nach keinem

bestimmten Grundsatz steuern können Haben wir nun eine ausgedehnte Erfahrung

und behalten wir ihre Eindrücke kräftig so können wir in dieser Weise ein sehr

bedeutendes und genaues Urteilsvermögen erlangen das wir zu rechtfertigen oder

anderen mitzuteilen gänzlich unfähig sein können Man hat bei vielen

praktischen Geistern von einer höheren Ordnung beobachtet wie

bewunderungswürdig sie ihre Mittel ihren Zwecken anpassten ohne für das was

sie taten genügende Gründe angeben zu können und wie sie ihnen fernliegende

Grundsätze die sie anzugeben außer Stande waren anwendeten oder anzuwenden

schienen Dies war eine natürliche Folge davon dass sie ihren Geist mit einem

Vorrat von geeigneten Einzelheiten angefüllt hatten und lange gewohnt waren

von diesen auf neue Einzelheiten zu schließen ohne sich oder Anderen die

entsprechenden allgemeinen Urteile anzugeben Ein alter Krieger ist nach einem

raschen Blick auf die Umrisse eines Feldes im Stande die nötigen Befehle für

eine geschickte Aufstellung seiner Truppen zu geben obgleich er wenn er nur

einen geringen theoretischen Unterricht empfangen hat und selten aufgefordert

worden ist, anderen von seinem Verfahren Rechenschaft zu geben vielleicht

niemals einen einzigen allgemeinen Lehrsatz in Betreff der Beziehung zwischen

Schlachtfeld und Schlachtordnung in seinen Gedanken hatte Aber seine Erfahrung

welche er bei Anordnungen in mehr oder weniger ähnlichen Umständen machte hat

eine Anzahl von lebhaften unausgedrückten nicht generalisierten Analogien in

seinem Geiste hinterlassen wovon die angemessenste sich ihm augenblicklich

darbietet und ihn zu einer verständigen Aufstellung bestimmt

    Die Geschicklichkeit ungebildeter Menschen in dem Gebrauch von Waffen oder

von Werkzeugen ist von einer ganz ähnlichen NaturDer Wilde der mit

unfehlbarer Hand den Wurf tut welcher seine Beute oder seinen Feind

niederbringt und der dies in der seinem Zwecke am besten entsprechenden Weise

und unter Bemessung aller notwendigen Bedingungen des Gelingens wie Schwere

und Gestalt der Waffen Richtung und Entfernung des Gegenstandes, Einwirkung des

Windes etc tut verdankt diese Geschicklichkeit einer langen Reihe von

vorhergehenden Experimenten deren Resultat er gewiss niemals in wörtliche

Lehrsätze oder Regeln fasste Dasselbe kann im allgemeinen von andern

ungewöhnlichen Handfertigkeiten gesagt werden Es ist nicht lange her dass sich

ein schottischer Fabrikant zu hohem Lohn aus England einen Färber verschrieb

der wegen der Erzeugung feiner Farbenschattierungen berühmt war damit dieser

seinen eigenen Arbeitern diese Geschicklichkeit lehre Der Färber kam aber die

Art und Weise wie er die Mengenverhältnisse der Ingredienzien bestimmte in

denen das Geheimnis der Farbeffekten beruhte bestand darin dass er sie

handvollweise nahm während die gewöhnliche Methode im Abwägen derselben

bestand Der Fabrikant veranlasste ihn sein System in ein entsprechendes

Abwägesystem zu verändern damit das allgemeine Prinzip dieses eigentümlichen

Verfahrens bestimmt werden könne Der Mann fand sich aber gänzlich außer Stand

dies zu tun und konnte daher seine Geschicklichkeit auch Niemandem mittheilen

Er hatte aus den individuellen Fällen seiner eigenen Erfahrung in seinem Geist

einen Zusammenhang zwischen feinen Farbeffekten und Wahrnehmungen des Tastsinns

beim Handhaben der Farbematerialien hergestellt und aus diesen Wahrnehmungen

konnte er in einem besonderen Falle folgern welche Mittel anzuwenden waren und

welche Wirkungen damit erreicht werden würden aber er konnte andere nicht in

Besitz der Grundsätze bringen nach denen er verfuhr da er sie in seinem

eigenen Geiste niemals verallgemeinert und sie niemals in Worten ausgedrückt

hatte

    Fast ein jeder kennt den Rath welchen Lord Mansfield einem Mann von gutem

praktischen Verstand gab der als Gouverneur einer Colonie in dem Gerichtshof

derselben den Vorsitz zu führen hatte der aber weder richterliche Erfahrung

noch juristische Bildung besaß Der Rath bestand darin die Entscheidung dreist

zu geben denn sie würde wahrscheinlich richtig sein sich aber niemals auf

Gründe einzulassen denn sie würden fast unfehlbar falsch sein. In gewiss nicht

selten vorkommenden Fällen wie dieser wäre es absurd anzunehmen dass die

falschen Gründe die Ursache der richtigen Entscheidung wären Lord Mansfield

wusste dass irgend welche Gründe notwendig aus einer späteren Überlegung

hervorgehen würden während der Richter in Wirklichkeit durch die Eindrücke

seiner früheren Erfahrung geleitet wurde ohne den Umweg zu nehmen allgemeine

Grundsätze daraus zu bilden und dasswenn er versuchen würde dies zu tun er

sicher fehlgehen würde Lord Mansfield würde indessen nicht daran gezweifelt

haben dass ein Mann von gleicher Erfahrung dessen Geist mit allgemeinen

Urteilen erfüllt war die durch rechtmäßige Induktion aus dieser Erfahrung

abgeleitet waren als Richter bei weitem einem andern vorzuziehen gewesen wäre

dem man bei allem Scharfsinn nicht die Erklärung und Rechtfertigung seiner

eigenen Gründe überlassen konnte Die Fälle von talentvollen Menschen welche

wundervolle Dinge ausführen ohne zu wissen wie sind Beispiele der rohesten und

spontansten Form von den Verrichtungen höherer Geister Es ist eine

Unvollkommenheit derselben und häufig eine Quelle von Irrtümern beim

Fortschreiten nicht generalisiert zu haben aber die Generalisation wenn auch

ein Hilfsmittel und in der That das wichtigste von allen ist doch kein

wesentliches Hilfsmittel

    Sogar der wissenschaftlich Unterrichtete der in der Form von allgemeinen

Urteilen eine systematische Aufzeichnung der Resultate der Erfahrung des ganzen

Menschengeschlechts besitzt braucht nicht jedesmal auf diese allgemeinen

Urteile zurückzukommen um diese Erfahrung auf einen neuen Fall anzuwenden

Dugald Stewart bemerkt ganz richtig dass obgleich in der Mathematik unser

Schließen gänzlich von den Axiomen abhängig ist, es keineswegs für das Erkennen

der Gültigkeit des Beweises nötig ist dass wir die Axiome ausdrücklich

beachten Wenn gefolgert würde dass AB gleich CD ist weil jedes von ihnen

gleich EF ist so würde sobald nur die Urteile verstanden wären der

ungebildetste Verstand der Folgerung zustimmen ohne jemals von der allgemeinen

Wahrheit gehört zu haben dass »Dingewelche einem und demselben Dinge gleich

sind, einander selbst gleich sind« Wenn diese Bemerkung von Stewart konsequent

durchgeführt wird so trifft sie wie ich glaube auf die Wurzel der Philosophie

des Syllogismus und es ist zu bedauern dass er selbst bei einer noch viel

beschränkteren Anwendung derselben stehen blieb Er sah dass die allgemeinen

Urteile von denen man das Schließen abhängig sein lässt in gewissen Fällen

hinweggelassen werden können ohne dessen Beweiskräftigkeit zu beeinträchtigen

Aber er hielt dies für eine den Axiomen angehörige Eigentümlichkeit und

schloss daraus dass die Axiome nicht die Fundamente oder die ersten Grundsätze

der Geometrie sind aus denen alle anderen geometrischen Wahrheiten synthetisch

abgeleitet werden ähnlich wie die Gesetze der Bewegung und die Zusammensetzung

der Kräfte in der Dynamik die gleiche Beweglichkeit der Flüssigkeiten in der

Hydrostatik die Gesetze der Reflexion und der Refraktion in der Optik die

ersten Grundsätze dieser Wissenschaften sind sondern dass sie nur notwendige

und in der That selbstverständliche Voraussetzungen sind deren Verneinung zwar

allen Beweis vernichten würde aber aus denen als aus Prämissen nichts

bewiesen werden kann. In dem vorliegenden wie in vielen anderen Fällen hat

dieser gedankenvolle und elegante Schriftsteller eine wichtige Wahrheit

erblickt jedoch nur zur Hälfte Da er bei den geometrischen Axiomen fand dass

die Gemeinnamen nicht die Kräfte eines Talismans besitzen womit man neue

Wahrheiten aus dem Grabe der Dunkelheit heraufbeschwört und da er nicht sah

dass dies bei einer jeden andern Generalisation gleich wahr ist so behauptete

er dass die Axiome ihrer Natur nach unfruchtbar an Konsequenzen und dass die

Definitionen die wirklich fruchtbaren Wahrheiten die wirklichen ersten

Grundsätze der Geometrie seien dass zB die Definition des Kreises für die

Eigenschaften des Kreises das sei was die Gesetze des Gleichgewichts und des

Drucks der Luft für das Steigen des Quecksilbers im Barometer sind Aber alles

was er in Beziehung auf die Funktion auf welche sich die Axiome bei den

Beweisen der Geometrie beschränken behauptet hat gilt auch von den

Definitionen Ein jeder Beweis im Euklid könnte ohne dieselben geführt werden

Dies geht aus dem gewöhnlichen Verfahren hervor einen geometrischen Satz mit

Hülfe einer Figur zu beweisen Von welcher Voraussetzung gehen wir in

Wirklichkeit aus um eine der Eigenschaften des Kreises durch eine Figur zu

beweisen Nicht dass die Halbmesser in allen Kreisen gleich sind, sondern nur

dass sie es in dem Kreis ABC sind Es ist wahr für die Berechtigung hierzu

appellieren wir an die Definition eines Kreises im allgemeinen aber es ist nur

nötig dass die Voraussetzung für den Fall des besonderen vorausgesetzten

Kreises zugegeben werde Aus diesem nicht allgemeinen sondern einzelnen

Urteil in Verbindung mit anderen Urteilen ähnlicher Art von denen wenn sie

generalisiert werden einige Definitionen andere Axiome genannt werden, beweisen

wir dass ein gewisser Schluss nicht von allen Kreisen sondern von dem

besonderen Kreis ABC richtig ist oder es wenigstens sein würde wenn die

Tatsachen mit unseren Voraussetzungen genau übereinstimmten Die sogenannte

Aussage enunciatio dh der allgemeine Lehrsatz welcher dem Beweis

vorangesetzt istist nicht der wirklich bewiesene Satz Nur ein Fall wird

bewiesen aber das Verfahren wodurch dies geschieht kann wie wir bei der

Betrachtung seiner Natur sehen in einer unbestimmten Anzahl von anderen Fällen

genau kopiert werden in einem jeden Fall der gewissen Bedingungen entspricht

Die allgemeine Sprache versieht uns mit Wörtern welche diese Bedingungen

mitbezeichnen wir sind im Stande diese unbestimmte Menge von Wahrheiten in

einem einzigen Ausdruck zu behaupten und dieser Ausdruck ist der allgemeine

Lehrsatz Wenn wir bei unseren Beweisen den Gebrauch von Figuren fallen ließen

und den Buchstaben des Alphabets allgemeine Ausdrücke substituierten so könnten

wir den allgemeinen Lehrsatz direkt beweisen dh wir könnten alle Fälle auf

einmal beweisen Dies heißt aber nur dass wenn wir einen einzelnen Schluss

durch die Assumtion einer einzelnen Tatsache beweisen können wir in einem

jeden Falle einen genau ähnlichen Schluss ziehen können wo wir eine genau

ähnliche Annahme machen dürfen Die Definition ist eine Art Notiz die wir uns

und anderen bezüglich der Voraussetzungen geben welche zu machen wir uns für

berechtigt halten und so sind in allen Fällen die allgemeinen Urteile sie

mögen Definitionen Axiome oder Naturgesetze heißen welche wir beim Beginn

unseres Schließens aufstellen nur abgekürzte Angaben der besonderen Tatsachen

in einer Art Schnellschrift von denen wir je nach der Gelegenheit als von

bewiesenen Tatsachen glauben ausgehen zu dürfen oder die wir als wahr annehmen

wollen Bei einem jeden Beweis genügt es wenn wir für einen besonderen

wohlgewählten Fall annehmen was wir durch die Angabe der Definition oder des

Grundsatzes als dasjenige ankündigen was wir in allen Fällen, die vorkommen

mögen vorauszusetzen beabsichtigen Die Definition des Kreises ist daher für

einen von Euklids Beweisen genau was nach Stewart die Axiome sind dh der

Beweis hängt nicht von ihr ab er wird aber dennoch ungültig wenn wir sie

verneinen Der Beweis beruht nicht auf der allgemeinen Annahme sondern auf

einer ähnlichen auf den besonderen Fall beschränkten Annahme da indessen dieser

Fall als eine Probe und ein Muster der ganzen in dem Theorem eingeschlossenen

Klasse von Fällen gewählt worden ist, so kann kein Grund vorhanden sein in

diesem Falle gerade die Annahme zu machen welche nicht auch in einem jeden

andern existiert und wenn man die Assumtion als eine allgemeine Wahrheit

verneint so verneint man das Recht sie in einem besonderen Fall zu machen

    Es sind ohne Zweifel reichlich Gründe vorhanden um sowohl die Grundsätze

als auch die Lehrsätze in ihrer allgemeinen Form anzugeben und diese Gründe

sollen sogleich so weit als eine Erklärung überhaupt erforderlich ist erklärt

werden. Dass aber ungeübte Schüler sogar wenn sie sich eines Lehrsatzes

bedienen um einen andern Lehrsatz zu beweisen mehr von dem Besondern auf das

Besondere als von allgemeinen Urteilen schließen ergibt sich aus der

Schwierigkeit welche sie in der Anwendung eines Lehrsatzes auf einen Fall

finden wo die Gestalt der Figur in hohem Grade derjenigen der Figur unähnlich

sieht wodurch der ursprüngliche Lehrsatz bewiesen wurde eine Schwierigkeit

die wenn nicht ungewöhnliche Geisteskräfte zu Gebote stehen nur eine lange

Übung beseitigen kann und die hauptsächlich dadurch beseitigt wird dass wir

uns mit allen Figuren vertraut machen welche mit den allgemeinen Bedingungen

des Lehrsatzes übereinstimmen

    

     4 Durch die bisher angeführten Betrachtungen scheinen folgende Schlüsse

bewiesen Alles Folgern geschieht vom Besondern auf das Besondere Allgemeine

Urteile sind bloße Aufzeichnungen solcher bereits gemachten Folgerungen und

kurze Formeln um deren mehr zu machen die obere Prämisse eines Syllogismus ist

folglich eine derartige Formel und der Schluss ist nicht eine aus dieser

sondern nach dieser Formel gezogene Folgerung indem das wirkliche logische

Antezedens die Prämissendie Tatsachen sind aus denen das allgemeine Urteil

durch Induktion geschlossen wurde Diese Tatsachen und die individuellen

Fälle welche sie lieferten mögen vergessen worden sein aber ein Verzeichnis

ein Register bleibt nicht dass dieses die Tatsachen selbst beschriebe sondern

es zeigt nur wie man diejenigen Fälle unterscheiden kann in deren Beziehung

die Tatsachen, als sie bekannt wurden als die Gewähr einer richtigen Folgerung

betrachtet wurden Nach den Angaben dieses Registers machen wir unsern Schluss

der in jeder Hinsicht ein Schluss aus vergessenen Tatsachen ist Es ist daher

wesentlich dass wir das Register richtig lesen und die Regeln des Syllogismus

sind eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln damit wir dies sicherer einhalten

    Diese Ansicht von den Funktionen des Syllogismus wird durch die Betrachtung

gerade derjenigen Fälle bestätigt von denen man am wenigsten erwarten sollte

dass sie ihr günstig seien es sind dies diejenigen Fälle wo der Schluss von

einer jeden vorausgehenden Induktion unabhängig ist Wir haben schon bemerkt

dass in dem gewöhnlichen Gange unsers Schließens der Syllogismus nur die

letztere Hälfte des Weges von den Prämissen zum Schluss ist Es gibt indessen

einige besondere Fälle wo er das Ganze ausmacht Das Besondere allein kann der

Beobachtung unterworfen werden und alle Erkenntnis welche aus der Erfahrung

abgeleitet wird beginnt daher notwendig bei dem Besondern aber in Fällen von

einer gewissen Art kann man sich vorstellen es stamme unsere Erkenntnis aus

einer andern Quelle und nicht aus der Beobachtung. Unsere Erkenntnis kann sich

darstellen als stamme sie aus einem Zeugnis das für die Gelegenheit und den

vorliegenden Zweck als den Charakter der Autorität besitzend angenommen wird

und man kann sich das so mitgeteilte Wissen vorstellen als umfasse es nicht

bloß besondere Tatsachen sondern auch allgemeine Urteile wie wenn eine

wissenschaftliche Lehre auf die Autorität des Schriftstellers hin ohne Prüfung

angenommen wird Oder die Generalisation kann nicht eine Behauptung im

gewöhnlichen Sinne sondern ein Befehl sein ein Gesetz nicht im

philosophischen sondern im moralischen und poetischen Sinne des Wortes, ein

Ausdruck des Verlangens eines Vorgesetzten dass wir oder eine Anzahl von

anderen Personen unsere Handlungsweise nach gewissen allgemeinen Vorschriften

richten sollen Soweit hierdurch eine Tatsache behauptet wird nämlich der

Willensakt eines Gesetzgebers ist diese Tatsache eine einzelne Tatsache und

das Urteil daher kein allgemeines Urteil Aber die darin enthaltene

Beschreibung der zu befolgenden Handlungsweise ist allgemein Das Urteil

behauptet nicht dass alle die Menschen etwas sind sondern dass sie alle etwas

tun sollen

    In diesen beiden Fällen bildet das Allgemeine die ursprünglichen Data und

das Besondere wird durch ein Verfahren daraus hergeleitet das sich in eine

Reihe von Syllogismen auflöst Die wahre Natur des supponierten deduktiven

Verfahrens ist indessen ziemlich einleuchtend Der einzige zu bestimmende Punkt

ist ob die Autorität welche das allgemeine Urteil verkündigte die Absicht

hatte diesen Fall in dasselbe einzuschließen und ob der Gesetzgeber

beabsichtigte seinen Befehl auf diesen Fall unter anderen Fällen anzuwenden

oder nicht Dieses wird bestimmt indem man untersucht ob der Fall die Merkmale

besitzt durch welche dem Bedeuten dieser Autoritäten nach die Fälle erkannt

werdenwelche sie beeinflussen wollten Der Gegenstand der Untersuchung ist

aus der durch ihre eigenen Worte gegebenen Indikation die Absicht des Zeugens

oder des Gesetzgebers herauszufinden Dies ist, wie es in Deutschland genannt

wird eine Frage der Hermeneutik Das Verfahren ist nicht eine Folgerung

sondern eine Interpretation eine Auslegung

    In dieser letzten Phrase haben wir einen Ausdruck gewonnen der mir besser

als jeder andere die Funktionen des Syllogismus in allen Fällen zu

charakterisieren scheint Sind die Prämissen durch Autorität gegeben so ist die

Funktion des Syllogismus die Meinung des Zeugen oder den Willen des

Gesetzgebers durch Interpretation der Zeichen in denen der eine seine

Behauptung und der andere seinen Befehl kundgegeben hat zu bestimmen. Sind die

Prämissen aus der Erfahrung abgeleitet so ist in ähnlicher Weise die Funktion

des Syllogismus durch Interpretation eines Memorandums zu bestimmen, was wir

oder unsere Vorgänger früher glaubten dass aus den beobachteten Tatsachen

gefolgert werden könnte Das Memorandum erinnert uns daran dass aus einem mehr

oder weniger sorgfältig erwogenen Beweis früher hervorging dass wo wir ein

gewisses Merkmal wahrnehmen ein gewisses Attribut gefolgert werden kannDas

Urteil, Alle Menschen sind sterblich zeigt zB dass wir eine Erfahrung

gehabt haben aus der unserer Meinung nach folgte dass die durch das Wort

Mensch mitbezeichneten Attribute ein Merkmal der Sterblichkeit sind Aber wenn

wir schließen dass der Herzog von Wellington sterblich ist so folgern wir

dies nicht aus dem Memorandum sondern aus der vorausgegangenen Erfahrung Unser

eigener vorgängiger Glaube oder der Glaube derjenigen welche uns das Urteil

überlieferten in Betreff der Folgerungen welche diese frühere Erfahrung

rechtfertigen würde ist alles was wir aus dem Memorandum folgern

    Diese Ansicht von der Natur des Syllogismus macht in Beziehung auf die

Grenzen auf welche seine Funktionen beschränkt sind konsequent und

verständlich was in den Ansichten von Erzbischof Whately und anderen

aufgeklärten Verteidigern der syllogistischen Lehre Dunkles und Verworrenes

liegt Sie behaupten mit so deutlichen Worten als nur möglich dass die einzige

Aufgabe des allgemeinen Schließens sei Inkonsequenz in unseren Meinungen zu

verhüten zu verhüten dass wir da unsere Zustimmung geben wo ein Widerspruch

mit dem besteht welchem wir früher auf gute Gründe hin zugestimmt haben Sie

sagen uns ferner dass der einzige Grund den ein Syllogismus für die Zustimmung

zu dem Schluss darbietet darin besteht dass die Voraussetzung er wäre falsch

in Verbindung mit der Voraussetzungdie Prämissen wären wahr zu einer

contradictio in adjecto führen würde Dies ist aber eine sehr schwache Erklärung

der wirklichen Gründe welche wir haben um die Tatsachenwelche wir im

Gegensatz zur Beobachtung durch Schließen lernen zu glauben Der wahre Grund

warum wir glauben dass der Herzog von Wellington sterben wird ist der dass

seine Väter und unsere Väter und alle anderen die mit ihnen lebten starben

Diese Tatsachen sind die wirklichen Prämissen des Schlusses aber es ist nicht

die Notwendigkeit wörtliche Inkonsequenz zu vermeiden die uns den Schluss aus

diesen Prämissen folgern lässt Es liegt kein Widerspruch in der Voraussetzung,

der Herzog von Wellington könne ewig leben wenn auch alle jene Personen

gestorben sind Es wäre aber ein Widersprach wenn wir auf Grund dieser

Prämissen hin zuerst eine den Fall vom Herzog von Wellington einschließende

und deckende allgemeine Behauptung aufstellen und dann in dem individuellen

Fall nicht dabei bleiben wollten Es ist ein Widerspruch zu vermeiden zwischen

dem Memorandum das wir von den Folgerungen machen die wir in künftigen Fällen

gerechterweise ziehen können und den Folgerungen welche wir in diesen Fällen,

wenn sie sich darbieten wirklich machen Zu diesem Zweck interpretieren wir

unsere eigene Formel genau wie ein Richter das Gesetz auslegt damit wir

vermeiden Folgerungen zu ziehen die nicht mit unserer früheren Absicht

übereinstimmen sowie ein Richter vermeidet eine Entscheidung zu geben die mit

der Absicht des Gesetzgebers nicht übereinstimmt Die Regeln für diese Auslegung

sind die Regeln des Syllogismus und der ganze Zweck desselben besteht darin,

die Übereinstimmung zwischen den Schlüssen die wir in einem jeden besonderen

Fall ziehen und der vorhergehenden allgemeinen Anleitung sie zu ziehen

aufrecht zu erhalten ob nun diese allgemeine Anleitung von uns selbst als das

Resultat von Induktionen aufgestellt oder ob sie von kompetenter Autorität

erhalten worden sei

    

     5 Ich glaube es ist in den obigen Bemerkungen deutlich gezeigt worden

dass obgleich da wo ein Syllogismus gebraucht wird immer ein Schließen oder

Folgern stattfindet der Syllogismus doch nicht die richtige Analyse dieses

schließenden oder folgernden Verfahrens ist dass dieses im Gegenteil wenn es

nicht ein bloßes Folgern aus einem Zeugnis ist ein Folgern vom Besondern auf

das Besondere ist welches durch eine vorausgängige wesentlich mit ihm eins

seiende Folgerung vom Besondern aufs Allgemeine gerechtfertigt mithin von der

Natur der Induktion ist Aber während mir diese Schlüsse unwidersprechlich

erscheinen muss ich doch so stark wie Erzbischof Whately gegen die Lehre

protestieren dass die syllogistische Kunst für die Zwecke des Schließens ohne

Nutzen sei Das Schließen liegt in dem Generalisationsakte nicht in der

Interpretation der Aufzeichnung dieses Aktes aber die syllogistische Form ist

eine unentbehrliche kollaterale Sicherheit für die Richtigkeit der

Generalisation selbst

    Man hat bereits gesehen dass wenn wir eine Anzahl von besonderen Fällen

haben die hinreichend ist um eine Induktion darauf zu gründen wir nicht

nötig haben ein allgemeines Urteil zu bilden wir können direkt von diesem

Besondern auf ein anderes Besondere schließen Aber es muss durchaus bemerkt

werden dasswenn wir aus einer Reihe von besonderen Fällen irgend eine gültige

Folgerung ziehen wir unsere gültige Folgerung zu einer allgemeinen machen

können Wenn wir aus der Erfahrung und dem Experiment auf einen neuen Fall

schließen können so können wir auch auf eine unbestimmte Anzahl von Fällen

schließen Was daher bei unserer vergangenen Erfahrung als wahr galt wird auch

in Zukunft wahr sein es wird nicht bloß von einigen individuellen Fällen

sondern von allen Fällen von einer gegebenen Art wahr sein Eine jede Induktion

welche genügt um eine Tatsache zu beweisen beweist eine unbestimmte Anzahl

von Tatsachendie Erfahrung, welche eine einzige Voraussage rechtfertigt muss

der Art sein dass sie einen allgemeinen Lehrsatz aushält Es ist von der

höchsten Wichtigkeit diesen Lehrsatz in seiner weitesten Form von Allgemeinheit

zu bestimmen und zu verkünden und so das Ganze von dem was unser Beweis

beweisen muss wenn er überhaupt etwas beweist in seinem ganzen Umfang vor

unsern Geist zu bringen

    Dieses Zusammenfassen der ganzen Masse von Folgerungen aus einer gegebenen

Reihe von besonderen Fällen in einen allgemeinen Ausdruck wirkt in mehr als

einer Weise als eine Sicherheit dafür dass es richtige Folgerungen sind Zum

ersten bietet das allgemeine Prinzip der Einbildungskraft ein größeres Objekt

dar als irgend eines der besonderen darin enthaltenen Urteile Ein

Gedankenprozess welcher zu einer umfassenden Allgemeinheit führt wird stärker

empfunden als ein Denken das bloß auf eine isolierte Tatsache hinausläuft

und der Geist wird sogar unwissentlich dazu veranlasst dem Prozess größere

Aufmerksamkeit zuzuwenden und die Zulänglichkeit der Erfahrung, an welche als

die Grundlage der Folgerung appelliert wird sorgfältiger abzuwägen Es liegt

aber noch ein anderer wichtigerer Vorteil darin In dem Schließen von einer

Reihe einzelner Beobachtungen auf einen neuen noch nicht beobachteten Fall mit

dem wir nur noch unvollkommen bekannt sind denn sonst würden wir nicht darnach

forschen und an welchem wir wahrscheinlich ein besonderes Interesse nehmen da

wir ja danach forschen liegt sehr wenig was uns davor bewahren könnte der

Nachlässigkeit oder einer Neigung die auf unsere Wünsche und unsere Phantasie

einwirkt Raum zu geben und unter diesem Einfluss einen Beweis für genügend zu

halten der es nicht ist Wenn wir aber anstatt geradezu auf den besonderen Fall

zu schließen eine ganze Klasse von Tatsachen vor unsere Augen bringen den

ganzen Inhalt eines allgemeinen Urteils wovon ein jedes Pünktchen aus unseren

Prämissen gültig zu folgern ist wenn es der eine besondere Schluss ist so ist

eine bedeutende Wahrscheinlichkeit vorhanden dass wenn die Prämissen ungenügend

und die allgemeine Folgerung daher grundlos ist sie irgend eine Tatsache oder

Tatsachen enthalten wird wovon wir bereits wissen dass das Umgekehrte davon

wahr ist und wir werden so in unserer Generalisation den Irrtum durch eine

reductio ad impossibile entdecken

    Wenn ein Untertan des römischen Reichs während der Regierung von Marcus

Aurelius bei der Richtung welche die Phantasie und die Erwartungen der Römer

durch das Leben und die Charaktere der Antonine erhielten hätte schließen

wollen dass Commodus ein gerechter Herrscher sein würde so wäre er durch die

Erfahrung bitter getäuscht worden Wenn er aber bedacht hätte dass sein Schluss

nur dann gültig sein konnte wenn er aus demselben Beweis ein allgemeines

Urteil hätte folgern können wie zB dass alle römische Kaiser gerechte

Herrscher sind so würde er sogleich an Nero Domitian und andere Fälle gedacht

haben und da sich hieraus die Ungültigkeit des allgemeinen Schlusses und mithin

die Unzulänglichkeit der Prämissen ergeben hätte so wäre er daran erinnert

worden dass im Fall von Commodus diese Prämisse nicht beweisen konnten was sie

in einer gegebenen Anzahl von den seinigen einschließenden Fällen zu beweisen

nicht genügten

    Der Vorteil bei der Beurteilung der Bündigkeit einer bestrittenen

Folgerung auf einen parallelen Fall zu verweisen ist allgemein anerkannt Wenn

wir aber zu einem allgemeinen Urteil hinaufsteigen so bringen wir nicht bloß

einen sondern alle möglichen parallelen Fälle vor unsern Blick alle Fälle auf

welche dieselben Betrachtungen bezüglich des Beweises anwendbar sind

    Wenn wir daher von einer Anzahl bekannter Fälle auf einen andern für analog

gehaltenen Fall schließen so ist es immer möglich und im allgemeinen auch

vorteilhaft unser Argument auf den Umweg eines allgemeinen Urteils durch eine

Induktion aus diesen bekannten Fällen und der darauffolgenden Anwendung dieses

allgemeinen Urteils auf den unbekannten Fall zu lenken Dieser zweite Teil des

Verfahrens der wie schon bemerkt im Wesentlichen eine Interpretation ist wird

in einen Syllogismus oder eine Reihe von Syllogismen aufgelöst werden können,

deren Obersätze allgemeine ganze Classen von Fällen einschließende Urteile

sein werden wovon ein jedes in seiner ganzen Ausdehnung wahr sein muss wenn

das Argument aufrecht zu erhalten ist Wenn daher von einer in das Bereich eines

dieser allgemeinen Urteile fallenden und folglich dadurch behaupteten Tatsache

bekannt ist oder wenn von ihr vermutet wird dass sie nicht so sei wie das

Urteil sie behauptet so lässt uns diese Art und Weise das Argument anzugeben

erkennen oder vermuten dass die ursprünglichen Beobachtungen welche die

wirklichen Gründe unseres Schlusses sind nicht genügen um ihn zu stützen Und

im Verhältnis als die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung einer Unzulänglichkeit

unseres Beweises grösser wird wächst unser Vertrauen zu demselben wenn sich

kein solcher Mangel an ihm herausstellt

    Der Werth der syllogistischen Form und der Regeln eines richtigen Gebrauchs

derselben besteht daher nicht darin dass sie die Form und Regeln sind nach

denen unsere Schlüsse notwendig oder auch nur gewöhnlich gemacht werden

sondern darin dass sie aus einen Modus liefern in welchem diese Schlüsse immer

darzustellen sind und der wunderbar dazu eingerichtet ist einen Mangel an

Beweiskräftigkeit an den Tag zu bringen Eine Induktion vom Besondern aufs

Allgemeine gefolgt von einem syllogistischen Verfahren von diesem Allgemeinen

auf ein anderes Besondere ist eine Form in der wir unser Schließen immer

darlegen können wenn wir wollen Es ist nicht eine Form in der wir schließen

müssen aber es ist eine Form in der wir schließen mögen in die wir unser

Schließen unausweichlich zu fassen haben wenn ein Zweifel in Beziehung auf

seine Gültigkeit vorhanden ist; obgleich wenn der Fall familiär und wenig

verwickelt und wenn nicht die Vermutung eines Irrtums vorhanden ist, wir

direkt von bekannten besonderen Fällen auf unbekannte schließen können und auch

schliessen47

    Dies ist der Gebrauch des Syllogismus als eines Modus um ein gegebenes

Argument zu verifizieren Seine weiteren Anwendungen bezüglich des allgemeinen

Ganges unserer Geistestätigkeiten bedarf kaum einer Erläuterung da es in

Wirklichkeit die anerkannten Anwendungen der allgemeinen Sprache sind Sie

laufen im Wesentlichen darauf hinaus dass die Induktionen nur ein für allemal

gemacht zu werden brauchen eine einzige sorgfältige Befragung der Erfahrung

kann genügen und das Resultat kann in Form eines allgemeinen Urteils

registriert und dem Gedächtnis oder der Schrift überliefert werden wir haben

dann später nur von diesem aus zu syllogisiren Die Einzelheiten unseres

Experiments dürfen alsdann aus dem Gedächtnis verwischt werden da es demselben

unmöglich sein würde eine so große Masse von Details zu behalten während das

Wissen welches diese Details für den künftigen Gebrauch boten und das sonst

bei dem Vergessen der Beobachtungen oder bei dem übermäßigen Anwachsen des

Registers alsbald verloren gehen würde vermittelst der allgemeinen Sprache in

einer bequemen und sogleich verwertbaren Form erhalten wird

    Diesem Vorteil ist der ihn zum Teil aufwiegende Nachtheil

entgegenzuhalten dass ursprünglich auf unzulängliche Beweise hin gemachte

Folgerungen geheiligt werden und gleichsam zu allgemeinen Grundsätzen erhärten

An diesen hängt dann der Geist aus Gewohnheit wenn er auch der Gefahr

entwachsen ist durch einen ähnlichen trügerischen Schein von neuem auch nur für

einen Augenblick verleitet zu werden aber da er die Details vergessen hat so

denkt er nicht daran seine frühere Entscheidung zu revidieren Ein

unvermeidlicher Nachtheil der indessen so bedeutend er an und für sich ist,

die ungeheuren Vorteile der allgemeinen Sprache nur wenig beeinträchtigt

    Der Gebrauch des Syllogismus ist in Wahrheit nichts anderes als der Gebrauch

allgemeiner Urteile beim Schließen Wir können ohne sie schließen und in

einfachen und klaren Fällen pflegen wir es auch zu tun auch können es sehr

scharfsinnige Geister in nicht einfachen und klaren Fällen tun wenn ihnen ihre

Erfahrung Fälle liefert welche einer jeden vorkommenden Kombination von

Umständen wesentlich ähnlich sind Aber andere Geister oder auch dieselben

Geister ohne eine solche Erfahrung sind ohne den Beistand allgemeiner Urteile

ganz hilflos sobald der Fall die geringste Verwickelung darbietet und wenn

nicht allgemeine Urteile aufgestellt würden so würden nur wenige Menschen über

jene einfachsten Folgerungen hinauskommen welche von den intelligenteren

Tieren gezogen werden Obgleich für das Schließen nicht notwendig so sind

die allgemeinen Urteile doch für irgend einen bedeutenden Fortschritt im

Schließen notwendig Es ist daher natürlich und unvermeidlich dass der

Erforschungsprozess in zwei Theile geteilt und dass allgemeine Formeln

aufgestellt werden um noch ehe die Gelegenheit dazu sich darbietet zu

bestimmen, welche Folgerungen gezogen werden können. Das Ziehen derselben ist

dann die Anwendung der Formeln und die Regeln des Syllogismus sind ein System

von Sicherheiten für die Richtigkeit der Anwendung

    

     6 Um die Reihe der Betrachtungen in Betreff des philosophischen

Charakters des Syllogismus zu vervollständigen ist es nötig zu betrachten

welches da es der Syllogismus nicht ist der wirkliche Typus des Verfahrens

beim Schließen sei Dies löst sich in die Frage auf welches ist die Natur der

untern Prämisse und in welcher Weise trägt sie zu dem Schlusse bei Denn was die

obere Prämisse betrifft so verstehen wir nun vollständig dass der Platz den

sie nominell in unserm Schließen einnimmt eigentlich den individuellen

Tatsachen oder Beobachtungen zukommt wovon sie das allgemeine Resultat

ausdrückt die obere Prämisse ist nicht ein wirklicher Teil des Arguments

sondern ein Ruheort für den Geist der durch einen sprachlichen Kunstgriff

zwischen die wirklichen Prämissen und den Schluss eingeschoben ist und zwar als

eine Sicherheit für die Richtigkeit des Verfahrens was sie denn auch in hohem

Grade ist Da indessen die untere Prämisse ein unentbehrlicher Teil des

syllogistischen Ausdrucks eines Arguments ist so ist sie entweder ein gleich

unentbehrlicher Teil des Arguments selbstoder sie entspricht einem solchen

und wir haben nur zu untersuchen welchem

    Es ist vielleicht der Mühe wert hier eine Betrachtung eines Philosophen

anzuführen dem die Philosophie des Geistes viel verdankt der zwar ein tiefer

aber dabei doch ein übereilter Denker war und dessen Mangel an nötiger

Vorsicht ihn so bemerkenswert machte wegen dem was er nicht sah als wegen dem

was er sah ich meine Dr Thomas Brown dessen Theorie des Syllogismus

eigentümlich ist Er sah die petitio principii welche einem jeden Syllogismus

inwohnt wenn wir die obere Prämisse selbst als den Beweis des Schlusses

betrachten während sie in der That eine Behauptung von der Existenz des

Beweises ist der genügt um einen Schluss von einer gegebenen Art zu beweisen

Während Dr Brown dieses sah entging ihm nicht allein der ungeheure Vorteil

welcher behufs der Sicherung der Richtigkeit durch die Dazwischenkunft dieser

Stufe zwischen dem wirklichen Beweis und dem Schluss gewonnen wird sondern er

hielt es auch für seine Pflicht die obere Prämisse aus dem Verfahren beim

Schließen ganz auszustreichen ohne etwas anderes an die Stelle zu setzen und

behauptete unser Schließen bestehe nur aus der untern Prämisse und dem

Schlusssatz Sokrates ist ein Mensch daher ist Sokrates sterblich indem er so

tatsächlich die Berufung auf frühere Erfahrung als einen unnötigen Schritt in

dem Argument unterdrückte Die Absurdität hiervon verbarg sich ihm hinter seiner

Annahme das Schließen sei bloß eine Analyse unserer eigenen Begriffe oder

abstrakten Ideen und das Urteil, Sokrates ist sterblich entwickle sich aus

dem Urteil Sokrates ist ein Mensch einfach dadurch dass wir den Begriff der

Sterblichkeit als in dem Begriff den wir uns von einem Menschen machen bereits

als enthalten erkennen

    Nach den weitläufigen Erklärungen bezüglich des Inhalts der Urteile bedarf

es nicht viel um den fundamentalen Irrtum in dieser Ansicht von dem

Syllogismus klar zu machen Wenn das Wort Mensch Sterblichkeit mitbezeichnete

wenn die Bedeutung von »sterblich« in der Bedeutung von »Mensch« eingeschlossen

wäre so könnten wir da die untere Prämisse dies deutlich behauptet hätte den

Schluss ohne Zweifel aus der untern Prämisse allein entwickeln Wenn aber wie

es in der That der Fall ist, das Wort Mensch nicht Sterblichkeit mitbezeichnet

woher kommt es dann dass in dem Geist eines jeden der zugibt Sokrates sei ein

Mensch die Idee des Menschen die Idee der Sterblichkeit einschließen muss Dr

Brown konnte nicht umhin diese Schwierigkeit zu sehen und um sie zu vermeiden

ließ er sich gegen seine Absicht verleiten die Stufe in dem Argument welche

dem Obersatz entspricht unter einem andern Namen dadurch wiederherzustellen

dass er die Notwendigkeit behauptete die Beziehung zwischen der Idee des

Menschen und der Idee der Sterblichkeit vorher wahrzunehmen Wenn der

Schließende diese Relation nicht vorher wahrgenommen hat sagt Dr Brown so

wird er nicht folgern Sokrates sei sterblich weil er ein Mensch ist Aber

sogar diese Einräumung obgleich sie einem Aufgeben der Lehre gleichkommt dass

ein Argument nur aus der untern Prämisse und dem Schlusssatz besteht kann den

Rest jener Theorie nicht retten Die Zustimmung bleibt dem Argument nicht bloß

aus weil der Schließende aus Mangel an einer nötigen Analyse nicht wahrnimmt

dass seine Idee des Menschen seine Idee der Sterblichkeit einschließt sondern

viel gewöhnlicher weil diese Beziehung zwischen den zwei Ideen in seinem Geiste

niemals existiert hat Und sie existiert in Wahrheit niemals wenn nicht als das

Resultat der Erfahrung. Wenn ich die Frage sogar auf eine Voraussetzung hin

deren fundamentale Unrichtigkeit wir erkannt haben erörtern wollte nämlich auf

die Voraussetzung hin die Bedeutung eines Urteils beziehe sich auf unsere

Ideen von den Dingen und nicht auf die Dinge selbst, so muss ich doch bemerken

dass die Idee des Menschen als eine allgemeine Idee als das gemeinsame

Eigentum aller vernünftigen Geschöpfe nichts enthalten kann als was strenge

im Namen eingeschlossen liegt Wenn wie dies ohne Zweifel fast immer geschieht

jemand in seiner eigenen Privatidee von dem Menschen andere Attribute

einschließt so tut er dies nur in Folge der Erfahrung und nachdem er sich

überzeugt hat dass alle Menschen dieses Attribut besitzen so dass das was

eines Menschen Idee mehr enthält als in der konventionellen Bedeutung des Worts

eingeschlossen liegt ihr als das Resultat der Zustimmung zu einem Urteil

beigefügt worden ist, während wir nach Browns Theorie im Gegenteil annehmen

müssen dass die Zustimmung zu diesem Urteil dadurch entsteht dass gerade

dieses Element durch ein analytisches Verfahren aus der Idee entwickelt wird Es

kann daher diese Lehre als hinlänglich widerlegt angesehen werden, und die

untere Prämisse ist als gänzlich ungenügend zu halten um den Schluss zu

beweisen sie kann dies nur mit Hülfe der oberen Prämisse oder mit dem wovon

die letztere der Repräsentant ist di den verschiedenen einzelnen Urteilen

welche die Reihen von Beobachtungen ausdrücken deren Resultat die obere

Prämisse genannte Generalisation ist

    In dem Argument welches beweist dass Sokrates sterblich ist wird also ein

unentbehrlicher Teil so lauten »Mein Vater meines Vaters Vater ABC, und

eine unbestimmte Anzahl von anderen Menschen waren sterblich« was nur ein

Ausdruck mit anderen Worten von der Tatsache ist dass sie gestorben sind Dies

ist die der petitio principii entkleidete und bis auf das was wirklich direkt

bewiesen ist beschnittene obere Prämisse

    Um diesen Satz mit dem Schlusssatz Sokrates ist sterblich zu verbinden

bedürfen wir eines weiteren Gliedes und zwar stellt sich dies in einem Urteil

dar wie das folgende »Sokrates gleicht meinem Vater meines Vaters Vater und

den anderen angeführten Individuen« Dieses Urteil behaupten wir wenn wir

sagen Sokrates ist ein Mensch zugleich behaupten wir damit in welcher

Beziehung er ihnen gleicht nämlich in den durch das Wort Mensch bezeichneten

Attributen Und hieraus schließen wir dass er ihnen auch noch im Attribut

Sterblichkeit gleicht

    

     7 Wir haben so erhalten was wir suchten einen allgemeinen Typus des

Verfahrens beim Schließen Wir finden dieses in allen Fällen in die folgenden

Elemente zerlegbar Gewisse Individuen haben ein gegebenes Attribut ein

Individuum oder Individuen gleichen den ersteren in gewissen anderen Attributen

daher gleichen sie ihnen auch in dem gegebenen Attribut Dieser Typus macht

nicht wie der Syllogismus Anspruch auf Beweiskraft auf die bloße Form des

Ausdrucks hin auch kann dies möglicherweise nicht der Fall sein Dass ein

Urteil gerade die in einem andern Urteil bereits behauptete Tatsache

behauptet oder nicht kann aus der Form des Ausdrucks dh aus einer

Vergleichung der Sprache hervorgehen wenn aber die zwei Urteile Tatsachen

behaupten die bona fide verschieden sind so kann aus der Sprache niemals

hervorgehen ob die eine Tatsache die andere beweist oder nicht sondern es

muss dies von anderen Betrachtungen abhängig sein Ob aus den Attributen in

welchen Sokrates den Menschen gleicht welche bisher gestorben sind gefolgert

werden darf dass er ihnen auch in dem Sterblichsein gleicht ist eine Frage der

Induktion und diese muss durch die Prinzipien oder Regeln dieser großen

Geistesoperation wie wir sie später werden kennen lernen entschieden werden

    Unterdessen ist es gewiss dass wenn diese Folgerung in Beziehung auf

Sokrates gemacht werden kann, sie auch in Betreff aller anderen gemacht werden

kann, die den beobachteten Individuen in denselben Attributen wie er gleichen

di um es kurz auszudrücken in Betreff aller Menschen Wenn daher das

Argument im Falle von Sokrates gültig ist so steht es uns frei den Besitz der

Attribute des Menschen ein für allemal als ein Merkmal oder einen genügenden

Beweis des Attributes Sterblichkeit am behandeln Wir tun dies indem wir das

allgemeine Urteil aufstellen Alle Menschen sind sterblich und dasselbe

gelegentlich bei seiner Anwendung auf Sokrates und andere interpretieren

Hierdurch entsteht eine sehr bequeme Trennung des ganzen logischen Verfahrens in

zwei Theile erstens bestimmen welche Attribute Merkmale der Sterblichkeit

sind zweitens bestimmen ob ein gegebenes Individuum diese Merkmale besitzt

Bei unseren Betrachtungen über das Verfahren beim Schließen wird es im

allgemeinen ratsam sein diese doppelte Operation so anzusehen als ob sie in

Wirklichkeit stattfände und als ob alles Schließen in der Form vollzogen

würde in welche es notwendig gefasst werden muss wenn wir im Stande sein

sollen die Vollziehung desselben auf ihre Richtigkeit zu prüfen

    Obgleich daher alle Denkprozesse in welchen die letzten Prämissen besondere

Urteile oder Tatsachen sind wir mögen vom Besondern auf eine allgemeine

Formel oder vermittelst dieser Formel vom Besondern auf ein anderes Besondere

schließen in gleicher Weise Induktion sind so werden wir doch den Namen

Induktion in Übereinstimmung mit dem Herkommen so ansehen als komme er mehr

dem Verfahren zu allgemeine Urteile aufzustellen während wir die andere

Operation die wesentlich in einer Interpretation des allgemeinen Urteils

besteht bei ihren gebräuchlichen Namen Deduktion nennen werden Wir werden ein

jedes Verfahren wodurch etwas in Beziehung auf einen unbekannten Fall gefolgert

wird als aus einer Induktion bestehend betrachten auf welche eine Deduktion

folgt weil obgleich der Prozess nicht notwendig in dieser Form ausgeführt

werden muss er immer derselben fähig ist und auch in dieselbe gefasst werden

muss wenn wissenschaftliche Genauigkeit nötig und verlangt wird

    

     8 Die in dem Vorhergehenden niedergelegte Lehre vom Syllogismus hat auf

verschiedenen Seiten Beifall gefunden von besonderem Werth ist aber der Beifall

den sie bei Sir John Herschel48 Dr Whewell49 und Hrn Bailey50 gefunden hat

Sir John Herschel betrachtet dieselbe obgleich streng genommen keine

»Entdeckung«51 für »einen der größten Schritte vorwärts welche die

Philosophie der Logik noch gemacht hat« »Wenn wir« um die weiteren Worte

derselben Autorität anzuführen »die eingewurzelten Gewohnheiten und Vorurteile

betrachten welche sie den Winden übergeben hat« so liegt in der Tatsache

dass andere nicht weniger beachtenswerte Denker eine ganz verschiedene Meinung

von ihr haben kein Grund zu Besorgnis Ihr hauptsächlichster Einwurf kann

nicht besser oder kürzer angegeben werden als durch Entlehnung eines Ausspruchs

von Erzbischof Whately52 »In einem jeden Fall worin eine Folgerung aus einer

Induktion gezogen wird wenn dieser Name nicht einem Erraten ohne allen Grund

und auf den Zufall hin gegeben wird müssen wir ein Urteil bilden dass der

beigebrachte Fall oder die beigebrachten Fälle genügen um den Schluss zu

rechtfertigen dass es zulässig ist diese Fälle als Muster oder Probe zu

nehmen welche für eine Folgerung bezüglich der ganzen Klasse Gewähr leistet«

und der Ausdruck dieses Urteils in Worten sagten mehrere von meinen Kritikern

ist die obere Prämisse

    Ich gebe vollständig zu dass die obere Prämisse eine Behauptung von der

Zulänglichkeit des Beweises ist auf dem der Schluss beruht Dass sie dies ist,

ist gerade das Wesen meiner Theorie und wer zugibt dass die obere Prämisse

nur dies ist, nimmt die Theorie im wesentlichen an

    Ich kann aber nicht zugeben dass diese Recognition diese Anerkennung der

Zulänglichkeit des Beweises   dh der Richtigkeit der Induktion  ein Teil

der Induktion selbst ist; wir müssten denn sagen sie wäre ein Teil von allem

was wir tun um uns zu überzeugen dass es richtig getan worden ist. Wir

schließen von bekannten Fällen auf unbekannte durch den Drang unserer Neigung

zu verallgemeinern und erst nach vieler Übung und geistiger Disziplin wird

die Frage von der Zulänglichkeit des Beweises bei einem Rückblick auf das

Geschehene aufgeworfen bei dem wir unsere eigenen Fußtapfen verfolgen und

prüfen ob das was wir bereits getan haben auch gerechtfertigt ist Von

diesem Zurückdenken als von einem Teil der ursprünglichen Tätigkeit zu

sprechen welche in Worte ausgedrückt werden muss damit die wörtliche Formel

den psychologischen Prozess richtig darstelle scheint mir eine falsche

Psychologie zu sein53 Wir überblicken sowohl unser syllogistisches als auch

unser induktives Verfahren und erkennen an dass es richtig ausgeführt worden

ist; aber die Logiker fügen dem Syllogismus nicht eine dritte Prämisse hinzu um

diesen Akt der Anerkennung auszudrücken Ein sorgsamer Kopist verifiziert seine

Abschrift dadurch dass er sie mit dem Original vergleicht und wenn sich kein

Irrtum zeigt so erkennt er an dass die Abschrift richtig gemacht worden ist.

Wir nennen aber die Prüfung der Abschrift nicht einen Teil des Kopiraktes

    Bei einer Induktion wird der Schluss aus dem Beweis selbst gefolgert und

nicht aus der Anerkennung der Zulänglichkeit des Beweises; so wie ich schließe

dass mein Freund auf mich zukommt weil ich ihn sehe und nicht weil ich

anerkenne dass meine Augen offen sind und das Gesicht ein Mittel des Erkennens

ist Bei allen Operationen welche Sorgfalt erfordern ist es gut wenn wir uns

versichern dass der Prozess genau vollführt worden ist, aber das Prüfen des

Prozesses ist nicht der Prozess selbst es hätte können hinweggelassen werden

und der Prozess könnte doch richtig sein Gerade weil diese Operation bei dem

gewöhnlichen unwissenschaftlichen Schließen hinweggelassen wird wird an

Gewissheit dadurch gewonnen dass das Schließen in die syllogistische Form

gefasst wird Um so viel wie möglich sicher zu sein dass sie nicht ausgelassen

werde machen wir diese prüfende Operation zu einem Teil des Schließprozesses

selbst Wir bestehen darauf dass die Folgerung vom Besondern aufs Besondere

durch ein allgemeines Urteil hindurchgehe Aber dies ist eine Sicherheit für

gutes Schließen nicht eine Bedingung alles Schließens und in manchen Fällen

nicht einmal eine Sicherheit Wir machen unsere geläufigsten Folgerungen ehe

wir den Gebrauch eines allgemeinen Urteils lernen und ein Mensch von

ununterrichtetem Scharfsinn wird seine erlangte Erfahrung auf naheliegende Fälle

ganz geschickt anwenden obgleich er arg pfuschen würde wenn er die Grenze des

angemessenen allgemeinen Lehrsatzes feststellen wollte Aber obgleich er richtig

schließen mag so weiß er doch eigentlich niemals ob er dies getan er hat

sein Schließen nicht geprüft Dies ist nun aber genau was die Formen des

Schließens für uns tun Wir bedürfen ihrer nicht damit wir im Stand seien zu

schließen sondern damit wir im Stand seien richtig zu schließen

    Es mag noch hinzugefügt werden dass sogar wenn die Probe angewandt und die

Zulänglichkeit des Beweises erkannt worden ist, und wenn sie genügt hat um das

allgemeine Urteil zu stützen so genügt sie auch um die Folgerung vom

Besondern auf das Besondere zu stützen ohne durch das allgemeine Urteil

hindurchzugehen Der Forschende der sich logisch überzeugt hat dass die

Bedingungen einer gültigen Folgerung in den Fällen ABC verwirklicht waren

würde gerade so sehr gerechtfertigt sein direkt auf den Herzog von Wellington

als auf alle Menschen zu schließen Der allgemeine Schluss würde niemals

richtig sein wenn es nicht auch der besondere wäre und in keinem mir

verständlichen Sinne kann man sagen der besondere Schluss sei aus dem

allgemeinen gezogen Dass das Erproben der Zulänglichkeit einer induktiven

Folgerung eine Operation von einem allgemeinen Charakter ist gebe ich gern zu

ich habe selbst ein Gleiches gesagt indem ich als ein fundamentales Gesetz

aufstellte dass wenn Grund vorhanden ist, aus besonderen Fällen überhaupt

Schlüsse zu ziehen auch Grund für einen allgemeinen Schluss vorhanden ist. Aber

dass dieser immerhin nützliche allgemeine Schluss wirklich gezogen werde kann

keine unerlässliche Bedingung der Gültigkeit der Folgerung in dem besonderen

Falle sein Ein Mensch gibt sechs Kreuzer durch dasselbe Vermögen hinweg womit

er über sein ganzes Besitztum verfügt für die Gesetzlichkeit des einen ist es

aber nicht notwendig dass er sein Recht das andere zu tun förmlich wenn

auch nur vor sich selbst behaupte

    Einige weitere Bemerkungen auf geringfügigere Einwürfe sind unten beigefügt

54

 
 



                                



     1 Aus unserer Analyse des Syllogismus ging hervor dass die untere

Prämisse immer eine Ähnlichkeit zwischen einem neuen Fall und einigen vorher

bekannten Fällen behauptet während die obere Prämisse etwas behauptet das wir

in jenen bekannten Fällen wahr fanden und das wir uns daher berechtigt fühlen

in anderen Fällen für wahr zu halten die den ersteren in gewissen gegebenen

Einzelheiten gleichen

    Wenn in Beziehung auf die untere Prämisse alle Syllogismen den in den

vorhergehenden Kapiteln gebrauchten Beispielen glichen wenn die Ähnlichkeit

welche diese Prämisse behauptet den Sinnen so einleuchtend wäre wie in dem

Urteil »Sokrates ist ein Mensch« oder wenn sie durch direkte Beobachtung

bestimmt werden könnte so würden keine Kettenschlüsse erforderlich sein und

die Deduktiven Wissenschaften würden nicht existieren Kettenschlüsse sind nur

dafür da um eine auf beobachtete Fälle gegründete Induktion auf andere Fälle

auszudehnen in denen wir nicht allein das nicht direkt beobachten können was

zu beweisen istsondern in denen wir nicht einmal das Merkmal welches es

beweisen soll direkt beobachten können

    

     2 Angenommen der Syllogismus wäre Alle Kühe käuen wieder das Thier vor

mir ist eine Kuh daher käuet es wieder Wenn die untere Prämisse überhaupt wahr

ist so ist sie es ohne weiteres die obere Prämisse bedarf einer vorausgängigen

Prüfung und vorausgesetzt die Induktion wovon sie der Ausdruck ist wäre

richtig vollzogen so wird der Schluss in Betreff des Tieres vor mir

augenblicklich gezogen sein weil man sobald sie mit der Formel verglichen

wird findet dass sie darin eingeschlossen ist Nehmen wir aber an der

Syllogismus wäre wie folgt  Aller Arsenik ist giftig die Substanz vor mir ist

Arsenik folglich ist sie giftig Die Wahrheit der untern Prämisse ist hier

vielleicht nicht so auf den ersten Blick einleuchtend sie ist vielleicht nicht

durch direkte Anschauung bewiesen sondern vielleicht selbst das Ergebnis einer

Folgerung Sie kann der Schluss eines Arguments sein das in die syllogistische

Form gebracht so lautet  Alles was mit Wasserstoff eine Verbindung eingeht

die mit salpetersaurem Silber einen schwarzen Niederschlag gibt ist Arsenik

die Substanz vor mir entspricht dieser Bedingung folglich ist sie Arsenik Um

daher den letzten Schluss zu beweisen die Substanz vor mir ist giftig bedarf

es eines Verfahrens das um syllogistisch ausgedrückt zu werden zwei

Syllogismen erfordert und wir haben so einen Kettenschluss

    Wenn wir aber so Syllogismus zu Syllogismus addieren so fügen wir in

Wirklichkeit Induktion zu Induktion Zwei getrennte Induktionen müssen

stattgefunden haben um diese Kette von Folgerungen möglich zu machen

Induktionen die wahrscheinlich auf verschiedene Reihen von einzelnen Fällen

gegründet sind die aber in ihren Resultaten konvergieren so dass der den

Gegenstand der Untersuchung bildende Fall in das Bereich beider fällt Die

Geschichte dieser Induktionen ist in den oberen Prämissen der zwei Syllogismen

niedergelegt Erstlich wir oder andere für uns haben verschiedene Gegenstände

untersucht welche unter den gegebenen Umständen den gegebenen Niederschlag

gaben und haben gefunden dass sie die durch das Wort Arsenik mitbezeichneten

Eigenschaften besaßen sie waren metallisch flüchtig ihre Dämpfe rochen nach

Knoblauch usw Danach haben wir oder andere verschiedene Probestücke

untersucht welche diesen metallischen und flüchtigen Charakter besaßen deren

Dämpfe nach Knoblauch rochen etc und unabänderlich gefunden dass sie giftig

waren Die erste Beobachtung glauben wir auf alle Substanzen ausdehnen zu

können welche den Niederschlag geben die zweite auf alle metallischen und

flüchtigen Substanzen welche der untersuchten gleichen und folglich nicht

bloß auf diejenigen von denen man sieht dass sie so sind sondern auch auf

diejenigen von denen man auf eine frühere Induktion hin schließt dass sie so

sind Von der Substanz vor uns sieht man dass sie nur unter die eine dieser

Induktionen fällt aber mit Hülfe der einen wird sie unter die andere gebracht

Wir schließen immer wie vorher vom Besondern auf Besonderes aber wir

schließen nun vom beobachteten Besondern auf ein nichtbeobachtetes Besondere

wovon man nicht sieht dass es ihnen in den Hauptpunkten gleicht sondern wovon

man folgert dass es dies tut weil es ihnen in etwas anderm gleicht das wir

durch eine ganz verschiedene Reihe von Fällen veranlasst wurden als ein Merkmal

der ersteren Ähnlichkeit zu betrachten

    Dieses erste Beispiel eines Kettenschlusses ist noch sehr einfach indem die

Kette nur aus zwei Syllogismen besteht Das Folgende ist etwas verwickelter 

Keine Regierung welche das Wohl ihrer Untertanen ernstlich sucht wird leicht

umgestürzt werden irgend eine besondere Regierung sucht ernstlich das Wohl

ihrer Untertanen daher wird sie wahrscheinlich nicht umgestürzt werden Wir

wollen annehmen die obere Prämisse dieses Arguments sei nicht von Betrachtungen

a priori abgeleitet sondern eine Generalisation aus der Geschichte die

richtig oder irrig auf Betrachtungen von Regierungen gegründet sein muss über

deren Streben nach dem Wohl ihrer Untertanen kein Zweifel bestand Man fand

oder glaubte zu finden dass dieselben nicht leicht umgestürzt werden und man

hielt dafür dass diese Fälle eine Ausdehnung desselben Prädikats auf eine jede

Regierung rechtfertigten welche jenen in dem Attribut gleicht das Wohl ihrer

Untertanen ernstlich zu wollen Aber gleicht die fragliche Regierung denselben

wirklich in dieser Hinsicht Hierüber kann man mit vielen Gründen pro und contra

streiten und es muss in jedem Fall durch eine zweite Induktion bewiesen werden,

denn wir können die Gefühle und Wünsche der Menschen welche die Regierung

führen nicht direkt beobachten Um die untere Prämisse zu beweisen bedürfen

wir daher eines Arguments von der FormEine jede Regierung welche in einer

gewissen Weise handelt will das Wohl ihrer Untertanen die vorausgesetzte

Regierung handelt in dieser Weise folglich will sie das Wohl ihrer Untertanen

Aber ist es wahr dass die Regierung in der vorausgesetzten Weise handelt Auch

diese untere Prämisse ist zu beweisen daher eine neue Induktion wie die  Was

durch intelligente und uninteressierte Zeugen behauptet wird kann als wahr

geglaubt werden dass die Regierung in dieser Weise handelt wird durch solche

Zeugen behauptet daher kann es als wahr geglaubt werden Das Argument besteht

nun aus drei Stufen Da uns unsere Sinne den Beweis liefern dass der Fall von

der fraglichen Regierung einer Anzahl früherer Fälle in dem Umstand gleicht

dass durch intelligente und uninteressierte Zeugen etwas von ihr behauptet wird

so folgern wir erstens dass in diesen wie in den früheren Fällen die

Behauptung wahr ist Da zweitens von der Regierung behauptet wird dass sie in

einer besonderen Weise handelt und da der Beobachtung nach andere Regierungen in

derselben Weise handelten so ergibt sich eine bekannte Ähnlichkeit zwischen

der fraglichen Regierung und diesen anderen Regierungen  und da von diesen

bekannt ist dass sie das Wohl ihrer Untertanen wollten so wird darauf hin

durch eine zweite Induktion gefolgert dass die besondere in Rede stehende

Regierung das Wohl ihrer Untertanen will Hieraus erkennt man wiederum eine

Ähnlichkeit dieser Regierung mit anderen Regierungen von denen man glaubte

dass sie mit Wahrscheinlichkeit einer Revolution entgehen werden und durch eine

dritte Induktion sagen wir daher voraus dass auch die besondere Regierung

wahrscheinlich dem Umsturz entgehen wird Dies ist immer noch ein Schließen vom

Besondern aufs Besondere aber wir schließen nun auf den neuen Fall aus drei

verschiedenen Reihen von früheren Fällen die direkte Wahrnehmung zeigt uns nur

dass der neue Fall nur der einen dieser Reihen von Fällen ähnlich ist aber aus

dieser Ähnlichkeit folgern wir induktiv dass er das Attribut besitzt wodurch

er der nächsten Reihe ähnlich und der entsprechenden Induktion erreichbar wird

wonach wir durch eine Wiederholung desselben Verfahrens folgern dass er der

dritten Reihe ähnlich ist und von da führt uns eine dritte Induktion zu dem

endlichen Schluss

    

     3 Trotz der größeren Verwickelung dieser Beispiele im Vergleich mit

denjenigen durch welche wir in den vorhergehenden Kapiteln die allgemeine

Theorie des Schließens erläuterten ist doch eine jede dort aufgestellte Lehre

auch in diesen verwickelteren Fällen in gleicher Weise gültig Die sukzessiven

allgemeinen Urteile sind nicht Stufen in dem Schließen sie sind nicht

Zwischenglieder in der Kette von Folgerungen zwischen dem beobachteten Besondern

und dem Besondern auf das wir die Beobachtung anwenden Wenn wir ein

hinreichend umfassendes Gedächtnis und das Vermögen besäßen in einer

ungeheuren Masse von Details Ordnung zu erhalten so könnte das Schließen ohne

allgemeine Urteile von Statten gehen denn dieselben sind nur Formeln um

Besonderes aus Besonderem zu schließen Das Prinzip des allgemeinen Schließens

ist wie früher erklärt dass wenn sich aus der Beobachtung gewisser bekannter

besonderer Fälle ergab dass was von ihnen wahr ist auch von irgend anderen als

wahr gefolgert werden kann, so kann es von allen anderen Fällen einer gewissen

Art gefolgert werden, und damit wir niemals verfehlen mögen in einem neuen Fall

diesen Schluss zu ziehen wenn er richtig zu ziehen ist und damit wir ihn zu

ziehen vermeiden wenn dies nicht geschehen kann so bestimmen wir ein für

allemal welches die unterscheidenden Merkmale sind durch welche derartige

Fälle erkannt werden können. Der darauf folgende Prozess ist ein bloßes

Identifizieren eines Gegenstandes, und ein Bestimmen ob er diese Merkmale

besitzt wir mögen ihn nun durch diese Merkmale selbst identifizieren oder durch

andere von denen wir durch einen andern und ähnlichen Prozess bestimmt haben

dass sie Merkmale von diesen Merkmalen sind Die wirkliche Folgerung geschieht

immer vom Besondern auf Besonderes von den beobachteten Fällen auf einen nicht

beobachteten aber indem wir diese Folgerungen machen richten wir uns nach

einer Formel die wir bei diesen Operationen zur Richtschnur genommen haben und

die eine Aufzeichnung der Kriterien ist durch welche wir früherer Bestimmung

zufolge unterscheiden zu können glauben wann die Folgerung gemacht werden kann

und wann nicht Die wahren Prämissen sind die einzelnen Beobachtungen wenn sie

auch vergessen worden sind, oder wenn sie als die Beobachtungen von Anderen,

uns auch niemals bekannt gewesen sind aber wir haben den Beweis vor uns dass

wir oder andere sie einst für eine Induktion genügend hielten und wir haben die

Merkmale um zu zeigen ob ein neuer Fall zu denjenigen Fällen gehört auf

welche man die Induktion ausgedehnt haben würde wenn sie bekannt gewesen wären

Diese Merkmale erkennen wir entweder direkt oder mit Hülfe anderer Merkmale

von denen wir durch eine andere vorausgängige Induktion folgerten dass sie

Merkmale von ihnen sind Vielleicht werden auch diese Merkmale von Merkmalen nur

durch eine dritte Reihe von Merkmalen zu erkennen sein und es kann ein ziemlich

langer Kettenschluss entstehen um einen neuen Fall in das Bereich einer auf

besondere Fälle gegründeten Induktion zu bringen und seine Ähnlichkeit mit

jenen Fällen kann daher nur in dieser indirekten Weise bestimmt werden.

    So war in dem vorhergehenden Beispiel die letzte induktive Folgerung dass

eine gewisse Regierung wahrscheinlich nicht umgestürzt werden wird diese

Folgerung war nach einer Formel gemacht in welcher der Wunsch nach dem

öffentlichen Wohl als ein Merkmal von »nicht leicht umgestürzt zu werden«

aufgestellt war ein Merkmal dieses Merkmals war in einer besonderen Weise

handeln und ein Merkmal eines solchen Handelns war dass von intelligenten und

uninteressierten Zeugen behauptet worden ist, dass es stattfand dieses Merkmal

wurde durch die Sinne als in Besitz der in Rede stehenden Regierung erkannt

hierdurch fiel diese Regierung unter die letzte Induktion und durch diese unter

alle anderen Die wahrgenommene Ähnlichkeit dieses Falles mit einer Reihe von

beobachteten besonderen Fällen brachte ihn in eine bekannte Ähnlichkeit mit

einer andern Reihe und diese mit einer dritten

    In den verwickelteren Zweigen des Wissens bestehen die Deduktionen selten

wie in den bisher angeführten Beispielen aus einer einzigen Kette a ein Merkmal

von b b von c c von d daher a ein Merkmal von d Sie bestehen um dieselbe

Metapher fortzusetzen aus mehreren an den Enden verbundenen Ketten etwa so  a

ein Merkmal von d b von e c von f d e f von n daher a b c ein Merkmal von n

Nehmen wir zB die folgende Kombination von Umständen an 1 Lichtstrahlen die

auf eine reflektierende Fläche fallen 2 diese Fläche parabolisch 3 die

Lichtstrahlen parallel zu einander und zur Achse der Fläche Es ist zu beweisen

dass das Zusammenwirken dieser drei Umstände ein Merkmal ist dass die

reflektierten Strahlen durch den Brennpunkt der parabolischen Fläche gehen Nun

ist ein jeder dieser Umstände einzeln genommen ein Merkmal von etwas für den

Fall Wesentlichem Lichtstrahlen die auf eine reflektierende Oberfläche fallen

sind ein Merkmal, dass diese Strahlen in einem Winkel zurückgeworfen werden der

dem Einfallswinkel gleich ist Die parabolische Gestalt der Fläche ist ein

Merkmal, dass eine aus irgend einem Punkt derselben nach dem Brennpunkt

gezogene und eine mit der Achse parallel gezogene gerade Linie mit der Fläche

gleiche Winkel bilden Und endlich ist die Parallelität der Lichtstrahlen mit

der Achse ein Merkmal, dass ihr Einfallswinkel mit einem von diesen gleichen

Winkeln zusammenfallt Die drei Merkmale zusammengenommen sind daher ein Merkmal

dieser drei vereinigten Dinge Aber die drei vereinigten Dinge sind offenbar ein

Merkmal, dass der Reflexionswinkel mit dem andern der zwei gleichen Winkel mit

dem durch eine nach dem Brennpunkt gezogene Linie gebildeten Winkel

zusammenfallen muss und dies ist nach einem fundamentalen Axiom in Betreff

gerader Linien ein Merkmal, dass die zurückgeworfenen Strahlen durch den

Brennpunkt gehen Die meisten Ketten von physikalischen Deduktionen gehören

diesem verwickelteren Typus an sogar in der Mathematik sind sie häufig wie in

allen Sätzen wo die Voraussetzung zahlreiche Bedingungen einschließt »Wenn

ein Kreis genommen wird und wenn in diesem Kreis ein Punkt genommen wird der

nicht der Mittelpunkt ist und wenn von diesem Punkt gerade Linien nach dem

Umfang gezogen werden so etc«

    

     4 Die angeführten Betrachtungen benehmen unserer Ansicht über das

Schließen eine ernstliche Schwierigkeit es hätte von dieser Ansicht sonst

scheinen können dass sie mit der Tatsache dass es deduktive Wissenschaften

gibt schwer in Einklang zu bringen sei Wenn alles Schließen Induktion ist

so könnte daraus zu folgen scheinen dass die Schwierigkeiten des

philosophischen Forschens ausschließlich in den Induktionen liegen müssen und

dass wenn diese leicht und unzweifelhaft wären es keine Wissenschaft oder

wenigstens keine Schwierigkeiten in der Wissenschaft geben könnte Die Existenz

einer so umfassenden Wissenschaft wie die Mathematik welche von ihren Schöpfern

das höchste wissenschaftliche Genie forderte und die auch noch nach ihrer

Schöpfung von dem der sie sich aneignen will eine andauernde und

nachdrückliche Anstrengung des Geistes verlangt mag dem Anschein nach schwer

nach der vorhergehenden Theorie zu erklären sein Aber die zuletzt angeführten

Betrachtungen klären das Geheimnis auf indem sie zeigen dass wenn auch die

Induktionen selbst ganz einleuchtend sind sich doch eine große Schwierigkeit

darbietet herauszufinden ob der den Gegenstand der Untersuchung bildende

besondere Fall in ihr Bereich fällt es bleibt dem wissenschaftlichen Scharfsinn

ein weiter Spielraum um die verschiedenen Induktionen so zu kombinieren dass

vermittelst der einen unter welche der Fall offenbar fällt er auch in das

Bereich der anderen gebracht werde in welche er nicht direkt als eingeschlossen

erblickt werden kann.

    Wenn die in einer Wissenschaft direkt aus Beobachtungen zu machenden

augenfälligeren Induktionen gemacht und wenn allgemeine Formeln aufgestellt

worden sindwelche die Grenzen feststellen innerhalb deren diese Induktionen

anwendbar sind so wird so oft man sieht dass ein neuer Fall unter eine dieser

Induktionen fällt diese Induktion auf den neuen Fall angewendet und das

Geschäft ist damit beendet Aber es tauchen fortwährend neue Fälle auf die

nicht augenscheinlich unter eine jener Formeln fallen durch welche die in

Betreff jener Fälle zu lösende Frage beantwortet werden könnte Wir wollen ein

Beispiel aus der Geometrie wählen und der Erläuterung wegen annehmen der Leser

habe uns einstweilen zugestanden was wir in dem nächsten Kapitel zu beweisen

suchen werden dass die ersten Grundsätze der Geometrie Resultate der Induktion

sind Unser Beispiel sei der fünfte Satz des ersten Buchs von Euklid Die Frage

ist sind die beiden Winkel an der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks

gleich oder ungleich Das erste in Betracht zu Ziehende istwelche Induktionen

wir haben aus denen wir Gleichheit oder Ungleichheit folgern können Um

Gleichheit zu folgern haben wir die folgenden Formeln  Dingewelche sich

decken wenn sie aufeinandergelegt werden sind gleich Dingewelche ein und

demselben Ding gleich sind, sind einander selbst gleich Ein Ganzes und die

Summe seiner Theile sind gleich Die Summen gleicher Dinge sind gleich Die

Unterschiede gleicher Dinge sind gleich Um Gleichheit zu beweisen existieren

keine andere Formeln Um Ungleichheit zu folgern haben wir die folgenden

Formeln  Ein Ganzes und seine Theile sind ungleich Die Summen gleicher und

ungleicher Dinge sind ungleich Die Unterschiede gleicher und ungleicher Dinge

sind ungleich In allem acht Formeln Die Winkel an der Grundlinie eines

gleichschenkligen Dreiecks fallen augenscheinlich unter keine derselben Die

Formeln geben gewisse Merkmale der Gleichheit und Ungleichheit an aber bei den

Winkeln kann man nicht durch Anschauung wahrnehmen ob sie irgend eines dieser

Merkmale besitzen Bei der Untersuchung erhellt es dass es der Fall ist, und es

gelingt uns zuletzt sie unter die Formel zu bringen »die Unterschiede gleicher

Dinge sind gleich« Woher rührt nun die Schwierigkeit diese Winkel als die

Unterschiede gleicher Dinge zu erkennen Weil jeder von ihnen der Unterschied

nicht eines einzigen Paares sondern unzähliger Paare von Winkeln ist und von

diesen haben wir zwei zu denken und zu wählen die entweder intuitiv als gleich

wahrgenommen werden konnten oder welche eines der in den verschiedenen Formeln

aufgestellten Merkmale der Gleichheit besitzen Durch einen Aufwand von

Scharfsinn der bei dem ersten Entdecker bedeutend gewesen sein musste fand man

zwei Winkel welche diese Erfordernisse mit sich vereinigten Erstens konnte man

durch Anschauung wahrnehmen dass ihre Unterschiede die Winkel an der Grundlinie

sind zweitens besaßen sie eines der Merkmale der Gleichheit nämlich sie

deckten sich wenn sie aufeinandergelegt wurden Dieses Sichdecken wurde

indessen nicht durch Anschauung wahrgenommen sondern nach einer andern Formel

gefolgert

    Der größeren Klarheit wegen füge ich hier eine Analyse des Beweises bei Man

wird sich erinnern dass Euklid seinen fünften Satz mit Hülfe des vierten

beweist Dies ist uns hier nicht erlaubt weil wir deduktive Wahrheiten nicht

auf vorhergehende deduktive Wahrheiten sondern auf ihre ursprünglichen

induktiven Fundamente zurückführen wollen Wir müssen daher anstatt des

Schlusses die Prämissen des vierten Satzes nehmen und den fünften direkt aus

den ersten Grundsätzen beweisen Dieses erfordert sechs Formeln Wir müssen wie

im Euklid damit beginnen die leichen Seiten A B, A C um gleiche Entfernungen zu

verlängern und die Endpunkte B E D C miteinander zu verbinden

    

    

    

    Erste Formel Die Summen gleicher Dinge sind gleich

A D und A E sind Summen gleicher Größen der Voraussetzung nach Da sie dieses

Merkmal der Gleichheit besitzen so schließt man nach dieser Formel dass sie

gleich sind.

Zweite Formel Wenn gleiche gerade Linien auf einander gelegt werden so decken

sie sich

A C A B kommen der Voraussetzung nach unter diese Formel A D A E wurden durch

die vorhergehende Stufe darunter gebracht was nach der zweiten Formel ein

Merkmal ist dass sie sich decken werden wenn sie auf einandergelegt werden

Sich ganz decken heißt sich in allen Teilen und natürlich auch an den

Endpunkten D E und BC decken

Dritte Formel Gerade Linien deren Endpunkte sich decken decken sich

B E und C D wurden durch die vorhergehende Formel unter diese Induktion

gebracht sie werden sich daher decken

Vierte Formel Winkel deren Seiten sich decken decken sich

Da die dritte Induktion gezeigt hat dass sich B E und CD decken und die

zweite dass sich A B und A C decken so werden hierdurch die Winkel A B E und A

C D ins Bereich der vierten Formel gebracht und demnach decken sie sich

Fünfte Formel Dingewelche sich decken sind gleich

Die Winkel ABE und A CD werden durch die unmittelbar Vorhergehende Induktion

unter diese Formel gebracht Da dieser Kettenschluss mutatis mutandis auch auf

die Winkel E B C, D G B anwendbar ist so werden auch diese unter die fünfte

Formel gebracht Und schließlich

Sechste Formel Die Unterschiede von Gleichem sind gleich

Da der Winkel A B C der Unterschied von A B E und C B E und der Winkel A C B

der Unterschied von A C D und D G B ist, wovon bewiesen wurde dass sie gleich

sind: so werden A B C und A C B durch das Ganze des vorausgehenden Prozesses in

das Bereich der letzten Formel gebracht

Die Schwierigkeit liegt hier darin dass wir uns die zwei Winkel an der

Grundlinie des Dreiecks A B C als Reste vorstellen müssen die dadurch

entstehen dass ein Winkelpaar aus dem andern herausgeschnitten wird während

ein jedes Paar korrespondierende Winkel von Dreiecken sein sollen welche zwei

Seiten und den dadurch eingeschlossenen Winkel gleich haben Durch diesen

glücklichen Kunstgriff lässt man so viele verschiedene Induktionen auf denselben

partikularen Fall hinwirken Und da dies durchaus keine so augenfällige Idee

ist so kann man aus einem so nahe an der Schwelle der Mathematik stehenden

Beispiel ersehen welcher Spielraum dem wissenschaftlichen Geschick wohl in den

hohem Zweigen dieser wie auch anderer Wissenschaften noch bleiben mag um einige

wenige einfachen Induktionen so zu kombinieren dass dadurch unter eine jede

derselben unzählige Fälle gebracht werden die nicht augenscheinlich in ihnen

eingeschlossen liegen und wie lange wie zahlreich und verwickelt die Prozesse

sein mögen welche notwendig sind um die Induktionen zusammenzubringen wenn

auch eine jede Induktion an sich sehr leicht und einfach sein mag  Alle in der

Geometrie enthaltenen Induktionen sind in den einfachen Induktionen deren

Formeln die Axiome und einige wenige der sogenannten Definitionen sind

enthalten Der Überrest der Wissenschaft besteht in den Prozessen welche

ausgeführt werden um unvorhergesehene Fälle innerhalb dieser Induktionen zu

bringen oder in syllogistischer Sprache um die für die Vervollständigung des

Syllogismus notwendigen unteren Prämissen zu beweisen da die oberen Prämissen

aus Definitionen und Axiomen bestehen In diesen Definitionen und Axiomen ist

das Ganze der Merkmale niedergelegt durch deren kunstvolle Verbindung man es

möglich fand alles in der Geometrie Bewiesene zu entdecken und zu beweisen Da

dieser Merkmale nur so wenige sind und da die Induktionen welche sie liefern

uns so geläufig und klar sind so bildet die Verbindung von mehreren derselben

woraus Deduktionen oder Kettenschlüsse entstehen die ganze Schwierigkeit der

Wissenschaft, und mit geringer Ausnahme ihren ganzen Umfang und daher ist die

Geometrie eine Deduktive Wissenschaft

 

 5 Man wird hernach sehen dass gewichtige wissenschaftliche Gründe vorhanden

sind, um einer jeden Wissenschaft soviel als möglich den Charakter einer

Deduktiven Wissenschaft zu geben zu versuchen die Wissenschaft aus den

möglichst wenigen und einfachen Induktionen aufzubauen und diese wenn auch

durch die verwickelsten Kombinationen hinreichend zu machen um auch solche auf

verwickelte Fälle bezüglichen Wahrheiten zu beweisen welche wenn wir es

wollten durch Induktionen aus der spezifischen Erfahrung bewiesen werden

könnten Ein jeder Zweig der Physik war ursprünglich experimentell eine jede

Generalisation beruhte auf einer speziellen Induktion und war aus ihrer eigenen

unterschiedenen Reihe von Beobachtungen abgeleitet Da es wie man sagt rein

experimentelle Wissenschaften oder besser gesagt da es Wissenschaften sind in

denen die Schlüsse meistens nur aus einer Stufe bestehen und durch einen

einzigen Syllogismus ausgedrückt werden, so wurden alle diese Wissenschaften bis

zu einem gewissen Grad und einige sogar gänzlich zu Wissenschaften des reinen

Schließens wodurch eine Menge von Wahrheiten die bereits durch Induktion aus

eben so vielen verschiedenen Reihen von Experimenten erkannt waren als

Deduktionen oder Korollarien aus induktiven Sätzen von einem einfacheren und

allgemeineren Charakter dargestellt werden konnten So wurden die Mechanik die

Hydrostatik die Optik die Akustik und die Wärmelehre allmälig mathematisch

gemacht und die Astronomie wurde durch Newton den Gesetzen der allgemeinen

Mechanik unterworfen Warum die Substitution dieses weitläufigen Verfahrens für

einen anscheinend leichteren und natürlicheren Prozess mit Recht für den

größten Triumph der Naturforschung gehalten wird können wir jetzt noch nicht

untersuchen Es ist aber nötig zu bemerken dass obgleich Wissenschaften durch

diese allmälige Umwandlung mehr und mehr Deduktiv zu werden streben sie darum

nicht weniger Induktiv sind ein jeder Schritt in der Deduktion ist immer noch

eine Induktion Der Gegensatz besteht nicht zwischen den Ausdrücken Deduktiv und

Induktiv sondern zwischen Deduktiv und Experimentell Eine Wissenschaft ist in

dem Verhältnis experimentell als ein jeder neue Fall der irgend besondere

Züge darbietet einer neuen Reihe von Experimenten und Beobachtungen einer

neuen Induktion bedarf Sie ist Deduktiv im Verhältnis als sie bezüglich einer

neuen Art Fälle durch ein Verfahren Schlüsse ziehen kann welches diese Fälle

unter alte Induktionen bringt und zwar dadurch dass bestimmt wird, dass Fälle

bei denen man nicht direkt beobachten kann ob sie die erforderlichen Merkmale

besitzen nichtsdestoweniger Merkmale von diesen Merkmalen besitzen

Wir können daher jetzt wahrnehmen welches der generische Unterschied ist

zwischen Wissenschaften welche Deduktiv gemacht werden können, und solchen die

vorläufig Experimentell bleiben müssen Wenn wir durch unsere verschiedenen

Induktionen nicht über Sätze hinausgekommen sind wie diese a ein Merkmal von b

 oder a und b Merkmale von einander, c ein Merkmal von d oder c und d Merkmale

von einander, ohne den Zusammenhang von a und b mit c und d zu kennen so haben

wir eine Wissenschaft von gesonderten und gegenseitig unabhängigen

Generalisationen etwa wie diese die Säuren röten blaue Pflanzenstoffe und die

Alkalien färben sie grün Aus keinem dieser Sätze könnten wir den andern direkt

oder indirekt folgern und soweit eine Wissenschaft aus solchen Sätzen besteht

ist sie rein experimentell Die Chemie hat in ihrem gegenwärtigen Zustand diesen

Charakter noch nicht abgelegt Es gibt aber andere Wissenschaften in denen die

Sätze folgender Art sind a ein Merkmal von b b ein Merkmal von c c von d d

von e etc In diesen Wissenschaften können wir die Leiter von a zu e durch ein

syllogistisches Verfahren hinaufsteigen wir können schließen dass a ein

Merkmal von e ist und ein jeder Gegenstandder das Merkmal a hat auch die

Eigenschaft e besitzt obgleich wir vielleicht niemals im Stande waren a und e

zusammen zu beobachten und obgleich vielleicht sogar d unser einziges direktes

Merkmal von e in diesen Gegenständen nicht wahrzunehmen sondern nur zu

erschließen ist Oder wenn wir die erste Metapher verändern man kann sagen

wir gelangten auf unterirdischem Wege von a zu e die Merkmale bc, d welche

den Weg anzeigen müssen alle von den Gegenständenin Betreff deren wir

forschen besessen werden aber sie sind unter der Oberfläche a ist das einzige

sichtbare Merkmal und durch es sind wir im Stande alle übrigen sukzessive

aufzufinden

 

 6 Wir können nun verstehen wie sich eine experimentelle Wissenschaft durch

den bloßen Fortschritt des Experiments in eine Deduktive verwandeln kann Wie

bereits bemerkt sind die Induktionen in einer experimentellen Wissenschaft

gesondert wie a ein Merkmal von bc ein Merkmal von d e von f usw es kann

nun eine neue Reihe von Fällen und eine darauf folgende Induktion zu jeder Zeit

den Zwischenraum zwischen diesen unzusammenhängenden Bogen überbrücken es kann

zB bestimmt werden, dass b ein Merkmal von c ist was uns sofort in den Stand

setzt deduktiv zu beweisen dass a ein Merkmal von c ist Oder es kann wie

dies zuweilen geschieht eine umfassende Induktion hoch in der Luft einen Bogen

errichten der eine ganze Anzahl auf einmal überbrückt indem es sich zeigt

dass b d f und alle übrigen Merkmale von irgend einem Ding oder von Dingen

sind zwischen denen bereits ein Zusammenhang nachgewiesen ist So entdeckte

zB Newton dass sowohl die regelmäßigen als auch die anscheinend anomalen

Bewegungen aller Körper des Sonnensystems eine jede dieser Bewegungen war durch

eine besondere logische Operation aus besonderen Merkmalen gefolgert worden

Merkmale einer Bewegung um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt mit einer

Zentripedalkraft sind welche in geradem Verhältnis der Massen und umgekehrt

wie die Quadrate der Entfernungen von diesem Mittelpunkt variiert Dies ist das

größte je vorgekommene Beispiel einer plötzlichen Umwandlung einer bis dahin

bis zu einem hohen Grad bloß experimentellen Wissenschaft in eine deduktive

Umwandlungen derselben Art, wenn auch in einem kleineren Maßstabe finden in

den weniger ausgebildeten Zweigen des physikalischen Wissens fortwährend Statt

ohne dass sie deshalb den Charakter von experimentellen Wissenschaften abwerfen

könnten So wird in Beziehung auf die zwei angeführten unzusammenhängenden

Sätze die Säuren röten blaue Pflanzenstoffe Alkalien färben sie grün von

Liebig bemerkt dass alle durch Säuren geröteten blauen Farbstoffe so wie auch

umgekehrt alle roten Farbstoffe welche durch Alkalien gebläut werden

Stickstoff enthalten und es ist sehr möglich dass dieser Umstand einst das

verknüpfende Band zwischen den zwei fraglichen Sätzen abgeben wird indem er

zeigt dass die antagonistische Wirkung von Säuren und Alkalien in der Erzeugung

und Zerstörung der blauen Farbe das Resultat eines allgemeineren Naturgesetzes

ist Obgleich diese Verknüpfung getrennter Generalisationen ein Gewinn ist so

strebt sie doch nur wenig dem Ganzen einer Wissenschaft einen deduktiven

Charakter zu verleihen weil die neuen Reihen von Beobachtungen und

Experimenten die uns einige allgemeinen Wahrheiten zu verknüpfen erlauben uns

gewöhnlich mit einer noch größeren Anzahl von unzusammenhängenden neuen Reihen

bekannt machen Daher ist die Chemie obgleich ähnliche Erweiterungen und

Vereinfachungen ihrer Generalisationen fortwährend stattfinden in der

Hauptsache noch eine experimentelle Wissenschaft und wird es wahrscheinlich

bleiben bis man zu einer umfassenden Induktion gelangt welche ähnlich der

Newtons eine große Anzahl von bekannten kleineren Induktionen verknüpfen und

die ganze Methode der Wissenschaft auf einmal verändern wird Die Chemie ist

bereits im Besitz einer großen Generalisation welche innerhalb ihrer

beschränkten Sphäre diesen umfassenden Charakter besitzt obgleich sie sich auf

eine untergeordnete Seite der chemischen Erscheinungen bezieht es ist dies der

die atomistische Theorie oder die Lehre von den chemischen Äquivalenten

genannte Grundsatz von Dalton der uns vor der Anstellung des Experiments bis zu

einer gewissen Weite erlaubt die Verhältnisse in denen sich zwei Substanzen

verbinden werden vorauszusehen und der so zu einer Quelle neuer deduktiv

erreichbarer chemischer Wahrheiten und zu einem verbindenden Prinzip für alle

vorher durch das Experiment erhaltenen Wahrheiten von derselben Art wird

 

 7 Die Entdeckungen welche die experimentelle Methode einer Wissenschaft in

eine Deduktive verwandeln bestehen meistenteils darin dass entweder durch

Deduktion oder direkt durch das Experiment festgestellt wird dass die

Varietäten eines besonderen Phänomens die Varietäten eines anderen besser

bekannten Phänomens gleichförmig begleiten So wurde die bis dahin auf der

untersten Stufe der experimentellen Wissenschaften stehende Lehre vom Schall zu

einer deduktiven Wissenschaft als durch das Experiment bewiesen wurde dass

eine jede Art Schall abhängig und daher ein Merkmal ist von einer bestimmten und

bestimmbaren Art einer schwingenden Bewegung in den Teilchen des

fortpflanzenden Mittels Nachdem dies festgestellt war so folgte dass eine

jede Beziehung der Sukzession oder Koexistenz welche zwischen Erscheinungen der

einen bekannteren Art bestand auch zwischen den ihnen entsprechenden

Erscheinungen der andern Art bestand Da ein jeder Ton ein Merkmal einer

besonderen schwingenden Bewegung war so wurde er dadurch zum Merkmal von allem

was nach bekannten Gesetzen der Dynamik aus dieser Bewegung gefolgert werden

konnte und alles was nach denselben Gesetzen ein Merkmal einer schwingenden

Bewegung der Teilchen eines elastischen Mittels war wurde ein Merkmal des

entsprechenden Tons Und so werden viele in Beziehung auf den Schall vorher

nicht geahnte Wahrheiten aus den bekannten Gesetzen der Fortpflanzung der

Bewegung in einem elastischen Mittel ableitbar während bereits empirisch

bekannte Tatsachen zu einer Indikation von vorher nicht entdeckten

entsprechenden Eigenschaften schwingender Körper werden

Aber die Wissenschaft der Zahlen ist das große Agens um eine experimentelle

Wissenschaft in eine deduktive zu verwandeln Die Eigenschaften der Zahlen

allein sind unter allen bekannten Phänomenen im strengsten Sinne Eigenschaften

aller Dinge Nicht alle Dinge sind farbig schwer oder besitzen Ausdehnung

aber alle Dinge sind zählbar und wenn wir diese Wissenschaft in ihrer ganzen

Ausdehnung betrachten von der niederen Arithmetik an bis zur Variationsrechnung

so erscheinen die bereits festgestellten Wahrheiten nichts weniger als unendlich

zu sein und lassen noch eine unbegrenzte Erweiterung zu

Obgleich diese Wahrheiten von allen Dingen affirmiert werden können, so lassen

sie sich doch nur in Beziehung auf deren Quantität auf sie anwenden Wenn aber

entdeckt wird dass in einer Klasse von Erscheinungen Veränderungen der Qualität

regelmäßig Veränderungen der Quantität entsprechen sei es in denselben oder in

anderen Erscheinungen so wird eine jede mathematische Formel welche auf in

dieser besonderen Weise variierende Quantitäten anwendbar ist ein Merkmal einer

entsprechenden allgemeinen Wahrheit in Betreff der sie begleitenden

Veränderungen in der Qualität und da die Wissenschaft der Quantität soweit es

eine Wissenschaft sein kann gänzlich deduktiv ist so wird die Theorie dieser

besonderen Art von Qualitäten bis zu dieser Ausdehnung ebenfalls deduktiv

Das überraschendste Beispiel hiervon welches die Geschichte darbietet obgleich

es kein Beispiel ist von einer experimentellen Wissenschaft welche in eine

deduktive verwandelt wurde sondern von einer beispiellosen Ausdehnung eines

deduktiven Verfahrens in einer Wissenschaft die bereits deduktiv war ist die

von Descartes begonnene und von Clairaut vollendete Revolution in der Geometrie.

Diese großen Mathematiker wiesen auf die Wichtigkeit der Tatsache hin dass

einer jeden Art Lage von Punkten Richtung von Linien oder Form von Kurven oder

Flächen welche alle Qualitäten sind eine besondere Beziehung der Quantität

zwischen zwei oder drei rechtwinkligen Koordinaten entspricht so dasswenn das

Gesetz bekannt wäre nach welchem diese Koordinaten beziehungsweise zu einander

variieren eine jede andere geometrische Eigenschaft der fraglichen Linie oder

Fläche sowohl in Beziehung auf Quantität als Qualität daraus gefolgert werden

könnte Hieraus folgte dass eine jede geometrische Frage gelöst werden konnte

wenn die entsprechende algebraische Frage zu lösen war und die Geometrie

erhielt einen faktischen oder potentiellen Zuwachs von neuen Wahrheiten die

einer jeden Eigenschaft der Zahlen entsprachen welche der Fortschritt des

Kalküls aus Licht gefördert hat oder in Zukunft noch fördern kann In derselben

allgemeinen Weise wurde die Mechanik die Astronomie und in einem geringeren

Grade ein jeder Zweig der gewöhnlich sogenannten Physik algebraisch gemacht Man

fand dass die verschiedenen Arten von physikalischen Erscheinungen womit es

diese Wissenschaften zu tun haben bestimmbaren Arten in der Quantität eines

Umstandes oder wenigstens verschiedenen Arten der Form oder Lage entsprechen

für die bereits entsprechende Gleichungen der Quantität gefunden waren oder von

den Geometern entdeckt werden konnten

Bei diesen verschiedenen Umwandlungen erfüllen die Urteile der Wissenschaft der

Zahlen die Funktion welche allen einen Kettenschluss bildenden Urteilen

zukommt die nämlich uns in den Stand zu setzen durch eine indirekte Methode

durch Merkmale von Merkmalen zu Eigenschaften der Gegenstände zu gelangen die

wir nicht direkt oder nicht bequem durch das Experiment bestimmen können Wir

wandern von einer gegebenen sichtbaren oder fühlbaren Tatsache durch die

Wahrheiten der Zahlen zu der gesuchten Tatsache Die gegebene Tatsache ist ein

Merkmal, dass zwischen den Quantitäten einiger der betreffenden Elemente eine

Beziehung besteht während die gesuchte Tatsache eine gewisse Beziehung

zwischen den Quantitäten einiger anderer Elemente voraussetzt wenn nun diese

letzten Quantitäten in irgend einer bekannten Weise von den ersten abhängig

sind oder umgekehrt so können wir aus der numerischen Beziehung zwischen der

einen Reihe von Quantitäten auf die zwischen der andern Reihe bestehenden

schließen indem die Lehrsätze des Kalküls die Zwischenglieder darbieten Und

so wird die eine der zwei physikalischen Tatsachen ein Merkmal der andern

indem sie ein Merkmal von dem Merkmal eines Merkmals derselben ist

 






     1 Wenn wie in den zwei vorhergehenden Kapiteln gezeigt wurde die

Induktion das Fundament aller Wissenschaften sogar der deduktiven oder

demonstrativen ist wenn eine jede Stufe in den Syllogismen sogar der Geometrie

eine Induktion und wenn ein Kettenschluss nichts Anderesals eine Reihe von

Induktionen ist die sich auf denselben Gegenstand beziehen worin liegt denn

nun aber die eigentümliche Gewissheit die man den Wissenschaften zuschreibt

welche ganz oder fast ganz deduktiv sind Warum heißen sie exakte

Wissenschaften Warum sind mathematische Gewissheit und die Evidenz der

Demonstration Ausdrücke um den höchsten Grad der von der Vernunft erreichbaren

Gewissheit zu bezeichnen Warum werden die Mathematik von allen Philosophen und

von vielen sogar diejenigen Zweige der Naturwissenschaften welche durch die

Mathematik in deduktive Wissenschaften verwandelt wurden als unabhängig von dem

Beweis durch Erfahrung und Beobachtung betrachtet und als Systeme von

notwendigen Wahrheiten charakterisiert

    Ich glaube die richtige Antwort hierauf ist dass dieser den Wahrheiten der

Mathematik zugeschriebene Charakter von Notwendigkeit und mit einigen später

zu machenden Vorbehalten sogar jene eigentümliche Gewissheit eine Illusion

ist zu deren Stütze es nötig ist anzunehmen dass jene Wahrheiten sich nur auf

imaginäre Gegenstände beziehen und nur Eigenschaften von solchen ausdrücken Es

ist bekannt dass die Schlüsse der Geometrie zum Teil wenigstens von

sogenannten Definitionen abgeleitet sind und dass von diesen Definitionen

angenommen wird sie seien soweit sie gehen korrekte Beschreibungen der

Gegenstände, womit sich die Geometrie beschäftigt Aus einer Definition als

solcher kann nun kein anderer als auf ein Wort Bezug habender Satz folgen und

das was anscheinend aus einer Definition folgt folgt in Wahrheit aus der darin

eingeschlossenen Annahme dass ein ihr entsprechendes reales Ding existiert

Diese Annahme ist aber bei den Definitionen der Geometrie falsch es existieren

keine den Definitionen entsprechenden realen Dinge Es gibt keinen Punkt ohne

Größe keine Linie ohne Breite oder auch nur eine vollkommen gerade Linie es

gibt keine Kreise mit genau gleichen Halbmessern oder Quadrate die vollkommen

rechtwinklig wären Wollte man mir einwenden dass sich die Annahme nicht auf

die wirkliche, sondern nur auf die mögliche Existenz solcher Dinge erstreckt so

würde ich erwidern dass soweit wir die Möglichkeit erproben können dieselben

nicht einmal möglich sind Soweit unser Urteil reicht würde ihre Existenz mit

der physikalischen Konstitution unseres Planeten wenigstens wenn nicht mit der

des Universums unverträglich sein Um diese Schwierigkeiten loszuwerden und um

zugleich den Kredit des Systems von notwendigen Wahrheiten zu retten pflegt

man gewöhnlich zu sagen dass die Punkte Linien und Quadrate die der

Gegenstand der Geometrie sind nur in unserer Vorstellung existieren und dass

sie ein Teil unseres Geistes sind so dass der Geist aus seinem eigenen

Material a priori eine Wissenschaft aufbaut deren Evidenz bloß geistig ist und

mit unserer äußeren Erfahrung nichts zu schaffen hat Dieser Lehre mögen hohe

Autoritäten ihre Beistimmung gegeben haben sie scheint mir aber dennoch

psychologisch betrachtet fehlerhaft zu sein56 Die Punkte Linien Kreise und

Quadrate die Jemand denkt sind glaube ich nichts als Kopien der Punkte

Linien Kreise und Quadrate welche ihm die Erfahrung vorführte Unsere Idee von

einem Punkt ist einfach unsere Idee von dem sichtbaren Minimum von dem

kleinsten Flächenteil den wir noch sehen können Eine Linie wie sie die

Geometer definieren kann man sich gar nicht vorstellen Wir können in Beziehung

auf eine Linie ohne Breite Schlüsse ziehen weil wir eine Fähigkeit besitzen

welche das Fundament der Herrschaft ist die wir über die Tätigkeit unseres

Geistes ausüben können die Fähigkeit nämlich nur einen Teil unserer

sinnlichen Wahrnehmungen oder geistigen Vorstellungen anstatt das Ganze

derselben zu beachten Aber wir können uns keine Linie ohne Breite vorstellen

wir können uns kein geistiges Bild davon machen alle Linien welche wir denken

haben Breite Wer dies bezweifelt mag seine eigene Erfahrung befragen Ich

zweifle sehr dass Jemand der glaubt er könne sich eine sogenannte

mathematische Linie vorstellen dies auf den Beweis seines eigenen Bewusstseins

hin glaubt er tut es vielmehr in der Voraussetzungdasswenn eine solche

Vorstellung nicht möglich wäre die Mathematik nicht als eine Wissenschaft

existieren könnte eine Voraussetzung die wie leicht nachzuweisen ganz

grundlos ist

    Da nun weder in der Natur, noch in unserem Geiste den Definitionen der

Geometrie genau entsprechende Gegenstände existieren und da man doch nicht

annehmen kann dass diese Wissenschaft sich mit Nichtdingen beschäftigt so

bleibt nichts Anderes übrig als anzunehmen die Geometrie beschäftige sich mit

Linien Winkeln und Figuren wie sie wirklich existieren und die sogenannten

Definitionen müssen als einige unserer ersten und augenfälligsten

Generalisationen in Beziehung auf diese natürlichen Gegenstände betrachtet

werden. Die Richtigkeit dieser Generalisationen als Generalisationen ist nicht

zu bezweifeln dass die Halbmesser eines Kreises gleich sind, ist soweit es von

einem Kreise wahr ist von allen Kreisen wahr genau wahr ist es jedoch von

keinem Kreise es ist nur nahezu wahr so nahezu dass man in der Praxis keinen

merklichen Fehler begeht wenn man es als ganz wahr annimmt Wenn wir

Gelegenheit haben diese Induktionen oder ihre Konsequenzen auf Fälle

auszudehnen in denen der Irrtum bemerklich wäre  auf Linien von merklicher

Breite oder Dicke auf Parallelen die nicht überall genau gleichweit von

einander entfernt sind u dergl  so berichtigen wir unsere Schlüsse indem wir

eine neue Reihe von Sätzen die sich auf die Abweichung beziehen damit

verbinden gerade so wie wir auch Urteile in Beziehung auf die physikalischen

oder chemischen Eigenschaften des Materials zulassen wenn diese Eigenschaften

das Resultat vielleicht modifizieren sollten was sie sogar in Beziehung auf

Gestalt und Größe leicht tun können wie zB bei der Ausdehnung durch die

Wärme So lange indessen keine praktische Notwendigkeit vorhanden ist, auf

irgend eine der Eigenschaften des Gegenstandes, mit Ausnahme der geometrischen

Eigenschaften oder irgend einer der natürlichen Unregelmäßigkeiten in denselben

zu achten ist es bequem die Betrachtung der anderen Eigenschaften und der

Unregelmäßigkeiten zu vernachlässigen und zu schließen als wenn sie gar

nicht existierten wir geben demgemäß in der Definition förmlich an dass wir

nach diesem Plan verfahren wollen Es ist aber ein Irrtum anzunehmen dass

weil wir unsere Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Anzahl von Eigenschaften eines

Gegenstandes beschränken wir uns darum den Gegenstand als seiner anderen

Eigenschaften entkleidet vorstellen oder in der Idee haben Wir denken uns zu

allen Zeiten solche Gegenstände wie wir sie sahen und fühlten und mit allen

Eigenschaften die ihnen ihrer Natur nach zukommen aber der wissenschaftlichen

Bequemlichkeit wegen tun wir als wären sie aller Eigenschaften entkleidet mit

Ausnahme derjenigen in Betreff deren wir sie zu betrachten vorhaben

    Die besondere Genauigkeit von der man annimmt dass sie das

Charakteristische der ersten Prinzipien der Geometrie sei ist also nur eine

eingebildete Die Behauptungen auf welche die Schlüsse dieser Wissenschaft

gegründet sind entsprechen den Tatsachen ebensowenig genau als in anderen

Wissenschaften wir supponieren aber dass sie es tun um die Konsequenzen aus

dieser Supposition ableiten zu können Ich halte die Ansicht von Dugald Stewart

dass die Fundamentallehren der Geometrie auf Hypothesen gebaut sind dass sie

diesen allein die eigentümliche Gewissheit verdanken welche sie auszeichnen

und dass eine jede Wissenschaft wenn sie von einer Anzahl von Hypothesen aus

weiter schließt ein System von Schlüssen ergeben wird das an Gewissheit der

Geometrie nicht nachsteht dh das eben so strenge in Übereinstimmung mit den

Hypothesen stehen und das unter der Bedingung die Hypothesen seien wahr

unsere Zustimmung ebenso unwiderstehlich erzwingen wird wie diese im

Wesentlichen für richtig

    Wenn daher behauptet wird die Schlüsse der Geometrie wären notwendige

Wahrheiten so besteht die Notwendigkeit nur darin dass sie aus den

Voraussetzungen aus denen sie abgeleitet sind notwendig folgen Diese

Voraussetzungen sind so weit entfernt notwendig zu sein dass sie nicht einmal

wahr sind; sie entfernen sich absichtlich mehr oder weniger von der Wahrheit

Den Schlüssen einer Wissenschaft kann Notwendigkeit einzig in dem Sinne

zugeschrieben werden dass sie aus einer Annahme folgen welche den Bedingungen

der Untersuchung nach unzweifelhaft ist In diesem Verhältnis müssen natürlich

die abgeleiteten Wahrheiten einer jeden deduktiven Wissenschaft zu den

Induktionen oder Annahmen stehen auf welche die Wissenschaft gegründet ist und

diese mögen an und für sich wahr oder unwahr gewiss oder zweifelhaft sein so

nimmt man sie zu den Zwecken der besonderen Wissenschaft immer als gewiss an

Die Schlüsse der deduktiven Wissenschaften hießen daher bei den Alten

notwendige Urteile Wir haben bereits bemerkt dass das notwendig ausgesagt

werden charakteristisch vom Prädicabile Proprium ist und dass ein Proprium eine

jede Eigenschaft eines Dinges ist die aus ihrem Wegen abgeleitet werden kann,

dh aus den in seiner Definition eingeschlossenen Eigenschaften

    

     2 Die wichtige Lehre von Dugald Stewart welche ich durchzuführen

versucht habe ist von Dr Whewell in einer seinem »Mechanischen Euklid«57

angehängten Dissertation besonders aber in seinem neueren gründlichen Werke

über die Philosophie der induktiven Wissenschaften bestritten worden In

letzterem hat er auch eine Erwiderung auf einen Artikel in der Edinburgh Review

der einem hervorragenden Schriftsteller zugeschrieben wurde gegeben in

welchem Stewarts Ansicht gegen ihn verteidigt worden war Die vermeintliche

Widerlegung Stewarts besteht einfach darin dass gegen ihn bewiesen wird wie

es auch in diesem Werk geschah dass die Prämissen der Geometrie nicht

Definitionen sondern Assumtionen der wirklichen Existenz von diesen

Definitionen entsprechenden Dingen sind Hierdurch wird Dr Whewells Zweck aber

wenig gefördert denn gerade von diesen Assumtionen wird behauptet es seien

Hypothesen und wenn er leugnen will dass die Geometrie auf Hypothesen

gegründet ist so muss er zeigen dass dieselben absolute Wahrheiten sind Er

beschränkt sich indessen auf die Bemerkung dass es jedenfalls keine

willkürlichen Hypothesen sind dass es uns nicht frei steht ihnen andere

Hypothesen zu substituieren dass nicht allein »eine Definition um zulässig zu

sein notwendig mit einer Vorstellungdie wir uns in unseren Gedanken deutlich

bilden können in Beziehung stehen und übereinstimmen muss« sondern dass die

geraden Linien zB welche wir definieren »diejenigen sein müssen in denen

Winkel enthalten sind diejenigen durch welche Dreiecke begrenzt diejenigen von

denen Parallelität ausgesagt werden kann und so weiter« Dies ist ganz wahr

aber es ist auch niemals widersprochen worden Diejenigenwelche sagen die

Prämissen der Mathematik seien Hypothesen sind nicht verbunden sie als

Hypothesen die zu den Tatsachen in keinerlei Beziehungen stehen darzustellen

Da sich eine für die Zwecke wissenschaftlicher Forschung aufgestellte Hypothese

auf etwas beziehen muss was reale Existenz besitzt denn es kann keine

Wissenschaft bezüglich von Nonentitäten geben so folgtdass eine Hypothese

die wir bezüglich eines Gegenstandes machen am unser Studium desselben zu

erleichtern nicht etwas entschieden Falsches und dessen wahrer Natur

Widerstreitendes enthalten darf wir dürfen einem Dinge nicht eine Eigenschaft

zuschreiben die es nicht besitzt unsere Freiheit geht höchstens bis zu einer

geringen Übertreibung einer Eigenschaft die es besitzt und bis zur

Unterdrückung anderer Eigenschaften und zwar unter der unerlässlichen

Verpflichtung sie wiederherzustellen sobald ihre Gegenwart oder Abwesenheit in

der Wahrheit unserer Schlüsse einen wesentlichen Unterschied hervorrufen würde

Dieser Natur sind demzufolge die in den Definitionen der Geometrie enthaltenen

ersten Grundsätze Es ist indessen nur soweit notwendig dass die Hypothesen

von dieser besonderen Natur seien als uns keine anderen in den Stand setzen

könnten Schlüsse abzuleiten welche bei passenden Korrektionen von wirklichen

Gegenständen wahr sein würden und wenn unser Ziel bloß ist Wahrheiten zu

erläutern und nicht zu erforschen so sind wir in der That einer solchen

Beschränkung gar nicht unterworfen Wir könnten uns ein imaginäres Thier denken

und aus bekannten physiologischen Gesetzen seine Naturgeschichte deduktiv

ausarbeiten oder ein imaginäres Gemeinwesen und aus den dasselbe

zusammensetzenden Elementen dessen Geschicke erschließen Die Schlüssewelche

wir auf diese Weise aus ganz willkürlichen Hypothesen ziehen könnten würden

eine sehr nützliche Übung unseres Geistes sein aber da sie uns bloß lehren

könnten welches die Eigenschaften von nicht wirklich existierenden Gegenständen

sein würden so würden sie unserer Kenntnis der Natur nichts neues hinzufügen

während im Gegenteil die Schlüsse, wenn die Hypothese den realen Gegenstand

bloß eines Teils seiner Eigenschaften entkleidet ohne ihn in falsche zu

kleiden bei bekannter Verpflichtung zu einer Korrektion immer wirkliche

Wahrheit ausdrücken

    

     3 Aber obgleich Dr Whewell Stewarts Lehre in Beziehung auf den

hypothetischen Charakter des in den sogenannten Definitionen enthaltenen Teils

der ersten Grundsätze der Geometrie nicht erschüttert hat so ist er doch wie

ich glaube gegen Stewart sehr im Vorteil im Betreff eines andern wichtigen

Punktes in der Theorie des geometrischen Schließens nämlich in Betreff der

Notwendigkeit unter diese ersten Grundsätze sowohl Axiome als auch

Definitionen zuzulassen

    Einige Axiome Euklids könnten ohne Zweifel in die Form von Definitionen

gebracht oder aus ähnlichen Sätzen abgeleitet werden wie man zB anstatt des

Axioms »Größen welche dahin gebracht werden können, dass sie sich decken

sind gleich« die Definition nehmen könnte »Gleiche Größen sind solche welche

so aufeinander gelegt werden können, dass sie sich decken« und die drei

folgenden Axiome Größen welche einer und derselben Größe gleich sind, sind

einander selbst gleich  Gleiches zu Gleichem addiert gibt gleiche Summen 

Gleiches von Gleichem abgezogen gibt gleiche Reste können darnach durch ein

imaginäres Aufeinanderlegen bewiesen werden, ähnlich dem durch welches der

vierte Satz des ersten Buchs von Euclid bewiesen wird Es gibt indessen auf der

Liste der Axiome zwei oder drei fundamentale Wahrheitenwelche nicht

demonstriert werden können; hierher gehört der Satz, zwei gerade Linien können

keinen Raum einschließen oder sein Äquivalent Gerade Linien welche sich in

zwei Punkten decken decken sich ganz und irgendeine Eigenschaft der

Parallellinien die sich von der Definition dieser Linien unterscheidet zB

»zwei Gerade welche sich schneiden können nicht beide einer dritten Geraden

parallel sein«58

    Sowohl die nicht beweisbaren als die beweisbaren Axiome unterscheiden sich

von jener andern in den Definitionen enthaltenen Klasse von Grundprinzipien

darin dass sie ohne eine Beimischung von Hypothese wahr sind. Dass Dinge,

welche einem und demselben Dinge gleich sind, einander selbst gleich sind, ist

eben so wahr von Linien oder Figuren in der Natur, als es von den eingebildeten

wie sie in den Definitionen angenommen sind wahr sein würde In dieser

Beziehung steht Indessen die Mathematik mit den meisten anderen Wissenschaften

auf gleicher Linie In fast allen Wissenschaften gibt es einige allgemeine

Sätze, die genau wahr sind, während sich der größere Teil der Wahrheit nur

mehr oder weniger nähert So ist in der Mechanik das erste Gesetz der Bewegung

dass eine einmal begonnene Bewegung nur durch eine ihr entgegenwirkende Kraft

aufgehoben oder verzögert werden kann) ohne die geringste Beschränkung oder

Irrtum wahr Die Umdrehung der Erde in vierundzwanzig Standen von der heutigen

Länge fand seit den ersten genauen Beobachtungen ohne Zu oder Abnahme von nur

einer einzigen Sekunde Statt Es sind dies Induktionen welche keiner Fiction

bedürfen um als genau wahr angenommen zu werden Aber neben diesen gibt es

andere wie zB die Sätze in Betreff der Gestalt der Erde die nur Annäherungen

an die Wahrheit sind und um diese zur Förderung der Wissenschaft zu gebrauchen

müssen wir sie als genau wahr annehmen obgleich ihnen hierzu noch Einiges

fehlt

    

     4 Man kann nun fragen was ist der Grund unseres Glaubens an die Axiome

was der Beweis auf dem sie beruhen Hierauf diene die Antwort es sind

experimentelle Wahrheiten Generalisationen aus der BeobachtungDer Satz: Zwei

gerade Linien können keinen Raum einschließen oder mit anderen Worten, Zwei

gerade Linien welche sich einmal begegnet sind begegnen oder schneiden sich

nicht wieder sondern divergieren fortwährend ist eine Induktion die sich auf

einen sinnlichen Beweis stützt

    Diese Ansicht ist einem alten philosophischen Vorurteil entgegen und hat

wahrscheinlich bei Vielen eine ungünstigere Aufnahme zu erwarten als irgend ein

anderer in diesem Werke ausgesprochener Satz Es ist indessen keine neue

Meinung und sogar wenn sie es wäre so sollte sie nicht nach der Neuheit

sondern nach der Stärke der Argumente auf welche sie sich stützt beurteilt

werden Es ist für ein Glück anzusehen dass ein so ausgezeichneter Kämpe für

die entgegengesetzte Meinung wie Hr Whewell die Theorie der Axiome zu

behandeln Gelegenheit hatte indem er versuchte die Philosophie der Mathematik

und der physikalischen Wissenschaften auf die Lehre zu gründen welche in dem

vorliegenden Werke bestritten wird Wem daran gelegen ist dass die Diskussion

eines Gegenstandes bis auf den Grund desselben gehe der muss sich freuen die

ihm entgegenstehende Seite der Frage würdig vertreten zu sehen Wer gezeigt hat

dass das was ein Gelehrter wie Hr Whewell zur Stütze einer Meinung gesagt

hat auf die er ein ganzes System gründete nicht stichhaltig ist braucht weder

nach stärkeren Argumenten noch nach einem starkem Gegner zu suchen

    Es ist nicht nötig nachzuweisen dass die Wahrheitenwelche wir Axiome

nennen ursprünglich von der Beobachtung geliefert werden und dass wir nie

gewusst hätten dass zwei gerade Linien keinen Raum einschließen können wenn

wir nie eine gerade Linie gesehen hätten dies gibt Hr Whewell und geben alle

Diejenigen zu welche seine Ansichten über diesen Gegenstand angenommen haben

Sie bestreiten aber dass es die Erfahrung sei welche dies Axiom beweist nach

ihnen wird seine Wahrheit a priori durch die Beschaffenheit des Geistes selbst

von dem Augenblick an wahrgenommen wo die Bedeutung des Satzes verstanden wird

und ohne dass es nötig wäre sie durch wiederholte Versuche zu bestätigen wie

es bei Wahrheiten die durch Beobachtung erhalten wurden erforderlich ist

    Sie müssen indessen zugeben dasswenn die Wahrheit des Axioms Zwei gerade

Linien können keinen Raum einschließen unabhängig von der Erfahrung evident

ist sie es auch gemäß der Erfahrung ist Ob das Axiom der Bestätigung bedarf

oder nicht es erhält sie in fast einem jeden Augenblick unseres Lebens indem

wir nicht zwei sich schneidende Linien betrachten können ohne zu sehen dass

sie vom Durchschnittspunkt an immer mehr divergieren Der experimentelle Beweis

häuft sich in einem solchen Übermaß vor uns an und ohne einen Fall bei dem

auch nur der Verdacht einer Ausnahme von der Regel zulässig sein könnte dass

wir bald starkem Grund haben dürften das Axiom auch als experimentelle Wahrheit

zu glauben als wir nur für irgend eine der allgemeinen Wahrheiten die wir

zugestandenermaßen durch sinnlichen Beweis besitzen haben können Gewiss

würden wir es unabhängig von dem aprioristischen Beweise mit einer starkem

Überzeugung glauben als irgend eine der gewöhnlichen physikalischen

Wahrheiten und dies noch dazu in einer viel frühem Lebenszeit als diejenige

ist von der wir fast einen jeden Teil unseres erlangten Wissens datieren und

die viel zu früh um eine Erinnerung der Geschichte unserer Geistesverrichtungen

in dieser Periode zuzulassen Wo ist nun aber die Notwendigkeit anzunehmen

unsere Erkenntnis dieser Wahrheiten habe einen andern Ursprung als unser

übriges Wissen wenn ihre Existenz vollkommen durch die Annahme erklärt wird

dass ihr Ursprung derselbe ist wenn die Ursachenwelche in allen anderen

Fällen Glauben hervorrufen auch in diesem Falle und zwar in einem um so viel

höheren Grade vorhanden sind, als die Stärke des Glaubens selbst grösser ist Per

Beweis liegt denjenigen ob welche die entgegengesetzte Meinung verteidigen an

ihnen liegt es irgend eine Tatsache nachzuweisen die mit der Annahme dass

dieser Teil unserer Kenntnis der Natur aus derselben Quelle fließt wie alle

anderen Theile unverträglich wäre

    Sie würden dies zB tun können wenn sie chronologisch beweisen könnten

dass wir die Überzeugung wenigstens praktisch in der Kindheit hatten ehe wir

jene Eindrücke auf die Sinne, auf welche der andern Theorie nach die

Überzeugung gegründet ist erhalten haben Dies ist aber nicht zu beweisen da

es außerhalb des Bereiches des Gedächtnisses liegt und für die äußere

Beobachtung zu dunkel ist Die Verteidiger der aprioristischen Theorie sind

gezwungen zu anderen Argumenten ihre Zuflucht zu nehmen Sie lassen sich auf

zwei zurückführen und ich will versuchen sie so klar wie möglich anzugeben

    

     5 Erstens sagt man dasswenn sich unsere Zustimmung zu dem Urteil

Zwei gerade Linien können keinen Raum einschließen von den Sinnen herschriebe

so könnten wir von seiner Wahrheit nur durch den wirklichen Versuch überzeugt

werden dh dadurch dass wir die geraden Linien sähen oder fühlten während

wir das Urteil in der That bloß in Gedanken für wahr erkennen Dass ein ins

Wasser geworfener Stein auf den Grund sinkt kann durch die Sinne wahrgenommen

werden aber das bloße Denken eines ins Wasser geworfenen Steins wird uns nie

zu diesem Schluss führen Wenn ich mir vorstellen könnte was eine gerade Linie

für ein Ding ist ohne jemals eine gesehen zu haben so würde ich sogleich

erkennen dass zwei gerade Linien keinen Raum einschließen können Die

Intuition ist »ein imaginäres Sehen oder Besehen«59 aber die Erfahrung muss ein

wirkliches Sehen sein wenn wir dadurch sehen dass eine Eigenschaft gerader

Linien wahr ist dass wir uns bloß einbilden wir besähen dieselben so kann

der Grund unseres Glaubens nicht in den Sinnen oder in der Erfahrung liegen er

muss etwas Geistiges sein

    Was das erwähnte besondere Axiom betrifft so kann diesem Argumente noch

hinzugefügt werden  denn von allen Axiomen wäre die Behauptung nicht wahr 

dass sein Beweis durch wirkliche Okularinspektion nicht allein unnötig sondern

auch unerreichbar ist Was sagt das Axiom Es sagt dass zwei gerade Linien

keinen Raum einschließen können dasswenn sie sich einmal geschnitten haben

sie bei dem Verlängern ins unendliche nicht mehr zusammentreffen sondern

fortwährend von einander divergieren Wie kann dies in einem einzigen Falle durch

wirkliche Beobachtung bewiesen werden? Wir können den Linien bis zu einer

beliebigen Entfernung nicht aber ins unendliche folgen denn soviel unsere

Sinne bezeugen können können sie unmittelbar nach dem weitesten Punkte bis zu

dem wir sie verfolgt haben sich zu nähern anfangen und zuletzt sich begegnen

Wenn wir daher nicht noch einen andern Beweis der Unmöglichkeit hätten als den

uns die Erfahrung bietet so hätten wir gar keinen Grund das Axiom überhaupt zu

glauben

    Ich glaube wir werden eine genügende Antwort auf diese Argumente finden

wenn wir eine der charakteristischen Eigenschaften der geometrischen Formen

beachten nämlich ihre Fähigkeit in der Einbildungskraft ein Bild

hervorzurufen das so deutlich ist wie die Wirklichkeitmit anderen Worten,

die genaue Ähnlichkeit unserer Ideen von der Form mit den Sensationen welche

sie erregen Dies setzt uns zuvörderst in den Stand wenigstens bei einer

geringen Übung geistige Bilder aller möglichen Kombinationen von Linien und

Winkeln aufzustellen welche der Wirklichkeit gerade so gut gleichen als

solche, die wir immerhin auf dem Papier darstellen mögen und macht zunächst

diese Bilder zu gerade so geeigneten Gegenständen geometrischer Versuche wie die

Wirklichkeiten selbst insofern Bilder wenn sie hinreichend genau sind

natürlich alle Eigenschaften zeigen welche die Realitäten in einem gegebenen

Augenblicke und bei dem bloßen Anblick zeigen würden in der Geometrie gehen

uns aber nur solche Eigenschaften und nicht diejenigen etwas an welche durch

keine Bilder dargestellt werden könnten nämlich die gegenseitige Wirkung der

Körper aufeinander Das Fundament der Geometrie würde daher auch dann auf der

direkten Erfahrung beruhen wenn die Experimente welche in diesem Falle bloß

in dem aufmerksamen Anschauen bestehen bloß mit dem Statt fänden was wir

unsere Ideen nennen dh mit den Figuren in unserem Geiste und nicht mit

äußeren Gegenständen In allen Systemen des Experimentierens nehmen wir einige

Gegenstände um sie als Repräsentanten aller derjenigen dienen zu lassen welche

ihnen gleichen und in dem vorliegenden Falle sind die Bedingungen welche einen

realen Gegenstand zum Repräsentanten seiner Klasse befähigen durch einen

Gegenstandder nur in unserer Phantasie existiert vollständig erfüllt Ohne

daher die Möglichkeit zu leugnen dass wir durch bloßes Denken zweier geraden

Linien und ohne sie zu sehen glauben können dass sie keinen Raum

einschließen können behaupte ich dass wir diese Wahrheit nicht bloß auf

Grund unserer imaginären Anschauung hin glauben sondern weil wir wissen dass

die eingebildeten Linien den wirklichen genau gleich sehen und dass wir von

ihnen auf wirkliche Linien ganz mit derselben Sicherheit schließen können als

von einer wirklichen Linie auf eine andere wirkliche Der Schluss ist daher

immer eine Induktion aus der Beobachtungund wir würden nicht eine Beobachtung

des Bildes in unserm Geiste für eine Beobachtung der Wirklichkeit substituieren

dürfen wenn wir nicht durch eine lange fortgesetzte Erfahrung gelernt hätten

dass alle Eigenschaften der Wirklichkeit in dem Bilde treulich repräsentiert

sind gerade so wie wir wissenschaftlich nicht eher berechtigt wären die

Gestalt und Farbe eines Tieres das wir nie gesehen haben nach einem

photographischen Bilde desselben zu beschreiben bis wir durch eine häufige

Erfahrung gelernt haben dass die Beobachtung eines solchen Bildes der

Beobachtung des Originals genau äquivalent ist

    Diese Betrachtungen heben auch den Einwurf auf der aus der Unmöglichkeit

hervorgeht den Linien bis zur Verlängerung ins Unendliche mit den Augen zu

folgen Denn obgleich es notwendig wäre den Linien ins Unendliche zu folgen

wenn man wirklich sehen wollte ob sie sich nie begegnen so können wir ohne

dies zu tun doch wissen dasswenn sie je zusammentreffen oder wenn sie nach

dem Divergieren anfangen sollten sich einander zu nähern dies bei einer

endlichen und nicht bei unendlicher Entfernung Statt finden muss Wenn wir daher

annehmen dass dies wirklich der Fall wäre so können wir uns in Gedanken dahin

verfügen und ein geistiges Bild von dem Anblicke aufstellen welchen die eine

oder beide Linien bei diesem Punkte darbieten müssen ein Bild auf dessen

Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit wir uns verlassen können Ob wir nun unsere

Contemplation auf dieses Bild richten oder dem Geiste die Generalisationen aus

der Beobachtung zurückrufen welche wir früher zu machen Gelegenheit hatten so

lernen wir durch den Beweis aus der Erfahrungdasswenn eine Linie nachdem

sie von einer andern geraden Linie divergierte anfängt sich dieser wieder zu

nähern dies den Eindruck auf unsere Sinne hervorruft welche wir mit dem

Ausdrucke »eine gebogene Linie« und nicht mit dem Ausdrucke »eine gerade Linie«

beschreiben60

    

     6 Nachdem das erste der zwei Argumente welche der Lehre Axiome seien

aprioristische Wahrheiten zur Stütze dienen hinreichend beantwortet worden

ist, wollen wir nun zu dem zweiten übergehen auf das man gewöhnlich am meisten

Vertrauen setzt Wir halten die Axiome so wird behauptet nicht allein für

wahr sondern auch für universell und notwendig wahr Nun kann die Erfahrung

einem Urteil unmöglich diesen Charakter verleihen Ich kann tausendmal Schnee

gesehen und bemerkt haben dass er weiß istdies kann mir aber keine völlige

Gewissheit geben dass aller Schnee weiß ist und noch viel weniger dass

Schnee weiß sein muss »Wie viele Beispiele von der Wahrheit eines Urteils wir

auch beobachtet haben mögen so kann uns doch nichts dagegen sichern dass nicht

der nächste Fall eine Ausnahme von der Regel sein wird Wenn es auch streng wahr

ist dass ein jedes bis jetzt bekannte widerkäuende Thier gespaltene Hufe hat

so kann uns doch nichts Gewissheit geben dass nicht ein Wesen entdeckt werde

welches das erste dieser Attribute hat ohne das zweite zu besitzenDie

Erfahrung wird immer nur aus einer beschränkten Anzahl von Beobachtungen

bestehen wie zahlreich aber auch die Fälle sein mögen so können sie in Betreff

der unendlichen Anzahl von Fällenin denen dies Experiment nicht gemacht wurde

nichts beweisen« Axiome sind ferner nicht nur universell sondern auch

notwendig wahr Nun kann die Erfahrung nicht den geringsten Grund für die

Notwendigkeit eines Urteils darbieten Sie kann beobachten und sich erinnern

was geschehen ist aber sie kann in keinem Falle einen Grund bieten für das was

geschehen muss Sie kann die Gegenstände nebeneinander nicht aber einen Grund

sehen warum sie immer nebeneinander sein müssen Sie findet dass gewisse

Ereignisse aufeinander folgen aber das Aufeinanderfolgen gibt keinen Grund für

deren Wiedereintreten Sie betrachtet die äußeren Gegenstände aber sie kann

kein inneres Band entdecken welches das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen das

Mögliche mit dem Wirklichen unauflösbar verknüpft Ein Urteil durch Erfahrung

lernen und sehen dass es notwendig wahr ist sind zwei ganz verschiedene

Gedankenprozesse »Und« fügt Herr Whewell hinzu »wer diese Unterscheidung

zwischen notwendiger und zufälliger Wahrheit nicht klar begreift der wird bei

unseren Untersuchungen über die Begründung unseres Wissens nicht weit mit uns

gehen noch in der That irgend eine Betrachtung über den Gegenstand mit Erfolg

verfolgen können«61

    Um zu lernen was für eine Unterscheidung es ist deren Nichterkennung sich

diese Anklage zuzieht wollen wir wieder die Worte Herrn Whewells anführen

»Notwendige Wahrheiten sind diejenigen durch welche wir nicht allein lernen

dass ein Urteil wahr istsondern durch die wir auch sehen dass es wahr sein

muss bei denen die Negation der Wahrheit nicht nur falsch sondern auch

unmöglich ist und wobei wir sogar bei aller Anstrengung der Phantasie oder

als eine Supposition nicht das Gegenteil von dem was behauptet wird

begreifen können Dass es solche Wahrheiten gibt kann nicht bezweifelt werden

Wir können als Beispiele alle Relationen der Zahlen annehmen Drei und zwei

addiert geben fünf Wir können uns nicht vorstellen dass es anders sein könne

Wir können nicht in Folge irgend einer Grille denken dass drei und zwei sieben

sind«

    Obgleich Herr Whewell naturgemäß und ganz angemessen eine Menge von Phrasen

gebraucht um seine Meinung zur Geltung zu bringen so wird er doch wohl

zugeben dass sie alle gleichbedeutend sind und dass das was er unter einer

notwendigen Wahrheit versteht hinreichend definiert wird als »ein Satz

Urteil dessen Negation nicht allein falsch sondern auch unbegreiflich ist«

Ich bin unfähig in irgend einem von Herrn Whewells Ausdrucken eine weitere

Meinung zu finden wie ich sie auch drehen und wenden mag und ich glaube nicht

dass er behaupten wird sie meinten noch etwas Anderes

    Es ist daher das behauptete Prinzip Urteile deren Negation unbegreiflich

ist oder mit anderen Worten, die wir uns nicht als falsch vorstellen können

müssen auf einem Beweis von einer hohem und unwiderstehlichen Art beruhen als

ihn die Erfahrung zu bieten vermag Wir haben nun zunächst zu betrachten ob ein

Grund für diese Behauptung vorliegt

    Ich muss mich nur darüber verwundern dass ein so großer Nachdruck auf den

Umstand der Unbegreiflichkeit gelegt worden isst da die Erfahrung doch so

reichlich zeigt dass unsere Fähigkeit oder Unfähigkeit ein Ding zu begreifen

sehr wenig mit der Möglichkeit des Dinges an und für sich zu tun hat Sie ist

in Wahrheit eine Sache des Zufalls und hängt von der vergangenen Geschichte und

den Gewohnheiten unseres eigenen Geistes ab Es gibt keine allgemeiner

anerkannte Tatsache in der menschlichen Natur als die äußerste im Anfang

empfundene Schwierigkeit sich Etwas als möglich vorzustellen was im

Widerspräche mit einer langen und gewohnten Erfahrung oder sogar mit alten

Denkgewohnheiten ist Diese Schwierigkeit ist ein notwendiges Resultat der

Grundgesetze des menschlichen Geistes Wenn wir zwei Dinge oft zusammen gesehen

und gedacht und sie niemals in irgend einem Falle getrennt gesehen oder gedacht

haben so besteht nach dem primären Gesetze der Ideenassoziation eine zunehmende

und zuletzt unbesiegbare Schwierigkeit die zwei Dinge getrennt zu denken Dies

ist am sichtlichsten bei ungebildeten Personen die im allgemeinen gänzlich

unfähig sind zwei Ideen zu trennen die sich in ihrem Geiste einmal fest

assoziiert haben und wenn der gebildete Geist in dieser Beziehung etwas voraus

hat so ist es nur weil er  da er mehr gesehen gehört und gelesen hat und

mehr daran gewöhnt ist seine Phantasie zu üben  Sensationen und Gedanken in

mannigfaltigeren Kombinationen erfahren hat und verhindert worden ist, viele

von diesen unzertrennlichen Assoziationen zu bilden Aber dieser Vorteil hat

notwendig seine Grenzen Der Mensch welcher den geübtesten Verstand besitzt

macht keine Ausnahme von den universellen Gesetzen unserer geistigen

Fähigkeiten Wenn ihm die tägliche Erfahrung eine lange Zeit hindurch zwei

Tatsachen in Verbindung mit einander bietet und wenn er während dieser Zeit

weder durch Zufall noch Absicht dazu gebracht wird sie getrennt zu denken so

wird er mit der Zeit unfähig werden dies auch bei der größten Anstrengung zu

tun und die Annahme, dass die zwei Tatsachen in der Natur getrennt werden

können, wird sich zuletzt seinem Geiste mit allen Charakteren eines

unbegreiflichen Phänomens darbieten62 Hiervon gibt es in der Geschichte der

Wissenschaft merkwürdige Beispiele Fälle in denen die weisesten Männer Dinge

als unmöglich weil unbegreiflich verwarfen welche ihre Nachkommen durch

frühzeitigere Übung und bei größerer Beharrlichkeit ganz leicht begreiflich

fanden und deren Wahrheit jetzt Jedermann bekannt ist Es gab eine Zeit wo die

gebildetsten und vorurteilsfreiesten Menschen nicht an die Existenz von

Antipoden glauben konnten wo sie der alten Ideenassoziation entgegen nicht

begreifen konnten dass eine Schwerkraft aufwärts anstatt abwärts wirkt Die

Anhänger Descartes verwarfen lange Newtons Lehre von der gegenseitigen

Gravitation aller Körper auf Grund eines Satzes dessen Gegenteil ihnen

unbegreiflich schien  des Sitzes dass ein Körper da nicht wirken kann wo er

nicht ist Die ganze überladene Maschinerie von eingebildeten Wirbeln ohne den

Schatten eines Beweises für sich zu haben schien diesen Philosophen eine

rationellere Erklärungsweise der himmlischen Bewegungen zu sein als eine

Mechanik welche Etwas involvierte was ihnen eine Absurdität schien63 Sie

fanden es ohne Zweifel ebenso unmöglich zu begreifen dass ein Körper von der

Entfernung der Bonne oder des Mondes aus auf die Erde wirke als wir es

unbegreiflich finden ein Ende von Zeit und Raum oder zwei Linien die einen

Raum einschließen zu begreifen Newton selbst war nicht fähig seine

Vorstellung zu realisieren er hätte sonst nicht seine Hypothese von einem feinen

Aether der verborgenen Ursache der Gravitation aufgestellt Seine Schriften

beweisen dass obgleich er die besondere Natur dieses intermediären Körpers für

hypothetisch hielt ihm doch die Notwendigkeit irgend eines solchen Agens

unzweifelhaft schien Gegenwärtig sogar hat die größere Anzahl der Gelehrten

diese Schwierigkeit noch nicht vollständig überwunden denn obgleich dieselben

zuletzt zu begreife gelernt haben dass die Sonne ohne ein zwischentretendes

Fluidum die Erde anzieht so können sie doch noch nicht begreifen dass die

Sonne ohne ein solches Medium die Erde beleuchtet

    Wenn es also dem menschlichen Geiste sogar bei dem höchsten Kulturzustande

so natürlich ist dass ihm die Fähigkeit abgeht das zu begreifen und für

möglich zu halten was nachher nicht allein begreiflich gefunden sondern dessen

Wahrheit auch erwiesen wird wie kann man sich da verwundern wenn in Fällen wo

die Ideenassoziation noch älter fester und gewohnter ist und in deren

Beziehung unsere Überzeugung niemals erschüttert wurde wo sie niemals mit

einer andern Vorstellung in Konflikt kam wie kann man »ich da verwundern wenn

die erlangte Unfähigkeit fort« dauert und für eine natürliche Unfähigkeit

gehalten wird Es ist wahr unsere Erfahrung in Beziehung auf die

Mannigfaltigkeiten in der Natur setzt uns in Stand uns innerhalb gewisser

Grenzen andere ihnen analoge Mannigfaltigkeiten vorzustellen Wir können uns

vorstellen die Sonne oder der Mond fiele denn obgleich wir sie niemals fallen

sehen oder vielleicht niemals an ihren Fall dachten so haben wir doch so viele

Dinge fallen sehen dass wir in unserer Erfahrung unzählige Analogien besitzen

welche die Vorstellung unterstützen wir würden trotz alle dem wahrscheinlich

einige Schwierigkeit gehabt haben sie zu fassen wenn wir nicht gewohnt wären

Sonne und Mond sich bewegen zu sehen wenigstens scheinbar so dass wir uns nur

eine kleine Änderung in der Richtung ihrer Bewegung Vorzustellen brauchen ein

Umstand der unserer Erfahrung sehr geläufig ist Wenn aber die Erfahrung kein

Modell bietet worüber wir die neue Vorstellung bilden können wie ist es da

möglich sie überhaupt zu bilden Wie können wir uns zB ein Ende von Zeit und

Raum denken Wir sahen niemals einen Gegenstandder nicht einen andern über

oder neben sich gehabt hätte noch erfuhren wir je ein Gefühl ohne dass ein

anderes darauf gefolgt wäre Wenn wir daher versuchen uns den letzten Punkt im

Raume vorzustellen so wird in uns unwiderstehlich die Idee von anderen

darüberliegenden Punkten erregt wenn wir es versuchen uns den letzten

Augenblick der Zeit vorzustellen so müssen wir sogleich an einen Augenblick

darnach denken Auch ist die Notwendigkeit nicht vorhanden ein besonderes

fundamentales Gesetz des Geistes anzunehmen wie es die neuere metaphysische

Schule tut um das unseren Begriffen von Zeit und Raum inhärierende Gefühl der

Unendlichkeit zu erklären diese scheinbare Unendlichkeit wird durch einfachere

und allgemein anerkannte Gesetze erklärt

    Wie ist es nun bei einem geometrischen Axiome wie zB zwei gerade Linien

können keinen Raum einschließen  eine Wahrheit die uns unsere frühesten

Eindrücke von der Außenwelt her bezeugen  wie ist es bei einem solchen Axiome

möglich diese äußeren Eindrücke mögen der Grund unseres Glaubens sein oder

nicht dass das Umgekehrte des Satzes uns anders als unbegreiflich sein könnte

Welche Analogie welche ähnliche Ordnung der Tatsachen in einem andern Zweige

unserer Erfahrung besitzen wir die uns die Vorstellung zweier geraden Linien

welche einen Raum einschließen erleichtern könnten Nichts von alle dem Ich

habe bereits die Aufmerksamkeit auf die besonderen Eindrücke der Form gelenkt

ich erwähnte dass die Ideen oder geistigen Bilder genau ihren Vorbildern

gleichen und sie zu Zwecken wissenschaftlicher Beobachtung adäquat

repräsentieren Aus diesem Grunde und wegen des intuitiven Charakters der

Beobachtung, die sich in diesem Falle auf ein einfaches Betrachten reduziert

kann uns unsere Einbildungskraft nicht einmal zwei gerade Linien vorführen

damit wir versuchen sie uns so vorzustellen als schlössen sie einen Raum ein

ohne durch diesen Akt selbst das philosophische Experiment zu wiederholen

welches das Gegenteil ergibt Wird man wirklich behaupten dass die

Unbegreiflichkeit eines Dinges unter solchen Umständen etwas gegen den

experimentellen Ursprung der Überzeugung beweist Ist es nicht klar dass

welchen Ursprung auch unser Glaube an den Satz haben mag die Unmöglichkeit das

Negative desselben zu begreifen bei beiden Hypothesen dieselbe sein muss So

wie daher Herr Whewell diejenigenwelche einige Schwierigkeit finden die von

ihm ausgeführte Unterscheidung zwischen notwendigen und zufälligen Wahrheiten

zu erkennen ermahnt Geometrie zu studieren  eine Bedingung die ich ihn

versichern kann treulich erfüllt zu haben  so würde ich mit demselben Vertrauen

diejenigenwelche mit Herrn Whewell übereinstimmen ermahnen die elementaren

Gesetze der Ideenassoziation zu studieren indem ich überzeugt bin dass nichts

weiter erforderlich ist als eine massige Vertrautheit mit diesen Gesetzen um

die Illusion zu zerstören welche unseren frühesten Induktionen aus der

Erfahrung eine besondere Notwendigkeit zuschreibt und die Möglichkeit der

Dinge an sich nach der menschlichen Fähigkeit sie zu begreifen bemisst

    Man wird mir hoffentlich verzeihen wenn ich noch hinzufüge dass Hr

Whewell selbst die Wirkung der gewohnten Ideenassoziation wodurch einer

experimentellen Wahrheit der Anschein einer notwendigen gegeben wird bestätigt

und ein auffallendes Beispiel dieses merkwürdigen Gesetzes des Geistes

dargeboten hat In seiner Philosophie der induktiven Wissenschaften behauptet er

fortwährend dass Sätze die nicht allein nicht selbstverständlich sind sondern

von denen man auch weiß dass sie allmälig und nur durch einen großen Aufwand

von Genie und Geduld entdeckt worden sind, nachdem sie einmal festgestellt

waren an sich so evident erschienen dass wenn der geschichtliche Nachweis

gefehlt es unmöglich geschienen hätte zu begreifen dass sie nicht von Anfang

an von allen welche im Besitz ihrer gesunden Geisteskräfte waren erkannt

worden sind. »Gegenwärtig verachten wir diejenigenwelche bei der

Kopernikanischen Kontroverse die scheinbare Bewegung der Sonne nach der

heliozentrischen Hypothese nicht begreifen konnten oder auch diejenigenwelche

im Gegensatz zu Galilei glaubten dass eine gleichförmige Kraft eine

Schnelligkeit erzeugen müsse welche dem durchlaufenen Raume proportional ist

oder diejenigenwelche die Newtonsche Lehre dass die verschieden gefärbten

Lichtstrahlen verschiedene Brechbarkeit haben für ungereimt hielten oder

diejenigenwelche glaubten dasswenn sich Elemente verbinden ihre

Eigenschaften in der Verbindung erkennbar sein müssen oder diejenigenwelche

nur mit Widerstreben die Unterscheidung der Pflanzen in Kräuter Sträuche und

Bäume aufgaben Wir können uns des Gedankens nicht erwehren dass Menschen

welche es so schwierig fanden das zuzugeben was uns so leicht und einfach

scheint ein sehr stumpfes Vorstellungsvermögen besessen haben müssen Es lebt

in uns die verborgene Überzeugung dass wir an ihrer Stelle klüger und

hellsichtiger gewesen wären dass wir dass Rechte ergriffen und der Wahrheit

sogleich unsere Zustimmung gegeben hätten Eine solche Überzeugung ist aber in

Wahrheit eine bloße Täuschung Diejenigenwelche in Fällen wie die obigen auf

der Unrecht habenden Seite waren waren in den meisten Fällen weit entfernt mit

mehr Vorurteilen behaftete stupidere oder beschränktere Menschen zu sein als

der größere Teil der Menschen jetzt ist und die Sache welche sie verfochten

war ehe sie durch das Resultat des Streites dazu wurde weit entfernt eine

offenbar falsche zu sein In den meisten dieser Fälle war der Sieg der

Wahrheit so vollständig dass wir uns gegenwärtig kaum denken können dass der

Streit nötig war  Das Wesen dieser Triumphe besteht darin, dass sie uns

veranlassen die Ansichten welche wir verwerfen nicht nur für falsch sondern

auch für unbegreiflich zu halten«64

    Der letztere Satz sagt genau was ich behaupte und ich verlange nicht mehr

um die ganze Theorie von Herrn Whewell über die Natur des Beweises der Axiome

umzuwerfen Denn was ist diese Theorie Dass man die Wahrheit dieser Axiome

nicht von der Erfahrung lernen konnte weil ihre Falschheit unbegreiflich ist

Aber Herr Whewell sagt selbst dass wir durch den natürlichen Fortschritt des

Gedankens fortwährend veranlasst werden das als unbegreiflich anzusehen was

unsere Vorväter nicht allein begriffen sondern auch glaubten ja wovon sie

sogar unfähig waren dürfte er hinzufügen das Gegenteil zu begreifen Herr

Whewell kann nicht beabsichtigen diese Denkweise zu rechtfertigen er kann

nicht sagen wollen dass wir Recht haben wenn wir das was Andere begriffen

haben als unbegreiflich ansehen und das als selbstverständlich betrachten was

Andere durchaus nicht für evident hielten Nachdem er so vollständig zugegeben

hat dass die Unbegreiflichkeit etwas Zufälliges ist das nicht im Phänomen

selbst liegt sondern von der geistigen Geschichte desjenigen abhängt der es zu

begreifen sucht wie kann er dann noch dazu auffordern einen Satz auf keinen

andern Grund hin als seine Unbegreiflichkeit als unmöglich zu verwerfen Er

tut jedoch nicht bloß dies sondern er bietet auch unabsichtlich einige von

den bemerkenswertesten Beispielen von der von ihm so klar angedeuteten

Täuschung dar wie man sie nur immer anführen kann Von diesen Beispielen wollen

wir seine Bemerkungen über den Beweis der drei Gesetze der Bewegung und der

atomistischen Theorie auswählen

    In Betreff der Gesetze der Bewegung sagt Herr Whewell »Niemand kann

bezweifeln dass diese Gesetze aus der Erfahrung geschlossen wurden Dass dies

der Fall istist kein Gegenstand der Vermutung Wir kennen die Zeit die

Personen die Umstände welche einem jeden Teil der Entdeckung angehören«65

Nach einem solchen Zeugnis einen Beweis für die Tatsache anführen wäre

überflüssig Und diese Gesetze waren Dicht allein nicht intuitiv bewiesen

sondern einige davon waren sogar ursprünglich paradox Besonders war es das

erste Gesetz Dass ein Körper, wenn er einmal in Bewegung ist, sich fortwährend

in derselben Richtung und mit derselben Schnelligkeit bewegt wenn nicht eine

neue Kraft auf ihn wirkt war ein Satz den zu glauben die Menschen lauge Zeit

hindurch die größte Schwierigkeit fanden Er widerstritt anscheinend der

gewohnten Erscheinung welche lehrte dass in der Natur der Bewegung liege dass

sie allmälig abnimmt und zuletzt von selbst aufhört Aber nachdem die

entgegengesetzte Lehre einmal fest stand fingen die Mathematiker wie Herr

Whewell bemerkt sogleich an diese dem ersten Anschein so widersprechenden

Gesetze welche sogar nachdem sie völlig bewiesen waren erst nach Generationen

dem Geiste der wissenschaftlichen Welt geläufig wurden als unter »einer

demonstrierbaren Notwendigkeit stehend« zu betrachten »welche sie zwingt so zu

sein wie sie sind und nicht anders« und Hr Whewell obgleich er »nicht gewagt

hat absolut auszusprechen« dass alle diese Gesetze »auf eine absolute

Notwendigkeit in der Natur der Dinge zurückzuführen sind« denkt dies wirklich

von dem eben erwähnten Gesetz von dem er sagt »obgleich die Entdeckung des

ersten Gesetzes der Bewegung, historisch gesprochen vermittelst des Experiments

gemacht wurde so sind wir jetzt zu einem Gesichtspunkte gelangt von dem aus

wir sehen dass es gewiss unabhängig von der Erfahrung als wahr hätte erkannt

werden können.« Kann man ein schlagenderes Beispiel von der Ideenassoziation

wie wir sie beschrieben haben anführen Die Philosophen finden Generationen

hindurch die größte Schwierigkeit gewisse Ideen zusammenzustellen am Ende

gelingt es ihnen nach einer hinreichenden Wiederholung des Prozesses denken sie

sich zuerst ein natürliches Band zwischen den Ideen sie erfahren sodann eine

zunehmende Schwierigkeit sie von einander zu trennen und diese Schwierigkeit

wird bei Fortsetzung desselben Prozesses zuletzt zu einer Unmöglichkeit Wenn

dies der Fortschritt einer experimentellen Überzeugung ist die von gestern her

datiert und die dem ersten Anschein widerstreitet wie muss es mit den

Überzeugungen sein welche mit den Erscheinungen übereinstimmen mit denen wir

seit dem ersten Geistesdämmern vertraut sind mit den Überzeugungen an deren

Folgerichtigkeit von der frühesten Erinnerung des menschlichen Gedankens an kein

Skeptiker auch nur einen augenblicklichen Zweifel hegte

    Der zweite anzuführende Fall ist ein wahrhaft erstaunlicher und kann die

reductio ad absurdum der Unbegreiflichkeitstheorie genannt werden. Über die

Gesetze der chemischen Verbindung sagt Herr Whewell Phil Ind Sc II 25

»Ohne mühsame und genaue Versuche hätten sie gewiss niemals klar verstanden und

daher auch nicht aufgestellt werden können; und dennoch dürfen wir sagen dass

nachdem sie einmal bekannt waren sie einen Beweis für sich haben der über die

Erfahrung hinausgeht Denn wie können wir uns Verbindungen anders vorstellen

als der Art und Quantität nach bestimmt Wenn wir annehmen dass die Elemente

sich ohne Unterschied und in jedem beliebigen Gewichtsverhältnis mit einander

verbinden so hätten wir eine Welt in der Alles Verwirrung und Unbestimmtheit

wäre Es gäbe keine festen Arten von Körpern Salze Steine Erze würden sich

einander nähern und allmälig in einander übergehen Statt diesem wissen wir

aber dass die Welt aus Körpern besteht welches ich durch bestimmte

Verschiedenheiten von einander unterscheiden die klassifiziert und benannt

werden können, und in Betreff deren man allgemeine Urteile behaupten kann Und

da wir uns eine Welt in der dies nicht der Fall wäre nicht vorstellen können

so scheint es dass wir uns einen Zustand der Dinge nicht vorstellen können in

welchem die Gesetze der Verbindung von Elementen nicht so fester und bestimmter

Art sind wie wir oben angegeben haben«

    Dass ein so eminenter Philosoph wie Herr Whewell ernstlich behauptet dass

wir eine Welt nicht begreifen können in der sich die einfachen Elemente nicht

in bestimmten Proportionen verbinden sollten dass er durch das Nachdenken über

eine wissenschaftliche Wahrheit deren erster Entdecker vor kurzem noch am Leben

war die Assoziation zwischen der Idee der Verbindung und der Idee von

konstanten Gewichtsverhältnissen in seinem eigenen Geiste so geläufig und innig

machte dass er unfähig wurde sich die eine Tatsache ohne die andere

vorzustellen ist ein so ausgezeichnetes Beispiel von dem Gesetze der

menschlichen Natur wie ich es auseinandergesetzt habe dass es überflüssig ist

etwas Weiteres darüber zu sagen

    In der jüngsten und vollständigsten Ausarbeitung seines metaphysischen

Systems the Philosophy of Discovery die Entdeckungsphilosophie und auch in

der früheren Abhandlung über die Fundamentale Antithese der Philosophie die neu

gedruckt und jenem Werk als ein Appendix angehängt worden ist) gesteht Dr

Whewell offen zu dass seine Sprache konnte missverstanden werden aber er weist

von sich ab dass er zu sagen beabsichtigt habe die Menschen könnten im

allgemeinen jetzt wahrnehmen das Gesetz der bestimmten Gewichtsverhältnisse

chemischer Verbindungen sei eine notwendige Wahrheit Alles was er sagen wollte

wäre dass bei künftigen Generationen philosophische Chemiker dies vielleicht

sehen könnten »Manche Wahrheiten kann man durch Intuition ersehen aber dennoch

kann deren Intuition eine seltene und schwierige Akquisition sein«66 Er

erklärt dass die Unbegreiflichkeit die nach seiner Theorie die Probe der

Axiome ist »gänzlich von der Klarheit der Ideen welche das Axiom in sich

einschließt abhängig ist. So lange diese Ideen vage und undeutlich sind kann

das Gegenteil des Axioms Zustimmung erlangen obgleich es nicht deutlich

begriffen werden kann. Es kann Zustimmung erlangen nicht weil es möglich ist,

sondern weil wir nicht klar sehen was möglich ist Für jemand der erst anfängt

geometrisch zu denken erscheint vielleicht die Behauptung, dass zwei Linien

einen Raum einschließen können nicht absurd und in gleicher Weise mag es

einem der erst beginnt über mechanische Wahrheiten an denken nicht absurd

vorkommen dass in mechanischen Vorgängen die Rückwirkung grösser oder kleiner

sein kann als die Wirkung, und ebenso mag es einem der nicht anhaltend über

die Materie nachgedacht hat vielleicht nicht unbegreiflich erscheinen dass wir

durch chemische Operationen neue Materie erzeugen oder bereits existierende

vernichten können«67 Notwendige Wahrheiten sind daher nicht diejenigen von

denen wir das Gegenteil nicht begreifen können sondern »diejenigen von denen

wir es nicht deutlich begreifen können«68 So lange unsere Ideen gänzlich

undeutlich sind wissen wir nicht was deutlich begriffen werden kann oder

nicht aber die stets zunehmende Deutlichkeit in dem Verständnis womit

wissenschaftliche Männer die allgemeinen Konzeptionen der Wissenschaft erfassen

lässt sie mit der Zeit wahrnehmen dass es gewisse Naturgesetze gibt von denen

wir wenn wir sie auch historisch und tatsächlich durch die Erfahrung kennen

gelernt haben nun da wir sie kennen nicht deutlich begreifen können dass sie

anders sein können als sie sind

    Ich möchte eine etwas andere Erklärung von diesem Fortschreiten des

wissenschaftlichen Geistes geben Nachdem ein allgemeines Naturgesetz

festgestellt worden ist erlangt der menschliche Geist nicht sogleich eine

vollständige Leichtigkeit sich die Naturerscheinungen in dem Charakter

vorzustellen den ihnen jenes Gesetz anweist Die die wissenschaftliche

Geistesrichtung ausmachende Gewohnheit sich Tatsachen in Übereinstimmung mit

den sie regulierenden Gesetzen sich Phänomene aller Art nach den Beziehungen

welche als wirklich zwischen ihnen existierend nachgewiesen worden sind,

vorzustellen diese Gewohnheit kommt bei neu entdeckten Relationen nur allmälig

So lange sie sich noch nicht gänzlich gebildet hat wird der neuen Wahrheit kein

notwendiger Charakter zugeschrieben Aber mit der Zeit gelangt der Philosoph zu

einem Geisteszustand in welchem ihm sein geistiges Bild von der Natur spontan

alle Erscheinungen womit die neue Theorie zu schaffen hat genau in dem Lichte

wie sie die Theorie betrachtet darstellt indem alle Bilder oder Vorstellungen,

die von einer andern Theorie oder von der einer jeden Theorie vorausgehenden

verworrenen Prüfung der Tatsachen abgeleitet wurden aus seinem Geiste ganz

verschwunden sind Die der Theorie entspringende Darstellungsweise der

Tatsachen ist nun für seine geistigen Fähigkeiten die einzige natürliche

Vorstellungsweise geworden Es ist eine bekannte Wahrheit dass eine

fortgesetzte Gewohnheit Erscheinungen in gewisse Gruppen zu ordnen und

vermittelst gewisser Grundsätze zu erklären eine andere Anordnung oder

Erklärung dieser Tatsachen als unnatürlich empfinden lässt und es kann ihm

zuletzt ebenso schwierig werden sich die Tatsachen in irgend einer andern

Weise zu repräsentieren als es ursprünglich oft schwierig war sie gerade in

jener Weise darzustellen

    Wenn aber ferner die Theorie wahr ist was wir voraussetzen so wird er

sehen dass ein jeder anderer Modus in welchem er die Erscheinungen

darzustellen sucht oder in dem er sie darzustellen gewohnt war mit den

Tatsachen, welche zu der neuen Theorie führten unverträglich ist  mit

Tatsachen die nun einen Teil seines geistigen Bildes von der Natur ausmachen

Und da ein Widerspruch immer unbegreiflich ist so verwirft seine

Einbildungskraft jene falschen Theorien und erklärt sich unfähig sie zu

begreifen Aber ihre Unbegreiflichkeit geht für ihn nicht aus etwas den

menschlichen Fähigkeiten wesentlich und a priori Widerstrebendem in den Theorien

selbst hervor sie entsteht aus deren Widerstreben gegen einen Teil der

Tatsachen die so lange er sie nicht kannte oder in seinem geistigen Bild

deutlich realisierte die falsche Theorie ganz begreiflich erscheinen ließen

sie wird bloß durch die Tatsache unbegreiflich dass widersprechende Elemente

nicht in derselben Vorstellung verbunden werden können. Obgleich demnach der

wirkliche Grund für die Verwerfung von Theorien die im Widerspruch mit der

wahren Theorie stehen kein anderer ist als dass sie seiner Erfahrung

widerstreiten so fällt er doch leicht in den Glauben er verwerfe sie weil sie

unbegreiflich sind und er nehme die wahre Theorie an weil sie

selbstverständlich ist und des Erfahrungsbeweise nicht bedarf

    Dies halte ich für die wahre und genügende Erklärung der paradoxen Wahrheit

auf die Dr Whewell so großes Gewicht legt der Wahrheit dass ein

wissenschaftlich gebildeter Geist tatsächlich und in Folge dieser Bildung nicht

im Stande ist Voraussetzungen zu begreifen die ein gewöhnlicher Mensch ohne

die geringste Schwierigkeit begreift Denn in den Voraussetzungen selbst liegt

nichts Unbegreifliches die Unmöglichkeit liegt darin sie mit damit

unverträglichen Tatsachen als einem Teil desselben geistigen Bildes zu

verbinden ein Hindernis das natürlich nur von denjenigen empfunden wird

welche die Tatsachen kennen und die Unverträglichkeit wahrnehmen können Soweit

die Voraussetzungen selbst in Betracht kommen so ist bei vielen von Dr

Whewells notwendigen Wahrheiten das Negative des Axioms ebenso leicht zu

begreifen als das Affirmative und wird es wahrscheinlich sein so lange das

menschliche Geschlecht dauert Keinem Axiome schreibt Dr Whewell zB einen

vollkommeneren Charakter von Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit zu als

dem von der Unzerstörbarkeit der Materie. Dass dasselbe ein wahres Naturgesetz

ist gebe ich vollständig zu aber ich glaube es gibt kein menschliches Wesen

dem die entgegengesetzte Voraussetzung unbegreiflich ist  das eine

Schwierigkeit darin findet sich einen Teil der Materie vernichtet zu denken

insofern deren scheinbare durch die unbewaffneten Sinne in keiner Weise von der

wirklichen zu unterscheidenden Vernichtung jedesmal stattfindet wenn Wasser

auftrocknet oder Brennmaterial verzehrt wird Dass die Körper sich miteinander

in bestimmten Gewichtsverhältnissen chemisch verbinden ist ebenfalls ein

unleugbares Gesetz aber außer Dr Whewell haben gewiss nur wenige den Punkt

erreicht an dem er persönlich angekommen ist obgleich er der großen Menge

einen ähnlichen Erfolg nur nach dem Verlauf von Generationen zu prophezeien

wagt den Punkt wo man unfähig wird eine Welt zu begreifen in der die

Elemente fähig sind sich »gleichgültig in welchen Quantitäten« mit einander zu

verbinden auch ist es nicht wahrscheinlich dass wir jemals diese sublime Höhe

der Unfähigkeit erreichen werden so lange auf unserm Planeten alle die

mechanischen Mischungen sie seien fest flüssig oder gasförmig unserer

täglichen Beobachtung gerade die Erscheinung darbieten die für unbegreiflich

erklärt wird

    Nach Dr Whewell können diese und ähnliche Naturgesetze nicht aus der

Erfahrung gezogen werden insofern sie im Gegenteil bei der Interpretation der

Erfahrung angenommen werden Unsere Unfähigkeit »die Menge der Materie in der

Welt zu vermehren oder zu vermindern« ist eine Wahrheit welche »aus der

Erfahrung weder abgeleitet ist noch werden kann, denn die Experimente die wir

behufs deren Bestätigung machen setzen die Wahrheit derselben voraus Als die

Menschen bei der chemischen Analyse die Waage zu gebrauchen anfingen so

bewiesen sie nicht durch den Versuch sondern nahmen als selbstverständlich und

zugegeben an dass das Gewicht des Ganzen in dem Gesamtgewicht der Elemente

gefunden werden müsse«69 Es wird angenommen das ist wahr aber ich glaube in

keiner andern Weise als in der eine jede experimentelle Forschung vorläufig

irgend eine Theorie oder Hypothese annimmt und die dann je nachdem das

Experiment entscheidet zuletzt für wahr gehalten wird oder nicht Die für

diesen Zweck gewählte Hypothese wird natürlich eine solche sein dass sie eine

beträchtliche Anzahl von bekannten Tatsachen zu einander gruppiert Das Urteil,

dass das Material der Welt dem Gewicht nach durch irgend Prozesse der Natur oder

Kunst weder vermehrt noch vermindert werden kann, hatte viele äußere

Erscheinungen für sich um mit ihm zu beginnen Es drückte eine große Anzahl

geläufiger Tatsachen ganz wahr aus Andern Tatsachen schien es zu

widerstreiten und diese machten seine Wahrheit als ein universelles Naturgesetz

zuerst zweifelhaft Weil es zweifelhaft war so wurden Experimente ersonnen um

es zu prüfen man nahm seine Wahrheit hypothetisch an und wollte sehen ob bei

genauerer Prüfung die Erscheinungen, welche scheinbar zu einem andern Schluss

führten nicht damit im Übereinstimmung zu bringen wären Es ergab sich dass

dies der Fall war und von dieser Zeit an nahm die Lehre ihren Platz als eine

allgemeine aber als eine durch die Erfahrung bewiesene Wahrheit an Dass die

Theorie selbst dem Beweis ihrer Wahrheit vorausging  dass sie ersonnen werden

musste bevor sie und damit sie bewiesen werden konnte  schließt nicht ein

dass sie selbstverständlich war und des Beweises nicht bedurfte es sind sonst

alle wahre Theorien in den Wissenschaften notwendig und selbstverständlich

denn Niemand weiß besser als Dr Whewell dass sie alle zuerst für den Zweck

angenommen worden um sie durch Deduktionen mit jenen Tatsachen der Erfahrung

zu verknüpfen auf die sie sich zugestandenermaßen nun als auf ihren Beweis

stützen70

 
 



 


     1 Bei der vorhergehenden Untersuchung über die Evidenz derjenigen

Wissenschaften welche gewöhnlich als Systeme von notwendigen Wahrheiten

betrachtet werden, sind wir zu den folgenden Schlüssen gelangt Die Resultate

dieser Wissenschaften sind in der That notwendig insofern sie notwendig aus

gewissen ersten Prinzipien die gewöhnlich Axiome oder Definitionen genannt

werden, folgen dh sie sind gewiss wahr wenn diese Axiome oder Definitionen

wahr sind. Will man aber einen weiteren Anspruch an den Charakter der

Notwendigkeit für sie erheben will man ihnen eine Gewissheit beilegen die

unabhängig von der Erfahrung und Beobachtung und darüberstehend ist so müssen

diese Ansprüche von dem vorher zu Gunsten dieser Axiome und Definitionen selbst

zu begründenden derartigen Anspruch abhängen In Beziehung auf die Axiome fanden

wir dass sie als experimentelle Wahrheiten betrachtet auf einem übervollen

und augenfälligen Beweise beruhen Wir untersuchten ob es weiter notwendig

sei einen andern Beweis dieser Wahrheiten als den experimentellen einen

andern Ursprung unseres Glaubens daran anzunehmen als den experimentellen

Ursprung Wir entschieden dass dieser Beweis denen obliege welche sich in dem

bejahenden Sinne aussprechen und wir untersuchten weitläufig ihre Argumente Da

uns die Untersuchung zur Verwerfung dieser Argumente führte so haben wir uns

für berechtigt gehalten zu schließen dass diese Axiome nur eine Klasse und

zwar die höchste Klasse von Induktionen aus der Erfahrung, die einfachsten und

leichtesten Fälle von Generalisationen aus Tatsachen sind welche uns unsere

Sinne oder unser inneres Bewusstsein liefern

    Während so die Axiome der demonstrativen Wissenschaften als experimentelle

Wahrheiten erschienen fanden wir dass die unrichtig sogenannten Definitionen

dieser Wissenschaften Generalisationen aus der Erfahrung sind die genau

genommen nicht einmal Wahrheiten sind Sie bestehen aus Urteilen in denen

wir während wir von einer Art von Gegenstand eine Eigenschaft oder

Eigenschaften behaupten die ihm der Erfahrung nach angehören wir zugleich

verneinen dass er irgend andere Eigenschaften beutet obgleich in Wahrheit die

so exklusiv ausgesagte Eigenschaft in einem jeden einzelnen Falle von anderen

Eigenschaften begleitet und in den meisten oder sogar in allen Fällen

modifiziert ist Es ist daher diese Verneinung eine bloße Fiction eine

Voraussetzung gemacht um die Betrachtung dieser modifizierenden Umstände

auszuschließen wenn ihr Einfluss zu gering ist um der Betrachtung wert zu

sein und um sie wenn er wichtig ist auf einem bequemeren Augenblick

hinauszuschieben

    Aus diesen Betrachtungen geht hervor dass alle deduktiven oder

demonstrativen Wissenschaften ohne Ausnahme induktive Wissenschaften sind dass

ihr Beweis der der Erfahrung ist dass sie aber auch vermöge des besonderen

Charakters eines unentbehrlichen Teils der allgemeinen Formeln nach denen ihre

Induktionen gemacht sind hypothetische Wissenschaften sind Ihre Schlüsse sind

nur auf gewisse Voraussetzungen hin wahr welche Annäherungen an die Wahrheit

sind oder sein sollten aber selten oder niemals genau wahr sind, und diesem

hypothetischen Charakter ist die eigentümliche Gewissheit zuzuschreiben von der

man annimmt sie sei der Demonstration inhärent

    Was wir eben behauptet haben kann indessen nicht von den deduktiven oder

demonstrativen Wissenschaften als allgemein wahr angenommen werden wenn es

nicht durch die Anwendung auf die merkwürdigste aller dieser Wissenschaften auf

die der Zahlen, auf die Theorie des Kalküls Arithmetik und Algebra verifiziert

wird Von den Lehren dieser Wissenschaft hält es schwerer als von allen

anderen zu glauben sowohl dass sie nicht aprioristische sondern experimentelle

Wahrheiten sind als auch dass sie ihre eigentümliche Gewissheit nur dem

verdanken dass sie nicht absolute sondern nur bedingte Wahrheiten sind Es ist

dies daher ein Fall der eine besondere Untersuchung verdient umsomehr als wir

es mit einer doppelten Reihe von Lehren zu tun haben mit der der

aprioristischen Philosophen auf der einen Seite und auf der andern Seite mit

einer dieser ganz entgegengesetzten Theorie die einst allgemein angenommen war

und noch weit entfernt ist von den Metaphysikern verworfen zu werden

    

     2 Diese Theorie versucht die dem Falle anscheinend inwohnende

Schwierigkeit dadurch zu lösen dass sie die Sätze der Arithmetik als bloß

wörtliche und ihre Prozesse als bloße wörtliche Transformationen als

Substitutionen eines Ausdrucks für den andern hinstellt Der Satz, Zwei und

Eins sind gleich Drei ist nach diesen Philosophen nicht eine Wahrheit nicht

die Behauptung einer wirklich existierenden Tatsache sondern eine Definition

des Wortes Drei eine Aussage dass die Menschen übereingekommen sind den Namen

Drei als ein Zeichen zu gebrauchen das Zwei und Eins genau äquivalent ist um

mit dem ersteren Namen zu benennen was durch die letzteren nur in einer plumpen

Weise zu benennen ist Nach dieser Lehre besteht der längste Prozess in der

Algebra nur aus aufeinanderfolgenden Änderungen der Terminologie wodurch

gleichwertige Ausdrücke für einander substituiert werden aus einer Reihe von

Übersetzungen derselben Tatsache aus einer Sprache in die andere obgleich

hierdurch nicht erklärt wird wie nach einer solchen Reihe Ton Übersetzungen

die Tatsache selbst verändert wird wie wenn wir einen neuen geometrischen

Lehrsatz durch Algebra demonstrieren eine Schwierigkeit welche dieser Lehre

verderblich wird

    Man muss anerkennen dass in den Prozessen der Arithmetik und Algebra

Eigentümlichkeiten liegen welche die obige Theorie sehr plausibel machen und

welche diese Wissenschaften ganz naturgemäß zu Stützen des Nominalismus

machten Die Lehre dass wir durch ein kunstfertiges Handhaben der Sprache

Tatsachen entdecken verborgene Naturprozesse enthüllen können ist dem

gesunden Menschenverstande so entgegen dass es schon einen Fortschritt in der

Philosophie verlangt um sie zu glauben die Menschen nehmen zu einem solchen

paradoxen Glauben ihre Zuflucht um wie sie denken eine noch größere

Schwierigkeit zu vermeiden die der große Haufe nicht sieht Was Viele

verleitet hat jenes Schließen nur für einem sprachlichen Prozess zu halten

war dass keine andere Theorie mit der Natur der Wissenschaft der Zahlen

verträglich schien Denn wir hegen weiter keine Ideen wenn wir die Symbole der

Arithmetik oder Algebra gebrauchen Bei einem geometrischen Beweise haben wir

wenn auch nicht auf dem Papier so doch eine Figur in unserm Geiste AB AC sind

unserer Einbildungskraft als Linien gegenwärtig die einander schneiden

miteinander einen Winkel bilden und dergleichen aber nicht to a und b. Diese

mögen Linien oder andere Größen repräsentieren so Wird an diese Größen niemals

gedacht in unserer Einbildung wird nichts realisiert als a und b. Die Ideen

welche sie bei einer besonderen Gelegenheit repräsentieren werden von dem Anfange

des Prozesses an wo die Prämissen Ton den Dingen in die Zeichen übersetzt

werden bis zu dem Ende wo der Schluss wieder rückwärts aus den Zeichen in die

Dinge übersetzt wird also während des ganzen intermediären Theiles des

Prozesses aus dem Geiste verbannt Da also in dem Geiste des Schließenden

nichts ist als Symbole was kann da unzulässiger erscheinen als die

Behauptung, das Schließen habe noch mit etwas Anderem zu schaffen 

    Nichtsdestoweniger wird bei näherer Betrachtung erhellen dass dieser

scheinbar so entscheidende Fall gar kein Fall ist; dass in einem jeden Schritte

einer arithmetischen oder algebraischen Berechnung eine wirkliche Induktion

eine wirkliche Folgerung von Tatsachen aus Tatsachen enthalten ist; dass dies

einfach nur durch die umfassende Natur der Induktion und die daraus folgende

äußerste Allgemeinheit der Sprache verdeckt wird Alle Zahlen müssen Zahlen von

Etwas sein es gibt nichts der Art wie Zahlen in abstracto Zehn muss zehn

Körper zehn Töne oder zehn Pulsschläge bedeuten Aber sowie die Zahlen Zahlen

von Etwas sein müssen so können sie Zahlen von irgend Etwas von Allem sein Es

haben daher Sätze welche Zahlen betreffen die merkwürdige Eigentümlichkeit

dass sie Sätze sind welche alle Dinge alle Gegenstände alle Existenzen jeder

Art betreffen die unsere Erfahrung kennt Alle Dinge besitzen Quantität

bestehen aus Teilen welche gezählt werden können, und in diesem Charakter

besitzen sie alle Eigenschaftenwelche man Eigenschaften der Zahlen nennt Dass

die Hälfte von Vier Zwei ist muss wahr sein was das Wort Vier auch immer

repräsentieren mag ob vier Männer vier Meilen oder vier Pfunde Wir brauchen

uns ein Ding nur in vier gleiche Theile geteilt vorzustellen und wir können

uns alle Dinge als so geteilt vorstellen um eine jede Eigenschaft der Zahl

Vier dh einen jeden arithmetischen Satz in dem die Zahl Vier auf der einen

Seite der Gleichung steht von ihm aussagen zu können Die Algebra dehnt die

Generalisation noch weiter aus eine jede Zahl repräsentiert diese besondere

Anzahl aller Dinge ohne Unterschied aber ein jedes algebraische Symbol tut

noch mehr es repräsentiert alle Zahlen ohne Unterschied Sobald wir uns ein Ding

in gleiche Theile geteilt vorstellen ohne zu wissen in welche Anzahl von

Teilen so können wir es a oder x nennen und ohne Irrtum befürchten zu

müssen eine jede algebraische Formel darauf anwenden Der Satz 2a+b)  2a2b

ist eine Wahrheit die so weit reicht wie die Natur Da also die algebraischen

Wahrheiten von allen Dingen und nicht wie die der Geometrie nur von Linien und

Winkeln wahr sind, so ist es auch nicht zu verwundern wenn die Symbole in

unserm Geiste keine Ideen von speziellen Dingen anregen Wenn wir den

siebenundvierzigsten Satz Euklids demonstrieren so ist es nicht notwendig

dass die Worte in uns das Bild aller rechtwinkeligen Dreiecke hervorrufen das

Bild irgend eines rechtwinkeligen Dreiecks reicht hin Ebenso brauchen wir uns

in der Algebra unter dem Symbol a nicht alle Dinge zu denken sondern nur irgend

ein Ding; und warum nicht den Buchstaben selbst Die bloßen geschriebenen

Charaktere ab, x y z dienen ebensogut zu Repräsentanten aller Dinge im

Allgemeinen als irgend eine komplexere und scheinbar konkretere Vorstellung

Dass wir uns indessen ihres Charakters als Dinge und nicht als bloßer Zeichen

bewusst sind geht aus der Tatsache hervor dass unser ganzer Prozess des

Schließens ausgeführt wird indem wir die Eigenschaften der Dinge von ihnen

aussagen Nach welchen Regeln verfahren wir wenn wir eine algebraische

Gleichung lösen Wir wenden bei einem jeden Schritte auf ab und x den Satz an

Gleiches zu Gleichem addiert gibt Gleiches Gleiches von Gleichem abgezogen

lässt Gleiches übrig sowie andere Sätze die sich auf diese zwei gründen Dies

sind keine Eigenschaften der Sprache oder von Zeichen als solchen sondern

Eigenschaften von Größen was so viel sagen heißt als aller Dinge Die

Folgerungen welche sukzessive gezogen werden sind daher Folgerungen in

Beziehung auf Dinge nicht auf Symbole obgleich da ein jedes Ding dem Zwecke

dienen kann keine Notwendigkeit vorhanden istdie Idee des Dinges gesondert

zu halten und folglich der Gedankenprozess in diesem Falle erlaubt sein kann

ohne dass Gefahr wäre er möge wie alle oft wiederholten Gedankenprozesse

leicht tun ganz mechanisch werden Es wird uns daher die allgemeine Sprache

der Algebra so geläufig dass sie keine Ideen erweckt wie dies eine jede andere

allgemeine Sprache in Folge der Gewohnheit so leicht tut obgleich es in keinem

andern Falle mit so völliger Sicherheit geschehen kann Wenn wir aber

zurückblicken um zu sehen woher die Beweiskraft des Prozessen abgeleitet wird

so finden wir dass wenn wir nicht voraussetzen wir selbst dächten und sprächen

von den Dingen und nicht die bloßen Symbole bei einem jeden einzelnen Schritte

der Beweis fehlt

    Es ist noch ein anderer Umstand der mehr noch als der obenerwähnte die

Vorstellung plausibel macht es seien die Sätze der Arithmetik und Algebra bloß

wörtliche Wenn sie nämlich als Urteile in Beziehung auf Dinge betrachtet

werden, so scheinen sie alle identische Urteile zu sein Die Behauptung, Zwei

und Eins ist gleich Drei als eine Behauptung in Beziehung auf Gegenstände

betrachtet wie zB »Zwei Kieselsteine und ein Kieselstein machen drei

Kieselsteine« affirmiert nicht die Gleichheit zweier Sammlungen von

Kieselsteinen sondern die absolute Identität Sie affirmiert dasswenn wir

einen Kieselstein zu zwei Kieselsteinen legen dieser Kieselsteine drei sind Da

also die Gegenstände dieselben sind und die bloße Behauptung dass Gegenstände

»sie selbst sind« bedeutungslos ist so scheint es ganz natürlich dass man den

Satz Zwei und Eins sind gleich Drei als die bloße Behauptung der Identität

der Bedeutung der zwei Namen betrachtet

    So plausibel dies indessen aussieht so hält es doch eine genauere Prüfung

nicht aus Der Ausdruck »Zwei Kieselsteine und ein Kieselstein« und der Ausdruck

»Drei Kieselsteine« stehen in der That für dasselbe Aggregat von Gegenständen;

sie stehen aber keineswegs für dieselbe physikalische Tatsache Es sind Namen

von denselben Gegenständen aber von diesen Gegenständen in zwei verschiedenen

Zuständen obgleich sie dieselben Dinge bezeichnen so ist doch ihre Mit

Bezeichnung eine verschiedene Drei Kieselsteine in zwei verschiedenen Teilen

und drei Kieselsteine in einem Teil machen nicht denselben Eindruck auf unsere

Sinne; und die Behauptung, dass dieselben Kieselsteine durch einen Wechsel des

Orts und der Anordnung entweder die eine oder die andere Reihe von Sensationen

hervorbringen können ist obgleich es ein sehr geläufiges Urteil ist doch

kein identisches Es ist eine Wahrheit die uns durch frühe und beständige

Erfahrung bekannt ist eine induktive Wahrheit und solche Wahrheiten sind das

Fundament der Wissenschaft der Zahlen. Die Grundwahrheiten dieser Wissenschaft

beruhen ganz auf sinnlichem Beweis sie werden dadurch bewiesen dass unsere

Augen oder Finger erfahren dass eine gegebene Zahl von Gegenständen, z B zehn

Bälle durch Trennung und Wiedervereinigung unseren Sinnen die verschiedenen

Reihen von Zahlen darbieten deren Summe gleich zehn ist Eine jede bessere

Methode Kinder Arithmetik zu lehren verfahrt nach dieser Tatsache Alle

diejenigenwelche beim Erlernen der Arithmetik auf den Geist des Kindes

einwirken wollen alle diejenigenwelche Zahlen und nicht bloße Ziffern lehren

wollen lehren gegenwärtig in der beschriebenen Weise mit Hülfe des

Sinnenbeweises

    Es steht uns frei den Satz »Drei ist Zwei und Eins« eine Definition der

Zahl zu nennen und zu behaupten dass die Arithmetik wie dies von der

Geometrie behauptet worden ist, eine auf Definitionen gegründete Wissenschaft

sei Es sind dies aber Definitionen in geometrischem nicht in logischem Sinne

sie behaupten nicht nur die Bedeutung eines Ausdrucks sondern auch zugleich

eine beobachtete Tatsache Der Satz »der Kreis ist eine Figur welche von einer

Linie begrenzt wird deren Punkte von einem Punkte in ihr alle gleichweit

abstehen« wird die Definition des Kreises genannt aber der Satz, aus dem so

viele Konsequenzen folgen und der wirklich ein erster Grundsatz der Geometrie

ist lautet dass dieser Beschreibung entsprechende Figuren existieren und so

mögen wir den Satz »Drei ist Zwei und Eins« die Definition von Drei nennen aber

die Rechnungen welche von diesem Satze abhängig sind folgen nicht aus der

Definition selbst sondern aus einem darin präsupponierten arithmetischen

Lehrsatz nämlich dass es Zusammenfügungen von Gegenständen gibt welche

während sie diesen Eindruck

    

                        00

                        0

auf die Sinne machen in zwei Theile getrennt werden können, wie folgt

                        00 0

Nachdem dieser Satz zugegeben ist so nennen wir alle dergleichen Theile Drei

wonach die Angabe der obenerwähnten physikalischen Tatsache auch als eine

Definition des Wortes Drei dienen kann

Die Wissenschaft der Zahlen macht also keine Ausnahme von dem Schluss zu dem

wir früher gelangten dass sogar die Prozesse der deduktiven Wissenschaften ganz

induktiv und dass ihre ersten Prinzipien Generalisationen aus der Erfahrung

sind Es bleibt noch zu untersuchen ob diese Wissenschaft der Geometrie in dem

weiteren Umstände gleicht dass einige ihrer Induktionen nicht genau wahr sind,

und dass die ihnen zugeschriebene eigentümliche Gewissheit wonach ihre Sätze

notwendige Wahrheiten genannt werden, erdichtet und hypothetisch dass sie nur

in dem Sinne wahr ist dass diese Sätze notwendig aus Prämissen folgen welche

nur Annäherungen an die Wahrheit sind

 

 3 Die Induktionen der Arithmetik sind von zweierlei Art erstens

diejenigenwelche wir eben auseinandergesetzt haben wie Gins und Eins sind

Zwei Zwei und Eins sind Drei etc welche man in dem uneigentlichen oder

geometrischen Sinne des Wortes Definitionen der verschiedenen Zahlen nennen

kann und zweitens die beiden folgenden Axiome die Summe von Gleichem ist

Gleiches der unterschied von Gleichem ist Gleiches Diese beiden sind

hinreichend denn die entsprechenden Sätze in Betreff von ungleichem können

durch das dem Mathematiker unter dem Namen reductio ad absurdum wohlbekannte

Verfahren daraus bewiesen werden.

Diese Axiome sowie auch die sogenannten Definitionen sind wie bereite gezeigt

worden ist, Resultate der Induktion sie sind wahr von allen Gegenständen und

wie es scheint genau wahr ohne die hypothetische Annahme einer unbedingten

Wahrheit wo eine Annäherung an dieselbe Alles ist was vorhanden istDie

Schlüsse, so wird man daher natürlich folgern sind genau wahr und die

Wissenschaft der Zahlen macht darin eine Ausnahme von anderen induktiven

Wissenschaften dass die absolute Gewissheit welche man von ihren Beweisen

behaupten kann unabhängig von aller Hypothese ist

Bei genauerer Prüfung wird man indessen finden dass sogar in diesem Falle ein

hypothetisches Element in dem Schließen liegt In allen sich auf Zahlen

beziehenden Sätzen ist eine Bedingung eingeschlossen ohne welche keiner

derselben wahr wäre und diese Bedingung ist eine Annahme welche falsch sein

kann Die Bedingung ist dass 1  1 dass alle Zahlen Zahlen derselben Einheit

oder von gleichen Einheiten seien Wäre dies zweifelhaft so würde kein einziger

Satz der Arithmetik als wahr bestehen bleiben Wie können wir wissen dass ein

Pfand und ein Pfund zwei Pfunde machen wenn das eine »ein Pfund troie« und das

andere »ein Pfund avoir dupois« ist Wie können wir wissen dass vierzig

Pferdekräfte immer sich selbst gleich sind, wenn wir nicht annehmen dass alle

Pferde von gleicher Stärke sind Es ist gewiss dass 1 in der Zahl immer 1

gleich ist und wo die bloße Zahl der Gegenstände oder der Theile von

Gegenständen, ohne sie in einer andern Beziehung für äquivalent anzunehmen das

Wesentliche ist da sind die Schlüsse der Arithmetik soweit sie gehen ohne

Beimischung von Hypothese wahr Es gibt einige solche Fälle wie zB die

Untersuchung über die Größe der Bevölkerung eines Landes Bei dieser

Untersuchung ist es gleichgültig ob die Bevölkerung aus Erwachsenen oder

Kindern aus Gesunden oder Kranken Starken oder Schwachen besteht ihre Anzahl

ist Alles was wir ermitteln wollen Wenn aber aus der Gleichheit oder

Ungleichheit der Zahl die Gleichheit oder Ungleichheit in einer andern Beziehung

zu folgern ist so wird die auf solche Untersuchungen angewandte Arithmetik

ebenso hypothetisch als die Geometrie. Alle Einheiten müssen in dieser andern

Beziehung als gleich angenommen werden und dies ist niemals genau wahr denn

ein Pfund Gewicht ist nicht genau einem andern noch eine Meile genau einer

andern gleich eine empfindlichere Wage oder bessere Messinstrumente würden

immer einen Unterschied zu erkennen geben

Was man gewöhnlich mathematische Gewissheit nennt und was die zweifache Idee

von unbedingter Wahrheit und von vollkommener Genauigkeit umfasst ist daher

nicht ein Attribut aller mathematischen Wahrheiten sondern nur derjenigen

welche sich auf bloße Zahlen als von der Quantität Im weitem Sinne

verschieden beziehen und nur so lange wir nicht annehmen dass die Zahlen der

genaue Index wirklicher Quantitäten sind Die den Schlüssen der Geometrie und

sogar der Mechanik zugeschriebene Gewissheit ist nichts als Gewissheit der

Folgerung Unter besonderen Voraussetzungen können wir der besonderen Resultate

ganz gewiss sein wir können aber nicht die nämliche Gewissheit haben dass

diese Voraussetzungen genau wahr sind, und dass sie alle Date einschließen

welche in einem jeden gegebenen Falle einen Einfluss auf das Resultat ausüben

können

 

 4 Es scheint daher dass die Methode aller Deduktiven Wissenschaften

hypothetisch ist Die Konsequenzen werden in ihnen aus gewissen Voraussetzungen

gezogen indem es einer besonderen Betrachtung überlassen bleibt darzutun ob

diese Voraussetzungen wahr sind oder nicht und ob sie wenn nicht genau wahr

eine hinreichend genaue Annäherung an die Wahrheit sind Da diese

Voraussetzungen nur in reinen Fragen der Zahl und auch da nur so lange wahr

sind, als keine andere als rein numerische Schlüsse darauf gegründet werden so

muss es in allen anderen Fällen von deduktiver Forschung ein Gegenstand der

Untersuchung sein zu bestimmen, wie viel dem behandelten Falle fehlt um genau

wahr zu sein Dies ist gemeinlich ein Gegenstand der in einem jeden frischen

Falle zu wiederholenden Beobachtung oder wenn es durch ein Argument anstatt

durch Beobachtung auszumachen ist so kann in einem jeden verschiedenen Falle

ein verschiedener Beweis erforderlich sein und sich ein jeder Grad von

Schwierigkeit vom niedrigsten bis zum höchsten darbieten Aber der andere

Teil des Prozesses  nämlich zu bestimmen, was sonst noch geschlossen werden

kann, wenn wir die Annahme, und im Verhältnis als wir sie wahr finden  kann

ein für allemal ausgeführt und das Resultat für den gelegentlichen Gebrauch

bereit gehalten werden Auf diese Weise tun wir Alles voraus was getan werden

kann, und lassen wenn Fälle vorkommen und eine Entscheidung verlangen so wenig

als möglich zu tun übrig Diese Untersuchung der Folgerungen welche aus

Voraussetzungen gezogen werden können, ist es was die Demonstrative

Wissenschaft eigentlich konstituiert

Man gelangt natürlich ebensogut von vorausgesetzten Tatsachen als von

beobachteten ebensogut von erdichteten als von wirklichen Induktionen zu neuen

Schlüssen Die Deduktion besteht in einer Reihe von Folgerungen von der Form: a

ist ein Merkmal von b b von c c von d daher ist a ein Merkmal von d welches

letztere eine der direkten Beobachtung unzugängliche Wahrheit sein kann In

gleicher Weise ist es erlaubt zu sagen setzen wir voraus a wäre ein Merkmal

von b b von c c von d so würde a sein Merkmal von d sein ein Schluss an

welchen diejenigen nicht dachten welche die Prämissen aufstellten Es könnte aus

falschen Annahmen ein ebenso kompliziertes System von Sätzen abgeleitet werden

wie die Geometrie ist Ptolemäus Descartes und Andere taten dies bei ihren

Versuchen die Erscheinungen des Sonnensystems synthetisch nach der Annahme zu

erklären die scheinbaren Bewegungen der himmlischen Körper seien die wirklichen

Bewegungen derselben oder seien in einer von der wahren mehr oder weniger

verschiedenen Weise hervorgebracht Manchmal geschieht dies aus Absicht um die

Fälschlichkeit einer Voraussetzung zu beweisen was reductio ad absurdum genannt

wird In solchen Fällen findet der Schluss Statt wie folgt a ist ein Merkmal

von b und b von c wenn nun c auch ein Merkmal von d wäre so würde a ein

Merkmal von d sein man weiß aber dass d ein Merkmal der Abwesenheit von a,

ist folglich würde a ein Merkmal seiner eigenen Abwesenheit sein was ein

Widerspruch istdaher ist c kein Merkmal von d

 

 5 Manche Autoren waren sogar der Ansicht dass jedes Syllogisieren zuletzt

auf einer reductio ad absurdum beruht da in dem Falle von Dunkelheit der

einzige Weg eine Zustimmung für dasselbe zu erzwingen nur der wäre zu zeigen

dasswenn der Schluss geleugnet wird wir wenigstens eine von den Prämissen

leugnen müssen was ein Widerspruch wäre da sie alle als wahr vorausgesetzt

werden In Folge hiervon glaubten Viele dass die eigentümliche Natur des

syllogistischen Beweises in der Unmöglichkeit bestände ohne eine contradictio

in adjecto die Prämissen zuzulassen und den Schluss zu verwerfen Als eine

Erklärung der Gründe auf denen der Syllogismus selbst beruht ist diese Theorie

indessen ganz unzulässig Wenn Einer trotzdem dass er die Prämissen zugegeben

hat den Schluss leugnet so ist er erst in einen direkten und ausdrücklichen

Widerspruch geraten wenn er gezwungen ist eine der Prämissen zu leugnen und

hierzu kann er nur durch eine reductio ad absurdum dh durch einen zweiten

Syllogismus gezwungen werden wenn er nun die Gültigkeit des Schließprozesses

selbst leugnet so kann er ebensowenig zu einer Zustimmung zu dem zweiten

Syllogismus gezwungen werden als zu dem ersten Es ist daher in Wahrheit

niemals jemand zu einer contradictio in adjecto zu zwingen er kann nur zu einem

Widerspruche oder vielmehr zu einer Übertretung der fundamentalen Grundsätze

des Syllogismus  nämlich dass Alles was ein Merkmal besitzt auch das

besitzt wovon es das Merkmal ist oder im Falle von allgemeinen Urteilen

dass das was ein Merkmal von einem Dinge ist auch ein Merkmal von Allem ist

wovon das Ding ein Merkmal ist  gezwungen werden Denn bei einem jeden

richtigen Argument ist sobald es in die syllogistische Form gekleidet ist ohne

Mithülfe eines andern Syllogismus evident dass derjenige welcher die Prämissen

zugibt ohne den Schluss zu ziehen sich nicht nach dem obigen Axiome richtet

Eine weitere Einsicht in die Theorie der Deduktion verlangt eine philosophische

Begründung der Theorie der Induktion selbst In dieser Theorie wird die

Deduktion als eine Art Induktion von selbst den ihr zustehenden Platz einnehmen

und ihren Teil des Lichtes erhalten das auf die großen Verstandesoperationen

geworfen werden kann, wovon sie ein so wichtiger Teil ist

 



                               



     1 Polemik ist dem Plan dieses Werkes fremd aber eine Ansicht die

vielseitiger Erläuterungen bedarf erhält dieselben oft in der wirksamsten und

wenigst ermüdenden Weise in der Form einer Verteidigung gegen Einwürfe Auch

tut ein Schriftsteller seine Schuldigkeit nur halb wenn er in Beziehung auf

Gegenstände, worüber die Meinungen der Philosophen noch geteilt sind nur seine

eigene Lehre vorbringt und nicht auch die anderer Denker nach seinen besten

Kräften prüft und beurteilt

    Einer in mancher Beziehung höchst philosophischen Abhandlung hat Herr

Herbert Spencer eine wie ich glaube sehr unphilosophische Dissertation

angehängt in welcher er einige Lehren der zwei vorhergehenden Kapitel kritisiert

und für die er seine eigene Theorie der ersten Prinzipien in Vorschlag bringt

Hr Spencer stimmt darin mit mir überein dass er die Axiome als a einfachste

und frühzeitigste »Induktionen aus der Erfahrung« betrachtet Aber »in Beziehung

auf den Werth der Probe der Unbegreiflichkeit« weicht er bedeutend von mir ab

Er hält dieselbe für die letzte und oberste Probe allen Glaubens Zu diesem

Schluss gelangt er über zwei Stufen Erstlich wir können niemals einen starkem

Grund haben Etwas zu glauben als dass der Glaube an es »unveränderlich

beständig existiert« Wenn eine Tatsache oder ein Urteil unveränderlich

geglaubt dh wenn ich Herrn Spencer recht verstehe wenn sie von allen

Menschen und von einem selbst zu allen Zeiten geglaubt wird so kann sie

beanspruchen als eine der primitiven Wahrheiten oder ursprünglichen Prämissen

unseres Wissens angenommen zu werden Zweitens das Kriterien wonach wir

entscheiden ob etwas beständig als wahr geglaubt wird ist unsere Unfähigkeit

es als falsch zu begreifen »Die Unbegreiflichkeit seiner Negation ist die

Probe wodurch wir bestimmen ob ein gegebener Glaube unveränderlich existiert

oder nicht« »Für unsern primären Glauben ist die Tatsache der beständigen

Existenz die durch ein misslungenes Bemühen ihre Nichtexistenz zu verursachen

erprobt ist der einzige anführbare Grund« Er hält dies für den einzigen Grund

unseres Glaubens an unsere eigenen Sensationen Wenn ich glaube dass ich

friere so nehme ich dies nur für wahr an weil ich nicht begreifen kann dass

ich nicht friere »So lange als das Urteil wahr bleibt bleibt die Negation

desselben unbegreiflich« Es gibt noch gar manchen andern Glauben der nach

Herrn Spencers Ansicht auf derselben Basis ruht hauptsächlich der Glaube den

die Metaphysiker der Schule von Reid und Stewart als Wahrheiten der

unmittelbaren Anschauung betrachten Dass eine materielle Welt existiert dass

dies die Welt ist die wir direkt und unmittelbar wahrnehmen und dass es nicht

bloß die verborgene Ursache unserer Wahrnehmungen ist dass Zeit Raum Kraft

Ausdehnung Gestalt nicht bloße Modi unseres Bewusstseins sondern objektive

Realitäten sind betrachtet Hr Spencer als Wahrheiten die durch die

Unbegreiflichkeit ihrer Negation erkannt werden. Durch keine Anstrengung sagt

er können wir diese Gegenstände des Gedankens als bloße Geisteszustände

begreifen denen keine Existenz außerhalb unserer zukommt Ihre reale Existenz

ist daher so gewiss als unsere Sensationen selbst Da nach dieser Lehre die

Wahrheitenwelche der Gegenstand der direkten Erkenntnis sind nur durch die

Unbegreiflichkeit ihrer Negation als Wahrheiten erkannt werden, und da die

Wahrheitenwelche nicht Gegenstand der direkten Erkenntnis sind als

Folgerungen aus solchen die es sind erkannt werden; und da man nur glaubt

dass diese Folgerungen aus den Prämissen folgen weil man nicht begreifen kann

dass sie nicht folgen so ist die Unbegreiflichkeit der letzte Grund von allem

gewissen Glauben

    Bis hierher ist kein sehr großer Unterschied zwischen dieser und der

gewöhnlichen Lehre der Philosophen von der intuitiven Schule von Descartes an

bis auf Dr Whewell aber in Beziehung auf diesen Punkt weicht Herr Spencer von

ihnen ab denn er hält nicht wie jene die Probe der Unbegreiflichkeit für

unfehlbar Er ist im Gegenteil der Ansicht dass sie trügen kann nicht wegen

eines Fehlers in der Probe selbst sondern weil »die Menschen Dinge für

unbegreiflich hielten die nicht unbegreiflich waren« und er verneint in seinem

Buche nicht wenige Urteile die man gewöhnlich als markierte Beispiele von

Wahrheiten ansah deren Negation unbegreiflich ist Aber gelegentliches

Fehlschlagen sagt er ist allen Proben eigen Wenn ein solches Fehlschlagen

»die Probe der Unbegreiflichkeit ungültig macht so muss es in ähnlicher Weise

eine jede andere Probe ungültig machen Wir halten eine logisch aus Prämissen

gezogene Folgerung für wahr aber in Millionen Fällen irrten sich die Menschen

in den Folgerungen welche sie für wahr gezogen hielten Argumentiren wir

deshalb dass es absurd ist eine Folgerung auf keimen andern Grund hin für wahr

zu halten als dass sie logisch aus festgesetzten Prämissen gezogen ist Nein

wir sagen dass obgleich die Menschen für logische Folgerungen gehalten haben

mögen was nicht logische Folgerungen waren so gibt es nichtsdestoweniger

logische Folgerungen und wir dürfen so lange als wahr annehmen was uns wahr

scheint bis wir eines bessern belehrt sind In gleicher Weise kann es immer

noch unbegreifliche Dinge geben wenn auch die Menschen einige Dinge für

unbegreiflich hielten die es nicht waren und die Unfähigkeit die Negation

eines Dinges zu begreifen kann immer noch die beste Gewähr sein es zu

glauben Sie kann sich zwar gelegentlich als eine unvollkommene Probe

erweisen da aber unser gewisseste Glaube keiner bessern fähig ist so heißt

irgend einen Glauben bezweifeln weil wir keine höhere Garantie dafür haben

wirklich allen Glauben bezweifeln« Herrn Spencers Lehre errichtet daher nicht

die heilbaren sondern die unheilbaren Beschränkungen des menschlichen

Begriffsvermögens zu Gesetzen des äußeren Universums

    

     2 Die Lehre dass »ein Glaube wahr ist von dem durch die

Unbegreiflichkeit seiner Negation bewiesen ist dass er beständig existiert«

wird von Hrn Spencer durch zwei Argumente dargetan wovon man das eine als

positiv und das andere als negativ unterscheiden kann

    Das positive Argument ist dass ein jeder derartige Glaube das Aggregat der

ganzen vergangenen Erfahrung repräsentiert »Die ganze Wahrheit des Satzes

zugegeben dass in einer jeden Phase des menschlichen Fortschritts die Fähigkeit

oder Unfähigkeit einen spezifischen Begriff zu bilden gänzlich von der

Erfahrung abhängt welche die Menschen gehabt haben und dass die Menschen durch

die Erweiterung ihrer Erfahrung allmälig fähig werden Dinge zu begreifen die

ihnen vorher unbegreiflich waren so kann man noch immer schließen dass da zu

jeder Zeit die beste Gewähr für einen Glauben in der vollkommenen

Übereinstimmung mit aller vorhergehenden Erfahrung liegt hieraus folgtdass

zu jeder Zeit die Unbegreiflichkeit seiner Negation die beste Probe istwelche

ein Glaube zulässtObjektive Tatsachen prägen sich uns stete ein unsere

Erfahrung ist ein Register dieser objektiven Tatsachen und die

Unbegreiflichkeit eines Dinges schließt ein dass es mit dem Register gänzlich

in Widerspruch ist Sogar wenn dies alles wäre so ist nicht klar wie wenn jede

Wahrheit ursprünglich induktiv ist irgend eine bessere Probe der Wahrheit

existieren könnte Man muss sich aber erinnern dass während viele der sich uns

einprägenden Tatsachen gelegentlich während wiederum andere ziemlich

allgemein einige universell und unveränderlich sind Diese universellen und

unveränderlichen Tatsachen sind der Hypothese nach sicher einen Glauben zu

begründen dessen Negation unbegreiflich ist während die anderen dies nicht mit

Sicherheit tun können und wenn sie es tun so werden spätere Tatsachen ihre

Wirkung aufheben Wenn daher nach einer maßlosen Anhäufung von Erfahrungen ein

Glaube bleibt dessen Negation immer noch unbegreiflich bleibt so muss er

größtenteils wenn nicht gänzlich universellen objektiven Tatsachen

entsprechen Wenn es gewisse absolute Gleichförmigkeiten in der Natur gibt

wenn diese Gleichförmigkeiten wie sie es müssen absolute Gleichförmigkeiten in

unserer Erfahrung hervorbringen und wenndiese absoluten Gleichförmigkeiten

in unserer Erfahrung uns unfähig machen die Negationen derselben zu begreifen

dann muss entsprechend einer jeden absoluten Gleichförmigkeit in der Natur,

welche wir erkennen können in uns ein Glaube sein dessen Negation

unbegreiflich und der absolut wahr ist In diesem weiten Bereich von Fällen muss

subjektive Unbegreiflichkeit objektiver Unmöglichkeit entsprechen Spätere

Erfahrung wird das entsprechende Verhältnis die Korrespondenz herstellen wo

sie noch nicht existiert und wir dürfen erwarten dass die Korrespondenz zuletzt

vollständig wird In nahezu allen Fällen muss diese Probe der Unbegreiflichkeit

nun gültig sein« ich möchte glauben können wir wären der Allwissenheit so

nahe »und wo sie es nicht ist drückt sie immer noch das netto Resultat

unserer Erfahrung bis zur gegenwärtigen Zeit aus was das höchste ist was eine

Probe zu leisten vermag«

    Auch sogar wenn es wahr wäre dass die Unbegreiflichkeit »das netto

Resultat« aller vergangenen Erfahrung repräsentiert warum sollen wir bei dem

Repräsentanten stehen bleiben wenn wir zu dem repräsentierten Ding gelangen

können Wenn unsere Unfähigkeit die Negation einer gegebenen Voraussetzung zu

begreifen ein Beweis von deren Wahrheit ist weil sie beweist dass unsere

Erfahrung bisher gleichförmig zu ihrer Gunst war so ist der wirkliche Beweis

der Voraussetzung, nicht die Unbegreiflichkeit sondern die Gleichförmigkeit der

Erfahrung, und er ist als der wesentliche und einzige Beweis direkt zugängig

wir sind nicht gezwungen ihn aus einer zufälligen Folge zu vermuten Wenn alle

Erfahrung zu Gunsten eines Glaubens ist so gebe man dieses an und stütze den

Glauben offen auf diese Grundlage hernach erst entsteht die Frage was diese

Tatsache als Beweis von dessen Wahrheit wert sein kann Denn Gleichförmigkeit

der Erfahrung beweist in sehr verschiedenem Grad in einigen Fällen ist sie ein

strenger Beweis in anderen ein schwacher und wieder in anderen ist sie kaum

Beweis Dass alle Metalle im Wasser sinken war vom Ursprung des

Menschengeschlechts bis zur Entdeckung des Kaliums durch Humphry Davy in diesem

Jahrhundert eine gleichförmige Erfahrung Dass alle Schwanen weiß sind war

eine gleichförmige Erfahrung bis zur Entdeckung von Australien In den wenigen

Fällenin denen die Gleichförmigkeit der Erfahrung zum möglichst starken Beweis

wird wie bei solchen Sätzen Zwei gerade Linien können keinen Raum

einschließen Eine jede Begebenheit hat eine Ursache, geschieht dies nicht

weil die Negation derselben unbegreiflich ist was in der That nicht immer der

Fall istsondern weil die Erfahrung, die in dieser Weise gleichförmig war

durch die ganze Natur geht In dem nächsten Buch wird gezeigt werden dass weder

die Schlüsse der Induktion noch der Deduktion als gewiss betrachtet werden

können, wenn ihre Wahrheit nicht nachweisbar mit Wahrheiten dieser Klasse

verbunden ist

    Ich behaupte demnach erstens dass die Gleichförmigkeit der vergangenen

Erfahrung weit entfernt ist ein allgemeines Kriterion der Wahrheit zu sein

dass aber zweitens die Unbegreiflichkeit noch weiter entfernt ist sogar eine

Probe dieser Probe zu sein Gleichförmigkeit von entgegengesetzter Erfahrung ist

nur eine der vielen Ursachen der Unbegreiflichkeit Die aus einer in Kenntnissen

beschränkteren Periode überlieferte Tradition ist die gewöhnlichste Die bloße

Vertrautheit mit der Erzeugungsweise einer Erscheinung reicht oft hin um eine

jede andere Erzeugungsweise unbegreiflich zu machen Was zwei Ideen durch eine

starke Assoziation verbindet kann ihre Trennung in Gedanken unmöglich machen

und tut dies auch wie Herr Spencer anderweitig häufig anerkennt Es War nicht

Mangel an Erfahrung was die Cartesianer unfähig machte zu begreifen dass ein

Körper bei einem andern ohne Berührung Bewegung hervorrufen kann Sie hatten von

anderen Erzeugungsweisen der Bewegung soviel Erfahrung als von dieser in einer

jeden Stunde ihres Lebens vollzogen die Planeten ihren Umlauf und waren schwere

Körper gefallen Aber sie glaubten die Naturerscheinungen würden durch eine

verborgene ihnen nicht sichtbare Maschinerie erzeugt weil sie ohne dieselbe

unfähig waren zu begreifen was sie sahen Die Unbegreiflichkeit anstatt ihre

Erfahrung zu repräsentieren beherrschte und überritt dieselbe Es ist nutzlos

bei dem positiven Argument von Herrn Spencer noch länger zu verweilen und ich

gehe zu seinem negativen über auf das er mehr Gewicht legt

    

     3 Das negative Argument ist dass die Unbegreiflichkeit sei ein guter

oder ein schlechter Beweis eben kein stärkerer Beweis zu erlangen ist dass

das was unbegreiflich ist nicht wahr sein kann in jedem Denkakt postuliert

wird Dies ist die Grundlage aller unserer ursprünglichen Prämissen noch mehr

aber wird es bei allen unseren Schlüssen aus diesen Prämissen angenommen Die

durch die Unbegreiflichkeit ihrer Negation erprobte Unveränderlichkeit des

Glaubens »ist unsere einzige Gewähr für eine jede Demonstration Die Logik ist

einfach eine Systematisierung des Verfahrens durch welches wir diese Gewähr

indirekt für solchen Glauben erlangen der sie nicht direkt besitzt Um die

möglichst strenge Überzeugung bezüglich einer komplexen Tatsache zu erlangen

steigen wir entweder durch sukzessive Schritte von denen wir einen jeden

unwissentlich durch die Unbegreiflichkeit seiner Negation erproben analytisch

von ihr herab bis wir zu einem Axiom oder zu einer Wahrheit gelangen die wir in

ähnlicher Weise erprobt haben oder wir steigen von solchem Axiom oder solcher

Wahrheit durch derartige Schritte synthetisch hinauf In beiden Fällen verbinden

wir durch eine Reihe von intermediären Glauben die unveränderlich existieren

einen isolierten Glauben mit einem Glauben der unveränderlich existiert« Die

folgende Stelle fasst die ganze Theorie zusammen »Wenn wir wahrnehmen dass die

Negation des Glaubens unbegreiflich ist so haben wir alle mögliche Garantie um

die Unveränderlichkeit seiner Existenz zu behaupten und indem wir dies

behaupten drücken wir unsere logische Rechtfertigung deshalb und zugleich die

unerbittliche Notwendigkeit aus die uns zwingt ihn zu hegen Wir haben

gesehen dass dies die Annahme ist auf welcher zuletzt ein jeder Schluss

beruht Wir haben keine andere Garantie für die Realität des Bewusstseins, der

Empfindungen der persönlichen Existenz wir haben keine andere Garantie für

irgend ein Axiom für irgend eine Stufe in einer Demonstration Da sie demnach

in einem jeden Verstandesakt als zugestanden genommen wird so muss sie als das

Universale Postulat betrachtet werden.« Da aber dieses Postulat das uns eine

»unerbittliche Notwendigkeit« zwingt für wahr zu halten manchmal falsch ist

da »Glauben von denen einst die Unbegreiflichkeit ihrer Negation zeigte dass

sie unveränderlich existieren seitdem als unwahr befunden wurden« und da

»Glauben die gegenwärtig diesen Charakter besitzen eines Tages dasselbe

Schicksal haben können« so ist die von Herrn Spencer aufgestellte

Glaubensregel dass »der gewisseste Schluss« derjenige ist »welcher das

Postulat am seltensten die wenigstenmale einschließt« Dass Schließen sollte

daher niemals gegen einen der unmittelbaren Glauben den Glauben an die Materie,

an die äußere Realität der Existenz und dergleichen prävalieren weil ein jeder

derselben das Postulat nur einmal enthält während es ein Argument außerdem

dass zu dasselbe in der Prämisse enthält auch noch in einer jeden Stufe des

Syllogismus enthält indem keiner der sukzessiven Folgerungsakten aus einem

andern Grund als gültig erkannt wird als weil wir nicht begreifen können dass

der Schluss nicht aus den Prämissen folge

    Der Bequemlichkeit wegen wollen wir den letzten Teil dieses Arguments

zuerst vornehmen In einem jeden Schließen wird nach Herrn Spencer die Annahme

des Postulats bei jedem Schritt erneuert Bei einer jeden Folgerung urteilen

wir dass der Schluss aus den Prämissen folgt während die ganze Garantie für

dieses Urteil darin liegt dass wir nicht begreifen können dass er nicht

daraus folge Wenn folglich das Postulat trüglich ist so werden die Schlüsse

durch diese Ungewissheit mehr entkräftigt als die direkten Anschauungen und das

Missverhältnis wird um so grösser je zahlreicher die Stufen des Arguments

sind

    Um diese Lehre zu erproben wollen wir zuerst ein Argument annehmen das nur

aus einer einzigen Stufe besteht und daher durch einen Syllogismus repräsentiert

wird Dieses Argument beruht auf einer Assumtion und worin diese besteht haben

wir in den vorhergehenden Kapiteln gesehen nämlich dass was ein Merkmal hat

auch das bat wovon es ein Merkmal ist Den Beweis dieses Axioms werde ich hier

nicht weiter in Betracht ziehen71 wir wollen mit Herrn Spencer annehmen er

bestände in der Unbegreiflichkeit seines Gegenteils

    Wir wollen nun dem Argument eine zweite Stufe hinzufügen wir fragen was

für eine Eine zweite Assumtion Nein dieselbe Assumtion zum zweitenmal und so

fort zum dritten und viertenmal Ich gestehe dass ich nicht einsehe wie nach

Hrn Spencers eigenen Grundsätzen die Wiederholung der Assumtion die Stärke des

Arguments überhaupt schwachen kann Wenn es nötig wäre beim zweitenmal ein

anderes Axiom anzunehmen so würde das Argument ohne Zweifel geschwächt werden

indem es für die Gültigkeit dieselben notwendig wäre dass beide Axiome wahr

sind, und es könnte sich treffen dass das eine wahr wäre das andere aber

nicht was zwei Wahrscheinlichkeiten des Irrtums anstatt einer ergibt Da es

aber dasselbe Axiom ist so muss es jedesmal wahr sein wenn es einmal wahr ist

und wenn das aus hundert Gliedern bestehende Argument das Axiom hundertmal als

wahr annimmt so würden diese hundert Assumtionen dem Irrtum nur eine einzige

Gelegenheit bieten Es ist befriedigend dass wir nicht gezwungen sind die

Deduktionen der reinen Mathematik für die unsichersten argumentativen Prozesse

zu halten was sie nach Herrn Spencers Theorie eigentlich sein müssten da sie

die längsten sind Aber die Anzahl der Stufen in einem Argument vermindern nicht

dessen Verlässlichkeit wenn keine neuen Prämissen von einem Ungewissen

Charakter unterwegs aufgenommen werden

    Um zunächst von den Prämissen zu reden so ist unsere Überzeugung von ihrer

Wahrheit sie mögen allgemeine oder individuelle Tatsachen sein nach Herrn

Spencers Ansicht auf die Unbegreiflichkeit ihres Falschseins gegründet Es ist

nötig eine doppelte Bedeutung des Wortes unbegreiflich zu beachten die Herr

Spencer wohl bekannt ist und worauf er zwar ein Argument zu gründen von der

Hand weisen würde die aber nichtsdestoweniger seinem Fall sehr zu Statten

kommt Unter Unbegreiflichkeit wird zuweilen die Unfähigkeit verstanden eine

Idee zu bilden oder los zu werden zuweilen die Unfähigkeit einen Glauben zu

bilden oder los zu werden Die erstere Bedeutung ist am meisten in

Übereinstimmung mit der sprachlichen Analogie denn ein Begriff bedeutet immer

eine Idee und niemals einen Glauben Die unrichtige Bedeutung von

»unbegreiflich« findet sich indessen in philosophischen Erörterungen eben so

häufig als die richtige und die intuitive Schule von Metaphysikern könnte sie

beide nicht entbehren Um den Unterschied klar zu machen wollen wir zwei

entgegengesetzte Beispiele wählen Die frühere physikalische Forschung

betrachtete die Antipoden als unglaublich weil unbegreiflich Aber in dem

ursprünglichen Sinne des Wortes waren die Antipoden nicht unbegreiflich man

konnte sich ohne Schwierigkeit eine Idee von ihnen machen dem geistigen Auge

konnte man ein vollständiges Bild von ihnen vorführen Was schwierig und damals

unmöglich schien war sie für glaublich zu halten Man konnte sich die Idee von

Menschen bilden die mit den Füssen an der untern Seite der Erde hängen aber es

folgte ihr der Glaube dass sie herabfallen müssen Antipoden waren nicht

undenkbar aber sie waren unglaublich

    Wenn ich von der andern Seite versuche ein Ende der Ausdehnung zu

begreifen so wollen die zwei Ideen nicht zusammenkommen  wenn ich versuche

mir einen Begriff von dem letzten Punkt im Raum zu bilden so muss ich mir immer

wieder einen weiten Raum über diesen Punkt hinaus vorstellen Die Kombination

ist unter den Bedingungen unserer Erfahrung undenkbar Es ist von Wichtigkeit

dass man sich dieser doppelten Bedeutung des Wortes unbegreiflich erinnere denn

das auf die Unbegreiflichkeit gestützte Argument dreht sich fast immer um die

abwechselnde Substitution der einen dieser Bedeutungen für die andere

    Herr Spencer lässt uns nicht in Zweifel welche von den zwei Bedeutungen er

dem Worte beilegt wenn er zur Probe der Wahrheit eines Urteils macht dass

dessen Negation unbegreiflich ist er meint unglaublich Dies ist das wahre

Fundament seiner Lehre die Unveränderlichkeit des Glaubens ist ihm die einzige

Garantie Der Versuch das Negative zu begreifen wird gemacht um die

Unvermeidlichkeit des Glaubens zu erproben er sollte ein Versuch das Negative

zu glauben genannt werden. Wenn Herr Spencer sagt dass ein Mensch während er

nach der Sonne sieht nicht begreifen kann dass er in die Finsternis blicke

so meint er er könne nicht glauben dass er dies tue denn es ist ihm wohl

bekannt dass man sich bei hellem Tageslicht einbilden kann man blicke in

Finsternis In Beziehung auf den Glauben an unsere eigene Existenz sagt er

»dass er möglicherweise nicht existieren könnte kann er ziemlich gut begreifen

aber dass er nicht wirklich existiere findet er unmöglich zu begreifen« dh zu

glauben Sein Ausspruch löst sich demnach in den folgenden auf dass ich

existiere und Empfindungen habe glaube ich weil ich nicht anders glauben kann

und in diesem Fall wird ein jeder die reale Notwendigkeit zugeben Eines jeden

gegenwärtige Empfindungen oder andere Zustände des subjektiven Bewusstseins

dass Jemand unvermeidlich glaubt es sind dies per se erkannte Tatsachen und

es ist unmöglich über sie weiter hinauszugehen Ihre Negation ist wirklich

unglaublich und es entsteht daher niemals ein Zweifel wegen dieses Glaubens

Für diese Wahrheiten ist Herrn Spencers Theorie unnötig

    Aber nach Herrn Spencer gibt es noch andere Glauben die sich auf andere

Dinge als unsere subjektiven Gefühle beziehen und für welche wir dieselbe

Garantie haben  welche in einer ähnlichen Weise unveränderlich und notwendig

sind Was nun diese anderen Glauben betrifft so können sie nicht notwendig

sein da sie nicht immer existieren Es hat viele Menschen gegeben und gibt

deren noch jetzt welche nicht an die Realität einer äußeren Welt und noch

weniger an die Realität von Ausdehnung und Gestalt als die Formen dieser äußeren

Welt glauben welche nicht glauben dass Raum und Zeit eine von dem Geist

unabhängige Existenz haben  die auch nicht an eine andere von Herrn Spencers

objektiven Anschauungen glauben Die Negationen dieser angeblichen

unveränderlichen Glauben sind nicht unglaublich denn sie werden geglaubt und

die einzige Farbe welche Herr Spencer besitzt um sie als unbegreiflich

auszumalen ist der andern Bedeutung des Worts entnommen Ohne in einem

offenbaren Irrtum zu sein kann er behaupten dass wir uns fühlbare Gegenstände

nicht als bloße Zustände unseres Bewusstseins denken können dass uns die

Wahrnehmung derselben die Idee von etwas außerhalb unserer unwiderstehlich

aufdringt und ich finde mich außer Stand zu sagen dass dies nicht der Fall

sei obgleich ich keinen für berechtigt halte es von jemand anders zu

behaupten als von sich selbst Aber viele Denker haben gedacht ob sie es

begreifen konnten oder nicht dass was wir uns als materielle Gegenstände

vorstellen bloße Modifikationen des Bewusstseins, komplexe Gefühle des Tastens

und der Muskeltätigkeit sind Herr Spencer mag die Folgerung von dem

Undenkbaren auf das Unglaubliche für richtig halten weil er der Ansicht ist

der Glaube selbst sei bloß die Persistenz einer Idee und wir müssten das was

uns zu denken gelingt auch in dem Augenblick für glaublich halten Aber was hat

unser Dafürhalten in dem Augenblick zu bedeuten wenn der Augenblick im

Widerspruch mit dem dauernden Zustand unseres Geistes ist Ein Mensch der in

seiner Kindheit durch Gespenstergeschichten geängstigt worden ist, wird in

späteren Jahren wo er nicht mehr an dieselben glaubt unter Umständen welche

die Phantasie erregen nicht an einem dunklen Orte sein können ohne dass sein

Geist in Verwirrung gerate Die Idee von Gespenstern mit allen damit

verbundenen Schrecken wird durch die äußeren Umstände unwiderstehlich in seinem

Geiste auferweckt Herr Spencer kann sagen während er unter dem Einfluss dieses

Schreckens steht glaube er vorübergehend und unwiderstehlich an Gespenster Es

sei so aber zugegeben es sei so was wäre im Ganzen am wahrsten von diesem

Menschen zu sagen er glaube an Gespenster oder er glaube nicht daran Sicher

er glaube nicht daran Es verhält sich ähnlich mit denjenigen welche nicht an

eine materielle Welt glauben Obgleich sie die Idee nicht los werden können;

obgleich sie bei dem Anblick eines festen Gegenstandes die Vorstellung, und

daher nach Herrn Spencers Metaphysik den momentanen Glauben an dessen

Äußerlichkeit nicht verhindern können so würden sie in demselben Augenblick

den Glauben aufrichtig verleugnen und es wäre falsch sie anders zu nennen als

ohne Glauben an die Lehre Der Glaube ist daher nicht unveränderlich und die

Probe der Unbegreiflichkeit schlägt auch in den einzigen Fällen fehl auf welche

man jemals Gelegenheit haben dürfte sie anzuwenden

    Dass ein Ding vollkommen glaublich sein kann ohne begreiflich geworden zu

sein und dass wir aus Gewohnheit die eine Seite einer Alternative glauben und

die andere begreifen können zeigt sich in dem Geisteszustande gebildeter

Menschen bezüglich des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs Alle gebildeten

Menschen wissen durch Forschung oder glauben auf die Autorität der Wissenschaft

hin dass sich die Erde bewegt und nicht die Sonne es gibt aber

wahrscheinlich nur wenige die das Phänomen aus Gewohnheit anders begreifen oder

sich vorstellen denn als den Auf und Untergang der Sonne Sicher kann das

andere nur nach langer Prüfung geschehen und ist wahrscheinlich jetzt nicht

leichter als zur Zeit des Copernicus Herr Spencer sagt nicht »Beim Anblick des

Sonnenaufgangs ist es unmöglich nicht zu begreifen dass es die Sonne ist die

sich bewegt daher ist es dies was jedermann glaubt und wir haben allen Beweis

dafür den wir für irgend eine Wahrheit haben können« Dies wäre indessen eine

genaue Parallele zu seiner Lehre von dem Glauben an die Materie.

    Die Existenz der Materie und anderer als von der Welt der Erscheinungen

unterschiedener Noumena bleibt wie vorher ein Gegenstand der Argumentation und

der sehr allgemeine aber weder notwendige noch universelle Glaube an sie

verbleibt als ein psychologisches Phänomen das entweder auf die Hypothese

seiner Wahrheit oder auf irgend eine andere Hypothese hin zu erklären ist Der

Glaube ist kein bündiger Beweis seiner eigenen Wahrheit es müsste denn keine

solche Dinge geben wie idola tribus aber als eine Tatsache fordert er die

Gegner auf zu zeigen aus was Anderem wenn nicht aus der realen Existenz des

geglaubten Dings ein so allgemeiner und augenscheinlich spontaner Glaube

entsprungen sein kann Und seine Gegner haben niemals gezögert die

Herausforderung anzunehmen Die Summe ihrer Erfolge bei diesem Zusammentreffen

wird wahrscheinlich den letzten Ausspruch der Philosophen über diese Frage

bestimmen

    

     4 Sir William Hamilton behauptet wie ich dass Unbegreiflichkeit kein

Kriterien der Unmöglichkeit ist »Es ist kein Grund eine gewisse Tatsache als

unmöglich zu folgern bloß wegen unserer Unfähigkeit deren Möglichkeit zu

begreifen« »Es gibt Dingewelche wahr sein können sogar müssen von denen

der Verstand ganz unfähig ist sich die Möglichkeit zu konstruieren«72 Sir

Hamilton glaubt indessen fest an den aprioristischen Charakter vieler Axiome und

der aus ihnen abgeleiteten Wissenschaften und er ist soweit entfernt diese

Axiome als auf dem Erfahrungsbeweis beruhend zu betrachten dass er einige

derselben sogar von Noumena  von dem Unbedingten  für wahr hält während es

einer der Hauptzwecke seiner Philosophie ist zu beweisen dass die Natur

unserer Fähigkeiten uns von einer Kenntnis derselben ausschließt Die Axiome

denen er diese ausnahmsweise Befreiung von den Grenzen welche alle unsere

anderen Möglichkeiten der Erkenntnis beschränken zuschreibt die Spalten

durch welche nach seiner Darstellung ein Lichtstrahl von hinter dem Vorhang der

uns die mysteriöse Welt der Dinge an sich verhüllt zu uns dringt  sind die

zwei Grundsätze welche er nach den Scholastikern den Grundsatz des

Widerspruchs und den Grundsatz des ausgeschlossenen Mittleren oder Dritten

nennt der erstere ist dass zwei kontradiktorische Urteile nicht zugleich wahr

sein können der andere dass sie nicht beide falsch sein können Mit diesen

logischen Waffen versehen können wir den Dingen an sich dreist gegenübertreten

und ihnen die doppelte Alternative anbieten wir sind sicher dass sie durchaus

die eine oder die andere Seite wählen müssen wenn es uns auch für immer versagt

ist zu entdecken welche Um sein Lieblingsbeispiel zu nehmen wir können nicht

die unendliche Teilbarkeit der Materie begreifen und wir können nicht ein

Minimum oder ein Ende der Teilbarkeit begreifen aber die eine oder die andere

muss wahr sein

    Da ich bisher nichts über die zwei fraglichen Axiome über das des

Widerspruchs und das des ausgeschlossenen Mittleren gesagt habe so ist es

nicht aus der Ordnung sie hier zu betrachten Das erstere behauptet dass ein

bejahendes Urteil und das entsprechende negative Urteil nicht zugleich wahr

sein können was man allgemein als intuitiv bewiesen annahm Sir William

Hamilton und die Deutschen betrachten es als die Angabe in Worten einer Form

oder eines Gesetzes unseres Denkvermögens Andere nicht weniger beachtenswerte

Philosophen halten es für ein identisches Urteil für eine in der Bedeutung der

Wörter enthaltene Behauptung für einen Modus die Negation oder das Wort Nicht

zu definieren

    

    Mit den letzteren kann ich einen Schritt weiter gehen Eine bejahende

Behauptung und deren verneinende sind nicht zwei unabhängige Behauptungen die

nur als gegenseitig unverträglich mit einander verknüpft sind Dass wenn das

Negative wahr ist das Affirmative falsch sein muss ist wirklich ein bloß

identisches Urteil denn das negative Urteil behauptet nichts als die

Falschheit des affirmativen und hat in keiner Weise einen andern Sinn oder

Bedeutung Das Principium contradictionis sollte daher die ehrgeizige

Phraseologie ablegen welche ihr das Ansehen einer die Natur durchdringenden

Antithese gibt und sollte daher in der einfacheren Form ausgesagt werden dass

dasselbe Urteil nicht zugleich wahr und falsch sein kann Weiter kann ich aber

mit den Nominalisten nicht gehen denn ich kann dieses letztere nicht als ein

bloß wörtliches Urteil betrachten ich betrachte es wie andere Axiome als eine

unserer ersten und geläufigsten Generalisation aus der ErfahrungDie Bedeutung

desselben ist nach mir dass Glaube und Unglaube zwei verschiedene

Geisteszustände sind die einander ausschließen Dies erkennen wir aus der

einfachsten Beobachtung unseres eigenen Geistes Und wenn wir unsere Beobachtung

nach außen tragen so finden wir auch dass Licht und Finsternis Schall und

Stille Bewegung und Ruhe Gleichheit und Ungleichheit Vorausgehendes und

Folgendes Succesion und Gleichzeitigkeit irgend ein positives Phänomen und

dessen negatives Verschiedene scharf kontrastierte Phänomene sind und dass das

eine immer abwesend wenn das andere gegenwärtig ist Ich betrachte den

fraglichen Grundsatz als eine Generalisation aus allen diesen Tatsachen

    So wie der Grundsatz des Widerspruchs dass einer von zwei Gegensätzen

falsch sein muss bedeutet dass eine Behauptung nicht beides wahr und falsch

sein kann so bedeutet der Grundsatz des ausgeschlossenen Mittleren oder dass

einer von zwei Gegensätzen wahr sein muss dass eine Behauptung eines von beiden

 dass sie entweder wahr oder falsch sein muss entweder die affirmative ist

wahr oder aber die negative ist wahr was soviel heißt als dass die

affirmative falsch ist Ich kann nicht umhin diesen Grundsatz für eine

überraschende Probe einer sogenannten Gedankennotwendigkeit zu halten da er

nicht einmal wahr ist es sei denn mit einer bedeutenden Beschränkung Ein

Urteil muss entweder wahr oder falsch sein, vorausgesetzt das Prädikat sei so

dass es dem Subjekt in einem verständlichen Sinne beigelegt werden kann und da

dies in Abhandlungen über Logik immer so angenommen wird so wird das Axiom

immer daselbst als eine absolute Wahrheit aufgestellt »Abrakadabra ist eine

zweite Intention« ist weder wahr noch falsch Zwischen dem wahren und dem

falschen steht hier eine dritte Möglichkeit das Bedeutungslose und diese

Alternative wird verhängnisvoll für Sir Williams Ausdehnung des Grundsatzes

auf Noumena Dass die Materie entweder ein Minimum von Teilbarkeit besitzen

oder dass sie abendlich teilbar sein muss ist mehr als wir jemals wissen

können Denn erstens mag die Materie in einem anderen als dem phänomenalen Sinne

des Worte vielleicht gar nicht existieren und man wird kaum sagen eine

Nonentität sei unendlich oder endlich theilbar73 Zweitens obgleich die

Materie, als die verborgene Ursache unserer Sensationen betrachtet existieren

mag so kann dennoch das was wir Teilbarkeit nennen nur ein Attribut unserer

Sensationen des Gesichts und des Getastes und nicht ihrer unerkennbaren Ursache

sein Teilbarkeit ist vielleicht von den Dingen an sich und daher von der

Materie an sich in einem verständlichen Sinne gar nicht aussagbar und die

angenommene Notwendigkeit dass sie entweder unendlich oder endlich teilbar

sei ist vielleicht eine unbrauchbare unanwendbare Alternative

    Ich muss hier dieses supplementäre Kapitel schließen und mit ihm das zweite

Buch Die Theorie der Induktion in dem umfassendsten Sinne des Worts wird den

Gegenstand des dritten Buches bilden

 
 



                                 Drittes Buch



                               Von der Induktion



            »Nach der eben auseinandergesetzten Lehre ist es der höchste oder

            vielmehr der einzige Gegenstand der Physik jene feststehende

            Verbindung von sukzessiven Begebenheiten zu bestimmenwelche die

            Ordnung des Weltalls ausmachen die Erscheinungenwelche sie

            unseren Beobachtungen darbieten oder welche sie unseren

            Experimenten erschließen aufzuzeichnen und diese Erscheinungen

            auf ihre allgemeinen Gesetze zurückzuführen«  D Sewart Elements

            of the Philosophy of the Human Mind vol II c IV

 
 



                                



     1 Der Teil unserer Untersuchung den wir jetzt beginnen kann als der

wichtigste von allen betrachtet werden, sowohl weil er alle anderen Theile an

Schwierigkeiten übertrifft als auch besonders deshalb weil er sich auf ein

Verfahren bezieht von dem in dem vorhergehenden Buch gezeigt worden ist, dass

in ihm die Erforschung der Natur wesentlich besteht Wir haben gefunden dass

eine jede Folgerung und folglich auch ein jeder Beweis dass eine jede

Entdeckung von Wahrheiten die nicht selbstverständlich sind in nichts Anderem

als in Induktionen und in der Deutung derselben besteht dass all unser Wissen,

welches nicht unmittelbar aus der Anschauung hervorgeht ausschließlich von

dieser Quelle kommt Was Induktion ist und welches die Bedingungen sind welche

deren Gültigkeit begründen ist daher die erste die wichtigste Frage der Logik,

eine Frage welche alle anderen einschließt obgleich sie auffallender Weise in

den Schriften der Logiker von Fach gänzlich übergangen worden ist. Die

Metaphysiker haben zwar den Gegenstand im allgemeinen behandelt da sie aber

nicht eine hinreichende Kenntnis der Prozesse besaßen durch welche die

Wissenschaft in unseren Tagen zur Feststellung allgemeiner Wahrheiten gelangt

ist so war ihre wenn auch richtige Analyse des induktiven Verfahrens nicht

genug spezifisch um eine Grundlage praktischer Regeln abgeben zu können die in

Beziehung auf Induktion selbst das wären was die Regeln des Syllogismus für die

Deutung der Induktion sind Von der andern Seite haben diejenigenwelche die

physikalischen Wissenschaften zu ihrem jetzigen hohen Standpunkte erhoben und

welche um eine vollständige Theorie des Verfahrens aufzustellen nur hätten

generalisieren und die Methoden nach welchen sie bei ihren Forschungen

verfuhren auf eine Mannigfaltigkeit von Problemen hätten anwenden dürfen  nur

spät ernstlich versucht über den Gegenstand zu philosophieren und die Art und

Weise wie sie zu ihren Schlüssen gelangten auch unabhängig von diesen

Schlüssen selbst als einen würdigen Gegenstand des Studiums zu betrachten

    

     2 Zu dem Zwecke der vorliegenden Untersuchung kann man die Induktion

definieren als das Verfahren durch welches man allgemeine Urteile Sätze

entdeckt und beweist Es ist wahr das Verfahren wodurch wir einzelne

Tatsachen erforschen ist eben so induktiv als dasjenige durch welches wir zu

allgemeinen Wahrheiten gelangen Es ist dies indessen keine besondere Art von

Induktion es ist nur eine andere Form desselben Verfahrens denn von der einen

Seite ist das Allgemeine nur die Summe des Besondern das der Art nach bestimmt

aber der Zahl nach unbestimmt ist und von der andern Seite muss wenn der

Beweis welchen wir aus der Beobachtung bekannter Fälle ableiten uns erlaubt

einen Schluss auf nur einen einzigen uns unbekannten Fall zu ziehen es uns

erlaubt sein einen Schluss auf eine ganze Klasse von Fällen zu ziehen Der

Schluss ist entweder ganz ungültig oder er gilt für alle Fälle einer gewissen

Art für alle Fälle welche in gewisser bestimmbarer Hinsicht demjenigen

gleichen welchen wir beobachtet haben

    Wenn diese Bemerkungen richtig sind wenn die Prinzipien und Regeln des

Schließens dieselben sind wir mögen allgemeine Urteile oder besondere

Tatsachen folgern so folgt daraus dass eine vollständige Logik der

Wissenschaften zugleich eine vollständige Logik der praktischen Geschäfte und

des gemeinen Lebens sein wird Da es keine rechtmäßige Folgerung aus der

Erfahrung gibt in welcher der Schluss nicht rechtmäßigerweise ein allgemeines

Urteil sein könnte so ist eine Analyse des Verfahrens durch welches wir zu

allgemeinen Wahrheiten gelangen dem Wesen nach eine Analyse aller Induktion

Wir mögen ein wissenschaftliches Prinzip oder eine besondere Tatsache

erforschen wir mögen experimentell oder syllogistisch verfahren eine jede

Stufe in der Schlussreihe ist induktiv und die Rechtmäßigkeit der Induktion

hängt in beiden Fällen von denselben Bedingungen ab

    Es ist wahr dass in praktischen Fällen wo es darauf ankommt Tatsachen

nicht zu wissenschaftlichen sondern zu Geschäftszwecken zu beweisen die

Hauptschwierigkeit von der Art ist dass man keine Hülfe von den Prinzipien der

Induktion zu erwarten hat in diesem Falle befindet sich zB der Advokat oder

der Richter Die Schwierigkeit besteht für den Letztem nicht darin dass er eine

Induktion zu machen sondern darin dass er sie zu wählen hat dass er aus allen

als wahr erkannten allgemeinen Sätzen diejenigen zu wählen hat welche ihm

Merkmale für den Beweis liefern ob das gegebene Subjekt die in Rede stehenden

Prädikate besitzt oder nicht Wenn der Advokat vor einem Geschworenengericht über

eine zweifelhafte Tatsache streitet so sind die allgemeinen Urteile und

Prinzipien auf welche er sich beruft an und für sich ganz alltäglich und

werden zugegeben sobald sie nur angeführt werden seine Geschicklichkeit

besteht darin, seinen Fall diesen Sätzen oder Prinzipien anzupassen an

diejenigen bekannten oder anerkannten Wahrscheinlichkeitsgrundsätze zu erinnern

welche eine Anwendung auf den verhandelten Fall zulassen und unter allen

diejenigen zu wählen welche dem Gegenstand am meisten angepasst sind Der

Erfolg ist hier abhängig von dem natürlichen oder erworbenen Scharfsinn

unterstützt von der Kenntnis des besonderen Gegenstandes und von Gegenständen,

die damit verbunden sind. Die Erfindungsgabe kann zwar geübt aber niemals auf

Kegeln zurückgeführt werden es gibt keine Wissenschaft die den Menschen in

den Stand setzen könnte an das zu denken was seinen Zwecken angemessen ist

    Aber wenn er gedacht hat so kann ihm die Wissenschaft sagen ob das was er

gedacht hat seinem Zwecke entsprechen wird oder nicht Der Forscher wie der

Polemiker muss durch seine eigenen Kenntnisse und Scharfsinn in der Wahl der

Induktionen aus denen er sein Argument konstruieren will geleitet werden aber

die Gültigkeit des konstruierten Arguments hängt von Grundsätzen ab und muss

durch Mittel geprüft werden können, die für alle Arten von Untersuchungen

dieselben sind das Resultat sei nun dass A einen Prozess gewinne oder dass

die Wissenschaft mit einer allgemeinen Wahrheit bereichert werde In dem einen

und dem andern Falle müssen die Sinne oder Zeugnis über die Richtigkeit der

einzelnen Tatsachen entscheiden die Regeln des Syllogismus werden entscheiden

ob bei der Voraussetzung, diese Tatsachen seien richtig der Fall wirklich

unter die verschiedenen Induktionsformeln fällt unter welche er sukzessive

gebracht wurde und zuletzt muss die Rechtmäßigkeit der Induktionen selbst

durch andere Regeln entschieden werden und diese zu untersuchen ist unser Ziel

Wenn dieser dritte Teil des Verfahrens in manchen Fragen des praktischen Lebens

nicht der mehr sondern der weniger mühsame Teil ist so ist dies auch der Fall

in manchen großen Zweigen der Wissenschaft, in allen Zweigen die hauptsächlich

deduktiv sind und besonders in der Mathematik, wo die Zahl der Induktionen

selbst so gering ist wo die letzteren so einleuchtend und elementar sind dass

es scheint als bedürften sie des Erfahrungsbeweises gar nicht während der

höchste Grad menschlicher Erfindungsgabe erforderlich ist um sie so zu

kombinieren dass ein gegebener Lehrsatz bewiesen oder ein Problem gelöst werde

    Wenn die Identität des logischen Verfahrens durch welches wir einzelne

Tatsachen beweisen mit dem Verfahren wodurch allgemeine wissenschaftliche

Wahrheiten aufgestellt werten eines weitern Beweises bedürfte so wäre es

hinreichend zu beachten dass in manchen Zweigen der Wissenschaft einzelne

Tatsachen eben so gut bewiesen werden müssen als Prinzipien und zwar

Tatsachen welche gerade so individuell sind als nur irgend eine Tatsache,

worüber in einem Gerichtshofe gestritten wird die jedoch auf dieselbe Weise

wie die anderen Wahrheiten der Wissenschaft, und ohne die Gleichartigkeit ihrer

Methode zu beeinträchtigen bewiesen werden. Ein bemerkenswertes Beispiel davon

bietet die Astronomie Die einzelnen Tatsachen worauf diese Wissenschaft ihre

wichtigsten Deduktionen gründet wie die Größe der Körper unsere

Sonnensystems ihre Entfernung von einander, die Gestalt und Rotation der Erde

sind der direkten Beobachtung nicht zugänglich sie sind indirekt durch Hülfe

von Induktionen bewiesen worden welche sich auf andere Tatsachen stützen zu

denen wir besser gelangen können Die Entfernung des Mondes von der Erde zB

wurde durch ein sehr umständliches Verfahren gefunden Der Antheil welchen die

direkte Beobachtung daran nahm bestand in der Bestimmung der Zenitdistanz des

Mondes in einer und derselben Zeit an zwei sehr weit von einander entfernten

Punkten der Erde Aus der Bestimmung dieser Winkeldistanzen ergaben sich ihre

Supplemente und da der Winkel am Erdmittelpunkt dessen gegenüberliegende Seite

die Entfernung der beiden Beobachtungsorte war durch sphärische Trigonometrie

aus Länge und Breite dieser Orte sich berechnen ließ so wurde der Winkel an

dem Monde dessen gegenüberliegende Seite dieselbe Entfernung der Orte der

Beobachtung war der vierte Winkel eines Vierecks wovon drei Winkel und

folglich auch der vierte bekannt waren Da die vier Winkel auf diese Weise

bestimmt und zwei Seiten des Vierecks Erdhalbmesser waren so konnten die zwei

übrigen Seiten und die Diagonale oder mit anderen Worten, die Entfernung des

Mondes vom Erdmittelpunkt und den zwei Orten der Beobachtung nach elementaren

geometrischen Lehrsätzen gefunden oder wenigstens in Erdhalbmessern ausgedrückt

werden. In dieser Demonstration begegnen wir bei jedem Schritte einer neuen

Induktion die Summe ihrer Resultate wird durch einen allgemeinen Satz

repräsentiert

    Nicht allein dass das Verfahren durch welches eine einzelne astronomische

Tatsache auf diese Weise bestimmt wurde ganz demjenigen gleicht durch welches

dieselbe Wissenschaft zu ihren allgemeinen Wahrheiten gelangt sondern es hätte

auch ein allgemeines Urteil statt einer einzelnen Tatsache gefolgert werden

können. Strenge genommen ist in der That das Resultat des Schließens ein

allgemeines Urteil ein Lehrsatz in Beziehung auf die Entfernung nicht des

Mondes insbesondere sondern irgend eines unzugänglichen Gegenstandes welcher

zeigt in welchem Verhältnis diese Entfernung zu gewissen anderen Größen

steht Obgleich der Mond fast der einzige Himmelskörper ist dessen Entfernung

von der Erde auf diese Weise bestimmt werden kann, so ist dies bloß dem Zufalle

zuzuschreiben dass sich die anderen Himmelskörper in Verhältnissen befinden

welche sie verhindern die für die Anwendung des Lehrsatzes erforderlichen Data

zu liefern der Lehrsatz selbst gilt für sie so gut wie für den Mond74

    Wir werden also indem wir die Induktion abhandeln in keinen Irrtum

geraten wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Feststellung allgemeiner

Urteile beschränken Die Prinzipien und Regeln der Induktion die auf dieses

Ziel gerichtet ist sind auch die Prinzipien und Regeln der Induktion überhaupt

und die Logik der Wissenschaft ist die allgemeine auf eine jede Art von

Untersuchung womit sich der Mensch beschäftigen mag anwendbare Logik

 
 






     1 Induktion ist also diejenige Verstandesoperation durch welche wir

schließen dass dasjenige was für einen besonderen Fall oder Fälle wahr ist

auch in allen Fällen wahr sein wird welche jenem in irgend einer nachweisbaren

Beziehung ähnlich sind Mit anderen Worten, Induktion ist das Verfahren wonach

wir schließen dass was von gewissen Individuen einer Klasse wahr ist auch für

die ganze Klasse wahr ist oder dass was zu gewissen Zeiten wahr ist unter

ähnlichen Umständen zu allen Zeiten wahr sein wird

    Diese Definition schließt von der Bedeutung des Wortes Induktion

verschiedene logische Verrichtungen aus denen man nicht ungewöhnlich diesen

Namen beilegt

    Die Induktion ist nach der obigen Definition ein Folgern sie geht vom

Bekannten zum Unbekannten über und ein jedes Verfahren das keine Folgerung

involviert ein jeder Prozess in welchem das was sich als der Schluss

darstellt nicht erweiterter erscheint als die Prämissen, woraus er gezogen

ist fällt nicht innerhalb der Bedeutung des Ausdrucks In den gewöhnlichen

Werken über Logik ist dies indessen als die einzige ganz vollkommene Form der

Induktion angegeben In diesen Werken wird ein jedes Verfahren das von einem

weniger allgemeinen Ausdruck ausgeht und in einem allgemeineren endigt  was in

folgender Form ausgedrückt werden kann: »Dieses und jenes A ist B daher ist

jedes AB«  eine Induktion genannt es mag etwas wirklich gefolgert sein oder

nicht und die Induktion wird als nicht vollkommen erachtet wenn nicht jedes

einzelne Individuum der Klasse A in dem Antezedens oder der Prämisse

eingeschlossen ist dh wenn wir nicht von der ganzen Klasse aussagen was wir

bereits von einem jeden Individuum derselben behauptet haben so dass der

angebliche Schluss in der That kein Schluss sondern nur eine Wiederholung der

Prämissen ist Wenn wir nach der Beobachtung eines jeden einzelnen Planeten

sagten alle Planeten sind durch das Licht der Sonne leuchtend oder alle

Apostel waren Juden weil dies von Petrus Paulus Johannes und jedem einzelnen

Apostel wahr ist so wird dieses und Ähnliches in der in Rede stehenden

Terminologie eine vollkommene ja die einzige vollkommene Induktion genannt Es

ist dies jedoch eine von der unsrigen ganz verschiedene Induktion es ist kein

Schließen von bekannten Tatsachen auf unbekannte sondern ein Verzeichnis in

einer Geschwindschrift von bekannten Tatsachen Die angeführten zwei fingierten

Argumente sind keine Generalisationen die Urteile welche besagen dass sie

Schlüsse daraus sind sind in Wirklichkeit keine allgemeinen Urteile Ein

allgemeines Urteil ist dasjenige in welchem das Prädikat von einer

unbegrenzten Anzahl von Individuen bejaht oder verneint wird von Allen nämlich

ob wenige oder viele existierend oder fähig zu existieren welche die in dem

Subjekt des Urteils inbegriffenen Eigenschaften besitzen »Alle Menschen sind

sterblich« bedeutet nicht alle jetzt lebenden sondern alle vergangenen

gegenwärtigen und zukünftigen Menschen Wenn die Bedeutung des Ausdrucks so

beschränkt wird dass er als ein Name nicht für irgend eines und ein jedes

Individuum auf das eine gewisse allgemeine Beschreibung passt sondern nur als

ein Name für ein jedes Individuum einer Anzahl von Individuen erscheint die als

solche bezeichnet und gleichsam abgezählt sind so ist das Urteil zwar der

Sprache nach ein allgemeines in Wirklichkeit aber nichts als eine Anzahl

besonderer in abgekürzter Sprache geschriebener Urteile Dieses Verfahren mag

wie die meisten Formen abgekürzter Schreibart nützlich sein aber an der

Erforschung der Wahrheit hat es keinen Antheil obgleich es oft das Material

dazu bereiten hilft

    Sowie wir eine bestimmte Anzahl von Einzelurteilen zu einem scheinbar aber

nicht wirklich allgemeinen Urteil summieren können so können wir eine bestimmte

Anzahl von allgemeinen Urteilen zu einem Urteil summieren das scheinbar aber

nicht wirklich allgemeiner ist Wenn durch eine auf eine jede unterschiedene

Tierspecies angewandte besondere Induktion festgestellt worden ist, dass eine

jede Tierspecies ein Nervensystem besitzt und wenn wir darauf hin affirmieren

dass alle Tiere ein Nervensystem haben so sieht dies wie eine Generalisation

aus obgleich es uns nichts zu sagen scheint was wir nicht bereits wussten da

der Schluss nur von allen behauptet was schon von einem jeden einzelnen

behauptet worden war Ein Unterschied ist übrigens zu machen Wenn wir

schließen dass alle Tiere ein Nervensystem haben und wir gerade soviel damit

meinen als ob wir gesagt hätten »alle bekannten Tiere« so ist das Urteil

kein allgemeines und das Verfahren wodurch man dazu gelangte ist keine

Induktion Wenn es aber unsere Meinung ist dass die bei den verschiedenen

Tierspecies gemachten Beobachtungen uns ein Gesetz der tierischen Natur

enthüllt haben und dass wir im Stande sind zu sagen dass sich auch bei noch

nicht entdeckten Tieren ein Nervensystem finden wird so ist dies in der That

eine Induktion aber in diesem Fall enthält das allgemeine Urteil mehr als die

Summe der speziellen Urteile woraus es gefolgert ist Der Unterschied zeigt

sich noch stärker wenn wir betrachten dass wenn diese wirkliche Generalisation

überhaupt gültig ist ihre Gültigkeit wahrscheinlich nicht erfordert dass wir

eine jede bekannte Species ohne Ausnahme untersucht haben Es ist die Anzahl und

die Natur der Fälle nicht dass sie das Ganze der uns bekannten Fälle

vorstellen was sie zu einem genügenden Beweis eines allgemeinen Gesetzes macht

während die beschränktere Behauptung welche bei allen bekannten Tieren stehen

bleibt nur gemacht werden kann, wenn wir sie bei einer jeden Species streng

geprüft haben In ähnlicher Weise um zu unserem früheren Beispiel

zurückzukehren hätten wir folgern können nicht dass alle die Planeten sondern

dass alle Planeten durch reflektiertes Licht leuchten das letztere ist eine

Induktion und zwar eine schlechte da sie durch den Fall von Doppelsternen  von

selbst leuchtenden Körpern die eigentlich Planeten sind indem sie sich um

einen Mittelpunkt drehen  widerlegt wird

    

     2 Ein anderes Verfahren welches von der Induktion wohl zu unterscheiden

ist das aber von Mathematikern häufig Induktion genannt wird gleicht derselben

insofern als das Urteil, zu welchem es führt in der That ein allgemeines ist

Wenn wir zB in Beziehung auf den Kreis bewiesen haben dass eine gerade Linie

ihn nur in zwei Punkten schneiden kann und wenn dies sukzessive von der

Ellipse von der Parabel und Hyperbel bewiesen worden ist, so kann es als eine

allgemeine Eigenschaft der Kegelschnitte aufgestellt werden Die bei den zwei

früheren Beispielen gezogene Unterscheidung kann hier nicht Raum finden denn da

ein Kegel nachweisbar nur in einer dieser vier Linien geschnitten werden kann,

so ist kein Unterschied vorhanden zwischen allen bekannten Kegelschnitten und

allen Kegelschnitten Da für eine über dasselbe hinausgehende Generalisation

kein Raum ist so kann man dem gewonnenen Urteil den Namen einer Generalisation

nicht versagen es liegt aber keine Induktion darin da keine Folgerung darin

liegt der Schluss ist ein bloßes Summieren von dem was in den verschiedenen

Urteilen aus denen er gezogen wurde behauptet worden war Ein wenn auch

nicht ganz ähnlicher Fall ist der Beweis eines geometrischen Lehrsatzes

vermittelst einer Figur Die Figur sei auf dem Papier oder nur in unserer

Phantasie so beweist wie S 228 bemerkt die Demonstration nicht unmittelbar

den allgemeinen Lehrsatz sie beweist nur dass der Schluss welcher in dem

Lehrsatz ausgedrückt ist für das in der Figur dargestellte besondere Dreieck

oder Kreis wahr istindem wir jedoch wahrnehmen dass in derselben Weise als

wir es von jenem Kreise bewiesen haben es von jedem andern Kreise bewiesen

werden kann: so fassen wir alle diese so zu beweisenden besonderen Sätze in

einen allgemeinen Ausdruck zusammen und vereinigen sie in einem allgemeinen

Satze Nachdem wir bewiesen haben dass die drei Winkel des Dreiecks A B C

gleich zwei Rechten sind so schließen wir dass dies von jedem andern Dreiecke

gilt nicht weil es von A B C wahr istsondern aus dem Grunde durch welchen

wir bewiesen haben dass es von AB C wahr ist Wenn man dies Induktion nennen

wollte so wäre Induktion durch Gleichheit des Schließens eine geeignete

Bezeichnung dafür Es fehlt hier jedoch ganz die charakteristische Eigenschaft

der Induktion indem die erhaltene Wahrheit obgleich sie wirklich eine

allgemeine ist nicht einzelner bewiesener Fälle wegen geglaubt wird Dass alle

Dreiecke diese Eigenschaft besitzen schließen wir nicht daraus dass einige

sie besitzen sondern wir schließen es des anderweitigen demonstrativen

Beweises wegen welcher der Grund unserer Überzeugung in den einzelnen Fällen

war

    Es gibt indessen in der Mathematik einige Beispiele von sogenannter

Induktion worin der Schluss in der That den Anschein einer Generalisation hat

welche sich auf einige besondere in ihr eingeschlossene Fälle gründet Wenn ein

Mathematiker durch die Berechnung einer hinreichenden Anzahl von Gliedern einer

Reihe das bestimmt hat was er das Gesetz der Reihe nennt so nimmt er keinen

Anstand mehr die Reihe um eine willkürliche Anzahl von Gliedern fortzuführen

ohne die Berechnung zu wiederholen Ich glaube indessen dass er dies nur auf

den Grund einer Betrachtung a priori hin tut welche in der Form einer

Demonstration dargelegt werden könnte aus welcher klar hervorgeht dass die

Bildungsweise der folgenden Glieder eines jeden aus dem vorhergehenden der

Bildungsweise der berechneten Glieder ähnlich sein muss Wenn der Versuch ohne

die Bestätigung dieser allgemeinen Betrachtungen gewagt worden ist, so hat er

wie nicht vergessene Beispiele zeigen zu falschen Resultaten geführt

    Man sagt dass Newton den binomischen Lehrsatz durch Induktion entdeckt hat

indem er ein Binom sukzessive zu einer gewissen Anzahl von Potenzen erhob und

dieselben so lange mit einander verglich bis er das Verhältnis in welchem die

algebraische Form einer jeden Potenz zu dem Exponent dieser Potenz und den zwei

Größen des Binoms steht entdeckte Diese Tatsache ist nicht unwahrscheinlich

aber ein Geist wie der Newtons welcher sprungweise zu den Prinzipien und

Schlüssen gelangte welche gewöhnliche Mathematiker nur schrittweise erreichen

konnte gewiss die fragliche Vergleichung nicht unternommen haben ohne darin

durch einen aprioristischen Grund des Gesetzes geleitet zu sein denn es kann

Keinem der die Natur der Multiplikation hinreichend versteht und der einige

Linien oder Symbole wiederholt miteinander multipliziert entgehen dass die

Coefficienten von den Gesetzen der Permutationen und Kombinationen abhängig

sind sobald aber dies erkannt istist der Lehrsatz bewiesen Wenn es einmal

ersichtlich war dass das Gesetz bei einigen niederen Potenzen vorhanden war so

ergaben sich aus seiner Identität mit dem Gesetze der Permutationen die

Betrachtungen welche beweisen dass es allgemein gültig ist Es sind dies also

Beispiele von dem was ich Induktion durch Gleichheit des Schließens genannt

habe dh keine wirklichen Induktionen da sie keine Folgerung eines

allgemeinen Satzes aus besonderen Fällen umfassen

    

     3 Es bleibt nun noch ein dritter unrichtiger Gebrauch des Wortes

Induktion zu berichtigen durch welchen die Theorie der Induktion bis zu einem

ungewöhnlichen Grade verwirrt worden ist. Der Irrtum besteht darin, dass man

die Beschreibung einer Anzahl von beobachteten Erscheinungen mit einer Induktion

daraus verwechselt hat

    Nehmen wir an ein Phänomen bestände aus Teilen und diese Theile könnten

nur einzeln und sozusagen stückweise beobachtet werden Nachdem die

Beobachtungen gemacht worden sind, kann eine Darstellung des ganzen Phänomens

erhalten werden wenn man die einzelnen Fragmente miteinander verbindet Wenn

ein Schiffer mitten auf dem Ozean segelnd ein Land entdeckt so kann er nach

einer Beobachtung nicht sagen ob es ein Festland oder eine Insel ist wenn er

aber der Küste entlang fährt und nach einigen Tagen findet dass er dasselbe

umschifft hat so nennt er es nun eine Insel Er bestimmte diese Tatsache durch

eine Reihe von besonderen Beobachtungen und wählte dann einen allgemeinen

Ausdruck der in zwei oder drei Worten Alles umfasst was er beobachtet hatte

Liegt aber in diesem Verfahren etwas von der Natur der Induktion Folgerte er

aus dem Beobachteten etwas was er nicht beobachtet hatte Gewiss nicht Dass

das Land eine Insel istist keine Folgerung aus den einzelnen Tatsachen

welche der Schiffer im Verlaufe seiner Schifffahrt beobachtete es sind die

Tatsachen selbst summarisch zusammengefasst es ist die Beschreibung einer

komplexen Tatsache deren einzelne Theile jene einfache Tatsachen sind

    Der Art nach ist nun kein Unterschied zwischen diesem Verfahren und

demjenigen durch welches Kepler die Bahnen der Planeten bestimmte alles was

in Keplers Verfahren charakteristisches lag war daher ebensowenig induktiv

als das Verfahren unseres Schiffers

    Die Absicht Keplers war die wirkliche Bahn welche die Planeten oder

nehmen wir an welche Mars beschreibt denn in Beziehung auf diesen Körper

stellte er zuerst die drei großen astronomischen Wahrheiten auf welche seinen

Namen tragen zu bestimmen. Es gab hierzu kein anderes Mittel als die direkte

Beobachtungund der ganze Antheil welchen diese dabei haben konnte war mit

ihrer Hülfe eine große Anzahl von Orten oder vielmehr von scheinbaren Orten

des Planeten zu bestimmen. Dass der Planet sukzessive alle diese Stellungen

einnahm oder auf alle Fälle Stellungen welche denselben Eindruck auf das Auge

hervorbrachten und zwar ohne eine sichtliche Unterbrechung des Zusammenhangs

dies Alles konnten die Sinne mit Hülfe geeigneter Instrumente erforschen

Kepler that nun mehr als dies indem er zusah welche Kurve diese verschiedenen

Punkte bilden würden wenn er sie alle miteinander vereinigte Er drückte die

ganze Reihe der beobachteten Orte des Mars durch das aus was Herr Whewell die

allgemeine Conception einer Ellipse genannt hat Dieses Verfahren war bei Weitem

nicht so leicht als das des Schiffers welcher die Reihe der beobachteten

Punkte der Küste durch eine allgemeine Vorstellung einer Insel ausdrückte es

ist jedoch dasselbe Verfahren und wenn das Eine keine Induktion sondern eine

Beschreibung ist so muss es auch das Andere sein

    Um Missverständnisse zu vermeiden muss bemerkt werden dass Kepler in

gewisser Hinsicht eine wirkliche Induktion vollführte indem er nämlich schloss

dass weil die beobachteten Orte des Mars durch Punkte einer imaginären Ellipse

richtig repräsentiert wurden der Planet sich fortwährend in dieser Ellipse

bewegt ebenso indem er schloss dass der Ort des Planeten während der Zeit

welche zwischen zwei Beobachtungen verstrich die dazwischenliegenden Punkte der

Kurve decken musste Dies waren Tatsachen die nicht direkt beobachtet worden

waren es waren Folgerungen aus der Beobachtung; gefolgerte und von den

gesehenen unterschiedene Tatsachen Aber diese Folgerungen waren weit entfernt

ein Teil von Keplers philosophischer Operation zu sein da sie gemacht waren

lange bevor derselbe geboren war Den Astronomen war es lange bekannt dass die

Planeten periodisch zu denselben Orten zurückkehren Nachdem dieses bestimmt

worden war blieb Kepler keine Induktion zu machen übrig und er machte auch

keine weitere Induktion er wendete bloß seine neue Vorstellung auf die

gefolgerten Tatsachen an wie er sie auf die beobachteten anwandte Da er

bereits wusste dass sich die Planeten fortwährend in denselben Bahnen bewegen

so wusste er als er fand dass eine Ellipse die vergangene Bahn darstellte

dass sie auch die zukünftige Bahn repräsentiert Indem er einen kurzen Ausdruck

für die eine Reihe von Tatsachen fand fand er auch einen für die andere Reihe

aber er fand nur den Ausdruck nicht die Folgerung auch erhöhte er nicht das

Vermögen der Vorhersagung wie man es bereits besaß was die wahre Probe für

eine allgemeine Wahrheit ist

    

     4 Das deskriptive Verfahren wodurch eine Anzahl von Einzelheiten in

einen summarischen Ausdruck zusammengefasst wird ist von Hrn Whewell mit dem

passenden Ausdrucke einer »Colligation eines Zusammenbindens oder einer

Verbindungvon Tatsachen« bezeichnet worden Den meisten seiner Bemerkungen

über diesen geistigen Prozess stimme ich vollkommen bei und würde die

betreffenden Stellen seines Buches gern hier aufnehmen ich glaube nur dass er

in einem Irrtum befangen ist wenn er der alten und angenommenen Bedeutung des

Ausdrucks entgegen denselben als den Typus des induktiven Verfahrens hinstellt

und in seinem ganzen Werke die Prinzipien einfacher Colligation als Prinzipien

der Induktion darstellt

    Herr Whewell behauptet dass das allgemeine Urteil welches die einzelnen

Tatsachen zusammenbindet und sie gleichsam zu einer Tatsache macht nicht die

einfache Summe dieser Tatsachen sondern etwas mehr ist da eine Vorstellung

des Verstandes, die nicht in den Tatsachen selbst liegt hineingelegt ist »Die

einzelnen Tatsachen« sagt er »sind nicht bloß vereinigt sondern es ist der

Kombination ein neues Element durch den Akt des Denkens, wodurch sie kombiniert

werden hinzugefügt worden Wenn die Griechen nachdem sie lange die Bewegung

der Planeten beobachtet hatten sahen dass diese Bewegungen betrachtet werden

konnten als durch die Bewegung eines Rades an der Innenseite eines andern Rades

hervorgebracht so waren diese Räder Schöpfungen ihres Geistes die sie den

durch die Sinne wahrgenommenen Tatsachen hinzufügten Aber sogar wenn diese

Räder nicht mehr als materiell angenommen sondern auf geometrische Kugeln und

Kreise reduziert würden so waren sie nichtsdestoweniger Produkte des Geistes 

etwas den beobachteten Tatsachen hinzugefügtes Dasselbe ist der Fall bei allen

unseren Entdeckungen Die Tatsachen sind bekannt aber sie sind so lange

vereinzelt und unverbunden bis der Entdecker aus seinen eigenen Mitteln das

Prinzip des Zusammenhangs liefert Die Perlen sind da aber erst wenn man sie

geschickt mit einer Schnür versieht werden sie zusammenhängen«

    Es sei zuerst bemerkt dass Dr Whewell in dieser Stelle Beispiele von zwei

Prozessen untereinander wirft die ich mich zu trennen bemühte Als die Griechen

die Voraussetzung die Bewegung der Planeten werde durch die Rotation

materieller Räder verursacht aufgaben und auf die Idee von »bloß geometrischer

Kugeln und Kreisen« verfielen dalag in dieser Meinungsänderung etwas mehr als

die bloße Substitution einer ideellen Kurve für eine physikalische es war die

Aufgabe einer Theorie und die Ersetzung derselben durch eine bloße

Beschreibung Niemand würde es einfallen die Lehre von materiellen Rädern eine

bloße Beschreibung zu nennen sie war ein Versuch die Kraft nachzuweisen

welche auf die Planeten wirkte und sie zwang ihre Bahnen einzuhalten Aber als

man den großen Schritt in der Philosophie vorwärts that als man die

materiellen Räder fallen ließ und nur die geometrischen Formen beibehielt da

wurde damit der Versuch die Bewegungen zu erklären aufgegeben und was von der

Theorie übrig blieb war eine bloße Beschreibung der Bahnen Die Behauptung,

die Planeten würden durch Räder herumgetragen die sich an der Innenseite

anderer Räder bewegen machte dem Satze Platz dass sie sich in Linien bewegen

welche durch so herumgetragene Körper beschrieben werden würden was nur ein

Modus war die Summe der beobachteten Tatsachen darzustellen sowie ja auch

dieselben Tatsachen durch Kepler in einer andern und bessern Weise dargestellt

wurden

    Dass sowohl für diese einfachen beschreibenden Operationen als auch für die

irrtümlich induktiven eine Conception des Geistes erforderlich war ist wahr

die Vorstellung von einer Ellipse muss sich dem Geiste Keplers dargeboten

haben ehe er die Planetenbahnen mit ihr identifizieren konnte Nach Dr Whewell

war die Vorstellung etwas den Tatsachen hinzugefügtes er drückt sich so aus

als ob Kepler durch die Art und Weise wie er sie sich vorstellte etwas in die

Tatsachen hineingelegt habe Dies war nicht der Fall die Ellipse war in den

Tatsachen, ehe sie Kepler erkannte sowie die Insel eine Insel war ehe sie

umsegelt worden war was sich Kepler vorstellte legte er nicht in die

Tatsachen, sondern er sah es in ihnen Eine Vorstellung begreift ein ihr

entsprechendes Vorgestellte ein und obgleich die Vorstellung nicht in den

Tatsachen, sondern in unserm Geiste ist so muss sie wenn sie in Betreff

derselbe ein Wissen mittheilen soll die Vorstellung von etwas das wirklich in

den Tatsachen liegt sein von irgend einer Eigenschaft welche sie besitzen

und welche sie unseren Sinnen offenbaren würden wenn diese fähig wären

Kenntnis davon zu nehmen Wenn zB der Planet in dem Welträume eine sichtbare

Spur zurückließ und der Beobachter befände sich in einer festen Stellung

oberhalb der Ebene der Bahn und in einer solchen Entfernung dass er die ganze

Bahn übersehen könnte so würde er sie als eine Ellipse sehen und wenn er die

geeigneten Instrumente und das Vermögen der Ortsveränderung besäße so könnte

er durch das Vermessen der verschiedenen Dimensionen beweisen dass es in der

That diese Kurve ist Ja sogar wenn die Bahn sichtbar wäre und er wäre so

plaziert dass er alle Theile derselben hintereinander aber nicht auf einmal

sehen könnte so könnte er durch Aneinanderreihen seiner sukzessiven

Beobachtungen beides entdecken dass es eine Ellipse ist und dass der Planet

sich in ihr bewegt Der Fall würde dann genau dem des Schiffers gleichen der

durch Umsegeln eines Landes entdeckt dass es eine Insel ist Wenn die Bahn

sichtbar wäre so würde glaube ich niemand bezweifeln dass sie mit einer

Ellipse identifizieren sie beschreiben hieße und ich sehe nicht wie es einen

unterschied machen könnte dass sie nicht den Sinnen direkt zugänglich ist wenn

ein jeder Punkt so genau bestimmt ist als wenn sie es wirklich wäre

    Da die Vorstellung der eben angeführten unerlässlichen Bedingung unterworfen

ist so vermag ich nicht zu begreifen dass der Antheil den sie bei dem Studium

der Tatsachen hat jemals übersehen oder unterschätzt worden wäre Niemand hat

je bestritten dass wenn wir in Beziehung auf irgend ein Ding Schlüsse ziehen

wollen wir eine Vorstellung von ihm haben müssen oder dass wenn wir eine Menge

von Dingen in einem allgemeinen Ausdruck einschließen in dem Ausdruck eine

Vorstellung von etwas diesen Dingen gemeinsamem liegt Hieraus folgt aber

keineswegs dass die Vorstellung notwendig präexistiert oder von unserm

Verstande aus seinem eigenen Material geliefert wird Wenn die Tatsachen in der

Vorstellung richtig klassifiziert sind so ist dies der Fall weil in den

Tatsachen selbst etwas liegt wovon die Vorstellung ein Abbild ist wenn wir

dies nicht direkt wahrnehmen so liegt der Grund in unseren beschränkten Organen

und nicht darin dass das Ding selbst nicht vorhanden istDie Vorstellung

selbst wird oft durch Abstraktion von denselben Tatsachen erhalten welche sie,

nach Hr Whewells Ausdrucksweise zu verbinden herbeigerufen wird Dies gibt

er selbst zu wenn er bemerkt welch ein großer Dienst der Physiologie durch

den Philosophen geleistet würde »der eine genaue haltbare und konsequente

Conception vom Leben herstellen würde« Eine solche Conception kann nur aus den

Erscheinungen des Lebens abstrahiert werden aus den Tatsachen, die sie

miteinander verbinden soll Statt die Vorstellung in anderen Fällen aus den

Erscheinungen, die wir verbinden wollen zu folgern wählen wir sie unter den

Vorstellungendie wir vorher durch Abstraktion aus anderen Tatsachen gebildet

haben Bei Keplers Gesetzen war das Letztere der Fall Da die Tatsachen in

einer Weise außerhalb des Bereiches der Beobachtung lagen dass die Sinne die

Bahn des Planeten mit nichts identifizieren konnten so konnte die zu einer

allgemeinen Beschreibung dieser Bahn erforderliche Vorstellung nicht aus den

Beobachtungen selbst durch Abstraktion gebildet werdender Geist musste

hypothetisch von den Vorstellungen aus anderen Teilen seiner Erfahrung eine

unterlegen welche die Reihe von beobachteten Tatsachen genau darstellte er

musste in Betreff des allgemeinen Ganges des Phänomens eine Voraussetzung

aufstellen und sich fragen wenn dies die allgemeine Beschreibung ist wie

werden die Einzelheiten sein Er musste diese alsdann mit den beobachteten

Einzelheiten vergleichen Wenn sie übereinstimmten so diente die Hypothese zu

einer Beschreibung des Phänomens wenn nicht so musste sie verworfen und eine

andere versucht werden Ein Fall wie dieser gibt der Lehre dass der Geist,

indem er die Beschreibung bildet etwas in die Tatsachen lege was nicht darin

enthalten war einen Schein von Wahrheit

    Dass der Planet eine Ellipse beschreibt ist gewiss eine Tatsache, und zwar

eine Tatsachewelche wir wahrnehmen könnten wenn wir die geeigneten Organe

und die erforderliche Stellung hätten Da er nicht diese Vorteile wohl aber

die Vorstellung einer Ellipse hatte oder um es populärer zu sagen da Kepler

wusste was eine Ellipse ist so versuchte er ob die beobachteten Orte mit

einer solchen Bahn sich vertrügen Er fand dass dies der Fall war und nahm

folglich als eine Tatsache an dass sich der Planet in einer Ellipse bewegt

Aber diese Tatsache welche Kepler den Bewegungen des Planeten nicht

hinzufügte sondern darinnen fand nämlich dass er sukzessive die verschiedenen

Punkte des Umfangs einer gegebenen Ellipse einnahm war die Tatsache selbst

deren verschiedene Theile er beobachtet hatte es war die Summe der

verschiedenen Beobachtungen

    Nachdem ich so den fundamentalen Unterschied zwischen meinen Ansichten und

denen des Hrn Whewell bezeichnet muss ich hinzufügen dass mir seine Meinung

von der Art wie die Vorstellungdie geeignet ist die Tatsachen auszudrücken

gewählt wird ganz richtig scheint Die Erfahrung aller Denker wird es glaube

ich bezeugen dass das Verfahren ein probierendes ist dass es in einer Reihe

von Mutmaßungen besteht von denen viele verworfen werden bis sich zuletzt

eine für die Wahl tauglich zeigt Wir wissen von Kepler selbst dass ehe er auf

eine Ellipse verfiel er neunzehn andere ideelle Bahnen versucht und als er sie

mit den Beobachtungen unverträglich fand wieder verworfen hatte Aber die

erfolgreiche Hypothese sollte wie Hr Whewell ganz richtig bemerkt nicht eine

glückliche sondern eine geschickte genannt werden, wenn sie auch ein Raten

war Die Vermutungen welche dazu dienen einem Chaos von zerstreuten

Einzelheiten eine geistige Einheit und Ganzheit zu geben sind Zufälle die nur

solchen Geistern begegnen welche einen Reichtum von Wissen und Übung in

wissenschaftlichen Kombinationen besitzen

    Inwieweit diese probierende Methode die als ein Mittel zur Verbindung

Colligation von Tatsachen behufs der Beschreibung so unentbehrlich ist auf

Induktion selbst angewandt werden kann, und welche Geschäfte ihr dabei zufallen

wird in dem Kapitel welches sich auf die Hypothesen bezieht erläutert werden

Gegenwärtig haben wir dieses Colligationsverfahren von der eigentlich

sogenannten Induktion wohl zu unterscheiden und damit der Unterschied noch

deutlicher werde ist es nützlich auf eine merkwürdige und interessante

Bemerkung des Hrn Whewell aufmerksam zu machen welche in Beziehung auf das

erstere Verfahren eben so schlagend wahr als sie unzweifelhaft falsch in

Beziehung auf das letztere ist

    In den verschiedenen Stadien des Fortschrittes des Wissens haben die

Philosophen zur Verbindung einer Reihe von Tatsachen verschiedene Konzeptionen

gebraucht Die frühen und rohen Beobachtungen der Himmelskörper in denen eine

große Genauigkeit weder erhalten noch gesucht wurde boten der Darstellung der

Bahn eines Planeten als eines Kreises in dessen Mittelpunkt die Erde stand

nichts Widersprechendes dar Als die Beobachtungen an Genauigkeit zunahmen und

Tatsachen entdeckt wurden die mit dieser einfachen Annahme nicht vereinbar

waren so wurde sie der Verbindung der Tatsachen wegen geändert sie wurde

geändert und wieder geändert in dem Maß als die Tatsachen zahlreicher und

genauer beobachtet wurden Die Erde wurde aus dem Mittelpunkte in einen andern

Punkt innerhalb des Kreises versetzt man nahm an der Planet bewege sich in

einem kleinem Kreise Epizykel genannt um einen imaginären Punkt der sich in

einem Kreise um die Erde dreht in dem Verhältnisse als die Beobachtung neue

Tatsachen entdeckte welche dieser Darstellung widersprachen wurden neue

Epizykel und neue Excentricitäten hinzugefügt welche neue Komplikationen

verursachten bis zuletzt Kepler alle diese Kreise entfernte und die Conception

einer genauen Ellipse an ihre Stelle setzte Man findet sogar dass auch diese

nicht mit vollständiger Richtigkeit die genauen Beobachtungen unserer Tage

welche viele leichte Abweichungen von einer genau elliptischen Bahn enthüllt

haben repräsentiert Hr Whewell hat nun bemerkt dass diese

aufeinanderfolgenden allgemeinen Ausdrücke alle richtig waren sie entsprachen

alle dem Zwecke der Colligation sie setzten alle den Geist in den Stand sich

mit Leichtigkeit und in einem Blicke die Gesamtheit der zu jener Zeit

festgesetzten Tatsachen vorzuführen ein jeder diente der Reihe nach als eine

richtige Beschreibung des Phänomens so weit die Sinne zu seiner Zeit Kenntnis

davon genommen hatten Wenn es später nötig war die eine dieser allgemeinen

Beschreibungen der Planetenbahnen zu verwerfen und eine andere imaginäre Linie

anzunehmen um die Reihe von beobachteten Tatsachen auszudrücken so lag der

Grund darin dass eine Anzahl von neuen Tatsachen hinzukamen die notwendig

mit den alten Tatsachen zu einer allgemeinen Beschreibung verbunden werden

mussten Aber dieses änderte nichts an der Richtigkeit des früheren Ausdrucks

insofern er als eine Angabe von nur denjenigen Tatsachen betrachtet wird die

er repräsentieren sollte Dies ist so wahr dass wie Hr Comte wohl bemerkt

jene alten Generalisationen sogar die rohesten und unvollkommensten derselben

die von einer gleichförmigen Bewegung in einem Kreise weit entfernt ganz falsch

zu sein noch jetzt von den Astronomen gewöhnlich gebraucht würden wenn eine

nur grobe Annäherung an die Wahrheit verlangt wird »Lastronomie moderne en

détruisant sans retour les hypothèses primitives envisagées comme lois réelles

du monde a soigneusement maintenu leur valeur positive et permanente la

propriété de représenter commodément les phénomènes quand il sagit dune

première ébauche Nos resources à cet égard sont même plus étendues precisément

a cause que nous ne nous faisons aucune illusion sur la réalité des hypothèses

ce qui nous permet demployer sans scrupule en chaque cas celle que nous

jugeons la plus avantageuse«75

    Herrn Whewells Bemerkung ist daher philosophisch richtig sukzessive

Ausdrücke für die Verbindung beobachteter Tatsachen oder mit anderen Worten,

sukzessive Beschreibungen eines Phänomens als eines Ganzen das nur stückweise

beobachtet wurde können soweit als sie gehen alle richtig sein obgleich sie

einander widerstreiten Aber es wäre sicher absurd dies von einander

widerstreitenden Induktionen zu behaupten

    Das wissenschaftliche Studium der Tatsachen kann zu drei verschiedenen

Zwecken unternommen werden nämlich der einfachen Beschreibung der Tatsachen

ihrer Erklärung oder ihrer Voraussagung wegen unter Voraussagung die

Bestimmung der Bedingungen, unter denen ähnliche Tatsachen wiederkehren mögen

verstanden Der ersten dieser drei Verfahrungsweisen kommt der Name Induktion

nicht zu wohl aber den beiden letzteren Dr Whewells Bemerkung ist nun aber

von der ersten allein wahr Als eine bloße Beschreibung betrachtet stellt die

Kreistheorie der Bewegungen der Himmelskörper vollkommen genau deren allgemeinen

Züge dar und indem man Epizykel ohne Ende hinzufügt könnten diese Bewegungen

so wie sie uns jetzt bekannt sind mit einem jeden erforderlichen Grad von

Genauigkeit ausgedrückt werden. Der einzige wahre Vorteil der elliptischen

Theorie als einer bloßen Beschreibung würde ihre Einfachheit und die daraus

folgende Leichtigkeit sie zu begreifen und Schlüsse daraus zu ziehen sein

denn in Wirklichkeit wäre sie nicht wahrer als die andere Verschiedene

Beschreibungen können also alle wahr sein aber sicher nicht verschiedene

Erklärungen Die Lehre dass die Himmelskörper sich durch eine ihnen inwohnende

Kraft bewegen die Lehre dass sie durch Stoß in Bewegung gesetzt werden was zu

der Annahme von Wirbeln als der einzigen Kraft die fähig ist Körper im Kreise

zu bewegen führte und die Lehre Newtons dass sie durch das Zusammenwirken

einer zentripetalen mit einer ursprünglich bewegenden Kraft bewegt werden sind

Erklärungen die durch wirkliche Induktion aus wie man voraussetzte parallelen

Fällen gefolgert und von den Philosophen nach einander als wissenschaftliche

Wahrheiten in Beziehung auf die Himmelskörper angenommen wurden Können wir aber

von diesen wie von den verschiedenen Beschreibungen sagen dass sie alle wahr

sind soweit als sie gehen Ist es nicht klar dass nur eine bis zu einem

gewissen Grade wahr ist und dass die beiden anderen gänzlich falsch sein

müssen So viel in Beziehung auf Erklärungen wir wollen nun einige verschiedene

Voraussagungen betrachten Die erste dass Finsternisse entstehen wenn ein

Planet oder Trabant eine solche Stellung hat dass er seinen Schatten auf einen

andern wirft die zweite dass sie entstehen werden wenn der Menschheit ein

großes Unglück droht Sind diese zwei Lehren nur in dem Grade ihrer Wahrheit

verschieden so dass sie wirkliche Tatsachen mit ungleichem Grade von

Genauigkeit ausdrücken Gewiss ist die eine wahr und die andere ganz falsch76

    Es ist also in jeder Hinsicht evident dass wenn man die Induktion erklärt

als die Verbindung Colligation von Tatsachen durch geeignete Konzeptionen

welche sie wirklich ausdrücken man eine bloße Beschreibung der beobachteten

Tatsachen mit der Folgerung aus diesen Tatsachen verwechselt und der letzteren

zuschreibt was eine charakteristische Eigenschaft der ersteren ist

    Es besteht indessen zwischen Colligation und Induktion eine wirkliche

Beziehung und es ist wichtig dieselbe richtig aufzufassen Colligation ist

nicht immer Induktion aber Induktion ist immer Colligation Die Behauptung,

dass sich die Planeten in Ellipsen bewegen war nur ein Modus die beobachteten

Tatsachen darzustellen es war nur eine Colligation während die Behauptung,

dass sie von der Sonne angezogen werten eine durch Induktion gefolgerte Angabe

einer neuen Tatsache war Wenn aber die Induktion einmal gemacht ist so

erfüllt sie ebenfalls den Zweck der Colligation Sie bringt dieselben

Tatsachen welche Kepler durch seine Vorstellung einer Ellipse verbunden hatte

unter die weitere Vorstellung von Körpern worauf eine Zentralkraft wirkt und

dient deshalb als ein neues Verbindungsmittel für diese Tatsachen als ein

neues Prinzip ihrer Klassifikation

    Es ist ferner jene allgemeine Beschreibung die unrichtig mit Induktion

verwechselt wird eine notwendige Vorbereitung für die Induktion und eben so

unentbehrlich als die Beobachtung der Tatsachen selbst Ohne die vorhergehende

Verbindung der Tatsachen vermittelst einer allgemeinen Vorstellung hätten wir

mit Ausnahme von in sehr engen Grenzen eingeschlossenen Erscheinungen niemals

eine Basis für eine Induktion erhalten können Wir wären nicht fähig irgend ein

Prädikat eines Subjekts das nur stückweise beobachtet werden kann, anzugeben

und wir könnten noch weniger dieses Prädikat durch Induktion auf andere ähnliche

Subjekte übertragen Die Induktion setzt daher immer voraus nicht allein dass

die nötigen Beobachtungen mit der nötigen Genauigkeit gemacht worden sind,

sondern auch dass die Resultate dieser Beobachtungen soweit als tunlich durch

allgemeine Beschreibungen mit einander verbunden sind, wodurch der Geist fähig

gemacht wird sich diejenigen Phänomene als Ganze vorzustellen welche überhaupt

fähig sind so dargestellt zu werden

    

     5 Auf die vorhergehenden Bemerkungen hat Dr Whewell ausführlich

geantwortet und seine Ansicht noch einmal dargelegt er hat jedoch soviel ich

sehen kann seinen Argumenten nichts Wesentliches hinzugefügt Da die meinigen

nicht das Glück hatten einen Eindruck auf ihn zu machen so will ich noch

einige Bemerkungen beifügen welche deutlicher zeigen sollen worin unsere

Meinungsverschiedenheit besteht und welche dieselbe gewissermaßen erklären

sollen

    Allen Definitionen der Induktion von Schriftstellern von Ansehen zufolge

besteht dieselbe in dem Ziehen von Folgerungen aus bekannten Fällen auf

unbekannte in dem Behaupten von einer Klasse eines Prädikats das von einigen

zu dieser Klasse gehörigen Fällen als wahr befunden worden ist; in dem

Schließen dass weil einige Dinge eine gewisse Eigenschaft haben auch andere

ihnen ähnliche Dinge dieselbe Eigenschaft haben  oder dass weil ein Ding eine

Eigenschaft zu einer gewissen Zeit gezeigt hat es dieselbe Eigenschaft zu

anderen Zeiten zeigen wird

    Man wird kaum behaupten dass in diesem Sinne des Worts Keplers Verfahren

eine Induktion war Die Angabe Mars bewege sich in einer elliptischen Bahn war

weder eine Generalisation aus individuellen Fällen auf eine Klasse von Fällen,

noch war es eine Ausdehnung von etwas auf alle Zeiten was zu einer besonderen

Zeit als wahr befunden worden war Die ganze Generalisation welche der Fall

zuliefe war bereits vollzogen oder hätte es werden können. Lange vorher ehe

man an die elliptische Theorie dachte hatte man bestimmt dass die Planeten

periodisch zu denselben scheinbaren Orten zurückkehrten die Reihen dieser Orte

waren vollständig bestimmt und der scheinbare Lauf eines jeden Planeten hätte

an einem Himmelsglobus in einer ununterbrochenen Linie markiert werden können.

