Wilhelm Meinhold
Die Bernsteinhexe
Der interessanteste aller bisher bekannten Hexenprozesse nach einer defecten
Handschrift ihres Vaters des Pfarrers Abraham Schweidler in Koserow auf Usedom
Vorrede
Indem ich dem Publicum hiemit diesen tiefrührenden und fast romanartigen
Hexenprocess übergebe den ich wohl nicht mit Unrecht auf dem vorstehenden
Titelblatte den interessantesten Aller bis jetzt bekannten genannt habe
erteile ich zuvörderst über die Geschichte des Manuscriptes die folgende
Auskunft
In Koserow auf der Insel Usedom auf meiner vorigen Pfarre und derselben
welcher unser ehrwürdiger Verfasser vor länger als 200 Jahren vorstand befand
sich unter einem Chorgestühl der dortigen Kirche und fast zu ebener Erde eine
Art Nische in welcher ich zwar schon öfter einige Scripturen liegen gesehen
die ich jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit und der Dunkelheit des Ortes für
verlesene Gesangbücher hielt wie denn in der Tat auch deren eine Menge hier
umherlag Eines Tages jedoch als ich mit Unterricht in der Kirche beschäftigt
ein Papierzeichen in den Katechismus eines Knaben suchte und es nicht
sogleich finden konnte trat mein alter mehr als achtzigjähriger Küster der
auch Appelmann hieß aber seinem Namensverwandten in unserer Lebensgeschichte
durchaus unähnlich und ein zwar beschränkter aber sehr braver Mann wär unter
jenes Chorgestühl und kehrte mit einem Folianten zurück der mir nie zu Gesicht
gekommen war und aus dem er ohne Weiteres einen geeigneten Papierstreifen riss
und ihn mir überreichte Ich griff sogleich nach dem Buche und weiß nicht ob
ich schon nach wenigen Minuten erstaunter oder entrüsteter über meinen
köstlichen Fund war Das in Schweinsleder gebundene Manuskript war nicht bloß
vorne und hinten defect sondern leider waren auch aus der Mitte hin und wieder
mehrere Blätter gerissen Ich fuhr den Alten an wie nie in meinem Leben er
entschuldigte sich aber dahin dass einer meiner Vorgänger ihm das Manuskript zum
Zerreissen gegeben da es hier seit Menschen Gedenken umhergelegen und er öfter
in PapierVerlegenheit gewesen sei beim Umwickeln der Altarlichte usw Der
greise halb blinde Pastor hätte es für alte Kirchenrechnungen gehalten die
doch nicht mehr zu gebrauchen seien1
Kaum zu Hause angekommen machte ich mich über meinen Fund her und nachdem
ich mit vieler Mühe mich ein und durchgelesen regten mich die darin
mitgeteilten Sachen mächtig an
Ich fühlte bald das Bedürfnis mich über die Art und Weise dieser
Hexenprocesse über das Verfahren ja über die ganze Periode in welche diese
Erscheinungen fallen näher aufzuklären Doch je mehr dieser bewundernswürdigen
Geschichten ich las je mehr wurde ich verwirrt und weder der triviale Beeker
die bezauberte Welt noch der vorsichtigere Horst Zauberbibliotek und andere
Werke der Art zu welchen ich gegriffen hatte konnten meine Verwirrung heben
sondern dienten nur dazu sie zu vermehren
Es geht nicht bloß ein so tiefer dämonischer Zug durch die meisten dieser
Schaudergeschichten dass den aufmerksamen Leser Grausen und Entsetzen anwandelt
sondern die ewigen und unveränderlichen Gesetze der menschlichen Empfindungs
und Handlungsweise werden auch oft auf eine so gewaltsame Weise unterbrochen
dass der Verstand im eigentlichen Sinne des Wortes stille steht wie denn zB in
einem der Originalprocesse die ein juristischer Freund in unserer Provinz
aufgestöbert sich die Relation findet dass eine Mutter nachdem sie bereits die
Folter überstanden das heilige Abendmahl genossen und im Begriff ist den
Scheiterhaufen zu besteigen so sehr alles mütterliche Gefühl bei Seite setzt
dass sie ihre einzige zärtlich geliebte Tochter ein Mädchen von fünfzehn
Jahren gegen welche Niemand einen Verdacht hegt sich in ihrem Gewissen
gedrungen fühlt gleichfalls als Hexe anzuklagen um wie sie sagt ihre arme
Seele zu retten Das Gericht mit Recht erstaunt über diesen vielleicht nie
wieder vorgekommenen Fall ließ ihren Gesundheitszustand von Predigern und
Aerzten untersuchen deren OriginalZeugnisse den Akten noch beiliegen und
durchaus günstig lauten Die unglückliche Tochter welche merkwürdiger Weise
Elisabet Hegel hieß wurde in Folge dieser mütterlichen Aussage denn auch
wirklich hingerichtet2
Die gewöhnliche Auffassung der neuesten Zeit diese Erscheinungen aus dem
Wesen des tierischen Magnetismus zu begreifen reichen durchaus nicht hin Wie
will man zB die tiefe dämonische Natur der alten Lise Kolken in dem
vorliegenden Werke daraus ableiten die unbegreiflich ist und es ganz
erklärlich macht dass der alte Pfarrer trotz des ihm mit seiner Tochter
gespielten entsetzlichen Betruges so fest in seinem Glauben an das Hexenwesen
wie in dem an das Evangelium bleibt
Die früheren Jahrhunderte des Mittelalters wussten wenig oder nichts von
Hexen Das Verbrechen der Zauberei wo es einmal vorkam wurde milde bestraft
So zB setzte das Koncilium zu Ancyra 314 die ganze Strafe dieser Weiber in
ein bloßes Verbannen aus der christlichen Gemeinschaft die Westgoten
bestraften sie mit Prügeln und Karl der Große ließ sie auf den Rat seiner
Bischöfe so lange in gefänglicher Haft bis sie aufrichtige Busse taten3 Erst
kurz vor der Reformation klagt Innocentius VIII dass die Beschwerden der ganzen
Christenheit über das Unwesen dieser Weiber so allgemein und in einem solchen
Grade laut würden dass dagegen auf das Entschiedenste eingegriffen werden müsse
und ließ zu dem Ende 1489 den berüchtigsten Hexenhammer malleus malleficarum
anfertigen nach welchem nicht bloß in der ganzen katholischen sondern
merkwürdiger Weise auch in der protestantischen Christenheit die doch sonst
alles Katolische verabscheuete und zwar mit solchem fanatischen Eifer inquirirt
wurde dass die Protestanten es weit den Katholiken an Grausamkeit zuvor taten
bis katholischer Seits der edle Jesuit J Spee und protestantischer obgleich
erst siebzig Jahre später der treffliche Tomasius dem Unwesen allmählich
Einhalt taten
Nachdem ich mich auf das Eifrigste mit dem Hexenwesen beschäftigt hatte sah
ich bald ein dass unter allen diesen zum Teil so abenteuerlichen Geschichten
keine einzige an lebendigem Interesse meine »Bernsteinhexe« übertreffen würde
und ich nahm mir vor ihr Schicksal in die Gestalt einer Novelle zu bringen
Doch glücklicher Weise sagte ich mir bald aber wie ist ihre Geschichte denn
nicht schon an und für sich die interessanteste Novelle Lass sie ganz in ihrer
alten ursprünglichen Gestalt lass fort daraus was für den gegenwärtigen Leser
von keinem Interesse mehr oder sonst allgemein bekannt ist und wenn du auch
den fehlenden Anfang und das fehlende Ende nicht wiederherstellen kannst so
siehe zu ob der Zusammenhang es dir nicht möglich macht die fehlenden Blätter
aus der Mitte zu ergänzen und fahre dann ganz in dem Ton und der Sprache deines
alten Biographen fort so dass wenigstens der Unterschied der Darstellung und die
gemachten Einschiebsel nicht gerade ins Auge fallen
Dies habe ich denn mit vieler Mühe und nach mancherlei vergeblichen
Versuchen getan verschweige aber an welchen Orten es geschehen ist um das
historische Interesse der größten Anzahl meiner Leser nicht zu trüben Für die
Kritik jedoch welche nie eine bewundernswürdigere Höhe als in unserer Zeit
erreicht hat wäre ein solches Geständnis hier vollends überflüssig da sie auch
ohne dasselbe gar leichtlich unterscheiden wird wo der Pastor Schweidler oder
wo der Pastor Meinhold spricht4
Von dem jedoch was ich fortgelassen bin ich dem Publikum noch eine nähere
Nachricht schuldig Dahin gehören
1 lange Gebete insofern sie nicht durch christliche Salbung ausgezeichnet
waren
2 allgemein bekannte Geschichten aus dem dreissigjährigen Kriege
3 Wunderzeichen in den Wolken die hie und da sollten geschehen sein und
die auch anderepommersehe Schriftsteller dieser Schreckenszeit berichten wie
zB Micrälius5 Standen jedoch solche Angaben in Verbindung mit dem Ganzen
zB das Kreuz auf dem Streckelberge so habe ich sie natürlich stehen lassen
4 die Specifikation der ganzen Einnahme der Koserower Kirche vor und während
der Schreckenszeit des dreissigjährigen Krieges
5 die Aufzählung der Wohnungen die nach den Verheerungen des Feindes in
jedem Dorf der Parochie stehen geblieben
6 die Angabe der Örter wohin dieses oder jenes Mitglied der Gemeinde
ausgewandert sei
7 Ein Grundriss und eine Beschreibung des alten Pfarrhauses usw
Auch mit der Sprache habe ich mir hin und wieder einige Veränderungen erlaubt
wie denn auch mein Autor in Sprache und Ortographie nicht recht constant ist
Letztere habe ich mit geringen Ausnahmen beibehalten
Und somit übergebe ich denn dies vom Feuer des Himmels wie der Hölle
glühende Werk dem geneigten Leser
Meinhold
Fußnoten
1 Und in der Tat kommen im Original einige Rechnungen vor die wohl beim ersten
Anblick zu diesem Irrtum verleiten konnten und außerdem ist die Handschrift
schwer zu lesen und an einigen Stellen vergilbt und verrottet
2 Auch diesen Prozess gedenke ich noch herauszugeben da er ein ungemeines
psychologisches Interesse hat
3 Horst Zauberbibliotek VI 231
4 Vorläufige Proben des Ganzen befanden sich bereits in der Christoterpe von
1841 und 42
5 vom alten Pommernlande Buch V
Einleitung
Die Abkunft unsers Biographen kann bei dem verloren gegangenen Anfange seiner
Schrift nicht mehr mit Genauigkeit bestimmt werden. Er scheint jedoch jedenfalls
kein Pommeraner gewesen zu sein denn einmal spricht er von Schlesien wo er in
seiner Jugend sich befunden nennt sodann weit zerstreute Verwandte nicht bloß
in Hamburg und Köln sondern sogar in Antwerpen und verrät vor allen Dingen
durch seine süddeutsche Sprache seine auswärtige Abkunft Hieher rechne ich
besonders Ausdrücke als eim für einem und die eigne Derivation mancher
Adjective zB tänein von Tanne seidin von Seide eine Sprechweise die so
viel ich weiß niemals in Pommern wohl aber in Schwaben vorgekommen ist Doch
musste er bei Abfassung seiner Schrift schon lange Zeit in Pommern gelebt haben
weil er fast noch häufiger plattdeutsche Ausdrücke einmischt ganz wie dies
eingeborne Pommersche Schriftsteller der damaligen Zeit auch wohl zu tun
pflegen
Da er von altadlicher Herkunft ist wie er bei verschiedenen Gelegenheiten
sagt so möchte man vielleicht in den Adelsregistern des siebzehnten
Jahrhunderts etwas Näheres über das Geschlecht der Schweidler finden und mithin
auch über sein wahrscheinliches Vaterland allein ich habe mich vergebens in den
mir zugänglichen Quellen nach jenem Namen umgesehen und möchte daher vermuten
dass unser Autor wie dies so häufig geschah bei seinem Übergange zur
Theologie seinen Adel mit Abänderung seines Namens ablegte
Genug ich will hier nicht weitere Hypotesen wagen Unser Manuskript in
welchem die ansehnliche Zahl von sechs Kapiteln fehlt und welches auf den
nächst vorhergegangenen Blättern unstreitig sich über den Ausbruch des
dreissigjährigen Krieges auf der Insel Usedom verbreitet hat beginnt mit den
Worten »Kaiserliche gehauset« und fährt dann fort wie folgt
Koffer Truhen Schränke waren allesammt erbrochen und zuschlagen auch
mein Priesterhemd zurissen so dass in großen Aengsten und Nöten stände Doch
hatten sie mein armes Töchterlein nit gefunden maßen ich sie in einem Stall wo
es dunkel war verborgen denn sonst sorge ich hätten sie mir noch mehr
Herzeleid bereitet Wollten die räudigen Hunde doch schon meine alte Ilse ein
Mensch bei schier 50 Jahren angehen hätte es ihnen ein alter Kornett nicht
gewegert Dankete daher meinem Schöpfer als die wilden Gäste wegkwaren dass
ich allermeist mein armes Kind vor ihren Klauen geborgen wiewohl kein Stäublein
Mehl kein Körnlein Getreide noch ein Stücklein Fleisch bei eines Fingers Länge
mehr fürhanden und ich nit wusste wie ich mein und meines armen Kindes Leben
weiter fristen söllte Item dankete Gott dass ich noch die vasa sacra geborgen
welche ich gleich mit den beiden Türstehern als Hinrich Seden und Klaus Bulken
von Ükeritze in der Kirchen vor dem Altar vergrübe Gott die Obhut empfehlend
Weil nun aber wie bemeldet ich bitteren Hunger litte so schrieb an Se
Gestrengen den Herrn Amtshauptmann Wittich von Appelmann auf Pudgla1 dass er umb
Gotts und seines heiligen Evangeliums willen in sollich schwerer Not und
Trübsal mir zukommen ließe was Se Fürstliche Gnaden Philippus Julius mir an
Praestandis vom Kloster zu Pudgla beigeleget als nämlich 30 Schffl Gerste und
25 Mark Silbers welche Sr Gestrengen mir aber bis nunmehr gewegert Denn er
war ein fast hart und unmenschlicher Mann sintemalen er das heilige Evangelium
und die Predigt verachtete auch öffentlich und sonder Scheue seinen Spott über
die Diener Gottes hatte nämblich dass sie unnütze Brodtfresser wären und
Luterus den Schweinestall der Kirchen nur halb gesäubert Gott bessers Aber
er antwortete mir nit und ich wäre schier verschmachtet wenn Hinrich Seden
nicht für mich im Kapsel2 gebetet Gott lohns dem ehrlichen Kerl in der
Ewigkeit Er wurde dazumalen auch schon alt und hatte viel Plage von seinem
bösen Weibe Lise Kollken Dachte gleich dass es nit sonderlich gehen würd als
ich sie traute angesehen sie im gemeinen Geschrei war dass sie lange mit
Wittich Appelmann in Unzucht gelebet welcher von jeher ein rechter Erzschalk
und auch absonderlich ein hitziger Jäger gewesen denn so etwas gesegnet
der Herre nicht Selbiger Seden nun brachte mir 5 Brodte 2 Würste und eine
Gans so die alte Paalsche in Loddin ihm verehret item eine Seite Speck von
Hans Tewert dem Bauern Müchte ihn aber vor seiner Frauen schützen welche die
Hälfte hätte vor ihr behalten wollen und da er sich gewegert hätte sie ihn
vermaledeiet und die Kopfgicht angewünscht so dass er gleich ein Ziehen in der
rechten Wangen verspüret welches jetzunder fast hart und schwer geworden Für
solcher erschröcklichen Nachricht entsetzte ich mich wie einem guten
Seelenhirten geziemet fragende ob er vielleicht gläubete dass sie in bösem
Verkehr mit dem leidigen Satan stünde und hexen könnte Aber er schwiege und
zuckete mit den Achseln Ließ mir also die alte Lise rufen welche ein lang dürr
Mensch bei 60 Jahren war mit Gluderaugen so dass sie Niemand nit gerade ins
Antlitz schaute item mit eitel roten Haaren wie sie ihr Kerl auch hatte Aber
obwohl ich sie fleißig auf Gotts Wort vermahnete gab sie doch keine Stimme und
als ich endlich sagete Willtu deinen Kerl wieder umböten3 denn ich sah ihn
auf der Straßen vor das Fenster allbereits als einen Unsinnigen rasen oder
willtu dass ichs der Obrigkeit anzeige gab sie endlich nach und verspräche
dass es bald solle besser mit ihm werden was auch geschach item bat sie dass
ich ihr wolle etwas Speck und Brod verehren dieweil sie auch seit dreien Tagen
kein ander Fleisch und Nahrung mehr zwischen den Zähnen gehabt denn ihre Zunge
Gab ihr mein Töchterlein also ein halb Brod und ein Stück Speck bei zweer
Händen Länge was ihr aber nicht genugsam bedünkete sondern mummelte zwischen
den Zähnen worauf mein Töchterlein sagte bistu nicht zufrieden alter
Hexensack so packe dich und hilf erst deinem Kerl schaue wie er das Haubt auf
Zabels Zaun geleget und mit den Füßen vor Wehetage trampelt worauf sie ginge
doch abermals zwischen den Zähnen mummelnde »Ja ich will ihm helfen und dir
auch«
Fußnoten
1 Schloss auf Usedom früher ein berühmtes Kloster
2 Allmosen in der Gemeinde eingesammelt
3 umzaubern
Kapitel 7
Wie die Kaiserlichen mir alles Übrige geraubet auch die Kirchen erbrochen und
die vasa Sacra entwendet item was sonsten fürgefallen
Nach etzlichen Tagen als unsere Notdurft fast verzehret fiel mir auch meine
letzte Kuh umb die andern hatten die Wülfe wie oben bemeldet allbereits
zurissen nicht ohne sonderlichen Verdacht dass die Lise ihr etwas angetan
angesehen sie den Tag vorher noch wacker gefressen Doch lasse ich das in
seinen Würden dieweil ich Niemand nit verleumbden mag kann auch geschehen sein
durch die Schikkung des gerechten Gottes dessen Zorn ich wohl verdient hab
Summa
ich war wiederumb in großen Nöten und mein Töchterlein Maria zuriss mir noch
mehr das Herze durch ihr Seufzen als das Geschreie anhub dass abermals ein
Trupp Kaiserlicher nach Ükeritze gekommen und noch gräulicher denn die ersten
gemarodiret auch das halbe Dorf in Brand gestecket Derohalben hielt ich mich
nicht mehr sicher in meiner Hütten sondern nachdem in einem brünstigen Gebet
Alles dem Herrn empfohlen machte mich mit meinem Töchterlein und der alten
Ilsen auf in den Streckelberg 1 wo ich allbereits ein Loch einer Höhlen
gleich und trefflich von Brommelbeeren verrancket uns ausersehen wenn die Not
uns verscheuchen söllte Nahmen daher mit was uns an Notdurft des Leibes
geblieben und rannten mit Seufzen und Weinen in den Wald wohin uns aber bald
die alten Greisen und das Weibsvolk mit den Kindern folgten welche ein groß
Hungergeschrei erhoben Denn sie sahen dass sich mein Töchterlein auf einen
Stubben satzte um ein Stück Fleisch und Brod verzehrete kamen also die kleinen
Würmer mit ausgereckten Händeleins angelaufen und schrien uck hebben uck
hebben2 Wannenhero da mich solch groß Leid billig jammerte meinem Töchterlein
nit wehrete dass sie alles Brod und Fleisch so vorrätig unter die hungrigen
Kindlein verteilete Erst mussten sie aber dafür »Aller Augen«3 beten über
welche Wort ich dann eine tröstliche Ansprach an das Volk hielte dass der Herr
welcher jetzunder ihre Kindlein gespeist auch Rat wissen würde ihren eigenen
Bauch zu füllen möchten nur nit müde werden ihm zu vertrauen
Aber sollich Trost währete nicht lange Denn nachdeme wir wohl an die zween
Stunden in und um der Höhlen uns gelagert huben die Glocken im Dorfe so
kläglich an zu gehen dass es einem Jeglichen schier das Herze brach angesehen
auch dazwischen ein laut Schießen item das Geschrei der Menschen und das Bellen
der Hunde erschallete so dass männiglich gießen kunnte der Feind sei mitten im
Dorfe Hatte dannenhero genug mit den Weibern zu tüschen4 dass sie nicht durch
ihr unverständig Lamentiren dem grimmigen Feind unsern Schlupfwinkel verraten
möchten zumalen als es anfing schmockig zu riechen und alsobald auch die helle
Flamme durch die Bäume glitzerte Schickete derohalben den alten Paassch oben
auf den Berg dass er umbherlugen sollt wie es stünde hätte sich aber wohl zu
wahren dass man ihn nicht vom Dorfe erschaue anerwogen es erst zu schummern
begunte Solliches versprach er und kam alsbald auch mit der Botschaft zurücke
dass gegen 20 Reuter aus dem Dorfe gen die Damerow gejagt wären aber das halbe
Dorf in roten Flammen stünd Item erzählete er dass durch seltsame Schickung
Gottes sich sehr viel Gevögel in den Knirkbüschen5 und anderswo sehen ließ und
meinte wenn man sie nur fangen künnte dass sie eine treffliche Speiss vor uns
abgeben würden Stieg also selber auf den Berg und nachdem ich alles so
befunden auch gewahr worden dass durch des barmherzigen Gottes Hülf das Feuer im
Dorfe nachgelassen item dass auch mein Hüttlein wider mein Verdienst und
Würdigkeit annoch stünde stieg ich alsbald herunter tröstete das Volk und
sprach der Herr hat uns ein Zeichen gegeben und will uns speisen wie einst das
Volk Israel in der Wüsten denn er hat uns eine treffliche Schaar von
Krammetsvögeln über die wüste Sehe gesendet welche aus jedem Büschlein burren
so man ihm nahet Wer will nun in das Dorf laufen und schneiden die Mähnhaare
und den Schwanz von meiner gefallenen Kuh wegk so hinten auf der Wörte liegt
Denn Rosshaare hatte es im ganzen Dorf nicht dieweil alle Ross vom Feinde längst
genommen oder erstochen waren Aber es wollte sich Niemand nit finden angesehen
die Angst noch größer war denn der Hunger als meine alte Ilse anhub so will
ich schon gehen denn ich fürchte mich nit dieweil ich auf Gottes Wegen bin
gebet mir nur einen guten Stock Als ihr nun der alte Paassch seinen Stecken
hingereichet begunte sie vor sich zu singen »Gott der Vater wohn uns bei« und
verlief sich bald in das Gebüsche Hierzwischen vermahnete ich nun das Volk
alsbald Hand anzulegen kleine Rütlein zu den Dohnen zu schneiteln und Beeren
zu suchen dieweil es Mondschein ware und allwärts viel Gänseflieder auch
Ebereschen auf dem Berge stunden Die kleinen Kindlein aber hütete ich mit
meiner Marien dieweil die Gegend nicht sicher für Wülfen war Hatten derohalben
ein lustig Feuer angemacht umb welches wir uns setzten und dem kleinen Volk die
Gebot verhöreten als es hinter uns knisterte und knasterte und mein
Töchterlein mit den Worten proh dolor hostis6 auf und im die Höhlen sprang
Aber es waren nur die rüstigen Kerls so im Dorfe verblieben und nun kamen uns
Botschaft zu bringen wie es alldorten stünde Dahero rief ihr gleich zu
emergas amici7 wo sie denn auch mit großen Freuden wieder herfürsprang und bei
uns zum Feuer niedersass Allsobald verzählete nun mein Fürsteher Hinrich Seden
was derweilen fürgefallen und wie er nur durch sein Weib Lise Kolken sein Leben
geborgen Jürgen Flatow Chim Burse Klas Peer und Chim Seideritz aber wären
erschlagen und läge letzterer recht auf dem Kirchsteig Zwölf Katen hätten die
grimmigen Mordbrenner in Asche geleget und wär es nit ihre Schuld dass nicht das
ganze Dorf draufgegangen angesehen der Wind ihnen nicht gepasset Hätten zum
Hohn und Gespötte die Glocken dazu geläutet ob Niemand kommen wöllt und
löschen und als er und die andern jungen Kerle herfürgesprungen hätten sie die
Musqueten auf sie abgedruckt aber mit des großen Gotts Hilfe Niemand nit
getroffen Darauf wären seine Gesellen über die Zäune gesprungen ihn aber
hätten sie erwischet und schon das Gewehr über ihm ausgerecket als sein Weib
Lise Kollken mit eim andern Trupp aus der Kirchen herfürgetreten und ihnen
gewinket dass er Ruhe gehabt Lene Hebers aber hätten sie in ihrem Wochenbett
erstochen das Kindlein gespiesset und über Klaas Peers Zaum in den Nessel
geworfen wo es annoch gelegen als sie abgelaufen Wäre jetzunder im ganzen
Dorf derohalben keine lebendige Seele mehr und noch schwerer ein Bissel Brods
so dass, wenn den Herrn nit ihre Not jammerte sie alle des elendiglichen
Hungertodes würden sterben müssen
Da sage nun Einer das wöllen Christenmenschen sein
Fragte nunmehr als er schwiege mit wie viel Seufzen jedoch kann man
leichtlich gießen nach meiner Hütten wovon sie aber nichts wussten als dass sie
annoch stünde Ich dankete dannenhero dem Herrn mit einem stillen Seufzerlein
und alsobald den alten Seden fragend was sein Weib in der Kirchen gemachet
hätte ich schier vergehen mügen für großem Schmerz als ich hörte dass die
Lotterbuben als sie herausser getreten die beiden Kelche nebst den Patenen in
Händen getragen Fuhr daher die alte Lise fast heftig an welche nun auch
angeschlichen kam durch das Buschwerk worauf sie aber trotziglich zur Antwort
gab dass das fremde Volk sie gezwungen die Kirche aufzuschließen da ihr Kerl ja
sich in den Zaum verkrochen und Niemand Anders nit da gewesen Selbige wären
sogleich für den Altar getreten und da ein Stein nicht wohl gefuget was aber
eine Erzlüge war hätten sie alsobald angefangen mit ihren Schwertern zu graben
bis sie auch die Kelche und Patenen gefunden Könnte auch sein dass ein Anderer
ihnen den Fleck verraten Möchte daher ihr nicht immer die Schuld beilegen
und sie also heftig anschnautzen
Hierzwischen kamen nun auch die alten Greisen und Weiber mit trefflich
vielen Beeren an item meine alte Magd mit dem Kuhschwanz und den Mähnhaaren
welche verzählete dass das ganze Haus umbgewühlet die Fenster zuschlagen die
Bücher und Scripturen auf der Straßen in den Kot getreten und die Türen aus
den Hespen gehoben wären Solliches aber war mir ein geringer Leid denn die
Kelche daher nur das Volk vermahnete Biegel und Schneere zu machen umb am
nächsten Morgen mit des barmherzigen Gotts Hilfe unser Jagdwerk zu vollenführen
Klöbete daher selber die Rütlein bis um Mitternacht und da wir eine
ansehnliche Zahl gefertiget ließ ich den alten Hinrich Seden den Abendseegen
beten den wir alle knieende anhöreten worauf ich endiglichen noch ein Gebet
tat und das Volk sodann vermahnete die Männer apart und die Weiber auch apart
sich für die Kälte Dieweil es schon im Monat Septembri war und fast frisch von
der Seekante herwehete in dem Buschwerk zu verkriechen Ich selber stieg aber
mit meinem Töchterlein und der Magd in die Höhlen hatte aber noch nicht lange
geschlummert als ich den alten Seden fast heftig wimmern hörte weilen ihn die
Kolik überfallen wie er klagte Stand daher wieder auf und gab ihm mein Lager
und setzte mich wieder zum Feuer und schneitelte Dohnen bis ich ein halb
Stündchen entschlief und der Morgen anbrach worauf es besser mit ihm worden
war und ich nun auch alsobald mich aufmachte und das Volk zum Morgenseegen
weckte Diesesmal tät ihn der alte Paassch kunnte aber nit recht hineinkommen
weshalb ich ihm aushelfen musste Hatt er ihn vergessen oder tats die Angst
das lasse ich ungesagt Summa Nachdem wir All recht inniglichen gebetet
schritten wir alsofort zum Werk keilten die Dohnen in die Bäume und umbhingen
sie mit Beeren unterdessen mein Töchterlein der Kinder hütete und
Brummelbeeren vor sie zum Frühstück suchete Nun soll man aber wissen dass wir
quer durch den Busch gen den Weg nach Ükeritze hin keileten und da merke nun
männiglich wieder die sonderbare Gnadenschickung des barmherzigen Gotts Denn
als ich mit dem Beil in der Hand es war Seden sein Beil so er in der Frühe aus
dem Dorfe gehohlet in bemeldeten Weg trate nehm ich auf der Erden ein Brod
wahr bei eines Armes Länge worauf ein Rabe pickete und welches sonder Zweifel
ein kaiserlicher Reuter Tags vorher aus seinem Schnappsack verloren dieweil
noch frische Rosstrappen im Sande dabei stunden Knöpfe mir es also heimlich über
den Wanst so dass Niemand nichtes merkete obschon bemeldeter Paassch dicht
hinter mir schritt item alle Andern in nicht gar guter Ferne ihm folgeten Als
wir nun so die Dohnen bestellt in großer Frühe hatte es schon gegen die liebe
Mittagszeit eine so große Menge Vögel darinnen dass Käte Berow welche mir zur
Seiten schritt als ich sie abbande dieselben in ihrem Schurzfleck fast nit zu
lassen musste und auf dem andern Ende der alte Pagels auch nit viel weniger aus
seinem Brustlatz und Rocktaschen herfürlangte Mein Töchterlein satzte sich also
mit den andern Frauensvolk hin das Gevögel zu rupfen und da es an Salz
gebrach denn dessen hatten die Meisten von uns lange nicht mehr gekostet
vermahnete sie ein Paar Männer zur Sehe zu steigen und in einem Grapen so
noch von Staffer Zuter geborgen war ein wenig gesalzen Wasser zu hohlen was
sie auch täten In solchem Wasser tunketen wir nunmehr die Vöglein und brieten
sie darauf bei einem großen Feuer wobei uns allen schon vom dem süßen Geruch
das Maul zu wässern begunnte da wir so lange keiner Speisen nicht gekostet
Sage daher als alles fertig und das Volk sich auf der Erden gelagert hat
nun schauet wie der Herr sein Volk Israel in der Wüsten noch immerdar mit
frischen Wachteln speiset sollt er nun ein Übriges tun und uns auch ein
Stücklein Mannabrod vom Himmel senden was meint ihr würdet ihr dann jemalen
müde werden zu gläuben und nit vielmehr alle Not Trübsal Durst und Hunger
williglich tragen so er euch förder nach seinem gnädigen Willen auferlegen
söllte worauf sie alle antworteten und sprachen ja sicherlich Ego Wöllt ihr
mir das wahrhaftiglichen versprechen worauf sie wiederumb sageten ja das
wollen wir Da zog ich mit Tränen das Brod von meinem Wanst herfür hub es hoch
in die Höhe und rufete nun schau du armes gläubiges Häuflein welch ein süßes
Mannabrod dein treuer Erlöser Dir durch mich gesendet worauf alles schriee
ächzete weinete auch die kleinen Kinder abermals herbeisprangen und die
Händlein ausrecketen indeme sie schrien »kiekt Brod kiekt Brod« Da ich aber
vor Wehemut selber nit beten kunte ließ ich Paassch sein klein Mägdlein das
Gratias beten in währender Zeit meine Maria das Brodt zuschnitt und einem
Jeglichen sein Teil reichete Und nun langeten wir allesammt freudig zu dem
lieben Gottesmaal in der Wüsten
Hierzwischen musste nun aber erzählen wie ich das liebe Mannabrod gefunden
wobei nit versäumete sie abermals zu vermahnen dass sie wöllten das große
Wunderzeichen sich zu Herzen gehen lassen so der barmherzige Gott wie weiland
an dem Propheten Elisa an ihnen auch getan angesehen wie ein Raab in der
großen Hungersnot demselbigen das Brod in der Wüsten zugefuhret der Herr auch
mir dieses Brod durch einen Raben zugeführet dass ich es finden gemüsst da ich
ihm sonst wohl in meiner Trübsal vorbeigeschritten und es nimmer gesehen hätte
Als wir endiglichen unsern Bauch mit Notdurft gefüllet hielte die
Danksagung über Lucas 12 v 24 wo der Herre spricht nehmt wahr den Raben
sie säen nicht sie erndten auch nit sie haben auch keine Keller noch Scheuen
und Gott nähret sie doch Wieviel aber seid ihr besser denn die Vögel Aber
unsere Sünden stunken vor dem Herrn Denn da die alte Lise wie ich bald in
Erfahrung gebracht ihre Vögel nit verzehret weilen sie ihr zu nüchtern
fürkamen sondern selbige in den Knirkbusch8 geworfen ergrimmete sein Zorn über
uns wie weiland über das Volk Israel und wir hatten zur Nacht nur sieben Vögel
auf den Schneeren am andern Morgen aber nur zween Auch kam kein Raab wieder
der uns Brod wiese Darumb schalt ich die alte Lise und vermahnete das Volk
sollich gerechte Strafe des höchsten Gottes williglich auf sich zu nehmen
fleißig zu beten in seine verlassenen Hütten zurückzuwallen und zu sehen ob
der grundgütige Gott vielleicht auf der Sehe mehr bescheeren möcht Würde ihn
auch in mein Gebet Tag und Nacht anrufen doch noch eine Zeit lang mit meinem
Töchterlein und der Magd in der Höhlen verblieben und der Dohnen hüten ob sich
sein Zorn wenden möcht Sollten mir inzwischen mein Pfarrhaus nach besten
Kräften wieder zurichten damit ich es bald wieder beziehen könnt sintemalen
die Kälte mir fast schwer fiele Solliches gelobten sie auch zu tun und
schieden mit Seufzen von dannen Welch ein klein Häuflein fand nur noch bei
25 Köpfen da deren doch sonsten über 80 gewesen alle andern hatte der Hunger
das Schwert und die Pestilenz9 gewürget Blieb daher noch mit meinem Gebet für
Gott eine Zeitlang einsam und traurig in den Höhlen und sendete nur mein
Töchterlein nebst der Magd mit zum Dorfe dass sie sich umbsehen sollten wie es
in der Widemen10 stände item die Schriften und Bücher wieder zusammenlesen
auch mir Kundschaft bringen ob Hinze der Zimmermann den ich alsobald ins Dorf
zurückgesendet die Särge vor die elenden Leichnahme zusammengehämmert dass ich
sie des nächsten Tages begraben möchte Darauf schritt ich zu den Dohnen aber
nur ein einig Vögelein war darinnen zu verspüren woraus ich denn merkete dass
der Zorn Gottes noch nit vorüber
Traf jedoch einen schönen Brummelbeerenbusch woran ich bei einer Metze
Beeren pflückete mit dem Vogel selbige in Staffer Zuter seinen Grapen tät den
der gute Kerl uns noch eine Frist gelassen und zur Nachtkost auf ein Feuer
setzete wann mein Kind mit der Magd zurückkehren würd Währete auch nicht
lange als sie durch den Busch brachen und von dem Gräuel der Verwüstung
erzähleten so der leidige Satan unter Zulassung des gerechten Gottes im Dorf
und in der Widemen angerichtet Mein Töchterlein hatte noch ein paar Bücher
zusammengelesen die sie mit sich trug vor andern einen Virgilium und eine
griechische Bibel Und als sie darauf verzählet dass der Zimmermann erst morgen
fertig würd wie auch alsbald unsem Bauch zur Notdurft gestillet musste sie mir
zur Stärkung meines Glaubens noch einmal den locum von den lieben Raaben Lucas
am 12ten aus dem Griechischen fürlesen item den schönen locum parallelum Matt
am 6ten worauf die Magd den Abendseegen betete und wir uns nach den Höhlen zur
Nachtruh begaben Als ich nun am andern Morgen erwachte als eben die liebe
Sonne aus der Sehe herfürbrach und über den Berg schaute hörte ich dass mein
arm hungrig Töchterlein schon vor der Höhlen stand und das schöne Liedlein von
den Freuden des Paradieses recitirte so der heilige Augustinus gefertiget und
ich ihr gerlernt11 Sie schluchzete für Jammer als sie die Worte sprach
uno pane vivunt dives utriusque patriae
avidi et semper pleni quod habent desiderant
non sacietas fastidit neque fames cruciat
inhiantes semper edunt et edentes inhiant
flos perpetuus rosarum ver agit perpetuum
Kandent lilia rubescit crocus sudat balsamum
virent prata vernant sata rivi mellis influunt
pigmentorum spirat odor liquor et aromatum
pendent poma floridorum non lapsura nemorum
non alternat luna vices soll vel cursus syderum
agnus est foelicis urbis lumen inocciduum12
Bei diesen Worten wurde ich selber weich und als sie schwiege fragte ich
»was machst du da mein Töchterlein« worauf sie mir zur Antwort gabe »ich esse
Vater« was mir erst recht die Tränen herfürtrieb so dass ich anfing sie zu
loben dass sie die arme Seele speissen wöllt da sie es nicht ihren armen Leib
künnte Hatte aber noch nit viel gesprochen als sie aufschriee dass ich das
große Wunderwerk doch betrachten söllte so sich aus der Sehe herfürtät und
allbereits über der Höhlen hereinbrach Denn siehe eine Wolke ganz wie ein
Kreuz geformiret kam über uns und ließ dicke schwere Tropfen bei einer guten
Erbsen groß und drüber auf uns niederfallen worauf sie alsbald hinter das
Gehäge sank Richtete mich dannenhero sogleich in die Höhe und rannte mit
meinem Töchterlein flugs auf das Gebirge ihr nachzuschauen Sie zog gen das
Achterwasser13 wo sie sich weit auseinander tät und hinterwärts alsbald einen
großen blauen Streifen formirete welchen wunderlich die Sonne beschien so dass
er schier wie eine güldne Brücken anzuschauen war wie mein Töchterlein sagte
auf welcher die lieben Engel tanzten Fiel daher mit ihr sogleich auf die Kniee
und dankete dem Herrn dass unser Kreuz für über gezogen aber ach unser Kreuz
sollte erst anheben wie man weiter lesen wird
Fußnoten
1 Ein ansehnlicher Berg am Meere nahe bei Koserow
2 auch haben auch haben
3 Ps 145 15 16
4 beschwichtigen
5 Wachholderbüsche
6 o Jammer der Feind ist da Über die wunderbare Bildungsweise des Mädchens
erklärt sich unser Verfasser später
7 komm nur wieder hervor es sind Freunde
8 Wachholdergebüsch
9 fand im Jahre 1628 statt und häufte das Elend des 30jährigen Krieges auf der
hiesigen Insel auf das Unerträglichste Schade dass die Schilderung des alten
Pfarrers welche er ohne Zweifel in dem Vorhergehenden gegeben verloren ist
10 Pfarrhaus
11 Dies ist ein Irrtum Das nachfolgende Lied ist von dem KardinalBischof von
Ostia Peter Damianus 23sten Febr 1072 nach Augustins Prosa überdichtet
12
Wir versuchen hier eine Übersetzung dieser schönen Stelle
Alle Bürger dieses Landes leben nur von einem Brod
Hungrig stets und stets gesättigt trübt ihr Sehnen keine Not
Fühlen nie der Satteit Ekel auch die Qual des Hungers nie
Atmend essen sie beständig ha und essend atmen sie
Ewig blüht die Rosenknospe hier im ewgen Frühling auch
Weiß die Lilie rot der Krokus duftend träuft der Balsamstrauch
Grün die Wiesen grün die Saaten und von Honig rinnt der Bach
Das Aroma süßer Blumen haucht und duftet tausendfach
Blühnde Wälder tragen Äpfel deren Stengel nimmer bricht
Und nicht Sonne Mond noch Sterne wechseln dorten mehr ihr Licht
Denn ihr Licht das nimmer schwindet ist des Lammes Angesicht
13 Ein Busen den der Peenefluss in der Nähe bildet
Kapitel 8
Wie unsere Not immer größer wird ich die alte Ilse mit einem andern Schreiben
gen Pudgla sande und was mir daraus noch für ein größer Leid erfolget
Als ich des andern Tags mit gemeinem Geschrei des ganzen Dorfs die elenden
Leichname beerdiget merke da wo die Linde1 über die Mauer schattet seind sie
alle begraben hörte ich mit vielen Seufzern dass auch weder die Sehe noch das
Achterwasser etwas hergeben gewöllt Dies dauerte bei zehn Tagen dass das arme
Volk fast kein Fisches Auge nit kunnte fangen Ging daher auf das Feld und
sanne wie der Zorn des gerechten Gottes über uns zu wenden wär dieweil der
harte Winter vor der Tür und kein Korn kein Fisch kein Apfel kein Fleisch
nicht sowohl im Dorfe als im ganzen Kapsel mehr zu finden Denn Gewilde hatte es
zwar genugsam in der Koserowschen und Ükeritzer Heiden aber der alte
Heidenreuter Zabel Nehring war im verschienen Jahr an der Pestilenz gestorben
und noch kein neuer daselber Auch war im ganzen Kapsel keine einige Mousquete
oder Kraut dazu aufzufinden sintemalen der Feind alles geraubet und zubrochen
Wir mussten daher alle Tage ansehen wie Hirsche Rehe Haasen Schweine et cet
uns fürbei sprangen da wir sie doch lieber in unserm Magen gehabt aber in
unserer Unmacht sie nicht gewinnen kunnten Und in Gruben wollten sie sich nicht
fahen lassen Doch hatte Klaus Peer ein Rehe darin gefangen und mir auch ein
Stück davon verehret was ihm Gott lohnen wolle Item an zahmen Vieh war fast
gar nichtes mehr in Kapsel fürhanden auch kein Hund weder eine Katze welche
das Volk in der großen Hungersnot zum Teile gegessen zum Teile aber
vorlängst geschlagen oder versäufet Doch hatte der alte Bauer Paassch noch zwei
Kühe item soll in Ükeritze noch ein alter Mann ein Ferkelken gehabt haben das
war Alles Darumb lebete fast alles Volk von Brummel und andern Waldbeeren
welche aber auch schon begunnten seltsam zu werden wie man leichtlich gießen
mag Auch hatte sich dabei allbereits ein Knabe bei 14 Jahren verloffen den
alten Labahn sein Junge und nie nichtes wieder von sich hören lassen so dass
ich schier befahre dass ihn die Wülfe gefressen
Hieraus möge nun ein christlich Herze vor sich selber abnehmen in was
Gram und Trübsal ich meinen Stecken zur Hand genommen angesehen mein
Töchterlein für den leidigen Hunger wie ein Schatten verging obschon ich
selber als ein alter Körper durch die Gnade des barmherzigen Gottes noch
keinen sonderbaren Abgang meiner Kräft verspürete Indeme ich nun so ginge im
fortwähren zu dem Herrn wimmernd gewahrete ich auf dem Wege gen Ükeritze so
ich eingeschlagen einen Bettlersmann der saß mit seinem Ränzel auf einem Stein
und verzehrete ein Stücklein seltene Gottesgabe verstehe ein Stücklein Brod
Ach da liefen mir armen Mann die Backen so voll Wassers dass ich mich erst
bücken und es zur Erde musste laufen lassen ehe ich fragen kunte »wer bistu
und wo kommstu her dass du Brod hast« Worauf er antwortete dass er ein armer
Mann aus Bannemin sei deme der Feind Allens genommen und da er erfahren dass
der Lieper Winkel2 fast lange Frieden gehabt hätt er sich aufgemacht
daselber zu schnurren »Nunsage ich darauf du armer Bettlersmann so teile
einem betrübten Diener Christi der ärmer ist denn du nur eine kleine Schnede3
Brodt für sein armes Töchterlein ab denn du sollt wissen ich bin ein Pfarrherr
hier im Dorf und mein Kind will sterben für Hunger Ich beschwere dich bei dem
lebendigen Gott dass du mich nit gehen lässest ohne dich mein zu erbarmen wie
man sich dein erbarmet hat« Aber der Bettlersmann wollte mir nichts abteilen
sprechende dass er selber ein Weib und vier Kinder hätte die auch dem bitteren
Hungerstode zuwanketen maßen die Not in Bannemin noch viel größer sei denn
hier wo wir doch Beere hätten Ob ich nit erfahren dass vor wenig Tagen dort
ein Weibsbild die er auch nennete hab es aber für Schrecken nicht gleich
beachtet ihr eigen Kind geschlachtet und für Hunger aufgezehret4 Könne mir
daher nicht helfen und möchte ich selber nach dem Lieper Winkel gehen
Für solche Rede entsatzte ich mich wie leicht zu erachten da in unserer
Not noch nichts daran vernommen auch wenig oder gar kein Wanken ist von einem
Dorf in das andere und an Jerusalem gedenkend5 und schier verzweifelnde dass
uns der Herr heimsuchete wie weiland diese gottlose Stadt wiewohl wir ihn
nicht verraten noch gekreuziget vergaß ich fast meiner Not und setzte meinen
Stecken an umb fürbast zu gehen Doch war ich kaum ein paar Ehlen geschritten
als mir der Bettlersmann nachrief dass ich stehen söllte Wanndte mich daher
wieder als er mir mit einer guten Schnede Brod so er aus seinem Queersack
gehohlet entgegentrat und sprach Da äwer bedet uck för mi datt ick to Huuse
kame denn wenn se unnerweges rücken datt uk Brod hebbe schleht mi min egen
Broder dod köhnt gi glöwen6 Solliches versprach mit Freuden und kehrete flugs
um meinem Töchterlein den heiligen Christ zu bringen so ich in meiner
Rocktaschen verborgen Doch siehe als ich gegen die Straßen komme so vom Wege
nach Loddin führt vorher hatt ich es in meiner Betrübnis übersehen trauete
kaum meinen Augen als ich alldorten mein Ackerstück bei sieben Scheffeln groß
begatet7 besäet und bestaudet antraff so dass die liebe Roggensaat schon bei
eines Fingers Länge lustig aus der Erden geschossen war Konnte nicht anders
gläuben als dass der leidige Satan mir ein Blendwerk fürgespielet doch wie ich
mir auch die Augen riebe es war Roggen und bliebe Roggen Und weilen den alten
Paassch sein Stück so daneben stieß imgleichen besäet und die Hälmlein zu
gleicher Höhe mit den meinigen geschossen waren kunnte gar leicht bei mir
abnehmen dass der gute Kerl solliches getan anerwogen die andern Stücken
allesammt wüste lagen Verziehe ihm daher gerne dass er den Morgenseegen nit
gewusst und dem Herrn dankend vor so viel Liebe bei meinen Kapselkindern und ihn
brünstiglich anflehend er wolle mir Kraft und Glauben gewehren bei ihnen
nunmehr auch unverdrossen auszuhalten und alle Kümmernüss und Trübsal so er
nach seinem grundgütigen Willen uns ferner auferlegen söllte williglich zu
tragen lief ich mehr denn ich ginge in das Dorf zurücke und auf den alten
Paassch seinen Hof wo ich ihn antraf dass er eben seine Kuh zuhauete so er für
grimmigem Hunger nunmehr auch geschlachtet »Gott hilf dir« sage ich »du
frommer Kerl dass du mir meinen Acker begatet hast wie soll ich dirs lohnen«
Aber der alte Mann gab zur Antwort Lat he dat man wesen und bede he man för uns
8 und als ich solliches gerne zusagete und ihn fragete wie er sein Korn für dem
grimmigen Feind geborgen verzählete er mir dass er es in der Höhlen im
Streckelberge heimlichen versteckt gehabt nunmehr aber auch all sein Fürrat
aufgezehret sei Inzwischen schnitt er ein groß schön Stück Fleisch dem Haubt
aus der Lenden und sprach da hett he uck wat und wenn et All iss kann he noch
eiss kamen9 Als ich nun mit vieler Danksagung gehen wölk griff mich seine
kleine Marie bei der Hand ein Kindlein bei sieben Jahren so im Streckelberge
das Gratias gebetet und wollt mit zu meiner Tochter nach der Schulen Da wie
vorbemeldet mein custos in der Pestzeit auch dieses Zeitliche gesegnet muss sie
die Paar kleinen Kinder im Dorf informiren welches aber seit lange
unterblieben Wollt es ihr daher nicht wegern obwohl ich gleich besorgete dass
mein Töchterlein das Brod mit ihr teilen würd angesehen sie das Mägdlein sehr
lieb hatte da es ihre Päte war Und so geschahe denn auch Denn als das Kind
sah dass ich das Brod herfürlangete schriee es gleich für Freuden auf und
begunnte auf die Bank zu klettern Daher bekam sie einen Teil von der Schnede
einen Teil unsere Magd und den dritten Teil steckte mein Töchterlein in den
Mund da ich Nichtes haben wollte sondern sprach ich verspüre keinen Hunger
und wolle warten bis sie das Fleisch gesotten welches ich nunmehr auf die Bank
wurf Da hätte man sehen sollen welche Freude mein armes Kind empfund zumalen
ich ihr nun auch von dem Roggen verzählete Sie fiel mir umb meinen Hals
weinete schluchzete hob alsdann das kleine Mägdlein auf ihre Arme tanzete mit
selbiger in der Stuben und recitirete nach ihrer Weiß dazu allerhand lateinische
versus so sie auswendig wusste Nun wollte sie uns auch ein recht schön Abendbrot
zurichten da in einer Fleischtonnen so die Kaiserlichen zuschlagen noch ein
wenig Salz auf dem Boden geblieben Ließ sie also ihr Wesen treiben und
kratzete etwas Russ aus dem Schornstein so ich mit Wasser vermengete riss
alsdann ein fast weißes Blatt aus dem Virgilio und schriebe an den pastorem
Liepensem Ehre Abrahm Tiburtius Dass er umb Gottes willen sich wolle unsere
Not zu Herzen gehen lassen und seine Kapselleute vermahnen dass sie uns für
dem grimmigen Hungertod schützen und mildtätiglich an Speise und Trank
abteilen wöllten was der grundgütige Gott ihnen gelassen angesehen ein
Bettlersmann mir verzählet dass sie seit langer Zeit Friede für dem
erschröcklichen Feind gehabt Wusste aber nit womit ich den Brief verschließen
söllte als ich in der Kirchen noch ein wenig Wachs an einem hölzernen
Altarleuchter funde so die Kaiserlichen nicht wert geachtet dass sie ihn
aufhüben und nur die messingschen mit sich geführet hatten Mit solchem Brief
mussten sich drei Kerls und der Fürsteher Hinrich Seden in ein Boot setzen und
nach der Liepe aufmachen
Eher noch stellte aber meiner alten Ilsen für so aus der Liepe bürtig war
ob sie nit lieber wöllte mit in ihre Heimat ziehen maßen sie sähe wie es
stünd ich ihr auch vors Erste keinen Witten an Lohn geben künnte Merke sie
hatte sich ein schön Sümmlein ersparet angesehen sie länger denn 20 Jahre bei
mir in Dienst gewesen aber das Kriegsvolk hatte ihr Allens abgenommen Aber ich
kunnte sie nicht dazu bringen sondern sie weinete bitterlich und bate dass ich
sie nur bei der guten Jungfer lassen söllte so sie schon in der Wiegen
gekennet Wöllte gerne mit uns hungern wenn es sein müsst möchte sie nur nit
verstoßen Dahero ließ ich sie und fuhren die Andern allein ab
Unterdes war auch die Suppen gar worden Doch als wir kaum das Gratias
gebetet und zulangen wollten kamen alle Kindlein aus dem ganzen Dorfe bei
sieben an der Zahl zur Türe herein und wollten Brod haben welches sie von
meiner Tochter ihrer kleinen Päte gehört Da brach selbiger nun wieder das
Herze und obgleich ich sie bate sich hart zu machen vertröstete sie mich doch
mit der Lieper Botschaft und kellete einem jeden Kindlein sein Teil Suppen
auf einen hölzernen Teller denn diese hatte der Feind nicht geachtet und stach
ihm auch ein wenig Fleisch in die Händeken sodass unser Fürrat mit einmal
aufgezehret ward Blieben daher des andern Morgens wieder nüchtern bis gegen
Mittag wo das ganze Dorfsich auf der Wiesen am Ufer versammblet hatte als das
Boot zurücke kam Aber Gott erbarms wir hatten fast umbsonst gehoffet Nur
sechs Brode und ein Hammel item ein Viert Backäpfel war allens was sie hatten
Denn Ehre Abraham Tiburtius schriebe mir dass nachdem das Geschrei von ihrem
Reichtumb über die ganze Insel erschollen soviel Bettlersleute bei ihnen
umbgingen dass sie ihnen unmüglich gerecht werden künnten angesehen sie
selber nicht wüssten wie es noch mit ihnen in dieser schweren betrübten Zeit
ablaufen würd Indessen wöllte er sehen ob er noch mehr auftreiben künnte Ließ
also den kleinen Fürrat mit vielem Seufzen in die Widemen tragen und obgleich
zwei Brode wie pastor lipensis schriebe vor mich allein sollten gabe ich sie
doch mit in die Teilung womit auch Alle sich zufrieden stellten ausgenommen
den alten Seden sein gluderäugigt Weib nit so noch apart für ihren Mann seine
Reise etwas haben wollte was aber wie leicht zu erachten nit geschah
weshalben sie wieder da sie abzoge etzliche Worte zwüschen die Zähne mummelte
die aber Niemand nit verstand Es war ein schier verrucht Weib so sich durch
Gottes Wort nicht beikommen ließ
Nun kann aber männiglich von sich selber abnehmen dass solcher Fürrat nit
lange aushielt Da nun zugleich auch bei allen Kapselleuten ein brünstig
Verlangen nach der geistlichen Speise sich verspüren ließ ich selber und die
Fürsteher aber nur 8 Witten10 im ganzen Kapsel auftreiben kunnten so nit
auslangeten umb Brod und Wein anzuschaffen kam ich auf die Gedanken abermals
dem Herrn Ambtaubtmann unsere Not zu vermelden Mit wie schwerem Herzen ich
solliches tat kann man leicht erachten Aber Not kennt kein Gebot Risse
daher auch das Hinterblättlein aus dem Virgilio und bate ümb der heiligen
Dreieinigkeit willen dass Seine Gestrengen sich meiner und des ganzen Kapsels
gemeine Not wöllte zu Herzen gehen lassen und ein wenig Geld hergeben zum
Trost der betrübten Seelen das heilige Sakrament zu halten auch wo müglich
einen Kelch zu kaufen so er auch nur von Zinne sein söllte sintemalen der
Feind die fürhandenen geraubet und ich sonsten gezwungen wär das heilige
Nachtmal in einem Topf zu consacriren Item möcht er sich auch unserer
leiblichen Not erbarmen und mir endiglichen mein seit so viel Jahren
hinterstelliges Mistkorn verabreichen Wölke es nicht allein vor mich selber
haben sondern es gern mit dem ganzen Kapsel teilen bis der grundgütige Gott
mehr bescheeren würd
Hierzwischen fiel mir aber ein stattlicher Kläcks auf das Papier Denn da
die Fenster mit Brettern verspundet waren ware das Zimmer tunkel und nur ein
wenig Licht kam durch zwei kleine Scheiblein Glas so ich aus der Kirchen
gebrochen und hineingesetzet Solliches mochte wohl die Ursache sein dass ich
mich nit besser fürsah Da ich aber kein neues Stücklein Papier mehr auftreiben
kunnte ließ ich es passieren und befahle der Magd so ich mit dem Brieflein gen
Pudgla sandte solliches bei Sr Gestrengen dem Herrn Ambtshaubtmann zu
entschuldigen welches sie auch zu tun versprach angesehen ich selber kein
Wörtlein mehr auf dem Papier beisetzen kunnte dieweil alles beschrieben war
Siegeln tät ich es wie vorbemeldet
Allein die arme Person kehrete zitternd für Angst und weinend zurücke und
sprach Seine Gestrengen hätte sie mit dem Fuß aus der Schlosspforten gestoßen
und gedräuet sie in den Ganten11 setzen zu lassen so sie wiederumb vor ihn
käme Ob der Pfaffe gläube dass ihm das Geld so loose säss wie mir die Tinte
hätte ja Wasser genug das Abendmahl zu halten Denn hätte Gottes Sohn einmal das
Wasser in Wein gewandelt könnt ers auch öftermalen Hätt ich keinen Kelch
sollt ich meine Schaaf aus einem Eimer tränken wie ers auch tät und was
solcher Gotteslästerungen mehr waren so er mir nachgehends auch selber
schriebe und wovor ich mich wie leicht abzunehmen auf das erschröcklichste
entsatzte Von dem Mistkorn verzählete sie hätte er gar Nichtes gesagt In
solcher meiner großen Seelen und Leibesnot kam der liebe Sonntag heran wo
fast die ganze Gemeind zu Gottes Tisch gehen wollt aber nicht kunnte Ich
sprach dannenhero über die Worte St Augustins crede et manducasti12 wobei ich
fürstellete dass die Schuld nit mein und treulichen erzählete wie es meiner
armen Magd in Pudgla ergangen doch dabei noch Vieles verschwiege und nur Gott
bate er wolle das Herz der Obrigkeit zu unserm Frommen erwecken Kann auch in
Wahrheit sein dass ich härter gesprochen denn ich gegläubet was ich nit mehr
weiß sintemalen ich sprach wie mir umbs Herze war Zum Schluss musste die ganze
Gemeine auf ihre Knie fallen bei einer Stunde lang und den Herrn umb sein heilig
Sakrament anrufen item umb Linderung ihrer Leibesnot wie solliches zeitero
auch alle Sonntage und sonsten in den täglichen Betstunden geschahe so ich seit
der schweren Festzeit zu halten gewohnt gewesen Endelichen stimmte ich noch das
