Ludwig Tieck
Vittoria Accorombona
Ein Roman in fünf Büchern
Erster Teil
Vorwort
Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin sowie ihr
sonderbares Schicksal als merkwürdig auf Es war im Jahre 1792 als ich in
Dodsleis collection of old Plays zuerst die Tragödie Websters las Te white
Devil or Vittoria Korombona Dieses Schauspiel wurde 1612 in London gedruckt
und auch damals oft gespielt Ich vermute dass es nach irgendeiner Novelle die
vielleicht um 1600 mag geschrieben sein und die sich jetzt verloren hat
gedichtet wurde denn es enthält nur eine Anklage und gibt alle Umstände die
uns bekannt sind in Entstellung wieder Quadrio erwähnt die Unglückliche im
zweiten Bande seiner Geschichte der Poesie und lobt und rechtfertigt sie nach
ihm zitiert sie Tiraboschi in seinem großen Werke nur kurz Riccoboni in seiner
Geschichte der Universität Paduas erzählt ihren Untergang ebenso Marosini in
seiner Venetianischen Geschichte Auch Lebret erzählt in seiner Geschichte von
Venedig die Ermordung Vittorias die meisten Nachrichten finden sich aber im
Magazin dieses Geschichtschreibers Die neuere Darstellung des Herrn E Münch
habe ich erst gesehen als meine Arbeit schon vollendet war Dieser wunderbare
und tragische Vorfall musste die Zeitgenossen und ihr Mitgefühl in Anspruch
nehmen Ist die Geschichte ihrer Ermordung sowie der Bestrafung des Luigi
Orsini in vielen Büchern klar und deutlich erzählt so ist die Ermordung
Perettis ihres ersten Gemahls um so dunkler und in allen Umständen und
Motiven verwirrt Wahrscheinlich verschwiegen alle Zeitgenossen geflissentlich
den Zusammenhang denn selbst der geschwätzige und erfindungslustige Leti geht
nur kurz und eilig über diese Begebenheit hinweg und scheint es selbst gar
nicht gewusst zu haben dass der Neffe des Kardinals mit der Virginia Accoromboni
wie Quadrio sie nennt vermählt gewesen ist So war es denn dem Dichter
erlaubt mit seinen Mitteln die Lücken dieser sonderbaren Geschichte auszufüllen
und das Dunkel derselben mit poetischen Lichtern aufzuhellen
Vieles in diesem Roman ist aber nicht erfunden sondern der Wahrheit gemäß
dargestellt So ermordete im J 1576 in der Nacht des 11 Julius Pietro der
Mediceer auf seinem Landhause seine Gemahlin Eleonore von Toledo und den 16
Julius desselben Jahres starb auf dem einsamen Schloss des Paul Giordano
Herzogs von Bracciano dessen Gemahlin Isabella auf rätselhafte Weise S
Galluzzo Gesch der Grossherzoge von Toscana Bnd II
Ein Gemälde der Zeit des Verfalls der Italienischen Staaten sollte das
SeelenGemälde als Schattenseite erhellen und in das wahre Licht erheben Diese
Vittoria oder Virginia Korombona oder Accorombona wird so hofft der Dichter
die Herzen der reinen und starken Gemüter für sich gewinnen und so die
Verleumdung des alten englischen Tragikers verdunkeln dessen poetischer Wert
im Gegensatz früherer Tage von manchen neueren Kritikern viel zu hoch
angeschlagen ist
Dresden im Julius 1840
L Tieck
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Es war in dem Jahre des Jubiläums 1575 als sich die Familie Accoromboni in
einem Gartenhause in dem anmutigen Tivoli aufhielt um dort während der heißen
Monate die frische Kühle den Anblick der Wasserfälle und die schöne Aussicht
auf den stürzenden Teverone und die zauberischen Hügel der reichen Landschaft zu
genießen Die Mutter der Familie eine große stolze Matrone noch im Alter
kräftig und nicht ohne Spuren ehemaliger Schönheit regierte obgleich nicht
reich ihr Haus mit so vieler Umsicht und Kenntnis dass Anstand und Fülle sich
zeigte und Fremde gern in dieser Familie verweilten wo sie Bildung
musikalisches und poetisches Talent und selbst Gelehrsamkeit antrafen
Diese Mutter eine edle Römerin von hoher Gestalt war die beseelende Kraft
des Hauses denn ihre mächtige Gegenwart gebot allen Bekannten und Fremden
Ehrfucht Sie war stolz auf ihre edle Abkunft sowie auf ihre Kinder Sie
stammte von einem alten adlichen Geschlecht und ihr Gatte Accoromboni war in
Rom ein angesehener Rechtsgelehrter gewesen der für die Großen sowie den Staat
die wichtigsten Angelegenheiten verwaltet bedeutende Prozesse mit Ehren geführt
und gewonnen hatte Schon dessen Vater hatte als Rechtsgelehrter die Liebe und
Achtung der Römer gewonnen und beide Männer standen in vielfachem Verkehr mit
Fürsten den Patriziern und den berühmten Gelehrten und Schriftstellern in allen
italienischen Staaten So war das Haus der Accoromboni bekannt und besucht und
selten kam ein ausgezeichneter Fremder nach Rom der sich nicht der stattlichen
Mutter der Familie hätte vorstellen lassen
Die meiste Befriedigung fand die hohe Frau aber in ihrer Familie und in
Gesellschaft ihrer Kinder Der älteste Sohn war durch seine Beschützer unter
welchen der große Kardinal Farnese obenan stand schon Abt und die Mutter
rechnete darauf ihn bald als Bischof begrüßen zu können wohl gar etwas später
ihm im Purpur des Kardinals ihre Verehrung zu bezeigen denn er war als
Gelehrter geachtet und als feiner Weltmann beliebt
Marcello der zweite Sohn war wild und unbändig streifte oft viele Tage im
Gebirge umher ohne nachher der Mutter Rechenschaft abzulegen wo und mit wem er
seine Zeit zugebracht habe Sosehr die Mutter mit dem stolzen Blick aus dem
großen blauen Auge alle Menschen zur Ehrfurcht und gewissermaßen zum Gehorsam
zwang sowenig vermochte sie über das starre Gemüt dieses Marcello der sich zu
erniedrigen glaubte wenn er einem Weibe gehorchte
Sie hatte allen ihren Einfluss anwenden wollen diesem Unbeugsamen die Stelle
eines Hauptmanns in der Garde des Papstes zu verschaffen er selber aber hatte
am meisten dagegen gearbeitet weil er seine Freiheit noch nicht aufopfern und
sich keiner Disziplin fügen wollte
Flaminio der jüngste Sohn schien ganz das Gegenteil von jenem Er war
schmiegsam fein gebaut zart in seinem Wesen fast mädchenhaft ein verehrender
Diener seiner Mutter deren Wink und Blick ihm Gebote waren So war er der
Geschäftige alles Besorgende im Haushalt der Aufseher der Dienerschaft der
Bote über Land der Ratgeber anderer Jünglinge und der Liebling junger Mädchen
um deren Wohlwollen er aber so freundlich er in seinem Betragen war sich nicht
sonderlich bemühte Denn es schien dass er seine ganze Liebe dem jüngsten Wesen
in der Familie seiner holdseligen Schwester Vittoria oder Virginia wie sie
auch zuweilen genannt wurde zugewendet hatte Ein Fremder der sie beobachtete
hätte ihn eher für den verliebten Bräutigam als den Bruder der lieblichen
Erscheinung halten sollen
Diese Vittoria glänzte wie ein Wunder oder wie eines jener Bilder aus der
alten Zeit die der entzückte Beschauer einmal gesehen niemals wieder vergessen
kann Kaum in das siebenzehnte Jahr getreten war sie fast schon so groß wie
ihre Mutter ihr Antlitz war blass und nur mit leichter Röte gefärbt die oft
bei selbst schwacher Bewegung des Gemütes völlig entfloh oder sich schnell
wechselnd so seltsam erhöhte dass sie dann als ein anderes dem vorigen fast
unähnliches Wesen erschien Ihr zart geformter Mund glühte in rubinroter Farbe
sein Lächeln unendlich erfreuend sein Zürnen oder Schmollen erschreckend Die
längliche sanft gekrümmte Nase hatte den edelsten Charakter im Oval des schönen
Antlitzes und die Augenbrauen fein gezogen dunkelschwarz belebten den
Ausdruck des feurigen Auges Ihr Haar war dunkel und hatte im Lichte
Purpurschimmer es floss geregelt über Nacken und Schulter saß sie nach denkend
die langen schneeweißen Finger in die Fülle des Haares halb vergraben so hätte
Tizian kein holderes Modell zu seinem schönsten Bildnisse antreffen können
Aber weder Tizian noch irgendein Maler hätten den Blick des Auges das fast
schwarz zu nennen war den Ausdruck und das Feuer desselben auch nur schwach
andeuten können Dieser Ernst des Blickes dieser Tiefsinn dann wieder die
aufblühende Freundlichkeit übten einen seltsamen Zauber das Zornfeuer war
selbst dem Frechen unerträglich Es war ein liebliches Naturspiel dass die
langen Augenwimpern fast blond oder gelb waren so dass sie wie Strahlen in der
Bewegung blitzten oder so wundersam schimmerten wie jene lichten Goldstrahlen
die wir zuweilen an altgriechischen Bildnissen der Minerva wahrnehmen
Wie mit beschränkten Mitteln die verständige Mutter Julia allen ihren
Kindern auch eine gute Erziehung Unterricht und Wissenschaft hatte geben
können so war doch Vittoria diese hohe Erscheinung ihr Liebling und
diejenige auf welche sie ihre stolzesten Hoffnungen gründete Sie selber war
oft über den früh gereiften Verstand dieses ihres Kindes erstaunt sie musste das
Gedächtnis bewundern in welchem Vittoria alles Gelesene und Gelernte
aufbewahrte wie sich die Mutter nicht weniger des Talentes erfreute welches
aus den Versen der Tochter hervorleuchtete
Die Familie saß im Saale beisammen als Marcello seinen Hut und Mantel nahm
den Degen umgürtete und von der Mutter Abschied nehmen wollte indem diese mit
ernster Miene fragte »Wohin wieder«
»Freunde Bekannte besuchen« erwiderte der ungestüme Jüngling »der Morgen
ist so schön und ihr alle werdet mich nicht vermissen«
»Man hat mir sagen wollen« erwiderte die Mutter »du haltest im Gebirge mit
dem verdächtigen Ambrosio Umgang Der rohe Mensch soll ja mit jenen Banditen in
Verbindung stehen die in der Gegend von Subiaco streifen«
»Ei meine Mutter« sagte Marcello »man nennt heutzutage alles Banditen
was nicht Schulmeister Priester oder Advokat ist Und doch plündern diese oft
mehr als jene freien Menschen die sich zuzeiten aus sehr gegründeten Ursachen
mit dem langweiligen Staate überworfen haben und unter denen man angesehene
Grafen tugendhafte Leute ja Männer antrifft die von fürstlichen Häusern
abstammen«
»Mein Sohn« sagte Julia sehr ernst und nahm dem übermütigen Sohne den Hut
aus der Hand den sie auf den Tisch legte »du sprichst wie ein unbesonnener
Knabe der weder mit Welt noch Moral bekannt ist magst du kindisch bleiben
wenn das dein Stolz ist nur das vergiss niemals dass dein herrlicher Vater so
wie dein verehrter Großvater Advokaten waren«
»Gewiss nicht« sagte Marcello »stehen doch ihre Namen in so manchem
verdriesslichem Buche verzeichnet dass man schon deshalb versucht wird ein ganz
entgegengesetztes Metier zu ergreifen«
Hastig riss er den Hut vom Tische hinweg und sprang so eilig aus der Tür
dass der Mutter die beginnende Rede auf der zürnenden Lippe erstarb
Flaminio stand auf und schloss die Türe wieder die der Fortstürmende in
seiner eilenden Hast offen gelassen hatte
Vittoria sah von ihrem Buche auf um mit einem sanften Lächeln dem Auge der
Mutter zu begegnen »Was denkst du mein Kind« fragte Julia
»Ich bin schon seit lange der Überzeugung« antwortete die Tochter »dass man
den Burschen gewähren lassen muss Er sucht einen männlichen Stolz und Trost
darin dir nicht zu gehorchen sondern zu widersprechen je mehr du also
ermahnst je mehr sucht und findet er Gelegenheit das zu tun was du
verbietest Zeigst du dich seinetwegen unbekümmert so wird er von selbst zur
Vernunft zurückkehren weil er sich dann einbilden kann als freier Mensch zu
handeln«
»Wenn nur nicht vorher Unglück geschieht« bemerkte die Mutter seufzend
»Das wie alles muss man der Vorsehung anheimstellen« sagte Vittoria »denn
er ist doch der Erziehung und Ermahnung entwachsen«
»Woher nur« fing die Mutter wieder an »hat der Knabe diese Unbändigkeit
Sein Vater war milde und sanft nachgiebig folgsam ein Feind alles wilden
ungestümen Wesens die Ruhe und Gesetzteit selbst Von wem«
»Gewiss von dir« sagte Vittoria lachend
Die Mutter stand auf ging nach dem Fenster sah in die Landschaft hinaus
kehrte dann um betrachtete die Tochter ganz nahe mit großen Augen und sagte
kurz und schneidend »Von mir«
Vittoria ließ sich nicht irremachen schloss ihr Buch legte es in die Kapsel
und sagte ruhig »So denke ich mir die Anstammung dieses tobenden Blutes Dein
fester Sinn dein großes starkes Gemüt dein edles Wesen das für seine
Überzeugung Blut und Leben hingeben würde ist in ihm als Mann in diese
jugendliche Roheit umgeschlagen die sich später selber erziehn wird War ich
doch auch ein wildes Kind und gewiss warst du nicht allzu zahm als du noch mit
deinem Püppchen spieltest«
»Du magst recht haben« antwortete die Mutter »mir ist der Gedanke noch
nicht eingefallen Freilich vergessen wir nur allzuleicht in späteren
Verhältnissen wie wir in unsern frühesten Jahren waren
Ich habe da wieder den Kamillo Mattei gesehen« fing die Matrone von neuem
an »er schien auf unser Haus zuzugehn ich weiß nicht was er immer hier will«
»Er ist ja ein allerliebstes Kind« sagte Vittoria erfreut »man neckt sich
mit ihm so hübsch er ist dabei so ehrlich und treu dass man ihn liebhaben muss«
»Was soll er uns« fragte Julie und wendete das Haupt unwillig ab »er ist
unwissend einfältig von geringem Herkommen nun liegt er schon dem armen
Weltpriester seinem Ohm seit Wochen zur Last kann er nicht nach Rom zu seinen
Eltern den Bürgersleuten zurückkehren um seine Schulstudien fortzusetzen«
»Lass ihn liebe Mutter« bat Virginia »er gefällt mir und uns allen im
Hause unsere Familie ist als eine gastfreundliche bekannt sollen wir bei
diesem guten Mattei eine Ausnahme machen Frage nur unsre Amme oder unsern
alten Guido wie gut und lieb dieser immer freundliche Kamillo ist«
Die Mutter zwang sich heiter zu erscheinen als Kamillo eintrat sich
demütig verbeugte und schüchtern stehnblieb bis sich Flaminio zu ihm gesellte
und ihm einen Sessel in seiner Nähe anbot
»Kamillo« fing Vittoria an »Ihr habt neulich die Zeichnungen von den
Bildern sehen wollen die der Kardinal Farnese in seinem neuen Schloss
Kaprarola von Zuccheri hat malen lassen seht hier ist das schöne Buch er hat
es uns gestern geschickt«
Kamillo blätterte und sagte dann etwas beschämt »Ich verstehe zuwenig von
diesen großen und sinnreichen Sachen Und an diesen Kämpfen und Schlachten kann
ich mich vollends nicht erfreuen Freilich wohl die Schlacht des Konstantin
oder Attila von Raffael «
»Läppischer Mensch« rief Vittoria halb zürnend und halb lachend »wenn er
mit Raffael kommt muss sich alles verkriechen Und doch meint der Kardinal wohl
und sein Maler noch mehr er könne es mit dem jungen Manne und seinen
vatikanischen Zimmern aufnehmen und stehe auf der Leiter der Kunst noch einige
Stufen höher Und diese Bilder hier aus dem Saale des Schlafs und der Träume
sind auch echt poetisch diese herrlichen Erfindungen werden immer als Muster
gelten können«
»Kann alles sein« erwiderte Kamillo etwas verdrießlich »es ist aber ein so
schöner klarer Morgen und dabei noch gar nicht heiß dass wir lieber mit den
verehrten Damen einen Spaziergang machen sollten«
Die Mutter nahm ihren Sonnenhut und Vittoria folgte ihrem Beispiel »Gehen
wir dann nach der Villa Este« sagte die Matrone »und besehen einmal wieder die
Herrlichkeiten des neuen Palastes und alle die Künste und Schönheiten des
Gartens«
»O nein« rief Vittoria unwillig »alle diese kleinen Springbrunnen und
Bildchen in Marmor so fein gelegt und geschnitzt wären nicht die Zypressen
hingesetzt die doch dazwischen ein ernstes Wort reden so wäre diese Anstalt
ganz unerfreulich Nein hin zu den allerliebsten Wasserfällen Zu Mäcens Villa
der NeptunsGrotte da löst sich unser Herz und Gemüt und die liebliche
unendlich schöne Natur fasst mich wie ein großer Dichter vertraulich bei der
Hand und sagt mir so herzliche rührende erhebende und lustige Dinge in mein
horchendes Ohr wie sie in keinem Buche und in keiner Handschrift stehen«
Flaminio führte die Mutter und Kamillo ging an der Jungfrau Seite Man
konnte es ihm ansehen dass er sich neben der hohen schönen Gestalt beschämt und
klein fühlte und doch zugleich geschmeichelt dass er mit ihr so vertraulich
wandeln durfte
Als sie in die Nähe der Wasserfälle gekommen waren setzte sich die Mutter
mit ihrem Sohne in den Schatten der Olivenbäume und ließ ihr Auge sinnend an
den Formen der schönen ölbekränzten Hügel umherschweifen Vittoria aber sprang
an ihr vorüber um sich in der Nähe des Wassers zu ergötzen »Wie vieles wisst
Ihr« fing Kamillo leise an »wie Unermessliches und ich «
»Lasst alle den Kram« rief Vittoria übermütig und ging schneller »O seht
die alltäglichen Wunder dieser Landschaft und diese Wasser diese Märchen und
goldenen Fabeln die es nicht müde werden sich immer wieder selbst alles das
poetische Zeug vorzuerzählen und die uns doch sosehr wir sie auswendig wissen
immer neu bleiben Hier lasst uns Kinder sein wahre Kinder die sich immer in
ihrem Spielwerk vergessen«
Indem lief ihr ein Kaninchen vorüber in den Berg hinein Vittoria sprang
ihm nach und warf einen buntgefärbten Ball den sie bei sich trug dem kleinen
weißen Tiere nach Der Ball rollte den Hügel hinab nach dem Fluße zu der sich
hier mit Brausen von bedeutender Höhe in die Tiefe stürzte und mit seinem
Strudel unten einen Trichter bildete den viele die Grotte des Neptun nannten
Aus Furcht der Ball möchte vom Strudel fortgeführt werden rannte sie so eilig
hinab dass Kamillo ihr kaum folgen konnte aber auch so unbesonnen dass sie
unten angelangt und sich zu eilig und stark nach dem glänzenden Spielzeuge
hinabbeugend wirklich in den tosenden Strudel stürzte Überwältigt und
besinnungslos schrie Kamillo laut auf und stürzte sich nach erfasste die schöne
Gestalt die sich nur eben noch an einem vorragenden Gesteine festhielt fiel
hart auf das Geklipp und rang sich mit der Beute Brust an Brust verzweifelnd
gedrängt empor er gewann Kraft und schneller als es sich spricht hatte er
sich mit ihr gerettet Unbewusst und mit der Verzweiflung Riesenkraft trug der
Kleinere die größere Gestalt fort zwar nur wenige Schritte empor aber doch
enfernt genug um in Sicherheit im blitzenden Grase neben der Geretteten ruhen
zu können Die Strahlen des nahen Wasserfalles spritzten abstäubend vom fernen
Fels wie Staub oder gewebter farbiger Glanz über ihre Körper und Angesichter
Leichenblass aber still lächelnd saß Vittoria im Grase dankbar blickte sie
ihren Retter an und reichte ihm die zitternde Hand Kamillo erschrocken noch
und entzückt taumelnd betäubt küsste die dargebotene schöne Rechte mit
Inbrunst »Wie kann ich dir lohnen« fragte sie »So« rief er aus indem der
Blöde Verschämte brennende Küsse auf die schönen Lippen drückte Sie
schwieg wehrte ihn nicht ab und nur als der Berauschte von neuem und heftiger
begann wandte sie das Antlitz ab und schlug ihn lächelnd mit den glänzenden
Fingern auf seinen heißen Mund
Jetzt besann er sich und es wurde ihm nun erst möglich sie zu sehen und zu
betrachten Der Hut war mit dem Balle in den Wogen verlorengegangen die
schwarzen Locken des Haares waren aufgelöst noch floss und triefte das Wasser
vom Haupte der schöne Busen mit seinen jugendlichen festen Marmorhügeln war
fast ganz frei und glänzte blendend im lichten Dämmer das Baum und Fels
lieblich verbreiteten an Leib und Hüfte schmiegte sich die herrliche Form
bezeichnend das nasse Gewand und so erschien sie dem Jüngling wie man wohl
die Nymphen der Quellen in schönen Gemälden abbildet oder Amphitriten selbst
die hehre Gemahlin des göttlichen Neptun der sie vielleicht vor wenigen
Augenblicken von Liebe betört in seiner Grotte hatte zu sich entraffen wollen
Sie erfreute sich des Spiels welches die Sonnenstrahlen in Dunst und Nebel des
stäubenden Wassers trieben denn viele glänzende Regenbogen tanzten und wogten
wie selbstständige Wesen im aufgelösten Kristall »Sieh Kamillo« rief sie
freudig aus »ich halte die Fabel und das Unmögliche hier sichtbar in meiner
Hand Ja ich kann sogar so spielen die Geister der Natur, dir sichtlich und
körperlich diese bunt glänzende Woge hinreichen das lachende Kind der Sonne
Und sieh zu meinen Füßen spielen ebenso im Grase die lieblichen neckischen
Gespenster die TagesIrrlichter die dem Apollo mit freundlicher
Widerspenstigkeit aus dem Dienst gelaufen sind Und nun noch Freund hat uns
der Waldvogel von drüben zum besten der schreit ein höhnendes Triumphlied als
wenn wir ins Wasser gefallen wären um uns unter die Fische anwerben zu lassen«
»Aber« sagte Kamillo zögernd und warnend »wir müssen zur Mutter zurück und
nach Hause du wirst dich erkälten und davon und vom Schreck krank werden«
»Der Schreck ist längst verschwunden« sagte sie indem sie sich zögernd
erhob und ihr Busentuch ordnen wollte dessen Verlust sie erst jetzt mit einer
kleinen Beschämung gewahr wurde »Ja wohl müssen wir zurück« sagte sie dann mit
leiser Stimme »Müssen wir O über alles dies Müssen in unserer Alltagswelt
Freilich die Fabel fliegt fort mit Schmetterlingen Schwalben und Nachtigallen
wir kommen immer an das letzte Wort auch des schönsten Gedichtes machen das
Buch zu und legen es in den hölzernen Schrank Nach dem herrlichsten Gesang
erschallt die heisere Stimme des elenden Dieners und ladet die Gesellschaft an
den Esstisch Muss denn das alles so sein Oder könnten wir nicht mit einem Gott
oder einem hohen Geist ein Pactum schließen dass es anders sich gestaltete«
Kamillo sah sie mit großen Augen an und führte sie an der Hand den hohen
und steilen Berg hinauf Flaminio kam ihnen oben mit der Mutter schon entgegen
Wie erschraken beide als ihnen Kamillo mit kurzen eiligen Worten das Abenteuer
und die überstandene Gefahr erzählte Flaminio erblasste und ward so schwach dass
er sich an einen Baum lehnen musste Die Mutter ergoss sich in Danksagung und Lob
Kamillos über seine Kühnheit und Geistesgegenwart »Kommt mit uns« beschloss
sie »teuerster Freund kleidet Euch um Flaminio wird Euch von seinen Kleidern
geben wärmt Euch in einem Bett trinkt glühenden Wein und lasst Euch unsre
Pflege gefallen«
»Nein nein« rief Kamillo »Eure Güte und huldreiche Freundlichkeit erkenne
ich mit Dank aber ich bedarf sie nicht Ich fühle vom Wasser nichts die Sonne
scheint warm ich laufe zu meinem Oheim der gar nicht weit ist und kleide mich
um Meine Wonne dass ich Euch so habe dienen und Euch Eure herrliche Tochter
retten können Ein unverdientes Glück«
So lief er fort und die Matrone ohne zu sprechen führte ihre Kinder nach
ihrem Hause Vittoria war nachdenkend und Flaminio tief gerührt
Als Kamillo zu seinem alten Oheim kam und ihm die sonderbare Begebenheit
erzählte sagte der verdrießliche Mann »Immer Kindereien getrieben die zum
größten Unheil ausschlagen können Wenn ihr nun beide ertrunken und vom Strudel
verschlungen wärt Ich hab es dir schon oft gesagt der Umgang mit diesem
hochmütigen Volke ziemt dir einfachem Bürgerkinde nicht Was kannst du von ihnen
erlangen Du wirst mit deinem Stande unzufrieden werden und deine Zeit
verlieren und wenn du jeden Tag mit Leibund Lebensgefahr einen von ihnen aus
dem Wasser ziehst hast du keinen Dank davon Das geht mit Kardinälen und
Baronen um wenn der hochnasige Abt der älteste Bruder einmal herkommt sieht
er mich kaum über die Achsel an Der lange Mensch wird mir niemals etwas zu
Gefallen tun sosehr ich mich auch vor ihm demütige Jetzt in deine Kammer da
hinein Zieh dich aus kriech ins Bett dass du warm wirst ich will dir das
Essen hineinschicken«
Kamillo gehorchte ihm gern nur um mit sich allein zu sein Fast ohne zu
wissen was er tat kleidete er sich aus legte sich nieder und träumte die
Begebenheit immer wieder von neuem »Gott im Himmel« sprach er zu sich selbst
»wer bin ich Und sie hat mich du genannt Diesem himmlischen Munde habe ich
Küsse rauben dürfen und ich habe es im Taumel wohl gefühlt sie hat mich
wiedergeküsst Nachher wendete sie sich weg aber wie freundlich wie zärtlich
Und das Angesicht der Busen O was kann Marmor Farbe nachbilden wenn die
Wahrheit das Leben sich uns nahe und wirklich so hinstellt Ich habe gelebt
Diesen Körper nahe am meinigen gefühlt gedrückt das Pochen ihres Herzens
empfunden Und der eine Augenblick wo sich das Gewand weghob im
Emporringen und Bein und Knie sich entblößten Kann ich diesen Glanz je
wieder vergessen Wird die Erinnerung daran mich nicht elend wohl gar rasend
machen Wie matt ist Licht und Schimmer und Farbe und glänzendes Weiß gegen
den Glanz und die Herrlichkeit die uns der Körper eines schönen Weibes
offenbart Und diesen Himmel einmal geschaut will das Auge immer wieder sehen
Wozu noch leben Diese Momente kehren niemals niemals wieder Hätte ich
nicht vielleicht besser getan mich mit ihr vom Strudel nieder in den ewig
dunkeln Abgrund hinunterwälzen zu lassen Sie zu morden statt sie zu retten
Wissen wir denn was der Tod ist Mir wäre er Wollust Himmel Seligkeit
gewesen wenn auch im Grauen der Verzweiflung«
So phantasierte Kamillo und konnte weder den Schlaf finden noch wirklich
wach sein
Zweites Kapitel
Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte vorzüglich im
nahen Rom so war es natürlich dass alle diejenigen die von ihnen wussten bald
durch das Gerücht jene Begebenheit erfuhren und zwar mit Übertreibungen so dass
manche glauben mussten die junge und schöne Vittoria sei der Welt durch einen
frühzeitigen Tod entrissen worden Die Mutter welche ihre tiefe Rührung
verbarg da sie die Äußerung einer jeden Schwäche scheute hoffte den jungen
Kamillo bald wiederzusehn und ihm noch einmal Dank zu sagen und bei ihm selbst
zu erforschen auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem künftigen Lebenswege
nützlich sein könne Als er aber nicht erschien ward sie besorgt und Vittoria
noch mehr dass der Jüngling wohl erkrankt sein könne denn sie konnten nicht
glauben dass er ohne von ihnen Abschied zu nehmen nach Rom zurückgereiset
wäre In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen »Mein
Kind es ziemt sich nicht dass wir uns um den jungen Menschen dem wir dein
Leben zu danken haben so gar nicht kümmern Er ist arm seine Eltern wie ich
gehört habe leben in der Stadt nur sehr kümmerlich man sagt dass er sich dem
geistlichen Stande widmen soll wir müssen also irgendeine Summe ihm oder seinen
Eltern einhändigen damit er seine Studien bequemer fortsetzen könne und ihn
nachher einigen unsrer wohlwollenden Gönner dringend empfehlen damit er bald zu
einer einträglichen Stelle befördert werde so dass er nachher seine armen Eltern
selber unterstützen kann Bei solchen Gelegenheiten kehrt mir immer wieder der
Wunsch zurück dass ich reich sein möchte um durch meine Wohltat das Glück eines
solchen Hülfsbedürftigen auf dauernde Weise gründen zu können Auf jeden Fall
werde ich ihm die hundert Scudi geben die ich neulich für unerwartete Fälle von
meinem Ersparnis zurücklegen konnte Empfehlung wenn sie wirksam ist kann
nachher als eine große Summe angerechnet werden Was meint ihr Kinder Flaminio
und du Vittoria zu dieser meiner Absicht«
Flaminio stimmte unbedingt der Mutter bei doch Vittoria schüttelte lächelnd
den Kopf so dass die Mutter sie betroffen ansah und mit ihrem forschenden Blicke
ihre Meinung erraten wollte »Nein nein« rief das lebhafte Mädchen »glaubt
mir nur unser Kamillo ist ganz anders als wie ihr ihn euch denkt Ich habe ihn
seit lange beobachtet und kenne ihn ganz genau So blöde das junge Wesen
scheint so schwachgemut und ungewiss in seinem Denken und Tun was vielleicht
daher komme dass sein Charakter noch nicht ausgebildet ist so stolz ist doch
dieser Jüngling so dass er gewiss verwundet und gekränkt diese Wohltat die ihm
wohl gar als eine Bezahlung erscheinen möchte ausschlagen würde Glaube auch
nicht liebe Mutter dass es sein Wunsch ist ein Geistlicher zu werden Er hat
mir schon vor einigen Monaten in Rom bekannt dass ihm dieser Stand verhasst sei
Soldat möchte er werden oder als Handelsmann auf Reisen gehen eine Seefahrt
versuchen und fremde Länder sehen Wunderliche Schicksale der Seeleute der
großen Feldherren und Kondottieri das reizt ihn solche Bücher wie das alte
Gedicht von dem Feldhauptmann Piccinini liest er am liebsten und versäumt wie
er nur irgend kann Messe und Gottesdienst so dass ihm auch viele seiner
Schulgenossen feind sind und ihn erbost nur den Ketzer und Luteraner nennen
Und dann hundert Scudi Liebe Mutter wenn ich nun doch einmal bezahlt werden
soll bin ich denn nicht mehr wert Diese Taxe ist allzu gering dafür schlage
ich mein Hündchen noch nicht einmal los«
»Törichtes Wesen« sagte die Mutter lächelnd »wie kindisch du zuweilen
sprechen kannst da dich doch viele kluge Männer in manchen Stunden wegen deines
Verstandes bewundern wollen Das Unbezahlbare das Höchste lässt sich niemals mit
Münze ausgleichen das weiß ich so gut wie du Aber eben deswegen muss ein
Leben wie das des Kindes das die Mutter wenn es entflohen ist nicht mit
Millionen zurückkaufen kann mit Dank mit Kleinigkeit mit Hilfe erwidert und
belohnt werden Der Wohltäter fühlt dies auch selbst und nimmt das was
Freundschaft reicht wenn er es bedarf mit Rührung an als wenn es ein großer
Schatz wäre Sind wir doch immerdar mit dem Leben und den Elementen die uns
beherrschen im Kampf kann ich dem Nebenmenschen diesen erleichtern so tue
ich selbst durch eine Kleinigkeit etwas Gutes«
»Alles wahr« sagte Vittoria »aber darum ist auch in diesem Falle der so
gewichtig ist Wohlwollen und Freundschaft ein Entgegenkommen im Vertrauen ein
kindliches und brüderliches Verhältnis so dass ein solcher Wohltäter mit zur
Familie gehört für den Zartfühlenden der wahre Dank und die größte Belohnung
So sollten wir mit diesem freundlichen und bescheidenen Kamillo sein und auch
in Rom seine arme Eltern manchmal sehen die sich gewiss durch solche Auszeichnung
sehr geschmeichelt und beglückt fühlen würden«
Die Mutter stand auf und ging heftig im Saale auf und ab »Also dahin
sollte es kommen« sagte sie und setzte sich wieder langsam in den Sessel
»Vielleicht bereitet sich uns allen von diesem Zufalle aus ein trauriges
Schicksal Eben alles dies was du mir deklamierend hergesagt hast wollte ich
vermeiden und unmöglich machen weil ich das menschliche Herz besser kenne als
du Weil sich so natürlich ein vertrauliches Verhältnis eine brüderliche
Annäherung aus solchem Unglück entwickelt weil für dieses ein eigentlicher Dank
und eine Belohnung unmöglich sind so will der erst so großmütige Wohltäter nur
gar zu leicht das gerettete Wesen selbst an Zahlungs Statt und vernichtet so
seinen Dienst indem er sich das Liebste eigennützig zum Opfer bestimmt die
Gerettete ist oft im Überschwang des Dankes schwach genug eine solche
Schuldforderung anzuerkennen ohne einzusehn dass sie auf diesem Wege nur später
eines andern Todes stirbt Und sollte ich dich je auf diese Weise verlieren
können so wäre es mir eben auch nicht schmerzlicher wenn dich die rasenden
Wogen dort verschlungen hätten Gerade darum muss nun dieser Mattei unser Haus so
wenig wie möglich betreten wir sind ihm zum höchsten Dank verpflichtet aber
wir müssen uns ihm mehr als je entfremden er muss fühlen dass wir in
verschiedenartigen Elementen leben und dass unsere Lebenskreise sich niemals
berühren können«
»Ihr überrascht mich Mutter« sagte Vittoria hoch errötend »Nein ich bin
diesem kleinen freundlichen Kamillo so gut fast wie unserm Flaminio da aber
deswegen was du andeutest Frau Julia davon könnte ja niemals die Rede sein
Du sagst du kennst das menschliche Herz besser als ich kann sein aber ich
kenne mein eigenes Herz mein Wesen das dir doch vielleicht in einigen Teilen
noch fremd und unbekannt ist«
»Wie die Jugend in ihrer Unerfahrenheit spricht« antwortete die Matrone
nicht ohne Heftigkeit »Dein Herz dein Wesen Hast du denn schon etwas der Art
da du noch gar kein Schicksal keinen großen mächtigen Schmerz erfahren und
erlebt hast Ehe das Eisen geschmolzen gehärtet und gehämmert wurde ist es
eine unscheinbare Erdscholle ohne elastische Kraft Schneide und Widerstand
Dein Wesen ist nur noch Traum und Ahnung was du bis jetzt warst und geworden
ist nur noch Widerschein meines Geistes Denkens und meiner Erfahrung Glaube
mir Kind es schlafen in uns grässliche Gespenster tief im Hintergrund unserer
Seele wohin der Blick der spielenden Jugend und die vorlaute Phantasie niemals
reicht Man lernt alle Menschen früher als sich selber kennen Wäre nun dieser
Kamillo immerdar um dich gewöhnte sein Gemüt so an deinen Umgang dass dieser
ihm zu seinem Dasein unentbehrlich würde und du wolltest ihn nun als einen
Überlästigen abschütteln so würde er aus Eitelkeit verletztem Gefühl
Zärtlichkeit und Kränkung in eine solche tödliche Leidenschaft geraten so in
Wut Eigennutz und Aufopferung rasen so vor deinen Augen hinsterben dass dein
Mitleid Kummer Gewissen die Vorwürfe die du dir machtest dein eigenes Wesen
dir ganz verhüllen könnten dass du auch auf eine Zeitlang glaubtest dieselbe
Leidenschaft zu empfinden und du zu spät deine Aufopferung bereutest Glaube
mir alles dies geschieht sogar nicht selten und so erwachsen nur zu oft aus
scheinbarer Liebe die unglücklichsten Ehen In gewissen Stimmungen werfen wir
unser Selbst und Heiligstes mit mehr Leichtsinn hinweg als wir dem gierigen
Hunde den Knochen hinschleudern Eine freie und edle Wahl meine Vittoria muss
deine Vermählung mit einem ausgezeichneten und hochstehenden Manne herbeiführen
er muss deiner wert sein so dass dein reiches Wesen durch ihn gewinnt Dazu
gehört vor allen Dingen dass er dich versteht dass er die Welt und den Adel
echter Geister kennt ein solcher muss dich erheben du nicht ihn Das dürftigste
Schicksal das kläglichste entwickelt sich in den Ehen in welchen das Weib
höher steht als der Mann«
Vittoria hatte ihr feuriges Auge sinken lassen ihr schönes Haupt ruhte
zwischen beiden Händen indem sie die Arme auf den Tisch stützte so dass die
fließenden Haare dunkel wie eine Wolke niederwallten Plötzlich sah sie auf
wie von einem Traume erwachend und erschrak fast als sie ihren Bruder Flaminio
in der Nähe erblickte Sie stand auf flüsterte dem Bruder leise etwas zu
worauf dieser das Zimmer verließ »Was hast du Tochter« fragte die erstaunte
Mutter
»Ich wollte dir nur sagen« erwiderte sie »und das sollte mein junger
Bruder nicht hören dass ich gar nicht niemals heiraten will und werde«
»Du hast heute deinen törichten Tag« erwiderte jene »kann mein Kind sich
so etwas vornehmen oder beschließen«
»Ich sehe wohl Mutter« sagte Vittoria tief bewegt »dass du mich trotz
deiner Liebe nur geringe schätzest Was nützen uns Bücher der Umgang mit
verständigen Männern die Kenntnis der Vorzeit und alles was uns die edelsten
Geister singen und sagen wenn das alles nur wie an Klötzen und Steinen
vorübergeht und nicht zu unserem Geiste sagt stehe auf die Morgenstunde ist
da rufe aus allen Kammern deines Herzens und Gehirns die Diener dass sie an die
Arbeit gehen dass in den Wellen des Blutes Entschlüsse und Kräfte erwachen die
das Geistige Unsichtbare in Tat und Wahrheit verwandeln Ja Mutter und so bin
ich geworden bin so geschaffen dass ich ein Grauen vor allen Männern empfinde
wenn ich den Gedanken fasse dass ich ihnen angehören dass ich ihnen mit meinem
ganzen Wesen mich aufopfern soll Sieh sie doch nur an auch die Besten die wir
kennen auch die Vornehmsten wie dürftig arm unzulänglich und eitel sind
alle wenn sie alle Verlegenheit der ersten Besuche ablegen und sich so recht
frei und offen zeigen Diese klägliche Lüsternheit die aus allen Zügen spricht
wenn das Wort Liebe oder Schönheit nur genannt wird diese alberne hohnlächelnde
Tugend die jene andern welche für moralisch gelten wollen zur Schau tragen
diese Dienstbeflissenheit und das Kriechen vor den Weibern die sie doch in
ihrem Herzen verachten o weh wenn ich in diesen Gesellschaften meine
Heiterkeit behalten soll so muss ich mich in einen Traum von Leichtsinn hüllen
und meine Beobachtung zum Schlaf einwiegen Und diesen Herzlosen Gelangweilten
Geldgierigen nach Ehrenstellen und Lob der Großen Durstenden soll ich das
Kleinod meines reinen Leibes meiner Keuschheit und Unschuld hingeben wie man
sich Tisch Gefäß Buch oder sonst ein Totes aneignet Und nur mit Entsetzen
kann ich an diese Aufgabe unsers Lebens denken wie aus einem Schrank wie aus
lebendigem Sarge soll mir unter Qualen ein Wesen genommen werden das ich bin
und doch nicht bin das in seinem ersten materiellen Blödsinn mich ebensowenig
kennt vielleicht weniger wie die Nelke die ich in meinem Scherben erziehe O
mir graut nur davon zu sprechen Und dies Leiden den Graus den Abscheu zu
erleben wirklich zu erleben ich ertrüg es nicht Wie sehr tatest du recht
Mutter mir unsere Bandello Boccaz und den leuchtenden Ariost nicht zu
verschließen wie manche Eltern tun denn statt zu verlocken hat sich diese
sogenannte Liebe die immer nach diesem entsetzlichen Ziele strebt die berühmte
allwaltende Leidenschaft mir nur verhasst gemacht«
»Welche Unnatur« rief die Mutter aus »Kind deine entartete Phantasie ist
es nur die dir Grauen erregt nicht diese Bedingung des Lebens selbst die
durch göttliche wie menschliche Gesetze ihre Weihe wie alles Heilige erhalten
hat«
»Ich verstehe ja auch« erwiderte die Tochter »den Willen Gottes und der
Natur, ich verehre diese Satzung und begreife ihre Notwendigkeit aber warum
soll ich mich ebenfalls dem Ausspruch fügen und nicht zurücktreten dürfen wie
so viele Priester Nonnen und Heilige«
»Und in ein Kloster wolltest du dich vergraben du lebensmutiges Kind«
»Nein Mutter« rief Vittoria aus »lieber sterben Ich verehre die Ehe
bist du herrliche Julia doch Mutter geworden und Mutter vieler Kinder muss
ich dir doch dafür danken da ich nur durch dich in dies freundliche Dasein
gerufen wurde Lass mich gewähren Vielleicht erzieht mich Zeit und Erfahrung
noch anders Du meinst der Mann müsse höher stehen als das Weib Noch habe ich
keinen gesehen der sich dir nur vergleichen dürfte meinen teuren Vater habe ich
nicht gekannt und kann mir kein Bild von ihm machen aber müsste ich durchaus dem
Gesetz nachgeben so scheint mir vielmehr ein Mann wie Kamillo meiner Ehe zu
passen den ich eigentlich ohne alle Bitterkeit unter mir fühle«
»Ich werde noch lange« sagte die Matrone »über unser Gespräch und deine
sonderbaren Meinungen nachzudenken haben Demjenigen was allem Lebensreiz
bewusst und unbewusst der Poesie und aller Kunst zum Grunde liegt dem willst du
entsagen und doch bist du für Malerei und Poesie begeistert doch hast du Sinn
für die männliche Schönheit wie willst du mit deiner Unnatur dich in geselligem
lebenden Kreise bewegen«
»Mit Mut und Entschlossenheit macht sich alles« erwiderte die Tochter mit
heiterer Miene »Gestern noch las ich das hübsche Büchelchen von der Tullia
dAragon Über die Unendlichkeit der Liebe Sieh diese weltberühmte Frau hat
sich niemals vermählt und wurde von der ganzen Welt vergöttert in Bildnissen
verherrlicht und der große Bembo der herrliche Poet Bernard Tasso und so viele
andere berühmte Namen haben ihr gehuldigt«
»Kind Kind« sagte die Mutter mit schwerem Seufzer »wohin gerätst du
Dieses Wesen so schön so poetisch sie war durfte sich an Tugend und Hoheit
niemals mit der vermählten Kolonna und andern Dichterinnen vergleichen Du weißt
auch dass sie zum Teil deshalb bekannt und beliebt war weil ihre Sitten so
sagt man sich durch Leichtsinn auszeichneten ihre platonische Liebe soll mehr
als einmal zur irdischen herabgestiegen sein und so könnte weil auch du schön
bist dein Eigensinn dich statt zur Gattin zur Buhlerin machen«
Vittoria legte der Mutter den Finger auf den Mund und sagte »Bitte bitte
Was sagt die Welt nicht alles von großartigen Frauen Ich denke mir dass sie ein
schönes reines Leben führte das Edelste jener Gelehrten Fürsten und Dichter
sich aneignete die zu ihren Füßen saßen Hat nicht der ernste pedantische
Ortodox der alte Speron Sperone in Padua einen eigenen Dialog über die Liebe
geschrieben wo sie auftritt und von dem großen Bernardo Tasso verehrt und
gepriesen wird Dieser herrliche Dichter verleugnete auch nie dass sie seine
Göttin war«
»Vergiss nicht« sagte die Matrone »dass der finstere Sperone damals jünger
war und dass er gewissermaßen in einem späteren moralischen Dialog alle jene
Äußerungen und Meinungen zurückgenommen hat«
»Um so schlimmer für ihn« rief die Tochter aus »denn was einmal wahres
Eigentum unsers Geistes war sollen wir niemals wieder weggeben Wer gegen sich
selbst nicht treu ist kann es gegen niemand sein Wer sich verleugnet wird
auch das Göttliche verleugnen Da helfen sie sich denn freilich mit den
traurigen eisernen Schranken einer dürren Moral und einer missverstandenen
Religion«
»Kamillo vergessen wir ganz darüber« sagte die Mutter indem sie aufstand
Sie ging in die Gesindestube und fühlte dass dieses Gespräch eine Epoche ihres
Lebens bilde denn sie war dadurch in eine ganz andere Stellung zu ihrer Tochter
gerückt worden Diesen strengen Geist des eben erst aufgeblühten Kindes hatte
sie nicht geahnt sie sah jetzt ein dass der poetische Leichtsinn das Harmlose
des schönen Wesens der oft kindliche Übermut ebensoviel Vorsatz als
Temperament war Sie sorgte jetzt das Düstere der Vorstellungen möchte einst
über die Heiterkeit den Sieg davontragen Schwanken wir nicht immerdar sagte
sie zu sich an der Grenze des Wahnsinns hin Arbeit Pflicht Scherz und
Andacht müssen uns immerdar zerstreuen um nicht in den stets offenen Abgrund
hineinzutaumeln wie sie vor wenigen Tagen dort in den Wassersturz
Sie sendete Ursula die alte Amme da Flaminio nicht zugegen war zum
Weltpriester hin um zu erfahren ob Kamillo Mattei nicht gar von jenem Wagnis
krank geworden sei da er noch immer nichts von sich hatte hören lassen Die
berührige geschwätzige Alte freute sich in dem kleinen Orte in welchem sie nur
wenige Unterhaltung fand wieder einmal eine neue Bekanntschaft zu machen
Nachdem sie ihre Kleidung verbessert und einen weißen Schleier umgelegt hatte
begab sie sich in das kleine Haus des Priesters Der Alte sah verdrießlich von
seinem Gebetbuche auf nach der unbekannten Besucherin hin die sogleich redselig
die Grüße ihrer Herrschaft hersagte und sich dann erkundigte warum denn der
junge liebenswürdige Mattei noch nicht wieder gekommen sei um die herzlichsten
Danksagungen der ganzen Familie zu empfangen
»Setzt Euch alte Person ruht Euch aus« sagte der Priester »das Schwatzen
muss Euch sehr müde machen Mein Neffe Gott tröste ihn ist krank Die junge
fröhliche Dame ist wie ich höre mit weniger selbst als einem blauen Auge
davongekommen So geht es immer mit den Vornehmen und Reichen wir armes
Gesindel müssen alles ausbaden und den Schaden bezahlen Das Wasser hat meinem
jungen Bengel nicht geschadet aber beim Hineinspringen ist er so heftig auf die
spitzen Steine aufgeschlagen dass Rücken Rippen Hüften alles ein Schmerz ist
Er hat Beulen und ist so blau gefärbt und angelaufen wie der damaszierte Stahl
Das wisst Ihr doch von Eurer Jugend her aus der Naturgeschichte Ihr altes
Kind dass Steine nicht so weich sind wie das Wasser«
»Lieber Himmel nein« sagte Ursula »das habe ich noch nicht vergessen Ich
habe alle meine Herrschaften aufgesäugt sonst wäre meine gnädige Signora Julia
auch wohl nicht so schön geblieben und alle die Kinder vorzüglich aber das
älteste der Herr Abbate mögen mir vielen Verstand und Einsicht auch
Gedächtnis weggesogen haben womit sie nun in der Welt prunken und Aufsehen
erregen aber diese Kenntnis und Einsicht ist mir doch geblieben Ja
ehrwürdiger Herr Steine sind in der Regel hart aber auf verschiedene Art nach
seiner Temperatur ein jeder aber darauf hinstürzen ist keinem Körper gesund
Sonst hätten die bösen Juden den heiligen Stephanus gar nicht steinigen können
wenn in den Kieseln nicht eine gewisse Harte wäre«
»Eure Kenntnis wandelt auf dem ganz richtigen Wege« fuhr der Priester fort
»man freut sich mit Menschen von Geist und Erfahrung Bekanntschaft zu machen
denn die Welt verdummt immer mehr Aber meinen Neffen den haben die
Herrschaften so scheint es mir verbraucht denn wenn er auch wiederaufkommen
sollte wird er doch zeitlebens ein Narr bleiben Da phantasiert und tollt er
auf seinem Lager herum und spricht von den alten heidnischen Göttern von denen
er wenigstens ein Dutzend so schreit er es aus da unten im Wasserfall
kennengelernt hat Dann sagt er zur Abwechselung er sei selbst eine von den
alten Gotteiten und Euer hochgewachsenes Fräulein habe ihn dazu gestempelt Er
meint in seiner philosophischen Raserei er hätte sich eigentlich wenn er
Menschenverstand gehabt hätte neulich umbringen sollen und die überweise
Vittoria zugleich mit so würden die beiden jetzt in den elysischen Gärten
spazierengehn und die reifsten und süßesten Maulaffenbeeren von den Bäumen
herunternaschen Von der Religion will er nun gar nichts wissen weil er meint
die könne ihm zu seinem künftigen Fortkommen in der Hölle doch von keinem
sonderlichen Nutzen sein denn Herr Pluto und dessen unterirdische Richter
examinierten die Kandidaten nach einem gar andern Katechismus Kurz der Bursche
ist mir und der ganzen Christenheit dermalen verdorben und das hat einzig Eure
superkluge Herrschaft zu verantworten die das junge Blut als einen Pudelhund
mit sich nahm um verlorenen Hochmut aus dem Wasser wieder heraufzuholen Ich
habe sogleich den Apotheker müssen kommen lassen der ihn bepflasterte und ihm
Latwergen und Tränke und Tropfen mitgebracht hat die ich armer Gesell aus
meiner knappen Wirtschaft nun alle bezahlen muss alles bittres verfluchtes
niederträchtiges Zeugs wo sie mir noch viel Geldes dazugeben müssten wenn ich
sollte überredet werden das gottlose Höllengesöff hinterzuschlucken Der
einzige greifliche Vorteil bei der ganzen verfluchten Geschichte ist dass das
dumme Lammsgesicht in den ersten zehn Jahren nicht wieder braucht geprügelt zu
werden weil ihm Rücken und Rippen von der remarkablen Geschichte beinah
zerquetscht und zertrümmert sind«
»Geistlicher Herr« sagte Ursula »Ihr beliebt so klug und so quatsch
durcheinanderzusprechen dass es fast unmöglich ist Eure Meinung zu kapieren
Wenigstens macht Ihr es den Laien ziemlich schwer«
»Nun so seht Euch die Bescherung selbst an« sagte der Geistliche »wenn
Ihr Euch aus meiner Legende nicht zu vernehmen wisst«
Sie gingen in die Kammer wo der Kranke sich unruhig auf seinem schlechten
Lager wälzte Seine Augen glühten und als die beiden eintraten rief er ihnen
entgegen »Teuerster Monsignore Charon bringt er sie jetzt herüber meine
längst angetraute Gemahlin die Dame Vittoria Ei was Ist sie schon seit den
kurzen dreihundert Jahren so sehr gealtert wie muss ich dann erst aussehn der
ich schon vor meiner Geburt ein alter Kerl war Wie Runzeln in dem braunen
Gesicht Warum gerade so Kann das Alter denn nicht bloß ehrwürdig erscheinen
warum muss es gerade lächerlich sein«
»Nein nein junges Blut« rief Ursula unwillig aus »ich bin nicht die
Herrschaft ich bin die Amme die sie grossgesäugt hat darum lasst Eure
Pasquinaden und wendet Euch an Gott damit er Euch gesund mache und Euren
verfallenen Verstand wiederherstelle«
»Ihr habt sie mit Eurem Blut mit Eurer Milch mit Euren Lebenskräften
gesäugt« rief der Kranke »kommt näher Musterbild aller Schönheit denn auf
die Weise hat sie ja nur von Euch ihre Vollkommenheiten Ehe sie selber war
ruhten ihr Auge die süsstönende Rede die Himmelslippen alle die Verse die sie
weiß und selber dichtet schon in dieser verknöcherten kastanienbraunen Brust
O kommt und reicht mir auch etwas von dieser Nahrung damit ich doch einige
Ähnlichkeit mit ihr bekomme«
»Pfui« schrie die Alte erbittert »er sollte doch wenigstens auf eine
dezente Art rasen dass wohlerzogene Frauenzimmer sich über seine Liebesphrasen
nicht zu schämen brauchten«
Sie ging böse und scheltend fort und erstattete der Herrschaft nur einen
sehr unvollkommenen und verwirrten Bericht Die Signora Julia schickte durch
ihren jüngeren Sohn eine bedeutende Summe zum Pfarrer damit ihm der kranke Neffe
nicht zu viele Ausgaben veranlasse auch sorgte sie dafür dass ein verständiger
Arzt außer dem halbgelehrten Apotheker sich auf ihre Rechnung des Leidenden
annahm Auch kühlende Sachen eingemachte Früchte und andere Erfrischungen
besorgte sie und so hoffte sie bald von der Besserung und Genesung des Kamillo
Mattei zu vernehmen
Drittes Kapitel
Es hatte sich mit Kamillo gebessert Die kräftige frische Jugend kämpfte das
Fieber und die Krankheit nieder Der Beistand den ihm die Signora Julia durch
ihre Bemühung verschafft hatte indem sie ihm einen verständigen Arzt sendete
die Beruhigung die sie durch ihre Unterstützung dem alten Priester gewährte
alles dies hatte die Wiederherstellung des jungen Mannes beschleunigt Er
meldete sich bei der Familie um seinen Dank abzustatten und die Mutter empfing
ihn freundlich aber zugleich mit einer gewissen Feierlichkeit Auch Virginia
von dem strengen beobachtenden Auge der Mutter beherrscht hatte einen andern
Ton gegen ihn angenommen als den er bisher gewöhnt war und so fühlte sich
Kamillo der nach jener Szene ganz andere Erwartungen mitgebracht hatte
verletzt und gedemütigt er war verlegen und wenn ihn die Gesellschaft nicht
beschämt hätte so würde er sein Gefühl wohl in heißen Tränen ergossen haben
»Ihr werdet nun wohl« sagte die Mutter um das zögernde Gespräch in
Bewegung zu setzen »zu Euren Eltern nach der Stadt zurückkehren um
weiterzustudieren Seid Ihr erst etwas vorgeschritten mein lieber junger
Freund so werde ich nicht ermangeln Euch meinem Sohn dem Abte zu empfehlen
ja ich werde vielleicht die Gelegenheit finden zu Eurem Besten mit dem großen
Kardinal Farnese zu sprechen der jetzt wahrlich zunächst unserm Heiligen
Vater den größten Einfluss auf die kirchlichen Angelegenheiten hat Zeigt Ihr
Euch nun wacker und unterrichtet darf man später von Eurer Rechtgläubigkeit
überzeugt sein so wird es Euch gelingen bald in eine einträgliche Stelle
versetzt zu werden von welcher Ihr allgemach höher steigen mögt um auch Euren
teuren Eltern ihre Liebe und die Opfer die sie Euch gebracht haben vergelten
und ersetzen zu können«
Vittoria war im Innern über diese wohlgesetzte Rede aufgebracht aber sie
hatte nicht den Mut in Kamillos Gegenwart ihr Erzürnen kundwerden zu lassen um
nicht einen vielleicht unziemlichen Auftritt herbeizuführen Die Mutter merkte
ihre Verstimmung sie hatte sich aber fest vorgenommen sich durch nichts in
ihrem Entschluss irremachen zu lassen Kamillo erwiderte stotternd und mit hoher
Röte im Gesicht »Signora ich werde noch acht Tage hier in Tivoli verbleiben
so hat es mir der Arzt befohlen den Ihr mir zu senden die Gnade hattet Ich
werde dann nach Rom zurückkehren aber ganz in Zweifel und Ungewissheit mehr als
je ob ich auch würdig genug sei mich dem geistlichen Stande widmen zu können
Es ist gar zu schmerzlich sein ganzes Leben einem Berufe zu weihen den man mit
entschiedenem Widerwillen antritt Ihr wollt mich beschützen oh wie glücklich
würde ich mich fühlen wenn Ihr mir irgendwo sei es in Venedig Florenz oder
wo es auch wäre eine Stelle und Aussicht beim Soldatenstande schaffen könntet
Oder wenn sich ein Kaufherr in Genua oder ein Venezianischer meiner annehmen
wollte Ich fürchte ich bin nicht fromm zwinge ich mich also ganz gegen
Neigung in das geistliche Wesen hinein so ist zu besorgen dass ich aus Tücke
und Widerspruch wie der Mensch nun einmal ist auf gar arge Ketzereien geraten
und in dem Zustande Leib und Seele verlieren möchte«
»Junger Mensch« sagte die Matrone mit kalter Sicherheit »Ihr kennt Euch
selbst noch nicht hinreichend Folgt meinem Rate denn er ist gewiss der beste
An meinem eigenen Sohne Marcello erlebe ich es wie schwer es ist den Söhnen
eine andere Laufbahn als die der Kirche zu eröffnen Beim Soldaten hat der
Edelmann immerdar den Vorzug und alle die großen Häuser in Italien sorgen
dafür dass bei allen Fürsten in den Ländern ihre Schützlinge und Anverwandten
die einträglichen Stellen erhalten Mit Kaufleuten stehe ich in gar keiner
Bekanntschaft denn meine Verbindungen durch welche ich Euch nützen könnte
erstrecken sich eben nicht über Rom hinaus Bei der Bestimmung unseres Lebens
dürfen wir nicht zuviel auf unsere Neigungen oder Leidenschaften hinhören denn
das Schicksal des Daseins dem wir in dem Augenblicke der Bestimmung
entgegentreten und es herbeirufen ist zu ernst um Spiele und Gewöhnungen der
Kindheit jene leichten Blüten die den Früchten weichen sollen mit
hinüberzunehmen Dadurch dass Ihr uns bekannt seid dass wir Euch so innig
verpflichtet wurden so dass ich gezwungen bin für Euch wie für einen lieben
Verwandten zu denken und zu sorgen dadurch dass es sich fügt dass wohlwollende
Gönner und Freunde von großem Einfluss auf meine Worte Bitten und Empfehlungen
achten dadurch lieber Mattei zwingt Euch das was ich Schicksal nenne Euch
dieser Bestimmung und keiner andern zu ergeben Und seid Ihr denn gar nicht
stolz junger Freund Seht um Euch wie große Männer allenthalben aus Armut und
Niedrigkeit sich auf diesem so ehrenvollen Wege emporgeschwungen haben Hier im
geistlichen Gebiet ist die echte Republik die Gleichheit aller Geschlechter
und Stände Kirchendiener Bischöfe Heilige ja Päpste sind aus Armut und
Dunkelheit emporgestiegen um der Welt zu leuchten und ihre Familie zu
verherrlichen Haben wir nicht ganz in der Nähe ein Beispiel an unserm
Kirchenfürsten dem gelehrten großen Kardinal Montalto dessen Familienname
Peretti ist Wer spricht im römischen Staat ja in ganz Italien diesen Namen
Peretti nicht mit Ehrfurcht aus Und er ist einem so armen niedrigen schwachen
Hause entsprungen dass Eure wackeren bürgerlichen Eltern sich gegen seine Familie
wohl eine vornehme dünken mochten Als Knabe war dieser große Geist genötigt
das Vieh zu hüten durch Almosen ward er grossgezogen schwache armutselige
Priester und Mönche waren seine ersten Beschützer und jetzt Ist er auch nicht
reich so kann er doch wie jeder Kardinal in wenigen Jahren wohl selbst Papst
werden Seht mein Freund der Stand den Ihr nicht achten wollt ist einzig
der wo Fleiß und Charakter sich geltend machen und die Schwächsten hier
durchgedrungen die Welt beherrschen können«
Die Frauen erschraken als in diesem Augenblicke der erst verschüchterte
Kamillo ein lautes Lachen aufschlug »O ja« rief er »ich kann auch nach Asien
wandern mich für heilig ausgeben und der große Mogul werden Was hindert mich
es auf den weltberühmten geheimnisvollen Priester Johannes anzulegen Von
Melchisedek und den drei Königen aus dem Morgenlande weiß man auch die
Abstammung nicht Dürfte es nicht auch geraten sein sich mit dem Ewigen Juden
zu assoziieren und sich von dem Brausewind zum Kompagnon annehmen zu lassen Der
macht ja auch Geschäfte mit und in aller Welt«
Plötzlich schwieg er still sah starr vor sich nieder und trocknete sich
heimlich eine Träne aus dem Auge Mutter und Tochter sahen sich mit Erstaunen
an und die sonderbare Blässe des Marmors stand auf Vittorias Angesicht Kamillo
richtete sich in mächtiger Verwirrung auf und sagte mit gebrochener Stimme
»Verzeiht mir ihr Hochverehrten meine Ungezogenheit Ich bin ein elender
Mensch und verdiene nicht in guter Gesellschaft zugelassen zu sein Mir
geschieht recht wenn ich von den Edlen ausgestoßen werde«
Er erhob sich zitternd Demütig nahte er der Signora Julia und küsste ihre
Hand dann näherte er sich der Tochter fasste ihre Finger hielt sie lange fest
und konnte dann seine Lippen kaum entfernen indem er fühlte wie sein Druck
wenn auch nur leise von der schönen Jungfrau erwidert wurde So wankte er dann
wie ohnmächtig zur Tür hinaus
Mit dem Ausdruck der Heftigkeit stand die Matrone vom Sessel auf und ging an
das Fenster Vittoria blieb auf ihrem Stuhle und sah mit etwas scheuem Blicke
nach der Mutter hinüber »Also schon jetzt« rief die Mutter aus »ich habe es
ja gesagt So ist die elende Beschaffenheit unsrer menschlichen Seele dass aus
jedem Ohngefähr tolle Hoffnungen erwachsen deren sie sich schwindelnd
bemächtiget Nun ist man stolz und trotzt und pocht in verächtlicher Aufregung
einer rasenden Leidenschaft Man spielt den Herrn der Welt indem man tief unter
dem blödsinnigen Bettler steht Und eigentlich hast du es verschuldet«
»Ich« fragte die Tochter erschreckend
»Weil du kindlich und unerfahren dein Herz und deine Zunge nicht genug
bewachtest Deine unschuldige Neigung hat er in seinem männlichen Eigennutz ganz
anders gedeutet diese angeborene Eitelkeit und Anmassung des Geschlechts hat dich
ihm schon erniedrigt weil du höher standest als er weil du ihm reizend und
wünschenswert erscheinst seine Einbildung hat dich schon in Besitz genommen
und dass sein Irrsinn schon zur wahren Leidenschaft herangewachsen ist zeigt
seine Raserei die wir von ihm haben ertragen müssen«
»Was kann ich aber für das alles« warf Vittoria mit Schüchternheit ein
»Wie Törin« eiferte die Mutter »sah ich es denn nicht o ja du kannst es
meinem scharfen Auge nicht ableugnen dass du ihm noch beim Abschied die Hand
drücktest«
»Und wenn es ist« sagte Vittoria »gibt es etwas Unschuldigeres Er tat mir
so leid weiter habe ich mir nichts dabei gedacht«
»Und du meinst« antwortete die Matrone »dass der Ungestüme sich diesen
Druck nicht ganz anders wird ausgelegt haben Für eine Liebeserklärung von
deiner Seite hat er ihn genommen Liebst du ihn wirklich so tatst du etwas sehr
Unrechtes aber du handeltest ehrlich liebst du ihn aber nicht so war es ein
armseliger Betrug und gehört zu jenen schlechten Künsten mit denen Weiber die
mit Recht verrufen sind Handel und Wandel treiben und nur gar zu oft durch
fortgesetzte Unwahrheit die edelsten Männer zur Verzweiflung bringen«
»Du gehst im Eifer zu weit« sagte die Tochter mit großer Ruhe »Gibt es
denn außer wilder roher Leidenschaft die unbedingt auf Besitz dringt und jener
kalten toten Gleichgiltigkeit nichts Edles Freundliches Zartes was zwischen
diesen Äußersten liegt Und dass ich es dir nur gestehe ich war dem kleinen
Kamillo immer gut aber noch niemals hat er mir so sehr gefallen als in seiner
aberwitzigen komischen Rede die dich so sehr gegen ihn aufgebracht hat Diese
Kraft hätte ich ihm niemals zugetraut Ist es denn also möglich wie du neulich
äussertest dass ich auch noch Leidenschaft und Wunsch nach der Ehe würde
kennenlernen nun so erzieht sich vielleicht meine Zärtlichkeit für meinen
Mattei noch zu dieser Liebe So lass denn diesen Gefühlen ihren Lauf und es
ergibt sich nach Jahren vielleicht dass du richtig gesehen hast«
»Dass der Wahnsinn ansteckend ist erfahre ich nunmehr ganz deutlich« sagte
die Mutter und sprach nun kein Wort mehr
Kamillo ging indessen langsam und zögernd nach dem Hause seines Oheims
zurück Ja ja sprach er bei sich selbst recht hat der alte verdrießliche
Mensch Die Vornehmen sie taugen alle nichts Nur bei der Armut wohnt Liebe
und Tugend das sehe ich an meinen Eltern an so vielen Elenden O dieser
verächtliche Hochmut der armen vergänglichen Sterblichen Und diese
hochgetürmte weise HoffartsDame Was ist sie denn Großes Die Witwe eines
wohlhabenden Advokaten und Richters dazu hätte mein Vater auch gelangen können
wenn er das Vermögen besessen hätte zu studieren Sie ist freilich aus einem
adlichen Hause ist aber doch auch zu einem Rechtsgelehrten hinabgestiegen
Unsinn dass sich mit dieser Ungleichheit auch die niedrigen Stände brüsten
Ich ein Geistlicher Lieber Kohlenbrenner Räuber Bandit Und sie ach ja
da im Saal ist es anders als da unten so nah an der Hölle wo sie sich mir mit
allen Kräften und Schönheiten ergab Warum war ich so dumm und töricht in
diesem Taumel wo wir die ganze Welt vergessen nicht mehr zu verlangen Sie
hätt es nicht geweigert Und was ist es denn Großes Das Nächste Natürlichste
was ein einfach unverdorbener Mensch nur denken und begehren kann War doch
Busen Knie und glänzender Leib schon mein und in den Küssen entfloh meine
Seele über ihre himmlischen Lippen in ihr Wesen hinüber Nichts nichts Alles
ist eitel Auch sie verwelkt und vergeht nichts ist echt und wahr als nur die
Zeit und der Augenblick und diesen muss der Kluge ergreifen wenn er dazu
entschlossen ist so gehört ihm die Welt
Zu Hause angelangt legte er sich nieder denn er war wieder ein Raub des
Fiebers
Nach Tische wurde der Familie der allbekannte Hausfreund Don Cesare Kaporale
gemeldet Mutter und Tochter waren erfreut den wackeren Mann begrüßen zu können
durch welchen sie aus ihrer Verstimmung gerissen wurden und der ihnen durch
seine unzerstörbare Heiterkeit eine anmutige Zerstreuung versprach