Kepler dehnte eine beobachtete Wahrheit nicht auf andere Fälle aus als die

waren in denen diese Wahrheit beobachtet worden war er erweiterte nicht das

Subjekt des Urteils das die beobachteten Tatsachen ausdrückte er veränderte

nur das Prädikat. Statt zu sagen die sukzessiven Orte des Man sind so und so

summierte er sie in der Behauptung die sukzessiven Orte des Mars sind Punkte

einer Ellipse Es ist wahr wie Dr Whewell sagt diese Behauptung war nicht

lediglich die Summe der Beobachtungen es war die unter einem neuen

Gesichtspunkt betrachtete Summe der Beobachtungen77 Aber es war nicht wie bei

einer wirklichen Induktion die Summe von mehr als die Beobachtungen sie

umfasste keine anderen Fälle als die wirklich beobachteten oder nur solche die

aus den beobachteten Fällen hätten gefolgert werden können, ehe sich der neue

Gesichtspunkt darbot Es war kein Übergang von bekannten Fällen zu unbekannten

vorhanden wie er der ursprünglichen und anerkannten Bedeutung des Wortes nach

die Induktion ausmacht

    Es ist wahr alte Definitionen sollten nicht neues Wissen überherrschen

und wenn das Keplersche Verfahren als ein logischer Prozess wirklich identisch

wäre mit dem was bei einer anerkannten Induktion stattfindet so müsste die

Definition so erweitert werden dass sie dasselbe aufnimmt indem die

wissenschaftliche Sprache sich den wahren Beziehungen der Dinge, die sie

bezeichnen soll anpassen muss Hier also ist der streitige Punkt zwischen mir

und Dr Whewell er hält beide Operationen für identisch In keinem Fall von

Induktion gesteht er ein anderes Verfahren zu als wie es in Keplers Fall

stattfand nämlich Raten oder Mutmaßen bis eine Mutmaßung gefunden ist

die den Tatsachen entspricht er verwirft wie wir später sehen werden alle

Regeln der Induktion weil wir nicht vermittelst dieser Regeln mutmaßen Dr

Whewells Theorie von der Logik der Wissenschaft wäre vollkommen wenn er nicht

die Frage des Beweises gänzlich übergangen hätte Aber nach meinem Verständnis

gibt es so ein Ding wie der Beweis und in ihrer Beziehung zu diesem Element

unterscheiden sich die Induktionen gänzlich von den Beschreibungen Die

Induktion ist Beweis sie ist ein Folgern von etwas Nichtbeobachtetem aus etwas

Beobachtetem sie verlangt daher eine geeignete Probe und es ist der Zweck der

induktiven Logik diese Probe zu liefern Wenn wir im Gegenteil bekannte

Tatsachen nur aneinanderreihen und sie nach Dr Whewells Phraseologie bloß

durch eine neue Conception verknüpfen so haben wir alles was wir wollen wenn

die Conception dazu dient die Beobachtungen miteinander zu verknüpfen Da das

Urteil, worin sie verkörpert ist nur auf die Wahrheit Anspruch macht welche

es mit vielen anderen Darstellungsweise derselben Tatsachen teilen könnte

nämlich in Übereinstimmung mit den Tatsachen zu sein so hat es den Beweis

weder nötig noch lässt es ihn zu obgleich es dazu dienen kann andere Dinge zu

beweisen Indem es nämlich die Tatsachen in einen geistigen Zusammenhang mit

anderen Tatsachen bringt von denen man vorher nicht ersah dass sie ihnen

gleichen assimiliert es den Fall einer andern Klasse von Erscheinungenin

Betreff derer bereits wirkliche Induktionen stattgefunden haben So brachte

Keplers sogenanntes Gesetz die Bahn des Mars in die Klasse Ellipse und bewies

damit dass alle Eigenschaften der Ellipse von der Marsbahn wahr sind; aber zu

diesem Beweis lieferte Keplers Gesetz die untere und nicht wie bei wirklichen

Induktionen die obere Prämisse

    Dr Whewell nennt nichts Induktion wo nicht eine neue geistige Conception

eingeführt und er nennt alles Induktion wo sie eingeführt wird dies heißt

aber zwei ganz verschiedene Dinge Erfindung und Beweis mit einander

verwechseln Die Einführung einer neuen Idee ist Erfindung und Erfindung mag

für ein jedes Verfahren erforderlich sein aber von keinem ist sie das Wegen

Eine neue Conception mag für beschreibende Zwecke so gut wie für induktive

eingeführt werden aber sie ist soweit entfernt die Induktion auszumachen dass

die Induktion ihrer nicht einmal notwendig bedarf Die meisten Induktionen

bedürfen nur der Vorstellung wie sie in einem jeden der besonderen Fälle auf

welche die Induktion gegründet ist schon vorhanden war Alle Menschen sind

sterblich ist gewiss ein induktiver Schluss aber es wird durch ihn keine neue

Vorstellung eingeführt Wenn man weiß dass bisher ein jeder Mensch gestorben

ist so besitzt man alle in der induktiven Generalisation enthaltenen

Vorstellungen Aber Dr Whewell betrachtet den Erfindungsprozess welcher in der

Aufstellung einer neuen mit den Tatsachen übereinstimmenden Conception

besteht nicht bloß für einen notwendigen Teil der Induktion sondern für das

Ganze derselben

    Das geistige Verfahren welches aus einer Anzahl von vereinzelten

Beobachtungen gewisse allgemeine Charaktere in denen die beobachteten

Erscheinungen einander oder anderen bekannten Tatsachen gleichen loslöst

wurde von Bacon Locke und den meisten späteren Metaphysikern Abstraktion

genannt Ein allgemeiner durch Abstraktion erhaltener Ausdruck welcher

bekannte Tatsachen vermittelst gemeinsamer Charaktere mit einander verbindet

ohne jedoch von ihnen auf unbekannte Tatsachen zu schließen kann wie ich

glaube mit logisch strenger Richtigkeit Beschreibung genannt werden; auch kann

ich nicht einsehen wie min Dinge jemals anders beschreiben könnte Ich bin aber

auch ganz zufrieden mit dem Gebrauch von Dr Whewells Ausdruck Colligation

vorausgesetzt man sehe ein dass das Verfahren nicht Induktion sondern etwas

radikal Verschiedenes ist

    Was sonst noch nützliches über Colligation oder den von Dr Whewell

erfundenen korrelativen Ausdruck die Erklärung von Konzeptionen und im

allgemeinen über Ideen und geistige Repräsentationen wie sie mit dem Studium

der Tatsachen verbunden zu sagen ist wird im vierten Bach bei den

Hilfsoperationen für die Induktion eine geeignete Stelle finden und dahin muss

auch der Leser für die Lösung einer jeden Schwierigkeit welche die vorliegende

Diskussion ihm belassen haben sollte verwiesen werden

 
 






     1 Die Induktion wie wir sie von den Verstandesoperationen die wir in

dem vorhergehenden Kapitel charakterisierten unterschieden haben kann

summarisch als eine Generalisation von der Erfahrung aus definiert werden Sie

besteht darin, dass man schließt eine Erscheinung die bei einzelnen

Gelegenheiten stattgefunden hat wird in allen Gelegenheiten einer gewissen

Klasse stattfinden nämlich in allen welche den vorhergehenden in dem was man

die wesentlichen Umstände nennt gleichen

    In welcher Weise die wesentlichen Umstände von den unwesentlichen zu

unterscheiden sind wollen wir hier noch übergehen Wir wollen zuerst bemerken

dass in der Festsetzung von dem was Induktion ist ein Prinzip eine Annahme in

Beziehung auf den Gang der Natur und die Ordnung im Universum inbegriffen liegt

nämlich dass es in der Natur Dinge wie parallele Fälle gibt dass was einmal

geschehen ist bei einem gewissen Grad von Ähnlichkeit wieder und sogar immer

geschehen wird Wenn wir den Gang der Natur beobachten so finden wir dass

diese Annahme bestätigt wird die Tatsache ist so wir finden dass das Weltall

so konstituiert ist dass was in einem Falle wahr ist in allen Fällen einer

gewissen Art wahr ist die einzige Schwierigkeit ist zu finden welcher Art

    Die allgemeine Tatsache welche bei allen Schlüssen von der Erfahrung aus

unser Bürge istist von verschiedenen Philosophen auf verschiedene Weise

bezeichnet worden wie zB der Gang der Natur ist gleichförmig das Weltall ist

durch allgemeine Gesetze beherrscht usw Eine der gewöhnlichsten dieser

Ausdrucksweisen aber auch die mangelhafteste ist die durch die Metaphysiker

der Schule von Reid und Stewart in Umlauf gesetzte Die Anlage des menschlichen

Verstandes aus der Erfahrung zu generalisieren  eine von diesen Philosophen als

ein Instinkt unserer Natur betrachtete Neigung  beschreiben sie gewöhnlich

unter Namen wie »eine intuitive Überzeugung dass die Zukunft der Vergangenheit

gleichen wird« Es ist nun von Hrn Bailey78 gezeigt worden dass die Neigung

sei ein ursprüngliches und letztes Element unserer Natur oder nicht die Zeit in

ihren Modifikationen als Vergangenheit Gegenwart und Zukunft weder mit dem

Glauben selbst noch mit den Gründen desselben etwas zu schaffen hat Wir

glauben dass Feuer morgen brennen wird weil es heute und gestern brannte aber

wir glauben genau auf dieselben Gründe hin dass es vor unserer Geburt brannte

und dass es beste in Cochinchina brennt Nicht von der Vergangenheit auf die

Zukunft als Vergangenheit und Zukunft folgern wir sondern vom bekannten auf das

unbekannte von beobachteten Tatsachen auf nicht beobachtete Tatsachen von

dem was wir wahrgenommen haben oder dessen wir uns direkt bewusst waren auf

das was unserer Erfahrung Mitzogen war In diesem letzten Prädikament liegt das

ganze Bereich der Zukunft aber auch der weit größere Antheil von Vergangenheit

und Gegenwart

    Welches auch die beste Art sei sie auszudrücken die Behauptung, dass der

Gang der Natur gleichförmig istist das Grundprinzip das allgemeine Axiom der

Induktion Es wäre jedoch ein großer Irrtum diese weite Generalisation als

eine Erklärung des induktiven Verfahrens zu betrachten ich sehe sie im

Gegenteil selbst als ein Beispiel von Induktion und zwar nicht von der

deutlichsten Art an weit entfernt die erste unserer Induktionen zu sein ist

sie eine der letzten oder doch in jedem Falle eine von jenen welche am

spätesten eine philosophische Genauigkeit erlangen Als ein allgemeiner

Grundsatz hat sie in der That nur bei den Philosophen Eingang gefunden und wie

wir Gelegenheit zu bemerken haben werden sogar von diesen sind seine Ausdehnung

und Grenzen nicht immer richtig verstanden worden

    Die Wahrheit ist dass diese große Generalisation selbst auf frühere

Generalisationen gegründet ist Die dunkleren Naturgesetze wurden mit ihrer

Hülfe entdeckt aber die mehr sichtbaren mussten verstanden und als allgemeine

Wahrheiten angenommen gewesen sein ehe man von ihr hörte Es würde uns niemals

eingefallen sein zu behaupten dass alle Erscheinungen nach allgemeinen

Gesetzen stattfinden wenn wir nicht schon bei einer großen Menge von

Erscheinungen zu einiger Kenntnis der Gesetze selbst gelangt gewesen wären was

nur durch Induktion geschehen konnte In welchem Sinne kann nun aber ein

Prinzip das soweit davon entfernt ist unsere früheste Induktion zu sein als

unsere Gewähr für alle anderen Induktionen betrachtet werden? Nur in dem Sinne

in dem wie wir sahen das allgemeine Urteil das wir an die Spitze unserer

Schlüsse stellen wenn wir sie in einen Syllogismus fassen überhaupt zu deren

Gültigkeit beiträgt Eine jede Induktion ist wie Erzbischof Whately bemerkt

ein Syllogismus mit unterdrückter oberer Prämisse oder wie ich vorziehe eine

jede Induktion kann in die Form eines Syllogismus gefasst werden indem eine

obere Prämisse hergestellt wird Wenn dies wirklich ausgeführt wird so wird der

Grundsatz von der Gleichförmigkeit im Gang der Natur als die letzte obere

Prämisse aller Induktionen erscheinen und wird daher zu allen Induktionen in

dem Verhältnis stehen wie der Obersatz eines Syllogismus zum Schluss nichts

zu dem Beweise desselben beitragend aber eine notwendige Bedingung dieses

Beweises indem kein Schluss wahr ist wenn sich nicht eine wahre obere Prämisse

für ihn finden lässt

    Die Behauptung, die Gleichförmigkeit im Lauf der Natur sei die letzte obere

Prämisse aller Induktionen mag man einer Erklärung bedürftig halten Gewiss ist

sie nicht die unmittelbare obere Prämisse in einem jeden induktiven Argument

Whately gibt hierüber die beste Erklärung Die Induktion »Johann Peter etc

sind sterblich daher sind alle Menschen sterblich« kann Wie er richtig

bemerkt in einen Syllogismus gefasst werden indem man was jedenfalls eine

notwendige Bedingung der Gültigkeit des Arguments ist als obere Prämisse

voransetzt dass was von Johann Peter etc wahr ist von allen Menschen wahr

ist Aber wie kamen wir zu dieser oberen Prämisse Sie ist nicht

selbstverständlich und in allen Fällen von ungerechtfertigter Generalisation

ist sie nicht einmal wahr Wie also gelangt man dazu Notwendigerweise entweder

durch Induktion oder durch Syllogisieren und wann durch Induktion so kann das

Verfahren wie alle anderen induktiven Argumente in die Form eines Syllogismus

gefasst werden Es ist daher nötig diesen vorausgängigen Syllogismus zu

konstruieren Am Ende ist nur eine Konstruktion möglich Der wirkliche Beweis

davon dass was von Johann Peter etc wahr auch von allen Menschen wahr ist

kann nur der sein dass eine andere Voraussetzung mit der Gleichförmigkeit von

der wir wissen dass sie im Lauf der Natur existiert unverträglich wäre Ob

diese Unverträglichkeit bestehen würde oder nicht mag ein Gegenstand langer und

delikater Forschung sein aber nur wenn sie bestehen würde haben wir einen

zureichenden Grund für die obere Prämisse des induktiven Syllogismus Es geht

hieraus hervor dass wenn wir den ganzen Gang irgend eines induktiven Arguments

in eine Reihe von Syllogismen fassen wir durch mehr oder weniger Stufen zu

einem letzten Syllogismus gelangen werden der als obere Prämisse den Grundsatz

oder das Axiom von der Gleichförmigkeit im Gange der Natur haben wird79

    Es war nicht zu Erwarten dass unter den Denkern bezüglich der Gründe auf

welche hin dieses Axiom als wahr anzunehmen ist eine größere Übereinstimmung

herrsche als bei anderen Axiomen Ich habe bereits angegeben dass ich es

selbst als eine Generalisation aus der Erfahrung halte Andere halten es für

einen Grundsatz den wir durch die Einrichtung unseres Denkvermögens gezwungen

sind vor einer jeden Bestätigung durch die Erfahrung für wahr zu halten Da ich

erst kurz vorher eine ähnliche Lehre in Betreff der Axiome der Mathematik durch

Argumente bekämpft habe die größtenteils auch auf den gegenwärtigen Fall

anwendbar sind so verschiebe ich die besondere Erörterung des streitigen

Punktes in Betreff des fundamentalen Axioms der Induktion bis zu einer späteren

Periode unserer Untersuchung Kapitel XXI Für jetzt ist es wichtiger dass der

Inhalt des Axioms selbst vollständig verstanden werde Denn das Urteil, der

Gang der Natur ist gleichförmig besitzt mehr die der populären Sprache

angepasste Kürze als die in der philosophischen Sprache erforderliche

Präzision die Worte desselben bedürfen der Erklärung und es muss ihnen eine

strengere Bedeutung als die gewöhnliche beigelegt werden ehe die Wahrheit der

Behauptung zugegeben werden kann.

    

     2 Das Bewusstsein eines Jeden sagt ihm dass er nicht immer eine

Gleichförmigkeit in dem Laufe der Ereignisse erwartet er glaubt nicht immer

dass das Unbekannte dem Bekannten ähnlich sein dass die Zukunft der Gegenwart

gleichen wird Niemand glaubt dass die Folge von Regen und Sonnenschein in

jedem künftigen Jahre dieselbe sein wird wie in dem laufenden Niemand dass

dieselben Träume sich in jeder Nacht wiederholen werden Im Gegenteil nennt es

Jedermann etwas Ungewöhnliches wenn der Gang der Natur in diesen Einzelheiten

stetig und sich selbst gleich ist Beständigkeit zu erwarten wo sie nicht ist

wie zB dass ein Tag welcher einmal Glück brachte nun immer ein glücklicher

Tag sein wird wird mit Recht als Aberglaube angesehen

    Der Gang der Natur ist in Wahrheit nicht allein gleichförmig er ist auch

unendlich veränderlich Wir sehen einige Erscheinungen immer unter denselben

Umständen auftreten unter denen wir sie zuerst beobachtet haben andere

scheinen ganz launenhaft zu sein während wiederum andere die wir gewohnt sind

als ausschließlich an besondere Reihen von Kombinationen gebunden zu

betrachten unerwartet von An Elementen womit wir sie bisher verbunden sahen

getrennt und mit anderen, die von ganz entgegengesetzter Art sind vereinigt

werden Vor fünfzig Jahren schien einem Zentralafrikaner wahrscheinlich keine

Tatsache auf eine gleichmäßigere Erfahrung gegründet als die Tatsache, dass

alle Menschen schwarz sind Vor Wenigen Jahren noch schien einem Europäer die

Behauptung, alle Schwanen sind weiß ein eben so unzweifelhaftes Beispiel von

der Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur zu sein Eine spätere Erfahrung hat

gezeigt dass Beide im Irrtum wären aber fünfzig Jahrhunderte musste auf diese

Erfahrung gewartet werden Während dieser langen Zeit glaubte die Menschheit an

eine Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur, welche nicht existierte

    Nach den Begriffen welche die Alten von der Induktion hatten waren die

vorhergehenden Fälle so echte Induktionen als es immer welche geben mag In

diesen beiden Fällenin welchen der Grund der Induktion unzureichend gewesen

sein muss indem der Schluss falsch war lag nichtsdestoweniger so viel Grund zu

einer Induktion als dieser Begriff von ihr zuließ Die Induktion der Alten hat

Bacon sehr gut unter dem Namen »Inductio per enumerationem simplicem ubi non

reperitur instantia contradictoria« beschrieben Sie besteht darin, dass wir

den Charakter allgemeiner Wahrheiten allen Urteilen geben die in einem jeden

Falle wahr sind, mit dem wir zufällig bekannt sind Diese Art von Induktion

wenn sie diesen Namen verdient ist dem an wissenschaftliche Methoden nicht

gewohnten Geist natürlich Die Neigung das Künftige aus dem Vergangenen das

Unbekannte aus dem Bekannten zu folgern welche Einige einen Instinkt nennen

Andere durch Ideensoziation erklären ist einfach die Gewohnheit zu erwarten

dass was einmal oder wiederholt als wahr befanden worden ist, ohne sich einmal

als falsch zu erweisen wieder als wahr befunden werden wird Ob der Beispiele

viele oder wenige sind ob entscheidend oder nicht tut nicht viel zur Sache

dies sind Betrachtungen welche erst bei der Reflexion vorkommen Die natürliche

Neigung des Geistes ist seine Erfahrung zu generalisieren vorausgesetzt dass

diese in einer Richtung stattfindet und dass keine andere Erfahrung von einem

widerstreitigen Charakter ungesucht dazu kommt Der Gedanke diese zu suchen

deshalb zu experimentieren die Natur zu befragen wie Bacon sagt entsteht viel

später Die Beobachtung der Natur bei unkultiviertem Verstande ist rein passiv

er nimmt die Tatsachen, welche sich darbieten ohne sich die Mühe zu nehmen

nach weiteren zu suchen nur ein höherer Verstand fragt sich welcher Tatsachen

er bedarf um zu einem sichern Schlusse zu kommen und sucht diese alsdann auf

    Aber obgleich wir stets eine Neigung haben von der unveränderlichen

Erfahrung aus zu generalisieren so sind wir nicht immer hieran berechtigt Ehe

wir mit vollem Rechte schließen dürfen dass etwas allgemein wahr ist weil wir

nie ein Beispiel vom Gegenteil sahen muss bewiesen werdendass wenn es in der

Natur solche Beispiele vom Gegenteil gäbe wir Kenntnis davon haben müssten

Diese Sicherheit können wir in bei Weitem der größten Anzahl von Fällen nicht

oder doch nur in einem massigen Grade erreichen Die Möglichkeit sie zu

erlangen ist die Grundlage auf welcher sich wie wir später80 sehen werden

die Induktion durch einfaches Aufzählen per enumerationem simplicem in manchen

bemerkenswerten Fällen praktisch bis zum vollen Beweis erheben kann In

Beziehung auf die gewöhnlichen Gegenstände des wissenschaftlichen Forschens kann

indessen eine solche Gewissheit nicht erlangt werden Populäre Begriffe sind

gewöhnlich auf Induktion per enumerationem simplicem gegründet in der

Wissenschaft führt sie uns nicht weit Wir sind gezwungen damit zu besinnen

wir müssen uns oft vorläufig aus Mangel an besseren Mitteln der Untersuchung

darauf vorlassen aber zu dem Studium der Natur verlangen wir ein genaueres und

mächtigeres Instrument

    Dadurch dass er die Unzulänglichkeit dieses rohen und locker Begriffs von

der Induktion nachgewiesen hat hat Bacon de ihm allein zuerkannten Namen des

Gründers der induktiven Philosophie verdient Der Werth seiner eigenen Beiträge

zu einer mehr philosophischen Theorie des Gegenstandes ist sicher überschätzt

worden Obgleich mit einigen fundamentalen Irrtümern seine Schriften einige

der wichtigsten Prinzipien der induktiven Methode mehr oder weniger vollständig

entwickelt enthalten so hat doch jetzt die physikalische Forschung den Baconschen Begriff der Induktion weit überholt Die moralische und politische

Forschung sind in der That jetzt noch weit hinter diesem Begriffe

zurückgeblieben Die gangbaren und gebilligten Schlussweisen bezüglich dieser

Gegenstände sind noch von derselben fehlerhaften Art gegen welche Bacon

eiferte die Methode, welche ausschließlich von denjenigen welche sich mit

diesen Gegenständen beschäftigen angewendet wird ist dieselbe Induktion per

enumerationem simplicem welche er verdammt und die Erfahrung, an welche wie

wir sehen alle Sekten Parteien und Interessen so zuversichtlich appellieren

ist immer noch nach seinem eigenen emphatischen Ausdrucke mera palpatio

    

     3 Um die Aufgabe welche der Logiker lösen muss um eine

wissenschaftliche Theorie der Induktion aufzustellen besser zu verstehen

wollen wir einige wenige Fälle von unrichtigen Induktionen mit anderen

vergleichen welche als richtig anerkannt sind Einige welche Jahrhunderte lang

als richtig anerkannt wurden waren wie wir wissen nichtsdestoweniger

unrichtig Dass alle Schwanen weiß sind kann keine gute Induktion gewesen

sein da sich der Schluss als irrtümlich erwiesen hat Die Erfahrung, worauf

der Schluss gegründet wurde war indessen wahr Von den frühesten Erinnerungen

an war das Zeugnis aller Bewohner der bekannten Welt in dieser Beziehung

übereinstimmend Die gleichförmige Erfahrung der Bewohner der bekannten Welt in

einem gemeinsamen Resultate übereinstimmend und ohne ein bekanntes Beispiel der

Abweichung von diesem Resultate ist also zu einem allgemeinen Schlusse nicht

immer hinreichend

    Wenden wir uns zu einem anscheinend von jenem nicht sehr verschiedenen

Beispiele Die Menschheit war wie es scheint im Irrtume als sie schloss

alle Schwanen sind weiß sind wir nun ebenfalls im Irrtume wenn wir trotz dem

widerstreitenden Zeugnis des Naturforschers Plinius schließen dass die Köpfe

aller Menschen über ihre Schultern hinaus und niemals unterhalb derselben

wachsen So wie es schwarze Schwanen gibt obgleich zivilisierte Menschen

dreitausend Jahre auf der Erde lebten ohne ihnen zu begegnen kann es nicht eben

so gut Menschen geben »deren Köpfe unterhalb ihrer Schultern wachsen«

ungeachtet einer allerdings weniger vollkommenen Übereinstimmung des Zeugnisses

von Beobachtern Die meisten Menschen würden »Nein« sagen es war eher

glaublich dass ein Vogel in der Farbe von der Regel abweichen kann als ein

Mensch in der relativen Lage seiner Hauptorgane aber zu sagen warum sie hierin

Recht haben wäre unmöglich ohne tiefer als es gewöhnlich geschieht in die

wahre Theorie der Induktion einzugehen

    Um es zu wiederholen es gibt also Fälle in denen wir mit der

unfehlbarsten Zuversicht auf Gleichförmigkeit rechnen und andere in welchen

wir gar nicht darauf rechnen Bei einigen haben wir die volle Gewissheit dass

die Zukunft der Vergangenheit gleichen dass das Unbekannte dem Bekannten genau

ähnlich sein wird Wie unveränderlich in anderen Fällen das Resultat sein mag

das wir aus den beobachteten Beispielen abgeleitet haben so ziehen wir daraus

nur die schwache Vermutung dass das gleiche Resultat in allen anderen Fällen

bestehen bleiben wird Wir zweifeln nicht dass es sogar in der Region der

Fixsterne wahr bleiben wird dass eine gerade Linie die kürzeste Entfernung

zwischen zwei Punkten ist Wenn ein Chemiker die Existenz und die Eigenschaften

einer neuentdeckten Substanz ankündigt und wir seiner Genauigkeit vertrauen so

sind wir überzeugt dass die Schlüsse, an denen er gelangt ist allgemein

bestehen werden obgleich die Induktion nur auf einige Beispiele gegründet ist

Wir halten unsere Zustimmung nicht zurück indem wir auf eine Wiederholung des

Experiments warten oder wenn wir dies tun so geschieht es wegen eines

Zweifels dass ein Experiment gehörig angestellt worden nicht ob es beweisend

ist im Fall es richtig angestellt Wurde Hier ist also ein aus einem einzigen

Beispiele ohne Anstoß gefolgertes allgemeines Naturgesetz ein allgemeines

Urteil aus einem besonderen Wir wollen nun einen andern Fall diesem

gegenüberstellen Alle Fälle welche seit dem Anfange der Welt zur Stütze der

Behauptung »alle Krähen sind schwarz« beobachtet worden sind, würden nicht als

eine hinreichende Präsumtion von der Wahrheit dieser Behauptung erachtet werden

um das Zeugnis eines einzigen unverwerflichen Zeugen aufzuheben der versichern

könnte dass in einer noch nicht gänzlich durchforschten Gegend der Erde er eine

Krähe gefangen und untersucht und dass er gefunden habe sie sei grau

    Warum ist in manchen Fällen ein einziges Beispiel zu einer vollständigen

Induktion hinreichend während in anderen Fällen Myriaden übereinstimmender

Fälle ohne eine einzige bekannte oder nur vermutete Ausnahme einen so kleinen

Schritt zur Festsetzung eines allgemeinen Urteils tun Wer diese Frage

beantworten kann versteht mehr von der Philosophie der Logik, als der erste

Weise des Altertums er hätte das große Problem der Induktion gelöst

 
 



                                



     1 Bei der Betrachtung jener Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur, auf

die man sich bei jeder Folgerung aus der Erfahrung stützt beobachten wir

sogleich dass diese Gleichförmigkeit eigentlich aus einzelnen

Gleichförmigkeiten besteht die allgemeine Regelmäßigkeit ist das Resultat

einzelner Regelmäßigkeiten der Gang der Natur im allgemeinen ist beständig

weil der Gang einer jeden der einzelnen Naturerscheinungen welche sie

zusammensetzen beständig ist Eine gewisse Tatsache kehrt unveränderlich

wieder wenn gewisse Umstände vorhanden sind; sie bleibt aus wenn diese fehlen

dasselbe gilt von anderen Tatsachen usw Aus diesen einzelnen Fäden welche

die Theile des großen Ganzen das wir Natur nennen miteinander verbinden webt

sich unausweichbar ein großes Netz durch welches das Ganze zusammengehalten

wird Wenn A immer von D B von E C von F begleitet ist so folgtdass A B von

D E A C von D F B G von E F und endlich A B C von D E F begleitet wird auf

diese Weise wird der allgemeine Charakter der Regelmäßigkeit erzeugt welche

inmitten einer unendlichen Verschiedenheit die ganze Natur durchdringt

    Das Erste also was in Beziehung auf das was wir die Gleichförmigkeit in

dem Gange der Natur nennen zu bemerken istist, dass diese selbst eine aus den

einzelnen Gleichförmigkeiten welche in Beziehung auf die einzelnen Phänomene

stattfinden bestehende komplexe Tatsache ist Wenn diese Gleichförmigkeiten

durch das was man eine genügende Induktion nennt bestimmt worden sind, so

heißen sie in gewöhnlicher Sprache Naturgesetze In der Sprache der

Wissenschaft wird dieses Wort im engeren Sinne gebraucht um damit die auf ihren

einfachsten Ausdruck zurückgeführten Gleichförmigkeiten zu bezeichnen In dem

oben angeführten Beispiele waren rieben Gleichförmigkeiten enthalten und eine

jede von ihnen würde wenn man sie als hinlänglich gewiss betrachtete in dem

weniger strengen Sinne des Worts ein Naturgesetz genannt werden. Aber von diesen

sieben sind nur drei eigentlich verschieden und unabhängig wenn diese drei

vorausgesetzt werden so folgen die anderen daraus in der strengeren Bedeutung

des Wortes heißen daher nur die drei ersteren Naturgesetze nicht die übrigen

diese sind in der That nur Fälle von den drei ersteren sie sind in ihnen

enthalten sind ein Resultat derselben wer die drei ersteren affirmiert hat

dies auch in Beziehung auf alle übrigen getan

    Wenn wir wirkliche Beispiele statt symbolischer wählen so haben wir in dem

Folgenden drei Gleichförmigkeiten oder Naturgesetze das Gesetz, dass die Luft

Schwere besitzt das Gesetz, dass der Druck auf Flüssigkeiten gleichmäßig nach

allen Richtungen hin fortgepflanzt wird und das Gesetz, dass der in einer

Richtung wirkende Druck wenn er nicht durch einen in entgegengesetzter Richtung

wirkenden gleichen Druck aufgehoben wird eine Bewegung hervorbringt welche

nicht eher aufhört als bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist Von diesen

drei Gleichförmigkeiten ausgehend können wir eine andere Gleichförmigkeit

voraussagen nämlich das Steigen des Quecksilbers in der Torricellischen Röhre

Dies ist jedoch in dem strengem Sinne des Ausdrucks kein Naturgesetz es ist nur

ein Resultat von Naturgesetzen ein Fall von einem jeden der drei Gesetze und

die einzige Gelegenheit durch welche sie alle erfüllt werden konnten Wenn das

Quecksilber in dem Barometer nicht auf einer solchen Höhe zurückgehalten würde

dass das Gewicht der Quecksilbersäule dem Gewichte einer Luftsäule von gleichem

Durchmesser gleich ist so bestände ja hier der Fall entweder dass die Luft

nicht auf die Oberfläche des Quecksilbers mit der Kraft welche man ihr Gewicht

nennt drückte oder dass der Druck auf das Quecksilber in der Richtung abwärts

nicht auch in einer Richtung aufwärts fortgepflanzt werden könnte oder dass ein

Körper in nur einer und nicht in der entgegengesetzten Richtung einen Druck

erlitte indem er sich entweder nicht in der Richtung bewegte in welcher er

Druck erleidet oder indem er stillstände bevor er ins Gleichgewicht gekommen

ist Wenn wir daher mit den drei einfachen Gesetzen bekannt wären so könnten

wir ohne das Torricellische Experiment gemacht zu haben das Resultat desselben

aus diesen Gesetzen ableiten Das bekannte Gewicht der Luft verbunden mit der

Stellung des Apparates würde das Quecksilber unter die erste der drei

Induktionen bringen die erste würde es unter die zweite bringen und diese unter

die dritte in der Weise wie wir sie bei dem Abhandeln des Syllogismus

charakterisiert haben Auf diese Weise würden wir unabhängig von dem

spezifischen Experiment durch unsere Kenntnis von den einfachen

Gleichförmigkeiten die komplexe Gleichförmigkeit welche ein Resultat derselben

ist erkennen es wäre indessen aus später anzugebenden Gründen die Verifikation

durch das spezifische Experiment wünschenswert und möglicherweise sogar

unentbehrlich

    Complexe Gleichförmigkeiten die wie die genannten bloße Fälle von

einfacheren Gleichförmigkeiten sind mögen passenderweise Gesetze genannt

werden; sie können jedoch in einer strengen wissenschaftlichen Sprache

schwerlich als Naturgesetze bezeichnet werden Es ist die Gewohnheit der

Gelehrten in allen Falten wo sie irgend eine Gesetzmäßigkeit nachweisen

können den allgemeinen Satz welcher die Natur dieser Gesetzmäßigkeit

ausdrückt ein Gesetz zu nennen so sprechen wir in der Mathematik von dem

Gesetze der Abnahme der aufeinanderfolgenden Glieder einer konvergierenden Reihe

Der Ausdruck Naturgesetz wird aber von den Männern der Wissenschaft mit einer

Art stillschweigender Beziehung auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes

Gesetz nämlich als der Ausdruck des Willens eines Höheren gebraucht Ale es

daher schien dass einige in der Natur beobachteten Gleichförmigkeiten von

selbst und ohne dass es nötig gewesen wäre den Akt eines schöpferischen

Willens zu supponieren aus gewissen anderen Gleichförmigkeiten hervorgingen so

nannte man die ersteren gewöhnlich nicht Naturgesetze Nach einer andern

Ausdrucksweise kann die Frage was sind Naturgesetze in folgender Weise

gestellt werden  Welches sind die wenigsten und einfachsten Annahmen aus

welchen wenn sie einmal zugegeben sind die ganze bestehende Ordnung der Natur

hervorgehen würde Oder auch wie folgt welches ist die geringste Anzahl von

allgemeinen Urteilen aus denen alle in der Natur bestehende Gleichförmigkeiten

auf deduktive Weise gefolgert werden können?

    Ein jeder große in der Entwickelung der Wissenschaft Epoche machender

Fortschritt war ein Schritt zur Lösung dieser Aufgabe Sogar eine einfache

Verbindung schon gemachter Induktionen ohne eine weitere Ausdehnung des

induktiven Schlusses ist ein Fortschritt in dieser Richtung Wenn Kepler die

Gesetzmäßigkeit in den beobachteten Bewegungen der Himmelskörper durch die drei

allgemeinen Sätze welche er seine Gesetze nannte ausdrückte so deutete er

damit drei einfache Voraussetzungen an durch welche der ganze Plan der

himmlischen Bewegungen so weit sie zu jener Zeit bekannt waren hinreichend

konstruiert werden konnte Ein ähnlicher und noch größerer Schritt wurde

gemacht als man von diesen Gesetzen die anfänglich nicht in noch allgemeineren

Wahrheiten eingeschlossen zu sein schienen entdeckte dass sie Fälle wären von

drei großen Gesetzen der Bewegung, die sich aus der Betrachtung von Körpern

welche sich mit einer gewissen Kraft gegeneinander bewegen und welche

ursprünglich einen augenblicklichen Stoß erhalten haben ableiten lassen Nach

dieser großen Entdeckung konnten die Sätze Keplers obgleich noch Gesetze

genannt von Niemandem der an eine präzise Sprache gewöhnt ist Naturgesetze

genannt werden; dieser Ausdruck wäre den einfacheren Gesetzen in die sie Newton

zerlegte zu bewahren

    Nach dieser Ausdrucksweise ist jede wohlbegründete induktive Generalisation

entweder ein Naturgesetz oder ein Resultat von Naturgesetzen welches im Falle

diese wahr sind, aus ihnen vorausgesagt werden kann. Die Aufgabe der induktiven

Logik kann daher in folgende zwei Fragen zusammengefasst werden Wie werden

Naturgesetze bestimmt Und wie verfolgt man nachdem sie festgesetzt sind ihre

Resultate Wir dürfen uns indessen nicht einbilden dass diese Darstellungsweise

eine wirkliche Analyse oder dass sie etwas Anderes als eine bloß wörtliche

Umformung der Ausgabe sei denn der Ausdruck Naturgesetz bedeutet nichts als

Gleichförmigkeiten welche unter den Naturerscheinungen oder mit anderen

Worten, in den Resultaten der Induktion bestehen wenn sie auf ihren

einfachsten Ausdruck zurückgeführt worden sind. Wir haben indessen schon etwas

gewonnen wenn wir so weit vorgeschritten sind um einzusehen dass das Studium

der Natur ein Studium von Gesetzen, nicht von einem Gesetze ist ein Studium von

Gleichförmigkeiten in der Mehrzahl dass die verschiedenen Naturerscheinungen

nach besonderen Regeln oder Modi stattfinden welche obgleich miteinander

vermischt und verwickelt bis zu einem gewissen Grade einzeln studiert werden

können; dass um unsere frühere Metapher zu Wiederholen die Regelmäßigkeit der

Natur ein Gewebe von unterschiedenen Fäden ist und nur verstanden werden kann,

wenn wir den einzelnen Fäden nachgehen Zu diesem Ende ist es häufig nötig

einen Teil des Gewebes aufzulösen und die Fäden voneinander zu sondern Aus den

Regeln der experimentellen Forschung ergeben sich die Kunstgriffe für die

Zerlegung des Gewebes

    

     2 Wenn wir so versuchen die allgemeine Ordnung der Natur durch die

Erforschung der besonderen Ordnungen der einzelnen Naturerscheinungen zu

ermitteln so kann das wissenschaftliche Verfahren nur eine verbesserte Form des

Verfahrens sein welches der menschliche Verstand befolgt hat ehe er noch durch

die Wissenschaft geleitet wurde Als man zuerst den Gedanken fasste die

Naturerscheinungen nach einer strengem und sicherem Methode als die anfangs

mehr spontan angenommene zu studieren ging man nicht der wohlgemeinten aber

unbrauchbaren Lehre Descartes zufolge von der Voraussetzung aus dass noch

nichts erforscht wäre Viele von den in den Naturerscheinungen bestehenden

Gleichförmigkeiten sind so beständig und der Beobachtung so offen dass sie sich

der menschlichen Erkenntnis gegen ihren Willen aufdrängen Manche Erscheinungen

sind so stetig und so gewöhnlich mit anderen verbunden dass die Menschen wie

die Kinder noch tun die eine zu erwarten lernten wo sie die andere fanden

und dies lange bevor sie ihre Erwartungen durch die Behauptung eines

Zusammenhangs zwischen diesen Erscheinungen in Worten auszudrücken wussten Es

war keine Wissenschaft nötig um die Menschen zu lehren dass Brod nährt dass

Wasser den Durst stillt dass die Sonne leuchtet und wärmt dass schwere Körper

auf die Erde fallen Dies und Ähnliches nahmen die ersten wissenschaftlichen

Forscher als bekannte Wahrheiten an und gingen von diesen aus um andere

unbekannte Wahrheiten zu entdecken Dieses Verfahren war auch nicht unrichtig

sie sahen sich jedoch später als die vorschreitende Wissenschaft ihnen zeigte

dass ihre Wahrheiten begrenzt oder dass sie andere Umstände berührten welche

sie anfänglich nicht beachtet hatten genötigt diese spontane

Verallgemeinerungen einer Revision zu unterwerfen Aus dem folgenden Theile

unserer Untersuchung wird glaube ich hervorgehen dass in diesem Verfahren

keine logische Täuschung liegt wir können aber jetzt schon sehen dass ein

jedes andere Verfahren unbrauchbar istIndem es unmöglich ist eine

wissenschaftliche Methode der Induktion oder eine Probe für die Genauigkeit von

Induktionen zu erfinden die nicht auf die Hypothese dass schon einige

Induktionen von unzweifelhafter Gewissheit gemacht sind gegründet wäre

    Wir wollen zu einem unserer früheren Beispiele zurückkehren und betrachten

warum wir in beiden Fällen mit demselben Grade von positiver und negativer

Zuverlässigkeit die Behauptung, dass es schwarze Schwanen gibt nicht

zurückwiesen während wir demjenigen welcher behauptet dass es Menschen gibt

die den Kopf unter den Schultern haben allen Glauben versagen Die erste

Behauptung war glaubwürdiger als die letztere Aber warum glaubwürdiger Welcher

Grund war vorhanden das Eine glaubwürdiger als das Andere zu finden so lange

man über keine dieser Erscheinungen eine Erfahrung hatte Augenscheinlich weil

weniger Beständigkeit in der Farbe der Tiere als in dem Bau ihrer Inneren

Anatomie herrscht Aber woher wissen wir dies Offenbar aus der Erfahrung. Es

scheint also dass wir der Erfahrung bedürfen damit sie uns lehre in welchen

Fällen oder in welchen Artenvon Fällen wir uns auf die Erfahrung verlassen

dürfen Wir müssen die Erfahrung fragen um von ihr zu lernen unter welchen

Verhältnissen die aus ihr gezogenen Argumente gültig sind Wir haben keine

anderweitige Probe der wir die Erfahrung unterwerfen könnten wir müssen sie

selbst zu ihrer eigenen Probe machen Die Erfahrung zeigt dass unter den

Gleichförmigkeiten welche sie darbietet oder darzubieten scheint es solche

gibt auf die man sich eher verlassen kann als auf andere es kann daher die

Gleichförmigkeit im Verhältnis als der Fall einer Klasse von bisher

gleichförmiger befundenen Gleichförmigkeiten angehört aus einer gegebenen

Anzahl von Beispielen mit einem höheren Grade von Gewissheit gemutmaßt

werden

    Das Verfahren eine Generalisation durch die andere eine engere

Generalisation durch eine weitere zu korrigieren welches der gesunde

Menschenverstand an die Hand gibt und in der Praxis anwendet ist der wirkliche

Typus der wissenschaftlichen Induktion Alles was die Kunst zu tun vermag

ist dass sie diesem Verfahren Genauigkeit und Sicherheit verleiht und dass sie

es ohne wesentliche Änderung des Prinzips einer Mannigfaltigkeit von Fällen

anpasst

    Es gibt natürlich keinen Weg die oben beschriebene Probe anzuwenden wenn

wir nicht schon eine allgemeine Kenntnis des vorherrschenden Charakters der

durch die ganze Natur bestehenden Gleichförmigkeiten besitzen und es ist daher

ein prüfender Überblick über die Induktionen zu welchen die Menschheit durch

die unwissenschaftliche Praxis geführt worden ist, die unentbehrliche Grundlage

einer wissenschaftlichen Formel der Induktion diese Prüfung hat den besonderen

Zweck zu bestimmen, welche Arten von die ganze Natur durchdringenden

Gleichförmigkeiten vollkommen unveränderlich und welche in Zeit Ort und

anderen Umständen veränderlich befunden worden sind.

    

     3 Die Notwendigkeit einer solchen Prüfung wird durch die Betrachtung

bestätigt dass die strengeren Induktionen der Prüfstein sind an welchen wir

uns immer bemühen die schwächeren zu bringen Wenn wir ein Mittel finden eine

der weniger strengen Induktionen von strengeren abzuleiten so erlangt sie auf

einmal die ganze Strenge derjenigen von welchen sie abgeleitet wurde sie

vermehrt sogar diese Strenge da die unabhängige Erfahrung auf welcher die

schwächere Induktion vorher beruhte ein neuer Beweis der Wahrheit des besser

begründeten Gesetzes ist in welchem sie sich nun eingeschlossen findet Wir

mögen aus dem historischen Beweis folgern dass die unumschränkte Regierung

eines Monarchen einer Aristokratie oder einer Majorität oft missbraucht werden

wird aber wir sind berechtigt dieser Generalisation noch mehr zu vertrauen

wenn es gezeigt worden ist, dass sie nur ein Folgesatz einer noch besser

bewiesenen Wahrheit ist es ist dies der geringe Grad von Charaktergröße den

die Menschen noch durchschnittlich besitzen und die meistens geringe

Wirksamkeit der bisher üblichen Erziehungsweisen um die Herrschaft der Vernunft

und des Gewissens über die selbstsüchtigen Neigungen zu erhalten Es ist

zugleich einleuchtend dass sogar diese allgemeineren Tatsachen durch das

Zeugnis welches die Geschichte den Wirkungen des Despotismus erteilt

strenger bewiesen werden. Die strenge Induktion wird noch strenger wenn eine

schwächere mit ihr verbunden wird

    Wenn von der andern Seite eine Induktion anderen strengeren Induktionen

oder Schlüssen die in richtiger Weise von letzteren abgeleitet werden können,

widerstreitet so muss sie wenn nicht einige dieser strengeren Induktionen bei

wiederholter Betrachtung als zu weit ausgedehnt erscheinen aufgegeben werden

Die so lange herrschende Meinung dass ein Komet oder eine andere ungewöhnliche

Erscheinung am Himmel der Vorbote großer Unglücksfälle wenigstens für

denjenigen wäre der sie beobachtet hatte der Glaube an die Wahrhaftigkeit des

Orakels zu Delphi oder zu Dodona das Vertrauen auf die Astrologie oder die

Wetterprophezeiungen der Kalender waren ohne Zweifel Induktionen von denen man

voraussetzte dass sie auf die Erfahrung gegründet wären81 und der Glaube

schien bei diesen Täuschungen ganz fähig gegen eine große Anzahl von

fehlschlagenden Fällen Stand zu halten vorausgesetzt dass er durch eine

mäßige Zahl von zufälligen Übereinstimmungen zwischen Voraussetzung und

Ereignis unterstützt wurde Es ist die Unverträglichkeit mit strengeren

Induktionen zu welchen die wissenschaftliche Forschung in Beziehung auf die

Ursachen, von denen terrestrische Ereignisse abhängen gelangt istwelche

diesen unzureichenden Induktionen wirklich ein Ende machte da wohin diese

wissenschaftlichen Wahrheiten noch nicht gedrungen sind herrschen noch immer

dieselben oder ähnliche Täuschungen

    Es kann als ein allgemeiner Grundsatz angesehen werden, dass alle

Induktionen ob streng oder schwach welche durch einen Syllogismus mit einander

verbunden werden können, sich einander bestätigen während andere welche zu

unverträglichen Konsequenzen führen sich gegenseitig einander prüfen und

zeigen dass die eine oder die andere aufgegeben oder doch vorsichtiger

ausgedrückt werden muss In dem Falle dass sich Induktionen gegenseitig

bestätigen erhebt sich diejenige welche zum Schlusse eines Syllogismus wird

wenigstens zu dem Grade von Gewissheit der schwächsten der Induktionen von

welchen sie abgeleitet ist während im allgemeinen alle an Gewissheit zunehmen

So unterstützte das Torricellische Experiment obgleich nur ein allgemeiner Fall

von drei allgemeineren Gesetzen nicht allein bedeutend den Beweis auf welche

dieselben gegründet waren sondern es verwandelte sogar das eine derselben das

von dem Gewicht der Luft aus einer zweifelhaften Generalisation in eine

vollständig begründete Lehre

    Wenn daher eine Prüfung der Gleichförmigkeiten welche als in der Natur

vorhanden erforscht wurden einige andeuten würde welche soweit menschliche

Zwecke Gewissheit verlangen als absolut gewiss und allgemein betrachtet werden

können: so könnten wir vermittelst dieser Gleichförmigkeiten eine Menge von

anderen Induktionen auf dieselbe Stufe der Gewissheit erheben Denn wenn wir in

Beziehung auf irgend eine Induktion zeigen können dass sie entweder wahr sein

oder dass eine dieser gewissen und allgemeinen Induktionen eine Ausnahme

zulassen muss so wird die erstere Generalisation dieselbe absolute Gewissheit

und Unverbrüchlichkeit innerhalb der ihr angewiesene Grenzen erreichen welche

die Attribute der letzteren sind Es wird von ihr bewiesen sein dass sie ein

Gesetz ist und wenn nicht das Resultat von anderen und einfacheren Gesetzen so

wird sie ein Naturgesetz sein

    Es gibt solche gewisse und allgemeine Induktionen und weil es solche

gibt ist eine induktive Logik möglich

 
 





     1 Die Naturerscheinungen stehen in einem doppelten Verhältnis zu

einander in dem Verhältnis der Gleichzeitigkeit und dem der Folge Eine jede

Naturerscheinung wird in einer gleichförmigen Weise auf Erscheinungen die mit

ihr bestehen und auf andere welche ihr vorhergegangen sind bezogen

    Von den Gleichförmigkeiten unter den gleichzeitigen Naturerscheinungen sind

in jeder Beziehung die Gesetze der Zahlen die wichtigsten nach ihnen sind es

die Gesetze des Raumes, oder mit anderen Wortender Ausdehnung und der Gestalt

Die Gesetze der Zahlen sind gleichzeitigen und auf einander folgenden

Erscheinungen gemeinschaftlich Dass Zwei und Zwei Vier geben ist wahr ob das

zweite Zwei das erste begleite oder ob es ihm folge es ist ebenso wahr von

Tagen und Jahren als von Fußen und Zollen Die Gesetze der Ausdehnung und

Gestalt oder mit anderen Worten, die Lehrsätze der Geometrie von den

niedrigsten bis zu ihren höchsten Zweigen sind im Gegenteil nur Gesetze der

Gleichzeitigkeit von ErscheinungenDie verschiedenen Theile des Raumes und der

Gegenstände, welche ihn wie man sagt ausfallen sind zugleich koexistieren

und die unveränderlichen Gesetze welche der Gegenstand der Geometrie sind sind

ein Ausdruck von der Art ihres Zugleichseins Es ist dies eine Klasse von

Gesetzen oder Gleichförmigkeiten für deren Verständnis und Beweis man nicht

nötig hat irgend einen Zeitverlauf irgend eine Verschiedenheit von auf

einanderfolgenden Tatsachen oder Ereignisse anzunehmen Wenn alle Dinge von

Ewigkeit an unwandelbar festgesetzt gewesen wären so würden die geometrischen

Lehrsätze dennoch für sie wahr sein Alle Dingewelche Ausdehnung besitzen

oder mit anderen Worten, einen Raum ausfüllen sind geometrischen Gesetzen

unterworfen Wenn sie Ausdehnung besitzen so besitzen sie auch Gestalt wenn

sie Gestalt besitzen so besitzen sie eine besondere Gestalt und damit alle

Eigenschaftenwelche die Geometrie dieser Gestalt anweist Wenn ein Körper eine

Kugel und ein anderer ein Zylinder von gleicher Höhe und Durchmesser ist so

wird der erstere genau zwei Drittel des andern sein gleichgültig von welcher

Natur und Eigenschaft das Material sei Es muss ferner jeder Körper oder ein

jeder Punkt eines Körpers einen Raum oder eine Lage unter anderen Körpern

einnehmen und die relative Lage zweier Körper zu einander kann untrüglich aus

der relativen Lage eines jeden derselben zu einem dritten Körper geschlossen

werden von welcher Natur die Körper auch sein mögen

    In den Gesetzen der Zahlen und des Raums erkennen wir also in

unzweifelhafter Weise die strengen Gleichförmigkeiten welche wir suchen Zu

allen Zeiten waren diese Gesetze das Bild der Gewissheit, das vergleichende

Maß für die niedrigeren Grade von Beweis Ihre Unveränderlichkeit ist so

vollkommen dass wir nicht einmal fähig sind eine Ausnahme davon zu begreifen

so vollkommen dass sich Philosophen zu dem Irrtum verleiten ließen ihre

Zuverlässigkeit als nicht in der Erfahrung, sondern als in der ursprünglichen

Beschaffenheit des menschlichen Geistes liegend w betrachten Wenn wir also im

Stande sind von den Gesetzen des Raums und der Zahlen Gleichförmigkeiten von

irgend einer andern Art abzuleiten so wäre dies für uns ein gültiger Beweis

dass diese anderen Gleichförmigkeiten denselben Grad von strenger Gewissheit

besitzen Dies können wir aber nicht Von den Gesetzen des Raumes und der Zahlen

allein können nur Gesetze von Raum und Zahlen abgeleitet werden

    Von allen auf Naturerscheinungen sich beziehenden Wahrheiten sind

diejenigenwelche sich auf die Ordnung in deren Folge Sukzession beziehen

für uns die wertvollsten Auf die Kenntnis derselben ist jede vernünftige

Antizipation der künftigen Dinge und eine jede Macht auf diese Dinge einen

Einfluss zu unserm Vorteil zu üben gegründet Sogar die geometrischen Gesetze

sind hauptsächlich deshalb von praktischer Wichtigkeit für uns weil sie einen

Teil der Prämissen ausmachen aus welchen die Ordnung in der Folgereihe der

Naturerscheinungen gefolgert werden kann. Da die Bewegung der Körperdie

Wirkung von Kräften und die Fortpflanzung von Einflüssen aller Art in gewissen

Linien und in einem bestimmten Raume stattfinden so sind die Eigenschaften

dieser Linien und des Raumes wichtige Theile der Gesetze denen jene

Naturerscheinungen selbst unterworfen sind Überdies sind Bewegungen Kräfte

Einflüsse und Zeiten zählbare Dinge und die Eigenschaften der Zahlen sind so

gut auf sie wie auf andere Dinge anwendbar Aber obgleich die Gesetze der

Zahlen und des Raums wichtige Elemente bei der Erforschung von

Gleichförmigkeiten der Folge des Aufeinanderfolgens sind so können sie für

sich allein hierzu nichts nützen Sie können nur dann zu diesem Zwecke dienen

wenn wir sie mit anderen Prämissen welche schon bekannte Gleichförmigkeiten der

Folge ausdrücken verbinden Nehmen wir zB als Prämisse die Sätze dass

Körper auf welche eine momentane Kraft wirkt sich mit gleichförmiger

Geschwindigkeit in einer geraden Linie bewegen dass Körper auf welche eine

konstante Kraft wirkt sich mit beschleunigter Geschwindigkeit in einer geraden

Linie bewegen und dass Körper auf welche zwei Kräfte in verschiedenen

Richtungen wirken sich in der Diagonale eines Parallelogramms bewegen dessen

Seiten die Richtungen und Größe dieser Kräfte repräsentieren so können wir

indem wir diese Wahrheiten mit Sätzen welche sich auf die Eigenschaften der

geraden Linien und der Parallelogramme beziehen wie dass das Dreieck die Hälfte

eines Parallelogramms von gleicher Grundlinie und Höhe ist eine andere

wichtige Gleichförmigkeit der Folge anleiten die nämlich dass ein Körper,

welcher sich um einen Kräftemittelpunkt bewegt Flächen beschreibt die den

Zeiten proportional sind Hätten indessen die Prämissen nicht Gesetze der Folge

enthalten so hätte unser Schluss keine Wahrheiten der Folge enthalten können

Eine ähnliche Bemerkung kann auf eine jede andere Klasse von wirklich

eigentümlichen Naturerscheinungen ausgedehnt werden und würde wenn man sie

beachtet hätte viele chimärische Versuche das Unbeweisbare zu beweisen und das

Unerklärliche zu erklären verhindert haben

    Es ist uns also nicht genug dass die Gesetze des Raumes, reiche nur Gesetze

der gleichzeitigen Phänomene und die Gesetze der Zahlen, die obgleich wahr für

auf einander folgende Erscheinungen sich nicht auf deren Folgereihe beziehen

jene strenge Gewissheit und Allgemeinheit besitzen welche wir suchen Wir

müssen suchen ein Gesetz der Folge zu finden welches gerade diese Attribute

besitzt und daher geeignet ist das Fundament von Prozessen abzugeben um alle

anderen Gleichförmigkeiten der Folge zu entdecken und zu prüfen Dieses

Grundgesetz muss den Wahrheiten der Geometrie in ihrer bemerkenswertesten

Eigentümlichkeit in der nämlich niemals in irgend einem Falle durch irgend

einen Wechsel von Umständen aufgehoben oder unterbrochen zu werden gleichen

    Unter allen jenen Gleichförmigkeiten der Sukzession von Naturerscheinungen

welche die gewöhnliche Beobachtung nachweist gibt es nur sehr wenige welche

wenn auch nur scheinbar einen Anspruch auf diese strenge Unverbrüchlichkeit

machen könnten und von diesen wenigen hat nur ein einziges diesen Anspruch

behaupten können In diesem einen erkennen wir indessen ein Gesetz das noch in

einem andern Sinne allgemein ist es hat den Umfang des ganzen Gebietes der

aufeinanderfolgenden Naturerscheinungen alle Beispiele der Folge sind Fälle

desselben Dieses Gesetz ist das Kausalgesetz Es ist eine ebensoweit reichende

Wahrheit als die menschliche Erfahrung dass jedes Ding das einen Anfang auch

eine Ursache hat

    Diese Generalisation mag Manchem unbedeutend scheinen da sie im Grunde nur

behauptet »es ist ein Gesetz dass jedes Ereignis von einem Gesetz abhängig

ist,« »es ist ein Gesetz dass es ein Gesetz für Alles gibt« Wir dürfen

indessen nicht schließen dass die Allgemeinheit dieses Grundsatzes bloß

wörtlich sei es wird sich bei der Prüfung desselben finden dass es keine vage

nichtssagende Behauptung sondern dass eine höchst wichtige und wirklich

fundamentale Wahrheit ist

    

     2 Da der Begriff der Ursache die Wurzel der ganzen Theorie der Induktion

ist so ist es unumgänglich nötig dass derselbe gleich im Anfang unserer

Untersuchung und mit dem möglichsten Grad von Genauigkeit festgestellt werde

Wenn es zum Zweck einer induktiven Logik nötig wäre dass der Streit welcher

unter den verschiedenen Schulen von Metaphysikern über den Ursprung und die

Analyse unserer Ideen von einer Verursachung so lange gewütet hat unterdrückt

wurde so dürfte für eine lange Zeit hinaus die Veröffentlichung einer wahren

Theorie der Induktion als ein verzweifeltes Unternehmen zu betrachten sein Es

braucht jedoch in dieser wie in anderen Beziehungen die Wissenschaft von der

induktiven Erforschung der Wahrheit der Lehre von der Beschaffenheit oder

Konstitution des menschlichen Geistes keine Prämissen mit Ausnahme solcher zu

entlehnen welche zuletzt obgleich oft erst nach hartem Streit sämtlichen

Systemen der Philosophie des Geistes einverleibt worden sind; am wenigsten aber

solche die als wesentlich unbrauchbar angesehen werden können.

    Ich erwähne also vorläufig dasswenn ich im Verlauf unserer Untersuchung

von der Ursache einer Naturerscheinung spreche ich nicht eine Ursache meine

die nicht selbst eine Naturerscheinung ist dass ich nicht die letzte oder

ontologische Ursache der Dinge suche Die Ursachen, um welche ich mich

bekümmere sind nicht urwirkende sondern physikalische Ursachen Nur in diesem

Sinne kann man von einer physikalischen Tatsache sagen dass sie die Ursache

einer andern sei Ich fühle mich nicht berufen über die urwirkenden Ursachen

causae efficientes oder deren Existenz eine Meinung abzugeben Der Begriff

von Ursache schließt nach den gegenwärtig am meisten in Ruf stehenden

metaphysischen Schulen ein geheimnisvolles höchst wirksames Band in sich wie

es zwischen einer physikalischen Tatsache und einer andern physikalischen

Tatsache wovon sie eine unveränderliche Folge ist und welche in populärer

Sprache ihre Ursache heißt nicht existieren kann oder wenigstens nicht

existiert Man leitete hieraus die supponierte Notwendigkeit ab höher zu

steigen bis zu dem Wesen der Essenz und der inwohnenden Beschaffenheit der

Dinge zu gelangen die wahre Ursache zu finden die Ursache nämlich welcher die

Wirkungen nicht allein folgen sondern welche die Wirkungen wirklich erzeugt Zu

dem Zweck der gegenwärtigen Untersuchung besteht eine solche Notwendigkeit

nicht und man wird in dem Folgenden vergeblich eine solche Lehre suchen Der

Begriff von Ursache, wie ihn die Theorie der Induktion verlangt ist einzig ein

Begriffder aus der Erfahrung gewonnen werden kann. Das Kausalgesetz dessen

Erkenntnis der Grundpfeiler der induktiven Philosophie ist besteht bloß in

der allbekannten Wahrheit dass unabhängig von einer jeden Betrachtung

bezüglich der letzten Erzeugungsweise von Naturerscheinungen und von jeder Frage

nach den »Dingen an sich« die Beobachtung eine Unveränderlichkeit der

Sukzession zwischen einer Tatsache in der Natur und einer andern die ihr

vorhergegangen ist nachweist

    Zwischen den Naturerscheinungen die in irgend einem Augenblick vorhanden

sind, und den Erscheinungen in dem folgenden Augenblick besteht also eine

unveränderliche Ordnung der Folge und wie wir es bei der Betrachtung der

Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur aussprachen das Gewebe ist aus

einzelnen Fäden zusammengesetzt diese kollektive Ordnung ist also durch die

zwischen den einzelnen Teilen unveränderlich bestehenden Folgen hervorgebracht

Gewissen Tatsachen folgen gewisse Tatsachen und werden ihnen wie wir

glauben immer folgen Die unveränderlich vorhergehende Tatsache wird die

Ursache, die unveränderlich folgende die Wirkung genannt und die Allgemeinheit

des Kausalgesetzes besteht darin, dass eine jede folgende auf irgend eine Weise

mit einer vorhergehenden oder mit einer Reihe von vorhergehenden Tatsachen

verknüpft ist Die Tatsache sei wie sie wolle wenn sie angefangen hat zu

existieren so war ihr eine Tatsache oder Tatsachen vorausgegangen mit denen

sie unveränderlich verknüpft ist Für einen jeden Vorgang ein jedes Ereignis

besteht also eine Kombination von Dingen oder Vorgängen ein gegebenes

Zusammenwirken von positiven und negativen Umständen die wenn sie eintreten

jene Erscheinung zur Folge haben Wir haben noch nicht ausfindig gemacht

welches dieses Zusammenwirken von Umständen sein kann wir zweifeln jedoch

nicht dass es ein solches gibt und dass es wenn es eintritt immer das

fragliche Phänomen als Wirkung oder Folge habe Von der Allgemeinheit dieser

Wahrheit hängt die Möglichkeit ab das induktive Verfahren auf Regeln

zurückzuführen Es wird sich nun zeigen dass die unzweifelhafte Gewissheit

welche wir haben dass ein Gesetz gefunden werden kann, wenn wir nur wüssten

wie es zu finden ist die Quelle ist aus welcher die Regeln der induktiven

Logik ihre Gültigkeit schöpfen

    

     3 Wenn überhaupt je so besteht diese unveränderliche Folge nur selten

zwischen einer folgenden und einer einzigen vorhergehenden Naturerscheinung

zwischen einem einzelnen Antezedens und einem Konsequenz aber gewöhnlich

zwischen einer folgenden und einer Summe von verschiedenen vorhergehenden

Erscheinungen deren aller Zusammenwirken nötig ist um die folgenden

Erscheinungen hervorzubringen dh damit sie ihnen gewiss folgen In solchen

Fällen ist es sehr gewöhnlich dass man ein einzelnes von den Antecedentien

unter der Benennung Ursache absondert indem man die anderen bloß Bedingungen

nennt Wenn Jemand von einer Speise isst und davon stirbt dh wenn er nicht

gestorben wäre im Falle er nicht davon gegessen hätte so sagt man gewöhnlich

dass der Genuas dieser Speise die Ursache seines Todes war Es ist indessen

nicht notwendig dass zwischen dem Genuss der Speise und dem Tode ein

unveränderlicher Zusammenhang stattfinde aber gewiss besteht unter den

Umständen welche stattfanden irgend eine Kombination deren unveränderliche

Folge der Tod ist wie zB der Akt des Genusses der Speise verbunden mit der

besonderen körperlichen Konstitution mit einem besonderen Zustand der Gesundheit

und vielleicht sogar der Atmosphäre Das Ganze dieser Umstände machte in diesem

besonderen Falle die Bedingungen des Phänomens oder mit anderen Worten die Reihe

von Antecedentien aus welche dasselbe hervorriefen und ohne welche es nicht

stattgefunden hätte Die wahre Ursache ist das Ganze dieser Antecedentien und

philosophisch gesprochen haben wir kein Recht den Namen Ursache einer einzigen

von ihnen ausschließlich der andern zu geben Die Ungenauigkeit dieses

Ausdrucks wird in dem supponierten Falle dadurch verdeckt dass die verschiedenen

Bedingungen mit Ausnahme der einzigen des Genusses der Speise nicht Vorgänge

dh augenblickliche Veränderungen oder Aufeinanderfolgen solcher

Veränderungen sondern Zustände waren die mehr oder weniger Dauer hatten und

welche deshalb der Wirkung eine unbestimmte Zeitdauer vorhergegangen sein

konnten indem der Vorgang fehlte welcher zur Vervollständigung des

erforderlichen Zusammenwirkens von Bedingungen nötig war Sobald dieser

Vorgang der Genuss der Speise Statt fand fehlte keine Ursache mehr die

Wirkung trat sogleich ein und hieraus entsteht der Schein als bestehe zwischen

der Wirkung und diesem einen Antezedens ein unmittelbarerer und engerer

Zusammenhang als zwischen der Wirkung und den übrigen Bedingungen Aber

obgleich wir es für geeignet halten mögen der Bedingung deren Erfüllung die

Wirkung ohne Verzug hervorbrachte den Namen Ursache beizulegen so steht sie

doch in keiner engeren Beziehung zur Wirkung als die anderen um die Wirkung

hervorzubringen mussten alle unmittelbar vorher existieren aber sie brauchten

nicht alle anzufangen zu existieren Die Angabe der Ursache ist unvollständig

wenn wir nicht alle Bedingungen in irgend einer Form einführen Es nimmt Jemand

Quecksilber ein geht aus und erkältet sich Wir suchen vielleicht die Ursache

seiner Erkältung darin dass er sich der Luft ausgesetzt hat Es ist indessen

klar dass das Einnehmen von Quecksilber eine notwendige Bedingung seiner

Erkältung gewesen sein kann und obgleich es sich mit dem Sprachgebrauch

verträgt das sich der Luft Aussetzen die Ursache des Übels zu nennen so

müssten wir in genauer Sprechweise sagen dass das sich der Luft Aussetzen unter

dem Einfluss des Quecksilbers die Ursache war

    Wenn wir bei dem Streben nach Genauigkeit nicht alle Bedingungen aufzählen

so geschieht dies weil in den meisten Fällen einige ohne dass sie ausgedrückt

werden, als von selbst verstanden angesehen werden, oder weil sie für den Zweck

den man im Auge hat ohne Nachtheil übergangen werden können. Wenn wir zB

sagen die Ursache des Todes eines Menschen war dass sein Fuß ausglitt als er

eine Leiter hinaufkletterte so übergehen wir sein Gewicht als einen Umstand

den man nicht anzuführen braucht obgleich er eine unerlässliche Bedingung der

erfolgten Wirkung war Wenn wir sagen dass die Zustimmung der Krone zu einer

Bill dieselbe zum Gesetz erhebt so meinen wir dass diese Zustimmung die sie

niemals gegeben wird ehe alle anderen Bedingungen erfüllt wurden die Summe der

Bedingungen ergänzt obgleich sie Niemand als die Hauptbedingung ansieht Wenn

die Entscheidung einer gesetzgebenden Versammlung durch die entscheidende Stimme

des Vorsitzenden bestimmt wird, so sagen wir häufig dieses einzige Individuum

sei die Ursache aller Wirkungen welche aus der Verfügung entsprangen Wir

setzen jedoch hierbei nicht voraus dass dieses einzelne Votum mehr zu dem

Resultat beigetragen habe als die Stimme eines Jeden der im bejahenden Sinne

stimmte aber zu dem Zwecke den wir im Auge haben nämlich ihn mit der

Verantwortlichkeit zu behaften ist der Antheil den die Anderen an der

Verhandlung nahmen nicht von Wichtigkeit

    In allen diesen Fällen war die Tatsache, welcher wir den Namen Ursache

erteilten die eine Bedingung welche zuletzt ins Leben trat Man darf jedoch

nicht voraussetzen dass bei dem Gebrauche dieses Wortes diese oder irgend eine

andere Regel immer befolgt wird Nichts kann besser die Abwesenheit eines jeden

wissenschaftlichen Grundes in der Unterscheidung zwischen einer Naturerscheinung

und ihren Bedingungen zeigen als die seltsame Weise in der wir unter den

Bedingungen diejenigen wählen welche es uns beliebt Ursache zu nennen Wie

zahlreich auch die Bedingungen sein mögen so werden wir zu unserm jedesmaligen

Zweck immer eine darunter finden der wir diesen nominellen Vorzug erteilen

können Es ergibt sich dies aus der Betrachtung einer der gewöhnlichsten

Erscheinungen zB ein Stein der ins Wasser geworfen wird sinkt auf den

Grund Welches sind die Bedingungen dieser Erscheinung Zuerst muss ein Stein

und Wasser vorhanden sein und der Stein muss ins Wasser geworfen werden aber

diese Voraussetzungen bilden einen Teil der Benennung der Erscheinung selbst

und es wäre eine Tautologie wenn man sie in die Bedingungen einschließen

wollte auch hat diese Klasse von Bedingungen den Namen Ursache nur von einigen

Scholastikern welche sie die materielle Ursache causa materialis nannten

erhalten Die nächste Bedingung ist es muss eine Erde da sein und demgemäß

sagt man häufig dass der Fall des Steins durch die Erde verursacht wird oder

durch eine Macht oder Eigenschaft der Erde oder eine von ihr ausgeübte Kraft

was alles nur eine weitläufige Art ist zu sagen er werde durch die Erde

verursacht oder endlich man sagt er sei durch die Anziehung der Erde

verursacht was nur wieder eine technische Art zu sagen ist dass die Erde die

Bewegung verursacht mit der neuen Eigentümlichkeit dass die Bewegung nach der

Erde stattfindet was nicht ein Charakter der Ursache, sondern der Wirkung ist

Es ist nun um zu einer andern Bedingung überzugehen nicht genug dass die Erde

da sei der Körper muss auch in einer Entfernung von ihr stehen dass die

Anziehung der Erde die eines jeden andern Körper überwiegt Wir könnten also

demgemäß sagen und der Ausdruck wäre unleugbar richtig dass die Ursache des

Fallens des Steines darin lag dass er sich in der Sphäre der Anziehung der Erde

befand Wenden wir uns zu einer weitern BedingungDer Stein wird ins Wasser

gesenkt wenn er den Grund erreichen soll so muss sein spezifisches Gewicht das

der umgebenden Flüssigkeit übersteigen Danach würde man sich ganz richtig

ausdrücken wenn man sagte dass das größere spezifische Gewicht des Steines

die Ursache seines Sinkens war

    Wir sehen also dass man der Reihe nach eine jede von den Bedingungen des

Phänomens einzeln nehmen und sie gleich richtig in gewöhnlicher aber ungleich

richtig in der wissenschaftlichen Sprache als die ganze Ursache bezeichnen

könnte Im Leben nennt man gewöhnlich diejenige Bedingung Ursache deren Antheil

an dem Gegenstande oberflächlich am ersichtlichsten ist und auf dessen

Unentbehrlichkeit zur Hervorbringung der Wirkung wir gerade im Augenblick

bestehen Die Gewalt der letzteren Betrachtung ist so groß dass sie uns oft

verleitet einer negativen Bedingung den Namen Ursache zu geben Wir sagen zB

die Ursache, dass die Armee überfallen wurde war dass die Schildwache sich von

ihren Posten entfernt hatte Aber wie konnte diese Abwesenheit die Ursache des

Überfalls sein da sie weder die Feinde schuf noch die Soldaten in Schlaf

versetzte Was wirklich damit gemeint istist, dass das Ereignis nicht würde

stattgefunden haben wenn sie ihre Schuldigkeit getan hätte Ihre Abwesenheit

vom Posten war keine erzeugende sondern die Abwesenheit einer verhindernden

Ursache sie war einfach ein Äquivalent seiner NichtExistenz Aus nichts aus

einer bloßen Negation kann keine Folge entstehen Alle Wirkungen sind durch das

Kausalgesetz mit einer Reihe von positiven Bedingungen verknüpft obgleich

negative fast immer ebenfalls erforderlich sind Mit anderen Worteneine jede

Tatsache oder Naturerscheinung welche einen Anfang hat entsteht beständig

wenn eine gewisse Kombination von positiven Tatsachen existiert und gewisse

andere positive Tatsachen nicht existieren

    Es besteht ohne Zweifel die Neigung  wie unser erstes Beispiel dass der

Tod die Folge des Genusses einer besonderen Speise war hinreichend zeigt  die

Idee der Ursache eher an das zunächst vorhergehende Ereignis als an einen der

vorhergehenden Zustände oder permanente Tatsachen welche ebenfalls Bedingungen

der Erscheinung sein können zu knüpfen die Ursache lieft aber darin dass das

Ereignis nicht bloß existiert sondern dass es auch unmittelbar vorher anfängt

zu existieren während die anderen Bedingungen eine unbestimmte Zeit vorher

vorhanden gewesen sein können Diese Neigung zeigt sich sehr sichtlich in den

verschiedenen logischen Fiktionen zu denen sogar Philosophen ihre Zuflucht zur

Vermeidung der Notwendigkeit nehmen etwas was eine unbestimmte Zeit vor der

Wirkung existierte den Namen Ursache zu geben Ehe sie sagen die Erde

verursache den Fall der Körper, schreiben sie ihn einer von ihr ausgeübten Kraft

 einer Anziehung derselben zu es sind dies Abstraktionen welche sie sich als

bei jeder Anstrengung erschöpft und daher jeden folgenden Augenblick eine neue

mit der Wirkung gleichzeitige oder ihr unmittelbar vorhergehende Tatsache

konstituierend vorstellen können Insofern das Eintreffen des Umstandes welcher

die Summe der Bedingungen ergänzt eine Veränderung oder ein Ereignis ist so

trifft es sich dass ein Ereignis immer das mit der folgenden Erscheinung im

engsten sichtbaren Zusammenhang stehende Antezedens ist und dies mag die

Illusion erklären welche uns veranlasst das nächste Ereignis eher als die

vorhergehenden Zustände als Ursache zu betrachten Aber auch die

Eigentümlichkeit der Wirkung näher zu sein als die anderen Bedingungen ist

wie wir bereits gesehen haben für den gewöhnlichen Begriff von Ursache nicht

nötig da im Gegenteil eine jede positive oder negative Bedingung damit

übereinstimmen kann82

    Wissenschaftlich gesprochen besteht also die Ursache aus der ganzen Summe

der positiven und negativen Bedingungen aus dem Ganzen von Ereignissen jeder

Art denen die Wirkung unveränderlich folgt wenn sie realisiert werden Die

negativen Bedingungen eines Phänomens deren spezielle Aufzählung im allgemeinen

sehr weitläufig sein würde können indessen der Kürze wegen als die Abwesenheit

entgegenwirkender oder verhindernder Ursachen bezeichnet werden Die

Anwendbarkeit dieses Ausdrucks ist hauptsächlich auf die Tatsache gegründet

dass die Wirkungen einer Ursache, welche einer andern Ursache entgegenwirkt in

den meisten Fällen mit streng wissenschaftlicher Genauigkeit als eine bloße

Ausdehnung ihrer eigenen und besonderen Wirkungen betrachtet werden können. Wenn

die Schwerkraft die Bewegung eines aufwärts geworfenen Körpers verzögert und

seine Bahn in eine Parabel verwandelt so bringt sie dabei dieselbe Art und

sogar dieselbe Quantität von Wirkung hervor als wenn sie den Fall eines Körpers

bewirkt der seiner Unterlage beraubt ist Wenn eine alkalische Lösung mit einer

Säure vermischt deren saure Eigenschaft aufhebt und sie verhindert blaue

Pflanzenfarben rot zu färben so geschieht dies weil die spezifische Wirkung

des Alkali ist sich mit der Säure zu verbinden und einen zusammengesetzten

Körper von ganz anderen Eigenschaften zu bilden Diese Eigenschaft von Ursachen

einer jeden Art die Wirkungen anderer Ursachen vermöge derselben Gesetze

wonach sie ihre eigenen Wirkungen hervorbringen zu verhindern83 setzt uns

nachdem wir das Axiom aufgestellt haben dass sich alle Ursachen in ihren

Wirkungen entgegenwirken können in den Stand die Betrachtung von negativen

Bedingungen ganz zu umgehen und den Begriff von Ursache auf die Summe der

positiven Bedingungen eines Phänomens zu beschränken indem eine negative

Bedingung die Abwesenheit entgegenwirkender Ursachen nämlich hierbei als

verstanden und in allen Fällen mit der Summe der positiven Bedingungen

hinreichend ist um die ganze Reihe von Umständen zusammenzusetzen wovon die

Naturerscheinung abhängt

    

     4 Wie wir gesehen haben gibt es unter den positiven Bedingungen

solche denen in gewöhnlicher Sprechweise der Name Ursache eher und häufiger

gegeben wird während er anderen unter gewöhnlichen Umständen versagt wird In

den meisten Fällenin denen eine Ursache wirkt unterscheidet man gewöhnlich

zwischen einem Dinge, das wirkt und einem andern Dinge auf das gewirkt wird

zwischen einem Agens und einem Patiens Man wird allgemein zugeben dass beide

Bedingungen des Phänomens sind aber man wird es für absurd erklären das

letztere die Ursache zu nennen da dieser Name dem ersteren vorbehalten ist Bei

näherer Prüfung verschwindet indessen diese Unterscheidung oder erscheint

vielmehr als eine bloß verbale als der Zufälligkeit eines bloßen Ausdrucks

entspringend dem nämlich dass der Gegenstand, von dem man sagt es werde auf

ihn gewirkt und welcher als die Scene betrachtet wird auf welcher die Wirkung

vor sich geht gewöhnlich in dem Ausdruck in welchem man von der Wirkung

spricht einbegriffen ist so dass wenn man ihn als einen Teil der Ursache

rechnen wollte die scheinbare Ungereimtheit durch die Voraussetzung entstände

er verursache sich selbst In dem bereits gebrauchten Beispiele von dem Falle

der Körper war die Frage so gestellt  Welches ist die Ursache, die einen Stein

fallen macht Wenn die Antwort gewesen wäre »der Stein selbst« so würde der

Ausdruck in scheinbarem Widerspruche mit der Bedeutung des Wortes Ursache

gewesen sein Der Stein wird daher als das Patiens und die Erde oder zufolge

einem gewöhnlichen und sehr unphilosophischen Gebrauch irgend eine verborgene

Eigenschaft der Erde als das Agens oder die Ursache dargestellt Dass aber die

Unterscheidung keine fundamentale ist geht daraus hervor dass wenn wir die

Frage nur in anderen Worten in folgender Art ausdrücken  welches ist die

Ursache, welche eine senkrechte Bewegung nach der Erde bewirkt wir nun ohne

Ungereimtheit von dem Steine oder einem andern schweren Körper als dem Agens

welches kraft seiner eigenen Gesetze und Eigenschaften die Bewegung nach der

Erde beginnt sprechen könnten obgleich man um die aufgestellte Lehre von der

Untätigkeit der Materie zu retten vorzieht die Wirkung einer verborgenen

Eigenschaft zuzuschreiben und zu sagen dass nicht der Stein sondern das

Gewicht des Steines oder seine Gravitation die Ursache ist

    Diejenigenwelche für eine radikale Unterscheidung zwischen Agens und

Patiens stritten stellten sich das Agens gewöhnlich als etwas vor was einen

Zustand oder eine Veränderung in dem Zustande eines Patiens genannten

Gegenstandes verursacht Ein wenig Überlegung wird aber zeigen dass die von

uns geübte Freiheit von Naturerscheinungen als von Zuständen der verschiedenen

daran teilnehmenden Gegenstände zu sprechen ein Kunstgriff der von einigen

Philosophen besonders aber von Brown als eine scheinbare Erklärung von

Naturerscheinungen gebraucht wurde einfach eine Art logische Fiction und als

eine unter verschiedenen Ausdrucksweisen manchmal nützlich ist die aber niemals

als die Angabe einer philosophischen Wahrheit betrachtet werden sollte Sogar

diejenigen Attribute eines Gegenstandes, von denen es scheint als dürften sie

mit dem größten Recht als Zustände des Gegenstandes selbst betrachtet werden,

wie seine sinnfälligen Eigenschaften seine Farbe Härte Gestalt u dgl sind

in Wirklichkeit Kausalerscheinungen in welchen die Substanz offenbar das Agens

oder die bewirkende Ursache ist während unsere Organe und die anderer

empfindenden Wesen das Patiens sind Was wir die Zustände der Gegenstände

nennen sind immer Sequenzen in die diese Gegenstände gemeinlich als

Antecedentien oder Ursachen eintreten und die Dinge sind nie tätiger als wenn

sie jene Naturerscheinungen hervorbringen bei welchen man von ihnen sagt dass

auf sie gewirkt wird In dem Beispiel von dem auf die Erde fallenden Stein ist

nach der Gravitationstheorie der Stern ebensogut ein Agens als die Erde die

nicht bloß den Stein anzieht sondern auch von ihm angezogen wird In dem Fall

von einer in unseren Organen bewirkten Empfindung sind die Gesetze unserer

Organisation und sogar die unseres Verstandes bei der Erzeugung der

hervorgebrachten Wirkung ebenso direkt tätig als die Gesetze der äußeren

Dinge Obgleich wir Blausäure als die Ursache des Todes eines Menschen

bezeichnen so ist doch in der Kette von Wirkungen, die seiner empfindenden

Existenz so schnell ein Ziel setzen das Ganze der vitalen und organischen

Eigenschaften des Patiens ebenso tätig wirksam als das Gift In dem

Erziehungsprozess können wir den Lehrer das Agens und den Schüler das Material

nennen worauf gewirkt wird aber in Wahrheit üben alle Tatsachen welche in

dem Geiste der Schüler präexistierten entweder eine mitwirkende oder eine

entgegenwirkende Wirkung in Beziehung auf die Bemühungen des Lehrers aus Es ist

nicht das Licht allein das Agens des Sehens sondern das Licht verbunden mit

den tätigen Eigenschaften des Auges und des Gehirns und denjenigen der

sichtbaren GegenständeDer Unterschied zwischen Agens und Patiens besteht nur

den Worten nach ein Patiens ist immer ein Agens und in einer großen Anzahl von

Naturerscheinungen in einem Grade dass es sehr kräftig auf die Ursachenwelche

auf es wirken zurückwirkt und sogar wenn dies nicht der Fall ist, trägt es in

derselben Weise wie irgend eine der anderen Bedingungen zur Erzeugung der

Wirkung bei wovon es gewöhnlich nur als der Schauplatz betrachtet wird Alle

positiven Bedingungen eines Phänomens sind in gleicher Weise Agentien sind

gleich tätig und ein Ausdruck der Ursache, der Anspruch auf Vollständigkeit

macht darf keine derselben ausschließen mit Ausnahme solcher die bereits in

den Worten die zur Beschreibung der Wirkung dienen inbegriffen sind und beim

Einbegreifen sogar dieser würde man sich einem bloß wörtlichen Widerspruche

aussetzen

    

     5 Es bleibt nun noch auf eine Unterscheidung aufmerksam zu machen

welche sowohl für die Aufklärung des Begriffes von Ursache, als auch zur

Beseitigung eines oft gemachten sehr scheingültigen Einwurfs gegen den

Gesichtspunkt aus welchem wir den Gegenstand betrachtet haben von der größten

Wichtigkeit ist

    Wenn wir die Ursache von Etwas in dem einzigen Sinne in dem die

gegenwärtige Untersuchung mit Ursachen etwas zu schaffen hat definieren als »das

Antezedens dem dies Etwas unveränderlich folgt« so gebrauchen wir diesen

Ausdruck nicht als genau synonym mit folgendem »das Antezedens welchem es in

unserer vergangenen Erfahrung beständig gefolgt ist« Eine solche

Auffassungsweise würde dem sehr plausiblen Einwurf ausgesetzt sein den Reid

ausgesprochen hat dass nämlich nach dieser Lehre die Nacht die Ursache des

Tages und der Tag die Ursache der Nacht sein muss indem seit dem Anfange der

Welt diese Naturerscheinungen aufeinanderfolgten Für unsern Gebrauch des Wortes

Ursache ist es aber notwendig zu glauben nicht allein dass dem Antezedens

das Konsequenz immer gefolgt istsondern auch dass es so lange die

gegenwärtige Beschaffenheit der Dinge84 dauert ihm folgen wird dies wäre aber

von Tag und Nacht nicht richtig Wir glauben nicht dass der Tag der Nacht unter

allen denkbaren Umständen folgen wird sondern dass dies nur der Fall ist unter

der Bedingung dass die Sonne am Horizont aufgehe Wenn die Sonne nicht mehr

aufginge was so viel wir wissen mit den allgemeinen Gesetzen der Materie

nicht in Widerspruch steht so würde oder könnte die Nacht ewig währen Wenn von

der andern Seite die Sonne über dem Horizont steht wenn ihr Licht nicht

erloschen und zwischen ihr und uns kein dunkler Körper vorhanden ist, so

glauben wir fest dass wenn keine Veränderung in den Eigenschaften der Materie

eintritt diese Kombination von Antecedentien von dem Konsequenz dem Tage

begleitet sein wird dass wenn diese Kombination von Antecedentien ohne Ende

verlängert werden könnte der Tag immer dauern würde und dass wenn sie immer

vorhanden gewesen wäre es unabhängig von der Nacht als vorhergehender

Bedingung immer Tag gewesen sein würde Wir nennen deshalb die Nacht nicht die

Ursache, ja nicht einmal eine Bedingung des Tages Die Existenz der Sonne oder

eines leuchtenden Körpers und die Abwesenheit eines dunklen Mittels in gerader

Richtung 85 zwischen der Sonne und dem Theile der Erde den wir bewohnen sind

die einzigen Bedingungen und durch die Vereinigung derselben wird ohne Zutun

eines jeden überflüssigen Umstandes die Ursache zusammengesetzt Dies ist es

was die Schriftsteller meinen wenn sie sagen dass der Begriff der Ursache die

Idee der Notwendigkeit einschließt Wenn dem Wort Notwendigkeit irgend eine

Bedeutung unleugbar zukommt so ist es die der Unbedingtheit Dass etwas

notwendig ist dass etwas sein muss heißt dass etwas sein wird welche

Voraussetzungen wir auch in Beziehung auf alle anderen Dinge machen mögen Die

Folge von Tag und Nacht ist in diesem Sinne offenbar nicht notwendig sie ist

bedingt durch das Zusammenwirken verschiedener Antecedentien Das was von einer

gegebenen Folge begleitet ist wann und nur wann irgend ein dritter Umstand

ebenfalls existiert ist nicht die Ursache, wenn auch niemals ein Fall

vorgekommen ist dass das Phänomen ohne es stattgefunden hätte

    Unveränderliche Sequenz ist daher nicht synonym mit Ursache wenn die Folge

außer unveränderlich nicht auch unbedingt ist Es gibt Sequenzen die in der

vergangenen Erfahrung so gleichförmig sind als nur irgend andere und die wir

doch nicht als Fälle von Verursachung sondern als gewissermaßen zufällige

Verbindungen Konjunktionen ansehen wie in dem Falle von Tag und Nacht Die

eine könnte eine ganze Zeit hindurch existiert haben und der andere darum nicht

eher darauf gefolgt sein er folgt nur wenn gewisse andere Antecedentien

existieren und wo diese existierten da würde er in jedem Fall folgen Niemand

hat wahrscheinlich jemals die Nacht die Ursache des Tages genannt so frühe

müssen die Menschen zu der sehr einleuchtenden Generalisation gelangt sein dass

der Zustand von allgemeiner Beleuchtung den wir Tag nennen auf die Gegenwart

eines hinreichend leuchtenden Körpers folgt ob nun Finsternis vorausging oder

nicht

    Wir können daher die Ursache einer Naturerscheinung definieren als das

Antezedens oder das Zusammenwirken von Antecedentien worauf dieselbe

unveränderlich und unbedingt folgt oder wir nehmen die bequeme Modifikation der

Bedeutung des Wortes Ursache an wonach sie die Summe der positiven Bedingungen

ohne die negativen ist wir müssen dann statt »unbedingt« sagen »keinen andern

als negativen Bedingungen unterworfen«

    Da die Folge von Nacht und Tag unserer Erfahrung nach unveränderlich ist so

mag es manchem scheinen dass wir in diesem Fall gerade so viel Grund haben als

die Erfahrung in irgend einem Fall nur geben kann um die zwei Phänomene als

Ursache und Wirkung anzuerkennen und dass zu sagen es wäre mehr nötig  den

Glauben zu verlangen die Sukzession sei unbedingt oder mit anderen Worten, sie

würde bei allen Veränderungen von Umständen unveränderlich sein  in der

Kausalität ein Glaubenselement anerkennen heißt das sich nicht von der

Erfahrung ableitet Hierauf ist die Antwort die Erfahrung selbst lehrt uns

dass die eine Gleichförmigkeit der Folge bedingt und die andere unbedingt ist

Wenn wir urteilen dass die Folge von Nacht und Tag eine abgeleitete Folge

eine derivative Sequenz ist die von sonst etwas abhängt so stützen wir uns auf

Erfahrungsgründe Es ist der Erfahrungsbeweis der uns überzeugt dass der Tag

gleich gut existieren könnte ohne von der Nacht gefolgt zu sein und dass die

Nacht ebenfalls bestehen könnte ohne dass der Tag darauf folgte Sagen »dass

dieser Glaube nicht durch die bloße Beobachtung der Sequenz in uns erzeugt

wird« heißt vergessen dass wir bei klarem Himmel in vierundzwanzig Stunden

zweimal ein Experimentum crucis haben dass die Sonne die Ursache des Tages ist

Wir haben eine experimentelle Kenntnis von der Sonne wodurch wir auf

experimentelle Gründe hin gerechtfertigt sind zu schließen dass wenn die

Sonne immer über dem Horizont stehen es Tag sein würde obgleich es niemals

Nacht war und dass wenn die Sonne immer unterhalb des Horizonts stehen es

Nacht sein würde wenn es auch nicht Tag gewesen wäre Wir wissen so dass die

Sukzession von Tag und Nacht nicht unbedingt ist Ich möchte noch hinzufügen

dass das Antezedens welches nur bedingungsweise unveränderlich ist nicht das

unveränderliche Antezedens ist Obgleich erfahrungsgemäß eine Tatsache immer

auf eine andere gefolgt sein mag im übrigen aber unsere Erfahrung uns lehrt

dass sie ihr vielleicht nicht immer folgen dürfte oder wenn die Erfahrung

selbst der Art ist dass sie der Möglichkeit Raum lässt es möchten die

bekannten Fälle nicht genau alle möglichen Fälle vorstellen so wird das soweit

unveränderliche Antezedens nicht für die Ursache genommen aber warum Weil wir

nicht gewiss sind dass es das unveränderliche Antezedens ist

    Fälle von Sequenz wie die von Tag und Nacht widersprechen nicht allein nicht

der Lehre welche die Verursachung in unveränderliche Folge Sequenz auflöst

sondern sie sind notwendig in dieser Lehre eingeschlossen Es ist klar dass

aus einer unbestimmten Anzahl von unbedingten Folgen eine noch größere Anzahl

von bedingten hervorgehen wird Wenn gewisse Ursachen dh gewisse

Antecedentien welche unbedingt von gewissen Folgen begleitet sind gegeben

sind so wird die bloße Koexistenz dieser Ursachen eine unbegrenzte Anzahl von

neuen Gleichförmigkeiten hervorrufen Wenn zwei Ursachen zugleich existieren so

werden die Wirkungen beider auch zugleich existieren und wenn viele Ursachen

zusammen existieren so werden diese Ursachen durch das was wir später die

Vermischung ihrer Gesetze nennen werden neue Wirkungen hervorrufen welche sich

einander begleiten oder in einer besonderen Ordnung aufeinanderfolgen und diese

Ordnung wird so lange die Ursachen zusammen fortexistieren unveränderlich sein

aber nicht länger Die Bewegung der Erde um die Sonne in einer gegebenen Bahn

ist eine Reihe von Veränderungen die sich als Antecedentien und Folgen

begleiten und zwar so lange als die Anziehung der Sonne und die Kraft womit

die Erde strebt sich in einer geraden Linie zu bewegen zusammen in demselben

Größenverhältnisse wie bisher fortdauern werden Wird eine dieser Ursachen

verändert so wird die unveränderliche Reihenfolge von Bewegungen nicht mehr

Statt haben Die Reihe von Bewegungen der Erde obgleich ein Fall von

unveränderlicher Folge innerhalb der Grenzen menschlicher Erfahrung ist daher

kein Fall von Verursachung sie ist nicht unbedingt

    Diese Unterscheidung zwischen den Beziehungen der Reihenfolge die soweit

wir wissen unbedingt sind und denjenigen Beziehungen sowohl der Sukzession als

auch der Koexistenz die wie die Bewegung der Erde oder die Folge von Tag und

Nacht von der Existenz oder von der Koexistenz einer vorausgängigen Tatsache

abhängig sind diese Unterscheidung entspricht der großen von Dr Whewell und

anderen Schriftstellern gemachten Einteilung des wissenschaftlichen Gebiets in

die Erforschung von sogenannten Gesetzen der Erscheinungen, und in die

Erforschung von Ursachen; eine Phraseologie die wie ich glaube philosophisch

nicht haltbar ist insofern die Bestimmung von Ursachenund zwar von Ursachen,

wie sie menschliche Fähigkeiten bestimmen können von Ursachen nämlich die

selbst Erscheinungen sind bloß in der Bestimmung von anderen und allgemeineren

Gesetzen der Erscheinungen bestehen kann Es sei mir erlaubt hier zu bemerken

dass Dr Whewell und bis zu einem gewissen Grad sogar Sir John Herschel die

Meinung jener Schriftsteller missverstanden haben die wie Hr Comte die Sphäre

der wissenschaftlichen Erforschung der Gesetze der Erscheinungen beschränken

und die Erforschung von Ursachen eitel und nichtig nennen Die Ursachenwelche

Hr Comte für unzugänglich erklärt sind urwirkende Ursachen causae

efficientes Die Erforschung physikalischer im Gegensatz zu urwirkenden

Ursachen mit Einschluss des Studiums aller tätigen als Tatsachen der

Beobachtung betrachteten Kräfte in der Natur) bildet bei Hrn Comte einen eben

so wichtigen Teil von dem Begriff der Wissenschaft wie bei Hrn Whewell Sein

Einwurf gegen das Wort Ursache ist bloß eine Sache der Nomenklatur in der ich

ihm als einer Sache der Nomenklatur gänzlich Unrecht geben muss »Diejenigen«

bemerkt Hr Bailey86 ganz richtig »welche wie Herr Comte Anstand nehmen

Ereignisse oder Vorgänge als Ursachen zu bezeichnen widersetzen sich ohne einen

wirklichen Grund einer äußerst bequemen Generalisation einem sehr nützlichen

Gemeinnamen dessen Gebrauch keine besondere Theorie einschließt oder

einzuschließen braucht« Man kann noch hinzufügen dass Hr Comte durch

Verwerfung dieser Ausdrucksweise ohne ein Wort bleibt um eine Unterscheidung zu

bezeichnen welche so unrichtig sie auch ausgedrückt wird nicht bloß eine

reale sondern auch eine der fundamentalen Unterscheidungen in der Wissenschaft

ist wie wir später sehen werden beruht auf ihr in der That allein die

Möglichkeit eine strenge Regel der Induktion aufzustellen Und da Dinge ohne

Namen sehr leicht vergessen werden so gehört eine solche Regel nicht zu den

vielen Gewinnen welche die Philosophie der Induktion von Hrn Comte gezogen

hat

    

     6 Steht die Ursache mit ihrer Wirkung immer im Verhältnisse von

Antezedens und Folge Sagen wir nicht oft von zwei gleichzeitigen Tatsachen

dass sie Ursache und Wirkung sind  wie wenn wir sagen dass das Feuer Ursache

der Wärme die Sonne und Feuchtigkeit Ursache der Vegetation sind und

dergleichen Es ist gewiss dass eine Ursache nicht notwendig vergeht weil

ihre Wirkung hervorgebracht worden ist; beide bestehen daher gewöhnlich

zusammen und es gibt einige Erscheinungen und einige gewöhnliche Ausdrücke

welche zu besagen scheinen nicht allein dass die Ursachen gleichzeitig mit

ihren Wirkungen vorhanden sein können sondern auch dass sie damit gleichzeitig

sein müssen Cessante causa cessat effectus war ein Dogma der Schulen die

Notwendigkeit der Fortdauer der Ursache für die Fortdauer der Wirkung scheint

einst eine allgemeine Lehre der Philosophen gewesen zu sein Die zahlreichen

Versuche Keplers die Bewegung der Himmelskörper nach mechanischen Grundsätzen

zu erklären scheiterten dadurch dass er immer voraussetzte die Kraft welche

diese Körper in Bewegung setzte müsse fortwirken um die zuerst hervorgebrachte

Bewegung zu unterhalten Es gab jedoch zu allen Zeiten viele bekannte Beispiele

die in offenem Widerspruche mit diesem angenommenen Axiom waren Ein Sonnenstich

verursacht jemanden ein Fieber wird das Fieber aufhören wenn er aus der Sonne

gebracht wird Es wird Einer mit einem Degen durchbohrt muss der Degen in

seinem Leibe bleiben damit er tot bleibe Wenn eine Pflugschar einmal gemacht

ist so bleibt sie eine Pflugschar wenn auch das Erhitzen und Hämmern nicht

fortgesetzt wird und sogar wenn der Mann der sie gemacht hat zu seinen Vätern

versammelt worden ist. Von der andern Seite muss der Druck welcher das

Quecksilber in eine luftleere Röhre treibt fortdauern um es in derselben zu

erhalten Dieses kann man erwidern geschieht weil eine andere Kraft die

Schwerkraft ohne Unterbrechung wirkt und welche es in eine horizontale Fläche

zurückbringen würde wenn sie nicht von einer ebenfalls beständigen Kraft im

Gleichgewicht gehalten würde Ein enger Verband verursacht oft Schmerz und

dieser Schmerz hört manchmal auf wenn der Verband entfernt wird Die

Beleuchtung welche die Sonne über die Erde verbreitet hört auf wenn die Sonne

untergeht

    Es ist daher ein Unterschied zu machen Die Bedingungen welche zur ersten

Erzeugung einer Naturerscheinung notwendig sind sind manchmal zu ihrer

Fortdauer notwendig aber gewöhnlich erfordert diese Fortdauer nur negative

Bedingungen Einmal hervorgebracht dauern die meisten Dinge fort bis sie durch

etwas verändert oder vernichtet werden manche aber verlangen die beständige

Gegenwart der Agentien welche sie zuerst hervorbrachten Die Beleuchtung eines

gegebenen Punktes des Raumes wurde demgemäß immer als eine augenblickliche

Tatsache betrachtet welche vergeht und fortwährend erneuert wird so lange die

notwendigen Bedingungen bestehen Wenn wir diese Ausdrucksweise annehmen so

vermeiden wir die Notwendigkeit der Annahme dass die Fortdauer der Ursache zur

Erhaltung der Wirkung nötig sei Wir können sagen sie ist nicht erforderlich

um die Wirkung zu erhalten sondern um sie zu reproduzieren oder auch einer

Kraft welche sie zu vernichten strebt entgegenzuwirken Dies mag eine bequeme

Ausdrucksweise sein aber es ist auch nichts als eine Ausdrucksweise Die

Tatsache, dass in manchen Fällen obgleich in der Minderzahl die Fortdauer der

Bedingungen, welche eine Wirkung hervorbrachten für die Fortdauer der Wirkung

notwendig ist bleibt bestehen

    Was ferner die Frage betrifft ob es streng notwendig sei dass die

Ursacheoder die Vereinigung von Bedingungen der Erzeugung der Wirkung, wenn

auch einen noch so kurzen Augenblick vorausgehe eine von Sir John Herschel

angeregte und mit großem Scharfsinn erörtete Frage Essays S 206 bis 208 so

ist dies eine Untersuchung ohne Belang für unsern jetzigen Zweck Gewiss gibt

es Fälle in denen die Wirkung so schnell folgtdass wir mit unseren

Fähigkeiten die Zwischenzeit nicht bemerken können und wenn eine Zwischenzeit

besteht so können wir nicht sagen durch welche für uns nicht wahrnehmbaren

Zwischenglieder dieselbe wirklich ausgefüllt wird Aber auch zugegeben eine

Wirkung entstehe gleichzeitig mit ihrer Ursache so wird die Ansicht welche ich

von der Verursachung habe in keiner Weise dadurch praktisch berührt Ob die

Ursache und ihre Wirkung notwendig nach einander folgen oder nicht der Beginn

eines Phänomens ist es der eine Ursache einschließt und Verursachung ist das

Gesetz der Sukzession der Erscheinungen.

    Dies sind die Axiome unserer Lehre wenn sie zugestanden werden so können

wir obgleich ich die Notwendigkeit nicht einsehe die auf Ursache und Wirkung

angewandten Worte Antezedens und Konsequenz fallen lassen Ich habe der

Definition die Ursache sei eine Vereinigung von Naturerscheinungen in deren

Zusammenwirken eine andere Naturerscheinung ihren Anfang oder Ursprung nimmt

nichts entgegenzusetzen Ob die Wirkung in Betreff der Zeit mit ihrer

allerletzten Bedingung zusammenfällt oder ob sie ihr unmittelbar folgt ist

nicht von Belang In keinem Falle geht sie ihr voraus und wenn wir im Zweifel

sind welche von zwei zugleich bestehenden Naturerscheinungen Ursache und welche

Wirkung ist so halten wir mit Recht die Frage gelöst wenn wir bestimmen

können welche von ihnen der andern vorausgegangen ist

    

     7 Es kommt fortwährend vor dass mehrere sich von einander

unterscheidende Naturerscheinungen die nicht im geringsten Grade von einander

abhängig oder bedingt sind wie der Ausdruck sagt von einem und demselben Agens

abhängen mit anderen Worten, man sieht dass ein und dieselbe Naturerscheinung

von verschiedenen Arten durchaus heterogener Wirkungen die aber gleichzeitig

miteinander erscheinen begleitet wird natürlich vorausgesetzt dass die für

eine jede derselben erforderlichen Bedingungen ebenfalls vorhanden seien So

bringt die Sonne die Bewegungen der Himmelskörper das Tageslicht und die Wärme

hervor Die Erde verursacht den Fall schwerer Körper und durch ihre Eigenschaft

eines großen Magneten das Phänomen der Magnetnadel Ein Bleiglanzkrystall

verursacht die Empfindung von Härte Gewicht einer kubischen Form von grauer

Farbe Dem Zwecke der Bezeichnung dieser Art Fälle sind die Ausdrücke

Eigenschaft und Kraft ganz besonders angepasst Wenn dasselbe Phänomen von

Wirkungen verschiedener Art begleitet wird so ist es gebräuchlich zu sagen

dass jede verschiedene Art von Wirkung durch eine verschiedene Eigenschaft der

Ursache hervorgebracht wird So unterscheiden wir die anziehende oder

gravitierende Eigenschaft der Erde von ihrer magnetischen die gravitierenden

leuchtenden wärmenden Eigenschaften der Sonne die Farbe Gestalt Härte und

das Gewicht des Kristalls Dies sind jedoch bloß Phrasen die nichts erklären

und unserer Kenntnis vom Gegenstande nichts hinzufügen die aber als abstrakte

Namen betrachtet welche den Zusammenhang zwischen den verschiedenen

hervorgebrachten Wirkungen und dem sie hervorbringenden Gegenstand bezeichnen

ein mächtiges Instrument der Abkürzung und der Beschleunigung des Denkprozesses

sind den die Abkürzung vollbringt

    Diese Art von Betrachtungen führt uns zu einer Vorstellungdie uns für die

Interpretation der Natur von großer Wichtigkeit sein wird nämlich zu der

Vorstellung einer permanenten Ursache oder eines ursprünglichen natürlichen

Agens Es existiert in der Natur eine Anzahl von permanenten Ursachenwelche

bestanden haben seitdem das menschliche Geschlecht besteht und eine

unbestimmte und wahrscheinlich enorme Zeit vorher Die Sonne die Erde und die

Planeten mit ihren verschiedenen Bestandteilen dem Wasser der Luft und

anderen unterscheidbaren einfachen oder zusammengesetzten Substanzen aus denen

die Natur besteht sind solche permanente Ursachen Diese haben existiert und

die Wirkungen oder Folgen welche sie fähig waren hervorzubringen haben so oft

als die anderen Bedingungen der Erzeugung zusammentrafen von dem Anfange

unserer Erfahrung an stattgehabt wir können aber den Ursprung der permanenten

Ursachen selbst nicht erklären Warum gerade diese natürlichen Agentien und

keine anderen ursprünglich existierten warum sie gerade in diesen Verhältnissen

gemischt in dieser Weise durch den Raum verteilt sind ist eine Frage die wir

nicht beantworten können ja noch mehr wir können in ihrer Verteilung selbst

nichts Regelmäßiges erblicken wir können sie auf keine Gleichförmigkeit auf

kein Gesetz zurückführen Es gibt keine Mittel wonach wir aus der Verteilung

dieser Ursachen oder Agentien in dem einen Teil des Raums vermuten könnten ob

eine ähnliche Verteilung in einem andern Theile herrscht Das Zugleichsein von

urersten Ursachen steht daher für uns bloß in der Reihe eines zufälligen

Zusammentreffens und alle jene Sequenzen oder Koexistenzen in den Wirkungen von

mehreren solcher Ursachenwelche, obgleich beständig so lange jene Ursachen

zusammenbestehen ein Ende nehmen würden wenn die Koexistenz ein Ende nähme

rechnen wir nicht als Fälle von Verursachung oder Naturgesetze wir können nur

indem wir diese Sequenzen oder Koexistenzen da finden wo wir dies durch den

direkten Beweis wissen berechnen dass die natürlichen Agentien von deren

Eigenschaften sie zuletzt abhängen in der erforderlichen Weise verteilt sind

Diese permanenten Ursachen sind nicht immer Gegenstände sie sind manchmal

Ereignisse dh periodische Cyclen von Vorgängen da dies die einzige Art ist

in welcher Begebenheiten die Eigenschaft der Permanenz besitzen können So ist

zB nicht allein die Erde selbst eine permanente Ursache oder ein primitives

natürliches Agens sondern auch ihre Rotation sie ist eine Ursache, welche

unter Mithülfe anderer notwendigen Bedingungen von der frühesten Zeit an die

Folge von Tag und Nacht die Ebbe und Flut des Meeres und manche anderen

Wirkungen hervorgebracht hat während die Rotation selbst da wir keine Ursache

ausgenommen eine mutmaßliche dafür angeben können mit Recht den urersten

Ursachen zugezählt wird Es ist uns indessen nur der Ursprung der Rotation

unerklärlich wenn sie einmal begonnen hat so wird ihre Fortdauer durch das

erste Gesetz der Bewegung das der Permanenz der einmal begonnenen geradlinigen

Bewegung verbunden mit der Anziehung der Erdteilchen untereinander erklärt

    Alle Naturerscheinungen welche anfangen zu existieren dh alle mit

Ausnahme der urersten Ursachen sind entweder unmittelbare oder entfernte

Wirkungen jener ursprünglichen Tatsachen oder von irgend einer Kombination

derselben In dem Universum wird kein Ding hervorgebracht findet kein Ereignis

Statt das nicht durch eine Gleichförmigkeit oder beständige Folge mit einer

oder mehreren vorhergehenden Phänomenen in so weit verknüpft wäre dass es

stattfinden wird so oft diese Phänomene zusammentreffen und kein anderes

Phänomen das den Charakter einer entgegenwirkenden Ursache hat zugleich

existiert Diese vorhergehenden Phänomene sind wiederum in ähnlicher Weise mit

denjenigen verknüpft welche ihnen vorausgingen usw bis wir zuletzt entweder

zu den Eigenschaften einer urersten Ursache oder einer Verbindung von mehreren

gelangen Das Ganze der Naturerscheinungen war daher aus den notwendigen oder

mit anderen Worten, aus den unbedingten Folgen einer früheren Kollokation der

permanenten Ursachen zusammengesetzt

    Wir glauben dass der Zustand des ganzen Weltalls in einem jeden Augenblicke

die Folge des Zustandes vom vorhergehenden Augenblicke insofern ist dass wenn

uns alle Agentien welche im gegenwärtigen Augenblicke existieren ihre Ordnung

im Raume, ihre Eigenschaften oder mit anderen Worten, wenn uns die Gesetze

ihrer Wirksamkeit bekannt wären wir die ganze folgende Geschichte des Weltalls

voraussagen könnten vorausgesetzt dass nicht irgend ein neuer Wille einer

Macht die das Weltall zu beherrschen fähig ist hinzukomme87

    Wenn je irgend ein besonderer Zustand des ganzen Weltalls zum zweiten Male

wiederkehrte so würden alle darauf folgenden Zustände ebenfalls wiederkehren

und die Geschichte würde sich wie ein vielziffriger periodischer Dezimalbruch

periodisch wiederholen

    

    

Jam redit et virgo redeunt Saturnia regna

 Alter erit tum Tiphys et altera quae vehat Argo

 Delectos heroas erunt quoque altera bella

 Atque iterum ad Troiam magnus mittetur Achilles

 

    Obgleich sich die Dinge nicht in diesem ewigen Kreise bewegen so hätte doch

die ganze Reihe der vergangenen und zukünftigen Ereignisse in der Geschichte des

Weltalls durch Jemand der mit der ursprünglichen Verteilung aller natürlichen

Agentien und mit dem Ganzen ihrer Eigenschaften dh den Gesetzen der Folge

die zwischen ihnen und ihren Wirkungen bestehen bekannt gewesen wäre a priori

konstruiert werden können, die unendlich mehr als menschlichen Kombinationsgaben

und Berechnungen die sogar beim Besitze der Data zur wirklichen Vollendung der

Aufgabe erforderlich wären vorausgesetzt

    

     8 Da Alles was im Universum geschieht durch Kausalgesetze und die

Kollokationen der ursprünglichen Ursachen bestimmt wirdso folgtdass die

unter Wirkungen bemerkbaren Koexistenzen nicht selbst der Gegenstand einer

ähnlichen Reihe von Gesetzen, die von Kausalgesetzen verschieden sind sein

können Es gibt unter den Wirkungen Gleichförmigkeiten sowohl der Koexistenz

als auch der Sukzession aber in allen Fällen müssen dieselben ein bloßes

Resultat entweder der Identität oder der Koexistenz ihrer Ursachen sein wären

die Ursachen nicht zugleich so könnten es auch die Wirkungen nicht sein Da

diese Ursachen ebenfalls Wirkungen von früheren Ursachenund diese es von

anderen sind bis wir zu den urersten Ursachen gelangen so folgtdass mit

Ausnahme des Falles von Wirkungen, denen man unmittelbar oder entfernter bis zu

ein und derselben Ursache folgen kann das Zugleichsein von Naturerscheinungen

in keinem Falle allgemein sein kann wenn nicht das Zugleichsein der urersten

Ursachen bis zu denen die Wirkungen verfolgt werden können, auf ein allgemeines

Gesetz zurückgeführt werden kann; wir haben aber gesehen dass dies nicht

geschehen kann Es gibt demgemäß keine ursprüngliche und unabhängige oder mit

anderen Worten, keine unbedingte Gleichförmigkeiten des Zugleichseins zwischen

den Wirkungen verschiedener Ursachen wenn sie zugleich sind so ist dies nur

weil die Ursachen zufällig zugleich waren Die einzig unabhängigen und

unbedingten Koexistenzen die hinreichend beständig sind um einen Anspruch auf

den Charakter von Gesetzen zu haben bestehen zwischen verschiedenen und

gegenseitig unabhängigen Wirkungen derselben Ursache mit anderen Worten,

zwischen verschiedenen Eigenschaften desselben natürlichen Agens Dieser Teil

von Naturgesetzen wird in dem letzten Teil dieses Buches unter dem Namen

Spezifische Eigenschaften der Arten abgehandelt werden

    

     9 Es ist hier der geeignete Ort die Aufmerksamkeit auf eine ziemlich

alte Lehre bezüglich der Kausalität zu lenken die jedoch in den letzten Jahren

an manchen Orten wieder aufgetaucht ist und gegenwärtig mehr Lebenszeichen von

sich gibt als eine jede andere von der in den vorhergehenden Kapiteln

niedergelegten abweichende Theorie der Verursachung

    Nach der fraglichen Theorie ist der Geist, oder genauer ausgedrückt der

Wille die einzige Ursache der Erscheinungen. Unsere eigene Willenstätigkeit ist

der Typus der Verursachung sowie die ausschließliche Quelle aus der wir die

Idee schöpfen Da und nur da so sagt man haben wir den direkten Beweis einer

Verursachung Wir wissen dass wir unseren Körper bewegen können Bezüglich der

Erscheinungen der leblosen Natur besitzen wir keine andere direkte Kenntnis

als die von Antezedens und Folge aber in Betreff unserer freiwilligen

Handlungen behauptet man wir wären uns eines Vermögens bewusst bevor wir die

Erfahrung von Resultaten haben Ob eine Wirkung darauf folge oder nicht der

Willensakt ist von einem Bewusstsein einer Anstrengung »einer ausgeübten Kraft

einer Kraft in Tätigkeit die notwendig ursächlich oder bewirkend kausal oder

kausativ ist« begleitet Dieses einem Willensakte inhärente Gefühl von Energie

oder Kraft ist Wissen a priorider Erfahrung vorausgehende Gewissheit dass wir

das Vermögen besitzen Wirkungen zu verursachen Das Wollen so wird behauptet

ist daher etwas mehr als das unbedingte Antezedens es ist eine Ursacheund

zwar in einem andern Sinne als man physikalische Phänomene einander verursachend

nennt es ist eine causa efficiens Von dieser Lehre zu der Lehre dass die

Willenstätigkeit die einzige causa efficiens aller Erscheinungen sei ist der

Übergang leicht »Es ist unbegreiflich dass tote Kraft wenn sie nicht

unterhalten wird auch nur einen Augenblick nach ihrer Erschaffung fortdauern

könnte Ohne die Wirksamkeit eines Geistes können wir uns Veränderungen oder

Phänomene gar nicht vorstellen« »Das Wort Wirkung selbst« sagt ein anderer

Schriftsteller derselben Schule »hat nur dann eine reelle Bedeutung wenn es

auf die Handlungen eines intelligenten Agens angewendet wird Man stelle sich

ein in einem Klumpen Materie inhärentes Vermögen Wirksamkeit oder Kraft vor

wenn man es vermag« Die Phänomene mögen wohl so aussehen als wären sie durch

physikalische Kräfte erzeugt aber in Wirklichkeit sagen diese Autoren werden

sie durch die unmittelbare geistige Tätigkeit hervorgebracht Alles was nicht

einem menschlichen oder wie ich vermute einem tierischen Willen

entspringt geht direkt aus einem göttlichen Willen hervor Die Erde wird nicht

durch das Zusammenwirken einer zentripetalen und zentrifugalen Kraft bewegt

dies ist nur eine Sprechweise welche dazu dient unsere Vorstellungen zu

erleichtern sondern sie wird durch den direkten Willen eines allmächtigen

Wesens in einer Bahn bewegt die mit der Bahn zusammenfällt die wir aus der

Annahme dieser zwei Kräfte herleiten

    Wie ich schon oft bemerkt habe so gehört die Frage von der Existenz von

urwirkenden Ursachen von causae efficientes nicht in das Bereich unseres

Gegenstandes aber eine Theorie welche dieselben als der menschlichen

Erkenntnis zugänglich darstellt und die für causae efficientes ausgibt was

nur physikalische oder phänomenale Ursachen sind gehört so gut zur Logik als

zur Metaphysik und ist ein geeigneter Gegenstand der Erörterung an dieser

Stelle

    Meinem Verständnis nach ist eine Willenstätigkeit nicht eine urwirkende

sondern einfach eine physikalische Ursache Unser Wille verursacht unsere

körperlichen Tätigkeiten in demselben und in keinem andern Sinne in dem die

Kälte Eis oder in dem ein Funke die Explosion des Pulvers verursacht Der

Wille ein Zustand unseres Geistes ist das Antezedens die in Übereinstimmung

mit dem Willen erfolgte Bewegung unserer Glieder ist die Folge das Konsequenz

Diese Folge halte ich nun nicht für einen Gegenstand des direkten Bewusstseins

in dem Sinne jener Theorie Das Antezedens und das Konsequenz sind in der Tat

Gegenstände des Bewusstseins, aber der Konnex der Zusammenhang zwischen

denselben ist ein Gegenstand der Erfahrung. Ich kann nicht zugeben dass unser

Bewusstsein von einem Willen die geringste Kenntnis a priori in sich fasse

dass die Muskelbewegung auf denselben folgen werde Wenn unsere Bewegungsnerven

gelähmt oder unsere Muskeln steif und unbiegsam wären und unser Leben lang

gewesen wären so wäre meiner Meinung nach nicht der geringste Grund vorhanden

anzunehmen dass wir jemals etwas von dem Willen als einer physikalischen Kraft

gewusst hätten außer durch Mittheilung anderer oder dass wir uns jemals

einer Neigung in den Gefühlen unseres Geistes Bewegungen unseres Körpers oder

des Körpers Anderer zu erzeugen bewusst geworden wären Ich will nicht

unternehmen zu sagen ob wir in einem solchen Falle das physikalische Gefühl

gehabt hätten das wie ich vermute jene Autoren meinen wenn sie von dem

»Bewusstsein einer Anstrengung« sprechen ich sehe zwar keinen Grund warum dies

nicht sein sollte da jenes physikalische Gefühl wahrscheinlich ein Zustand von

nervöser Sensation ist die in dem Gehirn anfängt und endigt ohne den

Bewegungsapparat einzuschließen gewiss aber würden wir sie nicht durch ein dem

Wort Anstrengung gleichbedeutendes Wort bezeichnet haben denn Anstrengung

schließt ein bewusstes Streben nach einem Ziel ein wofür wir in diesem Falle

nicht allein keinen Grund gehabt hätten sondern was wir zu tun nicht einmal

die Idee gehabt haben konnten Wenn wir dieser besonderen Sensation überhaupt

bewusst waren so glaube ich konnten wir ihrer nur als einer unsere Gefühle des

Begehrens begleitenden Unbehaglichkeit bewusst sein

    Gegen die fragliche Theorie argumentiert Sir William Hamilton ganz richtig

»sie werde durch die Betrachtung widerlegt dass zwischen die offenliegende

Tatsache einer uns bewussten körperlichen Bewegung und den inneren Akt einer

geistigen Bestimmung Determination dessen wir uns ebenfalls bewusst sind

eine zahlreiche Reihe von Zwischentätigkeiten eintritt von denen wir keine

Kenntnis besitzen und dass wir folglich nicht wie diese Hypothese behauptet

das Bewusstsein eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen den äußersten

Gliedern dieser Kette zwischen dem Willen zu bewegen und den Gliedern in

Bewegung haben können Niemand ist sich zB der Bewegung seines Arms durch

seinen Willen unmittelbar bewusst Vor dieser letzten Bewegung müssen Muskeln

Nerven und eine Menge fester und flüssiger Theile durch den Willen in Bewegung

gesetzt werden aber unser Bewusstsein weiß von dieser Bewegung absolut nichts

Ein Gelähmter ist sich keiner Unfähigkeit seiner Glieder die Bestimmungen

seines Willens zu vollziehen bewusst und nur nachdem er gewollt und gefunden

hat dass seine Glieder seinem Willen nicht gehorchen lernt er durch die

Erfahrung, dass die äußere Bewegung dem inneren Akt nicht folgt Aber so wie der

Gelähmte erst nach dem Willensakt lernt dass seine Glieder seinem Geist nicht

gehorchen so lernt der Gesunde erst nach dem Willensakt dass seine Glieder den

Mandaten seines Willens gehorchen«88

    Diejenigen gegen welche ich streite haben niemals einen positiven Beweis89

beigebracht und haben auch gar nicht vor ihn beizubringen dass uns das

Vermögen unsers Willens den Körper zu bewegen unabhängig von der Erfahrung

bekannt sein würde Alles was sie über den Gegenstand zu sagen haben ist dass

die Erzeugung physikalischer Vorgänge durch einen Willen ihre Erklärung selbst

mitzufahren scheint während die Einwirkung von Materie auf Materie zu ihrer

Erklärung noch etwas Anderes erfordert und nach ihnen sogar auf eine jede

andere Voraussetzung hin als die Dazwischenkunft eines Willens zwischen der

scheinbaren Ursache und ihrer scheinbaren Wirkung »unbegreiflich ist« Sie

stützen so ihren Fall auf eine Berufung auf die inhärenten Gesetze unseres

Begriffsvermögens indem sie meiner Ansicht nach die Gewohnheiten dieses

Vermögens welche sich auf die spontanen Neigungen desselben im unkultivierten

Zustande gründen irrtümlich für die Gesetze dieses Vermögens halten Die

Sukzession zwischen dem Willen ein Glied zu bewegen und der wirklichen

Bewegung ist eine der direktesten und augenblicklichsten Sequenzen welche wir

beobachten und ist von unserer frühesten Kindheit an der Erfahrung eines jeden

Augenblicks geläufig sogar geläufiger als irgend eine Folge von Vorgängen

außerhalb unseres Körpers und besonders geläufiger als ein jeder andere Fall

einer scheinbaren als von der bloßen Mittheilung unterschiedenen Erzeugung

von Bewegung Es ist nun aber die natürliche Neigung des menschlichen Geistes

dass er immer sucht seine Vorstellung von ungeläufigen Tatsachen durch

Vergleichung mit anderen, ihm geläufigen zu erleichtern Da demnach unsere

Willensakte diejenigen Fälle von Verursachung ausmachen mit denen wir am

meisten vertraut sind so werden sie in der Kindheit und in der frühen Jugend

des Menschengeschlechts spontan als der Typus von Verursachung im allgemeinen

genommen und von allen Erscheinungen wird angenommen sie würden durch den

Willen eines empfindenden Wesens direkt hervorgebracht Ich werde diesen

ursprünglichen Fetischismus nicht mit den Worten Humes oder eines Anhängers

desselben sondern mit den Worten eines religiösen Metaphysikers wie Reid

charakterisieren damit die Übereinstimmung aller kompetenten Denker in

Beziehung auf diesen Gegenstand um so stärker hervortrete

    Wenn wir unsere Aufmerksamkeit den äußeren Gegenständen zuwenden und

anfangen unsere Vernunft an ihnen zu üben so finden wir dass es einige

Bewegungen und Veränderungen in ihnen gibt die wir die Macht zu erzeugen

haben und dass es viele andere gibt welche eine andere Ursache haben müssen

Entweder müssen die Gegenstände wie wir Leben und tätiges Vermögen haben

oder sie müssen durch etwas das Leben und tätige Kraft besitzt bewegt oder

verändert werden so wie äußere Gegenstände durch uns bewegt werden

    Unsere ersten Gedanken scheinen zu sein dass die Gegenstände an denen wir

solche Bewegungen wahrnehmen wie wir Verstand und tätige Kraft besitzen »Wo

Wilde« sagt der Abbé Raynal »eine Bewegung sehen welche sie sich nicht

erklären können da nehmen sie eine Seele an« In dieser Beziehung kann man alle

Menschen so lange als Wilde betrachten bis sie fähig sind sich zu unterrichten

und ihre Anlagen in einer besseren Weise zu gebrauchen als Wilde tun

    Die Beobachtung von dem Abbé Raynal erhält sowohl von den Tatsachen, als

auch durch den Bau aller Sprachen eine hinreichende Bestätigung

    Rohe Völker glauben wirklich die Sonne der Mond die Sterne die Erde das

Meer und die Luft die Quellen und Seen besäßen Verstand und aktive Macht

Kraft Ihnen Ehrfurcht zu bezeugen und ihre Gunst zu erflehen ist ein den

Wilden natürlicher Götzendienst

    Alle Sprachen tragen in ihrem Bau die Zeichen dass sie entstanden sind

während dieser Glaube herrschte Die Unterscheidung von Verben und Partizipien

in aktive und passive welche sich in allen Sprachen findet muss ursprünglich

den Zweck gehabt haben das wirklich Tätige Aktive von dem bloß Leidenden

Passiven zu unterscheiden in allen Sprachen finden wir aktive Zeitwörter auf

diejenigen Gegenstände angewendet in denen nach Abbé Raynals Beobachtung die

Wilden eine Seele annehmen

    So sagen wir die Sonne geht auf und unter sie kommt in den Meridian der

Mond wechselt die See ebbet und flutet die Winde wehen Die Sprachen wurden

von Menschen gebildet welche glaubten diese Gegenstände hatten Leben und

tätige Kraft in sich Es war daher natürlich und geeignet Bewegungen und

Veränderungen derselben durch tätige Zeitwörter auszudrücken

    Es gibt keinen sichereren Weg die Gedanken und Empfindungen der Nationen in

einer vorgeschichtlichen Zeit zu verfolgen als vermittelst des Baues ihrer

Sprache die trotz der Veränderung welche die Zeit in ihr hervorgebracht hat

immer noch den Stempel der Gedanken derjenigen bewahren wird welche sie

erfunden haben Wenn wir dieselben Gedanken in dem Bau aller Sprachen angegeben

finden so müssen diese Gedanken dem menschlichen Geschlecht gemeinsam gewesen

sein als die Sprachen erfunden wurden

    Wenn einige wenige mit höheren geistigen Fähigkeiten Begabte Muße für die

Spekulation finden so fangen sie an zu philosophieren und entdecken bald dass

viele von den Gegenständenwelche sie zuerst für verständig und tätig hielten

in Wirklichkeit leblos und passiv sind Dies ist eine sehr wichtige Entdeckung

sie erhebt den Geist befreit ihn von manchem gemeinen Aberglauben und fordert

zu anderen ähnlichen Entdeckungen auf

    Sowie die Philosophie vorschreitet zieht sich Leben und Tätigkeit aus den

Gegenständen der Natur zurück und lässt sie tot und untätig Statt dass sie

sich freiwillig bewegen finden wir nun dass sie notwendig bewegt werden

statt tätig oder wirkend zu sein finden wir dass auf sie gewirkt wird und

die Natur erscheint als eine große Maschine in der ein Rad durch ein anderes

und dies durch ein drittes gedreht wird und der Philosoph weiß nicht wie weit

diese notwendige Reihenfolge reichen mag90

    Es existiert also eine spontane Neigung des Geistes, sich alle Fälle von

Verursachung dadurch zu erklären dass er sie dem absichtlichen Handeln von

willensfähigen Agentien wie er selbst ist vergleicht Dies ist die

instinktmäßige Philosophie des menschlichen Geistes ehe er noch mit anderen

unveränderlichen Folgen als den zwischen seinem Wollen und seinen freiwilligen

Handlungen bestehenden vertraut geworden ist So wie sich die Vorstellung von

festen zwischen den ewigen Erscheinungen stattfindenden Gesetzen der Folge

allmälig herausbildet so macht ihr die Neigung alle Erscheinungen auf eine

Willenstätigkeit zurückzuführen langsam Platz Da indessen die Anregungen des

täglichen Lebens fortwährend mächtiger sind als die des philosophischen

Gedankens so behält unter dem durch die Kultur gewonnenen Wachstum die

ursprüngliche instinktive Philosophie ihren Boden in dem Geiste, und setzt dem

Wurzeltreiben jenes Wachstums in den tiefen Grund hinein einen dauernden

Widerstand entgegen Aus jenem Untergrund zieht die Theorie, gegen die ich

streite ihre Nahrung Ihre Stärke liegt nicht in dem Argument sondern in ihrer

Verwandtschaft mit einer hartnäckigen Neigung des jugendlichen Menschengeistes

    Dass diese Neigung indessen nicht das Resultat eines inhärenten

Geistesgesetzes istist mehr als genügend bewiesen Die Geschichte der

Wissenschaft zeigt von dem ersten Tage an dass die Menschen weder die Wirkung

von Materie auf Materie übereinstimmend für unbegreiflich noch die Wirkung von

Geist auf Materie für begreiflich hielten Das letztere schien manchen Denkern

und manchen Schulen von Denkern sowohl der alten als auch der neuem Zeit viel

unbegreiflicher als das erstere Sobald der Geist hinreichend vertraut mit

ihnen geworden war erschienen völlig physikalische und materielle Sequenzen als

vollkommen natürlich und man hielt sie nicht allein für einer Erklärung nicht

selbst bedürftig sondern sogar für fähig anderen Sequenzen eine Erklärung zu

gewähren ja sogar als letzte Erklärung der Dinge im allgemeinen zu dienen

    In neuerer Zeit hat einer der geschicktesten Verteidiger der Willenstheorie

eine zugleich historisch wahre und philosophisch scharfsinnige Erklärung von dem

Scheitern der griechischen Philosophen in der physikalischen Forschung gegeben

in welcher er glaube ich seinen eigenen Geisteszustand unbewusst zeichnet »In

der Natur des Beweises, den sie von ihrer Überzeugung zu erwarten hatten lag

für sie ein Stein des AnstoßesSie hatten die Idee nicht erfasst dass sie

nicht erwarten durften die Prozesse der äußeren Ursachen sondern nur deren

Resultate zu verstehen und es war daher die ganze physikalische Philosophie

der Griechen ein Versuch die Wirkung mit ihrer Ursache geistig zu

identifizieren nach einem nicht allein notwendigen sondern auch natürlichen

Konnex zu forschen wo sie unter natürlich das verstanden was ihrem eigenen

Geiste per se irgend eine Präsumtion zuführte Sie wollten einen Grund sehen

warum das physikalische Antezedens dieses besondere Konsequenz hervorbrachte

und ihr ganzes Streben ging in Richtungen in denen sie solche Gründe finden

konnten«91 Mit anderen Worten, sie waren nicht damit zufrieden bloß zu

wissen dass eine Erscheinung immer auf die andere folgt sondern sie glaubten

das wahre Ziel der Wissenschaft nicht erreicht zu haben wenn sie in der Natur

der einen Erscheinung nicht etwas wahrnehmen konnten woraus man vor der Probe

hatte wissen oder vermuten können dass das andere auf es folgen werde dies

ist gerade das was der Schriftsteller der diesen Irrtum so klar nachgewiesen

hat in der Natur der Willenserscheinung wahrzunehmen glaubt Um den Fall

vollständig darzustellen hätte er noch hinzufügen sollen dass diese frühen

Denker dies nicht allein zu ihrem Ziel machten sondern dass sie mit dem dabei

erreichten Erfolg ganz zufrieden waren dass sie nicht allein nach Ursachen

suchten die bei der bloßen Angabe derselben den Beweis ihrer Wirksamkeit

mitbrachten sondern dass sie auch völlig glaubten sie hätten solche Ursachen

gefunden Der Reviewer kann klar einsehen dass dies ein Irrtum war weil er

nicht glaubt dass zwischen materiellen Erscheinungen Beziehungen existieren

welche erklären können warum sie einander erzeugen aber gerade das Beharren

der Griechen in diesem Irrtum zeigt dass ihr Geist meinem andern Zustand war

sie waren im Stande aus der Vergleichung von physikalischen Tatsachen mit

anderen physikalischen Tatsachen die Art von geistiger Befriedigung

herzuleiten die wir mit dem Worte Erklärung verbinden und von der uns der

Rezensent will glauben machen sie wäre bloß in der Zurückführung der

Erscheinungen auf einen Willen zu finden Wenn Thales und Hippo die Feuchtigkeit

für die allgemeine Ursache das ewige Element hielten wovon alle anderen Dinge

nur die unendlich mannigfaltigen fühlbaren Offenbarungen wären wenn Anaximenes

dasselbe von der Luft Pythagoras von den Zahlen behauptete usf so glaubten

sie alle sie hätten eine wirkliche Erklärung gefunden und beschieden sich bei

dieser Erklärung als einer letzten stehen zu bleiben Die gewöhnlichen Sequenzen

des äußeren Universums schienen ihnen ohne die Annahme einer allgemeinen

Tätigkeit wodurch Antezedens und Konsequenz verknüpft werden nicht weniger

unbegreiflich als ihrem Kritiker aber sie dachten nicht dass der durch den

Geist ausgeübte Wille die einzige diesem Erfordernis entsprechende Tätigkeit

wäre Feuchtigkeit Luft öder Zahlen machten auf ihren Geist gerade einen

solchen Eindruck dass ihnen verständlich schien was ihnen sonst unbegreiflich

vorkam und das Verlangen ihres Fassungsvermögens erhielt dadurch volle

Befriedigung

    Nicht die Griechen allein »wollten einen Grund sehen warum das

physikalische Antezedens diese besondere Folge hervorbrachte« irgend einen

Konnex »der ihrem eigenen Geiste per se eine Präsumtion zuführte« Unter den

neueren Philosophen stellte Leibnitz als einen selbstverständlichen Grundsatz

auf dass alle physikalischen Ursachen ohne Ausnahme in ihrer eigenen Natur

etwas enthalten müssen was uns verständlich macht dass sie im Stande sind

gerade die Wirkungen zu erzeugen welche sie erzeugen Weit entfernt die

Willenstätigkeit als die einzige Art von Ursache gelten zu lassen welche den

inneren Beweis ihres eigenen Vermögens mit sich führt verlangte er ein in

natürlicher Weise und per se urwirkendes physikalisches Antezedens als eine

Bürgschaft des Zusammenhangs zwischen dem Wollen selbst und dessen Wirkmagen Er

weigerte sich entschieden den Willen Gottes als eine genügende Erklärung von

etwas anderem als Wundern anzuerkennen und suchte beharrlich nach etwas das die

Naturerscheinung besser erkläre als die bloße Zurückführung auf einen

göttlichen Willen92

    Umgekehrt schien manchen Denkern die Wirkung des Geistes auf die Materie

welche wie man uns jetzt sagt nicht allein selbst keiner Erklärung bedarf

sondern auch die Erklärung aller anderen Wirkungen ist selbst die große

Unbegreiflichkeit zu sein Gerade um über diese Schwierigkeit hinwegzukommen

erfanden die Cartesianer die gelegentlichen Ursachen Sie konnten nicht

begreifen dass Gedanken in einem Geiste Bewegungen in einem Körper

hervorbringen konnten und dass körperliche Bewegungen Gedanken erzeugen

konnten Sie konnten keinen notwendigen Zusammenhang keine aprioristische

Beziehung zwischen einer Bewegung und einem Gedanken sehen Und da die

Cartesianer mehr als eine jede andere philosophische Schule vor oder nach

ihnen ihren eigenen Geist zum Maß aller Dinge machten und sich grundsätzlich

weigerten zu glauben die Natur habe das getan wovon sie keinen Grund sehen

konnten dass sie dies musste so behaupteten sie es wäre unmöglich dass eine

materielle und eine geistige Tatsache einander Ursache sein könnten Sie

betrachteten sie als bloße Gelegenheiten bei denen das wirkliche Agens Gott

seine Macht als Ursache auszuüben für angemessen hielt Wenn jemand seinen Fuß

bewegen will so ist es nicht sein Wille der ihn bewegt sondern so sagen sie

Gott bei Gelegenheit seines Willens Nach diesem System ist Gott die einzige

urwirkende Ursache nicht qua Geist oder qua willensbegabt sondern qua

allmächtig Diese Hypothese wurde wie gesagt ursprünglich durch die supponierte

Unbegreiflichkeit einer realen gegenseitigen Wirkung zwischen Geist und Materie

an die Hand gegeben aber später wurde sie auch auf die Wirkung von Materie auf

Materie ausgedehnt denn bei näherer Prüfung fanden sie auch diese

unbegreiflich und daher ihrer Logik nach unmöglich Der Deus ex machina wurde

zuletzt herbeigerufen um bei der Gelegenheit des Zusammentreffens von Stahl und

Feuerstein einen Funken zu erzeugen oder bei Gelegenheit des Herabfallens eines

Eis dasselbe zu zerbrechen

    Alles dies neigt ohne Zweifel dass die Menschen nach ihrer Anlage im

allgemeinen nicht damit zufrieden sind zu wissen dass die eine Tatsache

beständig Antezedens und die andere Folge istsondern dass sie nach etwas

suchen was dies zu erklären scheint  etwas aneu hou to aition ouk an pot eiê

aition Wir sehen aber auch dass dieses Verlangen durch eine rein physikalische

Tätigkeit vollständig befriedigt werden kann, vorausgesetzt dass man viel

vertrauter mit ihr sei als mit dem das sie zu erklären berufen ist Es

erschien Thales und Anaximenes unbegreiflich dass die Antecedentien welche wir

in der Natur sehen die Sequenzen hervorbringen sollten es schien ihnen aber

ganz natürlich dass es Wasser oder Luft taten Die Schriftsteller welche ich

bekämpfe erklären dies zwar für unbegreiflich aber sie können begreifen dass

der Geist oder der Wille per se eine urwirkende Ursache eine causa efficiens

ist während die Cartesianer nicht einmal dies begreifen konnten sondern

peremptorisch erklärten dass keine Erzeugungsweise irgend einer Tatsache

begreiflich ist ausgenommen die direkte Vermittlung eines allmächtigen Wesens

So bewiesen auch sie was sich in einem jedem Stadium der Geschichte der

Wissenschaft bestätigt findet dass sowohl das was die Menschen begreifen als

auch das was sie nicht begreifen können zum großen Teil eine Sache des

Zufalls ist und gänzlich von ihrer Erfahrung und ihren Denkgewohnheiten

abhängt dass sich die Menschen durch das Kultivieren der erforderlichen

Ideenassoziationen unfähig machen können irgend ein gegebenes Ding zu

begreifen und dass sie sich in den Stand setzen können die meisten Dinge zu

begreifen so unbegreiflich sie ihnen auch im Anfang erscheinen mögen Dieselben

Tatsachen in der geistigen Geschichte eines Jeden die bestimmen was ihm

begreiflich oder unbegreiflich ist bestimmen auch welche von den verschiedenen

Sequenzen in der Natur ihm so natürlich und plausibel erscheinen werden dass es

keines anderen Beweises ihrer Existenz bedarf um gleich unabhängig von der

Erfahrung und Erklärung durch ihr eigenes Licht ersichtlich zu werden

    Nach welcher Regel soll man aber zwischen der einen und der andern Theorie

dieser Art entscheiden Die Theoretiker verweisen uns nicht auf einen

äußerlichen Beweis sondern ein jeder von ihnen beruft sich auf seine eigenen

subjektiven Gefühle Der eine sagt die Sukzession C B scheint mir per se

natürlicher begreiflicher und glaubwürdiger als die Folge AB; ihr seid daher

im Irrtum wenn ihr glaubt dass B von A abhängig ist; ich bin gewiss wenn ich

auch keinen weiteren Beweis dafür gehen kann dass C zwischen A und B eintritt

und die wirkliche und einzige Ursache von B ist. Der andere entgegnet die

Sukzessionen AB und C B erscheinen mir gleich natürlich und begreiflich oder

die letztere eher mehr als die erstere A ist im Stande ohne eine jede andere

Vermittlung B zu erzeugen Ein dritter stimmt mit dem ersten darin überein dass

er unfähig ist zu begreifen A könne B erzeugen aber er findet die Sequenz D

B noch natürlicher oder dem Gegenstand verwandter als die C B und zieht seine

Theorie der C Theorie vor Es ist klar dass hier kein universales Gesetz

wirkt wenn nicht das Gesetz, dass die Vorstellungen eines jeden Menschen durch

seine individuelle Erfahrung und seine Denkgewohnheiten regiert und beschränkt

werden Wir sind berechtigt von allen dreien zu sagen was ein jeder von ihnen

von den beiden anderen sagte nämlich dass sie eine besondere Folge von

Erscheinungen, welche ihnen bloß weil sie damit vertrauter waren natürlicher

und begreiflicher vorkam als andere Folgen zu einem ursprünglichen Gesetz des

menschlichen Geistes und der äußeren Natur erhoben Und von dieser Verurteilung

kann ich die Theorie, welche das Wollen für eine urwirkende Ursache für eine

causa efficiens erklärt nicht ausnehmen

    Ich kann diesen Gegenstand nicht verlassen ohne auf einen anderweitigen in

dem Folgesatz dieser Theorie enthaltenen Fehlschluss aufmerksam zu machen auf

den Fehlschluss in der Folgerung nämlich dass weil das Wollen eine urwirkende

Ursache es folglich auch die einzige Ursache und das direkte Agens in der

Erzeugung sogar dessen ist was allem Anschein nach durch etwas Anderes erzeugt

wird Von dem Wollen ist nicht bekannt dass es außer der Nerventätigkeit

direkt noch etwas anderes erzeugt denn der Wille hat nur vermittelst der Nerven

einen Einfluss auf die Muskeln Wenn man daher auch zugestehen wollte eine jede

Erscheinung habe eine urwirkende und nicht bloß eine phänomenale Ursacheund

das Wollen sei in dem Falle der besonderen Erscheinung von der bekannt ist dass

sie durch dasselbe erzeugt wird diese urwirkende Ursache sollen wir deshalb

mit jenen Schriftsteller sagen dass weil wir keine andere urwirkende Ursache

kennen und unbewiesen keine annehmen dürfen es auch keine andere gibt und

dass das Wollen die direkte Ursache aller Erscheinungen ist Man könnte kaum

eine Folgerung von einer unerhörten Tragweite machen Weil es unter der

unendlichen Mannigfaltigkeit von Naturerscheinungen eine gibt nämlich ein

besonderer Tätigkeitsmodus gewisser Nerven der als Ursacheund wie wir für

jetzt annehmen als seine urwirkende Ursache einen Zustand unseres Geistes hat

und weil dies die einzige effiziente Ursache ist deren wir uns bewusst sind

die einzige deren wir uns der Natur des Falle nach bewusst sein können da es

die einzige ist die in uns selbst liegt sind wir dadurch berechtigt zu

schließen dass alle anderen Erscheinungen dieselbe Art von urwirkender Ursache

haben müssen wie diese so sehr spezielle beschränkte und ganz besondere

menschliche oder tierische Erscheinung  Eine Parallele zu diesem Probestück

von einer Generalisation bietet der in neuerer Zeit wieder auflebende Streit

über die Pluralität der Welten in dem die streitenden Theile mit so sichtbarem

Erfolg einander über den Haufen warfen Auch hier haben wir nur die Erfahrung

eines einzelnen Falles die Erfahrung dieser Welt in der wir leben aber dass

diese bewohnt ist wissen wir absolut und sogar ohne dass ein Zweifel möglich

wäre Wenn nun jemand auf diesen beweis hin folgern wollte dass ein jeder

Himmelskörper Sonne Planet Mond Komet Fixstern oder Nebelfleck ohne

Ausnahme bewohnt ist und der inhärenten Beschaffenheit der Dinge nach sein

muss so würde seine Folgerung genau so aussehen wie die der Schriftsteller

welche schließen dass weil das Wollen die urwirkende Ursache unserer

körperlichen Bewegungen ist sie auch die urwirkende Ursache von allem Andern im

Weltall sein muss Es ist wahr es gibt Fälle in welchen wir von einem

einzigen Fall auf eine Menge von Fällen generalisieren dürfen aber es müssen

Fälle sein welche dem bekannten Falle gleichen und nicht Fälle die keinen

andern Umstand mit ihm gemein haben als dass es eben Fälle sind Ich besitze

zB keinen direkten Beweis davon dass außer mir irgend ein Geschöpf Leben

hat und dennoch schreibe ich anderen menschlichen Wegen und Tieren mit

vollkommener Gewissheit Leben und Empfindung zu ich schließe aber nicht dass

bloß weil ich lebe auch alle anderen Dinge leben Ich schreibe gewissen

anderen Dingen ein Leben zu das meinem eigenen Leben gleicht weil sie es durch

dieselbe Art von Indikationen kundgeben durch welche sich das meinige

kundgibt Ich finde dass ihre Erscheinungen und die meinigen sich nach

demselben Gesetze richten und aus diesem Grund glaube ich dass beide von der

gleichen Ursache stammen Ich dehne demnach den Schluss nicht weiter aus als

seine Gründe reichen Die Erde das Feuer die Berge die Bäume sind

bemerkenswerte Agentien aber ihre Erscheinungen richten sich nicht nach

denselben Gesetzen wie meine Handlungen und ich glaube daher nicht, dass die

Erde oder das Feuer die Berge oder die Bäume animalisches Leben besitzen Aber

die Anhänger der Willenstheorie verlangen von uns dass wir folgern die

Willenstätigkeit verursache Alles und zwar aus keinem andern Grund als weil

sie ein besonderes Ding verursacht und obgleich dieses eine Phänomen weit

entfernt ein Vorbild aller natürlichen Phänomene zu sein ein durchaus

eigentümliches ist dessen Gesetze kaum mit irgend anderen Erscheinungen der

unorganischen oder organischen Natur eine Ähnlichkeit haben

 







 


 

    Der Verfasser des zweiten Burnett Prize Essays Dr Tulloch welcher die in

den vorhergehenden Kapiteln aufgestellte Lehre durch viele Seiten hindurch

bestritten hat mich einigermaßen dadurch überrascht dass er eine Tatsache

geleugnet hat welche ich für zu bekannt hielt um eines Beweises zu bedürfen 

die nämlich dass es Philosophen gegeben hat welche in der physikalischen

Erklärung von Naturerscheinungen dieselbe vollständige Befriedigung des Geistes

fanden von welcher man uns sagt sie wäre bloß in der Willenstheorie zu

finden und dass andere die Willenstheorie auf denselben Grund hingeworfen

haben auf den sich ihre Verteidigung stützt nämlich auf den Grund der

Unbegreiflichkeit hin Die Behauptung des Essayisten wird noch viel

entschiedener von einem gewandten Rezensenten der Essays vertreten dieser sagt

93 »Zur Erläuterung führt Herr Mill zwei Fälle an den Fall von Thales und

Anaximenes von denen er angibt der eine habe die Feuchtigkeit der andere die

Luft für den Ursprung aller Dinge gehalten und den Fall von Descartes und

Leibnitz von denen er behauptet sie hätten die Wirkung von Materie auf Materie

für die große Unbegreiflichkeit gehalten In Betreff des ersten dieser Fälle

zeigt nun der Autor  was unserer Ansicht nach jetzt kaum noch einen Zweifel

zulässt  dass die griechischen Philosophen im Gegenteil entschieden als

oberhalb ihrer ersten materiellen Quelle stehend das nous oder die göttliche

Intelligenz als die effiziente und ursprüngliche Quelle von Allem anerkannten

in Beziehung auf den zweiten Fall zeigt er dass der Modus nicht die Tatsache

dieser Wirkung auf die Materie als unbegreiflich dargestellt wurden«

    Nie sind in einem einzigen Ausspruch so viele historische Irrtümer

zusammengedrängt worden als in diesem Die Behauptung, Thales habe das Wasser

bloß als das Material in der Hand des nous betrachtet stützt sich auf eine

Stelle in Ciceros de Natura Deorum und wer die genaueren Geschichtsschreiber

der Philosophie befragen will der wird finden dass sie dieses als eine bloße

Grille von Cicero behandeln die sich auf keine Autorität stützt und eines jeden

Grundes entbehrt und dass sie Vermutungen aufstellen in Beziehung auf die Art

und Weise wie Cicero zu diesem Irrtume möge verleitet worden sein Man sehe

Ritter B I p 211 2te Aufl Brandis B I p 118 19 1ste ed Preller

Historia Philosophiae GraecoRomanae p 10 »Schiefe Ansicht durchaus zu

verwerfen« »augenscheinlich folgernd statt zu berichten« »quibus vera

sententia Thaletis plane detorquetur« sind die Ausdrücke dieser

Schriftsteller Was Anaximenes betrifft so behauptete er sogar nach Cicero

nicht dass die Luft das Material war aus welchem Gott die Welt machte sondern

dass die Luft ein Gott wäre »Anaximenes aëra deum statuit« oder nach St

Augustin dass es das Material wäre aus dem die Götter gemacht wären »non

tamen ab ipsis Diis aërem factum sed ipsos ex aëre ortos credidit«

Diejenigenwelche mit der metaphysischen Terminologie des Altertums nicht

vertraut sind dürfen sich nicht wie Dr Tulloch missleiten lassen wenn sie

angegeben finden Anaximenes habe seinem universellen Element der Luft psychê

in der Übersetzung Seele oder Leben zugeschrieben Die griechischen

Philosophen erkannten mehrere Arten von psychê an die nährende nutritive die

empfindende sensitive und die verständige intellective94 Sogar die Neuern

schreiben als eine anerkannt richtige Sache den Pflanzen Leben zu Soweit wir

hinter die Meinung von Anaximenes kommen können wählte er die Luft als das

universale Agens weil sie ohne eine außerhalb ihrer selbst zu findende äußere

Ursache ewig in Bewegung ist, was er als die Äußerung einer spontanen Kraft

als das Prinzip des Lebens und der Tätigkeit aller Dinge Menschen und Götter

eingeschlossen ansah Wenn dies nicht heißt sie als causa efficiens

hinstellen so hat der Streit ganz und gar keinen Sinn

    Wenn Anaximenes oder Thales oder einer ihrer Zeitgenossen die Ansicht gehabt

hätte dass nous wäre die urwirkende Ursache so hätte die Entstehung dieser

Lehre nicht das ganze Altertum hindurch dem Anaxagoras zugeschrieben werden

können. Das Zeugnis von Aristoteles ist in Beziehung auf diese frühzeitigen

Spekulationen vollkommen entscheidend Nachdem er vier Arten von Ursachen, oder

vielmehr vier verschiedene Bedeutungen des Wortes Ursache aufgezählt hat

nämlich das Wesen die Essenz eines Dingesdie Materie desselben den Ursprung

der Bewegung causa efficiens und die Endursache fährt er fort die meisten

der früheren Philosophen erkannten bloß die zweite Art Ursache an die Materie

eines Dinges, tas en hylês eidei monas ôêthêsan archas einai pantôn Als sein

erstes Beispiel nennt er Thales den er als den in dieser Ansicht von dem

Gegenstand vorangehenden bezeichnet ho tês toiautês archêgos philosophias und

geht sodann zu Hippo Anaximenes Diogenes von Apollonia Hippasus von

Metapontum Heraclit und Empedocles über Anaxagoras fährt er fort lehrte

indessen eine andere Lehre wie wir wissen und es wird angegeben dass

Hermotimus von Clazomenae sie vor ihm gelehrt habe Anaxagoras stellte den

Philosophen vor dass wenn diese verschiedenen Theorien von dem universalen

Material auch wahr wären doch noch eine andere Ursache nötig wäre um die

Transformationen des Materials zu erklären indem das Material nicht seine

eigenen Veränderungen hervorbringen kann ou gar dê ge hypokeimenon auto poiei

metaballein heauto legô d oion oute to xylon oute ho chalkos aitios tou

metaballein hekateron outôn oude poiei to men xylon klinên ho de chalkos

andrianta all heteron ti tês metabolês aition nämlich die andere Art Ursache

hothen hê archê tês kinêseôs  eine effiziente Ursache Aristoteles zollt dieser

Lehre großen Beifall er sagt von ihr sie lasse ihren Schöpfer als den

einzigen nüchternen Mann unter faselnden Menschen erscheinen oion nêphôn

hephanê par eikê legontas tous proteron aber während er den Einfluss

beschreibt den sie auf spätere Betrachtungen ausübte bemerkt er dass die

Philosophen denen gegenüber diese unübersteigliche Schwierigkeit hervorgehoben

worden war durchaus nicht gefühlt hätten dass es eine Schwierigkeit sei ouden

edyscheranan en heautois Es ist gewiss unnötig mehr für den Beweis der von

Dr Tulloch und seinem Rezensenten geleugneten Tatsachen zu sagen

    Nachdem Aristoteles angedeutet dass jene älteren Denker darin irrten dass

sie die Notwendigkeit einer urwirkenden Ursache nicht anerkannten nennt er

noch zwei andere urwirkende Ursachen zu denen sie statt zur Intelligenz ihre

Zuflucht hatten nehmen können tychê der Zufall und to automaton die

Spontaneität Diese verwirft er als nicht hinreichend würdige Ursachen für die

Ordnung im Universum oud au tô automatô kai tê tychê tosouton epitrepsai

pragma kalôs eichen aber er verwirft sie nicht als unfähig irgend eine Wirkung

sondern nur als unfähig jene Wirkung hervorzubringen Er selbst anerkennt tychê

und to automaton als dem Geist koordinierte Agentien in der Erzeugung der

Erscheinungen des Universums indem das ihnen zugewiesene Gebiet aus allen

Classen von Erscheinungen zusammengesetzt ist von denen nicht angenommen wird

sie folgten aus einem gleichförmigen Gesetz Indem Aristoteles so den Zufall

unter die urwirkenden Ursachen aufnahm fiel er in einen Irrtum dem die

Philosophie gegenwärtig zwar entwachsen ist der jedoch keineswegs auch dem

Geist des modernen Denkens so fremd ist als es auf den ersten Blick hin

scheinen dürfte Die Philosophen schrieben den Resultaten der Abstraktion noch

in einer naheliegenden Zeit eine reale Existenz zu und manche schreiben ihnen

dieselbe noch gegenwärtig zu Der Zufall hat aber ebenso große Ansprüche auf

diese Würde als viele andere abstrakte Schöpfungen des Geizes er erhielt einen

Namen und warum sollte er keine Realität sein Was to automaton betrifft so

wird es sogar noch jetzt von allen Denkern welche die sogenannte Freiheit des

Willens aufrecht erhalten als eine der Erzeugungsweisen der Erscheinungen

angenommen Dasselbe selbstbestimmende Vermögen welches jene Lehre dem Wollen

beilegt setzten die Alten auch in einigen anderen Naturerscheinungen voraus

ein Umstand der auf mehr als eine der supponierten unbesiegbaren

Glaubensnotwendigkeiten ein starkes Licht wirft Ich habe dies hier angeführt

weil dieser Glaube des Aristoteles oder vielmehr der griechischen Philosophen im

allgemeinen der Theorieder menschliche Geist sei durch seine Beschaffenheit

gezwungen die Willenstätigkeit für den Ursprung aller Kraft und die urwirkende

Ursache aller Erscheinungen zu halten eben so verderblich ist als die Lehre

von Thales und der Jonischen Schule95

    In Beziehung auf die neueren Philosophen Leibnitz und die Cartesianer

welche ich ihrer Behauptung wegen angeführt habe dass die Wirkung des Geistes

auf die Materie, weit entfernt der einzig begreifliche Ursprung der materiellen

Erscheinungen zu sein selbst unbegreiflich sei so ist der Versuch dieses

Argument durch die Behauptung zu widerlegen der Modul nicht die Tatsache der

Wirkung des Geistes auf die Materie wäre von jenen als unbegreiflich dargestellt

worden ein Missbrauch des Privilegiums mit Zuversicht über Schriftsteller zu

schreiben ohne sie zu lesen denn die geringste Kenntnis von Leibnitz würde die

so von ihm sprechenden belehrt haben dass die Unbegreiflichkeit des Modus und

die Unmöglichkeit der Tatsache in seinem Geiste miteinander zu verwechselnde

Ausdrücke waren Was war sein Prinzip vom hinreichenden Grund dem Eckstein

seiner Philosophie von dem die prästabilierte Harmonie die Monadenlehre und

alle besonders charakteristischen Ansichten von Leibnitz Folgesätze sind Es

war dass nichts existiert dessen Existenz nicht a priori bewiesen und erklärt

werden kann, indem bei zufälligen Tatsachen Beweis und Erklärung aus ihren

Ursachen abgeleitet wird die aber nicht die Ursachen sein könnten wenn nicht

etwas in ihrer Natur läge das zeigt dass sie fähig sind jene besondere

Wirkung hervorzubringen Und dieses die Erzeugung von physikalischen Wirkungen

erklärende »etwas« war er im Stande in vielen physikalischen Ursachen zu

finden er konnte es aber nicht in einem endlichen Geiste finden von dem er

daher ohne Bedenken behauptete er sei unfähig irgend welche physikalische

Wirkungen hervorzubringen »On ne saurait concevoir« sagt er »une action

réciproque de la matière et de lintelligence lune sur lautre« und man hat

daher nur die Wahl behauptet er zwischen den gelegentlichen Ursachen der

Cartesianer und seiner eigenen prästabilierten Harmonia nach welcher kein

innigerer Zusammenhang zwischen unserem Wollen und unseren Muskeltätigkeiten

besteht als zwischen zwei Uhren welche aufgezogen werden um in einem und

demselben Augenblick zu schlagen Aber in Beziehung auf physikalische Ursache

empfand er nicht die gleichen Schwierigkeiten und durch all seine Spekulationen

hindurch wie in der bereits angeführten Stelle bezüglich der Gravitation weist

er es entschieden von der Hand irgend eine Tatsache, die nicht aus der Natur

ihrer physikalischen Ursache zu erklären ist als ein Teil der Natur anzusehen

    In Betreff der Cartesianer nicht Descartess denn dieses Versehen habe ich

nicht gemacht obgleich der Rezensent von Dr Tullochs Abhandlung es mir

zuschreibt nehme ich eine fast auf den Zufall hin gewählte Stelle von

Mallebranche der von den Cartesianern am meisten bekannt ist und der wenn

auch nicht der Erfinder doch der Hauptvertreter des Systems der gelegentlichen

Ursachen ist Nachdem er in Teil II Cap 3 seines sechsten Buchs zuerst

ausgesprochen hat dass die Materie nicht das Vermögen haben kann sich selbst

zu bewegen argumentiert er weiter dass auch der Geist nicht das Vermögen haben

kann sie zu bewegen »Quand on examine lidée que lon a de tous les esprits

finis on ne voit point de liaison nécessaire entre leur volonté et le mouvement

de quelque corps que ce soit on voit au contraire quil ny en a point et

quil ny en peut avoir« in der Idee eines endlichen Geistes liegt nichts was

erklären kann dass er die Bewegung der Körper verursacht »on doit aussi

conclure si on vent raisonner selon ses lumières quil ny a aucun esprit créé

qui puisse remuer quelque corps que ce soit comme cause véritable et principale

de même que lon a dit quaucun corps ne se pouvait remuer soimême« so ist

nach ihm die Idee des Geistes eben so unverträglich mit der Ausübung von

tätiger Kraft wie die Idee von der Materie. Aber wenn wir nicht einen

geschaffenen sondern einen göttlichen Geist betrachten fährt er fort so

ändert sich die Sache denn die Idee von einem göttlichen Geist schließt

Allmächtigkeit ein und die Idee der Allmächtigkeit enthält die Idee von der

Fähigkeit Körper zu bewegen Auf diese Weise ist es die Natur der Allmacht

welche sogar die Bewegung der Körper durch den göttlichen Willen glaubwürdig und

begreiflich macht während sie soweit sie von der bloßen Natur des Geistes

abhängig war unbegreiflich und unglaubwürdig gewesen wäre Wenn Mallebranche

nicht an ein allmächtiges Wesen geglaubt hätte so würde er eine jede Einwirkung

von Geist auf Körper für eine bewiesene Unmöglichkeit gehalten haben96

    Eine Lehre die noch genauer das Gegenteil der Willenstheorie von der

Verursachung ist kann nicht wohl ersonnen werden Die Willenstheorie lagt wir

erkennen durch Anschauung oder direkte Erfahrung die Wirkung unseres eigenen

geistigen Wollens auf die Materie, hieraus können wir folgern dass alle andere

Wirkung auf die Materie die eines Willens ist und wir können so ohne irgend

einen andern Beweis wissen dass die Materie unter der Herrschaft eines

göttlichen Geistes steht Leibnitz und die Cartesianer behaupten im Gegenteil

dass unser Wollen auf die Materie nicht wirkt und nicht wirken kann und dass

nur die Existenz eines allregierenden eines allmächtigen Wesens die Sequenz

zwischen unserm Wollen und unseren Körpertätigkeiten erklären kann Wenn wir

bedenken dass eine jede von diesen Theorien welche als Theorien der

Verursachung an den zwei entgegengesetzten äußersten Enden einer möglichen

Divergenz stehen die absolute Unbegreiflichkeit einer jeden andern von ihr

verschiedenen Theorie als ihren Beweis und zwar als ihren einzigen Beweis

anruft so sind wir im Stande den Werth dieses Beweises zu bemessen und wenn

wir die Willenstheorie gänzlich auf die Behauptung gebaut sehen wir wären durch

unsere geistige Beschaffenheit gezwungen unsere Willenstätigkeiten als

urwirkende Ursachen anzuerkennen und finden dann dass andere Denker behaupten

wir wüssten dass sie solche Ursachen nicht sind und nicht sein können und dass

wir nicht begreifen können sie wären solche Ursachen so glaube ich haben wir

ein Recht zu sagen dass dieses supponierte Gesetz unserer geistigen Konstitution

nicht existiert

    Dr Tulloch hält es p 45 für eine genügende Antwort hierauf zu sagen

als wenn dies jemand geleugnet hätte dass Leibnitz und die Cartesianer

Theisten waren und glaubten der Wille Gottes sei eine urwirkende Ursache

Gewiss taten sie dies und die Cartesianer glaubten sogar nicht jedoch

Leibnitz dass er die einzige derartige Ursache sei Dr Tulloch verkennt die

Natur der Frage vollständig Ich habe nicht wie Dr Tulloch über den Theismus

geschrieben sondern gegen eine besondere Theorie der Verursachung die wenn sie

unbegründet ist weder dem Theismus noch sonst etwas anderem eine wirksame

Stütze sein kann Ich fand dass behauptet worden war das Wollen sei die

einzige urwirkende Ursache weil keine andere urwirkende Ursache begreiflich

ist Dieser Behauptung setzte ich die Beispiele von Leibnitz und den

Cartesianern entgegen welche eben so positiv behaupteten dass der Wille als

eine urwirkende Ursache selbst nicht begreiflich sei und dass die

Allmächtigkeit welche alle Dinge begreiflich macht die Unbegreiflichkeit

allein beseitigen könne Dies hielt ich und halte noch für eine bündige Antwort

auf das Argument, auf dem diese Theorie der Verursachung erkanntermaßen ruht

Gewiss aber habe ich mir nicht eingebildet dass der Theismus mit dieser Theorie

verbunden wäre auch habe ich nicht erwartet dass man mir vorwerfen würde ich

hätte geleugnet dass Leibnitz und die Cartesianer Theisten waren weil ich

leugnete dass sie jener Theorie anhingen

 
 



                               



     1 Um die allgemeine Vorstellung von der Kausalität auf welcher die

Regeln der experimentellen Erforschung der Naturgesetze gegründet sind zu

ergänzen muss noch eine Unterscheidung hervorgehoben werden eine

Unterscheidung welche so fundamental und wichtig ist dass sie einer besonderen

Betrachtung bedarf

    Die vorhergehende Diskussion hat uns mit dem Falle vertraut gemacht in

welchem verschiedene Agentien oder Ursachen als Bedingungen zur Hervorbringung

einer Wirkung zusammenwirken ein Fall der in Wahrheit allgemein ist da es nur

wenige Wirkungen gibt zu deren Hervorbringung nur ein einziges Agens beiträgt

Wir wollen daher annehmen dass zwei verschiedene vereint wirkende Agentien

unter gewissen parallel gehenden Bedingungen von einer gegebenen Wirkung

begleitet wären Wenn das eine dieser Agentien statt vereint mit dem andern

für sich allein unter derselben Reihe von Bedingungen in allen andern

Beziehungen gewirkt hätte so wäre wahrscheinlich irgend eine Wirkung erfolgt

welche von der vereinigten Wirkung der beiden Agentien verschieden und ihr mehr

oder weniger unähnlich gewesen wäre Wenn wir die Wirkungen der einzeln und

getrennt von einander wirkenden Ursachen kennen so können wir häufig deduktiv

oder a priori voraussagen was geschehen wird wenn die Agentien vereint wirken

Um dies tun zu können ist es nur nötig dass dasselbe Gesetz welches die

Wirkung der einzeln wirkenden Ursachen ausdrückt auch den Teil von der ganzen

Wirkung der beiden ausdrückt welcher dieser Ursache zukommt Diese Bedingung

wird bei einer sehr umfassenden und wichtigen Klasse von Naturerscheinungen den

sogenannten mechanischen namentlich bei dem Phänomen der Übertragung der

Bewegung eines Körpers auf einen andern oder des Drucks was ein Streben nach

Bewegung ist), erfüllt In dieser wichtigen Klasse von Erscheinungen wird

niemals eine Ursache von der andern vernichtet oder aufgehoben sondern beide

haben ihre volle Wirkung Wenn ein Körper durch zwei Kräfte in zwei

verschiedenen Richtungen bewegt wird so bewegt er sich in einer gegebenen Zeit

genau so weit in beiden Richtungen als wenn die Kräfte einzeln auf ihn gewirkt

hätten und er kommt genau da an wo er angekommen wäre wenn erst die eine und

dann die andere Kraft auf ihn gewirkt hätte Dies ist das Naturgesetz welches

in der Mechanik das Prinzip der Zusammensetzung der Kräfte genannt wird ich

werde indem ich diesen wohlgewählten Ausdruck nachahme Zusammensetzung der

Ursachen das Prinzip nennen welches sich in allen Fällen ausspricht in denen

die vereinte Wirkung verschiedener Ursachen identisch mit der Summe der

einzelnen Wirkungen ist

    Dieses Prinzip herrscht jedoch keineswegs in allen Kreisen der Natur. Die

chemische Verbindung zweier Substanzen bringt bekanntlich eine dritte Substanz

hervor deren Eigenschaften von denen der einzelnen Substanzen oder auch beider

zusammengenommen gänzlich verschieden sind Keine einzige der Eigenschaften von

Sauerstoff und Wasserstoff ist in ihrer Verbindung dem Wasser bemerkbar Der

Geschmack des Bleizuckers ist nicht die Summe der Geschmacke seiner

Bestandteile der Essigsäure und des Bleioxyds und die Farbe des blauen

Vitriols ist nicht eine Mischung der Farben von Schwefelsäure und Kupfer Dies

erklärt warum die Mechanik eine deduktive oder demonstrative Wissenschaft ist

und die Chemie nicht In der einen können wir die Kombinationen der wirklichen

oder hypothetischen Ursachen aus den Gesetzen welche die einzeln wirkenden

Ursachen in uns bekannter Weise beherrschen berechnen was in Folge einer jeden

einzeln genommenen Ursache geschehen wäre geschieht wenn sie alle

zusammengenommen werden wir haben die Resultate nur zu addieren Bei den

Naturerscheinungen die der besondere Gegenstand der Chemie sind hören die

meisten Gleichförmigkeit nach denen sich die Ursachen richten so lange sie

einzeln sind auf wenn sie vereinigt sind und wir sind nicht im Stande

wenigstens nicht bei dem jetzigen Stande der Wissenschaft, vorauszusagen

welches Resultat aus einer neuen Kombination folgen wird wenn wir es nicht

durch das spezifische Experiment versucht haben

    Wenn dies von chemischen Verbindungen wahr ist so gilt es noch viel mehr

von jenen komplexen Verbindungen der Elemente welche die organisierten Körper

zusammensetzen und aus welchen jene außerordentlichen neuen Gleichförmigkeit

entstehen welche wir die Gesetze des Lebens nennen Alle organisierten Körper

sind aus Teilen zusammengesetzt die denen der unorganischen Natur ganz ähnlich

sind und welche vorher in einem unorganischen Zustande existierten aber die

Erscheinungen des Lebens welche aus der Juxtaposition dieser Theile

hervorgehen haben keine Ähnlichkeit mit den Wirkungen welche durch die

Wirkung der als bloße physikalische Agentien betrachteten Bestandteile

hervorgebracht würden Bis zu welchem Grade wir uns auch unsere Kenntnis der

Eigenschaften der Bestandteile von den lebenden Körpern ausgedehnt und

vervollkommnet denken mögen so ist gewiss dass ein bloßes Summieren der

einzelnen Wirkungen dieser Elemente die Wirkung des lebenden Körpers selbst

nicht wiedergeben wird Die Zunge zBist wie die anderen Theile des

Tierkörpers aus Albumin Fibrin und anderen Produkten des Verdauungsprozesses

zusammengesetzt aber keine Kenntnis der Eigenschaften dieser Substanzen würde

uns erlauben vorauszusagen dass die Zunge Geschmack besitzt wenn nicht Albumin

und Fibrin selbst Geschmack besitzen denn es kann keine elementare Tatsache in

dem Schlusse liegen wenn sie nicht vorher in den Prämissen enthalten war

    Es gibt also zwei verschiedene Arten von der vereinigten Wirkung von

Ursachen, woraus zwei Arten von Konflikten oder gegenseitigen Interferenzen

unter den Naturgesetzen entstehen Nehmen wir an in einem gegebenen Punkte des

Baumes und der Zeit brächten zwei oder mehr Ursachen entgegengesetzte oder

wenigstens einander widerstreitende und einander ganz oder teilweise sich

aufhebende Wirkungen hervor So strebt die Expansivkraft der durch die

Verbrennung des Schießpulvers erzeugten Gase eine Kugel in die Hohe zu

schleudern während dieselbe durch ihre Schwere nach der Erde gezogen wird Ein

Strom fließt an dem einen Ende in ein Reservoir und strebt es mehr und mehr zu

füllen während ein Abzugsgraben an dem andern Ende es zu leeren strebt In

solchen Fällen nun wo die beiden vereint wirkenden Ursachen sich genau

gegenseitig annullieren wird das Gesetz beider dennoch erfüllt die Wirkung ist

dieselbe als wenn der Abzugsgraben zuerst eine halbe Stunde geöffnet gewesen97

und der Strom hernach eben so lange hineingeflossen wäre Wir haben also hier

zwei Ursachenwelche vereint eine Wirkung hervorbringen welche von derjenigen

welche sie einzeln hervorbringen sehr verschieden zu sein scheint die sich

aber bei näherer Prüfung wirklich als die Summe dieser einzelnen Wirkungen

ergibt Es wird bemerkt werden dass wir den Begriff der Summe zweier Wirkungen

hier so erweitert haben dass er ihre gewöhnlich sogenannte Differenz die in

Wahrheit das Resultat der Addition entgegenwirkender Ursachen ist einschließt

ein Begriff dem man bekanntlich jene bewunderungswürdige Erweiterung des

algebraischen Kalküls verdankt das als ein Werkzeug der Entdeckung seine Stärke

dadurch so sehr vermehrt hat dass es in seine Schlüsse mit dem vorgesetzten

Zeichen der Subtraktion und unter dem Namen negativer Größen eine jede Art von

positiven Phänomenen eingeführt hat vorausgesetzt dass sie in Beziehung auf die

vorhereingeführten von einer solchen Qualität sind dass es einerlei ist ob man

die eine addiert oder eine gleiche Quantität von der andern abzieht

    Es gibt also eine Art von gegenseitiger Interferenz der Naturgesetze in

welcher wenn auch die zusammenwirkenden Ursachen ihre Wirkungen einander

aufheben eine jede doch ihre volle Kraft nach dem eigenen Gesetze als ein

besonderes Agens ausübt In einer andern Art von Fällen hören jedoch die

Agentien welche zusammengebracht werden gänzlich auf und es entsteht eine

gänzlich verschiedene Reihe von Erscheinungen, wie bei dem Experiment wo zwei

Flüssigkeiten die in gewissen Verhältnissen miteinander gemischt werden

augenblicklich eine feste Masse werden statt einfach zu einer größeren Menge

von Flüssigkeit zu werden

    

     2 Dieser Unterschied zwischen dem Falle in welchem die vereinigte

Wirkung der Ursachen die Summe ihrer einzelnen Wirkungen und dem Falle wo sie

davon verschieden ist zwischen Gesetzen welche ohne Veränderung

zusammenwirken und solchen welche beim Zusammenwirken aufhören und anderen

Platz machen ist einer der wesentlichen Unterschiede in der NaturDer erstere

Fall der von der Zusammensetzung der Ursachen, ist der allgemeine der andere

ist immer ein besonderer und exzeptioneller Fall Es gibt keine Gegenstände

welche nicht in einigen ihrer Erscheinungen dem Gesetze der Zusammensetzung der

Ursachen gehorchten keine welche nicht einige Gesetze hätten die nicht in

allen Verbindungen welche die Gegenstände eingehen streng erfüllt würden Das

Gewicht eines Körpers zBist eine Eigenschaft, welche er in allen seinen

Verbindungen beibehält Das Gewicht einer chemischen Verbindung oder eines

organisierten Körpers ist gleich der Summe der Gewichte der Elemente aus welchen

er zusammengesetzt isst Das Gewicht der Elemente oder der Verbindung wird sich

ändern je nachdem sie von ihrem Mittelpunkte der Anziehung entfernt oder ihm

genähert werden aber was das eine affiziert affiziert auch das andere Sie

bleiben immer genau gleich Ebenso verlieren die Bestandteile einer

Pflanzenoder Tiersubstanz ihre mechanischen und chemischen Eigenschaften als

besondere Agentien nicht wenn sie noch durch eine besondere Art von

Juxtaposition als ein aggregiertes Ganze physiologische oder vitale

Eigenschaften erlangen Diese Körper gehorchen wie vorher mechanischen und

chemischen Gesetzen insoweit der Wirkung dieser Gesetze nicht andere Gesetze

welche die organischen Körper beherrschen entgegenwirken Kurz wenn ein

Zusammenwirken von Ursachen stattfindet das neue Gesetze in Tätigkeit ruft

welche keine Ähnlichkeit mit denen haben welche wir die der einzelnen Wirkung

der Ursachen nachweisen können so können die neuen Gesetze während sie den

einen Teil der früheren Gesetze aufheben mit einem andern koexistieren und

sogar die Wirkung dieser früheren Gesetze mit der ihrigen vereinigen

    Gesetze welche auf die zweite Weise hervorgerufen worden sind, können

wiederum auf die erstere Weise andere hervorrufen Obgleich es Gesetze gibt

welche wie die chemischen und physiologischen Gesetze ihre Existenz einer

Verletzung des Prinzips der Zusammensetzung der Ursachen verdanken so folgt

daraus nicht dass diese eigentümlichen oder wie man sie nennen könnte

heteropatischen Gesetze einer Vereinigung miteinander nicht fähig sind Die

Ursachen, deren Gesetze durch eine Verbindung geändert wurden können ihre neuen

Gesetze bis in ihre letzten Verbindungen mitnehmen Es gibt daher keinen Grund

um an der Möglichkeit, die Chemie und Physiologie in die Reihe der deduktiven

Wissenschaften zu erheben zu zweifeln denn obgleich es unmöglich ist alle

chemischen und physiologischen Wahrheiten aus den Gesetzen der einfachen Körper

oder elementaren Agentien abzuleiten so können sie doch wahrscheinlich von

Gesetzen abgeleitet werden welche anfangen wenn diese einfachen Agentien in

eine massige Anzahl von nicht sehr komplexen Verbindungen zusammengebracht

werden Die Gesetze des Lebens werden niemals von den bloßen Gesetzen der

Bestandteile abgeleitet werden können, aber die wunderbar verwickelten

Tatsachen des Lebens mögen aus verhältnismäßig einfachen Gesetzen des Lebens

abgeleitet werden welche Gesetze von Kombinationen aber verhältnismäßig

einfachen Kombinationen von Antecedentien abhängig in verwickelteren Umständen

unter sich und mit den physikalischen und chemischen Gesetzen der Bestandteile

verbunden sein können Die Einzelheiten der Lebenserscheinungen bieten sogar

jetzt schon unzählige Beispiele von der Zusammensetzung von Ursachenund im

Verhältnis als diese Erscheinungen genauer studiert werden stellt sich immer

mehr der Grund zu glauben heraus dass dieselben Gesetze welche in einfacheren

Kombinationen von Umständen wirken in der Tat auch in verwickelteren

Kombinationen befolgt werden Auch von den Erscheinungen des Geistes, und sogar

von den sozialen und politischen Erscheinungen als Resultate der Gesetze des

Geistes, wird man dies gleich wahr finden In Beziehung auf die chemischen

Naturerscheinungen ist das Streben die speziellen Gesetze auf allgemeine

zurückzuführen von denen sie abgeleitet werden können, von dem geringsten

Erfolg begleitet gewesen aber es sind sogar in der Chemie einige Umstände

vorhanden welche zu der Hoffnung berechtigen dass solche allgemeinen Gesetze

noch entdeckt werden Man wird ohne Zweifel niemals finden dass die

verschiedenen Wirkungen einer chemischen Verbindung die Summe der Wirkungen

ihrer einzelnen Elemente sind aber es kann zwischen den Eigenschaften der

Verbindung und denen ihrer Bestandteile ein konstantes Verhältnis bestehen

welches im Falle es einer hinreichenden Induktion entdeckbar wäre uns in den

Stand setzen würde die Art einer neuen Verbindung vorauszusehen ehe wir sie

untersucht hätten und zu urteilen welche Elemente in die Zusammensetzung

einer neuen Substanz eingegangen sind ehe wir dieselbe analysiert haben Das

Gesetz der bestimmten Proportionen in seiner ganzen Allgemeinheit zuerst von

Dalton entdeckt ist eine vollständige Lösung dieser Aufgabe in einer Beziehung

wenn auch einer untergeordneten in Beziehung auf die Quantität in Beziehung

auf die Qualität besitzen wir schon einige partielle Generalisationen welche

die Möglichkeit eines weitern Fortschritts hinlänglich beweisen Wir können

viele gemeinsame Eigenschaften jener Klasse von Verbindungen voraussagen welche

aus der Verbindung in einer jeden der wenigen möglichen Proportionen von einer

Säure mit einer Basis hervorgehen Auch besitzen wir die sehr merkwürdigen

Gesetze von Berthollet wonach zwei lösliche Salze einander zersetzen wenn die

eine der neuen Verbindungen unlöslich oder weniger löslich als die beiden

früheren ist Eine andere Gleichförmigkeit welche man beobachtet hat ist

bekannt als das Gesetz des Isomorphismus der Identität der Krystallform von

Substanzen welche gewisse Eigentümlichkeiten der chemischen Zusammensetzung

gemein haben So scheint es dass sogar heteropatische Gesetze Gesetze einer

vereinigten Wirkung und nicht aus den Gesetzen der besonderen Agentien

zusammengesetzt in einigen Fällen wenigstens dennoch nach einem festen Prinzip

aus diesen abgeleitet werden können. Es mag wohl Gesetze der Erzeugung von

Gesetzen aus anderen ihnen ähnlichen Gesetzen geben und in der Chemie können

diese noch unentdeckten Gesetze von der Abhängigkeit der Eigenschaften einer

Verbindung von den Eigenschaften ihrer Bestandteile im Verein mit den Gesetzen

der Elemente selbst die Prämissen abgeben vermittelst derer diese Wissenschaft

sich dereinst zu einer deduktiven erheben wird

    Wie es scheint gibt es keine Art von Naturerscheinungen in denen die

Zusammensetzung der Ursachen nicht besteht es scheint dass man es als eine

allgemeine Regel betrachten kann dass kombinierte Ursachen dieselben Wirkungen

hervorbringen als wenn sie einzeln wirken dass diese Regel aber obgleich eine

allgemeine keine universale ist dass in einigen Fällen bei besonderen

Übergangspunkten der gesonderten zur vereinigten Wirkung die Gesetze sich

andern und eine ganz neue Reihe von Wirkungen sich denjenigen welche aus der

getrennten Action derselben Ursachen entspringen addiert oder dass sie deren

Stelle einnimmt dass die Gesetze dieser neuen Wirkungen wie die Gesetze,

welche sie aufhoben in unbeschrankter Weise ebenfalls der Verbindung fähig

sind

    

     3 Manche Schriftsteller haben als ein Axiom in der Theorie der

Verursachung angegeben dass die Wirkungen ihren Ursachen proportional sind und

man hat in den sich auf Naturgesetze beziehenden Schlüssen von diesem Prinzip

häufig einen wichtigen Gebrauch gemacht obgleich es mit vielen Schwierigkeiten

und scheinbaren Ausnahmen behaftet ist und viel Scharfsinn aufgewendet wurde

um zu zeigen dass dieselben keine wirklichen Ausnahmen sind Soweit er wahr ist

schließt sich dieser Satz als ein besonderer Fall dem allgemeinen Prinzip der

Zusammensetzung der Ursachen an indem die zusammengesetzten Ursachen in diesem

Falle homogen sind und wenn in irgend einem so darf man in diesem Fall

erwarten dass die vereinigte Wirkung der Summe der einzelnen Wirkungen

identisch ist Wenn eine Kraft von hundert Pfund einen Körper auf einer

geneigten Ebene in die Höhe zieht so wissen wir dass eine Kraft von

zweihundert Pfund zwei jenem ganz gleiche Körper bewegen wird die Wirkung ist

hier der Ursache proportional Enthält aber hier die Kraft von zweihundert Pfund

nicht wirklich zwei Kräfte von hundert Pfund eine jedewelche die beiden Körper

einzeln bewegen würden Die Tatsache, dass sie vereint wirkend die beiden

Körper zugleich bewegen ist also ein Resultat des Gesetzes der Zusammensetzung

der Ursachenund bloß ein Fall der allgemeinen Tatsache dass mechanische

Kräfte dem Gesetze der Zusammensetzung unterworfen sind Sie sind es in einem

jeden andern voraussetzbaren Falle denn die Lehre von der Proportionalität von

Ursache und Wirkung kann natürlicherweise nicht auf Fälle angewendet werden in

welchen die Vermehrung der Ursache die Art der Wirkung ändert dh auf solche

wo der Zuwachs der vermehrten Ursache sich nicht mit ihr vereint sondern wo

beide zusammen ein ganz neues Phänomen erzeugen Wir wollen annehmen die

Zuführung einer gewissen Menge Wärme vergrößere das Volumen eines Körpers, die

doppelte Quantität schmelze und die dreifache zersetze ihn da diese drei

Wirkungen ganz heterogen sind so kann kein dem der zugeführten Wärme

entsprechendes oder auch nicht entsprechendes Verhältnis zwischen ihnen

aufgestellt werden Wir sehen also dass das supponierte Axiom von der

Proportionalität der Ursachen und Wirkungen genau in demselben Punkte fehl geht

in dem das Gesetz der Zusammensetzung der Ursachen fehl geht da nämlich wo das

Zusammentreffen von Ursachen der Art ist das es eine Veränderung der

Eigenschaften des Körpers hervorbringt und ihn neuen Gesetzen unterwirft die

mehr oder weniger von denen wonach er vorher existierte abweichen Es wird

daher die Anerkennung irgend eines Gesetzes der Art durch das viel umfassendere

Prinzip in welchem soviel als von ihm wahr implizite ausgesprochen ist

überflüssig

    Die allgemeinen Bemerkungen über die Verursachung welche als eine

Einleitung in die Theorie des induktiven Verfahrens nötig schienen mögen

hiermit ihr Ende finden Das Verfahren ist wesentlich eine Untersuchung der

Ursachen. Alle Gleichförmigkeit in der Folge der Naturerscheinungen und die

meisten Gleichförmigkeit in deren Koexistenz sind wie wir gesehen haben

entweder selbst Kausalgesetze oder Konsequenzen derselben und Folgesätze

welche aus diesen Gesetzen abgeleitet werden können. Wenn wir bestimmen könnten

welches die Ursachen von irgend welchen Wirkungen und welches die Wirkungen von

irgend welchen Ursachen sind so würden wir mit dem ganzen Gange der Natur

bekannt sein Man würde alle jene Gleichförmigkeit welche bloß ein Resultat

von Ursachen sind erklären können und jede einzelne Tatsache jedes einzelne

Ereignis könnte vorausgesagt werden vorausgesetzt dass wir die erforderlichen

Data dh die erforderliche Kenntnis der Umstände hätten welche ihm in dem

besonderen Falle vorhergegangen sind

    Zu bestimmen, welches die in der Natur existierenden Kausalgesetze sind die

Wirkung einer jeden Ursacheund die Ursachen aller Wirkungen festzusetzen ist

daher das vornehmste Geschäft der Induktion es ist der höchste Gegenstand der

induktiven Logik zu zeigen wie dies geschehen muss

 
 






     1 Aus der vorhergehenden Auseinandersetzung ergibt sich dass das

Verfahren das die Folgen welche in der Natur mit irgend welchen Antecedentien

verknüpft sind oder mit anderen Worten, welches untersucht wie

Naturerscheinungen sich als Ursache und Wirkung auf einander beziehen in

gewisser Hinsicht ein analytisches Verfahren ist Es kann als gewiss angesehen

werden, dass eine jede Tatsache welche zu existieren anfängt eine Ursache hat

und dass diese Ursache unter den Tatsachen, welche unmittelbar vorhergingen

gefunden werden muss Das Ganze der gegenwärtigen Tatsachen ist die unfehlbare

Folge aller vergangenen Tatsachen und unmittelbarer aller Tatsachen welche

in dem vorhergehenden Augenblicke existierten Es besteht also hier eine große

Sequenz von der wir wissen dass sie gleichförmig ist Wenn der ganze frühere

Zustand des Universums wiederkehren könnte so würde ihm der ganze jetzige

Zustand folgen Es bleibt nun die Aufgabe diese komplexe Gleichförmigkeit in

die einfacheren Gleichförmigkeit welche sie zusammensetzen aufzulösen und

einem jeden Teil des weiten Antezedens denjenigen Teil der Folgen zuzuweisen

der von ihm abhängig ist.

    Wir haben dieses Verfahren insofern es eine Auflösung eines komplexen

Ganzen in die es zusammensetzenden Elemente ist ein analytisches genannt es

ist jedoch mehr als eine bloße geistige Analyse die bloße Betrachtung einer

Naturerscheinung und ihre Trennung durch den Verstand allein kann dem Zwecke

den wir nun im Auge haben nicht entsprechen obgleich eine solche Trennung der

unerlässliche erste Schritt ist Die Ordnung in der Natur bietet uns bei dem

ersten Anblick jeden Augenblick ein Chaos dar dem ein anderes Chaos folgt Wir

müssen ein jedes Chaos in einfache Tatsachen zerlegen Wir müssen in dem

chaotischen Antezedens eine Menge unterschiedener Antecedentien in der

chaotischen Folge eine Menge unterschiedener Folgen zu erblicken lernen Wenn

wir auch dies als geschehen voraussetzen so erfahren wir doch nicht dadurch von

selbst von welchen der Antecedentien eine jede Folge beständig abhängig ist; um

dies zu bestimmen, müssen wir uns bemühen eine Trennung der Tatsachen nicht

in unserm Verstande allein sondern in der Natur zu Stande zu bringen die

Analyse durch den Verstand muss jedoch vorhergehen Ein jeder weiß dass in der

Art wie sie dies vollbringen die menschlichen Fähigkeiten unendlich

verschieden von einander sind sie ist aber das Wesentliche in dem Akt des

Beobachtens denn nicht der ist der Beobachter welcher das Ding vor sich mit

seinen Augen bloß sieht sondern derjenige welcher sieht aus welchen Teilen

dieses Ding zusammengesetzt istDies gut auszuführen ist ein seltenes Talent

Mancher übersieht die Hälfte aus Unaufmerksamkeit oder weil er auf den

unrechten Punkt achtet ein Anderer gibt mehr an als er sieht indem er es mit

dem was er sich einbildet oder folgert verwechselt ein Anderer nimmt Notiz

von der Art aller Umstände aber da er in der Schätzung ihrer Wichtigkeit

unerfahren ist lässt er die Quantität eines jeden unbestimmt und vage ein

Anderer sieht in der Tat das Ganze aber indem er Dinge zusammenwirft welche

getrennt werden sollten und andere trennt welche besser vereinigt zu

betrachten wären ist seine Teilung so verkehrt dass es ebenso gut und manchmal

schlimmer ist als wenn gar keine Analyse versucht worden wäre Es wäre möglich

anzudeuten welche geistigen Eigenschaftenwelche Arten von Geisteskultur

jemanden zu einem guten Beobachter machen können dies ist indessen nicht

Gegenstand der Logik, sondern der Erziehung im weitesten Sinne des Worts Es

gibt eigentlich keine Kunst der Beobachtung; für das Beobachten kann es nur

Regeln geben Aber diese sind wie die Kegeln für das Erfinden eigentlich

Unterweisungen für die Vorbereitung des eigenen Geistes um ihn in einen Zustand

zu versetzen in dem er am meisten befähigt ist zu beobachten oder in dem er

am wahrscheinlichsten erfinden wird Es sind daher wesentlich Regeln für die

Selbsterziehung was ein ganz anderes Ding ist als Logik Sie lehren nicht wie

das Ding zu tun istsondern wie wir uns fähig machen können es zu tun Sie

sind eine Kunst die Glieder zu stärken nicht aber eine Kunst sie zu gebrauchen

    Die erforderliche Ausdehnung und Genauigkeit der Beobachtung, sowie der

Grad bis zu welchem es notwendig sein kann die geistige Analyse zu treiben

hängt von dem besonderen Zweck ab den man im Auge hat Den Zustand der ganzen

Welt in irgend einem besonderen Augenblick zu bestimmen, wäre unmöglich und auch

nutzlos Wenn wir chemische Versuche machen so halten wir nicht für nötig den

Stand der Planeten zu notieren da die Erfahrung gelehrt hat und ein ganz

oberflächlicher Versuch zeigen kann dass dieser Umstand für das Resultat nicht

von Wichtigkeit ist aber zur Zeit als die Menschen an den verborgenen Einfluss

der Himmelskörper glaubten wäre es vielleicht unphilosophisch gewesen die

genaue Bestimmung des Standes dieser Körper in dem Augenblicke des Experiments

zu unterlassen Wenn wir in Beziehung auf die Genauigkeit der geistigen

Scheidung das was wir beobachten in seine einfachsten Elemente dh

buchstäblich in einfache Tatsachen zerlegen müssten so würde es uns schwer

fallen dieselben ausfindig zu machen wir können kaum jemals behaupten dass

unsere Scheidungen die letzte Einheit erreicht haben Aber auch dies ist

glücklicher Weise unnötig Der einzige Zweck der geistigen Scheidung ist uns

zu der erforderlichen physikalischen Scheidung zu führen so dass wir dieselbe

selbst vornehmen oder sie in der Natur suchen können wir haben genug getan

wenn wir die Scheidung bis zu dem Punkte geführt haben wo wir sehen können

welcher Beobachtungen und Experimente wir bedürfen Bis zu welchem Punkte unsere

geistige Scheidung für jetzt reichen mag es ist nur nötig dass wir uns im

Stand und bereit halten sie weiter zu führen wenn die Gelegenheit es verlangt

und dass wir uns unser Unterscheidungsvermögen nicht durch die Bande einer

gewöhnlichen Klassifikation fesseln lassen wie das mit allen früheren

spekulativen Forschern die Griechen nicht ausgenommen der Fall war indem es

ihnen kaum beifiel dass das was sie mit einem abstrakten Namen benannt hatten

in Wirklichkeit aus mehreren Phänomenen bestehen könnte oder dass es möglich

wäre die Tatsachen des Universums in andere Elemente als die von der

gewöhnlichen Sprache bereits anerkannten zu zerlegen

    

     2 Nachdem also die verschiedenen Antecedentien und Folgen soweit es der

Fall verlangt als bestimmt und von einander unterschieden vorausgesetzt worden

sind, müssen wir untersuchen wie die einen mit den anderen verknüpft sind In

einem jeden Falle den wir beobachten sind mehrere Antecedentien und mehrere

Folgen enthalten Wenn diese Antecedentien nur im Geiste von einander zu

trennen oder wenn diese Folgen niemals gesondert zu finden wären so wäre es

uns unmöglich wenigstens a posteriori ihre wahren Gesetze zu unterscheiden

oder einer jeden Ursache ihre Wirkung und einer jeden Wirkung ihre Ursache

anzuweisen Um das tun zu können müssen wir einigen der Antecedentien von

anderen gesondert begegnen und beobachten welches ihre Folgen sind oder wir

müssen einigen gesonderten Folgen begegnen und beobachten was ihnen

vorhergegangen war Wir müssen Bacons Regel befolgen und die Umstände verändern

 Dies ist in der Tat nicht wie einige glaubten die einzige sondern es ist

die erste Regel der physikalischen Forschung und das Fundament aller übrigen

    Um die Umstände zu verändern können wir nach einer gewöhnlichen

Distinktion unsere Zuflucht zu der Beobachtung oder zu dem Experimente nehmen

entweder wir finden in der Natur einen Fall der unserm Zweck entspricht oder

durch eine künstliche Anordnung der Umstände machen wir einen Der Werth des

Beispiels ist abhängig von dem was es an und für sich ist, nicht von der Art

wie es erhalten wurde sein Gebrauch zu den Zwecken der Induktion beruht in

beiden Fällen auf denselben Prinzipien so wie der Gebrauch des Geldes derselbe

ist es mag ererbt oder erworben sein Kurz es gibt der Art nach keinen

Unterschied keine logische Distinktion zwischen den beiden Verfahrungsarten in

der Forschung Es gibt aber praktische Distinktionen und es ist von der

größten Wichtigkeit die Aufmerksamkeit auf diese zu richten

    

     3 Der erste und augenfälligste Unterschied zwischen Beobachtung und

Experiment besteht darin, dass letzteres eine unbegrenzte Ausdehnung der

ersteren ist Das Experiment setzt uns nicht allein in den Stand eine viel

größere Anzahl von Veränderungen hervorzubringen als die Natur uns freiwillig

darbietet sondern es erlaubt uns sogar in tausend Fällen genau die Art von

Veränderung hervorzurufen deren wir bedürfen um das Gesetz der

Naturerscheinung zu entdecken ein Dienst den uns die Natur die nicht nach dem

Plane und in der Absicht geschaffen ist uns unser Studium zu erleichtern

gewöhnlich versagt Um zB zu bestimmen, welche Bestandteile die Atmosphäre

fähig machen das Leben zu unterhalten wäre die Veränderung erforderlich dass

wir ein lebendes Thier mit einem jeden dieser Bestandteile getrennt umgäben

Die Natur bietet aber weder den Sauerstoff noch den Stickstoff in einem

getrennten Zustande dar wir verdenken dem künstlichen Experimente unsere

Kenntnis dass der erstere und nicht der letztere die Respiration unterhält ja

sogar die Kenntnis der Existenz der beiden Bestandteile

    Der Vorteil des Experimentierens über die einfache Beobachtung ist so weit

allgemein anerkannt ein jeder weiß dass es uns in den Stand setzt unzählige

Kombinationen von Umständen zu erhalten welche sich in der Natur nicht finden

und dass wir so eine Menge unserer eigenen Versuche den Experimenten der Natur

hinzufügen können Es gibt aber noch einen andern Vorzug der künstlich

erhaltenen Fälle vor den freiwilligen unserer eigenen Experimente vor sogar

denselben von der Natur gemachten der nicht weniger wichtig aber weit entfernt

ist in gleichem Grade gefühlt und erkannt zu werden

    Wenn wir eine Naturerscheinung künstlich hervorbringen können so können wir

sie gleichsam mit nach Hause nehmen und sie inmitten anderer Umstände mit

denen wir in allen Beziehungen genau bekannt sind beobachten Wenn wir wissen

wollen welches die Wirkung der Ursache A ist und wenn wir im Stand sind durch

Mittel die uns zur Verfügung stehen A hervorzubringen so können wir

gewöhnlich nach unserm Gutdünken und so weit es mit der Natur des Phänomens A

verträglich ist das Ganze der Umstände die mit ihm gegenwärtig sein sollen

bestimmen und da wir so den gleichzeitigen Zustand von allem was in dem

Bereich des Einflusses von A steht kennen brauchen wir nur zu beobachten

welche Veränderung durch die Gegenwart von A in diesem Zustande hervorgebracht

wird

    Durch die Elektrisiermaschine können wir zB inmitten bekannter Umstände

diejenige Naturerscheinung hervorbringen welche die Natur nach einem größeren

Maßstabe unter der Form von Blitz und Donner zeigt Man betrachte nun welche

Kenntnis von den Wirkungen und den Gesetzen der Elektrizität Menschen aus der

bloßen Beobachtung des Gewitters ziehen konnten und vergleiche sie mit

denjenigen welche sie aus elektrischen und galvanischen Experimenten gewannen

und noch zu gewinnen hoffen dürfen Dieses Beispiel ist um so auffallender da

wir Grund zu glauben haben dass die elektrische Wirkung von allen

Naturerscheinungen die Wärme ausgenommen die am meisten verbreitete und

universale ist und von der man daher hätte glauben sollen dass ihr Studium am

wenigsten der künstlichen Hilfsmittel bedürfte Ohne Elektrisiermaschine ohne

die Voltaische Säule und die Leydner Flasche hätten wir aber in der Tat niemals

vermutet dass die Elektrizität eines der großen Agentien der Natur ist wir

würden fort und fort die wenigen uns bekannten elektrischen Phänomene als

übernatürlich oder als eine Art von Anomalien und Exzentrizitäten in dem Gange

der Natur betrachtet haben

    Wenn es uns gelungen ist die Naturerscheinung welche der Gegenstand einer

Untersuchung ist gesondert zu erhalten so können wir indem wir sie in uns

bekannte Umstände versetzen weitere Veränderungen der Umstände in

unbeschränkter Ausdehnung und von einer Art hervorbringen die wir für die

zweckmäßigste halten um die Gesetze des Phänomens in ein helles Licht zu

setzen Indem wir einen wohlbekannten Umstand nach dem andern in das Experiment

eintreten lassen erfahren wir mit Sicherheit die Art wie sich die Erscheinung

unter einer Mannigfaltigkeit von möglichen Umständen verhält Wenn der Chemiker

eine neuentdeckte Substanz im Zustande der Reinheit erhalten hat dh nachdem

er sich versichert hat dass nichts vorhanden ist, was ihrer Wirkung

entgegenwirken oder sie modifizieren kann bringt er sie sukzessive mit anderen

Substanzen zusammen um zu sehen ob sie sich damit verbinden oder ob und mit

welchem Resultat sie dieselben zersetzen wird er wird die Wärme die

Elektrizität oder Druck anwenden um zu entdecken wie die Substanz sich unter

einem jeden dieser Umstände verhalten wird

    Wenn es aber auf der andern Seite nicht in unserer Macht steht die

Naturerscheinung hervorzubringen und wir nach den Fällen suchen müssen in

welchen sie die Natur hervorbringt so ist unsere Aufgabe eine ganz andere

Statt die begleitenden Umstände zu wählen müssen wir sie nun entdecken was

genau und vollständig zu erreichen beinahe unmöglich ist sobald wir über die

einfachsten und zugänglichsten Fälle hinausgehen Wir wollen dies an einer

Naturerscheinung welche nicht künstlich hervorgebracht werden kann, an dem

menschlichen Geiste erläutern Die Natur erzeugt ihn reichlich aber da wir ihn

nicht künstlich hervorbringen können so sehen wir in einem jeden Falle wo ein

menschlicher Geist sich entwickelt oder auf ein anderes Ding wirkt denselben

von einer Menge unbestimmbarer Umstände umgeben und verdunkelt welche die

Anwendung der gewöhnlichen experimentellen Methoden ziemlich trügerisch machen

Man wird begreifen bis zu welcher Ausdehnung dies wahr ist wenn man unter

Anderem betrachtet dass wo die Natur einen menschlichen Geist erzeugt sie in

enger Verbindung damit auch einen Körper erzeugt dh eine unermessliche

Komplikation von physikalischen Tatsachen die vielleicht nicht in zwei Fällen

einander ähnlich sind und wovon die meisten ganz außer dem Bereich unserer

Untersuchungsmittel liegen die Struktur ausgenommen die wir nachdem sie

aufgehört hat zu wirken in einer ziemlich rohen Weise untersuchen können Wenn

wir annehmen der Gegenstand der Untersuchung wäre statt eines menschlichen

Geistes eine menschliche Gesellschaft oder ein Staat so würden sich dieselben

Schwierigkeiten in einem viel höheren Grade zeigen

    Wir sind also bereits zu einem Schluss gekommen den unsere fernere

Untersuchung zur Evidenz beweisen wird zu dem Schlusse nämlich dass in den

Wissenschaften welche es mit Naturerscheinungen zu tun haben welche

künstliche Experimente durchaus nicht zulassen wie in der Astronomie oder in

welchen sie nur eine beschränkte Rolle spielen wie in der Physiologie

Philosophie und den sozialen Wissenschaften die Induktion aus der direkten

Erfahrung mit einem Nachtheil angewendet wird der der Unausführbarkeit

gewöhnlich gleichkommt Es folgt hieraus dass wenn etwas Vollkommenes erreicht

werden soll die Methoden dieser Wissenschaften bis zu einem gewissen Umfange

wenn nicht hauptsächlich deduktiv sein müssen Bei der ersten der genannten

Wissenschaften der Astronomie ist dies, wie man weiß der Fall dass man es

von den anderen noch nicht als wahr erkannt hat ist wahrscheinlich einer der

Gründe dass sie noch in ihrer Kindheit stehen

    

     4 Wenn in dem einen Gebiete der direkten Erforschung von

Naturerscheinungen die einfache Beobachtung dem künstlichen Experimente

gegenüber in so großem Nachtheile steht so gibt es dagegen einen andern Zweig

der Forschung wo der Vorteil ganz auf der Seite der ersteren ist

    Da es der Gegenstand der induktiven Forschung ist zu bestimmen, welche

Ursachen mit irgend welchen Wirkungen verknüpft sind so wird es einerlei sein

an welchem der Endpunkte des dieselben verbindenden Weges wir die Untersuchung

beginnen wir können nach den Wirkungen einer gegebenen Ursacheoder nach den

Ursachen einer gegebenen Wirkung forschen Die Tatsache, dass Chlorsilber vom

Licht geschwärzt wird wurde entdeckt entweder durch Versuche über die Wirkung

des Lichtes auf verschiedene Substanzen oder indem man nach der Beobachtung,

dass Chlorsilber wiederholt schwarz geworden war nach der Ursache dieser

Umstände forschte Die Wirkungen des Uraligiftes konnten sowohl dadurch erkannt

werden, dass man es Tieren beibrachte als auch dadurch dass man untersuchte

woher es kommt dass die Wunden welche von den Pfeilen der Indianer von Guiana

herrühren so gleichförmig tödlich sind Aus der bloßen Erwähnung dieser

Beispiele ergibt sich ohne theoretische Erörterung dass ein künstliches

Experimentiren nur bei der ersteren dieser Arten von Forschung zulässig ist Wir

können eine Ursache nehmen und erforschen was sie hervorbringen wird wir

können aber keine Wirkung nehmen und versuchen wodurch sie hervorgebracht

wurde Wir können nur abpassen bis wir sie hervorgebracht sehen oder bis wir

sie zufällig hervorbringen können

    Es wäre dies von geringer Wichtigkeit wenn wir nach unserer Wahl die

Untersuchung an dem einen oder dem andern Ende der Sequenzen Ursache und

Wirkung) beginnen könnten Wir haben jedoch selten eine Wahl Da wir nur von dem

Bekannten zum Unbekannten fortschreiten können so müssen wir an demjenigen Ende

anfangen womit wir am besten bekannt sind Wenn wir mit dem Agens vertrauter

sind als mit seinen Wirkungen so beobachten wir sein Resultat in Fällen die

wir abwarten oder erfinden und zwar unter uns zugänglichen Veränderungen der

Umstände wenn dagegen die Bedingungen von denen die Naturerscheinungen

abhängig sind dunkel das Phänomen selbst aber bekannt ist so müssen wir

unsere Untersuchung bei der Wirkung anfangen Wenn uns die Tatsache auffällt

dass Chlorsilber geschwärzt wird und wir vermuten die Ursache nicht so bleibt

uns nichts übrig als die Fälle, in denen die Tatsache stattfand mit einander

zu vergleichen bis wir durch die Vergleichung entdecken dass die Substanz in

allen diesen Fällen dem Licht ausgesetzt war Wenn uns von den Pfeilen der

Indier nichts als ihre furchtbare Wirkung bekannt wäre so könnte nur der Zufall

unsere Aufmerksamkeit auf Versuche mit dem Urali leiten bei einem regelmäßigen

Gange der Untersuchung könnten wir nur das erforschen oder suchen zu beobachten

was in besonderen Fällen mit den Pfeilen angefangen worden war

    

    In allen Fällen, wo uns nichts auf die Ursache führt und wo wir bei der

Wirkung anfangen und die Regel »die Umstände zu verändern« auf die Folgen nicht

auf die Antecedentien anwenden müssen verlässt uns die Hülfe des künstlichen

Experimentierens Wir können nicht willkürlich Folgen erhalten wie wir unter

einer Reihe von Umständen die mit deren Natur verträglich sind Antecedentien

erhalten können Es gibt kein anderes Mittel Wirkungen hervorzubringen als

durch ihre Ursachenund nach der Voraussetzung sind uns die Ursachen von den in

Frage stehenden Wirkungen nicht bekannt Es bleibt uns daher kein Mittel als

sie da zu studieren wo sie sich freiwillig darbieten Wenn die Natur uns in

ihren Umständen hinreichend veränderte Fälle darbietet und wenn wir im Stande

sind unter den näheren Antecedentien oder unter irgend einer andern Ordnung von

Antecedentien etwas zu entdecken was sich vorfindet wenn die Wirkung sich

einstellt wie verschieden auch die Umstände seien und was nie angetroffen

wird, wo die Wirkung nicht ist so können wir durch die bloße Beobachtung ohne

Experiment eine wirkliche Gleichförmigkeit in der Natur entdecken

    Obgleich dies für Wissenschaften der reinen Beobachtung im Gegensatz zu den

Wissenschaften in welchen künstliche Experimente möglich sind gewiss der

allergünstigste Fall ist, so gibt es in Wirklichkeit keinen Fall der die

inhärente Unvollkommenheit der nicht auf das Experiment gegründeten direkten

Induktion schlagender nachwiese Wir wollen annehmen wir hätten durch die

Vergleichung von Fällen einer Wirkung ein Antezedens gefunden welches beständig

damit verknüpft zu sein scheint oder vielleicht auch ist wir haben jedoch nicht

eher bewiesen dass dieses Antezedens die Ursache ist bis wir das Verfahren

umgekehrt und die Wirkungen vermittelst dieses Antezedens hervorgebracht haben

Wenn wir das Antezedens künstlich hervorbringen können und die Wirkung ihm

folgt so ist die Induktion vollständig dieses Antezedens ist die Ursache

dieser Wirkung98 Wir haben aber dann den Beweis des Experimentes der einfachen

Beobachtung hinzugefügt hätten wir dies nicht getan so hätten wir das

unveränderliche Antezedens nicht aber das unbedingte Antezedens oder die

Ursache nachgewiesen So lange nicht durch die wirkliche Erzeugung des

Antezedens unter bekannten Umständen und durch das nunmehrige Eintreffen der

Folge gezeigt worden ist, dass das Antezedens wirklich die Bedingung ist wovon

diese Folge abhing braucht die Gleichförmigkeit der Folgen die zwischen ihnen

nachgewiesen wurde so viel wir wissen überhaupt gar kein Fall von einer

Verursachung zu sein wie bei der Folge von Tag und Nacht beide das Antezedens

und Konsequenz können die aufeinanderfolgenden Stufen der Wirkung einer

entfernteren Ursache sein Kurz die Beobachtung kann ohne das Experiment

Gleichförmigkeit ermitteln aber keine Verursachung beweisen Um die Wahrheit

dieser Bemerkungen durch den gegenwärtigen Zustand der Wissenschaften zu

erweisen brauchen wir nur an die Naturgeschichte zu denken In der Zoologie

zB hat man eine unermessliche Anzahl von Gleichförmigkeit des Zugleichseins

oder der Folge erforscht und von vielen derselben kennen wir ungeachtet einer

bedeutenden Veränderung der begleitenden Umstände keine Ausnahme aber die

Antecedentien können meistens nicht künstlich hervorgebracht werden, oder wenn

dies sein kann so geschieht es nur dadurch dass wir genau dasselbe Verfahren

anwenden wodurch sie die Natur hervorbringt da dies aber ein rätselhaftes

Verfahren ist dessen Hauptumstände nicht allein unbekannt sondern auch nicht

beobachtbar sind so gelingt es aus nicht die Antecedentien unter bekannten

Umständen zu erhalten Was ist das Resultat? Dass wir auf diesem weiten und

reichen Felde der Beobachtung nicht eine einzige Ursache nicht eine einzige

unbedingte Gleichförmigkeit erforscht haben In fast allen Fällen, wo wir

Naturerscheinungen mit einander verknüpft sehen wissen wir nicht welche die

Bedingung der andern welche Ursache und welche Wirkung oder ob es eine von

ihnen ist ob sie nicht vielmehr verbundene Wirkungen von noch zu entdeckenden

Ursachen verflochtene Resultate von noch unbekannten Gesetzen sind

    Bei einer streng kunstgerechten Anordnung des Gegenstandes mögen einige der

vorhergehenden Bemerkungen als noch nicht hierher gehörig erscheinen es dürften

jedoch einige allgemeine Bemerkungen über den Unterschied zwischen

Wissenschaften der bloßen Beobachtung und experimentellen Wissenschaften und

über den großen Nachtheil an dem die direkte induktive Forschung in den

ersteren leidet die beste Vorbereitung zu einer Erörterung der Methoden der

direkten Induktion gewesen sein eine Vorbereitung die vieles was nur

schwierig inmitten dieser Untersuchung hätte eingeführt werden können,

überflüssig macht Wir wollen nun zu der Betrachtung dieser Methoden übergehen

 
 



 


     1 Es gibt zwei einfache und augenfällige Methoden um von den

Umständen welche einer Naturerscheinung vorhergehen oder ihr folgen diejenigen

abzusondern welche durch ein unveränderliches Gesetz damit zusammenhängen Die

eine besteht darin, dass man verschiedene Fälle in denen die Naturerscheinung

stattfindet mit einander vergleicht die andere dass man Fälle in denen die

Erscheinung stattfindet mit in anderer Beziehung ähnlichen Fällen vergleicht

worin sie nicht stattfindet Diese zwei Methoden kann man beziehungsweise die

Methode der Übereinstimmung und die Methode des Unterschieds Differenzmethode

nennen

    Bei der Erläuterung dieser Methoden ist es nötig dass man sich des

zweifachen Charakters der Erforschung von Gesetzen der Naturerscheinungen

erinnere man sucht nämlich entweder nach der Ursache einer gegebenen Wirkung

oder nach den Wirkungen oder Eigenschaften einer gegebenen Ursache Wir werden

diese Methoden in ihrer Anwendung auf beide Arten der Untersuchung betrachten

und unsere Beispiele aus beiden wählen

    Bezeichnen wir die Antecedentien mit den großen Buchstaben des Alphabets

und die entsprechenden Folgen mit den kleinen Es sei also A ein Agens oder eine

Ursacheund es sei ferner der Gegenstand unserer Untersuchung zu bestimmen,

welches die Wirkungen dieser Ursache sind Wenn wir das Agens A in einer solchen

Mannigfaltigkeit von Umständen finden oder hervorbringen können dass die

verschiedenen Fälle keinen Umstand gemein haben ausgenommen A so muss welche

Wirkung wir bei allen unseren Versuchen auch gefunden haben mögen dieselbe die

Wirkung von A sein Nehmen wir zB an wir hätten A mit B und C untersucht und

dass die Wirkung a b c wäre nehmen wir ferner an A sei zusammen mit D und E

aber ohne B und C geprüft worden und die Wirkung sei a d e Wir müssen nun in

folgender Weise schließen b und c sind nicht die Wirkungen von A, denn sie

wurden bei dem zweiten Experiment nicht von ihm hervorgebracht auch nicht d und

e denn sie fehlten in dem ersten Versuch Die wahre Wirkung von A muss in

beiden Fällen hervorgebracht worden sein und diese Bedingung wird durch keinen

Umstand außer a erfüllt Das Phänomen a kann nicht die Wirkung von B oder C

gewesen sein indem es da hervorgebracht wurde wo jene nicht vorhanden waren

noch von D oder E da es eintrat wo diese nicht waren Es ist also die Wirkung

von A.

    Lassen wir zB das Antezedens A den Kontakt einer alkalischen Substanz mit

einem Öl sein Wenn diese Kombination unter verschiedenen Veränderungen von

Umständen die sich in nichts Anderem gleichen untersucht wird so wird man als

Resultat jedesmal eine fettige und reinigende oder seifige Substanz finden man

schließt daher dass die Verbindung eines Öls mit einem Alkali die Erzeugung

einer Seife verursacht Auf diese Weise forschen wir durch die Methode der

Übereinstimmung nach den Wirkungen einer gegebenen Ursache

    In einer ähnlichen Art können wir nach der Ursache einer gegebenen Wirkung

forschen Es sei a die Wirkung. Wie in dem vorhergehenden Kapitel gezeigt wurde

besitzen wir hier kein anderes Mittel als die Beobachtung ohne Experiment wir

können keine Naturerscheinung deren Ursprung uns unbekannt ist nehmen und nach

ihrer Entstehungsart suchen indem wir sie selbst hervorbringen wenn uns dies

bei einem solchen Versuche aufs Geradewohl gelingt so ist es eben nur ein

Zufall Wenn wir dagegen a in zwei verschiedene Verbindungen a b c und a d c

beobachten können und wenn wir wissen oder entdecken können dass die

vorhergehenden Umstände in diesen Fällen beziehungsweise A B C und A D E waren

so können wir durch einen ähnlichen Schluss wie in dem vorhergehenden Beispiel

schließen dass A das durch das Kausalgesetz mit der Wirkung a verbundene

Antezedens ist B und C dürfen wir sagen sind nicht die Ursachen von a, denn

bei seinem Eintreffen waren sie nicht gegenwärtig D und E sind sie ebenfalls

nicht denn sie fehlten bei dem ersten Eintreffen Von allen fünf Umständen

wurde in beiden Fällen a allein unter den Antecedentien gefunden

    Die Wirkung a sei zB die Kristallisation Wir vergleichen Fälle mit

einander, wo Körper kristallisieren die in anderen Punkten keine

Übereinstimmung besitzen und finden dass sie so weit wir sie beobachten

können nur ein einziges Antezedens gemein haben aus einem flüssigen Zustande

der Schmelzung oder der Auflösung oder auch aus einem dampfförmigen Zustand J

S findet ein Übergang in einen festen Körper Statt Wir schließen daher

dass das Festwerden einer Substanz aus dem flüssigen Zustande das

unveränderliche Antezedens der Kristallisation ist

    Wir können bei diesem Beispiel weiter gehen und sagen dass es nicht bloß

das beständige Antezedens sondern dass es die Ursache war denn wir sind in

diesem Falle nachdem wir das Antezedens A entdeckt haben im Stande es

künstlich hervorzubringen und das Resultat unserer Induktion zu bestätigen

indem wir finden dass es von a begleitet wird Die Wichtigkeit einer solchen

Umkehrung des Beweises zeigte sich nie auffallender als in dem Falle wo ein

Chemiker ich glaube Dr Wollaston ein Glas das mit kieselerdehaltigem Wasser

gefüllt war mehrere Jahre lang unberührt stehen ließ wodurch es ihm gelang

Kristalle von Quarz zu erhalten und in dem gleich interessanten Versuche

wodurch James Hall durch Abkühlung von geschmolzenen Substanzen unter einem

immensen Drucke künstlichen Marmor erzeugte zwei bewunderungswürdige Beispiele

welche zeigen welches Licht auf die geheimsten Prozesse der Natur geworfen

werden kann, wenn man dieselbe wohl zu fragen versteht

    Wenn wir dagegen die Naturerscheinung A nicht künstlich hervorbringen

können so bleibt der Schluss dass sie die Ursache von a ist sehr zweifelhaft

Sie kann ein unveränderliches nicht aber ein unbedingtes Antezedens von a sein

sie kann ihm vorausgehen wie der Tag der Nacht oder die Nacht dem Tag Diese

Ungewissheit entspringt aus der Unmöglichkeit uns zu versichern dass A das

einzige beiden Fällen gemeinschaftliche Antezedens ist Wenn wir die Gewissheit

haben könnten alle beständigen Antecedentien erforscht zu haben so könnten wir

auch sicher sein dass das unbedingte beständige Antezedens oder die Ursache

irgendwo unter ihnen zu finden ist Unglücklicherweise ist es kaum jemals

möglich alle Antecedentien zu bestimmen, es sei denn dass die Naturerscheinung

sich künstlich hervorbringen Hesse Sogar dann noch ist die Schwierigkeit nicht

beseitigt sondern nur verringert man verstand das Wasser durch Pumpen zu

heben lange bevor man den wirksamen Umstand in den angewandten Mitteln

erkannte den Druck nämlich den die Atmosphäre auf die Oberfläche des Wassers

ausübt Es ist indessen viel leichter eine ganze Reihe von Anordnungen die wir

selbst gemacht haben zu analysieren als die ganze komplexe Masse von Agentien

welche die Natur anwendet wenn sie ein gegebenes Phänomen erzeugen will Wir

können bei einem Experiment mit der Elektrisiermaschine einige wichtige Umstände

übersehen aber in allen Fällen werden wir besser damit bekannt werden als mit

den Umständen eines Gewitters

    Die Methode, Naturgesetze zu entdecken und zu beweisen die wir in dem

Vorhergehenden untersucht haben verfährt also nach folgendem Axiom ein jeder

Umstand den man ohne Nachtheil für die Naturerscheinung ausschließen kann

oder der trotz seiner Gegenwart abwesend sein kann ist durch kein

Kausalverhältnis damit verknüpft Wenn die zufälligen Umstände auf diese Weise

entfernt sind und nur ein einziger übrig bleibt so ist dieser eine die Ursache,

welche wir suchen bleiben mehr als einer so sind sie entweder oder sie

enthalten die Ursache; dies gilt mutatis mutandis von der Wirkung. Da diese

Methode in der Weise verfährt dass sie verschiedene Fälle mit einander

vergleicht um zu erforschen was in ihnen Übereinstimmendes ist so habe ich

sie die Methode der Übereinstimmung genannt und wir können als leitendes

Prinzip derselben die Regel annehmen

 



                                  Erste Regel



    Wenn zwei oder mehr Fälle einer zu erforschenden Naturerscheinung nur einen

einzigen Umstand gemein haben so ist nur der Umstand in welchem alle Fälle

übereinstimmen die Ursache oder die Wirkung) einer gegebenen Naturerscheinung

    Indem wir jetzt die Methode der Übereinstimmung verlassen um bald wieder

zu ihr zurückzukehren wollen wir uns zu einem noch mächtigeren Mittel der

Naturforschung zu der Methode des Unterschieds wenden

    

     2 Bei der Methode der Übereinstimmung sachten wir nach Fällen welche

in dem gegebenen Umstande übereinstimmten in allen anderen aber differierten

die gegenwärtige Methode verlangt zwei Fälle die sich in jeder andern Beziehung

gleichen und sich nur durch die Abwesenheit oder Gegenwart eines Phänomens das

wir studieren wollen unterscheiden Wenn wir die Wirkungen des Agens A entdecken

wollen müssen wir uns A in einer Reihe von erforschten Umständen wie A B C

verschaffen und nachdem wir die erzeugten Wirkungen beobachtet haben müssen

wir dieselben mit den bei Abwesenheit von A übrigbleibenden Umständen B C

vergleichen Die Wirkung von A B C sei a b c und die Wirkung von B C sei b c, so

ist klar dass die Wirkung von A, a ist Wollen wir an dem andern Ende anfangen

und die Ursache einer Wirkung erforschen so müssen wir ein Beispiel wie a b c

wählen in welchem die Wirkung eintrifft und die Antecedentien A B C sind

sodann müssen wir einen andern Fall suchen in welchem die übrigen Umstände b c

ohne a zusammentreffen Wenn die Antecedentien in diesem Falle B C sind so

wissen wir dass A die Ursache von a sein muss nämlich A allein oder in

Verbindung mit anderen anwesenden Umständen

    Es wird kaum nötig sein Beispiele von dem logischen Verfahren zu geben

dem wir fast alle die induktiven Schlüsse die wir täglich machen verdanken

Wird Jemand durchs Herz geschossen so erfahren wir durch die Methode, dass es

der Schuss war der ihn tötete denn der Geschossene war unmittelbar vorher in

der Fülle des Lebens und alle Umstände blieben gleich mit Ausnahme der Wunde

    Die Axiome welche man in dieser Methode als zugegeben betrachten kann sind

offenbar die folgenden irgend ein Antezedens welches nicht ausgeschlossen

werden kann ohne die Naturerscheinung zu verhindern ist die Ursache oder eine

Bedingung dieser Naturerscheinung irgend eine Folge Konsequenz die durch die

Abwesenheit eines einzigen von allen Antecedentien ausgeschlossen werden kann,

ist die Wirkung dieses einen Antezedens Statt verschiedene Beispiele eines

Phänomens mit einander zu vergleichen um zu entdecken worin sie

übereinstimmen vergleicht diese Methode einen Fall des Eintreffens mit einem

Fall seines Nichteintreffens um zu entdecken worin sie differieren Die Regel

welche das leitende Prinzip der Differenzmethode ist kann in folgender Weise

ausgedrückt werden.

 



                                 Zweite Regel



    Wenn ein Fall in welchem die zu erforschende Naturerscheinung eintrifft

und ein Fall worin sie nicht eintrifft alle Umstände mit Ausnahme eines

einzigen gemein haben und dieser eine nur in dem ersten Falle vorkommt so ist

der Umstand durch welchen allein die zwei Fälle sich unterscheiden die

Wirkung, oder Ursacheoder ein notwendiger Teil der Ursache der

Naturerscheinung

    

     3 Die zwei angeführten Methoden haben viele Ähnlichkeiten mit einander,

sie unterscheiden sich aber auch in vielen Punkten Sie sind beide

Eliminationsmethoden Dieser Ausdruck der in der Theorie der Gleichungen

dasjenige Verfahren bezeichnet wodurch man die Elemente einer Aufgabe

sukzessive ausschließt und die Auflösung nur von den noch übrigbleibenden

Elementen abhängig macht ist wohl geeignet das Verfahren zu bezeichnen

welches demjenigen analog ist das seit Bacon als das Fundament der

experimentellen Forschung angesehen worden ist; es ist die sukzessive

Ausschließung der verschiedenen Umstände welche eine Naturerscheinung in einem

gegebenen Falle begleiten um dadurch zu bestimmen, welche von ihnen unbeschadet

der Erscheinung abwesend sein können Die Methode der Übereinstimmung gründet

sich darauf dass Alles was eliminiert werden kann, mit der Naturerscheinung

durch kein Gesetz verknüpft ist der Fundamentalsatz der Differenzmethode ist

Alles was nicht eliminiert werden kann, ist durch ein Gesetz mit der

Naturerscheinung verknüpft

    Die Differenzmethode ist nun vorzüglich die Methode des künstlichen

Experimentierens während wir zur Methode der Übereinstimmung unsere Zuflucht

dann nehmen wenn das Experiment unmöglich ist Einige wenige Betrachtungen

werden diese Tatsache beweisen und den Grund davon zeigen

    Es ist dem eigentümlichen Charakter der Differenzmethode inwohnend dass

die Natur der Verbindungen welche sie erfordert viel strenger und genauer

bestimmt ist als bei der Methode der Übereinstimmung. Die zwei zu

vergleichenden Fälle müssen sich in allen Umständen mit Ausnahme des einen den

wir untersuchen wollen genau ähnlich sehen sie müssen in dem Verhältnisse von

A B C zu B C und a b c zu b c stehen Diese Ähnlichkeit der Umstände braucht

sich freilich nicht auf solche zu erstrecken von denen es bereits bekannt ist

dass sie für das Resultat nicht von Wichtigkeit sind bei den meisten

Naturerscheinungen lernen wir aber sogleich aus der gewöhnlichen Erfahrung dass

die meisten der koexistierenden Erscheinungen des Weltalls vorhanden oder

abwesend sein können ohne dass das gegebene Phänomen dadurch berührt würde

oder dasswenn sie vorhanden sind, die Naturerscheinungen unabhängig von ihnen

eintreffen oder nicht Auch wenn die zwischen den zwei Fällen A B C und B C

erforderliche Ähnlichkeit auf solche Umstände beschränkt wird von denen

bereits bekannt ist dass sie nicht gleichgültig sind bietet die Natur selten

zwei Fälle dar von denen wir versichert sein können dass sie genau in diesem

Verhältnis zu einander stehen In den spontanen Wirkungen der Natur herrscht

gewöhnlich eine solche Verwickelung und Dunkelheit sie finden meistens nach

einem so ungeheuer großen oder unzugänglich kleinen Maßstabe Statt wir sind

in Beziehung auf einen großen Teil der Tatsachen welche wirklich

stattfinden so unwissend und wenn wir es nicht sind so sind die Tatsachen so

mannigfaltig und daher so selten in zwei Fällen sich ähnlich dass ein

spontanes Experiment von der Art wie es die Differenzmethode verlangt selten

zu finden ist Wenn wir dagegen eine Naturerscheinung durch ein künstliches

Experiment erhalten so erhalten wir auch vorausgesetzt dass der Prozess nicht

zu lange dauert zwei solche Fälle wie sie die Methode verlangt beinahe als

eine selbstverständliche Sache Bevor wir das Experiment anfingen war ein

gewisser Zustand der umgebenden Umstände vorhanden dies ist B C. Wir führen A

ein dadurch zB dass wir von einem andern Theile des Raumes etwa unseres

Zimmers einen Gegenstand dazubringen ohne dass die übrigen Elemente Zeit

haben sich verändern Kurz es ist wie Hr Comte bemerkt die Natur des

Experimentes in den schon vorhandenen Zustand der Umstände eine vollkommen

bestimmte Veränderung einzuführen Wir wählen einen vorhergängigen Zustand der

Dinge, mit dem wir wohl bekannt sind so dass keine unvorhergesehene Veränderung

in diesem Zustande mit Wahrscheinlichkeit unbeobachtet stattfinden kann und

hierin führen wir so schnell als möglich das Phänomen welches wir studieren

wollen ein so dass wir im allgemeinen die Überzeugung haben dürfen dass sich

der vorhergängige Zustand und der Zustand den wir hervorgebracht haben in

Nichts als durch die Gegenwart oder Abwesenheit dieses Phänomens unterscheiden

Wenn ein Vogel in einem Käfig gefangen und sogleich in Kohlensäuregas getaucht

wird so darf sich der Experimentierende versichert halten dass kein anderer

Umstand der eine Erstickung verursachen könnte in der Zwischenzeit dazu

gekommen ist als die Veränderung durch Eintauchen in Kohlensäure von dem was

vorher in atmosphärischer Luft war In einigen Fällen dieser Art kann indessen

ein Zweifel entstehen ob die Wirkung durch die Veränderung oder durch die

Mittel wodurch wir diese Veränderung vornehmen hervorgebracht worden ist. Die

Möglichkeit der letzteren Annahme lässt indessen eine entscheidende Prüfung

durch andere Experimente zu so dass es scheint dass wir bei dem Studium der

verschiedenen Arten von Naturerscheinungen welche wir durch unsere willkürliche

Einwirkung verändern oder beherrschen können im allgemeinen den Anforderungen

der Differenzmethode Genüge leisten können dass dagegen bei der spontanen

Tätigkeit der Natur diesen Anforderungen selten entsprochen werden kann.

    Das Gegenteil findet bei der Methode der Übereinstimmung Statt Wir suchen

hier nicht Fälle einer besonderen und bestimmten Art Alle Fälle in denen uns

die Natur eine Erscheinung darbietet können nach dieser Methode untersucht

werden und wenn alle diese Fälle in irgend Etwas übereinstimmen so sind wir

bereits zu einem wertvollen Schluss gelangt Wir sind in der Tat nicht sicher

dass dieser eine Punkt der Übereinstimmung der einzige sei aber unsere

Unwissenheit macht hier nicht wie bei der Differenzmethode den Schluss

fehlerhaft die Gewissheit des Resultats wird soweit sie geht nicht davon

berührt Wir haben ein unveränderliches Antezedens oder Konsequenz bestimmt wie

viel deren auch noch zu bestimmen übrig bleiben Wenn ABC ADE AFG alle von a

begleitet sind so ist dieses a das unveränderliche Konsequenz von A. Wenn abc

ade afg alle A unter ihren Antecedentien zählen so ist dieses A durch ein

unveränderliches Gesetz als ein Antezedens mit a verknüpft Um jedoch zu

bestimmen, ob dieses unveränderliche beständige Antezedens eine Ursacheoder

ob dieses unveränderliche Konsequenz eine Wirkung ist müssen wir im Stande

sein das Eine durch das Andere hervorzubringen oder wenigstens das zu

erhalten was uns allein die Überzeugung gibt überhaupt etwas hervorgebracht

zu haben einen Fall nämlich in welchem die Wirkung a ins Leben trat und zwar

mit keiner andern Veränderung in den vorhergehenden Umständen als die

Hinzufügung von A. Wenn wir dies können so ist es eine Anwendung der

Differenzmethode und nicht der Methode der Übereinstimmung.

    Es scheint auf diese Weise dass wir durch die Differenzmethode immer auf

dem Wege des direkten Experiments mit Gewissheit zu den Ursachen gelangen

können Die Methode der Übereinstimmung führt uns nur zu den Gesetzen der

Naturerscheinungen wie einige Schriftsteller sie unpassend nennen indem

Gesetze der Ursachen auch Gesetze der Naturerscheinungen sind dh zu

Gleichförmigkeit die entweder keine Kausalgesetze sind oder in denen die

Frage nach der Ursache vor der Hand noch unentschieden gelassen werden muss Zur

Methode der Übereinstimmung sollen wir hauptsächlich als zu einem Mittel das

Anwendungen der Differenzmethode an die Hand gibt unsere Zuflucht nehmen wie

in dem letzten Beispiele die Vergleichung von ABC ADE AFG angab dass A das

Antezedens ist an dem das Experiment zu versuchen ist ob es a hervorbringen

kann oder als zu einem untergeordneten Hilfsmittel im Fall die

Differenzmethode nicht anwendbar was gewöhnlich stattfindet wenn das

künstliche Experiment unmöglich istDaher trifft es sich dass die Methode der

Übereinstimmung, obgleich dem Prinzip nach in allen Fällen anwendbar die

Untersuchungsmethode besonders da ist wo das künstliche Experiment unmöglich

ist sie ist dann gewöhnlich unser einziges Mittel von einer direkt induktiven

Natur während bei den Naturerscheinungen die wir willkürlich hervorbringen

können die Differenzmethode ein wirksameres Verfahren ist und wodurch sowohl

Ursachen als auch bloße Gesetze erforscht werden

    

     4 Es gibt indessen viele Fälle in welchen obgleich wir die

Naturerscheinung durch unsere Hilfsmittel vollständig hervorbringen können die

Differenzmethode nichts nützen kann wenigstens nicht ohne vorhergehenden

Gebrauch der Methode der Übereinstimmung. Dieses findet statt wenn die

Einwirkung durch welche wir die Naturerscheinung hervorbringen nicht die eines

einzigen Antezedens sondern eine Verbindung von Antecedentien ist die wir

nicht von einander trennen und gesondert ans Licht bringen können Nehmen wir

zB an der Gegenstand der Untersuchung wäre »die Ursache der doppelten

Brechung des Lichtes« Wir können dieses Phänomen willkürlich hervorbringen

indem wir eine von den vielen Substanzen anwenden welche das Licht in dieser

eigentümlichen Weise brechen Aber wenn wir eine von diesen Substanzen zB

isländischen Kalkspat nehmen und erforschen wollen von welchen Eigenschaften

des Kalkspats diese merkwürdige Naturerscheinung abhängig istso können wir zu

diesem Zwecke keinen Gebrauch von der Differenzmethode machen wir können keine

andere Substanz finden die dem isländischen Kalkspat bis auf eine Eigenschaft

ähnlich wäre Die einzige Art die Untersuchung weiter zu führen gibt uns

daher nur die Methode der Übereinstimmung an die Hand Durch eine Vergleichung

aller bekannten Substanzen welche die Eigenschaft besitzen das Licht doppelt

zu brechen wurde bestimmt dass sie in dem einzigen Umstande übereinstimmen

kristallinische Substanzen zu sein und obgleich der umgekehrte Schluss nicht

gültig war obgleich nicht alle kristallinische Substanzen die Eigenschaft der

doppelten Lichtbrechung besitzen so wurde doch mit Recht geschlossen dass

zwischen diesen beiden Eigenschaften ein wirklicher Zusammenhang besteht dass

entweder die kristallinische Struktur oder die Ursache, welche diese Struktur

erzeugt eine der Bedingungen der doppelten Brechung des Lichts ist

    Aus diesem Gebrauche der Methode der Übereinstimmung geht eine

eigentümliche Modifikation derselben hervor die in der Naturforschung manchmal

von großem Nutzen ist In Fällen die den obigen ähnlich sind und in welchen es

nicht möglich ist das genaue Paar von Beispielen zu erhalten wie es unsere

zweite Regel verlangt  Beispiele die in jedem Antezedens ausgenommen A oder in

einem jeden Konsequenz ausgenommen a übereinstimmen  können wir dennoch durch

einen doppelten Gebrauch der Methode der Übereinstimmung entdecken worin sich

die Fälle, welche A oder a enthalten von denjenigen die sie nicht enthalten

unterscheiden

    Wenn wir verschiedene Fälle die a enthalten miteinander vergleichen und

finden dass sie alle den Umstand A und soweit als beobachtet werden kann)

keinen andern Umstand gemein haben so weist die Methode der Übereinstimmung

einen Zusammenhang zwischen A und a nach Um durch die direkte Differenzmethode

diesen Beweis des Zusammenhangs in einen Beweis der Ursache umzuändern müssten

wir im Stande sein in einem von diesen Fällen, zB in ABC A auszulassen und

zu beobachten ob a verhindert wird Setzen wir nun voraus was oft der Fall

ist), dass wir nicht im Stande sind dieses entscheidende Experiment zu machen

so würde wenn wir durch irgend ein Mittel entdecken könnten welches das

Resultat wäre wenn wir es machen könnten der Vorteil derselbe sein Nehmen

wir daher an dass wie wir vorher eine Mannigfaltigkeit von Fällenin denen a

vorkam untersucht und gefunden haben dass sie übereinstimmend A enthielten

wir nun eine Mannigfaltigkeit von Fällen beobachten worin a nicht vorkommt und

finden dass sie darin übereinstimmen dass sie A nicht enthalten dies

begründet durch die Methode der Übereinstimmung denselben Zusammenhang zwischen

der Abwesenheit von A und der Abwesenheit von a, welcher vorher zwischen ihrer

Gegenwart begründet worden war Da also gezeigt worden ist, dass bei der

Gegenwart von A auch a gegenwärtig ist und dass mit A auch a entfernt wird so

haben wir durch das eine Resultat A B Ca b c, und durch das andere B Cb c,

die positiven und negativen Fälle welche die Differenzmethode verlangt

    Diese Methode welche die indirekte Differenzmethode oder die vereinigte

Methode der Übereinstimmung und des Unterschieds genannt werden kann, besteht

in einem doppelten Gebrauche der Methode der Übereinstimmung; ein jeder Beweis

derselben ist unabhängig von dem andern und verstärkt denselben ist jedoch

einem Beweise nach der direkten Differenzmethode nicht äquivalent denn den

Anforderungen der Differenzmethode ist nicht Genüge geleistet wenn wir nicht

ganz sicher sein können entweder dass die bejahenden Fälle von a in keinem

andern Antezedens als A oder dass die negativen Fälle von a in Nichts als in

der Negation von A übereinstimmen Wäre es nun möglich was aber niemals sein

kann dass wir diese Gewissheit hätten so bedürften wir der vereinigten Methode

nicht denn ein jeder der zwei Fälle wäre dann für sich hinreichend um

Verursachung zu beweisen Diese indirekte Methode kann nur als eine weite

Ausdehnung und Verbesserung der Methode der Übereinstimmung, die nichts von der

mächtigeren Natur der Differenzmethode besitzt angesehen werden. Ihre Regel

kann in folgender Weise ausgedrückt werden:

 



                                 Dritte Regel



    Wenn zwei oder mehr Fälle in welchen die Naturerscheinung stattfindet nur

einen Umstand gemein haben während zwei oder mehr Fälle in welchen sie nicht

stattfindet nichts als die Abwesenheit dieses Umstandes gemein haben so ist

der Umstand in welchem die zwei Reihen von Fällen allein differieren die

Wirkung, oder Ursacheoder ein notwendiger Teil der Ursache der

Naturerscheinung

    

    Wir werden sogleich sehen dass die vereinigte Methode der Übereinstimmung

und des Unterschieds in einer andern Hinsicht worauf noch nicht aufmerksam

gemacht wurde einen Vorzug vor der gewöhnlichen Methode der Übereinstimmung

besitzt darin nämlich dass sie von einer charakteristischen Unvollkommenheit

dieser Methode deren Natur noch anzugeben ist nicht berührt wird Da wir aber

in diese Auseinandersetzung nicht eingehen können ohne ein neues Element der

Verwicklung in diese lange und verwickelte Erörterung einzuführen so will ich

sie bis zum nächsten Kapitel verschieben und hier zwei andere Methoden

anführen welche die Aufzählung der Mittel welche wir besitzen um die

Naturgesetze durch spezifische Beobachtung und Experiment zu erforschen

vervollständigen werden

    

     5 Die erste der zuletzt angedeuteten Methoden ist sehr geschickt die

Methode der Rückstände Reste genannt worden Ihr Prinzip ist höchst einfach

Zieht man von einer gegebenen Naturerscheinung alle die Theile ab welche durch

vorhergehende Induktionen auf bekannte Ursachen bezogen werden können, so wird

der Rest die Wirkung derjenigen Antecedentien sein die übersehen wurden oder

deren Wirkung bis dahin eine unbekannte Größe war

    Nehmen wir wie vorhin an wir hätten die Antecedentien A B C, begleitet von

den Folgen a b c, und wir hätten durch frühere Induktionen etwa nach der

Differenzmethode die Ursachen von einigen dieser Wirkungen oder die Wirkungen

von einigen dieser Ursachen bestimmt und dadurch erfahren dass die Wirkung von

Aaund dass die von B b ist. Ziehen wir die Summe dieser Wirkungen von dem

ganzen Phänomen ab so bleibt c und wir wissen nun ohne ein weiteres

Experiment dass dies die Wirkung von C ist Die Rückstandsmethode ist in

Wahrheit eine eigentümliche Modifikation der Differenzmethode Wenn der Fall A

B Ca b c mit einem einfachen Fall A Ba b hätte verglichen werden können, so

hätten wir durch das gewöhnliche Verfahren der Differenzmethode bewiesen dass C

die Ursache von c ist In dem gegenwärtigen Fall haben wir aber statt des

einfachen Beispiels A Bdie Ursachen A und B getrennt zu studieren und aus den

Wirkungen die sie getrennt hervorbringen zu folgern welche Wirkungen sie in

dem Fall A B C, wo sie zusammenwirken hervorbringen müssen Von den zwei

Beispielen also welche die Differenzmethode verlangt  das eine positiv das

andere negativ  ist das negative oder dasjenige in dem das gegebene Phänomen

abwesend ist nicht das direkte Resultat der Beobachtung und des Experiments

sondern es wurde durch Deduktion erhalten Als eine der Formen der

Differenzmethode teilt die Rückstandsmethode ganz deren Gewissheit wenn nur

die früheren Induktionen diejenigen aus welchen sich die Wirkungen von A und B

ergaben durch dieselbe unfehlbare Methode erhalten worden sind, und wenn wir

nur gewiss sind dass C das einzige Antezedens auf welches das rückständige

Phänomen c bezogen werden kann, das einzige Agens ist dessen Wirkung wir noch

nicht berechnet und abgezogen haben Da wir aber dessen nie gewiss sein können

so ist der nach der Rückstandsmethode abgeleitete Beweis nicht vollständig wenn

wir C nicht künstlich erhalten und getrennt prüfen können oder wenn seine

Einwirkung einmal vermutet nicht erklärt oder aus bekannten Gesetzen

deduktiv bewiesen werden kann.