feine Liedlein an wenn wir in höchsten Nöten sein worauf nicht sobald
geschlossen als mein neuer Fürsteher Klaus Bulk von Ükeritze so früher ein
Reutersmann bei Sr Gestrengen gewesen und den er nunmehr zu einem Bauern
eingesetzet gen Pudgla rannte und avertirte was in der Kirchen fürgefallen
Solliches verdross Sr Gestrengen heftiglichen so dass er den ganzen Kapsel noch
bei 150 Köpfen stark die Kinder ungerechnet zusammenrief und ad protocollum
diktirte was sie von der Predigt behalten maßen er Seiner fürstlichen Gnaden
dem Herzogen von Pommern zu vermelden gesonnen welch gotteslästerliche Lügen
ich gegen ihn ausgespieen wovor ja ein christlich Herz erschrecken müsst item
welch ein Geizhals ich wär dass ich nur immer von ihm haben wöllt und ihn in
dieser harten und schweren Zeit sozusagen tagtäglich mit meinen Sudelbrieffen
anrennete wo er selber vor sich nichts zu essen hätte Das söllte dem Pfaffen
den Hals brechen da Se fürstliche Gnaden alles tät was er fürzustellen käme
und brauchte Niemand im Kapsel mir Nichtes mehr zu verabreichen sondern sie
söllten mich nur laufen lassen Er wolle schon sorgen dass sie einen ganz
andern Priester wieder erlangeten denn ich wär
Möchte den aber wohl sehen der sich in sollich Unglück hineinzubegeben
entschlossen gewesen wär Diese Botschaft wurde mir aber noch in selbiger Nacht
hinterbracht wovor ich fast heftig erschrack angesehen ich wohl einsah dass
ich nun nit einen gnädigen Herrn an Sr Gestrengen bekommen sondern Zeit meines
erbärmlichen Lebens wenn ich es anderst söllte fristen können eine ungnädige
Herrschaft haben würd Doch tröstete mich bald ein Etwas als Chim Krüger aus
Ückeritze so mir solches hinterbrachte ein Stücklein von seinem Ferkel aus
der Taschen zog das er mir verehrete Darüber kam auch der alte Paassch hinzu
welcher dasselbe sagte und noch ein Stücklein von seiner alten Kuh
herfürlangte item mein anderer Fürsteher Hinrich Seden mit einer Schnete Brod
und einem Braxen13 so er in den Reusen gehabt alle sagende dass sie keinen
bessern Priester wöllten als ich und möchte ich nur bitten dass der
barmherzige Gott mehr bescheeren wolle wo es mir dann auch an Nichtes fehlen
söllt inzwischen aber söllte ich stille sein und sie nit verraten Solliches
gelobte ich Alles zu tun und mein Töchterlein Maria hob alsobald die liebe
Gottesgab von dem Tische und trug sie in die Kammer Aber o Jammer des andern
Morgens als sie das Fleisch in den Grapen tun wollte war Allens fort Weiß
nichtwer mir dieses neue Herzeleid bereitet doch meine fast dass es Hinrich
Seden sein böses Weib getan sintemalen er nicht schweigen kann und ihr wie
gläublich wohl alles wiedererzählet Auch hat Paasschen sein klein Töchterlein
gesehen dass sie zum andern Mittag Fleisch in dem Topf gehabt item dass sie mit
ihrem Mann gehaddert und nach ihme mit dem Fischbrett geschmissen auf welchem
noch frische Fischschuppen gesessen hätte aber sich gleich begriffen als sie
ihrer gewahr worden Pfui dich alte Hexe es wird genug wahr sein Dahero
blieb uns nichts übrig als unsere arme Seele mit Gottes Wort zu speisen Aber
auch diese war so verzaget dass sie nichts mehr annehmen wöllte so wenig als
der Magen Denn mein arm Töchterlein insonderheit ward von Tag zu Tag blasser
grauer und gelber und spiee immer wieder die Speiss aus da sie Allens ohne Salz
und Brod genoss Wunderte mich schon lange dass das Brod aus der Liepe nit wollte
all werden sondern ich alle Mittag bisher ein Stücklein gehabt Hatte auch
öftermalen gefraget wo hastu denn immerfort das liebe Brod her am Ende hebest
du Alles vor mich allein auf und nimmst weder vor dich ein Stücklcin noch vor
die Magd Aber beide hoben dann immer ein Stücklein tannen Bork14 in die Höhe
so sie zurecht geschnitten und vor ihren Teller gelegt und da es dunkel war in
der Stuben merkete ich die Schalkheit nit sondern gläubete sie ässen auch Brod
Aber endiglichen zeigt es mir die Magd an dass ich es nit länger leiden söllte
dieweil mein Töchterlein ihr selber nit hören wolle Da kann nun männiglich
abnehmen wie mir um das Herze war als ich mein arm Kind auf ihr Moosbett
liegen und ringen sah mit dem grimmigen Hunger Aber es sollte noch härter
kommen denn der Herr wollte mich ganz zerschlagen in seinem Zorn wie einen
Topf Siehe auf den Abend desselbigen Tages kommt der alte Paassch angelaufen
klagende dass all sein und mein Korn im Felde umbgehaket und elendiglich
zerstöret sei und müsse dies schier der leidige Satan getan haben angesehen
nicht die Spur eines Ochsen weder eines Rosses zu sehen wär Für solche Rede
schriee mein arm Kind laut auf und fiel in Unmacht Wollte ihr daher zu Hilfe
springen aber ich erharrete nit ihr Lager sondern fiel für gräulichen Jammer
selber zur Erden Als nun die Magd wie der alte Paassch ein laut Geschrei
herfurstiessen kamen wir zwar wieder bei uns aber ich konnte mich nit allein
mehr von der Erden erheben so hatte der Herr meine Gebein zermalmet Bate
daher als sie mir beisprangen so wöllten mich nur liegen lassen und als sie
solches zu tun sich wegerten schriee ich dass ich doch gleich wieder zur Erden
müsst ümb zu beten und möchten sie nur Alle bis auf mein Töchterlein aus der
Stube gehen Solliches täten sie aber das Beten wollte nit gehen Ich geriete
in schweren Unglauben und Verzweiflung und mürrete wieder den Herrn dass er
mich härter plagete denn Lazarum und Hiob Denn dem Lazaro schriee ich Elender
hattest du doch die Brosamen und die barmherzigen Hündlein gelassen aber mir
hast du nichts gelassen und bin ich selber schlechter vor dir denn ein Hund
geachtet und den Hiob hast du nicht gestrafet ehe du gnädiglich ihm seine
Kinder genommen mir aber lässest du mein arm Töchterlein dass ihre Qual meine
eingene noch tausendfältiglich häufen muss Siehe darumb kann ich dich nichts
mehr bitten denn dass du sie bald von dieser Erden nimmst damit mein graues
Haubt ihr freudig nachfahren könne in die Grube Wehe ich ruchloser Vater was
hab ich getan Ich hab Brod gessen und mein Kindlein hungern lassen O Herr
Jesu der du sprichst welcher ist unter euch Menschen so ihn sein Sohn bittet
um Brod der ihm einen Stein biete Siehe ich bin dieser Mensch siehe ich bin
dieser ruchlose Vater ich habe Brod gessen und meinem Töchterlein Holz geboten
strafe mich ich will dir gerne stille halten O mein gerechter Jesu ich habe
Brod gessen und meinem Töchterlein Holz geboten Als ich solliches nicht
redete sondern laut herfürschrie indem ich meine Hände range fiel mir mein
Töchterlein schluchzend umb den Hals und strafete mich dass ich gegen den Herrn
murrete da doch sie selber als ein schwach und gebrechlich Weib gleichwohl
nicht an seiner Gnade verzweifelt sei so dass ich bald mit Schaam und Reue
wieder zu mir selber kam und mich vor dem Herrn demütigte für solche Sünden
Hierzwischen war aber die Magd mit großem Geschrei in das Dorf gerannt ob
sie ein wenig für ihre arme Jungfer gewinnen möcht Aber die Leute hatten ihr
Mittag schon verzehret und die Meisten waren auf der Sehe sich die liebe
Nachtkost zu suchen daher sie nichts gewann angesehen die alte Sedensche so
allein noch einen Fürrat gehabt ihr nichts hätte verabreichen wöllen obschon
sie selbige um die Wunden Jesu gebeten
Solliches verzählete sie noch als wir es in der Kammer poltern hörten und
alsobald ihr guter alter Ehekerl der dorten heimlich in das Fenster gestiegen
war einen Topf mit einer kräftigen Suppen uns brachte so er seinem Weibe von
dem Feuer gehoben die nur einen Gang in den Garten getan Er wisse wohl dass
sein Weib ihm dieses bass vergelten würde aber das söllt ihn nicht verdrießen
und möchte die Jungfer nur trinken es wäre gesalzen und Allens Er wolle nur
gleich wieder durchs Fenster eilen und sehen dass er vor seinem Weibe ins Haus
käme damit sie es nicht merken tät wo er gewesen Aber mein Töchterlein
wollte den Topf nit nehmen was ihn sehr verdross so dass er ihn fluchend zur
Erden setzte und wieder in die Kammer lief Nicht lange so trat auch sein
gluderäugigt Weib zur Vordertüren herein und als sie den Topf auf der Erden
noch dampfen sah schriee sie »du Deef15 du verfluchtes deefsches Aas« und
wollte meiner Magd in die Mütze fahren Ich bedräuete sie also und verzählete
was fürgefallen wöllte sie es nit gläuben so möcht sie in die Kammer gehen und
durchs Fenster schauen wo sie ihren Kerl vielleicht noch laufen säh Sollichtes
tat sie und hörten wir sie auch alsogleich ihrem Kerl nachschreien Teuf di
sall de Düwel de Arm utrieten kumm mie man wedder int Huus16 worauf sie wieder
hereintrat und mummelnd den Topf von der Erden hob Ich bat sie umb Gottes
willen sie wolle meinem Töchterlein ein wenig abteilen aber sie höhnete mich
und sprach ji koehet ehr jo wat vör prädigen aß ji mie dahn hebt17 und schritt
mit dem Topf zur Türen Zwar bat mich mein Töchterlein ich söllte sie lassen
aber ich konnt nicht umbhin dass ich ihr nachschrie um Gottes willen nur einen
guten Trunk sonst gibt mein armes Kind den Geist auf willtu dass Gott sich
dein am jüngsten Tage erbarme so erbarme dich heute mein Aber sie höhnete uns
abermals und rief he kann sich jo Speck kaken18 und schritt aus der Türen
Sandte ihr also die Magd nach mit der Sanduhr so vor mir auf dem Tische stund
dass sie ihr selbige bieten möcht vor einem guten Trunk aus ihrem Topf Aber die
Magd kam mit der Sanduhren wieder und sagte sie hätt es nicht gewollt Ach wie
schriee und seufzte ich nun abermals als mein arm sterbend Kind den Kopf mit
einem lauten Seufzer wieder in das Moos steckete Doch der barmherzige Gott
war gnädiger als ich es mit meinem Unglauben verdient Denn da das harterzige
Weibsbilde dem alten Paassch ihrem Nachbarn ein wenig Suppen mitgeteilt
bracht er sie sogleich vor mein Töchterlein da er von der Magd wusste wie es
umb sie stünde und achte ich dass diese Suppen nebst Gott ihr allein das
Leben erhalten dieweil sie gleich wieder das Haupt aufreckte als sie selbige
genossen und nach einer Stunden schon wieder im Hause umbhergehen konnte Gott
lohns dem ehrlichen Kerl Hatte daher noch heute große Freud in meiner Not
doch als ich am Abend beim Kaminfeuer niedersass und an meine Verhängnis
gedachte brach wieder der Schmerz herfür und beschloss nun mehro mein Haus und
meine Pfarre selbst zu verlaufen und als ein Bettlersmann mit meiner Tochter
durch die weite Welt zu ziehen Ursache kann man genugsam denken Denn da
nunmehr alle Hoffnung mir weggestochen war maßen mein ganzes Feld geruiniret
und der Amtshaubtmann mein ergrimmter Feind worden war ich auch binnen fünf
Jahren keine Hochzeit item binnen einem Jahr nur zwo Taufen gehabt sah meinen
und meines Kindes Tod für Augen dieweil gar nit abzusehen dass es vors Erste
besser söllte werden Hiezu trat die große Furcht in der Gemein Denn obwohl sie
durch Gottes wunderliche Gnade schon anfingen manchen guten Zug beides in der
Sehe wie im Achterwasser zu tun auch mancher in den andern Dörfern sich schon
Salz Brod Grütze etc von den Anklammschen und Lassanschen Pöltern und
Quatznern19 vor seine Fische hatten geben lassen brachten sie mir doch Nichtes
weil sie sich scheueten dass es möcht gen Pudgla verlauten und sie einen
ungnädigen Herrn haben Winkete dannenhero mein Töchterlein neben mich und
stellte ihr für was mir im Gedanken lage Der grundgütige Gott könne mir ja
immer eine andere Gemeinde wieder bescheeren so ich sollte solcher Gnade würdig
vor ihm befunden werden angesehen die grimmige Pest und Kriegeszeit manchen
Diener seines Worts abgerufen ich auch nicht wie ein Mietling von seiner
Heerde flöhe besonderen bis dato Not und Tod mit ihr geteilet Ob sie aber
wohl des Tages ein oder zwo Meilen würde gehen künnen dann wöllten wir uns gen
Hamburg durchbitten zu meiner seligen Frauen ihrem Stiefbruder Martin Behring
so dorten ein fürnehmer Kaufmann ist
Solliches kam ihr anfänglich seltsam für inmassen sie wenig aus unserm
Kapsel gekommen auch ihre selige Mutter und Brüderlein auf unserm Kirchhof
lagen »Wer dann ihr Grab aufmachen und mit Blumen bepflanzen söllte item da
der Herre ihr ein glatt Gesicht gegeben was ich tun wöllte wenn sie in dieser
wilden grimmigen Zeit auf der Landstraßen von dem umbherstreichenden Kriegsvolk
und andern Lotterbuben angefallen würd da ich ein alter schwacher Mann sei und
sie nit schützen könnte item womit wir uns für dem Froste schützen wöllten da
der Winter hereinbräch und der Feind unsere Kleider geraubet so dass wir ja
kaum unsere Blöße decken künnten« Dieses Alles hatte ich mir noch nicht
fürgestellet musste ihr also recht geben und wurde nach vielem Disputiren
beschlossen dass wir zur Nacht die Sache wöllten dem Herrn überlassen und was
er am andern Morgen uns würde in das Herze geben wöllten wir tun Doch sahen
wir wohl dass wir auf keinerlei Weiß würden die alte Magd länger behalten
können Rief sie also aus der Küchen herbei und stellte ihr für dass sie
morgen frühe zu guter Zeit sich nach der Liepen aufmachen möchte dieweil es
dorten noch zu essen hätte und sie hier verhungern würd angesehen wir selber
vielleicht schon morgen den Kapsel und das Land verlaufen würden Dankete ihr
auch für ihre bewiesene Liebe und Treue und bate sie endlich unter lautem
Schluchzen meiner armen Tochter sie wolle lieber nur sogleich heimblich
hinweggehen und uns beiden nicht das Herze durch ihren Abschied noch schwerer
machen angesehen der alte Paassch die Nacht auf dem Achterwasser wöllte fischen
ziehen wie er mir gesaget und sie gewiss gerne in Grüssow an das Land setzete
wo sie ja auch ihre Freundschaft hätte und sich noch heute satt essen könnte
Aber sie kunnte vor vielem Weinen kein Wörtlein herfürbringen doch da sie sah
dass es mein Ernst war ging sie aus der Stuben Nit lange darauf hörten wir auch
die Haustüre zuklinken worauf mein Töchterlein wimmerte sie geht schon und
flugs an das Fenster rannte ihr nachzuschauen »Ja schrie sie« als sie durch
die Scheiblein geblicket »sie geht schon« und rang die Hände und wollte sich
nit trösten lassen Endiglichen gab sie sich doch als ich auf die Magd Hagar
kam so Abraham auch verstoßen und deren gleichwohl der Herr sich in der Wüsten
erbarmet und darauf befahlen wir uns dem Herrn und streckten uns auf unser
Mooslager
Fußnoten
1 Ist jetzt nicht mehr vorhanden
2 Ein abgelegener Teil der Insel Usedom
3 Plattdeutsch für Schnitte
4 Dieses entsetzliche Ereignis führt auch Micraelius in seiner pommerschen
Geschichte an
5 wo nach Josephus dasselbe geschah
6 Da aber betet auch für mich dass ich zu Hause komme denn wenn man unterwegs
riechet dass ich Brod habe schlägt mich mein eigener Bruder tot könnt Ihr
glauben
7 zur Saat vorbereitet di gepflügt und geeggt
8 Lass Er dass nur ruhen und bete er nur für uns
9 Da hat Er auch was und wenn es verzehret ist kann er noch einmal kommen
10 etwa 16 Pfennige
11 Schandpfahl
12 glaube und du hast gegessen
13 Braxen Blei ein zum Karpfengeschlecht gehöriger Fisch
14 Rinde
15 Dieb
16 Warte dir soll der Teufel die Arme ausreißen komm mir nur wieder ins Haus
17 ihr könnt ihr ja etwas vorpredigen als ihr mir getan habt
18 kochen
19 befahren bis zu dieser Stunde in kleinen Fahrzeugen Polten und Quatzen
alltäglich das Achterwasser und kaufen dem Bauern die gefangenen Fische ab
Kapitel 9
Wie mich die alte Magd mit ihrem Glauben demütigt und der Herr mich unwürdigen
Knecht dennoch gesegnet
Lobe den Herrn meine Seele und was in mir ist seinen heiligen Namen Lobe den
Herrn und vergiss nicht was er dir Guts getan hat Der dir alle deine Sünde
vergibt und heilet alle deine Gebrechen der dein Leben vom Verderben erlöset
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit Ps 103
Ach ich armer elender Mensch wie soll ich alle Wohltat und Barmherzigkeit
fassen so mir der Herre schon des andern Tages widerfahren ließe Ich heulte
für Freuden wie sonst für Jammr und mein Töchterlein tanzete in der Stuben wie
eine junge Rehe und wollte nit zu Bette gehen wollte nur weinen und tanzen
wie sie sagete und dazwischen den 103ten Psalm beten und dann wieder weinen
und tanzen bis der Morgen anbrechen würd Da sie aber noch merklich schwach
war untersagte ich ihr solchen Fürwitz angesehen dies auch hieße den Herrn
versuchen und nun merke man was fürgefallen
Nachdem wir beide mit großem Seufzen am Morgen erwacht waren und den Herrn
angerufen er wolle uns in unsern Herzen offenbaren was wir tun söllten
konnten wir gleichwohl noch immer nicht an einen Beschluss kommen daher mein
Kind vermahnete so sie anders so viel Kräfte in sich verspüre ihr Lager zu
verlassen und Feuer in den Ofen zu werfen dieweilen unsere Magd weg sei
Wöllten nachher die Sache ferner in Überlegung ziehen Sie stand daher auch
auf kehrete aber alsobald mit einem Freudengeschrei zurücke dass die Magd sich
wieder heimlich in das Haus geschlichen und allbereits Feuer in den Ofen
gestochen Ließ sie mir also vors Lager kommen und verwunderte mich über ihren
Ungehorsam was sie hier ferner wolle als mich und mein Töchterlein noch mehr
quälen und warumb sie nicht gestern mit den alten Paassch gezogen Aber sie
lamentirte und jünsete1 dass sie kaum sprechen konnte und verstand ich nur so
viel sie hätte mit uns gessen darumb wolle sie auch mit uns hungern und möcht
ich sie nur nit verstoßen sie könne nun einmal nit von der lieben Jungfer
lassen so sie schon in der Wiegen gekennet Solche Lieb und Treue erbarmete
mich so dass ich fast mit Tränen sprach aber hastu nit gehört dass mein
Töchterlein und ich entschlossen seind als Bettlersleute ins Land zu gehen wo
wiltu denn bleiben Hierauf gab sie zur Antwort dass sie nit wolle angesehen es
gebührlicher2 vor sie als vor uns wäre schnurren3 zu gehen Dass sie aber noch
nit einsäh warumb ich schon wöllte in die weite Welt ziehen Ob ich schon
vergessen dass ich in meiner Antrittspredigt gesaget dass ich bei meiner Gemein
in Not und Tod wolle verharren Möchte dannenhero noch ein wenig verziehen und
sie selber einmal nach der Liepen senden dieweilen sie hoffe bei ihrer
Freundschaft und anderswo was rechtes für uns aufzutreiben Solche Rede
insonderheit von meiner Antrittspredigt fiel mir fast schwer aufs Gewissen und
ich schämete mich für meinen Unglauben sintemalen nicht allein mein
Töchterlein besonderen auch meine Magd einen stärkeren Glauben hätten denn ich
der ich doch wöllte ein Diener beim Worte sein Erachtete also dass der Herr um
mich armen furchtsamen Mietling zurücke zu halten und gleicher Weiß mich zu
demütigen diese arme Magd erwecket so mich versuchen gewusst wie wailand die
Magd im Pallast des Hohenpriesters den furchtsamen St Petrum Wandte daher wie
Hiskias mein Angesicht gen die Wand und demütigte mich vor dem Herrn was kaum
geschehen als mein Töchterlein abermals mit einem Freudengeschrei zur Türen
hereinfuhr Siehe ein christliches Herze war zur Nacht heimlich ins Haus
gestiegen und hatte uns zwo Brode ein gut Stück Fleisch einen Beutel mit
Grütze item einen Beutel mit Salz bei einer Metzen wohl in die Kammer
gesetzet Da kann nun männiglich gießen welch groß Freudengeschrei wir
allesammt erhoben Auch schämete mich nit für meiner Magd meine Sünden zu
bekennen und in unserm gemeinen Morgengebet so wir auf den Knieen hielten dem
Herrn aufs Neu Gehorsam und Treu zu geloben Hielten dannenhero diesen Morgen
ein stattlich Frühstück und schickten noch Etwas an den alten Paassch aus item
ließ mein Töchterlein nun wieder alle Kinderlein kommen und speisete sie
bevorab sie aufsagen mussten erst mildiglich mit unserm Fürrat Und als mein
kleingläubig Herz darüber seufzte wiewohl ich nichts sagete lächelte sie und
sprach darumb sorget nicht für den andern Morgen denn der morgende Tag wird
für das Seine sorgen4
Solche Weissagung tät der heilige Geist aus ihr wie ich nit anders gläuben
kann und Du auch nitmein Lieber denn merke was geschah Zu Nachmittag war
sie verstehe mein Töchterlein in den Streckelberg gegangen um Brommelbeeren
zu suchen weilen der alte Paassch ihr hatte durch die Magd sagen lassen dass es
dorten noch einige Büsche hätte Die Magd hackete Holz auf dem Hofe wozu sie
sich den alten Paassch sein Beil geliehen denn meines hatten die kaiserlichen
Schnapphähne verworfen da es nirgend nit zu finden ich selber aber wandelte
in der Stuben auf und ab und sanne meine Predigt aus als mein Töchterlein mit
hoher Schürzen bald wieder in die Türe fuhr ganz rot und mit funkelnden
Augen konnte aber für Freuden nichts mehr sprechen denn »Vater Vater was hab
ich« »Nun« geb ich zur Antwort »was hastu denn mein Kind« worauf sie die
Schürze von einander tät und trauete kaum meinen Augen als ich vor die
Brommelbeeren so sie zu hohlen gangen war darinnen zween Stücke Bernstein
glitzern sah ein jegliches fast so groß denn ein Mannskopf die kleinen
Stücklein nit gerechnt so doch auch mit unter die Länge meiner Hand hatten und
habe ich weiß Gott keine kleine Hand Schriee also »Herzenskind wie kömmstu zu
diesen Gottesseegen« Worauf sie als sie gemach wieder zu Atem kame
verzählete wie folgt:
Dass sienach den Beeren suchende in einer Schlucht nahe dem Strande zu etwas
in der Sonnen hätte glizzern gesehen und als sie hinzugetreten hätte sie
diesen wunderlichen Fund getan angesehen der Wind den Sand von einer schwarzen
Birnsteinader fortgespielet5 Hätte sofort mit einem Stöcklein diese Stücken
herausgebrochen und wäre noch ein großer Fürrat vorhanden maßen es unter dem
Stocke rings umbher gebullert als sie ihn in den Sand gestoßen auch hätte
selbiger nit tiefer als zum höchsten einen Schuh sich in den Boden schieben
lassen Item verzählete sie dass sie die Stätte wieder mit Sand überschüttet
und danach mit ihrer Schürzen überwedelt damit keine Spur nit übrig bliebe
Im Übrigen würde dorthin auch kein Fremder so leichtlich kommen angesehen
keine Brommelbeeren in der Nähe ranketen und sie mehr aus Fürwitz und um nach
der Sehe überzuschauen den Gang getan denn aus Notdurft Sie selber wolle
aber schon die Stätte wiederfinden alldieweilen sie sich dieselbige durch drei
Steinlein gemerket Was nun unser Erstes gewesen nachdeme der grundgütige Gott
uns aus sollicher Not gerissen ja uns wie es der Anschein war mit großem
Reichtumb begabet hatte kann sich ein Jeglicher selber fürstellen Als wir
endlich wieder von unsern Knieen aufstunden wollte mein Töchterlein zuerst zur
Magd laufen und ihr unsere fröhliche Zeitung hinterbringen Aber ich untersagete
es ihr maßen wir nit wissen könnten ob die Magd es ihren Freundinnen nicht
wieder verzählete obwohl sie sonsten ein treu und gottesfürchtig Mensch sei
Tät sie aber soliches so würde es sonder Zweifel der Amtshaubtmann erfahren
und unsern Schatz vor Se fürstliche Gnaden den Herzog will sagen vor sich
selberaufheben und uns nichts nit denn das Zusehen verbleiben und darumb
unsere Not bald wieder von vornen beginnen Wöllten dannenhero sagen wenn man
uns nach unserm Seegen fragen würde dass mein seliger Bruder so ein Ratsherr in
Rotterdamm gewesen uns ein gut Stück Geldes hinterlassen wie es denn auch wahr
ist dass ich für einem Jahre bei 200 Fl von ihme geerbet welche mir aber das
Kriegsvolk wie oben bemeldet jämmerlich entwendet Item ich wolle morgen
selber nach Wolgast gehen und die kleinen Stücklein verkaufen so gut es
müglich wäre sagende du hättest sie an der Sehe gefunden solches kannstu auch
meinethalben der Magd sagen und sie ihr zeigen aber die großen Stücke zeigestu
Niemand nit die will ich an deinen Ohm gen Hamburg senden uns solche zu
versilbern Vielleicht dass ich auch eins davon in Wolgast verkaufe so ich
Gelegenheit hab umb Dir und mir die Winternotdurft auf den Leib zu schaffen
daher du mitgehen kannst Die Witten so die Gemein zusammengebracht nehmen
wir vors Erste für Fährgeld und kannstu die Magd uns auf den Abend
nachbestellen dass sie auf der Fähren auf uns harre umb die Alimenten zu
tragen Dieses Allens versprach sie zu tun meinte aber wir könnten erst mehr
Birnstein brechen damit wir was Rechtes in Hamburg kriegeten was ich auch
tate und dannenhero des andern Tages noch zu Hause verblieb maßen es uns noch
nit an Kost gebrach mein Töchterlein auch sowohl als ich uns erst wieder
gänzlich recreiren wollten bevorab wir die Reis anträten item wir auch
bedachten dass der alte Meister Rotoog in Loddin so ein Tischler ist uns bald
ein Kistlein zusammenschlagen würd um den Birnstein hineinzutun dannenhero
ich zu Nachmittag die Magd zu ihm schickete unterdessen wir selber in den
Strekelberg schritten allwo ich mir mit meinem Taschenmesser so ich für dem
Feinde geborgen ein Tännlein abschnitte und es wie einen Spaten formirete
damit ich könnte besser damit zur Tiefen fahren Sahen uns aber vorher auf dem
Berge wohl umb und da wir Niemand nit gewahreten schritt mein Töchterlein
voran zu der Stätte welche sie auch alsofort wiederfunde Großer Gott was
hatts hier für Birnstein Die Ader ging bei 20 Fuß Länge wie ich ungefährlich
abfühlen mochte die Tiefe aber kunnte ich nicht ergründen Doch brachen wir
heute außer vier ansehnlichen Stücken doch fast nit so groß als die von
gestern seind nur klein Gruuswerk nicht viel größer als was die Apotheker zu
Stänkerpulver6 zustossen Nachdeme wir nun den Ort wieder mit äusserstem Fleiß
bedecket und bewedelt wär uns bald ein großer Unfall zugestoßen Denn uns
begegnete Wittansch ihr Mädken so Brummelbeeren suchte und da sie fragete
was mein Töchterlein in der Schürzen trug und diese rot würde und stockete
wäre alsobald unser Geheimnis verraten hätte ich mich nicht begriffen und
gesaget was gehts dich an sie träget Tannenzapfen umb damit einzuheitzen was
sie auch gläubte Wir satzten uns daher für in Zukunft nur des Nachts und bei
Mondenschein auf den Berg zu steigen und kamen noch vor der Magd zu Hause
woselbst wir unsern Schatz in der Bettstätt verburgen damit sie es nicht merken
sollte
Fußnoten
1 stöhnte
2 schicklicher
3 betteln
4 Matt 6 34
5 Kommt auch jetzt noch öfter vor und ist dem Herausgeber selbst begegnet Doch
enthielt die kleine schwarze Ader nur wenige Stücken Bernstein mit Holzkohle
vermischt letzteres ein sicheres Zeichen seines vegetabilischen Ursprungs
worüber beiläufig gesagt jetzt auch kaum ein Zweifel obwaltet seitdem man in
Preußen sogar ganze Bernsteinbäume aufgefunden hat und auf dem Museum zu
Königsberg bewahrt
6 Wahrscheinlich Räucherpulver
Kapitel 10
Wie wir nach Wolgast reisen und daselber gute Kaufmannschaft halten
Zwei Tage darauf sagt mein Töchterlein die alte Ilse aber meint drei Tage und
weiß ich nit was wahr ist seind wir endiglichen zur Stadt gewesen angesehen
Meister Rotoog die Kiste nit eher fertig hatte Mein Töchterlein deckete ein
Stück von meiner seeligen Frau ihrem Brautkleid darüber so die Kaiserlichen zwar
zerfetzet doch als sie es darauf wohl draußen liegen lassen von dem Winde in
den Pfarrzaum war getrieben wo wir es wiederfunden War auch schon vorher
ziemlich unlieblich sonst achte ich hätten sie es wohl mit sich geführet
Umb der Kisten willen aber nahmen wir die alte Ilse gleich mit so selbige
tragen musste und da Birnstein eine fast leichte Ware ist gläubete sie es
leichtlich dass nur etwas Esswaar in selbiger vorhanden sei Setzeten also bei
Tages Anbruch mit Gott unsern Stecken vor uns Bei dem Zitze1 lief ein Haase vor
uns über den Weg was nichts Gutes bedeuten soll ach ja Als wir darauf gen
Bannemin kamen fragte ich einen Kerl ob es wahr sei dass hier eine Mutter ihr
eigen Kind für Hunger geschlachtet wie ich vernommen Er sagte ja und nannte
das alte Weib Zissesche Der liebe Gott aber hätte sich für solchem Gräuel
entsetzet und es hätte ihr doch nicht geholfen maßen sie sich so sehr bei dem
Essen gespeiet dass sie davon den Geist aufgegeben Sonsten meinte er stünd es
im Kapsel schon etwas besser dieweil der liebe Gott sie reichlich mit Fischen
sowohl in der Sehe als im Achterwasser gesegnet Doch wären auch hier viel Leute
für Hunger gestorben Von seinem Pfarrherrn Ehre Johannes Lampius2 verzählete
er dass sein Haus von den Kaiserlichen gebrennet sei und er in einer
Kirchenbude3 läge Ich ließ ihne grüßen und möcht er doch bald einmal sich zu
mir aufmachen welches der Kerl auch zu besorgen versprach denn Ehre Johannes
ist ein frommer gelehrter Mann und hat auch etzliche lateinische Chronosticha
auf diese elendig Zeit in metro heroico gestellt so mir sehr gefallen muss ich
sagen4
Doch auf der Hälfte des Weges zwischen Koserow und Wolgast jetzt Zinnowitz
geheißen
Als wir nun über die Fähr kamen sprachen wir auf den Schlossplatz bei Sehms
ein so ein Krüger ist welcher uns verzählete dass die Pest noch immer nit ganz
in der Stadt aufgehöret worüber ich fast erschrake zumalen er auch noch viele
andere Gräuel und Leiden dieser betrübten Zeit so hier und an andern Orten
beschehen uns für Augen stellte eg von der großen Hungersnot im Land zu
Rügen wo viele Menschen für Hunger so schwarz wie die Mohren geworden ein
wunderlich Ding so es wahr ist und möchte man daraus fast gießen wie die
ersten Mohren entstanden seind5 Aber das lassen wir jetzt in seinen Würden
Summa als Meister Sehms uns verzählet was er Neues wusste und wir daraus zu
unserm Troste sahen dass der Herr uns nicht allein heimbgesuchet in dieser
schweren Zeit rieffe ich ihn in eine Kammer und fragete ihn ob es hier nicht
wo Gelegenheit hätte ein Stück Birnstein zu versilbern so mein Töchterlein an
der Sehe gefunden Aber er sagte erstlich nein darauf aber sich besinnende hub
er an »halt lass Er sehen Denn es seind hier beim Schlosswirt Niclas Grecken
zwo holländische fürnehme Kaufleute in Herberge als Dieterich von Pehnen und
Jakob Kiekebusch welcher Teer und Bretter kaufen item Schiffholz und Balken
vielleicht dass diese auch auf Seinen Birnstein feilschen doch geh Er selber
auf das Schloss dennich weiß nit mehr vor gewiss ob sie heute noch hier seind«
Solliches tate ich auch obwohl ich bei dem Manne noch nichts verzehret
angesehen ich erst absehen wöllte wies mit dem Handel abliefe und die Witten
so der Kirchen gehörten bis so lange verspaaren Kame also auf den Schlosshof
Aberdu lieber Gott wie war auch Sr fürstlichen Gnaden Haus seit kurzer Zeit
fast zur Wüstenei worden Den Marstall und das Jagdhaus hatten anno 1628 die
Dänen gebrochen item viele Zimmr im Schloss geruiniret und in Sr fürstlichen
Gnaden des Herzogen Philippi Locament wo er mich ao 22 mit meinem Töchterlein
wie man weiter unten lesen wird so mildiglich getractiret hausete jetzt der
Schlosswirt Niclas Graeke und waren all die schönen Tapecereien worauf die
Wallfahrt Sr fürstlichen Gnaden weiland Bagislai x gen Jerusalem fürgestellet
wär heraussergerissen und die Wände grau und garstig6 Solliches sah mit
betrübtem Herzen fragte darum alsobald nach den Kaufleuten welche hinter dem
Tische saßen und schon Abschiedszeche hielten dieweil ihr Reisegeräte
allbereits umb sie lag umb damit nacher Stettin aufzubrechen Als nun der eine
von der Zeche aufsprange ein kleiner Kerl mit einem gar stattlichen Wanst und
einem schwarzen Pflaster über der Nasen und mich fragete was ich wolle nahme
ich ihn abseiten in ein Fenster und sagte dass ich schönen Birnstein hätte und
ob er gesonnen mir solchen zu versilbern was er gleich zu tun versprach Und
nachdem er seinem Gesellen etwas ins Ohr gemurmelt wurd er fast lieblich
aussehen und reichte mir auch erst den Krug bevorab wir in meine Herberge
gingen Tat ihm also recht wacker Bescheid da ich wie obbemeldet noch
nüchtern war so dass mir gleich bass umbs Herze wurde Du lieber Gott was geht
doch über einen guten Trunk so es mit Massen geschieht Darauf schritten wir in
meine Herberge und musste die Magd die Kiste abseiten in ein Kämmerlein tragen
Doch hatte ich selbige kaum aufgetan und das Kleid davon gezogen als der Mann
so Dieterich von Pehnen war wie er mir unterwegs gesaget für Freuden die
Hände in die Höhe hub und sagete dass er solchen Segen in Birnstein noch
niemals nit gesehen und wie ich dazu gekommen Antwortete also dass ihn mein
Töchterlein an der Sehe gefunden worüber er sich sehr verwunderte dass es hier
so viel Birnstein hätte und mir gleich vor die ganze Kiste 300 Fl böte War
für Freuden über solchen Bot außer mir doch ließ mir nichtes merken besonderen
feilschte mit ihme bis auf 500 Fl und söllte ich nur mit ins Schloss kommen und
dorten gleich mein Geld haben Bestellete daher gleich bei dem Wirt einen Krug
Bier und vor mein Töchterlein ein gutes Mittagbrod und machte mich mit dem
Mann und der Magd so die Kiste truge wieder ins Schloss auf bittende er wolle
aber umb gemeiner Verwundrung willen nichtes nicht von meinem großen Seegen zu
dem Wirt oder sonst zu männiglich hier in der Stadt sagen und mir mein Geld
sonderlich7 aufzählen maßen man auch nit wissen könnte ob mir die
Schnapphanichen8 nicht unterwegs aufpassten wenn sie solches erführen welches
der Mann auch tät Denn er mürmelte gleich seinem Gesellen wieder ins Ohr
worauf dieser seinen ledernen Rock auftät item sein Wams und seine Hosen und
sich ein Kätzlein von seinem Wanst schnallete so trefflich gespicket war und
er ihme reichete Summa es währete nit lange so hatte ich meinen Reichtumb in
der Taschen und bate der Mann noch überdies wenn ich wieder Birnstein hätte
solle ich ja gen Amsterdamm an ihn schreiben was ich auch zu tun versprach
Aber der gute Kerl ist wie ich hernachmals erfahren in Stettin an der Pest mit
seinem Gesellen verstorben welches ich ihm nicht gewünschet9 Darauf wäre bald
in große Ungelegenheit kommen Denn da ich mich sehnete auf meine Kniee zu
fallen und die Zeit nit abwarten konnte wo ich meine Herberge erreichet lief
ich die Schlosstreppe bei vier Stufen hinauf und trat in ein klein Gemach wo
ich mich für dem Herrn demütigte Aber der Wirt Niclas Gräke folgte mir
alsbald und vermeinte dass ich ein Dieb sei und wollte mich fest halten wusste
daher nicht anders los zu kommen als dass ich fürgabe ich wäre trunken worden
von dem Wein so mir die fremden Kaufleute gespendet denn er hatte gesehen
welchen trefflichen Zug ich getan angesehen ich heute Morgen noch nüchtern
gewesen und hätte mir ein Kämmerlein aufgesucht umb ein wenig zu schlummern
welche Lüge er auch gläubete so es anders eine Lüge war denn ich war ja auch
in Wahrheit trunken obgleich nit vom Wein sondern von Dank und Andacht zu
meinem Schöpfer und mich derohalben laufen ließ
Doch nun muss ich erstlich meine Historie mit Sr fürstlichen Gnaden
verzählen wie mir oben fürgenommen Als ich Anno 22 von ungefährlich mit mein
Töchterlein so damals ein Kind bei 12 Jahren war hier in Wolgast in dem
Schlossgarten lustwandelte und ihr die schönen Blumen zeigete so darinnen
herfürgewachsen waren begab es sich als wir umb ein Buschwerk lenketen dass
wir meinen gnädigen Herrn Herzog Philippum Julium mit Sr fürstlichen Gnaden dem
Herzogen Bogislaff so hier zum Besuche lag auf einem Hügel stehen und
disputiren sahen wannenhero wir schon umbkehren wollten Da aber meine gnädige
Herren alsbald fürbass schritten der Schlossbrücken zu besahen wir uns den
Hügel wo dieselben gestanden und erhobe mein klein Mädken alsbald ein laut
Freudengeschrei angesehen sie einen kostbaren Siegelring an der Erden liegen
sah so Ihr fürstliche Gnaden ohn Zweifel verloren Ich sagete dannenhero
komme wir wollen unsere gnädigen Herren ganz eilend nachgehen und sagstu auf
lateinisch Serenissimi principes quis vestrum hunc annulum deperdidit10 Denn
wie oben bemeldet hatte ich mit ihr die lateinische Sprach schon seit ihrem
siebenten Jahr traktiret und sagt nun einer ego so giebstu ihm den Ring Item
fräget er dich auf lateinisch wem du gehörest so sei nit blöde und sprich ego
sum filia pastoris Koserowiensis11 siehe so werden Ihre fürstlichen Gnaden ein
Wohlgefallen an dir haben denn es seind beide freundliche Leute insonderheit
aber der große welches unser gnädiger Landesherr Philippus Julius selber ist
Solliches versprach sie zu tun doch da sie im Weiterschreiten merklich
zitterte redete ich ihr noch mehr zu und versprach ihr ein neu Kleid so sie es
täte angesehen sie schon als ein klein Kind viel umb schöne Kleider gegeben
Als wir daher auf dem Schlosshof kommen blieb ich bei der Statue Sr
fürstlichen Gnaden des Herzogen Ernst Ludewig12 stehen und blies ihr ein
nunmehr dreust nachzulaufen da Ihre fG nur wenige Schritte für uns gingen
und sich schon gegen die große Haupttüre wendeten Solliches tät sie auch
blieb aber plötzlich stehen und wollte wieder umbkehren weil sie sich vor den
Sporen Ihrer fG gefürchtet wie sie nachgehends sagete maßen dieselben fast
heftig geknarret und gerastert
Dieses sah aber meine gnädige Frau die Herzoginne Agnes aus dem offenen
Fenster in welchem sie lage und rief SfG zu »mein Herre es ist ein klein
Mädchen hinter Euch so Euch sprechen will wie es mir scheint« worauf SrfG
sich gleich niedlich lächelnd umwendete so dass meinem kleinen Mädken der Mut
alsobald wiederkehrete und sieden Ring in die Höhe haltende auf lateinisch
sagete wie ihr geboten Darüber verwunderten sich beide Fürsten über die Massen
und nachdeme Se fürstliche Gnaden mein gnädiger Herzog Philippus sich an den
Finger gefühlet antwortete er Dulcissima puella ego perdidi13 worauf sie ihm
solchen reichete Davor klopfete er ihr die Wangen und fragte abermals Sed
quaenam es et unde venis14 worauf sie dreust ihre Antwort tät und zugleich
nach mir an der Statuen mit dem Finger wiese worauf Se fürstliche Gnaden mir
winketen näher zu kommen Dieses Alles hatte auch meine gnädige Frau aus dem
Fenster mitgesehen war aber mit einem Male wegk Doch kam sie schon zurücke
ehe ich noch zu meinen gnädigen Herren demütig herangetreten winkete alsbald
meinem Töchterlein und hielt ihr eine Blinsche15 aus dem Fenster welche sie
haben sollte Da ich ihr zuredete lief sich auch hinan aber Ihre fürstliche
Gnaden kunnte nit so tief niederlangen und sie nit so hoch über sich umb
selbige zu greifen wannenhero meine gnädige Frau ihr gebot sie solle in das
Schloss kommen und da sie sich ängstlich nach mir umbschauete mich auch
heranwinkete wie mein gnädiger Herr selber der alsobald die kleine scheue
Magd bei der Hand fasste und mit Sr fürstlichen Gnaden dem Herzogen Bogislaff
vorauf ging Meine gnädige Frau kam uns aber allbereits bei der Türen entgegen
liebkosete und umbfing mein klein Töchterlein so dass sie bald dreust wurde und
die Blinsche aß Nachdem nun mein g Herr mich gefraget wie ich hieße item
warumb ich seltsamer Weiß meinem Töchterlein die lateinische Sprache gerlernt
antwortete ich dass ich gar viel durch einen Vetter in Köln von der Schurmannin
16 gehört und da ich ein fast trefflich ingenium bei meinem Kinde verspüret
auch in meiner einsamen Pfarren genugsam Zeit dazu gehabt hätte ich nit
angestanden sie von Jugend auf fürzunehmen und zu unterweisen maßen ich keine
Knäblein beim Leben hätte Darüber verwunderten sich IIffGG und taten
annoch einige lateinische Fragen an selbige welche sie auch beantwortete ohne
dass ich ihr etwas einbliese worauf mein gnädiger Herr Herzog Philippus auf
deutsch sagete wenn du groß geworden bist und einmal heiraten wilt so sags
mir dann solltu von mir wieder einen Ring haben und was sonsten noch vor eine
Braut gehört denn du hast mir heute einen guten Dienst getan angesehen mir
dieser Ring ein groß Kleinod ist da ich ihn von meiner Frauen empfangen Ich
blies ihr darauf ein Sr fürstlichen Gnaden vor solches Versprechen die Hand zu
küssen was sie auch tät
Aber ach du allerliebster Gott versprechen und halten seind zweierlei
Ding Wo ist jetzt Se fürstlichen Gnaden Darumb lass mich immer bedenken nur
Du bist allein wahrhaftig und was Du zusagst hälltstu gewiss Ps 33 4 Amen
Item als Se fürstliche Gnaden nunmehr auch nach mir und meiner Pfarren
gekundschaftet und gehört dass ich alt adlichen Geschlechtes und mein Salarium
fast zu schwach sei rief sie dero Kanzler D Rungium der draußen an dem
Sonnenzeiger stund und schaute aus dem Fenster und befahle ihme dass ich vom
Kloster zu Pudgla item von dem Kammergut Ernstoff eine Beilage haben sollte
wie oben bemeldet Aber Gott seis geklagt habe selbige niemalen erhalten
obwohl das Instrumentum donationis17 mir bald hernach auch durch Sr fürstlichen
Gnaden Kanzler gesendet ward
Daraufgab es vor mich auch Blinschen item ein Glas wälschen Wein aus einem
gemalten Wappenglas worauf ich demütig mit meinem Töchterlein meinen Abtritt
nahm
Umb nun aber wieder auf meine Kaufmannschaft zu kommen so kann männiglich
vor sich selber abnehmen welche Freude mein Kind empfand als ich ihr die
schöne Dukaten und Gulden wiese so ich vor den Birnstein erhalten Der Magd
aber sagten wir dass wir solchen Segen ererbet durch meinen Bruder in Holland
und nachdem wir abermals dem Herrn auf unsern Knieen gedanket und unser
Mittagsbrod verzehret hielten wir gute Kaufmannschaft an Fleisch Brode Salz
Stockfisch item an Kleidern angesehen ich vor uns drei von dem Wandschneider
die Winternotdurft besorgete Vor mein Töchterlein aber kaufte noch
absonderlich eine gestrickte Haarhaube und ein rot seidin Leibichen mit
schwarzen Schurzfleck und weißem Rock item ein fein Ohrgehänge da sie fast
heftig darumb bat und nachdem ich auch bei dem Schuster die Notdurft
bestellt machten wir uns endiglichen da es fast schon tunkel ward auf den
Heimbweg kunnten aber fast nit alles tragen so wir eingekaufet Derohalben
musste uns ein Bauer von Bannemin helfen so auch zur Stadt gewesen war und als
ich von ihm erforschet dass der Kerl so mir die Schnede Brod gegeben ein
Katenmann Namens Pantermehl gewesen und an der Dorfstrassen wohne schobe ich
ihm zwo Brode in seine Haustüre als wir davor gekommen ohne dass er es
gemerket und zogen darauf unserer Straßen bei gutem Mondschein weiter so dass
wir auch mit Gotts Hilfe umb 10 Uhren Abends zu Hause anlangeten Dem andern
Kerl hatte ich auch vor seine Mühe ein Brod geben obwohl er es nit verdient
angesehen er nit weiter als bis zum Zitze mit uns gehen wollte Doch lass ihn
laufen habs ja auch nit verdient dass mich der Herr so gesegnet
Fußnoten
1 Dorf auf der Hälfte des Weges zwischen Koserow und Wolgast jetzt Zinnowitz
geheißen
2 In dem hiesigen Pfarrarchiv sind auch noch einige obgleich sehr kurze und
unvollständige Andeutungen von seinen Leidenstagen während jenes
Schreckenskrieges vorhanden
3 Bude davon Büdner eine Hütte
4 Der alte Herr hat sie sogar unter die noch vorhandenen Kirchenrechnungen
gesetzt und mögen ein Paar davon zur Probe hier stehen
auf 1620VsqVe qVo DoMIncCerIs sIs nobIs pater
auf 1628InqVe tVa DeXtra fer operaM tV ChrIste benIgne
5 Auch Micraelius im alten Pommernlande v 171 12 gedenket dieses Umstandes
sagt aber bloß »Die nach Stralsund überliefen waren ganz schwarz vom erlittenen
Hunger anzusehen« Daher wohl die seltsame Übertreibung des Wirts und der noch
seltsamere Schluss unsers Autors
6 vergl Hellers Chronik der Stadt Wolgast S 42 ff die Unordnung rührte wohl
daher weil der Nachfolger von Philippus Julius 6ten Febr 1625 und zugleich
der letzte Pommersche Herzog Bogislaus XIV in Stettin residirte Zur Zeit ist
das Schloss eine gänzliche Ruine und nur noch mehrere große mit Kreuzgewölben
versehene Keller sind vorhanden in welchen die dortigen Kaufleute zum Teil
ihre WarenNiederlagen haben
7 besonders privatim
8 Räuber
9 Auch Micraelius gedenket dieser holländischen Handelsleute aaOV S 171
behauptet aber die Ursache ihres Todes sei zweifelhaft gewesen und habe der
Stadtphysikus Dr Laurentius Eichstadius in Stettin einen eigenen
medizinalischen Discurs darüber geschrieben Doch nennt er einen derselben
Kiekepost anstatt Kiekebusch
10 Gestrenge Fürsten wer von Euch hat diesen Ring verloren
11 ich bin die Tochter des Pfarrers zu Koserow
12 Der Vater von Philippus Julius zu Wolgast den 17ten Junius 1592
13 mein süßes Mädchen ich habe ihn verloren
14 Aber wer bist du und woher kommst du
15 Vielleicht Plinze eine Art Kuchen
16 Anna Maria Schurmann geb zu Köln am 5ten Novbr 1607 gestorben zu Wiewardin
d 5ten May 1678 wär nach dem übereinstimmenden Zeugnis ihrer Zeitgenossen ein
Wunder der Gelehrsamkeit und vielleicht das gelehrteste Weib das je auf Erden
lebte Der Franzose Nande urteilt von ihr was die Hand bilden und der Geist
fassen kann trifft man bei ihr allein Keine malt besser keine bildet besser
in Erz Wachs und Holz In der Stickerei übertrifft sie alle alten und neuen
Weiber Man weiß nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit sie sich am mehrsten
ausgezeichnet Nicht mit den europäischen Sprachen zufrieden versteht sie
hebräisch arabisch syrisch und schreibt ein Latein dass kein Mann der sein
Leben darauf verwendet es besser kann Der berühmte Niederländer Spanheim nennt
sie »eine Lehrerin der Gratien und Musen« der noch berühmtere Salmasius
gesteht er wisse nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit er ihr den Vorzug geben
solle und der Pole Rotyer nennt sie gar »das einzige Exemplar aller Wunderwerke
an einem gelehrten Menschen und ein gänzliches Monstrum ihres Geschlechts doch
ohne Fehler und Tadel« Denn in der Tat behielt sie bei ihrem außerordentlichen
Wissen eine bewunderswürdige Demut wiewohl sie selbst gesteht dass die
unmässigen Lobsprüche der Gelehrten sie jezuweilen zu eigener Selbstverblendung
verleitet hätten In späteren Jahren trat sie zu der Gemeine der Labadisten
über welche manche Ähnlichkeit mit den neuem Muckem gehabt zu haben scheint
starb aber unvermählt da eine frühe Liebe schon in ihrem 15ten Jahre mit dem
Holländer Kaets sich zerschlagen hatte Als Seltsamkeit von ihr wird angeführt
dass sie gerne Spinnen gegessen Ihre gesammelten Werke gab der berühmte Spanheim
unter dem Titel Annae Mariae a Schurmann opuscula Leiden 1648 zuerst heraus
17 Schenkungsurkunde
Kapitel 11
Wie ich die ganze Gemein gespeist item wie ich nach Gützkow zum Rossmarkt
gereist und was mir alldort gearriviret
Des andern morgens zuteilete mein Töchterlein die lieben Brod und schickte
einem Jeglichen im Dorf eine Schnede Doch da wir sahen dass unser Fürrat bald
würde auf die Neige laufen schickete abermals die Magd mit einer Karren so ich
von Adam Lempkem gekauft nach Wolgast mehr Brod zu hohlen welches sie auch
tate Item ließ ich im ganzen Kapsel herumbsagen dass ich am Sonntag wolle das
heilige Abendmahl halten und kaufete unterdes im Dorf alle großen Fische so
sie fingen Als nun endlich der liebe Sonntag kam hielt ich erstlich Beicht mit
der ganzen Gemein und darauf die Predigt über Matt 15 32 Mich jammert des
Volks denn sie haben nichts zu essen Solliches deutete aber fürs erste nur auf
die geistliche Speiss und erhobe sich ein groß Seufzen unter Männern und
Weibern als ich zum Schluss auf das Altar wiese worauf die liebe Seelenspeise
stund und die Worte wiederholte mich jammert des Volks denn sie haben nichts
zu essen NB den bleiernen Kelch hatte mir in Wolgast geliehen und vor die
Patene ein klein Tellerlein gekaufet bis Meister Bloom den silbernen Kelch und
die Patene so ich bestellt würde fertig halten Als ich nun darauf das
heilige Nachtmahl consacriret und ausgeteilet item den Schlussvers angestimmet
und ein Jeglicher still sein Vater unser gebet umb aus der Kirchen zu gehen
trat ich abermals aus dem Beichtstuhl herfür und winkete dem Volk annoch zu
verharren da der liebe Heiland nit bloß ihre Seelen sondern auch ihren Leib
speisen wolle angesehen er mit seinem Volk noch immer eben dasselbige Erbarmen
hätte wie weiland mit dem Volk am galiläischen Meer Solliches sollten sie
sehen Trat also in den Turm und langete zween Körbe herfür so die Magd in
Wolgast gekaufet und ich zu guter Zeit hier hatte verhehlen lassen satzete sie
für das Altar und zog die Tüchlein womit sie bedecket waren davon worauf sich
fast ein laut Geschrei erhob maßen sie den einen voller Bratfisch den andern
aber voller Brod funden so wir heimlich hineingetan Machte es darauf wie der
Heiland dankete und brach es und gab es meinem Fürsteher Hinrich Seden dass er
es den Männern und meinem Töchterlein dass sie es den Weibern fürlegen musste
worauf den Text mich jammert des Volks denn sie haben nichts zu essenauch
leiblich anwandte undauf und nieder in der Kirchen schreitend unter großem
gemeinen Geschrei sie vermahnete immer Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen
fleißig zu beten fleißig zu arbeiten und in keine Sünde zu willigen Was übrig
blieb mussten sie vor ihre Kinder und alten Greise aufheben so zu Hause
geblieben waren
Nach der Kirchen und als ich kaum meinen Chorrock abgetan kam Hinrich
Seden sein gluderäugigt Weib wieder und verlangete trotziglich noch ein Mehres
vor die Reise ihres Mannes nach der Liepe auch hätte sie vor sich selber noch
Nichtes erhalten angesehen sie heute nit in der Kirchen gewesen Solliches
verdross mich fast und sagete ich zu ihr warum bistu nit in der Kirchen
gewesen Doch wärestu demütig kommen hättestu auch jetzt noch etwas erhalten
da du aber trotziglich kümmst geb ich dir Nichts Gedenke doch wie du es mit
mir und meinem Kinde gemacht Aber sie blieb bei der Türen stehen und gluderte
trotzig in der Stuben rings umbher bis sie mein Töchterlein beim Arm nahm und
heraus führte indeme sie sprach »hörstu du sollst erst demütig wieder
kommen ehe du etwas empfähest kömmstu aber also so solltu auch deinen Teil
haben und wir wollen nit weiter mit dir Auge um Auge Zahn um Zahn rechnen das
möge der Herr tun so ihm beliebt wir aber wöllen dir gerne vergeben« Hierauf
schritt sie endlich nach ihrer Weiß heimlich mummelnd aus der Türen doch
spiee sie verschiedentlich auf der Straßen aus wie wir durch das Fensterlein
sahen
Bald darauf beschloss ich einen Jungen bei 20 Jahren und Klaus Neels geheißen
bei mir in Dienst zu nehmen und vor einen Knecht zu gebrauchen angesehen der
alte Neels in Loddin sein Vater mich fast harte darumb anlag auch der Bursche
an Manieren und sonsten mir wohl gefiel Denn da es heuer einen guten Herbst
hatte beschloss annoch mir vors erste zwei Pferde zu kaufen und mein Ackerland
abermals zu besäen denn wiewohl es schon spät im Jahre war meinte ich
dennoch dass der grundgütige Gott es wohl gesegnen könnte wenn er wollte
Auch war ich nit sonderlich umb das Futter für selbige besorgt maßen es in
der Gemein einen großen Überfluss an Heu hatte da alles Vieh wie bemeldet
geschlagen oder fortgetrieben war Gedachte also im Namen Gottes mit meinem
neuen Ackersknecht gen Gützkow zu ziehen wo auf dem Jahrmarkt viel
meklenburgische Pferde gezogen wurden angesehen dort noch eine bessere Zeit
war1 Hierzwischen aber tät ich mit meinem Töchterlein noch mehr Gänge auf den
Streckelberg zur Nachtzeit und im Mondschein funden aber nichts rechtes so dass
wir schon gläubeten unser Segen sei zu Ende als wir in der dritten Nacht große
Stücke Birnstein brachen fast größer als die so die beiden Holländer gekaufet
Solche beschloss nunmehr an meinen Schwager Martin Behring gen Hamburg zu