Cesare Kaporale war einer jener hohen schlanken Gestalten die durch den
Ausdruck harmloser Gutmütigkeit die Hässlichkeit ihres Gesichtes vergessen machen
können Sein Anstand und die Gebärde war edel und man sah ihm an dass er viel
in der großen Welt gelebt hatte Die kleine zurückgekrümmte Nase in dem langen
gebräunten Gesicht die vielen Falten gaben ihm neben dem fast Geringen und
Possierlichen den Anschein eines höheren Alters als er wirklich erreicht hatte
denn er war noch nicht fünfzig Jahr Seine grauen kleinen und lebhaften Augen
verrieten den Schalk denn sie begleiteten jedes seiner Worte mit so
geistreichem Ausdruck dass viele seiner Aussprüche von seinem Munde witzig
schienen die man oft als Rede eines andern für unbedeutend würde gehalten
haben
Mit seiner gewöhnlichen Gutmütigkeit schüttelte er den beiden Damen die
Hand setzte sich behaglich nieder und sagte »Da bin ich wieder einmal bei
euch ihr Gotteskinder und das tut mir wohl wie die Frühlingssonne dem
Kranken Ich war wieder da hinten in meinem geliebten kleinen Perugia und habe
eine Zeitlang fröhlich mit meinen Freunden in meiner Vaterstadt gelebt Das
liebe Nest steht noch auf dem alten Fleck keine meiner Bekannten ist in diesem
Jahre gestorben in meinem Vaterhause ist mein Quartier für mich immer offen
und so habe ich denn auch die Kirchen wieder besehn die Berge besucht und mich
an den Gebilden unsers alten Meisters Pietro und seines großen Schülers Raffael
erfreut Wie ich nach Rom komme höre ich zu meinem Entsetzen ihr alle hier
wäret ersoffen oder mit Erlaubnis zu sagen ertrunken was aber beinah auf
eines hinausläuft Das war ein Lamento bei allen den schönen geputzten jungen
Narren dass es nicht auszusagen ist Je nun freilich wenn man hübsch ist wird
man eher vermisst als wenn man wie ich leider mit einer so fatalen Fratze
herumläuft Aber sagt um des Himmels willen was habt ihr eigentlich angefangen
dass man euch so verleumden darf denn ich sehe ja dass ihr hier ganz als
vernünftige Wesen auf dem Trocknen beisammensjetzt Die hochgesinnte Mutter die
ausbündige Vittoria und der hoffnungsvolle Flaminio sind alle wohlbehalten
wenn auch etwas nachdenkend wo nicht gar gelangweilt was ich aber doch nicht
zu voreilig annehmen will«
Die Mutter übernahm es ihm in kurzen Worten die sonderbare Geschichte die
so leicht tragisch hätte endigen können zu erzählen »Seht seht« sagte Cesare
am Schluss »ich habe immer behauptet dass unsre Virginia für ihre große Gestalt
in ihren Gebärden und Bewegungen zu hastig und berührig ist Dergleichen schickt
sich nur für kleine Persönchen die es manchmal auch recht gut kleidet Darum
halte ich mich mit meinem hohen Körper den langen Beinen und Armen immer so
majestätisch Fällt mir ein lumpiger Ball ins Wasser ich trage aber niemals
einen mit mir herum so lasse ich ihn wegschwimmen und dort gar in dem
Höllenrachen den ich immer die Grotte des Neptun genannt habe obgleich
strenggenommen der gewaltige Mann sich mit den Flüssen des Landes gar nicht
einlässt Wenn Ihr dort umgekommen wärt so hätte ich Euch wohl gar als Euer
alter Anbeter besingen und beklagen müssen obgleich mir noch niemals ein
ernsthafter Vers hat gelingen wollen«
»Aber habt Ihr uns keine neue Komposition mitgebracht« fragte die Mutter
»Der Poet« antwortete Kaporale »ist zuweilen an Entwürfen und Plänen so
reich dass er darüber gar nicht dazu kommen kann einen einzigen auszuführen
Ich lief in der schönen Gegend von Perugia viel herum und meditierte Mein
Gedicht über das Leben des Maecenas ist nun fast fertig aber außer einer neuen
Komödie ist mir auch noch ein komischer Vorwurf dort in der Einsamkeit
aufgestiegen Ich dachte mir nämlich wie Apollo auf seinem Jagdschloss eine
Versammlung könnte ausschreiben lassen dass sich alle die sich für Poeten
hielten zu ihm einfinden sollten um aus seinem Munde und von verständigen
Richtern und Beisassen ihr Urteil zu empfangen Die Aufgabe ist häklig und
kitzlig denn wie viele unserer jetzt lebenden Pedanten oder talentlosen Reimer
würde man da ärgern und kränken müssen darum gebe ich den Gedanken auch
vielleicht wieder auf wenn ich nicht einen anständigen Mittelweg entdecken
kann«
»O Bester« rief Vittoria lebhaft aus »da müsst Ihr alle meine Lieblinge
recht loben und diejenigen die mich immer geärgert haben recht beissend
durchziehn und schwarz abschildern«
»Zum Beispiel« fragte der Poet
»Wen kann man wohl mehr loben« fuhr sie fort »als den edlen herrlichen
Bernard Tasso und dessen Sohn Torquato wegen seines himmlischen Aminta
Schelten müsst Ihr auf den rechhaberischen kritischen Sperone«
»Geht schon deswegen nicht« antwortete der Dichter »weil ich ihn jetzt
eben in Rom gesprochen habe und er sich recht freundlich gegen mich erwiesen
hat Also um fortzufahren ich wandelte dort in den Bergen von Perugia sinnend
umher voll Launen und Projekte Verdruss und Freude So kam ich auf ein grünes
Feld in der Abendstunde die Sonne ging unter und es gemahnte mich noch immer
draußen zu bleiben Mit einem Male blitzt mich aus dem grünen Gebüsch vor mir
etwas so grossäugig an so unnatürlich feurig dass ich dachte die Sonne wäre
vielleicht umgekehrt und nun sah ichs und es war Venus der Abendstern Aber
noch nie hatte ich ihn in dieser Herrlichkeit gesehen Nun gut ich ließ es mir
gern gefallen dass es etwas so Schönes in der Welt und der Natur gab und ging
immer weiter an mein dummes Gedicht denkend und spekulierend Auch gibt es
wirklich Epochen in unserem Leben in welchen man die sogenannte Zeit völlig
vergisst So war es mit mir Der Abend hatte mich ausgehn sehen und die stille
Nacht fand mich noch draußen Wie ich noch so fortwandelte deucht mir es
erhebe sich im Osten eine Art von lichtem Grau ein klarer wallender Schimmer
und wie ich mich noch darüber verwundre denn ich hatte ganz vergessen dass es
wohl Morgen sein könne fahre ich im Schrecken zurück denn wieder blitzt eine
solche Glutmaschine so ein Jupiter als wenn er eben einer Liebschaft wegen zur
Erde gesunken wäre mir entgegen ein göttlich glänzender Stern dicht auf dem
grünen Boden äugelnd im feuchten Grase und den triefenden Granaten liebkosend
und siehe da was ich für einen zerschnittnen Vollmond hielt nur reiner
weißer glänzend sei es Jupiter Mars Sirius mir war es dem Unwissenden
die göttliche Aphrodite die Göttin der Liebe
Ihr holdseligen Frauenbilder da besann ich mich mit wahrer Andacht auf
euch Ihr Julia seid mein leuchtender Abend Ihr Vittoria mein strahlender
Morgenstern und nun ließ es mir keine Ruhe bis ich wieder hierher zu euch kam
Mag der Himmel mit Millionen Gestirnen prangen für mich hat er doch nur die
eine Venus Nicht wahr Gevatterin«
»Ihr seid galant Don Cesare« erwiderte Julia »und dabei ein Poet Wie
schade dass Ihr und so manche Euresgleichen doch Weiberfeinde seid«
»Glaubt Ihr an das Märchen« fragte Kaporale »Nur hässliche Männer und die
von den Frauen nicht begünstigt worden stellen sich als Weiberfeinde Es ist
keinem Sterblichen Ernst damit und kann es auch nicht sein Denn diese Kaprice
der Natur, dass sie Weiber geschaffen hat ist es doch einzig nur weshalb es
sich der Mühe lohnt zu leben Alle die Schwächen Widersprüche Treulosigkeit
Mangel an Charakter ausgemachte Schlechtigkeit selbst was diese Moralisten
immer und immer wieder aus heiserer Kehle ausschreien ist ja immer nur die
weibliche Natur die sie nicht zu würdigen wissen Wer jemals ein Weib geliebt
hat wen jemals auch nur ein Weib wahrhaft beglückt hat der wird ihre Lügen und
Albernheiten höher als Aristoteles Wahrheit und Platons Weisheit schätzen Und
so kann ich den Morgenstern kritisieren Verlang ich Tugend oder Moral von
ihm O du ewige unbegreifliche Schönheit du himmlisches unsterbliches und
doch so vergängliches Kleinod der Liebe und Wollust wie roh gehen auch mit dir
die Menschen um und hantieren so abgeschmackt mit der Göttlichkeit als wenn es
eben auch ein Brett oder hölzernes Gestell wäre um alten vergessenen Plunder
darauf aufzubewahren«
»Werdet nicht so ernstaft« sagte die Mutter »und erzählt uns lieber was
Ihr in Rom Neues erfahren habt«
»Potz Blitz« rief der Poet aus »das ist eben das Kennzeichen unsers
Jahrhunderts dass es gar nichts Neues gibt Wenn Ihr das nicht etwa so nennt
wodurch jeder Quark eine Neuigkeit wird So bastelt unser Heiliger Vater Gregor
immer und ewig an seinem neuen Kalender als wenn wir damit ein reelles Gut
gewönnen dass das Dümmste und Unbegreiflichste der Schöpfung die Zeit neu
eingeteilt würde Das neue Jahr soll nun nicht mehr mit Ostern und dem Frühling
sondern mit dem kalten trivialen ersten Januar anheben und so mehr dergleichen
Bis jetzt glaubten wir dass die Päpste nur für die sogenannte Ewigkeit sorgten
aber jetzt werfen sie sich auch in die irdische Zeit um da aufzuräumen Neues
in Rom Nun dass die Kardinäle gegeneinander intrigieren dass viele Fremde wegen
des Jubiläums nach Rom gekommen sind dass die Kirchen und die heiligen Orter
besucht werden dass man erzählte der ruchlose Ambrosio sei mit einer ganzen
Bande eingefangen worden«
»Ambrosio« fragte die Mutter »wo ist der Bösewicht gefangen worden«
»Man sagt in Subiaco« antwortete der Dichter ruhig »die Bande hatte dort
in der Nacht das Haus der Magistratsperson erbrochen und geplündert den Mann
aber selbst höher in das Gebirge hinaufgeschleppt um an ihm Rache zu nehmen
weil er sich im Verfolgen der Räuber besonders tätig erwiesen hatte Doch haben
die freiwilligen Milizen sie in ihrem Schlupfwinkel überrascht und das ganze
Nest aufgehoben«
Die Matrone ward nachdenkend und Kaporale begriff nicht wie diese
Neuigkeit sie so verstimmen könne »Es ist furchtbar« nahm Vittoria das Wort
»wie diese Räuberscharen sich in unsrer Zeit vermehren und noch täglich
anwachsen Von den Großen und Mächtigen beschützt hat fast jede Familie ihre
Bande man bekämpft sich öffentlich wie in einem Kriege«
»Ja« sagte Cesare »diese Orsini Kolonna die Florentiner die Ferrareser
alles hat seine geworbenen kleinen Heere in unserer Stadt und dem römischen
Gebiet Der Heilige Vater sieht durch die Finger und fühlt sich zu schwach dem
Unwesen zu steuern Rache und Meuchelmord werden als Edeltat angesehen und es
herrscht eigentlich nur so viel Sicherheit als jene Mörder uns gönnen wollen
Auch der Privatmann ist fast gezwungen mit dieser oder jener Bande
einverstanden zu sein um nicht von allen beschädigt zu werden«
»Ich mag an alles dies gar nicht denken« warf jetzt die Mutter ein »denn
ein Grauen befällt mich als wenn unser Eigentum und Leben nur vom Zufall
abhingen und wir jedem Entsetzen preisgegeben wären Alle Gespenstergeschichten
die ich in meiner Jugend hörte erwachen dann in meinem Innern und unser Geist
ist der Sklave von nichtswürdigen Vorstellungen, die in unsern Nerven auf und ab
rieseln und uns das Haar emporsträuben«
»Nein Mutter« rief Vittoria »scheltet mir nicht auf meine lieben
Gespenster und das poetische Grauen das bei Anhören dieser Geschichten unsern
Geist gefangennimmt Das ist wie kühler Morgenwind der durch den Eichenwald
braust und alle Blätter in zitternde Bewegung setzt So erfrischend und
wundersam sind auch die Legenden von wiederkehrenden Gestorbenen von den
dunkeln Dämonen die an einsamen Seen ihr Wesen treiben jener seltsamen
Kobolden die uns in gefährliche Sümpfe oder im Gebirge an Abstürze locken
sollen dann die Orakelstimmen in einsam abgelegenen Tälern die Fähigkeit
Wahnsinniger oder Kranken die Zukunft deutlich zu sehen oder in fernen Gegenden
den Freund wahrzunehmen und alle die Märchen von Zauberern und Beschwörern von
den Bündnissen mit bösen Geistern Schon des wunderlichen und rätselhaften Abano
oder Pietro Apone wegen möcht ich gar zu gern einmal nach Padua reisen um mir
sein Haus mit dem großen Saal und seinen Brunnen zu betrachten Käme so ein
großes oder kleines Gespenst in mein einsames Zimmer so würde ich freilich
erschrecken aber mich auch dieses Erschreckens freuen und es recht bis in
meine innersten Kräfte hinein mit meinem Bewusstsein durchgeniessen Ansehen würd
ich mir das Wesen, das mich seiner Bekanntschaft würdigte und gewiss ohne
fieberhaftes Entsetzen von ihm Abschied nehmen Ich habe mir den Fall oft genau
durchgedacht und bin meiner Fassung gewiss Nein das Geisterreich bietet uns die
Schrecken nicht die der Wirklichkeit zu Gebote stehen«
»Wie meint Ihr das Ihr poetische Amazone« fragte Don Cesare
»Eine Vorstellung« antwortete die Jungfrau »verfolgt und ängstigt mich von
meiner frühesten Jugend Ich bin allein in der tiefen Nacht meine Familie ist
schlafen gegangen meine Dienerin ist verabschiedet ich will mein Lager
besteigen und die Lampe löschen als plötzlich vor mir schreckliche Bösewichter
mit geschwärzten Gesichtern und dräuenden Waffen stehen ich wende mich um Hilfe
rufend und auch von dort treten mir scheussliche unbekannte Figuren entgegen
Nirgend Rettung Hilfe das Wort stockt mir im Munde der Atem versagt die
Brust klopft zum Zerspringen ganz ohnmächtig und doch klar alles sehend rücken
die Verruchten und der Mord mir näher und näher Seht indem ich davon
spreche bin ich halb wahnsinnig vor Entsetzen Hinweg du abscheuliches
Bildnis Und könnt Ihr leugnen dass nicht dergleichen schon hie und da
vorgefallen ist Wir alle haben von solchen Überfällen gelesen Und kann
dergleichen sich nicht wiederholen«
»O Kind« rief Cesare »Ihr ängstigt mich über die Massen Beruhigt Euch
entfernt diese niederträchtigen Vorstellungen aus Eurem Gemüt verbannt sie
völlig zerstreut Euch und entwurzelt diesen Unsinn der in Euren Geist so
scheint es schon tief hineingewachsen ist Denn Eure Darstellung erweckt zu
meinem Grausen auch mir eine alte Grille in meinem Innern Ich kann mich nämlich
durchaus nicht von dem Aberglauben losmachen dass dergleichen wenn man es sich
immer und immer wiederholt am Ende eben dadurch wie durch unbewusste Magie zur
Wirklichkeit hinauswächst Die Phantasie ist auf die Weise der Boden in welchem
später dieses giftige Unkraut als wahrhaftiges hervorspriesst Um Gottes willen
lasst diese fatalen Spiele der Imagination bleiben«
Die Mutter schauderte »Sollte denn« sagte sie nach einer Pause »unsre
Seele diese ungeheure Kraft besitzen durch die Vermittlung der Imagination so
was zu erzeugen Oder ist es nur die Fähigkeit das Unvermeidliche der Zukunft
vorauszusehn die sich in dergleichen Furcht und gespenstige Vision umbildet
Was ist doch überhaupt mein Ich Warum sagen wir immer so leicht hin mein
Geist meine Seele als wenn noch ein andrer Regent höher über diesen
Regierenden in uns stände«
»Ja wohl« sagte Kaporale »kommt man mit dem Denken über diese Geheimnisse
niemals zu Ende Wir erkennen uns nur in den Funktionen unserer Kräfte in
unserer Tätigkeit so wendet sich unser Bewusstsein und unsre Denkkraft immerdar
von uns ab und sieht sich nur entstaltet und unkenntlich in einem trüben
schlecht geschliffenen Spiegel der unser Wesen verzerrt Ist nun unser Geist
oder unsre Seele schon einmal dagewesen Ist er ein gesunkener Geist der in
bestimmten Perioden seiner Verwandlung in einen frühern seligen Zustand durch
Tat Reue Busse hiesiges Leben zurückkehrt Ist er ein Funke aus Gott bei der
Geburt neu entflammt herabgesendet«
»Ihr seid ein arger Ketzer« sagte die Mutter
»Ich frage nur zweifelnd an« antwortete der Dichter »was unsre Seele sei
so wie Schrift und Kirche soweit ich sie kenne auch nichts Bestimmtes darüber
aussagen Es bleibt immer nur übrig Ich bin ich«
»Kinderei« rief lachend Vittoria »wer es wissen will was die Seele ist
der komme nur zu mir denn ich weiß es ganz genau«
»Du« sagte die Mutter indem sie groß aufsah
»Ich möchte mich« sagte der Poet »zu Euren Füßen niederwerfen und so
demütig im Staube von der hohen Sybille das heilige Orakel empfangen«
»Vernehmt« rief die Tochter »die Seele ist ihrem wahren Wesen nach eine
kleine graue Maus«
»Virginia« rief die Mutter zürnend »schämst du dich nicht so albern zu
sein Oder soll diese Kinderei Witz und schalkhafte Laune bedeuten«
»Auch in Bernis Gedichten« sagte Kaporale »die doch so manches
Unbegreifliche erzählen erinnere ich mich nicht diesen oder auch nur einen
ähnlichen Ausspruch gefunden zu haben«
»Es soll aber auch gar nicht Spaß bedeuten« erwiderte die Jungfrau
»sondern es ist mein vollkommener Ernst Die Kenntnis der Sache ist mir auch
schon vor mehreren Jahren geworden wo sie mir in einem allerliebsten Buche
vorkam dessen Titel ich leider nachher in meinem Leichtsinn vergessen habe Es
ist nämlich eine Geschichte der ich meinen Glauben verdanke und diese will ich
euch jetzt erzählen
Vor alten uralten Zeiten gab es einen Herzog von Burgund der irgendwo in
von hier weit weit abgelegenen Gegenden sein Land seine Herrschaften und
hochgelegenen Schlösser hatte Irre ich nicht ganz so lebte und regierte er in
einem Teile von Deutschland nicht fern vom Rheinstrom Nun war dieser Herr oft
von seinen Feinden bedrängt doch war er immer siegreich aus allen Kämpfen nach
seinem Schloss zurückgekehrt Es war schon damals eine Erfindung und ein
Unglück aufgekommen welche uns auch in den neuesten Zeiten oft quälen Der Herr
hatte nämlich Schulden der Krieg hatte für Vasallen und Söldner seinen Schatz
gänzlich ausgeleert Sooft er in seine Schatzkammer ging sah er nur die leeren
Wände und wenn er Truhen und Schränke aufschloss und hineinschaute so blickte
ihm immer wieder ein trostloses Nichts entgegen Um sich zu zerstreuen ritt er
mit einem vertrauten Knappen in einen schönen dichten Wald hinein Es lief schon
seit Jahrhunderten im Volk ein Märchen um dass irgendwo aber kein Mensch konnte
den Ort bestimmen ein unendlicher Schatz von Gold Perlen und Juwelen aus
Bosheit sei versteckt und verzaubert worden so dass keine Wünschelrute kein
Beschwörer und Hexenmeister diese Fülle unermesslicher Kostbarkeiten je
wiederentdecken könne Wie es wohl die Armen Notgedrängten zu machen pflegen
so hatte sich auch der gute Herzog mit seinem treuherzigen Knappen von diesen
verzauberten Goldklumpen unterhalten und sich an diesen versteckten und
verlorenen Diamanten und Rubinen getröstet und erfrischt Müde vom Reiten und
Schwatzen nachdem sie tief in den schönen grünen Wald hineingeritten waren
stieg der Fürst vom Pferde und band es an einen Baum Wir haben selbst den
Fußsteig verloren hier ist es so schön ruhig und einsam still sagte der
Herzog bewahre und bewache mich mein getreuer Gottfried denn eine süße
Müdigkeit schleicht mir in mein Gehirn und drückt mir die müden Augen zu So
geschah es der Herzog fiel in einen erquickenden Schlaf und der Diener wachte
dass kein Tier oder Gewürm seinem verehrten Herrn nahen und ihn beschädigen möge
Der Atem des Fürsten die Brust ging hin und her und auf und ab er lächelte
denn ihn mochte ein angenehmer Traum besuchen Plötzlich stockte der Atem im
Gesicht zeigte sich Aufspannung und Anstrengung und mit einem Male sprang ein
ganz kleines graues Mäuschen aus dem halb geöffneten Munde Nun lag der Herzog
da wie tot ohne Atem und die mindeste Bewegung Das kleine Mäuschen aber sah
sich mit funkelnden Äuglein im Grase neugierig um und schlüpfte endlich zwischen
den Blumen fort und etwas mehr in den Wald hinein doch nicht so gar weit vom
Fürsten der nur als starre Leiche noch regungslos dalag So war der Knappe denn
in seinem Erstaunen und Schrecken doch begierig was sich aus dem Wunder ergeben
würde er ging also ganz leise und behutsam dem Tierchen nach behielt aber
dabei immer seinen totscheinenden Herrn im Auge Bald musste das Mäuschen stille
stehen denn es kam an einen Bach Das Wässerchen war nur so schmal und klein
dass es jedes Kind mit einem Schritte überschreiten konnte und es floss so still
und bescheiden über die Wiese und unter den grünen Büschen hinweg dass es die
Reiter vorher weder gesehen noch gehört hatten für die Maus aber war es ein
Strom breiter als unsere Tiber Und da sie durchaus hinüber wollte lief sie
ängstlich bald links bald rechts dem Ufer entlang ob sie wohl eine trockene
Stelle fände oder ob irgendwo vielleicht das Bächlein so schmal würde dass sie
hinüberspringen könne Der gutmütige Knappe sah nicht ohne Teilnahme wie das
kleine Wesen sich abängstigte Er schaute sich um fand aber kein dürres Holz
zog also seinen Hirschfänger mit dem silbernen Griff aus der Scheide und legte
die blanke Waffe über das Wasser Die Maus schien erst erstaunt trat dann aber
behutsam und zögernd auf den glatten spiegelnden Stahl und ging hinüber worauf
sie sich bald in das nahe Gebüsch verlor und in eine kleine Höhle sprang die
sich in einem grün bemoosten Felsensteine zeigte Der Fürst lag noch tot wenige
Schritte hinter dem Knappen Diesem ward bange wie der Ausgang sein würde und
seine Angst stieg immer höher je länger das Tier ausblieb Wie wenn der Fürst
sich gar nicht wiederbelebte Würden die großen Vasallen würde der Tronerbe
ihm wohl diese Mausgeschichte glauben Da wohl mehr als eine Viertelstunde
verflossen war wollte er schon seinen Degen wieder in die Scheide stecken den
starren Herren aufrütteln und wenn dieser sich gar nicht regte vielleicht in
alle Welt reiten um nicht für einen Mörder der vom Feinde bezahlt sei
angesehen zu werden Siehe da springt das kleine Wesen seine Augen noch heller
glänzend wieder aus dem Gebüsch hervor sieht sich um setzt die netten Beine
prüfend wieder auf den Stahl und wandelt behutsam bis an den Griff Gottfried
nimmt seine Waffe und die Maus rennt wieder zum Herzog Der Diener zweifelt ob
er sie nun nicht doch greifen und festhalten soll weil es ihm unziemlich dünkt
dass ein solches Getier seinem Herzog im Gesicht herumspazieren oder gar in den
Mund kriechen soll Aber ehe er noch einen Entschluss fassen kann ist jene schon
wirklich zwischen den Lippen des Fürsten wieder in diesen hinein Kaum war es
geschehen so kehrte auch das Lächeln auf das Antlitz zurück die Brust atmete
wieder und nach kurzer Zeit richtete sich der Herr auf sah um sich die
Besinnung wiederzufinden und schüttelte sein Haupt als wenn er die letzten
Flocken des Traumes aus seinen Haaren schütteln wollte Lächelnd sah er den
Knappen an und sagte dann zu diesem Setz du dich noch zu mir her in dieses
grüne Gras denn ich muss dir den seltsamsten Traum erzählen der nur jemals mein
Gehirn besucht hat Ich war kaum hier auf dieser Stelle eingeschlafen als mir
dünkte ich ginge von hier weit weit in den dicken dunklen Wald hinein Aber
wie war um mich die Natur verwandelt Das was ich für Gras halten musste
waren hohe hohe dicke Binsen die weit über meinem Haupte hinwegragten
ungeheure Büsche schlugen über mir zusammen und als ich schon weit gewandelt
war hörte ich plötzlich ein ungeheures Tosen und ein Brüllen wie von großen
Wasserfluten Und so war es denn auch Ein breiter Strom dessen jenseitiges
Ufer ich kaum absehn konnte stand mir gegenüber Ich lief bald hier bald
dorthin denn etwas Unbeschreibliches trieb mich an als wenn ich durchaus
jenseits des breiten Flusses gelangen müsse Ich spähte aufmerksam nach einem
Schiffe Fahrzeuge oder dem kleinsten Kahn aber so weit ich auch lief sosehr
ich auch mein Auge anstrengte war nirgend dergleichen zu erspähn Noch viel
weniger eine Brücke die mir das Liebste gewesen wäre So in Verzweiflung
geschah plötzlich etwas wie man es nur in alten Wunderschriften vernimmt An
demselben Orte wo ich mich vergeblich umgeschaut hatte war plötzlich eine
große lange und breite Brücke aber welche von purem spiegelblanken
geschliffenen Stahl ohne Geländer und Brustwehr im Sonnenstrahl blendend und
glänzend Was war zu tun Behutsam vorsichtig betrat ich die glatte Bahn
langsam vorschreitend um nicht auszugleiten und in den mächtigen Strom zu
stürzen Ich kam glücklich hinüber Nun war ich wieder in einem dichten dunkeln
Walde und nachdem ich noch viel gewandert war geriet ich in eine hohe
geräumige Felsenhöhle und was erblickt ich da Tonnen hohe dick mit
Goldstücken angefüllt ich musste lange lange hinanklimmen um den Rand der
mächtig hohen Fässer zu erreichen schwere Goldbarren lagen auf dem Boden
vermischt mit dem köstlichsten Gestein von aller Art und allen Farben Ich
besah mir alles genau und verharrte lange in diesem verzauberten
Schatzgewölbe Ich nahm mir vor mir die Merkmale genau einzuprägen um die
Stelle wiederzufinden und so verließ ich endlich den dämmernden Felsenkeller
Ich ängstigte mich ob die stählerne Brücke auch noch da liegen würde Richtig
sie war nicht verschwunden So nun wieder den langen Gang hierher und ich
erwache traurig dass alles nur ein Traum gewesen ist Sieh so war dies Gesicht
nur eine Fortsetzung unseres Gespräches die Begier nach Schätzen die in meiner
Armut wohl natürlich und verzeihlich ist Aber du sprichst nichts Gottfried
Du schüttelst den Kopf Du glaubst mir nicht
Dieser gute Mann war in seinem poetischen Erstaunen nur darüber verlegen
wie er es seinem Herrn eröffnen solle dass er ihn selber als Maus aus seinem
Körper habe auswandern sehen Er fasste sich endlich ein Herz und erzählte ganz
einfach was er erlebt hatte Sie gingen die wenigen Schritte sprengten mit den
Schwertern die Öffnung der Höhle um sie zu erweitern und fanden dann wirklich
einen unermesslichen Schatz von Gold und Edelsteinen Der Herzog blieb als
Wächter zurück der Knappe eilte nach der Stadt holte Rosse Geschirre Wagen
und getreue Diener und der Tag verging ehe man alle Kleinodien aus der Höhle
aufgeladen hatte So wurde dieser burgundische Herr der reichste Fürst seiner
Zeit und demütigte alle seine Feinde unter seinem Szepter Und ich wenigstens
habe aus dieser wahren Geschichte soviel gelernt dass unsere Seele in ihrem
natürlichen Zustande eine graue Maus sei«
»Gesegnet der Mann« sagte Kaporale nachdenkend »der dich einmal heimführen
wird Ich verlasse euch jetzt ihr geliebten Weiber und bitte nur um die
Erlaubnis auch morgen einen Gast herzubringen der euch Signora und auch
diese junge Dichterin will kennenlernen Ihr seid ja Fremden immer gütig und
werdet mir meine Bitte nicht versagen«
»Wollt Ihr nicht« fragte die Mutter »Euer Stübchen oben in Besitz nehmen«
»Nein« erwiderte jener »ich darf es diesmal meinem Dornherrn nicht
abschlagen der mich schon mit dem Abendessen erwarten wird«
Indem hörten sie ein lautes gewaltsames Klopfen an die äußere Tür Es war
schon finster geworden und der Diener eilte mit dem Licht hinaus Verstört und
die Kleider in Unordnung stürzte Marcello herein »Um Gott« rief die Mutter
»was gibts was ist dir«
»Versteckt mich nur auf einige Tage« rief der verwilderte Jüngling »dass
mich keiner bei euch findet Ha Don Cesare Nun der lustige Poet wird mich ja
wohl nicht verraten«
Die Mutter ging im Saale auf und ab und rang Tränen vergiessend die Hände
Sie hatte ganz ihre Fassung verloren »Mein Sohn ein Bandit« schrie sie
»vogelfrei Wohl ein Preis auf seinen Kopf gesetzt O Himmel wodurch habe ich
mich so schwer verschuldet dass ich dies erleben muss War es doch immer mein
stolzer Traum dass ich wie die Mutter der Gracchen in meinen Kindern um die
mich die Welt beneiden müsse meine höchsten Kleinodien sehen könne«
»Fackelt nicht lange« schrie Marcello ungezogen »diese lieben Söhne der
prahlerischen Kornelia wurden auch nachher als Rebellen und Meuterer von andern
sehr würdigen und tugendhaften Männern totgeschlagen«
»Kommt morgen« sagte der Fremde »in meinem Wagen mit mir nach Rom Ihr
könnt meinen Diener vorstellen und in der großen Stadt mögt Ihr Euch viel
leichter auf einige Zeit verbergen bis Ihr nachher mit Sicherheit die Flucht
ergreifen könnt Ich werde Euch morgen mit Tagesanbruch abholen«
Die gedemütigte Mutter half den Jüngling in einem abgelegenen Gemach in dem
sich ein tiefer Brunnen befand verbergen Als am Morgen Don Cesare den
Flüchtling abholen wollte war er verschwunden und auch Kamillo hatte seinen
Oheim ohne Abschied verlassen Man musste vermuten dass sich beide mitsammen
entfernt hätten
Viertes Kapitel
Die Mutter war durch den neuesten Vorfall so erschüttert dass sie am folgenden
Tage lange auf ihrem Lager blieb und sich erst erhob nachdem ihr Sohn Flaminio
und Vittoria die fremden Gäste schon angenommen hatten Als sie in den Saal
trat fand sie die Gesellschaft im lebhaften Gespräch Sie suchte sich zu
zerstreuen und spannte sich zu einer erzwungenen Heiterkeit
Der fremde Mann welcher mit dem wohlbekannten Dichter gekommen war schien
ungefähr dreißig Jahr alt zu sein Er war schlank groß und wohlgebaut seine
Gebärde edel das Auge schön und feurig Vittoria vermutete dass auch dieser ein
Dichter sein könne da er mit dem alten Hausfreunde erschien und die Gelehrten
aus allen Provinzen Italiens gern die Familie der Accoromboni aufsuchten Der
Fremde war sehr freundlich und von den edelsten Sitten mehr ernst als heiter
und auf seinen Wunsch beschloss man die Villa dEste zu besuchen von deren
Pracht und Schönheit in ganz Italien die Rede war
Als sie die Villa erreicht hatten ward ihnen der Eingang gestattet weil
die Besitzerin nicht zugegen war Der Fremde schien sehr aufgeregt und ward von
den Kostbarkeiten Gemälden und dem Schmuck der Zimmer entzückt und begeistert
»Wie glücklich« sagte er »könnten die Fürsten sein denen alles dies zu Gebot
steht und die sich ein solches Dasein bereiten mögen So umgeben nichts
Niedriges Ärmliches in ihrer Nähe wohin sie blicken nur von Kunst angeschaut
von Schönheit umleuchtet Erinnerung an Geschichte und große Vergangenheit die
edelsten Geister die Raffael Michelangelo und Julius der Römer für sie in
Tätigkeit und doch «
»Ja wohl« sagte die ernste Matrone »wohnt nur sehr selten in diesen
herrlichen Palästen das wahre Glück Das Schicksal und die Umstände die
Verhältnisse des Menschen sind immer mächtiger als der Mensch selber Der
Einsame Unabhängige stürzt sich aus seiner Freiheit in Dienst und Abhängigkeit
um das zu suchen was er Glück nennt und jener der im Glück zu schwelgen
scheint von vornehmen Freunden umgeben im Glanz des Reichtums wünscht sich
nur allzuoft in die verlassene Einsamkeit des dürftigen Waldbruders Freiheit
ist ein edles Wort und hat einen herrlichen Klang es ist aber nur ein Wort ein
verhallendes ohne Wesen und Inhalt Die wahre Freiheit ist nur im Tode«
Der Fremde sah die hohe Frau verwundert an und Kaporale sagte »Ihr seid
heut verehrte Freundin aufgeregt gönnt der Natur und dem schönen klaren
Licht das so herrlich dort die Gebirge beglänzt Euch aufzuheitern«
»Zu zerstreuen« sagte sie »muss doch das Edelste der Natur und Schöpfung
nur gar zu oft sich herabwürdigend dazu dienen uns von uns selbst zu
entfernen«
»Um uns doch nur« bemerkte der Fremde »dort in diesen Gegenständen edler
und vollkommener wiederzufinden Das Wahre Gute in uns kann uns niemals
verlorengehn«
»Weil es vielleicht nicht da ist« sagte Signora Julia tief seufzend
»Verzeiht mein edler Herr dessen Namen ich noch nicht einmal weiß Eure
Liebenswürdigkeit hat mich verleitet Euch nach dem ersten Anblick als einen
alten Freund des Hauses zu behandeln vor dem ich nicht nötig habe meinen
Kummer zu verbergen Doch ist es wohl besser und schicklicher hier in diesen
poetischen Umgebungen eine andre Sprache zu führen«
Jetzt verließen sie das Haus und betraten den schönen künstlichen Garten
Vittoria ging schweigend an der Seite der Mutter auch der heitre Don Cesare war
ernst geworden und der Fremde war ganz der Betrachtung und Bewunderung der
vielfachen Anlagen dem Wechsel der Gebüsche der Majestät der Bäume der Pinien
und Zypressen dem schimmernden Glanz der vielfachen Blumenbeete hingegeben Am
meisten entzückten ihn aber die mannigfaltigen Wasserkünste die in sinnreichen
und versteckten Erfindungen bald in kleinen Erzfiguren den Gesang der Vögel
nachahmten bald aus menschlichen Gestalten die Töne der Laute und vielfachen
Gesang bildeten so wechselten Sirenen und Wassertiere in seltsamen Gruppen so
spielten die Nereiden und Pan und Schäfer die Wasserorgeln die Syrinx und
Flöten und Pfeifen dort klang die ländliche Schalmei und ferner ab rieselte das
Element welches erst zur künstlichen Musik abgerichtet war als klarer Bach in
seinen Naturtönen dahin
Als der Fremde in den Ausdrücken seines Lobes immer entusiastischer wurde
konnte Vittoria nicht länger schweigen sondern ließ sich beinah zürnend in
diesen Worten aus »Ich weiß es wohl dass alle Welt diesen Garten und diese
tönenden Kunststücke bewundert Ärgert Euch nicht an mir teurer Mann wenn ich
Euch gestehe dass ich immer nur ohne Freude diesen Plan betreten habe da es mir
schien als wenn Kunst und Natur hier gleich sehr verletzt würden Die wahre
echte Kunst ist hier in eine Künstlichkeit in eine Seltsamkeit
hineingeschraubt die wohl Erstaunen und Verwunderung nicht aber wahre Freude
erregen kann Die Natur ist gewissermaßen vernichtet denn sie muss hier in den
sklavischen Dienst von gezierten Spielereien treten die nicht einmal eine
Täuschung hervorbringen können und die ermüden wenn man den ersten Genuss der
Neugier und Verwunderung hinter sich hat Wie anders wirkt ein gutes Gemälde
ein Werk des Bildhauers Palestrinas Musik eine freie Landschaft dort der
himmlische Wasserfall Ist es nicht hier als wenn man die Träume eines
Fieberkranken wirklichmachen und etwas erreichen wollte was über unser
menschliches Vermögen hinausreicht Jedesmal aber wenn der Mensch einen solchen
Versuch eitlen Hochmuts unternimmt sinkt er unter sich selber hinab«
»Ei ei mein schönes Fräulein« rief der Fremde sie verwundert ansehend
»wie erklingen in so zarter Silberstimme aus so reizendem Munde diese herben
verdammenden Worte Hat Euch niemals eine Sestine oder eine recht künstliche
Kanzone begeistert Wie haben unsre Natursprache den Laut der immer so gern
wieder in das Bäurische zurückfällt unsere Petrarka Bembo Molza Bernard
Tasso und so manche andre erzogen Und diese mechanischen Erfindungen die an
sich selbst nur Staunen und ein leichtes Ergötzen erregen könnten sollten vom
Genius nicht in seinen Dienst genommen werden um auch diese Dinge die auf
Linien mathematischen Grundsätzen und aritmetischen Zahlenverhältnissen ruhen
in die höchste poetische Freiheit der Phantasie einzuführen Wenn Euch dort die
Natur und der erhabene Wasserfall mit Recht begeistert und für Momente Eure
ganze Seele ausfüllt so ist hier dieselbe Natur in ihrer lieblichen Erscheinung
nur in eine Regel gebunden um sie wieder auf andre Weise in die höchste
poetische Freiheit hineinzuführen Diese geraden Baumgänge diese abgeteilten
und abgezirkelten Blumenbeete sind ja nur wie die Stanzen oder Terzinen eines
lieblichen Gedichts wo das Wort der gewöhnlichen Rede auch mit wahrer
kindlicher Freude mit Übermut in die Regel hineinspringt um sich selber süß
und edler zu vernehmen Und diese Wasser Bildsäulen Vögel Scherz und Ernst
Schauer und sanfte Wollust in diesen krausen Gebüschen zwischen Myrten und
Lorbeer und den finsteren Zypressen die ausgebreitete Pinie dort das Rieseln
Flüstern in den Wipfeln mit Duft und Echo gemischt diese fast menschlichen
Töne der Vogelgesang dort das Gebirge über uns des Himmels lichte Bläue das
süße Spiel der Lichter der dunkelnde Schatten braucht der Mensch in diesem
Traum der Wollust noch jenen Jupiter um seine Göttersäle zu beneiden«
»Schön« sagte die Mutter »sieh mein Kind da hast du einmal einen Gegner
gefunden der dir deinen Eigensinn brechen könnte wenn es ihm wichtig genug
wäre dich in die Lehre zu nehmen«
»Kann sein« sagte Vittoria »dass dasjenige was ich Natur Schönheit und
Freiheit nennen möchte doch wieder ein zu enger Begriff ist der wohl wieder
zur Gebundenheit und Unfreiheit führen könnte Und doch mag ich mein Wesen nicht
willkürlich erziehn ich muss erst das selbst in mir erleben was eben jetzt der
werte Fremde ausgesprochen hat es ist mir unmöglich nachzusprechen was ich
nicht selbst einsehe oder künstliche Wege zu suchen um mein nächstes Gefühl
gegen meine Natur mir zu erziehn Auch bei Büchern und Gedichten habe ich es nie
vermocht und ich will lieber für mich selbst irregehn als nachfühlend und
sprechend mit einem andern recht haben«
Doch meinte der Fremde müsse man sich vielleicht in Schriften und
Gedichten nach andern und jenen Regeln fügen die sich schon seit alten Zeiten
als Kritik geltend gemacht hätten
»So widersprecht Ihr Euch aber selber« rief Vittoria aus Sie hätten wohl
länger gestritten wenn nicht eine merkwürdige Erscheinung die sich jetzt in
der Nähe zeigte ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte Ein alte Frau
trat in Begleitung eines jungen sehr reich gekleideten Mannes aus dem nahen
Gebüsch Sie war groß und stark von männlichem Ausdruck und bräunlicher Farbe
an Kinn und Oberlippe zeigte sich selbst ein leichtes Bärtchen Alle verbeugten
sich ehrerbietig standen still und ließ die beiden Gestalten vorübergehen
die sich dem Schloss zuwendeten Als sie enfernt genug waren fragte der
Fremde »Wer war diese Dame die fast das Ansehen eines starken ältlichen Mannes
hatte« »Die jetzige Besitzerin dieser Villa« nahm Kaporale das Wort »jene
weltberühmte Margarete von Parma die Tochter des großen Kaisers des fünften
Karl«
»Ist es möglich« rief der Fremde aus und schlug die Hände ineinander »dass
ich gerade hier eines solchen Anblicks gewürdigt werden soll Dieses Denkmal
alter Begebenheiten dieses große Monument mächtiger Zeiten dieser freie große
Charakter unsrer Geschichte ist an mir vorübergegangen wie ein Bild des Phidias
oder Lysippus Aus dem Traum der Poesie und Kunst halb erwacht stehe ich
plötzlich in der Wundersage der Historie und es fehlt mir an einem Maßstabe
mich gleich wieder zurechtzufinden Sie die Arme die aus Politik fast noch
ein Kind einem grausamen wilden Medicäer dem Herzog von Florenz Alexander
vermählt ward die dann seine Ermordung erleben musste volle vierzig Jahr sind
es jetzt die nachher wieder verheiratet wurde dann vom Bruder als Regentin
nach den Niederlanden geschickt ward wo sie sich als wahre Königin klug stark
und groß zeigte in der schwierigsten Lage ein echtes edles Gegenbild jener
großen Elisabet von England bis sie falscher Politik der Kabale und dem
blutdürstigen Herzog Alba weichen musste Was hat sie alles gesehen erlebt und
erfahren Wie müssen ihr die Welt und deren Fürsten die Widersprüche die
Schwächen der Menschen Unglück und Glück erscheinen«
»Ja wohl« antwortete Donna Julia »nun bewohnt sie seit einiger Zeit diese
Villa wird aber wie sie mir neulich sagte vielleicht noch in diesem Jahr zu
ihren Schlössern in den Abruzzen und dem Neapolitanischen reisen Sie schien
heut sehr im Gespräch vertieft da sie uns außerdem wohl angeredet hätte denn
sie zeigte sich immer meiner Familie vorzüglich meiner Tochter sehr gnädig und
huldreich«
»Sie ist eine einzige Frau« rief jetzt Kaporale »wenigstens habe ich noch
nie eine ähnliche gekannt oder von ihr gehört Glaubt ihr wohl dass sie noch
jetzt auf der Jagd so alt sie ist die rüstigsten Weidmänner müde macht Sie
tummelt sich auf jedem Rosse und scheut sich auch vor dem wildesten nicht sie
reitet und jagt allen Stallmeistern voraus kurz sie ist eine echte Virago in
der edelsten Bedeutung dieses Wortes«
Jetzt eilte der junge Mann der mit der Fürstin vorher gesprochen hatte auf
die Gesellschaft zu und bat den alten Dichter Kaporale ihn der Familie
vorzustellen der er schon seinen Besuch zugedacht hatte Kaporale sagte »Nehmt
meinen jungen trefflichen Freund wohlwollend auf verehrte Damen den Grafen
Pepoli aus Bologna«
»Wir haben von Euch und Eurer edlen Wohltätigkeit gehört« sagte die Mutter
»kein Bolognese kommt zu uns der nicht Euren Ruhm singt«
Der Graf verbeugte sich zierlich und erwiderte mit einer andern diese
Artigkeit Sie gingen hierauf nach Hause und alle setzten sich zu einem
einfachen Mittagsmahle nieder Es gibt Charaktere die wenn sie auch nicht
einen starken oder ausgezeichneten Geist besitzen doch durch unverkennbares
Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit sowie durch feines Betragen alle Herzen
gewinnen Zu diesen gehörte der Graf Auch war man bald mit ihm vertraut als
wenn er schon lange zur Familie gehört hätte Er bildete einen angenehmen
Kontrast gegen den zweiten Fremden der viel edler aber nicht so vornehm
erschien das freie leichte Betragen des Grafen war so dass man fühlte er habe
sich von Jugend auf in den glänzendsten Kreisen bewegt dass er zum Edelmanne
erzogen sei und den großer angeerbter Reichtum von den frühesten Jahren nicht
nur über jede Not sondern selbst Unbequemlichkeit des Lebens hinweggehoben
hatte Der andere Gast dessen lebhaftes Auge so geistreich glänzte dessen
Lippe so fein zu lächeln verstand glich doch mehr einem Gelehrten ob man
gleich keinen Professor einer Universität und noch weniger einen Geistlichen in
ihm erkennen mochte
Nach Tisch begaben sich alle in einen kleinen Gartensaal wo man sich an der
Frische und der Aussicht in die schöne Landschaft erfreute »Hier in diesem
lieblichen Aufenthalt« rief Kaporale »sollten wir wie es jetzt allenthalben
geschieht eine kleine poetische Akademie formieren und über ein gegebenes
Thema improvisieren oder sollte die Deklamation zu unbequem fallen so entwerfe
man schnell aus dem Stegreif auf diesen Blättern hier ein kleines Gedicht oder
auch ein größeres wie es nun gerade die Muse begehrt«
Die Mutter entschuldigte sich und ging um notwendige Geschäfte zu besorgen
und Flaminio begleitete sie um ihr hilfreich zu sein Die übrigen setzten sich
um den runden Tisch und Kaporale sagte das Thema sei die Gewalt der Liebe
Alle dichteten und nach einer stillen Pause als alle ihre Blätter
beschrieben hatten sagte Cesare »Ich bin kein Dichter sondern nur ein
Spassmacher und so spricht es auch dies Sonett aus« Er las es es enthielt eine
Entschuldigung er habe immer nur der Parodie gehuldigt und seine Eitelkeit
bestehe darin dass man seine Gedichte nicht unzüchtig nennen könne wenn er auch
in Spaß und Witz einen Berni oder andre berühmte Poeten niemals erreichen
könne
Der Graf Pepoli sagte »Wer ist jetzt in Italien wohl nicht ein Dichter Es
gehört zur Erziehung eines jeden Gebildeten Verse machen zu können und wir
haben den großen Vorteil dass unsre schöne fein ausgebildete Sprache schon
selber für uns dichtet Ohne nachahmen zu wollen wiederholt der Dilettant
selbst ohne es zu wissen das schon oft Gesagte« Seine fein gewendeten
Stanzen erzählten in zartem Bilde von dem unerwarteten Glück in so ausgewählter
Gesellschaft auf wenige Minuten den Dichter spielen zu dürfen
Der Fremde las ein Sonett dass die nahe begeisternde Schönheit der edelsten
Jungfrau die Mutter derselben die große Fürstin deren Anblick er gewürdigt
worden ein Garten zur himmlischen Wollust und Traumseligkeit erschaffen alles
dies ihn zwinge die höchsten Töne der Poesie anzuschlagen aber die Muse
schüttle das Haupt und lege den schönen Finger auf die Lippen ihm zuflüsternd
»Eben weil du zu glücklich bist und zu selig im Genuss kannst du in diesem
Augenblick nicht dichten lebe und sei zufrieden Schmerzen und Poesie werden
schon zu dir zurückkommen«
Vittoria sah den Fremden verwundert an und dann sinnend vor sich nieder
denn dieses Sonett schien ihr vortrefflich und von einem echten Dichter
herzurühren Dann sagte sie mit großer Lebhaftigkeit »Die Herrn alle selbst
unser Vorstand haben in ihren Versen das aufgegebene Thema nicht einmal erwähnt
viel weniger durchgeführt alle verbeugen sich mit der höflichen Entschuldigung
nicht dichten zu können und ich Ärmste habe mich wie wir unterdrückte Weiber
immer müssen geschmiegt und im Gehorchen ein schlechtes und langes Gedicht
geschrieben« Sie las eine Kanzone deren Inhalt ungefähr dieser war
»Gewalt der Liebe«
»Alles so sagen die Dichter und viele andre Sterbliche wird von der Liebe
regiert Ich zu jung um sie zu kennen zu schüchtern um sie herauszufordern
wie soll ich sie besingen Wohl sind mir viele der Hymnen bekannt die ihre
Gottheit verherrlichen sollen aber auch andere dityrambische Gesänge in
welchen Venus und Amor nicht minder kräftig geschmäht und gelästert werden Da
erscheinen alte Fabeln und große historische Sagen vor meinem Blick Das
mächtige Kind der Tauben die hohe Semiramis fand sich plötzlich als Königin
von Babylon Eine große und schöne Stadt doch zu klein und unbedeutend für ihre
schaffende Phantasie Ihre ganze Seele ward trunken als sie den großen Schatz
des Goldes, die unermesslichen Reichtümer in ihren Kammern entdeckte Künstler
Staatsmänner Diener und Bürger Maurer Steinmetzen und Handlanger kamen nun
ihren königlichen Träumen willig entgegen
So erhob sich aus diesen Kammern und ihrem Geiste dies Babylon das Wunder
der Welt Wie aber wenn ein andrer Geist vielleicht ebenso stark und kühn
diese Paläste Türme hängenden Gärten und ewige Mauern aufführen wollte und
fände nur ein kleines kleines Kapital in seinem Vermögen Ein lächerliches
Unding würde entstehen ein armseliger verächtlicher Versuch vor jedermann zum
Spott oder zum Mitleid den Bauenden hinstellend So vergleiche ich dem
großen mächtigen Willen dieser schaffenden Phantasie die Liebe und der
Gegenstand, auf den diese Liebe sich wirft sind ein seltener Fall die
unerschöpflichen Goldkammern der Semiramis oder das armselige Vermögen aus
welchem sich mit Sicherheit und als vollendet nur eine Hütte zusammenflicken
lässt Lass ruhen das Bauen und entsage der Liebe wenn der Geist, den du lieben
und anbeten ihm gehören möchtest nicht in seinen Tiefen die göttlichen Kräfte
aufbewahrt durch die allein die Liebe ihre Würdigung finden kann Darum bleibe
mir fern holdselige Venus mit deinen Gaben denn nur im Fabelreiche wohnt der
Held dessen Seele mir als Goldstrom jener Taubentochter entgegenleuchten
könnte um die himmelhohen Türme Paläste und schwebenden Gärten meiner
Phantasie aufzubauen«
Der Fremde neigte sich bewundernd und küsste die schöne Hand der Dichterin der
Graf sagte in feinen Worten eine zierliche Schmeichelei und Kaporale rief ein
herzhaftes »Brava Nun« fuhr er fort »teilt uns nach Versprechen noch ein
Fragment einige Verse aus Eurem größeren Gedichte mit an dem Ihr arbeitet
mein verehrter Freund«
Der Fremde nahm einige zierlich geschriebene Blätter aus seinem Mantel
indem er sagte »Ich will Euch eine Episode des Werkes vorlesen und mir über
diese Euer freimütiges Urteil erbitten da viele Verständige sie schon
bekrittelt oder selbst völlig verworfen haben«
Er fing an zu lesen von Erminien und ihrer Liebe als Vittoria ahnungsvoll
rief »Und der Name Eures Werkes«
»Das befreite Jerusalem« sagte der Fremde wie beschämt und etwas errötend
»Oh um Gottes willen« sagte Vittoria laut schreiend »so seid Ihr ja
jener Torquato Tasso von dessen Gedicht schon ganz Italien spricht der schon
vor vielen Jahren uns den herrlichen Rinaldo gab von dem der himmlische Aminta
herrührt von welchem uns der tückische Kaporale einzelne Stellen wie die über
das goldene Zeitalter mitgeteilt hat Ha Bösewicht« so wendete sie sich an
diesen »also so boshaft könnt Ihr sein den großen Dichter so zu
verschweigen«
»Es geschah in guter Absicht« sagte der Alte lächelnd »Wusstet Ihr wer
Euer Gast war so hieltet Ihr gewiss mit Eurem Wesen an Euch denn das liegt
einmal in unsrer Natur dass wir es einem Fürsten oder großen Manne durchaus
recht machen und keine Blöße geben wollen keinen Widerspruch versuchen Wusstet
Ihr wer dieser Unbekannte war hättet Ihr Euch gewiss nicht mit ihm gezankt So
aber seid Ihr nun wie alte Bekannte und ich bin mit mir zufrieden dass ich es
durchgesetzt habe denn er wollte erst gar nicht einwilligen weil er meinte es
setze Eitelkeit und Stolz voraus so inkognito in eine liebe Familie
einzutreten«
»Niederknieen müsste man« rief das lebhafte Mädchen wieder »so ist es
ziemlich wenn eine Gottheit den Sterblichen würdigt seine niedere Hütte zu
besuchen«
Sie erhob sich und eilte in heftiger Bewegung zur Tür »Wie könnt ich es
verantworten« sagte sie eilig »wenn ich nicht meine Mutter und den Bruder
davon benachrichtigte welchen Gast wir heute bewirtet haben«
Als die Männer allein waren sprach Graf Pepoli mit großem Verstande zu
Tasso über das Glück ihn persönlich kennengelernt zu haben Tasso war
aufgeregt und konnte mit den Lobsprüchen die der gebildete Mann ihm mit der
größten Überzeugung und Aufrichtigkeit spendete wohl zufrieden sein Die Mutter
und Flaminio erschienen und der Gast sah sich von so vielfältiger Verehrung
und Freundschaft angeregt um so mehr veranlasst jene berühmte und schöne Stelle
seines Gedichtes die damals von so vielen anmasslichen Kennern und Kritikern
verworfen wurde mit Freude und Genugtuung vorzutragen
»Wie trocken und nüchtern« sagte die begeisterte Vittoria am Schluße »muss
die Seele dessen sein der die Schönheit dieser Dichtung nicht empfindet O
teurer einziger Mann ich hoffe wenn Ihr nur irgend in Rom verweilt dass wir
uns noch wiedersehen aber für jetzt schlagt mir meine Bitte nicht ab dass ich
die Hand die so schöne so himmlische Worte niederschrieb in innigster
Verehrung an meine Lippen drücken darf«
Tasso erhob sich und sagte »Beschämt mich nicht so sehr schöne Jungfrau
Aber der Dichter dürfte vielleicht vor allen andern sterblichen Menschen ein
andres Anrecht in Anspruch nehmen welches ihm die Musen verliehen haben Lasst
mich in Gegenwart Eurer verehrten Mutter zum ewigen Angedenken dieser schönen
Stunde einen Kuss von diesen schönen Lippen pflücken«
Die beiden dichtenden schönen Wesen umarmten und küssten sich innig und es
blieb in diesem poetischen Taumel nicht bei dem einen erbetenen Kusse da
Tasso fühlte dass sie seine begeisterte Berührung mit den süßen vollen Lippen
erwiderte
Als man Abschied nahm sagte der Graf »Ich würde um die Erlaubnis
nachsuchen morgen meinen Besuch wiederholen zu dürfen wenn mich nicht teure
Verpflichtungen nach Rom hinzwängen Ein Verwandter von mir ein ferner Vetter
aber ein reicher Mann ist von den Banditen aus Subiaco dort im Gebirge
fortgeraubt worden und die Räuber verlangen für ihn ein unermessliches Lösegeld
Das schlimmste aber ist dass keiner weiß wohin sie den Armen geschleppt haben
Nun sind viele eingefangen und nach Rom gebracht worden und von diesen ist mir
einer bezeichnet der vielleicht die Kunde die genaueste von jenem Vorfall
haben mag«
Die Fremden beurlaubten sich und Flaminio geleitete sie um dem großen
Tasso den er innigst verehrte noch einige Zeit näher zu bleiben
»Wir reisen morgen auch nach Rom« sagte die Mutter plötzlich zur Tochter
»Himmel« rief Vittoria »wie erschreckst du mich Mutter Ich hoffte wir
würden die Villagiettura noch recht fröhlich hier fortsetzen da jetzt erst so
manche unsrer Freunde herausziehn werden denn der Herbst hat ja erst
angefangen«
»Es muss sein« sagte die Matrone
»O Mutter« klagte die Tochter »ich kann es dir nicht aussprechen wie
schrecklich und gespenstisch mir diesmal die Stadt vorkommt Dies große ewige
Rom um das uns so viele Fremde beneiden und den Aufenthalt dort als einen
glückseligen preisen o wie greulich furchterfüllt entsetzlich erscheinen mir
diesmal seine Straßen und Plätze Ich habe eine Vorempfindung als wenn mir dort
das allergrösste Unglück meines Lebens begegnen als wenn ich dort untergehen
müsse O lass uns noch verweilen Warum diese Hast«
»Warum« rief die geängstete Mutter »weil ich Kinder habe die mein Stolz
und meine Freude sein sollten und die mir zur Höllenqual werden So wisse denn
Unglückselige dass sie unsern Marcello zum zweitenmal eingefangen haben in dem
Briefe den ich heute erhielt spricht man von Hinrichtung wenigstens von der
Galeere Er hat sich wieder bei den Banditen betreffen lassen Ich muss nach Rom
unser Schützer der Kardinal Farnese muss sich unserer annehmen sonst sind wir
verloren«
»Um Gottes willen« sagte Vittoria in Tränen » dieser unglückliche Bruder
diese seine Unruhe und Wildheit die er für Kraft und Tugend hält Aber
Liebste o du meine einzige Freundin schütze mich nur dort vor allen den rohen
unbändigen Gesellen die mich zu lieben vorgeben die meine Freier vorstellen
wollen O dieser abscheuliche Luigi Orsini dieser entsetzliche Mensch so im
Wesen wie ich mir den Herzog Alexander Medici von Florenz oder gar den
verruchten Cesar Borgia denke nur vor diesem und andern seines Gelichters
beschütze mich sonst wäre mir ja wahrlich besser gewesen dort im Wassersturz
unterzusinken«
»Darüber beruhige dich meine Tochter« tröstete die Mutter » dieser
Orsini dieser Ludwig soll nicht über unsre Schwelle schreiten«
»Gib mir noch ein Versprechen« rief Vittoria
»Nun«
»Dass du deine Einwilligung gibst dass ich mich gar nicht zu vermählen
brauche Ich hasse ich verachte die Männer Ich könnte eher einen vergiften
als mich ihm unterwerfen Dies scheint mir das ärgste schändlichste aller
Verbrechen Nein Mutter zwinge mein Gemüt nicht dass es sich empört und sich
lieber in alle Greuel taucht die Namen haben als dass es sich der Gemeinheit
ergibt die so viele jämmerliche Menschen Tugend und Notwendigkeit nennen«
»Tochter Tochter« sagte Julia geängstigt »vielleicht empfinde ich in
Zukunft um dich noch mehr Angst als mir jetzt der unglückliche Marcello macht
O Gott Was ist das Leben Rüste dich zur Reise«
Als sich Vittoria allein sah blickte sie zum Abendhimmel empor Der
Mondschein zeigte ihr die Berge sie hörte in der Stille der Nacht den
Wasserfall brausen »Lebt wohl« rief sie »alle ihr geliebten teuren Wiesen
und Bäume hab ich nicht heut gesehen dass dieser göttliche Tasso auch nur ein
Mann ein schwacher Mann war Nicht stärker als Kamillo Wo find ich ein
Wesen das ich ehren und lieben könnte Gut denn der Tiberstrom wird immer
noch ebenso tief sein wie der Teverone wenn man frei sein will wahrhaft
will so gibt es kein Schicksal das uns Ketten anlegen könnte«
Zweites Buch
Erstes Kapitel
Als die Familie in Rom angekommen war richtete sie sich in ihrer einfachen
Wohnung wieder auf die frühere Weise ein Es fehlte nicht an Besuchen als die
Römer erfahren hatten dass alle aus Tivoli zurückgekehrt seien Die Mutter
suchte sogleich ihre mächtigen Beschützer in Anspruch zu nehmen um ihren
unglücklichen Sohn von der Schande oder einem noch härteren Lose zu befreien
Sie fand aber jetzt mehr Schwierigkeiten als sie sich dort in ihrer ländlichen
Einsamkeit hatte vorbilden können denn fast alle Parteien waren einstimmig der
Meinung die Gerichte wären bis jetzt zu nachgiebig gewesen und es sei zum Wohl
des Ganzen notwendig dem Volke wie den Räubern ein auffallendes und
abschreckendes Beispiel zu geben Am schwierigsten zeigte sich was die Mutter
am wenigsten vermutet hatte der mächtige Kardinal Farnese der vieljährige
Freund und Beschützer der Familie Die Fürstin Margareta von Parma hatte sich
auf dringendes Ansuchen des Grafen Pepoli persönlich an den Kardinal gewendet
ihr und der guten Sache in diesem schändlichen Handel beizustehn und wenigstens
den Anstalten welche die Regierung für notwendig halten würde nichts in den
Weg zu legen Farnese war so aufrichtig und mitteilend dass er der Matrone
selbst den Brief der Fürstin zu lesen übergab »Die letzte Äußerung werte
Freundin« sagte er dann lächelnd »werdet Ihr ebensogut begreifen als ich
selber Wie vielen Verdruss haben mir meine Feinde vorzüglich die Partei der
Medicäer erregt weil sie mich mehr als einmal beschuldiget haben dass ich mit
verschiedenen Anführern der Banden in Verbindung stände um meinen Gegnern
Schaden zuzufügen Meinen großen Prozess wegen der abgeschickten Banditen die
mich draußen in meiner Villa von Kaprarola auf Anstiften dieser Partei und des
Grossherzogs hatten ermorden wollen kennt Ihr ja Ihr werdet Euch auch des
traurigen Ausganges dieses Handels erinnern der mir meinem Ruf und Ansehen so
nachteilig wurde weil geschickte und verschmitzte Advokaten die Sache so zu
drehen wussten dass viele einzusehn glaubten von mir selbst rühre dies Komplott
her ich habe die Bösewichter angestiftet um dem Grossherzog und dem Hause der
Medici einen empfindlichen Schlag beizubringen Nun hat jetzt der Kardinal
Ferdinand der Bruder des Fürsten mehr Einfluss gewonnen als je er hat sich mit
dem frommen Karl Borromeo verbunden und diesen beiden die den Ruf großer
Tugend sich verschafft haben folgen viele andre die auch für rechtlich gelten
möchten Alle diese haben sich gleichsam das Wort gegeben mir gemeinsam
entgegenzuhandeln Der alte gebrechliche Montalto hat sich ebenfalls ihnen
beigesellt der Schleichende der wenn er auch nicht nutzen kann doch wohl zu
schaden vermag Der Heilige Vater selbst ist froh wenn er von allen diesen
Geschichten nichts vernimmt um seinen Studien der Angelegenheit der Religion
und seinem geliebten Sohn dem General und Gubernator von Rom zu leben Beim
Papst vermag ich in dieser Zeit wenigstens vollends nichts auszurichten weil
er mit der größten Eifersucht in mir seinen etwanigen Nachfolger zu sehen wähnt
und fürchtet dass ich nach seinem Tode seiner Familie allen möglichen Schaden
zufügen möchte Seht so sehr hat es mir geschadet dass man mich seit Jahren den
Mächtigen den Einflussreichsten ja den Despoten genannt hat der das Kollegium
der Kardinäle eigensinnig beherrscht Geschadet hat es mir dass ich beim letzten
Konklave so viele Stimmen für mich hatte Also beruhigt Euch ich will
überlegen wie man der bösen Sache auf irgendeinem Wege beikommen kann Aber
warum setzt uns auch Euer Sohn in diese Verlegenheit Es ist zu verdrießlich
wegen eines Verbrechers der nicht zu den großen Häusern gehört Autorität und
Macht auf das Spiel zu setzen Weint nicht geehrte Frau so viel werden wir
vermögen und dahin will ich viele meiner Kreaturen stimmen den Prozess in die
Länge zu ziehen dass es nicht so bald zum Spruch und zur Entscheidung kommt und
Ihr wisst wohl in manchen Fällen heißt es mit Recht Zeit gewonnen alles
gewonnen Indessen kann in einem oder zwei Monaten sich vieles ändern und stehe
ich einmal auf einem andern Platze so können alle meine Freunde zu denen Ihr
gehört meines Schutzes gewiss sein«
Donna Julia fühlte wohl wieviel sie selber beim Kardinal durch die
schlechte Aufführung ihres Sohnes verloren hatte Sie sah ein dass der mächtige
Mann nicht eines ganz unbedeutenden jungen Menschen wegen etwas Auffallendes
tun oder sein Ansehen für seine Rettung wagen könne Farnese konnte also nur
noch handeln als persönlicher Freund des Hauses und insofern konnte sie noch
auf Wohlwollen Unterstützung aber nicht auf das Einwirken des Kardinals
rechnen
Als dieser ihre tiefe Bekümmernis sah fasste er ihre Hand und sagte
freundlich »Mir fällt etwas ein geht doch einmal zum Überflusse zum
Montalto der Alte setzt etwas darein für hilfreich zu gelten er bekehrt gern
die Sünder und tröstet die Leidenden er kann vielleicht den Medicäer und
dieser den Borromeo und den Gouverneur zu Eurem Besten stimmen so dass die
Richter nachher durch die Finger sehen oder im äußersten Fall den Delinquenten
entspringen lassen«
Mit so geringen Hoffnungen musste die Donna den Palast verlassen und sie
überlegte unterwegs wer von ihren Bekannten wohl am fähigsten sei sie auf eine
würdige Art beim Kardinal Montalto einzuführen dessen Bekanntschaft sie noch
nie gemacht den sie in keiner Gesellschaft sah weil er sehr zurückgezogen
lebte sich nur den geistlichen Pflichten widmete und seiner Kränklichkeit
wegen die Mussestunden in seinem Garten zubrachte
Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht war dann in
der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun von ihrer Amme und dem alten
Diener begleitet nach ihrem Hause zurück Als sie sich von dem Tempel nach der
nächsten Straße wendete kam ihr ein Zug von geputzten jungen Leuten entgegen
In ihrer Mitte wandelte mit leichtsinnigem Ausdruck ein Jüngling von mittlerer
Größe schlank aber schwach gebaut mit ganz hellblondem Haar das er nur wenig
gekräuselt auf den Schultern schweben ließ sein Auge war blau und der Ausdruck
seines Gesichtes kein bedeutender Vittoria war im Begriff ihn anzurufen so
ähnlich erschien er dem wohlbekannten Kamillo doch noch einen Schritt näher
und sie sah wie sehr sie sich getäuscht hatte denn in diesem Jüngling war
keine Spur jener bäurischen Treuherzigkeit die ihr an ihrem Jugendgespielen