    Sogar nach diesen Einschränkungen ist die Rückstandsmethode noch eines

unserer wichtigsten Instrumente der Entdeckung Von allen Methoden der

Erforschung von Naturgesetzen ist sie die fruchtbarste an unerwarteten

Resultaten indem sie uns oft Sequenzen zeigt in denen weder die Ursache noch

die Wirkung sichtbar genug waren um die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich

zu ziehen Das Agens C kann ein dunkler Umstand sein der wahrscheinlich nicht

bemerkt worden wäre wenn man ihn nicht gesucht hätte und der wahrscheinlich

nicht gesucht worden wäre wenn die Aufmerksamkeit nicht durch die

Unzulänglichkeit der sichtbaren Ursachen zu Erklärung der ganzen Wirkung geweckt

worden wäre Es kann c durch die Vermischung mit a und b so verhüllt sein dass

es sich kaum von selbst als ein Gegenstand des besonderen Studiums dargeboten

hätte Wir werden später einige bemerkenswerte Beispiele von der Anwendung

dieser Methode anführen Ihre Regel ist wie folgt

 



                                 Vierte Regel



    Von irgend einer Naturerscheinung ziehe man denjenigen Teil ab der durch

frühere Induktionen als die Wirkung gewisser Antecedentien bekannt ist der

Rückstand Rest der Naturerscheinung ist die Wirkung der übrigbleibenden

Antecedentien

    

     6 Es bleibt noch eine Klasse von Gesetzen, welche durch keine der drei

Methoden die ich zu charakterisieren versuchte erforscht werden kann, nämlich

die Gesetze jener permanenten Ursachen oder unzerstörbaren Agentien der Natur,

welche unmöglich ausgeschlossen oder isoliert werden können, deren Gegenwart wir

weder verhindern noch ausschließlich der anderen erzwingen können Bei dem

ersten Anblicke möchte es scheinen dass wir die Wirkungen dieser Agentien von

den Wirkungen jener anderen Naturerscheinungen mit denen zugleichzusein sie

nicht zu verhindern sind durchaus nicht trennen können In der Tat besteht

aber in Beziehung auf die meisten der permanenten Ursachen eine solche

Schwierigkeit nicht denn obgleich wir sie nicht als zugleichseiende Tatsachen

eliminieren können so können wir sie doch als einwirkende Agentien eliminieren

indem wir einfach unser Experiment außerhalb der Grenzen ihres lokalen

Einflusses machen Die Schwingungen des Pendels zB werden durch die Nähe eines

Gebirges gestört wir entfernen das Pendel bis zu einer genügenden Weite von dem

Gebirge und die Störung hört auf Aus diesen Data können wir nach der

Differenzmethode die Wirkung, die dem Berge wirklich zukommt bestimmen über

eine gewisse Entfernung hinaus geht alles genau wie es gehen würde wenn der

Berg gar keinen Einfluss ausübte und demgemäß schließen wir mit hinreichendem

Grunde dass dies auch die Tatsache ist

    Die Schwierigkeit die bereits erwähnten Methoden auf die Bestimmung von

Wirkungen permanenter Ursachen anzuwenden beschränkt sich daher auf solche

Fälle in denen es uns unmöglich ist aus den Grenzen ihrer lokalen Einflüsse

herauszukommen Das Pendel kann dem Einfluss des Berges nicht aber dem Einfluss

der Erde entzogen werden wir können weder die Erde von dem Pendel noch das

Pendel von der Erde hinwegnehmen um zu erforschen ob es fortfahren würde zu

schwingen wenn die Einwirkung der Erde auf dasselbe beseitigt ist Auf welchen

Beweis hin schreiben wir also der Einwirkung der Erde seine Schwingungen zu Es

geschah dies weder auf einen Beweis nach der Differenzmethode hin denn der

negative der zwei Fälle fehlt hier noch auf einen Beweis nach der Methode der

Übereinstimmung hin denn obgleich alle Pendel darin übereinstimmen dass die

Erde während ihrer Schwingungen gegenwärtig ist so ist doch auch die Sonne eine

bei allen diesen Experimenten koexistierende Tatsache Und warum schreiben wir

die Wirkung nicht der Sonne zu Es ist evident dass sogar um einen solch

einfachen Fall von Verursachung festzustellen wir einer Methode bedürfen

welche über denjenigen steht die wir bis jetzt geprüft haben

    Nehmen wir das Phänomen »die Wärme« als ein anderes Beispiel Es ist eine

gewisse Tatsache dass unabhängig von einer jeden Hypothese über die wahre

Natur dieses Agens wir nicht im Stande sind einem Körper seine Wärme gänzlich

zu entziehen Es ist gleich gewiss dass man niemals Wärme bemerkt hat die

nicht von einem Körper ausgestrahlt worden wäre Da wir demnach unfähig sind

Körper und Wärme zu trennen so können wir nicht eine Veränderung der Umstände

bewirken wie sie die drei vorhergehenden Methoden verlangen wir können durch

diese Methoden nicht bestimmen welcher Teil von den Erscheinungen, die ein

Körper darbietet der in ihm enthaltenen Wärme zuzuschreiben ist Wenn wir einen

Körper mit seiner Wärme beobachten und ihn dann dieser Wärme gänzlich berauben

könnten so würde die Differenzmethode die der Wärme zugehörige Wirkung

getrennt von der dem Körper zugehörigen nachweisen Wenn wir die Wärme

beobachten könnten unter Umständen die in nichts übereinstimmen als in der

Wärme und also nicht auch durch die Gegenwart eines Körpers charakterisiert

sind so könnten wir die Wirkungen derselben durch einen Fall von Wärme mit

einem Körper, und einen Fall von Wärme ohne einen Körper nach der Methode der

Übereinstimmung bestimmen oder wir könnten durch die Differenzmethode

bestimmen welche Wirkung dem Körper zukommt wenn der der Wärme zukommende Rest

durch die Rückstandsmethode gegeben wäre Aber von allem diesem vermögen wir

nichts zu tun und ohne es getan zu haben wäre die Anwendung einer dieser drei

Methoden auf die Lösung der Aufgabe nur illusorisch Es wäre zB ein müßiges

Unternehmen wenn man versuchen wollte die Wirkungen der Wärme zu bestimmen,

indem man von den Erscheinungen, welche ein Körper darbietet alles abzieht was

den übrigen Eigenschaften desselben zukommt denn da wir niemals von aller Wärme

befreite Körper beobachten konnten so können die dieser Wärme zugehörigen

Wirkungen einen Teil der Resultate bilden welche wir abzuziehen suchen um die

Wirkung der Wärme durch den Rückstand nachzuweisen

    Wenn es daher außer diesen dreien keine anderen Methoden der

experimentellen Forschung gäbe so wären wir für immer außer Stande die

Wirkungen der Wärme als Ursache zu bestimmen. Wir haben aber noch ein

Hilfsmittel Obgleich wir ein Antezedens nicht ganz ausschließen können so

können wir doch oder es kann die Natur für uns eine Modifikation desselben

hervorbringen Durch Modifikation ist hier eine Änderung desselben nicht eine

gänzliche Entfernung gemeint Wenn eine Modifikation in dem Antezedens A immer

von einer Änderung in der Folge a begleitet ist und die anderen Folgen b und c

dieselben bleiben oder wenn man umgekehrt gefunden hat dass einer jeden

Änderung in a eine Modifikation in A vorausgegangen ist ohne in den anderen

Antecedentien wahrnehmbar zu sein so können wir mit Sicherheit schließen dass

a ganz oder zum Teil eine Wirkung von A, oder wenigstens durch einen

Kausalzusammenhang damit verknüpft ist Wir können zB in dem obigen Falle die

Wärme nicht gänzlich aus einem Körper austreiben wir können sie aber in der

Quantität modifizieren wir können sie vermehren oder vermindern und wenn wir

dieses tun so finden wir durch die bereits abgehandelten Methoden des

Experimentierens und der Beobachtung, dass die Zunahme oder Abnahme der Wärme von

einer Ausdehnung oder Zusammenziehung des Körpers begleitet ist Auf diese Weise

kommen wir zu dem auf anderem Wege nicht zu erreichenden Schluss dass eine der

Wirkungen der Wärme darin besteht dass sie das Volumen der Körper vermehrt

oder was dasselbe heißt dass sie die Entfernung der Partikel vergrößert

    Eine Änderung eines Dinges, die nicht bis zu einer gänzlichen Entfernung

desselben geht dh eine Änderung die es noch dasselbe Ding lässt muss eine

Änderung seiner Quantität oder eine seiner Beziehungen zu anderen Dingen deren

wichtigste die Lage im Raume ist sein In dem vorhergehenden Beispiele war die

in dem Antezedens hervorgebrachte Modifikation eine Änderung seiner Quantität

Wir wollen nun annehmen es wäre die Frage welchen Einfluss der Mond auf die

Oberfläche der Erde ausübt Wir können kein Experiment unter Abwesenheit des

Mondes anstellen um zu beobachten welchen terrestrischen Naturerscheinungen

seine Vernichtung ein Ende machen würde aber wenn wir finden dass alle

Veränderungen in der Stellung des Mondes von entsprechenden Veränderungen in der

Zeit und dem Orte der Flut begleitet sind indem die Flut immer auf der Seite

ist die dem Mond am nächsten oder auch auf der die ihm am fernsten liegt so

haben wir einen hinreichenden Beweis dass der Mond die Ursache istwelche Ebbe

und Flut hervorbringt Wie in diesem Beispiele so geschieht es gewöhnlich

dass die Veränderungen einer Wirkung den Veränderungen ihrer Ursache

entsprechend oder analog sind so wie der Mond weiter nach Osten rückt so tut

es auch der Punkt des höchsten Wassers dies ist jedoch keine unerlässliche

Bedingung wie man aus demselben Beispiele ersieht denn in demselben Augenblick

bewegt sich ein diametral entgegengesetzter Punkt notwendig nach Westen und

dennoch sind beide Bewegungen Wirkungen der Bewegung des Mondes

    Es wird in ähnlicher Weise bewiesen dass die Schwingungen des Pendels durch

die Erde verursacht werden Diese Schwingungen finden zwischen Punkten Statt

die gleich weit entfernt auf beiden Seiten einer Linie liegen die senkrecht zur

Erde ist und sich mit jeder Veränderung der Stellung der Erde entweder im

Raume oder in Beziehung auf den Gegenstand, ändert Genau genommen wissen wir

nur durch die eben charakterisierte Methode dass alle irdischen Körper ein

Streben nach der Erde und nicht nach einem unbekannten festen Punkt der in

derselben Richtung liegt haben In je vierundzwanzig Stunden fällt die von

einem Körper rechtwinklig auf die Erde gezogene Linie durch die Umdrehung der

Erde mit allen Radien eines Kreises zusammen und in dem Verlauf von sechs

Monaten verändert sich die Stelle dieses Kreises um nahe zweihundert Millionen

englische Meilen aber in allen diesen Veränderungen der Lage der Erde behält

die Linie in welcher die Körper zu fallen streben ihre Richtung nach ihr der

Erde bei was beweist dass die irdische Schwerkraft ihre Richtung nach der

Erde und nicht wie man einst glaubte nach einem festen Punkte des Raumes hat

    Die Methode, durch welche diese Resultate erhalten wurden kann die Methode

der sich begleitenden Veränderungen99 genannt werden, sie hat die folgende

Regel

 



                                 Fünfte Regel



    Eine Naturerscheinung die sich verändert wenn sich eine andere

Naturerscheinung in irgend einer besonderen Weise verändert ist entweder eine

Ursache oder eine Wirkung dieser Naturerscheinung oder durch irgend einen

Kausalzusammenhang damit verknüpft

    Die letzte Klausel ist hinzugefügt weil wenn zwei Naturerscheinungen

einander in ihren Veränderungen begleiten es durchaus nicht ersichtlich ist,

welche die Ursacheund welche die Wirkung ist Dasselbe Ding kann und muss in

der Tat geschehen wenn man annimmt dass sie verschiedene Wirkungen einer

gemeinschaftlichen Ursache sind es wäre durch diese Methode allein nie möglich

zu bestimmen, welche von den zwei Annahmen die richtige ist Der einzige Weg

den Zweifel zu lösen und auf welchen wir so oft aufmerksam gemacht haben ist

zu erforschen ob wir die eine Reihe Von Veränderungen durch die andere

hervorbringen können zB durch die Erhöhung der Temperatur eines Körpers

vermehren wir sein Volumen aber durch Vermehrung seines Volumens erhöhen wir

nicht seine Temperatur im Gegenteil wir vermindern sie gewöhnlich wie bei

der Verdünnung der Luft unter dem Rezipienten einer Luftpumpe es ist daher die

Wärme nicht eine Wirkung sondern eine Ursache der Vermehrung des Volumens Wenn

wir die Veränderungen nicht selbst hervorbringen können so müssen wir suchen

obgleich es selten gelingt sie in einem Falle in welchem uns die

präexistierenden Umstände vollkommen bekannt sind durch die Natur hervorgebracht

zu sehen

    Es ist kaum nötig zu bemerken dass man bei der Bestimmung der

gleichförmigen beständigen Begleitung der Veränderungen in der Wirkung durch

Veränderungen in der Ursache dieselbe Vorsicht gebrauchen muss wie in irgend

einem andern Falle der Bestimmung einer unveränderlichen Folge Wir müssen

suchen alle anderen Antecedentien unverändert zu erhalten während das besondere

Eine der erforderlichen Reihe von Veränderungen unterworfen wird oder mit

anderen Worten, damit wir mit Sicherheit eine Verursachung aus der Begleitung

von Veränderungen schließen können mm die Begleitung selbst durch die

Differenzmethode bewiesen werden.

    Auf den ersten Blick könnte es scheinen dass die Methode der sich

begleitenden Veränderungen ein neues Axiom nämlich das Axiom voraussetzt dass

eine jede Modifikation der Ursache von einer Veränderung in der Wirkung

begleitet ist auch geschieht es gewöhnlich dass wenn ein Phänomen A ein

Phänomen a hervorbringt einer Veränderung in der Quantität oder in den

verschiedenen Beziehungen von A, eine Veränderung in der Quantität oder in den

Beziehungen von a gleichförmig folgt Nehmen wir einen bekannten Fall die

Schwerkraft Die Sonne verursacht in der Erde ein gewisses Streben nach

Bewegung wir haben hier Ursache und Wirkung. Aber dieses Bestreben geht nach

der Sonne und verändert daher diese Richtung sobald die Sonne sich in

Beziehung auf ihre Stellung ändert  überdies verändert sich das Bestreben in

der Intensität in einem gewissen numerischen Verhältnis zur Entfernung der

Sonne von der Erde dh also nach einem andern Verhältnis zur Sonne Wir sehen

also dass zwischen der Sonne und der Gravitation der Erde nicht allein ein

unveränderlicher Zusammenhang besteht sondern dass auch zwei von den

Beziehungen der Sonne ihre Stellung zur und ihre Entfernung von der Erde

unveränderlich als Antecedentien mit der Quantität und Richtung der Gravitation

der Erde verbunden sindDie Ursache der Gravitation der Erde schlechtweg ist

einfach die Sonne aber die Existenz der Sonne in einer gegebenen Richtung und

einer gegebenen Entfernung ist die Ursache, dass sie mit einer gegebenen

Intensität und in einer gegebenen Richtung gravitiert Es ist nicht auffallend

dass eine modifizierte Ursache die in Wahrheit eine verschiedene Ursache ist

eine verschiedene Wirkung hervorbringen kann da aber die Ursache nur in ihrer

Quantität oder in einigen ihrer Beziehungen verschieden ist so wird die Wirkung

gewöhnlich auch nur in der Quantität oder in ihren Beziehungen geändert

    Obgleich es meistens wahr ist dass einer Modifikation der Ursache eine

Modifikation der Wirkung folgt so setzt dies doch die Methode der sich

begleitenden Veränderungen nicht als ein Axiom voraus Sie verlangt nur den

umgekehrten Satz dass irgend ein Ding, auf dessen Modifikationen Modifikationen

einer Wirkung unveränderlich folgen die Ursache oder mit ihr verknüpft der

Wirkung Bein muss ein Satz dessen Wahrheit einleuchtend ist denn wenn das

Ding selbst keinen Einfluss auf die Wirkung hätte so könnten auch die

Modifikationen des Dinges keinen Einfluss haben Wenn die Sterne keine Gewalt

über das Glück der Menschen haben so ist hierin auch inbegriffen dass die

Konjunktionen und Oppositionen der verschiedenen Sterne keinen solchen Einfluss

haben können

    Obgleich die auffallendsten Anwendungen der Methode der sich begleitenden

Veränderungen in Fällen stattfinden in denen die streng sogenannte

Differenzmethode unmöglich ist so ist ihr Gebrauch doch nicht auf solche Fälle

beschränkt sie kann oft mit Nutzen nach der Differenzmethode angewendet werden

um einer nach jener Methode gelösten Frage eine größere Genauigkeit zu

verleihen Nachdem durch die Differenzmethode zuerst erforscht worden ist, dass

ein bestimmter Gegenstand eine bestimmte Wirkung hervorbringt kann die Methode

der sich begleitenden Veränderungen mit Nutzen angewendet werden um zu

bestimmen, nach welchem Gesetz die Quantität oder die verschiedenen Beziehungen

der Wirkung denen der Ursache folgen

    

     7 Die letzte Methode findet eine ausgedehnte Anwendung in dem Falle wo

die Veränderungen der Ursache Veränderungen der Quantität sind Wir können von

solchen Veränderungen mit Sicherheit behaupten nicht allein dass sie von

Veränderungen sondern auch dass sie von ähnlichen Veränderungen der Wirkung

begleitet sind indem der Satz, dass einem Mehr der Ursache ein Mehr der Wirkung

folgt ein Folgesatz des Prinzips der Zusammensetzung der Ursachen ist das wie

wir sahen die allgemeine Regel der Verursachung ist während Fälle der

entgegengesetzten Art in denen die Ursachen ihre Eigenschaften ändern wenn sie

verbunden werden im Gegenteil vereinzelt und exzeptionell sind Nehmen wir an

dass wenn sich A der Quantität nach ändert sich auch a in der Quantität und in

einer solchen Weise ändert dass wir das numerische Verhältnis zwischen der

Veränderung des einen und denjenigen Veränderungen des andern die innerhalb der

Grenzen unserer Beobachtung stattfinden bestimmen können Bei einiger Vorsicht

können wir alsdann schließen dass dasselbe Verhältnis auch über diesen

Grenzen hinaus stattfinden wird Wenn wir zB finden dass wenn A doppelt auch

a doppelt dass wenn A drei oder vierfach auch a drei oder vierfach ist so

können wir schließen dass wenn A halb oder ein Drittel auch a ein halb oder

ein Drittel wäre und endlich dass wenn A vernichtet auch a vernichtet wäre

und dass a gänzlich die Wirkung von A, oder mit A gänzlich die Wirkung derselben

Ursache ist und so mit einem jeden andern numerischen Verhältnis nach welchem

A und a gleichzeitig verschwinden wie zB wenn a dem Quadrat von A

proportional wäre Wenn von der andern Seite a nicht ganz die Wirkung von A ist

aber sich dennoch verändert wenn A sich ändert so ist es wahrscheinlich eine

mathematische Funktion nicht von A allein sondern von A und irgend etwas

Anderem seine Veränderungen werden so beschaffen sein als wenn ein Teil von

ihm konstant bliebe oder sich nach einem andern Prinzip und der Rest sich in

einem numerischen Verhältnis zu den Veränderungen von A veränderte Wenn sich

in diesem Falle A vermindert so wird man bemerken dass sich a nicht der Null

sondern irgend einer andern Grenze nähert und wenn die Reihe der Veränderungen

der Art ist dass sie diese Grenze angibt wenn sie konstant oder das Gesetz

ihrer Veränderungen wenn sie veränderlich ist so wird die Grenze genau messen

wie viel von a die Wirkung einer andern und unabhängigen Ursache ist und der

Rest wird die Wirkung von A sein oder der Ursache von A).

    Diese Schlüsse dürfen indessen nicht ohne eine gewisse Vorsicht gemacht

werden Die Möglichkeit sie überhaupt zu machen setzt offenbar vor allem

voraus dass wir nicht allein mit den Veränderungen sondern auch dass wir mit

der absoluten Quantität sowohl von A, als von a bekannt sind Wenn wir nicht mit

den ganzen Quantitäten bekannt sind so können wir natürlich nicht das wirkliche

numerische Verhältnis wonach diese Quantitäten sich verändern bestimmen Es

ist daher ein Irrtum wenn wir wie Einige getan haben schließen dass weil

die Wärme die Körper ausdehnt dh die Entfernung ihrer Moleküle vergrößert

diese Entfernung ganz die Wirkung der Wärme ist und dass wenn wir einen Körper

seiner ganzen Wärme berauben könnten die Moleküle in vollkommener Berührung

stehen würden Dies kann nicht mehr als eine Vermutung und zwar eine der

gewagtesten Art nicht aber eine richtige Induktion sein denn da wir weder

wissen wie viel Wärme in einem Körper, noch welches die wahre Entfernung irgend

zweier Moleküle von einander ist so können wir nicht urteilen ob eine

Verminderung dieser Entfernung der Verminderung der Wärmemenge in einem solchen

numerischen Verhältnis folgtdass die zwei Quantitäten gleichzeitig

verschwinden würden

    Im Gegensatz zu dem Vorhergehenden wollen wir nun einen Fall betrachten in

dem die absoluten Quantitäten bekannt sind den Fall nämlich wo alle in

Bewegung begriffene Körper sich so lange mit gleichförmiger Geschwindigkeit in

einer geraden Linie bewegen bis eine neue Kraft auf sie wirkt Diese Behauptung

steht anscheinend in offenem Widerspruch mit der gewöhnlichen Erfahrung alle

irdischen Gegenstände nehmen wenn sie sich bewegen nach und nach an

Geschwindigkeit ab und stehen endlich still nach ihrer inductio per

enumerationem simplicem hielten dies die Alten für das Gesetz. Jeder sich

bewegende Körper begegnet indessen Hindernissen wie Reibung Widerstand der

atmosphärischen Luft etc von denen wir aus täglicher Erfahrung wissen dass

sie Ursachen sind welche die Bewegung aufheben können Man vermutete dass die

ganze Verzögerung von diesen Ursachen kommen könnte Wie wurde dies ermittelt

Wenn die Hindernisse hätten gänzlich entfernt werden können, so wäre der Fall

auf die Differenzmethode zurückführbar gewesen sie konnten jedoch nicht

entfernt sondern nur vermindert werden und es war daher nur die Methode der

sich begleitenden Veränderungen zulässig Als diese angewendet wurde ergab sich

dass eine jede Verminderung der Hindernisse eine Verminderung in der Abnahme der

Bewegung zur Folge hat und insofern in diesem Falle unähnlich wie bei der

Wärme die ganzen Quantitäten sowohl des Antezedens als des Konsequenz bekannt

waren so konnte man mit annähernder Richtigkeit die Größe der Verzögerung und

die Größe der verzögernden Ursachen oder Widerstände berechnen und urteilen

wie nahe sie beide der Erschöpfung waren auch zeigte es sich dass die Wirkung

so rasch entschwand und bei jedem Schritte so weit auf dem Wege der Vernichtung

war wie die Ursache. Die Schwingungen eines an einem festen Punkte

aufgehängten und ein wenig aus der senkrechten Richtung herausgebrachten

Gewichtes welche unter gewöhnlichen Umständen nur einige Minuten dauern wurden

bei dem Versuche von Borda indem derselbe die Reibung an dem Aufhängepunkte

möglichst verminderte und den Körper in einem möglichst luftleeren Raume

schwingen ließ auf mehr als dreißig Stunden verlängert Man konnte daher ohne

Bedenken die ganze Verzögerung der Bewegung dem Einfluss der Hindernisse

zuschreiben und da nach dem Abzug dieser Abnahme von dem ganzen Phänomen der

Rest eine gleichförmige Geschwindigkeit war so hatte man als Resultat den als

das erste Gesetz der Bewegung bekannten Satz

    Es gibt noch eine andere charakteristische Unsicherheit des Schlusses dass

das Gesetz der Veränderungen welches die Quantitäten innerhalb der Grenzen

unserer Beobachtung einhalten auch außerhalb dieser Grenzen gültig sei In dem

ersten Beispiel ist natürlich die Möglichkeit vorhanden dass außerhalb dieser

Grenzen und also unter Umständen von welchen wir keine direkte Erfahrung

haben irgend eine entgegenwirkende Ursache sich entwickeln könnte sei es ein

neues Agens oder eine neue Eigenschaft der betreffenden Agentien die in den

Umständen welche wir beobachten konnten verborgen lag Dies ist ein Element

der Unsicherheit das reichlich in alle unsere Voraussagungen von Wirkungen

eintritt es ist jedoch nicht eigens auf die Methode der begleitenden Umstände

anwendbar Die Ungewissheit von der ich spreche ist indessen besonders in

solchen Fällenin denen die äußersten Grenzen unserer Beobachtung im

Vergleich mit den möglichen Veränderungen in den Quantitäten des Phänomens sehr

enge sind dieser Methode eigentümlich Ein jeder der nur eine geringe

Kenntnis der Mathematik besitzt weiß dass sehr verschiedene Gesetze der

Veränderungen numerische Resultate hervorbringen können welche innerhalb enger

Grenzen nur wenig von einander abweichen und es ist oft der Fall dass nur wenn

die absoluten Größen der Veränderung bedeutend sind der Unterschied der

Resultate des einen und des andern Gesetzes schätzbar wird Wenn daher die

Veränderungen in der Quantität der Antecedentien die wir beobachten können im

Vergleich mit den ganzen Quantitäten nur gering sind so laufen wir große

Gefahr das numerische Gesetz zu verkennen und die Veränderungen welche

außerhalb der Grenzen stattfinden können falsch zu berechnen ein Verrechnen

welches einen jeden Schluss hinsichtlich der Abhängigkeit der Wirkung von der

Ursache, welche auf diese Veränderungen gegründet werden könnte fehlerhaft

macht Es fehlt nicht an Beispielen von solchen Irrtümern »Die Formeln« sagt

Sir J Herschel100 »welche empirisch aus der Elastizität des Dampfes erst in

der Neuzeit abgeleitet wurden so wie diejenigen für den Widerstand der

Flüssigkeiten und andere ähnliche Gegenstände wenn man ihnen über die Grenzen

der Beobachtungen aus welchen sie hergeleitet wurden vertraute verfehlten

fast Immer den theoretischen Bau den man darauf errichtete zu stützen«

    Bei dieser Unsicherheit kann der Schluss den wir aus den sich begleitenden

Veränderungen von a und A auf die Existenz eines unveränderlichen und

ausschließlichen Zusammenhangs unter ihnen ziehen oder den wir auf die

Beständigkeit desselben numerischen Verhältnisses zwischen ihren Veränderungen

wenn die Quantitäten viel grösser oder viel kleiner sind als diejenigenwelche

wir durch unsere Mittel beobachten konnten ziehen nicht als auf einer

vollständigen Induktion beruhend betrachtet werden. Alles was in einem solchen

Falle in Beziehung auf Verursachung als bewiesen angesehen werden kannbesteht

darin, dass eine Verbindung zwischen den beiden Phänomenen besteht dass A oder

etwas das auf A Einfluss übt eine von den Ursachen sein muss welche a

zusammen kollektiv hervorbringen Wir können indessen überzeugt sein dass das

Verhältnis welches wir als zwischen A und a bestehend beobachtet haben in

allen Fällen wahr sein wird welche innerhalb derselben äußersten Grenzen

fallen dh wo die höchste Zunahme oder Abnahme in denen das Resultat

erfahrungsmäßig mit dem Gesetz übereinstimmt nicht überschritten wird

    Die vier Methoden welche ich versucht habe zu beschreiben sind die einzig

möglichen Arten der experimentellen Forschung der direkten Induktion a

posteriori als von der Deduktion verschieden wenigstens kenne ich keine andere

noch bin ich im Stande mir eine Vorstellung davon zu machen Und sogar von

diesen vier ist die Methode der Rückstände wie wir gesehen haben von der

Deduktion nicht unabhängig obgleich sie, da sie noch das spezifische Experiment

verlangt mit Recht in die Methoden der direkten Beobachtung und des

Experimentes eingeschlossen werden darf

    Mit einer Hülfe wie sie die Deduktion gewähren kann machen daher diese

Methoden die zulässigen Hilfsmittel des menschlichen Geistes zur Bestimmung der

Gesetze der Sukzession der Naturerscheinungen aus Bevor wir gewisse Umstände

hervorheben durch welche der Gebrauch dieser Methoden einer immensen Zunahme

von Verwickelung und Schwierigkeit unterworfen wird ist es nützlich den

Gebrauch derselben durch schickliche der gegenwärtigen physikalischen Forschung

entlehnte Beispiele zu erläutern Dies soll demnach den Gegenstand des folgenden

Kapitels ausmachen

 
 



 


     1 Als erstes Beispiel will ich eine interessante Betrachtung von einem

der eminentesten theoretischen Chemiker unserer und aller Zeiten von Professor

Liebig wählen Es betrifft die Bestimmung der unmittelbaren Ursache des Todes

durch Metallgifte

    Arsenige Säuren und die Salze von Blei Wismuth Kupfer und Quecksilber

wenn sie in anderen als höchst geringen Dosen in den tierischen Organismus

eingeführt werden zerstören das Leben Diese Tatsachen waren lange als

vereinzelte Wahrheiten von Generalisationen der untersten Art bekannt aber es

war Liebig vorbehalten durch einen geschickten Gebrauch der zwei ersten unserer

Methoden der experimentellen Forschung diese Wahrheiten durch eine höhere

Induktion mit einander zu verbinden indem er die allen diesen Substanzen

gemeinschaftliche Eigenschaft bezeichnete welche die wirkliche Ursache dieser

tödlichen Wirkung ist

    Wenn Lösungen dieser Substanzen in hinreichend enge Berührung mit vielen

tierischen Produkten wie Albumin Milch Muskelfaser und Membranen kommen so

tritt die Säure oder das Salz aus der Lösung in eine Verbindung mit der

Tiersubstanz welche nach dieser Einwirkung ihre Neigung zur freiwilligen

Zersetzung oder Fäulnis verloren hat

    Auch zeigt die Erfahrung, dass in Fällen wo der Tod durch diese Gifte

verursacht wurde diejenigen Theile des Körpers, welche mit dem Gift in

Berührung waren nicht faulen

    Und endlich dass wenn die angewandte Menge des Giftes nicht hinreichend

war um das Leben zu vernichten Schorfe gebildet dh gewisse oberflächliche

Theile des Gewebes zerstört werden welche dann von dem gesunden Theile

abgestoßen werden

    Diese drei Reihen von Fällen lassen eine Anwendung der Methode der

Übereinstimmung zu In allen dreien wird die metallische Substanz mit den

Substanzen welche den menschlichen oder tierischen Körper zusammensetzen in

Berührung gebracht die Fälle scheinen in keinem andern Umstande

übereinzustimmen Die übrigen Antecedentien sind so verschieden und sogar so

entgegengesetzt als sie möglicherweise gemacht werden können, denn in einigen

sind die der Einwirkung des Giftes ausgesetzten Tiersubstanzen in einem

Zustande des Lebens in anderen nur in einem Zustande von Organisation in

anderen nicht einmal hierin Welches Resultat erfolgt aber in allen Fällen? Die

Umwandlung der Tiersubstanz in eine chemische Verbindung die so kräftig

zusammengehalten wird dass sie der nachfolgenden Einwirkung der gewöhnlichen

Ursachen der Zersetzung widersteht Da nun das organische lieben die

notwendige Bedingung des sensitiven Lebens in einem fortwährenden Zustande von

Zersetzung und Wiederbildung der verschiedenen Organe und Gewebe besteht so

wird alles was diese Umsetzung hindert das Leben zerstören und hiermit ist

die nächste Ursache des durch diese Art von Gift bewirkten Todes soweit es die

Methode der Übereinstimmung vermag bestimmt

    Wir wollen nun ungern Schluss durch die Differenzmethode prüfen Indem wir

von den bereits angeführten Fällenin welchen das Antezedens die Gegenwart

einer sich mit dem Gewebe verbindenden fäulniswidrigen Substanz die a

fortiori chemischer Aktionen welche das Leben ausmachen unfähig ist und das

Konsequenz der Tod des ganzen oder eines Teils des Organismus ist ausgehen

wollen wir mit diesen Fällen andere vergleichen welche ihnen soviel wie möglich

gleichen in denen diese Wirkung jedoch nicht hervorgebracht wird Vor allem ist

bekannt dass viele basischen Salze der arsenigen Säure nicht giftig sind Das

von Bunsen entdeckte Alkargen welches eine bedeutende Quantität Arsenik

enthält und dessen Zusammensetzung sich der Zusammensetzung der in dem Körper

gefundenen organischen Verbindungen nähert hat nicht die geringste schädliche

Wirkung auf den Organismus Wenn diese Körper mit den tierischen Geweben auf

irgend eine Weise in Berührung gebracht werden so verbinden sie sich nicht

damit sie verhindern die Zersetzung derselben nicht So weit diese Fälle gehen

scheint es also dass wenn die Wirkung ausbleibt es wegen der Abwesenheit

desjenigen Antezedens geschieht welches wir guten Grund hatten als nächste

Ursache zu betrachten

    Den strengen Bedingungen der Differenzmethode ist aber hiermit noch nicht

genügt worden denn wir können nicht sicher sein dass diese ungiftigen Körper

mit den giftigen Substanzen in jeder Beziehung mit Ausnahme der besonderen

einen nämlich mit dem tierischen Gewebe eine schwer zersetzbare Verbindung

einzugehen übereinstimmen Um die Methode genau anwendbar zu machen bedürfen

wir eines Falles nicht einer verschiedenen sondern derselben Substanz unter

Umständen welche sie verhindern die in Rede stehende Art von Verbindung mit

dem Gewebe zu bilden wenn der Tod alsdann nicht erfolgt so ist unser Fall

ermittelt Die Gegengifte jener Substanzen bieten nun solche Fälle dar Wenn bei

der Vergiftung mit arseniger Säure Eisenoxydhydrat eingegeben wird so wird der

zerstörenden Wirkung derselben sogleich Einhalt getan Man weiß aber dass das

Eisenoxyd mit der arsenigen Säure eine Verbindung eingeht die ihrer

Unlöslichkeit wegen nicht auf das tierische Gewebe wirken kann Ebenso ist

Zucker ein bekanntes Gegengift gegen Kupfersalze Der Zucker reduziert diese

Salze entweder zu metallischem Kupfer oder zu rotem Kupferoxydul wovon keines

mit tierischer Substanz eine Verbindung eingeht Die in Fabriken von Bleiweiß

so gewöhnliche Bleikolik ist da unbekannt wo die Arbeiter gewöhnt sind als

Präservativ täglich SchwefelsäureLimonade mit Schwefelsäure angesäuertes

Zuckerwasser zu sich zu nehmen Verdünnte Schwefelsäure hat aber die

Eigenschaft alle Verbindungen des Bleies mit organischen Substanzen zu

zersetzen und natürlich auch zu verhindern dass sie sich bilden

    Es gibt eine andere Klasse von Fällen von dem Charakter wie ihn die

Differenzmethode verlangt welche auf den ersten Anblick der Theorie zu

widerstreiten scheinen Lösliche Silbersalze zB salpetersaures Silberoxyd

haben dieselbe steif machende antiseptische Wirkung auf Tiersubstanzen wie der

Aetzsublimat und die tödlichsten Metallgifte mit den äußeren Teilen des

Körpers zusammengebracht ist das salpetersaure Silberoxyd ein kräftiges

Ätzmittel das diese Theile aller Lebensfähigkeit beraubt und verursacht dass

sie von den gesunden Teilen in Form eines Schorfes abgestoßen werden Es

möchte daher scheinen dass wenn die Theorie richtig ist das salpetersaure und

andere Silbersalze giftig sein müssen sie können jedoch ohne Schaden innerlich

genommen werden Aus dieser scheinbaren Ausnahme ersteht die strengste

Bestätigung welche die Theorie Liebigs bis jetzt erhalten hat Trotz seiner

chemischen Eigenschaften wirkt das salpetersaure Silberoxyd nicht als ein Gift

wenn es in den Magen gebracht wird aber im Magen wie in allen tierischen

Flüssigkeiten ist Kochsalz enthalten auch ist im Magen freie Salzsäure

vorhanden Diese Substanzen wirken als ein Gegengift indem sie das

salpetersaure Silberoxyd wenn seine Menge nicht zu groß ist in Chlorsilber

eine sehr wenig lösliche Substanz verwandeln die unfähig ist sich mit dem

Tiergewebe zu verbinden obgleich sie, soweit ihre Löslichkeit geht einen

medizinischen Einfluss aber eine ganz verschiedene Art organischer Wirkungen

hat

    Die vorhergehenden Beispiele boten eine Induktion von sehr bündiger Art um

die zwei einfachsten unserer vier Methoden zu erläutern wenn sie sich auch

nicht zu dem Maximum von Gewissheit erhebt welche die Differenzmethode in ihrer

vollkommensten Anwendung darbieten kann Denn wir wollen dies nicht vergessen

der positive und negative Fall welche die Strenge dieser Methode verlangt

dürfen nur in Anwesenheit oder Abwesenheit eines einzigen Umstandes differieren

In dem vorhergehenden Argument sind sie nun aber nicht durch einen einzigen

Umstand sondern durch eine einzige Substanz unterschieden und da jede Substanz

unzählige Eigenschaften besitzt so weiß man nicht wie viel wirkliche

Differenzen in der angeblichen und scheinbaren Differenz eingeschlossen sind Es

ist begreiflich dass das Gegengift das Eisenoxydhydrat zB durch andere

Eigenschaften als durch die Verbindung zu einem unlöslichen Körper dem Gift

entgegenwirken könnte wenn dies der Fall wäre so würde die Theorie, so weit

als sie durch diesen Fall gestutzt wird fallen müssen Diese Quelle von

Unsicherheit die in der Chemie ein großes Hindernis aller Generalisationen

istist indessen in dem gegenwärtigen Falle auf den möglichst niedrigen Grad

zurückgeführt wenn wir finden dass nicht allein eine einzige sondern dass

viele Substanzen die Fähigkeit besitzen als Gegengifte gegen metallische Gifte

zu wirken und dass alle in der Eigenschaft übereinstimmen mit den Giften

unlösliche Verbindungen zu bilden während sie in keiner andern Eigenschaft

übereinstimmend gefunden werden können. Wir haben also für diese Theorie allen

Beweis welcher durch das was wir die indirekte Differenzmethode genannt haben

erhalten werden kann; einen Beweis der nie den durch direkte Differenzmethode

erhaltenen erreichen der sich ihm aber ohne Grenze nähern kann

    

     2 Es sei die Aufgabe101 die Gesetze der sogenannten induzierten

Elektrizität zu erforschen zu finden unter welchen Bedingungen ein positiv

oder negativ elektrisierter Körper in einem andern benachbarten Körper die

entgegengesetzte Elektrizität erregt

    Die zu erforschende Naturerscheinung wird gewöhnlich in folgender Weise

erläutert Man findet dass die den Konduktor der Elektrisiermaschine umgebende

Atmosphäre oder eine in derselben aufgehangene leitende Fläche die

entgegengesetzte Elektrizität des Conductors besitzt Der positive Konduktor ist

mit negativer der negative mit positiver Elektrizität umgeben Bringt man in

die Nähe des einen der Konduktoren Kügelchen aus Holundermark so beladen sie

sich mit der entgegengesetzten Elektrizität indem sie entweder Von der bereits

elektrisierten Atmosphäre einen Teil Elektrizität aufnehmen oder auch durch den

direkten induzierenden Einfluss des Conductors sie werden nun von dem

entgegengesetzt geladenen Konduktor oder wenn man sie in ihrem elektrisierten

Zustande entfernt von einem jeden entgegengesetzt geladenen Körper angezogen

In derselben Weise empfängt oder gibt die Hand wenn sie dem Konduktor genähert

wird eine elektrische Entladung Wir haben nun aber keinen Beweis dass

eingeladener Konduktor plötzlich anders als durch die Annäherung eines

entgegengesetzt elektrisierten Körpers entladen werden könnte Es scheint daher

dass bei der Elektrisiermaschine die Anhäufung der Elektrizität in einem

isolierten Konduktor immer von der Erregung der entgegengesetzten Elektrizität in

umgehender Atmosphäre und in einem dem ersten genäherten Konduktor begleitet

ist Es scheint in diesem Falle nicht möglich eine Elektrizität allein

hervorzubringen

    Wir wollen nun alle anderen bekannten Fälle betrachten die diesem Falle in

der gegebenen Folge nämlich in der Erregung einer entgegengesetzten

Elektrizität in der Umgebung eines elektrisierten Körpers gleichen Ein

merkwürdiges Beispiel ist die Leydner Flasche und nach den schönen Versuchen

Faradays die zu einem vollständigen Nachweis der Identität des Magnetismus und

der Elektrizität führten können wir den natürlichen sowohl als den

Elektromagneten anführen in keinem von allen diesen Fällen ist es möglich die

eine Elektrizität allein hervorzubringen oder den einen Pol zu laden ohne

zugleich den andern mit der entgegengesetzten Elektrizität zu laden Wir können

keinen Magnet mit einem Pole herstellen brechen wir einen natürlichen Magneten

in tausend Stücke so wird jedes Stück seine beiden entgegengesetzt

elektrisierten Pole haben In der voltaischen Säule sehen wir immer einen

galvanischen Strom von dem entgegengesetzten Strom begleitet Bei der

gewöhnlichen Elektrisiermaschine ist die Glasplatte immer positiv das Reibezeug

negativ elektrisch

    Nach der Methode der Übereinstimmung behandelt scheint aus allen diesen

Fällen ein allgemeines Gesetz hervorzugehen Diese Fälle umfassen alle bekannten

Arten in denen ein Körper mit Elektrizität zu laden ist und in allen findet

man als Begleitung oder als Konsequenz die Erregung der entgegengesetzten

Elektrizität in einem andern Körper oder in andern Körpern Es scheint daraus zu

folgen dass diese zwei Tatsachen unveränderlich mit einander verknüpft sind

und dass die Erregung der Elektrizität in einem Körper die Möglichkeit einer

gleichzeitigen Erregung der entgegengesetzten Elektrizität in einem benachbarten

Körper zu einer ihrer notwendigen Bedingungen hat

    Da die zwei Elektrizitäten nur zusammen hervorgebracht werden könnenso

können sie auch nur zusammen aufhören Man kann dies durch die Anwendung der

Differenzmethode auf den Fall der Leydner Flasche nachweisen Es ist bekannt

dass in der Leydner Flasche die Elektrizität gesammelt und zurückgehalten werden

kann. Wenn die eine Seite der Flasche positiv geladen ist so ist die andere

negativ geladen und es ist unmöglich die eine Belegung zu entladen ohne

zugleich die andere zu entladen Ein auf die positive Seite gehaltener Konduktor

kann keine positive Elektrizität ableiten wenn nicht zugleich eine gleiche

Menge negativer übergehen kann wenn die eine Belegung vollkommen isoliert ist

so ist die Ladung sicher Das Verschwinden der einen muss gleichen Schritt mit

dem der andern Elektrizität halten

    Das auf diese Weise nachgewiesene Gesetz wird durch die Methode der sich

begleitenden Veränderungen bestätigt Die Leydner Flasche ist einer stärkeren

Ladung fähig als der Konduktor der Elektrisiermaschine gewöhnlich anzunehmen

vermag Die metallene Oberfläche der Leydner Flasche welche die induzierte

Elektrizität aufnimmt ist ein Konduktor der dem die primäre Ladung

aufnehmenden ganz ähnlich und daher gerade so fähig ist die eine Elektrizität

aufzunehmen und zurückzuhalten wie die entgegengesetzte Oberfläche die andere

Elektrizität aufzunehmen und zurückzuhalten vermag bei der Elektrisiermaschine

aber ist der entgegengesetzt zu elektrisierende Körper die umgebende Atmosphäre

oder ein zufällig in die Nähe des Conductors gebrachter Körper und da diese in

ihrer Fähigkeit elektrisiert zu werden dem Konduktor weit nachstellen so geht

aus dieser begrenzten Fähigkeit eine entsprechende Beschränkung der Fähigkeit

des Conductors geladen zu werden hervor So wie die Fähigkeit des benachbarten

Körpers die entgegengesetzte Elektrizität aufzunehmen di den elektrischen

Gegensatz auszuhalten zunimmt wird eine stärkere Ladung möglich und hierin

scheint der größere Vorteil der Leydner Flasche zu bestehen

    Eine andere und noch größere Bestätigung durch die Differenzmethode findet

man in einem Experiment Faradays in seinen Untersuchungen über die induzierte

Elektrizität

    Die gewöhnliche oder Reibungselektrizität kann zu dem vorliegenden Zwecke

als identisch mit dem Galvanismus betrachtet werden; Faraday wollte nun wissen

ob ähnlich dem Konduktor der in einem benachbarten Konduktor die

entgegengesetzte Elektrizität erregt ein durch einen Draht gehender voltaischer

Strom in einem andern in kurzer Entfernung damit parallel gehenden Draht einen

entgegengesetzten Strom erregen würde Dieser Fall ist nun den vorher

untersuchten Fällen in einem jeden Umstände mit Ausnahme des einen dem wir die

Wirkung zugeschrieben haben ähnlich In den vorhergehenden Fällen fanden wir

dass wenn in einem Körper eine der Elektrizitäten erregt wird in einem

benachbarten Körper die entgegengesetzte Elektrizität erregt wird In Faradays

Versuch existiert aber dieser unumgängliche Gegensatz im Draht selbst Der Natur

der voltaischen Ladung nach sind die zwei für einander notwendigen

entgegengesetzten Ströme in einem Draht vorhanden und es bedarf keines andern

Drahtes um den einen Strom zu enthalten in der Weise wie die Leydner Flasche

eine positive und eine negative Oberfläche haben muss Die erregende Ursache

kann die ganze Wirkung welche ihre Gesetze erfordern hervorbringen und bringt

sie unabhängig von einer elektrischen Erregung in einem benachbarten Körper

hervor Das Resultat von Faradays Versuch mit dem zweiten Draht war nun dass

kein entgegengesetzter Strom hervorgebracht wird Eine augenblickliche Wirkung

war beim Schließen und Öffnen der Kette vorhanden es erschienen elektrische

Induktionen wenn man die Drähte einander näherte oder von einander entfernte

dies sind jedoch Erscheinungen einer ganz andern Art Es war keine induzierte

Elektrizität in dem Sinne wie von der Leydner Flasche angegeben wurde es war

kein den einen Draht anhaltend aufwärts laufender und ein anderer den

benachbarten Draht abwärts laufender entgegengesetzter Strom vorhanden was

allein ein dem andern Falle wahrhaft paralleler Fall gewesen wäre

    Es geht also aus dem vereinigten Beweise nach der Methode der

Übereinstimmungder Methode der sich begleitenden Veränderungen und der

strengsten Form der Differenzmethode hervor dass keine von den zwei

Elektrizitäten erregt werden kann, ohne dass zugleich die andere

entgegengesetzte erregt wird dass beide Wirkungen derselben Ursache sind dass

die Möglichkeit der einen durch die Möglichkeit der andern bedingt und dass die

Quantität der einen die unüberschreitbare Grenze der Quantität der andern ist

ein wissenschaftliches Resultat von einem großen Interesse und das die drei

Methoden ebenso charakteristisch als leicht verständlich erläutert102

    

     3 Ein drittes Beispiel entnehme ich Herschels Discourse of the Study of

Natural Philosophy einem Werke das eine Fülle von wohlgewählten Beispielen

induktiver Forschung aus beinahe allen Zweigen der physikalischen Wissenschaften

enthält und in dem allein von allen Büchern denen ich begegnet bin die vier

Methoden der Induktion erkannt obgleich sie weder so deutlich als es mir

wünschenswert schien charakterisiert und definiert noch ihre gegenseitigen

Beziehungen nachgewiesen sind Der vorliegende Fall wird mit Recht von Herschel

»als eines der schönsten Beispiele von induktiver experimenteller Forschung

innerhalb eines beschränkten Gebietes« bezeichnet es ist die Theorie des

Thaues die zuerst von dem verstorbenen Dr Wells ausgesprochen und gegenwärtig

von der wissenschaftlichen Welt allgemein angenommen ist Die mit

Anführungszeichen versehenen Stellen sind wörtlich dem Werke von Herschel

entnommen

    »Es sei also der Thau das gegebene Phänomen dessen Ursache wir wissen

wollen Zuerst müssen wir genau festsetzen was wir unter Thau verstehen welche

Tatsache es ist deren Ursache wir erforschen wollen Wir müssen den Thau vom

Regen und von der Feuchtigkeit des Nebels scheiden und die Anwendung des Wortes

auf das beschränken was wirklich damit gemeint ist dh auf die freiwillige

Erscheinung von Feuchtigkeit auf Körpern die der Luft zu einer Zeit ausgesetzt

sind wo weder Regen noch eine sichtbare Feuchtigkeit herabfällt« Dies

entspricht einem vorläufigen Verfahren das in der folgenden Abtheilung die von

den Hilfsoperationen der Induktion handelt charakterisiert werden soll Nachdem

die Frage so Festgesetzt worden ist, kommen wir zur Lösung

    »Hier haben wir nun analoge Erscheinungen in der Feuchtigkeit welche ein

kaltes Metall oder einen Stein benetzt worauf wir hauchen in der Feuchtigkeit

welche an einem Glas mit kaltem Wasser erscheint wenn es über heißes Wasser

gehalten wird in der Feuchtigkeit welche an der Innenseite der Fenster

erscheint wenn ein plötzlicher Regen oder Hagel die äußere Luft abkühlt in

derjenigen welche nach einem langen Frost an Mauern herabläuft wenn ein

feuchtes Tauwetter eintritt Wenn wir diese Fälle mit einander vergleichen so

finden wir dass sie die Naturerscheinung enthalten die als Gegenstand unserer

Untersuchung dargestellt wurde Alle diese Fälle stimmen nun in einem Punkte

überein nämlich in der Kälte des betauten Gegenstandes im Vergleich mit der

Luft die in Berührung damit ist Es bleibt aber noch der wichtigste Fall der

Nachttau übrig Ist derselbe Umstand auch in diesem Falle vorhandenIst es

eine Tatsache, dass der betaute Gegenstand kälter ist als die Luft Gewiss

nicht sollte man sagen denn was macht ihn kälter Aber der Versuch ist

leicht zu machen wir haben nur ein Thermometer in Berührung mit dem betauten

Körper zu bringen und ein anderes in einer kleinen Entfernung außerhalb des

Einflusses desselben aufzuhängen Der Versuch wurde gemacht die Frage wurde

gestellt und die Antwort fiel beständig bejahend aus Wenn ein Körper mit Thau

beschlägt so ist er kälter als die Luft«

    Wir haben also hier eine vollständige Anwendung der Methode der

Übereinstimmungwelche die Tatsache eines beständigen Zusammenhangs zwischen

dem Absatz von Thau auf einer Fläche und der Kälte dieser Fläche verglichen mit

der der Luft feststellt Was ist aber hier Ursache und was Wirkung Oder sind

beide Wirkungen von irgend etwas Anderem Die Methode der Übereinstimmung kann

aus hierüber keinen Aufschluss geben wir müssen eine wirksamere Methode zu

Hülfe nehmen »Wir müssen daher mehr Tatsachen sammeln oder was auf Eins

hinausläuft wir müssen die Umstände verändern da ein jeder Fall in welchem

die Umstände differieren eine neue Tatsache ist und besonders müssen wir die

entgegengesetzten oder negativen Fälle dh die Fälle, in denen kein Thau

erzeugt wird unterscheiden« indem eine Vergleichung der Fälle wo Thau sich

absetzt und der Fälle wo nicht die notwendige Bedingung der Anwendung der

Differenzmethode ist

    »Es Wird nun aber auf nach oben gekehrten polierten Metallflächen kein Thau

abgesetzt aber reichlich auf Glasflächen die nach oben gekehrt sind und in

manchen Fällen bedeckt sich auch die untere Fläche einer horizontalen Glasplatte

mit Thau« Wir haben hier einen Fall in dem die Wirkung hervorgebracht wird

und einen andern Fall in dem sie nicht hervorgebracht wird wir können jedoch

noch nicht wie es die Kegel der Differenzmethode verlangt behaupten dass der

letztere Fall mit dem ersteren in allen Umständen mit Ausnahme eines einzigen

übereinstimmt denn die Unterschiede zwischen Glas und poliertem Metall sind

mannigfaltig und Alles was wir bis jetzt gewiss wissen ist dass die Ursache

des Thaues sich unter den Umständen finden wird durch welche sich die letztere

Substanz von der ersteren unterscheidet Wenn wir versichert sein könnten dass

Glas und die verschiedenen Substanzen auf welche Thau abgesetzt wird nur eine

Eigenschaft gemein haben und dass polierte Metalle und die anderen Substanzen

auf die sich kein Thau abgesetzt ebenfalls nichts gemein haben als den einen

Umstand dass sie nicht die eine Eigenschaft der anderen besitzen so wäre den

Anforderungen der Differenzmethode vollständig Genüge getan und wir würden in

dieser Eigenschaft die Ursache des Thaues erkennen Dies ist demnach der nächste

Schritt den wir in der Untersuchung zu tun haben

    »Bei der Anwendung von poliertem Metall und poliertem Glas zeigt es sich

deutlich dass die Substanz für das Phänomen von Wichtigkeit ist man andere

daher so viel wie möglich die Substanz allein indem man polierte Flächen

verschiedener Art aussetzt Hieraus ergibt sich eine Intensitätsscala Man

findet dass diejenigen Substanzen am meisten betaut werden welche die Wärme

am schlechtesten leiten während die guten Wärmeleiter der Betauung

widerstehen« Die Verwickelung nimmt zu und wir müssen die Methode der sich

begleitenden Umstände zu Hülfe nehmen keine andere Methode war hier anwendbar

denn die Eigenschaft der Wärmeleitung konnte nicht ausgeschlossen werden indem

alle Körper in einem gewissen Grade die Wärme leiten Der Schluss lautet daher

dass caeteris paribus der Absatz von Thau in einem gewissen Verhältnisse zur

Fähigkeit der Metalle der Wärme den Durchgang zu wehren steht und dass daher

dies oder etwas was damit zusammenhängt wenigstens eine von den Ursachen sein

muss welche den Absatz von Thau auf einer Fläche hervorrufen

    »Nimmt man raue Flächen anstatt polierter so findet man zuweilen dass

dieses Gesetz aufhört gültig zu sein So findet man dass raues Eisen

besonders wenn es geschwärzt ist eher mit Thau beschlägt als gefirnisstes

Papier es hat also die Art der Oberfläche einen großen Einfluss Man setze

daher verschiedene Oberflächen desselben Materials aus« dh man gebrauche die

Differenzmethode um die Begleitung von Veränderungen zu bestimmen), »so wird

sich eine zweite Intensitätsscala darbieten diejenigen Oberflächen welche ihre

Wärme am schnellsten durch Ausstrahlung verlieren werden den Thau am meisten

angezogen haben« Es finden sich also hier die erforderlichen Umstände für eine

zweite Anwendung der Methode der sich begleitenden Veränderungen die in diesem

Falle die einzig anwendbare Methode istindem alle Substanzen in einem gewissen

Grade Wärme ausstrahlen Der durch diese zweite Anwendung der Methode erhaltene

Schluss ist dass caeteris paribus der Absatz von Thau in einem gewissen

Verhältnis zur Wärmestrahlung steht und dass eine bedeutende Wärmestrahlung

oder eine Ursache, von welcher diese Eigenschaft abhängt ebenfalls eine der

Ursachen istwelche den Absatz von Thau bewirken

    »Der von Substanz und Oberfläche nachgewiesene Einfluss führt zur

Betrachtung des Einflusses welchen die Textur besitzt und der Versuch zeigt

uns auch hier wieder bemerkenswerte Unterschiede Wir erhalten eine dritte

Intensitätsscala wonach Substanzen von einer dichten festen Textur wie

Steine Metalle etc der Betauung ungünstig dagegen Substanzen von einer

lockern Textur wie Tuch Wolle Sammet Eiderdaun Baumwolle etc der

Anziehung des Thaues außerordentlich günstig sind« Man war hier zum dritten

Male durch die Notwendigkeit gezwungen seine Zuflucht zu der Methode der sich

begleitenden Veränderungen zu nehmen indem die Textur keiner Substanz absolut

fest oder absolut locker ist Die Lockerheit der Textur oder etwas das die

Ursache dieser Eigenschaft istist daher ebenfalls ein Umstand der den Absatz

des Thaues befördert diese dritte Ursache ist jedoch schon in der ersten in

der Eigenschaft nämlich der Wärme den Durchgang zu wehren eingeschlossen denn

Substanzen von einer lockern Textur »sind gerade solche welche sich sehr gut

zur Kleidung eignen oder einem freien Durchgang der Hautwärme in die Luft

widerstehen in der Art dass ihre äußere Oberfläche sehr kalt sein kann

während die Innenseite warm bleibt« und die letzte Induktion aus neuen Fällen

abgeleitet bekräftigt daher bloß eine frühere Induktion

    Es scheint also dass die sehr mannigfaltigen Fälle in denen Thau abgesetzt

wird soweit wir beobachten können nur darin übereinstimmen dass die Wärme

entweder rasch ausgestrahlt oder schlecht geleitet wird Eigenschaften die

keinen andern Umstand gemein haben als dass vermittelst beider die Wärme

welche ein Körper an seiner Oberfläche zu verlieren strebt aus seinem Innern

nicht ersetzt werden kannDie Fälle dagegen in denen kein oder nur wenig Thau

gebildet wird und welche ebenfalls sehr mannigfaltig sind stimmen soweit wir

beobachten können in nichts überein als nur darin dass sie nicht dieselbe

Eigenschaft besitzen Es scheint daher dass wir den einzigen Unterschied

zwischen Substanzen welche Thau hervorbringen und Substanzen welche ihn nicht

hervorbringen entdeckt und so den Anforderungen der Methodewelche wir

indirekte Differenzmethode oder die vereinigte Methode der Übereinstimmung und

des Unterschieds genannt haben Genüge geleistet haben Das Beispiel welches

wir in Beziehung auf diese Methode vorgebracht haben und die Art in welcher

die Data durch die Methode der Übereinstimmung und der sich begleitenden

Veränderungen für dieselbe vorbereitet werden ist die wichtigste aller

Erläuterungen welche diese interessante Betrachtung darbot

    Wir könnten nun die Frage wovon hängt der Absatz des Thaues ab als

gänzlich gelöst betrachten wenn wir gewiss sein könnten dass die Substanzen,

auf welche der Thau sich absetzt von denjenigen bei denen dies nicht

stattfindet sich in nichts Anderem unterscheiden als in der Eigenschaft die

Wärme von der Oberfläche schneller zu verlieren als sie von innen ersetzt

werden kann. Obgleich wir nun diese Gewissheit nie haben können so ist dies

doch weniger wichtig als man im ersten Augenblicke annehmen möchte denn wir

haben auf jeden Fall ermittelt dass wenn es eine bisher nicht beobachtete

Eigenschaft gäbe die in allen Substanzen welche Thau anziehen gegenwärtig

und abwesend in allen istwelche dies nicht tun so muss sie der Art Bein

dass sie in der großen Anzahl von Substanzen anwesend oder abwesend ist wenn

die Eigenschaft ein besserer Ausstrahler als Leiter zu sein anwesend oder

abwesend ist eine Übereinstimmung welche zur stärksten Vermutung einer

Gemeinschaftlichkeit der Ursache und einer daraus folgenden unveränderlichen

Koexistenz der beiden Eigenschaften Anlass gibt so dass wenn die Eigenschaft

ein besserer Ausstrahler als Leiter zu sein nicht selbst die Ursache ist sie

doch fast gewiss die Ursache jedesmal begleitet und zum Zweck einer

Voraussagung wird man keinen Irrtum begehen wenn man sie wirklich als solche

ansieht

    Indem wir nun zu einem früheren Stadium der Untersuchung zurückkehren wollen

wir uns erinnern ermittelt zu haben dass in einem jeden Falle wo Thau

gebildet wird die Temperatur der Oberfläche niedriger als die der umgebenden

Luft ist wir waren jedoch nicht sicher ob diese Kälte die Ursache oder die

Wirkung des Thaues war Wir sind nunmehr im Stande diesen Zweifel zu lösen Wir

haben gefunden dass in einem jeden derartigen Fall die Substanzen durch ihre

eigenen Gesetze oder Eigenschaften kälter als die umgebende Luft werden wenn

sie bei Nacht ausgesetzt worden Da demnach die Kälte unabhängig von dem Thau

erklärt ist während bewiesen ist dass zwischen beiden ein Zusammenhang

besteht so muss der Thau von der Kälte abhängig sein oder mit anderen Worten,

die Kälte ist die Ursache des Thaues

    Das schon so vollkommen bestimmte Gesetz der Verursachung des Thaues lässt

indessen nicht weniger als drei sehr kräftige Bestätigungen zu Die erste leitet

sich von den bekannten Gesetzen des in der Luft oder in einem andern Gas

verbreiteten Wasserdampfes ab und obgleich wir noch nicht bis zur deduktiven

Methode gekommen sind so wollen wir doch nichts unterlassen was unsere

Betrachtung vollständig machen kann Aus dem direkten Versuch ist bekannt dass

bei einem jeden Temperaturgrad nur eine begrenzte Menge Wasser in der Form von

Dampf in der Luft verbreitet bleiben kann und dass dieses Maximum sich in dem

Maße verringert als die Temperatur abnimmt Auf deduktive Weise folgt daraus

dass wenn schon so viel Dampf verbreitet ist als die Luft bei ihrer bestehenden

Temperatur enthalten kann so wird bei einer Erniedrigung der Temperatur ein

Teil dieses Dampfes kondensiert werden und Wasser bilden Wir wissen aber auch

durch Deduktion aus den Gesetzen der Wärme dass durch den Kontakt der Luft mit

einem kaltem Körper die Temperatur der denselben unmittelbar umgebenden

Luftschicht erniedrigt wird wodurch sie einen Teil ihres Wassers abgibt

welcher sich den gewöhnlichen Gesetzen der Schwere oder der Kohäsion nach auf

der Oberfläche des Körpers absetzt und Thau bildet Man wird bemerkt haben dass

dieser deduktive Beweis den Vorteil hat zugleich die Verursachung und die

Koexistenz zu beweisen auch hat er noch den Vorteil dass er die Ausnahmen

erklärt die Fälle nämlich wo kein Thau gebildet wird obgleich der Körper

kälter ist als die Luft indem er zeigt dass dies notwendig stattfinden muss

wenn die Luft im Vergleich zu ihrer Temperatur so wenig Wasserdunst enthält

dass sie selbst bei einiger Abkühlung durch den Kontakt mit kälteren Körpern

allen darin schwebenden Dunst zurückhalten kann so entsteht in einem sehr

trocknen Sommer kein Thau in einem trocknen Winter kein Reif Wir sehen also

hier eine weitere Bedingung der Erzeugung des Thaues welche die früher

gebrauchten Methoden nicht entdeckten und welche wir auch jetzt noch nicht

entdeckt hätten wenn wir nicht unsere Zuflucht zu dem Verfahren genommen

hätten die Wirkung von den ermittelten Eigenschaften der als gegenwärtig

erkannten Agentien abzuleiten

    Die zweite Bestätigung der Theorie besteht in dem direkten Versuche nach der

Regel der Differenzmethode Indem wir die Oberfläche eines Körpers abkühlen

können wir in allen Fällen eine Temperatur finden je nach dem

Feuchtigkeitszustande der Luft mehr oder weniger verschieden von

Lufttemperatur bei welcher sich Thau zu bilden anfängt Hier ist also die

Ursache direkt bewiesen In Wahrheit können wir dies nur nach einem kleinen

Maßstab zu Stande bringen wir haben jedoch allen Grund zu schließen dass

die Operation in dem großen Laboratorium der Natur ausgeführt dieselbe

Wirkung hervorbringen würde

    Zuletzt nun sind wir auch im Stande das Resultat nach diesem großen

Maßstabe zu verifizieren Der Fall ist einer von denjenigen seltene Fälle wie

wir gezeigt haben wo die Natur für uns das Experiment in derselben Weise

macht wie wir es selbst machen würden indem sie nämlich in den vorherigen

Zustand der Dinge einen einzigen und vollkommen bestimmten neuen Umstand

einführt und die Wirkung so schnell zeigt dass keine Zeit für irgend eine

andere wesentliche Veränderung in den vorhergehenden Umständen vorhanden ist.

»Man hat beobachtet dass der Thau niemals reichlich auf Stellen abgesetzt wird

die nach dem offenen Himmel zu geschirmt sind und dass in einer wolkigen Nacht

gar keiner abgesetzt wird wenn sich aber die Wolken auch nur für wenige Minuten

verziehen und einen klaren Himmel hinterlassen so beginnt sogleich ein Absatz

von Thau der immer stärker wird Thau der bei klarem Himmel gebildet wurde

wird sogar häufig wieder verdunsten wenn der Himmel sich wieder bedeckt« Der

Beweis dass die Gegenwart oder die Abwesenheit einer ununterbrochenen

Verbindung mit dem Himmel den Absatz oder NichtAbsatz des Thaues verursacht

ist daher vollständig Da nun ein klarer Himmel nichts Anderes ist als die

Abwesenheit von Wolken und es eine bekannte Eigenschaft der Wolken sowie aller

anderen Körper ist zwischen denen und einem gegebenen Objekt sich nichts als

ein elastisches Fluidum befindet dass sie die Temperatur der Oberfläche des

Gegenstandes zu erhöhen oder zu erhalten streben indem sie ihr Wärme

zustrahlen so sieht man zugleich dass das Verschwinden der Wolken die

Oberfläche abkühlen wird so dass die Natur in diesem Falle durch bestimmte und

bekannte Mittel eine Veränderung in dem Antezedens hervorbringt was die

entsprechende Folge nach sich zieht ein natürliches Experiment das den

Anforderungen der Differenzmethode entspricht103

    Der vielfältige Beweis dessen die Theorie des Thaues fähig befunden wurde

ist ein schlagendes Beispiel von der ganzen Gewissheit welche der induktive

Beweis von Kausalgesetzen in Fällen erreichen kann wo die unveränderliche

Sequenz keineswegs einem oberflächlichen Blick sichtbar ist

    

     4 Ein Jeder der diesem bewunderungswürdigen Beispiele gehörig gefolgt

ist wird dadurch einen so klaren Begriff von dem Nutzen und dem praktischen

Gebrauche von dreien unserer vier Methoden der experimentellen Forschung

bekommen haben dass es unnötig erscheint sie weiter zu erläutern Die noch

übrige Methode die der Rückstände hat weder in dieser noch in den zwei

vorhergehenden Untersuchungen einen Platz gefunden ich werde daher einige

Beispiele aus Sir John Herschels Werk ausziehen samt den einleitenden

Bemerkungen womit sie versehen sind

    »In ihrem jetzigen vorgerückten Zustand wird die Wissenschaft hauptsächlich

durch dieses Verfahren gefördert Die meisten Erscheinungen welche die Natur

darbietet sind sehr verwickelt und wenn die Wirkungen aller bekannten Ursachen

mit Genauigkeit berechnet und abgezogen werden so erscheinen die rückständigen

Tatsachen beständig unter der Form von ganz neuen Naturerscheinungen und führen

zu den wichtigsten Schlüssen

    Zum Beispiel Die oft wiederholte Rückkehr des von Encke im voraus

angesagten Kometen und die im allgemeinen gute Übereinstimmung des berechneten

mit seinem beobachteten Ort während irgend einer Periode seiner Sichtbarkeit

könnte uns zu dem Ausspruche verleiten dass seine Gravitation gegen die Sonne

und die Planeten die einzige und hinreichende Ursache aller Erscheinungen seines

Umlaufes ist wenn aber die Wirkung dieser Ursache genau berechnet und von der

beobachteten Bewegung abgezogen wird so findet man dass ein rückständiges

Phänomen bleibt dessen Existenz niemals auf eine andere Weise hätte

nachgewiesen werden können, und welches in einer geringen Antizipation der Zeit

seiner Wiedererscheinung oder in einer Verringerung seiner periodischen Zeit

besteht welche durch die Schwere nicht erklärt werden kann, und deren Ursache

daher erforscht werden muss Eine solche Antizipation würde durch den Widerstand

eines in dem Himmelsraum verbreiteten Mediums verursacht werden und da noch

andere gute Gründe vorliegen um dies für eine wahre Ursache eine vera causa

ein wirklich existierendes Antezedens zu halten so hat man sie in der Tat

einem solchen Widerstand zugeschrieben

    Als Arago eine Magnetnadel an einem Seidenfaden aufgehängt und in

Schwingungen versetzt hatte beobachtete er dass dieselbe eher zur Ruhe kam

wenn sie über einer Kupferplatte aufgehängt war als in dem Falle wo die

Kupferplatte fehlte In beiden Fällen waren nun zwei wahre Ursachen bekannte

Antecedentien vorhanden wonach sie zuletzt zur Ruhe kommen musste nämlich der

Widerstand der Luft der sich einer jeden Bewegung in derselben widersetzt und

sie zuletzt aufhebt und der Mangel an vollkommener Beweglichkeit des

Seidenfadens Da aber diese Ursachen aus den Beobachtungen welche in

Abwesenheit der Kupferplatte gemacht worden waren genau bekannt waren und

abgezogen wurden so blieb ein rückständiges Phänomen in der Tatsache dass

durch die Kupferplatte selbst ein verzögernder Einfluss ausgeübt worden war und

diese Tatsache nachdem sie einmal erforscht war führte rasch zur Kenntnis

einer ganz neuen und unerwarteten Klasse von Beziehungen« Dieses Beispiel

gehört indessen nicht der Methode der Rückstände sondern der Differenzmethode

an indem das Gesetz durch eine direkte Vergleichung der Resultate zweier

Experimente bestimmt wurde Experimente die sich in nichts unterschieden als

in der Gegenwart oder Abwesenheit der Kupferplatte Zur Erläuterung der Methode

der Rückstände hätte dabei die Wirkung von dem Widerstände der Luft und der

Steifigkeit der Seide aus den durch besondere und vorhergegangene Experimente

erhaltenen Gesetzen a priori berechnet werden müssen

    »Unerwartete und besonders auffallende Bestätigungen induktiver Gesetze

erscheinen häufig in der Form von rückständigen Naturerscheinungen in dem Laufe

von Untersuchungen von ganz anderer Natur als diejenigen woraus die Induktionen

selbst entstanden Als ein sehr elegantes Beispiel kann man die unerwartete

Bestätigung des Gesetzes der Wärmeentwickelung durch Kompression elastischer

Flüssigkeiten betrachten wie sie die Erscheinungen des Schalles darbieten Die

Erforschung der Ursache des Schalles führte in Beziehung auf die Art seiner

Fortpflanzung zu Schlüssen wonach seine Schnelligkeit in der Luft genau

berechnet werden konnte Die Rechnung wurde gemacht als sie aber mit den

Tatsachen verglichen wurde so war zwar die Übereinstimmung vollkommen

hinreichend um die allgemeine Richtigkeit der Ursache und der angegebenen

Fortpflanzungsweise zu zeigen aber die ganze Schnelligkeit konnte nach dieser

Theorie nicht erklärt werden. Es war noch eine rückständige Schnelligkeit zu

erklären welche die Physiker lange Zeit in Verlegenheit setzte Laplace hatte

endlich den glücklichen Gedanken dass die Ursache in der Wärme zu suchen sei

welche bei der Kompression der Luftteilchen durch die bei der Schallbewegung

stattfindenden Vibrationen notwendig entwickelt werden muss Die Vermutung

wurde einer genauen Berechnung unterworfen und das Resultat war zugleich die

vollständige Erklärung des rückständigen Phänomens und eine auffallende

Bestätigung des allgemeinen Gesetzes der Wärmeentwickelung durch Kompression

unter Umständen die über der künstlichen Nachahmung stehen«

    »Viele von den chemischen Experimenten wurden durch Untersuchung der

rückständigen Erscheinungen entdeckt So entdeckte Arfwedson das Lithium indem

er einen Gewichtsüberschuss in dem schwefelsauren Salze bemerkte das nach

seiner Meinung von einer kleinen Menge Bittererde die in dem analysierten

Mineral enthalten war herrührte So sind nach diesem Prinzip die konzentrierten

Rückstände großer Operationen in den Künsten fast sicher Schlupfwinkel neuer

chemischer Stoffe wie Jod Brom Selen und die neuen Metalle welche in den

Versuchen von Wollaston und Tennant das Platin begleiteten beweisen Es war ein

glücklicher Gedanke von Glauber das zu untersuchen was Jedermann hinwegwarf«

104

    »Die größten Entdeckungen in der Astronomie« sagt derselbe Autor105

»entsprangen fast alle der Betrachtung von rückständigen Phänomenen von einer

quantitativen oder numerischen Art So ging die große Entdeckung der

Präzession der Nachtgleichen als ein rückständiges Phänomen aus der

unvollkommenen Erklärung der Wiederkehr der Jahreszeiten bei der Wiederkehr der

Sonne zu demselben scheinbaren Ort unter den Fixsternen hervor und ebenso

gingen die Aberration und Nutation als rückständige Phänomene aus jenem Teil

der scheinbaren Ortswechsel der Fixsterne hervor den die Präzession unerklärt

gelassen hatte Ebenso sind die scheinbaren eigenen Bewegungen der Sterne die

beobachteten Rückstände ihrer scheinbaren Bewegungen welche bei strenger

Berechnung der Wirkungen der Präzession der Aberration und Nutation unerklärt

bleiben Die nächste Annäherung menschlicher Theorien an die Vollkommenheit

liegt in der tunlichsten Verminderung dieses Rückstandes dieses caput

mortuums der Beobachtungund womöglich in der Zurückführung desselben auf

Null indem man entweder nachweist dass in unserer Berechnung bekannter

Ursachen etwas vernachlässigt worden ist, oder indem man dasselbe als eine neue

Tatsache betrachtet und in Betreff seiner nach den Grundsätzen der induktiven

Philosophie von der Wirkung zu ihrer Ursache oder ihren Ursachen aufsteigend

verfährt«

    Die störenden Wirkungen welche die Erde und die Planeten auf ihre

beiderseitigen Bewegungen ausüben wurden zuerst aus dem Unterschiede zwischen

den beobachteten Orten dieser Körper und den Orten welche sich aus Berechnungen

ergaben die sich nur auf Betrachtungen ihrer Gravitation nach der Sonne

stützten als rückständige Erscheinungen erkannt Dies veranlasste die Physiker

das Gesetz der Schwere als zwischen allen anderen Körpern und also auch als

zwischen allen Partikeln der Materie bestehend zu betrachten während es nach

ihrer früheren Ansicht eine Kraft war die nur zwischen einem jeden Planeten oder

Trabanten und dem Zentralkörper zu dessen System er gehörte wirkte So

unterstützen in der Geologie die Katastrophisten ihre Meinung mag sie richtig

oder falsch sein, durch die Behauptung, es bleibe nachdem die Wirkung aller

jetzt noch tätigen Ursachen bestimmt worden in der gegenwärtigen

Beschaffenheit der Erde ein großer Rückstand von Tatsachen, welcher beweist

entweder dass in früheren Zeiten andere Kräfte oder dass dieselben Kräfte in

einem viel höheren Grade vorhanden gewesen sein müssen Um noch ein Beispiel

anzuführen wenn es möglich ist zu ermitteln was gewöhnlich mehr vermutet als

bewiesen wird dass in einem menschlichen Individuum einem Geschlechte oder in

einer Race von Menschen eine angeborene und unerklärliche Überlegenheit der

Geisteskräfte liegt so muss dies dadurch bewiesen werden, dass man von den

Verstandesunterschieden die wir in der Tat sehen Alles abzieht was durch

bekannte Gesetze entweder auf erforschte Differenzen der physischen Organisation

oder auf Differenzen welche in den äußeren Umständen lagen in denen sich die

zu vergleichenden Menschen bisher befanden zurückgeführt werden kann. Was diese

Ursachen nicht erklären könnte würde das rückständige Phänomen ausmachen dies

allein würde ein Beweis eines ursprünglichen Unterschiedes und zugleich ein

Maß seiner Größe sein Aber sogar diejenigenwelche der Annahme eines

solchen vermeintlichen Unterschiedes am stärksten anhingen haben es bisher

vernachlässigt sich mit diesen zur Begründung ihrer Lehre notwendigen

logischen Bedingungen zu versehen

    Aus diesen Beispielen wird man wie ich hoffe den Geist der Methode der

Rückstände hinreichend erkannt haben und da die drei anderen Methoden in dem

induktiven Verfahren dem die Theorie des Thaues ihre Entstehung verdankt so

wohl erläutert wurden so schließen wir hier unsere Auseinandersetzung der vier

Methoden in Rücksicht auf ihre Anwendung bei der Untersuchung der einfacheren

und mehr elementaren Klasse von Verbindungen der Naturerscheinungen

    

     5 Sowohl über die Nützlichkeit der vier Methoden als auch über die

Tauglichkeit der Beispiele durch welche ich dieselben zu erläutern suchte hat

Dr Whewell eine sehr ungünstige Meinung geäußert Folgendes sind seine Worte

    »Über diese Methoden ist zu bemerken dass sie offenbar gerade das Ding für

zugegeben annehmen was so sehr schwierig zu entdecken ist die Zurückführung

des Phänomens auf Formeln wie sie uns hier dargeboten werden Wenn sich uns

eine Reihe von komplexen Tatsachen darbietet wie zB in den Fällten von

Entdeckungen welche ich angeführt habe  die Tatsachen der Planetenbahnen

der fallenden Körper der gebrochenen Lichtstrahlen der kosmischen Bewegungen

der chemischen Analyse und wenn wir in einigen dieser Fälle das Naturgesetz

entdecken wollten welches sie beherrscht oder wenn man es so nennen will den

Charakterzug in dem alle Fälle übereinstimmen wo sollen wir dann unsere AB,

C und abc suchen Ihr sagt wenn wir die Verbindung von A B C mit abc und A

B D mit a b d finden so können wir unsere Folgerung machen Zugegeben aber

wann und wo finden wir diese Verbindungen Wer will uns sogar jetzt wo die

Entdeckungen bereits gemacht sind zeigen welches die A B C- und a b c Elemente

der eben angeführten Fälle sind Wer will uns sagen welche von den

Untersuchungsmethoden durch diese historisch realen und erfolgreichen

Untersuchungen erläutert werden Wer wird diese Formeln durch die Geschichte der

Wissenschaften wie sie in Wirklichkeit aufgewachsen sind durchführen und uns

zeigen dass diese vier Methoden in deren Heranbildung wirksam waren oder dass

durch eine Beziehung auf diese Formeln auf ihren Fortschritt nur irgend ein

Licht geworfen wird«

    Er fügt hinzu dass die Methoden in diesem Werke nicht »auf eine große

Menge von ansehnlichen und zweifellosen Beispielen von Entdeckungen wie sie

sich durch die ganze Geschichte der Wissenschaften ziehen« angewendet worden

sind, was hätte geschehen müssen um zu zeigen dass die Methoden den »Vorteil«

den er als sein Eigentum in Anspruch nimmt besitzen diejenigen Methoden zu

sein »durch welche alle großen Entdeckungen in der Wissenschaft wirklich

gemacht worden sind.« 

    Es besteht eine auffallende Ähnlichkeit zwischen den hier gemachten

Einwürfen gegen die Regeln der Induktion und dem was im vorigen Jahrhundert

durch ebenso geschickte Männer wie Dr Whewell gegen die anerkannten Regeln des

Syllogismus vorgebracht wurde Diejenigenwelche gegen die Aristotelische Logik

protestierten sagten dasselbe von dem Syllogismus was Dr Whewell von den

induktiven Methoden sagt dass er »gerade das Ding für gegeben annimmt was so

sehr schwierig zu entdecken ist die Zurückführung des Phänomens auf die Formeln

wie sie uns hier dargeboten werden« Die große Schwierigkeit sagten sie

besteht darin, zu eurem Syllogismus zu gelangen nicht seine Richtigkeit zu

beurteilen wenn er erlangt ist Im Tatsächlichen haben sowohl sie wie Dr

Whewell Recht In beiden Fällen ist die größte Schwierigkeit zuvörderst die

den Beweis zu erlangen und demnächst die ihn auf die Form zurückzuführen

durch welche seine Beweiskraft erprobt wird Wenn wir aber versuchen ihn

zurückzuführen ohne zu wissen auf was so werden wir wahrscheinlich keine

große Fortschritte machen Es ist schwieriger eine geometrische Aufgabe zu

lösen als zu beurteilen ob eine dargebotene Lösung richtig ist wenn die

Menschen aber nicht im Stande wären die gefundene Lösung zu beurteilen so

wäre auch wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden dass sie sie finden würden Es

kann aber nicht behauptet werden eine gefundene Induktion zu beurteilen sei

ganz leicht und es bedürfe dazu keinerlei Hülfe und keinerlei Instrumente denn

irrige Induktionen falsche Folgerungen aus der Erfahrung sind ebenso gewöhnlich

und in Betreff einiger Gegenstände noch gewöhnlicher als wahre Es ist das

Geschäft der induktiven Logik Regeln und Vorbilder aufzustellen wie es der

Syllogismus und seine Regeln für das Schließen sind welche den induktiven

Argumenten die sich nach ihnen richten allein Beweiskraft verleihen Solche

Regeln und Vorbilder wollen die vier Methoden sein und ich glaube als solche

werden sie allgemein von experimentellen Forschern anerkannt da sie in

Wirklichkeit alle und zwar lange bevor jemand versuchte die Praxis auf eine

Theorie zurückzuführen von denselben ausgeübt wurden

    Die Gegner des Syllogismus hatten Dr Whewell auch in dem anderen Theile

seines Argumente vorgegriffen Sie sagten durch den Syllogismus wäre niemals

eine Entdeckung gemacht worden Dr Whewell sagt oder scheint zu sagen durch

die vier Methoden der Induktion wäre niemals eine solche gemacht worden Den

Ersteren antwortete Erzbischof Whately ganz passend dasswenn ihr Argument

überhaupt etwas taugte es gegen das Schließen überhaupt ginge denn was nicht

auf einen Syllogismus zurückzuführen istist kein Schließen und wenn Dr

Whewells Argument überhaupt gültig ist so geht es gegen alles Folgern aus der

Erfahrung. Wenn er sagt dass durch die vier Methoden niemals Entdeckungen

gemacht wurden so behauptet er dass durch Beobachtung und Experiment niemals

Entdeckungen gemacht wurden denn wenn irgend welche gemacht wurden so geschah

es sicherlich durch die eine oder die andere dieser Methoden

    Dieser zwischen uns bestehende Unterschied erklärt auch warum ihn meine

Beispiele nicht befriedigten denn ich wählte sie nicht um jemand zu

überzeugen dass Beobachtung und Experiment Modi sind um Wissen zu erlangen

Ich gestehe dass ich bei der Wahl derselben nur an eine Erläuterung und an eine

Erleichterung des Verständnisses der vier Methoden durch konkrete Beispiele

dachte Wenn es meine Absicht gewesen wäre das Verfahren selbst als ein Mittel

der Forschung zu rechtfertigen so wäre es nicht nötig gewesen dunklere und

verwickeltere Fälle weit zu suchen oder zu benutzen Als ein Beispiel einer

durch die Methode der Übereinstimmung bestimmten Wahrheit hätte ich den Satz

wählen können »Hunde bellen« Dieser Hund und jener Hund und der andere Hund

entsprechen A B C, A D E A F G Der Umstand ein Hund zu sein entspricht A

Bellen entspricht a Als eine durch die Differenzmethode erkannte Wahrheit hätte

der Satz: »Feuer brennt« hingereicht Ehe ich das Feuer berühre verbrenne ich

mich nicht dies ist BC ich berühre es und verbrenne mich dies ist ABC aBC

    Dergleichen familiäre experimentelle Prozesse betrachtete Dr Whewell nicht

als Induktionen sie sind indessen vollkommen gleichartig mit denjenigen durch

welche wie er selbst gezeigt hat die Pyramide der Wissenschaft mit einer

Grundlage versehen wird Vergebens versucht er dieser Wahrheit zu entkommen

indem er der Auswahl von als Fälle von Induktion zulässigen Beispielen die

willkürlichsten Beschränkungen auferlegt sie dürfen nicht der Art sein dass

sie noch einen Gegenstand der Erörterung bilden S 265 sie dürfen weder

geistigen oder sozialen Gegenständen entnommen sein S 269 noch der

gewöhnlichen Beobachtung und dem praktischen Leben S 241 Sie müssen den

Generalisationen entnommen werden durch welche wissenschaftliche Denker zu

großen und umfassenden Gesetzen der Naturerscheinungen aufgestiegen sind Nun

ist es bei diesen verwickelten Untersuchungen selten möglich über die ersten

Schritte hinauszugehen ohne das Instrument der Deduktion und die zeitweilige

Hülfe von Hypothesen in Anspruch zu nehmen wie ich selbst mit Dr Whewell

gegen die rein empirische Schule behauptet habe Da demnach dergleichen Fälle

nicht wohl gewählt werden konnten um die Prinzipien der bloßen Beobachtung und

des Experiments zu erläutern so benutzt Dr Whewell ihre Abwesenheit um die

experimentellen Methoden so darzustellen als ob sie für wissenschaftliche

Forschungen zwecklos wären er vergisst so dasswenn diese Methoden nicht die

ersten Generalisationen geliefert hätten für seinen eigenen Begriff von der

Induktion kein zu verarbeitendes Material vorhanden gewesen wäre

    Seiner Aufforderung zu zeigen welche von den vier Methoden durch bestimmte

wissenschaftliche Fälle von wissenschaftlicher Forschung erläutert werdenkann

indessen leicht entsprochen werden »Die Planetenbahnen« soweit sie überhaupt

ein Fall von Induktion sind106 fallen unter die Methode der Übereinstimmung.

Das Gesetz »fallender Körper« nämlich dass sie Fallräume beschreiben welche

den Quadraten der Zeiten proportional sind war historisch eine Deduktion aus

dem ersten Gesetz der Bewegung; aber die Versuche durch welche es bestätigt

wurde und durch welche es hätte entdeckt werden können, waren Beispiele von der

Methode der Übereinstimmung, und die durch den Widerstand der Luft verursachte

scheinbare Abweichung von dem wahren Gesetz wurde durch Versuche im luftleeren

Raume erklärt was eine Anwendung der Differenzmethode konstituiert Das Gesetz

der »Strahlenbrechung« die Stetigkeit des Verhältnisses zwischen dem Sinus des

Einfallswinkels und dem Sinus des Brechungswinkels für eine jede brechende

Substanz wurde durch direkte Messung und demnach durch die Methode der

Übereinstimmung bestimmt Die »kosmischen Bewegungen« wurden durch sehr

verwickelte Denkprozesse in denen die Deduktion vorherrschte bestimmt aber in

der Feststellung der empirischen Gesetze hatten die Methoden der

Übereinstimmung und der sich begleitenden Veränderungen einen großen Antheil

Ein jeder Fall ohne Ausnahme von einer »chemischen Zerlegung« bietet ein

wohlmarkiertes Beispiel von der Differenzmethode Für einen jeden der mit den

Gegenständen bekannt ist  für Dr Whewell selbst wäre nicht die geringste

Schwierigkeit vorhanden die A B C und a b c Elemente dieser Fälle zu

bezeichnen

    Wenn ohne Deduktion durch Beobachtung und Experiment jemals Entdeckungen

gemacht werden so sind die vier Methoden Methoden der Entdeckung aber wenn sie

auch keine Methoden der Entdeckung wären so wäre nichtsdestoweniger wahr dass

sie die einzigen Methoden des Beweises sind und in diesem Charakter sind ihnen

sogar die Resultate der Deduktion verantwortlich Die großen Generalisationen

welche als Hypothesen beginnen müssen am Ende bewiesen werden, und werden in

Wirklichkeit wie später gezeigt wird durch die vier Methoden bewiesen Die

Logik hat nun als solche vorzüglich mit dem Beweise zu tun Diese

Unterscheidung hat in der Tat keine Aussicht bei Dr Whewell Gnade zu finden

denn es ist die Eigentümlichkeit seines Systems dass er die Notwendigkeit des

Beweises bei Fällen von Induktion nicht anerkennt Wenn bei der Annahme und

sorgfältigen Vergleichung einer Hypothese mit den Tatsachen nichts mit

derselben unverträgliches zu Tage kommt dh wenn die Erfahrung sie nicht

widerlegt so ist er zufrieden wenigstens so lange als sich nicht eine mit der

Erfahrung gleich verträgliche einfachere Hypothese darbietet Wenn dies

Induktion ist so bedürfen wir allerdings der vier Methoden nicht Aber

anzunehmen dass dem so sei Scheint mir ein radikales Missverstehen der Natur

des Beweises physikalischer Wahrheiten zu sein

    So real und praktisch ist das Bedürfnis noch reiner ähnlichen Probe für die

Induktion wie sie das Schließen in der syllogistischen Probe besitzt dass

Folgerungen welche den elementarsten Begriffen der induktiven Logik Trotz

bieten von in der physikalischen Wissenschaft hervorragenden Personen ganz

unbesorgt vorgebracht werden sobald sie den Boden auf welchem sie mit den

Tatsachen verkehren verlassen und nicht darauf angewiesen sind nur nach den

Sachen zu urteilen und es dürfte zweifelhaft sein ob Personen von Bildung im

Allgemeinen eine gute oder eine schlechte Induktion jetzt besser beurteilen

können als sie beurteilt wurde ehe Bacon seine Werke schrieb Die

Verbesserungen in den Resultaten des Denkens haben sich selten auf die

Denkprozesse erstreckt oder wenn sie überhaupt einen von ihnen erreicht haben

so haben sie sich nur auf den Prozess der Untersuchung nicht auf den des

Beweises erstreckt Die Kenntnis vieler Naturgesetze ist ohne Zweifel dadurch

gewonnen worden dass man Hypothesen aufgestellt und gefunden hat dass die

Tatsachen mit ihnen übereinstimmen und viele Irrtümer ist man dadurch los

geworden dass man zur Kenntnis von Tatsachen gelangte die mit ihnen

unverträglich waren nicht aber dadurch dass man entdeckte dass der Denkmodus

der zu den Irrtümern führte selbst fehlerhaft war und unabhängig von den

Tatsachen, welche den spezifischen Schluss widerlegten als fehlerhaft hätte

erkannt werden mögen Daher kommt es dass während sich die Gedanken der

Menschen über viele Gegenstände praktisch richtig hinausgearbeitet haben das

Denkvermögen so schwach wie immer blieb und über alle Gegenstände in Betreff

derer die das Resultat durchkreuzenden Fälle nicht zugänglich sind wie bei

allem was sich auf die unsichtbare Welt bezieht und wie man sah sogar bei dem

was sich auf die sichtbare Welt der Planetenregionen bezieht urteilen Menschen

von der höchsten wissenschaftlichen Bildung ebenso jammervoll wie der ärgste

Ignorant Denn obgleich sie manche gute Induktion vollzogen haben so haben sie

daraus nicht die Prinzipien des induktiven Beweises gelernt und Dr Whewell

hält es auch nicht für nötig dass sie dieselben lernen sollten

 
 







     1 In der vorhergehenden Auseinandersetzung der vier Methoden der

Beobachtung und des Experimentes durch welche wir in einer Masse von

koexistierenden Erscheinungen die einer gegebenen Ursache zugehörige besondere

Wirkung oder die besondere Ursache wodurch eine gegebene Wirkung hervorgerufen

wurde zu unterscheiden suchen war es der Einfachheit wegen nötig zuerst

anzunehmen diese analytische Methode unterliege keinen anderen Schwierigkeiten

als ihr ihrer Natur nach wesentlich inhärieren es war daher nötig uns eine

Wirkung von der einen Seite als ausschließlich an eine einzige Ursache

gebunden und von der andern Seite als unfähig mit einer andern zugleichseienden

Wirkung vermischt und verwechselt zu werden vorzustellen Wir haben a b c d e

das Aggregat von in irgend einem Augenblicke existierenden Erscheinungen als aus

unähnlichen Tatsachen abc, d und e bestehend betrachtet für deren jede man

eine und nur eine Ursache zu suchen hat indem die Schwierigkeit nur darin

liegt diese eine Ursache aus der Menge von vorhergehenden Umständen ABC, D

und E herauszufinden In der Tat ist die Ursache vielleicht keine einfache

sie kann aus einer Vereinigung von Bedingungen bestehen wir haben aber

angenommen es gäbe bloß eine mögliche Vereinigung von Bedingungen aus welcher

die Wirkung hervorgehen kann

    Wenn die Sache sich so verhielte so wäre es eine verhältnismäßig leichte

Aufgabe die Gesetze der Natur zu erforschen Aber eine solche Voraussetzung ist

in keiner Weise stichhaltig Es ist vor Allem nicht wahr dass dieselbe

Naturerscheinung immer von derselben Ursache hervorgebracht wird die Wirkung a

kann manchmal von A und manchmal von B herrühren Zweitens sind die Wirkungen

verschiedener Ursachen oft nicht unähnlich sondern gleichartig und nicht durch

bestimmbare Grenzen von einander unterschieden A und B bringen vielleicht nicht

a und b, sondern verschiedene Theile von der Wirkung a hervor Die Dunkelheit

und Schwierigkeit der Untersuchung der Gesetze der Naturerscheinungen wird

besonders durch die Notwendigkeit vermehrt auf folgende zwei Umstände zu

achten Vermischung der Wirkungen, und Vielfachheit der Ursachen. Da die

Betrachtung der letzteren einfacher ist so wollen wir zuerst unsere

Aufmerksamkeit auf sie richten

    Es ist also nicht wahr dass eine Wirkung nur mit einer einzigen Ursache

oder Vereinigung von Bedingungen zusammenhängen muss dass eine jede

Naturerscheinung nur in einer einzigen Weise erzeugt werden kann. Es gibt

häufig mehrere unabhängige Arten auf welche ein und dasselbe Phänomen

hervorgebracht werden kannEine Tatsache kann das Konsequenz in verschiedenen

unveränderlichen Sequenzen sein sie kann mit derselben Gleichförmigkeit dem

einen oder dem andern von verschiedenen Antecedentien oder Vereinigungen von

Antecedentien folgen Viele Ursachen können Bewegung erzeugen viele Ursachen

können gewisse Arten von Sensationen hervorbringen viele Ursachen können den

Tod hervorrufen Eine gegebene Wirkung kann in Wirklichkeit von einer gewissen

Ursache hervorgebracht und doch vollkommen fähig sein ohne dieselbe

hervorgebracht zu werden

    

     2 Eine der wichtigsten Folgen der Vielfachheit der Ursachen ist dass

sie die eine unserer induktiven Methoden die der Übereinstimmung, unsicher

macht Um diese Methode zu erläutern nahmen wir zwei Fälle an A B C begleitet

von a b c und A D E begleitet von a d e Aus diesen Beispielen dürfte

geschlossen werden dass A ein beständiges Antezedens von a ist und sogar dass

es das unbedingte beständige Antezedens oder die Ursache ist wenn wir sicher

sein könnten dass kein anderes den zwei Fällen gemeinsames Antezedens

vorhanden ist. Damit uns diese Schwierigkeit nicht im Wege stehe wollen wir

annehmen wir hätten ermittelt dass die zwei Fälle wirklich kein gemeinsames

Antezedens haben ausgenommen A In dem Augenblicke jedoch wo wir die

Möglichkeit der Vielfachheit der Ursachen zulassen wird der Schluss falsch

denn er schließt die stillschweigende Voraussetzung ein dass a in beiden

Fällen durch dieselbe Ursache hervorgebracht worden sein muss Wenn

möglicherweise zwei Ursachen vorhanden gewesen sein können so mögen sie zBC

und E sein die eine kann die Ursache in dem ersten Falle gewesen sein die

andere in dem letzteren während A in keinem dieser Fälle einen Einfluss hat

    Nehmen wir zB an dass zwei große Künstler oder Philosophen dass zwei

äußerst selbstsüchtige oder äußerst großmütige Charaktere in Beziehung auf

die Umstände ihrer Erziehung und Geschichte mit einander verglichen werden und

dass die zwei Falle nur in einem einzigen Umstand übereinstimmend befunden

werden Würde daraus folgen dass dieser eine Umstand die Ursache der

Eigenschaft war welche beide Individuen charakterisierte Gewiss nicht denn der

Ursachenwelche bei der Erzeugung eines gegebenen Charaktertypus wirken sind

unzählige die zwei Individuen hätten in ihrem Charakter übereinstimmen können

obgleich ihre frühere Geschichte in keiner Weise Ähnlichkeit hatte

    Es ist dies daher eine charakteristische Unvollkommenheit der Methode der

Übereinstimmung, von welcher die Differenzmethode frei ist Denn wenn wir zwei

Fälle A B G und B C, haben von denen B Cb c gibt was beim Hinzukommen von

A in a b c verwandelt wird so ist es gewiss dass in diesem Falle wenigstens A

entweder die Ursache von a, oder ein Teil seiner Ursache war obgleich die

Ursache, welche dasselbe in einem andern Falle hervorbringt eine ganz

verschiedene sein kann Die Vielfachheit der Ursachen vermindert daher nicht

allein nicht die Zuverlässigkeit der Differenzmethode sondern macht nicht

einmal eine größere Anzahl von Beobachtungen oder Experimenten nötig zwei

Fälle der eine ein positiver der andere ein negativer sind meistens für die

vollständigste und strengste Induktion hinreichend Nicht so dagegen bei der

Methode der ÜbereinstimmungDie Schlüsse, zu welchen sie führt wenn die Zahl

der verglichenen Fälle gering ist haben keinen realen Werth ausgenommen da wo

sie als Fingerzeige zu Experimenten führen welche zur Anwendung der

Differenzmethode Anlass geben und zu Schlüssen welche sie deduktiv erklären

und verifizieren können

    Nur wenn die Beispiele ohne Ende vervielfältigt und mannigfaltig sind und

immer dasselbe Resultat geben erhält dieses Resultat einen hohen Grad von

unabhängigem Werth Wenn es nur zwei Fälle A B C und A D E sind so ist

obgleich sie außer A kein gemeinsames Antezedens haben die Wirkung jedoch

möglicherweise in beiden Fällen durch verschiedene Ursachen hervorgebracht sein

kann das Resultat nur eine geringe Wahrscheinlichkeit zu Gunsten von A, es mag

Verursachung vorhanden sein aber es ist fast eben so wahrscheinlich dass es

ein bloßes Zusammentreffen eine Coincidenz war Je öfter wir aber die

Beobachtung wiederholen indem wir die Umstände verändern um so mehr nähern wir

uns einer Lösung dieses Zweifels Denn wenn wir A F G A H K etc die alle nur

darin ähnlich sind dass sie den Umstand A enthalten prüfen und wenn wir

finden dass die Wirkung a in allen diesen Fällen ein Bestandteil des

Resultates ist so müssen wir eines von beiden annehmen entweder dass sie von A

verursacht ist oder dass sie so viel verschiedene Ursachen hat als es Fälle

gibt Durch eine jede Hinzufügung eines Falles zu der Anzahl von Beispielen

wird die Vermutung zu Gunsten von A also verstärkt Der Untersuchende wird

natürlicherweise wenn sich eine Gelegenheit darbietet nicht vernachlässigen A

aus einer dieser Kombinationen auszuschließen zB aus A H K und indem er H

K gesondert prüfte die Differenzmethode zu Hülfe rufen Durch die letztere

Methode allein kann erforscht werden dass A die Ursache von a ist aber dass es

entweder die Ursache oder eine andere Wirkung derselben Ursache ist kann durch

die Methode der Übereinstimmung über einen jeden vernünftigen Zweifel erhoben

werden vorausgesetzt dass die Beispiele sehr zahlreich und von einander

verschieden sind

    Nach einer wie großen Vervielfältigung von mannigfaltigen Fällen die alle

nur in dem Antezedens A übereinstimmen ist nun die Voraussetzung einer

Vielfachheit von Ursachen widerlegt und der Schluss dass a die Wirkung von A

ist seiner charakteristischen Unvollkommenheit entkleidet und zu einer

vollgültigen Gewissheit erhoben Dies ist eine Frage deren Beantwortung nicht

umgangen werden kann; ihre Betrachtung gehört jedoch in die sogenannte

Wahrscheinlichkeitstheorie die den Gegenstand eines der folgenden Kapitel

bilden wird Man sieht indessen sogleich dass sich der Schluss bei einer

gewissen Anzahl von Fällen zu einer praktischen Gewissheit erhebt und dass

daher die Methode durch ihre charakteristische Unvollkommenheit nicht radikal

fehlerhaft gemacht wird Das Resultat dieser Betrachtungen ist jedoch nur

erstens eine neue Quelle des geringeren Wertes der Methode der Übereinstimmung

im Vergleich mit anderen Untersuchungsarten und Gründe dafür anzugeben dass

man sich niemals mit ihren Resultaten zufriedenstelle ohne zu suchen sie

entweder durch die Differenzmethode oder dadurch dass man sie deduktiv mit

einem bereits durch diese überlegene Methode erforschten Gesetze oder Gesetzen

in Verbindung bringt zu bestätigen Wir lernen zweitens daraus die wahre

Theorie des Wertes von einer bloßen Anzahl von Fällen in der induktiven

Forschung kennen Die Vielfachheit der Ursachen ist der einzige Grund warum

bloße Zahlen von irgend einer Wichtigkeit sind Es ist die Neigung

unwissenschaftlicher Forscher sich zu viel auf Zahlen zu verlassen ohne die

Fälle zu analysieren ohne ihre Natur näher zu betrachten um dadurch zu

erforschen welche Umstände durch dieselben eliminiert werden und welche nicht

Viele halten ihre Schlüsse mit einem gewissen Grade von Zuversicht der bloßen

Masse von Erfahrungen auf welche sie sich zu stützen scheinen proportional

ohne zu bedenken dass durch das Hinzufügen von Fällen zu Fällen von derselben

Art, dh unterschieden in nichts Anderem als in bereits als unwesentlich

anerkannten Punkten der Wahrheit des Schlusses durchaus nichts hinzugefügt

wird Ein einziger Fall in dem ein Antezedens das in allen an dem Fällen

vorhanden war eliminiert istist von größerem Wert als die größte Menge von

Fällen, die nur nach ihrer Anzahl gerechnet werden Es ist ohne Zweifel nötig

dass wir uns durch eine Wiederholung der Beobachtung oder des Experiments

versichern dass kein Irrtum in Beziehung auf die einzelnen beobachteten

Tatsachen begangen worden ist; und so lange wir uns hiervon nicht überzeugt

haben können wir statt die Umstände zu verändern nicht zu gewissenhaft

dasselbe Experiment oder dieselbe Beobachtung ohne eine Änderung wiederholen

Wenn aber diese Sicherheit einmal erreicht ist so würde die Vervielfältigung

von Fällen, die keine weiteren Umstände ausschließen ganz nutzlos sein

vorausgesetzt dass bereits Fälle genug vorhanden sind, um die Annahme einer

Vielfachheit von Ursachen auszuschließen

    Es ist von Wichtigkeit zu bemerken dass die besondere Modifikation der

Methode der Übereinstimmung, welche ich da sie in gewissem Grade etwas von der

Natur der Differenzmethode besitzt »vereinigte Methode der Übereinstimmung und

des Unterschieds« genannt habe an der eben angegebenen charakteristischen

Unvollkommenheit nicht leidet Denn in der vereinigten Methode wird nicht allein

angenommen dass die Fälle, in welchen a ist nur darin übereinstimmen dass sie

A enthalten sondern auch dass die Fälle, in denen a nicht ist nur darin

übereinstimmen dass sie A nicht enthalten Wenn dies nun der Fall ist, so muss

A nicht allein die Ursache, sondern auch die einzig mögliche Ursache von a sein

denn gäbe es noch eine andere zB B so muss B in den Fällen worin a nicht

ist so gut als A abwesend gewesen sein und es wäre nicht wahr dass diese

Fälle nur darin übereinstimmen dass sie A nicht enthalten Dies gibt der

vereinigten Methode einen großen Vorteil vor der einfachen Methode der

Übereinstimmung. Es mag in der Tat scheinen dass der Vorteil nicht sowohl

der vereinigten Methode als einer ihrer zwei Prämissen wenn man sie so nennen

darf der negativen nämlich angehört Wenn die Methode der Übereinstimmung

auf negative Fälle oder auf Fälle angewendet wird in welchen ein Phänomen nicht

stattfindet so ist sie sicherlich frei von jener charakteristischen

Unvollkommenheit an welcher sie in dem bejahenden Falle leidet Man könnte

daher voraussetzen dass die negative Prämisse als ein einfacher Fall der

Methode der Übereinstimmung behandelt werden könnte ohne dass man damit eine

bejahende Prämisse verbinden müsse Aber obgleich dies dem Prinzip nach wahr

ist so ist es doch im allgemeinen ganz unmöglich die Methode der

Übereinstimmung auf bloß negative Fälle ohne positive anzuwenden es ist viel

schwieriger das Feld der Negation als dass der Affirmation zu erschöpfen Es

werde zB die Frage gestellt was ist die Ursache der Durchsichtigkeit der

Körper? mit welcher Aussicht auf Erfolg könnten wir nun direkt zu ermitteln

suchen worin die vielen nicht durchsichtigen Substanzen übereinstimmen Wir

könnten eher hoffen bei vergleichungsweise wenigen und bestimmten Arten von

Gegenständen, die durchsichtig sind einen Punkt der Übereinstimmung zu finden

und wenn dies gelungen wäre so würden wir ganz natürlich zur Untersuchung

geführt ob die Abwesenheit dieses einen Umstandes nicht genau der Punkt ist in

dem alle dunklen Gegenstände übereinstimmen

    Die vereinigte Methode der Übereinstimmung und des Unterschieds oder wie

ich sie nannte die indirekte Differenzmethode weil sie wie die eigentliche

Differenzmethode so verfahrt dass sie bestimmt wie und worin die Fälle, in

denen ein Phänomen vorhanden ist, sich von denen unterscheiden worin es

abwesend istist daher nach der direkten Differenzmethode das mächtigste der

übrigbleibenden Instrumente der induktiven Forschung und in den Wissenschaften

welche bei geringer oder gar keiner Hülfe durch das Experiment nur von der

bloßen Beobachtung abhängen ist diese bei der schönen Forschung über die

Ursache des Thaues so wohl erläuterte Methode das vorzügliche Hilfsmittel so

weit die direkte Berufung an die Erfahrung dabei in Betracht kommt

    

     3 Wir haben bisher die Vielfachheit der Ursachen nur als eine mögliche

Voraussetzung behandelt welche so lange sie nicht entfernt ist unsere

Induktionen unsicher macht und wir haben nur die Mittel betrachtet durch

welche wir, wenn keine Vielfachheit in der Tat existiert deren Nichtexistenz

beweisen können Wir müssen sie aber auch als einen in der Natur wirklich

vorkommenden Fall betrachten den so oft er vorkommt unsere Induktionsmethoden

fähig sein müssen zu ermitteln und festzustellen Hierzu ist indessen keine

besondere Methode erforderlich Wenn eine Wirkung in der Tat durch zwei oder

mehrere Ursachen hervorgebracht werden kann, so ist das Verfahren um dieselbe

zu entdecken in keiner Weise verschieden von dem wodurch wir einzelne Ursachen

entdecken Sie können erstens als besondere Sequenzen durch besondere Reihen

von Fällen entdeckt werden Eine Reihe von Beobachtungen und Experimenten zeigt

dass die Sonne die Ursache der Wärme ist eine andere dass die Reibung es ist

eine andere dass der Stoß eine andere dass Elektrizität eine andere dass

die chemische Tätigkeit eine Wärmequelle ist Oder zweitens die Vielfachheit

erscheint bei dem Vergleichen einer Anzahl von Fällen, wenn wir suchen einen

Umstand zu finden in dem sie alle übereinstimmen und uns dies misslingt Wir

finden es unmöglich in allen Fällen, wo wir einer Wirkung begegnen einen

gemeinsamen Umstand nachzuweisen Wir finden dass wir alle Antecedentien

wegschaffen können dass keines von ihnen in allen Fällen gegenwärtig keines

von ihnen zur Wirkung unumgänglich nötig ist Bei genauer Untersuchung scheint

es indessen dass obgleich keines von ihnen immer gegenwärtig das eine oder das

andere von mehreren immer gegenwärtig ist Wenn wir bei einer weitem Analyse in

diesen irgend ein gemeinsames Element entdecken können so dürften wir im Stande

sein von ihnen zu irgend einer Ursache zu gelangen welche der in der Tat

wirkende Umstand in allen ist So durfte und wird vielleicht entdeckt werden

dass bei der Erzeugung von Wärme durch Reibung Stoß chemische Action etc die

letzte Quelle eine und dieselbe ist Wenn wir aber wie fortwährend geschieht

diesen letzten Schritt nicht tun können so müssen die verschiedenen

Antecedentien vorläufig als unterschiedene Ursachen angesehen werden, wovon eine

jede für sich hinreicht die Wirkung hervorzubringen

    Wir schließen hier unsere Bemerkungen über die Vielfachheit der Ursachen

und gehen zu dem noch eigentümlicheren und verwickelteren Falle der Vermischung

der Wirkungen und der Interferenz der Ursachen über einem Falle der den

größten Teil der Verwickelung und Schwierigkeit des Studiums der Natur

ausmacht und mit dem die vier einzig möglichen Methoden der direkten induktiven

Forschung durch Beobachtung und Experiment meistenteils wie sich nun ergeben

wird nicht fertig zu werden vermögen Die Deduktion allein ist hier fähig die

aus dieser Quelle entspringenden Verwickelungen zu lösen und die vier Methoden

können hier wenig mehr tun als die Prämissen für unsere Deduktionen zu

schaffen

    

     4 Ein Zusammenwirken zweier oder mehrerer Ursachen die separat nicht

einerlei Wirkung hervorbringen sondern mit einander interferieren oder die ihre

Wirkungen gegenseitig modifizieren findet wie bereits erklärt wurde auf zwei

verschiedene Arten Statt In dem einen Fall der durch die vereinigte Wirkung

verschiedener Kräfte in der Mechanik erläutert wird werden die besonderen

Wirkungen aller Ursachen fortwährend hervorgebracht sind aber mit einander

verbunden und verschwinden in einer Totalwirkung In dem andern durch die

chemische Action erläuterten Falle hören die besonderen Wirkungen ganz auf und

es folgt ihnen ein ganz verschiedenes und durch ganze andere Gesetze regiertes

Phänomen

    Von diesen Fällen ist der erstere bei weitem der häufigste und dieser Fall

ist es auch der sich dem Angriffe unserer experimentellen Methoden meistens

entzieht Der andere ein Ausnahmefall kann ihnen unterworfen werden Wenn die

Gesetze der ursprünglichen Agentien ganz aufhören und ein Phänomen erscheint

welches in Beziehung auf diese Gesetze ganz heterogen ist wenn zB zwei

luftförmige Substanzen Wasserstoff und Sauerstoff indem sie zusammengebracht

werden ihre besonderen Eigenschaften ablegen und die Wasser genannte Substanz

erzeugen so kann in einem solchen Falle die neue Tatsache einer

experimentellen Untersuchung unterworfen werden wie ein anderes Phänomen und

die Elemente von welchen man sagt sie setzten dasselbe zusammen können als

die bloßen Agentien seiner Erzeugung als die Bedingungen von denen es

abhängt die Tatsachen, welche seine Ursache ausmachen betrachtet werden.

    Die Wirkungen des neuen Phänomens die Eigenschaften des Wassers zB werden

durch den Versuch so leicht gefunden als die Wirkungen einer jeden andern

Ursache Aber die Ursache desselben zu entdecken dh die eigentümliche

Verbindung von Agentien aus denen es hervorgeht ist oft sehr schwierig Es ist

vor allem der Ursprung und die wirkliche Erzeugung des Phänomens unserer

Beobachtung meistens unzugänglich Wenn wir die Zusammensetzung des Wassers

nicht eher hätten kennen lernen können als bis wir Fälle sahen in denen es

wirklich aus Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wurde so wären wir gezwungen

gewesen zu warten bis irgend Einem der zufällige Gedanke gekommen wäre einen

elektrischen Funken durch eine Mischung der beiden Gase schlagen zu lassen oder

bis er ein brennendes Licht hineingebracht hätte wenn auch bloß um zu sehen

was dabei geschieht Wenn wir aber auch durch die Methode der Übereinstimmung

hätten bestimmen können dass Sauerstoff und Wasserstoff gegenwärtig sind wenn

Wasser gebildet wird so hätte doch kein Versuch mit Sauerstoff und Wasserstoff

allein keine Kenntnis ihrer Gesetze uns in den Stand setzen können deduktiv

zu schließen dass sie Wasser hervorbringen Wir bedürfen eines spezifischen

Versuches mit den zwei Stoffen im verbundenen Zustande

    Bei diesen Schwierigkeiten würden wir im allgemeinen unsere Kenntnis der

Ursachen dieser Klasse von Wirkungen nicht einer besonders auf dieses Ziel

gerichteten Untersuchung sondern entweder dem Zufall oder dem allmäligen

Fortschreiten des Experimentierens mit den verschiedenen Verbindungen deren die

erzeugenden Agentien fähig Bind zu verdanken gehabt haben wenn nicht die,

Wirkungen dieser Art zugehörige Eigentümlichkeit wäre dass sie oft unter

einer besonderen Kombination von Umständen ihre Ursachen reproduzieren Wenn

Wasser aus der Juxtaposition von Sauerstoff und Wasserstoff entsteht so oft

dieselbe nahe und innig genug herzustellen ist so werden auf der andern Seite

unter gewissen Umständen Sauerstoff und Wasserstoff aus dem Wasser reproduziert

die neuen Gesetze nehmen plötzlich ein Ende und die Agentien erscheinen getrennt

mit ihren eigenen besonderen Eigenschaften wie sie dieselben vorher besaßen

Was man die chemische Analyse nennt ist das Verfahren wonach man die Ursachen

einer Naturerscheinung unter ihren Wirkungen sucht oder vielmehr unter den

Wirkungen die durch Action einer andern Ursache auf dieselbe hervorgebracht

wurden

    Indem Lavoisier Quecksilber in einem lufthaltigen geschlossenen Gefäße bis

auf eine hohe Temperatur erhitzte fand er dass das Quecksilber an Gewicht

zunahm und zu dem wurde was man damals roten Präzipitat nannte während die

Luft als sie nach dem Versuch geprüft wurde an Gewicht verloren hatte und sich

unfähig zeigte das Leben oder die Verbrennung zu unterhalten Als der rote

Präzipitat einer noch größeren Hitze ausgesetzt wurde verwandelte er sich

wieder in Quecksilber und gab ein Gas aus welches das Leben und die Flamme

unterhielt Auf diese Weise erscheinen die Agentien durch deren Verbindung

roter Präzipitat erzeugt wurde nämlich Quecksilber und das Gas wieder als

Wirkungen die von dem erhitzten Präzipitat herrühren Wenn wir Wasser

vermittelst Eisenfeile zersetzen so bringen wir zwei Wirkungen hervor Rost und

Wasserstoff von dem Rost weiß man nun aus Versuchen mit seinen Bestandteilen

dass er eine Wirkung der Verbindung von Eisen und Sauerstoff ist das Eisen

gaben wir hinzu aber der Sauerstoff musste aus dem Wasser erzeugt worden sein

Das Resultat ist daher, dass das Wasser verschwunden ist und dass Sauerstoff

und Wasserstoff an seiner Stelle erschienen sind oder mit anderen Worten, die

ursprünglichen Gesetze dieser luftförmigen Agentien welche durch die

Hinzufügung neuer Eigenschaften des Wassers genannter Gesetze suspendiert

waren traten wieder ins Leben und die Ursachen des Wassers finden sich unter

seinen Wirkungen

    Wo zwei Naturerscheinungen zwischen deren Gesetzen oder Eigenschaften an

sich betrachtet kein Zusammenhang nachgewiesen werden kann, gegenseitig Ursache

und Wirkung sind wo demnach eine jede fähig ist der Reihe nach von der andern

hervorgebracht zu werden und eine jede bei der Erzeugung der andern selbst zu

existieren aufhört wie Wasser von Sauerstoff und Wasserstoff erzeugt wird und

Sauerstoff und Wasserstoff vom Wasser reproduziert werden da ist die

Verursachung der einen durch die andere indem eine jede durch die Vernichtung

der andern erzeugt wird eigentlich eine Transformation Die Idee von chemischer

Zusammensetzung ist eine Idee von Transformation aber von einer Transformation

die unvollständig ist denn wir nehmen an dass Sauerstoff und Wasserstoff als

solche in dem Wasser gegenwärtig sind und dass wir bei der erforderlichen

Schärfe unserer Sinne im Stande wären sie darin zu entdecken eine Annahme

denn mehr ist es nicht die einzig auf die Tatsache gegründet ist dass das

Gewicht des Wassers die Summe der Gewichte seiner einzelnen Bestandteile ist

Wenn diese Ausnahme von dem Verschwinden der Gesetze der einzelnen Bestandteile

in der Verbindung nicht stattgefunden hätte wenn die verbundenen Agentien in

diesem einen besonderen Gesetze des Gewichts ihre eigenen Gesetze nicht

beibehalten und ein vereinigtes Resultat das der Summe ihrer besonderen

Resultate gleich ist hervorgebracht hätten so wären wir wahrscheinlich niemals

zu dem Begriff gelangt den wir jetzt mit dem Worte chemische Zusammensetzung

verbinden und wir würden in der Tatsache der Erzeugung von Wasser durch

Sauerstoff und Wasserstoff und der Erzeugung der letzteren aus dem Wasser da

die Transformation vollständig gewesen wäre nichts als eine Transformation

erblickt haben

    In seiner »Correlation of Physical Forces Wechselbeziehung der

physikalischen Kräfte« einer Betrachtung die anregender und reicher an

zukünftigen Resultaten ist als alle neueren physikalischen Betrachtungen legt

Herr Grove großes Gewicht auf die Hypothese denn mehr ist es bis jetzt nicht

von einer Beziehung zwischen physikalischen Kräften welche ähnlich derjenigen

istwelche zwischen Wasserstoff und Sauerstoff auf der einen Seite und Wasser

auf der andern Seite stattfindet oder die mehr noch der wechselseitigen

Beziehung zwischen jenen zusammengesetzten Substanzen gleicht welche aus

denselben Elementen in denselben Gewichtsverhältnissen bestehen die aber in

ihren sinnfälligen Eigenschaften von einander abweichen wie Zucker Stärke und

Gummi Es war bekannt dass die Wärme Elektrizität und dass die Elektrizität

Wärme erzeugen kann dass mechanische Bewegung in bestimmten Fällen beide

entwickelt und durch beide erzeugt wird und so die übrigen Herr Grove führt

nun aus dass mechanische Kraft Elektrizität Magnetismus Wärme Licht und

chemische Tätigkeit wozu später noch Lebenskraft kam nicht sowohl Ursachen

von einander, als ineinander überführbar sind dass sie alle Formen von einer

und derselben Kraft sind die sich nur in verschiedener Weise äußert Eine

solche Lehre könnte man leicht für ein Stück mystischer Metaphysik für eine

vorgebliche Entdeckung von etwas auf das letzte Wesen der sogenannten Kräfte

als Dinge an sich betrachtet bezügliches halten Herr Grove sieht aber ganz

klar dass solche Ansprüche eine Chimäre wären Sein Ziel ist wohlerwogen und

philosophisch und in einer Weise ausgesprochen der wenig fehlt um

philosophisch untadelhaft zu sein Hier kann darüber bemerkt werden dass wenn

sich seine Lehre bestätigen sollte so würden die verschiedenen Arten von

Phänomenen welche sie zu identifizieren unternimmt immer noch Ursachen von

einander, und würden gegenseitig Ursachen und Wirkungen sein was in der

eigentlich Transformation genannten Form von Verursachung das erste Ingredienz

ist Es gibt indessen noch ein anderes Ingredienz wenn die Ursache die Wirkung

erzeugt hat so muss die Wirkung die Ursache ohne eine Veränderung in der

Quantität reproduzieren können Diese zweite Bedingung ist es welche für die

Verwandlung der Hypothese von Herrn Grove in eine wissenschaftliche Theorie noch

immer fehlt Wenn Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt worden istso

können Wasserstoff und Sauerstoff wieder in die gleiche Quantität Wasser

verwandelt werden aus der sie erzeugt wurden um Hrn Groves Lehre zu beweisen

müsste Wärme in Elektrizität Elektrizität in chemische Tätigkeit chemische

Tätigkeit in mechanische Kraft und mechanische Kraft wieder in dieselbe beim

Beginn der Reihe verausgabte Quantität Wärme verwandelt werden können. Wenn es

bewiesen wäre dass dies der Fall ist, so würde dadurch genau das festgestellt

was die von dem einfachen Fall gegenseitiger Verursachung unterschiedene

Transformation ausmacht Aber so lange dieses nicht bewiesen ist können die von

Herrn Grove in so belehrender Weise beigebrachten Tatsachen und Argumente nur

als eine Vermutung wenn auch als eine sehr starke gelten dass diese

quantitative Äquivalenz der Kräfteformen wirklich stattfindet Die Kräfte

identisch nennen schließt nicht bloß ein dass sie in einander überführbar

sind sondern auch dass die ursprünglichen Quantitäten nach einer jeden Anzahl

von Überführungen unvermehrt und unvermindert wiedererscheinen wie sie dies

bei allen chemischen Verwandlungen und Rückverwandlungen tun und diese Lehre

welche die Kraft für ebenso unzerstörbar hält als die Materie, scheint unter dem

Namen der Erhaltung der Kraft allmälig aus dem Zustand der Hypothese in den

eines philosophischen Satzes überzugehen Sie ist aber noch weit entfernt die

Stellung einer festgestellten Wahrheit einzunehmen107

    In diesen Fällen also wo die heteropatische Wirkung wie wir sie in einem

früheren Kapitel  Cap VII  1  nannten nur eine Transformation ihrer

Ursache ist oder mit anderen Worten, wo die Wirkung und ihre Ursache

gegenseitig Transformationen wo sie gegenseitig in einander überführbar sind da

löst sich die Aufgabe die Ursache zu finden in die viel leichtere auf eine

Wirkung zu finden was diejenige Art von Untersuchung ist die durch den

direkten Versuch verfolgt werden kann. Es gibt aber noch andere Fälle von

heteropatischen Wirkungen auf welche diese Untersuchungsweise nicht anwendbar

ist Man nehme zB die heteropatischen Gesetze des Geistes, jenen Teil der

Erscheinungen unserer geistigen Natur welche eher chemischen als dynamischen

Phänomenen ähnlich sind wenn zB eine komplexe Leidenschaft durch die

Vereinigung verschiedener elementarer Impulse oder eine komplexe

Gemütsbewegung durch verschiedene einfache Freuden oder Leiden gebildet wird

wovon sie das Resultat ist ohne das Aggregat derselben oder in irgend einer

Weise homogen damit zu sein Das Produkt entsteht in diesem Falle aus

verschiedenen Faktoren die Faktoren können jedoch nicht aus dem Produkt

reproduziert werden ähnlich wie ein Jüngling zum alten Mann werden ohne dass

der alte Mann zu einem Jüngling werden kann. Wir können nicht ermitteln von

welchen einfachen Gefühlen irgend einer von unseren komplexen Geisteszuständen

erzeugt wird so wie wir die Bestandteile einer chemischen Verbindung

ermitteln indem wir sie umgekehrt daraus entstehen lassen Wir können daher

diese Gesetze nur durch das langsame Verfahren diese einfachen Gefühle selbst

zu studieren und nur dadurch entdecken dass wir synthetisch durch

Experimentiren mit den verschiedenen Kombinationen deren sie fähig sind

bestimmen was sie durch ihre gegenseitige Wirkung auf einander fähig sind

hervorzubringen

    

     5 Man hätte voraussetzen können die andere und augenscheinlich

einfachere Varietät von gegenseitigen Interferenzen der Ursachen, bei der eine

jede Ursache fortwährend ihre eigene besondere Wirkung nach demselben Gesetze

wie im gesonderten Zustande ausübt hätte der induktiven Forschung weniger

Schwierigkeiten dargeboten als diejenige deren Betrachtung wir soeben beendigt

haben Sie bietet jedoch so weit es die von der Deduktion getrennte direkte

Induktion betrifft unendlich größere Schwierigkeiten dar Wenn durch ein

Zusammenwirken von Ursachen eine neue Wirkung entsteht die in keiner Beziehung

zu den besonderen Wirkungen jener Ursachen steht so zeigt sich das resultierende

Phänomen wenigstens unverdeckt indem es die Aufmerksamkeit auf seine

Eigentümlichkeit zieht und unserer Erkenntnis seiner Gegenwart oder

Abwesenheit in einer Anzahl von dasselbe umgebenden Erscheinungen kein

Hindernis darbietet Es kann daher den Regeln der Induktion leicht unterworfen

werden vorausgesetzt dass solche Fälle erhalten werden können, wie sie diese

Regeln verlangen Das Nichteintreffen solcher Fälle oder der Mangel an Mitteln

um sie hervorzubringen ist die wahre und einzige Schwierigkeit bei solchen

Untersuchungen eine Schwierigkeit die gewissermaßen eine physikalische und

keine logische ist Anders verhält es sich mit Fällen von dem was im

vorhergehenden Kapitel Zusammensetzung der Ursachen genannt wurde Hier hören

die Wirkungen der besonderen Ursachen nicht auf und machen anderen Platz wodurch

sie auch aufhören einen Teil der zu untersuchenden Naturerscheinung zu bilden

sie finden im Gegenteil immer Statt jedoch vermischt und verdeckt durch die

homogenen und eng verbundenen Wirkungen anderer Ursachen Sie sind nicht mehr a,

bc, d e neben einander bestehend und fortwährend einzeln wahrnehmbar sie

sind a a 12b b 2b etc einige von ihnen vernichten einander während

viele andere nicht unterscheidbar sind sondern in einer Summe aufgehen und ein

Resultat bilden zwischen dem und den Ursachen wodurch es hervorgebracht wurde

irgend eine bestimmte Beziehung durch Beobachtung nachzuweisen oft eine

unübersteigliche Schwierigkeit besteht

    Man hat gesehen dass die allgemeine Idee von der Zusammensetzung der

Ursachen die war dass obgleich zwei oder mehrere Gesetze interferieren und ihre

Wirkungen scheinbar einander vereiteln oder modifizieren in Wahrheit doch alle

erfüllt werden indem die Kollectivwirkung genau die ganze Summe der Wirkungen

der Ursachen ist wenn sie gesondert genommen werden Ein bekannter Fall ist

der wo ein Körper, auf welchen zwei gleiche und entgegengesetzte Kräfte wirken

im Gleichgewicht erhalten wird Eine von den Kräften allein wirkend würde ihn so

und so weit nach Westen die andere allein wirkend würde ihn genau so weit nach

Osten führen das Resultat ist dasselbe als wenn er zuerst so weit nach Westen

geführt worden wäre als die eine Kraft ihn führen kann und dann so weit

zurück als die andere Kraft ihn führen könnte dh genau auf dieselbe Stelle

indem er zuletzt da gelassen wird wo er anfänglich war

    Alle Kausalgesetze können auf diese Weise aufgehoben und scheinbar

vernichtet werden wenn sie mit anderen Gesetzen in Konflikt geraten deren

besondere Wirkungen den ihrigen entgegengesetzt oder mehr oder weniger damit

unverträglich sindDaher scheinen fast bei einem jeden Gesetze viele Fälle in

denen dasselbe wirklich vollständig erfüllt wird beim ersten Blick keine Fälle

zu sein in denen es wirksam ist Es ist dies der Fall bei dem so eben

angeführten Beispiele in der Mechanik heißt eine Kraft nichts mehr und nichts

weniger als eine Ursache der Bewegung, und doch kann die Summe der Wirkungen

zweier Ursachen der Bewegung Ruhe sein Ebenso bewegt sich ein Körper, auf den

zwei Kräfte wirken die zusammen einen Winkel bilden in der Diagonale und es

scheint ein Paradoxon zu sein wenn man sagt die Bewegung in der Diagonale sei

die Summe der Bewegungen in zwei anderen Linien Bewegung ist indessen nur eine

Veränderung des Ortes und in einem jeden Augenblick ist der Körper genau an dem

Orte wo er gewesen wäre wenn die Kräfte in abwechselnden Augenblicken statt in

demselben Augenblicke gewirkt hätten nur dasswenn wir sie als abwechselnd

wirkend annehmen während sie in der Tat gleichzeitig wirken wir ihnen

natürlich die doppelte Zeit zugestehen müssen Es ist daher evident dass eine

jede Kraft in einem jeden Augenblicke ihre volle Wirkung hatte die ihr zukommt

und dass der modifizierende Einfluss von welchem man sagt er werde durch die

eine der zusammenwirkenden Ursachen in Beziehung auf die andere ausgeübt

betrachtet werden kann als ausgeübt nicht auf die Tätigkeit der Ursache

selbst sondern auf die Wirkung, nachdem sie vollendet ist Zu allen Zwecken der

Voraussagung der Berechnung der Erklärung ihrer vereinigten Resultate können

Ursachenwelche ihre Wirkungen verbinden behandelt werden als ob sie

gleichzeitig eine jede ihre eigene Wirkung hervorbrächten und als ob diese

Wirkungen sichtbar koexistierten

    Da die Gesetze der Ursachen wirklich erfüllt werden sowohl wenn den

Ursachen durch entgegengesetzte Ursachen entgegengewirkt wird als auch wenn sie

ihrer eigenen ungestörten Action überlassen bleiben so müssen wir die Vorsicht

gebrauchen die Gesetze nicht mit solchen Worten auszudrücken dass dadurch die

Behauptung, sie wurden in jenen Fällen erfüllt zu einem Widerspruch wird Wenn

man zB als ein Naturgesetz angeben würde dass ein Körper, auf den eine Kraft

wirkt sich in der Richtung der Kraft und mit einer Schnelligkeit bewegt die in

geradem Verhältnis zu der Kraft und im umgekehrten zu seiner eigenen Masse

steht und wenn in Wirklichkeit einige Körper auf welche eine Kraft wirkt sich

gar nicht bewegen und einige die sich bewegen vom Beginn an durch die Wirkung

der Schwere und anderer widerstrebender Kräfte verzögert und endlich ganz zum

Stillstehen gebracht werden so ist klar dass der allgemeine Lehrsatz obgleich

er unter gewissen Voraussetzungen wahr wäre die Tatsachen nicht ausdrücken

würde wie sie wirklich stattfinden Um den Ausdruck des Gesetzes den wirklichen

Erscheinungen anzupassen müssen wir sagen nicht dass sich der Gegenstand

bewegt sondern dass er das Bestreben hat sich in der angegebenen Richtung und

mit der erwähnten Geschwindigkeit zu bewegen Wir könnten in der Tat unsern

Ausdruck in einer andern Weise verwahren indem wir sagen dass sich der Körper

auf diese Weise bewegt wenn er nicht verhindert wird oder so lange er nicht

durch eine entgegenwirkende Ursache verhindert wird Aber der Körper bewegt sich

nicht allein auf diese Weise wenn ihm nichts entgegenwirkt er strebt sogar

sich in dieser Weise zu bewegen wenn ihm etwas entgegenwirkt er übt in

derselben Richtung noch dieselbe Kraft der Bewegung aus als wenn sein erster

Impuls nicht gestört worden wäre und bringt dadurch genau eine äquivalente

Quantität der Bewegung hervor Dies ist sogar wahr wenn die Kraft den Körper in

dem absoluten Zustande von Ruhe lässt in dem sie ihn anfänglich vorfand wenn

wir zB versuchen einen Körper von dem Gewicht von drei Centner mit einer

Kraft die gleich einem Centner ist zu heben Denn wenn während wir diese

Kraft anwenden der Wind das Wasser oder ein anderes Agens eine weitere Kraft

hinzuführt welche zwei Centner nur wenig übersteigt so wird der Körper gehoben

werden was beweist dass die Kraft welche wir anwandten ihre volle Wirkung

ausgeübt hat indem sie einen äquivalenten Teil des Gewichts das sie nicht

gänzlich bezwingen konnte neutralisierte Und wenn der Gegenstand, während wir

diese Kraft von einem Centner in einer seiner Schwere entgegengesetzten Richtung

auf ihn wirken lassen auf eine Waagschale gebracht und gewogen wird so findet

man dass er einen Centner an seinem Gewichte verloren hat oder mit anderen

Worten, man findet dass er mit einer Kraft die der Differenz der zwei Kräfte

gleich ist nach unten drückt

    Diese Tatsachen werden durch den Ausdruck Bestreben ganz richtig

bezeichnet Alle Kausalgesetze müssen daher da sie alle einer Entgegenwirkung

ausgesetzt sind in Worten ausgedrückt werden, die nur ihr Bestrehen und nicht

ihre wirklichen Resultate ausdrücken In jenen Wissenschaften der Verursachung

die eine richtige Nomenklatur besitzen gibt es spezielle Worte die ein

Streben nach der eigentümlichen Wirkung zeigen von der die Wissenschaft

handelt so ist in der Mechanik Druck synonym mit Streben nach Bewegung und man

behandelt die Kräfte nicht als wirklich Bewegung erzeugend sondern als Druck

ausübend Eine ähnliche Verbesserung der Terminologie würde in vielen anderen

Zweigen der Wissenschaft sehr nützlich sein

    Die Gewohnheit dieses notwendige Element in der genauen Bezeichnung der

Naturgesetze zu vernachlässigen gab Veranlassung zu dem sehr verbreiteten

Vorurteil dass alle allgemeinen Wahrheiten Ausnahmen zulassen die Schlüsse

der Philosophie erfuhren dadurch ein unverdientes Misstrauen wenn sie dem

Urteile von solchen unterworfen wurden die keine Philosophen waren Die rohen

Generalisationen welche sich aus der gewöhnlichen Beobachtung ergeben haben

gemeinlich Ausnahmen aber die Prinzipien der Wissenschaft, oder mit anderen

Worten, die Kausalgesetze haben keine »Was man für die Ausnahmen eines Prinzips

hält« um bei einer andern Gelegenheit gebrauchte Worte anzuführen ist immer

ein anderes und unterschiedenes Prinzip das in das erstere einschneidet irgend

eine andere Kraft die gleichsam an die erstere anstößt und sie von ihrer

Richtung ablenkt Es gibt kein Gesetz und eine Ausnahme dazu so dass das

Gesetz in neun und neunzig Fällen und die Ausnahme in einem wirkt Es sind zwei

Gesetze wovon ein jedes möglicherweise in allen hundert Fällen wirkt und die

durch ihr vereinigtes Wirken eine gemeinschaftliche Wirkung hervorbringen Wenn

die Kraft welche da sie die am wenigsten sichtbare von den beiden ist die

störende Kraft genannt wird in irgend einem Falle über die andere Kraft

hinreichend vorwaltet um den Fall zu bilden der gewöhnlich eine Ausnahme

genannt wird so wirkt dieselbe störende Kraft wahrscheinlich in vielen anderen

Fällen, die Niemand Ausnahmen nennen wird als modifizierende Ursache

    »Wenn man auf diese Weise sagen würde es sei ein Naturgesetz dass alle

schweren Körper nach der Erde fallen so würde man auch wahrscheinlich sagen

der Widerstand der Atmosphäre der einen Luftballon am Fallen hindert mache den

Ballon zu einer Ausnahme jenes angeblichen Naturgesetzes Das wahre Gesetz ist

aber dass alle schweren Körper zu fallen streben hiervon gibt es keine

Ausnahme und weder Sonne noch Mond sind davon ausgenommen denn wie jeder

Astronom weiß streben sogar die letzteren mit einer Kraft die der gleich ist

womit die Erde nach ihnen strebt nach der Erde zu In dem besonderen Falle vom

Ballon könnte man vielleicht aus einem Missverstehen des Gesetzes der Schwere

von dem Widerstand der Luft sagen er überwiege das Gesetz; aber seine störende

Wirkung ist in einem jeden andern Falle ganz ebenso tatsächlich vorhanden

indem er den Fall aller Körper verzögert wenn er ihn auch nicht verhindert Die

Regel und die sogenannte Ausnahme teilen sich nicht in die Fälleeine jede von

ihnen ist eine umfassende Regel die sich auf alle Fälle erstreckt Es ist

oberflächlich und den richtigen Grundsätzen der Nomenklatur und Klassifikation

zuwider das eine von diesen mitwirkenden Prinzipien eine Ausnahme von dem

andern zu nennen Eine Wirkung genau von derselben Art und aus derselben

Ursache hervorgehend sollte nicht in zwei verschiedene Kategorien gesetzt

werden bloß weil eine andere sie überwiegende Ursache existiert oder nicht

existiert«108

    

     6 Demnach haben wir nun zu betrachten nach welcher Methode diese

komplexen aus den Wirkungen vieler Ursachen bestehenden Wirkungen zu studieren

sind wie wir im Stande sein werden eine jede Wirkung auf das Zusammenwirken

von Ursachen, wodurch sie erzeugt wurde zurückzuführen und die Umstände ihrer

Wiederkehr die Umstände unter denen man erwarten darf dass sie wieder

eintreffen wird zu bestimmen. Die Bedingungen einer Naturerscheinung welche

aus der Zusammensetzung von Ursachen hervorgehen können entweder deduktiv oder

experimentell untersucht werden

    Es ist einleuchtend dass der Fall einer komplexen Wirkung der deduktiven

Forschungsweise fähig ist Das Gesetz einer Wirkung dieser Art ist das Resultat

der Gesetze der besonderen Ursachen von deren Kombination es abhängig ist, und

daher an sich fähig von diesen Gesetzen abgeleitet zu werden Man nennt die

Methode die aprioristische Die andere oder die Methode a posteriori geht nach

den Regeln der experimentellen Forschung zu Werke Indem sie die ganze

Vereinigung von mitwirkenden Ursachenwelche eine Naturerscheinung erzeugen

als eine einzige Ursache betrachtet strebt sie diese Ursache in gewöhnlicher

Weise durch Vergleichung der Fälle zu bestimmen. Diese zweite Methode zerfällt

in zwei verschiedene Arten Wenn sie bloß die Fälle von einer Wirkung gegen

einander hält so ist sie eine Methode der reinen Beobachtung Wenn sie die

Ursachen behandelt und verschiedene Kombinationen derselben in der Hoffnung

versucht die genaue Kombination welche die Totalwirkung hervorbrachte endlich

zu treffen so ist sie eine experimentelle Methode

    Um die Natur dieser drei Methoden noch vollständiger aufzuklären und um zu

bestimmen, welche von ihnen den Vorzug verdient wird es zweckmäßig sein nach

einer Lieblingsmaxime des LordKanzlers Eldon der eine tiefere Philosophie

ihren Beifall nicht versagen wird obgleich sie von den Philosophen oft

lächerlich gemacht wurde »sie in Umstände zu kleiden« Wir werden zu diesem

Ende einen Fall wählen der bis jetzt zwar kein sehr glänzendes Beispiel von dem

Erfolge dieser drei Methoden darbietet der aber umso mehr geeignet ist die

ihnen inhärente Schwierigkeit in das geeignete Licht zu setzen Der Gegenstand

der Untersuchung sei die Bedingungen der Gesundheit und Krankheit des

menschlichen Körpers oder größerer Einfachheit wegen die Bedingungen der

Genesung von einer gegebenen Krankheit zu ermitteln und um die Aufgabe noch

mehr zu beschränken so sei sie auf die einfache Frage zurückgeführt ist eine

gewisse Arznei Quecksilber zB ein Mittel gegen diese Krankheit oder nicht

    Die deduktive Methode würde nun von bekannten Eigenschaften des Quecksilbers

und von bekannten Gesetzen des menschlichen Körpers ausgehen und von diesen

ausgehend würde sie zu entdecken suchen ob das Quecksilber auf den Körper

wenn er sich im vorausgesetzten kranken Zustande befindet in einer Weise wirkt

dass es die Gesundheit herstellt Die experimentelle Methode würde einfach in so

viel Fällen als möglich Quecksilber geben indem sie Alter Geschlecht

Temperament und andere Eigentümlichkeiten der körperlichen Konstitution die

besondere Form oder Abweichung der Krankheit das besondere Stadium oder ihren

Fortschritt etc etc aufzeichnen und indem sie bemerken würde in welchen

dieser Fälle es eine heilsame Wirkung hervorgebracht hat und mit welchen

Umständen es bei dieser Gelegenheit verbunden war oder sie würde die Fälle der

Genesung mit Fällen von Nichtgenesung vergleichen um Fälle zu finden welche in

allen anderen Beziehungen übereinstimmen und nur in der Tatsache verschieden

sind dass Quecksilber gegeben oder nicht gegeben wurde

    

     7 Dass die letzte der drei Methoden auf den obigen Fall anwendbar sei

hat noch Niemand ernstlich behauptet Schlüsse von Werth sind in Beziehung auf

einen so verwickelten Gegenstand auf jenem Wege noch niemals erhalten worden

Das Äußerste was man dabei erreichen könnte wäre ein vager allgemeiner

Eindruck für oder gegen die Wirksamkeit des Quecksilbers ein Eindruck der

keinen reellen Nutzen besäße und nach dem wir uns nicht richten können er

müsste denn durch die eine der zwei anderen Methoden bestätigt werden Nicht

dass die Resultate welche diese Methode zu erhalten strebt nicht von dem

höchst möglichen Werth wären wenn sie überhaupt erhalten werden könnten Wenn

alle Fälle von Genesung welche sich in einer auf eine große Anzahl von Fällen

ausgedehnten Prüfung darbieten Fälle wären in denen Quecksilber gegeben wurde

so dürften wir mit Vertrauen nach dieser Erfahrung generalisieren und wir würden

einen Schluss von wirklichem Werth erhalten Aber in einem Falle dieser Art

können wir nicht hoffen eine solche Basis für eine Generalisation zu erhalten

Der Grund hiervon ist derselbe der als die charakteristische Unvollkommenheit

der Methode der Übereinstimmung ausmachend angegeben worden ist: die

Vielfachheit der Ursachen. Sogar wenn wir annehmen das Quecksilber strebe die

Krankheit zu heilen so streben auch so viele andere Ursachen sowohl natürliche

als künstliche die Krankheit zu heilen dass es gewiss reichlich Fälle von

Genesung geben wird in denen kein Quecksilber gegeben wurde es müsste denn in

der Tat die Praxis bestehen es in allen Fällen zu geben bei welcher

Voraussetzung man es in den Fällen von Ausbleiben ebenso finden würde

    Wenn eine Wirkung aus der Vereinigung vieler Ursachen hervorgeht so kann

der Antheil welchen eine jede derselben bei der Determination der Wirkung hat

im allgemeinen nicht groß sein und es ist nicht wahrscheinlich dass die

Wirkung, sogar in ihrer Anwesenheit oder Abwesenheit und noch weniger in ihren

Veränderungen irgend einer von den Ursachen auch nur annähernd folgen wird Die

Genesung von einer Krankheit ist ein Vorgang zu dem in einem jeden Falle viele

Einflüsse mitwirken müssen Das Quecksilber kann ein solcher Einfluss sein aber

wegen der Tatsache dass es noch viele andere Einflüsse gibt wird es sich

notwendig oft treffen dass obgleich Quecksilber gegeben wurde der Patient

aus Mangel an den anderen mitwirkenden Einflüssen nicht genesen und dass er oft

genesen wird ohne dass Quecksilber gegeben wurde indem die anderen günstigen

Einflüsse ohne dasselbe wirksam genug waren Es werden daher weder die Fälle von

Genesung bei dem Eingeben von Quecksilber noch werden die Fälle von

Nichtgenesung bei dem NichtEingeben desselben übereinstimmen Es ist viel wenn

wir aus vielfältigen und genauen Berichten von Hospitälern und dergleichen

schließen können dass mehr Fälle von Genesung und weniger von Nichtgenesung

statthaben wenn Quecksilber gegeben wird als wenn es nicht gegeben wird ein

Resultat von sehr untergeordnetem Werth sogar als ein Wegweiser in der Praxis

und ganz wertlos als ein Beitrag zu der Theorie des Gegenstandes.

    Nachdem so die Nichtanwendbarkeit der Methode der einfachen Beobachtung zur

Ermittlung der Bedingungen von Wirkungen, die von vielen zusammenwirkenden

Ursachen abhängen erkannt ist wollen wir untersuchen ob wir von dem andern

Zweige der a posterioriMethode einen größeren Nutzen ziehen können von dem

Zweige nämlich welcher so verfährt dass er verschiedene entweder künstlich

hervorgebrachte oder in der Natur gefundene Kombinationen direkt versucht und

bemerkt was sie für eine Wirkung haben zB indem er die Wirkung des

Quecksilbers wirklich versucht und zwar in so vielen Fällen als nur immer

möglich Biese Methode unterscheidet sich von der so eben geprüften dadurch

dass sie unsere Aufmerksamkeit direkt auf die Ursachen oder Agentien leitet

statt sie auf die Wirkung, die Genesung von einer Krankheit zu leiten Und da

als eine allgemeine Regel die Wirkungen der Ursachen unserm Studium viel

zugänglicher sind als die Ursachen der Wirkungen, so ist es natürlich zu

denken dass diese Methode von einem bessern Erfolg begleitet sein wird als die

erstere

    Die Methodewelche wir gegenwärtig betrachten heißt die empirische

Methode und um sie richtig zu beurteilen müssen wir annehmen dass sie

vollständig und nicht unvollständig empirisch sei Wir müssen alles von ihr

ausschließen was der Natur nicht des experimentellen sondern des deduktiven

Verfahrens ähnlich sehen könnte Wenn wir zB mit einem gesunden Individuum

Versuche mit Quecksilber machen um die allgemeinen Gesetze seiner Wirkung auf

den menschlichen Körper zu bestimmen, und dann aus diesen Gesetzen ableiten wie

es auf Personen wirken würde die von einer gewissen Krankheit affiziert sind so

mag dies in der Tat eine wirksame Methode sein es ist aber Deduktion Die

experimentelle Methode leitet das Gesetz eines komplexen Falles nicht von den

einfacheren Gesetzen ab welche sich zu seiner Erzeugung vereinigen sondern sie

macht ihre Experimente direkt mit dem komplexen Falle Wir müssen von aller

Kenntnis der einfacheren Bestreben der modi operandi des Quecksilbers im

einzelnen ganz abstrahieren unser Experimentiren muss dahin zielen eine direkte

Antwort auf die spezifische Frage zu erhalten hat das Quecksilber oder hat es

nicht das Bestreben die besondere Krankheit zu heilen

    Wir wollen daher sehen inwiefern dieser Fall die Beobachtung jener Regeln

des Experimentierens zulässt die man in anderen Fällen nötig findet zu

beobachten Wenn wir ein Experiment ersinnen um die Wirkung eines gegebenen

Agens zu erforschen so gibt es gewisse Vorsichtsmaßregeln die wir soweit

wir immer können niemals unterlassen Zuerst führen wir das Agens in eine Reihe

von Umständen ein die wir genau erforscht haben Es braucht kaum bemerkt zu

werden wie weit diese Bedingung davon entfernt ist in irgend einem Falle der

mit den Erscheinungen des Lebens zusammenhängt realisiert zu sein wie weit wir

davon entfernt sind zu wissen welches alle die Umstände sind die in irgend

einem Falle wo einem lebenden Wesen Quecksilber eingegeben wird präexistieren

Obgleich in den meisten Fällen unübersteiglich so dürfte diese Schwierigkeit es

doch nicht in allen Fällen sein es gibt manchmal obgleich wie ich glaube

niemals in der Physiologie ein Zusammenwirken von vielen Ursachen bei dem wir

gleichwohl genau wissen was die Ursachen sind Aber wenn wir von diesem

Hindernis befreit sind so begegnen wir einem noch ernsteren In anderen

Fällenin Fällen wo wir beabsichtigen ein Experiment anzustellen halten wir

es nicht für hinreichend dass in dem Falle kein Umstand vorhanden sei dessen

Gegenwart uns unbekannt ist wir verlangen auch dass keiner von den uns

bekannten Umständen Wirkungen habe die man mit den Wirkungen des Agens dessen

Eigenschaften wir erforschen wollen verwechseln könnte Wir geben uns die

größte Mühe alle Ursachen auszuschließen die einer Verbindung mit den

gegebenen Ursachen fähig wären oder wenn wir gezwungen sind irgend solche

Ursachen zuzulassen so bemühen wir uns sie so herzurichten dass wir ihren

Einfluss berechnen können so dass die Wirkung der gegebenen Ursache nach Abzug

jener anderen Wirkungen als ein rückständiges Phänomen erscheint

    Diese Vorsichtsmaßregeln sind nicht anwendbar auf Fälle wie wir sie nun

betrachten Da das Quecksilber in unserm Experiment mit einer unbekannten Menge

Einfluss habender Umstände versucht wird und es mag sogar eine bekannte Menge

sein so schließt die einfache Tatsache ihres Einflusshabens ein dass sie

die Wirkung des Quecksilbers verdecken und uns das Erkennen seiner Wirkung oder

Nichtwirkung entziehen Wenn wir nicht bereits wussten was und wie viel einem

jeden andern Umstande zugeschrieben werden muss dh wenn wir nicht die

Aufgabe zu deren Lösung wir die Mittel suchen als bereits gelöst annehmen so

können wir nicht sagen dass jene anderen Umstände nicht unabhängig und sogar

trotz des Quecksilbers die ganze Wirkung hervorgebracht haben Die

Differenzmethode in der gewöhnlichen Weise ihrer Anwendung indem sie nämlich

den Zustand der Dinge nach dem Experiment mit dem Zustande vergleicht der ihm

voranging ist auf diese Weise bei der Vermischung von Wirkungen ganz nutzlos

weil andere Ursachen als diejenigen deren Wirkung wir zu bestimmen suchen

während des Übergangs tätig waren Was die andere Art von Anwendung der

Differenzmethode betrifft wonach man nicht denselben Fall in zwei verschiedenen

Perioden sondern verschiedene Fälle vergleicht so ist dieselbe in dem

gegenwärtigen Beispiele ganz chimärisch Bei so verwickelten Erscheinungen ist

es fraglich ob zwei Fälle welche in allen Beziehungen mit Ausnahme einer

einzigen ähnlich sind je vorkamen und kämen sie vor so wäre es uns nicht

möglich zu wissen dass sie einander genau ähnlich sind

    Ein wissenschaftlicher Gebrauch der experimentellen Methode in diesen

verwickelten Fällen steht daher hier ganz außer aller Frage In dem günstigsten

Falle können wir durch eine Reihe von Versuchen nur entdecken dass eine gewisse

Ursache sehr oft von einer gewissen Wirkung begleitet ist Denn bei einer dieser

vereinigten Wirkungen ist der Antheil welches ein jedes der infulierenden

Agentien an ihrer Erzeugung hat wie wir vorhin bemerkt haben im allgemeinen

nur gering und es muss eine mächtigere Ursache sein als die meisten Ursachen

es sind wenn sogar das Bestreben welches sie wirklich ausübt nicht durch

andere Bestreben in fast so vielen Fällen verhindert als es erfüllt wird

    Wenn von Seiten der experimentellen Methode so wenig geschehen kann um die

Bedingungen einer Wirkung vieler kombinierten Ursachen in der Medizin zu

erforschen so ist diese Methode noch weniger auf eine Klasse von Erscheinungen

anwendbar die noch verwickelter sind als sogar die Erscheinungen der

Physiologie es sind dies die Phänomene der Politik und Geschichte Hier

existiert die Vielfachheit der Ursachen in fast grenzenlosem Übermaß und die

Wirkungen sind größtenteils unentwirrbar mit einander verflochten Um die

Verlegenheit zu vermehren beziehen sich Forschungen in den politischen

Wissenschaften meistens auf die Erzeugung von Wirkungen einer sehr umfassenden

Art wie zB öffentliches Wohl öffentliche Sicherheit öffentliche Moral u

dgl Es sind dies Resultate welche direkt oder indirekt mit plus oder mit minus

fast von einer jeden in der menschlichen Gesellschaft existierenden Tatsache

oder einem jeden vorkommenden Ereignis affiziert werden können. Die gewöhnliche

Vorstellung dass in Gegenständen der Politik die sicheren Methoden diejenigen

der Baconschen Induktion seien dass nicht allgemeines Urteilen sondern die

spezifische Erfahrung der wahre Führer sei wird einst angeführt werden als ein

unzweideutiges Zeichen des niederen Zustandes der spekulativen Geisteskräfte des

Zeitalters welches sie zuließ Was kann lächerlicher sein als jene Parodie

experimenteller Schlüsse welcher man gewöhnt ist nicht allein in der populären

Diskussion sondern in den schwerfälligen Abhandlungen zu begegnen in denen die

Angelegenheiten der Völker das Thema bilden »Wie kann ein Gesetz eine

Institution schlecht sein« fragt man »wenn die Nation dabei prosperierte« »Wie

können diese oder jene Ursachen zu dem Wohlstand eines Landes beigetragen haben

wenn ein anderes Land ohne sie prosperierte« Wer ohne die Absicht zu betrügen

von einem derartigen Schlüsse Gebrauch macht sollte in die Schule

zurückgeschickt werden um die Elemente irgend einer der leichteren

Naturwissenschaften zu erlernen Dergleichen Denker ignorieren die Vielfachheit

der Ursachen in dem Falle selbst der das ausgezeichnetste Beispiel davon

darbietet So wenig könnte aus einer möglichen Vergleichung individueller

Beispiele in einem solchen Falle geschlossen werden dass sogar die

Unmöglichkeit in Beziehung auf die sozialen Phänomene künstliche Experimente zu

machen ein Umstand welcher der direkt induktiven Forschung sonst so

nachtheilig ist in diesem Falle kaum einen neuen Grund des Bedauerns abgibt

Denn wenn wir auch mit einer Nation oder dem Menschengeschlechte mit so wenig

Bedenken als Hr Magendie mit Hunden oder Kaninchen künstliche Experimente

anstellen könnten so würden wir doch nie dahin gelangen zwei Fälle in jeder

Beziehung identisch zu machen mit Ausnahme der Anwesenheit oder Abwesenheit

irgend eines bestimmten Umstandes Die größte Annäherung an ein Experiment im

philosophischen Sinne ist in der Politik die Einführung eines neuen wirksamen

Elementes in nationale Angelegenheiten durch irgend eine spezielle und

nachweisbare Maßregel der Regierung wie die Einführung oder die Aufhebung

eines besonderen Gesetzes Wo aber so viele Einflüsse tätig sind erfordert es

einige Zeit bevor der Einfluss einer neuen Ursache auf nationale Phänomene

sichtbar werden kann; und da die in einem so ausgedehnten Kreise wirkenden

Ursachen nicht allein unendlich zahlreich sondern auch in einem Zustande

fortwährender Veränderung sind so ist es immer gewiss dass ehe die Wirkung der

neuen Ursache sichtbar genug wird um Gegenstand der Induktion zu sein viele

von den infulierenden Umständen sich so verändert haben werden dass das

Experiment dadurch fehlerhaft wird

    Da also zwei von den drei möglichen Methoden für das Studium von Phänomenen

die aus der Verbindung von vielen Ursachen hervorgehen der Natur des Falles

nach untauglich und illusorisch sind so bleibt nur noch die dritte 

diejenige welche die Ursachen separat betrachtet und die Wirkung nach der

Vergleichung der verschiedenen Bestreben welche sie hervorbringen berechnet

mit kurzen Worten die deduktive oder aprioristische Methode Die weitere

Betrachtung dieses geistigen Prozesses erfordert ein Kapitel für sich

 
 



                                



     1 Die Methode der Untersuchung welche uns wegen der Unanwendbarkeit der

drei direkten Methoden der Beobachtung und des Experimentierens als die

Hauptquelle der Kenntnis die wir in Beziehung auf die Bedingungen und Gesetze

der Wiederkehr der verwickelteren Naturerscheinungen besitzen oder erlangen

können übrig bleibt wird in dem allgemeinsten Ausdruck die deduktive Methode

genannt sie besteht aus drei Operationen die erste ist eine direkte Induktion

die zweite ein Syllogismus die dritte eine Bestätigung Verifikation

    Ich nenne den ersten Schritt in dem Verfahren eine induktive Operation weil

eine direkte Induktion als die Basis des Ganzen vorhanden sein muss obgleich in

vielen besonderen Untersuchungen die Induktion von einer früheren Deduktion

vertreten werden kanndie Prämissen dieser früheren Deduktion müssen aber von

einer Induktion abgeleitet sein

    Die Aufgabe der deduktiven Methode ist das Gesetz einer Wirkung aus den

verschiedenen Bestreben wovon sie das vereinigte Resultat ist zu finden Das

erste Erfordernis ist daher, dass wir die Gesetze dieser Bestreben die Gesetze

einer jeden der mitwirkenden Ursachen kennen und dies setzt eine vorhergehende

Beobachtung oder ein Experiment mit einer jeden Ursache gesondert oder sonst

eine vorausgängige Deduktion voraus die in ihren ersten Prämissen ebenfalls von

der Beobachtung oder dem Experiment abhängig sein muss Wenn also historische

oder soziale Phänomene der Gegenstand sind so müssen die Gesetze der Ursachen,

welche diese Klasse von Erscheinungen hervorbringen die Prämissen der

deduktiven Methode bilden diese Ursachen sind menschliche Handlungen verbunden

mit den allgemeinen äußeren Umständen unter deren Herrschaft die Menschen

stehen und welche die Stellung des Menschen in der Welt ausmachen Die auf

soziale Erscheinungen angewandte deduktive Methode muss daher damit beginnen

die Gesetze der menschlichen Handlungen und jene Eigenschaften der Außendinge

wodurch die Handlungen der Menschen bestimmt werden, zu untersuchen oder muss

voraussetzen sie ermittelt zu haben Einige dieser allgemeinen Wahrheiten

werden natürlich durch Beobachtung und Experiment andere durch Deduktion

erhalten werden die komplexen Gesetze menschlicher Handlungen mögen zB aus

einfacheren abgeleitet werden aber die elementaren und einfachen Gesetze werden

notwendig immer durch ein direkt induktives Verfahren erhalten worden sein

    Die Gesetze einer jeden besonderen Ursache die Antheil an der Erzeugung der

Wirkung nimmt zu ermitteln ist daher das erste Erfordernis der deduktiven

Methode Zu wissen welches die Ursachen sind welche diesem Stadium unterworfen

werden müssen kann schwierig sein oder nicht In dem letztgenannten Falle ist

diese erste Bedingung leicht erfüllt Dass soziale Phänomene von den Handlungen

und den geistigen Eindrücken menschlicher Wesen abhängen konnte niemals ein

Gegenstand des Zweifels sein wie unvollkommen man auch wissen mochte von

welchen Gesetzen diese Handlungen und Eindrücke regiert werden oder zu welchen

sozialen Folgen ihre Gesetze naturgemäß führen Ebensowenig konnte nachdem die

physikalischen Wissenschaften eine gewisse Entwickelung erreicht hatten ein

wirklicher Zweifel darüber bestehen wo man die Gesetze, von denen die

Erscheinungen des Lebens abhängen zu suchen habe da es die mechanischen und

chemischen Gesetze der festen Körper und der Flüssigkeiten welche den

organisierten Körper und das Medium in dem er lebt zusammensetzen verbunden

mit den besonderen vitalen Gesetzen der verschiedenen den organischen Bau

zusammensetzenden Gewebe sein müssen In anderen und in der Tat viel

einfacheren Fällen als diese war es viel weniger einleuchtend wo man die

Ursachen zu suchen hatte wie zB bei den Erscheinungen des Himmels So lange

man nicht durch eine Kombination der Gesetze bestimmter Ursachen gefunden hatte

dass diese Gesetze alle durch die Erfahrung in Beziehung auf die Bewegung der

Himmelskörper bewiesenen Tatsachen erklärten und zu Voraussagungen führten

welche die Erfahrung immer bestätigte wussten die Menschen nicht dass jene die

Ursachen waren Aber wir mögen im Stande sein die Frage vorher zu stellen oder

erst nachdem wir in den Stand gesetzt worden sind, sie zu beantworten in beiden

Fällen muss sie beantwortet werden die Gesetze der verschiedenen Ursachen

müssen erforscht werden ehe wir aus ihnen die Bedingungen der Wirkung ableiten

können

    Die Bestimmungsweise jener Gesetze kann weder eine andere sein noch ist sie

eine andere als die bereits besprochene vierfältige Methode der experimentellen

Forschung Einige Bemerkungen über die Anwendung dieser Methode auf Fälle wo

Vielfachheit der Ursachen stattfindet werden in dieser Beziehung hinreichend

sein

    Es ist einleuchtend dass wir nicht erwarten dürfen das Gesetz eines

Bestrebens durch eine Induktion aus Fällen zu finden in denen dem Streben

entgegengewirkt wird Die Gesetze der Bewegung hätten niemals aus der

Beobachtung von Körpern die durch entgegengesetzte Kräfte in Kühe gehalten

werden erkannt werden können. Sogar wo das Streben in dem gewöhnlichen Sinne

des Worts nicht aufgehoben sondern nur modifiziert wird indem seine Wirkung

sich mit einem andern Bestreben oder anderen Bestreben verbindet sind wir immer

in einer ungünstigen Stellung um vermittelst solcher Fälle das Gesetz des

Bestrebens selbst nachzuweisen Es wäre schwierig gewesen das Gesetz, dass alle

in Bewegung begriffene Körper ein Bestreben haben ihre Bewegung in einer

geraden Linie fortzusetzen durch eine Induktion aus Fällen zu entdecken in

denen die Bewegung durch das Hinzutreten der Wirkung einer beschleunigenden

Kraft in eine Kurve übergeht Ungeachtet der Hilfsmittel welche die Methode der

sich begleitenden Umstände in Fällen dieser Art darbietet schreiben die

Prinzipien eines verständigen Experimentierens vor dass das Gesetz eines jeden

Strebens wo möglich in Fällen studiert werde in denen dieses Bestreben allein

tätig ist oder in Verbindung mit nur solchen Agentien deren Wirkung einer

vorhergehenden Kenntnis wegen berechnet werden kann.

    Es besteht demnach in den unglücklicherweise sehr zahlreichen und wichtigen

Fällenin welchen sich die Ursachen nicht von einander sondern und getrennt

beobachten lassen eine große Schwierigkeit um mit erforderlicher Gewissheit

den zur Stütze der deduktiven Methode nötigen induktiven Grund zu legen Diese

Schwierigkeit wird bei den physiologischen Erscheinungen am ersichtlichsten

indem es unmöglich ist die verschiedenen Agentien welche einen organisierten

Körper zusammensetzen zu trennen ohne das Phänomen das der Gegenstand unserer

Untersuchung ist selbst zu zerstören

 

 following life in creatures we dissect

We loose it in the moment we detect



Dem Leben nachspürend zergliedern wir die Geschöpfe

und verlieren es in demselben Augenblick wo wir es entdecken

 

    Aus diesem Grunde neige ich mich auch zu der Ansicht dass die Physiologie

größeren natürlichen Schwierigkeiten begegnet und dass sie wahrscheinlich

eines geringeren Grades von letzter Vervollkommnung fähig ist als die sozialen

Wissenschaften insofern es eher möglich ist die Gesetze des Geistes und der

Handlungen eines Menschen von anderen Menschen getrennt zu studieren als die

Gesetze der Organe oder Gewebe des menschlichen Körpers getrennt von anderen

Organen oder Geweben

    Es ist sehr richtig hervorgehoben worden dass pathologische Tatsachen

oder in gewöhnlicher Sprache dass Krankheiten in ihren verschiedenen Formen und

Graden für die physiologische Forschung das vorteilhafteste Äquivalent für das

eigentlich so genannte Experimentiren darbieten insofern sie uns oft eine

bestimmte Störung von Organen oder organischen Funktionen darbieten während die

übrigen Organe oder Funktionen unangegriffen bleiben Es ist wahr dass der

fortwährenden Aktionen und Reaktionen wegen welche in allen Teilen des

tierischen Haushaltes stattfinden keine längere Störung eines Organes vorgehen

kann ohne die Störung der andern Organe zuletzt nach sich zu ziehen und wenn

dies einmal geschehen ist so verliert das Experiment meistens seinen

wissenschaftlichen Werth Alles hängt von der Beobachtung der ersten Stadien der

Störung ab die unglücklicherweise notwendig die am wenigsten markierten sein

werden Wenn indessen die in dem ersten Falle nicht gestörten Organe und

Funktion in einer festen Ordnung der Sukzession affiziert werden so wird

hierdurch einiges Licht auf die Wirkung geworfen die ein Organ auf das andere

ausübt und wir erhalten gelegentlich eine Reihe von Wirkungen, die wir mit

einigem Vertrauen auf die ursprüngliche lokale Störung zurückführen können aber

hierzu wäre es notwendig zu wissen dass die ursprüngliche Störung lokal war

Wenn sie wie man sagt konstitutionell war dh wenn wir den Teil des

tierischen Organismus wo sie ihre Entstehung nahm oder wenn wir die genaue

Natur der Störung die in diesem Teil stattfand nicht kennen so sind wir

nicht im Stande zu entscheiden welche von den verschiedenen Störungen Ursache

und welche Wirkung war welche von ihnen von der andern Störung und welche

durch die direkte obgleich vielleicht späte Action der ursprünglichen Ursache

hervorgebracht worden ist.

    Außer den natürlichen können wir auch pathologische Tatsachen künstlich

erzeugen wir können sogar in dem populären Sinne des Wortes, Versuche

anstellen indem wir das lebende Wesen irgend einem äußeren Agens aussetzen wie

dem Quecksilber in unserm früheren Beispiele Da dieses Experimentiren nicht eine

direkte Lösung irgend einer praktischen Frage sondern die Entdeckung

allgemeiner Gesetze aus denen sodann die Bedingungen irgend einer besonderen

Wirkung durch Deduktion erhalten werden können, zum Zweck hat so sind für

unsere Wahl die besten Fälle diejenigen von denen die Umstände am besten

bestimmt werden können, und es sind dies gewöhnlich nicht die Fälle, bei denen

man einen praktischen Zweck im Auge hat Die Versuche werden am besten nicht in

einem Zustande von Krankheit der naturgemäß ein veränderlicher istsondern in

dem vergleichungsweise festen Zustande von Gesundheit angestellt In dem einen

Zustand sind ungewöhnliche Agentien tätig deren Resultate vorauszusagen wir

keine Mittel besitzen in dem andern würde der gewohnte Gang der physiologischen

Erscheinungen mutmaßlicherweise ungestört bleiben wenn wir nicht die

störende Ursache einführten

    Dieser Art sind bei gelegentlicher Mithülfe der Methode der sich

begleitenden Veränderungen die letztere durch die eigentümliche Schwierigkeit

des Gegenstandes nicht weniger behindert als die mehr elementaren Methoden

unsere induktiven Hilfsmittel um die Gesetze der separat betrachteten Ursachen

zu bestimmen, wenn wir es nicht in unserer Gewalt haben sie in einem Zustande

von wirklicher Trennung zu prüfen Die Unzulänglichkeit dieser Hilfsmittel ist

so augenfällig dass niemand von dem niederen Stande der Physiologie überrascht

sein kann Unsere Kenntnis der Ursachen ist in der Physiologie in der Tat so

unvollkommen dass wir viele von den Tatsachen, von denen uns die

allergewöhnlichste Erfahrung Kenntnis gibt weder erklären noch ohne

spezifische Erfahrung voraussagen könnten Glücklicherweise sind wir in Betreff

der empirischen Gesetze der Naturerscheinungen dh der Gleichförmigkeit in

Beziehung auf welche wir noch nicht entscheiden können ob sie Fälle oder bloße

Resultate von Verursachung sind besser unterrichtet Man hat nicht allein die

Ordnung in der sich die Tatsachen der Organisation und des Lebens von dem

ersten Keim der Existenz an bis zum Tode sukzessive kundgeben gleichförmig und

sehr genau nachweisbar befunden sondern durch eine große Anwendung der Methode

der sich begleitenden Umstände auf die Tatsachen der vergleichenden Anatomie

und Physiologie hat man auch die Zustände die Bedingungender organischen

Struktur die einer jeden Art von Funktion entsprechen mit großer Genauigkeit

ermittelt Ob diese organischen Bedingungen das Ganze der Bedingungen, und ob

sie überhaupt Bedingungen oder bloß kollaterale Wirkungen einer gemeinsamen

Ursache sind wissen wir in keiner Weise noch werden wir es wahrscheinlich je

wissen wir müssten denn einen organisierten Körper zusammensetzen und sehen

können ob er lebt

    So groß sind die Schwierigkeiten unter denen wir in Fällen dieser Art den

anfänglichen oder induktiven Schritt bei der Anwendung der deduktiven Methode

auf komplexe Naturerscheinungen versuchen Es ist dies aber glücklicherweise

nicht der gewöhnliche Fall Im Allgemeinen können die Gesetze der Ursachen, von

denen die Wirkungen abhängen durch eine Induktion aus verhältnismäßig

einfachen Fällen oder im schlimmsten Falle durch Deduktion aus den Gesetzen so

erhaltener einfacher Ursachen gewonnen werden Unter einfachen Fällen sind

natürlich solche verstanden in welchen die Wirkung einer jeden Ursache nicht

oder nicht in einem hohen Grade mit anderen Ursachen deren Gesetze unbekannt

sind vermischt und durchkreuzt ist Wenn die Induktion welche die Prämisse für

die deduktive Methode lieferte auf solche Fälle gestützt war so ist die

Anwendung derselben auf die Bestimmung der Gesetze komplexer Wirkungen von

glänzenden Resultaten begleitet gewesen

    

     2 Wenn die Gesetze der Ursachen ermittelt sind und der erste Teil der

eben in Rede stehenden großen logischen Operation genügend ausgeführt worden

istso folgt der zweite Teil derselben der darin besteht aus den Gesetzen

der Ursachen zu bestimmen, welche Wirkung eine gegebene Kombination dieser

Ursachen hervorbringen wird Dies ist eine Berechnung in dem weitesten Sinne des

Worts und schließt häufig eine Berechnung in dem engsten Sinne ein Es ist ein

Syllogismus und wenn unsere Kenntnis von den Ursachen so vollkommen ist dass

sie sich auf die richtigen numerischen Gesetze welche sie bei der Erzeugung

ihrer Wirkungen beobachten erstreckt so kann der Syllogismus unter seine

Prämissen die Lehrsätze der Wissenschaft von den Zahlen in der ganzen

unermesslichen Ausdehnung dieser Wissenschaft rechnen Nicht allein dass wir

häufig der höchsten Wahrheiten der Mathematik bedürfen um eine Wirkung zu

berechnen deren numerisches Gesetz wir bereits kennen sondern sogar mit Hülfe

dieser höchsten Wahrheiten können wir häufig nur eine kleine Strecke vorwärts

kommen In dem so einfachen Falle wie ihn das berühmte Problem der drei Körper

darbietet die mit einer Kraft gegen einander gravitieren die in geradem

Verhältnis zu ihrer Masse und im umgekehrten zu dem Quadrat ihrer Entfernung

steht haben bisher alle Hilfsmittel des Kalküls nicht hingereicht um mehr als

eine annähernde allgemeine Lösung zu erhalten In einem nur wenig

verwickelteren aber immer noch einem der einfachsten Fälle denen man in der

Praxis begegnet bei der Bewegung eines Wurfgeschosses können die Ursachen,

welche auf die Schnelligkeit und Flugweite zB einer Kanonenkugel einwirken

bekannt und berechnet sein wie die Kraft des Pulvers der Elevationswinkel die

Dichtigkeit der Luft die Stärke und Richtung des Windes aber es ist eine der

schwierigsten mathematischen Aufgaben diese Ursachen so zu kombinieren dass die

aus ihrer Kollectivwirkung hervorgehende Wirkung dadurch bestimmt werden kann.

    Wo die Wirkungen in dem Raume stattfanden wenn sie Bewegung und Ausdehnung

hatten wie in der Mechanik Optik Akustik Astronomie so kommen auch noch die

geometrischen Lehrsätze als Prämissen hinzu Wenn aber die Verwickelung wächst

und die Wirkungen unter dem Einfluss so vieler und so veränderlicher Ursachen

stehen um weder festen Zahlen noch geraden Linien und regelmäßigen Kurven

Anwendung zu gestatten wie in der Physiologie der geistigen und sozialen

Erscheinungen gar nicht zu erwähnen so sind die Gesetze der Zahlen und des

Raums wenn überhaupt nur nach jenem großen Maßstabe anwendbar bei welchem

die Genauigkeit des Details unwichtig wird und obgleich diese Gesetze in den

auffallendsten Beispielen der Erforschung der Natur durch die deduktive Methode

wie zB in der Newtonschen Theorie der Bewegung der Himmelskörper eine

ansehnliche Rolle spielen so sind sie doch keineswegs ein unentbehrlicher Teil

eines jeden derartigen Verfahrens Wesentlich ist in einem solchen Verfahren nur

das Schließen von einem allgemeinen Gesetz auf einen besonderen Fall dh die

Bestimmung vermittelst der besonderen Umstände dieses Falles des Resultats das

zur Erfüllung des Gesetzes in diesem Falle erforderlich ist Wenn bei dem

Torricellischen Versuche die Tatsache, dass die Luft Gewicht besitzt vorher

bekannt gewesen wäre so würde es ein Leichtes gewesen sein ohne irgend

numerische Data aus dem allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts zu deduzieren

dass das Quecksilber in der Röhre in einer solchen Höhe stehen bleiben wird

dass die Quecksilbersäule einer Luftsäule von derselben Grundfläche genau das

Gleichgewicht hält indem auf andere Weise kein Gleichgewicht stattfinden

könnte

    Durch solche Schlüsse aus den besonderen Gesetzen der Ursachen kann es uns

bis zu einem gewissen Grade gelingen eine von den folgenden Fragen zu

beantworten Es ist eine gewisse Kombination von Ursachen gegeben von welcher

Wirkung wird sie begleitet sein Und Welche Kombination von Ursachen würde

wenn sie existierte eine gegebene Wirkung hervorbringen In dem einen Falle

bestimmen wir die Wirkung, die von komplexen Umständen von denen die

verschiedenen Elemente bekannt sind zu erwarten ist in dem anderen Falle

lernen wir nach welchem Gesetze  unter welchen vorausgängigen Bedingungen 

eine gegebene komplexe Wirkung wiederkehren wird

    

     3 Aber so kann man hier fragen sind nicht dieselben Argumente nach

welchen die Methoden der direkten Beobachtung und des Experimentierens wenn sie

auf Gesetze von komplexen Naturerscheinungen angewendet wurden als illusorisch

befunden worden mit gleicher Stärke gegen die deduktive Methode anwendbar Wenn

in einem jeden einfachen Fall eine Menge und oft eine unbekannte Menge von

Agentien sich bekämpfen oder verbinden welche Sicherheit haben wir dass wir in

unserer aprioristischen Berechnung alle diese Agentien aufgenommen haben Wie

viele müssen uns im allgemeinen gar nicht bekannt sein Wie wahrscheinlich ist

es dass unter den vielen die wir kennen einige übersehen worden sind; und

wenn sogar alle eingeschlossen wären wie eitel ist das Unternehmen die

Wirkungen vieler Ursachen zu summieren wenn wir nicht genau das numerische

Gesetz einer jeden kennen  eine Bedingung die in den meisten Fällen nicht

erfüllt werden kann; und sogar wenn sie erfüllt ist so übersteigt die

Ausführung der Rechnung bis auf sehr einfache Fälle die höchsten Leistungen der

Mathematik mit Einschluss ihrer neuesten Erweiterungen

    Diese Einwendungen haben in der Tat ein großes Gewicht und es ist

unmöglich ihnen etwas entgegenzusetzen wenn es nicht eine Probe gibt nach

welcher wir bei dem Gebrauche der deduktiven Methode urteilen können ob ein

Irrtum von der obigen Art begangen worden ist oder nicht Es gibt indessen

eine solche Probe und ihre Anwendung bildet unter dem Namen der Bestätigung 

Verifikation den dritten wesentlichen Bestandteil der deduktiven Methode

ohne welchen alle Resultate die sie gewähren kann keinen andern Werth haben

als den einer Vermutung Um das Vertrauen auf die durch Deduktion erhaltenen

allgemeinen Schlüsse zu rechtfertigen müssen diese Schlüsse bei einer

sorgfältigen Vergleichung mit den Resultaten der direkten Beobachtung wo man

sie nur immer haben kann übereinstimmend befunden werden Wenn wir eine

Erfahrung haben womit wir dieselben vergleichen können und wenn diese

Erfahrung sie bestätigt so können wir ihnen mit Sicherheit in anderen Fällen

trauen in welchen wir die spezifische Erfahrung noch zu machen haben Wenn aber

unsere Deduktionen zu dem Schlusse geführt haben dass aus einer besonderen

Kombination von Ursachen eine gegebene Wirkung resultieren wird so müssen wir in

allen bekannten Fällen wo die Existenz dieser Kombination bewiesen werden kann,

und die Wirkung nicht erfolgt ist im Stande sein zu zeigen oder wenigstens

eine wahrscheinliche Vermutung aufzustellen was sie vereitelt hat wenn wir

das nicht können so ist die Theorie unvollkommen und noch nicht zuverlässig

Auch ist die Bestätigung nicht vollständig wenn nicht einige von den Fällen

bei denen die Theorie durch das beobachtete Resultat unterstützt wird

wenigstens eben so verwickelt sind als irgend andere Fälle in denen ihre

Anwendung nötig sein dürfte

    Es braucht kaum bemerkt zu werden dass wenn uns die direkte Beobachtung

oder die Vergleichung von Fällen empirische Gesetze der Wirkung geliefert hat

gleichgültig ob sie in allen beobachteten Fällen oder nur im größten Teil

derselben wahr sind), die wirksamste Verifikation deren die Theorie fähig ist

darin bestehen würde dass sie deduktiv zu diesen empirischen Gesetzen führte

dass die Gleichförmigkeit ob vollständig oder unvollständig welche als

zwischen den Naturerscheinungen existierend beobachtet wurden durch die Gesetze

der Ursachen erklärt würden dass sie der Art wären dass sie existieren müssten

wenn jene wirklich die Ursachen waren durch welche die Naturerscheinungen

erzeugt wurden So hielt man es ganz billig für ein wesentliches Erfordernis

einer jeden wahren Theorie der Himmelsbewegungen dass sie durch Deduktion zu

Keplers Gesetzen führe wie es in der Tat bei der Newtonschen Theorie der

Fall ist.

    Um daher die Bestätigung von durch Deduktion erhaltenen Theorien zu

erleichtern ist es wichtig sowohl dass so viel als möglich von den empirischen

Gesetzen der Naturerscheinungen durch eine Vergleichung von Fällen nach der

Methode der Übereinstimmung bestimmt als auch wie hinzugefügt werden muss

dass die Erscheinungen in der umfassendsten und genauesten Weise beschrieben

seien indem man aus der Beobachtung von Teilen den möglichst einfachen

Ausdruck für das entsprechende Ganze folgert ähnlich wie die Reihe der

beobachteten Orte eines Planeten zuerst durch ein System von Epizykeln und

später durch eine Ellipse ausgedrückt wurde

    Es verdient bemerkt zu werden dass komplexe Fälle die für die Entdeckung

der einfachen Gesetze in die wir die Erscheinungen zuletzt zerlegen von keinem

Nutzen gewesen wären nichtsdestoweniger zu einem neuen Beweis der Gesetze

selbst werden wenn sie dazu gedient haben die Analyse zu bestätigen Obgleich

wir nicht aus komplexen Fällen zu den Gesetzen hätten gelangen können so wird

doch wenn man das auf andere Weise gefundene Gesetz in Übereinstimmung mit dem

Resultate eines komplexen Falles findet dieser Fall zu einem neuen Experiment

in Beziehung auf dieses Gesetz und hilft das bestätigen zu dessen Entdeckung

er nicht dienen konnte Es ist eine neue Probe des Prinzips durch eine andere

Reihe von Umständen und dient gelegentlich dazu einen vorher nicht

ausgeschlossenen Umstand zu eliminieren dessen Ausschließung ein unmöglich

auszuführendes Experiment erfordern könnte Dies war höchst augenfällig in dem

früher angeführten Beispiel in welchem gefunden wurde dass die Differenz

zwischen berechneter und beobachteter Geschwindigkeit des Schalles von der Wärme

herrühre die durch die bei einer jeden Schallschwingung stattfindende

Verdichtung der Luft entbunden wurde Es war dies eine Probe unter neuen

Umständen von dem Gesetze der Wärmeentwickelung durch Verdichtung der Luft und

vermehrte sicher den Beweis von der Allgemeinheit des Gesetzes sehr wesentlich

Demnach hätte ein jedes Naturgesetz in Betreff der Gewissheit gewonnen wenn es

einen komplexen Fall erklärt von dem man vorher nicht dachte dass er damit in

Verbindung steht und es ist dies in der Tat eine Betrachtung auf welche die

Männer der Wissenschaft gewöhnt sind eher einen zu großen als einen zu kleinen

Werth zu legen

    Der in ihren drei konstituierenden Teilen der Induktion dem Syllogisieren

und der Bestätigung betrachteten deduktiven Methode verdankt der menschliche

Geist seine rühmlichsten Triumphe in der Erforschung der Natur. Ihr verdanken

wir alle Theorien durch welche ausgedehnte und verwickelte Naturerscheinungen

in wenige Gesetze zusammengefasst werden und die als Gesetze dieser großen

Erscheinungen betrachtet durch direktes Studium nie hätten entdeckt werden

können. Aus dem Beispiele von den Himmelsbewegungen können wir uns einen Begriff

bilden was die Methode für uns getan hat es ist dies einer der einfachsten

Fälle von einer Zusammensetzung von Ursachen, da mit Ausnahme einiger wenigen

Fälle von nicht der größten Wichtigkeit jeder der Himmelskörper ohne

wesentliche Ungenauigkeit betrachtet werden kann, als wäre er zu einer gegebenen

Zeit von nie mehr als zwei Körpern infuliert indem die Sonne und ein Planet oder

Satellit samt der Gegenwirkung des Körpers selbst und der Tangentialkraft wie

ich die durch des Körpers eigene Bewegung erzeugte und in der Richtung der

Tangente109 wirkende Kraft zu nennen keinen Anstand nehme nur vier verschiedene

Agentien bilden von deren Zusammenwirken die Bewegungen des Körpers abhängig

sind ohne Zweifel eine viel geringere Zahl als jene durch welche irgend eine

andere von den großen Naturerscheinungen bestimmt oder modifiziert wird Und

doch wie hätten wir je die Kombination von Kräften von denen die Bewegung der

Erde und der Planeten abhängig ist, durch ein bloßes Vergleichen der Bahnen

oder Schnelligkeiten verschiedener Planeten oder der verschiedenen

Schnelligkeiten und Stellungen desselben Planeten bestimmen können Ungeachtet

der Regelmäßigkeit dies ich in diesen Bewegungen in einem Grade zeigt der bei

dem Zusammenwirken von Ursachen so selten ist und obgleich die periodische

Wiederkehr von genau derselben Wirkung den positiven Beweis liefert dass alle

Kombinationen von Ursachen, die überhaupt vorkommen periodisch wiederkehren so

hätten wir doch niemals die Ursachen erkannt wenn nicht die Existenz genau

ähnlicher Agentien auf unserer Erde die Ursachen selbst in den Bereich unseres

Experimentierens unter einfachen Umständen gebracht hätte Da wir noch

Gelegenheit haben werden dieses große Beispiel von der Methode der Deduktion

zu erläutern so wollen wir uns hier nicht weiter damit beschäftigen sondern zu

jener sekundären Anwendung der deduktiven Methode übergehen deren Resultat ist

die Gesetze der Naturerscheinungen nicht zu beweisen sondern zu erklären

 
 



 


     1 Das deduktive Verfahren wodurch wir das Gesetz einer Wirkung aus den

Gesetzen der Ursachen ableiten durch deren Zusammenwirken sie entsteht kann

entweder zum Zweck haben das Gesetz zu entdecken oder das bereits entdeckte

Gesetz zu erklären Das Wort erklären kommt so häufig vor und nimmt in der

Philosophie eine so wichtige Stelle ein dass es von Nutzen sein wird seine

Bedeutung festzustellen

    Man nennt eine individuelle Tatsache erklärt wenn ihre Ursache

nachgewiesen ist dh wenn das Gesetz oder die Gesetze der Verursachung die

Kausalgesetze angegeben worden sind, wovon ihre Erzeugung ein Fall ist. So ist

eine Feuersbrunst erklärt wenn es nachgewiesen wird dass sie durch einen

Funken entstand der in einen Haufen brennbarer Gegenstände fiel Auf gleiche

Weise heißt ein Gesetz oder eine Gleichförmigkeit in der Natur erklärt wenn

ein anderes Gesetz oder Gesetze nachgewiesen werden von denen jenes Gesetz

selbst ein Fall ist, und woraus es abgeleitet werden könnte

    

     2 Es gibt drei leicht zu unterscheidende Reihen von Umständen in denen

ein Kausalgesetz erklärt oder wie es oft ausgedrückt wird in andere Gesetze

zerlegt oder aufgelöst werden kann.

    Der erste Fall ist der früher bereits betrachtete eine Vermischung von

Gesetzen, die eine vereinigte Wirkung hervorbringen die der Summe der Wirkungen

der einzeln genommenen Ursachen gleich ist Das Gesetz der komplexen Wirkung ist

erklärt wenn es in die besonderen Gesetze der Ursachenwelche dazu beitragen

aufgelöst ist So wird das Gesetz der Bewegung eines Planeten zerlegt in das

Gesetz der Tangentialkraft welche eine gleichförmige Bewegung in der Richtung

der Tangente hervorzubringen sucht und in das Gesetz der Zentripetalkraft

welche eine beschleunigte Bewegung gegen die Sonne zu erzeugen strebt während

die wirkliche Bewegung aus beiden zusammengesetzt ist

    Es muss hier bemerkt werden dass bei dieser Auflösung des Gesetzes einer

komplexen Wirkung die Gesetze, woraus es zusammengesetzt ist nicht die

alleinigen Elemente sind es ist in die Gesetze der separaten Ursachen in

Verbindung mit der Tatsache ihrer Koexistenz aufgelöst Das Eine ist ein so

wesentlicher Bestandteil als das Andere unser Ziel sei das Gesetz der Wirkung

zu entdecken oder nur zu erklären Um die Gesetze der Himmelsbewegungen

abzuleiten müssen wir nicht allein das Gesetz einer geradlinigten und das einer

gravitierenden Kraft sondern auch die Existenz dieser beiden Kräfte in den

himmlischen Regionen und sogar ihre relative Größe kennen Die komplexen

Kausalgesetze werden auf diese Weise in zwei unterschiedene Arten von Elementen

zerlegt die einen sind einfachere Kausalgesetze die anderen sind nach einem

geschickt gewählten Ausdruck Chalmers Kollokationen wo unter Kollokationen

die Existenz von gewissen Agentien oder Kräften unter gewissen Umständen von

Zeit und Ort verstanden wird Wir werden hernach Gelegenheit haben auf diese

Unterscheidung zurückzukommen und so lange dabei zu verweilen dass wir uns hier

nicht länger damit aufzuhalten brauchen Die erste Art der Erklärung von

Kausalgesetzen ist demnach die wo das Gesetz einer Wirkung in die verschiedenen

Bestreben wovon sie das Resultat, und in die Gesetze dieser Bestreben aufgelöst

ist

    

     3 Ein zweiter Fall ist der wenn zwischen dem was Ursache schien und

dem was man für ihre Wirkung hielt die weitere Beobachtung ein Zwischenglied

entdeckt eine durch das Antezedens verursachte Tatsache die ihrerseits wieder

das Konsequenz verursacht so dass die zuerst angegebene Ursache nur die durch

das Zwischenphänomen wirkende entferntere Ursache ist A schien die Ursache von

C zu sein es ergab sich aber in der Folge dass A nur die Ursache von B war

und dass B die Ursache von C ist Man wusste zB dass durch die Berührung

eines äußeren Gegenstandes eine Empfindung hervorgerufen wird es wurde

indessen zuletzt entdeckt dass nach unserer Berührung des Gegenstandes, und

bevor wir die Sensation erfahren eine Veränderung in einer Art von Strang der

Nerv genannt wird und sich von unseren äußeren Organen bis zum Gehirn

erstreckt stattfindet Die Berührung des Gegenstandes ist also nur die

entferntere Ursache unserer Empfindung dh nicht die eigentlich sogenannte

Ursache sondern die Ursache der Ursachedie wirkliche Ursache der Empfindung

ist die Veränderung in dem Zustande des Nerven Die zukünftige Erfahrung kann

uns nicht allein eine bessere Einsicht in die eigentümliche Natur dieser

Veränderung verschaffen sondern sie kann auch noch ein neues Zwischenglied

einschieben zB zwischen der Berührung des Gegenstandes mit unseren äußeren

Organen und der Erzeugung der Veränderung in dem Zustande des Nerven könnte ein

elektrisches Phänomen oder ein Phänomen von einer Natur dass es den Wirkungen

bekannter Agentien gar nicht gleicht statthaben Bis jetzt ist indessen kein

solches dazwischenstehendes Agens entdeckt worden und die Berührung des

Gegenstandes muss vor der Hand wenigstens als die nähere Ursache der

Affizierung des Nerven betrachtet werden. Die Folge einer Tastempfindung bei der

Berührung eines Gegenstandes ist also kein letztes Gesetz sie ist wie der

Ausdruck sagt in zwei Gesetze zerlegt  in das Gesetz, dass die Berührung

eines Gegenstandes den Nerven affiziert und in das Gesetz, dass die Affizierung

des Nerven eine Empfindung hervorruft

    Um ein anderes Beispiel anzuführen die stärkeren Säuren zerfressen oder

schwärzen organische Substanzen Dies ist ein Fall von Verursachung aber von

einer entfernten Verursachung und man sagt sie sei erklärt wenn nachgewiesen

wird dass ein Zwischenglied vorhanden ist, nämlich die Trennung eines der

chemischen Elemente der organischen Substanz von den anderen und das Eintreten

in eine neue Verbindung mit der Säure Die Säure verursacht diese Trennung der

Elemente und die Trennung der Elemente verursacht die Zersetzung und oft die

Verkohlung der Substanz. So hat das Chlor eine starke Verwandtschaft für Basen

jeder Art besonders für metallische Basen und Wasserstoff Diese Basen sind

wesentliche Bestandteile von Farbstoffen und kontagiösen Stoffen und diese

Substanzen werden daher durch das Chlor zersetzt und zerstört

    

     4 Es ist von Wichtigkeit zu bemerken dass wenn eine Folge von

Naturerscheinungen auf diese Weise in andere Gesetze zerlegt wird es immer

allgemeinere Gesetze sind Das Gesetz, dass A von C begleitet istist weniger

allgemein als ein jedes von den Gesetzen welche B mit C und A mit B verbinden

Dies wird aus den folgenden ganz einfachen Betrachtungen klar werden

    Alle Kausalgesetze können durch die Nichterfüllung einer negativen Bedingung

aufgehoben werden das Bestreben von BC hervorzubringen kann vereitelt

werden Nun ist das Gesetz, dass AB hervorbringt erfüllt ob C auf B folge

oder nicht aber das Gesetz, dass A C vermittelst B hervorbringt ist

natürlicherweise nur erfüllt wenn C wirklich auf B folgt es ist daher weniger

allgemein als das Gesetz: A bringt B hervor Es ist auch weniger allgemein als

das Gesetz: B bringt C hervor Denn B kann außer A andere Ursachen haben und

da C nur vermittelst B von A hervorgebracht wird während BC hervorbringt es

mag nun selbst von A oder von etwas Anderem hervorgebracht sein so umfasst der

zweite Fall eine größere Anzahl von Fällen, bedeckt so zu sagen ein weiteres

Feld als der erste

    So ist in unserem früheren Beispiel das Gesetz, dass die Berührung eines

Gegenstandes eine Veränderung in dem Zustande des Nerven verursacht allgemeiner

als das Gesetz, dass die Berührung eines Gegenstandes eine Empfindung

verursacht da so viel wir wissen die Veränderung des Nerven ebenfalls

stattfindet wenn einer entgegenwirkenden Ursache wie zB einer großen

geistigen Erregung wegen die Empfindung nicht erfolgt wie denn in der Tat in

Schlachten die Kämpfenden oft Wunden empfangen ohne dass sie es empfinden Eben

so ist das Gesetz, dass die Veränderung in dem Zustande eines Nerven eine

Empfindung erzeugt allgemeiner als das Gesetz, dass die Berührung eines

Gegenstandes eine Sensation erregt da die Sensation der Veränderung des Nerven

folgt wenn diese auch nicht durch die Berührung mit einem Gegenstande sondern

durch eine andere Ursache hervorgebracht ist wie in dem wohlbekannten Falle

wenn einer ein Bein verloren und doch dieselbe Empfindung hat welche er gewohnt

ist einen Schmerz in dem Beine zu nennen

    Nicht allein sind die Gesetze einer unmittelbaren Folge Sequenz in welche

das Gesetz einer entfernteren Folge zerlegt wird Gesetze von einer größeren

Allgemeinheit als dieses Gesetz sondern in Folge ihrer größeren Allgemeinheit

kann man sich auch mehr auf sie verlassen es ist weniger Gefahr vorhanden dass

sie zuletzt als nicht allgemein wahr befunden werden Wie konstant und

unveränderlich auch die Folge von A und B bisher befunden worden sein mag von

dem Augenblick an als es nachgewiesen ist dass die Folge von A und C nicht eine

unmittelbare sondern eine von einem dazwischentretenden Phänomen abhängige

Folge ist entstehen Möglichkeiten ihres Ausbleibens welche grösser sind als

diejenigenwelche eine der unmittelbareren Sequenzen A B und B C betreffen

können Das Bestreben von A, C hervorzubringen kann durch Alles vernichtet

werden was fähig ist entweder das Bestreben von AB hervorzubringen oder das

Bestreben von BC hervorzubringen zu vereiteln es ist daher dem Misslingen

doppelt so stark als eines der zwei elementaren Bestreben unterworfen und die

Generalisation dass A immer von C begleitet ist unterliegt daher der doppelten

Wahrscheinlichkeit des Irrtums Dasselbe gilt von der umgekehrten

Generalisation dass A dem C immer vorausgeht und es verursacht was nicht

allein irrtümlich ist wenn es eine zweite unmittelbare Art der Erzeugung von C

selbst sondern auch wenn es eine zweite Art der Erzeugung von B dem

unmittelbaren Antezedens von C in der Sequenz gäbe

    Die Auflösung der einen Generalisation in die zwei anderen zeigt nicht

allein dass es mögliche Beschränkungen der ersteren Generalisation gibt von

denen ihre zwei Elemente frei sind sondern sie zeigt auch wo diese gesucht

werden müssen Sobald wir wissen dass B zwischen A und C tritt so wissen wir

auch dass wenn es Fälle gibt in welchen die Folge von A und C nicht Statt

hat sie wahrscheinlich dadurch gefunden wird dass man die Wirkungen und

Bedingungen des Phänomens B studiert

    Es scheint also dass in der zweiten der drei Arten nach welchen ein Gesetz

in andere Gesetze zerlegt werden kann, die letzteren allgemeiner sind dh dass

sie sich auf mehr Fälle erstrecken und also weniger wahrscheinlich einer

Beschränkung durch spätere Erfahrung bedürfen als das Gesetz, welches sie zu

erklären dienen Sie sind viel unbedingter sie werden von weniger Vorgängen

aufgehoben sind eine größere Annäherung an die universale Wahrheit der Natur.

Dieselben Bemerkungen sind in Beziehung auf die erste der drei Zerlegungsweisen

noch viel augenfälliger wahr Wenn das Gesetz einer Wirkung kombinierter Ursachen

in die besonderen Gesetze der Ursachen zerlegt ist so schließt die Natur des

Falles ein dass das Gesetz der Wirkung weniger allgemein ist als das Gesetz

von einer der Ursachen, indem jenes nur gültig ist wenn sie kombiniert sind

während das Gesetz von einer jeden der Ursachen sowohl gültig ist wenn die

Ursachen kombiniert sind als auch wenn jede Ursache von den übrigen getrennt

wirkt Auch ist es klar dass das komplexe Gesetz öfter nicht erfüllt wird als

die einfachen Gesetze deren Resultat es istindem ein jeder Vorgang welcher

eines dieser Gesetze aufhebt gerade so viel von der Wirkung, als davon abhängt

verhindert und dadurch das komplexe Gesetz aufhebt Das bloße Rosten eines

kleinen Teils einer großen Maschine zB verhindert oft gänzlich die Wirkung,

welche aus der vereinigten Tätigkeit aller Theile hervorgehen sollte Das

Gesetz der Wirkung einer Kombination von Ursachen ist fortwährend dem Ganzen der

negativen Bedingungen unterworfen die der Action aller Ursachen einzeln

anhängen

    Es gibt einen anderen und noch stärkeren Grund warum das Gesetz einer

komplexen Wirkung weniger allgemein sein muss als die Gesetze, die bei ihrer

Erzeugung mitwirken Dieselben Ursachen nach denselben Gesetzen wirkend und

nur in den Verhältnissen verschieden in welchen sie verbunden sind, bringen oft

Wirkungen hervor die nicht bloß der Quantität nach sondern auch der Art nach

verschieden sind Die Kombination einer Tangentialkraft mit einer

Zentripetalkraft in den Verhältnissen wie sie sich bei allen Planeten und

Satelliten unseres Sonnensystems finden erzeugen eine elliptische Bewegung

wenn jedoch das Verhältnis der zwei Kräfte zu einander nur um ein Geringes

geändert würde so würde die erzeugte Bewegung nachweisbar in einem Kreis einer

Parabel oder Hyperbel stattfinden und man hat angenommen dass dies bei einigen

Kometen wirklich der Fall sei Das Gesetz der parabolischen Bewegung würde

jedoch in dieselben einfachen Gesetze zerlegbar sein in welche die elliptische

Bewegung zerlegt ist in das Gesetz nämlich von der Fortdauer einer

geradlinigten Bewegung und das Gesetz einer allgemeinen Zentripetalkraft Wenn

sich daher im Laufe der Jahrhunderte ein Umstand zeigen sollte welcher ohne

das Gesetz einer dieser Kräfte aufzuheben nur ihr Verhältnis zu einander

andern würde wie der Stoß eines Kometen oder sogar die akkumulierende Wirkung

von dem Widerstand des Mediums in welchem der Vermutung der Astronomen nach

die Bewegungen der Himmelskörper stattfinden sollen so dürfte die elliptische

Bewegung in eine Bewegung in einer andern Kurve umgewandelt werden und das

komplexe Gesetz der Bewegungen der Himmelskörper wie es gegenwärtig verstanden

wird würde seiner Allgemeinheit beraubt sein obgleich die Entdeckung durchaus

nichts von der Allgemeinheit der einfachen Gesetze in welche dieses Gesetz

zerlegt ist hinwegnehmen würde Kurz das Gesetz einer jeden der mitwirkenden

Ursachen bleibt dasselbe wie sich ihre Kollokationen auch ändern mögen aber

das Gesetz ihrer vereinten Wirkung ändert sich mit einem jeden Unterschiede in

den Kollokationen Es ist unnötig weiter zu zeigen wie viel allgemeiner die

elementaren Gesetze sein müssen als irgend eines der komplexen Gesetze die

davon abgeleitet sind

    

     5 Außer den zwei abgehandelten Arten gibt es eine dritte Art nach

welcher Gesetze zerlegt werden und es versteht sich bei dieser von selbst dass

sie in allgemeinere Gesetze als sie selbst sind zerlegt werden Diese dritte

Art ist die Unterordnung die Subsumtion wie sie genannt wurde eines Gesetzes

unter ein anderes oder was auf dasselbe hinauskommt das Zusammenfassen von

verschiedenen Gesetzen in ein allgemeineres das sie alle einschließt Das

glänzendste Beispiel dieses Verfahrens fand Statt als die terrestrische Schwere

und die Zentralkraft des Sonnensystems unter das allgemeine Gesetz der Schwere

gebracht wurden Es war vorher bewiesen worden dass die Erde und die anderen

Planeten nach der Sonne streben eine Anziehung in der Richtung nach der Sonne

erleiden und seit den frühesten Zeiten war bekannt dass alle irdischen Körper

nach der Erde streben Dies waren ähnliche Erscheinungen und um sie unter ein

Gesetz subsumieren zu können war es nur nötig zu beweisen dass so wie die

Wirkung der Qualität nach ähnlich war sie sich auch der Quantität nach

denselben Regeln fügte Zuerst wurde dies für den Mond als wahr nachgewiesen

welcher mit den terrestrischen Gegenständen nicht allein darin übereinstimmt

dass er nach einem Centrum strebt sondern auch in der Tatsache dass dieses

Centrum die Erde ist Man wusste bereits dass das Streben des Mondes nach der

Erde sich umgekehrt in dem Quadrate der Entfernung ändert und es wurde hieraus

durch direkte Berechnung abgeleitet dass wenn der Mond der Erde so nahe wie die

irdischen Gegenstände und die Tangentialkraft nicht tätig wäre derselbe um

genau so viele Fuß in der Minute nach der Erde fallen würde als jene

Gegenstände vermittelst ihres Gewichtes fallen Die Folgerung dass der Mond

durch sein Gewicht nach der Erde strebt und dass die beiden Phänomene das

Streben des Mondes nach der Erde und das Streben der irdischen Gegenstände nach

der Erde da sie nicht allein der Qualität nach ähnlich sondern auch unter

denselben Umständen der Quantität nach identisch sind Fälle von einem und

demselben Kausalgesetze sind war hiernach unwiderstehlich Aber das Streben des

Mondes nach der Erde und das der Erde und der Planeten nach der Sonne waren

bereits als Fälle desselben Kausalgesetzes bekannt und so wurde das Gesetz

aller dieser Bestreben und das Gesetz der irdischen Schwere als identisch

erkannt oder mit anderen Worten, sie wurden unter ein allgemeines Gesetz unter

das Gesetz der Gravitation subsumiert

    Auf eine ähnliche Weise wurden in der neuern Zeit die magnetischen Phänomene

unter bekannte Gesetze der Elektrizität subsumiert Die allgemeinsten

Naturgesetze werden gewöhnlich auf diese Weise gefunden wir gelangen zu ihnen

durch aufeinanderfolgende Schritte Denn um durch eine richtige Induktion zu

Gesetzen zu gelangen die unter einer so ungeheuren Mannigfaltigkeit von

Umständen gültig sind Gesetzen die so allgemein sind dass sie von einer jeden

Veränderung in Raum und Zeit die wir beobachten können unabhängig sind ist es

meistenteils erforderlich dass viele unterschiedene Reihen von Experimenten

und Beobachtungen zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Personen

angestellt werden Erst wird ein Teil des Gesetzes ermittelt hernach ein

anderer die eine Reihe von Beobachtungen lehrt uns dass das Gesetz unter

einigen Bedingungen gültig ist eine andere Reihe lehrt uns dass es unter

anderen Bedingungen gültig ist und indem wir diese Beobachtungen verbinden

finden wir dass es unter viel allgemeineren Bedingungen gültig oder sogar

universal ist Das allgemeine Gesetz ist in diesem Falle buchstäblich die Summe

der Teilgesetze es ist die Erkenntnis derselben Sequenz in verschiedenen

Reihen von Fällen, und kann in der Tat als nur eine Stufe in dem

Eliminationsverfahren bildend betrachtet werden. Jenes Streben der Körper gegen

einander das wir nun Schwere nennen wurde zuerst nur auf der Erdoberfläche

beobachtet wo es sich nur als ein Streben aller Körper gegen die Erde äußerte

und hätte daher einer besonderen Eigenschaft der Erde zugeschrieben werden

können; einer der Umstände nämlich die Nähe der Erde war nicht eliminiert Die

Elimination dieses Umstandes erforderte eine neue Reihe von Fällen aus anderen

Teilen des Universums diese konnten wir nicht selbst schaffen und obgleich

sie die Natur für uns geschaffen hatte so waren wir doch für deren Beobachtung

in sehr ungünstige Umstände versetzt Die Aufgabe diese Beobachtungen zu

machen fiel natürlich einer anderen Klasse von Personen zu als diejenigen

waren welche die irdischen Naturerscheinungen studierten und war in der Tat

ein Gegenstand von großem Interesse zu einer Zeit wo der Gedanke die

himmlischen Tatsachen durch terrestrische Gesetze zu erklären als eine

Verkennung einer unverletzbaren Distinktion betrachtet wurde Als indessen die

himmlischen Bewegungen genau bestimmt und die deduktiven Operationen ausgeführt

wurden so erhellte daraus dass ihre Gesetze und die der irdischen Schwere

einander entsprechen und es wurden diese himmlischen Beobachtungen zu einer

Reihe von Fällen, die den Umstand von der Nähe der Erde genau eliminierten und

bewiesen dass in dem ursprünglichen Falle in dem der irdischen Gegenstände es

nicht die Erde als solche war welche die Bewegung oder den Druck verursachte

sondern der den himmlischen Fällen gemeinsame Umstand nämlich die Gegenwart

eines großen Körpers innerhalb gewisser Grenzen der Entfernung

    

    6 Es gibt also drei Arten von Erklärung der Kausalgesetze oder was

dasselbe ist, von Zerlegung derselben in andere Gesetze Erstens wenn das

Gesetz einer Wirkung kombinierter Ursachen in die einzelnen Gesetze der Ursachen

und in die Tatsachen ihrer Kombination zerlegt wird Zweitens wenn das Gesetz,

welches zwei nicht benachbarte Glieder einer Kette von Verursachungen verbindet

in die Gesetze zerlegt wird welche ein jedes Glied mit den Zwischengliedern

verbinden Beides sind Fälle der Zerlegung eines Gesetzes in zwei oder mehrere

Gesetze bei der dritten Zerlegungsart werden zwei oder mehrere Gesetze in eines

aufgelöst indem wir, nachdem der Beweis geführt worden ist, dass das Gesetz in

mehreren verschiedenen Classen von Fällen gültig ist entscheiden dass was in

einer jeden dieser Classen von Fällen wahr ist auch unter einer etwas

allgemeineren Voraussetzung die aus dem besteht was alle diese Classen von

Fällen gemeinsames haben wahr ist Wir können hier bemerken dass diese

Operation keine von den Ungewissheiten einschließt welche der Induktion nach

der Methode der Übereinstimmung anhängen indem wir nicht vorauszusetzen

brauchen dass das Resultat durch Folgerung auf eine neue Klasse von Fällen, und

verschieden von denjenigen durch deren Vergleichung es erzeugt wurde

ausgedehnt worden ist.

    In allen diesen drei Fällen werden wie wir sahen die Gesetze in

allgemeinere Gesetze zerlegt als sie selbst sind in Gesetze die sich auf alle

Fälle erstrecken auf die sich die ersteren erstrecken und außerdem noch auf

andere Fälle Bei den ersten zwei Zerlegungsweisen werden dieselben auch in

gewissere Gesetze zerlegt oder mit anderen Worten, in allgemeiner wahre als

sie selbst sind es wird in der Tat von ihnen bewiesen dass sie nicht selbst

Naturgesetze sind deren Charakter ist allgemein wahr zu sein sondern

Resultate von Naturgesetzen die nur bedingungsweise und größtenteils wahr

sind. In dem dritten Falle existiert kein Unterschied dieser Art indem hier die

partiellen Gesetze in der Tat dasselbe Gesetz sind wie das allgemeine, und

eine Ausnahme von ihnen eine Ausnahme von letzterem sein würde

    Durch alle drei Verfahrungsweisen wird der Umfang der deduktiven Methode

erweitert indem die so aufgelösten Gesetze nun demonstrativ aus den Gesetzen

in welche sie aufgelöst sind abgeleitet werdenkönnen. Wie bereite bemerkt

wurde dient dasselbe deduktive Verfahren welches ein Gesetz oder eine

Tatsache der Verursachung beweist wenn sie unbekannt ist zur Erklärung

derselben wenn sie bekannt ist

    Das Wort Erklärung ist hier in seinem philosophischen Sinne gebraucht Was

man eine Erklärung eines Naturgesetzes durch ein anderes nennt ist nur die

Vertretung eines Rätsels durch ein anderes und macht den allgemeinen Gang der

Natur nicht weniger geheimnisvoll wir können für die allgemeineren Gesetze

nicht mehr als für die partiellen ein warum angeben Die Erklärung kann ein

Rätsel an das man sich gewöhnt hat und das daher nicht mehr rätselhaft zu

sein scheint an die Stelle eines andern noch ungewohnten setzen Dies ist in

gewöhnlicher Sprache unter Erklärung verstanden Aber das Verfahren womit wir

uns beschäftigt haben tut häufig das Gegenteil es löst ein Phänomen mit

welchem wir vertraut sind in ein anderes auf von dem wir vorher wenig oder gar

nichts wussten wie zB die allgemeine Tatsache von dem Falle schwerer Körper

in das Streben aller materiellen Teilchen gegen einander aufgelöst wird Man

muss daher beständig im Auge behalten dass diejenigenwelche in der

Wissenschaft von der Erklärung einer Naturerscheinung sprechen darunter immer

den Nachweis nicht einer gewohnteren sondern nur einer allgemeineren

Naturerscheinung wovon jene ein partieller Fall ist, oder den Nachweis von

Kausalgesetzen verstehen oder verstehen sollten welche die Naturerscheinung

durch ihre vereinte oder sukzessive Wirkung hervorbringen und von welchen daher

ihre Bedingungen deduktiv abgeleitet werden könnenEin jedes derartige

Verfahren bringt uns der Beantwortung einer Frage welche schon früher »als die

ganze Aufgabe der Naturforschung umfassend« dargestellt wurde um einen Schritt

näher der Frage nämlich welches sind die wenigsten Annahmen aus denen wenn

sie zugegeben wären die existierende Ordnung der Natur resultieren würde Welches

sind die wenigsten allgemeinen Sätze aus denen die in der Natur existierenden

Gleichförmigkeit abgeleitet werden könnten

    Von den so erklärten oder aufgelösten Gesetzen sagt man zuweilen es sei der

Grund derselben nachgewiesen aber der Ausdruck ist ungenau wenn er in einem

anderen Sinne als dem bereits angeführten gebraucht wird Diejenigenwelche

nicht an genaues Denken gewöhnt sind hegen oft die verworrene Vorstellung dass

die allgemeinen Gesetze die Ursachen der partiellen seien dass das Gesetz der

allgemeinen Schwere zB das Phänomen des Falles der Körper gegen die Erde

verursache Es wäre aber ein Missbrauch des Wortes, dies zu behaupten die

irdische Schwere ist nicht eine Wirkung sondern ein Fall der allgemeinen

Schwere dh eine Art von den besonderen Fällenin denen sich dieses allgemeine

Gesetz bewährt Ein Naturgesetz erklären heißt also und kann nicht mehr

heißen als andere allgemeinere Gesetze samt den Kollokationen nachweisen aus

deren Annahme die partiellen Gesetze ohne eine neue Voraussetzung folgen

 
 



                              



     1 Eins der merkwürdigsten Beispiele von Erklärungen von Kausalgesetzen

komplexer Erscheinungen die seit der berühmten Newtonschen Generalisation

versucht wurden und die wie wir sahen in einer Auflösung derselben in

einfachere und allgemeinere Gesetze besteht findet sich in den neueren

Betrachtungen Liebigs über Gegenstände der organischen Chemie Obgleich diese

Betrachtungen noch nicht lange genug bekannt sind um uns zu berechtigen

anzunehmen dass denselben in keiner Beziehung ein wohlbegründeter Einwurf

gemacht werden könnte so bieten sie doch ein so bewunderungswürdiges Beispiel

von dem Geigte der deduktiven Methode dar dass es mir erlaubt sein wird einige

Proben davon anzuführen

    Man hat in gewissen Fällen die Beobachtung gemacht dass die chemische

Action so zu sagen kontagiös ist dh eine Substanz die nicht von selbst einer

besonderen chemischen Anziehung folgt indem die Stärke der Anziehung nicht

hinreicht um die Kohäsion zu überwinden oder eine chemische Verbindung in der

die Substanz bereits zurückgehalten ist zu zerstören wird ihr

nichtsdestoweniger nachgeben wenn sie in Berührung mit einem andern Körper ist

der in Begriff ist dieser Kraft zu folgen Die Salpetersäure löst das reine

Platin nicht auf »selbst in einem Zustande der außerordentlichen Zerteilung

in dem seine kleinsten Teilchen nicht mehr das Licht zurückwerfen wird es

durch Kochen mit dieser Säure nicht oxydiert« Aber dieselbe Säure löst das

Silber mit Leichtigkeit Wenn nun eine Legierung von Silber und Platin mit

Salpetersäure behandelt wird so trennt die Säure nicht wie man natürlich

erwarten sollte die beiden Metalle indem sie das Silber löst und das Platin

zurücklässt sie löst beide auf das Platin wird mit dem Silber oxydiert und

verbindet sich mit einem untersetzten Theile der Säure110 In ähnlicher Weise

»zerlegt Kupfer das Wasser nicht beim Sieden mit verdünnter Schwefelsäure eine

Legierung von Kupfer Zink und Nickel löst sich leicht unter

Wasserstoffgasentwickelung in wasserhaltiger Schwefelsäure« Diese Erscheinungen

können nicht durch das Gesetz der sogenannten chemischen Verwandtschaft erklärt

werden. Sie weisen auf ein anderes Gesetz wonach die Oxydation welche ein

Körper erleidet einen andern damit in Berührung stehenden Körper veranlasst

sich derselben Veränderung zu unterwerfen Nicht allein die chemische

Verbindung sondern auch die chemische Zersetzung kann auf diese Weise

fortgepflanzt werden Das Wasserstoffhyperoxyd eine Verbindung von Wasserstoff

und Sauerstoff in einem größeren Verhältnis als nötig wäre um Wasser zu

erzeugen ist nur von einer so schwachen chemischen Anziehung zusammengehalten

dass der geringste Umstand hinreichend ist es zu zersetzen es gibt sogar

freiwillig obgleich langsam Sauerstoff ab und wird zu Wasser reduziert

vermutlich durch das Bestreben des Sauerstoffs Wärme zu absorbieren und

Gasform anzunehmen Man hat nun beobachtet dass wenn diese Zersetzung des

Wasserstoffhyperoxyds während der Berührung mit gewissen Metalloxyden

stattfindet wie Silberoxyd Bleisuperoxyd Mangansuperoxyd es eine

entsprechende chemische Action auf diese Substanzen überträgt sie geben ihren

Sauerstoff ganz oder teilweise ab und werden zu Metall oder einer niedrigem

Oxydationsstufe reduziert obgleich sie diese Veränderung nicht freiwillig

erleiden und keine chemische Affinität sie dazu veranlasst Liebig führt noch

andere ähnliche Erscheinungen an  »Man kann« bemerkt er »den angeführten

Erscheinungen keine andere Erklärung unterlegen als dass hierbei Zersetzung

oder Verbindung in Folge der Berührung mit einem andern Körper herbeigeführt

wird der sich selbst im Zustande der Zersetzung oder der Verbindung befindet«

    Hier ist also ein Naturgesetz von großer Einfachheit welches aber wegen

des äußerst speziellen und beschränkten Charakters der Erscheinungen, in denen

allein es experimentell entdeckt werden konnte da nur in ihnen allein seine

Resultate nicht mit denen anderer Gesetze vermischt sind von den Chemikern

wenig erkannt wurde und welches niemand auf den experimentellen Beweis hin für

ein einer jeden chemischen Action gemeinsames Gesetz hätte hinstellen dürfen

und zwar der Unmöglichkeit wegen da wo die Eigenschaften verschiedener Arten

von Substanzen vermengt sind einen strengen Gebrauch von der Differenzmethode

zu machen eine Unmöglichkeit die in einem früheren Kapitel angeführt und

charakterisiert wurde111 Diese äußerst spezielle und scheinbar unsichere

Generalisation ist nun unter den Händen Liebigs durch eine meisterhafte

Anwendung der deduktiven Methode zu einem die ganze Natur durchdringenden

Gesetze geworden in der Weise wie in den Händen Newtons die Schwere diesen

Charakter annahm es erklärt auf die unerwarteteste Weise viele vereinzelte

Generalisationen einer beschränkteren Art indem es die in diesen

Generalisationen enthaltenen Erscheinungen zu bloßen Fällen von ihm selbst

reduziert

    Der kontagiöse Einfluss der chemischen Action ist keine bedeutende Kraft

und nur fähig schwache Verwandtschaften zu überwinden wir dürfen daher

erwarten dass er sich vorzüglich bei der Zersetzung von Substanzen bewähren

wird die nur durch schwache chemische Kräfte zusammengehalten werden Nun ist

die Kraft welche eine chemische Substanz zusammenhält um so schwächer je

zusammengesetzter die Substanz ist organische Produkte sind es aber die

vorzüglich eine komplexe Konstitution haben Auf solche Substanzen überträgt

sich daher die sich fortpflanzende Kraft der chemischen Tätigkeit in der

auffallendsten Weise Es erklärt daher erstens die merkwürdigen Gesetze der

Gehrung und der Fäulnis Ein wenig Sauerteig dh Teig in einem gewissen

Zustande von chemischer Tätigkeit teilt einer ganzen Teigmasse eine chemische

Action mit Die Berührung mit zerfallenden Substanzen verursacht in vorher

gesunden Substanzen ebenfalls ein Zerfallen Die Hefe ist eine Substanz die

sich bei Einwirkung von Luft und Wasser unter Entwickelung von Kohlensäure

zersetzt und der Zucker hat eine so komplexe Zusammensetzung dass er nicht mit

einer großen Kohärenz in seiner existierenden Form erhalten wird und sich unter

Aufnahme der Elemente des Wassers leicht in Kohlensäure und Alkohol spaltet Die

bloße Gegenwart der Hefe die Nähe einer Substanz deren Elemente sich trennen

und mit denen des Wassers verbinden verursacht nun in dem Zucker dieselbe

Veränderung er entwickelt Kohlensäure und verwandelt sich in Alkohol Es sind

nicht die in der Hefe enthaltenen Elemente welche dies bewirken »Ein in der

Wärme bereiteter wässeriger Aufguss von Ferment kann mit Zuckerwasser in einem

verschlossenen Gefäße zusammengebracht werden ohne das mindeste Zeichen von

Zersetzung hervorzubringen« Auch der unlösliche Rückstand der Hefe besitzt nach

der Behandlung mit Wasser nicht die Eigenschaft Gehrung zu erregen Es ist also

nicht die Hefe selbst es ist die Hefe in einem Zustande der Zersetzung Der

Zucker welcher sich bei der bloßen Gegenwart von Sauerstoff und Wasser nicht

zersetzen würde zersetzt sich wenn eine andere Oxydation in seiner Nähe vor

sich geht112

    Nach demselben Prinzip war Liebig im Stande die Miasmen den schädlichen

Einfluss faulender Substanzen eine Menge von Giften kontagiöse Krankheiten und

andere Erscheinungen zu erklären Von allen Substanzen sind diejenigen aus

welchen der Tierkörper besteht von einer vorzugsweise komplexen und wenig

stabilen Zusammensetzung Das Blut insbesondere ist der veränderlichste Körper

den wir kennen Was kann daher weniger überraschend sein als dass Gase oder

andere chemische Substanzendie sich in einem Zustande der Zersetzung befinden

wenn sie durch die Respiration oder auf irgend eine Weise mit den Geweben in

Berührung gebracht oder wenn sie durch Impfung direkt ins Blut gelangen ihre

eigene Bewegung auf die sie umgebenden Moleküle übertragen und eine Bewegung

hervorbringen die sich so lange fortpflanzt bis das ganze System in eine mehr

oder weniger mit den chemischen Bedingungen des Lebens unverträgliche chemische

Action gerät

    Von den drei Arten in welchen zufolge des vorhergehenden Kapitels die

Auflösung eines speziellen Gesetzes in ein allgemeineres stattfindet erläutert

diese Betrachtung von Liebig die zweite Art Die erklärten Gesetze lauten Hefe

versetzt den Zucker in einen Zustand von Gehrung Zwischen der entfernteren

Ursache der Gegenwart von Hefe und der darauf folgenden Wirkung der Gehrung

des Zuckers wurde hier eine nähere Ursache die chemische Tätigkeit zwischen

den Hefenteilchen und den Elementen der Luft und des Wassers eingeschaltet

Das spezielle Gesetz wird so in zwei allgemeinere aufgelöst das erste dass

Hefe bei Gegenwart von Luft und Wasser sich zersetzt das zweite dass eine in

einem Zustande von chemischer Tätigkeit befindliche Substanz diesen Zustand auf

andere Substanzen zu übertragen strebt Aber indem diese Untersuchung die zweite

Art der Auflösung komplexer Gesetze sehr geschickt erläutert tut sie dies

nicht weniger glücklich in Beziehung auf die dritte Art in der Subsumtion

spezieller Gesetze unter ein allgemeineres indem man sie in einen umfassenderen

und sie alle einschließenden Ausdruck summiert die merkwürdige Tatsache der

kontagiösen Natur der chemischen Action wurde erst durch diese Forschungen zu

einem Gesetze aller chemischen Tätigkeit erhoben sowie die Newtonsche

Anziehung erst als ein Gesetz aller Materie anerkannt wurde als man fand dass

sie die Erscheinungen der irdischen Schwere erklärte Vor Liebigs

Untersuchungen war die in Rede stehende Eigenschaft nur in wenigen speziellen

Fällen von chemischer Tätigkeit beobachtet worden nachdem aber durch seine

deduktiven Schlüsse festgestellt worden war dass unzählige Wirkungen auf

schwache Verbindungen von Substanzen hervorgebracht deren Eigentümlichkeiten

diese Wirkungen nicht erklären dadurch erklärt werden könnten dass man in

allen diesen Fällen die angenommene spezielle Eigenschaft als vorhanden dachte

wurden diese zahlreichen Generalisationen von besonderen Substanzen aus unter

ein allgemeines Gesetz der chemischen Action gebracht indem die

Eigentümlichkeiten der verschiedenen Substanzen in der Tat gerade so eliminiert

wurden wie die Newtonsche Deduktion aus den Fällen von terrestrischer Schwere

den Umstand der Erdnähe eliminierte

    

     2 Wenn eine der anderen Betrachtungen Liebigs mit den Tatsachen der

äußerst verwickelten Erscheinungen auf die sie sich bezieht zuletzt

übereinstimmend befunden werden sollte so würde sie eines der schönsten

Beispiele von Deduktion ausmachen die wir kennen es ist seine Theorie der

Respiration

    Die Tatsachen der Respiration oder mit anderen Worten, die speziellen

Gesetze welche Liebig zu erklären und im allgemeinen aufzulösen suchte lassen

sich in folgender Weise ausdrücken während das Blut durch die Lungen geht

absorbiert es Sauerstoff und gibt Kohlensäure ab indem es dabei seine

schwärzliche Purpurfarbe in ein helles Roth verwandelt Die Absorption und

Exhalation sind offenbar chemische Erscheinungen und der Kohlenstoff der

Kohlensäure muss aus dem Körper stammen dh er muss durch das Blut von

denjenigen Substanzen aufgenommen worden sein womit es während seines

Durchgangs durch den Organismus in Berührung kam Es wird also hier verlangt

das Zwischenglied die Natur der zwei stattfindenden chemischen Vorgänge zu

finden erstlich die Absorption der Kohle oder Kohlensäure durch das Blut

während seines Durchgangs durch den Körper zweitens die Ausscheidung der Kohle

oder den der Umtausch der Kohlensäure für Sauerstoff während seines Durchgangs

durch die Lunge

    Liebig glaubt die Lösung dieser vexata quaestio in einer Klasse von

chemischen Vorgängen gefunden zu haben in welchen sie schwerlich ein weniger

scharfsinniger und genauer Forscher gesucht hätte

    Das Blut besteht aus zwei Bestandteilen aus dem Serum und den

Blutkörperchen Das Serum ist fähig eine große Menge Kohlensäure zu absorbieren

und sie in Auflösung zu erhalten ohne die Neigung zu besitzen Sauerstoff

aufzunehmen Es muss hieraus geschlossen werden dass die Blutkörperchen

denjenigen Teil des Blutes ausmachen der bei der Respiration tätig ist Diese

Körperchen enthalten eine gewisse Menge Eisen nach chemischen Versuchen zu

schließen in der Form von Oxyd

    Liebig erkannte nun in den bekannten Eigenschaften des Eisenoxyds Gesetze

welche wenn sie deduktive verfolgt werden genau zur Voraussagung der Reihe von

Erscheinungen führen welche die Respiration darbietet

    Es gibt zwei Oxyde des Eisens ein Oxydul und ein Oxyd In dem arteriellen

Blute ist das Eisen in Form von Oxyd enthalten wie es in dem venösen Blute

enthalten ist, wissen wir zwar nicht aus direkten Versuchen die sogleich

anzuführenden Betrachtungen beweisen jedoch dass es in dem Zustande von Oxydul

darin enthalten ist. Da das arterielle und das venöse Blut sich fortwährend in

einander verwandeln so entstellt die Frage unter welchen Umständen ist das

Eisenoxydul fähig in Oxyd überzugehen und umgekehrt Nun verbindet sich das

Oxydul bei Gegenwart von Wasser leicht mit Sauerstoff unter Bildung von

Oxydhydrat und diese Bedingungen findet es bei seinem Durchgang durch die

Lungen es nimmt den Sauerstoff der Luft auf indem es in dem Blute selbst

Wasser vorfindet Dies würde schon einen Teil der Respirationserscheinungen

erklären Indem aber das arterielle Blut die Lungen verlässt ist es mit

Eisenoxydhydrat beladen auf welche Weise wird nun das Oxyd in seinen früheren

Zustand zurückgeführt

    Die chemischen Bedingungen für die Reduktion des Eisenoxydhydrats zu Oxydul

sind gerade diejenigen denen das Blut während seiner Circulation begegnet

nämlich die Berührung mit organischen Substanzen

    Wenn Eisenoxydhydrat mit schwefellosen organischen Substanzen behandelt

wird so gibt es Sauerstoff und Wasser ab der Sauerstoff verbindet sich mit

dem Kohlenstoff der organischen Substanz zu Kohlensäure während das zu Oxydul

reduzierte Oxydhydrat sich mit der Kohlensäure zu einem kohlensauren Salze

verbindet Dieses kohlensaure Eisenoxydul zersetzt sich seinerseits bei

Berührung von Sauerstoff und Wasser die Kohlensäure wird in Freiheit gesetzt

und das Oxydul geht durch Aufnahme von Sauerstoff und Wasser wieder in

Oxydhydrat über

    Die geheimnisvollen chemischen Erscheinungen welche mit der Respiration

verknüpft sind können nun durch einen schönen deduktiven Prozess vollständig

erklärt werden. Das arterielle Blut welches das Eisen in der Form von

Oxydhydrat enthält geht durch die Kapillargefäße wo es mit den zerfallenden

Geweben zusammentrifft auch nimmt es während seines Laufes einige

kohlenstoffreiche tierische Produkte wie Galle auf Hierin findet es genau

die erforderlichen Bedingungen um das Oxyd in Oxydul und Sauerstoff zu

zersetzen Der Sauerstoff verbindet sich mit dem Kohlenstoff der zerfallenden

Gewebe und bildet Kohlensäure welche obgleich nicht hinreichend um alles

Oxydul zu neutralisieren sich mit einem Theile desselben einem Viertheil

verbindet und als kohlensaures Salz mit den übrigen drei Viertheilen des Oxyduls

durch das venöse System zu den Lungen zurückkehrt Hier trifft es wieder

Sauerstoff und Wasser das freie Oxydul wird zu Oxydhydrat das kohlensaure

Oxydul gibt unter Aufnahme von Sauerstoff und Wasser seine Kohlensäure ab und

geht in Oxydhydrat über Die bei dem Übergange von Oxydul in Oxyd und durch die

Verbrennung des Kohlenstoffs der Gewebe entbundene Wärme betrachtet Liebig als

die Ursachewelche die Temperatur des Körpers erhält In diesen Teil der

Betrachtung brauchen wir jedoch nicht einzugehen113

    In diesem Beispiel ist die zweite Art komplexe Gesetze durch Einschalten

von Zwischengliedern in die Kette der Ursachen zu zerlegen auseinandergesetzt

einige Stufen in der Deduktion bieten Fälle von der ersten Art dar von

derjenigen nämlich welche die vereinigte Wirkung zweier oder mehrerer Ursachen

aus ihren besonderen Wirkungen folgert Die dritte Art kam bei diesem Beispiele

nicht in Anwendung indem die einfacheren Gesetze in welche die Gesetze der

Respiration aufgelöst werden die Gesetze der chemischen Action der Eisenoxyde

bereits bekannt waren und durch ihren Gebrauch in dem vorliegenden Falle in

ihrer Allgemeinheit nicht erweitert werden

    

     3 Die Eigenschaft welche die Salze besitzen organische Substanzen vor

der Fäulnis zu bewahren wird von Liebig in zwei allgemeinere Gesetze die

starke Anziehung des Wassers durch die Salze und die Notwendigkeit der

Gegenwart des Wassers als einer Bedingung der Fäulnis zerlegt Das

Zwischenphänomen das zwischen die entferntere Ursache und die Wirkung

eingeschaltet wird kann nicht allein gefolgert sondern auch gesehen werden

denn es ist eine bekannte Tatsache dass Fleisch worauf man Salz gestreut hat

bald in einer Salzlake schwimmt

    Der zweite der beiden Faktoren wie man sie nennen kann in welche das

vorstehende Gesetz zerlegt wurde die Notwendigkeit des Wassers für die

Fäulnis bietet ein weiteres Beispiel von der Zerlegung der Gesetze dar Das

Gesetz selbst wird durch die Differenzmethode bewiesen da vollständig

getrocknetes und in einer getrockneten Atmosphäre bewahrtes Fleisch nicht fault

wie wir aus dem Trocknen von Mundvorrat und menschlichen Körpern in sehr

trocknen Climaten wissen Aus den Betrachtungen Liebigs ergibt sich eine

deduktive Erklärung dieses Gesetzes Die Fäulnis tierischer und anderer

stickstoffhaltiger Körper ist ein chemischer Prozess durch welchen dieselben

nach und nach in gasförmige Substanzen vorzüglich in Kohlensäure und Ammoniak

verwandelt werden um den Kohlenstoff der Tiersubstanzen in Kohlensäure

überzuführen ist Sauerstoff erforderlich und um den Stickstoff in Ammoniak zu

verwandeln muss Wasserstoff oder es müssen die Elemente des Wassers vorhanden

sein Die große Schnelligkeit der Fäulnis stickstoffhaltiger Körper im

Vergleich mit dem langsamen Zerfallen stickstoffloser wie Holz usw durch die

Einwirkung des Sauerstoffs allein erklärt Liebig durch das allgemeine Gesetz

dass Substanzen viel leichter zersetzt werden wenn zwei verschiedene

Affinitäten auf zwei ihrer Elemente wirken als wenn nur eine einzige wirkt

    Die purgierende Wirkung welche Salze mit alkalischer Basis haben wenn sie

in konzentrierten Lösungen getrunken werden erklärt Liebig nach folgenden zwei

Prinzipien tierische Gewebe wie der Magen absorbieren nicht konzentrierte

Lösungen alkalischer Salze solche Lösungen lösen aber die in dem Darmkanal

enthaltenen festen Stoffe Die einfacheren Gesetze in welche das komplexe

Gesetz hier zerlegt ist sind das zweite der vorhergehenden Prinzipien

verbunden mit einem dritten mit dem nämlich dass die peristaltische Bewegung

leicht auf Substanzen wirkt wenn sie gelöst sind Das negative allgemeine

Urteil dass tierische Substanzen diese Salze nicht absorbieren trägt dadurch

zur Erklärung bei dass es den Grund der Abwesenheit einer entgegenwirkenden

Ursache der Absorption durch den Magen angibt welche im Falle von anderen

Substanzen welche die dazu erforderlichen chemischen Eigenschaften besitzen

sie verhindert die Stoffe zu erreichen welche sie lösen sollen

    

     4 Aus den vorhergehenden und aus ähnlichen Fällen kann man sehen wie

wichtig es ist wenn ein vorher unbekanntes Naturgesetz ans Licht gebracht oder

wenn durch das Experiment ein neues Licht auf ein bekanntes Gesetz geworfen

worden ist, alle Fälle zu untersuchen welche die nötigen Bedingungen

darbieten um dieses Gesetz in Action zu setzen ein Verfahren das notwendig

reich an Beweisen spezieller vorher nicht vermuteter Gesetze und an

Erklärungen anderer bereits empirisch erkannter Gesetze ist

    Durch den Versuch entdeckte zB Faraday dass aus einem natürlichen Magnet

voltaische Elektrizität entwickelt wird wenn man rechtwinklig auf der Richtung

des Magnets einen leitenden Körper in Bewegung setzt er fand dass dies nicht

allein von kleinen Magneten sondern auch von dem großen Magnet der Erde

galt Nachdem so das Gesetz, dass durch einen Magnet und einen sich in einem

rechten Winkel zu den Polen desselben bewegenden Leiter Elektrizität entwickelt

wird empirisch festgestellt worden ist, wollen wir nun andere Fälle aufsuchen

in denen diese Bedingungen zutreffen Wo ein Leiter sich in einem rechten Winkel

zu den magnetischen Polen der Erde bewegt dürfen wir eine Entwickelung von

Elektrizität erwarten In den nördlichen Gegenden wo die polare Richtung nahezu

senkrecht auf dem Horizont ist wird eine jede horizontale Bewegung von

Konduktoren Elektrizität entwickeln so werden horizontale metallene Räder alle

laufende Ströme einen elektrischen Strom erregen der um sie circulirt und die

so mit Elektrizität beladene Atmosphäre mag eine der Ursachen des Nordlichts

sein In den Äquatorialgegenden dagegen werden Räder die parallel mit dem

Äquator gehen einen elektrischen Strom erregen und Wasserfälle werden

elektrisch sein

    Als ein zweites Beispiel ist vorzüglich durch die Untersuchungen vom

Professor Graham bewiesen worden dass Gase eine große Neigung haben

tierische Membrane zu durchdringen und sich ungeachtet der Gegenwart anderer

Gase in dem Raume welchen diese Membrane einschließen zu verbreiten Wenn

wir von diesem allgemeinen Gesetze ausgehend eine Menge von Fällen betrachten

in denen Gase tierische Membrane berühren so sind wir im Stande die folgenden

spezielleren Gesetze zu erklären 1 wenn der menschliche oder tierische Körper

von einem Gas umgeben ist das er noch nicht enthält so absorbiert er es mit

Schnelligkeit wie zB die Gase von faulenden Stoffen dies trägt zur Erklärung

der Wirkung der malaria bei 2 das kohlensaure Gas moussirender Getränke wird

in dem Magen entbunden durchdringt die Membrane und verbreitet sich rasch in

dem Körper wo es sich wie früher schon bemerkt wurde wahrscheinlich mit dem

Eisen des Blutes verbindet 3 Alkohol in den Magen gebracht verwandelt sich

in Dampf und verbreitet sich mit großer Schnelligkeit durch den Körper dieses

verbunden mit der großen Verbrennlichkeit des Alkohols mag die Wärme erklären

helfen welche man unmittelbar nach dem Genuss geistiger Getränke empfindet 4

in einem jeden Zustande des Körpers, wo sich besondere Gase darin bilden werden

diese rasch durch alle Theile verdunstet daher die Schnelligkeit womit bei

gewissen Krankheiten die umgebende Luft verdorben wird 5 die Fäulnis der

inneren Theile eines toten Körpers wird eben so schnell fortschreiten als die

der äußeren da die gasförmigen Produkte schnell einen Durchgang nach außen

finden 6 der Umtausch von Sauerstoff und Kohlensäure in den Lungen wird durch

die zwischen dem Blut und der Luft befindlichen Membrane der Lunge und die Wände

der Blutgefäße nicht verhindert sondern eher befördert Es ist indessen

nötig dass in dem Blut eine Substanz enthalten sei mit welcher sich der

Sauerstoff der Luft unmittelbar verbinden kann weil er sonst statt ins Blut

überzugehen den ganzen Organismus durchdringen würde ebenso ist es nötig

dass die in den Kapillaren gebildete Kohlensäure in dem Blute eine Substanz

finde womit sie sich verbinden kann weil sie sonst den Körper an allen Punkten

verlassen würde statt durch die Lungen entleert zu werden

    

     5 Die folgende Deduktion bestätigt die alte obgleich nicht

unbestrittene empirische Generalisation dass Sodapulver den menschlichen

Organismus schwächen Diese Pulver welche aus einer Mischung von Weinsäure und

doppeltkohlensaurem Natron bestehen woraus die Kohlensäure in Freiheit gesetzt

wird müssen als weinsaures Natron in den Magen gelangen Neutrale weinsaure

citronsaure und essigsaure Alkalien werden nun bei ihrem Durchgange durch den

Körper in kohlensaure Salze verwandelt und um ein weinsaures in ein

kohlensaures Salz zu verwandeln ist Sauerstoff nötig dessen Hinwegnahme die

zur Assimilation für das Blut bestimmte Menge Sauerstoff verringern muss und

von der Quantität des Bluts ist die Liebestätigkeit des menschlichen Organismus

zum Teil abhängig

    Die Fälle, in denen neue Theorien mit alten Erfahrungen übereinstimmen sind

sehr zahlreich Alle die richtigen Bemerkungen erfahrener Personen über den

menschlichen Charakter sind eben so viele spezielle Gesetze welche die

allgemeinen Gesetze des menschlichen Geistes erklären und auflösen Die

empirischen Generalisationen auf welche die Verfahrungsweisen der Künste

gewöhnlich gegründet sind werden fortwährend durch die Entdeckung der

einfacheren wissenschaftlichen Gesetze von denen die Wirksamkeit dieser

Verfahrungsarten abhängt entweder gerechtfertigt und bestätigt oder berichtigt

und verbessert Die Wirkungen der Wechselwirtschaft der verschiedenen Dünger

und anderer Prozesse der verbesserten Agrikultur sind zum ersten mal in unseren

Tagen durch Davy und Liebig in bekannte Gesetze der chemischen und organischen

Tätigkeit aufgelöst worden Die Verfahrungsweisen der Heilkunst sind bis jetzt

meistens empirisch ihre Wirksamkeit wird in einem jeden Falle aus einer

speziellen und sehr unsicheren experimentellen Generalisation gefolgert aber in

dem Maße als die Wissenschaft in der Entdeckung der einfachen Gesetze der

Chemie und Physiologie fortschreitet werden die Zwischenglieder in der Reihe

von Erscheinungen und die allgemeineren Gesetze wovon sie abhängen entdeckt

werden und während so die alten Verfahrungsweisen verworfen oder ihre

Wirksamkeit so weit sie reell ist erklärt wird werden fortwährend

verbesserte auf die Kenntnis der näheren Ursachen gegründete Verfahrungsweisen

entdeckt und in Anwendung gebracht114 Sogar viele von den Wahrheiten der

Geometrie waren ehe sie aus den ersten Prinzipien abgeleitet wurden

Generalisationen aus der Erfahrung. Die Quadratur der Kykloide Rolllinie wurde

zuerst durch Messung oder vielmehr dadurch gefunden dass man eine

kykloidenförmige Karte wog und das Gewicht mit dem einer ähnlichen Karte von

bekannten Dimensionen verglich

    

     6 Zu den vorhergehenden Beispielen aus den physikalischen Wissenschaften

wollen wir noch ein Beispiel aus den moralischen Wissenschaften hinzufügen Das

folgende ist eins von den einfacheren Gesetzen des Geistes. Gedanken von einem

angenehmen oder von einem schmerzhafter Charakter bilden eher Assoziationen als

andere Gedanken dh sie werden nach wenigen Wiederholungen und dauerhafter

assoziiert Dies ist ein auf die Differenzmethode gegründetes experimentelles

Gesetz Aus diesem Gesetze können durch Deduktion viele von den speziellen

Gesetzen welche der Erfahrung nach unter besonderen geistigen Erscheinungen

existieren demonstriert und erklärt werden. Die Leichtigkeit und Schnelligkeit

zB womit Gedanken die mit unseren Leidenschaften oder mit unsern teuersten

Interessen verknüpft sind erregt werden und die Dauerhaftigkeit womit sich

die darauf beziehlichen Tatsachen unserem Gedächtnis einprägen die lebhafte

Erinnerung an unbedeutende aber uns lebhaft interessierende Umstände und an

Zeiten und Orte wo wir sehr glücklich oder unglücklich waren der Absehen

womit wir den Gegenstand betrachten der uns Ekel erregt hatte und das

Vergnügen welches wir aus dem Andenken an vergangene Genüsse schöpfen alle

diese Wirkungen sind der Sensibilität des individuellen Geistes und der daraus

folgenden Stärke des Vergnügens oder des Schmerzes welche die Assoziation

verursachte proportional Es ist von dem geschickten Verfasser einer

biographischen Skizze Priestleys in einer unserer Monatsschriften115 angeführt

worden dass wenn diese elementaren Gesetze unserer geistigen Konstitution

gehörig verfolgt würden sie eine Menge bisher nicht erklärter geistiger

Phänomene insbesondere einige von den fundamentalen Verschiedenheiten des

menschlichen Charakters und der menschlichen Fähigkeiten erklären würden Da

unsere Gedankenassoziationen von zweierlei Art sind indem sie entweder zwischen

gleichzeitigen oder zwischen aufeinanderfolgenden Eindrücken stattfinden und da

der Einfluss des Gesetzes welches dieselben im Verhältnis zu dem angenehmen

oder schmerzhaften Charakter der Eindrücke stärker macht besonders in der

gleichzeitigen Klasse von Assoziationen fühlbar ist so werden wie der

angeführte Schriftsteller bemerkt bei solchen die eine große organische

Sensibilität besitzen die gleichzeitigen Assoziationen wahrscheinlich

vorherrschen indem sie eine Neigung erzeugen sich die Dinge in Bildern und im

Konkreten und reichlich in Attribute und Umstände gekleidet vorzustellen eine

geistige Gewohnheit welche gewöhnlich Einbildungskraft genannt wird und welche

eine der Eigentümlichkeiten der Maler und Dichter ist während Personen von

einer massigeren Empfänglichkeit für Vergnügen oder Schmerz eine Neigung haben

die Tatsachen in der Ordnung ihrer Aufeinanderfolge zu assoziieren und wenn der

Verstand bei ihnen den Vorrang behauptet so werden sie sich eher der Geschichte

oder der Wissenschaft widmen als der schöpferischen Kunst Der Verfasser des

vorliegenden Werkes hat bei einer anderen Gelegenheit versucht116 diese

interessanten Betrachtungen weiter zu verfolgen und vermittelst ihrer die

vornehmsten Eigentümlichkeiten des poetischen Temperaments zu erklären Es ist

wenigstens ein Beispiel welches statt vieler dazu dienen kann das ausgedehnte

Feld zu zeigen welches die wichtige aber äußerst unvollkommene Wissenschaft

des Geistes der deduktiven Forschung darbietet

    

     7 Die Weitläufigkeit womit ich die Entdeckung und Erklärung spezieller

Gesetze von Naturerscheinungen durch Deduktion von einfacheren und allgemeineren

erläutert habe entstand aus dem Wunsch die deduktive Methode klar zu

charakterisieren und sie in ihrer ganzen Wichtigkeit darzustellen da sie bei

dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft unwiderruflich bestimmt ist den Gang

der wissenschaftlichen Untersuchung von nun an zu beherrschen Friedlich und

allmälig geht in der Wissenschaft eine Revolution vor sich die das Gegenteil

von der ist an welche Bacon seinen Namen knüpfte Dieser große Mann

verwandelte die deduktive Methode der Wissenschaften in eine experimentelle und

die experimentelle Methode kehrt sich nun wieder in die deduktive um Aber die

Deduktionen welche Bacon verbannte waren aus voreilig erhaschten oder

willkürlich angenommenen Prämissen abgeleitet Die Prinzipien waren weder durch

die gesetzmäßigen Regeln der experimentellen Forschung festgestellt noch waren

die Resultate durch jenes unentbehrliche Element einer rationellen deduktiven

Methode die Bestätigung durch die spezifische Erfahrung geprüft Zwischen

dieser ursprünglichen Methode der Deduktion und derjenigen welche ich zu

erklären versucht habe besteht der ganze Unterschiedder zwischen der

Aristotelischen Physik und der Newtonschen Theorie des Himmels besteht

    Es wäre indessen ein Irrtum wenn man erwarten sollte dass sich jene

großen Generalisationen aus welchen die untergeordneten Wahrheiten der sich

langsamer entwickelnden Wissenschaften wahrscheinlich in einer künftigen Periode

durch Schließen werden abgeleitet werden sowie die Wahrheiten der Astronomie

aus den Allgemeinheiten der Newtonschen Theorie abgeleitet werden in allen

oder auch nur in den meisten Fällen unter jetzt bekannten und angenommenen

Wahrheiten finden werden Wir können überzeugt sein dass man an viele der

allgemeinsten Naturgesetze jetzt noch gar nicht denkt und dass viele andere

Gesetze die später denselben Charakter anzunehmen bestimmt sind wenn man sie

überhaupt jetzt kennt nur als Gesetze oder Eigenschaften einer beschränkten

Klasse von Erscheinungen bekannt sind gerade wie die Elektrizität von der wir

jetzt wissen dass sie eines der universalsten Agentien in der Natur ist

vormals nur als eine sonderbare von gewissen Substanzen durch Reibung erlangte

Eigenschaft leichte Körper zuerst anzuziehen und dann abzustoßen bekannt war

Die Theorien der Wärme der Kohäsion der Kristallisation und der chemischen

Tätigkeit sind ohne Zweifel bestimmt deduktiv zu werden aber die Wahrheiten,

welche später als die principia dieser Wissenschaften werden angesehen werden,

würden wenn sie jetzt angekündigt würden wahrscheinlich ganz eben so neu

erscheinen als das Gesetz der Schwere den Zeitgenossen Newtons erschien und

möglicherweise noch neuer denn das Newtonsche Gesetz war zuletzt nur eine

Erweiterung von dem Gesetze des Gewichtes  dh einer Generalisation womit man

von alter Zeit her vertraut war und die bereits eine nicht unbeträchtliche

Menge von Naturerscheinungen umfasste Die allgemeinen Gesetze von einem ebenso

weitgreifenden Charakter deren Entdeckung wir noch erwarten dürften vielleicht

nicht immer soviel von ihrem Fundament bereits gelegt finden

    Diese allgemeinen Wahrheiten werden ihre erste Erscheinung ohne Zweifel in

dem Gewände von Hypothesen machen die zuvörderst weder bewiesen sind noch

überhaupt einen Beweis zulassen sondern die als Prämissen angenommen werden um

aus ihnen die bekannten Gesetze konkreter Erscheinungen abzuleiten Aber wenn

dies auch ihr anfänglicher Zustand ist so kann es doch nicht ihr Endzustand

sein Um einer Hypothese einen Anspruch zu verleihen als eine der Wahrheiten

der Natur, und nicht bloß als eine bloße technische Hülfe für die menschlichen

Fähigkeiten angenommen zu werden muss sie nach den Regeln einer legitimen

Induktion geprüft werden können, und in Wirklichkeit dieser Probe unterworfen

worden sein Wenn dies mit Erfolg geschehen ist so wird man Prämissen erhalten

haben aus denen von nun an alle die anderen Sätze der Wissenschaft als Schlüsse

folgen und die Wissenschaft wird durch eine neue und unerwartete Induktion in

eine deduktive verwandelt

 
 



                          



            Man kann sagen dass in solchen Fällen die induktive und die

            deduktive Methode Hand in Hand gehen indem die eine die von der

            andern deduzierten Schlüsse verifiziert und die Verbindung des

            Experiments und der Theorie welche in solchen Fällen bewerkstelligt

            werden kann, bildet ein unendlich mächtigeres Werkzeug der

            Entdeckung als jedes einzeln genommen Dieser Stand irgend eines

            Zweiges der Wissenschaft ist der interessanteste und derjenige

            welcher der Forschung am meisten verspricht  Sir J Herschel

            Discourse on the Study of Natural Philosophy

 
 



                              



     1 Die vorhergehenden Betrachtungen führten uns zur Unterscheidung zweier

Arten von Gesetzen oder beobachteten Gleichförmigkeit in der Natur, nämlich

zur Unterscheidung zwischen letzten Gesetzen und sogenannten abgeleiteten

derivativen Gesetzen Abgeleitete Gesetze sind solche welche in einer der

angeführten Weisen von anderen, allgemeineren Gesetzen abgeleitet oder in solche

zerlegt werden können. Mit den letzten Gesetzen kann eine solche Zerlegung nicht

stattfinden Obgleich wir nicht gewiss wissen ob irgend welche von den uns

bekannten Gleichförmigkeit letzte Gesetze sind so wissen wir doch dass es

letzte Gesetze geben muss und dass uns eine jede Zerlegung von abgeleiteten

Gesetzen denselben näher bringt

    Da wir fortwährend entdecken dass Gleichförmigkeit die wir für letzte

hielten in der Tat abgeleitete Gleichförmigkeit und in allgemeinere Gesetze

zerlegbar sind oder mit anderen Worten) da wir fortwährend die Erklärung

irgend einer Sequenz entdecken welche vorher nur als eine Tatsache bekannt

war so entsteht die interessante Frage ob diese philosophische

Verfahrungsweise irgend eine notwendige Grenze hat oder ob sie so lange

fortschreiten kann bis alle gleichförmigen Sequenzen in der Natur in irgend ein

universales Gesetz aufgelöst sind Dies scheint beim ersten Anblick das letzte

Ziel zu sein nach dem die fortschreitende Induktion mit Hülfe der auf einer

Basis von Beobachtung und Experiment ruhenden deduktiven Methode nach und nach

strebt Auch waren Versuche dasselbe zu erreichen zur Zeit als die

Naturphilosophie in der Kindheit war ganz gewöhnlich Betrachtungen welche

dieses glänzende Ziel nicht in Aussicht stellten hielt man zu jener Zeit nicht

für wert verfolgt zu werden Auch scheinen die merkwürdigen Resultate der

neueren Wissenschaft dieser Idee eine so große Stütze zu verleihen dass es

sogar in unseren Tagen noch immer Denker gibt welche behaupten das Problem

gelöst zu haben oder doch die Mittel angeben zu können wie es einst gelöst

werden könne Aber wenn so große Ansprüche auch nicht gemacht werden so

schließt doch der Charakter von den Auflösungen welche von besonderen Classen

von Naturerscheinungen gegeben oder gesucht werden häufig solche Begriffe von

dem was eine Erklärung ausmacht ein dass darnach die Meinung alle

Naturerscheinungen möchten sich aus einer einzigen Ursache oder einem einzigen

Gesetz erklären lassen vollkommen zulässig erscheint

    

     2 Es ist nach dem Vorhergehenden von Nutzen zu bemerken dass die

letzten Naturgesetze möglicherweise nicht weniger zahlreich sein können als die

unterscheidbaren Sensationen oder anderen Gefühle unserer eigenen Natur als

diejenigen meine ich welche nicht bloß der Quantität und dem Grade nach

sondern auch der Qualität nach von einander unterschieden werden können. Da es

zB eine Naturerscheinung sui generis gibt die man Farbe nennt und von der

uns das Bewusstsein sagt dass sie nicht ein besonderer Grad irgend einer andern

Naturerscheinung wie Wärme Geruch oder Bewegung sondern dass sie wesentlich

verschieden von allen anderen ist so folgt hieraus dass es letzte Gesetze der

Farben gibt dass obgleich die Tatsachen der Farbe eine Erklärung zulassen

sie doch niemals durch die Gesetze der Wärme des Geruchs oder der Bewegung

allein erklärt werden können, sondern dass immer ein Gesetz der Farbe darin

bleiben wird wie weit die Erklärung auch getrieben werden mag Ich will hiermit

nicht sagen dass es unmöglich wäre nachzuweisen dass irgend ein anderes

Phänomen eine mechanische oder chemische Wirkung zB einer jeden

Farbenerscheinung beständig vorhergeht und sie verursacht Aber obgleich dies

wenn es bewiesen wäre eine wichtige Erweiterung unserer Kenntnis der Natur

sein würde so würde doch dadurch nicht erklärt warum eine Bewegung oder eine

chemische Tätigkeit eine Empfindung von Farbe hervorbringen kann wie emsig wir

auch die Erscheinung verfolgen wie viel verborgene Glieder wir in der in eine

Farbenerscheinung auslaufenden Kette von Ursachen entdecken mögen das letzte

Glied würde immer ein Gesetz der Farbe nicht aber ein Gesetz der Bewegung oder

irgend eines andern Phänomens sein Diese Bemerkung ist nicht bloß auf die

Farbe im Vergleich mit irgend einer andern der großen Classen von Empfindungen

sondern sie ist auch auf jede besondere und mit anderen Farben verglichene Farbe

anwendbar Die weiße Farbe kann in keiner Weise ausschließlich durch die

Gesetze der Erzeugung der roten Farbe erklärt werden. Bei einem jeden Versuche

sie zu erklären müssen wir als ein Element der Erklärung das Urteil einführen

dass irgend ein Antezedens die Empfindung von weiß hervorbringt

    Die ideale Grenze der Erklärung von Naturerscheinungen nach welcher wir wie

nach anderen idealen Grenzen fortwährend streben ohne die Aussicht zu haben

sie jemals vollständig zu erreichen wäre also zu zeigen dass eine jede

unterscheidbare Art unserer Empfindungen oder anderer Zustände des Bewusstseins

nur eine einzige Art Ursache hat dass zB jedesmal wenn wir eine weiße Farbe

wahrnehmen eine Bedingung oder eine Reihe von Bedingungen gegenwärtig ist und

dass deren Gegenwart in uns immer diese Empfindung erzeugt So lange es

verschiedene bekannte Erzeugungsweisen einer Naturerscheinung gibt

verschiedene Substanzen zB welche die Eigenschaft besitzen weiß zu sein

ohne dass wir irgend eine andere Ähnlichkeit zwischen denselben nachzuweisen

vermöchten so lange ist es auch möglich dass die eine dieser Erzeugungsweisen

in die andere oder dass sie alle in eine bisher nicht erkannte allgemeinere

Art der Erzeugung aufgelöst werden Wenn aber die Erzeugungsweisen auf eine

einzige zurückgeführt worden sindso können wir in der Vereinfachung nicht

weiter gehen Es mag diese einzige vielleicht nicht die letzte Weise sein es

mag zwischen der angenommenen Ursache und der Wirkung andere noch zu entdeckende

Glieder geben wir können aber dennoch das bekannte Gesetz nicht weiter

zerlegen als indem wir ein bisher unbekanntes Gesetz einführen was die Anzahl

der letzten Gesetze nicht vermindert

    In welchen Fällen hat demnach die Wissenschaft in der Erklärung der

Naturerscheinungen durch Zerlegen ihrer komplexen Gesetze in Gesetze von

größerer Einfachheit und Allgemeinheit die größten Erfolge errungen Bisher

vorzüglich in den Fällen von Fortpflanzung verschiedener Phänomene durch den

Raum und vor allem in Beziehung auf die umfassendste und wichtigste aller

Tatsachen dieser Art die Tatsache der BewegungDies ist nun aber gerade das

was man von den hier aufgestellten Prinzipien erwarten konnte Die Bewegung ist

nicht allein eine der allgemeinsten Naturerscheinungen sie ist auch wie nach

diesem Umstande zu erwarten eine von denjenigen welche scheinbar wenigstens in

den allerverschiedensten Weisen hervorgebracht werden; das Phänomen selbst ist

aber für unsere Sensationen in jeder Beziehung dasselbe nur nicht dem Grade

nach Unterschiede der Dauer oder der Schnelligkeit sind offenbar nur

Unterschiede des Grades und Unterschiede der Richtung im Raume, die allein eine

Ähnlichkeit mit einem Unterschiede in der Art hat verschwinden gänzlich so

weit unsere Sensationen in Betracht kommen durch eine Veränderung unserer

eigenen Stellung Dieselbe Bewegung scheint uns je nach unserer Stellung in der

Tat in einer jeden Richtung und Bewegungen von den verschiedensten Richtungen

in nur einer einzigen Richtung stattzufinden Auch unterscheidet sich die

Bewegung in einer geraden Linie von der in einer Kurve nur dadurch dass die

erstere eine Bewegung in derselben Richtung die andere eine Bewegung ist,

welche jeden Augenblick ihre Richtung ändert Dieser Betrachtungsweise nach ist

es daher keine Absurdität anzunehmen dass alle Bewegung in einer und derselben

Richtung und von derselben Art Ursache hervorgebracht werden kann. Die größten

Arbeiten der physikalischen Wissenschaften bestanden demnach in der Zerlegung

eines beobachteten Gesetzes der Erzeugung von Bewegung in Gesetze anderer

bekannter Arten der Erzeugung von Bewegungoder in der Auflösung der Gesetze

verschiedener solcher Arten in eine allgemeinere Art Eine solche Zerlegung fand

Statt als man den Fall der Körper nach der Erde oder die Bewegungen der

Planeten unter ein Gesetz der gegenseitigen Anziehung aller Partikeln der

Materie brachte als man nachwies dass die Bewegungen deren Erzeugung man dem

Magnetismus zuschrieb durch Elektrizität hervorgebracht werden; als man zeigte

dass die Bewegungen der Flüssigkeiten in einer seitlichen oder sogar in einer

der Schwerkraft entgegengesetzten Richtung durch die Schwerkraft hervorgebracht

werden und dergleichen mehr Es gibt noch eine ganze Menge von unterschiedenen

Ursachen der Bewegung, die noch nicht in einander übergeführt worden sind:

Schwere Wärme Elektrizität chemische Action Nerventätigkeit usw Wie

unwahrscheinlich es aber auch sein mag dass sie jemals in einander übergeführt

werden können, so ist der Versuch dies zu tun dennoch ganz berechtigt Denn

obgleich diese verschiedenen Ursachen in anderer Beziehung wesentlich

verschiedene Sensationen hervorbringen und deswegen nicht in einander zerlegt

werden können, so ist es dennoch ganz möglich dass insofern sie alle Bewegung

hervorbringen das unmittelbare Antezedens der Bewegung in allen diesen

verschiedenen Fällen ein und dasselbe sei dass die anderen Ursachen durch die

vermittelnde Wirkung der Wärme zB oder der Elektrizität oder eines andern noch

zu entdeckenden gemeinsamen Mediums Bewegung hervorbringen können

    Es ist unnötig diese Erörterungen auf andere Fälle auszudehnen wie zB

auf die Fortpflanzung des Lichts des Schalles der Wärme der Elektrizität

usw durch den Raum oder auf eine von den anderen Naturerscheinungen von

denen wir fanden dass sie durch Zerlegung ihrer beobachteten Gesetze in

allgemeinere Gesetze zu erklären sind Das Gesagte ist hinreichend um den

Unterschied zwischen einer chimärischen Art von Erklärung und Zerlegung von

Gesetzen und derjenigen Art auseinanderzusetzen deren Ausführung das große

Ziel der Naturforschung ist sowie auch die Art der Elemente der Auflösung zu

zeigen wenn letztere überhaupt stattfinden soll

    

     3 Da es indessen unter den Prinzipien einer wahren Methode des

Philosophierens kaum eines gibt welches nicht allseitig gegen Irrtümer zu

verwahren wäre so muss ich hier eine Verwahrung gegen ein Missverständnis von

einer ganz entgegengesetzten Art wie das vorhergehende einlegen Bei einer

anderen Gelegenheit wo Hr Comte mit einiger Härte einen jeden Versuch einer

Erklärung von Naturerscheinungen die »augenscheinlich ursprünglich primordial«

sind indem er offenbar damit nichts Anderes meint als dass eine jede

Naturerscheinung der Art wenigstens ein besonderes und unerklärbares Gesetz

haben muss verdammt spricht er von dem Versuche die einer jeden Substanz

zugehörige Farbe »la couleur élémentaire propre à chaque substance« zu erklären

als von einem wesentlich illusorischen »Niemand« sagt er »versucht in unseren

Tagen das besondere spezifische Gewicht einer jeden Substanz oder einer jeden

Struktur zu erklären Warum sollte es in Beziehung auf die spezifische Farbe

wovon die Idee unzweifelhaft ebenso ursprünglich ist anders sein«117

    Obgleich nun wie Herr Comte anderswo bemerkt eine Farbe etwas von einem

Gewicht oder einem Tone Verschiedenes bleiben muss so können nichtsdestoweniger

Varietäten von Farben gegebenen Varietäten von Gewichten Tönen oder anderen

Phänomenen die von der Farbe ebenso verschieden sind wie diese folgen oder

ihnen entsprechen Es ist eine Frage was ein Ding ist und eine andere Frage

wovon es abhängt und obgleich die Bedingungen einer elementaren

Naturerscheinung erforschen nicht eine neue Einsicht in die Natur des Phänomens

selbst erlangen heißt so liegt hierin doch kein Grund die Erforschung dieser

Bedingungen gar nicht zu versuchen Das Interdikt gegen das Bestreben die

Unterschiede der Farben auf ein gemeinsames Prinzip zurückzuführen würde in

gleicher Weise gegen ein ähnliches Streben in Beziehung auf die Unterscheidungen

der Töne gerichtet sein man hat aber nichtsdestoweniger von diesen gefunden

dass eine unterscheidbare Anzahl von Vibrationen elastischer Körper ihnen

unmittelbar vorhergeht und sie verursacht obgleich ein Ton ohne Zweifel so gut

wie eine Farbe von irgend einer schwingenden oder andern Bewegung materieller

Teilchen verschieden ist In Beziehung auf die Farben könnten wir noch

hinzufügen dass positive Anzeigen vorhanden sind, wonach sie nicht letzte

Eigenschaften von den verschiedenen Arten von Substanzen sondern wonach sie von

Bedingungen abhängig sind welche man auf alle Substanzen übertragen kann indem

es keine Substanz gibt der wir nicht je nach der Beleuchtung eine jede Farbe

geben könnten da fast eine jede Veränderung in der Art der Zusammenfügung der

Partikeln derselben Substanz von einer Veränderung ihrer Farben und ihrer

optischen Eigenschaften im Allgemeinen begleitet ist

    Der wirkliche Mangel in dem Versuche die Farben durch die Schwingungen

eines Fluidums zu erklären besteht nicht darin dass der Versuch selbst

unphilosophisch istsondern dass die Existenz des Fluidums und die Tatsache

einer schwingenden Bewegung nicht bewiesen sondern auf keinen andern Grund hin

als die Leichtigkeit womit sie wie man glaubt die Erscheinungen erklären

angenommen worden sind. Diese Betrachtungen führen uns auf die wichtige Frage

von dem richtigen Gebrauche wissenschaftlicher Hypothesen eines Gegenstandes,

dessen Zusammenhang mit der Erklärung der Naturgesetze und den notwendigen

Grenzen dieser Erklärungen nicht weiter gezeigt zu werden braucht

    