schicken maßen Schiffer Wulff aus Wolgast wie mir gesaget ward noch in
diesem Herbest hinaufseegeln wöllen um Teer und Schiffesholz überzuführen
Packete also alles in eine wohlverwahrete Kiste und nahm selbige mit gen
Wolgast als ich mit meinem Ackersknecht gen Gützkow aufbrach Von dieser Reise
will nur soviel vermelden dass es alldorten fast viele Pferde aber wenig Käufer
hatte Dannenhero kaufete zwo schöne Rappen das Stück zu 20 Fl item einen Wagen
umb 5 Fl item 25 Scheffel Roggen so auch vom Meklenburg dahin geführet warumb
1 Fl den Scheffel da er in Wolgast fast gar nit mehr aufzugabeln ist und
alsdann wohl an die drei Fl und drüber gilt Hätte darumb hier in Gützkow
schöne Kaufmannschaft in Roggen halten können so es meines Amts gewesen und ich
auch nit befürchtet dass die Schnapphanichen woran es in dieser schweren Zeit
fast überhand nimmt mir mein Korn wieder abgenommen und noch wohl dazu
gemaltraitiret und erwürget hätten wie Etzlichen geschehen Denn insonderheit
wurde solche Räuberei zu Gützkow zu dieser Zeit in der Strelliner Heiden mit
großem Spök2 getrieben kam aber mit des gerechten Gottes Hilfe gerade an das
liebe Tageslicht als ich mit meinem Ackersknecht alldorten in den Jahrmarkt
verreiset war und will ich solliches hier noch bemelden Vor etzlichen Monden
war ein Kerl zu Gützkow aufs Rad gestoßen weil er durch Verführung des leidigen
Satans einen reisenden Handwerksmann erschlagen Derselbige aber fing alsobald
an so erschröcklich zu spöken dass er zur Abend und Nachtzeit mit seinem armen
Sünderkittel von dem Rade herniedersprang sobald ein Wagen vor dem Galgen
vorbeifuhr der an der Landstraßen nacher Wolgast zustehet und hinter den
Leuten hersetzte wo sie denn mit vielen Abscheu und Grauen die Rosse
anklappten so dass es einen großen Rumor auf dem Knüppeldamm schlug welcher
benebenst dem Galgen in ein klein Hölzlein führte der Kraulin geheißen Und
war ein wunderlich Ding dass in selbiger Nacht die Reisenden fast immer in der
Strelliner Heiden geplündert oder erwürget wurden Dannenhero ließ die Obrigkeit
den Kerl von dem Rade heben und begrube ihn unter dem Galgen in Hoffnung dass
der Spök sich legen solle Aber es saß nach wie vorab bei Nachtzeiten schloweiss
auf dem Rade so dass Niemand nicht mehr die Straße gen Wolgast fahren wollte Da
begab es sich denn dass in benanntem Jahrmarkt gegen die Nachtzeit der junge
Rüdiger von Nienkerken von Mellentin auf Usedom belegen so in Wittenberge und
anderswo studiret und nun wieder heimkehren wollte mit seinem Fuhrwerk dieser
Straßen zog Hatte ihm kurz vorher noch selber im Wirthause gepersuadiret
dass er von wegen den Spök zur Nachtzeit in Gützkow verbleiben und des nächsten
Morgens mit mir fahren wolle was er aber verwegerte Als selbiger Junker nun
die Straße gefahren kommt sieht er auch wieder alsobald den Spök auf dem Rade
sitzen und ist er kaum an dem Galgen fürüber als das Gespenste
herniederspringt und ihm nachsetzet Der Fuhrmann entsetzet sich mächtiglich
und macht es wie alle anderen klappet die Pferde an so fast scheu geworden
und für Angst den Mist gelassen und beginnet mit großem Rumor über den
Knüppeldamm zu jagen Hierzwischen bemerket aber der Junker beim Mondenschein
dass der Spök einen Pferdeapfel über welchen er rennet breit tritt und nimmt
sogleich bei sich ab dass solches kein Gespenst sei Rufet dannenhero den
Fuhrmann er solle halten und da dieser nit auf ihn hört springet er von dem
Wagen zeucht seinen Stossdegen und eilt dem Spök auf den Leib Als der Spök
solches gewahr wird will er umbkehren aber der Junker schlägt ihne mit der
Faust in das Genicke dass er gleich zur Erden stürzet und ein laut Gejünse3
erhebt Summa nachdem der Junker seinen Fuhrknecht gerufen bringt er den Spök
bald darauf wieder in die Stadt geschleppt und ergab es sich dass selbiger ein
Schuster war Namens Schwelm Diesem Schelm hat der Teufel recht das W
eingeflicket So bin ich auch bei dem großen Auflauf mit Mehren
hinzugetreten und habe den Kerl gesehen Er zitterte wie das Blatt einer
Espen und als man ihm hart zuredete er solle freiwillig bekennen maßen er
dann vielleicht sein Leben retten könne so es sich anders fände dass er Niemand
nit erwürget bekannte er auch dass er sich habe durch sein Weib ein arm
Sünderkleid nähen lassen solches angetan und sich zur Nacht und insonderheit
wann er in Erfahrung gebracht dass ein Wagen in der Stadt sei so nacher Wolgast
wolle vor dem Kerl auf das Rad gesetzet wo es dann in der Tunkelheit und der
Ferne nit zu sehen gewesen dass sie selbander dorten gesessen Wäre nun ein Wagen
angekommen und er herabgesprungen und hinten nach geloffen hätte sich alles
sogleich entsetzet und sein Augenmerk nit mehr auf den Galgen sondern bloß auf
ihm gehabt forts die Pferde angeschlagen und mit großem Rumor und Gepolter über
den Knüppeldamm gekutschiret Solches hätten aber seine Gesellen in Strellin und
Dammbecke gehört zwo Dörfer so fast drei Viertel Wegs entfernt seind und
sich fertig erhalten den Reisenden wenn sie nachgehends bis dahin gelanget die
Pferde abzuspannen und selbige zu plündern Als man nachgehends den Kerl
begraben hätte er seinen Spök noch leichter gehabt etc Dieses Alles wäre die
reine Wahrheit und hätte er selber in seinem Leben Niemand etwas abgenommen
noch ihn erwürget daher man ihm verzeihen wolle dieweil er ganz unschuldig
sei und alleswas an Raub und Mord fürgefallen seine Gesellen allein verübet
hätten Ei du feiner Schelm aber der Teufel hat dir das W nit umbsonst
eingeflicket Denn wie ich nachmals erfahren ist er samt seinen Gesellen wie
billig wieder aufs Rad gestoßen
Umb nun wieder auf meine Reise zu kommen so ist der Junker nunmehr zur
Nacht mit mir in der Herbergen verblieben und am andern Morgen frühe seind wir
beide aufgebrochen und da wir gute Kundschaft4 mit einander gemacht bin ich auf
seinen Wagen gestiegen wie er geboten um mit einander unterwegs zu
conversiren und mein Klaas hat hintennach gefahren Habe auch bald gemerket
dass er ein feiner ehrbarer und wohlgelahrter Herre sei angesehen er nit nur
das wüste Studentenleben verlobete5 und sich freute dass er nunmehr den
argen Sauftonnen entronnen sondern auch sein lateinisch ohne Anstoß redete
Hatte dannenhero viel Kürzweil mit ihm auf dem Wagen Doch zuriss uns in Wolgast
auf dem Fährboot das Seil sodass uns der Strom bis nach Zeuzin6 niederführete
und wir endlichnit ohne große Mühsal ans Land gelangeten Hierzwischen war es
fast spät worden und kamen wir erst umb 9 Uhren in Koserow an wo ich dann den
Junker bate bei mir die Nachterberge zu nehmen was er sich auch gefallen
ließ Mein Töchterlein saß am Kamin und nähete vor ihre kleine Pate ein Röcklein
aus ihren alten Kleiden zusammen Erschrak daher heftig und verfärbete sich
als sie den Junker mit mir eintreten sah und hörte er wolle hier zur
Nachterberge verbleiben angesehen wir bisher nit mehr Betten als zur höchsten
Notdurft von der alten Zabel Neringsche der Heidereuter Wittwen zu
Ückeritze gekaufet hatten Dannenhero nahm sie mich gleich absonderlich wie es
werden solle Mein Bette hätte heute ihre kleine Pate so sie darauf geleget
nit wohl zugerichtet und in ihrs könne sie doch den Junker unmöglich legen
wenn sie selber auch gerne bei der Magd niederkrühe Und als ich sie fragete
warumb denn nit verfärbete sie sich abermals wie ein rot Laken und hub an zu
weinen ließ sich auch den ganzen Abend nit wieder sehen so dass die Magd alles
besorgen und ihr verstehe meiner Töchterlein Bette endlich nur mit weißen
Leilachen vor den Junker überziehen musste da sie selber es nit tun wollte
Führe hier solches an damit man sehen möge wie die Jungfern seind Denn am
andern Morgen trat sie in die Stuben mit ihrem rot seidin Leibichen mit der
Haarhauben und dem Schurzfleck summa mit Allem angetan so ich ihr in Wolgast
gekaufet so dass der Junker sich verwunderte und viel mit ihr unter der
Morgensuppen conversirete worauf er alsdann seinen Abschied nahm und mich
bate wieder einmal in seine Burg vorzusprechen
Fußnoten
1 Wallenstein wär nämlich vom Kaiser mit Meklenburg belehnt und schonete daher
des Landes so viel er konnte
2 Spukerei
3 Gewimmer
4 Bekanntschaft
5 verachtete
6 jetzt Sauzin
Kapitel 12
Was ferner Freudiges und Betrübtes fürgefallen item wie Wittich Appelmann gen
Damerow auf die Wulfsjagd reutet und was er meinem Töchterlein angesonnen
Der Herr segnete meine Gemeind wunderlich in diesem Winter maßen sie nicht nur
in allen Dörfern eine gute Menge Fische fungen und versilberten besonderen auch
die Koserowschen 4 Saalhunde1 schlugen item der große Stormwind von 12ten
Decembris eine ziemliche Menge Birnstein an den Strand trieb so dass nunmehr
auch viele Menschen Birnstein funden doch nit sonderlich von Größe und wieder
anfingen sich Viehe als Küh und Schaafe von der Liepen und andern Orten zu
kaufen wie ich mir selber denn auch wieder zwo Kühe zulegete Item lief mein
Brodkorn so ich zur Hälfte auf meinen Acker und zur anderen Hälfte auf den
alten Paasschen seinen ausgestreuet noch ganz lieblich und holdselig auf da uns
der Herr bis dato einen offenen Winter geschenket aber wie es bei eines Fingers
Länge aufgeschossen lag es an eim Morgen wieder umbgestürzet und geruiniret und
abermals durch TeufelsSpöck maßen auch jetzo wie zuvorab nit die Spur eines
Ochsen oder Pferdes im Acker zu sehen war Der gerechte Gott aber wolle es
richten wie es denn jetzo auch schon geschehen ist Amen
Hierzwischen aber trug sich etwas Absonderliches zu Denn als Herr Wittich
meines Vernehmens eines Morgens aus dem Fenster schauet dass das Töchterlein
seines Fischers ein Kind bei 16 Jahren deme er fleißig nachgestellet in den
Busch geht sich trocken Holz zu brechen macht er sich auch alsobald auf
warumb will ich nit sagen und mag sich ein Jeglicher selber abnehmen Als er
jedoch den Klosterdamm eine Weile aufgeschritten und bei der ersten Brücken
kommt da wo der Ebreschenbaum steht sieht er zwo Wülfe so auf ihn zulaufen
und da er kein Gewehr nit bei sich führt als einen Stecken klettert er sofort
in einen Baum worauf die Wülfe umb selbigen herumtraben ihn anblinzen mit den
Augen das Maul löcken und endlich sich mit den Vordertatzen gegen den Baum in
die Höhe auffheben und hineinbeissen wobei er gewahr worden dass der eine Wulf
so ein He und ein langer feister Feger gewesennur ein Auge gehabt Hebet also an
in seiner Angst zu schreien und die große Langmut des barmherzigen Gottes
wollte ihn auch noch einmal erretten doch ohne dass er dadurch klug worden
wäre Denn das Dirnlein so sich auf der Wiesen hinter einen Knirkbusch
verkrochen als sie den Junker kommen sieht rennet forts auf das Schloss
zurücke worauf denn auch viel Volks alsobald herbeifähret die Wülfe verjaget
und den Junker erlöset Selbiger ließ daher eine große Wulfsjagd des andern
Tages in der Klosterheiden ansagen und wer den einäugigen Feger ihm tot oder
lebendig brächte solle eine Tonne Bier zum Besten haben Doch haben sie ihn nit
gefangen obgleich sie in den Netzen sonsten bei vier Wülfen diesen Tag gehabt
und geschlagen Also ließ er auch weiters in meinem Kapsel die Wulfsjagd
ansagen Doch wie der Kerl kommt die Glocke auf dem Torm zu rühren hält er
nit ein wenig inne wie es bei Wulfsjagden der Brauch ist, sondern schläget sine
mora2 immer tapfer zu an die Glocke so dass männiglich glaubt es sei ein Feuer
aufgegangen und schreiend aus den Häusern herfürspringt So läuft auch mein
Töchterlein herbei denn ich selber war zu einem Kranken nach Zempin gefahren
angesehen mir das Gehen schon etwas schwer fiele und ichs nunmehr ja auch
besser haben mochte hat aber noch nit lange gestanden und nach der Ursachen
geforscht als der Amtshaubtmann selber auf seinem Schimmel mit drei Fuder Zeug
hinter ihm herbei galoppiret und dem Volk befiehlet sogleich zur Heiden
aufzubrechen und auf den Wulf zu klappern Hierauf will er schon mit seinem
Jägersvolk und etzlichen Männern so er sich aus den Häufen gegriffen weiter
reuten umb hinter der Damerow den Zeug zu stellen maßen die Insel dorten
wunderlich schmal ist3 und der Wulf das Wasser scheuet als er meines
Töchterleins gewahr wird sein Pferd wieder umbdrehet sie unter das Kinn
greifet und freundlich examiniret wer und woher sie sei Als er solches
erforschet sagt er dass sie schier so hübsch sei als eine Engelin und dass er
gar nit gewusst dass der Priester hieselber eine so schöne Dirne hab Reutet
darauf weiter sich noch wohl an die zwei oder drei Malen nach ihr umbschauend
und gelangt auch im ersten Treiben schon zu dem einäugigten Wulf so im Rohr an
der Sehe gelegen wie sie gleich an der Loosung verspüret Denn der Wulf looset
immer auf einen Stein die Wölfin aber tät ihre Loosung mitten in den Weg und
es ist platschicht wogegen seins immer fast dicke ist Das hat den Junker sehr
ergetzet und haben die Zeugknechte ihn mit großen eisernen Zangen aus dem Garn
herfürhohlen und halten müssen worauf er ihn bei einer Stunden lang unter
großem Gelächter langsam und jämmerlich zu Tode gemartert was ein prognosticon
ist wie ers nachher mit meinem armen Kinde gemacht denn Wulf oder Lamm ist
diesem Schalksknecht gleich Ach du gerechter Gott Doch ich will nichts
übereilen noch zuvorkommen
Des andern Tages kommt den alten Seden sein gluderäugigt Weib so wie ein
lahmer Hund mit dem Hindern drohte und stellt meinem Töchterlein für ob sie
nit wolle bei dem Amtshaubtmann in Dienst treten lobet ihn als einen frommen
und tugendsamen Mann und wäre alles was die Welt von ihm afterrede erstunken
und erlogen wie sie selber deren Zeugnis ablegen könne angesehen sie länger
denn zehn Jahre bei ihme in dem Dienst gestanden Item lobet sie das Essen so
sie dorten hätte und das schöne Biergeld so große Herren welche hier gar oft
zur Herberge lägen vor die Aufwartung spendeten wie sie denn selber von
SrfG dem Herzogen Ernst Ludwig mehr denn ein Mal einen Rosenobel überkommen
Auch hätt es hier sonsten oft viel junge hübsche Leut so dass es ihr Glück sein
könnte maßen sie ein schön Frauensbild wäre und nur das Aussuchen hätte wen
sie heiraten wolle dass sie aber in Koserow wo Niemand nit käme sich krumm
und dumm sitzen könne bevorab sie unter die Hauben geriete etc Darob
erzürnete sie mein Töchterlein über die Macht und antwortete ei du alte Hexe
wer hat dir gesaget dass ich wolle in Dienst treten umb unter die Hauben zu
kommen Packe dich und komm mir nit ferner in das Haus denn ich habe mit dir
Nichtes zu schaffen worauf sie denn auch alsobald wieder mummelnd ihrer Straßen
zog
Kaum aber waren etzliche Tage verschienen und stehe ich mit dem Glaser in
der Stuben so mir neue Fenster eingesetzet als ich mein Töchterlein in der
Kammer bei der Küchen schreien höre Laufe also gleich hinein und perhorrescire
heftiglich als ich den Ambtshaubtmann selber in der Eckeh sah wie er mein
Kind umbhalset hält Lässt sie aber alsogleich fahren und spricht ei Ehre
Abraham was habt Ihr für eine kleine spröde Närrin zur Tochter Will ihr nach
meiner Weiß einen Kuss zum Willkommen geben da wehret sie sich und tut einen
Schrei als wäre ich ein junger Fant der sie überschlichen so ich doch wohl
doppelt ihr Vater sein könnte Als ich hierauf schwiege hüb er an fortzufahren
dass er sie habe zuversichtlich machen wollen maßen er sie wie ich wüsste in
seinen Dienst begehrete und was er sonst fürbrachte und ich vergessen hab
Nötigte ihn darauf in die Stube dieweil er immer meine von Gott gesetzte
Obrigkeit ware und fragte demütiglich was Se Gestrengen von mir wöllen
worauf er freundlich zur Antwort gab dass er wohl billig mir zürnen möchte
angesehen ich ihn vor der ganzen Gemeine abgekanzelt solches aber nit tun
sondern die Klageschrift contra me gegen mich so er schon gen Stettin an Se
fürstliche Gnaden geschicket und mir leicht den Dienst kosten könnte
wiederkommen lassen wolle so ich seinen Willen tät Und als ich fragete was
Sr Gestrengen Willen wär auch mich von wegen der Predigt soviel entschuldiget
als ich konnte gab er zur Antwort dass er sehr benötiget sei um eine treue
Ausgebersche so er dem andern Frauensvolk fürsetzen könnte und da er in
Erfahrung gezogen dass mein Töchterlein eine treue und wackere Person sei möcht
ich sie ihme in den Dienst geben Siehe sprach er zu ihr und zwackete sie in
die Backen so will ich dich zu Ehren bringen obwohl du ein so junges Blut bist
und doch schreistu als wöllt ich dir zu Unehren verhelfen Fu schäme dich
Mein Töchterlein weiß dieses noch alles verbotenus4 ich hätte es über allen
Jammer so ich nachgehends gehabt wohl hundertmal vergessen Aber sie ließ
sich solches verdrießen indem sie von der Bank aufsprange und kurz zur Antwort
gab ich danke Ihme für die Ehre will aber nur meinem Papa wirtschaften
helfen das wird besser Ehre vor mich sein worauf der Junker sich zu mir
hinwendete und was ich dazu sagte Ich muss aber bekennen dass ich in nit
geringer Angst ware inmassen ich an die Zukunft gedachte und an das Ansehen in
welchem der Junker bei Sr fürstl Gnaden stande Gab also demütig zur Antwort
dass ich mein Töchtcrlein nit zwingen könne sie auch gerne umb mich behielte
angesehen meine liebe Hausfrau in der schweren Pestzeit bereits dieses Zeitliche
gesegnet und ich nicht mehr Kinder hätte denn sie alleine Se Gestrengen
müchten dannenhero nicht ungnädig werden wenn ich sie nicht bei Sr Gestrengen
in den Dienst schicken könnte Dieses verdross ihn heftiglich und nachdeme er
noch eine Zeitlang umbsonst disputiret valedicirte er endlich doch nicht ohne
mir zu dräuen dass er es mir schon gedenken wolle Item hat mein Knecht
gehöretso in dem Pferdestall gestanden dass er umb die Ecken gehend für sich
gesaget ich will sie doch wohl kriegen
Solches machte mich schier wieder ganz verzaget als den Sonntag darauf sein
Jäger kam Namens Johannes Kurt ein hübscher großer Kerl und wohlgeputzet
Hatte einen Rehbock vor sich auf das Pferd gebunden und sagte dass Se
Gestrengen mir solchen verehret in Hoffnung ich würd mich besinnen über unsern
Handel anerwogen er seit der Zeit umbsonst nach einer Ausgebersche überall
herumbgegabelt Se Gestrengen wolle auch so ich mich anders schickete bei Sr
fürstlichen Gnaden ein Fürwort tun dass mir aus dem fürstlichen aerario die
Dotation des Herzogen Pilippi Julii verabreichet würde etc Dieser junge Kerl
erhielt aber dieselbige Antwort denn sein Herr selber und bate ihn er wolle
den Rehbock nur wieder mitnehmen Aber solliches wegerte er sich und da ich ihm
von ungefährlich vorher gesaget dass Wildprett vor mich das liebste Essen sei
versprach er mich auch in Zukunft reichlich zu versorgen weilen es gar viel
Wild in der Heiden hätte er öftermalen hier im Streckelberge pürschen ginge
und ich wollte sagen mein Töchterlein ihm absonderlich gefiele zumalen ich
nit seines Herren Willen tät welcherim Vertrauen geoffenbaret kein Mädchen
nit im Friede ließe es also auch meine Jungfer nit lassen würde Wiewohlen ich
nun sein Wildprett recusirete bracht er es doch und kam inner 3 Wochen wohl an
die vier oder fünf Malen und wurde immer freundlicher gegen mein Töchterlein
Schwätzete endlich auch viel von seinen guten Dienst und dass er sich eine gute
Hausfrau suche wo wir denn alsobald merketen aus welcher Ecken der Wind
bliese Ergo5 gab ihm mein Töchterlein zur Antwort wenn er sich doch eine
Hausfrauen suche so wundere es ihr dass er die Zeit verliere umbsonst nach
Koserow zu reuten denn hier wisse sie keine Hausfrau vor ihn welches ihn fast
schwer verdross und er nit wieder kam
Nun hätte männiglich gläuben sollen der Braten wäre doch auch vor den
Amtshaubtmann zu riechen gewesen nichts destoweniger aber kam er bald darauf
wieder herbeigeritten und freiete nun gerade raus vor seinen Jäger um mein
Töchterlein Versprach auch er wolle ihm ein eigen Haus in der Heiden bauen
item ihm Kessel Schüsseln Betten etc verabreichen angesehen er den Kerl aus
der heiligen Taufe gehoben und er sich auch inner sieben Jahren wacker und gut
in seinem Dienst gestellt Hierauf gab ihm mein Töchterlein zur Antwort dass
Se Gestrengen ja bereits gehört dass sie ihrem Papa nur wirtschaften wolle
sie auch noch viel zu jung wäre umb schon vor eine Hausfrau zu gelten
Solches verdross ihn aber nit wie es den Anschein hatte sondern nachdem er
noch eine Zeitlang viel umbsonst discuriret ging er freundlich abe wie ein
Kätzlein so sich auch stellt als ließe sie von der Maus und hinter die Ecken
kreucht so es doch nicht ihr Ernst ist und sie alsbald wieder herfürspringt
Denn er sah sonder Zweifel dass er seine Sache sehr tumm angefangen darumb
ging er sie besser anzuheben und Satanas ging mit ihm wie weiland mit Judas
Ischariot
Fußnoten
1 Seehunde
2 ohne zu pausieren
3 Die Breite welche immer mehr ab nimmt beträgt jetzt kaum noch einen
Büchsenschuss
4 wörtlich
5 Daher
Kapitel 13
Was sonsten in diesem Winter fürgefallen item wie im Frühjahr die Zauberei im
Dorfe anhebt
Sonsten ist in diesem Winter nichts Sonderliches fürgefallen als dass der
barmherzige Gott großen Seegen gab im Achterwasser wie in der Sehe und wieder
gute Nahrung in der Gemeine kam so dass auch von uns konnte gesaget werden wie
geschrieben steht ich hab dich ein klein Augenblick verlassen aber mit großer
Barmherzigkeit will ich dich sammlen1 Dannenhero wurden wir auch nit müde dem
Herrn zu danken und tät die Gemeine der Kirchen viel Gutes kaufete auch
wieder neue Kantzel und Altartücher da der Feind die alten geraubet item
wollte mir das Geld vor die neuen Kelche wieder erstatten so ich aber nit
genommen hab
Doch hatte es noch bei zehen Bauern im Kapsel die ihr Saatkorn zum Frühjahr
nit schaffen kunnten angesehen sie ihren Verdienst vor Vieh und das liebe
Brodkorn ausgegeben Machte also mit ihnen einen Vertrag dass ich ihnen wolle
das Geld dazu fürstrecken und könnten sie es mir in diesem Jahr nicht wieder
aufbringen möchten sie es im nächsten mir wiedererstatten welches sie auch
dankbarkich annahmen und schickten wir bei sieben Wagens nacher Fredland in
Meklenburg vor uns Alle Saatkorn zu hohlen Denn mein lieber Schwager Martin
Behring in Hamburg hatte mir allbereits durch den Schiffer Wulf der zu
Weihnachten schon wieder binnen gelaufen war vor den Birnstein 700 Fl
übermachet die ihme der Herr gesegnen wolle
Sonsten starb diesen Winter die alte Tiemksche in Loddin so vor eine
Großmutter im Kapsel ware und auch mein Töchterlein gegriffen hat Aber sie hat
in letzter Zeit wenig Arbeit gehabt inmassen ich in diesem Jahre nur zwei
Kinder getaufet als Jung seinen Sohn in Ückeritze und Lene Hebers ihr
Töchterlein so die Kaiserlichen gespiesset Item sind es fast fünf Jahr dass ich
die letzten Brautleute vertrauet Dannenhero männiglich gießen mag dass ich
hätte mögen zu Tode hungern wenn der gerechte Gott mich nit auf andere Weiß so
grundgütig bedacht und gesegnet hätte Darumb sei ihm allein die Ehr Amen
Hierzwischen aber begab es sich nit lange darauf als der Ambtshaubtmann das
letzte Mal da gewesen dass die Zauberei im Dorfe begunnte
Sass eben und traktirte mit meinem Töchterlein den Virgilium im zweiten Buch
von der gräulichen Verwüstung der Stadt Troja so doch noch erschröcklicher
gewesen denn unsere als das Geschreie kam dass unsern Nachbauern Zabel seine
rote Kuh so er sich vor wenigen Tagen gekaufet im Stalle alle Viere von sich
gestoßen und verrecken wolle und solches ein seltsam Ding wäre angesehen sie
noch vor einer halben Stunden wacker gefressen Mein Töchterlein möchte doch
hinkommen und ihr drei Haare aus dem Schweif ziehen und selbige unter der
Stallschwellen verscharren Denn sie hätten in Erfahrung gebracht wenn solches
eine reine Jungfer tät würde es besser mit der Kuh Tät ihnen mein
Töchterlein also den Willen dieweil sie die einige Jungfer im ganzen Dorf war
denn die andern seind noch alle Kinder und schlug es auch von Stund an so dass
sich männiglich verwunderte Aber es währete nit lange so kam Wittahnsche ihrem
Schwein beim gesunden Fressen auch was an Selbige kam also angelaufen dass mein
Töchterlein sich umb Gotts Willen erbarmen und ihrem Schwein auch etwas
gebrauchen wolle da böse Menschen ihme was angetan Dannenhero erbarmte sie
sich auch uhd es half alsogleich wie das erste Mal Doch hatte das Weib so
gravida war von dem Schröcken die Kindesnot überkommen und wie mein
Töchterlein kaum aus dem Stalle ist geht sie jünsend und sich an allen Wänden
stützend und begreifend in ihre Bude rufet auch ringsumbher die Weiber
zusammen da die rechte Großmutter wie bemeldet verstorben war und währet es nit
lange so scheusst auch etwas unter ihr zur Erden Doch als sich die Weiber
danach niederbücken hebt sich der Teufelsspök so Flügel gehabt wie eine
Fledermaus von der Erden schnurret und burret in der Stuben umbher und
scheusst dann mit großem Rumor durch das Fenster dass das Glas auf die Straßen
klinget Wie sie aber nachsehen ist allens fort Nun kann man genugsam bei sich
selber abnehmen welch ein groß gemein Geschrei hieraus entstande Und
judicirte fast das ganze Dorf dass Niemand nit denn den alten Seden sein
gluderäugigt Weib solchen Teufelsspök angerichtet
Aber die Gemein wurde bald in solchem Glauben irrig Denn desselbigen Weibes
ihre Kuh kriegt es bald auch so wie alle Andern ihre Kühe Kam daher auch
wehklagend herbeigelaufen dass mein Töchterlein sich ihrer erbarmen wöll wie
sie sich der Andern erbarmet und umb Gotts willen ihrer armen Kuh helfen Hätte
sie ihr verarget dass sie von dem Dienst beim Ambtshaubtmann ihr etwas gesaget
so wär es ja aus gutem Herzen geschehen etc Summa sie beredete mein unglücklich
Kind dass sie auch hinginge und ihrer Kuh half
Unterdessen lag ich an jeglichem Sonntag mit der ganzen Gemein auf meinen
Knieen dem Herrn an dass er dem leidigen Satan nit wolle gestatten uns dasjenige
wiederumb zu nehmen was seine Gnad uns nach so vielerlei Not aufs Neu
zugewendet item dass er den autorem von solchem Teufelsspök an das Tageslicht
bringen wolle umb ihm die verdiente Straf zu geben
Aber es half Allens nit Denn allererst waren wenig Tage verstrichen so kam
Stoffer Zuter seiner bunten Kuh auch was an und kam er wieder wie all die
Andern zu meinem Töchterlein geloffen Ging sie also auch hin aber es wollte
nit anschlagen sondern das Viehe verreckete fast unter ihren Händen
Item hatte Käte Berow von das Spinngeld so sie diesen Winter von meim
Töchter lein erhalten sich ein Ferkelken angeschaffet so das arme Weibstück
wie ein Kind hielte und bei sich in der Stuben laufen hatte Selbiges Ferkelken
kriegt es auch wie die andern im Umbsehen doch als mein Töchterlein hiezu
gerufen wird will es auch nit anschlagen sondern es verrecket ihr abermals
unter den Händen und erhebt das arme Weibsbild ein groß Geschrei und reißt
sich für Schmerz die Haare aus so dass es mein Kind erbarmet und sie ihr ein
ander Ferkelken verspricht wenn meine Sau werfen würd Hierzwischen mochte wohl
wieder eine Woche verstreichen in währender Zeit ich mit der ganzen Gemein
fortfuhre den Herrn umb seinen gnädigen Beistand wiewohl umbsonst anzurufen
als Sedensche ihr Ferkel auch was ankömmt Läuft daher wieder mit großem
Geschrei zu meiner Tochter und wiewohl diese ihr sagt dass sie ja sähe es
wolle nit mehr helfen was sie vor das Vieh gebrauchte hörte sie doch nit auf
selbiger mit großem Lamentiren so lange anzuliegen bis sie sich abermals
aufmachte ihr mit Gotts Hilfe beizustehn Aber es war auch umsonst angesehen
das Ferkelken schon verreckete bevorab sie den Stall verlassen Was tät aber
nunmehr diese Teufelshure Nachdeme sie mit großem Geschrei im Dorf
umbhergeloffen sagt sie nun sähe doch männiglich dass mein Töchterlein keine
Jungfer mehr wäre denn warumb es sonst jetzt nit mehr helfen sollte wenn sie
dem Viehe was gebrauchte so es doch vorher geholfen Hätte wohl ihre
Jungferschaft in dem Streckelberg gelassen wohin sie diesen Frühjahr so fleißig
trottire und wüsste Gott wer selbige bekommen Doch weiter sagt sie noch
nichtes und erfuhren wir dies Allens nur hernachmals Und ist wahr dass mein
Töchterlein diesen Frühjahr ist mit und ohne mich in den Streckelberg
gespaziret umb sich Blumen zu suchen und in die liebe Sehe überzuschauen
wobei sie nach ihrer Weiß diejenigen Versus aus dem Virgilio so ihr am Besten
gefallen laut gerecitiret denn was sie ein paar Mal lase das behielte sie
auch
Und solche Gänge wegerte ich ihr auch nicht denn Wülfe hatte es nicht mehr
im Streckelberge und wenn es auch noch einen hatte so fleucht er vor dem
Menschen zur Sommerszeit Doch nach dem Birnstein verbot ich ihr zu graben Denn
da er nunmehr schon zu tief fiele und wir nicht wussten wo wir mit dem Aufwurf
bleiben söllten dass es nit verraten würd nahm ich mir für den Herrn nicht zu
versuchen besonderen zu warten bis mein Fürrat an Gelde fast klein würde
bevorab wir wieder grüben
Solliches tät sie aber nicht wiewohl sie es versprochen und ist aus
diesem Ungehorsamb all unser Elend herfürgegangen Ach du lieber Gott welch
ein ernst Ding ist es doch umb dein heilig viertes Gebot Denn da Ehre Johannes
Lampius von Crummin so mich im Frühjahr heimbgesuchet mir verzählet dass der
Kantor in Wolgast die opp St Augustini2 verkaufen wolle und ich in ihrer
Gegenwärtigkeit gesaget dass ich solche wohl vor mein Leben gerne kaufen möchte
aber das Geld davor nit übrig hätte stunde sie ohne mein Wissen des Nachts auf
umb nach Birnstein zu graben solchen auch so gut sie könnte in Wolgast zu
versilbern und zu meinem Geburtstag welcher den 28sten mensis Augusti einfällt
mir heimlich die opp St Augustini zu verehren Den Aufwurf hat sie aber immer
mit tännin Zweigen bedecket so es genugsam in der Heiden hat damit Niemand
nichtes verspüren möchte
Hierzwischen aber begab sich dass der junge nobilis Rüdiger von Nienkerken
eines Tages angeritten kam um Kundschaft von dem großen Zauber zu überkommen
so hier im Dorfe sein solle Als ich ihme nun solchen verzählet schüttelte er
ungläubig das Haupt und vermeinte dass es mit aller Zauberei fast Lüg und Trug
wäre wovor ich mich heftiglich perhorrescirete angesehen ich diesen jungen Herrn
für einen klügeren Mann gehalten und nun sehen musste dass er ein Ateiste war
Solches aber merkete er und gab lächelnd zur Antwort ob ich jemals den Johannem
Wierum3 gelesen so nichts wissen wolle von der Zauberei und argumentire dass
alle Hexen melancholische Personen wären die sich selber nur einbildeten dass
sie einen pactum mit dem Teufel hätten und ihm mehr erbarmens denn strafwürdig
furkämen Hierauf gabe ich zur Antwort dass ich solchen zwar nit gelesen denn
sage wer kann Allens lesen was die Narren schreiben aber der Augenschein
zeige ja hier und aller Orten dass es ein ungeheurer Irrtumb sei die Zauberei
zu leugnen inmassen man alsdann auch leugnen könnte dass es Mord Ehebruch und
Diebstahl gäb
Aber dieses Argumentum nannte er ein Dilemma4 und nachdeme er viel von dem
Teufel gedisputiret so ich vergessen da es arg nach Ketzereien roche sagete
er er wolle mir von einem Zauber in Wittenberg erzählen so er selber
gesehen
Als dorten nämblich ein kaiserlicher Haubtmann vor dem Elstertore eines
Morgens sein gutes Ross bestiegen um sein Fähnlein zu inspiciren hebet solches
alsobald an so grimmig zu toben bäumet schüttelt mit dem Kopfe prustet
rennet und brüllet nit wie Pferde sonst tun dass sie wiehern sondern es ist
anzuhören gewesen als wenn die Stimm aus einem Menschenhalse käme so dass
männiglich sich verwundert und Allens das Rösslein für bezaubert gehalten Es
hätte auch alsobald den Haubtmann abgeworfen ihm mit seinem Huf den Schädel
eingeschlagen dass er da gelegen und gezappelt und hätte nunmehr ins Weite
wöllen Da hätte ein Reutersmann sein Handröhr auf das verzauberte Ross
abgedrucket dass es gleich auf den Weg zusammengeschossen und verrecket sei So
wäre er auch mit vielen hinzugetreten dieweil der Obrist alsofort Befehlig an
den Feldscheerer gegeben das Ross aufzuschneiden umb zu sehen wie es innerlich
mit ihm stünde Wäre aber alles gut gewesen und beide der Feldscherer und
Feldmedicus hätten testificiret dass es ein kern gesund Ross sei wannenhero denn
Allens noch weit heftiger über Zauberei geschrien Hierzwischen aber hätte er
selber verstehe den jungen Nobilis gesehen dass dem Rösslein ein feiner Rauch
aus der Nasen gezogen und als er sich niedergebucket hätte er alsobald einen
Lunten herfürgezogen fast bei eines Fingers Länge so noch geschwelet und ihme
ein Bube mit einer Nadel heimlich zur Nasen hineingestossen Da wäre denn die
Zauberei auf einmal vergeschwunden und man hätte den Täter nachgespüret so
auch alsobald gefunden wär nämblich der Reutknecht von dem Haubtmann selber
Denn da sein Herr ihm das Wammes ausgeklopfet hätte er einen Eid getan es ihm
zu gedenken so aber der Profost selber gehört der von ungefährlich am Stall
gestanden und geharnet Item hätte ein anderer Kriegsknecht bezeuget dass er
gesehen wie der Kerl ein Stück von der Lunten geschnitten kurz zuvor ehe denn er
seinem Herren das Ross vorgeführet Also meinte nun der junge Edelmann wär es
mit jeglicher Zauberei so man damit auf den Grund ginge wie ich ja auch
selber in Gützkow gesehen wo der Teufelsspök ein Schuster gewesen und würd es
auch hier im Dorf wohl auf gleiche Weiß zugestehn Vor solche Rede wurde ich
aber dem Junker von Stund an als einem Ateisten abhold wiewohlen ich in
Zukunft leider Gottes gesehen hab dass er fast recht gehabt denn wäre der
Junker nit gewesen wo wäre dann mein Kind
Doch will ich Nichtes übereilen Summa ich ging fast verdrießlich über
diese Wort in der Stuben umbher und fing der Junker nunmehr an mit meinem
Töchterlein über die Zauberei zu disputiren bald deutsch und bald lateinisch
wie es ihm ins Maul kam und sollte sie auch ihre Meinung sagen Aber sie gab
ihm zur Antwort dass sie ein dumm Ding sei und keine Meinung haben könnte dass
sie aber dennoch gläube der Spök hier im Dorfe ginge nit mit rechten Dingen zu
Hierüber rief mich die Magd abseiten weiß nit mehr was sie wollte doch als ich
wieder in die Stuben kam war mein Töchterlein so rot wie ein Schaarlachen und
der Junker stunde dicht vor ihr Fragete sie dannenhero gleich als er
abgeritten ob etwas fürgefallen so sie aber leugnete und erst nachgehends
bekannte dass er in meinem Abwesen gesaget dass er nur einen Menschen kenne so
zu zaubern verstünde und als sie ihn gefraget wer derselbige Mensch denn wäre
hätte er sie bei der Hand gegriffen und gesaget »Sie ist es selber liebe
Jungfer denn sie hat meinem Herzen etwas angetan wie ich verspüre« Weiteres
aber hätte er nichtes gesaget als dass er sie dabei mit brennenden Augen ins
Angesicht geschauet und darüber wäre sie so rot worden
Aber so seind die Mädchens sie haben immer ihre Heimblichkeiten wenn man
den Rücken drehet und ist das Sprüchwort wahr
Mätens to höden
Un Kücken to möten
Sall den Düwel sülfst vertreten5
wie man leider nachgehends noch weiter finden wird
Fußnoten
1 Jesaias 54 7
2 Die Werke des heiligen Augustin
3 Ein niederländischer Arzt der lange vor Spee und Tomasius das Unwesen des
Zauberglaubens seiner Zeit in der Schrift confutatio opinionum de magorum
Daemonomia Frankfurt 1590 angriff dafür aber von Bodinus und andern selbst
für den ärgsten Hexenmeister verschrieen wurde Und allerdings ist es auffallend
dass derselbe freidenkende Mann früher in einer andern Schrift de praestigiis
Daemonum die Beschwörung der Geister gelehrt und darin die ganze Hölle mit dem
Namen und Zunamen ihrer 572 Teufelsfürsten beschrieben hatte
4 verfänglicher Schluss
5 di etwa Mädchen und Küchlein zu hüten soll wohl den Teufel selbst
verdrießen wobei jedoch zu bemerken dass die hochdeutsche Sprache das malerische
Wort »möten« nicht ausdrücken kann welches eigentlich bedeutet mit
vorgestreckten Armen das Korn oder irgend einen andern lockenden Gegenstand vor
dem Andrange der Tiere zu schützen
Kapitel 14
Wie der alte Seden plötzlich verschwindet item der große Gustavus Adolphus
nachher Pommern kommt und die Schanze zu Peenemünde einnimmt
Mit der Zauberei war es nunmehr eine Zeitlang geruhlig1 so man die Raupen nicht
in Anrechnung zeucht welche mir meinen Obstgarten gar jämmerlich geruiniret
und welches sicherlich ein seltsam Ding war Denn die Bäumleins blüheten alle so
lieblich und holdseelig dass mein Töchterlein eines Tages sagte als wir
darunter umbher gingen und die Allmacht des barmherzigen Gottes preiseten »so
uns der Herr weiter gesegnet ist es diesen Winter bei uns alle Abend heiliger
Christ« Aber es sollte bald anders kommen Denn es befanden sich im Umbsehen so
viele Raupen große und kleine auch von allerhand Farb und Kolör auf den
Bäumen dass man sie fast mit Scheffeln messen mochte und währete nit lange als
meine arme Bäumekens allesammt wie die Besenreiser aussahen und das liebe
Obst so angesetzet abfiel und kaumb vor meinem Schwein zu gebrauchen war
Will hierbei auf Niemand raten doch hatte gleich dabei meine eigenen Gedanken
und habe sie noch Sonsten stand mein Gerstenkorn so ich bei 3 Scheffeln in die
Wort gestreuet sehr lieblich Auf dem Felde aber hatte ich nichtes ausgeworfen
angesehen ich die Bosheit des leidigen Satans scheuete Auch hatte die Gemeine
heuer nit viel Seegen an Korn inmassen sie zumb Teil aus großer Not keine
Wintersaat gestreuet und die Sommersaat auch nit fort wollte Sonsten an
Fischen fungen sie in allen Dörfern durch die Gnade Gottes viel insonderheit an
Häring welcher aber schlecht im Preise steht Auch schlugen sie manchen
Saalhund2 und habe ich selber um Pfingsten aus einen geschlagen als ich mit
meinem Töchterlein an der Sehe ging Selbiger lag auf eim Stein dicht am Wasser
und schnarchete wie ein Mensch Zog mir also die Schuhe aus und ging heimblich
hinzu dass er nichts merkete worauf ich ihme mit einem Stecken so über die
Nasen schlug denn an der Nasen kann er wenig vertragen dass er gleich ins
Wasser purzelte Doch war ihm die Besinnung schon wegk und mochte ich ihn
nunmehr leichtlich ganz zu Tode schlagen Es war ein feistes Beest obwohl nit
gar groß und brieten wir doch aus seinem Spek an die 40 Pott Tran so wir
beschlossen zur Winternotdurft aufzuheben
Hierzwischen aber begab es sich dass dem alten Seden flugs etwas ankam also
dass er das heilige Sakrament begehrete Ursache konnte er nit angeben als ich
zu ihm kam hat es aber vielmehr wohl nit tun wöllen aus Furcht für seiner
alten Lisen so mit ihren Gluderaugen sein immer hütete und nicht aus der
Stuben ging Sonsten wollte Zutern sein klein Mädchen ein Kind bei 12 Jahren am
Gartenzaum auf der Straßen wo sie Kraut vor das Vieh gepflücket gehört haben
dass Mann und Frau sich etzliche Tage zuvorab wieder heftig gescholten und der
Kerl ihr fürgeschmissen dass er nunmehr gewisslich in Erfahrung gebracht dass
sie einen Geist habe und wolle er alsobald hingehen und es dem Priester
verzählen Wiewohlen das nur Kinderreden seind will es doch wohl wahr sein
anerwogen Kinder und Narren wie man sagt die Wahrheit sprechen
Doch lass ich das in seinen Würden Summa es wurde immer schlimmer mit
meinem alten Fürsteher und wenn ich ihne wie ich den Brauch bei Kranken hab
alle Morgen und Abend heimbsuchte umb mit ihm zu beten und oftmalen wohl
merkete dass er etwas annoch auf seim Herzen hatte kunnte er doch nichtes
herfürbringen angesehen die alte Lise immer auf ihrem Posten stunde
So verblieb es eine Zeitlang als er eines Tags umb Mittag aus zur mir
schickete ich wolle ihme doch ein klein wenig Silbers von dem neuen
Abendmahlkelch abschrapen3 weilen er den Rat gekriegt dass es besser mit ihm
werden würd wenn er es mit Hühnermist einnähm Wollte lange Zeit nit daran
gehen maßen ich gleich vermutete dass dabei wieder Teufelsspök verborgen
aber er tribulirete so lange bis ich ihme den Willen tat
Und siehe es half fast von Stund an so dass er am Abend als ich kommen war
mit ihme zu beten schon wieder auf der Bank saß ein Topf zwischen den Beinen
aus welchem er seine Suppen kellete Wollte aber nit beten ein seltsam Ding da
er doch sonsten so gerne gebetet und oftmals kaum die Zeit ausharren kunnte
ehe ich kam so dass er wohl an die zween oder dreien Malen geschicket wenn ich
nit gleich zur Hand ware oder sonst wo mein Wesen hatte sondern sagete er
hätte schon gebetet und wolle er mir vor meine Mühe den Hahnen zu einer
Sonntagssuppen geben wovon er den Mist eingenommen maßen es ein großer schöner
Hahnen sei und er nichts Besseres hätte Und weilen das Hühnerwerk schon
aufgeflogen trat er auch zu dem Wiem4 so er in der Stuben hinter dem Ofen
hatte und langete den Hahnen herab so er meiner Magd unter den Arm tät so
gekommen war mich wegkzurufen
Hätte aber den Hahnen umb alles in der Welt nit essen wollen besonderen ließ
ihn zur Zucht laufen Wie ich nun ginge fragte ihn noch ob ich am Sonntage dem
Herrn vor seine Besserung danken solle worauf er aber zur Antwort gab dass ich
solches halten könne wie mir geliebte Verliess also kopfschüttelnd sein Haus
und nahm mir für ihn alsogleich rufen zu lassen wenn ich in Erfahrung gezogen
dass seine alte Lise nit heimisch sei denn sie hohlete sich oft von dem
Amtshaubtmann Flachs umb solchen aufzuspinnen Aber siehe was geschah schon
nach etzlichen Tagen Es kam das Geschreie der alte Seden wäre wegkgekommen
und Niemand wüsste nit wo er geblieben Sein Weib vermeinte er wäre in den
Streckelberg gangen und kam daher diese vermaledeiete Hexe auch mit großem
Geheul bei mir vorgelaufen und forschete von meinem Töchterlein ob sie ihren
Kerl nit wo hätte daselber laufen gesehen dieweil sie ja alle Tage in den
Berg ginge Mein Töchterlein sagte nein sollte aber seis Gott geklagt bald
genugsamb von ihme erfahren Denn als sie eines Morgens ehe denn die Sonne
aufgegangen gewesen von ihrer verbotenen Gräberei zurückkömmt und in den Wald
niedersteiget hört sie flugs sich zur Seiten einen Grünspecht so sicherlich
die alte Lise selber gewesen so erbärmlich schreien dass sie in das Gebüsche
tritt zu sehen was er hätte So sitzt nun dieser Specht auf der Erden vor
einem Flusch Haaren so rot und ganz so gewesen seind wie den alten Seden
seine burret aber mit einem Schnabel voll auf wie er ihrer gewahr wird und
verkreucht sich damit in ein Astloch Wie mein Töchterlein noch steht und
diesen Teufelsspök betrachtet kommt der alte Paassch so das Geschrei auch
gehört und mit seinem Jungen sich Daukelschächte5 in den Berg gehauen auch
herbei und entsetzet sich gleicher Weiß wie er die Haare an der Erden sieht
Und vermeinen sie erstlich dass ihn ein Wulf gefressen sehen dannenhero sich
auch überall umb aber finden kein einig Knöchelken Wie sie aber in die Höhe
schauen kommt es ihnen für als ob oben im Wipfel auch was Rotes glitzerte
und muss der Junge in den Baum steigen wo er denn alsogleich ein groß Geschrei
anhebt dass es hier auch auf eim Paar Blätter einen guten Flusch roter Haare
hätte so mit den Blättern zusammengeklebet wären wie mit Pech Aber es wäre
kein Pech nit sondern sähe rot und weisssprenglich aus wie Fischküt6 Item
wären die Blätter ringsumbher wo auch keine Haare säßen bunt und fleckicht
und voll unsauberen Stankes Wirft also der Junge auf Geheiß seines Herren den
Kletten herab und judiciren sie beide gleich unten dass dies den alten Seden
sein Haar und Hirn sei und ihn der Teufel bei lebendigen Leibe gehohlet weil
er nit hat beten wöllen und dem Herrn danken vor seine Besserung Solches
gläubete ich auch selber und stellte es auch am Sonntag so der Gemeine für
Aber man wird weiters unten sehen dass der Herr noch andere Ursachen gehabt ihn
in die Hand des leidigen Satans zu geben angesehen er sich auf Zureden seines
bösen Weibes von seinem Schöpfer losgesagt umb nur wieder besser zu werden Vor
jetzo aber tät auch diese Teufelshure als wäre ihr das grössete Herzeleid
zugefüget inmassen sie sich die roten Haare bei ganzen Fluschen ausrisse wie
sie von dem Grünspecht durch mein Töchterlein und den alten Paassch hörte und
lamentirte dass sie nunmehr auch eine arme Wittib sei und wer sie in Zukunft
verpflegen würd etc
Hierzwischen feierten wir auch an dieser öden Küsten so gut wir kunnten und
mochten mit der ganzen protestantischen Kirchen den 25sten Tag mensis Junii wo
für nunmehr 100 Jahren die Stände des heil Römischen Reichs dem
grossmächtigsten Kaiser Karolo V ihre Konfession zu Augsburg fürgeleget und
hielte ich die Predigt über Matt 10 32 von der rechten Bekenntnüss unsers
Herrn und Heilandes Jesu Christi worauf die ganze Gemeine zum Nachtmahl ging
Doch gegen den Abend desselbigen Tages als ich mit meinem Töchterlein zur Sehe
gespatziret war sahen wir umb den Ruden viele hundert Masten von großen und
kleinen Schiffen hörten auch ein merklich Schießen und judicirten alsbald dass
es der grossmächtigste König Gustavus Adolphus sein möchte so nunmehr wie er
versprochen der armen bedrängeten Christenheit zur Hülf käme Im währenden
Judiciren aber segelte ein Boot von der Oie7 heran worinnen Käte Berowsche ihr
Sohn saß so dorten ein Bauer ist und seine alte Mutter heimbsuchen wollte
Selbiger verzählete dass es wirklich der König wär so diesen Morgen von Rügen
mit seiner Flotten den Ruden angelaufen allwo ein Paar Oier Leut gefischet und
gesehen dass er alsofort mit seinen Officirers an das Land gestiegen und
alldort mit geblössetem Haupt auf seine Knie gefallen sei8
Ach du gerechter Gott da hatte ich unwürdiger Knecht am lieben Abend noch
eine größere Jubelfreude denn am lieben Morgen und kann man leichtlich bei
sich selber abnehmen dass ich nicht angestanden mit meim Töchterlein alsofort
auch auf meine Kniee zu fallen und es dem König nachzutun Und weiß Gott ich
hab in meinem Leben nicht so brünstig gebetet denn diesen Abend wo der Herr uns
ein sollich Wunderzeichen fürstellete dass der Retter seiner armen Christenheit
gerade anlagen musste an dem Tag wo sie ihn aller Orten umb seine Gnad und Hilfe
für des Pabstes und Teufels Mord und List auf ihren Knien angeschrieen hatte
Konnte auch die Nacht darauf für Freuden nicht schlafen besonderen ging schon
zur frühen Morgenzeit nach der Damerow wo Viten seinem Jungen etwas angekommen
war Gläubete schon es würd auch Zauberei sein aber es war dieses Mal keine
Zauberei angesehen der Junge in der Heiden etwas Schlimmes gefressen hatte Was
es für Beeren gewesen kunnte er nit mehr sagen doch zog das Malum so ihm das
Fell ganz rot wie Scharlach gemachet alsbald fürüber Als ich darumb bald
hernacher den Heimweg antrate begegnete ich einem Boten von Peenemünde so Ihr
Majestät der grossmächtigste König Gustavus Adolphus an den Amtshaubtmann
gesendet dass er ihme am 29 Juny um 10 Uhren Morgens solle drei Wegweiser bei
Koserow gestellen um Sr Majestät durch die Wälder nach der Swine zu geleiten
allwo die Kaiserlichen sich verschanzet hatten Item verzählete er dass Ihr
Majestät schon gestern die Schanze zu Peenemünde eingenommen was wohl das
Schießen bedeutet so wir den Abend zuvor gehört und hätten die Kaiserlichen
gleich Allens verlaufen und die rechten Buschreuter gespielt Denn nachdeme
sie ihr Lager in Brand gestecket wären sie zu Busch gesprungen umb zum Teil
nacher Wolgast zum Teil nach der Swine zu entkommen
Alsobald beschloss nun in meiner Freud Sr Majestät so ich mit des
Allmächtigen Gotts Hülf sehen sollte ein Karmen gratulatorium9 zu fabriciren
welches mein Töchterlein ihme überreichen könnte
Tät ihr alsogleich nach meiner Heimbkunft den Fürschlag und fiele sie für
Freuden mir davor umb den Hals und fing alsdann an in der Stuben
umbherzutanzen Doch als sie sich ein wenig besunnen meinte sie dass ihr Kleid
nicht gut genug wäre umb Sr Majestät darinnen aufzuwarten und möchte ich ihr
noch ein blau seidin Kleid mit gelbem Schurzfleck kaufen da dieses die
schwedische Kolör sei und Sr Majestät ohne Zweifel bass gefallen würd Wollte
aber lange nicht daran anerwogen ich solch hoffärtig Wesen hassete aber sie
tribulirete so lange mit ihren guten Worten und Küssleins dass ich alter Narre ja
sagete und meinem Ackersknecht befahl noch heute mit ihr nach Wolgast zu fahren
umb sich den Zeug zu kauffen Achte darumb dass der gerechte Gott so den
Hoffärtigen widerstehet und den Demütigen Gnade gibt mich von wegen solcher
Hoffart mit Recht gestrafet Denn ich hatte selber eine sündliche Freude als
sie mit zwo Weibern so ihr sollten nähen helfen zurücke kam und mir den Zeug
fürlegete Des andern Tages hub auch alsogleich das Nähen mit der Sonnen an in
Währendem ich mein Karmen fabricirete War aber noch nit weit gelanget als der
junge Edelmann Rüdiger von Nienkerken vorgeritten kam umb sich zu erkundigen
wie er sagte ob Se Majestät in Wahrheit über Koserow marschiren würd Und als
ich ihm hievon gesaget was ich wusste item unser Fürhaben mitgeteilet lobete
er solches gar sehr und instruirete mein Töchterlein die ihn heute
freundlicher ansah als mir recht war wie die Schweden das lateinisch sprächen
als ratscho pro ratio üt pro ut schis pro scis etc damit sie Sr Majestät
nit die Antwort schuldig blieb Und hätte er sowohl in Wittenberge als in
Griepswalde viel mit Schweden conversiret wöllten daher so es ihr geliebte
ein klein colloquium anstellen und wolle er den König machen
Hierauf setzte er sich vor sie auf die Bank und hatten sie beide alsogleich
ihr Geschwätze was mich fast heftig verdross insonderheit als ich sah dass sie
die Nadel wenig rührete aber sage Lieber was kunnte ich dabei tun Ging
also meiner Straßen und ließ sie schwätzen bis gegen den Mittag wo der Junker
endlich sich wieder aufmachete Doch versprach eram Dienstag wenn der König
käm sich auch einzustellen gläube auch dass die ganze Insel alsdann wohl bei
Koserow zusammen laufen würde Als er fort war und mir die vena poetica10 wie
leicht zu erachten noch verstopfet war ließ ich meinen Wagen anspannen und
fuhre im ganzen Kapsel umbher in allen Dörfern das Volk vermahnende dass sie am
Dienstag umb 9 Uhren an dem Hühnenstein vor Koserow wären und sollten sie alle
niederfallen auf ihre Kniee wenn sie sähen dass der König käm und ich auf
meine Knie fallen würd item gleich einstimmen wenn die Glocken anhüben zu
läuten und ich den ambrosianischen Lobgesang intonirete Solches versprachen sie
auch alle zu tun und nachdeme ich am Sonntag in der Kirchen sie noch einmal
hiezu vermahnt und vor Se Majestät von ganzem Herzen zu dem Herrn gebetet
kunten wir kaum den lieben Dienstag vor großen Freuden erharren
Fußnoten
1 ruhig
2 Seehund
3 plattdeutsch für abschaben
4 plattdeutsch Gerüst auf welchem die Hühner sitzen
5 Dachschächte
6 Eingeweide der Fische
7 Rüden und Oie zwei kleine Inseln zwischen Usedom und Rügen
8 Man sehe auch das Teatrum Europaeum J 226 fl
9 GlückwünschungsGedicht
10 poetische Ader
Kapitel 15
Von der Ankunft des grossmächtigsten Königs Gustavi Adolphi und was sonsten
dabei fürgefallen
Hierzwischen wurde nun auch mein carmen in metro elegiaco1 fertig so mein
Töchterlein abschriebe inmassen ihre Handschrift trefflicher ist denn die