immer so wohl gefallen hatte und sie erschrak fast als sich in diesem
Augenblick sein schwebendes unbedeutendes Lächeln in einen Ausdruck von rohem
Trotz und Gemeinheit verwandelte denn er zankte plötzlich mit einem seiner
Begleiter und drohte diesem einem großen starken Menschen sogar mit der Faust
Vittoria war getröstet und beruhigt als sich unerwartet der alte Hausfreund
Kaporale zu ihr gesellte Indem beide nach der Wohnung der Accoromboni gingen
fragte sie »Wer ist dieser junge Bursche der sich so seltsam gebärdet Er
scheint eins von jenen verzogenen adligen Muttersöhnchen die sich durch
Erbärmlichkeiten wichtig machen wollen Solche alberne Kreaturen fangen oft aus
leerem langweiligen Mutwillen Händel an die zu Unglück und Verderben
ausschlagen«
»So ist dieser nicht« antwortete Don Cesare »er ist das friedfertigste
Gemüt auf Erden und meint nur als römischer Neuling er müsse sich doch vor
jenen jugendlichen Schmeichlern und Dienern durch Mienen lebhaftes Gespräch
scheinbaren Eigensinn und nicht ernstgemeinten Zank ein Ansehen geben am
eifrigsten so bemüht wenn Fremde ihn beobachten oder gar eine Dame ihn ihrer
Aufmerksamkeit würdiget Und so war es nur ein kleines improvisiertes
Schauspiel was er Eurer schönen Gegenwart als Huldigung darbot«
Vittoria lachte und der Dichter fuhr fort »Dieses Bürschchen ist der
Abkömmling von armen Bauersleuten sein Oheim hat ihn unterhalten und ihn in
einem ganz kleinen Städtchen die Schule besuchen lassen dann haben ihn Mönche
in die Zucht genommen und unterrichtet und endlich da er ganz erwachsen ist
hat ihn derselbe Oheim nach Rom kommen lassen um zu sehen was aus ihm zu machen
wäre Dieser Vormund ist nämlich kein anderer als der alte hinfällige Kardinal
Montalto der vor seinem Ende diesen Neffen wenigstens noch anständig versorgt
sehen möchte Er wollte ihn zum Geistlichen machen weil er da ihm Reichtum und
liegende Besitztümer fehlen ihn in der Kirche am leichtesten emporbringen
konnte Davon will aber der schwache Mensch in dem Punkte eigensinnig nichts
wissen und Ihr habt selbst gesehen wie wenig er zum Priester geeignet ist«
Indem entstand hinter ihnen ein großes Geschrei und sowie sich Kaporale
umwendete stürzte ihm zu seiner großen Verwunderung derselbe Jüngling von
welchem sie eben gesprochen hatten leichenblass und mit allem Ausdruck der Angst
an die Brust indem er laut schrie »Er kommt er kommt« Vittoria blickte um
und zog mit ruhiger Bewegung den Dichter noch zur rechten Zeit auf die Seite
welchem der junge Bursche mechanisch folgte der sich noch immer mit dem Alten
fest umarmt hielt Einer von den Stieren die frei an langen nachschleppenden
Seilen in Rom von mehreren Reitern die im Trabe oder Galopp nebenbei rennen
eingeführt werden war seinen Aufsehern entsprungen und rannte nun die Gassen
hinab Schlächter Jungen und Alte hinterdrein die Menschen die entgegenkamen
zur Seite springend um nicht beschädigt zu werden
»Die Gefahr ist vorüber mein Herr Peretti« sagte der Dichter »fasst Euch
Ihr zittert und seid fast ohnmächtig«
»Wir sind unserer Wohnung ganz nahe« sagte Vittoria »tretet zu uns ein und
erquickt und erfrischt Euch«
»Sehr gnädig Signora« sagte der Jüngling »es ist aber schändlich wie
meine Freunde und Begleiter entflohen sind und mich im Stich gelassen haben«
Sie traten in den frischen kühlen Saal und die Magd flüsterte ihrer
Herrschaft zu »Es ist schon einer drinnen der gnädige Herr die Exzellenz der
mächtige Don Ludovico Orsini«
Vittoria erblasste und sagte nur leise vor sich hin »Dies Untier ist
gefährlicher als jenes« Ein großer kräftiger junger Mann trat ihnen jetzt mit
dem Ausdruck eines frechen Übermutes entgegen Er begrüßte die übrigen nur ganz
leicht indem ein verachtender Blick schnell über den jungen Peretti
hinstreifte und als der Diener Stühle gesetzt hatte wendete er sich stark
betonend mit den Worten zu Vittoria »Ihr werdet meinen Brief erhalten haben«
»Ja« erwiderte diese nicht ohne Verlegenheit
»Und« fragte der Graf fast in schreiendem Ton
»Wie kann ich Euch antworten Was Euch sagen« sprach Vittoria »Ihr kennt
meine Gesinnungen an jenem Abende ehe wir nach Tivoli gingen habe ich Ihr
müsst es Euch erinnern meine Überzeugung erklärt Warum soll ich noch öfter
wiederholen was mir peinlich ist auszusprechen«
»Ha ha ha seltsam genug« rief der Graf mit schallendem Gelächter »ich
aus einem der ältesten Häuser reich von Einfluss ich vor dem Hunderte zittern
biete einer unbedeutenden Bürgerin meine Hand und mit dieser mein Vermögen und
meinen Rang und sie kann mir nichts dagegen schenken als ein artiges Lärvchen
einen schlanken Wuchs und weiße Gliedmaßen bin ich denn rasend da ich in den
Familien der Herzöge und Fürsten nur wählen darf«
»So wählet doch« rief Vittoria die jetzt ihren Stolz und Mut
wiedergefunden hatte »wer zwingt Euch ein armes unbedeutendes Bürgermädchen
zu belästigen Ich werde es für Gnade von Euch und wahren Gewinn achten wenn
ich Euer Antlitz niemals wiedersehe«
»So« rief der rohe Mensch im höchsten Zorn »es kann sich aber doch fügen
dass ich Euch noch zu meinen Füßen knieend im Staube sehe um Euren verehrten
Bruder vom Galgen loszubitten«
»Das ist zu viel« schrie Vittoria ganz außer sich »Elender entferne dich
gleich gleich jetzt in diesem Augenblick So ein Armseliger Verächtlicher
will vorgeben sich herausnehmen sich so stolz dünken mich lieben zu dürfen
Er für den jede Dorfmagd noch zu gut ist er den ich so tief verachte dass der
Galeerensklave in meinen Augen höher steht«
Orsini sprang auf und man konnte fürchten dass der freche Mensch etwas
Schreckliches unternehmen könne Kaporale eilte ihm entgegen und hielt ihn
gewaltsam zurück Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung wendete sich der
Graf um und betrachtete stillschweigend den alten Mann »Elender Versedreher«
sagte er dann »Ihr wagt es mich körperlich anzugreifen«
»O ja« rief dieser erzürnt »solange ich Hand oder Fuß rühren kann werde
ich als Mann auch mit meinem Blut eine Dame meine Freundin gegen
Gewalttätigkeiten schützen«
»Sklave« rief der Graf und machte sich aus der Umarmung Kaporales frei
»Herr Graf« erwiderte Kaporale ruhig »ich bin unabhängig frei man hat
mich gewürdiget mich in der Provinz zum Governatore zu ernennen«
»O ja« sagte jener »von ein paar armseligen Burgflecken Und wenn ich
zwanzig meiner Leute hinsende so brennen sie dem Herrn Gouverneur seine Wohnung
ab und schleppen ihn in Ketten und Banden auf mein Schloss Ihr seid mir aber zu
verächtlich um mit Euresgleichen Krieg zu führen Und Euch Accorombona lass
ich nicht und wenn Ihr mich noch schimpflicher behandelt Die Worte eines
Weibes verletzen nicht und der Teufel der mich in Glut für Euch entzündet hat
wird mir auch Mittel und Wege zeigen Euch zu besitzen So oder so müsst Ihr die
Meinige werden«
Er stürmte fort und rannte fast die Mutter um die ihm in der Tür
entgegentrat Vittoria warf sich laut schluchzend an den mütterlichen Busen
diese aber kam ihr auch mit Tränen entgegen Kaporale tröstete soviel er
vermochte doch wusste er für den Augenblick keinen Rat Jetzt empfahl sich der
junge Peretti den Frauen indem er höflich um die Gunst ersuchte seinen Besuch
wiederholen zu dürfen und die Bekanntschaft die unter so seltsamen Umständen
begonnen hatte fortzusetzen In der Tür sagte er halb für sich »Eine schlechte
Polizei in Rom die wilden Stiere stoßen die Menschen in den Straßen um und die
rasenden Grafen rennen in die Häuser hinein«
Zweites Kapitel
Graf Pepoli war für seinen Verwandten eifrig bemüht aber sosehr die Gerichte
den besten Willen zeigten so wenig war doch Aussicht dass ihm seine gute
Absicht gelingen würde Der reiche Signor Velluti war verschwunden und von
allen eingefangenen Banditen wollte kein einziger den Ort kennen wo man ihn
hingeschleppt oder wer ihn in Verwahrung habe Prozess und Verhöre gegen die
Verbrecher waren noch nicht weit gediehen und ein Advokat den der Graf schon
reichlich beschenkt hatte gab diesem zu verstehen es müsse irgendeine mächtige
unsichtbare Hand im Spiele sein die wie es schon öfter der Fall gewesen alles
verzögere um diesen oder jenen zu beschützen oder zu verhindern dass nicht
irgendein Vornehmer ebenfalls in den traurigen Handel verwickelt werde In den
Gefängnissen selbst die der Graf fleißig besuchte hörte er von einem
Verbrecher der schon früher eingefangen war und jetzt wegen anderer Frevel
sein Todesurteil empfangen habe dass dieser vielleicht imstande sei einige
Nachweisung zu geben Graf Pepoli ließ sich zu diesem verwilderten Mörder
hinführen der mit schweren Ketten an die Wand seines finsteren Kerkers
geschlossen war und den er als geöffnet wurde schreiend traf indem er eben
ein Gassenlied jubelnd absang
Als der Verruchte hörte von wem der Fremde zu ihm gewiesen sei rief er
»Ei lebt die alte ehrliche Haut noch und ist noch nicht gehängt Nun das
freut mich grüßt den Kumpan nachher von mir recht herzlich er wird es wohl
schon erfahren haben dass ich mich übermorgen auf die große Reise begebe Ja
ja mit mir ist es dermalen aus und ob man noch einmal von vorne anfangen kann
steht dahin Je nun ich bin seit lange darauf vorbereitet nach den Gesetzen
hätte ich schon zehnmal den Tod verdient Versteht mich was man so nach den
Gesetzen nennt die aber niemals ausgeübt werden als wenn unsereins keinem mehr
schaden oder nützen kann Ja ich habe und nicht bloß durch meine eigene
Schuld meine Beschützer verloren Ehemals war ich besoldet von recht frommen
tugendhaften Leuten auch großen und mächtigen die haben mir oft durchgeholfen
Ich war nur Dolch und Messer diese Reichen Verehrten denen jedermann mit
Respekt aus dem Wege ging waren die Hand Meinetalb ist doch die Welt einmal
so eingerichtet«
Als der Mörder das Gesuch des Grafen vernommen hatte dachte er ein Weilchen
nach dann sagte er »Kommt mir einmal ganz nahe werter Herr dass ich eure
Physiognomie betrachten kann denn es ist so verdammt finster hier und Ihr seht
wohl dass ich nicht zu Euch hinrutschen kann Ah ja Ihr seht recht ehrlich ja
sogar recht weichmütig aus es wird also wohl keine Finte sein um noch andere
gute Kameraden in das Elend zu bringen Wir hatten ehemals einen lieben
herrlichen Menschen unter uns Ascanio genannt ein sanfter Kerl der uns mit
seinen Predigten immerdar vom Morden abhalten wollte er war ein halber Pfaff
und dachte sich vielerlei Gutes bei den Worten Himmelreich Gewissen Religion
und dergleichen Schnurren die uns tätige Menschen nichts angehn Dieser Ascanio
war immer der Vertrauteste mit dem Oberhaupt jener Bande bei Subiaco dessen
Namen wir alle nicht wissen denn der närrische Ambrosio den hier die Richter
dafür halten ist nur so ein Beiläufer einer der das Mus einrühren hilft
selten aber etwas zu fressen kriegt Dieser Ascanio war immer wie unser
Staatsminister oder Geheimschreiber Der weiß was der Teufel selber nicht weiß
aber dabei ein Mensch wie ein Lamm Den guten Burschen haben sie jetzt in
Kastell Angelo eingesperrt unter dem Vorgeben er hätte falsche Münzen geprägt
und ausgegeben Ist es wahr so macht das dem pfiffigen Kerl alle Ehre nicht
wahr und er ist ja fast ein Genie wie unser Benvenuto Cellini Es kann aber
auch sein dass es nur ein Pfiff der Unsrigen ist dass sie ihn mit falschen
Aussagen dahin gebracht haben damit er in ihrem Banditenprozesse nicht mit
figurieren soll Seht mal guter Freund ich vertraue Euch das alles so
treuherzig an weil Ihr mir ehrlich ausseht Und Ihr mögt darüber denken wie
Ihr wollt in meiner langen Erfahrung habe ich immer die meiste Treue und
Ehrlichkeit unter Spitzbuben Dieben und Mördern angetroffen Es ist ja auch
ganz natürlich die tugendhaften Menschen in Eurer Welt leben von der Tugend
das ist ihr Gewerbe wie es aber irgend ihr Vorteil mit sich bringt dass sie mit
der Schelmerei mehr gewinnen können schrammen sie aus und spazieren nebenbei
Besonders wenn sie keine Entdeckung zu besorgen haben Dagegen wir armen
ehrlichen Schelme Das Regiment bei uns könnte ja keine vierundzwanzig Stunden
bestehn wenn wir nicht untereinander Treue und Glauben hielten Und welcher
Bischof Graf oder Kardinal würde uns denn jemals vertrauen wenn er uns für
ausschwatzendes Gesindel hielte Vor zehn Jahren etwa haben sie mich zweimal auf
die Folter geworfen aber der große Herr lebt noch in Ehren Glück und Würde so
wusste ich meine Zunge im Zaum zu halten Und wahrlich die Schmerzen die sie
mir künstlich antaten waren nicht klein Ich habe auch jetzt den großen Mann um
Hilfe angesprochen aber er lacht mich nur aus und mit Recht denn es ist zu
lange her die Sache ist vergessen keiner würde mir glauben ja kein Richter
und Advokat mich nur um das ganz verschollene Ding anhören wollen«
Der Graf ließ dem Unglückseligen ein Geschenk zurück damit er sich noch
einmal an Wein und einem Lieblingsgericht erheitern könne Als er sich in
Kastell Angelo beim Governadore wollte melden lassen vernahm er dass dieser in
einem wichtigen Geschäft über Land sei und erst morgen zur Stadt wiederkehre
Er nahm sich also vor seinen Abend bei einem Freunde zuzubringen um sich von
diesen traurigen Geschäften in einer edlen Gesellschaft wieder etwas zu erholen
Der Freund des Grafen ein angesehener Römer sah vorzüglich gern Gelehrte
und Dichter in seinem Hause Graf Pepoli sooft er nach Rom kam wohnte bei
diesem Gastfreunde der sein Verwandter war Als man sich im heitern Kreise
gegenseitig begrüßt hatte trat auch Kaporale herein und bald nach ihm der alte
Speron Sperone Dieser feierliche Mann welcher gern die jüngeren Leute
beherrschte erschien in einem langen dunkelfarbigen Talar weder die Tracht
eines Priesters Rechtsgelehrten noch Professors sondern ein Gewand das er
sich selbst ersonnen hatte und das vielleicht an die römische Toga erinnern
sollte doch hatte es Ärmel und war um die Hüften mit einem breiten Gurt
umschlossen Dieser Dichter für welchen er sich gerne gab war hoch und
schlank sein Gesicht hatte den Ausdruck des Feierlichen auch war seine Sprache
langsam und seine Rede gesucht
Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen angesehenen römischen Familien
Edelleuten die ihre Frauen und Töchter hergeführt hatten hauptsächlich in der
stillen Erwartung den berühmten Torquato Tasso kennenzulernen von dem man
wusste dass er sich seit einiger Zeit in Rom aufhalte Bald aber entstand eine
allgemeine Trauer als der Wirt erklärte der große Dichter habe zu ihm
gesendet und seine Abwesenheit entschuldigt indem er krank geworden sei
Einige junge schöne Damen äußerten laut ihr Missvergnügen und beklagten den
Armen der so oft an Unpässlichkeit litt und sich doch in seinen Arbeiten durch
die wiederkehrenden Leiden nicht stören ließ »Vielleicht« sagte eine junge
schöne Frau mit lachender Miene »kommt Tasso nicht weil er erfahren hat dass
er seinen großen Gegner den strengen Herrn Sperone hier antreffen würde«
»Gewiss nicht deshalb« sagte der ernste Mann »denn waren wir je entzweit
so haben wir uns jetzt wieder versöhnt und keiner ist so geneigt als ich den
Gaben dieses Jünglings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen Er hat mich weil
ich schon ein vertrauter Freund seines außerordentlichen Vaters war freiwillig
zum Kritiker seines großen Werkes ernannt und was kann ich dafür wenn meine
Überzeugung mich antreibt dem Vater den Preis des größeren Dichters
zuzuschreiben Und ist dies ihm eine Schande Darf es ihn wohl kränken«
»Der Ruhm bleibt wenigstens in der Familie« sagte Kaporale »und wenn unser
Bernard nur noch lebte so müsste er sich mit seinem Sohne in den genau
abgewogenen Preis teilen«
»Er ist ein Dichter« bemerkte eine der Damen »der die Sprache so in seiner
Gewalt hat wie vor ihm noch kein anderer daher sind seine Verse so süß und
musikalisch dass sie ein jedes Ohr entzücken«
Der alte Sperone schien über diesen Ausspruch empfindlich zu werden denn er
sagte mit etwas spitzigem Ton »Süss und lieblich ja aber die Männlichkeit
fehlt«
»Diese Schlachten« warf Kaporale ein »diese aufmunternden Reden der
Helden sind doch in heroischer kräftiger Tonweise Schade dass er das Gedicht
da es nun doch einmal fertig ist nicht sogleich drucken lässt damit sich ganz
Italien daran erfreuen könne«
»Im Gegenteil« rief Sperone »er kann nicht zu lange damit zögern damit
ein Werk das die jetzige Zeit überdauern soll die notwendige Vollendung
erreichen möge Er ist freilich empfindlich über diese Verzögerung und doch ist
er wieder seinen jüngeren und älteren Freunden dankbar wegen der Weisungen die
sie ihm zukommen lassen Nur tadelt freilich einer oft das was der andere lobt
mir scheint völlig überflüssig was ein jüngerer höchst notwendig findet Diese
Strophe will der eine ausmerzen und ein anderer durchaus beibehalten Das süße
Liebesgekose üppige ja unzüchtige Stellen sind dem Gutdenkenden in diesem
Gedichte das die Religion zum Gegenstande hat ein Greuel und ein junges
leichtsinniges Gemüt nennt diese sündlichen Ottaven die Licht und Glanzpunkte
des Werkes um welche es sich einzig und allein der Mühe lohne das weitläuftige
Gedicht zu lesen So verschieden ist der Sinn der Menschen und es wäre deshalb
besser gewesen einem einzigen klugen Manne die Revision unbedingt
anzuvertrauen«
Man stritt noch hin und her und als die entschiedenste der Damen zu
verstehen gab der bejahrte Kritiker möchte doch vielleicht zu einseitig
verfahren und manche Schönheit nach seinem System gewissermaßen vorsätzlich und
willkürlich verdammen sagte der Alte mit einiger Erbitterung »Mein Zwiespalt
mit dem jungen Tasso schreibt sich eigentlich gar nicht von der abweichenden
Ansicht seines Gedichtes her sondern er ist viel älter und aus einer ganz
andern Ursache entsprungen Als der Jüngling vor Jahren sich in den Dienst des
Herzogs von Ferrara begab war ich unter seinen Freunden der einzige der ihm
ernstaft von diesem Schritte abriet Er ist kein Hofmann man muss als solcher
geboren sein man muss nichts anders sein wollen nichts anders kennen und
achten als den Hof am wenigsten aber den Dichter dorthin mitnehmen wollen Er
konnte Professor in Padua oder an einer andern Universität werden er konnte ein
Staatsamt übernehmen und sich auf diesem Wege da er kein Vermögen ererbt hat
unabhängig machen Da lockte aber und blendete ihn der freundliche Herzog die
Prinzessinnen dessen Schwestern Lob und Bewunderung von allen Seiten Meine
Warnung schien ihm die törichte Rede eines Murrkopfs wohl gar eines Pedanten
der ihm seine glänzende Stellung beneidete So bin ich denn auch in seinem
Schäferspiel Aminta als verdrießlicher Mopsus aufgetreten im Gegensatze seines
vortrefflichen Pigna oder Elpino Meinetalb man kann nicht allen Menschen
gerecht und beifällig leben am wenigsten der Selbstständige dem es mit Leben
und Wissenschaft Ernst ist Was ist ein Dichter an dem Hof eines verwöhnten
selbstsüchtigen Fürsten Niemals wie der ebenbürtige Freund und Verwandte
keinesweges wie der nützliche und notwendige Rat und Staatsmann Anfangs
Günstling Vertrauter Liebling Gegenstand einer unverstandenen Bewunderung
späterhin der Gemisshandelte der die Launen seines eigensinnigen Beherrschers
ertragen muss Hat er sich berühmt gemacht so wollen nun andere Höfe Regenten
und Weiber ihn lieben bei sich sehen ihm geschehen Anerbietungen er fühlt sich
wieder geschmeichelt unterhandelt hinterrücks halb und halb die Aufpasser
verraten es seinem Herrn und dieser der sich für den Wohltäter ja den
Schöpfer des Armen hält ist erbost sieht in seinem vormaligen Liebling den
frevelnden Verbrecher und sinnt wie er sich an ihm rächen und ihn bestrafen
könne ohne sich der Welt und den Verleumderzungen zu sehr blosszugeben Wie sich
dieselben Fürsten in ihren Gärten eine Sammlung der wilden seltenen und
ausländischen Tiere halten die zuweilen wegen der Federn oder des wundersamen
Rüssels von ihnen und den Fremden in Augenschein genommen werden so steht ein
Poet an solchem Hofe in seinem kümmerlichen Futter Und dann wird noch von
Beschützung der Künste und Wissenschaften gesprochen und gesungen und Perikles
und Alexander oder Augustus angeführt zum Verdruss und Ärger eines denkenden
Mannes der diese Szenen kennt und öfter in seinem Leben gesehen hat«
»O Ihr böser zorniger Greis« rief Kaporale aus »wenn Ihr so traurige
Erfahrungen gemacht habt so seid Ihr doch nur halb im Recht denn Ihr vergesst
es ganz und gar auch das Gute eines solchen Verhältnisses herauszuheben«
»Das meiste« antwortete Sperone »sieht in der Welt so aus wie es der
Mensch sehen will Aber seid versichert die Lage dieses armen Tasso ist gerade
so wie ich sie beschrieben habe und der Erfolg wird meine Aussage
rechtfertigen Ich weiß es dass er seiner Lage dort in Ferrara schon gänzlich
überdrüssig ist er sehnt sich nach neuen Verhältnissen kann ohne Beschützer
nicht leben und dichten und hat also den Mut nicht offen mit dem Hofe zu
brechen Der neue Grossherzog von Florenz Francesco ist eitel genug um einen
berühmten Mann in seiner Nähe haben zu wollen stille Botschaften Vermittlung
von Fremden Anerbietungen alles bedrängt den Armen er will und will nicht
nun ist sein Fürst die Weiber sind einmal wieder freundlich zu ihm sie
schmeicheln und liebkosen ihm und seinem Talent da sieht er wieder goldne Tage
und schwimmt selig in der Abendröte Aber der Ferrarese weiß es recht gut dass
er auf dem Sprunge steht von ihm abzufallen es fehlt nicht an Klätschern die
dies benutzen ihn gegen den Ärmsten zu erbittern Er war erst mit Pigna
vertraut auch der Sekretär Guarini schloss sich ihm freundlich an jetzt sind
sie gegen ihn und der letzte ist sein erklärter Feind ein schlauer gewandter
Mann und der die Haltung besitzt die dem Torquato fehlt dabei auch ein Poet
und ein begabter da muss die Eifersucht entbrennen Nun hat ihn sein wahrster
Freund und Beschützer Scipio Gonzaga hierher nach Rom berufen der Herzog hat
ihm nur ungern den Urlaub bewilligt weil er weiß dass hier mit dem Kardinal
Ferdinand Medicis des Tasso wegen verhandelt werden soll ja Scipio denkt wohl
gar den Papst selbst für den Dichter zu gewinnen dass dieser ihm hier ein
Kanonikat oder eine Präbende zuweisen möchte dieser aber will natürlich um eine
Nebensache Ferrara nicht beleidigen Florenz will nicht zu offen mit seinen
Anerbietungen heraustreten Ferrara nimmt aus Eitelkeit den Gegenstand wichtiger
wie die andern auch vertrauen diese dem schwankenden Charakter Tassos nicht und
seiner Unentschlossenheit und so verwirrt und verwickelt sich das Verhältnis
von allen Seiten so dass es zum Unglück des Poeten ausschlagen muss«
»Eure Schilderung ist freilich eine traurige« sagte eine junge schöne Dame
»und wenn Euer Wahrsagergeist ein richtiger ist so möchte ich schon jetzt den
lieben Tasso beweinen Aber Euer Wort trifft eigentlich jedes menschliche
Verhältnis jeder Stand muss sich durchkämpfen jeder geistreiche Mann hat seine
Feinde der Minister und Rat findet Verlockung seinen Pflichten ungetreu zu
werden wer nicht als Eremit lebt gerät in Verwicklung und muss kämpfen sinnen
und arbeiten«
»Ihr habt nicht unrecht« antwortete der Greis »und doch treten dem Poeten
noch viel mehr Schwierigkeiten entgegen Hat er kein Staatsamt oder gelehrtes
ist er nicht Priester so ist sein Beruf ein doppelter durch welchen er
eigentlich ein ganz rätselhaftes Wesen wird Verwickelt mit der Welt ist er in
seiner Beschäftigung in seinem Beruf doch ein wahrer Einsiedler denn auf den
Weltlauf hat seine Arbeit auch nicht den allermindesten Einfluss Dadurch aber
verliert er auch allen Maßstab sich an sich selbst oder den übrigen Menschen zu
messen denn an keinem einzigen Abende kann er zu sich sagen heut hast du
einmal etwas Nützliches getan du hast dem du hast jenem fortgeholfen jenen
verwirrten Handel hast du aufgeklärt diese Gesellschaft jene Zunft der
Angeklagte jener Vornehme muss dir danken Ist er ohne Begeisterung so fühlt er
sich als sei er ganz ohne Bestimmung besucht sie ihn so meint er alle
Menschen zu überragen dann ertönt das Lob der Freunde die laute Bewunderung
der Menge das Entzücken der Weiber und Mädchen glaubt ihr meine Freunde dass
es viele so starke Männer so feste Charaktere gebe die mit richtigem Sinn das
alles genießen und fassen die den Lorbeer nicht für strahlender als die
Königskrone halten im Rausche nicht dahintaumeln und das Leben eigentlich
verlieren sollten«
»Ja nun freilich« sagte Kaporale »kann es nur selten solche Menschen
geben wie unser großer Ariost war Tasso ist weicher und nicht so
selbstständig«
»Was die Fürsten betrifft« fing Sperone mit einiger Feierlichkeit wieder
an »traut doch dem alten Ausspruch procul a Jove procul a fulmine Vor
einigen Jahren besuchte ich auch eine Sammlung wilder prächtiger Tiere am Hofe
eines vortrefflichen Fürsten Der größte Tiger lag in seinem Käfige und sonnte
sich indem die bunten Flecken seiner schönen Haut im Lichte freundlich
schimmerten Man war oft so grausam gewesen ihm lebende größere oder kleinere
Hunde als Atzung in seine Zelle hineinzuwerfen Ich war daher nicht wenig
verwundert als ich ein klaffendes Hündchen bei ihm sah das uns mit munterem
Bellen begrüßte und auf seinem Tyrannen hin und her sprang welcher sich allen
Mutwill von ihm gefallen ließ Der Wärter erklärte meiner Verwunderung die
sonderbare Erscheinung Vor mehreren Monaten war der Tiger an entzündeten
eiternden Augen erkrankt so dass er sehr verstimmt und verdrießlich war Es ist
schwer einer solchen Bestie einen Doktor und Arznei beizubringen und da der
hohe Patient auch kein Gemüse oder Fastenspeise genießen mochte so fürchteten
sich die Wärter selber vor dem Unwillen des zornigen Kranken Man fuhr fort ihm
Fleisch und zuweilen wieder lebendige Tiere in sein Behältnis zu werfen denn
dies schien das einzige woran er sich erfreute und zerstreute Ein kleines
Hündchen ward ihm lebend zugeworfen Dieses ohne Furcht und Zittern sprang auf
ihn freundlich zu und leckte seine wunden Augen jener ließ es sich gefallen
fühlte sich erleichtert und tat dem Tierchen nichts Dieses wiederholte seine
Kur und Bemühung so fleißig dass der mächtige große Tiger in wenigen Wochen
vollkommen gesund und wieder schön und heiter wurde Seitdem konnte der Hund
mit seinem furchtbaren Gebieter tun und beginnen was er nur wollte und ihm die
Laune irgend eingab Wenn sie beide ihre Fleischportion verzehrten durfte der
Tiger sich dem kleinen Günstling nicht nahn kamen einmal Fremde und der Tiger
war zu träge um aus seinem hinteren Behältnis vorzuschreiten und sich den
Neugierigen zu zeigen so sprang der Kleine so lange auf dem Großen hin und her
zerrte ihn am Fell biss ihn in die Tatzen bis der Tyrann sich erhob denn der
Kleine Unbedeutende tyrannisierte diesen Der Fürst stand mit seinem Favoriten
vor dem Käfig als dieses erzählt wurde sie freuten sich der Naturerscheinung
und der junge Edelmann halb Freund halb Narr des Fürsten erlaubte sich
manchen derben Spaß über den Hof die Damen ja die nächsten Verwandten der
Familie worüber der Fürst herzlich lachte Mir war schauerlich zumute da
keiner von beiden vielleicht der Tierwärter an die Nutzanwendung dachte Es
waren noch nicht sechs Monate verflossen so hatte in einem Anfalle von Unmut
der Tiger seinen kleinen Freund doch zerrissen und aufgefressen und der junge
witzige Edelmann lag im Kerker eines Schlosses in Ketten und Banden«
Kaporale begleitete den Grafen Pepoli noch durch die Stadt Sie gingen dem
Hause der Accoromboni vorüber und der Graf bemerkte »Sollte man nicht glauben
dass alle jene ausgezeichneten Menschen durch ihren höheren Geist ein trauriges
Geschick fast freiwillig auf sich herabziehn Oder sind es unsichtbare
neidische Mächte die in der Menschheit nichts dulden wollen das sich über die
traurige Mittelmässigkeit erhebt«
»Fast scheint es so« erwiderte der Poet »der alte Wahrsager in seinem
jüdischen Talare dort hat wohl im wesentlichen recht Und so zittere ich auch
für dieses schöne so vielfach begabte Mädchen dieses Hauses Sie kann nicht
die gewöhnlichen Wege wandeln und der schwärmerische Geist der Mutter statt
sie auf die richtige Bahn zu lenken treibt sie in das Seltsame hinein aber ihr
heftiger Geist wirft sich in den Widerspruch und sie sucht noch steilere Bahnen
und größere Wunder Dazu dieser abscheuliche Luigi Orsini welcher sie mit
seiner rohen Liebe verfolgt dieser Mensch so schön und wohlgebildet und doch
ein Schandfleck unsers römischen Adels«
Vor der Tür erblickten sie die Leute des Kardinals Farnese der alte Fürst
schritt aus dem Hause sah und erkannte den Cesare Kaporale und lud ihn ein
mit in seinen Wagen zu steigen weil er mit ihm etwas Wichtiges zu sprechen
habe Das Gespräch welches beide führten war sonderbar genug
Drittes Kapitel
Der Kardinal Farnese hatte das Haus der Accoromboni noch niemals so oft besucht
als jetzt Man empfing ihn jedesmal wie es sich von selbst versteht mit der
größten Ehrfurcht und doch fühlte es die Matrone nur allzudeutlich dass sie
ungeachtet der Freundlichkeit des Fürsten nicht mehr so wie sonst auf ihn
vertrauen konnte Man meldete ihn wiederum und da die Tochter in der Messe war
so empfing ihn die Mutter und es schien ihm lieb zu sein sich mit dieser
allein unterhalten zu können
Donna Julia fühlte so fein auch der Kardinal war dass er heut etwas
Besonderes ihr mitzuteilen habe denn er war halb zerstreut und doch aufgeregt
sein schönes großes Auge glänzte mehr als sonst und er fing ein Gespräch an und
ließ es wieder fallen fragte ohne die Antwort abzuwarten und zeigte in seiner
Miene die bald ernst bald freundlich wechselte dass er etwas Wichtiges
vorhabe
»Was Ihr mir von dem jungen Orsini erzählt habt« so begann er endlich »hat
mich wahrhaft erschreckt und ich bin in der Tat in Verlegenheit welchen Rat
oder welche Hilfe ich Euch anbieten könnte Dass Eure Tochter den jungen
Bösewicht verabscheut ist natürlich und an eine Vermählung mit ihm so reich
und vornehm er auch ist, ist nicht zu denken Selbst wenn Vittoria nicht dagegen
wäre würde ich doch mit allen Kräften abraten denn es ist zu fürchten dass das
Schicksal dieses jungen Mannes ein furchtbares sein wird Er der jedes Gesetz
verachtet der die Gefahr stündlich herausfordert der den Rat keines Menschen
hört er muss wenn er sich nicht einmal völlig umkehrt tragisch endigen Und
doch wer ist stark genug seine Gewalttätigkeiten abzuhalten Sein Anhang ist
groß hundert verwegne Abenteurer einige aus guten Häusern sogar umgeben ihn
die besoldeten Banditen ungerechnet alle diese sind auf einen Wink von ihm zum
Tollsten und Abscheulichsten bereit Dieses Unwesen unsers Staates ist so
mächtig geworden dass der Heilige Vater und wir alle dem nicht steuern können
Neapel und andere Staaten ermuntern und unterstützen diese freien Banden um uns
zu schaden der König von Spanien triumphiert dass wir in dieser ängstlichen
Verlegenheit sind und Florenz ist jenem Monarchen fast dienstbar und widersetzt
sich ihm nie So groß ist das Übel und so furchtbar angewachsen dass wir alle
selbst zuweilen in diesen abscheulichen Verbindungen unsere Hilfe suchen müssen
um nicht unbedingt dem fremden feindseligen Einflusse zu gehorchen Treibt nun
ein Orsini oder ein andrer vornehmer Bösewicht es einmal zum Äußersten so ist
höchstens der Bann seine Strafe und er wird in Neapel Florenz und Venedig mit
offenen Armen empfangen man gibt ihm bedeutende Ämter und Unterstützung aller
Art Was soll also hier geschehen Wer soll Euch in diesem kleinen Hause
mächtig beschützen wer diesem Orsini Furcht einflößen«
»Aber Ihr selbst hochverehrter Freund kann nicht ein so mächtiger Kardinal
für seine Schützlinge stärker einschreiten«
»Liebe alte Freundin« sagte der Kardinal seufzend »unsere Macht unser
Einfluss unterliegt ewigen Schwankungen In diesen besteht nur wenn Ihr Euch
darum erkundigt die Geschichte unsers geistlichen Regiments Handeln irgend
andre Mächtige gegen uns offen oder unter der Hand so entstehn Hemmungen
Widersprüche wir gehen vorwärts kämpfen und plötzlich fühlen wir uns gelähmt
und ohnmächtig weil ein heftiger Schlag blitzschnell von einem Orte herkommt
wo wir es am wenigsten vermuten konnten Ist schon an den Höfen ein beständiger
Wechsel von sich ablösenden Intrigen von Dienern und Vornehmen die einer des
andern Kraft zu vernichten suchen so ist dies noch viel manichfacher stärker
feiner und gewaltsamer in unserer Priesterherrschaft wo nicht bloß Kardinal und
Bischof der Herzog und Gesandte des Hofes sondern auch wohl der bettelnde
Mönch durch seinen Einfluss einen groben Querstrich durch unsere besten Kalküls
ziehen kann Alles das wird mir jetzt bei Eurem Prozesse klar der nun schon
seit zwei Jahren in der Schwebe hängt Meine Advokaten wissen wie es mein
ernster Wille ja mein Befehl ist dass alle jene Schikanen niedergeschlagen
werden die Euch den größeren Teil Eures mäßigen Vermögens streitig machen
wollen alle meine Klienten kennen meinen Willen und doch doch ist es
möglich dass Ihr gerade jetzt unter den obwaltenden Konjunkturen Eure gerechte
Sache verliert«
»Um Gottes willen« rief Donna Julia und sank erblasst in ihren Sessel
zurück »so träfe mich ein ungeheurer Schlag da wo ich es am wenigsten
fürchtete Auch noch Bettler werden Es wäre entsetzlich«
»Nicht gleich das Ärgste fürchtet« sagte Farnese indem er ihre Hand fasste
und sie freundlich drückte »im schlimmsten Falle hättet Ihr reiche Freunde die
Euch keinen Mangel würden leiden lassen«
»Keinen Mangel« rief sie aus » und von Almosen leben von Brocken die
man uns auch willkürlich entziehen könnte In eine enge abgelegene Gasse
flüchten die Tür für jeden anständigen freien Mann verschlossen halten müssen
Nicht mehr imstande sein einen Armen durch eine Gabe zu trösten viel weniger
einem alten Gastfreunde eine Schüssel vorsetzen können Das also wäre dann der
Beschluss meines Lebens« Aus ihren großen Augen stürzten brennende Tränen sie
schien es nicht zu bemerken
Die große Gestalt des Farnese erhob sich und beugte sich tröstend über sie
indem der zierliche Mund die freundlichsten Worte sagte Als sie wieder mehr
beruhigt schien sagte der Kardinal »Nicht wahr Ihr habt Vertrauen zu mir Ihr
seid meine bewährte Freundin und Ihr glaubt von mir dass ich alles für
diejenigen tun will und werde die ich die Meinigen nenne«
»Ihr seid mein einziger Schutz« sagte die Matrone »wenn Ihr mich aufgebt
so bin ich ganz unter die Füße getreten«
»Macht es mir nur möglich« rief der Fürst »ganz mit aller Kraft für Euch
zu handeln dass ich mit begründetem Anspruch ohne mich lächerlich zu machen
auch das Äußerste versuchen und ausrichten darf«
»Wie meint Ihr das«
»Seht« fuhr er liebreich fort »die Päpste haben ihre Nepoten die sie
nicht nur beschützen sondern reich und mächtig oft wenn sich die günstige
Gelegenheit bietet zu unabhängigen und regierenden Fürsten machen Könnte ich
nun Euch und die Eurigen nicht auf ähnliche Weise adoptieren«
Die Mutter sah ihn forschend an
»Ich habe aus Vittorias eigenem Munde« begann der Kardinal wieder »dass,
wenn es nach ihrem Willen geht sie sich niemals vermählen wird Und sie hat
recht Denn welches Glück könnte diesem hochgestimmten Wesen wohl in der
gewöhnlichen Ehe blühen Glanz Pracht muss sie umgeben sie muss ein fürstliches
Dasein führen und durch ihren erhabenen Geist Einfluss in die Händel der Welt
gewinnen So gelang es dieser merkwürdigen Bianca Kapello die als eine arme
Flüchtige und Verbannte nach Florenz kam und jetzt dort den Herzog und den
Staat regiert knieend von allen verehrt wird und ihre Schönheit von aller Welt
bewundert Erlaubt mir fortzufahren Vittoria ist schöner und begabter als
diese Bianca deren Geschichte der Welt ein Märchen dünken möchte Ich bin kein
regierender Herzog aber ich kann Euch und den Eurigen eins meiner großen
Schlösser schenken hier in Rom oder auf dem Lande das prächtige Kaprarola oder
ein anderes ihr und den Eurigen auf ewig so fest und bündig verschreiben dass
keiner meiner Verwandten Einwendungen machen kann die ich auch unter den
strengsten Bedingungen so reichlich entschädigen will dass auch der frechste von
diesen keinen Widerspruch wagen soll Ja dass ich es nur bekenne meine
Leidenschaft für die göttliche Virginia ist mit jeder Woche gewachsen ihre
Zuneigung und Liebe ist zu meinem Dasein unentbehrlich Übereilt Euch mit
keiner Antwort und da ich einmal so weit gegangen bin lasst mich alles sagen
Gehört Ihr mir auf diese Weise an sind wir so innigst verbunden so gebe ich
Euch mein fürstliches Wort ja leiste Euch wenn Ihr es verlangt die heiligsten
Eidschwüre meine äußerste Gewalt ohne alle Rücksicht auf meine Kollegen oder
weltliche Fürsten auf Papst und Kurie anzuspannen um Eure und meine Wünsche
durchzusetzen Ihr wisst aus meiner Geschichte dass ich Tage erlebt wo ich auch
schon ohne Furcht und Zagen handelte Dann seid Ihr reich und mächtig ich setze
alles daran Euren ältesten Sohn zum Bischof zu machen Flaminio erhält einen
einträglichen Posten und Euer Marcello der jetzt in naher Todesgefahr schwebt
wird ein angesehener wohlhabender Mann Auf diesem Wege könnt Ihr Euch
erretten und glücklich sein«
»Indem mein Kind eine Buhlerin wird« rief sie ihm mit gedämpfter Stimme
entgegen und warf aus dem großen feuerstrahlenden Auge ihm einen so zürnenden
und verachtenden Blick zu dass er scharf errötete den Strahl nicht ertragen
konnte und sein Auge niederschlug indem seine feinen schönen Lippen in
Verlegenheit zitterten
Er fasste sich bald wieder und sagte »Teure Freundin Ihr seid in der Welt
aufgewachsen und habt beobachten können Seht um Euch und erinnert Euch alter
und neuer Geschichten Wer war Lucretia Borgia die eine verehrte Herzogin von
Ferrara wurde und vor der selbst ein großer Bembo in zärtlichen Seufzern
kniete Solltet Ihr denn die Hochdenkende so klein bürgerlich gesinnt sein um
jenes Wort im Ernst aussprechen zu können Hoheit und Glanz versiegelt jede
Lippe und selbst den Armen Erbitterten welche lästern möchten ist es nicht
Ernst mit ihrer finsteren Tugend Wäre ich nicht ein Verpflichteter meines
Standes so würde ich Vittorien freien Sinnes meine Hand anbieten so kann ich
ihr nur meine Liebe geben Und ist dies Gefühl diese Verbindung die aus ihm
entspringt nicht die allernatürlichste der Welt Oh das müsst Ihr ja selbst
erfahren haben wie könntet Ihr sonst so edel und verständig sein und wart Ihr
denn nicht auch einmal mit dem Grafen Orsini Pittiliano verbunden O freilich
Euer Erröten sagt genug Nur jetzt keine Antwort so schnell sie möchte eine
Übereilung sein Erwägt meine Vorschläge und Freundschaft in einer ruhigen
Stunde«
Er empfahl sich mit einem zärtlichen Handkusse und als man die Tür öffnete
glänzte von draußen die hohe Schönheit Vittorias in das Zimmer herein sie kam
aus der Messe von Kaporale und dem jungen Francesco Peretti begleitet »Was
macht das junge Flachsgespenst in Eurem Hause« sagte der Kardinal indem er
noch einmal rasch umkehrte »aus dem wird sein eselhafter Oheim der
eingeschlafene Montalto niemals etwas machen können warum ließ er ihn nicht
draußen bei seinen Kälbern und Rindern«
Zärtlich Vittoria anschauend und mit einem Blick der tiefsten Verachtung auf
den jungen Peretti verließ er das Haus indem er noch im Vorbeigehen dem alten
Kaporale vertraulich die Hand schüttelte worüber die tief sich verneigenden
Diener in das höchste Erstaunen gerieten
Als sich Donna Julia allein sah warf sie dem Fortgegangenen eine drohende
Gebärde nach und sagte für sich hin »O du gleissender Priester du
Abscheulicher Also so hast du es mit uns im Sinne Oh welche Welt ist dies!
Und war sie wohl jemals anders Der schleichende Fuchs mit der Taubenmiene
Es bliebe uns also nichts als dass sich dort das alte Schauspiel mit der
Lucretia wiederholen könnte oder der Decemvir hier mich zwänge mit dem Stoß
eines Messers meine Virginia aufzuopfern Was träumte ich mich zum Lachen
die Mutter der Gracchen zu sein Und doch waren ihre Mörder auch Römer«
Sie hörte im andern Zimmer ein lautes Lachen und der Ton schnitt ihr durch
das Herz »So ist es« sagte sie zu sich »laute Fröhlichkeit dort hier
Verzweiflung und nur eine dünne Wand zwischen beiden Wie hat er nur der sich
meinen alten Freund nennt den Mut haben können mich an die Geschichte meiner
Jugend zu erinnern O nein er fühlt nicht wie bei der Erinnerung hundert
schartige Messer durch meinen Busen gehen«
Sie öffnete die Tür zum andern Zimmer und rief den alten bewährten Freund
den einfachen ehrlichen Kaporale zu sich Sie setzten sich und in krampfhafter
Rührung und unter Tränen begann die Mutter den Bericht »Quält Euch nicht so
ohne Not« sagte der Alte »ich habe schon gestern abend alles erfahren die hohe
Eminenz nahm mich so freundschaftlich in ihren Wagen der Kutscher musste einen
Umweg fahren damit der geistliche Fürst in unserer Einsamkeit nur Zeit genug
behielt mir sein ganzes Herz auszuschütten und keinen Umstand der
weitläuftigen Geschichte zu vergessen So bin ich denn in meinem Alter nolens
volens sein Kuppler geworden denn es war keine Möglichkeit seinen angenehmen
Geständnissen zu entrinnen«
»Und was ist dabei zu tun« fragte die Mutter bewegt
»Alles oder nichts«
»Und was ist die Meinung dieser Worte«
»Entweder sein Erbieten mit Dank annehmen oder sich bis auf den Tod
widersetzen Ja bis auf den Tod denn es gilt alsdann das Äußerste So nimmt
Vittoria denn den wilden Orsini zum Gemahl und der wird ihr schon mit Dolch und
Feuergewehr vor den andern Unholden Ruhe zu verschaffen wissen oder sie
stirbt was ihrer starken aufgeregten Natur vielleicht am nächsten liegt Denn
glaubt nur nicht diesmal wohlfeilen Kaufs loszukommen oder dass sich alles in
leere Drohungen auflösen werde Der Kardinal hat mit seiner feinen Spürkraft
diesen Moment schon seit lange herannahen sehen er ist klug genug um sich die
Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen So gleissend wie möglich hat er mir
alles eröffnet in wehmütiger Stimmung indem er mir oft als seinem intimsten
Freunde die Hände drückte und mich beim Abschiede noch herzlich umarmte mir
in den größten Lobeserhebungen von meinem ungeheuren poetischen Talente sprach
das alle jetzigen Dichter weit überragte indem er mir unaufgefordert beteuerte
nicht eher zu ruhen als bis er mir eine viel vorteilhaftere Stelle verschafft
habe als meine jetzige sei So werde ich auch noch durch Euch zu einem
mächtigen Manne werden Soviel ist gewiss wenn Ihr Euch jetzt dem Kardinal
entzieht so geht Euer Prozess verloren und Euer Sohn stirbt unter
Henkershänden«
»Nicht wahr« rief sie mit grellem Ton »es gibt doch Freunde wahre Freunde
in dieser Welt«
»Ich habe diese Nacht nicht schlafen können« sagte der Alte »mir war unser
Dasein mit seinen Bedingnissen noch niemals in diesem seltsamen Lichte
erschienen Der Angelstern den wir in unsrer Brust für einen ewigen hielten
droht zu erlöschen und es ist einem zumut als wenn das Gewissen nur ein
Märchen wäre wenn alte Männer Priester Fürsten vom Volke Verehrte so ruhig
und sicher ihre Verruchteiten als wären es ebenso viele matematische
Lehrsätze dem erstaunten Zuhörer auseinanderlegen«
Der Dichter wollte sich entfernen doch bat ihn die Mutter zu ihrem Troste
noch zu verweilen weil es ihr in dieser Stimmung unmöglich falle mit ihrer
Familie allein zu sein Ungern nur erfüllte Kaporale diese Freundespflicht weil
er fühlte dass sein Rat von keinem Nutzen sein könne er neue gewaltsame Szenen
fürchtete und selbst nach diesen Erschütterungen und der durchwachten Nacht der
Ruhe bedurfte Im Zimmer befand sich Vittoria allein Flaminio war mit Peretti
gegangen um diesen zu begleiten denn der neue Fremdling hatte dem jungen
Accoromboni eine glühende Freundschaft aufgedrungen Vittoria schien sehr
heiter denn sie lachte noch und fütterte mit Brosamen aus dem Fenster ihre
Tauben die sie sehr liebte
»Was erfreut dich mein Kind« fragte die Mutter mit schwerem Ton
»Ei dass ich schon wieder fast wie Circe« sagte sie übermütig »mir einen
neuen Liebhaber eingefangen habe den ich kaum noch in ein Tier zu verwandeln
brauche denn er tritt mir selbst als freiwilliger Gimpel entgegen Er schwört
mir zu dass eine ewige unüberwindliche Leidenschaft ihn zu meinen Füßen fessle
um ohne Trank und Speise vom Anblick meiner schönen Augen zu leben Er will
seinen alten Oheim zu seiner Einwilligung bewegen oder augenblicks des
schrecklichsten Todes sterben Er hat mir in der kurzen Zeit dass er jetzt bei
mir war mehr vorgeschwatzt und mir mehr Albernheiten gesagt als alle meine
vorigen und jetzigen Anbeter in Wochen Wenn man nicht selbst von diesem
Wahnsinn befangen ist so gibt es auf Erden doch nichts so Lächerliches als
diese Liebe«
»Und deinen Orsini hast du schon so bald vergessen« fragte die Mutter
»Nun ich den ersten Schreck überstanden habe« antwortete sie »muss ich auch
über diesen Rodomont lachen Er gefällt sich im Toben seine Liebeserklärung
weiß er nur in Flüche einzukleiden Und am Ende kann man diese Sacripante und
Rolande doch mit einem ruhigen verständigen Blicke regieren«
»Lass deine Tauben« sagte die Mutter »und setze dich zu uns«
Vittoria nahte sich mit beobachtendem Blick und sagte »Dir muss wieder etwas
begegnet sein denn du trittst mit einem ganz verwandelten Gesichte zu mir her
Ich wollte mit dir von diesem meinem Peretti sprechen und herzlich in deiner
Gesellschaft lachen Hast du das schon in einem Gedicht oder Novelle gehört dass
ein wilder Ochs der Kammerherr ist der den fremden angekommenen Prinzen der
geliebten Fürstenbraut vorstellt Selbst unter den Tollheiten des Ariost würde
diese noch als die verwunderlichste erscheinen und doch ist die Sache
buchstäblich wahr und sie hat gerade mir begegnen müssen«
»Wir stehen jetzt auf einem ganz andern Punkte« sagte die Mutter »seit
gestern hat sich alles völlig geändert das kann mir dieser bewährte Freund hier
bezeugen«
»Nun so sprich denn« sagte Vittoria ganz gelassen »ich denke ich kann
alles hören solange noch das Tageslicht scheint in der Nacht bin ich freilich
viel furchtsamer«
»Wir müssen verzweifeln« rief die Mutter von neuem heftig aufgeregt »alle
Mittel entweichen alle Hilfe lässt von uns los Armut Schande Elend Tod und
Entsetzen stehen dicht vor unserer Tür alle pochen laut und ungestüm an und
verlangen eingelassen zu werden und unsre schützenden Wächter des Hauses sind
entwichen und verleugnen uns«
»Aber wir sollen uns nicht verleugnen und solange meine Seele mein eigen
ist ruht auch mein Schicksal in meiner Hand Nie nie werde ich mich beugen
nie dem nachgeben was die Menschen Notwendigkeit oder Verhängnis nennen Welch
Wesen kann zu uns treten und sagen Du sollst mir gehorchen Solange ich noch
ein Glied regen kann werde ich mich nicht vor Menschen auch nicht vor Tod und
Schicksal demütigen« So sprach Vittoria
Die Mutter sprang wütend auf die Tochter hatte sie noch niemals so gesehen
und Kaporale entsetzte sich »Ungeratene Verblendete Aberwitzige« schrie sie
mit gellenden Tönen in Haltung und Gebärde aller Grazie völlig entkleidet
»Sieh her vor einem kleinen Brosamen vor diesem hier das deiner Taube
bestimmt vor diesem Hundertteil eines Pfennigs kannst du knien und flehen
müssen zu ihm um Erbarmen schreien und dem die rohen groben Hände küssen der
es in der Hungersnot mit Verachtung dir hinwirft wenn ich gestorben bin deine
Freunde tot sind deine Liebhaber dich verachten«
Vittoria wandte sich zitternd und leichenblass von der Mutter ab Sie
verstand deren Wesen nicht mehr sosehr sie war erschreckt worden sosehr sie
sich auch vor diesem wilden Ausbruch der Wut und der Verzweiflung entsetzt
hatte so konnte sie sich doch nicht bergen dass ihr die verehrte Frau zum
erstenmal im Leben gering und hässlich erschienen sei Diese Fremdartigkeit
verschlang in diesem Moment alle andern Gefühle sie kam sich edler und höher
vor und darum sagte sie ganz ruhig selbst mit einer Art von kalter Verachtung
»Sollte es denn so sehr schwer sein zu sterben und das ängstigende Buch zu
schließen ohne alle Blätter desselben durchzulesen«
»Verzeiht mir Don Cesare« sagte die Mutter jetzt zerknirscht und weinend
»ich habe mich wohl unwürdig betragen und Ihr seid ein Zeuge meiner Schwäche
geworden Immer höre ich von der Törin wieder die Worte Freiheit Sterben bei
denen sie sich nichts denkt Es stirbt sich nicht so obenhin und wenn auch
alles das erst durchleben zu müssen was einem solchen Tode vorangeht«
»So sprecht mit mir verständlich ruhig« sagte Vittoria »weiß ich doch gar
nicht einmal wovon die Rede ist«
Julia ging noch einigemal im Saale auf und ab um sich zu sammeln dann
ergriff sie die Hand Don Cesares wendete sich zur Tochter und sagte »Vergib
auch du mir« Sie setzte sich dann und erzählte mit zitternder Stimme die aber
im Fluss der Rede nach und nach erstarkte von dem Prozess der wahrscheinlich
und mit ihm ihr Vermögen verlorengehn würde von der nahen Hinrichtung des
Bruders ihrem Verarmen der Möglichkeit der Gewalttat von s Orsinis und
wie endlich der so freundlich scheinende Kardinal er fast der angesehenste
Mann des Staates und des erlauchten Kollegii jene Vorschläge getan die auch
Kaporale schon kenne weil er sie kalt überlegt diesem ebenfalls mitgeteilt
habe »Und nun du alles weißt« schloss die Mutter »so brich nicht in unnütze
Wut aus sondern rate und hilf jetzt wenn du denn so mächtig bist«
Die Mutter und Kaporale zitterten jetzt vor dem Ausbruch der heftigsten Wut
den sie mit Bangen erwarteten doch wie waren sie erstaunt als Vittoria ganz
ruhig blieb ja sich noch kälter und gelassener zeigte als zuvor Endlich sagte
sie fast im höhnischen Ton »Nun Mutter was ist es denn nun weiter Ich
dachte welche Wunder Ihr mir zu entdecken hättet Wir können in kein fremdes
Land flüchten dazu fehlen uns die Reichtümer hier in den Provinzen oder
unserm Vaterlande ist keiner so mächtig oder uns so befreundet dass er uns
schützt und erhält wir sind der Willkür der Ungerechtigkeit der Gewalt und
wohl dem Morde preisgegeben Der einzige Widerstand der uns noch übrigblieb
ein edler freiwilliger Tod wie ihn die großen Römer nicht selten an sich
vollstreckten diesen wollt Ihr nicht billigen weil Ihr meint das göttliche
Gesetz unsre Religion habe den Selbstmord für die unverzeihlichste Sünde
erklärt also warum die Vorschläge unsers besten Freundes des großen
mächtigen Kardinals nicht annehmen Reichtum Glanz die Freiheit des Bruders
das Aufblühen unsrer Familie alles wird uns großmütig angeboten Kein andrer
wird dabei aufgeopfert als nur ich allein Und wenn ich also nun mit dieser
Anordnung zufrieden wäre Ja wäre der Freund der mir mit diesen Lockungen
entgegentritt ein so großer Mann wie es der Papst Julius der Zweite war wäre
er ein Lorenzo Magnifico so wäre es selbst kein Opfer von meiner Seite denn
ein so großer Charakter wurde mich zwingen ihn zu lieben Und wie ich von der
hergebrachten Ehe denke weißt du ja längst Mutter Diese willkürliche
Hingebung an schwache gewöhnliche ja verächtliche Männer wie soll ich
glauben dass eine priesterliche Weihe eine Zeremonie dieses elende Verhältnis
heiligen könne Nur für das blöde Auge der Menge für den zünftigen Priester
für jammervolle alte Gevatterinnen kann zwischen der privilegierten und
scheinbar verbotenen Verbindung ein Unterschied stattfinden Wenn mir alle
Männer gering und armselig erscheinen wenn die Ehe selbst mir widerwärtig ist
und du doch behauptest jedes weibliche Wesen müsse sich ihr fügen so begreife
ich deine zürnende Empörung über unsern alten würdigen Beschützer nicht«
»Ich erkenne dich nicht mehr für meine Tochter« sagte die Mutter kalt und
verließ das Zimmer
Kaporale war so erstaunt dass er nicht wusste ob er richtig gehört oder
verstanden hatte »Lasst mich« rief jetzt Vittoria mit dem heftigsten Ausbruch
der Tränen »ich will allein sein es ist mein Schicksal von keinem Menschen
verstanden zu werden«
Viertes Kapitel
Der alte Kardinal saß sehr tiefsinnig in seinem Zimmer verstimmt und zugleich
gerührt Der junge Neffe Francesco Peretti stand verlegen im Winkel des
Gemachs seine Augen waren rot und feucht und man sah ihm an dass er eben
heftig geweint hatte »Alle meine Pläne« fing der Alte jetzt nach einer langen
Pause an »brechen zusammen die Freude meines Lebens ist dahin Seit ich dich
Unglücklicher sah hat sich eine fast rätselhafte Liebe zu dir meines Herzens
bemächtigt in dir wollte ich meiner armen Familie alles vergüten und ersetzen
was ich zu meinem Schmerz meinen vielbedrängten Eltern nicht habe widmen können
weil sie früher dahingingen als ich in irgendeinem Wohlstand mich befand Die
Schwester den Bruder wollte ich in dir beglücken und dich als Grundstein
niederlegen auf welchem meine Familie einst das Gebäude ihres Ansehns und
Einflusses aufführen könnte Du kommst an der Tag wo ich dich wiedersah war
beglückend für mich in der Täuschung war er der schönste meines Lebens Denn
freilich musste ich den Irrtum schon früh gewahr werden du bist schwach fast
ohne Charakter und Männlichkeit scheust die Arbeit und lebst am liebsten in
Zerstreuung und was noch schlimmer ist in schlechter Gesellschaft So musste
ich es bald aufgeben dir die geistliche Laufbahn zu eröffnen auf welcher ich
dir am hülfreichsten sein kann da du deinen Widerwillen gegen den ehrwürdigen
Stand auch gar nicht verhehltest Schon damals schwankte ich in meinem
Entschluss ob ich gut getan dich nach Rom zu rufen oh ich dich nicht lieber
sogleich wieder auf das Land zurückschicken solle Es kam aber noch schlimmer
In meiner Gegenwart zitterst du vor mir und beugst dich meinem Willen und
hinter meinem Rücken bist du ausgelassen frech und spielst den Frevler nimmst
die Manieren an die du von den hiesigen Erben der großen Häuser siehst als
wenn du zu ihnen gehörtest Die Studien die ich dir aufgegeben die dir einmal
Achtung und bedeutende Staatsämter erringen sollen vernachlässigst du jeder
deiner Lehrer klagt dich an keiner will so gern sie mir schmeicheln möchten
Hoffnung für dich schöpfen Nachher hast du dich von deinen verächtlichen
Gesellschaften verleiten lassen liederliche verrufene Weibsbilder zu besuchen
du gehst in den schändlichsten Lüsten unter und es ist so weit gekommen dass
meine törichte Liebe sich gewöhnen muss deinen Tod für kein Unglück mehr zu
halten«
Peretti kam näher und kniete demütig vor dem alten Oheim nieder
»Eminenz« sagte er flehend »erlaubt mir Eure liebe wohltätige Hand zu küssen
O liebster vortrefflichster Oheim vergebt doch noch einmal einem
irregeleiteten jungen Menschen Ich werde mich bessern ich werde künftig Euren
Ermahnungen mehr Gehorsam leisten Nur «
»Nun ja« rief der Kardinal mit Heiligkeit aus »nun tut sich ein neues
Abenteuer hervor das tollste noch von allen Das junge Blut will jetzt schon
heiraten das flachsköpfige Bürschchen ohne Bart Verstand und Erfahrung will
einen Ehemann vorstellen und eine Haushaltung führen Sollte eine Vermählung
stattfinden so war dazu nach manchem Jahre noch die Zeit wenn du in der Welt
bekannt wenn du die Achtung angesehener Familien genossest aber jetzt schon
Und wen Eine Unbedeutende wie man sagt talentvolle Dichterin Bekannt durch
Schönheit und viele Liebhaber alles abgeschmackt«
»O liebster verehrtester Vater« rief Francesco aus » ja so muss ich Euch
nennen denn so väterlich gütig liebreich mehr als ehrwürdig erscheint Ihr
mir Glaubt mir es doch dass diese Liebe keine jugendliche Übereilung ist dass
Eure gnädige liebreichste Einwilligung mich glücklich und zu einem ganz andern
Menschen machen könnte Seit ich die himmlische Accorombona nur gesehen habe
bin ich verwandelt und gebessert meine Gesellschaft die Ihr mit Recht tadelt
habe ich verabschiedet und mag sie nicht mehr sehen denn ich weiß es jetzt wie
edle Menschen denken und sich betragen müssen Erhebt Ihr mich zu meinem
höchsten Glück so werde ich Euch gewiss Ehre und Freude machen Könnt Ihr mir
nicht Eure Einwilligung geben ach Teuerster Einziger Ihr nennt mich
schwach und ich bin es auch aber wenn Ihr unerbittlich seid so wird sich
meine Schwäche in Verzweiflung verwandeln und meinen Untergang bereiten«
Er weinte von neuem und warf sich wieder in der heftigsten Bewegung vor
seinem Oheim nieder Dieser blieb ganz ruhig betrachtete ihn gelassen von oben
und spielte dann nachdenkend mit seinen blonden Locken »Die Jungfrau soll groß
kühn und keck in ihrer Gesinnung sein« sagte er dann »ich habe sie nie gesehen
aber den rechtschaffenen Vater habe ich wohl vorzeiten gekannt wie wird diese
Starke dich lieben und achten können wenn auch sonst alle Hindernisse gehoben
wären«
»Der Bruder Flaminio dem ich mein Herz eröffnet habe« erwiderte der
Jüngling »gibt mir Hoffnung er hat mir von der Schwester gesagt wie wunderbar
ihr Wesen sei Sie verabscheut den Luigi Orsini der sich schon seit lange mit
der größten Heftigkeit um sie bewirbt und erklärt nur mit einem stillen
friedlichen Mann von sanftem Charakter könne sie in der Ehe glücklich sein«
»So segne dich der Herr« sagte der Kardinal indem er wieder die Hand auf
das Haupt des Knieenden legte »er erfülle deine Hoffnungen Du weißt es aber
selbst Francesco dass ich dich nicht mit Reichtümern ausstatten kann ich kann
jetzt nur wenig für dich tun Sprich mit der Mutter die man als eine kluge
verständige Frau rühmt Bringe mir ihre und der Tochter Einwilligung Vielleicht
entspringt dein und unserer Familie Glück aus dieser Verbindung wenn sie
möglich ist Dass sie den großen mächtigen Orsini ausschlägt gibt mir von ihr
einen guten Begriff dass sie sich einen einfachen sanften Mann wünscht zeugt
von ihrem Verstande und dass ihr ein kleines stilles Glück höher steht als
Glanz und Pomp Geh wir sprechen uns wieder«
Der junge Francesco war so entzückt dass er nicht wusste wie er aus dem
Hause gekommen war als er sich auf der Straße sah Einer seiner vorigen wilden
Bekannten wollte ihn anreden er wies aber den unnützen Burschen mit der größten
Verachtung zurück ohne ihn eines Wortes zu würdigen Er flog nach dem Hause der
Accoromboni
Hier war die Mutter allein in ihrem Zimmer und hatte ihre Fassung mehr
errungen indem sie mit einiger Ruhe ihr Schicksal und ihre mögliche Zukunft
überdachte Sie wollte sich im äußersten Fall in die Abruzzen zu einer
wohlhabenden Muhme begeben und bei dieser in der Einsamkeit mit den Trümmern
ihres Vermögens leben Zwar graute ihr vor der Lebensweise dort die sie schon
kannte wenn ihre Phantasie sie ihr ausmalte und sie sich aller Umstände
errinnerte die sie vor Jahren gesehen und beobachtet hatte Sie grübelte dann
wieder weshalb sie die Ältere eine so viel größere Scheu vor dem Tode als
ihre widerspenstige Tochter habe sie entsetzte sich weniger wenn sie sie auch
nicht begreifen konnte vor diesen ketzerischen Ansichten von der Ehe dem guten
Ruf und allen diesen hergebrachten Regeln des Anstands und der Tugend die sie
doch in ihrem Leben so oft von den höchsten edelsten Männern sowie von den
geistreichsten und vorzüglichsten Weibern hatte verletzen sehen Ihr graute vor
diesen Verirrungen und dennoch schien ihr die Tochter auch nicht ganz unrecht
zu haben wenn diese die gewöhnliche rechtliche Bahn des Lebens wie so viele
Menschen sie wandelten eine trübselige unbefriedigende nannte Ihre eigene
Jugend erschien ihr wieder in einem lebhafteren Lichte und viele Erinnerungen
und Gefühle die sie längst abgestorben wähnte tauchten mit neuer Gewalt aus
ihrem Herzen auf
Es war ihr daher wie ein Wink des Schicksals selbst wie die glücklichste
Wendung die sie nur hätte ersinnen können als Francesco Peretti mit seinem
Liebesantrage hereinstürmte und in seiner Hast zugleich die errungene
Einwilligung seines Oheims meldete Die Mutter antwortete dem jungen Menschen
sehr freundlich und gab ihm alle Hoffnung Er erschöpfte sich in Dank und
Entzückung und konnte es nicht müde werden die schönen Hände der kündigen
Schwiegermutter immer wieder und wieder zu küssen Sie versprach mit der
Tochter zu seinem Besten zu reden und mochte sich gern selbst überzeugen dass
sie dem Jüngling sichre Hoffnung geben könne
Sie ging nach dem Zimmer Vittorias diese aber war nicht zugegen und