     4 Eine Hypothese ist eine Voraussetzung welche wir machen entweder

ohne einen wirklichen oder bei einem anerkannt unzureichenden Beweise um

Schlüsse daraus abzuleiten die mit Tatsachen in Übereinstimmung sind welche

wir als real erkannt haben Wir sind dabei von dem Gedanken geleitet dasswenn

die Schlüsse, zu denen die Hypothese führt bekannte Wahrheiten sind die

Hypothese selbst wahr sein muss oder wenigstens sehr wahrscheinlich wahr sein

wird Wenn die Hypothese sich auf die Ursache oder Erzeugungsweise des Phänomens

bezieht so kann sie wenn sie zulässig befunden worden ist, dazu dienen um die

von ihr ableitbaren Tatsachen zu erklären Und diese Erklärung ist der Zweck

vieler wenn nicht der meisten Hypothesen da in dem wissenschaftlichen Sinne

Erklären nichts Anderes heißt als eine Gleichförmigkeit die nicht ein

Kausalgesetz ist oder komplexe Kausalgesetze in einfachere allgemeinere

Gesetze aus denen sie deduktiv gefolgert werden können, zerlegen Wenn keine

bekannten Gesetze existieren welche diesem Bedürfnis entsprechen so fingieren

oder erfinden wir Gesetze die es tun und dies heißt eine Hypothese

aufstellen

    Da eine Hypothese eine bloße Voraussetzung ist so gibt es für Hypothesen

keine anderen Grenzen als die Gesetze der menschlichen Einbildungskraft und

wir können behufs der Erklärung einer Wirkung eine Ursache von einer völlig

unbekannten Art und nach einem ganz erdichteten Gesetze wirkend ersinnen Aber

da solche Hypothesen nicht so plausibel sein würden wie diejenigenwelche sich

durch Analogie an bekannte Naturgesetze anschließen und da sie überdies dem

Bedürfnis nicht abhelfen würden wofür die willkürlichen Hypothesen gewöhnlich

erfunden werden indem sie nämlich die Einbildungskraft fähig machen sollen

sich ein dunkles Phänomen in einem gewohnten Lichte vorzustellen so gibt es in

der Geschichte der Wissenschaft wahrscheinlich keine Hypothese worin zu

gleicherzeit das Agens selbst und das Gesetz seiner Tätigkeit erdichtet waren

Entweder besteht das Phänomen welches man als die Ursache ansieht wirklich

aber das Gesetz, wonach es wirkt ist ein bloß angenommenes oder die Ursache

ist erdichtet aber es ist vorausgesetzt dass sie ihre Wirkungen nach Gesetzen

hervorbringt die den Gesetzen irgend einer bekannten Klasse von Erscheinungen

ähnlich sind Ein Beispiel dieser Art bieten die verschiedenen Voraussetzungen

in Beziehung auf das Gesetz der Zentralkraft der Planeten die der Entdeckung

des wahren Gesetzes wonach diese Kraft im umgekehrten Verhältnis des Quadrates

der Entfernung sich ändert vorausgingen Das Gesetz wurde von Newton zuerst als

eine Hypothese aufgestellt und dadurch bestätigt dass es deduktiv zu Keplers

Gesetzen führte Hypothesen der zweiten Art waren die Wirbel Descartes die

zwar nur erdichtet waren von denen man aber annahm dass sie den bekannten

Gesetzen einer rotierenden Bewegung gehorchten oder die beiden rivalisierenden

Hypothesen über die Natur des Lichtes wovon die eine das Phänomen einem aus

allen leuchtenden Körpern ausstrahlenden Fluidum die andere jetzt fast

allgemein angenommene den schwingenden Bewegungen eines das ganze Weltall

durchdringenden Äthers zuschreibt Bis auf die Erklärung welche einige von

diesen Erscheinungen dadurch erhalten ist die Existenz keiner dieser Fluida

bewiesen man nimmt aber an dass sie ihre Wirkungen nach bekannten Gesetzen

hervorbringen nämlich in dem ersten Falle nach den gewöhnlichen Gesetzen einer

fortwährenden Ortsveränderung in dem andern nach Gesetzen der Fortpflanzung

einer schwingenden Bewegung in den Teilchen eines elastischen Fluidums

    Nach den vorhergehenden Bemerkungen werden Hypothesen ersonnen um die

deduktive Methode früher auf die Naturerscheinungen anwenden zu können Um

jedoch die Ursache einer Naturerscheinung durch diese Methode entdecken zu

können muss das Verfahren aus drei Teilen bestehen aus der Induktion dem

Syllogismus und der Bestätigung Aus der Induktion deren Stelle jedoch von

einer früheren Deduktion vertreten werden kann), um die Gesetze der Ursachen zu

erforschen aus dem Syllogismus um aus diesen Gesetzen zu berechnen wie die

Ursachen in der besonderen Kombination von der man in dem jedesmaligen Falle

weiß dass sie existiert wirken werden aus der Bestätigung indem man die

berechnete Wirkung mit dem wirklichen Phänomen vergleicht Keiner dieser drei

Theile des Verfahrens ist entbehrlich In der Deduktion welche die Identität

der Schwere mit der Zentralkraft des Sonnensystems beweist finden sich alle

drei vor Aus der Bewegung des Mondes wird zuerst bewiesen dass ihn die Erde

mit einer Kraft anzieht die in dem umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der

Entfernung variiert Dieses entspricht obgleich von früheren Deduktionen

abhängig dem ersten oder rein induktiven Teil der Bestimmung des Gesetzes der

Ursachen. Aus diesem Gesetz und aus der früher gewonnenen Kenntnis der

mittleren Entfernung des Mondes von der Erde und der Größe seiner Abweichung

von der Tangente wird bestimmt mit welcher Schnelligkeit ihn die Anziehung der

Erde veranlassen würde zu fallen wenn er nicht weiter entfernt wäre und keine

anderen Kräfte mehr auf ihn wirkten als dies bei den irdischen Körpern der Fall

istdies ist die zweite Stufe die Folgerung Wird endlich diese berechnete

Schnelligkeit mit der beobachteten Schnelligkeit womit alle schweren Körper

durch die bloße Schwere nach der Erdoberfläche fallen nämlich sechszehn

englische Fuß in der ersten Sekunde achtundvierzig in der zweiten usf in

dem Verhältnis der ungeraden Zahlen 1 3 5 etc verglichen so findet man

dass die zwei Größen übereinstimmen Die Ordnung in welcher ich die Stufen des

Verfahrens aufgezählt habe war nicht genau die ihrer Entdeckung es ist aber

genau ihre logische Ordnung indem sie Theile des Beweises sind dass dieselbe

Anziehung der Erde welche die Bewegung des Mondes hervorbringt auch den Fall

schwerer Körper zur Erde verursacht eines Beweises der so in allen Teilen

vollständig ist

    Die erste dieser drei Stufen die Induktion nämlich für die Ermittlung des

Gesetzes übergeht nun die hypothetische Methode und begnügt sich mit den zwei

anderen Operationen mit der Folgerung und der Bestätigung indem das Gesetz,

aus dem gefolgert wird vorausgesetzt anstatt bewiesen wird

    Dieses Verfahren kann unter einer Voraussetzung ganz legitim sein unter der

Voraussetzung nämlich die Natur des Falles sei der Art dass die letzte Stufe

die Bestätigung die Bedingungen einer vollständigen Induktion erfüllt Wir

wollen uns überzeugen ob das Gesetz, das wir hypothetisch annahmen wahr sei

und wir erhalten diese Überzeugung dadurch dass es deduktiv zu wahren

Resultaten führt nur muss der Fall der Art sein dass ein falsches Gesetz nicht

zu einem wahren Resultat führen kann auch muss die Bedingung erfüllt sein dass

kein anderes Gesetz als das eine angenommene deduktiv zu denselben Schlüssen

führen kann Diese Bedingung wird sehr oft erfüllt In dem soeben angeführten

Beispiel von einer sehr vollständigen Deduktion wurde die ursprüngliche obere

Prämisse des Schlusses das Gesetz der anziehenden Kraft in dieser Weise

nämlich durch den richtigen Gebrauch der hypothetischen Methode bestimmt

Newton begann mit der Annahme die Kraft welche in einem jeden Augenblicke

einen Planeten von seiner geradlinigten Bahn ablenkt und ihn eine Kurve um die

Sonne beschreiben lässt sei eine Kraft die in gerader Richtung nach der Sonne

wirkt Hierauf bewies er dass in einem solchen Falle der Planet in gleichen

Zeiten gleiche Flächen beschreiben würde wie dies in Wahrheit aus Keplers

erstem Gesetze bekannt ist zuletzt bewies er dass wenn die Kraft in irgend

einer anderen Richtung wirkte der Planet in gleichen Zeiten nicht gleiche

Flächen beschreiben würde Durch den Nachweis dass keine andere Hypothese mit

den Tatsachen übereinstimmt wurde die Voraussetzung bewiesen die Hypothese

wurde zu einer induktiven Wahrheit Durch dieses hypothetische Verfahren

bestimmte Newton nicht allein die Richtung der ablenkenden Kraft sondern er

bestimmte auch genau in derselben Weise das Gesetz der Veränderung der Größe

dieser Kraft Er nahm an dass die Kraft im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat

der Entfernung sich änderte zeigte dass aus dieser Annahme die zwei übrigen

Gesetze Keplers abgeleitet werden können, und wies zuletzt nach dass ein jedes

andere Gesetz der Veränderung zu Resultaten führen würde welche mit diesen

Gesetzen und daher mit den wahren Bewegungen der Planeten wovon bekanntlich

Keplers Gesetze der wahre Ausdruck sind nicht übereinstimmen

    Ich habe gesagt in diesem Falle erfülle die Bestätigung die Bedingungen

einer Induktion aber welcher Art von Induktion Wir finden dass sie den Regeln

der Differenzmethode angepasst istindem sie die zwei Fälle A B Ca b c und B

Cb c darbietet A repräsentiert die Zentralkraft A B C die Planeten plus einer

Zentralkraft B C die Planeten ohne Zentralkraft Die Planeten mit einer

Zentralkraft geben a Flächenräume die den Zeiten proportional sind die

Planeten ohne eine Zentralkraft geben b c eine Reihe von Bewegungen ohne a

oder mit etwas anderem als a Dies ist die Differenzmethode in ihrer ganzen

Strenge Es ist wahr die zwei Fälle welche die Methode verlangt werden

diesmal nicht durch das Experiment sondern durch vorausgängige Deduktion

erhalten aber dies tut nichts zur Sache Es ist gleichgültig welches die

Natur des Beweises sei aus dem wir die Gewissheit schöpfen dass A B Ca b c

und B C nur b c hervorbringen wird es ist genug dass wir diese Gewissheit

haben In dem vorliegenden Fall kam Newton durch Schließen gerade zu den zwei

Fällen welche er durch das Experiment gesucht haben würde wenn die Natur des

Falles es zugelassen hätte

    Auf diese Weise ist es vollkommen möglich und geschieht in der Tat ganz

gewöhnlich dass was im Anfang einer Untersuchung eine Hypothese war beim

Schluss derselben zu einem bewiesenen Naturgesetz wird Es kann dies jedoch nur

dann stattfinden wenn wir die beiden von der Differenzmethode verlangten Fälle

entweder durch Deduktion oder durch das Experiment zu erhalten im Stande sind

Dass wir aus der Hypothese die bekannten Tatsachen abzuleiten im Stande sind

gibt nur den bejahenden Fall A B Ca b c, wir müssen aber auch wie Newton den

negativen Fall B Cb c erhalten können indem wir zeigen dass außer dem in

der Hypothese angenommenen kein anderes Antezedens in Verbindung mit B C, a

hervorbringen würde

    Es scheint mir nun dass diese Gewissheit nicht zu erhalten ist wenn die in

der Hypothese angenommene Ursache eine unbekannte bloß für die Erklärung von a

ersonnene Ursache ist Wenn wir bloß das genaue Gesetz einer bereits

festgestellten Ursache zu bestimmen, oder wenn wir nur das besondere Agens zu

unterscheiden suchen welches unter mehreren Agentien derselben Art, von denen

eins oder das andere schon bekannt ist in Wirklichkeit die Ursache vorstellt

so können wir alsdann den negativen Fall erhalten Die Untersuchung welcher von

den Körpern des Sonnensystems durch seine Anziehung irgend eine besondere

Unregelmäßigkeit in der Bahn oder der periodischen Zeit eines Satelliten oder

eines Kometen verursacht würde ein Fall der zweiten Art sein Newtons Fall war

ein Fall der ersten Art

    Wenn es nicht bereits bekannt gewesen wäre dass die Planeten verhindert

sind sich in einer geraden Linie zu bewegen und zwar durch eine Kraft die

nach der Innenseite ihrer Bahnen wirkt obgleich ihre genaue Richtung

zweifelhaft war oder wenn es nicht bekannt gewesen wäre dass die Kraft in

irgend einem Verhältnis zunimmt wenn die Entfernung abnimmt oder dass sie

abnimmt wenn die letztere zunimmt so würde Newtons Argument ohne Beweiskraft

gewesen sein Da indessen diese Tatsachen bereits gewiss waren so war die

Reihe der zulässigen Annahmen auf die verschiedenen möglichen Richtungen einer

Linie und die verschiedenen möglichen numerischen Verhältnisse zwischen den

Veränderungen der Entfernung und den Veränderungen der anziehenden Kraft

beschränkt es war nun leicht in Beziehung hierauf nachzuweisen dass

verschiedene Voraussetzungen nicht zu identischen Resultaten führen konnten

    Es hätte demnach Newton seine zweite große philosophische Operation

wodurch er die irdische Schwere mit der Zentralkraft des Sonnensystems

identifizierte nach derselben hypothetischen Methode nicht ausführen können

Wenn das Gesetz der Anziehung des Mondes aus von dem Monde selbst gelieferten

Datis bewiesen worden wäre und er es mit den Erscheinungen der irdischen

Schwere übereinstimmend gefunden hätte so wäre er berechtigt gewesen es

ebenfalls als das Gesetz dieser Erscheinungen anzunehmen aber es wäre ihm ohne

im Besitz dieser Data vom Monde selbst zu sein nicht erlaubt gewesen

anzunehmen dass der Mond gegen die Erde hin mit einer Kraft angezogen wird die

im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der Entfernung steht bloß weil dieses

Verhältnis ihn in Stand gesetzt hätte die terrestrische Schwere zu erklären

denn es wäre ihm unmöglich gewesen zu beweisen dass das beobachtete Gesetz des

Falles der schweren Körper zur Erde aus keiner andern Kraft als einer sich bis

auf den Mond erstreckenden und im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der

Entfernung stehenden hervorgehen könnte

    Es scheint demnach eine Bedingung einer wahrhaft wissenschaftlichen

Hypothese zu sein dass sie nicht dazu bestimmt sei immer eine Hypothese zu

bleiben sondern dass sie der Art sei dass sie durch die Verifikation genannte

Vergleichung mit bekannten Tatsachen entweder bewiesen oder widerlegt werde

Diese Bedingung ist erfüllt wenn es bereits bekannt ist dass die Wirkung in

der Tat von der vorausgesetzten Ursache abhängig ist, und die Hypothese sich

nur auf den genauen Abhängigkeitsmodus auf das Gesetz der Veränderung der von

den Veränderungen in der Quantität oder in den Verhältnissen der Ursache

abhängigen Wirkung bezieht Hierher kann man auch diejenigen Hypothesen rechnen

welche nicht in Beziehung auf eine Kausalität eine Voraussetzung machen sondern

nur in Beziehung auf das Gesetz des Zusammenhangs von Tatsachen, die sich in

ihren Veränderungen einander begleiten obgleich vielleicht gar kein Verhältnis

von Ursache und Wirkung zwischen ihnen existiert Von dieser Art sind die

verschiedenen falschen Hypothesen welche Kepler in Beziehung auf die Brechung

des Lichtes aufstellte Es war bekannt dass die Richtung der Brechungslinie

des gebrochenen Strahls sich mit einer jeden Änderung der Einfallslinie

verändert man wusste aber nicht wie dh man wusste nicht welche

Veränderungen der einen Linie den verschiedenen Veränderungen der anderen

entsprachen In diesem Falle musste ein jedes andere und von dem wahren

abweichende Gesetz zu falschen Resultaten führen Endlich müssen wir noch dazu

rechnen alle hypothetische Arten die Naturerscheinungen bloß zu beschreiben

wie die Hypothesen der alten Astronomen dass die Himmelskörper sich in Kreisen

bewegen die verschiedenen Hypothesen von exzentrischen und deferierenden

Kreisen Epizykel welche dieser ersten Hypothese hinzugefügt wurden die

neunzehn falschen Hypothesen welche Kepler in Beziehung auf die Planetenbahnen

aufstellte und wieder aufgab und sogar die wahre Lehre bei welcher er zuletzt

stehen blieb dass diese Bahnen Ellipsen seien und welche so lange sie nicht

durch Tatsachen bestätigt eine Hypothese war wie die anderen

    In allen diesen Fällen ist Bestätigung Beweis wenn die Voraussetzung mit

den Tatsachen übereinstimmt so bedarf es keines anderen Beweises Damit dies

aber der Fall sei halte ich es für nötig dasswenn die Hypothese sich auf

eine Verursachung bezieht die angenommene Ursache nicht allein eine wirkliche

Naturerscheinung etwas in der Natur wirklich Existierendes sondern dass auch

bereits bekannt sei dass sie einen Einfluss auf die vorausgesetzte Wirkung hat

oder wenigstens haben kann indem der genaue Grad und die Art des Einflusses der

einzige unbekannte Punkt ist In einem jeden anderen Falle ist es kein Beweis

von der Wahrheit der Hypothese dass wir im Stande sind das wirkliche Phänomen

daraus abzuleiten

    Ist es denn einer wissenschaftlichen Hypothese niemals erlaubt eine Ursache

anzunehmen und darf sie nur einer bekannten Ursache ein angenommenes Gesetz

zuschreiben Ich habe dies nicht behauptet ich sage nur dass in dem letzten

Falle allein die Hypothese bloß deshalb als wahr angenommen werden kann, weil

sie die Tatsachen erklärt in dem ersteren Falle ist sie nur dadurch nützlich

dass sie eine Richtungslinie für die Untersuchung abgibt die möglicherweise zu

einem wirklichen Beweise führen kann Zu diesem Ende ist es unerlässlich wie

Herr Comte richtig bemerkt dass die in der Hypothese angegebene Ursache ihrer

eigenen Natur nach fähig sei durch einen andern Beweis bewiesen zu werden Es

scheint die philosophische Bedeutung der Maxime Newtons derer von den späteren

Schriftstellern so oft lobend gedacht wird gewesen zu sein dass die einer

Naturerscheinung zugeschriebene Ursache nicht allein der Art sein muss dass

ihre Annahme die Naturerscheinung erklären würde sondern auch dass sie eine

vera causa sein muss Was er unter einer vera causa verstand hat Newton nicht

deutlich erklärt und Herr Whewell der die Zulässigkeit einer solchen

Beschränkung der Freiheit in der Aufstellung von Hypothesen nicht zugibt hat

wenig Schwierigkeit gefunden zu zeigen118 dass seine Vorstellung von derselben

weder genau noch konsequent war seine Theorie des Lichts war ein glänzendes

Beispiel von Verletzung seiner eigenen Regel Herr Whewell hat ganz Recht zu

leugnen dass die angenommene Ursache eine bereits bekannte Ursache sein müsse

wie könnten wir sonst je mit einer neuen Ursache bekannt werden Was aber in der

Maxime Wahres liegt ist dass die Ursacheobgleich sie vorher nicht bekannt

ist doch fähig sein muss später bekannt zu werden dass ihre Existenz fähig

sein muss entdeckt zu werden und dass ihr Zusammenhang mit der ihr

zugeschriebenen Wirkung durch einen unabhängigen Beweis muss bewiesen werden

können. Indem uns die Hypothese auf Beobachtungen und Experimente führt führt

sie uns auf den Weg zu diesem unabhängigen Beweise wenn er wirklich gewonnen

werden kann, und so lange er nicht gewonnen ist darf man die Hypothese für

nichts Anderes halten als für eine Vermutung

    

     5 Die Funktion der Hypothesen in der Wissenschaft ist aber der Art dass

wir dieselben durchaus nicht entbehren können Als Newton sagte »Hypotheses non

fingo« so meinte er damit nicht dass er sich jener Erleichterung der

Untersuchung berauben wolle die darin liegt dass man zuerst voraussetzt was

man hofft zuletzt beweisen zu können Ohne solche Voraussetzungen würde die

Wissenschaft ihren jetzigen Stand nicht erreicht haben sie sind notwendige

Stufen bei dem Suchen nach etwas Gewisserem und beinahe alles was jetzt

Theorie ist war einst Hypothese Sogar in den rein experimentellen

Wissenschaften muss irgend ein Beweggrund vorhanden sein um das eine Experiment

eher als das andere anzustellen und obgleich es in abstracto möglich ist dass

alle Experimente welche angestellt worden sind, durch das bloße Verlangen

hervorgerufen wurden zu ermitteln was unter gewissen Umständen geschehen

würde ohne dass man eine vorhergehende Vermutung über das Resultat hatte so

würden doch in Wahrheit jene wenig von selbst einleuchtenden delikaten oft

beschwerlichen und lästigen Versuche welche so viel Licht auf die allgemeine

Einrichtung der Natur geworfen haben schwerlich angestellt worden sein wenn es

nicht geschienen hätte es hänge von ihnen ab ob irgend eine allgemeine Lehre

oder Theorie die aufgestellt aber noch nicht bewiesen war zulässig sei oder

nicht Wenn dies sogar von der bloß experimentellen Forschung wahr ist so

konnte die Überführung experimenteller Wahrheiten in deduktive noch viel

weniger ohne eine bedeutende vorübergehende Hülfe von Hypothesen ausgeführt

werden Das Verfahren durch welches in eine verwickelte und auf den ersten

Anblick konfuse Reihe von Erscheinungen Regelmäßigkeit gebracht wird ist

notwendig ein probierendes wir beginnen damit eine Voraussetzung wenn auch

eine falsche zu machen um zu sehen welche Folgen daraus entstehen würden und

indem wir beobachten worin diese Folgen von den wirklichen Erscheinungen

abweichen lernen wir welche Korrektionen wir mit unserer Annahme vornehmen

müssen Die einfachste mit den augenfälligeren Tatsachen übereinstimmende

Annahme ist für den Anfang die beste weil ihre Folgen am leichtesten anzugeben

sind Diese rohe Hypothese wird sodann roh korrigiert und das Verfahren

wiederholt die Vergleichung der von der korrigierten Hypothese ableitbaren

Folgen mit den beobachteten Tatsachen führt auf eine neue Korrektion und so

fort bis die deduktiven Resultate zuletzt mit den Erscheinungen übereinstimmen

»Irgend eine Tatsache ist uns noch nicht verständlich oder irgend ein Gesetz

ist uns unbekannt wir stellen eine Hypothese auf die so viel wie möglich mit

dem Ganzen der Data in deren Besitz wir bereits sind übereinstimmt und indem

die Wissenschaft auf diese Weise in den Stand gesetzt wird frei vorwärts zu

schreiten führt sie zuletzt immer zu neuen Konsequenzen die der Beobachtung

fähig sind und die auf eine unzweideutige Weise die erste Voraussetzung

entweder bestätigen oder widerlegen« Weder Induktion noch Deduktion würde uns

in den Stand setzen die einfachsten Naturerscheinungen zu verstehen »wenn wir

nicht oft anfingen den Resultaten vorzugreifen indem wir eine vorläufige

Voraussetzung die zuerst wesentlich eine Vermutung ist in Beziehung gerade

auf einige von den Ideen machen welche den letzten Gegenstand der Untersuchung

ausmachen«119 Es bewache Einer die Weise in welcher er eine verwickelte Masse

von Aussagen selbst zu entwirren sucht er beobachte zB wie er die wahre

Geschichte eines Vorfalls aus den verworrenen Angaben eines oder vieler Zeugen

herausbringt so wird er bemerken dass er nicht alle Punkte der Aussagen auf

einmal in seinem Geiste auffasst und sie zu verbinden sucht die menschlichen

Fähigkeiten sind einer solchen Aufgabe nicht gewachsen er extemporiert aus

einigen wenigen Teilen eine erste rohe Theorie der Art und Weise in der die

Tatsachen stattfanden und betrachtet dann die anderen Angaben einzeln um zu

versuchen ob sie mit dieser vorläufigen Theorie übereinstimmen oder welche

Korrektionen oder Zusätze erforderlich sind um sie damit übereinstimmend zu

machen Auf diesem Wege der ganz richtig mit der Näherungsmethode der

Mathematiker verglichen worden ist, gelangen wir vermittelst Hypothesen zu

Schlüssen welche nicht hypothetisch sind120

    

     6 Es ist mit dem Geiste der Methode vollkommen verträglich in dieser

vorläufigen Weise nicht allein eine Hypothese in Beziehung auf das Gesetz von

dem was uns bereits als die Ursache bekannt istsondern auch eine Hypothese in

Beziehung auf die Ursache selbst aufzustellen Es ist erlaubt nützlich und oft

sogar notwendig dass wir damit beginnen uns zu fragen welche Ursache die

Wirkung hervorgebracht haben möge damit wir wissen in welcher Richtung wir den

Beweis zu suchen haben ob sie es wirklich tat Die Wirbel des Descartes wären

eine vollkommen zulässige Hypothese gewesen wenn es möglich gewesen wäre durch

irgend eine Untersuchungsweise wie wir sie jemals zu besitzen hoffen können

die Frage ob es solche Wirbel gibt oder nicht in den Bereich unserer

Beobachtung zu bringen Die Hypothese war nur deshalb fehlerhaft weil sie nicht

zu einer Untersuchung führen konnte welche die Hypothese in eine bewiesene

Tatsache hätte verwandeln können Sie konnte vielleicht widerlegt werden sei

es dadurch dass sie nicht mit den Erscheinungenwelche sie erklären sollte in

Einklang zu bringen war oder wie es wirklich geschah durch irgend eine fremde

Tatsache »Der freie Durchgang der Kometen durch die Räume in denen sich diese

Wirbel befinden sollten überzeugte die Menschen dass diese Wirbel nicht

existierten«121 Aber die Hypothese wäre falsch gewesen wenn auch kein solcher

direkter Beweis ihres Falschseins zu geben gewesen wäre Der direkte Beweis

ihrer Wahrheit war nicht zu haben

    Die herrschende Hypothese eines Lichtäthers in anderen Beziehungen nicht

ohne Analogie mit der Hypothese von Descartes ist ihrer Natur nach nicht der

Möglichkeit eines direkten Beweises beraubt Es ist bekannt dass der

Unterschied zwischen berechneter und beobachteter Zeit der Wiederkehr des Enkeschen Kometen zu der Vermutung geführt hat dass ein der Bewegung Widerstand

entgegensetzendes Medium durch den Weltraum verbreitet ist Wenn sich im Verlauf

der Jahrhunderte eine ähnliche Differenz in Betreff der anderen Körper des

Sonnensystems allmälig anhäufen und die Vermutung bestätigen würde so wäre der

Lichtäther dadurch einer vera causa bedeutend näher gekommen da die Existenz

eines kosmischen Agens das einige der in der Hypothese angenommenen Attribute

besitzt nachgewiesen wäre wenn auch noch viele Schwierigkeiten übrig bleiben

und die Identifizierung des Lichtäthers mit dem widerstehenden Medium wie ich

glaube zu neuen Schwierigkeiten Anlass geben würde Vor der Hand kann aber jene

Voraussetzung nur als eine Vermutung betrachtet werdendie Existenz desselben

beruht immer nur auf der Möglichkeit, aus den angenommenen Gesetzen desselben

eine beträchtliche Anzahl von Lichterscheinungen ableiten zu können und diesen

Beweis kann ich nicht für bündig ansehen indem wir bei einer solchen Hypothese

nicht die Gewissheit haben können dasswenn die Hypothese falsch wäre sie zu

Resultaten führen müsste die mit den wahren Tatsachen nicht im Einklang

stehen

    Die meisten Denker welche einen gewissen Grad von Nüchternheit besitzen

geben zu dass eine derartige Hypothese nicht als wahr anzunehmen ist weil sie

alle bekannten Erscheinungen erklärt da dies eine Bedingung ist die oft von

zwei einander widerstreitenden Hypothesen erfüllt wird und da wenn wir uns die

Freiheit nehmen sowohl die Ursachen selbst als auch ihre Gesetze zu erfinden

ein Mensch von einer fruchtbaren Phantasie hundert Arten irgend eine gegebene

Tatsache zu erklären ersinnen kann während es wahrscheinlich noch tausend

andere gleich mögliche gibt die aber unser Geist ans Mangel an etwas Analogem

in seiner Erfahrung unfähig zu fassen ist Man scheint jedoch der Ansicht zu

sein dass eine Hypothese von der Art wie die in Rede stehende zu einer

günstigeren Aufnahme berechtigt ist wenn sie außer der Erklärung die sie von

vorher bekannten Tatsachen gibt zu einer Antizipation und Voraussagung von

anderen Tatsachen führt welche die Erfahrung nachher bestätigt so wie die

Undulationstheorie des Lichtes zu der durch den Versuch bestätigten Voraussagung

führte dass zwei Lichtstrahlen sich in einer Weise begegnen können dass sie

Dunkelheit erzeugen Solche Voraussagungen und ihre Erfüllung sind in der Tat

wohlberechnet um den Unwissenden zu überraschen dessen Glaube an die

Wissenschaft nur auf einem ähnlichen Zusammentreffen von seinen Prophezeiungen

mit den kommenden Dingen beruht Es wäre jedoch befremdend wenn einer solchen

Übereinstimmung von wissenschaftlichen Denkern irgend ein besonderes Gewicht

beigelegt werden sollte Wenn die Gesetze von der Fortpflanzung des Lichtes mit

denjenigen der Schwingungen elastischer Flüssigkeiten in so vielen Beziehungen

übereinstimmen als notwendig ist um die Hypothese zu einer plausiblen

Erklärung aller oder der meisten jeweils bekannten Naturerscheinungen zu machen

so liegt darin dass sie nun auch noch in einer Beziehung mehr übereinstimmen

nichts Überraschendes Wenn auch zwanzig solcher Übereinstimmungen

stattfänden so würden sie die Wahrheit der Undulationen eines Äthers nicht

beweisen es würde daraus nicht folgen dass die Lichterscheinungen Resultate

der Gesetze elastischer Flüssigkeiten sind sondern höchstens dass sie durch

Gesetze regiert werden die jenen in einem gewissen Grade analog sind was wie

wir bemerken können aus der Tatsache hervorgeht dass die Hypothese für einen

Augenblick haltbar sein konnte122 Bei all unserer unvollkommenen Bekanntschaft

mit der Natur können wir Fälle anführen wo Agentien die wir gute Gründe haben

für radikal verschieden zu halten ganz oder teilweise nach identischen

Gesetzen wirken Das umgekehrte Quadrat der Entfernung ist das Maß der

Intensität der Schwerkraft des Lichts und der von einem Mittelpunkt

ausstrahlenden Wärme Niemand hält aber diese Identität für einen Beweis von der

Ähnlichkeit in dem Mechanismus durch welchen die drei Arten von Bewegung

erzeugt werden

    Nach Herrn Whewell ist die Übereinstimmung zwischen den von der Hypothese

vorausgesagten Resultaten mit den später beobachteten Tatsachen ein bündiger

Beweis von der Wahrheit der Theorie »Wenn ich eine lange Reihe von Briefen

kopiere wovon das letzte Halbdutzend versiegelt ist und wenn ich errate was

letztere enthalten wie sich dies beim Entsiegeln derselben ergibt so muss die

Ursache gewesen sein dass ich die Bedeutung der Aufschrift erkannt habe Zu

sagen in meinem Erraten der nicht gesehenen Briefe liege nichts Befremdendes

weil ich alle diejenigen kopiert habe welche ich gesehen habe wäre ohne einen

solchen Grund für das Erraten anzunehmen absurd«123 Wenn jemand nach der

Prüfung des größeren Teils einer langen Inschrift die Charaktere derselben so

auslegen kann dass die Inschrift in einer bekannten Sprache ausgedrückt einen

vernünftigen Sinn erhält so entsteht eine starke Vermutung für die Richtigkeit

der Auslegung ich glaube aber nicht dass die Vermutung viel zunimmt weil

einige übrige Briefe erraten werden konnten ohne sie zu sehen denn wir würden

naturgemäß erwarten wenn die Natur des Falls den Zufall ausschließt dass

sogar eine irrige Auslegung die mit allen sichtbaren Teilen der Inschrift

übereinstimmt auch mit dem kleinen Rest übereinstimmen würde wie dies zB der

Fall sein würde wenn die Inschrift absichtlich so abgefasst worden wäre dass

sie einen doppelten Sinn zulässt Ich nehme an die Übereinstimmung der

unverdeckten Charaktere sei zu groß um bloß zufällig zu sein sonst ist die

Erläuterung nicht in der Ordnung Kein Mensch nimmt an die Übereinstimmung der

Lichterscheinungen mit der Undulationstheorie sei bloß zufällig Sie muss der

wirklichen Identität einiger der Gesetze der Undulationen mit einigen Gesetzen

des Lichts entspringen und wenn diese Identität vorhanden ist, so ist es

vernünftig anzunehmen dass ihre Folgen nicht mit den Erscheinungen zu Ende

gehen werden welche zuerst zur Identifizierung Anlass geben und dass sich

dieselben auch nicht auf diejenigen Erscheinungen beschränken werden welche

gerade zu der Zeit bekannt waren Es folgt aber nicht dass weil einige von

diesen Gesetzen mit den Gesetzen der Undulationen übereinstimmen auch

Undulationen wirklich vorhanden sind, so wenig es folgte dass weil einige

obgleich nicht so viele dieser Gesetze mit denen der Ausstrahlung von

Partikeln übereinstimmten auch eine wirkliche Emission von Partikeln Statt

fand Auch die undulatorische Hypothese erklärt nicht alle Lichterscheinungen

Die natürliche Farbe der Gegenstände, die zusammengesetzte Natur der

Lichtstrahlen die Absorption des Lichts seine chemischen und vitalen Wirkungen

lässt die Hypothese so geheimnisvoll wie sie sie fand und einige von diesen

Tatsachen sind wenigstens scheinbar mit der Emissionstheorie besser in

Einklang zu bringen als mit der von Young und Fresnel Wer weiß ob nicht

vielleicht eine dritte Hypothese welche alle diese Erscheinungen einschließt

mit der Zeit die Undulationstheorie ebenso weit hinter sich lässt als diese die

Theorie von Newton und seinen Nachfolgern ließ

    Auf die Behauptung, die Bedingung der Erklärung aller bekannten

Erscheinungen sei oft gleich gut durch zwei widerstreitende Hypothesen erfüllt

antwortet Hr Whewell dass er in der Geschichte der Wissenschaft keine

derartigen Fälle in denen die Erscheinungen einigermaßen zahlreich und

verwickelt waren kennt Eine solche Erklärung von einem Schriftsteller der

wie Hr Whewell so genau mit der Geschichte der Wissenschaft bekannt ist würde

entscheidend sein wenn er nicht selbst einige Seiten vorher Sorge getragen

hätte sie dadurch zu widerlegen dass er behauptet sogar die verworfenen

wissenschaftlichen Hypothesen hätten immer oder fast immer so modifiziert

werden können, dass sie richtige Darstellungen der Erscheinungen abgegeben

hätten Die Hypothese von Wirbeln sagt er uns wurde in Betreff ihrer Resultate

durch succesive Modifikationen in Übereinstimmung mit der Newtonschen Theorie

und mit den Tatsachen gebracht Die Wirbel erklären in der Tut nicht alle

Erscheinungen welche die Newtonsche Theorie zuletzt erklärte wie zB die

Präzession der Nachtgleichen aber dieses Phänomen wurde zur Zeit von keiner der

zwei Seiten als eine zu erklärende Tatsache in Betracht gezogen Von allen in

Betracht gezogenen Tatsachen können wir auf Herrn Whewells Autorität hin

glauben dass sie mit der endgültig verbesserten Cartesianischen Hypothese

ebenso gut übereingestimmt hätten wie mit der Newtonschen Theorie

    Es ist aber denke ich kein gültiger Grund eine gegebene Hypothese

deswegen anzunehmen weil wir unfähig sind eine andere zu ersinnen welche die

Tatsachen erklärt Es ist nicht notwendig vorauszusetzen die wahre Erklärung

müsse so sein wie wir sie mit unserer gegenwärtigen Erfahrung ersinnen könnten

Unter den uns bekannten natürlichen Agentien mögen die Schwingungen einer

elastischen Flüssigkeit die einzigen sein deren Gesetze den Gesetzen des

Lichtes genau ähnlich sind wir können aber nicht sagen dass nicht eine

unbekannte Ursache existiert die sich zwar von dem durch den Weltraum

verbreiteten elastischen Äther unterscheidet die aber dennoch Wirkungen

hervorbringt welche in manchen Beziehungen identisch mit denjenigen sind die

aus den Undulationen eines solchen Äthers hervorgehen würden Anzunehmen eine

derartige Ursache könne nicht existieren scheint mir ein extremer Fall von

Assumtion ohne Beweis zu sein

    Ich will indessen nicht alle diejenigen gänzlich verdammen welche sich damit

beschäftigen diese Art von Hypothesen im Detail zu verarbeiten Es ist nützlich

zu ermitteln wie sich die bekannten Naturerscheinungen zu den Gesetzen

verhalten mit denen die Gesetze des Gegenstandes der Untersuchung die größte

oder auch nur eine große Analogie haben da dies wie es nach der Annahme eines

Lichtäthers wirklich der Fall war auf Versuche führen kann welche entscheiden

ob die so weit gehende Analogie sich noch weiter erstreckt Dass man sich aber

allen Ernstes dabei einbilden könnte wirklich zu ermitteln ob die Hypothese von

einem Äther einem elektrischen Fluidum oder dergleichen wahr ist oder nicht

dass man es für möglich halten sollte die Gewissheit zu erlangen dass die

Naturerscheinungen auf diesem und auf keinem andern Wege hervorgebracht werden:

dies scheint mir ich gestehe es der gegenwärtig klareren Begriffe von den

Methoden der physikalischen Wissenschaften unwürdig und auf die Gefahr hin für

unbescheiden gehalten zu werden muss ich hier mein Erstaunen ausdrücken dass

ein Philosoph von so ungewöhnlichen Talenten wie Hr Whewell eine sehr

durchgearbeitete Abhandlung über die Philosophie der Induktion schreiben konnte

worin er absolut keine andere Art von Induktion anerkennt als die Hypothesen

auf Hypothesen zu probieren bis man eine findet welche den Erscheinungen

angepasst und welche dann als wahr anzunehmen ist und zwar unter keinem andern

Vorbehalt als dasswenn es sich bei wiederholter Prüfung herausstellen sollte

dass sie mehr voraussetzt als zur Erklärung der Erscheinungen nötig ist dieser

überflüssige Teil hinwegzuschneiden ist und dies ohne die geringste

Unterscheidung zwischen den Fällen wo es zum Voraus bekannt sein kann dass

zwei verschiedene Hypothesen nicht zu demselben Resultate führen können und

denjenigen in welchen so weit wir jemals wissen können die Menge von mit den

Erscheinungen gleich verträglichen Voraussetzungen unbegrenzt sein kann124

    

     7 Ehe ich die Lehre von den Hypothesen verlasse ist es nötig dass ich

mich gegen den Schein verwahre als hätte ich den philosophischen Werth

verschiedener Zweige der physikalischen Forschung die ich wenn sie auch noch

in ihrer Kindheit stehen für streng induktiv halte in Zweifel ziehen wollen

Es ist ein großer Unterschied zwischen der Erfindung von Agentien welche ganze

Classen von Naturerscheinungen erklären sollen und dem bloßen Versuch in

Übereinstimmung mit bekannten Gesetzen zu mutmaßen welche früheren

Kollokationen von bekannten Agentien den jetzt existierenden einzelnen Tatsachen

ihre Entstehung gegeben haben mögen In dem letzteren besteht das streng

legitime Verfahren aus einer beobachteten Wirkung auf die Existenz, in einer

vergangenen Zeit von einer Ursache zu schließen die der Ursache ähnlich ist,

welche, so weit unsere Erfahrung geht diese Wirkung jetzt noch hervorbringt

Dies ist zB der Zweck der geologischen Forschungen die eben so wenig

unlogisch und träumerisch sind als gerichtliche Untersuchungen die ebenfalls

zum Zweck haben einen vergangenen Vorfall aus seinen noch vorhandenen Wirkungen

durch Folgerung zu entdecken So wie wir aus den Anzeigen die uns ein Leichnam

liefert nach der Gegenwart oder Abwesenheit von Zeichen eines Kampfes auf dem

Boden oder an den benachbarten Gegenständen nach den Blutspuren den

Fußstapfen des vermutlichen Mörders usw ermitteln können ob ein Mensch

ermordet wurde oder ob er eines natürlichen Todes starb indem wir uns dabei

durchaus auf Gleichförmigkeit stützen die durch eine strenge Induktion ohne

eine Beimischung einer Hypothese erforscht sind so können wir ganz mit Recht

schließen dass wenn wir auf oder unter der Oberfläche unseres Planeten Massen

finden die den sich aus dem Wasser bildenden Absätzen oder Substanzendie

nach einer vorhergegangenen Schmelzung durch Abkühlung erstarren ähnlich sind

der Ursprung derselben auch ganz ähnlich sei und wenn die Wirkungen, obgleich

der Art nach ähnlich in einem viel größeren Maßstabe vorhanden sind als

gegenwärtig Wirkungen hervorgebracht werdenso können wir rationell und ohne

Hypothese schließen dass die Ursachen früher in erhöhter Intensität vorhanden

waren oder dass sie während einer ungeheuren Zeit hindurch gewirkt haben Kein

Geologe von Bedeutung hat aber seit der Entstehung der gegenwärtig

aufgeklärteren geologischen Lehre versucht weiter zu gehen

    Bei vielen geologischen Untersuchungen kommt es zwar vor dass obgleich die

Gesetze, denen man die Erscheinungen zuschreibt bekannt und die Agentien

bekannte Agentien sind man doch nicht weiß ob diese Agentien in dem

besonderen Falle gegenwärtig waren So lassen bei der Betrachtung des feurigen

Ursprungs von Trapp oder Granit die Tatsachen den direkten Beweis davon dass

diese Substanzen in der Tat einer intensiven Hitze ausgesetzt waren nicht zu

Man könnte jedoch dasselbe von allen gerichtlichen Untersuchungen sagen die

sich auf einen Indizienbeweis stützen Wir können schließen dass ein Mensch

ermordet wurde obgleich es nicht durch die Aussage eines Augenzeugen bewiesen

ist dass irgend Jemand der die Absicht hatte ihn zu ermorden an dem Ort

gegenwärtig war Es ist hinreichend wenn keine andere bekannte Ursache die

nachgewiesenen Wirkungen hervorgebracht haben konnte

    Die berühmte Ansicht von Laplace in Betreff des Ursprungs der Erde und der

Planeten trägt wesentlich den streng induktiven Charakter der neueren

geologischen Lehre Nach dieser Ansicht erstreckte sich die Atmosphäre der Sonne

ursprünglich bis zu den jetzigen Grenzen des Sonnensystems zog sich aber durch

Abkühlung bis auf ihre gegenwärtigen Dimensionen zusammen und da nach

allgemeinen mechanischen Prinzipien die Rotation der Sonne und ihrer Atmosphäre

in dem Verhältnis an Schnelligkeit zunehmen musste als das Volumen abnahm so

bewirkte die durch schnellere Umdrehung vermehrte und die Wirkung der

Gravitation überwiegende Zentrifugalkraft dass sich von der Sonne sukzessive

Ringe von gasförmiger Materie losrissen sich sodann durch Abkühlung

kondensierten und zu unseren Planeten wurden In diese Theorie ist weder eine

unbekannte supponierte Substanz eingeführt noch einer bekannten Substanz eine

unbekannte Eigenschaft oder Gesetz zugeschrieben worden Die bekannten Gesetze

der Materie berechtigen uns zu der Annahme dass ein Körper, der fortwährend

eine so große Quantität Wärme von sich gibt wie die Sonne sich nach und nach

abkühlen und dass er durch diese Abkühlung sich zusammenziehen muss wenn wir

daher versuchen von dem gegenwärtigen Zustande dieses Körpers einen Schluss auf

seinen früheren Zustand zu machen so müssen wir notwendig annehmen dass seine

Atmosphäre sich viel weiter erstreckte als gegenwärtig und wir dürfen

voraussetzen dass sie sich so weit erstreckte als die Wirkungen nachweisbar

sind die sie bei ihrem Rückzug hinter sich zurückließ und dies sind die

Planeten Aus diesen Voraussetzungen folgt aber nach bekannten Gesetzen dass

aufeinanderfolgende Zonen der Sonnenatmosphäre Preis gegeben wurden dass diese

fortfahren mussten sich mit derselben Schnelligkeit um die Sonne zu bewegen

als machten sie einen Teil ihrer Substanz aus und dass sie sich lange vor der

Sonne selbst bis auf eine gegebene Temperatur und folglich auch bis auf

diejenige abkühlen mussten bei welcher der größte Teil der gasförmigen

Stoffe woraus sie bestanden flüssig oder fest werden Das bekannte Gesetz der

Schwere veranlasste sie sodann sich in Massen zusammenzuballen welche die

Gestalt unserer Planeten annahmen eine drehende Bewegung um ihre Axe erlangten

und sich in diesem Zustande wie es die Planeten wirklich tun um die Sonne

bewegten und zwar in der Richtung von der Rotation der Sonne aber mit

geringerer Geschwindigkeit weil in derselben periodischen Zeit welche die

Umdrehung der Sonne bedurfte als ihre Atmosphäre sich noch bis zu jenem Punkt

erstreckte In der Theorie von Laplace liegt also strenggenommen nichts

Hypothetisches sie ist ein Beispiel eines begründeten Schlusses von einer

gegenwärtigen Wirkung auf eine mögliche vergangene Ursacheund zwar in

Übereinstimmung mit bekannten Gesetzen jener Ursache Die Theorie ist daher,

wie ich bereits angeführt habe von einem ähnlichen Charakter wie die Theorien

der Geologen sie steht jedoch was den Beweis betrifft den letzteren weit

nach Sogar wenn es bewiesen wäre wie es nicht ist dass die notwendigen

Bedingungen für das Abbrechen sukzessiver Ringe gewiss eintreffen wurden so

läge immer noch eine viel größere Wahrscheinlichkeit des Irrtums in der

Annahme die jetzigen Naturgesetze wären dieselben wie die bei der Entstellung

des Sonnensystems existierenden als in der bloßen Vermutung der Geologen

diese Gesetze hätten einige Revolutionen und Verwandlungen hindurch die ein

einziger von den jenes System zusammensetzenden Körper erlitt gedauert

 
 



                              



     1 In den vorhergehenden vier Kapiteln haben wir die allgemeinen Umrisse

der Lehre von der Entstehung der abgeleiteten Gesetze von letzten Gesetzen

angegeben In dem vorliegenden Kapitel wird unsere Aufmerksamkeit auf einen

besonderen Fall einer Ableitung von Gesetzen aus anderen Gesetzen gerichtet sein

Dieser Fall ist jedoch so allgemein und so wichtig dass er eine Untersuchung

für sich allein verlangt es ist dies nämlich der Fall von Entstehung einer

komplexen Naturerscheinung aus einem einfachen Gesetze durch die fortgesetzte

Hinzufügung der Wirkung zu sich selbst

    Es gibt einige Naturerscheinungen einige körperliche Empfindungen zB

die ihrer Natur nach nur augenblicklich sind und deren Existenz nur durch die

Verlängerung der Existenz der Ursache, von denen sie hervorgebracht werden,

verlängert werden kann. Die meisten Naturerscheinungen sind jedoch ihrer inneren

Natur nach dauernd wenn sie einmal angefangen haben zu existieren so würden sie

immer fortdauern wenn nicht eine dazwischentretende Ursache das Bestreben

hätte sie zu verändern oder zu vernichten Von dieser Art sind zB alle

Tatsachen oder Naturerscheinungen welche wir Körper nennen Wenn das Wasser

einmal erzeugt ist so kehrt es nicht von selbst wieder in den Zustand von

Wasserstoff und Sauerstoff zurück eine solche Veränderung verlangt ein Agens

das die Macht besitzt die Verbindung zu zersetzen Die Lagen im Baum und die

Bewegungen der Körper gehören ebenfalls hierher Kein Gegenstandder in Ruhe

ist verändert ohne die Dazwischenkunft einer Bedingung die außerhalb seiner

selbst zu suchen ist seine Lage und kein Körper der einmal in Bewegung ist,

kehrt in den Zustand der Ruhe zurück oder verändert auch nur seine Richtung

oder Schnelligkeit wenn nicht irgend neue äußere Bedingungen hinzukommen Es

geschieht also fortwährend dass eine vorübergehende Ursache einer fortdauernden

Wirkung ihre Entstehung gibt Die Berührung des Eisens mit feuchter Luft

während einiger Stunden erzeugt Rost welcher Jahrhunderte lang fortdauern kann

die Kraft welche eine Kanonenkugel in die Luft schleudert erzeugt eine

Bewegung welche ewig anhalten würde wenn sie nicht durch eine entgegenwirkende

Kraft aufgehoben würde

    Zwischen den beiden eben angeführten Beispielen besteht ein Unterschiedder

einige Aufmerksamkeit verdient Da im ersteren Beispiel worin das Phänomen eine

Substanz und nicht die Bewegung einer Substanz ist der Rost immer und

unverändert fortbesteht bis eine neue Ursache hinzukommt so können wir von der

vor hundert Jahren stattgefundenen Berührung mit der Luft sprechen als wäre sie

die nächste Ursache des Rostes der seit jener Zeit vorhanden war Ist aber die

Wirkung eine Bewegung die selbst eine Veränderung ist so müssen wir uns eines

andern Ausdrucks bedienen Die Fortdauer der Wirkung ist nun bloß die Fortdauer

einer Reihe von Veränderungen Der zweite Fuß oder Zoll oder die zweite Meile

der Bewegung ist nicht die bloße verlängerte Dauer des ersten Fußes Zolles

oder Meile sondern eine andere Tatsache welche der ersteren folgt und die in

mancher Beziehung verschieden von ihr sein kann da sie den Körper durch einen

ganz andern Teil des Raumes führt Die ursprüngliche Kraft nun welche den

Körper in Bewegung setzte ist die entferntere Ursache seiner ganzen Bewegung

wie lange diese auch fortdauern mag aber nur von der Bewegung, welche im ersten

Augenblick stattfand ist sie die nähere Ursache Die Bewegung in irgend einem

der folgenden Augenblicke wird zunächst durch die in dem vorhergehenden

Augenblick stattfindende Bewegung verursacht von dieser und nicht von der

ursprünglich bewegenden Ursache hängt die Bewegung in irgend einem gegebenen

Augenblicke ab Denn nehmen wir an der Körper ginge durch ein widerstehendes

Mittel das die Wirkung des ursprünglichen Stoßes teilweise aufhebt und

dadurch die Bewegung verzögert so ist diese Gegenwirkung wie hier kaum

wiederholt zu werden braucht ein eben so strenges Beispiel von Unterwerfung

unter das Gesetz des Stoßes als wenn sich der Körper fortwährend mit seiner

ursprünglichen Schnelligkeit bewegt hätte die resultierende Bewegung ist aber

verschieden da sie nun aus den Wirkungen zweier in entgegengesetzter Richtung

tätiger Ursachen zusammengesetzt ist anstatt eine Wirkung einer Ursache zu

sein Welcher Ursache gehorcht aber der Körper bei seiner darauffolgenden

Bewegung Der ursprünglichen Ursache der Bewegungoder der wirklichen Bewegung

des vorhergehenden Augenblickes Sicher der letzteren; denn wenn der Körper das

widerstehende Mittel verlässt so fährt er fort sich nicht mit seiner

ursprünglichen sondern mit der verzögerten Geschwindigkeit zu bewegen Wenn die

Bewegung einmal verlangsamt ist so ist auch die ganze darauffolgende Bewegung

verlangsamt Die Wirkung verändert sich weil sich die Ursache, der sie

gehorcht die nähere und in der Tat die wirkliche Ursache geändert hat Von den

Mathematikern wird dieses Prinzip anerkannt wenn sie unter den Ursachenwelche

die Bewegung eines Körpers in irgend einem Augenblick bestimmen die von der

vorhergehenden Bewegung erzeugte Kraft anführen ein Ausdruck der absurd wäre

wenn er so verstanden würde als ob diese »Kraft« ein Zwischenglied zwischen der

Ursache und der Wirkung wäre aber er bedeutet in der Tat nichts Anderesals

die vorhergehende Bewegung selbst als eine Ursache von weiterer Bewegung

betrachtet Wir müssen daher wenn wir uns mit vollkommener Genauigkeit

ausdrücken wollen ein jedes Glied in einer Reihenfolge von Bewegungen als die

Wirkung des vorhergehenden Gliedes betrachten Wenn wir aber der Bequemlichkeit

der Rede wegen von der ganzen Reihe als von einer Wirkung sprechen so muss dies

als von einer Wirkung die von der ursprünglich bewegenden Kraft hervorgebracht

ist als von einer fortdauernden von einer augenblicklichen Ursache

hervorgebrachten und die Eigenschaft der Selbsterhaltung besitzenden Wirkung

geschehen

    Wir wollen nun annehmen das ursprüngliche Agens oder die Ursache) wäre

anstatt ein augenblickliches zu sein ein fortdauerndes Eine jede Wirkung die

bis zu einer gegebenen Zeit hervorgebracht worden ist, würde wenn sie nicht

durch die Dazwischenkunft einer neuen Ursache verhindert wird fortdauern wenn

auch die Ursache aufhören sollte Da mm aber die Ursache nicht vergeht sondern

fortbesteht und fortwirkt so muss sie immer mehr und mehr von der Wirkung

erzeugen und anstatt einer gleichmäßigen Wirkung haben wir eine zunehmende

Reihe von Wirkungen, die aus dem sich anhäufenden Einfluss der fortdauernden

Ursache entstehen So verwandelt sich bei der Berührung des Eisens mit der Luft

ein Teil des ersteren in Rost und wenn die Ursache aufhören würde so würde

die hervorgebrachte Wirkung fortdauern aber es käme keine neue Wirkung hinzu

Wenn aber die Ursache, nämlich die Berührung mit feuchter Luft fortdauert so

rostet immer mehr und mehr von dem Eisen bis es gänzlich in ein rotes Pulver

verwandelt ist wo dann die eine der Bedingungen der Erzeugung des Rostes die

Gegenwart von unoxydirtem Eisen aufgehört hat und die Wirkung nicht weiter

hervorgebracht werden kann. Ebenso verursacht die Erde den Fall der Körper, dh

die Existenz der Erde in einem gegebenen Augenblick verursacht dass ein nicht

unterstützter Körper in dem darauffolgenden Augenblick in der Richtung nach ihr

fällt und wenn die Erde in demselben Augenblick vernichtet würde so würde die

bereits erzeugte Wirkung fortdauern der Gegenstand würde sich mit der erlangten

Geschwindigkeit in derselben Richtung fortbewegen bis er durch einen andern

Körper aufgehalten oder durch eine andere Kraft abgelenkt würde Da die Erde

aber nicht vernichtet wird so bringt sie in dem zweiten Augenblick eine

ähnliche Wirkung von der Größe der des ersten hervor und da sich diese beiden

Wirkungen addieren so entsteht eine zunehmende Geschwindigkeit da sich dies in

einem jeden der folgenden Augenblicke wiederholt so veranlasst die bloße

Fortdauer der Ursacheobgleich sie selbst nicht zunimmt ein konstant

zunehmendes Wachsen der Wirkung so lange als alle positiven und negativen

Bedingungen der Erzeugung dieser Wirkung erfüllt werden

    Es ist dieser Zustand der Dinge offenbar ein bloßer Fall von der

Zusammensetzung der Ursachen. Eine fortwährend in Tätigkeit bleibende Ursache

muss bei einer strengen Analyse als eine Anzahl von genau ähnlichen Ursachen

betrachtet werden, die sukzessive eingeführt werden und durch ihre Vereinigung

die Summe der Wirkungen erzeugen welche sie einzeln wirkend hervorgebracht

hätten Das zunehmende Rosten des Eisens ist strenge genommen die Summe der

Wirkungen vieler Luftteilchen welche nacheinander auf entsprechende

Eisenteilchen einwirken Die fortdauernde Einwirkung der Erde auf einen

fallenden Körper ist äquivalent einer Reihe von Kräften die in

aufeinanderfolgenden Augenblicken wirken und wovon eine jede strebt eine

gewisse Quantität von Bewegung zu erzeugen die Bewegung in einem jeden

Augenblick ist aber die Summe der Wirkungen der neuen in dem vorhergehenden

Augenblick angewandten Kraft und der bereits erlangten Bewegung In einem jeden

Augenblick wird eine neue Wirkung deren nähere Ursache die Schwere ist der

Wirkung, deren entferntere Ursache sie war hinzugefügt oder um dasselbe in

einer andern Weise auszudrücken die durch den Einfluss der Erde in dem

letztvergangenen Augenblick hervorgebrachte Wirkung addiert sich der Summe der

Wirkungen, deren entfernte Ursachen alle die Einflüsse sind welche die Erde in

allen vorhergehenden Augenblicken von dem Beginnen der Bewegung an ausübte Es

ist daher dieser Fall ein Fall eines Zusammenwirken von Ursachenwelche eine

Wirkung hervorbringen die der Summe ihrer einzelnen Wirkungen gleich ist Da

aber die Ursachen nicht alle auf einmal sondern sukzessive in Wirksamkeit

treten und da die Wirkung eines jeden Augenblicks die Summe der Wirkungen von

nur denjenigen Ursachen istwelche bis zu diesem Augenblicke in Tätigkeit

traten so nimmt das Resultat die Form einer zunehmenden Reihe einer

Reihenfolge von Summen an von denen eine jede grösser ist als die

vorhergehende und wir erhalten so eine zunehmende Wirkung durch die

fortdauernde Tätigkeit einer Ursache.

    Da die Fortdauer der Ursache nur insofern auf die Wirkung einen Einfluss

ausübt als sie ihre Quantität vermehrt und da die Zunahme nach einem

bestimmten Gesetze gleiche Quantitäten in gleichen Zeiten stattfindet so kann

das Resultat nach mathematischen Grundsätzen berechnet werden Dieser Fall einer

unendlich kleinen Zunahme hat in der Tat zur Erfindung der Differentialrechnung

Anlass gegeben Die Fragen welche Wirkung wird aus der fortwährenden

Hinzufügung einer gegebenen Ursache zu sich selbst entstehen und welche Ursache

wird wenn sie fortwährend zu sich selbst addiert wird eine gegebene Wirkung

hervorbringen sind offenbar mathematische Fragen und können daher deduktiv

behandelt werden Wenn wie wir gesehen haben Fälle von einer Zusammensetzung

von Ursachen sich selten zu einer andern als deduktiven Untersuchung eignen so

ist dies insbesondere in dem eben geprüften Falle der fortwährenden Verbindung

einer Ursache mit ihren vorhergehenden Wirkungen wahr da ein solcher Fall ganz

besonders der deduktiven Methode zugänglich ist während die nicht

unterscheidbare Weise in welcher die Wirkungen mit einander und mit den

Ursachen vermischt sind die experimentelle Behandlung eines solchen Falles noch

erfolgloser als in einem jeden andern Falle machen muss

    

     2 Wir wollen unsere Aufmerksamkeit zunächst einer etwas verwickelteren

Wirkung desselben Prinzips nämlich dem Falle zuwenden wo die Tätigkeit der

Ursache nicht bloß fortdauert sondern auch während derselben Zeit in

denjenigen ihrer Umstände welche zur Erzeugung der Wirkung beitragen eine

progressive Veränderung erfährt Wie in dem vorhergehenden so häuft sich auch

in diesem Falle durch die fortwährende Hinzufügung einer neuen Wirkung zu der

bereits hervorgebrachten die Totalwirkung an es geschieht aber nun nicht mehr

durch Hinzufügung von gleichen Quantitäten in gleichen Zeiten die hinzugefügten

Quantitäten sind ungleich und selbst die Qualität kann nun verschieden sein

Wenn die Veränderung in dem Zustande der fortdauernden Ursache zunehmend ist so

wird die Wirkung eine doppelte Reihe von Veränderungen durchlaufen die eine

Folge teils der angehäuften Tätigkeit der Ursache, teils der Veränderungen

ihrer Tätigkeit sind Die Wirkung ist immer noch eine zunehmende sie wird

indessen nicht durch die bloße Fortdauer der Ursache, sondern durch ihre

Fortdauer und Zunahme zugleich hervorgebracht

    Ein bekanntes Beispiel hiervon bietet die Zunahme der Temperatur bei

Annäherung des Sommers wenn sich nämlich die Sonne immer mehr ihrer vertikalen

Stellung nähert und längere Zeit über dem Horizont bleibt Dieses Beispiel zeigt

auf eine interessante Weise die aus der Fortdauer der Ursache und ihrer

progressiven Veränderung hervorgehende doppelte Wirkung Wenn sich die Sonne dem

Zenit einmal hinreichend genähert hat und lange genug über dem Horizont bleibt

um während einer täglichen Umdrehung mehr Wärme geben zu können als die

entgegenwirkende Ursache die Ausstrahlung der Erde hinwegnehmen kann so würde

die bloße Fortdauer der Ursache die Wirkung progressive vermehren auch wenn

die Sonne nicht näher käme und die Tage nicht länger zunehmen würden es addiert

sich aber eine Veränderung der Ursache die Reihe ihrer täglichen Stellungen

welche die Quantität der Wirkung zu vermehren strebt Wenn das Sommersolstitium

vorüber ist so findet die progressive Veränderung der Ursache auf umgekehrtem

Wege statt aber während einiger Zeit übersteigt die angehäufte Wirkung der

bloßen Fortdauer der Ursache die Wirkung der Veränderungen derselben und die

Temperatur nimmt noch immer zu

    In eben der Weise sind die Bewegungen eines Planeten eine zunehmende

Wirkung welche durch Ursachen die zugleich fortdauernd und progressiv sind

hervorgebracht wird Die Bahn der Planeten wird von zwei Ursachen wenn man die

Perturbationen nicht berücksichtigt bestimmt erstens durch die Wirkung des

Zentralkörpers einer permanenten Ursache die abwechselnd zu oder abnimmt je

nachdem sich der Planet dem Perihel nähert oder sich davon entfernt und die

ferner in einem jeden Augenblick in einer verschiedenen Richtung wirkt zweitens

durch das Streben des Planeten seine Bewegung in derselben Richtung und mit

derselben bereits erlangten Geschwindigkeit fortzusetzen Diese Kraft nimmt

ebenfalls zu je näher der Planet seinem Perihel kommt indem seine Schnelligkeit

dabei wächst sie nimmt ab wenn er sich vom Perihel entfernt und sowohl diese

Kraft wie die andere wirkt in einem jeden Punkte in einer verschiedenen

Richtung weil in einem jeden Punkte die Wirkung der Zentralkraft indem sie den

Planeten von seiner früheren Richtung ablenkt die Linie in welcher er seine

Bewegung fortzusetzen strebt verändert Die in einem jeden Augenblicke

stattfindende Bewegung wird bestimmt durch die Größe und Richtung der Bewegung

und durch die Größe und Richtung der Wirkung der Sonne im vorhergehenden

Augenblick und wenn wir von dem ganzen Umlauf des Planeten als von einem

einzigen Phänomen sprechen was wir da es periodisch und sich selbst gleich

ist oft bequem finden so ist dieses Phänomen die progressive Wirkung zweier

fortdauernder und progressiver Ursachen der Zentralkraft und der erlangten

Bewegung Da diese Ursachen in der besonderen Weise welche man periodisch nennt

progressiv sind so muss es auch notwendig die Wirkung sein denn da die zu

einander zu addierenden Größen in einer regelmäßigen Ordnung wiederkehren so

müssen auch dieselben Summen regelmäßig wiederkehren

    Dieses Beispiel ist auch noch in einer andern Beziehung der Beachtung wohl

wert Obgleich die Ursachen selbst fortdauernd und unabhängig von allen uns

bekannten Bedingungen sind so sind doch die Veränderungen welche in den

Quantitäten und Beziehungen der Ursachen stattfinden wirklich durch die

periodischen Veränderungen in den Wirkungen hervorgebracht Nachdem die in

irgend einem Augenblicke existierenden Ursachen eine Bewegung hervorgebracht

haben so wirkt diese Bewegung indem sie selbst eine Ursache wird auf die

Ursachen zurück und bringt eine Veränderung in ihnen hervor Indem sie die

Entfernung und die Richtung des Zentralkörpers in Beziehung auf den Planeten und

die Richtung und Größe der Tangentialkraft ändert ändert sie die Elemente

welche die Bewegung in dem nächsten Augenblicke bestimmen Die Veränderung macht

die nächste Bewegung etwas verschieden und dieser Unterschied macht durch eine

neue Rückwirkung auf die Ursachen, die nächste Bewegung noch verschiedener und

so fort Die Wirkung der Sonne und die ursprünglich bewegende Kraft hätten in

einem solchen Verhältnis zu einander stehen können dass die Rückwirkung der

Wirkung der Art gewesen wäre dass sie die Ursachen mehr und mehr verändert

hätte ohne sie wieder zu dem zurückzubringen was sie zuerst gewesen waren Der

Planet würde sich dann in einer Parabel oder in einer Hyperbel also in Kurven

die nicht in sich zurückkehren bewegt haben Die Quantitäten der beiden Kräfte

waren indessen ursprünglich der Art dass die sukzessiven Rückwirkungen der

Wirkung die Ursachen nach einer gewissen Zeit zu dem zurückbringen was sie

vorher waren und von dieser Zeit an kehren alle Veränderungen in einer

periodischen Ordnung immer wieder und müssen wiederkehren da die Ursachen

fortdauern und nicht aufgehoben werden

    

     3 In allen Fällen von progressiven Wirkungen sie seien aus der

Anhäufung von sich ändernden oder nicht ändernden Elementen hervorgegangen

besteht eine Gleichförmigkeit der Folge nicht bloß zwischen der Ursache und

der Wirkung, sondern auch zwischen dem ersten Stadium der Wirkung und dem

darauffolgenden Dass ein Körper im luftleeren Raume in der ersten Sekunde

sechszehn Fuß in der zweiten achtundvierzig und sofort in dem Verhältnis der

ungeraden Zahlen 1 3 5 etc fällt ist eine eben so gleichförmige Sequenz

als jene dass der Körper fällt wenn er seiner Stütze beraubt wird Das

Aufeinanderfolgen von Frühling und Sommer ist eben so regelmäßig und

unveränderlich als das der Wiederkehr der Sonne und des Frühlings wir sehen

aber den Frühling nicht als die Ursache des Sommers an es ist einleuchtend

dass sie beide Wirkungen der vermehrten Wärmeausgabe der Sonne sind und dass

wenn diese Ursache nicht existierte der Frühling ewig fortdauern könnte ohne das

geringste Streben zu haben den Sommer hervorzubringen Nicht die bedingte

sondern wie wir so oft bemerkt haben das unbedingt unveränderliche Antezedens

wird die Ursache genannt Was von der Wirkung nicht begleitet sein würde ohne

dass etwas Anderes vorhergegangen istist nicht die Ursache, wie unveränderlich

auch in der Tat die Sequenz sein mag

    Auf diesem Wege nun werden die meisten jener Gleichförmigkeit der Folge

erzeugt welche nicht Fälle einer Verursachung sind Wenn ein Phänomen zunimmt

oder periodisch zu und abnimmt oder irgend eine fortwährende unaufhörliche

Reihe von Veränderungen durchläuft die auf eine gleichförmige Regel oder ein

Gesetz der Folge zurückführbar ist so vermuten wir deswegen nicht dass irgend

zwei aufeinanderfolgende Glieder der Reihe Ursache und Wirkung sind Wir

vermuten gerade das Gegenteil wir erwarten zu finden dass die ganze Reihe

entweder aus der fortgesetzten Wirkung fester Ursachen oder aus Ursachen

entspringt welche einen entsprechenden Prozess von fortwährender Veränderung

durchlaufen Ein Baum wächst von der Höhe eines halben Zoll bis zu der Höhe von

hundert Fuß und einige Bäume werden im allgemeinen bis zu dieser Höhe wachsen

wenn sie nicht durch irgend eine entgegenwirkende Ursache daran gehindert

werden Wir nennen jedoch nicht die junge Pflanze die Ursache des ausgewachsenen

Baumes gewiss ist sie das unveränderliche Antezedens und wir wissen nur sehr

unvollkommen von welchen anderen Antecedentien die Sequenz abhängt wir sind

aber überzeugt dass sie von irgend etwas abhängig ist, weil die Homogenität des

Antezedens und des Konsequenz die große Ähnlichkeit der jungen Pflanze mit

dem Baume in allen Beziehungen mit Ausnahme der Größe und des stufenweise

fortschreitenden Wachstums das der progressive sich anhäufenden Wirkung einer

lange wirkenden Ursache so genau gleicht kaum die Möglichkeit eines Zweifels

lässt dass die junge Pflanze und der Baum in Wirklichkeit zwei Glieder einer

Reihe dieser Art sind deren erstes Glied noch zu suchen ist Dieser Schluss

wird ferner noch dadurch bestätigt dass wir im Stande sind durch strenge

Induktion die Abhängigkeit des Wachstums des Baumes und sogar der Fortdauer

seiner Existenz von der fortgesetzten Wiederholung gewisser Prozesse der

Ernährung wie des Aufsteigens des Saftes der Absorption und Ausdünstung der

Blätter etc zu beweisen dieselben Versuche würden uns auch wahrscheinlich

beweisen dass das Wachstum des Baumes die angehäufte Summe der Wirkungen

dieser Prozesse ist wenn wir nicht wegen Mangel an hinreichend mikroskopischen

Augen unfähig wären genau und im Detail zu beachten welches diese Wirkungen

sind

    Diese Voraussetzung verlangt indessen keineswegs dass die Wirkung während

ihres Fortschreitens nicht noch manche andere Modifikationen als die der

Quantität oder dass sie nicht zuweilen eine sehr markierte Charakterveränderung

erleide Es kann dies entweder dadurch geschehen dass die unbekannte Ursache

aus verschiedenen sie zusammensetzenden Elementen oder Agentien besteht deren

nach verschiedenen Gesetzen sich anhäufende Wirkungen in verschiedenen Perioden

der Existenz des organisierten Wesens nach anderen Verhältnissen zusammengesetzt

sind oder dadurch dass bei verschiedenen Punkten seiner Entwicklung neue

Ursachen oder Agentien eintreten oder entbunden werden welche ihre Gesetze mit

denen des ersten Agens vermischen

 
 





     1 Die Naturforscher geben den Namen empirische Gesetze gewöhnlich

denjenigen Gleichförmigkeit deren Existenz die Beobachtung und das Experiment

nachgewiesen hat auf welche sie aber Anstand nehmen sich in Fällen die von

den wirklich beobachteten stark abweichen zu verlassen weil sie keinen Grund

einsehen können warum ein solches Gesetz existieren sollte Der Begriff eines

empirischen Gesetzes schließt daher ein dass es kein letztes Gesetz ist dass

wenn es überhaupt wahr ist seine Wahrheit fähig ist erklärt zu werden und

erklärt werden muss Es ist ein abgeleitetes Gesetz dessen Ableitung noch

unbekannt ist Die Erklärung das Warum des empirischen Gesetzes angeben hieße

die Gesetze angeben wovon es abgeleitet die letzten Ursachen von welchen es

abhängig ist; und wenn wir diese wüssten so wüssten wir auch welches seine

Grenzen sind unter welchen Bedingungen es aufhören würde erfüllt zu werden

    Die ursprünglich durch die beharrliche Beobachtung der Astronomen des Ostens

bestimmte periodische Wiederkehr der Finsternisse war so lange ein empirisches

Gesetz bis sie durch die allgemeinen Gesetze der Bewegung der Himmelskörper

erklärt wurde Die folgenden sind empirische Gesetze welche noch in die

einfachen Gesetze von welchen sie sich ableiten zu zerlegen sind Die lokalen

Gesetze der Ebbe und Flut an verschiedenen Orten der Erde das Folgen von

gewissen Arten von Wetter auf gewisse Erscheinungen am Himmel die scheinbaren

Ausnahmen von der fast allgemeinen Wahrheit dass sich die Körper stets bei der

Zunahme ihrer Temperatur ausdehnen das Gesetz, dass eine Tierrace oder

Pflanzenspezies durch Kreuzung verbessert wird dass Gase eine große Neigung

besitzen tierische Membrane zu durchdringen dass Opium und Alkohol

berauschen das Gesetz, dass Substanzendie eine große Menge Stickstoff

enthalten wie Blausäure und Morphium starke Gifte sind dass gewisse

Legierungen härter sind als die Metalle welche sie zusammensetzen dass die

Anzahl der Atome einer Säure die erforderlich sind um eine organische Base zu

neutralisieren in einem festen Verhältnis zum Stickstoff der Base stehen dass

die Löslichkeit der Substanzen in einander wenigstens in einem gewissen Grade

von der Ähnlichkeit ihrer Elemente abhängt125

    Ein empirisches Gesetz ist also eine beobachtete Gleichförmigkeit von der

man vermutet dass sie in einfache Gesetze zerlegt werden kann, aber noch nicht

zerlegt ist Die Bestimmung der empirischen Gesetze der Naturerscheinungen geht

oft der Erklärung dieser Gesetze durch die deduktive Methode lange voraus und

die Bestätigung einer Deduktion besteht gewöhnlich in der Vergleichung ihrer

Resultate mit vorher empirisch ermittelten Gesetzen

    

     2 Aus der beschränkten Anzahl letzter Gesetze geht notwendig eine

große Anzahl abgeleiteter Gleichförmigkeit sowohl der Sukzession als der

Koexistenz hervor Einige sind Gesetze der Sukzession oder der Koexistenz

zwischen verschiedenen Wirkungen derselben Ursache hiervon hatten wir Beispiele

in dem vorhergehenden Kapitel Andere sind Gesetze der Folge zwischen Wirkungen

und ihren entfernteren Ursachenund in die Gesetze zerlegbar welche eine jede

mit dem Zwischenglied verbinden Drittens wenn Ursachen zusammenwirken und ihre

Wirkungen vereinigen so erzeugen die Gesetze dieser Ursachen das fundamentale

Gesetz der Wirkung, nämlich das Gesetz, dass sie von der Koexistenz dieser

Ursachen abhängig ist. Und zuletzt hängt die unter den Wirkungen stattfindende

Ordnung des Aufeinanderfolgens oder der Koexistenz notwendig von ihren Ursachen

ab Sind es Wirkungen von einerlei Ursache so hängt diese Ordnung von den

Gesetzen dieser Ursache ab wenn von verschiedenen Ursachen so hängt sie von

den Gesetzen dieser verschiedenen Ursachen und von Umständen ab welche ihre

Koexistenz bestimmen Forschen wir weiter darnach wann und wie diese Ursachen

koexistieren werden so hängt dies ebenfalls wieder von ihren Ursachen ab und

wir können so die Naturerscheinungen immer weiter zurückführen bis sich die

verschiedenen Reihen von Wirkungen in einem Punkte begegnen und das Ganze sich

zuletzt als von einer gemeinschaftlichen Ursache abhängig darstellt oder bis

sie statt in einem Punkte zu konvergieren in verschiedenen Punkten endigen und

es erwiesen ist dass die Ordnung der Wirkungen aus einer ursprünglichen

Kollokation von einigen der urersten Ursachen oder Agentien hervorgegangen ist

Die Ordnung der Folge und Koexistenz unter den Bewegungen der Himmelskörper

zB welche durch die Gesetze Keplers ausgedrückt wird ist von der Koexistenz

zweier urerster Ursachen der Sonne und dem ursprünglich unserm Planeten

erteilten Stoss126 abgeleitet Die Gesetze Keplers sind in die Gesetze dieser

Ursachen und in die Tatsache ihrer Koexistenz zerlegt

    Die abgeleiteten Gesetze hängen daher nicht allein von den letzten Gesetzen

von welchen sie ableitbar sind sondern sie hängen auch meistens von letzten

Gesetzen und einer letzten Tatsache nämlich dem Modus der Koexistenz einiger

der ursprünglichen Elemente des Universums ab Die letzten Kausalgesetze könnten

dieselben sein wie jetzt und die abgeleiteten Gesetze könnten dennoch gänzlich

verschieden sein wenn die Ursachen in anderen Verhältnissen koexistierten oder

auch nur mit irgend einem Unterschiede in denjenigen ihrer Beziehungen welche

auf die Wirkung Einfluss haben Wenn zB die Anziehung der Sonne und die

bewegende Kraft in einem andern Verhältnis zu einander gestanden hätten als

sie wirklich stehen und wir kennen keinen Grund warum dies nicht hätte der

Fall sein können so würden die abgeleiteten Gesetze ganz verschieden von dem

gewesen sein was sie gegenwärtig sind Die existierenden Verhältnisse sind aber

von der Art dass sie regelmäßige elliptische Bewegungen erzeugen irgend

andere Verhältnisse würden verschiedene Ellipsen oder kreisförmige parabolische

oder hyperbolische aber immer regelmäßige Bewegungen erzeugt haben da sich

die Wirkungen eines jeden der Agentien nach einem gleichförmigen Gesetze

anhäufen und zwei regelmäßige Reihen von Größen wenn ihre entsprechenden

Glieder addiert werden eine regelmäßige Reihe irgend einer Art hervorbringen

müssen welche Größen es auch sein mögen

    

     3 Das zuletzt genannte Element in der Zerlegung eines abgeleiteten

Gesetzes das Element das kein Kausalgesetz sondern eine Kollokation von

Ursachen ist kann nun nicht selbst auf irgend ein Gesetz zurückgeführt werden

Es gibt wie früher bemerkt wurde keine in der Verteilung der urersten

natürlichen Agentien durch das Weltall wahrnehmbare Gleichförmigkeit es gibt

darin keine Norm kein Prinzip und keine Regel Die verschiedenen Substanzen

aus denen die Erde besteht die Kräfte welche das Weltall durchdringen stehen

in keinem konstanten Verhältnis zu einander Die eine Substanz ist reichlicher

vorhanden als die andere die eine Kraft wirkt in einer größeren Ausdehnung des

Raumes als die andere ohne dass wir eine durchgehende Analogie entdecken

könnten Nicht allein dass wir keinen Grund kennen warum die Anziehung der

Sonne und die Tangentialkraft genau in dem tatsächlichen Verhältnisse

koexistieren sondern wir können auch keine Coincidenz zwischen diesem

Verhältnis und den Verhältnissen nachweisen in denen andere elementare Kräfte

in dem Universum sich vermischen Die größte Unordnung in der Verbindung der

Ursachen ist sichtlich mit der vollkommensten Ordnung in ihren Wirkungen

verträglich denn wenn ein jedes Agens seine eigenen Wirkungen nach einem

gleichförmigen Gesetze vollbringt so wird sogar ans der capriciösesten

Verbindung von Agentien eine Regelmäßigkeit irgend einer Art hervorgehen wie

wir bei dem Kaleidoskop sehen wo irgend eine Anordnung von Stückchen gefärbten

Glases durch das Gesetz der Reflexion eine schöne Regelmäßigkeit der Wirkung

hervorbringt

    

     4 In den obigen Betrachtungen liegt die Rechtfertigung des geringen

Grades von Vertrauen das die Philosophen gewöhnlich zu empirischen Gesetzen

haben

    Ein deriviertes Gesetz das gänzlich aus der Tätigkeit einer einzigen

Ursache hervorgeht wird eben so allgemein wahr sein als die Gesetze der Ursache

selbst dh es wird immer wahr sein ausgenommen da wo irgend eine von

denjenigen Wirkungen der Ursache, von denen das abgeleitete Gesetz abhängt

durch eine entgegenwirkende Ursache aufgehoben wird Aber wenn das abgeleitete

Gesetz nicht aus den verschiedenen Wirkungen einer einzigen Ursache sondern aus

den Wirkungen verschiedener Ursachen hervorgeht so können wir keine Gewissheit

haben dass es bei einer jeden Veränderung in der Art der Koexistenz der

Ursachen oder der urersten natürlichen Agentien von denen diese Ursachen

zuletzt abhängen wahr sein wird Der Satz, dass Kohlenlager ausschließlich auf

gewissen Arten von Schichten liegen obgleich so weit unsere Erfahrung reicht in

Beziehung auf die Erde wahr kann nicht auf den Mond oder auf die anderen

Planeten ausgedehnt werden immer vorausgesetzt dass dort Kohlen existieren

denn wir können nicht die Überzeugung haben dass die ursprüngliche

Beschaffenheit irgend eines andern Planeten von der Art war um die

verschiedenen Ablagerungen in derselben Ordnung wie auf unserer Erde

hervorzubringen Das abgeleitete Gesetz hängt in diesem Falle nicht allein von

Gesetzen, sondern von einer Kollokation ab und Kollokationen können nicht auf

ein Gesetz zurückgeführt werden

    Es ist nun gerade der Charakter eines derivierten Gesetzes das noch nicht in

seine Elemente zerlegt worden istmit anderen Worten eines empirischen

Gesetzes dass wir nicht wissen ob es aus den verschiedenen Wirkungen einer

einzigen Ursache oder aus den Wirkungen verschiedener Ursachen hervorgeht Wir

können nicht sagen ob es gänzlich von Gesetzen oder ob teils von Gesetzen,

teils von einer Kollokation abhängig ist. Wenn es von einer Kollokation

abhängig ist, so wird es in allen Fällen wahr sein in denen diese Kollokation

existiert Da wir aber im Falle seiner Abhängigkeit von einer Kollokation

gänzlich darüber unwissend sind welches die Kollokation sei so können wir das

Gesetz nicht mit Sicherheit über die Grenzen der Zeit und des Ortes ausdehnen

innerhalb derer wir eine wirkliche Erfahrung seiner Wahrheit besitzen Denn da

innerhalb dieser Grenzen das Gesetz immer als wahr befunden wurde so haben wir

den Beweis dass die Kollokationen wie sie auch seien von denen es abhängt

wirklich innerhalb dieser Grenzen existieren Da wir aber keine Regel und kein

Prinzip kennen wonach sich diese Kollokationen selbst richten so können wir

nicht schließen dass weil die Existenz einer Kollokation innerhalb gewisser

Grenzen von Ort und Zeit bewiesen ist dieselbe auch außerhalb dieser Grenzen

existieren wird Empirische Gesetze dürfen daher nur innerhalb der Grenzen von

Zeit und Ort in denen sie durch Erfahrung als wahr befunden worden für wahr

gehalten werden und nicht bloß innerhalb der Grenzen von Zeit und Ort sondern

von Zeit Ort und Umständen denn da es gerade die Natur des empirischen

Gesetzes ist dass wir die letzten Gesetze der Ursachen, von denen es abhängig

ist, nicht kennen so können wir ohne eine wirkliche Probe nicht voraussehen in

welcher Art oder bis zu welcher Ausdehnung die Einführung eines neuen Umstandes

darauf einwirken wird

    

     5 Wie können wir nun aber wissen ob eine durch die Erfahrung ermittelte

Gleichförmigkeit nur ein empirisches Gesetz ist Da wir der Annahme nach nicht

im Stande gewesen sind sie in höhere Gesetze zu zerlegen wie sollen wir

wissen dass sie nicht ein letztes Kausalgesetz ist

    Die Antwort hierauf ist dass keine Generalisation mehr als ein empirisches

Gesetz ist wenn der Beweis worauf sie beruht einzig nach der Methode der

Übereinstimmung geführt worden ist; denn wir haben gesehen dass wir durch

diese Methode allein niemals zu den Ursachen gelangen können Alles was die

Methode der Übereinstimmung tun kann besteht in der Bestimmung des Ganzen der

Umstände das allen Fällenin denen ein Phänomen hervorgebracht wurde gemein

ist und dieses Aggregat schließt natürlicherweise nicht allein die Ursache der

Naturerscheinung sondern auch alle Naturerscheinungen ein womit es durch

irgend eine abgeleitete Gleichförmigkeit verknüpft ist entweder dass dieselben

kollaterale Wirkungen derselben Ursacheoder Wirkungen von irgend einer andern

Ursache sind welche in allen Fällen, die wir fähig waren zu beobachten mit ihr

koexistierten Die Methode bietet kein Mittel um zu bestimmen, welche von diesen

Gleichförmigkeit Kausalgesetze und welche nur abgeleitete aus diesen

Kausalgesetzen und der Kollokation der Ursachen hervorgehende Gesetze sind

Keine derselben darf daher als etwas Anderesals ein abgeleitetes Gesetz

dessen Ableitung noch nicht nachgewiesen ist mit anderen Worten, als ein

empirisches Gesetz angenommen werden In diesem Lichte müssen alle durch die

Methode der Übereinstimmung erhaltenen Resultate und daher fast alle durch die

bloße Beobachtung ohne Experiment erhaltenen Wahrheiten betrachtet werden, bis

sie entweder durch die Differenzmethode bestätigt oder deduktiv dh mit anderen

Worten a priori erklärt werden.

    Die empirischen Gesetze können mehr oder weniger Glaubwürdigkeit besitzen

je nachdem wir Grund zu vermuten haben dass sie bloß in Gesetze oder in

Gesetze und Kollokationen zerlegbar sind Da die Sequenzen welche wir in der

Erzeugung und dem darauffolgenden Leben eines Tieres oder einer Pflanze

beobachten nur auf der Methode der Übereinstimmung beruhen so sind sie bloß

empirische Gesetze aber obgleich in diesen Sequenzen die Antecedentien

möglicherweise nicht die Ursachen der Folgen sind so sind wahrscheinlich die

einen sowohl wie die anderen überhaupt nur aufeinanderfolgende Stadien einer

progressiven Wirkung die einer gemeinschaftlichen Ursache entspringt und daher

unabhängig von Kollokationen ist Von der andern Seite sind die

Gleichförmigkeit in der Ordnung der Erdschichten empirische Gesetze von einer

viel schwächeren Art da sie nicht allein keine Kausalgesetze sind sondern da

auch nicht einmal Grund zu glauben vorliegt dass sie alle von einer

gemeinschaftlichen Ursache abhängen Aller Anschein spricht für ihre

Abhängigkeit von einer besonderen Kollokation natürlicher Agentien die

ursprünglich auf unserer Erde existierten und woraus in Beziehung auf die

Kollokation welche in irgend einem andern Teil des Weltalls existiert oder

existiert hat keine Folgerung gezogen werden kann.

    

     6 Da unsere Definition eines empirischen Gesetzes nicht allein

diejenigen Gleichförmigkeit einschließt von denen man nicht weiß ob sie

Kausalgesetze sind sondern auch diejenigen von welchen dieses bekannt ist

vorausgesetzt dass man Grund habe zu vermuten dass es keine letzten Gesetze

sind so ist hier der schickliche Ort zu betrachten aus welchen Merkmalen wir

zu erkennen vermögen dass wenn auch eine beobachtete Gleichförmigkeit ein

Kausalgesetz ist dieses nicht ein letztes sondern ein abgeleitetes Gesetz ist

    Das erste Zeichen ist wenn zwischen dem Antezedens a und der Folge b ein

Zwischenglied irgend ein Phänomen existiert dessen Existenz wir zwar bemerken

dessen genaue Natur und Gesetze wir aber der Unvollkommenheit unserer Sinne oder

Instrumente wegen nicht bestimmen können Wenn ein solches Phänomen das wir mit

x bezeichnen wollen vorhanden istso folgtdass wenn auch a die Ursache von b

ist, es nur die entfernte Ursache ist und dass das Gesetz, a verursacht b in

wenigstens zwei Gesetze a verursacht x und x verursacht b zerlegbar istDies

ist ein sehr häufiger Fall da die Tätigkeit der Natur nach einem so minutiösen

Maßstab wirkt dass viele der aufeinanderfolgenden Stufen entweder unbemerkbar

sind oder nur sehr undeutlich bemerkt werden

    Nehmen wir zB die Gesetze der chemischen Verbindung der Körper und unter

diesen das Gesetz, wenn Wasserstoff und Sauerstoff sich verbinden entsteht

Wasser Alles was wir bei diesem Prozess sehen ist dass zwei Gase in einem

gewissen Verhältnis gemischt sind und dass wenn Elektrizität oder Wärme auf

dieses Gemenge einwirkt eine Explosion stattfindet die Gase verschwinden und

Wasser zurückbleibt Es besteht hier kein Zweifel wegen des Gesetzes oder

daran dass es ein Kausalgesetz sei Aber zwischen dem Antezedens die Gase in

einem Zustand von mechanischer Vermengung und erhitzt oder elektrisiert und der

Folge Erzeugung von Wasser muss ein intermediärer Prozess stattfinden den wir

nicht sehen Denn wenn wir irgend einen Teil des Wassers nehmen und der Analyse

unterwerfen so finden wir immer dass es Wasserstoff und Sauerstoff ja sogar

in denselben Verhältnissen nämlich dem Volumen nach zwei Volumen Wasserstoff

und ein Volumen Sauerstoff enthält Dies ist von einem Tropfen und von dem

kleinsten Theile wahr den unsere Instrumente zu schätzen vermögen Da also der

kleinste wahrnehmbare Teil Wasser diese beiden Substanzen enthält so müssen

Theile von Sauerstoff und Wasserstoff die kleiner sind als der kleinste

wahrnehmbare Teil in einem jeden noch so kleinen Teil des Raumes

zusammengekommen sein müssen näher an einander gekommen sein als die Gase in

einem Zustand von mechanischer Vermischung es waren da um keine anderen Gründe

anzuführen das Wasser weniger Raum einnimmt als die Gase Da wir nun diese

Berührung oder enge Annäherung nicht sehen können so können wir auch nicht

beobachten von welchen Umständen sie begleitet ist oder nach welchen Gesetzen

ihre Wirkungen hervorgebracht werden. Die Erzeugung des Wassers dh der

fühlbaren Erscheinungen welche diese Verbindung charakterisieren kann eine sehr

entfernte Wirkung dieser Gesetze sein Es können hier unzählige Zwischenglieder

existieren und wir wissen gewiss dass einige existieren müssen Da wir den

vollen Beweis haben dass irgend eine körperliche Wirkung den großen

Umwandlungen der durch die Sinne wahrnehmbaren Eigenschaften der Substanzen

vorhergeht so können wir nicht zweifeln dass die Gesetze der chemischen

Tätigkeit so wie sie jetzt bekannt sind nicht letzte sondern abgeleitete

Gesetze sind wie unwissend wir auch in Beziehung auf die Natur der Gesetze der

Korpuscularwirkung von denen sie abgeleitet sind sein oder sogar immer bleiben

mögen

    In ähnlicher Weise sind alle Prozesse des vegetativen Lebens sei es in dem

Leben der Pflanze oder des Tierkörpers Korpuscularprozesse Die Ernährung ist

eine Hinzufügung von Teilchen zu einander wobei zuweilen bloß andere

getrennte und sezernierte Partikel ersetzt werden zuweilen aber eine Zunahme des

Volumens und des Gewichtes verursacht wird die so allmälig ist dass sie nur

bei längerer Fortdauer wahrnehmbar wird Verschiedene Organe sezernieren

vermittelst besonderer Gefäße aus dem Blute Flüssigkeiten deren Bestandteile

in dem Blute enthalten gewesen sein müssen die jedoch sowohl in den

physikalischen Eigenschaften als in der chemischen Zusammensetzung im höchsten

Grade von demselben abweichen Hier ist also ein Überfluss von unbekannten

noch zu suchenden Gliedern und es kann kein Zweifel obwalten dass die Gesetze

der Erscheinungen des organischen Lebens abgeleitete Gesetze sind die von den

Eigenschaften der Körperteilchen und derjenigen elementaren Gewebe abhängen

welche verhältnismäßig einfache Verbindungen dieser Körperteilchen sind

    Das erste Zeichen also aus dem geschlossen werden kann, dass ein bisher

unzerlegtes Kausalgesetz ein abgeleitetes Gesetz ist besteht in irgend einer

Anzeige der Existenz eines oder mehrer Zwischenglieder zwischen dem Antezedens

und dem Konsequenz Das zweite Zeichen ist wenn das Antezedens eine äußerst

zusammengesetzte eine komplexe Naturerscheinung ist und seine Wirkung daher

wahrscheinlich wenigstens zum Teil aus den Wirkungen seiner verschiedenen

Elemente zusammengesetzt ist denn wir wissen dass der Fall wo die Wirkung des

Ganzen nicht aus den Wirkungen seiner Theile hervorgeht ein Ausnahmefall ist

während die Zusammensetzung der Ursachen bei weitem den gewöhnlicheren Fall

bildet

    Wir wollen dies durch zwei Beispiele erläutern in dem einen ist das

Antezedens die Summe von vielen homogenen in dem andern von heterogenen

Teilen Das Gewicht eines Körpers wird durch die Gewichte seiner kleinsten

Partikeln gebildet eine Wahrheit welche die Astronomen in ihrer allgemeinsten

Fassung ausdrücken wenn sie sagen bei gleichen Entfernungen gravitieren die

Körper in dem Verhältnis ihrer Quantität von Materie gegen einander Alle

wahren Sätze welche in Beziehung auf die Schwere aufgestellt werden können,

sind daher abgeleitete Gesetze und das letzte Gesetz in welche sie alle

aufgelöst werden können, lautet ein jedes Teilchen der Materie zieht ein jedes

andere Teilchen an Als zweites Beispiel können wir irgend eine von den in der

Meteorologie beobachteten Erscheinungen nehmen zB dass die Verminderung des

Drucks der Atmosphäre durch das Fallen des Barometers angezeigt von Regen

begleitet ist Das Antezedens ist hier eine zusammengesetzte Naturerscheinung

die aus heterogenen Elementen gebildet wird indem die Luftsäule über irgend

einem Orte aus zwei Teilen einer Luftsäule und einer damit vermischten Säule

von wässerigen Dünsten besteht und die durch das Fallen des Barometers

angezeigte und von Regen begleitete Veränderung in beiden zusammen muss aus

einer Veränderung in der einen oder in der andern oder in beiden zugleich

hervorgehen Wir könnten daher sogar bei Ermangelung eines jeden andern

Beweises aus der beständigen Anwesenheit dieser beiden Elemente in dem

Antezedens die ziemliche Vermutung ableiten dass das Phänomen wahrscheinlich

kein letztes Gesetz sondern ein Resultat der Gesetze der zwei verschiedenen

Agentien ist eine Vermutung die wir nur dann aufgeben müssten wenn wir uns

mit den Gesetzen beider so wohl bekannt gemacht hätten um versichern zu können

dass diese Gesetze nicht für sich allein das beobachtete Resultat hervorbringen

könnten

    Es gibt nur sehr wenige Fälle von Sukzession aus sehr zusammengesetzten

Antecedentien welche nicht durch einfachere Gesetze entweder wirklich erklärt

worden wären oder in Beziehung auf welche man nicht mit großer

Wahrscheinlichkeit aus der ermittelten Existenz kausaler noch nicht

verstandener Zwischenglieder gefolgert hätte dass sie auf diese Weise zu

erklären sind Es ist daher höchst wahrscheinlich dass alle Folgen aus

komplexen Antecedentien auf diese Weise auflösbar und dass die letzten Gesetze

in allen Fällen verhältnismäßig einfach sind Wenn wir nicht die bereits

angeführten Gründe hätten zu glauben dass die Gesetze der organischen Natur in

einfachere Gesetze zerlegbar sind so würden wir fast darin das die

Antecedentien der meisten Folgen so sehr zusammengesetzt sind einen

hinreichenden Grund finden

    

     7 In der vorhergehenden Diskussion haben wir zwei Arten von empirischen

Gesetzen erkannt solche von denen wir wissen dass sie Kausalgesetze von

denen aber zu vermuten ist dass sie in einfachere Gesetze zerlegbar sind und

solche von denen wir überhaupt nicht wissen ob sie Kausalgesetze sind Diese

beiden Arten von Gesetzen stimmen darin überein dass sie zu ihrer Erklärung die

Deduktion erfordern sowie darin dass sie das geeignete Mittel sind eine

solche Deduktion zu verifizieren indem sie die Erfahrung repräsentieren womit

das Resultat der Deduktion zu vergleichen ist Sie stimmen ferner darin überein

dass so lange sie nicht erklärt und mit den letzten Gesetzen aus denen sie

hervorgehen verknüpft sind sie nicht den höchsten Grad von Gewissheit erreicht

haben dessen Gesetze fähig sind Es ist bei einer früheren Gelegenheit gezeigt

worden dass Kausalgesetze welche abgeleitet und aus einfacheren Gesetzen

zusammengesetzt sind wie die Natur des Falles andeutet nicht allein weniger

allgemein sondern auch weniger gewiss sind als die einfacheren Gesetze aus

denen sie hervorgehen dass man sich nicht so positiv darauf verlassen kann

dass sie universell wahr sind. Der geringe Grad von Evidenz der dieser Klasse

von Gesetzen zukommt ist indessen kaum mit dem bei weitem geringeren zu

vergleichen der Gleichförmigkeit inwohnt von denen wir überhaupt nicht

wissen ob sie Kausalgesetze sind So lange dieselben nicht zerlegt sind können

wir nicht sagen von wie vielen Kollokationen sowohl als Gesetzen ihre Wahrheit

abhängig sein mag wir können sie daher nicht mit vollkommenem Vertrauen auf

Fälle ausdehnen in denen wir uns nicht durch den Versuch versichert haben dass

die nötige Kollokation von Ursachenwelche sie auch sein mag existiert Dieser

Klasse von Gesetzen allein kommt die Eigenschaft welche die Philosophen

gewöhnlich als charakteristisch für empirische Gesetze ansehen in ihrer ganzen

Strenge zu die Eigenschaft nämlich untauglich zu sein um außerhalb der

Grenzen von Zeit Ort und Umständen unter denen die Beobachtungen gemacht

worden sind, eine Verlässlichkeit darzubieten Dies sind in einem strengeren

Sinne empirische Gesetze und wenn ich diesen Ausdruck gebrauche ausgenommen wo

der Text augenfällig das Gegenteil anzeigt so will ich damit allgemein nur

jene Gleichförmigkeit entweder der Folge oder der Koexistenz bezeichnen von

denen wir nicht wissen ob sie Kausalgesetze sind

 
 






     1 Indem wir also nur diejenigen Gleichförmigkeit als empirische

Gesetze betrachten in Beziehung auf welche die Frage ob sie Kausalgesetze

sind so lange unentschieden bleiben muss bis sie deduktiv erklärt werden

können, oder bis sich irgend ein Weg gefunden hat um die Differenzmethode auf

sie anwenden zu können haben wir in dem vorhergehenden Kapitel nachgewiesen

dass so lange man eine Gleichförmigkeit nicht auf die eine oder die andere Weise

aus der Klasse der empirischen Gesetze entfernen und sie den Kausalgesetzen oder

den erwiesenen Resultaten von Kausalgesetzen anreihen kann sie nicht mit

Sicherheit außerhalb der lokalen und anderen Grenzen in denen sie die

Erfahrung bewährt befunden hat als wahr angesehen werden können. Es bleibt uns

nun noch zu betrachten wie wir uns von ihrer Wahrheit sogar innerhalb dieser

Grenzen zu überzeugen haben wie groß die Erfahrung sein muss damit eine

Generalisation die allein auf der Methode der Übereinstimmung beruht auch als

ein empirisches Gesetz als hinreichend begründet angesehen werden darf In einem

früheren Kapitel in welchem wir von den Methoden der direkten Induktion

handelten haben wir uns diese Frage ausdrücklich vorbehalten127 und es ist nun

hier der Ort dass wir suchen sie zu lösen

    Wir haben gefunden dass die Methode der Übereinstimmung den Fehler hat

keine Kausalität zu beweisen und dass sie daher nur zur Bestimmung empirischer

Gesetze gebraucht werden kann. Wir fanden überdies dass sie außer dieser

Mangelhaftigkeit an einer charakteristischen Unvollkommenheit leidet die sogar

diejenigen Schlüsse ungewiss zu machen strebt welche die Methode an und für

sich geeignet wäre zu beweisen Diese Unvollkommenheit entspringt aus der

Vielfachheit der Ursachen. Obgleich es möglich ist dass zwei oder mehr Fälle

in denen das Phänomen a stattgefunden hat kein anderes gemeinschaftliches

Antezedens haben als A so beweist dies noch nicht dass zwischen a und A irgend

ein Zusammenhang besteht indem a viele Ursachen haben und in diesen

verschiedenen Fällen nicht durch etwas was diesen Fällen gemeinschaftlich war

sondern durch einige ihrer sich von einander unterscheidenden Elemente

hervorgebracht sein kann Nichtsdestoweniger bemerkten wir dass sich im

Verhältnis zur Vervielfältigung der Fälle die auf A als das Antezedens deuten

die charakteristische Unsicherheit der Methode verringert und die Existenz eines

Gesetzes des Zusammenhangs zwischen a und A sich der Gewissheit immer mehr

nähert Es ist nun zu bestimmen, nach welcher Größe der Erfahrung diese

Gewissheit als praktisch erreicht und der Zusammenhang zwischen a und A als ein

empirisches Gesetz angenommen werden kann.

    Diese Frage kann einfach in folgender Weise ausgedrückt werden: Nach wie

viel und nach welcher Art von Fällen kann geschlossen werden dass ein

beobachtetes Zusammentreffen eine Coincidenz zweier Naturerscheinungen nicht

die Wirkung des Zufalls ist

    Es ist für das Verständnis der induktiven Logik von der größten

Wichtigkeit dass man sich eine deutliche Vorstellung von dem mache was unter

Zufall verstanden wird und wie die Erscheinungenwelche die gewöhnliche

Sprache dieser Abstraktion zuschreibt in Wirklichkeit hervorgebracht werden.

    

     2 Man spricht gewöhnlich vom Zufall als vom Gegensatz zu einem Gesetz

Alles so nimmt man an was man nicht irgend einem Gesetze zuschreiben kann

wird dem Zufall zugeschrieben Es ist indessen gewiss dass Alles was sich in

der Welt ereignet das Resultat eines Gesetzes eine Wirkung von Ursachen ist

die aus einer Kenntnis der Existenz dieser Ursachen und ihrer Gesetze hätte

vorausgesagt werden können. Wenn ich eine besondere Karte umschlage so ist dies

eine Folge des Platzes den sie in dem Spiel Karten einnahm Ihr Platz in dem

Spiele war eine Folge der Art in welcher die Karten gemischt oder in dem

letzten Spiele gespielt wurden was wiederum die Wirkung früherer Ursachen ist

Wenn wir bei einem jeden Stadium eine genaue Kenntnis der existierenden Ursachen

gehabt hätten so wäre es möglich gewesen die Wirkung vorauszusagen

    Ein zufälliges Ereignis kann erklärt werden als ein Zusammentreffen aus

dem wir keinen Grund haben eine Gleichförmigkeit zu folgern als das Eintreffen

eines Phänomens unter gewissen Umständen ohne dass wir deswegen einen Grund zu

folgern haben es werde unter diesen Umständen wiederkehren Bei näherer

Betrachtung schließt dies indessen eine unvollständige Aufzählung der Umstände

ein Welches auch die Tatsache sei wenn sie einmal stattgefunden hat so

können wir überzeugt sein dass wenn sich alle Umstände wiederholten sie

ebenfalls wiederholt stattfinden würde und nicht bloß wenn alle Umstände sich

wiederholten sondern auch wenn ein besonderer Teil von ihnen wovon das

Phänomen eine unveränderliche Folge ist sich wiederholen würde Mit den meisten

derselben ist es indessen nicht in einer dauernden Weise verbunden seine

Verbindung mit denselben wird eine Wirkung des Zufalls eine nur zufällige

genannt Zufällig verbundene Tatsachen sind einzeln die Wirkungen von Ursachen

und daher von Gesetzen, aber von verschiedenen Ursachenund von Ursachen, die

durch kein Gesetz mit einander verbunden sind.

    Es ist also unrichtig zu sagen ein Phänomen werde durch den Zufall

hervorgebracht dagegen können wir sagen dass zwei oder mehr Phänomene durch

Zufall verbunden sind, dass sie nur zufällig koexistieren und aufeinanderfolgen

indem hiermit gemeint ist dass sie in keiner Weise eine kausale Beziehung zu

einander haben dass sie weder Ursache und Wirkung, noch Wirkungen derselben

Ursache oder von Ursachen, zwischen denen irgend ein Gesetz der Koexistenz

besteht noch sogar Wirkungen von derselben ursprünglichen Kollokation von

urersten Ursachen sind

    Wenn dasselbe zufällige Zusammentreffen sich nie zum zweitenmale ereignen

würde so hätten wir damit eine leichte Probe um es von einem jeden

Zusammentreffen das ein Resultat von Gesetzen ist zu unterscheiden So lange

die Phänomene nur ein einziges Mal zusammen angetroffen worden sind, so lange

könnten wir nicht unterscheiden ob das Zusammentreffen ein zufälliges ist wir

müssten denn ein allgemeineres Gesetz kennen aus dem es hervorgegangen sein

könnte wenn sie aber zweimal zusammen vorkämen so wüssten wir dass die so

verbundenen Phänomene auf irgend eine Weise durch ihre Ursachen zusammenhängen

müssen

    Es gibt indessen keine derartige Probe Ein Zusammentreffen kann immer und

immer wieder eintreffen und doch nur zufällig sein Ja es wäre sogar

unverträglich mit dem was wir von der Ordnung der Natur wissen zu zweifeln

dass ein jedes zufällige Zusammentreffen sich früher oder später wiederholen

wird so lange die Naturerscheinungen zwischen denen es stattfand nicht

aufhören zu existieren oder erzeugt zu werden Die mehr als einmal wiederholte

Wiederkehr desselben Zusammentreffens ja sogar seine häufige Wiederkehr beweist

daher nicht, dass es ein Fall von einem Gesetze ist sie beweist nicht dass es

nicht in gewöhnlicher Sprache die Wirkung des Zufalls ist

    Und dennoch ist wenn ein Zusammentreffen weder von bekannten Gesetzen

abgeleitet noch durch das Experiment als selbst ein Fall von Verursachung

erwiesen werden kann, die Häufigkeit seines Vorkommens der einzige Beweis

woraus wir folgern können dass es das Resultat eines Gesetzes ist nicht

indessen die absolute Häufigkeit seines Vorkommens Die Frage ist nicht ob in

dem gewöhnlichen Sinne dieser Worte das Zusammentreffen selten oder oft

vorkommt sondern ob es öfter vorkommt als der Zufall erklären öfter als man

vernünftigerweise erwarten kann wenn das Zusammentreffen nur zufällig wäre Wir

haben daher zu entscheiden welchen Grad von Häufigkeit des Zusammentreffens der

Zufall erklären wird Hierauf gibt es nun keine allgemeine Antwort Wir können

nur die Prinzipien angeben nach denen die Antwort gegeben werden muss die

Antwort selbst wird in jedem verschiedenen Falle eine verschiedene sein

    Wir wollen annehmen das eine Phänomen A existiere immer und das andere B

nur gelegentlich so folgtdass ein jeder Fall von B ein Fall von

Zusammentreffen mit A sein wird und dennoch ist das Zusammentreffen nur

zufällig nicht das Resultat eines Zusammenhangs zwischen ihnen Von dem Anfange

der menschlichen Erfahrung an haben die Fixsterne beständig existiert und alle

Naturerscheinungen welche unserer Beobachtung erreichbar waren haben in einem

jeden einzelnen Falle mit ihnen koexistiert und obgleich dies Zusammentreffen

eben so unveränderlich ist als das welches zwischen irgend einem dieser

Phänomene und seiner eigenen Ursache existiert so beweist dies doch nicht dass

die Sterne seine Ursache sind oder dass sie in irgend einer Art damit in

Zusammenhang stehen Ein so strenger Fall eines Zusammentreffens als

möglicherweise existieren kann und in Beziehung auf bloße Häufigkeit strenger

als die meisten Koincidenzen welche Gesetze beweisen beweist also hier nicht

das Vorhandensein eines Gesetzes und warum Weil seit die Sterne existieren sie

mit jedem andern Phänomen koexistieren müssen ob sie in einem Kausalzusammenhang

damit stehen oder nicht So groß die Gleichförmigkeit sein mag so ist sie doch

nicht grösser als sie bei der Voraussetzung, kein derartiger Zusammenhang

existiere sein würde

    Nehmen wir ferner an wir wollten untersuchen ob zwischen dem Regen und

einem besonderen Wind ein Zusammenhang existiert Wir wissen dass der Regen

gelegentlich bei einem jeden Winde vorkommt der Zusammenhang wenn er existiert

kann daher kein wirkliches Gesetz sein aber der Regen kann dennoch mit einem

besonderen Winde in einem Kausalzusammenhange stehen dh obgleich Wind und

Regen nicht immer Wirkungen derselben Ursache sein dürften denn in diesem Falle

würden sie immer koexistieren so kann es doch einige beiden gemeinschaftliche

Ursachen geben so dass insofern der eine und der andere durch diese

gemeinschaftlichen Ursachen hervorgebracht wird sie zufolge der Gesetze der

Ursachen koexistieren werden Wie werden wir dies nun bestimmen Es ist

einleuchtend dass die Antwort sein wird indem wir beobachten ob Regen mit dem

einen Winde öfter vorkommt als mit dem andern Dies ist indessen nicht genug

denn dieser Wind weht vielleicht häufiger als der andere so dass sein

häufigeres Wehen bei Regenwetter nicht mehr ist als auch geschehen würde wenn

es keinen Kausalzusammenhang mit dem Regen hätte vorausgesetzt dass es mit

keinen dem Regen entgegenwirkenden Ursachen verknüpft sei In England wehen die

Westwinde das Jahr hindurch beinahe das Doppelte der Zeit der Ostwinde Wenn es

also zweimal mehr mit dem Westwinde als mit dem Ostwinde regnet so haben wir

keinen Grund zu schließen dass irgend ein Naturgesetz bei dem Zusammentreffen

im Spiel ist Wenn es aber mehr als zweimal so viel mit dem Westwinde regnet so

können wir überzeugt sein dass ein Naturgesetz im Spiel ist entweder ist in

der Natur eine Ursache, welche strebt beides Regen und Westwind

hervorzubringen oder der Westwind hat selbst das Bestreben Regen

hervorzubringen Wenn es aber weniger als zweimal regnet so können wir einen

ganz entgegengesetzten Schluss machen anstatt eine Ursache oder mit den

Ursachen des andern verknüpft zu sein muss der eine mit Ursachen im

Zusammenhang stehen die dem andern entgegenwirken oder mit der Abwesenheit

einer Ursache, welche ihn hervorbringt und obgleich es mit dem Westwind noch

viel öfter als mit dem Ostwind regnen mag so wäre das so weit entfernt einen

Zusammenhang zwischen diesen Naturerscheinungen zu beweisen dass sich sogar ein

Zusammenhang zwischen Regen und Ostwind mit dem Winde also ergeben würde mit

dem derselbe in Betreff der bloßen Häufigkeit des Zusammentreffens weniger

verbunden ist

    Wir haben also hier zwei Beispiele in dem einen beweist die möglichst

große Häufigkeit des Zusammentreffens ohne einen Fall vom Gegenteil doch kein

Gesetz während in dem andern ein viel weniger häufiges Zusammentreffen sogar

wenn das Nichtzusammentreffen häufiger ist das Vorhandensein eines Gesetzes

beweist In beiden Fällen ist das Prinzip dasselbe In beiden betrachten wir die

positive Häufigkeit der Phänomene selbst und eine wie große Häufigkeit des

Zusammentreffens dieselbe für sich zu Stande bringen muss ohne dass man einen

Zusammenhang zwischen ihnen annimmt aber auch ohne dass entgegenstrebende

Eigenschaften unter ihnen vorhanden oder dass sie mit Ursachen verknüpft seien

die ihre Wirkungen gegenseitig aufheben könnten Wenn wir eine größere

Häufigkeit des Zusammentreffens finden als diese so schließen wir dass ein

Zusammenhang bei einer geringeren Häufigkeit dass ein Widerstreben zwischen

den Erscheinungen vorhanden ist. In dem ersten Falle schließen wir dass das

eine Phänomen das andere unter Umständen verursachen kann oder dass etwas

existiert was sie beide verursacht in dem letzten dass das eine von ihnen oder

eine Ursache, welche das eine von ihnen hervorbringt fähig isst die Erzeugung

des andern zu verhindern Wir haben auf diese Weise von der beobachteten

Häufigkeit des Zusammentreffens so viel als die Wirkung des Zufalls sein kann

abzuziehen dh von der bloßen Häufigkeit der Phänomene selbst und wenn etwas

übrig bleibt so ist dieses Übrigbleibende die rückständige Tatsache welche

die Existenz eines Gesetzes beweist

    Die Häufigkeit der Naturerscheinungen kann nur innerhalb bestimmter Grenzen

des Raums und der Zeit bestimmt werden, indem sie von der Quantität und

Verteilung der urersten natürlichen Agentien abhängt von denen wir außerhalb

der Grenzen menschlicher Beobachtung nichts wissen können da kein Gesetz keine

Regelmäßigkeit darin nachgewiesen werden kann, wodurch wir in den Stand gesetzt

werden könnten das unbekannte aus dem Bekannten zu folgern Für den

gegenwärtigen Zweck ist dies aber kein Nachtheil da die Frage innerhalb

derselben Grenzen eingeschlossen ist wie die Data Die Koincidenzen kamen an

gewissen Orten und zu gewissen Zeiten vor und innerhalb derselben können wir

berechnen in welcher Häufigkeit solche Koincidenzen durch den Zufall

hervorgebracht werden würden Wenn wir also durch die Beobachtung finden dass A

in einem von je zwei und B in einem von je drei Fällen existiert und wenn

alsdann weder ein Zusammenhang noch ein Widerstreben zwischen ihnen oder einigen

ihrer Ursachen existiert so werden in dem einen von je sechs Fällen A und B

zugleich existieren werden koexistieren Es existiert nämlich A in drei Fällen

unter sechs und da B in einem von je drei ohne Rücksicht auf die An oder

Abwesenheit von A existiert so wird es in einem dieser drei Fälle existieren

Unter der ganzen Anzahl von Fällen werden daher zwei sein in welchen A ohne B

existiert ein Fall von B ohne A zwei in welchen weder A noch B existiert und

ein Fall von sechs in dem beide existieren Wenn man daher in Wirklichkeit

findet dass sie öfter als in einem von je sechs Fällen koexistieren und dass

folglich A ohne B nicht zweimal unter drei und B ohne A nicht einmal unter zwei

Fällen existiert so ist eine Ursache vorhanden welche eine Verbindung von A und

B hervorzubringen strebt

    Indem wir das Resultat generalisieren können wir sagen dass wenn A in einer

größeren Anzahl von den Fällen worin B ist, als von den Fällen wo B nicht ist

vorkommt so wird dann B ebenfalls in einer größeren Anzahl von den Fällen wo A

ist als von den Fällen wo A nicht ist vorkommen und es wird zwischen A und B

ein Kausalzusammenhang bestehen Wenn wir zu den Ursachen der beiden Phänomene

gelangen könnten so würden wir bei irgend einem näheren oder entfernteren

Stadium eine oder mehrere Ursachen finden die beiden gemein sind und wenn wir

diese bestimmen könnten so könnten wir eine Generalisation ausführen die ohne

Beschränkung von Ort und Zeit wahr wäre aber so lange wir dies nicht können

bleibt die Tatsache einer Verbindung zwischen den zwei Naturerscheinungen ein

empirisches Gesetz

    

     3 Nachdem wir betrachtet haben in welcher Weise es entschieden werden

kann, ob eine gegebene Verbindung von Naturerscheinungen eine zufällige oder ob

sie das Resultat eines Gesetzes istist es der Vervollständigung der Theorie

wegen notwendig dass wir nun diejenigen Wirkungen betrachten welche zum Teil

das Resultat des Zufalls und zum Teil das Resultat von Gesetzen sind oder mit

anderen Worten, in welchen die Wirkungen einer zufälligen Verbindung von

Ursachen gewöhnlich mit den Wirkungen einer konstanten Ursache zu einem

Resultate vermischt sind

    Es ist dies ein Fall von Zusammensetzung der Ursachen, mit der

Eigentümlichkeit dass anstatt zwei oder mehrerer Ursachenwelche ihre

Wirkungen in einer regelmäßigen Weise mit einander vermischen wir nun eine

konstante Ursache haben welche eine Wirkung hervorbringt die sukzessive durch

eine Reihe von veränderlichen Ursachen modifiziert wird So strebt bei der

Ankunft des Sommers die einer vertikalen Stellung sich nähernde Sonne eine

beständige Zunahme der Temperatur hervorzubringen aber mit dieser Wirkung einer

konstanten Ursache sind die Wirkungen vieler veränderlichen Ursachen sind die

Wirkungen von Winden Wolken Verdunstung elektrischen Agentien u dgl

vermischt so dass die gegebene Temperatur eines Tages zum Teil von diesen

vorübergehenden Ursachen und nur zum Teil von der beständigen Ursache abhängt

Wenn die Wirkung der beständigen Ursache immer von den Wirkungen der

veränderlichen Ursachen begleitet und verdeckt ist so ist es unmöglich das

Gesetz der beständigen Ursache auf die gewöhnliche Weise di indem man sie von

allen anderen Ursachen trennt und für sich beobachtet zu bestimmen, und hieraus

entsteht die Notwendigkeit einer neuen Regel der experimentellen Forschung

    Wenn die Wirkung der Ursache A verhindert werden kann, und zwar nicht

regelmäßig von derselben Ursache oder von denselben Ursachen sondern von

verschiedenen Ursachen zu verschiedenen Zeiten und wenn diese so häufig oder so

unbestimmt sind dass wir sie unmöglich alle von einem Experiment ausschließen

wenn wir sie auch verändern können so nehmen wir unsere Zuflucht dazu dass wir

zu bestimmen suchen was die Wirkung der veränderlichen Ursachen

zusammengenommen ist Zu diesem Ende machen wir so viel Versuche als möglich

indem wir A unverändert erhalten Das Resultat dieser verschiedenen Versuche

wird natürlich verschieden sein da die unbestimmten modifizierenden Ursachen in

einem jeden Versuch verschieden sind wenn wir alsdann finden dass die

Resultate nicht progressiv sind sondern im Gegenteil um einen gewissen Punkt

schwanken indem ein Versuch ein etwas größeres ein anderer ein etwas

kleineres Resultat gibt ein Resultat etwas mehr in die eine Richtung ein

anderes in die entgegengesetzte Richtung fällt während der Durchschnitt oder

mittlere Punkt nicht variiert sondern verschiedene Reihen von hinreichend

zahlreichen Versuchen unter einer so großen Mannigfaltigkeit von Umständen

gemacht als möglich immer dasselbe Mittel geben so ist dieses Mittel oder

Durchschnittsresultat derjenige Antheil welcher in einem jeden Versuch der

Ursache A zukommt und die Wirkung, welche erhalten worden wäre wenn A hätte

allein wirken können der veränderliche Rest ist die Wirkung des Zufalls dh

von Ursachen, deren Koexistenz mit der Ursache A nur zufällig war Die Probe der

Zulänglichkeit der Induktion besteht in diesem Falle darin dass irgend eine

Zunahme der Anzahl von Versuchen aus denen der Durchschnitt gewonnen wurde den

letzteren nicht wesentlich ändert

    Diese Art von Elimination wobei wir nicht irgend eine bestimmbare Ursache

sondern die Menge von schwebenden nicht bestimmbaren Ursachen eliminieren kann

die Elimination des Zufalls genannt werden. Ein Beispiel hiervon ist wenn wir

ein Experiment wiederholen und das Mittel von verschiedenen Resultaten nehmen

um die Wirkungen der in einem jeden einzelnen Versuche unvermeidlichen Irrtümer

los zu werden Wenn keine fortdauernde Ursache vorhanden ist, die eine Neigung

zum Irrtum besonders in einer Richtung hervorbringen würde so lehrt uns die

Erfahrung, dass wir sicher gehen wenn wir annehmen dass die Irrtümer von der

einen Seite in einer gewissen Anzahl von Versuchen die Irrtümer der andern

Seite ungefähr aufheben werden Wir müssen daher den Versuch so lange

wiederholen bis eine jede Veränderung die bei weiterer Wiederholung in dem

Durchschnitt des Ganzen hervorgebracht wird innerhalb derjenigen Grenzen des

Irrtums fällt die sich mit dem Grade von Genauigkeit wie er zu dem

beabsichtigten Zwecke erforderlich ist vertragen128

    

     4 Nach unserer bisherigen Voraussetzung machte die Wirkung der

beständigen Ursache A einen so großen und augenfälligen Antheil des allgemeinen

Resultates aus dass ihre Existenz niemals ein Gegenstand des Zweifels sein

konnte und das Eliminationsverfahren bestand nur in der Bestimmung, wie viel

dieser Ursache zuzuschreiben was ihr genaues Gesetz sei Es kommen indessen

Fälle vor in welchen die Wirkung der beständigen Ursache im Vergleich mit der

Wirkung einer der veränderlichen Ursachen womit sie zufällig verbunden sein

kann so gering ist dass sie der Aufmerksamkeit entgeht und man die Existenz

irgend einer Wirkung einer konstanten Ursache durch das Verfahren erfährt

welches im allgemeinen nur dazu dient die Quantität dieser Wirkung zu

bestimmen. Dieser Fall von Induktion kann in folgender Weise charakterisiert

werden Man weiß dass eine gegebene Wirkung hauptsächlich aber man weiß

nicht dass sie gänzlich von veränderlichen Ursachen hervorgebracht wird Wenn

sie gänzlich von solchen Ursachen hervorgebracht wird so werden wenn man ein

Aggregat von einer hinreichenden Anzahl von Fällen hat die Wirkungen dieser

verschiedenen Ursachen einander aufheben Wenn wir daher finden dass dies nicht

der Fall istsondern wenn wir nachdem wir eine so große Anzahl von Versuchen

gemacht haben dass eine weitere Anzahl das Durchschnittsresultat nicht

verändert im Gegenteil finden dass dieses Durchschnittsresultat nicht Null

sondern eine andere Größe ist um welche obgleich sie im Vergleich mit der

Totalwirkung gering ist die Wirkung nichtsdestoweniger oszilliert und welche

der Mittelpunkt ihrer Oszillation ist so können wir schließen dass dies die

Wirkung einer beständigen Ursache ist die wir durch eine der abgehandelten

Methoden zu entdecken hoffen dürfen Mann kann dies die Entdeckung eines

rückständigen Phänomens durch Elimination der Wirkung des Zufalls nennen

    Auf diese Weise können zB die falschen Würfel entdeckt werden Es sind

natürlich keine falschen Würfel so plump auf der einen Seite schwerer gemacht

dass man immer dieselben Zahlen damit werfen muss ein solcher Betrug würde

augenblicklich entdeckt werden Die Beschwerung eine beständige Ursache

vermischt sich mit den veränderlichen Ursachenwelche entscheiden welcher Wurf

in einem jeden einzelnen Falle getan werden wird Wenn die Würfel nicht

beschwert wären und der Wurf gänzlich von den veränderlichen Ursachen abhinge

so würden sich diese in einer hinreichenden Anzahl von Fällen einander das

Gleichgewicht halten und es würde keine Zahl von Würfen irgend einer Art

vorherrschen Wenn wir daher nach einer so großen Anzahl von Versuchen dass

eine weitere Zunahme der Zahl derselben keine wesentliche Wirkung auf den

Durchschnitt hat ein Übergewicht zu Gunsten eines besonderen Wurfes finden so

können wir mit Sicherheit schließen dass eine beständige Ursache zu Gunsten

dieses Wurfes tätig ist oder mit anderen Worten, dass die Würfel falsch sind

und welches die Größe des Betrugs ist Auf eine ähnliche Weise wurde das was

man die täglichen Schwankungen des Barometers nennt Veränderungen im

Barometerstand die sich im Vergleich mit den Schwankungen welche eine Folge

der unregelmäßigen Veränderungen in dem Zustande der Atmosphäre sind als sehr

klein herausstellen dadurch entdeckt dass man die durchschnittliche

Barometerhöhe von verschiedenen Tagesstunden mit einander verglich Es fand sich

bei dieser Vergleichung eine kleine Differenz welche im Durchschnitt konstant

blieb wie sehr auch die absoluten Größen variieren mochten und die daher die

Wirkung einer beständigen Ursache sein muss Man fand hernach diese Ursache

deduktiv in der Luftverdünnung welche durch die Zunahme der Temperatur während

des Tages hervorgebracht wird

    

     5 Nach diesen allgemeinen Betrachtungen über die Natur des Zufalls sind

wir nun im Stande zu untersuchen in welcher Weise wir zu einer Gewissheit

gelangen können ob eine Verbindung von zwei Naturerscheinungen die in einer

gewissen Anzahl von Fällen beobachtet worden ist, keine zufällige sondern das

Resultat einer Ursacheund daher als eine der Gleichförmigkeit in der Natur,

obgleich so lange sie nicht a priori erklärt nur als ein empirisches Gesetz

anzunehmen ist

    Wir wollen den stärksten Fall nämlich denjenigen annehmen dass das

Phänomen B niemals anders als nur in Verbindung mit A beobachtet worden sei

Sogar dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Zusammenhang stehen nicht

durch die ganze Anzahl von Fällenin denen sie zusammen beobachtet wurden

sondern durch den Überschuss dieser Zahl über die der absoluten Häufigkeit von

A zugehörige Zahl gemessen Wenn zB A immer existiert und daher mit Allem

koexistiert so würde keine Anzahl von Fällen seiner Koexistenz mit B einen

Zusammenhang beweisen wie in unserm Beispiel von den Fixsternen Wenn A eine

Tatsache von so gewöhnlichem Vorkommen ist dass man sie in der Hälfte aller

Fälle welche vorkommen als gegenwärtig vermuten kann und daher auch in der

Hälfte der Fälle in denen B vorkommt so darf nur der proportionale Überschuss

über ein halb als ein Beweis eines Zusammenhangs zwischen A und B angesehen

werden.

    Zu der Frage Von welcher Anzahl von Koincidenzen darf man bei einem

Durchschnitt aus einer großen Anzahl von Versuchen erwarten dass sie nur durch

Zufall entstanden sei entsteht noch die Frage Wie groß darf die Abweichung

von dem Durchschnitt sein um bei einer kleineren Anzahl von Fällen, als für

einen reinen Durchschnitt erforderlich ist die Coincidenz als vom Zufall allein

herrührend zu betrachten Man muss nicht allein betrachten was das allgemeine

Resultat des Zufalls auf die Länge hin istsondern auch welches die äußersten

Grenzen der Abweichung von diesem allgemeinen Resultate sind die man

gelegentlich als das Resultat von irgend einer geringeren Anzahl von Fällen

erwarten darf

    Die Betrachtung der letzteren Frage und eine jede Betrachtung über

diejenige hinaus welche wir ihr bereits gewidmet haben gehört dem an was die

Mathematiker die Lehre vom Zufall oder in einer anspruchsvolleren Phrase die

Wahrscheinlichkeitstheorie nennen

 
 



                              



     1 »Wahrscheinlichkeit« sagt Laplace129 »bezieht sich teils auf unsere

Unwissenheit teils auf unser Wissen. Wir wissen dass unter drei oder mehr

Ereignissen eines und nur eines stattfinden muss aber nichts veranlasst uns zu

glauben dass das eine eher als die anderen stattfinden wird In diesem Zustande

von Unentschiedenheit ist es uns unmöglich über ihr Eintreffen einen sichern

Ausspruch zu tun Es ist indessen wahrscheinlich dass bei beliebiger Wahl ein

jedes von diesen Ereignissen nicht stattfinden wird da wir mehrere Fälle als

gleich möglich wahrnehmen welche sein Eintreffen ausschließen und nur einen

der es begünstigt«

    »Die Wahrscheinlichkeitslehre besteht in der Zurückführung aller Ereignisse

von derselben Art auf eine bestimmte Anzahl gleich möglicher Fälle in der Weise

dass wir in Beziehung auf deren Existenz gleich unentschieden sind und in der

Bestimmung der Anzahl derjenigen Fälle welche dem Ereignis dessen

Wahrscheinlichkeit gesucht wird günstig sind Das Verhältnis dieser Zahl zu

der Anzahl aller möglichen Fälle ist das Maß der Wahrscheinlichkeit; sie ist

also ein Bruch dessen Zähler aus der Anzahl der dem Ereignis günstigen Fälle

und dessen Nenner aus der Anzahl aller möglichen Fälle besteht«

    Für eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit sind also nach Laplace zwei Dinge

erforderlich wir müssen wissen dass von verschiedenen Ereignissen eines und

nicht mehr als eines gewiss eintreffen wird und wir dürfen nicht wissen oder

keinen Grund haben zu erwarten dass das eine eher eintreffen wird als das

andere Es ist behauptet worden dies seien nicht die alleinigen Erfordernisse

und Laplace habe in seiner allgemeinen theoretischen Darlegung einen

notwendigen Teil der Grundlage der Wahrscheinlichkeitslehre übersehen Um zwei

Ereignisse gleich wahrscheinlich nennen zu können ist es nicht genug dass wir

wissen dass das eine oder das andere eintreffen muss und dass wir keinen Grund

haben zu vermuten welches die Erfahrung muss auch gezeigt haben dass die

zwei Ereignisse gleich häufig eintreffen Warum glauben wir wenn wir einen

Groschen in die Höhe werfen es werde mit gleicher Wahrscheinlichkeit Kopf oder

Wappen fallen Weil die Erfahrung gezeigt hat dass in einer großen Anzahl von

Würfen Kopf und Wappen gleich oft fallen und dass je mehr es Würfe sind desto

vollkommener die Gleichheit ist Wir können dies nach unserm Belieben durch das

direkte Experiment erkennen oder durch die tägliche Erfahrung welche das Leben

in Beziehung auf Ereignisse von demselben allgemeinen Charakter darbietet oder

auch deduktiv aus der Wirkung mechanischer Gesetze auf symmetrische Körper auf

welche Kräfte wirken die in Quantität und Richtung unbestimmt variieren Kurz

wir können es entweder durch spezifische Erfahrung oder durch das Zeugnis

unserer allgemeinen Kenntnis von der Natur wissen Aber auf die eine oder die

andere Weise müssen wir es wissen wenn wir uns darüber rechtfertigen wollen

dass wir die beiden Ereignisse gleich wahrscheinlich nennen und wenn wir es

nicht wüssten so würden wir gerade so gut dem Zufall nach verfahren wenn wir

gleiche als wenn wir ungleiche Summen auf das Resultat wetteten

    Diese Ansicht von dem Gegenstand wurde in der ersten Auflage dieses Werks

aufgestellt ich habe mich aber seitdem überzeugt dass die

Wahrscheinlichkeitslehre wie sie von Laplace und im allgemeinen von den

Mathematikern aufgestellt worden ist, nicht an dem fundamentalen Irrtum leidet

den ich ihr zugeschrieben habe

    Wir müssen uns erinnern dass die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nicht

eine Eigenschaft des Ereignisses selbst sondern ein bloßer Name für die Stärke

des Grundes ist wonach wir oder andere dasselbe erwarten Die

Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses ist für den einen etwas ganz anderes als

für den andern oder auch für ein und denselben nachdem er mehr Aufklärung

darüber erlangt hat Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum von dem ich

nichts weiß als den Namen dieses Jahr sterben wird wird für mich eine ganz

andere wenn man mir in der nächsten Minute sagt dass es in dem letzten Stadium

der Schwindsucht steht Aber dies ändert weder das Ereignis noch eine der

Ursachen, von denen es abhängig istEin jedes Ereignis ist an und für sich

gewiss nicht wahrscheinlich wenn wir alles wüssten so würden wir entweder

positiv wissen dass es eintreffen wird oder dass es nicht eintreffen wird

aber seine Wahrscheinlichkeit bedeutet für uns den Grad von Erwartung seines

Eintreffens den wir unserem gegenwärtigen Wissen nach hegen dürfen

    Wenn wir uns hieran erinnern so glaube ich müssen wir zugestehen dass

auch dann wenn wir um unsere Erwartungen darnach zu richten keine Kenntnis

haben als die Kenntnis dass das was stattfindet eine von einer gewissen

Anzahl von Möglichkeiten sein muss wir immer noch vernünftigerweise urteilen

dürfen dass eine Annahme für uns wahrscheinlicher ist als die andere und

dasswenn es sich um unser Interesse handelt wir es am besten wahren werden

wenn wir in Übereinstimmung mit diesem Urteil handeln

    

     2 Nehmen wir an wir sollten eine Kugel aus einer Urne ziehen von der

wir wissen dass sie nur schwarze und weiße Kugeln enthält Wir wissen die

gewählte Kugel wird entweder eine schwarze oder eine weiße sein aber wir haben

keinen Grund eine schwarze eher als eine weiße zu erwarten oder umgekehrt

Wenn wir in diesem Fall auf unsere Wahl eine Wette machen müssen so wird es

als eine Frage der Klugheit betrachtet vollkommen gleichgültig sein auf welche

Annahme wir wetten und wir werden gerade so handeln als ob wir vorher gewusst

hätten dass die Urne eine gleiche Anzahl von schwarzen und weißen Kugeln

enthält Aber obgleich unsere Handlungsweise dieselbe sein würde so wäre sie

doch nicht auf eine Vermutung gegründet dass die Kugeln in solcher Weise

gleich verteilt sind denn wir könnten im Gegenteil aus authentischer Quelle

wissen dass die Urne neunundneunzig Kugeln von der einen und nur eine einzige

Kugel von der anderen Farbe enthält immer aber wird das Ziehen einer schwarzen

oder einer weißen Kugel für uns gleich wahrscheinlich sein wenn man uns nicht

sagt von welcher Farbe die eine Kugel und von welcher Farbe die neunundneunzig

Kugeln sind wir werden keinen Grund haben auf das eine Ereignis eher zu

wetten als auf das andere die Wahl zwischen beiden ist gleichgültig ist mit

anderen Worten, eine gleiche Wahrscheinlichkeit

    Nehmen wir nun aber an anstatt zwei wären es drei Farben  weiß schwarz

und rot und nehmen wir ferner an wir wären in Betreff des Verhältnisses in

dem sie gemengt sind ganz unwissend Wir würden alsdann keinen Grund haben die

eine eher zu erwarten als die andere und wenn wir wetten müssten so würden

wir uns gleichgültig verhalten und keiner von den drei Farben einen Vorzug

geben Aber würden wir auch ebenso gleichgültig für oder gegen die eine Farbe

zB weiß wetten Gewiss nicht denn gerade der Tatsache wegen dass schwarz

und rot einzeln für uns gleich wahrscheinlich sind wie weiß müssen sie

zusammen doppelt so wahrscheinlich sein Wir würden in diesem Falle nicht 

weiß eher erwarten als weiß und zwar soviel eher dass wir zwei gegen eins

dafür wetten dürfen Es ist wahr es könnte auch sein dass mehr weiße Kugeln

als schwarze und rote zusammengenommen vorhanden wären und in diesem Falle

würde sich unsere Wette als unvorteilhaft herausstellen aber es könnten auch

mehr rote Kugeln als schwarze und weiße oder mehr schwarze als rote und

weiße vorhanden sein und in diesem Falle würde sich unsere Wette bei weiterer

Einsicht in die Sache als vorteilhafter herausstellen als wir dachten Bei dem

vorhandenen Zustand unseres Wissens ist eine rationelle Wahrscheinlichkeit von

zwei zu eins gegen weiß eine Wahrscheinlichkeit die unserer Handlungsweise zu

Grunde gelegt werden kann. Kein Vernünftiger würde zu Gunsten von weiß gegen

schwarz und rot eine gleiche Wette eingehen obgleich er dies gegen schwarz

allein oder rot allein tun dürfte

    Es erscheint daher die gewöhnliche Wahrscheinlichkeitsrechnung als haltbar

Sogar wenn wir nichts wissen als die Zahl der möglichen und sich gegenseitig

ausschließenden Ereignisse und in Beziehung auf ihre relative Häufigkeit ganz

unwissend sind können wir Gründe haben und zwar numerisch schätzbare Gründe

um auf die eine Annahme hin eher zu handeln als auf die andere und dies ist die

Bedeutung der Wahrscheinlichkeit.

    

     3 Das Prinzip, wonach der Schluss verfährt ist indessen hinreichend

klar Es ist das einleuchtende Prinzip dass bei einer Verteilung der

existierenden Fälle unter verschiedene Arten eine jede dieser Arten unmöglich

eine Mehrheit des Ganzen ausmachen kann es muss im Gegenteil eine Mehrheit

gegen jede Art mit Ausnahme höchstens einer vorhanden sein und wenn irgend eine

Art im Verhältnis zur Gesamtzahl mehr als ihren Antheil hat so müssen die

anderen zusammengenommen weniger haben Wenn wir dieses Axiom zugeben und

annehmen dass wir keinen Grund haben es von irgend einer Art für

wahrscheinlicher zu halten als von den übrigen dass sie das

Durchschnittsverhältnis übersteigt so folgtdass wir dies rationell von

keiner vermuten können was wir tun würden wenn wir zu Gunsten derselben

wetten würden indem ihr weniger Wahrscheinlichkeit zukommt als im Verhältnis

zur Anzahl der anderen Arten Sogar in diesem extremen gar nicht auf spezieller

Erfahrung beruhenden Fall von der Berechnung der Wahrscheinlichkeiten liegt der

logische Grund des Verfahrens in unserer derzeitigen Kenntnis der Gesetze

welche die Häufigkeit des Eintretens der verschiedenen Fälle beherrschen aber

in diesem Fall ist die Kenntnis auf diejenige beschränkt die da sie universal

und axiomatisch ist nicht auf spezifische Erfahrung oder auf irgend aus der

speziellen Natur des erörterten Problems fließenden Betrachtungen Bezug zu

nehmen braucht

    Mit Ausnahme von Fällen wie Hasardspiele wo der beabsichtigte Zweck

Unwissenheit anstatt Wissen verlangt kann ich mir indessen keinen Fall denken

in welchem wir mit einer Berechnung von Wahrscheinlichkeit wie diese zufrieden

sein dürften mit einer Berechnung die auf das absolute Minimum von Wissen

bezüglich des Gegenstandes gegründet ist Im Fall der farbigen Kugeln ist es

klar dass ein sehr leichter Grund zur Vermutung es wären wirklich mehr weiße

Kugeln vorhanden als von den zwei anderen Farben hinreichen würde um das

Ganze der in unserem früheren Zustand von Gleichgültigkeit gemachten

Berechnungen fehlerhaft zu machen Es würde uns dies in jene Lage von

vorgerücktem Wissen bringen in der die Wahrscheinlichkeiten für uns anders sein

würden als sie vorher waren und bei der Berechnung dieser neuen

Wahrscheinlichkeiten würden wir von einer ganz anderen Reihe von Daten

auszugeben haben denn dieselben würden jetzt nicht mehr durch bloßes Zählen

möglicher Voraussetzungen sondern durch spezifische Kenntnis von Tatsachen

geliefert Solche Data sollten wir uns immer bemühen zu erhalten und bei allen

Untersuchungen wenn sie nicht Gegenstände betreffen die sowohl außerhalb des

Bereichs unserer Mittel der Erkenntnis als auch unserer praktischen Zwecke

liegen können sie erhalten werden und wenn sie auch nicht gut erhalten werden

so doch wenigstens besser als gar keine130

    Es ist einleuchtend dass auch dann noch wenn die Wahrscheinlichkeiten von

der Betrachtung und dem Experiment herrühren eine sehr unbedeutende Veränderung

in den Daten sei es durch bessere Beobachtungen sei es dadurch dass man die

speziellen Umstände des Falles besser in Betracht zieht natürlicher ist als

die durchdachteste Anwendung des Kalküls auf Wahrscheinlichkeiten die auf

frühere unvollkommenere Data gegründet sind Dass man dies zu erwägen

vernachlässigte hat zu einer Missanwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung

geführt welche sie zu dem wahren Opprobrium der Mathematik gemacht haben Es

genügt ihre Anwendung auf die Glaubwürdigkeit von Zeugen und auf die

Richtigkeit der Aussprache von Geschworenengerichten anzuführen In Beziehung auf

die erste Anwendung sagt uns der gemeine Menschenverstand dass es unmöglich

ist einen allgemeinen Durchschnitt der Wahrhaftigkeit und anderer Befähigungen

für wahres Zeugnis der Menschen oder einer Klasse von Menschen zu nehmen und

wenn es auch möglich wäre so könnten wir uns doch nicht nach einem solchen

Durchschnitt richten da die Glaubwürdigkeit fast eines jeden Zeugen entweder

über oder unter dem Durchschnitt steht Sogar bei einem individuellen Zeugen

würden Menschen von gesundem Verstand ihre Schlüsse auf den Grad von

Übereinstimmung in den Aussagen auf sein Verhalten in dem Kreuzverhör auf die

Beziehung des Falls zu seinen Interessen seine Parteilichkeit und seine

geistigen Fähigkeiten stützen anstatt einen so rohen Maßstab auch wenn er

der Bestätigung fähig wäre anzuwenden wie das Verhältnis zwischen der Anzahl

von wahren und der Anzahl von irrigen Aussagen die er der Voraussetzung nach

während seiner Lebensdauer vielleicht machen dürfte

    In ähnlicher Weise sind manche Mathematiker in Beziehung auf

Geschworenengerichte oder andere Gerichte von dem Satz ausgegangen das Urteil

eines Richters oder Geschwornen sei in einem geringen Grad wenigstens

wahrscheinlicher richtig als unrichtig und sie haben geschlossen dass sich die

Wahrscheinlichkeit des Irrtums bei einem von einer Anzahl von Personen

ausgehenden Verdikt um so mehr verringert je grösser die Zahl der Personen

wird so dasswenn nur genug Richter vorhanden sind, die Richtigkeit des

Urteils beinahe auf Gewissheit zurückgeführt werden kann. Ich sage nichts von

dem geringen Werth den man der Wirkung beilegt welche durch die Vermehrung der

Richter auf deren moralische Stellung durch die virtuelle Vernichtung ihrer

persönlichen Verantwortlichkeit und die geschwächte Anwendung ihres Verstandes

auf den Gegenstand hervorgebracht wird Ich beachte nur den Fehlschluss aus

einem großen Durchschnitt auf Fälle die sich notwendig von einem jeden

Durchschnitt bedeutend unterscheiden Es mag wahr sein dass wenn man alle

Ursachen zusammennimmt die Ansicht eines jeden Richters öfter richtig ist als

unrichtig aber das Argument vergisst dass in allen Fällen mit Ausnahme der

einfacheren in allen Fällenin denen es wirklich von Wichtigkeit ist was das

Tribunal sei der Satz wahrscheinlich umgekehrt werden könnte außerdem würde

die aus der Verwickelung des Falls oder aus einem gewöhnlichen Vorurteil oder

aus Geistesschwäche hervorgehende Ursache des Irrtums wenn sie auf einen

Richter wirkt äußerst wahrscheinlich auf alle anderen Richter oder wenigstens

auf die Mehrheit derselben in derselben Weise wirken und so eine falsche

anstatt einer richtigen Entscheidung um so wahrscheinlicher machen je mehr die

Zahl der Richter erhöht würde

    Dies sind nur Beispiele von Irrtümern die häufig von Männern begangen

werden welche nachdem sie sich mit den schwierigen Formeln bekannt gemacht

haben welche die Algebra für die Berechnung der Wahrscheinlichkeit unter

Voraussetzungen von einer verwickelten Natur darbietet lieber nach diesen

Formeln berechnen was die Wahrscheinlichkeiten in Betreff eines Falls für den

Halbunterrichteten sind anstatt nach Mitteln zu suchen um sich besser zu

unterrichten Vor der Anwendung der Wahrscheinlichkeitslehre auf einen

wissenschaftlichen Zweck muss das Fundament für eine Berechnung der

Wahrscheinlichkeit dadurch gelegt werden dass wir uns in Besitz der möglichst

erreichbaren Menge von positivem Wissen setzen Das erforderliche Wissen besteht

in der Kenntnis der relativen Häufigkeit womit die verschiedenen Ereignisse in

der Tat vorkommen Es ist daher für die Zwecke des vorliegenden Werkes zulässig

anzunehmen es beruhten Schlüsse bezüglich der Wahrscheinlichkeit einer

Tatsache von einer besonderen Art auf unserer Kenntnis des Verhältnisses

zwischen den Fällenin denen Tatsachen dieser Art vorkommen und den Fällen,

in denen sie nicht vorkommen indem diese Kenntnis entweder aus dem

spezifischen Experiment abgeleitet ist oder aus unserer Kenntnis der tätigen

Ursachenwelche die fragliche Tatsache hervorzubringen streben im Vergleich

mit den Ursachenwelche sie zu verhindern streben

    Eine solche Wahrscheinlichkeitsrechnung ist auf Induktion gegründet und

wenn die Rechnung gültig sein soll so muss die Induktion gültig sein Sie ist

nicht weniger eine Induktion wenn sie auch nicht beweist dass das Ereignis in

allen Fällen einer gegebenen Art sondern dass es nur in ungefähr so und so

vielen von einer gegebenen Anzahl solcher Fälle eintritt Der Bruch durch

welchen die Mathematiker die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses bezeichnen

ist das Verhältnis dieser zwei Zahlen er ist das festgestellte Verhältnis

zwischen der Anzahl von Fällenin denen das Ereignis eintritt und der Summe

aller Fälle in denen es eintritt und nicht eintritt Beim Kopf oder

Wappenspiel sind die betreffenden Fälle Würfe und die Wahrscheinlichkeit von

Kopf ist ein halb weil bei einer hinreichenden Anzahl von Würfen unter je zwei

Würfen Kopf einmal fällt Beim Würfeln ist die Wahrscheinlichkeit von Eins ein

Sechstel nicht bloß weil es sechs mögliche Würfe gibt unter denen Eins einer

ist und weil wir keinen Grund kennen warum der eine Wurf eher fallen sollte

als der andere obgleich ich die Gültigkeit dieses Grundes in Ermangelung eines

bessern zugegeben habe sondern weil wir wirklich entweder durch Schließen oder

durch Erfahrung wissen dass in einem Hundert oder in Millionen von Würfen Eins

ungefähr ein sechstelmal von dieser Zahl oder einmal in sechs Malen fällt

    

     4 Ich sage »entweder durch Schließen oder durch Erfahrung« ich meine

hiermit durch spezifische Erfahrung Aber beim Berechnen von

Wahrscheinlichkeiten ist es nicht gleichgültig aus welcher von diesen zwei

Quellen wir unsere Überzeugung schöpfen Die aus seiner bloßen Häufigkeit in

vergangener Erfahrung berechnete Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses bietet

eine weniger sichere Grundlage für die Praxis als seine aus einer gleich

genauen Kenntnis der Häufigkeit des Eintretens seiner Ursachen abgeleitete

Wahrscheinlichkeit

    Die Generalisation dass ein Ereignis in zehn von je hundert Fällen einer

gegebenen Art eintritt ist eben so gut eine wirkliche Induktion als wenn die

Generalisation wäre dass es in allen Fällen eintritt Aber wenn wir dadurch zu

dem Schluss gelangen dass wir in der wirklichen Erfahrung bloß die Fälle

zählen und die Anzahl von Fällenin denen A gegenwärtig war mit der Anzahl

von Fällen vergleichen in denen es nicht gegenwärtig war so ist der Beweis

bloß der der Methode der Übereinstimmung, und der Schluss läuft bloß auf ein

empirisches Gesetz hinaus Wir können einen Schritt weiter gelangen wenn wir

die Ursachen erreichen können von denen das Eintreten oder das Nichteintreten

von A abhängig ist, und eine Berechnung der relativen Häufigkeit der dem

Eintreten günstigen und ungünstigen Ursachen vornehmen können Dies sind Data

von einer höheren Ordnung durch welche das aus einer bloß numerischen

Vergleichung der bejahenden und verneinenden Fälle abgeleitete empirische Gesetz

entweder berichtigt oder bestätigt wird und durch welche wir in beiden Fällen

ein richtigeres Maß der Wahrscheinlichkeit erhalten werden als durch jene

numerische Vergleichung Man hat ganz wohl bemerkt dass bei der Art von

Beispielen durch welche die Wahrscheinlichkeitslehre gewöhnlich erläutert wird

bei den Kugeln in der Urne die Berechnung der Wahrscheinlichkeiten durch Gründe

der Verursachung die stärker sind als spezifische Erfahrung gestützt wird

»Warum erwarten wir aus einer Urne in der neun schwarze Kugeln und nur eine

weiße sind eine schwarze Kugel neunmal so viel mit anderen Worten, neunmal so

oft da die Häufigkeit das Maß der Intensität der Erwartung ist zu ziehen als

eine weiße Offenbar weil die örtlichen Bedingungen neunmal so günstig sind

weil die Hand auf neun Stellen greifen und eine schwarze Kugel fassen kann

während sie nur auf eine Stelle greifen und dabei eine weiße Kugel finden kann

ganz aus demselben Grunde als wir nicht erwarten in einem Gedränge einen Freund

finden zu können indem die Bedingungen unserer Begegnung mannigfaltig und

schwierig sind Dies würde natürlich soweit nicht gültig sein wenn die weißen

Kugeln kleiner wären als die schwarzen noch würde die Wahrscheinlichkeit

dieselbe bleiben die größere Kugel würde der Hand viel wahrscheinlicher

begegnen«131

    Es ist in der Tat einleuchtend dass wenn Verursachung einmal als ein

allgemeines Gesetz zugelassen wird unsere Erwartung von Ereignissen rationell

nur auf dieses Gesetz gegründet werden kann. Für jemand der anerkennt dass ein

jedes Ereignis von Ursachen abhängig istist das einmalige Vorkommen eines

Dinges ein Grund dessen wiederholtes Vorkommen zu erwarten nur weil es

beweist dass eine Ursache existiert oder existieren kann die dasselbe

hervorzubringen adäquat ist132 Die Häufigkeit des besonderen Ereignisses kann

abgesehen von aller Vermutung bezüglich seiner Ursache nur zu einer Induktion

per enumerationem simplicem Anlass geben und die hieraus gezogenen prekären

Folgerungen werden übertroffen und verschwinden aus dem Feld sobald das

Kausalitätsprincip daselbst erscheint

    Ungeachtet des abstrakten Vorzugs einer auf Ursachen gegründeten Berechnung

der Wahrscheinlichkeit ist es eine Tatsache, dass fast in allen Fällenin

denen die Wahrscheinlichkeit eine hinreichend genaue Berechnung zulässt um ihre

numerische Schätzung praktisch verwertbar zu machen die numerischen Data nicht

aus der Kenntnis der Ursachen, sondern aus dem Erfahren der Ereignisse selbst

gezogen sind Die Wahrscheinlichkeit der Lebensdauer in den verschiedenen Altern

oder in verschiedenen Klimaten die Wahrscheinlichkeit der Genesung von einer

besonderen Krankheit der männlichen und weiblichen Geburten die

Wahrscheinlichkeit der Zerstörung von Häusern oder anderem Besitztum durch

Feuer des Verlustes von Schiffen bei einer besonderen Reise sind von

Sterblichkeitstabellen Hospitalberichten Geburtsregistern Schiffbruchslisten

etc abgeleitet dh von der beobachteten Häufigkeit nicht der Ursachen,

sondern der Wirkungen. Der Grund davon ist dass in allen diesen Classen von

Tatsachen die Ursachen der direkten Beobachtung entweder gar nicht oder nicht

mit hinreichender Genauigkeit zugänglich sind und dass wir kein anderes Mittel

besitzen um ihre Häufigkeit zu beurteilen als das durch die Häufigkeit der

Wirkungen dargebotene empirische Gesetz Die Folgerung ist aber deshalb nicht

weniger von Verursachung allein abhängig Wir schließen von einer Wirkung auf

eine ähnliche Wirkung durch die Ursachen hindurch Wenn der Aktuar einer

Versicherungsgesellschaft aus seinen Tabellen folgert dass von hundert jetzt

lebenden Personen eines gewissen Alters im Durchschnitt fünf das Alter von

siebzig Jahren erreichen so ist seine Folgerung gültig nicht des einfachen

Grundes wegen dass dies das Verhältnis von denen ist die in vergangenen

Zeiten die siebzig erreicht haben sondern weil die Tatsache, dass sie so

lange gelebt haben zeigt dass dies gegenwärtig und hier das existierende

Verhältnis zwischen den Ursachen istwelche das Leben bis zum Alter von

siebzig zu verlängern streben und den Ursachenwelche es zu einem

frühzeitigeren Abschluss zu bringen streben133

    

     5 Es ist leicht aus den vorhergehenden Prinzipien den Beweis jenes

Lehrsatzes der Wahrscheinlichkeitslehre abzuleiten der die Grundlage ihrer

Anwendung zur Bestimmung des Eintreffens eines gegebenen Ereignisses oder der

Realität einer einzelnen Tatsache in gerichtlichen oder anderen Untersuchungen

ist Die Zeichen oder Beweise wodurch eine Tatsache gewöhnlich bewiesen wird

bestehen in einigen ihrer Folgen und die Untersuchung geht hauptsächlich darauf

aus zu ermitteln welche Ursache am wahrscheinlichsten eine gegebene Wirkung

hervorgebracht hat Das auf Untersuchung der Art anwendbare Prinzip ist das

sechste in Laplaces Essai philosophique sur les probabilités welches er

beschreibt als »Das Grundprinzip von diesem Zweige der Analysis der

Wahrscheinlichkeiten welches darin besteht dass man von den Ereignissen zu

ihren Ursachen hinaufsteigt«134

    Es sei eine gegebene Wirkung zu erklären und es seien verschiedene Ursachen

vorhanden welche sie hervorgebracht haben können von deren Gegenwart jedoch in

dem besonderen Falle nichts bekannt ist so verhält sich die Wahrscheinlichkeit,

dass die Wirkung von einer dieser Ursachen hervorgebracht worden ist, wie die

vorausgängige Wahrscheinlichkeit der Ursache, multipliziert mit der

Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache, wenn sie existierte die gegebene Wirkung

hervorgebracht haben würde

    

    Es sei M die Wirkung und A und B seien zwei Ursachenwelche sie beide

hervorgebracht haben konnten Um die Wahrscheinlichkeit zu finden dass sie

durch die eine und nicht durch die andere hervorgebracht worden ist, bestimme

man welche von beiden Ursachen am wahrscheinlichsten existiert hat und welche

von ihnen bei ihrer Existenz die Wirkung M am wahrscheinlichsten hervorgebracht

haben würde die gesuchte Wahrscheinlichkeit ist aus diesen beiden

Wahrscheinlichkeiten zusammengesetzt

    Fall I Es seien die Ursachen in der zweiten Beziehung gleich indem man

voraussetzt dass sowohl A als B wenn sie existierten die Wirkung M gleich

wahrscheinlich oder gleich gewiss hervorbringen es existiere aber A zweimal so

wahrscheinlich als B dh es sei ein doppelt so häufiges Phänomen Es ist dann

zweimal so wahrscheinlich dass es in diesem Falle existiert hat und die Ursache

gewesen istwelche M hervorgebracht hat

    Denn da A zweimal so oft in der Natur existiert als B so hat in je 300

Fällen worin das eine oder das andere existierte A zweihundertmal und B

hundertmal existiert Wo aber M hervorgebracht worden ist, muss entweder A oder B

existiert haben es war daher in 300 Fällenin denen M hervorgebracht wurde A

zweihundertmal und B nur hundertmal die erzeugende Ursache dh im Verhältnis

von 2 zu 1 Wenn also die Ursachen in ihrer Fähigkeit die Wirkung

hervorzubringen gleich sind, so verhält sich die Wahrscheinlichkeit, welche von

ihnen sie wirklich hervorgebracht hat wie ihre vorausgehenden

Wahrscheinlichkeiten

    Fall II Indem wir die letzte Hypothese umkehren wollen wir annehmen dass

die Ursachen gleich häufig seien dass sie gleich wahrscheinlich existiert haben

dass sie aber bei ihrer Existenz nicht gleich wahrscheinlich M hervorgebracht

haben dass von je drei Malen wo A eintrifft es diese Wirkung zweimal während

B sie von drei Malen nur einmal hervorbringt Da die beiden Ursachen gleich

häufig eintreffen so wird in je sechs Malen A dreimal und B dreimal existieren

A erzeugt in diesen drei Malen M zweimal B bringt in seinen drei Malen M nur

einmal hervor In allen sechs Malen wird also M nur dreimal hervorgebracht aber

von diesen drei Malen ist es zweimal von A und nur einmal von B hervorgebracht

Folglich wenn die vorangängigen Wahrscheinlichkeiten der Ursachen gleich sind,

so verhalten sich die Wahrscheinlichkeiten dass die Wirkung von ihnen

hervorgebracht wurde wie die Wahrscheinlichkeiten dass wenn sie existierten

sie die Wirkung hervorbringen würden

    Fall III Der dritte Fall nämlich derjenige worin die Ursachen in beiden

Beziehungen ungleich sind wird nach dem vorhergehenden gelöst Denn wenn eine

Größe von zwei anderen Größen in einer solchen Weise abhängt dass während die

eine von ihnen konstant bleibt sie der andern proportional ist so muss sie

notwendig dem Produkte der zwei Größen proportional sein indem das Produkt

die einzige Funktion der beiden Größen istwelche diesem Gesetze der

Veränderung gehorcht Es verhält sich daher die Wahrscheinlichkeit, dass M durch

die eine oder die andere Ursache hervorgebracht worden ist, wie die

vorausgehende Wahrscheinlichkeit der Ursache, multipliziert mit der

Wahrscheinlichkeitdass wenn sie existierte sie M hervorbringen würde was zu

beweisen war

    Wir können den dritten Fall auch so beweisen wie wir den ersten und zweiten

bewiesen haben Es sei A zweimal so häufig als B und es seien ferner ihre

Wahrscheinlichkeiten dass sie M hervorbringen würden wenn sie existierten

ungleich es bringe A zweimal unter vier und B dreimal unter vier Malen M

hervor Die vorausgehende Wahrscheinlichkeit von A verhält sich zu der von B wie

2 zu 1 ihre Wahrscheinlichkeiten M hervorzubringen verhalten sich wie 2 zu 3

das Produkt dieser Verhältnisse ist das Verhältnis 4 zu 3 und dies wird das

Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten sein dass A oder B in dem gegebenen Falle

die erzeugende Ursache war Denn da A zweimal so häufig ist als B so existiert

unter zwölf Fällen worin das eine oder das andere existiert A achtmal und B

viermal Aber der Voraussetzung nach bringt A nur in vier von seinen acht Fällen

M hervor während B es in drei von seinen vier Fällen hervorbringt M ist daher

nur in sieben von zwölf Fällen hervorgebracht aber von diesen ist es in vier

von A und in drei Fällen von B hervorgebracht es verhalten sich die

Wahrscheinlichkeiten von A und B wie 4 zu 3 und werden durch die Brüche 47 und

37 ausgedrückt was zu beweisen war

    

     6 Es bleibt nun noch die Anwendbarkeit der Wahrscheinlichkeitslehre auf

eine besondere Aufgabe zu untersuchen worauf wir bei einer früheren Gelegenheit

aufmerksam gemacht haben nämlich wie soll man zufällige Koincidenzen von

solchen unterscheiden welche das Resultat eines Gesetzes sind von denjenigen

in welchen die Tatsachen, welche sich einander begleiten oder folgen irgendwie

durch Verursachung verknüpft sind

    Die Wahrscheinlichkeitslehre gewährt Mittel durch welche wir, wenn uns die

Durchschnittszahl der gesuchten Koincidenzen zwischen zwei nur zufällig

verbundenen Naturerscheinungen bekannt wäre bestimmen könnten wie oft eine

gegebene Abweichung von diesem Durchschnitt durch Zufall stattfinden wird Wenn

die Wahrscheinlichkeit irgend eines zufälligen Zusammentreffens an und für sich

1m ist so ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dasselbe Zusammentreffen n mal

nacheinander wiederholen wird 1mn Da zB beim Würfel die Wahrscheinlichkeit,

dass Eins fällt 16 ist so wird die Wahrscheinlichkeit, dass Eins zweimal

nacheinander fallen wird 1 dividiert durch das Quadrat von 6 oder 136 sein

Denn bei dem ersten Wurfe fällt Eins unter sechs Malen einmal oder sechsmal von

Sechsunddreißig Malen und wenn wieder gewürfelt wird so wird von diesen sechs

Malen Eins nur einmal fallen zusammen also von Sechsunddreißig Malen nur

einmal Die Wahrscheinlichkeit, dass derselbe Wurf dreimal nacheinander fallen

wird ist nach einem ähnlichen Räsonnement 163 oder 1216 dh bei einem

großen Durchschnitt wird das Ereignis nur einmal von zweihundert und sechszehn

Malen eintreffen

    Wir haben so eine Regel nach welcher wir die Wahrscheinlichkeit, dass eine

gegebene Reihe von Koincidenzen aus dem Zufall hervorgeht berechnen können

vorausgesetzt dass wir die Wahrscheinlichkeit eines einzelnen Zusammentreffens

genau messen können Wenn wir einen eben so genauen Ausdruck für die

Wahrscheinlichkeit, dass dieselbe Reihe von Koincidenzen aus einer Verursachung

entspringt erhalten könnten so hätten wir nur die Zahlen zu vergleichen Dies

kann indessen selten geschehen Wir wollen sehen welchen Grad von Annäherung an

die nötige Genauigkeit wir praktisch erreichen können

    Die Frage fällt innerhalb des sechsten Prinzips von Laplace von dem wir

soeben den Beweis gegeben haben Die gegebene Tatsache dh die Reihe von

Koincidenzen kann ihren Ursprung entweder in einer zufälligen Verbindung von

Ursachen oder in einem Naturgesetz haben Die Wahrscheinlichkeiten dass die

Tatsache in diesen zwei Modi entstanden ist verhalten sich daher wie ihre

vorausgängigen Wahrscheinlichkeiten multipliziert durch die

Wahrscheinlichkeiten dass wenn diese Modi existierten sie die Wirkung

hervorbringen würden Aber die besondere Kombination von Zufällen wenn sie

vorkäme oder das Naturgesetz wenn es ein wirkliches wäre würden die Reihe von

Koincidenzen gewiss hervorbringen Die Wahrscheinlichkeiten dass die

Koincidenzen durch die zwei fraglichen Ursachen hervorgebracht worden sind,

verhalten sich daher wie die vorausgängigen Wahrscheinlichkeiten der Ursachen.

Die eine von diesen die vorausgängige Wahrscheinlichkeit der Kombination von

bloßen Zufällen welche das gegebene Resultat hervorbringen würden ist eine

schätzbare Größe Die vorausgängige Wahrscheinlichkeit der andern Voraussetzung

mag je nach der Natur des Falles einer mehr oder weniger genauen Berechnung

fähig sein

    In manchen Fällen muss das Zusammentreffen vorausgesetzt dass es überhaupt

das Resultat einer Verursachung sei das Resultat einer bekannten Ursache sein

so wie das Aufeinanderfolgen der Eins wenn es nicht zufällig ist von der

Beschwerung der Würfelseite herrühren muss In solchen Fällen können wir in

Beziehung auf die vorausgehende Wahrscheinlichkeit eines solchen Umstandes aus

dem Charakter der betreffenden Spieler oder aus anderen derartigen Beweisen eine

Vermutung ableiten aber es wäre absolut unmöglich diese Wahrscheinlichkeit

mit einer numerischen Genauigkeit zu schätzen Da indessen die entgegengesetzte

Wahrscheinlichkeit die Wahrscheinlichkeit des zufälligen Ursprungs des

Zusammentreffens bei einem jeden neuen Versuch so rasch abnimmt so erreicht man

bald den Punkt wo die Wahrscheinlichkeit eines falschen Würfels so klein sie

an und für sich sein mag grösser sein muss als die eines zufälligen

Zusammentreffens und aus diesem Grunde kann man bald zu einer praktischen

Entscheidung gelangen wenn man es nur in der Gewalt hat den Versuch zu

wiederholen

    Wenn indessen das Zusammentreffen der Art ist dass es nicht durch eine

bekannte Ursache erklärt werden kann, und wenn der Zusammenhang zwischen den

zwei Naturerscheinungen im Falle er durch eine Ursache hervorgebracht ist das

Resultat eines bis dahin unbekannten Naturgesetzes sein muss was der Fall ist,

den wir in dem letzten Kapitel im Auge hatten so ist obgleich die

Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Zusammentreffens berechenbar sein mag die

der entgegengesetzten Voraussetzung die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines

unentdeckten Naturgesetzes auch einer nur annähernden Werthbestimmung ganz

unfähig Um die Data zu haben welche ein solcher Fall erfordert wäre es

notwendig zu wissen welche Anzahl von allen in der Natur vorkommenden

Sequenzen oder Koexistenzen das Resultat eines Gesetzes und welche das Resultat

des Zufalls ist Da es einleuchtend ist dass wir in Beziehung auf dieses

Größenverhältnis keine plausible Vermutung hegen und noch weniger es

numerisch schätzen können so können wir eine genaue Berechnung der relativen

Wahrscheinlichkeit nicht versuchen Aber dessen sind wir gewiss dass die

Entdeckung eines unbekannten Naturgesetzes  einer vorher nicht erkannten

Beständigkeit der Verbindung zweier Phänomene  kein ungewöhnliches Ereignis

ist Wenn daher die Anzahl von Fällenin denen ein Zusammentreffen beobachtet

worden ist, die im Durchschnitt aus der bloßen Mitwirkung von Zufällen

hervorgehende Anzahl soweit übersteigt dass eine so große Anzahl von

zufälligen Koincidenzen ein äußerst ungewöhnliches Ereignis sein würde so

haben wir ein Recht zu schließen dass das Zusammentreffen die Wirkung einer

Ursacheund daher als ein empirisches der Korrektion durch künftige Erfahrung

unterworfenes Gesetz anzunehmen ist Weiter können wir in Beziehung auf

Genauigkeit nicht gehen auch wird in den meisten Fällen eine größere

Genauigkeit für die Lösung praktischer Zweifel nicht verlangt

 
 



                              



     1 Wir hatten häufig Gelegenheit die geringere Allgemeinheit der

abgeleiteten Gesetze im Vergleich zu letzten Gesetzen von denen sie abgeleitet

sind zu bemerken Diese geringere Gültigkeit welche nicht allein den Umfang

der Sätze selbst sondern auch ihren Grad von Gewissheit innerhalb dieses

Umfangs berührt ist bei den Gleichförmigkeit der Koexistenz und der Folge

welche zwischen zuletzt von verschiedenen urersten Ursachen abhängigen Wirkungen

bestehen sehr sichtlich Dergleichen Gleichförmigkeit werden nur da bestehen

wo dieselbe Kollokation jener urersten Ursachen existiert Wenn obgleich die

Gesetze selbst dieselben bleiben die Kollokation sich verändert so kann und

wird im allgemeinen eine gänzlich verschiedene Reihe von abgeleiteten

Gleichförmigkeit das Resultat sein

    Sogar da wo die abgeleitete Gleichförmigkeit zwischen verschiedenen

Wirkungen derselben Ursache besteht wird sie keineswegs so universal als das

Gesetz der Ursache selbst bestehen Wenn a und b sich als Wirkungen der Ursache

A einander begleiten oder folgen so folgt hieraus keineswegs dass A die

einzige Ursache istwelche sie hervorbringen kann oder dass wenn es eine

andere Ursache B gäbe die fähig ist a hervorzubringen sie auch b

hervorbringen müsste Die Verbindung von a und b besteht daher vielleicht nicht

allgemein sondern nur in den Fällenin denen a aus A hervorgeht Wenn es durch

eine andere Ursache als A hervorgebracht ist so können a und b möglicherweise

getrennt sein Dem Tage zB folgt unserer Erfahrung nach immer die Nacht Aber

der Tag ist nicht die Ursache der Nacht sie sind beide aufeinanderfolgende

Wirkungen einer gemeinschaftlichen Ursache des periodischen Eintritts und

Austritts des Beobachters in den und aus dem von der Umdrehung der Erde und der

leuchtenden Eigenschaft der Sonne herrührenden Schatten der Erde Wenn daher der

Tag jemals von einer andern Ursache oder Reihe von Ursachen hervorgebracht wird

so wird ihm die Nacht nicht folgen oder wird ihm wenigstens nicht folgen müssen

Auf der Oberfläche der Sonne kann dies zB der Fall sein

    Wenn endlich auch die abgeleitete Gleichförmigkeit selbst ein Kausalgesetz

ist aus der Kombination verschiedener Ursachen hervorgehend so ist sie nicht

gänzlich von Kollokationen unabhängig Wenn eine Ursache dazukommt welche fähig

ist die Wirkung von nur einer der verbundenen Ursachen aufzuheben so wird die

Wirkung nicht mehr länger dem abgeleiteten Gesetze entsprechen Während daher

ein jedes letzte Gesetz nur von einer Reihe von entgegenwirkenden Ursachen

aufgehoben werden kann, kann ein abgeleitetes Gesetz von mehreren aufgehoben

werden Nun hängt aber die Möglichkeit des Eintreffens entgegenwirkender

Ursachenwelche nicht aus in dem Gesetze selbst eingeschlossenen Bedingungen

hervorgehen von den ursprünglichen Kollokationen ab

    Es ist wie früher bemerkt wurde wahr dass Kausalgesetze sie seien letzte

oder abgeleitete in den meisten Fällen sogar da erfüllt werden wo sie eine

Entgegenwirkung erleiden die Ursache bringt ihre Wirkung hervor wenn diese

auch durch etwas Anderes aufgehoben wird Dass die Wirkung aufgehoben werden

kannist daher kein Einwurf gegen die Universalität des Kausalgesetzes es ist

aber ein Einwurf gegen die Allgemeinheit der Sequenzen oder Koexistenzen der

Wirkungen, welche den größten Teil der diesen Kausalgesetzen entspringenden

abgeleiteten Gesetze ausmachen Wenn aus dem Gesetze einer gewissen Kombination

von Ursachen eine gewisse Ordnung in den Wirkungen hervorgeht wie aus der

Kombination einer einzigen Sonne mit einem sich um seine Axe drehenden dunklen

Körper auf der ganzen Oberfläche dieses dunklen Körpers ein Wechsel von Tag und

Nacht entspringt und wenn wir dann annehmen die eine von den verbundenen

Ursachen wäre aufgehoben die Rotation gehemmt die Sonne ausgelöscht oder eine

zweite Sonne hinzugefügt so bliebe die Wahrheit dieses besonderen Kausalgesetzes

dadurch in jeder Weise unberührt es bliebe immer noch wahr dass wenn eine

Sonne auf einen dunklen sich drehenden Körper schiene sie auch einen Wechsel

von Tag und Nacht erzeugen würde sobald aber die Sonne in Wirklichkeit nicht

länger mehr auf einen solchen Körper scheint so ist auch die abgeleitete

Gleichförmigkeit die Folge von Tag und Nacht auf dem gegebenen Planeten nicht

länger wahr Diese abgeleiteten Gleichförmigkeit welche keine Kausalgesetze

sind beruhen daher ausgenommen in dem seltenen Falle ihrer Abhängigkeit von

nur einer einzigen und nicht einer Verbindung von Ursachen) immer mehr oder

weniger auf Kollokationen und sind demnach der charakteristischen Schwäche der

empirischen Gesetze unterworfen derjenigen nämlich dass sie nur dann zulässig

sind wenn wir aus der Erfahrung wissen dass die Kollokationen der Art sind

wie sie die Wahrheit des Gesetzes verlangt dh dass sie nur innerhalb der

Bedingungen von Zeit und Ort durch die wirkliche Beobachtung bestätigt werden

    

     2 Wenn dieses Prinzip in allgemeinen Worten ausgedrückt wird so scheint

es klar und unbestreitbar und dennoch steht es wenigstens scheinbar mit

vielen von den gewöhnlichen Urteilen der Menschen deren Richtigkeit nicht

bezweifelt werden kann, in Widerspruch Aus welchem Grunde kann man fragen

erwarten wir dass die Sonne morgen aufgehen wird Morgen liegt außerhalb der

Grenzen der in unseren Beobachtungen inbegriffenen Zeit Dieselben haben sich

zwar über einige Tausende vergangener Jahre erstreckt aber sie schließen die

Zukunft nicht ein Wir schließen indessen mit Zuversicht dass die Sonne morgen

aufgehen wird und Niemand zweifelt daran dass wir dazu berechtigt sind Wir

wollen sehen was unsere Bürgschaft für diese Zuversicht ist

    In dem fraglichen Beispiele kennen wir die Ursachen, von denen die

abgeleitete Gleichförmigkeit abhängt eine Licht ausstrahlende Sonne und eine

rotierende und Licht auffangende Erde Da die Induktion welche zeigt dass dies

wirkliche Ursachen und nicht bloß frühere Wirkungen einer gemeinschaftlichen

Ursache sind vollständig und unverwerflich ist so sind die einzigen Umstände

welche das abgeleitete Gesetz vernichten könnten der Art dass sie die eine

oder die andere der verbundenen Ursachen vernichten oder ihr entgegenwirken

würden Während die Ursachen existieren und ihnen nichts entgegenwirkt wird die

Wirkung fortdauern Wenn sie morgen existieren und ihnen nichts entgegenwirkt so

wird die Sonne morgen aufgehen

    Da die Ursachen, nämlich die Sonne und die Erde die eine in dem Zustande

des Leuchtens die andere in einem Zustande von Umdrehung existieren werden so

lange sie nicht vernichtet sind so hängt Alles von der Wahrscheinlichkeit ihrer

Vernichtung und von derjenigen einer Entgegenwirkung ab Wir wissen aus der

Beobachtung indem wir die gefolgerten Beweise von einer Existenz von Tausenden

von Jahrhunderten übergehen dass diese Phänomene seit fünftausend Jahren

fortgedauert haben Während dieser Zeit existierte keine Ursache welche

hinreichend war sie merklich zu vermindern oder welche ihre Wirkungen um eine

schätzbare Größe hätte aufheben können Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sonne

vielleicht morgen nicht aufgehen dürfte ist daher die Wahrscheinlichkeit, dass

eine Ursache, welche sich nicht in dem geringsten Grade während fünftausend

Jahren gezeigt hat morgen mit einer Intensität existieren wird dass sie die

Sonne und die Erde das Licht der Sonne oder die Umdrehung der Erde vernichten

oder eine immense Störung in den aus diesen Ursachen hervorgehenden Wirkungen

hervorbringen wird

    Wenn nun eine solche Ursache morgen oder in einer zukünftigen Zeit existieren

soll so muss jetzt eine nähere oder entferntere Ursache dieser Ursache

existieren und während diesen fünftausend Jahren existiert haben Wenn daher die

Sonne morgen nicht aufgehen wird so geschieht es weil eine Ursache existiert

hat deren Wirkungen obgleich sie während fünftausend Jahren keine merkliche

Größe ausmachten in einem einzigen Tage überwältigend wird Da diese Ursache

eine solche Zeit hindurch von keinem Beobachter der Erde bemerkt worden ist, so

muss sie wenn sie existiert entweder ein Agens sein dessen Wirkungen sich

langsam und allmälig entwickeln oder welches in Regionen existiert hat die

außerhalb des Bereiches unserer Beobachtung liegen und das nun auf dem Punkte

steht in unserm Theile des Weltalls anzukommen Es wirken nun aber alle

Ursachen in Betreff deren wir eine Erfahrung haben nach Gesetzen welche mit

der Annahme dass ihre Wirkungen nachdem sie sich so langsam angehäuft haben

dass sie während fünftausend Jahren nicht bemerkbar waren nun in einem einzigen

Tage ins Ungeheure wachsen könnten unverträglich sind Kein mathematisches

Gesetz des Verhältnisses zwischen einer Wirkung und der Quantität oder den

Beziehungen ihrer Ursache könnte solche widersprechende Resultate hervorbringen

Die plötzliche Entwickelung einer Ursache, wovon vorher keine Spur vorhanden

war entsteht immer durch das Zusammenkommen mehrerer unterschiedener Ursachen

die vorher nicht vereinigt waren wenn aber eine solche plötzliche Vereinigung

bestimmt ist stattzufinden so müssen ihre Ursachen oder deren Ursachen während

der ganzen fünftausend Jahre existiert haben und dass sie während dieser ganzen

Periode nicht ein einziges Mal zusammentrafen beweist die große Seltenheit

dieser Verbindung Wir haben daher die Bürgschaft einer strengen Induktion um

es in einem Grade der sich von der Gewissheit nicht unterscheiden lässt als

wahrscheinlich zu betrachten dass die für den Aufgang der Sonne erforderlichen

Bedingungen morgen existieren werden

    

     3 Die eben angeführte Ausdehnung abgeleiteter Gesetze über die Grenze

der Beobachtung hinaus kann jedoch nur auf angrenzende Fälle stattfinden Wenn

wir anstatt morgen zu sagen heute über zwanzigtausend Jahre gesagt hätten so

hätte die Induktion keine Beweiskraft gehabt Dass eine Ursache, welche im

Widerstreit gegen sehr mächtige Ursachen während fünftausend Jahren keine

bemerkbare Wirkung hervorgebracht hat am Ende von zwanzigtausend Jahren eine

bedeutende Wirkung hervorbringen kann steht durchaus nicht in Widerspruch mit

unserer Erfahrung Wir kennen viele Agentien deren Wirkung sich zwar in einer

kurzen Zeit zu keiner merklichen Größe erhebt die aber durch Anhäufung während

einer längeren Zeit sehr beträchtlich wird Wenn wir überdies die ungeheure

Menge der Himmelskörper ihre großen Entfernungen und die Schnelligkeit der

Bewegung derjenigen betrachten von denen wir wissen dass sie sich bewegen so

liegt nichts der Erfahrung Widersprechendes in der Annahme dass sich irgend ein

Körper gegen uns oder dass wir uns gegen einen Körper bewegen in dessen

Wirkungskreis wir zwar seit fünftausend Jahren nicht gekommen sind der aber in

zwanzigtausend weiteren Jahren Wirkungen der außerordentlichsten Art auf uns

auszuüben vermag Auch kann die Tatsache, welche im Stand ist das Aufgehen der

Sonne zu verhindern vielleicht nicht die angehäufte Wirkung einer Ursache,

sondern eine neue Verbindung von Ursachen sein und die Zufälle welche dieser

Verbindung günstig sind können sie einmal in zwanzigtausend Jahren

hervorbringen obgleich sie dieselbe in fünftausend Jahren nicht hervorgebracht

haben Es werden also die Induktionen welche uns berechtigen künftige

Ereignisse zu erwarten immer schwächer je weiter wir in die Zukunft blicken

und zuletzt können sie gar nicht mehr geschätzt werden

    Wir haben die Wahrscheinlichkeiten des morgenden Sonnenaufgangs als von

wirklichen Gesetzen abgeleitet betrachtet dh von Gesetzen der Ursachen, von

denen jene Gleichförmigkeit abhängig sind Wir wollen nun betrachten wie die

Sache gewesen wäre wenn uns die Gleichförmigkeit nur als ein empirisches Gesetz

bekannt gewesen wäre wenn wir nicht gewusst hätten dass das Licht der Sonne

und die Umdrehung der Erde oder die Bewegung der Sonne die Ursachen sind von

denen das periodische Eintreffen des Sonnenaufganges abhängt Wir hätten dieses

empirische Gesetz auf in der Zeit angrenzende Fälle anwenden können obgleich

nicht in einer so langen Zeit wie wir es jetzt können Da wir den Beweis haben

dass die Wirkungen während fünftausend Jahren unverändert und genau verbunden

blieben so konnten wir schließen dass die unbekannten Ursachen von denen die

Verbindung abhängt während dieser Periode unvermindert und unbehindert existiert

haben Es würden daher dieselben Schlüsse folgen wie in dem vorhergehenden

Falle nur dass wir bloß wüssten dass sich während fünftausend Jahren nichts

ereignet hat was diese besondere Wirkung in bemerkbarer Weise aufhob während

wenn wir die Ursachen kennen wir eine weitere Sicherheit haben dass während

dieser Zeit in den Ursachen selbst keine Veränderung bemerkbar war die bei

irgend einem Grade der Vervielfältigung oder bei einer längeren Fortdauer die

Wirkung hätte aufheben können

    Dem Vorhergehenden muss noch hinzugefügt werden dass wenn wir die Ursachen

kennen wir im Stande sind zu beurteilen ob eine bekannte Ursache existiert

die fähig ist ihnen entgegen zu wirken während so lange sie unbekannt sind

wir nur dessen gewiss sind dass wenn sie uns wirklich bekannt wären wir ihre

Vernichtung durch wirklich existierende Ursachen voraussagen könnten Ein

bettlägeriger Indianer der den Fall des Niagara nie gesehen hat ihn aber hören

kann könnte sich einbilden das Gebrause welches er hört werde immer

fortdauern wenn er aber wüsste dass es die Wirkung eines Wasserstromes ist

der sich über einen allmälig schwindenden Felsen stürzt so wüsste er auch dass

dasselbe nach einer berechenbaren Anzahl von Jahrhunderten nicht mehr gehört

werden wird Wir sind also im Verhältnis zu unserer Unbekanntschaft mit den

Ursachen von denen das empirische Gesetz abhängt weniger sicher dass es

gültig bleiben wird und je weiter wir in die Zukunft sehen desto weniger

unwahrscheinlich wird es dass vielleicht eine der Ursachen, deren Koexistenz

der abgeleiteten Gleichförmigkeit ihre Entstehung gibt vernichtet oder dass

ihr entgegengewirkt wird Mit einer jeden Verlängerung der Zeit wächst die

Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses dh sein bisheriges

Nichteintreffen wird eine geringere Bürgschaft seines Nichteintreffens innerhalb

der gegebenen Zeit Wenn also ein jedes abgeleitete Gesetz das kein

Kausalgesetz ist mit einer der Gewissheit äquivalenten Wahrscheinlichkeit nur

auf solche Fälle ausgedehnt werden kann, die in Beziehung auf die Zeit an die

Fälle angrenzen oder nahezu angrenzen welche wir wirklich beobachtet haben so

ist dies bei bloß empirischen Gesetzen um so mehr wahr Es ist ein Glück dass

wir in Beziehung auf die Zwecke des Lebens es fast immer nur auf solche Fälle

allein auszudehnen haben

    In Beziehung auf den Ort könnte es scheinen dass ein bloß empirisches

Gesetz nicht einmal auf angrenzende Fälle ausgedehnt werden kann; dass wir keine

Gewissheit haben können dass es außerhalb des Ortes wo es speziell beobachtet

wurde wahr sein wird Die vergangene Dauer einer Ursache ist wenn sie durch

nichts vernichtet wird eine Bürgschaft für ihre zukünftige Dauer aber die

Existenz einer Ursache an einem Ort oder an einer beliebigen Anzahl von Orten

ist keine Bürgschaft für deren Existenz an einem anderen Orte indem keine

Gleichförmigkeit in den Kollokationen von urersten Ursachen existiert Wenn daher

ein empirisches Gesetz über die lokalen Grenzen in denen es durch die

Beobachtung als wahr befunden wurde ausgedehnt wird so müssen die Fälle, auf

welche es in dieser Weise ausgedehnt wird der Art sein dass sie

mutmaßlicherweise innerhalb des Einflusses derselben individuellen Agentien

liegen Wenn wir innerhalb der bekannten Grenzen des Sonnensystems oder sogar

außerhalb dieser Grenzen aber seinen Zusammenhang mit dem System durch den

Umlauf um die Sonne anzeigend einen neuen Planeten entdeckten so könnten wir

mit großer Wahrscheinlichkeit schließen dass er sich um seine Achse dreht

Alle bekannten Planeten tun dies und diese Gleichförmigkeit deutet auf eine

den ersten Aufzeichnungen astronomischer Beobachtungen vorausgängige

gemeinschaftliche Ursacheund obgleich die Natur derselben nur ein Gegenstand

der Vermutung sein kann so muss doch diese Ursache wenn sie was nicht

unwahrscheinlich ist und wie es die Theorie von Laplace voraussetzt nicht bloß

dieselbe Art Ursache sondern dieselbe individuelle Ursache etwa ein allen

Körpern auf einmal gegebener Stoß ist da sie an den äußersten Punkten des

durch die Sonne und die Planeten eingenommenen Raumes gewirkt hat aller

Wahrscheinlichkeit nach auch an einem jeden zwischenliegenden Punkte und

wahrscheinlich noch etwas weiter gewirkt haben wenn sie nicht durch eine

entgegenwirkende Ursache vernichtet wurde sie wird daher auch mit aller

Wahrscheinlichkeit auf den angenommenen neu entdeckten Planeten gewirkt haben

    Wenn daher Wirkungen welche man immer verbunden fand mit einiger

Wahrscheinlichkeit auf ein und denselben und nicht bloß einen ähnlichen

Ursprung zurückgeführt werden könnenso können wir mit großer

Wahrscheinlichkeit das empirische Gesetz ihrer Verbindung auf alle Orte

innerhalb der äußersten lokalen Grenzen in denen die Tatsachen beobachtet

worden sind, ausdehnen die Möglichkeit entgegenwirkender Ursachen in irgend

einem Teil des Gebietes vorausgesetzt Wir können dies mit noch mehr Zuversicht

tun wenn das Gesetz kein bloß empirisches ist wenn die Erscheinungenwelche

wir verbunden finden die Folgen ermittelter Ursachen sind von deren Gesetze

die Verbindung ihrer Wirkungen abgeleitet werden kann. In diesem Falle können

wir die abgeleitete Gleichförmigkeit zugleich über einen weitern Raum und mit

einer geringeren Verminderung der Wahrscheinlichkeit entgegenwirkender Ursachen

ausdehnen Das Erste weil wir anstatt der lokalen Grenzen unserer Beobachtung

der Tatsache selbst die äußersten Grenzen des ermittelten Einflusses ihrer

Ursachen einschließen können So wissen wir dass die Folge von Tag und Nacht

für alle Körper unseres Sonnensystems mit Ausnahme der Sonne selbst wahr ist

aber wir wissen dies nur weil wir mit den Ursachen bekannt sind wenn wir es

nicht wären so könnten wir unsere Behauptung nicht über die Erde und den Mond

hinaus ausdehnen da wir nur innerhalb dieser Grenzen den Beweis ihrer Wahrheit

durch die Beobachtung besitzen In Beziehung auf die Wahrscheinlichkeit

entgegenwirkender Ursachen sahen wir dass diese im Verhältnis unserer

Unbekanntschaft mit den Ursachen von denen die Naturerscheinung abhängt eine

größere Verminderung der Sicherheit herbeiführt Beider Gründe wegen ist daher

ein abgeleitetes Gesetz von dem wir wissen wie es zu zerlegen ist einer

größeren Ausdehnung auf im Raum angrenzende Fälle fähig als ein bloß

empirisches Gesetz

 
 





     1 Das Wort Analogie als der Name einer Schließweise wird allgemein

als eine Art Argument angesehen das einen induktiven Charakter hat ohne sich

jedoch zu einer vollständigen Induktion zu erheben Es gibt jedoch kein Wort

das nachlässiger und in einem mannigfaltigeren Sinne gebraucht würde als das

Wort Analogie Man gebraucht es manchmal für Schlüsse welche als Beispiele von

der strengsten Induktion dienen könnten Wately zB indem er Ferguson und

anderen Schriftstellern folgt definiert die Analogie der ursprünglichen

Bedeutung nach welche die Mathematiker ihr beilegten als die Ähnlichkeit der

Relationen Wenn ein Land Kolonien ausgeschickt hat und das Mutterland

derselben genannt wird so ist der Ausdruck in diesem Sinne analog indem er

sagen will dass die Kolonien eines Landes in derselben Relation in demselben

Verhältnis zu ihm stehen wie Kinder zu ihren Eltern Und wenn aus dieser

Ähnlichkeit des Verhältnisses irgend ein Schluss gezogen wird wie zB dass

die Kolonien dem Mutterland denselben Gehorsam und dieselbe Liebe schuldig sind

wie Kinder ihren Eltern so heißt dies ein Schluss der Analogie. Oder wenn man

aus der zugegebenen Tatsache dass Gesellschaften die für einen

gemeinschaftlichen Zweck gebildet sind wie Aktiengesellschaften am besten

durch einen von den Beteiligten gewählten Ausschuss geleitet werden beweisen

wollte dass ein Volk am vorteilhaftesten durch eine von dem Volke erwählte

Versammlung regiert wird so ist dies in dem Sinne von Wately ein Schluss der

Analogie, denn seine Grundlage ist nicht dass eine Nation gleich einer

Aktiengesellschaft oder ein Parlament gleich einem Directoriatscollegium sei

sondern dass das Parlament in demselben Verhältnis zur Nation steht wie das

Directoriatscollegium zu einer Aktiengesellschaft In einem solchen Argument

liegt aber nun kein geringer Grad von Schlussrichtigkeit Wie andere Schlüsse

aus der Ähnlichkeit kann es ganz ungültig sein oder es kann sich zu einer

vollkommenen und beweiskräftigen Induktion erheben Der Umstand in welchem sich

die zwei Fälle gleichen kann des Nachweises fähig sein dass er der wesentliche

Umstand ist derjenige von welchem alle in der besonderen Erörterung in Betracht

zu nehmenden Folgen abhängen In dem fraglichen Falle ist die Ähnlichkeit eine

Ähnlichkeit der Relation und das fundamentum relationis ist die von wenigen

Personen besorgte Führung von Geschäften an denen außer ihnen noch eine große

Anzahl anderer beteiligt sind Es mögen nun manche behaupten dass dieser den

zwei Fällen gemeinschaftliche Umstand und die verschiedenen Folgen welche

daraus hervorgehen den Hauptanteil an der Bestimmung aller jener Wirkungen

haben welche das ausmachen was wir eine gute oder schlechte Verwaltung nennen

Wenn sie dieses dartun können so hat ihr Argument die Stärke einer strengen

Induktion wenn nicht so sagt man es wäre ihnen misslungen die Analogie

zwischen den zwei Fällen zu beweisen eine Sprechweise welche einschließt

dasswenn die Analogie bewiesen werden kann, das darauf gegründete Argument

unwiderstehlich ist

    

     2 Es ist indessen im Ganzen gebräuchlicher den Namen Analogiebeweis auf

Argumente nach einer jeden Art von Ähnlichkeit insofern sie sich nicht zu

einer vollständigen Induktion erheben auszudehnen ohne die Ähnlichkeit der

Verhältnisse besonders zu unterscheiden In diesem Sinne können analoge Schlüsse

auf die folgende Formel zurückgeführt werden Zwei Dinge gleichen einander in

einer oder in mehreren Hinsichten eine gewisse Behauptung ist von dem einen

wahr daher ist sie auch von dem anderen wahr Wir haben aber hier nichts

wodurch wir die Analogie von der Induktion unterscheiden könnten da derselbe

Typus für alles Schließen aus der Erfahrung dienen wird Bei der strengsten

Induktion sowohl als bei der schwächsten Analogie schließen wir dass weil A in

einer oder mehreren Eigenschaften B gleicht es ihm auch in einer gewissen

andern Eigenschaft gleichen wird Der Unterschied besteht darin, dass bei einer

wirklichen Induktion durch eine gehörige Vergleichung von Fällen vorher gezeigt

worden ist, dass zwischen der ersten Eigenschaft oder den ersten Eigenschaften

und der letzten Eigenschaft eine unveränderliche Verbindung besteht aber in

dem was man einen analogen Schluss nennt ist eine solche Verbindung nicht

nachgewiesen Es bot sich keine Gelegenheit die Differenzmethode oder auch nur

die Methode der Übereinstimmung anzuwenden wir schließen aber und nur so

weit geht der analoge Schluss dass eine Tatsache m von der man weiß dass

sie von A wahr ist wahrscheinlicher von B wahr sein wird wenn B mit A in einer

oder einigen seiner Eigenschaften übereinstimmt obgleich kein Zusammenhang

zwischen m und diesen Eigenschaften bekannt ist als wenn gar keine

Ähnlichkeit zwischen B und einem andern Dinge von dem man weiß dass es die

Attribute m besitzt nachgewiesen werden kann.

    Zu diesem Argument ist natürlich bloß erforderlich dass es unbekannt sei

dass die A und B gemeinschaftlichen Eigenschaften mit m verknüpft sind sie

dürfen keine Eigenschaften sein von denen man weiß dass sie damit nicht

zusammenhängen Wenn entweder aus einem Eliminationsverfahren oder durch

Deduktion aus einer früheren Kenntnis der Gesetze der fraglichen Eigenschaften

geschlossen werden kann, dass sie nichts mit m zu schaffen haben so ist das

Argument der Analogie umgeworfen Die Voraussetzung muss sein dass m eine

wirklich von irgend einer Eigenschaft von A abhängige Wirkung ist ohne dass wir

wissen von welcher Wir können keine von den Eigenschaften von A als die

Ursache von m oder als durch ein Gesetz damit verbunden bezeichnen Nachdem wir

alle verworfen haben von denen wir wissen dass sie nichts damit zu schaffen

haben so bleiben noch mehrere andere übrig zwischen denen wir nicht im Stande

sind zu entscheiden von diesen übrigbleibenden Eigenschaften besitzt B eine

oder mehrere Wir glauben demnach dass hieraus mehr oder weniger gewichtige

Gründe hervorgehen um nach der Analogie zu schließen dass B das Attribut m

besitzt

    Es kann nicht bezweifelt werden dass eine jede derartige Ähnlichkeit

welche zwischen B und A nachgewiesen werden kann, außer dem sonst Vorhandenen

einen Grad von Wahrscheinlichkeit zu Gunsten des daraus gezogenen Schlusses

darbietet Wenn B in allen seinen letzten Eigenschaften A gliche so würde sein

Besitzen des Attributes m eine Gewissheit und keine Wahrscheinlichkeit sein

eine jede Ähnlichkeit welche zwischen ihnen nachgewiesen werden kann, bringt

es aber diesem Punkt um gerade so viel näher Wenn die Ähnlichkeit die einer

letzten Eigenschaft ist so wird eine Ähnlichkeit in allen von dieser letzten

Eigenschaft abhängigen abgeleiteten Eigenschaften vorhanden sein und zu diesen

kann m gehören Wenn die Ähnlichkeit die einer abgeleiteten Eigenschaft ist so

ist Grund vorhanden eine Ähnlichkeit in den letzten Eigenschaften von denen

sie abhängt und in den anderen derivativen Eigenschaftenwelche von denselben

letzten Eigenschaften abhängig sind zu erwarten Eine jede Ähnlichkeit die

nachgewiesen werden kann, gewährt einen Grund eine unbestimmte Anzahl anderer

Ähnlichkeiten zu erwarten die besondere gesuchte Ähnlichkeit wird daher

öfter unter Dingen gefunden von denen in dieser Weise bekannt ist dass sie

ähnlich sind als unter Dingen von denen uns keine Ähnlichkeit bekannt ist135

    Man könnte zB folgern dass weil die Erde das Meer und die Luft bewohnt

sind der Mond auch wahrscheinlich bewohnt ist und dies ist ein Beweis der

Analogie. Der Umstand bewohnt zu sein ist hier nicht als eine letzte

Eigenschaft angenommen sondern wie es vernünftig ist anzunehmen als eine

Folge anderer Eigenschaften und daher bei unserer Erde von einer ihrer

Eigenschaften als eines Teils des Weltalls abhängig ohne dass wir wüssten von

welcher Der Mond gleicht nur der Erde darin dass er ein fester dunkler

beinahe runder Körper ist der tätige Vulkane besitzt von der Sonne Wärme und

Licht in fast derselben Menge wie die Erde empfängt der sich um seine Achse

dreht dessen Teilchen Schwere besitzen und welcher allen den verschiedenen

aus diesen Eigenschaften hervorgehenden Gesetzen gehorcht Ich glaube niemand

wird leugnen dass wenn dies Alles wäre was wir von dem Monde wissen so würde

die Existenz von Mondbewohnern aus diesen verschiedenen Ähnlichkeiten mit der

Erde einen größeren Grad von Wahrscheinlichkeit erhalten als sie sonst haben

würde obgleich ein Versuch die Vermehrung der Wahrscheinlichkeit zu berechnen

nutzlos erscheinen würde

    Wenn aber eine jede nachgewiesene Ähnlichkeit zwischen A und B in irgend

einem Punkte von dem man nicht weiß dass er in Beziehung auf m unwesentlich

ist einen neuen Grund für die Vermutung abgibt dass B das Attribut m

besitzt so ist e contra klar dass eine Unähnlichkeit die man zwischen ihnen

nachweisen kann eine entgegengesetzte Wahrscheinlichkeit von derselben Natur

auf der anderen Seite bildet Es ist in der Tat nicht ungewöhnlich dass

verschiedene letzte Eigenschaften in einigen besonderen Fällen dieselbe

abgeleitete Eigenschaft hervorbringen aber im Ganzen ist es gewiss dass Dinge,

welche sich in ihren letzten Eigenschaften unterscheiden sich wenigstens

ebensoviel in dem Aggregat ihrer abgeleiteten Eigenschaften unterscheiden

werden und dass die unbekannten unterschiede im Durchschnitt der Fälle in

irgend einem Verhältnis zu den bekannten stehen werden Es wird daher zwischen

den bekannten Punkten der Übereinstimmung und den bekannten Punkten der

Differenz zwischen A und B eine Konkurrenz stattfinden und je nachdem man die

einen oder die anderen überwiegend hält wird die aus der Analogie abgeleitete

Wahrscheinlichkeit dafür oder dagegen sein dass B die Eigenschaft m besitzt

Der Mond zB stimmt mit der Erde in den bereits erwähnten Umständen überein

unterscheidet sich jedoch von ihr dadurch dass er kleiner ist eine

ungleichere anscheinend durchaus vulkanische Oberfläche hat und keine

Atmosphäre besitzt die das Licht zu brechen vermöchte dass er keine Wolken und

deduktiv gefolgert also auch kein Wasser besitzt Diese Unterschiede bloß

als solche betrachtet dürften vielleicht die Ähnlichkeit aufwiegen so dass

die Analogie auf keine Weise eine Vermutung darbieten würde Wenn wir aber

berücksichtigen dass einige von den Umständen welche auf dem Monde fehlen zu

den Umständen gehören welche auf der Erde die unentbehrlichen Bedingungen des

tierischen Lebens ausmachen so können wir schließen dass wenn dieses

Phänomen das Leben auf dem Monde existiert es eine Wirkung von Ursachen sein

muss die ganz verschieden sind von denjenigen von welchen es auf der Erde

abhängig ist; als eine Folge also des Unterschieds des Mondes von der Erde und

nicht der Übereinstimmung beider In diesem Lichte betrachtet ergeben alle

Ähnlichkeiten eine Vermutung gegen und nicht für sein Bewohntsein Da ein

Leben wie es hier stattfindet dort nicht existieren kann so haben wir um so

weniger Grund zu glauben er sei bewohnt je grösser seine Ähnlichkeit mit der

Erde in allen übrigen Beziehungen ist

    Es gibt aber in unserm Sonnensystem andere Körper welche eine

durchgehendere Ähnlichkeit mit der Erde haben welche eine Atmosphäre Wolken

und folglich Wasser oder eine ähnliche Flüssigkeit besitzen und sogar Zeichen

von Schnee in ihren Polargegenden darbieten während die Kälte oder Wärme

obgleich im Durchschnitt sehr verschieden von der unsrigen in einigen Gegenden

dieser Planeten wenigstens möglicherweise nicht grösser ist als in einigen

bewohnbaren Gegenden der Erde Die ermittelten Unterschiede welche diesen

Übereinstimmungen das Gegengewicht halten bestehen hauptsächlich in der

mittleren Wärme und Kälte in der Schnelligkeit der Rotation Intensität der

Schwere und ähnlichen Umständen einer mehr untergeordneten Art In Beziehung auf

diese Planeten ergibt also der Analogieschluss ein entschiedenes Übergewicht

zu Gunsten einer Ähnlichkeit mit der Erde in einer ihrer abgeleiteten

Eigenschaften in der nämlich bewohnt zu sein obgleich wir wenn wir

berücksichtigen wie unermesslich zahlreich ihre uns nicht bekannten

Eigenschaften im Vergleich mit den uns bekannten sind Betrachtungen der

Ähnlichkeit in denen die bekannten Elemente in einem so geringen Verhältnis

zu den unbekannten stehen nur ein sehr geringes Gewicht beilegen können

    Außer der Konkurrenz zwischen Analogie und Verschiedenheit kann noch eine

Konkurrenz zwischen entgegengesetzten Analogien stattfinden Der neue Fall kann

Fällen worin m existiert in einigen Umständen ähnlich sein aber in andern

Umständen kann er Fällen ähnlich sein worin es nicht existiert Die Ambra hat

einige Eigenschaften mit den Pflanzen andere mit Mineralprodukten gemein Ein

Gemälde von einem unbekannten Ursprung kann in einigen seiner Charaktere

bekannten Werken irgend eines Meisters gleichen in anderen kann es jedoch

Kunstwerken höchst ähnlich sehen von denen man weiß dass sie nicht von diesem

Meister herrühren Eine Vase kann einige Analogie mit Werken griechischer

etruskischer oder ägyptischer Kunst haben Wir setzen natürlich voraus dass sie

nicht irgend eine Eigenschaft besitzt von welcher durch eine hinreichende

Induktion ermittelt worden ist, dass sie ein entscheidendes Merkmal von dem

einen oder dem andern ist

    

     3 Da der Werth eines analogen Schlusses der eine Ähnlichkeit aus

anderen Ähnlichkeiten folgerte ohne einen vorhergängigen Beweis eines

Zusammenhangs zwischen denselben von der Größe der ermittelten Ähnlichkeit im

Vergleich erstlich mit der Größe des Unterschiedes und zunächst mit dem Umfang

der unermittelten Eigenschaften abhängt so folgtdass da wo die Ähnlichkeit

sehr groß der ermittelte Unterschied sehr gering und unsere Kenntnis des

Gegenstandes ziemlich ausgedehnt ist das Argument der Analogie in Beziehung auf

Strenge einer gültigen Induktion sehr nahe kommen kann Wenn wir nach einer

häufigen Beobachtung von B finden dass es mit A in neun von zehn bekannten

Eigenschaften übereinstimmt so können wir mit einer Wahrscheinlichkeit von neun

zu eins schließen dass es eine jede abgeleitete Eigenschaft von A ebenfalls

besitzen wird Wenn wir zB ein unbekanntes Thier oder eine unbekannte Pflanze

entdecken welche einer bekannten Pflanze in der größten Anzahl der

Eigenschaftenwelche wir daran entdecken ähnlich in wenigen aber davon

verschieden ist so dürfen wir mit Recht erwarten in dem nicht beobachteten

Rest ihrer Eigenschaften eine allgemeine Übereinstimmung mit den Eigenschaften

der ersteren aber auch einen der Größe der beobachteten Abweichung

proportionalen Unterschied zu finden

    Es scheint also dass die aus der Analogie abgeleiteten Schlüsse nur dann

von einem beträchtlichen Wert sind wenn der Fall ein angrenzender ist

angrenzend nicht wie früher in Raum und Zeit sondern in Umständen In dem Falle

von Wirkungen, deren Ursachen nur unvollkommen oder gar nicht bekannt sind wenn

folglich die beobachtete Ordnung ihres Vorkommens sich nur zu einem empirischen

Gesetze erhebt geschieht es oft dass die Bedingungen welche koexistierten als

die Wirkungen beobachtet wurden jedesmal sehr zahlreich waren Wenn sich nun

ein neuer Fall darbietet in welchem nicht alle diese Bedingungen aber der bei

weitem größte Teil von ihnen existiert und nur eine oder einige fehlen so

wird sich der Schluss dass die Wirkung ungeachtet dieses Mangels an

vollständiger Ähnlichkeit mit den Fällen in denen sie beobachtet wurde

eintreten wird obgleich er von der Natur der Analogie ist zu einem hohen Grad

von Wahrscheinlichkeit erheben Es ist kaum nötig hinzuzufügen dass wie

beträchtlich diese Wahrscheinlichkeit auch sein mag doch kein kompetenter

Naturforscher sich damit zufrieden stellen wird wenn es möglich ist eine

vollständige Induktion zu erhalten sondern er wird die Analogie als einen

bloßen Wegweiser betrachten der ihm die Richtung zeigt in welcher eine

strengere Untersuchung anzustellen ist

    In der letzteren Beziehung haben Betrachtungen der Analogie den höchsten

philosophischen Werth Die Fälle, in denen der Analogiebeweis an sich selbst

einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit darbietet sind wie wir eben

bemerkt haben nur diejenigen in welchen die Ähnlichkeit sehr groß und

umfassend ist es gibt aber keine noch so schwache Analogie welche nicht

dadurch von dem höchsten Wert sein könnte dass sie auf Beobachtungen und

Versuche leitet welche zu positiveren Schlüssen führen Wenn die Agentien und

ihre Wirkungen außerhalb des Bereichs weiterer Beobachtungen oder Versuche

liegen wie in unserer obigen Betrachtung in Beziehung auf den Mond und die

Planeten angeführt wurde so sind solche geringe Wahrscheinlichkeiten nichts als

ein interessantes Thema für eine angenehme Übung unserer Phantasie aber irgend

eine noch so geringe Vermutung welche einen scharfsinnigen Menschen auf einen

Versuch führt oder einen Grund abgibt den einen Versuch eher als den andern

zu machen kann in der Naturforschung die größten Dienste leisten

    Obgleich ich aus diesem Grunde keiner von denjenigen Hypothesen als

positiven Lehren beipflichten kann welche einer letzten Prüfung durch wirkliche

Induktion nicht fähig sind wie die beiden Theorien vom Licht die

Emissionstheorie des vorigen Jahrhunderts und die in dem gegenwärtigen

Jahrhundert herrschende Undulationstheorie so kann ich doch nicht mit

denjenigen übereinstimmen welche diese Hypothesen mit gänzlicher

Geringschätzung betrachten »Eine jede Hypothese« sagt Hartley und ihm stimmt

der ihm fast diametral gegenüberstehende Dugald Stewart hierin bei »welche so

viel Schein von Wahrheit besitzt um eine bedeutende Anzahl von Tatsachen zu

erklären hilft uns diese Tatsachen in der gehörigen Ordnung verstehen neue

entdecken und experimenta crucis für künftige Untersuchungen machen«136 Wenn

eine Hypothese nicht allein bekannte Tatsachen zu erklären vermag sondern wenn

sie uns auch zu der Voraussagung anderer unbekannter und seitdem durch die

Erfahrung bestätigter Tatsachen geführt hat so müssen die Gesetze des

Phänomens welches der Gegenstand der Untersuchung ist wenigstens eine große

Ähnlichkeit mit denjenigen der Klasse von Erscheinungen haben denen sie die

Hypothese assimiliert und da die Analogie welche so weit geht sich

wahrscheinlich noch weiter erstrecken kann so ist nichts geeigneter auf

Experimente zu führen welche Licht auf die wirklichen Eigenschaften des

Phänomens werfen können als das Verfolgen einer solchen Hypothese Zu diesem

Zwecke ist es jedoch keineswegs nötig dass man irrtümlich die Hypothese für

eine wissenschaftliche Wahrheit halte Im Gegenteil ist die Täuschung in dieser

Beziehung wie in jeder anderen ein Hindernis für den Fortschritt einer

wirklichen Erkenntnis indem sie die Menschen verleitet sich willkürlich auf

die besondere Hypothese zu beschränken welche gerade am meisten in Ansehen

steht anstatt eine jede Klasse von Erscheinungen aufzusuchen deren Gesetze mit

denen des gegebenen Phänomens eine Ähnlichkeit haben und alle Versuche

anzustellen welche zur Entdeckung weiterer Analogien in derselben Richtung

geeignet sind

 
 



                           



     1 Wir haben nun die Prüfung der logischen Prozesse durch welche die

Gesetze oder Gleichförmigkeit der Folge von Naturerscheinungen und diejenigen

Gleichförmigkeit in ihrer Koexistenz welche von den Gesetzen ihrer Folge

abhängen bestimmt oder geprüft werden vollendet Wir erkannten sogleich im

Anfang und im Verlauf unserer Untersuchung wurde es noch deutlicher dass die

Basis dieses logischen Verfahrens die Allgemeinheit Universalität des

Kausalgesetzes ist Die Gültigkeit aller induktiven Methoden hängt von der

Annahme ab dass ein jedes Ereignis oder der Anfang eines jeden Phänomens eine

Ursache, ein Antezedens haben muss von dessen Existenz es unveränderlich und

unbedingt die Folge ist Bei der Methode der Übereinstimmung ist dies

einleuchtend indem diese Methode nach der Voraussetzung verfährt dass wir die

wahre Ursache gefunden haben sobald wir jede andere verneint haben Die

Behauptung ist von der Differenzmethode gleich wahr Diese Methode erlaubt uns

ein allgemeines Gesetz aus zwei Fällen zu folgern aus einem Fall in welchem A

mit einer Menge anderer Umstände existiert und B darauf folgt und einem andern

in welchem nachdem A entfernt ist während alle anderen Umstände dieselben

geblieben sind B verhindert wird Was beweist dies aber Es beweist dass B in

dem besonderen Falle keine andere Ursache gehabt haben kann als A aber daraus zu

schließen dass A die Ursache war oder dass auf A auch bei anderen

Gelegenheiten B folgen wird ist nur unter der Voraussetzung erlaubt dass B

irgend eine Ursache haben muss dass in einem jeden einzelnen Falle in dem es

vorkommt unter seinen Antecedentien eines sein muss welches die Fähigkeit

besitzt es wiederholt hervorzubringen Wenn dies zugegeben wird so sieht man

dass in dem fraglichen Falle das Antezedens kein anderes gewesen sein kann als A

 aber dass wenn es kein anderes als A ist es A sein muss ist durch diese

Fälle wenigstens nicht bewiesen sondern als zugestanden angesehen Es wäre ein

unnötiger Zeitverlust dasselbe von den übrigen induktiven Methoden zu

beweisen Die Allgemeinheit des Kausalgesetzes ist bei allen vorausgesetzt

    Ist aber diese Annahme verbürgt Ohne Zweifel könnte man sagen sind die

meisten Naturerscheinungen als Wirkungen mit irgend einem Antezedens oder einer

Ursache verknüpft dh sie werden nie hervorgebracht ohne dass ihnen eine

nachweisbare Tatsache vorausgeht aber der Umstand dass oft verwickelte

induktive Prozesse notwendig sind zeigt dass es Fälle gibt in welchen diese

regelmäßige Ordnung der Aufeinanderfolge unserm einfachen Fassungsvermögen

nicht so zugänglich ist Wenn daher das Verfahren welches diese Fälle in

dieselbe Kategorie wie die übrigen bringt verlangt dass wir die Allgemeinheit

gerade des Gesetzes wovon sie beim ersten Anblick nicht Fälle zu sein scheinen

voraussetzen ist dies denn in der Tat nicht petitio principii Können wir eine

Behauptung durch ein Argument beweisen welches die Behauptung als zugestanden

annimmt Und wenn sie so nicht bewiesen wird worauf beruht denn der Beweis

    Für diese Schwierigkeit welche ich absichtlich in den stärksten Ausdrücken

deren sie fähig ist angegeben habe hat die metaphysische Schule welche in

diesem Lande lange geherrscht hat ein leichtes Auskunftsmittel gefunden Sie

behauptet die Allgemeinheit des Kausalgesetzes sei eine Wahrheit wovon sich

uns der Glaube aufdringt der Glaube daran sei ein Instinkt eines der Gesetze

unserer glaubenden Fähigkeiten Als einen Beweis hiervon fuhrt sie an und weiß

nichts Anderes anzuführen als dass Jedermann es glaubt es wird unter den in

ihrem Verzeichnis etwas zu häufig vorkommenden Behauptungen aufgeführt welche

logisch bestritten werden könnten und vielleicht logisch nicht zu beweisen sind

die aber von einer höheren Autorität als die Logik sind und in Beziehung auf

welche sogar derjenige welcher sie in der Theorie leugnet durch die gewohnte

Praxis zeigt dass seine eigenen Argumente keinen Eindruck auf ihn machen

    Ich habe nicht die Absicht in eine Erörterung der Verdienste dieser Frage

als eines Problems der Psychologie einzugehen ich muss aber wiederholt dagegen

protestieren dass man als Beweis der Wahrheit einer Tatsache in der äußeren

Natur die wenn auch noch so starke Neigung des menschlichen Geistes anführt

diese Wahrheit zu glauben Glaube ist kein Beweis und befreit nicht von der

Notwendigkeit des Beweises. Ich weiß wohl einen Beweis für ein Urteil

verlangen von dem angenommen wird dass wir es instinktiv glauben heißt sich

der Anklage aussetzen man verwerfe alle Autorität der menschlichen Fähigkeiten

was natürlich kein Mensch konsequenterweise tun könnte da ein jeder nur

vermittelst der menschlichen Fähigkeiten urteilen kann Und insofern die

Bedeutung des Wortes Beweis der Voraussetzung nach etwas ist was wenn es dem

Geiste dargeboten wird diesen zu glauben veranlasst so nimmt man an dass

einen Beweis verlangen wenn der Glaube durch die Gesetze des Geistes selbst

versichert ist von dem Verstand an den Verstand appellieren heiße Dies ist

jedoch wie ich glaube ein Missverstehen der Natur des Beweises. Unter Beweis

ist nicht etwas alles verstanden was Glauben erzeugt Es gibt viele Dinge,

welche ohne Beweis Glauben erzeugen Eine bloße starke Ideenassoziation

verursacht oft einen so starken Glauben dass er durch Erfahrung oder

Argumentation nicht zu erschüttern ist Der Beweis ist nicht das dem sich der

Geist unterwirft oder dem er sich unterwerfen muss sondern das dem er sich

unterwerfen sollte dh dadurch dass er sich demselben unterwirft wird sein

Glaube in Überstimmung mit den Tatsachen gebracht Es gibt im allgemeinen

keine Berufung von den menschlichen Fähigkeiten aus aber es gibt eine Berufung

von der einen menschlichen Fähigkeit an eine andere von dem Urteilsvermögen an

das Vermögen welches von den Tatsachen Kenntnis nimmt an das Vermögen der

Sinne und des Bewusstseins. Die Rechtmäßigkeit dieser Berufung ist zugegeben

so oft man zugesteht dass unsere Urteile mit den Tatsachen übereinstimmen

müssen Sagen der Glaube genüge für seine eigene Rechtfertigung heißt die

Meinung zur Probe der Meinung machen heißt die Existenz eines jeden äußeren

Maßstabes dessen Übereinstimmung mit der Meinung deren Wahrheit ausmacht

leugnen Wir nennen die eine Bildungsweise von Meinungen richtig und die andere

falsch weil die eine die Meinung mit den Tatsachen in Einklang zu bringen

sucht die andere aber nicht  weil sie die Menschen das zu glauben veranlasst

was wirklich ist und sie das zu erwarten veranlasst was wirklich sein wird

Nun ist aber eine wenn auch für instinktiv gehaltene bloße Neigung zu glauben

keine Bürgschaft für die Wahrheit des geglaubten Dinges Wenn sich der Glaube in

der Tat zu einer unwiderstehlichen Notwendigkeit erheben sollte so wäre es

nutzlos von ihm aus zu appellieren weil dann keine Möglichkeit vorhanden wäre

ihn zu ändern Aber sogar hieraus würde die Wahrheit des Glaubens nicht folgen

es würde bloß folgen dass die Menschen einer beständigen Notwendigkeit

unterworfen sind zu glauben was möglicherweise nicht wahr ist mit anderen

Worten, dass ein Fall eintreten könnte in dem unsere Sinne oder unser

Bewusstsein wenn an sie appelliert werden könnte für das eine Ding zeugen

würden und dass unsere Vernunft ein anderes Ding glauben würde In der Tat ist

aber eine solche beständige Notwendigkeit nicht vorhanden Es gibt kein

Urteil von dem behauptet werden könnte ein jeder menschliche Geist müsse es

ewig und unwiderruflich glauben Viele von den Urteilen von denen dies mit der

größten Zuversicht behauptet worden ist, fanden bei einer großen Anzahl

menschlicher Wesen nur Unglauben Der Dinge, von denen man annahm dass sie

jemand unwiderstehlich glauben müsse sind unzählige aber nicht zwei

Generationen würden einen gleichen Katalog von ihnen anfertigen Ein Jahrhundert

oder eine Nation glaubt unbedingt was der andern unglaublich und unbegreiflich

scheint das eine Individuum hat nicht eine Spur von dem Glauben den das andere

für der Menschheit absolut inwohnend hält kein einziger dieser supponierten

instinktmäßigen Glauben ist wirklich unvermeidlich Es steht in der Macht eines

jeden Denkgewohnheiten zu pflegen die ihn von diesen Glauben unabhängig

machen

    Die Gewohnheit der philosophischen Analyse deren sicherste Wirkung ist den

Geist zu befähigen die Gesetze des bloß passiven Theiles seiner eigenen Natur

zu beherrschen anstatt davon beherrscht zu werden indem sie uns zeigt dass

Dinge nicht notwendig tatsächlich verknüpft sein müssen weil die Ideen von

ihnen in unserem Geiste verknüpft sind ist vermögend unzählige

Ideenassoziationen welche despotisch über den ungebildeten Geist herrschen zu

lösen und diese Gewohnheit ist nicht ohne Gewalt sogar über diejenigen

Assoziationen welche die erwähnte philosophische Schule als angeboren und

instinktiv betrachtet Ich habe die Überzeugung dass ein Jeder der an

Abstraktion und Analyse gewöhnt ist und der seine Fähigkeiten aufrichtig dazu

gebraucht wenn seine Einbildungskraft einmal gelernt hat die Vorstellung

aufzunehmen und zu hegen keine Schwierigkeit finden wird sich vorzustellen

dass zB in einem der vielen Firmamente in welche die Astronomie jetzt das

Universum einteilt Ereignisse aufs Geratewohl und ohne ein bestimmtes Gesetz

auf einander folgen können auch liegt in unserer Erfahrung oder in unserem

Geiste nichts was einen hinreichenden oder in der Tat auch nur irgend einen

Grund abgeben könnte zu glauben dass dies nirgends der Fall sei

    Wenn wir annehmen würden was wir vollkommen möglich finden zu denken die

gegenwärtige Ordnung des Weltalls ginge zu Ende und es folgte ein Chaos in dem

keine feste Ordnung in der Sukzession der Ereignisse bestände und wo das

Vergangene keine Sicherheit für das Zukünftige gäbe und wenn ein menschliches

Wesen wunderbarerweise am Leben erhalten worden wäre um diese Veränderung zu

sehen so würde es da Gleichförmigkeit nicht länger mehr vorhanden wäre bald

aufhören an irgend eine Gleichförmigkeit zu glauben Wenn dies zugegeben wird

so ist der Glaube an Gleichförmigkeit entweder überhaupt kein Instinkt oder er

ist ein Instinkt der wie jeder andere Instinkt durch erlangtes Wissen

überwunden werden kann.

    Aber wir brauchen nicht Betrachtungen anzustellen über das was sein würde

wenn wir positive und gewisse Kenntnis von dem haben was gewesen ist Es ist

tatsächlich nicht wahr dass die Menschen immer geglaubt haben alle

Sukzessionen von Vorgängen seien gleichförmig und fänden nach festen Gesetzen

statt Die griechischen Philosophen sogar Aristoteles nicht ausgenommen

anerkannten den Zufall und die Willkür tyxê und to automaton als zu den

Agentien in der Natur gehörig mit anderen Worten, sie glaubten dass soweit

keine Gewähr dafür vorhanden wäre dass die Vergangenheit sich selbst

gleichgeblieben sei oder dass die Zukunft der Vergangenheit gleichen werde

Gegenwärtig sogar betrachtet die halbe philosophische Welt mit Einschluss

gerade derjenigen Metaphysiker welche für den instinktiven Charakter des

Glaubens an Gleichförmigkeit streiten eine sehr wichtige Klasse von

Erscheinungen, die Willensakte als eine Ausnahme von der Gleichförmigkeit und

als nicht unter der Herrschaft fester Gesetze stehend137

    

     2 Es ist schon früher erwähnt worden138 dass der Glaube an die

Allgemeinheit des Kausalgesetzes selbst eine Induktion und zwar keineswegs eine

der frühesten sei welche die Menschen gemacht haben konnten Wir gelangen zu

diesem universalen Gesetz durch Generalisationen von vielen Gesetzen von einer

geringeren Allgemeinheit Wir würden niemals den Begriff von Kausalität im

philosophischen Sinn als von einer Bedingung aller Erscheinungen gehabt haben

wenn wir nicht mit vielen Fällen von Verursachung oder mit anderen Worten, mit

vielen partiellen Gleichförmigkeit der Folge vorher vertraut geworden wären

Die deutlicheren der besonderen Gleichförmigkeit leiten auf die allgemeine

Gleichförmigkeit und beweisen dieselbe und wenn diese allgemeine

Gleichförmigkeit einmal dargetan ist so setzt sie uns in den Stand den Rest

der besonderen Gleichförmigkeit aus denen sie zusammengesetzt ist zu

beweisen Da indessen eine jede strenge Induktion die allgemeine

Gleichförmigkeit voraussetzt so war unsere Kenntnis der besonderen

Gleichförmigkeit aus denen sie zuerst gefolgert wurde natürlicherweise nicht

aus einer strengen Induktion sondern sie war aus der lockeren und ungewissen

Art von Induktion per enumerationem simplicem abgeleitet und da das allgemeine

Kausalgesetz aus so erhaltenen Resultaten gefolgert wurde so kann es nicht

selbst auf einer besseren Grundlage beruhen

    Es dürfte daher scheinen dass die Induktion per enumerationem simplicem

nicht allein nicht notwendig ein unerlaubtes logisches Verfahren sondern dass

sie in Wirklichkeit die einzig mögliche Art Induktion istindem das

vollkommenere Verfahren in Beziehung auf Gültigkeit von einem Gesetz abhängt das

selbst in dieser kunstlosen Weise erhalten wurde Ist es denn nicht

inkonsequent die Lockerheit der einen Methode mit der Strenge der anderen zu

vergleichen wenn letztere ihre Strenge der lockern Methode verdankt

    Die Inkonsequenz ist aber nur eine scheinbare Wenn die Induktion durch

einfache Aufzählung ein ungültiges Verfahren wäre so könnte sicherlich kein

darauf gegründetes Verfahren gültig sein gerade wie wir uns nicht auf Teleskope

verlassen könnten wenn wir unseren Augen nicht trauen dürften Aber wenn sie

auch ein gültiges Verfahren ist so ist sie doch ein fehlbares und dies zwar in

verschiedenem Grade Wenn wir daher den fehlbareren Formen des Verfahrens eine

Operation substituieren können die auf dasselbe Verfahren in einer weniger

fehlbaren Form gegründet ist so haben wir eine wichtige Verbesserung zu Stande

gebracht

    Ein Schließen aus der Erfahrung muss für unzuverlässig erklärt werden, wenn

es durch spätere Erfahrung nicht bestätigt wird Diesem Kriterium nach bietet

die Induktion durch bloße Aufzählung  mit anderen Worten, die Generalisation

einer beobachteten Tatsache aus der bloßen Abwesenheit eines jeden bekannten

gegenteiligen Falles  einen prekären und unsicheren Grund für Gewissheit denn

bei weiterer Erfahrung entdeckt man von solchen Generalisationen beständig dass

sie falsch sind Sie bietet indessen in vielen Fällen eine hinreichende

Gewissheit um uns in der gewöhnlichen Praxis darnach richten zu können Es wäre

absurd zu sagen die von den Menschen beim Beginn ihrer Erfahrung gemachten

Generalisationen wie die folgenden Speise nährt Feuer brennt Wasser

überschwemmt verdienten kein Vertrauen139 In den Resultaten der ursprünglichen

unwissenschaftlichen Induktion existiert eine Abstufung von Zuverlässigkeit und

von dieser Verschiedenheit wie im vierten Kapitel dieses Buches bemerkt wurde

sind die Regeln für die Verbesserung des Verfahrens abhängig Die Verbesserung

besteht darin, dass man die eine dieser kunstlosen Generalisationen durch die

andere korrigiert Es ist bereits gezeigt worden dass dies alles ist was die

Kunst tun kann Eine Generalisation dadurch erproben dass man zeigt dass sie

entweder aus einer stärkeren Induktion folgt oder ihr widerspricht indem manche

Generalisationen auf einer breiteren erfahrungsgemäßen Grundlage ruhen ist der

Anfang und das Ende der induktiven Logik

    

     3 Die Unsicherheit der Methode der einfachen Aufzählung steht nun zum

Umfang der Generalisation in einem umgekehrten Verhältnis Das Verfahren ist

täuschend und unzureichend genau in dem Verhältnis als der Gegenstand der

Beobachtung speziell und in Umfang beschränkt ist Wenn seine Sphäre sich

erweitert so verringert sich die Unsicherheit dieser unwissenschaftlichen

Methode und die universalste Klasse von Wahrheiten das Kausalgesetz zB und

die Prinzipien der Zahlenlehre und der Geometrie, werden durch diese Methode

allein genau und genügend bewiesen und sind auch gar keines andern Beweises

fähig

    In Beziehung auf die ganze Klasse von Generalisationen welche wir oben

abgehandelt haben in Beziehung auf die Gleichförmigkeit welche von einer

Verursachung abhängig sind folgt die Wahrheit der soeben gemachten Bemerkung

durch einen einleuchtenden Schluss aus den in den früheren Kapiteln

niedergelegten Prinzipien Wenn eine Tatsache so und sovielmal als wahr

beobachtet worden ist, und kein Fall bekannt ist worin sie sich als falsch

erwiesen hätte und wenn wir nun sogleich behaupten diese Tatsache sei eine

allgemeine Wahrheit oder ein Naturgesetz ohne sie durch irgend eine der vier

Methoden der Induktion zu prüfen oder sie deduktiv von anderen bekannten

Gesetzen abzuleiten so werden wir im Allgemeinen einen groben Irrtum begehen

wir sind aber vollkommen gerechtfertigt wenn wir sie für ein empirisches Gesetz

halten das innerhalb gewisser Grenzen von Zeit Ort und Umständen wahr ist

insofern nur die Anzahl von Koincidenzen grösser ist als mit Wahrscheinlichkeit

dem Zufall zugeschrieben werden kann. Man darf das Gesetz nicht über jene

Grenzen hinaus ausdehnen weil die Tatsache seiner Gültigkeit innerhalb dieser

Grenzen eine Folge von Kollokationen sein kann in Beziehung auf welche man

nicht schließen kann dass sie an einem Orte existieren werden weil sie an

einem andern existieren oder weil sie von der zufälligen Abwesenheit

entgegenwirkender Agentien abhängen kann welche durch irgend eine Veränderung

von Zeit oder durch die geringste Veränderung der Umstände in Tätigkeit

gesetzt werden können. Wenn wir daher den Gegenstand einer Generalisation soweit

verbreitet annehmen dass es keine Zeit keinen Ort und keine Verbindung von

Umständen gibt welche nicht ein Beispiel seiner Wahrheit oder seiner

Unwahrheit darböten und wenn er nie anders als wahr befunden wird so kann

seine Wahrheit nicht von einer Kollokation abhängen es müsste denn eine

Kollokation sein welche zu allen Zeiten und an allen Orten existiert noch kann

er durch irgend entgegenwirkende Agentien aufgehoben werden es müssten denn

Agentien sein die in der Wirklichkeit niemals vorkommen Es ist daher ein

empirisches Gesetz das soweit geht als alle menschliche Erfahrung bei diesem

Punkte verschwindet aber der Unterschied zwischen empirischen Gesetzen und

Naturgesetzen und die Behauptung tritt in die höchste Reihe von Wahrheiten,

welche der Wissenschaft zugänglich sind

    Nun ist aber das Kausalgesetz die in ihrem Gegenstand am weitesten gehende

durch die Erfahrung verbürgte Generalisation bezüglich der Sequenzen und

Koexistenzen der ErscheinungenIn Betreff der Allgemeinheit, und folglich wenn

die vorhergehenden Betrachtungen richtig sind in Betreff der Gewissheit steht

es allen beobachteten Gleichförmigkeit voran Und wenn wir betrachten nicht

was die Menschheit in der Kindheit ihres Wissens zu glauben gerechtfertigt

gewesen wäre sondern was sie in dem jetzigen vorgeschrittenen Zustand ihres

Wissens vernunftgemäß glauben darf so werden wir uns berechtigt fühlen dieses

fundamentale Gesetz obgleich selbst durch Induktion von besonderen

Kausalgesetzen erhalten für nicht weniger gewiss sondern im Gegenteil für

gewisser zu halten als ein jedes der Gesetze aus denen es gezogen wurde Es

fügt soviel Beweis zu diesen hinzu als es von ihnen empfangt denn es gibt

wahrscheinlich sogar unter den am besten festgestellten spezielleren

Kausalgesetzen nicht ein einziges das nicht zuweilen aufgehoben würde und in

Betreff dessen sich nicht scheinbare Ausnahmen darböten welche notwendig und

mit Recht das Vertrauen der Menschen zu diesen Gesetzen erschüttert hätten wenn

uns nicht auf das allgemeine Gesetz gegründete induktive Prozesse in den Stand

gesetzt hätten diese Ausnahmen auf die Tätigkeit entgegenwirkender Ursachen zu

beziehen und sie dadurch mit dem Gesetz dem sie anscheinend widerstritten zu

versöhnen Überdies konnten sich in die Darstellung eines jeden der speziellen

Gesetze durch Nichtbeachtung eines wesentlichen Umstands Irrtümer

eingeschlichen haben und anstatt des wahren Urteils konnte ein anderes

ausgesagt worden sein das obgleich in allen bisher beobachteten Fällen zu

demselben Resultat führend als ein allgemeines Gesetz falsch ist Ausnahmen von

dem Kausalgesetz dagegen kennen wir nicht allein nicht sondern die Ausnahmen

welche die speziellen Gesetze beschränken oder scheinbar ungültig machen sind

so weit entfernt dem allgemeinen Gesetz zu widersprechen dass sie dasselbe

sogar bestätigen indem wir in allen unserer Beobachtung offen genug liegenden

Fällen im Stande sind den unterschied des Resultats entweder auf die

Abwesenheit einer Ursache, die in gewöhnlichen Fällen vorhanden war oder auf

die Gegenwart einer sonst abwesenden Ursache zurückzuführen

    Da das Gesetz von Ursache und Wirkung soweit gewiss ist so kann es seine

Gewissheit allen anderen induktiven Urteilen mittheilen die daraus abgeleitet

werden können, und die engeren Induktionen können angesehen werden, als

erhielten sie ihre letzte Bestätigung von diesem Gesetz indem sich keine

einzige unter ihnen findet die nicht gewisser würde als sie vorher war wenn

wir im Stande sind sie mit dieser weiteren Induktion zu verbinden und zu

zeigen dass in Übereinstimmung mit diesem Gesetz nicht geleugnet werden kann,

dass alles was zu existieren beginnt eine Ursache hat Die scheinbare

Inkonsequenz die Induktion durch einfache Aufzählung für den Beweis dieser

allgemeinen das Fundament der wissenschaftlichen Induktion bildenden Wahrheit

als gültig zu erachten und ihr in Beziehung auf die engere Induktion die

Verlässlichkeit abzusprechen hat daher ihre Rechtfertigung gefunden Ich gebe

vollständig zu dass wenn das Kausalgesetz nicht bekannt wäre in den

ersichtlicheren Fällen von Gleichförmigkeit in den Erscheinungen Generalisation

dennoch möglich wäre und wenn sie auch in allen Fällen mehr oder weniger prekär

und in manchen äußerst prekär wäre so würde sie doch für die Herstellung eines

gewissen Maßes der Wahrscheinlichkeit genügen was aber die Größe dieser

Wahrscheinlichkeit sein könnte brauchen wir nicht zu berechnen da sie niemals

den Grad von Gewissheit erreichen würde den das Urteil erlangt wenn sich

durch die Anwendung der vier Methoden auf dasselbe die Annahme seines

Falschseins als mit dem Kausalgesetz unverträglich herausstellt Wir sind daher

logisch berechtigt und durch die Bedürfnisse einer wissenschaftlichen Induktion

aufgefordert die aus den frühen rohen Methoden des Generalisierens abgeleiteten

Wahrscheinlichkeiten hintanzusetzen und keine engere Generalisation für

bewiesen zu betrachten ausgenommen soweit sie durch das Kausalgesetz bestätigt

wird und keine für wahrscheinlich ausgenommen soweit man vernunftgemäß

erwarten kann sie so bestätigt zu sehen

    

     4 Für die Rechtfertigung der wissenschaftlichen Induktionsmethode

gegenüber der unwissenschaftlichen wenn auch die wissenschaftliche immerhin auf

der unwissenschaftlichen beruht mögen die vorhergehenden Betrachtungen genügen

Zur Stütze der Regeln der Induktion ist nur nötig dass die Generalisation aus

welcher das allgemeine Kausalgesetz hervorgeht eine stärkere und bessere

Induktion sei eine Induktion die mehr Vertrauen verdient als irgend eine der

untergeordneten Generalisationen Ich glaube aber wir dürfen noch einen Schritt

weiter gehen und die Gewissheit dieser großen Induktion nicht bloß als

relativ sondern für alle praktischen Zwecke auch als absolut betrachten

    Die Betrachtungen welche in unseren Tagen dem Beweis des Gesetzes von der

Gleichförmigkeit der Sukzession als von allen Naturerscheinungen ohne Ausnahme

wahr diesen Charakter von Vollständigkeit und Bündigkeit verleihen sind meiner

Ansicht nach die folgenden  erstens wir wissen nun direkt dass es für bei

weitem die größte Anzahl von Naturerscheinungen wahr ist und wir kennen keine

Erscheinungen für die es nicht wahr wäre indem man in dieser Beziehung

höchstens sagen könnte dass man bei einigen seine Wahrheit nicht auf einen

direkten Beweis hin behaupten kann während Erscheinung auf Erscheinung in dem

Maß als wir besser damit bekannt werden beständig aus der letzteren Klasse in

die erstere übergeht und in allen Fällenin denen dieser Übergang noch nicht

stattgefunden hat die Abwesenheit eines direkten Beweises durch die Seltenheit

oder das Dunkel der Erscheinungen, durch unsere mangelhaften Mittel der

Beobachtung, oder durch die logischen Schwierigkeiten welche aus der

Verwicklung der Umstände in welchen sie stattfinden erklärt wird so dass

ungeachtet einer eben so strengen Abhängigkeit von gegebenen Bedingungen als

sie bei einer jeden andern Naturerscheinung stattfindet es nicht wahrscheinlich

war dass wir mit jenen Bedingungen besser bekannt werden konnten als wir es

sind Außer dieser ersten Art von Betrachtungen gibt es noch eine zweite

welche den Schluss noch mehr bestärkt Obgleich es Naturerscheinungen gibt

deren Erzeugung und deren Veränderungen sich allen unseren Versuchen sie

allgemein auf ein bestimmtes Gesetz zurückzuführen entziehen so findet man

dennoch bei einem jeden derartigen Fall dass die Naturerscheinung oder die

daran beteiligten Gegenstände in manchen Fällen bekannten Naturgesetzen

gehorchen Der Wind zBist das Bild der Ungewissheit und der Laune wir finden

aber dennoch dass er in manchen Fällen mit einer eben so großen Beständigkeit

wie eine jede andere Naturerscheinung dem Gesetz des Bestrebens der

Flüssigkeiten sich in einer Weise zu verteilen dass der Druck auf ihre

Teilchen von allen Seiten gleich ist gehorcht wie dies bei den Passatwinden

und den Monsoons der Fall ist. Von dem Blitze konnte man ehemals annehmen er

gehorche keinen Gesetzen aber seitdem man ermittelt hat dass er mit der

Elektrizität identisch ist wissen wir dass dieses Phänomen in mancher

Beziehung unbedingt festen Gesetzen gehorcht Ich glaube nicht dass es

innerhalb der Grenzen unseres Sonnensystems gegenwärtig einen Gegenstand oder

einen Vorgang in unserer ganzen Kenntnis der Natur gibt wovon nicht durch

direkte Beobachtung entweder ermittelt wäre dass er seinen eigenen Gesetzen

folgt oder wovon nicht bewiesen wäre dass er Gegenständen und Vorgängen

welche sich in einer uns geläufigeren Weise oder nach einem kleineren Maßstabe

kundgeben und hierin strengen Gesetzen folgen genau ähnlich sieht Unsere

Unfähigkeit dieselben Gesetze wenn sie nach einem größeren Maßstabe und in

den dunkleren Fällen wirken nachzuweisen erklärt sich durch die Zahl der

modifizierenden Ursachen oder durch ihre Unzugänglichkeit für die Beobachtung

    Der Fortschritt der Erfahrung hat daher den Zweifel zerstreut welcher so

lange in die Allgemeinheit des Kausalgesetzes gesetzt werden musste als es

Naturerscheinungen gab die scheinbar sui generis und nicht denselben Gesetzen

wie eine jede andere Klasse von Erscheinungen unterworfen waren und von denen

dennoch nicht ermittelt war dass sie ihre eigenen besonderen Gesetze haben Ehe

indessen hinreichende Gründe vorhanden waren um sie als eine Gewissheit

anzunehmen konnte diese weite Generalisation mit Recht wie es auch in der Tat

geschah als eine Wahrscheinlichkeit von der höchsten Ordnung behandelt werden

Denn was in unzähligen Fällen als wahr befunden worden ist, und bei gehöriger

Untersuchung sich in keinem Fall als falsch erwies können wir mit Sicherheit

solange als universal betrachten als sich nicht eine unzweifelhafte Ausnahme

darbietet wenn die Natur des Falles nur der Art ist dass eine wirkliche

Ausnahme unserer Beobachtung nicht leicht entgehen konnte Wenn eine jede für

die Beantwortung der Frage uns hinlänglich bekannte Naturerscheinung eine

Ursache hatte wovon sie beständig eine Folge war so war es rationeller

anzunehmen unsere Unfähigkeit die Ursachen anderer Naturerscheinungen

nachzuweisen gehe aus unserer Unwissenheit hervor als anzunehmen es gebe

Naturerscheinungen welche keine Ursachen haben und es seien dies zufällig

gerade diejenigen die wir bisher nicht genug Gelegenheit hatten zu studieren

    Es muss zugleich bemerkt werden dass die Gründe für diese Zuverlässigkeit

nicht in uns unbekannten Umständen und über die mögliche Grenze unserer

Erfahrung hinaus gültig sind Es würde töricht sein mit Zuversicht zu

behaupten es herrsche in entfernten Teilen der Sternenregion wo die

Naturerscheinungen ganz verschieden von denjenigen sein können an die wir

gewöhnt sind dieses allgemeine Gesetz oder es herrschten jene spezielleren

Gesetze die wir auf unserem Planeten allgemein gültig finden Die

Gleichförmigkeit in der Folge von Naturerscheinungen auch das Kausalgesetz

genannt muss angesehen werden als ein Gesetz nicht des Universums sondern nur

des innerhalb des Bereiches unserer sichern Beobachtung liegenden Theiles

desselben und kann nur in einem mäßigen Grade auf angrenzende Fälle ausgedehnt

werden Es noch weiter auszudehnen hieße eine unbewiesene Voraussetzung

machen und bei Abwesenheit eines jeden aus der Erfahrung stammenden Grundes

wonach ihr Grad von Wahrscheinlichkeit berechnet werden könnte wäre der

Versuch ihr irgend einen Grad von Wahrscheinlichkeit beizulegen vergeblich140

 
 



 


     1 Die Ordnung in welcher die Naturerscheinungen in der Zeit eintreten

ist entweder eine sukzessive oder eine gleichzeitige die Gleichförmigkeit

welche in Beziehung auf dieses Eintreten bestehen sind daher entweder

Gleichförmigkeit der Sukzession der Folge oder der Koexistenz des

Zugleichseins Die Gleichförmigkeit der Sukzession sind alle in dem

Kausalgesetz und seinen Folgen inbegriffen Eine jede Naturerscheinung hat eine

Ursache, worauf sie unveränderlich folgt und hieraus leiten sich andere

unveränderliche Sequenzen ab sowohl zwischen den sukzessiven Stufen derselben

Wirkung als auch zwischen Wirkungen welche Ursachen entspringen die

unveränderlich aufeinanderfolgen

    Eine große Menge von Gleichförmigkeit des Zugleichseins entsteht ganz auf

dieselbe Weise wie diese abgeleiteten Gleichförmigkeit der Sukzession

Koordinierte Wirkungen derselben Ursachen koexistieren naturgemäß mit einander.

Die Flut an einem Punkte der Erdoberfläche und die Flut an dem diametral

entgegengesetzten Punkte sind gleichförmig simultane Wirkungen welche aus der

Richtung in welcher die anziehende Kraft der Sonne und des Mondes auf das

Wasser des Meeres wirkt hervorgehen Eine Sonnenfinsternis für uns und eine

Erdfinsternis für einen Beobachter auf dem Monde sind gleichfalls

unveränderlich koexistierende Naturerscheinungen und ihre Koexistenz kann

ebenfalls aus den Gesetzen ihrer Erzeugung abgeleitet werden

    Die Frage ob nicht alle Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen

Naturerscheinungen auf diese Weise erklärt werden könnten ist daher eine sehr

natürliche Es kann gar nicht bezweifelt werden dass zwischen

Gleichförmigkeit welche selbst Wirkungen sind die Koexistenzen notwendig

von den Ursachen dieser Naturerscheinungen abhängen müssen Wenn sie unmittelbar

oder entfernt Wirkungen derselben Ursache sind so können sie nur Kraft einiger

Gesetze oder Eigenschaften dieser Ursache koexistieren wenn sie Wirkungen

verschiedener Ursachen sind so können sie nur koexistieren weil ihre Ursachen

koexistieren und die Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen den Wirkungen

wenn eine solche vorhanden ist, beweist dass diese besonderen Ursachen

innerhalb der Grenzen unserer Beobachtung gleichförmig koexistiert haben

    

     2 Diese Betrachtungen zwingen uns aber anzuerkennen dass es eine Klasse

von Koexistenzen geben muss welche nicht von Ursachen abhängen können nämlich

die Koexistenz der letzten Eigenschaften der Dinge, jener Eigenschaftenwelche

zwar die Ursachen aller Naturerscheinungen aber nicht selbst durch irgend eine

Naturerscheinung verursacht sind und für welche sich nur durch das Zurückgehen

auf den Ursprung aller Dinge eine Ursache finden ließe Aber unter diesen

letzten Eigenschaften gibt es nicht allein Koexistenzen sondern auch

Gleichförmigkeit der Koexistenz Es können allgemeine Urteile aufgestellt

werden und es werden auch solche aufgestellt welche behaupten dass da wo

gewisse Eigenschaften gefunden werden gewisse andere sich mit ihnen vorfinden

Wir bemerken einen Gegenstand zB Wasser Dass es Wasser ist erkennen wir

natürlich aus einigen seiner Eigenschaften Nachdem wir dies aber erkannt haben

sind wir im Stande unzählige andere Eigenschaften desselben zu affirmieren was

wir nicht vermöchten wenn es nicht eine allgemeine Wahrheit ein Gesetz der

Gleichförmigkeit in der Natur wäre dass die Reihe von Eigenschaften, durch

welche wir die Substanz mit Wasser identifizierten immer von jenen anderen

Eigenschaften begleitet sind

    Unter Arten von Gegenständen versteht man wie früher weitläufig erklärt

wurde Bd I C VII jene Classen welche sich nicht durch eine begrenzte und

bestimmte sondern durch eine unbestimmte und unbekannte Anzahl von

Verschiedenheiten unterscheiden Eine jede Proposition nun welche etwas von

einer Art behauptet affirmiert eine Gleichförmigkeit des Zugleichseins Da wir

von den Arten nichts kennen als ihre Eigenschaften so ist die Art für uns die

Reihe von Eigenschaften, durch welche sie identifiziert wird und welche natürlich

hinreichend sein muss um sie von einer jeden andern Art zu unterscheiden141

Wenn wir daher etwas von einer Art affirmieren so affirmieren wir zugleich etwas

beständig Koexistierendes mit den Eigenschaften, durch welche die Art erkannt

wird und dies ist der einzige Sinn der Behauptung

    Unter die Gleichförmigkeit des Zugleichseins welche in der Natur

existieren können daher alle Eigenschaften der Arten gezählt werden Es ist

indessen nicht das Ganze derselben von Verursachung unabhängig sondern nur ein

Teil Einige sind letzte Eigenschaften andere abgeleitete von einigen kann

keine Ursache nachgewiesen werden während andere offenbar von Ursachen

abhängen So ist die atmosphärische Luft eine Art und eine ihrer

unzweideutigsten Eigenschaften ist die Gasform diese Eigenschaft hat indessen

die Anwesenheit einer gewissen Menge gebundener Wärme als Ursacheund wenn

diese Wärme hinweggenommen werden könnte wie es bei den Versuchen von Faraday

in Beziehung auf viele Gase geschah so würde die Gasform ohne Zweifel

verschwinden so wie auch viele andere Eigenschaftenwelche von dieser

Eigenschaft abhängen oder von ihr verursacht werden

    In Beziehung auf alle Substanzen welche chemische Verbindungen sind und

welche daher als Produkte der Juxtaposition von Substanzendie der Art nach von

einander verschieden sind angesehen werden können, hat man starke Gründe zu

vermuten dass die spezifischen Eigenschaften der Verbindungen von einigen der

Eigenschaften der Elemente als deren Wirkungen abhängen obgleich man bisher nur

geringe Fortschritte darin gemacht hat eine unveränderliche Beziehung zwischen

den ersteren und den letzteren nachzuweisen Eine ähnliche Vermutung wird noch

stärker da vorhanden sein wo der Gegenstand selbst wie in dem Falle

organischer Wesen kein urerstes Agens sondern eine Wirkung ist die in

Beziehung auf ihre Existenz selbst von einer Ursache oder von Ursachen abhängt

Es sind daher die Artenwelche in der Chemie einfache Substanzen oder

elementare Agentien genannt werden, die einzigen Arten deren Eigenschaften man

mit Gewissheit als letzte betrachten kann und von diesen Elementen sind die

letzten Eigenschaften wahrscheinlich weit zahlreicher als wir jetzt erkennen da

eine jede Zerlegung der Eigenschaften ihrer Verbindungen in einfachere Gesetze

im allgemeinen zu der Erkennung von Eigenschaften der Elemente führt die von

allen vorher bekannten unterschieden sind Ein Resultat der Zerlegung der

Gesetze der Himmelsbewegungen war die vorher unbekannte letzte Eigenschaft einer

gegenseitigen Anziehung zwischen allen Körpern die Zerlegung der Gesetze der

Kristallisation der chemischen Affinität der Elektrizität des Magnetismus so

weit sie bis jetzt fortgeschritten ist deutet auf verschiedene den Partikeln

woraus die Körper zusammengesetzt sind inhärierende Polaritäten die relativen

Atomgewichte der verschiedenen Körper wurden ermittelt als man die

Gleichförmigkeit der Gewichtsmengen in denen sich diese Körper verbinden in

allgemeinere Gesetze auflöste usw Obgleich auf diese Weise die Zerlegung

einer komplexen Gleichförmigkeit in einfachere und mehr elementare Gesetze

anscheinend die Zahl der letzten Eigenschaften vermindert und in der Tat viele

Eigenschaften hinwegfallen lässt so sind wir dennoch gezwungen da das Resultat

dieser Vereinfachung ist dass dadurch immer eine größere Menge von

verschiedenen Wirkungen desselben Agens nachgewiesen wird eine um so größere

Anzahl von Eigenschaften in einem und demselben Gegenstände anzuerkennen je

weiter wir in dieser Richtung vorwärts gehen die Koexistenz dieser

Eigenschaften muss daher unter die letzten Allgemeinheiten der Natur gereiht

werden

    

     3 Es gibt demnach nur zwei Arten von Urteilen welche eine

Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen Eigenschaften behaupten Entweder

hängen die Eigenschaften von Ursachen ab oder nicht Wenn sie von Ursachen

abhängen so ist das Urteil, welches behauptet dass sie koexistieren ein

abgeleitetes Gesetz der Koexistenz von Wirkungen, es ist so lange es nicht in

die Kausalgesetze von denen es abhängt zerlegt worden ist, ein empirisches

Gesetz und muss nach den Prinzipien der Induktion denen dergleichen Gesetze

unterworfen werden können, erprobt werden Wenn anderseits die Eigenschaften

nicht von letzten Ursachen abhängen sondern letzte Eigenschaften sind und wenn

sie dann in Wahrheit unveränderlich koexistieren so müssen sie alle letzte

Eigenschaften von einer und derselben Art sein und nur von diesen allein können

die Koexistenzen als eine besondere Sorte von Naturgesetzen klassifiziert werden

    Wenn wir behaupten dass alle Krähen schwarz sind oder dass alle Neger ein

wolliges Haar haben so behaupten wir eine Gleichförmigkeit der Koexistenz Wir

behaupten dass die Eigenschaft des Schwarzseins oder ein wolliges Haar zu

besitzen unveränderlich mit denjenigen Eigenschaften koexistiert welche in

gewöhnlicher Sprache oder in der angenommenen wissenschaftlichen Klassifikation

so angesehen werden, als machen sie die Klasse der Krähen oder der Neger Nimmt

man nun an die Schwärze sei eine letzte Eigenschaft der schwarzen Gegenstände

oder das wollige Haar sei eine letzte Eigenschaft der Tiere die es besitzen

und nimmt man ferner an diese Eigenschaften seien nicht Resultate einer

Verursachung sie seien nicht durch irgend ein Gesetz mit vorausgehenden

Naturerscheinungen verknüpft so müssen dies wenn alle Krähen schwarz sind und

alle Neger wolliges Haar haben letzte Eigenschaften der Art Krähe oder Neger

oder einer Art sein welche dieselben einschließt Wenn dagegen die Schwärze

oder das wollige Haar eine von Ursachen abhängige Wirkung ist so sind diese

allgemeinen Propositionen empirische Gesetze und alles was von dieser Klasse

von Generalisationen bereits gesagt worden ist, kann ohne Modifikation auch auf

diese Propositionen angewendet werden

    Wir haben nun gesehen dass bei allen Verbindungen  kurz bei allen Dingen

mit Ausnahme der elementaren Substanzen und der ersten Naturkräfte  die

Präsumtion ist dass alle Eigenschaften in der Tat von Ursachen abhängen und

dass es unmöglich ist in irgend einem Falle die Gewissheit zu haben dass sie

es nicht sind Es wäre daher nicht geraten für irgend eine Generalisation in

Beziehung auf die Koexistenz von Eigenschaften einen Grad von Gewissheit zu

verlangen auf den sie wenn die Eigenschaften vielleicht das Resultat von

Ursachen sein sollten keinen Anspruch hätte Eine Generalisation in Beziehung

auf Koexistenz oder mit anderen Wortenin Beziehung auf Eigenschaften der Art

kann eine letzte Wahrheit aber sie kann auch eine bloß abgeleitete sein und

da sie in dem letzteren Falle eines jener abgeleiteten Gesetze istwelche weder

Kausalgesetze noch in die Kausalgesetze von denen sie abhängen zerlegt worden

sind, so kann sie keinen höheren Grad von Gewissheit besitzen als einem

empirischen Gesetze zukommt

    

     4 Dieser Schluss wird bestätigt durch die Betrachtung einer großen

Unvollkommenheit welche die Anwendung eines Systems von strenger und

wissenschaftlicher Induktion auf die letzten Gleichförmigkeit der Koexistenz

in der Art wie sie die Gleichförmigkeit der Sukzession zulassen ausschließt

Es fehlt einem solchen System die Grundlage Es gibt kein allgemeines Axiom

das in demselben Verhältnis zur Gleichförmigkeit der Koexistenz stände wie das

Kausalgesetz zur Gleichförmigkeit der Sukzession Die auf die Bestimmungen von

Ursachen und Wirkungen anwendbaren Methoden der Induktion sind auf das Prinzip

gegründet dass alles was einen Anfang hat auch eine Ursache haben muss dass

unter den Umständen welche bei dem Anfang eines Dinges existierten sich gewiss

irgend ein Umstand befindet wovon die fragliche Wirkung eine Folge ist und bei

dessen Wiederholung sie ebenfalls mit Gewissheit wiederkehren würde Aber bei

der Untersuchung ob irgend eine Art wie Krähe allgemein eine gewisse

Eigenschaft besitzt wie Schwärze ist eine analoge Annahme nicht zulässig Wir

haben keine vorausgängige Gewissheit dass die Eigenschaft etwas haben muss was

beständig mit ihr koexistiert dass sie in derselben Weise ein unveränderlich mit

ihr Koexistierendes haben muss wie ein Vorgang ein unveränderliches Antezedens

haben muss Wenn wir Schmerz empfinden so müssen wir uns in Umständen befinden

in denen wir wenn sie sich genau wiederholen würden immer Schmerz empfinden

würden Aber aus dem Bewusstsein der Schwärze folgt nicht dass etwas vorhanden

sein muss wovon die Schwärze ein beständiger Begleiter ist Es ist daher eine

Elimination nicht statthaft weder eine Methode der Übereinstimmung oder des

Unterschiedes noch der sich begleitenden Veränderungen die nur eine

Modifikation der Methode der Übereinstimmung oder der Differenzmethode ist

Wir können nicht schließen dass die Schwärze welche wir an den Krähen sehen

eine unveränderliche beständige Eigenschaft der Krähe isst und zwar bloß

deshalb weil nichts Anderes gegenwärtig ist wovon sie eine beständige

Eigenschaft sein kann Wir sind daher bei der Untersuchung der Wahrheit eines

Urteils wie »alle Krähen sind schwarz« in keiner günstigeren Stellung als

wenn wir bei unserer Untersuchung der Verursachung gezwungen wären als eine der

Möglichkeiten zuzulassen dass die Wirkung in diesem besonderen Falle überhaupt

ohne irgend eine Ursache entstanden sein dürfte

    Dass Bacon diese große Distinktion übersehen hat war wie mir scheint der

Hauptirrtum in seiner Ansicht von der Induktion Er hielt das Prinzip der

Elimination jenes große logische Instrument das er zuerst in Anwendung

gebracht zu haben das Verdienst hat in demselben Sinne und in derselben Weise

auf die Untersuchung von Koexistenzen anwendbar wie auf die der Sukzession von

Naturerscheinungen Er scheint gedacht zu haben dass in derselben Weise wie

ein jeder Vorgang eine Ursache oder ein unveränderliches Antezedens auch eine

jede Eigenschaft eines Gegenstandes ein unveränderlich Koexistierendes hat das

er ihre Form nannte und die Beispiele welche er für die Anwendung und

Erläuterung seiner Methode hauptsächlich wählte waren Untersuchungen solcher

Formen es waren Versuche um zu bestimmen, in was alle diejenigen Gegenstände

welche in irgend einer allgemeinen Eigenschaft wie Härte oder Weichheit

Trockenheit oder Feuchtigkeit Hitze oder Kälte übereinstimmten sich sonst noch

ähnlich sähen Dergleichen Untersuchungen konnten zu keinem Resultat führen Die

Gegenstände haben selten einen solchen Umstand gemein sie stimmen gemeinlich in

dem untersuchten Punkte überein und sonst in nichts Eine große Anzahl von den

Eigenschaftenwelche, soweit wir vermuten können am wahrscheinlichsten

wirklich letzte Eigenschaften sind scheinen unzertrennliche Eigenschaften

vieler verschiedenen Arten von Dingen zu sein die in keiner andern Beziehung

mit einander verbunden sind. Und was die Eigenschaften betrifft welche wir, da

sie Wirkungen von Ursachen sind im Stande sind einigermaßen zu erklären so

haben sie im allgemeinen mit den letzten Ähnlichkeiten oder Verschiedenheiten

in den Gegenständen selbst nichts zu schaffen sondern hängen von äußeren

Umständen ab unter deren Einfluss alle möglichen Gegenstände diese

Eigenschaften zu zeigen fähig sind wie es insbesondere mit jenen

Lieblingsgegenständen von Bacons wissenschaftlichen Forschungen wie Hitze und

Kälte Härte und Weichheit Festigkeit und Flüssigkeit und manchen anderen

Eigenschaften der Fall ist.

    Bei der Abwesenheit eines allgemeinen Gesetzes der Koexistenz welches dem

allgemeinen die Sequenzen beherrschenden Kausalgesetz gleicht werden wir daher

auf die unwissenschaftliche Induktion der Alten auf die Induktion per

enumerationem simplicem ubi non reperitur instantia contradictoria verwiesen

Der Grund dass wir glauben alle Krähen seien schwarz liegt darin dass wir

viele schwarze Krähen und niemals eine Krähe von einer andern Farbe gesehen

haben Es bleibt uns jetzt noch zu betrachten übrig wieweit dieser Beweis

reichen kann und wie wir seine Stärke in einem gegebenen Falle zu schätzen

haben

    

     5 Zuweilen geschieht es dass eine bloße Veränderung in der Art und

Weise wie eine Frage mit Worten ausgedrückt wird obgleich sie in der Tat der

ausgedrückten Meinung nichts hinzufügt für sich schon ein bedeutender Schritt

zur Lösung dieser Frage ist Dieses findet wie ich glaube in dem vorliegenden

Falle Statt Der Grad von Gewissheit einer jeden Generalisation welche auf

keinem andern Beweise beruht als auf dem der Übereinstimmung, soweit sie geht

aller vergangenen Beobachtung ist nur eine andere Phrase für den Grad von

Unwahrscheinlichkeit dass irgend eine bestehende Ausnahme bisher unbeobachtet

bleiben konnte Der Grund unseres Glaubens dass alle Krähen schwarz sind wird

auch die Unwahrscheinlichkeit gemessen dass Krähen von einer andern Farbe bis

auf den gegenwärtigen Augenblick existiert haben ohne dass wir Kenntnis davon

erhalten hätten Wir wollen die Frage in einer andern Weise stellen und

betrachten was die Voraussetzung es könne Krähen geben welche nicht schwarz

sind ergibt und unter welchen Bedingungen wir dies als glaublich ansehen

dürfen

    Wenn es wirklich Krähen gibt die nicht schwarz sind so muss eines von

beiden stattfinden entweder muss der Umstand des Schwarzseins aller bisher

beobachteten Krähen gleichsam ein Zufall gewesen sein der mit irgend einem

Merkmal der Art nicht im Zusammenhang steht oder wenn es eine Eigenschaft der

Art ist so müssen die nicht schwarzen Krähen eine neue Art sein eine bisher

übersehene Art obgleich sie in der allgemeinen Beschreibung inbegriffen ist

durch welche die Krähen bisher charakterisiert wurden Die Wahrheit der ersten

Voraussetzung wäre bewiesen wenn wir zufällig unter schwarzen Krähen eine

weiße entdeckten oder wenn man fände dass schwarze Krähen manchmal weiß

werden Die zweite wäre bewiesen wenn man in Australien oder Zentralafrika eine

Spezies oder eine Gattung weißer oder grauer Krähen fände

    

     6 Die erste der obenerwähnten Voraussetzungen schließt notwendig ein

dass die Farbe eine Wirkung von Ursachen ist Wenn die Schwärze bei den Krähen

an denen sie beobachtet wurde nicht eine Eigenschaft der Art sondern wenn es

im allgemeinen gleichgültig ist ob sie unter den Eigenschaften der Dinge

anwesend oder abwesend ist so ist sie nicht eine letzte Tatsache in den

Individuen selbst sondern gewiss von einer Ursache abhängig Es gibt ohne

Zweifel viele Eigenschaftenwelche von Individuum zu Individuum derselben Art,

sogar derselben infima species oder niedrigster Art variieren Eine Blume kann

weiß oder rot sein ohne in einer andern Beziehung zu differieren Diese

Eigenschaften sind aber keine letzten Eigenschaften sondern sie hängen von

Ursachen ab Soweit als die Eigenschaften eines Dinges zu seiner eigenen Natur

gehören und nicht aus Ursachen entspringen die außerhalb desselben existieren

sind sie in derselben Art immer dieselben142 Man nehme z B alle einfachen

Substanzen und elementaren Kräfte die einzigen Dinge von denen wir mit

Gewissheit wissen dass einige von ihren Eigenschaften letzte sind Die Farbe

hält man allgemein für eine der veränderlichsten Eigenschaften und doch finden

wir niemals dass der Schwefel manchmal gelb und manchmal weiß ist oder dass

er überhaupt seine Farbe ändert ausgenommen soweit die Farbe die Wirkung einer

äußerlichen Ursache wie der Art des darauf fallenden Lichtes der mechanischen

Anordnung der Partikeln wie nach der Schmelzung etc ist Wir finden nicht

dass bei derselben Temperatur das Eisen manchmal fest und manchmal flüssig das

Gold manchmal hämmerbar und manchmal spröde ist dass der Wasserstoff sich

manchmal mit dem Sauerstoff verbindet und manchmal nicht oder dergleichen Wenn

wir von den einfachen Substanzen zu einer ihrer bestimmten Verbindungen

übergehen wie Wasser Kalk Schwefelsäure so besteht dieselbe Beständigkeit

ihrer Eigenschaften Wenn Eigenschaften von Individuum zu Individuum variieren

so ist dies entweder bei einem bloßen Gemenge wie bei der atmosphärischen Luft

oder bei Felsen das aus heterogenen Substanzen zusammengesetzt ist und keine

wirkliche Art ausmacht oder bei organischen Wesen der Fall Bei den letzteren

findet sich die Veränderlichkeit in der Tat in einem hohen Grade vor Tiere

von derselben Spezies und Race Menschen von demselben Alter Geschlecht und aus

demselben Lande werden zB in Beziehung auf Gesicht oder Gestalt sehr

verschieden sein Da aber organische Wesen der äußerst verwickelten Gesetze

wegen wovon sie beherrscht werden viel veränderlicher sind dh da sie dem

Einfluss einer größeren Anzahl von Ursachen unterworfen sind als alle anderen

Naturerscheinungen und da sie überdies selbst einen Anfang also auch eine

Ursache gehabt haben so hat man Grund zu glauben dass keine ihrer

Eigenschaften letzte sind sondern dass sie alle abgeleitete durch irgend eine

Ursache hervorgebrachte sind Diese Vermutung wird durch die Tatsache

bestätigt dass die Eigenschaftenwelche von dem einen Individuum zu dem andern

variieren auch allgemein in demselben Individuum zu verschiedenen Zeiten

variieren was wie jeder andere Vorgang eine Ursache voraussetzt und folglich

involviert dass die Eigenschaften nicht von Ursachen unabhängig sind

    Wenn daher die Schwärze bei den Krähen bloß zufällig ist und sich verändern

kann während die Art dieselbe bleibt so ist ihre An oder Abwesenheit ohne

Zweifel keine letzte Tatsache sondern die Wirkung einer unbekannten Ursache,

und in diesem Falle ist die Allgemeinheit der Erfahrung, dass alle Krähen

schwarz sind ein hinreichender Beweis einer gemeinschaftlichen Ursache und

erhebt daher die Generalisation zu einem empirischen Gesetz Da es unzählige

Beispiele in dem bejahenden und bis jetzt keines in dem negativen Sinne gibt

so müssen die Ursachen, wovon die Eigenschaft abhängt überall in den Grenzen

der gemachten Beobachtungen existieren und das Urteil kann innerhalb dieser

Grenzen und mit dem zulässigen Grad von Ausdehnung auf angrenzende Fälle als

allgemein angenommen werden

    

     7 Wenn zweitens die Eigenschaft in den Fällen worin sie beobachtet

wurde nicht eine Wirkung von Ursachen ist so ist sie eine Eigenschaft der Art

und in diesem Falle kann die Generalisation nur durch die Entdeckung einer neuen

Art von Krähen beseitigt werden Dass indessen eine besondere bisher nicht

entdeckte Art in der Natur existiere ist eine so oft realisierte Voraussetzung

dass sie keineswegs als unwahrscheinlich betrachtet werden darf Nichts

berechtigt uns die Arten der Dingewelche in der Natur existieren zu

beschränken Die einzige Unwahrscheinlichkeit würde die sein dass eine Art in

Lokalitäten entdeckt werden dürfte die wir Gründe haben für gänzlich

durchforscht anzusehen und sogar diese Unwahrscheinlichkeit hängt von dem Grade

von Sichtbarkeit des Unterschiedes zwischen der neu entdeckten Art und allen

anderen Arten ab indem neue Arten von Mineralien Pflanzen und sogar Tieren

die vorher übersehen oder mit bekannten Spezies verwechselt worden sind, in den

besuchtesten Lokalitäten noch fortwährend entdeckt werden Aus diesem zweiten

Grunde sowohl als auch aus dem ersten kann die beobachtete Gleichförmigkeit der

Koexistenz innerhalb der Grenzen nicht allein der wirklichen Erfahrung sondern

auch einer so genauen Erfahrung wie sie die Natur des Falles verlangt nur als

ein empirisches Gesetz gelten Und daher kommt es wie in einem früheren Kapitel

bemerkt wurde dass wir derartige Generalisationen bei der ersten Veranlassung

so leicht aufgeben Wenn irgend ein glaubwürdiger Zeuge aussagen würde er hätte

unter Umständen die nicht unglaublich scheinen lassen dass sie unserer

Beobachtung entgehen konnten eine weiße Krähe gesehen so würden wir seiner

Aussage vollen Glauben schenken

    Es scheint daher dass die Gleichförmigkeit welche in der Koexistenz der

Naturerscheinungen stattfinden  sowohl diejenigenwelche wir Gründe haben als

letzte zu betrachten als auch diejenigenwelche aus Gesetzen noch nicht

entdeckter Ursachen entspringen  nur als empirische Gesetze angenommen werden

dürfen dass sie nur als innerhalb der Grenzen von Zeit Ort und Umständen in

denen die Beobachtungen gemacht wurden oder in streng angrenzenden Fällen für

wahr zu halten sind

    

     8 In dem letzten Kapitel haben wir gesehen dass es einen Grad von

Allgemeinheit gibt bei welchem empirische Gesetze so gewiss werden als

Naturgesetze oder vielmehr bei welchem zwischen empirischen Gesetzen und

Naturgesetzen nicht länger ein Unterschied besteht In dem Maße als sich

empirische Gesetze diesem Grade von Allgemeinheit nähern werden sie gewisser

ihre Allgemeinheit wird zuverlässiger Denn erstens je allgemeiner sie sind

wenn sie das Resultat von Ursachen sind und wir können sogar bei der im

gegenwärtigen Kapitel abgehandelten Klasse von Gleichförmigkeit niemals

Gewissheit haben dass sie es nicht sind um so grösser ist dann

bewiesenermaßen der Raum über den sich die notwendigen Kollokationen

erstrecken und innerhalb dessen keine Ursachen existieren die den unbekannten

Ursachen wovon das empirische Gesetz abhängt entgegenwirken könnten Sagen

dass Etwas eine unveränderliche Eigenschaft einer sehr beschränkten Klasse von

Gegenständen ist heißt sagen dass es beständig eine zahlreiche und komplexe

Gruppe von unterscheidenden Eigenschaften begleitet was wenn Kausalität

überhaupt in der Sache beteiligt ist eine Verbindung von vielen Ursachen

beweist und daher auch eine Neigung leicht verhindert zu werden während der

verhältnismäßig geringe Umfang der Beobachtungen es unmöglich macht

vorauszusagen bis zu welcher Ausdehnung unbekannte entgegenwirkende Ursachen

durch die Natur verteilt sein können Wenn aber eine Generalisation in

Beziehung auf eine sehr große Anzahl von Dingen als gültig befunden worden ist,

so ist schon bewiesen dass fast alle Ursachenwelche in der Natur existieren

keinen Einfluss darauf haben dass sehr wenige Veränderungen in den Verbindungen

von Ursachen sie bewirken können indem die größere Anzahl von möglichen

Verbindungen bereits in dem einen oder dem anderen der Fälle worin sie wahr

befunden existiert haben muss Wenn daher ein empirisches Gesetz ein Resultat

einer Verursachung ist so kann man sich um so mehr darauf verlassen je

allgemeiner es ist Und sogar wenn es nicht ein Resultat einer Verursachung

sondern eine letzte Koexistenz ist so ist je allgemeiner es ist je grösser

die Erfahrung ist wovon es abgeleitet wurde die Wahrscheinlichkeit um so

grösser dasswenn Ausnahmen existiert hätten sich einige bereits gezeigt

hätten

    Aus diesen Gründen wird ein weit stärkerer Beweis verlangt um eine Ausnahme

von einem der allgemeineren empirischen Gesetze darzutun als von einem der

spezielleren Gesetze Wir würden ohne Schwierigkeit glauben dass es eine neue

Art Krähe oder eine Art von Vögeln gibt die den Krähen in den Eigenschaften,

welche bisher als die Unterscheidungsmerkmale der Spezies Krähe betrachtet

wurden gleicht Es wäre jedoch ein strengerer Beweis erforderlich um uns von

der Existenz einer Art Krähe zu überzeugen welche Eigenschaften besitzt die

sich von einer anerkannt allgemeinen Eigenschaft der Vögel unterscheiden und

ein noch strengerer Beweis wenn die Eigenschaften einer anerkannt allgemeinen

Eigenschaft der Tiere widerstreiten würden Und dies steht in Übereinstimmung

mit der durch den gemeinen Menschenverstand und die allgemeinere Praxis der

Menschen empfohlenen Urteilsweise die Menschen sind für alles Neue in der

Natur um so ungläubiger je allgemeiner die Erfahrung ist der das Neue zu

widersprechen scheint

    

     9 Aber sogar jene weiteren Generalisationen welche umfassendere Arten

einschließen indem sie eine größere Anzahl und Mannigfaltigkeit von infimae

species enthalten sind nur empirische Gesetze welche bloß auf einer Induktion

durch einfaches Aufzählen und nicht auf einem Eliminationsprozess beruhen auf

einem Prozess also der auf diesen Fall ganz unanwendbar ist Derartige

Generalisationen sollten daher auf eine Prüfung aller in ihnen enthaltenen

infimae species und nicht bloß auf die Prüfung eines Theiles derselben

gegründet werden Wir können nicht schließen wo Verursachung nicht in Betracht

kommt dass weil ein Urteil von einer Anzahl von Dingen wahr ist die sich

bloß darin gleichen dass sie Tiere sind es darum auch von allen Tieren wahr

ist Wenn in der Tat etwas von solchen Spezies wahr ist die sich mehr von

einander selbst als eine jede von ihnen von einer dritten Spezies unterscheiden

besonders wenn diese dritte Spezies in den meisten ihrer bekannten

Eigenschaften einen Platz zwischen den beiden ersteren einnimmt so ist einige

Wahrscheinlichkeit vorhanden dass dasselbe auch von dieser Zwischenspezies wahr

sein wird denn man findet oft obgleich keineswegs allgemein dass eine Art

Parallelität in den Eigenschaften verschiedener Spezies bestehen und dass ihr

Grad von Unähnlichkeit in der einen Beziehung in irgend einem Verhältnis zu der

Unähnlichkeit in einer andern Beziehung steht Wir sehen diese Parallelität in

den Eigenschaften der verschiedenen Metalle in den Eigenschaften des Schwefels

Phosphors und des Kohlenstoffs in denen von Sauerstoff Chlor Brom und Jod in

den natürlichen Familien der Pflanzen und Tiere etc Aber es gibt unzählige

Anomalien und Ausnahmen von dieser Übereinstimmung wenn überhaupt die

Übereinstimmung selbst etwas anderes ist als eine Anomalie und eine Ausnahme in

der Natur.