meine und wacker memorirete umb solches Sr Majestät aufzusagen Item wurden
die Kleider fertig so ihr fast lieblich stunden und ginge sie den Montag zuvor
in den Streckelberg unangesehen es eine so große Hitze war dass die Krähe auf
den Zaum jappte2 Denn sie wollte sich Blumen suchen zu einem Kranz welchen sie
aufzusetzen gedachte und so auch blau und gelb sein söllten Kam auch gegen
Abend wieder mit einem Schurzfleck voll Blumen aller Art doch waren ihre Haare
ganz nass und hingen ihr kladdrig3 um die Schultern Ach Gott ach Gott so
musste mir armen Mann Alles zu meinen Verderben gereichen Fragete also wo sie
gewesen dass ihre Haare so kladdrig aus sähen worauf sie zur Antwort gab dass
sie von dem Kölpin4 umb den sie sich Blumen gepflücket zum Strande gangen und
sich dorten in der Sehe gebadet dieweil es eine große Hitze gewesen und sie
Niemand nit gesehen Könnte doch Sr Majestät nun morgen wie sie kurzweilig
fortfuhre duppelt als eine reine Jungfer unter die Augen treten Mir gefiel
solches gleich nit und sah ich ehrbar aus doch sagete ich Nichtes
Am andern Morgen ware das Volk schon umb 6 Uhren umb den Hühnenstein
Männer Weiber Kinder Summa was nur gehen kunnte das hatte sich eingefunden
Auch war mein Töchterlein schon umb 8 Uhren ganz in ihrem Schmuck nämblich eim
blau seidin Kleid gelbem Schurzfleck gelbem Tüchlein und einer gelben
Haarhauben so genetzet ware und worauf sie das Kränzlein von blau und gelben
Blümeken setzte Währete nit lange so war mein Junker auch wieder da
gleichfalls sauber und ausstaffiret wie eim Edelmann zustehet Hätte doch
Kundschaft einziehen wöllen wannenher ich mit meinem Töchterlein nach dem Stein
ginge angesehen sein Herr Vater Hans von Nienkerken item Wittich Appelmann wie
die Lepels vom Gnitze auch noch kämen auch viel Volks überall auf der
Landstraßen lief als wenn es heute allhie Jahrmarkt hätte Aber ich sah
sogleich dass es ihme nur umb die Jungfer zu tun war anerwogen er gleich
wieder sein Wesen mit ihr hatte und alsofort auch das lateinische Geschwätze
anhub Sie musste ihm ihr Karmen an Se Majestät aufsagen worauf erden König
fürstellend ihr antwortete dulcissima et venustissima puella quae mihi in
coloribus coeli ut angelus domini appares utinam semper mecum esses nunquam
mihi male cederet5 worauf sie rot wurd und mir es nicht viel anders erging
doch aus Ärger wie man leichtlich gießen mag Bate daher Se Gestrengen
wolle nur zum Stein sich aufmachen angesehen mein Töchterlein mir noch meinen
Chorrock umbhelfen müsste worauf er aber zur Antwort gab dass er so lange in der
Stuben warten wolle und könnten wir ja zusammen gehen Summa ich gesegnete mich
abermals für diesem Junker aber was half es da er nit weichen wollte musste
ich schon ein Auge zutun und wir gingen bald hernacher zusammen nach dem Stein
wo ich mir allerersten 3 tüchtige Kerls aus dem Haufen griff dass sie auf den
Tum gehen söllten und anheben mit den Glocken zu läuten wenn sie sähen dass
ich auf den Stein stiege und mein Schweisstüchlein schwenkete Solliches
versprachen sie auch zu tun und gingen gleich abe worauf ich mich mit mein
Töchterlein auf den Stein setzte und sicherlich gläubete der Junker würd ein
Ansehen gebrauchen aber er tät es nicht sondern satzte sich mit auf den Stein
Und saßen wir drei ganz allein daselber und alles Volk sah uns an doch kam
Niemand nit näher umb meines Töchterleins Putz zu betrachten auch die jungen
Dirnens nicht wie sie doch sonsten pflegeten was mir nur nachher beigefallen
ist als ich erfuhre wie es schon darzumalen umb uns stund Gegen 9 Uhren kam
auch Hans von Nienkerken und Wittich Appelmann angegaloppiret und rief der alte
Nienkerken sogleich seinen Sohn mit fast heftigem Ton ab und da er nit gleich
hörte sprengete er zu uns an den Stein und schrie dass alle Welt es hörte
»Kanstu Bub nit hören wenn dein Vatter dir rufet« worauf er ihm verdrießlich
folgete und sahen wir aus der Fernen dass er seinen Sohn bedreuete und vor ihm
ausspiee Wussten noch nit was solches bedeutete sollten es aber leider Gotts
bald erfahren Bald daraufkamen auch von der Damerow her die beiden Lepele vom
Gnitze6 und salutirten sich die Edelleut auf einem grünen Brink dicht bei uns
doch ohne uns anzusehen Und hörte ich dass die Lepele sagten so dieser Straßen
gezogen waren dass von Sr Majestät noch nichtes zu sehen wär aber die
Scheerenflotte umb den Ruden würde schon unruhig und käme bei vielen hundert
Schiffen angesegelt Da solches nun Mehrere gehört lief alles Volk sogleich
zur Sehe so nur ein klein Endiken von dem Stein ist und die Edelleute ritten
selber hinan ausgenommen Wittich so von dem Pferde gestiegen war und da er
sah dass ich den alten Paassch seinen Jungen in eine hohe Eiche schicketeumb
nach dem König überzuschauen sich alsofort wieder an mein Töchterlein gemacht
hatte die nunmehr ganz allein auf dem Stein saß »Warumb sie seinen Jägersmann
nicht genommen und ob sie sich nit besinnen wolle und ihn noch nehmen oder
sonsten bei ihme dem Amtshaubtmann selber in Dienst treten denn täte sie
dieses nicht so achte er dass es ihr leid werden müge« Worauf sie ihm wie sie
sagete zur Antwort gegeben dass ihr nur eines leid tät nämblich dass Se
Gestrengen sich so viel vergebliche Mühe umb sie gäbe Somit wär sie eiligst
aufgestanden und zu mir an den Baum getreten wo ich dem Jungen nachsah wie
er droben kletterte Unsere alte Ilse aber sagete dass er einen großen Fluch
getan als ihm mein Töchterlein den Rücken gewendet und alsobald in das
Ellerholz getreten wäre so dicht an der Landstraßen hinläuft und wo die alte
Hexe Lise Kolken auch gestanden
Hierzwischen ging ich aber mit meinem Töchterlein auch zur Sehe und war es
wahr dass die ganze Flotte von dem Ruden und der Oie herüber kam und gen Wollin
zu steuerte auch gingen manche Schiffe so nah an uns fürüber dass man kunnte
die Soldaten darauf stehen und die Waffen blitzen sehen Item hörten wir die
Pferde wiehern und das Kriegsvolk lachen Auf eim ging auch die Trummel und auf
einem andern blöketen Schaafe und Rinder In währendem Schauen aber wurden wir
flugs einen Rauch von einem Schiff gewahr und es folgete ein großer Knall also
dass wir bald auch die Kugel sahen auf dem Wasserspiegel rennen so dass es
ringsumbher schäumete und sprützete und gerade auf uns zukam Lief also das
Volk mit großem Geschrei auseinander und hörten wir deutlich darüber das
Kriegsvolk auf den Schiffen lachen Aber die Kugel hob sich alsbald in die Höhe
und schlug dicht bei Paassch seinem Jungen in eine Eiche so dass gegen 2 Fuder
Sträuch mit großem Rumor von dem Schlag zur Erden stürzeten und den Weg
überschütteten wo Sr Majestät kommen musste Dannenhero wollte der Junge nit
mehr oben im Baum bleiben wie sehr ich ihn dazu vermahnete schrie aber in
währendem Niederklettern dass ein groß Haufen Kriegsvolk nunmehr bei Damerow aus
der Heiden käm und solches wohl der König sein möchte Darum befahl der
Amtshaubtmann geschwind den Weg aufzuräumen und da solliches eine Zeitlang
währete inmassen sich die dicken Aest und Gezweige rechtes und linkes in den
Bäumen umbher geklemmet hatten wollten die Edelleut als Allens fertig war Sr
Majestät entgegenreuten blieben aber auf dem kleinen Brink halten dieweil man
dicht vor uns in der Heiden es schon fahren klappen und sprechen hörte
Währete auch nit lange als die Kanonen herfürbrachen und saßen die drei
Wegweiser oben darauf Da ich nun den einen kannte so Stoffer Krautahn von
Peenemünde war ginge ich näher und bat ihne mir zu sagen wann der König käm
Aber er antwortete dass er weiter ginge mit den Kanonen bis Koserow und möcht
ich nur Acht haben auf den langen schwarzen Mann so einen Hut mit einer Feder
trüg und eine güldene Kettin umb seinen Hals solliches wäre der König und
ritte er alsbald hinter der Haubtfahnen worauf ein gelber Löwe stünd
Observirete also genau den Zug wie er aus der Heiden herfürbrach Und kamen
nach der Artollerie zuvorauf die finnischen und lappischen Bogenmänner so
mitten im Sommer was mich verwunderte noch in Pelzen einhertrottireten Darauf
kam viel Volks so ich nit erfahren was es gewesen Alsbald sah ich über den
Haselbusch so mir im Wege stund dass ich nit Allens gleich observiren kunnte
wenn es aus dem Busch kam die große Haubtfahn mit dem Löwen und hintennach auch
den Kopf von einem ganz schwarzen Mann mit güldiner Kettin umb seinen Hals so
dass ich gleich judicirete dies müsste der König sein Schwenkete daher mein
Schweisstüchlein gen den Turm zu worauf auch alsofort die Glocken anschlugen
und in Währendem uns der schwarze Mann näher ritte zog ich mein Käpplein ab
fiel auf meine Kniee und intonirete den ambrosianischen Lobgesang und alles
Volk folgete mir nach riss sich auch die Hüte vom Haubt und sank auf allen
Seiten singend zur Erden Männer Weiber Kinder ausgenommen die Edelleut so
ruhig auf dem Brink halten blieben und erst als sie sahen dass Se Majestät
dero Ross anhielt war ein pechschwarzer Rapp und blieb gerade mit den
Vorderfüssen auf mein Ackerstück stehenwas ich für ein gut Zeichen nahm zogen
sie auch die Hüt und gebehrdeten sich aufmerksam Nachdeme wir geendet stiege
der Amtshaubtmann rasch vom Ross und wollte mit seinen drei Wegweisern so
hinter ihm gingen zum König item hatte ich mein Töchterlein bei der Hand
gefasst und wollte auch zum König Winkete also Se Majestät den Amtshaubtmann ab
und uns hinzu worauf ich Se Majestät auf lateinisch beglückwünschte und Ihr
hochmütiges Herze rühmete dass sie der armenbedrängten Christenheit zu Schutz
und Hilfe hätte den deutschen Boden heimbsuchen wöllen es auch vor ein
göttlich Anzeichen priese dass solliches gerade an diesem erschienen Jubelfest
unserer armen Kirchen beschehen sei und möchte Sr Majestät es gnädiglich
aufnehmen wenn mein Töchterlein ihme was zu bescheeren gedächt worauf Sr M
sie lieblich lächelnde ansah Sollich freundlich Wesen machte sie wieder
zuversichtlich da sie vorher schon merklich gezittert und antwortete sie ihm
ein blau und gelbes Kränzlein überreichend auf welchem das Karmen lag accipe
hanc vilem coronam et haec7 worauf sie anfinge das Karmen herzubeten
Hierzwischen wurde Se Majestät immer lieblicher sah bald sie an und bald in
das Karmen und nickete besonderen freundlich mit dem Haubt als der Schluss kamb
und lautete selbiger also wie ich annoch hersetzen will
tempus erit quo tu reversus hostibus ultor
intrabis patriae libera regna meae
tunc meliora student nostrae tibi carmina musae
tunc tua maxime rex Martia faeta canam
tu modo versiculis ne spernas vilibus ausum
auguror et res est ista futura brevi
sis foelix fortisque diu vive optime princeps
omnia et ut possis vincere dura Vale8
Als sie nun schwiege sprach Se Majestät proprius accedas patria virgo ut the
osculer9 worauf sie sich verfärbende ihm an das Ross trat Und gläubete ich er
würde sie nur auf die Stirne küssen wie sonsten die Potentaten zu tun pflegen
aber nein er küsste sie also gerade auf den Mund dass es schmatzete und seine
langen Hutfedern ihr umb den Nacken hingen so dass mir abermal ganz bange vor
sie wurd Doch richtete er sich bald wieder in die Höhe nahm die güldene Kette
sich ab an welcher unten sein Konterfett bummelte und hing sie meinem
Töchterlein mit diesen Worten umb ihren Hals hocce tuae pulchritudini et si
favente deo redux fuero victor prommissum carmen et praeterea duo oscula
exspecto10
Hierauf kam der Amtshaubtmann abermals mit seinen drei Kerls an und
verneigete sich vor Sr Majestät zur Erden Da er aber kein Lateinisch nit
kunnte item auch kein Italiänisch oder Französisch verstande spielte ich
alsobald den Dolmetscher Denn es fragete IM wie weit es bis zur Swine wär
und ob es dorten noch viel fremd Kriegsvolk hätte Und meinte der Amtshaubtmann
dass annoch an die 200 Krabaten im Läger lägen worauf Se Majestät dem Ross die
Spornen gab und freundlich nickende ausrief valete11 Nun kam aber erst das
andere Kriegsvolk bei 3000 Mann gewaltig aus dem Busch so gleichfalls ein
wacker Ansehen hatte auch keine Narrenteidinge fürnahm wie es sonsten wohl
pfleget als es bei unserm Häuflein und den Weibern vorbeizog sondern fein
ehrbar einhertrat und begleiteten wir den Zug noch bis hinter Koserow an die
Heiden wo wir ihn dem Schutz des Allmächtigen empfohlen und ein Jeglicher
wieder seiner Straßen heimbzog
Fußnoten
1 im elegischen Versmaass
2 plattdeutsch nach Luft schnappen
3 plattdeutsch zottig mit dem Nebenbegriff des feuchten
4 Ein kleiner Landsee in der Nachbarschaft des Meeres
5 Du süßeste und anmuchigste Dirne die du mir wie ein Engel des Herrn in den
Farben des Himmels erscheinst wärst du doch immer um mich dann würde es mir
niemals unglücklich ergehen
6 Eine Halbinsel auf Usedom
7 Nimm diesen schlechten Kranz und dieses
8 di
Einst wird kommen die Zeit wo du siegfreudiger Rächer
Wirst heimkehren zur Flur meines befreieten Volks
Dann ein besseres Lied bringt dir die Muse des Sängers
Denn sie preiset o Herr deine heroische Tat
Drum verachte ihr heut nicht dies verwegene Stammeln
Sie weissaget ja nur dein nachwaltendes Glück
Geh leb wohl sei tapfer und stark o bester der Fürsten
Dass du alles besiegst selber das harte Geschick
9 Komm näher vaterländische Jungfrau damit ich dich küsse
10 Dies deiner Schönheit und wenn ich mit Gottes Hilfe siegreich zurückkehre
erwarte ich das versprochene Gedicht und außerdem zwei Küsse
11 Lebt wohl
Kapitel 16
Wie die kleine Maria Paasschin vom Teufel übel geplaget wird und mir die ganze
Gemein abfällt
Ehe ich weiters gehe will ich zuvorab vermelden dass der durchläuchtigste König
Gustavus Adolphus wie wir alsbald die Zeitung bekommen auf der Swine an die 300
Krabaten niedergehauen und darauf zu Schiff nacher Stettin gefahren ist Gott
wolle ihm ferner gnädig sein Amen
Nunmehr aber nahm meine Not von Tage zu Tage zu angesehen der Teufel bald
so lustig wurde wie er nie nicht gewesen Gläubete schon dass Gottes Ohren auf
unser brünstig Gebet gemerket hätten aber es gefiele ihm uns noch härter
heimbzusuchen Denn etzliche Tage nach der Ankunft des durchläuchtigsten Königs
GA kam das Geschreie dass meiner Tochter ihre kleine Pate von dem leidigen
Satan besessen sei und gar erbärmlich auf ihrem Lager haushalte so dass sie
niemand nit halten könne Machte sich mein Töchterlein alsogleich auf nach ihrer
kleinen Pate kam aber alsobald weinend zurücke dass der alte Paassch sie gar
nit zu ihr gelassen sondern sie fast hart angeschnauzet und gesaget sie solle
ihm nie wieder in sein Haus kommen immassen sein Kind es von dem Stuten1
gekriegt so sie ihm am Morgen verehret Und es ist wahr dass mein Töchterlein
ihr einen Stuten geschenket indeme die Magd den Tag vorher nacher Wolgast
gewesen war und ein Tüchlein voll Stutens mitgebracht
Solche Botschaft verdross mich fast heftig und nachdeme ich meinen
Priesterrock angezogen machte ich mich auf den Wegk zum alten Paasschen umb den
leidigen Satan zu beschweren und solchen Schimpf von meinem Kinde abzuwenden
Fand also den alten Mann auf der Dielen2 wie er an der Bodenleiter stand und
weinete und nachdem ich den Frieden Gottes gesprochen fragete ihn allererst
ob er in Wahrheit gläube dass seine kleine Marie es von dem Stuten gekriegt so
ihr mein Töchterlein verehret Er sagete ja« und als ich darauf zur Antwort
gab dass denn ich selber es auch hätte kriegen müssen item Pagels sein klein
Mädchen angesehen wir auch von dem Stuten gessen schwieg er stille und sprach
mit einem Seufzer ob ich nit wolle in die Stube gehen und sehen wie es stünd
Als ich dannenhero mit »dem Frieden Gottes« hereintrat stunden an die sechs
Menschen umb der kleinen Marie ihr Bette und hatte sie die Augen zu und war so
steif wie ein Brett weshalben Stoffer Wels als er dann ein junger und wähliger
Kerl ist das Kindlein bei eim Bein ergriff und es von sich reckete wie einen
Zaunpfahl damit ich sähe wie der Teufel es plagete Als ich nun ein Gebet
anhob und Satanas merkete dass ein Diener Christi angekommen fing er an so
schröcklich in den Kindlein zu rumoren dass es ein Jammer anzusehen war Denn
sie schlug also mit Händen und Füßen umb sich dass sie kaum vier Kerls halten
kunnten item ging ihr das Bäucheken so auf und nieder als wenn ein lebendiges
Geschöpf darinnen säße so dass letztlich die alte Hexe Lise Kolken sich oben auf
das Bäucheken setzete Als es nun ein wenig besser wurd und ich das Kindlein
aufforderte den Glauben zu beten umb zu sehen ob es wirklich der Teufel sei so
sie besessen3 würd es noch ärger denn zuvor angesehen sie anhub mit den Zähnen
zu knirschen die Augen zu verkehren und also gräulichen mit den Händen und
Füßen zu schlagen dass sie ihren Vater so auch einen Bein hielt fast mitten in
die Stuben wurf und darauf sich den Fuß gegen das Bettolz zerquetschete dass
das Blut ihr herfürsprang auch die alte Lise Kolken mit ihrem Bäucheken auf
niederflog als ein Mensch so in einem Schockreep4 sitzet Und als ich hierauf
nit müde wurdsondern den Satan beschwore aus ihr zu fahren finge sie allererst
an zu heulen und darauf wie ein Hund zu bellen item zu lachen und sprach
endlich mit grober Bassstimmen als sie ein alter Kerl führt »ik wieke nich5«
Aber er hätte schon weichen sollen wenn nicht Vater und Mutter mich bei Gotts
Sakrament beschworen ihr arm Kind in Frieden zu lassen dieweil es ja nichts
hilfe sondern immer ärger mit ihr würd Stunde also notgedrungen von meinem
Fürhaben ab und vermahnete nur die Eltern dass sie wie das cananäische Weib
sollten Hilfe suchen in wahrer Bussfertigkeit und unablässigem Gebet auch mit
ihr im beständigem Glauben seufzen ach Herr du Sohn Davids erbarme dich mein
meine Tochter wird vom Teufel übel geplaget Matt am 15ten dem Heiland würde
dann alsbald das Herze brechen dass er sich ihres Töchterleins erbarmete und dem
Satan zu weichen beföhle Item versprach ich am Sonntag mit der ganzen Gemein
für ihr armes Töchterlein zu beten und möchten sie selbige wo irgend möglich
selbst zur Kirchen tragen anerwogen ein brünstig Kirchengebet durch die Wolken
drünge Solliches versprachen sie auch zu tun und ging ich nunmehr betrübt zu
Hause wo ich aber bald erfuhr dass es etwas besser mit ihr worden wär und war
also wieder wahr dass der Satan außer dem Herrn Jesu nichts mehr hasset denn
die Diener des Evangeliums Aber harre er bringt dich doch unter die Füße
Genes am dritten es wird dir Nichtes helfen
Bevorab aber noch der liebe Sonntag kam merkete ich dass mir männiglich aus
dem Wege ging sowohl im Dorfe als im Kapsel wo ich etzliche Kranken
heimsuchete Insonderheit als ich in Ückeritze zu dem jungen Tittelwitz wollte
arrivirete es mir wie folgt Klas Pieper der Bauer stund in seinem Hofe und
klöbete Holz wurf aber alsobald als er mein ansichtig wurde die Axt aus der
Faust dass sie in die Erde fuhr und wollte in seinen Schweinestall laufen
indem er ein Kreuze schlug Winkete ihm also dass er bleiben solle und warumb er
für mir als seinem Beichtvater liefe Ob er vielleicht auch gläube dass mein
Töchterlein ihre kleine Pate behext Ille6 ja so gläube er dieweil es der
ganze Kapsel gläube Ego warumb sie ihr denn vorher so viel Guts getan und in
der schröcklichsten Hungersnot sie wie ein Schwesterlein gehalten Ille sie
hätte wohl schon mehr verwirket denn dieses Ego was sie denn verwirket hätte
Ille das bliebe sich gleich Ego er solle es mir sagen oder ich müsste es dem
Richter klagen Ille das solle ich nur tun worauf er trotziglich seiner
Straßen ging Und kann man nunmehr leichtlich gießen dass ich Nichtes
versäumete überall Kundschaft einzuziehen was man meinte dass mein Töchterlein
verwirket aber es wollte mir Niemand Nichtes sagen und hätte ich mich zu Tode
grämen mügen über solchen bösen Leumund Auch kam in dieser ganzen Wochen kein
Kind zu meinem Töchterlein in die Schule und als ich Ursachs halber die Magd
ausschickete brachte sie Botschaft dass die Kinderken krank wären oder auch
die Eltern sie zu ihrem Handwerk gebrauchten Judicirete also und judicirete
doch half es mir Allens nicht bis der liebe Sonntag in das Land kam wo ich
gläubte ein groß Nachtmahl zu haben angesehen sich schon viele zu Gottes Tisch
im vorab gemeldet Doch kam es mir gleich seltsam für dass ich Niemand wie sie
doch sonsten zu tun pflegeten auf dem Kirchhof stehen sah meinte aber sie
wären in die Häuser getreten Aber als ich endlich mit meim Töchterlein in die
Kirche kam waren nur bei sechs Menschen versammelt unter welchen die alte Lise
Kolken und sah die vermaledeiete Hexe nit alsobald mein Töchterlein mir folgen
als sie ein Creuze schlug und wieder zur Turmtüren hinaus rannte worauf die
übrigen fünf benebst meinem einigen Fürsteher Klaus Bulken denn für den alten
Seden hatte ich annoch keinen wieder angenommen ihr folgeten Ich entsatzte
mich dass mir das Blut geranne und ich also zu zittern begunnte dass ich mit
der Achsel an den Beichtstuhl fiel Fragete mein Töchterlein also welcher ich
noch Nichtes gesaget hatte umb sie zu verschonen »Vater was fehlt den Leuten
sind sie vielleicht auch besessen« worauf ich wieder bei mir kam und auf den
Kirchhof ging umb nachzusehen Aber sie waren alle wegk bis auf meinem
Fürsteher Klaus Bulken welcher an der Linden stand und für sich ein Liedlein
pfiff Trat also hinzu und fragete was den Leuten angekommen worauf er zur
Antwort gab das wisse er nicht Und als ich abermals fragete warumb er
selber denn auch gelaufen wär sagte er was er hätte allein in der Kirchen
tun sollen dieweil der Bedelt7 doch nit hätte gehen können Beschwure ihn also
mir die Wahrheit zu sagen welch gräulicher Verdacht gegen mich in die Gemein
gekommen aber er antwortete ich würd es bald schon selber erfahren und
sprang über die Mauer und ging in der alten Lisen ihr Haus so dicht am
Kirchehofe steht
Mein Töchterlein hatte eine Kälbersuppen zum Mittag vor die ich sonst
Allens stehen lasse aber ich kunnte keinen Löffel voll in den Hals bringen
sondern saß und hatte mein Haupt gestützet und sanne ob ich es ihr sagen wöllte
oder nicht Hierzwischen kam die alte Magd herein ganz reisig und mit einem
Tuch voll Zeug in der Hand und bat weinende dass ich ihr den Abschied geben
wolle Mein arm Kind wurde blass wie ein Leich und fragete verwundert was ihr
angekommen Aber sie antwortete bloß »nicks8« und wischete sich mit der
Schürzen die Augen Als ich die Sprache wieder gewunnen so mir schier vergangen
war dieweil ich sah dass dies alte treue Mensch mir auch abtrüunnig worden
hub ich an sie zu examiniren warumb sie fort wolle da sie doch so lange bei
mir verharret auch in der großen Hungersnot uns nicht verlassen wöllen
besonderen getreulich ausgehalten ja mich selber mit ihrem Glauben
gedemütigt und ritterlich auszuhalten vermahnet was ich ihr nie vergessen
würd so lange ich lebte Hierauf finge sie annur noch heftiger zu weinen und zu
schluchzen und brachte endlich herfür dass sie annoch eine alte Mutter bei 80
Jahren in der Liepen wohnende hätte und wolle sie hin selbige bis an ihr Ende
zu pflegen Worauf mein Töchterlein aufsprunge und weinend zur Antwort gab »ach
alte Ilse darumb willtu wegk denn dein Mütterlein ist ja bei deinen Bruder
sage mir doch warumb du mich verlassen wilt und was ich gegen dich verwirket
damit ich es wieder gut machen kann« Aber sie verbarg ihr Gesicht in der
Schürzen und schluchzete nur ohne ein Wörtlein herfürzubringen wannenhero mein
Töchterlein ihr die Schürzen wegkziehen und ihr die Wangen streicheln wollte
umb sie zum Reden zu bringen Aber als sie solliches merkete schlug sie mein
arm Kind auf die Finger und rief pfui spiee auch vor ihr aus und ging alsobald
aus der Türen Solliches hatte sie nie nit getan da mein Töchterlein ein
klein Mädken war und entsatzten wir beide uns also dass wir kein Wörtlein
sprechen kunnten
Währete aber nit lange so erhob mein arm Kind ein groß Geschrei und worf
sich über die Bank und lamentirete immerdar rufend »Was ist geschehen was ist
geschehen« Gläubete also dass ich ihr sagen müsste was ich in Kundschaft gezogen
nämlich dass man sie vor eine Hexe ansäh worauf sie anfinge zu lächeln anstatt
noch mehr zu weinen und aus der Türen lief umb die Magd einzuhohlen so
bereits aus dem Hause gangen war wie wir gesehen hatten Kehrete aber nach
einer Glockenstunden mit großem Geschrei zurücke dass alle Leute im Dorfe vor
ihr gelaufen als sie sich hätte von der Magd Kundschaft einziehen wöllen wo
sie geblieben Item hätten die kleinen Kinder geschrien so sie in der Schulen
gehabt und sich vor ihr verkrochen auch hätte ihr Niemand nit ein Wörtlein
geantwortet sondern wie die Magd vor ihr ausgespieen Wäre jedoch auf dem
Heimbwege gewahr worden dass schon ein Boot auf dem Wasser sei darauf eilends
an das Ufer gelaufen und der alten Ilsen aus vollen Kräften nachgeschrieen so
allbereits in dem Boot gesessen Aber sie hätte sich an Nichtes gekehrt sich
auch gar nit einmal nach ihr umbgesehen sondern sie mit der Hand fortgewinket
Und nunmehr fuhr sie fort zu weinen und zu schluchzen den ganzen Tag und die
ganze Nacht hindurch dass ich elender war denn zuvor in der großen Hungersnot
Doch sollt es noch ärger kommen wie man im folgenden Kapite sehen wird
Fußnoten
1 plattdeutsch für Semmel
2 plattdeutsch für Flur
3 Man nahm nämlich in jener schrecklichen Zeit an dass wenn der Kranke die drei
Artikel und außerdem einige auf das Erlösungswerk bezügliche Bibelsprüche
nachsprechen konnte er nicht besessen sei weil Niemand Jesum einen Herrn
heißen könne ohne durch den heiligen Geist 1 Kor 12 3
4 plattdeutsch für Schaukel
5 ich weine nicht
6 jener
7 Klingbeutel
8 Nichts
Kapitel 17
Wie mein arm Kind als Hexe eingezogen und gen Pudgla abgeführet wird
Tags darauf Montag den 12ten July morgens umb 8 Uhren als wir in unserer
Kümmerniss saßen und judicireten wer uns wohl sollich Herzeleid bereitet auch
bald übereinkamen dass Niemand anders nit denn die vermaledeiete Hexe Lise
Kolken es gewesen kame ein Wagen mit vier Pferden vor mein Haus gejaget worauf
sechs Kerls saßen so alsogleich heruntersprungen Und gingen zwo an der
Vorder andere zwo an der Achtertüren stehen und aber zwo worunter der Büttel
Jacob Knake kamen in die Stuben und geben mir ein offen Schreiben von dem
Amtshaubtmann dass mein Töchterlein so als eine gottlose Hexe im gemeinen
Geschrei stünde vom peinlichen Rechts wegen solle eingehohlet und inquiriret
werden Nun kann männiglich vor sich selber abnehmen wie mir umb das Herze
wurd da ich solches lase Stürzete zu Boden wie ein umbgehauener Baum umd kam
erst wieder bei mir als mein Töchterlein sich mit großem Geschrei auf mich wurf
und ihre Tränen mir warm über das Angesicht liefen Als sie aber sah dass ich
wieder bei mir kam finge sie an mit lauter Stimmen Gott davor zu preisen
suchte mich auch zu trösten dass sie ja unschuldig wär und ein gut Gewissen vor
ihren Richter trüge item recitirete sie mir das schöne Sprüchlein Matt am
5ten Selig seid ihr wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und
verfolgen und reden allerlei Übels wider euch so sie daran lügen
Und möchte ich nur aufstehen und meinen Rock über das Wammes überziehen und
mit ihr kommen denn ohne mich ließe sie sich nicht vor den Amtshaubtmann
führen
Hierzwischen nun aber war das ganze Dorf vor meiner Türen
zusammengestürzet Weiber Männer Kinder hielten sich aber geruhlich und sahen
nur Alle nach den Fenstern als wöllten sie uns durch das Haus schauen Als wir
uns beide fertig gemacht und der Büttel so mich anfänglich nicht mitnehmen
gewollt nunmehr aber ein Einsehen gebrauchte vor ein gut Trinkgeld so ihm
mein Töchterlein verehrete traten wir an den Wagen aber ich ware so machtlos
dass ich nit hinaufkummen kunnte
Kam also der alte Paassch so es sah und half mir auf den Wagen wobei er
sagte »Gott tröst Em wat müt he an Sien Kind erlewen1 und mir die Hand zum
Abschied küsste
Auch kamen noch mehr an den Wagen so ihm folgen wollten aber ich bate sie
söllten mir das Herze nicht noch schwerer machen und nur ein christlich Aufsehen
auf mein Haus und meine Wirtschaft haben bis ich wiederkäm Möchten auch
fleißig vor mich und mein Töchterlein beten dass der leidige Satan so lange
Zeit wie ein brüllender Löwe in unserm Dorf umbhergangen und nun mich selber
zu verschlingen drohe seinen Willen nicht vollenführete sondern mich und mein
Kind verlassen müsste wie den unschuldigen Heiland in der Wüsten Aber hiezu
sagete Niemand nichts besonderen als wir wegk fuhren hörte ich gar wohl dass
Viele hinter uns ausspieen und Einer sagte mein Töchterlein meinte es wäre
Berowsche ihre Stimme gewesen »wi willen di lewer Föhr unter dem Rock böten as
vör di beden2 Seufzeten noch über solche Reden als wir gen den Kirchhof kamen
wo die vermaledeiete Hexe Lise Kolken in ihrer Haustüren saß ihr Gesangbuch
für Augen und laut das Lied »Gott der Vater wohn uns bei« quäckete als wir
fürüberfuhren welches mein arm Töchterlein also verdross dass sie unmächtig
wurd und mir wie tot auf den Leib fiel Bat also den Gutscher zu halten und
schriee der alten Lisen zu dass sie uns solle einen Topf mit Wasser bringen
aber sie tät als könne sie nit hören und fuhr fort zu singen dass es
schallte Dannenhero sprang der Büttel ab und lief auf mein Begehr in mein Haus
zurück umb einen Topf mit Wasser zu hohlen kam auch alsobald wieder mit dem
Topf und alles Volk hinter ihm so nunmehr anhub laut zu judiciren dass es
das böse Gewissen sei so mein Kind geschlagen und sie jetzunder sich schon
selber verraten Dankete daher Gott als sie wieder ins Leben kam und es
aus dem Dorf ging Aber in Ückeritze war es nicht anders inmassen dort auch
alles Volk zusammengelaufen war und vor Labahnen seinem Hof auf dem Brink
stund als wir ankamen
Selbiges hielte sich aber ziemlich geruhsam als wir fürüber fuhren
unangesehen Etzliche riefen »wo ist t möglich wo ist t möglich« sonsten
hörte ich nichtes Aber in der Heiden an der Wassermühlen brach der Müller mit
allen seinen Knappen herfür und schriee lachend »kiekt de Hex kiekt de Hex«
worauf auch ein Knappe mit dem Staubbeutel so er in den Händen hatte also
nach meim arm Kind schlug dass sie ganz weiß wurd und das Mehl wie eine Wolke
umb den Wagen zoge Auf mein Schelten lachete der arge Schalk und vermeinte
wenn sie nie keinen andern Rauch denn diesen in der Nasen kriegte künnte es
ihr nicht schaden Item wurd es in Pudgla noch fast ärger denn in der Mühlen
Das Volk stand also dicke auf dem Berg vor dem Schloss dass wir kaum durch
kunnten und ließ der Amtshaubtmann wie zu einem Aviso annoch das arme
Sünderglöcklein auf dem Schlossturm läuten worauf auch aus dem Kruge und den
Häusern noch immer mehr Volks herbeirannte Etzliche schrien »iss dat de Hex«
Etzliche »kiekt de Presterhex de Presterhex« und sonsten mehr was ich aus
Schaam nicht hieher setzen mag rafften auch den Kot aus der Rönne so aus der
Schlossküchen läuft und bewurfen uns damit item mit einem großen Stein der
aber auf ein Pferd fiel also dass es scheu wurde und vielleicht den Wagen
umbgeworfen hätte wenn nicht ein Kerl hinzugesprungen und es gehalten Solches
geschahe allens vor der Schlosspforten in welcher der Amtshaubtmann lächelnd
stund eine Reiherfeder auf seim grauen Hut und uns zusah Als das Pferd aber
zur Ruhe gebracht kam er an den Wagen und sprach spöttisch zu meinem
Töchterlein »sieh Jungfer du wolltest nit zu mir kommen und nun kommst du ja
doch« worauf sie zur Antwort gab ja ich kommeund möchtet Ihr einst zu Eurem
Richter kommen als ich zu Euch worauf ich Amen sprach und ihn fragete wie Se
Gestrengen es für Gott und Menschen verantworten wolle was er an mir armen Mann
und meim Kind täte Aber er antwortete warumb ich mitgekommen und als ich ihm
von dem unartigen Volk hieselbst item von dem argen Mühlenknappen sagte
vermeinte er dieses wäre nicht seine Schuld bedräuete auch das Volk umbher
mit der Faust so einen großen Rumor machte Darauf befahl er meim Töchterlein
abzusteigen und ihme zu folgen trat voran in das Schloss winkete dem Büttel
so mitlaufen wollte unten an der Treppe zu verharren und hob an mit meim Kind
allein den Windelstein in die oberen Gemächer aufzusteigen
Aber sie bliese mir heimlich zu »Vater verlasst mich nicht« und folgete ich
bald darauf ihnen sachte nach hörte auch an der Sprach in welchem Zimmer sie
waren und legete das Ohr daran umb zu horchen Und stellte der Bösewicht ihr
für dass, wenn sie ihn liebhaben wolle sollt es ihr Allens Nichtes schaden und
hätt er schon Macht in Händen sie für dem Volk zu erretten wolle sie aber
nit so käme morgen das Gericht und möchte sie vor sich selber abnehmen wie
es ihr erginge dieweilen sie wie viel Zeugen gesehen mit dem leidigen Satan
selber Unzucht getrieben und sich von ihm küssen lassen Hierauf schwieg sie
stille und schluchzete nur was der Erzschalk vor ein gut Zeichen nahm und
fortfuhr hastu den Satan selber geliebt kannstu mich auch schon lieben und
näher trat umb sie zu umbhalsen wie ich merkete Denn sie stieß einen lauten
Schrei aus und wollte zur Türen heraus aber er hielt sie feste und bate und
dräuete wie der Teufel es ihm eingab Und wollte ich schon hineintreten als
ich hörte dass sie ihm mit den Worten »weiche von mir Satan« also in das
Gesichte schlug dass er sie fahren ließ Worauf sie unversehens aus der Türen
sprang so dass sie mich zur Erden stieß und mit einem lauten Schrei selber
über mir hinfiel Hievor erstarrete der Amtaubtmann so ihr gefolget war hub
aber alsobald wieder an zu schreien »wachte Pfaffe ich werde dir horchen
lehren« und lief hinzu und winkete dem Büttel so unten an der Treppen stund
Selbigen hieß er mich die Nacht in ein Loch stecken weilen ich ihn behorchet
worauf er wiederkommen solle umb mein Töchterlein in ein ander Loch zu stecken
Aber er besunne sich wieder als wir den Windelstein halb hernieder gestiegen
waren und sprach er wolle es mir noch einmal schenken der Büttel solle mich
nur laufen lassen und mein Töchterlein in ein fest Verwahrsam bringen ihme
nachher auch die Schlüssel übergeben angesehen sie eine verstockte Person
sei wie er aus dem ersten Verhör gemerket so er mit ihr angestellet
Hierauf wurde denn mein arm Kind von mir gerissen und ward ich unmächtig
auf der Treppen weiß auch nit wie ich herniederkommen sondern wie ich wieder
bei mir kam war ich in des Büttels seiner Stuben und sein Weib sprützete mir
Wasser unter der Nasen Alldorten blieb ich auch die Nacht auf eim Stuhl sitzen
und sorgete mehr denn ich betete angesehen mein Glaube fast schwach worden
war und der Herr kam nit ihn mir zu stärken
Fußnoten
1 Gott tröst Ihn was muss Er an Seinem Kinde erleben
2 Wir wöllen dir lieber Feuer unter dem Rock anlegen als für dich beten
Kapitel 18
Vom ersten Verhör und was daraus erfolget
Am andern Morgen als ich auf dem Vorhof auf und niederginge dieweil ich den
Büttel vielmahls umbsonst gebeten mich zu meinem Töchterlein zu geleiten er
wollte mir aber nit einmal sagen wo sie säss und letztlich für Unruhe dorten
umbher lief kam gegen sechs Uhren auch schon ein Wagen von Uzdom1 auf welchem
Se Edlen Herr Samuel Pieper Konsul dirigens2 item der Kamerarius Gebhard
Wenzel und ein Scriba3 saßen so ich zwar erfahren wie er geheißen es aber
wieder vergessen hab Auch mein Töchterlein hat es wieder vergessen angesehen
sie sonst ein fast trefflich Gedächtnis hat mir auch das Meiste von dem was
nunmehr folgt vorgesagt alldieweil mein alter Kopf fast bersten wollte so
dass ich selber wenig mehr davon behalten Trat also gleich an den Wagen und
bate dass Ein ehrsam Gericht mir erlauben wolle bei dem Verhör zugegen zu sein
inmassen mein Töchterlein noch unmündig wär welches mir aber der Amtshaubtmann
nicht zugestehen wollte so inzwüschen auch an den Wagen getreten war von dem
Aerker wo er übergeschauet Doch Seine Edlen Herr Samuel Pieper so ein klein
kurz Männeken war mit einem feisten Bäuchlein und eim Bart grau mengeliret und
ihme bis auf den Gürtel herabhängende reichte mir gleich die Hand und
condolirete mich als ein Christ in meiner Trübsale solle nur in Gottes Namen
in das Gerichtszimmer kommen und wünschte er von Herzen das Allens erstunken
und erlogen wär so man gegen mein Töchterlein fürgebracht Aber ich musste noch
wohl bei zween Glockenstunden ausharren ehe denn die Herren wieder den
Windelstein herabkamen Endlich gegen neun Uhren hörte ich dass der Büttel die
Stühl und Bänken im Gerichtszimmer rückete und da ich vermeinte dass nunmehr
die Zeit gekommen trat ich hinein und setzte mich auf eine Bank Es war aber
noch Niemand nicht da außer dem Büttel und sein Töchterken so den Tisch
abwischte und ein Röslein zwischen den Lippen hielt Selbige ließ ich mir
verehren umb daran zu riechen und meine ich auch dass man mich heute tot aus
der Stuben getragen wenn ich sie nicht gehabt So weiß der Herr uns selbst
durch ein schlecht Blümlein das Leben aufzuhalten wenn es ihm geliebt
Endlich kamen die Herren und satzten sich umb den Tisch worauf Dn Konsul4
auch allererst dem Büttel winkete mein Töchterlein zu hohlen Hierzwischen aber
fragete er den Amtshaubtmann ob er Ream5 habe schließen lassen und als er
nein sagete gab er ihm einen Verweis so dass es mir durch das Mark zog Aber
der Amtshaubtmann entschuldigte sich dass er angesehen ihres Standes solches
nit getan sie aber in ein fest Gewahrsam habe bringen lassen aus dem es
unmüglich sei zu entkommen worauf Dn Konsul zur Antwort gab dass dem Teufel
viels möglich sei und sie nachher würden die Verantwortung haben wenn Rea
fortkäme Das verdross den Amtshaubtmann und er vermeinte wenn der Teufel sie
könne durch das Gemäure führen so bei sieben Fuß Dicke und drei Türen vor
hätte könne er ihr auch gar leichte die Ketten abreißen worauf Dn Konsul
antwortete dass er sich nachher selber die Gefängnis besehen wolle Und
meine ich dass der Amtshaubtmann bloß darum so gütig gewesen weil er noch immer
in Hoffnung gestanden wie man solches auch nachmals erfahren wird mein
Töchterlein zu seinem Willen zu beschwatzen
Nunmehr aber ging die Türe auf und mein arm Kind trat herein mit dem
Büttel aber rücklings6 und ohne Schuhe so sie draußen musste stehen lassen Es
hatte sie der Kerl bei ihren langen Haaren gegriffen und leitete sie also vor
den Tisch worauf sie sich erst umbkehren und die Richter ansehen musste dabei
hatte er ein groß Wort und war in alle Wege ein dreuster und mutwilliger
Schalk wie man bald weiters hören wird Nachdeme nun Dn Konsul einen großen
Seufzer gelassen und sie von Kopf bis zu den Füßen sich angesehen fragete er
erstlich wie sie heiße und wie alt sie wär item ob sie wüsste warumb sie
hieher gefordert Auf letzten Punkt gab sie zur Antwort dass der Amtshaubtmann
solches ja bereits ihrem Vater vermeldet und wolle sie Niemand Unrecht tun
gläube aber dass der Amtshaubtmann selber ihr zu dem Geschrei einer Hexen
verholfen umb sie zu seinem unkeuschen Willen zu bringen Hierauf verzählete
sie wie er es vom Anfang an mit ihr getrieben und sie durchaus zu einer
Ausgeberschen verlanget Da sie aber solches nicht hätte tun wöllen obgleich
er selber unterschiedliche Malen zu ihrem Vater ins Haus gekommen hätte er
einsmals als er aus der Türen gegangenfür sich in den Bart gemummelt »ich will
sie doch wohl kriegen« wie solches ihr Ackersknecht Klaus Nels im Pferdestall
wo er gestanden mit angehöret Und solches habe er alsobald zu vollenführen
gesucht indeme er viel mit einem gottlosen Weibe so Lise Kolken hieße und
früher bei ihme im Dienst gestanden conversiret Selbige möchte wohl die
Zauberstückchen gespielt haben so man ihr andichte sie wisse von keinem
Zauber Item verzählete sie wie der Amtshaubtmann es gestern Abend mit ihr
gemacht als sie kaum angekommen und wäre er nunmehr auch zum erstenmale
frisch mit der Sprache herfurgerückt weil er gläube sie in seiner Gewalt zu
haben Ja er wäre selber dieser Nacht wieder ins Gfängnüss zu ihr kommen und
hätte ihr abermals die Unzucht angetragen und wolle er sie schon frei machen
wenn sie seinen Willen täte Da sie ihn aber abgestoßen habe er mit ihr
gerungen wobei sie ein laut Geschrei erhoben und ihne an der Nasen gekratzet
wie annoch zu sehen wäre worauf er sie verlassen Darumb könne sie den
Amtshaubtmann nicht vor ihren Richter anerkennen und hoffe zu Gott dass er sie
retten würd aus der Hand ihrer Feinde wie weiland er die keusche Susanna
gerettet
Als sie hierauf mit lautem Schluchzen schwiege sprang Dn Konsul auf
nachdem er den Amtshaubtmann wie wir alle nach der Nasen gesehen und
alldorten auch die Schramme befunden und rief wie verstürzet Sprech Er umb
Gotteswillen sprech Er was muss ich von Sr Gestrengen hören worauf der
Amtshaubtmann ohne sich zu verfärben also zur Antwort gab dass er zwar nicht
nötig habe vor Sr Edlen zu sprechen angesehen er das Oberhaupt vom Gericht
wäre und aus zahllosen indiciis herfürgehe dass Rea eine boshafte Hexe sei und
darumb kein Zeugnis gegen ihn oder männiglich ablegen könne dass er aber dennoch
sprechen wolle umb dem Gericht keine Aergernüss zu geben Alle Anschuldigungen so
diese Person gegen ihn herfürgebracht wären erstunken und erlogen Doch hätte er
sie in alleweg vor eine Ausgebersche mieten wöllen inmassen er umb eine solche
sehr benötigt gewesen da seine alte Dorte schon schwach würde Auch hätte er
sie zwar gestern gleich insgeheimb fürgenommen umb sie im Guten zum Geständnüss
und dadurch zur Milderung ihrer Strafe zu persuadiren angesehen ihn ihre große
Jugend gejammert hätte aber kein unartiges Wort zu ihr gesaget noch wäre er in
der Nacht zu ihr kommen besonderen die Schramme hätte ihm sein klein
Schoosshündlein Below geheißen gekratzet mit dem er heute Morgen gespielt
Solliches könne seine Dorte bezeugen und hätte die schlaue Hexe dieses gleich
benutzet umb das Gericht uneinig zu machen und dadurch mit des Teufels Hilfe
ihren Vorteil zu gebrauchen alldieweil sie fast eine verschmitzte Kreatur
wäre wie das Gericht auch bald weiters ersehen würde
Nunmehr aber fasste ich mir auch ein Herze und stellte für dass Alles so
wahr sei wie es mein Töchterlein ausgesaget und ich gestern Abend selber vor
der Türen mitangehöret dass Se Gestrengen ihr einen Antrag getan und
Narrenteidinge mit ihr zu treiben versucht item dass er sie schon in Koserow
einmal hätte küssen wöllen item was Se Gestrengen mir sonsten für Herzeleid
von wegen dem Mistkorn zugefüget
Aber der Amtaubtmann überschriee mich alsobald und sprach wenn ich ihne
als einen unschuldigen Mann in der Kirchen von der Kanzel verläumbdet wie die
ganze Gemeinde sein Zeuge wär würd es mir ein Leichtes sein solches auch hier
für Gericht zu tun unangesehen ferner dass kein Vater für sein Kind ein
Zeugnis ablegen könne
Aber Dn Konsul wurde ganz wie verstöret und schwiege und stützete
daraufsein Haupt in tiefen Gedanken auf den Tisch Hiezwischen fing aber der
dreuste Büttel an ihm zwischen den einen Arm durch an seinen Bart zu fingeriren
und gläubete Dn Konsul wohl es wäre eine Fliege und schlug ohne empor zu
schauen mit der Hand danach Als er aber auf den Büttel seine Hand traf fuhr
er in die Höhe und fragete ihn was er wolle worauf der Kerl zur Antwort gab O
Em kröp da man ehne Luus de ick griepen wollde7
Solche Dreustigkeit verdross Se Edlen also heftig dass er dem Büttel eine
Maultasche stach und ihm bei harter Strafe befohl aus der Türen zu reisen
Hierauf wendete er sich an den Amtshaubtmann und schriee für Zorn was alle
zehn Teufel wie hält Se Gestrengen den Büttel in Respeckt Und überhaupt ist
das Allens ein seltsam Ding woraus ich nicht klug werden kann. Aber es
antwortete der Amtshaubtmann »nicht also sollte Er nit klug daraus werden
wenn er an die Aale gedenkt
Hierauf wurde Dn Konsul mit eim Mal ganz blass also dass er zu zittern
begunnte wie es mir fürkam und er den Amtshaubtmann abseiten in ein ander
Zimmer rief Habe niemals erfahren können was solches zu bedeuten gehabt so er
von den Aalen sagte
Hierzwischen saß aber Dominus Kamerarius Gebhard Wenzel und käuete eine
Feder und schaute dabei mit viel Grimm bald auf mich bald auf mein
Töchterlein doch ohne ein Wörtlein zu sagen auch antwortete er dem Scriba
nicht der ihm oft etwas ins Ohr bliese denn dass er brummete Endlich kamen die
zwo Herren wieder zur Türen herein und begunnte Dn Konsul nachdem er sich
mit dem Amtshaubtmann wieder gesetzet mein arm Kind fast heftig anzufahren dass
sie Ein löblich Gericht zu turbiren versuchet inmassen Se Gestrengen ihme das
Hündlein selber gezeiget so ihm die Schramme gekratzet und dieses auch von
seiner alten Ausgeberschen bezeuget wurde Ja die wollte ihn auch wohl nicht
verraten denn die alte Vettel hat es Jahre lang mit ihm gehalten und auch
einen gadlichen8 Jungen von ihm wie man noch weiters erfahren wird
Item sagete er dass so viel indicia ihrer Übeltat fürhanden dass es
unmöglich sei ihr Glauben zu stellen sie solle dannenhero Gott die Ehre geben
und in allen Stücken aufrichtig bekennen umb ihre Strafe zu mildern Möchte
alsdann noch ihrer Jugend halben mit dem Leben davon kommen etc
Hierauf setzte er sich die Brille auf die Nase und hube ansie bei vier
Stunden zu verhören aus eim Papier so er in Händen hielte Und waren solches
etwan die Haubtstücke so wir Bede davon behalten haben
Quaestio9 Ob sie zaubern könne
Responsio10 Nein sie wisse von keinem Zauber nicht
Q Ob sie denn böten11 könne
R Wär ihr ingleichen unbekannt
Q Ob sie wohl mal auf den Blocksberg gewesen
R Der wäre vor sie zu weit und kenne sie wenig Berge mehr denn den
Streckelberg wo sie öftermalen gewesen
Q Was sie denn dorten fürgenommen
R Sie hätte zur Sehe überschauet oder sich Blümleins gepflücket item sich
auch wohl eine Schürze dürres Reiswerk gehohlet
Q Ob sie dorten wohl den Teufel angerufen
R Wäre ihr niemalen in den Sinn gekommen
Q Ob der Teufel ihr denn ohne Anrufen dorten erschienen
R Davor solle sie Gott bewahren
Q Also sie könne nit zaubern
R Nein
Q Was denn Stoffer Zuter seiner bunten Kuh angekommen so plötzlich in
ihrem Beisein verrecket
R Das wisse sie nicht und wäre das eine seltsame Frag
Q Dann wäre es auch wohl eine seltsame Frag warumb Käte Berowschen ihr
klein Ferkelken verrecket
R Allerdings sie verwundre sich was man ihr zur Last lege
Q Also hätte sie dieses auch nit behexet
R Nein da sei Gott vor
Q Warumb sie denn aber der alten Käten wenn sie unschuldig wär ein
Ferkelken wieder versprochen wenn ihre Sau werfen würd
R Das hätte sie aus gutem Herzen getan Hiebei aber hube sie an fast
heftig zu weinen und sagte sie sehe wohl dass sie dieses Alles der alten Lise
Kolken verdanke welche ihr oftmalen gedrohet wenn sie ihr Unbegehren nicht
hätte erfüllen wöllen denn sie verlange Allens was ihren Augen fürkäme zu eim
Geschenk Selbige wär auch zu den Leuten gangen als das Vieh im Dorf bezaubert
gewesen und hätte ihnen zugeredet dass, wenn nur eine reine Jungfer dem Vieh ein
Paar Haare aus dem Schwanz griffe es mit selbigem besser werden würde So habe
sie sich denn erbarmet und wäre hingangen weilen sie sich eine reine Jungfer
gefühlet und hätt es auch etzliche Male geholfen letztlich aber nicht mehr
Q Weme es denn geholfen
R Zabels roter Kuh item Wittanschen ihrem Schwein auch der alten Lisen
ihrer eignen Kuh
Q Warumb es denn nachmalen nit mehr geholfen
R Das wisse sie nit vermeine aber wiewohl sie Niemand nit beschweren
wolle dass die alte Lise Kolkenso lange Jahre im gemeinen Geschrei als Hexe
gewesen dieses alles angerichtet und unter ihrem Namen das Vieh bezaubert und
auch wieder ungebötet wie ihr geliebt bloß umb sie in das Elend zu stürzen
Q Warumb die alte Lise denn auch ihre eigene Kuh bezaubert item ihr eigen
Ferkelken verrecken lassen wenn sie den Rumor im Dorf gemacht und wirklich
böten könne
R Das wisse sie nicht es möchte wohl einer sein wobei sie den
Amtshaubtmann ansah der ihr allens doppelt erstatte
Q Sie suche vergebens die Schuld von sich zu wenden denn ob sie auch nicht
dem alten Paasschen ja ihrem eignen Vater die Saat bezaubert und durch den
Teufel umbstürzen lassen item die Raupen in ihres Vaters Baumgarten gemacht
R Die Frage wäre bald so ungeheuer denn die Tat Da säße ihr Vater Se
Edlen müge ihne selber fragen ob sie sich jemals als ein ruchlos Kind gegen
ihn gezeiget Hier wollte ich aufstehen und das Wort nehmen aber Dn Konsul
ließ mich nit zu Worte kommen sondern fuhr fort zu examiniren weshalben ich
verstürzet stille schwieg
Q Ob sie denn auch leugne dass sie daran Schuld gewesen dass die
Wittahnsche einen Teufelsspök zur Welt gebracht so gleich sich aufgenommen und
durchs Fenster gefahren auch nachher als die Wehemutter nachgesehen
verschwunden gewesen
R Jawohl sie hätte eher denen Leuten Gutes getan ihr Lebelang denn ihnen
geschadet und sich oft selber in der grausamen Hungersnot den Bissen vom
Munde wegkgezogen und ihn Andern insonderheit den kleinen Kindleins
abgeteilet Solches müge ihr auf Befragen die ganze Gemeind bezeugen Da nun
aber die Zauberer und Hexen den Menschen Böses und nicht Gutes täten wie unser
Herr Jesus Matt am 12ten lehre allwo die Pharisäer ihn auch gelästert dass er
durch Beelzebub die Teufel austriebe so möge Se Edlen sich abnehmen ob sie in
Wahrheit eine Hexe sein könne
Q Er werde ihr die Gotteslästerungen alsbald zeigen er sähe schondass sie
ein groß Maul hätte und solle sie nur antworten auf was sie gefraget würd
Denn es käme nit darauf an was sie denen Armen für Gutes getan sondern womit
solches beschehen Möchte daher anzeigen wie sie benebst ihrem Vater plötzlich
zu solchem Reichtumb gelanget dass sie in seidinen Kleidern einherstolzire da
sie vorher doch ganz arm gewesen
Hiebei schaute sie auf mich und sprach Vater soll ichs sagen worauf ich
antwurtete ja mein Töchterlein jetzunder musst du alles fein aufrichtig sagen
wenn wir dadurch auch wieder blutarme Leut würden Sie bezeugete also wie sie
zuerst in unserer großen Not den Birnstein gefunden und was für ein Gewinn uns
daraus herfürgegangen durch die beiden holländischen Kaufleut
Q Wie diese Kaufleut geheißen
R Dieterich von Pehnen und Jakob Kiekebusch wären aber wie wir durch
einen Schiffer in Erfahrung gezogen in Stettin an der Pest verstorben
Q Warumb wir solchen Fund verschwiegen
R Aus Furcht für unserm Feind dem Amtshaubtmann so dem Anschein nach uns
zum Hungerstode verdammet indeme er der Gemeind verboten uns nichts mehr bei
harter Pön zu verabreichen und wolle er ihr schon einen bessern Priester
zuweisen
Hierauf sah Dn Konsul wieder den Amtshaubtmann scharf ins Angesicht
welcher zur Antwort gab dass er solches in alleweg gesaget angesehen der
Priester ihn fast abscheulich abgekanzelt dass er aber auch gar wohl gewusst es
sei noch weit mit ihm vom Hungerstod
Q Woher so viel Birnstein in den Streckelberg käm Sie solle nur gestehen
dass ihr der Teufel solchen zugetragen
R Davon wisse sie nichts Doch hätte es alldorten eine große Ader von
Birnstein wie sie männiglich noch heute zeigen könnte und hätte sie ihn daraus