wahrscheinlich in der Kirche oder zum Besuch einer Nachbarin Francesco nahm
Abschied um noch vor Abend wiederzukommen und sich die Bestätigung seines
Glückes zu holen »Vergesst aber nicht junger Mann« rief ihm die Mutter nach
»dass mir die Eminenz einige Punkte bewilligen muss die nicht unbillig sind ohne
welche aber die Vermählung nicht vor sich gehen kann wenn auch meine Tochter
selbst ihre Einwilligung gibt«
Es hatte sich im Hause ein seltener Gast eingefunden der Pfarrer aus Tivoli
nämlich »O seht Freund Guido« sagte die geschwätzige Amme zum alten Diener
als der Priester eingetreten war »seht da den verehrten geistlichen Herrn o
der ist so schrecklich gelehrt dass er lauter unvernünftiges Zeug spricht was
kein Mensch versteht Ach das ist überhaupt der Nutzen vom Studieren dass der
Mensch die Gabe erhält ganz fliessend und hintereinander so recht geläufig ohne
nur zu stocken lauter Unsinn zu sprechen wo unsereins über jedes Wort tagelang
grübeln müsste«
Der alte Priester legte seinen breiten Hut auf den Tisch setzte sich nieder
und sagte »Ist das Geschwätz bald zu Ende«
»Was verschafft uns denn die Ehre« sagte Ursula indem sie sich vertraulich
zu ihm niedersetzte Guido legte den Hut beiseite und stellte vor den alten Mann
ein gutes Glas Wein und einige Früchte hin Indem der Priester nur gleichgültig
mit einem Nicken des Kopfes dankte und trank fing er so an »Ich war hier in
der Stadt bei den armen Eltern des Kamillo Mattei Sie sind in Verzweiflung die
elenden Personen Der junge Bengel ist schon seit lange von mir fortgelaufen
aber nicht nach Rom wie ich mir einbildete Vater und Mutter haben ihn seit er
zu mir kam gar nicht wiedergesehn Nun wollte ich Euch fragen liebe
verständige alte Person ob er zu Euch hierher geraten sei Eure Herrschaft ist
keine vornehme und angesehene das weiß ich wohl also wird er hier keinen
Haushofmeister Sekretär oder Kabinetsrat vorstellen können«
»Nein« unterbrach sie ihn »solche Würden kennen wir hier in unserm Hause
gar nicht«
»Richtig« fuhr der Priester kaltblütig fort »ich dachte auch nur ob der
Bengel nicht vielleicht als irgendein Haustier zum nützlichen Gebrauch
angestellt sei Im Hundehause habe ich mich schon umgesehn die Stelle ist aber
schon von einer andern würdigen Person besetzt und eingenommen die mich auch in
ihrem Amtseifer recht derbe angeschnauzt hat Ich wollte mich bei dem Trutahn
erkundigen er kollerte ebenfalls was Zorniges daher und der stolze Pfau wollte
gar nichts von mir wissen So komme ich denn von jenem unvernünftigen Vieh zum
philosophischen und ausgebildeten Teil der weitläuftigen animalischen Schöpfung
um mich bei Euch zu erkundigen ob Ihr denn von meinem Neffen gar nichts wisst«
»Seht Ihr Guido« rief die Alte »was der durcheinander welscht und
kaudert je kunter je bunter wie man zu sagen pflegt Nun denkt er gar sein
Neffe wäre zu den unglücklichen metaviehischen Wesen übergegangen was doch
keinen Menschenverstand in sich hat Nein mein Lieber vielfach redender Mann
ich kann Euch das Naturwunder wohl besser erklären wie es mir schon seit lange
deutlich geworden ist«
»Nun« sagte der Geistliche
»Ja es ist nur« sagte sie nach einigem Bedenken »dass Ihr gewiss ein
ungläubiger Freigeist seid der alles aus der Natur und seiner Philosophie
erklären will Aber soviel werdet Ihr doch wissen und in Eurem Katechismus
gelernt haben dass es unsichtbare Wassergespenster gibt«
»Gewiss« sagte der alte Geistliche »kein Mensch zweifelt daran«
»Diese Amvibien nun und Trutohnen und Amfulotriten und Neptuns und wie
die Bestien sonst noch heißen mögen denn ich habe meine liebe Vittoria die ich
selber lange gesäugt und gestillt habe das heißt freilich in ihrer frühen
Jugend wo sie alle diese marterlogischen Kenntnisse noch nicht haben konnte
diese habe ich oft von diesen Geschöpfungen und krüppelgamischen Kreaturen reden
hören und mir das Wichtigste und Nützlichste daraus gemerkt wenn sie so mit
ihrem Herren Serschanten oder Korporale wie er auch heißt oder mit ihrer
Mutter reden tat«
»Ihr könntet Professor der Mythologie an einer Universität werden« sagte
ganz trocken der Priester und leerte seinen Becher
»Ach warum nicht gar« lächelte die Alte »nach so was ist meine Amputation
niemals gegangen Man kann nicht alles sein So ein Professor lässt freilich
einen ganzen Saal voll junger Studenten an sich saugen dass ihm auch mit der
Zeit Geist und Seele ausfährt und er zuletzt nur noch was daherstammert was
weder Kind noch Kegel mehr ist so hat er sich in das Ungewaschene und
Ungehauene und Ungestochene vertiefen müssen Doch wieder auf diese
Wasserteufel zu kommen so kann ich Euch zuschwören und ich will es vor jedem
Gericht bestätigen dass sie da in Tivoli in Eurer Nähe ganz besonders hausen
Ihr müsst sie ja auch oft genug gehört haben denn in dem großen Wassertümpel in
dem fürchterlichen Abgrund den sie die große Gaskonade nennen da kollern sie
und bullern und brüllen und brällen ja so abscheulich dass einem Hören und Sehen
vergeht Denn da bin ich einmal in der Nacht oben vorbeigegangen ich habe mich
immer gehütet in die Hölle hinabzukriechen und da habe ich es in der stillen
Nacht ganz deutlich immer schreien und brüllen gehört Komm runter komm Ursel
Trauben kriegen Fressen haben Herrlich hier Komm komm du Maulaffe Da
schrie ich aber wieder hinunter so laut ich immer konnte Gehorsamer Diener
sucht Euch einen andern Maulaffen«
»Nun der hat sich auch gefunden Nicht wahr Frau Ursula«
»Gewiss« antwortete sie »und das ist ja eben Euer dummer einfältiger
Neffe Ich habe es wohl gesehen wie die Vittoria damals den bunten Fangeball
strickte da kam der Kamillo einen Nachmittag und brachte ihr ein Flausch oder
Papier oder Zettel den steckten sie in den Ball hinein und lachten dabei als
wenn sie was Besonderes getan hätten Das war nun aber das Paktum womit sie
sich den Wassergespenstern verschreiben wollten denn immer war von Neptun und
Apoll und andern Greueln die Rede So gingen sie aus und das Karnickelgespenst
das weiße Koboldchen mit den roten Augen stellte so gleichsam einen Abgesandten
in seinem weißen unschuldigen Felle vor wie die Herrn Ambassadors denn auch gar
zu gern so recht unschuldig tun wenn sie es am dicksten hinter den Ohren haben
nun dieser Karnickel fragt denn auch ganz freundlich und fromm Kommt ihr jetzt
Ja schreit die übermütige Vittoria gleich und schmeisst den Ball auch mit dem
inwendigen Paktum in das strudlige Wasser Das Wasser lässt sich das auch nicht
zweimal sagen sondern schluckt den Ball gleich in seinen Rachen hinunter Nun
müssen sie nachspringen aber die Vittoria der es doch leid werden machte
kehrt wieder um Kamillo macht sich auch noch davon aber die Sappermenter von
Elementsgeister geben ihn doch nicht wieder frei Ihr habt es selbst gesehen
alter einsichtsvoller Mann und habt es mir gewiesen wie er so blitzblau auf
seinem Rücken von den Teufeln gezeichnet war dass er wie eine Brombeere oder
schwarze rote Maulbeere ausschaute Ihr wisst ja wie man die Schafe und Hammel
auch auf ähnliche Art mit Rotstein zeichnet dass man auf der Gemeinweide oder
auch beim Verkaufen weiß wem sie gehören Nun hat er sich also doch freiwillig
wieder bei seiner Kompagnie melden müssen Und so hängt die Sache natürlich
zusammen Nun fürchte ich immer wird mein Vittorchen doch auch noch nachgeholt
wenn sie auch hier in Rom auf dem festen Lande ist aber die Belzebubs von da
können gewiss in die Tiber hineinschwimmen Denn sie hat wenigstens in diesen
Tagen schrecklich viel geweint und geheult und die Mutter nicht weniger Auch
haben sie sich fürchterlich gezankt Nicht wahr nun habt Ihrs begriffen«
»Ja wohl« sagte Vinzenz der Priester »ich danke Euch für diesen
gründlichen Bericht Guicciardini selbst hätte ihn nicht besser abfassen
können«
Als die Mutter eines Geschäftes wegen in die Kammer trat und den Priester
bemerkte lud sie diesen an ihren Mittagstisch wo sie und die Tochter nebst
dem Dichter Kaporale ziemlich heiter waren
Alle nahmen sich vor sich nach Kamillo zu erkundigen und der Priester
entfernte sich dankbar da er diese freundliche gastliche Aufnahme von den
Leuten deren Stellung er in der Welt als eine hohe betrachtete nicht erwartet
hatte die Mutter ihm auch noch zur Erleichterung seiner Reise ein Geschenk
verabreichte
»Wie froh bin ich« sagte sie hierauf zu ihrem alten Freunde »dass diese
Unbändige sich endlich doch hat zähmen lassen Ich habe sie wirklich nicht genug
gekannt denn ich glaubte nicht dass ihre frevle unnatürliche Gesinnung sie so
weit führen könne Morgen werde ich den Kardinal besuchen und mit ihm die
Bedingungen des Ehekontrakts verabreden So wird Ruhe und Friede in unsre
Familie kommen und wir können glückliche Tage erleben«
»Aber« warf Kaporale ein »passte dieser Eidam auch zu der grossgesinnten
Tochter«
»Es musste zum Schluss kommen« sagte sie
»Wenn es nur nicht der Anbeginn anderer ebenso schlimmer Verwicklungen
ist« bemerkte der Alte
»Alles« rief die Mutter »lässt sich leichter ertragen als der Schwindel
in welchem wir uns jetzt taumelnd bewegten dass mit jedem unbewachten Augenblick
das Elend unerwartet hereinbrechen konnte Die Notwendigkeit die Verhältnisse
zügeln und zähmen von nun an den wild umfahrenden Zufall durch diese
Alltäglichkeit wird sie dem Leben und der Natur wieder zurückgegeben und der
Gatte wird an ihrer Seelenstärke emporwachsen sich an ihr erstarken und zum
Manne reifen Indessen geht unvermerkt die stürmische Jugend vorüber und das
Leben hat sie in die notwendigen Gleise hineingewöhnt in denen es doch nun
einmal laufen muss wenn es sich nicht selbst zerstören soll«
Als sich Kaporale entfernte traf er draußen auf dem Hofe die junge
Freundin welche ihre Tauben fütterte »Und Ihr wollt Euch vermählen Und an
Peretti« fragte er »Ihr hofft doch glücklich zu werden«
»Folgt mir in den kleinen Garten« antwortete sie »Ihr seid uns in diesen
wenigen Tagen so nahegekommen dass ich zu Euch vertraut wie zu einem älteren
Bruder sprechen kann«
Sie gingen in eine Baumpflanzung die über ihnen lieblich rauschte »Was
sollen wir glücklich nennen« fing sie an »ich sehe mit jedem Tage mehr ein
dass dasjenige was ich mir so nennen wollte nur ein albernes Kindermärchen ist
und doch ist alles was jenseit dieser Wünsche liegt nicht der Mühe wert es
vom Boden aufzuheben wenn es auf dem Spaziergange vor unsern Füßen schimmert
Ich werde eingespannt wie der Ackerstier in das Joch der alltäglichen
Gewöhnlichkeit so ziehe ich denn nun auch die Furchen der hergebrachten und
regelrechten Langeweile wie die übrigen Menschen«
»Konnte es Euch aber wirklich Ernst sein« fragte Don Cesare wieder »mit
jenem Farnese Ich berge es Euch nicht ich war über Euren Ausspruch ebenfalls
erschrocken«
Sie sah ihn mit ihrem scharfen glänzenden Auge an und erwiderte »Und wenn
ich Euch nun gerade hin sagte dass es mein Ernst wäre was gibt es denn da zu
erschrecken Ob ich so oder so verkauft werde wenn ich dann doch einmal
verhandelt werden soll kommt doch wohl auf eins hinaus Wer versteht denn von
euch oder auch von Weibern und Müttern die Hoheit den reinen Adel einer
echten Jungfrau Alle haben es ja längst in Geschäften Pflege des Mannes
Wartung ihrer Kinder vergessen wie es in diesem Heiligtum aussieht Die
Entweihung soll unser Beruf sein so sagen sie alle ich habe es aber nie
geglaubt zwang die eiserne Not einmal der sich auch der Kühnste beugen muss
wie ich es jetzt erlebt habe nun so war ein Mehr oder Weniger der Entwürdigung
immer nicht so gar wichtig Weggeworfen bin ich vernichtet es hat so sein
müssen ich erlebe meine sogenannte Bestimmung das heißt in meiner Sprache die
Nichtswürdigkeit«
»Und immer wieder muss ich vor Euch erschrecken« sagte der Dichter
»Wie ich vor dem Leben« antwortete sie mit scharfem Ton »ja wohl habe ich
in dieses kalte ekle Schlangengewinde in dieses Durcheinander des widrigsten
Ungeziefers erst jetzt den wahren richtigen Blick hineinwerfen können Ich
möchte weinen und ich muss eben lachen wie Ihr seht«
Kaporale fuhr vor dem lauten krampfhaften Lachen wie schaudernd zurück »Ja
ja es ist nicht anders« fuhr sie mit feurig glänzenden Augen wie
phantasierend fort »zum Lachen ist alles das mehr als zum Weinen Nie habe ich
meine Mutter so gesehen nie mich vor ihr gefürchtet mich noch niemals in meinem
Innern von ihr abgewendet Muss denn auch der edelste Mensch in der Zorngebärde
in der Verzweiflung etwas Geringes und Unedles zustande bringen Warum denn aus
dem empörten Abgrund die widerwärtige Schlacke heraufwälzen Doch freilich wenn
es vielleicht der Geist wo kommt sie sonst her Es ist ja das Innere was man
so nennt mit Worten Oh man könnte darüber wahnsinnig werden Diese ihre
ungeheure Heftigkeit so warnte mich die entsetzende Stimme meiner sündlichen
Prophetengabe diese brausete hervor und sie hätte mir vielleicht gar ihren
Fluch gegeben um doch wenn das Unheil nun geschehen wie Pilatus die Hände
waschen zu können Nun trat denn doch die große Herrlichkeit ein denn meine
böse Verkehrtheit hatte keiner Ermahnung nachgegeben leidend still
verschlossen nahm sie daran teil und genoss den Glanz der Welt Seht darum will
ich die Gattin dieses kleinen Peretti werden um nicht noch einmal alle diese
Leidenschaften zu erregen Ich mache Ernst aus dem Opfer was mir vielleicht
angedeutet wurde um meine Widerspenstigkeit erst recht zu erregen Tue ich
aber ihr oder der Menschheit hiermit nur das allerkleinste Unrecht so bedenkt
einmal und schaudert welche Schlacke sich jetzt aus meiner niederträchtigen
Seele heraufgewälzt hat Und habt Ihr schon je erfahren wie es in Eurem
Innern beschaffen ist Lebt wohl mein Freund denn das müsst Ihr mir von jetzt
mehr als je sein und bleiben«
Kaporale schüttelte das Haupt als er sich auf der Gasse befand In diesem
ernsten Lichte hatte er das Leben noch niemals betrachtet Welche sonderbaren
Eröffnungen und Bekenntnisse hatten ihm in so kurzem Zeitraum die Mutter die
Tochter und der Kardinal Farnese gemacht deren Vertrauter er ohne sein Zutun
geworden war
Fünftes Kapitel
Beim Gouverneur dem mächtigen Buoncompagno erhielt Graf Pepoli leicht Zutritt
und eine freundliche Aufnahme Die schriftliche Empfehlung der fürstlichen
Margareta von Parma bestimmte den feinen Mann einen so ausgezeichneten
Bittenden anders als die Mehrzahl von Supplikanten zu behandeln dabei hatte
diese Entführung der angesehenen Magistratsperson großes Aufsehen gemacht so
dass der Regierung selber viel daran lag einen solchen Frevel auffallend zu
strafen und den Gemisshandelten frei zu machen Dem Grafen ward also gern
bewilliget allein und ungestört mit Ascanio dein Gefangenen zu sprechen und
von ihm die Möglichkeit der Rettung des alten Mannes zu erkundigen
Ascanio ein blasser schmaler Mensch erstaunte sehr über den Besuch des
vornehmen Mannes Als er den Gruß vernahm den ihm Pepoli von dem hingerichteten
Strada brachte schrak er zusammen doch noch weit mehr als er vernahm um
welche Angelegenheit es sich handle und dass vom alten Velluti und dessen
Befreiung die Rede sei Der Gefangene rang die Hände und brach in ein heiliges
laut klagendes Weinen aus »Ich sehe« rief er nach einer Pause »ich bin auf
eine schreckliche Weise verloren mein Verbrechen falsche Münzen geschlagen zu
haben wird nun um so mehr geglaubt werden und obenein zieht man mich nun in
den neuen Prozess hinein Ihr habt mich bei dieser verruchten Sache schon dem
Gouverneur genannt man wird weiter forschen mir die Folter nicht ersparen und
mich dann auf schmähliche Weise hinrichten Ach Himmel warum ist es dem
Menschen doch nicht immer vergönnt einen einfachen und rechtlichen Lebenswandel
zu führen Ich wäre ja so gern im engsten Kreise froh und zufrieden gewesen«
Der Graf suchte ihn zu beruhigen und nach und nach sein Vertrauen zu
gewinnen Die Freundlichkeit des jungen Mannes seine Liebenswürdigkeit brachen
auch allgemach den Starrsinn des Verbrechers und lösten seine Verzweiflung auf
»Ich will Euch vertrauen« sagte er endlich »ich lege mein Schicksal in Eure
Hände wenn Ihr leichtsinnig oder zweideutig seid bin ich verloren daran kann
ich nicht zweifeln aber wenn Ihr klug sein wollt so bleibt Ihr ehrlich denn
Euer Los ist wenn Ihr mich preisgeben solltet auch vielleicht geworfen denn
Ihr seid durchaus ein Fremdling auf dem Boden den Ihr jetzt zu betreten wagt«
Der Graf nannte ihm seinen Namen Stand und dass er reich sei und gesonnen
eine bedeutende Summe nicht anzusehen um dies gute Werk das er sich vorgesetzt
durchzuführen
»Ich hoffe« sagte Ascanio »Ihr werdet mich belohnen aber eine Bedingnis
muss jeder andern vorausgehen«
»Und die ist«
»Der Gouverneur muss mich freilassen unbedingt er muss meinen Pardon
unterschreiben alles muss zwischen uns abgetan und vergessen sein Könnt Ihr es
durch Euren Einfluss dahin bringen so glaube ich Euch die Freiheit und das Leben
Eures Verwandten versprechen zu können«
Der Graf erschrak über diesen Vorschlag »Glaubt mir nur« rief Ascanio
»kann das nicht geschehen so ist alles unmöglich und wir wollen jede Rede
darüber jetzt und für immer abbrechen Und wenn Ihr mir die Freiheit verschafft
habt und wenn ich draußen bin und Euch geholfen habe ist mein Leben noch immer
in Gefahr«
»Wer aber steht mir dafür« sagte der Graf »wer gibt mir die
Gewährleistung dass Ihr sowie Ihr im Freien seid nicht entflieht und ich mit
meinem Mühen so weit bin wie jetzt«
»Ich weiß nicht« antwortete der Gefangene »warum ich Euch mehr als andern
Menschen vertraue aber wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt mich zu befreien so
sollt Ihr mich jetzt noch hier im Kerker lassen und mich nur erlösen wenn Ihr
meine Aussagen wahr befunden habt Kehrt Ihr dann frei und überzeugt zurück so
erfüllt Euer Versprechen und wir sind uns beiderseits durch Dank verpflichtet«
Der Graf ging wiederum zum Gouverneur erinnerte ihn wie so manche
Verbrecher aus Gnade schon befreit worden wären wie man durch diesen völlig
reuigen Sünder etwas Gutes stiften wolle dass dieser sich anheischig mache im
Fall er begnadigt würde niemals wieder mit irgendeinem Trupp von Banditen
gemeine Sache zu machen und wie man doch gestehen müsse dass manche dieser
Räuber mehr durch Schicksale als durch ihre Neigung zu diesem Stande getrieben
würden viele Vornehme selber diese Wegelagerer aufmunterten und in ihren Sold
nähmen so dass man bei diesem Armen Zerknirschten sich wohl einmal eine
Abweichung vom Gesetz erlauben dürfe
Buoncompagno war als ein edler Mann von großer Gesinnung nicht unwillig
Pepolis Begehren zu erfüllen weil er selbst am besten das Elend seines
Vaterlandes kannte und weil das Verderbnis des gemeinen Mannes hauptsächlich
von den Großen selbst den Fürsten ausging die durch diese Unordnung und
Verwirrung die Kräfte und das Ansehen des römischen Staates schwächen und wo
möglich vernichten wollten Er gab also dem Grafen den unterzeichneten Pardon
indem er ihm den besten Erfolg wünschte
Als dieser in den Kerker zurückkam fand er den Gefesselten beschäftigt
einen Brief durch Wachs und eine Chiffer die in Holz geschnitten war zu
versiegeln Der Gefangene war sehr erfreut als er den Gnadenbrief sah der ihm
seine unbedingte Freiheit versicherte »Ihr seid ein Ehrenmann« sagte er »wie
es wohl heutzutage nur wenige geben mag ich verdanke Euch Leben und Luft und
dass ich nun meine Kinder und Gattin wiedersehen kann Das ist mehr als Leben
Auch wollt Ihr mich noch beschenken so dass ich mit Sicherheit einen neuen
Lebensplan anheben mag Ihr sollt sehen verehrter Mann dass Ihr Euch keinen
Unedlen verpflichtet Aber so lieb Euch Ehre Leben und Gewissen sind handelt
nun auch genau nach meiner Anweisung und lässt keinen Sterblichen ohne alle
Ausnahme wissen was unter uns beiden vorgefallen ist Darauf gebt mir Eure
gräfliche Hand zum Pfande« Es geschah »Nun nehmt« fuhr er fort »dies mit
Wachs versiegelte Blatt aber zeigt es keinem Menschen und wenn Ihr es
aufbrechen solltet würde ich Euch für einen Treubrüchigen und Meineidigen
halten müssen und es würde Euch und mir zum Verderben gereichen Ihr würdet
nichts inwendig finden kein einziges geschriebenes Wort sondern nur eine
Chiffer die Euch völlig unverständlich wäre Dieses stumme Blatt ohne
Aufschrift diese Chiffer entaltend werdet Ihr dort abgeben wohin Euch dieses
zweite kleinere verhüllte Blatt anweiset welches wie Ihr seht auch ohne alle
Aufschrift ist Versprecht mir feierlich dies Blatt auch nicht zu öffnen bevor
Ihr aus den Toren Roms seid Niemand muss wissen dass Ihr diese beiden Zeichen
bei Euch habt Das Geschäft so hoffe ich gewiss wird Euch glücken ich bleibe
hier und erwarte Euch und sowie ihr zurückkehrt führt Ihr mich zur Freiheit
hinaus Ihr seht also ich vertraue Euch weit mehr als Ihr mir denn Ihr
könntet ja wenn Euch die Sache gelungen ist mit meinem Gnadenbrief in alle
Welt gehen oder ihn dem Gouverneur wieder zurückstellen Ich hoffe aber und
weiß wir beide sind von besserer Art als mit so kleinen Ränken zu schachern«
»Wohl ist es so« sagte der Graf fast gerührt »und darum nehmt und
behaltet diesen Euren Pardon damit dieser Euch bleibt wenn ich vielleicht
verunglücken sollte Ich gehe sogleich noch einmal zum Gouverneur ihm dies zu
erklären und ihn zu bewegen Euch die Tore zu eröffnen im Fall mir etwas
Menschliches zustossen sollte«
Der Gefangene rief ihm noch nach »Vergesst nicht dass das Lösegeld für den
geraubten Mann nur eine tolle unmögliche Forderung zum Schein ist denn kein
Fürst könnte es auszahlen Die ganze Sache sollte nur die Milizen das Militär
und die Gerichtsbeamten schrecken dass sie in ihrer Pflicht saumselig würden und
den Mut zu solchen Wagestücken wie der Alte unternommen hatte verlören auch
wollte man die Unterhändler kennenlernen und im äußersten Fall den Gefangenen
auf eine grässliche Art ermorden«
Der Kerkermeister trat herein um dem Gefangenen auf Befehl des
Gouverneurs vorläufig die Ketten abzunehmen und der Graf verließ die Stadt
Als er im Freien war öffnete er das ihm bestimmte Blatt und sah dass es ihn
nach Subiaco hinwies an einen Apotheker Tommaso Er verwunderte sich dass er
nach dem Orte geschickt wurde wo das Verbrechen verübt war Er merkte den Namen
des Mannes und vernichtete dann den Zettel sorgfältig dass sein Diener der ihn
zu Pferde begleitete oder irgend sonst wer das Blatt nicht lesen könne In der
Nähe der Stadt ließ er seinen Begleiter in einem Dorfe des Gebirges und wandelte
zu Fuß nach dem kleinen Ort Auf seine Erkundigung vernahm er dass der Mann den
er suchte gleich am Eingang des Ortes seinen kleinen Laden hatte Er trat zu
ihm ein sah sich behutsam um und ersuchte ihn mit ihm allein in seinem Zimmer
zu sprechen Tommaso brachte ihn in ein Kabinet und Pepoli übergab ihm das
Billet ohne Aufschrift Wie der Apotheker das Siegel aber betrachtete erriet
er von wem es kam erbrach und wurde sichtlich blass als er die Chiffer innen
erblickte Diese ließ er sogleich am Licht welches dastand verbrennen setzte
sich nieder und schrieb ein andres Zeichen welches er behutsam mit seiner Hand
verbarg Er siegelte hierauf das Blatt welches er ebenfalls ohne Aufschrift
ließ und sagte dann zum Grafen »Wenn Ihr diese Straße hinuntergegangen seid
so trefft Ihr etwas rechts auf einem kleinen Platz ein ziemlich großes weißes
Haus an welchem sich über der Tür das Bildnis der Madonna zeigt vor dem Hause
ist eine steinerne Schwelle von drei Stufen Ihr könnt gar nicht fehlen Wenn
Ihr angeklopft habt so wird Euch ein ganz kleines dürres Männchen die Haustür
aufmachen diesem sagt leise ins Ohr Semphoras dann wird der Euch schon
zurechtweisen Sollte was aber nicht leicht geschieht eine Magd öffnen so
wartet stillschweigend bis der kleine Dürre zu Euch tritt«
Der Graf ging verwundert und sinnend über die Gasse Als er fast schon jenes
bezeichnete Haus erreicht hatte kam ihm Geschrei und Getümmel entgegen es war
der Barigell ein großer starker Mann mit fast herkulischen Gliedern der mit
seinen Häschern einen Verbrecher in das Gefängnis führte Der Graf klopfte an
das Haus die Tür öffnete sich und die schmalste vor Dürre fast klappernde
Figur trat ihm blass und mit eingesunkenen Augen entgegen und fragte ihn mit
feinkrähender Stimme was sein Begehren sei Graf Pepoli neigte sich an sein Ohr
und flüsterte ihm jenes ihm anvertraute rätselhafte Wort zu »Ah das ist was
anderes« sagte der Kleine verbeugte sich und sah ihm dann freundlich lächelnd
ins Gesicht »Ihr wisst die heutige Parole« Er führte den Fremden dann mit
vielen Verbeugungen eine Treppe hinauf öffnete eine Tür und schob den Grafen
in ein großes ganz leeres Zimmer hinein »Einen Augenblick warten« krächzte
der Kleine indem er die Tür von außen wieder verschloss Der Graf ging im Zimmer
auf und ab Die Fenster waren so hoch dass man nirgend auf die Straße sehen
konnte wodurch das Gemach fast das Ansehen eines Kerkers erhielt
Nur zwei Sessel standen im großen Raum und ein verschlossener Wandschrank
war noch sichtbar sonst kein anderes Mobiliar Graf Pepoli wurde nach und nach
verdrießlich dass er so lange warten müsse er horchte nach der Tür und Treppe
vernahm aber kein menschliches Wesen Er wurde besorgt denn es schien ihm nicht
unmöglich dass diese Vorschwornen die mit so künstlichen Mitteln verbunden
waren ihn selbst gefangenhalten konnten wenn sie vielleicht fürchteten dass er
schon mehr von ihnen wisse als ihrer Sicherheit zuträglich sei Er rasselte an
der Tür sie war fest verschlossen und jede Anstrengung sie zu öffnen
vergeblich Indem er noch nachsann was er wohl beginnen könne stand zu seinem
Erschrecken plötzlich ein großer Mann dicht hinter ihm der ihm auf die Schulter
klopfte Er sah um und erriet nun dass eine unbemerkte Tür in der Wand sich
leise geöffnet hatte Er erstaunte aber von neuem als er den Mann erkannte der
kein anderer war als jener stark gebaute Anführer der Häscher den er vor
weniger Zeit auf der Straße in seiner Amtsverrichtung als Obrigkeit gesehen
hatte »Was verlangt Ihr von mir werter Freund« fragte ihn die hohe Figur in
einem ernsten fast verdrießlichen Ton Pepoli überreichte ihm schweigend das
Blatt des Apotekers Der Barigell ging beiseit nahm die Chiffer heraus
betrachtete sie mit gerunzelter Stirn und zerriss das Papier dann in die
kleinsten Fragmente Der mächtige Antonio so hieß dieser Vorstand der
Häscher ging mit schwerem Tritte schweigend und wie es schien zürnend im
widerhallenden Saale auf und ab »Euer Name Stand Aufenthalt« fragte er
dann indem er zugleich den festverwahrten Wandschrank aufschloss Der Graf
nannte sich seinen Stand und seinen Wohnort Bologna Unter vielen großen
geschriebenen Büchern welche eine Menge alphabetisch geordneter Namen zu
enthalten schienen nahm er das eine schlug nach suchte und las eifrig »Ich
finde nicht« sagte er nach einer Weile »dass Ihr einer unserer Verbündeten seid
der gute dumme Tommaso hätte Euch besser nicht hergesendet erzählt mir Eure
Sache weshalb Ihr uns aufsucht«
Der Graf erfüllte sein Begehren Mit immer zunehmendem Verdrusse hörte ihm
jener zu »Ja« sagte er dazwischen »den alten Kerl halten sie immer noch
gefangen und mit Recht Wenn es mehr solcher gäbe oder wenn sie aufgemuntert
würden hätte die Brüderschaft bald ein Ende« Als er nun vom hingerichteten
Strada hörte wurde er noch ungeduldiger » und dieser Nichtsnutzige« rief er
»hat er Euch zu dem zweideutigen Ascanio gewiesen Und dieser hat die Frechheit
gehabt Euch hierherzusenden wir hatten den Schlauen künstlich genug auf die
Engelsburg geschafft wo er wohl mit zehn Jahren auf der Galeere davongekommen
wäre aber er ist klug er benutzt sogleich Eure Bemühungen für den alten
Bösewicht um sich ganz frei zu machen« Er verschloss die Bücher und ging
dann die Hände auf dem Rücken im Saale ziemlich lange auf und ab Hierauf
stellte er sich dicht vor den Grafen hin und sagte mit barschem Ton »Wie wär es
denn wenn ich Euch lieber gleich hierbehielte Wenn Ihr auch nicht viel wisst
so wisst Ihr doch genug um mich und den guten Gevatter da unten in seiner
Apotheke verraten zu können Am kürzesten zum mindesten wäre es so entschieden
Der schlaue vielwissende Ascanio bliebe am Ende auch am sichersten dort«
Der Graf ohne die Fassung zu verlieren erklärte noch einmal bündig seine
Absicht und wie es von je sein Vorsatz gewesen sei eine bedeutende Summe für
die Befreiung des Gefangenen zu verwenden dass die Grausamkeit ihn selbst
zurückzubehalten oder gar zu ermorden eine ganz überflüssige sei auch würden
seine Anverwandten in Bologna die Gerichte dort in Rom ja die Kardinäle der
Gouverneur und wohl der Papst selbst die genauesten Nachforschungen anstellen
da sich die Grössten des Landes wie die Fürstin Margareta von Parma für ihn und
sein Unternehmen interessiert hätten ja da wie nicht unbekannt Herren und
Fürsten selbst diesen Bündnissen heimlich zugehörten so könnte er wohl gar von
diesen wegen seines Attentats hart bestraft werden Auch warte in der Engelsburg
Ascanio auf seine Rückkehr dieser würde im Fall sein Beschützer ausblieb
gewiss nicht schweigen und da dieser so sehr alle Fäden in der Hand habe ihnen
wohl den allergrössten Schaden zufügen weil unter solchen Umständen ihn der
Gouverneur schwerlich seiner Haft entlassen würde
»Ihr seid ein kluges Männchen Graf« sagte Antonio »und habt fast so viele
Fassung wie unsereins Die Sache wie Ihr sie da vorstellt ist nicht ohne Der
verwünschte Ascanio weiß gar zu viel und so klug wir uns zu sein dünken ist er
denn doch vielleicht noch klüger Nehmt nur wenn ich Euch freigebe die eine
Überzeugung mit hinweg dass, wenn Ihr Euch gelüsten liesset irgendeinem
sterblichen Menschen nur eine Silbe von dem zu verraten was Ihr seitdem
erfahren habt Ihr auch keine Stunde Eures Lebens sicher sein könntet Übrigens
ist Euer Ansuchen zu wichtig die Sache zu verwickelt ich für mich selbst kann
nichts entscheiden ich darf es nicht auf mich nehmen und viele der
Schiedsrichter sind nicht zugegen Nur ein Mittel gibt es Kommt mit dem Neumond
mit Eurem Ascanio selber wieder hierher dann ist der große Rat versammelt
Übrigens kennt Ihr mich und den Gevatter niemals«
Der Graf begab sich wieder auf den Rückweg indem er die seltsamen
Verhältnisse der Welt übersann wie er so freundlich und höflich noch vor
wenigen Tagen von Kardinälen und fürstlichen Damen aufgenommen und beschützt
war und wie er in diesem Augenblicke in der Abhängigkeit eines gemeinen
Menschen gewesen sei der ihm eine große Gnade in seiner Meinung dadurch
erwiesen habe dass er ihn seine Straße wieder frei habe ziehen lassen
Indessen verhandelte die Mutter Accorombona mit dem alten verständigen
Kardinal Montalto wegen der Verbindung seines Neffen mit ihrer Tochter Virginia
Der alte Mann erstaunte über die hohe Gestalt der noch schönen Matrone über den
Ausdruck dieses klugen Auges und ihre edle und vornehme Haltung Er fasste
dadurch sogleich ein gutes Vorurteil für den Geist und den Charakter einer Frau
die sich mit solchem Wesen ankündigte Donna Julia hatte bis jetzt den Kardinal
nur in kirchlichen Funktionen gesehen weil er die gewöhnlichen Zusammenkünfte
der Menschen vermied sie verstand aber sein kluges Auge und wusste durch den
verstorbenen Gatten wie konsequent umsichtig und beharrlich er sich von je in
allen Geschäften des Lebens betragen hatte
Nach den ersten höflichen Begrüßungen sagte die Matrone »Eminenz es gehört
zu den glücklichsten Vorfällen meines Lebens mit einem so echten wahrhaft
tugendhaften Mann in nähere Verbindung zu kommen Haltet es für keine
Schmeichelei denn ich spreche nur Wahrheit dass ich unter allen Umständen ein
solches Bündnis meiner Tochter den Anerbietungen der reichsten vornehmsten
ältesten Familien würde vorgezogen haben«
»Ich glaube Euch würdige Dame« antwortete der Kardinal »denn Euer hoher
Sinn Euer Edelmut wird von aller Welt gerühmt Auch ist Euer und Eurer Tochter
Entschluss deshalb zu loben weil ihr es beide sehr gut Wisst dass ich diesem
meinem angenommenen Sohne keine großen Reichtümer Schätze oder liegenden Gründe
übermachen kann denn ich habe jene krummen Wege mir Reichtum zu erwerben
immerdar vermieden Aber ein gut eingerichtetes Haus mit einem angenehmen Garten
werdet Ihr erhalten und ein so anständiges ja reichliches jährliches
Einkommen dass Ihr Euch dieser Vermählung wegen nicht einzuschränken braucht
und wenn das Haus welches Ihr machen werdet auch nicht zu den glänzendsten
gehört so wird es jeder Billige doch gewiss zu den anständigen und wohlhabenden
rechnen Ihr werdet Gesellschaft sehen Diener halten die Mobilien die Zierden
des Hauses sind edel wenn auch nicht kostbar und wenn Ihr noch Euer Vermögen
mit diesen Einkünften vereinigt werdet Ihr allen Sorgen des Lebens enthoben
sein und Freunden Euch gastfrei und wohltätig erweisen können Auch ich hätte
für meinen Neffen wohl eine berühmte hochadliche Familie finden können die ihn
nicht ungern aufgenommen hätte doch bin ich überzeugt dass er in solcher
Umgebung zugrunde gegangen wäre Meine Familie die mich ans Licht gebracht hat
war eine der ärmsten in der ganzen Mark mit saurem Schweiß erbeutete sie ihr
Leben sosehr es meine ackerbauenden Eltern auch wünschten so konnten sie doch
nicht das mindeste für mich tun wie mein frommer Freund und Beschützer der in
Gott selige Pius der Fünfte bin ich in meinen frühsten Jahren nur ein Bettler
gewesen der lange von Wohltaten anderer leben musste die fast ebenso dürftig
waren als ich selbst Glaubt mir edle Frau in der Armut Hülflosigkeit wo
wir immerdar auf des Himmels Gnade und den persönlichen Beistand Gottes
aufschauen müssen tut sich eine Heiligkeit eine süße Weihe kund von der die
Wohlhabenden niemals etwas erfahren Und auf diesem Wege habe ich die Güter der
Welt geringe achten lernen ohne sie vorsätzlich zu verschmähen aber kein
Schmeichelwort hat mir je Gold und Goldeswert erkaufen dürfen in Venedig
Spanien in meinen Diözesen immerdar war ich mir und meiner Überzeugung getreu
Diese meine Erfahrungen habt Ihr freilich nicht machen können aber Ihr habt
Euch ebenfalls nie verleugnet nicht den Großen aufgesucht seines Einflusses
wegen noch vor dem Reichen seines Goldes wegen gekniet Stark und fest seid
Ihr männlich und hochdenkend und das hat mich hauptsächlich bestimmt meine
Einwilligung so schnell zu geben obgleich mein Neffe streng genommen zum
Ehegatten noch zu jung und unreif ist Ich sah es aber wie bald er von dieser
jungen Vornehmen durch deren Frechheit verdorben wurde ich liebe das Kind ich
wäre fähig für diesen Jüngling alles zu tun und drum übergebe ich diesen
weichen und schwachen Charakter Eurer weisen Führung dass Ihr ihn zum Manne
bildet dass er Recht von Unrecht Wahrheit von Lüge unterscheiden lernt«
»Die Aufgabe ist nicht leicht« erwiderte die Matrone »damit es aber völlig
gelingen könne ist es notwendig auch für das Heil meiner Tochter dass Ihr mir
eine Bitte bewilligt und sie auch mit den Mitteln durchsetzt die Euch gewiss zu
Gebote stehen«
Sie erzählte ihm hierauf von der wilden fast tierischen Leidenschaft des
jungen Luigi Orsini und wie er in brutaler Weise die Tochter bedroht habe wie
man vor ihm und seinen nichtswürdigen Helfershelfern wie den besoldeten
Banditen in jeder Stunde zittern müsse
Der Kardinal versank in tiefes Nachdenken »Diese Ruchlosigkeit« sagte er
dann »ist der wahre Wurmfrass unseres Staates das Gift welches schon seit
lange alle seine Lebensadern durchdringt Ein Drako täte uns not der aber auch
Kraft und Ansehen genug besäße um seine bluttriefenden Edikte durchzusetzen
Und doch kann es nur auf diesem Wege besser werden wenn es ja irgendeinmal
besser werden soll Unser verehrungswürdiger Heiliger Vater ist zu schwach zu
friedliebend ja er ist so sehr Menschenfreund dass er gern noch im tückisch
verruchten Mörder das Bildnis seines Bruders anerkennt Er vergisst nur dass ein
verziehener Mord zehn neue erzeugt Doch seid ruhig denn in diesem Falle ist
es meine heiligste Pflicht dem drohenden Übel zu steuern und es wird mir auch
gelingen Ich verspreche es Euch bestimmt der wilde Jüngling soll Eure Schwelle
niemals wieder betreten und Euch weder in Gesellschaft noch auf öffentlichen
Straßen oder in den Tempeln verletzen wenn er nicht den Bann auf sein Haupt
herniederziehen will Das wird mir der Papst bewilligen wenn er auch sonst
nicht mein persönlicher Freund ist aber hier wird seine eigene Ehre die
meinige unmittelbar in Anspruch genommen Er wird in dieser Sache die strengsten
Befehle erteilen und sie auch seinem Sohne dem Gouverneur schärfend
mitteilen auch diesem werde ich noch heute selbst meinen Besuch machen Dann
werde ich Rücksprache nehmen mit einem älteren Vetter des jungen Irrwisches dem
Herzoge Paul Giordano dem tüchtigen gedienten Bracciano Vor diesem Mächtigen
wenn er sich erhebt zittern alle diese Wildfänge ihm entgegenzuhandeln wagen
sie nicht und er hat sich bisher immer als mein persönlicher Freund erwiesen
Also seid über diesen Punkt ohne alle Sorge«
»Ihr nanntet Verehrter« fuhr die Donna fort »mein Vermögen es ist für
eine Witwe wohl nicht unbeträchtlich doch aber kaum zureichend da ich noch
Söhnen damit die unversorgt sind fortelfen muss Und was das schlimmste ich
bin nahe daran es durch Schikanen einzubüssen« Sie erzählte ihm kürzlich wie
gerecht ihre Sache sei wie sie schon zu ihren Gunsten entschieden worden und
wie nur kürzlich um sie zu quälen und vielleicht ihre Tochter zu verderben ein
Großer den sie nicht nennen wolle auf krummen Wegen es so weit gebracht dass
ihre Advokaten scheu zurücktraten und die feindliche Partei nahe daran sei zu
gewinnen
»Ich kann wohl den erraten« sagte Montalto »den Ihr mit so vieler Klugheit
verschweigt seid ruhig ich werde diese Sache selber in die Hände nehmen und
meine tugendhaften Kollegen der Medicäer Fernando und Borromäus werden mir
Beistand leisten Jener Ungenannte wird es niemals wagen mit seinem offenen
Angesichte hinter dem Vorhange herauszutreten und so werden Advokaten und
Richter ihre Bahn von selber wiederfinden«
Jetzt stand die Donna auf fasste die Hand des Kardinals küsste sie mit
Inbrunst indem sie von ihren heißen Tränen benetzt wurde »Was ist Euch«
fragte der Alte erschrocken »O jetzt jetzt« rief sie schluchzend »die
größte Gnade das größte Opfer das Ihr mir noch bringen müsst um das Elend das
mich ins Grab drückt wenn Ihr mein Flehn nicht erhört abzuwenden das Leben
meines ungeratenen Sohnes«
Er hörte die Geschichte des verirrten Jünglings ruhig an und sagte am
Schluße »Auch diese Bitte gewähre ich Euch ob eine solche Verzeihung gleich
meinen Gundsätzen und Überzeugungen völlig widerspricht Auch dies muss mir Papst
und Gouverneur bewilligen denn es ist das erstemal in meinem Leben dass ich
dergleichen verlange Wenn aber dieser Marcello wiederum abfallen sollte er
wieder in schlechte Gesellschaft und durch diese in die Bande des Gerichtes
gerier so sind das vergesst mir nicht für ihn meine Lippen versiegelt«
Sie trennten sich beide füreinander mit der größten Hochachtung erfüllt In
ihrem Hause angelangt fand die Mutter den Kardinal Farnese neben der Tochter
sitzen mit der er schmeichelnd zart verbindlich und fein vielfache Gespräche
führte Die Matrone als sie hereintrat erschrak fast über die Schönheit der
Tochter die sich so blühend wie in dem Meisterwerke eines großen Malers von dem
alten klugen und edlen Gesicht des Staatsmannes abhob Vittoria benutzte die
erste Gelegenheit sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn und als die beiden allein
waren sagte Farnese mit der unbefangensten Freundlichkeit »Wo wart Ihr bis
jetzt geehrte Freundin«
»Beim Kardinal Montalto« antwortete jene
»Was wollt Ihr bei dem Duckmäuser« rief Farnese laut lachend »dieser
kriechende träge Esel aus der Mark der in seinen Gebärden noch immer den
Bettel seiner Eltern zur Schau trägt der noch immer die Sprüchwörter der
Kärrner und Viehtreiber von dort im Munde führt ein würdiger Liebling jenes
fanatischen Pius des Fünften der ebenso armutselig entsprossen war warum
erniedrigt Ihr Euch zu solchen Gesellen von der besten Gesellschaft die Ihr
gewohnt seid so tief hinab«
»Mässigt Euch Verehrtester« sagte sie gelassen »soeben haben wir
abgeschlossen sein Neffe ist der Verlobte meiner Tochter«
Dem Kardinal versagte das Wort im Munde er war totenbleich geworden Er
der dafür berühmt war dass er nie auch bei den größten Vorfällen des Lebens in
Verlegenheit geraten könne konnte die Rede nicht wiederfinden stotterte heftig
und sagte endlich in lallendem Ton »So Das habt Ihr wie Ihr glaubt klug
gemacht herrlich fabriziert Diesen gelblichen Strohgimpel diesen unflüggen
Krammetsvogel in Euer Dohnengarn zu verstricken und ihn verzappeln zu lassen«
Er stand auf stampfte mit den Füßen und knirschte mit den Zähnen »Ich
dachte« fing er wieder an »Ihr würdet als eine verständige erfahrne Frau
meine Vorschläge reiflich erwägen aber nein auch sie ist eine gackernde
tugendhafte Gans wie die übrigen schwatzenden regelrechten Maschinen«
Es war ihm unmöglich seine Wut zu verbergen und so verließ er das Haus
Sechstes Kapitel
Nach kurzer Zeit nachdem Graf Pepoli nach Rom zurückgekommen war machte er
sich mit dem frei gewordenen Ascanio auf den Weg nach den Sabinischen Bergen
Als sie im Felde waren sagte der Freigewordene »Nur zwei Arten von Menschen
wissen das Glück der Luft der Landschaft und des hellen Wetters zu würdigen
der Kranke der eine tödliche Krankheit in seinem Bette überstanden hat und
sich nun wiedererholt um die Natur noch lange Zeit mit neu anwachsenden Kräften
zu begrüßen und der Gefangene der monatelang im dumpfen Kerker schmachtete
Ach welches Glück Licht und Luft zu genieren Wen sie so in die freie
Landschaft hinaushängen der ist auf keinen Fall so übel daran als dem sie in
einem engen Gefängnishofe den Kopf abschlagen«
»Habt Ihr nun Hoffnung« fragte der Graf »dass wir unser Geschäft bald
vollenden und sogleich den armen Alten werden befreien können«
»Wenn ich aufrichtig sprechen soll« erwiderte jener »so habe ich dazu die
Hoffnung immer mehr und mehr aufgegeben je mehr ich mir die Sache und ihre
Schwierigkeiten überlegt habe Denn ich sehe ein sie haben seit meiner
Gefangenschaft das ehemalige Zutrauen zu mir verloren viele Dinge müssen sich
geändert haben dass jener Antonio mit Euch so barsch verfahren durfte Wenn Ihr
mir also misstraut mein Wohltäter oder wenn Ihr irgend zagen wollt da ich
selbst nicht mehr weiß wie ich mit jenen ruchlosen Menschen stehe so mögen
sich hier unsere Wege auf immerdar trennen und ich werde mich ewig Eurer
Wohltat erinnern die ich Euch nicht habe vergelten können«
»Und jener arme Gefangene« rief Graf Pepoli aus »dessen einzige Hilfe und
Hoffnung ich auf Erden bin Nein mein guter Ascanio lasst uns beide das Letzte
das Äußerste versuchen Wenn man nur den Mut nicht verliert so gestalten sich
die Sachen immer besser als man es erst erwarten konnte«
»Ich wandle mit Euch« rief jener »und wenn es in den Tod ginge«
Sie näherten sich dem Gebirge und Ascanio fand es jetzt notwendig sein
Antlitz und seine Tracht zu verstellen So kamen sie nach Subiaco und ohne sich
beim Apotheker aufzuhalten begaben sie sich in das Haus des Barigello Der
Kleine lächelte verschmitzt als er ihnen die Tür öffnete Oben saß in einem
andern Zimmer als jenem leeren das Oberhaupt der Häscher »Richtig« rief
ihnen dieser entgegen »heute haben wir Neumond und ihr seid weder zu früh noch
zu spät gekommen Wir gehen hinauf nach dem Gebirge denn die Versammlung ist
dort Ihr Ascanio kennt den Ort wohl dort ist schon manches Urteil gesprochen
worden dort hat sich auch schon manche Strafe und Hinrichtung vollstreckt«
Antonio hatte indessen auch eine gewöhnliche Tracht angelegt und unten im
Hause trafen sie vier Sbirren welche als Bauern gekleidet waren Ascanio
betrachtete diese Anstalten mit großen Augen denn sie schienen ihm nichts Gutes
zu verkündigen und der Graf der die Angst seines Reisegefährten wohl bemerkte
fing auch an unruhig zu werden
In der Einsamkeit als sie den Hügel überstiegen hatten begegneten ihnen
immer mehr und mehr Menschen die sich ihnen anschlossen so dass nach einiger
Zeit ihr Zug ein sehr ansehnlicher war Ascanio schaute ängstlich um sich
redete diesen und jenen an da ihm aber keiner antwortete so schwieg er endlich
verlegen und überließ sich gefasst und stumm seinem Schicksal
Jetzt waren sie mitten im Walde weit abgelenkt von der gewöhnlichen Straße
Sie standen auf einem runden grasbewachsenen Platze der mit hohen
Felsenstücken steil umgeben war Hier wurde haltgemacht und hinter den Felsen
traten mehrere Gestalten hervor die dem Ascanio sehr wohl bekannt waren die
aber alle beim ersten Auftreten sich so fremd gegen ihn stellten als wenn sie
ihn niemals gesehen hätten Plötzlich sprang ein großer rüstiger Mann in ihre
Mitte und rief »Jetzt sind wir beisammen um Gericht zu halten«
Derjenige der so rief war in seiner Gestalt und seinem Antlitz auffallend
genug Er war ganz schwarz gekleidet ein breiter Hut bedeckte sein Gesicht auf
welchem eine schwarze Feder schwankte Sein Gesicht hatte den Ausdruck
ungeheurer Wildheit von einer großen Narbe die quer über die linke Wange lief
noch mehr entstellt in seinen Gebärden wie in seinen Reden war er sehr hastig
so dass er in seiner Eile oft stotterte und manche Worte nur undeutlich zu
vernehmen gab
»Hierher Ascanio« schrie dieser unbändige schlanke Mann »Rechenschaft
wird abgelegt wen du von uns verraten hast und warum du mit einem ganz fremden
Mann ein Komplott geschmiedet hast um uns alle an das Messer zu liefern«
Ascanio erzählte alles genau und umständlich seine zufällige
Gefangennehmung wie man ihn von den übrigen getrennt und auf die Engelsburg
gesetzt habe ein Ereignis das ganz gewiss von den Anführern der Brüderschaft
selber herrühre Nun sei der bekannte Strada zum Tode verdammt dieser habe dem
Grafen Pepoli der sich um den Gefangenen aus Subiaco großmütig bemüht zuerst
den Ascanio genannt weil dieser vielleicht Mittel und Wege angeben könne den
wohltätigen Zweck zu erreichen Sei irgendein Verrat vorgefallen oder etwas dem
Ähnliches so sei einzig und allein dieser Verbrecher zu schelten »Es war wohl
natürlich« endete der Sprechende »dass ich meine Freiheit wünschte und die
Gelegenheit ergriff die mir ein edler Mann anbot und ihr solltet alle jubeln
darüber weil ich nicht weiß was die Schwäche meiner menschlichen Natur auf der
Folter oder die Furcht vor dieser möchte ausgesagt haben Nun seid ihr dieser
Besorgnis los und es gilt nur noch wegen des alten Gefangenen mit dem Grafen zu
unterhandeln und dabei überdies ein ansehnliches Geld zu verdienen«
»Nein« rief der große wilde Mensch und stampfte dazu mit den Füßen
»keine Auslösung wenn es nach mir geht Wozu haben wir den alten Graubart dort
seinem weichen Bett entrissen Um ein Beispiel aufzustellen um die
Gerichtshöfe Häscher und Soldaten einzuschüchtern dass keiner allzu dreist uns
in die Zügel zu greifen wage Der Preis den wir festgesetzt sollte nur dienen
Überkluge Vorwitzige herbeizulocken und die kennenzulernen die uns etwa jetzt
oder in Zukunft gefährlich werden könnten Auch diese wollten wir verderben und
nachher die Glieder des Alten zum Schrecken und Entsetzen der Gerichte und
Häscher in den Städten und Dörfern als Denkmal unsrer Macht und unerbittlichen
Grausamkeit aufstecken Nun soll alles dies durch Wort und Rede eines
schwächlichen Verräters und auf sein Ansinnen vergeblich sein und widerrufen
werden Nein ihr meine männlichen starken Freunde lasst euch nicht so arg von
einer glatten Zunge betören Der Fremde der so vorwitzig unsere Kreise betrat
er falle zuerst zum abschreckenden Beispiel anderer Überklugen und Anmasslichen
Nachher mögen wir untersuchen ob uns Ascanios Leben oder Sterben nützlicher
sei denn er weiß allerdings zu viel als dass wir ihn nicht als eines der
bedeutendsten Glieder unseres Bundes betrachten sollten So zieht denn die
Schwerter«
Mit einem wilden tierischen Geschrei waren mehr als hundert Waffen entblößt
Bei diesem Anblick sprang Ascanio wie rasend von seinen Begleitern fort und
stellte sich dem Redenden gegenüber »Halt« schrie er so laut er es vermochte
»seid ihr unsinnig Bist du Hauptmann trunken Diesen Grossmütigen den
harmlosen Fremden wollt ihr in eurer tierischen Wut aufopfern Und ich soll ihn
auf die Schlachtbank geliefert haben Ich der Befreite seinen Wohltäter Wenn
ihr denn nicht Mensch wenn ihr denn rohes Vieh sein wollt so nehmt mein Blut
zuerst so treu ich euch und dem Bunde immer war schlachtet mich zu eurer
Sicherheit der ich um alle eure Geheimnisse weiß aber ihn den edlen Mann lasst
zu seiner Heimat sicher und ungefährdet zurückkehren Das sei das letzte Zeichen
eures Wohlwollens für mich eures ehemaligen Vertrauens dass ihr mich statt
seiner als freiwilliges Opfer annehmt«
»So seis fürs erste« schrie der Unbändige mit schäumendem Munde und so
war es in einer Sekunde um Ascanio und wohl auch um den Grafen geschehen wenn
nicht in demselben Augenblick schnell wie ein Blitz vorspringend ein schöner
schlanker Jüngling vor dem Wütenden gestanden hätte »Steckt eure Degen und
Dolche ein« rief er mit lauter wohlklingender aber doch gebietender Stimme
»ich habe alle eure Reden vernommen ich war noch kürzlich selbst in der Stadt
und kenne die Umstände genau ich weiß Ascanio ist unschuldig und ganz im
Recht ihr wart im Begriff einen Mord zu begehn anstatt ein Strafurteil zu
vollziehen Willst du Ascanio nun wieder zu uns treten oder darfst du es
wagen für dich selbst dein Leben zu führen uns unbekannt und keinen kennend
wer dir auch von uns jemals wieder erscheinen wird«
»Das letzte ist mein Wunsch edler Hauptmann« sagte Ascanio mit bittender
Stimme
»Und Ihr Graf« fuhr der Jüngling fort »wünscht Euren alten Vetter
wiederzuhaben und selbst ungefährdet aus diesem zornigen Kreise
zurückzukehren«
»So ist es« antwortete Pepoli
Der junge Mann entfernte sich hierauf mit dem Grafen tiefer in den Wald wo
sie von niemand gehört werden konnten »Ihr seid mir dankbar« fing er an »wenn
ich Euren Wunsch erfülle«
»Ohne Zweifel«
»Und was tätet Ihr wohl wenn das alles in Freundschaft und selbst ohne das
mindeste Lösegeld erfüllt würde«
»Alles« antwortete der Graf und sah ihn mit Verwunderung an
»Es geschehe« fuhr jener fort »wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt niemals
von allem was Ihr gesehen und gehört zu irgend jemand zu sprechen keinen von
uns zu kennen wo Ihr ihn auch wieder treffen mögt oder ihn gar auf diese
Begebenheiten anzureden und zweitens wenn Euch jemand diese Chiffer bringt
ihn aufzunehmen einige Stunden zu verbergen und heimlich und sicher
weiterzuschaffen Wenn Euch diese Kleinigkeit ein Äquivalent ist für jenes Alten
und Euer eigenes Leben so reicht mir die Hand an Eides Statt dass Ihr diese
nicht schweren Bedingungen erfüllen wollt«
Der Graf gelobte
»So geht denn mit Eurem Ascanio zur kleinen Stadt zurück ruht und erholt
Euch dort im Gasthofe binnen einer Stunde wird der Alte der so lange entfernt
war bei Euch sein«
So geschah es Der Alte ward zu seinem Verwandten der um ihn so viel gewagt
hatte unbeschädigt und ziemlich wohl hingeführt die Freude sich wiederzusehn
wurde von beiden nicht ohne Tränen gefeiert Man machte Anstalten bequem nach
Rom zu reisen Ascanio aber der eine Sehnsucht zu den Seinigen hatte die im
Florentinischen lebten wollte auf dem kürzesten Wege zu diesen eilen Der Graf
gab ihm die ganze Summe zum Geschenk mit die er für die Auslösung seines
Verwandten bestimmt hatte
Langsam und bequem ward jetzt mit dem kränkelnden Alten die Reise nach Rom
unternommen In der Nähe der Stadt stieg der Graf vom Wagen um zu Fuß durch das
Tor zu gehen
Am frühsten Morgen schon hatte Donna Julia den feinsten und zierlichsten
Brief vom Kardinal Farnese empfangen Er sagte in diesem der sicherste Beweis
welche Leidenschaft ihn schon seit lange für Vittoria entzündet habe sei die
rohe Ungezogenheit zu welcher er sich in seinem vorgerückten Alter habe
hinreißen lassen wodurch er sich und seinen Stand entwürdigt sowie seine
liebste und teuerste Freundin gekränkt und verletzt habe Wie es aber edlen
Seelen anstehe dergleichen traurige Augenblicke in welchen wir uns nicht
selbst angehören zu vergessen so sei er auch überzeugt die Grossmütige habe
ihm schon vergeben und sein Bestreben solle sein durch alle nur irgend
möglichen Beweise der Freundschaft sie auch diese schwarze Stunde vergessen zu
machen Er hoffe also als ein Zeichen der Vergebung die Erlaubnis erneuert zu
sehen ihr Haus besuchen zu dürfen um Zeuge des Glückes zu sein und seinen
Geist wie es immer geschehe an diesen herrlichen Gemütern der beiden Frauen zu
erheben und zu erfrischen
Es war beschlossen das Fest der Vermählung nur mit wenigen der
vertrautesten Freunde zu feiern Der Kardinal fühlte sich zu unwohl um zugegen
sein zu können doch war der alte Kaporale eingeladen einige Edelleute mit
ihren Frauen und der Graf Pepoli von dem man aber erfuhr dass er verreist sei
und keiner den Tag seiner Wiederkehr bestimmen könne Jetzt trat aber Graf
Pepoli umgekleidet vor die Kirchentür indem der Zug der Hochzeiter sich aus dem
übervollen Tempel drängte denn Adel und Unadel waren zugegen gewesen um die
Zeremonie anzusehen Der Graf begrüßte die Mutter nicht ohne Bewegung indem er
sagte »Wie glücklich ist dieser junge Bräutigam wie sehr könnte ich ihn
beneiden« Die Mutter flüsterte ihm entgegen »Wenn Ihr mir früher im Ernst so
gesprochen hättet wäre ich auch wohl glücklich« Pepoli stutzte Geputzt mit
dem frischesten Ansehen der Gesundheit zeigte sich Marcello mit dem Bruder
Flaminio Die Braut erschien als ein Wunder so groß und glänzend dass der
kleinere Bräutigam neben ihr sich als unmündig und beinahe lächerlich zeigte
»Ich werde es Euch gedenken« sagte eine Stimme halb leise hinter Vittoria »ein
Ehemann dessen Ihr Euch schämen müsst wir sprechen uns trotz aller Verbote
doch wohl ein andermal wieder« Sie sah sich scheu um der wilde Luigi Orsini
stand hinter ihr
Der Zug stieg die Treppe hinab Ein Tumult erhob sich auf der Straße »Sie
führen die Galeerensklaven vorüber« sagte ein Bürger Man hörte das Getöse und
Klirren der Ketten Alle verweilten um den Zug vorüberzulassen »Ha Fluch
Fluch euch« schrie eine laute Stimme in Verzweiflung Virginia war einer
Ohnmacht nahe denn sie erkannte in dem Gefesselten Kamillo »Du Braut«
schrie dieser wieder »Marcello neben dir mit Edelsteinen und ich in Ketten
Ja der Himmel alle Heiligen verfluchen diese sündliche Ehe Die Hölle jauchzt
und die Teufel steigen frohlockend aus dem Abgrund dir den Brautkranz die süße
Myrte aufzudrücken«
Alle entsetzten sich Die Geissel der treibenden Häscher schwirrte und
tosend klappernd zog die gefesselte Bande vorüber viele in dieser lachten
laut schadenfroh andere grinseten boshaft und wiesen im tückischen Lächeln
die weißen Zähne Die Hochzeit begab sich nach dem aufgeschmückten Hause und zum
festlichen Mahl
Drittes Buch
Erstes Kapitel
So war die Ruhe in der Familie der Accoromboni hergestellt worden Der junge
Gemahl fühlte sich glücklich Vittoria lebte still und ruhig den weiblichen
Arbeiten oder dem Lesen ihrer vielgeliebten Schriftsteller hingegeben bald
spielte sie auf der Laute und sang mit ihrer wohltönenden Stimme die zarten
Lieder von denen sie selbst viele erfunden hatte bald dichtete sie und schrieb
Briefe an ihre Freunde Viele Sonette und Kanzonen oder Stanzen ließ damals
ihre Freunde und Verehrer denen sie sie mitgeteilt hatte drucken doch ohne
ihren Namen manche ihrer Poesien liegt noch in den Bibliotheken Italiens als
Manuskript verborgen So schien sie vergnügt und ihres einförmigen stets mit
denselben Genüssen wiederkehrenden Lebens gewohnt mit sich und aller Welt
zufrieden
Das Haus der Accoromboni jetzt Peretti war von Fremden und Gelehrten auch
Vornehmen mehr als je besucht Alle Welt sprach von der Wissenschaft, Tugend und
dem Talent der schönen Vittoria und diese Besuche von ausgezeichneten und
vornehmen Frauen und Männern die poetischen Akademien die Improvisationen
Musik und Gesänge zuweilen der Vortrag einer gelehrten oder philosophischen
Untersuchung scharfsinnige Streitfragen und zierliche Disputationen alles dies
hatte das anmutige Haus gleichsam zu einem Musenhaine umgeschaffen in welchem
sich der heitere Mann wie der ernste Jüngling wohlgefiel Der Kardinal Farnese
besuchte wie sonst die Familie ja fleißiger weil er jetzt manche seiner
Freunde Bekannten und noch mehr Unterhaltung hier fand als vorzeiten Er war
immerdar fein und artig und kein Augenblick verriet mehr seine ehemalige
Leidenschaft so dass man glauben musste dass er von dieser gänzlich geheilt sei
Er nahm sich mit großer Freundschaft des jungen Peretti an und dieser durfte
ihn oft besuchen und an seiner Abendgesellschaft in seinem Palaste teilnehmen
welches noch öfter geschehen sein würde wenn ihn nicht sein Oheim der Kardinal
Montalto der ehemalige Frater Felix vor diesem Umgang gewarnt hätte Denn da
dieser sich immer mehr dem Hause Medici und dem Kardinal Ferdinand anschloss und
die Medicäer und das Haus Farnese in offener Feindschaft lebten so konnte
Montalto nicht wünschen dass sich sein junger unerfahrner Neffe zu genau mit
ihrem mächtigsten Gegner verbände er warnte diesen daher vor jenes
Treulosigkeit und Falschheit die Farnese mit gewandter Klugheit sehr geschickt
zu verbergen und durch seine Liebenswürdigkeit der Tücke und Bosheit den
Anschein der Treuherzigkeit zu geben wisse
Die Mutter Donna Julia hatte sich seit der Vermählung von der Tochter
auffallend zurückgezogen Sie behandelte diese ganz anders als vormals denn
sie fühlte wohl dass Vittoria in dieser neuen Lebensepoche ganz selbständig und
unabhängig sein müsse Es schien auch als sei durch jenen letzten gewaltsamen
Sturm der Leidenschaft ein gewisses scheues Misstrauen zwischen beide getreten
so dass sie sich ebensosehr vermieden als sie sich gegenseitig beobachteten
Beide fühlten es wohl ohne es sich zu gestehen dass jenes frühere unbedingte
Vertrauen jene hingebende rücksichtslose Mitteilung vorüber und erloschen sei
beide Geister waren voreinander erschrocken und durch den Schreck der sich
zwischen sie geworfen hatte waren sie sich fremd geworden Waren sie allein
beisammen so sprachen sie über Gegenstände der Literatur oder gleichgültige
Sachen so dass nun in späten Jahren die Mutter an sich irre wurde ob sie ihren
Kindern auch die richtige Erziehung gegeben habe Der Abt welcher jetzt eine
einträgliche Präbende durch Montaltos Bemühungen in Rom erhalten hatte war in
seinen Äußerungen fast feindselig gegen die Mutter und die mit Mühe
durchgesetzte Vermählung seiner Schwester Er sprach bei jeder Veranlassung
geringschätzig vom Montalto behandelte dessen Neffen den jungen Peretti mit
unverhohlner Verachtung und machte ganz auffallend dem alten mächtigen Farnese
den Hof dem er oft aufwartete und welcher ebenfalls den jungen Mann mit der
größten Auszeichnung behandelte
Montalto welcher fast alle seine Zeit den kirchlichen Pflichten und frommen
Übungen widmete besuchte nur selten die Familie und wenn es geschah so war es
nur in jenen Stunden von denen er wusste dass er sie allein und ohne
Gesellschaft finden würde Mit der Mutter unterhielt er sich am liebsten deren
Geist und Verstand er verehrte vor der Tochter sosehr ihm ihre Schönheit
auffiel sosehr er sich über ihre scharfen Urteile verwunderte schien er doch
eine Art von Furcht zu fühlen wie vor einem ihm ganz fremden Wesen Lieber war
ihm der schwache unbedeutende Flaminio den er gern zuweilen belehrte und ihn
freundschaftlich auf dieses und jenes aufmerksam machte was der leichtsinnige
Jüngling noch niemals beachtet hatte Geflissentlich vermied er dagegen wo er
nur konnte den ungestümen Marcello Er hatte selbst den Dank des jungen Mannes
für die Lebensrettung nicht annehmen wollen weil er sich dieser seiner Wohltat
schämte Er wollte sich überhaupt an diesen Punkt niemals erinnern lassen weil
diese Landplage der Banditen sooft er nur von ihr hören musste ihn in Zorn