    Es dürfen daher allgemeine Urteile in Beziehung auf die Eigenschaften

höherer Arten wenn sie nicht auf einen bewiesenen oder vermuteten Kausalnexus

gegründet sind nur nach einer besonderen Prüfung einer jeden in der hohem Art

eingeschlossenen Unterart gewagt werden Und auch dann noch muss man bereit

sein diese Generalisationen bei dem Vorkommen einer neuen Anomalie bei einem

Vorkommen also das wenn die Gleichförmigkeit nicht von Ursachen abgeleitet

ist sogar bei dem allgemeinsten dieser empirischen Gesetze niemals als sehr

unwahrscheinlich betrachtet werden kann, aufzugeben So haben sich alle

allgemeinen Urteile welche man versucht hat in Beziehung auf einfache

Substanzen oder in Beziehung auf eine der Classen die man von den einfachen

Substanzen bildete aufzustellen ein Versuch der oft gemacht wurde bei dem

Fortschritt der Erfahrung als nichtig oder als irrig erwiesen eine jede Art

einfacher Substanz bleibt mit ihrer eigenen Summe von Eigenschaften von den

übrigen gesondert indem sie eine gewisse Parallelität mit wenigen anderen und

ihr am meisten ähnlichen Arten bewahrt In Betreff organischer Wesen gibt es

aber in der Tat einen Überfluss von Propositionen wovon ermittelt ist dass

sie von höheren Genera allgemein wahr sind, und in Beziehung auf welche es als

höchst unwahrscheinlich zu betrachten ist dass man von vielen derselben

Ausnahmen entdecken wird Aber diese sind wie bereits bemerkt wurde und wie

wir allen Grund haben zu glauben Wahrheiten die von Kausalität abhängen

    Gleichförmigkeit der Koexistenz müssen daher nicht allein wenn sie von

Gesetzen der Sukzession abhängen sondern auch wenn sie letzte Wahrheiten sind

für logische Zwecke unter die empirischen Gesetze gezählt werden und sind in

jeder Beziehung auf dieselben Regeln zurückführbar wie jene unzerlegten

Gleichförmigkeit wovon bekannt ist dass sie von Ursachen abhängen

 
 






     1 Bei unseren Untersuchungen über die Natur des induktiven Verfahrens

müssen wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf solche Generalisationen beschränken

welche sich als allgemein wahr darstellten Es gibt eine Klasse von

Propositionen die anerkannt nicht allgemein sind in denen nicht behauptet

wird das Prädikat sei von dem Subjekte immer wahr der Werth dieser

Propositionen als Generalisationen ist jedoch nichtsdestoweniger sehr groß Ein

wichtiger Teil von dem Gebiete der induktiven Wissenschaft besteht nicht aus

allgemeinen Wahrheiten sondern aus Annäherungen an solche Wahrheiten und wenn

man sagt ein Schluss beruhe auf einem Wahrscheinlichkeitsbeweis so sind die

Prämissen gewöhnlich aus Generalisationen dieser Art gezogen

    Da eine jede gewisse Folgerung in Beziehung auf einen besonderen Fall

einschließt es sei Grund vorhanden zu dem allgemeinen Urteil von der Form,

jedes A ist B so setzt ein jeder Wahrscheinlichkeitsschluss voraus es sei

Grund vorhanden für das Urteil von der Form: die meisten A sind B und der

Wahrscheinlichkeitsgrad der Folgerung in einem Durchschnittsfall wird von dem

Verhältnis zwischen der Anzahl der in der Natur existierenden Fälle welche mit

der Generalisation übereinstimmen und der Anzahl derjenigen welche ihr

widerstreiten abhängen

    

     2 Urteile von der Form, »die meisten A sind B« sind in der

Wissenschaft und dem praktischen Leben von sehr verschiedener Wichtigkeit Dem

wissenschaftlichen Forscher sind sie hauptsächlich als Materialien und Schritte

zu allgemeineren Wahrheiten schätzbar Die Entdeckung der letzteren ist das

eigentliche Ziel der Wissenschaft, ihr Werk ist unvollendet wenn sie bei dem

Urteil »die meisten A sind B« stehen bleibt ohne diese Mehrheit durch einen

gemeinschaftlichen Charakter der sie von der Minderheit unterscheidet zu

umgrenzen unabhängig von der geringeren Genauigkeit solcher unvollkommenen

Generalisationen und ihrer weniger sicheren Anwendbarkeit auf individuelle Fälle

ist es klar dass sie im Vergleich mit genauen Generalisationen fast ganz unnütz

sind als ein Mittel um auf dem Wege der Deduktion weitere Wahrheiten zu

entdecken Indem wir das Urteil, »die meisten A sind B« mit einem allgemeinen

Urteil »jedes B ist C« verbinden können wir zwar zu dem Schlusse gelangen

die meisten A sind C aber wenn ein zweites Urteil von einer annähernden Art

eingeführt wird  oder sogar wenn nur eines vorhanden aber dieses eine die

obere Prämisse ist  so kann im allgemeinen nichts Positives geschlossen werden

Wenn die obere Prämisse lautet »die meisten B sind D« so können wir nicht

schließen sogar nicht wenn die untere Prämisse ist jedes A ist B dass die

meisten A auch D sind oder mit einiger Gewissheit auch nur dass einige A D

sind Obgleich die Mehrzahl der Klasse B die durch D ausgedrückten Attribute

besitzt so kann doch das Ganze der Subclasse A der Minderzahl angehören143

    Obgleich die annähernden Generalisationen in der Wissenschaft wenig und nur

als eine Stufe zu etwas Besserem zu gebrauchen sind so sind sie doch in dem

praktischen Leben oft die einzige Richtschnur nach der wir uns richten können

Sogar wenn die Wissenschaft die allgemeinen Gesetze einer Naturerscheinung

ermittelt hat so sind diese Gesetze nicht allein zu sehr mit Bedingungen

beladen um für den täglichen Gebrauch tauglich zu sein sondern die Fälle,

welche sich im Leben darbieten sind auch zu verwickelt und unsere

Entscheidungen müssen zu schnell gefasst werden als dass man abwarten könnte

bis die Existenz einer Erscheinung durch das bewiesen werden kann, was

wissenschaftlich als die allgemeinen Merkmale derselben bestimmt worden ist.

Unentschieden im Handeln zu sein weil wir keinen Beweis von einem vollkommen

schlussrichtigen Charakter haben um danach zu handeln ist ein Fehler der

manchmal wissenschaftlichen Geistern eigen ist der jedoch da wo er existiert

die Betreffenden unfähig zu praktischen Geschäften macht Wenn wir mit Erfolg

handeln wollen so müssen wir nach Indikationen urteilen welche uns obgleich

es nicht allgemein der Fall ist, manchmal irre führen wir müssen so viel wie

möglich die unvollständige Beweiskraft einer Indikation dadurch ersetzen dass

wir nach anderen Indikationen suchen welche sie verstärken Die auf annähernde

Generalisationen anwendbaren Prinzipien der Induktion sind daher ein nicht

weniger wichtiger Gegenstand der Untersuchung als die Regeln für die

Erforschung allgemeiner Wahrheiten und man würde erwarten dürfen dass wir uns

eben so lange damit beschäftigen werden wenn diese Prinzipien nicht bloße

Folgesätze der bereite abgehandelten Prinzipien wären

    

     3 Es gibt zwei Arten von Fällenin denen wir gezwungen sind uns nach

der unvollkommenen Generalisation von der Form, »die meisten A sind B« zu

richten Der erste Fall ist, wenn wir keine anderen Generalisationen besitzen

wenn wir nicht im Stande waren unsere Erforschung der Gesetze irgend weiter zu

treiben als etwa in den folgenden Urteilen geschah die meisten Leute welche

dunkle Augen haben haben schwarze Haare die meisten Quellen enthalten

Mineralsubstanzen die meisten geschichteten Gebirgsarten enthalten Fossilien

Die Wichtigkeit derartiger Generalisationen ist nicht sehr groß denn obgleich

es sehr häufig eintrifft dass wir keinen Grund sehen warum das was von den

meisten Individuen einer Klasse wahr ist nicht auch von dem Rest wahr sein

sollte und dass wir nicht im Stande sind die ersteren in eine Beschreibung zu

bringen welche sie von den letzteren unterscheidet so können wir doch wenn

wir uns mit Urteilen von einem niedrigeren Grade von Allgemeinheit begnügen und

die Klasse A in Subclassen einteilen wollen im allgemeinen eine Reihe von

genau wahren Urteilen erhalten Wir wissen weder warum das meiste Holz

leichter ist als Wasser noch können wir eine allgemeine Eigenschaft angeben

wodurch sich Holz das leichter ist als Wasser von Holz das schwerer ist

unterscheidet Wir wissen aber genau welches die Spezies des einen und des

anderen ist Und wenn wir ein Holz finden das mit keiner bekannten Spezies

übereinstimmt der einzige Fall in dem unser vorausgängiges Wissen uns keine

andere Richtschnur darbietet als eine annähernde Generalisation so können wir

gewöhnlich ein spezifisches Experiment machen welches ein sichereres

Hilfsmittel ist

    Es geschieht indessen häufiger dass das Urteil, »die meisten A sind B«

nicht die Grenze unseres wissenschaftlichen Fortschritts ist wenn wir auch das

Wissen welches wir darüber hinaus besitzen nicht füglich auf die besonderen

Fälle anwenden können In einem solchen Falle wissen wir ziemlich gut welche

Umstände den Teil von A, der das Attribut B besitzt von dem Teil der es

nicht besitzt unterscheiden wir haben aber kein Mittel oder keine Zeit zu

untersuchen ob diese charakteristischen Umstände in dem individuellen Falle

existieren oder nicht In dieser Lage befinden wir uns gemeinlich wenn die

Untersuchung eine sogenannte moralische Untersuchung dh eine Untersuchung

istwelche die Voraussagung menschlicher Handlungen zum Zweck hat Um uns in

den Stand zu setzen etwas in Beziehung auf Classen von Menschen zu behaupten

muss die Klassifikation auf die Umstände ihrer geistigen Kultur und ihrer

Gewohnheiten die in einem besonderen Falle selten genau bekannt sind gegründet

sein und Classen welche auf diese Unterscheidungen gegründet sind würden

niemals genau mit denjenigen Classen übereinstimmen in welche die Menschheit zu

sozialen Zwecken notwendig eingeteilt wird Alle Urteile welche man in

Beziehung auf die Handlungen der Menschen wie sie gewöhnlich klassifiziert sind

oder wie sie nach irgend äußerlichen Indikationen klassifiziert werden

aufstellen kann sind nur annähernd Wir können nur sagen die meisten Menschen

von einem gewissen Alter Gewerbe Land oder gesellschaftlichen Rang haben diese

oder jene Eigenschaften oder die meisten Menschen werden unter gewissen

Umständen so oder so handeln Nicht dass wir im allgemeinen nicht gut genug

wüssten von welchen Ursachen diese Eigenschaften abhängen oder was es für eine

Art von Leuten ist die in dieser Weise handeln aber wir können nur selten

wissen ob irgend ein Individuum unter dem Einfluss dieser Ursachen steht oder

ob es ein Individuum von der besonderen Art ist Wir könnten zwar die annähernden

Generalisationen durch allgemeine wahre Urteile ersetzen aber diese würden in

der Praxis kaum jemals angewendet werden können. Wir wären unserer oberen

Prämissen sicher wir würden aber nicht im Stande sein die entsprechenden

unteren zu erhalten Wir sind daher gezwungen unsere Schlüsse aus roheren und

trüglicheren Indikationen zu ziehen

    

     4 Betrachten wir nun das was man als einen hinreichenden Beweis einer

annähernden Generalisation anzusehen hat so erkennen wir es sogleich ohne

Schwierigkeit dass wenn dieselbe überhaupt zulässig ist sie es nur als ein

empirisches Gesetz sein kann Urteile von der Form, »ein jedes A ist B« sind

nicht notwendig Kausalgesetze oder Gleichförmigkeit der Koexistenz Urteile

wie »die meisten A sind B« können es nicht sein Urteile die bisher in einem

jeden beobachteten Falle als wahr befunden wurden müssen deshalb nicht

notwendig Folgen von Kausalgesetzen oder letzten Gleichförmigkeit sein und

wenn sie es sind so können sie soviel wir wissen außerhalb der Grenzen der

wirklichen Beobachtung falsch sein. Dies muss aber offenbar um so viel mehr der

Fall mit Urteilen sein welche nur in der bloßen Mehrheit der beobachteten

Fälle wahr sind.

    Es besteht indessen je nachdem die annähernde Generalisation das Ganze

unserer Kenntnis des Gegenstandes ausmacht oder nicht ein Unterschied in dem

Grade der Gewissheit des Urteils die meisten A sind B Nehmen wir an das

erstere sei der Fall Wir wissen nur die meisten A sind B wir wissen aber

nicht warum sie es sind noch in welcher Beziehung die welche es sind sich

von denjenigen die es nicht sind unterscheiden Wie erfuhren wir nun aber

dass die meisten AB sind Genau in derselben Weise wie wir erfahren hätten

dass alle AB sind wenn letzteres der Fall gewesen wäre Wir gammelten eine

hinreichende Anzahl von Fällen, um den Zufall zu eliminieren und verglichen

sodann die Anzahl der bejahenden Fälle mit der Anzahl der negativen Wie es bei

anderen abgeleiteten Gesetzen der Fall ist, so kann man sich auch hier nur

innerhalb der Grenzen nicht allein von Zeit und Ort sondern auch von Umständen

unter denen seine Wahrheit wirklich beobachtet wurde auf das Resultat

verlassen denn da wir der Voraussetzung nach nicht wissen welches die Ursachen

sind die das Urteil wahr machen so können wir nicht sagen in welcher Weise

ein neuer Umstand es vielleicht affizieren wird Das Urteil, »die meisten

Richter sind der Bestechung unzugänglich« würde von den Engländern Deutschen

Franzosen Nordamerikanern wahr sein wenn dies aber der einzige Grund wäre es

auch auf die Orientalen auszudehnen so würden wir die Grenzen nicht allein der

Zeit und des Ortes sondern auch des Umstandes worin die Tatsache beobachtet

wurde überschreiten und den Möglichkeiten der Abwesenheit der entscheidenden

Ursachen oder der Gegenwart entgegenwirkender Ursachen den Zutritt gestatten

was der annähernden Generalisation verderblich sein könnte

    In dem Falle wo das annähernde Urteil nicht das Ultimatum unserer

wissenschaftlichen Kenntnis sondern nur die dienlichste Form ist nach der wir

uns in der Praxis richten können wo wir nicht allein wissen dass die meisten A

das Attribut B haben sondern wo wir auch die Ursachen von B oder einige

Eigenschaften kennen wodurch sich der Teil von A, welcher dieses Attribut

besitzt von dem Teil der es nicht besitzt unterscheidet sind wir viel

günstiger gestellt als in dem vorhergehenden Fall Wir können nämlich in einem

solchen Falle auf doppelte Weise ermitteln ob es wahr ist dass die meisten A,

B sind in einer direkten Weise wie vorher und in einer indirekten indem wir

untersuchen ob das Urteil von der bekannten Ursache oder von irgend einem

bekannten Merkmal von B abgeleitet werden kann. Es sei zB die Frage ob die

meisten Schotten lesen können Wir haben vielleicht noch keine genügende Anzahl

von Schotten beobachtet oder wir sind durch Andere in dieser Beziehung nicht

hinreichend unterrichtet worden um über diese Tatsache zu entscheiden aber

wenn wir bedenken dass die Ursache des Lesenkönnens ist dass es einem gelehrt

worden ist, so bietet sich eine andere Art dar die Frage zu entscheiden indem

man nämlich erforscht ob die meisten Schotten in Schulen gingen wo das Lesen

wirklich gelehrt wird Von diesen beiden Arten ist manchmal die eine und

manchmal die andere die dienlichere In manchen Fällen ist die Häufigkeit der

Wirkung jener ausgedehnten und mannigfaltigen Beobachtung zugänglicher welche

für die Feststellung eines empirischen Gesetzes unumgänglich nötig ist in

anderen Fällen ist es die Häufigkeit der Ursachen, oder einiger kollateraler

Indikationen Gewöhnlich trifft es sich dass keine von beiden für sich allein

einer so befriedigenden Induktion als man sie wünschen könnte fähig ist und

dass die Gründe worauf der Schluss gebaut ist aus beiden zusammengesetzt sind

So kann man glauben dass die meisten Schotten lesen können weil soweit die

Nachrichten gehen die meisten Schotten in die Schule geschickt wurden und in

den meisten schottischen Schulen das Lesen wirklich gelehrt wird oder auch

darum weil die meisten Schotten welche man gekannt oder von denen man gehört

hat lesen konnten obgleich keine von diesen zwei Reihen von Beobachtungen

allein die notwendigen Bedingungen des Umfangs und der Varietät erfüllt

    Obgleich uns in den meisten Fällen die annähernde Generalisation sogar wenn

wir die Ursache oder ein gewisses Merkmal von dem prädizierten Attribute kennen

als ein Wegweiser unentbehrlich sein mag so braucht doch kaum bemerkt zu

werden dass wir in allen Fällenin denen wir das Vorhandensein der Ursache

oder des Merkmals wirklich erkennen die Ungewisse Indikation durch eine gewisse

ersetzen können Es tut zB ein Zeuge eine Aussage und es entstehe die Frage

ob ihm zu glauben sei Wenn wir auf keinen der einzelnen Umstände des Falles

sehen so haben wir nichts wonach wir uns richten könnten als die annähernde

Generalisation dass die Wahrheit häufiger ist als die Lüge oder mit anderen

Worten, dass die meisten Menschen in den meisten Fällen die Wahrheit reden Wenn

wir aber betrachten worin sich die Fälle, in denen die Wahrheit geredet wurde

von denjenigen unterscheiden worin sie nicht geredet wurde so finden wir zB

Folgendes der Zeuge ist ein ehrlicher Mann oder nicht er ist ein genauer

Beobachter oder nicht er hat bei einer Aussage ein Interesse oder nicht Wir

könnten nun aber nicht allein im Stande sein andere annähernde Generalisationen

in Beziehung auf den Grad von Häufigkeit dieser verschiedenen Möglichkeiten zu

erhalten sondern wir könnten auch wissen welche von ihnen in dem individuellen

Falle wirklich realisiert wird Ob der Zeuge ein Interesse zu wahren hat oder

nicht könnten wir vielleicht direkt wissen und die beiden anderen Punkte

könnten wir indirekt durch Merkmale erfahren wie zB aus seinem Benehmen bei

einer früheren Gelegenheit oder durch seinen Ruf der obgleich kein sicheres

Merkmal eine annähernde Generalisation gewährt wie zB die meisten Menschen

welche von denjenigen mit denen sie am meisten Verkehr hatten für ehrlich

gehalten werden sind es wirklich die sich einer allgemeinen Wahrheit mehr

nähert als das annähernde allgemeine Urteil von dem wir ausgingen als das

Urteil nämlich die meisten Menschen sprechen meistens die Wahrheit

    Da es unnötig ist bei dem Beweise der annähernden Generalisation länger zu

verweilen so wollen wir zu einem nicht weniger interessanten Gegenstand

übergehen zu den Vorsichtsmaßregeln welche zu beobachten sind wenn man aus

diesen unvollständigen allgemeinen Urteilen auf besondere Fälle schließt

    

     5 Soweit es die direkte Anwendung einer annähernden Generalisation auf

einen individuellen Fall betrifft bietet diese Frage keine Schwierigkeiten dar

Wenn das Urteil, »die meisten A sind B« durch eine hinreichende Induktion als

ein empirisches Gesetz festgestellt worden istso können wir schließen dass

irgend ein besonderes A ebenfalls B ist, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit

welche der Anzahl der bejahenden Fälle proportional ist War eine numerische

Genauigkeit in den Daten zu erreichen so kann der Werthbestimmung der

Wahrscheinlichkeit des Irrtums in dem Schlüsse ein entsprechender Grad von

Genauigkeit gegeben werden. Wenn es als ein empirisches Gesetz festgestellt

werden kann, dass von je zehn A neun B sind so wird die Wahrscheinlichkeit des

Irrtums in der Annahme ein jedes uns individuell nicht bekannte A sei B ein

Zehntel sein aber dies gilt natürlich nur innerhalb der Grenzen von Zeit Ort

und Umständen die in den Beobachtungen eingeschlossen sind und man kann sich

daher bei einer Unterklasse oder Varietät von A oder bei A in einer jeden Reihe

von äußeren Umständen welche in dem Durchschnitt nicht eingeschlossen war

nicht darauf verlassen Es muss noch hinzugefügt werden dass wir uns nur in

Fällen wovon wir nichts wissen als dass sie zur Klasse von A gehören nach dem

Urteil »von je zehn A sind neun B« richten können Denn wenn wir von einem

besonderen Falle i wissen nicht allein dass er zu A gehört sondern auch zu

welcher Spezies oder Varietät von A er gehört so werden wir gemeinlich irren

wenn wir auf i den Durchschnitt für das ganze genus von welchem der jener

Spezies allein entsprechende Durchschnitt aller Wahrscheinlichkeit nach

wesentlich verschieden ist anwenden Dasselbe findet Statt wenn i anstatt

eine besondere Art von Fall zu sein ein Fall ist, wovon man weiß dass er

unter dem Einfluss einer besonderen Reihe von Umständen steht Die aus den

numerischen Verhältnissen des ganzen genus gezogene Vermutung würde in einem

solchen Falle wahrscheinlich nur irre führen Ein allgemeiner Durchschnittswert

sollte nur auf einen Fall angewendet werden von dem weder bekannt ist noch

vermutet werden kann, dass er etwas Anderes als ein Durchschnittsfall ist

Solche Durchschnitte sind daher für die praktische Führung von Geschäften die

sich nicht auf große Zahlen beziehen gewöhnlich von geringem Nutzen Die

Sterblichkeitstabellen sind für Assecuranzgeschäfte sehr nützlich aber dem

Einzelnen geben sie wenig oder gar keine Auskunft über die Dauer seines eigenen

Lebens oder eines Lebens an dem er Antheil nimmt da fast ein jedes Leben

besser oder schlechter als der Durchschnitt ist Solche Durchschnitte können nur

so angesehen werden, als lieferten sie das erste Glied einer Reihe von

Generalisationen während sich die folgenden Glieder auf eine Würdigung der dem

besonderen Falle zugehörigen Umstände stützen

    

     6 Von der Anwendung einer einfachen annähernden Generalisation auf

individuelle Fälle gehen wir zur gleichzeitigen Anwendung von zwei oder mehreren

Generalisationen auf denselben Fall über

    Wenn ein auf einen besonderen Fall angewendetes Urteil auf zwei mit

einander verbundene annähernde Generalisationen gegründet ist so können diese

in zweierlei Weise zu dem Resultate beitragen Nach der einen Weise ist ein

jedes Urteil gesondert auf den gegebenen Fall anwendbar und wenn wir beide mit

einander verbinden so ist unsere Absicht in diesem besonderen Falle dem

Schlüsse die doppelte Wahrscheinlichkeit zu geben die aus den beiden einzelnen

Generalisationen hervorgeht Dies kann man eine Vereinigung zweier

Wahrscheinlichkeiten durch Addition nennen das Resultat ist eine

Wahrscheinlichkeit die grösser ist als eine jede der einzelnen

Wahrscheinlichkeiten Die andere Weise findet Statt wenn nur eine der beiden

Propositionen direkt auf den Fall anwendbar ist während die zweite nur

vermittelst der Anwendung der ersten anwendbar wird Dies ist die Vereinigung

zweier Wahrscheinlichkeiten vermittelst des Syllogismus oder der Deduktion das

Resultat ist eine geringere Wahrscheinlichkeit als eine jede der beiden

Wahrscheinlichkeiten Der Typus des ersten Argumentes ist die meisten A sind B

die meisten B sind C dieses Ding ist zugleich ein A und ein C daher ist es

wahrscheinlich ein B Der Typus des zweiten ist die meisten A sind B die

meisten C sind A dieses ist ein C daher ist es wahrscheinlich ein A daher ist

es wahrscheinlich ein B Das erste Argument wird durch den Fall erläutert in

dem wir eine Tatsache durch die Aussage zweier Zeugen die nicht in Verbindung

stehen beweisen das zweite wenn wir die Aussage eines Zeugen anführen der

das Ding von einem andern behaupten hörte Oder es kann nach der ersten Weise

geschlossen werden dass der Angeklagte das Verbrechen beging weil er sich

verbarg und weil seine Kleider mit Blut befleckt waren nach der zweiten dass

er es beging weil er seine Kleider wusch oder verbrannte was es wie man

annimmt wahrscheinlich macht dass sie mit Blut befleckt waren Anstatt von nur

zwei Gliedern wie in diesen Fällen, können wir beliebig lange Ketten annehmen

Eine Kette von Beweisen der ersteren Art nannte Bentham144 eine sich selbst

bekräftigende die zweite eine sich selbst schwächende Kette

    Wenn annähernde Generalisationen durch Addition verbunden werden so ist es

nach der in einem früheren Kapitel abgehandelten Wahrscheinlichkeitstheorie

leicht zu sehen in welcher Weise eine jede von ihnen zur Wahrscheinlichkeit

eines Schlusses der durch sie alle verbürgt ist beiträgt Wenn im Durchschnitt

von je drei A zwei B und von je vier B drei C sind so ist die

Wahrscheinlichkeit, dass etwas was zugleich ein A und ein C ist ein B sei

grösser als zwei unter dreien oder drei unter vier Von je zwölf Dingen welche

A sind sind der Voraussetzung nach alle mit Ausnahme von vier B und wenn

alle zwölf und folglich auch jene vier den Charakter von C ebenfalls haben so

werden aus diesem Grunde drei von diesen B sein Von zwölf welche zugleich A

und C sind sind daher elf B Um das Argument noch in einer anderen Weise

ausdrücken ein Ding, welches zugleich A und C ist ohne jedoch B zu sein wird

nur in einer der drei Abtheilungen der Klasse A und nur in einer der vier

Abtheilungen der Klasse C gefunden wenn aber diese vierte Abtheilung von C ohne

Auswahl über das Ganze von A verteilt wird so gehört nur ein Drittel davon

oder ein Zwölftel der ganzen Anzahl zur dritten Abtheilung von A, es trifft

daher ein Ding, das nicht B ist, nur einmal unter zwölf Dingen ein welche

zugleich A und C sind In der Sprache der Wahrscheinlichkeitslehre würde der

Schluss in folgender Weise auszudrücken sein die Wahrscheinlichkeit, dass ein A

nicht B istist 13 die Wahrscheinlichkeit, dass ein C nicht B istist 14

wenn das Ding daher zugleich ein A und ein C ist so ist die Wahrscheinlichkeit,

dass es nicht B ist, ein 13 von 14  112

    Wie der Leser wohl bemerkt haben wird setzt dieses Argument voraus dass

die aus A und C hervorgehenden Wahrscheinlichkeiten von einander unabhängig

seien Es braucht zwischen A und C kein solcher Zusammenhang zu bestehen dass

wenn ein Ding zu der einen Klasse gehört es darum auch zu der anderen gehören

wird oder dass auch nur eine größere Wahrscheinlichkeit dafür ist es gehöre

dazu Die vierte Abtheilung von C anstatt gleichmäßig über die drei

Abtheilungen von A verteilt zu sein könnte sonst in einer größeren Menge oder

sogar ganz in der dritten Abtheilung enthalten sein in welchem letzten Falle

die aus A und C zusammen hervorgehende Wahrscheinlichkeit nicht grösser sein

würde als die aus A allein entspringende

    Wenn annähernde Generalisationen durch Deduktion verbunden werden so wird

der Grad von Wahrscheinlichkeit des Schlusses anstatt erhöht zu werden bei

jedem Schritt vermindert Aus zwei Prämissen wie die meisten A sind B die

meisten B sind C können wir nicht mit Gewissheit schließen dass auch nur ein

einziges A C ist denn das Ganze des Theiles voll A der in irgend einer Weise

unter B fällt kann vielleicht in dem Ausnahmsteil desselben enthalten sein

Und doch bieten die zwei fraglichen Urteile eine bestimmbare

Wahrscheinlichkeit dass ein gegebenes A C ist wenn nur der Durchschnitt

worauf das zweite Urteil gegründet ist mit billiger Bezugnahme auf das erste

genommen wurde wenn man nur zu dem Urteil die meisten A sind C in einer

Weise gelangt ist die keinen Verdacht hinterlässt dass die daraus

entspringende Wahrscheinlichkeit in ungehöriger Weise über die Abtheilung von B

welche zu A gehört verteilt sei Denn obgleich die Fälle, welche A sind alle

in der Minderheit sein mögen so können sie auch alle in der Mehrheit sein und

die eine Möglichkeit ist der andern entgegen zu setzen Im Ganzen wird die

Wahrscheinlichkeit, welche aus den zwei Urteilen zusammengenommen entsteht

genau durch die Wahrscheinlichkeit gemessen werden welche aus dem einen Urteil

entspringt und im Verhältnis zu der aus dem andern Urteil entspringenden

Wahrscheinlichkeit vermindert ist Wenn von zehn Schweden neun blonde Haare

haben und acht von neun Einwohnern Stockholms Schweden sind so ist die aus

diesen zwei Urteilen entspringende Wahrscheinlichkeit dass ein geborener

Einwohner von Stockholm blonde Haare habe acht unter zehn obgleich es im

strengen Sinne möglich obgleich unwahrscheinlich ist dass die ganze

schwedische Bevölkerung Stockholms zu jener zehnten Abtheilung des schwedischen

Volkes gehört welche eine Ausnahme von den übrigen machen

    Wenn man von den Prämissen weiß dass sie nicht von einer bloßen Mehrheit

sondern von nahezu dem Ganzen der respektiven Gegenstände wahr sindso können

wir durch mehrere Stufen hindurch fortwährend das eine von derartigen Urteilen

mit dem andern verbinden ehe wir zu einem Schluss gelangen der mutmaßlich

sogar von einer Mehrheit nicht wahr sein dürfte Der Irrtum des Schlusses wird

das Aggregat der Irrtümer aller Prämissen sein Es sei das Urteil: die meisten

A sind B von neun unter zehn wahr das Urteil: die meisten B sind C von acht

unter neun so wird nicht allein ein A von zehn nicht C sein weil es nicht B

istsondern von den neun Zehnteln welche B sind werden sogar nur acht Neuntel

C sein dh die Fälle von A, welche C sind werden nur 89 von 910 oder vier

Fünftel sein In dieser Weise nimmt die Wahrscheinlichkeit progressiv ab Die

Erfahrung, worauf unsere annähernden Generalisationen gegründet sind wurde

indessen einer genauen numerischen Berechnung so selten unterworfen oder ließ

sie so selten zu dass wir im allgemeinen für die Veränderung der

Wahrscheinlichkeit, welche bei einer jeden Folgerung stattfindet keinerlei

Maß haben sondern uns damit begnügen müssen zu wissen dass sie sich bei

jedem Schritt vermindert und dasswenn die Prämissen in der Tat nicht nahezu

allgemein wahr sind, der Schluss nach wenig Schritten nichts wert ist Ein

Hörensagen von einem Hörensagen oder ein Argument aus einem mutmaßlichen

Urteil das nicht von einem unmittelbaren Merkmal sondern von Merkmalen von

Merkmalen abhängig istist nach einer geringen Entfernung von der ersten Stufe

wertlos

    

     7 Es gibt indessen zwei Fälle in denen Schlüsse welche von

annähernden Generalisationen abhängen mit aller Sicherheit so weit geführt

werden können, als es uns beliebt und wo sie so streng wissenschaftlich sind

als wenn sie aus allgemeinen Naturgesetzen zusammengesetzt wären Diese beiden

Fälle sind aber Ausnahmen von jener Art von der man zu sagen pflegt dass sie

die Regel bestätigen Die annähernden Generalisationen sind in den fraglichen

Fällen behufs einer Folgerung ebenso tauglich als wenn sie vollständige

Generalisationen wären da sie in genau äquivalente vollständige

Generalisationen übergeführt werden können.

    Erster Fall Wenn die annähernde Generalisation von der Klasse ist bei

welcher der Grund dass wir uns mit der Annäherung begnügen nicht in der

Unmöglichkeit sondern nur in der Unbequemlichkeit in der Schwierigkeit weiter

zu gehen besteht wenn wir den Charakter kennen welcher die mit der

Generalisation übereinstimmenden Fälle von denjenigen unterscheidet welche

Ausnahmen davon sind so können wir für das annähernde Urteil ein universales

Urteil unter Vorbehalt substituieren Das Urteil: die meisten Personen welche

eine unbeschränkte Gewalt besitzen wenden sie schlecht an ist eine

Generalisation dieser Art und kann in die folgende übergeführt werden  Alle

Personen welche eine unumschränkte Gewalt besitzen wenden sie schlecht an

insofern sie nicht Personen von ungewöhnlicher Urteilskraft und von redlichen

Absichten sind Das Urteil, welches die Hypothese oder den Vorbehalt trägt

braucht alsdann nicht länger mehr als ein annäherndes sondern es kann als ein

universales Urteil behandelt werden und welche Anzahl von Stufen die Folgerung

auch erreichen möge so wird die bis zu dem Schluss geführte Hypothese genau

anzeigen wie weit dieser Schluss davon entfernt ist allgemein anwendbar zu

sein Wenn im Verlauf des Arguments andere annähernde Generalisationen

eingeführt werden wovon eine jede in gleicher Weise als ein allgemeines Urteil

mit einer beigefügten Bedingung ausgedrückt ist so wird die Summe aller

Bedingungen zuletzt als die Summe aller Irrtümer erscheinen welche den Schluss

affizieren So wollen wir der zuletzt angeführten Proposition die folgende

hinzufügen Alle absoluten Monarchen haben eine unumschränkte Gewalt wenn ihre

Lage nicht der Art ist dass sie der tätigen Hülfe ihrer Untertanen bedürfen

wie dies der Fall war mit der Königin Elisabeth Friedrich von Preußen und

anderen Indem wir diese zwei Urteile mit einander verbinden können wir einen

allgemeinen Schluss daraus ableiten welcher beiden in den Prämissen enthaltenen

Hypothesen unterworfen ist Alle absoluten Monarchen wenden ihre Macht schlecht

an wenn nicht ihre Lage die tätige Hülfe ihrer Untertanen erfordert oder

insofern sie nicht Menschen von ungewöhnlicher Urteilskraft und von redlichen

Absichten sind Es ist gleichgültig wie schnell sich die Irrtümer in unseren

Prämissen anhäufen mögen wenn wir in dieser Weise im Stande sind einen jeden

Irrtum zu registrieren und über das Aggregat in dem Maße als es wächst

Rechnung zu führen

    Zweitens es gibt einen Fall in welchem annähernde Generalisationen auch

ohne dass wir von Bedingungen unter denen sie in individuellen Fällen nicht

wahr sind, Notiz nähmen dennoch für wissenschaftliche Zwecke allgemein sind

nämlich in den wissenschaftlichen Untersuchungen welche sich auf die

Eigenschaften nicht einzelner Individuen sondern von Mengen von Individuen

beziehen wie in der Wissenschaft der Politik oder der menschlichen

Gesellschaft Dem Staatsmanne ist es im allgemeinen hinreichend zu wissen dass

die meisten Menschen in einer besonderen Weise handeln indem sich seine

Spekulationen und praktischen Anordnungen fast ausschließlich auf Fälle

beziehen in denen auf ein ganzes Gemeinwesen oder auf einen großen Teil

desselben gewirkt wird und worin daher das was die meisten tun oder fühlen

das Resultat bestimmt welches durch oder auf die ganze Körperschaft

hervorgebracht wird Er kann mit annähernden Generalisationen in Beziehung auf

die menschliche Natur ausreichen indem das was von allen Individuen annähernd

wahr ist von allen Massen absolut wahr ist Sogar wenn die Tätigkeit

individueller Menschen in seinen Deduktionen eine Rolle zu spielen hat wie dies

beim Schließen in Betreff von Königen oder anderen einzelnen Herrschern der

Fall ist, so muss er dennoch da hierbei eine unbestimmte Zeitdauer in Betracht

kommt welche eine unbestimmte Sukzession solcher Individuen einschließt im

allgemeinen so schließen und handeln als wenn was von den meisten Menschen

wahr ist auch von allen wahr wäre

    Die oben angeführten zwei Betrachtungsweisen sind eine hinreichende

Widerlegung des gewöhnlichen Irrtums dass Spekulationen in Beziehung auf die

Gesellschaft oder auf Regierungsformen da sie auf einem bloßen

Wahrscheinlichkeitsbeweise beruhen an Gewissheit und Genauigkeit den Schlüssen

der sogenannten exakten Wissenschaften nachstehen und in der Praxis

unzuverlässiger seien Es sind genug Gründe dafür vorhanden dass die

moralischen Wissenschaften den vollkommeneren der physikalischen Wissenschaften

wenigstens nachstehen müssen dass die Gesetze ihrer verwickelteren

Erscheinungen nicht so vollständig entziffert und dass die Phänomene nicht mit

demselben Grad von Sicherheit vorausgesagt werden können. Aber obgleich wir

nicht zu gleich vielen Wahrheiten gelangen können so ist dies doch kein Grund

zu glauben dass diejenigenwelche wir erlangen können weniger Zutrauen

verdienen oder dass sie weniger von einem wissenschaftlichen Charakter

besitzen Dieser Gegenstand wird indessen in dem vierten Buche systematischer

abgehandelt werden und es ist daher eine jede weitere Betrachtung darüber zu

verschieben

 
 






     1 Alle Behauptungen welche sich durch die Sprache angeben lassen

drücken eines oder mehrere von fünf verschiedenen Dingen aus Existenz Ordnung

im Raum Ordnung in der Zeit Verursachung und Ähnlichkeit Da aber nach

unserer Betrachtung des Gegenstandes die Verursachung von der Ordnung in der

Zeit nicht fundamental verschieden ist so werden dadurch die fünf möglichen

Arten von Behauptungen auf vier zurückgeführt Die Urteile welche eine Ordnung

in der Zeit in einer der zwei Arten, Zugleichsein oder Folge Koexistenz oder

Sukzession behaupten haben bisher den Gegenstand unserer Untersuchung

gebildet Soweit sie innerhalb der diesem Werke angewiesenen Grenzen fällt

haben wir nun die Exposition der Natur des Beweises, worauf diese Urteile

beruhen und die Untersuchungsweisen wodurch sie entdeckt und bewiesen werden,

beendigt Es bleiben nun noch drei Classen von Tatsachen übrig Existenz

Ordnung im Raume und Ähnlichkeit in Beziehung auf welche dieselben Fragen nun

zu lösen sind

    In Beziehung auf die erste ist nur wenig zu sagen Die Existenz im

allgemeinen ist ein Gegenstand nicht unserer Wissenschaft sondern der

Metaphysik Zu bestimmen, welche Dinge unabhängig von unseren sinnlichen oder

anderen Eindrücken als wirklich existierend erkannt werden können, und in welcher

Bedeutung das Wort in diesem Falle von ihnen zu gebrauchen ist gehört einer

Betrachtung »der Dinge an sich« an wovon wir uns durch das ganze Werk hindurch

soviel als möglich fern hielten So weit es die Logik betrifft bezieht sich die

Existenz nur auf Naturerscheinungen auf wirkliche oder mögliche Zustände des

äußeren oder inneren Bewusstseins von uns selbst oder von Anderen. Die Gefühle

sensitiver Wesenoder die Möglichkeit solche Gefühle zu haben sind die

einzigen Dingewelche ein Gegenstand logischer Induktion sein können weil sie

die einzigen Dinge sind deren Existenz in individuellen Fällen ein Gegenstand

der Erfahrung sein kann

    Es ist wahr dass wir sogar dann noch sagen ein Ding existiere wenn es

abwesend ist und daher nicht wahrgenommen wird und werden kann. Aber auch dann

noch ist uns seine Existenz nur ein anderes Wort für unsere Überzeugung dass

wir es unter einer gewissen Voraussetzung wahrnehmen würden wenn wir uns in den

erforderlichen Umständen von Zeit und Ort befänden und mit der nötigen

Vollkommenheit der Organe ausgestattet wären Mein Glaube dass der Kaiser von

China existiert ist einfach mein Glaube dasswenn ich in den kaiserlichen

Palast oder in eine andere Lokalität von Peking gebracht würde ich ihn sehen

würde Mein Glaube dass Julius Cäsar existiert hat ist mein Glaube dass ich

ihn gesehen haben würde wenn ich auf der pharsalischen Ebene oder in dem

Senatsgebäude zu Rom anwesend gewesen wäre Wenn ich glaube dass außerhalb der

äußersten Grenze meines durch die besten Instrumente unterstützten Sehvermögens

Sterne existieren so ist philosophisch ausgedrückt mein Glaube der dass mit

noch besseren Instrumenten als den existierenden ich sie sehen würde oder dass

sie von Wesen welche weniger von ihnen entfernt sind oder deren

Wahrnehmungsvermögen grösser als das meinige ist wahrgenommen werden können.

    Die Existenz eines Phänomens ist daher nur ein anderes Wort für die

Wahrnehmung desselben oder für die gefolgerte Möglichkeit es wahrzunehmen

Wenn das Phänomen in dem Bereiche der gegenwärtigen Beobachtung ist so

überzeugen wir uns durch gegenwärtige Beobachtung von seiner Existenz wenn es

außerhalb dieses Bereiches ist und daher abwesend genannt wird so folgern wir

seine Existenz aus Merkmalen oder Beweisen Aber was können dies für Beweise

sein Andere Phänomene von denen durch Induktion erwiesen ist dass sie mit dem

gegebenen Phänomen entweder durch Sukzession oder Koexistenz im Zusammenhang

stehen Die einfache Existenz eines individuellen Phänomens wenn sie nicht

direkt wahrgenommen wird wird daher aus einem induktiven Gesetz der Folge oder

der Koexistenz gefolgert und ist folglich nicht auf irgend besondere induktive

Prinzipien zurückführbar Wir beweisen die Existenz eines Dingesindem wir

beweisen dass es durch Folge oder Zugleichsein mit einem bekannten Dinge

verknüpft ist

    Was allgemeine Urteile dieser Art betrifft nämlich solche welche die

bloße Tatsache der Existenz behaupten so besitzen diese eine

Eigentümlichkeit welche die logische Behandlung derselben zu einer ganz

leichten Sache macht sie sind Generalisationen welche durch einen einzigen

Fall hinreichend bewiesen sind Dass Geister Einhörner oder Seeschlangen

existieren wäre völlig bewiesen wenn es positiv bewiesen werden könnte dass

ein solches Ding einmal gesehen worden ist. Was einmal geschehen ist kann

wiederholt geschehen die einzige Frage bezieht sich auf die Bedingungen unter

denen es geschieht

    Soweit es also die einfache Existenz betrifft hat die induktive Logik keinen

Knoten zu lösen und wir können zu den beiden übrigen der großen Classen in

welche die Tatsachen eingeteilt wurden übergehen zu der Ähnlichkeit und der

Ordnung im Raum

    

     2 Die Ähnlichkeit und ihr Entgegengesetztes werden mit Ausnahme des

Falles in dem sie die Namen von Gleichheit und Ungleichheit annehmen selten

als Gegenstände der Wissenschaft betrachtet man nimmt an sie würden durch die

einfache Apprehension wahrgenommen indem wir gleichzeitig oder in unmittelbarer

Folge auf die zwei betreffenden Gegenstände bloß unsere Sinne anwenden oder

unsere Aufmerksamkeit richten Und diese gleichzeitige oder virtuell

gleichzeitige Anwendung unserer Fähigkeiten auf die zwei Dingewelche mit

einander zu vergleichen sind bildet notwendig die letzte Berufung überall wo

nur immer eine solche Anwendung tunlich ist In den meisten Fällen ist sie aber

nicht tunlich die Gegenstände können nicht so nahe zusammengebracht werden

dass das Gefühl ihrer Ähnlichkeit wenigstens ein vollständiges Gefühl

derselben unmittelbar in dem Geiste entsteht Wir können nur einen jeden von

ihnen mit einem dritten Gegenstande vergleichen den man von dem einen zu dem

anderen transportieren kann Überdies ist sogar dann wenn die Gegenstände

unmittelbar neben einander gestellt werden können, ihre Ähnlichkeit oder

Verschiedenheit so lange unvollkommen von uns erkannt als sie nicht genau Teil

für Teil mit einander verglichen haben So lange das nicht geschehen ist

scheinen in der Wirklichkeit sehr verschiedene Dinge oft ununterscheidbar

ähnlich zu sein Zwei Linien von sehr verschiedener Länge scheinen fast gleich

zu sein wenn sie verschiedene Richtungen haben man mache sie jedoch parallel

und bringe ihre entfernteren Enden in gleiche Höhe so wird wenn man nach den

näheren Enden sieht ihre Ungleichheit zu einem Gegenstand der direkten

Wahrnehmung

    Zu bestimmen, ob und worin zwei Phänomene einander gleichen oder von

einander abweichen ist daher nicht immer eine so leichte Sache als es auf den

ersten Blick scheinen mag Wenn die beiden Phänomene nicht in eine Juxtaposition

oder in eine solche Lage gebracht werden können, dass der Beobachter ihre

verschiedenen Theile einzeln vergleichen kann so muss er das indirekte Mittel

des Folgerns und der allgemeinen Urteile anwenden Wenn wir zwei Linien nicht

zusammenbringen können um zu bestimmen, ob sie gleich sind, so tun wir dies

durch die physikalische Hülfe eines Maßstabes den wir erst an die eine und

dann an die andere legen und durch das logische Hilfsmittel des allgemeinen

Urteils oder der Formel »Dingewelche einem und demselben Dinge gleich sind,

sind einander selbst gleich« Die Vergleichung zweier Dinge vermittelst eines

dritten Dinges wenn eine direkte Vergleichung unmöglich istist das

angemessene wissenschaftliche Verfahren für die Bestimmung von Ähnlichkeiten

oder Unähnlichkeiten und die Summe von allem was die Logik in dieser Beziehung

zu lehren hat

    Eine ungeeignete Ausdehnung dieser Betrachtungen verleitete Locke dass

Schließen selbst als nichts Anderes als die Vergleichung zweier Ideen

vermittelst einer dritten und die Erkenntnis als die Wahrnehmung der

Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zweier Ideen zu betrachten eine

Lehre welche die Schule von Condillac ohne die Einschränkungen und

Distinktionen womit sie ihr berühmter Urheber sorgfältig umgab blindlings

annahm Wo in der Tat die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung die

Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zweier Dinge der zu bestimmende Gegenstand,

ist, wie dies besonders in den Wissenschaften der Quantität und der Ausdehnung

der Fall ist, da besteht das Verfahren durch welches eine durch direkte

Wahrnehmung nicht zu erhaltentende Lösung indirekt gesucht werden muss in der

Vergleichung zweier Dinge vermittelst eines dritten Dies ist aber weit

entfernt von allen Untersuchungen wahr zu sein Die Erkenntnis dass schwere

Körper auf die Erde fallen ist nicht eine Wahrnehmung der Übereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung sondern einer Reihe von physikalischen Vorgängen ein

Aufeinanderfolgen von Sensationen Lockes Definitionen der Erkenntnis und des

Schließens mussten auf unsere Erkenntnis der Ähnlichkeiten und auf das

Schließen in Betreff derselben beschränkt werden Ja sogar wenn sie in dieser

Weise beschränkt werden sind die Urteile keine streng richtigen indem die

Vergleichung nicht wie er es darstellt zwischen den Ideen zweier Phänomene

sondern zwischen den Phänomenen selbst gemacht wird Dieser Irrtum hat wie

schon früher gezeigt wurde145 seinen Grund in einer unvollkommenen Vorstellung

von dem was in der Mathematik stattfindet wo sehr häufig ohne eine Berufung an

die äußeren Sinne eine Vergleichung zwischen zwei Ideen wirklich gemacht wird

indessen nur darum weil in der Mathematik eine Vergleichung zweier Ideen einer

Vergleichung der Phänomene selbst streng äquivalent ist Wo wie in dem Falle

von Zahlen Linien und Figuren unsere Idee von dem Gegenstände soweit sie hier

in Betracht kommt ein vollständiges Bild des Gegenstandes ist da können wir

natürlicherweise von dem Bilde lernen was man durch bloße Betrachtung des

Gegenstandes selbst so wie er in dem besonderen Augenblicke wo das Bild

genommen wird existiert lernen konnte Eine bloße Betrachtung des

Schießpulvers würde uns niemals lehren dass es ein Funken zum Explodieren

bringt noch würde es folglich die Betrachtung der Idee vom Schießpulver tun

aber die bloße Betrachtung einer geraden Linie zeigt dass sie keinen Raum

einschließen kann demnach wird die Betrachtung der Idee derselben dasselbe

zeigen Auf diese Weise ist das was in der Mathematik stattfindet kein

Argument dafür dass die Vergleichung nur zwischen den Ideen stattfindet Es ist

immer entweder direkt oder indirekt eine Vergleichung der Phänomene

    In Fällen wo die Phänomene gar nicht in das Bereich der direkten

Beobachtung gebracht werden können, oder doch nicht in einer hinreichend genauen

Weise wo wir ihre Ähnlichkeit nur aus anderen der direkten Beobachtung

zugänglicheren Ähnlichkeiten oder Unähnlichkeiten folgern müssen bedürfen wir

natürlicherweise wie bei allem Syllogismen der auf den Gegenstand anwendbaren

Generalisationen oder Formeln Wir müssen aus Naturgesetzen aus den

Gleichförmigkeit folgern welche in der Tatsache von Gleichheit oder

Ungleichheit beobachtbar sind

    

     3 Die umfassendsten dieser Gesetze oder Gleichförmigkeit sind

diejenigenwelche die Mathematik darbietet die Axiome welche sich auf

Gleichheit Ungleichheit Proportionalität und die verschiedenen hierauf

begründeten Lehrsätze beziehen und dies sind die einzigen Gesetze der

Ähnlichkeit welche besonders abgehandelt werden müssen oder können Es ist

wahr es gibt unzählige andere Lehrsätze welche Ähnlichkeiten zwischen

Erscheinungen affirmieren wie dass der Reflexionswinkel dem Einfallswinkel des

Lichtes gleich ist indem die Gleichheit bloß die genaue Ähnlichkeit in der

Größe ist dass die Himmelskörper in gleichen Zeiten gleiche Flächenräume

beschreiben und dass ihre Umlaufszeiten den anderthalbmaligen Potenzen ihrer

Entfernungen vom Kräftemittelpunkte proportional eine andere Art von

Ähnlichkeit sind Diese und ähnliche Urteile behaupten Ähnlichkeiten von

derselben Natur wie diejenigen der mathematischen Lehrsätze der Unterschied

besteht darin, dass die mathematischen Urteile von allen Phänomenen wahr sind;

während die in Frage stehenden Wahrheiten nur von besonderen auf eine gewisse

Weise entstehenden Phänomenen behauptet werden und die Gleichheiten

Proportionalität und andere Ähnlichkeiten welche zwischen derartigen

Phänomenen existieren notwendig entweder von dem Gesetze ihres Ursprungs  von

dem Kausalgesetze wovon sie abhängen  abgeleitet oder damit identisch sein

müssen Die Gleichheit der von den Planeten beschriebenen Flächenräume wird von

den Gesetzen der Ursachen abgeleitet und so lange die Ableitung nicht

nachgewiesen war war sie ein empirisches Gesetz Die Gleichheit des

Reflexionswinkels und des Einfallswinkels ist identisch mit dem Gesetz der

Ursache, denn die Ursache ist das Einfallen eines Strahles auf eine ebene

Fläche und die in Rede stehende Gleichheit ist gerade das Gesetz, wonach diese

Ursache ihre Wirkung hervorbringt Diese Klasse von Gleichförmigkeit der

Ähnlichkeit zwischen Erscheinungen ist daher in Wirklichkeit und in Gedanken

von den Gesetzen der Erzeugung dieser Phänomene unzertrennlich und die darauf

anwendbaren Prinzipien der Induktion sind diejenigenwelche wir in den

vorhergehenden Kapiteln abgehandelt haben

    Anders verhält es sich mit den Wahrheiten der MathematikDie Gesetze der

Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen Räumen oder Zahlen haben keinen

Zusammenhang mit Kausalgesetzen Dass ein Reflexionswinkel dem Einfallswinkel

gleich istist die Angabe der Wirkungsweise einer besonderen Ursache aber dass

die Scheitelwinkel zweier sich schneidender Linien gleich sind, ist von allen

solchen Linien und Winkeln wahr von welchen Ursachen sie auch erzeugt sein

mögen Dass die Quadrate der Umlaufszeiten der Planeten den Kuben ihrer

Entfernung von der Sonne proportional sind ist eine Gleichförmigkeit welche

aus den Gesetzen der Ursachenwelche die Planetenbewegung hervorbringen

abgeleitet ist nämlich aus der Zentripetal und Tangentialkraft aber dass das

Quadrat einer Zahl viermal das Quadrat ihrer Hälfte istist eine Wahrheit

welche von einer jeden Ursache unabhängig ist Die einzigen Gesetze der

Ähnlichkeit welche wir unabhängig von einer Verursachung zu betrachten haben

gehören daher in das Gebiet der Mathematik.

    

     4 Dasselbe ist evident in Beziehung auf die einzige übrige der fünf

Kategorien die Ordnung im Raum Die Ordnung im Raum der Wirkungen einer Ursache

ist wie alles Andere das zu den Wirkungen gehört eine Folge des Gesetzes

dieser Ursache Die Ordnung im Raum oder wie wir es nannten die Kollokation

der urersten Ursachen ist so gut wie ihre Ähnlichkeit in einem jeden Falle

eine letzte Tatsache worin keine Gesetze oder Gleichförmigkeit nachgewiesen

werden können. Die einzigen übrig bleibenden allgemeinen Urteile in Beziehung

auf Ordnung im Raum und die einzigen welche nichts mit Ursachen zu tun haben

sind einige von den Wahrheiten der Geometrie, Gesetze vermittelst deren wir im

Stande sind aus der Ordnung im Raum gewisser Punkte Linien oder Körper die

Ordnung im Raum von anderen, in einer gewissen Weise mit den ersteren

zusammenhängenden zu folgern und zwar unabhängig von der besonderen Natur

dieser Punkte Linien oder Körper in einer jeden andern Beziehung als der auf

Lage oder Größe und unabhängig von der physikalischen Ursache wovon sie in

einem besonderen Falle ihren Ursprung ableiten

    Es scheint auf diese Weise dass die Mathematik das einzige Gebiet der

Wissenschaft ist dessen Methode noch zu untersuchen bleibt Es ist aber um so

weniger nötig uns noch lange mit dieser Untersuchung zu beschäftigen als wir

bereits früher darin weit vorgeschritten sind Wir haben bemerkt dass die

Anzahl der direkt induktiven Wahrheiten der Geometrie nur gering ist dass sie

aus Axiomen und gewissen Propositionen in Beziehung auf Existenz die

stillschweigend in den meisten der sogenannten Definitionen eingeschlossen sind

bestehen und wir bewiesen dass diese ursprünglichen Prämissen von welchen die

übrigen Wahrheiten der Wissenschaft abgeleitet sind ungeachtet allen Scheines

vom Gegenteil Resultate der Beobachtung und der Erfahrung sind kurz dass sie

auf einen Sinnesbeweis gegründet sind Dass Dinge die demselben Dinge gleich

sind, auch einander selbst gleich sindoder dass zwei gerade Linien welche

sich einmal geschnitten haben fortwährend divergieren werden dies sind

induktive Wahrheiten die wie das allgemeine Kausalgesetz in der Tat nur auf

einer Induktion per enumerationem simplicem auf der Tatsache beruhen dass sie

immerwährend wahr und kein einzigesmal falsch befunden wurden So wie wir jedoch

in einem früheren Kapitel gesehen haben dass dieser Beweis sich bei einem so

vollständig universalen Gesetze wie das Kausalgesetz zu dem höchsten und

vollsten Beweis erhebt so ist dies von den allgemeinen Urteilen die wir nun

im Auge haben noch augenfälliger wahr weil da die Perzeption ihrer Wahrheit

in einem jeden individuellen Falle nur den einfachen Akt des Betrachtens des

Gegenstandes in einer geeigneten Lage verlangt es niemals Fälle gegeben haben

kann was in Beziehung auf das Kausalgesetz eine lange Zeit hindurch Statt

fand welche anscheinend wenn auch nicht wirklich Ausnahmen davonmachten

Ihre unfehlbare Wahrheit wurde bei dem ersten Beginnen der Spekulation erkannt

und da ihre äußerste Fasslichkeit dem Geiste unmöglich machte die Gegenstände

unter einem anderen Gesetze zu begreifen so wurden sie und werden noch

allgemein als Wahrheiten betrachtet welche durch ihre eigene Evidenz oder

durch Instinkt erkannt werden.

    

     5 Es scheint in der Tatsache dass die außerordentliche Menge von

Wahrheiten eine Menge die noch eben so weit entfernt ist erschöpft zu sein

als sie es jemals war welche in den mathematischen Wissenschaften enthalten

sind aus einer geringen Anzahl von elementaren Gesetzen entspringen etwas zu

liegen was einer Erklärung bedarf Man sieht auf den ersten Blick nicht ein

wie bei einem anscheinend so beschränkten Gegenstand eine solche unbegrenzte

Anzahl von wahren Urteilen Raum haben kann

    Um mit der Wissenschaft von den Zahlen zu beginnen so sind die elementaren

oder letzten Wahrheiten dieser Wissenschaft die gewöhnlichen Axiome in Beziehung

auf die Gleichheit nämlich »Dingewelche einem und demselben Dinge gleich

sind, sind einander selbst gleich« und »Gleiches zu Gleichem addiert gibt

gleiche Summen« keine anderen Axiome sind nöthig146 samt den Definitionen der

verschiedenen Zahlen Wie andere sogenannte Definitionen so sind dieselben aus

zwei Dingen zusammengesetzt aus der Erklärung des Namens und aus der Behauptung

einer Tatsache wovon die letzte allein ein erstes Prinzip oder eine Prämisse

einer Wissenschaft bilden kann Die in der Definition einer Zahl behauptete

Tatsache ist eine physikalische Tatsache Eine jede der Zahlen eins zwei

drei vier usw bezeichnet physikalische Phänomene und mitbezeichnet eine

physikalische Eigenschaft dieses Phänomens Zwei zB bezeichnet alle Paare von

Dingen, und zwölf alle Dutzende von Dingenindem es mitbezeichnet was sie zu

Paaren Dutzenden macht und das was sie dazu macht ist etwas Physikalisches

da es nicht zu leugnen ist dass zwei Äpfel von drei Äpfeln zwei Pferde von

einem Pferd physikalisch verschieden sind dass sie ein davon verschiedenes

sichtbares und fühlbares Phänomen sind Ich unternehme nicht zu sagen welches

der Unterschied sei es ist hinreichend dass ein Unterschied besteht von

welchem die Sinne Kenntnis nehmen können Und obgleich hundert und zwei Pferde

nicht so leicht von hundert und drei unterschieden werden, als zwei Pferde von

einem Pferd obgleich in den meisten Fällen die Sinne keinen Unterschied

bemerken so können sie doch in die Lage gebracht werden dass ein Unterschied

wahrnehmbar wird weil wir sie sonst nie von einander unterschieden und ihnen

verschiedene Namen gegeben hätten Das Gewicht ist unleugbar eine physikalische

Eigenschaft und dennoch sind geringe Unterschiede zwischen bedeutenden

Gewichten den Sinnen ebenso unwahrnehmbar als geringe Unterschiede zwischen

großen Zahlen und treten nur hervor wenn zwei Gegenstände in eine besondere

Lage nämlich auf die zwei Schalen einer empfindlichen Waage gebracht werden

    Was wird also durch den Namen einer Zahl mitbezeichnet Natürlich eine

Eigenschaft, die der Agglomeration der Anhäufung von Dingen angehört welche

wir mit dem Namen benennen und diese Eigenschaft ist die charakteristische

Weise in welcher die Anhäufung zusammengesetzt ist oder in Theile getrennt

werden kann. Wir wollen suchen dies durch einige Erklärungen deutlicher zu

machen

    Wenn wir eine Sammlung von Gegenständen zwei drei oder vier nennen so sind

es keine zwei drei oder vier im Abstrakten es sind zwei drei oder vier Dinge

von einer besonderen Art es sind Steine Pferde Zolle Pfunde Gewicht Der Name

einer Zahl mitbezeichnet die Art und Weise in welcher einzelne Gegenstände

einer besonderen Art zusammengebracht werden müssen um das besondere Aggregat

hervorzubringen Wenn das Aggregat ein Aggregat von Kieselsteinen ist und wir

nennen es zwei so schließt der Name ein dass um das Aggregat

zusammenzusetzen ein Kiesel zu dem andern hinzugefügt werden muss Wenn wir es

drei nennen so meinen wir dass ein und ein und ein Kiesel zusammengebracht

werden müssen um es zu erzeugen oder auch dass ein Kiesel zu dem bereits

existierenden Aggregat von der Art welche wir zwei nennen hinzuzufügen ist Das

Aggregat welches wir vier nennen hat eine noch größere Anzahl von

charakteristischen Erzeugungsweisen Ein und ein und ein und ein Kiesel können

zu einander gefügt werden oder es können zwei Aggregate von der zwei genannten

Art vereinigt oder ein Kiesel kann zu der drei genannten Art hinzugefügt

werden Eine jede folgende Zahl in der aufsteigenden Reihe kann durch die

Vereinigung kleinerer Zahlen in einer zunehmend größeren Anzahl von

Bildungsweisen gebildet werden. Sogar wenn die Theile auf zwei beschränkt

werden so kann die Zahl in so vielen verschiedenen Weisen als es kleinere

Zahlen als sie selbst gibt gebildet und folglich auch geteilt werden und

wenn wir drei vier Theile etc zulassen in einer noch größeren

Mannigfaltigkeit Andere Weisen zu demselben Aggregat zu gelangen bieten sich

dar nicht in der Vereinigung von kleineren sondern in der Zerteilung

größerer Aggregate So können drei Kiesel gebildet werdenindem man von dem

Aggregat von vier einen hinwegnimmt zwei Kiesel durch eine gleiche Teilung

eines ähnlichen Aggregats usw

    Ein jeder arithmetischer Satz eine jede Angabe des Resultats einer

arithmetischen Operation ist die Angabe einer der Bildungsweisen einer gegebenen

Zahl Sie behauptet dass ein gewisses Aggregat durch das Zusammenfügen gewisser

anderer Aggregate oder durch die Hinwegnahme gewisser Theile eines Aggregats

hätte gebildet werden können, und dass wir folglich diese Aggregate durch eine

Umkehrung des Verfahrens wiedererzeugen könnten

    Wenn wir sagen der Kubus von 12 ist 1728 so behaupten wir dass wenn wir

im Besitz einer hinreichenden Anzahl von Kieseln oder von anderen Gegenständen

sind und sie zu der besonderen Art von Haufen oder Aggregaten zusammenfügen die

man zwölf nennt und diese Zwölfe wieder in ähnliche Haufen zusammenbringen und

endlich zwölf von diesen größeren Parthien vereinigen das so gebildete

Aggregat ein Aggregat sein wird das wir 1728 nennen das nämlich welches

entsteht um die bekannteste Bildungsweise zu nehmen wenn wir das tausend

Kiesel genannte Aggregat das siebenhundert Kiesel genannte das zwanzig Kiesel

genannte und das acht Kiesel genannte zusammenfügen Der umgekehrte Satz dass

die Kubikwurzel von 1728 gleich 12 ist behauptet dass dieses große Aggregat

wiederum in die zwölf Zwölfe von zwölf Kieseln woraus es besteht zerlegt

werden kann.

    Es gibt unzählige Erzeugungsweisen einer jeden Zahl aber wenn wir eine

Erzeugungsweise einer jeden kennen so kann der ganze Rest deduktiv bestimmt

werden. Wenn wir wissen dass a von b und c gebildet wird dass b von d und e c

von d und f und so fort bis wir alle Zahlen einer gewählten Reihe

eingeschlossen haben indem man Sorge trägt dass für eine jede Zahl die

Bildungsweise wirklich eine unterschiedene uns nicht wieder zu den früheren

Zahlen zurückbringende sondern eine neue Zahl einführende sei so haben wir

eine Reihe von Sätzen woraus wir alle anderen Bildungsweisen jener Zahlen aus

einander folgern können Wenn wir eine Kette von induktiven Wahrheitenwelche

alle Zahlen der Reihe mit einander verknüpft gebildet haben so können wir die

Bildung irgend einer dieser Zahlen aus einer andern einfach dadurch bestimmen

dass wir von der einen zu der andern die Kette entlang gehen Nehmen wir an es

wären uns bloß die folgenden Bildungsweisen bekannt 6  42 4  73 7  52

5  94 Wir können nun bestimmen wie 6 aus 9 gebildet werden kann, denn 6 

42  732  5232  94232 Es kann also gebildet werden, wenn man 4 und

3 hinwegnimmt und 2 und 2 hinzufügt Wenn wir überdies wissen dass 22  4

ist so erhalten wir 6 aus 9 in einer einfacheren Weise indem wir bloß 3

hinwegnehmen

    Es ist daher hinreichend eine von den verschiedenen Bildungsweisen einer

jeden Zahl als ein Mittel der Bestimmung aller übrigen zu wählen Und da Dinge,

welche gleichförmig und daher einfach sind von dem Verstande sehr leicht

aufgenommen und behalten werden so liegt ein augenscheinlicher Vorteil darin

dass man eine Bildungsweise wählt welche für alle gleich ist dass man die

Mitbezeichnung der Namen von Zahlen nach einem gleichförmigen Prinzip fixiert

Die Einrichtung unserer bestehenden numerischen Nomenklatur bietet diesen

Vorteil samt dem anderweitigen dar dass sie auf eine glückliche Weise dem

Geiste zwei von den Bildungsweisen einer jeden Zahl zuführt Eine jede Zahl wird

angesehen als durch die Hinzufügung der Einheit zu der zunächst kleineren Zahl

gebildet und diese Bildungsweise wird durch den Platz welchen sie in der Reihe

einnimmt ausgedrückt Und eine jede Zahl wird auch betrachtet als gebildet

durch Addition einer Anzahl von Einheiten weniger als zehn und einer Anzahl von

Aggregaten wovon ein jedes einer der sukzessiven Potenzen von zehn gleich ist

und diese Bildungsweise wird durch den ausgesprochenen Namen und durch ihren

numerischen Charakter ausgedrückt

    Was die Arithmetik zum Typus einer deduktiven Wissenschaft macht ist die

glückliche Anwendbarkeit auf dieselbe von einem so umfassenden Gesetze wie »die

Summen von Gleichem sind gleich« oder um dasselbe Prinzip in einer weniger

familiären aber charakteristischeren Sprache auszudrücken »was aus Teilen

zusammengesetzt istist aus Teilen von diesen Teilen zusammengesetzt« Diese

Wahrheit welche in allen Fällen, wo die Entscheidung den Sinnen unterworfen

werden kann, so einleuchtend ist und die so allgemein ist dass sie sich so

weit erstreckt als die Natur selbst diese Wahrheit da sie von allen

Naturerscheinungen gültig ist denn alle können gezählt werden muss als eine

induktive Wahrheit oder als ein Naturgesetz von der höchsten Ordnung betrachtet

werdenEine jede arithmetische Operation ist eine Anwendung dieses Gesetzes

oder von anderen Gesetzen die daraus abgeleitet werden könnenDies ist bei

allen Rechnungen unsere Gewähr Dass fünf und zwei gleich sieben ist glauben

wir auf den Beweis dieses induktiven mit den Definitionen dieser Zahlen

verbundenen Gesetzes hin Wir gelangen zu diesem Schluss wie Alle wissen die

sich erinnern wie sie ihn zuerst lernten indem nur die bloße Einheit auf

einmal addiert wird 51  6 daher 511  61  7 und da 11  2 so ist 511

 52  7

    

     6 Unzählbar wie die wahren Urteile sind welche in Beziehung auf

besondere Zahlen gebildet werden können, kann aus diesen allein keine adäquate

Vorstellung von der Ausdehnung der Wahrheitenwelche die Wissenschaft der

Zahlen bilden gewonnen werden Sätze wie die von denen wir gesprochen haben

sind die am wenigsten allgemeinen von allen numerischen Wahrheiten Es ist wahr

dass sogar diese von gleichem Umfang wie die Natur sind die Eigenschaften der

Zahl vier sind von allen Gegenständen wahr welche sich in vier gleiche Theile

teilen lassen und alle Gegenstände sind wirklich oder ideell auf diese Weise

teilbar Aber die Urteile welche die Algebra bilden sind nicht von einer

besonderen Zahl sondern von allen Zahlen wahr nicht von allen Dingen unter der

Bedingung dass sie in einer besonderen Weise geteilt werden sondern von allen

Dingen unter der Bedingung dass sie in irgend einer Weise geteilt werden dass

sie überhaupt durch eine Zahl bezeichnet werden

    Da es unmöglich ist dass verschiedene Zahlen irgend eine ihrer

Bildungsweisen vollständig gemein haben so sieht es wie ein Paradoxon aus zu

sagen alle Urteile welche in Beziehung auf Zahlen aufgestellt werden können,

bezögen sich auf deren Bildungsweise aus anderen Zahlen und es gäbe demnach

Urteile welche von allen Zahlen wahr sind. Aber gerade dieses Paradoxon führt

zu dem wirklichen Prinzip der Generalisation in Betreff der Eigenschaften der

Zahlen. Zwei verschiedene Zahlen können nicht in derselben Weise aus denselben

Zahlen gebildet werden; aber sie können in derselben Weise von verschiedenen

Zahlen gebildet werden, wie zB neun aus drei gebildet wird indem man

letzteres mit sich selbst multipliziert und wie sechszehn gebildet wird indem

man ganz dasselbe mit vier vornimmt Auf diese Weise entsteht eine

Klassifikation der Bildungsweisen oder in der von den Mathematikern gewöhnlich

gebrauchten Sprache eine Klassifikation der Funktionen Eine jede Zahl die

betrachtet wird als von einer andern Zahl gebildet wird eine Funktion derselben

genannt und es gibt so viele Arten von Funktionen als es Bildungsweisen

gibt Die einfachen Funktionen sind keineswegs zahlreich indem die meisten

Funktionen durch die Vereinigung verschiedener von den Operationen welche

einfache Funktion bilden oder durch die sukzessive Wiederholung einer dieser

Operationen gebildet worden Die einfachen Funktionen irgend einer Zahl x sind

alle auf die folgenden Formen zurückführbar

              xa xa a·x xa xa ax log x mit der Basis a)

und dieselben Ausdrücke variiert indem a für x und x für a überall gesetzt wird

wo eine dieser Substitutionen den Werth verändern würde hierzu müssen wir

vielleicht noch hinzufügen sin x und arc sin  x Alle anderen Funktionen von

x werden gebildet indem man eine oder mehrere der einfachen Funktionen an die

Stelle von x oder a setzt und sie denselben elementaren Operationen unterwirft

    Um allgemeine Schlüsse in Beziehung auf Funktionen ziehen zu können

bedürfen wir einer Nomenklatur welche uns in den Stand setzt irgend zwei

Zahlen durch Namen auszudrücken welche zeigen welche Funktion eine jede von

der andern ist ohne genauer anzugeben was für besondere Zahlen es sind oder

mit anderen Wortenwelche die Bildungsweise der einen aus der andern dartun

Das System der allgemeinen, algebraische Bezeichnung genannten Sprache erfüllt

diesen Zweck Von den Ausdrücken a und a3  3a bezeichnet der eine irgend eine

Zahl der andere eine in einer besonderen Weise daraus gebildete Zahl Die

Ausdrücke ab, n und a  b)n bezeichnen drei beliebige Zahlen und eine vierte

Zahl welche in einer besonderen Weise daraus gebildet ist

    Das Folgende kann als die allgemeine Aufgabe des algebraischen Kalküls

aufgestellt werden wenn F eine gewisse Funktion einer gegebenen Zahl ist zu

finden welche Funktion von einer beliebigen Funktion dieser Zahl F sein wird

ZB ein Binomium a  b bist eine Funktion seiner zwei Theile a und b, und diese

Theile sind ihrerseits Funktionen von a  b, nun ist a  b)n eine gewisse

Funktion des Binoms welche Funktion wird nun dieses von a und b, den zwei

Teilen sein Die Antwort auf diese Frage ist der binomische Lehrsatz Die

Formel

                 a+b)nann1an1bnn11·2an2b2

zeigt in welcher Weise die Zahl welche durch nmalige Multiplikation von a  b

mit sich selbst gebildet wird ohne diesen Prozess direkt aus ab und n

gebildet werden könnte Von dieser Natur sind aber alle Lehrsätze der

Wissenschaft der Zahlen. Sie behaupten die Identität der Resultate verschiedener

Bildungsweisen Sie behaupten dass irgend eine Bildungsweise aus x und eine

Bildungsweise aus einer gewissen Funktion von x dieselbe Zahl hervorbringen

    Was außer diesen allgemeinen Lehrsätzen oder Formeln von dem algebraischen

Kalkül noch übrig bleibt ist die Auflösung der Gleichungen Aber die Auflösung

einer Gleichung ist ebenfalls ein Lehrsatz Wenn die Gleichung x2ax  b ist, so

ist die Auflösung dieser Gleichung nämlich x  12a ± 14a2b ein

allgemeiner Satz der als eine Antwort dienen kann auf die Frage wenn b eine

gewisse Funktion von x und a nämlich x2  a x istwelche Funktion ist x von a

und b? Die Auflösung der Gleichungen ist daher bloß eine Varietät des

allgemeinen Problems wie es oben angegeben wurde Das Problem ist  Eine

Funktion ist gegeben was für eine Funktion von einer andern Funktion ist sie

Und bei der Auflösung einer Gleichung ist die Aufgabe zu finden welche

Funktion von einer ihrer eigenen Funktionen die Zahl selbst ist.

    Dies ist, wie oben beschrieben der Zweck und das Ende des Kalküls Was

seine Prozesse betrifft so weiß ein Jeder dass sie einfach deduktiv sind Bei

der Demonstration eines algebraischen Lehrsatzes oder bei der Auflösung einer

Gleichung gelangen wir von dem Gegebenen zum Gesuchten durch einen einfachen

Syllogismus in dem die einzigen Prämissen die außer der ursprünglichen

Hypothese eingeführt wurden die bereits erwähnten fundamentalen Axiome sind 

dass Dingewelche einem und demselben Dinge gleich sind, unter einander selbst

gleich sind, und dass die Summen von gleichen Dingen gleich sind. Bei einem

jeden Schritt in der Demonstration oder in der Berechnung wenden wir die eine

oder die andere dieser Wahrheiten oder wir wenden Wahrheiten an die daraus

abgeleitet sind wie zB die Unterschiede, Produkte usw von gleichen Zahlen

sind gleich

    Es ist für den Zweck dieses Werkes nicht notwendig die Analyse der

Wahrheiten und der Prozesse der Algebra weiter zu treiben um so weniger als

sich andere Schriftsteller dieser Aufgabe unterzogen haben Peacocks Algebra

und Whewells Doctrine of limits Lehre von den Grenzen sollten von einem jeden

studiert werden der den Beweis mathematischer Wahrheiten und den Sinn der

dunkleren Prozesse des Kalküls verstehen lernen will und auch nachdem er diese

Werke bemeistert hat wird der Studierende aus dem bewunderungswürdigen Werke von

Hrn Comte dem die Philosophie der höheren Theile der Mathematik mehr verdankt

als einem jeden andern mir bekannten Schriftsteller viel lernen können

    

     7 Wenn die äußerste Allgemeinheit der Gesetze der Zahlen, wenn ihr

Ferneliegen nicht sowohl von den Sinnen als von der visuellen und tactuellen

Einbildungskraft es für die Abstraktion zu einer schwierigen Aufgabe macht sich

diese Gesetze als wirkliche physikalische Wahrheiten vorzustellen die durch die

Beobachtung gewonnen wurden so besteht diese Schwierigkeit nicht in Beziehung

auf die Gesetze der AusdehnungDie Tatsachen, welche diese Gesetze ausdrücken

sind von einer den Sinnen besonders zugänglichen Art und bieten der Phantasie

ganz deutliche Bilder Wäre nicht die durch zwei Umstände hervorgebrachte

Täuschung gewesen so wäre die Geometrie ohne Zweifel zu allen Zeiten als eine

streng physikalische Wissenschaft erkannt worden Der eine von diesen Umständen

ist in der bereits erwähnten charakteristischen Eigenschaft der geometrischen

Tatsachen zu suchen dass sie eben so gut aus unseren Ideen oder geistigen

Bildern von den Gegenständen gefolgert werden können, als aus den Gegenständen

selbst Der andere ist der demonstrative Charakter der geometrischen Wahrheiten

wovon man früher annahm dass er den Hauptunterschied zwischen geometrischen und

physikalischen Wahrheiten ausmache indem man die letzteren als auf einem

bloßen Wahrscheinlichkeitsbeweis beruhend für wesentlich ungewiss und ungenau

hielt Der Fortschritt der Wissenschaft hat indessen bewiesen dass die

physikalischen Wissenschaften in ihren besser verstandenen Teilen eben so

demonstrativ sind wie die Geometrie. Die Aufgabe ihre Einzelheiten aus

wenigen verhältnismäßig einfachen Prinzipien abzuleiten stellt sich durchaus

nicht wie man früher annahm als eine Unmöglichkeit heraus und die Idee einer

größeren Gewissheit der Geometrie ist eine Täuschung die aus dem alten

Vorurteil entstand welches die ideellen Data dieser Wissenschaft woraus wir

folgern für eine besondere Klasse von Tatsachen hält während die

entsprechenden ideellen Data einer der physikalisches Wissenschaften für das

gehalten werden was sie sind nämlich für bloße Hypothesen

    Ein jeder geometrische Lehrsatz ist ein Gesetz der äußeren Natur und hätte

durch Generalisieren von der Beobachtung und dem Experiment aus die sich in

diesem Falle in Vergleichung und Messung auflösen bestimmt werden können. Man

fand es aber ausführbar und weil ausführbar für wünschenswert diese

Wahrheiten durch Folgerung aus einer kleinen Anzahl von allgemeinen

Naturgesetzen deren Gewissheit und Allgemeinheit dem sorglosesten Beobachter

augenfällig waren und welche die ersten Prinzipien und letzten Prämissen der

Wissenschaft bilden abzuleiten Unter diese allgemeinen Gesetze müssen

dieselben zwei Gesetze eingeschlossen werden die wir als letzte Prämissen der

Wissenschaft der Zahlen angeführt haben und welche auf eine jede Art von Größe

anwendbar sind nämlich die Summen von Gleichem sind gleich und Dingewelche

einem und demselben Dinge gleich sind, sind einander selbst gleich das letztere

dieser Gesetze kann in einer Weise welche die unerschöpfliche Menge seiner

Konsequenzen besser ersehen lässt in folgenden Worten ausgedrückt werden: Was

irgend einer von einer Anzahl gleicher Größen gleich istist einer jeden

andern von diesen Größen gleich Diesen beiden Gesetzen muss in der Geometrie

ein drittes Gesetz der Gleichheit hinzugefügt worden nämlich Linien Flächen

oder Räume welche so auf einander gelegt werden können, dass sie sich decken

sind einander gleich Einige Schriftsteller haben behauptet dieses Naturgesetz

sei eine bloße verbale Definitionder Ausdruck »gleiche Größen« bedeute

nichts Anderes als Größen welche so aufeinander gelegt werden können, dass sie

sich decken Dieser Meinung kann ich aber nicht beistimmen Die Gleichheit

zweier geometrischer Größen kann ihrer Natur nach nicht fundamental verschieden

sein von der Gleichheit zweier Gewichte zweier Wärmegrade oder zweier Theile

einer Zeitdauer und auf keine dieser Gleichheiten würde diese vermeintliche

Definition der Gleichheit passen Keines von diesen Dingen kann auf das andere

so gelegt werden dass es dasselbe deckt wir wissen aber genau was wir meinen

wenn wir sie gleich nennen  Die Dinge sind der Größe nach gleich wie sie dem

Gewicht nach gleich sind, wenn wir sie in Beziehung auf die Attribute in

welchen wir sie mit einander vergleichen genau ähnlich wahrnehmen das

Aufeinanderlegen der Gegenstände in dem einen Fall und das Wägen auf zwei

Waagschalen in dem andern ist nur ein Modus sie in eine Lage zu bringen in

welcher unsere Sinne den Mangel einer genauen Ähnlichkeit der unserer

Entdeckung sonst entgehen würde erkennen können

    Außer diesen allgemeinen Prinzipien oder Axiomen bestehen die übrigen

Prämissen der Geometrie aus sogenannten Definitionen dh aus Urteilen welche

die wirkliche Existenz der verschiedenen in ihnen bezeichneten Gegenstände

samt irgend einer Eigenschaft eines jeden behaupten In einigen Fällen nimmt

man gewöhnlich mehr als eine Eigenschaft an aber in keinem Falle ist mehr als

eine notwendig Man nimmt an es gebe in der Natur Dinge wie gerade Linien

und zwei solcher von demselben Punkte ausgehender Linien divergierten mehr und

mehr di ohne Grenze Diese Annahme welche Euclids Axiom dass zwei gerade

Linien keinen Raum einschließen können enthält und noch über dasselbe hinaus

geht ist in der Geometrie ebenso unentbehrlich und da sie auf einer ebenso

einfachen geläufigen und allgemeinen Erfahrung beruht ebenso evident als die

anderen Axiome Man nimmt auch an dass gerade Linien in verschiedenen Graden

von einander divergieren mit anderen Worten, dass es Dinge gebe wie Winkel und

dass sie fähig seien gleich oder ungleich zu sein Man nimmt an es gebe ein

Ding wie einen Kreis und alle seine Halbmesser seien einander gleich es gebe

Dinge wie Ellipsen und die Summe der Fokaldistanzen für einen jeden Punkt der

Ellipse sei dieselbe es gebe Dinge wie parallele Linien und diese Linien seien

überall gleichweit von einander entfernt147

    

     8 Es ist etwas mehr als ein bloßer Gegenstand der Neugierde zu

betrachten welcher Eigentümlichkeit der physikalischen Wahrheiten die den

Gegenstand der Geometrie bilden es zuzuschreiben ist dass sie alle von einer

so kleinen Anzahl von ursprünglichen Prämissen abgeleitet werden können; warum

wir von nur einer einzigen charakteristischen Eigenschaft einer jeden Art von

Phänomen ausgehen und mit dieser und zwei oder drei allgemeinen sich auf

Gleichheit beziehenden Wahrheiten von Merkmal zu Merkmal gehen können bis wir

ein weites Gebäude von abgeleiteten Wahrheiten errichtet haben die dem Anschein

nach von jenen elementaren Wahrheiten sehr verschieden sind

    Die Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache scheint in den folgenden

Umständen zu liegen Zuvörderst können alle Fragen über Lage und Gestalt in

Fragen über die Größe verwandelt werden Die Lage und die Figur eines

Gegenstandes wird bestimmt indem man die Lage einer hinreichenden Anzahl von

Punkten in ihm bestimmt und die Lage eines Punktes kann durch die Größe dreier

rechtwinkliger Koordinaten oder Senkrechten welche man von dem Punkte auf drei

zu einander rechtwinklige und willkürlich gewählte Achsen fällt bestimmt

werden. Durch diese Verwandlung aller Fragen der Qualität in bloße Fragen der

Quantität wird die Geometrie auf die einfache Aufgabe von der Messung von

Größen dh auf die Bestimmung der zwischen ihnen bestehenden Gleichheiten

zurückgeführt Wenn wir nun bedenken dass durch eines dieser allgemeinen Axiome

eine jede Gleichheit wenn sie festgestellt ist ein Beweis von so vielen

anderen Gleichheiten ist als es andere Dinge gibt welche einem von den zwei

gleichen Dingen ähnlich sind dass durch ein anderes dieser Axiome eine jede

nachgewiesene Gleichheit ein Beweis von der Gleichheit von so vielen Paaren von

Größen ist als durch die zahlreichen Operationen welche sich in die Addition

von dem Gleichen zu sich selbst oder zu anderem Gleichen auflösen gebildet

werden können: so verwundern wir uns nicht mehr dass im Verhältnis als eine

Wissenschaft von der Gleichheit handelt sich ihr eine reichlichere Menge von

Merkmalen von Merkmalen darbietet und dass die Wissenschaften der Zahlen und

der Ausdehnung, welche kaum mit etwas Anderem als der Gleichheit zu schaffen

haben die am meisten deduktiven aller Wissenschaften sind

    Es sind auch zwei oder drei von den hauptsächlichen Gesetzen des Raumes oder

der Ausdehnungwelche in einer ungewöhnlichen Weise dazu geeignet sind eine

Lage oder eine Größe zu einem Merkmal einer andern zu machen und welche

dadurch beitragen diese Wissenschaft zu einer besonders deduktiven zu machen

Erstens sind die Größen der eingeschlossenen Räume es mögen Flächen oder

Körper sein vollständig durch die Größe der Linien und Winkel welche sie

begrenzen bestimmt Zweitens wird die Länge einer geraden oder krummen Linie

gemessen wenn gewisse andere Dinge gegeben sind durch den Winkel dem sie

gegenüber liegt und umgekehrt Und zuletzt wird der Winkel welchen zwei gerade

Linien an einem unzugänglichen Punkte mit einander bilden durch die Winkel

gemessen welche diese Linien eine jede mit einer willkürlich gewählten dritten

Linie bilden Vermittelst dieser allgemeinen Gesetze könnte die Messung aller

Linien Winkel und Räume durch die Messung einer einzigen geraden Linie und

einer hinreichenden Anzahl von Winkeln vollführt werden was in der Tat bei der

trigonometrischen Aufnahme eines Landes geschieht und man muss es für ein Glück

ansehen dass dieses ausführbar istindem die Messung gerader Linien schwierig

die der Winkel hingegen sehr leicht ist Drei solche Generalisationen wie die

vorhergehenden bieten für die indirekte Messung der Größen solche Vorteile

dar indem sie uns bekannte Linien oder Winkel liefern welche Merkmale der

Größe von unbekannten Linien und Winkeln und daher der Räume sind welche sie

einschließen dass es leicht zu begreifen ist wie wir von nur wenigen Data

ausgehend die Größe einer unbestimmten Menge von Linien Winkeln und Räumen

die nicht mit Leichtigkeit oder auch gar nicht durch ein direktes Verfahren zu

messen wären bestimmen können

    

     9 Dies sind die wenigen Bemerkungen die es notwendig schien in

Beziehung auf Naturgesetze die der besondere Gegenstand der Wissenschaften der

Zahlen und der Ausdehnung sind hier zu machen Der große Antheil welchen

diese Wissenschaften daran haben dass die anderen Zweige der physikalischen

Wissenschaften einen deduktiven Charakter annehmen ist wohl bekannt Und es

liegt hierin nichts Überraschendes wenn wir bedenken dass alle Ursachen nach

mathematischen Gesetzen wirken Die Wirkung ist immer von der Quantität des

Agens abhängig oder in mathematischer Sprache ist eine Funktion der Quantität

des Agens und im allgemeinen auch der Lage desselben Wir können daher in

Beziehung auf eine Verursachung keine Schlüsse ziehen ohne bei jedem Schritt

Betrachtungen der Quantität und Ausdehnung einzuführen und wenn die Natur der

Phänomene es zulässt dass wir numerische Data von einer hinreichenden

Genauigkeit erhalten so werden die Gesetze der Quantität zu dem großen

Instrument um eine Wirkung im voraus oder eine Ursache rückwärts zu berechnen

Dass in allen anderen Wissenschaften sowohl wie in der Geometrie, Fragen der

Qualität von den Fragen der Quantität kaum jemals unabhängig sind kann man aus

den bekanntesten Erscheinungen ersehen Wenn auf der Palette eines Malers

verschiedene Farben gemischt sind so wird die Farbe der Mischung durch die

verhältnismäßige Quantität einer jeden bestimmt

    Ich muss mich für jetzt mit der bloßen Angabe der allgemeinen Ursachen,

welche mathematische Prinzipien und Prozesse in den deduktiven Wissenschaften

welche genaue numerische Data darbieten so vorherrschend machen begnügen und

verweise den Leser welcher sich mit diesem Gegenstände bekannter machen will

auf die zwei ersten Bände des systematischen Werkes des Herrn Comte

    In demselben Werke und insbesondere im dritten Bande sind die notwendigen

Grenzen der Anwendbarkeit mathematischer Prinzipien behufs der Ausbildung

anderer Wissenschaften einer Diskussion unterworfen Diese Prinzipien sind

offenbar da nicht anwendbar wo die Ursachen, von welchen eine Klasse von

Erscheinungen abhängt unserer Beobachtung so unvollkommen zugänglich sind dass

wir ihre numerischen Gesetze nicht durch eine geeignete Induktion bestimmen

können oder wo die Ursachen so zahlreich und auf eine so komplexe Weise mit

einander vermischt sind dass sogar ihre Gesetze als bekannt vorausgesetzt die

Berechnung der Gesamtwirkung die Kräfte des Kalküls wie er gegenwärtig ist

oder wahrscheinlich sein wird übersteigt oder endlich wo die Ursachen selbst

in einem Zustand einer fortwährenden Fluktuation sind wie in der Physiologie

oder wo möglich noch mehr in den sozialen Wissenschaften Die mathematischen

Lösungen physikalischer Fragen werden in dem Verhältnisse schwieriger und

unvollkommener als die Fragen sich ihres abstrakten und hypothetischen

Charakters entkleiden und sich dem Grade von Komplikation wie er in der Natur

existiert mehr nähern dergestalt dass außerhalb der Grenzen astronomischer

Phänomene und derjenigen Phänomene welche ihnen sehr nahe analog sind

mathematische Genauigkeit im allgemeinen nur »auf Kosten der Realität der

Forschung« erhalten wird während sogar bei astronomischen Fragen »ungeachtet

der bewunderungswürdigen Einfachheit ihrer mathematischen Elemente unsere

schwache Intelligenz unfähig wird die logischen Kombinationen der Gesetze

wovon die Naturerscheinungen abhängig sind zu verfolgen sobald wir versuchen

mehr als zwei oder drei wesentliche Einflüsse gleichzeitig in Betracht zu

ziehen« Als ein bemerkenswertes Beispiel hiervon haben wir bereits mehr als

einmal das Problem der drei Körper angeführt die vollständige Lösung einer

verhältnismäßig so einfachen Frage ist von den scharfsinnigsten Mathematikern

vergeblich versucht worden Man wird darnach begreifen wie chimärisch die

Hoffnung sein würde dass mathematische Prinzipien jemals mit Vorteil auf

Naturerscheinungen anwendbar sein werden welche wie die der Chemie und noch

mehr der Physiologie von der gegenseitigen Action unzähliger kleiner

Körperteilchen abhängig sind aus ganz ähnlichen Gründen bleiben aber diese

Prinzipien für immer auf die noch komplexeren Untersuchungen unanwendbar deren

Gegenstand die Erscheinungen der Gesellschaft und der Regierungsformen sind

    Der Werth des mathematischen Unterrichts als eine Vorbereitung zu diesen

schwierigeren Untersuchungen besteht in der Anwendbarkeit nicht ihrer Lehren

sondern ihrer Methode Die Mathematik wird immer der vollkommenste Typus der

deduktiven Methode im allgemeinen sein und die Anwendungen der Mathematik auf

die einfacheren Zweige der Physik sind die einzige Schule in welcher die

Philosophen den schwierigsten und wichtigsten Teil ihrer Kunst den Gebrauch

der Gesetze von einfacheren Naturerscheinungen zur Erklärung und Voraussagung

von komplexeren wirklich erlernen können Diese Gründe sind hinreichend um die

mathematische Bildung für die unentbehrliche Basis einer wirklich

wissenschaftlichen Erziehung zu halten und nach einem dictum welches eine

alte aber irrige Tradition Platon zuschreibt den ageômetrêtos als der

wesentlichsten Befähigung für die Kultivierung der höheren Zweige der Philosophie

entbehrend anzusehen

 
 



                          



     1 Die Methode, um zu allgemeinen Wahrheiten oder glaubwürdigen Urteilen

zu gelangen und die Natur des Beweises, worauf dieselben gegründet sind

wurden soweit es der Raum und die Fähigkeiten des Verfassers erlaubten in den

vorhergehenden vierundzwanzig Kapiteln abgehandelt Aber das Resultat der

Untersuchung eines Beweises ist nicht immer Glaube oder auch nur ein

Zurückhalten des Urteils es ist oft Unglaube Es ist daher die Philosophie der

Induktion und der experimentellen Forschung so lange unvollständig als nicht

die Gründe nicht bloß des Glaubens sondern auch des Unglaubens abgehandelt

sind wir wollen daher das folgende und letzte Kapitel dieses Buches der

Betrachtung dieses Gegenstandes widmen

    Unter Unglauben ist hier nicht die bloße Abwesenheit des Glaubens zu

verstehen Die Gründe um sich des Glaubens zu enthalten liegen einfach in der

Unzulänglichkeit des Beweises, und indem wir betrachteten was einen

hinreichenden Beweis bildet um einen Schluss zu stützen haben wir auch

implicite erörtert was für ein Beweis zu diesem Ende nicht hinreichend ist

Unter Unglaube ist hier nicht jener Zustand des Geistes verstanden wo wir in

Beziehung auf einen Gegenstand unwissend sind und uns keine Meinung darüber

bilden sondern derjenige Zustand wo wir völlig überzeugt sind eine Meinung

sei nicht wahr dergestalt dasswenn ein Beweis sogar ein anscheinend sehr

strenger auf das Zeugnis Anderer oder auf unsere eigene scheinbare Perzeption

gegründet zu Gunsten dieser Meinung beigebracht würde wir glauben würden das

Zeugnis sei falsch oder man habe sich oder auch wir wenn wir selbst die

Wahrnehmung gemacht haben haben uns geirrt

    Dass es solche Fälle gibt wird wahrscheinlich Niemand bestreiten wollen

Behauptungen für welche positive Beweise reichlich vorliegen werden häufig

ihrer sogenannten Unwahrscheinlichkeit oder Unmöglichkeit wegen nicht geglaubt

und die in Betrachtung zu ziehende Frage ist was jene Worte in dem vorliegenden

Falle bedeuten und wieweit und unter welchen Umständen die Eigenschaften,

welche sie ausdrücken hinreichende Gründe des Unglaubens sind

    

     2 Es muss vor Allem bemerkt werden dass der positive Beweis welcher

zur Stütze einer Behauptung beigebracht wird die auf Grund ihrer

Unwahrscheinlichkeit oder Unmöglichkeit dennoch verworfen wird niemals auf

einen vollen Beweis hinausläuft Er ist immer auf eine annähernde Generalisation

gegründet Die Tatsache kann durch hundert Zeugen behauptet worden sein es

gibt aber viele Ausnahmen von der Allgemeinheit der Generalisation dass das

was hundert Zeugen behaupten wahr sei Es kann uns selbst scheinen als hätten

wir die Tatsache gesehen aber es ist keineswegs eine allgemeine Wahrheit dass

wir das sehen was wir zu sehen glauben unsere Organe können in einem

krankhaften Zustand gewesen sein oder wir können etwas gefolgert haben und uns

einbilden es wahrgenommen zu haben Da also der Beweis in dem bejahenden Sinne

niemals mehr als eine annähernde Generalisation ist so wird Alles von dem

Beweis in dem negativen Sinne abhängen Wenn dieser ebenfalls auf einer

annähernden Generalisation beruht so ist es ein Fall für die Vergleichung der

Wahrscheinlichkeiten Wenn die in dem bejahenden Sinne annähernden

Generalisationen addiert werden und weniger stark oder mit anderen Worten, von

der Allgemeinheit weiter entfernt sind als die annähernden Generalisationen

welche die negative Seite der Frage stützen so ist die Behauptung

unwahrscheinlich und vorläufig nicht zu glauben Wenn indessen eine angeführte

Tatsache in Widerspruch steht nicht mit einer Anzahl von annähernden

Generalisationen sondern mit einer auf eine strenge Induktion gegründeten

vollständigen Generalisation so heißt sie eine unmögliche Tatsache und ist

völlig unglaubwürdig

    Das letztere Prinzip einfach und evident wie es sich darstellt bildet die

Lehre welche bei dem Versuche sie auf die Glaubwürdigkeit der Wunder

anzuwenden einen so lebhaften Streit erweckt hat Humes berühmter Grundsatz

dass nichts glaubwürdig ist was der Erfahrung widerstreitet oder den Gesetzen

der Natur entgegen istist die einfache und harmlose Behauptung dass was

einer vollständigen Induktion widerspricht unglaubwürdig ist Dass ein solcher

Grundsatz jemals entweder als eine gefährliche Ketzerei betrachtet oder für eine

große und tiefe Wahrheit gehalten werden konnte gibt ein schlimmes Zeugnis

für den Zustand der philosophischen Spekulation über dergleichen Gegenstände

    Aber kann man fragen schließt nicht gerade die Angabe der Proposition

einen Widerspruch ein Eine behauptete Tatsache darf nach dieser Theorie nicht

geglaubt werden wenn sie einer vollständigen Induktion widerspricht Es ist ja

aber zur Vollständigkeit der Induktion gerade erforderlich dass ihr keine

bekannte Tatsache widerspreche Ist es daher nicht petitio principii zu sagen

die Tatsache sei nicht zu glauben weil die ihr entgegenstehende Induktion

vollständig ist Welches Recht besitzen wir die Induktion für eine vollständige

zu erklären so lange sich ihr durch einen glaubhaften beweis unterstützte

Tatsachen entgegenstellen

    Die Antwort ist wir haben dieses Recht wenn die wissenschaftlichen Regeln

der Induktion es uns geben dh wenn die Induktion vollständig sein kann Wir

haben es zB in dem Falle einer Verursachung in dem ein experimentum crucis

stattfand Wenn einer Reihe von in jeder andern Beziehung unveränderlichen

Antecedentien ein Antezedens A hinzugefügt wird und von einer vorher nicht

existierenden Wirkung B begleitet ist so ist in diesem Falle wenigstens A die

Ursache von B oder ein notwendiger Teil dieser Ursacheund wenn A mit vielen

ganz verschiedenen Reihen von Antecedentien versucht wird und Zimmer darauf

folgt so ist es die alleinige und ganze Ursache Wenn diese Beobachtungen oder

Experimente so oft oder durch so viele Personen wiederholt worden sind, dass

dadurch eine jede Voraussetzung eines Irrtums von Seiten des Beobachters

ausgeschlossen wird so ist ein Naturgesetz festgestellt und so lange dieses

Gesetz als solches angenommen ist darf die Behauptung, dass bei einer besonderen

Gelegenheit A stattfand und B nicht darauf folgte und zwar ohne dass eine

entgegenwirkende Ursache tätig war nicht geglaubt werden Nur ein Beweis der

das ganze Gesetz umstürzt könnte eine solche Behauptung glaubhaft machen Die

allgemeinen Wahrheiten dass das was einen Anfang auch eine Ursache hat und

dasswenn nur dieselben Ursachen existieren dieselben Wirkungen folgen werden

sind auf die möglichst strenge Induktion gegründet die Behauptung, dass Dinge,

welche durch eine Menge von achtenswerten Zeugen affirmiert worden wahr sind,

ist nur eine annähernde Generalisation und  sogar wenn wir uns einbilden wir

hätten die mit dem Gesetze in Widerspruch stehende Tatsache wirklich gefühlt

oder gesehen  was ein menschliches Wesen sehen kann ist nichts mehr als eine

Reihe von Erscheinungen, woraus die wahre Natur des Phänomens bloß gefolgert

wird und an dieser Folgerung haben annähernde Generalisationen häufig einen

großen Antheil Wenn wir daher das Gesetz festhalten wollen so darf uns keine

Quantität von Beweis überreden dass etwas stattgefunden habe was damit in

Widerspruch war Wenn der beigebrachte Beweis in der Tat der Art ist dass es

wahrscheinlicher ist dass die Reihe von Beobachtungen und Experimenten worauf

das Gesetz beruht ungenau vorgenommen oder unrichtig interpretiert wurden als

dass der in Frage stehende Beweis falsch ist so können wir dem Beweise glauben

aber das Gesetz müssen wir alsdann verwerfen Da nun das angenommene Gesetz sich

auf eine anscheinend vollständige Induktion stützte so kann es auch nur nach

einem äquivalenten Beweis verworfen werden nämlich wenn es sich unverträglich

zeigt nicht mit einer Anzahl von annähernden Generalisationen sondern mit

einem andern und besser festgestellten Naturgesetz Dieser extreme Fall eines

Konfliktes zwischen zwei supponierten Naturgesetzen hat wahrscheinlich da niemals

stattgefunden wo bei der Erforschung beider Gesetze die wahren Regeln der

wissenschaftlichen Induktion beständig im Auge gehalten wurden wo er aber

stattfand musste er mit der völligen Verwerfung des einen der supponierten

Gesetze endigen Er würde beweisen dass in dem logischen Prozess wodurch das

eine oder das andere Gesetz festgestellt wurde ein Fehler enthalten war und

wenn dies der Fall war so ist jene supponierte allgemeine Wahrheit gar keine

Wahrheit Wir können ein Urteil nicht als ein Naturgesetz zulassen und doch

eine Tatsache glauben die damit in Widerspruch steht Wir dürfen die

angeführte Tatsache nicht glauben oder wir müssen glauben dass wir uns bei

der Annahme des supponierten Gesetzes geirrt haben

    Damit aber eine behauptete Tatsache einem Kausalgesetze widerspreche darf

die Behauptung nicht einfach lauten dass die Ursache existierte ohne dass ihre

Wirkung darauf folgte denn dies wäre kein ungewöhnliches Ereignis sondern

dass dies in der Abwesenheit einer entsprechenden entgegenwirkenden Ursache

stattfand Die Behauptung eines Wunders ist aber etwas ganz Entgegengesetztes

Sie ist die Behauptung, dass die Wirkung aufgehoben war nicht in Abwesenheit

sondern in Folge einer entgegenwirkenden Ursache nämlich in Folge einer

direkten Dazwischenkunft eines Aktes von einem Wesen welches Gewalt über die

Natur besitzt und besonders eines Wesens dessen Willen da er ursprünglich

alle Ursachen mit den Kräften ausgestattet hat wodurch sie ihre Wirkungen

hervorbringen man wohl als fähig ansehen kann diesen Ursachen entgegen zu

wirken Ein Wunder wie Brown richtig bemerkte ist nicht im Widerspruche mit

dem Gesetze von Ursache und Wirkung; es ist eine neue Wirkungvon der man

annimmt sie sei durch eine frisch eingeführte Ursache hervorgebracht Dass

diese Ursache wenn sie existiert adäquat ist kann nicht bezweifelt werden und

die alleinige vorausgängige Unwahrscheinlichkeit die dem Wunder zugeschrieben

werden kann, ist die Unwahrscheinlichkeit dass in dem betreffenden Falle eine

solche Ursache existiert habe

    Alles was daher Hume bewiesen hat und dieser Beweis muss ihm zuerkannt

werden ist dass für niemand wenigstens bei dem unvollkommenen Zustand unserer

Kenntnis der Naturkräfte welcher es immerhin möglich macht dass uns eines der

physikalischen Antecedentien verborgen blieb ein Beweis hinreicht ein Wunder

zu beweisen wo nicht vorher an die Existenz eines Wesens oder von Wesen mit

übernatürlichen Kräften geglaubt wird oder wo man selbst den vollen Beweis zu

haben glaubt dass der Charakter des anerkannten Wesens mit einer von ihm für

nötig erachteten Dazwischenkunft in der fraglichen Gelegenheit unverträglich

ist

    Wenn wir nicht bereits an übernatürliche Kräfte glauben so kann uns kein

Wunder deren Existenz beweisen Als eine bloß außerordentliche Tatsache

betrachtet kann das Wunder selbst durch unsere Sinne oder durch Zeugen

hinlänglich bezeugt werden aber durch nichts kann je bewiesen worden dass es

ein Wunder ist es besteht immer noch die andere mögliche Hypothese dass es das

Resultat einer unbekannten natürlichen Ursache ist und diese Möglichkeit kann

nicht so vollständig ausgeschlossen werden dass nur die eine Alternative

bleibt die Existenz und Dazwischenkunft eines über der Natur stehenden Wesens

zuzulassen Diejenigen aber welche bereits an ein solches Wesen glauben haben

die Wahl zwischen zwei Hypothesen zwischen einer übernatürlichen und einer

unbekannten natürlichen Kraft Agens und sie müssen entscheiden welche in dem

besonderen Fall die wahrscheinlichere ist Bei dieser Entscheidung wird die

Übereinstimmung des Resultats mit den Gesetzen der supponierten Kraft dh mit

dem Charakter der Gottheit wie er aufgefasst wird ein wichtiges Element der

Frage bilden Aber bei der Kenntnis welche wir jetzt von der allgemeinen

Gleichförmigkeit im Gange der Natur besitzen sah sich die dem Pfade der

Wissenschaft folgende Religion gezwungen anzuerkennen dass die Regierung des

Weltalls im Ganzen nach allgemeinen Gesetzen und nicht nach spezieller

Dazwischenkunft stattfindet Bei einem jeden, der diesen Glauben hegt besteht

eine allgemeine Präsumtion gegen eine jede Annahme einer nicht durch allgemeine

Gesetze wirkenden göttlichen Tätigkeit oder mit anderen Worten, in einem jeden

Wunder liegt eine vorausgängige Unwahrscheinlichkeit welche von der aus den

speziellen Umständen des Falles abgeleiteten vorausgängigen Wahrscheinlichkeit

eine außerordentliche Stärke verlangt um zu überwiegen

    

     3 Aus dem Gesagten scheint hervorzugehen dass die Behauptung, es sei

die Ursache einer Wirkung aufgehoben worden welche durch ein vollständig

ermitteltes Kausalgesetz damit im Zusammenhang steht je nach der

Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit dass in dem besonderen Falle eine

angemessene entgegenwirkende Ursache existiert habe zu bezweifeln ist oder

nicht Die Berechnung dieser Wahrscheinlichkeit ist nicht schwieriger als die

anderer Wahrscheinlichkeiten Bei Berücksichtigung aller bekannten Ursachen,

welche den gegebenen Ursachen entgegenwirken können haben wir im allgemeinen

eine vorausgängige Kenntnis der Häufigkeit oder Seltenheit ihres Eintreffens

und hieraus können wir in Beziehung auf die vorausgängige Unwahrscheinlichkeit

ihrer Gegenwart in einem besonderen Falle einen Schluss ziehen Auch haben wir

weder in Beziehung auf bekannte noch auf unbekannte Ursachen über die

Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz in der Natur zu urteilen sondern nur über

ihre Existenz in genau der Zeit und an dem Orte worin die Behauptung die

Tatsache eintreffen lässt Es fehlen uns daher selten die Mittel um

beurteilen zu können wenn die Umstände des Falles uns überhaupt bekannt sind

wieweit es wahrscheinlich ist dass eine derartige Ursache zu jener Zeit und an

jenem Orte existiert habe ohne ihre Gegenwart durch irgend andere Merkmale

kundzugeben und in dem Falle einer unbekannten Ursache ohne ihre Existenz in

einem andern Falle bisher zu offenbaren Je nachdem dieser Umstand oder die

Fälschlichkeit des Zeugnisses unwahrscheinlich erscheint dh einer annähernden

Generalisation von einer höheren Ordnung widerstreitet glauben oder verwerfen

wir das Zeugnis und zwar mit einem höheren oder geringeren Grade von

Überzeugung je nach dem Überwiegen auf der einen oder der andern Seite

wenigstens so lange wir den Gegenstand nicht weiter geprüft haben

    Soviel also in Betreff des Falles worin die behauptete Tatsache einem

wirklichen Kausalgesetze widerstreitet oder zu widerstreiten scheint Viel

gewöhnlicher ist aber vielleicht jener Fall wo die Tatsache Gleichförmigkeit

der bloßen Koexistenz widerstreitet von denen nicht bewiesen ist dass sie von

Ursachen abhängen mit anderen Worten, wo sie den Eigenschaften der Arten

widerstreitet Es sind vorzüglich diese Gleichförmigkeit denen die

wunderlichen Geschichten welche Reisende erzählen widerstreiten so wenn sie

von Menschen mit Schwänzen oder Flügeln und so lange die Erfahrung es nicht

bestätigt hat von fliegenden Fischen oder von Eis sprechen wie in der

berühmten Anekdote von dem holländischen Reisenden und dem Könige von Siam

Tatsachen dieser Art von denen man vorher nichts gehört hat die man jedoch

keinem bekannten Kausalgesetz nach für unmöglich erklären kann machen das aus

was Hume als unserer Erfahrung nicht entgegen sondern als nur nicht damit

übereinstimmend charakterisiert Bentham in seinem Treatise on Evidence nennt sie

Tatsachen die nicht in specie übereinstimmen zum Unterschied von solchen

welche in toto und dem Grade nach nicht übereinstimmend sind

    In einem derartigen Falle ist die behauptete Tatsache die Existenz einer

neuen Art was an und für sich nicht im Geringsten unglaubwürdig ist und nur

dann verworfen werden muss wenn die Unwahrscheinlichkeit dass eine an dem

besonderen Orte und in der besonderen Zeit existierende Varietät des Gegenstandes

nicht eher entdeckt worden sein sollte grösser ist als die Unwahrscheinlichkeit

eines Irrtums oder der Falschheit des Zeugen Wenn demnach solche Behauptungen

von glaubwürdigen Personen und in Betreff nicht untersuchter Orte aufgestellt

werden so darf man ihnen nicht unbedingt allen Glauben versagen sondern man

darf sie höchstens so ansehen als bedürften sie noch der Bestätigung durch

andere Beobachter es müssten denn die behaupteten Eigenschaften der supponierten

neuen Art den bekannten Eigenschaften einer Gattung welche sie einschließt

widerstreiten oder mit anderen Worten, es müsste von einigen Eigenschaften der

neuen Art deren Existenz behauptet wird gesagt werden man habe sie von

anderen Eigenschaften getrennt gefunden von denen man immer gewusst hat dass

sie jene begleiten wie bei den Menschen des Plinius oder bei einer andern

Tierart von einem Bau welcher von dem Bau den man mit dem tierischen Leben

immer verbanden fand verschieden ist Was die Art betrifft wie solche Fälle zu

behandeln sind so braucht dem in dem einundzwanzigsten Kapitel Gesagten nur

wenig hinzugefügt zu werden Wenn die Gleichförmigkeit der Koexistenz welche

die behauptete Tatsache verletzen würde der Art sind dass sie eine starke

Vermutung hervorrufen sie seien das Resultat einer Verursachung so darf die

Tatsache, welche ihnen widerstreitet nicht geglaubt werden wenigstens vor der

Hand nicht und so lange sie nicht einer weitem Prüfung unterworfen worden ist.

Wenn sich die Vermutung zu einer virtuellen Gewissheit erhebt wie bei dem

allgemeinen Bau organischer Wesen so ist die einzige Frage welche eine

Betrachtung verlangt die ob bei so wenig bekannten Phänomenen nicht die

Neigung zur Verhinderung durch bisher ungekannte Ursachen vorhanden sein könne

oder ob die Phänomene nicht in einer andern Weise entstehen können wodurch eine

verschiedene Reihe von abgeleiteten Gleichförmigkeit hervorgebracht würde Wo

wie bei dem fliegenden Fisch oder bei dem Schnabeltier ornithorhynchus die

Generalisation von welcher die behauptete Tatsache eine Ausnahme sein würde

eine sehr spezielle und beschränkte ist da kann keine von den obigen

Voraussetzungen für sehr unwahrscheinlich gehalten werden und bei solchen

behaupteten Anomalien ist es im allgemeinen klug mit unserem Urteil

zurückzuhalten und zuzusehen ob weitere Forschungen die Behauptungen bestätigen

oder nicht Wenn aber die Generalisation eine sehr umfassende ist wenn sie eine

große Anzahl und eine Mannigfaltigkeit von Beobachtungen umfasst und ein

großes Feld des ganzen Naturreichs umfängt so nähert sich aus Gründen welche

weitläufig auseinandergesetzt wurden ein solches empirisches Gesetz der

Gewissheit eines feststehenden Kausalgesetzes und eine behauptete Ausnahme ist

nicht zulässig es sei denn auf den Beweis eines durch eine noch vollständigere

Induktion bewiesenen Kausalgesetzes hin

    Gleichförmigkeit in dem Gange der Natur, welche sich nicht als Resultate

einer Verursachung darstellen sind wie wir bereits gesehen haben als

allgemeine Wahrheiten mit einem Grad von Glaubwürdigkeit zuzulassen der im

Verhältnis zu ihrer Allgemeinheit steht Diejenigen Gleichförmigkeit welche

von allen Dingen wahr sind, oder welche wenigstens ganz unabhängig von den

Varietäten der Arten sind nämlich die Gesetze der Zahlen und der Ausdehnung,

denen wir noch das Kausalgesetz selbst hinzufügen können sind wahrscheinlich

die einzigen Gleichförmigkeit von denen eine Ausnahme absolut und beständig

unglaubhaft ist Es scheint demnach dass sich das Wort Unmöglichkeit

wenigstens totale Unmöglichkeit im allgemeinen auf Behauptungen beschränkt

welche diesen Gesetzen oder anderen Gesetzen welche ihnen an Allgemeinheit

nahe kommen widersprechen Verletzungen anderer Gesetze zB spezieller

Kausalgesetze heißen bei denjenigen welche sich einer genauen Ausdrucksweise

befleißigen unmöglich unter den Umständen des Falles oder nur möglich bei der

Existenz einer Ursache, die in dem besonderen Falle nicht existirte148 Kein

Vorsichtiger wird von einer Behauptung die nicht im Widerspruche mit einigen von

diesen allgemeinen Gesetzen steht mehr als die Unwahrscheinlichkeit behaupten

und zwar die Unwahrscheinlichkeit nicht von dem höchsten Grad wenn nicht Zeit

und Ort worin der Aussage nach die Tatsache stattfand es fast gewiss machen

dass die Anomalie wenn sie wirklich eine solche ist von anderen Beobachtern

nicht übersehen werden konnte Eine Zurückhaltung des Urteils ist in allen

anderen Fällen die Zuflucht des verständigen Forschers vorausgesetzt das

Zeugnis zu Gunsten der Anomalie biete bei näherer Prüfung keine verdächtigen

Umstände dar

    Aber das Zeugnis hält in Fällen wo die Anomalie nicht wirklich besteht

diese Probe kaum jemals aus In den Fällen wo eine große Anzahl von Zeugen von

gutem Rufe und von wissenschaftlichen Kenntnissen die Wahrheit von irgend etwas

bezeugt haben was sich als unwahr erwies waren fast immer Umstände vorhanden

welche einem scharfen Beobachter der sich die Mühe gegeben hätte den

Gegenstand zu prüfen das Zeugnis unglaubwürdig gemacht haben würden Man

konnte die Eindrücke auf die Sinne oder den Geist der vorgeblichen Wahrnehmenden

fast immer durch den täuschenden Schein erklären sei es dass eine epidemische

Täuschung die sich durch den kontagiösen Einfluss der Volksgefühle fortpflanzt

dabei ihren Antheil hatte sei es dass ein großes Interesse dabei im Spiele

war  wie Religionseifer Parteiwut Eitelkeit oder wie bei Vielen die

Liebe zum Wunderbaren Wenn von diesen oder ähnlichen Umständen keiner existiert

um die scheinbare Stärke des Zeugnisses zu erklären und wenn die Behauptung

weder im Widerspruch mit jenen allgemeinen Gesetzen steht welche keine

Entgegenwirkung oder Anomalie kennen noch mit den Generalisationen die ihnen

an Allgemeinheit am nächsten stehen sondern wenn sie wofern sie zugelassen

werden nur auf die Existenz einer unbekannten Ursache oder einer abnormen Art

und zwar unter Umständen hinausliefe die noch nicht durchaus erforscht sind und

die es glaublich erscheinen lassen dass bisher unbekannte Dinge noch ans Licht

gebracht werden können: da wird der Vorsichtige weder das Zeugnis verwerfen

noch zulassen sondern die Bestätigung von einer andern Zeit und von einer

andern Seite her abwarten Dies hätte das Benehmen des Königs von Siam sein

sollen als der holländische Reisende die Existenz von Eis vor ihm behauptete

Aber der Unwissende ist eben so hartnäckig in seinem hochmütigen Unglauben als

er unvernünftig leichtgläubig ist Er glaubt nichts was seiner eigenen engen

Erfahrung nicht gleich sieht wenn es keiner seiner Neigungen schmeichelt tut

es aber dies so verschlingt er unbedingt ein jedes Ammenmärchen

    

     4 Ehe wir diese Untersuchung schließen müssen wir auf ein sehr

ernsthaftes Missverständnis in Betreff der Prinzipien des Gegenstandes

aufmerksam machen auf ein Missverständnis das sich bei vielen Schriftstellern

findet welche gegen Humes Abhandlung über die Wunder in der Absicht schrieben

zu vernichten was ihnen eine furchtbare Angriffswaffe gegen die christliche

Religion zu sein schien die Wirkung dieses Missverständnisses ist eine völlige

Verwirrung der Lehre von den Gründen des Unglaubens Der Irrtum besteht darin,

dass man den Unterschied zwischen wie man es nennen kann Unwahrscheinlichkeit

vor der Tatsache und Unwahrscheinlichkeit nach der Tatsache übersehen hat Es

sind dies zwei verschiedene Eigenschaften wovon die letztere immer ein Grund

des Unglaubens ist die erstere nicht immer

    Viele Vorgänge scheinen uns ganz unwahrscheinlich bevor sie eingetroffen

sind oder bevor wir von ihrem Eintreffen unterrichtet sind während sie uns

nicht im Geringsten unglaublich scheinen wenn wir davon unterrichtet sind da

sie keiner selbst nicht einer annähernden Induktion widerstreiten Bei dem

Würfeln mit einem vollkommen richtigen Würfel ist die Wahrscheinlichkeit, die

Eins nicht zu werfen fünf gegen eins dh im Durchschnitt wird die Eins unter

sechs Würfen einmal fallen Aber dies gibt keinen Grund ab um nicht zu

glauben bei einer gegebenen Gelegenheit sei die Eins geworfen worden wenn ein

glaubwürdiger Zeuge es behauptet da obgleich die Eins unter sechsmal nur

einmal fallt irgend eine Zahl welche unter sechsmal nur einmal fällt gefallen

sein muss wenn überhaupt gewürfelt wurde Die Unwahrscheinlichkeit oder mit

anderen Worten, die Ungewöhnlichkeit einer Tatsache ist daher kein Grund sie

nicht zu glauben wenn die Natur des Falles es gewiss macht dass entweder

dieses oder etwas gleich Unwahrscheinliches dh gleich Ungewöhnliches wirklich

eingetroffen ist Wenn wir alle Tatsachen welche vorher die Wahrscheinlichkeit

nicht für sich haben nicht glauben wollten so würden wir kaum Etwas glauben

Wenn man uns sagt dass AB. gestern starb so konnte in dem Augenblicke bevor

man uns dies sagte die Unwahrscheinlichkeit seines Sterbens an diesem Tage sich

wie zehntausend gegen eins verhalten da er jedoch zu irgend einer Zeit gewiss

sterben musste und zwar notwendig an einem bestimmten Tage so bietet die

Erfahrung, obgleich die Wahrscheinlichkeit gegen einen jeden besonderen Tag

unberechenbar groß sein kann keinen Grund dar um einem Zeugnis nicht zu

glauben das in Beziehung auf das Stattfinden dieses Ereignisses an einem

gegebenen Tage beigebracht werden kann.

    Es wurde indessen von Dr Campbell und Anderen als eine vollständige

Widerlegung der Lehre Humes dass Dinge unglaublich sind welche dem

gleichförmigen Gange der Erfahrung entgegen sind angesehen dass wir Dingen

die in strenger Übereinstimmung mit dem gleichförmigen Gange der Erfahrung

sind nicht den Glauben versagen bloß weil die Wahrscheinlichkeit gegen sie

ist dass wir einer behaupteten Tatsache nicht den Glauben versagen bloß weil

die Kombination von Ursachen, von denen sie abhängt nur einmal in einer

gewissen Anzahl von Malen eintrifft Es ist evident dass das wovon die

Erfahrung zeigt oder wovon aus Naturgesetzen nachzuweisen ist dass es in einem

gewissen Verhältnis wenn auch noch so klein zu der ganzen Anzahl der

möglichen Fälle eintrifft der Erfahrung nicht widerstreitet wir bezweifeln es

aber mit Recht wenn irgend eine andere Voraussetzung in Beziehung auf den

fraglichen Gegenstand im Ganzen eine geringere Abweichung von dem gewöhnlichen

Gange der Ereignisse einschließt Dennoch sind tüchtige Schriftsteller durch

diese Gründe zu dem außerordentlichen Schluss verleitet worden dass man

niemals etwas bezweifeln nichtglauben sollte was sich auf glaubwürdiges

Zeugnis stützt

    

     5 Wir haben zwei Arten von Ereignissen betrachtet von denen man

gewöhnlich sagt sie seien unwahrscheinlich die eine Art ist keineswegs

außerordentlich hat aber eine so sehr überwiegende Wahrscheinlichkeit gegen

sich dass sie so lange unwahrscheinlich ist als sie nicht behauptet wird aber

nicht länger die andere Art wird da sie einem anerkannten Naturgesetz entgegen

ist erst dann glaubhaft wenn das Zeugnis für sie so bedeutend ist dass es

unsern Glauben an das Gesetz selbst zu erschüttern vermag Aber zwischen diesen

zwei Classen von Ereignissen steht eine intermediäre dritte aus sogenannten

Koincidenzen bestehende Klasse mit anderen Worten, jene Kombinationen von

Zufällen welche irgend eine eigentümliche und unerwartete Regelmäßigkeit

darbieten so dass sie das Ansehen von Resultaten von Gesetzen annehmen wie

wenn zB bei einer Lotterie von tausend Losen die Nummern in der genauen

Ordnung der sogenannten natürlichen Zahlen 1 2 3 etc gezogen würden Wir

haben nun noch die auf diesen Fall anwendbaren Prinzipien der Beweisführung zu

betrachten besteht in Betreff der für ihre Glaubwürdigkeit erforderlichen

Stärke des Zeugnisses oder anderer Beweise irgend ein Unterschied zwischen

Koincidenzen und gewöhnlichen Vorgängen

    Gewiss ist dass auf ein jedes rationelle Wahrscheinlichkeitsprinzip hin

eine Kombination dieser besonderen Art gerade so oft erwartet werden darf als

eine jede andere gegebene Reihe von Nummern dass mit vollkommen guten Würfeln

in tausend oder in Millionen Würfen die Sechs zweimal dreimal oder eine

beliebige Anzahl von Malen nacheinander ebenso oft geworfen werden wird als

eine jede andere vorher festgesetzte Zahlenreihe und dass kein einsichtsvoller

Spieler gegen die eine Reihe höher wetten würde als gegen die andere

Dessenungeachtet ist man allgemein geneigt zu glauben das eine sei viel

unwahrscheinlicher als das andere und für dessen Glaubhaftigkeit sei ein viel

stärkerer Beweis erforderlich als für die des andern Die Stärke dieses

Eindrucks ist so groß dass sie manche Denker zu dem Schluss verleitet hat die

Natur finde größere Schwierigkeit in der Erzeugung regelmäßiger Kombinationen

als in der Erzeugung von unregelmäßigen oder mit anderen Worten, es existiere

eine allgemeine Neigung der Dingeirgend ein Gesetz welches regelmäßige

Kombinationen verhindere einzutreffen wenigstens so oft einzutreffen wie

unregelmäßige Als einer von diesen Denkern kann DAlembert angeführt werden

In einer Abhandlung über Wahrscheinlichkeit in dem fünften Band seiner Mélanges

behauptet er regelmäßige Kombinationen obgleich der mathematischen Theorie

nach ebenso wahrscheinlich als andere seien physikalisch weniger

wahrscheinlich Er beruft sich auf den gesunden Menschenverstand oder mit

anderen Worten, auf die gewöhnlichen Eindrücke indem er sagt wenn in unserer

Gegenwart mit Würfeln mehreremal nach einander die Sechs geworfen würde würden

wir nicht ehe die Anzahl der Würfe zehn ist nicht zu sprechen von Tausenden

von Millionen mit der positivsten Überzeugung behaupten die Würfel seien

falsch

    Der gewöhnliche und natürliche Eindruck spricht für DAlembert die

regelmäßigen Reihen würde man für viel unwahrscheinlicher halten als die

unregelmäßigen Aber dieser gewöhnliche Eindruck ist wie ich glaube bloß auf

die Tatsache gegründet dass sich kaum jemand erinnert jemals eine von diesen

eigentümlichen Koincidenzen gesehen zu haben der Grund hiervon liegt einfach

darin dass niemandes Erfahrung die Anzahl von Versuchen auch nur annähernd

erreicht innerhalb deren das Eintreten dieser oder einer anderen gegebenen

Kombination von Ereignissen wahrscheinlich wird Da die Wahrscheinlichkeit bei

einem Wurf mit zwei Würfeln die Sechs zu werfen 136 ist so ist die

Wahrscheinlichkeit, die Sechs zehnmal nacheinander zu werfen 1 dividiert durch

die zehnte Potenz von 36 mit anderen Worten, ein solches Ereignis wird

wahrscheinlich nur einmal unter 3656158440062976 Würfen eintreffen eine

Zahl deren millionsten Teil keines Würfelspielers Erfahrung erreicht Wenn

anstatt der Sechs zehnmal nacheinander irgend eine andere gegebene Sukzession

von zehn Würfen festgesetzt worden wäre so wäre es genau ebenso

unwahrscheinlich gewesen dass in der Erfahrung eines Individuums diese

besondere Folge jemals eingetroffen wäre obgleich dies nicht gleich

unwahrscheinlich scheint weil sich niemand möglicherweise konnte erinnert

haben ob es eingetroffen war oder nicht und weil stillschweigend der Vergleich

angestellt wird nicht zwischen der Sechs zehnmal nacheinander und irgend einer

besonderen Reihe von Würfen sondern zwischen allen regelmäßigen und allen

unregelmäßigen Reihen zusammengenommen

    Dass wie DAlembert sagt wenn die Sechs vor unseren Augen wirklich

zehnmal nacheinander geworfen worden wäre wir es nicht dem Zufall sondern

falschen Würfeln zuschreiben würden ist ohne Zweifel wahr aber dies rührt von

einem ganz andern Prinzip her Wir würden nämlich alsdann nicht die

Wahrscheinlichkeit der Tatsache an und für sich sondern die relative

Wahrscheinlichkeit betrachten womit die Tatsache, wenn wir wissen dass sie

eingetroffen ist auf die eine oder die andere Ursache zurückgeführt werden

kann. Die regelmäßige Reihe hat keineswegs geringere Wahrscheinlichkeit zu

entstehen als die unregelmäßige aber sie wird viel wahrscheinlicher

absichtlich herbeigeführt als die unregelmäßige oder auch durch eine durch

den Bau des Würfels wirkende allgemeine Ursache Es ist die Natur der zufälligen

Kombinationen eine Wiederholung desselben Ereignisses so oft und nicht öfter

hervorzubringen als eine jede andere Reihe von Ereignissen Aber es ist die

Natur allgemeiner Ursachen unter denselben Umständen immer dasselbe Ereignis

hervorzubringen Der gesunde Menschenverstand und die Wissenschaft sagen uns

übereinstimmend dass wir ceteris paribus die Wirkung eher einer Ursache

zuzuschreiben haben welche wenn real diese Wirkung sehr wahrscheinlich

hervorbringen wird als einer Ursache, von der es sehr unwahrscheinlich ist

dass sie dieselbe hervorbringen wird Nach dem sechsten Lehrsatz von Laplace

den wir in einem früheren Kapitel demonstrierten würde der aus der höheren

Wirksamkeit der beständigen Ursache  falsche Würfel  hervorgehende Unterschied

der Wahrscheinlichkeit nach sehr wenig Würfen eine jede vorausgängige

Wahrscheinlichkeit welche gegen die Existenz dieser Ursache bestehen könnte

bei weitem überwiegen

    DAlembert hätte die Frage anders stellen sollen Er hätte annehmen sollen

wir hätten die Würfel vorher selbst versucht und wüssten aus reichlicher

Erfahrung dass sie gut sind Ein Anderer versucht sie alsdann in unserer

Abwesenheit und versichert uns er habe die Sechs zehnmal hintereinander

geworfen Ist die Behauptung glaubwürdig oder nicht Die zu erklärende Wirkung

ist hier nicht das Ereignis selbst sondern die Tatsache, dass der Zeuge

dieselbe behauptet Diese Behauptung kann entweder daher rühren dass die

Tatsache wirklich stattgefunden hat oder aus einer andern Ursache Was wir zu

berechnen haben besteht in der relativen Wahrscheinlichkeit dieser zwei

Voraussetzungen

    Wenn der Zeuge behauptete er hätte irgend eine andere Reihe von Zahlen

geworfen und man setzte von ihm voraus er wäre wahrheitsliebend genau und

hätte besonders Acht gegeben so würden wir ihm glauben Aber die zehn Sechs

hatten genau die gleiche Wahrscheinlichkeit wirklich geworfen zu werden wie

eine jede andere Reihe Wenn daher diese Behauptung weniger glaubwürdig ist als

die andere so muss der Grund darin liegen nicht dass sie weniger

Wahrscheinlichkeit hat als die andere wahrheitsgemäß gemacht zu werden

sondern dass sie mehr Wahrscheinlichkeit hat als die andere fälschlich gemacht

zu werden

    Ein augenfälliger Grund warum eine sogenannte Coincidenz öfter falsch

behauptet werden wird als eine gewöhnliche Kombination ist der dass sie

Staunen erregt und die Liebe zum Wunderbaren befriedigt Die Motive für die

Fälschung von denen der Wunsch Erstaunen zu erregen eines der häufigsten ist

sind daher für diese Art von Behauptung tätiger als für die andere Es ist so

weit offenbar mehr Grund vorhanden eine behauptete Coincidenz zu bezweifeln

als eine Behauptung die an sich nicht wahrscheinlicher ist die man aber wenn

sie gemacht würde nicht für merkwürdig halten würde Es gibt indessen Fälle

in denen die auf diesen Grund gestützte Präsumtion die entgegengesetzte sein

würde Es gibt Zeugen welche je außerordentlicher sich ein Ereignis

darstellt desto eifriger sind es durch die äußerste Sorgfalt in der

Beobachtung zu verifizieren bevor sie es zu glauben und noch mehr bevor sie es

vor Anderen zu behaupten wagen

    

     6 Unabhängig von einer jeden der Natur der Behauptung entspringenden

Wahrscheinlichkeit der Lügenhaftigkeit behauptet aber Laplace dass bloß wegen

des allgemeinen Grundes der Trüglichkeit des Zeugnisses eine Coincidenz auf

dieselbe Summe von Zeugnis hin nicht für ebenso glaubwürdig zu halten ist wie

eine gewöhnliche Kombination von Ereignissen Um seinem Argument Gerechtigkeit

widerfahren zu lassen ist es nötig dasselbe durch ein von ihm selbst

gewähltes Beispiel zu erläutern

    Wenn tausend Loose in einer Urne sind und nur ein einziges derselben

gezogen worden ist, und wenn alsdann ein Augenzeuge behauptete die gezogene

Nummer sei 79 so würde dies nicht unglaublich scheinen obgleich die

Wahrscheinlichkeit 999 von den 1000 dagegen ist die Glaubwürdigkeit hiervon ist

gleich der vorausgängigen Wahrscheinlichkeit der Wahrhaftigkeit des Zeugen Wenn

aber in der Urne 999 schwarze und nur eine weiße Kugel wären und der Zeuge

behauptete es wäre die weiße Kugel gezogen worden so ist der Fall nach

Laplace ein ganz anderer die Glaubhaftigkeit seiner Behauptung ist nun bloß

ein kleiner Bruchteil von dem was sie im ersten Fall war der Grund dieses

Unterschiedes ist der folgende

    Der Zeuge von dem wir sprechen muss der Natur des Falles nach von der Art

sein dass seine Glaubhaftigkeit wesentlich hinter der Gewissheit zurückbleibt

wir wollen also annehmen in dem fraglichen Fall wäre die Glaubhaftigkeit des

Zeugen 910 dh wir wollen annehmen dass von je zehn Angaben des Zeugen neun

im Durchschnitt richtig und eine unrichtig wären Nun wollen wir annehmen es

wäre so oft gezogen worden dass alle möglichen Kombinationen erschöpft wären

indem der Zeuge jedesmal seine Aussage macht Bei allen diesen Ziehungen wird er

in einem Fall von je zehn Fällen tatsächlich eine falsche Angabe gemacht haben

Aber bei den tausend Losen werden diese falschen Angaben unparteiisch aber

alle Nummern verteilt worden sein und von den 999 Fällenin denen Nro 79

nicht gezogen wurde wird nur ein Fall gewesen sein in dem es verkündet wurde

Bei den tausend Kugeln wo immer entweder »schwarz« oder »weiß« angesagt wurde

muss im Gegenteil wenn weiß nicht gezogen wurde und eine falsche Verkündigung

stattfand diese falsche Verkündigung weiß gewesen sein und da der

Voraussetzung nach in je zehn Malen eine falsche Angabe war so wird weiß in

einem zehntel von allen Fällenin denen es nicht gezogen wurde falsch

angegeben worden sein dh in einem zehntel von 999 von je tausend Fällen

Weiß wird daher im Durchschnitt genau eben so oft gezogen wie Nro 79 aber es

ist ohne wirklich gezogen worden zu sein 999 mal so oft angegeben worden als

Nro 79 die Angabe verlangt daher ein viel stärkeres Zeugnis um glaubhaft zu

werden149

    Um dieses Argument gültig zu machen muss natürlich angenommen werden die

durch den Zeugen gemachten Angaben seien Durchschnittsproben seiner allgemeinen

Wahrhaftigkeit und Genauigkeit oder sie seien dieses wenigstens im Falle der

weißen und schwarzen Kugeln weder mehr noch weniger als im Falle der tausend

Nummern Diese Annahme ist indessen ohne alle Gewähr Es wird jemand viel

weniger wahrscheinlich irren wenn er sich nur gegen eine Form von Irrtum zu

hüten hat als wenn er 999 Irrtümer zu vermeiden hat In dem gewählten Beispiel

dürfte ein Bote der beim Berichten über die in einer Lotterie gezogene Nummer

einmal in je zehn Malen irren könnte nicht einmal unter tausend Malen irren

wenn er bloß abgesandt worden ist, um zu beobachten ob eine Kugel schwarz oder

weiß war Das Argument von Laplace ist daher bei der Anwendung auf seinen

eigenen Fall fehlerhaft viel weniger aber kann man diesen Fall als eine

vollständige Repräsentation aller Fälle von Coincidenz nehmen Laplace hat sein

Beispiel so eingerichtet dass obgleich schwarz 999 unterschiedenen

Möglichkeiten und weiß nur einer einzigen entspricht der Zeuge

nichtsdestoweniger ohne eine jede Neigung ist die ihn dem Schwarz den Vorzug

vor Weiß geben ließe Der Zeuge wusste nicht dass in der Urne 999 schwarze

und nur eine weiße Kugel waren oder wenn er es wusste so hat Laplace Sorge

getragen alle 999 Fälle so ununterscheidbar gleich zu machen dass kaum die

Möglichkeit einer zu Gunsten von einem dieser Fälle tätigen Ursache von

Unwahrheit oder Irrtum vorhanden ist, die nicht auch in derselben Weise tätig

sein würde wenn nur ein Fall vorhanden wäre Ändert man diese Voraussetzung

so fällt das ganze Argument zu Boden Es seien zB die Kugeln nummeriert und die

weiße Kugel sei Nro 79 In Betreff der Farbe der Kugeln gibt es nur zwei

Dingewelche der Zeuge ein Interesse haben kann zu behaupten oder die er

geträumt oder halluziniert haben kann oder von denen er das eine zu wählen hat

wenn er dem Zufall nach eine Antwort gibt nämlich schwarz und weiß in

Betreff der den Kugeln beigelegten Nummern gibt es aber tausend zu wählende

Dinge und wenn sich mit den Nummern das Interesse des Zeugen oder ein Irrtum

desselben verbindet so wird der Fall dem der tausend Loose genau ähnlich

obgleich die einzige von ihm gemachte Behauptung nur die Farbe betrifft Anstatt

der Kugeln nehme man eine Lotterie mit 1000 Losen und nur einem Gewinn an man

nehme an dass ich Nro 79 besitze und nur an diesem ein Interesse habe und

dass der Zeuge gefragt würde nicht welche Nummer gezogen wurde sondern ob es

Nro 79 oder eine andere Nummer war Es sind nun wie in dem Beispiel von

Laplace nur zwei Fälle vorhanden er würde aber gewiss nicht sagen dass wenn

der Zeuge antwortete 79 die Behauptung in einem enormen Verhältnis weniger

glaubhaft wäre als wenn der Zeuge dieselbe Antwort auf dieselbe und nur in der

anderen Weise gestellte Frage gäbe Wenn um einen von Laplace selbst

angenommenen Fall zu setzen er zB auf eines der Loose eine starke Summe

gewettet hat und glaubt durch Verkünden von dessen Eintreffen seinen Kredit zu

erhöhen so ist es gleich wahrscheinlich dass er auf irgend eine der 999 den

schwarzen Kugeln beigegebenen Nummern gewettet habe und soweit die

Wahrscheinlichkeit der Lügenhaftigkeit wegen dieser Ursache in Betracht kommt

wird es 999 mal wahrscheinlicher sein dass er schwarz falsch verkündet als

weiß

    Oder nehmen wir ein Regiment von 1000 Mann an 999 Engländer und ein

Franzose nehmen wir ferner an es wäre von dem Regiment ein Mann getötet

worden und man wüsste nicht welcher Ich frage und ein Zeuge antwortet der

Franzose Dies war nicht allein a priori unwahrscheinlich sondern es ist auch

an sich ein so sonderbarer Umstand eine so merkwürdige Coincidenz als das

Ziehen der weißen Kugel wir würden indessen die Antwort eben so bereitwillig

glauben als wenn sie gewesen wäre John Thompson denn obgleich die 999

Engländer in dem sie von dem Franzosen unterscheidenden Punkte alle gleich

waren so waren sie doch nicht ähnlich den 999 schwarzen Kugeln in jeder

anderen Beziehung ununterscheidbar da sie im Gegenteil alle verschieden waren

so ließen sie so viele Wahrscheinlichkeiten des Interesses oder des Irrtums

zu als wenn ein jeder Mann einer andern Nation angehört hätte und wenn eine

Lüge gesagt oder ein Irrtum begangen worden wäre so hätte die falsche Angabe

ebenso wahrscheinlich irgend einen Jones oder Thompson treffen können als den

Franzosen

    Das von DAlembert gewählte Beispiel einer Coincidenz das Werfen der Sechs

zehnmal hintereinander mit einem Paar Würfel gehört eher zu dieser Art Fälle

als zu denen von Laplace Die Coincidenz ist hier viel merkwürdiger weil sie

weit seltener vorkommt als das Ziehen der weißen Kugel Aber obgleich die

Unwahrscheinlichkeit ihres tatsächlichen Vorkommens grösser ist so kann doch

die höhere Wahrscheinlichkeit dass sie falsch verkündet worden ist, nicht mit

derselben Evidenz festgestellt werden Die Angabe »schwarz« repräsentierte 999

Fälle aber der Zeuge mochte dies nicht gewusst haben und wenn er es wusste so

sind sich die 999 Fälle so genau ähnlich dass wirklich nur eine dem Ganzen

entsprechende Reihe von möglichen Ursachen der Lügenhaftigkeit vorhanden ist.

Die Angabe »Sechs nicht zehnmal geworfen« repräsentiert und dies weiß der

Zeuge eine große Menge von Zufällen von denen ein jeder einem jeden andern

unähnlich ist und es kann daher eine einem jeden einzelnen Zufall

entsprechende verschiedene und frische Reihe von Ursachen der Lügenhaftigkeit

vorhanden sein

    Es scheint mir daher dass die Lehre von Laplace nicht von allen

Koincidenzen streng wahr und dass sie auf die meisten völlig unanwendbar ist

dass wir um zu wissen ob eine Coincidenz um glaubhaft zu werden mehr Beweis

erfordert als ein gewöhnliches Ereignis in einem jeden Fall auf die ersten

Prinzipien zurückgreifen und von neuem berechnen müssen welches die

Wahrscheinlichkeit ist dass das gegebene Zeugnis in diesem Fall würde abgelegt

worden sein wenn angenommen wird der vom Zeugen behauptete Fall sei nicht

wahr

    Mit diesen Bemerkungen schließen wir die Erörterung der Gründe des

Unglaubens und mit ihr die Entwickelung der Induktiven Logik wie der Raum sie

zulässt und wie der Autor sie zu geben vermag

 
 





            Klare und deutliche Ideen sind Worte die zwar dem Mund eines jeden

            geläufig sind von denen ich aber Grund habe zu glauben dass sie

            nicht ein jeder der sie braucht vollkommen versteht Und

            möglicherweise ist nur hier und da einer der sich die Mühe gibt

            sie soweit in Betracht zu nehmen um zu wissen was er selbst oder

            andere genau damit meinen ich habe daher meistens vorgezogen

            entschieden oder bestimmt anstatt klar und deutlich zu setzen da es

            die Gedanken der Menschen eher auf meine Ansicht von dem Gegenstand

            leiten wird  Lockes Essays on the Human Understanding

            

            »Il ne peut y avoir quune méthode parfaite qui est la méthode

            naturelle on nomme ainsi un arrangement dans lequel les êtres du

            même genre seraient plus voisins entre eux que de ceux de tous les

            autres genres les genres du même ordre plus que de ceux de tous

            les autres ordres et ainsi de suite Cette méthode est lidéal

            auquel lhistoire naturelle doit tendre car il est évident que si

            lon y parvenait lon aurait lexpression exacte et complète de la

            nature entière« Cuvier Règne Animal Introduction

            

            »Deux grandes notions philosophiques dominent la théorie

            fondamentale de la méthode naturelle proprement dite savoir la

            formation des groupes naturels et ensuite leur succession

            hiérarchique«  Comte Cours de Philosophie Positive 42me leçon

 
 



 


     1 Die vorhergehenden Betrachtungen haben uns zu einer befriedigenden

Lösung der Hauptaufgabe der Logik, nach der Vorstellungwelche ich mir von der

Wissenschaft gebildet habe geführt Wir haben gefunden dass der geistige

Prozess womit sich die Logik beschäftigt dass die Erforschung von Wahrheiten

immer und auch dann noch ein induktives Verfahren ist wenn der Schein auf eine

andere Theorie deutet Wir haben die verschiedenen Arten der Induktion

gesondert und eine klare Einsicht in die Prinzipien erlangt wonach sie sich

richten muss wenn sie zu zuverlässigen Resultaten führen soll

    Die Betrachtungen über die Induktion sind indessen mit der Feststellung der

Regeln für die Ausübung derselben nicht beendigt Wir müssen noch Einiges von

den anderen Verstandesoperationen sagen welche bei einer jeden Induktion

entweder notwendig vorausgesetzt werden oder welche den schwierigeren und

verwickelteren induktiven Prozessen behilflich sind Der Betrachtung dieser

Hilfsoperationen und besonders derjenigen welche als unentbehrliche

Präliminarien einer jeden Induktion unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen

soll dieser Teil unseres Werkes gewidmet sein

    Da Induktion nur die Ausdehnung von Etwas was in gewissen einzelnen Fällen

als wahr beobachtet wurde auf eine Klasse von Fällen ist so nimmt von allen

Hilfsoperationen der Induktion die Beobachtung den ersten Platz in Anspruch Es

ist indessen hier nicht der Ort Regeln anzugeben um gute Beobachter zu

bilden dies gehört nicht in ein Werk über Logik sondern steht der

Erziehungskunst zu Wir werden uns mit der Beobachtung nur in soweit

beschäftigen als sie im Zusammenhang steht mit der entsprechenden logischen

Aufgabe der Würdigung des Beweises. Wir haben nicht zu betrachten wie oder was

zu beobachten istsondern unter welchen Bedingungen die Beobachtung zuverlässig

ist was nötig ist damit die Tatsache, die als beobachtet vorausgesetzt wird

als wahr angenommen werden könne

    

     2 Die Antwort auf die obige Frage ist sehr einfach wenigstens beim

ersten Anblick Die erste Bedingung ist dass das was als beobachtet angenommen

wird wirklich beobachtet worden sei dass es wirklich eine Beobachtung und

keine Folgerung sei denn fast in einem jeden Akte unseres Wahrnehmungsvermögens

sind Beobachtung und Folgerung innig vermischt Was wir glauben beobachtet zu

haben ist gewöhnlich ein zusammengesetztes Resultat wovon ein Zehntel

beobachtet und die übrigen neun Zehntel gefolgert sein können

    Ich behaupte zB ich höre die Stimme eines Menschen In gewöhnlicher

Sprache würde dies als eine direkte Wahrnehmung gelten Die wirkliche

Wahrnehmung besteht indessen hier nur darin dass ich einen Ton höre Dass der

Ton eine Stimme und dass die Stimme die Stimme eines Menschen istdies sind

keine Beobachtungen sondern Schlüsse Ich behaupte ferner dass ich diesen

Morgen zu einer bestimmten Stunde meinen Bruder sah Wenn man von einem Urteil

das eine Tatsache ausspricht im gewöhnlichen Sinne sagen kann es sei durch

das direkte Zeugnis der Sinne erkannt so ist es dieses Die Wahrheit ist

indessen ganz anders Ich sah nur eine gewisse farbige Fläche oder vielmehr

ich hatte die Art von Gesichtsempfindungen welche gewöhnlich von farbigen

Flächen hervorgebracht werden; und aus diesen durch vorausgängige Erfahrung

erkannten Merkmalen schließe ich dass ich meinen Bruder gesehen habe Ich

könnte ganz ähnliche Sensationen gehabt haben ohne dass mein Bruder da gewesen

wäre Ich konnte einen Anderen gesehen haben der ihm so sehr glich dass ich

ihn bei der Entfernung und bei der Aufmerksamkeit womit ich ihn betrachtete

für meinen Bruder ansah Ich konnte im Schlafe gewesen sein und geträumt haben

ich sähe ihn oder meine Nerven konnten in einem krankhaften Zustande gewesen

sein so dass mir in wachendem Zustande sein Bild in einer Halluzination

vorschwebte Viele Menschen sind in allen diesen Modi zu dem Glauben verleitet

worden sie hätten wohlbekannte Personen gesehen welche gestorben oder weit

entfernt waren Wenn von diesen Voraussetzungen eine wahr gewesen wäre so wäre

die Behauptung, dass ich meinen Bruder gesehen habe eine irrtümliche gewesen

was aber ein Gegenstand der direkten Wahrnehmung war nämlich die Sensationen

des Auges diese wären wirklich wahr gewesen Nur die Folgerung wäre schlecht

begründet gewesen ich hätte diese Sensationen einer unrichtigen Ursache

zugeschrieben

    Man könnte von dem was man gewöhnlich Sinnestäuschungen nennt unzählige

Beispiele anführen und in derselben Weise analysieren Keine derselben ist

indessen eigentlich eine Täuschung der Sinne, sondern es sind irrtümliche

Folgerungen aus den Sinneseindrücken Wenn ich durch ein Vervielfältigungsglas

nach einem Lichte blickte so scheint es mir als sähe ich ein ganzes Dutzend

Lichter statt eines und wenn die wirklichen Umstände dieses Falles geschickt

verborgen gehalten würden so dürfte ich wohl annehmen dass diese Anzahl von

Lichtern wirklich vorhanden wäre es wäre dies eine sogenannte optische

Täuschung Bei dem Kaleidoskop ist diese Täuschung wirklich vorhanden Wenn man

durch dieses Instrument sieht so sieht man anscheinend statt dessen was

wirklich darin ist nämlich statt einer zufälligen Anordnung gefärbter

Glasstückchen dieselbe Kombination mehrmals um einen Punkt symmetrisch

gruppiert Die Täuschung wird natürlicherweise dadurch hervorgebracht dass

dieselbe Sensation in mir erregt wird welche ich haben würde wenn mir eine

solche symmetrische Anordnung in Wirklichkeit vor die Augen gebracht würde Wenn

man den Zeigefinger und Mittelfinger kreuzt und einen kleinen Gegenstand eine

kleine Brotkugel etwa dazwischen dh in Berührung mit Stellen der Finger

bringt welche gewöhnlich nicht gleichzeitig berührt werden und wenn man dann

die Augen schließt so wird man sich kaum des Glaubens erwehren können man

habe zwei Kügelchen zwischen den Fingern Aber in dem letzten Falle wird nicht

mein Gefühl und in dem ersteren nicht mein Gesicht getäuscht die Täuschung

mag sie anhaltend oder nur momentan sein liegt in meinem Urteil Von den

Sinnen habe ich nur die Sensationen und diese sind echt und wahr Gewohnt

diese oder ähnliche Sensationen zu haben wenn und nur wenn eine gewisse

Anordnung der äußeren Gegenstände meinen Organen gegenwärtig ist bin ich

geneigt sogleich auf die Existenz dieses Zustandes der äußeren Gegenstände zu

schließen wenn ich die Sensationen habe Diese Gewohnheit ist so mächtig

geworden dass die mit der Eile und der Gewissheit eines Instinktes gemachte

Folgerung mit der intuitiven Wahrnehmung verwechselt wird Ist sie richtig so

bleibt es mir unbewusst dass sie jemals des Beweises bedurfte auch wenn ich

weiß dass sie unrichtig ist kann ich mich nur mit großer Anstrengung

enthalten sie zu machen Um zu gewahren dass sie nicht aus Instinkt gemacht

istsondern aus einer erlangten Gewohnheit hervorgeht bin ich gezwungen über

den langsamen Prozess nachzudenken durch welchen ich lernte über viele Dinge

vermittelst des Gesichts zu urteilen welche ich nun durch den Anblick direkt

wahrzunehmen glaube so wie auch über die umgekehrte Operation welche von

denjenigen befolgt wird die zeichnen lernen und die sich nur schwierig und mit

großer Mühe und Arbeit von ihren erlangten Perzeptionen frei machen und von

Neuem lernen zu sehen wie die Dinge dem Auge erscheinen

    Es würde unnötig wenn auch leicht sein diese Bemerkungen über einen in

vielen populären Werken erläuterten Gegenstand noch weiter auszudehnen Aus den

angeführten Tatsachen kann man hinlänglich ersehen dass die individuellen

Tatsachen aus denen wir unsere induktiven Generalisationen herleiten

gewöhnlich nicht durch die Beobachtung allein gewonnen werden Die Beobachtung

erstreckt sich nur auf die Sensationen durch welche wir die Gegenstände

erkennen aber die Urteile von denen wir in der Wissenschaft oder dem gemeinen

Leben Gebrauch machen beziehen sich meistens auf die Gegenstände selbst In

einem jeden Akte der sogenannten Beobachtung liegt wenigstens eine Folgerung 

aus den Sensationen auf die Gegenwart des Gegenstandes, aus den Merkmalen oder

der Diagnose auf das ganze Phänomen Und hieraus folgt unter Anderem das

scheinbare Paradoxon dass ein allgemeines aus Partikularitäten abgeleitetes

Urteil oft gewisser wahr ist als ein jedes der besonderen Urteilen aus denen

es durch Induktion gefolgert wurde Denn ein jedes von diesen besonderen

Urteilen schloss eine Folgerung aus dem Sinneseindrucke auf die Tatsache ein

welche diesen Eindruck verursachte und diese Folgerung kann in irgend einem

Falle irrig gewesen sein sie kann aber nicht wohl in allen irrig gewesen sein

vorausgesetzt dass die Anzahl der Fälle groß genug war um den Zufall zu

eliminieren Der Schluss di das allgemeine Urteil kann daher größeres

Vertrauen verdienen als man ohne Gefahr den induktiven Prämissen zugestehen

dürfte

    Die Logik der Beobachtung besteht daher einzig in einer genauen und

richtigen Unterscheidung zwischen dem was in einem Resultate einer Beobachtung

wirklich wahrgenommen worden ist, und dem was eine Folgerung aus der

Wahrnehmung ist Derjenige Teil welcher der Folgerung angehört ist auf die

bereits abgehandelten Regeln der Induktion zurückführbar und braucht hier nicht

weiter berührt zu werden es handelt sich hier nur darum dass wir wissen was

bleibt wenn Alles hinweggenommen wird was Folgerung ist Es bleiben vorerst

des Geistes eigene Gefühle oder Zustände des Bewusstseins, nämlich seine

äußerlichen Gefühle oder Sensationen und seine innerlichen Gefühle  seine

Gedanken seine Emotionen sein Wollen Ob noch etwas Anderes bleibt oder ob

alles Andere Folgerung daraus ist ob der Geist fähig ist irgend Etwas außer

den Zuständen seines eigenen Bewusstseins wahrzunehmen oder zu erfassen  dies

ist die besondere hier nicht weiter zu erörternde Aufgabe der Metaphysik Wenn

wir aber alle metaphysischen Streitfragen hier ausschließen so bleibt es wahr

dass für die meisten Zwecke die praktisch von uns auszuführende Unterscheidung

eine Unterscheidung zwischen Sensationen oder anderen Gefühlen unserer selbst

oder Anderer und den daraus gezogenen Folgerungen istDies ist Alles was hier

über die Theorie der Beobachtung zu sagen nötig war

    

     3 Wenn in der einfachsten Beobachtung oder in dem was dafür gilt sehr

viel nicht Beobachtung sondern etwas Anderes ist so ist in der einfachsten

Beschreibung einer Beobachtung immer mehr behauptet und muss es immer sein als

in der Wahrnehmung selbst enthalten ist. Wir können eine Tatsache nicht

beschreiben ohne mehr zu folgern als die Tatsache enthält Die Perzeption ist

nur die eines individuellen Dinges aber dasselbe beschreiben heißt den

Zusammenhang zwischen ihm und einem jeden andern Dinge welches durch einen der

gebrauchten Ausdrücke bezeichnet oder mitbezeichnet wird behaupten Ein

Beispiel wird dies am deutlichsten machen Ich habe eine Gesichtsempfindung und

versuche dieselbe zu beschreiben indem ich sage dass ich etwas Weißes sehe

Indem ich dies sage affirmiere ich nicht allein meine Empfindung sondern ich

klassifiziere sie auch Ich behaupte eine Ähnlichkeit zwischen dem Dinge das

ich sehe und allen Dingen die ich und Andere gewohnt sind weiß zu nennen

Ich behaupte dass es ihnen in dem Umstande gleicht in welchem sie sich alle

einander gleichen in dem Umstande welcher der Grund ist dass sie weiß

genannt werdenDies ist aber in der Tat nicht eine Art und Weise sondern es

ist die einzige Art und Weise eine Beobachtung zu beschreiben Ich mag aber

meine Beobachtungen zu eigenem künftigen Gebrauche verzeichnen oder sie zum

Nutzen Anderer bekannt machen wollen immer muss ich eine Ähnlichkeit zwischen

der Tatsache welche ich beobachtet habe und etwas Anderem behaupten Es ist

der Beschreibung inhärent dass sie die Angabe einer Ähnlichkeit oder einer

Unähnlichkeit ist

    Wir sehen so dass es nicht möglich ist ein Resultat der Beobachtung in

Worten auszudrücken ohne einen Akt zu begehen der das besitzt was Dr Whewell

für das die Induktion Charakterisierende hält Immer wird etwas eingeführt was

nicht in der Beobachtung lag eine Konzeption die dem Phänomen mit anderen

Phänomenen womit es verglichen wird gemein ist Eine Beobachtung kann in der

Sprache nicht ausgedrückt werden, ohne dass mehr als eine Beobachtung behauptet

wird ohne dass sie mit anderen schon beobachteten Phänomenen verglichen und

damit klassifiziert wird Aber diese Identifikation eines Gegenstandes  diese

Erkennung desselben als eines Gegenstands der gewisse bekannte Kennzeichen

besitzt  ist niemals mit Induktion verwechselt worden Sie ist eine Operation

die aller Induktion vorausgeht und diese mit ihrem Material versieht Es ist

eine durch Vergleichung erhaltene Wahrnehmung von Ähnlichkeiten

    Diese Ähnlichkeiten werden nicht immer direkt dadurch wahrgenommen dass

wir bloß den beobachteten Gegenstand mit einem andern gegenwärtigen Gegenstande

oder mit unserer Erinnerung an einen abwesenden Gegenstande vergleichen Sie

werden häufig durch intermediäre Merkmale dh deduktiv bestimmt Man nehme an

dass ich bei der Beschreibung einer neuen Tierart sage das Thier sei vom Kopfe

bis zum Ende des Schwanzes zehn Fuß lang Ich habe dies nicht mit dem

unbewaffneten Auge bestimmt Ich hatte einen Maßstab von zwei Fuß welchen

ich an den Gegenstand legte und womit ich ihn wie man zu sagen pflegt maß

eine Operation die nicht bloß meine Hand vollbrachte sondern die zum Teil

eine mathematische war und die zwei Behauptungen einschließt fünfmal zwei ist

zehn und Dingewelche einem und demselben Dinge gleich sind, sind unter

einander selbst gleich Es ist daher die Tatsache, dass das Thier zehn Fuß

lang ist nicht eine direkte Wahrnehmung sondern ein Schluss wovon nur die

eine Prämisse aus der Beobachtung des Gegenstandes gewonnen wurde Dies hindert

aber nicht sie mit Recht eine Beschreibung des Tieres zu nennen

    Um von einem sehr einfachen zu einem sehr komplizierten Beispiele

überzugehen ich behaupte die Erde sei rund Diese Behauptung ist nicht auf

direkte Wahrnehmung gegründet denn die Gestalt der Erde kann nicht direkt von

uns wahrgenommen werden die Behauptung könnte sich jedoch nicht als wahr

erweisen wenn nicht Umstände vorausgesetzt werden könnten unter welchen ihre

Richtigkeit wahrzunehmen ist Dass die Gestalt der Erde kugelförmig ist wird

aus gewissen Merkmalen gefolgert daraus zB dass der Schatten welchen sie

auf den Mond wirft rund ist oder daraus dass unser Horizont auf der See oder

in einer großen Ebene immer kreisförmig ist von allen diesen Merkmalen ist

keines mit einer andern als kugelförmigen Gestalt vereinbar Ich behaupte

ferner dass die Erde jene besondere Art Kugel istwelche man ein abgeplattetes

Sphäroid nennt weil durch Messung in der Richtung eines Meridians gefunden

wird dass die Länge auf der Erdoberfläche welche einen gegebenen Winkel am

Mittelpunkte einschließt abnimmt je mehr wir uns vom Äquator entfernen und

den Polen nähern Aber die Urteile dass die Erde kugelförmig und dass sie ein

Sphäroid ist behaupten beide eine individuelle Tatsache die ihrer Natur nach

fähig ist von den Sinnen wahrgenommen zu werden wenn die nötigen Organe und

die erforderliche Stellung vorausgesetzt werden und die bloß deshalb nicht

wirklich wahrgenommen werden weil diese Organe und diese Stellung uns fehlen

Diese Identifikation der Erde erstens als einer Kugel und sodann als eines

abgeplatteten Sphäroids welche eine Beschreibung der Gestalt der Erde genannt

worden wäre wenn man die Tatsache hätte sehen können kann füglich auch noch

so genannt werden, wenn man die Tatsache, statt sie zu sehen gefolgert hat Es

wäre jedoch unangemessen die eine oder die andere dieser Behauptungen eine

Induktion aus Tatsachen in Beziehung auf die Erde zu nennen Es sind keine

allgemeinen aus besonderen Tatsachen erschlossenen Urteile sondern aus

allgemeinen Urteilen abgeleitete besondere Tatsachen Es sind deduktiv

erhaltene Schlüsse aus Prämissen die ihre Entstehung der Induktion verdanken

aber von diesen Prämissen sind einige nicht durch Beobachtung der Erde erhalten

und standen auch in keiner besonderen Beziehung zu ihr

    Wenn daher die Wahrheit in Beziehung auf die Gestalt der Erde keine

Induktion ist warum sollte es die Wahrheit in Beziehung auf die Gestalt der

Erdbahn sein Die zwei Fälle unterscheiden sich nur darin dass die Form der

Erdbahn nicht wie die Gestalt der Erde selbst durch Folgerung aus Tatsachen

abgeleitet wurde welche Merkmale der Elliptizität waren sondern dass man dazu

gelangte indem man die kühne Vermutung hegte dass ihr Weg eine Ellipse sei

und bei der Prüfung hernach fand dass die Beobachtungen mit der Hypothese in

Übereinstimmung stehen Nach Herrn Whewell ist dieser Prozess des Vermutens

und der Bestätigung unserer Vermutung nicht allein Induktion sondern es ist

das Ganze der Induktion nach ihm kann diese logische Operation nicht anders

ausgelegt werden Dass er in Beziehung auf die letzte Behauptung Unrecht hat

ist wie ich hoffe in der ganzen vorhergehenden Abtheilung hinlänglich bewiesen

worden und dass auch die erste der zwei Behauptungen viel Irrtümliches und nur

sehr wenig Wahres enthält ist in dem zweiten Kapitel derselben Abtheilung zu

zeigen versucht worden150 Wir sind indessen jetzt vorbereitet um tiefer in die

Frage einzugehen als in jener früheren Periode unserer Untersuchung und ich

glaube dass einige Worte hinreichen werden ein jedes zurückgebliebene Dunkel

zu beseitigen

    

     4 Wir haben in dem zweiten Kapitel bemerkt dass das Urteil »die Erde

bewegt sich in einer Ellipse« so lange es zur Colligation oder Verknüpfung von

Tatsachen dient dh soweit es bloß behauptet dass die verschiedenen

Stellungen der Erde genau durch eben so viele Punkte in dem Umfange einer

imaginären Ellipse dargestellt werden können), nicht eine Induktion sondern

eine Beschreibung ist es ist nur dann eine Induktion wenn es affirmiert dass

man von den Zwischenstellungen wovon keine direkten Beobachtungen vorliegen

finden würde dass sie den übrigen Punkten in demselben elliptischen Umfange

entsprechen Obgleich nun diese wirkliche Induktion ein Ding und die

Beschreibung ein anderes Ding ist so sind wir doch bezüglich der zu machenden

Induktion in einer anderen Lage bevor wir die Beschreibung haben als nach ihr

Denn insofern die Beschreibung gleich allen anderen Beschreibungen die

Behauptung der Ähnlichkeit zwischen dem beschriebenen Phänomen und etwas

Anderem enthält so gibt sie indem sie Etwas angibt dem die Reihe der

beobachteten Orte des Planeten gleicht zugleich Etwas an worin die

verschiedenen Orte selbst übereinstimmen Wenn die Reihe der Orte eben so vielen

Punkten einer Ellipse entspricht so stimmen die Orte selbst darin überein dass

sie in dieser Ellipse gelegen sind Wir haben daher durch denselben Prozess der

uns die Beschreibung gab die Erfordernisse erhalten um eine Induktion nach der

Methode der Übereinstimmung machen zu können Indem die aufeinanderfolgenden

verschiedenen Orte der Erde als Wirkungen und ihre Bewegung als die Ursache

betrachtet wird so finden wir dass jene Wirkungen dh jene Orte in dem

Umstande übereinstimmen dass sie einer Ellipse angehören Wir schließen nun

dass die übrigen Wirkungen die Orte welche nicht beobachtet worden sind, in

demselben Umstande übereinstimmen und dass das Gesetz der Bewegung der Erde

Bewegung in einer Ellipse ist

    Die Verbindung von Tatsachen vermittelst der Hypothesen oder wie Herr

Whewell zu sagen vorzieht vermittelst Konzeptionen nimmt daher anstatt selbst

Induktion zu sein wie er annimmt ihren eigentlichen Platz unter den

Hilfsoperationen der Induktion Eine jede Induktion setzt voraus dass wir

vorher die erforderliche Anzahl von einzelnen Fällen verglichen und bestimmt

haben in welchem Umstande sie übereinstimmen die Verbindung der Tatsachen ist

nichts als diese vorläufige Operation Als Kepler nachdem er sich vergeblich

bemüht hatte die beobachteten Orte eines Planeten durch verschiedene Hypothesen

einer Kreisbewegung zu verbinden zuletzt die Hypothese einer Ellipse versuchte

und fand dass sie den Erscheinungen entsprach so war die Entdeckung des

Umstandes in welchem die beobachteten Stellungen des Planeten übereinstimmten

wirklich das was er zuerst erfolglos und zuletzt mit Erfolg versuchte Und als

er in gleicher Weise eine andere Reihe von beobachteten Tatsachen die

periodischen Zeiten der verschiedenen Planeten durch das Urteil verband dass

die Quadrate der Zeiten den Kuben der Entfernungen proportional sind so

bestimmte er einfach die Eigenschaft in welcher die periodischen Zeiten der

verschiedenen Planeten übereinstimmen

    Da also Alles was wahr ist und zu dem Zwecke von Herrn Whewells Lehre von

Konzeptionen vollständig durch das bekanntere Wort Hypothese ausgedrückt werden

könnte und da seine Colligation von Tatsachen vermittelst angemessener

Konzeptionen nur das gewöhnliche Verfahren ist durch Vergleichung von

Naturerscheinungen zu finden worin ihre Übereinstimmung oder Ähnlichkeit

besteht so würde ich mich gern auf jene besser verstandenen Ausdrücke

beschränkt und bis zuletzt in derselben bisher beobachteten Enthaltung von

allen ideologischen Erörterungen beharrt haben indem ich den Mechanismus

unserer Gedanken als einen Gegenstand betrachte der von den Grundsätzen und

Regeln nach welchen die Verlässlichkeit der Resultate des Denkens zu schätzen

ist verschieden und für dieselben nicht von Bedeutung ist Da indessen ein Werk

von so großen Ansprüchen und kann man sagen von so großem Verdienste die

ganze Theorie der Induktion auf solche ideologische Betrachtungen gegründet hat

so scheint es für die Nochfolgenden nötig für sich und ihre Lehren die ihnen

auf demselben metaphysischen Grunde zukommende Stellung in Anspruch zu nehmen

Und dies ist der Gegenstand des nächsten Kapitels

 
 







     1 Die metaphysische Untersuchung über die Natur und Zusammensetzung von

dem was man abstrakte Ideen genannt hat oder mit anderen Worten, von den

Begriffen welchen in unserm Geiste Classen und Gemeinnamen entsprechen gehört

nicht der Logik, sondern einer andern Wissenschaft an und unser Zweck verlangt

nicht dass wir hier darauf eingehen Es geht uns nur die allgemein anerkannte

Tatsache an dass solche allgemeinen Vorstellungen oder Begriffe existieren

Unser Geist kann eine Menge von einzelnen Dingen als eine Vereinigung oder eine

Klasse denken und Gemeinnamen erwecken in uns wirklich gewisse Ideen oder

geistige Bilder sonst könnten wir die Namen nicht mit dem Bewusstsein einer

Bedeutung gebrauchen Ob die durch den Gemeinnamen erweckte Idee aus den

verschiedenen Umständen zusammengesetzt sei in welchen alle die durch den Namen

bezeichneten Individuen übereinstimmen und aus keinen anderen was die Lehre

von Locke Brown und den Konzeptualisten ist oder ob sie die Idee irgend eines

dieser Individuen sei das in seine individualisierende Eigentümlichkeiten

gekleidet ist aber von der Erkenntnis begleitet dass die Eigentümlichkeiten

nicht Eigenschaften der Klasse sind was die Lehre von Berkeley Bailey und den

neuem Nominalisten ist ob nach der Meinung von Mill der Begriff der Klasse

der einer Anhäufung von Individuen sei die der Klasse angehören oder ob er

endlich was die wahrere Meinung zu sein scheint je nach den zufälligen

Umständen des Falles das eine oder das andere von allem diesem sei gewiss ist

dass irgend eine Idee oder geistige Vorstellung Konzeption durch den

Gemeinsamen erregt wird wenn wir ihn hören oder mit dem Bewusstsein einer

Bedeutung gebrauchen Und dies was wir nach unserem Gefallen eine allgemeine

Idee nennen könnten repräsentiert in unserm Geiste die ganze Klasse von Dingen,

worauf der Name angewendet ist Wenn wir in Beziehung auf die Klasse denken oder

schließen so tun wir dies vermittelst dieser Idee Und die willkürliche

Macht welche der Geist besitzt auf einen Teil von dem was ihm in irgend

einem Augenblicke gegenwärtig ist zu achten und einen andern Teil zu

vernachlässigen setzt uns in den Stand unsere Schlüsse in Beziehung auf die

Klasse unberührt von allem in der Idee oder dem geistigen Bilde zu erhalten was

nicht wirklich der ganzen Klasse gemein ist oder von dem wir wenigstens nicht

glauben dass es ihr wirklich gemein sei

    Es gibt also solche Dinge wie allgemeine Vorstellungen oder Vorstellungen

vermittelst deren wir im allgemeinen denken können und wenn wir aus einer Reihe

von Naturerscheinungen eine Klasse bilden dh wenn wir sie mit einander

vergleichen um zu bestimmen, worin sie mit einander übereinstimmen so ist in

dieser geistigen Operation eine allgemeine Vorstellung eingeschlossen Und in

sofern eine solche Vergleichung der Induktion notwendig vorausgehen muss ist

es sehr wahr dass ohne allgemeine Vorstellungen keine Induktion Statt finden

kann

    

     2 Es folgt nun aber nicht dass diese allgemeinen Vorstellungen vor der

Vergleichung in dem Geiste existiert haben müssen Es ist nicht wie Herr Whewell

anzunehmen scheint ein Gesetz unseres Geistes dasswenn wir Dinge mit

einander vergleichen und uns ihre Übereinstimmung merken wir nur Etwas das in

unserem Geiste bereits vorhanden war in der äußeren Welt verwirklicht erkennen

Die Vorstellung fand ursprünglich ihren Weg zu uns als das Resultat dieser

Vergleichung Sie wurde erhalten nach dem metaphysischen Ausdruck durch

Abstraktion von einzelnen Dingen Diese Dinge können Dinge sein welche wir bei

einer früheren Gelegenheit wahrnahmen oder dachten es können aber auch Dinge

sein welche wir jetzt wahrnehmen oder denken Als Kepler die beobachteten Orte

des Planeten Mars verglich und fand dass sie darin übereinstimmten dass sie

Punkte einer Ellipse sind so wandte er eine allgemeine Vorstellung an die

schon in seinem Geiste und die aus seiner früheren Erfahrung abgeleitet war

Dies ist aber keineswegs der allgemeine Fall Wenn wir verschiedene Gegenstände

mit einander vergleichen und finden dass sie darin übereinstimmen dass sie

weiß sind und wenn wir verschiedene Arten von wiederkäuenden Tieren mit

einander vergleichen und finden dass sie darin übereinstimmen dass sie

gespaltene Hufe haben so haben wir eben so gut eine allgemeine Vorstellung in

unserem Geiste als Kepler in dem seinen hatte wir haben die Vorstellung von

»einem weißen Dinge« oder die Vorstellung von »einem Tiere mit gespaltenem

Hufe« Aber Niemand nimmt an dass wir diese Vorstellungen notwendig mitbringen

und den Tatsachen hinzufügen müssen um Herrn Whewells Ausdruck anzunehmen

weil in diesen einfachen Fällen Jedermann sieht dass der Akt der Vergleichung

welcher in unserem Verbinden der Tatsachen vermittelst der Vorstellung endet

die Quelle sein kann aus der wir die Vorstellung selbst herleiten Wenn wir

vorher niemals einen weißen Gegenstand oder ein Thier mit gespaltenen Hufen

gesehen hätten so wurden wir zu derselben Zeit und durch denselben geistigen

Akt die Idee erlangen und sie zur Verbindung der beobachteten Erscheinungen

gebrauchen Kepler hatte im Gegenteil die Idee wirklich mitzubringen und sie

den Tatsachen hinzuzufügen sie ihnen beizulegen er konnte sie nicht aus ihnen

entnehmen und wenn er nicht schon die Idee gehabt hätte so wäre er nicht im

Stand gewesen sie durch Vergleichung der Stellungen der Planeten zu erlangen

Aber diese Unfähigkeit war nur zufällig die Idee einer Ellipse konnte so gut

aus den Planetenbahnen gewonnen werden als aus sonst Etwas wenn die Bahnen

nicht zufällig unsichtbar gewesen wären Wenn der Planet eine sichtbare Spur

zurückgelassen hätte und wenn wir eine Stellung gehabt hätten um sie in dem

geeigneten Winkel zu sehen so hätten wir unsere ursprüngliche Vorstellung einer

Ellipse aus den Planetenbahnen abstrahieren können Es hätte in der Tat eine

jede Vorstellungwelche zu einem Instrument für die Verbindung einer Reihe von

Tatsachen gemacht werden kann, aus diesen Tatsachen selbst gewonnen werden

könnenDie Vorstellung ist die Vorstellung von Etwas und das wovon es die

Vorstellung ist, liegt wirklich in den Tatsachen, und hätte unter irgend

voraussetzbaren Umständen und unter einer voraussetzbaren Erweiterung unserer

Fähigkeiten wirklich darin entdeckt werden können. Und dies ist immer nicht

allein an und für sich möglich sondern es findet auch wirklich fast in allen

Fällen Statt wo die Erlangung der richtigen Vorstellung mit beträchtlichen

Schwierigkeiten verknüpft ist Denn wenn keine neue Vorstellung nötig ist wenn

eine den Menschen bereits geläufige Vorstellung dem Zwecke dient so kann es

einem Jeden begegnen zufällig der Erste zu sein dem die richtige einfällt zum

wenigsten bei einer Reihe von Erscheinungenwelche die ganze wissenschaftliche

Welt sich bemüht zu verbinden Für Kepler lag die Ehre darin dass er durch

genaue geduldige und mühsame Berechnungen die Resultate welche aus seinen

verschiedenen Vermutungen folgten mit den Beobachtungen von Tycho Brahe

verglich das Verdienst eine Ellipse zu vermuten war aber ein sehr geringes

es ist nur zu verwundern dass man sie nicht eher vermutet hat und man würde

sie auch gewiss vermutet haben wenn man nicht das hartnäckige aprioristische

Vorurteil gehabt hätte dass sich die Himmelskörper wenn nicht in einem Kreis

doch in einer Kombination von Kreisen bewegen müssen

    Die wirklich schwierigen Fälle sind diejenigen in welchen die Vorstellung,

dh das Schaffen von leicht und Ordnung aus Dunkel und Wirrwarr in den

Naturerscheinungen selbst gesucht werden muss die sie später zu ordnen dient

Warum konnten nach Herr Whewells eigener Ansicht die Alten die Gesetze der

Mechanik dh des Gleichgewichts und der Mittheilung der Bewegung nicht

entdecken Weil sie keine oder wenigstens keine klaren Ideen oder Vorstellungen

von Druck und Widerstand von Moment von gleichförmiger und beschleunigender

Kraft hatten Und woher hätten sie diese Ideen anders erhalten können als von

den Tatsachen des Gleichgewichts und der Bewegung selbst Die späte

Entwickelung verschiedener Zweige der physikalischen Wissenschaften zB der

Optik der Elektrizität des Magnetismus und der höheren Generalisationen der

Chemie schreibt Hr Whewell der Tatsache zu dass die Menschen nicht die Idee

der Polarität dh die Idee von entgegengesetzten Eigenschaften in

entgegengesetzten Richtungen besaßen Was war aber vorhanden um eine solche

Idee zu erwecken ehe durch eine besondere Prüfung von einigen dieser

verschiedenen Zweige des Wissens gezeigt war dass die Tatsachen eines jeden

derselben in einigen Fällen wenigstens das bemerkenswerte Phänomen darbieten

entgegengesetzte Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen zu haben Dem

oberflächlichen Blick bot sich das Ding nur in zwei Fällen dar bei dem Magnet

und bei den elektrisierten Körpern und hier war die Vorstellung behaftet mit dem

Umstand von materiellen Polen oder festen Punkten in dem Körper selbst welchen

Punkten dieser Gegensatz der Eigenschaften inzuwohnen schien Die erste

Vergleichung und Abstraktion hatte nur zu dieser Vorstellung von Polen geführt

und wenn etwas dieser Vorstellung Entsprechendes in den Erscheinungen der Chemie

oder Optik existiert hätte so wäre die Schwierigkeit welche man jetzt mit Recht

für so groß ansieht nur eine höchst geringe gewesen Das Dunkel entstand aus

der Tatsache dass die Polaritäten in der Chemie und Optik von einer andern

Art obgleich von derselben Gattung waren als die Polaritäten in dem

Magnetismus und der Elektrizität und dass um diese Phänomene einander zu

assimilieren es nötig war eine Polarität ohne Pole wie zB bei der

Polarisation des Lichtes und eine Polarität mit Polen wie beim Magnet mit

einander zu vergleichen und zu erkennen dass diese Polaritäten während sie in

verschiedenen anderen Beziehungen verschieden sind in dem einen Charakter

übereinstimmen der sich in den Ausdruck fassen lässt verschiedene

Eigenschaften in verschiedenen Richtungen Aus dem Resultate einer solchen

Vergleichung bildete der Geist wissenschaftlicher Männer diese neue allgemeine

Vorstellung zwischen ihr und dem ersten verworrenen Gefühle einer Analogie

zwischen einigen der Erscheinungen des Lichts und denen der Elektrizität und des

Magnetismus liegt ein großer durch die Arbeiten und die mehr oder weniger

scharfsinnigen Meinungen vieler hohen Geister ausgefüllter Zwischenraum

    Die Vorstellungenwelche wir für die Verbindung und methodische Anordnung

von Tatsachen gebrauchen entwickeln sich also nicht innerhalb des Geistes,

sondern der Geist erhält den Eindruck derselben von außen sie werden niemals

anders erhalten als auf dem Wege der Vergleichung und Abstraktion und in den

wichtigsten und zahlreichsten Fällen worden sie durch Abstraktion aus den

Erscheinungen selbst gewonnen welche sie zu verbinden dienen sollen Ich bin

weit entfernt damit sagen zu wollen dass es nicht oft sehr schwierig sei

diesen Prozess des Abstrahierens wohl zu bewerkstelligen oder dass der Erfolg

einer induktiven Operation nicht in vielen Fällen hauptsächlich von der

Geschicklichkeit abhängig wäre womit wir sie ausführen Bacon hatte ganz Recht

als eine der Hauptschwierigkeiten einer guten Induktion unrichtig gebildete

allgemeine Vorstellungen zu bezeichnen »notiones temere a rebus abstractas«

und Herr Whewell fügt hinzu dass eine schlechte Abstraktion nicht allein eine

schlechte Induktion macht sondern dass um die Induktion gut auszuführen wir

auch gut abstrahiert haben müssen dass unsere allgemeinen Vorstellungen »klar«

und dem Gegenstande »angemessen« sein müssen

    

     3 Indem ich zu zeigen versuche worin eigentlich die Schwierigkeit

dieses Gegenstandes besteht und wie sie zu überwinden ist muss ich den Leser

ein für allemal bitten im Auge zu behalten dass obgleich ich bei der

Besprechung von Ansichten einer andern philosophischen Schule gern die Sprache

derselben annehme und daher von dem Verbinden von Tatsachen vermittelst einer

Vorstellung spreche diese technische Ausdrucksweise nicht mehr und nicht

weniger sagen will als was man gewöhnlich ein Vergleichen von Tatsachen mit

einander und ein Bestimmen der Punkte in welchen sie mit einander

übereinstimmen nennt Auch hat der technische Ausdruck nicht einmal den

Vorteil metaphysisch richtig zu sein Die Tatsachen sind nicht verbunden sie

bleiben getrennte Tatsachen wie vorher Die Ideen von den Tatsachen können

verbunden werden dh wir können versucht sein sie zugleich zu denken aber

eine zufällige Ideenassoziation könnte dieselbe Folge haben Das was wirklich

Statt findet wird glaube ich philosophischer durch das gewöhnliche Wort

Vergleichung ausgedrückt als durch die Worte »verbinden« oder »hinzufügen«

Denn so wie die allgemeine Vorstellung selbst durch Vergleichung Von einzelnen

Phänomenen gewonnen wurde so besteht der Modus ihrer Anwendung nachdem sie

gewonnen worden ist, immer wieder in der Vergleichung Wir vergleichen Phänomene

mit einander, um die Vorstellung zu gewinnen und dann vergleichen wir diese und

andere Phänomene mit der Vorstellung. Wir gewinnen zB die Vorstellung den

Begriffvon einem Tiere indem wir verschiedene Tiere mit einander

vergleichen und wenn wir hernach ein anderes Geschöpf sehen das einem Tiere

ähnlich sieht so vergleichen wir es mit unserer allgemeinen Vorstellung von

einem Tiere und wenn es mit dieser allgemeinen Vorstellung übereinstimmt so

schließen wir es in die Klasse ein Die Vorstellung wird zum Typus der

Vergleichung

    Wir brauchen nur zu betrachten was Vergleichung ist um zu sehen dass,

wenn mehr als zwei Gegenstände vorhanden und mehr noch wenn ihre Zahl eine

unbestimmte ist ein Typus irgend einer Art eine unerlässliche Bedingung der

Vergleichung ist Wenn wir eine große Anzahl von Gegenständen nach ihren

Übereinstimmungen oder nach ihren Unterschieden zu ordnen und zu klassifizieren

haben so machen wir nicht einen verworrenen Versuch alle mit allen zu

vergleichen Wir wissen dass der menschliche Geist mit Leichtigkeit auf nicht

mehr als zwei Dinge auf einmal achten kann wir wählen daher einen der

Gegenstände, entweder dem Zufall nach oder je nachdem er in einer besonders

auffallenden Weise einen wichtigen Charakter darbietet und indem wir diesen zum

Maßstab nehmen vergleichen wir damit einen Gegenstand nach dem andern Wenn

wir einen zweiten Gegenstand finden der eine bemerkenswerte Übereinstimmung

mit dem ersten darbietet und der uns veranlasst beide mit einander zu

klassifizieren so entsteht sogleich die Frage in welchen Umständen stimmen sie

überein Und von diesen Umständen Kenntnis nehmen ist schon die erste Stufe der

Abstraktion indem eine allgemeine Vorstellung dadurch erweckt wird Wenn wir so

weit gekommen sind und alsdann einen dritten Gegenstand vornehmen so fragen wir

uns natürlich nicht bloß ob dieser dritte Gegenstand mit dem ersten

übereinstimmt sondern auch ob er in demselben Umstande wie der zweite mit ihm

übereinstimmt Mit anderen Worten, ob er mit der allgemeinen Vorstellung

übereinstimmt welche durch Abstraktion von dem ersten und zweiten Gegenstand

erhalten worden ist? Wir sehen auf diese Weise die Neigung allgemeiner

Vorstellungen sich sobald sie gebildet sind als Typen für alle diejenigen

einzelnen Gegenstände die in unseren Vergleichungen diesen Zweck vorher

erfüllten zu substituieren Vielleicht finden wir dass keine beträchtliche

Anzahl anderer Gegenstände mit dieser ersten allgemeinen Vorstellung

übereinstimmt dass wir die Vorstellung fallen lassen mit einem verschiedenen

einzelnen Falle wieder anfangen und durch andere Vergleichungen zu einer anderen

allgemeinen Vorstellung gelangen müssen Wir werden aber auch manchmal finden

dass die Vorstellung tauglich wird wenn man bloß einige von ihren Umständen

hinweglässt und durch diese größere Anstrengung der Abstraktion erhalten wir

eine noch allgemeinere Vorstellung wie wir uns in dem vorhin angeführten Falle

von der Vorstellung von Polen zu der allgemeineren Vorstellung von

entgegengesetzten Eigenschaften in entgegengesetzten Richtungen erhoben oder

wie jene Südseeländer deren Vorstellung von einem vierfüßigen Tiere dem

Schweine dem einzigen Tiere dieser Art welches sie gesehen hatten abstrahiert

war und welche nachdem sie diese Vorstellung mit anderen Vierfüßlern

verglichen hatten einige von den Umständen fallen Hessen und zu der

allgemeineren Vorstellung gelangten welche die Europäer mit dem Worte

verbinden

    Diese kurzen Bemerkungen enthalten glaube ich Alles was Wohlbegründetes

an der Lehre ist dass die Vorstellungdie Idee, durch welche der Geist die

Erscheinungen ordnet und ihnen Einheit verleiht durch den Geist selbst

geliefert werden muss und dass wir die richtige Vorstellung durch ein Probieren

finden indem wir erst die eine und dann die andere versuchen bis wir das Ziel

treffen Die Vorstellung wird nicht vom Geiste geliefert ehe sie dem Geiste

geliefert worden ist; und die Tatsachenwelche sie liefern sind manchmal ganz

andere und fremde Tatsachen aber öfter noch die Tatsachen selbst welche wir

durch die Vorstellung zu ordnen suchen Es ist indessen völlig wahr dasswenn

wir versuchen die Tatsachen zu ordnen wir bei welchem Punkt wir auch

anfangen mögen keine drei Schritte tun können ohne eine mehr oder weniger

genaue und deutliche allgemeine Vorstellung zu bilden und dass diese allgemeine

Vorstellung der Leitfaden wird dem wir für den Rest der Tatsachen zu folgen

suchen oder dass sie vielmehr der Maßstab wird den wir fortan an sie legen

Wenn wir nicht zufrieden sind mit den Übereinstimmungen welche wir unter den

Naturerscheinungen dadurch entdecken dass wir sie mit diesem Typus oder mit

einer noch allgemeineren Vorstellungwelche wir durch eine neue Stufe der

Abstraktion aus dem Typus bilden können vergleichen so ändern wir die Richtung

und suchen nach anderen Übereinstimmungen von einem andern Ausgangspunkte

ausgehend fangen wir die Vergleichung von Neuem an und erzeugen so eine

verschiedene Reihe von allgemeinen Vorstellungen Dies ist das probierende

Verfahren von dem Herr Whewell spricht und dieses hat auch die Lehre

veranlasst dass die Vorstellung von dem Verstande selbst geliefert wird Die

verschiedenen Vorstellungenwelche der Geist nach einander versucht besaß er

bereits aus früherer Erfahrung oder sie wurden ihm gerade auf der ersten Stufe

des entsprechenden Aktes der Vergleichung an die Hand gegeben so dass sich in

dem folgenden Theile des Prozesses die Vorstellung als etwas mit den

Erscheinungen Verglichenes nicht denselben Entnommenes erwies

    

     4 Wenn das Vorhergehende eine genaue Darstellung der Mitwirkung

allgemeiner Vorstellungen bei der Vergleichung istwelche notwendig der

Induktion vorausgeht so werden wir nun leicht im Stande sein das in unsere

Sprache zu übersetzen was Hr Whewell meint wenn er sagt dass die

Vorstellungen »klar« und »angemessen« sein müssen

    Wenn die Vorstellungdie Idee, einer wirklichen Übereinstimmung unter den

Tatsachen entspricht wenn die Vergleichung welche wir von einer Reihe von

Gegenständen gemacht haben uns zu einer Klassifikation derselben nach

wirklichen Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten geführt hat so muss die

Vorstellungdie dieses tut für den einen oder den andern Zweck angemessen

sein Die Frage der Angemessenheit bezieht sich auf den besonderen Gegenstand

den wir im Auge haben Sobald wir durch unsere Vergleichung irgend eine

Übereinstimmung irgend Etwas was von einer Anzahl von Gegenständen gemeinsam

ausgesagt werden kann, ermittelt haben haben wir eine Basis erhalten auf

welche ein induktives Verfahren gegründet werden kann. Aber die

Übereinstimmungen oder die letzten Konsequenzen zu welchen diese

Übereinstimmungen führen können sehr verschiedene Grade von Wichtigkeit haben

Wenn wir zB Tiere nur in Beziehung auf ihre Farbe mit einander vergleichen

und diejenigenwelche gleiche Farbe haben mit einander klassifizieren so

bilden wir die allgemeinen Begriffe eines weißen Tieres eines schwarzen

Tieres etc etc was ganz legitim gebildete Begriffe sind und wenn eine

Induktion in Beziehung auf die Ursachen der Farben der Tiere versucht werden

sollte so würde diese Vergleichung die eigentliche und notwendige Vorbereitung

für eine solche Induktion sein sie würde uns aber nicht zur Kenntnis der

Gesetze irgend anderer Eigenschaften der Tiere führen während wenn wir sie

mit Cuvier in Beziehung auf den Bau ihres Skelettes oder mit Blainville in

Beziehung auf die Natur ihrer äußeren Hüllen mit einander vergleichen und

klassifizieren die Übereinstimmungen und Verschiedenheiten welche in dieser

Beziehung bemerkbar sind nicht allein an und für sich von viel größerer

Wichtigkeit sondern auch Merkmale der Übereinstimmung und des Unterschieds in

verschiedenen sehr wichtigen Einzelheiten des Baues und der Lebensweise des

Tieres sind Wenn daher ihr Bau und ihre Gewohnheiten der Gegenstand unseres

Studiums sind so sind die durch die letzteren Vergleichungen erzeugten Begriffe

»angemessener« als die durch die ersteren erzeugten Nur dies kann unter

Angemessenheit der Konzeptionen verstanden sein

    Wenn Herr Whewell sagt die Alten die Scholastiker oder irgend neuere

Forscher hätten das wahre Gesetz einer Naturerscheinung nicht entdeckt weil sie

eine unangemessene statt einer angemessenen Konzeption darauf anwandten so kann

er damit nur meinen dass sie bei dem Vergleichen verschiedener Fälle des

Phänomens um zu bestimmen, in was diese Fälle übereinstimmten die wichtigen

Punkte der Übereinstimmung verfehlten und sich an solche hielten die entweder

eingebildete oder gar keine Übereinstimmungen oder wenn sie Übereinstimmungen

waren verhältnismäßig sehr geringe waren und mit der Naturerscheinung deren

Gesetz gesucht wurde in keinem Zusammenhange standen

    Indem Aristoteles über die Bewegung nachdachte bemerkte er dass gewisse

Bewegungen von selbst Statt finden dass die Körper auf die Erde fallen die

Flamme in die Höhe steigt die Luftblasen im Wasser emporsteigen etc er nannte

dieselben natürliche Bewegungen Andere Bewegungen hingegen finden nicht allein

nicht ohne äußere Anregung Statt sondern wenn diese Anregung stattgefunden

hat streben sie auch von selbst wieder aufzuhören diese nannte er um sie von

den ersteren zu unterscheiden gewaltsame Bewegungen Indem nun Aristoteles die

sogenannten natürlichen Bewegungen mit einander verglich schien es ihm dass

sie alle in einem Umstande übereinstimmten darin nämlich dass der Körper,

welcher sich von selbst bewegte oder zu bewegen schien sich nach seinem

eigenen Orte hin bewegte indem er darunter den Ort verstand woher er

ursprünglich kam oder den Ort wo sich eine große Menge von ihm ähnlicher

Materie vorfand Bei der andern Klasse von Bewegungen wie wenn Körper in die

Luft geworfen werden bewegen sich dieselben im Gegenteil von ihrem Orte Diese

Vorstellung oder Idee von einem Körper, der sich nach seinem Orte bewegt kann

nun mit Recht als unangemessen betrachtet werden, weil obgleich sie einen

Umstand ausdrückt der in einigen der bekanntesten Fälle von anscheinend

spontaner Bewegung wirklich Statt findet es erstens doch viele andere Fälle

von Bewegung gibt in denen dieser Umstand abwesend ist wie bei der Bewegung

der Erde und der Planeten und zweitens würde selbst wenn er vorhanden wäre

bei genauerer Prüfung die Bewegung oft als eine nicht freiwillige erscheinen

wie wenn Luft in dem Wasser in die Höhe steigt sie nicht durch ihre eigene

Natur in die Höhe steigt sondern durch das größere Gewicht des auf sie

drückenden Wassers in die Höhe gehoben wird Und endlich noch gibt es viele

Fälle in denen die freiwillige Bewegung in der entgegengesetzten Richtung gegen

das Statt findet was die Theorie als des Körpers eigenen Ort bezeichnet wie

wenn von einem See ein Nebel aufsteigt oder wenn ein Wasser auftrocknet Die

Übereinstimmung, welche Aristoteles als Prinzip der Klassifikation wählte

erstreckte sich demnach nicht auf alle Fälle des Phänomens das er untersuchen

wollte es erstreckte sich nicht auf alle Fälle von spontaner Bewegung während

es Fälle von der Abwesenheit des Phänomens Fälle von nicht spontaner Bewegung

einschloss Die Vorstellung war daher »unangemessen« Wir können noch

hinzufügen dass in dem fraglichen Falle keine Vorstellung keine Idee

angemessen sein würde es gibt keine Übereinstimmung welche sich durch alle

Fälle von freiwilliger oder anscheinend freiwilliger Bewegung und keine anderen

Fälle hindurchzöge sie können nicht unter ein Gesetz gebracht werden  es ist

ein Fall von Vielfachheit der Ursachen.151

    

     5 Soviel in Betreff der ersten von Dr Whewells Bedingungender

nämlich dass die Ideen angemessen sein müssen wir wollen nun betrachten was

die zweite derselben nämlich die dass die Ideen »klar« sein sollen sagen

will Wenn die Idee nicht einer wirklichen Übereinstimmung entspricht so

besitzt sie einen größeren Fehler als den nicht klar zu sein sie ist überhaupt

gar nicht auf den Fall anwendbar Unter den Erscheinungenwelche wir

vermittelst der Idee zu verbinden suchen müssen wir daher eine wirkliche

Übereinstimmung voraussetzen sowie dass die Idee die Idee von dieser

Übereinstimmung ist Damit sie also klar sei ist nur erforderlich dass wir

genau wissen worin die Übereinstimmung besteht dass sie sorgfältig beobachtet

worden sei und dass man sich ihrer genau erinnere Man sagt dass wir keine

klare Vorstellung von der Ähnlichkeit in einer Reihe von Gegenständen haben

wenn wir nur ein allgemeines Gefühl haben dass sie einander ähnlich sind ohne

ihre Ähnlichkeit analysiert ohne wahrgenommen zu haben worin sie besteht ohne

eine genaue Erinnerung aller dieser Punkte in unserem Gedächtnis fixiert zu

haben Dieser Mangel an Klarheit oder wie man es noch nennen kann dieses

Schwankende in der allgemeinen Vorstellung oder Idee hat entweder seine Ursache

in der ungenauen Kenntnis des Gegenstandes selbstoder nur darin dass wir ihn

nicht sorgfältig verglichen haben So kann Jemand eine unklare Idee von einem

Schiff haben weil er niemals ein Schiff gesehen hat oder weil er sich nur

wenig und schwach dessen erinnert welches er gesehen hat Oder er kann eine

vollkommene Kenntnis und Erinnerung von vielen Schiffen verschiedener Art von

Fregatten und dergleichen haben aber er hat dabei keine klare sondern nur eine

verworrene Idee von einer Fregatte weil er nicht hinlänglich verglichen hat um

bemerkt zu haben und sich zu erinnern in welchem besonderen Punkte eine Fregatte

sich von einer andern Art von Schiffen unterscheidet

    Um klare Ideen zu haben ist es indessen nicht nötig dass wir mit allen

gemeinschaftlichen Eigenschaften der Dingewelche wir mit einander

klassifizieren bekannt seien Dies hieße einen eben so vollständigen als klaren

Begriff von der Klasse haben Es ist hinreichend wenn wir niemals Dinge mit

einander klassifizieren ohne genau zu wissen warum  ohne genau bestimmt zu

haben welche Übereinstimmungen wir in unsere Konzeption einzuschließen im

Begriff sind und wenn nachdem wir unsere Konzeption so festgestellt haben wir

niemals davon abgehen niemals in die Klasse Etwas einschließen was diese

gemeinschaftlichen Eigenschaften nicht besitzt noch Etwas ausschließen was

sie besitzt Eine klare Idee bedeutet eine bestimmte Idee eine Idee welche

nicht schwankt und heute dies morgen jenes istsondern fest und unveränderlich

bleibt außer wenn wir sie des Fortschrittes unseres Wissens oder der

Verbesserung eines Irrtums wegen mit Bewusstsein ändern oder ihr Etwas

hinzufügen Ein Mensch von klaren Ideen ist ein solcher der immer weiß kraft

welcher Eigenschaften seine Classen aufgestellt sind welche Attribute durch

seine Gemeinnamen mit bezeichnet sind

    Die Haupterfordernisse um zu klaren Ideen zu gelangen sind daher: die

Gewohnheit einer aufmerksamen Beobachtung eine ausgedehnte Erfahrung und ein

Gedächtnis welches ein genaues Bild von dem was beobachtet ist aufnimmt und

bewahrt und in dem Verhältnisse als einer die Gewohnheit genau zu beobachten

und sorgfältig zu vergleichen und ein genaues Gedächtnis für die Resultate der

Beobachtung und Vergleichung hat werden seine Ideen von dieser Klasse von

Erscheinungen klar sein vorausgesetzt dass er die unerlässliche Gewohnheit

habe die indessen natürlicherweise nur aus jenen anderen Gaben hervorgeht

niemals Gemeinnamen ohne genaue Mitbezeichnung zu gebrauchen

    Da die Klarheit unserer Ideen hauptsächlich von der Sorgfältigkeit und

Genauigkeit unserer Fähigkeiten zu beobachten und zu vergleichen abhängt so

hängt ihre Angemessenheit oder vielmehr die Wahrscheinlichkeit, dass wir die

angemessene Idee in einem Falle treffen vorzüglich von der Tätigkeit dieser

Fähigkeiten ab Derjenige welcher durch eine auf eine natürliche Anlage

gegründete Gewohnheit eine Fertigkeit erlangt hat die Naturerscheinungen genau

zu beobachten und zu vergleichen wird soviel mehr Übereinstimmungen und wird

sie soviel schneller als Andere wahrnehmen dass die Wahrscheinlichkeit, er

werde die Übereinstimmung, von der die wichtigsten Konsequenzen abhängen in

irgend einem Falle wahrnehmen viel grösser ist

    

     6 Es ist von so großer Wichtigkeit dass der in dem vorhergehenden

Kapitel erörterte Teil des Verfahrens bei Erforschung der Wahrheit richtig

verstanden werde dass ich es für zweckmäßig halte die gewonnenen Resultate

noch einmal in einer verschiedenen Ausdrucksweise wiederzugeben

    Wir können allgemeine dh auf Classen anwendbare Wahrheiten nicht

bestimmen wenn wir die Classen nicht in einer Art gebildet haben dass

allgemeine Wahrheiten von ihnen prädiziert werden können. In der Bildung einer

Klasse liegt eine Idee von ihr als von einer Klasse eingeschlossen dh eine

Idee von gewissen Umständen als den Umständen welche die Klasse charakterisieren

und die sie zusammensetzenden Gegenstände von allen anderen Gegenständen

unterscheiden Wenn wir genau wissen was diese Umstände sind so haben wir eine

klare Idee oder Konzeption von der Klasse und von der Bedeutung des

Gemeinnamens welcher sie bezeichnet Die Hauptbedingung welche in dem »diese

klare Idee haben« eingeschlossen liegt ist dass die Klasse eine Klasse sei

dass sie einer wirklichen Distinktion entspreche dass die darin enthaltenen

Dinge wirklich in gewissen Einzelheiten übereinstimmen und sich in denselben

Einzelheiten von allen anderen Dingen unterscheiden Ein Mensch ohne klare Ideen

ist ein Mensch der unter demselben Gemeinnamen Dinge miteinander zu

klassifizieren pflegt welche keine gemeinsamen Eigenschaften besitzen oder doch

keine die sich nicht auch bei anderen Dingen fänden oder welcher wenn der

allgemeine Brauch ihn verhindert die Dinge wirklich falsch zu klassifizieren

nicht im Stande ist sich die gemeinsamen Eigenschaften anzugeben vermöge deren

er dieselben richtig klassifiziert

    Aber es ist nicht das alleinige Erfordernis der Klassifikation dass die

Classen reale durch einen rechtmäßigen geistigen Prozess gebildete Classen

seien Sowohl für theoretische als praktische Zwecke ist der eine

Klassifikationsmodus wertvoller als der andere und unsere Klassifikationen

sind nicht gut ausgeführt wenn die durch dieselben zusammengebrachten Dinge

nicht allein in etwas übereinstimmen das sie von allen anderen Dingen

unterscheidet sondern wenn sie nicht auch gerade in den Umständen welche für

den theoretischen oder praktischen Zweck den wir im Auge haben und der das

vorgesetzte Problem ausmacht hauptsächlich von Wichtigkeit sind sowohl mit

einander übereinstimmen als auch von anderen Dingen differieren Mit anderen

Worten, unsere Ideen obgleich sie klar sein mögen sind unserm Zweck nicht

angemessen wenn die Eigenschaftenwelche wir damit umfassen nicht diejenigen

Eigenschaften sind die uns auf das führen was wir zu wissen wünschen  dh

entweder diejenigenwelche am tiefsten in die Natur des Dinges eingehen wenn

unser Zweck ist diese zu verstehen oder diejenigenwelche am engsten mit der

besonderen Eigenschaft die wir untersuchen wollen verknüpft sind

    Wir können daher gute allgemeine Konzeptionen nicht zum Voraus bilden Ob

die Konzeption zu welcher wir gelangt sind diejenige sei deren wir bedürfen

können wir erst wissen nachdem wir das Werk getan haben wozu wir ihrer

bedurften wenn wir den allgemeinen Charakter der Erscheinungen, oder die

Bedingungen der besonderen Eigenschaft die wir in Betracht nehmen vollständig

verstehen Allgemeine Ideen welche ohne diese durchgängige Kenntnis gebildet

wurden sind Bacons »notiones temere a rebus abstractae« Aber bei unserm

Fortschritt zu etwas besserem müssen wir fortwährend solche unreife Ideen

bilden Nur wenn man beständig bei ihnen verbleibt sind sie dem Fortschreiten

des Wissens ein Hindernis Wenn es uns zur Gewohnheit geworden ist Dinge zu

unrichtigen Classen zu gruppieren  zu Gruppen welche entweder keine wirklichen

Classen sind da sie keine unterscheidende Punkte der Übereinstimmung haben

Abwesenheit klarer Ideen oder welche keine Classen sind von denen etwas für

unsern Zweck wichtiges ausgesagt werden kann Abwesenheit angemessener Ideen

und wenn wir in dem Glauben diese schlecht aufgestellten Classen seien die von

der Natur sanktionierten uns weigern sie gegen andere zu vertauschen und

können oder wollen unsere allgemeinen Ideen nicht aus anderen Elementen bilden

so treffen in einem solchen Fall alle Übel ein welche Bacon seinen »notiones

temere abstractae« zuschreibt Dies ist was die Alten in der Physik taten und

was die Welt im allgemeinen in der Moral und der Politik noch heute tut

    Auf diese Weise wäre es nach meiner Ansicht von der Sache eine ungenaue

Ausdrucksweise zu sagen angemessene Ideen zu erhalten sei eine der

Generalisation vorhergehende Bedingung Durch den ganzen Prozess der

Vergleichung von Erscheinungen mit einander zum Zweck der Generalisation sucht

der Geist eine Vorstellung zu bilden aber die Vorstellungwelche er zu bilden

sucht ist die von dem wirklich wichtigen Punkt der Übereinstimmung der

Erscheinungen. In dem Verhältnis als wir von den Erscheinungen selbst und von

den Bedingungen von denen ihre wichtigen Eigenschaften abhängen mehr Kenntnis

erhalten ändern sich naturgemäß unsere Ansichten von dem Gegenstand und wir

gelangen so bei dem Fortschreiten unserer Untersuchungen von einer weniger zu

einer mehr »angemessenen« allgemeinen Idee

    Wir dürfen hier nicht vergessen dass die Übereinstimmung nicht immer durch

bloße Vergleichung des fraglichen Phänomens selbst ohne Hülfe einer anderswo

erlangten Idee entdeckt werden kann, wie in dem so oft angeführten Falle der

Planetenbahnen

    Das Suchen nach der Übereinstimmung einer Reihe von Naturerscheinungen ist

in Wahrheit dem Suchen nach einem verlorenen oder verborgenen Gegenstande sehr

ähnlich Wir nehmen zuerst eine gehörige Stellung ein und blicken um uns her

und wenn wir den Gegenstand sehen können so ist es gut wenn nicht so fragen

wir uns im Geiste welches die Orte sein mögen wo er verborgen ist damit wir

dort nach ihm suchen und so fort bis wir auf den Ort fallen wo er wirklich

ist Und auch hierbei müssen wir eine vorausgängige Idee oder Kenntnis der Orte

gehabt haben Auf eine ähnliche Weise suchen wir bei dem durch diesen familiären

Prozess erläuterten philosophischen Verfahren zuerst den verlorenen Gegenstand

zu finden oder das gemeinschaftliche Attribut zu erkennen ohne die Hülfe einer

vorher erlangten Idee oder mit anderen Worten, die Hülfe einer jeden Hypothese

vermutungsweise in Anspruch zu nehmen Ist uns dies nicht gelungen so wenden

wir uns an unsere Einbildungskraft wegen einer Hypothese in Betreff des

möglichen Ortes oder eines möglichen Punktes der Ähnlichkeit und sehen

alsdann ob die Tatsachen mit der Vermutung übereinstimmen

    Für solche Fälle ist etwas mehr erforderlich als ein Geist der an genaue

Beobachtung und Vergleichung gewöhnt ist Es ist ein Geist erforderlich der mit

allgemeinen Ideen ausgestattet istwelche vorher erlangt und von der Art sind

dass sie mit dem Gegenstande der Untersuchung eine Verwandtschaft haben Auch

wird viel von der natürlichen Stärke und der erlangten Kultur von dem was man

wissenschaftliche Phantasie nennt und von der Fähigkeit abhängen in der Idee

bekannte Elemente zu neuen Verbindungen zu ordnen welche in der Natur zwar noch

nicht beobachtet worden die aber bekannten Gesetzen nicht entgegen sind

    Aber die Mannigfaltigkeit der geistigen Gewohnheiten die Zwecke denen sie

dienen und die Modi in denen sie genährt und kultiviert werden können, sind

Betrachtungen welche in die Erziehungskunst gehören ein Gegenstandder weiter

geht als die Logik, und den die vorliegende Abhandlung nicht erörtern soll Es

kann daher das gegenwärtige Kapitel hier schließen

 
 



                                



     1 Es gehört nicht zu dem gegenwärtigen Unternehmen bei der Wichtigkeit

der Sprache als bei einem Mittel des menschlichen Verkehrs sei es zu Zwecken

der Sympathie oder der Belehrung lange zu verweilen Auch lässt der Plan dieses

Werkes nur eine leichte Andeutung in Beziehung auf jene große Eigenschaft der

Namen zu von welcher ihre Funktionen als ein geistiges Instrument in Wahrheit

zuletzt abhängig sind nämlich ihre Macht Assoziationen unter unseren anderen

Ideen zu bilden und zu befestigen ein Gegenstand über den sich ein

ausgezeichneter Denker Hr Bain in folgender Weise ausdrückt

    »Namen sind Sinneseindrücke der Geist hält sie am stärksten fest und von

allen anderen Eindrücken können sie am leichtesten zurückgerufen und im Auge

behalten werden Sie dienen daher als ein Anknüpfungspunkt für alle flüchtigere

Gedanken und Gefühle Eindrücke die für immer zerstört wären wenn sie einmal

vorüber sind bleiben durch ihre Verknüpfung mit der Sprache immer erreichbar

Die Gedanken an sich entschlüpfen fortwährend aus unserem unmittelbaren

geistigen Gesichtsfelde aber der Name bleibt bei uns und das Aussprechen

desselben stellt die Gedanken in einem Augenblicke wieder her Wörter sind

Erhalter eines jeden Geistesproduktes das einen geringeren Eindruck macht als

sie selbst Alle Erweiterungen der menschlichen Erkenntnis alle neuen

Generalisationen werden sogar unabsichtlich durch den Gebrauch von Wörtern

fixiert und verbreitet Das aufwachsende Kind lernt mit den Wörtern seiner

Muttersprache dass Dingewelche es für verschieden gehalten habe würde in

wichtigen Punkten dieselben sind Ohne einen förmlichen Unterricht lehrt uns die

Sprache in der wir aufgewachsen sind die ganze allgemeine Philosophie des

Zeitalters Sie veranlasst uns Dinge zu beobachten und zu erkennen die wir

übersehen haben würden sie versieht uns mit schon fertigen Klassifikationen

durch welche die Dinge mit den Gegenständen, mit denen sie die größte

Ähnlichkeit haben zusammengeordnet werden soweit es die Aufklärung

vergangener Geschlechter zulässig macht Die Zahl der Gemeinnamen einer Sprache

und der Grad von Allgemeinheit dieser Namen bieten ein Mittel um das Wissen des

Zeitalters und die geistige Einsicht zu prüfen welche das Geburtsrecht eines

Jeden ist der in demselben geboren ist«

    Wir haben indessen hier nicht von den Funktionen der Namen allgemein

betrachtet sondern von der Art und dem Grade zu sprechen in welchem sie der

Erforschung der Wahrheit oder mit anderen Worten, dem induktiven Verfahren

dienen

    

     2 Beobachtung und Abstraktion die Operationen welche den Gegenstand

der zwei vorhergehenden Kapitel bilden sind unerlässliche Bedingungen der

Induktion es kann keine Induktion Statt finden wo sie nicht vorhanden sind.

Man hat sich eingebildet das Benennen sei eine ebenso unerlässliche Bedingung

Es gibt Philosophen welche der Ansicht sind die Sprache sei nicht allein

nach einem sehr gangbaren Ausdrucke ein Werkzeug des Gedankens sondern das

Werkzeug des Gedankens Namen oder etwas Äquivalentes irgend eine Art

künstlicher Zeichen seien zum Urteilen notwendig ohne sie könne keine

Folgerung und also auch keine Induktion Statt finden Wenn aber die Natur des

Schließens in dem früheren Teil dieses Werkes richtig dargestellt worden ist,

so muss diese Meinung als eine Übertreibung wenn auch einer wichtigen Wahrheit

angesehen werden. Wenn das Schließen vom Besonderen auf Besonderes Statt

findet und wenn es darin besteht eine Tatsache als ein Merkmal einer andern

oder als ein Merkmal von einem Merkmale einer andern zu erkennen so ist um das

Schließen möglich zu machen nichts erforderlich als Sinne und

Ideenassoziation Sinne um wahrzunehmen dass zwei Tatsachen verbunden sind,

Assoziation als das Gesetz, durch welches die eine der zwei Tatsachen die Idee

der andern erweckt152 Für diese geistigen Phänomene sowohl als für den Glauben

oder die Erwartung welche folgt und wodurch wir erkennen dass das wovon wir

ein Merkmal wahrgenommen haben Statt gefunden hat oder auf dem Punkte ist

Statt zu finden bedürfen wir offenbar nicht der Sprache Und diese Folgerung

einer besonderen Tatsache aus einer andern ist ein Fall von Induktion Es ist

dies eine Art Induktion deren die Tiere fähig sind es ist die Weise in der

alle ungebildeten Geister fast alle ihre Induktionen machen und in der wir Alle

sie machen in den Fällen wo eine familiäre Erfahrung uns unsere Schlüsse ohne

einen tätigen Prozess der Forschung von unserer Seite aufdringt und wo der

Glaube oder die Erwartung mit der Schnelligkeit und der Gewissheit eines

Instinktes auf die Induktion folgt153

    

     3 Aber obgleich eine Folgerung von einem induktiven Charakter ohne den

Gebrauch von Zeichen möglich ist so könnte sie doch niemals ohne dieselben weit

über die eben beschriebenen einfachen Fälle hinaus gehen und diese Fälle sind

aller Wahrscheinlichkeit nach die Grenzen des Schließens jener Tiere denen

eine konventionelle Sprache unbekannt ist Ohne Sprache oder etwas Äquivalentes

könnte nur soviel Schließen aus der Erfahrung Statt finden als ohne die Hülfe

allgemeiner Urteile Statt finden kann Obgleich wir nun streng genommen von der

vergangenen Erfahrung auf einen neuen einzelnen Fall ohne die Zwischenstufe

eines allgemeinen Urteils schließen können so würden wir uns ohne allgemeine

Urteile doch selten erinnern welche vergangene Erfahrung wir gehabt haben und

kaum jemals welcherlei Schlüsse diese Erfahrung rechtfertigen wird Die

Teilung des induktiven Prozesses in zwei Theile von denen der erste bestimmt

was ein Merkmal der gegebenen Tatsache ist und der zweite ob dieses Merkmal

in dem neuen Falle existiert ist eine natürliche und wissenschaftlich

unerlässliche Sie ist in der Tat in einer großen Anzahl von Fällen durch den

bloßen Abstand der Zeit notwendig gemacht Die Erfahrung, wonach wir unser

Urteil richten sollen kann die Erfahrung Anderer sein von der uns in keiner

anderen Weise als durch die Sprache etwas mitgeteilt werden kann; ist sie

unsere eigene so ist es gemeinlich eine längst vergangene Erfahrung wenn wir

uns ihrer daher nicht vermittelst künstlicher Zeichen erinnerten so würde

ausgenommen in den Fällen welche unsere stärkeren Sensationen oder Emotionen

oder die Gegenstände unserer täglichen oder stündlichen Betrachtungen

einschließen wenig davon im Gedächtnis zurückbleiben Es ist kaum nötig

hinzuzufügen dasswenn der induktive Schluss nicht von der direktesten und

einleuchtendsten Natur ist wenn er verschiedene Beobachtungen und Experimente

unter veränderten Umständen und die Vergleichung eines derselben mit einem

andern verlangt es unmöglich ist ohne das künstliche Gedächtnis welches

Worte gewähren einen Schritt vorwärts zu tun Ohne Wörter könnten wir wenn

wir A und B oft in unmittelbarer und deutlicher Verbindung gesehen hätten B

erwarten wenn wir A sähen aber ihre Verbindung entdecken wenn sie nicht

deutlich ist oder entscheiden ob sie wirklich beständig oder nur zufällig und

ob Grund vorhanden ist, sie unter einer gegebenen Veränderung von Umständen zu

erwarten ist ein viel zu verwickelter Prozess um ohne eine Erfindung oder

einen Kunstgriff der uns eine genaue Erinnerung unserer geistigen Operation

ermöglicht bewerkstelligt zu werden Es ist nun die Sprache eine solche

Erfindung Wenn wir dieses Instrument zu Hülfe nehmen so reduziert sich die

Schwierigkeit darauf unsere Erinnerung an die Bedeutung der Wörter genau zu

machen Wenn dies geschehen ist so können wir alles dessen was durch unsern

Geist geht genau erinnern wenn wir es sorgfältig in Worte fassen und die

Worte entweder der Schrift oder unserm Gedächtnis anvertrauen

    Die Funktion der Namen und insbesondere die Funktion der Gemeinnamen bei der

Induktion können wir nochmals kurz angehen wie folgt Eine jede induktive

Folgerung welche überhaupt gut istist gut für eine ganze Klasse von Fällen;

und damit die Folgerung eine bessere Bürgschaft ihrer Richtigkeit habe als das

bloße Zusammenhängen zweier Ideen ist ein Prozess des Experimentierens und

Vergleichens notwendig in welchem die ganze Klasse von Fällen vor das Auge

gebracht und irgend eine Gleichförmigkeit in dem Gang der Natur entwickelt und

bestimmt werden muss indem die Existenz einer solchen Gleichförmigkeit als eine

Rechtfertigung des Folgerns sogar in einem einzelnen Falle erforderlich ist

Diese Gleichförmigkeit kann daher ein für allemal bestimmt werden; und wenn

sie einmal bestimmt im Gedächtnis bleibt so wird sie als eine Formel dienen

um in besonderen Fällen alle diejenigen Folgerungen zu ziehen welche die

vorausgängige Erfahrung verbürgt Aber wir können die Erinnerung daran nur

dadurch sichern es wird uns nur dadurch eine Wahrscheinlichkeit gegeben in

unserem Gedächtnis eine beträchtliche Anzahl solcher Gleichförmigkeit zu

bewahren dass wir sie vermittelst bleibender Zeichen aufzeichnen diese Zeichen

sind da es der Natur des Falles nach Zeichen nicht einer einzelnen Tatsache

sondern einer Gleichförmigkeit dh einer unbestimmten Anzahl von einander

ähnlichen Fällen sind allgemeine Zeichen Universalien allgemeine Namen und

allgemeine Urteile

    

     4 Ich muss hier noch eines Versehens erwähnen welches einige eminente

Metaphysiker darin machen dass sie behaupten es sei die Ursache unsers

Gebrauches von Gemeinnamen in der unendlichen Menge von individuellen

Gegenständen zu suchen welche es unmöglich macht einen Namen für alle zu

haben und die uns zwingt uns eines Namens für viele Gegenstände zu bedienen

Dies ist eine sehr beschränkte Ansicht von der Funktion der Gemeinnamen Wenn

auch ein jeder Gegenstand seinen Namen hätte so würden wir doch eben so sehr

der Gemeinnamen bedürfen als jetzt Ohne sie könnten wir nicht das Resultat

einer einzigen Vergleichung ausdrücken noch uns irgend einer von den in der

Natur existierenden Gleichförmigkeit erinnern wir würden in Beziehung auf

Induktion kaum besser daran sein als wenn wir gar keine Namen hätten Nur durch

Namen von Individuen oder mit anderen Worten, durch Eigennamen könnten wir

indem wir den Namen aussprechen die Idee von dem Gegenstande hervorrufen aber

wir könnten kein einziges Urteil aufstellen mit Ausnahme des bedeutungslosen

Urteils das in der Aussage zweier Eigennamen von einander besteht Nur

vermittelst der Gemeinnamen können wir eine Information mittheilen ein Attribut

von sogar nur einem Individuum und um so viel mehr von einer ganzen Klasse

aussagen Strenge genommen könnten wir ohne irgend andere Gemeinnamen als die

abstrakten Namen der Attribute fertig werden alle unsere Urteile könnten von

der Form sein »dieser einzelne Gegenstand besitzt dieses Attribut« oder »dieses

oder jenes Attribut ist immer oder niemals mit diesem oder jenem andern

Attribute verbunden« In Wahrheit haben aber die Menschen den Gegenständen

sowohl als den Attributen und den ersteren in der Tat vor den Attributen stets

Gemeinnamen gegeben aber die den Gegenständen gegebenen Gemeinnamen schließen

Attribute ein leiten ihre ganze Bedeutung von Attributen ab und sind

hauptsächlich von Nutzen als die Sprache vermittelst deren wir die Attribute

aussagen welche durch sie mitbezeichnet werden

    Es bleibt uns noch zu betrachten welche Grundsätze bei dem Beilegen von

Gemeinnamen zu befolgen sind damit diese Namen und die allgemeinen Urteile

in denen sie eine Stelle einnehmen am besten die Zwecke der Induktion fördern

 
 



                                



     1 Um eine Sprache zu besitzen welche der Erforschung und dem Ausdrucke

allgemeiner Wahrheiten vollkommen angemessen sei muss zwei hauptsächlichen und

verschiedenen weniger wichtigen Erfordernissen genügt werden Das erste ist

dass jeder Gemeinname eine feste und genau bestimmte Bedeutung habe Wenn sich

durch die Erfüllung dieser Bedingung diejenigen Namen welche wir besitzen für

eine gehörige Ausübung ihrer Funktionen eignen so ist das nächste und

zweitwichtigste Erfordernis dass wir da einen Namen besitzen wo er

erforderlich ist wo Etwas damit bezeichnet werden soll was auszudrücken von

Wichtigkeit ist

    Auf das erste dieser Erfordernisse wird unsere Aufmerksamkeit in diesem

Kapitel ausschließlich gerichtet sein

    

     2 Ein jeder Gemeinname muss also eine bestimmte und erkennbare Bedeutung

haben Nun liegt wie schon oft erklärt die Bedeutung eines mitbezeichnenden

Gemeinnamens in der Mitbezeichnung in dem Attribut für das er gegeben ist und

welches er ausdrücken soll Da auf diese Weise der Name Thier allen Dingen

gegeben wird welche die Attribute der Empfindung und der willkürlichen Bewegung

besitzen so bezeichnet das Wort ausschließlich diese Attribute und dieselben

machen seine ganze Bedeutung aus Wenn der Name ein abstrakter ist so ist seine

Bezeichnung dieselbe wie die Mitbezeichnung des entsprechenden Konkreten er

bezeichnet direkt das Attribut welches der konkrete Ausdruck einschließt

Gemeinnamen eine genaue Bedeutung geben heißt also das Attribut oder die

Attribute stetig feststellen die durch jeden konkreten Gemeinnamen

mitbezeichnet und durch den entsprechenden abstrakten bezeichnet werden Da

abstrakte Namen in ihrer Entstehung den konkreten nicht vorausgehen sondern

ihnen folgen wie durch die etymologische Tatsache dass sie fast immer von

denselben abgeleitet sind bewiesen wird so können wir ihre Bedeutung als von

der Bedeutung der ihren entsprechenden konkreten Namen bestimmt und abhängig

betrachten und somit ist die Aufgabe der allgemeinen Sprache eine klare

Bedeutung zu geben ganz in der Aufgabe eingeschlossen allen konkreten

Gemeinnamen eine genaue Mitbezeichnung zu geben

    Bei neuen Namen bei technischen Ausdrücken welche von philosophischen

Forschern für die Zwecke der Wissenschaft oder der Kunst geschaffen werden hat

dies keine Schwierigkeit Wenn aber ein Name im gewöhnlichen Gebrauch ist so

ist die Schwierigkeit grösser indem in diesem Falle die Aufgabe nicht darin

besteht eine schickliche Mitbezeichnung für den Namen zu wählen sondern darin

diejenige Mitbezeichnung zu bestimmen und festzustellen womit er schon

gebraucht wird Dass dieselbe jemals zu einem Gegenstand des Zweifels werden

kann, scheint eine Art Paradoxon zu sein Aber der große Haufe indem ich in

diesen Ausdruck Alle einschließe die nicht die Gewohnheit des genauen Denkens

haben weiß selten genau welche Behauptungen er aufzustellen beabsichtigt

welche gemeinschaftliche Eigenschaft er ausdrücken will wenn er einer Anzahl

verschiedener Dinge denselben Namen gibt Alles was der Name bei ihm

ausdrückt wenn er Etwas von einem Gegenstand aussagt ist ein verworrenes

Gefühl der Ähnlichkeit zwischen diesem Gegenstand und einem von den anderen

Dingen welche er gewöhnt ist mit diesem Namen zu bezeichnen Man hat den Namen

Stein verschiedenen früher gesehenen Gegenständen gegeben man erblickt einen

neuen Gegenstand welcher den ersteren etwas ähnlich sieht und nennt ihn Stein

ohne sich zu fragen in welcher Beziehung er ihnen ähnlich sieht und welche Art

oder welchen Grad der Ähnlichkeit man selbst oder die besseren Autoritäten als

eine Bürgschaft für den Gebrauch des Namens verlangen Dieser rohe allgemeine

Eindruck der Ähnlichkeit besteht indessen aus besonderen Umständen der

Ähnlichkeit und es ist die Aufgabe des Logikers diese zu analysieren zu

bestimmen, welche Punkte der Ähnlichkeit unter den Dingen, die gewöhnlich bei

diesem Namen genannt werden, dieses unbestimmte Gefühl der Ähnlichkeit auf den

gewöhnlichen Geist hervorgebracht haben und welche den Dingen die Ähnlichkeit

des Aussehens gegeben haben die sie zu einer Klasse machten und die Ursache

waren dass ihnen dieser Name gegeben wurde

    Aber obgleich Gemeinnamen vom großen Haufen ohne eine bestimmtere

Mitbezeichnung als die einer unbestimmten Ähnlichkeit angewendet werden so

werden doch mit der Zeit Urteile aufgestellt in welchen Prädikate auf diese

Namen angewendet werden dh es werden Behauptungen in Beziehung auf das Ganze

der Dingewelche mit dem Namen bezeichnet sind aufgestellt Und da natürlich

durch ein jedes dieser Urteile irgend ein mehr oder weniger genau begriffenes

Attribut ausgesagt wird so assoziieren sich die Ideen dieser verschiedenen

Attribute mit dem Namen und er mitbezeichnet sie alsdann in einer gewissen

unbestimmten Weise so dass man Anstand nimmt den Namen in einem neuen Falle

anzuwenden in welchem eines der Attribute das gewöhnlich von der Klasse

ausgesagt wird nicht vorhanden ist. Auf diese Weise kommt es dass für

gewöhnliche Geister Urteile welche sie gewöhnt sind in Beziehung auf eine

Klasse zu hören oder auszusprechen in einer ganz schwankenden Weise eine Art

von Mitbezeichnung für den Klassennamen bilden Nehmen wir zB das Wort

Zivilisiert Wie wenige würde man sogar unter den Gebildeteren finden welche

genau sagen könnten was das Wort Zivilisiert mitbezeichnet Es ist jedoch in dem

Geiste aller es Gebrauchenden ein Gefühl dass sie es in einer Bedeutung

gebrauchen und diese Bedeutung bildet sich in einer verworrenen Weise aus

Allem was man darüber hörte oder las wie zivilisierte Menschen oder Staaten

sind oder sein sollen

    Es ist wahrscheinlich dasswenn der konkrete Name auf dieser Stufe

angelangt ist der entsprechende abstrakte Name in Gebrauch kommt In der Idee

dass der konkrete Name natürlicherweise eine Bedeutung haben müsse oder mit

anderen Worten, dass eine allen damit bezeichneten Dingen gemeinschaftliche

Eigenschaft vorhanden sei geben die Menschen dieser gemeinschaftlichen

Eigenschaft einen Namen aus dem konkreten Namen Zivilisiert bilden sie dein

abstrakten Zivilisation Da aber die meisten Menschen die verschiedenen Dinge,

welche bei diesen konkreten Namen genannt werden, niemals in irgend einer Weise

mit einander verglichen haben um bestimmen zu können welche Eigenschaften

diese Dinge oder ob sie irgend welche mit einander gemein haben so wird jeder

auf die Merkmale verwiesen durch welche er gewöhnt ist bei Anwendung des

Ausdrucks geleitet zu werden und da diese bloß ein Ungewisses Hörensagen und

gewöhnliche Redensarten sind so werden sie bei zwei Personen nicht dieselben

noch bei einer einzigen Person dieselben zu verschiedenen Zeiten sein Es

erweckt daher das Wort wie zB Zivilisation welches die Bezeichnung der

unbekannten gemeinschaftlichen Eigenschaft darstellen soll selten in zwei

Personen dieselbe Idee Keine zwei Personen stimmen in den Dingen überein

welche sie davon aussagen und wenn es selbst von einem Dinge ausgesagt wird so

weiß weder ein Anderer noch weiß es der Sprechende selbst genau was er damit

zu behaupten vorhat Viele andere Wörter welche man anführen könnte wie zB

das Wort Ehre das Wort Gentleman zeigen diese Unbestimmtheit noch viel

auffallender

    Es braucht kaum bemerkt zu werden dass allgemeine Urteile von denen

Niemand genau sagen kann was sie behaupten der Probe einer genauen Induktion

möglicherweise nicht unterworfen werden können. Mag ein Name als ein Instrument

des Denkens, oder als ein Mittel der Mittheilung des Resultats des Denkens

gebraucht werden, immer ist es erforderlich genau das Attribut oder die

Attribute zu bestimmen, welche er ausdrücken soll kurz ihm eine feste und

bestimmte Mitbezeichnung zu geben

    

     3 Es würde indessen ein vollständiges Verkennen der Obliegenheiten des

Logikers sein wenn dieser bei der Behandlung schon gebräuchlicher Ausdrücke

denken sollte dass weil ein Name gegenwärtig keine bestimmte Mitbezeichnung

hat irgend Jemand befugt wäre ihm nach eigener Wahl eine solche Mitbezeichnung

zu geben Die Bedeutung eines schon gebräuchlichen Ausdrucks ist nicht eine

willkürlich festzustellende sondern sie ist eine unbekannte Größe die gesucht

werden muss

    Vorerst ist es offenbar wünschenswert dass wir soweit als möglich die

bereits mit dem Namen verknüpften Ideenassoziationen benützen jedoch nicht so

dass wir den Gebrauch desselben in einer Weise vorschreiben die jeder früheren

Gewohnheit widerstreitet und insbesondere nicht so dass dadurch ein Zerreißen

jener strengsten aller Ideenassoziationen zwischen Namen verlangt wird welche

durch die Vertrautheit mit Urteilen worin sie von einander ausgesagt werden

gebildet sind Es ist sehr wenig wahrscheinlich dass man dem Beispiel eines

Philosophen folgen würde der seinen Worten eine solche Bedeutung unterlegte

dass wir darnach die Nordamerikanischen Indianer ein zivilisiertes Volk und die

höheren Classen in England und Frankreich Wilde nennen müssten oder wenn wir

sagen müssten ein zivilisiertes Volk lebe von der Jagd ein wildes vom Ackerbau

Wenn auch kein anderer Grund vorhanden wäre so wäre die äußerste

Schwierigkeit eine so vollständige Revolution in der Sprache zu

bewerkstelligen mehr als ein hinreichender Grund dagegen Unser Streben muss

vielmehr dahin gehen dass alle allgemein angenommenen Urteile in welche das

Wort eingeht nach Feststellung der Bedeutung desselben wenigstens eben so wahr

bleiben als sie vorher waren und dass also der konkrete Name nicht eine

Mitbezeichnung erhalte welche ihn verhindert Dinge zu bezeichnen die er in

gewöhnlicher Sprache affirmiert Die feste und genaue Mitbezeichnung welche man

ihm gibt sollte soweit sie geht mit der unbestimmten und schwankenden

Bedeutung welche er bereits hatte in Übereinstimmung stehen nicht aber davon

abweichen

    Die Mitbezeichnung eines konkreten Namens oder die Bezeichnung des

entsprechenden abstrakten feststellen heißt den Namen definieren Wenn dies

geschehen kann ohne eine der gangbaren Behauptungen unzulässig zu machen so

kann der Name in Übereinstimmung mit dem Herkommen definiert werden was man

gemeiniglich nicht den Namen sondern das Ding definieren heißt Was man unter

dem uneigentlichen Ausdrucke »ein Ding definieren« oder vielmehr eine Klasse von

Dingen, denn Niemand spricht davon ein Individuum zu definieren versteht ist

nichts anderes als den Namen definieren unter der Bedingung dass er diese Dinge

bezeichne Dies setzt natürlicherweise eine Vergleichung der Dinge, Zug für Zug

und Eigenschaft mit Eigenschaft voraus um zu bestimmen, in welchen Attributen

sie übereinstimmen und nicht selten eine streng induktive Operation um irgend

eine nichtaugenscheinliche Übereinstimmung zu ermitteln welche die Ursache der

augenscheinlichen Übereinstimmungen ist

    Denn um einem Namen eine Mitbezeichnung zu geben die mit seiner Bezeichnung

von gewissen Gegenständen übereinstimmt haben wir unter den verschiedenen

Attributen in denen diese Gegenstände übereinstimmen zu wählen Zu bestimmen,

worin sie übereinstimmen ist daher die erste logische Operation welche

erforderlich ist Wenn dies soweit geschehen als nötig und tunlich ist so

entsteht die Frage welches von diesen gemeinschaftlichen Attributen gewählt

werden soll um mit dem Namen assoziiert zu werden Denn wenn die Klasse welche

der Name bezeichnet eine Art ist so sind der gemeinschaftlichen Eigenschaften

unzählige und wenn dies auch nicht der Fall ist, so sind sie doch oft äußerst

zahlreich Unsere Wahl wird vor Allem durch den Vorzug bestimmt welchen wir

Eigenschaften zu geben haben die wohl bekannt sind und von der Klasse

gewöhnlich ausgesagt werden aber auch diese sind oft zu zahlreich um alle in

die Definition eingeschlossen zu werden und überdies mögen die allgemeiner

bekannten Eigenschaften nicht diejenigen sein welche am besten dazu dienen um

die Klasse vor allen anderen Classen auszuzeichnen Wir sollten daher aus den

gemeinschaftlichen Eigenschaften wenn unter ihnen dergleichen zu finden sind

diejenigen wählen von denen durch die Erfahrung ermittelt oder durch Deduktion

bewiesen ist dass viele andere von ihnen abhängen oder welche wenigstens

sichere Merkmale derselben sind und aus welchen daher viele andere gefolgert

werden können. Wir sehen auf diese Weise dass die Aufstellung einer guten

Definition von einem bereits üblichen Namen nicht ein Gegenstand der Wahl

sondern der Diskussion ist und der Diskussion nicht bloß in Beziehung auf die

Sprache sondern auch in Beziehung auf die Eigenschaften der Dinge und sogar auf

den Ursprung dieser Eigenschaften Es ist daher jede Erweiterung unserer

Kenntnis der Gegenstände, auf welche der Name angewendet wird von einer

Verbesserung der Definition begleitet Es ist unmöglich eine vollkommene Reihe

von Definitionen in Beziehung auf einen Gegenstand zu geben wenn die Theorie

des Gegenstandes nicht vollkommen ist und so wie die Wissenschaft Fortschritte

macht so sind auch ihre Definitionen fortschreitend

    

     4 Herr Whewell nennt die Erörterung der Definitionen soweit sie sich

nicht um den Gebrauch von Wörtern sondern um die Eigenschaften der Dinge dreht

die Erklärung von Konzeptionen Den Akt besser zu bestimmen, als vorher

geschah in welchen Einzelheiten Phänomene die mit einander klassifiziert sind

mit einander übereinstimmen nennt er in seiner Terminologie »die allgemeine

Idee entwickeln wonach sie so klassifiziert sind« Indem ich von dem absehe was

in dieser Ausdrucksweise Dunkles und zu Irrtum Verleitendes liegt scheinen mir

verschiedene seiner Bemerkungen dem Zwecke so angemessen dass ich mir die

Freiheit nehme sie hier anzuführen

    Herr Whewell bemerkt154 dass viele von den Streitigkeiten welche an der

Bildung des vorhandenen Kerns der Wissenschaft einen wichtigen Antheil hatten

»die Gestalt einer Definitionenschlacht annahmen Die Untersuchung in Beziehung

auf die Gesetze des Falles der Körper zB führte zu der Frage ob die geeignete

Definition einer gleichförmigen Kraft wäre dass sie eine Geschwindigkeit

erzeugt welche dem Raum vom Ruhepunkte an oder der Zeit proportional ist Der

Streit über die lebendige Kraft drehte sich um die geeignete Definition des

Maßes der Kraft Eine Hauptfrage bei der Klassifikation der Mineralien ist

welches ist die Definition einer Mineralspecies Die Physiologen haben sich

bemüht Licht über ihren Gegenstand zu verbreiten indem sie Organisation oder

einen ähnlichen Ausdruck definierten« Fragen von derselben Natur sind in

Beziehung auf die Definitionen von spezifischer Wärme latenter Wärme

chemischer Verbindung und Auflösung noch offen

    »Es ist für uns sehr wichtig zu bemerken dass diese Streitigkeiten niemals

Fragen isolierter und willkürlicher Definitionen waren wofür man sie zu halten

oft versucht scheint Es ist hier in allen Fällen die stillschweigende

Voraussetzung eines Urteils vorhanden welches vermittelst der Definition

ausgedrückt werden soll und welches ihr ihre Wichtigkeit gibt Der Streit in

Beziehung auf die Definition erlangt auf diese Weise einen realen Werth und wird

zu einer Frage in Beziehung auf Wahr und Falsch So wurde in der Diskussion der

Frage was ist eine gleichförmige Kraft als ausgemacht angenommen dass die

Schwere eine gleichförmige Kraft sei In dem Streit über die lebendige Kraft

wurde angenommen dass in der gegenseitigen Einwirkung von Körpern die ganze

Wirkung der Kraft unverändert bleibe In der zoologischen Definition der Spezies

dass dieselbe aus Individuen besteht welche denselben Eltern entsprungen sind

oder sein können wird vorausgesetzt dass so verwandte Individuen einander mehr

gleichen als diejenigenwelche aus einer solchen Definition ausgeschlossen

sind oder vielleicht dass so definierte Spezies beständige und bestimmte

Unterschiede besitzen Eine Definition der Organisation oder eines andern

Ausdrucks der nicht gebraucht würde um damit ein Prinzip auszudrücken hätte

keinen Werth

    Die Aufstellung einer richtigen Definition eines Wortes mag daher in der

Erklärung unserer Ideen ein nützlicher Schritt sein dies wird aber nur dann der

Fall sein wenn wir es mit einem Urteil zu tun haben in dem das Wort

gebraucht wird Denn dann entsteht wirklich die Frage wie die Idee zu verstehen

und zu definieren ist damit das Urteil wahr sei

    Unsere Ideen vermittelst Definitionen zu entwickeln hat der Wissenschaft

niemals genützt ausgenommen da wo ein unmittelbarer Gebrauch der Definitionen

damit verbunden war Die Definition einer gleichmäßigen Kraft war mit der

Behauptung verbunden die Schwerkraft sei eine gleichmäßige Kraft dem

Versuche die beschleunigende Kraft zu definieren folgte die Lehre dass

beschleunigende Kräfte zusammengesetzt sein können die Definition von Moment

wurde mit dem Prinzip verbunden dass gewonnenes und verlorenes Moment gleich

sind; die Naturforscher würden vergeblich die erwähnte Definition der Spezies

gegeben haben wenn sie nicht auch die Charaktere der so getrennten Spezies

gegeben hätten Die Definition mag die beste Art sein unsere Idee zu

erklären aber nur die Möglichkeit sie in dem Ausdrucke der Wahrheit zu

gebrauchen macht es der Mühe wert sie überhaupt in irgend einer Weise zu

erklären Wenn uns eine Definition als ein nützlicher Schritt in der Erkenntnis

vorgelegt wird so haben wir immer ein Recht zu fragen welches Prinzip sie

ausdrücken soll«

    Als die Philosophen dem Ausdrucke »eine gleichförmige Kraft« eine genaue

Mitbezeichnung gaben so war dabei die Bedingung verstanden dass der Ausdruck

fortwährend die Schwere bezeichnen solle Die Diskussion in Beziehung auf die

Definition löste sich daher in folgende Frage auf was liegt in den durch die

Schwerkraft erzeugten Bewegungen Gleichförmiges Durch Beobachtungen und

Vergleichungen wurde gefunden dass das Gleichförmige in diesen Bewegungen das

Verhältnis der erlangten Geschwindigkeit zu der verstrichenen Zeit war indem

sich gleiche Geschwindigkeiten in gleichen Zeiten addierten Es wurde daher eine

gleichförmige Bewegung definiert als eine Kraft welche gleiche Geschwindigkeiten

in gleichen Zeiten addiert So in der Mechanik bei der Definition des

mechanischen Moments Es war eine bereits angenommene Lehre dasswenn zwei

Gegenstände einen Stoß auf einander ausüben das von dem einen verlerne Moment

gleich dem ist welches der andere gewinnt Man hielt für nötig diesen Satz

beizubehalten indessen nicht aus dem Grunde der in vielen anderen Fällen in

Anwendung kommt weil er sich in dem populären Glauben bereits festgesetzt

hatte denn nur wissenschaftliche Männer hatten jemals etwas von demselben

gehört sondern man fühlte dass er eine Wahrheit enthielt Eine selbst

oberflächliche Beobachtung des Phänomene ließ keinen Zweifel dass in der

Fortpflanzung der Bewegung von einem Körper auf den andern Etwas lag wovon der

eine Körper genau gewann was der andere verlor und das Wort Moment wurde

erfunden um dieses unbekannte Etwas auszudrücken Es war daher in der

Feststellung der Definition von Moment die Entscheidung der Frage enthalten was

ist dasjenige wovon ein Körper, wenn er einen andern Körper in Bewegung setzt

genau soviel verliert als er mittheilt Und nachdem das Experiment gezeigt

hatte dass dieses Etwas das Produkt der Geschwindigkeit des Körpers in seine

Masse oder Quantität von Substanz war so wurde dies zur Definition des Moments

erhoben

    Die folgenden Bemerkungen155 sind daher vollkommen richtig »das Geschäft

des Definierens ist ein Teil des Geschäfts des Entdeckens So zu definieren

dass unsere Definition einen wissenschaftlichen Werth hat erfordert nicht wenig

von jenem Scharfsinne wodurch die Wahrheit entdeckt wird Wenn man deutlich

erkannt hat wie unsere Definition beschaffen sein muss so muss man auch wohl

erkannt haben welche Wahrheit darzutun ist Die Definition setzt so gut wie die

Entdeckung voraus dass wir in unserer Erkenntnis einen entschiedenen Schritt

vorwärts getan haben In dem Mittelalter machten die welche über Logik

schrieben die Definition zur letzten Stufe in dem Fortschreiten des Wissens;

und in dieser Anordnung wenigstens bestätigt die Geschichte der Wissenschaft,

und die aus der Geschichte abgeleitete Philosophie ihre theoretischen

Ansichten« Denn um zu urteilen wie der eine Klasse bezeichnende Name am

besten definiert werden kann, müssen wir alle Eigenschaften kennen welche der

Klasse eigentümlich sind sowie auch alle Beziehungen der Verursachung oder der

zwischen diesen Eigenschaften bestehenden Abhängigkeit

    Wenn die Eigenschaftenwelche am besten als Merkmale anderer gemeinsamen

Eigenschaften gewählt werden ebenfalls augenfällig und uns geläufig sind und

vorzüglich wenn sie zu jener allgemeinen und äußeren Ähnlichkeit beitragen

welche ursprünglich die Veranlassung zur Bildung der Klasse war so wird die

Definition eine sehr glückliche sein Aber oft ist es nötig eine Klasse durch

eine nicht allgemein bekannte Eigenschaft zu definieren vorausgesetzt dass diese

Eigenschaft das beste Merkmal der bekannten Eigenschaften sei Herr de

Blainville zB hat seine Definition des Lebens auf den Prozess der Zersetzung

und Wiederbildung gegründet welcher in einem jeden lebenden Körper unaufhörlich

Statt findet so dass die denselben zusammensetzenden Partikel in keinem

Augenblicke dieselben sind Dies ist keineswegs eine der deutlichsten

Eigenschaften lebender Körper sie könnte einem unwissenschaftlichen Beobachter

ganz entgehen Es waren indessen unabhängig von Herrn de Blainville große

Autoritäten und wie es scheint mit Recht der Ansicht dass keine andere

Eigenschaft den für die Definition erforderlichen Bedingungen so gut entspricht

    

     6 Nachdem die Prinzipien festgestellt worden sind, welche im allgemeinen

zu beobachten sind wenn man einem gebräuchlichen Ausdruck eine genaue Bedeutung

geben will muss noch bemerkt werden dass man nicht immer nach diesen

Prinzipien verfahren kann und dass sogar wenn man es kann dies gelegentlich

gar nicht wünschenswert ist Es kommen sehr häufig Fälle vor in denen es

unmöglich ist allen Bedingungen einer genauen und mit dem Gebrauche eines

Wortes in Übereinstimmung stehenden Definition desselben zu entsprechen Man

kann einem Worte häufig nicht eine einzige Mitbezeichnung beilegen wenn es noch

Alles bezeichnen soll was es gewöhnlich bezeichnet oder wenn alle Urteile in

welche es gewöhnlich eingeht und welche etwas Wahres aussagen noch wahr

bleiben sollen Abgesehen von zufälligen Zweideutigkeiten in denen die

verschiedenen Bedeutungen keinen Zusammenhang mit einander haben kommt es

fortwährend vor dass ein Wort in einem doppelten oder mehrfachen Sinne

gebraucht wird so dass der eine vom andern abgeleitet aber dennoch radikal

verschieden ist So lange ein Ausdruck unbestimmt ist dh so lange seine

Mitbezeichnung noch nicht bleibend festgestellt worden ist, kann seine Anwendung

fortwährend von einem Dinge auf das andere ausgedehnt werden bis es Dinge

erreicht welche wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit denjenigen haben welche

zuerst damit bezeichnet wurden

    »Nehmen wir an« sagt Dugald Stewart in seinen philosophischen Essays »dass

die Buchstaben ABC, D E eine Reihe von Gegenständen bezeichnen dass A mit

eine Eigenschaft gemein habe dass B eine mit C C eine mit D und dass D eine

Eigenschaft mit E gemein habe während keine Eigenschaft zu finden istwelche

irgend drei Gegenständen der Reihe gemein wäre Ist es nun nicht begreiflich

dass die Verwandtschaft von A und B eine Übertragung des Namens von ersterem

auf letzteres veranlassen und dass in Folge der anderen Verwandtschaften

welche die übrigen Gegenstände mit einander verbinden derselbe Name sukzessive

von B auf C von C auf D und von D auf E übergehen kann Auf diese Weise werden

A und E eine gemeinsame Benennung erhalten obgleich beide Gegenstände ihrer

Natur und ihren Eigenschaften nach so himmelweit verschieden sein können dass

man bei aller Anstrengung der Phantasie nicht begreifen kann wie die Gedanken

von dem ersteren auf den letzteren geführt wurden Die Übergänge können

indessen so leicht und so allmälig Statt gefunden haben dasswenn sie durch

die Geschicklichkeit eines Theoretikers entdeckt werden wir nicht allein

sogleich die Ähnlichkeit sondern auch die Wahrheit der Vermutung erkennen so

wie wir unter Anderem mit der Zuversicht einer intuitiven Überzeugung das

etymologische Verfahren welches die lateinische Präposition e oder ex mit dem

englischen Substantiv stranger ein Fremder verknüpft in dem Augenblicke mit

Sicherheit erkennen wo die Zwischenglieder der Kette unserem Geiste vorgeführt

werden«156

    Die Anwendungen welche ein Wort durch allmälige Ausdehnung desselben von

einer Reihe von Gegenständen auf eine andere erfährt nennt Stewart nach einem

Ausdrucke von Payne Knight transitive Anwendungen und nachdem er diejenigen,

welche das Resultat einer örtlichen oder zufälligen Ideenassoziation sind kurz

erläutert hat fährt er S 226 fort

    »Aber obgleich bei weitem der größte Teil der transitiven oder

abgeleiteten Anwendungen der Wörter von zufälligen und unerklärlichen Capricen

der Gefühle oder der Einbildungskraft abhängen so gibt es doch gewisse Fälle

in denen sie der philosophischen Betrachtung ein sehr interessantes Feld

eröffnen Es sind die Fälle hierher zu zählen bei denen eine analoge

Übertragung des entsprechenden Ausdrucks auch in anderen Sprachen allgemein

bemerkt werden kann, und bei denen die Gleichförmigkeit des Resultats natürlich

den wesentlichen Elementen der menschlichen Einrichtung zugeschrieben werden

muss Aber sogar in solchen Fällen wird man indessen bei näherer Prüfung

keineswegs immer finden dass die verschiedenen Anwendungen desselben Ausdrucks

aus irgend einer gemeinsamen Eigenschaft oder aus Eigenschaften des

Gegenstandes, auf welchen sie sich beziehen entstanden sind In den meisten

Fällen können sie auf natürliche und allgemeine Ideenassoziationen zurückgeführt

werden welche in den gemeinsamen Fähigkeiten in den gemeinsamen Organen und in

dem gemeinsamen Zustand des Menschengeschlechts begründet sind Nach den

verschiedenen Graden von Innigkeit und Kraft der Ideenassoziationen auf welche

die Übergänge der Sprache gegründet sind wird man sehr verschiedene Wirkungen

zu erwarten haben Wo die Ideenassoziation eine entfernte und zufällige ist da

werden die verschiedenen Bedeutungen von einander unterschieden bleiben und im

Verlauf der Zeit oft den Anschein launenhafter Verschiedenheiten in dein

Gebrauch desselben Zeichens annehmen Wo die Ideenassoziation so natürlich und

gewöhnlich ist dass sie wahrhaft untrennbar ist da werden die transitiven

Bedeutungen in eine komplexe Idee zusammenfließen und ein jeder neue Übergang

wird eine umfassendere Generalisation des fraglichen Worts werden«

    Das in dem letzten Satze ausgesprochene Geistesgesetz welches die

Hauptquelle der Schwierigkeit ist der man in Beziehung auf die Entdeckung

dieser Übergänge der Bedeutung begegnet verdient ganz besondere

Aufmerksamkeit Unkenntnis dieses Gesetzes ist die Untiefe in welcher die

größten Geister die eine Zierde des Menschengeschlechts waren Schiffbruch

gelitten haben Die Untersuchungen Platons über die Definitionen einiger der

allgemeinsten Ausdrücke der Moralphilosophie charakterisiert Bacon als eine bei

weitem größere Annäherung an eine wahre induktive Methode als irgendwo bei den

Alten zu finden ist und sie sind in der Tat fast vollkommene Beispiele eines

vorbereitenden Verfahrens der Vergleichung und Abstraktion aber aus

Unbekanntschaft mit dem obenangeführten Gesetze verschwendete er die Kraft

dieses großen logischen Instrumentes auf Untersuchungen welche kein Resultat

geben konnten da die Phänomene deren gemeinsame Eigenschaften er mit so

großem Eifer zu entdecken suchte in Wirklichkeit keine gemeinsamen

Eigenschaften besitzen Bei seinen Untersuchungen über die Wärme fiel Bacon in

denselben Fehler Unter dem Namen Wärme verwechselte er Classen von

Erscheinungen, welche keine Eigenschaft gemein haben Dugald Stewart geht sicher

zu weit wenn er spricht von »einem Vorurteil das sich aus den scholastischen

Jahrhunderten auf unsere Zeit vererbt hat dasswenn ein Wort eine Menge

verschiedener Bedeutungen zulässt diese verschiedenen Bedeutungen alle Spezies

desselben Genus sein und folglich irgend eine wesentliche Idee einschließen

müssen welche einem jeden Individuum auf das der generische Ausdruck angewandt

werden kann, gemein ist« denn sowohl Aristoteles als seine Nachfolger wussten

wohl dass es Dinge wie Zweideutigkeit der Sprache gibt und sie fanden ein

Vergnügen darin dieselben zu unterscheiden Aber sie vermuteten niemals eine

Zweideutigkeit in den Fällen wo wie Stewart sagt die Ideenassoziation worauf

der Übergang der Bedeutung sich gründete so natürlich und gewöhnlich ist dass

die beiden Bedeutungen sich in dem Geiste vermischen und ein wirklicher

Übergang zu einer scheinbaren Generalisation wird Sie verschwendeten daher

eine unendliche Mühe um eine Definition zu finden welche zugleich für mehrere

unterschiedene Bedeutungen dienen könnte wie in einem Falle den Stewart selbst

anführt dem der »Kausalität« die Zweideutigkeit des griechischen Wortes

welches dem Worte Ursache entspricht verleitete sie zu dem vergeblichen

Versuche die gemeinsame Idee aufzufinden welche in dem Falle einer Wirkung dem

Wirkenden efficiens der Materieder Form und dem Zweck angehört »Die

müßigen Allgemeinheiten fügt er hinzu denen wir bei anderen Philosophen in

Beziehung auf die Ideen von gut von passend und von schicklich begegnen haben

ihre Entstehung in demselben ungebührlichen Einflüssen der populären Epitheta auf

die Spekulationen der Gelehrten«

    Als eines der Wörter, welche so viele sukzessive Übergänge der Bedeutung

erfuhren dass eine jede Spur einer Eigenschaft welche allen den Dingen, worauf

sie angewendet werden gemein oder welche diesen Dingen gemein und auch

eigentümlich sei verloren gegangen ist betrachtet Stewart das Wort Schön Und

ohne eine Frage entscheiden zu wollen welche der Logik nicht angehört ich

kann mit ihm nur stark bezweifeln dass das Wort Schön dieselbe Eigenschaft

bezeichnet wenn wir von einer schönen Farbe von einem schönen Gesicht von

einer schönen Handlung einer schönen Scene einem schönen Charakter oder einem

schönen Gedicht sprechen Wegen einer Ähnlichkeit zwischen diesen Gegenständen

oder noch wahrscheinlicher zwischen den dadurch erregten Emotionen wurde dieses

Wort ohne Zweifel von dem einen dieser Gegenstände auf den andern ausgedehnt

durch diese progressive Ausdehnung hat es jedoch zuletzt Dinge erreicht die von

jenen sichtbaren Gegenständen auf die es zweifellos zuerst angewandt wurde

sehr entfernt liegen und es ist zum wenigsten fraglich ob jetzt eine

gemeinsame Eigenschaft in allen Dingen welche wir dem Sprachgebrauch nach schön

nennen vorhanden ist; es müsste denn die Eigenschaft des Angenehmen sein die

der Ausdruck sicher mitbezeichnet die aber nicht Alles sein kann was man

gewöhnlich damit ausdrücken will indem es sehr viele angenehme Dinge gibt die

wir niemals schön nennen Wenn dies nun aber der Fall ist, so ist es unmöglich

dem Worte Schön eine bestimmte Mitbezeichnung in der Weise zu geben dass es

alle Gegenstände bezeichnet die es bei seinem gewöhnlichen Gebrauche jetzt

bezeichnet und keine andere Eine feste Mitbezeichnung sollte es indessen

haben denn so lange es dieselbe nicht hat kann es nicht als ein

wissenschaftlicher Ausdruck gebraucht werden; und sogar bei dem gewöhnlichen

Gebrauche wird es eine ewige Quelle falscher Analogien und irriger

Generalisationen sein

    Es ist dies also ein Fall der unsere Bemerkung erläutert dasswenn auch

eine allen durch den Namen bezeichneten Dingen gemeinschaftliche Eigenschaft

vorhanden ist, es nicht immer wünschenswert ist diese Eigenschaft zur

Definition und ausschließlichen Bezeichnung des Namens zu erheben Es ist keine

Frage die verschiedenen Dingewelche man schön nennt sind darin ähnlich dass

sie angenehm sind aber dies zur Definition des Schönen machen und das Wort

Schön auf alle angenehmen Dinge ausdehnen hieße einen Teil der Bedeutung,

welche das Wort wirklich obgleich undeutlich ausdrückt ganz fallen lassen und

tun was wir nur können damit jene Eigenschaften der Gegenstände, auf welche

das Wort vorher obgleich ganz vage hindeutete übersehen werden und in

Vergessenheit geraten In einem solchen Falle ist es besser dem Ausdruck die

Mitbezeichnung so zu geben dass man seinen Gebrauch beschränkt nicht aber

ausdehnt dass mau in Beziehung auf das Epitheton Schön lieber einige Dinge

ausschließt auf welche man es gewöhnlich als anwendbar betrachtet als dass

man aus seiner Mitbezeichnung eine der Eigenschaften auslässt durch welche der

Geist bei den gewöhnlichsten und interessantesten Anwendungen des Ausdrucks mag

geleitet worden sein obgleich man sie gelegentlich aus dem Auge verloren hat

Denn wenn man ein Ding schön nennt so will man ohne Zweifel mehr sagen als es

sei bloß angenehm man glaubt ihm eine besondere Art des Angenehmen

zuzuschreiben demjenigen analog welches man in manchen anderen Dingen findet

auf welche man gewohnt ist denselben Namen anzuwenden Wenn es daher eine

besondere Art des Angenehmen gibt welche wenn auch nicht allen doch den

hauptsächlichsten Dingen die man schön nennt gemein ist so ist es besser die

Bezeichnung des Ausdrucks auf diese Dinge zu beschränken als jene Art

Eigenschaft ohne einen Ausdruck zu lassen der sie mitbezeichnet und dadurch

die Aufmerksamkeit von ihren Eigentümlichkeiten abzulenken

    

     6 Die letztere Bemerkung erläutert eine terminologische Regel die von

großer Wichtigkeit ist die aber dennoch kaum als eine Regel anerkannt worden

ist, wenn man einige wenige Denker der neuesten Zeit ausnimmt Wenn wir den

Gebrauch eines schwankenden Ausdrucks dadurch berichtigen wollen dass wir ihm

eine feste Mitbezeichnung geben so müssen wir Sorge tragen keinen Teil der

Mitbezeichnung welche das Wort vorher wenn auch immerhin in unklarer Weise

besaß fallen zu lassen es sei denn mit Absicht und auf Grund einer tieferen

Kenntnis des Gegenstandes. Die Sprache verlöre dadurch eine ihrer inhärenten

und wertvollsten Eigenschaften nämlich die Eigenschaft die Erhalterin einer

weit zurückreichenden Erfahrung die Bewahrerin jener Gedanken und Beobachtungen

von Jahrhunderten zu sein welche den Richtungen der jetzigen Zeiten vielleicht

fremd sind Diese Funktion der Sprache ist so oft übersehen und unterschätzt

worden dass einige Bemerkungen darüber sehr nötig scheinen

    Selbst wenn die Bedeutung eines Wortes genau festgestellt worden ist, und

mehr noch wenn sie in dem Zustande eines vagen unanalysierten Gefühls der

Ähnlichkeit gelassen wurde liegt in dem Worte eine beständige Neigung durch

den gewöhnlichen Gebrauch eines Theiles seiner Mitbedeutung verlustig zu werden

Es ist ein bekanntes Gesetz des Geistes, dass ein Wort mit welchem eine sehr

komplexe Ideengruppe assoziiert ist weit entfernt ist dem Geiste alle diese

Ideen bei dem Gebrauche desselben zurückzurufen es regt nur eine oder zwei

derselben an und von diesen geht der Geist wieder durch neue Assoziationen zu

einer andern Reihe von Ideen über ohne auf die Erregung des Restes vom

Ideenkomplex zu warten Wenn dies nicht der Fall wäre so könnten unsere Denken

nicht mit jener Schnelligkeit stattfinden wie es in Wirklichkeit geschieht

Wenn wir bei unseren Geistesoperationen ein Wort gebrauchen so sind wir in der

Tat oft so weit entfernt zu warten bis die komplexe Idee welche der Bedeutung

des Wortes entspricht in allen ihren Teilen zu unserm Bewusstsein gebracht

ist dass wir vielmehr durch die anderen Assoziationen die das bloße Wort

erregt zu neuen Ideenreihen übergehen ohne in unserer Imagination auch nur

irgend einen Teil seiner Bedeutung hergestellt zu haben Da wir das Wort so

gebrauchen und sogar wohl und genau gebrauchen und vermittelst desselben in

einer fast mechanischen Weise wichtige Prozesse des Schließens vollführen so

haben einige Metaphysiker indem sie von einem extremen Falle aus

generalisierten geglaubt alles Schließen sei nichts als der mechanische

Gebrauch einer Reihe von Ausdrücken nach einer gewissen Form durch die

Anwendung von vorher aufgestellten Lehrsätzen und praktischen Regeln könnten wir

die wichtigsten Angelegenheiten von Städten und Nationen beraten und besorgen

ohne dass auch nur ein einziges Mal zu unserem Bewusstsein die Häuser und die

grünen Felder die volkreichen Marktplätze die häuslichen Herde gebracht

würden aus denen nicht allein jene Städte und Nationen bestehen sondern welche

die Wörter Stadt und Nation auch offenbar bedeuten

    Da also Gemeinnamen auf diese Weise gebraucht werden und sogar zum Teil

wohl gebraucht werden), ohne in unserem Geiste das Ganze ihrer Bedeutung

herzustellen und da sie oft nur einen kleinen Teil oder gar nichts von jener

Bedeutung anregen so kann man sich nicht wundern dass so gebrauchte Wörter mit

der Zeit unfähig werden irgend andere von den damit verknüpften Ideen

anzuregen als die sind deren Assoziation die unmittelbarste und strengste ist

oder die durch die Lebensereignisse am meisten erhalten wird während der übrige

Teil verloren geht wenn der Geist nicht mit Bewusstsein oft dabei verweilt und

die Assoziation erhält Bei Personen von einer lebhaften Einbildungskraft

welche sich die Dinge gewöhnlich im Konkreten und mit dem Detail das ihnen in

der wirklichen Welt angehört vorstellen bewahren die Wörter natürlich viel

mehr von ihrer Bedeutung Bei Geistern von einer anderen Konstitution ist das

einzige Gegenmittel gegen diese Korruption der Sprache die Prädikation Die

Gewohnheit alle die verschiedenen Eigenschaftenwelche der Name ursprünglich

mitbezeichnete zu prädizieren erhält die Assoziation zwischen diesem Namen und

jenen Eigenschaften

    Damit sie dies aber könne ist es nötig dass die Prädikate selbst ihre

Assoziation mit den Eigenschaftenwelche sie einzeln mitbezeichnen bewahren

Denn die Urteile können die Bedeutung eines Wortes nicht lebendig erhalten

wenn die Bedeutung der Urteile selbst untergehen sollte Und nichts ist

gewöhnlicher als dass Urteile mechanisch wiederholt mechanisch im Gedächtnis

behalten werden dass deren Wahrheit gänzlich zugegeben und ihr unbedingt

vertraut wird während sie doch keineswegs eine klare Bedeutung vor den Geist

bringen und während die Tatsache oder das Naturgesetz das sie ursprünglich

ausdrückten so sehr aus den Augen verloren und praktisch so sehr vernachlässigt

worden ist, als ob man niemals etwas davon gehört hätte Bei denjenigen

Gegenständen welche zugleich familiär und verwickelt sind und besonders bei

denen die dies in einem Grade sind wie die moralischen und sozialen

Gegenstände zeigt die gewöhnlichste Beobachtung wie viele wichtige Urteile

aus Gewohnheit wiederholt und geglaubt werden während eine Erklärung der

Wahrheitenwelche sie enthalten nicht zu geben wäre und der Sinn dieser

Wahrheiten sich praktisch nicht kundgibt Daher kommt es dass die

traditionellen Maximen alter Erfahrung obgleich sie selten bezweifelt werden

so wenig Wirkung auf unsere Lebenspraxis haben indem ihre Bedeutung von den

Meisten so lange nicht wirklich gefühlt wird als sie nicht durch persönliche

Erfahrung klar gemacht wird Und so kommt es auch dass viele Grundsätze der

Religion der Ethik und sogar der Politik so voller Bedeutung und Realität für

diejenigenwelche sich zuerst dazu bekannten die Neigung zeigten nachdem die

Assoziation dieser Bedeutung mit den wörtlichen Formeln aufgehört hatte durch

die Streitigkeiten welche ihre erste Einführung begleiteten erhalten zu

werden schnell in leblose Dogmen auszuarten eine Neigung welcher alle

Anstrengungen einer Erziehung die ganz besonders und ganz geschickt auf die

Erhaltung dieser Bedeutung gerichtet ist kaum genügend entgegenwirken können

    Wenn man also bedenkt dass bei verschiedenen Generationen der menschliche

Geist sich auch mit verschiedenen Dingen beschäftigt und durch die umgebenden

Umstände verleitet wird seine Aufmerksamkeit zu einer Zeit mehr auf die eine

der Eigenschaften eines Dinges, zu einer andern Zeit mehr auf die andere zu

richten so ist es natürlich und unvermeidlich dass in einem jeden Jahrhundert

ein Teil unseres traditionellen Wissens da er nicht fortwährend durch die

Nachforschungen und Untersuchungen mit denen die Menschen sich gerade zu dieser

Zeit beschäftigen in Anregung bleibt einschläft und so zu sagen aus dem

Gedächtnis verschwindet Er würde Gefahr laufen ganz verloren zu gehen wenn

die Urteile oder Formeln die Resultate einer frühem Erfahrung nicht

zurückblieben nicht fortwährend wiederholt und geglaubt würden vielleicht als

Formen von Wörtern aber von Wörtern welche einstens wirklich eine Bedeutung

hatten und von denen man immer noch annimmt dass sie eine Bedeutung haben und

diese Bedeutung wenn sie suspendiert worden ist, kann historisch nachgewiesen

werden und kann wenn sie angeregt wird von Geistern welche die nötige

Begabung besitzen immer noch als eine Tatsache oder eine Wahrheit anerkannt

werden So lange die Formeln bleiben kann die Bedeutung zu irgend einer Zeit

wieder aufleben und wie auf der einen Seite die Formeln allmälig die ihnen

ursprünglich beigelegte Bedeutung verlieren so werden wenn diese Vergessenheit

ihre Höhe erreicht und angefangen hat augenfällige üble Folgen zu haben auf

der andern Seite Geister erweckt welche aus der Betrachtung der Formeln die

ganze Wahrheit derselben wenn es Wahrheit war wieder entdecken und sie den

Menschen wieder verkünden nicht als eine Entdeckung sondern als die Bedeutung

von dem was man sie gelehrt hat und wozu sie sich immer noch bekennen

    Es ist also in den geistigen ich meine nicht religiösen Wahrheiten und

Doktrinen von einiger Bedeutung selbst wenn sie keine Wahrheiten sind ein

ewiges Oszillieren Ihre Bedeutung unterliegt fast immer einem Prozesse entweder

des Verlorengehens oder des Wiederentdecktwerdens Wer der Geschichte der

ernsteren Überzeugungen des Menschengeschlechts  der Meinungen nach denen die

allgemeine Lebensführung besonders geregelt wird oder wie man glaubt werden

sollte  Aufmerksamkeit geschenkt hat weiß dass während es dieselben Lehren

wörtlich anerkennt es ihnen zu verschiedenen Zeiten eine größere oder kleinere

Quantität und sogar eine verschiedene Art von Bedeutung beilegt In ihrer

ursprünglichen Bedeutung mitbezeichneten die Wörter und drückten die Urteile

eine Komplikation von äußeren Tatsachen und inneren Gefühlen aus für deren

verschiedene Theile der menschliche Geist in verschiedenen Zeiten auch

verschieden empfänglich ist Gewöhnlichen Geistern wird während einer Generation

nur jener Teil der Bedeutung erregt wovon diese Generation die Kopie in ihrer

eigenen gewohnten Erfahrung besitzt Aber die Wörter und die Urteile liegen

bereit um einem gehörig vorbereiteten Geiste den übrigen Teil der Bedeutung an

die Hand zu gehen Solche einzelne Geister finden sich fast immer und die durch

sie wieder belebte Bedeutung findet allmälig wieder ihren Weg durch den

Gesamtgeist

    Durch die seichten Ideen und das unvorsichtige Verfahren der bloßen Logiker

kann aber das Eintreffen dieser heilsamen Reaktion wesentlich verzögert werden

Es geschieht manchmal dass gegen den Schluss einer verlaufenden Periode wenn

die Wörter einen Teil ihrer Bedeutung verloren und noch nicht angefangen haben

sie wiederzuerlangen Menschen erstehen deren Haupt und Lieblingsidee die

Wichtigkeit klarer Begriffe und genauer Gedanken und daher die Notwendigkeit

einer bestimmten Sprache istIndem diese Männer die alten Formeln prüfen

werden sie leicht gewahr dass die Wörter ohne eine Bedeutung darin gebraucht

werden; und wenn sie nicht die Fähigkeiten besitzen die verlorene Bedeutung

wieder zu entdecken so verworfen sie natürlich die Formel und definieren den

Namen ohne Rücksicht auf die Formel Sie setzen damit den Namen auf das

herunter was er bei dem gewöhnlichen Gebrauch zur Zeit seiner geringsten

Quantität von Bedeutung bezeichnet und führen den Brauch ein denselben

konsequent und gleichförmig dieser Bedeutung nach zu verwenden Auf diese Weise

erlangt das Wort einen Umfang der Bezeichnung der weit über den hinausgeht

welchen es vorher hatte es wird auf viele Dinge ausgedehnt denen es dem

Anscheine nach capriziöserweise vorher versagt wurde Diejenigen von den

Urteilen in denen es früher gebraucht wurde welche kraft des verlorenen Teils

der Bedeutung wahr waren erscheinen nun bei dem helleren Lichte dieser

Definition als nicht wahr der Definition nach diese ist indessen der anerkannte

und hinreichend genaue Ausdruck von Allem was in dein Geiste eines Jeden

wahrgenommen wird der den Ausdruck heutigen Tages gebraucht Die alten Formeln

werden in Folge hiervon als Vorurteile behandelt und man lehrt die Menschen

nicht mehr wie vorher zu glauben es läge Wahrheit darin wenn sie dieselben

auch nicht verstehen Sie bleiben im Geiste der Menschen nicht länger von

Ehrfurcht umgeben und bereit zu einer jeden Zeit die ursprüngliche Bedeutung

wieder zu erwecken Wenn sie Wahrheiten enthalten so werden dieselben unter

diesen Umständen nicht allein viel langsamer entdeckt sondern nach ihrer

Entdeckung ist das Vorurteil womit das Neue angesehen wird in einem gewissen

Grade wenigstens nun gegen sie anstatt für sie zu sein

    Ein Beispiel wird diese Bemerkungen verständlicher machen In allen

Jahrhunderten mit Ausnahme der Zeit in der die Spekulation durch äußeren

Zwang zum Schweigen gebracht wurde oder wo die Gefühle welche dazu treiben in

einem unbedingt anerkannten Glauben volles Genüge fanden war einer der

Gegenstände, welche vorzugsweise den Geist denkender Männer beschäftigten die

Untersuchung Was ist Tugend oder Was ist ein tugendhafter Charakter Von den

verschiedenen Theorien über diesen Gegenstand welche zu verschiedenen Zeiten

erstanden und Geltung erhielten strahlt eine jede wie ein heller Spiegel das

besondere Bild des Zeitalters wieder dem sie ihre Entstehung verdankt nach der

einen dieser Theorien welche in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts

auftauchte besteht die Tugend in einer genauen Berechnung unserer eigenen

persönlichen Interessen sowohl dieser Welt als auch der nächsten Um diese

Lehre plausibel zu machen war es natürlich erforderlich dass die einzigen

wohltätigen Handlungen welche die Menschen im allgemeinen oft zu sehen und

daher zu preisen gewohnt waren der Art waren oder dass sie wenigstens ohne

augenfälligen Tatsachen zu widersprechen so angesehen werden konnten als wären

sie das Resultat einer klugen Berücksichtigung des eigenen Interesses so dass

das Wort in der gewöhnlichen Bedeutung nicht mehr mitbezeichnete als auch in der

Definition lag

    Nehmen wir nun an die Anhänger dieser Lehre hätten sich ernstlich bemüht

einen mit dieser Definition übereinstimmenden Gebrauch des Wortes einzuführen

nehmen wir an es wäre ihnen gelungen das Wort Uneigennützigkeit aus der

Sprache zu verbannen sie hätten alle Ausdrücke außer Gebrauch gesetzt welche

der Selbstsucht Tadel und der Selbstaufopferung Lob spenden oder welche die

Ansicht einschließen dass Großmut oder Güte etwas Anderes ist als eine

Wohltat ausüben um einen größeren Vorteil zurückzuempfangen Wäre es nötig zu

sagen dass diese Abschaffung der alten Formeln behufs der Erhaltung klarer

Ideen und der Konsequenz der Gedanken ein großes Übel gewesen wäre während

gerade die Unverträglichkeit der Koexistenz der alten Formeln mit

philosophischen Meinungen welche dieselben als Absurditäten zu verdammen

schienen als ein Anstoß zu einer abermaligen Prüfung des Gegenstandes wirkte

und so wurden dieselben Lehren welche in der Vergessenheit in die ein Teil

der Wahrheit gefallen war ihren Ursprung hatten zu einem indirekten aber

mächtigen Werkzeug für die Wiederbelebung dieser Wahrheiten

    Die Lehre der Schule Coleridges dass die Sprache eines jeden Volkes

dessen Kultur in alten Zeiten wurzelt ein heiliges Depositorium das Eigentum

aller Jahrhunderte ist welches zu ändern kein Jahrhundert sich für befugt

halten sollte gränzt in solcher Weise ausgedrückt in der Tat aus Ungereimte

sie gründet sich aber auf eine Wahrheit die von jener Klasse von Logikern

welche mehr darauf denken eine klare Idee als eine umfassende Meinung zu haben

häufig übersehen worden ist. Diese Logiker sehen wohl dass ein jedes

Jahrhundert den Wahrheiten die es von den Vorfahren empfangen hat Etwas

hinzufügt sie sehen aber nicht dass auch ein entgegengesetzter Prozess des

Verlierens bereits besessener Wahrheiten fortwährend stattfindet und nur durch

die größte Aufmerksamkeit zu verhindern ist Die Sprache ist die Niederlage

einer Summe von Erfahrungen zu welchen alle vorhergehenden Jahrhunderte ihren

Antheil beigetragen haben und welche das Erbteil aller zukünftigen ist Wir

haben nicht das Recht uns selbst zu verhindern der Nachwelt mehr von dieser

Erbschaft zu übergeben als wir selbst benutzen konnten Wir können die Schlüsse

unserer Vorväter oft bedeutend verbessern aber wir müssen Sorge tragen dass

uns nicht aus Unachtsamkeit eine ihrer Prämissen durch die Finger schlüpft Es

kann gut sein die Bedeutung eines Wortes zu ändern aber es ist schlimm irgend

einen Teil der Bedeutung fallen zu lassen Von dem der einen richtigeren

Gebrauch eines Wortes einzuführen sucht sollte man eine genaue Bekanntschaft

mit der Geschichte des besonderen Wortes und mit den Meinungen welche es in den

verschiedenen Stufen seines Fortschreitens auszudrücken diente verlangen Um

fähig zu sein den Namen zu definieren müssen wir Alles wissen was je von den

Eigenschaften der Klasse von Gegenständen bekannt gewesen istwelche damit

bezeichnet werden oder ursprünglich damit bezeichnet wurden Denn wenn wir ihm

eine Bedeutung beilegen nach welcher ein jedes Urteil das immer allgemein für

wahr gehalten wurde falsch wird so müssen wir uns wenigstens versichern Alles

zu wissen was diejenigenwelche an die Wahrheit des Urteils glaubten

darunter verstanden haben

 
 






     1 Nicht bloß in der vorhin angegebenen Weise nämlich durch allmälig

eintretende Unachtsamkeit auf die davon getragenen Ideen verlieren die Wörter

ihre Bedeutung Die Wahrheit ist dass die Mitbezeichnung solcher Wörter sich

fortwährend ändert wie dies von der Weise in der die Wörter beim gewöhnlichen

Gebrauch ihre Mitbezeichnung erhalten zu erwarten ist Ein wissenschaftlicher

Ausdruck der zu Zwecken der Kunst oder Wissenschaft erfunden wurde hat vor

Allem die ihm von seinem Erfinder gegebene Bedeutung aber ein Name der in

eines Jeden Mund ist ehe Jemand daran denkt ihn zu definieren erhält seine

Bedeutung nur aus den Umständen welche gewöhnlich vor den Geist treten wenn er

ausgesprochen wird Unter diesen Umständen nehmen natürlich diejenigen

Eigenschaftenwelche den durch den Namen bezeichneten Dingen gemein sind einen

der ersten Plätze ein und sie würden den Platz allein einnehmen wenn die

Sprache mehr durch Übereinkunft als durch Gewohnheit und Zufall geregelt

würde Aber außer diesen gemeinschaftlichen Eigenschaftenwelche, wenn sie

existieren notwendig vorhanden sind, wenn der Name angewendet wird kann ein

jeder andere Umstand sich zufällig mit ihm zusammen finden und zwar so häufig

dass er sich in derselben Weise und so stark damit assoziiert wie die

gemeinschaftlichen Eigenschaften selbst Im Verhältnis als sich diese

Assoziation bildet wird der Gebrauch des Namens in denjenigen Fällen worin

jene zufälligen Eigenschaften nicht existieren aufgegeben Man zieht vor irgend

einen andern Namen oder denselben Namen mit einem Zusatz zu gebrauchen ehe man

einen Ausdruck gebraucht welcher notwendig eine Idee erregen wird die man

nicht erregen will Der ursprünglich zufällige Umstand wird auf diese Weise in

der Regel zu einem Teil der Mitbezeichnung des Wortes.