gebrochen das Loch aber wieder mit tännin Zweigen wohl verwahret dass man es
nit finden müge
Q Wann sie in den Berg gangen wäre des Tags oder des Nachts
Hierauf verfärbete sie sich und hielt einen Augenblick inne gab aber
alsobald zur Antwort dass solches bald des Tages bald in der Nacht beschehen
sei
Q Warumb sie stöttere sie solle nur frei bekennen dass ihre Straf geringer
würd Ob sie nit den alten Seden dorten dem Satan übergeben dass er ihn durch
die Luft geführet und nur sein Hirn und Haare noch zum Teil oben in der Eichen
geklebet
R Sie wisse nit ob es sein Haar und Hirn gewesen auch nit wie es dorten
hinkommen Weilen ein Grünspecht eines Morgens so jämmerlich geschrien wäre
sie an den Baum getreten item der alte Paasch so das Geschrei auch gehört
wäre ihr alsobald gefolget mit seiner Holzaxt
Q Ob der Grünspecht nicht der Teufel gewesen so den alten Seden selber
gehohlet
R Das wisse sie nicht Er müsse aber schon lange tot gewesen sein dieweil
das Hirn und Blut so der Junge vom Baum gehohlet schon betrucknet gewesen
Q Wie und wann er denn zu Tode kommen
R Das wisse der allmächtige Gott Es hätte wohl Zutern sein klein Mädchen
ausgesaget dass sie eins Tages als sie Nessel vor das Vieh an Seden seinem Zaun
gepflücket vernommen dass der Kerl sein gluderäugigt Weib bedräuet er wolle es
dem Priester sagen dass sie wie er nunmehr gewisslich in Erfahrung gezogen
einen Geist habe worauf der Kerl auch alsbald verschwunden sei Doch wären
solches Kinderreden und wolle sie Niemand nit damit beschweren
Hierauf sah abermalen Dn Konsul dem Haubtmann steif ins Angesicht und
sagte die alte Lise Kolken müsse noch heute eingehohlet werden worauf aber der
Haubtmann keine Antwort gab und er fortfuhre
Q Sie verbleibe also dabei dass sie Nichtes vom Teufel wisse
R dabei verbliebe sie und werde sie verbleiben bis an ihr selig Ende
Q Und doch hätte sie sich wie Zeugen gesehen von ihm an hellem Tage in
der Sehe umbtaufen lassen Hier verfärbete sie sich aber eins und hielt ein
wenig inne
Q Warumb sie sich wiederumb verfärbe sie solle doch umb Gottes willen an
ihre Seligkeit gedenken und die Wahrheit bekennen
R Sie hätte sich in der Sehe gebadet angesehen der Tag sehr heiß gewesen
das sei die reine Wahrheit
Q Welche keusche Jungfer sich wohl in der Sehe bade du leugst oder wiltu
etwan auch leugnen dass du den alten Paassch sein klein Mägdlein durch einen
Stuten behext
R Ach wohl ach wohl Sie liebte das Kindlein wie ihr eigen Schwesterken
hätte sie nit bloß mit allen andern umbsonst informiret besonderen auch in der
großen Hungersnot sich den Bissen oftmalen aus dem Munde gezogen und ihr
denselben eingestecket Wie sie darumb ihr solch Leid hätte zufügen mügen
Q Wiltu noch immer leugnen Ehre Abraham wie verstockt ist sein Kind
Schaue denn her ist das keine Hexensalbe12 so der Büttel diese Nacht aus deinem
Koffer gehohlet Ist das keine Hexensalbe he
R Wäre nur eine Salbe vor die Haut so danach fein weiß und weich werden
solle wie der Apotheker in Wolgast ihr gesaget bei dem sie solche gekaufet
Q Hierauf fuhr er kopfschüttelnd fort Was Wiltu denn auch endlich noch
leugnen dass du diesen verschienen Sonnabend den 10ten July Nachts umb 12
Uhrenden Teufel deinen Buhlen auf dem Streckelberg mit gräulichen Worten
angerufen er dir darauf als ein großer und haarigter Riese erschienen und dich
umbhalset hab und geherzet
Bei diesen Worten wurd sie blasser denn ein Leich und fing an also heftig
zu wanken dass sie sich an einen Stuhl halten musste Als ich elender Mensch der
ich wohl vor sie mich in den Tod geschworen solches sah und hörte vergingen
mir die Sinnen also dass ich von der Bank stürzete und Dn Konsul den Büttel
wieder hereinrufen musste umb mir aufzuhelfen
Als ich mich in etwas wieder vermündert13 und der dreuste Kerl unsere
gemeine Verstürzung sah schrie er greinende das Gericht an Istt rut istt
rut hett se gebichtet14 worauf Dn Konsul ihme abermals die Türe wies mit
vielen Scheltworten wie man sich selber abnehmen kann und will dieser Bub
genug dem Amtshaubtmann immer die Vetteln zugeführet haben wie es heißt denn
sonsten achte ich wär er nicht so dreust gewesen
Summa ich wäre fast umbkommen in meim Elend wenn ich nicht das Röslein
gehabt so mit des barmherzigen Gotts Hülf mich wacker hielt als nunmehr das
ganze Gericht aufsprange und mein hinfällig Kind bei dem lebendigen Gott und
ihrer Seelen Seligkeit beschwore nit ferner zu leugnen sondern sich über sich
selber wie über ihren Vater zu erbarmen und die Wahrheit zu bekennen
Hierauf tät sie einen großen Seufzer und so blass sie gewesen so rot
wurde sie inmassen selber ihre Hand auf dem Stuhl wie ein Scharlaken anzusehen
war und sie die Augen nit von dem Boden hube
R Sie wolle auch jetzunder die reine Wahrheit bekennen da sie wohl sähe
dass böse Leute sie des Nachts beschlichen Sie hätte Birnstein vom Berge
gehohlt und bei der Arbeit nach ihrer Weiß und umb sich das Grauen zu
vertreiben das lateinische Karmen gerecitiret so ihr Vater auf den
durchlauchtigsten König Gustavum Adolphum gesetzet als der junge Rüdiger von
Nienkerken der oftermalen in ihres Vaters Haus gekommen und ihr von Liebe
vorgesaget aus dem Busch getreten wäre und da sie für Furcht aufgeschrieen
sie auf lateinisch angeredet und in seinen Arm genommen Selbiger hätte einen
großen Wulfspelz angehabt damit die Leute ihn nit erkennen möchten so sie ihme
etwan begegneten und es seinem Herrn Vater wieder verzählen dass er des Nachts
auf dem Berg gewesen
Auf solch ihr Bekenntnüss wollte ich schier verzweiflen und schriee für Zorn
o du gottlos ungehorsamb Kind also hastu doch einen Buhlen Habe ich dir nicht
verbotten des Nachts auf den Berg zu steigen was hastu des Nachts auf den Berg
zu tun und hub an also zu klagen und zu winseln und meine Hände zu ringen dass
es Dn Konsulem selber erbarmete und er näher trat umb mir Trost
einzusprechen Hierzwischen aber trat sie auch selber heran und hub an mit
vielen Tränen sich zu verteidigen dass sie wider mein Verbot des Nachts auf
den Berg gestiegen umb so viel Birnstein zu gewinnen dass sie mir heimblich zu
meinem Geburtstag die Opera Sancti Augustini so der Kantor in Wolgast verkaufen
wolle anschaffen müge Und könne sie nicht davor dass der Junker ihr eines
Nachts aufgelauert doch schwöre sie mir bei dem lebendigen Gott dass dorten
nichts Ungebührliches fürgefallen und sie annoch eine reine Jungfer sei
Und hiemit wurde nunmehr das erste Verhör beschlossen denn nachdem Dn
Konsul denen Schöppen etwas ins Ohr gemürmelt rief er den Büttel wieder herein
und befahle ihm auf Ream ein gut Augenmerk zu haben item sie nunmehr nit mehr
los im Gefängnis zu belassen sondern anzuschließen Solches Wort stach mir
abermals durch mein Herze und beschwur ich Se Edlen angesehen meines Standes
und meiner altadlichen Abkunft mir nicht solchen Schimpf anzutun und mein
Töchterlein schließen zu lassen Ich wolle mich vor Eim achtbaren Gericht mit
meinem Kopf verbürgen dass sie nit entrinnen würde worauf Dn Konsul nachdem er
hinausgangen und sich die Gefängnis angesehen mir auch willfährig war und dem
Büttel befahl es mit ihr zu lassen wie zeitero
Fußnoten
1 oder Usedom ein Städtchen von dem die ganze Insel den Namen führt
2 di erster Bürgermeister
3 Protokollführer
4 di dominus Konsul oder der Herr Bürgermeister
5 Die Verklagte
6 Dies lächerliche Verfahren schlug man in der Regel bei dem ersten Verhör einer
Hexe ein weil man in dem Wahne stand sie bezaubere sonst von vorne herein die
Richter mit ihren Blicken Hier wäre der Fall nun allerdings gedenkbar gewesen
7 O ihm kroch da nur eine Laus die ich greifen wollte
8 Plattdeutsch für halberwachsen
9 Frage
10 Antwort
11 entzaubern
12 Man glaubte der Teufel gäbe den Hexen eine Salbe um sich durch deren
Gebrauch unsichtbar zu machen in Tiere zu verwandeln durch die Luft zu fahren
usw
13 plattdeutsch di ermuntert
14 Ists heraus ists heraus hat sie gebeichtet
Kapitel 19
Wie der leidige Satan unter des gerechten Gottes Zulassung uns ganz zu
unterdrücken beflissen und wir alle Hoffnung fahren lassen
Selbigen Tages wohl umb 3 Uhren Nachmittags als ich zu dem Krüger Konrad Seep
gangen war umb doch etwas zu genüssen anerwogen ich nunmehr in 2 Tagen Nichtes
nicht in meinen Mund bekommen denn meine Tränen er mir auch etwas Brod und
Wurst benebst einer Kannen Bier fürgesetzet tritt der Büttel ins Zimmer und
grüssete von dem Amtshaubtmann doch ohne dass er seine Küffe1 anrührete Ob ich
nicht wolle bei Sr Gestrengen das Mittagsmahl speisen SG hätt es nicht
gleich beachtet dass ich wohl noch nüchtern wär dieweil das Verhör so lange
gezögert Ich gab hierauf dem Büttel zur Antwort dass ich mir allbereits wie er
wohl einsäh mein Mittagsbrod hätte verabreichen lassen und mich bei Sr
Gestrengen bedanket Darüber verwunderte sich der Kerl und gab zur Antwort ob
ich nicht säh wie gut es Se Gestrengen mit mir vermeinte wiewohl ich ihn
wie einen Juden abgekanzelt Söllte doch an mein Töchterken denken und
nachlässig2 gegen Sr Gnaden sein so könnte vielleicht noch allens gut
ablaufen Denn Sr G wäre nicht ein so grober Esel als Dn Konsul und hätt es
gut mit mir und meim Kind im Sinn als einer rechtschaffenen Obrigkeit
geziemete
Als ich nun mit Mühe den dreusten Fuchs loos worden versuchete ich ein
wenig zu genüssen aber es wollte nicht herunter bis auf das Bier Sass daher
bald wieder und sanne ob ich mich bei Konrad Seep einmieten wöllte umb immer
umb mein Kind zu sein item ob ich M Vigelio dem Pfarrherrn zu Benz nicht
wöllte meine arme und verführte Gemeind übergeben so lange mich der Herr noch
in Versuchung hielte Da wurd ich wohl nach einer Stunden durchs Fenster gewahr
dass ein lediger Wagen für das Schloss gefahren kam auf welchen alsobald der
Amtshaubtmann und Dn Konsul mit meinem Töchterlein stiegen item der Büttel so
hinten aufhackte Ließ dannenhero Allens stehen und liegen und lief zu dem Wagen
demütig fragende wohin man mein arm Kind zu führen gesonnen Und als ich
hörte dass sie in den Streckelberg wöllten umb nach dem Birnstein zu sehen
bat ich dass man mich müge mitnehmen und bei mein Kind sitzen lassen wer
wüsste wie lange ich noch bei ihr säss Solches wurde mir auch verstattet und
bote mir der Amtshaubtmann unterwegs an dass ich könnte im Schloss meine Wohnung
aufschlagen und an seinem Tisch speisen so lange mir geliebte wie er auch
meim Töchterlein alle Tage von seinem Tisch schicken würd Denn er hätte ein
christlich Herze und wüsste ganz wohl dass wir sollten unserm Feinde verzeihen
Vor solche Freundschaft bedankete mich aber untertänigst wie mein Töchterlein
auch tat anerwogen es uns jetzunder noch nit so arm erginge umb uns nicht
selber unterhalten zu können Als wir vor der Wassermühlen vorbeikamen hatte
der gottlose Knappe wieder den Kopf durch ein Loch gestecket und schnitt meinem
Töchterlein ein schiefes Maul Aber Lieber es sollt ihm aufgedruckt werden
Denn der Amtshaubtmann winkete dem Büttel dass er den Buben heraushohlen musste
und nachdeme er ihm seinen duppelten Schabernack so er gegen mein Kind bewiesen
fürgehalten musste der Büttel den Kutscher seine neue Peitsche nehmen und ihme
50 Prügel aufzählen die weiß Gott nicht aus Salz und Wasser waren Er brüllete
letztlich wie ein Ochse welches aber Niemand vor dem Rumor der Räder in der
Mühlen hörte und da er sich stellte als könnte er nicht mehr gehen ließ
wir ihn auf der Erden liegen und fuhren unsrer Straßen
In Ückeritze lief auch viel Volks zusammen als wir durchkamen so sich
aber ziemlich geruhsam hielte ohn allein einen Kerl so salva venia in den Weg
hoffirete als er uns kommen sah3 Der Büttel musste auch wieder abspringen
kunnte ihn aber nicht einhohlen und die Andern wollten ihn nicht verraten
sondern gaben für sie hätten nur auf unsern Wagen gesehen und es nicht
beachtet Kann auch immer wahr sein und will es mir daher fürkommen dass es
der leidige Satan selber gewesen umb über uns zu spotten denn merke umb
Gottes willen was uns im Streckelberg gearriviret Ach wir kunnten durch
Verblendung des bösen Feindes die Stelle nit wiederfinden wo wir den Birnstein
gegraben Denn wo wir vermeinten dass sie sein musste war ein großer Berg Sand
wie von eim Sturmwind zusammengeblasen und auch die tännin Zweige so mein
Töchterlein hingedecket waren wegk Sie ward fast unmächtig als sie solches
sah und range die Hände und schriee mit ihrem Erlöser mein Gott mein Gott
warumb hastu mich verlassen
Hierzwischen jedoch mussten der Büttel und der Kutscher graben Aber es
befand sich kein Stücklein Birnstein bei eines Körnleins Größe worauf Dn
Konsul das Haubt schüttelte und mein arm Kind fast hart anschnauzete Und als
ich zur Antwort gab dass der leidige Satan wie es den Anschein hätte uns wohl
die Kuhle verschüttet umb uns ganz in seine Gewalt zu überkommen musste der
Büttel aus dem Busch einen hohen Staken hohlen umb damit noch tiefer zu stoßen
Aber es war nirgends ein hart Objectum zu fühlen obgleich der Amtshaubtmann wie
Dn Konsul und ich selber in meiner Angst überall mit der Stangen probireten
Dannenhero bat mein Töchterlein das Gericht mit gen Koserow zu kommen wo
sie annoch vielen Birnstein in ihrem Koffer hätte so sie allhier gefunden Denn
wär es damit Teufelswerk so würde selbiger auch wohl verwandelt sein dieweil
sie in Erfahrung gezogen dass alle Geschenke so der Teufel denen Hexen zu
verehren pflege sich alsobald in Kot oder Kohlen umbwandelten
Aber Gott erbarms Gott erbarms als wir in Koserow zu gemeiner
Verwunderung wieder ankamen und mein Töchterlein an ihren Kasten trat war
alles Zeug darinnen umbgerissen und der Birnstein fort Sie schriee hierauf so
laut dass es hätte einen Stein erbarmen mögen und rief das hat der böse Büttel
getan Als er die Salbe aus meinem Koffer gehohlet hat er mir elenden Magd
auch den Birnstein gestohlen Aber der Büttel so dabei stund wollte ihr in die
Haare fahren und schriee du Hexe du vermaledeiete Hexe ist es nit genug dass
du meinen Herrn verleumbdet willtu mich nun auch noch verleumbden aber Dn
Konsul wehrete ihm dass er sie nicht anfassen durfte Item war all ihr Geld
fort so sie sich für heimblich verkauften Birnstein gespaaret und wie sie
vermeinte schon an die 10 Fl betragen
Aber ihr Kleid welches sie bei der Ankunft des durchläuchtigsten Königs
Gustavi Adolphi getragen wie die güldene Kettin mit dem Konterfett so er ihr
verehret hatte ich wie ein Heiligtumb in meinem Kirchenkasten bei denen Altar
und Kanzeltüchern verschlossen und fanden wirs auch noch für Doch als ich
solches entschuldigte und sagete dass ich es ihr hier bis auf ihren
Hochzeitstag aufhegen wöllen sah sie mit starren Augen in den Kasten und rief
»ja wenn ich gebrennet werd o Jesu Jesu Jesu« Hier schudderte sich Dn
Konsul und sprach sieh wie du immerdar dich mit deinen eigenen Worten
schlägest Umb Gottes und deiner Seligkeit willen bekenne denn wenn du dich
unschuldig befindest wie kannstu daran denken dass du brennen sollt Aber sie
schaute ihm noch immer starr in die Augen und hube anauf lateinisch
auszurufen innocentia quid est innocentia ubi libido dominatur innocentiae
leve praesidium est4
Hier schudderte sich Dn Konsul abereins also dass ihm der Bart wackelte und
sprach was kannstu in Wahrheit lateinisch Wo hastu das Lateinische gerlernt
und als ich solche Frage ihm beantwurtet soviel ich für Schluchzen dazu im
Stande war schüttelte er sein Haubt und sprach habe im Leben nicht vernommen
dass ein Weibsbild lateinisch kann Hierauf fiel er vor ihrem Kasten auf die
Kniee und suchete alles darinnen durch rückete ihn darauf von der Wand und
als er Nichtes gefunden ließ er sich ihr Bette zeigen und machte es damit auch
so Solches verdross letztlich den Amtshaubtmann und fragete ihn ob sie nicht
wieder fahren wöllten inmassen es sonsten Nacht würde Aber er gab zur Antwort
nein ich muss erst den Packzeddul5 haben so ihr der Satan gegeben und fuhr
fort überall umbherzusuchen bis es fast tunkel war Aber sie fanden Nichtes
nicht wiewohl Dn Konsul samt dem Büttel in der Küchen wie im Keller kein
Plätzlein verschoneten Darauf stiege er brummend wieder auf den Wagen und
befahl dass mein Töchterlein sich so setzen musste dass sie ihne nicht ansäh
Und hatten wir jetzunder mit der vermaledeieten Hexen der alten Lise Kolken
wieder dasselbige spectaculum angesehen sie wieder in ihrer Türen saß als wir
vorbeifuhren und aus voller Kehlen »Herr Gott dich loben wir« anstimmte
Quäkete aber wie ein angestochen Kalb so dass es Dn Konsul verwunderte und
nachdem er vernommen wer sie wäre fragete er den Amtshaubtmann ob er sie
nicht gleich wolle durch den Büttel aufgreifen und hinten an den Wagen binden
lassen umb nachzulaufen da wir keinen Platz mehr vor sie hatten Denn er hätte
nun schon oftmalen in Erfahrung gezogen dass alle alte Weiber so rote
Gluderaugen und eine sinnige Kehle hätten auch Hexen wären unangesehen was
Rea Verdächtiges gegen sie aussaget Aber er gab zur Antwort dass er solches nit
tun könne dieweil die alte Lise ein unbescholten und gottesfürchtig Weibsbild
wäre wie Dn Konsul anjetzo auch selber hören kunnte Doch hätte er sie auf
morgen mit den andern Zeugen fordern lassen
Ja wahrlich ein schön gottesfürchtig Weibsbild denn wir waren kaum aus
dem Dorf als ein also schwer Wetter einbrach mit Donner Blitze Sturm und
Hagel dass rund umb uns das Korn zu Boden geschlagen wurde wie von eim
Drescher und die Pferde fast wild für dem Wagen wurden währete aber nit lange
Doch musste mein arm Töchterlein auch wieder die Schuld tragen6 inmassen Dn
Konsul vermeinte dass nicht die alte Lise wie es doch so klar wie die Sonne
ist, sondern mein arm Kind dies Wetter gemacht Denn Lieber sage was hätt es
ihr nutzen können wenn sie auch die Kunst verstanden Aber solches sah Dn
Konsul nicht ein und der leidige Satan sollte unter des gerechten Gottes
Zulassung es alsobald noch ärger mit uns machen Denn wir waren allererst an den
Herrendamm7 kommen als er wie ein Aderbar8 über uns angefahren kam und eine
Pogge also exact von oben nieder warf dass sie mein Töchterlein in den Schoss
fiel Selbige schriee hell empor aber ich bliese ihr ein stille zu sitzen und
wollte die Pogge heimblich bei eim Fuß vom Wege werfen
Aber der Büttel hatte es gesehen und rief Herr Je Herr Je kiekt de
verfluchte Hex wat schmitt ehr de Düwel in den Schoot worauf sich der
Amtshaubtmann und Dn Konsul umbsahn und befunden wie ihr eine Pogge in den
Schoss kroch so der Büttel aber zuvor erst dreimal anbliese ehe er sie aufhub
und den Herren zeigete Davor bekam Dn Konsul das Speien und befahl nachdem es
fürüber dem Gutscher stille zu halten stieg vom Wagen und sagete wir söllten
nur nach Hause fahren ihm wäre übel und wolle er zu Fuß nachlaufen ob es
besser werden möchte Zuvor aber bliese er noch dem Büttel heimblich ein wie
wir aber deutlich verstanden er solle alsogleich wenn er zu Haus käm mein arm
Kind jedoch menschlich anschließen worauf weder sie noch ich für Tränen und
Schluchzen antwurten konnten Aber der Amtshaubtmann hatte es auch gehört was
er sagte und als wir ihn nit mehr sehen konnten hub er an meim Töchterlein von
hinten zu die Wangen zu streicheln sie solle nur zufrieden sein er hätte auch
ein Wörtlein dazwischen zu reden und der Büttel solle sie noch nicht schließen
Sie möge aber doch aufhören gegen ihn sich alsohart zu gebährden wie bisher
und übersteigen bei ihm aufsein Bund sitzen gehen damit er ihr heimblich einen
guten Rat geben könne was zu tun wäre Hierauf gab sie mit vielen Tränen zur
Antwort sie wolle nur bei ihrem Vater sitzen bleiben inmassen sie nit wüsste wie
lange sie noch bei ihm säss und bäte sie um Nichtes mehr denn dass Seine
Gestrengen sie möge in Frieden lassen Aber solches tat er nichtsondern
druckete sie mit seinen Knieen in den Rücken und in die Seiten und da sie
solches litte weilen es nicht zu ändern stund wurd er dreuster und nahm es für
ein gut Zeichen
Hierzwischen schriee aber Dn Konsul dicht hinter uns denn dieweilen ihn
grauete trottirete er dicht hinter dem Wagen »Büttel Büttel kommt geschwinde
her allhier liegt ein Schweinsigel mitten im Weg« worauf der Büttel auch vom
Wagen sprang
Solches aber machte den Amtshaubtmann noch dreuster und stund letztlich
mein Töchterlein auf und sprach »Vater wir wollen auch zu Fuß gehen ich kann
mich vor ihme hier hinten nit mehr bergen« Aber er riss sie beim Kleid wieder
nieder und rief zornig »wachte du boshafte Hex ich werde dir helfen zu Fuß
gehen wiltu also so solltu in Wahrheit noch diese Nacht an den Block« worauf
sie zur Antwort gab »tu Er was Er nicht lassen kann der gerechte Gott wird
hoffentlich auch einst mit Ihm tun was er nicht lassen kann
Hierzwischen aber waren wir beim Schloss ankommen und kaum vom Wagen
niedergestiegen als Dn Konsulso sich einen guten Schwitz gelauffen auch mit
dem Büttel anlangete und diesem sogleich mein Kind übergab so dass ich ihr kaum
noch valediciren konnte Blieb also händeringend im Tunklen auf der Dielen stehen
und horchete wohin sie gingen alldieweil ich nicht das Herz hatte nachzufolgen
als Dn Konsul so mit dem Amtshaubtmann in ein Zimmer getreten war wieder aus
der Türen schaute und dem Büttel nachrief Ream noch einmal wieder
anherzubringen Und als er solches tät und ich mit in das Zimmer trate hielt
Dn Konsul einen Brief in der Hand und nachdem er dreimal ausgespucket hube er
an »willstu noch leugnen du verstockte Hex horch mal zu was der alte Ritter
Hans von Nienkerken an das Gerichte schreibt« Und hierauf las er uns für dass
sein Sohn also verstürzt sei über die Sage so die vermaledeiete Hexe auf ihn
getan dass er von Stund an krank worden wäre und ihme dem Vater ginge es auch
nicht besser Sein Sohn Rüdiger wäre wohl einige Mal wenn es der Weg so
gefüget beim Pastore Schweidler eingekehret mit dem er auf einer Reise
Kundschaft gemachet schwüre aber dass er schwarz werden wolle wenn er jemalen
mit der verfluchten Teufelshuren seiner Tochter irgend eine Kurzweil oder
Narrenteiding betrieben geschweige Nachts auf dem Berg gewesen wäre und sie
dort umbhalset hätte
Auf solche erschröckliche Botschaft fielen wir Beide verstehe mein
Töchterlein und ich zu gleicher Zeit in Unmacht angesehen wir auf den Junker
annoch unsere letzte Hoffnung gesetzet und weiß ich nicht was man weiters mit
mir fürgenommen Denn als ich wieder bei mir kam stund der Krüger Konrad Seep
über mir und hielt mir einen Trichter zwüschen den Zähnen in welchen er mir
eine Biersuppen einkellete und hatte ich mich niemalen elender in meinem Leben
befunden wannenhero Meister Seep mich auch wie ein klein Kindlein ausziehen und
zu Bette bringen musste
Fußnoten
1 wahrscheinlich Mütze
2 nachgebend
3 Entweder wohl um seine Verachtung auszudrücken oder aus einem abergläubischen
Bewegungsgrund
4 Unschuld was ist Unschuld Wo die Begierde gebietet da hat die Unschuld eine
schwache Schutzwehr Worte des Cicero wenn ich nicht irre
5 Man stand nämlich in dem Wahn dass wie der Mensch dem Teufel so der Teufel
dem Menschen sich handschriftlich verpflichte
6 Denn die Entstehung von dergleichen plötzlichen Ungewittern schrieb man auch
den Hexen zu
7 führt bis auf den heutigen Tag diesen Namen und ist eine Viertelmeile von
Koserow entfernt
8 Storch Pogge plattdeutsch Frosch
Kapitel 20
Von der Bosheit des Amtshaubtmanns und der alten Lisen item vom Zeugenverhör
Am andern Morgen waren meine Haare so bis dato grau mengliret gewesen ganz weiß
wie ein Schnee wiewohlen mich der Herre sonsten wunderlich gesegnet Denn umb
Tagesanbruch kam eine Nachtigall in den Fliederbusch vor mein Fenster und sange
also lieblich dass ich gleich gläubte sie sei ein guter Engel gewesen Denn
nachdeme ich sie eine Zeitlang angehöret kunnte ich mit einem Mal wieder beten
was ich seit dem Sonntag nit mehr können Und da nun der Geist unsers Herrn Jesu
Christi anhub in meinen Herzen zu schreien »Abba lieber Vater«1 nahm ich
daraus eine gute Zuversicht Gott wolle mich sein elendig Kind wieder zu Gnaden
annehmen und nachdem ich ihm für so viel Barmherzigkeit gedanket gewann ich
nach langer Zeit wieder eine so erquickliche Ruhe dass die liebe Sonne schon
hoch am Himmel stund als ich aufwachte
Und dieweil mir noch also zuversichtlich umbs Herze war richtete ich mich
im Bette empor und sang mit heller Stimmen »Verzage nicht du Häuflein klein«
worauf Meister Seep in die Kammer trat vermeinende ich hätte ihn gerufen Blieb
aber andächtig stehen bis ich fertig war und nachdem er sich anfänglich über
meine schloweissen Haare verwundert verzählete er dass es schon bei sieben Uhren
wär item wäre meine halbe Gemein schon allhier bei ihme versammelt um heute
Zeugnis abzulegen worunter auch mein Ackersknecht Klaus Neels Als ich solches
vernommen musste der Krüger selbigen alsofort aufs Schloss schicken umb zu
fragen wann das Verhör anhübe worauf er die Botschaft brachte dass man es nit
wisse inmassen Dn Konsul schon heute gen Mellentin zu dem alten Nienkerken
gefahren aber noch nicht wieder zurücke wär Diese Botschaft gab mir wieder
einen guten Mut und fragete ich den Burschen ob er auch kommen wär umb gegen
mein arm Kind zu zeugen Darauf sagete er nein ich weiß Nichtes von ihr denn
Gutes und wollte ich den Kerls wohl was brauchen aber
Solche Rede verwunderte mich und drang ich fast heftig in ihn mir sein Herze
zu offenbaren Aber er hub an zu weinen und sagte letztlich er wisse nichtes
Ach er wusste nur zu viel und hätte jetzunder mein arm Kind retten können so er
gewollt Aber aus Furcht vor der Marter schwieg er stille wie er nachgehends
bekannte Und will ich hier gleich einrücken was ihm diesen Morgen geariviret
Er geht umb allein mit seiner Braut zu sein welche ihm das Geleit geben
sie ist Steffen seine Tochter von Zempin verstehe aber nicht den Bauern
sondern den lahmen GichtSteffen seine heute in guter Frühzeit von Haus und
gelanget schon gegen 5 Uhren in Pudgla an wo er aber noch Niemand im Kruge
fürfindet denn die alte Lise Kolken welche aber auch alsobald auf das Schloss
wackelt Und dieweil seine Braut wieder heimgekehret wird ihm die Zeit lang und
er steiget über den Krügerzaun in den Schlossgarten allwo er hinter eim
Buschwerk sich auf den Bauch wirft umb zu schlafen Währet aber nit lange so
kommt der Amtshaubtmann mit der alten Lisen an und nachdem sie sich überall
umbgeschauet und Niemand befunden gehen sie in eine Laube dicht vor ihm worauf
sie ein solch Gespräch geführet
Ille Jetzunder wären sie beide allein was sie nun von ihm wolle
Illa Sie käme umb sich das Geld zu hohlen vor die Zauberei so sie im Dorf
angerichtet
Ille Was ihm alle diese Zauberei genützet Mein Töchterlein ließe sich
nicht schröcken sondern würde immer trutziger und gläube er nicht dass er sie
jemalen zu seinem Willen bekäm
Illa Sölle sich nur Zeit lassen wenn es erst zur Angstbank ginge würde
ihr schon das Brusen2 ankommen
Ille Das wäre möglich aber ehe bekäme sie auch kein Geld
Illa Was Ob sie ihm vor sein Vieh auch was brauchen solle
Ille Ja wenn ihr der podex früre möge sies tun Im Übrigen gläube er
dass sie ihm selber schon was gebrauchet angesehen er eine Brunst zu der
Pfaffentochter hätte wie er vormals nie verspüret
Illa lachende Dasselbige hätt er vor 30 Jahren gesagt als er sich
allererst an sie gemacht
Ille Pfui du alte Vettel hilf mir nicht darauf sondern siehe nur zu dass
du drei Zeugen bekömmst wie ich dir letztlich gesaget denn sonsten sorge ich
recken sie dir doch noch die alten lahmen Lenden
Illa Sie hätte die drei Zeugen und verliesse sich im Übrigen auf ihn Denn
wenn sie gerecket würde würde sie Allens offenbaren was sie wüsste
Ille Sie solle ihr großes Maul halten und zum Teufel gehen
Illa Ja aber zuerst müsste sie ihr Geld haben
Ille Sie kriegte kein Geld nicht ehbevor er mein Töchterlein zu seinem
Willen bracht
Illa So möge er ihr doch allererst ihr Ferkelken bezahlen so sie sich
selber umb nicht in Missgunst zu kommen zu Tode gehext
Ille Sie könne sich wieder eines aussuchen wenn seine Schweine trieben und
solle nur sagensie hätt es ihm bezahlt Hiemit sagte mein Ackersknecht wären
auch schon die Schweine getrieben und eines in den Garten gelaufen da die
Pforte aufgestanden und weil der Säuhirt ihm gefolget wären sie beide
auseinander gangen doch hätte die Hexe noch für sich gemurmelt Nu help Düwel
help datt ick aber ein Mehreres hätte er nicht verstanden
Solches Alles verschwieg mir aber der furchtsame Knabe wie oben bemeldet und
sagete nur mit Tränen er wisse Nichts Gläubete ihm also und satzte mich vor
das Fenster umb auszuschauen wenn Dn Konsul wieder heimkehren würde Und als
ich solches gesehen hub ich mich alsogleich empor und ging auf das Schloss wo
mir der Büttel auch schon mit meim Töchterlein so er bringen sollte vor dem
Gerichtszimmer begegnete Ach sie sah so froh aus wie ich sie lange nit
gesehen und lächelte mich an mit ihrem lieblichen Mündlein da sie aber mein
schloweiss Haar erblickte tät sie einen Schrei also dass Dn Konsul das
Gerichtszimmer offen schlug und heraus rief »ha ha du merkest wohl schon
welche Zeitung ich dir bringe komm nur hereindu verstockt Teufelskind« worauf
wir zu ihm in das Zimmer traten und er anhube seine Worte an mich zu richten
nachdem er sich mit dem Amtshaubtmann so bei ihm war niedergesetzet
Als er mich gestern Abend vor einen Toten hätte zu Meister Seep tragen
lassen sagte er und dies mein verstockt Kind wieder wär ins Leben bracht
hätt er sie abereins aus allen Kräften beschworen nicht länger dem lebendigen
Gott zu lügen sondern die Wahrheit zu bekennen worauf sie sich aber fast
ungeberdig gestellt die Hände gerungen geweint und geschluchzet und letztlich
zur Antwort geben dass der junge Nobilis solches unmüglich könne gesaget haben
besonderen sein Vater hätte dieses geschrieben welcher ihr abhold wäre wie sie
wohl gemerket als der schwedische König in Koserow gewesen wäre Diese ihre Sag
hätte er Dn Konsul zwar gleich in Zweifel gezogen wäre aber als ein
gerechter Richter heute Morgen zu guter Zeit mit dem scriba nacher Mellentin
gefahren umb den Junker zu verhören
Und könne ich nun selber abnehmen welch erschröckliche Bosheit in meim
Kind stecke Denn der alte Ritter hätte ihn an das Bett seines Sohnes geführet
so noch für Ärger krank läge und selbiger hätte Allens was der Vater
geschrieben bestättiget und die schändliche Unholdin wie er mein Kind
genannt verfluchet dass sie ihm wolle seine adliche Ehre rauben »Was sagstu
nun« fuhr er fort »wiltu noch deine große Übeltat leugnen Sieh hier das
Protokollum so der Junker manu propria unterschrieben« Aber die elendige Magd
war hierzwischen schon wieder umbgefallen und der Büttel hatte solches nicht
alsobald gesehen als er nach der Küchen lief und mit einem brennenden
Schwefelfaden zurücke kam den er ihr unter der Nasen halten wollte
Aber ich wehrete es ihm und sprützete ihr einen Topf mit Wasser über das
Gesicht so dass sie auch wieder die Augen aufschlug und sich an einen Tisch in
die Höhe richtete Stand aber jetzo eine ganze Zeit ohne ein Wörtlein zu sagen
noch meines Jammers zu achten bis sie anhub freundlich zu lächeln und also zu
sprechen Sie sähe wohl wie wahr der heilige Geist gesaget verflucht ist der
sich auf Menschen verlässt3 und hätte die Untreue so der Junker an ihr bewiesen
gewisslich ihr armes Herze gebrochen wenn der barmherzige Gott ihme nicht gnädig
zuvorgekommen und ihr in dieser Nacht einen Traum eingegeben so sie erzählen
wolle nicht umb den Richter zu persuadiren sondern umb das weiße Haubt ihres
armen Vaters wieder aufzurichten
Nachdeme ich die ganze Nacht gesessen und gewachet sagete sie hörte ich
gegen den Morgen eine Nachtigall gar lieblich in dem Schlossgarten singen worauf
mir die Augen zufielen und ich entschlief Alsbald kam es mir für als wäre ich
ein Lämmlein und weidete in Koserow ruhig auf meiner Bleichen Da sprang der
Amtshaubtmann über den Zaun wandelte sich aber in einen Wulf umb der mich in
sein Maul nahm und mit mir auf den Streckelberg zulief allwo er sein Nest
hatte Ich armes Lämmlein zitterte und blökete vergeblich und sah meinen Tod
für Augen als er mich vor sein Nest niedersetzete allwo die Wülfin mit ihren
Jungen lag Aber siehe alsobald reckete sich eine Hand wie eines Mannes Hand
durch das Gebüsche und ergriff die Wülfe einen jeglichen unter ihnen mit eim
Finger und zerscheiterte sie also dass Nichtes von ihnen übrig blieb denn ein
grau Pulver Daraufnahm die Hand mich selber auf und trug mich wieder zu
meiner Bleichen
Lieber wie ward mir anjetzo zu Mute als ich dies Allens und auch von der
lieben Nachtigallen hörte woran du nunmehr auch nicht mehr zweifeln wirst
dass sie Gottes Dienerin gewesen Ich umbhalsete mein Töchterlein sogleich mit
tausend Tränen und verzählete ihr wies mir gangen und gewunnen wir Beide
einen solchen Mut und Zuversicht als wir noch nie gehabt so dass sich Dn
Konsul verwunderte wie es den Anschein hatte der Amtshaubtmann aber blass wurde
wie ein Laken als sie anjetzo auf die beiden Herrschaften hinzutrat und sprach
»jetzo macht mit mir als euch geliebt das Lämmlein erschröcket nicht denn
es steht in der Hand des guten Hirten« Hierzwischen trat nun auch Dn
Kamerarius mit dem Scriba ein entsatzte sich aber als er ungefährlich mit dem
Rockzipf meim Töchterlein an die Schürzen stieß und stund und schrapete an seim
Rock als ein Weib so Fische schrapet Endiglich nachdem er zuvor zu dreien
Malen ausgespieen redete er das Gerichte an ob sie nicht anheben wöllten den
Zeugeneid abzunehmen angesehen alles Volk schon längstens im Schloss und Kruge
versammblet wäre Solches ward angenehm aufgenommen und erhielt der Büttel
Befehl mein Kind so lange in seinem Zimmer aufzubewahren bis das Gericht sie
wieder rufen würd Ging also mit ihr hatten aber viel Plage von dem dreusten
Schalk inmassen er nicht blöde war den Arm meinem Töchterlein umb die Schulter
zu legen und in mea praesentia4 von ihr ein Küsseken zu verlangen Aber ehbevor
ich noch kunnte zu Worte kommen riss sie sich los und rief ei du böser Schalk
soll ichs dem Gerichte klagen hastu vergessen was du schon aufgeladen worauf
er aber lachend zur Antwort gab »kiek kiek wo oet5« und nunmehr fortfuhr
sie zu persuadiren dass sie sich solle williger finden lassen und ihren eignen
Vorteil nicht vergessen Denn er hab es eben so gut mit ihr im Sinn als sein
Herr sie möge es gläuben oder nicht und was er weiters skandalisirte und ich
überhöret hab Denn ich nahm mein Töchterlein auf meinen Schoss und legte mein
Haubt in ihren Nacken und so saßen wir stille und weineten
Fußnoten
1 Galat 4 6
2 Niedriger plattdeutscher Ausdruck
3 Jeremias 17 5
4 In meiner Gegenwart
5 Sieh sieh wie spröde
Kapitel 21
De confrontatione testium1
Als wir wieder vorgefordert wurden war die ganze Stuben voll Menschen und
schudderten sich etzliche als sie uns sahen etzliche aber greineten Und war
meines Töchterleins Sage ganz so wie hiebevor vermeldet worden Als aber unsre
alte Ilse fürgerufen ward so hinten auf einer Bank gesessen also dass wir sie
nit sehen kunnten war die Kraft womit sie der Herr angetan wieder zu Ende
und wiederhohlete sie des Heilands Worte der mein Brod isset tritt mich mit
Füßen und hielt sich an meim Stuhl fest Auch die alte Ilse kunnte vor Jammer
nit gerade gehen weder vor Tränen zu Worte kommen sondern sie rang und wand
sich wie eine Gebärerin für dem Gerichte Als sie aber Dn Konsul bedräuete dass
der Büttel ihr gleich solle zu Wort helfen bezeugete sie dass mein Kind gar oft
zu nachtschlafender Zeit heimblich aufgestanden und den bösen Feind laut
angerufen hätte
Q Ob sie gehört dass Satanas ihr Antwort geben
R Hätte sie niemalen nit gehört
Q Ob sie gewahr worden dass Rea einen Geist gehabt und in welcher Gestalt
Sie solle an ihren Eid gedenken und die Wahrheit reden
R Hätte sie niemalen nit verspüret
Q Ob sie wohl gehört dass sie zum Schornstein heraus gefahren
R Nein sie wäre immer heimblich aus der Türen gangen
Q Ob sie nie am Morgen einen Besenstiel oder Ofengabel vermisset
R Einmal wäre ihr Besen fortgewest sie hätte ihn aber hinter dem Backofen
wiederfunden und möchte sie selber ihn wohl in Gedanken dort hingesetzet
haben
Q Ob sie nie gehört dass Rea einen Zauber vorgehabt oder diesen und jenen
verwünschet
R Nein niemalen sondern sie hätte ihrem Nächsten nur Gutes angewünschet
auch in der bitteren Hungersnot sich selber den Bissen aus dem Mund gezogen
und ihn Andern abgeteilet
Q Ob sie denn auch nicht diese Salbe kenne so man in Rea Koffer
fürgefunden
R O ja die Jungfer hätte sie sich vor die Haut aus Wolgast mitgebracht
auch ihr abgeteilet als sie einmal spröde Hände gehabt und hätte solches
wacker angeschlagen
Q Ob sie sonsten noch was zu sagen wisse
R Nein nichtes den alles Gute
Hierauf wurde mein Ackersknecht Klaus Neels aufgerufen Selbiger trat auch
weinend hinzu antwortete aber auf alle Fragen mit Nein und bezeugete endlich
dass er nie Unrechtes von meinem Töchterlein gesehen noch gehört auch von ihrem
nächtlichen Wandel nichts vernommen angesehen er im Stall bei den Pferden
schliefe und auch sicher gläube dass böse Leute wobei er auf die alte Lise
sah ihr dies Herzeleid bereitet und sie ganz unschuldig sei
Als nunmehr auch an dies alte Satanskind die Reihe kam so ein Hauptzeugniss
ablegen sollte erklärete mein Töchterlein abermalen dass sie das Gezeugniss der
alten Lisen nit annehmen müge und das Gericht umb Gerechtigkeit anriefe denn
sie wäre ihr von Jugend auf gramm und länger in dem Geschrei der Zauberei
gewesen denn sie selber
Aber die alte Vettel rief Gott vergebe dir deine Sünden Das ganze Dorf
weiß dass ich ein fromm Weib bin und meinem Gott diene wie sich gebühret
worauf sie den alten Zuter Wittahn und meinen Fürsteher Klaus Bulk aufrief
welche auch für sie Zeugnis ablegeten Aber der alte Paassch stund und
schüttelte das Haubt doch als mein Töchterlein sagte Paassch warumb schüttelt
Ihr mit dem Kopf verzufzete2 er sich und gab zur Antwort »i nicks3«
Dieses wurde aber auch Dn Konsul gewahr und fragete ihn ob er etwas
Unartiges wider die alte Lise fürzubringen habe so möge er Gott die Ehre geben
und solches bekennen item stünde es einem Jeglichen erlaubt solches zu tun
ja das Gericht beföhl es ihme an zu sprechen so er etwas wüsste
Aber aus Furcht vor dem alten Drachen schwiegen sie Alle so mäuseken
stille dass man die Fliegen kunnte brummen hören umb das Tintenfass Da stund ich
Elender auf und streckete meine Arme über mein verzagt und verstürztes Volk aus
und sprach könnt ihr mich also kreuzigen mit mein arm Kinde hab ich das umb
euch verdient Sprecht doch ach will Niemand sprechen Aber ich hörte wohl
Etzliche heulen doch Niemanden sprechen und jetzunder musste sich mein arm
Töchterlein wohl zufrieden geben
Und war die Bosheit der alten Vettel so groß dass sie meinem Kinde nicht nur
die erschröcklichste Zaubereien fürhielt besonderen auch die Zeit ausrechnen
wollte wann sie sich dem leidigen Satan ergeben umb ihr zugleich ihre
jungfräuliche Ehr zu rauben inmassen sie behauptete dass dazumalen Satanas ihr
sonder Zweifel wohl die Jungfrauschaft genommen als sie nit mehr hätte das
Viehe heilen mügen sondern es gestorben wär Hiezu sagte mein Töchterlein aber
Nichtes denn dass sie die Augen niederschlug und verschamrotete über solche
Unfläterei und auf die andere Lästerung so die Vettel mit vielen Tränen
außstieß dass sie nämblich ihren Mann lebendig dem Satanas übergeben antwortete
sie wie oben gedacht worden Doch als die Vettel auf ihre Umtaufe in der Sehe
kam und fürgab dass sie im Busch nach Erdbeeren gesuchet worauf sie alsbald
meines Töchterleins Stimm erkannt und herangeschlichen wäre und so das
Teufelswerk gewahret fiel selbige ihr lächelnd in die Rede und gab zur
Antwort »ei du böses Weib wie kannstu meine Stimm wenn ich an der Sehe
spreche oben auf dem Berg in der Heiden hören Du leugst ja denn das Mürmeln
der Wellen macht es dir unmüglich« Solches verdross den alten Drachen und
wollt ers besser machen macht es aber noch ärger indem er sprach »du
rührtest ja das Maul wie ich sehen kunnte und daraus habe ich abgenommen dass
du den Teufel deinen Buhlen angerufen« Denn mein Töchterlein versetzte
alsobald O du gottlos Weib du sagst ja du wärst in der Heiden gewesen als du
meine Stimm gehört wie magstu denn in der Heiden sehen ob ich unten am Wasser
das Maul rühre oder nit
Solche Widersprechung verwunderte auch Dn Konsulem und hub er andie alte
Vettel zu bedräuen dass sie doch noch am Ende würde gerecket werden wenn sie
solche Lügen fürbrächte worauf selbige aber zur Antwort gab »so seht denn ob
ich lüge« Als sie nacket ins Wasser ginge hatte sie noch kein Zeichen an ihrem
Leib als sie aber wieder daraus herfürstieg sah ich dass sie zwischen den
beiden Brüsten ein Zeichen bei eines Wittens Größe hatte woraus ich abnahm dass
der Teufel ihr solches geben obwohl ich ihn nicht umb sie gesehen noch sonst
einen Geist oder Menschenkind sondern es den Anschein hatte dass sie ganz
allein war
Hierauf sprang der Amtshaubtmann von seinem Sessel und rief dass solchem
gleich müsste nachgeforschet werden worauf Dn Konsul zur Antwort gab ja aber
nit durch uns sondern durch ein Paar ehrsame Weiber Denn er achtete nit dass
mein Töchterlein sagte solches wäre ein Muttermaal und hätte sie es von ihrer
Jugend aufgehabt Dannenhero musste den Büttel seine Frau kommen welcher Dn
Konsul etwas ins Ohr mürmelte und als kein Bitten und Weinen helfen wollte
musste mein Töchterlein mitgehen Doch erhielt sie es dass die alte Lise Kolken
ihr nicht folgen durfte wie sie es zwar gewollt sondern unsre Magd die alte
Ilse So ging ich auch mit in meinem Gram weilen ich nicht wissen kunnte was
die Weibsbilder mit ihr fürnehmen würden Sie weinete heftig als selbige sie
auszogen und hielt sich für Schaam die Hand für die Augen
Ach Gott sie war gerade so weiß auf ihrem Leibe wie meine Seelige da sie
doch in ihrer Jugend wie ich mich erinnere fast gelb gewesen und sah ich mit
Verwundrung den Fleck zwischen ihren Brüsten von dem ich vorher auch nie was
in Erfahrung gezogen Aber alsobald schriee sie heftig auf und sprang zurücke
angesehen den Büttel sein Weib wie Niemand gewahr worden ihr eine Nähenadel in
den Fleck gestoßen also dass das rote Blut ihr über die Brüste lief Darob
erzürnete ich heftig aber das Weib gab für dass sie solches auf Geheiß des
Richters getan4 wie es auch nicht anders war Denn als wir wieder in das
Gerichtszimmer kamen und der Amtshaubtmann fragete wie es stünd bezeugete sie
dass alldorten zwar ein Maal bei eines Guldens Größe und gelblich anzusehen
fürhanden dass aber Gefühl in selbigem wäre angesehen Rea laut aufgeschrieen
als sie unvermerkt mit einer Nadel hineingestochen Hierzwischen Sprung aber Dn
Kamerarius plötzlich auf und trat für mein Töchterlein ihr die Augenlieder
auseinanderschiebend worauf er zu zittern begunnte und ausrief seht hier
das Zeichen welches nimmer treugt5 worauf das ganze Gericht aufsprung und ihr
das kleine Maalein beschauete so sich unter dem rechten Liede wies was von eim
Gerstenkorn gekommen aber Niemand nit gläuben wollte Besondern Dn Konsul
sprach Sieh der Satan hat dich gezeichnet an Leib und Seelen und du fährest
dennoch fort dem heiligen Geist zu lügen aber es wird dir nichtes helfen und
machstu dein Urtel nur schwerer O du schaamlos Weibsbild willtu der alten
Lisen ihr Gezeugniss nit annehmen willtu es dann auch nicht dieser Leute
Zeugnis so dich sämtlich haben auf dem Berge mit ihr deinen Buhlen den
Teufel anrufen hören worauf er dir als ein haarigter Riese erschienen und dich
geherzet und geküsset
Hierauf traten der alte Paassch Wittahnsche und Zuter hierfür und
bezeugeten dass solches umb Mitternacht geschehen und sie auf solch Bekenntnüss
leben und sterben wollten Die alte Lise hätte sie in der Sambstagsnacht bei 11
Uhren gewecket ihnen einen Krug Bier fürgesetzet und sie persuadirt der
Priestertochter heimblich nachzugehen umb zu sehen was sie in dem Berg täte
Und hätten sie zu Anfang nit gewollt aber umb der Zauberei im Dorf auf den
Grund zu kommen hätten sie sich endlich nach einem andächtigen Gebet willig
finden lassen und wären ihr in Gottes Namen gefolget
Hätten die Hexe auch bald durch das Buschwerk im Mondschein gesehen wo sie
getan als wenn sie gegraben und laut in einer absonderlichen Sprachen geredet
worauf der grimmige Erzfeind plötzlich erschienen und ihr umb den Hals
gefallen Nunmehr wären sie verstürzet fortgerannt und mit des allmächtigen
Gottes Hilfe auf den sie von Anbeginn ihr Vertrauen gesetzet auch erhalten und
beschützet worden vor der Macht des bösen Feindes Denn wiewohlen er sich nach
ihnen umbgesehen als es im Busch gerustert hätte er ihnen doch nit schaden
mögen
Endlich wurde es meim armen Töchterlein auch noch als ein Crimen ausgelegt
dass sie unmächtig worden als man sie von Koserow nacher Pudgla abgeführet und
wollte es abereins ihr Niemand gläuben dass solches vor Verdruss über der alten
Lisen ihren Gesang geschehen sei und nicht aus eim bösen Gewissen wie der
Richter fürgab
Als nunmehr sämtliche Zeugen verhöret waren befragete Dn Konsul sie noch
ob sie letztlich das böse Wetter gemacht item was die Pogge zu bedeuten gehabt
so ihr in den Schoss gefallen item der Schweinsigel so vor ihm mitten im Wege
gelegen worauf sie zur Antwort gab dass sie so wenig das Eine getan als sie
umb das Andre wisse worauf aber Dn Konsul abermals mit dem Kopf schüttelte und
sie dann letztlich fragete ob sie wolle einen Advokaten haben oder Allens der
besten Einsicht des Gerichtes anheimstellen worauf sie zur Antwort gab dass
sie in alle Wege einen Advokaten wolle und schickete ich dannenhero des
nächsten Tages meinen Ackersknecht Klaus Neels nach Wolgast umb den Syndicus
Michelsen zu hohlen der ein frommer Mann ist und bei dem ich etzliche Male
eingekehret bin wenn ich zur Stadt gefahren dieweil er mich höflichst
invitiret
Auch muss ich noch notiren dass meine alte Ilse nunmehr wieder bei mir zog
denn nachdeme die Zeugen fortgangen waren blieb sie annoch allein im Zimmer und
trat mutiglich für michbittend dass ihr müge vergönnt werden ihren alten Herrn
und ihr liebe Jungfer wieder zu pflegen Denn nunmehr hätte sie ihre arme Seel
gerettet und Allens geoffenbaret was sie wüsste Darum könnte sie es nit länger
mit ansehen dass es ihrer alten Herrschaft so traurig ginge und sie nicht
einmal einen Mund voll Essen hätten angesehen sie in Erfahrung gezogen dass die
alte Seepsche so die Kost vor mich und mein Kind bis dato bereitet oftermalen
die Grütze hätte anbrennen lassen item die Fische und andere Kost versalzen
Auch wäre ich vor Alter und Gram ja also schwach dass ich Beistand haben müsste
und wolle sie mir solchen getreulich leisten auch gerne im Stall schlafen wo es
sein müsste Lohn verlange sie nicht dafür und solle ich sie nur nicht
verstoßen Solche Guteit erbarmete mein Töchterlein zu Tränen und sprach sie
zu mir siehe Vater die guten Menschen kommen schon wieder zu uns sollten uns
die guten Engel denn auf immer verlassen Ich danke dir alte Lise ja du sollt
mir die Kost bereiten und sie mir immer bis an die Gefängnisstür tragen wenn
du nit weiter gehen darfst und letztlich darauf achten was der Büttel damit
fürnimmt hörstu
Solches versprach die Magd zu tun und nahm sie von jetzo an in einem Stall
ihre Herberge Gott lohn es ihr am jüngsten Gerichte was sie für mich und mein
arm Kind getan
Fußnoten
1 Von der Konfrontation der Zeugen
2 plattdeutsch für zusammenfahren
3 ei nichts
4 Man nahm nämlich an dass dergleichen Maale bei den Hexen alsdann
unzubezweifelnde Zeichen des Teufels wären wenn sie kein Gefühl hatten und
wurde diese Procedur mit jedem der Zauberei Verdächtigen vorgenommen
5 Man sehe ua Delrio disquisit magicae lib v Tit XIV No 28
Kapitel 22
Wie der Syndicus Dn Michelsen gearriviret und seine Defension für mein arm
Töchterlein eingerichtet
Des andern Tages umb drei Uhren Nachmittags kam Dn Syndicus angekarret und
stieg bei mir im Kruge ab Er hatte einen großen Sack mit Büchern bei sich war
aber nicht so freundlich als ich sonsten an ihme gewohnt gewesen besonderen
ehrbar und geschweigsam Und als er mich in mein Zimmer salutiret und gefraget
wie es müglich wäre dass mein Kind zu solchem Unglück kommen verzählete ich ihm
den ganzen Fürgang wobei er aber nur mit dem Kopf schüttelte Auf meine Frag ob
er heute noch wolle zu meinem Töchterlein gehen antwortete er Nein sondern dass
er zuvor erst die Akta studieren wolle Nachdem er also ein wenig von einer
wilden Enten gessen so meine alte Ilse vor ihm gebraten hielt er sich auch
nit auf sondern ging alsofort aufs Schloss von wannen er erst des andern
Nachmittags heimkehrete Er war aber nicht freundlicher denn er bei seiner
Ankunft gewesen und folgte ich ihm mit Seufzen als er mich invitirete nunmehr
ihn zu meinem Töchterlein zu geleiten Als wir mit dem Büttel eintraten und ich
mein arm Kind so in ihrem Leben niemalen ein Würmlein gekränket zum erstenmal
in Ketten vor mir sah hätte ich aufs Neu für Jammer vergehen mögen Doch sie
lächelte und rief Dn Syndico entgegen »Ist Er der Engel der mich wie St
Petrum von meinen Ketten befreien will1« worauf er mit einem Seufzer zur
Antwort gab »das gebe der allmächtige Gott« Und da weiter kein Stuhl im
Gefängnis fürhanden so ein garstig und stinkend Loch war und worinnen es so
viele Kellerwürmer hatte als ich in meinem Leben nicht gesehen als der Stuhl
worauf sie an der Wand saß setzeten Dn Syndicus und ich uns auf ihr Bette
welches man ihr auf mein Bitten gelassen und befahl selbiger dem Büttel
nunmehr wieder seiner Straßen zu gehen bis er ihn rufen würd Hierauf fragete
er mein Töchterlein was sie zu ihrer Entschuldigung herfürbringen wolle und
war sie noch nit weit in ihrer Defension gekommen als ich an dem Schatten so
sich an der Türen rührete abnahm dass Jemand vor selbiger stehen musste Trat
also eiligst in die Türe welche halb offen stund und betraf den dreusten
Büttel welcher hiervor stehen geblieben umb zu horchen Solches verdross Dn
Syndicum dermaßen dass er seinen Stock ergriff umb ihm das Kehraus zu geben
aber der Erzschalk lief alsobald von dannen als er solches merkete Dieses
benützete mein Töchterlein umb ihrem Herrn Defensori zu erzählen was sie von
diesem dreusten Kerl ausgehalten und dass ihr müge ein anderer Büttel geben
werden inmassen er in vergangener Nacht noch wieder in böser Absicht bei ihr
gewesen so dass sie letztlich laut geschrien und ihn mit den Ketten aufs Haubt
geschlagen worauf er endlich von ihr gewichen Solches versprach Dn Syndicus
zu besorgen aber ihre Defension anlangend die sie nunmehr fortsetzte so
vermeinte er dass es besser geschähe wenn des impetus2 nicht weiter gedacht
würde so der Amtshaubtmann auf ihre Keuschheit versuchet Denn sprach er
dieweil das fürstliche Hofgericht in Wolgast dein Urtel spricht würde dir