versetzte und leider wurde jedermann in Rom nur allzuoft ja stündlich durch
Furcht Missetat und erschreckende Nachrichten aus den Provinzen und Gebirgen an
diese Pest des Staates gemahnt Marcello fühlte wohl wie widerwärtig seine
Gegenwart dem verehrten Alten war er verließ daher in der Regel das Zimmer
sowie Montalto eintrat
Welche Freude sagte die Mutter in manchen Stunden zu sich selber habe ich
denn eigentlich nun an meinen Kindern oder jemals an ihnen gehabt Wie war es
nur möglich dass Marcello mit diesen Gesinnungen an meiner Seite aufwachsen
konnte Ihm vertraut keiner welche Stelle wird er in der Gesellschaft einnehmen
können Sooft ich Vittoria betrachte fließt ein leiser Schauer durch meine
Nerven wenn ich mich ihrer leidenschaftlichen Reden und Gedanken erinnere Und
warum will dieser Flaminio so gar nicht zum Manne werden Er ist gut ja weil
gar keine Kraft in ihm ist böse zu sein Und der Älteste Was ist es mit ihm
dass er so gar keiner Liebe fähig zu sein scheint Er hat es ganz vergessen wie
ich für ihn gesorgt was er mir zu verdanken hat So quälte sie sich und
machte sich Vorwürfe da sie gegen eines ihrer Kinder zu strenge gegen ein
andres zu schwach und nachgiebig gewesen sei dass sie durch ihre freie
Gesinnung die sie selbst immer geäußert sie vielleicht unfähig gemacht habe
sich dem bürgerlichen gewöhnlichen Leben zu fügen
Der alte mürrische Sperone hatte vor seiner Abreise auch noch einigemal die
Familie besucht sich aber in ihrer Umgebung nicht allzusehr gefallen weil man
ihm nicht unbedingt in allen Behauptungen recht geben wollte Er äußerte zu
seinen Freunden »Diese Vittoria erinnert mich an jene ehemals berühmte Tullia
Aragona die ich in meiner Jugend wohl einigemal gesehen habe nur erscheint mir
diese neue anmassliche Muse viel schöner und ihr Ausdruck ist ein tragischer
als wenn ihr Schicksal nicht so gleichgültig und mittelmäßig wie jener Tullia
ausgehen könnte Bei solchen Gesichtern fällt dem gereiften Manne der von den
Reizen nicht mehr bestochen wird vieles ein sie kommen mir vor wie jene
Bildchen und großartigen Physiognomien mit denen oft gute Künstler unsre
Dichter in Andeutungen und Allegorien haben ausschmücken wollen sind diese
kleinen Werke in ihren Verbindungen und Gruppen auf dem Titel oder den Blättern
selbst anziehend und gut geraten so lieset man in ihnen selbst wieder ahnend
ein Gedicht«
Kaporale sooft er sich in Rom aufhielt besuchte das Haus sehr fleißig Er
war allen Mitgliedern der Familie notwendig geworden denn jedes fand in ihm das
Vertrauen belohnt und erwidert indem er allen auf fast gleiche Weise mit
unparteiischer Liebe zugetan war wenn er auch Vittoria so auszeichnete dass
seine Freundschaft an unbedingte Verehrung grenzte Über ihr eheliches
Verhältnis sprach er niemals zu ihr weil er es wohl gefühlt wie sie es
vermied auch nur das kleinste Wort über diesen Gegenstand fallenzulassen Er
zwang sich gegen den jungen Gemahl freundlich zu sein und ihn zuweilen mit
einer gewissen Ehrerbietung zu behandeln doch erschien es ihm in vielen
Augenblicken als eine komische Begebenheit dass dieser unreife Jüngling in einem
Hause in welchem Kunst Poesie und Gelehrsamkeit herrschten durch welche die
beiden weiblichen Wesen allen Männern interessant waren als Oberhaupt der
Familie sich ziemlich unwissend zeigte und es gern wenn er konnte vermied an
den literarischen Gesprächen oder poetischen Übungen teilzunehmen Zwar war es
nicht zu verkennen dass der junge Mann sich eifrig bestrebte nach allen
Richtungen hin seine Kenntnisse auszubreiten allein die Grundlage seiner
Bildung war zu schmal und es fehlte ihm ganz an jenem Enthusiasmus der auf
seinem kürzeren Wege den Geist mit Schätzen bereichert und selbst ein weniges
zu vielem machen kann
Als Kaporale an einem Abend das Haus verließ kehrte er in der Tür des
Zimmers noch einmal um und wendete sich zu Mutter und Tochter »Ich muss euch
werte Freunde doch noch ein kleines Abenteuer erzählen welches mir vor wenigen
Tagen begegnet ist Ihr wisst schon wie gern ich im Lande umherstreifte am
liebsten allein wo die Straßen nur irgend sicher sind So war ich nach Albano
hin geraten ganz meiner Laune und den Gedanken der Einsamkeit ergeben indem
ich in einem kleinen Hause vor der Stadt mein Quartier genommen hatte Bei
meinem Umherstreifen auch im Hause selbst hatte ich zuweilen einen großen
starken Mann von herrischem Aussehen wahrgenommen der mir durch sein Wesen
Miene Anstand und Gebärde außerordentlich auffiel Ich wollte endlich nach Rom
zurückkehren und siehe da meine Geldbörse war mir irgendwo entwendet worden
oder ich hatte sie im Gebirge verloren Der Wirt des Hauses der mich nicht
kannte weil ich es liebe ohne Titel und Würden auf meinen Zügen zu leben fing
in seiner Weise ein lautes Gezänk an sprach von Landstreichern und Betrügern
und benutzte mein Phlegma sich immer eifriger in seinen Komödienzorn
hineinzuarbeiten Plötzlich flog der Mann in einen Winkel seiner Stube und ich
begriff nicht welche Gewalt ihn dahin gezaubert hatte als ich in selbem
Augenblick meinen Unbekannten vor mir stehen sah Lump rief er jenem zu der
sich am Boden krümmte so einen Edelmann zu behandeln Siehst du nicht wen du
vor dir hast Der bleiche Mensch empfing zitternd aus der Hand des Starken
seine Bezahlung und ein übriges um ihm den Schreck zu vergüten Als ich dem
Fremden meinen Namen zugleich mit meinem höflichen Dank sagen wollte rief er
Unnötig lasst uns noch eine Weile so namenlose Bekannte und Wandersleute
bleiben Erlaubt mir ebenfalls für Euch ein simpler Reisender zu sein So
streiften wir noch einige Tage umher und als wir ankamen sah ich dass er ein
Haus nicht weit von der Porta Kapena besitzt wo er nach seinem Eigensinn fast
ohne Bedienung lebt Seitdem haben wir uns öfter dort im Felde wiedergesehn Ich
habe ihm viel von Euch erzählt und er wünscht lebhaft dass ich ihn bei Euch
einführen möge Aber er ist eine Art von Menschenfeind besonders hat er so
scheint es einen Hass auf die große Welt Als er erfuhr dass Euch der übermütige
Farnese nicht selten besucht gereute ihn schon sein ausgesprochener Wunsch
doch bittet er durch mich wenn Ihr einmal allein seid ihm zu erlauben Euch zu
sehen und wenn ich nicht irre seid ihr morgen abend ohne Gesellschaft Darf
ich den barschen Mann dann bringen«
»Gern« sagte Vittoria »nur hütet Euch Bester dass ihr keinen von den
berühmten Banditen in unsre Haushaltung führt die uns nachher wohl gar ausrauben
und ermorden«
Kaporale lachte laut und erwiderte »Nein schöne Freundin den Anschein hat
er durchaus nicht er eröffnete mir endlich er sei ein wohlhabender Kaufmann
aus der Lombardei und habe sich von dort entfernt weil die Pest wie wir alle
wissen in Oberitalien auf eine furchtbare Art wütet«
»Du vergissest Vittoria« sagte die Mutter »dass morgen der Celio Malespina
hier sein wird und Euer junger Freund Don Cesare der redselige Boccalini«
»Die beiden werden ihn wohl nicht stören oder ihm im Wege sein« sagte
Kaporale »doch will ich es ihm ankündigen damit er kommen oder wegbleiben
kann Ihr seid aber auch von der Güte alle andern Fremden zurückzuweisen«
So geschah es Die Familie war am andern Abend versammelt und der junge
Boccalini ein großer Verehrer des Dichters Kaporale hatte sich zuerst
eingefunden Bald darauf erschien Malespina der in Florenz bei dem Herzoge
Francesco welcher erst vor einigen Jahren die Regierung angetreten hatte seit
einigen Monden die Stelle eines Sekretärs bekleidete Er war jung und wohlberedt
und sein neuer Eintritt in die große Welt wo er plötzlich blendende und
mächtige Verhältnisse aus seiner Nähe in einem andern Lichte sah schien ihn
sehr glücklich zu machen Er spottete mutwillig über viele Gegenstände die ihm
vor einem Jahr vielleicht ein ehrfurchtvolles Schweigen aufgelegt hätten Er
kannte außerdem die Literatur und viele Gelehrte persönlich
Jetzt trat Kaporale mit seinem neuen Freunde ein Dieser begrüßte sie alle
höflich mit den feinen Manieren eines Weltmanns sagte dann schmeichelnd wie er
seit lange gewünscht die berühmte Accorombona näher und persönlich
kennenzulernen deren Ruhm durch ganz Italien verbreitet sei er fühle sich
überrascht dass der Ruf der Schönheit von einem so zauberreichen Wesen noch zu
wenig gesagt habe Auch der Mutter war er verbindlich und vergaß oder übersah
auch Peretti nicht sowie die beiden Fremden so dass er sich durch sein sicheres
Wesen und seinen gebildeten Ton der ihn als einen Mann von tiefer Erfahrung
und mannigfaltigen Schicksalen ankündigte mit allen Gegenwärtigen sogleich in
ein gutes Verhältnis setzte
Celio Malespina erzählte von Florenz Boccalini spöttelte über einige
römische Gelehrte und berühmte Staatsmänner Kaporale suchte die zu scharfen
Urteile zu mildern und Virginia war so ausschließend mit der Betrachtung des
Fremden beschäftigt dessen Sonderbarkeit ihr auffiel und sie fesselte dass sie
fast nur mit einigen lachenden Antworten an dem Gespräch der übrigen teilnehmen
konnte Auch die Mutter beobachtete diesen und sie suchte emsig in ihren
Erinnerungen umher ob sie dem bedeutenden großen und stark gebauten Mann mit
diesem feurigen gebietenden Auge nicht schon früher in ihrem Leben begegnet
sei Peretti drückte eine gewisse Scheu und Furcht vor dem Fremden aus und war
in seinen Äußerungen wenn er an der Unterhaltung teilnahm noch furchtsamer und
blöder als gewöhnlich
Malespina erzählte dass jetzt einige unvollendete Gesänge des befreiten
Jerusalems von Tasso nach Florenz gekommen seien die den ganzen Hof in
Entzücken versetzt hätten »Es ist wohl gewiss« fuhr er dann fort »dass dieser
junge Mann jetzt der größte Dichtergenius unsers Vaterlandes ist Es erheben
sich sogar hie und da einige Stimmen die ihn schon über unsern großen Ariost
erheben wollen«
»Über das ewige Streiten und Erheben und Subordinieren« rief Kaporale
unwillig aus »In seiner Sphäre wird der göttliche Ariost niemals wieder
erreicht werden Tasso betritt soweit ich sein herrliches Gedicht kenne eine
ganz andere Region der Poesie Diese beiden magischen Kreise können sich in
keiner Gegend ihres Zauberbanns berühren Die Kristallpaläste Ariosts sind vom
strahlenden Lichte des Scherzes und der Lust umgossen vom zarten Mutwillen
durchströmt und der Ernst des Lebens ist in ein leichtes wenn auch tiefsinniges
Spiel verwandelt Tasso wandelt mit den Gestalten seiner Sehnsucht und Poesie in
einem grünen dämmernden Hain die Liebe ist süß doch ohne Schalkheit Krieg und
Abenteuer Helden und Jungfrauen alle sind von einer sanften Weihe
durchdrungen und eine freundliche Wehmut erfasst und durchschauert unsern Geist
indem wir uns dem poetischen Taumel ergeben Wie so ganz anders das blendende
verwirrende und verlockende Labyrinth unsers Ariost wo uns im innersten Gemach
wenn es in diesem neckenden Garten ein solches gibt statt des Minotaurus ein
Reigen scherzender und übermütiger Nymphen und Satyrn überrascht die uns laut
wegen unserer Erwartungen verlachen«
»O wie wahr« rief jetzt Vittoria aus »mag Ariost für den Kenner welcher
die Waagschale in prüfenden Händen halten darf der größte Dichter sein unser
zärtlicher Tasso wird sich immer neben ihn stellen dürfen«
Boccalini sagte »Glaubt mir auch die schönsten Werke müssen erst den
Mispeln ähnlich eine Weile still und ungenossen liegen bleiben bis sie für den
Gaumen der Menge die weiche Reife erlangt haben dass diese den Geschmack an
ihnen finden Der Entusiastische versteht sie früher und gewissermaßen im
voraus so wie der wilde leicht erhitzte Ungebildete bald dieses bald jenes
wesenlose Gespenst als seinen Gott anbetet und ihm einen Dienst weiht der viel
größer ist als der nüchterne Götze selbst«
Der wohlbeleibte Fremde warf dem jungen Mann einen scharfen prüfenden Blick
zu indem er bemerkte »Wahr Die Begebenheit aller Zeiten aber ist die Zeit
selbst immer die Wurfschaufel welche die Spreu links und die Körner rechts
wirft
Und hat selbst die Geschichte die unbefangene Nachwelt niemals geirrt Ja
wenn diese sogenannte Zukunft nicht zerstreut und vergesslich wäre Sie vergisst
auch nur allzuoft an den neuen Schätzen was sie schon früher an Juwelen besaß
das Neue ist ihr oft nur das Bessere weil die Politur die frischere ist und
das massive Gold voriger Tage von Staub unkenntlich gemacht wurde Hat nicht der
leuchtende Ariost und der spasshafte Berni unsern edelen Bojardo zu früh in die
Vorratskammer der Altertümer hineingestellt«
»Gewiss« rief jetzt Donna Julia aus »und es freut mich dass ein edler Sinn
einmal diese gehaltreiche Frage aufwirft Der Erfindungsreiche hat uns diese
Bahn geebnet er war trunken im süßen Wein der schönen Fabel und nun hat er
doch Undankbaren die duftenden Trauben seines reichen Berges gekeltert«
Vittoria betrachtete mit Freuden ihre Mutter von deren schönem Munde ein so
poetischer Ausspruch gefallen war
Malespina erzählte wieder vom Tasso wie er seinen Nachrichten zufolge
unzufrieden am Hofe von Ferrara sei wie er sich fortsehne und besonders mit
dem florentinischen Fürsten dem Grossherzoge Francesco in heimlichen
Unterhandlungen stehe Auch sei ihm der Fürst geneigt und vielleicht noch mehr
dessen Geliebte Bianca Kapello Nur sei der Poet so schwankend und
unentschlossen dass die Anfragen und Unterhandlungen niemals weiterrückten und
der florentinische Hof wolle natürlich auch nicht zu rasch und bestimmt
entgegenkommen um dem Herzoge Alfons der schon seit Jahren die Medicäer hasse
keine Blöße zu geben »Überhaupt« fuhr Malespina fort »wird den armen
krankhaften Tasso früher oder später ein unglückliches Schicksal ereilen Er ist
verzogen worden und zugleich gedemütigt manche erheben ihn seines Gedichtes
wegen zum Gott andere tadeln eigensinnig und unermüdlich und er ist schwach
genug alle die für Kenner gelten anzuhören und ihnen selbst das Richtschwert
in die Hand zu drücken Wollte er allen folgen so bliebe kein Vers seines
Werkes übrig oder unverletzt das Notwendigste und Schönste würde ganz
verworfen weil die pedantischen Kritiker diese herrlichen Zwischenhandlungen
unter dem Namen der Episoden verdammen welche nach ihrer Einsicht in keinem
epischen Gedichte sein dürfen Wehrt sich der Ärmste nun rechts und links gegen
diese Vertilger so muss er die alten Phrasen von der PoetenEitelkeit hören von
dem leicht erregten Zorn der Dichter und dergleichen lateinische
Sprichwörterchen Er meint es ernst mit seiner Dichtung vielleicht zu ernst
seine Splitterrichter aber pedantisch diese nun zum Erbarmen indem sie ihn
schmerzlich verletzen spielen die Gekränkten und Beleidigten als wenn er ihnen
noch großen Dank sagen müsste dass sie das Werk dem er Jahre von Fleiß Studium
und Liebe geopfert das ihn so viele Nachtwachen gekostet hat zerfleischen und
vernichten«
»Ja ja« sagte Kaporale »ein solches Elend kann nur ein Dichter ganz
mitfühlen«
»So soll der Unglückliche« fuhr Malespina fort »jetzt mit sich und der
ganzen Welt unzufrieden sein Er wünscht zu reisen je weiter je lieber der
Herzog Alfons aber will ihn nicht entfernen manche der Hofleute die ihm
neidisch sind möchten ihn vertreiben falsche Freunde halten ihn wieder fest
um sich schadenfroh an seinem Kummer zu weiden dass derselbe Mann schon so tief
gesunken ist den sie eine Zeitlang so sehr über sich erhoben sehen mussten«
»Man möchte weinen« rief jetzt Vittoria mit bewegter Stimme aus »wenn man
es sieht wie in unserm armen Vaterlande der Genius fast wie ein Hofhund an
den Ketten fürstlicher Gnade gefangen liegt Ein Spielwerk der Launen ein Putz
für den Hochmut ohne wahre Achtung und noch weniger Liebe wie das Talent nicht
erkannt und dennoch in Knechtespflicht gehalten wird dann zufällig
aufgeopfert oft dem gemeinsten Interesse sogar geschlachtet Oh das wäre ein
Gegenstand für unsere Tragödie viel ergreifender und durchdringender als jene
kalten Exerzitien eines Sperone und Trissino«
»Ja wohl« erwiderte Malespina »Aber er selbst unser Torquato ist allzu
schwach Selbst seinen gutgesinnten Freunden zwingt er durch manche Dinge ein
halbverachtendes Lächeln des Mitleidens ab Könnt Ihr es glauben Verehrte Er
hat sich neuerdings so weit erniedrigt dass er sich zum Inquisitor begeben und
sich über seine Rechtgläubigkeit hat examinieren lassen Dieser hat ihm ein
Zeugnis ausstellen müssen dass er ganz mit ihm zufrieden sei so wie man es wohl
Kindern oder jungen Kandidaten gibt Aber das ist ihm nicht genug auch nicht
dass gelehrte ihm wohlwollende Bischöfe ihn einen ortodoxen katholischen
Christen nennen dringend liegt er immerdar seinem Herrn an dass er ihn nach Rom
schicken soll damit hier sein Glaubensbekenntnis untersucht werde Er ist auch
wiederum sagt man zu einem andern Inquisitor gewandert der wiederum auf sein
Flehen seinen ungefälschten Glauben hat bestätigen müssen Dieser große Mann
der den Plato und Aristoteles liest und kommentiert der selbst so schöne
tiefsinnige Dialogen schreibt dieser fällt so ganz von seiner Würde oh nicht
wahr man weiß nicht ob man weinen oder lachen soll Es ist doch zu
erbärmlich um diese unsere menschliche Schwäche«
Als diese Worte ausgesprochen waren stand Vittoria in der heftigsten
Bewegung auf und wandelte mit großen Schritten durch den Saal dann stellte sie
sich hoch aufgerichtet vor Malespina hin und sagte mit Tränen im feurigen Auge
»Mann Don Celio Wo kommt Ihr denn her aus welchem einsamen Winkel des wilden
Kalabriens Wie seht Ihr die Welt und die Menschen an wie leset Ihr die
Geschichte«
Don Celio erschrak sichtlich vor dieser Anrede die schöne Frau erschien ihm
in diesem Augenblicke furchtbar
»Ihr ein Hofmann« fuhr sie mit lauter Stimme fort »ein Menschenkenner O
wahrt Euch wahrt Euch dass Euch dieses Lächeln über Tasso nicht einmal den Hals
bricht Ihn verlachen den Ärmsten Ja wären noch die Zeiten des Julius und Leo
des Zehnten als witzige Lästerer selbst Präbenden für ihren lustigen Ateismus
erhielten als Bembo der galante eben wegen seiner Feinheit Kardinal ward
als Peter der Aretiner von Priestern Päpsten und Kaisern geehrt wurde Aber
jetzt habt Ihr es denn gar nicht erfahren und es ist doch noch nicht so tief
in die Vergangenheit entrückt wie Euer wahrhaft großer Fürst der erst vor
zwei Jahren gestorben ist damals dem frommwütenden Papst seinen Tischfreund
seinen Vertrauten den gelehrten Karnesechi aufopferte Den edlen Mann der hier
in Rom entauptet und verbrannt wurde Und weshalb ward dieser Busenfreund den
der große Kosmus der so viel Edles und Schönes ausgerichtet hat so schnöde
auslieferte preisgegeben Um jenen alten Präzedenzstreit endlich zu schlichten
dass Kosmus vor Ferrara und andern ginge die Hoheit erhielte und statt Herzog
Grossherzog tituliert würde Weshalb der Hass Ferraras und der übrigen Fürsten
noch fortbrennt Kann nun Alfons wenn er sich von seinem Hofdichter beleidigt
dünkt diesen den Religionswächtern in die Hände spielen glauben diese in
blindem Eifer wirklich oder auf höheren Befehl an Tassos Ketzerei so darf sich
der Fürst von Ferrara ohne weitere Bemühung oder Zorn zurückziehen und nur
unsere liebende Kirche walten lassen Möglich dass Tasso zu ängstlich ist aber
ihn deshalb zu verlachen ist wahrlich keine Ursache«
Der Fremde der sich nur Don Giuseppe nennen ließ stand auch wie in
Begeisterung auf ging hin und fasste die schöne junge Frau bei der Hand führte
sie zu ihrem Sessel zurück und sagte mit bewegter aber sehr wohlklingender
Stimme »Ihr habt da ein sehr wahres Wort über die Fürsten gesprochen und noch
mehr als diese Einsicht verehre ich Eure Ketzerei Oh was wären wir
Italiener wenn viele Tausende so dächten und diese Million denselben
heroischen Mut hätte es so laut und dreist auszusprechen«
Die Mutter war erst über die heftige Rede der Tochter erschrocken jetzt war
sie es noch mehr über die Bemerkung des fremden Mannes und über die Art und
Weise wie er gleichsam als wenn es so sein müsse den ganzen Kreis ihrer
Familie regierte Vittoria sah den kecken Mann mit einem ganz eigenen Blicke an
dann senkte sie das Haupt ward auf ihre seltsame Weise rot und dann viel
blasser als gewöhnlich und man bemerkte sosehr sie es auch verbergen wollte
dass sie Tränen vom Auge trocknete
Dem jungen Peretti war alles was sich jetzt zugetragen hatte nicht
aufgefallen er sprach eifrig mit Flaminio über eine Stadtneuigkeit Marcello
dem alle diese Gespräche langweilig waren hatte sich schon längst entfernt um
irgendeine seiner Gesellschaften aufzusuchen in denen es lauter wilder und
lustiger herging
Um wieder in die gleichgültige und ruhige Bahn einzulenken führte Kaporale
das Gespräch auf die Dichtungen zurück und ersuchte seine junge Freundin über
irgendein Thema zu improvisieren denn Don Giuseppe habe viel von dieser ihrer
Gabe gehört und wie schön sie sich in dieser Übung von Enthusiasmus und
Begeisterung über alle gewöhnlichen Grenzen fortreißen lasse
»Der fremde Herr« erwiderte sie »hat schon gesehen wie unziemlich ich
mich von einem gewissen Dämon kann einnehmen und beherrschen lassen den Ihr so
freundlich Enthusiasmus nennen wollt Darum sei es für heute genug Besser ist
es vielleicht wenn jeder ein aufgeschriebenes Gedicht von sich mitteilt um
unsern Abend auf echt italienische Weise zu beschließen Ich bin es gern
zufrieden dann auch eine Grille herzulesen die ich neulich gedichtet habe«
Ohne weiter umzufragen zog Kaporale einige Blätter aus dem Busen und
sagte »So will ich den Anfang machen« Er las einige Kapitel aus seinem neuen
komischen Gedicht über die Gärten des Maecenas welche alle Zuhörer in eine
heitere Stimmung versetzten Dann gab Flaminio einige Verse zu hören die die
Schwester ihm wahrscheinlich verbessert hatte Donna Julia nahm aus dem Schrank
eine moralische Kanzone die sie mit wohlklingender Stimme vortrug und der
blonde Peretti brachte ein Lied vom Glück des Landlebens herbei welches er so
stotternd und unrichtig vorlas dass man wohl daran zweifeln durfte ob es auch
von ihm selber herrühre
Hierauf sagte Don Giuseppe »Jetzt meine Damen da die Reihe an mich
gekommen ist fällt mir dermalen nichts ein am wenigsten ein Vers da ich in
meinem ganzen langen Leben noch keinen geschrieben habe als eine Stelle aus
jenem weltbekannten Kindermärchen von den drei Orangen In diesem heroischen
Zaubergedicht kommt eine eiserne Tür vor die darüber ächzt und winselt dass sie
so furchtbar knarren und krächzen müsse weil ihre Angeln ich weiß nicht seit
wie vielen Jahrhunderten nicht mit öl sind getränkt worden So müsste ich auch
noch auf irgendeine Muse warten die mir um Verse sprechen zu können die Kehle
geschmeidig mache Nehmt Verehrte diese Erinnerung an ein Gedicht für ein
Gedicht und diesen meinen Scherz für Ernst«
Boccalini las in den heiteren daktylischgleitenden Versen ein Gedicht wie
der erzürnte Apollo einst den schlafenden Amor überrascht habe Noch böse über
die Liebeswunden die ihn so oft geschmerzt habe er den tückischen Bogen des
Kleinen zerbrechen wollen Wie er ihn zusammenkrümmt ertönt wie klagend die
Sehne so biegt der Gott ihn um und erschafft die Leier Darum will sie immer
nach Liebe tönen auch oft wenn der Musengott nach andern Weisen sucht Der
Satyr erprobt nicht selten wenn Apollo ihm freundlich ist das Instrument der
Sehnsucht in seiner Faust schwirrt es halb zum alten Bogen zurück und schießt
oft bittere vergiftete Pfeile Doch unser Satyr von Vittorias oder Junos
Majestät verschüchtert lässt dem gutmütigen Kaporale nur leichte Scherze von der
feinklingenden Sehne fliegen und Apollo und Vittoria lächeln ihm Beifall
Die übrigen applaudierten und Virginia suchte jetzt indem sie mehr Kaporale
als Boccalini mit einem lächelnden Blicke begrüßte aus einer Sammlung vieler
Blätter einige heraus und sagte »Ich weiß nicht soll ich diese Erfindung
Ballata oder wie die Spanier Romanze oder nur Grille betiteln« Sie las und
es waren in Versen ungefähr folgende Worte
»Der schwarzbraune Bräutigam
Der junge Fürst nahm Abschied von der Braut Sie war ihm seit einem Monat
anverlobt Er dachte nur an sie und ritt jetzt in das Gebirge hinein um seinen
Vater zu besuchen und ihn auf die Ankunft der Schwiegertochter vorzubereiten
Verlass mich nicht klagte die schöne Braut mir ahnt Unheil Warum gerade
in diesem Augenblicke von mir gehen Ich muss sagte der Prinz und küsste sie
zärtlich unsere Liebe wird diese Trennung nur lächelnd überdauern
Nein klagte sie weinend ich sehe dich nicht wieder Als gestern abend die
dunkeln Wolken so eilig durch den Himmel flogen erblickte ich in ihnen lauter
abscheuliche Gesichter grinsend in fürchterlicher Schadenfreude verzerrt Es
sind die Göttinnen des Schicksals oder Dämonen die dir auflauern Sie wollen
uns trennen sie wollen dich töten sie fürchten die Schadenfrohen dass du
deine Länder beglücken wirst sie wollen nur Unheil säen
Gespenster sagte der Liebende sind nichts Wirkliches darum zittere darum
bange nicht mein holdes Liebetraut Dass wir uns lieben ist Wahrheit davor
weilt und steht kein Dämon Deine Phantasie ist krank die Wirklichkeit gesund
Um so viel du in Schmerzen leidest um so mehr jauchze ich in Lust Der gute
Geist muss Sieger sein
Kannst du es wissen sprach sie und umschlang ihn inniger Sie meinen es
nicht gut mit uns das habe ich in allen meinen Träumen gesehen Du bist mir
Leben Gegenwart und Zukunft wenn sie dich fortreißen wo ist noch eine Zeit
für mich
Da ward sein schwarzes hohes Ross vorgeführt sein Lieblingsross Wie er dem
edlen Tiere gut war so war das Pferd mit wunderbarer Freundschaft dem Herrn
zugetan es hatte ihm schon oft das Leben gerettet Und der Herr war dem Rappen
dankbar Die Liebe die den Menschen an die Tiere knüpft ist wunderbar
Im Tale tief unten im Felsenkessel von Schierling Bilsenkraut und
giftigen dunkeln Blumen umgeben hausten in der Einsamkeit weibliche Dämonen
Ihre Freude war Unglück Verderben Krankheit Das aufschlagende Feuer das die
Hütte des Armen verzehrte war ihnen wenn es durch die Nacht hin leuchtete ein
Freudenzeichen der Verzweifelnde wenn er ihnen begegnete war ihnen ein Narr
und Geck an dem sie sich belustigten Sie hatten oft den schwarzbraunen schönen
Prinzen gesehen sie liebten ihn alle weil er so herrlich war und alle wollten
sich gegen ihre Natur ihm gefällig beweisen Bald kam ihm die eine als
Zigeunerin entgegen um ihm wahrzusagen bald kam eine andere als Bettlerin
jene die Wildeste dort mit dem ruchlosen Auge wollte ihm den kürzeren Fußpfad
durchs Gebirge zeigen aber so sehr sie auch schmeichelten so fein sie auch
sangen so tief sie sich beugten so sehr in verwandelten Larven sie ihn
anlächelten er achtete ihrer nicht und ihre Liebe verwandelte sich in bittere
Galle und essigsauren Hass
Da braust er heran auf seinem nachtdunkeln Ross sagte jetzt Alrune die mit
der gelben Haut den großen stechenden Augen und dem langen Rabenhaar Das
Pferd ist auch schön sagte Geldrude die falsche deren einer langer Zahn weit
über den blassen Lippen vorragte Wie es stampft die Erde zittert bis
hierher sprach Gudula die bösartige die die kleinen Kinder stahl und sie tot
und krank aufgeschwollen den jammernden Müttern wieder in den Weg legte
Alrune rief kreischend Ich will uns alle an ihm rächen Gebt acht er soll den
alten Vater er soll die schöne Braut nicht wiedersehen
Sie stellte sich die Scheussliche unsichtbar an den Weg Da an der Ecke
des Waldes wo kein Kruzifix kein Bildnis der gottgesegneten Mutter in der Nähe
war Da braust es heran da klingt der Felsengrund da weht der Mantel des
schönen Reiters im Frühlingswind und der Wald duftet und die Vögel singen
laut
Sie streift das schreckliche Gespenst die Gewänder ab Ein Scheusal zeigt
sich den Geistern denn das sterbliche Auge sieht sie nicht aber die greulichen
Schwestern der Unholdin freuen sich der entsetzlichen Schönheit ihrer Genossin
Wie ein brauner Zweig steht sie an der Waldecke wie eine aufgerichtete
dunkelgelbe Giftschlange wie eine hoch aufgeschossene ekle Pflanze vor der
sich die Morgenluft scheu zurückbeugt und das Licht Tau niederweint dass es den
Graus beglänzen muss
Holla da sprengt der schöne Jüngling heran Er singt ein fröhlich Lied die
dunklen Locken fliegen ihm spielend nach und fächeln liebkosend seine braune
Wange Er denkt einen Liebesgesang und ruft Wie schön ist die Natur wie
berauschend der Lenz wie überglücklich ich
Nun ist der Reitende dem Grausal nahe Ihr Auge jubelt Mit einem Sprunge
ist sie hinter ihm sitzt schrittlings die braunen Schenkel leuchten von der
Schwärze des Rappen abscheulich zurück ihr schiefer großer Mund lacht die
weißen Zähne glänzen Den dürren ausgereckten Arm an dem die langen Nägel wie
Klauen stehen schlägt sie um sich festzuhalten dem Reiter um die Brust Er
weiß nicht wie ihm geschieht er sieht sie nicht sein Herz bebt der Rappe
schaudert Nun sprengen sie hin das Pferd sperrt weit die Nüstern und
schnaubt dass die vorüberfliegende Wespe forteilt im Schreck
Wohin mein Rappe ruft der bestürzte Jüngling du rennst aus der Bahn Das
Pferd stemmt sich gegen den Zügel es gehorcht nicht Sporn nicht Ruf Die
Schwestern sehen es jauchzend wie Ross und Reiter dahinstürzen über hohe und
niedere Felsgesteine und bemooste Felsenblöcke der Reiter blickt sich scheu um
er will die unsichtbare Klammer von seiner Brust lösen und vermag es nicht
Bein und Fuß schlägt die Wilde in die Weichen des Rosses das immer toller
immer unbändiger rennt ihr struppigtes starres greises Haar fliegt wie
Borsten im Winde man sieht das Grinsen des Antlitzes das Zähneblöcken Welch
böser Geist regiert mein Pferd schreit nun der Königssohn was presst mir so mit
eisernen Klammern Brust und Herz dass ich vor Schmerzen schreien möchte So
steh denn in der Hölle Namen So reißt er mit Riesenkraft sein Pferd herum der
Rappe zittert in allen seinen Fibern wie Espenlaub doch hinter dem Reiter
schlägt die Gelbbraune die Beine schnalzend an die Weichen des Rosses und nun
stürzt es wie rasend zurück der Hut entfällt dem Reiter auch seine Haare
flattern im Winde ihm nach nun wüten Pferd und Jüngling heran dem
Zauberkreise dem Giftbrunnen das Ross bricht zerschmettert nieder der
sterbende Fürst wirft noch einen den letzten Blick in den lichten blauen
Himmel hinein und wahrnimmt die kleine Wolke die ihn beklagend sanft
vorüberschwimmt
Nun stehen sie die Scheusslichen mit gierig starren Blicken umher und
freuen sich ihrer Tat Was kümmert es sie dass der Vater sich härmt und am
gebrochenen Herzen stirbt dass die Braut weint und jeder schöne Jüngling ihr
nur als Leiche erscheint
Und so jagt manchen ein unsichtbarer Dämon mit wilder Schadenfreude in
seinen Untergang Je schöner je edler das verfolgte Wesen je mehr Scheuel und
Greuel sein niederträchtiger Feind der ihn vernichtet er weiß selber nicht
warum
Und das nennen sie nachher Schicksal unvermeidliches Verhängnis die
kurzsichtigen Sterblichen Oh könnten ihnen doch die Augen aufgetan werden
damit sie es wahrnähmen mit wem sie es zu tun haben«
»Ei« rief der alte Poet »wie kommt ihr auf eine so trübselige Erfindung Ist
dies wohl ein Gegenstand ihn in einer heiteren poetischen Akademie
vorzutragen«
Don Giuseppe schien anderer Meinung und lobte das Gedicht »Es mag wohl«
sagte er »nur zu sehr ein wahres und trübes Bild unseres Lebens sein Außerdem
aber habe ich es mir zur Pflicht gemacht alles was die Signora Peretti tut und
sagt zu bewundern«
»So ist es recht« rief Vittoria jetzt wieder ganz aufgeheitert »eine
solche Verehrung die durchaus keinen Tadel zulassen will ist einzig und allein
die richtige Nicht wahr an unserm Ariost oder Dante noch mäkeln diese Stelle
so jene anders wünschen das ist nur die Art schwacher Geister Und so
behandelt Ihr mich Don Giuseppe wie ein vollendetes Kunstwerk und ich danke
Euch dafür«
Als man sich jetzt zu Malespina wandte sagte dieser »Ich muss wie Don
Giuseppe um Entschuldigung bitten ich darf mich in einer solchen Gegenwart
wohl nicht für einen Poeten geben und wenn ich auch diese Kühnheit hätte so
trage ich doch kein Blättchen mit Versen bei mir und mein Gedächtnis ist mir
nicht treu genug etwas ungelesen rezitieren zu können Wenn Ihr es aber nicht
mit Unwillen aufnehmen mögt so will ich Euch zur Abwechselung und Aufheiterung
eine jener an sich unbedeutenden komischen Begebenheiten vortragen die sich in
Residenzen und an Höfen wohl oft ereignen Nur muss ich bei den verehrten Damen
im voraus um Entschuldigung bitten wenn die Erzählung wie wohl die meisten
komischen hier und da wenn auch nur ganz wenig verletzend sein sollte«
Kaporale erwiderte »Es lässt sich fast alles erzählen wenn man nicht selbst
eine unziemliche Lust am Unziemlichen empfindet«
»Sehr wahr« sagte die Mutter »das möchte wohl die richtige Art bezeichnen
weshalb viele unserer Autoren von mir rein genannt werden, die bei andern in
einem sehr übelen Rufe stehen Wer sich selber unsittlich aufreizt um gemeine
Lüsternheit in andern zu erregen nur einen solchen sollte man unmoralisch
nennen«
»So bin ich denn dreist genug den Spaß der sich wirklich so zugetragen
hat zu beginnen« sagte Malespina
»In unserer Residenz lebt schon seit längerer Zeit ein komischer Mann der
unzählige Blössen gibt und sich fast immer lächerlich zeigt dessen ungeachtet
aber eine gewisse Hochschätzung mit Recht in Anspruch nimmt es ist dies der
alte Konegiani der Gesandte von Ferrara an unserm Hofe Dieser Mann ist lang
und hager blass von eingefallenem Gesicht und tiefliegenden Augen zuweilen
wenn er nachdenkend aussieht wie ein Bild des Jammers wenn er leicht und
ausgelassen sein will so reißt er im schmalen dürren Gesicht den großen Mund
so weit auf dass man sich entsetzen möchte
Dieses Bild des Schreckens also oder diese klapperdürre Figur welche die
Natur in bizarrer Laune scheint hervorgebracht zu haben weiß aber von seiner
Lächerlichkeit nichts so verblendet ist er und so von sich selbst eingenommen
dass er sich für schön hält für anmutig und geistreich darum tanzt er gern noch
auf den Festen spielt den Zärtlichen den Witzigen und versagt keinen Spaß
oder keine Ausgelassenheit die die jungen übermütigen Kavaliere ersinnen und
welche sie oft nur erdenken um ihn hineinzuziehn und sich an seiner
Possierlichkeit zu ergötzen
Sein vertrauter Freund ist ein junger reicher Edelmann aus Padua der ein
schönes witziges Mädchen unterhält und bei diesem speiset ohne andere Gäste
der Gesandte fast jeden Abend
Die größte Schwäche des Alten ist nun dass er glaubt jede Dame sei in ihn
verliebt so dass die Frauen ihn närren und necken oft die Zärtlichen spielen
um ihn zum Gelächter zu machen wie es sich von selbst versteht Ganz öffentlich
aber hat er sein fühlendes Herz vorzüglich der witzigen und schönen Donna
Isabella gewidmet die auch zum Schein seine Liebe erwidert seine
Zärtlichkeiten beantwortet und den Alten in so wunderliche Posituren versetzt
dass dieses öffentliche Verhältnis zu den Lustbarkeiten des Hofes gehört«
»Wer ist diese Isabella« fragte Don Giuseppe der sehr aufmerksam der
Erzählung zuhörte
»Sie ist« antwortete Malespina »die Schwester unsers Grossherzogs und die
Gemahlin des Herzogs Bracciano des berühmten Orsini Paul Giordano der sich
schon in verschiedenen Feldzügen ausgezeichnet hat wie Ihr wissen werdet Diese
Dame ist vielleicht die schönste unsers Hofes sehr viele erkennen ihr den Preis
vor unserer berühmten Schönheit der Bianca Kapello Alle Welt ist von ihrer
Anmut bezaubert von ihrer witzigen Unterhaltung hingerissen dabei ist sie in
ihrem edlen Betragen so gutmütig dass die Armen und Bürgerlichen sie verehren
ihre Gewandtheit und Lebensklugheit ist so groß dass unsere kränkliche und
ernste Grossherzogin sie ebenso liebt und ihr ebenso vertraulich ist wie jene
übermütige Bianca Gewiss ein seltnes Beispiel da die regierende Fürstin gewiss
nicht leichtsinnig über die Leidenschaft ihres Gemahls denkt und ihre
Nebenbuhlerin nur mit innigem Grauen neben sich dulden kann
So gab es denn im letzten Karneval einen unendlich spasshaften Auftritt am
Hofe im Saale der regierenden Fürsein Es war ein trauriger Regentag und die
Fürstin sonst ernst fast melancholisch schlug Tänze und Spiele vor weil sie
sich vorgenommen hatte an diesem Tage recht heiter zu sein So wurde denn
getanzt und in allen Wendungen feierlichen wie lebhaften Tänzen figurierte
jener beschriebene Konegiani und spielte seine zärtliche Rolle mit der Herzogin
Isabella Nachher ward gesungen dann trieb man das Spiel schwere Worte
hintereinander schnell zu sagen was die tollsten Redensarten burleske
unsinnige Silben hervorbrachte wer aber fehlte stotterte oder falsche Worte
sagte erhielt von einer kleinen vergoldeten Kelle einen derben Schlag in der
flachen Hand so wie es wohl den kleinen Kindern in den Schulen geboten wird
Viel Schläge und heftige bekam unser Gesandter denn die Dame die das
Strafamt verwaltete spasste mit ihm nicht wenn er wegen Fehler gezüchtiget
wurde so dass seine Hand am Ende rot aufgelaufen war und er mit den
lächerlichsten Grimassen die schmerzende an seinen Kleidern rieb
Jetzt schlugen die jungen Leute ein tolles Spiel vor das Affenspiel
Mattacini genannt in welchem einer der Herren hüpft springt Gebärden macht
und alle übrigen nachahmen und ebenso tun müssen Bei dieser Tollheit sind die
Damen natürlich nur Zuschauer Man legt bei diesem Spaß die Mäntel ab und zeigt
sich im Wams ein nachlässiges Kostüm in welchem schöne junge Männer welche
gut gewachsen sind nur gewinnen können in welcher Tracht aber das dürre arme
fleischlose Skelett an welchem man weder Waden Schenkel noch Hüften wahrnehmen
konnte sich vollends erst wie ein aufrecht wandelnder Affe ausnahm Dieses
übermütige Spiel führte nun ein Vetter der Herzogin Isabella an der Graf Troilo
Orsini ein großer schöner Mann in voller Kraft der Jugend und so mit Grazie
begabt dass alle Weiber in ihn vernarrt sind Dieser ersann nun die tollsten
Sprünge Stellungen und Gebärden und wie einem reizenden Jünglinge der seinen
Körper in der Gewalt hat und sich kennt um zu wissen was er sich erlauben
darf alles schön steht und er auch das Komische und seltsam Abgeschmackte
veredelt so erschien an unserm Gesandten selbst das Gewöhnliche verzerrt und
widerwärtig das Absurde aber abscheulich Ihr könnt euch die Lust und Freude
der übermütigen Jugend und der Weiber und Mädchen vorstellen ich habe die edle
Grossherzogin noch niemals so lachen sehen Wie wurde es aber erst als der tolle
Troilo anfing seinen ihm Vorstehenden mit aufgehobenem Bein und Fuß einen Tritt
in die Hüften zu geben Wie ein kreisendes Rad ging diese Gebärde mit der
größten Schnelligkeit durch die Versammlung mancher Getretene fiel um mancher
Tretende war in Gefahr am schlimmsten erging es dem armen Konegiani dessen
lange dürre Figur sich zuweilen vom gewaltigen Tritt hintenüber bog wie ein
Bogen Die Gesichter die er dabei schnitt lassen sich gar nicht beschreiben
Er versäumte es aber auch nicht es nach Vermögen seinen Mitspielenden zu
vergelten so dass er wie die übrigen in Schweiß geriet die Grossherzogin sich
aber von Lust und übermässigem Gelächter so angegriffen fühlte dass sie nach
diesem Spiele den Saal verlassen musste Nun kleidete man sich wieder an und
der Gesandte setzte sich freudetrunken nieder zu seiner angebeteten Donna
Isabella im Wahn wie zauberreich er in diesen verschiedenen Windungen und
Gebärdungen die Schönheit seines Körpers entfaltet habe Sie drückte ihm die
Hände lobte seine Gewandheit und er war entzückt«
»Doch der Gemahl der Isabella trieb er auch diese geistreichen Spiele
mit« fragte Don Giuseppe
»Ihr scheint es nicht zu wissen« sagte der Fremde »dass der Herzog
Bracciano schon seit Jahren von Florenz abwesend ist wenn er nicht im Kriege
ficht so lebt der schon bejahrte Mann hier und dort Er hat sagt man seine
Gemahlin nie geliebt und sie ihn wohl ebensowenig So sieht man auch fast
niemals unsern Fürsten Francesco in den Zimmern seiner Gemahlin wenn diese ihre
Gesellschaften hat Bei unsern Großen fällt dergleichen kaum mehr auf wie Ihr
es ja auch aus eigener Erfahrung wissen müsst Erlaubt aber dass ich jetzt zu
jener seltsamen Geschichte übergehe zu welcher das Bisherige nur die Einleitung
sein sollte um den Helden derselben kennenzulernen
Der junge Troilo unterhielt der Wohnung des Gesandten gegenüber ein
schönes junges Mädchen die auch mit der Geliebten des Paduaners des Freundes
unsers Konegiani sehr vertraulich war wie unter diesen jungen Wesen die das
ganze Leben von der leichtsinnigen Seite nehmen diese Verbindungen sehr
natürlich sind Da der alte Gesandte das Kleinod des Troilo täglich aus seinen
Fenstern sich ziemlich nahe gegenüber sah so ward er leichtsinnig wie er ist
in dieses artige Wesen entbrannt und es schien ihm um so merkwürdiger dass sein
Herz neben jener hohen erhabenen Leidenschaft für die Herzogin auch noch einer
leichteren Empfindsamkeit fähig war und er schadenfroh imstande sei einem
jungen Manne auf diese Weise Eintrag zu tun
Da sein Liebäugeln Kusswerfen und Grimassieren mit jedem Tage zunahm so
erzählte die mutwillige Kleine diese Neuigkeit ihrem Troilo Dieser jubelte auf
als er seinen Konegiani wieder von dieser Seite kennenlernte Er befahl der
kleinen Lisa sich gegen den Alten freundlich zu stellen und ihm Hoffnung zu
machen als wenn sie sich ihm und seinem Liebreiz wohl nach einiger Zeit ergeben
könne Dem stets lustigen Paduaner wurde auch mitgeteilt was sich ergeben
solle und dessen junge leichtfertige Giannina musste ebenfalls darum wissen um
das möglich zu machen was der Graf Troilo entworfen hatte Dieser nämlich
erzählte seiner Muhme der Herzogin Isabella sogleich alles und diese heitere
Dame die gern mit ihrem Vetter lachte ging sogleich auf dessen Absicht ein
zum Teil auch wohl um den Alten recht auffallend blosszustellen und auf diese
Weise seine lästigen Bewerbungen abzuschütteln da ihr jetzt wohl schon die
Rolle der Zärtlichen im Angesichte des ganzen Hofes lästig fallen mochte
Man beredete also die kleine Lisa dass sie dem zärtlichen Gesandten durch
ihre Freundin Giannina eine Nacht zusagen ließ wie sie zum Abendessen mit
dieser Freundin und dem Paduaner bei ihm sein und nachher bei ihm bleiben wolle
Alles ward dazu veranstaltet
Nun war eben seit zwei Tagen eine junge aber überaus hässliche Sklavin von
Livorno angekommen die ich weiß nicht zu welchen Diensten im Palast
gebraucht werden sollte Sie schielte furchtbar hatte einen widerwärtig großen
Mund und war von jener fast safrangelben Farbe die durch Vermischung mit
Europäern die Kinder erhalten und so eine Race bilden hässlicher als die
Schwarzen selber Diese Widerwärtigkeiten abgerechnet war sie übrigens kräftig
und gut gebaut
Als Mann verkleidet um nicht aufzufallen und von den fremden Dienern
erkannt zu werden ging Donna Isabella mit Troilo nach dem Hause des Gesandten
Sie führten die hässliche Sklavin mit sich Troilo der im Hause sehr bekannt und
durch seine Freigebigkeit auch beliebt war merkte in den unteren Gemächern die
zu den Ställen gehören einen jungen Diener Die Sklavin die nur ihre
barbarische Sprache zu reden wusste hatte sich indessen schon auskleiden müssen
Der junge Mensch führte die drei Personen auf der kleinen Treppe zu den innern
Zimmern und von da in das Schlafgemach des Gesandten Der Stallbediente
verstand etwas von jener barbarischen Sprache und musste also der Wilden
bedeuten dass sie sich im Bette ganz ruhig halten müsse Die Garstige bequemte
sich gern in ein so aufgeschmücktes flaumweiches Bett zu steigen in welchem
sie durch Müdigkeit und gesunde Natur auch sogleich in den festesten Schlaf
versank Der Diener verließ sie und Troilo und Isabella hörten jetzt aus dem
benachbarten Saale Scherz Lust und lautes Gelächter Der Alte saß neben seiner
geliebten Lisa trank und jubelte mit ihm war sein vertrauter Freund der
Paduaner und dessen Giannina Indem der Alte Lisa einschenkte rief er laut
Trink von diesem edlen Monte Pulciano Wie oft hat mir Donna Isabella einen
Becher dieser Traube kredenzt Fühlst du denn auch wohl Kleine wie sehr ich
dich erhebe da ich vom Besitz einer solchen Gebieterin zu dir hinabsteige
Der Schmaus war geendigt und Giannina nahm den Alten beiseit und flüsterte
ihm zu Vergönnt verehrter Freund dass sich Lisa jetzt einsam dort auskleide
und ihr Gefühl zu schonen sie Euch im Finsteren empfange Er bewilligte befahl
auch den Dienern sich wegzubegeben und harrte seines Glücks Auch der Paduaner
nahm Abschied Lisa wartete auf der Treppe und Giannina kam jetzt zurück um
mit ihrem Freunde auch das Haus zu verlassen Nun begab sich der Gesandte im
Finsteren in sein Schlafgemach Er stieg in sein Bett nicht wenig erstaunt dass
seine Gefährtin nach so wenigen Minuten schon so fest eingeschlafen sei Anfangs
hielt er es für Schalkheit und Verstellung aber ein allzu gesundes Schnarchen
überzeugte ihn bald vom Gegenteil Erstaunt schüttelte und rüttelte er die
Eingeschlafene heftig aber lange vergeblich Endlich wurde sie munter und
erhob da sie einen Mann neben sich merkte der ihr wie sie glauben musste
Gewalt antun wollte in ihrer barbarischen unverständlichen Sprache ein
mörderliches Geschrei Da sprang der Gesandte mit Entsetzen vom Lager schrie
nach Licht und allen seinen Dienern so sehr harte er die Fassung verloren Das
ganze Haus wurde wach Als Licht gebracht wurde sah man ihn zitternd dastehn
von seinem langen Schlafrock nur dürftig bekleidet Ohne dass er die Sache
begriff ward die Sklavin von den Dienern fortgeführt jener Vertraute gab ihr
unten im Stall ihre Kleider wieder und betäubt fieberhaft zitternd setzte sich
der Alte alles Rates beraubt in seinen Sessel Wie ward ihm jetzt als in der
Einsamkeit zwei Figuren aus einer Nische auf ihn zutraten und er in dem einen
Mann seine hohe Gebieterin Isabella wiedererkannte Er glaubte das Haus müsse
mit ihm versinken So lerne ich Euch kennen redete ihn jetzt die mutwillige
Donna an Euch der sich für meinen Herzgeliebten für meinen unwandelbar treuen
Schäfer ausgeben will Seht welches scharfe Auge die Eifersucht hat die Euch
schon seit Tagen unermüdlich beobachtete und nun Eures Treubruches Eurer
Schändlichkeit innegeworden ist Ich wollte es meinem Vetter Troilo nicht
glauben dass Ihr alter boshafter ungetreuer Mann einer solchen Unwürdigkeit
fähig wäret Er hat Eurem Leichtsinn Eurem Wankelmut Eurer Sucht die Weiber
zu verführen niemals getraut er hat mich immer vor Euch gewarnt Aber dass Ihr
von mir die Ihr anzubeten vorgebt so tief herabsteigen dass Eure verirrte
Lust Euer schwaches Gemüt zu einem solchen Scheusal sich herabwürdigen könne
das hätte ich keinem auch dem zuverlässigsten Manne nicht geglaubt wenn es
mein eigenes Auge zu meinem unendlichen Schmerze nicht gesehen Könnt Ihr wohl
noch ein einziges Wort zu Eurer Entschuldigung hervorbringen
Der Alte wusste nicht ob man ihn närre ob die Rede Ernst sei er sank in
die Knie und bat in Demut und Wehmut aufgelöst um Verzeihung Er konnte immer
noch seine Fassung nicht wiederfinden Er mochte nicht sagen und wagte es am
wenigsten in der Gegenwart des Troilo wen er eigentlich erwartet habe Er
flehte nur als man sich trennte seine Verirrung und sein Missgeschick zu
verschweigen Dies wurde ihm zugesagt und Donna Isabella war auch froh als sie
sich von den Dienern des Hauses unerkannt wieder im Freien befand Das
Abenteuer des Gesandten blieb aber nicht verschwiegen und er musste Anspielungen
auf seine Sklavin hören von der man in seiner Gegenwart wie von einer fremden
Schönheit sprach die mit seltsamen Reizen ausgestattet sei Isabella aber zog
sich seitdem ganz von ihm zurück und er durfte sich nicht darüber beklagen«
»Diese possierliche Begebenheit« bemerkte die Matrone »wenn sie nicht sehr
ausgeschmückt ist belehrt uns wieder wie es an Höfen und bei den Vornehmsten
ganz anders hergeht als wir Geringeren es uns denken können«
»Es ist unbillig« sagte Vittoria »Menschen so zu kritisieren als wenn sie
etwa ein Buch wären aber ich muss gestehen dass ich diese Donna Isabella gar
nicht begreife Schön verständig witzig unterrichtet und doch die Zeit mit
so nüchternen Spässen hinbringen zu können Fühlt sie denn nicht dass indem sie
den alten Gesandten dem Gelächter preisgibt etwas wenn noch so weniges auf
sie selber von dieser Geringschätzung zurückfällt Die edlen Naturen müssen am
meisten darüber wachen wen sie zur Gesellschaft wählen denn die zartesten
höchsten leiden am meisten vom schlechten Umgange der Mittelmässige braucht
nicht so ängstlich zu sein denn in seiner Unbedeutendheit schützt ihn eine
Waffe die dem feinern Geiste mangelt«
»Sehr wahr« sagte Don Giuseppe »der flache Mensch kann durch den
Hochbegabten weder zur göttlichen Natur aufsteigen noch durch den
Nichtsnützigen zum Bösewicht verwandelt werden Je feiner zarter die Natur so
leichter ist sie der Verderbnis ausgesetzt«
Man trennte sich denn es war spät geworden Indem Don Giuseppe von den
Damen vorzüglich von Vittoria Abschied nahm fühlten diese beiden wohl in
welcher Bewegung sie waren Er zögerte sah Mutter und Tochter mit bedeutenden
Blicken an und bat dann um die Erlaubnis seine Besuche wiederholen zu dürfen
Sie wurde ihm gern zugestanden denn beide Frauen konnten es sich nicht
verhehlen dass ihnen dieser fremde Mann sehr bedeutsam erschienen war wenn sie
auch nichts Bestimmteres von ihm wussten
Kaporale begleitete diesen noch und als sie in die einsame Gegend des
Koliseums gekommen waren stand der Fremde einen Augenblick still fasste die
Hand des Dichters und sagte »Wie sehr muss ich Euch danken Vortrefflichster
dass Ihr mich in diese Familie eingeführt habt und wie glücklich seid Ihr zu
preisen dass Ihr sie schon seit Jahren und als vertraute Freunde kennt Um des
Himmels willen wie ist diese Vittoria an diesen Mann oder an dieses Männchen
geraten Sie die wie ich meine nur unter den Fürsten Italiens hätte wählen
dürfen Dazwischen muss eine höchst sonderbare Geschichte liegen Steht er nicht
neben ihr wie ein gemaltes Püppchen das nur da ist um den Saal ausfüllen zu
helfen Kann die Mutter wirklich viel von der Verwandtschaft mit dem Montalto
erwarten Mag der Mann fromm und tüchtig sein aber niemand achtet ihn er wird
niemals einen großen Einfluss erringen dabei ist er alt und schwächlich«
Kaporale antwortete nur obenhin weil er die Geschichte der Familie einem
Fremden den er nur noch so wenig kannte nicht preisgeben wollte
»Die junge Frau« fuhr Don Giuseppe fort indem sie weitergingen »ist ein
wahres Wunder zu nennen Mir ist noch niemals in der Schönheit die wahre Hoheit
und Majestät des Weibes so erschienen Wie sie spricht Welcher Ton Und welch
ein Labsal ist es sie nur anzublicken Diese purpurdunkeln Haare die
rabenschwarzen Brauen unter diesen wie Goldstrahlen die langen gebogenen
Augenwimpern Kein Maler hat je in seiner schönsten Begeisterung so etwas
ersonnen Und habt Ihr wohl das liebliche Rätsel bemerkt oder wie soll ich es
nennen dass in dem linken Augenlide fünf oder sechs dieser Goldfäden mangeln
Schlägt sie nun das Auge nieder oder blickt sie gar auf und sieht Euch an so
ist als wenn Amor plötzlich aus dem Goldsaum flöhe und unverhüllt sichtbar auf
dieser entblößten zarten Stelle des Auges dastünde Nicht wahr für einen Mann
von Jahren schwärme ich noch so ganz leidlich Ich werde gewiss von dem
erhabenen Wesen träumen«
Am andern Tage ging Kaporale mit schwerem Herzen zu seinen Freunden Die
junge Frau traf er im Garten der sehr verschieden von dem ehemaligen Gärtchen
sich weit hinter der schönen Wohnung ausdehnte Vittoria eilte auf ihn zu
»Nun« rief sie ihm entgegen
»Ich begrüss Euch« sagte der Poet
»Ich dachte« antwortete sie schmerzlich »Ihr hättet mir etwas Neues zu
hinterbringen und etwas Gutes oder wenigstens Wunderbares Ach Freund ich
habe die ganze Nacht nicht schlafen können und wenn ich auf Augenblicke
einschlummerte so standen die Bildnisse der alten Heroen vor meinen Augen So
habe ich doch wirklich einen wahren wirklichen Mann gesehen«
»Im Traum also« fragte Don Cesar
»Wie Ihr sprecht« rief sie lebhaft »gar nicht wie ein Poet sondern wie
ein Krämer der alles mit der Elle ausmisst Euren Don Giuseppe mein ich oder
wie er sich nennen mag Ich freue mich ihn wiederzusehn von ihm zu hören und
zu lernen denn jedes Wort ist gewichtig das von seinen Lippen fällt«
»Ihr seid begeistert« erwiderte der Freund sehr ernst »wäre der Mann noch
jung aber er ist ungefähr von meinem Alter so würde ich Wunder was von Euch
denken«
»Was Ihr wollt« rief sie unwillig »immer und ewig muss ich das alte
abgedroschene Märchen von Jugend und Alter wieder hören Wer ist denn jung Ist
es denn etwa mein uraltes längst gestorbenes Männchen dieser Peretti weil er
blonde Haare und rote Wangen hat Alle sprechen immerdar von der
Unsterblichkeit von der hohen Würde ihrer Seele und geben dann doch dem
Kleide dem rohen Überzuge den Vorzug Jugend ist sie nicht eine Einwohnerin
des Himmels und der seligen Gefilde Lässt sie sich denn in trägen Gefühlen in
albernen Gedanken beherbergen Ich kann es jetzt ahnen wenn auch noch nicht
verstehen was die Liebe zum Manne sein möchte Und wenn mir diese Vision die
Gotterscheinung nahe tritt wer hat ein Recht sie zurückzuhalten Wer ist es
der fordern darf ich soll mich von dieser Weihe abwenden Weshalb Wem habe ich
es versprochen mir oder ihm oder Gott dass ich diesen kleinen Francesco
lieben will Lieben als hätte ich nur gewusst was das Wort zu bedeuten habe«
»Armes Kind« sagte Kaporale »jetzt muss ich selbst fürchten die Vermutung
die im Scherz neulich ausgesprochen wurde sei eine richtige dass ich Euch
nämlich einen alten Banditen ins Haus gebracht habe Denkt nur ich spreche heut
bei ihm vor alles ist verschlossen endlich nach vielem Klopfen öffnet ein
altes Mütterchen Er sei schon vor Sonnenaufgang abgereist kein Mensch wisse
wohin keiner ob oder wenn er wiederkomme das sei einmal so seine Art und
Liebhaberei Keine Seele könne auch von seiner Hantierung Rechenschaft geben
denn sooft er das Haus betreten sei er so schweigsam wie das Grab auch dürfe
man ihn nicht viel fragen Kurz er ist ein Rätsel Und wohin Warum Da er
Euch wie er mir so lebhaft versicherte heut abend wieder besuchen wollte Da
er von Euch Euren Gaben Eurer Schönheit so entzückt ist Da er ebenso
schwärmerisch von Euch spricht wie Ihr von ihm Könnt Ihr Euch diese
Seltsamkeit erklären«
»Jetzt erst weiß ich« sagte sie »dass ich unglücklich bin ich weiß es bis
dahin träumte ich es nur« Sie lehnte das Haupt auf die Schulter des Alten und
weinte heftig »Ihn nicht wiedersehen Er sollte ein Verräter ein Mörder sein
Meinetalb Und wenn er mir entschwunden ist wenn er dem Hochgerichte
angehört wenn er ein Bettler ist meine Seele ist auf ewig mit der seinigen
verkettet Versteht Ihr mich Alter Ihr der dieselben Jahre ebenso viele
Sommer hat kommen und schwinden sehen wie er Ja wenn Ihr nur auch vom Trank
der Unsterblichkeit gekostet hättet Aber Ihr seid nur ein eingefleischter
alter Mann zähe und unwandelbar aber dabei gut wie ein Lamm Ob Euch wohl
jemals das Lieben angewandelt ist Ihr seid bei alledem ein komischer Patron«
Sie warf die dunkeln Haare nach hinten die ihr in das Gesicht gefallen
waren stieß ihn gelinde zurück und lief laut lachend nach einer fernen dunkeln
Laube in welcher sie sich verbarg Don Cesar stand wie betäubt schüttelte das
Haupt und sagte halb verdrießlich indem er den Garten verließ »Es ist eine
unangenehme Sache der Vertraute von Personen zu sein die über der Linie der
gewöhnlichen Menschen stehen«
Zweites Kapitel
Don Giuseppe der am Abend erfahren hatte dass Malespina am folgenden Morgen
wieder nach Florenz zurückreisen würde hatte da ihm ein plötzliches Geschäft
zugekommen war sich schnell entschlossen mit diesem unterrichteten Manne die
Reise gemeinschaftlich zu machen Noch in der Nacht war die Abrede genommen
worden und sie waren schon früh vor Anbruch des Tages außerhalb der Tore Roms
Der gesprächige Malespina beantwortete gern soweit er konnte oder durfte
alle Fragen des wissbegierigen Lombarden und sagte unter anderm »Es ist gewiss
und augenscheinlich dass unsre Zeit so vieles an das Licht bringt und zur
Wirklichkeit macht was ganz die Gestalt hat wie es jene Märchen liebende
Poeten erzählen Darum darf man sich auch nicht wundern wenn vieles das auf
die Dauer bestehen sollte sich ebenso schnell entwickelt und plötzlich
beschliesst wie es unerwartet aufgetreten war Wie arm und hülfsbedürftig kam
diese jetzt allmächtige kluge Bianca Kapello mit dem jungen armseligen Gatten
flüchtig von Venedig Der junge Prinz Francesco sah sie bald war sie seine
Geliebte so schlau und verständig ist dieses schöne Wesen dass er jetzt nach
dreizehn Jahren noch ebenso leidenschaftlich ihr ergeben ist wie in den ersten
Wochen Wir alle sind überzeugt dass, wenn etwa seine Gemahlin sterben sollte
er Bianca zur Grossherzogin erheben würde Als der vorige Mann der Bianca sich
durch Übermut allen verhasst gemacht hatte ward er ermordet und niemand beklagte
ihn Überhaupt so gern unser Fürst streng sein möchte haben die Meuchelmorde
in der Stadt wie in der Provinz außerordentlich zugenommen denn es scheint den
Mächtigen immer das kürzeste den Gegner der Verdruss und Verwicklung erregt
aus dem Wege zu räumen«
Die beiden Männer konnten sich in ihrem Fuhrwerk so frei und ungestört
unterhalten weil Giuseppe keinen Diener bei sich hatte und der Florentiner
seinen Wagen von einem halbtauben Menschen lenken ließ der nur seine Pferde
beachtete
»In Eurer Erzählung gestern« fing Don Giuseppe an »ist mir manches unklar
geblieben und ich zweifle selbst ob sich alles so habe zutragen können und
doch scheint Ihr sehr unterrichtet ja Ihr wart bei jenen läppischen Spielen am
Hofe wohl selber zugegen«
»Gewiss« erwiderte jener »Aber mein Freund wenn Ihr niemals an Höfen
gelebt habt so wisst Ihr auch nicht was Übersättigung und Langeweile alles
erzeugen können Wieviel Aufwand übertriebene Pracht Gold in Haufen
weggeworfen übermäßige Belohnung der Künstler und Gewerbe bei Hochzeiten und
daneben unwürdige Knickerei und Geiz Die edelsten Geister unserer Zeit so oft
in Tätigkeit das Vollendete Große hervorzubringen wovon unsere Nachkommen
noch mit Bewunderung sprechen können und unmittelbar darauf solche Spiele und
Späße welche ihr eben läppisch genannt habt Der Grossherzog sieht seine
kränkelnde Gemahlin nur selten er wünscht sich männliche Erben damit sein
Reich nicht an seine Brüder falle der Kardinal Ferdinand ist ein vortrefflicher
Mann fein gewandt und edel aber der Grossherzog betrachtet ihn natürlich mit
Neid und Eifersucht Der jüngste Don Pietro der viel in Spanien gelebt und
mit einer Spanierin aus dem Hause Toledo vermählt ist was soll man von diesem
sagen diesem wilden ausschweifenden Mann den Krankheiten ausgehöhlt haben der
in seiner Wut kaum einem Menschen gleicht er wird gefürchtet und gehasst und
setzt ebendadurch alles in Schrecken er herrscht dadurch dass er es gar kein
Hehl hat wie er keine Rücksichten kenne und sich alles für erlaubt halte«
»Da Ihr Euch so gerne mitteilt Don Celio so erlaubt mir noch einige
Fragen und löst mir einige Zweifel auf die Eure Erzählung von jenem
lächerlichen Gesandten aus Ferrara mir erregt hat« sagte Don Giuseppe »Jener
Troilo von Orsini den Ihr nanntet und als einen schönen jungen Herrn
beschriebet muss mit der Herzogin von Bracciano jener Isabella auf einem sehr
vertrauten Fuße leben ich möchte das Verhältnis verdächtig nennen da er so
ganz keine Rücksicht auf ihren Stand und Ruf zu nehmen scheint dass er sie zu
diesen nächtlichen Spaziergängen und Verkleidungen missbrauchen darf«
»Mein geehrter Herr« sagte Celio »Ihr nehmt diese Verhältnisse zu streng
und feierlich Wie die arme Grossherzogin die doch eigentlich in keiner wahren
Ehe lebt sich oft in Langeweile Verdruss und Eifersucht verzehrt und sich
daher gern in zuweilen schlechten Spässen ergeht und erheitert so ist es auch
auf ähnliche Weise mit Donna Isabella beschaffen Ihr Gemahl der Herzog von
Bracciano ist ein tapfrer Herr ein Mann in hundert Rücksichten ausgezeichnet
aber der Liebe mag er wohl nicht fähig sein Seine Bravour hat sich früh im