    Diese fortwährende Einverleibung von ursprünglich zufälligen Umständen in

die beständige Bedeutung des Wortes ist die Ursache, dass es so wenig genaue

Synonyme gibt Sie ist es welche die lexikalische Bedeutung eines Wortes zu

einem so unvollkommenen Exponenten der wirklichen Bedeutung macht Die

lexikalische Bedeutung wird in einer breiten plumpen Weise angegeben und

schließt wahrscheinlich Alles ein was ursprünglich für den richtigen Gebrauch

des Ausdrucks nötig war aber im Verlauf der Zeiten hängen sich dem Worte so

viele kollaterale Assoziationen an dasswenn es Jemand versuchen würde das

Wort ohne eine andere Hülfe als die des Wörterbuches zu gebrauchen er tausend

schöne Distinktionen und feine Schattierungen in der Bedeutung, worauf

Wörterbücher keine Rücksicht nehmen verwechseln würde wie wir es bei dem

Gebrauche der Sprache in der Unterhaltung oder in der Schrift eines Fremden

welcher derselben nicht ganz mächtig ist bemerken Die Geschichte eines Wortes

indem sie die Ursachen nachweist welche den Gebrauch des Wortes bestimmten ist

in diesen Fällen eine bessere Anleitung zu dessen Gebrauch als eine jede

Definition denn die Definitionen können nur seine Bedeutungen zu einer

besonderen Zeit oder höchstens die Reihe seiner sukzessiven Bedeutungen zeigen

während die Geschichte das Gesetz zeigen kann durch das die Sukzession

hervorgebracht wurde Das englische Wort Gentleman zB für dessen richtigen

Gebrauch kein Wörterbuch eine Hülfe bietet bezeichnete ursprünglich einen

Menschen der mit einem Rang geboren wurde Allmälig mitbezeichnete es alle

Eigenschaften oder zufälligen Umstände welche man gewöhnlich bei Personen von

diesem Rang fand Diese Betrachtung erklärt auf einmal warum es in einer seiner

gewöhnlichen Bedeutungen jemand bezeichnet der nicht von Arbeit lebt in einer

anderen jemand der nicht von der Handarbeit lebt und warum es in seiner

höheren Bedeutung in einem jeden Jahrhundert das Benehmen den Charakter die

Gewohnheiten und die äußere Erscheinung bei wem sie sich auch fanden

bezeichnet hat welche zufolge der Ideen dieses Jahrhunderts den Personen

welche in einer hohen gesellschaftlichen Stellung geboren und erzogen waren

angehören

    Es kommt fortwährend vor dass von zwei Wörtern deren lexikalische

Bedeutung fast einerlei oder nur wenig verschieden ist das eine das geeignete

Wort für eine Reihe von Umständen und das andere es für eine andere Reihe ist

ohne dass es möglich wäre zu zeigen wie die Gewohnheit sie so zu gebrauchen

ursprünglich entstanden ist Der Zufall dass das eine und nicht das andere der

Wörter bei einer besonderen Gelegenheit und in einem besonderen sozialen Kreise

gebraucht worden ist, genügt um eine so starke Assoziation zwischen dem Worte

und einer Spezialität von Umständen hervorzubringen dass die Menschen den

Gebrauch desselben in einem jeden andern Falle verlassen und dass die

Spezialität zu einem Teil seiner Bedeutung wird Die Flut der Gewohnheit

treibt das Wort an das Ufer einer besonderen Bedeutung dann zieht sie sich

zurück und lässt es da zurück

    Ein Beispiel dieser Art ist die merkwürdige Veränderung welche in der

englischen Sprache wenigstens das Wort Loyalität in seiner Bedeutung erfahren

hat Dieses Wort bedeutete ursprünglich in der englischen Sprache was es in der

Sprache woraus es stammt noch bedeutet ehrliche offene Handlungsweise und

Treue gegen Verpflichtungen in diesem Sinne war die Eigenschaft welche es

ausdrückte ein Teil des idealen ritterlichen Charakters Ich bin in der

Geschichte der Hofsprache nicht genug bewandert um sagen zu können durch

welchen Prozess es auf den einzelnen Fall der Treue gegen den Thron beschränkt

worden istDer Unterschied zwischen einem loyalen Ritter und einem loyalen

Untertan ist aber gewiss sehr groß Ich kann nur annehmen dass das Wort zu

einer gewissen Zeit der Lieblingsausdruck bei Hofe war um die Eidestreue

auszudrücken bis zuletzt diejenigenwelche von irgend einer andern und wie

sie wahrscheinlich glaubten geringeren Sorte von Treue sprechen wollten

entweder nicht wagten einen so würdevollen Ausdruck zu gebrauchen oder passend

fanden einen andern zu gebrauchen um zu vermeiden dass man sie missverstehe

    

     2 Die Fälle sind nicht selten wo ein Umstand der zufällig der

Bedeutung eines Wortes das ursprünglich in keiner Beziehung zu ihm stand

einverleibt wurde mit der Zeit die ganze ursprüngliche Bedeutung bei Seite

schiebt und nicht bloß zu einem Teil der Bedeutung, sondern zu dem Ganzen

derselben wird Dies zeigt sich bei dem Worte Heide paganus engl pagan

welches seiner Etymologie nach ursprünglich einen Dorfbewohner den Bewohner

eines pagus oder Dorfes bezeichnete Zur Zeit als sich das Christentum über das

römische Reich ausbreitete waren die Anhänger der alten Religion und die

Dorfbewohner oder das Landvolk fast einerlei Menschen indem die Städtebewohner

zuerst bekehrt wurden so wie ja auch in unseren Tagen wie zu allen Zeiten die

größere Lebhaftigkeit des gesellschaftlichen Verkehrs diese am ersten für neue

Meinungen und Moden empfänglich macht während sich alte Gewohnheiten und

Vorurteile am längsten bei dem Landvolke hinschleppen nicht zu erwähnen dass

die Städte unmittelbarer unter dem Einfluss der Regierung standen welche zu

jener Zeit das Christentum angenommen hatte Durch diese zufällige Coincidenz

erregte das Wort paganus immer beständiger die Idee eines Verehrers der alten

Gottheiten bis am Ende seine Erregung dieser Idee so stark wurde dass

diejenigenwelche sie nicht erregen wollten das Wort zu gebrauchen vermieden

Als aber zuletzt paganus Heidentum mitbezeichnete da hatte man bei dem

Gebrauch des Wortes auf den in Beziehung auf jene Tatsache sehr unwichtigen

Umstand des Aufenthalts der Heiden bald nicht mehr Acht Da es selten eine

Gelegenheit für eine Unterscheidung von Heiden gab welche auf dem Lande lebten

so bedurfte man zu deren Bezeichnung keines besonderen Wortes und paganus wurde

überhaupt und ausschließlich gleichbedeutend mit Heide157

    Diese und ähnliche Fälle wo die ursprüngliche Bedeutung eines Wortes ganz

verloren ging  indem zuerst eine andere ganz verschiedene Bedeutung auf die

erste aufgepfropft wurde und zuletzt an deren Stelle trat  bieten Beispiele

von der doppelten Bewegung dar welche in der Sprache fortwährend stattfindet

die eine dieser entgegengesetzten Bewegungen ist ein Generalisieren wodurch die

Wörter fortwährend Theile ihrer Bedeutung verlieren und dadurch eine

allgemeinere Bedeutung erhalten die andere ist ein Spezialisieren durch welches

andere oder sogar dieselben Wörter fortwährend eine neue Mitbezeichnung

erhalten eine neue Bedeutung dadurch erlangen dass sie bei ihrem Gebrauch nur

auf einen Teil der Fälle beschränkt werden bei welchen sie vorher füglich

hätten gebraucht werden können. Diese doppelte Bewegung ist von hinreichender

Wichtigkeit in der Naturgeschichte der Sprache mit welcher Naturgeschichte die

künstlichen Modifikationen immer in einem gewissen Grade in Beziehung stehen

sollten um es zu rechtfertigen dass wir ein wenig länger bei der Natur dieses

doppelten Phänomens und den Ursachen welchen es seine Existenz verdankt

verweilen

    

     3 Indem wir mit der generalisierenden Bewegung beginnen ist es unnötig

bei denjenigen Veränderungen in der Bedeutung der Namen zu verweilen welche

dadurch entstehen dass Personen welche die angenommene Bedeutung des Wortes

nicht ganz verstanden haben es unwissend in einem lockeren und weiteren Sinne

gebrauchen als ihm zukommt Es ist dies indessen eine wirkliche Quelle von

Veränderungen der Sprache denn wenn ein Wort oft in Fällen gebraucht wird wo

eine der damit bezeichneten Eigenschaften fehlt so erregt es die Idee jener

Eigenschaft nicht mehr mit Gewissheitund sogar diejenigenwelche sich in dem

richtigen Gebrauche des Wortes nicht irren ziehen dann vor die Bedeutung in

einer andern Weise auszudrücken und überlassen das ursprüngliche Wort seinem

Schicksal Das Wort Pfarrer um damit nicht den Vorsteher einer Pfarre sondern

einen Geistlichen im allgemeinen zu bezeichnen das Wort Künstler Artist

womit man ursprünglich einen Bildhauer oder einen Maler bezeichnete sind

hierher gehörige Fälle Unabhängig von der Verallgemeinerung der Namen durch den

Missbrauch aus Unwissenheit besteht indessen in derselben Richtung eine Neigung

zur Veränderung welche sich mit der vollkommensten Kenntnis der Bedeutung der

Wörter verträgt und welche aus der Tatsache hervorgeht dass sich die Anzahl

der uns bekannten Dinge von denen wir das Verlangen haben zu sprechen

schneller vermehrt als die Namen dafür Im allgemeinen ist es sehr schwierig

einen neuen Namen in Gebrauch zu bringen ausgenommen für Gegenstände für

welche eine wissenschaftliche Terminologie besteht um die sich indessen

unwissenschaftliche Leute nicht bekümmern und unabhängig von dieser

Schwierigkeit ist es ganz natürlich wenn man vorzieht einem neuen Gegenstand

einen Namen zu geben welcher wenigstens seine Ähnlichkeit mit etwas bereits

Bekanntem ausdrückt da wir durch Prädizieren eines ganz neuen Namens von ihm

anfänglich keine Information mittheilen Auf diese Weise wird der Name einer

Spezies oft zum Namen einer Gattung wie zB die Wörter Salz oder Öl wovon

das erste ursprünglich Chlornatrium das letztere wie seine Etymologie zeigt

nur Olivenöl bezeichnete gegenwärtig bezeichnen sie aber große und

unterschiedene Classen von Substanzen welche jenen in einigen ihrer

Eigenschaften ähnlich sind und mitbezeichnen nur jene gemeinschaftlichen

Eigenschaften anstatt des Ganzen der unterscheidenden Eigenschaften des

Olivenöls und Seesalzes Die Wörter Glas und Seife werden in der neuem Chemie in

einer ähnlichen Weise gebraucht um Gattungen zu bezeichnen deren Substanzen in

gemeiner Sprechweise einfache Spezies sind Oft behält wie in diesen Fällen,

der Ausdruck neben der allgemeinen Bedeutung auch noch seine spezielle und wird

zweideutig dh wird zu zwei Namen statt zu einem

    Die Veränderungen wodurch die Wörter beim Gebrauche immer mehr

verallgemeinert und weniger ausdrucksvoll werden finden in einem noch höheren

Grade bei den Wörtern statt welche die verwickelten Phänomene des Geistes und

der Gesellschaft ausdrücken Geschichtsschreiber Reisende und im allgemeinen

alle diejenigenwelche über geistige und soziale Phänomene sprechen oder

schreiben mit denen sie nicht genau bekannt sind bewirken diese Modifikation

der Sprache Mit Ausnahme von ungewöhnlich unterrichteten und denkenden Personen

ist das Wörterbuch von allen in Beziehung auf solche Gegenstände sehr arm Sie

besitzen eine kleine Anzahl von Wörtern an welche sie gewöhnt sind und welche

sie gebrauchen um die heterogensten Phänomene auszudrücken weil sie die

Tatsachen, denen diese Wörter in ihrem eigenen Lande entsprechen niemals

hinreichend analysiert haben um mit den Wörtern vollkommen bestimmte Ideen

verbinden zu können Die ersten englischen Eroberer von Bengalen zB nahmen die

Phrase Landbesitzer Gutsbesitzer in ein Land mit wo die Rechte des

Individuums auf den Boden dem Grade und sogar der Natur nach äußerst

verschieden von den in England anerkannten Rechten waren Indem sie bei einem

solchen Zustande der Dinge den Ausdruck mit allen seinen englischen

Assoziationen anwandten gaben sie dem einen der nur ein beschränktes Recht

hatte ein absolutes dem andern nahmen sie alles Recht weil er kein absolutes

hatte trieben ganze Classen von Menschen zu Untergang und Verzweiflung füllten

das Land mit Räubern an schufen ein Gefühl dass Nichts sicher sei und riefen

bei den besten Absichten eine Desorganisation der Gesellschaft hervor welche

die größte Unbarmherzigkeit barbarischer Invasionen nicht hervorrufen konnte

Der Gebrauch der Wörter durch Personen welche eines so groben

Missverständnisses fähig sind bestimmt indessen die Bedeutung der Sprache die

Wörter welche sie in dieser Weise missbrauchen nehmen an Allgemeinheit zu und

die Unterrichteteren sind zuletzt gezwungen sich darein zu schicken und diese

Wörter indem sie dieselben zuerst von Unbestimmtheit dadurch befreien dass sie

ihnen eine bestimmte Mitbezeichnung unterlegen als generische Ausdrücke zu

gebrauchen indem sie die Genera in Spezies unterabtheilen

    

     4 Während also die schnellere Zunahme der Ideen fortwährend die

Notwendigkeit erzeugt denselben Namen wenn auch unvollkommen auf eine

größere Anzahl von Fällen anzuwenden findet eine entgegengesetzte Operation

Statt durch welche die Namen im Gegenteil auf weniger Fälle beschränkt werden

indem sie aus Umständen welche ursprünglich nicht in der Bedeutung

eingeschlossen lagen aber durch eine zufällige Ursache im Geiste damit

verknüpft worden sind, eine neue Mitbezeichnung erhalten Wir haben oben am

Worte paganus ein merkwürdiges Beispiel sowohl der Spezialisierung eines Wortes

nach zufälligen Assoziationen als auch der oft darauf folgenden Generalisation

in einer neuen Richtung gesehen

    Ähnliche Spezialisierungen kommen sogar in der Geschichte der

wissenschaftlichen Nomenklatur häufig vor »Es ist keineswegs ungewöhnlich«

sagt Dr Paris in der geschichtlichen Einleitung zu seiner Pharmakologie »dass

ein Wort welches gebraucht wird um allgemeine Charaktere auszudrücken zum

Namen einer besonderen Substanz wird in welcher diese Charaktere vorherrschend

sind und wir werden finden dass einige wichtige Anomalien in der Nomenklatur

auf diese Weise erklärt werden können. Der Ausdruck Arsenikon wovon das Wort

Arsenik herkommt war ein altes Epitheton für solche Substanzen welche starke

und scharfe Eigenschaften besaßen und da man fand dass die giftigen

Eigenschaften des Arseniks sehr stark waren so wurde der Ausdruck ganz

besonders für das Orpiment gebraucht die Form, in welcher dieses Metall am

gewöhnlichsten vorkam So bezeichnete der Ausdruck verbena gleichsam herbena

alle Kräuter welche man ihrer Verwendung bei den Opfern wegen für heilig hielt

wie wir von den Dichtern lernen da aber vorzüglich ein Kraut für diese

Gebräuche verwendet wurde so bezeichnete das Wort verbena nach und nach dieses

eine besondere Kraut dessen Kenntnis uns unter diesem Namen überliefert wurde

und es genoss bis auf unsere Tage den Ruf eines Heilmittels welchen sein

heiliger Ursprung auf uns übertrug indem man es als Amulett um den Hals trug

Vitriol bezeichnete in der ursprünglichen Bedeutung eines jeden Körper mit einem

gewissen Grad von Durchsichtigkeit vitrum und es ist kaum nötig zu bemerken

dass der Ausdruck gegenwärtig eine besondere Spezies bezeichnet In derselben

Weise bezeichnete das Wort Opium als ein generischer Ausdruck ursprünglich jeden

Saft überhaupt opos succus während es gegenwärtig nur eine Spezies den des

Mohns bezeichnet So wurde das Wort Elaterium von Hippokrates gebraucht um

verschiedene innere Heilmittel insbesondere purgierende von einer heftigen und

drastischen Natur von elaunô agito moveo stimulo zu bezeichnen von den

späteren Autoren wurde es jedoch ausschließlich angewendet um die wirksame

Substanz zu bezeichnen welche aus dem Safte der wilden Gurke gewonnen wird Das

Wort Fecula bedeutete ursprünglich jede Substanz welche sich freiwillig aus

einer Flüssigkeit absetzt von faex der Grund oder Satz einer jeden

Flüssigkeit später wurde es auf die Stärke angewendet welche sich absetzt

wenn man Weizenmehl mit Wasser umrührt und zuletzt wurde es auf ein besonderes

vegetabilisches Prinzip angewendet welches wie die Stärke unlöslich in

kaltem dagegen vollständig löslich in kochendem Wasser ist mit dem es eine

gelatinöse Lösung bildet Die unbestimmte Bedeutung des Wortes fecula hat in der

pharmazeutischen Chemie unzählige Missverständnisse hervorgerufen vom Elaterium

zB sagt man es sei fecula und in dem ursprünglichen Sinne des Wortes wird es

mit Recht so genannt insofern es durch freiwilliges Absetzen aus einem

Pflanzensaft erhalten wird aber in der beschränkten und neueren Bedeutung des

Wortes erregt es eine irrige Idee denn statt des in der fecula sitzenden

wirksamen Prinzips des Saftes ist es ein besonderes näheres Prinzip sui generis

 welchem ich mir erlaubte den Namen Elatin zu geben Aus demselben Grunde ist

die Bedeutung des Wortes Extrakt von vielem Zweifel und Dunkel umgeben denn es

wird im allgemeinen auf jede Substanz angewendet welche durch Verdampfen einer

vegetabilischen Lösung erhalten wird und spezifisch auf ein besonderes näheres

Prinzip das gewisse Charaktere besitzt durch welche es sich von einem jeden

anderen elementaren Körper unterscheidet«

    Ein generischer Ausdruck kann auf diese Weise auf eine einzige Spezies und

sogar auf ein Individuum beschränkt werden wenn die Menschen Gelegenheit haben

öfter von dieser Spezies oder von diesem Individuum zu sprechen als von etwas

Anderem was in dem genus enthalten ist. So wird ein Kutscher unter Tieren

Pferde verstehen in der Sprache des Ackerbauers bedeutet das Wort Vieh Ochsen

und der Ausdruck Vögel bedeutet bei manchen Jägern nur Rebhühner Das in diesen

trivialen Fällen wirkende Sprachgesetz ist ganz dasselbe nach welchem das

Christentum die Ausdrücke Theos Deus und Gott von dem Polytheismus annahm um

den alleinigen Gegenstand der eigenen Anbetung auszudrücken Fast die ganze

Terminologie der christlichen Kirche besteht aus Wörtern welche früher in einer

allgemeineren Bedeutung gebraucht wurden Ecclesia Versammlung Bischof

Episkopus Aufseher Priester Presbyter Ältester Decan Diaconus Verwalter

Sakrament ein Gelübde der Lehenspflicht der Fahneneid Evangelium gute

Nachrichten und einige andere Wörter wie Minister werden noch in dem

allgemeinen sowohl wie in dem beschränkten Sinne gebraucht Es wäre interessant

die Stufen nachzuweisen über die das Wort Autor dazu gelangt ist einen

Schriftsteller zu bezeichnen sowie das Wort poiêtês oder Macher einen Poeten

oder Dichter

    Von Fällenin welchen in die Bedeutung eines Wortes Umstände einverleibt

wurden die in einer früheren Periode zufällig damit im Zusammenhang standen

wie bei dem Worte paganus könnte man leicht sehr viele anführen Physikus 

physikos oder Naturforscher wurde synonym mit Heilkünstler weil in früheren

Zeiten die Ärzte die einzigen Naturforscher waren Kleriker oder Clericus ein

Gelehrter bezeichnete zuletzt einen Geistlichen weil während vieler

Jahrhunderte die Geistlichen die alleinigen Gelehrten waren

    Die Neigung sich durch Assoziation an Alles zu hängen womit sie einmal im

Zusammenhang standen haben indessen am meisten die Ideen unserer Freuden und

unserer Schmerzen oder der Dingewelche wir gewöhnlich als Quellen unserer

Freuden und unserer Schmerzen betrachten Die neue Mitbezeichnung welche daher

ein Wort am ehesten und bereitwilligsten annimmt ist die einer Annehmlichkeit

oder einer Unannehmlichkeit in ihren verschiedenen Arten und Graden die ein

gutes oder ein böses Ding zu sein wünschenswert oder nicht wünschenswert ein

Gegenstand des Hasses der Furcht der Verachtung der Bewunderung der Hoffnung

oder der Liebe zu sein Es gibt demnach kaum einen einzigen Namen der eine

moralische oder soziale Tatsache ausdrückt die darauf berechnet ist einen

starken Affekt von einer günstigen oder von einer feindseligen Natur

hervorzurufen der nicht entschieden und unwiderstehlich eine Mitbezeichnung

dieser starken Affekte oder wenigstens des Lobes oder des Tadels enthielte

dergestalt dass der Gebrauch dieser Namen in Verbindung mit anderen Namen

durch welche die entgegengesetzten Gefühle ausgedrückt werdendie Wirkung eines

Paradoxon oder sogar einer contradictio in adjecto eines Widerspruchs in den

Worten hervorbringen würde Die verderbliche Wirkung der so erlangten

Mitbezeichnungen auf unsere Schlüsse und Denkgewohnheiten ist bei vielen

Gelegenheiten von Bentham nachgewiesen worden Sie erzeugt Trugschlüsse von »die

Frage zum Satz erhebenden Namen« Die Eigenschaft von der wir untersuchen

wollen ob sie ein Ding besitzt oder nicht hat sich mit dem Namen des Dinges so

vergesellschaftet dass sie ein Teil seiner Bedeutung geworden ist so dass wir

durch das bloße Aussprechen des Namens den Punkt voraussetzen der noch zu

beweisen war eine der häufigsten Quellen von dem Anscheine nach

selbstverständlichen Urteilen

    Ohne noch mehr Fälle anzuführen um die Veränderung zu erläutern welche der

Gebrauch fortwährend in der Bedeutung der Wörter hervorbringt will ich als eine

praktische Regel noch hinzufügen dass der Logiker da er nicht im Stande ist

solche Veränderungen zu verhindern sich ihnen gutwillig unterwerfen sollte

nachdem sie unwiderruflich Statt gefunden haben und dasswenn eine Definition

nötig ist er das Wort nach seiner neuen Bedeutung definieren sollte indem er

die frühere als eine zweite Bedeutung beibehält wenn es nötig und Aussicht

vorhanden ist, sie der philosophischen Sprache oder dem gemeinen Gebrauche zu

bewahren Die Logiker können nur die Bedeutung von wissenschaftlichen Ausdrücken

machen die aller anderen Wörter wird durch das gesamte menschliche Geschlecht

gemacht Aber die Logiker können genau ermitteln was dunkel wirkend den Geist

der Menschen zu dem besonderen Gebrauch eines Wortes geführt hat und wenn sie

dies gefunden haben so können sie es in so klare und bleibende Worte kleiden

dass die Menschen die Bedeutungwelche sie vorher nur fühlten nun sehen und

dass sie dieselbe nunmehr nicht in Vergessenheit geraten oder missverstehen

lassen werden

 
 



 

     1 Wir haben bisher nur eines von den Erfordernissen einer für die

Erforschung der Wahrheit geeigneten Sprache untersucht das nämlich dass ein

jeder von ihren Ausdrücken eine bestimmte und nicht misszuverstehende Bedeutung

habe Wie wir indessen bereits bemerkt haben gibt es noch andere

Erfordernisse von denen einige nur im zweiten Grade wichtig sind eines aber

ein fundamentales ist und an Wichtigkeit nur der bereits so weitläufig

erörterten Eigenschaft nachsteht wenn es ihr überhaupt nachsteht Um die

Sprache für ihre Zwecke geschickt zu machen sollte ein jedes Wort nicht nur

seine Bedeutung vollkommen ausdrücken sondern es sollte auch keine wichtige

Bedeutung ohne ihr Wort geben Für Alles worüber wir häufig Gelegenheit haben

zu denken und für wissenschaftliche Zwecke sollte ein angemessenes Wort

vorhanden sein

    Dieses Erfordernis der philosophischen Sprache kann von drei verschiedenen

Gesichtspunkten aus betrachtet werden, indem eine gleiche Anzahl von Bedingungen

darin inbegriffen ist

    

     2 Erstens Es sollten alle diejenigen Namen vorhanden sein welche

erforderlich sind um eine solche Aufzeichnung einzelner Beobachtungen zu

machen dass die Worte der Aufzeichnung genau zeigen was für eine Tatsache man

beobachtet hat Mit anderen Worten, wir bedürfen einer genauen beschreibenden

Terminologie

    Da unsere Sensationen oder andere Gefühle die einzigen Dinge sind welche

wir direkt beobachten können so würde eine vollständige beschreibende Sprache

eine Sprache sein in welcher ein Name für eine jede Varietät von elementarer

Empfindung oder von elementarem Gefühl vorhanden ist. Kombinationen von

Empfindungen oder Gefühlen lassen sich immer beschreiben wenn wir Namen für ein

jedes der elementaren Gefühle haben woraus sie zusammengesetzt sind aber Kürze

der Beschreibung und Klarheit welche oft von der Kürze abhängt wird dadurch

sehr gefördert dass man nicht allein den Elementen sondern auch allen oft

wiederkehrenden Kombinationen deutliche Namen gibt Ich kann bei dieser

Gelegenheit nichts Besseres tun als einige von den vortrefflichen

Bemerkungen welche Hr Whewell158 über diesen wichtigen Teil unseres

Gegenstandes gemacht hat anzuführen

    »Die Bedeutung von beschreibenden technischen Ausdrücken« sagt er »kann

in dem ersten Falle nur durch Übereinkunft festgestellt und kann nur dadurch

verständlich gemacht werden dass man das was die Wörter zu bedeuten haben den

Sinnen darbietet Die Erkennung einer Farbe aus ihrem Namen kann nur durch das

Auge gelehrt werden Keine Beschreibung kann einem nur Hörenden beibringen was

wir unter Apfelgrün oder Berlinerblau verstehen Bei dem ersten Beispiel könnte

man vielleicht voraussetzen das Wort Apfel welches sich auf einen so bekannten

Gegenstand bezieht errege die Idee der Farbe schon genügend in dem Geist Aber

man kann leicht sehen dass dies nicht wahr ist denn das Grün der Äpfel ist

sehr verschieden und nur durch eine konventionelle Wahl können wir das Wort

einer besonderen Schattierung dieser Farbe beilegen Wenn dies einmal geschehen

ist so bezieht sich das Wort auf die Sensationen und nicht auf Theile des

Wortes; denn diese treten in die Verbindung bloß als eine Hülfe für das

Gedächtnis es werde die Idee durch einen natürlichen Konnex wie beim

Apfelgrün oder einen zufälligen wie beim Berlinerblau erregt Um aus

derartigen technischen Ausdrücken den gehörigen Vorteil zu ziehen müssen sie

unmittelbar mit der Wahrnehmung, der sie angehören assoziiert und nicht durch

die vagen Gebräuche der gewöhnlichen Sprache damit verbunden werden Das

Gedächtnis muss die Sensation zurückhalten und das technische Wort muss so

direkt wie das familiärste Wort und noch deutlicher verstanden werden Wo wir

Ausdrücke finden wie zinnweiss oder tombakbraun da sollte die damit

bezeichnete metallische Farbe ohne Verzug und Mühe unserem Gedächtnis

vorschweben«

    »Dies  was in Beziehung auf die einfacheren Eigenschaften der Körper, wie

Farbe und Gestalt in der Erinnerung zu bewahren von großer Wichtigkeit ist 

ist nicht weniger wahr in Beziehung auf zusammengesetztere Begriffe In allen

Fällen wird die besondere Bedeutung des Wortes durch Übereinkunft festgestellt

und um das Wort zu gebrauchen muss man mit der Übereinkunft vollkommen bekannt

sein so dass man nicht nötig hat aus dem Worte selbst Vermutungen zu

schöpfen Solche Vermutungen würden immer unsicher und oft irrig sein So wird

auf eine Blüte angewendet der Ausdruck schmetterlingsartig papilionaceus

gebraucht nicht bloß um eine Ähnlichkeit mit einem Schmetterlinge anzuzeigen

sondern auch eine Ähnlichkeit welche aus fünf Blumenblättern von einer

gewissen Gestalt und Anordnung hervorgeht und wenn auch die Ähnlichkeit noch

grösser wäre als sie in solchen Fällen ist wenn sie aber in einer anderen Weise

hervorgebracht wäre wie zB mir durch ein Blumenblatt oder durch zwei

Blumenblätter anstatt durch eine Fahne zwei Flügel und ein aus zwei mehr oder

weniger zusammengewachsenen Teilen bestehenden Kiel so dürften wir nicht mehr

von einer schmetterlingsartigen Blüte sprechen«

    Wenn indessen wie in dem ersten Falle das benannte Ding eine Kombination

von einfachen Sensationen ist so ist es um die Bedeutung kennen zu lernen

nicht nötig dass man zu den Sensationen selbst zurückgehe sie kann

vermittelst anderer Wörter mitgeteilt kurz der Ausdruck kann definiert werden

Aber die Namen der einfachen Sensationen oder Gefühle können weder definiert

werden noch gibt es ein anderes Mittel um Jemand damit bekannt zu machen als

ihn die Sensation selbst erfahren zu lassen oder durch ein bekanntes Merkmal die

Erinnerung der Sensation wenn er sie früher erfahren hat zu wecken Es sind

daher nur die Eindrücke auf die äußeren Sinne oder diejenigen inneren Gefühle

welche in einer sehr augenfälligen und gleichförmigen Weise mit den äußeren

Gegenständen verknüpft sind einer genauen beschreibenden Sprache fähig Die

zahllose Menge von Empfindungen welche zB aus einer Krankheit oder aus

besonderen physiologischen Zuständen entstehen würde man vergeblich zu benennen

suchen denn da niemand beurteilen kann ob die Empfindung welche ich habe

dieselbe ist die er hat so kann der Name für uns beide keine gemeinschaftliche

Bedeutung haben Dasselbe kann bis zu einem hohen Grade von geistigen Gefühlen

gesagt werden In einigen von den Wissenschaften dagegen welche sich mit

äußeren Gegenständen beschäftigen ist es kaum möglich über die

Vollkommenheit bis zu welcher diese Eigenschaft der philosophischen Sprache

geführt worden ist, noch weiter hinauszugehen

    »Die Bildung159 einer genauen und umfassenden deskriptiven Sprache für die

Botanik« fährt Herr Whewell fort »ist mit einer Geschicklichkeit und einem

Glücke ausgeführt worden wie man sich vorher kaum hätte träumen lassen Jeder

Teil der Pflanze erhielt seinen Namen und die Gestalt eines jeden noch so

kleinen Theiles erhielt so viel geeignete beschreibende Ausdrücke dass der

Botaniker dadurch die Kenntnis der Form und Struktur so genau mittheilen kann

oder mitgeteilt erhalten kann als wenn ihm jeder kleine Teil sehr vergrößert

vorgelegt worden wäre Dies Resultat war ein Teil der Reform der Botanik durch

Linné Tournefort sagt Decandolle war der Erste der den Nutzen wahrnahm

den Sinn der Ausdrücke in einer Weise festzustellen dass immer dasselbe Wort

für denselben Sinn gebraucht dieselbe Idee immer durch dasselbe Wort

ausgedrückt werde aber es war Linné welcher diese botanische Sprache wirklich

schuf und feststellte und dies ist sein größter Ruhm denn durch diese

Feststellung der Sprache verbreitete er Klarheit und Präzision über alle Theile

der Wissenschaft

    »Es ist unnötig hier eine detaillierte Erklärung der botanischen Ausdrücke

zu geben Die fundamentalen Ausdrücke wurden in dem Verhältnis eingeführt als

die Theile der Pflanzen genau und sorgfältig untersucht wurden Auf diese Weise

wurde die Blüte notwendig unterschieden in den Kelch calyx die Blumenkrone

corolla die Staubfäden stamina und den Stempel oder dass Pistill

pistillum die Theile der Blumenkrone wurden von Columna Blumenblätter

petala genannt die des Kelches nannte Necker Kelchblätter sepala Manchmal

wurden Ausdrücke von einer größeren Allgemeinheit ersonnen wie perianthium die

Blütendecke die den Kelch und die Korolle einschließt es seien beide oder

nur das eine vorhanden pericarpium die Fruchthülle für den Teil der den

Kern einschloss von welcher Art er war wie Obst Nuss Hülse usw Man kann

sich leicht vorstellen dass beschreibende Ausdrücke durch Definition und

Kombination sehr zahlreich und deutlich werden können. So kann man ein Blatt

fiederspaltig pinnatifidus fiederteilig pinnatipartitus fiederschnittig

pinnatisectus fiederlappig pinnatilobatus handspaltig palmatifidus

handteilig palmatipartitus etc nennen und ein jedes von diesen Wörtern

bezeichnet verschiedene Kombinationen der Modi und des Umfangs der Teilung des

Blattes mit den Teilungen seines Umrisses In einigen Fällen werden

willkürliche numerische Beziehungen wirklich in die Definition eingeführt so

nennt man ein Blatt zweilappig bilobus wenn es durch einen Einschnitt in zwei

Theile geteilt wird geht jedoch der Einschnitt bis zur Mitte der Blattlänge

so heißt es zweispaltig bifidus geht er bis nahe an die Basis des Blattes

zweitheilig bipartitus wenn bis zur Basis zweischnittig bisectus Die

Hülse einer Crucifere heißt Schote siliqua wenn sie viermal so lang als

breit ist wenn sie kürzer ist Schötchen silicula Nach der Aufstellung einer

solchen Terminologie wird die Form eines sehr verwickelten Blattes wie das

Blatt oder der Wedel eines Farnkrautes Hymenophyllum Wilsoni durch folgende

Ausdrücke genau beschrieben Wedel starr gefiedert Fieder zurückgebogen

einseitig fiederspaltig die Abschnitte gleichbreit ungeteilt oder zweispaltig

feindörnigsägezähnig«

    »Andere Charaktere werden ebenso genau beschrieben wie die Form; die Farben

vermittelst einer klassifizierten Farbenscala  Eine solche Farbenscala wurde

von Werner mit großer Genauigkeit aufgestellt und ist bei den Naturforschern

noch jetzt die am meisten gebrauchte Werner führte auch eine genauere

Terminologie in Beziehung auf andere Charaktere ein die in der Mineralogie sehr

wichtig sind wie Glanz Härte Mohs verbesserte sie aber noch indem er eine

numerische Härtescala aufstellte in welcher Talk 1 Gyps 2 Kalkspat 3 ist

usw Durch die Definition einiger anderer Eigenschaften wie zB des

spezifischen Gewichtes erhält man ebenfalls ein numerisches Maß andere

Eigenschaften wie die Krystallform verlangen einen bedeutenden Aufwand von

mathematischem Kalkül um ihre Relationen und ihre Abstufungen nachzuweisen«

    

     3 Soviel von der beschreibenden Terminologie oder von der Sprache

welche erforderlich ist um unsere Beobachtung einzelner Fälle dem Gedächtnis

einzuverleiben Wenn wir aber von ihr zur Induktion oder vielmehr zu jener

Vergleichung beobachteter Fälle übergehen die eine Vorbereitung für die

Induktion ist so bedürfen wir einer neuen und ganz verschiedenen Art von

Gemeinnamen

    Wenn wir es für die Zwecke der Induktion für nötig finden eine neue

allgemeine Vorstellung nach Hrn Whewell s Terminologie einzuführen dh

wenn die Vergleichung einer Reihe von Erscheinungen zu der Erkenntnis eines

gemeinsamen Umstandes in denselben führt der für uns ein neues Phänomen ist

weil unsere Aufmerksamkeit bei einer früheren Gelegenheit nicht darauf gerichtet

war so ist es erforderlich dass diese neue Idee oder dieses neue Resultat der

Abstraktion einen geeigneten Namen erhalte insbesondere wenn der darin

eingeschlossene Umstand der Art ist dass er zu vielen Konsequenzen führt oder

wenn es von ihm wahrscheinlich ist dass man ihn auch in anderen Classen von

Erscheinungen finden wird Ohne Zweifel könnte mau in den meisten derartigen

Fällen eine Meinung dadurch ausdrücken dass man verschiedene bereits

gebräuchliche Wörter vereinigt Wenn aber von einem Dinge oft gesprochen werden

soll so sind mehr Gründe vorhanden als Ersparnis von Zeit und Raum um in der

möglichst concisen Weise von ihm zu sprechen Welches Dunkel würde über die

geometrischen Demonstrationen verbreitet werden wenn man anstatt des Wortes

Kreis fortwährend die Definition desselben gebrauchen würde In der Mathematik

und ihren Anwendungen wo die Natur des Prozesses verlangt dass sich die

Aufmerksamkeit sehr konzentriere nicht aber dass sie sich weit verbreite ist

die Wichtigkeit der Konzentration auch in den Ausdrücken immer gebührend gefühlt

worden ein Mathematiker findet nicht sobald dass er oft Gelegenheit haben

wird von denselben zwei Dingen zu gleicher Zeit zu sprechen als er auch schon

einen Ausdruck schafft um sie auszudrücken wenn sie verbunden sind; wie er

dann in seinen algebraischen Operationen für am  bnpq oder für a/b  b/c 

cd  etc die einfachen Buchstaben P Q oder S substituiert nicht bloß um

seine symbolischen Ausdrücke abzukürzen sondern um auch den rein geistigen

Teil seiner Operationen zu vereinfachen indem er den Geist in den Stand setzt

seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Relation zwischen der Größe S und

den anderen Größen zu wenden die in die Gleichung eingehen ohne durch

unnötiges Denken an die Theile aus denen S selbst zusammengesetzt ist

zerstreut zu werden

    Außer der Förderung der Deutlichkeit gibt es noch einen anderen Grund um

einem jeden der wichtigeren in dem Verlauf unserer geistigen Prozesse

gewonnenen Resultate der Abstraktion einen kurzen und kompakten Namen zu geben

Indem wir dieselben benennen heften wir unsere Aufmerksamkeit darauf wir

bewahren sie beständiger in unserm Geiste Man erinnert sich der Namen und diese

Erinnerung bringt die Definition mit sich während wenn anstatt durch besondere

und charakteristische Namen die Bedeutung durch Zusammenstellung einer Anzahl

anderer Namen ausgedrückt worden wäre diese bereits für andere Zwecke im

gewöhnlichen Gebrauch vorkommende besondere Wortverbindung nichts besessen

hätte um eine Erinnerung daran hervorzurufen Wenn wir eine Verbindung von

Ideen in dem Geiste dauernd machen wollen so befestigt sie nichts so sehr als

ein Name der speziell dazu bestimmt ist sie auszudrücken Wenn die

Mathematiker gezwungen gewesen wären »von demjenigen welchem sich eine Größe

bei der Vermehrung oder bei der Verminderung fortwährend nähert so dass der

Unterschied geringer wird als jede angebbare Größe dem die Größe aber niemals

genau gleich kommt« zu sprechen anstatt alles dies durch die einfache Phrase

»die Grenze einer Größe« auszudrücken so würden wir wahrscheinlich lange ohne

die wichtigen Wahrheiten geblieben sein welche vermittelst der Relation

zwischen Größen verschiedener Art und ihren Grenzen entdeckt worden sind. Wenn

anstatt vom Moment zu sprechen es nötig gewesen wäre zu sagen »das Produkt aus

der Anzahl von Schnelligkeitseinheiten in der Schnelligkeit in die Zahl der

Maßeneinheiten in der Masse« so würden uns wahrscheinlich viele von den

vermittelst dieser komplexen Idee jetzt verstandenen dynamischen Wahrheiten

entgangen sein weil wir die Idee selbst nicht mit der hinreichenden

Schnelligkeit und Vertrautheit hätten zurückrufen können Bei weniger von den

Thematen der gewöhnlichen Erörterung entfernten Gegenständen wird ein Jeder der

die Aufmerksamkeit auf eine neue und unbekannte Distinktion zwischen den Dingen

lenken will keinen sicherem Weg finden als einen geeigneten Namen zu dem

besonderen Zwecke zu erfinden oder zu wählen um diese Distinktion damit zu

bezeichnen

    Ein ganzer Band welcher der Erklärung von dem gewidmet wäre was der

Schriftsteller unter Zivilisation versteht und was nicht kann keine so lebhafte

Vorstellung davon erregen als der einfache Ausdruck dass Zivilisation ein von

der Kultivierung verschiedenes Ding istindem die Kompaktheit dieser kurzen

Bezeichnung der kontrastierenden Eigenschaften ein Äquivalent für eine lange

Diskussion ist Wenn wir dem Verständnis und dem Gedächtnis die Distinktion

zwischen den zwei verschiedenen Ansichten über RepräsentativRegierung sehr

eindringlich einprägen wollten so könnten wir dies nicht besser tun als indem

wir sagen Repräsentation sei nicht Delegation Kaum finden irgend originelle

Gedanken über geistige oder soziale Phänomene jemals eher ihren Weg unter die

Menschen oder erhalten in dem Geiste sogar ihrer eigenen Erfinder eher ihre

eigentliche Wichtigkeit als bis sie durch gut gewählte Worte gleichsam

angenagelt und festgehalten werden

    

     4 Wir haben nun zwei von den drei wesentlichen Teilen einer

philosophischen Sprache angeführt sie sind eine geeignete Terminologie um die

beobachteten individuellen Tatsachen mit Präzision beschreiben zu können ein

Name für eine jede gemeinsame Eigenschaft von Wichtigkeit oder von Interesse

welche wir durch Vergleichung dieser Tatsachen entdecken einschließlich der

als der jenen abstrakten Wörtern entsprechenden konkreten Namen für die

Classen welche wir kraft dieser Eigenschaften künstlich aufstellen oder

wenigstens einschließlich so vieler als uns häufig Gelegenheit geben in

Beziehung auf sie etwas zu prädizieren

    Es gibt aber eine Art Classen für deren Erkennung ein so sorgfältiger

Prozess nicht nötig ist weil eine jede derselben von allen anderen sich

unterscheidet nicht durch irgend eine Eigenschaft, deren Entdeckung vielleicht

von einem schwierigen Akt der Abstraktion abhängt sondern durch ihre

Eigenschaften im allgemeinen Ich meine die Arten der Dinge in dem Sinne der

diesem Worte im vorliegenden Werke gegeben wurde Man wird sich erinnern dass

wir unter einer Art eine von jenen Classen verstehen welche sich von allen

anderen nicht durch eine oder durch wenige bestimmte Eigenschaften

unterscheiden sondern durch eine unbekannte Menge von Eigenschaften; indem die

Kombination von Eigenschaften, auf welche die Klasse gegründet ist ein bloßer

Wegweiser für eine unbestimmte Anzahl von anderen unterscheidenden Attributen

ist Die Klasse Pferd ist eine Art weil wie wir wissen die Dingewelche

darin übereinstimmen dass sie die Charaktere besitzen woran wir ein Pferd

erkennen in einer großen Anzahl von anderen Eigenschaften übereinstimmen und

ohne Zweifel in mehr Eigenschaften als wir wissen Ebenso ist die Klasse Thier

eine Art weil eine Definition des Namens Thier die allen Tieren

gemeinschaftliche Eigenschaften weder jemals erschöpfen noch Prämissen abgeben

könnte aus denen der Rest dieser Eigenschaften zu folgern wäre Aber eine

Verbindung von Eigenschaften, die nicht von der Existenz anderer unabhängiger

Eigentümlichkeiten Zeugnis gibt konstituiert keine Art Weiße Pferde sind

daher keine Art weil Pferde die in der weißen Farbe übereinstimmen in nichts

übereinstimmen als in den allen Pferden gemeinsamen Eigenschaften und in den

möglichen Ursachen und Wirkungen dieser besonderen Farbe

    Nach dem Grundsatz dass es für ein jedes Ding von dem wir oft Gelegenheit

haben etwas auszusagen einen Namen geben sollte müsste offenbar für eine jede

Art ein Name vorhanden sein denn da es gerade die Bedeutung der Art ist dass

die sie zusammensetzenden Individuen eine unbestimmte Anzahl von Eigenschaften

gemein haben so folgtdasswenn die Art auch nicht bei unseren gegenwärtigen

Kenntnissen ein Gegenstand ist, auf welchen viele Prädikate anzuwenden sein

werden sie es doch bei unserem noch zu erlangenden Wissen sein kann Es ist

daher das dritte Element einer philosophischen Sprache dass ein Name für eine

jede Art vorhanden sei Mit anderen Worten, wir müssen nicht bloß eine

Terminologie sondern wir müssen auch eine Nomenklatur haben

    Die Wörter Nomenklatur und Terminologie werden fast von allen

Schriftstellern ohne Unterscheidung gebraucht und so viel mir bekannt ist war

Herr Whewell der Erste welcher denselben verschiedene Bedeutungen beilegte Da

aber die Unterscheidung welche er zwischen ihnen gemacht hat eine reale und

wichtige ist so wird man seinem Beispiele wahrscheinlich folgen auch findet

man wie dies leicht der Fall ist, wenn solche Neuerungen in der Sprache

geschickt vollbracht werden dass ein unbestimmtes Gefühl eines Unterschiedes

auf den Gebrauch dieser Wörter in der gewöhnlichen Praxis Einfluss hatte noch

ehe die Zweckmäßigkeit sie philosophisch zu unterscheiden nachgewiesen worden

war Ein Jeder würde sagen dass die von Lavoisier und GuytonMorveau in der

chemischen Sprache bewirkte Reform in der Einführung einer neuen Nomenklatur

und nicht einer neuen Terminologie bestand Lineale lanzettförmige ovale oder

länglichte gezähnte sägezähnige oder gekerbte Blätter sind Ausdrücke welche

einen Teil der botanischen Terminologie bilden während die Namen »Viola

odorata« und »Ulex europaeus« ihrer Nomenklatur angehören

    Eine Nomenklatur kann definiert werden als die Sammlung der Namen aller

Arten womit sich irgend ein Zweig des Wissens beschäftigt oder besser aller

untersten Arten oder infimae species derjenigen welche in der Tat

unterabtheilt werden können, jedoch nicht in Arten und welche im allgemeinen

mit dem übereinstimmen was man in der Naturgeschichte einfach Spezies nennt

Die Wissenschaft besitzt zwei vorzügliche Beispiele einer systematischen

Nomenklatur die der Pflanzen und Tiere welche von Linné und seinen

Nachfolgern aufgestellt wurde und die der Chemie welche wir der berühmten

Gruppe von Chemikern verdanken die gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts

in Frankreich glänzte In diesen zwei Wissenschaften hat nicht bloß eine jede

bekannte Spezies oder unterste Art ihren Namen angewiesen bekommen sondern auch

neue unterste Arten erhalten bei ihrer Entdeckung sogleich ihre Namen nach einem

gleichförmigen Prinzip In anderen Wissenschaften ist die Nomenklatur

gegenwärtig noch auf kein System gegründet entweder weil die zu benennenden

Spezies nicht zahlreich genug sind um einer solchen zu bedürfen wie in der

Geometrie), oder weil keine dieser Wissenschaften bis jetzt ein geeignetes

Prinzip für ein solches System dargeboten hat wie die Mineralogie in welcher

der Mangel einer wissenschaftlichen Nomenklatur gegenwärtig die Ursache ist,

welche den Fortschritt dieser Wissenschaft verzögert

    

     5 Ein Wort dem man ansieht dass es einer Nomenklatur angehört scheint

sich auf den ersten Anblick von anderen konkreten Gemeinnamen darin zu

unterscheiden  dass seine Bedeutung nicht in seiner Mitbezeichnung in den

darin inbegriffenen Attributen liegt sondern in seiner Bezeichnung dh in der

besonderen Gruppe von Dingen, die es zu bezeichnen bestimmt ist und dass es

daher nicht vermittelst einer Definition erklärt werden kann, sondern auf einem

anderen Wege kenntlich gemacht werden muss Diese Ansicht scheint mir indessen

irrig Wörter welche einer Nomenklatur angehören unterscheiden sich glaube

ich vorzüglich darin dass sie außer der gewöhnlichen noch eine ihnen

eigentümliche Mitbezeichnung besitzen außer der Mitbezeichnung gewisser

Attribute bezeichnen sie auch noch dass diese Attribute die unterscheidenden

Attribute einer Art sind Der Ausdruck »Eisenoxyd« zB der seiner Form nach

der systematischen Nomenklatur der Chemie angehört trägt an der Stirne dass es

der Name einer besonderen Art Substanz ist Er mitbezeichnet überdies wie der

Name einer jeden andern Klasse einen Teil der Eigenschaften, die der Klasse

gemein sind in diesem Falle die Eigenschaft eine Verbindung zu sein von Eisen

mit dem größten Gewichtstheil160 Sauerstoff womit das Eisen sich verbindet

Diese zwei Dinge die Tatsache, eine solche Verbindung zu sein und die

Tatsache, eine Art zu sein machen die Mitbezeichnung des Namens Eisenoxyd aus

Wenn wir von einer Substanz sagen sie sei Eisenoxyd so behaupten wir erstens

dass sie eine Verbindung von Eisen mit dem Maximum von Sauerstoff und zunächst

dass die so zusammengesetzte Substanz eine besondere Art von Substanz ist

    Nun ist dieser zweite Teil der Mitbezeichnung eines Wortes das einer

Nomenklatur angehört ein ebenso wesentlicher Teil seiner Bedeutung als der

erste Teil während die Definition nur den ersten erklären kanndaher der

Anschein als ob die Bedeutung solcher Ausdrücke nicht definiert werden könnte

was indessen falsch ist Der Name Viola odorata bezeichnet eine Art von der

eine für die Unterscheidung derselben genügende Anzahl von Charakteren in

botanischen Werken angegeben ist Diese Aufzählung der Charaktere ist gewiss

wie in anderen Fällen, eine Definition des Namens Nein sagen Einige es ist

keine Definition denn der Name Viola odorata bedeutet nicht diese Charaktere

er bedeutet jene besondere Gruppe von Pflanzen und die Charaktere sind aus

einer viel größeren Anzahl von Charakteren und bloß als Merkmale gewählt

woran die Gruppe erkannt werden kann. Keineswegs erwidere ich der Name

bedeutet nicht diese Gruppe denn er wird der Gruppe nicht länger beigelegt als

man sie für eine infima species hält wenn mau entdecken würde dass mehrere

unterschiedene Arten unter diesem einen Namen verwechselt worden sind, so würde

Niemand mehr den Namen Viola odorata auf die ganze Gruppe sondern er würde ihn

nur auf eine einzige der darin enthaltenen Arten anwenden wenn er ihn überhaupt

beibehielte Es tut daher not nicht dass der Name eine besondere Kollektion

von Gegenständen bezeichne sondern dass er eine Art bezeichne und zwar eine

unterste Art Die Form des Namens gibt zu erkennen dass er auf jeden Fall eine

infima species bezeichnen soll dass daher die durch ihn mitbezeichneten

Eigenschaftenwelche in der Definition ausgedrückt sind nur so lange durch ihn

mitbezeichnet werden sollen als wir glauben dass diese Eigenschaften wenn sie

zusammen getroffen werden eine Art anzeigen und dass das Ganze derselben nur

bei einer einzigen Art getroffen wird

    Bei der Hinzufügung dieser besonderen Mitbezeichnung die in der Form eines

jeden einer systematischen Nomenklatur angehörigen Wortes enthalten ist, macht

die Reihe von Charakteren welche gebraucht wird um eine jede Art von allen

anderen Arten zu unterscheiden was eine wirkliche Definition ist so

vollständig wie in einem jeden andern Falle die ganze Bedeutung des Wortes aus

Es ist kein Einwurf zu sagen dass wie es in der Naturgeschichte oft der Fall

ist) die Reihe von Charakteren geändert und eine andere für den Zweck der

Unterscheidung besser geeignete Reihe substituiert werden könne während das

Wort indem es fortwährend dieselbe Gruppe von Dingen bezeichnet nicht als in

seiner Bedeutung verändert angesehen werde Denn dies ist nicht mehr als auch

bei jedem andern Gemeinnamen vorkommen kann wir können indem wir seine

Mitbezeichnung verändern seine Bezeichnung unberührt lassen und es ist im

allgemeinen wünschenswert dies zu tun Die Mitbezeichnung ist indessen darum

nicht weniger die wirkliche Bedeutung denn wir wenden sogleich da den Namen an

wo die in der Definition enthaltenen Charaktere getroffen werden und das was

uns bei der Anwendung des Wortes ausschließlich leitet muss seine Bedeutung

ausmachen Wenn wir unserem früheren Glauben entgegen finden dass die

Charaktere einer Spezies nicht eigen sind so gebrauchen wir das Wort nicht

länger in gleichem Umfange mit den Charakteren aber es geschieht dann aus dem

Grunde weil der andere Teil der Mitbezeichnung die Bedingung dass die Klasse

eine Art sei fehlt Die Konnotation ist daher noch die Bedeutung; die Reihe der

beschreibenden Charaktere ist eine wahre Definition und die Bedeutung wird in

der Tat nicht bloß durch die Definition wie in anderen Fällen), sondern durch

die Definition und die Form des Wortes zusammengenommen erklärt

    

     6 Wir haben nun untersucht welches die Haupterfordernisse einer

philosophischen Sprache sind erstens Kürze oder Bestimmtheit und zweitens

Vollständigkeit Weitere Bemerkungen über die Art wie eine Nomenklatur

aufzustellen ist müssen verschoben werden bis wir von der Klassifikation

handeln indem die Benennungsweise der Arten der Dinge notwendig der Anordnung

dieser Arten in größere Classen untergeordnet sein muss Was die weniger

wichtigen Erfordernisse der Terminologie betrifft so sind einige derselben gut

und weitläufig erörtert in den »Aphorismen in Betreff der wissenschaftlichen

Sprache« in Hrn Whewells Philosophie der induktiven Wissenschaften Da

dieselben aber für die Logik von untergeordneter Wichtigkeit sind so verweisen

wir den Leser auf dieses Werk und beschränken unsere eigenen Bemerkungen auf

eine weitere Eigenschaft die nach den beiden abgehandelten die wertvollste zu

sein scheint welche die wissenschaftliche Sprache besitzen kann Von dieser

Eigenschaft wird der folgende Aphorismus einen Begriff geben

    Wenn die Natur des Gegenstandes uns erlaubt den Denkprozess ohne Gefahr

mechanisch auszuführen so sollte die Sprache so viel wie möglich auf

mechanische Prinzipien gegründet sein während sie in dem entgegengesetzten

Falle so eingerichtet sein sollte dass einem bloß mechanischen Gebrauche

derselben die größten Hindernisse entgegenstehen

    Diese Maxime bedarf einer weitläufigen Erklärung und ich werde dieselbe

auch sogleich geben Zuerst in Beziehung auf das was unter dem mechanischen

Gebrauch einer Sprache zu verstehen ist Der vollständige und extreme Fall des

mechanischen Gebrauchs der Sprache ist der wenn wir sie ohne irgend ein

Bewusstsein einer Bedeutung und nur mit dem Bewusstsein gebrauchen dass wir

gewisse sichtbare oder hörbare Merkmale in Übereinstimmung mit vorher

aufgestellten technischen Regeln gebrauchen Dieser extreme Fall ist so viel ich

weiß nirgends verwirklicht als in den arithmetischen Ziffern und in den

Symbolen der Algebra einer Sprache einzig in ihrer Art und was den Zweck

betrifft wozu sie bestimmt ist so vollkommen als vielleicht irgend eine

Schöpfung des menschlichen Geistes Ihre Vollkommenheit besteht darin, dass sie

einem rein mechanischen Gebrauche vollständig angepasst ist Die Symbole sind

wahre Rechenpfennige und besitzen auch nicht den Schein einer anderen Bedeutung

als die der Übereinkunft welche so oft erneuert wird als dieselben gebraucht

werden, und bei jeder Erneuerung verändert wird indem dieselben Symbole a oder

x bei verschiedenen Gelegenheiten gebraucht werden, um Dinge zu repräsentieren

welche ausgenommen dass sie wie alle Dinge gezählt werden können) keine

Eigenschaft gemein haben Es ist daher nichts vorhanden was den Geist von der

Reihe von mechanischen mit den Symbolen vorzunehmenden Operationen abziehen

könnte von Operationen wie zB auf beiden Seiten der Gleichung quadrieren

durch dasselbe oder ein äquivalentes Symbol zu multiplizieren oder zu dividieren

u s w Es ist wahr eine jede von diesen Operationen entspricht einem

Syllogismus repräsentiert eine Stufe des Syllogismus in Beziehung nicht auf die

Symbole sondern auf die damit bezeichneten Dinge Da man es aber für möglich

fand eine technische Form aufzustellen und da wir dadurch dass wir uns nach

dieser Form richten uns vergewissern können dass wir den Schluss des

Syllogismus sicher finden so kann unser Zweck vollständig erreicht werden ohne

dass wir an etwas Anderes denken als an die Symbole Auf diese Weise bestimmt

bloß als ein Mechanismus zu dienen besitzen diese Symbole die Eigenschaften,

welche ein Mechanismus haben soll Sie sind von möglichst geringem Umfang so

dass sie kaum einen Raum wegnehmen und keine Zeit bei ihrer Handhabung verloren

geht sie sind kompakt und passen so genau zusammen dass das Auge das Ganze

fast einer jeden Operation welche damit ausgeführt werden soll überblicken

kann

    Diese bewunderungswürdigen Eigenschaften der symbolischen Sprache der

Mathematik haben auf den Geist vieler Philosophen einen so tiefen Eindruck

gemacht dass sie dieselben verleitet haben die in Rede stehende symbolische

Sprache als den idealen Typus der philosophischen Sprache im allgemeinen zu

betrachten zu glauben Namen im allgemeinen oder wie sie dieselben gern

nennen Zeichen seien zum Denken in dem Verhältnis geeignet als sie sich der

Kompaktheit der gänzlichen Bedeutungslosigkeit und der Fähigkeit nähern als

Rechenpfennige gebraucht zu werden ohne einen Gedanken an das zu erregen was

sie repräsentieren wie dies ja das Charakteristische von dem a und b, dem x und

y der Algebra ist Diese Ansicht hat zu sanguinischen Erwartungen in Betreff

einer Beschleunigung des Fortschrittes der Wissenschaften durch Mittel geführt

welche wie ich glaube unmöglich diesem Zwecke dienen können und trägt zu

jener Überschätzung des Einflusses der Zeichen bei welche in nicht geringem

Grade mitgewirkt hat um zu verhindern dass die wahren Gesetze unserer

geistigen Tätigkeiten richtig verstanden werden

    Vor allem kann eine Reihe von Zeichen vermittelst deren wir schließen

ohne ein Bewusstsein ihrer Bedeutung zu haben nur bei unseren deduktiven

Operationen von Nutzen sein Bei unseren direkten Induktionen können wir ein

klares geistiges Bild der Phänomene nicht für einen Augenblick entbehren da

sich die ganze Operation um eine Wahrnehmung der besonderen Theile dreht in

welchen diese Phänomene übereinstimmen oder sich unterscheiden Im übrigen ist

dieses Schließen vermittelst Zeichen nur einem geringen Theile sogar unserer

deduktiven Operationen angemessen In unseren Schlüssen in Beziehung auf Zahlen

sind die einzigen allgemeinen Prinzipien welche wir Gelegenheit haben

anzuwenden die folgenden Dingewelche einem und demselben Dinge gleich sind,

sind unter einander selbst gleich und die Summen oder die Unterschiede

gleicher Dinge sind gleich samt deren verschiedenen Folgesätzen Nicht allein

dass gegen die Anwendbarkeit dieser Prinzipien niemals ein Anstand erhoben

werden kann, indem sie von allen Größen wahr sind; sondern eine jede mögliche

Anwendung deren sie fähig sind kann auch auf eine technische Regel

zurückgeführt werden wie denn in der Tat die Regeln des Kalküls solche Regeln

sind Wenn aber die Symbole etwas Anderes als Zahlen repräsentieren wenn sie

etwa gerade Linien oder Kurven vorstellen so müssen wir geometrische Lehrsätze

anwenden die nicht von allen Linien ohne Ausnahme wahr sind, und dürfen nur

diejenigen Lehrsätze wählen welche von den Linien in Beziehung auf welche wir

einen Schluss machen wollen wahr sind. Und wie können wir dies wenn wir uns

dieser besonderen Linien nicht vollständig erinnern Da bei einer jeden Stufe

seines Fortschreitens neue geometrische Wahrheiten in den Syllogismus eingeführt

werden können, so dürfen wir die Namen nicht einen Augenblick mechanisch

gebrauchen wie wir algebraische Symbole gebrauchen und ohne ihnen ein Bild

beizufügen Erst nachdem ausgemittelt worden ist, dass die Lösung einer Frage in

Beziehung auf Linien von einer vorhergängigen Frage in Beziehung auf Zahlen

abhängig gemacht werden kann, oder mit anderen Worten, wenn die Frage in

technischer Sprache auf eine Gleichung zurückgeführt worden ist, werden die

bedeutungslosen Zeichen brauchbar erst dann kann die Natur der Tatsachen

selbst auf welche sich die Untersuchung bezieht aus dem Geiste entfernt

werden Bis auf die Herstellung der Gleichung unterscheidet sich die Sprache in

welcher die Mathematiker ihre Schlüsse ziehen dem Charakter nach nicht von der

welche strenge Denker in Beziehung auf andere Gegenstände gebrauchen

    Ich leugne nicht dass ein jeder richtige Syllogismus wenn er in eine

syllogistische Form gebracht ist durch die bloße Form des Ausdrucks

beweiskräftig wird vorausgesetzt dass keines der gebrauchten Wörter zweideutig

sei Dies ist einer von den Umständen welche manche Philosophen verleitet haben

zu glauben dasswenn alle Namen so scharfsinnig konstruiert und sorgfältig

definiert wären um keine Zweideutigkeit zuzulassen diese sprachliche

Verbesserung nicht allein den Schlüssen einer jeden deduktiven Wissenschaft die

Gewissheit der Schlüsse der Mathematik geben würde sondern dass sie auch alles

Schließen auf die Anwendung einer technischen Form reduzieren und dessen

Schlussrichtigkeit nach einem bloßen mechanischen Prozess rationell zugebbar

machen würde wie dies in der Algebra unzweifelhaft der Fall ist. Mit Ausnahme

der Geometrie, deren Schlüsse bereits so gewiss und genau sind als sie nur

gemacht werden können, ist aber die Wissenschaft der Zahlen die einzige

Wissenschaft in welcher die praktische Gültigkeit eines Schlusses einem Jeden

ersichtlich ist der nur nach der Form des Prozesses gesellen hat Wer mit dem

einverstanden ist was in der vorhergehenden Abtheilung in Beziehung auf die

Zusammensetzung der Ursachen und den noch strengeren Fall einer gänzlichen

Aufhebung einer Reihe von Gesetzen durch eine andere Reihe gesagt wurde der

weise dass die Geometrie und die Algebra die einzigen Wissenschaften sind

deren Sätze kategorisch wahr sinddie allgemeinen Urteile Sätze aller

anderen Wissenschaften sind nur hypothetisch wahr indem sie voraussetzen dass

keine entgegenwirkende Ursache ins Spiel kommt Ein aus Naturgesetzen gezogener

Schluss wie korrekt er auch in Betreff der Form gezogen sein mag wird daher

nur eine hypothetische Gewissheit besitzen Bei einem jeden Schritte müssen wir

uns vergewissern dass kein anderes Naturgesetz die Gesetzewelche die

Prämissen unseres Schlusses bilden aufgehoben oder seine Wirkung mit deren

Wirkungen vermischt habe und wie kann dies geschehen wenn man bloß auf die

Worte sieht Wir müssen nicht allein beständig an die Erscheinungen selbst

denken sondern wir müssen sie auch beständig studieren indem wir uns mit den

Eigentümlichkeiten eines jeden Falles bekannt machen auf den wir unsere

allgemeinen Grundsätze anzuwenden suchen

    Die algebraische Bezeichnung ist als philosophische Sprache betrachtet

eine vollkommene in ihrer Angemessenheit für die Gegenstände für welche sie

gewöhnlich gebraucht wird namentlich für diejenigen deren Untersuchung bereits

auf die Bestimmung einer Relation zwischen Zahlen zurückgeführt worden ist. Aber

so bewunderungswürdig dieselbe auch für ihre eigenen Zwecke ist so sind die

Eigenschaftenwelche sie dazu machen doch so weit entfernt das ideale Vorbild

einer philosophischen Sprache im allgemeinen zu sein dass je mehr die Sprache

einer anderen Wissenschaft sich ihr nähert um so weniger sie zu ihren eigenen

Funktionen tauglich wird Statt der Kunstgriffe die verhindern dass unsere

Aufmerksamkeit durch das Denken an die Bedeutung der Zeichen abgelenkt werde

müssen wir bei allen anderen Gegenständen Kunstgriffe wünschen die es unmöglich

machen dass wir diese Bedeutung jemals auch nur für einen Augenblick aus dem

Auge verlieren

    Zu diesem Zweck sollte eine möglichst große Bedeutung in die Bildung des

Wortes selbst gelegt werden indem Ableitung und Analogie zu Hülfe genommen

werden um das Bewusstsein von Allem was darunter verstanden ist lebendig zu

erhalten In dieser Beziehung besitzen diejenigen Sprachen einen ungeheuren

Vorteil welche wie die deutsche ihre zusammengesetzten und abgeleiteten

Wörter aus einheimischen Wurzeln und nicht aus den Wurzeln einer fremden oder

toten Sprache bilden wie dies in der englischen französischen und

italienischen Sprache so sehr der Fall ist; die besten sind aber diejenigen,

welche sie nach festen Analogien bilden die den Beziehungen zwischen den

auszudrückenden Ideen entsprechen Alle Sprachen tun dies mehr oder weniger

aber unter den neueren europäischen Sprachen besonders die deutsche während

diese wieder der griechischen nachsteht in welcher die Beziehung zwischen der

Bedeutung des abgeleiteten Wortes und der des ursprünglichen im allgemeinen

durch seine Bildungsweise deutlich bezeichnet ist ausgenommen bei den mit

Präpositionen zusammengesetzten Wörtern welche wie man gestehen muss in

beiden Sprachen häufig äußerst unregelmäßig sind

    Was auch durch die Konstruktionsweise der Wörter mag geschehen können um zu

verhindern dass sie in Töne ausarten welche an dem Geiste vorübergehen ohne

einen deutlichen Begriff von dem zu geben was sie bedeuten so ist damit noch

nicht Alles getan Wie gut sie auch ursprünglich konstruiert sein mögen so

zeigen die Wörter doch die Neigung wie Münzen das Gepräge zu verlieren

während sie von Hand zu Hand gehen und die einzig mögliche Weise es wieder

herzustellen ist sie stets frisch zu prägen indem man fortwährend in der

Betrachtung der Phänomene selbst lebt und nicht bei der bloßen Vertrautheit

mit den sie ausdrückenden Wörtern stehen bleibt Wenn Einer sich in Besitz der

Gesetze der Phänomene gesetzt hat wie sie in Worten niedergelegt sind seien

sie ihm ursprünglich von Anderen überliefert oder auch von ihm selbst gefunden

und nun sofort zufrieden ist mitten in diesen Formeln zu leben ausschließlich

an sie zu denken und sie auf Fälle anzuwenden im Verhältnis als diese sich

darbieten ohne seine Kenntnis der Wirklichkeiten aus denen sie hervorgingen

zu bewahren so wird er nicht allein fortwährend in seinen praktischen

Bemühungen fehlgehen weil er seine Formeln gebrauchen wird ohne gehörig

zuzusehen ob sie nicht in diesem oder jenem Falle durch andere Naturgesetze

modifiziert oder aufgehoben werden sondern die Formeln selbst werden auch nach

und nach ihre Bedeutung für ihn verlieren und er wird zuletzt nicht mehr im

Stande sein zu erkennen ob ein Fall in den Bereich seiner Formeln fällt oder

nicht Kurz bei allen nicht mathematischen Gegenständen ist es gerade so

notwendig die zu untersuchenden Dinge im Konkreten zu denken und »in Umstände

zu kleiden« wie es in der Algebra nötig ist alle individualisierenden

Eigentümlichkeiten dem Auge sorgfältig fern zu halten

    Wir schließen hiermit unsere Bemerkungen über die philosophische Sprache

 
 



                               



     1 Es gibt wie wir in diesem Werke oft Gelegenheit hatten zu bemerken

eine Klassifikation der Dingewelche von der Tatsache ihrer allgemeinen

Benennung unzertrennlich ist Ein jeder Name der ein Attribut mitbezeichnet

teilt durch diese Tatsache alle Dinge in zwei Classen in solche die das

Attribut besitzen und solche die es nicht besitzen in solche von denen der

Name ausgesagt und in solche von denen es nicht ausgesagt werden kann. Und

diese Einteilung ist nicht bloß eine Einteilung der Dingewelche gegenwärtig

existieren oder deren Existenz bekannt istsondern auch aller Dinge die noch

entdeckt oder sogar gedacht werden können.

    In Beziehung auf diese Klassifikation haben wir dem schon früher Gesagten

nichts hinzuzufügen Die Klassifikation welche als ein besonderer Akt des

Geistes zu erörtern istist eine ganz andere Bei der einen Klassifikation ist

die Anordnung der Gegenstände in Gruppen und ihre Verteilung in Abtheilungen

eine bloß zufällige Wirkung die aus dem Gebrauche von Namen folgt welche zu

einem andern Zweck gegeben wurden nämlich zu dem Zweck einfach einige ihrer

Eigenschaften auszudrücken Bei der anderen ist die Anordnung und Verteilung

der Hauptzweck und die Benennung ist dieser wichtigen Operation untergeordnet

und richtet sich vorsätzlich nach ihr anstatt dieselbe zu beherrschen

    In dieser Weise betrachtet ist die Klassifikation eine Vorrichtung ein

Kunstgriff um die Ideen der Gegenstände in unserem Geiste am besten zu ordnen

um zu bewirken dass die Ideen sich in einer solchen Weise begleiten oder

folgen dass wir die größte Gewalt über unser schon erlangtes Wissen erhalten

und am direktesten zur Erlangung von mehr geführt werden Die allgemeine Aufgabe

der Klassifikation in Beziehung auf diese Zwecke kann wie folgt angegeben

werden zu bewirken dass Dinge in solchen Gruppen und diese Gruppen in einer

solchen Ordnung gedacht werden wie es für die Erinnerung und für die Bestimmung

ihrer Gesetze am förderlichsten ist

    Die so betrachtete Klassifikation unterscheidet sich von der Klassifikation

im weiteren Sinne dadurch dass sie sich ausschließlich auf reale Gegenstände

bezieht und nicht auf bloß denkbare ihr Gegenstand ist die gehörige

Koordination nur derjenigen Dinge in unserem Geiste mit deren Eigenschaften wir

wirklich Gelegenheit haben uns bekannt zu machen Aber von der anderen Seite

umfasst sie alle wirklich existierenden Gegenstände Wir können eine Klasse nur

mit Rücksicht auf eine allgemeine Einteilung der ganzen Natur richtig

aufstellen wir können nicht die Gruppe bestimmen in die ein Gegenstand am

besten zu stellen ist ohne alle Varietäten der existierenden Dinge in Betracht

zu ziehen wenigstens alle die einen Grad von Verwandtschaft mit ihm besitzen

Man konnte keine einzige Familie von Pflanzen oder Tieren vernunftgemäß anders

aufstellen als indem man sie als einen Teil einer systematischen Anordnung

aller Pflanzen und Tiere betrachtete auch konnte eine solche allgemeine

Anordnung nicht in geeigneter Weise gemacht werden ohne zuerst den Platz der

Pflanzen und Tiere in einer allgemeinen Einteilung der Natur genau zu

bestimmen.

    

     2 Es gibt keine Eigenschaften der Gegenständewelche wir nicht einer

Klassifikation oder geistigen Gruppierung dieser Gegenstände zu Grunde legen

könnten und bei unseren ersten Versuchen werden wir wahrscheinlich zu diesem

Zwecke Eigenschaften wählen welche einfach leicht zu begreifen und ohne einen

vorhergängigen Gedankenprozess beim ersten Blick wahrnehmbar sind So war

Tourneforts Anordnung der Pflanzen auf die Gestalt und die Theile der

Blumenkrone gegründet und die Anordnung welche man gewöhnlich die Linnésche

nennt obgleich Linné auch eine andere und wissenschaftlichere Anordnung

aufstellte war hauptsächlich auf die Anzahl der Staubfäden und Pistille

gegründet

    Aber diese Klassifikationen welche sich dadurch empfehlen dass sie es sehr

leicht machen zu bestimmen, in welche Klasse ein Individuum gehört sind zu dem

Zwecke der Klassifikation die der Gegenstand unserer gegenwärtigen Bemerkungen

ist selten sehr geeignet Die Linnésche Anordnung erfüllt den Zweck uns alle

diejenigen Pflanzen ins Gedächtnis zu rufen welche eine gleiche Anzahl

Staubfäden und Pistille besitzen aber es ist von geringem Nutzen in dieser

Weise an sie zu denken da wir selten etwas zu affirmieren haben was Pflanzen

die eine gegebene Anzahl von Staubfäden und Pistille haben gemein ist Wenn

Pflanzen von der Klasse Pentandria Ordnung Monogynia in irgend anderen

Eigenschaften übereinstimmten so würde die Gewohnheit von den Pflanzen

vermittelst einer gemeinsamen Bezeichnung zu denken und zu sprechen zu der

Erinnerung dieser gemeinschaftlichen Eigenschaften so weit sie bestimmt sind

führen und uns veranlassen nach anderen noch nicht bekannten Eigenschaften zu

suchen Da dies jedoch nicht der Fall ist, so ist der einzige Zweck der Linnéschen Klassifikation uns besser als es in einer anderen Weise geschehen

könnte an die genaue Anzahl der Staubfäden und Pistille einer jeden

Pflanzenspezies zu erinnern Nun ist aber diese Eigenschaft von wenig

Wichtigkeit und Interesse und die besonders genaue Erinnerung daran von keiner

großen Bedeutung Insofern wir aber dadurch dass wir uns gewöhnlich die

Pflanzen in diesen Gruppen denken daran verhindert werden sie

gewohnheitsmäßig in Gruppen zu denken welche eine größere Anzahl von

Eigenschaften gemein haben so muss die Wirkung einer solchen Klassifikation auf

unsere Denkgewohnheiten wenn man ihr systematisch anhängt eine verderbliche

sein

    Den Zwecken einer wissenschaftlichen Klassifikation wird am besten

entsprochen wenn aus den Gegenständen Gruppen gebildet werdenin Beziehung auf

welche eine größere Anzahl von allgemeinen und zwar wichtigeren Urteilen

aufgestellt werden kann, als dies in Beziehung auf andere Gruppen in welche man

dieselben Dinge einteilen könnte geschehen könnte Es sollten daher die

Eigenschaften, nach welchen die Dinge klassifiziert werden Eigenschaften sein

welche Ursachen von vielen anderen Eigenschaften oder welche jedenfalls sichere

Merkmale derselben sind Die Ursachen sind vorzuziehen weil sie sowohl die

sichersten und direktesten Merkmale als auch selbst Eigenschaften sind auf

welche unsere Aufmerksamkeit mit dem größten Nutzen gerichtet wird Aber die

Eigenschaft welche die Ursache der hauptsächlichen Eigentümlichkeiten einer

Klasse istist unglücklicherweise selten geeignet als Kennzeichen der Klasse

zu dienen Statt der Ursache müssen wir gewöhnlich einige der hervorragendsten

Wirkungen wählen die als Merkmale der anderen Wirkungen und der Ursache selbst

dienen können

    Eine so gebildete Klassifikation ist eigentlich wissenschaftlich oder

philosophisch und wird gewöhnlich eine natürliche genannt im Gegensatz zu einer

technischen oder künstlichen Klassifikation der Anordnung Der Ausdruck

natürliche Klassifikation scheint besonders für solche Anordnungen geeignet

welche in den Gruppen die sie bilden der Neigung des Geistes entsprechen die

dem Ansehen nach ähnlichsten Gegenstände zusammenzustellen im Gegensatze zu

jenen technischen Systemen welche indem sie die Dinge nach ihrer

Übereinstimmung in einem willkürlich gewählten Umstande ordnen in dieselbe

Gruppe oft Gegenstände bringen welche in der allgemeinen Summe ihrer

Eigenschaften keine Ähnlichkeit darbieten und in verschiedene und von einander

entfernte Gruppen andere Gegenstände welche die größte Ähnlichkeit haben Es

ist mit das beste Lob des wissenschaftlichen Charakters einer Klassifikation

dass sie auch in diesem Sinne eine natürliche Klassifikation sei denn die Probe

ihres wissenschaftlichen Charakters ist die Anzahl und die Wichtigkeit der

Eigenschaftenwelche von allen in einer Gruppe enthaltenen Gegenständen

gemeinschaftlich ausgesagt werden können; und die Eigenschaften, von denen das

allgemeine Aussehen der Dinge abhängt sind wenn auch nur aus diesem Grunde

sowohl wichtig als auch in den meisten Fällen zahlreich Aber obgleich dieser

Umstand von großem Wert ist so ist er doch keine conditio sine qua non

indem die augenfälligeren Eigenschaften der Dinge, im Vergleich zu anderen

nicht augenfälligen von geringer Bedeutung sein können Ich habe als eine

große Absurdität der Linnéschen Klassifikation angeführt gesehen dass sie das

Veilchen an die Seite der Eiche stellt was sie beiläufig gesagt nicht tut

Gewiss trennt sie natürliche Verwandtschaften und bringt Dinge zusammen die

einander so unähnlich sind wie das Veilchen und die Eiche Aber der anscheinend

so große Unterschiedder die Nebeneinanderstellung dieser zwei Pflanzen zu

einem Beispiele einer schlechten Anordnung macht hängt für das gewöhnliche Auge

vornehmlich von der Größe und Textur ab wenn wir es uns nun zum Ziel machten

diejenige Klassifikation anzunehmen die am wenigsten die Gefahr ähnlicher

rapprochemens darbietet so müssten wir zur absoluten Einteilung in Bäume

Sträuche und Kräuter zurückkehren zu einer Einteilung die obgleich von

Wichtigkeit in Beziehung auf den allgemeinen habitus  dennoch sogar im

Vergleich mit einer so geringen und wenig auffallenden Unterscheidung wie die

in Dikotyledonen und Monokotyledonen so wenigen Unterschieden in den anderen

Eigenschaften der Pflanzen entspricht dass eine darauf gegründete

Klassifikation abgesehen von der Undeutlichkeit der Demarkationslinien ebenso

künstlich und technisch sein würde wie die Linnésche

    Unsere natürlichen Gruppen müssen daher oft nicht auf die augenfälligen

sondern auf die nicht augenfälligen Eigenschaften der Dinge gegründet werden

wenn diese von größerer Wichtigkeit sind Aber in einem solchen Falle ist es

notwendig dass irgend eine vom Beobachter leichter zu erkennende Eigenschaft

oder Reihe von Eigenschaften vorhanden sei welche mit den Eigenschaften, die

das wirkliche Fundament der Klassifikation sind koexistieren und als Merkmale

derselben genommen werden können. Eine natürliche Anordnung der Tiere zB muss

hauptsächlich auf ihre innere Struktur gegründet sein aber wie richtig bemerkt

worden ist) es würde absurd sein wenn wir nicht im Stande wären das genus und

die species eines Tieres zu erkennen ohne es vorher zu töten Aus diesem

Grunde muss von allen zoologischen Klassifikationen wahrscheinlich der auf die

Unterschiede in den äußeren Hüllen gegründeten Klassifikation von Blainville

der Vorzug gegeben werden, da dies Unterschiede sind welche genauer als man

voraussetzen sollte den wirklich wichtigen Verschiedenheiten sowohl in anderen

Teilen der Struktur als auch in den Gewohnheiten und der Geschichte des

Tieres entsprechen

    Dies zeigt mehr als Alles welche ausgedehnte Kenntnis von den

Eigenschaften der Gegenstände nötig ist um eine gute Klassifikation

aufzustellen Und da es einer der Vorteile einer solchen Klassifikation ist

dass sie dadurch dass sie die Aufmerksamkeit auf die Eigenschaften richtet auf

welche sie gegründet ist  auf die Eigenschaftenwelche wenn die Klassifikation

gut ist Merkmale vieler anderer Eigenschaften sind  die Entdeckung dieser

anderen Eigenschaften erleichtert so sehen wir auf welche Weise unsere

Kenntnis der Dinge und unsere Klassifikation derselben gegenseitig und

unbegrenzt beitragen einander zu verbessern

    Wir haben oben gesagt dass die Klassifikation der Gegenstände sich nach

denjenigen von ihren Eigenschaften richten sollte welche nicht allein die

zahlreichsten sondern auch die wichtigsten Eigentümlichkeiten anzeigen Was

ist hier unter Wichtigkeit zu verstehen Dieselbe bezieht sich auf den

besonderen Zweck den man im Auge hat und dieselben Gegenstände können daher

verschiedene Klassifikationen zulassen Eine jede Wissenschaft oder Kunst bildet

ihre Klassifikationen der Dinge nach den Eigenschaften, die ihr speziell bekannt

sind oder denen sie Rechnung tragen muss um ihre besonderen praktischen Zwecke

zu erreichen Ein Landbauer teilt die Pflanzen nicht wie ein Botaniker in

Monokotyledonen und Dikotyledonen sondern in nützliche Pflanzen und in Unkraut

ein Ein Geologe teilt die Fossilien nicht wie ein Zoologe in Familien ein

welche denen der lebenden Spezies entsprechen sondern in Fossilien der

sekundären und tertiären Periode in Fossilien über den Kohlen und unter den

Kohlen etc Der Wallfisch ist ein Fisch oder nicht je nach dem Zwecke wofür

wir ihn betrachten »Wenn wir von dem inneren Baue und der Physiologie des

Tieres sprechen so dürfen wir ihn nicht Fisch nennen denn in dieser Beziehung

weicht er von den Fischen sehr ab er hat warmes Blut gebärt lebendige Junge

und säugt sie wie die Vierfüßer Dies hindert uns aber nicht vom

Wallfischfange zu sprechen und bei allen mit diesem Gebrauche zusammenhängenden

Gelegenheiten dieses Thier einen Fisch zu nennen denn die so entstehenden

Relationen hängen davon ab dass das Thier im Wasser lebt und in einer ähnlichen

Weise gefangen wird wie andere Fische Ein Rechtsgrund wonach Gesetze welche

der Fische erwähnen sich nicht auf den Wallfisch beziehen würde von einem

intelligenten Richter verworfen werden«161

    Diese verschiedenen Klassifikationen sind alle gut für die Zwecke ihrer

eigenen besonderen Zweige des Wissens oder der Praxis Aber wenn wir die Dinge

nicht zu einem speziellen Zwecke studieren sondern um unsere Kenntnisse des

Ganzen ihrer Eigenschaften oder Beziehungen zu erweitern so müssen wir

diejenigen Attribute als die wichtigsten betrachten welche entweder für sich

allein oder durch ihre Wirkungen am meisten dazu beitragen die Dinge einander

ähnlich und anderen Dingen unähnlich zu machen welche der daraus

zusammengesetzten Klasse die markierteste Individualität verleihen welche so zu

sagen den größten Platz in ihrer Existenz ausfüllen und die Aufmerksamkeit

eines Beobachters der alle ihre Eigenschaften kennt den aber keine besonders

interessiert am meisten anregen Classen die auf dieses Prinzip gegründet sind

können mit größerem Rechte als alle anderen natürliche Gruppen genannt

werden.

    

     3 In Beziehung auf diese Gruppen hat Herr Whewell eine Theorie

aufgestellt die auf eine wichtige Wahrheit gegründet ist und die er in mancher

Beziehung sehr glücklich ausgedrückt und erläutert hat aber wie mir scheint

ebenfalls unter Beimischung von Irrtum Aus beiden Gründen wird es daher von

Nutzen sein seine Theorie mit denselben Worten wiederzugeben welche er

gebraucht hat

    »Natürliche Gruppen sind  nach Hrn Whewell162  durch den Typus und nicht

durch die Definition gegeben Und diese Betrachtung erklärt jene Undeutlichkeit

und Unbestimmtheit die wir oft in den Beschreibungen solcher Gruppen finden

und die einem Jeden so sonderbar und unconsequent erscheinen müssen der nicht

voraussetzt dass diese Beschreibungen einen tieferen Grund des Zusammenhanges

assumieren als die willkürliche Wahl des Botanikers So sagt man bei der Familie

des Rosenstrauches dass die Eichen ovula sehr selten aufrecht die Narben

gewöhnlich einfach sind Von welchem Nutzen könnte man fragen können solche

unbestimmte Angaben sein Die Antwort hierauf ist dass sie nicht gemacht

wurden um die Spezies sondern um die Familie zu unterscheiden und dass die

sämtlichen Beziehungen der Eichen und der Narben aus dieser allgemeinen Angabe

besser erkannt werden. Eine ähnliche Bemerkung kann hinsichtlich der Anomalien

einer jeden Gruppe gemacht werden welche so gewöhnlich vorkommen dass Herr

Lindley in seiner Einleitung zu dem natürlichen Systeme der Botanik bei jeder

Familie die Anomalien zu einem Glied derselben macht So ist ein Teil des

Charakters der Rosazeen dass sie abwechselnde von Nebenblättern begleitete

Blätter haben und dass das Albumen obliteriert ist dennoch fehlen bei der Lowea

 einem der genera dieser Familie die Nebenblätter und bei einem genus der

Neillia ist das Albumen vorhanden Dies schließt wie wir bereits gesehen

haben ein dass der künstliche Charakter oder die diagnosis wie Herr Lindley

es nennt unvollkommen ist Wenn auch sehr nahe so ist er doch der natürlichen

Gruppe nicht genau angemessen und daher geschieht es in gewissen Fällen dass

dieser Charakter dem allgemeinen Gewicht der natürlichen Verwandtschaften in

gewissen Fällen nachsteht

    Diese Ansichten  von Classen welche durch Charaktere bestimmt werden, die

nicht durch Worte ausdrückbar sind  von Urteilen welche aussagen nicht was

in allen Fällen, sondern nur was gewöhnlich geschieht  von Partikularitäten

welche in einer Klasse eingeschlossen sind obgleich sie die Definition

derselben überschreiten werden wahrscheinlich den Leser überraschen Sie sind

vielen gangbaren Meinungen über den Gebrauch der Definitionen und die Natur der

wissenschaftlichen Sätze Urteile so entgegen dass sie wahrscheinlich Vielen

höchst unlogisch und unphilosophisch erscheinen werden Aber eine Neigung zu

einem solchen Urteil entsteht zum großen Teil daraus dass die mathematischen

und die mathematischphysikalischen Wissenschaften die Ansichten der Menschen

über die allgemeine Natur und die Form der wissenschaftlichen Wahrheit bis zu

einem hohen Grade bestimmt haben während die Naturgeschichte noch nicht Zeit

oder Gelegenheit gehabt hat den ihr zustehenden Einfluss auf die gangbaren

Gewohnheiten des Philosophierens auszuüben Die scheinbare Unbestimmtheit und der

Widerspruch in den Klassifikationen und Definitionen der Naturgeschichte kommt

in einem viel höheren Grade allen anderen Spekulationen zu mit Ausnahme der

mathematischen und die Art und Weise wie Annäherungen an genaue Distinktionen

und allgemeine Wahrheiten in der Naturgeschichte erreicht worden sind, verdient

unsere Aufmerksamkeit schon wegen des Lichtes welches sie auf die Art und Weise

werfen wie eine jede Art Wahrheit am besten zu verfolgen ist

    Obgleich bei einer natürlichen Gruppe von Dingen eine Definition nicht mehr

als ein leitendes Prinzip gebraucht werden kann, so sind die Classen deswegen

doch nicht gelockert und ohne Maßstab oder Richtschnur Die Klasse ist

festgestellt wenn auch nicht genau begrenzt sie ist gegeben wenn auch nicht

umschrieben  sie ist bestimmt nicht durch eine äußere Grenzlinie sondern

durch einen inneren Zentralpunkt nicht durch das was sie streng ausschließt

sondern hauptsächlich durch das was sie einschließt durch ein Beispiel nicht

durch eine Vorschrift kurz anstatt einer Definition haben wir einen Typus zum

Führer

    Ein Typus ist ein Muster irgend einer Klasse, zB eine Spezies einer

Gattung welches betrachtet wird als den Charakter der Klasse in besonderem

Grade besitzend Alle Spezies welche eine größere Verwandtschaft mit dieser

TypusSpezies als mit anderen Spezies haben bilden die Gattung und werden um

sie gruppiert indem sie in verschiedenen Richtungen und Graden davon abweichen

So kann eine Gattung aus verschiedenen Spezies bestehen welche dem Typus sehr

nahe kommen und deren Anspruch auf einen Platz neben ihm augenscheinlich ist

während es andere Spezies geben kann welche weiter von diesem Zentralknoten

abschweifen und welche dennoch offenbar mehr damit zusammenhängen als mit

irgend einem anderen Und wenn es auch Spezies gäbe deren Platz zweifelhaft

ist und welche zwei Gattungstypen gleich gut anzugehören scheinen so sieht man

doch leicht dass dies die Realität der generischen Gruppen nicht zerstören

würde so wenig wie die über die zwischenliegende Ebene zerstreuten Bäume uns

verhindern von den unterschiedenen Wäldern zweier getrennter Hügel zu sprechen

    Die TypusSpezies jeder Gattung die TypusSpezies einer jeden Familie ist

also eine Spezies welche alle Charaktere und Eigenschaften dieser Gattung in

einer markierten und hervorstechenden Weise besitzt Der Typus der Familie der

Rosazeen hat wechselständige Blätter mit Nebenblättchen vergehen Mangel an

Albumen die Eichen nicht aufrechtstehend einfache Narben und außer diesen

Zügen welche ihn von den Ausnahmen oder Varietäten dieser Klasse unterscheiden

besitzt er Züge welche ihn in seiner eigenen Klasse hervorragen lassen Er ist

einer von den Typen welcher mehrere leitende Attribute deutlich besitzt und

obgleich wir von keinem genus sagen können es müsse der Typus der Familie sein

noch von einer Spezies sie müsse der Typus der Gattung sein so sind wir darum

nicht in die Notwendigkeit versetzt zu suchen der Typus muss durch viele

Verwandtschaften mit den meisten anderen seiner Gruppen im Zusammenhang stehen

es muss nahe im Mittelpunkte der Gruppe stehen nicht an deren Grenze«

    In dieser Stelle deren letzten Teil ich als ein bewunderungswürdiges

Beispiel eines philosophischen Styles anführe hat Herr Whewell sehr klar und

deutlich aber wie ich glaube nicht mit allen nötigen Distinktionen eines

der Prinzipien einer natürlichen Klassifikation dargelegt Welches Prinzip es

ist welches seine Grenzen sind und in welcher Weise er sie mir überschritten

zu haben scheint wird klar werden wenn wir eine andere und wie mir scheint

fundamentalere Regel einer natürlichen Anordnung werden aufgestellt haben

    

     4 Der Leser ist nun vertraut mit der allgemeinen Wahrheit die ich der

großen Verwirrung wegen von der sie gewöhnlich umgeben ist so oft wieder

anführe dass es in der Natur Distinktionen der Art gibt Distinktionen die

nicht in einer gegebenen Anzahl von bestimmten Eigenschaften plus den daraus

hervorgehenden Wirkungen bestehen sondern die sich durch die ganze Natur durch

die Attribute im allgemeinen der unterschiedenen Dinge ziehen Unsere Kenntnis

der Eigenschaften einer Art ist niemals vollständig wir entdecken fortwährend

neue Eigenschaften an ihr und erwarten sogar sie zu entdecken Wo der

Unterschied zwischen zwei Classen von Dingen nicht ein Unterschied der Art ist

da erwarten wir zu finden dass ihre Eigenschaften ähnlich sind ausgenommen da

wo ein Grund für einen Unterschied vorhanden istIst es dagegen ein Unterschied

der Art so erwarten wir sie in ihren Eigenschaften verschieden zu finden wenn

nicht ein Grund für ihre Ähnlichkeit vorhanden ist. Alle Kenntnis der Art muss

durch Beobachtung der Art selbst und das Experiment damit erworben werden keine

Folgerung in Beziehung auf ihre Eigenschaften aus den Eigenschaften der Dinge,

die nicht durch die Art damit verbunden sind, ist etwas mehr als jene

gemeiniglich als eine Analogie charakterisierte Vermutung und gewöhnlich in

einem ihrer schwächsten Grade

    Da die gemeinschaftlichen Eigenschaften einer wahren Art und folglich auch

die allgemeinen Behauptungen welche in Beziehung auf dieselbe aufgestellt

werden können oder gewiss aufgestellt werden so wie sich unser Wissen

erweitert unbestimmt und unerschöpflich sind und da es das erste Prinzip der

natürlichen Klassifikation ist die Classen so zu bilden dass die sie

zusammensetzenden Gegenstände die größte Anzahl von gemeinschaftlichen

Eigenschaften haben so schreibt dieses Prinzip vor dass eine jede derartige

Klassifikation alle Distinktionen der Art die zwischen den von ihr

klassifizierten Gegenständen existieren anerkenne und in sich aufnehme

Distinktionen der Art übergehen und bestimmte Distinktionen substituieren die

wie wichtig sie auch sein mögen nicht auf letzte unbekannte Unterschiede

hinweisen hieße an die Stelle von Classen mit mehr gemeinschaftlichen

Attributen Classen mit weniger setzen und würde die natürliche Methode der

Klassifikation umwerfen

    Demgemäß sind alle natürliche Anordnungen es mögen diejenigenwelche sie

aufstellten die Realität der Distinktion von Arten gefühlt haben oder nicht

durch das bloße Verfolgen ihres eigenen Zieles veranlasst worden sich nach den

Distinktionen der Art so weit sie zu der Zeit bekannt waren zu richten Die

Pflanzenspezies sind nicht allein wirkliche Arten sondern auch wahrscheinlich

163 alle wirkliche unterste Arten infimae species und wenn wir sie in

Unterklassen abtheilen würden was uns natürlich freisteht zu tun so würde die

Unterabtheilung notwendig auf bestimmte Distinktionen gegründet sein die

außer dem was von ihren Ursachen oder Wirkungen bekannt sein mag auf keinen

anderweitigen weiteren Unterschied mehr hinweisen

    Insofern eine natürliche Klassifikation auf wirkliche Arten gegründet ist

sind ihre Gruppen gewiss keine konventionellen es ist vollkommen wahr dass sie

nicht von der willkürlichen Wahl des Naturforschers abhängig sind Aber daraus

folgt nicht und ich halte es auch nicht für wahr dass diese Classen durch

einen Typus und nicht durch Charaktere bestimmt werden. Sie durch den Typus zu

bestimmen, wäre ein ebenso sicherer Weg um die Art zu verfehlen als wenn wir

eine Anzahl von Charakteren willkürlich wählen würden Sie werden durch

Charaktere bestimmt jedoch nicht durch willkürliche Die Aufgabe besteht darin,

wenige bestimmte Charaktere zu finden welche auf eine Menge von unbestimmten

Charakteren hinweisen Arten sind Classen welche durch eine unübersteigliche

Mauer getrennt sind und wir müssen die Merkmale suchen wonach wir entscheiden

auf welcher Seite der Mauer ein Gegenstand seinen Platz erhalten soll

Diejenigen Charaktere welche dies am besten tun müssen gewählt werden sind

sie an und für sich wichtig so ist dies um so besser Wenn wir diese Charaktere

gewählt haben so verteilen wir die Gegenstände nach diesen Charakteren und

nicht wie ich glaube nach der Ähnlichkeit mit einem Typus Wir setzen die

Spezies Ranunculus acris nicht aus allen Blumen zusammen welche einen

hinreichenden Grad von Ähnlichkeit mit einer MusterButterblume haben sondern

aus den Blumen welche gewisse Charaktere besitzen die als Merkmale gewählt

wurden durch welche wir die Möglichkeit einer Verwandtschaft erkennen und die

Aufzählung dieser Charaktere ist die Definition der Spezies

    Es entsteht zunächst die Frage ob da alle Arten einen Platz unter den

Classen haben müssen auch alle Classen einer natürlichen Anordnung Arten sein

müssen Gewiss nicht Die Unterschiede der Art sind nicht zahlreich genug um

die ganze Basis der Klassifikation abzugeben Sehr wenige von den Gattungen oder

sogar von den Familien der Pflanzen können mit Gewissheit für Arten ausgegeben

werden Die großen Distinktionen von Vaskulär und Zellulär Dicotyledonisch

oder Exogen und Monocotyledonisch oder Endogen sind vielleicht Unterschiede der

Art die Demarkationslinien welche diese Classen scheiden scheinen obgleich

ich auch dies nicht positiv behaupten möchte durch die ganze Natur der Pflanzen

zu gehen Aber die verschiedenen Spezies eines Genus oder der Genera einer

Familie haben gewöhnlich nur eine begrenzte Anzahl von Charakteren gemein Eine

Rosa scheint sich von einem Rubus die Umbelliferen scheinen sich von den

Ranunculaceen in nicht viel mehr als gerade in den Charakteren zu unterscheiden

die diesen Gattungen oder diesen Familien von der Botanik beigelegt werden Bei

manchen existieren gewiss unzählige Verschiedenheiten es gibt Pflanzenfamilien

welche Eigentümlichkeiten in der chemischen Zusammensetzung darbieten oder

welche Produkte geben die eine eigentümliche Wirkung auf den tierischen

Organismus haben Die Cruciferen und Schwämme enthalten eine ungewöhnliche Menge

Stickstoff die Labiaten sind die Hauptquellen der ätherischen Öl die

Solaneen sind gewöhnlich narkotisch etc In diesen und ähnlichen Fällen bestehen

möglicherweise Unterschiede der Art es ist aber keineswegs notwendig dass sie

vorhanden seien Obgleich durch eine begrenzte Anzahl von Eigenschaften

unterschieden können Gattungen und Familien doch außerordentlich natürlich

sein wenn diese Eigenschaften nur wichtige sind und wenn die in jeder Gattung

oder Familie enthaltenen Gegenstände einander mehr gleichen als etwas Anderem

das aus der Gattung oder Familie ausgeschlossen ist

    Nach der Erkennung und Definition der infimae species isst also der nächste

Schritt diese infimae species in größere Gruppen zu ordnen indem wir diese

Gruppen überall wo es möglich ist Arten entsprechen lassen in den meisten

Fällen wird dies jedoch nicht geschehen können Es ist wahr dass wir hierbei

naturgemäß und eigentlich von einer Ähnlichkeit mit dem Typus geleitet werden

wenigstens in den meisten Fällen Wir bilden unsere Gruppen um gewisse

auserwählte Arten herum wovon eine jede ihrer Gruppe als eine Art Muster dient

Aber obgleich diese Gruppen nach Typen aufgestellt sind so kann ich doch nicht

glauben dass eine Gruppe nach ihrer Bildung durch den Typus determiniert sei

dass man bei der Entscheidung der Frage ob eine Spezies dieser Gruppe angehört

den Typus und nicht die Charaktere berücksichtige dass »die Charaktere nicht in

Worten ausgedrückt werden können.« Diese Behauptung ist im Widerspruch mit Herrn

Whewells eigener Angabe des fundamentalen Prinzips der Klassifikation wonach

»allgemeine Behauptungen möglich sein sollen« Wenn aber die Klasse keine

Eigenschaften gemein hätte welche allgemeine Behauptungen könnten dann in

Beziehung auf sie aufgestellt werden Ausgenommen dass sie alle einander mehr

gleichen als einem anderen Dinge könnte nichts von der Klasse ausgesagt werden

    Die Wahrheit ist dass im Gegenteil eine jede Gattung oder Familie mit

besonderer Rücksicht auf gewisse Charaktere aufgestellt und vor allem und

hauptsächlich aus Spezies zusammengesetzt istwelche darin übereinstimmen dass

sie alle jene Charaktere besitzen Diesen Spezies ist als eine Art Anhang eine

gewöhnlich geringe Anzahl anderer Spezies hinzugefügt welche die gewählten

Eigenschaften nahezu besitzen indem der einen die eine Eigenschaft fehlt der

die andere und welche während sie mit den übrigen fast so sehr übereinstimmen

als diese unter sich in einem gleichen Grade keiner anderen Gruppe gleichen

Unser Begriff von der Klasse ist immer auf die Charaktere gegründet und die

Klasse könnte definiert werden als diejenigen Dingewelche entweder diese Reihe

von Charakteren besitzen oder welche den Dingen, die sie besitzen mehr

gleichen als irgend etwas Anderem

    Diese Ähnlichkeit ist nicht wie Ähnlichkeiten zwischen einfachen

Sensationen eine letzte der Analyse unzugängliche Tatsache Auch der

niederste Grad der Ähnlichkeit geht aus dem Besitze von gemeinsamen

Eigenschaften hervor Was der Gattung Rose mehr gleicht als einer jeden

Gattung besitzt eine größere Anzahl von den Charakteren dieser Gattung als

von einer anderen Auch kann nicht die geringste Schwierigkeit bestehen die

Natur und den Grad der Ähnlichkeit durch Aufzählung der Charaktere so strenge

darzustellen wie es erforderlich ist um irgend einen Gegenstand in die Klasse

einzuschließen Es gibt immer einige Eigenschaften die allen darin

eingeschlossenen Dingen gemein sind Manche von den eingeschlossenen Dingen

bilden in Beziehung auf andere Eigenschaften Ausnahmen aber die Gegenstände

welche Ausnahmen in Beziehung auf den einen Charakter bilden sind es nicht in

Beziehung auf den  die Ähnlichkeit welche in manchen Einzelheiten fehlt wird

in anderen vorhanden sein Die Klasse wird daher durch alle Charaktere

konstituiert welche allgemein sind und durch die meisten von denen welche

Ausnahmen zulassen Wenn eine Pflanze aufrechtstehende Eichen einfache Narbe

kein obliteriertes Albumen und keine Nebenblättchen hätte so Würde sie

wahrscheinlich nicht den Rosazeen zugeteilt werden Aber einer oder mehrere

dieser Charaktere können ihr fehlen und sie wird darum doch nicht von der

Klasse ausgeschlossen werden Den Zwecken einer wissenschaftlichen

Klassifikation wird besser entsprochen wenn man sie einschließt denn da sie

mit der Summe der Charaktere der Klasse so nahe übereinstimmt so wird sie in

ihren noch unentdeckten Eigenschaften dieser Klasse wahrscheinlich mehr als

irgend einer anderen gleichen

    Es sind daher die natürlichen Gruppen ebenso gut wie die künstlichen durch

Charaktere bestimmt sie sind in Betracht und auf Grund von Charakteren hin

aufgestellt Aber in Betracht nicht allein von Charakteren die allen in der

Gruppe eingeschlossenen Dingen streng gemein sind sondern in Betracht des

Ganzen der Charaktere die alle in den meisten dieser Gegenstände und wovon die

meisten in allen angetroffen werden. Es ist daher unsere Konzeption von der

Klasse das geistige Bild welches dieselbe repräsentiert das eines in allen

Charakteren vollständigen Exemplars natürlich eines Exemplars das da es alle

diese Charaktere in dem höchsten Grade besitzt in welchem sie zu finden sind

am besten geeignet ist deutlich zu zeigen welcher Art sie sind Mit einer

stillschweigenden Beziehung auf dieses Muster nicht anstatt der Definition

sondern zur Erläuterung derselben bestimmen wir gewöhnlich ob ein Individuum

oder eine Spezies einer Klasse angehört oder nicht Dies ist, wie mir scheint

das was an der Theorie der Typen Wahres ist

    Wir werden sogleich sehen dass da wo die Klassifikation zu dem

ausdrücklichen Zwecke einer besonderen Induktion aufgestellt wird es ohne uns

eine andere Wahl zu lassen für die Erfüllung der Bedingungen einer genauen

induktiven Methode erforderlich ist dass wir eine TypusSpezies oder Gattung

aufstehen nämlich eine solche welche das zu untersuchende besondere Phänomen

im höchsten Grade darbietet Doch hiervon hernach Um die Theorie der

natürlichen Gruppen zu vervollständigen ist es nötig noch einige Worte über

die Prinzipien einer angemessenen Nomenklatur zu sagen

    

     5 Eine Nomenklatur ist wie wir gesehen haben ein System von Namen von

Arten Diese Namen werden wie andere Klassennamen durch Aufzählung der

unterscheidenden Charaktere der Klasse definiert Das einzige Verdienst welches

eine Reihe von Namen außerdem noch haben kann besteht darin, dass sie durch

ihre Aufstellungsweise soviel Information mittheilt wie möglich so dass

derjenige welcher ein Ding kennt vom Namen alle Hülfe erhält welche derselbe

dadurch geben kann dass er ihn an das erinnert was er weise während

derjenige welcher es nicht kennt soviel Kenntnis davon erhalten kann als der

Fall zulässt wenn er bloß den Namen des Dinges hört

    Diese Art von Bedeutung kann dem Namen einer Art auf zweierlei Weise gegeben

werden. Die beste aber unglücklicherweise selten anwendbare ist die wenn das

Wort durch seine Bildungsweise die Eigenschaften angibt welche es

mitbezeichnen soll Der Name der Art mitbezeichnet natürlich nicht alle

Eigenschaften der Art indem diese unerschöpflich sind aber er mitbezeichnet

diejenigenwelche hinreichen um die Art zu unterscheiden diejenigenwelche

sichere Merkmale aller anderen sind Nun ist es Sehr selten dass eine

Eigenschaft, oder auch zwei oder drei Eigenschaften diesem Zweck entsprechen

können Es würde die Spezifizierung vieler Charaktere erfordern um die

gewöhnliche Gänseblume von allen anderen Pflanzenspezies zu unterscheiden Und

ein Name kann durch seine Etymologie oder Bildungsweise ohne für den

gewöhnlichen Gebrauch zu schwerfällig zu werden nicht mehr als eine geringe

Anzahl von Charakteren anzeigen Die Möglichkeit einer ideal vollkommenen

Nomenklatur beschränkt sich daher wahrscheinlich auf den einzigen Fall in

welchem wir glücklicherweise in Besitz von etwas ihr sehr Nahekommendem sind

ich meine die chemische Nomenklatur Die einfachen und zusammengesetzten

Substanzen von denen die Chemie handelt sind Arten und die Eigenschaften,

welche die eine Art von den anderen Arten unterscheiden sind daher unzählbar

aber die zusammengesetzten Substanzen die einfachen sind nicht zahlreich genug

um eine systematische Nomenklatur zu verlangen besitzen eine Eigenschaft, die

chemische Zusammensetzung die für sich allein hinreicht um bei einigen noch

nicht völlig verstandenen Vorbehalten die Art zu unterscheiden sie ist allein

schon ein sicheres Merkmal aller anderen Eigenschaften der Verbindung Es war

daher nichts Anderes erforderlich als den Namen einer jeden Verbindung so zu

bilden dass er beim bloßen Anhören ihre chemische Zusammensetzung ausdrückt

dh den Namen der Verbindung in einer gleichförmigen Weise aus den Namen der

einfachen Substanzen aus denen die Verbindung besteht zu bilden Dies haben

die französischen Chemiker mit großer Geschicklichkeit getan Das Einzige was

nicht von ihnen ausgedrückt wurde war das genaue Verhältnis in welchem sich

die Substanzen verbinden und seit der Aufstellung der atomistischen Theorie

fand man es ausführbar durch eine einfache Anwendung ihrer Terminologie auch

dieses auszudrücken

    Wo aber die zur Bezeichnung der Art in Betracht zu ziehenden Charaktere zu

zahlreich sind um alle bei der Ableitung des Namens aufgeführt zu werden und

wo keiner von einer solchen hervorragenden Wichtigkeit ist um allein dabei

angeführt zu werden da können wir uns eines Hilfsmittels bedienen Wenn wir

nicht die unterscheidenden Eigenschaften der Art anführen können so können wir

doch die zunächst natürlichen Verwandtschaften anführen indem wir ihrem Namen

den Namen der nächsten natürlichen Gruppe einverleiben wovon sie eine Spezies

ist Auf dieses Prinzip ist die bewunderungswürdige binäre Nomenklatur der

Botanik und der Zoologie gegründet In dieser Nomenklatur besteht der Name einer

jeden Spezies aus dem Namen der zunächst über ihr stehenden Gattung oder

natürlichen Gruppe und einem hinzugefügten Wort das die besondere Spezies

anzeigt Dieser letzte Teil des zusammengesetzten Namens ist manchmal von einer

der Eigentümlichkeiten genommen durch welche sich die Spezies von anderen

Spezies der Gattung unterscheidet wie Clematis integrifolia Potentilla alba

Viola palustris Artemisia vulgaris manchmal von einem Umstande von einer

historischen Natur wie Narcissus poeticus Potentina tormentilla anzeigend

dass man die Pflanze früher so nannte Exacum Candollii nach ihrem Entdecker

Candolle und manchmal ist das Wort rein konventionell wie Thaspi

bursavastoris Ranunculus thora es ist gleichgültig was für ein Wort es sei

da der zweite oder wie man gewöhnlich sagt der spezifische Name unabhängig

von der Übereinkunft höchstens nur einen kleinen Teil der Mitbezeichnung des

Wortes ausdrücken könnte Indem wir aber den Gattungsnamen hinzufügen geben wir

den besten Ersatz für die Unmöglichkeit den Namen so herzustellen dass er alle

unterscheidenden Charaktere der Art ausdrückt Er wird jedenfalls so viele von

den Charakteren ausdrücken als der nächsten natürlichen Gruppe in welche die

Art eingeschlossen ist gemein sind Und wenn auch diese gemeinschaftlichen

Charaktere so zahlreich oder so wenig bekannt sind dass sie eine weitere

Ausdehnung desselben Hilfsmittels erforderlich machen so könnten wir statt

einer binären eine ternäre Nomenklatur annehmen indem wir nicht allein den

Namen der Gattung sondern auch den der nächst oberen Gruppe den der Familie

gebrauchen Dies geschah in der mineralogischen Nomenklatur welche Mobs

vorschlug »Die von ihm aufgestellten Namen sind nicht aus zwei sondern aus

drei Elementen zusammengesetzt die beziehungsweise die Spezies die Gattung und

die Ordnung bezeichnen auf diese Weise erhält er Spezies wie das rhomboidale

Kalkhaloid das octaëdrale Fluorhaloid prismatischer Halbaryt«164 In der

Botanik und Zoologie hat man indessen die binäre Nomenklatur für ausreichend

gefunden es sind dies die einzigen Wissenschaften in welchen man dieses

allgemeine Prinzip bei der Aufstellung einer Nomenklatur bisher mit Erfolg

angewendet hat

    Außer dem in diesem Prinzip der Nomenklatur liegenden Vorteil den Namen

der Spezies die größte Quantität von unabhängiger Bedeutung zu geben welche

die Umstände des Falles zulassen bietet es noch den weiteren Vorteil den

Gebrauch der Namen sehr zu ersparen und zu verhindern dass dem Gedächtnis eine

allzu große Last auferlegt werde Wenn die Namen der Spezies sehr zahlreich

werden so wird wie Hr Whewell bemerkt165 ein Kunstgriff der es möglich

macht sich ihrer zu erinnern oder sie anzuwenden durchaus nötig »Die

bekannten Pflanzenspezies zB beliefen sich zu Linnés Zeit auf zehntausend und

belaufen sich jetzt wahrscheinlich auf sechzigtausend Es wäre nutzlos für eine

jede dieser Spezies einen besonderen Namen aufzustellen Die Einteilung der

Gegenstände in ein subordiniertes klassifikatorisches System setzt uns in den

Stand eine Nomenklatur einzuführen welche diese enorme Anzahl von Namen nicht

erfordert Eine jede Gattung hat ihren Namen und die Spezies wird durch

Hinzufügung eines Beiworts zum Namen der Gattung bezeichnet Auf diese Weise

fand Linné dass ungefähr siebenhundert generische und eine massige Anzahl

spezifischer Namen hinreichten um alle zu seiner Zeit bekannten Pflanzenspezies

genau zu bezeichnen« Und obgleich die Anzahl der Gattungsnamen seitdem sehr

vermehrt worden ist, so ist sie doch bei Weitem nicht in demselben Verhältnis

gewachsen wie die Anzahl der bekannten Species

 
 



 


     1 Wir haben bisher die Prinzipien der wissenschaftlichen Klassifikation

nur in soweit betrachtet als sie sich auf die Bildung von natürlichen Gruppen

beziehen und bei diesem Punkte sind die meisten von denjenigen welche eine

Theorie der natürlichen Anordnung aufzustellen unternahmen Herr Whewell mit

inbegriffen stehen geblieben Es gibt indessen noch einen anderen und nicht

weniger wichtigen Teil der Theorieder jedoch so viel mir bekannt von keinem

Schriftsteller als Herrn Comte systematisch behandelt worden ist. Es ist die

Anordnung von natürlichen Gruppen in natürliche Reihen166

    Der Zweck der Klassifikation als eines Mittels der Naturforschung ist wie

bemerkt uns zu veranlassen uns diejenigen Gegenstände vereinigt zu denken

welche die größte Anzahl von wichtigen gemeinschaftlichen Eigenschaften

besitzen und die wir daher im Laufe unserer Induktionen am häufigsten

Gelegenheit haben zusammen zu betrachten Auf diese Weise werden unsere Ideen

von den Gegenständen in eine Ordnung gebracht die unsere induktiven Forschungen

am meisten fördert Wenn aber der Zweck ist eine besondere induktive

Untersuchung zu erleichtern so ist mehr erforderlich Um diesem Zwecke zu

dienen muss die Klassifikation diejenigen Gegenstände vereinigen deren

gleichzeitige Betrachtung der Wahrscheinlichkeit nach am meisten Licht auf den

besonderen Gegenstand werfen wird Da dieser Gegenstand aus den Gesetzen irgend

eines Phänomens oder einer Reihe von zusammenhängenden Phänomenen bestellt so

muss das Phänomen selbst oder die Reihe von Phänomenen als Unterlage der

Klassifikation gewählt werden

    Die Erfordernisse einer Klassifikation welche das Studium eines besonderen

Phänomens erleichtern soll sind erstens alle Arten welche das Phänomen in

irgend einer Weise oder in irgend einem Grade darbieten in eine Klasse zu

bringen zweitens diese Arten nach dem Grade in welchem sie es darbieten in

eine Reihe zu ordnen indem man mit den Arten beginnt welche es am meisten

darbieten und mit denjenigen endet welche es am wenigsten zeigen Das

vorzüglichste Beispiel einer solchen Klassifikation bieten bis jetzt die

vergleichende Anatomie und die Physiologie denen wir daher unsere Erläuterungen

entnehmen werden

    

     2 Wir wollen annehmen der Gegenstand der Untersuchung wäre die Gesetze

des tierischen Lebens zu erforschen Nachdem wir uns eine so deutliche Idee von

dem Phänomen selbst gemacht haben als der Zustand unserer Kenntnisse es

erlaubt ist der erste Schritt alle bekannten Arten von Wesen bei welchen sich

dieses Phänomen darbietet in eine große Klasse die der Tiere zu bringen in

welchen verschiedenen Kombinationen mit anderen Eigenschaften oder in welchen

verschiedenen Graden sich auch das Phänomen bei ihnen zeigt Da einige von

diesen Arten die Erscheinung des tierischen Lebens in einem hohen andere sie

nur in einem sehr niedrigen Grade darbieten so müssen wir zunächst die

verschiedenen Arten in eine Reihe ordnen in der sie nach dem Grade wie sie das

Phänomen darbieten auf einander folgen indem wir mit dem Menschen anfangen und

mit den unvollkommensten Arten der Zoophyten endigen

    Es will dies nichts Anderes sagen als dass wir die Fälle, aus denen das

Gesetz induktiv gefolgert werden soll in die Ordnung zu bringen haben welche

in einer unserer vier Methoden der experimentalen Forschung inbegriffen ist

nämlich in der Methode der sich begleitenden Veränderungen In Fällen wo wir

nur beschränkte Mittel besitzen um durch künstliche Experimente eine Trennung

der gewöhnlich verbundenen Umstände zu bewirken ist wie früher bemerkt wurde

diese Methode oft die einzige ZU der wir unsere Zuflucht nehmen können wenn

wir mit Sicherheit zu einem wahren Schlüsse gelangen wollen Das Prinzip der

Methode ist dass Tatsachen welche mit einander zunehmen oder mit einander

abnehmen und verschwinden entweder Ursache und Wirkung von einander, oder

Wirkungen einer gemeinschaftlichen Ursache sind Wenn es ermittelt worden ist,

dass diese Beziehung zwischen den Veränderungen wirklich existiert so kann der

Zusammenhang zwischen den Tatsachen selbst mit Zuversicht entweder als ein

Naturgesetz oder je nach den Umständen als ein bloßes empirisches Gesetz

aufgestellt werden

    Dass der Anwendung dieser Methode die Bildung einer Reihe wie wir sie

beschrieben haben vorhergehen muss ist zu augenfällig um nachgewiesen zu

werden und die bloße Anordnung einer Anzahl von Gegenständen in eine Reihe je

nach den Graden in welchen sie eine Tatsache darbieten deren Gesetz gesucht

wird wird durch die Erfordernisse unserer induktiven Operationen zu deutlich

geboten um hier einer weitläufigen Erörterung zu bedürfen Es gibt aber Fälle

in denen die für den besonderen Zweck erforderliche Anordnung zum bestimmenden

Prinzip der Klassifikation derselben Gegenstände zu allgemeinen Zwecken wird

Dies wird natürlich dann eintreffen wenn diese Gesetze der Gegenständewelche

in der speziellen Untersuchung gesucht werden an dem allgemeinen Charakter und

der Geschichte dieser Gegenstände einen so großen Antheil haben  einen so

großen Einfluss auf die Phänomene besitzen wovon sie entweder die Agentien

oder der Schauplatz sind   dass alle anderen zwischen den Gegenständen

bestehenden Unterschiede passenderweise als bloße Modifikationen des einen

gesuchten Phänomens dass sie als Wirkungen betrachtet werden, die durch die

Mitwirkung eines zufälligen Umstandes mit den Gesetzen dieses Phänomens

determiniert sind So können bei lebenden Wesen die Unterschiede zwischen der

einen und der anderen Klasse von Tieren vernunftgemäß als bloße

Modifikationen des allgemeinen Phänomens tierisches Leben betrachtet werden;

von Modifikationen welche entweder aus den verschiedenen Graden entstehen in

denen sich dieses Phänomen bei den verschiedenen Tieren zeigt oder aus der

Vermischung der Wirkungen von zufälligen der Natur eines jeden Tieres

eigentümlichen Ursachen mit den Wirkungen die durch die allgemeinen Gesetze

des Lebens hervorgebracht werden; indem diese Gesetze immer noch einen

vorherrschenden Einfluss auf das Resultat ausüben Da sich dies so verhält so

kann keine induktive Untersuchung in Beziehung auf Tiere anders geführt werden

als mit Unterordnung unter die große Untersuchung über die allgemeinen Gesetze

des tierischen Lebens und die Klassifikation der Tiere welche diesem Zwecke

am besten entspricht ist die geeignetste für alle anderen Zwecke der Zoologie

    

     3 Um eine derartige Klassifikation aufzustellen oder auch um eine

bereits aufgestellte zu verstehen bedarf es des Vermögens die wesentliche

Ähnlichkeit eines Phänomens in seinen niedrigeren Graden und dunkleren Formen

mit dem was man dasselbe Phänomen in seiner vollkommensten Entwickelung nennt

zu erkennen  dh des Vermögens alle Phänomene mit einander zu identifizieren

welche sich nur dem Grade nach und in Eigenschaften unterscheiden von denen wir

voraussetzen dass sie durch Unterschiede des Grades hervorgebracht wurden Um

diese Identität oder genaue Ähnlichkeit der Eigenschaften zu erkennen ist die

Annahme einer TypusSpezies unerlässlich Als Typus der Klasse müssen wir

diejenige von ihren Arten annehmen welche die die Klasse konstituierenden

Eigenschaften in dem höchsten Grade darbietet indem wir die anderen Varietäten

gleichsam als Ausartungen von diesem Typus betrachten als durch geringere

Intensität der charakteristischen Eigenschaft oder Eigenschaften davon

abweichend Denn ein jedes Phänomen wird caeteris paribus am besten da

studiert wo es in der größten Intensität vorhanden ist. Nur da werden die

Wirkungen, welche entweder von ihm oder von derselben Ursache wie es abhängen

ebenfalls in dem höchsten Grade vorhanden sein Nur da können wir folglich seine

Wirkungen oder die mit ihm verbundenen Wirkungen völlig erkennen so dass wir

ihre niedrigeren Grade oder sogar ihre bloßen Rudimente in Fällen zu erkennen

lernen in welchen ein direktes Studium schwierig oder auch unmöglich ist nicht

zu erwähnen dass das Phänomen in seinen höchsten Graden von Wirkungen oder von

kollateralen Umständen begleitet sein kann die in den unteren Graden gar nicht

vorkommen indem sie zu ihrer Erzeugung eine größere Intensität der Ursache

verlangen als sich bei ihnen vorfindet Bei dem Menschen zB der Spezies wo

der höchste Grad des tierischen sowohl als auch des organischen Lebens zu

finden ist entwickeln sich im Laufe seiner belebten Existenz viele

untergeordnete Phänomene die sich bei den niederer Tierclassen nicht zeigen

Die Kenntnis dieser Eigenschaften kann aber dennoch für die Entdeckung der

Bedingungen der allgemeinen Lebenserscheinungen welche der Mensch mit diesen

niederen Tierklassen gemein hat von Nutzen sein Und sie werden auch ganz

angemessen als Eigenschaften der belebten Natur selbst betrachtet weil sie

offenbar den allgemeinen Gesetzen der belebten Natur affiliiert sein können weil

wir ganz gut annehmen können dass Rudimente oder schwache Grade dieser

Eigenschaften durch bessere Organe als die unsrigen oder auch durch

vollkommenere Instrumente wahrgenommen werden könnten und weil diejenigen

Eigenschaften ganz korrekt Eigenschaften einer Klasse genannt werden können,

welche ein Ding genau in dem Verhältnis zeigt als es der Klasse angehört dh

im Verhältnis als es das konstitutive Attribut der Klasse besitzt

    

     4 Es bleibt uns noch zu betrachten wie die innere Abtheilung der Klasse

am besten stattfindet in welcher Weise sie in Ordnungen Familien und Gattungen

einzuteilen ist

    Das oberste Prinzip der Einteilung muss natürlicherweise die natürliche

Verwandtschaft sein die aufgestellten Classen müssen natürliche Gruppen sein

deren Bildung hinlänglich abgehandelt wurde Aber das Prinzip der natürlichen

Gruppierung muss sich dem Prinzip der natürlichen Reihen unterordnen Die

Gruppen dürfen nicht so hergestellt werden dass man in dieselbe Gruppe Dinge

bringt welche verschiedene Stufen der allgemeinen Scala einnehmen sollten Die

zu diesem Zwecke zu beobachtende Vorsicht besteht darin, dass die primären

Abtheilungen nicht auf alle Distinktionen ohne unterschied sondern nur auf

diejenigen gegründet werden welche Abweichungen in den Graden des

Hauptphänomens entsprechen Man sollte die Reihe der belebten Natur genau an den

Punkten unterbrechen wo die Veränderung in dem Grade der Intensität des

Hauptphänomens wie sie durch die hauptsächlichen Charaktere wie Empfindung

Gedanken willkürliche Bewegung etc markiert wird von deutlichen Veränderungen

in den verschiedenen Eigenschaften des Tieres begleitet werden Solche

wohlmarkierten Veränderungen finden zB da statt wo die Klasse Mummalia

aufhört da wo sich die Fische von den Insekten die Insekten von den Mollusken

trennen usw Wenn die primären natürlichen Gruppen in dieser Weise gebildet

wurden so setzen sie die Reihe ohne weitere Unterabtheilung durch bloße

Juxtaposition zusammen indem eine jede von ihnen einer bestimmten Abtheilung

der Reihe entspricht In ähnlicher Weise sollte wo möglich eine jede Familie so

unterabtheilt werden dass ein Teil von ihr höher und der andere tiefer steht

obgleich in der allgemeinen Reihe aneinanderstoßend und nur wenn dies

unmöglich istist es erlaubt die übrigen Unterabtheilungen auf Charaktere zu

gründen die keinen bestimmteren Zusammenhang mit dem Hauptphänomen haben

    Wo das Hauptphänomen alle anderen Eigenschaften auf welche eine

Klassifikation gegründet werden könnte an Wichtigkeit so sehr übertrifft wie

bei der belebten Existenz da wird eine beträchtliche Abweichung von der zuletzt

aufgestellten Regel durch das erste Prinzip einer natürlichen Anordnung durch

das Prinzip, die Gruppe nach den wichtigsten Charakteren zu bilden hinlänglich

verhütet Alle Versuche einer wissenschaftlichen Klassifikation der Tiere sind

seit dem ersten erfolgreichen Studium ihrer Anatomie und Physiologie mit einer

gewissen instinktiven Beziehung auf eine natürliche Reihe gemacht worden und

stimmten mit der Klassifikation welche am natürlichsten auf eine solche Reihe

gegründet worden wäre in viel mehr Punkten überein als sie davon differierten

Die Übereinstimmung war jedoch nicht immer vollständig und es ist häufig noch

ein Gegenstand der Diskussion welche von den verschiedenen Klassifikationen am

besten mit der wahren Intensitätsscala des Hauptphänomens übereinstimmt Cuvier

zBist mit Recht getadelt worden dass er seine natürlichen Gruppen zu sehr

auf den Ernährungsmodus gegründet hat auf einen Umstand der nur mit dem

organischen Leben direkt zusammenhängt und zu einer Anordnung führt die den

Zwecken einer Erforschung der Gesetze des tierischen Lebens wenig angepasst

ist da sowohl die fleischfressenden als auch die grasfressenden oder

früchtefressenden Thiele fast von einem jeden Grade der Vollkommenheit gefunden

werden Die Klassifikation von Blainville haben hohe Autoritäten für frei von

diesem Mangel gehalten indem dieselbe durch die bloße Anordnung der Gruppen

die allmälige Ausartung der tierischen Natur von dem höchsten bis zu dem

unvollkommensten Beispiele korrekt darstellt

    

     5 Eine Klassifikation eines einigermaßen großen Theiles vom Gebiete

der Natur nach den obigen Prinzipien hat man bisher nur in einem einzigen

großen Falle ausführbar gefunden nämlich bei den Tieren Bei den Pflanzen ist

die natürliche Anordnung nicht über die Bildung von natürlichen Gruppen

hinausgegangen Die Naturforscher fanden es unmöglich und werden es

wahrscheinlich auch fernerhin unmöglich finden aus diesen Gruppen eine Reihe zu

bilden deren Glieder der wirklichen Abstufung in den Phänomenen des vegetativen

oder organischen Lebens entsprechen Ein solcher Unterschied des Grades Hesse

sich nachweisen zwischen der Klasse der Gefäßpflanzen und der Klasse der

Zellenpflanzen welche die Moose die Algen und andere Pflanzen einschließen

deren Organisation einfacher und rudimentärer ist als die der höheren Ordnungen

und die sich daher der unorganischen Natur mehr nähern Wenn wir aber über

diesen Punkt weit hinausgehen so finden wir keinen erkennbaren Unterschied in

dem Grade in dem die verschiedenen Pflanzen die Eigenschaften der Organisation

und des Lebens besitzen Die Dikotyledonen haben eine verwickeltere Struktur

eine etwas vollkommenere Organisation als die Monokotyledonen und einige

dicotyledonische Familien wie die Compositae besitzen eine verwickeltere

Organisation als die übrigen Aber die Verschiedenheiten sind von keinem

hervorragenden Charakter und versprechen nicht ein besonderes Licht auf die

Bedingungen und die Gesetze des Lebens und der Entwickelung der Pflanze zu

werfen Täten sie dies so müsste die Klassifikation der Pflanzen wie die der

Tiere mit Rücksicht auf die angedeutete Scala oder Reihe stattfinden

    Obgleich die wissenschaftliche Anordnung der organischen Natur bis jetzt das

einzige vollständige Beispiel der wahren Prinzipien einer rationellen

Klassifikation in Betreff von Gruppen oder Reihen darbietet so sind diese

Prinzipien doch auf alle Fälle anwendbar in denen der Mensch berufen ist die

verschiedenen Theile eines ausgedehnten Gegenstandes in eine geistige

Koordination zu bringen Sie dienen ebenso gut wenn die Gegenstände zu Zwecken

der Kunst und der Geschäfte als wenn sie zu Zwecken der Wissenschaft zu

klassifizieren sind Die geeignete Anordnung eines Gesetzbuchs zB hängt von

denselben wissenschaftlichen Bedingungen ab wie die Klassifikation der

Naturgeschichte und es kann keine bessere Vorbereitung zu einem so wichtigen

Geschäft geben als das Studium der Prinzipien der natürlichen Anordnung nicht

allein im Abstrakten sondern auch in ihrer wirklichen Anwendung auf die Klasse

von Naturerscheinungen für welche sie zuerst ausgearbeitet wurden und welche

immer noch die beste Schule zum Erlernen ihres Gebrauches sind Dies wusste die

große Autorität in der Gesetzgebung Bentham ganz wohl und sein früheres

Fragment über den Staat Fragment on Government die bewunderungswürdige

Einleitung zu einer Reihe von in ihrem Gebiete unübertroffenen Schriften

enthält so weit sie gehen klare und richtige Ansichten über die Bedeutung

einer natürlichen Anordnung wie sie einem vor Linné und Bernard de Jussieu

Lebenden kaum in den Sinn kommen konnten

 

        Die von dem Übersetzer des vorliegenden Werkes schon im Jahre 1842 in

        die organische Chemie eingeführten progressiven oder homologen Reihen

        welche der Chemie seitdem so wesentliche Dienste geleistet haben

        erläutern das Prinzip der Reihenclassification auf eine wie ich glaube

        sehr beachtenswerte Weise In Betreff dieser Reihen vergleiche man J

        Schiel Einleitung in das Studium der organischen Chemie S 167 oder

        auch Annalen der Chemie und Pharmazie von Liebig Wöhler und Kopp Bd

        CXVI S 107  J S Zusatz des Übers

 
 



 


            »Errare non modo affirmando et negando sed etiam sentiendo et in

            tacita hominum cogitatione contingit«  Hobbes Computatio sive

            Logica ch v

            

            »Il leur semble quil ny a quà douter par fantaisie et quil ny

            a quà dire en général que notre nature est infirme que notre

            esprit est plein daveuglement quil faut avoir un grand soin de se

            défaire de ses préjugés et autres choses semblables Ils pensent

            que cela suffit pour ne plus se laisser séduire à ses sens et pour

            ne plus se tromper du tout Il ne suffit pas de dire que lesprit

            est foible il faut lui faire sentir ses foiblesses Ce nest pas

            assez de dire quil est sujet à lerreur il faut lui découvrir en

            quoi consistent ses erreurs«  Malebranche Recherche de la Vérité

            

            Das Unendliche und das Absolute sind nur die Namen von zwei

            entgegengesetzten in Eigenschaften der Dinge verwandelten

            Schwachheiten des menschlichen Geistes  von zwei in objektive

            Bejahungen verwandelten subjektiven Verneinungen  Sir William

            Hamilton Disc on Phil

 
 





     1 Es war eine Maxime der Scholastiker dass  »contrariorum eadem est

scientia«  wir niemals ein Ding wirklich kennen wenn wir nicht auch im Stande

sind sein Entgegengesetztes hinreichend zu erklären Dieser Maxime zufolge ist

in den meisten Lehrbüchern der Logik der Lehre von den Fehlschlüssen ein weiter

Raum gewidmet und dieser Brauch ist so empfehlenswert dass wir ihn auch hier

beobachten wollen Wenn die Philosophie des Schließens vollständig sein soll

so muss sie sowohl die Theorie des schlechten als auch des guten Schließens

umfassen

    Wir haben versucht die Prinzipien festzustellen durch welche die

Zulänglichkeit eines Beweises geprüft und die Natur und die Stärke eines

Beweises wie er für die Zulässigkeit eines Schlusses erforderlich ist zum

voraus bestimmt werden kann. Wenn diese Prinzipien befolgt würden so würde man

obgleich die Anzahl und der Werth der Wahrheiten immer von dem Glücke oder von

dem Fleiß der Geschicklichkeit und der Geduld des Forschers abhängen werden

wenigstens nicht nach dem Irrtum anstatt nach der Wahrheit greifen Aber die

auf ihre Erfahrung gegründete allgemeine Übereinstimmung der Menschen in ihren

Meinungen zeigt dass sie sogar von dieser negativen Vollkommenheit in dem

Gebrauche ihres Vermögens Schlüsse zu ziehen weit entfernt sind

    In der Praxis des Lebens  bei der Ausübung der praktischen Geschäfte der

Menschen  sind falsche Schlüsse unrichtige Auslegungen der Erfahrung, wenn

nicht eine hohe Ausbildung des Denkvermögens vorausgeht absolut unvermeidlich

und bei den meisten Menschen sind nachdem sie den höchsten Grad der für sie

erreichbaren Ausbildung erlangt haben irrige Folgerungen welche entsprechende

Irrtümer in ihrer Praxis erzeugen bejammernswert häufig Sogar in den

Spekulationen denen sich die höchsten Geister systematisch gewidmet haben und

in Beziehung auf welche der Kollektivgeist der gesamten wissenschaftlichen Welt

immer bereit war die Bemühungen der Einzelnen zu unterstützen und ihre

Irrtümer zu verbessern sind Meinungen welche nicht auf eine richtige

Induktion gegründet waren zuletzt nur aus den vollkommeneren Wissenschaften aus

denjenigen verbannt worden deren Gegenstand am wenigsten verwickelt ist Bei

den Untersuchungen welche sich auf die verwickelteren Erscheinungen des

Universums beziehen und besonders bei denen welche sich auf die Erscheinungen

beziehen deren Gegenstand der Mensch ist sei es als ein moralisches und

intellektuelles sei es als ein soziales oder auch als ein physisches Wesen,

ist die Verschiedenheit zwischen den Meinungen kenntnisreicher Männer und die

gleiche Zuversicht mit der sie bei ganz entgegengesetzten Denkweisen an ihren

respektive Sätzen hängen ein Beweis nicht bloß dass man die richtigen Modi

des Philosophierens über diese Gegenstände noch nicht allgemein angenommen hat

sondern auch dass man ganz falsche angenommen hat dass die Philosophen im

allgemeinen nicht allein die Wahrheit verfehlt sondern auch dass sie den

Irrtum angenommen haben dass sogar die gebildetsten Menschen noch nicht

gelernt haben keine Schlüsse zu ziehen die nicht durch Beweise gestützt sind

    Der einzige vollständige Schutz gegen falsches Schließen ist die Gewohnheit

gut zu schließen die Vertrautheit mit den Prinzipien des richtigen Schließens

und die Übung in deren Anwendung Es ist indessen nicht ohne Wichtigkeit zu

betrachten welcher Art die gewöhnlichsten Modi des schlechten Schließens sind

durch welche Erscheinungen der Geigt am leichtesten von der Beachtung der wahren

Prinzipien der Induktion abgelenkt wird kurz welcher Art die gewöhnlichsten

und gefährlichsten Varietäten von Scheinbeweisen sind durch welche die Menschen

zu Meinungen verleitet werden für welche in Wirklichkeit kein gültiger Beweis

existiert

    Ein Verzeichnis der verschiedenen Scheinbeweise ist eine Aufzählung der

Trugschlüsse Ohne eine solche Aufzählung würde das vorliegende Werk in einem

wesentlichen Punkte mangelhaft sein und während die Schriftsteller welche nur

die Lehre von dem Syllogismus abhandelten ihre Bemerkungen auf diejenigen

Fehlschlüsse beschränkten welche hierbei vorkommen müssen wir da wir das

ganze Verfahren bei der Erforschung der Wahrheit abzuhandeln unternommen haben

unserer Anleitung dasselbe richtig zu vollziehen noch die Warnung hinzufügen

es in keinem seiner Theile unrichtig zu vollziehen es sei der syllogistische

oder der experimentelle Teil des Verfahrens fehlerhaft oder der Fehler liege

darin dass man sich des Syllogismus und der Induktion gänzlich überhebt

    

     2 Bei der Betrachtung der Quellen unbegründeter Folgerungen ist es

unnötig diejenigen Quellen zu berücksichtigen welche nicht aus einer falschen

Methode oder auch aus einer Unkenntnis der richtigen sondern aus einem

zufälligen Fehler aus Übereilung oder Unaufmerksamkeit bei der Anwendung der

richtigen Prinzipien der Induktion entspringen Dergleichen Irrtümer erfordern

so wenig wie Irrtümer welche beim Summieren von Zahlen begangen werden eine

philosophische Analyse oder Klassifikation theoretische Betrachtungen können

kein Licht auf die Mittel werfen sie zu vermeiden In der vorliegenden

Abhandlung ist unsere Aufmerksamkeit nicht der bloßen Unerfahrenheit in der

richtigen Ausübung dieser Operation deren einzige Gegenmittel größere

Aufmerksamkeit und fleißige Übung sind sondern der Betrachtung des

fundamental falschen Weges gewidmet auf dem sie vollzogen wird den

Bedingungen unter denen sich der menschliche Geist überredet dass er

hinreichenden Grund zu einem Schluss habe zu dem er nicht durch eine der

legitimen Methoden der Induktion gelangt ist und welchen er nicht einmal

oberflächlich durch diese Methoden zu prüfen versucht hat

    

     3 Es gibt noch einen anderen Zweig von dem was man die Philosophie des

Irrtums nennen könnte dessen wir hier erwähnen müssen wenn auch nur um ihn

aus unseren Betrachtungen auszuschließen Die Irrtümer fließen aus zwei

Quellen aus moralischen und aus intellektuellen Die moralischen fallen nicht

in den Bereich dieses Werkes Sie lassen sich unter zwei Rubriken bringen

Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit und Neigungen der gewöhnlichste Fall ist,

dass wir durch unsere Wünsche gelenkt werden aber unsere Neigung zur

ungehörigen Annahme eines Schlusses ist fast gleich groß der Schluss mag für

uns angenehm oder unangenehm sein wenn er von der Art ist dass er stärkere

Leidenschaften in Tätigkeit bringt Personen von einem schüchternen Charakter

sind um so mehr geneigt irgend eine Aussage zu glauben je mehr sie dadurch

erschreckt werden Es ist in der Tat ein aus den allgemeinsten Gesetzen der

geistigen Konstitution der Menschen ableitbares psychologisches Gesetz dass

eine jede starke Leidenschaft uns in Beziehung auf Gegenstände, die geeignet

sind diese Leidenschaft anzuregen leichtgläubig macht

    Aber obgleich die moralischen Ursachen unserer Meinungen sehr mächtig sind

so sind sie doch nur entfernte Ursachen sie wirken nicht unmittelbar sondern

nur durch die intellektuellen Ursachen zu denen sie in demselben Verhältnis

stehen wie die in der Medizin prädisponierende Ursachen genannten Umstände zu

den erregenden Ursachen Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit kann nicht an und

für sich Irrtum erzeugen sie wirkt dadurch dass sie den Geist verhindert die

eigentlichen Beweise zu folgern oder sie durch eine strenge und richtige

Induktion zu prüfen durch dieses Versäumnis wird er schutzlos dem Einfluss

einer jeden Art von Scheinbeweis ausgesetzt die sich spontan darbietet oder die

aus jener geringeren Mühe hervorgeht welcher sich der Geist vielleicht willig

unterzieht Ebenso wenig sind Neigungen eine direkte Quelle falscher Schlüsse

Wir können eine Behauptung nicht darum glauben weil wir sie nur zu glauben

wünschen oder fürchten Die heftigste Neigung eine Reihe von Behauptungen wahr

zu finden wird auch den schwächsten Menschen nicht fähig machen sie ohne alle

Spur von geistigen Gründen ohne einen Beweis wenn auch einen scheinbaren zu

glauben Sie kann nur indirekt wirken indem sie die geistigen Gründe des

Glaubens in einer unvollständigen oder verdrehten Gestalt vor sein Auge bringt

Sie macht dass er vor der mühsamen Arbeit einer strengen Induktion

zurückschreckt indem er die Besorgnis hegt ihre Resultate könnten unangenehm

sein sie verursacht in einer Prüfung wie er sie vornimmt dass er das was bis

zu einem gewissen Grade willkürlich ist nämlich seine Aufmerksamkeit auf

ungeeignete Weise gebraucht indem er einen größeren Teil derselben auf den

Beweis richtet der dem gewünschten Schluss günstig einen geringeren Teil auf

den Beweis der ihm ungünstig scheint Auch macht sie dass er eifrig nach

Gründen oder scheinbaren Gründen sucht um damit Meinungen zu stützen die mit

seinen Interessen oder seinen Gefühlen übereinstimmen oder um Meinungen die

diesen widerstreiten zu widerstehen und wenn die Interessen oder die Gefühle

einer großen Anzahl von Menschen gemein sind so werden Gründe angenommen und

in Umlauf gesetzt auf die man nicht einen Augenblick als auf Gründe hören

würde wenn für den Schluss nicht etwas mächtigeres spräche als seine Gründe

Die natürlichen oder die erworbenen Parteilichkeit der Menschen lassen

fortwährend philosophische Theorien entstehen deren ganze Empfehlung in den von

ihnen dargebotenen Prämissen besteht um wertgehaltene Lehren zu beweisen oder

Lieblingsgefühle zu rechtfertigen und wenn eine dieser Theorien so sehr in

Misskredit geraten ist dass sie dem Zwecke nicht ferner mehr dienen kann so

ist stets eine andere bereit ihren Platz einzunehmen Wenn diese Neigung zu

Gunsten einer weitverbreiteten Überzeugung oder Denkungsart ausgeübt wird so

schmückt sie sich häufig mit schmeichelhaften Beiwörtern und die

entgegengesetzte Gewohnheit die Gewohnheit das Urteil in vollständiger

Unterwürfigkeit unter dem Beweis zu halten wird mit verschiedenen harten Namen

gebrandmarkt wie Skeptizismus Immoralität Kälte Hartherzigkeit und ähnliche

Ausdrücke je nach der Natur des Falles Aber obgleich die Meinungen der

Menschen wenn sie nicht von der bloßen Gewohnheit abhängen oder eingeprägt

sind im allgemeinen mehr in den Neigungen als in der Intelligenz wurzeln so

ist es doch für den Triumph der moralischen Neigung eine notwendige Bedingung

dass sie zuerst den Verstand verkehre und verwirre Eine jede irrige Folgerung

obgleich sie aus moralischen Ursachen entspringt involviert die intellektuelle

Operation der Zulassung des unzureichenden Beweises als eines zureichenden und

wer gegen alle Arten von ungültigen Beweisen welche für gültige genommen werden

können, auf der Hut wäre würde nicht Gefahr laufen selbst durch die stärkste

Neigung zum Irrtum verleitet zu werden Es gibt Geister deren Intelligenz so

stark ist dass sie sich dem Lichte der Wahrheit nicht verschließen könnten

wie sehr sie es auch wünschen möchten sie könnten mit aller Neigung der Welt

schlechte Argumente nicht für gute über sich ergehen lassen Wenn die

Sophisterei des Geistes unmöglich gemacht werden könnte so würde die der

Gefühle da sie kein Werkzeug mehr besäße machtlos sein Eine umfassende

Klassifikation aller Dinge die ohne Beweis zu sein dem Verstände als Beweis

erscheinen können wird daher alle Irrtümer einschließen welche aus

moralischen Ursachen entspringen mit Ausschluss von nur denjenigen

Gewohnheitsirrtümern die einem besseren Wissen entgegen begangen werden

    Die verschiedenen Arten von scheinbaren Beweisen zu prüfen die nicht

Beweise sind und von scheinbar bündigen Beweisen die sich in Wahrheit nicht zu

einer Schlussgültigkeit erheben ist der Gegenstand des folgenden Theiles

unserer Untersuchung.

    Der Gegenstand liegt nicht außerhalb des Bereiches der Klassifikation und

eines gedrängten Überblicks Der Dingewelche nicht Beweis eines gegebenen

Schlusses sind sind zwar in der Tat zahllose da aber diese negative

Eigenschaft nicht von positiven Eigenschaften abhängig ist, so kann sie

natürlich auch nicht das Fundament einer Klassifikation abgeben aber die Dinge

die nicht Beweis sind aber dafür gehalten werden könnten sind einer

Klassifikation fähig da sie sich auf eine positive Eigenschaft beziehen welche

sie besitzen auf die nämlich dass sie Beweis zu sein scheinen Wir können sie

nach Belieben nach dem einen von zwei Prinzipien ordnen nach der Ursache,

welche sie als Beweis erscheinen lässt oder nach der besonderen Art von Beweis

die sie simulieren Die in dem folgenden Kapitel versuchte Klassifikation ist auf

beide Betrachtungen zugleich gegründet

 
 





     1 Indem wir versuchen gewisse allgemeine Unterscheidungen zwischen den

verschiedenen Arten von Fehlschlüssen zu machen setzen wir uns ein ganz anderes

Ziel als einige eminente Denker welche unter dem Namen politische oder andere

Fehlschlüsse eine bloße Aufzählung einer gewissen Anzahl von irrigen Meinungen

von falschen allgemeinen Urteilen denen man oft begegnet von loci communes

schlechter Argumente in Beziehung auf einen besonderen Gegenstand gegeben

haben Die Logik hat sich zu beschäftigen nicht mit den falschen Meinungen

welche die Menschen hegen sondern mit der Art wie sie dazu kommen dieselben

zu hegen Die Frage ist nicht welche Tatsachen hielt man zu jeder Zeit

irrtümlicher Weise für Beweise gewisser anderer Tatsachen sondern welche

Eigenschaft in den Tatsachen hat zu einer solchen irrtümlichen Voraussetzung

verleitet

    Wenn obgleich irrtümlich vorausgesetzt wird eine Tatsache sei ein

Beweis oder ein Merkmal einer anderen Tatsache so muss eine Quelle des

Irrtums vorhanden sein die vermeintliche beweisende Tatsache muss in einer

besonderen Weise mit der Tatsache verknüpft sein für deren Beweis man sie

hält  sie muss in einem besonderen Verhältnis zu ihr stehen sonst würde man

sie nicht in diesem Lichte betrachtet haben Das Verhältnis kann daraus

hervorgegangen sein dass man die Tatsachen einfach neben einander betrachtet

hat oder es kann von einem geistigen Prozess abhängen wodurch eine

vorhergängige Assoziation zwischen amen hergestellt worden ist. Es muss indessen

eine Eigentümlichkeit des Verhältnisses vorhanden sein die Tatsache, von der

man selbst bei dem größten Irrtum annimmt sie beweise eine andere Tatsache

muss in einer besonderen Stellung zu ihr stehen und wenn wir diese besondere

Stellung bestimmen und definieren könnten so würden wir die Quelle des Irrtums

wahrnehmen

    Wir können eine Tatsache nicht für einen Beweis einer anderen Tatsache

ansehen wenn wir nicht glauben dass sie beide immer oder doch in der Mehrzahl

der Fälle mit einander verbunden sind. Wenn wir A für einen Beweis von B halten

und geneigt Bind B zu folgern wenn wir A sehen so ist der Grund hiervon dass

wir glauben dass wo A ist B immer oder größtenteils existiert sei es als

ein Antezedens ein Konsequenz oder ein Begleitendes Concomitirendes Wenn wir

da wo wir A sehen geneigt sind B nicht zu erwarten wenn wir A für den Beweis

der Abwesenheit von B halten so ist es weil wir glauben dass wo A ist sich

B niemals oder wenigstens nur selten findet Kurz irrige Schlüsse haben eben so

gut als richtige Schlüsse eine unveränderliche entweder ausgedrückte oder

stillschweigend eingeschlossene Beziehung zu einer allgemeinen Formel Wenn wir

eine Tatsache aus einer anderen Tatsache folgern welche sie nicht wirklich

beweist so haben wir entweder ein grundloses allgemeines Urteil in Beziehung

auf den Zusammenhang der beiden Phänomene zugelassen oder wir müssen es der

Konsequenz wegen zulassen

    Es gibt daher für eine jede Eigenschaft in den Tatsachen oder in unserer

Betrachtungsweise der Tatsachen welche uns zu dem Glauben verleitet dass

dieselben gewöhnlich mit einander verbunden sind, wenn sie es nicht sind und

dass sie es nicht sind wenn sie in Wirklichkeit verbunden sind, einen

entsprechenden Fehlschluss und eine Aufzählung dieser Fehlschlüsse würde in

einer Spezifikation dieser Eigenschaften in den Tatsachen und jener

Eigentümlichkeiten unserer Betrachtungsweise bestehen welche diese irrige

Meinung hervorbringen

    

     2 Der vermeintliche Zusammenhang zwischen Tatsachen oder deren

vermeintliche Unvereinbarkeit kann auf einen Beweis hin dh aus irgend einem

Urteil oder aus anderen Urteilen geschlossen oder ohne einen solchen Grund

zugelassen werden er kann wie man sagt auf seinen eigenen Beweis hin als

eine selbstverständliche oder axiomatische Wahrheit zugelassen werden Man kann

demnach unterscheiden zwischen Fehlschlüssen in der Folgerung und Fehlschlüssen

der äußeren Sinne In die letztere Abtheilung sind nicht allein alle Fälle zu

bringen in denen ein Urteil für wahr gehalten und geglaubt wird und zwar

buchstäblich ohne irgend einen äußerlichen Beweis entweder der spezifischen

Erfahrung oder des allgemeinen Schließens sondern auch die häufigeren Fälle

wo die Sinne eine Präsumtion zu Gunsten des Urteils hervorrufen eine

Präsumtion die zwar für den Glauben nicht hinreichend ist die aber doch

hinreicht um zu machen dass man die strengen Prinzipien einer regelrechten

Induktion umgeht und die eine Prädisposition erzeugt das Urteil auf einen

Beweis hin zu glauben den man für unzureichend erkennen würde wenn eine solche

Präsumtion nicht vorhanden wäre Diese Klasse welche Alles umfasst was man

natürliche Vorurteile nennen könnte und welche ich ohne Unterschied

Fehlschlüsse der einfachen Betrachtung Inspektion oder Fehlschlüsse a priori

nennen werde soll in unserer Liste obenan stehen

    Die Fehler der Folgerung oder irrigen Schlüsse aus supponierten Beweisen

müssen je nach der Natur des Scheinbeweises aus dem die Schlüsse gezogen sind

oder was dasselbe ist) nach der besonderen Art des richtigen Schlusses den der

fragliche Fehlschluss nachahmt unterabtheilt werden Es ist jedoch zuerst ein

Unterschied zu machen der nicht einer der Unterscheidungen zwischen den

richtigen Argumenten entspricht sondern der aus der Natur der schlechten

Argumente hervorgeht Wir können mit der Natur unseres Beweises genau bekannt

sein und dennoch einen falschen Schluss daraus ziehen wir können genau

verstanden haben welcher Art unsere Prämissen sind welche behauptete

Tatsachen oder allgemeine Prinzipien das Fundament unseres Schlusses bilden

und dennoch kann weil die Prämissen falsch sind oder weil wir etwas aus ihnen

gefolgert hatten was sie nicht rechtfertigen unser Schluss ein irriger sein

Aber vielleicht ist der Fall noch häufiger wo der Fehlschluss nicht daraus

entsteht dass wir unsere Prämissen nicht mit der gehörigen Klarheit dh nicht

mit der gehörigen Stetigkeit wie in dem vorhergehenden Buch167 gezeigt wurde

auffassen indem wir uns von unserm Beweis eine andere Idee machen wenn wir ihn

folgern oder zulassen als wenn wir ihn anwenden oder indem wir ohne Vorbedacht

und gewöhnlich unbewusst andere Prämissen an die Stelle derjenigen setzen von

denen wir ausgingen oder einen Schluss an die Stelle des Schlusses welchen wir

beweisen wollten Es entsteht hieraus eine Klasse von Irrtümern die wir auf

Konfusion beruhende Fehlschlüsse nennen können und welche unter anderem alle

diejenigen Fehlschlüsse umfasst welche ihre Quelle in der Sprache haben sei es

in der Unbestimmtheit oder Zweideutigkeit unserer Wörter sei es in den

zufälligen Ideenassoziationen welche dieselben hervorrufen

    Wenn der Irrtum nicht ein auf Konfusion beruhender Fehlschluss ist dh

wenn das geglaubte Urteil und der Beweis auf den hin es geglaubt wird stetig

aufgefasst und unzweideutig ausgedrückt sind so kann man noch zwei Abtheilungen

machen so dass wir vier Classen entstehen sehen Der Scheinbeweis kann entweder

aus besonderen Tatsachen oder vorhergegangenen Generalisationen bestehen dh

das Verfahren kann entweder den Schein der Induktion oder den der Deduktion

annehmen und der Beweis kann er bestehe aus Tatsachen oder aus allgemeinen

Urteilen wiederum an sich falsch sein, oder wenn wahr kann er vielleicht den

Schluss nicht rechtfertigen den man darauf zu gründen versucht hat Wir haben

also erstens Fehlschlüsse der Induktion und Fehlschlüsse der Deduktion und

alsdann eine Unterabtheilung von jeder der zwei Arten, je nachdem der supponierte

Beweis falsch oder wahr aber nicht beweiskräftig ist

    Die Fehlschlüsse der Induktion kann man Fehlschlüsse der Beobachtung nennen

wenn die Tatsachen, auf denen die Induktion beruht irrig sind Der Ausdruck

ist nicht streng genau oder vielmehr nicht gleich weit gehend wie die Klasse von

Fehlschlüssen welche ich damit bezeichnen will Die Induktion ist nicht immer

auf unmittelbar beobachtete Tatsachen sondern sie ist manchmal auf gefolgerte

Tatsachen gegründet und wenn die letzteren irrig sind so ist der Irrtum dem

buchstäblichen Sinne des Wortes nach nicht ein Beispiel von schlechter

Beobachtung sondern von schlechter Folgerung Es ist indessen bequemer aus

allen Induktionen deren Irrtum nicht in einer unzureichenden Ermittlung der

Tatsachen liegt auf welche die Theorie gegründet ist nur eine einzige Klasse

zu bilden die Ursache des Versehens sei schlechte Beobachtung oder einfache

Nichtbeobachtung und die schlechte Beobachtung malobservation

Missbeobachtung finde direkt Statt oder vermittelst intermediärer Merkmale

die nicht beweisen was man als von ihnen bewiesen voraussetzte Und bei dem

Mangel eines umfassenden Ausdrucks um die Ermittlung von Tatsachen, auf welche

die Induktion gegründet ist damit zu bezeichnen werde ich für diese Klasse von

Irrtümern nach der bereits gegebenen Erklärung den Ausdruck »Fehler der

Beobachtung« beibehalten

    Die andere Klasse der induktiven Fehlschlüsse in denen die Tatsachen

richtig sind ohne die daraus gezogenen Schlüsse zu rechtfertigen werden ganz

geeignet Fehler der Generalisation genannt und diese zerfallen wieder in

mehrere untergeordnete Classen oder natürliche Gruppen welche am geeigneten

Orte abzuhandeln sind

    Wenn wir uns nun zu den Irrtümern der Deduktion nämlich zu jenen

unrichtigen Argumentationen wenden in denen die Prämissen allgemeine Urteile

sind und das Argument ein Syllogismus ist so können wir dieselben wie die

vorigen natürlich ebenfalls in zweierlei Arten unterabtheilen nämlich in

solche welche auf falschen Prämissen beruhen und in solche deren Prämissen

wenn sie auch wahr sind, den Schluss nicht rechtfertigen Von diesen beiden

Arten muss die erste jedoch notwendig mit einer der oben erwähnten Arten

zusammenfallen denn der Irrtum muss entweder in den Prämissen liegen welche

allgemeine Urteile sind oder in den Prämissen welche einzelne Tatsachen

behaupten In dem ersten Falle ist es ein induktiver Irrtum von der einen oder

der anderen Klasse in dem letzteren ein Fehler der Beobachtung, wenn nicht in

dem einen und dem anderen Falle die irrige Prämisse auf die bloße Betrachtung

inspectio bin angenommen wurde in welchem Falle es ein Fehlschluss a priori

ist Oder es mögen endlich die verschiedenen Prämissen nicht in einer so

deutlichen Weise gedacht worden sein um ein klares Bewusstsein zu erzeugen in

welcher Weise man zu ihnen gelangt ist wie zB bei dem sogenannten

Zirkelschluss es ist dann ein Fehlschluss aus Konfusion

    Es bleibt daher als die einzige Klasse von Fehlschlüssen die ihren Sitz in

der Deduktion haben diejenige wo die Prämisse den Schluss nicht rechtfertigt

kurz die verschiedenen Fälle von fehlerhafter Argumentation gegen welche die

syllogistischen Regeln gerichtet sind Wir werden sie Fehler im Syllogismus

nennen

    Wir haben auf diese Weise fünf unterschiedene Classen von Fallacien welche

wir in folgende synoptische Tabelle bringen können

Fallacien

 der einfachen Betrachtung

                                                              1 Fehler a priori

 der Folgerung

  aus unklar gedachtem Beweis

   induktive Fehlschlüsse

                                                        2 Fehler d Beobachtung

                                              bzw 3 Fehler d Generalisation

   deduktive Fehlschlüsse

                                                        4 Fehler d Syllogismus

  aus deutlichem Beweis

                                                         5 Fehler aus Konfusion

 

     3 Wir dürfen indessen nicht erwarten zu finden dass die wirklichen

Irrtümer der Menschen immer oder auch nur gewöhnlich so unzweideutig zu einer

von diesen Classen gehören dass sie auf keine andere Klasse bezogen werden

könnten Die irrigen Argumente lassen gewöhnlich keine so scharfe Trennung zu

wie die richtigen Ein Argument das in allen seinen Teilen deutlich dargelegt

ist in einer Sprache die kein Missverständnis zulässig macht muss wenn es

irrig ist in einer und nur in einer dieser fünf Arten irrig sein oder auch in

der Tat nur in einer der vier ersten da die fünfte Art bei einer solchen

Voraussetzung hinwegfiele Es liegt aber nicht in der Natur des schlechten

Schließens so unzweideutig zu sein Wenn ein Sophist er betrüge sich selbst

oder suche Andere zu betrügen gezwungen werden kann, seine Sophismen168 in eine

so deutliche Form zu bringen so bedarf es in einer großen Anzahl von Fällen

keiner weiteren Bloßstellung derselben

    In allen Argumenten mit Ausnahme derjenigen der Schulen finden sich einige

Glieder ausgelassen dies wird noch mehr der Fall sein wenn der Schließende

entweder die Absicht hat zu betrügen oder wenn er ein lahmer und unachtsamer

Denker und wenig gewohnt ist sein Schließen irgendwie zu prüfen und gerade in

denjenigen Teilen des Schlusses die in dieser stillschweigenden und halb oder

auch ganz unbewussten Art vollzogen werden versteckt sich der Irrtum am

häufigsten Um den Irrtum zu entdecken muss das in solcher Weise

stillschweigend angenommene Urteil ergänzt werden aber der Schließende hat

sich wahrscheinlich niemals in Beziehung auf das was er vorausgesetzt hat eine

Frage vorgelegt der ihn Widerlegende muss wenn er es ihm nicht durch die

sokratische Methode des Fragens abdringen darf selbst urteilen welcher Art

die unterdrückte Prämisse sein müsste um den Schluss zu rechtfertigen »Es ist

daher,« in den Worten von Erzbischof Whately »oft zweifelhaft oder vielmehr

eine Sache der Willkür nicht allein auf welche Gattung eine jede Art

Fehlschluss sondern auch auf welche Art ein jeder individuelle Fehlschluss

zurückzuführen ist denn da in dem Gange eines jeden Arguments die eine Prämisse

gewöhnlich unterdrückt ist so muss bei einem Fehlschluss häufig entweder eine

Prämisse ergänzt werden welche nicht wahr ist oder eine Prämisse die den

Schluss nicht beweist zB wenn sich Jemand über das Unglück eines Landes

ausspricht und sodann schließt dass dessen Regierung tyrannisch ist so

müssen wir annehmen dass er entweder voraussetzt dass jedes unglückliche Land

unter einer Tyrannei ist was offenbar falsch ist oder dass ein jedes Land

unter einer Tyrannei unglücklich ist was bei aller Wahrheit nichts beweist

indem der Mittelbegriff fehlt Nach unserer Einteilung wäre ersteres ein

Irrtum in der Generalisation das letztere ein Fehler im Syllogismus Wie

sollen wir nun aber annehmen dass wir es der Meinung des Sprechenden nach zu

verstehen haben Gewiss wenn er sich selber verstanden hat gerade so wie es

ein Jeder am liebsten verstehen wird der Eine dürfte der falschen Prämisse

zustimmen der Andere den falschen Syllogismus zugeben«

    Es können daher streng genommen fast alle Fehlschlüsse in die fünfte

Klasse in die der Konfusion gebracht werden Selten kann ein Fehler

ausschließlich auf eine der anderen Classen zurückgeführt werden wir können

nur sagen dasswenn alle Glieder ergänzt wären die in einem gültigen Argument

ergänzt werden können, der Irrtum zu dieser oder jener Klasse gehören würde

oder höchstens dass der Schluss sehr wahrscheinlich in dieser oder jener Klasse

von Irrtum seinen Ursprung hat In dem obigen Beispiel kann der Irrtum

wahrscheinlich auf einen Fehler der Generalisation zurückgeführt werden indem

man irrtümlich ein ungewisses Merkmal für ein gewisses halt und von einer

Wirkung auf eine von ihren möglichen Ursachen schließt während es noch andere

Ursachen gibt welche dieselbe ebenfalls hervorgebracht haben konnten

    Aber obgleich die fünf Classen in einander übergehen und ein besonderer

Irrtum oft willkürlich der einen zugeteilt scheint so ist diese

Unterscheidung doch von großem Nutzen Wir werden es bequem finden die

Fallacien der Konfusion diejenigen in welchen die Konfusion am auffallendsten

das Charakteristische ist in denen keine andere Ursache des Irrtums

nachzuweisen ist als Nachlässigkeit oder die Unfähigkeit die Frage richtig zu

stellen und den Beweis mit Bestimmtheit und Präzision zu fassen als eine

besondere Klasse zu behandeln In die anderen vier Classen werde ich nicht

allein die verhältnismäßig wenigen Fälle bringen in denen man den Beweis klar

für das erkennt was er ist und wo dennoch ein falscher Schluss daraus gezogen

wird sondern auch diejenigen in denen zwar Konfusion vorhanden jedoch nicht

die alleinige Ursache des Irrtums istsondern wo der Schatten eines Grundes

dafür in der Natur des Beweises selbst liegt Und indem ich diese Fälle von

partieller Konfusion unter die vier Classen verteile werde ich wenn über den

genauen Sitz des Irrtums ein Zweifel sein kann voraussetzen dass er in jenem

Theile des Prozesses liegt in welchem der Natur des Falles und den bekannten

Schwachheiten des menschlichen Geistes nach ein Irrtum in den besonderen

Umständen am wahrscheinlichsten ist

    Nach diesen Bemerkungen wollen wir nun ohne weitere Einleitung die fünf

Classen von Fallacien der Reihe nach betrachten

 

        In den deutschen Werken über Logik heißt ein jeder formal unrichtige

        Schluss eine Fallacie fallacia Beruht der unrichtige Schluss auf

        Irrtum so heißt er Fehlschluss paralogismus liegt die Absicht zu

        täuschen zu Grunde so heißt er Trugschluss sophisma J SZusatz

        des Übers

 
 



                                



     1 Bei der Klasse von Irrtümern welche wir zuerst abhandeln wollen

findet eine wirkliche Folgerung gar nicht Statt das Urteil denn Schluss kann

man in solchen Fällen nicht sagen wird angenommen nicht als bewiesen sondern

als keines Beweises bedürftig als eine selbstverständliche Wahrheit oder

vielmehr als ein Urteil von einer solchen inneren Wahrscheinlichkeit dass der

äußere für sich allein nicht ausreichende Beweis mit Hülfe der vorausgängigen

Präsumtion hinreichend wird

    Eine umfassende Behandlung dieses Gegenstandes würde die Grenzen dieses

Werkes überschreiten denn sie verlangt eine Untersuchung der Hauptfrage der

sogenannten Metaphysik der Frage nämlich welche Urteile können

vernünftigerweise ohne Beweis als wahr angenommen werden Alle stimmen darin

überein dass es solche Urteile geben muss da es keine unendliche Reihe von

Beweisen geben kann keine Kette die in der Luft hängt Aber zu bestimmen,

welches diese Urteile sind ist das opus magnum der tieferen Philosophie des

Geistes. Seit dem ersten Dämmern der Philosophie haben vorzüglich zwei

Meinungsverschiedenheiten die philosophischen Schulen in zwei Parteien getrennt

Die eine erkennt keine anderen letzten Prämissen an als die Tatsachen unseres

subjektiven Bewusstseins unsere Sensationen Emotionen Geisteszustände und

unser Wollen Dies und was durch die strengen Regeln der Induktion daraus

abgeleitet werden kann, ist nach dieser Theorie alles was wir möglicherweise

wissen können in Beziehung auf alles Andere werden wir unwissend bleiben Die

andere Schule glaubt dass es andere Existenzen gibt wovon unser Geist in der

Tat durch jene subjektiven Phänomene Kenntnis erhält die aber weder durch

einen deduktiven noch durch einen induktiven Prozess daraus gefolgert werden

können, die wir indessen nach der Einrichtung unserer geistigen Natur als

Realitäten anerkennen müssen und zwar als Realitäten einer höheren Ordnung als

die Phänomene unseres Bewusstseins da sie die urwirkenden Ursachen causae

efficientes und notwendigen Substrate aller Phänomene sind Unter diese

Entitäten rechnen sie Substanzen ob Materie oder Geist von dem Staube unter

unseren Füssen an bis zur Seele und von da an bis zur Gottheit Alle diese sind

nach ihnen außernatürliche oder übernatürliche Wesen die keine Ähnlichkeit

mit der Erfahrung haben obgleich die Erfahrung gänzlich eine Offenbarung eine

Manifestation ihrer Tätigkeit ist Ihre Existenz und mehr oder weniger von den

Gesetzen nach welchen sie sich in ihrer Tätigkeit richten sind dieser Lehre

nach vom Geiste selbst intuitiv als real begriffen und erkannt indem die

Erfahrung ob in der Form von Sensationen oder von geistigen Gefühlen keinen

Teil daran hat als dass sie eine Menge von Tatsachen liefert welche mit

diesen notwendigen Postulaten der Vernunft übereinstimmen und welche durch

dieselben erklärt werden.

    Da es außerhalb des Zweckes des vorliegenden Werkes liegt zu entscheiden

auf welcher Seite die Wahrheit ist so können wir weder die Existenz einer

Erkenntnis a priori untersuchen oder deren Umfang und Grenzen definieren noch

die Art von richtiger Assumtion charakterisieren welche der Irrtum aus

unrichtiger Assumtion den wir eben betrachten simuliert Da es indessen von

beiden Seiten zugegeben wird dass solche unrichtigen Assumtionen gelegentlich

gemacht werden so können wir ohne auf die letzten metaphysischen Gründe der

Erörterung einzugehen einige theoretische Sätze aufstellen und einige

praktische Winke über die Form geben in welcher solche Assumtionen am

wahrscheinlichsten gemacht werden

    

     2 In den Fällen wo den Philosophen der ontologischen Schule nach der

Geist durch Intuition Dinge und Gesetze der Dinge begreift welche den Sinnen

nicht zugänglich sind sind diese intuitiven oder vermeintlichen intuitiven

Wahrnehmungen nicht von dem zu unterscheiden was die entgegengesetzte Schule

Ideen des Geistes zu nennen pflegt Wenn jene Philosophen selbst sagen dass sie

die Dinge durch einen unmittelbaren Akt einer ihnen von ihrem Schöpfer zu diesem

Zwecke verliehenen Fähigkeit wahrnehmen so würden ihre Gegner von ihnen sagen

sie fänden eine Idee oder Vorstellung in ihrem eigenen Geiste und folgerten aus

dieser Idee oder Vorstellung die Existenz einer entsprechenden objektiven

Realität Auch wäre dies nur eine bloße Umsetzung in andere Worte der Art wie

viele von ihnen den Vorgang selbst erklären eine Darstellung der die

Hellsichtigeren von ihnen ohne Zögern zustimmen könnten und auch im allgemeinen

zustimmen Da also in den Fällen welche am meisten Anspruch darauf machen

Beispiele einer Erkenntnis a priori zu sein der Geist von der Idee eines

Dinges zu der Realität des Dinges selbst übergeht so werden wir nicht

überrascht sein zu finden dass unerlaubte aprioristische Assumtionen darin

bestehen dass ganz dasselbe irrtümlich getan wird indem subjektive

Tatsachen für objektive Gesetze des wahrnehmenden Geistes für Gesetze des

wahrgenommenen Gegenstandes Eigenschaften der Ideen oder Vorstellungen für

Eigenschaften der vorgestellten Dinge genommen werden

    Es beruht daher ein großer Teil des in der Welt stattfindenden irrigen

Denkens auf der stillschweigenden Annahme dass unter den Gegenständen in der

Natur dieselbe Ordnung herrschen müsse welche unter unseren Ideen von ihnen

herrscht dasswenn wir immer zwei Dinge zusammen denken die zwei Dinge auch

immer zusammen existieren müssen dasswenn ein Ding uns an ein anderes zu

denken veranlasst das ihm vorhergeht oder folgt dieses andere Ding ihm in der

Tat vorhergehen oder folgen müsse und umgekehrt dasswenn wir uns nicht zwei

Dinge zusammen vorstellen können sie auch nicht zusammen existieren können und

dass ihre Verbindung ohne weiteren Beweis von der Liste der möglichen Vorgänge

gestrichen werden darf

    Ich bin sehr geneigt zu glauben dass nur Wenige darüber nachgedacht haben

wie sehr dieser Irrtum den Glauben und die Handlungen der Menschen beherrscht

Man kann als erstes Beispiel die große Klasse des Volksaberglaubens anführen

Wenn man prüft in welchem Umstände die meisten von jenen Dingen übereinstimmen

welche in verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Teilen des

Menschengeschlechts als Vorzeichen wichtiger Ereignisse angesehen wurden so

wird man finden dass sie ziemlich allgemein durch die Eigentümlichkeit

charakterisiert werden dass sie den Geist an das zu denken veranlassen was sie

vermeintlicherweise vorbedeuten sollten »Man soll den Teufel nicht an die Wand

malen« ist zum Sprichwort geworden Male den Teufel dh errege die Idee, und

die Wirklichkeit wird folgen Zu einer Zeit in der die Erscheinung dieser

Persönlichkeit in sichtbarer Gestalt nicht als ein ungewöhnliches Ereignis

betrachtet wurde ist es ohne Zweifel Personen von einer lebhaften

Einbildungskraft und reizbaren Nerven häufig begegnet dass der Gedanke an den

Teufel sie zu dem Glauben verleitete sie hätten ihn gesehen sowie ja auch

sogar in unserer ungläubigen Zeit das Anhören von Geistergeschichten uns

prädisponiert Geister zu sehen und auf diese Weise kann sich als eine Stütze

des aprioristischen Fehlschlusses ein Fehlschluss aus schlechter Beobachtung

einem darauf gegründeten Irrtum aus falscher Generalisation addieren

Fehlschlüsse von verschiedenen Arten gesellen sich oder hängen sich oft auf

diese Weise aneinander aber der Ursprung des Aberglaubens ist offenbar so wie

wir ihn angegeben haben In ähnlicher Weise wurde es allgemein als unheilvoll

betrachtet vom Unglück zu sprechen Der Tag an welchem sich eine Kalamität

ereignete wurde als ein unglücklicher betrachtet und es bestand überall ein

Widerwille und bei manchen Kationen sogar ein religiöses Verbot gegen das

Ausüben irgend eines wichtigen Geschäfts an diesem Tage denn an einem solchen

Tage sind unsere Gedanken wahrscheinlich ebenfalls unglücklich Aus einem

ähnlichen Grunde wurde ein widerwärtiges Ereignis bei dem Beginn eines

Unternehmens als unheilverkündend angesehen  und dies hat ohne Zweifel oft zu

dem Unheil beigetragen indem es die in der Unternehmung Begriffenen mehr oder

weniger aus der Fassung brachte Aber der Glaube hat auch da geherrscht wo

abgesehen vom Aberglauben der unangenehme Umstand zu bedeutungslos war um den

Geist durch eigenen Einfluss zu deprimieren Jedermann kennt die Geschichte von

Cäsar der zufällig in dem Augenblicke stolperte und fiel als er auf der

afrikanischen Küste landete und die Geistesgegenwart womit er die ungünstige

Vorbedeutung in eine günstige verwandelte indem er ausrief »Afrika ich halte

dich« Solche Zeichen wurden in der Tat oft als Warnungen betrachtet die eine

freundliche oder feindliche Gottheit schickte aber auch dieser Aberglaube

entwuchs einer präexistierenden Neigung man nahm an der Gott sende als ein

Vorzeichen von dem was kommen solle Etwas was die Menschen bereits in diesem

Lichte betrachteten Dasselbe war der Fall mit glücklichen oder unglücklichen

Namen Herodot erzählt wie die Griechen auf dem Wege nach Mykale in ihrem

Unternehmen durch die Ankunft einer Deputation von Samos ermutigt wurden unter

der sich ein Mitglied befand welches sich Hegesistratus Führer der Armeen

nannte

    Man kann Fälle angeben wo Etwas was keine andere reale Wirkung haben

konnte als die Menschen zu veranlassen an das Unglück zu denken nicht bloß

als eine Vorbedeutung sondern als etwas der wirklichen Ursache Nahekommendes

betrachtet wurde Das heuphêmei der Griechen das favete linguis oder bona

verba quaeso der Römer zeigen die Sorgfalt womit sie sich bemühten das

Aussprechen eines Wortes das Unglück bedeuten konnte zu unterdrücken nicht

wegen ihrer Begriffe von feinfühlender Höflichkeit womit ihre ganze Natur wenig

zu schaffen hatte sondern aus aufrichtiger Besorgnis das der Phantasie

vorgeführte Ereignis könne wirklich eintreffen Spuren eines ähnlichen

Aberglaubens finden sich bei ungebildeten Leuten noch in unseren Tagen man hält

es für unchristlich von dem Tode eines noch Lebenden zu sprechen Es ist

bekannt wie sorgfältig die Römer durch indirekte Sprechweise den Gebrauch von

Wörtern vermieden welche den Tod oder ein anderes Unglück bezeichnen wie sie

anstatt mortuus est sagten vixit und »sei der Vorfall glücklich oder anders«

statt unglücklich Den Namen Maleventum dessen thessalischen Ursprung Salmasius

so scharfsinnig entdeckte Maloeis Maloentos änderten sie in den günstigen

Namen Beneventum Egesta in Segesta und Epidamnus ein Name so angenehm in

seinen Assoziationen für die Leser des Thucydides änderten sie in Dyrrihachium

um die Gefahren eines Namens an vermeiden der an damnum erinnert

    »Wenn ein Hase über den Weg läuft« sagt Sir Thomas Browne169 »so sind

unter fünf Dutzenden Wenige die nicht bestürzt wären was indessen nichts als

ein augurischer Schreck ist nach dem bekannten Ausdruck inauspicatum dat iter

oblatus lepus Der Grund dieser Vorstellung war sicher kein anderer als dass

ein an uns vorüberlaufendes furchtsames Thier uns Etwas anzeigt was zu fürchten

ist wie zufolge einer gleichen Betrachtung ein uns begegnender Fuchs einen

künftigen Betrug voraussagt« Ein Aberglaube wie der letztere muss das Resultat

eines Studiums sein er ist für eine natürliche oder spontane Entstehung zu

tiefliegend Aber nachdem einmal der Versuch gemacht war eine Wahrsagekunst

aufzustellen so war eine jede noch so schwache Ideenassoziation durch welche

ein Gegenstand in noch so gesuchter Weise mit Ideen von Glück oder Gefahr und

Unglück verbunden werden konnte hinreichend um unter die guten oder bösen

Omina gerechnet zu werden

    Ein Beispiel von einer anderen Art wie die obigen aber unter dasselbe

Prinzip fallend ist der berühmte Versuch auf welchen die Alchemisten so viele

Mühe und Kunst verwendeten der Versuch nämlich das Gold trinkbar zu machen

Der Beweggrund hierfür war der Gedanke dass trinkbares Gold ein

Universalheilmittel sein müsse Und warum aber das Gold Weil es so kostbar war

Es musste alle staunenswerten Eigenschaften der physischen Substanzen haben

weil der Geist schon gewohnt war es anzustaunen

    Aas einem ähnlichen Gefühle geschah es wie Dr Paris sagt170 »dass eine

jede Substanz deren Ursprung von Geheimnis umgeben ist in verschiedenen

Zeiten sehr eifrig zu medizinischen Zwecken angewandt worden ist. Es ist noch

nicht lange her dass in dem Norden von Italien einer jener Regenschauer fiel

die wie man jetzt weiß aus den Exkrementen von Insekten bestehen die

Einwohner betrachteten ihn als Manna oder eine übernatürliche Panacee und

verschlangen ihn mit solcher Begierde dass man nur mit der größten Mühe eine

kleine Quantität zu einer chemischen Untersuchung erhalten konnte« Der

Aberglaube welcher in diesem Falle ohne Zweifel einen zum Teil religiösen

Charakter hatte entstand wahrscheinlich zum Teil auch aus dem Vorurteile

dass ein wunderbares Ding auch natürlich wunderbare Eigenschaften haben müsse

    

     3 Die Beispiele von aprioristischen Fehlschlüssen welche wir bisher

angeführt haben gehören zu einer Klasse von vulgären Irrtümern die

gegenwärtig keinen einigermaßen gebildeten Geist täuschen können sie konnten

dies überdies nur in einem rohen Jahrhundert Diejenigen aber zu welchen wir

nun übergehen wollen waren und sind gegenwärtig noch allgemein sogar unter den

Philosophen herrschend Dieselbe Neigung einem Gesetze des Geistes

Objektivität zu geben  anzunehmen dass das was von unseren Ideen von den

Dingen wahr ist auch von den Dingen selbst wahr sein müsse  zeigt sich selbst

in vielen von den geschätztesten Weisen der philosophischen Forschung sowohl

über physische als auch metaphysische Gegenstände In einem der offeneren Fälle

kleidet sie sich in zwei Maximen welche Anspruch darauf machen axiomatische

Wahrheiten zu sein Dingewelche wir nicht zusammen denken können können nicht

zusammen existieren koexistieren und Dingewelche wir nur zusammen denken

können müssen koexistieren Ich weiß nicht gewiss ob die Maximen jemals genau

in diesen Worten ausgedrückt worden sind, aber die Geschichte der Philosophie

sowohl wie die der Volksmeinungen ist überreich an Beispielen beider Formen

dieser Lehre

    Wir wollen mit dem letzteren beginnen nämlich Dingewelche wir nur

zusammen denken können müssen zusammen existieren Es wird dies angenommen in

dem allgemein gangbaren und in Ansehen stehenden Modus zu schließen dass A

tatsächlich B begleiten muss weil »es in der Idee enthalten ist.« Dergleichen

Denker überlegen nicht dass die Idee, da sie ein Resultat der Abstraktion ist

sich nach den Tatsachen richten muss und nicht machen kann dass sich die

Tatsachen nach ihr richten Das Argument ist höchstens zulässig als ein Appell

an die Autorität als eine Vermutung dass das was nun ein Teil der Idee ist

durch frühere Forscher in den Tatsachen muss gefunden worden sein bevor es

dazu wurde Nichtsdestoweniger hat derjenige Philosoph welcher mehr als alle

anderen eine jede Autorität verwarf hat Descartes sein philosophisches System

auf diese Basis gegründet Sein Lieblingskunstgriff um selbst in Beziehung auf

äußere Dinge zur Wahrheit zu gelangen war sie in seinem eigenen Geiste zu

suchen »Credidi me« lautet seine berühmte Maxime »pro regula generali sumere

posse omne id quod valde dilucide et distincte concipiebam verum esse« was

klar gedacht werden kann, muss gewiss existieren dh wie er es später erklärt

wenn die Idee Existenz einschließt Aus diesem Grunde folgert er dass die

geometrischen Figuren wirklich existieren weil sie deutlich gedacht werden

können. Wenn »die Existenz in einer Idee eingeschlossen ist« so muss ein mit

der Idee übereinstimmendes Ding wirklich existieren was so viel sagen will als

alles was in der Idee enthalten ist, muss sein Äquivalent in dem Dinge haben

und was wir aus der Idee nicht entfernen können kann in der Wirklichkeit nicht

abwesend sein Diese Annahme durchdringt nicht bloß die Philosophie von

Descartes sondern auch die aller Denker welche durch ihn einen Impuls erhalten

haben und insbesondere der zwei bemerkenswertesten derselben die von Leibnitz

und Spinoza aus denen die deutsche metaphysische Schule hauptsächlich

hervorgegangen ist171 Ich bin in der Tat geneigt zu glauben dass der

fragliche Fehlschluss die Ursache von zwei Drittheilen der schlechten

Philosophie und besonders der schlechten Metaphysik gewesen istwelche der

menschliche Geist niemals müde wurde zu schaffen Unsere allgemeinen Ideen

enthalten nichts was nicht entweder durch unsere passiven Erfahrungen  oder

durch unsere aktiven Denkgewohnheiten in sie hineingelegt worden wäre und zu

allen Zeiten sind die Metaphysiker welche die Gesetze des Weltalls aus unseren

supponierten Gedankennotwendigkeiten zu konstruieren versuchten nur immer davon

ausgegangen und konnten nur davon ausgehen dass sie mühsam in ihrem eigenen

Geiste suchten was sie selbst vorher hineingelegt hatten und dass sie aus

ihren Ideen Dinge evolvierten welche sie zuerst in diese Ideen involviert hatten

Auf diese Weise können alle tiefgewurzelten Meinungen und Gefühle scheinbare

Beweise ihrer Wahrheit und Vernunftmäßigkeit gleichsam aus ihrer eigenen

Substanz erzeugen

    Die andere Form des Irrtums Dinge die wir uns nicht zusammen denken

können können nicht zusammen existieren  indem diese Form den damit

zusammenhängenden Irrtum einschließt dass das was wir nicht als existierend

denken können gar nicht existieren kann  kann kurz so ausgedruckt werden Was

unbegreiflich ist muss falsch sein.

    Gegen diese Lehre habe ich mich früher weitläufig genug ausgelassen172 und

es ist hier nichts mehr erforderlich als Beispiele Man hielt lange für

unmöglich dass es Antipoden gebe weil es den Menschen große Schwierigkeiten

machte sich Leute vorzustellen deren Kopf sich in derselben Richtung befand

wie unsere Füße Es war eines der gangbaren Argumente gegen das Kopernikanische

System dass wir uns keinen so großen leeren Raum denken können als dieses

System in den himmlischen Regionen voraussetzt Da die Menschen gewohnt waren

sich die Sterne in festen Gewölben sitzend vorzustellen so fanden sie natürlich

große Schwierigkeit sich dieselben in so verschiedenen und wie es den

Anschein hatte so unsicheren Stellungen zu denken Die Menschen hatten aber

kein Recht die Beschränkung ihrer eigenen Fähigkeiten ob eine natürliche oder

wie hier eine bloß künstliche für eine inhärente Beschränkung der möglichen

Existenzmodi im Universum zu halten

    Man kann hiergegen einwerfen dass in diesen Fällen der Irrtum in der

unteren nicht in der oberen Prämisse lag in der Tatsache nicht im Prinzip

dass er nicht in der Voraussetzung bestand das was unbegreiflich ist könne

auch nicht wahr sein sondern in der Voraussetzung, Antipoden seien

unbegreiflich während unsere jetzige Erfahrung beweist dass sie zu begreifen

sind Aber wenn man diesen Einwurf auch für zulässig erachten und den Satz

dass was unbegreiflich ist nicht wahr sein könne als eine unbezweifelte

theoretische Wahrheit betrachten wollte so wäre dies eine Wahrheit woraus eine

praktische Konsequenz gar nicht fließen kann da es dieser Darstellung nach

unmöglich ist von irgend einem Urteil das nicht contradictio in adjecto ist

zu behaupten es sei unbegreiflich Unseren Vorfahren waren Antipoden wirklich

und nicht bloß künstlich unbegreiflich für uns sind sie in der Tat

begreiflich und wie die Grenzen unseres Denkvermögens durch die Vermehrung

unserer Erfahrung und durch größere Übung unserer Einbildungskraft weiter

ausgedehnt wurden so mag die Nachwelt viele Kombinationen vollkommen

begreiflich finden die für uns unbegreiflich sind Aber da wir Wesen von

beschränkter Erfahrung sind so muss unser Vorstellungsvermögen notwendig immer

beschränkt bleiben während keineswegs daraus folgtdass dieselbe Beschränkung

in den Möglichkeiten der Natur oder auch nur in ihren gegenwärtigen

Offenbarungen stattfindet

    Vor mehr als anderthalb Jahrhunderten war es eine ganz unbestrittene und

keines Beweises bedürftige wissenschaftliche Maxime dass »ein Ding da nicht

wirken kann wo es nicht ist« Mit dieser Waffe führten die Cartesianer einen

furchtbaren Krieg gegen die Gravitationstheorie welche da sie ihnen zufolge

eine so offenbare Absurdität einschloss in limine verworfen werden müsse die

Sonne konnte möglicherweise nicht auf die Erde wirken da sie nicht bei ihr ist

Es war nicht überraschend dass die Anhänger der alten astronomischen Systeme

diesen Einwurf gegen das neue machten aber die falsche Annahme betrog Newton

selbst der zur Abwehr dieses Einwurfs einen feinen Äther ersann welcher den

Raum zwischen der Sonne und der Erde ausfüllt und durch seine Dazwischenkunft

zur näheren Ursache des Phänomens der Gravitation wurde

    »Es ist undenkbar« sagt Newton in einem Briefe an Dr Bentley173 »dass

leblose rohe Materie ohne die Dazwischenkunft von etwas Nichtmateriellem auf

andere Materie ohne gegenseitige Berührung wirken könne Dass die Schwere der

Materie eingeboren inhärent und wesentlich sei so dass ein Körper auf einen

anderen in einer Entfernung durch einen leeren Raum hindurch wirken könne ohne

die Vermittlung von sonst etwas wodurch die Tätigkeit und Kraft von dem einen

auf den übertragen wird scheint mir eine so große Absurdität dass ich glaube

Niemand kann bei der erforderlichen Fähigkeit über philosophische Gegenstände

zu denken darauf verfallen« Diese Stelle sollte in dem Studierzimmer eines

jeden Mannes der Wissenschaft, der in Versuchung kommen kann eine Tatsache für

unmöglich zu erklären weil er sie sich nicht denken sie nicht begreifen kann

in großen Buchstaben aufgehängt werden Heutzutage würde man eher geneigt sein

die ganze Schlussbemerkung wenn auch gleich ungerecht umzukehren und darin

dass man in einer so einfachen und natürlichen Sache eine Absurdität sehen

wollte die wirkliche Abwesenheit der »erforderlichen Denkfähigkeiten« zu

erblicken Es findet jetzt Niemand die geringste Schwierigkeit darin sich die

Schwere wie die anderen Eigenschaften »als der Materie eingeboren inhärent

und wesentlich« zu denken und die Voraussetzung eines Äthers erleichtert

Niemandem diese Vorstellung auch nur im geringsten auch hält es Niemand für

unglaublich dass die Himmelskörper auf einander auch da wirken können und

wirken wo sie nicht wirklich körperlich gegenwärtig sind Es scheint uns nicht

wunderbarer dass Körper »ohne gegenseitige Berührung« auf einander wirken als

dass sie wirken wenn sie in Berührung stehen wir sind mit beiden Tatsachen

vertraut und finden sie gleich unerklärlich aber auch gleich glaubhaft Newton

schien die eine natürlich und selbstverständlich weil seine Einbildungskraft

damit vertraut war während ihm die andere aus dem entgegengesetzten Grunde

absurd und unglaubhaft erschien

    Es ist auffallend dass sich nach einer solchen Warnung noch Jemand

unbedingt auf den aprioristischen Beweis solcher Urteile verlassen kann wie

die folgenden die Materie kann nicht denken der Raum oder die Ausdehnung ist

unendlich aus nichts kann nichts geschaffen werden ex nihilo nihil fit Es

ist hier nicht der Ort zu entscheiden ob diese Urteile wahr sind oder nicht

oder auch ob diese Fragen von menschlichen Fähigkeiten überhaupt gelöst werden

können; aber dergleichen Lehren sind so wenig Wahrheiten die sich von selbst

verstehen als der alte Grundsatz dass ein Ding da nicht wirken kann wo es

nicht ist was gegenwärtig wahrscheinlich kein Mensch von Bildung in ganz Europa

glaubt Die Materie kann nicht denken Warum nicht Weil wir uns nicht

vorstellen können dass der Gedanke mit einer Gruppierung materieller Teilchen

vergesellschaftet ist Der Raum ist unendlich da wir niemals einen Teil

desselben sahen der nicht noch Theile über sich gehabt hätte so können wir

kein absolutes Ende begreifen Ex nihilo nihil fit weil wir niemals ein

physikalisches Produkt ohne eine präexistierende physikalische Materie sahen

können wir uns nicht eine Schöpfung aus nichts vorstellen oder glauben nicht

uns eine solche vorstellen zu können Aber diese Dinge mögen an sich so

unbegreiflich sein wie die Gravitation ohne ein dazwischenliegendes Medium die

Newton für eine zu große Absurdität für einen Menschen hielt der die

erforderliche Fähigkeit zum philosophischen Denken besitzt und sogar wenn man

sie als unbegreiflich annimmt so kann dies eine der Beschränkungen unseres

Geistes sein ohne eine Beschränkung der Natur zu sein

    Kein Schriftsteller hat sich mit dem in Rede stehenden Irrtum direkter

identifiziert oder hat ihn in deutlichere Worte gefasst als Leibnitz Nach

seiner Ansicht könnte ein Ding, es müsste denn nicht bloß begreiflich sondern

auch erklärlich sein gar nicht in der Natur existieren Alle natürlichen

Phänomene müssen nach ihm aprioristisch erklärt werden können. Die einzigen

Tatsachen von denen keine andere Erklärung gegeben werden kann, als der Wille

Gottes sind die eigentlich sogenannten Wunder »Je reconnais«174 sagt er

»quil nest pas permis de nier ce quon nentend pas mais jajoute quon a

droit de nier au moins dans lordre naturel ce qui absolument nest point

intelligible ni explicable Je soutiens aussi quenfin la conception des

créatures nest pas la mesure du pouvoir de Dieu mais que leur conceptivité on

force de concevoir est la mesure du pouvoir de la nature tout ce qui est

conforme à lordre naturel pouvant être conçu ou entendu par quelque créature«

    Nicht zufrieden mit der Annahme nichts könne wahr sein was wir nicht

begreifen können haben die Philosophen dieser Lehre häufig eine noch größere

Ausdehnung gegeben indem sie behaupteten dass das was wir von nicht

unbegreiflichen Dingen am leichtesten begreifen können am wahrscheinlichsten

wahr sei Es war lange ein angenommenes und ist jetzt noch ein nicht ganz

aufgegebenes Axiom dass »die Natur immer durch die einfachsten Mittel wirkt«

dh durch diejenigenwelche am leichtesten zu begreifen sind Ein großer

Teil der Irrtümer welche bei der Erforschung der Naturgesetze begangen

wurden hatten ihre Entstehung in der Annahme dass die leichteste Erklärung

oder Hypothese die wahrste sei Eine der belehrendsten Tatsachen in der

Geschichte der Wissenschaft ist die Hartnäckigkeit mit welcher der menschliche

Geist an dem Glauben hing dass die Himmelskörper sich in Kreisen bewegen oder

ihre Umläufe vermittelst der Umdrehung von Kugeln machen müssen bloß weil dies

an sich die einfachsten Voraussetzungen waren obgleich es um die

Übereinstimmung mit den Tatsachen, denen dieser Glaube immer mehr widersprach

herzustellen nötig war so lange Kugeln zu Kugeln und Kreise zu Kreisen

hinzuzufügen dass die ursprüngliche Einfachheit in ein fast unauflösbares

Gewirre umgewandelt wurde

    

     4 Ein anderer aprioristischer Irrtum oder natürliches Vorurteil das

mit dem vorigen verbunden ist und gerade so entsteht ist die Neigung zwischen

den Gesetzen des Geistes und den Gesetzen der äußeren Dinge eine genaue

Verbindung zu präsumieren Die allgemeine Form dieses Irrtums ist Was für sich

gedacht werden kann, existiert für sich Er gibt sich am auffallendsten in der

Personifizierung von Abstraktionen kund Die Menschen hatten zu jeder Zeit eine

starke Neigung zu schließen dass da wo ein Name ist eine dem Namen

entsprechende unterscheidbare besondere Entität sein müsse eine jede komplexe

Idee die der Geist aus seinen Vorstellungen von individuellen Dingen für sich

bildete wurde angesehen als besäße sie eine ihr entsprechende äußere

objektive Realität Schicksal Zufall Natur Zeit Raum ja sogar Götter waren

reale Dinge Wenn die in dem ersteren Theile dieses Werkes gegebene Analyse der

Qualitäten richtig ist so stehen Namen der Eigenschaften und Namen der

Substanzen für dieselbe Reihe von Tatsachen oder Phänomenen Weiße und ein

weißes Ding sind nur verschiedene Ausdrücke um unter verschiedenen Umständen

von verschiedenen äußeren Tatsachen zu sprechen Dies war aber nicht die Idee,

die diese wörtliche Unterscheidung ehedem bei dem großen Haufen oder bei den

Philosophen hervorrief Die Weiße weiße Farbe war eine Entität die der

weißen Substanz anhing oder in ihr stak und so die anderen Eigenschaften Dies

wurde so weit getrieben dass man sogar konkrete allgemeine Ausdrücke nicht als

Namen einer unbestimmten Anzahl individueller Substanzen ansah sondern als

Namen einer besonderen Art von allgemeine Substanzen genannten Entitäten Weil

wir vom Menschen im allgemeinen dh von allen Menschen in soweit sie die

gemeinschaftlichen Attribute der Spezies besitzen denken und sprechen können

ohne unsere Gedanken beständig auf einen individuellen Menschen zu richten so

nahm man an der Mensch im allgemeinen sei nicht ein Aggregat von Individuen

sondern ein davon unterschiedener abstrakter oder universaler Mensch

    Man kann sich denken welchen Unfug Metaphysiker die in diesen

Gewohnheiten auferzogen waren mit der Philosophie trieben wenn sie zu den

weitesten Generalisationen kamen Substantiae secundae jeder Art waren schon

schlimm genug aber Substantiae secundae wie zB to on und to hen die für

besondere Entitäten galten und von welchen man annahm sie inhärierten allen

Dingen welche existieren oder von denen man sagte sie seien eins waren

hinreichend einer jeden verständlichen Diskussion ein Ende zu machen

insbesondere als nach der richtigen Perzeption dass die Wahrheitenwelche die

Philosophie verfolgt allgemeine Wahrheiten sind behauptet wurde diese

Allgemeinen Substanzen wären der einzige Gegenstand der Wissenschaft, da sie

unveränderlich sind während die durch die Sinne erkennbaren im ewigen Flugs

begriffenen individuellen Substanzen nicht wirkliche Gegenstände der

Wissenschaft sein können Dieses Missverstehen des Inhalts der allgemeinen

Sprache konstituiert den Mystizismus ein Wort das viel öfter ausgesprochen und

geschrieben als verstanden wird Der Mystizismus ist sowohl in den Vedas als

auch bei den Platonikern oder den Hegelianern nicht mehr und nicht weniger als

dass man den subjektiven Schöpfungen der eigenen geistigen Fähigkeiten den

bloßen Ideen des Geistes objektives Dasein zuschreibt und glaubt man könne

durch Beobachtung dieser selbstgeschaffenen Ideen lesen was in der Außenwelt

vorgeht

    

     5 Indem wir uns bei der Aufzählung der aprioristischen Fehlschlüsse

bemühen sie so viel wie möglich mit Berücksichtigung ihrer natürlichen

Verwandtschaft zu ordnen kommen wir nun zu einem anderen dem vorletzten

ebenfalls verwandten Fehlschluss zu einem Fehlschluss der zu der einen

Varietät desselben in demselben Verhältnis steht wie der zuletzt genannte

Fehlschluss zur anderen Varietät Auch dieser stellt die Natur als mit einem

Unvermögen behaftet dar das dem Unvermögen unseres Geistes entspricht aber

anstatt bloß zu behaupten die Natur könne Etwas nicht tun weil wir es nicht

begreifen können geht er noch viel weiter indem er behauptet die Natur tue

Etwas aus dem einzigen Grunde weil wir keinen Grund sehen können warum sie es

nicht tun sollte So absurd es scheint wenn dies so schlechthin behauptet

wird so ist es doch ein von den Philosophen angenommener Grundsatz um die

Gesetze der physikalischen Phänomene aprioristisch zu beweisen Ein Phänomen

muss ein bestimmtes Gesetz befolgen weil wir keinen Grund sehen warum es von

diesem Gesetz eher in der einen Richtung als in der anderen abweichen sollte

Dies ist das Prinzip vom zureichenden Grunde175 auf das die Philosophen sich

oft im Stande glauben die allgemeinsten Wahrheiten der Experimentalphysik ohne

alle Berufung auf die Erfahrung begründen zu können

    Nehmen wir zB zwei der allerelementarsten Gesetze das Gesetz der Trägheit

vis inertiae und das erste Gesetz der Bewegung. Ein in Buhe begriffener

Körper behauptet man kann nicht anfangen sich zu bewegen ohne dass eine

äußere Kraft auf ihn einwirkt denn wenn er es täte so müsste er sich

aufoder abwärts vor oder rückwärts usf bewegen wenn keine äußere Kraft

auf ihn einwirkt so kann kein Grund vorhanden sein dass er sich eher auf als

abwärts eher vor als rückwärts bewege ergo wird er sich gar nicht bewegen

    Ein solches Schließen halte ich für ganz irrig in seiner Abhandlung über

Ursache und Wirkung hat Dr Brown dies auch mit großer Schärfe und Strenge des

Gedankens nachgewiesen Wir haben oben bemerkt dass durch verschiedene

Ergänzungen der unterdrückten Theile fast ein jeder Irrtum auf verschiedene

Gattungen zurückgeführt werden kann; der Irrtum von dem wir eben reden kann

auf petitio principii zurückgeführt werden Er setzt voraus dass nichts ein

»hinreichender Grund« für die Bewegung eines Körpers in einer besonderen

Richtung sein könne als irgend eine äußere Kraft Das ist aber gerade was zu

beweisen ist Warum nicht eine innere Kraft Warum nicht das Gesetz der eigenen

Natur des Dinges? Da es diese Philosophen für nötig halten das Gesetz der

Trägheit zu beweisen so setzen sie natürlich nicht voraus dass es sich von

selbst verstehe sie müssen daher der Meinung sein die Voraussetzung der

Bewegung eines Körpers durch einen inneren Impuls sei eine Hypothese deren

Zulassung aller Erfahrung vorausgeht wenn dies aber so ist warum ist nicht

auch die Hypothese zulässig dass der innere Impuls naturgemäß in einer

besonderen Richtung wirkt und nicht in einer anderen Wenn spontane Bewegung ein

Gesetz der Materie gewesen sein konnte warum nicht auch spontane Bewegung nach

der Sonne der Erde oder gegen den Zenit Warum nicht wie die Alten annahmen

nach einem besonderen einer jeden besonderen Art Substanz vorbehaltenen Punkte

des Weltalls? Gewiss ist es unzulässig zu sagen die Spontaneität der Bewegung

sei an sich glaublich sie sei aber nicht glaublich wenn vorausgesetzt wird

die Bewegung finde in einer bestimmten Richtung Statt

    Wenn Jemand in der Tat behaupten wollte dass sich alle zwangsfreien dh

sich selbst überlassenen Körper in gerader Linie nach dem Nordpol bewegen

würden so könnte er auch diese Behauptung durch das Prinzip vom hinreichenden

Grunde beweisen Mit welchem Recht nimmt man an dass ein Zustand von Ruhe

derjenige besondere Zustand sei von dem ohne eine spezielle Ursache nicht

abgewichen werden könne Warum nicht ein Zustand der Bewegung und zwar einer

besonderen Art von Bewegung Warum können wir nicht sagen der natürliche

Zustand eines sich selbst überiagsenen Pferdes sei Schritt zu gehen weil es

sonst entweder traben galoppieren oder stillstehen müsste und weil wir keinen

Grund sehen warum es das eine eher tun sollte als das andere Wenn man dies

einen unpassenden Gebrauch »des hinreichenden Grundes« und das andere einen

passenden nennen wollte so müsste die stillschweigende Annahme stattfinden ein

Zustand von Buhe sei einem Pferde natürlicher als ein Zustand des

Schrittgehens Wenn dies bedeutet dass es der Zustand ist welchen das sich

selbst überlassene Thier annehmen wird so ist dies gerade der zu beweisende

Punkt und wenn es dies nicht sagen will so kann es nur bedeuten dass ein

Zustand von Ruhe der einfachste und daher in der Natur am wahrscheinlichsten

vorherrschende ist was einer von den Fehlschlüssen oder natürlichen

Vorurteilen ist die wir bereits geprüft haben

    Dasselbe gilt von dem ersten Gesetze der Bewegung: dass ein in Bewegung

begriffener Körper wenn er sich selbst überlassen wird sich beständig in einer

geraden Linie bewegt Man hat den Versuch gemacht dieses Gesetz zu beweisen

indem man sagte dasswenn er dies nicht täte er entweder nach rechts oder

nach links abweichen müsste während doch kein Grund vorhanden ist, warum er das

eine eher tun sollte als das andere Aber wer konnte der Erfahrung voraus

wissen ob ein Grund vorhanden war oder nicht Könnte es nicht die Natur der

Körper oder von besonderen Körpern sein nach rechts oder wenn man die Annahme

vorzieht nach Osten oder Süden abzuweichen Man hat lange geglaubt die Körper,

wenigstens die irdischen hätten ein natürliches Bestreben nach unten

abzuweichen und es ist nicht der Schatten von einem Einwurf vorhanden den man

gegen die Annahme machen könnte ausgenommen dass sie nicht wahr ist Der

vermeintliche Beweis des Gesetzes der Bewegung ist offenbar noch unhaltbarer als

der des Gesetzes der Trägheit denn er ist offenbar inkonsequent er nimmt an

die Fortdauer einer Bewegung in der zuerst genommenen Richtung sei natürlicher

als die Abweichung nach rechts oder links aber er leugnet dass die eine der

letzteren möglicherweise natürlicher sein könne als die andere Alle diese

Einbildungen einer Möglichkeit durch andere Mittel als die Erfahrung zu

erkennen was natürlich und was nicht natürlich ist sind in der Tat ganz

nichtig Der wirkliche und einzige Beweis des Gesetzes der Bewegungoder irgend

eines Gesetzes des Weltalls, ist die Erfahrung; aus dem einfachen Grunde weil

keine anderen Annahmen die Tatsachen der allgemeinen Natur erklären oder damit

übereinstimmen

    Die Geometer haben sich zu allen Zeiten den Vorwurf zugezogen sie suchten

die allgemeinsten Tatsachen der Außenwelt durch sophistisches Räsonnement zu

erklären um eine Berufung an die Sinne zu vermeiden Archimedes sagt Playfair

stellte einige von den elementaren Sätzen der Statik durch ein Verfahren auf in

welchem er »dem Experiment keine Prinzipien entlehnt sondern seinen Schluss

gänzlich durch ein Schließen a priori feststellt Er nimmt an dass gleiche

Körper an den Enden der gleichen Arme eines Hebels sich einander im

Gleichgewichte erhalten und dass ein Zylinder oder Parallelepiped aus einem

homogenen Stoff im Mittelpunkt der Größe im Gleichgewicht steht Dies ist aber

nicht aus der Erfahrung gefolgert es ist im eigentlichen Sinne ein aus dem

Prinzip des zureichenden Grundes abgeleiteter Schluss« Und bis auf den

heutigen Tag gibt es wenig Mathematiker welche es nicht für viel

wissenschaftlicher hielten diese oder ähnliche Prämissen in einer solchen Weise

aufzustellen als ihren Beweis auf das gewöhnliche Experiment zu gründen an das

in dem in Rede stehenden Fall so leicht zu appellieren war

    

     6 Ein anderes weit verbreitetes natürliches Vorurteil ein Vorurteil

das die Wurzel aller Irrtümer war in welche die alten Philosophen bei ihren

physikalischen Forschungen verfielen war das Vorurteil dass die Unterschiede

in der Natur den von uns gemachten Distinktionen entsprechen müssen dass

Wirkungen die wir gewohnt sind in gewöhnlicher Sprache mit verschiedenen Namen

zu belegen und in verschiedene Classen zu ordnen auch von einer verschiedenen

Natur sein und verschiedene Ursachen haben müssen Dieses Vorurteil das so

offenbar einerlei Ursprung mit den bereits abgehandelten hat deutet ganz

besonders auf jenes frühe Stadium der Wissenschaft hin wo sie sich noch nicht

von den Fesseln der täglichen Sprechweise befreit hatte Dass dieses Vorurteil

die griechischen Philosophen so außerordentlich beherrscht hat kann dadurch

erklärt werden, dass sie keine andere Sprache verstanden als die ihrige woraus

folgte dass ihre Ideen den zufälligen oder willkürlichen Kombinationen dieser

Sprache mehr folgten als es den Gebildeten der jetzigen Zeit begegnen kann Es

machte ihnen große Schwierigkeit Dinge von einander zu unterscheiden welche

ihre Sprache zusammenwarf oder Dinge geistig zu verbinden welche sie trennte

sie konnten die Gegenstände der Natur kaum zu anderen Classen vereinigen als

die populären Ausdrücke ihres Landes für sie schufen wenigstens mussten sie

diese Classen für natürlich und alle anderen für willkürlich und künstlich

halten Es war demnach die wissenschaftliche Forschung unter den Griechen und

ihren Nachfolgern im Mittelalter wenig mehr als ein Sichten und Analysieren der

mit der gewöhnlichen Sprache verbundenen Begriffe Sie glaubten dass sie durch

die Bestimmung der Bedeutung der Wörter mit den Tatsachen bekannt werden

könnten »Sie hielten es für ausgemacht« sagt Herr Whewell »dass die

Philosophie aus den Relationen derjenigen Begriffe hervorgehen müsse welche in

der gewöhnlichen Sprache enthalten sind und sie suchten dieselbe in dem Studium

dieser Begriffe« Herr Whewell hat diesen Irrtum so gut erläutert dass wir

seine Worte etwas weiter anführen wollen176

    »Die Neigung in der gewöhnlichen Sprache nach Prinzipien zu suchen zeigte

sich sehr früh Ein Beispiel hiervon haben wir in dem Ausspruch welchen man

Thales dem Gründer der griechischen Philosophie zuschreibt Als er gefragt

wurde welches ist das größte aller Dinge antwortete er der Raum denn alle

Dinge sind in der Welt die Welt ist aber im Raum Bei Aristoteles finden wir

diese Art zu philosophieren auf ihrem Höhenpunkt Der Ausgangspunkt seiner

Untersuchungen ist gewöhnlich dieser wir sagen gewöhnlich so oder so Wenn er

zB die Frage untersucht ob es in irgend einem Theile des Universums ein

Vakuum einen leeren Raum gibt so fragt er erst in welchem Sinne wir sagen

dass ein Ding in dem anderen ist Er zählt nun folgende Sprechweisen auf wir

sagen ein Teil sei im Ganzen wie die Finger in der Hand wir sagen die

Spezies sei in der Gattung wie der Mensch in der Gattung Thier eingeschlossen

istebenso, die Herrschaft Griechenlands sei in dem König es werden noch

verschiedene andere Sprechweisen angeführt und erläutert aber von allen ist die

passendste die eigentlichste wenn wir sagen ein Ding sei in einem Gefäß und

im allgemeinen im Raum Er prüft sodann was der Raum ist und kommt zu dem

Schlüsse dasswenn um einen Körper herum ein anderer ist der ihn

einschließt so ist er im Raume, wenn nicht nicht Ein Körper bewegt sich

wenn er seinen Ort ändert aber er fügt hinzu dasswenn Wasser in einem Gefäß

und das Gefäß in Ruhe ist die Theile des Wassers sich doch bewegen können

denn sie sind gegenseitig von einander eingeschlossen so dass während das

Ganze seinen Ort nicht ändert die Theile ihren Ort in einer kreisförmigen

Ordnung können Indem er alsdann zu der Frage über den leeren Raum übergeht

prüft er die verschiedenen Bedeutungen dieses Ausdrucks und nimmt als die

eigentliche an Raum ohne Materie ein ganz nutzloses Resultat«

    So sagt er in Beziehung auf mechanische Wirkung »Wenn ein Mensch einen

Stein bewegt indem er ihn mit einem Stocke stößt so sagen wir sowohl der

Mensch bewege den Stein als auch der Stock bewege ihn aber das letztere

passender eigentlicher«

    »So finden wir dass die griechischen Philosophen bemüht waren ihre Dogmen

den allgemeinsten und abstraktesten Begriffen welche sie nur auffinden konnten

zu entnehmen zB der Idee des Weltalls als eines Dinges oder als vieler Dinge

Sie versuchten zu bestimmen, wie weit wir mit diesen Begriffen den Begriff von

dem Ganzen und seinen Teilen von Zahl oder Grenze Anfang oder Ende von Voll

oder Leer Ruhe oder Bewegung von Ursache und Wirkung u dgl verbinden können

oder müssen Die Analyse solcher Begriffe von einem solchen Gesichtspunkte aus

füllt zB fast die ganze Abhandlung des Aristoteles über den Himmel De Coelo

«

    Der folgende Paragraph verdient besondere Aufmerksamkeit »Eine bei diesen

Versuchen sehr häufig angewandte Schlussweise war die Lehre von den Gegensätzen

in welcher angenommen wurde dass Attribute oder Substanzen welche in

gewöhnlicher Sprache oder in einer abstrakten Vorstellungsweise einander

entgegengesetzt sind auf einen fundamentalen Gegensatz in der Natur deuten

müssen den zu studieren von Wichtigkeit ist So sagt uns Aristoteles dass die

Pythagoreer aus den Kontrasten welche die Zahlen darbieten zehn Prinzipien

ableiteten das Begrenzte und Unbegrenzte das Gerade und Ungerade Eins und

Vieles Rechts und Links Männlich und Weiblich Ruhe und Bewegung Gerade und

Krumm Licht und Dunkelheit Gut und Böse Quadratisch und Oblong

Aristoteles selbst leitete die Lehre von vier Elementen und andere Dogmen aus

Gegensätzen derselben Art ab«

    In welcher Weise die Alten versuchten aus so erhaltenen Prämissen

Naturgesetze abzuleiten davon führt Herr Whewell ein Beispiel an »Auf folgende

Argumente gestützt entscheidet Aristoteles dass es keinen leeren Raum gibt

In einem leeren Raume könnte kein Unterschied zwischen oben und unten sein denn

so wie es in Nichts keinen Unterschied gibt so gibt es auch keinen in einer

Privation oder Negation aber der leere Raum ist eine bloße Privation oder

Negation der Materie, daher könnten sich in einem leeren Raum die Körper weder

aufwärts noch abwärts bewegen wie sie es doch ihrer Natur nach tun Man sieht

leicht« fügt Herr Whewell mit Recht hinzu »dass eine solche Schlussweise die

gewöhnlichen Sprachformen und den geistigen Zusammenhang der Wörter zu einer

Oberherrschaft über die Tatsachen erhebt indem sie die Wahrheit davon abhängig

macht ob Ausdrücke privativ sind oder nicht und ob wir zu sagen pflegen dass

die Körper ihrer Natur nach fallen«

    Die Neigung anzunehmen dass dieselben Verhältnisse zwischen den

Gegenständen selbst herrschen welche zwischen unseren Ideen von ihnen

herrschen sieht man hier auf ihrer höchsten Stufe der Entwickelung Denn die in

den vorhergehenden Beispielen erläuterte Art zu philosophieren setzt nicht

weniger voraus als dass der geeignete Weg zur Kenntnis der Natur zu gelangen

der sei die Natur selbst subjektiv zu studieren unsere Beobachtung und Analyse

nicht auf die Tatsachen selbst sondern auf die von diesen Tatsachen

gewöhnlich gehegten Vorstellungen zu richten

    Von der Neigung anzunehmen dass Dingewelche zu gewöhnlichen Lebenszwecken

in verschiedene Classen geteilt wurden in jeder Beziehung verschieden sein

müssen kann man viele andere gleich auffallende Beispiele anführen Von dieser

Art war das im Altertum und Mittelalter allgemeine und tiefgewurzelte

Vorurteil dass himmlische und irdische Phänomene wesentlich verschieden sein

müssen und in keiner Weise von denselben Gesetzen abhängig sein können Von

derselben Art war auch das Vorurteil welches Bacon bestritt dass der Mensch

das nicht nachahmen könne was die Natur hervorgebracht hat Calorem solis et

ignis toto genere differre ne scilicet homines putent se per opera ignis

aliquid simile iis quae in natura fiunt educere et formare posse Und ferner »

Compositionem tantum opus Hominis Mistionem vero opus solius Naturae esse ne

scilicet homines sperent aliquam ex arte corporum naturalium generationem aut

transformationem«177 Die Unterscheidung welche die alten Philosophen zwischen

natürlicher und gewaltsamer Bewegung machten und die nicht ohne plausible

Begründung in den äußeren Erscheinungen selbst war empfahl sich der Annahme

ohne Zweifel durch ihre Übereinstimmung mit diesem Vorurteile

    

     7 Von dem Grundirrtum der wissenschaftlichen Forscher des Altertume

kommen wir durch natürliche Ideenassoziation zu einem kaum weniger fundamentalen

ihres großen Rivalen und Nachfolgers Bacon Es hat die Verwunderung der

Philosophen erregt dass das detaillierte System der induktiven Logik welches

dieser außerordentliche Mann aufzustellen sich bemühte den späteren Forschern

von so wenig direktem Nutzen war indem es mit Ausnahme weniger allgemeiner

Sätze sich weder als eine Theorie behaupten konnte noch in der Praxis zu großen

wissenschaftlichen Resultaten führte Obgleich dies oft bemerkt wurde so hat

man doch kaum eine plausible Erklärung davon gegeben manche haben in der Tat

vorgezogen zu behaupten alle Regeln der Induktion seien nutzlos anstatt

anzunehmen Bacons Regeln seien auf eine ungenügende Analyse des induktiven

Verfahrens gegründet Man wird indessen bemerken dass letzteres der Fall ist,

sobald man berücksichtigt dass Bacon die Vielfachheit der Ursachen gänzlich

übersehen hat Alle seine Regeln schließen stillschweigend die Annahme ein ein

Phänomen könne nicht mehr als eine Ursache haben diese Annahme ist aber im

Widerspruch mit unserer ganzen Kenntnis der Natur.