solches Fürgehen mehr schaden denn nützen angesehen der Praeses desselbigen ein
Vetter von dem Amtshaubtmann ist und häufig mit ihme auf der Jagd conversiret
Dazu kommt dass du als einer so großen Übeltat gerüchtiget nicht fidem hast
zumalen du keine Zeugen wider ihn stellen kannst Es würde dannenhero nimmer zu
Recht wider dich erkannt werden, dass du solche Sag in der Urgicht3 solltest
bekräftigen als von welcher ich dich durch meine Defension zu lösen doch
anhero kommen bin Solche Gründe schienen letztlich uns beiden vernünftig und
beschlossen wir die Rache dem allmächtigen Gott zu überlassen der in das
Verborgene sieht und dem wir alleine unsere Unbill klagen wollten da wir sie
denen Menschen nicht klagen durften Was mein Töchterlein aber sonst fürbrachte
von der alten Lisen item in dem guten Leumut in welchem sie ehedem bei
männiglich gestanden wöllte er Allens zu Papier bringen und von dem Seinen
hinzufügen so viel und so gut es ihm müglich umb sie von der Marter mit des
allmächtigen Gottes Hilfe zu erlösen Sie söllte sich nur geruhsam halten und
sich demselbigen empfehlen Binnen zweener Tagefrist hoffe er mit seiner
Defension fertig zu sein umb ihr solche fürlesen zu können Als er nunmehr
den Büttel wieder rief kam selbiger aber nit sondern schickete sein Weib umb
die Gefängnis zuzuschliessen und nahm ich mit vielen Tränen von meim Kind
Abschied unterdes Dn Syndicus auf ihren dreusten Kerl schalt und ihr
verzählete was fürgefallen umb es ihm wieder zu sagen Doch schickete er das
Weib noch einmal wegk und kehrete alsdann wieder umb sagende er hätte
vergessen gewisse Kundschaft einzuziehen ob sie wirklich die lateinische Sprach
verstünde Sie möge also ihre Defension einmal auf lateinisch sagen so es ihr
müglich Und hob sie nunmehr an eine Viertelstunde lang und darüber selbige
also zu führen dass nit bloß Dn Syndicus sondern ich selber mich über sie
verwundern musste angesehen ihr kein einzig Wörtlein fehlte denn das Wörtlein
»Schweinsigel« so wir beide in der Eile aber auch nit wussten als sie uns darumb
befragete Summa Dn Syndicus wurde ein groß Teil freundlicher als sie ihre
Oration beendiget und valedicirete 4 ihr mit dem Versprechen sich alsofort an
die Arbeit zu machen
Und sah ich ihn nunmehr nit wieder bis auf den dritten Tag morgens umb 10
Uhren angesehen er im Schloss auf einem Zimmer arbeitete so ihm der
Amtshaubtmann gegeben allwo er auch gessen wie er mir durch die alte Ilse
sagen ließ als sie ihm des andern Tages die Frühkost bringen wollte
Um vorbemeldete Zeit aber ließ er mich durch den neuen Büttel rufen so
allbereits aufsein Fürwort aus Uzdom angekommen Denn der Amtshaubtmann hätte
sich fast sehr erzürnet als er vernommen dass der dreuste Kerl mein Kind im
Gefängnis wäre angangen und im Zorn gerufen »potz Element ich werde dich
caressiren helfen« ihm darauf auch mit einer Hundepeitschen den Buckel wacker
abgebläuet so dass sie jetzunder wohl Friede vor ihm haben solle
Aber der neue Büttel war fast ärger denn der alte wie man leider bald
weiters hören wird Er hieß Meister Köppner und war ein langer Kerl mit eim
grausamen Antlitz und einem also großen Maul dass ihm bei jeglichem Wort der
Speichel zur Seiten herausfuhr und an seim langen Bart wie ein Seifenschaum
bekleiben blieb also dass mein Töchterlein für ihn eine absonderliche Angst
hatte Auch tat er bei jeglicher Gelegenheit als wenn er hohnlachete welches
auch beschah als er uns die Gefängnüsstüre aufgeschlossen und mein arm Kind in
ihrem Jammer sitzen sah Ging aber alsbald ungefordert seiner Straßen worauf
Dn Syndicus seine Defension aus der Taschen zog umb uns solche fürzulesen Und
haben wir nur die fürnehmsten Stücke davon behalten so ich hier anführen will
die Autores aber größtenteils vergessen
1 hub er an dass mein Töchterlein bisher immer in eim guten Geschrei gewesen
wie »nicht nur das ganze Dorf sondern auch meine Dienstleute bezeugeten ergo
könne sie keine Hexe sein inmassen der Heiland gesaget ein guter Baum kann
nicht arge Früchte bringen Matt am siebenten
2 was die Zauberei im Dorf anbelangte so möchte solche wohl die alte Lise
angerichtet haben angesehen sie einen Hass gegen Ream trüge und schon lange in
eim bösen Geschrei gewesen und hätte nur die Gemein aus Furcht für dieser alten
Hexen nit sprechen wöllen Darumb müsse noch Zutern ihr klein Mädchen verhöret
werden als welche es gehört dass ihr Ehekerl zu der alten Lisen gesaget sie
hätte einen Geist und wolle ers dem Priester sagen Denn wiewohl selbige annoch
ein Kind wäre stünde doch geschrieben Ps 8 Aus dem Munde der jungen Kinder
und Säuglinge hastu dir eine Macht zugerichtet und hätte der Heiland selber
Matt 21 auf das Gezeugniss derer Kinder sich berufen
3 Dannenhero möchte die alte Lise auch wohl die Ackerstücke item die Obstbäume
bezaubert haben anerwogen nicht anzunehmen stünde dass Rea so sich bisher als
eine artige Tochter bezeuget ihrem eigenen Vater solle das Korn behexet oder
ihm Raupen gemacht haben Denn Niemand sage die Schriftkönne zween Herrn dienen
4 item möchte sie auch wohl der Grünspecht gewesen sein so Reae wie dem alten
Paasschen im Streckelberg begegnet wäre und selber ihren Ehekerl aus Furcht
vor dem Priester dem bösen Feind übergeben haben anerwogen wie Spitzel de
expugnatione Orci beibrächte item der malleus maleficarum5 außer Zweifel
setzete die leidigen Kinder des Satans sich oftermalen in allerlei Tiere
verkehreten nicht minder als es der garstige Unhold selber schon im Paradiese
getan da er unsere ersten Eltern unter der Gestalt einer Schlangen verführet
Genes am 3ten
5 Hätte die alte Lise auch wohl das böse Wetter gemacht als Dn Konsul mit Rea
vom Streckelberg gekommen alldieweil es unmüglich wäre dass dieses Rea gewesen
indem sie auf dem Wagen gesessen und die Hexen wenn sie Wetter macheten immer
im Wasser stünden und sich solches rücklings über den Kopf würfen item die
Steine mit eim Stock weidlich abklopfeten wie Haunold fürbringe Selbige möge
denn auch wohl am besten um die Pogge und den Schweinsigel wissen
6 Würde Reae irrtümlich als ein crimen ausgeleget was doch zu ihrer
Rechtfertigung deihen müsste nämlich ihr plötzlicher Reichtumb Denn der
malleus maleficarum besage ausdrücklich dass nie eine Hexe nicht reich würde
besonderen Satanas zur Unehre Gottes sie immer umb ein Spottgeld kaufe damit sie
nit durch solchen Reichtumb sich verrieten6 dieweil nun aber Rea reich worden
wäre könne sie ihr Gut nicht durch den leidigen Erzfeind gewonnen haben
besonderen es wäre wahr dass sie Birnstein im Berg gefunden Dass solche Ader aber
nachmalen nit zu finden gewesen möge auch wohl durch den Zauber der alten Lisen
beschehen sein oder die Sehe hätte auch den Berg unten abgespühlet wie
oftermalen geschähe also dass er oben nachgeschossen und die Stätte verschüttet
wäre so dass hierbei nur ein miraculum naturale7 sich ereugnet Den Beweis so er
aus der Schrift beibrachte haben wir vergessen da er auch nur gadlich8 war
7 Ihre Umtaufe anlangend so hätte die alte Vettel selber gesaget dass sie
weder den Teufel noch irgend einen Geist oder Menschen umb Ream gesehen und
möge sie sich dannenhero immer natürlich gebadet haben umb des andern Tages den
schwedischen König zu begrüßen angesehen es heißes Wetter gewesen und solches
nicht geradezu die Schaamhaftigkeit einer Jungfer turbire
Denn dass sie Einer sehen würd hätte sie wohl so wenig vermutet als die
Batseba die Tochter Eliams das Weib Uriae des Hetiters so sich auch gebadet
wie 2 Sam 112 geschrieben stünd ohne zu wissen dass David ihrer ansichtig
worden Auch könne ihr Maal kein Satansmaal sein dieweil ein Gefühl darinnen
vorhanden gewesen ergo wäre es ein natürlich Maal und erlogen dass sie es vor
ihrem Bade noch nicht gehabt Überdiess wär in diesem Punkt der alten Vettel gar
nit zu trauen da sie dabei von einer Wiedersprechung in die andere geraten
wie Acta besagten
8 Auch die Zauberei mit Paasschen seim klein Töchterlein müge Reae nit mit
Recht zugemutet werden Denn da die alte Lise auch in der Stuben aus und
eingegangen ja sich auf das Bäucheken des kleinen Mägdleins gesetzet als
Pastor sie besuchet möge dieses böse Weib so einmalen einen großen Groll auf
Ream trügesolches Zauberwerk mit der Macht des bösen Feindes und unter Zulassung
des gerechten Gottes auch wohl fürgenommen haben Denn der Satanas sei ein
Lügner und ein Vater der Lügen wie unser Herr Christus sage Johannes am achten
9 Anlangend nun den Spök des leidigen Bösewichts so in Gestalt eines haarigten
Riesen auf den Berg erschienen so wäre dieses freilich das schwerste Gravamen
anerwogen nit bloß die alte Lisesondern auch drei achtbare Zeugen sein ansichtig
worden Allein wer wüsste ob die alte Lise auch nit diesen Teufelsspök
herfürgebracht umb ihren Feind ganz zu verderben Denn wiewohlen solcher Spök
der Junker nit gewesen wie Rea fürgegeben wäre es gar leichtlich müglich dass
sie dennoch nit gelogen besonderen den Satanas der die Gestalt des Junkers
angenommen für selbigen angesehen Exemplum gäbe die Schrift selber Denn
alle Teologi der gesammten protestantischen Kirchen stimmeten darinnen überein
dass der Spök so die Hexe von Endor dem Könige Saul gewiesen nicht Samuel
selber besonderen der leidige Satanas gewesen Nichts destoweniger hätte Saulus
ihn für den Samuel gehalten Also möge die alte Vettel Reae auch wohl den
leidigen Teufel herfürgezaubert haben ohne dass sie es gemerket dass es nicht
der Junker sondern Satanas gewesen der nur des Junkers Gestalt angenommen umb
sie zu verführen Denn da Rea ein schön Weib sei wäre es nicht zu verwundern
dass der Teufel sich mehr Müh umb sie gäbe denn umb eine alte trockene Vettel
angesehen er von jehero nach schönen Weibern getrachtet umb sie zu beschlafen
Genes 6 2
Endelich brachte er für dass Rea auch nicht als eine Hexe gezeichnet und weder
eine krumme Nase noch rote Gluderaugen hätte Wohl aber hätte die alte Lise
beides so Teophrastus Paracelsus als ein sicher Merkzeichen der Zauberei
angäbe sprechende »die Natur zeichnet Niemands also es sei denn ein
Missgerät und seind dies die Hauptzeichen so die Hexen an ihnen haben wenn sie
der Geist Asiendens überwunden hat«
Als Dn Syndicus nunmehr mit seiner Defension fertig war war mein
Töchterlein so erfreut darüber dass sie ihm wollte die Hand küssen allein er
riss seine Hand zurücke und pustete dreimal darüber so dass wir leichtlich
vermuten kunnten es wäre ihme mit solcher Defension annoch selber kein
Ernst Brach auch alsobald mürrisch auf nachdem er sie dem Schutz des Höchsten
empfohlen und bat mich meinen Abschied kurz zu machen da er heute noch wieder
nach Hause wolle was ich denn auch leider tun musste
Fußnoten
1 Apostelgeschichte 12 7
2 Angriff
3 Auf der Folter
4 Nahm Abschied
5 Der berühmte Hexenhammer Innocentius VIII welcher 1489 erschien und das bei
den Hexenprozessen zu beobachtende Verfahren vorschrieb
6 Die Originalworte des Hexenhammers Tom I quaest 18 lauten auf die Frage
cur maleficae non ditentur ut juxta complacentiam daemonis in contumeliam
creatoris quantum possibile est pro vilissimo pretio emantur et secundo ne
in divitiis notentur
7 natürliches Wunder
8 plattdeutsch für mittelmäßig
Kapitel 23
Wie mein arm Töchterlein soll mit der peinlichen Frag beleget werden
Als nunmehr Akta an Ein lobsam Hofgericht verschicket worden währete es wohl
an die 14 Tagebevorab Antwort kam Und war Se Gestrengen der Amtshaubtmann
sonderlich freundlich gegen mich erlaubte auch da das Gericht wieder
heimbgekehret dass ich mein Töchterlein so oft sehen kunnte als ich begehrete
wannenhero ich den größten Teil des Tages umb sie war Und wenn dem Büttel die
Zeit zu lange währete dass er auf mich passen musste gab ich ihm ein Trinkgeld
und ließ mich von ihm mit meim Kind einschliessen Auch war der barmherzige Gott
uns gnädig dass wir oft und gerne beten mugten Denn wir hatten wieder eine
steife Hoffnung und vermeinten dass das Creuz so wir gesehen nun bald wäre
fürübergezogen und der grimmige Wulf schon seinen Lohn bekommen würde wenn ein
lobsam Gericht Acta einsähe und an die fürtreffliche Defension gelangete so
Dn Syndicus vor mein Kind gefabriciret Darumb fing ich auch wieder an
aufzuheitern zumalen als ich sah dass meinem Töchterlein die Wangen sich gar
lieblich röteten Doch am Donnerstag den 25sten mensis Augusti umb Mittag fuhr
Ein ehrsam Gericht abereins auf den Schlosshof als ich mit meim Kind nach meiner
Weis wieder im Gefängnis saß und die alte Ilse uns die Kost brachte so aber
für Tränen uns die Nachricht nicht geben kunnte Aber der lange Büttel schaute
lachend zur Türen herein und rief »ho ho nu sind se da nu wadd dat Ketteln
wohl los gahn1« worüber mein arm Kind sich schudderte2 doch mehr über den Kerl
denn über die Botschaft Selbiger war auch kaum fortgangen als er schon wieder
kam umb ihr die Ketten abzunehmen und sie abzuhohlen Folgete ihr also in das
Gerichtszimmer wo Dn Konsul die Sentenz Eines lobsamen Gerichtes fürlas dass
sie über die gefassten Artikul noch einmal in Güte solle gefraget werden und
bliebe sie verstockt wäre sie der peinlichen scharfen Frag zu unterwerfen denn
die beigebrachte Defension haue nicht aus besonderen es wären indicia legitima
praegnantia et sufficientia ad torturam ipsam3 fürhanden als
1 mala fama4
2 maleficium publice commissum5
3 apparitio Daemonis in monte6
wobei Ein Hochlobsam Hofgericht an die 20 Autores citiret wovon wir aber wenig
behalten Als Dn Konsul solches meinem Töchterlein fürgelesen hub er wiederumb
an sie mit vielen Worten zu vermahnen dass sie müge in Güte bekennen denn die
Wahrheit käme jetzunder doch an den Tag
Hierauf gab sie standhaft zur Antwort dass sie nach der Defension Dn
Syndici zwar ein besser Urtel gehoffet allein da es Gott gefiele sie annoch
härter zu prüfen beföhle sie sich ganz in seine gnädige Hand und könne sie
nicht anders bekennen denn sie vorher getan dass sie nämblich unschuldig sei
und böse Menschen sie in dies Elend geführet Hierauf winkete Dn Konsul dem
Büttel welcher aus der andern Stuben Pastorem Benzensem7 in seinem Chorrock
hereinliess so von dem Gericht bestellt war umb sie noch besser aus Gottes
Wort zu vermahnen Selbiger tät einen großen Seufzer und sprach »Maria Maria
wie muss ich dich wiedersehen« worauf sie anhub gar heftig zu weinen und ihre
Unschuld abermals zu beteuern Aber er kehrete sich nicht an ihren Jammer
besonderen nachdem er sie hatte das »Vaterunser Aller Augen und Gott der
Vaterwohn uns bei« beten lassen hub er an ihr den Gräuel fürzustellen den der
lebendige Gott an allen Zauberern hätte angesehen ihnen nicht nur im alten
Testamente die Strafe des Feuers wäre zuerkannt worden sondern auch der heilige
Geist im N Testament ausdrücklich sage Gall am fünften dass die Zauberer
nimmer würden das Reich Gottes erben sondern ihr Teil würde sein in dem Pfuhl
der mit Feuer und Schwefel brennet welches ist der andere Tod Apocal 21 Sie
möge also nicht trotziglich sein noch dem Gericht die Schuld geben wenn sie
also geplaget würde denn das Alles geschähe aus christlicher Liebe und umb ihre
arme Seele zu retten So müge sie denn umb Gottes und ihrer Seeligkeit willen
nicht länger ihre Busse verschieben ihren Leib martern lassen und ihre arme
Seele dem leidigen Satan übergeben welcher ihr doch nicht in der Höllen halten
würde was er ihr hier auf Erden versprochen denn er wäre ein Mörder von Anfang
und ein Vater der Lügen Joh am 8ten O Maria rief er aus mein Kindlein die du
so oft auf meinem Schoss gesessen und für die ich jetzunder alle Morgen und
Abend zu meinem Gotte schreie wiltu mit dir und mir kein Erbarmen tragen so
trage Erbarmen mit deinem rechtschaffenen Vater den ich für Tränen nicht
ansehen kann da sein Haar in wenig Tagen schlooweiss geworden und rette deine
Seele mein Kind und bekenne Siehe dein himmlischer Vater betrübet sich anjetzo
nicht minder über dich denn dein leiblicher Vater die heiligen Engel verhüllen
für dir ihre Augen dass du die du einst ihr lieblich Schwesterlein warst
nunmehr eine Schwester und Braut des leidigen Teufels worden bist Darumb kehre
umb und tue Busse Dein Heiland rufet dich verirrtes Lämmelein heute wieder
zurück zu seiner Heerden Sollte nicht gelöst werden diese die doch Abrahams
Tochter ist von den Banden welche Satanas gebunden hat lautet sein barmherzig
Wort Lukas am dreizehnten item kehre wieder zuabtrünnige Seele so will ich
mein Antlitz nicht gegen dich verstellen denn ich bin barmherzig Jeremias am
dritten So kehre denn wieder du abtrünnige Seele zu dem Herrn deinem Gotte
Der eines abgöttischen Manasses sein bussfertiges Gebet erhöret 2 Chronika 33
der die Zäuberer zu Ephese durch Paulum zu Gnaden aufgenommen Act 19
Derselbige dein barmherziger Gott rufet dir anjetzo zu wie dorten dem Engel der
Gemein zu Epheso gedenke wovon du gefallen bist und tue Busse Apocal 2 O
Maria Maria gedenke wovon du gefallen bist mein Töchterlein und tue Busse
Als er hierauf stille schwieg währete es eine fast große Zeit ehebevor sie
für Tränen und Schluchzen ein Wörtlein herfürbringen konnte bis sie endlich
zur Antwort gab wenn Lügen Gott nicht minder verhasst seind als die Zauberein
so darf ich auch nicht lügen sondern muss umb Gottes willen bekennen wie ich
immer bekennet dass ich unschuldig bin
Hierauf ergrimmete Dn Konsul in seinen Mienen und fragete den langen
Büttel ob Alles in Bereitschaft sei item die Weiber bei der Hand wären umb
Ream auszukleiden worauf er nach seiner Weise lachend zur Antwort gab »hoho an
mir hats noch niemalen gefehlt und solls auch heute nicht fehlen ich will sie
schon kitzeln dass sie bekennen soll«
Als er solches gesaget redete Dn Konsul wieder mein Töchterlein an und
sprach du bist ein dumm Ding und kennest die Pein nit so dir bevorstehet
darumb bist und bleibst du verstockt Aber folge mir anjetzo in die
Marterkammer dass der Angstmann die Instrumenta zeige ob du vielleicht noch
einen andern Sinn bekömmst wenn du erst gesehen was die peinliche Frag
bedeutet
Hierauf ging er voran in ein ander Zimmer und folgete ihm der Büttel mit
meim Kind Doch als ich nachgehen wollte hielt mich Pastor Benzensis fest und
beschwor mich mit vielen Tränen solches nicht zu tun besonderen hier zu
verbleiben Aber ich hörte nicht auf ihn sondern riss mich los und schwur
dagegen so lange sich noch eine Ader und Sehne in meinem armen Leib rührete
wollte ich mein Kind nicht verlassen Kam also auch in das andere Zimmer und
von dannen in einen Keller nieder wo die Marterkammer war in der es aber keine
Fenstern hatte damit Niemand das Geschrei derer Geängsteten von draußen hören
müge Darumb brenneten hier bereits zween Fackeln als ich eintrat und
wiewohlen Dn Konsul mich gleich zurückweisen wollte ließ er sich letztlich doch
erbarmen dass ich bleiben durfte
Und trat nun dieser höllische Hund der Büttel herfür und zeigte meinem armen
Kind mit Frohlocken zuerst die Leiter sprechende
sieh darauf wirst du zuerst gesetzet und die Hände und Füße dir angebunden
Darauf bekommst du hier die Daumschrauben an wovon dir gleich das Blut aus den
Fingerspitzen herfürsprützet wie du sehen kannst dass sie annoch rot sind vom
Blut der alten Gust Biehlkschen welche vor einem Jahr gebrennet wurde und
anfänglich auch nit bekennen wollte Wiltu dann noch nit bekennen so ziehe ich
dir hier die spanischen Stiefeln an und seind sie dir zu groß so klopfe ich
dir einen Keil dazwischen dass die Wade so hinten istsich nach vorne zeucht urtd
das Blut dir aus den Füßen herausscheusst als wenn du Brummelbeeren durch einen
Beutel pressest
Wiltu dann noch nit bekenne holla brüllete er anjetzo und stieß mit dem
Fuß an eine Tür hinter ihme dass das ganze Gewelbe erbebete und mein arm Kind
für Schreck in die Kniee fiel Währete auch nit lange so brachten zween Weiber
einen Kessel in welchem glühend Pech und Schwefel proddelte8 ließ also der
Höllenhund den Kessel zur Erden setzen hohlete unter seim roten Mantel so er
umbhatte eine Fledderwisch hierfür woraus er an die sechs Posen zog und
selbige alsdann in den glühenden Schwefel tunkete Als solches geschehen und er
sie eine Zeitlang im Kessel gehalten wurf er sie auf die Erden worauf sie hin
und herfuhren und den Schwefel wieder von sich sprützeten Nunmehr rief er
wieder meim armen Kind zu sieh diese Posen werf ich dir alsdann auf die weißen
Lenden und frisst der glühende Schwefel dir sogleich das Fleisch bis auf die
Knochen durch damit du einen Vorschmack gewinnest von der Lust der Höllen die
dein harret
Als er soviel mit Hohnlachen gesprochen überkam mich ein so großer
Jachzorn dass ich aus der Ecken herfürsprang wo ich mein zitternd Gebein an
einer alten Tonnen gestützet und schriee »o du höllischer Hund sprichstu das
aus dir selber oder haben es dich Andere geheißen« wofür der Kerl aber mir
einen Stoß auf die Brust gab dass ich an die Wand zurücke fiel und Dn Konsul
im großen Zorn rief Alter Narre da Er ja durchaus allhier verbleiben will so
lasse Er mir den Büttel in Frieden wo nicht so lasse ich Ihn alsogleich aus
der Kammer bringen Was der Büttel gesaget ist seine Schuldigkeit und wird es
Seiner Tochter also ergehen wenn sie nicht bekennet und zu vermuten steht
dass der höllische Feind ihr was gegen die Pein gebrauchet9 Hierauf fuhr der
höllische Hund wieder zu meim armen Töchterlein fort ohne mein weiters zu
achten als dass er mir in das Angesicht lachete »sieh wenn dir nunmehr deine
Wolle genommen ist ho ho ho ziehe ich dich durch diese zwo Ringe unten an der
Erden und oben am Boden in die Höhe recke dir die Arme aus und binde sie oben
an die Decken worauf ich diese beiden Fackeln nehme und solche dir unter den
Achseln halte dass deine Haut gleich wird als die Schwarte von einem Schinken
so im Rauch gehänget Alsdann soll dir dein höllischer Buhler nit mehr beistehen
und du sollt die Wahrheit schon bekennen Nunmehr hast du Allens gesehen und
gehört was ich mit dir im Namen Gottes und der Oberkeit fürnehme
Jetzunder trat wiederumb Dn Konsul für und vermahnete sie nochmals die
Wahrheit zu bekennen Als sie aber bei ihrer Sag verharrete übergab er sie
denen beiden Weibern so den Kessel gebracht dass sie sie nackend ausziehen
sollten wie sie von Mutterleib kommen und ihr darauf das schwarze Marterhemd
anziehen nachgehends aber noch einmalund zwar baarfuss die Treppe hinaufleiten
vor Ein ehrsam Gericht Aber da die eine von diesen Weibsbildern des
Amtshaubtmanns seine Ausgebersche war die andere war den dreusten Büttel seine
Frau sagte mein Töchterlein dass sie sich nur wolle von ehrsamen Weibern
angreifen lassen nicht aber von der Ausgeberschen und müge Dn Konsul ihre Magd
rufen lassen so wohl annoch in ihrem Gefängnis säße und in der Bibel läse wenn
er sonsten kein ehrsam Weibsbild in der Nähe wüsste Hierauf erhub die
Ausgebersche ein groß Maul und ein gewaltig Schimpfen was ihr aber Dn Konsul
verbott und meinem Töchterlein zur Antwort gab dass er auch dieses ihr
nachsehen wolle und müge nur den dreusten Büttel seine Frau die Magd aus dem
Gefängnis anhero rufen Nachdem er solches gesaget griff er mich unter meinen
Arm und flehete mich also lange mit ihm gen Oben zu kommen dieweil meinem
Töchterlein annoch kein Leides geschehen würde bis ich seinen Willen tate
Währete aber nit lange so kam sie selber baarfuss und in dem schwarzen
Marterhemde mit den beiden Weisbildern heraufgestiegen doch also blass dass ich
sie kaum selber kennen kunnte Der abscheuliche Büttel aber so dicht hinter
ihr ging griff sie an die Hand und stellte sie vor Ein ehrsam Gericht
Nachdem solches geschehen ging das Vermahnen wieder los und sagte Dn
Konsul sie solle einmal niedersehen auf die braunen Flecken so in dem Hemde
wären Dieses wäre auch noch das Blut der alten Biehlkschen und müge sie
bedenken dass umb wenig Minuten ihr eigen Blut auch daraus herfürsprützen würde
Hierauf gab sie aber zur Antwort dieses bedenke ich gar wohl doch hoffe ich
dass mein treuer Heiland der mir unschuldig diese Pein hat auferleget selbige
mir auch wird tragen helfen wie den heiligen Märtyrern Denn haben diese mit
Gottes Hilfe die Pein im rechten Glauben überwunden so ihnen die blinden Heiden
antaten kann ich auch die Pein überwinden welche mir blinde Heiden antun so
zwar Christen sein wöllen aber grausamer seind denn die alten Denn die alten
Heiden haben die heiligen Jungfrauen doch nur von denen grimmigen Bestien
zureissen lassen ihr aber welche ihr das neue Gebot habet dass ihr euch
untereinander lieben sollt wie Euer Heiland euch geliebt hat damit Jedermann
daran erkenne dass ihr seine Jünger seid Johannes am dreizehnten ihr wollt
selber diese grimmigen Bestien spielen und den Leib einer unschuldigen
Jungfrauen so eure Schwester ist und euch nie was Leides getan lebendig
zureissen So tut denn was euch geliebt doch sorget wie ihr es für eurem
höchsten Richter verantworten wöllet Ich sage nochmals das Lämmlein
erschröcket nicht denn es steht in der Hand des guten Hirten
Als mein unvergleichlich Kind also geredet stund Dn Konsul auf und nahm
seine schwarze Kappen ab so er immer trug dieweile ihm die Haare auf dem
Scheitel schon ausgefallen verneigte sich auch vor dem Gericht und sprach Eim
ehrsamen Gericht wird angezeiget dass nunmehr die Urgicht und peinliche Frag
der verstockten und gotteslästerlichen Hexen Maria Schweidler anheben soll im
Namen Gottes des Vaters des Sohnes und des heiligen Geistes Amen
Hierauf stund das ganze Gericht auf bis auf den Amtshaubtmann so schon
vorher aufgestanden und unruhig in der Stuben auf und abgegangen war Doch
weiß ich von Allem was nunmehr erfolget und ich selber getan hab kein
Wörtlein mehr will es aber getreulich berichten wie es mir mein Töchterlein
und andere testes vermeldet Und zwar verzählen sie also
Als Dn Konsul nach solchen Worten die Sanduhr genommen so auf dem Tische
stund und vorauf getreten habe ich durchaus nit wöllen worauf erstlich Pastor
Benzensis mit vielen Worten und Tränen mich gebeten von meinem Fürhaben
abzulassen darauf aber wie es nichtes verfangen mein Töchterlein selber mir
die Wangen gestreichelt und gesprochen Vaterhabt Ihr auch gelesen dass die
heilige Jungfrau dabei gewesen als man ihren unschuldigen Sohn gegeisselt Darumb
geht nunmehr auch zur Seiten An meinem Scheiterhaufen aber sollt Ihr stehen
das verspreche ich Euch wie die heilige Jungfrau unter dem Creuze gestanden
hat doch anjetzo geht geht denn Ihr werdet es nicht ertragen und ich auch
nicht
Als solches aber auch nit verschlagen hat Dn Konsul dem Büttel Befehl
geben mich mit Gewalt zu greifen und in ein Zimmer einzusperren worauf ich mich
aber losgerissen ihme zu Füßen gefallen und ihn beschworen bei den Wunden Jesu
Christi er wolle mich nit von meinem Töchterlein reißen Solche Gnade und
Guttat würde ich ihm nimmermehr vergessen besonderen Tag und Nacht für ihn
beten auch am jüngsten Gericht vor Gott und den heiligen Engeln sein Fürbitter
sein wenn er mich mitgehen ließe Ich wolle mich auch ganz geruhsam verhalten
und kein einzig Wörtlein sagen nur mitgehen müsste ich etc
Solches hat den guten Mann also erbarmet dass er in Tränen ausgebrochen und
also gezittert hat für Mitleid mit mir dass die Sanduhr ihm aus der Hand
gefallen und dem Amtshaubtmann für die Füße getründelt10 ist als hätt ihm
unser Herr Gott selber ein Zeichen gegeben dass seine Uhr bald abgelaufen wär
Hat es auch gar wohl verstanden denn er ist blass worden wie ein Kalk als er
sie aufgenommen und Dn Konsuli wiederumb zugestellet Selbiger hat endlich
nachgegeben indeme er gesaget dass dieser Tag ihm an die zehn Jahre älter
machen würd doch dem dreusten Büttel befohlen welcher auch mit gangen ist
mich alsogleich wegkzuführen so ich in währender Marter rumor machen söllte
Und ist nun das ganze Gericht niedergestiegen doch ohne den Amtshaubtmann der
gesaget dass ihm der Kopf wehe tät und er gläube dass sein alt malum die
Gicht wiederkäme weshalben er in ein ander Zimmer gangen ist Item ist Pastor
Benzensis auch von dannen gegangen
Drunten im Keller hätten allererst die Büttel Tische und Stühle gebracht
worauf sich das Gericht gesetzet und Dn Konsul mir auch einen Stuhl
hingeschoben doch wäre ich nit darauf niedergesessen besonderen hätte mich in
einer Ecken auf meine Kniee geworfen Als solches beschehen wäre das leidige
Vermahnen wieder losgangen doch da mein Töchterlein wie ihr unschuldiger
Heiland für seinen ungerechten Richtern kein einzig Wörtlein Antwort geben wäre
Dn Konsul aufgestanden und hätte dem langen Büttel Befehl gegeben sie nunmehr
auf die Marterbank zu setzen
Sie hätte gezittert wie ein Espenlaub als er ihr die Füße und Hände
festgebunden und als er nunmehr ein alt garstig und kötigt Tuch worin er den
Tag Fische getragen wie meine Magd gesehen und worauf noch die hellen Schuppen
bei Haufen gesessen ihr umb ihre lieblichen Aeugeleins binden wöllen wäre ichs
gewahr worden und hätte mein seidin Halstuch abgelöset bittende er wolle
dieses nehmen welches er auch getan Hierauf wären ihr die Daumschrauben
angeleget und sie nochmals im Guten befraget doch sie hätte nur ihr blindes
Haupt geschüttelt und mit ihrem sterbenden Heiland geseufzet Eli Eli lama
sabachtani und hierauf griechisch dee me dee me ina ti me egkatelipez11
Darauf wäre Dn Konsul zurückgeprallet und hätt ein Creuz geschlagen denn
dieweil er kein Griechisch verstunde hätte er gegläubet wie er nachgehends
selber sagte sie hätte den Teufel angerufen ihr zu helfen und nunmehr mit
lauter Stimmen dem Büttel zugeschriien schraubet
Als ich aber solches gehört hätte ich einen erschröcklichen Schrei
herfürgestossen dass das ganze Gewelbe gezittert worauf mein für Angst und
Verzweiflung sterbendes Kind da sie meine Stimme erkennet ernstlich mit ihren
gebundenen Händen und Füßen gerucket wie ein Lämmlein auf der Schlachtbank so
verscheiden will und darauf gerufen »lasset mich los ich will Allens
bekennen was ihr wollt« Dieses hätte Dn Konsulem also erfreut dass er in
währender Zeit der Büttel sie losgebunden auf seine Kniee gefallen und Gott
gedanket hätte dass er ihme von dieser Qual geholfen Doch wäre mein verzweifelt
Kind nicht alsobald abgebunden und hätte ihre Dornenkron verstehe mein seidin
Halstuch abgelegt als sie von der Leiter gesprungen und sich auf mich
gestürzet der ich wie ein Todter in tiefer Unmacht in der Ecken gelegen
Solches hätte Ein ehrsam Gericht verdrossen und nachdem die beiden Büttel
mich wegkgetragen wäre Rea vermahnet nunmehr wie sie versprochen ihre
Urgicht zu tun Wäre aber zu schwach gewesen um auf ihren Füßen zu stehen und
wiewohlen Dn Kamerarius gebrummet hätte Dn Konsul ihr dennoch einen Stuhl
geben auf welchem sie sich gesetzet Und seind dieses die hauptsächlichsten
Fragen gewesen so ihr auf Befehlich Eines Hochlobsamen Hofgerichtes wie Dn
Konsul gesaget fürgeleget worden und ad protocollum genommen sind
Q Ob sie zaubern könne
R Ja sie könne zaubern
Q Wer ihr solches gelehret
R Der leidige Satan selber
Q Wieviel Teufel sie habe
R Sie hätte an einem genug
Q Wie dieser Teufel hieße
Illa sich besinnende hieße Disidaemonia12
Hierauf hätte sich Dn Konsul geschuddert und gesaget das müsste ein recht
erschröcklicher Teufel sein dieweil er niemalen solchen Namen gehört Sie
solle selbigen buchstabiren damit der Scriba keinen error mache welches sie
auch getan und ist hierauf fortgefahren wie folgt
Q In welcher Gestalt ihr selbiger erschienen
R In der Gestalt des Amtshaubtmanns oftmalen auch wie ein Bock mit
grimmigen Hörnern
Q Ob und wo sie Satan umgetaufet
R In der Sehe
Q Welchen Namen er ihr geben
R 13
Q Ob auch Etzliche aus der Nachbarschaft bei ihrer Umtaufe gewesen und
welche
Hier hat mein unvergleichlich Kind ihre Aeugelein gen Himmel geschlagen
eine Zeitlang stille geschwiegen als besünne sie sich ob sie die alte Lise
angeben solle oder nicht und dann endlich gesaget nein
Q Müsste doch Paten gehabt haben Welches diese gewesen und was sie ihr
eingebunden zum Patengeld
R Wären nur Geister dabei gewesen weshalben die alte Lise auch nichtes
gesehen als sie über die Umtaufe hinzugekommen
Q Ob der Teufel ihr beigewohnt
R Sie hätte nirgend anders denn bei ihrem Vater ihre Wohnung gehabt
Q Sie wolle wohl nit verstehen Ob sie mit dem leidigen Satan Unzucht
getrieben und sich fleischlich mit ihm vermischet
Hier ist sie also verschaamrotet dass sie sich mit beiden Händen die Augen
zugehalten und darauf angehoben zu weinen und zu schluchzen und da sie nach
vielen Fragen keine Stimme von sich geben ist sie vermahnet worden die
Wahrheit zu reden widrigenfalls sie der Angstmann wieder auf die Leiter heben
würd Hat jedoch endlich »nein« gesaget welches aber Ein ehrsam Gericht nicht
gegläubet sondern sie dem Angstmann abermals befohlen worauf sie mit ja
geantwortet
Q 14
Q Ob sie von dem Satan in Wochen gekommen oder einen Wechselbalg erzeuget
und in welcher Gestalt
R Nein wäre nie geschehen
Q Ob ihr der böse Geist kein Zeichen oder Maal an ihrem Leib geben und wo
R Die Maale hätte Ein ehrsam Gericht ja allbereits gesehen
Nunmehr seind wieder die Zaubereien im Dorf fürgekommen so sie alle
eingestanden Doch hat sie Nichtes wissen wöllen umb den alten Seden seinen Tod
item umb der kleinen Paaschen ihre Krankheit wie letztlich dass sie mit der
Macht des bösen Feindes mein Ackerstück umgehaket und mir Raupen in meinem
Kohlgarten gemacht Und wiewohlen sie abermals mit der Folter bedräuet worden
der Angstmann sie auch zum Schein hat wieder auf die Bank setzen müssen und ihr
die Daumschrauben anlegen ist sie doch standhaft verblieben und hat
gesprochen was wöllet Ihr mich martern da ich doch weit schwerere Dinge
bekennet denn diese sind so mir nicht das Leben aufhalten werden wenn ich sie
leugne
Dieses hat auch Ein ehrsam Gericht letztlich eingesehen und sie wieder von
der Marterbank heben lassen zumalen da sie den articulum principalem15
eingestanden dass ihr Satan wahrhaftiglichen als ein Riese wäre auf dem Berg
erschienen Von dem Wetter und der Poggen item dem Schweinsigel ist aber nichts
mehr fürgekommen alldieweilen Ein ehrsam Gericht nunmehr wohl selber die
Unsinnigkeit eingesehen dass sie hätte Wetter machen söllen da sie ruhig auf
dem Wagen gesessen Schließlich hat sie noch gebeten dass ihr müge vergönnt
werden in demselbigen Kleid dereinst ihren Tod zu erleiden welches sie
angehabt als sie den schwedischen König salutiret item ihrem elenden Vater zu
vergönnen dass er mit zum Scheiterhaufen führe und dabei stünde wenn sie
gebrennet würde wie sie ihm solches in Gegenwärtigkeit Eines ehrsamen Gerichtes
versprochen
Darauf ist sie dem langen Büttel wieder überliefert und selbigem anbefohlen
worden sie in ein ander und schwerer Gefängnis zu setzen Doch ehe er mit ihr
aus der Kammer gangen ist den Amtshaubtmann sein Hurenbalg so er mit der
Ausgeberschen gezeuget mit einer Trummel in den Keller kommen hat immerzu
getrummelt und geschrien kamt tom Gosebraden kamt tom Gosebraden16 so dass Dn
Konsul in einen schweren Zorn geraten und hinter ihm her geloffen Aber er hat
ihne nicht kriegen mögen dieweil er in dem Keller guten Bescheid gewusst Und
hat mir der Herr sonder Zweifel meine Unmacht geschicket dass ich dieses neue
Herzeleid nicht mehr haben söllte Darumb sei ihm allein die Ehre Amen
Fußnoten
1 ho ho nun sind sie da nun wird das Kitzeln wohl anfangen
2 plattdeutsch für schauderte
3 rechtmäßige überwiegende und hinreichende Gründe zur Tortur
4 böses Gerücht
5 öffentlich begangene Zauberei
6 die Erscheinung des Teufels auf dem Berge
7 Den Prediger zu Benz einem unsern von Pudgla belegenen Kirchdorfe
8 brodelte
9 Denn man wähnte wenn die Hexe die Marter mit ungewöhnlicher Geduld ertrug
oder gar dabei einschlief wie unbegreiflicher Weise öfter vorkam der Teufel
hätte diese Gefühllosigkeit ihnen durch ein Amulet verliehen das sie an
geheimen Teilen des Körpers verborgen hielten Zedlers Universallexicon Bd 44
unter dem Artikel Tortur
10 plattdeutsch für gerollet
11 Mein Gott mein Gott warum hast du mich verlassen Matt 27 46
12 griechisch und nach der Erasmusschen Aussprache Deisidaimonia di der
Aberglaube Welch bewundernswürdiges Weib
13 Dieser Name ist durchaus nicht im Manuskript zu enträtseln
14 Diese abscheuliche Frage kann ich nur lateinisch hersetzen »num semen
Daemonis calidum fuerit aut frigidum« »ob denn der Same des Teufels warm oder
kalt gewesen sei« worauf sie geantwortet dass sie sich darauf nicht mehr
besinnen könne Übrigens kommt diese Frage in allen Hexenprocessen vor und
wird unbegreiflicher Weise immer mit »frigidum« beantwortet
15 Hauptartikel
16 Kommt zum Gänsebraten
Kapitel 24
Wie der Teufel in meiner Gegenwärtigkeit die alte Lise Kolken hohlet
Als ich mich nach meiner obgedachten Unmacht wiederumb verhohlet stand den
Krüger sein Weib über mir mit meiner alten Magd und kelleten mir eine Biersuppen
ein Die alte getreue Person schriee laut auf für Freuden als ich meine Augen
wieder aufschlug und erzählete mir darauf auf meine Erkundigunge dass mein
Töchterlein sich nit hätte recken lassen besonderen freiwillig ihre Übeltat
bekennet und sich für eine Hexe ausgegeben Solche Kundschaft war mir in meinem
Jammer fast erquicklich angesehen ich das Feuer für eine geringere Strafe
erachtete denn die Marter Aber als ich anheben wollte zu beten wollt es
nicht gehen worüber ich abereins in großen Missmut und Verzweiflung kam und
gläubete dass der heilige Geist gänzlich sein Angesicht von mir elenden Menschen
abgewendet hätte Und wiewohlen die alte Magd als sie solches merkete sich für
mein Bette stellte und anhub mir vorzubeten war es doch umbsonst und war und
blieb ich ein verstockter Sünder Doch erbarmete der Herr sich mein ohne mein
Verdienst und Würdigkeit maßen ich bald in einen tiefen Schlaf verfiele und am
andern Morgenumb Betglockenzeit erstlich wieder aufwachete wo ich auch wieder
beten kunnte und über solche Gnade Gottes annoch in meinem Herzen jubilirete
als mein Ackersknecht Klaus Neels zur Türen hereintrat und verzählete dass er
schon gestern gekommen wäre umb mir Kundschaft zu geben von wegen meinem Hafer
dieweil er nunmehr Allens eingeaustet1 Und wäre auch der Büttel mit ihm
kommen so die alte Lise Kolken eingehohlet inmassen Ein lobsam Hofgericht wie
der Büttel fürgegeben solches befohlen Und wäre das ganze Dorf darüber in
Freuden gewesen aber auch Rea hätte gesungen und jubiliret und unterwegs zu
ihnen und dem Büttel gesaget denn der Büttel hätte sie ein wenig hinten
aufhacken lassen das solle dem Amtshaubtmann was Schönes bedeuten Sie solle
nur für Gericht kommen dann werde sie wahrhaftig kein Blatt vor ihren Mund
nehmen und männiglich sich verwundern was sie herfürbringen würde Solch ein
Gericht wäre ihr ja was Lächerrlichs und hofirete sie salva venia in die ganze
Brüderschaft et caet
Als ich solches gehört fasste ich wieder eine steife Hoffnung und stund
auf umb zu der alten Lisen zu gehen Hatte mich aber noch nicht ganz verkleidet
2 als sie selber schon den dreusten Büttel schickete dass ich doch ganz
eilends zu ihr kommen und ihr das Nachtmahl geben müge dieweil sie diese Nacht
fast schwach worden Dachte dabei mein gut Teil und folgete dem Büttel in Hast
wiewohl nicht umb ihr das Nachtmahl zu geben wie männiglich vor sich selber
abnehmen kann dabei vergaß ich alter schwacher Mann aber mir Zeugen
mitzunehmen Denn aller Jammer so ich zeitero gelitten hatte mir meine Sinne
also umbschattet dass mir solches gar nicht in die Gedanken kam Nur der dreuste
Büttel folgete mir und wird man weiters hören wie dieser Bube dem Satan Leib
und Seele übergeben umb mein Kind zu opfern da er sie doch hätte retten mügen
Denn als er die Gefängnis aufgeschlossen es war dasselbe Loch wo mein
Töchterlein zeitero gesessen sahen wir die alte Lise auf der Erden liegen in
eim Bund Stroh und einen Besen zum Kopfküssen als wöllte sie jetzunder damit
zur Höllen fahren da sie nit mehr darauf zum Blocksberg fahren kunnte so dass
ich mich schudderte als ich ihr ansichtig wurde
Und war ich kaum eingetreten als sie ängstlich schriee »ick bin ene Hex
ick bin ene Hex erbarm he sich un geb he mi fix3 dat Nachtmal ick will Em uck
Allens bekennen« Und als ich ihr zurief so bekenne sprach sie dass sie
selber allen Zauber mit dem Amtshaubtmann im Dorf angerichtet und mein
Kindlein so unschuldig daran wäre als die Sonne am Himmel Doch hätte der
Amtshaubtmann mehr schuld angesehen er ein Hexenpriester wäre und einen weit
stärkeren Geist denn sie hätte welcher Dudaim4 hieße und sie die Nacht in das
Genicke gestoßen also dass sie es nimmer hohlen würd Selbiger Geist hätte das
Ackerstück umgepflüget den Birnstein verschüttet das Wetter gemachet meinem
Töchterlein die Pogge auf ihren Schoss geworfen item ihren alten Ehekerl durch
die Luft von dannen geführt
Und als ich fragete wie solches müglich gewesen da ihr Kerl doch bis fast
nahe an sein Ende ein Kind Gottes gewesen und gerne hätte beten mögen wiewohl
ich mich gewundert dass er plötzlichen in seiner letzten Krankheit andere
Gedanken gekriegt gab sie zur Antwort dass derselbige eines Tages ihren Geist
gesehen so sie in Gestalt einer schwarzen Katzen in ihrem Koffer gehabt und
Stoffer hieße und dieweil er gedrohet solches mir zu verzählen wäre ihr bange
worden und hätte sie ihn durch ihren Geist also krank machen lassen dass er an
seiner Aufkunft verzaget wäre Nunmehr hätte sie ihn vertröstet dass sie ihn
alsobald wieder heilen wolle wenn er Gotte absagete der ihn doch nit helfen
könnte wie er wohl einsäh Solches hätte er zu tun versprochen und da sie ihn
alsobald wieder wacker gemacht wären sie mit dem Silber so ich vor ihn von dem
neuen Abendmahlskelch abgeschrapet hätte zur Nachtzeit an den Strand gangen wo
er selbiges mit den Worten in die Sehe hätte schütten müssen so wenig dieses
Silber wieder an seinen Kelch kommt komme meine Seele wieder zu Gott worauf
ihn der Amtshaubtmann so auch da gewesen umgetaufet im Namen des Satans und ihne
Hans genannt Päten hätte er nit mehr gehabt denn sie verstehe die alte
Lise allein Da er aber in der Johannesnacht zum ersten Male mit ihnen auf dem
Blocksberg gewesen es wäre aber der Herrenberg5 ihr Blocksberg wäre auch von
meim Töchterlein die Rede gewesen Und hätte Satanas dem Amtshaubtmann es
selber zugeschworen dass er sie haben solle Er wolle dem Alten womit der
Bösewicht Gott gemeinet wohl zeigen was er könne und solle der
Zimmermannsjunge vor Ärger was Schönes in seinen Hosen finden pfui du
Erzbösewicht dass du solches von meinem Erlöser geredet Hierüber hätte ihr
alter Kerl gemurmelt und da sie ihme niemalen recht getrauet hätte der Geist
Dudaim ihn eines Tages auf des Amtaubtmanns Befohl durch die Luft geführet
dieweil ihr Geist Stoffer geheißen zu schwach gewesen umb ihn zu tragen
Selbiger Dudaim wäre auch der Grünspecht gewesen so mein Töchterlein und
nachgehends den alten Paasschen mit seinem Geschrei herbeigelocket umb sie zu
verderben Doch wäre der Riese so auf dem Streckelberge erschienen kein Teufel
gewesen sondern wie ihr Geist Stoffer gesagt der Junker von Mellentin
selber
Und wäre dies Allens die reine Wahrheit worauf sie leben und sterben wolle
Bäte daher umb Gottes Willen ich wolle mich ihrer erbarmen und ihr auf solch
ihr bussfertig Bekenntnüss die Vergebung ihrer Sünden sprechen und das Nachtmahl
reichen denn ihr Geist stünde dort am Ofen und lachete wie ein Spitzbube dass
es nunmehr mit ihr aus wäre Aber ich gab zur Antwort ich wollte ja lieber
einer alten Sau das Nachtmahl geben denn dir vermaledeieten Hexen die du nicht
bloß deinen eigenen Ehekerl dem Satanas übergeben besonderen auch mich und mein
arm Kind mit Höllenpein zu Tode marterst Doch ehe sie noch antworten kunnten
begab es sich dass ein Wurm bei eines Fingers Länge und gelb an seinem Steiss
in die Gefängnüsstüre gekrochen kam Als sie solchen sah tät sie ein
Geschrei wie ich es nimmermehr gehört noch zu hören begehre Denn als ich in
meiner Jugend in der Schlesien sah wie ein feindlicher Soldat einer Mutter in
ihrer Gegenwärtigkeit ein Kindlein spiessete meinte ich das sei ein Geschrei
gewesen so die Mutter tät aber dieses Geschrei war ein Kinderspiel gegen das
Geschrei der alten Lisen Alle meine Haare recketen sich gen Himmel und auch
ihre roten Haare wurden also steif und wie die Reiser von dem Besen anzusehen
worauf sie lag Brüllete auch ebenmässig »das ist der Geist Dudaim den mir der
verfluchte Amtshaubtmann schicket das Nachtmahl umb Gottes willen das Nachtmahl
ich will auch noch viel mehr bekennen ich bin schon an die 30 Jahre eine
Hexe das Nachtmahl das Nachtmahl Also brüllende schlug sie mit Händen und
Füßen umb sich dieweil das garstige Gewürm sich gehoben und allbereits umb ihr
Lager schnurrete und burrete dass es ein Gräuel anzusehen und hören war Und
rief die Unholdin umwechselnd bald Gott bald ihren Geist Stoffer bald mich an
ihr beizuspringen bis das Gewürm ihr mit einem Male in den offenen Rachen fuhr
worauf sie alsogleich verreckete und schwarz und blau wie eine Brummelbeer
wurde
Hörete darauf weiter nichtes als dass das Fenster klirrete doch nicht gar
harte besonderen als wenn eine Erbse dagegen geworfen würd woraus ich
leichtlich abnehmen kunnte dass Satanas mit ihrer Seelen hindurch gefahren Der
barmherzige Gott bewahre doch jedes Mutterkind für solches Ende umb Jesu Christi
unsers lieben Herrn und Heilandes willen Amen
Als ich mich in etwas wieder verhohlet was aber lange dauerte inmassen
mein Blut zu Eis geronnen und meine Füße so steif wie ein Stock waren hub ich
an nach dem dreusten Büttel zu schreien welcher aber nicht mehr im Gefängnis
war Solches nahm mich ein Wunder da ich ihn doch kurz zuvorab noch gesehen
ehe denn der Wurmb kam und ahnte mir gleich nichts Gutes Und also geschah es
auch Denn als er endlich auf mein Rufen hereinkam und ich sagete er möge das
Aas auskarren lassen so hier eben im Namen des Teufels verrecket wäre tat er
ganz verwundert und als ich ihme zuhielt er würde doch ein Zeugnis ablegen für
mein Töchterlein von wegen ihrer Unschuld so die Vettel auf ihrem Todeslager
bekennet stellte er sich noch mehr verwundert und sprach dass er Nichtes
gehört hätte Dieses stieß mir wie ein Schwert durch mein Herze und fiel ich
draußen an einen Piler6 wo ich wohl eine ganze Zeit gestanden Ging aber als ich
wieder zu mir selber kam zu Dn Konsuli welcher nach Usedom abfahren wollte
und schon auf dem Wagen saß Auf mein demütig Bitten aber kam er wieder in das
Gerichtszimmer mit dem Kamerario und Scriba herab und verzählete ich anjetzo
ihnen Allens was fürgefallen und wie der gottlose Büttel leugne solches auch
gehört zu haben Hierunter habe ich aber viel Wirrisches gesprochen und unter
andern gesaget dass die Fischlein alle zu meim Töchterlein in den Keller
geschwummen kämen umb sie zu erlösen Nichts destoweniger ließ Dn Konsul
welcher oftmalen sein Haupt schüttelte den dreusten Büttel rufen und befragete
ihn nach seinem Gezeugnüss Aber der Kerl gab für dass er gleich wäre fortgangen
da er gemerket dass die alte Lise beichten wolle um nicht abereins angeschnauzet
zu werden Er habe darum auch Nichtes gehört Hierauf hätte ich wie Dn Konsul
nachgehends dem Benzer Pastoren gesaget meine Fäuste geballet und geantwurtet
was du Erzschalk krochst du nicht wie ein Wurmb in der Stuben umbher Darumb
hätte er mich auch wie einen wirrischen Menschen nicht weiter angehöret noch
dem Büttel einen Eid abgenommen sondern hätte mich im Zimmer stehen lassen und
wäre wieder auf seinen Wagen gestiegen
Weiß auch nicht wie ich herauskommen bin und war mir am andern Morgen als
die Sonne aufginge und ich bei Meister Seep dem Krüger in meim Bette lag der
ganze casus wie ein Traumb Kunnte auch nit aufstehen besonderen musste den
lieben Sonnabend und Sonntag stille liegen wo ich viel Allotria geschwäzzet
Erst den Sonntag gegen Abend als ich angehoben mich zu speien und die grüne
Galle ausgebrochen ist kein Wunder nicht ist es besser mit mir worden Umb
diese Zeit kamb auch Pastor Benzensis vor mein Bette und verzählete mir wie ich
es wirrisch gemachet richtete mich aber durch Gottes Wort also auf dass ich
wieder recht aus dem Herzen beten kunnte was der barmherzige Gott meinem lieben
Gevatter noch am jüngsten Gericht vergelten wolle Denn das Gebet ist fast ein
so wackerer Tröster wie der heilige Geist selber von dem es kommt und
verbleibe ich dabei so lange ein Mensch noch beten kann dass er nicht im
äußersten Unglück sei wenn ihm sunsten auch Leib und Seele verschmachtet wäre
Ps 73
Fußnoten
1 eingeärndtet plattdeutsch
2 angekleidet
3 schnell
4 Dieses merkwürdige Wort kommt schon 1 Mos 30 15 ff als der Name einer
Pflanze vor welche die weibliche Fruchtbarkeit erregt doch sind die Ausleger
von jeher über das Wesen und die Natur derselben uneins gewesen Die LXX geben
es durch mandragoras und ist von den zuverlässigsten altern und neueren Theologen
angenommen dass es die in der Geschichte der Zauberei so berüchtigte
Alraunwurzel gewesen sei Sonst führen seltsamer Weise die Teufel immer
christliche Namen wie auch bald darauf der Geist der alten Lise Stoffer di
Christoph genannt wird
5 Berg in der Nähe von Koserow In fast allen Hexenprozessen kommen berge dieser
Art in der Nähe des Wohnorts der beteiligten Personen vor wo der Teufel in der
Walpurgis und Johannesnacht mit ihnen schmauset tanzet und Unzucht treibt
auch von den Hexenpriestern die satanischen Sakramente ausgeübt werden welche
eine Nachäfferei der göttlichen sind
6 Pfeiler plattdeutsch
Kapitel 25
Wie Satanas mich wie den Waizen sichtet mein Töchterlein aber ihm wackeren
Widerstand tut
Im Montag fuhr ich bei guter Zeit von meinem Lager und alldieweil ich mich
ziemlich wacker fühlete ging ich aufs Schloss ob ich nicht möchte zu meim
Töchterlein gelangen Konnte aber keinen einzigen Büttel nit finden vor die ich
ein Paar Schreckensberger1 als ein Biergeld mit genommen Das Volk so ich antraf
wollte mirs auch nit sagen wo sie wären item den dreusten Büttel sein Weib
auch nit so in der Küchen stand und Schwefelfaden machete Und als ich fragete
wann ihr Mann denn wiederkäme vermeinte sie es würde wohl nit viel vor morgen
frühe werden item käm auch der andere Büttel nit ehender So bat ich sie denn
mich selber zu meinem Töchterlein zu geleiten ihr die zwo Schreckensberger
zeigende aber sie gab zur Antwort dass sie die Schlüssel nit hätte und auch
nicht zu überkommen wüsste Ebenmässig wollte sie auch nit in Erfahrung gezogen
haben wo mein Töchterlein jetzunder säße damit ich durch die Tür mit ihr
sprechen künnte Item sageten der Koch der Jäger und weme ich sonsten in meinem
Gram begegnete sie wüssten nicht in welchem Loch die Hexe sitzen müge
Ging dannenhero rund umb das Schloss und legete an jedes Fensterken so mir
wohl den Anschein hatte dass es ihr Fensterken wär meine Ohren und rufete