Dienst der Republik Venedig erwiesen er ist schon etlichemal leidenschaftlicher
Soldat gewesen noch vor drei oder vier Jahren hat er sich im Kampf gegen den
Türken vielen Ruhm erworben und schon vor zwölf Jahren ging er von Venedig aus
zur See aber die arme Gemahlin hat ihn nur noch wenig gesehen«
»Ihr kennt den Mann nicht persönlich« fragte der Fremde
»Nein« antwortete Celio »denn er hat sich schon seit Jahren nicht in
Florenz gezeigt aber alle die von ihm sprechen achten ihn hoch wegen seiner
männlichen Tugenden aber sie fürchten ihn auch denn er ist barsch und
unerbittlich wenn er erzürnt ist selbst der Grossherzog hat eine gewisse Scheu
vor ihm Nun geht er seiner Laune nach lebt bald hier bald dort und hält in
Rom ein prächtiges großes Haus wo es ihm sein großes Einkommen erlaubt die
Kardinäle und andere Fürsten zu überglänzen Dann ist er wieder auf Reisen
unterstützt die armen Anverwandten und bändigt diejenigen die sich zu trotzig
erweisen Aber die arme Isabella Er soll sie nur aus politischer Rücksicht
geehlicht und niemals geliebt haben Nun hat sich dieser leichtfertige Ton am
Hofe eingeführt der einem Fremden auffallen könnte welcher aber nur sehr
selten ärgerliche Geschichten oder Verhältnisse hervorruft Und so steht Donna
Isabella auch ganz rein und unbescholten da Aber die Langeweile das einsame
Leben ein unbefriedigtes Dasein führen sie dahin vielleicht mit zu großem
Ernst diese läppischen Späße zu verfolgen«
»Hat sie Kinder«
»Nur einen Sohn und eine Tochter den Virginio der noch unmündig ist und
den sie wie ihre Virginia liebt Sie hat sich sehr jung fast noch selbst als
ein Kind verheiratet«
»Wie ist es nur möglich« begann der Fragende wieder »da dieser Troilo doch
immer ihren Verehrer und Liebhaber vorstellt dass er den Mut hat eine so hohe
Dame mit seiner besoldeten Geliebten bekannt zu machen dass er es wagt sie
zusammenzubringen was muss Donna Isabella von ihm denken Wie ihn ansehen wenn
sie ihn etwa lieben sollte Und woher diese ganz unbegreifliche Vertraulichkeit
wenn ihr Verhältnis kein unerlaubtes ist Seht das ist ein Rätsel welches ich
mir gar nicht auflösen kann«
»Weil Ihr die Höfe nicht kennt« rief Celio lachend »weil Ihr alle diese
Stümpereien und Kleinigkeiten aus einem zu moralischen Gesichtspunkte anseht
Dass der junge Graf seine Liebschaft der Herzogin anvertraut ist ja der
sicherste Beweis dass beide nur Scherz und Zeitvertreib suchen denn außerdem
würde sie doch wohl eifersüchtig sein und ihn nach einer solchen Eröffnung von
sich entfernen Wenn der regierende Herr wie es bei uns der Fall ist,
öffentlich in einem Verhältnisse lebt das nicht ganz den Gesetzen gemäß ist so
ahmt die Umgebung ihn nach und übertreibe und überbietet jene Ungebundenheit
Darum ist er auch schon einigemal mit Zorn und Bestrafung hart ja grausam
dazwischengefahren Jedoch um ein Beispiel zu geben und abzuschrecken
vergeblich«
»Und sich als Mann zu verkleiden« fing Don Giuseppe wieder an »so in
finsterer Nacht mit dem jungen Manne allein auszuwandern Im Stall mit einem
Diener und einer Sklavin zu verweilen«
»Überlegt doch nur« sagte Celio halb unwillig »dass es nur auf diese Art
möglich war den ganzen Spaß durchzuführen Die Diener des Gesandten durften sie
doch nicht als Donna Isabella erkennen ein langer Mantel verhüllte sie ganz
sie gab sich nachher nur dem Gesandten zu erkennen um diesen recht zu
beschämen«
»Nun meinetalb« sagte Don Giuseppe »was geht mich auch die ganze
widerwärtige Geschichte an Aber ein Verwandter der Dame dürfte es doch höchst
anstößig finden dass sie mit dem jungen Menschen wenn er auch ihr weitläuftiger
Vetter ist auf der Straße und unten im Hause so lange im Finsteren verweilt
dann wieder im Schlafgemach im Dunkeln jener unzüchtigen Szene ganz nahe Alles
das setzt in der Dame einen Leichtsinn voraus den meine Einbildung mit
weiblicher Tugend durchaus nicht zu reimen weiß«
»Hab ich je einen so schwerfälligen hartnäckigen Mann gesehen« rief Celio
aus »gut dass Ihr es nicht nötig habt an Höfen zu leben Ihr gemahnt mich fast
wie der ehrbare Sperone der sich in Rom hauptsächlich dadurch bei den Vornehmen
verhasst machte dass er in jeder Gesellschaft in seinem selbsterfundenen langen
Professorhabit erschien der ihm so ehrwürdig auf die Füße reicht und hinten
nachschleppt ein Talar wie ihn weder ein Professor noch ein Philosoph jemals
in Italien getragen hat am wenigsten in vornehmer Gesellschaft Die Gemahlin
des Prinzen Pietro diese ist es die ein öffentliches Ärgernis erregt Sie
nimmt gar keine Rücksicht hoch und niedrig alles ist ihr gleich willkommen
und dabei bemüht sie sich nicht einmal ihre Schande und Ausschweifung den Augen
der Welt zu entziehn Freilich ist ihr Gemahl noch schlimmer und ruchloser der
mir dem allerniedrigsten Pöbel verkehrt in den schmutzigsten Kneipen sich
schimpfliche Krankheiten auflieset aller Welt schuldig ist weder Treue noch
Glauben kennt und ihr der Verlornen mit einem gottlosen Beispiel vorangegangen
ist Über das ruchlose Leben der beiden ist selbst der Grossherzog empört nur
hegt er so stark und stolz er ist doch vor dem Bruder eine gewisse Scheu und
sie verlacht in Leichtsinn und Frechheit jede Ermahnung Man hat mir immer
gesagt dass wenn die züchtigen eingezogenen Spanierinnen einmal den Zwang
abgeworfen haben sie viel wilder und unzüchtiger als unsre Landsmänninnen sein
sollen Der Fürst selbst hat den Bruder der Frau ermahnt ihr Zaum und Gebiss
anzulegen es ist ihm selbst befohlen worden an den Vater der Ausgelassenen zu
schreiben damit dieser von Neapel herüberkomme um sie zu züchtigen und das
Ärgernis wenigstens zu mildern wenn er es nicht ganz aufheben kann Man ist nun
gespannt ob es zur Scheidung kommen oder ob man sie in ein Kloster verstoßen
wird Vielleicht dass der Gemahl sie auch so tief verachtet dass er sich um
ihren Lebenslauf nicht mehr kümmert«
So unter mancherlei Gesprächen verging den Reisenden die Zeit Celio
Malespina wusste vielerlei von Gelehrten sowohl wie von Staatsmännern Was er
auf seinen Reisen gesehen und erlebt hatte sich seinem Gedächtnis gut
eingeprägt und er wusste auch kleine unbedeutende Begebenheiten gut
vorzutragen weil er ihnen eine frische lebendige Färbung gab so dass die
Figuren und Sachen den Hörenden vor Augen standen
Don Giuseppe war sehr abwechselnd in seinen Launen bald heiter bald wieder
sehr ernst ja finster Wenn ihn Malespina befragte antwortete er nur einige
Verlegenheit in seinem Kaufmannsgeschäft das er dort in Mailand ordnen müsse
mache ihn nachdenklich wenn er sich den Verdruss denke der ihn dort erwartete
Sie hielten sich unterwegs nirgend auf weder in Bologna noch Siena Oft in
der Zeit wenn die Pferde der Ruhe bedurften ging Don Giuseppe durch die Stadt
oder über Feld seinen Reisegefährten nicht beachtend ein andermal war er
wieder sehr freundlich und ließ sich kostbaren Wein und herrliche Früchte
nachtragen die er selbst eingekauft hatte und in Fröhlichkeit mit seinem
redseligen Reisegefährten teilte
Als sie in die Nähe von Florenz gekommen waren verweilte Giuseppe in einem
Borgo der nur noch wenige Miglien von der großen Stadt enfernt lag Er sagte zu
Celio »Hier mein teurer Gesellschafter muss ich mich von Euch trennen liegt
der Ort Eurer Bestimmung doch ganz nahe vor Euch wo wir ja doch voneinander
scheiden müssten Ich werde hier noch im Gebirge einen alten Ohm besuchen den
ich wenn ich ihn jetzt versäumte vielleicht niemals wiedersehen würde«
Jetzt erhob sich indem sie freundlich Abschied nehmen wollten ein Streit der
Höflichkeit denn der Mailänder wollte dem Florentiner die ausgelegten
Reisekosten so reichlich vergüten dass er sie dadurch wohl ganz allein bezahlte
Malespina weigerte sich der Lombarde aber war so dringend empfindlich ja halb
befehlerisch dass Celio endlich nachgeben musste »Ich bin reich« sagte der
Lombarde »wenn mein Geschäft dort nicht ganz verunglückt gewiss viel reicher
als Ihr Ich habe es wohl gemerkt dass Ihr einigemal meinetwegen auf der Reise
zögertet dass Ihr hie und da meiner Person zu gefallen mehr aufgehen liesset
als wenn Ihr allein gewesen wäret und so dürft Ihr meinetwegen keinen Schaden
leiden denn Ihr seid noch ein junger Hofmann und Euer Glück noch keineswegs
entschieden«
»Alter Herr« sagte Celio empfindlich »ich habe Euch mehr als einmal daran
erinnert dass Ihr von Höfen nichts wisst Es ist auch ganz natürlich denn wenn
der reiche Kaufmann auch einmal mit den Herrschaften in Berührung kommt so kann
er immer nur ihre ganz oberflächliche Außenseite gewahr werden die doch immer
nur eine Maske sein muss«
»Ihr habt nicht unrecht« erwiderte jener »und doch möchte ich als der
ältere Mann Euch dem jüngeren noch zum Abschied einen Rat geben der weit mehr
wert ist als jene unbedeutende Summe über welche wir so unnötig gestritten
haben«
»Und der wäre«
»Sprecht da Ihr ein Hofmann sein wollt weniger erzählt das was Ihr glaubt
gesehen und erlebt zu haben nicht andern am wenigsten Fremden«
»Alter Herr« rief Celio verdrießlich »ich sollte Euch für Euren
gutmeinenden Rat danken und doch weiß ich es nicht anzufangen Ich bin der
Sekretär der Chiffer bei meinem gnädigsten Herrn und ich verdiente gehängt zu
werden wenn ich auch nur das allerkleinste Geheimnis ja nur eine Nachricht
die mir beim Dechiffrieren früher als jedem andern zukommt verraten oder
ausplaudern wollte auch die gleichgültigste Was ich Euch gesagt habe und dort
in Rom gesprochen erzählen sich die Kinder auf den Gassen«
»Wenn gleich« erwiderte der Ältere »man gäbe oft viel darum auch ein
gleichgültiges Wort wieder zurücknehmen zu können Nur allzuleicht kommt man
durch diese Redseligkeit in eine gewisse Abhängigkeit von Menschen mit denen
man lieber nichts zu tun haben möchte mindestens erzeugt es mit Unbekannten
oder Fremden eine gewisse Art von Vertraulichkeit die uns auch drückend werden
kann. Wen man als Redseligen kennt dem kann der kluge Verleumder auch leicht
etwas anheften und von ihm das glaubwürdig machen was er niemals gesprochen
hat«
So trennten sie sich beide verstimmt
Drittes Kapitel
Es war im Beginne des Julius welcher in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze
eintrat In Italien ist es schon oft bemerkt worden dass in diesen heißen
Monaten die meisten Untaten und Verbrechen geschehen Im Norden will man
wahrgenommen haben dass auch bei anhaltender übermässiger Kälte das Gemüt des
Menschen sich verhärtet und der Grausamkeit zugänglicher ist als bei milderem
Wetter In dem schönen Florenz sah man in allen Häusern und Palästen die
Vorkehrung sich eine anmutige Frische und Kühlung zu verschaffen viele der
reichen Familien bezogen ihre höher liegenden Schlösser im Gebirge und auch der
Hof hatte schon beschlossen einige der angenehmen Paläste auf dem Lande zu
besuchen
In seinem Palast war der Grossherzog Francesco mit Arbeiten beschäftigt Noch
nicht weit in Jahren fing er doch schon an stark zu werden Der Ausdruck
seines Gesichtes war milde und freundlich sein Auge verständig und leuchtend
er affektierte aber gern einen starren abschreckenden Ernst wie er in Spanien
wo er lange gelebt hatte vom Könige und den Ersten des Reiches gesehen hatte
die er sich gern zum Muster nahm wodurch er seinen italienischen Dienern und
Untertanen oft unbequem wurde Sein Sekretär Malespina stand vor ihm mit dem er
zufrieden schien indem er wohlgefällig dessen Berichte aus Rom anhörte Es war
ihm nicht unwillkommen alle die Kleinigkeiten zu erfahren die ihm sein
Geheimschreiber von seinem Bruder dem Kardinal mitteilen konnte Mit
Schadenfreude hörte er einige Anekdoten aus dessem Privatleben an und von den
kleinen Blössen die sich doch auch im Eifer oder Nachlässigkeit der Mann gibt
der sich am meisten bewacht
Ein Kammerherr trat ein und meldete den Herzog Orsini von Bracciano
Francesco erschrak sichtlich und sprach halblaut mit dem Ausdruck des tiefsten
Verdrusses im Gesicht »Bracciano Wo kommt der ungestüme Mann her Was will er
in Florenz Das ist ja so plötzlich und unvermutet wie ein Donnerschlag aus
heiterem Himmel«
Er winkte dem Edelmann dieser ging hinaus die Flügeltüren wurden geöffnet
und in seinem glänzenden Kleide trat der große starke Fürst mit königlichem
Anstande herein Mit einem von Freude strahlenden Gesicht ging ihm Francesco bis
zur Tür entgegen und umarmte ihn herzlich Der Sekretär aber riss groß die Augen
auf und glaubte der Palast müsse mit ihm versinken denn dieser eintretende
Herzog Bracciano war niemand anders als jener Don Giuseppe sein Reisegefährte
von Rom her Indem der Grossherzog den Fürsten Bracciano zum Lehnsessel führte
entfernte sich Malespina blass und bestürzt ohne dass Paul Giordano die mindeste
Kenntnis von ihm nahm als wenn er ihn schon gesehen hätte Der Sekretär
begriff dass es klüger sei von jenem Abend zu Rom und der Reise hierher mit
diesem vornehmen Begleiter zu keinem Menschen ein Wort verlauten zu lassen
Nach kurzer Zeit trat auch der jüngste Bruder des Herzogs Don Pietro der
wilde herein Blass und abgezehrt wie er war so ein irres Feuer auch aus
seinem unstät rollenden Auge blitzte so erkannte man doch die edle Grundgestalt
der Medicäer in seinem Angesicht Er war heftig aufgeregt und sprach von der
Schande seines Hauses er schalt auf die Familie dass weder Vater noch Bruder
sich herbeibemühen wollten ein Weib das so öffentliches Ärgernis gebe zu
bestrafen »Und was soll nun geschehen« rief er mit zorniger Gebärde »Denn ich
dulde diesen Schandfleck unseres Hauses nicht länger«
Bracciano sprach von Scheidung und die Verirrte in ein einsames Kloster zu
verbannen »Um noch mehr Aufsehn zu erregen« fragte der Prinz indem er mit dem
Fuß heftig auf den Boden stampfte »Eins ist kürzer und sicherer ohne Gerichte
und Priester zu bemühen«
»Was sinnst du« fragte der Herzog
»Hast du so lange in Spanien gelebt« antwortete jener »und kannst noch
zweifeln Nur bei der Wahrscheinlichkeit, nicht einmal beim Beweise dass der
Mann vom Weibe beschimpft sei zeigte sich dort der stets fertige Dolch«
»Mein Prinz« sagte Bracciano »überlegt kühl und ruhig bevor Ihr zum
Äußersten schreitet Diese Eleonora ist schön und klug Ihr habt sie vormals
geliebt erspart Euch ihr und der Welt das Traurige Gebt der Verleumdung und
der Tadelsucht nicht von neuem Gelegenheit Euer erlauchtes Haus zu
verunglimpfen in welchem das Schicksal schon so oft mit blutigem Finger die
glänzenden Blätter seiner Geschichte bezeichnet hat«
Als der Grossherzog in demselben Sinne sprach und Mäßigung anriet rief Don
Pietro im höchsten Unwillen »Was kann der ältere Bracciano von dem wissen und
fühlen was in meinem jugendlichen Herzen tobt Sei er doch mäßig gelinde und
phlegmatisch unsre witzige übermütige Schwester wird sich so mehr ihres
häuslichen Glückes oder ihrer Ungebundenheit erfreuen können Ihr Herr Herzog
seid jahrelang abwesend Ihr seid im Grunde von Eurer Frau geschieden Ihr denkt
und handelt wie ein Italiener Ihr seid auf jenem Ehrenpunkte nicht so
empfindlich auch gibt Euch die Schwester keine Veranlassung zur Wut und Rache
Und mein fürstlicher Bruder Er weiß sich doch auch immer auf eine kurze Art
Ruhe zu schaffen wenn ihm jemand im Wege steht So wenig Ihr mein gebietender
Herr und Bruder Euch auch um Eure Gemahlin kümmert so würdet Ihr doch gewiss
wenn ihre Schande so offenbar wäre dieselbe Bahn betreten die ich im Sinne
habe Und das ist auch das größte Vorrecht unsers Standes dass wir nicht wie
die kümmerlichen Menschen dunkler Geschlechter nach Form und Recht zu fragen
brauchen Lassen wir uns mit diesen ein so wird der geborene Fürst immer in
Nachteil geraten denn die kleine bürgerliche Schadenfreude und der Neid zwacken
an seinem klaren Recht dann so hin und her dass er auch das Notwendigste endlich
nur mit Verdruss und Demütigung erlangt«
Der Grossherzog schien durch sein Stillschweigen diese Aussprüche zu
billigen Das Gespräch nahm eine andere Wendung und Don Pietro entfernte sich
Der Grossherzog sah ihm sinnend nach und schien innerlich zu erwägen wieviel
Gewalttätiges sich schon im Hause der Medicäer ereignet habe wieviel er selbst
veranlasst und wieviel Tragisches noch im Schoss der Zukunft schlummern möge
Bracciano beurlaubte sich indem er sagte dass es seine Absicht sei einmal
auf seinen Jagdschlössern hier sich zu ergötzen sich mit der liebenswürdigen
Gattin die er zu sehr vernachlässiget habe völlig auszusöhnen sich der
Erziehung seines Sohnes zu widmen und durchaus den Hausvater zu spielen einen
Zustand und Charakter den er in seinem bewegten Leben fast noch gar nicht habe
kennen lernen Der Grossherzog lächelte freundlich aber zweideutig als wenn er
alle diese Reden in einem andern Sinne verstände Bracciano entfernte sich um
in seinem Palaste die nötigen Befehle zu geben weil er auf seinem Schloss im
Gebirge eine große Jagdlust veranstalten wollte
Don Pietro reiste auch mit seiner Gemahlin und wenigem Gefolge ab Donna
Isabella empfing ihren Gemahl Bracciano mit einiger Verlegenheit da sie ihn
seit Jahren nicht gesehen hatte Sie verwunderte sich noch mehr über seine
freundliche Vertraulichkeit die sie auch in früheren besseren Zeiten an ihm
vermisst hatte »Ja« sagte er »ich will einmal diesen Sommer ganz mir und
meinem Genius leben mein schönes Jagdrevier in Cerreto habe ich seit zu lange
vernachlässigt auch du siehst dich gern zu Pferde im frischen kühlen Walde und
scheust dich wahre Heldin nicht vor dem wilden Eber Diese schönen Tage sollen
uns ungestört von lästiger Gesellschaft dahinfliessen nur wenige Freunde werden
uns besuchen und nur Jagdgenossen Ich begreife selbst nicht warum ich meine
Schlösser hier nicht schon mehr ausgebaut und bequemer eingerichtet habe geht
mir doch mein Schwager der Grossherzog mit so trefflichem Beispiel voran Er
kann auch freilich bequemer die großen Summen in seinem Pratolino aufwenden als
ich es vermöchte«
Die Herzogin Isabella befand sich wie in einer neuen Welt Auf diese Rückkehr
ihres Gemahls hatte sie niemals rechnen können ihre ganze Lebensweise musste
durch dieses unerwartete Ereignis eine andere Einrichtung gewinnen Sie glaubte
den Gemahl und seine Eigenheiten zu kennen und doch erschien er ihr jetzt in
einem ganz neuen Lichte als wenn sie gewissermaßen jetzt zuerst seine
Bekanntschaft machte Sie ward ängstlich und wollte sich doch ihre Angst als
eine grundlose ableugnen
So begab sie sich in den Palast um von dem Grossherzog ihrem Bruder Abschied
zu nehmen Sie fand ihn allein in seinem Arbeitszimmer Er war still und
nachdenkend Die schöne Frau die fast größer war als der Bruder umarmte diesen
mit Herzlichkeit und empfahl sich seinem Wohlwollen und Schutze Er antwortete
nur wenig und sie zögerte noch zu gehen und wusste selbst nicht weshalb sie
zauderte »Du siehst krank mein geliebter Bruder« sagte sie endlich »blass und
ermüdet« »Ich wollte von dir das nämliche bemerken« antwortete er »du
scheinst aufgeregt und eine fieberhafte Röte brennt auf deinen Wangen«
»Werden wir uns fröhlich und gesund wiedersehen« fragte sie fast weinend im
Ton Sie erschrak vor dem stechenden Blick den sie aus seinem Auge empfing doch
verschwand dieser scharfe Glanz plötzlich und wich einer sanften Zärtlichkeit in
seinem Auge indem er ihr die Hand drückte und sie zur Tür geleitete
Sowie sie über die Schwelle schreiten wollte umarmte sie der Bruder noch
einmal mit ungewöhnlicher Heftigkeit er drückte sie lange an sich indem er
zitterte und entließ sie dann mit dem Ausdruck tiefster Wehmut Ausserhalb dem
Vorhang der Tür dünkte es ihr als höre sie den starken kalten und
verschlossenen Bruder weinen und sie wollte schon wieder umkehren aber die
Kammerherren und Hofdamen die sie feierlich umringten um sie nach den
entfernten Gemächern der Grossherzogin zu führen verhinderten sie daran
Sie traf die kränkelnde Fürstin blass und erschöpft auf ihrem Ruhebette
liegen »Ich habe schon erfahren« sagte diese »wie glücklich du bist dass du
dich mit deinem Gemahl wieder versöhnt hast du Beneidenswerte Nur mich
verfolgt das Elend in allen Gestalten und es ist sehr wahrscheinlich dass ich
euch bald verlasse bin ich doch auch mir und allen Menschen nur zur Last«
In der Bewegung, in welcher die Herzogin sich befand küsste sie feurig die
Hände der kranken Fürstin »Du bist gut geliebte Schwester« sagte diese »so
wild und leichtsinnig du auch manchmal sein kannst du liebst mich ich habe es
immer gefühlt wenn du auch mit jener da die ich nicht nennen mag auf einem zu
vertrauten Fuße lebst wohl deinem Bruder zu gefallen mehr als weil du sie
wahrhaft achten könntest Verscherze nun nicht wieder die Liebe und Achtung
deines Gemahls er hat große Eigenschaften er ist großmütig bis zur
Verschwendung tapfer ein Edelmann und Fürst in jeder Ader dabei nicht
jähzornig und rachsüchtig wie es so viele der Unsrigen hier sind«
Von der Fürstin begab sich Isabella zu Bianca Sie traf sie in ihrem
Ankleidezimmer beschäftigt Putz Kleider und Schmuck zum heutigen Feste
auszuwählen »O Törin« rief ihr Bianca entgegen »dass du jetzt schon reisest
und nicht das heutige Fest noch abwarten willst Sieh mich einmal an ich habe
heut zum erstenmal die neue Schminke versucht die mir der Doktor empfohlen hat
sie ist etwas zu rot hebt aber dadurch freilich das Feuer der Augen noch mehr
hervor Mein kleiner Francesco ist entzückt von dieser Erfindung Nicht wahr er
fängt an recht dick zu werden Aber es kleidet ihn nicht übel doch ein anderer
Mann wie der Kardinal Ferdinand der kalte abgemessene Mensch der lauersame
Denke unser oder dein Troilos ist verschwunden er soll wo draußen auf dem
Lande krank liegen aber kein Mensch kann sagen wo Ich hatte schon so sicher
auf ihn gerechnet dass er mit seinen Spässen unser heutiges Fest beleben sollte
Hüte du dich nur etwas vor deinem Bracciano er war hier bei mir und er
gefällt mir gar nicht Er hat sich in den Jahren dass ich ihn nicht gesehen
habe recht verändert So herrisch gebietend sich so breit machend und in
seinem hoffärtigen Auge so eine Art Verachtung selbst gegen mich als wenn er
Kaiser wäre und ihm die Welt gehörte Diese tückischen bösartigen Männer die
sich selber alles erlauben und uns armen Weibern dann die kleinsten Schwächen
vorrücken wollen Hast du gehört wie Pietro der ungezogene Mensch gegen seine
Frau gewütet hat Es ist wahr sie ist etwas zu weit gegangen die Tolldreiste
und wir alle haben ja auch deswegen jeden Umgang mit ihr abbrechen müssen aber
wer ist er denn der ausschweifendste aller Menschen darf er die Tugend
predigen wollen«
So ergoss sich das herzlose Geschwätz noch eine Weile dann nahm sie mit
gleichgültiger Freundlichkeit von Isabellen Abschied und sagte beim Scheiden
»Ich weiß es liebe Herzogin du bist immer meine wahre Freundin gewesen du
hast mir auch immer das Wort geredet wo es die Gelegenheit gab oder es
notwendig war das werde ich dir niemals vergessen und es findet sich gewiss
eine Zeit und Veranlassung wo ich dir vergelten und dir auch hilfreich sein
kann« Sie hüpfte fort weil eine Schneiderin sie im nächsten Zimmer
erwartete
Isabella konnte die verschiedenen Betrachtungen nicht loswerden die sich
ihr wider Willen aufdrängten Wodurch übte diese Kapello die ihr heute fast
hässlich erschienen war diese unbeschreibliche Gewalt diese alles vermögende
über den Bruder aus Der Grossherzog war klug nicht so fest wie Kosimo sein
Vater aber in seinen Angelegenheiten ein starker unbeugsamer Mann er war
unterrichtet fein stolz er hielt auf seine Würde und suchte seinen Hof
prächtig und bewundert zu machen Es überschlich sie der peinigende Argwohn dass
sie doch auch in mancher Hinsicht dieser Bianca ähnlich sein möchte und dass der
stolze durchaus männliche Bracciano sie dann nicht ganz ohne Grund habe
verachten dürfen
Sie reisten ab Der Herzog nahm nur seine Jäger und vertrauten Diener mit
sie einige Kammerfrauen und die alte Amme des Hauses denn man wollte draußen im
Waldschlosse recht einsam und behaglich leben Es war die Laune des Herzogs dass
er zuzeiten alle Etikette und die Zeichen seines Standes von sich entfernte und
dann wieder plötzlich die glänzendste Pracht entfaltete So wenig konnte er den
Zwang der Regel dulden dass alles dies oft ohne alle Vorbereitung geschah was
die Umgebung wie die Dienerschaft zuweilen in die größte Verlegenheit versetzte
Wie mit Feierlichkeit empfingen sie in der Wildnis das einsame Schloss und
die Diener und Beamten die dort zur Aufsicht angestellt waren Als sich
Isabella in ihren Zimmern befand und aus ihren Fenstern die Aussicht auf den
Wald und die grünen Hügel betrachtete sagte sie zu sich Was ist es nur dass
mir hier aus Bäumen Wänden und Felsen diese Schauer rieselnd entgegenquellen
Ich war schon sonst hier aber damals erfreute mich diese Einsamkeit die jetzt
quälend auf mich drückt
Sie ritten in den Wald hinein und der Herzog schien in dieser frischen
Natur die er schon als Knabe geliebt hatte wie verjüngt Er scherzte über den
sichtbaren Missmut seiner Gemahlin ihn ergötzte der kühle Schatten ihn
erquickte das Blasen der Waldhörner die er von seinem Jägermeister in gewissen
Entfernungen hatte aufstellen lassen »So phantasiert es sich lieblich« sagte
er »alle wunderlichen Gestalten des Ariost und Bojardo begegnen uns hier man
sieht eine poetische Vorzeit durch die Dämmerung wandeln und geistig schwanken
Nicht wahr hier müsste es einem Dichter recht wohnlich sein«
Sie stiegen ab an einer anmutigen Stelle wo ein kleiner Brunnen den der
Herzog im Walde erschaffen hatte durch sein rieselndes Geschwätz zur Ruhe
einlud Man genoss hier nur Wein und Bracciano fuhr phantasierend fort »Hier
gemahnst du mich in deinem Jagdkleide dem grünen Hut und deiner Schönheit wie
die Königin Ginevra die etwa hier an diesem Zauberbrunnen nach ihrem Lancelot
ausschaut Es fehlen nur die Frühlingsvögel um mit ihrem sehnsuchtsvollen
Gesang das Poetische dieser schönen Stelle zu vollenden Nur du hast deinen
dichterischen Mutwillen eingebüßt und ich muss hier allein phantasieren«
»Du hast in Rom« erwiderte sie »oder wo es sein mag deine
Dichterschwingen entfalten lernen denn früher habe ich dich in solchen Reden
und Gleichnissen niemals vernommen«
Bracciano wurde plötzlich sehr ernst und tiefsinnig denn ein holdseliges
großes glänzendes Bild stieg in seiner Imagination auf Gegen diese Erscheinung
war diese die zu ihm sprach nur eine geringe unbedeutende und jene wie
fern ihm Von den Verhältnissen der Welt ihm entrissen Er und die Herrliche
angekettet an dürren Zwang der in sich selbst weder Kraft Notwendigkeit noch
fesselnde Gewalt zu haben schien Das ist von jeher den starken Gemütern das
traurigste kläglichste Gefühl gewesen sich diesen Zufälligkeiten fügen und
sich demütig dem Einspruche resignieren zu müssen den ihr Herz verachtet
Plötzlich fuhr er auf und sie ritten nach der Wohnung zurück Als es
finster geworden war erhob sich ein Sturm und Gewitter Der Wind brausete
furchtbar durch die Waldung die alten Stämme schüttelten sich und die
brechenden Zweige krachten zum Erschrecken Dann kam ein starker sausender
Regen und ihm folgten Blitze und brüllende Donnerschläge Man setzte sich zum
Abendessen die Herzogin zagend der Mann frohen Mutes denn ihn ergötzte stets
bis zu lauter Freude dieser Aufruhr in der Natur.
Ein alter Kammerdiener der aus Florenz kam ließ sich noch am späten Abend
melden »Wer sendet dich Was willst du« rief ihm Bracciano entgegen
»Vergebt mein gnädiger Herr« antwortete der Alte »dass ich so nass und
triefend vor Euch erscheine es ist aber die Nachricht nach der Stadt gekommen
dass auf dem alten Schloss der Medicäer dort in Kafaggiolo die Dame Eleonora
plötzlich verschieden ist«
»Wie« rief Isabella und ward totenbleich
»Woran ist sie so jung noch gestorben« fragte Bracciano ganz ruhig
»Am Herzklopfen« sagte der alte Diener »der Prinz Pietro ist selbst in
größter Eile mit dieser Trauerbotschaft nach der Stadt geritten Er selber ist
aber gar nicht traurig sondern wüst und wild wie immer Deshalb wird auch schon
allenthalben laut geschwatzt und vielerlei erzählt und er selbst soll gar nicht
einmal widersprechen sondern gleichsam durch sein Stillschweigen alles zugeben
dass er sie nämlich im einsamen Zimmer mit eignen Händen erwürgt oder erdrosselt
habe um sie wegen ihres schlechten Lebenswandels zu bestrafen Es ist aber
immer hart und grausam eine solche Rache zu nehmen«
»Gewiss« sagte Bracciano »ebenso unverzeihlich als unnatürlich Sie hat
zwar aller Sitte Hohn gesprochen und den erhabenen Namen der Medicäer sowie das
Haus Toledo geschändet aber der Prinz hat dennoch wie ein Ruchloser gehandelt
Freilich war es unverzeihlich dass sie als Mann verkleidet in dunkler Nacht
durch die Stadt lief mit Jünglingen im vertrauten Verkehr war sich zu Sklaven
und Sklavinnen mit leichtsinniger Vertraulichkeit herab erniedrigte maskiert in
fremde Häuser ging um unzüchtige Szenen zu belauschen und ihre Freude an ihnen
zu haben alles dies war unverzeihlich aber ermorden mit eignen Händen
Dadurch hat der Prinz sich selbst auf Lebenszeit gebrandmarkt Das ist die
verruchte spanische Sitte jener blinden Eifersucht und verabscheuungswürdigen
Rache die in unserm Italien niemals einheimisch werden sollte«
Er verabschiedete den Alten und befahl ihm sich umzukleiden ein
Abendessen zu genießen und sich zeitig niederzulegen damit er nicht erkranke
Es geschah so Isabella saß wie vernichtet an dem Speisetische Das Zimmer
ward ihr zu enge und doch zwang sie sich zu genießen was der Gemahl ihr mit
scheinbarer Freundlichkeit vorlegte
»Denkwürdige Begebenheiten« sagte er nach einer Weile »so watet die
Leidenschaft und das heiße Blut immerdar in unsern großen Häusern Wie einfach
war die Lebensweise des alten Kosmus jenes ehrwürdigen Vaters des Vaterlandes
wie rein und edel steht jener große Lorenzo Magnifico da Aber nun mit dem
Herzog Alexander brechen Untaten und Unglück herein Diese Söhne des edelen
zweiten Kosimo die so rätselhaft in früher Jugend sterben die Blutszenen die
schon jetzt seit der kurzen Regierung deines Bruders vorgefallen sind Von
andern Familien jener Papst Alexander und sein scheusslicher Sohn Cesar Borgia
noch manche Päpste die Familie der Visconti und Sforza in Mailand der
Ferrarese der den eignen Sohn hinrichten lässt und alles wird erregt durch
Liebe Wollust Eifersucht Rachgier Eigennutz und Herrschbegier«
Er ging im Saale auf und ab und sagte dann »Keine größere Wonne als nach
so furchtbarem Gewitter im Finsteren durch den erfrischten Wald zu schreiten das
war von Jugend auf meine Lust«
Er nahm den Degen und die Jagdflinte und entfernte sich Isabella saß in
stummer Verzweiflung und rang die Hände Dahin war also nun der schwärmende
Leichtsinn des Lebens ausgeschlagen Sie irrte durch die Zimmer in den
Vorstuben vor den Türen allenthalben ihr fast unbekannte Diener mit strengen
Angesichtern Da kam die alte Amme und winkte ihr geheimnisvoll so dass sie
entfernt von allen sie in der Schlafkammer ganz allein sprechen könne Als sie
sich sicher wussten flüsterte die Amme »Hier nehmt das Blättchen Der Alte
sagte mir wie er ankam er hätte deswegen nur die traurige Botschaft
übernommen um Euch das Blättchen wenn auch mit Lebensgefahr abzuliefern Er
ist zwar reichlich belohnt aber das Leben geht doch über alles«
Isabella nahm zitternd das Papier Sie kannte die Hand wohl es enthielt
nur »Um Gottes willen flieht gleich im Augenblick da Ihr dies empfangt«
»Wohin Wie« rief Isabella in Verzweiflung »die Fenster zu hoch der Wald
unwegsam und mir unbekannt kein Pferd kein vertrauter Mann wenn jener Alte
vielleicht aus der Stadt «
»Alles umsonst« heulte die Amme »ich bin schon an seiner Tür gewesen sie
haben ihn eingeschlossen Wohin man sieht stehen die ernsten verdrießlichen
Wächter mit finsteren Gesichtern wir sind wie in einer Festung verriegelt«
An alle Fenster ging die geängstigte Isabella um einen möglichen Ausweg zu
entdecken aber alles war umsonst Jetzt kehrte der Herzog zurück und die Amme
verließ ihre Gebieterin Er stellte Flinte und Degen wieder in die Ecke zog die
Handschuhe aus und sagte »Es ist doch beinahe kalt geworden man sollte sich
mehr vor solchem schnellen Wechsel der Witterung in acht nehmen Solltest du es
glauben der ehrliche Alte der so unbesonnen und hastig herausritt um uns jene
Trauerkunde zu bringen er hat sich so erhitzt und nachher durch das Gewitter
so erkältet dass er jetzt schon in dem Zimmer unten tot liegt«
Isabella stieß einen laut gellenden krampfhaften Schrei aus indem ihr
ganzer Körper zitterte Von ungefähr ging ihre vertrauteste Kammerfrau die
schöne junge Stella an der Tür vorbei diese kam da sie diesen ungewöhnlichen
furchtbaren Aufschrei vernahm schnell herein Sie sah wie Bracciano um die
leidende Gemahlin bemüht war er hielt sie in den Armen und sagte »Ist es die
Reise ist es die Furcht welche ihr das Gewitter erregte sie ist wie von einem
Schlagflusse getroffen worden«
Stella rieb ihr die Schläfe die halb ohnmächtige Herzogin warf einen fast
sterbenden Blick auf die befreundete Gestalt drückte ihr die Hand und lispelte
»Bei mir bleiben«
»Sie wird immer schwächer« sagte Bracciano »Ihr seht meine Angst Stella
O schnell schnell lasst Euch unten von meinem Oberjägermeister das Elixier das
heilsame geben das ich ihm anvertraute im Fall mir im Walde auf der Jagd
etwas zustiesse schnell«
Es dünkte der Kammerfrau als wenn die schwache Ohnmächtige sie festhalten
und ihr etwas sagen wollte aber sie vermochte es nicht und Bracciano rief
wieder »Ihr seht wie meine Gemahlin leidet Eilt«
Stella flog fort »Seht« sagte der Herzog leise »da fällt das Billet des
Troilo aus Eurem Busen warum habt Ihr es nicht gleich zerrissen«
Jetzt kam Stella in fliegender Eile und herzklopfender Angst zurück Wie sie
aber eintreten wollte fand sie die Tür von innen verriegelt Sie klinkte und
klopfte Da war es ihr als hörte sie ein Weinen dann einen lauten Wortwechsel
ein Schluchzen plötzlich war alles still Bracciano öffnete die Tür und
sagte »Wer hat sie verriegelt Seht die Arme«
Isabella war vom Sessel heruntergesunken Stella kniete neben ihr nieder und
legte das schöne Haupt in ihren Schoss sie rieb Schläfe und Stirn mit der
kräftigen Essenz sie sah wie die Sterbende am Halse und im Gesicht blaue
Flecken hatte wie die Augen aufgeschwollen herausstanden ein brechender Blick
schaute sie noch einmal mit ungewissem Lichte dämmernd und aufflackernd an
dann lag Isabella tot in ihren Armen
»Seht« rief Bracciano klagend »sie ist dahingeschieden die Unglückselige
noch im Tode schön und reizend Ja weint nur arme Stella Ihr habt eine liebe
Herrin eine großmütige freundliche verloren Und ich Verlassner so schnell sie
einzubüssen da ich sie eben erst wiedergewonnen hatte Hierher kam ich um in
fröhlicher Häuslichkeit in stillem Frieden den Sommer an der Seite des
geliebtesten Wesens zu genießen und nun kehre ich als trauernder Witwer zur
Stadt zurück«
Stella war außer sich die andern Dienerinnen erschraken als sie diese
schreckliche Neuigkeit erfuhren »Die Reise das feuchte Schloss das
schreckliche Gewitter haben es ihr angetan dies Grauen hat ihrem zarten Körper
den Schlag zugezogen und der Herzog ist untröstlich« So sprachen sie
untereinander
Man kehrte zur Stadt zurück Bracciano voran und die Leiche folgte ihm nach
Soeben war die Totenfeier für Eleonore Toledo beschlossen und eine zweite wurde
jetzt mit noch viel größerem Pomp für die junge dahingeschiedene Schwester des
Grossherzogs veranstaltet Der Bruder der Verstorbenen ging traulich Arm in Arm
mit Bracciano und beide schienen einander freundlich zu trösten sie waren das
sahen alle Zuschauer inniger vereint als je Pietro war nicht zugegen
Als sie aus der Kirche zurückkehrten gewahrte Bracciano in der Menge den
Geheimschreiber Malespina und sagte halblaut im Vorbeigehn »Nicht wahr nun
gibt es wieder recht viel zu erzählen« Diesen schauderte und er verließ das
Gedränge um in der Einsamkeit nachzudenken
Viertes Kapitel
In Rom hatten sich durch ihre Stellung gegen den herrschsüchtigen Farnese dazu
veranlasst die beiden Kardinäle Montalto und Ferdinand der Medicäer immer enger
aneinandergeschlossen Es war fast schon entschieden dass im Fall ein Konklave
eintreten würde die Wahl gewiss nicht auf den Farnese fallen solle und so
vereinten sich außer dem frommen Borromeo heimlich oder öffentlich immer mehr
Prälaten der Medicäischen Partei weil der Hochmut des Farnese viele verletzt
hatte und sie einsahn dass alle in ihren Interessen beschädigt würden wenn
dieser hochfahrende Mann den päpstlichen Stuhl besteigen sollte
Montalto und Ferdinand waren eben beisammen weil der junge Kardinal dem
alten wichtige Nachrichten mitteilen und um dessen Rat bitten wollte
»Wie es in Florenz steht verehrter Freund« begann Fernando »brauche ich
Euch nicht zu schildern denn Ihr kennt selbst das Elend und die Schande in
welche sich mein schwacher Bruder verwickelt hat Diese Bianca diese
Abenteuerin beherrscht ihn so unbedingt dass Volk Adel alles leidet Er ist
von Natur edel und grossgesinnt er liebt Kunst und Wissenschaft er verehrt die
Religion und dennoch gelingt es der elenden Buhlerin in so vielen Stunden ihn
sich selber abtrünnig zu machen Ihre Ausschweifungen haben sie dahin gebracht
dass sie keine Kinder mehr gebären kann und dennoch hat sie schon im vorigen
Jahre meinem Bruder einen Sohn untergeschoben das Kind armseliger unbekannter
Eltern Francesco ist glücklich und glaubt der Betrügerin alles Von
verschiedenen Ammen waren schon seit Monaten einige schwangere Weiber bewacht
und bestochen sie in verstellter Krankheit wusste abwechselnd des Bruders
Mitleid Freude und Hoffnung zu erregen Eine dieser Frauen kam mit einem Knaben
nieder und dieser wurde sogleich künstlich in den Palast geschafft und dann
als der Sprössling des Grossherzogs vorgewiesen Die Ammen sowie diese gemeinen
Mütter sind nach und nach verschwunden damit sie nicht irgendeinmal das
Geheimnis ausplaudern könnten Ihr kennt ja die abscheuliche Art und Weise die
sich vorzüglich jetzt in meinem Vaterlande eingeführt hat der tote Mund ist
schweigsam und Meuchelmord ist ein fast öffentliches Gewerbe und eine
rechtliche Hantierung geworden«
»Furchtbar ist es in ganz Italien jetzt« rief Montalto höchst erzürnt »wem
soll der Herr die Geissel in die Hand geben diesen Greuel zu vertreiben«
»Nun habe ich gestern« fuhr der Medicäer fort »einen Eilboten von Bologna
erhalten und zugleich die Schriften über ein merkwürdiges Verhör und einen
Mordanfall der dort im Gebirge in der Nähe der Stadt sich zugetragen hat Eine
dieser Ammen die die verschlagenste sein mag und bei der Kapello scheinbar in
der größten Gunst stand ist nämlich von Bianca mit ansehnlichen Geschenken und
Belohnungen in ihr Vaterland entlassen worden Oben im Berge wird der kleine Zug
von scheinbaren Räubern angefallen man lässt die Frau für tot liegen alle
entfliehen Sie aber kommt wieder zu sich wird nach der Stadt geführt und
erklärt vor den Richtern dass sie jene Räuber sehr gut als Florentiner erkannt
habe Schurken die im Solde der Bianca stehen und die sie die Amme selbst
oft auf Befehl ihrer Herrin ausgesendet habe Es kann nichts fruchten diese
Sache jetzt bekanntzumachen aber für die Zukunft werde ich diese Zeugnisse
aufbewahren und die Frau wenn sie genesen sollte selber nach Rom
hierherkommen lassen Wohin wir blicken Verrat und schlechte Künste Und ist es
nicht wunderbar und fast unbegreiflich dass diese Weiber nur allzuhäufig die
schlechtesten ohne Reiz Schönheit und Verstand die größten geistreichsten
Männer als wären diese blödsinnig und verrückt an ihrem Gängelbande leiten
wohin sie nur wollen Und dann wieder Euch ist das neueste Unglück unserer
Familie bekannt«
»Ja wohl« sagte Montalto »plötzlich ist Eure Schwester so wie Eure
Schwägerin gestorben«
»Es befällt mich oft ein Grauen« begann Ferdinand wieder »wenn ich an die
seltsam wechselnden und blutigen Szenen meiner Familie denke Mein jüngster
Bruder ein Mann immerdar in Zorn Lust und Mordgier entbrannt dabei schwach
und kränklich wie so oft diese Tyrannen ist wie ein Bild aus alten Tagen wie
ein feuriges Meteor das dräuend und schreckend vorüberfährt und nachher nicht
mehr gesehen wird Mit Blut hat er das was diese ruchlosen Männer ihre Schande
nennen rein gewaschen Sie erlauben sich alles und die Sitte der gottlosen
Welt ist so dass man dem Manne kaum verargt was bei dem Weibe ein
Todesverbrechen auch von den ruchlosesten Sündern genannt wird Freilich war
diese Leonore eine Schande der Welt Indessen auf wen fällt eigentlich die
Schuld zurück als auf meine Brüder Der Regent löst ohne Scheu ganz
öffentlich alle heiligen Bande der Ehe auf Pietro versäumt die Frau verachtet
sie bringt Buhlerinnen alles Gelichters in ihre Nähe hat früher ihre Sinne
aufgeregt und verlangt nun dass sie als Nonne leben soll weil sie seinen Namen
trägt Und meine arme unglückselige Isabella Auch sie war vom älteren Manne
ganz vergessen und verachtet sie glaubte vielleicht den Gemahl niemals
wiederzusehn sie hielt sich für geschieden und der starke hochfahrende
Bracciano erscheint auf einmal wieder um auch sie wegen der verletzten Ehre zu
bestrafen Nach unsern Sitten und unsinnigen Begriffen des Ritterstandes und
Adels hatte sie freilich den Tod verdient denn ihr Verhältnis mit Troilo Orsini
war offenkundig Durch die Niedrigkeit der Bianca ward ihr Leichtsinn erregt und
gestärkt sogar in dem Masse dass sie selbst des Troilo bezahlte Buhlerinnen
kannte und mit ihnen scherzte und lachte Mein Bruder der gewiss nicht an den
natürlichen Tod der Schwester glauben kann ist doch dem Bracciano befreundeter
als jemals und ich kann mich wie alles steht und liegt auch nicht von ihm
zurückziehn und muss an diese plötzliche Krankheit des Schlages vor den Augen
der Welt glauben Ihr Buhle Troilo ist auch schon nach Frankreich entflohen wo
er auf den Schutz der Königin rechnet Der unerbittliche Bracciano hat ihm aber
schon zwei seiner Banditen reich belohnt nachgesendet die ihr Opfer in Paris
gewiss nicht verfehlen werden«
In der Familie Accoromboni herrschte scheinbar Glück und Ruhe Der furchtbare
Orsini hatte sich nicht wieder gezeigt so viel hatten über ihn die ernsten
Drohungen des Gouverneurs Buoncompagno vermocht Es ließ sich hoffen dass
Flaminio der sehr unterrichtet war bald eine Anstellung erhalten würde da der
Kardinal Montalto sie ihm verheißen hatte Durch die Bemühung des alten Mannes
hatte der älteste Sohn Octavio wirklich schon den Rang und die Würde eines
Bischofs erlangt So sah denn die stolze Mutter viele ihrer Wünsche erfüllt und
sie hätte ungestört die Erhebung die der Familie in ihrem Alter geworden war
mit Behaglichkeit genießen können wenn nicht viel Bitteres sich diesem Kelche
der Freude eingemischt hätte Wie vielen Dank auch der neu bestellte Bischof
seinem Oheim Montalto schuldig war so unerkenntlich zeigte er sich ja er
machte kein Hehl daraus wie tief er den würdigen und wohlwollenden Greis
verachtete Er schloss sich unverhohlen und mit übertriebenem Eifer der
intrigierenden Partei des Kardinal Farnese an weil er glaubte durch diesen
tätigen Feuergeist gar anders als durch den saumseligen Montalto befördert zu
werden Darum erschien er auch nur selten bei seiner Schwester und er suchte
eine befriedigte Eitelkeit darin dieser und noch mehr deren Gemahl Peretti mit
unverhohlener Verachtung zu begegnen Er zankte auch mit der Mutter wegen dieser
Heirat die er eine Erniedrigung der Familie nannte Derselbe Ungestüm welcher
die meisten Glieder des Hauses bezeichnete war bei diesem Manne ganz in Stolz
und Hochmut verwandelt worden und diese Leidenschaft regierte in seinem Gemüte
so heftig dass er kein Mittel scheute um sie zu befriedigen Deshalb war es der
Mutter wie der Schwester lieber wenn er nicht erschien als wenn er zankend
und hofmeisternd sie einmal besuchte es gingen auch Wochen hin ohne dass sie
ihn sahen
Es konnte der verständigen Mutter auch unmöglich verborgen bleiben dass
diese Ehe welche sie gestiftet hatte diesen Namen nicht verdiene Vittoria
ertrug den Gatten nur so eben sie übersah ihn zu sehr seine Schwäche die auch
dem blödesten Auge auffiel musste sie verachten
Der herbeste Kummer entstand aber über den ungestümen Marcello der sich
weder durch Liebe noch Strenge bändigen ließ Nur einmal war Montalto in den
heftigsten Zorn ja in Wut geraten so dass Mutter und Tochter sich vor dem alten
Priester entsetzten als die Nachricht gekommen war dass in Zank und gemeinen
Händeln Marcello einen vornehmen Jüngling wiederum gefährlich verwundet habe
und aus Rom entflohen sei um sich einer der vielen Banden anzuschließen die im
Lande so wie außerhalb von den Mächtigen unterhalten wurden Bei der leisesten
Vorbitte der Mutter auch diesmal zu vermitteln war er im blinden Zorneseifer
aufgefahren er verwünschte die gefühllose Niederträchtigkeit des Jünglings und
verbat ein für allemal in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen
Auch für den jungen Kamillo ließ er keine Vorbitte gelten und wiederholte wie
sehr er es bereue dass er den nichtswürdigen Marcello damals vom Galgen befreit
habe dort sei derlei Gelichter am besten versorgt und seine Familie würde an
ihm nur Gram und Schande erleben
Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen Er eilte das Haus der
Accoromboni jetzt Peretti wieder zu besuchen weil für ihn diese Menschen zu
den merkwürdigsten gehörten die er jemals hatte kennen lernen Vittoria war
sehr erfreut ihn wiederzusehn denn gedrückt von ihrer Lage war ihr jeder
gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung Nach den ersten Begrüßungen sagte
der Graf »Ich muss Euch Verehrte ein Begebnis mitteilen das mich wahrhaft
erschreckt hat Vor einigen Monaten ist der arme bis zur Verwirrung geängstigte
Tasso heimlich aus Ferrara entwichen Niemand wusste dort am Hofe wohin er sich
gewendet haben könne endlich erfuhr man er sei fast wie ein elender Bettler
bei seiner Schwester in Sorrent angekommen Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach
Rom getrieben soeben ist er angelangt aber Himmel wie verwandelt Wie sich
so ganz unähnlich Wie unkenntlich Wie würdevoll und ruhig erschien er uns
damals eine zarte edle Wehmut durchzog und läuterte sein Wesen er war sanft
und bescheiden und doch fühlte er seinen Wert und jetzt ich sah ihn bei
seinem Beschützer Scipio Gonzaga so ganz ohne Haltung und Würde unruhig
hastig hin und her fahrend und wie verwirrt das Antlitz eingefallen und die
Augen erloschen eilig stotternd viel fragend ohne die Antwort abzuwarten
ein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen Dieser große herrliche Mann mit
diesem sublimen Talent der so sicher und fest in sich selber ruhen könnte der
andern wie sich eine Quelle namenlosen Glückes sein sollte oh wie seltsam ist
doch das Gewebe unsers Lebens geflochten dass nur zu oft das Schönste und
Edelste uns bloß zu unserer Zerstörung gegeben wurde und scheinbares Glück das
uns so freundlich entgegenschreitet nur ein verhülltes Elend ist«
Vittoria war tief erschüttert indem sie jenes schönen Tages in Tivoli
gedachte
»Alle seine Freunde« fuhr der Graf fort »vorzüglich Gonzaga beschwören
ihn auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurückzugehen der Fürst sei erzürnt
die Prinzessinnen ihm abgewendet seine Neider und Feinde von mehr Einfluss als
je Aber ein böser Dämon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe
dahin zurückzujagen Er denkt und spricht nichts anderes Um sich seinem Herrn
ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen ist er auch bei
Masetto dem Agenten Alfonsos abgestiegen und behält dort seine Wohnung Er
ist ein untergegangenes schönes und edles Menschenbild«
Es war natürlich dass man in Rom in der Gesellschaft von den beiden
plötzlichen Todesfällen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach die sich
so schnell hintereinander ereignet hatten Nur wenige glaubten an Krankheit und
natürlichen Tod Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Fürsten mit Grauen
»niemals« beschloss sie »habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen
ich denke mir ihn aber entsetzlich Der Mord schwacher hülfloser Frauen hat in
der Vorstellung noch etwas viel Grässlicheres als Grausamkeit und tödliche
Verletzung die sich Mann an Mann erlaubt«
»Oft« bemerkte Vittoria »ist dergleichen auch keine Tat sondern ein
Schicksal das sich aus den Umständen unabweislich wie von selbst entwickelt
Aus der naiven Erzählung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbärmlichkeit
seiner Novelle hatte ging doch deutlich hervor dass diese Donna Isabella ein
sehr geringes Wesen sein musste Wenn ein so klägliches Leben untergeht so kann
man wohl Erbarmen damit tragen aber es ist nur wenig daran verloren Und der
Mann o ja man kann man darf ihn schelten aber warum Grauen und Entsetzen
vor ihm empfinden Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten
Lebens diese Ehre wie es die Männer nennen dieses schwarze Nebelgespenst dem
schon so viele Opfer gefallen sind Und abgesehen von allem andern muss man die
Umstände Verhältnisse Zufälle die obgewaltet haben alles genau kennen um
ein eigentliches richtiges Urteil zu fällen Ich mag den Fürsten nicht
verteidigen oder auch nur entschuldigen weil er mir unbekannt ist aber in
einer Behauptung werde ich nicht unrecht haben dass auch die stärkste Frau wenn
sie liebt vor dem Manne in ihrer Zärtlichkeit eine gewisse Scheu und Furcht
haben müsse durch welche das Geheimnis der Liebe dann noch eine höhere Weihe
erhält Diese Furcht und Scheu ist ja nur die gesteigerte Achtung vor der wahren
Männlichkeit die die Frau verehren will sosehr sich die Gatten auch verstehen
mögen so gibt es eine Grenze wo sie sich wenn auch nicht fremd doch
geheimnisreich bleiben müssen und hier an dieser Grenze hält jene Scheu Wacht
die sich selbst in ein ahnendes Grauen in einen süßen Schauer verwandeln kann
Auch der liebende Mann wird das Weib nie ganz verstehen Eine Zartheit eine
Aufopferung ein Hingeben über die Natur und Möglichkeit hinaus wird ihm sooft
er es ahnen kann auch ein Erschrecken einflößen«
Der Mutter war diese Erörterung sehr unangenehm denn jedes Wort war fast
wie ein Spott auf die Ohnmacht Perettis Jetzt stürzte der Kammerdiener fast
zitternd herein und meldete dass der Herzog von Bracciano seine Aufwartung zu
machen wünsche Selbst die Mutter sosehr sie täglich die vornehmsten Besuche
annahm wurde etwas verlegen Vittoria schrie auf als Paul Giordano in seiner
Trauer mit der edelen stolzen Gebärde eintrat und der Mutter versagte vor
Verwunderung das Wort das sie eben aussprechen wollte
»Ihr edelen Frauen« sagte Bracciano mit seiner schönen volltönenden Stimme
»müsst mich als einen alten Bekannten aufnehmen wenn meine Bitte irgend etwas
bei euch gilt Dem unbekannten Don Giuseppe zeigtet ihr Vertrauen warum soll
ein anderer Name mich euch entfremden«
»O Exzellenz« rief Donna Julia nachdem sie sich wieder gesammelt hatte
»warum uns damals und unsern Kaporale so listig hintergehn Ist es nicht
Bosheit dass Ihr Euch nun an unserer Verlegenheit ergötzen wollt«
»Eure Tochter verehrte Dame« antwortete der Herzog »scheint mir gar nicht
verlegen Übrigens legt Ihr mir eine Absicht unter die meinem Wesen völlig
unnatürlich sein würde Ich lebte schon seit Wochen inkognito in Rom und der
Umgegend wie es denn meine Liebhaberei ist mich zuweilen von allen Banden der
Gesellschaft zu befreien um mich selbst und die andern Menschen in ihrem
wirklichen Wesen kennenzulernen In meinem Hause hier glaubte man ich sei
wichtiger Geschäfte wegen in Neapel Da lernte ich zufällig den wackeren Don
Cesar kennen und wir sprachen viel von euch da er mich nur unter der Maske
mit einem nichtssagenden Namen kannte nahm der wackere Mann lange Anstand den
Rätselhaften bei euch einzuführen Aber ich danke ihm um so mehr denn die
Erlaubnis euch zu meinen Freunden zählen zu dürfen wird zu den glücklichsten
Begebenheiten meines Lebens gehören«
Man ergoss sich in höflichen Erwiderungen und Pepoli der dem Herzoge schon
seit Jahren bekannt war führte hauptsächlich das Gespräch Vittoria war stumm
und saß fast wie im Traum ihr Auge wurzelte auf dem Antlitze des Gastes und
sie verglich ihr damaliges Gefühl als sie ihn hatte kennen lernen mit dem
jetzigen Die beiden Stimmungen waren sich so ähnlich und doch wieder so
unähnlich ihr war als habe sie sich im jetzigen Augenblick völlig verloren
und doch blitzte sie in diesem Vernichtetsein ein so helles Bewusstsein der
wahrsten Existenz an dass dieses Grübeln ihr schon hohes Glück war
Als die Besucher sich entfernt hatten wollte man sich niederlegen und
zögerte nur noch weil der junge Peretti ausblieb Er hatte sich angewöhnt oft
aus den Gesellschaften die er besuchte und die nicht die besten waren spät
nach seinem Hause zu kommen aber noch nie war er so lange ausgeblieben als es
heute geschah Man war schon besorgt man fragte die Dienerschaft wo der junge
Mann sein möge als sich vor dem Hause ein lautes Getümmel erhob Man öffnete
die Türe und fremde Menschen trugen den Jüngling herein der schwer verwundet
schien Er hatte Streit gehabt man hatte gefochten und so war er verletzt nach
seiner Wohnung gebracht worden
Die Mutter seufzte denn es schien ihr nun schon ausgemacht dass sie
dasjenige was sie das wahre Glück des Lebens nannte niemals finden würde Sie
ging in ihr Schlafzimmer fast grollend mit dem Schicksal Wundärzte wurden
gerufen und Vittoria blieb die ganze Nacht bei dem Kranken welcher seinen
Klagen nach empfindliche Schmerzen litt
Als es Tag geworden erschien die Mutter wieder Es hatte sich ein heftiges
Wundfieber eingestellt welches den Arzt der jetzt von Montalto war gesendet
worden sehr besorgt machte Endlich fand sich der Schlummer ein und man konnte
für den Kranken wieder Hoffnung schöpfen Vittoria wich nicht vom Lager des
Leidenden sie schlief fast gar nicht sie genoss wenig und alles für den jungen
Mann besorgte sie die Umschläge der Wunde die oft auf der Schulter erneuert
werden mussten die Dekokte die Tränke Sie gab ihm ein sie tröstete ihn auf
seinem Lager wenn er vor Schmerzen winselte um ihm irgend Erleichterung zu
verschaffen Sie sah niemand und erschien niemals im Besuchzimmer Bracciano
meldete sich wieder bei der Mutter aber Vittoria kam nicht zur Gesellschaft
Selbst Kaporale als er wieder in Rom war ward seiner jungen Freundin nicht
ansichtig und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend die
sie der Tochter niemals ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade
zugetraut hatte
So waren mehr als acht Tage verflossen Der Kardinal der mehrmals nach dem
Zustand seines Neffen hatte fragen lassen erschien endlich selbst Man sah an
seinem Antlitz wie sehr er sich um den geliebten Neffen gehärmt wie sehr ihn
die Möglichkeit seines Todes geängstigt hatte
Er erkundigte sich genau nach dem Befinden er fasste selbst den Puls des
jungen Mannes er untersuchte seine Kräfte und fühlte sich endlich getröstet
dass sich die Besserung so bestimmt angekündigt hatte so dass man hoffen durfte
dass nach einigen Wochen auch die letzten Spuren bei der Jugend des Kranken
verschwunden sein würden »Wie bist du aber nur« fragte dann der Alte »in
diesen unglückseligen Streit geraten«
»Mein edler Ohm« antwortete der Neffe »das sind noch die Folgen meiner
früheren Sünden jene wilden Jugendgenossen mit denen ich ehemals lebte und in
deren Gesellschaft mir Vittoria an jenem Tage als ich ihrer zum ersten Male
ansichtig wurde begegnete diese verfolgen mich jetzt mit Vorwürfen dass ich
mich ihnen abgewendet habe dass ich ihre Gesellschaft verschmähe Derjenige mit
welchem ich damals am vertrautesten war der reiche junge Mensch Cesar
Valentini hat mir schon lange mit empfindlichen Schmähungen zugesetzt Ach
Verehrtester man ist jung man wird endlich auch empfindlich so schalt ich
zurück dass sie mir zu roh wären ihr Umgang mir jetzt pöbelhaft dünke dass wer
bessere Gesellschaft kenne sie wie die Pest fliehen müsse und dergleichen
mehr Wir zogen und ich ward überwältigt weil mehrere über mich herfielen ich
aber keinen zu meinem Beistande hatte Jetzt höre ich ist seit diesem Anfall
dieser Valentini entflohn weil er die Gerichte fürchtet und noch mehr Euch
mein geliebter Oheim«
»Mag er nur weit entrinnen« sagte der Kardinal »und sich hüten die Stadt
nicht wieder zu betreten Danke dem Himmel dass du der Gefahr und dem Tode
entgangen bist«
»Ja wohl hat er sich gnädig an mir erwiesen« antwortete Peretti mit einem
tiefen Seufzer »aber auch ihr meiner Gemahlin danke ich zunächst der
unmittelbaren Hilfe Gottes mein Leben denn sie hat mehr an mir getan als alle
Ärzte sie hat sich zur Magd erniedrigt mich zu pflegen und sich Schlaf und
Nahrung versagt um immer bei mir zu sein«
Er nahm ihre Hand und küsste sie mit dem Ausdruck der dankbarsten Rührung
Auch der Kardinal war indem er Abschied nahm freigebig in Lob und Dank und
Vittoria begnügte sich dem ehrwürdigen Manne mit gewöhnlichen Reden zu
antworten und sich seinem Gebet und Segen zu empfehlen
»O anbetungswürdige Vittoria« sagte jetzt der zerknirschte Peretti als sie
allein waren »ich kann es dir nicht mit Worten aussprechen wie sehr ich mich
unter dir fühle wie niedrig klein und gemein du großes erhabnes Wesen Ja
ich weiß es ich fühle es innigst dir gegenüber bin ich nur schlecht und
armselig aber der Himmel wird mir beistehn dass ich besser und deiner etwas
würdiger werde«
Er hielt inne und sah sie bietend an Sie antwortete ihm mit einem strengen
Blick und sagte dann »Du erwartest Francesco dass ich dem Herkommen und der
Höflichkeit gemäß dir widersprechen und deine Selbstanklage mit beruhigender
Freundlichkeit zurückweisen soll Ich kann dies aber nicht und will es auch
nicht denn du bist jetzt wieder stark genug um Wahrheit aus meinem Munde
vernehmen zu können«
Sie ging zur Tür und Peretti erstaunte nicht wenig wie er sah dass sie
diese verriegelte »So können wir ungestört sein« sagte sie hierauf indem sie
sich zu ihm setzte
»Ja Francesco« fing sie an »du bist ein schwaches Wesen und früh gingen
deine Vorsätze unter die du so sicher gefasst hattest Dass ich dir nicht mit
Liebe ergeben war du weißt es ich brauche es dir nicht jetzt zu sagen
Schnell in wenigen Tagen erlosch das was du deine ewige Leidenschaft nanntest
ich ward dir gleichgültig alltäglich Dies sei kein Vorwurf ich beklage mich
nicht über deine Ohnmacht ich hatte es so erwartet und es war mir Trost und
Beruhigung dass dieser Zustand so früh eintrat Warum also wollen wir nicht
still und einverstanden ein Band lösen das uns niemals hätte vereinigen sollen
Ich will dir Schwester sein hülfreiche Gefährtin Pflegerin in der Krankheit
aber niemals deine Gattin«
Francesco war betreten und wusste nicht was er antworten sollte »Um so
mehr ist dies nötig und mein fester unwandelbarer Entschluss« fuhr sie fort
»weil ich es recht gut weiß welche Gesellschaften du aufsuchst wie du zu allen
deinen früheren Sünden mit verstärktem Gelüste zurückgekehrt bist Dein Oheim
soll die Geschichte deiner Händel glauben o ja ich gönne dir gerne diese
Genugtuung Ich aber weiß es dass du neben andern schlechten Weibsbildern jene
verrufene Agnes besuchst die dich deiner Geschenke wegen annimmt dass dich dort
dieser Valentini getroffen hat dass diese Rauferei nur ihretwegen entstand
Geplündert krank mit verletztem guten Namen verwundet kehrst du von diesem
Gesindel zu mir zurück und kannst wenn dir ein Funke von Gefühl blieb
unmöglich erwarten dass ich mich nicht gegen schändenden Missbrauch zu gut dünken
sollte So wie du lebst und denkst wäre diese Vertraulichkeit nur schmachvoller
Ehebruch die Entweihung alles Göttlichen in mir Ich werde zu niemand auch
zu meiner Mutter nicht sprechen keiner braucht zu ahnen welche Übereinkunft
wir getroffen haben Solltest du aber klagen unzufrieden sein so sei
versichert Peretti dass ich mich sogleich in ein Kloster oder zu den Tieren