    Wenn Bacon untersucht was er die forma calidi et frigidi gravis aut levis

sicci aut humidi usw nennt so zweifelt er keinen Augenblick dass es ein

Ding, ein unveränderlicher Zustand oder Reihe von Zuständen gibt die in allen

Fällen von Wärme oder Kälte oder eines sonstigen Phänomens gegenwärtig ist die

einzige Schwierigkeit besteht nur darin zu finden was für ein Ding es ist er

sucht dies daher durch ein Eliminationsverfahren zu erreichen indem er

vermittelst negativer Fälle alles verwirft oder ausschließt was nicht die

forma oder Ursache ist um zu dem zu gelangen was sie ist Aber dass diese

forma oder Ursache ein Ding ist und dass es in allen warmen Gegenständen

dasselbe istdies bezweifelt er nicht mehr als Jemand bezweifelt dass immer

eine oder die andere Ursache vorhanden ist. Bei dem gegenwärtigen Zustande des

Wissens würde es selbst wenn wir diese Frage nicht schon so weitläufig

behandelt hätten nicht nötig sein zu zeigen wie sehr diese Voraussetzung der

Wahrheit widerspricht Bacon war besonders darin unglücklich dass während er

diesen Irrtum hegte er sich fast ausschließlich mit einer Klasse von

Untersuchungen beschäftigte in denen derselbe ganz besonders verderblich werden

musste nämlich mit Untersuchungen über die Ursachen der sinnlichen

Eigenschaften der Körper. Denn seine in einem jeden Falle grundlose Annahme ist

in einem besonderen Grade falsch in Beziehung auf diese sinnlichen

Eigenschaften Man hat es kaum in Beziehung auf eine einzige derselben für

möglich gefunden eine Einheit der Ursache, eine Reihe von die Eigenschaft

unveränderlich begleitenden Bedingungen nachzuweisen Die Verbindungen solcher

Eigenschaften unter einander konstituieren die Mannigfaltigkeit von Arten in der

man wie erwähnt worden ist, noch kein Gesetz hat auffinden können Bacon

suchte was nicht existierte Das Phänomen dessen eine Ursache er suchte hat in

den meisten Fällen gar keine Ursacheund wenn es eine hat so hängt sie so

weit bis jetzt ermittelt wurde von einer unnachweisbaren Menge unterschiedener

Ursachen ab

    An dieser Klippe muss ein Jeder scheitern der sich wie Bacon vorstellt

das erste und fundamentale Prinzip der Wissenschaft sei mehr zu bestimmen,

welches die Ursache einer gegebenen Wirkung ist als zu ermitteln welches die

Wirkungen einer gegebenen Ursache sind In unserer vorhergehenden Untersuchung

über die Natur der Induction178 haben wir schon gezeigt wie viel weiter die

Hilfsmittel gehen welche die Wissenschaft der letzteren Untersuchung darbietet

indem wir nur bei der letzteren Untersuchung eine Hülfe vom Experiment zu

erwarten haben Wenn wir die Ursachen der Wirkungen entdecken so geschieht es

gewöhnlich dadurch dass wir vorher die Wirkungen der Ursachen entdeckt haben

die größte Geschicklichkeit in der Erfindung von instantiae crucis für den

ersteren Zweck dürfte so wenig wie Bacons physikalische Untersuchungen zu einem

Resultate überhaupt führen Machte ihn sein Eifer in dem Streben nach dem

Vermögen für das Wohl der Menschen Resultate hervorzubringen die von

praktischer Wichtigkeit für das Leben sind zu ungeduldig um dieses Ziel auf

Umwegen zu suchen so dass auch er der Verteidiger des Experiments die

direkte Methode obgleich eine Methode der bloßen Beobachtung der indirekten

Methode in der das Experiment allein möglich ist vorzog Oder hatte auch Bacon

seinen Geist nicht ganz von der Idee der Alten befreit dass »rerum cognoscere

causas« der einzige Gegenstand der Philosophie wäre und dass das Forschen nach

den Wirkungen der Dinge den niedrigen und mechanischen Künsten angehöre

    Es ist bemerkenswert dass während man die einzige wirksame Weise die

spekulative Wissenschaft zu kultivieren wegen einer ungebührlichen Verachtung

von Handarbeiten verfehlte die so entstandenen theoretischen Ansichten

ihrerseits den praktischen und mechanischen Zwecken die man noch bestehen

ließ eine falsche Richtung gab Die bei den Alten und im Mittelalter allgemein

gangbare Annahme dass es Prinzipien der Wärme und Kälte der Nässe und

Trockenheit etc gäbe führten direkt zu dem Glauben an die Alchemie an eine

Transmutation der Substanzen an eine Verwandlung der einen Art in eine andere

Warum sollte es nicht möglich sein Gold zu machen Eine jede der

charakteristischen Eigenschaften des Goldes hatte ihre forma ihre Essenz ihre

Reihe von Bedingungen welche wir, wenn wir sie entdecken und realisieren

könnten auf eine jede Substanz auf Holz Eisen Kalk oder Thon überführen

könnten Wenn wir dies demnach in Beziehung auf eine jede der wesentlichen

Eigenschaften der edlen Metalle tun könnten so hätten wir jene andere Substanz

in Gold verwandelt Wenn jene Prämissen einmal zugegeben waren so überstieg

dies nicht die realen Kräfte der Menschen denn die tägliche Erfahrung lehrte

dass fast eine jede der verschiedenen sinnfälligen Eigenschaften eines

Gegenstandes, seine Konsistenz seine Farbe sein Geschmack Geruch seine

Gestalt durch Feuer Wasser oder ein anderes chemisches Agens gänzlich geändert

werden können. Da es also in der menschlichen Macht zu liegen schien die formae

aller dieser Eigenschaften hervorzubringen oder zu vernichten so schien die

Transmutation der Substanzen nicht allein in abstracto möglich sondern es

schien auch die Aussicht auf eine willkürliche Anwendung dieser Macht auf

praktische Zwecke keineswegs eine hoffnungslose zu sein179

    Ein in der alten Welt so allgemeines Vorurteil ein Vorurteil von dem

sogar Bacon so wenig frei war dass es den ganzen praktischen Teil seines

Systems der Logik durchdrang und fehlerhaft machte kann in der Ordnung der

Irrtümer welche wir eben betrachten mit allem Fug obenan gestellt werden

    

     8 Es bleibt uns nun noch ein aprioristischer Fehlschluss oder ein

natürliches Vorurteil das von allen bisher angeführten vielleicht am tiefsten

wurzelt und das nicht allein in der alten Welt eine supreme Gewalt hatte

sondern das jetzt noch eine fast unbestrittene Herrschaft über viele der

gebildetsten Geister übt Auch werde ich einige der merkwürdigen und zahlreichen

Beispiele womit ich es erläutern will den Schriften der neueren Philosophen

entnehmen Es ist dies nämlich der Irrtum dass die Bedingungen eines Phänomens

dem Phänomen selbst gleichen müssen oder wenigstens wahrscheinlich gleichen

werden

    Nach dem was wir früher bemerkt haben hätte dieser Irrtum in eine andere

Klasse gebracht werden können, in die der Fehler in der Generalisation denn die

Erfahrung verleiht bis zu einem gewissen Grade jener Annahme eine Stütze Die

Ursache gleicht in sehr vielen Fällen ihren Wirkungen Gleiches erzeugt

Gleiches Viele Phänomene haben ein direktes Bestreben ihre eigene Existenz

ewig zu erhalten oder andere ähnliche Phänomene zu erzeugen Ohne der Formen zu

erwähnen die wirklich von einander abgeformt werden wie Wachsabdrücke und

dergleichen bei denen die größte Ähnlichkeit zwischen Ursache und Wirkung

gerade das Gesetz des Phänomens ist sehen wir bei einer jeden Bewegung das

Streben mit ihrer eigenen Schnelligkeit und in ihrer eigenen ursprünglichen

Richtung fortzudauern und ein in Bewegung begriffener Körper strebt andere

Körper in Bewegung zu setzen was in der Tat die gewöhnliche Weise ist in der

die Bewegungen der Körper entstehen Es ist kaum nötig der Ansteckung durch

Krankheiten der Gehrung oder der Erzeugung von Wirkungen durch das Wachstum

eines Keimes zu erwähnen der dem vollendeten Phänomen im verjüngten Maßstabe

gleicht oder auch des Wachstums einer Pflanze oder eines Tieres aus dem

Embryo indem dieser Embryo seinen Ursprung selbst wieder von einer Pflanze oder

einem Tiere derselben Art ableitet So gleichen auch die Gedanken oder

Erinnerungen welche Wirkungen vergangener Sensationen sind eben diesen

Sensationen Gefühle erzeugen durch Sympathie ähnliche Gefühle Handlungen

erzeugen durch willkürliche oder unwillkürliche Nachahmung ähnliche Handlungen

Da der Schein so sehr dafür spricht so ist es kein Wunder wenn in dem Geiste

der Menschen die Präsumtion entstand dass die Ursachen notwendig ihren

Wirkungen gleichen müssen und dass Gleiches nur durch Gleiches hervorgebracht

werden könne

    Dieses Prinzip hat die Menschen gewöhnlich bei den phantastischen Versuchen

beherrscht den Gang der Natur durch Mittel zu infulieren deren Wahl auf

Mutmaßungen gegründet war und sich nicht nach vorausgegangenen Beobachtungen

und Versuchen richtete Man fiel fast immer auf Mittel welche eine wirkliche

oder scheinbare Ähnlichkeit mit dem beabsichtigten Zweck hatten Wenn man wie

in Ovids Medea eines Zaubermittels bedurfte am das Leben zu verlängern so

wurden alle langlebenden Tiere oder was man dafür hielt gesammelt und daraus

eine Brühe gebraut

 

                         nec defuit illic

 Squamea Cinyphii tenuis membrana chelydri

 Vivacisque jecur cervi quibus insuper addit

 Ora caputque novem cornicis saecula passae

 

    Eine ähnliche Vorstellung war in der berühmten medizinischen Theorie

verkörpert welche »die Lehre von den Signaturen« hieß und welche wie Dr

Paris sagt »nichts Geringeres war als der Glaube eine jede natürliche Substanz

welche irgend eine medizinische Eigenschaft besitzt zeige durch einen

augenfälligen und wohlmarkierten Charakter die Krankheit an für welche sie ein

Heilmittel oder den Gegenstand, wofür sie zu gebrauchen ist« Dieser äußere

Charakter war gewöhnlich ein wirklicher oder eingebildeter Zug von Ähnlichkeit

entweder mit der Wirkung, die man ihr zuschrieb oder mit dem Phänomen über

welches wie man glaubte er eine Macht übte »So mussten die Lungen eines

Fuchses ein Spezifikum gegen das Asthma sein weil dieses Thier eine merkwürdig

kräftige Respiration besitzt Die Gelbwurz Curcuma hat eine lebhafte gelbe

Farbe welche anzeigt dass sie die Eigenschaft besitzt die Gelbsucht zu

heilen aus demselben Grunde müssen Mohnköpfe die Krankheiten des Kopfes heilen

Agaricus die der Blase Cassia fistula die Krankheiten der Eingeweide

Aristolochia die des Uterus die glänzende Oberfläche und die Steineshärte

welche die Samen von Lithospermum offizinale so ausgezeichnet charakterisieren

wurden als ein Zeichen ihrer Wirksamkeit in Steinkrankheiten angesehen aus

einem ähnlichen Grunde erlangte die Wurzel von Saxifraga granulata in der

Behandlung derselben Krankheit einen großen Ruf und die Euphrasia wurde als

Augenheilmittel berühmt weil sie in der Korolle einen schwarzen Fleck hat der

einer Pupille ähnlich sieht Der Blutstein das Heliotropium der Alten wird

wegen der kleinen Fleckchen oder Punkte von blutroter Farbe die er

gelegentlich auf seiner grünen Oberfläche zeigt sogar noch in unseren Tagen in

vielen Teilen Englands und Schottlands gebraucht um das Nasenbluten zu

stillen und Nesselthee ist immer noch ein Volksmittel gegen die Nesselsucht

Auch wird behauptet dass einige Substanzen die Signaturen der Flüssigkeiten des

menschlichen Körpers besitzen zB die Blumenblätter der roten Rose die des

Bluts und die Rhabarberwurzel und die Safranblüthen die der Galle«

    Die Betrachtungen über die chemische Zusammensetzung der Körper waren früher

keines anderen Umstandes wegen erfolglos als weil man beständig dabei als

ausgemacht annahm die Eigenschaften der Elemente müssten denen ihrer

Verbindungen gleichen

    Um auf jüngere Beispiele zurückzukommen so wurde lange von den Anhängern

Descartes und sogar von Leibnitz selbst der Newtonschen Philosophie entgegen

behauptet auch bestritt wie wir sahen Newton selbst nicht die Annahme,

sondern umging sie durch eine willkürliche Hypothese dass nichts wenigstens

von einer physischen Natur die Bewegung erklären könne als eine frühere

Bewegung der Impuls oder Anstoß eines anderen Körpers Es dauerte lange bis

die wissenschaftliche Welt es über sich gewinnen konnte die Attraktion und

Repulsion dh das spontane Streben der Körperteilchen sich einander zu

nähern oder sich von einander zu entfernen als letzte Gesetze zuzulassen die

man nicht mehr zu erklären brauchte als den Impuls selbst wenn sich in Wahrheit

der letztere nicht in die ersteren auflösen ließe Aus dieser Quelle flossen

die unzähligen Hypothesen zur Erklärung derjenigen Bewegungsarten welche

geheimnisvoller schienen als alle anderen indem man sie offenbar keinem

Impuls zuschreiben konnte wie zB die willkürlichen Bewegungen des

menschlichen Körpers Der Art waren die endlosen Systeme von Vibrationen die

sich durch die Nerven fortpflanzen oder die animalischen Geister die zwischen

den Muskeln und dem Gehirne auf und abfuhren Hätte man die faktische Existenz

derselben beweisen können so wäre dies eine wichtige Erweiterung unserer

Kenntnis der physiologischen Gesetze gewesen aber darin dass man glaubte

ihre bloße Erfindung ihre willkürliche Annahme könne die Phänomene des

tierischen Lebens verständlicher oder weniger geheimnisvoll machen lag eine

arge Täuschung Nichts schien dagegen befriedigender als die Erklärung die

Bewegung werde durch Bewegung dh durch etwas ihr Ähnliches erzeugt Wenn es

nicht die eine Art Bewegung war so musste es eine andere sein Ebenso wurde

vorausgesetzt dass die physikalischen Eigenschaften der Gegenstände aus irgend

einer ähnlichen Eigenschaft oder vielleicht nur aus einer Eigenschaft

entspringen müssen die in den Teilchen oder Atomen aus denen die Gegenstände

zusammengesetzt sind denselben Namen trägt dass zB ein scharfer Geschmack

aus scharfen Teilchen entstehen müsse Umgekehrt setzte man voraus dass die

von einem Phänomene hervorgebrachten Wirkungen in ihren physikalischen

Attributen dem Phänomene selbst gleichen müssen Der Einfluss der Planeten

entsprach ihren sichtbaren Eigentümlichkeiten da Mars eine rote Farbe

besitzt so sagte er Feuer und Mord u dergl voraus

    Wenn man von der Physik zur Metaphysik übergeht so kann man als die

bemerkenswertesten Früchte dieses aprioristischen Irrtums zwei ganz analoge

Theorien anführen die man in der alten und neuen Zeit gebrauchte um die Kluft

zwischen der geistigen und der materiellen Welt auszufüllen nämlich die species

sensibles der Epikureer und die neuere Lehre von der Perzeption vermittelst

Ideen Diese Theorien verdanken in der Tat ihre Entstehung wahrscheinlich nicht

bloß dem in Rede stehenden Irrtum sondern der Verbindung dieses Irrtums mit

dem anderen bereits erwähnten natürlichen Vorurteile dass ein Ding da nicht

wirken kann wo es nicht ist In beiden Theorien wird angenommen das Phänomen

welches in uns stattfindet wenn wir einen Gegenstand sehen oder fühlen und

welches wir als eine Wirkung dieses Gegenstandes ansehen müsse notwendig dem

äußeren Gegenstande selbst genau gleichen Damit diese Bedingung erfüllt werde

nahmen die Epikureer an die Gegenstände projizierten fortwährend nach allen

Richtungen hin unfühlbare Bilder welche durch das Auge zum Geist gelangen

während die neueren Philosophen obgleich sie diese Hypothese verwarfen darin

übereinstimmten dass sie für notwendig hielten anzunehmen nicht der

Gegenstand selbst sondern ein geistiges Bild desselben sei der direkte

Gegenstand der Wahrnehmung. Reid musste eine Welt von Argumenten und

Erläuterungen gebrauchen um die Menschen mit der Wahrheit vertraut zu machen

dass die Sensationen oder Eindrucke auf unseren Geist nicht notwendig Kopien

der Ursachen sein müssen welche sie hervorbringen und dass sie überhaupt keine

Ähnlichkeit damit zu haben brauchen im Gegensatz zu jenem natürlichen

Vorurteile welches die Menschen verleitete die Wirkung der Körper auf unsere

Sinne und durch diese auf unseren Geist mit der Übertragung einer gegebenen

Form von einem Gegenstande auf den anderen durch wirkliches Abformen zu

vergleichen Das Studium der Werke Reids ist immer noch am meisten geeignet

den Geist von solchen Vorurteilen zu befreien Der Dienst den er der populären

Philosophie erwiesen hat wird dadurch wenig geschmälert dass er darin zu weit

ging dass er die »Ideale Theorie« für einen wirklichen Satz aller Philosophen

hielt die ihm vorausgegangen waren besonders Lockes und Humes denn wenn

dieselben auch nicht selbst wissentlich in diesen Irrtum verfielen so führten

sie doch ohne Zweifel sehr oft ihre Leser hinein

    Das Vorurteil dass die Bedingungen eines Phänomens dem Phänomen selbst

gleichen müssen wird den Worten nach wenigstens gelegentlich bis zu einer

noch handgreiflicheren Absurdität getrieben man spricht von den Bedingungen

eines Dinges, als ob sie das Ding selbst wären In seiner Musteruntersuchung

inquisitio in formam calidi die einen so großen Raum in Novum organon

einnimmt gibt Bacon dem Schluss den Vorzug dass die Wärme eine Art Bewegung

istindem er natürlich nicht das Gefühl der Warme meint sondern die

Bedingungen des Gefühls und daher auch nur meint dass da wo Wärme ist eine

besondere Art von Bewegung sein müsse aber er macht in seiner Sprache keinen

Unterschied zwischen diesen zwei Ideen indem er sich so ausdrückt als wenn

Wärme und die Bedingungen der Wärme ein und dasselbe Ding wären So sagt Darwin

im Anfang seiner Zoonomie »Das Wort Idee hat bei den metaphysischen

Schriftstellern verschiedene Bedeutungen hier wird es einfach für diejenigen

Vorstellungen von äußeren Dingen gebraucht mit denen uns unsere Organe oder

Sinne ursprünglich bekannt machen« soweit ist der Satz untadelhaft wenn auch

unbestimmt »und wird definiert als eine Kontraktion eine Bewegung eine

Konfiguration der Fasern welche die unmittelbaren Sinnesorgane zusammensetzen«

unsere Vorstellungen eine Konfiguration der Fasern Welche Art Logiker muss der

sein der glaubt ein Phänomen werde definiert als sei es die Bedingung von

welcher er es abhängig glaubt Demgemäß sagt er bald darauf nicht dass unsere

Ideen von gewissen organischen Phänomenen erzeugt werden oder abhängen sondern

»unsere Ideen sind tierische Bewegungen der Sinnesorgane« Und diese Konfusion

geht durch die vier Bände der Zoonomie hindurch der Leser weiß niemals ob der

Verfasser von der Wirkung oder von ihrer vermeintlichen Ursache spricht von der

Idee als einem Zustande des geistigen Bewusstseins oder von dem Zustande der

Nerven und des Gehirns den sie voraussetzt

    Ich habe nun eine Menge von Beispielen angeführt in denen das natürliche

Vorurteil dass Ursachen und Wirkungen einander gleichen müssen in der Praxis

zu schweren Irrtümern geführt hat Ich werde jetzt aus den Schriften sogar von

neueren Philosophen Fälle beibringen in denen dieses Vorurteil sogar als ein

ausgemachtes Prinzip dargestellt ist V Cousin drückt in der letzten seiner

berühmten Vorlesungen über Locke die als ein Resumé aller Einwürfe gegen die

Lehre dieses großen Mannes ein Werk von großem Verdienste sind diese Maxime

in folgenden Worten aus »Tout ce qui est vrai de leffet est vrai de la cause«

Eine Lehrevon der man gar nicht glauben sollte dass ihr Jemand außer bei

einer besonderen und technischen Bedeutung der Wörter Ursache und Wirkung,

buchstäblich anhangen könnte Wer aber so etwas schreiben konnte muss weit

entfernt sein zu sehen dass gerade das Entgegengesetzte der Fall sein könnte

dass nichts Unmögliches in der Annahme liegt dass keine einzige Eigenschaft

welche von der Wirkung wahr ist auch von der Ursache wahr sein dürfte Ohne in

dem Ausdrucke ganz soweit zu gehen behauptet Coleridge in seiner Biographia

litteraria als »eine evidente Wahrheit« dass »das Kausalgesetz nur zwischen

homogenen Dingen herrscht dh zwischen Dingen die irgend eine gemeinsame

Eigenschaft besitzen« und dass es sich daher »nicht von der einen Welt in die

andere ihr entgegengesetzte erstrecken könne« daraus folgtdass, da der Geist

und die Materie keine gemeinsame Eigenschaft besitzen der Geist nicht auf die

Materie wirken kann und die Materie nicht auf den Geist Was ist dies Anderes

als der aprioristische Irrtum von dem wir sprechen Diese Lehre ist wie viele

andere von Coleridge Spinoza entnommen sie steht in dem ersten Buch seiner

Ethik De Deo als dritter Satz »Quae res nihil commune inter se habent earum

una alterius causa esse non potest« und wird dort aus zwei sogenannten Axiomen

bewiesen die ebenso willkürlich sind aber Spinoza immer systematisch

konsequent führte die Lehre bis zu ihrer unvermeidlichen Konsequenz bis zu der

Materialität Gottes

    Dieselbe Idee von der Unmöglichkeit leitete den genialen und fernen Geist

Leibnitzens zu seiner berühmten Lehre von der prästabilierten Harmonie Auch er

glaubte dass der Geist nicht auf die Materie, besonders aber dass die Materie

nicht auf den Geist wirken könne und dass daher beide von ihrem Schöpfer wie

zwei Uhren geordnet sein müssen die obgleich sie keinen Zusammenhang haben

gleichzeitig schlagen und immer dieselbe Stunde zeigen Malebranches gleich

berühmte Theorie der gelegentlichen Ursachen war eine weitere Verfeinerung

dieser Vorstellung  anstatt anzunehmen die Uhren seien ursprünglich so

geordnet worden dass sie mit einander schlagen glaubte er dasswenn die eine

schlägt Gott dazwischen trete und die andere entsprechend schlagen lasse

    Auf ähnliche Weise sagt Descartes dessen Schriften eine reiche Fundgrube

einer jeden Art aprioristischen Fehlschlusses sind dass die urwirkende Ursache

causa efficiens wenigstens alle Vollkommenheiten der Wirkung besitzen müsse

und zwar aus folgendem sonderbaren Grunde »Si enim ponamus aliquid in idea

reperiri quod non fuerit in ejus causa hoc igitur habet a nihilo« sagen wenn

Pfeffer in der Suppe ist so müsse in dem Koche der sie verfertigte Pfeffer

sein weil sonst der Pfeffer ohne eine Ursache sein würde kann kaum eine

Parodie dieser Worte genannt werden. Einen ähnlichen Irrtum begeht Cicero in

dem zweiten Buche De finibus wo er in eigener Person gegen die Epikureer

sprechend diese der Inkonsequenz beschuldigt weil sie sagen das Vergnügen des

Geistes entspringe aus dem Vergnügen des Körpers, und das erstere sei dennoch

wertvoller Als wenn die Wirkung die Ursache übertreffen könnte »Animi

voluptas oritur propter voluptatem corporis et major est animi voluptas quam

corporis ita fit ut gratulator laetior sit quam is cui gratulatur« Sogar dies

ist nicht absolut unmöglich das Glück eines Menschen hat Anderen oft mehr

Freude gemacht als ihm selbst

    Mit derselben Schnellfertigkeit wendet Descartes dieses Prinzip in

umgekehrter Weise an und folgert die Natur der Wirkungen aus der Annahme dass

sie in dieser oder jener Eigenschaft oder in allen Eigenschaften ihren Ursachen

gleichen müssen Zu dieser Klasse gehören seine eigenen sowohl als auch die

Spekulationen vieler seiner Nachfolger welche die Ordnung des Weltalls nicht

aus der Beobachtung, sondern a priori aus supponierten Eigenschaften der Gottheit

zu folgern suchten Diese Art Folgerung wurde wahrscheinlich niemals so weit

getrieben als sie Descartes in einem Falle trieb wo er als einen Beweis eines

seiner physikalischen Prinzipien nämlich des Prinzips dass die Quantität der

Bewegung im Weltall unveränderlich sei die Unwandelbarkeit der göttlichen Natur

anführte Ein Schließen von einem ähnlichen Charakter ist indessen gegenwärtig

ebenso gewöhnlich als zu seiner Zeit und muss häufig dazu dienen unangenehme

Schlüsse abzuwehren Die Schriftsteller haben es noch nicht aufgegeben die

Lehre von der göttlichen Güte dem Beweis physikalischer Tatsachen zB dem

Bevölkerungsprinzip entgegenzusetzen Die Menschen scheinen im allgemeinen zu

glauben sie hätten ein gewaltiges Argument gebraucht wenn sie gesagt haben

ein gewisses Urteil als wahr annehmen hieße die Weisheit und Güte der Gottheit

tadeln In die einfachsten Ausdrücke gefasst ist ihr Argument das folgende

»Wenn es von mir abgehangen hätte so würde ich das Urteil nicht wahr gemacht

haben folglich ist es nicht wahr« In andere Worte gefasst lautet es so »Gott

ist vollkommen daher wie ich denke muss in der Natur Vollkommenheit

herrschen« Da aber in Wirklichkeit ein jeder fühlt dass die Natur sehr weit

entferntest vollkommen zu sein so wird jene Lehre niemals konsequent

angewendet Sie liefert ein Argument auf das wie an viele andere von einem

ähnlichen Charakter die Menschen sich berufen wenn es für sie spricht Niemand

wird dadurch überzeugt aber ein jeder scheint zu glauben es bringe die

Religion auf seine Seite der Auffassung der Frage und sei eine nützliche

Verteidigungswaffe um einen Gegner zu verwunden

    Obgleich wohl noch viele andere Arten von aprioristischen Irrtümern den

angeführten angereiht werden könnten so scheinen letztere doch alle diejenigen

zu sein auf welche es nötig war besonders aufmerksam zu machen Unsere Absicht

ist den Gegenstand anzuregen ohne ihn erschöpfen zu wollen Wir wollen daher

nun eine andere Klasse von Irrtümern in Betracht ziehen

 
 





     1 Von den Fehlschlüssen welche eigentlich Vorurteile oder Präsumtionen

sind die dem Beweise vorausgehen und ihn aufheben gehen wir zu denjenigen

über die in der unrichtigen Ausübung des Beweisverfahrens liegen Und da der

Beweis im weitesten Umfang einen oder mehrere von den drei Prozessen

Beobachtung Generalisation und Deduktion oder auch alle drei umfasst so

wollen wir die Irrtümer welche in diesen drei Operationen begangen werden

können, der Reihe nach betrachten und mit dem erstgenannten beginnen

    Ein Fehlschluss aus schlechter Beobachtung kann positiv oder negativ sein

er kann aus Nichtbeobachtung oder aus falscher Beobachtung hervorgehen Er ist

Nichtbeobachtung wenn die Tatsachen oder die besonderen Falle welche zu

beobachten waren übersehen oder vernachlässigt worden sind. Er ist falsche

Beobachtung wenn die Tatsache oder das Phänomen anstatt für das erkannt zu

werden was es in Wirklichkeit ist für etwas Anderes gehalten wird

    

     2 Nichtbeobachtung kann stattfinden entweder indem man die Fälle, oder

indem man einige von den Umständen eines gegebenen Falles übersieht Wenn wir

schließen würden ein Wahrsager sei ein wahrer Prophet weil wir nicht auf die

Fälle geachtet haben in denen sich seine Prophezeiungen als falsch erwiesen so

wäre dies Nichtbeobachtung von Fällen; wenn wir aber die Tatsache übersehen

hätten oder wenn uns unbekannt geblieben wäre dass in den Fällen wo die

Prophezeiungen eintrafen er mit einem anderen im Einverständnis war der ihm

die Nachrichten gab aufweiche sich dieselben gründeten so würde dies eine

Nichtbeobachtung von Umständen sein

    In soweit es die Induktion aus unzureichendem Beweis betrifft gehört der

erstere Fall nicht zu dieser zweiten Klasse von Fehlschlüssen sondern zur

dritten zu den Fehlern der Generalisation In einem jeden derartigen Falle sind

jedoch zwei Fehler oder Irrtümer statt eines vorhanden der erste liegt darin

dass man einen unzureichenden Beweis so zu sagen als einen zureichenden

behandelt was ein Irrtum der dritten Klasse ist sodann hat man die

Unzulänglichkeit selbst das Nichthaben eines besseren Beweises und dies ist,

wenn ein solcher Beweis oder mit anderen Worten, wenn andere Fälle zu haben

sind Nichtbeobachtung und soweit sie dieser Ursache zugeschrieben werden kann,

ist die irrige Folgerung ein Irrtum der zweiten Klasse

    Es liegt nicht in unserer Absicht die Nichtbeobachtung zu besprechen

welche aus zufälliger Unaufmerksamkeit aus Nachlässigkeit in den Gewohnheiten

des Geistes, aus Mangel an Übung der Beobachtungsgabe oder aus Mangel an

Interesse für den Gegenstand entspringt Die der Logik angehörige Frage ist den

Mangel an vollständiger Kompetenz des Beobachters zugegeben in welchen Punkten

wird ihn diese Unzulänglichkeit von seiner Seite am wahrscheinlichsten irre

führen oder vielmehr welche Art Fälle oder welche Umstände werden in einem

gegebenen Falle den Beobachtern den Menschen überhaupt am wahrscheinlichsten

entgehen

    

     3 Es ist vor Allem klar dasswenn die Fälle auf der einen Seite einer

Frage leichter zu behalten sind als die Fälle auf der anderen Seite besonders

wenn starke Gründe vorhanden sind, die Erinnerung an die ersteren nicht aber an

die letzteren zu bewahren diese letzteren leicht übersehen werden und der

Beobachtung der Masse der Menschen entgehen Dies ist die anerkannte Erklärung

des der Vernunft und dem Beweise trotzenden Glaubens an viele Arten von

Betrügern an Quacksalber an die Wahrsager der jetzigen Zeit und an die Orakel

des Altertums Bis zu welchem Umfang dieser Fehlschluss im Schwang ist sogar

dem handgreiflichsten negativen Beweise zum Trotz ist von Wenigen erwogen

worden Ein schlagendes Beispiel ist der Glaube welchen der nicht unterrichtete

Teil der ackerbautreibenden Klasse in unserem Lande und in anderen Ländern

immer noch an die Wetterprophezeiungen des Kalendermachers hat obgleich eine

jede Jahreszeit zahlreiche Fälle von ganz irrigen Prophezeiungen bringt Da aber

eine jede Jahreszeit auch einige Fälle bringt welche die Prophezeiungen

bestätigen so ist dies hinreichend um den Glauben an den Propheten bei

denjenigen zu erhalten welche nicht über die Anzahl von Fällen nachdenken die

für das erforderlich sind was wir in unserer induktiven Terminologie

Elimination des Zufalls genannt haben Indem ein zufälliges Zusammentreffen

zwischen irgend zwei nicht zusammenhängenden Ereignissen nicht bloß stattfinden

kann sondern auch stattfinden wird

    Coleridge hat in einem der Essays in the friend den in Rede stehenden

Gegenstand sehr gut erläutert indem er den Ursprung eines Sprichworts

bespricht das in verschiedenen Worten ausgedrückt sich in allen Sprachen

Europas wiederfindet nämlich »das Glück hilft den Narren Dummen« Er

schreibt es zum Teil der Neigung zu alle Wirkungen welche in einem

Missverhältnis zu ihren sichtbaren Ursachen zu stehen scheinen und alle

Umstände welche mit unseren Begriffen von den Personen die sich unter diesen

Umständen befinden in einem starken Kontrast stehen zu übertreiben Ich

übergehe einige Erklärungen welche den Irrtum auf Missbeobachtung

zurückführen und nehme seine Worte bei einer der folgenden Stellen wieder auf

»Unvorhergesehene Koincidenzen können einem Menschen sehr behilflich gewesen

sein wenn sie aber nur für ihn taten was er möglicherweise durch seine

eigenen Fähigkeiten allein hätte vollbringen können so wird seine Tat weniger

Aufmerksamkeit erregen und man wird sich der Fälle weniger erinnern Dass

gewandte Menschen ihre Zwecke erreichen erscheint natürlich und wir beachten

die Umstände nicht welche vielleicht allein und ohne die Dazwischenkunft von

Geschicklichkeit und Vorsicht den Erfolg hervorgebracht haben wenn aber

dasselbe dem Schwachen und Unwissenden begegnet so verweilen wir bei der

Tatsache als bei etwas Ungewöhnlichem und erinnern uns ihrer In gleicherweise

mögen dem Letzteren seine Unternehmungen wegen eines Zusammentreffens

misslingen das dem weisesten Manne begegnen kann da aber sein Unglück nicht

mehr ist als man von seiner Torheit erwarten konnte so fesselt es unsere

Aufmerksamkeit nicht sondern es fliegst mit den unvermerkten Wellen des

gewöhnlichen Lebensstromes an uns vorüber und verschwindet Wenn es eben so wahr

gewesen wäre als es offenbar falsch ist dass jene allumfassenden Entdeckungen

welche auf die chemische Kunst ein wissenschaftliches Dämmerlicht geworfen

haben und uns nicht etwa in dunkler Weise ein großes konstitutives Gesetz

versprechen in dessen Licht Herrschaft über die Natur und die Kunst der

Voraussagung wohnt wenn diese Entdeckungen anstatt prämeditiert gewesen zu

sein wie sie es wirklich waren wenn sie anstatt dem Geiste des berühmten

Vaters und Gründers der philosophischen Alchemie zu entspringen sich ihm durch

eine Reihe von glücklichen Zufällen dargeboten hätten wenn sie sich H Davy

ausschließlich in Folge seines Glückes eine besondere galvanische Batterie zu

besitzen gezeigt hätten wenn diese Batterie so weit es Davy betrifft selbst

ein Zufall gewesen und nicht wie es der Fall war besonders von ihm verlangt

worden wäre um seine Prinzipien durch das Experiment zu bestätigen um die

materielle Natur der Inquisition der Vernunft zu unterwerfen und ihr wie durch

eine Tortur unzweideutige Antworten auf vorbereitete und vorher aufgestellte

Fragen zu entreißen so würde man dennoch nicht von ihnen gesprochen oder sie

beschrieben haben als Fälle von Glück sondern als natürliche Resultate eines

anerkannten Genies und einer bekannten Geschicklichkeit Hätte aber ein Zufall

ähnliche Entdeckungen einem Mechaniker von Birmingham oder Sheffield

erschlossen wäre der Mann in Folge davon reich geworden und wäre er teils aus

Neid der Nachbaren teils mit gutem Grunde als in Verstandeskräften unter pari

stehend angesehen worden dann Was für ein glücklicher Kerl Ja das Glück

hilft den Dummen  das ist gewiss  Es ist immer so Und sogleich teilt der

Erzähler ein halbes Dutzend ähnlicher Fälle mit Indem wir in solcher Weise die

eine Art von Tatsachen und niemals die andere sammeln machen wir es wie die

Dichter in ihrer Sprache oder wie die Marktschreier aller Art in ihren

Räsonnements wir setzen einen Teil für das Ganze«

    Diese Stelle zeigt sehr gut in welcher Weise durch jene unbestimmte

Induktion welche per emunerationem simplicem verfährt und welche ohne nach

solchen Fällen zu suchen die für die Frage entscheidend sind von Fällen aus

generalisiert die eben gerade vorkommen oder deren man sich erinnert in welcher

Weise durch eine solche Induktion Meinungen entstehen welche die Erfahrung

anscheinend sanktioniert die jedoch keineswegs in Naturgesetzen begründet sind

»Itaque recte respondit ille« können wir mit Bacon180 sagen »qui cum suspensa

tabula in templo ei ministraretur eorum qui vota solverant quod naufragii

periculo elapsi sint atque interrogando premeretur anne tum quidem Deorum

numen agnosceret quaesivit denuo At ubi sunt illi depicti qui post vota

nuncupata perierunt Eadem ratio est fere omnis superstitionis ut in

Astrologicis in Somniis Ominibus Nemesibus et hujusmodi in quibus homines

delectati hujusmodi vanitatibus advertunt eventus ubi implentur ast ubi

fallunt licet multo frequentius tarnen negligunt et praetereunt« und er

fährt dann fort dass abgesehen von der Liebe zum Wunderbaren oder irgend einer

anderen Neigung in dem Geiste selbst ein natürlicher Hang zu dieser Art Irrtum

liegt indem der Geist von bejahenden Fällen mehr bewegt wird obgleich in der

Philosophie die negativen von hohem Nutzen sind »Is tamen humano intellectui

error est proprius et perpetuas ut magis moveatur et excitetur Affirmativis

quam Negativis cum rite et ordine aequum se utrique praebere debeat quin

contra in omni Axiomate vero constituendo major vis est instantiae negativae«

    Die größte aller Ursachen von Nichtbeobachtung ist aber eine vorgefasste

Meinung Diese Ursache ist es welche zu allen Zeiten das ganze

Menschengeschlecht fast ganz unaufmerksam auf alle Tatsachen machte welche dem

Scheine oder einem angenommenen Satze widersprachen diese Tatsachen mochten

noch so zahlreich und augenfällig sein Es ist der Mühe wert dem Gedächtnis

der vergesslichen Menschen einige von den auffallendsten Fällen zurückzurufen

in denen sich Meinungen erhielten welche das allereinfachste Experiment als

irrig erwiesen hätte und dies nur aus dem Grunde weil Niemand daran dachte

dieses Experiment zu machen Eins der bemerkenswertesten Beispiele hiervon

findet man in der Kopernikanischen Kontroverse Die Gegner des Kopernikus

schlossen dass die Erde sich nicht bewegt weil sonst ein Stein den man von

der Spitze eines Turmes herabfallen lässt nicht an dem Fuß des Turmes

ankommen würde sondern eine kleine Strecke davon entfernt und zwar in einer der

Bewegung der Erde entgegengesetzten Richtung in derselben Weise sagten sie

wie wenn man von der Spitze des Mastes eines sich mit vollen Segeln bewegenden

Schiffes einen Ball fallen lässt dieser nicht genau an den Fuß des Mastes

sondern näher gegen das Hinterteil des Schiffes fällt Die Anhänger des

Kopernikus würden ihre Gegner sogleich zum Schweigen gebracht haben wenn sie es

versucht hätten einen Ball von der Spitze eines Mastes fallen zu lassen denn

sie würden gefunden haben dass er genau an dem Fuß desselben ankommt wie die

Theorie es verlangt aber nein sie ließen die falsche Tatsache zu und

bemühten sich vergeblich einen Unterschied zwischen den zwei Fällen ausfindig

zu machen »Der Ball war nicht ein Teil des Schiffs und die Bewegung vorwärts

war nicht natürlich weder dem Schiffe noch dem Ball Von der anderen Seite war

der von der Spitze eines Turmes herabfallende Stein ein Teil der Erde und es

waren daher die täglichen und jährlichen Umdrehungen welche der Erde natürlich

sind auch dem Stein natürlich der Stein behielt daher dieselbe Bewegung wie

der Turm und kam genau an dem Fuß desselben an«181

    Andere kaum weniger schlagende Beispiele wo eingebildete Naturgesetze für

reale angesehen wurden bloß weil Niemand auf die Tatsache achtete die fast

ein Jeder zu beobachten die Gelegenheit hatte führt Herr Whewell an »Eine

unbestimmte und nachlässige Art die sehr leicht beobachtbaren Tatsachen zu

betrachten ließ die Menschen lange Zeit bei dem Glauben verharren ein Körper,

der zehnmal so schwer ist als ein anderer falle auch zehnmal so schnell die in

Wasser getauchten Gegenstände erscheinen ohne Rücksicht auf die Gestalt der

Oberfläche immer vergrößert der Magnet übe eine unwiderstehliche Kraft aus

ein Kristall sei immer mit Eis verbunden u dgl Diese und viele andere

Beispiele zeigen wie blind und sorglos der Mensch sogar in der Beobachtung der

deutlichsten und gewöhnlichsten Erscheinungen sein kann sie zeigen dass das

Wahrnehmungsvermögen obgleich es sich an unzähligen Gegenständen übt lange

fehlgehen kann ehe es uns zu einem exakten Wissen führt«182

    

    Wenn sogar in Beziehung auf physikalische Tatsachen und auf Tatsachen von

offenliegendem Charakter das Beobachtungsvermögen der Menschen zum passiven

Sklaven ihrer vorgefassten Meinungen werden kann, so dürfen wir nicht überrascht

sein wenn wir finden dass dies aller Erfahrung nach so beklagenswert wahr in

Beziehung auf die Dinge ist die mit stärkeren Gefühlen der Menschen in noch

engerer Verbindung stehen wie moralische soziale und religiöse Gegenstände

Die Kenntnisse welche ein gewöhnlicher Reisender aus fremdem Lande als das

Resultat des Zeugnisses seiner Sinne nach Hause mitbringt sind gewöhnlich der

Art dass sie genau die Ansichten bestätigen mit denen er weggegangen war Nur

für die Dingewelche er zu sehen erwartete hatte er Augen und Ohren Die

Menschen lesen ihre heiligen Religionsbücher und übersehen darin eine Menge von

Dingen, die sogar mit ihren eigenen Begriffen von moralischer Vollkommenheit

durchaus unverträglich sind Mit denselben Autoritäten vor sich sehen

verschiedene Historiker die alle gleich frei von absichtlicher Unwahrheit sind

nur das was den Protestanten oder den Katholiken den Royalisten oder den

Republikanern Karl I oder Cromwell günstig ist während andere von der

vorgefassten Meinung ausgehend die Extreme müssten im Unrecht sein unfähig

sind Wahrheit und Recht zu sehen wenn diese gänzlich auf einer Seite sind

    Der Einfluss vorgefasster Meinungen zeigt sich bei den unkultivierten Völkern

in Beziehung auf die Kräfte der Arzneimittel und Zaubermittel Die Neger welche

die Koralle als Amulett tragen behaupten nach Dr Paris183 die Farbe derselben

»hänge immer von dem Gesundheitszustande dessen ab der sie trägt indem sie bei

Krankheiten blasser werde« Ein allgemeines Urteil über einen Gegenstand

welcher der allgemeinen Beobachtung offen liegt wird ohne die geringste Spur

von Wahrheit zu besitzen als ein Resultat der Erfahrung angenommen indem die

vorgefasste Meinung eine jede Beobachtung über den Gegenstand verhindert

    

     4 Was in dem Vorhergehenden über die Nichtbeobachtung von Fällen gesagt

worden ist, mag hinreichen es gibt aber auch eine Nichtbeobachtung von

wesentlichen Umständen in Fällen welche nicht ganz übersehen worden sind, ja

welche sogar gerade die Fälle sind worauf das ganze Gebäude einer Theorie

errichtet worden ist. Wie in den bisher betrachteten Fällen ein allgemeines

Urteil auf den Beweis von besonderen Umständen hin die zwar wahr aber

unzulänglich für den Schluss waren vorschnell angenommen wurde so wurden in

den Fällen die wir nun betrachten wollen die Umstände selbst unvollkommen

beobachtet und die einzelnen Urteile worauf die Generalisation gegründet ist

oder wenigstens einige dieser einzelnen Urteile sind falsch

    Von der Art war zB einer der Fehler die in der phlogistischen Theorie

begangen wurden in einer Lehre welche die Verbrennung durch die Austreibung

einer Substanz erklärte von der man annahm dass sie in allen verbrennlichen

Körpern enthalten sei und welche man Phlogiston nannte Diese Hypothese stimmte

mit den oberflächlichen Erscheinungen ziemlich gut überein das Aufsteigen der

Flamme erregte naturgemäß die Idee des Austrittes einer Substanzund das

zurückbleibende Residuum die Asche ist gewöhnlich nur ein kleiner Teil des

Gewichts und des Volumens vom verbrannten Körper Der Irrtum bestand in einer

Nichtbeobachtung eines wichtigen Teils des wirklichen Rückstandes nämlich der

gasförmigen Verbrennungsprodukte Als diese zuletzt erkannt und in Rechnung

gebracht wurden schien es ein allgemeines Gesetz zu sein dass die Substanzen

beim Verbrennen an Gewicht zunehmen anstatt abzunehmen und nach dem

gewöhnlichen Versuche eine alte Theorie den neuen Tatsachen vermittelst einer

willkürlichen Hypothese dass das Phlogiston die Eigenschaft von positiver

Leichtigkeit statt Schwere besitze anzupassen wurden die Chemiker auf die

wahre Erklärung geführt auf die nämlich dass anstatt der Austreibung einer

Substanz im Gegenteil eine Absorption einer Substanz stattfindet

    Viele von den absurden Praktiken denen man eine medizinische Wirkung

zuschrieb verdankten ihren Ruf der Nichtbeobachtung irgend eines begleitenden

Umstandes der die wirkliche Ursache der denselben zugeschriebenen Kuren war So

das sympathetische Pulver des Sir Kenelm Digby »Wenn Jemand eine Wunde erhielt

so wurde dieses Pulver auf die Waffe von der die Wunde herrührte appliziert

sie wurde überdies mit Salbe bestrichen und zwei oder dreimal des Tages

geputzt Die Wundränder wurden mittlerweile aneinander gebracht und die Wunde

mit einem Leinenlappen verbunden aber vor Allem während sieben Tage sich selbst

überlassen zu Ende dieser Zeit wurde der Verband weggenommen und die Wunde

gewöhnlich vollkommen geheilt gefunden Der Triumph der Heilung wurde gewöhnlich

der Wirkung des sympathetischen Pulvers zugeschrieben das man der Waffe so

fleißig appliziert hatte während es kaum nötig ist zu bemerken dass die

Schnelligkeit der Heilung von dem völligen Abschluss der Luft von der Wunde und

von der heilenden Tätigkeit der Natur abhing die durch die dienstfertige

Dazwischenkunft der Kunst nicht gestört worden war Dieses Resultat gab ohne

Zweifel den Chirurgen den Wink der sie auf die Kunst führte Wunden durch das

zu heilen was man technisch die erste Intention nennt«184 Dr Paris fügt

hinzu »In allen Berichten von außerordentlichen Kuren durch geheimnisvolle

Agentien zeigt sich unverkennbar das Bestreben die Mittel welche zu gleicher

Zeit gegeben wurden zu verheimlichen so empfiehlt Oribasius mit großen Worten

ein Halsband von Päonienwurzel gegen Epilepsie wir lernen aber dass er immer

Sorge trug es mit zahlreichen Ausleerungen zu begleiten obgleich er ihnen

keinen Antheil an der Heilung zuschreibt In neuerer Zeit erlebten wir ein

Beispiel eines solchen Betrugs In dem Werke über Skrofeln von Morley welches

wie wir erfahren einzig zu dem Zweck geschrieben wurde um den vielgeschmähten

Charakter und den Gebrauch des Eisenkrauts wieder herzustellen empfiehlt der

Verfasser dieses Werks die Wurzel der Pflanze mit einer Elle weißen Atlasband

um den Hals zu binden und sie da zu tragen bis der Patient geheilt ist aber

wohlbemerkt  während dieser Zeit nimmt er die wirksamsten Mittel der Materia

medica zu Hülfe«185

    In anderen Fällen ist die Heilung welche Ruhe Diät und Zerstreuung

hervorbrachten den Arzneien oder gelegentlich übernatürlichen Mitteln

zugeschrieben worden »Wenn der berühmte John Wesley den Triumph von Schwefel

und Gebet über seine körperliche Kränklichkeit erzählt so vergisst er den

heilsamen Einfluss einer viermonatlichen Ruhe von Beinen apostolischen Arbeiten

So groß ist die Neigung des menschlichen Geistes an die Wirkung geheimer

Kräfte zu glauben dass Wesley seine Heilung lieber einem braunen Papierpflaster

von Ei und Schwefel als Dr Fothergills heilsamer Verordnung von Landluft

Ruhe Eselsmilch und Reiten zuschreibt«

    In dem folgenden Beispiele hatte der übersehene Umstand einen etwas

verschiedenen Charakter »Als das gelbe Fieber in Amerika herrschte vertrauten

die Praktiker ausschließlich dem reichlichen Gebrauch des Quecksilbers man

hielt dieses Mittel anfangs für so allgemein wirksam dass man in dem

Enthusiasmus des Augenblicks bekannt machte der Tod sei niemals da eingetreten

wo das Quecksilber seine Wirkung auf den Organismus gezeigt habe Dies war sehr

wahr bewies jedoch keineswegs die Wirksamkeit des Metalls indem die Krankheit

in ihrer heftigen Form so schnell verlief dass sie ihre Opfer hinraffte lange

bevor das Quecksilber seine Wirkung auf den Organismus ausüben konnte während

sie in ihrer milderen Form auch ohne irgend eine Hülfe von Seite der Kunst

verlief«186

    In diesen Beispielen war der übersehene Umstand durch die Sinne erkennbar

In anderen Fällen ist es ein Umstand zu dessen Kenntnis man nur durch

Folgerung gelangen könnte der Irrtum kann jedoch aus Mangel an einem besseren

Namen immer noch unter die Rubrik der Fehlschlüsse aus Nichtbeobachtung gebracht

werden Es ist nicht die Natur der Fähigkeiten welche hätten gebraucht werden

sollen sondern der Nichtgebrauch derselben welcher diese natürliche Ordnung

von Irrtümern konstituiert In allen Fällen, wo der Irrtum negativ ist wo er

speziell in dem Übersehen in dem Nichtwissen oder Nichtbeachten einer

Tatsache liegt die wenn sie bekannt und beachtet worden wäre den Schluss

geändert haben würde da ist er ganz eigentlich zu der Klasse zu rechnen welche

wir eben betrachten In dieser Klasse findet sich nicht wie in allen anderen

eine positive falsche Beurteilung eines wirklich vorhandenen Beweises Der

Schluss würde richtig sein wenn der gesehene Teil des Falles das Ganze wäre

aber es ist ein anderer Teil übersehen worden und dies macht den Schluss

fehlerhaft

    Es besteht zB eine merkwürdige Lehre die sich gelegentlich in den

öffentlichen Reden unkluger Gesetzgeber geäußert jedoch so viel mir bekannt

die Sanktion von nur einem einzigen Philosophen von V Cousin erhalten hat

indem derselbe in seiner Vorrede zu dem Georgias von Plato behauptet die Strafe

müsse einen höheren Zweck haben als die Verhinderung von Verbrechen gebraucht

er folgendes Argument  wenn die Strafe nur des Beispiels wegen angewandt

wurde so wäre es einerlei ob wir den Unschuldigen oder den Schuldigen

straften da die Strafe als Beispiel betrachtet in beiden Fällen gleich

wirksam wäre Wir müssen also Herrn Cousin zufolge annehmen dass Einer der in

Versuchung ist ein Verbrechen zu begehen und einen Anderen bestrafen sieht

schließt dass er in Gefahr ist ebenfalls bestraft zu werden und dass er

dadurch abgeschreckt wird Es ist aber hier vergessen worden dasswenn der

Gestrafte unschuldig ist oder wenn auch nur an seiner Schuld gezweifelt werden

kann, der Zuschauer denken wird seine eigene Gefahr habe mit seiner Schuld

nichts zu schaffen sondern bedrohe ihn auch wenn er unschuldig bleibt und wie

wird er sich nun durch die Furcht vor der Strafe vom Verbrechen abhalten lassen

Herr Cousin setzt voraus dass die Menschen sich durch Alles was den Zustand

des Schuldigen gefährlicher macht vom Verbrechen werden abhalten lassen

vergisst aber dass die Stellung des unschuldigen auch eines der Elemente in

der Rechnung in dem angenommenen Falle genau eben so gefährlich istDies ist

ein Irrtum des Übersehens oder der Nichtbeobachtung innerhalb des Kreises

unserer Klassifikation

    Fehlschlüsse dieser Art sind der große Stein des Anstoßes für korrektes

Denken in der Nationalökonomie Die ökonomischen Erscheinungen der Gesellschaft

bieten unzählige Fälle dar in denen die Wirkungen einer Ursache in zwei Reihen

von Phänomenen bestehen die eine Reihe unmittelbar konzentriert und dem

gewöhnlichen Auge zugänglich ist dem gewöhnlichen Verständnis nach die ganze

Wirkung die andere weit zerstreut oder tiefer unter der Oberfläche legend ist

der ersteren genau entgegengesetzt Man nehme zB die auf den ersten Blick so

plausibel scheinende gewöhnliche Vorstellung  dass die Industrie durch

verschwenderischen Aufwand ermuntert werde Von A, der sein ganzes Einkommen und

sogar sein Capital durch luxuriöses Leben ausgibt nimmt man an er gebe der

Arbeit viel Beschäftigung Von B der nur von einem kleinen Theile seines

Einkommens lebt und den Rest anlegt glaubt man er gebe nur wenig Arbeit

Jedermann sieht den Gewinn welchen Diener Geschäftsleute etc von A haben

wenn er sein Geld ausgibt Die Ersparnisse von B gehen dagegen in die Hände

desjenigen über dessen Ware er kaufte und welcher damit eine Schuld an den

Banquier bezahlt der das Geld wiederum einem Kaufmanne oder Manufakturisten

leiht und das Capital das ausgelegt wird um Spinner und Weber oder Fuhrleute

und die Bemannung von Schiffen zu mieten gibt nicht allein der Industrie auf

einmal eben so viel unmittelbare Beschäftigung als A während der ganzen Dauer

seines Lebens sondern es bildet auch dadurch dass es durch den Verkauf von

Manufakturen oder importierten Gütern vermehrt zurückfließt ein Capital womit

dieselbe Quantität Arbeit für die Ewigkeit beschäftigt werden kann. Aber der

sorglose Beobachter sieht nicht was aus dem Gelde von B wird und kümmert sich

daher auch nicht darum er sieht nur was mit dem Gelde von A geschieht er

beobachtet die ganze Industrie welche die Verschwendung von A nährt er

beobachtet aber nicht wie viel mehr sie verhindert und daher das Vorurteil

das zu Adam Smiths Zeit allgemein war und auch jetzt nur von ungewöhnlich

unterrichteten Personen verworfen wird dass Verschwendung die Industrie

ermuntere und dass Sparsamkeit sie entmutige

    Das gewöhnliche Argument gegen den Freihandel ist ein Argument von derselben

Art. Der Käufer englischer Seide ermuntert die englische Industrie der Käufer

von Lyoner Seide ermuntert nur die französische Industrie die Handlung des

Ersteren ist Patriotismus die des Letzteren sollte durch Gesetze untersagt

werden Hier ist der Umstand übersehen dass der Käufer einer fremden Ware

direkt oder indirekt den Export eines äquivalenten Wertes einer englischen

Ware außer dem was sonst noch ausgeführt werden würde entweder nach

demselben fremden Lande oder nach einem anderen verursacht eine Tatsache

welcher obgleich sie wegen der Verwickelung der Umstände nicht immer durch

spezifische Beobachtung bestätigt werden kann, keine Beobachtung möglicherweise

widersprechen kann da der Schluss auf welchem sie beruht absolut

unumstößlich ist Der Irrtum ist daher derselbe wie im vorhergehenden Falle

man sieht nur einen Teil des Phänomens und halt diesen Teil für das Ganze er

kann daher unter die Fehlschlüsse aus Nichtbeobachtung gezählt werden

    

     5 Der Vollständigkeit wegen haben wir noch von der zweiten unserer fünf

Classen nämlich von der falschen Beobachtung zu sprechen der Irrtum liegt

hier nicht in der Tatsache dass Etwas ungesehen blieb sondern darin dass man

das Gesehene falsch sah

    Da die Wahrnehmung ein unfehlbarer Beweis von dem ist was wirklich

wahrgenommen wurde so kann der in Rede stehende Irrtum nicht anders begangen

werden als dass man für Wahrnehmung nimmt was in der Tat Folgerung ist Wir

haben früher schon gezeigt wie enge diese beiden Irrtümer in Allem was

Beobachtung genannt wird und noch mehr in einer jeden Beschreibung vermischt

sind187 Da das was wir bei irgend einer Gelegenheit durch die Sinne

wahrnehmen so gering und da es gewöhnlich ein so unwichtiger Teil der

Beschaffenheit der Tatsachen ist die wir ermitteln oder mittheilen wollen so

wäre es absurd zu sagen wir sollten in unseren Beobachtungen oder in der

Mittheilung ihrer Resultate an Andere nicht Folgerung und Tatsache vermengen

man kann nur sagen dasswenn wir es tun wir wissen sollten was wir tun

dass wir wissen sollten welcher Teil der Behauptung auf Bewusstsein beruht und

daher unbestreitbar ist und welcher auf Folgerung beruht und daher zweifelhaft

ist

    Ein berühmtes Beispiel eines allgemeinen aus Verwechselung der Folgerung

mit der Wahrnehmung hervorgegangenen Irrtums war der Widerstand den auf Grund

des gesunden Menschenverstandes hin das Kopernikanische System erfuhr Die

Menschen bildeten sich ein sie sähen die Sonne auf und untergehen sie sähen

die Sterne sich in einem Kreise um die Pole bewegen Wir wissen jetzt dass sie

nichts der Art sahen sie sahen nichts als eine Reihe von Erscheinungen, die

sowohl mit der Theorie welcher sie anhingen als auch mit einer davon ganz

verschiedenen Theorie vereinbar waren Es erscheint befremdend dass ein solcher

Fall von einem Zeugnis der Sinne, ein Fall der mit der vollständigsten

Überzeugung zu Gunsten von Etwas sprach was eine bloße Folgerung der

Urteilskraft war und sich überdies noch als eine falsche Folgerung erwies den

Bigotten des gesunden Menschenverstandes nicht die Augen öffnete und ihnen nicht

mehr Misstrauen gegen die Kompetenz der Unwissenheit einflößte Schlüsse der

Wissenschaft zu beurteilen

    Die Unfähigkeit eines Menschen zwischen Folgerungen und den Wahrnehmungen

worauf sie gegründet sind zu unterscheiden steht in geradem Verhältnis zu

seinem Mangel an Kenntnissen und geistiger Kultur Manche wunderbare Erzählung

manche skandalöse Anekdote verdankt dieser Unfähigkeit ihre Entstehung Der

Erzähler berichtet nicht was er sah oder hörte sondern den Eindruck den das

auf ihn machte was er sah oder hörte und wovon vielleicht der größte Teil

Folgerung ist obgleich das Ganze nicht als Folgerung sondern als Tatsache

erzählt wird Die Schwierigkeit gerichtliche Zeugen dazu zu vermögen dass sie

ihre Folgerungen so wenig wie möglich mit der Erzählung ihrer Wahrnehmungen

vermischen ist erfahrenen Untersuchungsrichtern sehr wohl bekannt Eine solche

Vermischung findet in weit höherem Grade Statt wenn der Unwissende versucht

irgend eine Naturerscheinung zu beschreiben »Die einfachste Erzählung des

unwissendsten Beobachters« sagt Dugald Stewart188 »schließt mehr oder weniger

Hypothetisches ein im allgemeinen findet man sogar dass im Verhältnis zu

seiner Unwissenheit die Zahl der Vermutungen in seiner Erzählung wächst Ein

Dorfapotheker und wo möglich noch mehr eine erfahrene Amme ist selten im

Stande den einfachsten Fall zu beschreiben ohne eine Terminologie zu

gebrauchen wovon ein jedes Wort eine Theorie ist während eine einfache und

wahre Spezifikation der Erscheinungen, welche eine besondere Krankheit anzeigen

eine Spezifikation die nicht durch die Phantasie oder vorgefasste Meinungen

verfälscht ist als ein unzweideutiges Kennzeichen eines Geistes angesehen

werden kann, der durch langes und erfolgreiches Studium zu der schwierigsten

aller Künste zu der getreuen Interpretation der Natur gelangt ist«

    Die allgemeine Verwechselung von Wahrnehmung mit der daraus gezogenen

Folgerung und die Seltenheit der Fähigkeit die eine von der anderen zu

unterscheiden überrascht uns nicht mehr wenn wir betrachten dass in der bei

weitem größten Anzahl von Fällen die wirklichen Wahrnehmungen unserer Sinne uns

nur als Merkmale aus denen wir etwas außerhalb derselben Liegendes folgern

von Wichtigkeit oder von Interesse sind Nicht die vom Auge wahrgenommene Farbe

und Ausdehnung ist uns wichtig sondern der Gegenstand, dessen Gegenwart diese

sichtlichen Erscheinungen bezeugen und wo die Sensation selbst gleichgültig

ist wie dies ja gewöhnlich der Fall ist, da ist für uns kein Grund vorhanden

besonders darauf zu achten und wir erlangen die Gewohnheit ohne ein deutliches

Bewusstsein darüber hinweg und sogleich zur Folgerung überzugehen Um daher zu

wissen was die Empfindung wirklich war ist ein besonderes Studium

erforderlich dem sich zB die Maler mit besonderem und anhaltendem Fleiße

widmen müssen Bei Dingen die der Herrschaft der Sinne weiter entrückt sind

ist nur derjenige geschickt diese starke Ideenassoziation zu zerreißen der

eine große Erfahrung in der psychologischen Analyse besitzt und wo solche

analytische Gewohnheiten nicht in dem erforderlichen Grade vorhanden sind, da

ist es kaum möglich irgend welche von den gewöhnlichen Urteilen der Menschen

über sehr abstracto Gegenstände von dem Dasein Gottes und der Unsterblichkeit

der Seele an bis zum Einmaleins anzuführen welche nicht als Gegenstand der

direkten Anschauung betrachtet würden oder worden wären So stark ist die

Neigung Urteilen welche bloße Folgerungen und oft ganz falsche sind einen

intuitiven Charakter zuzuschreiben Niemand kann zweifeln dass mancher

irrgeführte Visionär wirklich geglaubt hat er sei direkt vom Himmel inspiriert

und der Allmächtige habe mit ihm von Angesicht zu Angesicht gesprochen was

indessen von seiner Seite nur ein Schluss war den er aus Erscheinungen seiner

Sinne oder aus Gefühlen seines inneren Bewusstseins zog welche zu einer

Begründung eines solchen Glaubens ganz unzureichend waren Es ist daher eine

Warnung in Beziehung auf die Vorsicht die gegen diese Klasse von Irrtümern

anzuwenden ist nicht allein erforderlich sondern auch unerlässlich obgleich

hier der Ort nicht ist zu entscheiden ob in Betreff irgend einer der großen

Fragen der Metaphysik solche Irrtümer wirklich begangen werden

 
 



                                



     1 Die Klasse von Fehlschlüssen von welcher wir nun sprechen wollen ist

die ausgedehnteste von allen sie umfasst eine größere Anzahl von ungegründeten

Folgerungen als alle anderen Classen und dieselben sind auch schwieriger auf

Unterklassen oder Species zu reduzieren Wenn die in den vorhergehenden Teilen

dieses Werkes aufgestellten Prinzipien einer wohlbegründeten Generalisation die

richtigen sind so könnten alle Generalisationen die mit diesen Prinzipien

nicht übereinstimmen in einem gewissen Sinne zu der obigen Klasse gezählt

werden wenn jedoch die Regeln bekannt sind und beachtet werden aber zufällig

ein Fehler in ihrer Anwendung gemacht wird so ist dies ein Versehen und nicht

ein Fehlschluss Ein Irrtum der Generalisation kann nur in dem Prinzip begangen

werden es muss eine irrige Vorstellung von dem induktiven Verfahren darin

liegen die richtige Weise aus Beobachtung und Experiment Schlüsse zu ziehen

muss gänzlich missverstanden sein

    Ohne den vergeblichen Versuch machen zu wollen alle Irrtümer die in

Betreff dieses Gegenstandes stattfinden können zu klassifizieren wollen wir uns

darauf beschränken einige von den wichtigsten und nötigsten Kautelen dagegen

anzugeben

    

     2 Es gibt gewisse Arten von Generalisationen welche grundlos sein

müssen wenn die von uns aufgestellten Prinzipien richtig sind die Erfahrung

kann die nötigen Bedingungen nicht liefern um sie durch eine genaue Induktion

festzustellen Hierher gehören alle jene Schlüsse aus der Ordnung der Natur, wie

sie auf der Erde oder im Planetensystem existiert auf die Ordnung wie sie in

den entfernteren Teilen des Weltalls existieren mag in Regionen wo soviel wir

wissen die Phänomene ganz verschieden sein und nach ganz anderen Gesetzen oder

vielleicht nach gar keinen festen Gesetzen aufeinander folgen können Von der

Art sind auch alle Negationen alle Urteile welche eine Unmöglichkeit

behaupten Wie gleichförmig die Natur die Tatsache bisher bezeugt haben mag so

beweist die Nichtexistenz eines Phänomens höchstens dass eine seiner Erzeugung

adäquate Ursache sich noch nicht kundgegeben hat Dass aber solche Ursachen in

der Natur nicht existieren kann nur gefolgert werden, wenn wir BÖ absurd sind

vorauszusetzen wir seien mit allen Kräften in der Natur bekannt Die

Voraussetzung würde mindestens voreilig sein da unsere Kenntnis einiger dieser

Kräfte noch sehr jung ist Wie sehr aber auch unsere Kenntnis der Natur noch

ausgedehnt werden mag so ist doch nicht leicht einzusehen wie sie jemals

vollständig werden könne oder wie wir je die Gewissheit haben könnten dass sie

es ist

    Die einzigen Naturgesetze die uns bei dem Behaupten einer Unmöglichkeit

eine Garantie bieten sind erstens die Gesetze der Zahlen und der Ausdehnung,

welche über dem Gesetze der Sukzession der Phänomene stehen und der Wirkung

entgegenwirkender Ursachen nicht ausgesetzt sind und zweitens das allgemeine

Kausalgesetz selbst Dass keine Veränderung in einer Wirkung oder in einem

Konsequenz Statt finden wird wenn das Antezedens dasselbe bleibt kann mit

aller Sicherheit behauptet werden Dass aber durch das Hinzutreten eines neuen

Antezedens das gewohnte Konsequenz nicht gänzlich geändert oder umgekehrt werden

könnte oder dass Antecedentien welche dies bewirken können nicht in der Natur

existieren hierüber positive Schlüsse zu ziehen sind wir in keinem Falle

berechtigt

    

     3 Es muss zunächst bemerkt werden dass alle Generalisationen welche

wie die Theorien von Thales Demokrit und anderen der frühesten griechischen

Philosophen versuchen alle Dinge in ein einziges Element aufzulösen oder die

wie manche neuere Theorien radikal verschiedene Phänomene in dasselbe Phänomen

aufzulösen suchen notwendig falsch sind Unter radikal verschiedenen

Phänomenen verstehe ich Eindrücke auf unsere Sinne, die der Qualität nach und

nicht bloß dem Grade nach verschieden sind Was über diesen Gegenstand zu sagen

nötig war wurde in dem Kapitel über die Grenzen der Erklärung der Naturgesetze

gesagt da aber der Irrtum noch in unseren Tagen ein ganz gewöhnlicher ist so

wollen wir ihn hier etwas genauer betrachten

    Wenn wir sagen die Kraft welche die Planeten in ihren Bahnen hält löse

sich in die Schwerkraft auf oder die Kraft welche die Verbindung der

chemischen Substanzen bewirkt löse sich in die Elektrizität auf so behaupten

wir Etwas was ein legitimes Resultat der Induktion in dem einen Falle ist und

in dem sein könnte oder vielleicht zuletzt sein wird In beiden Fällen wird

Bewegung in Bewegung aufgelöst Die Behauptung ist die dass ein Fall von

Bewegung von der man annahm sie sei eine spezielle und folge ihrem eigenen

Gesetze sich nach dem allgemeinen Gesetze richtet das andere Classen von

Bewegungen beherrscht Aber durch diese und ähnliche Generalisationen sind

Versuche unterstützt und in Gang gebracht worden nicht um Bewegung in Bewegung

aufzulösen sondern Bewegung in Wärme Licht in Bewegung sogar Empfindung in

Bewegung um Zustände des Bewusstseins in Zustände des Nervensystems wie in den

roheren Formen der materialistischen Philosophie Erscheinungen des Lebens in

mechanische oder chemische Prozesse wie manche physiologische Schulen taten

aufzulösen

    Ich bin nun aber weit davon entfernt zu behaupten dass es nicht zu

beweisen oder dasswenn bewiesen es nicht eine wichtige Erweiterung unseres

Wissens wäre dass gewisse Bewegungen der Moleküle der Körper zu den Bedingungen

der Wärme oder Lichterzeugung gehören dass nicht gewisse nachweisbare

physikalische Modifikationen unserer Nerven zu den Bedingungen nicht bloß

unserer Sensationen oder Emotionen sondern auch unserer Gedanken zählen dass

gewisse mechanische und chemische Bedingungen hinreichend sind um die

physiologischen Gesetze des Lebens in Action zu bringen Alles was ich in

Übereinstimmung mit einem jeden Denker der über die Logik der Wissenschaft

klare Ideen hat behaupte ist dass man nicht voraussetzen darf dasswenn

auch alle diese Dinge bewiesen wären man der wahren Erklärung von Licht Wärme

oder Empfindung um einen Schritt näher gekommen wäre oder dass die generische

Eigentümlichkeit dieser Phänomene im geringsten Grade durch solche

Entdeckungen wie wohlbegründet sie auch sein mögen umgangen werden könne Wir

wollen es zB als nachgewiesen annehmen dass die verwickeltsten Reihen von

physikalischen Ursachen und Wirkungen in dem Auge und Gehirn auf einander

folgen um die Empfindung der Farbe hervorzubringen Lichtstrahlen fallen auf

das Auge werden gebrochen konvergieren durchkreuzen sich indem sie ein

verkehrtes Bild auf der Retina erzeugen sodann eine Bewegung  sie sei eine

Vibration oder ein Strom von Nervenfluidum oder von sonst etwas Beliebigem in

dem Augennerv   eine Fortpflanzung der Bewegung nach dem Gehirne selbst und

soviel verschiedene Bewegungen als es beliebt so wird am Ende dieser

Bewegungen noch Etwas sein was nicht Bewegung ist, ein Gefühl oder eine

Sensation von Farbe Welche Anzahl von wirklichen oder eingebildeten Bewegungen

wir auch im Stande sein mögen einzuschalten so werden wir doch am Ende der

Reihe immer noch eine vorausgängige Bewegung und eine darauffolgende Farbe

finden Die Art und Weise wie irgend eine der Bewegungen die nächste

hervorbringt kann möglicherweise durch ein vorher bekanntes allgemeines Gesetz

der Bewegung erklärt werden; aber die Art und Weise wie die letzte Bewegung die

Empfindung von Farbe erzeugt kann durch kein Gesetz der Bewegung erklärt

werden, es ist das Gesetz der Farbe welches ein besonderes Ding ist und immer

bleiben wird Wo unser Bewusstsein zwischen zwei Phänomenen einen inhärenten

Unterschied erkennt wo wir sehen dass der Unterschied nicht bloß dem Grade

nach bestellt und dass durch Hinzufügung eines der Phänomene zu sich selbst das

andere nicht hervorgebracht würde da muss eine jede Theorie die das eine

Phänomen unter die Gesetze des anderen zu bringen sucht falsch sein, obgleich

eine Theorie welche das eine bloß als eine Ursache oder Bedingung des anderen

behandelt möglicherweise wahr sein kann

    

     4 Von den übrigen Formen der irrigen Generalisation haben wir bereits

verschiedene geprüft als wir bei der Untersuchung der Regeln der richtigen

Induktion Gelegenheit hatten auf den Unterschied zwischen dieser und einer

gewöhnlichen Art von unrichtiger Induktion aufmerksam zu machen Zu diesen

Formen gehört was ich früher die Induktion des im Forschen nicht geübten

Geistes genannt habe die Induktion der Alten per enumerationem simplicem

»Dies das und jenes A ist B ich kann kein A denken welches nicht B wäre

daher ist jedes B auch A« Als ein letztes Verdammungsurteil dieser rohen und

nachlässigen Generalisation will ich Bacons Ausspruch darüber anführen es ist

wie ich wiederholt behauptet habe der wichtigste Teil des unvergänglichen

Dienstes den er der Philosophie erwiesen hat »Inductio quae procedit per

enumerationem simplicem res puerilis est et precario concludit« schließt nur

mit unserer Erlaubnis oder widerruflich »et periculo exponitur ab instantia

contradictoria et plerumque secundum pauciora quam par est et ex his tantummudo

quae praesto sunt pronunciat At Inductio quae ad inventionem et

demonstrationein scientiarum et artium erit utilis naturam separare debet per

rejectiones et exclusiones debitas ac deinde post negativas tot quot

sufficiunt super affirmativas concludere«

    Ich habe bereits bemerkt dass die Induktion durch einfache Aufzählung noch

die gewöhnliche und gangbare Methode in Beziehung auf Alles ist was sich auf

die Menschen und die Gesellschaft bezieht Es wird genügen einige Beispiele

hierüber mehr zur Erinnerung als zur Erläuterung anzuführen Was soll man zB

von den Maximen »des gesunden Menschenverstandes« halten die sich in folgenden

allgemeinen Formeln ausdrücken »Was nie gewesen ist wird nie sein« Wie zB

die Neger waren nie so zivilisiert wie die Weißen daher werden sie es auch

niemals sein In Beziehung auf Energie und Umfang des Geistes ist das weibliche

Geschlecht dem männlichen niemals gleich gekommen daher steht es notwendig

unter ihm Die Gesellschaft kann ohne diese oder jene Einrichtung nicht

gedeihen zB zu Aristoteles Zeiten konnte sie nicht ohne Sklaverei in

späteren Zeiten nicht ohne einen Priesterstand ohne künstliche Unterschiede des

Ranges usw gedeihen Wenn unter tausend Armen ein einziger eine gute

Erziehung erhalten hat während die neunhundert neun und neunzig ohne alle

Erziehung blieben und nun strebt sich über seinesgleichen zu erheben so macht

die Erziehung die Menschen mit ihrem Stande unzufrieden Von Büchergelehrten

die man von ihren theoretischen Beschäftigungen entfernte und an eine Arbeit

setzte von der sie vorher nichts verstanden fand man gewöhnlich oder glaubte

man zu finden dass sie dieselbe schlecht fertig brachten daher sind

Philosophen untauglich zu Geschäften etc Alles dieses ist Induktion durch

einfache Aufzählung Man mag wohl mitunter versucht haben wenn auch umsonst

für einige von diesen Urteilen Gründe anzugeben die einigermaßen Bezug auf

die Kegeln der wissenschaftlichen Forschung haben aber was die Menge derjenigen

betrifft welche sie nachplappern so ist die enumeratio simplex ex his

tantummodo quae praesto sunt pronuncians ihr einziger Beweis Der Irrtum

besteht darin, dass es Induktionen ohne Elimination sind es fand weder eine

wirkliche Vergleichung von Fällen, noch auch eine Ermittlung der wesentlichen

Umstände in einem gegebenen Falle Statt Es gesellt sich ferner der Irrtum

hinzu dass man vergisst dass derartige Generalisationen wenn sie auch wohl

begründet wären keine letzten Wahrheiten sein können sondern dass sie

Resultate anderer mehr elementarer Gesetze sein müssen und dass sie daher

solange sie nicht von solchen abzuleiten höchstens nur als empirische Gesetze

zulässig sind die innerhalb der Grenzen von Zeit und Raum gelten durch welche

die besonderen Beobachtungen begrenzt werden welche die Generalisation ergaben

    Dieser Irrtum bloße empirische Gesetze und Gesetze in denen kein

direkter Beweis einer Verursachung liegt in Beziehung auf Gewissheit auf

dieselbe Stufe wie die Gesetze von Ursache und Wirkung zu stellen ein Irrtum

der die Wurzel von vielleicht der größeren Anzahl von schlechten Induktionen

ist zeigt sich in den Generalisationen auf die wir jetzt eben verwiesen haben

nur in seiner gröbsten Form Dieselben besitzen in der Tat nicht einmal jenen

Grad von Evidenz der einem wohlermittelten empirischen Gesetze zukommt sondere

lassen auf empirischem Grunde selbst eine Widerlegung zu ohne dass man seine

Zuflucht zu Kausalgesetzen zu nehmen brauchte Ein wenig Nachdenken wird in der

Tat zeigen dass bloße Negationen nur das Fundament für die niedrigste und

wertloseste Art von empirischen Gesetzen bilden können Wenn ein Phänomen

niemals bemerkt wurde so beweist dies nur dass die Bedingungen dieses

Phänomens sich der menschlichen Erfahrung noch nicht gezeigt haben dass sie ihr

noch nicht vorgekommen sind es beweist aber nicht dass sie ihr nicht morgen

vorkommen können Es gibt eine bessere Art von empirischen Gesetzen als diese

wenn nämlich ein beobachtetes Phänomen innerhalb der Grenzen der Beobachtung

eine Reihe von Abstufungen darbietet worin eine Regelmäßigkeit oder etwas

einem mathematischen Gesetz Ähnliches wahrnehmbar ist und woraus daher etwas

in Beziehung auf diejenigen Glieder der Reihe welche außerhalb der Grenzen der

Beobachtung liegen vernunftgemäß vermutet werden darf Für Negationen gibt

es aber keine Abstufungen und keine Reihen die Generalisationen welche die

Möglichkeit eines gegebenen Zustandes des Menschen oder der Gesellschaft bloß

deswegen leugnen weil man denselben noch nicht erfahren hat können daher nicht

einmal als empirische Gesetze diesen höheren Grad von Geltung besitzen Und was

noch mehr ist wenn die genauere Prüfung welche diese höhere Ordnung von

empirischen Gesetzen voraussetzt auf denGegenstand jener Generalisationen

angewandt wird so werden dieselben nicht allein nicht dadurch bestätigt

sondern sogar widerlegt Denn anstatt sie darzustellen als unwandelbar

unveränderlich als unfähig jemals ein neues Phänomen darzubieten zeigt die

vergangene Geschichte des Menschen und der Gesellschaft im Gegenteil nicht nur

dass sie in vielen wichtigen Einzelheiten veränderlich sind sondern auch in

der Tat eine progressive Veränderung erleiden Das empirische Gesetz welches

in den meisten Fällen das wahre Resultat der Beobachtung am besten ausdrücken

würde würde daher lauten nicht dass dies und jenes Phänomen unverändert

fortdauern wird sondern dass es sich fortwährend in einer besonderen Weise

verändern wird

    Während demnach vor den letzten fünfzig Jahren fast alle Generalisationen in

Beziehung auf den Menschen und die Gesellschaft in jener groben Weise irrten

die wir zu charakterisieren versucht haben indem sie nämlich implizite annahmen

die menschliche Natur und Gesellschaft werde sich immer in demselben Kreise

bewegen und wesentlich dieselben Erscheinungen darbieten was noch der vulgäre

Irrtum des prahlerischen Praktikers und der Verehrer des sogenannten gesunden

Menschenverstandes besonders in England ist hat der größte Teil der Denkenden

der gegenwärtigen Zeit nach einer genaueren Analyse der Geschichte des

Menschengeschlechtes die entgegengesetzte Meinung angenommen dass die

menschliche Spezies notwendig in einem Zustande des Fortschreitens begriffen

ist und dass wir aus den vergangenen Gliedern der Reihe mit Gewissheit auf die

zukünftigen schließen können Von dieser Lehre als von einem philosophischen

Grundsatz werden wir in dem letzten Buche Gelegenheit haben weitläufiger zu

sprechen Wenn nicht in allen ihren Formen frei von Irrtum so ist diese Lehre

doch wenigstens immerhin frei von jenem groben und stupiden Irrtum den wir

vorher erörtert haben Aber mit Ausnahme von hervorragenden philosophischen

Geistern findet sie sich in dem Geiste aller genau mit derselben Art Irrtum wie

jener behaftet Denn wir müssen uns erinnern dass sogar jene andere und bessere

Generalisation die progressive Veränderung in dem Zustande des

Menschengeschlechts am Ende nur ein empirisches Gesetz ist dessen sehr

zahlreiche Ausnahmen überdies nicht schwer nachzuweisen sind und wenn man die

letzteren auch dadurch los werden könnte dass man die Tatsache bestreitet oder

die Theorie erklärt und beschränkt so bleibt doch der allgemeine Einwurf gegen

das supponierte Gesetz dass es auf keine anderen als sogenannte angrenzende

Fälle anwendbar ist gültig Denn es ist nicht nur kein letztes sondern

überhaupt kein Kausalgesetz In den menschlichen Angelegenheiten gehen in der

Tat Veränderungen vor sich aber eine jede von diesen Veränderungen hängt von

bestimmten Ursachen ab der »Fortschritt der Spezies« ist nicht eine Ursache,

sondern ein summarischer Ausdruck für das Resultat aller Ursachen Sobald durch

eine ganz verschiedene Art Induktion ermittelt worden istwelche Ursachen diese

sukzessiven Veränderungen soweit sie wirklich stattfanden vom Beginn der

Geschichte an hervorgebracht und welche entgegenstrebenden Ursachen sie

gelegentlich gehemmt oder aufgehoben haben werden wir im Stande sein die

Zukunft vorauszusagen wir werden im Besitz des wirklichen Gesetzes der Zukunft

und im Stande sein zu sagen von welchen Umständen die Fortdauer dieser

fortschreitenden Bewegung eventuell abhängen wird Aber es ist der Irrtum

vieler vorgeschrittener Denker unserer Zeit dies zu übersehen und zu glauben

ein Gesetz das aus der bloßen Vergleichung der in verschiedenen Zeiten

bestehenden Zustände des Menschengeschlechts gefolgert worden ist, sei das

wirkliche und wahre Gesetz seiner Veränderungen nicht nur der vergangenen

sondern auch der zukünftigen Die Wahrheit ist dass die Ursachen, von denen die

Phänomene der moralischen Welt abhängen in einem jeden Jahrhundert und fast in

einem jeden Lande in verschiedenen Proportionen verbunden sind; so dass es kaum

zu erwarten ist dass das allgemeine Resultat von allen wenigstens in den

Einzelheiten mit einer gleichförmig progressiven Reihe übereinstimmen werde

Alle Generalisationen welche affirmieren dass die Menschen das Bestreben haben

besser oder schlechter reicher oder ärmer roher oder zivilisierter zu werden

dass die Bevölkerung sich schneller vermehre als die Subsistenzmittel oder

umgekehrt dass die Ungleichheit des Besitzes das Bestreben habe sich zu

vermehren oder zu vermindern und dergleichen Sätze von bedeutendem Wert als

empirische Gesetze innerhalb gewisser gewöhnlich enger Grenzen sind in

Wirklichkeit wahr oder falsch je nach den Zeiten und Umständen

    Was wir von den empirischen Generalisationen aus vergangenen Zeiten auf

zukünftige gesagt haben gilt auch von ähnlichen Generalisationen aus den

gegenwärtigen Zeiten auf vergangene wenn nämlich Menschen deren Bekanntschaft

mit moralischen und sozialen Tatsachen sich auf ihr eigenes Jahrhundert

beschränkt die Menschen und Dinge dieses Jahrhundert für den Typus der Menschen

und der Dinge im allgemeinen nehmen und die empirischen Gesetze welche die

gewöhnlichen Erscheinungen der menschlichen Natur zu jener Zeit und in jenem

besonderen Zustande der Gesellschaft für das tägliche Bedürfnis hinreichend

genau repräsentieren ohne Weiteres auf die Interpretation der Ereignisse der

Geschichte anwenden Wenn Beispiele nötig wären so bietet sie fast ein jedes

geschichtliche Werk bis zu der neuesten Zeit im Überfluss dar Dasselbe lässt

sich von denjenigen sagen welche empirisch vom Volke ihres eigenen Landes auf

das fremder Länder schließen als wenn die Menschen überall in derselben Weise

fühlten urteilten oder handelten

    

     5 In den vorhergehenden Fällen wird der Unterschied zwischen empirischen

Gesetzen welche bloß die gewohnte Ordnung der Sukzession der Wirkungen

ausdrücken und den Kausalgesetzen von denen diese Wirkungen abhängen

übersehen Es können aber ungenaue Generalisationen stattfinden wenn dieses

Versehen auch nicht begangen wird wenn die Untersuchung ihren richtigen Gang

nimmt den Gang der Ermittlung von Ursachenund das irrtümlich erhaltene

Resultat angeblich ein wirkliches Kausalgesetz ist

    Die gewöhnlichste Form dieses Fehlschlusses ist die gemeinlich post hoc

ergo propter hoc oder cum hoc ergo propter hoc genannte Form zB als man

folgerte dass England den Vorrang seiner Industrie seinen Handelsbeschränkungen

verdanke oder als die alte Schule der Finanzmänner und einige theoretische

Schriftsteller behaupteten die Nationalschuld sei eine der Ursachen unserer

Nationalwohlfahrt als die Vortrefflichkeit der Kirche des Hauses der Lords und

der Gemeinen der Prozedur des hohen Gerichtshofes etc aus der bloßen

Tatsache gefolgert wurde dass das Land unter ihnen aufblühte Wenn in

dergleichen Fällen durch einen Beweis wahrscheinlich gemacht werden kann, dass

die vermeintlichen Ursachen ein Bestreben haben die ihnen zugeschriebene

Wirkung hervorzubringen so ist die Tatsache, dass dieselbe wenn auch nur in

einem einzigen Falle hervorgebracht worden ist, als eine Bestätigung durch

spezifische Erfahrung von einigem Wert aber für sich allein kann sie

überhaupt ein solches Bestreben nicht wohl nachweisen da die Wirkung

zugegeben hundert andere Antecedentien einen gleich starken Anspruch dieser Art

darauf machen könnten dass man sie als die Ursache betrachte

    Das vorhergehende Beispiel zeigte uns eine schlechte Generalisation a

posteriori eine eigentliche Empirie eine Kausalität die aus einer zufälligen

Verbindung entweder ohne eine gehörige Elimination oder ohne eine aus den

Eigenschaften des vermeintlichen Agens hervorgehende Präsumtion gefolgert worden

ist. Aber ganz eben so gewöhnlich ist die schlechte Generalisation a priori,

welche man eigentlich falsche Theorie nennt Schlüsse auf deduktive Weise aus

Eigenschaften irgend eines einzigen Agens gezogen von dem man weiß oder

voraussetzt es sei gegenwärtig indem alle andere koexistierenden Agentien

übersehen werden So wie der erstere der Irrtum der reinen Unwissenheit ist so

ist der letztere ganz besonders der Irrtum unterrichteter Geister und wird

vorzüglich bei dem Versuche begangen verwickelte Phänomene durch einfachere

Theorien zu erklären als ihre Natur zulässt So suchte eine gewisse Schule von

Ärzten »in der Langsamkeit und krankhaften Zähigkeit des Blutes« das

Universalprinzip aller Krankheiten und indem sie körperliche Krankheiten

mechanischen Obstruktionen zuschrieb glaubte sie dieselben durch mechanische

Mittel heilen zu können189 während eine andere Schule die chemische »keine

andere Quelle der Krankheit anerkannte als die Gegenwart einer schädlichen

Säure oder eines Alkalis oder eine Störung der chemischen Zusammensetzung der

flüssigen oder festen Theile des Körpers« und daher glaubte dass »alle

Heilmittel dadurch wirken müssen dass sie chemische Veränderungen in dem Körper

hervorbringen« Wir finden Tournefort eifrig beschäftigt eine jede Pflanze zu

prüfen um in ihr eine Spur eines sauren oder alkalischen Bestandteils zu

entdecken der ihr eine medizinische Wirkung verleihen könnte Zu welchen

traurigen Irrtümern eine solche Hypothese die Praktiker verleiten konnte zeigt

sich in einer erschreckenden Weise in der Geschichte des denkwürdigen Fiebers

welches im Jahre 1699 Leyden verheerte und zwei Drittheile der Bevölkerung

dieser Stadt einem frühzeitigen Grabe zuführte ein Ereignis das zum großen

Teil von Sylvius de Boe verschuldet wurde derselbe hatte gerade die chemische

Lehre von Helmont angenommen welche den Ursprung der Krankheit einer

vorherrschenden Säure zuschrieb und erklärte demgemäß dass ihre Heilung

allein durch reichlichen Gebrauch von Absorbentien und kalkhaltigen Mitteln

bewirkt werden könne190

    Diese Verirrungen in den medizinischen Theorien finden in den politischen

Wissenschaften ihre Parallelen Alle jene Lehren welche besonderen

Regierungsformen besonderen sozialen Einrichtungen und sogar besonderen

Erziehungsweisen absolute Güte zuschreiben ohne auf den Stand der Bildung und

die verschiedenen Charaktere der Gesellschaft Rücksicht zu nehmen sind

demselben Einwurfe ausgesetzt  nämlich dass angenommen wird eine Klasse von

Umständen sei die Hauptursache von Erscheinungenwelche in einem gleichen oder

in einem noch höheren Grade von vielen anderen Umständen abhängen

    

     6 Die letzte von den irrigen Generalisationen auf welche ich die

Aufmerksamkeit lenken will ist diejenige welche man falsche Analogie nennen

kann Dieser Fehlschluss unterscheidet sich von den bereits abgehandelten

Fehlschlüssen durch die Eigentümlichkeit dass er nicht einmal eine

vollständige und beweiskräftige Induktion nachahmt sondern in der falschen

Anwendung eines Argumentes besteht welches höchstens als eine nicht

beweiskräftige Präsumtion da zulässig ist wo ein wirklicher Beweis nicht zu

erlangen ist

    Ein Analogieschluss ist eine Folgerung dass das was in einem gewissen

Falle wahr ist auch in einem Falle wahr sein wird von dem man weiß dass er

jenem ähnlich ist ohne ihm genau parallel zu sein dh von dem man weiß dass

er ihm in den wesentlichen Umständen gleicht Ein Gegenstand hat die Eigenschaft

B von einem Gegenstand weiß man nicht dass er diese Eigenschaft besitzt aber

er gleicht dem ersteren in einer Eigenschaft A von der nicht bekannt ist dass

sie mit B zusammenhängt der Schluss nun auf den die Analogie hinweist lautet

dass dieser Gegenstand auch die Eigenschaft B besitzt zB dass die Planeten

bewohnt sind weil es die Erde ist Die Planeten gleichen der Erde darin dass

sie elliptische Bahnen um die Sonne beschreiben dass sie von der Sonne

angezogen werden und sich gegenseitig einander anziehen dass sie nahezu

sphärisch sind sich um ihre Achsen drehen etc aber man weiß nicht dass eine

von diesen Eigenschaften oder auch alle zusammen die Bedingungen enthalten von

denen der Besitz von Bewohnern abhängig istoder dass sie Merkmale dieser

Bedingungen sind So lange wir indessen nicht wissen welcher Art diese

Bedingungen sind können sie durch ein Naturgesetz mit diesen Eigenschaften im

Zusammenhang stehen und soweit diese Möglichkeit geht ist es wahrscheinlicher

dass die Planeten bewohnt sind als wenn sie der Erde gar nicht glichen Diese

unbestimmbare und gewöhnlich geringe Zunahme der Wahrscheinlichkeit über das

hinaus was sonst stattfinden würde ist der ganze Beweis den ein Schluss von

der Analogie ableiten kann denn wenn wir den geringsten Grund haben einen

wirklichen Zusammenhang zwischen den Eigenschaften A und B anzunehmen so ist

der Schluss kein Schluss der Analogie mehr Wenn es ermittelt wäre ich mache

absichtlich eine absurde Voraussetzung dass zwischen der Umdrehung um eine

Achse und der Existenz von lebenden Wesen ein Kausalzusammenhang besteht oder

wenn irgend ein vernünftiger Grund vorhanden wäre einen solchen Zusammenhang

nur zu vermuten so würde eine Wahrscheinlichkeit der Existenz von

Planetenbewohnern entstehen die einen beliebigen Grad von Stärke besitzen und

sich bis zu einer vollständigen Induktion erheben könnte wir würden aber dann

die Tatsache aus dem ermittelten oder vermuteten Kausalgesetze und nicht aus

der Analogie mit der Erde folgern

    Man dehnt indessen das Wort Analogie manchmal weiter aus und gebraucht es

um diejenigen Argumente von einem induktiven Charakter zu bezeichnen die sich

nicht zu einer wirklichen Induktion erheben und die man gebraucht um das aus

einer einfachen Ähnlichkeit gezogene Argument zu verstärken Obgleich man nicht

nachweisen kann dass A eine den zwei Fällen gemeinschaftliche Eigenschaft die

Ursache oder die Wirkung von B ist, so wird der nach der Analogie Schließende

doch zu zeigen versuchen dass ein weniger inniger Zusammenhang zwischen ihnen

existiert dass eine Bedingung aus einer Reihe von Bedingungen ist aus denen

wenn sie alle vereinigt werden B hervorgeht oder dass es eine gelegentliche

Wirkung einer Ursache ist von der man weiß dass sie auch B hervorbringt u

dgl ein jedes dieser Dinge würde wenn es nachgewiesen wäre die Existenz von

B um so viel wahrscheinlicher machen als wenn selbst dieser Zusammenhang

zwischen A und B nicht bekannt wäre

    Es kann nun ein Fehlschluss der Analogie in zweierlei Weise entstehen

Manchmal besteht er darin dass man ein Argument von der einen der obigen Arten

zwar richtig gebraucht aber dessen Beweiskraft überschätzt Man nimmt zuweilen

an dieser sehr gewöhnliche Irrtum begegne besonders Personen die sich durch

eine sehr lebhafte Einbildungskraft auszeichnen in der Tat ist er aber der

charakteristische geistige Fehler derjenigen deren Phantasie unfruchtbar ist

sei es wegen Mangel an Übung wegen ursprünglicher Mangelhaftigkeit oder wegen

der Beschränktheit ihres Ideenkreises Solchen Geistern bieten sich die

Gegenstände nur in wenige Eigenschaften gekleidet dar und da sich ihnen deshalb

nur wenige Analogien zwischen dem einen und dem Gegenstande darbieten so

überschätzen sie fast beständig die Wichtigkeit dieser wenigen während

derjenige dessen Phantasie einen höheren Schwung hat so viele zu

widerstreitenden Schlüssen führende Analogien bemerkt und behält dass er nicht

so leicht einen übergroßen Werth auf eine von ihnen legen wird Wir finden

immer dass diejenigen die größten Sklaven einer metaphorischen Sprache sind

welche nur eine beschränkte Reihe von Metaphern besitzen

    Dies ist aber nur die eine von den Weisen wie in dem Gebrauche von

Schlüssen der Analogie geirrt wird Es gibt aber noch eine andere Weise die

passender den Namen Fehlschluss verdient wenn nämlich die Ähnlichkeit in einem

Punkte aus der Ähnlichkeit in einem Punkte gefolgert wird obgleich nicht nur

kein Beweis vorhanden ist, um die zwei Umstände in einen Kausalzusammenhang zu

bringen sondern wenn der Beweis auch die Umstände positiv zu trennen strebt

Dies ist eigentlich ein Fehlschluss der falschen Analogie

    Als erstes Beispiel wollen wir jenes Lieblingsargument anführen das man zur

Verteidigung der absoluten Gewalt aus der Analogie mit einem väterlichen

Familienregiment zieht mit einem Regiment das der allgemeinen Annahme nach

nicht durch die Kinder geführt werden kann und auch nicht geführt wird In einer

Familie ist eine väterliche Regierung von gutem Erfolg daher so sagt das

Argument, wird in einem Staate eine despotische Regierung von gutem Erfolg

begleitet sein Ich übergehe als nicht hierher gehörig alles was über die

behauptete Vortrefflichkeit der väterlichen Regierung gesagt werden kann. Wie

sich dies auch verhalten möge so stützt sich der Schluss von der Familie auf

den Staat immerhin auf eine falsche Analogie denn es liegt darin inbegriffen

das Wohltätige einer väterlichen Regierung in der Familie sei von dem einzigen

Punkte abhängig den sie mit dem Despotismus gemein hat nämlich von der

Unverantwortlichkeit Es hängt aber nicht davon sondern von zwei anderen

Attributen der väterlichen Regierung von der Liebe der Kinder zu den Eltern

und von der Überlegenheit der Eltern in Weisheit und Erfahrung ab und dies

sind Eigenschaften die bei einem politischen Despoten und seinen Untertanen

nicht zu finden sind Wenn aber einer dieser Umstände fehlt und der Einfluss der

Unverantwortlichkeit ungestört wirken kann so ist das Resultat, selbst bei der

Familie alles andere nur nicht gute Regierung Es ist dies daher eine falsche

Analogie

    Ein zweites Beispiel ist das gewöhnliche Urteil dass politische Körper

wie Naturkörper Jugend Reife Alter und Tod erfahren dass sie sich nach einer

gewissen Blütezeit spontan zum Verfall neigen Auch dies ist eine falsche

Analogie weil der Verfall der Lebenskräfte in einem belebten Körper auf das

natürliche Fortschreiten gerade derjenigen Veränderungen in der Struktur welche

in den früheren Jahren sein Heranreifen konstituierten bestimmt zurückgeführt

werden kann; während in einem politischen Körper das Fortschreiten dieser

Veränderungen im allgemeinen keine andere Wirkung haben kann als die Fortdauer

dieses Wachstums Nur der Einhalt dieses Fortschritts und der Anfang eines

Rückgangs würden den Verfall konstituieren Politische Körper sterben aber an

einer Krankheit oder an einem gewaltsamen Tode ein Alter haben sie nicht

    Der folgende Ausspruch aus Hookers kirchlicher Hierarchie Ecclesiastical

Polity ist ein Beispiel einer falschen Analogie zwischen physikalischen Körpern

und sogenannten politischen Körperschaften »Sowie in Naturkörpern keine

Bewegung sein könnte wenn nicht Einer wäre der alle Dinge bewegt und selbst

unbeweglich bleibt so muss in politischen Gesellschaften ein Unstrafbarer da

sein da ja sonst niemand Strafe erleiden wird« Hierin liegt ein doppelter

Fehlschluss denn nicht allein die Analogie sondern auch die Prämisse woraus

sie gezogen istist unhaltbar Die Vorstellung, dass etwas Unbewegliches sein

müsse das alle Dinge bewegt ist der alte scholastische Irrtum von einem

primum mobile

    Das folgende Beispiel ist aus Erzbischof Whatelys Rhetorik »Man würde

zugehen dass eine große und dauernde Verminderung in der Menge eines

nützlichen Verbrauchsartikels wie Korn Kohle Eisen in der ganzen Welt ein

ernstlicher und dauernder Verlust wäre und ebenso dasswenn die Felder und

die Kohlenminen bei derselben Arbeit regelmäßig das Doppelte ausgäben wir um

ebenso viel reicher sein würden  es könnte hieraus gefolgert werdendasswenn

die Menge Gold und Silber in der Welt um die Hälfte verringert oder wenn sie

verdoppelt würde auch ein ähnliches Resultat entstehen würde indem diese

Metalle für das Prägen von Münzen von großem Nutzen sind Die edlen Metalle von

der einen Seite und Korn Kohle etc von der anderen Seite sind sich nun in

vielen Punkten ähnlich in vielen aber sind sie verschieden der für das

supponierte Argument wichtige Umstand ist aber der dass die Nützlichkeit von

Gold und Silber als Münze denn diese ist bei weitem ihre größte von ihrem

Werth abhängt der sich seinerseits nach ihrer Seltenheit richtet oder besser

gesagt nach der Schwierigkeit sie zu erhalten während wenn Korn oder Kohle

zehnmal reichlicher vorhanden dh leichter zu erhalten wäre ein Bushel von

beiden noch eben so nützlich sein würde wie jetzt Wenn aber das Gold doppelt

so leicht zu erhalten wäre so würde ein Goldstück noch einmal so groß werden

wenn es doppelt so schwierig zu erhalten wäre so würde das Goldstück nur halb

so groß sein und dies würde außer dem unbedeutenden Umstand der Wohlfeilheit

und Teuerung der Schmucksachen von Gold der ganze Unterschied sein Die

Analogie geht daher in dem für das Argument wesentlichen Punkte fehl«

    Derselbe Autor führt auch nach Bischof Copleston den Fall von falscher

Analogie an welcher darin besteht dass aus der Ähnlichkeit die in manchen

Beziehungen zwischen der Hauptstadt eines Landes und dem Herz des Tierkörpers

stattfindet gefolgert wird dass die Vergrößerung der Hauptstadt eine

Krankheit ist

    Manche von den falschen Analogien auf welche zur Zeit der griechischen

Philosophen physikalische Systeme mit aller Zuversicht gegründet wurden sind

von einer wie wir sie jetzt nennen phantastischen Art nicht dass die

Ähnlichkeit nicht oft eine wirkliche wäre sondern weil seit langer Zeit schon

Niemand mehr sich einfallen ließ die Folgerungen daraus zu ziehen die man

damals daraus zog Von der Art sind zB die Spekulationen der Pythagoreer über

die Zahlen Da dieselben fanden dass die Entfernungen der Planeten nahezu in

demselben Verhältnis zu einander stehen wie die Einteilungen des Monochords

so folgerten sie daraus die Existenz einer unhörbaren Musik die Musik der

Sphären als ob die Musik einer Harfe nur von den numerischen Verhältnissen und

nicht auch vom Material abhinge oder als ob überhaupt die Existenz gar keines

Materials gar keiner Saiten dazu erforderlich wäre In ähnlicher Weise bildete

man sich ein dass gewisse Kombinationen von Zahlen die man in einigen

Naturerscheinungen fand durch die ganze Natur gehen müssen dass es zB vier

Elemente geben müsse weil es vier mögliche Kombinationen von Warm und Kalt

Trocken und Feucht gibt dass es sieben Planeten geben müsse weil es sieben

Metalle und sogar weil es sieben Wochentage gab Kepler selbst glaubte es gebe

nur sechs Planeten weil es nur fünf regelmäßige Körper giebt191 Auch können

wir diejenigen Spekulationen der Alten hierher zählen welche sich auf eine

supponierte Vollkommenheit der Natur stützen indem unter Natur die gewöhnliche

Ordnung der Ereignisse verstanden ist wie sie ohne menschliche Dazwischenkunft

von selbst stattfinden Auch dies ist eine rohe Vermutung einer Analogie von

der man annahm sie ginge durch die Erscheinungen hindurch wie unähnlich sich

diese auch sein mochten Da dasjenige was man für Vollkommenheit hielt in

einigen Erscheinungen lag so folgerte man im Gegensatz zum klarsten Beweis

dass es in allen liege »Wir setzen immer das voraus was wenn es möglich ist

in der Natur am besten stattfindet« sagt Aristoteles und da man unter dem

Begriff des besten die unbestimmtesten und heterogensten Eigenschaften verstand

so war der Ausschweifung dieser Folgerung keine Grenze gesetzt So mussten sich

die Himmelskörper weil sie »vollkommen« waren in Kreisen bewegen und zwar

gleichförmig »Denn« sagt Geminus192 »sie die Pythagoreer würden eine solche

Anordnung bei göttlichen und ewigen Dingen wonach sie sich manchmal schneller

manchmal langsamer bewegen und manchmal stille stehen nicht zugeben denn

Niemand würde solche unregelmäßige Bewegungen selbst bei einem Menschen

zugeben der ordentlich und anständig ist Es gibt indessen im Leben oft

Gelegenheiten in denen die Menschen Gründe haben schneller oder langsamer zu

gehen aber bei der unwandelbaren Natur der Sterne ist es unmöglich eine

Ursache für die Schnelligkeit oder Langsamkeit anzugeben« Anzunehmen dass in

Beziehung auf Gang und Haltung die Sterne die Anstandsregeln beobachten müssen

welche die von Lucian verspotteten langbärtigen Philosophen für sich selbst

aufstellten heißt ein Argument der Analogie sehr weit suchen

    In dem Streite über das Kopernikanische System wurde als ein Argument zu

Gunsten der wahren Theorie des Sonnensystems angeführt dass »sie das Feuer das

edelste Element in die Mitte des Weltalls setze« Dies war noch ein

Überbleibsel von der Ansicht die Ordnung der Natur müsse vollkommen sein und

die Vollkommenheit bestehe in einer Unterwerfung unter Regeln des Vorrangs in

Beziehung auf eine wirkliche oder konventionelle Würde So waren manche Zahlen

vollkommen daher mussten dieselben in den großen Naturerscheinungen

vorherrschen Sechs war eine vollkommene Zahl dh gleich der Summe aller

seiner Faktoren ein weiterer Grund warum es genau sechs Planeten geben musste

Von der anderen Seite schrieben die Pythagoreer der Zahl zehn Vollkommenheit zu

sie stimmten darin überein dass die vollkommene Zahl irgendwie an dem Himmel

realisiert sein müsse und da sie nur neun Himmelskörper kannten so behaupteten

sie um die Zahl voll zu machen »dass es eine Antichthon oder für uns nicht

sichtbare Gegenerde auf der anderen Seite der Sonne gebe«193 Sogar Huygens war

überzeugt dasswenn die Anzahl der himmlischen Körper zwölf erreicht habe sie

nicht darüber hinausgehen könne Die Schöpfung konnte nicht über diese heilige

Zahl hinausgehen

    Einige merkwürdige Fälle von falscher Analogie finden sich in den Argumenten

der Stoiker womit sie die Gleichheit aller Verbrechen und die gleiche

Erbärmlichkeit aller derjenigen bewiesen welche ihre Idee von vollkommener

Tagend nicht verwirklicht hatten In dem vierten Buche De finibus führt Cicero

einige davon an »Ut inqnit in fidibus plurimis si nulla earum ita contenta

numeris sit ut concentum servare possit omnes aeque incontentae sint sic

peccata quia discrepant aeque discrepant paria sunt igitur« Worauf Cicero

selbst geschickt antwortet »aeque contingit omnibus fidibus ut incontentae

sint illud non continuo ut aeque incontentae« Der Stoiker fährt fort »Ut

enim inquit gubernator aeque peccat si palearum navem evertit et si auri

item aeque peccat qui parentem et qui servum injuria verberat« indem er

annimmt dass da die Größe des auf dem Spiele stehenden Interesses keinen

Unterschied in dem bloßen Mangel an Geschicklichkeit macht sie auch keinen in

dem moralischen Mangel ausmachen kann was eine falsche Analogie ist Ferner

»Quis ignorat si plures ex alto emergere velint propius fore eos quidem ad

respirandum qui ad summam jam aquam appropinquant sed nihilo magis respirare

posse quam eos qui sunt in profundo Nihil ergo adjuvat procedere et progredi

in virtute quominus miserrimus sit antequam ad eam pervenerit quoniam in aqua

nihil adjuvat et quoniam catuli qui jam despecturi sunt caeci aeque et ii qui

modo nati Platonem quoque necesse est quoniam nondum videbat sapientiam aeque

caecum animo ac Phalarim fuisse« Cicero bekämpft diese falschen Analogien durch

andere Analogien die zu entgegengesetzten Schlüssen führen »Ista similia non

sunt Cato illa sunt similia hebes acies est cuipiam oculorum corpore

alius languescit hi curatione adhibita levantur in dies alter valet plus

quotidie alter videt Hi similes sunt omnibus qui virtuti student levantur

vitiis levantur erroribus«

    

     7 Bei diesen und allen anderen Argumenten die aus der Analogie oder aus

Metaphern die Fälle von Analogie sind gezogen werden ist es klar besonders

wenn wir die große Leichtigkeit betrachten womit falsche Analogien und

widerstreitende Metaphern aufzustellen sind dass weit entfernt dass die

Analogie oder die Metapher etwas beweist die Anwendbarkeit der Metapher gerade

das ist was darzutun ist Es ist nachzuweisen dass in den zwei Fällen von

denen behauptet wird sie seien analog dasselbe Gesetz wirklich wirkt dass

zwischen der bekannten und der gefolgerten Ähnlichkeit irgend ein

Kausalzusammenhang besteht Cicero und Cato hätten noch so lange

entgegengesetzte Analogien mit einander austauschen können so blieb doch einem

jeden derselben durch eine richtige Induktion zu beweisen oder wenigstens

wahrscheinlich zu machen dass der Fall in den Umständen um welche sich die

Streitfrage wirklich drehte der einen Reihe von analogen Fällen glich und nicht

der anderen. Die Metaphern setzen daher meistens gerade den Satz voraus den sie

beweisen sollen ihr Nutzen ist das Verständnis desselben zu erleichtern klar

und lebhaft verstehen zu lassen was derjenige welcher die Metapher gebraucht

sagen will und manchmal auch durch welche Mittel er dies tun will Denn eine

geschickte Metapher obgleich sie nichts beweist gibt oft den Beweis an die

Hand

    Wenn zB dAlembert wie ich glaube bemerkt bei gewissen Regierungsformen

fänden nur zwei Geschöpfe ihren Weg zu den höchsten Stellen der Adler und die

Schlange so drückt diese Metapher nicht allein mit großer Lebendigkeit die

beabsichtigte Behauptung aus sondern trägt auch dazu bei sie zu bestätigen

indem sie in einer lebendigen Weise die Mittel erblicken lässt durch welche die

so bildlich dargestellten Charaktere ihr Emporkommen bewerkstelligen Wenn von

zwei Personen gesagt wird die eine missverstehe die andere weil von zwei

Gegenständen der kleinere den größeren nicht fassen kann so deutet die

Anwendung von dem was im buchstäblichen Sinne des Wortes fassen Wahres liegt

auf seinen metaphorischen Sinn auf die Tatsache, welche der Grund und die

Rechtfertigung der Behauptung ist nämlich auf die Tatsache, dass ein Geist den

andern nicht verstehen kann wenn er ihn nicht enthalten kann dh wenn er

nicht alles besitzt was in dem enthalten ist. Wenn nie ein Argument für die

Erziehung angeführt wird dass in einem unbebauten Boden Unkraut wächst so ist

die Metapher zwar mir eine Angabe von dem zu beweisenden Dinge sie ist aber

eine Angabe in Worten welche dadurch dass sie einen parallelen Fall vor die

Augen führen den Geist auf die Spur des wirklichen Beweises bringen Denn der

Grund warum das Unkraut in einem unbebauten Boden wächst ist dass der Same

von wertlosen Produkten überall vorhanden ist, und fast unter allen Umständen

keimen und wachsen kann während mit den wertvollen Produkten das Gegenteil

der Fall ist; und da dies von geistigen Produkten gleich wahr ist so hat diese

Art von Beweisführung abgesehen von ihren rhetorischen Vorteilen einen

logischen Werth indem sie nicht allein die Gründe des Schlusses an die Hand

gibt sondern auch auf einen Fall hinweist in dem man die Gründe für genügend

fand oder wenigstens dafür hielt

    Wenn Bacon der im Gebrauch und Missbrauch der Figuren gleich stark ist

seinerseits sagt der Strom der Zeit habe von den Schriften der Alten nur die am

wenigsten wertvollen auf uns gebracht so wie ein Fluss Schaum und Stroh auf

seiner Oberfläche dahinführe während schwerere Gegenstände auf den Grund

sinken so ist dies, auch wenn die Behauptung wahr wäre kein guter Vergleich

da eine Gleichheit der Ursache nicht vorhanden ist. Die Leichtigkeit womit die

Substanzen auf einem Strome schwimmen und die Leichtigkeit welche synonym mit

Werthlosigkeit ist haben nichts gemein als den Namen und um zu zeigen wie

wenig Werth die Metapher besitzt wir brauchen nur das Wort in Schwimmkraft

umzuändern um das Argument, das in Bacons Illustration liegt gegen ihn selbst

zu kehren

    Eine Metapher ist daher zu betrachten nicht als ein Argument sondern als

eine Behauptung dass ein Argument existiert dass eine Gleichheit zwischen dem

Falle woraus die Metapher gezogen ist und demjenigen existiert auf den sie

angewendet wird Diese Gleichheit kann existieren wenn die beiden Fälle

anscheinend sehr weit von einander entfernt sind die einzige zwischen ihnen

bestehende Ähnlichkeit kann eine Ähnlichkeit der Relationen sein eine

Analogie im Sinne von Ferguson und Erzbischof Whately ähnlich der im

vorhergehenden Beispiel wo die Agrikultur mit der geistigen Kultur verglichen

wurde

    

     8 Zum Schlusse dieses Kapitels bleibt uns noch zu sagen dass eine sehr

ergiebige Quelle von Fehlschlüssen der Generalisation in schlechter

Klassifikation zu suchen istindem man in einer Gruppe und unter einem Namen

Dinge zusammenbringt welche keine gemeinschaftlichen Eigenschaften oder nur

solche haben die zu unwichtig sind um allgemeine Urteile von einigem Wert

in Beziehung auf die Klasse zuzulassen Dieser Irrtum ist am größten wenn ein

Wort das im gewöhnlichen Gebrauch eine definitive Tatsache ausdrückt auf

Fälle ausgedehnt wird in denen nicht diese Tatsache existiert sondern eine

andere oder mehrere andere die ihr nur wenig gleichen Indem Bacon194 die Idola

oder die Fehlschlüsse bespricht die aus Vorstellungen temere et inaequaliter a

rebus atstractae entstehen erläutert er dieselben an der Vorstellung von

Humidum oder Feucht so gang und gäbe in der Physik des Altertums und des

Mittelalters »Invenietur verbum istud Humidum nihil aliud quam nota confusa

diversarum actionum quae nullam constantiam aut reductionem patiuntur

Significat enim et quod circa aliud corpus facile se circumfundit et quod in

se est indeterminabile nec consistere potest et quod facile cedit undique et

quod facile se dividit et dispergit et quod facile se unit et colligit et quod

facile fluit et in motu ponitur et quod alteri corpori facile adhaeret idque

madefacit et quod facile reducitur in liquidum sive colliquatur cum antea

consisteret Itaque quum ad hujus nominis praedicationem et impositionem ventum

sit si alia accipias flamma humida est si alia accipias aër humidus non est

si alia pulvis minutus humidus est si alia vitrum humidum est ut facile

appareat istam notionem ex aqua tantum et communibus et vulgaribus liquoribus

absque ulla debita verificatione temere abstractam esse«

    Bei seiner Untersuchung über die Wärme hält sich Bacon selbst nicht von

einem ähnlichen Fehler frei er verfährt gelegentlich wie Einer der nach der

Ursache der Härte sucht und der nachdem er diese Eigenschaft in dem Eisen dem

Kiesel und im Diamanten geprüft hat nun erwartet dass sie Etwas sei was man

in hartem Wasser in einem harten Knoten und in einem harten Herz nachweisen

könne

    Das Wort kinêsis in der griechischen Philosophie und sowohl während als

auch lange nach ihrer Herrschaft die Wörter Generation und Korruption

bezeichneten eine solche Menge von heterogenen Erscheinungen dass ein jeder

Versuch diese Wörter beim Philosophieren zu gebrauchen fast ebenso sehr

fehlschlagen musste als wenn das Wort Hart gebraucht worden wäre um eine alle

obengenannten Dinge einschließende Klasse zu bezeichnen Kinêsis was

eigentlich Bewegung bedeutete wurde nicht bloß gebraucht um eine jede

Bewegung sondern auch um eine jede Veränderung zu bezeichnen während alloiôsis

als eine der Arten von kinêsis angesehen wurde Die Folge davon war dass man

mit einer jeden Form von alloiôsis oder Veränderung Ideen verband die aus der

Bewegung im eigentlichen und buchstäblichen Sinne entsprangen und keinen

wirklichen Zusammenhang mit irgend einer anderen Art von kinêsis hatten als

diesen Aristoteles und Plato hatten wegen dieses Missbrauchs der Wörter mit

einer fortwährenden Verlegenheit zu kämpfen Dies greift indessen in die

Fehlschlüsse aus Zweideutigkeit über die einer anderen Klasse der letzten

Ordnung in unserer Klassifikation den Fehlschlüssen aus Konfusion angehören

 
 



 


     1 Wir sind nun bei den Fehlschlüssen angelangt denen in den

gewöhnlichen Büchern über Logik der Name Fehlschlüsse im allgemeinen

ausschließlich beigelegt wird sie haben ihren Sitz in dem syllogistischen oder

deduktiven Teil der Erforschung der Wahrheit Es ist aber um so weniger nötig

bei diesen Fehlschlüssen lange zu verweilen als dieselben in einem ziemlich

bekannten Werke in Whatelys Logik genügend abgehandelt werden Gegen die

ersichtlicheren Formen dieser Klasse von Fehlschlüssen sind die Regeln des

Syllogismus ein vollständiger Schutz Nicht wie oft bemerkt dass das

Schließen nicht gut sein könnte wenn es nicht in die Form eines Syllogismus

gebracht wird sondern weil wenn wir es in dieser Form sehen wir gewiss sind

zu entdecken ob es schlecht ist oder wenigstens ob es eine Fallacie von dieser

Klasse enthält

    

     2 Unter die syllogistischen Fehlschlüsse sollten wir vielleicht die

Irrtümer rechnen welche in Prozessen begangen werden welche zwar scheinbar

nicht aber wirklich Folgerungen aus Prämissen sind die mit der Umkehrung

conversio und der Äquipollenz im Zusammenhang stehenden Fehlschlüsse Ich

glaube dass derartige Irrtümer viel häufiger begangen werden als man

gewöhnlich glaubt oder als ihre überaus große Augenscheinlichkeit zuzulassen

scheinen dürfte Ich halte zB die einfache Umkehrung des allgemeinen

bejahenden Urteils Alle A sind B daher sind alle B  A für eine sehr

gewöhnliche Form dieses Irrtums obgleich er wie viele andere Fehlschlüsse

mehr in der Stille der Gedanken als in ausdrücklichen Worten begangen wird

denn er ist kaum deutlich auszusagen ohne entdeckt zu werden Dasselbe ist bei

einer anderen von der vorhergehenden nicht wesentlich verschiedenen Form von

Fehlschluss der Fall bei der irrtümlichen Umkehrung eines hypothetischen

Urteils Der eigentliche umgekehrte Satz eines hypothetischen Urteils ist

dieser wenn das Konsequenz falsch ist so ist das Antezedens falsch aber der

Satz, wenn das Konsequenz wahr ist so ist auch das Antezedens wahr ist

keineswegs gültig sondern ein der einfachen Umkehrung eines allgemeinen

bejahenden Urteils entsprechender Irrtum Es ist aber bei den Menschen etwas

sehr gewöhnliches in ihren Privatgedanken diese Folgerung zu ziehen wenn man

zB den Schluss als Beweis der Prämissen gelten lässt wie dies so oft

geschieht Dass die Prämissen nicht wahr sein können wenn der Schluss falsch

istist die tadellose Grundlage des rechtmäßigen reductio ad absurdum

genannten Schließmodus Aber die Menschen denken und drücken sich beständig

aus als ob sie auch glaubten die Prämissen könnten nicht falsch sein, wenn der

Schluss wahr ist Die Wahrheit oder die vermeintliche Wahrheit der aus einer

Lehre folgenden Folgerungen verschafft dieser häufig Aufnahme trotz grober in

ihr enthaltener Absurditäten Wie viele philosophische Systeme die ihre

Empfehlung kaum in sich selbst trugen wurden nicht von tiefsinnigen Männern

angenommen weil von diesen Systemen vorausgesetzt wurde sie verliehen der

Religion der Moral oder einer Lieblingsansicht in der Politik oder sonst einer

wertgehaltenen Überzeugung eine neue Stütze Aber nicht bloß dass jene

Systeme den Wünschen dieser Männer entsprachen sondern dass sie zu ihrer

Meinung nach richtigen Schlüssen führten schien diesen eine starke Präsumtion

zu Gunsten ihrer Wahrheit obgleich die in ihrem wahren Licht betrachtete

Präsumtion nur auf die Abwesenheit jenes besonderen Beweises von Falschheit

hinauslief welcher sich ergeben hätte wenn sie durch richtige Folgerung auf

etwas bereits als falsch Erkanntes geführt hätte

    Ebenso ist der sehr häufige Irrtum dass man das umgekehrte von Unrecht für

Recht hält die praktische Form eines logischen Irrtums in Beziehung auf die

Opposition der Urteile Er wird begangen weil die Gewohnheit fehlt zwischen

dem Konträren und lern Kontradiktorischen eines Urteils zu unterscheiden und

auf den logischen Canon zu achten dass zwei konträre Urteile obgleich sie

nicht beide wahr sein können doch beide falsch sein mögen Sollte sich der

Irrtum in Worten ausdrücken so würde er dieser Regel ganz deutlich zuwider

laufen Im allgemeinen drückt er sich aber nicht aus und ihn zu zwingen dies

zu tun ist die wirksamste Methode um ihn zu entdecken und zu exponieren

    

     3 Unter die Schlussfehler im Syllogismus sind zuvörderst alle Fälle von

fehlerhaften Syllogismen zu rechnen wie sie in den Büchern aufgestellt sind

Dieselben lösen sich gewöhnlich so auf dass mehr als drei Termini für den

Syllogismus vorhanden sind; entweder offen oder in der versteckten Weise eines

unverteilten Mittelsatzes oder eines unerlaubten Prozesses in einem der beiden

äußeren Termini Es ist in der Tat nicht sehr leicht von einem Argument

nachzuweisen dass es speziell zu einem dieser fehlerhaften Fälle gehört weil

wie schon wiederholt angeführt wurde die Prämissen selten förmlich entwickelt

sind wenn sie es wären so würde die Fallacie niemanden täuschen und so lange

sie es nicht sind ist es fast immer bis zu einem Grad der Willkür überlassen

in welcher Weise das unterdrückte Glied herzustellen ist Die Regeln des

Syllogismus sind Regeln um irgend Einen zu zwingen auf das Ganze von dem zu

achten was er zu verteidigen unternimmt wenn er auf seinem Schluss besteht

Er hat es fast immer in der Gewalt durch Einführung einer falschen Prämisse

seinen Syllogismus gut zu machen und es ist daher kaum jemals möglich

entschieden zu behaupten irgend ein Argument involviere einen schlechten

Syllogismus dies beeinträchtigt aber den Werth der syllogistischen Regeln

nicht indem der Schließende durch sie gezwungen wird die Prämissen bestimmt

zu wählen welche er zu verteidigen bereit ist Nachdem die Wahl geschehen ist,

ist im allgemeinen so wenig Schwierigkeit vorhanden zu sehen ob der Schluss aus

den dargelegten Prämissen folgtdass wir ohne große logische Unrichtigkeit

diese vierte Klasse von Fehlschlüssen mit der fünften Klasse mit den Fehlern

aus Konfusion hätten verschmelzen können

    

     4 Aber vielleicht die gewöhnlichsten und gewiss die gefährlichsten

Fehlschlüsse dieser Klasse sind nicht die in einem einzigen Syllogismus

liegenden sondern diejenigenwelche sich in einer Kette von Argumenten

zwischen zwei Syllogismen einschieben und welche in einer Verwechslung der

Prämissen bestehen In dem ersten Teil der Argumentation wird ein Urteil

bewiesen oder eine anerkannte Wahrheit aufgestellt und in dem zweiten Teil

wird ein weiteres Argument gegründet nicht auf dasselbe Urteil sondern auf

ein anderes das ihm hinreichend ähnlich sieht um damit verwechselt werden zu

können Beispiele von diesem Fehlschluss finden sich fast in allen

argumentativen Abhandlungen ungenauer Denker und wir brauchen hier nur eine der

dunkleren Formen desselben zu beachten welche die Scholastiker als die Fallacie

a dicto secundum quid ad dictum simpliciter erkannten Dieser Schlussfehler wird

begangen wenn in den Prämissen ein Urteil mit einer Modifikation behauptet und

die Modifikation im Schlüsse aus den Augen verloren wird oder öfter wenn eine

Beschränkung oder Bedingung wenn sie auch nicht behauptet wird für die

Wahrheit des Urteils notwendig ist aber vergessen wird wenn dieses Urteil

als eine Prämisse gebraucht wird Viele von den im Schwange gehenden schlechten

Argumenten gehören zu dieser Klasse von Irrtümern Die Prämisse ist eine

zugestandene Wahrheit eine gewöhnliche Maxime wovon die Gründe oder der Beweis

vergessen sind oder woran zur Zeit nicht gedacht wird aber wenn an sie gedacht

worden wäre so hätte sich dadurch die Notwendigkeit ergeben die Prämisse so

zu beschränken dass dieselbe den daraus gezogenen Schluss nun nicht mehr

gestützt hätte

    Von dieser Natur ist der Fehlschluss welcher in der sogenannten

Handelstheorie von Adam Smith und Anderen liegt Diese Theorie geht von dem

gewöhnlichen Grundsatz aus dass alles was Geld einbringt reich macht oder

dass der Reichtum eines jeden im Verhältnis zu der Menge des Geldes steht das

er gewinnt Hieraus wird geschlossen dass der Werth eines Handelszweiges oder

des ganzen Handels eines Landes in der von demselben eingebrachten Geldbilanz

besteht dass ein Handel der mehr Geld aus dem Lande ausführt als er einführt

ein Handel mit Verlust ist dass man daher durch Verbote und Prämien Geld ins

Land ziehen und daselbst behalten sollte und dergleichen Folgesätze mehr Alles

dieses weil man nicht darüber nachgedacht hat dasswenn der Reichtum eines

Individuums im Verhältnis steht zur Menge Geld worüber er verfugen kann dies

deshalb ist, weil dasselbe das Maß seiner Fähigkeit ist Geldes Werth zu

kaufen und daher der Bedingung unterliegt dass das Individuum nicht verhindert

sei sein Geld für diesen Kauf zu verwenden Die Prämisse ist daher nur wahr

secundum quid aber die Theorie nimmt sie als absolut wahr an und folgert dass

Vermehrung des Geldes Vermehrung des Reichtums ist sogar dann noch wenn sie

durch Mittel herbeigeführt wird welche die Bedingung unter der allein Geld

Reichtum sein kann vernichten

    Ein zweites Beispiel ist das Argument, wodurch man vor der Zehentablösung zu

beweisen pflegte dass der Zehent auf dem Gutsbesitzer lastet und eine

Verminderung des Pachtes gleich zu rechnen ist weil der Pacht eines

zehentfreien Landes immer höher war als der eines dem Zehent unterworfenen

Landes von derselben Güte und denselben Vorteilen der Lage Ob es wahr sei oder

nicht dass der Zehent auf den Pacht fällt ist in einer Abhandlung über Logik

nicht der Ort zu untersuchen sicher ist aber dass jene Tatsache kein Beweis

davon ist Das Urteil sei wahr oder falsch so muss zehentfreies Land durch die

Notwendigkeit des Falls einen höheren Pacht zahlen denn wenn der Zehent nicht

auf dem Pacht lastet so muss dies daher kommen dass er auf dem Konsumenten

lastet dass der Preis der Produkte des Ackerbaues steigt Wenn aber der Preis

der Produkte steigt so hat sowohl der Pächter eines zehentfreien Landes als

auch der Pächter des Zehentlandes den Nutzen davon Für den Letzteren ist die

Preiserhöhung nur eine Vergütung für den von ihm bezahlten Zehent für den

Ersteren der keinen Zehent zahlt ist sie ein reiner Gewinn der ihn in Stand

setzt und bei freier Konkurrenz zwingt dem Gutsbesitzer einen um soviel

höheren Pacht zu zahlen Es bleibt nun noch die Frage zu welcher Klasse diese

Art Fehlschluss gehört Die Prämisse ist dass der Eigentümer von Zehentland

weniger Pacht empfängt als der Besitzer von zehentfreiem Lande der Schluss ist

dass er daher weniger empfängt als er empfangen würde wenn der Zehent

abgeschafft wäre Aber die Prämisse ist nur bedingungsweise wahr der Besitzer

von Zehentland empfängt weniger als der Eigentümer von zehentfreiem Lande

empfangen kann wenn anderes Land mit Zehent belastet ist während der Schluss

auf einen Zustand der Dinge angewendet wird in dem diese Bedingung fehlt und

in dem folglich die Prämisse nicht wahr sein würde Der Fehlschluss findet daher

Statt a dicto secundum quid ad dictum simpliciter

    Ein drittes Beispiel ist die Opposition welche zuweilen rechtmäßigen

Folgerungen der Regierung in den Angelegenheiten der Gesellschaft gemacht wird

und die auf eine Missanwendung des Grundsatzes gegründet ist dass ein

Individuum besser beurteilen kann als die Regierung was seinem pekuniären

Interesse gut ist Dieser Einwurf wurde gegen Mr Wakefields Grundsatz der

Kolonisation vorgebracht nämlich gegen den Grundsatz der Konzentration der

Ansiedler durch eine solche Feststellung des Preises von unbebautem Lande dass

dadurch das wünschenswerteste Verhältnis zwischen der Menge des in Kultur

begriffenen Landes und der arbeitenden Bevölkerung erhalten wird Hiergegen

wurde eingewendet dass wenn Individuen ihren Vorteil darin fänden Besitz von

ausgedehnten Strecken Landes zu nehmen sie nicht daran verhindert werden

sollten da sie ihre eigenen Interessen besser kennen als die Gesetzgebung

welche nur nach allgemeinen Regeln verfahren kann In diesem Argument ist

jedoch vergessen dass die Tatsache, dass Jemand eine so große Strecke Land

nimmt nur beweist dass es in seinem Interesse liegt so viel zu nehmen wie die

anderen nicht aber dass es nicht in seinem Interesse liegen könnte sich mit

weniger zufrieden zu stellen wenn er überzeugt sein kann dass die anderen es

auch tun eine Sicherheit welche nur eine Regulierung durch die Regierung geben

kann Wenn alle anderen viel nähmen und er nur wenig so würde er keinen von den

Vorteilen ernten die aus der Konzentration der Bevölkerung und der hieraus

entstehenden Möglichkeit hervorgehen Arbeit zu mieten sondern er würde sich

ohne ein Äquivalent dafür zu erhalten freiwillig in eine untergeordnete

Stellung gebracht haben Das Urteil, die Menge Land welche die Menschen nehmen

werden wenn sie sich selbst überlassen sind sei diejenige Menge welche zu

nehmen ihrem Interesse am meisten entspricht ist nur wahr secundum quid es ist

nur so lange in ihrem Interesse als sie keine Garantie wegen des Thuns der

Anderen haben Aber die vorgeschlagene Einrichtung vernachlässigt die

Beschränkung und nimmt das Urteil simpliciter für wahr

    Die Bedingung der Zeit ist eine der Bedingungenwelche man am häufigsten

fallen lässt wenn man für den beweis anderer Urteile ein Urteil gebraucht

das sonst wahr wäre Es ist ein Grundsatz der Nationalökonomie »dass Preise

Gewinne Löhne etc ihr Gleichgewicht finden« dies wird aber häufig so

ausgelegt als wäre damit gemeint sie seien immer oder gewöhnlich im

Gleichgewicht während sie in Wahrheit, wie es Coleridge epigrammatisch

ausdrückt immer ihr Gleichgewicht finden »was man für eine Umschreibung oder

eine ironische Definition eines Sturmes nehmen könnte«

    Zu dieser Art von Fehlschluss a dicto secundum quid ad dictum simpliciter

konnte man aller Irrtümer rechnen welche gewöhnlich Missanwendungen abstrakter

Wahrheiten genannt werden, dh wo aus einem in abstracto wahren Prinzip wie

der gewöhnliche Ausdruck ist  nämlich indem man annimmt es seien keine

modifizierenden Ursachen vorhanden  so argumentiert wird als ob es absolut wahr

sei und kein modifizierender Umstand möglicherweise existieren könne Es ist nicht

nötig diese sehr gewöhnliche Form des Irrtums hier zu erläutern da sie

später in ihrer Anwendung auf Gegenstände, auf welche sie am häufigsten

angewendet wird und denen diese Anwendung am verderblichsten ist da sie in

ihrer Anwendung auf Gegenstände der Politik und der Gesellschaftswissenschaft

speziell abgehandelt werden wird195

 
 



 


     1 Unter die fünfte und letzte Klasse der Fallacien kann man füglich alle

jene Fehlschlüsse ordnen in denen die Quelle des Irrtums nicht sowohl in einer

falschen Beurteilung der Beweiskraft eines Beweises liegt sondern in einer

undeutlichen unbestimmten und schwankenden Vorstellung von dem was den Beweis

ausmacht

    An der Spitze dieser Irrtümer steht jene zahlreiche Menge von fehlerhaften

Schlüssen in denen Zweideutigkeit der Wörter die Quelle des Irrtums ist wenn

aus Etwas das wahr ist wenn ein Wort in einem besonderen Sinne gebraucht wird

so geschlossen wird als ob es in jedem Sinne des Wortes wahr wäre In einem

solchen Falle liegt keine falsche Beurteilung des Beweises, weil darin

überhaupt kein Beweis in Beziehung auf die Hauptfrage liegt es liegt wohl

Beweis darin betrifft aber einen ganz anderen Punkt und wird nur wegen eines

konfusen Verständnisses der Bedeutung der gebrauchten Wörter für den wahren

Beweis gehalten Dieser Irrtum wird naturgemäß öfter in unseren Syllogismen

als in unseren direkten Induktionen begangen werden weil wir in den ersteren

unsere eigenen Noten oder die Anderer entziffern während wir bei den letzteren

die Dinge selbst entweder vor unseren Sinnen oder vor unserem Gedächtnis haben

ausgenommen jedoch wenn die Induktion eine Induktion nicht von individuellen

Fällen auf eine Allgemeinheit sondern von Allgemeinheiten auf eine noch höhere

Generalisation ist in diesem Falle kann der auf Zweideutigkeit beruhende

Schlussfehler sowohl den induktiven als auch den syllogistischen Prozess

treffen Im Syllogismus kommt er auf zweierlei Weise vor wenn der Mittelbegriff

zweideutig ist oder wenn der eine der Termini des Syllogismus in den Prämissen

in dem einen Sinn genommen wird und in dem Schluss in dem andern Sinn

    Erzbischof Whately gibt einige gute Erläuterungen in Betreff dieses

Fehlschlusses »Ein Fall« sagt derselbe »der als unter Zweideutigkeit des

Mittelbegriffs fallend betrachtet werden kann, ist der auf den grammatikalischen

Bau der Sprache gegründete Fehlschluss von den Autoren glaube fallacia figurae

dictionis genannt indem man gewöhnlich für ausgemacht hält dass paronyme

oder konjugierte Wörter dh zu einander gehörende Wörter wie das Substantiv

Adjektiv Verbum etc derselben Wurzel eine genau entsprechende Bedeutung

haben was keineswegs allgemein der Fall ist. Ein solcher Fehlschluss könnte

nicht einmal auf eine strenge logische Form gebracht werden da dieselbe einen

jeden Versuch des Fehlschlusses ausschließen würde indem er sowohl dem Klang

als dem Sinn nach zwei Mittelbegriffe enthält Aber in der Praxis ist nichts

gewöhnlicher als das fortwährende Verändern der gebrauchten Wörter Behufs der

grammatikalischen Bequemlichkeit auch liegt in diesem Verfahren nichts

Unrechtes so lange die Bedeutung der Wörter unverändert beibehalten wird zB

der Mord sollte mit dem Tode bestraft werden dieser Mensch ist ein Mörder

daher verdient er den Tod etc Hier gehen wir von der in diesem Falle

richtigen Annahme aus dass einen Mord begehen und ein Mörder sein  den Tod

verdienen und einer sein der sterben sollte beziehungsweise äquivalente

Ausdrücke sind Es würde häufig sehr unbequem sein wenn man sich eine solche

Freiheit versagen wollte aber der Missbrauch derselben gibt Anlass zu dem

fraglichen Fehlschluss zB Projektenmacher verdienen kein Vertrauen dieser

Mensch hat ein Project gemacht daher verdient er kein Vertrauen Das Sophisma

geht hier von der Voraussetzung aus dass derjenige welcher ein Project macht

ein Projektenmacher sein müsse während der schlimme Sinn der dem letzteren

Wort gewöhnlich beigelegt wird gar nicht in dem ersteren enthalten ist. Dieser

Fehlschluss kann häufig so angesehen werden, als läge er nicht im Mittelbegriff

sondern in einem der Termini des Schlusses so dass der gezogene Schluss in

Wirklichkeit in den Prämissen keine Gewähr findet wenn dieselbe auch aus der

grammatikalischen Verwandtschaft der Wörter hervorzugehen scheint zB

Bekanntschaft mit dem Schuldigen ist eine Präsumtion der Schuld dieser Mensch

hat eine solche Bekanntschaft daher können wir präsumieren er sei schuldig

Dieses Argument geht von der Voraussetzung einer genauen Übereinstimmung

zwischen Präsumieren und Präsumtion aus die indessen nicht vorhanden ist, denn

Präsumtion wird gewöhnlich gebraucht um eine Art von leichtem Verdacht

auszudrücken während präsumieren einen wirklichen Glauben bezeichnet Es gibt

unzählige Fälle wo stammverwandte paronyme Wörter die dem oben Angeführten

ähnlich sind einander nicht entsprechen wie Kunst erkünstelt Geist

geistlich etc und je geringer die Änderung in der Bedeutung, um so

wahrscheinlicher ist die Fallacie von Erfolg begleitet denn wenn die Wörter dem

Sinne nach so weit auseinander gekommen sind wie etwa Erbarmen und erbärmlich

so würde ein jeder den Fehlschluss wahrnehmen und er könnte höchstens im Scherz

gebraucht werden.196

    »Der angeführte Fehlschluss ist nahe verwandt oder kann vielmehr als ein

Zweig jenes Fehlschlusses betrachtet werden, der auf der Etymologie beruht wenn

ein Wort nämlich einmal im gebräuchlichen Sinn und ein andermal im

etymologischen oder ursprünglichen Sinn gebraucht wird Das sehr häufig und in

unheilbringender Weise gebrauchte Wort repräsentativ bietet hiervon ein

Beispiel unter der Annahme seine richtige Bedeutung müsse genau dem strickten

und ursprünglichen Sinne des Zeitworts repräsentieren entsprechen überredet der

Sophist die Menge ein Mitglied des Hauses der Gemeinen sei verbunden sich in

allen Punkten nach der Meinung seiner Konstituenten zu richten kurz nur deren

Wortführer zu sein während Gesetz und Herkommen die in diesem Fall über die

Bedeutung des Wortes entscheiden nichts derartiges verlangen sondern dem

Repräsentanten auferlegen nach seinem eigenen besten Wissen und auf seine

eigene Verantwortlichkeit hin zu handeln«

    Die folgenden Beispiele in denen die Argumente gewöhnlich auf

Zweideutigkeit der Wörter beruhen sind von großer praktischer Wichtigkeit

    Die Handelswelt wird zu diesem Fehlschluss häufig durch die Redensart

»Geldmangel« verleitet In der Handelssprache hat »Geld« zwei Bedeutungen es

bedeutet das Courant oder Umlaufsgeld und das Capital welches Anlage sucht

besonders als Darlehen Im letzteren Sinn wird das Wort gebraucht wenn man vom

»Geldmarkt« spricht und wenn man sagt »der Geldwert« sei hoch oder niedrig

indem damit der Zinsfuß gemeint ist Die Folge von dieser Zweideutigkeit ist

dass sobald sich Geldmangel in dem letzteren Sinn fühlbar zu machen beginnt 

sobald Schwierigkeit vorhanden ist, Darleihen zu erhalten und der Zinsfuß hoch

ist  man schließt dass dies von Ursachen kommen muss welche auf die

Geldmenge in dem anderen und mehr populären Sinne einwirken dass das

Umlaufsmittel der Quantität abgenommen haben muss oder dass es vermehrt werden

muss Ich weiß dass abgesehen von der doppelten Bedeutung des Wortes in den

Tatsachen selbst einige Eigentümlichkeiten liegen welche diesem Irrtum

scheinbar eine Stütze verleihen aber die Zweideutigkeit der Sprache steht

gerade an der Schwelle des Gegenstandes und vereitelt alle Versuche Licht auf

denselben zu werfen

    Ein anderer zweideutiger Ausdruck ein Ausdruck der uns bei den politischen

Streitigkeiten der gegenwärtigen Zeit stets begegnet besonders bei denjenigen

welche sich auf organische Änderungen beziehen ist die Redensart »Einfluss des

Eigentums« welche manchmal gebraucht wird für den Einfluss der Achtung vor

höherer Intelligenz oder der Dankbarkeit für die Gefälligkeiten welche

Personen von großem Besitz so sehr in ihrer Macht haben zu erzeugen ein

andermal für den Einfluss der Furcht der Furcht vor der schlimmsten Art Macht

die großes Eigentum seinem Besitzer ebenfalls gibt vor der Macht Abhängigen

zu schaden Die Verwechslung des einen und des anderen Sinnes ist der stetige

auf Zweideutigkeit beruhende und gegen diejenigen gerichtete Fehlschluss welche

das Wahlsystem von Korruption und Einschüchterung zu reinigen suchen Der

Einfluss der Überredung der durch das Bewusstsein des Wählers wirkt und sein

Herz und seinen Geist mit fortreißt ist wohltätig  daher so wird behauptet

sollte der Einfluss des Zwangs der den Wähler zu vergessen nötigt dass er ein

moralisches Agens ist oder der ihn zwingt im Gegensatz zu seiner moralischen

Überzeugung zu handeln nicht einer Beschränkung unterworfen werden

    Ein anderes Wort das oft zu einem Werkzeug des auf Zweideutigkeit

beruhenden Fehlschlusses gemacht wird ist das Wort Theorie Im eigentlichsten

Sinn bedeutet Theorie das vollendete Resultat der philosophischen Induktion aus

der Erfahrung. In diesem Sinne gibt es sowohl irrige als auch wahre Theorien

denn die Induktion kann unrichtig ausgeführt sein wenn wir aber in Beziehung

auf einen Gegenstand etwas erkennen und unsere Erkenntnis als eine Richtschnur

für die Praxis in die Form eines allgemeinen Urteils bringen so ist Theorie

von irgend einer Art das notwendige Resultat In diesem dem eigentlichen Sinne

des Worts ist Theorie die Erklärung der Praxis In einem anderen und mehr

vulgären Sinne bedeutet Theorie eine bloße Fiction der Einbildungskraft die

sich vorzustellen sucht wie ein Ding möglicherweise hervorgebracht worden sein

könnte anstatt zu untersuchen wie es hervorgebracht worden ist. Nur in diesem

Sinne sind Theorie und Theoretiker unsichere Führer aber gerade dieses Punktes

wegen sucht man oft die Theorie im eigentlichen Sinne dh die legitime

Generalisation das Ziel und das Ende aller Philosophie lächerlich zu machen

und in Misskredit zu bringen Ein Schluss wird als wertlos dargestellt gerade

weil das geschehen ist was wenn es richtig geschehen ist den höchsten Werth

ausmacht den ein Grundsatz nach dem wir uns in der Praxis richten sollen

besitzen kann nämlich in wenigen Worten das wirkliche Gesetz zu enthalten von

dem eine Erscheinung abhängt oder eine Eigenschaft oder Relation welche von

dieser Erscheinung universell wahr ist

    »Die Kirche« bedeutet zuweilen nur den Clerus allein zuweilen die ganze

Gesellschaft der Gläubigen oder wenigstens der Kommunikanten Die Deklamationen

in Betreff der Unverletzlichkeit des Kirchenguts verdanken dieser Zweideutigkeit

den größten Teil ihrer scheinbaren Stärke Da der Clerus auch die Kirche

genannt wird so nimmt man an er wäre der wirkliche Eigentümer des sogenannten

Kirchenguts während er in Wahrheit doch nur aus den die Geschäfte führenden

Mitgliedern einer viel größeren Gesellschaft von Eigentümern besteht und nur

die nicht über eine Leibrente hinausgehende Nutzmessung hat

    Das folgende stoische Argument ist Ciceros drittem Buche De Finibus

entnommen »Quod est bonum omne laudabile est Quod enim laudabile est omne

honestum est Bonum igitur quod est honestum est« Das zweideutige Wort ist hier

laudabile welches in der unteren Prämisse etwas bedeutet was die Menschen aus

guten Gründen zu bewundern und zu schätzen gewohnt sind wie zB Schönheit

oder Glück in der oberen Prämisse bedeutet es aber ausschließlich moralische

Eigenschaften In nahezu derselben Weise versuchten die Stoiker ihre figurativen

und rhetorischen Ausdrücke ethischer Denkungsart als philosophische Wahrheiten

logisch zu rechtfertigen zB dass der tugendhafte Mensch allein frei allein

schön allein ein König ist etc Wer Tugend hat hat das Gute weil vorher

entschieden worden ist, nicht sonst etwas »gut« zu nennen aber hinwiederum

schließt das Gute notwendig Freiheit Schönheit und sogar Königtum ein indem

alles dieses gute Dinge sind wer daher Tugend hat hat auch diese

    Das folgende ist ein Argument von Descartes um in seiner aprioristischen

Weise das Dasein eines Gottes zu beweisen Die Vorstellung von einem unendlichen

Wesen sagt er beweist die reale Existenz eines solchen Wesens Wenn es

wirklich ein solches Wesen nicht gibt so muss ich die Vorstellung gemacht

haben aber wenn ich sie machen konnte so kann ich sie auch vernichten was

offenbar nicht wahr ist es muss daher außerhalb meiner ein Urbild geben von

dem die Vorstellung abgeleitet wurde In diesem Argumente das wie wohl zu

bemerken ist auch die Existenz von Gespenstern und Hexen beweisen würde liegt

die Zweideutigkeit in dem Fürwort ich worunter einmal mein Wille das anderemal

die Gesetze meiner Natur verstanden ist Wenn die in meinem Geist existierende

Vorstellung kein äußeres Vorbild hätte so würde der Schluss ohne alle Frage

der sein dass ich sie gemacht habe dh die Gesetze meiner Natur müssen sie

spontan entwickelt haben dass aber mein Wille sie gemacht habe würde hieraus

nicht folgen Wenn Descartes sodann hinzufügt dass ich die Vorstellung nicht

vernichten kann so meint er ich könne sie nicht durch einen Akt meines Willens

los werden was zwar wahr was aber nicht das verlangte Urteil ist Ich kann

sowohl diese wie eine jede andere Vorstellung vernichten durch einen bloßen

Willensakt kann ich keine Vorstellungdie ich einmal gehabt habe los werden

was aber einige Gesetze meiner Natur hervorgebracht haben können andere

Gesetze oder dieselben Gesetze unter anderen Umständen später vernichten und

vernichten es auch häufig

    Hiermit analog sind einige von den Zweideutigkeiten in dem Streit über den

freien Willen die ich bloß memoriae causa hier anführe da sie in dem letzten

Buche einer speziellen Betrachtung unterworfen werden Auch in dieser Diskussion

springt das Wort ich von der einen Bedeutung auf die andere über indem es

einmal für »mein Wollen« steht und ein anderesmal für die Handlungen die eine

Folge davon sind oder für die geistigen Stimmungen denen dieselben

entspringen Die letztere Zweideutigkeit wird durch ein Argument von Coleridge

in seinen Aids to Reflection zu Gunsten der Freiheit des Willens erläutert Es

ist nicht wahr sagt er dass der Mensch durch Motive beherrscht wird »der

Mensch macht die Motive die Motive machen aber nicht den Menschen« der Beweis

hiervon ist dass »was für den einen Menschen ein starkes Motiv ist für den

andern gar kein Motiv ist« Die Prämisse ist wahr läuft aber nur darauf hinaus

dass verschiedene Menschen für dasselbe Motiv eine verschiedene Empfänglichkeit

haben sie haben aber auch eine verschiedene Empfänglichkeit für berauschende

Getränke was indessen nicht beweist dass es ihnen frei steht betrunken oder

nicht betrunken zu werden welche Quantitäten von diesen Getränken sie auch zu

sich nehmen mögen Bewiesen ist nur dass bei der Erzeugung des Aktes mit der

äußeren Veranlassung auch gewisse geistige Bedingungen in dem Menschen selbst

mitwirken müssen aber diese geistigen Bedingungen sind ebenfalls Wirkungen von

Ursachenund in dem Argument liegt nichts was bewiese dass dieselben ohne

eine Ursache entstehen können  dass eine spontane Bestimmung des Willens wie

die Lehre vom freien Willen annimmt ohne eine jede Ursache überhaupt

stattfindet

    Den doppelten Gebrauch des Wortes Notwendigkeit in der Kontroverse über den

freien Willen  eines Wortes das zuweilen nur für Gewissheit ein anderesmal

für Zwang steht zuweilen für etwas das nicht verhindert werden kann, ein

andermal nur für etwas das unserer Überzeugung nach nicht verhindert werden

wird  werden wir später Gelegenheit haben bis zu einigen seiner letzten

Konsequenzen zu verfolgen

    Eine höchst wichtige Zweideutigkeit sowohl in gewöhnlicher wie in

metaphysischer Sprache wird von Erzbischof Whately angedeutet dasselbe sowie

eins identisch und andere von ihnen abgeleitete Wörter wird häufig in einem

Sinne gebraucht der vom ursprünglichen Sinne wonach es auf einen einzelnen

Gegenstand anwendbar ist sehr abweicht indem es gebraucht wird um große

Ähnlichkeit zu bezeichnen Wenn verschiedene Gegenstände ununterscheidbar

ähnlich sind so wird eine einzige Beschreibung auf einen jeden derselben

passen und daher sagt man sie seien alle von ein und derselben Natur

demselben Aussehen etc Wenn wir zB sagen »dieses Haus ist von demselben Stein

gebaut wie das andere« so meinen wir nur dass die Steine in ihren

Eigenschaften nicht zu unterscheiden sind nicht aber dass das eine Gebäude

niedergerissen und das andere aus dessen Material erbaut worden ist. In dem

ursprünglichen Sinne schließt Einerleiheit Selbigkeit nicht einmal notwendig

Ähnlichkeit ein denn wenn wir von einem Menschen sagen er habe sich seit

einiger Zeit sehr verändert so verstehen wir und schließen durch den Ausdruck

ein dass er eine Person ist wenn auch in mehreren Eigenschaften anders Es ist

bemerkenswert dass selbes dasselbe in dem zweiten Sinn im populären

Sprachgebrauch einen Grad zulässt wir sprechen von zwei Dingen die nahezu

aber nicht gänzlich dieselben sind persönliche Identität lässt aber keinen

Grad zu Nichts hat vielleicht zu dem Irrtum des Realismus mehr beigetragen

als die Nichtbeachtung dieser Zweideutigkeit Wenn man von mehreren Personen

sagt sie hätten ein und dieselbe Meinung oder Idee einen und denselben

Gedanken so übersehen Viele die wahre einfache Angabe des Falles nämlich dass

alle ähnlich denken sie suchen etwas abstruseres und mystischeres und glauben

es müsse ein Ding in dem ursprünglichen Sinne wenn auch kein individuelles

geben das in dem Geiste aller dieser Personen zugleich gegenwärtig ist und

hieraus entsprang auch Platons Theorie von den Ideen von denen seiner Meinung

nach jede ein realer ewiger Gegenstand war der ganz und vollständig in jedem

der individuellen Gegenstände die unter einem Namen begriffen werden existiert

    Es ist in der Tat nicht eine gefolgerte sondern eine authentische

geschichtliche Tatsache dass Platons Lehre von den Ideen und die

Aristotelische Lehre wesentlich dieselbe wie die Platonische von

substantiellen Formen und substantiae secundae genau auf dem hier nachgewiesenen

Wege entstanden dass sie aus der vermeintlichen Notwendigkeit entstanden in

Dingen von denen man sagt sie hätten dieselbe Natur oder dieselben

Eigenschaften etwas zu finden was dasselbe in demselben Sinne war in dem man

von einem Menschen sagt er sei derselbe wie er selbst Alle die müßigen

Spekulationen in Beziehung auf to on to hen to homoion und ähnliche

Abstraktionen so gewöhnlich in den alten und einigen neueren philosophischen

Schulen flossen aus derselben Quelle Die Aristotelischen Logiker sahen

indessen einen Fall von der Zweideutigkeit und verwahrten sich dagegen mit ihrem

besonderen Glück in der Erfindung der Kunstsprache indem sie einen Unterschied

machten zwischen Dingen die sich specie und numero unterschieden und Dingen

welche sich numero tantum unterschieden dh welche genau ähnlich in manchen

besonderen Beziehungen wenigstens aber unterschiedene Individuen waren Eine

Ausdehnung dieser Unterscheidung auf die zwei Bedeutungen des Wortes Dasselbe

nämlich auf Dingewelche dieselben sind specie tantum und auf ein Ding, welches

sowohl numero als auch specie dasselbe ist, hätte die Konfusion welche eine

Quelle von so vielem Dunkel und von einer solchen Fülle von positivem Irrtum in

der metaphysischen Philosophie war verhindert

    Gerade dieser Fall bietet eines der merkwürdigsten Beispiele wieweit ein

hervorragender Denker sich durch die Zweideutigkeit der Sprache verleiten lassen

kann Ich verweise auf das berühmte Argument durch welches Bischof Berkeley

sich schmeichelte »dem Skeptizismus dem Atheismus und der Irreligiosität« für

immer ein Ende gemacht zu haben Es ist kurz das folgende Ich dachte an ein

Ding gestern ich hörte auf an es zu denken heute denke ich wieder daran Ich

hatte daher gestern eine Idee von dem Gegenstand auch habe ich heute eine Idee

von ihm diese Idee ist offenbar nicht eine andere sondern es ist dieselbe

Idee Es verging aber von gestern zu heute eine Zwischenzeit in der ich sie

nicht hatte Wo war die Idee während dieser Zwischenzeit Sie muss anderswo

gewesen sein sie hörte nicht auf zu existieren sonst könnte die Idee, welche

ich gestern hatte nicht dieselbe Idee sein so wenig wie der Mann den ich

heute lebend sehe derselbe sein kann wie der den ich gestern sah wenn der

Mann mittlerweile gestorben ist Nun kann man sich nicht vorstellen eine Idee

existiere anderswo als in einem Geiste es muss daher einen universalen Geist

geben in dem alle Ideen während der Zwischenzeiten die zwischen ihrer

bewussten Anwesenheit in unserem eigenen Geiste liegen ihren beständigen

Aufenthalt haben

    Offenbar verwechselte hier Berkeley Selbigkeit numero mit Selbigkeit specie

dh mit genauer Ähnlichkeit und nahm erstere an wo nur die letztere

vorhanden war indem er nicht wahrnahm dasswenn wir sagen wir hätten heute

denselben Gedanken wie gestern wir nicht denselben individuellen Gedanken

meinen sondern einen genau ähnlichen so wie wir auch sagen wir hätten

dieselbe Krankheit wie letztes Jahr indem wir nur dieselbe Art Übel meinen

    In einem merkwürdigen Falle wurde die wissenschaftliche Welt durch die

Zweideutigkeit der Sprache die noch dazu einen Zweig der Wissenschaft berührte

der mehr als die meisten anderen Zweige den Vorteil einer präzisen und

wohlbestimmten Terminologie genoss in zwei wutentbrannte feindliche Parteien

gespalten Ich verweise auf den berühmten Streit bezüglich der lebendigen Kraft

vis viva dessen Geschichte in Playfairs Dissertation zu finden ist Die

Frage war ob die Kraft eines sich bewegenden Körpers bei gegebener Masse

desselben einfach seiner Geschwindigkeit proportional sei oder dem Quadrat

seiner Geschwindigkeit die Zweideutigkeit lag in dem Worte Kraft »Die eine der

Wirkungen,« sagt Playfair »welche durch einen sich bewegenden Körper

hervorgebracht werden, ist dem Quadrat der Geschwindigkeit proportional während

die andere der einfachen Geschwindigkeit proportional ist« was später klarere

Denker vermochte ein doppeltes Maß der Wirksamkeit einer sich bewegenden

Kraft aufzustellen indem das eine vis viva lebendige Kraft das andere

momentum Moment genannt wurde In Betreff der Tatsachen stimmten beide

Parteien von Anfang an überein die einzige Frage war welcher von den beiden

Wirkungen das Wort Kraft am füglichsten beizulegen sei oder beigelegt werden

könne Aber die Streitenden merkten keineswegs dass dies alles war sie

glaubten Kraft wäre ein Ding, die Erzeugung von Wirkung ein anderes Ding und

die Frage durch welche Reihe von Wirkungen die Kraft welche beide erzeugte

gemessen werden sollte hielt man für eine Frage die sich nicht auf die

Terminologie sondern auf eine Tatsache bezieht

    Die Zweideutigkeit des Wortes Unendlich ist der wirkliche Schlussfehler in

dem amüsanten logischen Rätsel von Achilles und der Schildkröte einem Rätsel

das für den Scharfsinn oder die Geduld vieler Philosophen zu schwierig war

namentlich für Th Brown der das Sophisma für unauflösbar für ein richtiges

Argument hielt obgleich es zu einer greifbaren Absurdität führte er übersah

dabei dass eine solche Annahme reductio ad absurdum des Vermögens zu schließen

sein würde Der Schlussfehler liegt wie Hobbes andeutete in der

stillschweigenden Annahme was unendlich teilbar ist sei auch unendlich aber

die folgende Lösung auf die ich keinen Anspruch habe ist genauer und

befriedigender

    Das Argument ist Achilles soll zehnmal so schnell laufen als die

Schildkröte wenn aber die Schildkröte einen Vorsprung hat so wird Achilles sie

nie einholen Denn nehmen wir an sie wären zuerst durch einen Zwischenraum von

tausend Fuß getrennt während nun Achilles diese tausend Fuß zurücklegt legt

die Schildkröte hundert zurück während Achilles diese hundert Fuß zurücklegt

legt die Schildkröte zehn zurück und so ewig fort Achilles kann daher ewig

laufen ohne die Schildkröte einzuholen

    Nun bedeutet das »ewig« in dem Schluss eine jede Zeitlänge die man annehmen

kann aber in den Prämissen bedeutet »ewig« nicht eine jede Zeitlänge sondern

eine jede Anzahl von Abtheilungen der Zeit Es bedeutet dass wir tausend Fuß

durch zehn teilen können und dass dieser Quotient wieder durch zehn geteilt

werden kann und sofort dass die Abtheilungen der Distanz niemals ein Ende zu

nehmen brauchen noch folglich diejenigen der Zeit in der die Distanz

zurückgelegt wird Aber eine unbegrenzte Anzahl von Unterabteilungen kann von

etwas gemacht werden was selbst begrenzt ist Das Argument beweist keine andere

Unendlichkeit der Dauer als wie sie in fünf Minuten enthalten sein kann Solange

die fünf Minuten nicht verstrichen sind kann das davon Übrigbleibende durch

zehn und wieder durch zehn und sofort ad libitum geteilt werden was damit

vollkommen verträglich ist dass es zusammen nur fünf Minuten sind Kurz es

beweist dass um diesen endlichen Kaum zu durchlaufen eine unendlich teilbare

Zeit nicht eine unendliche Zeit erforderlich ist Die Verwechslung dieser

Distinktion hat schon Hobbes als den Grund des Trugschlusses erkannt

    Die folgende Zweideutigkeit des Wortes Recht als ein Zusatz zu der

augenfälligeren und geläufigeren Zweideutigkeit von ein Recht und vom Adjektiv

recht ist aus einem vergessenen Aufsatz von mir in einer Zeitschrift

    »Moralisch gesprochen sagt man wir hätten ein Recht ein Ding zu tun wenn

Alle moralisch gebunden sind uns nicht daran zu hindern Ein Recht haben ein

Ding zu tun ist aber in einem anderen Sinne das Entgesetzte von kein Recht

haben es zu tun dh von die moralische Verpflichtung haben es zu

unterlassen In diesem Sinne zu sagen wir hätten ein Recht etwas zu tun

heißt dass wir es ohne eine Pflichtverletzung von unserer Seite tun können

dass Andere nicht allein uns nicht daran hindern dürfen sondern dass sie auch

nicht Ursache haben schlimmer von uns zu denken weil wir es tun Dieses

Urteil ist von dem vorhergehenden vollkommen verschieden Das Recht welches

wir kraft einer Andern obliegenden Pflicht besitzen ist offenbar etwas ganz

anderesals das Recht das aus der Abwesenheit einer uns selbst obliegenden

Pflicht besteht Die zwei Dinge werden aber fortwährend verwechselt So wird

Einer sagen er habe ein Recht seine Meinung zu veröffentlichen was in dem

Sinne wahr sein kann dass es vom Andern eine Pflichtverletzung wäre die

Veröffentlichung zu verhindern aber er nimmt darauf hin an dass er selbst

durch das Veröffentlichen seiner Meinung selbst keine Pflicht verletzte was

wahr oder falsch sein kann indem es darauf ankommt ob er sich überzeugt hat

erstens ob seine Meinung wahr ist dann ob ihre Veröffentlichung in dieser

Weise und unter diesen besonderen Umständen im Ganzen den Interessen der

Wahrheit förderlich sein wird

    Die zweite Zweideutigkeit ist die Verwechslung eines Rechts von irgend einer

Art mit dem Recht dieses Recht zu erzwingen indem man sich einer Verletzung

desselben widersetzt oder sie bestraft Die Menschen sagen zB sie hätten ein

Recht auf eine gute Regierung was unwidersprechlich wahr ist da es die

moralische Pflicht der sie Regierenden ist sie gut zu regieren Wenn wir dies

aber zugeben so nimmt man von uns an wir hätten denselben das Recht oder die

Freiheit zugestanden die sie Regierenden zu vertreiben oder vielleicht zu

bestrafen weil sie die Ausübung ihrer Pflicht versäumten was weit entfernt

dasselbe Ding zu sein keineswegs allgemein wahr istsondern von einer großen

Anzahl von wechselnden Umständen abhängig ist,« von Umständen die gewissenhaft

zu erwägen sind ehe ein solcher Entschluss gefasst oder ehe darnach gehandelt

werden darf Das letzte Beispiel ist wie andere Beispiele die angeführt

wurden ein Fall von einem Schlussfehler im Fehlschluss er enthält nicht bloß

die zweite der angedeuteten Zweideutigkeiten sondern auch die erste

    Eine nicht ungewöhnliche Form von auf zweideutigen Wörtern beruhenden

Fehlschlüssen ist technisch als Fallacia compositionis et divisionis bekannt

wenn dasselbe Wort in den Prämissen kollektiv im Schluss aber distributiv ist

und umgekehrt oder wenn der Mittelbegriff in der einen Prämisse kollektiv in

der andern distributiv ist wenn man etwa sagen wollte ich citire Erzbischof

Whately »alle Winkel in einem Dreieck betragen zwei rechte Winkel ABC ist ein

Winkel eines Dreiecks daher ist ABC gleich zwei rechten Winkeln Es gibt

keinen Fehlschluss der gewöhnlicher wäre oder der leichter täuschte als

gerade der vorliegende Die Form, in welcher er am gewöhnlichsten gebraucht

wird ist die dass man in Betreff eines jeden einzelnen Gliedes einer Klasse

separat eine Wahrheit aufstellt und dann dieselbe kollektiv von der ganzen

Klasse folgert« Wie in dem zuweilen zu hörenden Argument wodurch bewiesen

werden soll dass die Welt große Männer entbehren kann Wenn Columbus niemals

gelebt hätte so sagt man so wäre Amerika doch entdeckt worden höchstens nur

einige Jahre später wenn Newton niemals gelebt hätte so hätte ein Anderer das

Gesetz der Gravitation entdeckt und so fort Ganz wahr alles dies wäre

geschehen aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eher als bis sich Jemand

mit den Eigenschaften von Columbus oder Newton gefunden hätte Weil der Platz

von einem großen Mann durch einen anderen großen Mann eingenommen werden kann,

so schließt das Argument, kann man alle großen Männer entbehren Das Wort

»große Männer« ist distributiv in den Prämissen und kollektiv im Schluss

    »Der Art ist auch der Fehlschluss welcher wahrscheinlich die in der

Lotterie Spekulierenden leitet zB das Gewinnen eines hohen Preises ist kein

ungewöhnliches Ereignis was kein ungewöhnliches Ereignis ist darf man

vernunftgemäß erwarten daher darf das Gewinnen eines hohen Preises

vernunftgemäß erwartet werden Auf das Individuum angewendet wie es in der

Praxis der Fall ist), ist der Schluss in dem Sinne zu verstehen darf es von

einem gewissen Individuum vernunftgemäß erwartet werden damit daher die obere

Prämisse wahr sei muss der Mittelbegriff so verstanden werden als bedeute er

kein ungewöhnliches Ereignis für eine besondere Person während die untere

Prämisse die zuerst gesetzt wurde um wahr zu sein so verstanden werden muss

als bedeute sie kein ungewöhnliches Ereignis für den einen oder den andern und

so hat man die Fallacia compositionis

    Es ist dies ein Fehlschluss womit die Menschen äußerst geneigt sind sich

selbst zu täuschen denn wenn sich dem Geiste eine Menge von Einzelheiten

darbieten so sind viele zu schwach oder zu indolent um einen umfassenden

Überblick über dieselben zu nehmen und richten ihre Aufmerksamkeit nach

einander auf einen jeden einzelnen Punkt und demgemäß entscheiden folgern und

handeln sie dann auch zB der unkluge Verschwender wenn er findet dass er

diese oder jene oder die andere Ausgabe bestreiten kann vergisst dass alle

zusammen ihn zu Grunde richten werden« Der Schwelger zerstört seine Gesundheit

durch sukzessive Handlungen der Unmäßigkeit weil die eine dieser Handlungen

allein ihm keinen ernstlichen Schaden zufügen kann Ein Kranker schließt bei

sich »das eine das andere und noch ein anderes meiner Symptome beweisen nicht

dass ich eine gefährliche Krankheit habe« und nun schließt er wirklich dass

sie es alle zusammengenommen nicht beweisen

    

     2 Wir haben nun die eine der Hauptgattungen dieser Ordnung von

Fehlschlüssen genügend erläutert diejenige in welcher die Prämissen, da der

Irrtum auf der Zweideutigkeit der Wörter beruht den Schluss zwar den Worten

nach aber nicht in der Wirklichkeit begründen In der zweiten großen auf

Konfusion beruhenden Fallacie genügen sie dafür weder wörtlich noch wirklich

obgleich sie ihrer Mannigfaltigkeit und konfusen Anordnung wegen und noch öfter

wegen Gedächtnismangels nicht als das erscheinen was sie sind Die Fallacie

welche ich meine ist die der Petitio Principii oder die Voraussetzung des noch

zu Beweisenden sie schließt jene noch verwickeltere und nicht ungewöhnliche

Abart ein welche das Schließen in einem Kreise genannt wird

    Petitio principii ist nach Whately der Fehlschluss »in dem sich die Prämisse

offenbar als mit dem Schlusse einerlei darstellt oder wo sie wirklich durch den

Schluss bewiesen wird oder der Art ist dass sie naturgemäß und eigentlich so

bewiesen werden könnte« Mit der letzten Klausel ist wie ich vermute gemeint

dass sie keines anderen Beweises fähig ist denn sonst wäre keine Fallacie

vorhanden Aus einem Urteil Urteile ableiten aus denen es selbst

naturgemäßer abgeleitet werden würde ist oft eine erlaubte Abweichung von der

gewöhnlichen didaktischen Ordnung oder höchstens nach einem den Mathematikern

geläufigen Ausdruck eine logische Ineleganz197

    Der Gebrauch eines Urteils um dasjenige zu beweisen wovon sein eigener

Beweis abhängig ist, schließt keineswegs jenen Grad von Geistesschwäche ein

wie es auf den ersten Blick scheinen könnte Die Schwierigkeit zu begreifen wie

dieser Fehlschluss möglicherweise begangen werden kann, verschwindet wenn wir

bedenken dass alle Menschen auch die unterrichteten viele Meinungen hegen

ohne sich genau zu erinnern wie sie dazu gekommen sind Da sie glauben sie

hätten dieselben in irgend einer früheren Zeit durch genügenden Beweis

verifiziert hätten aber vergessen worin der Beweis bestand so lassen sie sich

leicht verleiten gerade die Sätze aus ihnen abzuleiten welche allein als

Prämissen für deren Begründung dienen können »Wie wenn man versuchen wollte«

sagt Whately »das Dasein eines Gottes aus der Autorität der heiligen Schrift zu

beweisen« was demjenigen leicht begegnen könnte dem beide Lehren als

fundamentale Glaubenssätze auf demselben Boden des gewohnten und traditionellen

Glaubens stehen

    Das Schließen im Kreise ist indessen ein größerer Schlussfehler und

begreift mehr in sich als eine bloße passive Annahme einer Prämisse durch

Jemand der sich nicht erinnert wie sie zu beweisen ist Es liegt darin der

wirkliche Versuch inbegriffen zwei Urteile gegenseitig aus einander zu

beweisen man nimmt zum wenigsten in ausdrücklichen Worten selten seine

Zuflucht zu dieser Fallacie bei den eigenen Spekulationen sie wird aber von

denjenigen begangen welche von einem Gegner hart bedrängt gezwungen sind

Gründe für eine Meinung zu geben deren Begründung sie nicht genügend in

Betracht gezogen hatten als sie anfingen zu argumentieren wie in dem folgenden

Beispiel von Whately »Manche Mechaniker suchen zu beweisen was sie als eine

wahrscheinliche aber Ungewisse Hypothese198 aufstellen sollten dass eine jede

materielle Partikel gleich gravitiert warum weil diejenigen Körper welche mehr

Partikel enthalten immer stärker gravitieren dh schwerer sind aber kann man

geltend machen die schwersten Körper sind nicht immer die räumlich größeren

nein aber sie enthalten mehr Partikel wenn auch stärker kondensiert woher

weiß man dies weil sie schwerer sind wie wird jenes dadurch bewiesen weil

da alle materiellen Partikel gleich gravitieren die spezifisch schwerere Masse

notwendig in gleichem Raum mehr Partikel haben muss« Es scheint mir dass der

Fehlschießende in seinen Privatgedanken kaum über den ersten Schritt

hinausgehen würde Er würde sich bei dem zuerst gegebenen Grunde beruhigen

»Körper welche mehr Partikel enthalten sind schwerer« Erst wenn ihm dieses

bezweifelt wird und er es beweisen soll ohne zu wissen wie sucht er seine

Prämisse dadurch zu begründen dass er das als bewiesen annimmt was er durch

sie beweisen will Wenn die Umstände es erlauben so ist in der Tat das

wirksamste Mittel eine Petitio Principii bloßzustellen die Anforderung an den

Schließenden zu stellen seine Prämissen zu beweisen versucht er dieses so

wird er notwendig zu einem Zirkelschluss getrieben

    Es ist indessen nicht ungewöhnlich dass selbst Denker von nicht

gewöhnlicher Art auch in ihren Gedanken sich verleiten lassen nicht gerade ein

jedes der Urteile förmlich aus dem anderen zu beweisen aber Urteile

zuzulassen die nur so bewiesen werden können. In dem vorhergehenden Beispiel

bilden die zwei Urteile zusammen eine vollständige und konsequente obgleich

hypothetische Erklärung der betreffenden Tatsachen Die Neigung gegenseitige

Kohärenz für Wahrheit zu halten sein Heil lieber einer starken wenn auch an

keinem Aufhängepunkte befestigten Kette anzuvertrauen liegt vielem zu Grunde

das auf die strickten Formen des Schließens reduziert sich nur als Schließen

im Kreise darstellen kann Alle Erfahrung bezeugt die fesselnde Wirkung einer

geschickten Verkettung in einem Lehrgebäude und die Schwierigkeit womit die

Menschen der Überzeugung Baum geben dass Etwas das so gut zusammenhält

möglicherweise doch fallen könne

    Da ein jeder Fall in dem ein nur aus gewissen Prämissen zu beweisender

Schluss für den Beweis gerade dieser Prämissen gebraucht wird ein Fall von

petitio principii ist so ist in diesem Schlussfehler ein großer Teil von

allem unrichtigen Schließen inbegriffen Für die Vervollständigung unserer

Übersicht über die Fehlschlüsse ist es nötig durch einige Beispiele zu

zeigen unter welcher Hülle sich derselbe zu verbergen und der Bloßstellung

auszuweichen pflegt

    Kein Mensch der bei gesundem Verstande ist wird ein Urteil als einen

Folgesatz des Urteils selbst zulassen wenn es nicht in einer Sprache

ausgedrückt ist die es als ein ganz anderes Urteil erscheinen lässt

Gewöhnlich geschieht dies in der Weise dass man sucht das in abstrakten

Wörtern ausgedrückte Urteil als einen Beweis desselben aber in konkreter

Sprache ausgedrückten Urteils darzustellen Es ist dies eine sehr gewöhnliche

Art nicht nur von vermeintlichem Beweis sondern auch von vermeintlicher

Erklärung und findet sich bei Molière parodiert wenn er einen seiner

abgeschmackten Ärzte sagen lässt »lopium endormit parcequil a une vertue

soporifique« oder in dem entsprechenden Kauderwelsch

 

Mihi demandatur

A doctissimo doctore

Quare opium facit dormire

Et ego respondeo

Quia est in eo

Virtus dormitiva

Cujus natura est sensus assoupire

 

    Die Wörter Natur und Wesen Essentia sind bedeutende Instrumente für dieses

die Frage zum Satz erheben So in dem wohlbekannten Argument der scholastischen

Theologen wonach der Geist immer denkt weil das Wesen des Geistes denkt Locke

hatte nachzuweisen dass wenn hier mit Wesen eine Eigenschaft gemeint ist,

welche sich jederzeit durch wirkliche Ausübung kundgeben muss die Prämisse eine

direkte Annahme des Schlusses ist während wenn sie nur sagen soll dass das

Denken die unterscheidende Eigenschaft eines Geistes ist zwischen Prämisse und

Schluss kein Zusammenhang stattfindet indem es nicht notwendig ist dass eine

distinktive Eigenschaft fortwährend in Tätigkeit sei

    Das Folgende erläutert die Art und Weise wie diese abstrakten Wörter Natur

und Wesen zu diesem Fehlschluss gebraucht werden. Einige besondere

Eigenschaften eines Dinges werden mehr oder weniger willkürlich gewählt um

dessen Natur oder Wesen genannt zu werden nachdem dies geschehen ist wird von

diesen Eigenschaften angenommen sie seien mit einer Art Unverletzbarkeit

bekleidet sie besäßen eine Oberherrlichkeit über alle anderen Eigenschaften

und könnten nicht überherrscht oder aufgehoben werden So wenn Aristoteles in

einer bereits angeführten Stelle199 »durch folgende Gründe entscheidet dass es

keinen leeren Raum gibt in einem leeren Raume könnte es keinen Unterschied von

Oben und Unten geben denn da in Nichts kein Unterschied sein kann so kann auch

in einer Negation oder Privation kein Unterschied sein der leere Kaum ist aber

nur eine Negation oder Privation der Materie; es könnten sich daher in einem

leeren Raume die Körper weder aufwärts noch abwärts bewegen was sie doch ihrer

Natur nach tun« Mit anderen Worten, es liegt in der Natur der Körper, sich

auf und abzubewegen ergo kann eine jede physikalische Tatsache die

voraussetzt dass sie sich nicht so bewegen nicht glaubwürdig sein Diese

Schlussweise durch welche man eine schlechte Generalisation alle ihr

widersprechenden Tatsachen beherrschen lässt ist petitio principii in einer

ihrer greifbarsten Formen

    Kein Modus des Annehmens von dem noch zu Beweisenden ist häufiger als die

von Bentham so genannten »die Frage zum Satz erhebenden Appellativa« als Namen

welche die Frage voraussetzen unter dem Schein sie zu stellen Die

auffallendsten sind diejenigenwelche einen lobenden oder tadelnden Charakter

besitzen wie zB das Wort Neuerung in der Politik Da die lexikalische

Bedeutung des Wortes nur »eine Veränderung zu etwas neuem« ist so wird es dem

Verteidiger der heilsamsten Verbesserung schwer zu leugnen sie sei eine

Neuerung Da aber das Wort außer dieser lexikalischen Bedeutung im gewöhnlichen

Gebrauch eine tadelnde Mitbezeichnung erlangt hat so wird die Zulassung der

Neuerung immer so ausgelegt als wäre den Nachtheilen des vorgeschlagenen Dinges

ein bedeutendes Zugeständnis gemacht worden

    Die folgende Stelle des Arguments gegen die Epikureer in Ciceros zweitem

Buche de finibus bietet ein schönes Beispiel von dieser Art Schlussfehler »Et

quidem illud ipsum non nimium probo et tantum patior philosophum loqui de

cupiditatibus finiendis An potest cupiditas finiri tollenda est et extrahenda

radicitus Quis est enim in quo sit cupiditas quin recte cupidus dici possit

Ergo et avarus erit sed finite adulter verum habebit modum et luxuriosus

eodem modo Qualis ista philosophia eat quae non interitum afferat pravitatis

sed sit contenta mediocritate vitiorum« Die Frage war ob gewisse Begierden

wenn sie in den Schranken gehalten werden Laster seien oder nicht und das

Argument entscheidet den streitigen Punkt dadurch dass es ein Wort cupiditas

auf sie anwendet in welchem Laster inbegriffen ist Es geht indessen aus den

darauffolgenden Bemerkungen hervor dass Cicero nicht die Absicht hatte dies

als ein ernstliches Argument gelten zu lassen sondern dass er einen seiner

Meinung nach unangemessenen Ausdruck rügen wollte »Rem ipsam prorsus probo

elegantiam desidero Appellet haec desideria naturae cupiditatis nomen servet

alio etc« Viele von den Alten sowohl als auch von den Neueren haben indessen

dieses oder etwas ihm äquivalentes als ein wirkliches und beweiskräftiges

Argument gehalten Es mag noch angeführt werden dass die Stelle in Betreff von

cupiditas und cupidus auch ein Beispiel von dem bereits angeführten auf

stammverwandten paronymen Wörtern beruhenden Fehlschluss ist

    Noch viele andere von den Argumenten der Moralphilosophen des Altertums

insbesondere der Stoiker sind in der Definition von petitio principii

inbegriffen Von welchem Werth als Argumente sind zB Einreden wie die des Cato

in dem dritten Buch de finibus das ich als wahrscheinlich die beste

beispielsweise Erläuterung sowohl der Lehren als auch der Methoden der zu jener

Zeit bestehenden philosophischen Schulen anzuführen fortfahre von welchem Werth

sind Einreden wie wenn die Tugend nicht Glückseligkeit wäre so könnte sie

nicht ein Ding sein dessen man sich rühmen kann wenn der Tod oder der Schmerz

Übel wären so würde es unmöglich sein sie nicht zu fürchten und es könnte

daher nicht lobenswert sein sie zu verachten etc Von der einen Seite könnte

man diese Argumente ansehen als wären sie eine Berufung an die allgemeine

Denkungsart der Menschheit die durch die angeführten Redeweisen gewissen

Handlungen oder Charakteren den Stempel des Beifalls aufgedrückt hat wenn man

aber die Verachtung in Anschlag bringt welche die alten Philosophen für die

Volksmeinungen hegten so wird es sehr unwahrscheinlich dass dies ihre Absicht

war In einem jeden anderen Sinne sind sie klare Fälle von petitio principii da

das Wort lobenswert und die Idee des sich rühmens praktische Grundsätze

einbegreifen praktische Grundsätze können aber nur aus theoretischen Wahrheiten

bewiesen werden, aus den Eigenschaften des vorliegenden Gegenstandes nämlich

und können daher nicht gebraucht werden, um diese Eigenschaften zu beweisen Man

könnte ebenso gut schließen eine Regierung sei gut weil wir sie unterstützen

sollten oder es gäbe einen Gott weil es unsere Pflicht ist zu ihm zu beten

    Von allen Streitenden in Ciceros Buche de finibus wird als die Grundlage

der Erforschung des summum bonum angenommen dass »sapiens semper beatus est«

Nicht bloß weil die Weisheit die beste Aussicht auf Glückseligkeit bietet oder

weil die Weisheit darin besteht zu wissen was Glückseligkeit ist und durch

welche Dinge sie befördert wird alle diese Sätze genügten ihnen nicht sondern

weil der Weise immer glücklich ist und es notwendig sein muss Der Gedanke

Weisheit sei mit Unglück verträglich wurde stets als unzulässig verworfen der

Grund den einer der Redenden nahe am Anfang des dritten Buchs dafür angibt

ist dasswenn der Weise unglücklich sein könnte in dem Trachten nach Weisheit

wenig Nutzen läge Unter Unglücklichsein verstanden sie aber nicht Leiden oder

Schmerz dass diesen der weiseste Mensch so gut wie jeder andere unterworfen

sei gaben sie zu er war glücklich weil er in der Weisheit das schätzbarste

Gut besaß das Ding das von allen Dingen am meisten zu suchen und zu schätzen

ist und das schätzenswerteste Ding besitzen hieß der Glücklichste sein Indem

daher beim Beginn der Untersuchung behauptet wurde dass der Weise glücklich

sein muss wurde die in Beziehung auf das summum bonum bestrittene Frage in der

Tat als bewiesen vorausgesetzt sowie auch die weitere Annahme dass Schmerz

und Leiden soweit sie mit Weisheit koexistieren können kein Unglück und keine

Übel sind

    Die folgenden Fälle sind weitere mehr oder weniger versteckte Fälle von

petitio principii

    In dem Sophistes versucht Plato zu beweisen dass körperlose Dinge existieren

können und zwar durch das Argument, dass Gerechtigkeit und Wahrheit körperlos

dass aber Gerechtigkeit und Wahrheit Etwas sein müssen Wenn hier wie es

Platons Absicht war mit Etwas ein Ding gemeint ist das an und für sich und

nicht als eine Eigenschaft eines andern Dinges bestehen kann so erhebt er die

Frage zum Satz indem er behauptet Gerechtigkeit und Wahrheit müssten Etwas

sein meint er etwas anderes so ist sein Schluss nicht bewiesen Dieser

Schlussfehler könnte auch zu den auf der Zweideutigkeit des Mittelbegriffs

beruhenden Fallacien gerechnet werden indem »Etwas« in der einen Prämisse

irgend eine Substanz in der anderen bloß ein Gedankenobjekt sei es Substanz

oder Attribut bedeutet

    Als ein Beweis der jetzt nicht mehr populären Lehre von der unendlichen

Teilbarkeit der Materie wurde früher das Argument angeführt dass ein jeder

noch so kleine Teil der Materie wenigstens eine obere und eine untere Fläche

haben müsse Diejenigenwelche dieses Argument gebrauchten sahen nicht dass

es gerade den streitigen Punkt voraussetzte die Unmöglichkeit zu einem Minimum

von Dicke zu gelangen denn wenn es ein Minimum gäbe so wäre seine obere und

untere Fläche natürlich einerlei es würde selbst eine Fläche sein und weiter

nichts Was das Argument so sehr plausibel macht ist dass die Prämisse

wirklich einleuchtender erscheint als der Schluss obgleich sie in Wirklichkeit

mit ihm identisch ist So wie das Urteil ausgedrückt ist appelliert es direkt

und in konkreter Sprache an die Unfähigkeit der menschlichen Einbildungskraft

ein Minimum zu begreifen In diesem Lichte betrachtet wird es zu einem Fall von

dem aprioristischen Fehlschluss oder natürlichen Vorurteil dass das was man

nicht begreifen kann auch nicht existieren könne Ein jeder auf Konfusion

beruhende Schlussfehler wird wie kaum nötig zu wiederholen wenn er

aufgeklärt wird zu einem Fehlschluss von irgend einer anderen Art und man wird

im allgemeinen finden dasswenn deduktive oder syllogistische Schlussfehler

irre führen meistens wie in diesem Falle eine Fallacie von einer anderen Art

hinter ihnen versteckt istwelche hauptsächlich daran Schuld ist dass die

Wortgaukelei welche das Äußere oder den Kern dieser Art von Fehlschluss

bildet unentdeckt vorbeigeht

    Eulers Algebra ein Buch von sonst großem Verdienst aber bis zum

Überfließen voll von logischen Irrtümern in Betreff des Fundaments der

Wissenschaft, enthält das folgende Argument als einen Beweis dass minus durch

minus vervielfacht plus gibt eine Lehre die das Opprobrium aller bloßen

Mathematiker ist und Ton deren wahrem Beweis Euler keine Idee hatte Er sagt

minus durch minus vervielfacht kann nicht minus geben denn minus multipliziert

mit plus gibt minus und minus durch minus kann nicht dasselbe Produkt geben

wie minus durch plus multipliziert Nun muss man fragen warum minus durch minus

multipliziert überhaupt ein Produkt geben muss und warum wenn es eines gibt

das Produkt nicht dasselbe sein kann wie das von minus durch plus Denn dies

würde auf den ersten Blick nicht absurder erscheinen als dass minus durch minus

dasselbe gibt wie plus durch plus der Satz, dem Euler den Vorzug vor jenem

gibt Die Prämisse bedarf des Beweises eben so sehr Wie der Schluss auch kann

sie nur durch jene umfassende Ansicht von der Natur der Multiplikation und der

algebraischen Operationen im allgemeinen bewiesen werden, welche auch einen weit

besseren Beweis der mysteriösen Lehre welche sich Euler hier zu demonstrieren

bemüht an die Hand geben würde

    Ein schlagendes Beispiel von Schließen im Kreis gehen einige Schriftsteller

über Ethik die zuerst als einen Maßstab für moralische Wahrheit die

Denkungsweisen und Perzeptionen der Menschen nehmen welche sie, da sie die

allgemeinen sind auch für die natürlichen und instinktiven halten und dann die

zahlreichen Beispiele von Abweichung dadurch hinwegerklären dass sie sie als

Fälle darstellen in denen die Perzeptionen ungesund sind Von einer besonderen

Gefühls oder Handlungsweise wird behauptet sie sei unnatürlich warum weil

das allgemeine und natürliche Gefühl der Menschheit sie verabscheut Da ihr ein

solches Gefühl nicht in euch findet so bezweifelt ihr die Tatsache, und die

Antwort ist wenn euer Gegner höflich ist dass ihr eine Ausnahme ein

besonderer Fall seid Aber auch bei Völkern anderer Länder oder einer früheren

Zeit sagt ihr finde ich kein derartiges Gefühl von Abscheu »ach ihre Gefühle

waren verfälscht und ungesund«

    Eines der bemerkenswertesten Beispiele von Schließen im Kreis ist die

Lehre von Hobbes Rousseau und anderen welche die Pflichten der Menschen als

Glieder der Gesellschaft auf einen supponierten Gesellschaftsvertrag gründen Ich

übergehe ganz die fiktive Natur des Vertrages selbst aber wenn Hobbes durch den

ganzen Leviathan hindurch die Verpflichtung dem Souverän zu gehorchen mit

großer Mühe nicht von der Notwendigkeit und Nützlichkeit es zu tun sondern

von einem Versprechen ableitet von dem angenommen wird unsere Vorfahren hätten

es gegeben als sie dem Leben in der Wildnis entsagten und übereinkamen eine

politische Gesellschaft zu bilden so ist es unmöglich nicht die Frage

zurückzugeben aber warum sind wir verbunden ein Versprechen zu halten das

andere für uns gaben oder warum sind wir überhaupt verbunden ein Versprechen

zu halten Für diese Verpflichtung kann kein genügender Grund angegeben werden

als die verderblichen Folgen der Abwesenheit von Treue und gegenseitigem

Vertrauen unter den Menschen Wir kommen daher immer wieder auf die Interessen

der Gesellschaft als auf den Grund der Verpflichtung des Versprechens zurück

und dennoch gibt man nicht zu diese Interessen seien eine hinreichende

Rechtfertigung für die Existenz von Regierung und Gesetz Man glaubt ohne ein

Versprechen wären wir nicht zu dem verpflichtet was in einem jeden

gesellschaftlichen Lebensmodus inbegriffen ist nämlich zu einem allgemeinen

Gehorsam gegen das eingeführte Gesetz Man hält das Versprechen für so

notwendig dasswenn in Wirklichkeit ein solches nicht gegeben worden ist, man

den Fundamenten der Gesellschaft dadurch eine größere Sicherheit zu geben

glaubt dass man eines erfindet

    

     3 Mit zwei von den Hauptabtheilungen der auf Konfusion beruhenden

Fallacien sind wir nun fertig es bleibt aber noch eine dritte Abtheilung in

welcher die Konfusion nicht wie bei dem auf Zweideutigkeit beruhenden

Schlussfehler in einem Missverstehen des Inhalts der Prämissen oder in petitio

principii in einem Vergessen der Natur der Prämissen sondern wo er in dem

Missverstehen des zu beweisenden Schlusses besteht Es ist dies der Ignoratio

Elenchi in dem weitesten Sinne des Wortes genannte Fehlschluss Whately nennt

ihn auch die Fallacie des irrelevanten nicht zur Sache gehörigen Schlusses

Seine Beispiele und Bemerkungen darüber verdienen sehr angeführt zu werden

    »Verschiedene Arten von Urteilen werden je nach der Gelegenheit dem

Urteil substituiert das bewiesen werden soll manchmal das partikulare für das

universale zuweilen ein Urteil mit verschiedenen Wörtern die mannigfaltigsten

Erfindungen werden benutzt um diese Substitution zu bewirken und zu verbergen

und den von dem Sophisten gezogenen Schluss praktisch demselben Zwecke dienen zu

lassen dem der Schluss dient den er hätte begründen sollen Wir sagen

praktisch demselben Zwecke denn oft wird durch den geschickten Gebrauch dieses

Trugschlusses eine Emotion erregt oder dem Geist ein Gedanke eingeprägt werden

welcher die Menschen für euren Zweck in die erforderliche Stimmung bringt

obgleich sie vielleicht dem Urteil das ihr zu begründen hattet noch nicht

beigestimmt oder es vielleicht nicht einmal in ihrem eigenen Geiste deutlich

angegeben haben Wenn ein Sophist jemand zu verteidigen hätte der sich eines

schweren Verbrechens schuldig gemacht hat das er zu mildem wünscht so würde

er obgleich er keinen Beweis beibringen kann doch praktisch denselben Zweck

erreichen wenn es ihm gelänge über irgend einen zufälligen Gegenstand die

Zuhörer zum Lachen zu bringen Ebenso wenn Einer bei einem besonderen Verbrechen

die mildernden Umstände nachgewiesen und damit gezeigt hat dass das Verbrechen

bedeutend von der Allgemeinheit dieser Klasse von Verbrechen abweicht so kann

der Sophist wenn er diese Umstände nicht widerlegen kann die Wirkung derselben

dadurch vernichten dass er sie gerade auf diese Klasse bezieht denn niemand

kann leugnen dass das Verbrechen zu dieser Klasse gehört und schon der Name

derselben wird ein Gefühl von Ekel erregen das hinreichend ist um die Wirkung

der mildernden Umstände aufzuheben es sei zB ein Fall von Unterschleif und

es seien manche mildernde Umstände beigebracht die nicht geleugnet werden

können; der sophistische Gegner wird erwidern Nun am Ende ist der Mann doch

ein Spitzbube und damit fertig nun war dies in Wirklichkeit der Voraussetzung

nach niemals die Frage und die bloße Behauptung von etwas was nie geleugnet

wurde sollte der Billigkeit nach nicht als das Entscheidende angesehen werden;

aber praktisch erregt die Gehässigkeit des Wortes, die zwar zum großen Teil

aus der Assoziation gerade der Umstände entspringt die dem größten Teil der

Klasse angehören die wir aber in diesem besonderen Falle als abwesend annahmen

genau jenes Gefühl von Widerwillen das die Wirkung der Verteidigung aufhebt

In gleicher Weise können wir hierher alle Fälle von unpassender Berufung an die

Leidenschaften und sonst noch alles rechnen was Aristoteles als dem

vorliegenden Gegenstand fremd exô tou pragmatos anführt«

    Ferner »anstatt zu beweisen der Gefangene habe einen abscheulichen Betrug

verübt beweist ihr dass der Betrug dessen er angeklagt abscheulich ist

anstatt zu beweisen wie in der wohlbekannten Geschichte von Cyrus und den zwei

Röcken dass der größere Knabe ein Recht hatte den andern Knaben zum Tauschen

der Röcke zu zwingen beweist ihr dass der Tausch für beide vorteilhaft

gewesen wäre anstatt zu beweisen dass man den Armen eher auf diese als auf

jene Weise beistehen sollte beweist ihr dass man den Armen beistehen sollte

anstatt zu beweisen dass ein vernunftloses Wesen  sei es ein Thier oder ein

Irrsinniger  niemals durch Furcht vor der Strafe von einer Handlung abgehalten

werden kann wie zB Hunde vom Beißen der Schafe durch die Furcht vor Prügel

beweist ihr dass das Prügeln eines Hundes auf andere Hunde nicht als ein

Beispiel wirkt etc

    Es ist evident dass Ignoratio elenchi sowohl für die scheinbare Widerlegung

des gegnerischen als auch für die scheinbare Begründung eures eigenen Satzes

gebraucht werden kann; denn es ist wesentlich einerlei zu beweisen was nicht

geleugnet wurde oder zu widerlegen was nicht behauptet wurde Der letztere

Kunstgriff ist nicht weniger gewöhnlich ist aber ehrenrühriger da er häufig

bis zu persönlicher Beleidigung geht indem er jemandem Meinungen etc

zuschreibt welche derselbe vielleicht verabscheut So wenn bei einer

Diskussion über einen Fall von unerträglicher Bedrückung der eine Teil auf

Grund der allgemeinen Nützlichkeit einen besonderen Fall von Widerstand gegen

die Regierung verteidigt kann der Gegner ernsthaft behaupten dass wir nicht

böses tun sollten damit gutes komme ein Satz der natürlich niemals geleugnet

wurde indem der streitige Punkt ist ob in diesem besonderen Falle der

Widerstand böses tat oder nicht Oder auch als eine Widerlegung der Behauptung

ein jeder habe das Recht in religiösen Dingen zu urteilen kann man vielleicht

ein ernsthaftes Argument hören dass es unmöglich ist dass jedermann bei seinem

Urteil Recht haben kann« Von diesem Schlussfehler sind Streitschriften selten

frei So waren zB die Versuche die Bevölkerungstheorie von Malthus zu

widerlegen meistens Fälle von Ignoratio elenchi Man hielt Malthus für

widerlegt wenn man zeigen konnte dass die Bevölkerung in manchen Ländern oder

zu manchen Zeiten nahezu stationär blieb als ob er behauptet hätte die

Bevölkerung nehme immer in einem gewiesen Verhältnis zu oder als ob er nicht

ausdrücklich erklärt hätte sie nehme nur soweit zu als sie nicht durch

Klugheit oder durch Armut und Krankheit zurückgehalten wird Oder es wird

vielleicht eine Kollektion von Tatsachen beigebracht um zu beweisen dass in

irgend einem Lande das Volk bei einer dichteren Bevölkerung besser daran ist

als zu einem andern Lande das nur eine dünne Bevölkerung hat oder auch dass

das Volk zu gleicher Zeit an Zahl und Wohlhabenheit zunahm Als ob behauptet

worden wäre eine dichte Bevölkerung könne möglicherweise nicht wohl daran sein

als ob es nicht gerade ein wesentlicher Teil jener Lehre wäre dass da wo

Capital reichlicher vorhanden ist, auch eine größere Bevölkerung ohne Zunahme

von Armut existieren kann ja dass sich die Armut sogar vermindern kann

    Das Lieblingsargument gegen Berkeleys Theorie von der Nichtexistenz der

Materie, ein Argument das sich nicht bloß auf Männer beschränkte wie Samuel

Johnson dessen sehr überschätztes Talent gar keine metaphysische Richtung

hatte sondern welches auch das Hauptargument der Schottischen Schule von

Metaphysikern war ist eine greifbare ignoratio elenchi Das Argument wird

vielleicht eben so häufig durch Gebärden als durch Worte ausgedrückt und eine

seiner gewöhnlichsten Formen besteht darin, dass man mit einem Stock auf die

Erde schlägt Diese kurze und bequeme Widerlegung übersieht die Tatsache, dass

durch Verleugnung der Materie Berkeley nicht etwas leugnete wovon unsere Sinne

Zeugnis geben und dass er daher durch eine Berufung an die Sinne nicht

widerlegt werden kann. Sein Skeptizismus bezog sich auf das supponierte Substrat

die verborgene Ursache der von unseren Sinnen wahrgenommenen äußeren

Erscheinungen deren Beweis was man auch von dessen Bündigkeit denken mag

gewiss nicht ein Beweis der Sinne ist Und es wird immer ein starker Beweis von

dem Mangel an metaphysischer Tiefe bei Reid Stewart und es ist mir leid

hinzufügen zu müssen bei Brown bleiben dass sie darauf bestanden zu behaupten

dass Berkeley wenn er an seine eigene Lehre geglaubt hätte verbunden gewesen

wäre in der Gosse zu wandeln oder seinen Kopf gegen einen Pfosten zu rennen

Als ob diejenigenwelche keine verborgene Ursachen ihrer Sensationen

anerkennen nicht möglicherweise glauben könnten in diesen Sensationen selbst

bestehe eine feste Ordnung Eine solche Unfähigkeit den Unterschied zwischen

einem Dinge und seinen sinnlichen Offenbarungen oder in metaphysischer

Sprache zwischen dem Noumenon und dem Phänomenon zu begreifen wäre unmöglich

selbst bei dem stumpfsten Schüler von Kant oder Coleridge zu finden

    Man könnte sowohl diesem Fehlschluss als auch den Fehlschlüssen welche ich

zu charakterisieren versucht habe leicht noch viele Beispiele hinzufügen Aber

eine weitere Erläuterung scheint nicht erforderlich auch wird der intelligente

Leser wenig Schwierigkeit haben aus seiner eigenen Erfahrung und Belesenheit

das Verzeichnis derselben zu vermehren Wir werden daher hier die Exposition

der allgemeinen Prinzipien der Logik schließen und zu der supplementären

Untersuchung schreiten welche die Vervollständigung unseres Zweckes verlangt

 
 



                                 



            »Si lhomme peut prédire avec une assurance presque entière les

            phénomènes dont il connait les lois si lors même quelles lui sont

            inconnues il peut daprès lexpérience prévoir avec une grande

            probabilité les évènemens de lavenir pourquoi regarderaiton comme

            une entreprise chimérique celle de tracer avec quelque

            vraisemblance le tableau des destinées futures de lespèce humaine

            daprès les résultats de son histoire Le seul fondement de croyance

            dans les sciences naturelles est cette idée que les lois générales

            connues ou ignorées qui règlent les phénomènes de lunivers sont

            nécessaires et konstantes et par quelle raison ce principe

            seraitil moins vrai pour le développement des facultés

            intellektuelles et morales de lhomme que pour les autres

            opérations de la nature Enfin puisque des opinions formées daprès

            lexpérience sont la seule règle de la conduite des hommes les

            plus sages pourquoi interdiraiton au philosophe dappuyer ses

            conjectures sur cette même base pourvu quil ne leur attribue pas

            une certitude supérieure a celle qui peut naître du nombre de la

            constance de lexactitude des observations«  Condorcet Esquisse

            dun Tableau Historique des Progrès de lEsprit Humain

 
 



 


     1 Beweistheorien und Methodenlehren sind nicht a priori zu konstruieren

Die Gesetze unserer Vernunft werden wie die eines jeden anderen natürlichen

Agens nur dadurch erkannt dass man das Agens in Tätigkeit sieht Was die

Wissenschaft früher vollbracht hat geschah ohne eine jede bewusste Beobachtung

einer wissenschaftlichen Methode und wir würden niemals erkannt haben durch

welches Verfahren die Wahrheit zu bestimmen ist wenn wir nicht vorher viele

Wahrheiten bestimmt hätten Aber nur die frühesten Probleme konnten auf die

letztere Weise gelöst werden als der natürliche Scharfsinn seine Stärke an den

schwierigeren Aufgaben versuchte so that er es ohne Erfolg oder wenn es ihm

hier und da gelang eine Lösung zu finden so besaß er keine sicheren Mittel

um Andere zu überzeugen dass seine Lösung richtig war Bei wissenschaftlichen

Forschungen wie bei allen anderen Werken der menschlichen Geschicklichkeit

sehen höhere Geister in manchen verhältnismäßig einfachen Fällen das Mittel

zum Zweck gleichsam instinktmäßig und passen es alsdann durch eine verständige

Generalisation einer Menge von komplexen Fällen an Wir lernen ein Ding unter

schwierigen Umständen tun wenn wir auf die Art und Weise Acht haben in

welcher wir dasselbe Ding unter leichteren Umständen getan haben

    Diese Wahrheit wird durch die Geschichte der verschiedenen Zweige des

Wissens, welche den Charakter von Wissenschaften in der aufsteigenden Ordnung

ihrer Komplikation annahmen dargetan und wird ohne Zweifel eine neue

Bestätigung von denjenigen Zweigen erhalten deren endliche Konstituierung zur

Wissenschaft noch zu erwarten steht die aber bis jetzt immer noch der

Ungewissheit vager und populärer Erörterungen überlassen sind Verschiedene

Wissenschaften sind zwar aus diesem Stadium in einer verhältnismäßig jungen

Zeit herausgetreten aber diejenigenwelche sieh auf den verwickeltsten und

schwierigsten Gegenstand des Studiums womit sich der menschliche Geist befassen

kann nämlich auf den Menschen selbst beziehen blieben noch darin zurück In

Betreff der physischen Natur des Menschen als eines organisierten Wesens  wenn

auch in dieser Beziehung immer noch viel Ungewissheit und Streit herrscht und

nur dadurch zu beseitigen ist dass man sich allgemein zu strengeren induktiven

Regeln bekennt als gewöhnlich geschieht  hat man indessen eine beträchtliche

Anzahl von Wahrheiten gewonnen welche von allen welche dem Gegenstand ihre

Aufmerksamkeit zuwandten als völlig begründet angesehen werden; auch liegt in

der Methodewelche die ausgezeichneteren Pfleger dieses Zweiges der

Wissenschaft gegenwärtig beobachten keine radikale Unvollkommenheit Aber die

Gesetze des Geistes und in einem noch höheren Grade die der Gesellschaft sind

soweit entfernt in gleicher Weise auch nur teilweise erkannt zu sein dass man

immer noch darüber streitet ob sie überhaupt jemals Gegenstand der Wissenschaft

im strengeren Sinne des Wortes werden können; und unter denjenigen welche über

den letzteren Punkt einverstanden sind herrscht in Betreff fast eines jeden

anderen Punktes eine unvereinbare Meinungsverschiedenheit Wenn irgendwo so

sollte man erwarten dass hier die in den vorhergehenden Büchern aufgestellten

Grundsätze nützlich sein könnten

    Wenn in Betreff der bei weitem wichtigsten Dinge womit sich der menschliche

Geist beschäftigen kann eine allgemeinere Übereinstimmung unter den Denkern

jemals stattfinden soll wenn das was man »das eigentliche Studium der

Menschheit« genannt hat nicht bestimmt ist der einzige Gegenstand zu bleiben

den von Empirie zu befreien der Philosophie nicht gelingen will so muss

dasselbe Verfahren durch welches die Gesetze vieler einfachen Erscheinungen

wie allgemein anerkannt außer aller Frage gestellt wurden in diesen

schwierigeren Untersuchungen mit Bewusstsein und Bedacht angewandt werden Wenn

einige Gegenstände Resultate ergaben denen zuletzt alle auf den Beweis

Achtenden einstimmig beistimmten wenn man in Beziehung auf andere weniger

glücklich war und die scharfsinnigsten Geister sich von der frühesten Zeit an

mit denselben beschäftigten ohne dass es ihnen gelungen wäre ein ansehnliches

gegen Zweifel und Einwürfe gesichertes System von Wahrheiten zu begründen so

dürfen wir diesen Fleck vom Antlitz der Wissenschaft dadurch zu entfernen

hoffen dass wir die bei den ersteren Untersuchungen so glücklich befolgten

Methoden verallgemeinern und sie den letzteren anpassen Die folgenden Kapitel

sind ein Versuch die Erreichung dieses höchst wünschenswerten Zieles zu

erleichtern

    

     2 Wenn ich diesen Versuch unternehme so habe ich dabei nicht vergessen

wie wenig in einer bloßen Abhandlung über Logik in dieser Beziehung geschehen

kann oder wie schwankend und ungenügend alle Vorschriften in Betreff von

Methoden notwendig erscheinen müssen wenn sie nicht durch Aufstellung eines

Systems von Lehren praktisch erläutert werden Die beste Art zu zeigen wie die

Wissenschaften der Ethik und Politik zu konstruieren sind wäre ohne Zweifel sie

zu konstruieren eine Aufgabe welche ich wie kaum nötig zu sagen nicht die

Absicht habe zu lösen Aber wenn auch keine anderen Beispiele vorhanden wären

so Würde das denkwürdige Beispiel von Bacon allein genügen um zu beweisen dass

es zuweilen möglich und nützlich ist den Weg zu zeigen wenn man auch nicht

selbst vorbereitet ist ihn weit zu gehen Wenn ich aber auch ein mehr versuchen

wollte so wäre dies wenigstens nicht der geeignete Ort dafür

    Was in einem Werke wie dieses für die Logik der Geisteswissenschaften

geschehen kann ist dem Wesen nach in den fünf vorhergehenden Büchern geschehen

oder hätte geschehen sollen das vorliegende Buch kann nur als eine Art

Supplement oder als ein Anhang zu diesen Büchern betrachtet werden, indem die

auf die moralischen und sozialen Wissenschaften anwendbaren Methoden der

Forschung bereits beschrieben worden sind, wenn es mir gelungen ist die

Methoden der Wissenschaft im allgemeinen aufzuzählen und zu charakterisieren Es

bleibt indessen noch zu prüfen welche von diesen Methoden für die verschiedenen

Zweige der moralischen Forschung spezieller geeignet sind unter welchen

besonderen Vorteilen oder Schwierigkeiten sie in denselben zu gebrauchen sind

wie weit der unbefriedigende Zustand dieser Forschungen einer falschen Wahl der

Methoden wie weit er dem Mangel an Geschick bei der Anwendung richtiger

Methoden zur Last fällt und welcher Erfolg von einer besseren Wahl oder einer

sorgsameren Anwendung der dem Falle angemessenen logischen Prozesse zuletzt

erlangt oder gehofft werden kannMit anderen Worten, es bleibt zu untersuchen

ob Geisteswissenschaften existieren oder existieren können auf welchen Grad von

Vollkommenheit sie gebracht werden können, und durch welche Wahl oder Anpassung

der in dem früheren Theile dieses Werkes dargelegten Methoden dieser Grad von

Vollkommenheit zu erreichen ist

    An der Schwelle dieser Untersuchung begegnen wir einem Einwurf der dem

Versuch die menschliche Handlungsweise als Gegenstand der Wissenschaft zu

nehmen verhängnisvoll werden kann. Sind die Handlungen menschlicher Wesen wie

alle anderen Vorgänge unveränderlichen Gesetzen unterworfen Jene Beständigkeit

der Verursachung welche das Fundament einer jeden wissenschaftlichen Theorie

sukzessiver Erscheinungen ist besteht sie wirklich zwischen diesen Handlungen

Es wird dies oft geleugnet und die Frage sollte der systematischen

Vollständigkeit wegen wenn auch nicht aus sonst einer sehr dringenden

praktischen Notwendigkeit an diesem Orte eine wohl überlegte Antwort erhalten

Wir werden daher diesem Gegenstande ein besonderes Kapitel widmen

 
 



 


     1 Die Frage ob sich das Kausalgesetz in demselben strengen Sinne auf

menschliche Handlungen wie auf andere Erscheinungen anwenden lässt ist der

berühmte Streit in Betreff der Freiheit des Willens der wenigstens bis auf die

Zeit des Pelagius zurück die philosophische und die religiöse Welt geteilt hat

Die bejahende Ansicht wird gewöhnlich die Notwendigkeitslehre genannt sie

behauptet das menschliche Wollen und Handeln sei notwendig und unvermeidlich

Die verneinende Ansicht behauptet der Wille werde nicht wie andere Phänomene

durch Antecedentien bestimmt sondern er bestimme sich selbst unser Wollen sei

nicht im eigentlichen Sinne die Wirkung von Ursachen, oder wenigstens nicht von

Ursachen, denen es gleichförmig und unbedingt gehorcht

    Ich habe bereits gezeigt dass ich die erstere dieser Ansichten für die

wahre halte aber die irreführenden Worte in denen sie oft ausgedrückt und die

unklare Weise in welcher sie gewöhnlich verstanden wurde haben entweder ihre

Aufnahme verhindert oder ihren Einfluss da verkehrt wo sie etwa angenommen

worden war Die metaphysische Theorie des freien Willens wie sie die

Philosophen auffassen denn das in einem höheren oder geringeren Grad der ganzen

Menschheit gemeinsame praktische Gefühl desselben ist in keiner Weise mit der

entgegengesetzten Theorie unverträglich wurde erfunden weil man die Zulassung

der supponierten Alternative wonach menschliche Handlungen notwendig sind für

ebenso unverträglich mit dem instinktiven Bewusstsein eines Jeden als

demütigend für den Stolz und sogar entwürdigend für die geistige Natur des

Menschen hielt Auch leugne ich nicht dass die Lehre wie sie häufig aufgefasst

wird diesen Vorwürfen ausgesetzt ist denn das Missverständnis in welchem

sie wie ich im Stande sein werde zu zeigen ihren Ursprung nehmen beschränkt

sich unglücklicherweise nicht auf die Gegner der Lehre sondern wird auch von

vielen vielleicht von den meisten ihrer Anhänger geteilt

    

     2 Richtig aufgefasst ist die Philosophische Notwendigkeit genannte

Lehre einfach die folgende wenn die in dem Geiste eines Individuums vorhandenen

Motive und der Charakter und die Neigungen des Individuums gegeben sind so kann

seine Handlungsweise unfehlbar gefolgert werden; dh wenn wir mit dem

Individuum durch und durch bekannt wären und wenn wir alle Beweggründe wüssten

welche auf dasselbe einwirken so könnten wir seine Handlungsweise mit derselben

Sicherheit voraussagen wie einen physikalischen Vorgang Diesen Satz halte ich

für eine bloße Interpretation der allgemeinen Erfahrung für eine Einkleidung

dessen in Worte wovon ein Jeder innerlich überzeugt ist Niemand der die

Umstände eines Falles und den Charakter der verschiedenen in Frage stehenden

Persönlichkeiten durchaus zu kennen glaubt wird Anstand nehmen voraus zu

sagen wie sie alle handeln werden Der Zweifel welchen er vielleicht faktisch

hegen dürfte entsteht aus der Ungewissheit ob er die Umstände oder die eine

oder die andere Persönlichkeit wirklich genau genug kennt keineswegs aber

daraus dass er denkt es könnte in Betreff dieser Handlungsweise eine

Ungewissheit herrschen wenn er alle diese Dinge wüsste Auch widerstreitet

diese volle Gewissheit nicht im geringsten unserer sogenannten Freiheit des

Willens Wir fühlen uns darum nicht weniger frei weil diejenigenwelche uns

genau kennen wohl wissen wie wir in einem besonderen Falle handeln würden Wir

sehen im Gegenteil den Zweifel in Beziehung auf unsere Handlungsweise oft als

ein Zeichen der Unbekanntschaft mit unserem Charakter an oder nehmen ihn als

einen Vorwurf auf Die religiösen Metaphysiker welche die Freiheit des Willens

behaupteten haben sie immer mit der göttlichen Voraussicht unserer Handlungen

verträglich gehalten und weil mit der göttlichen Voraussicht auch mit einer

jeden anderen Wir können frei sein und ein Anderer kann dennoch Grund haben

um gewiss zu wissen welchen Gebrauch wir von unserer Freiheit machen werden Es

wird daher der Lehre dass unser Wollen und Handeln unveränderliche Folgen

unseres vorausgängigen Geisteszustandes sind weder von unserem Gewissen

widersprochen noch wird man sie für eine entwürdigende Lehre halten dürfen

    Aber die Lehre von der Verursachung wenn die letztere so betrachtet wird

als bestehe sie zwischen unserem Wollen und seinen Antecedentien wird fast

allgemein so aufgefasst als ob noch etwas weiteres darin inbegriffen läge

Viele glauben nicht und sehr wenige fühlen wirklich dass in der Verursachung

nichts steckt als unveränderliche bestimmte und unbedingte Sequenz Es gibt

nur wenige Menschen denen bloße Beständigkeit der Folge als ein hinreichend

starkes Band der Vereinigung für eine so eigentümliche Relation wie die von

Ursache und Wirkung, erscheint Wenn auch die Vernunft das Gefühl irgend eines

innigeren Zusammenhangs eines besonderen Bandes oder eines geheimnisvollen

von dem Antezedens auf das Konsequenz ausgeübten Zwanges verwirft so wird es

die Einbildungskraft doch bewahren Dies ist nun das was in seiner Anwendung

auf den menschlichen Willen betrachtet unserem Bewusstsein widerstreitet und

unsere Gefühle empört Wir sind gewiss dass bei unserm Wollen ein solcher

geheimnisvoller Zwang nicht vorhanden ist. Wir wissen dass wir nicht wie durch

Zauber gezwungen sind einem besonderen Motiv zu gehorchen Wir fühlen dass,

wenn wir zu beweisen wünschten dass wir die Macht haben dem Motiv zu

widerstehen wir dies könnten während dieser Wunsch wie kaum nötig zu

bemerken ein neues Antezedens ist und es würde demütigend für unsern Stolz

und lähmend für unser Verlangen nach Vollkommenheit sein wenn wir anders

dächten Gegenwärtig nehmen die besseren philosophischen Autoritäten aber auch

nicht mehr an es werde ein solcher geheimnisvoller Zwang von irgend einer

Ursache auf ihre Wirkung ausgeübt Diejenigenwelche der Ansicht sind dass die

Ursachen ihre Wirkungen durch ein mystisches Band nach sich ziehen haben Recht

wenn sie glauben das Verhältnis zwischen dem Wollen und seinen Antecedentien

sei von einer anderen Natur Aber sie sollten weiter gehen und zugeben dass

dies von allen anderen Wirkungen und ihren Antecedentien wahr ist Wenn ein

solches Band in dem Worte Notwendigkeit inbegriffen liegt so ist die Lehre in

Beziehung auf die menschlichen Handlungen nicht wahr sie ist aber dann auch in

Beziehung auf leblose Gegenstände nicht wahr Es wäre richtiger zu sagen die

Materie sei nicht durch die Notwendigkeit beherrscht als zu sagen der Geist

sei es

    Da die den freien Willen annehmenden Metaphysiker meistens der Schale

angehörten welche Humes und Browns Analyse von Ursache und Wirkung verwirft

so ist es nicht zu verwundern wenn sie in Ermangelung des Lichtes welches

diese Analyse darbietet ihren Weg verfehlten Es ist nur sonderbar dass die

Verteidiger der Notwendigkeitslehre welche die philosophische Theorie

derselben gewöhnlich annehmen dieselbe in der Praxis ebenfalls aus den Augen

verlieren Dasselbe Missverstehen der Philosophische Notwendigkeit genannten

Lehre welche die Gegenpartei verhindert deren Wahrheit zu erkennen existiert

wie ich glaube mehr oder weniger dunkel in dem Geiste der meisten Anhänger der

Notwendigkeitslehre wie sehr sie es auch in ihren Worten leugnen mögen Ich

müsste mich sehr irren wenn sie gewöhnlich fühlten dass die von ihnen in den

Handlungen anerkannte Notwendigkeit nur Gleichförmigkeit der Ordnung und die

Fähigkeit ist vorausgesagt zu werden Sie haben ein Gefühl als ob zwischen dem

Wollen und seinen Ursachen am Ende doch ein stärkeres Band vorhanden sei als ob

sie mit der Behauptung der Wille sei durch die Summe der Motive beherrscht

etwas unwiderstehlicheres gemeint hätten als wenn sie nur gesagt hätten dass

derjenige welcher mit unseren Motiven und unserer gewohnten Empfänglichkeit

dafür bekannt wäre voraussagen könnte wie wir zu handeln gewillt sind Sie

begehen ihrem eigenen wissenschaftlichen System entgegen denselben Irrtum den

ihre Gegner in Folge ihres Systems begehen und erleiden in Folge davon wirklich

jene demütigenden Folgen welche ihre Gegner irrtümlich der Lehre selbst zur

Last legen

    

     3 Ich bin geneigt zu glauben dass dieser Irrtum fast gänzlich eine

Wirkung der durch das Wort Notwendigkeit hervorgerufenen Ideenassoziation ist

und dass er vermieden würde wenn man sich enthalten wollte ein so äußerst

unpassendes Wort wie Notwendigkeit zu gebrauchen um die einfache Tatsache

der Verursachung auszudrücken In seinen anderen Bedeutungen schließt dieses

Wort viel mehr ein als bloße Gleichförmigkeit der Folge es schließt

Unwiderstehlichkeit ein Auf den Willen angewendet bedeutet es nur dass auf die

gegebene Ursache die Wirkung so folgtdass sie allen Möglichkeiten ausgesetzt

ist von anderen Ursachen aufgehoben zu werden aber im gewöhnlichen

Sprachgebrauch steht es ausschließlich für die Tätigkeit jener Ursachenwelche

man für zu gewaltig hält um überhaupt aufgehoben zu werden Wenn wir sagen

alle menschlichen Handlungen fänden aus Notwendigkeit Statt so meinen wir

damit nur dass sie gewiss stattfinden werden wenn sie durch nichts verhindert

werden wenn wir sagen es sei eine Notwendigkeit dass diejenigenwelche

keine Nahrung erhalten können vor Hunger sterben so meinen wir damit dass sie

gewiss sterben werden was wir auch sonst tun mögen um es zu verhindern Die

Anwendung desselben Wortes auf die die menschlichen Handlungen beherrschenden

Agentien welches gebraucht wird um jene wirklich unwiderstehlichen Agentien in

der Natur zu bezeichnen muss wenn sie zur Gewohnheit wird auch in Betreff der

ersteren ein Gefühl von Unwiderstehlichkeit erzeugen Es ist dies indessen eine

bloße Illusion Es gibt physikalische Sequenzen welche wir für notwendig

halten wie der Tod aus Mangel an Nahrung oder Luft andere hält man nicht für

notwendig wie der Tod durch Gift den ein Gegengift oder die Magenpumpe

zuweilen verhindern kann Selbst wenn der Verstand sie daran erinnert so

vergessen doch die Gefühle der Menschen leicht dass sich die menschlichen

Handlungen in der letzteren Lage befinden sie werden niemals ausgenommen in

einigen Fällen von Wahnsinn durch irgend ein Motiv so absolut beherrscht dass

einem jeden andern Motiv kein Raum bleibt Es sind daher die Ursachen, von denen

die Handlungen abhängen niemals unwiderstehlich und eine gegebene Wirkung ist

nur notwendig wenn den Ursachenwelche sie zu erzeugen streben nicht Einhalt

geschieht Dass das was geschieht nicht anders geschehen konnte es hätte denn

Etwas stattfinden müssen was es verhindern konnte kann gewiss jedermann ohne

Bedenken zugeben Aber dies mit dem Namen Notwendigkeit benennen heißt das

Wort in einem von seiner ursprünglichen und familiären Bedeutung von der

Bedeutung, welche es in den gewöhnlichen Fällen des Lebens besitzt so

abweichenden Sinne gebrauchen dass es fast auf ein Wortspiel hinausläuft Die

von dem gewöhnlichen Sinne des Worts abgeleiteten Ideenassoziationen werden ihm

trotz Allem was wir tun mögen anhängen und obgleich die

Notwendigkeitslehre sowie sie von den meisten ihrer Anhänger dargestellt wird

vom Fatalismus sehr weit entfernt ist so ist es doch wahrscheinlich dass die

meisten Anhänger der Notwendigkeitstheorie ihren Gefühlen nach mehr oder

weniger Fatalisten sind

    Ein Fatalist glaubt nicht nur oder glaubt es halb denn Niemand ist ein

konsequenter Fatalist dass das was geschehen wird das unfehlbare Resultat der

es erzeugenden Ursachen sei was die wahre Notwendigkeitslehre ist), sondern er

glaubt auch es sei nutzlos dagegen anzukämpfen es werde geschehen was wir

auch dagegen tun mögen Nun wird ein Bekenner der Notwendigkeitslehre da er

glaubt unsere Handlungen gehen aus unserem Charakter hervor und unser

Charakter sei eine Folge unserer Organisation unserer Erziehung und unserer

Umstände in Beziehung auf seine eigenen Handlungen leicht und mehr oder weniger

bewusst zum Fatalisten und glaubt seine Natur sei von der Art oder seine

Erziehung und seine Umstände hätten seinen Charakter so geformt dass ihn nun

nichts mehr verhindern könne auf eine besondere Weise zu fühlen und zu handeln

oder dass ihn wenigstens seine eigenen Bemühungen nicht daran verhindern können

Mit den Worten der Sekte welche diese bedeutungsvolle Lehre in unseren Tagen am

beharrlichsten gepredigt und am verkehrtesten aufgefasst hat wird sein

Charakter für ihn nicht durch ihn gebildet es ist daher für ihn nutzlos zu

wünschen er wäre andere gebildet es steht nicht in seiner Macht ihn zu

ändern Dies ist aber ein großer Irrtum Bis zu einem gewiesen Grade hat er

die Macht seinen Charakter zu ändern Wenn er auch in letzter Instanz für ihn

gebildet ist so ist dies doch damit nicht unverträglich dass er zum Teil

durch ihn als durch eines der unmittelbaren Agentien gebildet werde Sein

Charakter wird durch seine Umstände gebildet unter diesen seine besondere

Organisation inbegriffen aber sein eigener Wunsch ihn in einer besonderen

Weise zu bilden ist einer dieser Umstände und keineswegs einer von denen die

am wenigsten Einfluss haben Wir können zwar nicht direkt anders sein wollen als

wir sind aber diejenigen von denen angenommen wird sie hätten unsern

Charakter gebildet wollten auch nicht direkt dass wir das sein sollten was

wir sind Ihr Wille hat nur über ihre eigenen Handlungen eine direkte Gewalt

Sie machten uns zu dem wozu sie uns machen wollten indem sie nicht das Ende

sondern die erforderlichen Mittel wollten und wenn unsere Gewohnheiten nicht zu

sehr eingewurzelt sind so Können auch wir wenn wir die erforderlichen Mittel

wollen uns anders machen Wenn jene uns unter den Einfluss gewisser Umstände

bringen konnten so können wir uns unter den Einfluss anderer Umstände bringen

Wir sind genau so gut im Stande unsern eigenen Charakter für uns zu machen

wenn wir wollen als andere ihn für uns machen können

    Ja antwortet der Owenit aber diese Worte »wenn wir wollen« geben die

ganze Behauptung wieder auf da der Wille unsern eigenen Charakter zu ändern

uns nicht durch unsere eigenen Bemühungen sondern durch Umstände gegeben wird

die wir nicht ändern können er kommt uns entweder von äußeren Ursachen oder

gar nicht Sehr wahr wenn der Owenit dabei stehen bleibt so befindet er sich

in einer Position aus der ihn nichts vertreiben kann Unser Charakter wird

sowohl durch uns gebildet als auch für uns aber der Wunsch der uns zu dem

Versuche veranlasst ihn zu bilden wird für uns gebildet und wie Im

allgemeinen nicht durch unsere Organisation noch gänzlich durch unsere

Erziehung aber durch unsere Erfahrung durch die Erfahrung der schmerzlichen

Folgen des Charakters den wir früher hatten oder durch irgend ein starkes

zufällig erregtes Gefühl der Bewunderung oder des Verlangens Aber zu glauben

wir hätten nicht die Macht unsern Charakter zu ändern und zu glauben wir

werden unsere Macht nicht gebrauchen es sei denn wir wünschten sie zu

gebrauchen sind sehr verschiedene Dinge und haben eine sehr verschiedene

Wirkung auf den Geist Ein Mensch der seinen Charakter nicht zu ändern wünscht

kann nicht der Mensch sein von dem man annimmt er fühle sich dadurch

entmutigt und gelähmt dass er denkt er wäre unfähig es zu tun Die

niederdrückende Wirkung der fatalistischen Lehre kann nur da gefühlt werden wo

ein Wunsch vorhanden ist, das zu tun was diese Lehre als unmöglich darstellt

Es ist ohne Bedeutung was wir als das unsern Charakter Bildende annehmen wenn

wir selbst keinen eigenen Wunsch in Betreff seiner Bildung haben aber es ist

von großer Wichtigkeit uns nicht dadurch abhalten zu lassen einen solchen

Wunsch zu fassen dass wir dessen Erfüllung für unausführbar halten es ist von

Wichtigkeit dasswenn wir den Wunsch haben wir wissen dass das Werk nicht so

unabänderlich getan ist um einer Änderung gar nicht mehr zugänglich zu sein

    Und in der Tat werden wir bei genauer Prüfung finden dass dieses Gefühl

der Fähigkeit unsern Charakter zu ändern wenn wir wünschen selbst das Gefühl

von geistiger Freiheit ist dessen wir uns bewusst sind Derjenige fühlt sich

moralisch frei welcher fühlt dass seine Gewohnheiten und seine Versuchungen

nicht Herr über ihn sind sondern dass er Herr über sie ist welcher auch wenn

er ihnen nachgibt weiß er könnte ihnen widerstehen und dasswenn er sie

gern vollständig abwerfen möchte kein stärkeres Verlangen dazu erforderlich

wäre als er sich selbst im Stande weiß zu fühlen um unser Bewusstsein der

Freiheit vollständig zu machen ist es natürlich nötig dass es uns gelungen

sei unsern Charakter zu allem dem zu machen wozu wir ihn bisher zu machen

suchten denn wenn wir gewünscht und unsern Wunsch nicht erfüllt gesehen haben

so haben wir keine Gewalt über unsern eigenen Charakter wir sind nicht frei

Oder wir müssen wenigstens fühlen dass unser Wunsch wenn er auch nicht stark

genug ist um unsern Charakter zu ändern doch stark genug ist um denselben zu

besiegen wenn Wunsch und Charakter in einem besonderen praktischen Falle mit

einander in Konflikt geraten sollten

    Die Anwendung eines so unpassenden Wortes wie Notwendigkeit auf die Lehre

von Ursache und Wirkung in Betreff des menschlichen Charakters scheint mir einer

der ausgezeichnetsten Fälle von Missbrauch der Wörter in der Philosophie, und

die praktischen Folgen desselben eines der schlagendsten Beispiele vor der

Gewalt der Sprache über unsere Ideenassoziationen zu sein Ehe dieses Wort

aufgegeben ist wird man den Gegenstand niemals allgemein verstehen Indem die

Lehre vom freien Willen genau jenen Teil der Wahrheit im Auge behielt den das

Wort Notwendigkeit dem Blick entrückt die Macht des Geistes nämlich bei der

Bildung seines eigenen Charakters mitzuwirken hat sie ihren Anhängern ein

praktisches Gefühl gegeben das der Wahrheit viel näher ist als es im Geiste

der Anhänger der Notwendigkeitslehre im allgemeinen wie ich glaube existiert

hat Die letzteren mögen ein stärkeres Bewusstsein von der Wichtigkeit dessen

gehabt haben was menschliche Wesen tun können um einander die Charaktere zu

bilden aber die Lehre vom freien Willen hat wie ich glaube bei ihren

Anhängern einen viel stärkeren Geist der Selbstkultur genährt

    

     4 Es bleibt außer der Existenz eines Vermögens der Selbstbildung noch

eine Tatsache zu beachten bevor die Lehre von der Verursachung menschlicher

Handlungen von der Verwirrung und den Missverständnissen befreit werden kann,

womit sie in dem Geiste Vieler umgeben ist Wenn man sagt der Wille sei durch

Motive bestimmt so versteht man unter Motiv nicht immer oder nicht allein die

Antizipation eines Vergnügens oder eines Schmerzes Ich werde hier nicht

untersuchen ob es wahr ist dass alle unsere freiwilligen Handlungen im Anfang

bloß mit Bewusstsein gebrauchte Mittel sind um ein Vergnügen zu erlangen oder

einen Schmerz zu vermeiden Es ist wenigstens gewiss dass wir durch den

Einfluss der Ideenassoziation allmälig dahin kommen die Mittel zu wünschen

ohne an den Zweck zu denken die Handlung selbst wird zu einem Gegenstand des

Verlangens und wird ausgeführt ohne dass sie auf irgend ein anderes Motiv

bezogen würde als auf sich selbst Soweit kann noch immer der Einwurf gemacht

werden dass da uns die Handlung durch Ideenassoziation angenehm geworden ist

wir soviel wie vorher durch die Antizipation eines Vergnügens bewegt werden zu

handeln nämlich durch das Vergnügen an der Handlung selbst Aber wenn wir auch

dieses zugeben so ist die Sache damit nicht zu Ende Sowie wir bei der Bildung

von Gewohnheiten fortschreiten und uns gewöhnen eine besondere Handlung oder

Handlungsweise zu wollen weil sie angenehm ist so werden wir sie zuletzt auch

noch ahne eine jede Beziehung auf ihr Angenehmsein wollen Obgleich wir wegen

einer Veränderung in uns oder in unseren Umständen kein Vergnügen mehr an der

Handlung oder vielleicht in der Antizipation eines Vergnügens als einer Folge

derselben finden so wünschen wir die Handlung doch immer noch und begehen sie

folglich In dieser Weise geschieht es dass die Gewohnheiten einer schädlichen

Ausschweifung immer noch befolgt werden wenn sie auch aufgehört haben angenehm

zu sein und in dieser Weise geschieht es auch dass die Gewohnheit in der

gewählten Bahn beharren zu wollen den moralischen Helden auch dann nicht

verlässt wenn der Lohn den er ohne Zweifel in dem Bewusstsein des Rechttuns

findet wie reell er auch sein mag alles andere nur kein Äquivalent für die

Leiden istwelche er erduldet oder für die Wünsche denen er vielleicht

entsagt

    Eine Gewohnheit zu wollen wird gewöhnlich ein Vorsatz genannt und unter die

Ursachen unseres Wollens und der daraus fließenden Handlungen müssen nicht

allein Neigungen und Abneigungen sondern auch Vorsätze gerechnet werden Nur

wenn unsere Vorsätze von den Gefühlen von Schmerz oder Vergnügen aus denen sie

ursprünglich entsprangen unabhängig geworden sind sagt man von uns wir hätten

einen festen Charakter »Ein Charakter« sagt Novalis »ist ein vollständig

gebildeter Wille« und der einmal so gebildete Wille kann stetig und beständig

bleiben wenn auch die passiven Empfänglichkeiten für Vergnügen und Schmerz sehr

geschwächt oder wesentlich verändert sind

    Nach den nun gegebenen Berichtigungen und Erklärungen kann hoffentlich die

Lehre von der Verursachung unseres Wollens durch Motive und der Motive durch

die aus dargebotenen wünschenswerten Gegenstände in Verbindung mit unseren

besonderen Empfänglichkeiten für das Verlangen für die Zwecke dieses Werkes als

hinlänglich festgestellt betrachtet werden.

 
 






     1 Es ist eine gewöhnliche Ansicht oder die Ansicht liegt wenigstens in

vielen gewöhnlichen Sprechweisen dass die Gedanken die Gefühle und die

Handlungen empfindender Wesen nicht in demselben strengen Sinne Gegenstand der

Wissenschaft sind wie die äußeren Gegenstände der Natur. Diese Ansicht scheint

eine Ideenverwirrung einzuschließen

    Alle Tatsachen welche nach beständigen Gesetzen aus einander hervorgehen

sind an sich ein geeigneter Gegenstand der Wissenschaft; obgleich jene Gesetze

vielleicht noch nicht entdeckt oder mit unseren Hilfsmitteln gar nicht zu

entdecken sind Nehmen wir zB die bekannteste Klasse von meteorologischen

Erscheinungen den Regen und den Sonnenschein Der wissenschaftlichen Forschung

ist es noch nicht gelungen die Ordnung von Vorausgang und Folge so zu

bestimmen, dass wir wenigstens in unseren Gegenden im Stande wären sie mit

Gewissheit oder auch nur mit großer Wahrscheinlichkeit vorauszusagen Dennoch

zweifelt niemand dass diese Erscheinungen von Gesetzen abhängen und dass diese

Gesetze derivative aus bekannten letzten Gesetzen aus denen der Wärme der

Verdunstung und der elastischen Flüssigkeiten hervorgehende Gesetze sein müssen

Auch kann es nicht bezweifelt werden dasswenn wir mit allen diesen

vorausgängigen Umständen bekannt wären wir sogar aus diesen allgemeineren

Gesetzen den Zustand des Wetters in einer gegebenen zukünftigen Zeit

vorbehaltlich der Rechnungsfehler voraussagen könnten Die Meteorologie

besitzt daher nicht allein ein jedes natürliche Erfordernis eine Wissenschaft

sondern sie ist wirklich eine Wissenschaft obgleich wegen der schwierigen

Beobachtung der Tatsachen von denen die Erscheinungen abhängig sind eine

Schwierigkeit die der eigentümlichen Natur der Erscheinungen inhäriert diese

Wissenschaft sehr unvollkommen ist auch würde sie wenn sie vollkommen wäre in

der Praxis vielleicht wenig nützen da die für die Anwendung ihrer Prinzipien

erforderlichen Data nur selten zu erhalten wären

    Zwischen der vollkommenen und dieser äußerst unvollkommenen Wissenschaft

kann man sich einen Fall von einem intermediären Charakter denken Es kann sich

treffen dass die größeren Ursachen diejenigen von denen der Hauptteil der

Erscheinungen abhängig ist, in dem Bereich der Beobachtung und des Messens

liegen so dasswenn keine anderen Ursachen dazwischentreten eine vollständige

Erklärung nicht bloß der Erscheinung im allgemeinen sondern auch aller

Abweichungen und Modifikationen die sie zulässt gegeben werden kann. Aber

insofern als andere und vielleicht viele andere in ihren einzelnen Wirkungen

unbedeutende Ursachen in vielen oder allen Fällen mit jenen größeren Ursachen

zusammenwirken oder ihnen entgegenwirken weicht die Wirkung mehr oder weniger

von dem ab was sie sein würde wenn die größeren Ursachen allein gewirkt

hätten Wenn nun die kleineren Ursachen der genauen Beobachtung nicht so

beständig oder gar nicht zugänglich sind so kann die Hauptmasse der Wirkung

noch wie vorher erklärt und sogar vorausgesagt werden es werden sich aber

Abweichungen und Modifikationen zeigen welche wir nicht durchgängig erklären

können und unsere Voraussagungen werden nicht genau sondern nur annähernd

erfüllt werden

    Dies ist zB der Fall mit der Theorie der Ebbe und Flut Niemand

bezweifelt dass dieselbe wirklich eine Wissenschaft ist Soviel von der

Erscheinung, als von der Anziehung der Sonne und des Mondes abhängt verstehen

wir vollständig und können es sogar in Betreff eines ganz unbekannten Teils

der Erdoberfläche mit Sicherheit voraussagen der bei weitem größere Teil des

Phänomens hängt von diesen Ursachen ab Aber Umstände von einer lokalen oder

zufälligen Natur wie die Gestalt des Meeresgrundes die Beschaffenheit der

Küsten die Richtung des Windes etc haben an vielen oder allen Orten einen

Einfluss auf die Höhe und die Zeit der Flut da aber ein Teil dieser Umstände

entweder nicht genau zu kennen nicht genau zu messen oder wenigstens nichts

mit Gewissheit vorauszusehen ist so weicht die Flut an bekannten Orten von dem

aus allgemeinen Prinzipien berechneten Resultat um eine Differenz ab die wir

nicht erklären können und an unbekannten Orten kann sie um eine Differenz

abweichen die wir nicht im Stande sind vorauszusehen oder auch nur zu

vermuten Nichtsdestoweniger ist es aber gewiss dass diese Abweichungen von

Ursachen abhängen und nach Gesetzen unfehlbarer Gleichförmigkeit auf ihre

Ursachen folgen es ist daher, die Flutlehre nicht allein eben so gut eine

Wissenschaft wie die Meteorologie sondern sie ist auch was die Meteorologie

bis jetzt wenigstens nicht ist eine praktische und nützliche Wissenschaft Es

können in Betreff der Flut allgemeine Gesetze aufgestellt werden auf diese

Gesetze können Voraussagungen gegründet werden und das Resultat wird in der

Hauptsache wenn auch oft nicht mit vollständiger Genauigkeit den

Voraussagungen entsprechen

    Dies ist es was diejenigen meinen oder meinen sollten welche von

Wissenschaften sprechen die keine exakten Wissenschaften sind Die Astronomie

war einst eine Wissenschaft ohne eine exacte Wissenschaft zu sein Erst nachdem

der allgemeine Gang der Planetenbewegungen und deren Störungen erklärt und auf

ihre Ursache zurückgeführt worden waren konnte sie exakt werden Sie ist zu

einer exakten Wissenschaft geworden weil ihre Phänomene unter Gesetze gebracht

wurden die das Ganze der Ursachen umfassen durch welche die Phänomene in hohem

oder in niederem Grade in allen oder nur in einigen Fällen infuliert werden und

die einer jeden dieser Ursachen den ihr wirklich zukommenden Antheil an der

Wirkung zuweisen Die einzigen bis jetzt in der Theorie der Ebbe und Flut genau

bestimmten Gesetze sind aber die Gesetze der Ursachenwelche das Phänomen in

allen Fällen und in einem beträchtlichen Grade affizieren während andere

Ursachen die es nur in einigen oder wenn in allen Fällen nur in einem

geringen Grade affizieren noch nicht hinreichend bestimmt sind um uns zu

erlauben ihre Gesetze aufzustellen noch weniger aber das vollständige Gesetz

des Phänomens in der Art abzuleiten dass wir die Wirkungen der größeren

Ursachen mit denen der kleineren verbinden Die Lehre von der Ebbe und Flut ist

daher noch keine exacte Wissenschaft nicht wegen der inhärenten Unfähigkeit es

zu sein sondern der Schwierigkeit wegen die wirklichen derivativen

Gleichförmigkeit mit völliger Genauigkeit zu bestimmen. Durch eine Kombination

der genauen Gesetze der größeren Ursachen und der hinlänglich bekannten Gesetze

der kleineren mit denjenigen empirischen Gesetzen oder denjenigen annähernden

Generalisationen in Betreff der verschiedenen Abweichungen welche durch

spezifische Beobachtung zu erhalten sind können wir allgemeine Urteile

aufstellen welche der Hauptsache nach wahr sind, und auf welche wir, wenn wir

den Grad von wahrscheinlicher Ungenauigkeit in Anschlag bringen unsere

Erwartungen und unsere Praxis mit Sicherheit gründen können

    

     2 Die Wissenschaft von der menschlichen Natur ist von dieser Art Sie

erreicht bei weitem nicht das Maß von Genauigkeit wie die Astronomie es ist

aber kein Grund vorhanden dass sie nicht eben so gut eine Wissenschaft sein

sollte wie die Flutlehre oder wie die Astronomie war als ihre Rechnungen

zwar die Haupterscheinungen aber nicht die Perturbationen bemeistert hatten

    Da die Phänomene womit sich diese Wissenschaft befasst die Gedanken die

Gefühle und die Handlungen menschlicher Wesen sind so würde sie die ideale

Vollkommenheit einer Wissenschaft erreicht haben wenn sie uns in den Stand

setzte mit derselben Gewissheit vorauszusagen wie ein Individuum sein ganzes

Leben hindurch denken fühlen und handeln wird womit die Astronomie uns

erlaubt die Orte und die Verfinsterungen der Himmelskörper vorauszusagen Es

ist kaum nötig zu sagen dass dies nicht einmal annäherungsweise geschehen

kann Die Handlungen von Individuen können nicht mit wissenschaftlicher

Genauigkeit vorausgesagt werden wäre es auch nur weil wir das Ganze der

Umstände in welchen diese Individuen sich befinden werden nicht vorhersehen

können Aber es kann auch sogar bei einer gegebenen Kombination von

gegenwärtigen Umständen keine zugleich präzise und allgemein wahre Behauptung

bezüglich der Art wie menschliche Wesen denken fühlen oder handeln werden

gemacht werden Aber nicht darum weil jedermanns Art zu denken zu fühlen und

zu handeln nicht von Ursachen abhängig ist; auch ist es gar nicht zweifelhaft

dass wenn unsere Data in Beziehung auf irgend ein Individuum vollständig sein

könnten wir sogar jetzt schon genug von den letzten Gesetzen durch welche

geistige Erscheinungen bestimmt werden, wissen um in vielen Fällen mit

ziemlicher Gewissheit voraussagen zu können was in der größeren Anzahl von

voraussetzbaren Kombinationen von Umständen seine Handlungsweise oder seine

Denkungsart sein würde Aber die Eindrücke und die Handlungen menschlicher Wesen

sind nicht das Resultat ihrer gegenwärtigen Umstände allein sondern sie sind

das Gesamtresultat dieser Umstände und des Charakters der Individuen und die

Agentien welche den menschlichen Charakter bestimmen sind so zahlreich und

verschieden indem nichts was einem das Leben hindurch begegnet ohne Einfluss

bleibt dass sie im Durchschnitt niemals in zwei Fällen genau ähnlich sind

Wenn daher auch unsere Wissenschaft von der menschlichen Natur theoretisch

vollkommen wäre dh wenn wir aus gegebenen Daten einen Charakter berechnen

könnten wie wir die Bahn eines Planeten berechnen können so könnten wir

dennoch weder positive Voraussagungen machen noch allgemeine Sätze aufstellen

da die Data niemals alle gegeben noch in verschiedenen Fällen jemals genau

gleich sind.

    Insofern aber viele von diesen Wirkungen  welche der menschlichen

Vorausgicht und Beherrschung zu unterwerfen von höchster Wichtigkeit ist 

ähnlich der Flut bei weitem mehr durch allgemeine Ursachen als durch alle

partiellen Ursachen zusammengenommen bestimmt werden, indem sie in der

Hauptsache von den Umständen und Eigenschaften abhängen welche allen Menschen

oder wenigstens einem großen Theile derselben gemein sind und nur in einem

geringen Grade von den Idiosynkrasien der Organisation oder der besonderen

Geschichte des Individuums so ist es mit Rücksicht auf alle diese Wirkungen

offenbar möglich Voraussagungen zu machen die sich fast immer bewähren werden

und allgemeine Sätze Urteile aufzustellen welche fast immer wahr sein

werden Und wenn es genügt zu wissen wie die große Mehrheit des

Menschengeschlechts oder einer Nation oder einer Klasse von Personen denken

fühlen und handeln wird so werden diese Sätze allgemeinen Sätzen äquivalent

sein Für die Zwecke der politischen und sozialen Wissenschaft ist dies

genügend So wie wir früher bemerkten ist eine annähernde Generalisation bei

sozialen Untersuchungen für die meisten praktischen Zwecke mit einer genauen

Generalisation gleichbedeutend eine Generalisation welche nur wahrscheinlich

ist wenn sie von individuellen und ohne Unterschied gewählten menschlichen

Wesen behauptet wird ist gewiss wenn sie von dem Charakter und der gesamten

Handlungsweise von Massen behauptet wird

    Es ist daher keine Herabsetzung der Wissenschaft von der menschlichen Natur

wenn diejenigen ihrer allgemeinen Sätze welche hinreichend ins Detail eingehen

um als eine Grundlage für die Voraussagung von Phänomenen im Konkreten zu

dienen meistenteils nur annäherungsweise wahr sind. Um aber dem Studium einen

acht wissenschaftlichen Charakter zu geben ist es unbedingt nötig dass diese

annähernden Generalisationen welche an und für sich nur auf die niedrigste Art

von empirischen Gesetzen hinauslaufen würden deduktiv mit den Naturgesetzen

aus denen sie hervorgehen verbunden seien dass sie in die Eigenschaften, von

denen die Phänomene abhängen aufgelöst seien

    Mit anderen Worten, man kann sagen die Wissenschaft von der menschlichen

Natur existiere im Verhältnis als die approximativen Wahrheitenwelche eine

praktische Kenntnis des Menschengeschlechts zusammensetzen als Folgesätze der

allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur auf denen sie beruhen dargestellt

werden können; wodurch die eigentlichen Grenzen dieser approximativen Wahrheiten

gezeigt und wir in den Stand gesetzt würden als eine Antizipation der

spezifischen Erfahrung andere Wahrheiten aus irgend einem neuen Zustande der

Umstände abzuleiten

    Der eben angegebene Satz ist der Text wovon die beiden folgenden Kapitel

den Kommentar geben werden

 
 





     1 Was der Geist, oder was die Materie ist und ähnliche Fragen in

Beziehung auf die Dinge an sich und als von ihren fühlbaren Kundgebungen

unterschieden sind Betrachtungen die dem Zwecke dieses Werkes fremd sind Wie

bei unserer ganzen Untersuchung so werden wir uns auch hier aller Spekulationen

über die eigene Natur des Geistes enthalten und unter den Gesetzen des Geistes

die Gesetze der geistigen Phänomene der verschiedenen Gefühle oder Zustände des

Bewusstseins empfindender Wesen verstehen Nach der von uns beständig befolgten

Klassifikation sind dieselben Gefühle Gemütsbewegungen Emotionen

Willensakte und Empfindungen Sensationen indem die letzteren eben so gut

Zustände des Geistes sind wie die ersteren In der Tat ist es üblich von

Empfindungen als von Zuständen des Körpers und nicht des Geistes zu sprechen Es

ist dies aber die gewöhnliche Verwechselung indem man einem Phänomen und der

nächsten Ursache oder den Bedingungen des Phänomens ein und denselben Namen

gibt Das unmittelbare Antezedens einer Sensation ist ein Zustand des Körpers,

aber die Sensation selbst ist ein Zustand des Geistes. Wenn das Wort Geist

überhaupt etwas bedeutet so bedeutet es das Fühlende Welche Ansicht wir auch

in Betreff der fundamentalen Verschiedenheit oder Identität von Materie und

Geist haben mögen so wird doch in einem jeden Falle die Unterscheidung zwischen

geistigen und physischen Tatsachen zwischen der inneren und äußeren Welt als

ein Gegenstand der Klassifikation verbleiben und in dieser Klassifikation

müssen Sensationen so gut wie alle anderen Gefühle als geistige Phänomene

angeführt werden Der Mechanismus ihrer Erzeugung sowohl im Körper selbst als

auch in der sogenannten äußeren Natur ist alles was füglich als physisch

klassifiziert werden kann.

    Die Phänomene des Geistes sind also die verschiedenen Gefühle unserer Natur

sowohl die unpassend als physisch bezeichneten als auch die als besonders

geistig bezeichneten Gefühle und unter Gesetzen des Geistes verstehe ich die

Gesetze, nach denen sich diese Gefühle einander erzeugen

    

     2 Alle Zustände des Geistes werden unmittelbar entweder durch andere

Zustände des Geistes oder durch Zustände des Körpers erzeugt Wenn ein

Geisteszustand durch einen anderen Geisteszustand erzeugt wird so nenne ich das

dabei in Betracht kommende Gesetz ein Gesetz des Geistes. Wenn ein

Geisteszustand durch einen Zustand des Körpers erzeugt wird so ist das Gesetz

ein Gesetz des Körpers, und als solches gehört es der physikalischen

Wissenschaft an

    In betreff der Sensationen genannten Geisteszustände stimmen Alle darin

überein dass dieselben körperliche Zustände als unmittelbare Antecedentien

haben Eine jede Empfindung hat als nächste Ursache eine Erregung des Theiles

unseres Körpers den man das Nervensystem nennt es entspringe diese Erregung

aus der Wirkung eines äußeren Gegenstandes oder aus einem pathologischen

Zustand des Nervensystems selbst Die Gesetze dieses Theiles unserer Natur 

unsere verschiedenen Sensationen und die physischen Zustände von denen sie

zunächst abhängen  gehören offenbar in den Bereich der Physiologie

    Ob der übrige Teil unserer Geisteszustände in ähnlicher Weise von

physischen Zuständen abhängt ist eine der vexatae quaestiones der Wissenschaft

von der menschlichen Natur Es wird noch darüber gestritten ob unsere Gedanken

Emotionen und Willensakte durch die Vermittlung eines materiellen Mechanismus

erzeugt werden ob wir in demselben Sinne wie wir Organe der Empfindung auch

Organe des Gedankens und der Emotion haben Viele eminente Physiologen behaupten

es Sie behaupten zB dass ein Gedanke ebenso sehr das Resultat einer

Nerventätigkeit sei wie eine Empfindung dass ein besonderer Zustand unseres

Nervensystems insbesondere jenes zentralen Gehirn genannten Teils einem jeden

Zustand unseres Bewusstseins beständig vorausgehe und von ihm vorausgesetzt

werde Nach dieser Theorie wird niemals ein Zustand des Geistes wirklich von dem

anderen erzeugt sondern alle Geisteszustände werden durch Zustände des Körpers

hervorgerufen Wenn ein Gedanke den andern durch Ideenassoziation hervorzurufen

scheint so ist es nicht wirklich ein Gedanke welcher einen Gedanken

zurückruft die Assoziation bestand nicht zwischen den zwei Gedanken sondern

zwischen den zwei Zuständen des Gehirns oder der Nerven die den Gedanken

vorausgingen der eine dieser Zustände ruft den andern hervor während ein jeder

bei seinem Vorübergehen von jenem besonderen Zustand des Bewusstseins begleitet

ist der eine Folge von ihm ist Nach dieser Theorie wären die

Gleichförmigkeit der Sukzession von Geisteszuständen bloße abgeleitete

Gleichförmigkeit die aus den Gesetzen der Sukzession der sie verursachenden

Zustände des Körpers hervorgehen Es würde darnach keine ursprünglichen

geistigen Gesetze keine Gesetze des Geistes in dem Sinne geben in dem ich das

Wort gebrauche und die Wissenschaft des Geistes würde ein bloßer Zweig wenn

auch der höchste und dunkelste Zweig der Physiologie sein Hr Comte will

deshalb die Erkenntnis moralischer und intellektueller Erscheinungen

ausschließlich den Physiologen vorbehalten sehen und spricht der Psychologie

oder der Geistesphilosophie im eigentlichen Sinne nicht allein den Charakter

einer Wissenschaft ab sondern setzt sie auch der chimärischen Natur ihres

Gegenstandes und ihrer Ansprüche wegen fast auf gleiche Stufe mit der

Astrologie

    Nachdem alles gesagt worden ist, was gesagt werden kann, bleibt es aber

unbestreitbar dass zwischen Zuständen des Geistes Gleichförmigkeit der Folge

bestehen und dass dieselben durch Beobachtung und Experiment bestimmt werden

können. Ebenso dass wenn es auch höchst wahrscheinlich ist dass ein jeder

Geisteszustand als unmittelbares Antezedens und nächste Ursache einen

Nervenzustand hat dies doch bis jetzt nicht in derselben bündigen Weise

bewiesen ist wie es von den Sensationen bewiesen werden kann; und selbst wenn

es gewiss wäre so müsste doch ein jeder zugeben dass wir mit dem

Charakteristischen dieser Nervenzustände durchaus unbekannt sind wir wissen

nicht und besitzen auch bis jetzt noch keine Mittel um zu erkennen in welcher

Beziehung sie sich von einander unterscheiden und die einzige Art und Weise

ihre Sukzessionen oder ihre Koexistenz zu studieren kann nur in der Beobachtung

des Aufeinanderfolgens oder des Zugleichseins der geistigen Zustände bestehen

von denen sie der Voraussetzung nach die Erzeuger und die Ursachen sind Die

Sukzessionen welche zwischen geistigen Phänomenen bestehen können daher nicht

aus den physiologischen Gesetzen unseres Nervensystems abgeleitet werden und

eine jede reale Erkenntnis derselben muss für eine lange Zeit wenigstens wenn

nicht für immer in dem direkten Studium der geistigen Sukzessionen selbst durch

Beobachtung und Experiment gesucht werden Da also die Ordnung unserer geistigen

Erscheinungen an diesen Erscheinungen selbst studiert werden muss und nicht aus

den Gesetzen allgemeinerer Erscheinungen gefolgert werden kann, so gibt es eine

unterschiedene und besondere Wissenschaft des Geistes.

    Das Verhältnis dieser Wissenschaft zur Physiologie darf in der Tat nicht

übersehen oder unterschätzt werden Es darf keineswegs vergessen werden dass

die Gesetze des Geistes derivative aus den Gesetzen des tierischen Lebens

hervorgehende Gesetze sein können und dass daher ihre Wahrheit zuletzt von

physischen Zuständen abhängig sein kann dass der Einfluss der physiologischen

Zustände oder der physiologischen Veränderungen auf die Veränderung oder

Aufhebung der geistigen Sukzessionen einer der wichtigsten Zweige der

Psychologie ist Aber die Hilfsmittel der psychologischen Analyse zu verwerfen

und die Geisteslehre auf Data zu gründen wie sie die Physiologie bis jetzt

darbietet scheint mir von der andern Seite ein eben so großer Irrtum im

Prinzip zu sein und ein sehr ernstlicher Irrtum in der Praxis Wie

unvollkommen auch die Wissenschaft des Geistes sein mag so stehe ich doch nicht

an zu behaupten dass sie bedeutend weiter vorgeschritten ist als der ihr

entsprechende Teil der Physiologie und die erstere für die letztere

hinwegzugeben scheint mir eine Verletzung der wahren Regeln der induktiven

Philosophie eine Verletzung welche in einigen sehr wichtigen Zweigen der

Wissenschaft von der menschlichen Natur irrige Schlüsse nach sich zieht und

ziehen muss

    

     3 Die Gleichförmigkeit der Folge die letzten oder auch die

abgeleiteten Gesetze nach denen unsere geistigen Zustände auf einanderfolgen

nach denen der eine Zustand von dem andern verursacht wird oder wenigstens

veranlagst wird ihm zu folgen bilden den Gegenstand der Psychologie Von

diesen Gesetzen sind einige allgemeine Gesetze andere sind spezielle Die

folgenden sind Beispiele der allgemeineren Gesetze

    Erstens Wenn gleichgültig durch welche Ursache irgend ein Zustand des

Bewusstseins einmal in uns erregt worden ist, so kann ein niedrigerer Grad

desselben Zustandes des Bewusstseins, ein dem ersteren ähnlicher aber weniger

intensiver Zustand des Bewusstseins in uns hervorgebracht werden, ohne dass die

Ursache, welche ihn zuerst erregte zugegen wäre Wenn wir einen Gegenstand

einmal gesehen oder berührt haben so können wir uns später den Gegenstand

denken wenn er auch nicht im Bereich unseres Gesichtes und unserer Berührung

ist Wenn wir bei einem Ereignis einmal Schmerz oder Freude empfunden haben so

können wir an unseren vergangenen Schmerz und unsere vergangene Freude denken

oder uns ihrer erinnern wenn auch kein neues Ereignis voll einer glücklichen

oder schmerzhaften Natur stattgefunden hat Wenn ein Dichter ein geistiges Bild

eines imaginären Gegenstandes ein Schloss der Indolenz eine Una oder einen

Hamlet zusammengesetzt hat so kann er alsdann an die idealen Gegenstände seiner

Schöpfung denken ohne dass ein neuer Akt einer geistigen Kombination nötig

wäre Dieses Gesetz wird so ausgedrückt dass man in der Sprache von Hume sagt

ein jeder geistige Eindruck habe seine Idee

    Zweitens Diese Ideen oder sekundären Geisteszustände werden durch unsere

Eindrücke oder durch andere Ideen nach gewissen Gesetzen welche Gesetze der

Ideenassoziation heißen erregt Von diesen Gesetzen ist das erste dass sich

ähnliche Ideen einander zu erregen suchen Das zweite ist dasswenn zwei

Eindrücke häufig erfahren worden sind oder auch gedacht worden sind), sei es

gleichzeitig oder auch in unmittelbarer Folge und es kehrt einer dieser

Eindrücke oder die Idee desselben wieder er die Idee des andern zu erregen

sucht Das dritte Gesetz ist dass größere Intensität in dem einen oder in

beiden Eindrücken in Beziehung auf gegenseitige Erregung gleichbedeutend mit

häufigerer Verbindung istDies sind die Gesetze der Ideen über welche ich mich

nicht weiter verbreiten werde sondern wofür ich den Leser auf die

psychologischen Fachwerke verweise insbesondere auf Mills Analysis of the

Phenomena of the Human Mind Analyse der Erscheinungen des menschlichen

Geistes wo die Hauptgesetze der Ideenassoziation samt vielen Anwendungen

derselben meisterhaft und weitläufig erläutert werden200

    Diese einfachen oder elementaren Gesetze des Geistes sind durch die

gewöhnlichen Methoden der experimentellen Forschung bestimmt worden auch

konnten sie in keiner anderen Weise bestimmt werden. Nachdem aber eine gewisse

Anzahl elementarer Gesetze auf diese Weise gewonnen worden istist es eine

geeignete Aufgabe für die Wissenschaft, zu untersuchen wie weit diese Gesetze

für die Erklärung der wirklichen Phänomene verwendet werden können. Es ist klar

dass komplexe Gesetze des Denkens und Fühlens aus diesen einfachen Gesetzen

nicht allein abgeleitet werden können, sondern dass sie in der Tat daraus

abgeleitet werden müssen Auch ist zu bemerken dass nicht jeder Fall ein Fall

von Zusammensetzung von Ursachen ist die Wirkung zusammenwirkender Ursachen ist

nicht immer genau die Summe der einzelnen Wirkungen dieser Ursachen noch auch

immer eine Wirkung von derselben Art, wie diese Wirkungen Wenn wir hier eine

ähnliche Distinktion machen wie die in der Theorie der Induktion eine so

hervorragende Stelle einnehmende so sind die Gesetze der Geisteserscheinungen

zuweilen den mechanischen zuweilen aber den chemischen Gesetzen analog Wenn

Eindrücke so oft in Verbindung erfahren worden sind, dass ein jeder derselben

leicht und augenblicklich die Idee der ganzen Gruppe hervorruft so verschmelzen

diese Ideen zuweilen miteinander und scheinen keine verschiedenen Ideen sondern

nur eine Idee zu sein ähnlich wie die Sensation von weiß erzeugt wird wenn

die sieben prismatischen Farben dem Auge in rascher Folge dargeboten werden So

wie es aber im letzteren Falle korrekt ist zu sagen die rasch aufeinander

folgenden sieben Farben erzeugten weiß nicht aber sie seien wirklich weiß so

scheint es mir dass man sagen sollte die durch das Verschmelzen von

verschiedenen einfacheren Ideen gebildete komplexe Idee wenn sie wirklich

einfach erscheint dh wenn die einzelnen Elemente darin nicht mit Bewusstsein

zu unterscheiden sind resultiere aus den einfachen Ideen oder werde durch

dieselben erzeugt nicht aber sie bestehe daraus Unsere Idee von einer Orange

besteht wirklich aus den einfachen Ideen einer gewissen Farbe einer gewissen

Form eines gewissen Gefühls und Geruchs etc weil wir durch Befragen unseres

Bewusstseins alle diese Elemente in der Idee wahrnehmen können Bei einem

anscheinend so einfachen Gefühl wie unsere Wahrnehmung der Gestalt eines

Gegenstandes durch das Auge können wir aber nicht jene Menge von Ideen

wahrnehmen die sich von anderen Sinnen ableiten und ohne welche wie

nachgewiesen ist solche Gesichtswahrnehmungen niemals stattgefunden hätten

auch können wir in unserer Idee von Ausdehnung jene elementaren von unserem

Muskelwerk sich ableitenden Ideen von Widerstand nicht entdecken aus denen wie

Dr Brown und andere nachgewiesen haben diese Idee entspringt Es sind dies

daher Fälle von geistiger Chemie in denen es passender ist zu sagen die

einfachen Ideen erzeugten die komplexe Idee als sie setzten sie zusammen

    In Beziehung auf alle anderen Bestandteile des Geistesin Beziehung auf

seine Meinungen Glauben seine abstruseren Begriffe seine Gedanken seine

Emotionen und sein Wollen glauben Manche unter ihnen Hartley und der Verfasser

der Analysis das Ganze derselben sei durch eine Chemie wie wir sie eben

erläutert haben aus einfachen Ideen der Sensation erzeugt Ich kann mich bei

dem jetzigen Stand unseres Wissens nicht überzeugen dass dieser Schluss

erwiesen ist In vielen Fällen kann ich nicht einmal sehen dass die angenommene

Schlussweise sehr darauf hinarbeitet Jene Philosophen haben in der Tat

dargetan dass es ein solches Ding wie eine geistige Chemie gibt dass die

heterogene Natur eines in Beziehung auf B und C betrachteten Gefühles A kein

beweiskräftiges Argument gegen seine Erzeugung durch B und C ist Nachdem sie

dieses bewiesen haben zeigen sie weiter dass da wo A angetroffen wird, B und

C gegenwärtig waren oder doch sein konnten und warum also fragen sie sollte A

nicht von B und C erzeugt worden sein Aber selbst wenn dieser Beweis auf den

zulässigen höchsten Grad von Vollständigkeit gebracht wäre wenn gezeigt wäre

was bis jetzt nicht geschah dass gewisse Gruppen von assoziierten Ideen nicht

allein gegenwärtig gewesen sein konnten sondern auch dass sie wirklich immer

gegenwärtig waren wenn das mehr verborgene geistige Gefühl erfahren wurde so

würde dies nur eine Anwendung der Methode der Übereinstimmung sein und könnte

ohne durch den bündigeren Beweis der Differenzmethode bestätigt zu sein keine

Verursachung beweisen Wenn die Frage wäre ob der Glaube ein bloßer Fall von

enger Ideenassoziation ist so würde es nötig sein experimentell zu

untersuchen ob es wahr ist dass irgend welche Ideen vorausgesetzt sie seien

eng genug assoziiert Glauben veranlassen Wenn der Ursprung moralischer Gefühle

zB das Gefühl der moralischen Verdammung die Frage wäre so muss der erste

Schritt darin bestehen dass man alle Arten von Handlungen oder von

Geisteszuständen die moralisch verdammt werden vergleicht und sieht ob in

allen diesen Fällen gezeigt werden kann, dass die Handlung oder der

Geisteszustand mit einer besonderen Klasse von hassenswerten und widrigen Ideen

in dem verdammenden Geiste durch Assoziation verknüpft war und so weit ist die

angewandte Methode die der ÜbereinstimmungDies ist aber nicht genug Wenn wir

auch alles als bewiesen annehmen so müssen wir noch durch die Differenzmethode

prüfen ob diese besondere Art von hassenswerten und widrigen Ideen wenn sie

sich mit einer vorher gleichgültigen Handlung assoziiert hat diese Handlung zu

einem Gegenstand moralischer Verdammung machen wird Wenn diese Frage im

bejahenden Sinne beantwortet werden kann, so ist es als ein Gesetz des

menschlichen Geistes nachgewiesen dass eine derartige Assoziation die

erzeugende Ursache moralischer Verdammung ist Aber diese Experimente sind

entweder niemals versucht worden oder doch nicht mit dem für die Beweiskraft

unerlässlichen Grade von Genauigkeit und werden auch in Anbetracht der

Schwierigkeit des genauen Experimentierens mit dem menschlichen Geiste lange

nicht angestellt werden

    Man muss sich ferner daran erinnern dasswenn auch das was diese Theorie

der geistigen Phänomene behauptet bewiesen werden könnte wir darum nicht mehr

im Stande sein würden die Gesetze der komplexeren Gefühle in die der einfachen

Gefühle zu zerlegen Die Erzeugung der einen Art von Geistesphänomenen aus der

anderen ist wenn sie erwiesen werden kann, immer eine höchst interessante

Tatsache der psychologischen Chemie aber sie erspart uns so wenig die

Notwendigkeit eines experimentellen Studiums der erzeugten Phänomene als die

Kenntnis der Eigenschaften des Sauerstoffs und Schwefels uns in den Stand

setzt die Eigenschaften der Schwefelsäure ohne spezifische Beobachtung und

Experiment aus jenen Eigenschaften abzuleiten Wie daher auch der Versuch den

Ursprung unserer Meinungen Wünsche und Willensakte aus einfacheren

Geistesphänomenen zu erklären zuletzt ausschlagen möge so ist es darum nicht

weniger erforderlich die Sequenzen der komplexen Phänomene selbst durch

spezifisches Studium nach den Regeln der Induktion zu bestimmen. So werden in

Betreff des Glaubens die Psychologen immer zu untersuchen haben welchen Glauben

wir durch das direkte Bewusstsein haben und nach welchen Gesetzen ein Glaube

den andern erzeugt welches die Gesetze sind kraft deren ein Ding entweder mit

Recht oder aus Irrtum von dem Geiste als ein Beweis eines anderen Dinges

anerkannt wird In Beziehung auf das Begehren werden sie zu untersuchen haben

welche Gegenstände wir naturgemäß begehren und welche Ursachen uns

veranlassen uns ursprünglich gleichgültige oder sogar unangenehme Dinge zu

begehren usw Es darf bemerkt werden dass zwischen jenen verwickelteren

Geisteszuständen dieselben allgemeinen Gesetze der Assoziation herrschen wie

zwischen den einfacheren Zuständen Ein Verlangen eine Emotion eine Idee von

der höheren Art von Abstraktion sogar unsere Meinungen und unser Wollen wenn

sie zur Gewohnheit geworden sind werden genau nach denselben Gesetzen durch

Assoziation hervorgerufen wie die einfachen Ideen

    

     4 Es wird natürlich und notwendig sein im Verlauf dieser

Untersuchungen zu prüfen wie weit die Erzeugung eines Geisteszustandes durch

den andern durch irgend einen nachweisbaren körperlichen Zustand beeinflusst

wird Die gewöhnlichste Beobachtung zeigt dass verschiedene Geister für

dieselben psychologischen Ursachen sehr verschieden empfänglich sind Die Idee

eines gegebenen wünschenswerten Gegenstandes zB wird in verschiedenen

Geistern ein Verlangen von sehr verschiedener Intensität erregen Derselbe

Gegenstand der Betrachtung wird verschiedenen Geistern dargeboten in denselben

einen sehr ungleichen Grad von Geistestätigkeit erregen Diese

Verschiedenheiten der geistigen Empfänglichkeit bei verschiedenen Individuen

können erstens sein ursprüngliche und letzte Tatsachen oder zweitens Folgen

der früheren geistigen Geschichte dieser Individuen oder drittens und

letztens Folgen einer verschiedenen physischen Organisation Dass die frühere

geistige Geschichte der Individuen einen Antheil in der Herstellung oder in der

Modifikation ihres ganzen geistigen Charakters haben muss ist eine

unvermeidliche Folge der Gesetze des Geistes; dass aber Unterschiede im

Körperbau ebenfalls mitwirken ist die durch die gewöhnliche Erfahrung

bestätigte Meinung aller Physiologen Es ist zu bedauern dass diese Erfahrung

da sie ohne gehörige Prüfung in Bausch und Bogen angenommen wurde bisher zur

Grundlage von empirischen Generalisationen gemacht worden ist, die für den

Fortschritt des realen Wissens sehr verderblich waren

    Es ist gewiss dass die in den geistigen Prädispositionen oder

Empfänglichkeiten verschiedener Personen wirklich bestehenden natürlichen

Verschiedenheiten oft mit Verschiedenheiten in ihrer organischen Konstitution im

Zusammenhang stehen Es folgt aber hieraus nicht dass diese organischen

Verschiedenheiten in allen Fällen die geistigen Phänomene direkt und unmittelbar

beeinflussen müssen Sie affizieren dieselben häufig vermittelst ihrer

psychologischen Ursachen Die Idee eines besonderen Vergnügens zB kann auch

unabhängig von Gewohnheit und Erziehung bei verschiedenen Personen ein

verschieden starkes Verlangen erregen und dieses kann die Wirkung von

verschiedenen Graden oder Arten von nervöser Sensibilität sein aber wir müssen

uns erinnern dass diese organischen Verschiedenheiten die angenehme Sensation

selbst in der einen dieser Personen intensiver machen wird als in der andern

so dass auch die Idee des Vergnügens ein intensiveres Gefühl sein wird und

durch die Wirkung bloßer geistiger Gesetze ein intensiveres Verlangen erregen

wird ohne dass es dafür nötig wäre anzunehmen das Begehren selbst sei direkt

durch die physische Eigentümlichkeit beeinflusst Wie in diesem so werden in

vielen anderen Fällen solche Verschiedenheiten in der Art oder in der Intensität

der physischen Sensationen wie sie notwendig aus Verschiedenheiten der

körperlichen Organisation hervorgehen müssen für sich allein viele Unterschiede

nicht nur in dem Grade sondern auch in der Art der anderen geistigen Phänomene

erklären Dies ist so wahr dass sogar verschiedene Beschaffenheiten

Qualitäten des Geistes, verschiedene Typen des geistigen Charakters

naturgemäß durch bloße Unterschiede in der Intensität der Sensationen im

allgemeinen hervorgebracht werden, wie in der in einem früheren Kapitel

angeführten schönen Abhandlung von Dr Priestley angedeutet wird

    »Wir erhalten die Empfindungen welche die Elemente alles Wissens bilden

entweder gleichzeitig oder nacheinander wenn wir mehrere gleichzeitig erhalten

wie den Geruch den Geschmack die Farbe die Form usw einer Frucht so macht

ihre Assoziation unsere Idee von einem Gegenstand aus wenn wir sie nacheinander

empfangen so bildet ihre Assoziation die Idee von einem Ereignis Alles was

die Assoziation gleichzeitiger Ideen begünstigt wird daher streben eine

Kenntnis der Gegenstände, eine Wahrnehmung von Eigenschaften hervorzubringen

während alles was die Assoziation des Aufeinanderfolgens begünstigt eine

Kenntnis von Ereignissen von der Ordnung der Begebenheiten und von der

Verknüpfung von Ursache und Wirkung hervorzubringen suchen wird mit anderen

Worten, in dem einen Falle wird ein perzeptiver Geist mit einem unterschiedenen

Gefühl der angenehmen und der schmerzerregenden Eigenschaften der Dinge, ein

Gefühl des Großen und Schönen das Resultat sein in dem andern Falle ein auf

Bewegungen und Phänomene achtender Geist ein argumentierender und

philosophischer Verstand Nun ist es ein anerkannter Grundsatz dass sich alle

während der Anwesenheit eines lebhaften Eindrucks erfahrenen Sensationen mit

diesem Eindruck und mit sich selbst stark asserieren folgt aber daraus nicht

dass die gleichzeitigen Gefühle einer sensitiven Konstitution dh derjenigen

welche lebhafte Eindrücke empfängt sich inniger vermischen als in einem anders

geformten Geiste Wenn diese Meinung richtig ist so führt sie zu der nicht

unwichtigen Folgerung dass da wo die Natur ein Individuum mit großer

ursprünglicher Sensibilität begabt hat es sich wahrscheinlich durch Liebe zur

Naturgeschichte durch einen Geschmack am Schönen und Großen und durch

geistigen Enthusiasmus auszeichnen wird dass aber da wo nur eine mittelmäßige

Sensibilität vorhanden ist, eine Liebe zur Wissenschaft zur abstrakten Wahrheit

bei Mangel an Geschmack und Enthusiasmus wahrscheinlich das Resultat sein

werden«

    Aus diesem Beispiel ersehen wir dass wenn die allgemeinen Gesetze des

Geistes genauer bekannt wären und vor allem wenn sie auf die ausführliche

Erklärung der geistigen Eigentümlichkeiten geschickter angewendet würden sie

viel mehr von diesen Eigentümlichkeiten erklären würden als man gewöhnlich

glaubt Unglücklicherweise hat die Reaktion der letzten und der gegenwärtigen

Generation gegen die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts eine große

Vernachlässigung dieses Zweiges der analytischen Forschung erzeugt und der

neuere Fortschritt derselben war daher keineswegs ihren früheren Versprechungen

angemessen Die größte Anzahl derjenigen welche die menschliche Natur zum

Gegenstand ihrer Betrachtungen machen nehmen lieber dogmatisch an die

geistigen Verschiedenheiten welche sie unter menschlichen Wesen wahrnehmen oder

wahrzunehmen glauben seien letzte Tatsachen die weder zu erklären noch zu

ändern sind als dass sie sich die Mühe geben sich durch die erforderlichen

Denkprozesse in den Stand zu setzen diese geistigen Verschiedenheiten auf die

äußeren Ursachen von denen sie meistens abhängen und bei deren Beseitigung

sie aufhören würden zu existieren zurückzuführen Die deutsche metaphysische

Schule welche ihre temporäre Herrschaft über den europäischen Gedanken noch

nicht verloren hat hat unter vielen anderen schädlichen Einflüssen auch diesen

Einfluss gehabt und auf der entgegengesetzten Seite der psychologischen Scala

fällt diese Abirrung vom wahren wissenschaftlichen Geist niemand schwerer zur

Last als Herrn Comte

    Es ist gewiss dass Verschiedenheiten in der Erziehung und in den äußeren

Umständen bei menschlichen Wesen wenigstens eine adäquate Erklärung des bei

weitem größeren Teils des Charakters darbieten können und dass der Rest zum

großen Teil durch physische Unterschiede in den Sensationen die in

verschiedenen Individuen durch dieselbe äußere oder innere Ursache

hervorgerufen werden zu erklären ist Es gibt indessen einige geistige

Tatsachen welche eine solche Erklärungsweise nicht zuzulassen scheinen Der

Art sind um den stärksten Fall zu nehmen die Instinkte der Tiere und der

diesen Instinkten entsprechende Teil der menschlichen Natur In welcher Weise

dieselben eine genügende oder auch nur plausible Erklärung durch psychologische

Ursachen allein erhalten können hat man nicht einmal hypothetisch

ausgesprochen und es ist starker Grund vorhanden zu glauben dass sie einen

ebenso positiven und sogar einen ebenso direkten und unmittelbaren Zusammenhang

mit physischen Zuständen des Gehirns und der Nerven haben als irgend eine

unserer bloßen Sensationen Eine Voraussetzung wie vielleicht nicht

überflüssig ist zu bemerken welche in keiner Weise der unbestreitbaren

Tatsache entgegen ist dass diese Instinkte bei menschlichen Wesen wenigstens

durch andere Einflüsse und durch Erziehung bis zu einem gewissen Grade

modifiziert oder gänzlich besiegt werden können.

    Ob organische Ursachen einen direkten Einfluss auf andere Classen von

geistigen Erscheinungen ausüben ist bis jetzt ebenso wenig nachgewiesen worden

als die genaue Natur der organischen Bedingungen der Instinkte Die Physiologie

des Gehirns und des Nervensystems ist indessen in einem so raschen Fortschreiten

begriffen und bringt fortwährend so viele neue und interessante Resultate dass,

wenn zwischen geistigen Eigentümlichkeiten und den durch unsere Sinne

erkennbaren Verschiedenheiten im Bau des Gehirns und des Nervenapparats wirklich

ein Zusammenhang stattfindet die Natur dieses Zusammenhanges auf dem besten

Wege ist erkannt zu werden Die letzten Entdeckungen in der Physiologie des

Gehirns scheinen bewiesen zu haben dass ein jeder derartige Zusammenhang einen

von dem durch Gall und seine Anhänger behaupteten radikal verschiedenen

Charakter besitzt und dass welches auch die wahre Theorie des Gegenstandes

einst Bein mag die Phrenologie unhaltbar ist

 
 





     1 Die in dem vorhergehenden Kapitel charakterisierten Gesetze des Geistes

bilden den allgemeinen und abstrakten Teil der Philosophie der menschlichen

Natur und alle eine praktische Kenntnis der Menschheit konstituierenden

Wahrheiten der gewöhnlichen Erfahrung müssen soweit sie Wahrheiten sind

Resultate oder Folgen derselben sein Solche gewöhnlichen Maxime wenn sie aus

der Lebenserfahrung a posteriori geschlossen wurden nehmen unter den Wahrheiten

der Wissenschaft den Platz von dem ein was wir bei unserer Analyse der

Induktion so häufig empirische Gesetze genannt haben

    Ein empirisches Gesetz ist wie man sich erinnern wird eine

Gleichförmigkeit der Sukzession oder der Koexistenz die in allen Fällen

innerhalb der Grenze unserer Beobachtung gültig ist deren Natur jedoch über

diese Grenze hinaus keine Sicherheit gibt entweder weil das Konsequenz nicht

wirklich die Wirkung des Antezedens istsondern mit ihm nur einen Teil einer

Kette von Wirkungen ausmacht die aus früheren und noch nicht bestimmten

Ursachen fließen oder weil Grund vorhanden ist zu glauben die Sequenz

obgleich ein Fall von Verursachung sei in einfachere Sequenzen auflösbar und

da sie demnach von einem Zusammenwirken verschiedener natürlicher Agentien

abhängig ist, einer unbekannten Menge von Möglichkeiten ausgesetzt verhindert

zu werden Mit anderen Worten, ein empirisches Gesetz ist eine Generalisation

in Betreff deren wir uns nicht begnügen können sie wahr zu finden sondern bei

der wir fragen müssen warum sie wahr istindem wir wissen dass ihre Wahrheit

nicht absolut sondern von irgend allgemeineren Bedingungen abhängig ist, und

dass wir uns nur soweit auf sie verlassen kann als wir der Erfüllung dieser

Bedingungen sicher sind

    Die der gewöhnlichen Erfahrung entnommenen Beobachtungen in Betreff

menschlicher Angelegenheiten sind genau von dieser Natur Auch wenn sie

innerhalb der Grenzen der Erfahrung allgemein und genau wahr wären was niemals

der Fall ist, so sind sie doch nicht die letzten Gesetze menschlicher

Handlungen sie sind nicht die Prinzipien der menschlichen Natur sondern

Resultate dieser Prinzipien unter den Umständen in denen sich die Menschheit

zufällig befand Wenn der Psalmist »in seinem Zorn sagt alle Menschen sind

Lügner« so spricht er aus was in manchen Zeiten und Ländern durch reichliche

Erfahrung bewiesen wird es ist aber kein Gesetz der menschlichen Natur zu

lügen obgleich es eine der Folgen der Gesetze der menschlichen Natur ist dass

das Lügen nahezu allgemein ist wenn gewisse äußere Umstände allgemein

vorhanden sind, besonders Umstände die gewohnheitsmäßiges Misstrauen und

Furcht erzeugen Wenn behauptet wird die Alten seien von vorsichtigem die

Jungen von heftigem Charakter so ist dies wiederum nur ein empirisches Gesetz

denn nicht ihrer Jugend wegen sind die Jungen heftig und nicht ihres Alters

wegen sind die Alten vorsichtig Der Grund liegt hauptsächlich wenn nicht

gänzlich darin dass die Alten während ihres langen Lebens dessen verschiedene

Übel mehr erfahren haben und dass sie da sie sich diesen Übeln auf

unvorsichtige Weise ausgesetzt durch dieselben mehr gelitten haben oder Andere

leiden gesehen und dadurch der Vorsicht günstige Ideenassoziationen erlangt

haben während die Jungen sowohl aus Mangel an ähnlicher Erfahrung als auch

der stärkeren Neigungen wegen welche sie zu Unternehmungen drängen sich

leichter in dieselben einlassen Hier ist also die Erklärung des empirischen

Gesetzes hier sind die Bedingungen welche zuletzt bestimmen ob das Gesetz

gültig ist oder nicht Wenn ein alter Mann nicht öfter als die meisten Jünglinge

mit Gefahren und Schwierigkeiten in Berührung gekommen ist so wird er gleich

unvorsichtig sein wenn ein Jüngling keine stärkeren Neigungen hat als ein

alter Mann so wird er wahrscheinlich wenig unternehmend sein Das empirische

Gesetz leitet die Wahrheit welche es besitzt von den Kausalgesetzen ab von

denen es eine Folge ist Wenn wir diese Gesetze kennen so kennen wir auch die

Grenzen des abgeleiteten Gesetzes während wenn wir das empirische Gesetz noch

nicht erklärt haben  wenn es bloß eine Beobachtung bleibt  in seiner

Anwendung über die Grenzen der Zeit des Ortes und der Umstände hinaus in denen

die Beobachtungen gemacht wurden keine Sicherheit liegt

    Die wahrhaft wissenschaftlichen Wahrheiten sind daher nicht jene empirischen

Gesetze sondern die Kausalgesetze welche dieselben erklären Die empirischen

Gesetze dieser Erscheinungen welche von bekannten Ursachen abhängen und von

denen daher eine allgemeine Theorie aufgestellt werden kann, haben in der

Wissenschaft keine andere Funktion als die Schlüsse der Theorie zu verifizieren

was auch sonst ihr Werth in der Praxis sein mag Dies muss um so mehr der Fall

sein wenn die meisten der empirischen Gesetze sogar innerhalb der Grenzen der

Beobachtung nur auf annähernde Generalisationen hinauslaufen

    

     2 Dies ist indessen nicht so sehr wie man zuweilen annimmt eine

Eigentümlichkeit der sogenannten moralischen Wissenschaften

Geisteswissenschaften Empirische Gesetze sind überhaupt nur in den

einfachsten Zweigen der Wissenschaft genau wahr und auch da nicht immer Die

Astronomie zBist die einfachste von allen Wissenschaften welche den

wirklichen Lauf von Naturereignissen erklären Die Ursachen oder Kräfte von

welchen die astronomischen Erscheinungen abhängen sind an Zahl geringer als

diejenigenwelche irgend eine andere der großen Naturerscheinungen bestimmen

Da hier eine jede Wirkung aus dem Konflikt von nur wenigen Ursachen hervorgeht

so darf ein hoher Grad von Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit unter den

Wirkungen erwartet werden dies ist aber auch wirklich der Fall sie besitzen

eine feste Ordnung und kehren in Cyclen wieder Aber Sätze welche mit absoluter

Genauigkeit die aufeinander folgenden Stellungen eines Planeten bis zur

Vollendung des Cyclus ausdrücken würden von einer fast unbesiegbaren

Verwickelung sein und könnten nur durch die Theorie gewonnen werden Die

Generalisationen welche in Betreff dieses Gegenstandes aus der direkten

Beobachtung gefolgert werden können, wären sie auch der Art wie die Keplerschen

Gesetze sind bloße Annäherungen da sich die Planeten ihrer gegenseitigen

Störungen wegen nicht genau in Ellipsen bewegen Man darf daher sogar in der

Astronomie nicht nach vollkommener Genauigkeit der empirischen Gesetze suchen

noch weniger aber in den verwickelteren Gegenständen der Forschung

    Dasselbe Beispiel zeigt wie wenig aus der Unmöglichkeit andere als

annähernde empirische Gesetze von den Wirkungen aufzustellen gegen die

Allgemeinheit oder sogar gegen die Einfachheit der letzten Gesetze gefolgert

werden kann. Die Kausalgesetze nach denen eine Klasse von Phänomenen erzeugt

wird können an Zahl sehr gering und einfach und die Wirkungen können dennoch so

mannigfaltig und verwickelt sein dass es unmöglich wird irgend eine

durchgehende Regelmäßigkeit bei ihnen aufzufinden Die fraglichen Erscheinungen

können nämlich von einem sehr veränderlichen Charakter sein so dass unzählige

Umstände die Wirkung beeinflussen obgleich sie dies alle nach einer sehr

geringen Anzahl von Gesetzen tun mögen Nehmen wir an es werde alles was in

dem Geiste eines Menschen vorgeht durch einige einfache Gesetze bestimmt wenn

diese Gesetze indessen der Art sind dass nicht eine einzige der ein

menschliches Wesen umgebenden Tatsachen oder der sich ihm zutragenden

Begebenheiten ohne Einfluss auf seine spätere geistige Geschichte bleibt und

wenn die Umstände verschiedener menschlicher Wesen höchst verschieden sind so

wird man sich nicht zu verwundern haben wenn in Beziehung auf die Einzelheiten

ihrer Handlungsweise oder ihrer Gefühle einige wenige Sätze aufgestellt werden

können, die von der ganzen Menschheit wahr sind.

    Ohne entscheiden zu wollen ob der letzten Gesetze unserer geistigen Natur

wenige oder viele sind ist es nun aber gewiss dass sie wenigstens von obiger

Art sind Es ist gewiss dass unsere geistigen Zustände unsere geistigen

Fähigkeiten und Empfänglichkeiten entweder zeitweise oder beständig durch alles

modifiziert werden was uns im Leben begegnet Wenn wir daher betrachten wie

sehr diese modifizierenden Ursachen bei zwei Individuen differieren so wäre es

unvernünftig zu erwarten dass die empirischen Gesetze des menschlichen Geistes

die Generalisationen welche in Betreff der Gefühle oder der Handlungen der

Menschen ohne Bezug auf die sie bestimmenden Ursachen gemacht werden können,

etwas anderes seien als annähernde Generalisationen In ihnen liegt die

gewöhnliche Weisheit des gewöhnlichen Lebens und soweit sind sie unschätzbar

besonders da sie meistenteils auf Fälle anzuwenden sind die denen nicht sehr

unähnlich sehen aus denen sie gefolgert sind Wenn aber derartige von

Engländern abgeleitete Maxime auf Franzosen angewendet werden oder wenn die von

der Gegenwart abgeleiteten Grundsätze auf vergangene oder kommende Generationen

angewendet werden so trifft man dabei leicht auf Schwierigkeiten Wenn wir

nicht das empirische Gesetz in die Gesetze der Ursachen, von denen es abhängig

ist, aufgelöst und wenn wir bestimmt haben dass diese Ursachen sich auf den

vorliegenden Fall erstrecken so können wir uns auf unsere Folgerungen nicht

verlassen Denn ein jedes Individuum ist von Umständen umgeben die sich von

denen eines jeden andern Individuums unterscheiden eine jede Nation oder

Generation unterscheidet sich in dieser Beziehung von einer jeden andern Nation

oder Generation  und keine von diesen Verschiedenheiten bleibt bei der Bildung

eines verschiedenen Charaktertypus ohne Einfluss Es ist in der Tat auch eine

gewisse allgemeine Ähnlichkeit vorhanden aber Eigentümlichkeiten der Umstände

lassen fortwährend Ausnahmen sogar von Sätzen entstehen welche in der großen

Mehrheit der Fälle wahr sind.