Maria mein Töchterlein wo bistu item wo ich ein Gegitter fand fiel ich auf
meine Kniee neigete mein Haupt und rufete eben also in den Keller Doch es war
Allens umbsonst ich bekam nirgends nicht eine Antwort Solches hatte
endiglichen der Amtshaubtmann gesehen und kam mit gar freundlicher Mienen zu
mir aus dem Schloss gangen griff mich bei meiner Hand und fragete was ich
wolle Und als ich ihm zur Antwort gab dass ich mein einzig Kind seit
verschienenen Donnerstag nit gesehen und er sich erbarmen möge und mich zu ihr
führen lassen sprach er dass solches nit anginge doch solle ich mit ihm
aufsein Zimmer kommen umb über die Sache ein Mehres zu reden Unterweges sagete
er die alte Hexe hat Euch wohl was Schönes von mir verzählet aber Ihr seht
wie der allmächtige Gott sie in sein gerecht Gericht genommen Sie ist schon
lange reif gewesen vor das Feuer aber meine große Langmut worin eine gute
Obrigkeit immer dem Herren nacheifern muss hat es bis dato übersehen und nun
macht sie mir zum Dank solches Geschreie Und als ich ihm versetzete »wie weiß
Ew G dass die Hexe Ihme ein solch Geschrei gemachet« hub er anfänglich an zu
stöttern und sprach alsdann Ei Ihr habet es ja selber dem Richter geklaget
Aber deswegen habe ich dennoch keinen Zorn auf Euch sondern weiß Gott im
Himmel dass Ihr alter schwacher Mann mich erbarmet und ich Euch gerne hilfe so
ich könnte Hierzwischen führte er mich an die vier bis fünf Treppen hinauf so
dass ich alter Mann ihme letztlich nit mehr folgen kunnte und still stund und
nach Luft jappete Aber er fasste mich bei meiner Hand und sprach »kummet nur
ich muss Euch allhier erst sehen lassen wie es steht denn sonst nehmt Ihr doch
nit meine Hülf an wie ich sorge und stürzet Euch selber ins Verderben« Und
traten wir anjetzo auf eim Altan oben am Schloss wo man nach dem Wasser
überschauet worauf der Bösewicht fortfuhr also zu sprechen Ehre Abraham müget
Ihr gut in der Ferne sehen und als ich sagete dass ich solches ehender wohl
gekunnt mir aber die vielen Tränen anjetzo wohl möchten meine Augen betrübt
haben zeigete er auf den Streckelberg und sprach seht Ihr dorten Nichtes
Ego Nichtes denn ein schwarzes Flecklein so ich aber nicht erkennen mag Ille
so wisst dieses ist der Scheiterhaufen auf dem Euer Kind Morgen frühe umb 10
Uhren soll gebrennet werden und den die Büttel bauen Als der Höllenhund
solches sagte tät ich einen lauten Schrei und wurde unmächtig Achdu lieber
Gott ich weiß nicht wie ich diesen Schmerz mit meinem Leben überwunden aber
du hast mich selber unnatürlich gestärket umb mich nach so vielem Heulen und
Weinen wieder mit Freude zu überschütten denn sonst achte ich wär es unmüglich
gewesen solche Trübsal zu überwinden darumb sei deinem Namen auch ewiglich
Preis und Ehr o du Gott Israels2
Als ich wieder zu mir selber kam lag ich in eim schönen Zimmer auf einem
Bett und empfande einen Geschmack in meinem Munde wie Wein Aber dieweil ich den
Amtshaubtmann allein umb mich sah mit einem Krug in der Handschudderte ich mich
und tät meine Augen wieder zu umb mich zu besinnen was ich tun und sagen
wöllte Solches wurde er aber alsobald gewahr und sprach schuddert Euch nicht
also ich meine es gut mit Euch und will euch darumb eine Frage fürlegen welche
Ihr mir auf Euer priesterlich Gewissen beantworten sollt Saget Ehre Abraham
welches ist eine größere Sünde Hurerei treiben oder zween Menschen ihr Leben
nehmen Und als ich ihm zur Antwort gab zween Menschen ihr Leben nehmen fuhre
er fort ei nun seht das will Euer verstockt Kind tun Ehender sie sich mir
ergiebet der ich sie immer retten gewöllt und noch heute retten kann wiewohl
ihr Scheiterhaufen schon aufgebauet wird will sie sich selber das Leben
nehmen und Euch elendem Menschen ihrem Vaterdazu denn ich achte dass Ihr diese
Trübsal schwerlich überwinden werdet Darumb beredet sie doch umb Gottes willen
dass sie sich auf ein Besseres besinnet so lange es mir noch müglich ist sie zu
erlösen Sehetich habe ein Häuslein zwo Meilen von hier mitten in der Heiden
belegen wo kein Mensch hingelanget dahin lasse ich sie in dieser Nacht annoch
bringen und möget Ihr bei ihr wohnen Euer Lebelang so es Euch gefällt Ihr
sollt es so gut haben als Ihr nur wünschen möget und lasse ich morgen frühe
ein Geschrei machen die Hexe wäre zur Nacht mit ihrem Vater fortgelaufen und
Niemand wisse wohin sie kommen sei Also sprach die Schlange zu mir wie
weiland zu unsrer Aeltermutter der Eva und mir elenden Sünder kam es auch für
als ob der Baum des Todes den sie mir zeigete ein Baum des Lebens wäre also
lieblich war er anzuschauen Doch gab ich zur Antwort dieses wird mein
Töchterlein nimmermehr tun und ihrer Seelen Seeligkeit aufgeben umb ihr arm
Leben sich zu erhalten Aber auch jetzo war die Schlange wieder listiger denn
alle Tiere des Feldes verstehe insonderheit mich alten Toren und sprach ei
wer sagt denn dass sie ihrer Seelen Seeligkeit aufgeben soll Ehre Abraham muss
ich Euch die Schrift lehren Hat nicht unser Herr Christus die Mariam Magdalenam
zu Gnaden aufgenommen so doch in offenbarer Hurerei gelebet und hat er nicht
der armen Ehebrecherin die Vergebung angekündiget so doch noch ein weit größer
crimen 3 begangen jasagt St Paulus nit geradezu dass die Hure Rahab selig
worden Hebräer am 11ten item St Jacobus am zweiten das Nämbliche Wo aber
leset ihr dass ein Mensche selig worden so sich selber und seinen Vater
mutwillig das Leben genommen Darumb beredet doch umb Gottes willen Euer Kind
dass sie in ihrem verstockten Sinn nicht mutwillig Leib und Seele dem Teufel
übergebe sondern sich retten lasse dieweil es noch Zeit ist Ihr möget ja bei
ihr bleiben und Allens wieder wegbeten so sie gesündiget auch mir mit Eurem
Beistand gegenwärtig sein der ich gar gerne bekenne dass ich ein armer Sünder
bin und Euch viel Leides zugefüget doch noch lange nicht so viel Leides Ehre
Abraham denn David dem Uriae welcher aber gleichwohl seelig worden unangesehen
er den Mann schändlich um sein Leben brachte und nachgehends sein Weib
beschlief Darumb hoffe ich armer Mensch auch seelig zu werden der ich
müglichst noch eine größere Brunst zu eurem Töchterlein habe denn dieser David
zur Batseba und will ich Euch Allens gar gerne doppelt wieder vergelten wenn
wir nur erstlich in der Hütten seind
Als der Versucher solches geredet bedünketen mich seine Worte süßer denn
Honig und gab ich zur Antwort ach gestrenger Herr ich schäme mich ihr mit
solchem Antrag unter die Augen zu treten worauf er aber alsobald sprach so
schreibet es ihr kommt hier ist Black Feder und Papier
Da nahm ich wie Eva die Frucht und aß und gab sie meinem Töchterlein dass
sie auch essen söllte will sagen ich recapitulirete Allens so mir Satanas
eingegeben auf dem Papier jedoch in lateinischer Sprachen dieweil ich mich
schämete es deutsch zu schreiben und beschwure sie letztlich nicht sich und mich
umb das Leben zu bringen besonderen sich in Gottes wunderliche Schickung zu
fügen Auch wurden mir meine Augen gar nicht aufgetan als ich gessen verstehe
geschrieben noch merkete ich dass nicht Honig besonderen Galle unter der Tinten
war sondern ich übersetzete dem Amtshaubtmann denselbigen mit Lächeln wie ein
besoffener Mensche dieweil er kein lateinisch verstunde worauf er mich auf die
Schulter klopfete und nachdem ich den Brief mit seinem Signet verschlossen
rief er den Jäger und gab ihm selbigen umb ihn meinem Töchterlein zu bringen
item fügete er Black Feder und Papier benebst dem Signet hinzu dass sie mir
alsogleich antwurten möge
Hierzwischen nun war er gar lieblich zu reden lobete mich und mein Kind
und musste ich ihm unterschiedlichen Malen Bescheid tun aus seinem großen Kruge
in welchem er einen fast schönen Wein hatte trat auch an einen Schrank und
hohlete mir Pretzeln zum Zubeissen sagende so söllte ich es nunmehr alle Tage
haben Als aber nach einer halben Stunden wohl der Jäger mit ihrer Antwort
zurücke kehrete und ich selbige angesehen begab es sich allererst dass meine
Augen aufgetan wurden und ich erkannte was gut und böse war Hätte ich ein
Feigenblatt gehabt so würde ich selbiges auch aus Schaam dafür gehalten haben
so aber hielt ich meine Hand dafür und weinete also heftiglich dass der
Amtshaubtmann in einem schweren Zorn gerit und fluchend mir befahl ihm zu
sagen was sie geschrieben Verdollmetschete ihm also den Brief welchen ich
anhero setze damit man meine Torheit und meines Töchterleins Weisheit daraus
erlerne Es lautete aber derselbe wie folget4
IESVS
Pater infelix
Ego cras non magis pallebo rogum aspectura et rogus non magis erubescet me
suscipiens quam pallui et iterum erubescui literas tuas legens Quid et the
pium patrem pium servum Domini ita Satanas sollicitavit ut communionem facias
cum inimicis meis et non intelligas in tali vita esse mortem et in tali morte
vitam Scilicet si clementissimus Deus Mariae Magdalenae aliisque ignovit
ignovit quia resipiscerent ob carnis debilitatem et non iterum peccarent Et
ego peccarem cum quavis detestatione carnis et non semel sed iterum atque
iterum sine reversione usque ad mortem Quomodo clementissimus deus hoc
sceleratissima ignoscerc posset infelix pater recordare quid mihi dixisti de
sanetis Martyribus et virginibus domini quae omnes mallent vitam quam
pudicitiam perdere His et ego sequar et sponsus meus Jesus Christus et mihi
miserae ut spero coronam aeternam dabit quamvis eum non minus offendi ob
debilitatem carnis ut Maria et me sontem declaravi cum insons sum Fac igitur
ut valeas et ora pro me apud Deum et non apud Satanam ut et ego mox coram Deo
pro the orare possim
Maria S
captiva
Übersetzung
JESUS
Unglücklicher Vater
Ich werde morgen nicht mehr erblassen wenn ich den Scheiterhaufen erblicke und
der Scheiterhaufen wird nicht mehr erröten wenn er mich aufnimmt als ich
erblassete und wiederum errötete als ich deinen Brief las Wie auch dich
frommen Vater und frommen Knecht hat Satan so verführt dass du Gemeinschaft
machst mit meinen Feinden und nicht einsiehst dass der Tod in solchem Leben
und in solchem Tode das Leben sei Denn wenn der gnädige Gott der Maria
Magdalena und andern verziehen hat so verziehe er ihnen weil sie Busse taten
wegen der Schwäche ihres Fleisches und nicht abermals sündigten Und ich sollte
sündigen bei einem gänzlichen Abscheu meines Fleisches und nicht einmal
sondern wiederhohlt ohne Umkehr bis an meinen Tod Wie würde der gnädige Gott
dies dem verworfensten aller Weiber verzeihen können Unglücklicher Vater
erinnere dich was du mir gesagt hast von den heiligen Märtyrern und den
Jungfrauen des Herrn welche alle lieber das Leben als ihre Keuschheit verlieren
wollten Diesen will auch ich folgen und mein Heiland Jesus Christus wird auch
mir Elenden wie ich hoffe die ewige Krone geben obgleich ich ihn nicht minder
beleidigt habe wegen Schwäche meines Fleisches wie Maria und mich für schuldig
erklärt da ich doch unschuldig bin Suche also stark zu werden und bitte für
mich bei Gott und nicht beim Teufel damit auch ich bald im Angesicht Gottes
für dich beten kann
Die gefangene Maria S
Als der Amtshaubtmann solches gehört wurf er den Krug so er annoch in Händen
hielt also zur Erden nieder dass er zerborste und schriee die verfluchte
Teufelshure so soll der Büttel sie dafür auch eine ganze Stunde piepen lassen
und was er ein Mehres herfürstiess in seiner Bosheit und ich vergessen hab Doch
bald wurde er wieder als gütlich und sprach »sie ist unklug geht einmal
selber zu ihr ob Ihr sie zu Eurem und ihrem eigenen Vorteil bereden möget
der Jäger soll Euch einlassen und horchet der Kerl so gebet ihm nur gleich in
meinem Namen ein Paar Ohrfeigen hört Ihr Ehre Abraham Geht geschwinde und
bringt mir sobald als müglich eine Antwort« Ging also dem Jäger nach welcher
mich in einen Keller geleite wohin kaum so viel Licht durch ein Loch fiel als
ein Gulden groß und wo mein Töchterlein auf ihrem Bette saß und weinete Und
kann man vor sich selber abnehmen dass ich auch alsogleich angefangen hab und
nichts Besseres kunnte denn sie Lagen uns also eine lange Zeit stumm in den
Armen bis ich sie letztlich um Vergebung bat von wegen meinem Brief aber von
dem Amtshaubtmann seinen Auftrag sagete ich ihr Nichtes wie es gleich mein
Fürsatz war Es währete aber nit lange so hörten wir ihn selber schon in den
Keller von oben niederschreien »was hier tät er einen schweren Fluch
macht ihr dort so lange im Augenblick Ehre Johannes herauf« so dass ich kaum
noch Zeit hatte ihr ein Küsseken zu geben als der Jäger auch schon wieder mit
den Schlüsseln da war und wir uns trennen mussten obgleich wir annoch von
Nichtes gesprochen als dass ich ihr mit Wenigem verzählet wies mit der alten
Lisen gearriviret sei Und kann man schwerlich gläuben in welche Bosheit der
Amtshaubtmann geriete als ich ihm sagete mein Töchterlein verbliebe stark
und wolle ihm nicht Gehör geben Er stieß mich vor meine Brust und rief »so
geh zum Teufel infamer Pfaff« und als ich mich umbwendete umb wegzugehen riss er
mich wieder zurück und sprach aber sagstu von Allem so wir fürgehabt ein
Wörtlein siehe so lass ich dich auch brennen du alter grauer Hexenvater
worauf ich mir ein Herze fasste und zur Antwort gab dass mir solches eine große
Freude sein würde insonderheit wenn es schon morgen mit meim Töchterlein
zusammen beschehen könnte Antwortete aber nichtes sondern schlug die Türe
hinter mir zu Aber schlag du nur ich sorge der gerechte Gott wird dir die
Türe des Himmelreichs auch dermaleinst wieder vor deiner Nasen zuschlagen
Fußnoten
1 Eine alte Silbermünze mit dem Bilde eines Engels welche 3 bis 4 Ggr galt
2 Tobias 3 22 23
3 Verbrechen
4 Er ist sichtbar von einer weiblichen Hand geschrieben und wahrscheinlich die
Originalhandschrift Siegellack oder Wachs ist aber daran nicht zu bemerken
weshalb ich annehmen möchte dass er offen überbracht wurde was bei seinem
fremden Inhalt ja auch keine Gefahr hatte Übrigens lasse ich absichtlich die
wenigen Sprachfehler stehen welche er enthält da mir jede Korrektur dieses
Kleinodes als ein Verrat an dem Charakter dieses unvergleichlichen Weibes
erscheinen würde
Kapitel 26
Wie ich mit meinem Töchterlein und der alten Magd das heilige Abendmahl genieße
und sie darauf mit dem blanken Schwert und dem Zetergeschrei zum letzten Mal vor
Gericht geführet wird umb ihr Urtel zu vernehmen
Nun sollte wohl männiglich judiciret haben dass ich in der schweren
Dienstagsnacht kein Auge zugetan aber Lieber hier siehstu dass der Herr mehr
tun kann denn wir bitten und verstehen und seine Barmherzigkeit alle Morgen
neu ist Denn ich schlief wieder umb die Morgenzeit ganz geruhlich ein als
hätte ich keine Sorge mehr auf meim Herzen Und als ich aufwachete kunnte ich
auch wiederumb so wacker beten als ich lange nicht gekonnt so dass ich in aller
meiner Trübsal für Freuden weinete über solche Gnade des Herrn Doch betete ich
nun Nichtes als dass er meinem Töchterlein wolle Kraft und Stärke verleihen ihr
Martertum so er ihr auferlegt in christlicher Geduld zu ertragen mir Elenden
aber einen solchen Schmerzensstich durch seinen Engel in mein Herze zu geben
wenn ich mein Töchterlein brennen säh dass es alsofort stille stünd und ich ihr
folgen künnte Also betete noch als die Magd in ihrem schwarzen Putz
hereintrat mit meines Lämmeleins seidinen Zeug auf ihren Ärmel und mit vielen
Tränen vermeldete dass das arme Sünderglöcklein vom Schlossturm schon zum
ersten Male geläutet auch mein Töchterlein nach ihr geschicket umb sie
anzuputzen dieweil das Gerichte aus Usedom allbereits angelanget und sie umb
zween Stunden schon ihren letzten Gang tun würde Auch ließe sie ihr sagen dass
sie ihr Blümekens blau und gelb von Farb zu einem Kranz mitbringen möge fragete
dannenhero was für Blümekens sie nehmen solle Und dieweil für dem Fenster ein
Topf mit Feuerlilien und blau Aeugeleins1 stunde so sie mir gestern
hereingesetzet sprach ich du kannst keine besseren Blümekens vor sie pflücken
denn diese seind darumb bringe ihr solche und sage ihr dass ich um eine halbe
Glockenstunden dir nachkommen würde umb mit ihr das Nachtmahl zu genüssen
Hierauf bat die alte treue Person dass sie mit zum Nachtmahl gehen müge was ich
ihr auch versprach Und hatte ich mich kaum verkleidet und meinen Chorrock
angezogen als Pastor Benzensis auch schon in die Türe trat und mir stumm wie
ein Fisch umb meinen Hals fiel und weinete Als er die Sprache wieder gewunn
verzählete er von einem großen miraculum verstehe Daemonis so beim Begräbnis
der alten Lisen sich eräugnet Denn als die Träger den Sark hätten in die Grube
hinunter lassen wöllen hätt es also laut in selbigem rumort als wenn ein
Tischler ein tännin Brett bohrt Hätten also gegläubet die alte Vettel wäre
wieder aufgelebet und den Sark wiederumb aufgemachet Aber sie wäre noch
gelegen wie sonst braun und blau von Farb und kalt wie ein Eis doch wären ihr
ihre Augen offen gangen gewesen so dass männiglich sich entsetzet und einen
Teufelsspök vermutet als denn auch gleich darauf eine lebendige Ratze aus dem
Sark gesprungen und in einen Totenkopf gefahren wäre der am Grabe gelegen
Nunmehr wäre Allens fortgelaufen dieweil die alte Lise von jeher in eim bösen
Geschrei gewesen bis er selber letztlich wieder an das Grab getreten worauf
die Ratze verschwunden gewesen und nunmehr die Andern auch wieder einen Mut
bekommen hätten Also verzählete der Mann und wird man nun leichtlich gießen
dass dies in Wahrheit Satanas gewesen so der Vettel als ein Wurmb in den Rachen
gefahren und eigentlich die Gestalt einer Ratzen gehabt wiewohl es mich
wiederumb wundert was er so lange in dem Aas gemachet es möchte denn sein dass
die bösen Geister Allens was garstig ebenso lieb haben als die Engellein
Gottes Allens was schön und lieblich ist Aber dieses lasse ich in seinen
Würden summa ich entsatzte mich nicht wenig für seiner Rede und fragete ihn
was er nunmehr von dem Amtshaubtmann gläube Hierauf zuckete er mit seinen
Achseln und sprach selbiger wäre so lange er denken könne ein böser Bube
gewesen hätte ihm inner 10 Jahren auch sein Mistkorn nicht mehr geliefert doch
dass er ein Hexer wäre wie die alte Lise gesagt gläube er nicht Denn wiewohlen
er bei ihme noch gar nicht zu Gottes Tisch gewesen hätt er doch vernommen dass
er in Stettin oftermalen mit S fr G dem Herzogen hinzugegangen und ihme der
Pastor an der Schlosskirchen solches selber durch sein Kommunionbuch
documentiret Dannenhero könne er auch unmöglich gläuben dass er mein
Töchterlein solle unschuldig in ihr Elend stürzen wie die Vettel gesaget Auch
hätte mein Töchterlein sich ja gutwillig für eine Hexe ausgeben Hierauf gab ich
zur Antwort dass sie es aus Furcht vor der Marter getan sonst ihren Tod
anlangend so scheue sie selbigen nicht worauf ich ihm mit vielen Seufzern
berichtete wie der Amtshaubtmann gestern mich elenden und ungläubigen Knecht
zum Bösen gereizet dass ich schier willens gewesen mein einzig Kind ihme und dem
Satan zu verkaufen und nicht würdig wäre heute das Sakrament zu empfahen Wie
mein Töchterlein aber einen viel steiferen Glauben denn ich gehabt was er aus
ihrem Schreiben sehen könnte so ich annoch in der Taschen hätte Gab es ihm
also in seine Hand und nachdeme er es gelesen seufzte er nicht anders denn
ein Vater und sprach wäre es müglich so könnte ich für Schmerz in die Erde
sinken aber kummet kummet mein Bruder auf dass ich ihren Glauben selber
sehe
Und gingen wir nunmehr auf das Schloss doch stand unterwegs auf dem Brink
vor dem Förster item umb das Schloss schon Allens voller Menschen so aber sich
annoch geruhsam verhielten als wir fürüber gingen Meldeten uns also wieder bei
dem Jäger seinen Namen habe ich niemals behalten mügen dieweil er ein Polacke
war doch war er ein anderer als der Kerl welcher mein Töchterlein freien
sollte und den der Amtshaubtmann wegkgejaget welcher uns auch alsofort in ein
schön groß Zimmer brachte wohin mein Töchterlein schon aus dem Gefängnis
abgehohlet war Auch hatte die Magd sie allbereits geputzet und war sie so
schön als ein Engel anzusehen Hatte die güldene Kettin mit dem Konterfett
wieder umb ihren Hals item den Kranz in ihren Haaren und lächelte als wir
hineintraten sagende »ich bin bereit« »Hiefür entsatzte sich aber Ehre
Martinus und sprach »ei du gottlos Weibsbild nun sage mir Niemand mehr von
deiner Unschuld du willt zum Nachtmahl und nachgehends zum Tode gehen und
stolzierest einher als ein Weltkind so auf den Tanzboden trottiret« Hierauf
gab sie zur Antwort verdenk Ers mir nicht Herr Pate dass ich in demselbigen
Putz in welchem ich letztlich für den guten schwedischen König getreten auch
will für meinen guten himmlischen König treten Solches stärket mein schwaches
und verzagtes Fleisch angesehen ich hoffe dass der treue Heiland mich auch so
an sein Herz« nehmen und mir sein Konterfett umbhängen wird wenn ich demütig
die Hände zu ihm ausstrecke und ihm mein Karmen aufsage welches lautet »o Lamm
Gottes unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet gib mir deinen Frieden o
Jesu« Solches erbarmete meinen lieben Gevatter und er sprach ach Päte Päte
ich wollte dir zürnen und du zwingest mich mit dir zu weinen bistu denn
unschuldig Ja sprach sie Ihme Herr Päte kann ichs wohl sagen ich bin
unschuldig so wahr mir Gott helfe in meiner letzten Not durch Jesum Christum
Amen
Als dieses die Magd hörte erhube sie ein so großes Geschreie dass es mir
leid wurde dass ich sie mitgenommen und hatten wir alle sie genug aus Gotts Wort
zu trösten bis sie wieder in etwas geruhlich wurde Und als solches beschehen
sprach mein lieber Gevatter wenn du so hoch deine Unschuld beteurest muss ich
solches zuvor dem Gericht auf mein priesterlich Gewissen vermelden und wollte
aus der Türen Aber sie hielt ihn feste und fiel zur Erden und umklammerte
seine Füße und sprach ich bitte Ihne umb die Wunden Jesu dass Er schweiget Sie
werden mich auf die Folter strecken und meine Schaam blössen und ich elendes
schwaches Weib werde Allens in solcher Marter bekennen was sie wöllen zumalen
wenn mein Vater wieder dabei ist und mir also Leib und Seele zusammen gemartert
wird Darumb bleib Er bleib Er ist es denn ein Unglück unschuldig zu sterben
und nicht besser unschuldig denn schuldig
Solches versprach mein guter Gevatter letztlich und nachdeme er eine Zeit
gestanden und vor sich gebetet wischte er sich seine Tränen ab und hielt
nunmehr die Vermahnung zur Beichte über Esaias 43 V 1 und 2 fürchte dich
nicht denn ich habe dich erlöset ich habe dich bei deinem Namen gerufen du
bist mein So du ins Feuer gehest sollst du nicht brennen und die Flamme soll
dich nicht anzünden denn ich bin der Herr dein Gottder Heilige in Israel dein
Heiland
Und als er seine tröstende Ansprach geendiget und sie nunmehr fragete ob
sie auch williglich bis zur letzten Stunde das Creuz tragen wolle so der
barmherzige Gott ihr nach seinem unerforschlichen Willen auferleget sprach sie
die schönen Worte von welchen mein Gevatter nachgehends sagte dass er sie in
seinem Leben nicht vergessen würde dieweil er niemalen eine also gläubige
freudige und dennoch hochbetrübte Gebährde gesehen Sie sprach aber o heiliges
Creuz welches mein Jesus mit seinem unschuldigen Leiden geheiliget o liebes
Creuz welches von der Hand eines gnädigen Vaters mir auferleget wird o
seeliges Creuz durch welches ich meinem Jesu gleich gemacht und zur ewigen
Herrlichkeit und Seligkeit gefördert werde was sollt ich dich nicht willig
tragen du süßes Creuz meines Bräutigams und Bruders Kaum hatte Ehre Johannes
uns darauf die Absolution und nachgehends das heilige Sakrament mit vielen
Tränen gereichet als wir auch schon einen großen Tumult auf der Dielen
vernahmen und gleich darauf der dreuste Büttel zur Türen hereinschauete und
fragende ob wir fertig wären alldieweil Ein ehrsam Gericht schon auf uns
warte Und als er solches vernommen wollte mein Töchterlein erstlich von mir
ihren Abschied nehmen was ich ihr aber wehrete und sprach nicht also du weißt
was du mir versprochen wo du hingehest da will ich auch hingehen wo du
bleibest da bleibe ich auch wo du stirbst da sterbe ich auch2 so anders der
Herr wie ich hoffe die brünstigen Seufzer meiner armen Seelen erhöret Darumb
ließ sie mich fahren und umbhalsete nur die alte Magd und dankete ihr für alles
Gute so sie ihr von Jugend auf getan und bate dass sie nicht mitgehen und ihr
ihren Tod durch ihr Geschreie noch mehr verbittern wolle Die alte treue Person
kunnte lange nicht für ihren Tränen zu Worte kommen Letzlich aber bat sie mein
arm Töchterlein um Vergebung dass sie selbige auch unwissend angeklaget und
sagte dass sie ihr für ihr Lohn an die 5 Liesspfund Flachs gekaufet damit sie
bald von ihrem Leben käm
Solches hätte heute Morgen schon der Schäfer von Pudgla mit gen Koserow
genommen und solle sie es sich recht dicht umb ihren Leib legen dieweil sie
gesehen dass die alte Schurnsche so in der Liepen gebrennet wäre viele Qual
ausgestanden von wegen dem nassen Holz ehebevor sie zu Tode kommen
Doch ehender ihr mein Töchterlein noch danken kunnte begunnte das
erschröckliche Blutgeschrei im Gerichtszimmer denn eine Stimme schriee so laut
sie konnte »Zeter über die vermaledeiete Hexe Maria Schweidlerin dass sie von
dem lebendigen Gotte abgefallen« und alles Volk draußen schriee nach Zeter
über die vermaledeiete Hexen Als ich solches höretefiel ich gegen die Wand
aber mein süßes Kind strakete mir mit ihren süßen Händeleins meine Wangen und
sprach Vater Vatergedenket doch dass das Volk über den unschuldigen Jesum auch
kreuzige kreuzige geschrien sollten wir den Kelch nicht trinken den uns
unser himmlischer Vater gegeben hat
Nunmehr ging auch schon die Türe auf und trat der Büttel unter eim großen
Tumult des Volks herein ein blankes scharfes Schwert in seinen Händen tragende
neigete es dreimal vor meinem Töchterlein und schriee »Zeter über die
vermaledeiete Hexe Maria Schweidlerin dass sie von dem lebendigen Gotte
abgefallen« und alles Volk auf der Dielen und draußen schriee ihm nach so laut
es kunnte »Zeter über die vermaledeiete Hexe«
Hierauf sprach er Maria Schweidlerin komm für Ein hochnotpeinliches
Halsgericht worauf sie ihme mit uns beiden elenden Männern folgete denn Pastor
Benzensis war nicht weniger geschlagen als ich selber die alte Magd aber
blieb für tot auf der Erden liegen
Und als wir uns mit Not durch das viele Volk durchgedränget blieb der
Büttel vor dem offenen Gerichtszimmer stehen senkete abermahlen sein Schwert vor
meim Töchterlein und schriee zum dritten Mal »Zeter über die vermaledeiete Hexe
Maria Schweidlerin dass sie von dem lebendigen Gotte abgefallen« und alles Volk
wie die grausamen Richter selber schrien nach so laut sie kunnten »Zeter
über die vermaledeiete Hexe«
Als wir nunmehr ins Zimmer traten fragete Dn Konsul erstlich meinen Herrn
Gevatter ob die Hexe bei ihrem freiwilligen Bekänntnüss in der Beichte
verblieben worauf er nach kurzem Besinnen zur Antwort gab man müge sie
selber fragen da stünde sie ja Selbiger sprach also ein Papier in seiner
Hand nehmend so vor ihm auf dem Tische lag Maria Schweidlerin nachdem du
deine Beichte getan und das heilige hochwürdige Sakrament des Abendmahls
empfangen so gib mir noch einmal Antwort auf jetzt folgende Fragen
1 wahr dass du von dem lebendigen Gott abgefallen und dich dem leidigen
Satan ergeben
2 wahr dass du einen Geist gehabt Disidaemonia genannt der dich umgetaufet
und mit welchem du dich unnatürlich vermischet
3 wahr dass du dem Vieh allerhand Übles zugefüget
4 wahr dass dir Satanas auf dem Streckelberg als ein haarigter Riese
erschienen
Als sie dieses Alles mit vielen Seufzern bejahete stund er auf nahm seinen
Stab in eine Hand und ein zwotes Papier in die andere setzte auch seine Brill
auf die Nasen und sprach so höre jetzunder dein Urtel
Dieses Urtel hab ich mir nachgehends abgeschrieben die anderen Acta wollte
er mir aber nicht überlassen sondern gab für dass sie in Wolgast lägen und
lautete selbiges wörtlich also
Wir zu Einem hochnotpeinlichen Halsgericht verordnete Amtshaubtmann und
Schöppen
nachdem Maria Schweidlerin des Pastoren zu Koserow Abraham Schweidleri Tochter
nach angestellter Inquisition wiederhohlentlich das gütliche Bekänntnüss
abgeleget dass sie einen Teufel habe Disidaemonia genannt der sie in der Sehe
umbgetaufet und mit dem sie sich fleischlich und unnatürlich vermischet item
dass sie durch selbigen dem Vieh Schaden zugefüget er ihr auch auf dem
Streckelberg als ein haarigter Riese erschienen erkennen und sprechen für
Recht dass Rea ihr zur wohlverdienten Strafe und Andern zum Exempel billig mit
vier glühnden Zangenrissen an ihren Brüsten zu belegen und nachmals mit dem
Feuer vom Leben zum Tode zu bringen sei Dieweil wir aber in Betrachtung ihres
Alters sie mit den Zangenrissen aus Gnaden zu verschonen gewilliget als soll
sie nur durch die einfache Feuerstraf vom Leben zum Tode gebracht werden
Inmassen sie denn dazu hiemit condemniret und verurteilt wird Von peinlichen
Rechts wegen
Publicatum Pudgla zu Schloss den 30sten mensis Augusti anno salutis 16303
Als er das letzte Wort ausgesprochen zerbrach er seinen Stab und warf
meinem unschuldigen Lämmelein die Stücken vor ihre Füße indem er zu dem Büttel
sprach jetzt tut Eure Schuldigkeit Aber es stürzeten so viel Menschen beides
Männer und Weiber auf die Erde um die Stücken des Stabs zu greifen dieweil es
gut sein soll vor die reissende Gicht item vor das Vieh wenn es Läuse hat dass
der Büttel über ein Weibsbild zu Boden fiel so vor ihm auf den Knieen lag und
ihm also auch von dem gerechten Gott sein naher Tod vorgebildet wurde Solches
beschahe auch dem Amtshaubtmann jetzunder zum andern Mal denn da das Gerichte
nunmehr aufstand und Tische Stühle und Bänke umbwarf fiel ihm ein Tisch
dieweil ein Paar Jungen darunter saßen so sich um den Stab schlugen also auf
seinen Fuß dass er in großen Zorn geriet und dem Volk mit der Faust dräuete
dass Jeder solle 50 Arschprügel haben beides Männer und Weiber so sie nicht
augenblicklich geruhsam wären und aus der Stuben gingen Solches setzte eine
Furcht und nachdem sich das Volk auf die Straße verlaufen zog der Büttel ein
Seil aus seiner Taschen womit er meim Lämmelein also ihre Hände auf den Rücken
zusammenbande dass sie laut zu schreien begunnte aber dieweil sie sah wie es
mich wieder an mein Herze stieß sich alsofort begriff und sprach »ach Vater
bedenket dass es dem lieben Heiland auch nicht besser ergangen« Dieweil aber
mein lieber Gevatter so hinter ihr stund sah dass ihre Händelein und
absonderlich die Nägel braun und blau worden waren tät er eine Fürsprache bei
Eim ehrsamen Gericht worauf aber der abscheuliche Amtshaubtmann zur Antwort
gab ei lasset sie nur sie muss fühlen was es bedeutet von dem lebendigen Gotte
abzufallen Aber Dn Konsul war glimpflicher inmassen er dem Büttel Befehl gab
nachdem er die Stricke befühlet sie menschlich zu binden und ein wenig
nachzulassen was selbiger nunmehr auch tun musste Hiemit war mein lieber
Gevatter aber noch nicht zufrieden sondern bat dass man sie müge ohne Bande auf
den Wagen setzen damit sie ihr Gesangbuch gebrauchen könne Denn er hätte die
Schule bestellt um unterwegs ein geistlich Lied zu ihrer Tröstunge zu singen
und wollte sich verbürgen da er selber mitzufahren gesonnen dass sie nicht
von dem Wagen kommen solle Im Übrigen pflegeten ja auch Kerls mit Forken4 umb
den Wagen der armen Sünder und absonderlich derer Hexen zu gehen Aber solches
wollte der grausame Amtshaubtmann nit zugeben daher es verblieb wie es war
indeme der dreuste Büttel sie alsbald auch bei ihrem Arm ergriff und aus dem
Gerichtszimmer führte Auf der Dielen aber hatte es einen großen Scandalum so
mir wiederumb mein Herze durchschnitt Denn die Ausgebersche und den dreusten
Büttel sein Weib schlugen sich dort umb meines Töchterleins ihre Betten wie umb
ihr alltagsch Zeug so die Ausgebersche vor sich gehohlet das andere Weib aber
auch haben wollte
Selbige rief nunmehr gleich ihren Mann zur Hilfe welcher auch furts mein
Töchterlein fahren ließe und der Ausgeberschen mit seiner Faust also in ihr
Maul schlug dass ihr das Blut daraus herfürging und sie ein grausam Geschrei
gegen den Amtshaubtmann erhube welcher mit dem Gericht uns folgete Selbiger
bedräuete sie beide vergeblich und sagte dass er nachgehends wenn er
wiederkäm die Sache untersuchen und einem Jeglichen seinen Teil geben wolle
Hierauf wollten sie aber nicht hören bis mein Töchterlein Dn Konsulem fragte
ob ein Jeder so da stürbe und also auch ein armer Sünder die Macht habe sein
Haabe und Gut zu vermachen weme er wolle Und als er zur Antwort gab »ja bis
auf die Kleider so dem Scharfrichter gehören« sprach sie »gut so kann der
Büttel meine Kleider nehmen mein Bette aber soll Niemand haben denn meine alte
getreue Magd Ilse geheißen« Hierauf erhub die Ausgebersche ein lautes Fluchen
und Schimpfen gegen mein Kind welche aber nicht darauf achtete sondern
nunmehr aus den Türen vor den Wagen trat wo also viel Volks stunde dass man
Nichtes sah denn Kopf an Kopf Und drängete sich solches alsbald mit solchem
Rumor umb uns zusammen dass der Amtshaubtmann so inzwischen auf seinen Schimmel
gestiegen war dem Volkes immer rechtes und linkes mit seiner Reitpeitschen in
die Augen hauete und sie doch kaum weichen wollten Und als es letztlich doch
half und sich an die zehn Kerls mit langen Forken umb unsern Wagen gestellt so
meistenteils auch noch Stossdegen an ihrer Seiten hatten hub der Büttel mein
Töchterlein hinauf und band sie an den Leiterbaum feste Mich selber hub der
alte Paassch hinauf so dabei stunde und auch mein lieber Gevatter musste sich
hinaufheben lassen also schwach war er von allem Jammer worden Selbiger
winkete nunmehr seinem Küster Meister Krekow dass er mit der Schulen vor dem
Wagen vorauf gehen und von Zeit zu Zeit einen Vers aus dem feinen Liedlein
»Ich hab mein Sach Gott heimgestellt« anheben solle was er auch zu tun
versprach Und will ich annoch notiren dass ich selber mich bei meim
Töchterlein auf das Stroh setzte und unser lieber Beichtvater Ehre
Martinusrückwärts saß Der Büttel jedoch hackete mit dem bloßen Schwerte hinten
auf Als solches Allens beschehen item das Gericht auf einen andern Wagen
gestiegen gab der Amtshaubtmann Befehlig zum Abfahren
Fußnoten
1 vielleicht Vergissmeinnicht
2 Buch Ruth 1 V 16
3 Leser welche mit der abscheulichen Gerechtigkeitspflege der Zeit nicht
bekannt sind werden sich wundem über dies schnelle und eigenmächtige
Verfahren Allein es liegen mir OriginalHexenprocesse vor worin ein simpler
Notar auf die Folter wie auf den Tod ohne Weiteres erkannt hat und ist es schon
als ein Zeichen der Humanität zu betrachten wenn man die Acten zur Feststellung
der peinlichen Frage an eine Universität oder einen fremden Schöppenstuhl
versandte Das Todesurtel scheint dagegen fast immer von den Untergerichten
gesprochen zu sein wobei an Appellation nicht zu denken war dabei spudeten und
hasteten sich die Herren so unglaublich wie es hier auch wieder geschieht dass
dies beiläufig gesagt die einzige gute Eigenschaft sein möchte die der neueren
Gerechtigkeitspflege von der alten anzuwünschen wäre
4 Heugabeln
Kapitel 27
Wie es uns unterwegen ergangen item von dem erschröcklichen Tode des
Amtshaubtmanns bei der Mühlen
Wir hatten aber viel Wunder unterwegen und groß Herzeleid Denn gleich an der
Brücken so über die Bach führt die in den Schmollen1 läuft stund der
Ausgeberschen ihr abscheulicher Junge wieder trummelte und schriee so laut er
kunnte »tom Gosebraden tom Gosebraden« worüber das Volk alsobald ein groß
Gelächter erhub und ihm nachrief ja tom Gosebraden tom Gosebraden Doch als
Meister Krekow den zwoten Versch anstimmete waren sie wieder in etwas
geruhlich denn die meisten halfen ihm singen aus ihren Büchern so sie sich
mitgebracht hatten Als er aber darauf in etwas inne hielte ging der Lärm
wiederumb von vorne an Etzliche schrien der Teufel hätte ihr dieses Kleid
geben und sie also herausgeputzet kamen daher auch und weil der Amtshaubtmann
vorauf geritten umb den Wagen und beföhleten ihr Kleid insonderheit die Weiber
und jungen Mädkens etzliche aber schrien wiederumb dem Jungen nach tom
Gosebraden tom Gosebraden worauf ein Kerl zur Antwort gab se wadd sich noch
nich braden laten gewt man Pass2 se pt dat Für ut« Dieses und annoch ein
Mehreres an Unflätereien so ich aber aus Schaam nit notieren mag mussten wir
mit an hören und schnitt es mir insonderheit durch mein Herze als ein Kerl
schwur dass er von ihrer Aschen etwas haben wolle da er von dem Stab nichts
gekriegt denn es gäbe fast nichts Besseres vor das Fieber und die Gicht denn
Hexenasche Winkete also dem Custodi wiederumb anzuheben worauf sie sich eine
Zeitlang di so lange der Versch währete auch wieder geruhsam hielten
nachgehends aber es fast noch ärger macheten denn zuvor Doch dieweil wir
jetzunder zwischen denen Wiesen waren und mein Töchterlein die schönen
Blümeleins sah so rings umb den Graben stunden verfiel sie in tiefe Gedanken
und hub wieder an aus dem feinen Liedlein St Augustini zu recitiren wie folgt
flos perpetuus rosarum ver agit perpetuum
candent lilia rubescit crocus sudat balsmum
virent prata vernant sata rivi mellis influunt
pigmentorum spirat odor liquor et aromatum
pendent poma floridorum non lapsura nemorum
non alternat luna vices soll vel cursus syderum
agnus est foelicis urbis lumen inocciduum3
Durch diesen Kasus gewunnen wir dass alles Volk sich fluchend von dem Wagen
verlief und bei einem guten Musketenschuss hinter uns her trottirete dieweil sie
gläubeten dass mein Töchterlein den leidigen Satan umb Hilfe anriefe Nur ein
Bursche bei 25 Jahrenso ich aber nicht kunnte blieb wenig Schritte hinter dem
Wagen bis sein Vater kam und da er nit mit Gutem weichen wollte ihn also in
den Graben stieß dass er bis an die Hüften ins Wasser versank Hierüber musste
selber mein arm Töchterlein lächeln und fragete mich ob ich nicht mehr
lateinische Lieder wüsste umb uns das dumme und unflätige Volk noch ferner vom
Leibe zu halten Aber sage Lieber wie hätte ich jetzunder lateinische Lieder
recitiren mügen so ich sie auch gewusst Doch mein Konfrater Ehre Martinus wusste
annoch ein solches so zwar ein ketzerisches Lied ist doch weil es meinem
Töchterlein über die Massen gefiel und er ihr manchen Versch an die drei und
vier mal vorbeten musste bis sie ihn nachbeten kunnte sagete ich Nichtes Sonst
bin ich immer sehr streng gegen Ketzereien gewesen Aber ich tröstete mich dass
unser Herr Gott es ihr in ihrer Einfalt wohl verzeihen würde Und lautete die
erste Zeil also dies irae dies ille4 Insonderheit aber gefielen ihr diese
beiden Verse so sie oftmals mit großer Erbauung betete und ich darumb hieher
setzen will
judex ergo cum sedebit
quidquid latet apparebit
nil inultum remanebit
item
rex tremendae majestatis
qui salvandos salvas gratis
salva me fons pietatis 5
Als aber die Kerls mit den Forken so umb den Wagen gingen solches hörten und
zugleich ein schwer Wetter vom Achterwater6 aufkam vermeinten sie nit anders
denn dass mein Töchterlein es gemachet und da das Volk so hinten nachsetzete
auch schrie »dat het de Hex dahn dat hett de verfluchte Hex dahn« sprungen
sie alle zehn bis auf einen so verblieb über den Graben und liefen ihrer
Straßen Solches sah aber Dn Konsul nit alsobald welcher mit Eim ehrsamen
Gericht hinter uns fuhr als er dem Büttel zurief was solches bedeute und der
Büttel rief über den Amtshaubtmann so ein wenig vorauf war aber alsobald
umbkehrete und nachdem er die Ursache erfahren denen Kerls nachschriee dass er
sie alle wolle an den ersten besten Baum anhenken lassen und mit ihrem Fleisch
seine Falken füttern wenn sie nit alsobald umkehreten Solches half abereins
und als sie wieder kamen gab er einem Jeglichen an die sechs Schmisse mit
seiner Reitpeitschen worauf sie verblieben doch so weit von dem Wagen sich
hielten als sie für den Graben kunnten
Hierzwischen aber kam das Unwetter von Süden näher mit Donner Blitze Hagel
und Sturmwind als wenn der gerechte Gott seinen Zorn offenbaren wöllte über die
ruchlosen Mörder und schlug die Wipfel derer hohen Buchen umb uns zusammen wie
Besen also dass unser Wagen ganz mit Blättern wie mit Hagel bedecket war und
Niemand vor dem Rumor sein eigen Wort hören kunnte Solches geschahe gerade als
wir von dem Klosterdamm in die Heiden hinabfuhren Und ritt der Amtshaubtmann
jetzunder hinter uns bei dem Wagen auf welchem Dn Konsul saß Doch als wir
alsbald über die Brücke wollten vor der Wassermühlen fasste uns der Sturmwind
so vom Achterwater aus einer Lucken herüberblies also dass wir vermeinten er
würde unsern Wagen in den Abgrund stoßen so wohl an die 30 Fuß tief war und
drüber Und da gleicherweise die Pferde täten als gingen sie auf Glatteis und
nicht stehen kunnten hielt der Gutscher stille umb erst das Wetter fürüber
gehen zu lassen welches aber der Amtshaubtmann nit alsobald gewahr wurde als
er herbeigesprenget kam und dem Gutscher befahl alsogleich weiter zu fahren
Selbiger hauete also die Pferde an aber sie spartelten7 dass es absonderlich
anzusehen war wannenhero auch unsere Wächter mit den Forken zurückblieben und
mein Töchterlein für Angst einen lauten Schrei tat Und waren wir gerade so
weit kommen wo das große Rad unter uns lief als der Gutscher mit dem Pferde
stürzete und selbiges sich einen Fuß zubrach Jetzt sprang der Büttel vom
Wagen stürzete aber auch alsobald auf den glatten Boden item der Gutscher
nachdem er sich aufgerichtet fiel er alsbald wieder nieder Dannenhero gab der
Amtshaubtmann seinem Schimmel fluchend die Sporen welcher aber auch anhub zu
sparteln wie unsere Pferde getan Doch kam er damit gegen uns gespartelt ohne
dass er gestürzet wäre und dieweil er sah dass das Pferd mit dem zubrochenen
Fuß sich immer wieder aufrichten wollte aber alsobald wieder auf dem glatten
Boden zusammenschoss brüllete und winkete er dass die Kerls mit den Forken
kommen möchten und die Mähre ausspannen item den Wagen hinüberschieben damit
er nicht in den Abgrund gerissen würde Hierzwischen aber kam ein langer
Blitzstrahl für uns in das Wasser niedergefahren welchem ein Donner also
plötzlich und greulich folgete dass die ganze Brücke erbebete und den
Amtshaubtmann sein Pferd unsere Pferde wurden aber stille einige Schritte
zurückprallete worauf es den Boden verlor und mit dem Amtshaubtmann kopfüber
auf das große Mühlenrad hinunter schoss dass sich ein ungeheuer Geschrei von
allen Menschen erhub so hinter uns an der Brücken stunden Und war eine
Zeitlang vor dem weißen Schaum Nichtes zu sehen bis den Amtshaubtmann seine
Beine mit dem Rad in die Höhe kamen und hierauf auch der Rumpf aber der Kopf
steckete zwischen den Schaufeln des Rades und also lief er erschröcklich
anzusehen mit selbigem immer rundum Seinem Schimmel aber fehlete nichts
sondern schwamm selbiger hinten im Mühlenteich Als ich solches sah ergriff
ich die Hand meines Lämmeleins und rief siehstu Maria unser Herr Gott lebt
noch und fähret annoch heute auf dem Cherub und fliegt daher und schwebt auf
den Fittigen des Windes und will unsere Feinde zustossen wie Staub vor dem Winde
und will sie wegräumen wie den Rot auf den Gassen8 Da schaue nieder was der
allmächtige Gott getan Als sie hierauf ihre Augen seufzend gen Himmel erhub
hörten wir Dn Konsulem so laut hinter uns schreien als er kunnte da aber
Niemand nicht für den grausamen Wetter und Tumult des Gewässers ihn verstunde
sprung er von dem Wagen und wollte zu Fuß über die Brücke gehen fiel aber
gleichfalls auf seine Nase also dass sie blutete und er nunmehr auf Händen und
Füßen wieder zurücke kroch und alsbald ein groß Wort mit Dn Kamerario hatte
welcher sich aber nicht auf dem Wagen rührete Hierzwischen hatten schon der
Büttel und der Gutscher das verwundete Pferd ausgespannet gebunden und von der
Brücken geschleift kamen daher wieder zum Wagen und befohlen uns von selbigem
zu steigen und zu Fuß über die Brücke zu gehen welches auch geschahe inmassen
der Büttel mit vielem Fluchen und Schimpfen mein Töchterlein ablösete auch
dräuete sie nachgehends für ihre Bosheit bis auf den späten Abend zu braten
Konnte es ihme nicht so sehr verdenken denn es war fürwahr ein seltsam Ding
Aber obwohl sie selber gut hinüberkam fielen wir beide Ehre Martinus und
ich wie alle Anderen doch auch an die drei Malen zu Boden bis wir endlich
durch Gottes Gnade vor dem Müllerhause wohlbehalten angelangeten allwo der
Büttel dem Müller bei Leibes Leben mein Töchterlein übergab und an den
Mühlenteich niederrannte umb den Amtshaubtmann seinen Schimmel zu retten Der
Gutscher solle aber unterdes sehen dass er den Wagen und die anderen Pferde von
der behexten Brücken brächte Wir hatten aber noch nicht lange bei dem Müller
vor der Türen unter einem großen Eichbaum gestanden als Dn Konsul mit Eim
ehrbaren Gericht und allem Volk schon über die kleine Brücke gefahren kam so
nur ein Paar Mousquetenschüsse von der ersten entfernet ist und selbiger kaum
das Volk abhalten kunnte dass sie nicht mein Kind angriffen und lebendig
zerrissen angesehen Alle wie auch Dn Konsul selber vermeinten dass kein
Anderer denn sie benebst dem Wetter auch die Brücke behext zumalen sie
selber nicht darauf gefallen und den Amtshaubtmann um sein Leben gebracht
was doch Allens erstunken und erlogen war wie man Weiters hören wird Er schalt
sie dannenhero für eine vermaledeiete Unholdin die nach abgelegter Beicht und
dem Genuss des heiligen Abendmahls noch nicht von dem leidigen Satan abgefallen
wäre Aber es solle ihr Allens nicht helfen sie werde dennoch ihren Lohn
alsbald empfangen Und dieweil sie stille schwieg gab ich hierauf zwar zur
Antwort ob er nicht sähe dass der gerechte Gott dies also gefüget dass der
Amtshaubtmann so meim unschuldigen Kind Ehre Leib und Leben zu nehmen gedacht
allhier als ein erschröcklich Exempel sein eigen Leben lassen müssen aber es
wollte nit verfangen sonden er vermeinte dass dieses Wetter unser Herr Gott
nicht gemacht könne ein Kind einsehen oder ob ich vielleicht auch vermeinte
dass unser Herr Gott die Brücke behext Ich müge doch endlich aufhören mein
boshaft Kind zu rechtfertigen und sie lieber zur Busse vermahnen da dies schon
das zweite Mal sei dass sie Wetter gemacht und mir doch kein vernünftiger
Mensch glauben würde was ich sage etc
Hierzwischen aber hatte der Müller allbereits die Mühle angehalten item
sein Wasser gestauet und waren an die vier bis fünf Kerls mit dem Büttel auf
das große Rad niedergestiegen umb den Amtshaubtmann so bis dato noch immer auf
und niedergangen war aus denen Schaufeln zu ziehen Solches kunnten sie aber
nicht ehender als sie eine Schaufel zersaget und wie sie ihn letztlich ans Land
brachten befand es sich dass er sich das Genick abgefallen und bereits so blau
als eine Trembse9 anzusehen war Auch war ihme der Hals abgeschunden und das
Blut lief ihm annoch aus Maul und Nasen Doch hatte das Volk mein Töchterlein
nicht schimpfiret so schimpfirete es sie jetztunder und wollte sie mit Kot
und Steinen werfen wenn es Ein ehrsam Gericht nicht mit aller Macht gewehret
sagende sie würde ja alsbald ihre wohlverdiente Straf empfangen
Auch stieg mein lieber Gevatter Ehre Martinuswieder auf den Wagen und
vermahnete das Volk der Oberkeit nit vorzugreifen angesehen das Wetter
wiederumb ein wenig nachgelassen dass man ihn hören konnte Und als es sich in
etwas zufrieden gestellt übergab Dn Konsul dem Müller das Leich von dem
Amtshaubtmann bis er mit Gottes Hülf wiederkäme item den Schimmel ließ er so
lange an die Eiche binden dieweil der Müller schwur er hätte keinen Raum in
der Mühlen inmassen sein Pferdestall annoch voll Stroh läge er wolle dem
Schimmel aber etwas Heu fürgeben und ein gut Augenmerk auf ihn haben Und jetzo
mussten wir elendigen Menschen nachdem der unerforschliche Gott unsere Hoffnung
aufs Neue zu Wasser gemacht wieder auf den Wagen steigen und der Büttel
flätschete die Zähne für Grimm als er die Stricke aus der Taschen hohlete umb
mein armes Töchterlein abereins an die Leiter zu binden Hohlete dannenhero da
ich leichtlich es ihm ansehen kunnte was er im Sinne hätte zween
Schreckensberger aus meiner Taschen und bliese ihm in das Ohr »macht es gnädig
sie kann Euch ja nimmermehr fortlaufen und helfet Ihr ihr nachgehends recht
bald zu Tode so söllet Ihr annoch zehn Schreckensberger von mir haben« Solches
half und wiewohl er für dem Volk sich gestellete als hohlete er tüchtig an
dieweil es aus allen Kehlen schriee »hahl düchtig hahl düchtig« bund er ihre
Händekens in Wahrheit doch gelinder denn früher und zwar ohne sie an der
Leiter feste zu machen hackete aber wiederumb hinter uns mit dem blanken
Schwert auf und nachdeme Dn Konsul nunmehr ein lautes »Gott der Vater wohn
bei uns« gebetet auch der Custos wiederumb ein neu Lied angefangen weiß nicht
mehr was er gesungen mein Töchterlein weiß es auch nit mehr ging es nach dem
Willen des unerforschlichen Gottes weiter und zwar also dass Ein ehrsam Gericht
nunmehr vorauf fuhr alles Volk aber zu unserer Freude nachblieb so wie auch
die Kerls mit den Forken ein gut Ende hinter uns trottireten dieweil der
Amtshaubtmann tot war
Fußnoten
1 See nahe bei Pudgla
2 Achtung
3
Ewig blüht die Rosenknospe hier im ewgen Frühling auch
Weiß die Lilie rot der Krokus duftend träuft der Balsamstrauch
Grün die Wiesen grün die Saaten und von Honig rinnt der Bach
Das Aroma süßer Blumen haucht und duftet tausendfach
Blühnde Wälder tragen Äpfel deren Stengel nimmer bricht
Und nicht Sonne Mond noch Sterne wechseln dorten mehr ihr Licht
Denn ihr Licht das nimmer schwindet ist des Lammes Angesicht
4 Jener Tag der Tag des Zornes ec eines der schönsten katholischen
Kirchenlieder
5 Di
Wenn der ernste Richter schlichtet
Und der Herzen Dunkel lichtet
Bleibt nichts Böses ungerichtet
ingleichen
König majestätischer Größe
Der umsonst deckt unsre Blöße
Quell der Liebe komm erlöse
6 Ein Meerbusen den die Peene in dieser Gegend bildet
7 plattdeutsch straucheln
8 Psalm 18 11 43
9 Kornblume
Kapitel 28
Wie mein Töchterlein endlich durch des allbarmherzigen ach des allbarmherzigen
Gottes Hülf gerettet wird
Hierzwischen war ich aber von wegen meinem Unglauben womit mich Satanas
wiederumb versuchte also schwach worden dass ich meinen Rücken an den Büttel
seine Kniee stützen musste und nicht vermeinte ich würde das Ende bis an den
Berg mehr ableben Denn nunmehr war auch die letzte Hoffnung so ich mir
gemachet verschwunden und ich sah dass meim unschuldigen Lämmelein auch also
umb ihr Herze war Hierzu kam dass Ehre Martinus sie schalt wie Dn Konsul
getan und sagte er sähe anjetzo selber dass alle ihre Schwüre Lügen gewesen
und sie in Wahrheit Wetter machen könne Hierauf gab sie zur Antwort und zwar
lächelnde obwohl sie so weiß wie ein Laken anzusehen war »Ei Herr Päte