des Waldes flüchte um deiner loszuwerden Oder öffentlich aller Welt von dir
erzählen und lieber in der Barbarei als Sklavin dienen als deine Gemahlin
heißen«
Francesco sah sie von der Seite an drückte dann die Augen zu und murmelte
etwas von Gehorsam des Weibes und ehelichen Pflichten die allen auferlegt
wären und welche die Kirche geheiligt hätte
Vittoria stand auf und sah ihn von oben herab mit einem tödlich verachtenden
Blicke an »Soll ich dich verlachen« sagte sie dann »oder dich mit Ekel
hassen wie ein widerwärtiges Gewürm Darfst du ein solches Wort in unserm
Verhältnis nennen und noch ein Mensch sein wollen Das wäre also ein Sakrament
was ich abwechselnd mit der schmutzigsten Kreatur teilte Und wäre ich
verworfen genug in mehr als tierischem Leichtsinn so Leben und Gefühl zu
vergeuden so darf ich es um so weniger seit ich erkannt habe was die Liebe
ist was die Göttlichkeit im Manne zu bedeuten hat Nun wäre es mir Wonne zu
sterben eher als diesem Gefühl dieser Weihe die mein Herz durchströmt auf so
schmähliche Weise abzufallen Wie danke ich jetzt mit Inbrunst dem Himmel dass
er es nicht zugelassen hat dass ich nicht fürchten darf ein Wesen von dir
stammend in die Welt zu setzen das arme Gewürm würde mir aus unschuldigen
Blicken nur meine Verworfenheit entgegenschreien und ich könnte es ermorden um
das Denkmal dieser Erniedrigung zu vertilgen«
»Und dieser göttliche Mann« fragte Francesco furchtsam
»Ich sollte ihn dir wohl nennen« antwortete sie »dass du forschen möchtest
mit deinem schwachen Sinne ob er auch meine Anbetung verdient Frage ich doch
nicht nach deinen Katarinen oder Euphemien oder wie diese Wandelnden alle
Namen führen denen du dein Herz zuwendest«
»Und ihm also« fragte er wieder »dem Ungenannten willst du dich ganz
ergeben«
»Auch diese Frage ziemt dir nicht« rief sie unwillig »aber ich bedarf
dessen nicht und er ich weiß es wird es nicht fordern obgleich ich es jetzt
erkenne dass diese Vereinigung in gegenseitiger Liebe und Anbetung der seligste
Triumph ist den die Natur zu feiern vermag Weil dieser Sieg dies stürmende
Gefühl welches unmittelbar an den Himmel klopft das allerhöchste alles
Erschaffenen ist ebendarum werde ich es mir versagen können und nur im
Anschaun in der Bewunderung seiner Hoheit leben und träumen Verstehn sich
unsre Herzen doch ohne Worte Auch mag in dem allgemeinen Vorurteil doch eine
gewisse Wahrheit schlummern und dämmern dass dem Manne mehr erlaubt ist als dem
Weibe und dies Gefühl die Achtung vor diesem Aberglauben wird mich bewahren
vorzüglich aber die Furcht sein Gemüt da der edelste Mann noch eine gewisse
Roheit in sich hegt möchte nicht so geläutert sein dass er mich nicht nach
dieser Hingebung etwas wenn auch nur um ein weniges geringer achten dürfte«
»Wenn ich von meinem Erstaunen erwache« sagte Francesco »so begreife ich
nicht wie gerade du Vittoria so ganz unweiblich sein kannst«
Lachend sagte sie »Ja wohl diese eure ganz abgestandenen Redensarten von
Unschuld Mädchenhaftigkeit Jungfräulichkeit und Weiblichkeit die ihr uns
entgegenhaltet um unsrer Entwürdigung indem wir blödsinnig bleiben oder uns
so stellen schöne Namen zu geben Ei wie himmlisch steht das unbewusste Mädchen
in ihrer Unschuld da wie die reine Lilienblume Und sie wird ein Raub des
Lüstlings da man nichts loben will als diese süße Einfalt die der Frau nicht
mehr ziemt oder die Frechheit der gesunkenen Metze Als wenn das nicht höhere
Würde Tugend und Unschuld wäre so frei zu denken zu fühlen und zu sprechen
wie es freilich denen nicht erlaubt ist die die Gemeinheit in ihrem Innern
empfinden«
»Wohin aber« rief Francesco aufgebracht »zu welcher Ehrlosigkeit kann eine
solche Gesinnung führen«
»Sei ganz ruhig mein Männchen« sagte sie »ich werde diese deine Ehre
gewiss besser bewahren als du selber Ehre O Menschen welche Sprache redet
ihr denn Ich soll es freilich nicht wissen aber ich weiß es doch wie du mit
meinem Bruder Ottavio einig bist wie ihr beide meine und eure Ehre gerne dem
großen mächtigen Farnese verkauftet wenn ich nur jämmerlich genug dächte
nachzugeben Nicht wahr Schlafe jetzt wohl und zweifle nicht dass ich meinen
Willen durchsetze Du aber kannst wie du es schon tatest jetzt mit meiner
Einwilligung so ungebunden leben wie es deine zügellose und schwache
Imagination dir nur eingeben mag«
Sie verließ ihn und er hatte vielen Stoff lange über das Gesprochene
nachzudenken
Zweiter Teil
Viertes Buch
Erstes Kapitel
In der Familie Accoromboni und Peretti hatte indessen Friede und Ruhe geherrscht
und alle Mitglieder derselben genossen eines anscheinenden Glückes Viele
angesehene Männer und Frauen besuchten gern das wohlhabende Haus und der junge
Peretti verlor nach und nach jenen Anschein unreifer Unmännlichkeit konnte den
Gesprächen Verständiger leichter folgen und lernte in ihrem Umgange mehr und
mehr ein anständiges Betragen So segnete denn mit beruhigtem Gemüt der Oheim
Montalto diese Ehe und war nur darüber verstimmt dass ungeachtet aller
Warnungen der Neffe sich immer bestimmter zum hinterlistigen Kardinal Farnese
hinneigte der ihn durch Schmeichelei und glänzende Verheißungen gewann
Der Herzog Bracciano wiederholte seine Besuche und bald war die Familie mit
ihm auf den Ton eines vertrauten Freundes gekommen denn er hatte sich der
Mutter dadurch empfohlen dass er mit einem reichlichen Gehalt den jüngsten Sohn
Flaminio als vertrauten Sekretär in seinen Dienst genommen Manchem Beobachter
war diese Versorgung auffallend da um dieselbe Zeit Flaminio sehr vorteilhafte
Anerbietungen des Farnese von sich gewiesen hatte So waren die Mitglieder der
Familie auffallend in zwei Parteien geteilt indem Peretti und der Bischof
Ottavio ganz dem Farnese die übrigen dem mächtigen Paul Giordano ergeben waren
Vittoria verschloss gegen jedermann ihre Gefühle und nur Bracciano verstand ihren
Sinn
Der Graf Pepoli hatte sich wieder wichtiger Geschäfte halber nach Rom
begeben Er erstaunte nicht wenig als er im Palaste Medici einen schönen und
edlen Jüngling wiederfand den er sogleich für jenen Anführer der Banditen
erkannte der ihm vor einiger Zeit im Gebirge das Leben gerettet hatte Die
Räubereien der Banditen und ihre Unternehmungen der Rache waren zu einem
wirklichen Kriege gegen den Kirchenstaat ausgebrochen man drang bis vor die
Tore Roms die kleineren Städte wurden ausgeraubt und oft halb zerstört und die
Macht des Staats war mit dem Dienst seiner ungetreuen oft verräterischen
Beamten und Soldaten nicht hinreichend diesem Übel zu steuern denn da die
Banden besser und pünktlicher bezahlten so liefen viele zu ihnen öffentlich
über andere bestochen weigerten sich zu kämpfen und ließ sich leicht und
gern besiegen
So unterhandelte jetzt der Kardinal Ferdinand von Medici auf Ansuchen des
Papstes mit jenem Alonso Grafen Piccolomini der mit dem größten Heere von
Banditen Rom bedroht und beunruhigt hatte Piccolomini war willig das Gebiet
des Kirchenstaates zu verlassen wenn man ihm seine Güter im Florentinischen
zurückgab Der verständige Beobachter konnte an diese seltsamen Verhandlungen
sehr eigentümliche und niederschlagende Betrachtungen knüpfen dass die
Verwirrung so weit gediehen war dass Rom mit Empörern Räubern und Mördern wie
mit einer rechtsbestätigten Macht unterhandelte öffentlich im Palaste eines
angesehenen Kardinals und dass Florenz halb gezwungen halb gefällig nachgiebig
vieler Rücksichten wegen dem frechen Empörer die Besitzungen wiedergab die er
früher durch offenen Verrat zur Strafe eingebüßt hatte
Als der verständige Kardinal sich mit dem Grafen allein sah sagte er »So
tief sind wir gesunken dass wir einen so schändlichen Frieden abschließen
müssen dies beweist wie sehr die notwendigsten Verhältnisse alle Grundlagen
eines Staates aufgelöst sind und dass wir trotz anscheinender Gesetze
Herrschaft und Verwaltung in einer wahren Anarchie nur noch dahinschmachten«
In einer andern vornehmen Gesellschaft fand der Graf Pepoli den unbändigen
Luigi Orsini Er betrug sich mäßiger und mit besserem Anstand als gewöhnlich
denn er war in Gesellschaft der schönen Leonore aus dem altberühmten Hause
Savelli mit der er sich seit kurzer Zeit verlobt hatte Diese schöne edle
Gestalt zeigte in ihrem sanften und zarten Wesen vielen Stolz und man konnte
bemerken dass sie selbst den starren Sinn ihres Bräutigams schon jetzt gebrochen
hatte Graf Pepoli erschrak fast als er mit Orsini den Grafen Pignatello im
vertrautesten Verhältnis fand jenen Verruchten der ein Anführer der Banden im
Walde von Subiaco Ascanio und den Grafen Pepoli hatte ermorden wollen
»Ah Don Giovanni« rief Vittoria dem Grafen entgegen als er in den Saal
trat »Ihr kommt gerade recht mir in einem Streite beizustehn den ich fast
schon verloren habe«
Der Eintretende fand eine ziemlich große Gesellschaft versammelt unter
welchen der Herzog von Bracciano und der Kardinal Farnese die vornehmsten Gäste
waren »Um was handelt es sich edle Donna« fragte der Graf »ich werde Euch
nur von geringer Hilfe sein können wenn ein Geist wie der Eurige seine
Behauptung schon beinah fallenlässt«
»Unsre Freundin« sagte Bracciano »liebt es zuweilen paradoxe Meinungen zu
verteidigen Und ihr ist es nicht genug den Schwächern wie mich in
Verlegenheit zu setzen sondern sie geht viel weiter und will uns beschämen So
äußert sie ihre Freude darüber dass der Heilige Vater mit dem Piccolomini als
wenn dieser Neapel oder Florenz selber wäre einen Frieden abschließen muss dass
ein ehrwürdiger Kardinal sich dem Geschäfte unterzieht und dass wir alle wenn
wir leben und gedeihen sollen die Obermacht eines Piccolomini oder Sciarra
anerkennen müssen«
»Und doch beschuldigt sie uns« fuhr Farnese fort »dass wir diese Banden
erschaffen haben dass sie in unserm Solde stehen und dass wir gleichwohl von
ihnen abhängig sein sollen«
»Meine Meinung ist nur« erwiderte Vittoria mit Lebhaftigkeit »dass diese
Empörer Verbannte Räuber und von der Gesellschaft Ausgestossene bei unserer
Verwirrung notwendig ja dass sie eine Wohltat zu nennen sind So wie fast alle
Gesetze bei uns ihre Kraft verloren haben wie jeder tut was er will wie der
Mächtige jedes Gelüste befriedigen kann wie keiner ihm widersprechen darf so
frage ich nur was würde aus uns hier werden wenn diese Verbannten die zu
einer großen selbstständigen Macht angewachsen sind nicht einigermaßen diese
Willkür hemmten und zügelten Alle diese furchtbaren Menschen sind freilich dem
Gesetz verfallen dies ist aber so schwach und ohnmächtig dass es die
Straffälligen nicht ergreifen und festhalten kann Sie sind also die kräftigeren
Naturen die freien selbstständigen dem schwankenden Staate mit seinen
zagenden Anstalten gegenüber Sie sagen also durch ihren öffentlichen Austritt
dreist und öffentlich das Wesen, welches ihr einen Staat nennen wollt erklären
wir für untergegangen hier in den Feldern Bergen und Wäldern bilden wir
vorläufig den echten wahren Staat auf Freiheit gegründet im Widerspruch aller
jener quälenden engherzigen Hemmungen und unverständigen Bedingungen die ihr
Gesetze nennen wollt Alles was sich losreißen kann was der Freiheit genießen
will kommt zu uns und früher oder später muss unsre Gesinnung die im Lande
herrschende sein aus unserer Kraft muss sich neue Verfassung ein besseres
Vaterland entwickeln und die schlimmern Räuber die engherzigen klüglich
Eigennützigen die zaghaften Egoisten sitzen von uns verbannt hinter ihren
morschen Mauern und wurmstichigen Gesetzen an welche sie selber nicht mehr
glauben Wahrlich nach dem was wir hier erleben liefern wir eine Erklärung
zum ersten Buch des großen Paduaners unsers Livius dessen beginnende Erzählung
manche Zweifler für eine Fabel haben erklären wollen Scharen solcher Verbannten
und selbständigen Männer haben das starke Rom gegründet aus diesem Blut und
Stamme sind die Welterrscher entsprossen die ihre Gesetze und ihren Willen
über den Erdkreis trugen Werden diese Freien einmal bei uns von den Gefangenen
Furchtsamen besiegt so ist wohl die letzte Kraft Italiens erloschen Denn keine
knechtische Scharen eines Spartakus sind es sondern die im Überfluss im
Reichtum Erzogenen die wahren Aristokraten freilich zitterte vor jenen das
starke festgegründete Rom und unterwarf sie endlich bei uns zagt und zittert
jedermann an sich verzweifelnd ohne kräftigen Widerstand zu leisten doch kann
vielleicht diese laue Schwachheit den Sieg davontragen denn diese dem Staat
Empörten sind auch oft gegen sich selbst empört sie kämpfen gegeneinander und
es hat sich erwiesen dass sie weit ernstlicher gegeneinander fechten als die
Soldaten und gedungenen Söldlinge des Staates gegen sie So stehen diese Freien
denn auch in Dienst und Lohn der hiesigen und auswärtigen Mächtigen und reiben
sich zuweilen untereinander auf Jeder der Magnaten hat seine Bande auf die er
zählen kann die stets willig ist ihm gegen den Staat aber auch gegen einen
andern Tyrannen Hilfe zu leisten So wird ein Schwert welches Bosheit Rache
und Grimm zücken möchte von einem andern Kräftigen in der Scheide festgehalten
und so sind diese Verbannten die wahren Schützer unsers Lebens und unsrer
Sicherheit die Beschränker der Tyrannei und Willkür ganz anders wie unsre
Gesetze über welche der Mächtige nur lacht Eigentum Leben Freiheit ist
gefährdet von hier und dort aber ohne jene Räuber wäre alles unbedingt der
schlaffsten charakterlosen Willkür preisgegeben«
»Schlimm wenn es ganz so steht« sagte Bracciano
»Es ist etwas Wahres in dieser ziemlich poetischen Schilderung« bemerkte
Farnese »wenn das Zeitalter einmal eine bestimmte Richtung angenommen hat sei
es welche es wolle so kann der einzelne der mit im Strome schwimmt sich dem
allgemeinen Zuge und Falle der Wogen unmöglich entziehn oder ihm gar widerstehn
wollen der Kluge wird im Gegenteil alle die Vorteile ergreifen und für sich
benutzen die sich rechts und links neben ihm zeigen Auch ändert sich jedes
Verhältnis jeder Zustand wieder nach und nach denn die Zeit ist die
gewaltigste Kraft wie sie allein den Gram über Unglück und Verlust von Freunden
lindern kann so dämpft sie auch Enthusiasmus und Leidenschaft und dieselbe
Empörung die alles vernichten wollte kehrt wenn die Gewässer gesunken sind
wieder friedlich in dasselbe Bett zurück das sie erst mit stolzem Verschmähen
verlassen hatte«
»Doch ist durch die Überschwemmung« warf der Herzog ein »hier dürres Land
in fruchtbares verwandelt dort Acker und Wiese zur Einöde gemacht Derselbe
Zustand kehrt einmal gestört nie ganz auf dieselbe Weise wieder Die Kunst
jede Bewegung und Eruption jede Krisis zum Vorteil zu lenken das Gute
befördern und den Schaden mildern ist nur den allerwenigsten gegeben mit einem
Wort die Kunst des Herrschers ist die seltenste«
»Sie ist wohl Talent« bemerkte Vittoria »und wie wir immer sehen dass kein
großes Talent einzeln steht sondern nur wie Bäume im Gebirge in der Ungebung
von Gruppen gedeiht und geschützt wird so ist es wahrscheinlich mit der
Regentenkunst ebenfalls Ruft eine Größe die andere hervor und weckt und stärkt
sie oder ist es mehr der Epidemie zu vergleichen die nun einmal ohne dass der
Mensch die Ursache anzugeben weiß in der Luft herrscht und sich dann durch den
Verlauf der Zeit wieder verliert wie sie in dieser entstanden ist Kann man sie
nur zählen alle die großen Männer die sich in einem Zeitraum eines halben
Jahrhunderts vor meiner Geburt zusammendrängen Ariost Bernard Tasso
Machiavell Bembo Annibal Karo und Raffael Buonarotti Tizian Korreggio
Julio und unzählige Künstler und Maler aller Art Fand der fünfte Karl nicht
einen zweiten Julius und zehnten Leo und viele treffliche Kardinäle sich
gegenüber Soll ich diesen hohen Geistern auch noch den verruchten Peter den
Aretiner zugesellen Aber wohl darf man noch Guicciardini nennen und Leonardo da
Vinci wie Franz den Ersten und manchen Fürsten jener Tage Dass ich nicht den
scharfsinnigen tiefen Pomponatius in Padua vergesse den Lehrer Sperones und von
hundert mächtigen Denkern und was haben wir jetzt Und beneidet nach funfzig
Jahren jene Generation nicht vielleicht wieder die unsrige die wir uns doch
eines Torquato Tasso einer Elisabet von England und so mancher kräftig
strebenden Menschen noch rühmen dürfen«
»Wir sind auf dem Wege« sagte Farnese mit einiger Bosheit »auch großartige
Ketzer zu rühmen«
»Wir sind hier im vertrauten Kreise« fuhr Bracciano mit einiger Heftigkeit
auf »und in die innere Familie hat die Inquisition bis jetzt noch nicht
eindringen mögen«
Der Kardinal lächelte und antwortete mit feiner Liebenswürdigkeit »Man kann
mir wohl zutrauen dass ich kein Freund der Inquisition und jener strengen
Maßregeln bin die sich so oft vielleicht ohne Not für Heilungsmittel
ausgeben«
»Und meine Meinung« fuhr Vittoria ruhig fort »ist auch zu unbedeutend
oder meine Person vielmehr als dass irgendwer ein Gewicht darauf legen könnte
Doch glaube ich dass die Kirche ebenso gegen unsre erste Hälfte des Jahrhunderts
zurücksteht wie in Staatskunst Wissenschaft Malerei und Poesie Schon seit
Alexander dem Sechsten hatte sich in Glaubenssachen ein freier Sinn offenbart
und ging gleichsam allen den Neuerungen in Deutschland und Frankreich voraus
Wären jene großen Päpste und Kardinäle die selbst die Freigeisterei und den
Unglauben ertrugen indem sie selber teil daran nahmen weniger leichtsinnig
gewesen hätten sie ihre moralische Würde mehr gewahrt so möchte ich jene Zeit
eine goldene der Freiheit der Poesie und des Denkens nennen Ein großer Teil
der Menschen war der Zuchtrute und Furcht entwachsen die Kirche musste sich
bequemen und der neu aufgehenden Zeit entgegenkommen die anstössige Lebensart
der Geistlichen musste sich bessern und so war im notwendigen Umbau vieler
veralteten und morschen Teile der Kirche eine Einigung mit den starken Geistern
des Auslandes wohl möglich und der gefährliche Riss im Gebäude wäre nicht
eingebrochen Aber der Kluge verachtete der Einfältige schalt die neuen
Symptome so verlief die günstige Zeit und nun hat sich um zu bessern eine
strenge Finsternis ein Hass und Geist der Verfolgung vernichtend über das bis
dahin so heitere Leben gelagert Seit dem vierten Paul dem frommen Pius dem
Vierten und dem krankhaft gläubigen Fünften haben wir jetzt am milden und
menschenfreundlichen Gregor unserm Heiligen Vater einen Herrscher der die
straff angezogenen Bande die ihm jene in die Hand legten nicht wieder darf
locker auseinanderfallen lassen Ja wohl sehne ich mich in jene heitere Vorzeit
zurück in denen unsre Eltern ohne Furcht vor diesem dunkeln Geist der Kirche
denken und sprechen durften Hat das Leben doch schon des Elends genug und des
Grams sind wir doch von allen Seiten beschränkt und gebunden so konnte man
hier doch dem Spiel und dem Ernst der Poesie wie Philosophie ihre freie
Rennbahn zu Entwickelung der edelsten Kräfte gestatten«
Farnese stand auf zwar freundlich lächelnd aber doch verwirrt und in
ungewisser Gebärde Er küsste die Hand der Rednerin und sagte »Nicht so laut und
öffentlich denn man kann nicht wissen wie diese Meinungen mit Zusätzen und
entstellt herumgetragen werden möchten«
»Gewiss von keinem in diesem edlen Kreise« sagte Bracciano indem er sich
ebenfalls erhob um Abschied zu nehmen Er verweilte vor Vittoria die ihm
jetzt beinah so groß wie er selbst gegenüberstand indem er ihre Hand fasste
und festhielt ohne sie zu küssen »Ihr denkt in allen Dingen groß« sagte er
dann »und steht immerdar vom Haufen abgesondert im Glanz Eures eigentümlichen
Wesens und Glaubens Ja wohl solltet Ihr eine Semiramis sein um der starren
kleinlichen Welt beurkunden zu können was das Herz und die Gesinnung eines
großen Weibes vermögen«
Auch Pepoli verließ mit allen übrigen den Saal und Vittoria fühlte sich
beschämt dass der Mann den sie so innigst verehrte jenes jugendliche Gedicht
aus den schönen Tagen von Tivoli kennen sollte welches sie für so unreif hielt
Nur der gutmütige Kaporale konnte es ihm mitgeteilt haben
Peretti der wiederhergestellt war entfernte sich auch um sich nach seinem
abgelegenen Schlafgemach zu begeben Die Mutter welche das neu eingetretene
Verhältnis wohl erriet wies alles Nachdenken darüber von sich ab Betrachtete
sie unbefangen ihren Schwiegersohn so musste sie sich bekennen dass sie ihn in
ihrer blühenden Jugend niemals als Gatten neben sich hätte dulden können Sie
beseufzte die Entfernung die zwischen ihr und ihrer Tochter unverkennbar lag
so dass beide gerade über die wichtigsten Gegenstände und Verhältnisse ihres
Lebens am wenigstens sprachen Mit beklemmtem Gefühl verließ sie die Tochter
die auch alle Diener zu Bette sendete um in der Nacht noch im Saal in der
Einsamkeit sich und ihren Gedanken zu leben
Als alles still und ruhig war öffnete sie die Tür zum Garten und
betrachtete das Licht des abnehmenden Mondes das rätselhaft durch die Bäume
schimmerte Dann setzte sie sich und schrieb in wehmütiger Stimmung noch einige
Gedichte nieder
»O du süße Rosenknospe« so lauteten die Verse »warum zitterst du den
Kelch den duftenden zu öffnen Der Mondschein schlummert im Grase neben dir
und breitet seine weichen schlaftrunkenen Arme um deine grüne kräftig
schwellende Hülle Er hat dem Abendtau geboten flüssige Demanten dir
überzustreuen sie sollen dich bestechen zum süßen Kuss den roten Mund zu
öffnen Du bleibst dir treu verschwiegen und stumm Da kommt die allgewaltige
Sonne und du musst deinem Schicksal gehorchen Der Tau rinnt sowie du ihn
öffnest als große zitternde Träne in deinen Busen wie glänzt sie auf dem
frischen Rot Nun geht die Braut im Frühlingshauch vorüber und sagt zu ihrem
Jüngling O sieh die Wonne dieser Blume wie sie das feuchte Kind des Morgens
liebkosend im Purpur ihrer Blätter wiegt und wie im vielfachen Schimmer der
Tropfen lacht hochentzückt von der schönsten Blume so gepflegt zu sein Sie
stehen und schaun im Bilde hier ihr namenloses Glück und wissen oder bedenken
nicht dass dieser Glanz das Unglück des Lebens ist die Träne des Elends und
dass am Abend die jugendfrische Rose mit zerstreuten Blättern tot auf dem Boden
liegt«
»Im weiten Meer im dunkeln Grund bewegt sich die Muschel Wie bin ich einsam
klagt sie Wie kann auf lieber Erde Pflanze und Tier im heitern Lichte sich
ergehn Welche wüste Nachbarschaft die meinige Wohin ich blicke und denke nur
kalte stumme Ungeheuer Elend und Widerwart auf dunkelm Grunde oben an des
Lichtes Grenze das traurige Geschlecht der ziehenden und schwimmenden
Schuppentiere Keiner weiß keiner kennt meine Sehnsucht Fremd mir alles ich
in mir selbst verschlossen muss mich verzehren in Angst nach ungekannter Freude
Da bricht es ein Seufzer Klage Jammer oder tötendes Jauchzen aus der
Ärmsten und einer stillen Träne gleich setzt sich festgehalten das Leid an
die schimmernde Umhüllung Die zarte Krankheit wächst im stillen fort so wie
die Sehnsucht steigt Schon wird ihr selbst das harte Haus zu enge Da wird sie
im Tode erlöst Ein kluger Fischer zerbricht die Wände sie stirbt er nimmt die
köstliche unschätzbare Perle und trägt sie zum König hin in dessen Krone sie
fortin glänzt als der kostbarste Schmuck O armer Torquato Tasso Und darf
ich sagen o ärmste Vittoria Oder bin ich zu eitel«
»Nein eitel nicht aber auch so elend bin ich nicht Hat doch der edelste der
Männer dich verstanden und sagt es dir in jedem Blick Ja wie der armen
verwelkenden Pflanze der sanfte Regen des Himmels so sind diese belebenden
Blicke aus den klaren Geisteraugen Die Geisterbrunnen die Jungbrunnen von
denen die Märchen erzählen sind sie mir Denn wie der Wilde sich zuerst im Bach
und Strom mit Staunen sieht so habe ich mich in deinem Blick in deinem
Seelengruss zuerst erkannt O welch ein Schauer von Seligkeit welch ein
Wonnegrauen flog durch alle Fühlungen Gedanken und Ahnungen meiner Seele als
ich mir zuerst sagen durfte siehe dieser ist Geist von deinem Geist und Liebe
von deiner Liebe Und wenn ich jetzt in diesem Augenblick stürbe ist es denn
nicht genug für diesen einen einzigen Moment gelebt zu haben Wenn die höchsten
Geister in des Unnennbaren Nähe ein entzücktes Sein genießen wenn sie ihm
ähnlich im ganzen All nur eins in der Unendlichkeit der Schöpfung sich und
seine Liebe erblicken so rufe ich wohl mir dass ich in seinem Erscheinen den
Reichtum seines Herzens und die unendliche Fülle des meinigen zugleich
erblickte«
»O du arme arme Welt Mich lästern wirst du einst vielleicht mich den
Niedrigsten zugesellen wenn du von mir und meinem Wandel die elenden
abgerissenen Silben erfährst Kannst du mich stören und die selige Harmonie die
mit ihren süßen Kreisen klingend durch mein Wesen schwingt Ihm nur bin ich ihm
nur denk ich ihm nur sterb ich Eilt er mir voran so flieg ich ihm durch alle
Welten durch Sein und Ahnung nach und durch den leeren Raum Wohl ist im Tode
erst Einigung und Leben Uns trennt die nahe Gegenwart wenn meine Hand die
seine rührt so ruft das Ewige im Drucke flieht dorthin wo keine Zeit und
Stunde herrscht wo man nur nach Entzückungen die Ewigkeit rechnet wo kein
Ermüden ist kein Vergessen kein Zweifel und keine Frage Aug in Auge Geist in
Geist du ich und ich du mehr als Gedanke und Gefühl o armer Mensch kehre
doch zu dir und dieser Erde zurück auch hier siehst du im Bilde was du suchst
auch das einfache Wort ist ein ewiges jeder Augenblick der Liebe ist ja ein
unerschöpfliches Meer ach mein Geliebter ohnmächtig nach allem Aufschwung
sinke ich beglückt in deine Arme und alles ist lebendig in mir was ich vor
Tausenden von Jahren schon suchte da ich mich unbefriedigt in allen Windungen
nach dir sehnte«
Sie saß nahe an der Mauer die das Haus von der Straße trennte denn die
Wohnung stand frei und abgesondert Indem sie schrieb war es ihr schon oft
gewesen als wenn sie ein sonderbares Geräusch vernähme Es war als wenn ein
Tier oder ein Mensch sich draußen auf der Straße an der Mauer etwas zu tun
machte Gleich wenn sie hinhorchte war es wieder still dann ließ es sich
wieder vernehmen Vittoria die nicht ängstlich war wollte das Fenster öffnen
um hinauszusehn was so in ihrer Nähe sich verdächtig bewege aber das Fenster
war der Sicherheit wegen von den Dienern zu fest verschlossen sie konnte es
ohne Hilfe nicht auftun Jetzt indem sie wieder an der Wand mit Aufmerksamkeit
horchte kam es ihr ganz deutlich vor als vernähme sie das Aufatmen eines
Schlafenden Sie konnte nicht länger zweifeln da dieses Atmen bald in Röcheln
und dann in Schnarchen überging Die Töne waren aber nicht wie im Freien
sondern hallten wie in einem engen Gemach und doch wusste sie dass kein Zimmer
mehr neben diesem Saale sei
Indem sie so nicht ohne Besorgnis an der langen Wand hin und her tappte
fühlte sie mit der Spitze des Fingers plötzlich ein Knöpfchen nicht größer und
dicker als etwa eine Linse unkennbar in der Mauer mit Farbe überstrichen und
sowie sie den Druck stärker wiederholte öffnete sich plötzlich ohne Geräusch
die Wand Sie sah in der Dämmerung dass dennoch dort wo sie die Straße glaubte
noch ein schmales Gemach sich befinde aus welchem jetzt viel deutlicher das
regelmäßige Getöne des fremden Schlafenden erscholl Sie zögerte einen
Augenblick ob sie die Diener wecken und rufen solle Mitternacht war längst
vorüber und die unerwartete seltsame Entdeckung hatte ihren Sinn befangen Doch
nahm sie nach kurzem Besinnen die Lampe in die Hand und schritt hinein Wie
erstaunte und erschrak sie als sie dort ihren Bruder den verbannten Marcello
in einem Sessel schlafend fand
Sie setzte die Lampe auf den kleinen Tisch und weckte dann den Träumenden
der sich lange nicht aus seiner Schlafbetäubung finden konnte »Du Schwester«
rief er dann »hier du hast das Kunststück auch entdeckt«
Er musste erzählen warum und wie er in die Stadt gekommen sei »Ei« sagte
er auf seine gleichgültige Weise »ich bin schon oft heimlich in eurem Hause
gewesen und dein freundlicher kleiner Peretti logiert mich immer in das
niedliche Gartenhaus zu welchem er dann selbst die Schlüssel behält Auch
Ursula weiß es jedesmal wenn ich hier bin und hilft mir herein und heraus
dabei ist die gute Alte so schweigsam wie das Grab Wie ich nun neulich wieder
einmal im Hause bin was aber nur die Alte für diesmal wusste vergisst mich das
gute Tierchen ich irre in dunkler Nacht herum gerate in den Saal hier kollre
gegen die Wand und entdecke unverhofft diesen niedlichen Versteck Den hat sich
damals als er sein Haus für sich selbst baute dein feiner Schwiegervater
angelegt und keinem Menschen ein Wörtchen von diesem Geheimnis gesagt Man kann
durch diese dünne Wand alles hören was im Saal gesprochen wird so kann man
durch Baum und Gesträuch versteckt die auf der Gasse stehen auch durch die
verhüllten Fensterstäbe jede Silbe hören die sie draußen im Freien reden So
mag der Alte damals manches erlauscht haben Jetzt wohnt er da oben um euch
diesen kleinen Palast zu geben Heute schlich ich wieder herein und verspätete
mich und so musste ich notgedrungen alle eure Konversation und deine Tollheiten
Schwester mit anhören Jetzt aber da Ursula doch wohl schläft werde ich durch
den Garten und über die Mauer den Rückweg suchen müssen da du die Hausschlüssel
nicht hast«
Die unsichtbare Tür wurde leise und fein wieder zugemacht und als Marcello
schon im Garten war kehrte er noch einmal um und raunte der Schwester zu
»Hüte dich nur vor der Schlange dem Farnese der hat Böses gegen dich im Sinne
und dein Männchen o der liebe niedliche Blondkopf der ist auch ein feiner
Fuchs Traue ihm ebensowenig« Er entfernte sich schnell und sie blieb noch
lange im einsamen Saale allein vielerlei bedenkend
Zweites Kapitel
Italien feierte wieder ein Fest weil der Grossherzog Francesco nach dem Tode
seiner Gemahlin die bekannte und berüchtigte Bianca Kapello öffentlich
geheiratet und zur Fürstin erhoben hatte Der Kardinal Fernando der Bruder des
Regenten war empfindlich gekränkt doch erschien er öffentlich als ein
versöhnter Freund des Grossherzogs er war vertraut und höflich gegen die neue
erwählte Gemahlin und Fürstin und da der Senat von Venedig Bianca für eine
Tochter der Republik feierlich erklärt und ihr dadurch den hohen Adel des
Staates mitgeteilt hatte so war es nicht zu verwundern wenn berühmte und
unberühmte Poeten diese Vermählung mit ihren Hymnen begrüßten Ein schönes
Gedicht ließ der arme Tasso bei dieser Gelegenheit ertönen der schon in seinem
Kerker schmachtete warum der scheltende Sperone der den Fürsten nicht
schmeicheln wollte seine rau klingende Leier bei dieser Gelegenheit in seinem
hohen Alter stimmte ist weniger zu begreifen wenn sein wie in Verlegenheit
stammelndes Gedicht nicht entstand mehr um Venedig als der neuen Grossherzogin
gefällig zu sein
Der Herzog Bracciano äußerte sich sehr milde über diese Missheirat und
Vittoria stimmte ihm bei obgleich sie die schmeichelnden Poeten selbst ihren
alten Hausfreund Kaporale sehr tadelte »Gewiss« sagte sie »entsteht jedes
Gedicht mehr oder minder aus irgendeiner Veranlassung und welche Unzahl
vortrefflicher Meisterwerke verdanken wir diesem Aufruf und zufälligen
Aufschwung Aber schon ist es Sitte und unerlässliche Notwendigkeit geworden dass
die Poesie sich bei jeder Standeserhöhung bei Tod oder Geburt Vermählung eines
Fürsten und Mächtigen bei Errichtung eines Hauses oder noch kleineren
Veranlassungen vernehmen lässt und wie arm nüchtern und ungeniessbar ist nun
vieles Getränk eingeschenkt worden das sich für berauschenden Wein ausgeben
will Und dann diese ersonnenen Liebschaften oft ernst in Heuchelei oft nur in
galanten und feinen Anspielungen und Wendungen andre an Damen gerichtete
Begeisterung die gar nicht leben wo kann in diesem albernen Gesang der Mode
sich Erhebung für Religion und Vaterland wo der Hass des Tyrannen und
schändlicher Willkür wo die Lobpreisung des wahrhaft Edlen wo die echte ewige
Leidenschaft großer Liebe vernehmen lassen Durch dieses stets wiederholte
Stammeln und Lallen wird dem echten Gesang die stark tönende Zunge ausgerissen
und es kommt dahin dass auch der Bessere die Affektation affektiert Ja diese
mächtige Harfe durch welche der Adler Dante mit seinen großen Schwingen rauscht
wie hallt da Vaterland Tugend Himmel und Natur im einklingenden Echo jeden
tiefsinnigen Ton zurück und die Poesie ist die Gattin des prophetischen
wahrsagenden Genius«
Wenn zwei edle Gemüter sich auf die Weise näher gekommen sind wie das
Schicksal Vittoria und Bracciano zueinandergeführt hatte so empfängt jedes
Wort jeder Ausspruch in dieser Aufregung hoher Leidenschaft den Charakter der
Weihe der Liebende nimmt die Rede als Orakel auf und grübelt und deutet auch
aus dem nur Hingeworfenen einen tiefen Sinn In dieser Entzündung der Herzen
wird den beiden alles Poesie und Wahrheit So sah der Herzog und die junge
schöne Frau in allem was sie lasen oder hörten in der Begebenheit des Tages
oder in alter Geschichte immer nur Anspielungen auf sich und ihr beiderseitiges
Verhältnis Wo habe ich denn bis jetzt gelebt und wie pflegte der Herzog in
einsamen Stunden wohl zu sich selber zu sagen dass ich den Menschen und seinen
Wert dass ich die Hoheit des Weibes noch niemals gesehen und verstanden Musste
ich zum Manne heranreifen um in so späten Jahren erst mich selbst im innersten
Geheimnis meines Herzens zu finden Und ich sollte nicht das erringen was
Himmel und Natur für mich erschaffen haben
Mit diesen Gesinnungen begab sich der Herzog wieder einmal und ohne
Gefolge wie er gewöhnlich zu tun pflegte nach dem Hause der Peretti Als er
eintrat bemerkte er dass alle Mitglieder der Familie das Haus verlassen und
Vittoria sich allein im Gartensaal befinde Er überraschte sie indem sie eben
jene Gedichte fortsetzte an denen sie gern in einsamen Stunden arbeitete und
schrieb sie war so vertieft und abwesend dass sie ihn erst gewahr ward als er
über ihre Schulter gebeugt das Blatt schon gelesen hatte Sie verwunderte sich
war aber nicht erschrocken noch weniger stellte sie sich so als sie sich
plötzlich allein mit dem Geliebten sah Er freute sich dieser ruhigen Fassung
und sie antwortete »Wäre ich jetzt empfindlich oder erzürnt so möchtet Ihr
mein Freund wohl gar glauben können es sei ein ersonnenes vorsätzliches Spiel
dass Ihr mich einsam bei diesen Dichtungen treffen und sie auf diese Weise
kennenlernen solltet Aber dem ist nicht so Ihr erinnert Euch gewiss dass Ihr
gestern bestimmt sagtet es wäre Euch unmöglich uns heut zu sehen meine Mutter
und Peretti sind beim Kardinal ihm zu danken denn unser Prozess ist endlich
und zwar zu unsern Gunsten entschieden so hatten denn die Diener den Befehl
alles abzuweisen und nur Euer Name ward nicht genannt weil ich die Hoffnung
Eures Besuchs aufgegeben hatte«
»Und so wird mir einmal das ungehoffte Glück Euch so ganz allein zu
treffen« erwiderte Bracciano » und so lasst mich jetzt alle diese Blätter
diese lieblichen Bekenntnisse lesen
O Vittoria« rief er nachher aus »was bist du für ein Wesen für ein
Wunder« Er umarmte sie und sie entzog sich seinen Küssen nicht »Wie ist
dir« fragte er dann als er sah wie sehr sie zitterte
»Wie« antwortete sie mit bewegter Stimme »so selig wie ich nicht mir
einbilden konnte dass eine solche Wonne für uns Menschen geschaffen sei Zu
glücklich bin ich so in deiner Gegenwart Eine solche Seligkeit sagten die
alten Griechen gönnen uns die Götter nicht sie werden uns bald durch Unglück
trennen O Giordano wir fordern das Schicksal heraus durch unsern Obermut ein
solcher ist Sterblichen nicht erlaubt und die Götter werden uns strafen Und
bist du denn glücklich«
»Mehr als Worte es fassen und aussagen können« antwortete der Herzog
begeistert »Wie groß bist du und edel dass du ohne Wort und Rede meine Liebe
gefühlt und verstanden hast So lass uns vielmehr den Göttern auf die wahre Art
dankbar sein anstatt sie zu fürchten ist doch der ganze Olymp zu uns
herniedergestiegen unser Gefühl unser Mut hat uns ihre Gunst gewonnen zagen
wir dann nicht an ihrem Gastmahl teilzunehmen« »Und wie liebst du Liebster«
fragte sie
»Dass ich dir ganz unbedingt gehöre du ganz mir« sprach der Trunkene »dass
unter uns kein Zweifel waltet keine ängstliche Furcht uns die kleinste Wahrheit
oder größte Wonne unterschlagen darf dass du mir keine Faser deines Herzens
verdeckst dass du jeder Frage mit Liebe und Wahrheit Antwort gibst«
»Ja Freund« sagte Vittoria »das ist mein Wunsch selbst aber wenn die
Lüge unter uns verbannt sein soll so bleibt es doch immer schwer die wahre
eigentliche Wahrheit zu finden In der Lüge und Heuchelei spricht der böse
Geist aber in der Leidenschaft nicht immer der der Wahrheit«
»Und du könntest zögern« sagte Bracciano »da du mich liebst ganz mein zu
sein ohne Rückhalt und Vorbehalt Du selber hättest diesen nächsten
natürlichsten Wunsch nicht wenn du mich liebst du könntest kalt und überweise
es ansehen wenn ich mich in Sehnsucht verzehre O du Angebetete lass uns das
Elend des Lebens ja nicht durch willkürliche Satzungen und Eigensinn die sich
Tugend nennen wollen erhöhen«
»Du wirst mich verstehen Geliebtester« antwortete Vittoria »Mein Herz
meine Seele alles mein Wünschen ist dein wie kann es anders wenn mein
Eigensinn es auch selber wollte Die unbedingte Hingebung ist in der Liebe
alles das habe ich erst erfahren seit ich dich kenne Inbrünstiger Wunsch
Wonne und Paradies ist mir mit dir jene Vereinigung die ich sonst mit Grauen
betrachtete aber ist denn nicht auch in der Liebe auch ohne diese
Vollendung das höchste Glück Jeder Blick von dir ist meinem Herzen ein Gruß
aus dem Himmel jedes Wort eine Offenbarung und jeder Druck der Hand eine
selige Gemeinschaft der Geister Wäre ich frei Teuerster ich käme deinem
Wunsch entgegen ja ich könnte mit mitleidigem Lächeln auf die Welt
herniedersehn wenn sie mich deine Buhlerin nennen wurde aber ich habe meiner
Mutter dem Kardinal und diesem Peretti mein heiliges Wort mein feierliches
Versprechen gegeben niemals zu freveln niemals diese Untreue und Schwachheit
mir zuschulden kommen zu lassen So wie die Sachen in der Welt stehen muss ich
dem guten edlen Montalto mein Versprechen halten ich darf ihn und meine Mutter
nicht auf diese Weise kränken Du glaubst nicht von welcher Schmach uns
Montalto durch seinen Edelmut durch diese traurige Vermählung erlöst hat Wäre
ich frei und ungebunden so wär ich dein Sieh ich habe dir jetzt mit meiner
Liebe auch die Wahrheit gegeben«
Bracciano schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und ging
unzufrieden im Saale auf und ab »Ich Unglücklicher« rief er aus »dass ich dich
nicht früher habe kennen lernen du meine Gattin welch Glück dem meinigen zu
vergleichen O du Himmlische was ist dir gegenüber die verächtliche Bianca
Kapello die täuschende und heuchelnde Lügnerin und doch ist sie jetzt die
rechtmäßige Gemahlin des Fürsten So sehr ist dieser so schwache Francesco doch
von der Gewalt der Liebe bezwungen worden«
»Und du könntest nicht glücklich sein« fragte Vittoria furchtsam »ohne
diese Befriedigung«
»Ja« rief Bracciano »glücklich und selig mehr als einer den ich kenne
und doch elend zugleich Ja wohl ist die Zeit der mächtigste Gönner und Feind
damals als du noch kein Wort gegeben als du mir als freie edle Jungfrau
entgegentreten konntest o warum lernt ich dich damals nicht kennen Und nun
So flicht sich unser Schicksal zusammen um uns zu erdrosseln und die
Leidenschaft wirft sich wütend und doch ohnmächtig in die Notwehr und erliegt
endlich im Kampf oder siegt scheinbar durch Verzweiflung Und dann o dann ist
das Leben nicht mehr jenes klare reine Blatt das der Jüngling in seinem
Lebensbuche aufschlägt um eine jugendliche Hymne begeistert hineinzuschreiben«
Er versank in ein tiefsinniges Hinbrüten stand lange das Haupt
niedergesunken und blickte dann nach dem Garten und dem Abendhimmel »Ha
Isabella« rief er plötzlich » du drohst du mahnst ja du hast dich jetzt
an mir gerächt und mich gedemütigt«
Vittoria schrak zusammen weil sie ihn zu verstehen glaubte Ihr war als
wenn plötzlich eine tiefe schwarze Nacht in ihre Seele falle Wo war in diesem
Augenblick die Gegenwart und das Gefühl der Liebe von dem sie noch eben
begeistert war So kann zuweilen in uns die letzte Spur des Lebens verschwinden
und ein Grauen befällt uns dass das was uns als reiches mannigfaltiges Paradies
erschien nun da die süße Täuschung verschwunden ist als unübersehbare dürre
Steppe vor uns liegt ein Nichts dürrer Verzweiflung
Er stand jetzt vor ihr und beide sahen sich mit einem Blicke an der sich
nicht beschreiben lässt Auch selbst nach diesem Blicke konnten sie die Rede noch
nicht wiederfinden So fühlten ihre Seelen jenen sonderbaren Druck der uns
beängstigt auch wenn Lüge Unwahrheit Heuchelei uns fern stehen der furchtbare
Tod schwingt dann seine Flügel durch unser ohnmächtiges Wesen und ermattetes
Dasein
»Ich kenne deine Gedanken« sagte er endlich nachdem er wieder durch den
Saal gegangen war und sich dann niedergesetzt hatte »aber sie war meiner ganz
unwürdig und selbst ihre Brüder haben kein Wort der Klage ausgesprochen Und du
standest hell und klar in jenem finsteren Momente vor mir und auch ohne
Vorwurf«
»Auch jenen Abend« sagte sie jetzt »an welchem der Schwatzende hier war
hat uns das Verhängnis gesendet Das ist die große Frage des Lebens wie sehr
man sich den Schickungen widersetzen darf wie man sie bezwingen kann Dass du
mir vorher Entsetzen erregtest gehört auch als ein dunkles Bild in das Gedicht
meiner Liebe und meines Lebens«
»Ach Vittoria« klagte jetzt Bracciano und Tränen stürzten aus seinen
Augen »in manchen Momenten glaube ich dass ich deiner nicht würdig bin dann
fühle ich dich so viel größer und herrlicher Ja zu deinen Füßen muss ich
liegen im Staube vor dir und deine Füße küssen als dein Huldiger oder
demütiger Sklave dem deine Hoheit deine Gnade erst die Freiheit schenken
kann«
Er warf sich nieder und barg schluchzend sein Haupt in ihren Schoss So
überließ er sich einige Momente dem seligen Genuss jener wehmütigen Hingebung
jener Auflösung aller Kräfte und Gedanken wo wir uns selbst enfliehen und uns
verlieren und nur noch in den Pulsen der süßesten Rührung unser Leben fühlen
Sie legte weich und zart die rechte Hand in die Locken seines Haars und er
fühlte sich jetzt wie erwachend durch und durch beglückt weil ihm war als
segnete ihn der höchste Engel des Himmels und spräche ihn von allen seinen
Sünden frei
Unangemeldet wie er als nächster Verwandter sich dieser Freiheit bedienen
durfte war der Bruder Vittorias der Bischof Ottavio hereingetreten Er warf
einen boshaften prüfendes Blick auf die Gruppe und fragte die Schwester die
sein Eintreten auch nicht bemerkt hatte »Vittoria ist Seiner Exzellenz nicht
wohl«
Vittoria sah ohne zu erschrecken auf und ruhig erhob sich der Herzog
blickte noch Tränen in den Augen den Bruder mit festem Gleichmut an und sagte
»Sehr wohl Herr Bischof war mir so freudig bewegt wie selten im Leben Eure
Schwester hatte mir eben einige ihrer neuesten Gedichte hergesagt und diese
sind so schön dass ich ihr nur auf den Knieen meinen Dank sagen konnte Ihr
seht ich schäme mich dieser schönen Rührung nicht dass auch die Stärke des
Mannes von dem Zauber der Poesie zerschmelzen kann«
»Immer eine seltene Erscheinung« erwiderte mit fragendem Lauschen der
Bruder »möchte mir die Schwester die schönen Ottaven oder Sonette nicht
ebenfalls mitteilen damit ich die Erfahrung machen könne ob mein Gemüt
vielleicht weniger nachgiebig wäre«
»Du würdest diese Verse doch nicht begreifen« sagte Vittoria kalt stand
auf und verschloss die Blätter in ihrem Schrank
»Ich bin freilich« sagte der Bischof »in der Poesie nicht so eingeweiht
wie hochbegabte Kenner indessen sollte doch wohl was so gewaltige Rührung
hervorbringen kann auch dem Laien verständlich sein«
»Nicht immer« sagte Bracciano indem er seinen Hut nahm und sich zum
Abschied rüstete »es gibt Stimmungen in welchen die Kunst der Musen leichter
Eingang in unsere Herzen findet als in andern kältern Augenblicken«
»So muss es wohl sein« erwiderte Ottavio »und Eure Exzellenz ist natürlich
seit dem Tode Ihrer schönen Gemahlin mehr als früher zu solchen Tränen und
Rührungen aufgelegt«
»Signor« sagte der Herzog und trat ganz nahe an ihn heran indem er ihm mit
scharfem Blicke halb zürnend halb verachtend in sein Auge sah »ich wusste
nicht dass wir so vertraut miteinander wären dass Ihr etwas von meinen
Seelenzuständen wissen könntet Ich pflege mein Vertrauen und meine Freundschaft
nicht so eilig auszubieten«
Mit diesen Worten entfernte er sich in stolzer Haltung Ottavio setzte sich
jetzt der Schwester nahe gegenüber und sagte mit spöttischer Feierlichkeit
»Ich habe da wohl eine Szene unterbrochen die vielleicht das Vorspiel zu einer
andern war die noch weniger einen Zeugen vertrug Also schon jetzt so früh
schon du schwachherzige Schwester fängst du an die Ehre unseres Hauses zu
vergessen«
Ohne zu erröten mit Eiseskälte sah ihn starr und fest die Schwester mit den
großen Augen an »Wie tief ich dich verachte kann ich nicht aussprechen« Nur
diese wenigen Worte sagte sie Ottavio der den Blick des stolzen Herzogs mit
entgegnender Dreistigkeit ertragen hatte schlug jetzt mit den Augenlidern
zitternd den Blick zu Boden und eine Schamröte übergoss sein Antlitz »So kalt
kannst du mir das sagen« Nur diese wenigen Worte konnte er stotternd
hervorbringen
»Dass ich dem Bruder es sagen« sprach sie »und es so sagen muss demjenigen
der mein Schutz sein sollte der mit mir unter demselben mütterlichen Herzen
gelegen hat das glaube mir spaltet mir zwar nicht erst jetzt das Herz nein
denn ich bin endlich ruhig geworden Aber welche Todeskämpfe es mir gekostet
hat welches Ringen in der gequälten Seele das kann ich dir Kalterzigen nicht
in Worten ausdrücken Und wozu dein Busen ist allem Edlen entgegen gepanzert
mich wirst du mit deiner Heuchelei niemals täuschen Gehe nur hin und erzähle
ihm alles was du glaubst gesehen zu haben was kümmert es mich Ihr alle Gute
wie Schlimme habt mich so hingestellt dass ich nur mir selbst verantwortlich
bin Ihr sollt mein Schicksal nicht aufhalten und mein Wesen nicht beschränken
ihr schlimmer als die Pharisäer«
»Ich verstehe dich nicht« sagte Ottavio verlegen der sich aber gern
sammeln wollte »wem wiedersagen Was meinst du damit«
»Man möchte lachen« erwiderte sie »wenn der Narr nur selber lustiger dabei
aussähe nun dem weltberühmten Niemand der ja alles Böse Schlechte und
Verächtliche in der Welt ausrichtet der arme Sündenbock auf den alle Laster
und Bosheiten immer gewälzt werden diesem Niemand kannst du es sagen oder auch
seinem Erbfeinde dem Jemand denn freilich ist der Niemand auch wieder der
Tugendsame Gottesfürchtige Wohltätige der ohne Laster und Leidenschaft ist
und wenn Niemand so ausbündig und tadellos ist so muss irgendein Jemand doch
wohl dies und das verbrochen haben O ihr armen Armseligen hat Gott denn
wirklich für euch die Sprache erfunden und sie euch mitgeteilt«
Mit dieser Rede ließ sie ihn stehen um sich in ihren Zimmern zu
verschließen Ottavio der Hohnlächeln und verachtenden Spott in ihren Mienen
gesehen hatte war erfreut als die Mutter mit ihrer Gesellschaft in das Haus
trat Vittoria ließ sich als unpass durch den Diener entschuldigen
Drittes Kapitel
Die Mutter Donna Julia hatte sich schon seit lange in alle die Einrichtungen
gefunden welche Vittoria in ihrem Haushalt für notwendig hielt Es befremdete
sie eigentlich nicht wenn sie sah wie die beiden Ehegatten auf keine Weise in
dem Verhältnis lebten wie es Sitte Gesetz und Religion verlangen Sie waren
stets getrennt und sahen sich nur wie zufällig wenn Besuchende im Saale
versammelt waren Sie benutzten die Gewohnheit welche schon damals eine
missverstandene Schicklichkeit und Kourtoisie in Italien einführte dass Mann und
Frau sich nicht beisammen in fremden Häusern zeigen und so erblickte man
Vittoria allenthalben nur in Gesellschaft des Herzogs Bracciano dem alle übrige
erklärte Verehrer der schönen Frau hatten weichen müssen Vittoria behandelte
immerdar mit einer stillen nicht auffallenden Geringschätzung an welche er
sich nun schon gewöhnt hatte ihren Gemahl eine Vernachlässigung die ihn jetzt
nicht mehr demütigte da er so auffallend von vielen Großen vorzüglich vom
Kardinal Farnese beschützt wurde Die Mutter Julia war bekümmert dass sie so
ganz das Vertrauen der Tochter sie wusste selbst nicht wie verloren hatte und
die bange Ahnung eines vielleicht bald einbrechenden Unglücks bedrückte ihr
Gemüt so dass sie nach und nach alle Heiterkeit verlor Es machte sie auch das
Gefühl unglücklich dass ihr Sohn der Bischof ihr und dem Kardinal Montalto
fast mit offenbarer Feindlichkeit entgegentrat und sich offen als Anhänger der
Farnesischen Partei erklärte von ihrem Sohne Marcello brachte sie nichts in
Erfahrung als nur betrübende Gerüchte so dass sie für diesen immerdar zittern
musste und so war das Glück auf welches sie gerechnet hatte fast in nichts
zerronnen
War der Herzog Bracciano auch glücklich so kämpfte sein ungestümer Geist
doch immerdar mehr und alles zu erringen Indem er seine Geliebte wegen ihres
edlen Mutes verehren musste fühlte er doch wie unwürdig ihr gegenüber ihr
sogenannter Gemahl erschien auch quälte ihn eine sonderbare Eifersucht denn er
wusste oder ahnte wohl was Farnese gehofft und früher der junge Orsini
beschlossen hatte Dieser vermied geflissentlich alle Gesellschaft wo er die
Accorombonis treffen konnte und lebte ganz seiner Braut der schönen Savelli
mit welcher er sich auch nach einiger Zeit vermählte zum Erstaunen vieler
Römer welche es nicht begreifen konnten wie die edle von allen verehrte
Jungfrau sich mit dem Ausgelassensten der römischen Jugend verbinden könne
Es war ein Fest und ein Maskenball unter den jungen Leuten veranstaltet
worden an welchem auch Peretti teilnehmen sollte Vittoria entzog sich seit
einiger Zeit diesen rauschenden Vergnügungen und so auch dieser Anstalt und um
so mehr weil man beschlossen hatte dass das Festino bis in den folgenden Tag
hinein dauern sollte Die Mutter war unwohl und ging früh zur Ruhe alle
Bekannte und Freunde jeder Besuch war abgewiesen worden und so hatte Vittoria
Gelegenheit sich wieder einmal ganz der Einsamkeit zu ergeben die sie jetzt
mehr als je gern aufsuchte sooft es nur irgend möglich war Denn dem
beobachtenden Freunde entging es nicht dass sie viel ernster war als früher
dass jene jugendliche übermütige Laune die sie ehedem so reizend machte sie
jetzt nur noch selten besuchte Heut am Abend überließ sie sich gern den
süßesten Träumen weil es verabredet war dass Bracciano sie sehen und ungestört
bis spät sich ihres Gesprächs und ihrer Gesellschaft erfreuen solle Der Herzog
kannte ihr Wesen und ihre Festigkeit so gut dass er mit keinen neuen Hoffnungen
zu ihr schlich und sie durfte sich so vertrauen dass kein Flehn oder liebliches
Träumen ihre Entschlüsse in dieser nächtlichen Einsamkeit erschüttern würden
Ursula die Vertraute ließ auf ein gegebenes Zeichen den verkleideten
Fürsten in den Saal Vittoria erwartete ihn beim Scheine einiger Kerzen sie
hatte verschiedene ihrer Gedichte hervorgesucht die sie ihm nach seinem Wunsche
mitteilen wollte Bracciano war sehr feierlich gestimmt und nahm traurig und
nachdenkend Platz an ihrer Seite Sie erlaubte ihm gern Kuss und Umarmung und
beide ergingen sich dann in süßen Plaudereien die nur Liebende zu schätzen
wissen in jenen Kleinigkeiten die den übrigen Menschen nur unbedeutend
erscheinen und an denen sich die Berauschten entzücken
Endlich sagte Bracciano »Und du willst dies Elend noch ferner so ruhig mit
ansehen in welchem wir beide verstrickt leben Es ist dir nicht möglich einen
großen herzhaften Entschluss dir abzuringen um uns eine neue Bahn zu brechen
Können wir nicht nach Venedig gehen selbst nach Toskana oder Frankreich und
Deutschland Alles was ich besitze lege ich zu deinen Füßen meine
Verbindungen mein Rang sichern dir in jedem Lande eine ehrenvolle Aufnahme wer
weiß was indessen hier mit dem schwachen oft kränkelnden Peretti geschieht
und dann erkläre ich dich vor aller Welt für meine Gemahlin Gilt es das Glück
des ganzen Lebens die höchste Wonne unseres Daseins so muss man nicht zu
zaghaft jeden hemmenden Umstand in Erwägung ziehen was ist das Geschwätz der
Menge das Lästern jener Moralisten deren engherziges Gemüt niemals das Große
begreifen kann Und können wir es uns denn nicht mit sicherer Überzeugung sagen
dass nicht gemeine Lust oder Leichtsinn uns unüberlegt in diese Bahn wirft Ist
die Liebe das Edelste der Welt so muss sie endlich auch nach langer Entsagung
ihren Preis erringen«
»Liebster« antwortete sie »ich habe dir schon sonst über diesen Gegenstand
offen und wahr meine Meinung gesagt meinen festen unerschütterlichen
Entschluss Ihr übrigen Menschen fasst es nicht von welchem Elend uns damals der
edle Montalto auf so edle Art errettete diese scheinbare Ehe es ist wahr ist
nichtig und ungültig ich habe sie niemals anerkannt und seit ich dich sah
völlig in meinem Gemüt wie für die Wirklichkeit vernichtet Auch wagt es
Peretti nicht mir darüber Vorwürfe zu machen er weiß wie ich ihn verachte ja
wie sehr ich Grund hätte ihn zu hassen wenn er mir nicht zu unbedeutend wäre
Aber ich kann meine großartige tugendhafte Mutter nicht so kränken die schon
ein stiller Gram verzehrt und ihr Leben untergräbt Ihr und dem armen Peretti
habe ich feierlich versprochen diese von der Welt so laut ausgerufene Ehre
nicht zu verletzen Und wie sollte ich den gerechten Vorwürfen oder gar dem
Blick des tugendhaften Montalto begegnen können Mit dir entfliehn Und
diese Kardinäle deine Familie Florenz und die Fürsten Italiens welch
Geschrei welche Anklage würden sie erregen welche Verfolgung Und
hauptsächlich gegen mich denn in diesen Fällen ist das Weib immerdar das Opfer
Nun würdest du gekränkt und verletzt sein dein hoher Rang und deine Würde
verwundet und es wäre nur das natürlichste dass unsere Liebe die wir jetzt
und mit Recht eine ewige nennen getrübt und krank hinsänke O warum bist du
der du bist mit allen diesen reichen großen Familien diesen Kardinälen und
Fürsten nah und näher verwandt mit zwei schönen Kindern gesegnet um deren Erbe
man besorgt sein würde warum bin ich von den Umständen gedrängt auch in
diese hohe Verwandtschaft getreten warum habe ich so fest ich auch zu sein
glaubte meine Freiheit geopfert Sieh Geliebter so hat sich unser
Verhängnis durch und gegen unsern Willen geschmiedet und unzerreissbare Ketten
um uns gelegt Keine Menschenkraft kann sie zerreißen Und sind wir denn nicht
glücklich Wahrhaft beseligt Wie arm niedrig und tief unter mir erscheinen
mir alle die übrigen Menschen wie bejammernswürdig dass sie nicht so lieben
wie wir«
»Nicht solche Worte« rief Bracciano »du hast recht und doch auch wieder
unrecht und wenn du so oft diesen Satz verteidigst der ganz der menschlichen
Natur und der edelsten Kraft unsers Herzens widerstreitet so gerate ich auf den
Argwohn dass du Sophistereien liebst oder kalt bist und mich nicht wahrhaft
liebst«
Sie drückte ihm weinend den herzlichsten Kuss auf die Lippen und sagte dann
flehend »Nicht so mich kränken« Die Träne die in den goldenen Wimpern
zitterte küsste er ihr nun vom Auge dann sprach er »Wer dich so sieht dies
große Auge diese Träne wie ein gefangenes Vögelchen in Goldstäben des Käfigs
diese aneinandergelegten Finger der flehenden schönen Hände und dazu den
Silberton das süße Flöten dieser seelenvollen Stimme vernimmt der muss ist er
nicht wahrer Skyte und Barbar dir alles bewilligen Es sei Wie nun aber
Liebste wenn du in einem Prozess auf Scheidung drängest Du kannst ja gewiss
gültige Gründe aufführen«
»O schweige schweig« rief sie heftig aus »wenn ich nicht in Schaudern
vergehen soll Ich bin dreist und mutig wenn es gilt verwegen aber allen
dergleichen schändlichen Fragen Zweifeln Darlegungen müsste ich unterliegen
die Liebe darf vielleicht in der Feier ihrer Mysterien so denke ich es mir die
Scham verleugnen aber vor Rechtsgelehrten kalten Männern ihre Frechheit mit
Frechheit überbieten nein Liebster eher würde ich mir auf offenem Markt den
blank geschliffnen Dolch in die entblößte Brust stoßen Es ist aber auch nur
dein Scherz Geliebter denn ich kenne dich viel zu gut um es anders zu nehmen
Und wäre ich die Unverschämte die sich selbst zum eklen Schauspiel preisgeben
möchte was würde es fruchten Der Heilige Vater ist fromm er und das
Kollegium ständen der Familie Peretti bei viele meiner und deiner Feinde würden
alles gegen mich aufbieten und nach Jahren würde dann wohl entschieden dass
ich zur Strafe meiner Gottlosigkeit in einem armseligen einsamen Kloster Busse
tun müsste um von einer bigotten Äbtissin und nichtswürdigen Nonnen gepeinigt zu
werden«
Sie liebkosete ihm scherzte lachte und weinte so dass er selbst in einen
sonderbaren Humor geriet und ausrief »Nun Wenn ich mich nun doch auf rohe
Barbarei legte dich einmal plötzlich an einem schönen Morgen mit Gewalt
entführte in die weite Welt mit der Jammernden und Widerspenstigen
hineinreisete und hier Mama und Heiligem Vater dem lieben Peretti und seinem
Oheim sowie dem Kollegium und meinen Muhmen Vettern und Basen das leere
nüchterne Nachsehn ließe Wie dann«
»Recht so mein Liebster« sagte sie lachend »da geraten wir auf die rechte
Bahn Und so reisten wir denn und reisten Arm in Arm in das Unendliche fort
und fort bis alle Vettern und Basen weit weit hinter uns lägen und wir
landeten dann an einer unbewohnten unentdeckten Insel im Stillen Ozean ohne
Menschen höchstens mit einigen Affen bevölkert Palmenwein die süßesten
Früchte die herrlichsten Blumen alles wüchse uns freiwillig entgegen die
Jahreszeit ein ewiger Frühling nun entdeckten wir plötzlich einen alten aber
sehr menschenfreundlichen Zauberer Seine Kunst alle seine Geister ständen uns
zu Gebot er hexte uns immer Speise und Trank schöne Kleider auch einen
herrlichen Palast herbei hübsche niedliche Elfen und Feen unsre Bedienung und
kein einziger Teufel oder böser Dämon auf der ganzen Insel Wie bei der Circe
hörten wir dann den einsamen Webstuhl sausen und die stärkste und künstlichste
der Feen webte uns die Gewänder andre kleinere legten mit fast unsichtbaren
Nadeln die feinsten Stickereien hinein Nun fährst du auf einem schönen Wagen
von Hirschen bespannt auf die Jagd dann sitzen wir im bunten Kahn und fischen
im Wald singt dazu die Nachtigall und der Quell rauscht jeder Baum klingt in
seiner eignen Singstimme und so lebe ich fort und fort in Liebe mit meinem
lieben Männchen bis wir beide alt und grau werden und ich bin auch vor jeder
Untreue des zärtlichen Gatten gesichert denn es lebt keine einzige Frau nicht
ein Mädchen auf unserm Weltteil dort Nicht wahr so wollen wir es einrichten
so einfach und ganz vernünftig ohne alle falsche poetische Erwartung«
»Und unter den übrigen Affen dort wäre auch meine Gemahlin ein wunderliches
Äffchen« antwortete Bracciano indem er ihr leise mit den Fingern den
blendenden Nacken schlug »Wie nur geschieht es dass alles was du treibst und
tust dir so liebreizend steht Und die kleine Plaudertasche ist dann gleich
wieder so groß und erhaben springt aus der lieblichen Narretei so plötzlich in
den Tiefsinn kann eben noch neckisch einen mit dem Feuerblick so erschrecken
dass wie die Griechen sagten alle Grazien bei deiner Wiege gestanden haben
müssen um dich mit diesen Göttergaben zu beschenken Du Hebe und Juno Pallas
und Venus und vor allen andern und was dich am schönsten schmückt die
eigentümliche einzige Vittoria«
»Schmeichler« sagte sie und schlug ihm auf den Mund worauf sie dann seine
Lippen zärtlich küsste Er fasste ihre Hand und lobte die schmalen langen
Finger sie spielte mit seinen schwarzen immer noch krausen Locken er küsste
und drückte die Hand und löste dann ihr langes Haar dass es über den weißen
Nacken wogend niederrollte
So sein Alter ganz vergessend saß er tändelnd bei seiner jungen Geliebten
beide in diesem Augenblick spielenden Kindern nicht unähnlich Plötzlich wurden