    Obgleich es indessen kaum eine Gefühls oder Handlungsweise gibt die im

absoluten Sinne allen Menschen gemein wäre und obgleich die Generalisationen

welche behaupten eine gegebene Varietät des Fühlens oder Handelns werde

allgemein angetroffen von keinem mit wissenschaftlicher Forschung Vertrauten als

wissenschaftliche Sätze betrachtet werden wie nahe sie auch innerhalb der

gegebenen Grenzen der Wahrheit kommen mögen so haben doch alle Gefühls und

Handlungsweisen denen man bei den Menschen begegnet Ursachenwelche sie

erzeugen und in den Sätzen welche diese Ursachen nachweisen wird man die

Erklärung der empirischen Gesetze und die ihre Verlässlichkeit beschränkenden

Prinzipien finden Unter denselben Umständen fühlen und handeln menschliche

Wesen nicht gleich aber es ist möglich zu bestimmen, was den Einen in einer

gegebenen Lage so handeln lässt den Anderen anders wie eine mit den

allgemeinen physischen und geistigen Gesetzen der Menschennatur verträgliche

Gefühlsund Handlungsweise gebildet worden ist oder werden könnte Mit anderen

Worten, die Menschen haben nicht einen allgemeinen Charakter aber es gibt

allgemeine Gesetze der Bildung des Charakters Und da durch diese Gesetze in

Verbindung mit den Tatsachen eines jeden besonderen Falles das Ganze der

Erscheinungen der menschlichen Gefühle und Handlungen hervorgebracht wird so

muss ein jeder rationelle Versuch die Wissenschaft von der menschlichen Natur

im Konkreten und für praktische Zwecke zu konstruieren von denselben ausgehen

    

     3 Da also die Gesetze der Charakterbildung den Hauptgegenstand der

wissenschaftlichen Erforschung der menschlichen Natur bilden so bleibt noch die

für die Feststellung derselben am meisten geeignete Methode zu bestimmen. Die

logischen Prinzipien nach denen diese Frage zu entscheiden ist müssen die

Prinzipien sein welche einen jeden anderen Versuch die Gesetze sehr komplexer

Erscheinungen zu erforschen leiten müssen denn es ist klar dass sowohl der

Charakter eines menschlichen Wesens als auch das Aggregat der Umstände wodurch

dieser Charakter gebildet worden ist, Tatsachen von dem höchsten Grade von

Verwickelung sind Wir haben nun aber gesehen dass die von allgemeinen Gesetzen

ausgehende und deren Folgen durch spezifisches Experiment verifizierende

deduktive Methode allein auf solche Fälle anwendbar ist Die Gründe dieser

großen logischen Lehre sind früher angegeben worden und ihre Wahrheit wird

durch eine Prüfung der Spezialitäten des gegenwärtigen Falles eine weitere

Bestätigung erhalten

    Die Naturgesetze können nur auf zweierlei Weise bestimmt werden, deduktiv

und experimentell unter experimenteller Forschung sowohl Beobachtung als auch

das künstliche Experimentiren verstanden Sind die Gesetze der Charakterbildung

einer genügenden Erforschung durch die experimentelle Methode fähig Offenbar

nicht weil wenn wir auch eine unbegrenzte Macht voraussetzen das Experiment

zu variieren was in abstracto möglich obgleich nur ein orientalischer Despot

entweder die Macht dazu hat oder eine solche Macht anzuwenden geneigt sein

kann eine noch wesentlichere Bedingung fehlt nämlich die Macht irgend eines

dieser Experimente mit wissenschaftlicher Genauigkeit auszuführen

    Die für die Verfolgung einer direkten experimentellen Erforschung der

Charakterbildung erforderlichen Fälle würden dann bestehen dass man eine Anzahl

menschlicher Wesen von der Kindheit bis zum reifen Alter erzieht Um aber irgend

eines dieser Experimente mit wissenschaftlicher Genauigkeit auszuführen würde

es nötig sein eine jede Sensation und einen jeden Eindruck den das Kind

erhalten hat lange bevor es sprechen konnte zu kennen und ihn sowie auch die

eigenen späteren Begriffe des Kindes in Betreff der Quellen aller dieser

Sensationen aufzuzeichnen Es ist nicht allein unmöglich dies vollständig zu

tun sondern es ist auch unmöglich es nur so weit zu tun als für ein

ziemlich annäherndes Experiment genügt Ein scheinbar unbedeutender Umstand der

unserer Aufmerksamkeit entging könnte eine hinreichende Reihe von Eindrücken

und Ideenassoziationen herbeiführen um das Experiment als eine authentische

Darlegung von aus gegebenen Ursachen fließenden Wirkungen fehlerhaft zu machen

Diese Wahrheit kennt ein jeder der über die Erziehung hinreichend nachgedacht

hat und wer sie nicht kennt wird sie in den Schriften von Rousseau und

Helvetius über diesen Gegenstand in höchst instruktiver Weise erläutert finden

    Bei der Unmöglichkeit die Gesetze der Charakterbildung durch besonders

dafür eingerichtete Experimente zu studieren bleibt nur noch die einfache

Beobachtung Wenn es aber selbst dann unmöglich ist die infulierenden Umstände

mit annähernder Vollständigkeit zu bestimmen, wenn wir die Herrichtung der

Experimente in der Gewalt haben so ist dies um so unmöglicher wenn die Falle

unserer Beobachtung weiter entrückt sind und ganz außer unserer Macht stehen

Man betrachte die Schwierigkeiten schon des ersten Schrittes  zu bestimmen,

welches der wirkliche Charakter des Individuums in einem jeden besonderen Falle

ist den wir prüfen Es gibt kaum einen Menschen über welchen was irgend

einen wesentlichen Teil seines Charakters betrifft die Meinungen seiner

intimsten Bekannten nicht geteilt wären und eine einzelne Handlung oder die

Handlungsweise von einer nur kurzen Zeit können die Bestimmung wenig fördern

Wir können unsere Beobachtungen nur in einer rauen Weise und en masse machen

indem wir in einem gegebenen Falle nicht versuchen vollständig zu erforschen

welcher Charakter gebildet worden ist, und noch weniger durch welche Ursachen

sondern indem wir bloß beobachten unter welchen vorausgängigen Umständen

gewisse hervorragende geistige Eigenschaften oder Mängel am häufigsten

existieren Außerdem dass sie bloß annähernde Generalisationen sind verdienen

diese Schlüsse selbst auch als solche kein Vertrauen wenn die Fälle nicht

zahlreich genug sind um nicht bloß den Zufall sondern auch einen jeden

accidentellen Umstand zu eliminieren in dem sich eins Anzahl der geprüften Fälle

vielleicht einander ähnlich sahen Auch sind die den individuellen Charakter

bildenden Umstände so mannigfaltig und zahlreich dass die Folge einer

besonderen Kombination derselben kaum jemals irgend ein bestimmter und stark

markierter Charakter ist ein Charakter der sich immer da findet wo diese

Kombination existiert und sonst nicht Auch nach der umfassendsten und

genauesten Beobachtung wird bloß ein relatives Resultat erhalten wie zB dass

unter einer gegebenen Anzahl von ohne Unterschied gewählten Franzosen sich mehr

Personen von einer besonderen geistigen Richtung und weniger von der

entgegengesetzten Richtung finden werden als unter einer gleichen Anzahl von in

gleicher Weise gewählten Italienern oder Engländern oder auch von hundert

Franzosen und einer gleichen Anzahl Engländer die unparteiisch gewählt und nach

dem Grade geordnet sind in dem sie eine besondere geistige Eigentümlichkeit

besitzen wird eine jede Anzahl 1 2 3 etc der einen Reihe von dieser

Eigentümlichkeit mehr besitzen als die entsprechende Anzahl der andern Reihe

Da demnach nicht eine Vergleichung von Arten sondern von Verhältnissen und

Graden stattfindet und da im Verhältnis als die Unterschiede gering sind die

Elimination des Zufalls eine größere Anzahl von Fällen erfordert so kann es

niemand oft vorkommen dass er eine hinreichende Anzahl von Fällen mit der für

die letztgenannte Vergleichung erforderlichen Genauigkeit kennt eine geringere

Kenntnis würde aber zu keiner wirklichen Induktion führen Es gibt auch

demnach kaum eine gangbare Meinung in Betreff der Charaktere von Nationen von

Classen oder Arten von Personen welche allgemein als unbestreitbar anerkannt

wäre201

    Und wenn wir zuletzt noch durch das Experiment viel gewissere Generalisation

erhalten könnten als es wirklich möglich ist so würden sie nur bloß empirische

Gesetze sein Sie würden in der Tat zeigen dass zwischen dem gebildeten

Charaktertypus und den in dem Falle existierenden Umständen ein Zusammenhang

besteht sie würden aber weder genau zeigen wie der Zusammenhang war noch

welcher der Eigentümlichkeiten dieser Umstände die Wirkung wirklich

zuzuschreiben ist Sie könnten daher nur als Resultate von Verursachung genommen

werden die der Auflösung in allgemeinere Kausalgesetze bedürfen Vor dieser

Auflösung könnten wir nicht urteilen innerhalb welcher Grenzen die derivativen

Gehetze in noch unbekannten Fallen als Präsumtionen dienen oder auch sogar ob

sie in denjenigen Fällen für beständig gehalten werden können, welche für ihre

Ableitung dienten Das französische Volk hat einen bestimmten nationalen

Charakter oder man nimmt an es habe ihn aber es vertrieb seine königliche

Familie und seine Aristokratie änderte seine Institutionen ging während eines

halben Jahrhunderts durch eine Reihe von außerordentlichen Ereignissen hindurch

und erschien nach Verlauf dieser Zeit in vielen Beziehungen sehr verändert

Zwischen Männern und Frauen wird eine lange Reihe von Verschiedenheiten

beobachtet oder angenommen aber in einer künftigen und wie zu hoffen nicht

sehr entfernten Zeit werden beide gleiche Freiheit und eine gleich unabhängige

soziale Stellung besitzen und die Verschiedenheiten des Charakters werden

entweder verschwinden oder ganz verändert werden

    Wenn aber die Verschiedenheiten welche wir zwischen Franzosen und

Engländern oder zwischen Männern und Frauen zu beobachten glauben mit

allgemeineren Gesetzen in Zusammenhang gebracht werden können; wenn man die

ersteren annehmen kann seien durch Verschiedenheiten der Regierung früherer

Gebräuche durch physische Eigentümlichkeiten der zwei Nationen die anderen die

Verschiedenheiten der Erziehung der Beschäftigungen der persönlichen

Unabhängigkeit der sozialen Privilegien und durch ursprüngliche Unterschiede in

der körperlichen Stärke und der Sensibilität der Nerven zwischen den zwei

Geschlechtern erzeugt so berechtigt uns in der Tat die Coincidenz der zwei

Beweisarten zu glauben dass wir richtig geurteilt und richtig beobachtet

haben Wenn unsere Beobachtung auch nicht zu einem Beweis hinreicht so dient

sie doch reichlich als Bestätigung Nachdem wir nicht allein die empirischen

Gesetze sondern auch die Ursachen der Eigentümlichkeiten bestimmt haben

können wir ohne Bedenken urteilen wie weit man sie für beständig halten darf

und durch welche Umstände sie modifiziert oder zerstört werden würden

    

     4 Da es also unmöglich ist von der Beobachtung und dem Experiment

allein wirklich genaue Sätze in Betreff der Charakterbildung zu erhalten so

werden wir mit Gewalt zu demjenigen Untersuchungsmodus getrieben der wenn auch

nicht der unentbehrliche doch der vollkommenste Modus gewesen wäre und dessen

Ausdehnung einer der Hauptzwecke der Philosophie ist nämlich zu dem

Untersuchungsmodus der seine Experimente nicht an den komplexen Tatsachen

sondern an den einfachen Tatsachen versucht aus denen jene bestehen und der

nach der Bestimmung der Gesetze der Ursachen, deren Zusammensetzung die komplexe

Tatsache hervorruft betrachtet ob diese Gesetze die annähernden

Generalisationen welche bezüglich der Sequenzen dieser komplexen Erscheinungen

empirisch aufgestellt wurden nicht erklären Kurz die Gesetze der

Charakterbildung sind derivative aus den allgemeinen Gesetzen des Geistes

hervorgehende Gesetze und können durch Deduktion aus diesen allgemeinen

Gesetzen erhalten werden indem man eine gegebene Reihe von Umständen

voraussetzt und dann sieht was den Gesetzen des Geistes zufolge der Einfluss

dieser Umstände auf die Charakterbildung sein wird

    Auf diese Weise wird eine Wissenschaft gebildet für welche ich den Namen

Ethologievorschlage von êthos ein Wort das dem Worte »Charakter« wie ich es

hier gebrauche besser entspricht als ein jedes andere Wort Etymologisch ist

der Name vielleicht auf die ganze Wissenschaft unserer geistigen und moralischen

Natur anwendbar wenn wir aber wie es üblich und passend ist den Namen

Psychologie für die Wissenschaft von den elementaren Gesetzen des Geistes

gebrauchen so wird Ethologie als der Name der Wissenschaft dienen welche die

Charakterart ermittelt welche in Übereinstimmung mit diesen allgemeinen

Gesetzen durch irgend eine Reihe von physischen und moralischen Umständen

erzeugt wird Nach dieser Definition ist die Ethologie die Wissenschaft, welche

der Erziehungskunst entspricht sie schließt in dem weitesten Sinne des Wortes

sowohl die Bildung des nationalen oder kollektiven als auch die des

individuellen Charakters ein Man würde in der Tat vergebens erwarten wie

vollständig die Gesetze der Charakterbildung auch bestimmt sein mögen dass wir

die Umstände eines gegebenen Falles so genau kennen lernen könnten um den in

diesem Falle erzeugten Charakter bestimmt vorauszusagen Wir müssen uns aber

erinnern dass auch ein weit unter dem Vermögen der Voraussagung stehendes

Wissen oft von großem praktischen Werth ist Es kann eine große Macht die

Erscheinungen zu beeinflussen neben einer sehr unvollkommenen Kenntnis der

Ursachen, durch welche dieselben in einem gegebenen Falle bestimmt werden,

bestehen Es ist genug wenn wir wiesen dass gewisse Mittel ein Bestreben

haben eine gegebene Wirkung zu erzeugen und dass andere Mittel ein Bestreben

haben sie zu vereiteln Wenn wir die Umstände eines Individuums oder einer

Nation in einem hohen Grade in der Gewalt haben so können wir vermittelst

unserer Kenntnis ihrer Bestreben im Stande sein diese Umstände für den

gewünschten Zweck viel günstiger herzustellen als sie an und für sich sein

würden Dies ist die Grenze unserer Macht aber innerhalb dieser Grenze ist die

Macht eine sehr wichtige

    Die Ethologie kann die Exacte Wissenschaft der menschlichen Natur genannt

werden, denn ihre Wahrheiten sind nicht ähnlich den empirischen Gesetzen

welche von ihnen abhängen annähernde Generalisationen sondern wirkliche

Gesetze Es ist aber wie bei allen komplexen Erscheinungen für die Genauigkeit

der Sätze nötig dass sie nur hypothetisch seien und nur Bestreben nicht aber

Tatsachen behaupten Sie dürfen nicht behaupten dass Etwas immer oder gewiss

eintreffen wird sondern nur dass die Wirkung einer gegebenen Ursache soweit

sie ungehindert wirkt so und so sein wird Es ist ein wissenschaftlicher Satz

dass körperliche Stärke die Menschen mutig zu machen strebt nicht dass sie es

immer tue dass ein Interesse auf der einen Seite einer Frage das Urteil

parteiisch zu machen strebt nicht dass es dies beständig tue dass die

Erfahrung klug macht nicht dass dies immer die Wirkung derselben sei Da diese

Propositionen nur Bestreben behaupten so sind sie darum dass die Bestreben

vereitelt werden können, nicht weniger allgemein wahr

    

     5 Während die Psychologie gänzlich oder hauptsächlich eine Wissenschaft

der Beobachtung und des Experiments istist die Ethologie wie ich sie

verstehe gänzlich deduktiv Die eine bestimmt die einfachen Gesetze des Geistes

im allgemeinen die andere weist deren Wirkung in verwickelten Kombinationen von

Umständen nach Die Ethologie steht zu der Psychologie in einem ähnlichen

Verhältnis wie die verschiedenen Zweige der Physik zur Mechanik Die

Prinzipien der Ethologie sind eigentlich die mittleren Prinzipien die axiomata

media wie Bacon gesagt hätte der Geisteswissenschaft auf der einen Seite

unterscheiden sie sich von den aus einfacher Beobachtung hervorgehenden

empirischen Gesetzen auf der anderen Seite von den höchsten Generalisationen

    Es scheint hier die geeignete Stelle für eine logische Bemerkung zu sein

welche obgleich von allgemeiner Anwendbarkeit für den vorliegenden Gegenstand

von besonderer Wichtigkeit ist Bacon hat scharfsinnig bemerkt dass die

axiomata media hauptsächlich den Werth einer jeden Wissenschaft ausmachen Ehe

die niedrigsten Generalisationen in die mittleren Prinzipien deren Folgen sie

sind aufgelöst und durch sie erklärt sind haben sie nur die unvollkommene

Genauigkeit empirischer Gesetze während die allgemeinen Gesetze zu allgemein

sind und zu wenig Umstände einbegreifen um eine hinreichende Indikation in

Betreff dessen zu geben was in individuellen Fällen wo die Umstände fast immer

ungeheuer zahlreich sind geschieht Es ist unmöglich in Betreff der

Wichtigkeit welche Bacon den mittleren Prinzipien einer jeden Wissenschaft

beilegt nicht mit ihm einverstanden zu sein Ich glaube aber dass er in

Beziehung auf den Modus nach welchem diese axiomata media zu erlangen sind

gänzlich im Irrtum war obgleich in seinen Werken sich kaum eine Proposition

finden dürfte für die er ein gleich verschwenderisches Lob eingeerntet hätte

Er gibt als eine allgemeine Regel dass die Induktion von den untersten zu den

mittleren und von diesen zu den höchsten Prinzipien aufsteigen sollte und dass

man diese Ordnung niemals umkehren sollte so dass folglich für die Entdeckung

neuer Prinzipien durch Deduktion kein Raum ist Man kann sich nicht denken dass

ein so scharfsinniger Geist in einen solchen Irrtum hätte fallen können wenn

zu seiner Zeit unter den Wissenschaften welche von sukzessiven Erscheinungen

handeln ein einziges Beispiel von einer deduktiven Wissenschaft gewesen wäre

wie die Mechanik die Astronomie die Optik Akustik etc jetzt sind Offenbar

sind in diesen Wissenschaften die höheren und mittleren Prinzipien nicht von den

untersten abgeleitet sondern umgekehrt In einigen von diesen Wissenschaften

sind gerade die höchsten Generalisationen diejenigenwelche am frühesten mit

wissenschaftlicher Genauigkeit bestimmt wurden wie zB in der Mechanik das

Gesetz der Bewegung. Diese allgemeinen Gesetze hatten in der Tat zuerst nicht

die anerkannte Allgemeinheit welche sie erlangten nachdem sie erfolgreich

angewendet worden waren um viele Classen von Phänomenen zu erklären auf die

man sie anfänglich nicht für anwendbar hielt zB als die Gesetze der Bewegung

in Verbindung mit anderen Gesetzen gebraucht wurden um die himmlischen

Erscheinungen deduktiv zu erklären Immerhin bleibt aber die Tatsache, dass die

Sätze welche später als die allgemeinsten Wahrheiten der Wissenschaft anerkannt

wurden von allen genauen Generalisationen derselben diejenigen waren welche

man am frühesten gewonnen hatte Bacons größtes Verdienst kann daher nicht,

wie man uns so oft gesagt hat darin bestehen die von den Alten befolgte

fehlerhafte Methode  zuerst zu den höchsten Generalisationen aufzusteigen und

dann die mittleren Prinzipien von ihnen abzuleiten  verworfen zu haben denn

dies ist weder eine fehlerhafte noch eine verworfene sondern die allgemein

anerkannte Methode der modernen Wissenschaft die Methode, welcher dieselbe ihre

größten Triumphe verdankt Der Irrtum der Alten lag nicht darin dass sie die

weitesten Generalisationen zuerst ausführten sondern darin dass sie dieselben

ohne die Hülfe und Garantie einer strengen induktiven Methode ausführten und sie

ohne den nötigen Gebrauch jenes wichtigen Theiles der deduktiven Methodeder

Verifikation genannt wird deduktiv anwandten

    Die Ordnung in welcher Wahrheiten von verschiedenem Grade von Allgemeinheit

zu ermitteln sind kann meiner Ansicht nach nicht durch eine starre Regel

vorgeschrieben werden Ich wüsste in Betreff dieses Gegenstandes keinen andern

Grundsatz aufzustellen als dass man diejenigen Wahrheiten zuerst zu erhalten

suche in deren Beziehung die Bedingungen einer wirklichen Induktion zuerst und

am vollständigsten zu erfüllen sind Wo nun aber unsere Mittel der Untersuchung

Ursachen erreichen können ohne sich bei den empirischen Gesetzen der Wirkungen

aufzuhalten da werden sich die einfachsten Fälle diejenigen an denen die

geringste Anzahl von Ursachen gleichzeitig beteiligt ist dem induktiven

Prozess am leichtesten fügen und dies sind die Fälle, aus denen sich die

umfassendsten Gesetze ergeben Bei einer jeden Wissenschaft welche das Stadium

erreicht hat wo sie zu einer Wissenschaft von Ursachen wird wird es daher

gebräuchlich und auch wünschenswert sein dass man sucht zuerst zu den

höchsten Generalisationen zu gelangen um die spezielleren sodann aus diesen

abzuleiten Für den von späteren Schriftstellern so sehr gepriesenen Baconischen

Grundsatz kann ich keine andere Begründung erblicken als diese ehe wir

versuchen eine neue Klasse von Erscheinungen deduktiv durch allgemeinere

Gesetze zu erklären ist es wünschenswert dass wir die empirischen Gesetze

dieser Phänomene soweit als tunlich ermittelt haben so dass wir die Resultate

der Deduktion nicht nacheinander mit einem jeden individuellen Fall sondern mit

allgemeinen Sätzen vergleichen welche die zwischen vielen Fällen gefundenen

Punkte der Übereinstimmung ausdrücken Wenn Newton gezwungen gewesen wäre

seine Gravitationstheorie in der Weise zu verifizieren dass er anstatt Keplers

Gesetze daraus abzuleiten alle beobachteten Stellungen der Planeten daraus

ableitete die Keppler für die Aufstellung seiner Gesetze dienten so wäre

Newtons Theorie wahrscheinlich niemals aus dem Zustande einer Hypothese

herausgekommen202

    Die Anwendbarkeit dieser Bemerkungen auf den vorliegenden speziellen Fall

steht außer aller Frage Die Wissenschaft von der Charakterbildung ist eine

Wissenschaft von UrsachenDer Gegenstand ist der Art dass diejenigen Regeln

der Induktion durch welche Kausalgesetze bestimmt werden, darauf streng

anwendbar sind Es ist daher natürlich und ratsam die einfachsten

Kausalgesetze welche notwendig auch die allgemeinsten sind zuerst zu

bestimmen und die mittleren Prinzipien aus ihnen abzuleiten Mit anderen Worten,

die deduktive Wissenschaft die Ethologie ist ein System von Folgesätzen der

experimentellen Wissenschaft der Psychologie

    

     6 Von diesen zwei Wissenschaften ist nur die ältere bis jetzt wirklich

als eine Wissenschaft aufgefasst und studiert worden die andere die Ethologie

ist noch zu schaffen ihre Erschaffung ist aber endlich ausführbar geworden Die

für die Verifikation ihrer Deduktionen bestimmten empirischen Gesetze sind durch

eine Reihe von Jahrhunderten von den Menschen aufgestellt worden und die

Prämissen für die Deduktionen sind nun hinlänglich vervollständigt Wenn wir die

Ungewissheit ausnehmen welche in Betreff der Größe der natürlichen

Verschiedenheiten in dem Geiste der Individuen und in Betreff der physischen

Umstände von denen dieselben abhängen mögen existiert Betrachtungen welche

von untergeordneter Wichtigkeit sind wenn wir die Menschen im Durchschnitt oder

en masse betrachten so glaube ich werden die kompetentesten Richter darin

übereinstimmen dass die allgemeinen Gesetze der konstituierenden Elemente der

Menschennatur gegenwärtig genügend verstanden werden um es einem kompetenten

Denker möglich zu machen aus diesen Gesetzen die besonderen Charaktertypen

abzuleiten welche durch irgend eine angenommene Reihe von Umständen aus den

Menschen gebildet werden würden Eine auf die Gesetze der Psychologie gegründete

wissenschaftliche Ethologie ist daher möglich obgleich noch wenig dafür

geschehen und dieses wenige nicht einmal systematisch geschehen ist Der

Fortschritt dieser wichtigen aber höchst unvollkommenen Wissenschaft wird von

einem doppelten Verfahren abhängen erstens von einer theoretischen Deduktion

der ethologischen Konsequenzen besonderer Umstände der Lage und deren

Vergleichung mit den anerkannten Resultaten der gewöhnlichen Erfahrung und

zweitens von der umgekehrten Operation von vermehrtem Studium der

verschiedenen in der Welt zu findenden Typen der menschlichen Natur durch

Personen die nicht allein im Stande sind die Umstände in denen die

verschiedenen Typen vorherrschen zu analysieren und aufzuzeichnen sondern die

auch mit den psychologischen Gesetzen hinreichend bekannt sind um das

Charakteristische des Typus durch die Eigentümlichkeiten der Umstände erklären

zu können indem das Residuum allein wenn sich ein solches herausstellt auf

Rechnung von angeborenen Prädispositionen gesetzt wird

    Für den experimentellen oder a posteriori Teil dieses Prozesses häuft sich

durch die Beobachtung der Menschen das Material fortwährend an So weit als das

Denken in Betracht kommt ist es die große Aufgabe der Ethologie die

erforderlichen mittleren Prinzipien aus den allgemeinen Gesetzen der Psychologie

abzuleiten Der Ursprung und die Quellen aller jener Eigenschaften menschlicher

Wesen die für uns ein Interesse besitzen als Tatsachen die entweder zu

erzeugen zu vermeiden oder bloß zu verstehen sind bilden den zu studierenden

Gegenstand aus den allgemeinen Gesetzen des Geistes und der allgemeinen

Stellung unserer Spezies in der Welt zu bestimmen, welche wirklichen oder

möglichen Kombinationen von Umständen die Erzeugung dieser Eigenschaften

befördern oder verhindern können ist der Zweck dieses Studiums Eine

Wissenschaft welche derartige mittlere Prinzipien besitzt und zwar geordnet

nach der Ordnung nicht ihrer Ursachen sondern der Wirkungen, die zu erzeugen

oder zu verhindern wünschenswert istist gehörig vorbereitet um das Fundament

der entsprechenden Kunst zu bilden Und wenn die Ethologie in dieser Weise

ausgerüstet sein wird so wird die praktische Erziehung die bloße Übertragung

dieser Prinzipien in ein paralleles System von Vorschriften und die Anpassung

der letzteren an die Totalsumme der einzelnen Umstände sein welche in einem

jeden besonderen Falle vorhanden sind.

    Es ist kaum nötig noch einmal zu wiederholen dass wie in einer jeder

anderen deduktiven Wissenschaft die Verifikation a posteriori mit der Deduktion

a priori gleichen Schritt halten muss Die theoretische Folgerung in Betreff des

Charaktertypus welcher durch irgend gegebene Umstände gebildet werden würde

muss durch spezifische Erfahrung dieser Umstände so oft sie zu erlangen ist

geprüft werden und die Schlüsse der Wissenschaft müssen als ein Ganzes

fortwährend einer Verifikation und Korrektion durch die allgemeinen

Beobachtungen welche die gewöhnliche Erfahrung in Betreff der menschlichen

Natur in unserer eigenen Zeit und die Geschichte in Beziehung auf vergangene

Zeiten darbietet unterworfen werden Man kann sich auf die Schlüsse der Theorie

nicht verlassen wenn sie nicht durch Beobachtung bestätigt sind und eben so

wenig auf die der Beobachtung, wenn sie nicht dadurch mit der Theorie affiliiert

werden können, dass man sie von den Gesetzen der menschlichen Natur und einer

genauen Analyse der Umstände der besonderen Lage ableitet Es ist die

Übereinstimmung dieser beiden Beweisarten einzeln genommen  die

Übereinstimmung des aprioristischen Schließens und der spezifischen Erfahrung

 welche die einzige genügende Grundlage für die Prinzipien einer Wissenschaft

bildet welche es mit so verwickelten und konkreten Erscheinungen zu tun hat

wie die Ethologie

 
 






     1 Nach der Wissenschaft von dem individuellen Menschen kommt die

Wissenschaft von dem Menschen in der Gesellschaft von den Handlungen ganzer

Massen von Menschen und von den verschiedenen Erscheinungen welche das soziale

Leben ausmachen

    Wenn schon die Bildung des individuellen Charakters ein verwickelter

Gegenstand des Studiums ist so muss dieser Gegenstand wenigstens dem Anschein

nach noch verwickelter sein weil die Anzahl der zusammenwirkenden Ursachen

die alle mehr oder weniger die Totalwirkung beeinflussen im Verhältnis grösser

ist als eine Nation oder das Menschengeschlecht überhaupt der Einwirkung von

psychologischen und physischen Agentien eine größere Oberfläche darbietet als

ein einzelnes Individuum Wenn es nötig war einem bestehenden Vorurteil

gegenüber zu beweisen dass der einfachere dieser zwei Gegenstände fähig ist

ein Gegenstand der Wissenschaft zu werden so wird das Vorurteil gegen die

Möglichkeit dem Studium der Politik und der gesellschaftlichen Phänomene einen

wissenschaftlichen Charakter zu geben wahrscheinlich noch stärker sein Auch

existiert die Idee einer politischen oder sozialen Wissenschaft so zu sagen

erst seit gestern und zwar nur hie und da in dem Geiste eines vereinzelten für

die Verwirklichung dieser Idee gewöhnlich sehr schlecht vorbereiteten Denkers

obgleich dieser Gegenstand die allgemeine Aufmerksamkeit vor allen anderen

erregt hat und fast von dem Beginn der Geschichte an ein Thema für interessante

und ernste Erörterungen gewesen ist

    Der Zustand der Politik als eines Zweiges des Wissens, hat kaum in der

jüngsten Zeit erst aufgehört das zu sein was Bacon den natürlichen Zustand der

Wissenschaften nennt so lange deren Pflege den Praktikern überlassen bleibt so

lange sie nicht als ein Zweig des theoretischen Forschens sondern nur mit

Rücksicht auf die Bedürfnisse des täglichen Gebrauchs betrieben werden und die

fructifera experimenta fast mit Ausschluss der lucifera erstrebt werden Der Art

war die medizinische Forschung ehe die Physiologie und die Naturgeschichte als

Zweige des allgemeinen Wissens bearbeitet wurden Welche Diät gesund ist oder

welche Medizin eine gegebene Krankheit heilen wird waren die einzigen

untersuchten Fragen keine systematische Untersuchung der Gesetze der Ernährung

der gesunden oder krankhaften Tätigkeiten der verschiedenen Organe von denen

die Gesetze der Wirkung einer jeden Diät oder Medizin offenbar abhängen müssen

ging ihnen voraus In der Politik waren die Fragen welche die allgemeine

Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen ganz ähnlicher Art Ist die und die

Verfügung oder die und die Regierungsform im allgemeinen oder für ein

besonderes Gemeinwesen wohltätig oder umgekehrt Dabei keine Untersuchung der

allgemeinen Zustände der Bedingungen, wodurch die Wirksamkeit legislativer

Maßregeln oder die durch Regierungsformen erzeugten Wirkungen bestimmt

werden. Man suchte die Pathologie und Therapie der Gesellschaft zu studieren ehe

man in der Physiologie derselben die nötige Grundlage gewonnen hatte man

wollte Krankheiten heilen ohne die Gesetze der Gesundheit zu verstehen Das

Resultat war wie es sein muss wenn sonst tüchtige Menschen sich mit den

verwickelten Fragen einer Wissenschaft befassen bevor die einfacheren und

elementaren Sätze gewonnen sind

    Es ist nicht zu verwundern dass die Philosophie der Gesellschaft so wenig

vorgeschritten ist wenn die gesellschaftlichen Phänomene so selten unter dem

Gesichtspunkt betrachtet wurden der die Wissenschaft charakterisiert dass sie

wenig allgemeine Sätze enthält die so präzis und gewiss sind dass gewöhnliche

Forscher einen wissenschaftlichen Charakter an ihnen erkennen dürften Es ist

daher auch die allgemeine Ansicht dass ein jeder Versuch allgemeine Wahrheiten

über Politik und die Gesellschaft aufzustellen Marktschreierei sei dass in

diesen Dingen keine Allgemeinheit und keine Gewissheit zu erlangen sei Was

diese gewöhnliche Vorstellung zum Teil entschuldigt ist dass sie in einem

gewissen Sinne nicht ohne Grund ist Viele von denen welche sich für politische

Philosophen hielten haben versucht nicht allgemeine Sequenzen zu ermitteln

sondern allgemeine Vorschriften zu geben Sie dachten irgend eine

Regierungsform oder ein System von Gesetzen aus das für alle Fälle passen

sollte eine Prätension die den Hohn womit sie von den Praktikern behandelt

wurde wohl verdient hat und die durch die Analogie mit der Kunst womit der

Natur des Gegenstandes nach die Kunst der Politik am nächsten verbunden sein

muss durchaus nicht gestützt wird Niemand nimmt jetzt an dass ein Mittel alle

Krankheiten oder auch nur dieselbe Krankheit bei allen Konstitutionen und

Gewohnheiten des Körpers heilen kann

    Es ist auch für die vollkommene Wissenschaft nicht notwendig dass die

entsprechende Kunst universale oder auch nur allgemeine Regeln besitze Die

gesellschaftlichen Phänomene könnten nicht allein vollständig von bekannten

Ursachen abhängig sein sondern die Wirkungsweise aller dieser Ursachen könnte

auch auf Gesetze von größter Einfachheit zurückführbar sein und doch dürften

vielleicht nicht zwei Fälle in genau derselben Weise behandelt werden Die

Mannigfaltigkeit der Umstände von denen das Resultat in den verschiedenen

Fällen abhängig ist, könnte so groß sein dass die Kunst keine einzige

allgemeine Vorschrift zu geben hätte als die Umstände des besonderen Falles zu

überwachen und unsere Maßregeln den Wirkungen anzupassen die den Prinzipien

der Wissenschaft nach aus diesen Umständen hervorgehen müssen Aber obgleich es

bei einer so verwickelten Klasse von Gegenständen unmöglich ist praktische

Grundsätze von universaler Anwendbarkeit aufzustellen so folgt daraus doch

nicht dass sich die Phänomene nicht nach universalen Gesetzen richten

    

     2 Alle gesellschaftlichen Erscheinungen sind Phänomene der menschlichen

Natur erzeugt durch die Wirkung äußerer Umstände auf Massen von menschlichen

Wesen Wenn daher die Erscheinungen des menschlichen Denkens Fühlens und

Handelns festen Gesetzen unterworfen sind so müssen sich die gesellschaftlichen

Erscheinungen nach festen Gesetzen den Folgen der vorhergehenden Gesetze

richten Es ist in der Tat keine Hoffnung dass diese Gesetze wenn auch unsere

Kenntnis von ihnen so gewiss und vollständig wäre wie unsere Kenntnis der

Gesetze der Astronomie uns in den Stand setzen würden die Geschichte der

Gesellschaft so voraus zu sagen wie man die himmlischen Erscheinungen für

Tausende von Jahren voraussagen kann Aber der Unterschied der Gewissheit liegt

nicht in den Gesetzen seihst sondern in den Daten auf welche diese Gesetze

angewendet werden In der Astronomie gibt es nur wenige das Resultat

infulierende Ursachen sie ändern sich wenig und nach bekannten Gesetzen wir

können ermitteln was sie jetzt sind und dann bestimmen was sie in einer jeden

künftigen Zeit sein werden In der Astronomie sind daher die Data ebenso gewiss

als die Gesetze selbst Die Umstände dagegen welche den Zustand und den

Fortschritt der Gesellschaft beeinflussen sind unzählig und ändern sich

fortwährend und wenn sie sich auch alle nach Ursachen und folglich nach

Gesetzen verändern so ist doch die Menge dieser Ursachen so groß dass sie

unserem beschränkten Kalkül Trotz bietet nicht zu erwähnen dass die

Unmöglichkeit genaue Zahlen auf derartige Tatsachen anzuwenden der

Möglichkeit, sie vorauszuberechnen ein unübersteigliches Hindernis

entgegensetzen würde wenn auch die Kräfte der menschlichen Intelligenz der

Aufgabe im übrigen gewachsen wären

    Aber wie oben bemerkt ein für die Voraussagung unzulängliches Wissen kann

als ein Wegweiser sehr schätzbar sein Die Gesellschaftswissenschaft würde eine

hohe Vollkommenheit erreicht haben wenn sie uns in den Stand setzte bei einem

gegebenen Zustand von sozialen Angelegenheiten zB bei dem jetzigen Zustand

Europas oder irgend eines europäischen Landes zu verstehen durch welche

Ursachen es in einem jeden einzelnen Punkte zu dem gemacht worden ist, was es

ist ob es nach Veränderungen strebt und nach welchen welche Wirkungen ein

jeder Zug seines bestellenden Zustandes wahrscheinlich in der Zukunft erzeugen

wird und durch welche Mittel irgend eine dieser Wirkungen verhindert modifiziert

oder beschleunigt oder auch durch welche Mittel eine andere Klasse von

Wirkungen herbeigeführt werden könnte Es liegt nichts Chimärisches in der

Hoffnung dass allgemeine Gesetze ermittelt werden können, die uns in den Stand

setzen diese verschiedenen Fragen für ein Land oder eine Zeit zu beantworten

mit deren individuellen Umständen wir wohl bekannt sind und dass die anderen

Zweige des menschlichen Wissens welche ein solches Unternehmen voraussetzt so

weit vorgeschritten sind dass die Zeit reif ist um damit beginnen zu können

Dies ist der Zweck der sozialen Wissenschaft

    Um die Natur von dem was ich für die wahre Methode der Wissenschaft halte

dadurch fasslicher zu machen dass ich zuerst zeige was diese Methode nicht

ist wird es zweckmäßig sein in Kürze zwei radikale Missverständnisse des

eigentlichen Modus des Philosophierens über Gesellschaft und Staat zu

charakterisieren von denen das eine und das andere bewusst oder öfter noch

unbewusst von fast Allen gehegt worden istwelche über die Logik der Politik

nachgedacht und argumentiert haben seit die Idee, sie nach strengen Regeln und

Baconischen Prinzipien zu behandeln unter den mehr vorgeschrittenen Denkern in

Gang kam Diese irrigen Methoden wenn das Wort Methode auf irrige Bestrebungen

angewendet werden kann, die aus der Abwesenheit einer jeden hinlänglich klaren

Vorstellung von einer Methode hervorgehen kann man die Experimentelle oder

Chemische Untersuchungsweise im Gegensatz zu der Abstrakten oder Geometrischen

Untersuchungsweise nennen Wir beginnen mit der ersten

 
 



 

     1 Die Gesetze der Phänomene der Gesellschaft sind und können nur die

Gesetze der Handlungen und der Leidenschaften menschlicher Wesen sein die zu

einem sozialen Zustande vereinigt sind Menschen in einem gesellschaftlichen

Zustande sind indessen immer noch Menschen ihre Handlungen und Leidenschaften

gehorchen den Gesetzen der individuellen Menschennatur Die Menschen werden

durch Vereinigung nicht zu einer anderen Art von Substanz mit verschiedenen

Eigenschaften wie Wasserstoff und Sauerstoff vom Wasser verschieden sind oder

wie Wasserstoff Sauerstoff Stickstoff und Kohlenstoff sich von Nerven Muskeln

und Sehnen unterscheiden Menschliche Wesen haben in der Gesellschaft keine

anderen Eigenschaften als sich von den Gesetzen des individuellen Menschen

ableiten und sich in dieselben auflösen lassen Bei den sozialen Erscheinungen

ist die Zusammensetzung der Ursachen das universale Gesetz

    Die Methode des Philosophierens welche man die chemische nennen kann

übersieht nun diese Tatsache und verfährt so als ob die individuelle

Menschennatur gar nicht oder nur in geringem Grade bei den Operationen

vergesellschafteter menschlicher Wesen beteiligt wäre Einem jeden auf die

Prinzipien der menschlichen Natur gegründeten Schließen in der Politik oder den

sozialen Angelegenheiten wird von derartigen Denkern der Vorwurf »abstrakter

Theorien« gemacht Als Richtschnur für ihre Meinungen und ihre Praxis versichern

sie in allen Fällen ohne Ausnahme nur die spezifische Erfahrung zu nehmen

    Diese Denkweise findet sich nicht nur allgemein bei den Praktikern in der

Politik und bei jener zahlreichen Klasse welche vorgibt in Betreff eines

Gegenstandes, über den sich auch der Unwissendste zu urteilen für kompetent

hält sich lieber nach dem gemeinen Menschenverstand als nach der Wissenschaft

zu richten sondern sie wird auch häufig von Personen verteidigt welche höhere

Ansprüche auf Bildung machen Es glauben nämlich Personen welche mit Büchern

und den gangbaren Ideen hinlänglich bekannt sind um gehört zu haben dass Bacon

die Menschen gelehrt hat der Erfahrung zu folgen und ihre Schlüsse auf

Tatsachen anstatt auf metaphysische Dogmen zu gründen dass wenn sie politische

Tatsachen nach einer ebenso direkten experimentellen Methode behandeln wie

chemische Tatsachen sie sich als wahre Baconianer erweisen und von ihren

Gegnern beweisen dass dieselben bloße Syllogistiker und Scholastiker sind Da

indessen die Vorstellung von der Anwendbarkeit der experimentellen Methode auf

die politische Philosophie mit keiner richtigen Vorstellung von dieser Methode

selbst bestehen kann so ist die Art von Schlüssen aus der Erfahrungwelche die

chemische Theorie als ihre Frucht ans Licht bringt und welche besonders in

diesem Lande das Wesen der parlamentarischen Beredsamkeit und der Beredsamkeit

des Wahlgerüstes bildet so beschaffen dass sie zu keiner Zeit seit Bacon in

der Chemie selbst oder in einem anderen Zweige der experimentellen Wissenschaft

als gültig zugelassen worden wäre Diese Schlüsse sind von einer Natur wie die

folgenden das Verbot fremder Waren muss zu nationalem Reichtum führen weil

England bei diesem Verbote gedieh oder weil im allgemeinen die Länder die es

angenommen hatten geblüht haben unsere Gesetze unsere innere Verwaltung oder

unsere Konstitution sind eines ähnlichen Grundes wegen vortrefflich und so die

ewigen auf historische Beispiele auf Athen oder Rom auf die Feuer von

Smithfield oder die französische Revolution gegründeten Argumente

    Ich will keine Zeit vergeuden um gegen Schlussweisen zu streiten zu denen

sich Niemand der die geringste Übung in der Beurteilung des Beweises hat

möglicherweise verleiten lassen könnte gegen Schlussweisen welche Schlüsse von

allgemeiner Anwendbarkeit aus einem einzigen analysierten Fall ziehen oder die

willkürlich und ohne ein Eliminationsverfahren oder eine Vergleichung von Fällen

eine Wirkung auf irgend eines von ihren Antecendentien beziehen Es ist eine

Regel sowohl der Gerechtigkeit als auch des gesunden Menschenverstandes nicht

gegen die absurdeste sondern gegen die vernünftigste Form einer solchen Ansicht

zu streiten Wir wollen annehmen unser Forscher sei mit den wahren Bedingungen

der experimentellen Forschung bekannt und sei so weit es erlangte Fähigkeiten

betrifft kompetent dieselben so weit zu realisieren als sie zu realisieren

sind Er soll so viel von den historischen Tatsachen wissen als bloße

Gelehrsamkeit lehren kann  so viel als durch Zeugnis bewiesen werden kann;

und wenn diese bloßen Tatsachen gehörig verglichen die Bedingungen einer

wirklichen Induktion erfüllen können so soll er für die Aufgabe qualifiziert

sein

    Dass ein solcher Versuch nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben kann

wurde in dem zehnten Kapitel des dritten Buches hinreichend gezeigt Wir prüften

daselbst ob Wirkungen welche von einer Komplikation von Ursachen abhängen

durch Beobachtung und Experiment zum Gegenstand einer wahren Induktion gemacht

werden können, und schlossen auf die überzeugendsten Gründe hin dass dies nicht

sein kann Da von allen Wirkungen keine von einer so großen Komplikation von

Ursachen abhängig ist, wie die gesellschaftlichen Phänomene so könnten wir mit

aller Ruhe den Fall jener Auseinandersetzung überlassen Aber ein logisches

Prinzip das der gewöhnlichen Art von Denkern noch so wenig geläufig ist muss

um den gehörigen Eindruck zu machen mehr als einmal besprochen werden und da

es durch den vorliegenden Fall am allerbesten erläutert wird so wird es

vorteilhaft sein die Gründe der allgemeinen Maxime in ihrer Anwendung auf die

Spezialitäten der in Frage stehenden Klasse von Untersuchungen nochmals

anzugeben

    

     2 Die erste Schwierigkeit der wir bei dem Versuch die experimentelle

Methode auf die Ermittlung der Gesetze der sozialen Erscheinungen anzuwenden

begegnen besteht darin, dass wir ohne Mittel sind künstliche Experimente zu

machen Wenn wir aber auch mit aller Muße Experimente erdenken und sie

unbeschränkt ausführen könnten so würden wir doch dabei sehr im Nachtheile

stehen sowohl der Unmöglichkeit wegen alle Tatsachen eines jeden Falles zu

beachten als auch weil da diese Tatsachen in einem fortwährenden Zustande von

Veränderung sind irgend ein wesentlicher Umstand nicht mehr derselbe sein

würde wenn die für die Bestimmung des Resultates erforderliche Zeit schon

verflossen ist Aber es ist unnötig die logischen Einwürfe gegen die

Beweiskraft unserer Experimente zu betrachten da wir offenbar niemals die Macht

besitzen können dieselben anzustellen Wir können nur die Experimente abpassen

welche die Natur oder irgend eine andere Ursache erzeugt Wir können unsere

logischen Mittel nicht unseren Bedürfnissen dadurch anpassen dass wir die

Umstände so verändern wie es für die Elimination erforderlich ist Wenn die

spontanen Fälle welche durch gleichzeitige Begebenheiten und durch die

Sukzessionen der in der Geschichte verzeichneten Phänomene gebildet werden, eine

hinreichende Veränderung von Umständen darbieten so wird eine Induktion aus

spezifischer Erfahrung zu erlangen sein anders nicht Die zu lösende Frage ist

daher, ob die Erfordernisse für eine Induktion in Betreff der Ursachen

politischer Wirkungen oder der Eigenschaften politischer Agentien in der

Geschichte zu finden sind unter dem Worte Geschichte die Zeitgeschichte mit

inbegriffen Um unseren Begriffen Stetigkeit zu geben wird es ratsam sein

vorauszusetzen es sei diese Frage in Beziehung auf einen speziellen Gegenstand

der politischen Untersuchung oder Kontroverse gestellt etwa in Beziehung auf

einen in dem gegenwärtigen Jahrhundert häufigen Gegenstand der Debatte in

Beziehung auf die Wirkung restriktiver und prohibitiver Handelsgesetze auf den

Nationalreichtum Es sei dies also eine durch spezifische Erfahrung zu

untersuchende wissenschaftliche Frage

    

     3 Um die vollkommenste der Methoden der experimentellen Forschung um

die Differenzmethode auf den Fall anwenden zu können bedürfen wir zweier Fälle

die mit Ausnahme des den Gegenstand der Untersuchung bildenden Umstandes in

allen anderen Umständen übereinstimmen Wenn wir zwei Nationen finden können

welche sich in allen natürlichen Vorteilen und Nachtheilen gleichen deren

Glieder sich in jeder physischen und moralischen spontanen und erlangten

Eigenschaft ähnlich sind deren Gewohnheiten Gebräuche Meinungen Gesetze und

Institutionen in allen Beziehungen dieselben sind nur dass die eine einen

stärkeren Schutztarif hat oder in anderen Beziehungen der Freiheit der Industrie

mehr Eintrag tut wenn wir finden dass die eine dieser Nationen reich und die

andere arm ist oder dass die eine reicher ist als die andere so wird dies ein

experimentum crucis sein ein wirklicher Beweis durch die Erfahrung, dass das

eine dieser Systeme dem Nationalreichtum günstiger ist Aber die Voraussetzung

es seien wirklich zwei derartige Fälle zu finden ist offenbar absurd Eine

solche Übereinstimmung ist nicht einmal in abstracto möglich Zwei Nationen

welche mit Ausnahme ihrer Handelspolitik in Allem übereinstimmen würden auch in

dieser übereinstimmen Unterschiede in der Gesetzgebung sind nicht inhärente und

letzte Verschiedenheiten sie sind nicht Eigenschaften der Arten, sondern

Wirkungen präexistierender Ursachen Wenn sich zwei Nationen in diesem Theile

ihrer Institutionen unterscheiden so ist dies einer Verschiedenheit ihrer Lage

und daher ihrer augenscheinlichen Interessen oder des einen oder des andern

Theiles ihrer Ansichten Gewohnheiten und Bestreben wegen was eine Aussicht auf

weitere Verschiedenheiten ohne angebbare Grenze eröffnet auf Verschiedenheiten

die sowohl auf das Gedeihen ihrer Industrie als auch auf jeden anderen Zug

ihrer Lage in mehr Weisen wirken dürften als aufgezählt oder erdacht werden

können. Es ist daher die nachweisbare Unmöglichkeit vorhanden in den

Untersuchungen der sozialen Wissenschaft die erforderlichen Bedingungen für die

beweiskräftigste Form der Untersuchung durch spezifische Erfahrung zu erlangen

    Bei der Unzulässigkeit der direkten Methode könnten wir wie bei anderen

Fällen, das früher als Indirekte Differenzmethode bezeichnete supplementäre

Hilfsmittel gebrauchen welches anstatt von zwei Fällen die sich in nichts

unterscheiden als in der Gegenwart oder Abwesenheit eines gegebenen Umstandes

zwei Classen von Fällen vergleicht die beziehungsweise in nichts

übereinstimmen als in der Anwesenheit eines Umstandes auf der einen Seite und

seiner Abwesenheit auf der anderen. Um den erdenklich vorteilhaftesten Fall zu

wählen einen Fall der zu vorteilhaft ist um je erhalten zu werden wollen

wir annehmen wir verglichen eine Nation welche ein restriktive Politik hat

mit zwei oder mehr Nationen die in nichts anderem übereinstimmen als dass sie

den Freihandel erlauben Wir brauchen nun nicht anzuanzunehmen dass eine von

diesen Nationen mit der ersteren in allen Umständen übereinstimme die eine mag

mit ihr in dem einen ihrer Umstände und die andere in den übrigen

übereinstimmen Es kann nun geschlossen werden dass wenn diese Nationen ärmer

bleiben als die restriktive Nation es weder wegen Mangels an der ersten noch

wegen Mangels an der zweiten Reihe von Umständen sein kann sondern dass es

wegen Mangels an einem Schutzsystem sein muss Wenn so könnten wir sagen die

restriktive Nation durch die eine Reihe von Ursachen zu Wohlstand gelangt wäre

so würde die erste der Freihandelsnationen ebenfalls zu Wohlstand gelangt sein

wenn die restriktive Nation durch die andere Reihe von Ursachen zu Wohlstand

gelangt wäre so würde die zweite Freihandelsnation dazu gelangt sein Aber

keine der beiden gedieh der Wohlstand ging daher aus den Restriktionen hervor

Man wird dies für eine sehr günstige Probe eines auf spezifische Erfahrung

gestützten Arguments in der Politik halten und wenn dieses nicht beweiskräftig

sein sollte so würde es nicht leicht sein ein anderes ihm vorzuziehendes zu

finden

    Dass dasselbe nicht beweiskräftig ist braucht indessen kaum nachgewiesen zu

werden Warum muss die wohlhabende Nation ausschließlich durch eine einzige

Ursache zu Wohlstand gelangt sein Der nationale Wohlstand ist immer das

Gesamtresultat einer Menge von günstigen Umständen und von diesen kann die

restriktive Nation eine größere Anzahl bei sich vereinigen als die bei den

anderen obgleich sie diese Umstände sämtlich entweder mit der einen oder mit

der anderen Freihandelsnation gemein haben kann Ihr Wohlstand kann zum Teil

von Umständen herrühren die sie mit der einen dieser Nationen und zum Teil von

Umständen welche sie mit der anderen gemein hat während diese beiden Nationen

da eine jede von ihnen nur die halbe Anzahl von günstigen Umständen besitzt ihr

nachstehen Die treueste Nachahmung einer legitimen Induktion aus der direkten

Erfahrung welche in der Gesellschaftswissenschaft gemacht werden kann, besitzt

also nur einen wertlosen Schein von Beweiskraft

    

     4 Da die Differenzmethode in ihren beiden Formen gänzlich außer Frage

kommt so bleibt noch die Methode der Übereinstimmung. Wir wissen aber bereits

von welchem geringen Werth diese Methode in Fällen istwelche eine Vielfachheit

von Ursachen zulassen und soziale Erscheinungen sind gerade diejenigen in

denen die Vielfachheit der Ursachen bis zur möglichst weiten Ausdehnung

stattfindet

    Nehmen wir an der Beobachter träfe den glücklichsten Fall welchen eine

denkbare Kombination von Zufällen geben kann er fände zwei Nationen welche in

keinem andern Umstande übereinstimmen als dass sie ein Restriktivsystem haben

und sich im Wohlstand befinden oder er fände eine Anzahl von wohlhabenden

Nationen welche keine anderen vorausgängigen Umstände gemein haben als dass

sie eine restriktive Politik haben Es ist unnötig in die Betrachtung der

Unmöglichkeit einzugehen aus der Geschichte oder auch durch kontemporäre

Beobachtung zu bestimmen, dass sich dies wirklich so verhält dass die Nationen

in keinem anderen Umstände der einen Einfluss auf den Fall ausüben kann

übereinstimmen Wir wollen annehmen diese Unmöglichkeit sei überwunden und es

sei die Tatsache ermittelt dass sie nur in einem Restriktivsystem als

Antezedens und in industriellem Gedeihen als Konsequenz übereinstimmen Welche

Präsumtion wird hierdurch erregt dass das Restriktivsystem den Wohlstand

verursacht habe So gut wie keine Dass irgend ein Antezedens die Ursache einer

gegebenen Wirkung ist weil man von allen anderen Antecedentien gefunden hat

dass sie eliminiert werden können, ist nur dann eine richtige Folgerung wenn die

Wirkung nur eine einzige Ursache gehabt haben kann Lässt sie mehrere Ursachen

zu so ist nichts natürlicher als dass eine jede derselben der Elimination

zugängig sein sollte Bei politischen Erscheinungen ist nun aber die

Voraussetzung einer Einheit der Ursache nicht bloß weit entfernt wahr zu sein

sondern sie ist auch in einer unermesslichen Entfernung von der Wahrheit Die

Ursachen einer jeden sozialen Erscheinung welche für uns von besonderem

Interesse ist wie Sicherheit Reichtum Freiheit gute Regierung öffentliche

Tugend öffentliche Intelligenz oder deren Gegenteil sind unendlich

zahlreich besonders die äußeren oder entfernten Ursachenwelche der direkten

Beobachtung meistenteils allein zugängig sind Keine Ursache ist allein

hinreichend um eine dieser Erscheinungen hervorzubringen während unzählige

Ursachen existieren die einen Einfluss auf dieselben haben und bei ihrer

Erzeugung oder Verhinderung mitwirken können Wir können daher aus der bloßen

Tatsache dass wir im Stande waren einen Umstand zu eliminieren keineswegs

folgern dass dieser Umstand nicht gerade in einem der Fälle aus denen wir ihn

eliminiert haben zu der Wirkung beigetragen habe Wir können schließen dass

die Wirkung manchmal ohne ihn hervorgebracht wird nicht aber dass er nicht da

seinen Teil beitrage wo er gegenwärtig ist

    Ähnliche Einwürfe lassen sich gegen die Methode der sich begleitenden

Veränderungen machen Wenn die Ursachenwelche auf einen Zustand einer

Gesellschaft wirken Wirkungen erzeugten die der Art nach verschieden sind

wenn der Reichtum von der einen der Friede von der anderen Ursache abhinge

eine dritte das Volk tugendhaft eine vierte es intelligent machte so könnten

wir wenn wir auch die Ursachen nicht von einander trennen könnten auf eine

jede den Antheil von der Wirkung beziehen welcher mit ihr wuchs und mit ihr

abnahm Aber ein jedes Attribut des sozialen Körpers wird durch unzählige

Ursachen beeinflusst und die gegenseitige Wirkung der koexistierenden Elemente

der Gesellschaft ist der Art dass alles was eines der wichtigeren dieser

Elemente berührte dadurch allein schon die anderen wenn nicht direkt so doch

indirekt berührt Da demnach die Wirkungen verschiedener Agentien nicht der

Qualität nach verschieden sind während die Quantität einer jeden Wirkung das

gemischte Resultat aller Agentien ist so können die Verschiedenheiten des

Aggregats nicht in einem gleichförmigen Verhältnis zu den Veränderungen irgend

eines seiner Bestandteile stehen

    

     5 Es bleibt nun noch die Methode der Rückstände die beim ersten Anblick

dieser Art Untersuchung weniger fremd scheinen dürfte als die drei anderen

Methoden da sie nur verlangt dass wir von den Umständen irgend eines Landes

oder eines Zustandes der Gesellschaft genau Notiz nehmen Indem man sodann die

Wirkung aller Ursachen deren Bestreben bekannt sind in Anschlag bringt kann

der Rückstand den zu erklären diese Ursachen unzulänglich sind dem Rest der

Umstände von denen man weiß dass sie in dem Falle existiert haben

zugeschrieben werden Etwas ähnliches ist die Methode, welche Coleridge203 wie

er selbst mittheilt in seinen politischen Essays in der »Morning Post« befolgt

hat »Bei einem jeden großen Ereignis suchte ich in der vergangenen Geschichte

die Begebenheit auf welche demselben am meisten glich Ich verschaffte mir so

oft es möglich war die Geschichte die Memoiren und Pamphlete der betreffenden

Zeit Indem ich alsdann die Punkte in denen sich die Vorgänge unterschieden

von den Punkten abzog worin sie sich glichen mutmaßte ich dass sie gleich

oder verschieden seien je nachdem der Rest der ersteren oder der letzteren

Mutmaßung günstig war wie zB in der Reihe von Essays welche die

Überschrift tragen Eine Vergleichung von Frankreich unter Napoleon mit Rom

unter dem ersten Cäsar so wie auch in den folgenden Essays Über die

wahrscheinliche endliche Restauration der Bourbonen Denselben Plan verfolgte

ich mit gleichem Erfolg beim Beginn der spanischen Revolution indem ich den

Krieg der Vereinigten Provinzen mit Philipp II als Grundlage für die

Vergleichung nahm« Bei dieser Untersuchung gebrauchte er ganz ohne Zweifel die

Methode der Rückstände denn »indem er die Punkte in denen sich die Vorgänge

unterschieden von den Punkten abzog worin sie sich glichen« war er nicht

damit zufrieden dieselben zu zählen sondern er wog sie er nahm ohne Zweifel

nur diejenigen Punkte der Übereinstimmung, von denen er mutmaßte sie

könnten ihrer eigenen Natur nach die Wirkung beeinflussen und indem er diesen

Einfluss in Anschlag brachte schloss er dass der Rest des Resultates den

Differenzpunkten vorzuziehen wäre

    Welches auch die Brauchbarkeit dieser Methode sein möge sie ist wie wir

bereits bemerkt haben keine reine Methode der Beobachtung und des Experiments

sie schließt nicht aus einer Vergleichung von Fällen, sondern aus der

Vergleichung eines Falles mit dem Resultat einer früheren Deduktion Auf soziale

Erscheinungen angewendet setzt sie voraus die Ursachen, denen die Wirkung zum

Teil entspringt seien bereits bekannt und da wir gezeigt haben dass

dieselben nicht durch spezifische Erfahrung bekannt sein können so müssen sie

durch Deduktion aus den Elementen der menschlichen Natur erschlossen worden

sein indem die Erfahrung nur als ein ergänzendes Hilfsmittel angerufen wurde

um die Ursachen zu bestimmen, welche einen unerklärten Rest erzeugen Wenn man

aber für die Begründung einiger politischer Wahrheiten zu den Prinzipien der

menschlichen Natur seine Zuflucht nehmen kann so kann man es für die Begründung

aller Wenn es zulässig ist zu sagen England muss durch das Prohibitivsystem

zu Wohlstand gelangt sein weil wenn alle anderen wirkenden Bestreben in

Anschlag gebracht werden noch immer ein zu erklärender Antheil Wohlstand

übrigbleibt so muss es auch zulässig sein bezüglich der Wirkung des

Prohibitivsystems zu derselben Quelle zu gehen und zu prüfen welche Erklärung

die Gesetze der menschlichen Motive und Handlungen uns von dessen Bestreben zu

geben erlauben Auch wird das experimentelle Argument faktisch nur auf die

Bestätigung eines aus diesen Gesetzen gezogenen Schlusses hinauslaufen Denn wir

können die Wirkung von einer zwei drei oder vier Ursachen abziehen es wird

uns aber niemals gelingen die Wirkung aller Ursachen ausschließlich einer

abzuziehen während es ein merkwürdiges Beispiel von den Gefahren einer zu

großen Vorsicht sein würde wenn um nicht von einem aprioristischen Schließen

bezüglich der Wirkung einer einzelnen Ursache abhängen zu müssen wir uns

zwängen von so vielen separaten aprioristischen Schlüssen abzuhängen als

Ursachen vorhanden sind, die mit jener besonderen Ursache in einem gegebenen

Falle zusammenwirken

    Wir haben den groben Irrtum welcher derjenigen Untersuchungsweise

politischer Erscheinungen eigen istwelche ich die chemische Methode genannt

habe hinreichend charakterisiert Wenn sich die Ansprüche auf eine maßgebende

Entscheidung über politische Lehren auf Personen beschränkten welche einen der

höheren Zweige der physikalischen Wissenschaft hinreichend studiert haben so

wäre eine so weitläufige Erörterung nicht nötig gewesen Da aber im allgemeinen

diejenigenwelche zur großen Zufriedenheit ihrer selbst und eines mehr oder

weniger zahlreichen Kreises von Bewunderern über Gegenstände der Politik

urteilen von den Methoden der physikalischen Forschung durchaus nichts kennen

was über einige wenige Vorschriften die sie Bacon fortwährend papageienartig

nachsprechen hinausginge indem sie gar nicht gewahren dass Bacons Auffassung

der wissenschaftlichen Forschung ihr Werk getan hat und dass die Wissenschaft

in ein höheres Stadium vorgerückt ist so werden Bemerkungen wie die

vorhergehenden wahrscheinlich Vielen von Nutzen sein In einer Zeit wo die

Chemie selbst bei der Untersuchung der verwickelteren chemischen Sequenzen der

Sequenzen des Thier oder auch des Pflanzenorganismus es nötig gefunden hat

und ihr auch gelungen ist eine Deduktive Wissenschaft zu werden  ist es nicht

zu befürchten dass Jemand der wissenschaftliche Gewohnheiten hat und mit dem

allgemeinen Fortschritt der Kenntnis der Natur Schritt gehalten hat in Gefahr

kommen könne die Methoden der elementaren Chemie anzuwenden um die Sequenzen

der verwickeltsten Klasse von Erscheinungen zu erforschen welche man finden

kann

 
 




     1 Der in dem vorhergehenden Kapitel erörterte Irrtum wird wie gesagt

hauptsächlich von denjenigen begangen welche an wissenschaftliche Forschung

nicht sehr gewöhnt sind von Praktikern in der Politik welche lieber die

Gemeinplätze der Philosophie gebrauchen um ihre Praxis zu rechtfertigen als

dass sie suchten dieselbe durch philosophische Prinzipien zu leiten oder von

unvollkommen unterrichteten Personen welche aus Unbekanntschaft mit einer

sorgfältigen Auswahl und Vergleichung von Fällen, wie sie für die Aufstellung

einer gesunden Theorie erforderlich sind versuchen eine solche auf einige

wenige Koincidenzen zu gründen welche sie zufällig beobachtet haben

    Die irrige Methode von welcher wir nun handeln werden ist im Gegenteil

denkenden und der Wissenschaft obliegenden Geistern eigen Sie kann nur bei

Personen vorkommen die mit der Natur der wissenschaftlichen Forschung

einigermaßen vertraut sind welche  da sie die Unmöglichkeit kennen durch

zufällige Beobachtung oder direktes Experimentiren eine wahre Theorie von so

vereinzelten Sequenzen aufzustellen wie die sozialen Erscheinungen  ihre

Zuflucht zu einfacheren bei diesen Erscheinungen unmittelbar tätigen Gesetzen

nehmen zu Gesetzen die keine anderen sind als die Gesetze der Natur der dabei

beteiligten menschlichen Wesen Diese Denker sehen was die Anhänger der

chemischen oder experimentellen Theorie nicht sehen dass die

Gesellschaftswissenschaft notwendig deduktiv sein muss Aber wegen einer

ungenügenden Erwägung der spezifischen Natur des Gegenstandes, und häufig weil

da ihre eigene wissenschaftliche Erziehung in einem zu frühen Stadium stehen

geblieben ist die Geometrie ihrem Geiste als der Typus aller Deduktion

vorschwebt vergleichen sie unbewusst die deduktive Gesellschaftswissenschaft

mit der Geometrie und nicht mit der Astronomie oder mit der Physik

    Von den Unterschieden zwischen der Geometrie einer Wissenschaft von

koexistierenden von den Gesetzen der Sukzession von Erscheinungen gänzlich

unabhängigen Tatsachen und denjenigen physikalischen Wissenschaften von der

Verursachung welche man zu deduktiven gemacht hat ist der folgende einer der

sichtbarsten der Unterschied nämlich dass die Geometrie für das keinen Raum

hat was in der Mechanik und deren Anwendungen so beständig vorkommt für den

Fall nämlich von widerstreitenden Kräften von Ursachenwelche einander

aufheben oder modifizieren In der Mechanik finden wir fortwährend dass zwei

oder mehr bewegende Kräfte nicht Bewegung sondern Ruhe erzeugen oder auch

Bewegung in einer Richtung die verschieden ist von der Richtung welche die

eine oder die andere der wirkenden Kräfte allein hervorgebracht haben würde Es

ist wahr die Wirkung der vereinigten und gleichzeitig wirkenden Kräfte ist

dieselbe als wenn diese Kräfte nach einander oder abwechselnd gewirkt hätten

und gerade hierin besteht der Unterschied zwischen mechanischen und chemischen

Gesetzen Aber dennoch heben die Wirkungen, sie mögen durch sukzessive oder

durch gleichzeitige Tätigkeit erzeugt sein ganz oder teilweise einander auf

was die eine Kraft vollbringt vernichtet die andere teilweise oder gänzlich

In der Geometrie gibt es keinen solchen Zustand der DingeDas Resultat,

welches aus einem geometrischen Prinzip folgt enthält nichts was einem aus

einem andern Prinzip folgenden Resultat widerspräche Was von einem

geometrischen Lehrsatz als wahr bewiesen ist was wahr sein würde wenn keine

anderen geometrischen Prinzipien existierten kann nicht auf Grund eines andern

Prinzips geändert oder unwahr gemacht werden Was einmal als wahr bewiesen ist,

ist wahr in allen Fällen, welche Voraussetzung man auch in Betreff eines jeden

Gegenstandes machen möge

    Es scheint nun aber dass sich eine der letzteren ähnliche Vorstellung von

der sozialen Wissenschaft in dem Geiste derjenigen bildete welche diese

Wissenschaft zuerst durch die deduktive Methode zu fördern suchten Die Mechanik

würde eine der Geometrie sehr ähnliche Wissenschaft sein wenn eine jede

Bewegung das Resultat von nur einer einzigen Kraft und nicht von einander

widerstrebenden Kräften wäre In der geometrischen Theorie der Gesellschaft

scheint man anzunehmen dies sei bei den sozialen Erscheinungen wirklich der

Fall eine jede Erscheinung gehe immer nur aus einer einzigen Kraft aus einer

einzigen Eigenschaft der menschlichen Natur hervor

    Bei dem Punkte den wir nun erreicht haben ist es unnötig etwas als

Beweis oder zur Erläuterung der Behauptung zu sagen dass dieses nicht der wahre

Charakter der sozialen Erscheinungen ist Es gibt unter diesen höchst

verwickelten und aus diesem Grunde höchst veränderlichen Erscheinungen keine

einzige auf die nicht unzählige Kräfte einen Einfluss ausübten welche nicht

von einer Verbindung von sehr vielen Ursachen abhängig wäre Wir haben nicht zu

beweisen dass die fragliche Vorstellung ein Irrtum istsondern wir müssen

beweisen dass der Irrtum begangen worden ist; dass eine so irrige Vorstellung

von dem Modus nach welchem die gesellschaftlichen Erscheinungen erzeugt werden

wirklich gehegt worden ist.

    

     2 Eine zahlreiche Klasse von den Denkern welche die sozialen Tatsachen

nach der geometrischen Methode behandelt haben muss hier vorläufig ganz außer

Acht gelassen werden da dieselbe keine Modifikation des einen Gesetzes durch

das andere zugibt Bei diesen Denkern ist jener Irrtum mit einem andern

Irrtum verflochten wovon er die Wirkung ist und wovon wir bereits Notiz

genommen haben um ihn ehe wir schließen etwas ausführlicher abzuhandeln Ich

spreche von den Denkern welche politische Schlüsse nicht aus Naturgesetzen

nicht aus realen oder imaginären Sequenzen der Erscheinungen, sondern aus

starren praktischen Maximen ableiten Der Art sind zB alle Denker welche ihre

Theorie der Politik auf das sogenannte abstrakte Recht dh auf allgemeine

Vorschriften gründen eine Prätension deren chimärische Natur wir bereits

ersehen haben Der Art sind auch diejenigenwelche einen Gesellschaftsvertrag

oder eine andere Art von ursprünglicher Verpflichtung annehmen und durch bloße

Interpretation auf den besonderen Fall anwenden Aber der Grundirrtum hierin

ist der Versuch eine Kunst wie eine Wissenschaft zu behandeln eine deduktive

Kunst haben zu wollen das Unvernünftige hiervon wird in einem späteren Kapitel

gezeigt werden unsere Beispiele für die Erläuterungen der geometrischen Methode

werden wir besser unter jenen Denkern wählen welche diesen neuen Irrtum

vermieden und soweit eine richtigere Idee von der Natur der politischen

Forschung haben

    Wir können zuvörderst diejenigen Denker anführen welche als Grundlage ihrer

politischen Philosophie annehmen die Regierungsgewalt sei auf Furcht gegründet

die Furcht des einen vor dem andern sei das Motiv welches menschliche Wesen

ursprünglich zu einem gesellschaftlichen Zustande vereinigt habe und sie noch

darin zusammenhalte Einige der früheren wissenschaftlichen Forscher in der

Politik besonders Hobbes nahmen diesen Satz nicht stillschweigend sondern

ganz rückhaltlos als die Grundlage ihrer Lehre an und suchten eine vollständige

Philosophie der Politik darauf zu gründen Hobbes fand in Wahrheit diese einzige

Maxime nicht genügend um zu seinem Ziele zu gelangen und sah sich gezwungen

sie durch das doppelte Sophisma von einem ursprünglichen Gesellschaftsvertrag zu

ergänzen Ich nenne sie ein doppeltes Sophisma erstens weil sie eine Erfindung

für eine Tatsache gibt und zweitens weil sie ein praktisches Prinzip oder

eine Vorschrift als Basis einer Theorie nimmt was petitio principii ist da

wie wir bei dem Abhandeln dieses Fehlschlusses bemerkten eine jede praktische

Regel wenn sie auch so bindend wäre wie ein Versprechen selbst auf die

Theorie des Gegenstandes gegründet sein muss und daher nicht umgekehrt die

Theorie auf die Regel gegründet werden kann.

    

     3 Indem ich über weniger wichtige Fälle hinweggehe wende ich mich

direkt zu dem merkwürdigsten Beispiele das unsere eigene Zeit von der Anwendung

der geometrischen Methode in der Politik darbietet und das von Personen

herrührt die den Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst wohl kennen und

wissen dass praktische Regeln der Bestimmung von Naturgesetzen nicht

vorausgehen dürfen sondern dass sie ihr folgen müssen und dass nicht die

ersteren sondern die letzteren das legitime Feld für die Anwendung der

deduktiven Methode sind Ich meine damit die InteressenPhilosophie der Schule

von Bentham

    Die tiefen und originellen Denker welche unter dieser Bezeichnung bekannt

sind gründeten ihre allgemeine Theorie der Staatskunst auf eine umfassende

Prämisse auf die Prämisse nämlich dass die Handlungen der Menschen auf ihr

Interesse gegründet sind In dem letzten Ausdruck liegt eine Zweideutigkeit

denn da diese Philosophen besonders Bentham den Namen Interesse allem gaben

woran Jemand Gefallen findet so kann man den Satz auch so verstehen als wolle

er nur sagen dass die Handlungen der Menschen immer durch ihre Wünsche bestimmt

werden. In diesem Sinne würde er aber keine der Konsequenzen welche jene

Schriftsteller daraus zogen stützen es muss daher das Wort in ihren

politischen Räsonnements so verstanden werden als bedeute es welches auch die

Erklärung istwelche sie bei dergleichen Gelegenheiten von ihm gaben das was

gewöhnlich Privatinteresse oder weltliches Interesse genannt wird

    Wenn wir demnach die Lehre in diesem Sinne nehmen so bietet sich gleich in

limine ein Einwurf dar den man für verhängnisvoll halten dürfte der Einwurf

nämlich dass ein so weitgreifender Satz weit entfernt ist allgemein wahr zu

sein Die Menschen werden nicht bei allen ihren Handlungen durch ihre weltlichen

Interessen geleitet Dies ist indessen kein so beweiskräftiger Einwurf als es

auf den ersten Blick scheinen dürfte weil wir es in der Politik meistenteils

mit der Handlungsweise nicht von Individuen sondern entweder einer Reihe von

Personen wie eine Sukzession von Königen oder einer Gesellschaft oder einer

Masse von Menschen wie eine Nation eine Aristokratie oder eine repräsentative

Versammlung zu tun haben Und alles was von einer großen Mehrheit von

Menschen wahr ist kann ohne großen Irrtum von einer jeden als ein Ganzes

betrachteten Reihenfolge von Personen oder von einer jeden Masse von Menschen

in welcher die Handlung der Majorität zur Handlung der ganzen Gesellschaft wird

für wahr gehalten werden Obgleich sich daher der Grundsatz zuweilen in unnötig

paradoxer Weise ausgedrückt findet so werden die daraus gezogenen Konsequenzen

dennoch gültig sein wenn derselbe in folgender Weise beschränkt wird  Eine

jede Sukzession von Personen oder die Mehrheit einer jeden Gesellschaft von

Personen wird bei ihrer Handlungsweise im Durchschnitt von ihrem persönlichen

Interesse geleitet werden Wir sind verbunden jener Schule von Denkern den

Vorteil dieser rationelleren Fassung ihres fundamentalen Grundsatzes

zuzugestehen um so mehr da sie in voller Übereinstimmung mit den Erklärungen

steht welche sie selbst gelegentlich gegeben hat

    Die Theorie folgert nun weiter dasswenn die Handlungen der Menschen der

Hauptsache nach durch ihre selbstischen Interessen bestimmt werden, die einzigen

Regierenden die im Interesse der Regierten regieren werden diejenigen sein

werden welche ein mit diesem Interesse übereinstimmendes Interesse haben

Hierzu kommt noch als ein dritter Satz dass das Interesse der Regierenden mit

dem der Regierten nicht identisch ist wenn es nicht durch Verantwortlichkeit

dh durch Abhängigkeit von dem Willen der Regierten identisch gemacht wird Mit

anderen Worten und als das Resultat des Ganzen dass der Wunsch die Macht zu

erhalten und die Furcht dieselbe zu verlieren und was hieraus folgt das

einzige verlässliche Motiv ist um von Seite der Regierenden eine Handlungsweise

hervorzurufen die in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Interesse ist

    Wir haben so einen fundamentalen Lehrsatz der politischen Wissenschaft

einen Lehrsatz der aus drei Syllogismen besteht und hauptsächlich von zwei

allgemeinen Prämissen abhängig ist, in denen eine gewisse Wirkung als nur von

einer einzigen Ursache und nicht von einem Zusammenwirken von Ursachen bestimmt

angesehen wird In der einen dieser Prämissen wird angenommen die Handlungen

der Regierenden seien durchschnittlich nur durch eigenes Interesse bestimmt in

der anderen, das Gefühl der Identität der Interessen mit den Regierten sei durch

keine andere Ursache als durch Verantwortlichkeit erzeugt oder erzeugbar

    Die beiden Sätze sind keineswegs wahr der letztere ist sogar sehr weit von

der Wahrheit entfernt Es ist nicht wahr dass die Handlungen der Regierenden

gänzlich oder auch nur nahezu gänzlich durch ihr persönliches Interesse oder

auch nur durch ihre eigene Ansicht von ihrem persönlichen Interesse bestimmt

werden. Ich spreche nicht von dem Einflüsse des Pflichtgefühls von

philanthropischen Gefühlen von Motiven also auf welche man sich im Ganzen

niemals verlassen kann obgleich mit Ausnahme von Ländern oder Zeiten von

großer moralischer Erniedrigung sie bis zu einem gewissen Grade alle

Regierenden und manche von ihnen in hohem Grade beeinflussen Ich bestehe bloß

auf dem was von allen Regierenden wahr ist auf dem nämlich dass der Charakter

und der Gang ihrer Handlungen abgesehen von persönlicher Berechnung sowohl

durch die gewohnten Gedanken und Gefühle durch die allgemeine Denk und

Handlungsweise bedeutend beeinflusst werden welche in dem Gemeinwesen wovon

sie Mitglieder sind vorherrschen als auch durch die Gefühle die Gewohnheiten

und die Denkweise welche die besondere Klasse des Gemeinwesens der sie selbst

angehören charakterisieren Und niemand wird das praktische System derselben

verstehen oder entziffern können der diese Dinge nicht sämtlich in Anschlag

bringt Auch werden sie durch die Maximen und die Traditionen stark beeinflusst

welche ihre Vorgänger im Regieren ihnen vererbt haben durch Maximen und

Traditionen von denen bekannt ist dass sie lange Perioden hindurch sogar im

Gegensatz zu den Privatinteressen der jezeitig Regierenden eine Gewalt über

dieselben behauptet haben Den Einfluss von anderen, weniger allgemeinen

Ursachen übergehe ich Obgleich daher das Privatinteresse der Herrscher oder der

herrschenden Klasse eine sehr bedeutende Kraft ist eine Kraft die beständig in

Tätigkeit ist und den wichtigsten Einfluss auf ihre Handlungsweise ausübt so

liegt doch in dem was sie tun vieles was durch das Privatinteresse

keineswegs hinreichend erklärt wird und sogar die einzelnen Umstände welche

die Güte oder die Schlechtigkeit ihrer Regierung ausmachen werden nicht in

geringem Grade gerade durch den auf sie wirkenden Teil jener Umstände

beeinflusst der in dem Worte Eigeninteresse nicht füglich inbegriffen sein

kann

    Wenden wir uns nun zum andern Satze zu dem Satze dass die

Verantwortlichkeit den Regierten gegenüber die einzige Ursache ist die in den

Regierenden das Gefühl der Identität ihrer Interessen mit denen des Gemeinwesens

erzeugen kann Ich spreche nicht von vollkommener Identität der Interessen was

eine unausführbare Chimäre ist und welche die Verantwortlichkeit dem Volke

gegenüber sicherlich nicht gibt ich spreche von der Identität in den

Hauptsachen und die Hauptsachen sind verschieden je nachdem Zeit und Ort

verschieden sind Es gibt eine große Anzahl von Fällenin denen die Dinge,

welche die Regierenden im allgemeinen Interesse tun sollten auch diejenigen

sind welche zu tun ihr stärkstes persönliches Interesse die Befestigung ihrer

Macht sie antreibt zB die Unterdrückung der Anarchie und des Widerstandes

gegen das Gesetz  die vollständige Begründung der Autorität der

Zentralregierung in einem gesellschaftlichen Zustande wie der Europas im

Mittelalter war  ist eines der stärksten Interessen des Volkes und auch der

Regierenden einfach weil sie die Regierenden sind Ihre Verantwortlichkeit

könnte die Motive welche sie zur Verfolgung dieses Zieles antreiben nicht

stärken wohl aber auf verschiedene denkbare Weisen schwächen Während des

größeren Teils der Regierung der Königin Elisabeth und vieler anderer

nennbarer Monarchen war das Gefühl der Identität der Interessen des Souveräns

und der Mehrheit des Volks wahrscheinlich stärker als es bei einer

Repräsentativregierung zu sein pflegt alles was dem Volke am Herzen lag lag

auch dem Monarchen am Herzen Hatte Peter der Große oder die rauen Barbaren

welche er zu zivilisieren begann die wahrste Neigung zu den Dingen, welche im

wahren Interesse jener Wilden lagen

    Ich versuche hier weder eine Staatslehre aufzustellen noch fühle ich mich

berufen das proportionale Gewicht zu bestimmen, das sowohl den Umständen

beizulegen wäre welche diese Schule von geometrischen Politikern aus ihrem

System ausgelassen hat als auch denjenigen welche sie darin aufgenommen hat

es ist nur meine Sache zu zeigen dass ihre Methode unwissenschaftlich war

nicht aber die Größe des Irrtums zu messen womit ihre praktischen Schlüsse

etwa behaftet sein konnten

    Um gegen sie gerecht zu sein muss indessen bemerkt werden dass ihr Irrtum

nicht sowohl in der Sache als in der Form lag er bestand darin dass sie das

in einer systematischen Form und als die wissenschaftliche Behandlung einer

großen philosophischen Frage gaben was nur für das hätte gegeben werden

sollen was es war nämlich für die Polemik des Tages Obgleich die Handlungen

der Regierenden keineswegs gänzlich durch ihre selbstischen Interessen bestimmt

werden, so sind doch konstitutionelle Beschränkungen hauptsächlich als eine

Sicherheit gegen diese selbstischen Interessen erforderlich und aus diesem

Grunde kann man solche Beschränkungen in England und bei anderen Nationen des

modernen Europas in keiner Weise entbehren Auch ist es wahr dass bei denselben

Nationen und in der gegenwärtigen Zeit die Verantwortlichkeit den Regierten

gegenüber das einzige praktisch verwertbare Mittel ist um ein Gefühl der

Identität der Interessen da hervorzurufen wo es noch nicht hinreichend

vorhanden ist. Gegen alles dieses und gegen die Schlüssewelche man zu Gunsten

von Maßregeln für die Verbesserung unseres Repräsentativsystems auf diese

Wahrheiten gründen könnte habe ich nichts einzuwenden ich gestehe aber dass

ich bedaure dass das geringe obgleich höchst wichtige Maß von

Staatsphilosophie das für den unmittelbaren Zweck für den Zweck nämlich der

Sache der Parlamentsreform zu dienen erforderlich war von so hervorragenden

Denkern als eine vollständige Theorie ausgegeben worden ist.

    Man kann es nicht für möglich halten und es ist auch faktisch nicht wahr

dass diese Philosophen die wenigen Prämissen ihrer Theorie so angesehen haben

als schlössen sie alles ein was für die Erklärung sozialer Erscheinungen und

für die Bestimmung der Wahl der Regierungsform und der Maßregeln der

Gesetzgebung und Verwaltung erforderlich ist Sie waren zu sehr unterrichtet

von einem zu umfassenden Verstande und einige unter ihnen von einem zu

nüchternen und praktischen Charakter um einen solchen Irrtum zu begehen Sie

würden ihre Prinzipien unter zahllosen Zugeständnissen und Einräumungen

angewendet haben und wendeten sie auch wirklich so an Aber nicht der

Einräumungen bedarf es Man hat nur wenig Aussicht den Mangel an genügender

Breite in den Fundamenten einer Theorie in dem Baue selbst ersetzen zu können

Es ist unphilosophisch aus einigen wenigen von den Agentien durch welche die

Phänomene bestimmt werden, eine Wissenschaft aufzubauen und das Übrige der

Routine der Praxis und dem Scharfsinn der Konjektur zu überlassen Entweder

sollten wir die wissenschaftliche Form nicht beanspruchen oder wir sollten alle

bestimmenden Einwirkungen in gleicher Weise studieren und sie so weit als

tunlich alle in den Bereich der Wissenschaft zu bringen suchen Wir werden

sonst unfehlbar eine unverhältnismäßig große Aufmerksamkeit denjenigen

Einflüssen zuwenden welche unsere Theorie in Rechnung zieht während wir uns in

den übrigen verrechnen und ihre Wichtigkeit wahrscheinlich unterschätzen Es

wäre auch dann noch wünschenswert dass die Deduktionen aus dem Ganzen und

nicht aus nur einem Theile der in Betracht kommenden Naturgesetze gezogen

werden wenn die vernachlässigten Gesetze im Vergleich zu den anderen so

unbedeutend sind dass sie für die meisten Zwecke und bei den meisten

Gelegenheiten aus der Rechnung hinweggelassen werden könnten In den sozialen

Wissenschaften ist dies aber weit entfernt der Fall zu sein Die

gesellschaftlichen Erscheinungen hängen der Hauptsache nach nicht von irgend

einem Agens oder einem Gesetz der menschlichen Natur bei nur unbedeutenden

Modifikationen durch andere Gesetze ab Diese Erscheinungen werden von dem

Ganzen der Eigenschaften der menschlichen Natur beeinflusst und es gibt keine

Eigenschaft wodurch sie nur im geringen Grade beeinflusst würden Es gibt

keine wovon die Beseitigung oder eine bedeutende Veränderung das ganze Ansehen

der Gesellschaft nicht wesentlich modifizieren und die Sequenzen der sozialen

Erscheinungen im allgemeinen nicht mehr oder weniger ändern würde

    Die Theorie, welche der Gegenstand dieser Bemerkungen war ist in England

wenigstens zur Zeit das Hauptbeispiel von dem was ich die geometrische Methode

über die soziale Wissenschaft zu philosophieren genannt habe und die Prüfung

derselben war aus diesem Grunde umständlicher als es sonst für ein Werk dieser

Art angemessen gewesen wäre Nachdem wir nun aber die zwei irrigen Methoden

genügend erläutert haben werden wir ohne weiteres zu der wahren Methode

übergehen zur Methode welche in Übereinstimmung mit dem Brauch in den

verwickelteren physikalischen Wissenschaften deduktiv verfährt aber durch

Deduktion aus vielen nicht aus einer oder wenigen ursprünglichen Prämissen

fortschreitet indem sie eine jede Wirkung als ein Durchschnittsresultat was

sie wirklich ist von vielen Ursachen betrachtet die manchmal durch dieselben

manchmal durch verschiedene geistige Tätigkeiten oder Gesetze der menschlichen

Natur wirken

 
 



 

     1 Nach dem was zur Erläuterung der Natur der Erforschung sozialer

Erscheinungen gesagt wurde ist der allgemeine und dieser Methode eigene

Charakter hinlänglich klar und bedarf keiner weiteren Begründung sondern nur

noch einer Rekapitulation Wie verwickelt die Erscheinungen auch sein mögen

ihre Sequenzen und Koexistenzen gehen aus den Gesetzen der einzelnen Elemente

hervor Die bei gesellschaftlichen Erscheinungen durch eine komplexe Reihe von

Umständen erzeugte Wirkung ist der Summe von den Wirkungen der Umstände einzeln

genommen genau gleich und die Komplexität entspringt nicht aus der nicht

besonders großen Anzahl der Gesetze selbst sondern aus der außerordentlichen

Zahl und Mannigfaltigkeit der Data oder Elemente  der Agentien welche nach

einer geringen Anzahl von Gesetzen zur Wirkung beitragen Die

Gesellschaftswissenschaft welche einem bequemen Barbarismus zufolge Soziologie

genannt wurde ist daher eine deduktive Wissenschaft nicht in der Tat nach dem

Vorbilde der Geometrie, sondern nach dem Vorbilde der verwickelteren

physikalischen Wissenschaften Sie folgert das Gesetz einer jeden Wirkung aus

den Kausalgesetzen von denen diese Wirkung abhängig ist; nicht aus dem Gesetze

von bloß einer Ursache, wie bei der geometrischen Methode sondern sie zieht

alle Ursachen in Betracht welche die Wirkung zusammen beeinflussen und

verbindet deren Gesetze mit einander. Kurz ihre Methode ist die konkrete

deduktive Methode wovon die Astronomie das vollkommenste die Physik ein etwas

weniger vollkommenes Beispiel darbietet und deren Anwendung bei der von dem

Gegenstande erheischten Vorsicht und Anpassung die Physiologie umzugestalten

beginnt

    Ohne Zweifel ist in der Soziologie ein ähnliches Anpassen und eine ähnliche

Vorsicht unumgänglich nötig Wenn wir auf das Studium der verwickeltsten

Erscheinungen eine Methode anwenden die nachweisbar die einzige istwelche das

Licht der Wissenschaft auf bei weitem weniger verwickelte Erscheinungen werfen

kann so sollten wir wohl bedenken dass dieselbe größere Komplikation welche

das Instrument der Deduktion nötiger macht es auch unsicherer macht wir

müssen darauf vorbereitet sein diesen größeren Schwierigkeiten durch geeignete

Kunstgriffe zu begegnen

    Die Handlungen und die Gefühle der Menschen im sozialen Zustande werden ohne

Zweifel gänzlich durch psychologische und ethologische Gesetze beherrscht

Welchen Einfluss eine Ursache auf die sozialen Erscheinungen auch ausüben mag

so übt sie ihn durch diese Gesetze Vorausgesetzt also die Gesetze der

menschlichen Handlungen und Gefühle seien hinlänglich bekannt so werden wir

keiner besonderen Schwierigkeit begegnen wenn wir die Natur der sozialen

Wirkungen welche eine gegebene Ursache hervorzubringen strebt aus diesen

Gesetzen bestimmen wollen Wenn aber die Aufgabe ist verschiedene Bestreben mit

einander zu verbinden und das Durchschnittsresultat vieler koexistierender

Ursachen zu berechnen und besonders wenn wir bei dem Versuche vorauszusagen

was in einem gegebenen Falle wirklich geschehen wird gezwungen sind die

Einflüsse aller in diesem Falle etwa existierender Ursachen zu berechnen und zu

verbinden so unternehmen wir ein Werk das weit zu führen die Kräfte

menschlicher Fähigkeiten übersteigt

    Wenn alle Hilfsmittel der Wissenschaft uns nicht in den Stand setzen können

die gegenseitige Wirkung von drei gegeneinander gravitierenden Körpern genau zu

berechnen so kann man sich denken mit welcher Aussicht auf Erfolg wir uns

bemühen werden das Resultat der widerstreitenden Bestreben zu berechnen welche

in tausend verschiedenen Richtungen wirken und in einem gegebenen Augenblick in

einer gegebenen Gesellschaft tausend verschiedenen Veränderungen Vorschub

leisten obgleich wir den Gesetzen der menschlichen Natur nach im Stande sein

könnten und sollten die Bestreben selbst soweit sie von unserer Beobachtung

zugängigen Ursachen abhängen ziemlich richtig zu unterscheiden und sowohl die

Richtung zu bestimmen, welche ein jedes derselben wenn es allein wirkte der

Gesellschaft geben würde als auch in einer allgemeinen Weise wenigstens

auszusprechen dass einige von diesen Bestreben stärker sind als die anderen

    Wenn wir uns aber die notwendigen Unvollkommenheiten der auf einen solchen

Gegenstand angewandten aprioristischen Methode nicht verhehlen so dürfen wir

sie von der andern Seite auch nicht übertreiben Die Einwürfe welche auf die

deduktive Methode in ihrer schwierigsten Anwendung passen passen auch auf sie

wie wir früher zeigten bei ihrer leichtesten Anwendung auch da würden die

Schwierigkeiten unübersteiglich sein wenn nicht wie vollständig erklärt wurde

ein angemessenes Hilfsmittel vorhanden wäre Dieses Hilfsmittel besteht in dem

Verfahren welches wir unter dem Namen Bestätigung Verifikation als den

dritten wesentlichen Bestandteil der deduktiven Methode charakterisiert haben

in dem Verfahren die Schlüsse des Syllogismus entweder mit den konkreten

Erscheinungen selbstoder, wenn diese nicht zu erlangen sind mit deren

empirischen Gesetzen zu vergleichen Der Grund des Vertrauens zu einer konkreten

deduktiven Wissenschaft liegt nicht in dem aprioristischen Schließen selbst

sondern in der Übereinstimmung ihrer Resultate mit den Resultaten der

Beobachtung a posteriori Ein jeder von diesen zwei Prozessen nimmt für sich und

abgesehen vom andern in dem Verhältnis an Werth ab als der Gegenstand

verwickelt wird und zwar in einem so raschen Verhältnis dass er bald gänzlich

wertlos wird aber das in die Übereinstimmung der zwei Beweisarten zu setzende

Vertrauen vermindert sich nicht allein bei weitem nicht in einem ähnlichen

Verhältnis sondern es ist auch nicht notwendig dass es sich überhaupt viel

vermindere Es resultiert nur eine Störung in der Reihenfolge der zwei Prozesse

die zuweilen bis zu einer wirklichen Umkehrung derselben geht so dass wir

anstatt unsere Schlüsse deduktiv zu ziehen und sie durch die Beobachtung zu

bestätigen in manchen Fällen sie zuerst vermutungsweise aus der spezifischen

Erfahrung gewinnen und sie dann durch aprioristisches Schließen mit den

Prinzipien der menschlichen Natur in Zusammenhang bringen so dass diese

Schlüsse eine wirkliche Verifikation bilden

    Der einzige Denker der bei einer gehörigen Kenntnis der wissenschaftlichen

Methoden im allgemeinen versucht hat die Methode der Soziologie zu

charakterisieren Herr Comte betrachtet diese umgekehrte Ordnung als der Natur

der soziologischen Spekulation eigen Er betrachtet die soziale Wissenschaft so

als bestände sie wesentlich aus Generalisationen aus der Geschichte welche

durch Deduktion aus den Gesetzen der menschlichen Natur verifiziert nicht aber

ursprünglich durch dieselbe an die Hand gegeben wurden Obgleich in dieser

Ansicht eine Wahrheit liegt deren Wichtigkeit ich mich sogleich bemühen werde

zu zeigen so muss ich doch glauben dass diese Wahrheit zu unbedingt

ausgedrückt ist und dass in der soziologischen Forschung sowohl für die

direkte als auch für die umgekehrte deduktive Methode bedeutend Raum ist

    In dem nächsten Kapitel wird in der That gezeigt werden dass es eine Art

von soziologischen Untersuchungen gibt auf welche ihrer außerordentlich

großen Kompliziertheit wegen die direkte deduktive Methode gänzlich unanwendbar

ist während wir als einen glücklichen Ersatz gerade in diesen Fällen die besten

empirischen Gesetze gewinnen können diesen Untersuchungen ist daher die

umgekehrte deduktive Methode ausschließlich angepasst Es gibt aber wie es

sich sogleich zeigen wird auch andere Fälle in denen es unmöglich ist aus der

direkten Erfahrung etwas zu erhalten was den Namen eines empirischen Gesetzes

verdiente und glücklicherweise trifft es sich dass dieselben gerade die Fälle

sind in denen die direkte Methode durch den Einwurf dem sie ohne Zweifel immer

bis zu einem gewissen Grad ausgesetzt ist am wenigsten betroffen wird

    Wir werden daher zuerst die Soziale Wissenschaft als eine Wissenschaft der

direkten Deduktion betrachten und sehen was durch diese Untersuchungsweise

darin vollbracht werden und unter welchen Beschränkungen dies geschehen kann

Wir werden sodann das umgekehrte Verfahren in einem besonderen Kapitel prüfen und

es zu charakterisieren suchen

    

     2 Es ist zuvörderst einleuchtend dass als ein System aprioristischer

Deduktionen betrachtet die Soziologie nicht eine Wissenschaft positiver

Voraussagungen sondern nur eine Wissenschaft von Bestreben sein kann Wir mögen

im Stande sein aus den auf die Umstände eines gewissen gesellschaftlichen

Zustands angewandten Gesetzen der menschlichen Natur zu schließen dass eine

besondere Ursache in einer gewissen Weise wirken wird wenn sie nicht aufgehoben

wird wir sind aber weder jemals gewiss bis zu welchem Umfange oder bis zu

welchem Grade sie so wirken wird noch können wir mit Gewissheit behaupten dass

sie nicht aufgehoben werden wird denn wir können selten alle mit ihr

koexistierenden Agentien auch nur annähernd kennen noch weniger aber das

Gesamtresultat so vieler kombinierter Elemente berechnen Es ist indessen hier

nochmals die Bemerkung zu wiederholen dass ein für die Voraussagung

unzulängliches Wissen als ein Wegweiser sehr schätzbar sein kann Es ist für

eine kluge Führung sowohl der Geschäfte der Gesellschaft als auch der eigenen

Privatangelegenheiten nicht notwendig dass wir die Resultate von dem was wir

tun unfehlbar voraussehen Wir müssen unsern Zweck durch Mittel zu erreichen

suchen die vielleicht vereitelt werden und uns gegen Gefahren vorsehen die

vielleicht niemals eintreffen Es ist das Ziel der praktischen Politik eine

gegebene Gesellschaft mit der möglichst großen Anzahl von Umständen zu umgeben

deren Bestreben wohltätig sind und diejenigen Umstände deren Bestreben

schädlich sind zu beseitigen oder zu verhindern Eine bloße Kenntnis der

Bestreben gibt uns diese Macht bis zu einem gewissen Umfang wenn sie uns auch

ohne die Macht lässt das Gesamtresultat derselben vorauszusagen

    Es wäre indessen ein Irrtum vorauszusetzen wir könnten selbst in Beziehung

auf Bestreben auf diese Weise zu einer großen Anzahl von Urteilen gelangen

welche von allen Gesellschaften ohne Ausnahme wahr sein werden Eine solche

Voraussetzung wäre mit der außerordentlich modifizierbaren Natur der sozialen

Erscheinungen mit der Menge und Mannigfaltigkeit der Umstände durch welche sie

modifiziert werden unvereinbar sie wäre unvereinbar mit Umständen die niemals

bei zwei verschiedenen Gesellschaften oder zu zwei verschiedenen Perioden

derselben Gesellschaft dieselben oder auch nur nahezu dieselben sind Es würde

dies kein so ernsthaftes Hindernis sein wenn obgleich die auf die

Gesellschaft wirkenden Ursachen im allgemeinen zahlreich sind die einen jeden

Zug der Gesellschaft infulierenden Umstände der Zahl nach beschränkt wären denn

wir könnten alsdann eine besondere soziale Erscheinung isolieren und ihre Gesetze

unabhängig von der Störung durch den Rest der Erscheinungen studieren Aber die

Wahrheit ist ganz das Entgegengesetzte hiervon Was irgend ein Element des

sozialen Zustandes in einem merklichen Grade affiziert affiziert dadurch alle

anderen Elemente Die Erzeugungsweise aller sozialen Erscheinungen ist ein

großer Fall von Vermischung von Gesetzen. Wir können den Zustand einer

Gesellschaft in irgend einer Beziehung weder theoretisch verstehen noch

praktisch beherrschen wenn wir den Zustand nicht in allen anderen Beziehungen

in Betracht ziehen Es gibt keine soziale Erscheinung die nicht mehr oder

weniger durch jeden anderen Teil des Zustandes derselben Gesellschaft und daher

auch durch eine jede Ursache beeinflusst wäre welche eine jede andere der

gleichzeitigen sozialen Erscheinungen beeinflusst Kurz es gibt was die

Physiologen einen Consens eine Mitleidenschaft nennen ähnlich derjenigen

welche zwischen den verschiedenen Organen und Funktionen des physischen

Organismus des Menschen und der höheren Tiere existiert und die eine der vielen

Analogien ausmacht welche Ausdrücke wie »Staatskörper« und »Naturkörper«

allgemein gemacht haben Aus diesem Consens folgtdass, es sei denn zwei

Gesellschaften könnten in allen sie umgebenden und infulierenden Umständen gleich

sein worin inbegriffen wäre dass sie in ihrer vorausgängigen Geschichte

ähnlich sind die Erscheinungen sich in keinem einzigen Theile bei beiden genau

entsprechen werden keine Ursache bei beiden genau dieselben Wirkungen erzeugen

wird Eine jede Ursache kommt wenn sich ihre Wirkung über die Gesellschaft

verbreitet irgendwo mit verschiedenen Reihen von Agentien in Berührung und ihre

Wirkung auf einige der sozialen Erscheinungen wird auf diese Weise verschieden

modifiziert und diese Unterschiede erzeugen durch ihre Rückwirkung einen

Unterschied auch in denjenigen Wirkungen welche sonst unverändert geblichen

wären Wir können daher niemals mit Gewissheit behaupten dass eine Ursache,

welche bei einem Volke oder in einem Zeitalter ein besonderes Bestreben hatte

ein anderesmal dasselbe Bestreben haben wird wenn wir nicht auf unsere

Prämissen zurückgehen und die Analyse des Ganzen der infulierenden Umstände wie

wir sie zuerst angestellt hatten für die zweite Nation oder das zweite

Zeitalter wiederholen Die deduktive Gesellschaftswissenschaft wird keinen

Lehrsatz aufstellen der die Wirkung einer Ursache in einer universalen Weise

behauptet aber sie wird uns lehren den geeigneten Lehrsatz für die Umstände

eines gegebenen Falls herzustellen Sie wird nicht die Gesetze der Gesellschaft

im allgemeinen sondern die Mittel geben um die Erscheinungen einer gegebenen

Gesellschaft aus den besonderen Elementen oder Daten dieser Gesellschaft zu

bestimmen.

    Alle allgemeinen Urteile welche durch die deduktive Wissenschaft

aufgestellt werden könnensind daher im strengsten Sinne des Wortes

hypothetisch Sie sind auf irgend eine angenommene Reihe von Umständen gegründet

und behaupten wie eine gegebene Ursache unter diesen Umständen wirken würde

vorausgesetzt es seien keine anderen Umstände mit denselben verbunden Wenn die

angenommene Reihe von Umständen einer bestehenden Gesellschaft entnommen ist so

werden die Schlüsse von dieser Gesellschaft wahr sein vorausgesetzt die

Wirkung dieser Umstände sei nicht durch andere nicht in Rechnung gezogene

Umstände modifiziert worden Wenn wir uns der konkreten Wahrheit noch mehr zu

nähern wünschen so können wir dies nur dadurch dass wir eine größere Anzahl

von individualisierenden Umständen in Rechnung nehmen

    Wenn wir aber bedenken wie schnell das Verhältnis der Ungewissheit unserer

Schlüsse zunimmt sobald wir versuchen die Wirkung einer größeren Anzahl von

zusammenwirkenden Ursachen in die Rechnung einzuführen so werden wir die

hypothetischen Kombinationen von Umständen auf welche wir die allgemeinen

Lehrsätze der Wissenschaft bauen nicht sehr verwickelt machen dürfen wann

nicht eine so schnell wachsende Gefahr des Irrtums entstehen soll dass unsere

Schlüsse dadurch bald ihres ganzen Wertes beraubt werden Als ein Mittel um

allgemeine Sätze zu erhalten muss daher diese Untersuchungsweise bei Strafe der

Werthlosigkeit auf diejenigen Classen von sozialen Tatsachen beschränkt

werden welche obgleich durch alle soziologischen Agentien beeinflusst wie die

übrigen wenigstens der Hauptsache nach unter dem unmittelbaren Einfluss von nur

wenigen stehen

    

     3 Ungeachtet des allgemeinen Consens der gesellschaftlichen

Erscheinungen wodurch alles was in irgend einem Theile der gesellschaftlichen

Tätigkeit stattfindet einen entsprechenden Einfluss auf jeden andern Teil

ausübt und ungeachtet des Übergewichts welches der allgemeine Zustand der

Zivilisation und des sozialen Fortschritts einer gegebenen Gesellschaft über

alle partiellen und untergeordneten Erscheinungen haben muss ist es doch nicht

weniger wahr dass verschiedene Arten von sozialen Tatsachen in der Hauptsache

unmittelbar und in der ersten Instanz von verschiedenen Arten von Ursachen

abhängig sind und dass sie daher nicht allein getrennt studiert werden können,

sondern dass sie es auch müssen gerade so wie wir in dem Naturkörper die

Physiologie und Pathologie eines jeden der wichtigeren Organe und Gewebe

getrennt studieren obgleich der Zustand aller anderen Organe und Gewebe auf sie

einwirkt und obgleich die eigentümliche Konstitution und der allgemeine

Gesundheitszustand des Organismus bei der Bestimmung des Zustandes eines

besonderen Organs mit den lokalen Ursachen zusammenwirken und sie oft

überwiegen

    Auf diese Betrachtungen gründet sich die Existenz der unterschiedenen und

getrennten wenn auch nicht unabhängigen Zweige der soziologischen Spekulation

    Es gibt zB eine große Klasse von sozialen Erscheinungen in denen die

unmittelbar bestimmenden Ursachen hauptsächlich die durch das Verlangen nach

Reichtum wirkenden sind und in denen das hauptsächlich in Betracht kommende

psychologische Gesetz das bekannte Gesetz ist dass ein großer Gewinn einem

kleinen Gewinn vorzuziehen ist Ich meine natürlich jenen Teil der

gesellschaftlichen Erscheinungen der aus der industriellen oder produktiven

Tätigkeit und denjenigen Handlungen der Menschen hervorgeht durch welche die

Verteilung der Produkte dieser industriellen Tätigkeit stattfindet insofern

sie nicht durch Gewalt oder durch freiwilliges Schenken modifiziert wird Wenn

wir von diesem einen Gesetz der menschlichen Natur und von denjenigen

wichtigeren allgemeinen oder auf besondere soziale Zustände beschränkten

Umständen aus schließen welche durch dieses Gesetz auf den menschlichen Geist

wirken so körnen wir uns in den Stand setzen diesen Teil der sozialen

Erscheinungen soweit er von dieser Klasse von Umständen abhängt zu erklären

und vorauszusagen indem wir dabei über einen jeden andern Umstand der

Gesellschaft hinwegsehen und daher weder die in Rechnung gezogenen Umstände auf

ihren möglichen Ursprung aus anderen Tatsachen des sozialen Zustandes

zurückführen noch die Art und Weise in Anschlag bringen in der irgend einer

dieser anderen Umstände mit der Wirkung der ersteren zusammentreffen und sie

aufheben oder modifizieren kann Auf diese Weise konnte man eine Wissenschaft

aufbauen die den Namen Nationalökonomie erhalten hat

    Der Grund um diesen Teil der sozialen Erscheinungen von den übrigen zu

trennen und eine auf dieselben bezügliche besondere Wissenschaft zu schaffen

ist  dass sie wenigstens in der ersten Instanz hauptsächlich nur von einer

Klasse von Umständen abhängig sind und dasswenn auch andere Umstände

dazwischentreten die Bestimmung der einer Klasse von Umständen allein

angehörigen Wirkung ein hinreichend verwickeltes und schwieriges Geschäft ist

um es ratsam zu machen dasselbe ein für allemal abzumachen und alsdann die

Wirkung der modifizierenden Umstände in Anschlag zu bringen besonders da gewisse

feste Kombinationen der ersteren Klasse in Verbindung mit stets sich ändernden

Umständen der letzteren leicht wiederkehren

    Wie ich bei einer andern Gelegenheit bemerkt habe so befasst sich die

Nationalökonomie nur »mit den Erscheinungen des gesellschaftlichen Zustandes

die in Folge des Strebens nach Reichtum stattfinden Sie abstrahiert von allen

anderen menschlichen Leidenschaften oder Motiven mit Ausnahme derjenigen

welche als die dem Verlangen nach Reichtum ewig widerstreitenden Elemente

angesehen werden können, wie Scheu vor Arbeit und das Verlangen nach

kostspieligen Genüssen Diese nimmt sie bis zu einem gewissen Grad in Rechnung

weil sie nicht wie unsere anderen Wünsche mit dem Streben nach Reichtum

gelegentlich kollidieren sondern weil sie es wie ein Hemmschuh oder ein

Hindernis stets begleiten und sich daher der Betrachtung desselben immer

beimischen Die Nationalökonomie betrachtet die Menschen bloß als mit der

Erwerbung und der Konsumtion von Reichtum beschäftigt und sucht zu zeigen

welchen Verlauf die Handlungen der in einem gesellschaftlichen Zustande lebenden

Menschen nehmen würden wenn dieses Motiv ohne durch die obengenannten zwei

antagonistischen Motive gehemmt zu sein alle ihre Handlungen absolut

beherrschte Sie zeigt dass die Menschen unter dem Einfluss dieses Verlangens

Reichtum aufhäufen und diesen Reichtum zur Erzeugung von anderem Reichtum

gebrauchen dass sie durch gegenseitiges Übereinkommen die Einrichtung des

Eigentums sanktionieren dass sie Gesetze aufstellen um die Einzelnen zu

verhindern durch Gewalt oder Betrug Eingriffe in das Eigentum anderer zu tun

dass sie verschiedene Erfindungen annehmen um die Produktivität Ihrer Arbeit zu

erhöhen dass sie die Verteilung des Products durch Übereinkunft ordnen unter

dem Einfluss der Konkurrenz ordnen während die Konkurrenz selbst durch gewisse

Gesetze beherrscht istwelche Gesetze daher die letzten Regulatoren der

Verteilung der Erzeugnisse sind und dass sie gewisse Mittel gebrauchen wie

Geld Kredit etc um die Verteilung des Produktes zu erleichtern Alle diese

Operationen betrachtet die Nationalökonomie so als flössen sie allein aus dem

Verlangen nach Reichtum obgleich viele derselben wirklich das Resultat einer

Vielfachheit von Motiven sind Die Wissenschaft schreitet sodann zur

Untersuchung der Gesetze welche diese Operationen unter der Voraussetzung

beherrschen der Mensch sei ein Wesen das durch die Notwendigkeit seiner Natur

bestimmt wird, eine größere Menge Reichtum einer kleineren in allen Fällen

verzuziehen und zwar nur mit Ausnahme des durch die zwei bereits erwähnten

Gegenmotive konstituierten Falles Nicht dass irgend ein Nationalökonom jemals so

absurd gewesen wäre anzunehmen die Menschen seien wirklich so konstituiert

sondern weil dies die Art und Weise ist wie die Wissenschaft notwendig

verfahren muss Wenn eine Wirkung von einem Zusammenwirken von Ursachen abhängig

ist, so müssen diese Ursachen einzeln studiert und ihre Gesetze separat erforscht

werden wenn wir durch die Ursachen das Vermögen die Wirkung vorauszusagen oder

zu beherrschen zu erlangen wünschen indem das Gesetz der Wirkung aus den

Gesetzen aller sie bestimmenden Ursachen zusammengesetzt ist Das Gesetz der

Zentripetalkraft und das Gesetz der Zentrifugalkraft musste bekannt gewesen

sein ehe die Bewegung der Erde und der Planeten erklärt und vorausgesagt werden

konnte Dasselbe ist der Fall mit der Handlungsweise des Menschen in der

Gesellschaft Um urteilen zu können wie er unter der Mannigfaltigkeit der auf

ihn einwirkenden Wünsche und Abneigungen handeln wird müssen wir wissen wie er

unter dem ausschließlichen Einfluss einer jeden einzelnen handeln würde Es

gibt vielleicht in dem Leben eines Menschen keine Handlung bei welcher er

ausschließlich unter dem Einfluss des Verlangens nach Reichtum und nicht

auch unmittelbar oder mittelbar unter dem Einfluss anderer Impulse stände Auf

diejenigen Theile der menschlichen Handlungsweise wovon Reichtum nicht einmal

der Hauptzweck ist hält die Nationalökonomie indessen ihre Schlüsse nicht für

anwendbar Es gibt aber gewisse Zweige der menschlichen Angelegenheiten in

denen die Erwerbung von Reichtum das hauptsächliche und anerkannte Ziel ist

Von diesen allein nimmt die Nationalökonomie Notiz Sie muss dabei notwendig in

der Art verfahren dass sie den hauptsächlichen und anerkannten Zweck so

behandelt als ob er der alleinige Zweck wäre was von allen gleich einfachen

Hypothesen der Wahrheit am nächsten kommt Der Nationalökonom untersucht welche

Handlungen dieses Verlangen hervorrufen würde wenn es in dem fraglichen Bereich

durch kein anderes Verlangen gehindert wäre Auf diese Weise lässt sich eine

größere Annäherung an die wirkliche Ordnung der menschlichen Angelegenheiten

erreichen als es sonst in diesem Fache tunlich wäre Diese Annäherung ist

alsdann dadurch zu verbessern dass man die Wirkungen von allen Impulsen in

Anschlag bringt von denen gezeigt werden kann, dass sie sich mit dem Resultat

in einem besonderen Falle vermischen Diese Korrektionen werden nur in einigen

wenigen der schlagendsten Fälle wie bei dem wichtigen Prinzip von der

Bevölkerung in den Entwickelungen der Nationalökonomie selbst eingeschaltet

indem dabei der praktischen Nützlichkeit zu Liebe von der Strenge einer rein

wissenschaftlichen Anordnung einigermaßen abgestanden wird Wenn es bekannt

oder zu vermuten ist dass bei dem Streben nach Reichtum die Handlungsweise

der Menschen unter dem kollateralen Einfluss einer anderen Eigenschaft unserer

Natur steht als in dem Verlangen liegt die größte Menge Reichtum mit dem

geringsten Aufwand von Arbeit und Selbstverleugnung zu gewinnen so werden die

Schlüsse der Nationalökonomie so lange nicht auf die Erklärung oder Voraussagung

von Ereignissen anwendbar sein als sie nicht durch eine genaue Veranschlagung

des durch die andere Ursache ausgeübten Einflusses modifiziert sind«204

    Allgemeine Sätze, wie die oben angegebenen können in einem jeden gegebenen

Zustande der Gesellschaft in ausgedehnter Weise praktische Führer sein wenn

auch die modifizierenden Einflüsse der verschiedenen Ursachenwelche die Theorie

nicht in Rechnung zieht und die Wirkung der fortwährend stattfindenden

allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen vorläufig unbeachtet bleiben Und

obgleich es ein sehr gewöhnlicher Irrtum der Nationalökonomen gewesen ist aus

den Elementen des einen gesellschaftlichen Zustandes Schlüsse zu ziehen und sie

auf andere Zustände anzuwenden in denen viele von diesen Elementen nicht

dieselben sind so ist es doch nicht schwierig dadurch dass man die Beweise

rückwärts verfolgt und an den geeigneten Stellen das neue Element einführt

denselben allgemeinen Gang des für den einen Fall dienenden Arguments auch den

anderen Fällen anzupassen

    Es ist zB sehr die Gewohnheit der englischen Nationalökonomen gewesen die

Verteilung der Produkte der Industrie auf eine Voraussetzung hin zu erörtern

die sich kaum irgendwo anders als in England und Schottland verwirklicht findet

nämlich auf die Voraussetzung hin dass an der Produktion »drei von einander

ganz verschiedene Faktoren Arbeiter Kapitalisten und Grundbesitzer Antheil

haben und dass denselben gesetzlich und tatsächlich erlaubt ist auf ihre

Arbeit ihr Capital und ihr Land den Preis zu setzen den sie dafür bekommen

können Da sich die Schlüsse der Wissenschaft alle auf eine so konstituierte

Gesellschaft beziehen so bedürfen sie bei ihrer Anwendung auf eine jede andere

Gesellschaft einer Prüfung Sie sind da nicht anwendbar wo die Landbesitzer die

einzigen Kapitalisten und die Arbeiter wie in Sklavenstaaten deren Eigentum

sind Sie sind da nicht anwendbar wo wie in Indien der Staat der fast

universale Landbesitzer ist Sie sind da nicht anwendbar wo der

ackerbautreibende Arbeiter gewöhnlich der Besitzer des Landes selbst und des

Kapitals ist wie in Frankreich oder nur des Kapitals wie in Irland« Aber

obgleich man den Nationalökonomen der jetzigen Zeit mit Recht vorwerfen kann

»dass sie aus vergänglichem Material ein dauerndes Gebäude zu errichten suchen

dass sie die Unwandelbarkeit der gesellschaftlichen Einrichtungen für ausgemacht

ansehen während viele von diesen Einrichtungen veränderlich oder fortschreitend

sind und dass sie Behauptungen welche vielleicht nur auf den besonderen

Zustand der Gesellschaft in welcher der Schriftsteller zufällig lebte

anwendbar sind unter so geringen Beschränkungen aussprechen als ob sie

universale und absolute Wahrheiten wären« so raubt dies doch diesen Urteilen

nicht ihren Werth wenn man bei deren Anwendung den gesellschaftlichen Zustand

dem sie entnommen sind berücksichtigt Und sogar in Betreff ihrer

Unanwendbarkeit auf andere gesellschaftliche Zustände »darf man nicht

voraussetzen die Wissenschaft sei so unvollständig und ungenügend wie diese

Unanwendbarkeit zu beweisen scheint Obgleich viele von ihren Schlüssen nur

lokal wahr sind, so ist doch ihre Untersuchungsmethode allgemein anwendbar und

so wie ein jeder der eine bestimmte Anzahl algebraischer Gleichungen gelöst

hat ohne Schwierigkeit alle anderen Gleichungen von derselben Art lösen kann

so ist ein jeder der mit der Nationalökonomie von England oder sogar von

Yorkshire bekannt ist auch mit der Nationalökonomie aller anderen wirklichen

oder möglichen Nationen bekannt vorausgesetzt er habe genug gesunden

Menschenverstand um nicht zu erwarten es könnten dieselben Schlüsse aus

veränderlichen Prämissen hervorgehen« Wer vollkommen mit den Gesetzen bekannt

istwelche bei freier Konkurrenz den Pacht den Zins und den Lohn bestimmen

welche Grundbesitzer Kapitalist und Arbeiter in dem gesellschaftlichen Zustand

empfangen in welchem diese drei Classen vollständig getrennt sind wird keine

Schwierigkeit finden die sehr verschiedenen Gesetze zu bestimmenwelche die

Verteilung der Produkte unter die dabei beteiligten Classen in einem der

Zustände von Kultur und Landbesitz wie sie in dem vorhergehenden Auszug

angegeben wurden reguliren205

    

     4 Ich möchte hier nicht versuchen zu entscheiden welche andere

hypothetische oder abstrakte Wissenschaften außer der Nationalökonomie aus dem

allgemeinen Stoffe der Gesellschaftswissenschaft herauszubilden wären welche

anderen Theile der sozialen Erscheinungen in erster Instanz in einer hinlänglich

engen und vollständigen Abhängigkeit von einer besonderen Klasse von Ursachen

stehen um es bequem zu machen eine vorläufige Wissenschaft dieser Ursachen zu

schaffen ich verschiebe die Betrachtung der Ursachenwelche durch dieselben

oder mit ihnen zusammen wirken bis zu einer späteren Periode der Untersuchung

Unter diesen separaten Abtheilungen ist indessen eine welche wir nicht mit

Stillschweigen übergehen können da sie von einem umfassenderen und wichtigeren

Charakter ist als irgend ein anderer von den Zweigen in welche die

Gesellschaftswissenschaft eingeteilt werden könnte Wie diese befasst sie sich

direkt mit der Ursache von nur einer Klasse von sozialen Tatsachen aber einer

Klasse, welche sei es unmittelbar oder entfernt den höchsten Einfluss auf die

übrigen ausübt Ich meine die politische Ethologie wie man sie nennen könnte

oder die Lehre von den Ursachenwelche den einem Volke oder einem Jahrhundert

angehörigen Charaktertypus bestimmen Von allen untergeordneten Zweigen der

Gesellschaftswissenschaft ist dieser am vollständigsten in seiner Kindheit Die

Ursachen des Nationalcharakters werden kaum noch verstanden und die Wirkung der

Institutionen oder gesellschaftlichen Einrichtungen auf den Charakter des Volkes

ist im allgemeinen derjenige Teil ihrer Wirkungen der am wenigsten beachtet

und am wenigsten begriffen wird Auch dürfen wir uns hierüber gar nicht wundern

wenn wir den Kindheitszustand der Wissenschaft der Ethologie selbst betrachten

der Wissenschaft, welcher die Gesetze zu entnehmen sind von denen die

Wahrheiten der politischen Ethologie nur Resultate und Erläuterungen sind

    Einem jeden wird sich indessen bei genauer Betrachtung zeigen dass die

Gesetze des nationalen oder kollektiven Charakters bei weitem die wichtigste

Klasse von soziologischen Gesetzen sind Erstens ist der Charakter der durch

irgend einen Zustand von sozialen Umständen gebildet wird an sich die

interessanteste Erscheinung welche dieser gesellschaftliche Zustand

möglicherweise darbieten kann Zweitens ist er eine Tatsache, die in die

Erzeugung aller anderen Erscheinungen bedeutend mit eingeht Und vor Allem ist

der Charakter dh die Meinungen Gefühle und Gewohnheiten des Volkes obgleich

großenteils das Resultat von dem ihm vorausgängigen gesellschaftlichen

Zustande zum großen Teil auch die Ursache des auf ihn folgenden

gesellschaftlichen Zustandes er ist die Kraft durch welche alle diejenigen von

den Umständen der Gesellschaft welche wie zB Gesetze und Gebräuche

künstlich sind gänzlich gebildet werden; die Gebräuche werden es

augenscheinlich und nicht weniger gewiss die Gesetze, entweder durch den

direkten Einfluss der öffentlichen Denkungsart auf die herrschenden Gewalten

oder durch die Wirkungwelche die Beschaffenheit der nationalen Meinung Und des

nationalen Gefühls auf die Bestimmung der Regierungsform und die

Charakterbildung der Regierenden hat

    Der unvollkommenste Teil derjenigen Zweige der sozialen Forschung welche

als besondere Wissenschaften kultiviert worden sind, ist wie zu erwarten war

die Lehre von der Art und Weise in welcher ihre Schlüsse durch ethologische

Betrachtungen affiziert werden Als abstrakte oder hypothetische Wissenschaften

leiden sie unter diesem Mangel nicht aber er macht sie in ihrer praktischen

Anwendung als Zweige einer umfassenden sozialen Wissenschaft fehlerhaft In der

Nationalökonomie zB werden von englischen Denkern stillschweigend empirische

Gesetze der menschlichen Natur angenommen welche nur für Großbritannien und

die Vereinigten Staaten gültig sind So wird unter anderem beständig eine Stärke

der Konkurrenz angenommen welche als eine allgemeine merkantilische Tatsache

in keinem andern Lande der Welt existiert als in diesen beiden Ländern Ein

englischer Nationalökonom hat wie alle seine Landsleute selten gelernt dass

es möglich ist dass Menschen bei dem Verkaufe ihrer Waren am Ladentische mehr

auf ihre Bequemlichkeit oder ihre Eitelkeit als auf Geldgewinn bedacht sein

können Wer aber die Gewohnheiten des europäischen Kontinents kennt der weiß

welch scheinbar geringfügiges Motiv oft das Verlangen nach Geldgewinn überwiegt

sogar bei Unternehmungen welche den Geldgewinn unmittelbar zum Zweck haben Je

mehr die Wissenschaft der Ethologie kultiviert wird und je besser die

Verschiedenheiten des individuellen und nationalen Charakters verstanden werden

um so kleiner wird wahrscheinlich die Zahl der Propositionen werden welche man

als universale Prinzipien der menschlichen Natur für hinreichend sicher halten

wird um darauf zu bauen

    Diese Betrachtungen zeigen dass die Einteilung der sozialen Wissenschaft

in Fächer  damit ein jedes Fach separat studiert und seine Schlüsse sodann für

die Praxis durch die von den anderen Zweigen gelieferten Modifikationen

korrigiert werden  zum wenigsten einer wichtigen Beschränkung unterworfen werden

muss Von den sozialen Erscheinungen können diejenigen Theile allein selbst

vorläufig mit Vorteil zum Gegenstand unterschiedener Zweige der Wissenschaft

gemacht werden in welche die Charakterverschiedenheiten verschiedener Nationen

oder verschiedener Zeiten nur in einem untergeordneten Grade als infulierende

Ursachen eingehen Diejenigen Erscheinungen dagegen mit denen sich die

Einflüsse des ethologischen Zustandes des Volkes bei jedem Schritte vermischen

so dass der Zusammenhang von Ursache und Wirkung nicht einmal in roher Weise

bezeichnet werden kann, ohne diese Einflüsse in Betracht zu ziehen könnten

nicht mit Vorteil oder sogar nicht ohne großen Nachtheil unabhängig von der

politischen Ethologie und daher auch nicht unabhängig von allen Umständen

welche die Eigenschaften eines Volkes beeinflussen behandelt werden Aus diesem

Grunde und noch aus anderen sich sogleich zeigenden Gründen kann es keine

getrennte Staatswissenschaft geben indem das stattfindet was sich mehr als

alles andere mit den Eigenschaften des besonderen Volkes oder des besonderen

Jahrhunderts zugleich als Ursache und Wirkung vermischt Alle Fragen in

Beziehung auf das Bestreben von Regierungsformen müssen einen Teil der

allgemeinen Gesellschaftswissenschaft nicht eines separaten Zweiges derselben

ausmachen

    Diese allgemeine Gesellschaftswissenschaft als unterschieden von den

getrennten Zweigen der Wissenschaft von denen ein jeder seine Schlüsse nur

bedingungsweise und als der Oberherrschaft der Gesetze der allgemeinen

Wissenschaft unterworfen behauptet ist nun zu charakterisieren Wie sogleich

gezeigt werden wird kann hier nur durch die umgekehrte deduktive Methode etwas

wahrhaft Wissenschaftliches erreicht werden Ehe wir aber den Gegenstand

derjenigen soziologischen Betrachtungen verlassen deren Verfahren in der

direkten Deduktion besteht müssen wir prüfen in welchem Verhältnis dieselben

zu dem unumgänglich nötigen Elemente aller deduktiven Wissenschaften stehen

nämlich zu der Verifikation durch spezifische Erfahrung  zu der Vergleichung

der theoretischen Schlüsse mit den Resultaten der Beobachtung.

    

     5 Wir haben gesehen dass in den meisten deduktiven Wissenschaften und

in der Ethologie selbst welche das unmittelbare Fundament der

Gesellschaftswissenschaft ist die beobachteten Tatsachen einer Vorbereitung

unterworfen werden um sie geschickt zu machen rasch und genau mit einander

verglichen zu werden zuweilen auch um mit den Schlüssen der Theorie überhaupt

verglichen zu werden Diese vorbereitende Behandlung besteht darin, dass man

allgemeine Sätze sucht welche in conciser Weise ausdrücken was einer großen

Klasse von beobachteten Tatsachen gemein ist und diese Sätze nennt man die

empirischen Gesetze der Erscheinungen. Wir haben daher zu untersuchen ob ein

ähnlicher vorbereitender Prozess auch mit den Tatsachen der

Gesellschaftswissenschaft vorgenommen werden kann; ob es in der Geschichte und

in der Statistik empirische Gesetze gibt

    In der Statistik können empirische Gesetze begreiflicherweise zuweilen

ermittelt werden und die Ermittlung derselben bildet einen wichtigen Teil

jenes Systems von indirekter Beobachtung auf das wir in Betreff der Data der

deduktiven Wissenschaft oft bauen müssen Das Verfahren der Wissenschaft besteht

in dem Folgern von Wirkungen aus deren Ursachen wir können aber die Ursachen

oft nur vermittelst ihrer Wirkungen beobachten In solchen Fällen kann die

deduktive Wissenschaft aus Mangel an den nötigen Daten die Wirkungen nicht

voraussagen sie kann bestimmen welche Ursachen eine gegebene Wirkung

hervorbringen können nicht aber wie häufig oder in welchen Quantitäten jene

Ursachen existieren Eine vor mir liegende Zeitung gibt hiervon ein schlagendes

Beispiel Von einem der offiziellen Kuratoren von Konkursmassen wird eine

Darlegung gegeben worin gezeigt ist in wie vielen von den Fallimenten welche

er von Amts wegen zu untersuchen hatte die Verluste durch schlechte

Geschäftsführung jeder Art und in wie vielen durch unvermeidliches Unglück

verursacht worden sind. Als Resultat ergibt sich dass die Anzahl der durch

üble Geschäftsführung verursachten Fallimenten die aus allen anderen Ursachen

entstandenen bei weitem übertrifft Nur die spezifische Erfahrung konnte einen

genügenden Grund für einen solchen Schluss geben Derartige empirische Gesetze

die immer nur annähernde Generalisationen sind aus der direkten Beobachtung

abzuleiten ist daher ein wichtiger Teil der soziologischen Forschung

    Man muss das experimentelle Verfahren hier nicht als einen deutlichen Weg

zur Wahrheit sondern als das zufällig allein oder am besten anwendbare Mittel

betrachten um die nötigen Data für die deduktive Wissenschaft zu erhalten

Wenn die unmittelbaren Ursachen der sozialen Tatsachen der direkten Beobachtung

nicht zugänglich sind so gibt uns das empirische Gesetz der Wirkungen auch das

empirische Gesetz der Ursachen und dies ist alles was wir in diesem Falle

erlangen können Aber diese unmittelbaren Ursachen hängen von entfernten

Ursachen ab und das durch diese direkte Beobachtungsweise erhaltene empirische

Gesetz ist in seiner Anwendung auf unbeobachtete Tatsachen nur so lange

zuverlässig als man nicht Grund zu glauben hat es sei in irgend einer der

entfernten Ursachen von denen die unmittelbaren Ursachen abhängig sind eine

Veränderung vorgegangen Wenn wir daher auch die besten statistischen

Generalisationen benutzen um zu folgern obgleich nur mutmaßlich dass

dasselbe empirische Gesetz in einem jeden neuen Falle gültig sein wird so ist

es doch nötig dass wir mit den entfernteren Ursachen wohl bekannt seien damit

wir vermeiden das empirische Gesetz auf Fälle anzuwenden welche sich in den

Umständen von denen die Wahrheit des Gesetzes zuletzt abhängig ist,

unterscheiden So muss notwendigerweise auch da wo aus der spezifischen

Beobachtung abgeleitete Schlüsse für praktische Folgerungen in neuen Fällen

verwertbar sind die deduktive Wissenschaft über dem ganzen Prozess Wacht

halten sie sollte beständig berücksichtigt und ihre Zustimmung sollte bei einer

jeden Folgerung eingeholt werden

    Dasselbe gilt von allen Generalisationen welche sich auf die Geschichte

gründen lassen Nicht allein dass es solche Generalisationen gibt sondern es

wird auch sogleich gezeigt werden dass die allgemeine

Gesellschaftswissenschaft welche die Gesetze der Sukzession und der Koexistenz

der großen Tatsachen untersucht die den Zustand der Gesellschaft und der

Zivilisation zu irgend einer Zeit ausmachen in keiner anderen Weise verfahren

kann als dass sie solche Generalisationen ausführt  und die dann durch

Verbindung mit den psychologischen und ethologischen Gesetzen von denen sie

wirklich abhängen müssen zu bestätigen sind

    

     6 Aber indem diese Frage für den geeigneten Ort vorbehalten bleibt in

denjenigen spezielleren Untersuchungen welche den Gegenstand der getrennten

Zweige der Gesellschaftswissenschaft bilden ist dieser doppelte logische

Prozess und diese gegenseitige Verifikation nicht möglich die spezifische

Erfahrung bietet hier nichts was auf empirische Gesetze hinausliefe Dies ist

besonders da der Fall wo der Zweck ist die Wirkung irgend einer sozialen

Ursache unter einer großen Anzahl von gleichzeitig wirkenden Ursachen zu

bestimmen, zB die Wirkung der Korngesetze oder die Wirkung eines

Prohibitivsystems im allgemeinen Obgleich es theoretisch vollkommen gewiss sein

mag welche Art Wirkungen Korngesetze hervorbringen müssen und in welcher

allgemeinen Richtung sich ihr Einfluss auf das industrielle Gedeihen zu erkennen

geben wird so ist doch ihre Wirkung notwendig durch ähnliche oder durch

entgegengesetzte Wirkungen anderer infulierender Agentien so verdeckt dass die

spezifische Erfahrung höchstens nur zeigen kann dass in dem Durchschnitte von

einer großen Anzahl von Fällen diejenigen Fälle wo Korngesetze existierten die

Wirkung in einem höheren Grade zeigten als die Fälle, wo keine existierten Nun

kann aber die Anzahl der Fälle welche erforderlich ist um alle Kombinationen

der verschiedenen Einfluss ausübenden Umstände zu umfassen und so einen

merklichen Durchschnitt darzubieten niemals erhalten werden Nicht allein dass

wir niemals die Tatsachen von so vielen Fällen mit der hinreichenden

Glaubwürdigkeit erfahren können sondern es bietet sie auch die Welt innerhalb

der Grenzen des gegebenen Zustandes der Gesellschaft und der Zivilisation

welchen diese Untersuchungen immer voraussetzen nicht in genügender Zahl dar

Da wir auf diese Weise keine vorausgängigen empirischen Generalisationen

besitzen um die Schlüsse der Theorie damit zu vergleichen so bleibt als die

einzige direkte Verifikationsweise die Vergleichung dieser Schlüsse mit dem

Resultate eines einzigen Experiments oder Falles Aber die Schwierigkeit ist

hier gleich groß denn um eine Theorie durch das Experiment zu verifizieren

müssen die Umstände des Experiments genau dieselben sein wie die in der Theorie

betrachteten Aber bei sozialen Erscheinungen sind die Umstände von nicht zwei

Fällen genau gleich Ein Versuch mit Korngesetzen in einem anderen Lande oder

bei einer früheren Generation würde einen Schluss in Beziehung auf dieses Land

und auf diese Generation sehr wenig bestätigen Auf diese Art trifft es sich in

den meisten Fällen dass der für die Bestätigung der Voraussagungen der Theorie

wirklich geeignete individuelle Fall gerade der Fall ist, für den die

Voraussagungen gemacht worden sind, und die Bestätigung kommt zu spät um als

ein praktischer Wegweiser dienen zu können

    Obgleich nun die direkte Verifikation unmöglich ist so gibt es doch eine

indirekte Verifikation die kaum von geringerem Wert und immer ausführbar ist

Der in Betreff eines individuellen Falles gezogene Schluss kann nur durch diesen

Fall direkt verifiziert werden er wird aber indirekt verifiziert nämlich durch

die Bestätigung anderer Schlüsse die aus denselben Gesetzen in anderen

individuellen Fällen gezogen worden sindDie Erfahrung welche zu spät kommt um

den besonderen Satz zu verifizieren auf den sie sich bezieht kommt nicht zu

spät um die allgemeine Zulänglichkeit der Theorie bestätigen zu helfen Bis zu

weichem Grade die Wissenschaft einen sicheren Boden darbietet um vorauszusagen

und folglich um praktisch zu behandeln was noch nicht geschehen ist wird

dadurch erprobt dass wir zusehen bis zu welchem Grade sie uns erlaubt hätte

vorauszusagen was sich wirklich zugetragen hat Ehe wir unserer Theorie von dem

Einflüssen einer besonderen Ursache bei einem gegebenen Zustande von Umständen

völlig trauen können müssen wir im Stande sein den bestehenden Zustand

desjenigen ganzen Teils der sozialen Erscheinungen zu erklären den diese

Ursache zu beeinflussen strebt Wann wir zB in der Nationalökonomie unsere

Betrachtungen auf die Voraussagung oder die Leitung der Erscheinungen irgend

eines Landes anwenden wollten so müssten wir im Stande sein alle merkantilen

oder industriellen Tatsachen von einem allgemeinen Charakter die zu dem

gegenwärtigen Zustande dieses Landes gehören zu erklären wir müssten genügende

Ursachen nachweisen können um sie alle zu erklären oder wir müssten guten

Grund haben anzunehmen diese Ursachen hätten wirklich existiert Wenn wir dies

nicht können so ist es ein Beweis dass die Tatsachen, welche hätten in

Rechnung gezogen werden sollen uns entweder nicht vollständig bekannt waren

oder dass wir obgleich mit den Tatsachen bekannt nicht Herr einer hinlänglich

vollkommenen Theorie sind am ihre Folgen nachweisen zu können Bei dem

gegenwärtigen Zustande unseres Wissens sind wir in beiden Fällen nicht völlig

kompetent für dieses Land theoretische oder praktische Schlüsse zu ziehen In

gleicher Weise müssten wir wenn wir versuchen wollten die Wirkung zu

beurteilen welche irgend eine politische Einrichtung haben würde

vorausgesetzt sie könnte in einem gegebenen Lande eingeführt werden im Stande

sein zu zeigen dass der bestehende Zustand der praktischen Regierung dieses

Landes und von allem was davon abhängt so wie auch der besondere Charakter und

die Bestreben des Volkes und sein Zustand in Beziehung auf die verschiedenen

Elemente der gesellschaftlichen Wohlfahrt der Art sind wie sie die

Institutionen unter denen dasselbe gelebt hat in Verbindung mit den anderen

Umständen seiner Natur oder Lage hervorzubringen geeignet waren

    Kurz um zu beweisen dass uns unsere Wissenschaft und unsere Kenntnis des

besonderen Falles befähigen die Zukunft vorauszusagen müssen wir zeigen dass

sie uns in den Stand gesetzt haben würden die Gegenwart und die Vergangenheit

vorauszusagen Wenn etwas vorhanden ist, was wir nicht voraussagen konnten so

konstituiert dies eine rückständige Erscheinung welche zu ihrer Erklärung

weiteres Stadium verlangt und wir müssen entweder unter den Umständen des

besonderen Falles suchen bis wir einen finden der den Prinzipien unserer

bestehenden Theorie zufolge die unerklärte Erscheinung erklärt oder wir müssen

umgekehrt die Erklärung in einer Ausdehnung und Verbesserung der Theorie selbst

suchen

 
 





     1 Es gibt zwei Arten von soziologischer Forschung Bei der ersten Art

ist die Frage welche Wirkung wird aus einer gegebenen Ursache hervorgehen ein

gewisser allgemeiner Zustand von sozialen Umständen vorausgesetzt wie zB

welches würde die Wirkung sein wenn in irgend einem europäischen Lande bei dem

gegenwärtigen Gesellschafts und Bildungszustande oder unter irgend einer

anderen Voraussetzung von gesellschaftlichen Umständen und ohne Rücksicht auf

die Veränderungen welche in diesen Umständen stattfinden könnten oder

vielleicht schon im Werden sind Korngesetze eingeführt oder aufgehoben die

Monarchie abgeschafft oder allgemeines Stimmrecht eingeführt würden Es bleibt

aber noch eine zweite Untersuchung nämlich die Untersuchung in Betreff der

Gesetze welche diese allgemeinen Umstände selbst bestimmen Bei der letzteren

Untersuchung ist die Frage nicht was die Wirkung einer gegebenen Ursache bei

einem gewissen Zustand der Gesellschaft sein wird sondern welches die Ursachen

sind die Gesellschaftszustände erzeugen und welches die Erscheinungen sind

die sie charakterisieren Die allgemeine Gesellschaftswissenschaft besteht in der

Lösung dieser Frage durch sie müssen die Schlüsse der anderen und spezielleren

Untersuchungsweisen beschränkt und beherrscht werden

    

     2 Um den Umfang dieser allgemeinen Wissenschaft richtig zu verstehen und

sie von den untergeordneten Fächern der soziologischen Spekulation zu

unterscheiden ist es nötig die mit dem Ausdruck »ein Zustand der

Gesellschaft« verbundene Idee festzustellen Ein Zustand der Gesellschaft heißt

der gleichzeitige Zustand aller größeren sozialen Tatsachen oder

Erscheinungen Zu denselben gehören der in einem Gemeinwesen oder in einer jeden

Klasse desselben Bestehende Grad von Kenntnissen und von geistiger und

moralischer Bildung der Zustand der Industrie die Menge des Reichtums und

seine Verteilung die gewohnheitsgemäßen Beschäftigungen des Gemeinwesens

seine Einteilung in Classen und das Verhältnis dieser Classen zu einander

sein Glaube in Betreff aller Gegenstände welche den Menschen am wichtigsten

sind und der Grad von Zuversicht womit es diesen Glauben hegt der Geschmack

der Charakter und der Grad von ästhetischer Entwickelung die Regierungsform und

die wichtigeren Gesetze und Gebräuche des Gemeinwesens Der Zustand aller dieser

und vieler anderer sich darbietender Dinge macht den Zustand der Gesellschaft

und der Zivilisation zu einer gegebenen Zeit aus

    Wenn man von gesellschaftlichen Zuständen und den sie erzeugenden Ursachen

spricht so ist dabei mitverstanden dass zwischen diesen verschiedenen

Elementen eine natürliche wechselseitige Beziehung besteht dass nicht eine jede

Art von Kombination dieser allgemeinen sozialen Tatsachen möglich istsondern

nur gewisse Kombinationen kurz dass Gleichförmigkeit der Koexistenz zwischen

den Zuständen der verschiedenen sozialen Erscheinungen bestehen Und in der Tat

ist dies die notwendige Folge des Einflusses den eine jede von diesen

Erscheinungen auf die andere ausübt Es ist eine in dem Consens der

verschiedenen Theile des Gesellschaftskörpers inbegriffene Tatsache

    Gesellschaftszustände sind wie die verschiedenen Konstitutionen oder die

verschiedenen Alter des physischen Körpers sie sind nicht Zustände eines oder

weniger Organe oder Funktionen sondern des ganzen Organismus Es bietet deshalb

die Kenntnis welche wir in Betreff vergangener Zeiten und der in verschiedenen

Regionen der Erde nunmehr bestehenden Gesellschaftszustände besitzen bei

gehöriger Analyse Gleichförmigkeit dar indem man findet dasswenn einer der

Züge der Gesellschaft in einem besonderen Zustande ist ein mehr oder weniger

bestimmter Zustand von vielen anderen Zügen immer oder gewöhnlich zugleich mit

ihm vorhanden ist.

    Aber die Gleichförmigkeit der Koexistenz welche zwischen Erscheinungen

bestehen welche Wirkungen von Ursachen sind müssen wie so oft bemerkt

Folgesätze der Kausalgesetze sein durch welche diese Erscheinungen wirklich

bestimmt werden. Die gegenseitige Correlation zwischen den verschiedenen

Elementen eines jeden Gesellschaftszustandes ist daher ein derivatives Gesetz

das aus den Gesetzen hervorgeht welche die zwischen dem einen und dem anderen

Zustande der Gesellschaft bestehende Sukzession regeln denn die nähere Ursache

eines jeden gesellschaftlichen Zustandes ist der unmittelbar vorhergehende

Gesellschaftszustand Die fundamentale Aufgabe der Gesellschaftswissenschaft

besteht daher darin die Gesetze zu finden nach denen ein gesellschaftlicher

Zustand den ihm nachfolgenden und seine Stelle einnehmenden Zustand erzeugt

Dies eröffnet die schwierige Frage in Betreff des Fortschreitens der Menschen

und der Gesellschaft eine in einer jeden richtigen Vorstellung von den sozialen

Erscheinungen als Gegenstand einer Wissenschaft inbegriffene Idee

    

     3 Es ist eine der Eigentümlichkeiten der Wissenschaften von der

menschlichen Natur und Gesellschaft eine Eigentümlichkeit die ihnen zwar

nicht absolut doch in hohem Grade angehört dass sie mit einem Gegenstande zu

schaffen haben dessen Eigenschaften veränderlich sind Ich meine nicht

veränderlich von Tag zu Tag sondern von Jahrhundert zu Jahrhundert so dass

sich nicht bloß die Eigenschaften der Individuen ändern sondern dass auch die

Eigenschaften der Mehrheit in einem Jahrhundert nicht mehr dieselben sind wie

in dem anderen

    Die Hauptursache dieser Eigentümlichkeit ist die beständige Gegenwirkung

der Wirkungen auf ihre Ursachen Die Umstände in denen sich die Menschen

befinden und welche nach ihren eigenen Gesetzen und denen der menschlichen

Natur wirken bilden den Charakter der menschlichen Wesen aber ihrerseits

bilden und formen die menschlichen Wesen für sich und ihre Nachkommen die

Umstände Aus dieser gegenseitigen Action muss notwendig entweder ein Cyclus

oder ein Fortschreiten hervorgehen Auch in der Astronomie ist eine jede

Tatsache zugleich Ursache und Wirkung; die aufeinanderfolgenden Stellungen der

verschiedenen Himmelskörper erzeugen Veränderungen sowohl in der Richtung als

auch in der Intensität der Kräfte durch welche diese Stellungen bestimmt

werden. Aber in dem Sonnensystem bringen diese gegenseitigen Wirkungen nach

einer gewissen Anzahl von Veränderungen den vorigen Stand der Umstände wieder

zurück was naturgemäß zu einer fortwährenden Wiederkehr derselben Reihe in

einer unveränderlichen Ordnung führt Kurz diese Körper bewegen sich in

geschlossenen Bahnen es gibt aber auch andere Körper nach den astronomischen

Gesetzen könnte es solche geben welche anstatt einer geschlossenen Bahn eine

Trajektorie oder eine nicht in sich zurückkehrende Bahn beschreiben Das eine

oder das andere muss den Typus abgeben nach dem sich die menschlichen

Angelegenheiten richten

    Einer von den ersten Denkern welche sich die Sukzession der geschichtlichen

Ereignisse festen Gesetzen unterworfen dachten und durch eine analytische

Prüfung der Geschichte diese Gesetze zu entdecken suchten Vico der berühmte

Verfasser der Scienza Nuova war der ersteren Meinung Er glaubte die

Erscheinungen der menschlichen Gesellschaft bewegten sich in einem Kreise sie

gingen periodisch durch dieselbe Reihe von Veränderungen hindurch Obgleich es

nicht an Umständen fehlte welche diese Ansicht plausibel machten so hielt sie

doch eine strenge Prüfung nicht aus und diejenigenwelche Vico in derartigen

Betrachtungen folgten haben allgemein die Idee einer Trajektorie oder eines

Fortschritts anstatt einer geschlossenen Bahn oder eines Cyclus angenommen

    Die Ausdrücke Fortschritt und Fortschreiten Progression und Progressivität

sind hier nicht als synonym mit Vervollkommnung und Streben nach Vervollkommnung

zu verstehen Es ist denkbar dass die Gesetze der menschlichen Natur eine

gewisse Reihe von Veränderungen in den Menschen und der Gesellschaft bestimmen

und sogar unvermeidlich machen welche nicht in einem jeden Falle oder nicht im

Ganzen Vervollkommnungen sein dürften In der Tat ist es mein Glaube dass das

allgemeine Streben bei gelegentlichen und zeitweiligen Ausnahmen ein Streben

nach Vervollkommnung ist und bleiben wird ein Streben nach einem besseren und

glücklicheren Zustande Dies ist indessen nicht eine Frage der Methode der

sozialen Wissenschaft sondern ein Lehrsatz der Wissenschaft selbst Für unseren

Zweck genügt es dass sowohl in dem Charakter des Menschengeschlechts wie auch

in den äußeren Umständen desselben soweit sie von ihm selbst gebildet werden,

eine fortschreitende Veränderung stattfinde dass in jedem folgenden Jahrhundert

die Haupterscheinungen der Gesellschaft sich von denen des vorhergehenden und

noch mehr von denen irgend eines früheren Jahrhunderts unterscheiden indem die

Perioden welche diese aufeinander folgenden Veränderungen sehr deutlich

markieren Intervalle von einer Generation sind Während eines solchen Intervalls

ist eine neue Reihe von menschlichen Wesen erzogen worden der Kindheit

entwachsen und hat von der Gesellschaft Besitz genommen

    Der Fortschritt des Menschengeschlechts ist das Fundament auf dem in den

letzten Jahren eine Methode der Forschung in der Gesellschaftswissenschaft

errichtet worden ist, die den beiden früher herrschenden Forschungsweisen der

chemischen oder experimentellen und der geometrischen weit überlegen ist Diese

Methode welche gegenwärtig von den am weitesten vorgeschrittenen Denkern des

Kontinents angenommen wird besteht darin, dass man durch das Studium und die

Analyse der allgemeinen Tatsachen der Geschichte das Gesetz des Fortschritts

wie es diese Forscher nennen zu entdecken sucht und dieses Gesetz wenn es

einmal ermittelt ist muss uns diesen Denkern zufolge in den Stand setzen

künftige Ereignisse vorauszusagen gerade so wie wir in der Algebra nach

einigen Gliedern einer unendlichen Reihe das Prinzip der Regelmäßigkeit ihrer

Bildung entdecken und den Rest der Reihe bis zu einer beliebigen Anzahl von

Gliedern voraussagen können Der Hauptzweck der historischen Spekulation in

Frankreich während der letzten Jahre war die Ermittlung dieses Gesetzes Aber

während ich die großen Dienste welche der Geschichtswissenschaft durch diese

Schule geleistet wurden gern anerkenne muss ich sie doch eines fundamentalen

Missverstehens der wahren Methode der sozialen Forschung für schuldig halten

Das Missverständnis besteht in der Voraussetzung, es könnte die Ordnung der

Sukzession welche wir in den uns von der Geschichte dargebotenen verschiedenen

Gesellschafts und Bildungsstufen nachweisen können auch wenn diese Ordnung

noch strenger gleichförmig wäre als sie sich erwiesen hat jemals einem

Naturgesetz gleichkommen Sie kann nur ein empirisches Gesetz sein Die Zustände

des menschlichen Geistes und der menschlichen Gesellschaft können nicht ein

ihnen eigenes unabhängiges Gesetz haben sondern dasselbe muss von den

psychologischen und ethologischen Gesetzen abhängen welche die Wirkung von

Umständen auf die Menschen und von den Menschen auf die Umstände beherrschen Es

ist denkbar dass diese Gesetze und die allgemeinen Umstände des

Menschengeschlechts der Art sind dass sie die sukzessive Umbildung der Menschen

und der Gesellschaft zu einer gegebenen und unveränderlichen Ordnung bestimmen

Wenn dies aber auch der Fall wäre so kann es nicht der letzte Zweck der

Wissenschaft sein ein empirisches Gesetz zu entdecken Ehe dieses Gesetz nicht

mit den psychologischen und ethologischen Gesetzen von denen es abhängig sein

muss in Verbindung gebracht und durch die Übereinstimmung der aprioristischen

Deduktion und des geschichtlichen Beweises aus einem empirischen Gesetz in ein

wissenschaftliches Gesetz umgewandelt werden kann, ist es für die Voraussetzung

künftiger Vorgänge über höchstens angrenzende Fälle hinaus unzuverlässig Herr

Comte ist der Einzige von der jungen historischen Schule der die Notwendigkeit

eingesehen hat in dieser Weise alle unsere Generalisationen aus der Geschichte

mit den Gesetzen der menschlichen Natur in Verbindung zu setzen

    

     4 Während es aber eine gebieterische Regel ist niemals eine

Generalisation aus der Geschichte in die Gesellschaftswissenschaft einzuführen

wenn nicht in der menschlichen Natur genügende Gründe dafür nachzuweisen sind

so glaube ich doch dass Niemand bestreiten wird dass es möglich gewesen wäre

von den Elementen der menschlichen Natur und den allgemeinen Umständen der

menschlichen Zustände ausgehend a priori die Ordnung zu bestimmen, in weicher

die menschliche Entwickelung stattfinden muss und folglich die allgemeinen

Tatsachen der Geschichte bis zur jetzigen Zeit vorauszusagen Schon nach den

ersten Gliedern der Reihe überwiegt der durch die vorhergehenden Generationen

auf eine jede nachfolgende Generation ausgeübte Einfluss wie der zuletzt

angeführte Schriftsteller richtig bemerkt hat mehr und mehr alle anderen

Einflüsse so dass endlich Alles was wir sind und tun nur in einem sehr

geringen Grade das Resultat der allgemeinen Umstände des Menschengeschlechts

oder auch nur unserer eigenen durch die ursprünglichen Eigenschaften unserer

Spezies wirkenden Umstände istsondern hauptsächlich das Resultat der durch die

ganze frühere Geschichte der Menschheit erzeugten Eigenschaften Es übersteigt

die menschlichen Fähigkeiten eine so lange Reihe von Wirkungen und

Gegenwirkungen in der ein jedes folgende Glied aus einer immer größeren Anzahl

und Mannigfaltigkeit von Teilen zusammengesetzt ist aus den sie erzeugenden

elementaren Gesetzen zu berechnen Die bloße Länge der Reihe wäre schon ein

hinreichendes Hindernis indem ein kleiner Irrtum in irgend einem Gliede der

Reihe bei einem jeden folgenden Schritte in schneller Progression zunehmen

würde

    Wenn daher die Reihe der Wirkungen selbst bei ihrer Prüfung als ein Ganzes

nicht irgend eine Regelmäßigkeit darbieten würde so würden wir vergebens

suchen eine Gesellschaftswissenschaft aufzubauen wir hätten uns in diesem

Falle mit jener untergeordneten früher schon angeführten Art von soziologischer

Spekulation begnügen müssen mit dem Versuche nämlich zu bestimmen, welches die

Wirkung von der Einführung einer neuen Ursache in einen der Voraussetzung nach

festen gesellschaftlichen Zustand sein würde ein Wissen das für die

gewöhnlichen Bedürfnisse der täglichen politischen Praxis genügend ist das uns

aber in allen Fällenin denen die fortschreitende Bewegung der Gesellschaft

eines der infulierenden Elemente ist leicht im Stiche lässt und daher im

Verhältnis prekärer wird als der Fall an Wichtigkeit zunimmt Da aber sowohl

die natürlichen Verschiedenheiten der Menschheit als auch die ursprünglichen

Verschiedenheiten der lokalen Umstände weniger zahlreich sind als die

übereinstimmenden Punkte so wird naturgemäß in der fortschreitenden

Entwickelung des Menschengeschlechts und seiner Werke ein gewisser Grad von

Gleichförmigkeit vorhanden sein Und bei dem Fortschreiten der Gesellschaft

strebt diese Gleichförmigkeit grösser nicht kleiner zu werden da die

Entwickelung eines jeden Volkes welche zuerst ausschließlich durch die Natur

und die Umstände bestimmt wird, allmälig unter den beim Fortschreiten der

Zivilisation immer stärker werdenden Einfluss von anderen Nationen der Erde und

von Umständen gebracht wird durch welche diese Nationen beeinflusst worden

sindWenn daher die Geschichte mit Verstand geprüft wird so bietet sie

empirische Gesetze der Gesellschaft und es ist die Aufgabe der allgemeinen

Soziologie dieselben zu bestimmen und sie mit den Gesetzen der menschlichen

Natur durch Deduktionen zu verknüpfen welche zeigen dass diese empirischen

Gesetze die derivativen Gesetze sind die als die Folgen jener letzten Gesetze

ganz naturgemäß zu erwarten waren

    Es ist in der Tat kaum jemals möglich selbst nicht nachdem die Geschichte

das abgeleitete Gesetz an die Hand gegeben hat a priori zu beweisen dass dies

die einzige Art von Sukzession oder Koexistenz war in welcher die Wirkungen in

Übereinstimmung mit den Gesetzen der menschlichen Natur erzeugt werden konnten

Wir können höchstens beweisen dass starke aprioristische Gründe vorhanden

waren sie zu erwarten und dass keine andere Ordnung der Sukzession oder

Koexistenz mit so viel Wahrscheinlichkeit aus der Natur des Menschen und den

allgemeinen Umständen seiner Lage hervorgegangen sein würde Oft können wir

nicht einmal dieses wir können oft nicht einmal zeigen dass das was geschah

a priori wahrscheinlich war sondern nur dass es möglich war Dieses  was in

der umgekehrten deduktiven Methode welche wir jetzt charakterisieren wirklich

ein verifizierendes Verfahren ist  ist aber ebenso unumgänglich nötig wie es

die Verifikation durch spezifische Erfahrung da ist wo wir ursprünglich durch

direkte Deduktion zu dem Schlüsse gelangt sind Das empirische Gesetz muss das

Resultat von nur wenigen Fällen sein da nur wenige Nationen eine hohe Stufe des

sozialen Fortschritts erreicht haben noch weniger Nationen aber durch eigene

unabhängige Entwickelung Wenn daher nur einer oder zwei von diesen wenigen

Fällen nicht hinlänglich bekannt oder unvollkommen in ihre Elemente zerlegt und

daher nicht genau mit anderen Fällen verglichen worden sind, so ist nichts

wahrscheinlicher als dass ein falsches anstatt eines richtigen empirischen

Gesetzes daraus hervorgehen wird Es werden demzufolge auch aus dem Gange der

Geschichte fortwährend die irrigsten Generalisationen gezogen nicht nur in

diesem Lande von dem man kaum noch sagen kann dass in ihm die Geschichte

überhaupt als eine Wissenschaft kultiviert wird sondern auch in anderen Ländern

in denen sie als Wissenschaft kultiviert wird und zwar von Personen die in ihr

wohl bewandert sind Das einzige Mittel der Verbesserung besteht in der

beständigen Verifikation durch psychologische und ethologische Gesetze Wir

können hinzufügen dass nur Einer der mit diesen Gesetzen hinreichend bekannt

ist auch fähig ist durch die Analyse der geschichtlichen Tatsachen oder auch

durch Beobachtung der gesellschaftlichen Erscheinungen seiner eigenen Zeit die

Materialien für die geschichtliche Generalisation vorzubereiten Ein jeder

Andere wird die relative Wichtigkeit der verschiedenen Tatsachen nicht einsehen

und folglich auch nicht wissen welche Tatsachen er suchen oder beobachten

soll noch weniger wird er im Stande sein den Beweis von Tatsachen zu

bemessen welche wie es mit den meisten Tatsachen der Fall ist, nicht durch

direkte Beobachtung bestimmt oder aus dem Zeugnis anderer erlernt werden

können, sondern aus Merkmalen gefolgert werden müssen

    

     5 Die empirischen Gesetze der Gesellschaft sind von zweierlei Art

einige sind Gleichförmigkeit der Koexistenz andere der Sukzession Je nachdem

die Wissenschaft darauf ausgeht die erstere oder die letztere Art

Gleichförmigkeit zu ermitteln und zu verifizieren nennt sie Herr Comte soziale

Statik oder soziale Dynamik ähnlich wie man in der Mechanik zwischen den

Bedingungen des Gleichgewichts und den Bedingungen der Bewegungoder in der

Physiologie zwischen den Gesetzen der Organisation und den Gesetzen des Lebens

unterscheidet Der erstere Zweig der Wissenschaft ermittelt die Bedingungen der

Stabilität des sozialen Verbands der letztere die Gesetze des Fortschritts Die

soziale Dynamik ist die Lehre von der in einer fortschreitenden Bewegung

betrachteten Gesellschaft während die soziale Statik die Lehre von dem zwischen

den verschiedenen Teilen des gesellschaftlichen Organismus bestehenden Consens

mit anderen Worten, die Lehre von den gegenseitigen Wirkungen und Gegenwirkungen

der gleichzeitigen sozialen Erscheinungen ist »indem sie vorläufig soviel als

möglich für wissenschaftliche Zwecke von der fundamentalen Bewegung welche zu

allen Zeiten das Ganze dieser Erscheinungen modifiziert absieht206

    Unter dem ersten Gesichtspunkt wird uns die Soziologie in den Stand setzen

in einer Weise die der bei der Anatomie des physischen Körpers jetzt üblichen

Weise wesentlich analog ist die verschiedenen charakteristischen Merkmale eines

jeden unterschiedenen Modus der sozialen Existenz aus dem andern zu folgern

vorbehaltlich der Bestätigung durch direkte Beobachtung Diese vorläufige

Ansicht von der politischen Wissenschaft setzt daher notwendig voraus dass im

Gegensatz zu den bestehenden Gewohnheiten der Philosophen ein jedes der

zahlreichen Elemente des sozialen Zustandes nicht mehr unabhängig und absolut

sondern immer und ausschließlich nur in Beziehung auf alle anderen Elemente

mit deren Ganzem es durch gegenseitige Abhängigkeit verbunden ist betrachtet

werde Es wäre überflüssig hier bei der großen und beständigen Nützlichkeit

dieses Zweiges der soziologischen Spekulation zu verweilen Er ist vor allem die

unentbehrliche Basis der Lehre von dem sozialen Fortschritt Er kann überdies

unmittelbar und für sich allein gebraucht werden, um wenigstens vorläufig die

Stelle der direkten Beobachtung einzunehmen welche in vielen Fällen in

Beziehung auf einige Gesellschaftselemente nicht ausführbar ist deren

wirklicher Zustand indessen vermittelst der Beziehungen welche sie mit anderen,

vorher bekannten Elementen verknüpfen genügend beurteilt werden kann. Die

Geschichte der Wissenschaft kann uns einen Begriff von der Wichtigkeit dieses

Hilfsmittels geben indem sie uns zB daran erinnert wie die vulgären

Irrtümer der bloßen Gelehrsamkeit in Betreff der vermeintlichen Ausbildung der

alten Ägypter in der höheren Astronomie ehe noch eine gesundere Gelehrsamkeit

ihr Urteil abgegeben hatte durch bloße Betrachtung des unvermeidlichen

Zusammenhanges zwischen dem allgemeinen Zustande der Astronomie und der reinen

Geometrie die bei ihnen offenbar in der Kindheit war unwiederbringlich

zerstört wurden Mau könnte leicht eine Menge von Fällen anführen deren

Charakter keinen Streit zulassen würde Um Übertreibungen zu vermeiden muss

indessen bemerkt werden dass diese notwendigen Beziehungen zwischen den

verschiedenen Erscheinungen der Gesellschaft ihrer Natur nach nicht so einfach

und genau sein können dass die beobachteten Resultate aus nur einem Modus der

gegenseitigen Koordination hätten hervorgehen können Eine solche in der

Wissenschaft vom Leben schon zu enge Vorstellung würde mit der noch

verwickelteren Natur der soziologischen Betrachtungen vollständig im Widerspruch

stehen Aber die genaue Berechnung der Grenzen der Abweichung sowohl im

gesunden als auch im kranken Zustand konstituiert wenigstens ebensosehr wie in

der Anatomie des Naturkörpers eine unerlässliche Ergänzung einer jeden Theorie

der soziologen Statik ohne sie würde die obenerwähnte indirekte Untersuchung

oft zu Irrtümern führen

    Es ist hier nicht der Ort das Vorhandensein einer notwendigen Beziehung

zwischen allen möglichen Erscheinungen desselben sozialen Organismus methodisch

zu beweisen dies ist ein Punkt worüber wenigstens dem Prinzip nach unter den

gründlichen Denkern nur geringe Meinungsverschiedenheit herrscht Von welchem

sozialen Elemente wir auch ausgehen mögen so können wir doch leicht erkennen

dass es immer einen mehr oder weniger unmittelbaren Zusammenhang mit allen

anderen Elementen selbst mit denjenigen hat welche beim ersten Anblick am

unabhängigsten von ihm zu sein scheinen Die dynamische Betrachtung der

fortschreitenden Entwickelung der zivilisierten Menschheit bietet ohne Zweifel

ein noch wirksameres Mittel dar um diese interessante Bestätigung des Consens

der gesellschaftlichen Erscheinungen auszuführen indem sie die Art und Weise

darlegt in welcher eine jede Veränderung in dem einen Theile unmittelbar oder

sehr rasch auf alle übrigen Theile wirkt Aber dieser Darstellung kann eine

Bestätigung von einer rein statischen Natur vorausgehen oder doch jedenfalls

folgen denn in der Politik wie in der Mechanik beweist die Übertragung der

Bewegung von einem Gegenstand auf den andern einen Zusammenhang zwischen

denselben Ist es ohne zu der unbedeutenderen gegenseitigen Abhängigkeit der

verschiedenen Zweige einer Wissenschaft oder Kunst hinabzusteigen nicht

evident dass sowohl unter den verschiedenen Wissenschaften als auch unter den

meisten Künsten ein solcher Zusammenhang besteht dasswenn wir mit dem

Zustande eines ausgezeichneten Theiles derselben bekannt sind wir mit wahrhaft

wissenschaftlicher Gewissheit den gleichzeitigen Zustand einer jeden der anderen

folgern können Wenn wir diese Betrachtung weiter ausdehnen so können wir die

notwendige Beziehung begreifen welche zwischen dem Zustande der Wissenschaften

im allgemeinen und dem Zustande der Künste im allgemeinen besteht nur dass die

gegenseitige Abhängigkeit im Verhältnis als sie indirekt auch weniger stark

ist Dasselbe ist der Fall wenn wir anstatt den Durchschnitt der sozialen

Erscheinungen bei einem Volke zu betrachten denselben zugleich bei

verschiedenen gleichzeitigen Nationen untersuchen deren fortwährender

gegenseitiger Einfluss namentlich in der neueren Zeit nicht zu bestreiten ist

obgleich in diesem Falle der Consens von einem weniger entschiedenen Charakter

sein wird und mit der Verwandtschaft der Fälle und der Vielfachheit der

Berührungspunkte allmälig abnehmen muss so dass er In manchen Fällen zuletzt

ganz verschwindet wie zB zwischen dem westlichen Europa und dem östlichen

Asien denen verschiedene gesellschaftliche Zustände bisher von einander

unabhängig gewesen zu sein scheinen«

    Diesen Betrachtungen folgen Illustrationen eines wichtigen und bis in die

neueste Zeit sehr vernachlässigten allgemeinen Prinzips nämlich des Prinzips

der notwendigen Correlation zwischen der in einer Gesellschaft bestehenden

Regierungsform und dem allgemeinen Zustande der Zivilisation Es ist dies ein

natürliches Gesetz welches den endlosen Diskussionen und den unzähligen

Theorien in Betreff der Regierungsformen in abstracto wenn sie einem anderen

Zwecke als dem der Vorbereitung des Materials für den späteren Aufbau einer

besseren Philosophie dienen sollen den Stempel der Unfruchtbarkeit und

Werthlosigkeit aufdrückt

    Es würde wie bereits bemerkt eines der Hauptresultate der Wissenschaft der

politischen Statik sein wenn sie die Erfordernisse eines stabilen politischen

Verbandes bestimmte Es gibt einige Umstände welche in allen Gesellschaften

ohne Ausnahme getroffen werden und im höchsten Grade da wo der

gesellschaftliche Verband am vollständigsten ist diese Umstände können demnach

als Bedingungen der Staat genannten komplexen Erscheinungen betrachtet werden

wenn psychologische und ethologische Gesetze die Indikation bestätigen Es ist

zB niemals eine zahlreiche Gesellschaft ohne Gesetze oder ihnen äquivalente

Gebräuche ohne Gerichte und eine für die Ausführung der Aussprüche derselben

organisierte Gewalt zusammengehalten worden Es gab immer öffentliche

Autoritäten denen der Rest des Gemeinwesens mehr oder weniger streng und in

mehr oder weniger genau bestimmten Fällen gehorchten oder denen er der

allgemeinen Meinung nach zu gehorchen verbunden war Wenn wir diesen Gang der

Untersuchung verfolgen so werden wir eine Anzahl von Erfordernissen finden die

bei einer jeden Gesellschaft welche eine Kollektivexistenz behauptet hat

vorhanden waren und bei deren Aufhören dieselbe entweder mit einer anderen

Gesellschaft verschmolz oder sich auf einer neuen Basis jenen Bedingungen

entsprechend rekonstituierte Obgleich diese durch Vergleichung von verschiedenen

Formen und Zuständen der Gesellschaft erhaltenen Resultate an sich nur auf

empirische Gesetze hinauslaufen so scheinen doch einige derselben wenn sie

einmal bekannt sind mit so viel Wahrscheinlichkeit aus allgemeinen Gesetzen der

menschlichen Natur zu folgen dass die Übereinstimmung der beiden Prozesse die

Augenscheinlichkeit zum Beweis und die Generalisationen zum Range von

wissenschaftlichen Wahrheiten erheben muss

    Dies scheint zB von den Schlüssen behauptet werden zu können die in einer

Stelle ausgesprochen sind welche ich aus einer Kritik der negativen Philosophie

des achtzehnten Jahrhunderts ausziehe und welche ich citire wie bei früheren

Gelegenheiten obgleich sie von mir selbst herrührt207 weil ich die

Vorstellungwelche ich mir von den Lehrsätzen gebildet habe aus denen die

soziologische Statik bestehen würde auf keine andere Weise besser erläutern

kann

    »Das erste Element des gesellschaftlichen Verbandes Gehorsam gegen die

Regierung fand man nicht so leicht in der Welt einzuführen Bei einer timiden

und geistlosen Menschenrace wie die Bewohner der weiten Ebenen tropischer

Länder sind mag der passive Gehorsam naturwüchsig sein obgleich es selbst da

zweifelhaft ist ob er jemals bei einem Volke getroffen worden ist, bei dem

nicht der Fatalismus oder mit anderen Worten, die Unterwerfung unter den Druck

der Umstände als unter einen göttlichen Befehl als religiöse Lehre geherrscht

hat Aber die Schwierigkeit ein tapferes und kriegerisches Geschlecht dazu zu

vermögen das eigene individuelle arbitrium einem obersten Schiedsrichter zu

unterwerfen wurde immer für so groß gehalten dass man nur eine übernatürliche

Macht für fähig hielt sie zu überwinden auch haben dergleichen Stämme der

Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft immer einen göttlichen Ursprung

beigelegt So verschieden urteilten diejenigenwelche den Menschen im Zustande

der Wildheit aus der Erfahrung kannten von denjenigen welche ihn nur im

zivilisierten Zustand kannten Um die feudale Anarchie zu bezwingen und das ganze

Volk irgend einer europäischen Nation einem geordneten Staatswesen unterwürfig

zu machen obgleich das Christentum in der konzentriertesten Form seines

Einflusses dabei mitwirkte waren selbst in dem modernen Europa nach dem

Untergang des römischen Reiches dreimal so viele Jahrhunderte nötig als seit

jener Zeit verflossen sind

    Hätten nun diese Philosophen die menschliche Natur unter einem andern Typus

gekannt als dem ihres eigenen Jahrhunderts und der besonderen

Gesellschaftsklasse in der sie lebten so würde es ihnen aufgefallen sein dass

überall wo diese gewohnheitsmäßige Unterwerfung unter Gesetz und Regierung

fest und dauerhaft durchgeführt und die sich dieser Durchführung widersetzende

Kraft und Männlichkeit des Charakters dennoch bis zu einem gewissen Grade

erhalten worden ist, gewisse Erfordernisse vorhanden waren gewisse Bedingungen

erfüllt wurden von denen die folgenden als die hauptsächlichsten angesehen

werden können.

    Erstlich es bestand für alle welche als Bürger zählten  für alle welche

nicht durch brutale Gewalt niedergehaltene Sklaven waren  ein Erziehungssystem

das mit der Kindheit begann und das ganze Leben hindurch währte und dessen

hauptsächlicher und unaufhörlicher Bestandteil beschränkende Disziplin war Den

Menschen in der Gewohnheit und demnach in dem Vermögen zu erziehen seine

persönlichen Impulse und Ziele den Zwecken der Gesellschaft unterzuordnen allen

Versuchungen zuwider in der Handlungsweise zu verharren welche diese Zwecke

vorschrieben alle Gefühle in sich zu beherrschen welche diesen Zwecken

entgegen sein können und alle Gefühle zu ermutigen welche dieselben fördern

können dies war der Zweck dem man ein jedes äußere Motiv worüber die

leitende Gewalt verfügen konnte und ein jedes innere Vermögen oder ein jedes

Prinzip welches ihr ihre Kenntnis der menschlichen Natur zu erwecken erlaubte

dienstbar zu machen suchte Die ganze bürgerliche und militärische

Staatsklugheit der alten Republiken bestand in einem solchen Erziehungssystem

in einem System dessen Stelle man bei den modernen Nationen durch religiöse

Lehren zu ersetzen suchte Wo und in dem Verhältnis als diese Strenge der in

Schranken haltenden Disziplin nachließ da behauptete sich wieder das

natürliche Streben der Menschen nach der Anarchie der Staat löste sich von

innen heraus auf der gegenseitige Kampf um selbstsüchtige Zwecke neutralisierte

die Kräfte welche erforderlich waren um den Kampf gegen die Ursachen

natürlicher Übel zu unterhalten und nach einer längeren oder kürzeren Zeit von

fortschreitendem Verfall wurde die Nation entweder zum Sklaven des Despotismus

oder zur Beute eines fremden Eroberers

    Die zweite Bedingung einer beständigen politischen Gesellschaft hat man in

dem Bestehen des Gefühls der Ergebenheit oder Loyalität in der einen oder

anderen Form gefunden In Betreff seines Gegenstandes kann sich dieses Gefühl

verändern es ist auf keine besondere Regierungsform beschränkt und in einer

Demokratie wie in einer Monarchie ist sein Wesen immer dasselbe es muss nämlich

in der Konstitution des Staates etwas feststehendes beständiges etwas nicht in

Frage zu stellendes liegen etwas das durch allgemeine Zustimmung das Recht

hat da zu sein wo es ist und gegen Störung gesichert zu sein was auch außer

ihm sich ändern möge Dieses Gefühl kann sich wie bei den Juden und in den

meisten Republiken des Altertums einem Gotte oder Göttern den Beschützern

und Erhaltern des Staats ergeben oder es kann sich an gewisse Personen heften

von denen man glaubt sie seien durch göttliches Geheiß durch lange

Herrschaft oder durch die allgemeine Anerkennung ihrer höheren Fähigkeiten und

ihrer Würdigkeit die rechtmäßigen Leiter und Vormünder der Übrigen oder es

kann sich mit Gesetzen mit alten Freiheiten und Gebräuchen verknüpfen oder

endlich und dies ist die einzige Form in welcher das Gefühl eine Aussicht hat

fortzuexistieren es kann sich auf die Grundsätze der individuellen Freiheit und

der politischen und sozialen Gleichheit beziehen wie sie sich in Einrichtungen

verwirklichen die bis jetzt nirgends oder doch nur in einem rudimentären

Zustande existieren Aber in allen politischen Gesellschaften welche eine

dauerhafte Existenz hatten gab es einen feststehenden Punkt etwas das die

Menschen übereinstimmend heilig hielten das natürlich da wo die Freiheit der

Erörterung ein anerkannter Grundsatz war gesetzlich erlaubt war theoretisch zu

bestreiten das aber niemand fürchten oder hoffen durfte in der Praxis

erschüttert zu sehen kurz das vielleicht mit Ausnahme einer temporären

Krisis in der allgemeinen Meinung über aller Erörterung erhaben stand Die

Notwendigkeit hiervon ist leicht darzutun Ein Staat ist niemals auf eine

lange Zeit hindurch frei von inneren Zwistigkeiten und kann auch nicht hoffen

davon frei zu bleiben ehe nicht das menschliche Geschlecht bedeutend besser

geworden ist es gibt weder noch gab es einen Gesellschaftszustand in dem

nicht zwischen den unmittelbaren Interessen und Leidenschaften der mächtigeren

Abtheilungen des Volkes ein Widerstreit stattgefunden hätte Was machte aber die

Nationen fähig diesen Stürmen zu widerstehen und ohne eine beständige

Schwächung der Bürgschaft einer friedlichen Existenz aufgeregte Zeiten zu

überstehen Genau Folgendes  dass wie wichtig auch die Interessen waren

derenthalben die Menschen in Streit gerieten das fundamentale Prinzip des

bestehenden gesellschaftlichen Verbandes durch diesen Streit weder berührt

wurde noch viele Theile des Gemeinwesens mit dem Umsturz von dem bedroht

wurden worauf sie ihre Berechnungen gegründet und womit sich ihre Hoffnungen

und ihre Ziele identifiziert hatten Wenn aber der Zweifel an diesen

fundamentalen Prinzipien nicht die gelegentliche Krankheit oder heilsame

Medizin sondern der gewöhnliche Zustand des Staatskörpers ist wenn alle

heftigen Leidenschaften die einer solchen Lage naturgemäß entspringen

hervorgerufen worden sind: so ist der Staat virtuell in dem Zustand des

Bürgerkrieges und kann auch tatsächlich nicht mehr lange davon verschont

bleiben

    Die dritte wesentliche Bedingung der Stabilität der politischen Gesellschaft

ist ein starkes und wirksames Prinzip des Zusammenhanges der Kohäsion zwischen

den Gliedern desselben Gemeinwesens oder Staates Wir brauchen kaum zu sagen

dass wir nicht die Nationalität im vulgären Sinne des Worts meinen eine

sinnlose Antipathie gegen Fremde die Gleichgültigkeit gegen das allgemeine Wohl

der Menschheit oder einen ungerechten Vorzug der vermeintlichen Interessen

unseres eigenen Landes eine Vorliebe für schlechte Eigentümlichkeiten weil

sie national sind oder die Weigerung das anzunehmen was andere Länder gut

fanden Wir meinen ein Prinzip der Sympathie nicht der Feindseligkeit der

Einigkeit nicht der Trennung Wir meinen ein Gefühl der gemeinsamen Interessen

unter denjenigen welche in demselben Staatsverbande leben und in dieselben

natürlichen oder historischen Grenzen eingeschlossen sind Wir meinen dass sich

ein Teil des Gemeinwesens in Beziehung auf den andern Teil nicht als einen

Fremden betrachte dass er auf die Verbindung aller Theile einen Werth lege 

dass er fühle dass alle ein Volk sind dass ihr Loos verbunden und dass das

Unglück eines Mitbürgers wie das eigene Unglück ist dass er nicht selbstsüchtig

verlange sich von seinem Antheil an einer gemeinsamen Unannehmlichkeit durch

Auflösung des Verbandes zu befreien Ein jeder weiß wie stark dieses Gefühl in

jenen alten Republiken war die eine dauernde Größe erreichten Mit welchem

glücklichen Erfolg die Römer trotz aller Tyrannei das Gefühl eines gemeinsamen

Landes in den Provinzen ihres weiten und getrennten Reiches hervorzurufen

wussten wird sich zeigen wenn einer der dem Gegenstande die genügende

Aufmerksamkeit gewidmet hat sich die Mühe geben wird es nachzuweisen In der

neueren Zeit sind die Länder welche dieses Gefühl im stärksten Grade hatten

auch die mächtigsten Länder gewesen England Frankreich und im Verhältnis zu

ihren Territorien und ihren Hilfsmitteln Holland und die Schweiz während

England in seiner Verbindung mit Irland eines der ausgezeichneten Beispiele von

den Folgen seiner Abwesenheit ist Ein jeder Italiener weiß warum Italien

unter dem Joche der Fremden steht ein jeder Deutsche weiß was im

österreichischen Staate den Despotismus aufrecht erhält das Unglück Spaniens

floss ebenso sehr aus der Abwesenheit eines Nationalcharakters bei den Spaniern

selbst als auch aus der Gegenwart desselben bei ihrem Verkehr mit Fremden Das

allervollständigste Beispiel bieten aber die südamerikanischen Republiken dar

wo die Theile eines und desselben Staates so locker zusammenhängen dass sobald

sich eine Provinz von der allgemeinen Regierung verletzt glaubt sie sich für

eine separate Nation erklärt«

    

     6 Während die abgeleiteten Gesetze der sozialen Statik durch die Analyse

verschiedener Gesellschaftszustände und durch deren Vergleichung mit einander

ohne Rücksicht auf ihre Sukzession bestimmt werden, ist die Betrachtung der

Reihenfolge bei dem Studium der sozialen Dynamik deren Zweck die Beobachtung

und Erklärung der sozialen Sequenzen ist im Gegenteil vorherrschend Dieser

Zweig der sozialen Wissenschaft würde so vollständig wie möglich sein wenn ein

jeder der leitenden allgemeinen Umstände einer jeden Generation auf seine

Ursachen in der unmittelbar vorhergehenden Generation zurückgeführt wäre Aber

der Consens ist so vollständig besonders in der neueren Geschichte dass bei

der Abhängigkeit der einen Generation von der andern das Ganze eher das Ganze

als ein Teil einen Teil erzeugt Das Abhängigkeitsverhältnis lässt sich aber

nicht wohl direkt aus den Gesetzen der menschlichen Natur ableiten so lange

nicht die unmittelbaren oder abgeleiteten Gesetze nach denen soziale Zustände

sich beim Fortschreiten der Gesellschaft einander erzeugen so lange nicht die

axiomata media der allgemeinen Soziologie ermittelt worden sind.

    Die empirischen Gesetze welche durch Generalisation aus der Geschichte

leicht erhalten werden gehen nicht soweit sie sind nicht selbst die mittleren

Prinzipien sondern sie dienen bloß für die Aufstellung derartiger Prinzipien

Sie bestehen aus gewissen allgemeinen in der Gesellschaft wahrnehmbaren

Bestreben aus einem progressiven Wachstum einiger gesellschaftlicher Elemente

und der Verminderung anderer oder aus einer allmäligen Veränderung in dem

allgemeinen Charakter gewisser Elemente Man sieht zB leicht dass im

Verhältnis als die Gesellschaft vorschreitet die geistigen Eigenschaften mehr

und mehr über die körperlichen Eigenschaften und die Massen über die Individuen

die Oberhand bekommen dass die Beschäftigung des ganzen nicht unter äußerem

Zwange stehenden Theiles der Menschheit zuerst hauptsächlich eine militärische

ist dass aber da wo sich die Gesellschaft mehr und mehr mit produktiven

Zwecken abgibt der militärische Geist dem industriellen allmälig weicht

Diesen Wahrheiten könnten noch viele ähnliche beigefügt werden Und mit

Generalisationen dieser Art begnügen sich die gewöhnlichen Forscher selbst die

der auf dem Kontinent jetzt herrschenden historischen Schule Aber alle

dergleichen Resultate sind von den elementaren Gesetzen der menschlichen Natur

von denen sie abhängig sind noch zu weit entfernt  es treten zu viele

Zwischenglieder ein und das Zusammenwirken der Ursachen bei einem jeden

Zwischengliede ist viel zu verwickelt  als dass man diese Sätze als

unmittelbare Folgesätze jener elementaren Prinzipien darstellen könnte In dem

Geiste der meisten Forscher blieben dieselben daher in dem Zustande empirischer

Gesetze die nur innerhalb der Grenzen wirklicher Beobachtung anwendbar sind

und zwar ohne dass sich ein Mittel darböte um ihre wahren Grenzen zu bestimmen

und zu beurteilen ob die bisher im Werden begriffenen Veränderungen bestimmt

sind aufs unbestimmte fortzudauern oder zu Ende zu gehen oder sogar umgekehrt

zu werden

    

     7 Um bessere empirische Gesetze zu erhalten dürfen wir uns nicht damit

begnügen von den fortschreitenden Veränderungen Notiz zu nehmen welche sich in

den einzelnen Elementen der Gesellschaft kundgeben und in denen nichts als das

Verhältnis von Bruchstücken der Wirkung zu Bruchstücken der Ursache angezeigt

ist wir müssen auch die statische Untersuchung der sozialen Erscheinungen mit

der dynamischen kombinieren indem wir nicht allein die progressiven

Veränderungen der verschiedenen Elemente sondern auch die gleichzeitige

Beschaffenheit eines jeden Elementes betrachten und auf diese Weise empirisch

das Gesetz der Korrespondenz nicht nur zwischen den gleichzeitigen Zuständen

sondern auch zwischen den gleichzeitigen Veränderungen dieser Elemente erhalten

Dieses Gesetz der Korrespondenz würde nach der gehörigen aprioristischen

Bestätigung zu dem wirklichen wissenschaftlichen derivativen Gesetze der

Entwickelung der Menschheit und der menschlichen Angelegenheiten werden

    Für den schwierigen hierzu erforderlichen Prozess der Beobachtung und der

Vergleichung wäre es offenbar eine große Hülfe wenn es vielleicht der Fall

sein sollte dass irgend ein Element in der verwickelten Existenz des

gesellschaftlichen Menschen als das primum agens der sozialen Bewegung über alle

anderen Elemente hervorragte denn wir könnten alsdann den Fortschritt dieses

einen Elementes als die zentrale Kette nehmen an deren aufeinander folgenden

Gliedern die entsprechenden Glieder aller anderen Progressionen angehängt sind

so dass schon dadurch allein die Sukzession der Tatsachen in einer Art

spontaner Ordnung dargestellt würde die der wahren Ordnung ihrer Erzeugung viel

näher käme als eine durch irgend ein anderes bloß empirisches Verfahren

erreichbare Ordnung

    Ale ein auffallendes Beispiel von Übereinstimmung geht nun aus dem Zeugnis

der Geschichte und der menschlichen Natur hervor dass es wirklich unter den

Agentien des gesellschaftlichen Fortschrittes ein solches hervorragendes und

fast oberherrliches gesellschaftliches Element gibt Es ist der Zustand der

spekulativen Fähigkeiten der Menschen mit Inbegriff des Charakters der

Meinungen der Glauben welche die Menschen in Betreff ihrer selbst und der sie

umgebenden Welt gleichgültig durch welche Mittel erlangt haben

    Es wäre ein großer Irrtum zu behaupten die Spekulation die

Verstandestätigkeit das Streben nach Wahrheit gehörten zu den stärkeren

Neigungen der menschlichen Natur oder nähmen mehr als ausnahmsweise in dem

Leben der Individuen eine hervorragende Stelle ein Aber ungeachtet der

relativen Schwäche dieses Prinzips im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen

Agentien ist sein Einfluss dennoch die bestimmende Ursache des sozialen

Fortschritts indem alle anderen zu diesem Fortschritte beitragenden Anlagen

unserer Natur in Betreff der Mittel für ihren Beitrag zu dem Werke von ihm

abhängig sind So besteht um den ersichtlichsten Fall zuerst zu nehmen der

Antrieb für die meisten Verbesserungen in den Künsten des Lebens in dem

Verlangen nach vermehrtem materiellem Behagen da wir aber auf äußere

Gegenstände nur nach dem Verhältnis unserer Kenntnis von denselben einwirken

können so ist der Zustand unserer Kenntnis zu einer jeden Zeit die Grenze der

jezeitig möglichen industriellen Verbesserungen und der Fortschritt der

Industrie muss auf einen Fortschritt des Wissens folgen und von ihm abhängen

Man kann zeigen dass dasselbe auch von dem Fortschritte der höheren Künste wahr

ist wenn es auch nicht ganz so augenscheinlich ist Da überdies die stärksten

Neigungen der unkultivierten oder halbkultivierten menschlichen Natur da es die

rein selbstsüchtigen und diejenigen Neigungen sind deren Charakter am meisten

mit der Natur der Selbstsucht sympathisiert offenbar an sich die Menschen zu

trennen nicht zu vereinigen  sie zu Nebenbuhlern nicht zu Verbündeten zu

machen streben so ist die gesellschaftliche Existenz nur bei einer

Disziplinierung dieser stärkeren Neigungen bei einer Unterordnung derselben

unter ein gemeinschaftliches System von Meinungen möglich Der Grad dieser

Unterordnung ist das Maß der Vollständigkeit des sozialen Verbandes und die

Natur der gemeinsamen Meinungen bestimmt dessen Art Damit aber die Menschen

ihre Handlungen einem System von Meinungen anpassen müssen diese Meinungen

existieren müssen von ihnen geglaubt werden Und so bestimmt der Zustand der

spekulativen Fähigkeiten der Charakter der von dem Verstande gut geheißenen

Sätze wesentlich den geistigen und politischen Zustand des Gemeinwesens so wie

es auch den physischen bestimmt wie wir bereits gesehen haben

    Diese aus den Gesetzen der menschlichen Natur abgeleiteten Schlüsse stimmen

mit den allgemeinen Tatsachen der Geschichte vollständig überein Einer jeden

uns historisch bekannten bedeutenden Veränderung in dem Zustande eines Theiles

der Menschen ist wenn sie nicht durch äußere Gewalt hervorgebracht wurde eine

Veränderung von entsprechendem Umfange in dem Zustande ihres Wissens oder in den

herrschenden Meinungen Glauben vorhergegangen indem von einem gegebenen

Zustande der Spekulation und dem korrelativen Zustande von allem Übrigen sich

fast immer der erstere zuerst zeigte obgleich die Wirkungen ohne Zweifel auf

die Ursache mächtig zurückwirkten Einem jeden beträchtlichen Fortschritte in

der materiellen Zivilisation ist ein Fortschritt in dem Wissen vorausgegangen

und wenn sich eine große soziale Veränderung durch allmälige Entwickelung oder

durch einen plötzlichen Konflikt vollzog so hatte sie als Vorläufer eine große

Veränderung in den Meinungen und in den Denkweisen der Gesellschaft

Polytheismus Judaismus Christentum Protestantismus die kritische

Philosophie des modernen Europas samt dessen positiven Wissenschaften  sie

alle machten als primäre Agentien die Gesellschaft zu dem was sie in einer

jeden folgenden Periode wurde während die Gesellschaft nur in untergeordneter

Weise dazu beitrug sie zu machen da sie alle soweit als für ihre Existenz

Ursachen angegeben werden können) hauptsächlich ein Ausfluss nicht des

praktischen Lebens der Periode sondern des früheren Zustandes des Glaubens und

Denkens war Die Schwäche der spekulativen Neigungen der Menschen im allgemeinen

hat daher den Fortschritt der Spekulation nicht verhindert den Fortschritt der

Gesellschaft zu beherrschen sie hat nur und zwar zu oft den Fortschritt da

gänzlich verhindert wo das intellektuelle Fortschreiten durch ungünstige

Umstände frühzeitig aufgehalten wurde

    Aus diesem ganzen Nachweis dürfen wir schließen dass die Ordnung des

menschlichen Fortschrittes in allen Beziehungen hauptsächlich von der Ordnung

des Fortschreitens der geistigen Überzeugungen dh von dem Gesetz der

aufeinander folgenden Transformationen der menschlichen Meinungen abhängen wird

Es ist nun zuvörderst die Frage ob dieses Gesetz aus der Geschichte als ein

empirisches Gesetz bestimmt und sodann durch aprioristische Deduktion aus den

Elementen der menschlichen Natur in einen wissenschaftlichen Lehrsatz verwandelt

werden kann. Da der Fortschritt der Erkenntnis und die Veränderungen in den

Meinungen der Menschen sehr langsam vor sich gehen und sich nur nach langen

Zwischenzeiten in einer entschiedenen Weise kund geben so kann man die

allgemeine Ordnung der Sequenz nur aus der Prüfung eines sehr beträchtlichen

Theiles der Dauer des sozialen Fortschrittes hervorgehen zu sehen erwarten Wir

müssen das Ganze der vergangenen Zeit von dem ersten aufgezeichneten Zustand des

Menschengeschlechts an bis zu den denkwürdigen Erscheinungen der letzten und der

gegenwärtigen Generationen in Betracht ziehen

    

     8 Die Untersuchung welche ich zu charakterisieren versucht habe ist zur

Zeit von Herrn Comte allein in einer systematischen Weise versucht worden Bis

jetzt ist sein Werk das einzige bekannte Beispiel von dem Studium der sozialen

Erscheinungen nach dieser Auffassung der historischen Methode Ich will den

Werth seiner Schlüsse hier nicht erörtern besonders nicht den Werth seiner

Voraussagungen und Anempfehlungen in Betreff der Zukunft der Gesellschaft

welche mir seiner Beurteilung der Vergangenheit weit nachzustehen scheinen ich

werde mich darauf beschränken die wichtige Generalisation anzuführen welche

Herr Comte als das Grundgesetz des Fortschrittes des menschlichen Wissens

ansieht Er ist der Ansicht dass die Spekulation bezüglich eines jeden

Gegenstandes menschlicher Forschung drei aufeinanderfolgende Stufen durchläuft

auf der ersten Stufe sucht sie die Erscheinungen durch übernatürliche

Tätigkeiten zu erklären auf der zweiten durch metaphysische Abstraktionen und

auf der dritten oder letzten Stufe beschränkt sie sich auf die Bestimmung der

Gesetze ihrer Sukzession und ihrer Ähnlichkeit Diese Generalisation scheint

mir jenen hohen Grad von wissenschaftlicher Evidenz zu besitzen der aus dem

Zusammenwirken der Indikationen der Geschichte und der aus der Beschaffenheit

des menschlichen Geistes abgeleiteten Wahrscheinlichkeiten hervorgeht Auch

könnte man sich nicht leicht nach der bloßen Aussage der bloßen Enunciation

eines solchen Satzes eine Vorstellung machen welche Flut von Licht er auf den

ganzen Gang der Geschichte ergießt wenn man seinen Konsequenzen nachgeht

indem man mit jedem der drei Zustände des menschlichen Geistes welche er

unterscheidet und mit einer jeden sukzessiven Modifikation dieser drei Zustände

den korrelativen Zustand der anderen sozialen Erscheinungen verbindet208

    Welche Entscheidung aber kompetente Richter über die von einzelnen Forschern

erlangten Resultate auch geben mögen so ist die eben charakterisierte Methode

doch immerhin diejenige durch welche die derivativen Gesetze der

gesellschaftlichen Ordnung und des gesellschaftlichen Fortschrittes gesucht

werden müssen Mit ihrer Hülfe dürfte es uns künftighin gelingen nicht allein

in die zukünftige Geschichte des Menschengeschlechts einen weitreichenden Blick

zu werfen sondern auch zu bestimmen, welche künstlichen Mittel und bis zu

welcher Ausdehnung sie zu gebrauchen sind um den natürlichen Fortschritt

soweit er wohltätig ist zu beschleunigen um seine inhärenten

Unannehmlichkeiten und Nachtheile auszugleichen und sich vor den Gefahren und

den Zufälligkeiten denen unsere Spezies durch die notwendigen Zwischenfälle

ihres Fortschreitens ausgesetzt ist zu bewahren Solche praktischen auf den

höchsten Zweig der theoretischen Soziologie gegründeten Unterweisungen werden

den edelsten und wohltätigsten Teil der Politik als Kunst bilden

    Dass wir erst jetzt beginnen von dieser Wissenschaft und Kunst die ersten

Fundamente zu legen ist klar Aber die besseren Geister wenden sich dem

Gegenstande mit aller Unbefangenheit zu Es haben sich wahrhaft

wissenschaftliche Denker zum Ziel gesetzt die Tatsachen der allgemeinen

Geschichte durch Theorien zu verknüpfen Es ist anerkannt eines der

Erfordernisse eines allgemeinen Systems der soziologischen Lehre dass dasselbe

soweit die Data vorhanden sind, die Hauptsachen der Geschichte erkläre und es

wird allgemein zugegeben dass eine Philosophie der Geschichte zu gleicher Zeit

die Bestätigung und die anfängliche Form der Philosophie des gesellschaftlichen

Fortschritts ist

    Wenn die Bemühungen welche jetzt bei allen zivilisierten Nationen gemacht

werden und welche man auch in England gewöhnlich das letzte Land das in die

allgemeine Bewegung des europäischen Geistes eintritt behufs des Aufbaues einer

Philosophie der Geschichte zu machen beginnt durch die Ansichten von der Natur

des soziologischen Beweises geleitet und regiert werden welche ich sehr kurz

und unvollkommen zu charakterisieren versucht habe so müssen sie ein

soziologisches System erzeugen das von dem vagen und mutmaßenden Charakter

aller früheren Versuche weit entfernt und wert ist endlich seinen Platz unter

den Wissenschaften einzunehmen Wenn diese Zeit gekommen sein wird so wird kein

wichtiger Zweig der menschlichen Angelegenheiten länger mehr der Empirie und der

unwissenschaftlichen Mutmaßung überlassen bleiben der Kreis des menschlichen

Wissens wird vollständig sein und kann fortan nur durch fortwährende Ausdehnung

von innen heraus erweitert werden

 
 



                                



     1 Die Lehre welche die vorhergehenden Kapitel darzutun und zu beweisen

bestimmt waren  dass die Gesamtreihe der sozialen Erscheinungen mit anderen

Worten, der Gang der Geschichte allgemeinen Gesetzen unterworfen istwelche die

Philosophie möglicherweise entdecken dürfte  ist den wissenschaftlichen Denkern

des Kontinents seit Generationen geläufig gewesen und ist seit dem letzten

Viertel dieses Jahrhunderts aus dem Gebiete der Wissenschaft in das Gebiet der

Zeitungen und der gewöhnlichen politischen Diskussion übergegangen Zur Zeit der

ersten Veröffentlichung dieser Abhandlung war sie indessen in unserem eigenen

Lande fast etwas Neues und die herrschenden Denkgewohnheiten in Betreff

historischer Gegenstände waren ganz das Gegenteil einer Vorbereitung für diese

Lehre Seitdem hat aber eine große Veränderung stattgefunden und ist durch das

wichtige Werk des Herrn Buckle außerordentlich gefördert worden Herr Buckle

hat dieses große Prinzip samt vielen treffenden Erläuterungen mit

charakteristischer Energie in die Arena der populären Erörterung geworfen damit

es durch eine Art von Streitern und in der Gegenwart einer Art von Zuschauern

durchgefochten werde welche auch nicht einmal von der Existenz eines solchen

Prinzips Kenntnis bekommen hätten wenn sie dieselbe den Spekulationen der

reinen Wissenschaft hätten entnehmen müssen Der bedeutende Streit der von

dieser Zeit an darüber geführt worden ist, diente nicht nur dazu der Mehrheit

der gebildeten Geister das Prinzip schnell geläufig zu machen sondern auch es

von der Verwirrung und den Missverständnissen zu befreien welche es eine Zeit

hindurch naturgemäß verdunkeln mussten und welche den Werth der Lehre bei

denjenigen beeinträchtigen welche sie annehmen und ein Stein des Anstoßes für

Viele sind welche sie nicht annehmen

    Für denkende Geister liegt das hauptsächlichste Hindernis in Betreff der

Anerkennung des Satzes dass historische Tatsachen wissenschaftlichen Gesetzen

unterworfen sind noch immer in der Lehre von dem freien Willen oder mit

anderen Worten, in der Verneinung der Gültigkeit des Gesetzes der

unveränderlichen Kausalität für das menschliche Wollen denn wenn das

Kausalgesetz in Beziehung auf unser Wollen keine Gültigkeit besitzt so kann der

Gang der Geschichte als eines Resultates des menschlichen Wollens nicht

Gegenstand wissenschaftlicher Gesetze sein indem das Wollen von welchem er

abhängig ist, weder vorausgesehen noch auf ein Gesetz der Regelmäßigkeit

zurückgeführt werden kann; seihst nicht nachdem er stattgefunden hat Ich habe

diese Frage so weit als es zweckmäßig schien in einem früheren Kapitel

erörtert und halte nur für nötig hier zu wiederholen dass die Lehre von der

Kausalität menschlicher Handlungen welche unpassend die Notwendigkeitslehre

genannt wird nicht einen geheimnisvollen nexus oder ein allregierendes

unvermeidliches Schicksal behauptet sie behauptet nur die Handlungen der

Menschen seien das Gesamtresultat der allgemeinen Gesetze und Umstände der

menschlichen Natur und ihrer eigenen besonderen Charaktere während diese

Charaktere wiederum die Folge der natürlichen und künstlichen Umstände sind

welche deren Erziehung ausmachten unter welche Umstände ihr eigenes

selbstbewusstes Streben zu rechnen ist Ein jeder der sich die Mühe nehmen will

wenn der Ausdruck erlaubt ist sich in diese Lehre hineinzudenken wird wie

ich glaube finden dass sie nicht nur eine getreue Interpretation der

allgemeinen Erfahrung in Beziehung auf die menschliche Handlungsweise sondern

auch eine korrekte Darstellung des Modus ist nach welchem er selbst in einem

jeden besonderen Fall seine eigene Erfahrung in Beziehung auf diese

Handlungsweise spontan interpretiert Wenn aber dieses Prinzip von dem

individuellen Menschen wahr ist so muss es auch von dem kollektiven Menschen

wahr sein Wenn es das Gesetz des menschlichen Lebens ist so muss das Gesetz in

der Geschichte verwirklicht sein Die Erfahrung in Beziehung auf die en masse

betrachteten menschlichen Angelegenheiten muss damit übereinstimmen renn es

wahr ist sie muss ihm widerstreiten wenn es falsch ist Die Stütze welche

diese Bestätigung a posteriori dem Gesetze verleiht bildet den Teil des

Umstandes den Herr Buckle in einer höchst klaren und erfolgreichen Weise ans

Licht gebracht hat

    Seitdem die Tatsachen der Statistik ein Gegenstand sorgfältiger

Aufzeichnung und aufmerksamen Studiums geworden sind haben sich aus ihr

Schlüsse ergeben von denen einige für diejenigenwelche nicht gewöhnt sind

moralische Handlungen als gleichförmigen Gesetzen unterworfen zu betrachten

sehr beunruhigend waren Gerade die Ereignisse welche ihrer eigenen Natur nach

am launischsten und ungewissesten erschienen und welche kein erreichbarer Grad

von Kenntnis in irgend einem individuellen Falle uns hätte voraussehen lassen

finden bei der Betrachtung einer bedeutenden Anzahl von Fällen mit einer fast

mathematischen Regelmäßigkeit Statt Welche Handlung würde man für abhängiger

von dem individuellen Charakter und der Ausübung des individuellen freien

Willens halten als den Totschlag eines Mitmenschen Und dennoch variiert in

einem jeden größeren Lande die Anzahl der Mordtaten im Verhältnis zur

Bevölkerung von Jahr zu Jahr nur wenig und weicht niemals bedeutend von einer

gewissen Durchschnittszahl ab Was noch merkwürdiger ist es besteht eine

ähnliche Annäherung an die Beständigkeit in dem Verhältnis der Mordtaten

welche alljährlich mit einer bestimmten Art Instrument begangen werden Ebenso

besteht eine ähnliche Annäherung an die Gleichheit in der jährlichen Anzahl der

ehelichen und unehelichen Geburten Dasselbe gilt von den Selbstmorden den

Unfällen und anderen sozialen Erscheinungen welche mit hinlänglicher

Genauigkeit aufgezeichnet werden Eines der sonderbarsten Beispiele bildet die

durch die Register des Londoner und Pariser Postamts ermittelte Tatsache dass

die Anzahl der aufgegebenen Briefe welche deren Schreiber zu adressieren

vergaßen im Verhältnis zur ganzen Anzahl der aufgegebenen Briefe in einem

jeden Jahr nahezu dieselbe ist »Jahr auf Jahr« sagt Herr Buckle »vergisst

dieselbe Anzahl von Briefschreibern diesen einfachen Akt so dass wir für eine

jede folgende Periode in Wirklichkeit die Anzahl von Personen voraussagen

können die von ihrem Gedächtnis in diesem unbedeutenden und wie es scheinen

dürfte zufälligen Vorgang im Stiche gelassen werden«209

    Dieser sonderbare Grad von Regelmäßigkeit en masse ist in Verbindung mit

der höchsten Unregelmäßigkeit in den die Masse zusammensetzenden Fällen eine

glückliche Bestätigung a posteriori des Kausalgesetzes in seiner Anwendung auf

die menschliche Handlungsweise Nehmen wir die Wahrheit des Gesetzes an so ist

eine jede menschliche Handlung eine jede Mordtat zum Beispiel das

konkurrierende Resultat zweier Reihen von Ursachen. Von der einen Seite die

allgemeinen Umstände des Landes und seiner Einwohner die moralischen Einflüsse

die Einflüsse der Erziehung die ökonomischen und andere auf das ganze Volk

einwirkende und den sogenannten Zustand von Zivilisation ausmachende Einflüsse

Von der andern Seite die große Mannigfaltigkeit von Einflüssen die dem

Individuum besonders angehören sein Temperament und andere Eigentümlichkeiten

der Organisation seine Verwandtschaft seine gewöhnlichen Genossen

Versuchungen usf Wenn wir nun das Ganze der Fälle nehmen welche auf einem

Felde stattfinden das weit genug ist um alle Kombinationen dieser besonderen

Einflüsse zu erschöpfen oder mit anderen Worten, um den Zufall zu eliminieren

und wenn alle diese Fälle innerhalb so enger Zeitgrenzen stattgefunden haben

dass in den allgemeinen den Zustand von Zivilisation des Landes ausmachenden

Einflüssen keine wesentliche Veränderung stattgefunden haben kann so können wir

gewiss sein dasswenn menschliche Handlungen von unveränderlichen Gesetzen

beherrscht werden das Durchschnittsresultat so etwas wie eine konstante Größe

sein wird Die Anzahl der innerhalb dieses Feldes und dieser Zeit begangenen

Mordtaten wird da sie zum Teil die Wirkung allgemeiner Ursachen istwelche

sich nicht verändert haben zum Teil partieller Ursachen deren Veränderungen

sämtlich mit inbegriffen wurden in praktischem Sinne genommen unveränderlich

sein Buchstäblich und mathematisch unveränderlich ist sie nicht und man kann

auch gar nicht erwarten dass sie es sei denn die Periode von einem Jahr ist zu

kurz um alle möglichen Kombinationen von partiellen Ursachen einzuschließen

während sie zugleich lang genug ist um es wahrscheinlich zu machen dass

wenigstens in einigen Jahren einer jeden Reihe neue Einflüsse von einem mehr

oder weniger allgemeinen Charakter eingeführt worden sind. Dergleichen Einflüsse

sind zB eine kräftigere oder eine schlaffere Polizei eine zeitweilige

Aufregung durch politische oder religiöse Ursachen oder irgend ein allgemeiner

weltkundiger Vorfall von einer Natur um in einer krankhaften Weise auf die

Einbildungskraft zu wirken Dass sich trotz dieser unvermeidlichen

Unvollkommenheiten in den Daten die Abweichungen in den jährlichen Resultaten in

so engen Grenzen bewegen ist eine glänzende Bestätigung der allgemeinen

Theorie Dieselben Betrachtungen welche in einer so schlagenden Weise den

Beweis der Lehre verstärken dass historische Tatsachen die unveränderlichen

Wirkungen von Ursachen sind dienen auch dazu um diese Lehre von verschiedenen

Missverständnissen zu befreien deren Vorhandensein durch die letzten

Erörterungen nachgewiesen wurde Dem Anschein nach glauben Viele es läge in der

Lehre nicht bloß inbegriffen dass die Gesamtzahl der in einem gegebenen

Raum und in einer gegebenen Zeit begangenen Morde gänzlich die Wirkung der

allgemeinen Umstände der Gesellschaft istsondern auch dass es ein jeder

besondere Mord ist dass der einzelne Mörder so zusagen ein bloßes Werkzeug

in den Händen allgemeiner Ursachen ist dass er selbst keine andere Wahl hat

oder dasswenn er sie hätte und darnach handeln wollte irgend ein Anderer

genötigt sein würde seine Stelle einzunehmen dass wenn einer der wirklichen

Mörder sich des Verbrechens enthalten hätte irgend ein Anderer der sonst

unschuldig geblieben wäre einen Extramord begangen haben würde um die

Durchschnittszahl herzustellen Ein solcher Folgesatz würde eine jede notwendig

zu ihm führende Theorie der Ungereimtheit überführen Es ist indessen

augenscheinlich dass eine jede besondere Mordtat nicht von dem allgemeinen

Zustande der Gesellschaft allein sondern auch von diesem Zustande in Verbindung

mit den im allgemeinen viel mächtigeren speziellen Ursachen des Falles abhängig

ist; und wenn diese speziellen Ursachenwelche bei der Verursachung eines jeden

besonderen Mordes einen größeren Einfluss haben als die allgemeinen Ursachen

keinen Einfluss auf die Anzahl der in einer gegebenen Zeit begangenen Morde

haben so ist dies aus dem Grunde dass das Feld der Beobachtung so ausgedehnt

ist dass es alle möglichen Kombinationen der speziellen Ursachen  alle mit dem

allgemeinen Zustande der Gesellschaft verträglichen Varietäten des individuellen

Charakters und der individuellen Versuchung einschließt Das Gesamtexperiment

Kollektivexperiment wie man es nennen kann trennt genau die Wirkung der

allgemeinen von der Wirkung der speziellen Ursachen und zeigt das reine Resultat

der ersteren aber es behauptet durchaus Nichts in Beziehung auf die Größe des

Einflusses der speziellen Ursachen er sei grösser oder kleiner indem sich die

experimentelle Scala auf eine solche Anzahl von Fällen erstreckt dass sich die

Wirkungen der speziellen Ursachen innerhalb derselben einander ausgleichen und

in der Wirkung der allgemeinen Ursache verschwinden

    Ich will nicht behaupten dass alle Anhänger der Theorie ihre Sprache von

jener Verwirrung immer frei gehalten und keine Neigung gezeigt hätten den

Einfluss der allgemeinen Ursache auf Kosten der speziellen zu hoch anzuschlagen

loh bin im Gegenteil der Meinung dass sie dies bis zu einem sehr hohen Grade

getan und dadurch ihre Theorie mit Schwierigkeiten beladen und Einwürfen

ausgesetzt haben die sie nicht notwendigerweise treffen Es haben sogar Einige

gefolgert oder haben doch zugelassen dass man annahm sie hätten aus der

Regelmäßigkeit in der Wiederkehr der von moralischen Eigenschaften abhängigen

Ereignisse gefolgert dass die moralischen Eigenschaften der Menschen der

Verbesserung wenig fähig sind oder dass sie für den allgemeinen Fortschritt der

Gesellschaft im Vergleich mit intellektuellen und ökonomischen Ursachen von

geringer Wichtigkeit sind Aber dergleichen folgern hieße vergessen dass die

statistischen Tabellen aus denen diese unveränderlichen Durchschnittszahlen

abgeleitet sind aus Tatsachen zusammengetragen sind die sich innerhalb enger

geometrischer Grenzen und in einer geringen Anzahl von aufeinanderfolgenden

Jähren zugetragen haben dh aus einem Felde das gänzlich unter der

Wirksamkeit derselben allgemeinen Ursachen und zwar während einer zu kurzen Zeit

stand um irgend eine große Veränderung an sich zuzulassen Alle moralischen

Ursachen mit Ausnahme der dem Lande im allgemeinen gemeinsamen sind durch die

große Anzahl der in Rechnung gezogenen Fälle eliminiert worden diejenigen aber

welche dem ganzen Lande gemein sind haben sich während des in den Beobachtungen

eingeschlossenen kurzen Zeitraums nicht bedeutend verändert Wenn wir die

Annahme zulassen dass sie sich verändert haben wenn wir ein Jahrhundert mit

dem anderen ein Land mit dem anderen oder auch einen Teil eines Landes mit

dem anderen Theile desselben vergleichen der sich was die moralischen Elemente

betrifft in Lage und Charakter von ihm unterscheidet so geben die innerhalb

eines Jahres begangenen Verbrechen nicht mehr denselben sondern sie geben einen

sehr verschiedenen numerischen Durchschnitt Und es muss dies auch so sein denn

insofern ein jedes einzelne durch ein Individuum begangene Verbrechen

hauptsächlich von dessen moralischen Eigenschaften abhängt müssen die von der

ganzen Bevölkerung eines Landes begangenen Verbrechen in einem gleichen Grade

von deren kollektiven moralischen Eigenschaften abhängig sein Damit dieses

Element auf die weite Scala keinen Einfluss übe wäre es demnach nötig

anzunehmen der allgemeine moralische Durchschnitt der Menschen verändere sich

nicht von Land zu Land oder von Jahrhundert zu Jahrhundert was nicht wahr ist

und was durch keine bestellende Statistik möglicherweise nachgewiesen werden

könnte selbst wenn es wahr wäre Ich stimme aber darum nicht weniger mit der

Meinung von Herrn Buckle überein dass die intellektuellen Elemente der

Menschheit  in diesem Ausdruck die Natur ihrer Meinungen Glauben die Summe

ihres Wissens und die Entwickelung ihrer Intelligenz inbegriffen  der

vorherrschende Umstand in der Bestimmung ihres Fortschritts sind Ich bin aber

nicht dieser Meinung weil ich ihren moralischen und ökonomischen Zustand für

weniger mächtige oder weniger veränderliche Agentien halte sondern weil

dieselben in einem hohen Grade die Folgen des intellektuellen Zustandes und in

allen Fällen durch ihn beschränkt sind wie in dem vorhergehenden Kapitel

bemerkt worden ist. Die geistigen Veränderungen sind nicht sowohl ihrer an sich

größeren Stärke wegen die sichtbarsten Agentien in der Geschichte sondern weil

sie praktisch mit der vereinigten Macht der sämtlichen drei Veränderungen

wirken

    

     3 Es gibt noch eine andere bei der Erörterung dieses Gegenstandes

vernachlässigte Distinktion welche zu beachten vor großer Wichtigkeit ist Die

Lehre dass der gesellschaftliche Fortschritt unveränderlichen Gesetzen

unterworfen ist verbindet man oft mit der Lehre dass der gesellschaftliche

Fortschritt durch die Bemühungen von Individuen oder durch Handlungen der

Regierungen nicht wesentlich beeinflusst werden kann. Aber obgleich diese

Meinungen oft von denselben Personen gehegt werden so sind es doch zwei

verschiedene Meinungen und ihre Verwechslung bildet den ewig wiederkehrenden

Irrtum der Verwechslung von Kausalität und Fatalismus Weil alles was

geschieht die Wirkung von Ursachen ist das menschliche Wollen inbegriffen so

folgt noch nicht dass das Wollen selbst das von besonderen Individuen nicht

eine sehr wirksame Ursache sein könne Wenn Jemand bei einem Sturm auf der See

schließen würde dass der Versuch sich das Leben zu retten ganz nutzlos sein

würde weil ungefähr dieselbe Anzahl von Personen dazu bestimmt ist jährlich

durch Schiffbruch umzukommen so würden wir ihn einen Fatalisten nennen und ihn

daran erinnern dass die Bemühungen schiffbrüchiger Menschen sich das Leben zu

retten so weit entfernt sind nutzlos zu sein dass die Durchschnittssumme

dieser Anstrengungen vielmehr eine der Ursachen ist von denen die ermittelte

jährliche Anzahl von Todesfällen durch Schiffbruch abhängt Wie universal die

Gesetze der gesellschaftlichen Entwickelung auch sein mögen so können sie doch

nicht universaler und strenger sein als die Gesetze der physikalischen Agentien

der Natur; dennoch kann der menschliche Wille diese in Werkzeuge für seine

Zwecke verwandeln und der Umfang bis zu welchem er dies vollbringt bildet den

Hauptunterschied zwischen Wilden und den höher zivilisierten Völkern Menschliche

und soziale Tatsachen sind ihrer verwickelten Natur wegen nicht weniger

sondern mehr modifizierbar als mechanische und chemische Tatsachen der

menschliche Einfluss hat daher eine noch größere Gewalt über sie Diejenigen,

welche behaupten die Entwickelung der Gesellschaft hänge ausschließlich oder

fast ausschließlich von allgemeinen Ursachen ab halten demnach immer unter

diesen Ursachen das kollektive Wissen und die geistige Entwickelung des ganzen

Menschengeschlechts inbegriffen Aber wenn des ganzen Geschlechts warum nicht

auch irgend eines mächtigen Monarchen oder Denkers oder des herrschenden Teils

einer politischen durch ihre Regierung wirkenden Gesellschaft Obgleich bei

einem großen Maßstab die zwischen gewöhnlichen Individuen stattfindenden

Charakterverschiedenheiten einander neutralisieren so neutralisieren sich doch

einander nicht in einem gegebenen Jahrhundert exzeptionelle Individuen welche

wichtige Stellungen einnehmen es gab keinen zweiten Themistokles keinen

zweiten Luther oder Julius Cäsar von gleichen Anlagen und entgegengesetzten

Neigungen um den gegebenen Themistokles Luther und Cäsar auszugleichen und sie

zu verhindern eine dauernde Wirkung hervorzubringen So wie es scheint können

der Wille exzeptioneller Personen und die Meinungen und Absichten der

Individuen welche zu einer gewissen Zeit eine Regierung zusammensetzen

unentbehrliche Glieder der kausalen Kette sein durch welche selbst die

allgemeinen Ursachen ihre Wirkungen erzeugen und dies glaube ich ist die

einzig haltbare Form der Theorie

    In einer berühmten Stelle einer seiner früheren Abhandlungen und man lasse

mich hinzufügen dass es eine Stelle ist die es ihm nicht gefiel wieder

abdrucken zu lassen gibt Lord Macaulay der Lehre von der absoluten

Einflusslosigkeit großer Männer einen unbeschränkteren Ausdruck wie ich

glauben muss als ihr jemals von einem Schriftsteller von gleichen Fähigkeiten

gegeben worden ist. Er vergleicht dieselben mit Personen die bloß auf einer

größeren Höhe stehen und daher die Sonnenstrahlen etwas früher erhalten als

das übrige Menschengeschlecht »Die Sonne beleuchtet die Hügel während sie noch

unter dem Horizont steht und die Wahrheit wird durch die höchsten Geister ein

wenig früher entdeckt als sie sich der Menge offenbart Dies ist der Grad ihrer

Überlegenheit Ein leicht das ohne ihre Hülfe in kurzer Zeit den weit unter

ihnen Stehenden sichtbar werden muss wird zuerst von ihnen aufgefangen und

zurückgeworfen«210 Wenn diese Metapher durchgeführt wird so folgtdass wenn

es keinen Newton gegeben hätte die Welt nicht nur das Newtonsche System

bekommen hätte sondern dass sie es auch ebenso früh bekommen hätte da die

Sonne den Zuschauern in der Ebene gerade ebenso früh aufgegangen sein würde

wenn kein Berg vorhanden gewesen wäre um die Strahlen früher aufzufangen Es

würde so sein wenn Wahrheiten wie die Sonne kraft ihrer eigenen Bewegung und

ohne menschliche Bemühungen aufgingen sonst aber nicht Ich glaube dass wenn

Newton nicht gelebt hätte die Welt in Betreff der Newtonschen Philosophie

hätte warten müssen bis ein anderer Newton oder ein ihm Gleichstehender gekommen

wäre Kein gewöhnlicher Mensch und keine Reihe von gewöhnlichen Menschen hätten

Ähnliches vollbringen können Ich will nicht so weit gehen zu sagen dass das

was Newton während eines einzelnen Lebens tat nicht auch durch einige von

denjenigen welche auf ihn folgten und von denen ein Jeder ihm an Genie weit

nachstand allmälig und schrittweise hätte vollbracht werden können; aber auch

der geringste dieser Schritte erforderte einen Mann von großer geistiger

Überlegenheit Hervorragende Männer erblicken nicht bloß das kommende Licht

von der Spitze des Hügels aus sondern sie steigen auf die Spitze und erwecken

es und wenn keiner von ihnen jemals hinaufgestiegen wäre so würde in vielen

Fällen das Licht in der Ebene niemals aufgegangen sein Die Philosophie und die

Religion sind zum großen Theile auf allgemeine Ursachen zurückführbar dennoch

aber werden wenige daran zweifeln dass wenn es keinen Sokrates keinen Plato

und keinen Aristoteles es auch während der nächsten zweitausend Jahre keine

Philosophie gegeben hätte und in aller Wahrscheinlichkeit auch dann nicht und

dass wenn es keinen Christus und keinen St Paulus gegeben hätte es auch kein

Christentum gegeben hätte

    Der Punkt in welchem der Einfluss merkwürdiger Männer entscheidend ist

liegt in der Determination der Schnelligkeit der Bewegung. Bei den meisten

gesellschaftlichen Zuständen entscheidet die Existenz großer Männer ob ein

Fortschritt stattfinden soll Es ist denkbar dass Griechenland oder das

christliche Europa in gewissen Perioden ihrer Geschichte durch allgemeine

Ursachen allein hätte fortschreiten können aber wenn es keinen Mahomet gegeben

hätte würde Arabien Avicenna oder Averroes oder die Kalifen von Bagdad und von

Cordova hervorgebracht haben Viel weniger hängt aber bei der Determinierung der

besonderen Weise und der Ordnung in welcher der menschliche Fortschritt

stattfinden wird wenn er überhaupt stattfindet von dem Charakter der

Individuen ab Es gibt in dieser Beziehung eine Art Notwendigkeit welche

durch die allgemeinen Gesetze der menschlichen Natur durch die Beschaffenheit

des menschlichen Geistes hervorgerufen wird Gewisse Wahrheiten können nicht

entdeckt gewisse Erfindungen können nicht gemacht werden wenn nicht andere

zuerst gemacht worden sind; gewisse gesellschaftliche Verbesserungen können

anderen Verbesserungen nur folgen nicht aber vorhergehen Der Ordnung des

menschlichen Fortschritts können daher bis zu einem gewissen Grade bestimmte

Gesetze vorgeschrieben sein aber in Betreff seiner Schnelligkeit oder seines

Stattfindens überhaupt ist keine auf die menschliche Spezies im allgemeinen sich

erstreckende Generalisation zu machen es sind hier nur einige sehr prekäre

annähernde Generalisationen zu machen Generalisationen die sich auf den

kleinen Teil der Menschheit beschränken in dem so etwas wie ein

zusammenhängender Fortschritt innerhalb der historischen Zeit vorbanden war und

der aus dessen spezieller Lage abgeleitet oder aus seiner besonderen Geschichte

gefolgert worden ist. Auch wenn wir die besondere Weise des Fortschritts die

Ordnung der Reihenfolge der gesellschaftlichen Zustände betrachten so bedürfen

unsere Generalisationen einer großen Biegsamkeit Die Grenzen der Abweichung in

der möglichen Entwickelung des gesellschaftlichen wie des tierischen Lebens

sind ein Gegenstandder noch wenig verstanden wird und bilden eine der

wichtigsten Aufgaben der sozialen Wissenschaft Auf alle Fälle ist es eine

Tatsache, dass unter dem Einfluss verschiedener Umstände sich verschiedene

Theile der Menschheit in mehr oder weniger verschiedener Weise und in

verschiedenen Formen entwickelt haben und zu den bestimmenden Umständen mag der

individuelle Charakter ihrer großen spekulativen Denker oder praktischen

Organisatoren wohl gehört haben Wer kann sagen wie tief die ganze spätere

Geschichte Chinas durch die Individualität von Confucius infuliert worden sein

mag oder die Geschichte Spartas und daher von Griechenland und der ganzen

Welt durch die Individualität von Lykurg

    In Beziehung auf die Natur und den Umfang von dem was ein großer Mann

unter günstigen Umständen für die Menschheit und was eine Regierung für eine

Nation tun kann sind verschiedene Meinungen möglich und eine jede

Meinungsschattierung ist mit der vollständigsten Anerkennung der Existenz von

unveränderlichen Gesetzen geschichtlicher Phänomene verträglich Der Grad des

diesen spezielleren Agentien zuzuschreibenden Einflusses erzeugt natürlich einen

großen Unterschied in der Genauigkeit welche diesen allgemeinen Gesetzen

beigelegt werden kann, und in dem Vertrauen womit Voraussagungen auf dieselben

gegründet werden können. Was von den Eigentümlichkeiten der Individuen in

Verbindung mit dem Zufall ihrer Lage abhängt ist notwendigerweise unfähig

vorausgesehen zu werden Diese zufälligen Kombinationen könnten ohne Zweifel

gleich anderen Kombinationen durch Betrachtung eines hinlänglich großen Cyclus

eliminiert werden die Eigentümlichkeiten eines großen historischen Charakters

lassen ihren Einfluss in der Geschichte zuweilen während mehrere Jahrtausende

fühlen aber es ist sehr wahrscheinlich dass am Ende von fünfzig Millionen

Jahren eine Wirkung derselben vielleicht gar nicht mehr wahrzunehmen sein wird

Da wir indessen keinen Durchschnitt der unermesslichen Zeitlänge erhalten

können die nötig wäre um alle möglichen Kombinationen von großen Männern und

Umständen zu erschöpfen so ist und bleibt so viel von dem Gesetze der

Entwickelung der menschlichen Angelegenheiten als von diesem Durchschnitt

abhängig ist, für uns unzugänglich und innerhalb der nächsten tausend Jahre

die für uns weit wichtiger sind als der ganze Rest der fünfzig Millionen

werden die vorkommenden günstigen und ungünstigen Kombinationen für uns rein

zufällig sein Wir können das Erscheinen großer Männer nicht voraussehen

Diejenigenwelche neue theoretische Gedanken oder große praktische Ideen in

die Welt einführen muss man abwarten man kann ihre Zeit nicht im voraus

bestimmen Was die Wissenschaft tun kann besteht in Folgendem sie kann in der

vergangenen Geschichte die allgemeinen Ursachen nachweisen welche die

Menschheit in den Vorbereitungszustand versetzt haben in dem sie bei der

Erscheinung der richtigen Sorte von großem Manne dem Einfluss desselben

zugänglich ist Wenn dieser Zustand dauert so macht es die Erfahrung ziemlich

gewiss dass in einer längeren oder kürzeren Periode der große Mann

hervorgebracht werden wird vorausgesetzt die allgemeinen Umstände des Landes

und Volkes seien mit seiner Existenz verträglich was sehr häufig nicht der Fall

ist); auch über diesen Punkt kann die Wissenschaft bis zu einem gewissen Grade

entscheiden In dieser Weise können also die Resultate des Fortschrittes

ausgenommen was die Schnelligkeit ihrer Erzeugung betrifft bis zu einem

gewissen Grade auf Regelmäßigkeit und Gesetz zurückgeführt werden Der Glaube

dass sie dies können verträgt sich aber gleich gut sowohl damit dass man dem

Einflüssen der exzeptionellen Männer und der Handlungen der Regierungen eine sehr

große als auch damit dass man ihnen eine sehr kleine Wichtigkeit beizulegen

hat dasselbe kann man von allen anderen Zufällen und störenden Ursachen sagen

    

     4 Es würde nichtsdestoweniger ein großer Irrtum sein wenn man der

Wirkung hervorragender Individuen oder der Regierungen nur eine geringe

Wichtigkeit beilegen wollte Mau darf nicht schließen dass diese beiden

Einflüsse gering sind weil sie der Gesellschaft das nicht geben können was zu

empfangen die Gesellschaft durch die allgemeinen sozialen Umstände und den Gang

ihrer früheren Geschichte nicht vorbereitet war Weder die Denker noch die

Regierungen bewirken alles was sie beabsichtigen aber dafür bringen sie auch

oft wichtige Resultate hervor welche sie nicht im entferntesten voraussahen

Große Männer und große Handlungen sind selten vergeblich dagewesen sie senden

tausend ungesehene Einflüsse aus welche wirksamer sind als die sichtbaren und

obgleich neun von je zehn Dingen die von denjenigen welche ihrem Jahrhundert

voraus sind in guter Absicht vollbracht werden keine wesentliche Wirkung

erzeugen so erzeugt doch das zehnte Ding eine zwanzigmal größere Wirkung als

sich Jemand hätte träumen lassen von ihm vorauszusagen Sogar die Männer welche

aus Mangel au hinreichend günstigen Umständen keinen Eindruck auf ihr

Jahrhundert zurückgelassen haben sind für die Nachwelt oft von dem größten

Wert gewesen Wer sollte man allem Anschein nach glauben hätte vergeblicher

gelebt als einige der ersten Ketzer Sie wurden verbrannt oder niedergemetzelt

ihre Schriften ausgerottet ihr Angedenken wurde verflucht und sogar ihre Namen

und ihre Existenz wurden sieben bis acht Jahrhunderte hindurch in dem Dunkel

vermoderter Manuskripte gelassen  so dass ihre Geschichte vielleicht nur aus

den Urteilssprüchen durch welche sie verurteilt worden waren

zusammengestellt werden konnte Dennoch aber brach das Andenken an diese Männer

 an Männer welche gewissen Ansprüchen oder gewissen Dogmen der Kirche in

demselben Jahrhundert widerstanden in dem man behauptete es wäre denselben die

einstimmige Zustimmung der Christenheit gegeben worden und die Autorität

derselben wäre auf diese Zustimmung gegründet  die traditionellen Fesseln

stellte für den Widerstand eine Reihe von Präcedentien auf flößte späteren

Reformatoren Muth ein und wappnete sie mit den Waffen deren sie bedurften als

die Menschheit besser vorbereitet war ihrem Anstoß zu folgen Diesem Beispiele

von Männern wollen wir ein Beispiel von Regierungen beifügen Die

verhältnismäßig aufgeklärte Herrschaft welche Spanien während eines großen

Theiles des achtzehnten Jahrhunderts genoss verbesserte nicht die Grundfehler

des spanischen Volkes und es ging in Folge hiervon so vieles von dem vielen

Guten was diese Herrschaft temporär vollbrachte mit ihr unter dass die

Behauptung, sie habe keine bleibende Wirkung gehabt ganz plausibel erscheint

Man hat diesen Fall als einen Beweis angeführt wie wenig Regierungen den

Ursachenwelche den allgemeinen Charakter einer Nation bestimmen entgegen

wirken können Er zeigt aber nur wie viel Regierungen nicht tun können nicht

aber dass sie Nichts tun können Man vergleiche das was Spanien beim Beginn

jener fünfzigjährigen liberalen Regierung war mit dem was es am Ende derselben

geworden war Diese Periode brachte den gebildeteren Classen das leicht des

europäischen Gedankens und dieses hat später nie wieder aufgehört sich zu

verbreiten Vor jener Zeit ging die Veränderung in einer umgekehrten Richtung

vor sich Kultur Aufklärung geistige und materielle Tätigkeit waren im

absterben War es Nichts diese abwärtsgehende Richtung aufzuhalten und sie in

eine aufwärtsgehende umzukehren Wieviel von dem was Carl der Dritte und Aranda

nicht tun konnten war die letzte Folge von dem was sie taten Jenem halben

Jahrhundert verdankt Spanien seine Befreiung von der Inquisition und den

Mönchen es verdankt ihm dass es jetzt ein Parlament und eine freie Presse die

Gefühle von Freiheit und Bürgertum besitzt und dass es Eisenbahnen und alle

anderen Bestandteile des materiellen und ökonomischen Fortschritts erhält In

dem Spanien welches jener Ära vorausging war nicht ein einziges Element

tätig das in einer beliebigen Zeitlänge hätte zu jenen Resultaten führen

können wenn die letzten Prinzen der österreichischen Dynastie das Land so fort

regiert hätten wie sie regierten oder wenn die Bourbonen gleich im Anfang das

gewesen wären was sie später sowohl in Spanien als auch in Neapel wurden

    Und wenn eine Regierung viel tun kann um positive Verbesserungen

herbeizuführen auch wenn sie wenig zu tun scheint so sind doch noch größere

Erfolge bei der Abwehr von inneren und äußeren Übeln welche den Fortschritt

gänzlich aufhalten würden von ihr abhängig Oft hat ein guter oder ein

schlechter Ratsherr in einer einzelnen Stadt bei einer besonderen Krisis auf

das ganze spätere Schicksal der Welt einen Einfluss ausgeübt Es ist so gewiss

als ein Urteil in Betreff historischer Ereignisse nur sein kann dasswenn es

keinen Themistokles gegeben hätte es auch keinen Sieg bei Salamis gegeben

hätte und wenn letzterer nicht gewesen wäre wo wäre unsere ganze Zivilisation

Wie verschieden würde die Folge gewesen sein wenn Epaminondas oder Timoleon

oder auch Iphikrates anstatt des Chares und Lysikles bei Chäronea befehligt

hätten Es ist in dem zweiten von zwei Essays über das Studium der Geschichte

211 meiner Ansicht nach die besten und philosophischsten Schriften welche der

gegenwärtige Streit über diesen Gegenstand hervorgerufen hat ganz richtig

bemerkt die Geschichtswissenschaft berechtigt nicht zu absoluten sondern nur

zu bedingten Voraussagungen Allgemeine Ursachen haben großen Einfluss aber

auch individuelle Ursachen »erzeugen große Veränderungen in der Geschichte und

geben ihr die ganze Färbung nachdem sie längst vergangen sind Niemand kann

daran zweifeln dass die römische Republik in einen Militärdespotismus

ausgeartet wäre wenn Julius Cäsar niemals gelebt hätte« dies wurde durch

allgemeine Ursachen praktisch gewiss gemacht »aber ist es überhaupt klar dass

in diesem Falle Gallien jemals eine Provinz des römischen Reichs gebildet haben

würde Hätte Varus nicht seine drei Legionen an den Ufern der Rhone verlieren

können und hätte nicht jener Fluss statt des Rheins die Grenze des Reichs

werden können? Dies hätte ganz gut stattfinden können wenn Cäsar und Crassus

ihre Provinzen vertauscht hätten und es ist sicher unmöglich zu sagen dass bei

einem solchen Ereignis die europäische Zivilisation nicht hätte eine andere

Richtung nehmen können Die Eroberung Englands durch die Normannen war eben so

gut das Werk eines einzigen Mannes wie das Schreiben eines Zeitungsartikels es

ist da wir aber die Geschichte dieses Mannes und seiner Familie kennen so

können wir mit aller Gewissheit wenn auch nicht mit Unfehlbarkeit voraussagen

dass kein anderer Mensch« kein anderer in jenem Jahrhundert ist wie ich

vermute gemeint »das Unternehmen hätte ausführen können Und wenn es nicht

ausgeführt worden wäre würde dann Grund vorhanden sein anzunehmen dass unsere

Geschichte und unser Nationalcharakter das sein würden was sie sind«

    Derselbe Schriftsteller bemerkt ganz richtig der ganze Strom der

griechischen Geschichte wie dieselbe durch Hrn Grote aufgeklärt worden ist,

ist eine Reihe von Beispielen welche zeigen wie oft Ereignisse auf denen das

ganze Geschick der späteren Zivilisation beruht von dem persönlichen Charakter

im Guten und Bösen eines einzigen Individuums abhängig waren Man muss indessen

sagen dass Griechenland das außerordentlichste Beispiel dieser Art liefert

das man in der Geschichte finden kann und dass dies ein sehr übertriebenes

Spezimen des Bestrebens im allgemeinen ist Es ist nur einmal vorgekommen  und

wird wahrscheinlich nicht wieder vorkommen  dass die Geschicke der Menschheit

von einer gewissen Ordnung der Dinge abhingen die in einer einzelnen Stadt

oder in einem Lande aufrecht zu erhalten war das kaum grösser war als

Yorkshire und das durch hundert Ursachen von sehr geringer Bedeutung im

Vergleich mit dem allgemeinen Bestreben der menschlichen Allgelegenheiten

ruiniert oder gerettet werden konnte Weder gewöhnliche Zufälle noch der

Charakter von Individuen können jemals wieder die Wichtigkeit erlangen welche

sie damals besaßen Je länger das Menschengeschlecht existiert und je

zivilisierter es wird um so mehr erhält wie Herr Comte bemerkt der Einfluss

der vergangenen Generationen auf die gegenwärtige Generation und der Menschheit

en masse über ein jedes Individuum die Oberhand über andere Kräfte und obgleich

der Gang der Dinge niemals aufhört der Veränderung sowohl durch Zufälle als

auch durch persönliche Eigenschaften zugänglich zu sein so bringt doch das

wachsende Übergewicht der Gesamtwirkung der Menschheit über alle geringeren

Ursachen die allgemeine Entwickelung des Menschengeschlechts in ein mehr

bestimmtes und gezogenes Geleise Die Geschichtswissenschaft wird daher immer

möglicher nicht bloß weil sie besser studiert wird sondern auch weil sie bei

einer jeden Generation für das Studium geeigneter wird

 
 



                               



     1 In den vorhergehenden Kapiteln haben wir uns bemüht den gegenwärtigen

Zustand derjenigen Zweige der sogenannten geistigen moralischen Erkenntnis zu

charakterisieren welche in dem einzig richtigen Sinne des Worts Wissenschaften

dh welche Forschungen nach dem Gange der Natur sind Es ist indessen

gebräuchlich in den Ausdruck moralische Erkenntnis und sogar obgleich

unpassenderweise in den Ausdruck moralische Wissenschaft Geisteswissenschaft

eine Untersuchung einzubegreifen deren Resultate sich nicht in dem Indikativ

sondern in dem Imperativ oder ihm äquivalenten Umschreibungen ausdrücken

nämlich die sogenannte Erkenntnis der Pflichten die praktische Ethik oder

Moral

    Der imperative Modus ist nun das Charakteristische der Kunst das sie von

der Wissenschaft Unterscheidende Was in Kegeln oder Vorschriften spricht und

nicht in der Form von Behauptungen in Beziehung auf Tatsachen ist Kunst und

die Ethik oder Moral ist eigentlich ein Teil der Kunst welche der Wissenschaft

von der menschlichen Natur und Gesellschaft entspricht212

    Die Methode der Ethik kann daher keine andere sein als die der Kunst oder

der Praxis im allgemeinen und der noch unvollendete Teil unserer Aufgabe den

wir in dem letzten Buche zu lösen beabsichtigten ist eine Charakterisierung der

allgemeinen Methode der Kunst in ihrer Verschiedenheit von der Wissenschaft.

    

     2 In allen Zweigen der praktischen Geschäfte gibt es Fälle in denen

die Individuen verbunden sind, ihre Praxis nach einer festgestellten Regel zu

richten während es in anderen Fällen ein Teil ihrer Aufgabe ist die Regel

nach welcher sich ihre Praxis zu richten hat zu finden und zu konstruieren Zu

den ersteren Fällen gehört zB der Fall eines Richters der nach einem

bestimmten geschriebenen Gesetzbuch zu entscheiden hat Der Richter ist nicht

berufen zu bestimmen, welche Entscheidung in dem besonderen vorliegenden Fall

der Natur des Falles nach die beste sein würde sondern nur welches Gesetz auf

den Fall anwendbar ist was der Gesetzgeber für die Art des Falles

vorgeschrieben hat und was daher mutmaßlicherweise in dem individuellen Falle

von ihm beabsichtigt worden istDie Methode muss hier gänzlich und vollständig

in einem Syllogisieren bestehen und das Verfahren ist augenscheinlich dasjenige

woraus wie wir in unserer Analyse des Syllogismus gezeigt haben alles

Syllogisieren besteht nämlich die Auslegung einer Formel

    Um unsere Erläuterung des entgegengesetzten Falles von derselben Klasse von

Gegenständen, wie die früheren zu nehmen wollen wir im Gegensatz zu der Lage

des Richters die Lage eines Gesetzgebers voraussetzen Ähnlich wie der Richter

Gesetze zur Richtschnur hat hat der Gesetzgeber Regeln und Grundsätze der

Politik es wäre aber ein offenbarer Irrtum anzunehmen der Gesetzgeber sei

durch diese Grundsätze in derselben Weise gebunden wie der Richter durch die

Gesetze, und er habe nichts anderes zu tun als von ihnen auf den besonderen

Fall zu schließen ähnlich wie der Richter aus den Gesetzen schließt Der

Gesetzgeber ist verpflichtet die Gründe des Grundsatzes in Betracht zu ziehen

der Richter hat mit den Gründen des Gesetzes nur insofern zu tun als eine

Betrachtung derselben auf die Absichten des Gesetzgebers da Licht zu werfen

vermag wo dessen Worte sie zweifelhaft gelassen haben Für den Richter ist die

einmal bestimmte Regel endgültig aber der Gesetzgeber der mehr nach den Regeln

als nach ihren Gründen ginge würde ähnlich den altmodischen deutschen

Taktikern die von Napoleon gesiegt wurden oder ähnlich dem Arzte der seine

Patienten lieber nach den Regeln sterben ließ als sie gegen die Regel

zuheilen mit Recht für einen bloßen Pedanten und für einen Sklaven seiner

Formel gehalten werden

    Es können nun aber die Gründe einer Maxime der Staatskunst oder die einer

andern Kunstregel nur in den Lehrsätzen der entsprechenden Wissenschaft gesucht

werden

    Das Verhältnis in dem die Regeln der Kunst zu den Lehren der Wissenschaft

stehen kann auf folgende Weise charakterisiert werden Die Kunst setzt sich

einen Zweck vor definiert ihn und übergibt ihn der WissenschaftDie

Wissenschaft empfängt ihn betrachtet ihn als ein Phänomen oder als eine

Wirkung die zu studieren ist und nachdem sie seine Ursachen und Bedingungen

untersucht hat sendet sie ihn der Kunst zurück mit einem Lehrsatz bezüglich der

Kombination von Ursachen, durch welche dieses Phänomen oder diese Wirkung

erzeugt werden kann. Die Kunst prüft sodann diese Kombination von Umständen und

erklärt je nachdem dieselben in menschlicher Macht stehen oder nicht den Zweck

für erreichbar oder nicht erreichbar Die einzige Prämisse welche die Kunst

demnach liefert ist die ursprüngliche obere Prämisse welche behauptet dass

die Erreichung des besonderen Zwecks wünschenswert ist Die Wissenschaft leiht

daher der Kunst das durch eine Reihe von Induktionen oder von Deduktionen

erhaltene Urteil dass die Ausübung gewisser Handlungen den Zweck erreichen

wird Aus diesen Prämissen schließt die Kunst dass die Ausübung dieser

Handlungen wünschenswert ist und verwandelt da sie dies ebenfalls ausführbar

findet den Lehrsatz in eine Regel oder Vorschrift

    

     3 Es verdient besonders beachtet zu werden dass der Lehrsatz oder die

theoretische Wahrheit nicht eher reif ist um in eine Vorschrift verwandelt zu

würden als bis das Ganze und nicht bloß ein Teil der Operation welche der

Wissenschaft angehört ausgeführt worden ist. Angenommen wir hätten den

wissenschaftlichen Prozess nur bis zu einem gewissen Punkte geführt wir hätten

entdeckt dass eine besondere Ursache die gewünschte Wirkung hervorbringen wird

wir hätten aber nicht alle negativen Bedingungen bestimmt welche notwendig

sind dh nicht alle Umstände welche deren Erzeugung verhindern würden wenn

sie gegenwärtig wären Wenn wir bei diesem unvollkommenen Zustande der

wissenschaftlichen Theorie versuchen eine Kunstregel aufzustellen so führen

wir diese Operation zu frühe aus Wenn irgend eine in dem Lehrsatz übersehene

entgegenwirkende Ursache vorkommt so wird die Kegel auf Schwierigkeiten

stoßen wir werden die Mittel gebrauchen und den Zweck verfehlen Kein

Argumentiren von der Regel aus oder über die Regel selbst wird uns alsdann über

die Schwierigkeit hinweghelfen es bleibt nichts übrig als zu dem

wissenschaftlichen Prozess welcher der Bildung der Regel hätte vorausgehen

sollen zurückzukehren und ihn zu Ende zu führen Wir müssen die Untersuchung

wieder aufnehmen um den Rest der Bedingungen, von denen die Wirkung abhängig

ist, zu erforschen und erst nachdem wir das Ganze dieser Bedingungen ermittelt

haben sind wir vorbereitet um das vollständige Gesetz der Wirkung in eine

Vorschrift zu verwandeln in welcher diejenigen Umstände oder Kombinationen von

Umständen welche die Wissenschaft als Bedingungen aufweist als Mittel

vorgeschrieben werden

    Es ist wahr dass der Bequemlichkeit wegen Regeln gebildet werden müssen

welche auf eine etwas weniger ideal vollkommene Theorie gegründet sind

erstlich weil die Theorie selten ideal vollkommen gemacht werden kann, und

zunächst weil wenn alle entgegenwirkenden Zufälligkeiten sie mögen häufig oder

selten vorkommen darin eingeschlossen wären die Regeln zu verworren sein

würden um in den gewöhnlichen Fällen des Lebens von gewöhnlichen Fähigkeiten

verstanden und behalten zu werden Die Regeln der Kunst suchen nicht mehr

Bedingungen zu umfassen als man in den gewöhnlichen Fällen des Lebens beachten

kann sie sind daher immer unvollkommen In den auf Handfertigkeit beruhenden

Künsten wo die erforderlichen Bedingungen nicht zahlreich sind und wo die

durch die Regeln nicht einzeln aufgeführten Bedingungen entweder im allgemeinen

für die gewöhnliche Beobachtung einfach und klar oder durch Übung leicht zu

erlernen sind können Personen welche nichts als die Regel kennen häufig mit

aller Sicherheit darnach handeln Aber in den verwickelteren Geschäften des

Lebens und mehr noch in denen der Staaten und Gesellschaften kann man sich auf

Regeln nicht verlassen ohne beständig auf die wissenschaftlichen Gesetze auf

welche sie gegründet sind zurückzugehen Zu wissen welches die Zufälle der

Praxis sind die eine Modifikation der Regel verlangen oder welche ganz und gar

Ausnahmen von derselben sind heißt wissen welche Kombinationen von Umständen

den Folgen jener Gesetze widerstreiten oder sie gänzlich aufheben würden dies

kann aber nur durch ein Zurückgehen auf die theoretischen Gründe der Regel

gelernt werden

    Ein kluger Praktiker wird daher Regeln für die Praxis nur als provisorische

Regeln betrachten Da sie für die zahlreichsten oder die am gewöhnlichsten

vorkommenden Fälle gemacht sind so zeigen sie uns die Art und Weise in welcher

es am wenigsten gefährlich sein wird da zu handeln wo Zeit und Mittel fehlen

um die wirklichen Umstände des Falles zu analysieren oder wo wir bei einer

Veranschlagung derselben unserm Urteil nicht trauen können Aber sie machen es

darum nicht weniger angemessen durch den wissenschaftlichen Prozess zu gehen

der für die Aufstellung einer Regel aus den Daten des besonderen vor uns

liegenden Falles erforderlich ist Zu gleicher Zeit kann die gewöhnliche Regel

sehr passend als eine Erinnerung daran dienen dass eine gewisse Handlungsweise

von uns selbst und von Anderen für sehr gewöhnlich vorkommende Fälle als passend

befunden worden ist, so dasswenn sie für den vorliegenden Fall nicht passt

die Gründe hierfür wahrscheinlich einem ungewöhnlichen Umstand entspringen

werden

    

     4 Der Irrtum derjenigen welche eine für besondere Fälle geeignete

Verfahrungsweise aus vermeintlichen universalen praktischen Grundsätzen ableiten

möchten ist daher augenscheinlich sie übersehen die Notwendigkeit auch dann

beständig auf die Prinzipien der theoretischen Wissenschaft zurückzugehen wenn

man den spezifischen Zweck welchen die Regeln im Auge haben sicher erreichen

will Wieviel grösser muss daher der Irrtum sein wenn solche starre Grundsätze

nicht bloß als universale Regeln aufgestellt werden um einen gegebenen Zweck

zu erreichen sondern auch als Regeln für die Praxis im allgemeinen und ohne die

Möglichkeit zu berücksichtigen nicht nur dass irgend eine modifizierende

Ursache die Erreichung des Zwecks verhindern kann und zwar durch Mittel welche

die Regel vorschreibt sondern auch dass der Erfolg selbst mit irgend einem

anderen Zweck dessen Erreichung möglicherweise wünschenswerter ist in

Widerstreit geraten kann

    Dies ist der gewöhnliche Irrtum vieler politischer Denker welche ich als

der geometrischen Schule angehörig charakterisiert habe besonders in Frankreich

wo das von praktischen Regeln ausgehende Syllogisieren den Hauptartikel des

Journalismus und der politischen Redekunst bildet ein Missverstehen der

Funktionen der Deduktion welches den Geist der Verallgemeinerung der die

Franzosen in so ehrenvoller Weise charakterisiert in der Meinung anderer Länder

in großen Misskredit gebracht hat In Frankreich sind die Gemeinplätze der

Politik umfassende und weit ausholende praktische Maximen von welchen aus die

Menschen als aus letzten Prämissen auf besondere Anwendungen schließen und

dies nennen sie logisch und konsequent sein Sie argumentieren zB fortwährend

dass die und die Maßregel ergriffen werden sollte weil sie eine Folge des

Prinzips ist auf welche die Regierungsform sich gründet sei es des Prinzips

der Legitimität oder des Prinzips der Volkssouveränität Hierauf kann man

erwidern dass wenn diese Prinzipien wirklich praktisch sind sie auf

theoretischen Gründen beruhen müssen die Volkssouveränität zum Beispiel muss

eine richtige Grundlage der Regierungsform sein weil ein nach ihr konstituierter

Staat wohltätige Wirkungen hervorzubringen strebt Insofern aber keine

Regierungsform alle möglichen wohltätigen Wirkungen hervorbringt und alle

Regierungsformen mit mehr oder weniger Nachtheilen behaftet sind und da die

letzteren gewöhnlich nicht mit Mitteln bekämpft werden können, die denselben

Ursachen entnommen sind welche sie erzeugen so würde sich eine praktische

Einrichtung oft viel stärker dadurch empfehlen dass sie nicht aus dem

sogenannten allgemeinen Staatsprinzip folgt Bei einer auf Legitimität

gegründeten Regierung ist die Präsumtion weit eher zu Gunsten von Institutionen

von einem volkstümlichen Ursprung in einer Demokratie zu Gunsten von

Einrichtungen die dem Drange des Volkswillens Einhalt zu tun streben Die in

Frankreich so gewöhnlich für politische Philosophie gehaltene Argumentation geht

auf den praktischen Schluss dass wir die größten Anstrengungen machen sollten

um die charakteristischen Unvollkommenheiten der Institutionen die wir

vorziehen oder unter denen wir zufällig leben zu vergrößern anstatt sie zu

vermindern

    

     5 Es sind also die Gründe einer jeden Kunstregel in den Lehrsätzen der

Wissenschaft zu finden Eine Kunst oder ein System der Kunst besteht aus den

Kegeln und aus so Vielem von den theoretischen Sätzen als für die

Rechtfertigung dieser Regeln nötig ist Die vollständige Kunst enthält eine

Auswahl von dem Theile der Wissenschaft, der nötig ist um zu zeigen von

welchen Bedingungen die Wirkungen, nach deren Erzeugungen die Kunst strebt

abhängig sind Die Kunst im allgemeinen besteht aber aus den Wahrheiten der

Wissenschaft, und zwar in einer Weise geordnet die mehr den Bequemlichkeiten

der Praxis als denen des Denkens angepasst ist Die Wissenschaft ordnet und

gruppiert ihre Wahrheiten so dass wir im Stande sind so viel als möglich von

der allgemeinen Ordnung des Weltalls mit einem Blick in uns aufzunehmen Wenn

die Kunst auch dieselben allgemeinen Gesetze annehmen muss so folgt sie ihnen

doch nur in diejenigen ihrer ausführlichen Konsequenzen welche zur Bildung von

Regeln für die Praxis geführt haben aus von einander sehr entferntliegenden

Teilen des Gebietes der Wissenschaft trägt sie die Wahrheiten zusammen die

sich auf die Erzeugung der verschiedenen und heterogenen Bedingungen beziehen

welche für eine jede Wirkung deren Erzeugung für die Bedürfnisse des

praktischen Lebens erfordert wird notwendig sind

    Da also die Wissenschaft einer Ursache in ihre verschiedenen Wirkungen

folgt während die Kunst einer Wirkung bis zu ihren vielen und verschiedenen

Ursachen und Bedingungen nachgeht so bedarf es einer Reihe von intermediären

wissenschaftlichen Wahrheiten die aus den höheren Generalisationen der

Wissenschaft abgeleitet und dazu bestimmt sind als die Generalia oder ersten

Prinzipien der verschiedenen Künste zu dienen Das wissenschaftliche Verfahren

wonach diese intermediären Prinzipien aufzustellen sind charakterisiert Hr

Comte als eines der Resultate der Philosophie, die der Zukunft vorbehalten sind

Er weist auf die allgemeine Theorie der Kunst der beschreibenden Geometrie wie

sie von Monge aufgestellt worden ist, als das einzige vollständig verwirklichte

Beispiel und als ein Vorbild das in wichtigeren Dingen nachzuahmen ist Es ist

indessen nicht schwer zu verstehen welches die Natur der intermediären

allgemeinen Prinzipien sein muss Nachdem der möglichst umfassende Begriff von

dem zu erreichenden Zweck dh von der zu erzeugenden Wirkung aufgestellt und

in derselben umfassenden Weise die Reihe von Bedingungen bestimmt worden ist,

von denen diese Wirkung abhängt so bleibt doch eine allgemeine Untersuchung der

Hilfsmittel übrig die uns für die Verwirklichung dieser Reihe von Bedingungen

zu Gebote stehen Wenn das Resultat dieser Untersuchung in die wenigsten und

umfassendsten Sätze gefasst worden ist, so werden diese Sätze das zwischen den

nutzbaren Mitteln und dem Zweck bestehende allgemeine Verhältnis ausdrücken

sie werden die allgemeine wissenschaftliche Theorie der Kunst ausmachen und die

praktischen Methoden derselben werden als Folgesätze daraus hervorgehen

    

     6 Aber obgleich die Argumentationen welche den Zweck und die Absicht

einer jeden Kunst mit ihren Mitteln verknüpfen dem Bereich der Wissenschaft

angehören so gehört doch die Definition des Zweckes selbst ausschließlich der

Kunst an und bildet das besondere Gebiet derselben Eine jede Kunst hat ein

nicht von der Wissenschaft erborgtes erstes Prinzip oder eine allgemeine obere

Prämisse worin der beabsichtigte Zweck angekündigt und behauptet Wird dass

derselbe wünschenswert ist Die Kunst des Baumeisters nimmt an es sei

wünschenswert Gebäude zu haben die Architektur als eine der schönen Künste

nimmt an es sei wünschenswert sie schön oder imposant zu haben Die

Gesundheits und Arzneikunst nehmen an die eine dass die Erhaltung der

Gesundheit die andere dass die Heilung von Krankheiten angemessene und

wünschenswerte Zwecke sind Es sind dies keine wissenschaftlichen Urteile Die

Urteile der Wissenschaft behaupten eine Tatsache; eine Existenz eine

Koexistenz eine Sukzession oder eine Ähnlichkeit Die in Rede stehenden Sätze

behaupten aber nicht dass etwas istsondern ordnen an und empfehlen es solle

etwas sein Sie sind eine Klasse für sich Ein Urteil dessen Prädikat durch

die Worte solle oder sollte sein ausgedrückt wird ist generisch verschieden von

einem Urteil dessen Prädikat durch ist oder wird sein ausgedrückt ist Es ist

wahr dass auch diese Urteile in dem weitesten Sinne des Wortes etwas als eine

Tatsache behaupten Die in ihnen behauptete Tatsache ist dass die empfohlene

Verfahrungsweise in dem Geiste des Sprechenden ein Gefühl von Beifall erregt

Dies geht indessen nicht auf den Grund des Gegenstandes; denn der Beifall des

Sprechenden ist kein genügender Grund für den Beifall Anderer noch sollte er

für ihn selbst ein beweiskräftiger Grund sein Für die Zwecke der Praxis muss

von einem jeden verlangt werden dass er seinen Beifall rechtfertige und hierzu

bedarf es allgemeiner Prämissen welche bestimmen welches die passenden

Gegenstände des Beifalls sind und welches die geeignete Ordnung der Präzedenz

zwischen diesen Gegenständen ist

    Diese allgemeinen Prämissen samt den Hauptschlüssen welche aus ihnen

abgeleitet werden können, bilden oder vielmehr könnten bilden ein Lehrgebäude

welches eigentlich die Kunst des Lebens darstellt und drei Abtheilungen zulässt

die Moral die Politik und die Ästhetik das Rechte das Zweckmäßige und das

Schöne oder Edle in den menschlichen Handlungen und Werken Dieser Kunst die

leider der Hauptsache nach noch zu schaffen ist sind alle anderen Künste

untergeordnet da sie im Besitz der Prinzipien istwelche bestimmen müssen ob

der spezielle Zweck einer besonderen Kunst wertvoll und wünschenswert ist und

welches in der Scala der wünschenswerten Dinge sein Platz ist Eine jede Kunst

ist auf diese Weise das vereinte Resultat von durch die Wissenschaft enthüllten

Naturgesetzen und von den allgemeinen Prinzipien der sogenannten Teleologie oder

der Lehre von den Zwecken213 welche auch in der Sprache der deutschen

Metaphysiker nicht unpassend die Grundsätze der praktischen Vernunft genannt

werden kann.

    Ein wissenschaftlicher Beobachter oder Denker ist als solcher allein kein

Rathgeber für die Praxis Seine Aufgabe besteht nur darin zu zeigen dass

gewisse Folgen aus gewissen Ursachen hervorgehen und dass für die Erreichung

gewisser Zwecke gewisse Mittel die wirksamsten sind Ob die Zwecke selbst der

Art sind dass sie zu verfolgen sind und wenn dies ist, in welchen Fällen und

wieweit kommt ihm als einem Pfleger der Wissenschaft zu entscheiden nicht zu

und die Wissenschaft allein wird ihn auch niemals für die Entscheidung geeignet

machen In den rein physikalischen Wissenschaften liegt keine große Versuchung

dieses Amt zu übernehmen aber die Wissenschaften welche von der menschlichen

Natur und Gesellschaft handeln nehmen es beständig in Anspruch sie unternehmen

beständig zu sagen nicht allein was istsondern auch was sein sollte um sie

hierzu zu berechtigen ist eine vollständige Theorie der Teleologie

unentbehrlich Eine bloß als ein Teil der Naturordnung betrachtete noch so

vollkommene wissenschaftliche Theorie kann in keiner Weise als Ersatz dienen In

dieser Beziehung bieten die untergeordneten Künste eine Irreführende Analogie

dar Bei ihnen ist selten eine sichtbare Notwendigkeit für die Rechtfertigung

des Zwecks vorhanden da dessen Wünschenswürdigkeit im allgemeinen von Niemand

geleugnet wird und nur wenn die Frage des Vorrangs zwischen diesem und irgend

einem anderen Zweck zu entscheiden ist müssen die allgemeinen Grundsätze der

Teleologie herbeigezogen werden aber ein über Moral und Politik Schreibender

bedarf dieser Grundsätze bei jedem Schritte Die sorgfältigste und

wohldurchdachteste Entwickelung der bei geistigen und sozialen Erscheinungen

stattfindenden Gesetze der Sukzession und Koexistenz und ihres Verhältnisses zu

einander als Ursachen und Wirkungen wird für die Kunst des Lebens oder der

Gesellschaft von keinem Nutzen sein wenn die von dieser Kunst beabsichtigten

Zwecke den vagen Eingebungen des intellectus sibi permissus überlassen werden

oder wenn sie ohne Analyse und ohne Zweifel als zugestanden angesehen werden.

    

     7 Es gibt also eine der Kunst eigentümliche Philosophia Prima so wie

es eine der Wissenschaft angehörige gibt Es gibt nicht nur erste Prinzipien

der Erkenntnis, sondern auch erste Prinzipien der Praxis Es muss einen

Maßstab eine Richtschnur geben wonach wir die absolute und relative Güte

oder Schlechtigkeit von Zwecken oder Gegenständen des Verlangens bestimmen

können Welcher Art aber dieser Maßstab auch sein möge so kann es nur einen

einzigen geben denn wenn es mehrere letzte Grundsätze der Praxis gäbe so

könnte dieselbe Praxis von dem einen Grundsatz gutgeheißen und von dem anderen

verworfen werden und wir bedürften anderer allgemeiner Grundsätze um als

Schiedsrichter zwischen ihnen zu funktionieren

    Es haben demzufolge die über Moralphilosophie Schreibenden meistens die

Notwendigkeit gefühlt nicht bloß alle Regeln der Praxis und alle lohenden und

tadelnden Urteile auf Prinzipien Zurückzuführen sondern auch sie auf irgend

ein bestimmtes Prinzip zurückzuführen auf irgend eine Regel oder Richtschnur

womit alle anderen praktischen Regeln in Übereinstimmung stehen müssen und aus

der sie alle als die letzte Konsequenz abgeleitet werden könnenDiejenigen,

welche die Annahme einer solchen allgemeinen Richtschnur vernachlässigt haben

konnten dies nur unter der Voraussetzung, dass ein unserer geistigen

Konstitution inwohnender moralischer Sinn oder Instinkt uns sowohl darüber

belehrt welche praktischen Prinzipien wir verbunden sind zu beobachten sondern

auch in welcher Ordnung dieselben einander untergeordnet werden sollten

    Die Theorie von den Fundamenten der Moral ist ein Gegenstand dessen

Erörterung in einem Werk von dieser Art nicht am Platze sein würde und den so

nebenher abzuhandeln ziemlich nutzlos sein würde Ich werde mich daher damit

begnügen zu sagen dass wenn die Lehre von intuitiven moralischen Prinzipien

auch wahr wäre so würde sie doch nur für jenen Teil des praktischen Gebietes

Vorsorge tragen der im eigentlichen Sinne der moralische Teil genannt wird

Für den Rest der Praxis des Lebens muss noch irgend ein allgemeines Prinzip

eine Richtschnur gesucht werden und wenn dieses Prinzip richtig gewählt wird

so wird es meinem Verständnis nach ebenso gut für die letzten Prinzipien der

Moral als für die der Politik oder des Geschmackes dienen

    Ohne hier zu versuchen meine Meinung zu rechtfertigen oder auch nur die

zulässliche Art ihrer Rechtfertigung zu definieren spreche ich bloß meine

Überzeugung aus dass das allgemeine Prinzip wonach sich alle Regeln der

Praxis richten sollten und die Probe nach welcher sie alle zu prüfen sind in

der Förderung des Glückes der Menschen oder vielmehr aller empfindenden Wesen

besteht mit anderen Worten, die Förderung des Glückes ist das letzte Prinzip

der Teleologie

    Ich will nicht behaupten die Förderung des Glückes sollte selbst der Zweck

aller Handlungen oder auch nur aller Regeln des Handelns sein Sie ist die

Rechtfertigung und sollte der Oberaufseher aller Zwecke sein aber sie ist nicht

selbst der einzige Zweck Es gibt viele tugendhafte Handlungen und sogar

tugendhafte Handlungsweisen obgleich die Fälle, wie ich glaube weniger häufig

sind als man oft annimmt durch welche in dem besonderen Falle das Glück

geopfert wird indem sie mehr Schmerz als Vergnügen erzeugen Aber die Praxis

wovon dieses mit Wahrheit behauptet werden kann, lässt eine Rechtfertigung nur

darum zu weil gezeigt werden kann, dass im Granzen mehr Glück in der Welt sein

wird wenn Gefühle gepflegt werden welche die Menschen in gewiesen Fällen des

Glückes nicht achten lassen Ich gebe die Wahrheit vollständig zu dass die

Kultivierung eines idealen Adels des Willens und der Praxis für individuelle

Menschen ein Zweck sein sollte dem das spezifische Streben nach ihrem eigenen

Glücke oder nach dem Glücke anderer ausgenommen soweit es in dieser Idee

inbegriffen ist in einem jeden kollidierenden Fall nachstehen sollte Ich glaube

aber dass gerade die Frage was konstituiert diese Erhabenheit des Charakters

durch ein Zurückgehen auf das Glück als auf den Maßstab zu entscheiden ist

Für das Individuum sollte der Charakter selbst das oberste Ziel sein einfach

darum weil die reichliche Existenz dieser idealen Erhabenheit des Charakters

oder einer Annäherung an dieselbe mehr als alles andere beitragen würde das

menschliche Leben glücklich zu machen sowohl in dem vergleichungsweise

bescheidenen Sinne von Vergnügen und Befreiung von Schmerz als auch in der

höheren Bedeutung das Leben nicht zu dem zu machen was es jetzt fast allgemein

ist nämlich kindisch und bedeutungslos  sondern zu dem was menschliche Wesen

mit höher entwickelten Fähigkeiten zu besitzen den Wunsch haben können

    

     8 Mit diesen Bemerkungen müssen wir diesen summarischen Überblick über

die Anwendung der allgemeinen Logik der wissenschaftlichen Forschung auf die

moralischen und sozialen Zweige schließen Ungeachtet der äußersten

Allgemeinheit der Prinzipien der Methode, welche ich aufgestellt habe eine

Allgemeinheit welche wie ich glaube in diesem Falle nicht mit Unbestimmtheit

synonym ist habe ich mich der Hoffnung hingegeben dass diese Bemerkungen

einigen von denjenigen denen die Aufgabe zufallen wird jene wichtigsten von

allen Wissenschaften auf eine Stufe zu erheben die mehr Befriedigung gewährt

von Nutzen sein werden sowohl durch Beseitigung der irrigen als auch durch

Aufhellung der wahren Vorstellungen in Betreff der Mittel durch welche bei so

sehr verwickelten Gegenständen die Wahrheit zu erreichen ist Sollte sich diese

Hoffnung verwirklichen so wird das was wahrscheinlich dazu bestimmt ist das

große geistige Werk der nächsten zwei oder drei Generationen europäischer

Denker zu sein zugleich damit gefördert worden sein