gläubet Er denn in Wahrheit, dass unser Herr Gott nicht mehr das Wetter macht
Seind denn Gewitter umb diese Jahreszeit also selten dass sie der böse Feind nur
machen kann Nein ich habe den Taufbund so Er einstmals für mich geschlossen
nicht gebrochen und will ihn nimmer brechen so wahr mir Gott gnädig sei in
meinem letzten Stündlein so nunmehr schon geschlagen« Aber Ehre Martinus
schüttelte ungläubig mit seinem Kopf und sagte Der Teufel muss dir viel
versprochen haben dass du bis an dein Ende also verstockt bleibest und den
Herren deinen Gott lästerst aber harre du wirst bald mit Schrecken gewahr
werden dass er ein Vater der Lügen ist Joh am achten Als er solches und ein
Mehres gesaget kamen wir in Ükeritze an wo alles Volk Groß und Klein wieder
aus den Türen stürzete auch Jakob Schwarten sein Weib so in der letzten
Nacht wie wir vernahmen nur ihre Niederkunft gehalten Und kam ihr Kerl ihr
vergeblich nachgerannt umb sie aufzuhalten Sie sagte er wäre ein Narr das
wäre schon so lange her und solle sie den Berg auf ihren Knieen hinaufkriechen
so wolle sie die Priesterhexe doch auch brennen sehen Hätte sich lange darauf
gefreuet und wenn er sie nicht fahren ließe wolle sie ihme Eins auf sein Maul
geben etc
Also gebehrdete sich das grobe und unflätige Volk umb unsern Wagen und da
sie nicht wussten was unterwegen geariviret liefen sie so nahe gegen uns dass
das Wagenrad einem Jungen über seinen Fuß ging kamen auch und insondereit die
Mädkens wiederumb an und befühleten meinem Töchterlein ihre Kleider wollten
ihre Schuhe und Strümpfe aber auch sehen und frageten wie ihr zu Mute wär item
ein Kerl ob sie eins trinken wolle und was sie sonsten mehr für
Narrenteidinge trieben so dass sie letztlich und als Etzliche kamen und sie um
ihren Kranz und die güldene Kette baten ihr Haupt lächelnd zu mir wendete und
sprach »Vater ich muss nur wieder auf lateinisch anfangen denn sonst lässt mir
das Volk keine Ruhe« Aber es war dieses Mal nit vonnöten Denn da unsere
Wächter mit ihren Forken nunmehr die hintersten auch erreichet und ohne
Zweifel verzählet hatten was fürgefallen hörten wir alsbald ein groß Gerüste
hinter uns dass sie umb Gottes willen zurücke kommen söllten ehebevor ihnen die
Hexe etwas antäte und da Jacob Schwarten sein Weib sich nicht daran kehrete
sondern mein Töchterlein immerfort quälete dass sie ihr ihren Schurzfleck zu eim
Taufkleid vor ihr Kindlein geben müge dieweil er ja doch nur verbrenne schmiss
ihr letztlich ihr Kerl mit einem Knüppel so er von eim Zaun brach also in den
Nacken dass sie mit großem Geschrei niederstürzete und wie er kam umb sie
aufzurichten ihn bei seinen Haaren niederzog und wie Ehre Martinus sagte
nunmehr doch in Ausführung brachte was sie ihm gelobet angesehen sie ihn mit
einer Faust immer aus aller Macht auf die Nase geschlagen bis die anderen Leute
hinzugeloffen und sie abgehalten hätten Hierzwischen aber hatte das Wetter sich
fast verzogen und suckete1 nach der Sehe zu
Und als wir nunmehr auch durch die kleine Heide gelanget sahen wir
plötzlich den Streckelberg für uns mit vielem Volk und den Scheiterhaufen auf
seiner Spitzen auf welchem der lange Büttel sprang als er uns ankommen sah
und mit der Mützen winkete so viel er kunnte Hierüber vergingen mir aber meine
Sinnen und ist es meinem Lämmelein auch nit viel anders ergangen Denn sie hat
hin und her geschwanket wie ein Rohr und abereins ausgerufen ihre gebundenen
Händeleins gen Himmel streckende
Rex tremendae majestatis
qui salvandos salvas gratis
Salva me fons pietatis 2
Und siehe wie sie es kaum ausgesprochen ist die liebe Sonne wieder
herfürgetreten und hat einen Regenbogen auf dem Gewölk geformiret recht über
den Berg also dass es lustig anzusehen gewesen Und war dieses offenbarlich ein
Zeichen des barmherzigen Gottes wie er uns oftermalen solche Zeichen gibt
aber wir blinden und ungläubigen Menschen achten es nit sonderlich So hat sie
es auch nit geachtet denn obwohl sie an den ersten Regenbogen gedacht so uns
unsere Trübsal fürgebildet hat es ihr doch unmüglich geschienen dass sie annoch
könnte errettet werden und ist also matt worden dass sie auf das liebe
Gnadenzeichen weiter gar nicht geachtet und ihr Kopf dieweil sie ihne nicht
mehr an mich lehnen konnte angesehen ich so lang ich gewachsen in dem Wagen
gelegen ihr also war vorne übergesacket dass ihr Kränzlein meinem Herrn
Gevatter fast seine Knie berühret Und hat selbiger nunmehr dem Gutscher
anbefohlen einen Augenblick stille zu halten und zu einer kleinen Flaschen mit
Wein gegriffen so er immer in seiner Taschen führt wenn Hexen gebrennet
werden3 umb ihnen in solcher Angst beizuspringen will es hinfüro auch so
halten dieweil mir diese Mode von meim lieben Gevatter wohl gefällt Von
solchem Wein hat er erstlich mir in meinen Hals gegossen und nachgehends auch
meinem Töchterlein und seind wir kaum wieder zu uns kommen als ein grausamer
Rumor und Tumult sich unter dem Volke hinter uns erhoben und selbiges nicht nur
in Todesangst gerufen der Amtshaubtmann kommt wieder besonderen auch da es
weder vorwärts noch rückwärts entweichen mügen denn hinter sich scheueten sie
das Gespenst und vor sich mein Töchterlein zur Seiten gelaufen und zum Teil
in den Busch gesprungen zum Teil aber bis an den Hals in das Achterwasser
gewatet Item ist Dom Kamerarius so bald er gesehen dass das Gespenst auf den
Schimmel aus dem Busch gekommen so auch einen grauen Hut mit einer grauen Feder
aufgehabt wie der Amtshaubtmann hätte unter ein Bund Stroh in den Wagen
niedergekrochen Dn Konsul aber hat abereins mein Kind verwünschet und schon
denen Gutschern Befehlig gegeben so toll zu fahren als sie könnten wenn auch
alle Pferde daraufgingen als der dreuste Büttel hinter uns ihme zugeschrieen
es ist nicht der Amtshaubtmann besonderen der Junker von Nienkerken der die
Hexe sicherlich wird retten wöllen soll ich ihr darum mit dem Schwert das
Genicke abstossen Bei diesen erschröcklichen Worten kamen mein Töchterlein und
ich erst wieder gänzlich zur Besinnung und hohlete der Kerl schon hinter ihr
mit seinem blanken Schwert aus dieweil ihm Dn Konsul ein Zeichen mit der Hand
gab als mein lieber Gevatter so es gewahr worden Gott müge es ihm an jenem
Tage lohnen ich kann es ihm nicht lohnen mein Töchterlein mit aller Gewalt
rückwärts auf seinen Schoss riss Und wollte der Bube sie nunmehr auf seinen
Schoss erstechen Aber der Junker war auch schon da und als er solches sah
juge er ihm seinen Jägerspiess so er in Händen hatte zwischen die Schultern
dass er gleich kopfüber zur Erden fiel und sein eigen Schwert ihme mit Schickung
des gerechten Gottes also in seine Seite fuhr dass es aus der andern wieder
herausbrach Lag also und brüllete was aber der Junker nicht achtete sondern
zu meinem Töchterlein sprach »Jungfer meine liebe Jungfer Gott sei Dank dass
Sie gerettet ist« Dieweil er aber ihre gebundenen Händekens sah knirschete er
mit seinen Zähnen sprang alsofort ihre Richter verwünschend vom Rosse und
schnitt ihr mit dem Schwerte so er in der Rechten hielt den Strang durch nahm
darauf ihre Hand und sprach »ach liebe Jungfer wie viel habe ich mich umb sie
gegrämet aber ich kunnte sie nicht retten dieweil ich wie sie selber in
Ketten gelegen hab was sie mir auch wohl ansehen wird«
Aber mein Töchterlein kunnte ihm kein Wörtlein Antwort geben besonderen fiel
für Freuden abereins in Unmacht kam aber alsbald da mein lieber Gevatter noch
etwas Fürrat an Wein hatte wieder bei sich Unterdessen aber tat mir der
liebe Junker Unrecht was ich ihm aber gerne verzeihen will Denn er schnarchete
mich an und nannte mich ein altes Weib das Nichtes künnte als heulen und
wehklagen Warumb ich nit alsogleich dem schwedischen König nachgereiset wäre
oder warumb ich nicht selber nacher Mellentin gekommen und sein Gezeugnüss mir
gehohlet da ich ja wüsste was er von denen Hexen dächte Ja du lieber Gott
wie konnte ich anders als dem Richter gläuben so dort gewesen war Das hätten
wohl mehr Leute getan denn alte Weiber aber an den schwedischen König hätte
ich keine Gedanken und Lieber sage wie hätte ich auch zu ihm reisen und mein
eigen Kind verlassen mögen Aber solches bedenken junge Leute nicht dieweil sie
nit wissen wie einem Vater zu Mute
Nunmehr war aber Dn Kamerarius da er gehört dass es der Junker sei
wieder unter dem Stroh herfürgekrochen item Dn Konsul vom Wagen gesprungen und
herbeigeloffen laut den Junker scheltende und fragende aus was Macht und
Zuversicht er solches täte da er zuvor doch diese gottlose Hexe selber
verdammet Aber der Junker zeigte mit dem Schwert auf seine Leute welche an die
18 Kerls mächtig jetzunder auch mit Säbeln Pieken und Mousqueten aus dem Busch
geritten kamen und sprach da seh Er meine Macht und würd ich Ihme hier
gleich etwas vor seinen podex geben lassen wenn ich nit wüsste dass Er ein
dummer Esel wäre Wann hat Er mir ein Gezeugnüss über diese rechtschaffene
Jungfer abgenommen Er lügt in seinen Hals wenn er solches behauptet Und als
Dn Konsul nun stund und sich verschwure verzählete der Junker zu Aller
Verwunderung wie folgt
Nachdem er von dem Unglück gehört so mich und mein Kind getroffen hätte
er alsogleich sein Pferd satteln lassen umb gen Pudgla zu reuten und ein
Zeugnis von unserer Unschuld abzulegen Solches hätte aber sein alter Vater
nicht gestatten wölllen alldieweil er vermeint dadurch seine adeliche Ehre
einzubüssen wenn es an den Tag käme dass sein Sohn mit einer verrufenen Hexen
die Nacht auf dem Streckelberge conversiret habe Hätte ihm daher da er mit
Bitten und Drohen nichts ausgerichtet Hände und Füße binden und in das
Burgverliss setzen lassen wo bis dato ein alter Diener sein gepfleget der ihm
nicht hätte los geben wöllen so viel Geld er ihm auch geboten wannenhero er in
große Angst und Verzweiflung geraten dass unschuldig Blut umb seinet willen
fließen solle Aber der gerechte Gott hätte es annoch gnädig abgewendet Denn da
sein Vater von dem Ärger fast heftig krank worden und die ganze Zeit über auf
dem Bette gelegen hätte es sich heute Morgen umb Betglockenzeit begeben dass
der Jäger nach eim Rudeärpel im Schlossteich geschossen unversehens aber seines
Vaters seinen Lieblingshund Pakan geheißen schwer verwundet Solcher wäre
schreiend zu seines Vaters Bett gekrochen und alldorten verrecket worüber der
Alte in seiner Schwachheit sich also geärgert dass ihn alsofort der Schlag
gerühret und er auch seinen Geist aufgegeben
Nunmehr hätten ihn aber seine Leute herfürgezogen und nachdem er seines
Vaters Augen zugedrücket und ein Vaterunser über ihm gebetet hätte er sich
alsogleich mit allem Volk aufgemachet so er in der Burg auftreiben können umb
die unschuldige Jungfer zu retten Denn er bezeuge hieselber vor männiglich
und auf Ritter Wort und Ehre ja bei seiner Seelen Seeligkeit dass er der Teufel
gewesen so der Jungfer auf dem Berg als ein haarigter Riese erschienen Denn
dieweil er durch das Gerücht es vernommen dass selbige oftermalen dorthin gehe
hätte er gerne wissen wöllen was sie dorten täte und sich in einen Wulfspelz
verkleidet dass Niemand ihn kennen müge von wegen seinem harten Vater Und hätte
er schon zwei Nächte dorten zugebracht bis die Jungfer in der dritten gekommen
und er gesehen hätte dass sie nach Birnstein in den Berg gegraben auch nicht
den Satanas angerufen sondern vor sich ein lateinisch Karmen gerecitiret
Solches hätte er daher in Pudgla zeugen wöllen aber aus gedachter Ursache
nicht gekönnet besonderen sein Vater hätte seinen Vetter Glas von Nienkerken so
bei ihm zum Besuch gewesen sich für ihn in das Bette legen und ein falsch
Gezeugnüss ablegen lassen Denn alldieweilen Dn Konsul ihme verstehe den
Junker in langen Jahren nicht gesehen anerwogen er in der Fremde gestudieret
so hätte sein Vater wohl gegläubet dass er leichtlich getäuschet werden müge
wie denn auch besehenen«
Als solches der rechtschaffene Junker vor Dn Konsule und allem Volk
bezeugte welches nunmehr wieder in haufen herbeigelaufen kam da es hörte
dass der Junker kein Gespenst gewesen fiel es mir wie ein Mühlenstein von meinem
Herzen und dieweil mich das Volk rief so bereits den Büttel unter dem Wagen
herfürgezogen und also dicke um ihn wimmelte wie ein Bienenschwarm dass er
sterben wolle mir aber zuvorab noch etwas offenbaren sprang ich so leicht wie
ein Junggeselle von dem Wagen und rief Dn Konsulem und den Junker gleich mit
mir gestalt ich wohl mir abnehmen kunnte was er auf seinem Herzen hätte Und
saß er auf eim Stein und das Blut stund ihm wie ein Pferdeschwanz aus seiner
Seiten angesehen man ihm das Schwert herausgezogen wimmerte als er mich sah
und sprach dass er in Wahrheit Allens hinter der Türen gehört was die alte
Lise mir gebeichet als nämlich dass sie alle Zaubereien selber mit dem
Amtshaubtmann an Menschen und Viehe angerichtet umb mein arm Kind zu
erschröcken und also zu einer Huren zu machen Solches hätte er aber
verschwiegen dieweil der Amtshaubtmann ihm dafür ein Großes versprochen müsste
es aber jetzunder wo der gerechte Gott die Unschuld meines Töchterleins an den
Tag brächte freiwillig bekennen Bäte daher mich und mein Kind ihme zu
vergeben und als Dn Konsul ihn hierauf kopfschüttlend fragete ob er auf solch
sein Bekenntnüss leben und sterben wolle sprach er noch »ja« fiel sodann aber
alsogleich auf die Seite zur Erden nieder und gab seinen Geist auf
Hierzwischen aber war dem Volk auf dem Berge so von Koserow vom Zitze vom
Gnitze etc alldorten zusammengelaufen war umb mein Töchterlein brennen zu
sehen die Zeit lang worden und kamen sie nunmehr wie die Gänse einer nach dem
andern in langer Reihe den Berg niedergelaufen umb zu sehen was geariviret
Und war auch mein Ackersknecht Klaus Neels darunter Als selbiger aber sah und
hörte was geschehen hube der gute Kerl vor Freuden an laut zu weinen und
verzählete nun auch was er in dem Garten den Amtshaubtmann zu der alten Lisen
sprechende gehört und wie er ihr ein Schwein versprochen dafür dass sie ihr
eigen Ferkelken tot gehexet umb mein Töchterlein in ein böses Geschrei zu
bringen summa Allens was ich schon oben notirt habe und er bis dato aus
Furcht vor der Marter verschwiegen Hierüber verwunderte sich alles Volk und
entstunde ein groß Lamentiren so dass Etzliche kamen worunter auch der alte
Paassch befindlich und mir wie meinem Töchterlein Hände und Füße küssen
wollten und uns nunmehr ebenso lobeten als sie uns vorher verachtet hatten
Aber so ist das Volk dannenhero auch mein Vater seliger zu sagen pflegte
Volkes Hass
Ein schneidend Glas
Volkes Gunst
Ein blauer Dunst
Auch caressirete mein lieber Gevatter mein Töchterlein in einem zu sie auf
seinen Schoss haltend und wie ein Vater weinend denn ich kunnte nicht mehr
weinen als er weinete Sie selber aber weinte nicht besonderen bat den
Junker welcher wieder an den Wagen getreten war einen Reuter an ihre alte
treue Magd nacher Pudgla zu schicken umb ihr zu sagen was gearriviret welches
er auch alsogleich ihr zu Willen tat Aber Ein ehrsam Gericht denn nunmehr
hatten Dn Kamerarius und der Scriba sich auch ein Herz gefasst und waren von
dem Wagen gestiegen war annoch nicht zufrieden gestellt angesehen Dn Konsul
anhub dem Junker von der behexten Brücken zu erzählen welche kein anderer könne
bezaubert haben denn mein Töchterlein Hierauf gab der Junker zur Antwort dass
solches in Wahrheit ein seltsam Ding sei inmassen sein eigen Ross sich darauf ein
Bein zubrochen und er darumb den Amtshaubtmann sein Pferd genommen so er unter
der Mühlen angebunden gesehen Er gläube aber nicht dass dieses der Jungfer
zuzuhalten wäre sondern dass es ganz natürlich zuginge wie er schon halb und
halb verspüret aber nit die Zeit gehabt es zu untersuchen Darumb wolle er
bitten dass Ein ehrsam Gericht und alles Volk wie mein Töchterlein selber
wieder umbkehre umb selbige mit Gottes Hilfe auch von solchem Verdacht rein zu
waschen und männiglich ihre gänzliche Unschuld zu bezeugen
In solches Fürhaben willigte Ein ehrsam Gericht und dieweil der Junker den
Amtshaubtmann seinen Schimmel meinem Ackersknecht übergeben umb den Leichnam
so man dem Ross vorne über den Hals geleget nacher Koserow abzuführen stieg der
Junker bei uns auf den Wagen aber setzete sich nicht bei meim Töchterlein
besonderen rückwärts bei meim lieben Gevatter nieder gab auch Befehlig dass nit
der alte Gutscher sondern einer von seinen Untertanen unsern Wagen fahren
solle und also kehreten wir in Gottes Namen wieder umb Custos Benzensis
welcher auch mit den Kindern in die Wicken gelaufen war so annoch am Wege
stunden mein seliger Custos sollt es nicht gewesen sein der hatte mehr Kourage
ging wieder mit der lieben Jugend fürauf und musste nunmehr auf Befehlig seines
Herrn Pastoren den ambrosianischen Lobgesang anstimmen welches uns alle
mächtiglich erbarmete insonderheit mein Töchterlein so dass ihr Buch nass wurde
von ihren Tränen und sie es letztlich wegklegete und sprach indem sie dem
Junker ihre Hand reichete »wie soll ich es Gott und Ihme danken was Er an mir
getan« worauf der Junker zur Antwort gab »ich habe mehr Ursache Gotte zu
danken als Sie liebe Jungfer angesehen Sie unschuldig in ihrem Kerker
gelitten ich aber habe schuldig gelitten dieweil ich durch meine
Leichtfertigkeit Ihr Ungelücke angerichtet Gläube Sie mir als ich heute Morgen
das arme Sünderglöcklein zum ersten Male in meim Verliess klingen hörte
vermeinte ich schon zu vergehen und als es sich zum dritten Male vernehmen
ließe wäre ich wohl unsinnig worden in meinem Schmerz wenn der allmächtige
Gott es nicht so gefüget dass er fast in selbigem Augenblick meinem wunderlichen
Vater sein Leben genommen umb Ihr unschuldig Leben durch mich retten zu lassen
Darumb habe ich auch dem lieben Gotteshause einen neuen Turm angelobet und was
sich sonsten befinden wird denn nichts Bitteres hätte mir auf Erden geschehen
mügen denn Ihr Todliebe Jungfer und nichts Süsseres denn ihr Leben«
Aber mein Töchterlein weinete und seufzte nur bei diesen Worten und wenn
er sie ansah sah sie zitternde auf ihren Schoss nieder so dass ich gleich
argumentirete mein Jammer sei annoch nicht zu Ende sondern solle nur ein ander
Tränenfass angestochen werden wie denn auch geschahe Hiezu kam dass der Esel
von custos nachdem er den Lobgesang beendet und wir annoch nicht zur Stelle
waren gleich den nachfolgenden Gesang anhube welcher aber ein Sterbenslied
war nämlich dieses Nun lasset uns den Leib begraben Gott sei Dank hat
solches aber bis dato noch nichts Böses bedeutet Mein lieber Herr Gevatter
schnarchete ihn davor nicht wenig an und solle er aus Strafe vor seine Dummheit
auch das Geld vor die Schuhe nit kriegen so er ihm allbereits aus dem
Kirchenblock versprochen Aber mein Töchterlein getröstete ihn und versprach
ihme vor eigene Unkosten ein Paar Schuhe angesehen es vielleicht besser für sie
wäre er stimmete umb sie einen Leichen dann einen Freudengesang an
Und als den Junker solches verdross und er sprach »ei liebe Jungfer Sie
weiß nit wie Sie Gott und mir vor Ihre Rettung danken soll und Sie spricht
also« gab sie wehmütig lächelnde zur Antwort sie hab es nur gesagetumb den
armen custodem zu beruhigen Aber ich sah es ihr gleich an dass es ihr Ernst
war dieweil sie schon jetzt bei sich befunde dass sie zwar aus einer Brunst
gerettet doch in die andere kommen sei
Hierzwischen gelangeten wir wieder bei der Brücken an und stunde alles Volk
und sperreten die Mäuler auf als der Junker vom Wagen sprang undnachdem er
zuvor sein Ross erstochen so noch auf der Brücken lag und spartelte auf seine
Kniee fiel mit der Hand auf den Boden hin und her wischete und letztlich Ein
ehrsam Gericht herbeirief dieweil er nunmehr den Zauber aufgefunden Aber es
wollte Niemand nicht ihm folgen denn Dn Konsul und ein Paar Kerls aus dem
Haufen worunter auch der alte Paassch befindlich item ich und mein lieber
Gevatter und zeigete uns der Junker nunmehr ein Stücklein Talg bei der Größe
einer guten Nuss so auf dem Boden lag und womit die ganze Brücke
übergeschmieret war so dass sie fast ein weisslich Ansehen hatte was aber
männiglich in der Angst für Mehlstaub aus der Mühlen gehalten item mit einer
andern materia so als Marderdreck stunk wir aber nicht erkannten Bald darauf
funde ein Kerl auch noch ein ander Stücklein Talg und zeigete es dem Volk
worauf ich ausrief ho ho das hat Niemand denn der gottlose Mühlenknappe getan
vor die Prügel die ihm der Amtshaubtmann hat geben lassen weil er mein
Töchterlein gelästert und erzählete nunmehr den Fürfall von welchem Dn Konsul
auch gehört und dannenhero alsogleich den Müller rufen ließ
Selbiger tat aber als wüsste er von Nichtes und berichtete nur dass sein
Mühlenknappe seit einer Stunden abgewandert sei Doch sagete ein Mädken so bei
dem Müller im Dienst stunde dass sie heute Morgen für Tagesanbruch als sie
aufgestanden umb das Vieh auszulassen den Knappen habe auf der Brücken liegen
und scheuren sehen Hätte sich weiters nicht daran gekehret sondern wäre
alsbald noch wieder eine Stunde schlafen gangen Wohin der böse Bube aber
gewandert wollte sie so wenig in Erfahrung gezogen haben denn der Müller Als
der Junker diese Kundschaft erlanget stieg er auf den Wagen und hub an das Volk
zu vermahnende wobei er letztlich es auch persuadiren wollte nicht mehr an
Zauberei zu gläuben dieweil sie sähen wie es mit der Hexerei befindlich wäre
Als ich solches hörte entsatzte ich mich wie billig in mein priesterlichen
Gewissen und stieg auf das Wagenrad und bliese ihm ein dass er umb Gottes
willen von dieser Materia aufhören solle dieweil das Volk wenn es den Teufel
nicht mehr fürchte auch unsern Herrgott nicht mehr fürchten würde4
Solches tät der liebe Junker mir auch alsogleich zu Gefallen und fragete
nur das Volk noch ob sie jetzunder mein Töchterlein ganz für unschuldig
hielten Und nachdem sie »ja« gesaget bate er sie nunmehr geruhsam nach
Hause zu gehen und Gott zu danken dass er unschuldig Blut gerettet Er wolle
jetzo auch wieder umbkehren und hoffe er dass Niemand mich und mein Töchterlein
beschweren würde wenn er uns allein nacher Koserow zurückfahren ließe Hierauf
wandte er sich eilends an selbige gab ihr die Hand und sprach »Lebe Sie wohl
liebe Jungfer ich hoffe Ihre Ehre auch bald vor der Welt zu retten und danke
Sie nicht mir sondern Gott« Also machte ers auch mit mir und meinem lieben
Gevatter worauf er von dem Wagen sprang und bei Dn Konsuli auf seinen Wagen
sitzen ging Selbiger hatte auch bereits etzliche Worte zum Volk gesprochen
auch mich und mein Kind umb Vergebung angerufen und muss es ihme zur Ehre
nachrühmen dass seine Tränen dabei auf die Backen niederflossen wurde aber von
dem Junker also sehr gedränget dass er kürzlich abbrechen musste und sie ohne
sich umbzusehen über die kleine Brücke von dannen fuhren Nur Dn Konsul sah
sich noch einmal umb und rief mir zu dass er in der Eil vergessen habe dem
Scharfrichter zu avertiren dass heute nicht gebrennet würde ich müge also in
seinem Namen meinen Fürsteher von Ükeritze auf den Berg schicken und ihm
solches sagen lassen was ich auch tat Und ist der Blutund auch noch in
Wahrheit auf dem Berg gewesen doch obwohl er längst gehört was fürgefallen hat
er doch so erschröcklich zu fluchen angefangen wie der Schulze ihm den Befehl
Eines ehrsamen Gerichtes überbracht dass es einen Stein hätte erwecken mögen
hat auch seine Mütze sich abgerissen und selbige mit Füßen getreten woraus
man gießen mag was an ihme ist Doch umb wieder auf uns zu kommen so saß mein
Töchterlein also still und blass wie eine Salzsäule nachdem der Junker sie so
plötziglich und unvermutet verlassen wurde aber alsbald in Etwas wieder
getröstet als die alte Magd angelaufen kam ihre Röcke bis an die Knie
aufgeschürzet und ihre Strümpfe und Schuhe in den Händen tragend Wir hörten
sie schon aus der Ferne für Freuden heulen dieweil die Mühle stille stund und
fiel sie wohl an die dreien Malen auf der Brücken kam aber letztlich auch
glücklich hinüber und küsste bald mir bald meinem Töchterlein Hände und Füße
nur bittende wir wöllten sie nicht verstoßen besonderen sie bis an ihr selig
Ende bei uns behalten was wir auch zu tun versprachen Und musste sie hinten
aufhacken da wo der dreuste Büttel aufgehacket war angesehen mein lieber Herr
Gevatter mich nicht verlassen wollte bis ich wieder in meine Widemen gekommen
Und da den Junker sein Kerl bei dem andern Wagen aufgehacket war fuhr uns der
alte Paassch zurück und alles Volkso bis dato gewartet trottirete jetzt wieder
umb den Wagen her und lobete und beklagete uns wie es uns vorher verachtet
und geschmähet hatte Wir waren aber kaum durch Ükeritze gelanget als ein
abermalig Geschrei erging »de Junker kümmt de Junker kümmt« so dass mein
Töchterlein hoch auffuhr für Freuden und so rot wie eine Erdbeer wurde von dem
Volk aber Etzliche schon wieder begunnten in den Buchweizen zu laufen so am
Wege stunde dieweil sie abermals vermeinten es wäre ein Spükels5 Es war aber
in Wahrheit der Junker wieder so auf einem schwarzen Rappen angesprenget kam
undals er gegen uns war ausrief »so eilig ich es auch habe liebe Jungfer so
muss ich dennoch umbkehren und sie bis in Ihr Haus geleiten angesehen ich eben
gehört dass das unflätige Volk sie unterwegs schimpfiret und ich nicht weiß
ob sie jetzunder sicher genug ist Hierauf trieb er den alten Paassch zur Eile
an und da das Ampeln6 mit seinen Beinen so er fürnahm nicht sonderlich die
Pferde in den Trab bringen wollte schlug er von Zeit zu Zeit das Sattelpferd
mit der flachen Klingen über den Rücken so dass wir in Kurzem in das Dorf und
vor die Widemen gelangeten Doch als ich ihn bate ein wenig abzusteigen wollte
er nicht besonderen entschuldigte sich dass er heute noch über Usedom nacher
Anclam reisen müsste empfohle aber dem alten Paassch so ein Schulze bei uns war
mein Töchterlein auf seinen Kopf an und möge er alsogleich wenn etwas
Sonderbares sich eräugnen sollte selbiges dem Rentmeister in Pudgla oder Dn
Konsuli in Usedom vermelden worauf er als der Mann solches zu tun versprach
mit der Hand uns winkete und wieder von dannen jagte so sehr er kunnte
Aber er war noch nit bei Pagels umb die Ecke kommen kehrete er zum dritten
Male zurück und als wir uns verwunderten sprach er wir möchten ihme vergeben
dass er heute kurz von Gedanken sei
Ich hätte ihme doch vormals gesaget dass ich annoch meinen Adelsbrief hätte
und bäte er mich ihn selbigen einige Zeit zu lehnen Hierauf gab ich zur
Antwort dass ich selbigen erst herfürsuchen müsste und müge er dannenhero ein
wenig niedersteigen Aber er wollte nit besonderen entschuldigte sich abereins
dass er keine Zeit nit hätte Blieb darumb vor der Türen halten bis ich ihme
den Brief brachte worauf er sich bedankete und sprach »lass Er sich dieses
nicht verwundern Er wird bald sehen was ich im Sinne habe« Und hiemit stieß er
seinem Rappen die Sporen in die Seite und kam nicht wieder
Fußnoten
1 plattdeutsch sich senken
2 König majestätscher Größe
Der umsonst deckt unsre Blöße
Quell der Liebe komm erlöse
3 Dies geschah in damaliger Zeit so häufig dass in manchen Parochien Pommerns
wohl sechs bis sieben solcher elenden Weiber jährlich den Scheiterhaufen
besteigen mussten
4 Vielleicht eine tiefe Wahrheit
5 Gespenst
6 Plattdeutsch Zappeln
Kapitel 29
Von unsrer großen abermaligen Trübsal und letzlicher Freud
Und hätten wir jetzunder wohl zufrieden sein und Gotte Tag und Nacht auf unsern
Knieen danken mögen Denn unangesehen dass er uns so gnädiglich aus so großer
Trübsal erlöset hatte er auch das Herze meiner lieben Beichtkinder also
umbgekehret dass sie nicht wussten was sie uns Gutes tun söllten Brachten alle
Tage Fische Fleisch Eier Würste und was sie mir sonsten bescheeren täten
und ich wieder vergessen hab Kamen auch den nächsten Sonntag alle zur Kirchen
Groß und Klein außer der Klienschen in Zempin so unterdessen einen kleinen
Jungen gekriegt und annoch ihre Wochen hielt allwo ich über Hiob 5 Verse 17
18 19 meine Dankpredigt hielte »siehe selig ist der Mensche den Gott strafet
darum wegere dich der Züchtigung des Allmächtigen nicht Denn er verletzet und
verbindet er zuschmeisset und seine Hand heilet Aus sechs Trübsalen wird er
dich erretten und in der siebenten wird dich kein Übel rühren« wobei ich
oftermalen von wegen dem Heulen ein wenig inne halten musste dass sie sich
verpusten könnten Und hätt ich mich in Wahrheit anjetzo mit dem Hiob nachdeme
ihn der Herr wiederumb gnädig aus seinen Trübsalen erlöset wohl mügen in
Vergleichung stellen wenn nicht mein Töchterlein gewesen wäre so mir abereins
viel Herzeleid bereitete
Sie weinete schon als der Junker nicht absteigen wollte und wurde letztlich
da er nicht wiederkam immer unruhiger von einem Tag in den andern Sass bald und
las in der Bibel bald in dem Gesangbuch item in der Historie von der Dido bei
dem Virgilio oder lief auch auf den Berg und hohlete sich Blümekens hat
alldorten auch der Birnsteinader wieder nachgespüret aber nichtes befunden
daraus männiglich die List und Bosheit des leidigen Satans abnehmen mag
Solches sah ich etzliche Zeit mit Seufzen an doch ohne ein Wörtlein zu sagen
denn Lieber was kunnte ich sagen bis es immer ärger wurd und da sie
jetzunder mehr denn jemalen zu Hause und im Felde ihre carmina recitirete
besorgete ich dass das Volk sie wiederumb in ein Geschrei bringen würde und
ginge ihr eines Tages nach als sie wieder auf den Berg lief Gott erbarms sie
saß auf ihren Scheiterhaufen so annoch da stunde doch also dass sie ihr
Antlitz zur Sehe gekehret hatte und recitirete die Versus wie Dido den
Scheiterhaufen besteiget umb sich aus Brunst zum Aeneae zu erstechen nämlich
At trepida et coeptis immanibus effera Dido
Sanguineam volvens aciem maculisque trementes
Interfusa genas et pallida morte futura
Interiora domus irrumpit limina et altos
Konscendit furibunda rogos 1
Als ich solches sah und hörte wie weit es mit ihr kommen entsatzte ich mich
auf das Höchste und rief »Maria mein Töchterlein was machstu« Sie erschrak
als sie meine Stimme hörte blieb aber auf ihrem Scheiterhaufen sitzen und gab
zur Antwort indem sie das Gesicht mit ihrem Schurzfleck bedeckete »Vaterich
brenne mein Herze« Trat also näher zog ihr den Schurzfleck fort und sprach
»Wiltu mich denn noch einmal zu Tode grämen« worauf sie ihre Augen mit den
Händen bedeckete und lamentirete »ach Vater warumb bin ich hier nicht
gebrennet so hätte meine Pein doch nur eine kurze Zeit gewähret nun aber
währet sie so lange ich lebe« Tat noch immer als merkete ich nichtes und
sprach »Warumb leidest du denn so viel Pein mein liebes Kind« worauf sie zur
Antwort gab »ich habe mich so lange geschämet es Ihme zu sagen umb den Junker
umb den Junker mein Vater leide ich so viele Pein Er gedenket mein nit mehr
und verachtet mich obwohl er mich gerettet denn sonst wäre er wohl ein wenig
vom Ross gestiegen und hineinkommen aber wir seind ihm viel zu schlecht«
Und hube ich nun zwar an sie zu trösten und ihr die Gedanken auf den Junker
auszureden aber je mehr ich tröstete je ärger wurd es Doch sah ich dass sie
noch heimblich eine steife Hoffnung hatte von wegen dem Adelsbrief den ich ihme
hatte tun müssen Solche Hoffnung wollte ich ihr auch nicht benehmen dieweil
ich sie selber hatte besonderen umb sie nur zufrieden zu stellen flattirete
ich letztlich ihrer Hoffnung worauf sie auch etzliche Tage geruhsamer wurde und
nicht wieder auf den Berg lief wie ich ihr verboten Nahm auch ihre kleine
Pate die Paasschin wieder im Katechismus für angesehen der leidige Satan sie
mit des gerechten Gottes Hilfe nunmehr wieder gänzlich verlassen Doch quinete2
sie noch und sah also blass aus wie ein Laken Als aber bald hiernach das
Geschreie kam Niemand in der Burg zu Mellentin wisse wo der Junker
verblieben und vermeine man dass er tot geschlagen wäre nahm ihr Jammer
wieder überhand also dass ich meinen Ackersknecht zu reuten nacher Mellentin
schicken musste umb Kundschaft von wegen ihme einzuhohlen Und hat sie wohl an
die zwanzig Malen nach seiner Wiederkunft aus der Türen und über das Hackelwerk
geschauet ist ihm auch bis an die Ecke gegen Pageis entgegengelaufen als sie
letztlich sah dass er wiederkam Aber du lieber Gott er brachte uns bösere
Nachricht denn das Geschreie uns gebracht sagende die Burgleute hätten ihm
verzählet dass ihr junger Herre gleich noch selbigen Tages abgeritten als er
die Jungfer gerettet Und wär er zwar nach dreien Tagen zur Begräbnis seines
Vaters retourniret aber auch gleich hierauf wieder abgeritten und hätten sie
nunmehr an die fünf Wochen weiter Nichtes von ihme gehört wussten auch nicht
wohin er gefahren und vermeinten dass ihn böse Lotterbuben wohl geschlagen
hätten
Und nunmehr hube mein Jammer größer an denn er jemalen gewesen denn so
geduldig und gottergeben sie sich vorher erwiesen dass keine Märtyrin hat mügen
stärker in Gott und Christo ihrem letzten Stündlein entgegen gehen so
ungeduldig und verzweifelt war sie anjetzo Hatte alle Hoffnung aufgeben und
sich steif in den Kopf gesetzt dass in dieser schweren Kriegszeit die
Schnapphanichen den Junker geschlagen Nichtes wollte davor helfen auch das
Beten nit denn wenn ich mit ihr auf meinen Knieen den Herren anrief fing sie
letztlich immer an so erschröcklich zu lamentiren dass sie der Herre verstoßen
und sie nur zum Unglück auf Erden erwählet sei dass es mir wie ein Messer mein
Herze durchschnitt und mir die Gedanken mit denen Worten vergingen Lag auch
des Nachts und winselte wie eine Schwalbe und ein Kranich und girrete wie eine
Taube und ihre Augen wollten ihr brechen3 dieweil sie keinen Schlaf darinnen
bekam Rief ich ihr dann aus meinem Bette zu »mein liebes Töchterlein willtu
denn noch nit aufhören so schlafe doch« so gab sie zur Antwort »schlaf Er nur
mein Herzensvater ich kann nit schlafen ehe denn ich den ewigen Schlaf
schlafe ach mein Vater warumb bin ich nicht gebrennet« Aber wie hätte ich
schlafen mügen da sie nicht schlafen kunnte sagte zwar alle Morgen dass ich
etwas geschlafen umb sie zufrieden zu stellen aber es war nicht also
besonderen wie David schwemmete ich auch mein Bette die ganze Nacht und netzete
mit meinen Tränen mein Lager4 Verfiel auch wieder in großen Unglauben also
dass ich nicht beten kunnte und mochte Doch der Herre handelte nicht mit mir
nach meinen Sünden und vergalt mir nicht nach meiner Missetat besonderen seine
Gnade sollte auch über mir elenden Knecht bald höher werden denn der Himmel
über der Erden5
Denn was geschah am nächsten Samtstag Siehe unsere alte Magd kam außer
Atem in die Türe gefahren dass ein Reuter über den Herrenberg käme hätte
einen großen Federbusch an seinem Hut wehende und glaube sie es wäre der
Junker Als mein Töchterlein so auf der Bank saß umb sich ihre Haare
auszukämmen solches hörte tät sie einen Freudenschrei dass es einen Stein in
der Erden hätte erbarmen mügen und rannte alsogleich aus der Stuben umb über
das Hackelwerk zu schauen Währete auch nit lange so kam sie wieder zurücke
gelaufen fiel mir umb meinen Hals und schriee in einem wegk »der Junker der
Junker« wollte darauf abereins herausihme entgegen was ich ihr aber wehrete
und solle sie sich lieber ihre Haare wegkstecken was sie auch einsah und
lachende weinende und betende zugleich sich ihre langen Haare wieder aufbund
Nunmehr kam aber auch der Junker schon umb die Ecken gegaloppiret hatte ein
grün sammet Wammes an mit roten seidinen Aermeln und einen grauen Hut mit
einer Reiherfeder summa war stattlich angetan wie eim Bräutigam gebühret Und
als wir nunmehr aus der Türen liefen rief er meinem Töchterlein auf
lateinisch schon von ferne entgegen quomodo statt dulcissima virgo6 worauf sie
zur Antwort gabe bene the aspecto7 Sprung also lächelnd vom Ross und gab
solches meinem Ackersknecht so mit der Magd auch herbeikommen war umb sein zu
pflegen verschrak sich aber als er mein Töchterlein also blass sah und sprach
sie bei ihrer Hand fassend auf teutsch »mein Gott was fehlt Ihr liebe
Jungfer Sie sieht ja blasser aus denn da Sie auf den Scheiterhaufen sollte«
worauf sie zur Antwort gab »ich bin auch alle Tage zum Scheiterhaufen gefahren
seitdem Er uns verlassen lieber Herre ohne bei uns einzusprechen oder uns
kund zu tun wo Er geblieben«
Solches gefiel ihme und sprach wir wöllten nur allererst in die Stube
gehen sie solle Allens erfahren Und nachdeme er sich alldorten den Schweiß
abgewischet und auf die Bank bei meim Töchterlein niedergesetzet hatte
verzählete er wie folgt Er hätte ihr ja alsogleich versprochen er wolle ihre
Ehre erstlich vor aller Welt restituiren und hätte ihm dannenhero noch am
selbigen Tage als er uns verlassen Ein ehrsam Gericht ein kurz Gezeugnüss
ausstellen müssen von Allem was fürgefallen insonderheit aber von dem
Bekenntnüss des dreusten Büttels item meines Ackerknechtes Klaus Neels womit er
annoch in der Nacht wie er versprochen gen Anclam geritten und des nächsten
Tages nacher Stettin zu unserm gnädigen Herrn dem Herzogen Bogislav Selbiger
hätte sich fast heftig verwundert als er von der Bosheit seines Haubtmanns
vernommen und wie ers mit meinem Töchterlein gemachet auch gefraget ob sie des
Pastoren Tochter sei so einstmalen in Wolgast im Schlossgarten den Siegelring
Sr fürstl Gnaden Philippi Julii christmilden Gedächtnisses gefunden und da
er solches nicht gewusst ihn abereins gefraget ob sie auch lateinisch
verstünde Und als er der Junker letztes bejahet und gesaget sie könne besser
lateinisch denn er hätte SfG geantwortet so will sie es genugsam sein und
sich alsogleich die Brille aufgesetzet und selber acta für sich genommen
Hierauf und nachdeme SfG das Gezeugnüss Eines ehrsamen Gerichtes
kopfschüttelnd gelesen hätte er demütig umb eine Ehrenerklärung vor mein
Töchterlein gebeten auch SfG imploriret ihm literas commendatitas8 an unsern
allergnädigsten Kaiser nacher Wien mitzugeben umb meinen Adelsbrief zu
renoviren angesehen er gesonnen sei kein ander Mädken in seinem Leben zu
heiraten denn mein Töchterlein
Als sie solches hörte tat sie einen Freudenschrei und fiel in Unmacht mit
dem Kopf an die Wand Aber der Junker begriff sie in seine Arme gab ihr an die
drei Küssekens so ich nunmehr auch ihme nicht wegern wollte da ich mit Freuden
sah wo es hinauslief und als sie wieder bei sich kommen fragete er ob sie
ihn nicht wolle dass sie bei seinen Worten einen solchen Schrei getan worauf
sie sprach »ob ich Ihn nicht will mein Herre Ach fast so lieb als meinen Gott
und Erlöser will ich Ihne Nunmehr hat Er mir erstlich mein Leben gerettet und
mein Herze vom Scheiterhaufen gerissen auf dem es ohne Ihn gebrennet hätte sein
Lebenlang« Weinete hierauf für Freuden als er sie auf seinen Schoss niederzog
und umbfing mit ihren Händekens seinen Nacken
Saßen auch also und caressireten eine ganze Zeit bis der Junker wieder mein
ansichtig wurde und sprach »was sagt Er dazu es ist doch auch Sein Wille Ehre
Abraham« Ei Lieber was hätte ich wohl dazu sagen können denn Alles Guts
Weinete ja selber für Freuden wie mein Kind und gab darumb zur Antwort
warumb es nicht mein Wille sein sollte da es Gottes Willen wär Aber ob der
gute und rechtschaffene Junker auch bedacht hätte dass er seinem adlichen Namen
einen Abbruch tun würde wenn er mein Töchterlein so als eine Hexe im
Geschrei und nahe vor dem Scheiterhaufen gewesen sich zu seiner Frauen nähme
Hierauf sprach er mit nichten diesem hätte er längstens präcaviret und
fuhr nunmehr fort uns zu erzählen wie er es angefangen nämblich S fürstl G
hätten ihme versprochen alle Scripta so er begehret inner vier Tagen fertig
zu halten wo er von der Begräbnis seines Vaters heimbzukehren hoffe Wäre
derohalben auch gleich wieder nach Mellentin abgeritten und nachdem er seinem
Herrn Vater die letzte Ehr erwiesen hätte er sich auch alsogleich wieder
aufgemacht und befunden dass SfG unterdes ihr Wort gehalten Mit solchen
Scriptis wäre er nacher Wien abgeritten und wiewohl er viel Leid Mühe und
Gefahr unterwegens ausgestanden so er uns ein ander Mal erzählen wolle wäre er
doch glücklich in diese Stadt gelanget Alldorten hätte er aber von ungefährlich
einen Jesuiten getroffen mit welchem er einstmalen als Studiosus etzliche Tage
sein Locament in Prag gehabt und selbiger ihme auf sein Anliegen geantwortet
er solle guten Muts sein angesehen Seine Majestät in diesen schweren
Kriegsläuften Geld gebrauche und wolle er der Jesuit Allens machen Solches
wäre auch beschehen und hätte die Kaiserliche Majestät nicht bloß meinen
Adelsbrief renoviret besonderen auch die Ehrenerklärung SfG des Herzogen
confirmiret so dass er nunmehr männiglich Red und Antwort von wegen seiner
Braut stehen könne wie nachgehends von wegen seiner Frauen Und als er nunmehr
die Acta aus seinem Busen herfürzog und mir selbige in die Hand gab sprach er
aber jetzunder muss Er mir auch einen Gefallen tun Ehre Abraham nämblich mich
morgen wo ich mit meiner Braut zu Gottes Tisch zu gehen verhoffe mit seinem
Töchterlein einmal für allemahlen abzukündigen und nachgehends schon übermorgen
zu trauen Sage Er nit Nein hiezu denn mein Pfarrer Ehre Philippus spricht
dass solches bei Adlichen in Pommern nicht ungebräuchlich wannenhero ich auch
zum Montage die Hochzeit in meiner Burg allbereits angesaget als wohin wir
fahren wollen und wo ich auch mein Beilager zu halten gedenke Gegen solches
Ansuchen hätte nun mancherlei zu moniren gehabt insonderheit dass er zu Ehren
der heiligen Dreieinigkeit sich wöllte dreimal kündigen lassen wie es der
Brauch ist und mit seiner Hochzeit annoch warten aber da ich meim Töchterlein
ansah dass sie auch gern recht bald Hochzeit hätt inmassen sie seufzeln und so
rot wie ein Scharlaken wurde kunnt ich es ihnen nicht abschlagen sondern
versprach Allens was sie wollten Hierauf vermahnete sie Beide zum Gebet und
nachdem ich meine Hände auf ihr Haupt geleget dankete ich dem Herrn so
brünstiglich wie ich ihm noch nimmer gedanket also dass ich letztlich für meinen
Tränen nicht weiter kommen kunnte sondern sie mir meine Stimme ersäufeten
Hierzwischen war aber des Junkers sein Wagen mit vielen Truhen und Koffers
vor der Türen angelanget und sprach er jetzo soll Sie auch sehen liebe
Jungfer was ich Ihr mitgebracht und gab Befehlig Allens in das Zimmer zu
tragen Ei Lieber welche schöne Sachen hatte es darinnen so ich mein Lebtage
nit gesehen Allens was Weiber gebrauchen war hier fürhanden insonderheit an
Kleidern als Leibichen gefaltete Höcke9 lange Mantel zum Teil mit
Futterfell verbremmet Schleier Schürzen item das Brautemd so mit güldenen
Borten besetzet war und worauf der kurzweilige Junker an die sechs oder sieben
Mirtenbüscher vor sie geleget hatte umb sich daraus selber einen Kranz zu
machen Item nahm es kein Ende an Ringen Halskettlein Ohrenperlein etc so ich
zum Teil vergessen hab Auch wollte der gute Junker mich nit unbescheert
hinterlassen inmassen er mir ein neu Messgewand dieweil das alte die Feinde
geraubet auch Futterhemde Hosen und Schuhe summa Allens was zur Mannskleidung
gehört mitgebracht hatte weshalben ich nur im Stillen den Herrn anrief dass er
uns für solchen Staat und Hoffart nit abermals in seinem Zorn strafen wolle
Als mein Töchterlein dieses Allens sah wurde sie betrübt dass sie ihme nichts
mehr geben könne denn ihr Herze allein und die Kettin von dem schwedischen
König so sie ihme umb den Hals hing und ihn weinende bate sie vor ein
Brautgeschenke zu behalten Solches versprach er auch letztlich und dass er sie
mit in seinen Sarg nehmen wolle doch zuvorab müsse mein Töchterlein noch damit
vertraut werden wie mit dem blauen seidinen Kleid denn dieses und kein anderes
solle ihr Brautkleid sein welches sie ihme auch angeloben musste
Doch mit der Magd begab sich noch ein seltsamer Fürfall so ich allhier noch
notiren will Denn nachdeme das alte treue Mensch gehört was hieselber
geariviret war sie für Freuden außer sich sprang und klatschete in ihre Hände
und sagete letztlich zu meim Töchterlein nunmehr würde sie sicherlich nicht
mehr weinen wenn der Junker in ihr Bette liegen wolle worüber selbige also
erschaamrotete dass sie aus der Türen lief Und als der Junker nunmehr wissen
wollte was sie damit sagen wolle verzählete sie ihme dass er schon einmal als
wir von Gützkow kommen in meines Töchterleins Bette geschlafen worüber er den
ganzen Abend seinen Kurzweil mit ihr hatte als sie wiederkam Der Magd
versprach er aber da sie schon einmal meines Töchterleins Bette vor ihn
gemacht solle sie es auch zum andern Mal machen und übermorgen wie auch mein
Ackersknecht mit nacher Mellentin fahren damit Herrschaft und Gesinde sich
nach so viel Trübsal zusammen freuen könnten
Und da der liebe Junker bei uns die Nachterberge nehmen wollte musste er
bei mir in der kleinen Achterstuben schlafen denn ich kunnte doch nit wissen
was fürfallen würde Schlief auch bald wie ein Dachs aber in meine Augen kam
kein Schlaf für Freuden sondern betete die ganze liebe Nacht oder gedachte an
meine Predigt Erst umb die Morgenzeit drusete ich ein wenig ein und als ich
aufstund saß der Junker schon in der Vorderstuben bei meim Töchterlein welche
allbereits das schwarze seidine Kleid anhatte so er ihr mitgebracht und wie
durch ein Wunderwerk frischer aussah denn da der schwedische König kam so dass
ich sie mein Lebtage nit frischer und hübscher gesehen Item hatte der Junker
schon sein schwarz Wammes an und suchte ihr die besten Zweigleine zum
Myrtenkranz aus den sie sich wunde Legte aber ihren Kranz sogleich auf die
Bank fallete ihre Händleins und betete nach ihrer Gewohnheit den Morgenseegen
als sie mich ankommen sah welche Demut den Junker sehr erfreuete und er bat
es in Zukunft bei ihme auch also zu halten was sie auch zu tun versprach
Bald hierauf gingen wir auch zur lieben Kirchen in die Beichte und dieweil
der Junker mein Töchterlein unter ihrem Arm gefasst blieb alles Volk für
Verwunderung stehen und rissen den Hals auf so weit sie kunnten Sollten sich
aber annoch mehr verwundern als ich nach der Predigt erstlich die
Ehrenerklärung SrfG mit der Konfirmation der Kaiserlichen Majestät und
nachgehends meinen Adelsbrief auf teutsch ihnen fürlas und letztlich mein
Töchterlein mit dem Junker zu kündigen begunnte Lieber da mürmelte es in der
Kirchen nit anders als wenn die Bienen summen NN Diese Scripta seind jedoch
bei dem Feuer so vor einem Jahr in der Burg auskam wie ich nachgehends
vermelden werde verbrennet wannenhero ich sie allhier nicht in origine
allegiren kann
Darauf gingen meine lieben Kinder mit vielen Volk zu Gottes Tisch und nach
der Kirchen kamen sie fast alle umb sie und wünscheten ihnen Glück Item kam der
alte Paassch noch auf den Nachmittag zu mir ins Haus und bat mein Töchterlein
abereins umb Vergebung dass er sie unwissend beleidigt wöllte ihr gerne ein
Hochzeitsgeschenke verehren aber er hätte jetzunder Nichtes doch solle seine
Frau ihr zum Frühjahr ein Huhn setzen und wolle er dann selber die Küken
nacher Mellentin bringen Hierüber mussten wir allzumalen lachen insonderheit
der Junker welcher letztlich sprach so du mir ein Hochzeitsgeschenke machest
musstu auch zur Hochzeit geladen werden darumb machstu wohl morgen mitkommen
Worauf mein Töchterlein sprach und Eure kleine Marie meine Päten soll auch
mitkommen und soll meine Brautjungfer sein wenn es mein Herre erlaubet Hierauf
hub sie an dem Junker Allens zu erzählen was mit selbiger durch die List des
leidigen Satans fürgefallen und männiglich ihr zur Last geleget bis der
gerechte Gott ihre Unschuld gerettet und bate da der liebe Junker beföhle dass
sie dasselbige Kleid zu eim Traukleid haben solle worinnen sie den schwedischen
König salutiret und nachgehends zum Scheiterhaufen gefahren sei er ihr auch
verstatten müge ihre kleine Pätin als indicium secundum10 ihrer Trübsal mit
sich vor eine Brautjungfer nehmen
Und als er solches versprach hieß sie den alten Paassch sein Mädken ihr
anhero zu schicken umb ihr ein neu Kleid anzupassen so sie schon für 8 Tagen
vor selbiges zugeschnitten und die Magd heute noch fertig nähen solle welches
Allens den alten guten Kerl so erbarmete dass er laut zu weinen begunnte und
letztlich sagte sie solle es nicht umbsonst getan haben denn vor das eine Huhn
solle seine Frau ihr nunmehr zum Frühjahr auch drei Hühner setzen
Als er wegk war und der Junker nichts anderes täte denn mit seiner Braut
schwätzen beides deutsch wie lateinisch macht ich es besser und ging auf den
Berg zu beten wobei ich ihr nachfolgete und auf den Scheiterhaufen stieg umb
hier einsamlich dem Herrn mein ganzes Herze zu einem Dankopfer zu bringen
dieweil dieses sein liebstes Opfer ist Ps 51 v 19
Die Nacht nahm ich den Junker wieder bei mir aber als am andern Morgen kaum
die Sonne auf
Hiemit enden diese interessanten Mitteilungen die ich nicht die Absicht habe
mit eigenen Zutaten zu verwässern Meine Leser und insonderheit meine schönen
Leserinnen mögen sich nun nach Gefallen das Glück dieses vortrefflichen Paares
weiter ausmalen
Alle weiteren historischen Spuren seines Daseins wie des Daseins des
Pfarrers sind verschwunden und nur ein in die Wand der Kirche zu Mellentin
gefügter Denkstein ist übrig geblieben auf welchem der unvergleichliche Junker
mit seinem noch unvergleichlicheren Weibe abgebildet ist noch die »güldene
Kettin mit dem Konterfett des schwedischen Königs« auf seiner treuen Brust
Beide scheinen kurz hinter einander gestorben und in einem Sarge begraben zu
sein Denn im Kirchgewölbe sieht man einen großen Doppelsarg in welchem der
Tradition zufolge sich auch eine goldene Kette von unschätzbarem Wert befinden
soll Vor einigen 20 Jahren wollte der Gutsbesitzer vM welcher durch seine
unerhörte Verschwendung nahe an den Bettelstab gekommen war diesen Sarg öffnen
lassen um daraus das kostbare Kleinod zu entwenden aber er vermochte es nicht
Wie durch einen mächtigen Zauber wurde er in seinen Fugen festgehalten und ist
bis auf den heutigen Tag noch uneröffnet geblieben Möge ers auch bis auf jenen
großen Tag und nie die frevelnde Hand der Habsucht oder der Neugier diese
heilige Asche heiliger Menschen entweihen Zum Schluss noch das Denkmal des
guten Paares in getreuer Zeichnung
Fußnoten
1 Nach Schillers Übersetzung
Sie selbst zur Furie entstellt
Vom grässlichen Entschluss der ihren Busen schwellt
Mit bluterhjetztem Aug gestachelt von Verlangen
Der Farben wechselnd Spiel auf krampfhaft zuckenden Wangen
Jetzt flammenrot und jetzt vom nahenden Geschick
Durchschauert bleich wie eine Büste
Stürzt in den innern Hof und Wahnsinn in dem Blick
Besteigt sie das entsetzliche Gerüste
2 plattdeutsch für kränkeln mit dem Nebenbegriff des Stöhnens
3 Jesaias 38 14
4 Psalm 6 7
5 Ps 103 10
6 Wie steht es süße Jungfrau
7 gut da ich dich erblickt habe
8 Empfehlungsschreiben
9 Die Bedeutung dieses Kleidungsstückes ist mir unbekannt wenn es nicht etwa
ein Schreibfehler ist und Röcke heißen soll
10 zweites Wahrzeichen