sie aus ihrem Jugendtraum aufgeschreckt denn die alte Ursula kam hastig herein
und flüsterte »Um Gott und alle Heiligen unser Herr kommt ganz unerwartet nach
Hause und noch ein vermummter Mann mit ihm ich habe sie beide von oben aus
meinem Kämmerchen beobachtet sie sind schon an der Haustür und unser Herr hatte
den Schlüssel mitgenommen Was ist zu tun«
Die erschreckte Alte entfernte sich wieder »Ja was ist zu tun«
wiederholte Vittoria »wenn ich auch alle Rücksichten fahrenliesse so kannst du
nicht nach meinem Zimmer gehen denn meine Kammerfrau erwartet mich dort «
»Warum mich verstecken« fuhr der stolze Bracciano auf »bin ich ein Knecht
Wenn ich sie beide mit diesem Dolche niederstosse so werden sie schweigen«
»Und ich« klagte Vittoria »und unser Haus Und mein Ruf«
Da fiel ihr plötzlich das kleine Kabinet ein welches sie neulich zufällig
entdeckt hatte sie schlug an die Wand schob den Geliebten hinein zeigte ihm
den kleinen Drücker auf der andern Seite und entfernte sich eilig nachdem sie
vorher alle Kerzen ausgelöscht hatte Sowie sie die Tür hinter sich zugemacht
hatte hörte sie die beiden schon durch den andern Eingang hereintreten
Peretti trug eine Blendlaterne unter seinem Mantel und schien so wie er
taumelte einen kleinen Rausch von dem Maskenfeste mitgebracht zu haben Er
zündete einige Kerzen wieder an sah sich dann im Saale um und begab sich
schwankend an alle Türen um jede sorgfältig zu verschließen »Nun sind wir ganz
sicher« sagte er dann leise
Jetzt wickelte sich der Fremde aus seinen Umhüllungen und es zeigte sich in
einer Verkleidung der Kardinal Farnese »Wir haben uns nun« sagte dieser »aus
der Tollheit Eurer jungen Freunde die mich gewiss nicht erkannt haben so ganz
allein fortgeschlichen Ihr sowie ich ohne Diener und ich rechne nun darauf
dass Ihr Euer Versprechen halten werdet«
»Setzt Euch nieder große furchtbare Eminenz« sagte Peretti halb
stammelnd »es ist gewiss und fast augenscheinlich dass ich nicht fähig bin
lange aufrecht zu stehen so fleißig und freundschaftlich habt Ihr mir dort
zugetrunken Denn eins ins andere gerechnet ist der Mensch in allen Dingen und
Genüssen nur eines gewissen Masses fähig der mehr und der weniger so wie die
Gaben nun von der Natur ungleich ausgeteilt sind«
Der Kardinal schien sehr verdrießlich er sah sich um und sagte dann »Ich
hoffe doch dass Ihr Eures Wortes noch eingedenk seid«
»So muss ich mir denn einen Mut fassen« fuhr Peretti fort »grossherzige und
allmächtige Eminenz und Euch da es nicht zu ändern steht gleichsam mit Trotz
entgegentreten« Er sank in die Knie fasste die Hand des Alten und küsste sie
mit vieler Zärtlichkeit
»Warum habt Ihr Euch so betrunken« fuhr ihn Farnese an
»Im Gegenteil« antwortete der junge Mann »jetzt bin ich allzu nüchtern
aber dort im Saale als wir im Nebenzimmerchen beide ganz allein bei dem
vortrefflichen Syrakuser saßen da freilich mein herrlicher Beschützer da war
ich mehr als berauscht denn meine Zunge sprach wovon mein Herz nichts wusste
Ach Mann hocherfahrner Priester und Regent nicht wahr wir lügen nur
allzuoft bald wissentlich bald unwissentlich Ich log zwischen beiden ich
erkannte meine Lüge und meinte es doch so herzlich gut mit Euch dass ich
zugleich wünschte sie möchte zur Wahrheit werden können.«
»Ich verliere die Geduld über dem Geschwätz« sagte der Kardinal »Habt Ihr
es denn ganz vergessen unter welchem Versprechen Ihr mich hierhergelockt habt«
»Gewiss nicht mein erlauchter Patron« fuhr jener fort »und so bin ich denn
gezwungen Euch reinen Wein einzuschenken wie man zu sagen pflegt zum Dank
dafür dass Ihr mir dort auch den allerreinsten gegönnt habt«
»Nun also«
»Ach Himmel wie lange ist das schon her wie lange dass ich nicht mehr
weder bei Tage noch in der Nacht zu meiner Vittoria habe kommen dürfen so dass
ich sie zeiter auch immer Virginia genannt habe Das war mir nun in meiner
mutigen Trunkenheit ganz aus meinem Gedächtnis entwichen als ich Euch so
treuherzig versprach Euch im Finsteren so in ihre stille Kammer zu führen als
wenn ich es wäre Ja so ein löblicher Betrug bliebe recht lustig und schön wenn
er nur möglich wäre wenn das nur gleich nach meiner Vermählung hätte geschehen
können aber jetzt ist sie immer fest eingeriegelt und brennt immer Licht und
lieset und studiert und dichtet ganze Nächte hindurch Brächen wir auch das
Schloss auf so entstände ein greulicher Skandal dass das ganze Haus wach würde
und die große fürchterliche Mutter auch dazu käme und wie es mir Armen dann
erginge das könnt Ihr wohl selber ermessen«
»Und nun also« sprach Farnese ergrimmt »sie sieht Euch nie seit Monden
nicht wohl gleich nach den ersten Tagen der Ehe hat sie Euch verabschiedet sie
verabscheut Euch Ihr habt im Hause hier nicht das mindeste Recht Und das alles
habt Ihr im tierischen Rausch vergessen Schmeichelt mir mit der Aussicht und
deswegen besuchte ich nur Euer dummes Gelag dass es möglich sei mich in der
Nacht verkappt zu ihr einzuführen Dass Ihr mich am Morgen unerkannt wieder aus
dem Hause lassen wolltet Und nun «
»Nun« fiel Peretti ein »sehe ich freilich ein dass das ein niederträchtig
falsches Sprichwort ist in vino veritas Aber warum seid Ihr mir böse Aus
Respekt vor Euch aus Liebe zu Euch habe ich ja nur die gute Frau so
vernachlässiget weil ich mich so ganz unwürdig fühlte Euer Nebenbuhler zu
sein das hat sie denn auch so unwirsch gemacht dass sie mich ganz und gar von
sich wegjagte Aber wir wollen drum nicht verzweifeln und einen besseren Plan
ersinnen und ausführen«
»Ich habe Euch das wisst Ihr« sagte Farnese »meinen Schutz zugesagt und
Ihr seht es selber ein dass Euer gebrechlicher Oheim den kein Mensch achtet
der ohne allen Einfluss ist Euch nichts nützen kann Ich will Euch befördern und
zum reichen mächtigen Manne machen aber ich muss sie diese Stolze besitzen
die mich verhöhnt oder Euch ist der Untergang geschworen«
»Ich überlasse sie Euch ja« rief Peretti »denn vielleicht hasse ich sie
ebensosehr als Ihr sie liebt Wir alle sind auf Eurer Seite und stehen Euch bei
bloß der elende Flaminio nicht der bei dem prahlerischen Bracciano in Diensten
und dem ganz ergeben ist Aber der Abt Ottavio ist ganz Euer eigen ich bin Euer
geschworner Diener und der tapfre Marcello will Blut und Leben für Euch
aufopfern«
»Marcello« rief der Kardinal erstaunt »das kann ich Euch nimmermehr
glauben«
»Ich habe ihn ganz in der Hand« sagte Peretti »seht Verehrter er ist
schon seit lange ein Verbannter ein Bandit aber ein kluger Kopf wie er ist
weiß er sich doch oft in die Stadt zu schleichen und dann beherberge ich ihn
bei mir dort in dem kleinen Gartenhause Da haben wir schon vielerlei
miteinander verabredet und wenn Ihr ihn gut bezahlt so lässt er das Leben für
uns«
»Freund« rief Farnese »hütet Euch vor diesem verwegenen Menschen In
welchem Lichte würdet Ihr erscheinen wenn ihn die Häscher in Eurem Hause
aufheben sollten«
»Sorgt nicht« antwortete Peretti der nun nach und nach nüchtern geworden
war »Wir sind beide zu vorsichtig Aber auf meinen Plan zurückzukommen so ist
es dieser der gar nicht fehlschlagen kann Ich habe mit meiner Familie
verabredet dass wir in wenigen Tagen alle wieder auf einige Wochen nach Tivoli
hinübergehen um dort das kleine Haus ein Eigentum der Familie zu bewohnen
Nun fährt die stolze Vittoria dann in dem einen Wagen ganz allein wie sie es
immer tut nur etwa zwei Kammerfrauen mit ihr ich folge mit der Mutter nach Da
will ich es schon so einrichten dass der zweite Wagen Schaden nehmen soll und
wir bedeutend zurückbleiben Halben Weges auf dem wüsten Felde können Eure
verkappten Leute oder Eure Freunde des Gebirges die freien Menschen sie
leicht entführen und schnell auf eins Eurer Schlösser oder zu einem sichern
Freunde bringen In Tivoli selbst ist sie auch leicht aus dem kleinen Hause
wegzurauben oder von einem Spaziergange weil sie es liebt oft ganz allein
umherzuwandeln Ist sie nun erst in Eurer Gewalt so muss sie sich ihrer eignen
Wohlfahrt wegen bald ergeben Denn sonst lasse ich ihr mit einem Prozesse
drohen dass sie mich böslich verlassen dass sie sich freiwillig von irgendeinem
Eurer Kastellane oder Stallmeister wegen bewussten Ehebruchs von diesem ihrem
Liebhaber habe entführen lassen dann wird ihr gesagt wenn sie ruhig bei Euch
bleibt sich die Geschenke von Euch Reichtum und Wohlleben mit Euch gefallen
lässt so werde ich gänzlich schweigen und tun als lebe sie von mir mit meiner
Bewilligung getrennt«
»Lieber Mann« sagte Farnese jetzt »Ihr seid viel klüger als ich geglaubt
habe Meldet mir nur an welchem Tage und in welchen Stunden die Reise nach
Tivoli vor sich geht und ich will mich gar nicht mehr hier sehen lassen um
allen Verdacht um so mehr zu entfernen Bei dieser Abrede soll es also bleiben
sie soll glücklich reich und vornehm werden und Euch werde ich so belohnen
dass Ihr selber über meine Großmut erstaunt denn meine Leidenschaft zu ihr ist
eine unendliche Aber jetzt lasst mich nach Eurem törichten Benehmen im
Rausch wieder unbemerkt aus dem Hause denn ich fürchte der Morgen dämmert
bald herauf«
Er nahm seine Umhüllungen wieder auf und Peretti suchte den Schlüssel des
Hauses hervor Kaum hatten beide mit der Kerze den Saal verlassen als
Bracciano der jedes Wort vernommen hatte sich aus seinem engen Kabinet
behutsam herausschlich die Tür wieder andrückte und den beiden mit leisen
Schritten nachging Der Saal stand offen auf dem Gange folgte er dem
Lichtschein in der Ferne Nun standen jene beide an der Tür des Hauses und
Peretti fügte den großen Schlüssel ein um zu öffnen Auf tat sich leise und
langsam die Tür und Farnese schlüpfte auf die Gasse im selben Moment aber
blies Bracciano der jetzt dicht hinter Peretti stand die Kerze aus gab diesem
einen kleinen Stoß und sprang aus dem Hause sich nach der entgegengesetzten
Seite wendend als wo er den Verhüllten im aufdämmernden Dunkel wandeln sah
Peretti wusste nicht wie ihm geschehen war zitternd und halb ohnmächtig
verschloss er die Tür begab sich in sein Gemach und konnte sich lange von
seinem Schreck und Grauen nicht erholen
Viertes Kapitel
Peretti musste noch viel darüber sinnen wer jener Fremde gewesen sei der ihn so
erschreckt und sich so verdächtig in seinem Hause versteckt habe Er riet auf
viele konnte aber nirgends eine sichere Vermutung finden In seiner
Verlegenheit und Angst war er unklug genug dem Kardinal Farnese den Vorfall zu
erzählen und wurde noch verwirrter als dieser in Schreck und Zorn ihn heftig
anliess dass dergleichen in seinem Hause möglich sei »Wie« rief er aus »Ihr
verlockt mich in stiller finstrer Nacht in Euer Haus ich folge Euch in
unziemlicher Verkleidung weil ich Euch mein unbedingtes Vertrauen schenke
und in unserer Nähe lauert ein Mörder oder wenigstens ein Verdächtiger ein
Unbekannter Wie leicht war es ihm so ohne Diener unbewaffnet wie wir waren
uns zu ermorden und welchen Ruf erwarb mir dann in der Welt dieser verdächtige
Tod Bedenkt Peretti ob es mir wohl zu verargen wäre wenn ich Euch selbst für
einen verruchten Bösewicht und Verräter hielte der im Komplott meiner Feinde
mir boshafte Schlingen legt und mir nach dem Leben stellte Erinnere ich mich
Eures sonderbaren Benehmens so wird der Argwohn fast zur Wahrscheinlichkeit
Wie Ihr beredet mich Euch verkleidet nach jenem Festino zu folgen um mir dort
wichtige Entdeckungen und Vorschläge mitzuteilen Damals wart Ihr noch nicht
berauscht und konntet also wissen dass Ihr mir etwas Unmögliches versprachet
und verhiesset Nun also waren wir auch bei der späteren Beratung als Ihr etwas
mehr zur Vernunft gekommen wart nicht allein sagt selbst ob ich im Unrecht
bin wenn ich Euch für einen Verräter halte«
Peretti bereute herzlich seine unbesonnene Mitteilung denn statt Rat und
Hilfe bei seinem Beschützer zu finden musste er diese Vorwürfe hören und die
Rache des Kardinals befürchten Er entschuldigte sich so gut er konnte und
beteuerte seine Redlichkeit und seinen Diensteifer »Ich will Euch glauben«
sagte endlich der Alte »und Eure Unschuld könnt Ihr mir dadurch beweisen dass
noch in dieser Woche Euer Umzug nach Tivoli stattfindet Dann muss ich genau
Stunde und Minute der Abreise erfahren ich werde die Meinigen anstellen und es
so einrichten dass fürerst nicht der mindeste Verdacht auf mich fallen kann
Späterhin ist es gleichgültig Gelingt die Sache so sind wir völlig ausgesöhnt
und ich schenke Euch meine Freundschaft und mein unbedingtes Vertrauen Finde
ich Euch falsch und unwahr mit meinen Feinden im Bündnis so werdet Ihr meiner
Rache nicht entgehen und der Mächtigste soll Euch vor meinem weitreichenden Arm
nicht schützen können geschweige Euer schwacher Oheim«
Dies Gespräch fiel am Montage vor und Peretti verhieß da schon vorläufige
Anstalten getroffen einige Diener schon hinausgesendet waren die manche
Bequemlichkeit hinübergeschaft hatten gewiss freitags früh mit seiner Familie
nach dem Landhause und der lieblichen Gegend aufzubrechen
Vittoria saß da das Wetter so schön war mit ihrer Mutter und dem
treuherzigen Kaporale in der kühlen Laube ihres Gartens Er war da er sich von
Rom nicht entwöhnen konnte wieder aus seiner Landschaft herübergekommen und
befand sich am liebsten in dieser Familie die ihm seit Jahren in Rom am meisten
befreundet war »Ihr seid so ernst Donna Julia« sagte er jetzt »und ich finde
schon seit lange Eure Stimmung anders als ehemals und doch seid Ihr nebst den
Eurigen wohl und gesund«
»Und mein Sohn Marcello« erwiderte sie »kann ich ihn denn vergessen und
das Schwert nicht sehen das ihm immerdar über dem Haupte hängt Kann ich mit
Ottavio zufrieden sein
Seitdem wir höher hinaufgestiegen sind fühle ich mich beklemmter und mir
ist immerdar so zumute als wenn plötzlich aus irgendeinem Winkel ein
erschreckendes Unglück hervorbrechen würde«
»Nun reisen wir ja« sagte Vittoria tröstend »schon am Freitage nach unserm
geliebten Tivoli Da wirst du dich wieder im Freien ergehn deine
Lieblingsplätze besuchen Dort wollen wir uns erfreuen und erfrischen und ich
werde mich jenem betäubenden WasserAbgrunde nicht wieder nähern«
»Du zittertest damals« sagte die Mutter »nach der Stadt zu reisen und
hattest eine Vorahnung von etwas Entsetzlichem was dich hier betreffen müsse
diese Furcht ist nicht erfüllt worden und so möchte ich hoffen kann es
vielleicht auch mit meinem Gefühle sein Denn ich gestehe ich bebe in Angst vor
dieser Reise und schelte selbst meine blinde Weiberfurcht kindisch und kann
doch dieses Grauen das mir auf jedem Schritte nachschleicht nicht
verscheuchen«
»Wie damals meine Angst« sagte Vittoria mit einem sonderbaren Ton »mir nur
großes unerwartetes Glück bedeutete so wird es dir auch widerfahren Teuerste
und du wirst dich mit frischer Kraft dort in Tivoli deines Lebens erfreuen
Doch muss ich dich jetzt verlassen ich selber muss nach allen meinen Musiksachen
und nach meinen Schreibereien sehen dass nichts verlorengeht oder in unrechte
Hände kommt«
Sie hüpfte fort und die Mutter sah mit einem langen wehmütigen Blick der
schönen dahinschwebenden Gestalt nach »Ich glaube« sagte sie nach einer Weile
mit schwermütigem Ton »diese meine Augen werden Tivoli niemals wiedersehen
Geschieht es so fürchte ich wahnsinnig zu werden«
Kaporale war in Verlegenheit was er der aufgereizten Frau antworten sollte
die ihm krank zu sein schien denn ihr großes Auge hatte den ehemaligen Glanz
verloren sie war bleicher als sonst und die Wangen waren eingefallen »Ihr
verwundert Euch über mich« fuhr sie nach einiger Zeit fort » ach ich weiß am
besten was ich seither gelitten habe Glaubt mir alter Freund gewisse
Erschütterungen unserer Natur wenn wir auch nachher wieder gleichgültig
weiterleben zittern und unterhöhlen fort und fort in unsrer Seele bis von der
dauernden Anstrengung und dem UmsichFressen des Giftes die Schale zerbricht
So hat meine Tochter meine beiden Söhne der boshafte Farnese jetzt dieser
Peretti alle haben wetteifernd diese zersprengenden Angstgefühle in meinen
Geist geschüttet Kann man diese Ehe ohne Furcht und Grauen betrachten Wie soll
es enden Der Gemahl entzieht sich uns und ist ein Knecht des Farnese so wie
mein ältester Sohn Und was will dieser Bracciano in unserm Hause Wird der
Gewalttätige vielleicht die Rolle des jüngeren Vetters jenes Luigi fortsetzen
wollen der jetzt ruhig und vermählt ist Ich zittre sooft ich die hohe
mächtige Gestalt hier sehe und mein Auge seinem herrschenden Königsblick
begegnet Ja diese Orsini seit meiner frühen Jugend haben sie sich wie böse
Dämonen in den ruhigen Lauf meines Lebens hineingedrängt und so hat mich der
schlaue Kardinal mit einer Jugenderinnerung geschreckt mit einer Begebenheit
die ich längst vergessen glaubte«
Kaporale ersuchte sie da sie doch Vertrauen zu ihm habe welches er nie
missbrauchen könne ihm etwas davon mitzuteilen und sie begann »Ihr wisst es
Freund dass ich von dem alten Geschlecht der Agubio abstamme Mein Vater war
nicht reich aber was ihm an Vermögen abging schien er durch Stolz ersetzen zu
wollen Früh ward in unserm Hause auf unserm Gut der bekannte und berüchtigte
Graf Nicola Pitigliano eingeführt der zu der Familie Orsini gehört so wie
Bracciano sowie jener Luigi und noch viele andre unbändige Gemüter wie es
Euch bekannt ist Diesen Graf Nicola welcher nachher verräterisch seinen armen
Vater durch einen Überfall von seinem Schloss vertrieb und ihn dann dem Elende
preisgab der nachher seinen leiblichen Bruder meuchlerisch ermorden wollte
dieser der es jetzt mit den Banditen hält und der Anführer einer großen Bande
ist dieser böse Mensch der nun ebenfalls denn die Gerechtigkeit des Himmels
vergisst niemals die Wiedervergeltung von seinem eignen Sohn durch Verrat aus
seinem Besitztum vertrieben ist dieser Nicola war als Jüngling eine anmutige
ja eine schöne Erscheinung Ich darf und kann es nicht leugnen er gewann mein
junges unerfahrnes Herz Mein Vater aber der seinen bösen Charakter genauer
kannte war ihm entgegen In unserm Hause war seit kurzem ein junger stiller
liebenswürdiger Mann wohnhaft der als Rechtsgelehrter die verwickelten
Geschäfte meines Vaters besorgte und in Ordnung brachte das Muster eines
verständigen geregelten Mannes angenehm im Umgang unterrichtet und von zarter
und einnehmender wenn auch nicht schöner Bildung Es ist die Art der jungen
übermütigen Mädchen wenn sie im Aufblühen sind sich zu erfreuen wie auf
Männer von verschiedenem Charakter ihre Reize Eindruck machen So überließ ich
mich diesem Mutwillen und hörte weder auf die ernsten Warnungen meines Vaters
noch meiner Mutter Die Zeit ging hin der Graf immer ungestümer und Federigo
mit jedem Tage schwermütiger
Der Stolz meines Vaters hinderte ihn die Liebe des jungen Rechtsgelehrten
die er wohl bemerkte weil sie durch seinen Tiefsinn nur allzu auffallend wurde
mit einem guten Auge anzusehen Mir war dieses Seufzen und Wehklagen
unerträglich und mein unbändiger Sinn neigte sich immer mehr dem wilden Grafen
zu Gestehe ich es nur dass auch viel Stolz und Hochmut sich in meine
Leidenschaft mischte und ich zum Teil seines Standes wegen den Bürgerlichen
so unbedingt verschmähte
Meine Mutter sah es wohl wie der Gram und die Eifersucht das Herz des Armen
verzehrte aber wenn mein krausgelockter hoher Graf mich anlächelte so war mir
jeder Mensch alles Leiden und die ganze Welt gleichgültig Wie oft habe ich
nachher über das Unbegreifliche dieser heftigen Leidenschaft nachdenken müssen
die alle unsre Kräfte Vernunft und Wohlwollen Gewissen und Frömmigkeit alle
Freiheit unsers Wesens so völlig unterjocht dass es nur dem furchtbaren Bann
eines unzerreissbaren Zaubers zu vergleichen ist So gingen denn Tage Wochen und
Monden hin und ich kann wohl meinen Zustand so bezeichnen dass ich mir selber
ganz abhanden gekommen war und mich in manchen Momenten einer aufdämmernden
Besinnung hätte umsehen mögen wo denn mein früheres Selbst geblieben sei
Völlig entzog ich mich der Liebe meiner Eltern und ihrer Aufsicht wenn der
Geliebte nicht zu uns kommen konnte erhielt ich Briefe von ihm es war ich
gestehe es zu meiner Beschämung nur Zufall oder Gnade des Himmels dass ich
nicht der Leidenschaft erlag wenn wir uns selbst im Garten oder im Zimmer
allein überlassen waren Mein guter Engel hatte mich völlig verlassen wenn er
mich nicht mit den Argusaugen der Eifersucht in der Person Federigos bewacht
und beobachtet hätte Dieser kannte und wusste alle meine Taten Schritte und
Entschlüsse er ohne sich meinen Eltern mitzuteilen kämpfte dem bösen Genius
entgegen
Die Nacht war bestimmt in welcher ich meinem Hause entfliehen und durch
vertraute Menschen in die Arme Pitiglianos geführt werden sollte Es geschah
ich fuhr ab in stiller Mitternacht meine mir unbekannten Begleiter waren
stumm der Morgen dämmerte empor als wir den Ort der Bestimmung, ein einsames
Haus im Gebirge erreicht hatten Ich war allein auf den Geliebten harrend im
Zimmer als Federigo hereintrat
Ich mag die Szene nicht schildern die sich nun entwickelte Er hatte um
alles gewusst und jene ruchlose Entführung in eine Rettung verwandelt er selbst
hatte mich begleitet mit andern verhüllt und unerkannt früher als das des
Grafen war er mit dem Fuhrwerk an dem bezeichneten Ort erschienen und ich hatte
mich täuschen lassen Aber mit welchem Schmerz welcher Raserei ja
Verzweiflung nahm ich diese Täuschung auf es gab keine beschimpfende
Benennung mit der ich ihn nicht kränkte keinen Fluch den ich nicht auf mich
selber herabrief Es half dem Treuen nichts dass er mir erzählte und bewies wie
der Graf an diesem nämlichen Tage seine Hochzeit mit einer Erbin aus einem alten
Hause feire und er mich nur aus Hohn und Mutwillen in der nämlichen Zeit um
mich und meine Familie zu schänden als seine Buhlerin habe entführen wollen
Als ich erst imstande war zu sehen und zu hören konnte ich den Briefen den
Zeugnissen die mir der tugendhafte Mann vorwies nichts entgegensetzen Aber
mein Zorn steigerte sich über diesen seinen Triumph so ungeheuer dass ich ihm
diese Dokumente die mich beschämen sollten vor die Füße warf und dreist ja
frech erklärte auch unter dieser entehrenden Bedingung würde ich dem Grafen auf
sein Schloss gefolgt sein So tief war ich nicht gesunken dass dies meine wahre
Empfindung hätte sein können ich stieß diesen Unsinn nur heraus um den
Getreuen recht empfindlich zu demütigen
Und Ihr könnt Ihr werdet mich niemals lieben Solange ich meiner Vernunft
mächtig bin niemals rief ich ihm entgegen Ich hätte aber wohl fühlen können
dass ich jetzt und seit lange schon vom Unsinn befangen sei Federigo war jetzt
auch in Verzweiflung und unter Tränen und demütigem Flehen schwur er mir dass,
wenn ich jede Hoffnung für alle Zeiten ihm raubte er sich vor meinen Augen
ermorden würde Ich lachte höhnisch über dieses Wort und erwiderte ihm wie
das die abgenutzte Phrase die veraltete Drohung aller verschmähten Liebhaber
sei und dass dergleichen Aberwitz mein festes Herz am allerwenigsten rühren
könne Plötzlich aber stieß er zu meinem Entsetzen sich einen großen Dolch
in die Brust und sank zugleich blutend zu meinen Füßen nieder Ich war so
bestürzt gerührt und außer Fassung dass ich erst nach einiger Zeit um Hilfe
rufen konnte um die Wunde welche tödlich schien verbinden zu lassen Zum
Glück war ein durchreisender Arzt im Hause der aber für das Leben des
Ohnmächtigen nicht einstehn wollte Um die Verwirrung zu erhöhen kam mein Vater
an in Wut denn sein Stolz war auf das empfindlichste gekränkt worden
So von allen Leidenschaften zerrissen versank ich in einen betäubenden
Stumpfsinn so dass ich auf einige Wochen mein Leben fast verlor Ich war nicht
gesund ohne doch krank zu sein Mein Vater der von dem Zustande des Federigo
Accoromboni innigst gerührt war rief mir immer wieder zu Sieh du Verwilderte
Undankbare dies ist echte Treue und Liebe Als die Stürme der Leidenschaft
hinter mir lagen bemächtigte sich ein unendliches Mitleiden meines Gemütes und
ich musste das Herz das für mich schon geblutet hatte in das meinige schließen
So ward ich eine Accorombona und durch diesen wackeren tugendhaften Mann die
Mutter von vielen Kindern Meine leidenschaftliche Liebe aber hat er nie
besessen Lebt wohl teurer Freund wir sehen uns vielleicht in Tivoli
wieder«
Sie verfügte sich in das Haus um auch zur nahen Abreise Anstalten zu
treffen
Fünftes Kapitel
Am Donnerstage war man fröhlich bei Tische versammelt Kaporale ergötzte alle
Anwesenden durch heitere Erzählungen und nur Donna Julia war nachdenkend und
nahm am Scherz des Dichters nur wenig teil Peretti war ausgelassen wie man ihn
nur selten gesehen hatte und die Frauen tadelten es im stillen dass er sich des
heißen Weins im Übermaß erfreute Die Dienerschaft war schon zum Teil in Tivoli
und die letzten Wagen die am Morgen des folgenden Tages abgehn sollten standen
auch schon aufgepackt im Hofraum
Kaporale trennte sich diesmal er wusste selber nicht warum ungern von der
Gesellschaft Er zögerte noch beim Abschied Beklemmt und mit einem Seufzer
verließ er endlich das Haus
Man ging zeitiger schlafen als gewöhnlich um am Morgen desto früher wach
sein zu können Schon war Vittoria in ihr Gemach gegangen und die bekümmerte
Mutter schlief schon Peretti der die entferntesten Zimmer oben bewohnte hatte
sich da er berauscht war früher als alle niedergelegt Nur einige Diener waren
noch wach
Da klopfte es laut und ungestüm an das Tor wie wenn jemand in Eile wichtige
Nachrichten bringt Der Diener öffnete und verwunderte sich im stillen dass der
rohe unstäte Mancini einer der verdächtigsten Gesellen in Rom so dreist und
so spät eintreten dürfe Er müsse augenblicks den Herren Signor Peretti
sprechen ein wichtiges höchst wichtiges Blattabe er ihm zu überreichen Da
der freche Bote nicht abliess so führte der alte Guido den Ungestümen in das
Schlafzimmer seines Herrn Es war nicht leicht den weinbetäubten Peretti zu
ermuntern Als es endlich gelang und dieser den Boten der immer zu seinen
Vertrauten gehört hatte erkannte als Kerzen angezündet waren las er den
Brief welcher folgendermaßen lautete
»Geliebter Schwager sowie Du dies Blatt empfangen hast wirf Dich in die
Kleider und eile nach Monte Kavallo in das Dir wohlbekannte Haus wo wir schon
öfters Rates pflogen Etwas höchst Wichtiges hat sich ereignet welches den
frühern Beschluss umstösst oder wesentlich verändert Der Bewusste den Du
ebensosehr liebst wie fürchtest rechnet mit Sicherheit auf Dein pünktliches
Erscheinen Morgen wie Du es selber weißt ist alles zu spät Wenn Dein Wohl
Dir lieb ist so sieht Dich alsbald
Dein Marcello«
In der größten Eile kleidete sich Peretti an und ließ den jüngeren Diener
wecken der ihn mit einer Fackel begleiten sollte Guido hatte indessen das Haus
munter gemacht und die erschreckten Frauen warfen sich schnell in die Kleider
Peretti kam ihnen schwankend schon auf dem Vorsaal entgegen »Lieber Sohn«
rief Donna Julia in Angst »könnt Ihr wirklich die Absicht haben jetzt in
später Nacht noch auszugehn«
»Ich muss« erwiderte der junge Mann »lasst mich ich habe Eile und werde
alsbald wiederkehren«
Vittoria sagte »Wenn ich über dich etwas vermag Francesco so bleibst du
im Hause Du weißt es selbst wie unsicher die Stadt ist und wie mir Guido
sagt ist es der nichtswürdige Mancini der dich in so verdächtiger Stunde
abholt Erwarte wenigstens den Morgen wenn dein Geschäft denn so nötig ist und
wir reisen lieber einige Stunden oder einen Tag später nach Tivoli«
»Du kennst die Umstände nicht« rief der geängstete Peretti dem der Boden
brannte sich eiligst auf dem bestimmten Platz einzufinden wo wie er
vorausetzte sein mächtiger Gönner ihn erwartete »Was sprecht Ihr mir von
Mancini Dein eigener Bruder Marcello ist es der mich so dringend zu sich
entbietet Vielleicht kann ich ihn vom Bann lösen vielleicht gilt es sein
Leben«
Sowie der Name Marcello nur genannt wurde schrie Donna Julia laut auf
heftig erschreckend »Also der Unglückliche Verlorne wagt es doch wieder
die verbotene Stadt zu betreten Er bringt sein Haupt zum Block«
»So dumm ist er nicht« antwortete Peretti »ei was er ist wohl schon öfter
hier gewesen und hat fünf Tage hier in meinem Hause gewohnt wovon ihr freilich
nichts habt wissen dürfen«
»O Gott Gott Jesus Maria so steht es« schrie Donna Julia ganz und gar
aus der Fassung Ein kalter Todesschweiss rann ihr in großen Tropfen von der
Stirn über das leichenblasse Angesicht das Haupthaar weiß und braun gemischt
floss aus der leicht geschürzten Kopfbinde nieder sie stürzte jetzt die Hände
in Verzweiflung ringend auf die Knie und fasste krampfhaft den Mantel des
fortstrebenden Francesco um ihn festzuhalten »Ihr müsst bleiben« rief ihre
bebende Stimme »bei allen Heiligen beschwöre ich Euch denn Ihr rennt ich seh
es in Euer Verderben Tochter Vittoria kniee mit mir und flehe mit mir
mit Tränen und Schluchzen flehe den Hartnäckigen den Wahnsinnigen an dass er
bei uns bleibt«
Sie stellte sich hoch aufrecht und erhob sich noch auf den Zehen und
drückte mit beiden Händen diese auf die Schultern pressend die Tochter mit
gewaltiger Kraft auf den Boden nieder Vittoria folgte dem Zwange nur mit halbem
Willen »Du bleibst« rief Virginia nun »Sünder du bleibst Mein Fluch folgt
dir Unsinniger wenn du die Schwelle überschreitest Sind nicht Ketten da um
den Rasenden den Bösewicht an die Mauern zu schließen«
Erblasst standen die Diener umher und schauten mit Entsetzen und zitternden
Lippen dieser furchtbaren Szene zu Die alte Amme bekreuzte sich und betete
halblaut Peretti aber stieß mit dem Fuß nach Vittoria riss den Mantel so
gewaltig aus den Händen der Mutter dass diese zurücktaumelte und mit den
Ellenbogen auf den marmornen Fußboden schlug So sprang er über die Türschwelle
und Vittoria sendete einen tötenden Blick dem Wütenden nach
Auf der Straße angekommen schüttelte sich Peretti schaudernd und murmelte
»Die Weiber sind voll süßen Weines und meine Übermütige spricht mir als wenn
sie alles wüsste Nun morgen bin ich ihrer los«
Ein feiner Regen fiel die Fackel leuchtete qualmend und rot in der
Dunkelheit So kamen beide unten bei Monte Kavallo an Da fielen zugleich drei
Schüsse und Peretti stürzte nieder Der Diener entsprang Dunkle Gestalten
näherten sich dem auf dem Boden Liegenden welcher nur matt winselte Sieben
Schwerter fuhren durch seinen Busen er zuckte nicht mehr Die Mörder
überzeugten sich von seinem Tode und entfernten sich stillschweigend in
verschiedenen Richtungen
Der Diener war nachdem er die Fackel ausgelöscht hatte mit Entsetzen nach dem
Hause zurückgerannt Hier waren alle noch in heftigster Bewegung und Aufreizung
»O welcher Schutz« rief Donna Julia aus »war uns dieser schwächliche
Jüngling« Vittoria noch so unangekleidet wie sie gewesen saß in einer Ecke
und lehnte das Haupt in die Hand den Arm auf den Tisch gestützt
Nun brachte man die Leiche die der Diener mit den übrigen Leuten auf einer
Bahre von der Straße geholt hatte Kaporale der schon das Gerücht vernommen
hatte kam wieder alle waren stumm oder nur einzelne Silben wurden im Saale
vernommen Jetzt ward Montalto gemeldet Der kranke gebückte Greis setzte sich
ohne die andern zu begrüßen auf den Boden zum Leichnam nieder Er fasste dessen
Hand und benetzte sie mit Tränen Man hatte ihn nie vor andern Menschen weinen
sehen Dann erhob er sich und tröstete Gattin und Mutter Mit scheinbarer Ruhe
sprach er von den Schickungen denen sich alle Menschen unterwerfen und die
Hand des Vaters küssen müssen auch wenn sie nach unserer Meinung etwas zu
strenge züchtige
Als er in seine Wohnung zurückgekehrt war begaben sich die Trauernden
Trostlosen auch wieder auf ihr Lager
Von der Reise nach Tivoli war nicht mehr die Rede
Sechstes Kapitel
Ganz Rom war dieses Mordes wegen in Bewegung Da man die Täter in finsterer
Nacht nicht hatte ergreifen können da niemand sie gesehen hatte so erschöpfte
sich jedermann um so mehr in Vermutungen Leidenschaft und feindselige
Gesinnung Parteihass und Vorliebe machten sich bei diesem tragischen Vorfall
geltend und hundert verschiedene Namen wurden genannt sowie viele Vornehme
angeklagt und von andern verteidigt
Der alte Kardinal saß noch angekleidet am frühsten Morgen auf seinem Zimmer
Schreck und Kummer hatten es ihm nicht erlauben wollen sich auf sein Lager zu
werfen und den Schlaf zu suchen Seine Diener hatten ihm vieles und mancherlei
durcheinander erzählt widersprechende Gerüchte und Fabeln aber auch Tatsachen
die mit der Wahrheit übereinkamen »Also dieser Mensch« sagte er zu sich
selber »dieser verruchte Marcello er ist der Mörder oder der Eingeweihte des
Komplotts Er dem ich mich als Wohltäter erwies den ich damals vom Tode
rettete um den ich mein Gefühl des Rechtes unterdrückte mir bittere Vorwürfe
im Gewissen seinetalb machte nun ja nun hat er es mir vergolten und ich muss
mir in meinem stillen Innern sagen dass mir recht geschieht dass der Himmel so
meine sündliche Nachgiebigkeit bestraft freilich schwer hart so wird mir
meine Liebe mein Mitleiden vergolten dass ich einmal der Rührung meines
Herzens den weinenden Klagen einer Mutter nachgegeben« Er weinte bitterlich
und legte sein Haupt zwischen den Armen auf den Tisch auf welchem viele Papiere
lagen die er noch nicht angesehen hatte
Als er sich am Weinen gesättigt saß er aufrecht um dem Papst den Vortrag
über wichtige Geschäfte halten zu können So trafen ihn in seiner Ruhe mit
trocknem und festen Blick bei der Arbeit die ihn besuchenden Kardinäle Der
Medicäer war sehr gerührt und Borromäus konnte ihn nur von Tränen unterbrochen
begrüßen Diese und andre Kardinäle bewunderten seine Standhaftigkeit und
Ergebung in den Willen des Schicksals Fest und ungebeugt trat Montalto in die
Versammlung der Kardinäle gefasst und scheinbar ruhig Freund und Feind
begrüßten ihn dort mit der herzlichsten Rührung viele reichten ihm die Hand
und keiner war der ihm nicht seine aufrichtige Teilnahme bewiesen hätte Selbst
Farnese und die Partei die sich bis dahin immer die Miene gegeben hatte ihn zu
verachten äußerte ihre Verehrung und Bewunderung über diese wie sie sagten
mehr als menschliche Fassung
Als Montalto in das Zimmer des Papstes trat ging ihm der alte Gregor
entgegen drückte ihm die Hand und weinte herzlich »Wir wollen« sagte er dann
»diesen abscheulichen Meuchelmord mit der größten Strenge und Gründlichkeit
untersuchen und seid versichert alter bewährter Freund der Schuldige mag er
auch sein wer er will soll zu Eurer Genugtuung furchtbar bestraft werden«
»Heiligster Vater« erwiderte Montalto erschüttert »wenn mein Wort etwas
gilt und meine Bitte so lassen wir diese traurige Geschichte völlig ruhen und
übergeben sie wo möglich der Vergessenheit Ich mag nicht die Veranlassung
geben dass neue Händel und Verwirrungen entstehn unvermutete Entdeckungen die
die jetzigen Faktionen verstärken und andere erschaffen könnten Lassen wir dem
Herrn die Strafe der mir nach seiner Weisheit und Liebe diesen Kummer in meinem
Alter gesendet hat«
»Der Papst sah den Redenden mit einem großen verwunderten Blicke an Sie
gingen zu den Geschäften über und als diese geendigt waren und andere
Kardinäle eintraten sagte er zu einigen von diesen Dieser Montalto ist ein
ebenso großer als kluger Mann sein unerschütterlicher Gleichmut verdient die
allerhöchste Bewunderung«
So gingen einige Tage vorüber Peretti war nach dem Wunsche seines Oheims
mit wenigem Pomp um das Aufsehen nicht zu verstärken beerdiget worden Eine
stille dumpfe Trauer herrschte in der Familie Accoromboni sie nahmen nicht alle
Besuche an welche ihnen von Teilnehmenden gemacht wurden viele aber die sich
bisher laut genug zu den Freunden des Hauses gerechnet hatten blieben aus so
wie der Kardinal Farnese manche gaben nur schriftlich ihre trauernde Begrüßung
ab und Bracciano war bei einem kurzen Besuche so erschüttert dass er sich bald
wieder entfernen musste und Vittoria keine Beruhigung von ihm empfangen konnte
Diese war endlich durch das Übermaß der vielen sie bestürmenden Gefühle
völlig aufgelöst Ihre Nächte waren schlaflos die Nahrung stärkte und erquickte
sie nicht und so nach einem kurzen Fieberzustande sank sie in eine stumpfe
Bewusstlosigkeit Sie war nicht mehr fähig ihr Schicksal zu überdenken sich
aller Umstände zu erinnern die sie so nach und nach in diese abscheuliche Lage
geworfen hatten Diese gewaltsame Wendung ihres Lebens hatte sie so plötzlich
überrascht dass sie noch keines freien Entschlusses fähig war Ihr Gemüt das
sie für so reich gehalten hatte schien ihr nun völlig verarmt sie sah mit
Entsetzen in diese innere Leere und begriff nicht wohin alle diese Kräfte
entschwunden waren die ihr sonst immer Halt gegeben die Gefühle von denen sie
in allen Lagen selbst in der Verzweiflung Trost empfangen hatte
»Wozu« rief sie in nächtlicher Einsamkeit in ihrem starren Unmut auf »habe
ich mich denn immer für besser als viele andre gehalten wenn jetzt der Brunnen
des Lebens so völlig in mir versiegt Ich glaubte ja immer von den Musen
begünstigt zu sein und mich in unmittelbarer Berührung mit göttlichen Kräften
zu befinden warum gestatte ich denn nun der toten kalten Erde die Herrschaft
über meinen Geist und rufe nicht jene Bundesgenossen zu Hilfe die mir in
Stunden des Übermutes fröhlich und lächelnd beistanden«
Sie setzte sich nieder tat einige Griffe auf ihrer Laute und schrieb dann
ein Gedicht in Terzinen dessen Inhalt ungefähr folgender war
Ernst und Trauer des Lebens
Vielleicht sagt man mit Recht wir seien alle verbannte Geister die
unwürdig ihres höheren Glückes sich auflehnend gegen die Liebe in den Zustand
versenkt wurden der mit dem Tode verwandt ist und den wir Menschen unser Leben
nennen
So wachsen denn gedeihen wir und unsere Jugend ist ein Traum der in uns
webt Rosengewölk vor dem Aufgang der ersten heißen Sonne
Nun da wir jagdfähig sind treten die Dämonen mit Weidmannsgerät in das
Revier die Hunde von der Leine los jagen kläffend den armen Hirsch bis er
zerfleischt ermüdet Blut schwitzend unter ihren Bissen niedersinkt
So sitzt der Fischer lächelnd schlautückisch am Fluss und senkt den
lockenden Köder hinein Der arme bunte Fisch er spielt an der Angel gereizt
verschlingt er den Hamen und am Gaumen wird er aus seinem Element mit dem
grausamen Haken herauf gerissen
Das Kind spielt mit dem unschuldigen Lamm beide hüpfen im Frühlingslicht
Doch im Busche steht schon lauernd der Schlächter und wetzt sein blutgieriges
Messer
Gibt es etwas anders denn Verlust denn jeder Gewinn wird uns nur geliehen
damit der Schmerz des Verlierens folge So scherzen grausame Menschen mit
Kindern schenken ihnen glänzende Sachen zum Schein und wenn sie sich recht
daran freuen entreißen sie sie ihnen wieder und lachen ihrer Tränen
So werden uns Eltern Geschwister durch den unerbittlichen Tod entrissen
die lieben Jugendfreunde alles war nur Spielzeug und liegt zertrümmert im
Staube
O schlimmer andre sie leben und weben noch in ihrer Gestalt Verbrechen
Unsinn hat sie uns von der Brust gerissen und wir zittern bei jedem Windhauch
der uns leidige Nachricht von ihnen zuwehen möchte
Am fürchterlichsten wenn wir hassen und verachten müssen wo dasselbe
Mutterblut uns zuschreit du sollst lieben Welche Sprache welche Tonweise
ermisst diesen Schmerz
Solon gab kein Gesetz gegen Vatermord weil sich die Natur des Menschen
dahin nicht verirren könne So versagt die von Gott uns offenbarte Sprache den
Ausdruck diesem Jammer
Das Herz stirbt ab und bricht der Seufzer schreit die Verzweiflung sieht
starr Das ist die Sprache So brüllt in öder Wüste der verhungernde Löwe nach
Raub und die stummen Felsen hallen zitternd wider
Armer Peretti Was warst du mir Was konnt ich dir bedeuten Wie in lebloser
Maschine kein Rad vom andern weiß und doch das eine das andere treibt so lief
mit uns nebeneinander das Getriebe unsers Daseins
Und du bist dahin Dir und der Welt entrissen nicht mir Eigensinn
Verblendung trieb dich deinem schaudervollen Untergange entgegen die Hemmung
die warnende der Freunde zerbrachst du ungestüm
Und ängstigende Ahndung weht um mich Mir dünkt ich sehe die unsichtbaren
Dämonen schadenfroh lachen und die gierigen Zähne fletschen Der Glanz der
weißen Hauer blitzt leuchtend durch die Nacht
Sie werden der Unschuldigen nachjagen schon trieft das Blut aus meinem
Herzen die Witterung macht sie nur lüsterner und wilder Ich sinke nieder
todesmatt
Der biedre herzliche Kaporale zeigte sich auch jetzt wieder als der treueste
Freund Er kam täglich tröstete verweilte bei den Trauernden und ließ sich
von keinem Geschwätz von keiner Verleumdung irremachen In solcher Flut der
Verwirrnis erkannte Vittoria sowie ihre Mutter den Wert eines solchen Mannes der
in den Augen der Welt nicht glänzte
So trat er auch an einem Morgen in das Zimmer der Trauernden Er war
tiefsinnig ihm schien etwas sehr Schweres auf dem Herzen zu lasten
»Wie seid Ihr heut so anders alter Freund« begann endlich die Mutter »ist
Euch ein Unglück zugestoßen«
»Ja wohl« erwiderte der Dichter »und ein solches dass ich davon ganz zu
Boden gedrückt werde Es lebt hier in Rom seit einiger Zeit ein Kavalier aus
England ein Katholik der seiner Religion wegen wie er vorgibt aus seinem
Lande verbannt ist Da ich aber sehe dass er mit den einflussreichsten Kardinälen
und Prälaten in Verbindung steht und mit dem Governador in einem ziemlich
vertrauten Verhältnis lebt so vermute ich vielmehr er ist ein maskierter
Beobachter und Unterhändler für seine verständige und politische Königin Dieser
Mann hat mich seit einiger Zeit in sein Herz geschlossen und interessiert sich
weil ich viel von Euch erzählte für Euer Schicksal So habe ich denn durch
diesen Ritter Karre etwas erfahren das für Euch von der höchsten Wichtigkeit
ist Der edle Montalto wünscht dass diese Untat und das Unglück vergessen und
verschwiegen bleibe was die Urheber betrifft wer sie auch sein mögen und was
sie beabsichtiget haben O dieser Alte ist ebenso klug als großmütig Er will
sich keine Feinde erregen da ihm bei einem Wechsel der Regierung mächtige
Familien hemmend entgegentreten könnten obgleich ihm alle die Gerüchte
Vermutungen und Verleumdungen nicht unbekannt geblieben sind und er auch im
stillen seine Meinung und Oberzeugung gefasst hat Die Medicäer wollen aber die
Sache nicht auf sich beruhen lassen und Farnese hat sich zu dem klugen
Ferdinand gesellt so wie der fromme Borromäus ihnen folgen noch einige
Unbedeutende welche meinen die Ehre des Staates verlange dass dieses
Verbrechen untersucht und bestraft werde Der Papst welcher erbittert ist und
vom Schicksal Montaltos tief gerührt lässt ihnen freie Hand Der elende Mancini
der an jenem Abend die Botschaft brachte ist gefangen oder hat sich fangen
lassen bei ihm hat man noch jenen Zettel von Marcellos Hand gefunden der
Verkäufliche soll auf der Folter schon allerhand ausgesagt haben was wie ich
glaube ihm in den Mund gelegt ist und so ist man im Begriff Tugend und Ehre
der edelsten Menschen zu verunglimpfen So hat denn auch natürlich bestochen
jener Valentini von welchem Peretti damals schwer verwundet ward einen Brief
eingesendet in welchem er sich selbst zur Mordtat bekannt weil er schon seit
lange Peretti gehasst habe und nun noch von Schönheit Huld Überredung und
tausend solcher Herrlichkeiten zur Tat getrieben sei von jenen die er
angedeutet habe die er aber auch bestimmter bezeichnen könne«
»Redet ganz aus« rief die Mutter schon außer Fassung gesetzt
»Ihr wisst« fuhr Kaporale mit bewegter Stimme fort »dass Ihr nach den
Gesetzen hier in diesem Hause nicht bleiben könnt denn da Peretti ohne Erben
gestorben ist so fällt es mit allem Zubehör an Montalto zurück Euch bleibt
also nichts übrig als Euch in Eure frühere Wohnung zu begeben oder Euch beide
unter den Schutz des Bischofs Eures ältesten Sohnes zu stellen der jetzt das
Haupt der Familie ist«
»Auf keinen Fall« rief Vittoria und stand empört vom Sessel auf »als
Sklavin wäre ich dann verhandelt Ich habe mir längst gedacht was die elenden
Menschen vermuten und ausschwatzen werden und die am giftigsten die am besten
die Wahrheit wissen«
»So ist es« sagte Kaporale »den Mächtigen der es vor seinem Gewissen
verantworten mag was er getan hat wird man nicht beschuldigen man wird es
nicht wagen in diesem Prozesse nur seinen Namen zu nennen So ergießt sich dann
die ganze Flut der Schmähung auf arme wehrlose Weiber die ohne Schutz dastehn
ganz preisgegeben dem Sturm und Unwetter der Verleumdung Da Ihr so ganz
ohnmächtig seid und Euer kleines Haus Euch kein Asyl geben kann so müsst Ihr
Euch durchaus unter den Schutz eines Großen stellen Doch ist der tugendhafte
Farnese der jetzt der Gewaltigste wäre ganz von Euch abgefallen«
»So bleibt uns nur« rief Vittoria aus »der Palast des Herzogs von
Bracciano übrig
Das war auch mein Gedanke« antwortete Kaporale
»Wird er uns aber in dieser Bedrängnis aufnehmen und seinen Namen
preisgeben wollen«
»Ich komme von ihm her meine Angst um Euch trieb mich zu ihm er öffnet
Euch seine Tür und Ihr seid dort wenigstens für den Augenblick vor Schimpf und
Gewalttat sicher«
Die Mutter irrte verwildert im Saal umher und rang die Hände »So wird es
ja aber« rief sie aus »nur bestätigt dass er der Urheber des Frevels ist dass
wir um ihn wussten und ihn bewilligten dass meine Tochter seine Geliebte ist dass
ich Alte Unglückselige die Kupplerin vorstellte und mein Jüngster Flaminio
sich auch deswegen hat abkaufen und bezahlen lassen Nun sind ja Ottavio und
Farnese die Tugendhaften und wir die Verbrecher O Himmel Himmel wie hart wie
grausam bestrafst du meinen Stolz mit dem ich früher auf meine Kinder hinsah
Wohin wohin hat uns das Notwendige Gute wohin das Schicksal geführt dass wir
nun in diesem ehernen Netze gefangen liegen und alle unsre Glieder tödlich
gelähmt sind O du unbefleckter Ruf meines tugendhaften Hauses Es bleibt uns
nichts als Verzweiflung und Untergang«
»Fassung Mutter« sagte Vittoria in ihrer großartigen Weise »das Nächste
Notwendigste müssen wir auch jetzt ebenso wie damals ergreifen Konnt ich den
Entschluss zu jener unglückseligen Vermählung fassen weil es die unerbittliche
Notwendigkeit so forderte so kann ich mich auch jetzt diesem Zwange beugen
Verleumdung befleckter Ruf O wohl ist Ehre und guter Name ein unschätzbares
Kleinod aber Freund und Feind hat uns so in diese fürchterliche Enge
hineingezwängt so an die Felsen gedrückt dass weder Vorschritt noch Rückweg
möglich ist dass ich mich gefangengebe Nur sterben will ich nicht nicht jetzt
endigen wie ich es ehemals vermocht hätte weil ich das Leben kennengelernt
habe und weil ich es von der Zeit erwarte die oft billig und selbst gerecht
ist dass sie mich und die Meinigen wieder läutre Wir nehmen also den
großmütigen Schutz Braccianos an und werden uns als Flüchtige in dieser Stunde
noch in seinen Palast begeben«
So geschah es Farnese wütete als er diese Kühnheit erfuhr weil er
geglaubt hatte weder der Herzog noch die eingeschüchterte Familie würde eines
solchen Entschlusses fähig sein er hatte gehofft die armen Unterdrückten
würden ohne alle Bedingung seiner Gnade und Gewalt anheimfallen müssen
Bracciano war auf eine gewisse Art erfreut die Geliebte in seinem Hause und
Schutze zu wissen doch täuschte er sich auch nicht über die Gefahr der er
selber ausgesetzt sei wenn die Regierung jede Rücksicht fallenlasse und die
Untersuchung mit Strenge auf das Äußerste treibe Indessen sprach er Vittorien
Mut ein und verhieß dass er alle seine Gewalt daransetzen wolle dass nichts
Schreckliches eintreten könne
Die Gerichte durften es nicht wagen seinen Palast zu betreten aber der
Governador erschien selber bei ihm um Vittoria zu dem geistlichen Gericht der
Kardinäle vorzuladen
Im Saale des Vatikans hatten sich die Richter versammelt Voran als
Präsident der Kardinal Farnese ihm zunächst Karl Borromäus und Ferdinand der
Medicäer Noch waren andre Kardinäle und Bischöfe zugegen so wie einige
Schreiber und Richter der Kurie Man wollte vorläufig die Angeklagte und
scheinbar Schuldige verhören um nach den Aussagen und Bekenntnissen nachher den
eigentlichen Prozess zu beginnen Durch Protektion war es dem Ritter Karre
gelungen auch bei diesem Verhör zugelassen zu werden denn er war sehr
begierig diese Vittoria von der ganz Rom sprach über welche die Aussagen so
verschieden lauteten persönlich kennenzulernen
Alle erstaunten als sie statt einer Trauernden Demütigen die sie erwartet
hatten die hohe Gestalt im vollen Glanz ihrer blendenden Schönheit stolz
hereintreten sahen Sie hatte sich in ihre reichsten Gewänder gekleidet und ein
köstlicher Schmuck schimmerte von Hals und Nacken Farnese erschrak fast denn
er gestand sich dass er diese blasse Schönheit noch nie in so erhabenem Reiz
gesehen habe
»Auf diese Weise« begann Borromäus »erscheint Ihr die Sündige in dieser
erlauchten Versammlung Statt trauernde Witwe wie eine reichgeschmückte
Fürstenbraut statt der büssenden Magdalena eine heroische Judit Ist das Eure
Reue und Zerknirschung Wollt Ihr auf diese Weise den zürnenden Schatten Eures
Gemahls versöhnen«
»Wäre ich die« antwortete Vittoria stolz und mit fester Stimme »für die
ihr die sich meine Richter nennen mich ausgeben möchten so hätte ich schon
lange vorher mit kluger und berechneter Heuchelei meine Witwenschleier und
schwarzen Trauergewande fertig und bereit gehalten um mit verhülltem Antlitz
mit nachschleifendem Krepp und Tränen im Auge euer Mitleiden und Wohlwollen zu
erschleichen aber Schreck und Kummer haben mich so plötzlich überrascht dass
ich so künstlicher und hergebrachter Anstalten vergaß und mich lieber schmückte
weil dieser Tag meine Unschuld an das Licht bringen soll«
Ohne einen Wink oder die Erlaubnis ihrer Richter nahm sie den Sessel ein
der allein noch unbesetzt im Saale stand
Einer der Richter erhob sich und las mit lauter Stimme die Anklage vor Er
erzählte die Vermählung des jungen Peretti der den gütigen Oheim vermocht habe
ihn der so größere Ansprüche hatte mit einer nicht reichen aber schönen Dame
zu vereinigen welche er leidenschaftlich liebte Vittoria aber habe sich
niemals dankbar bezeigt sondern den Gemahl immer nur mit Kälte behandelt Sie
habe es vorgezogen statt eines einsamen stillen Lebens wie es ihr als der
Nichte eines frommen Kardinals gezieme ihr Haus zu einer poetischen Akademie
zum Sammelplatz von Fremden und Vornehmen zu machen um hier in Vorlesung
Dichtkunst Musik und Gesang sowie sonderbaren und ärgerlichen Gesprächen die
sich für philosophisch ausgaben zu schwelgen Sie und die Mutter hätten den
jungen Gemahl so sehr vernachlässiget dass sich dieser am wohlsten außer seinem
Hause befunden habe
Seinen Freunden habe er oft geklagt wie sehr es ihm empfindlich falle dass
er in seiner eigenen Familie zurückgesetzt werde Nun sei plötzlich dieser
Jüngling in der Mitternacht auf ebenso schreckliche als verräterische Weise
ermordet worden Lange habe man schon davon geflüstert dass diese Vittoria ihren
Mann loszuwerden wünsche um vielleicht eine andre noch vornehmere Ehe zu
schließen Schon einmal sei der verfolgte Peretti von einem Valentini fast
tödlich verwundet worden Seit lange sei ihr älterer Bruder der ehrwürdige
Bischof Ottavio mit der Schwester und Mutter in Zwist und habe sie fast niemals
besucht dagegen sei der zweite Bruder Marcello der Mörder und Bandit oft im
Hause versteckt gehalten worden Dieser Marcello habe in jener Nacht durch einen
Vertrauten den Signor Peretti nach jenem Mordplatze beschieden dieser
Vertraute Mancini habe ausgesagt noch beim Abschiede in jener Nacht habe die
junge Gemahlin dem Manne der zum Tode bestimmt war laut ihre Verwünschungen
nachgesendet Die Mutter Donna Julia habe das tödliche Komplott mit Klugheit
geführt und Ursula die alte Amme sei Mitwisserin der Bosheit Die Mörder
seien alle wie dieser Mancini aussagte entflohen der eine von ihnen ein
Untertan eines großen mächtigen Herrn den er aber nicht nennen könne und
wolle Valentini habe aber seitdem geschrieben dass er auf Anstiften die Tat
verübt habe Was sei also wahrscheinlicher als dass dieser Marcello der
offenbar der Mitwisser des Mordes sei wo nicht das Haupt des abscheulichen
Komplotts mit der Schwester Vittoria vereinigt um den im Wege stehenden
unglücklichen Peretti zu entfernen mit dem ruchlosen Bruder und der gottlosen
Mutter für die Mörder anzusehen seien
Jetzt erhob sich vor dem Saale ein lautes Geräusch Die Türen wurden
gewaltsam aufgerissen ein großer starker Mann stieß mit Ungestüm die Diener
zurück und trat stolz herein Es war der Herzog Bracciano in seiner reichsten
und kostbarsten Fürstenkleidung mit allen Orden geschmückt und Ketten und
Juwelen auf der Brust sowie glänzende Steine am Hut Er verneigte sich
nachlässig als er hereintrat
Vittoria ward rot als sie ihn erkannte senkte dann das Haupt und lächelte
still in sich Die Kardinäle waren bei dieser unvermuteten Erscheinung verlegen
und einer der Richter erhob sich in ängstlicher Eile um für den Fürsten einen
Sessel zu suchen Er fand keinen und näherte sich Vittorien als wenn er ihr
bedeuten wollte aufzustehen und dem Höheren Platz zu machen Sie sah ihn nicht
an und blieb ruhig worauf er Miene machte als wolle er sie vom Sessel
aufheben Da eilte der Herzog herbei fasste mit starker Hand den Arm des
Richters führte ihn nach seinem Sitze zurück und drückte ihn hastig und
gewaltsam auf diesen nieder Hierauf nahm er eine Art Fussbank oder kleinen
Schemel der im Winkel stand trug ihn in die Mitte des Saals legte seinen
kostbar gestickten Mantel ab breitete diesen über das demütige Brett und setzte
sich darauf ohne im mindesten seine stolze Miene zu verändern
Jetzt erhob sich Vittoria und trat vor ihre Richter Sie vermied es Farnese
anzuschauen der über ihre Gegenwart halb verlegen und halb erfreut war »Wie
schmerzt es mich« begann sie mit fester Stimme »in dieser hochehrwürdigen
Versammlung den tugendhaften Montalto zu vermissen dem ich vertraue der mich
einst liebte in dessen Gegenwart von seinem Blick befeuert es mir noch
leichter sein würde alle diese leeren gehaltlosen Anklagen niederzuschlagen
und diese Verleumdung wie Staub von mir zu schütteln Meine ehrwürdige
tugendhafte Mutter die ihr ganzes Leben nur ihren geliebten Kindern zum Opfer
gebracht hat die von allen Freunden und Bekannten verehrt wurde diese eine
Mörderin Und wofür Weshalb Hat sie je Rang und Größe auf niedrige oder gar
schändliche Weise zu erringen gesucht Ihr ganzes Leben mit allen seinen
Aufopferungen spricht für das Gegenteil Ich darf wohl daran erinnern denn die
Sache ist ja stadtkundig wie weder ich noch sie den Bewerbungen jenes jungen
reichen und mächtigen Luigi der sich sogar Gewalttätigkeiten erlauben wollte
nachgab oder entgegenkam War es uns denn um Glanz und Reichtum zu tun so wurde
er uns ja hier gewissermaßen aufgedrungen Der große ehrwürdige Kardinal Farnese
hat meine tugendhafte Mutter seit vielen Jahren gekannt ja ich darf es sagen
ohne seine Würde zu kränken er ist immerdar ihr wahrer Freund gewesen und hat
es niemals an Beweisen der Achtung und des Vertrauens fehlen lassen Er mag
jetzt dreist und entschlossen sagen ob er diese abgeschmackte Anklage auch nur
für möglich hält Ja ich nenne sie abgeschmackt und die hohe Versammlung
verzeihe mir diesen Ausdruck denn ich finde kein andres Wort für diese
unzusammenhängenden sich widersprechenden Aussagen Sei es ich liebte Peretti
nicht weiß denn der fromme tugendhafte Borromäus oder der hohe Medicäer ob
ich irgend Ursach hatte diesen Mann zu lieben Hat er mich geliebt War er ein
treuer Ehegatte Hat er mich nicht vielleicht tödlich verletzt und beleidigt
Doch ich will nicht anklagen wenn ich auch meinen Wandel nicht zu rechtfertigen
brauche Mein unglücklicher Bruder Marcello ja dieser ist das Unglück der
wahre Schmerz meines Lebens wenn er mit den Mördern wie es scheint in
Verbindung war wenn er sie vielleicht führte so ist es doch unbegreiflich
wie auf ein dunkles Wort von ihm Peretti so wahnsinnig sein konnte nach dem
Ort der Bestimmung zu eilen Er muss diesem Marcello also doch unbedingt vertraut
haben er muss sein Herzensfreund sein Verbündeter wer weiß zu welcher
Freveltat gewesen sein Und ich die ich erst spät erfuhr die ich mich
entsetzte als ich es vernahm dass Marcello von Peretti oft in unserm Hause
versteckt gewesen sei ich soll gegen meine Ehre Wohlfahrt und Leben ein
solches Komplott geleitet haben Ja ich bekenne offen und laut verwünscht
habe ich diesen Peretti als er in jener furchtbaren Nacht trotz aller Bitten
und Warnungen von uns eilte als meine ehrwürdige Mutter wie wahnsinnig vor
Schmerz weinend und schluchzend seine Knie umfasste und er sie zurückstiess
Man stelle doch diesen elenden verächtlichen Mancini mir gegenüber er
wiederhole Auge im Auge mir jene furchtbare Anklage ich weiß ich behaupte
es er wird vor meinem Blick zuschanden werden der Verächtliche er wird meine
Anrede und Frage nicht ertragen können Man rufe den Valentini herbei der jenen
Brief soll geschrieben haben Und dann wenn ich denn dahin gezwungen werde
werde ich auch statt Abbitte und Bekenntnis eine Anklage anregen können die
vielleicht den Dreistesten und Übermütigsten der sich so sicher dünkt in
Verwirrung ja Betäubung versetzen möchte Ich habe erfahren was in jener Nacht
vorfiel als der arme berauschte Peretti in sein Haus früher von jenem Festino
zurückkehrte als er uns gesagt hatte vielleicht lässt es sich wahrscheinlich
machen dass diese Nacht das Vorspiel zu jener trübseligen war die wir alle
beklagen«
Die letzten Worte hatte sie an den Kardinal Farnese gerichtet jetzt ging
sie ganz nahe zu ihm und sah ihn fest mit jenem durchbohrenden Blicke an
dessen Feuer noch niemand hatte ertragen können Der Alte ward sichtlich
verwirrt er erblasste er wollte sich zusammenfassen und man bemerkte das
Zittern seiner Hände Borromäus und Medici als aufmerksame Beobachter sahen
alles und errieten noch mehr sie ahneten jetzt dass die traurige Begebenheit
ganz anders zusammenhänge als man ihnen hatte vorspiegeln wollen Borromäus
ward sogar beschämt und der Medicäer beschloss die Sache so zu wenden wie er
es schon vor der Sitzung bedacht hatte die nicht stattgefunden wenn der fromme
erzürnte Papst nicht mit zu großem Ernst sie verlangt hätte
»Und meine Lebensweise« fing Vittoria wieder an »also soll es verdächtig
tadelnswürdig sein sich mit Poesie und Philosophie zu beschäftigen Mit
Fremden einem Tasso Kaporale und berühmten edlen Männern wie dem ernsten
Greise Sperone zu verkehren Ärgerliche Gespräche Wen haben sie geärgert
War dies alles doch die einzige Ursache wie er es selber hundertmal erklärt
hat dass der große Farnese unsre Familie so fleißig besuchte Sind denn etwa
geschminkte oder berüchtigte Buhlerinnen zu uns gekommen wie es doch an so
manchen Höfen geschieht die dort geduldet ja bewundert werden die herrschen
dürfen So mag nach meiner Rechtfertigung die ich wenn ich muss noch viel
bestimmter aussprechen kann die Versammlung über mich beschließen«
Es war nicht zu verkennen dass alle in Verlegenheit waren denn sie hatten
einen ganz andern Ausgang erwartet Es schien auch dem Befangensten
einzuleuchten dass nur die Tugend so stolz und dreist sprechen könne Man
vermutete dass ein andres schlimmeres Geheimnis hinter diesem laure Man sah
wie still und verlegen fast demütig der grossherzige Kardinal Farnese war der
in seiner triumphierenden Schadenfreude erst dieses Verhör am eifrigsten
gefordert hatte Auch dem nicht Scharfsichtigen fielen jetzt die Widersprüche in
der sonderbaren Anklage auf und alle waren still und sahen vor sich nieder Man
wusste ja wie oft Zeugen oder Verbrechern Worte in den Mund gelegt wurden um
ihnen auf diesem Wege ihre Verzeihung zu erleichtern um irgendeinem Gegner zu
schaden War doch auch der elende Mancini der auf der scharfen Folter alles
sollte ausgesagt haben schon freigelassen man hatte ihn nur verwarnt das
römische Gebiet bei Todesstrafe niemals wieder zu betreten Wusste man denn die
Summe die er vielleicht von jenen erhalten hatte denen seine Entfernung
notwendig war Valentinis Selbstanklage hatte noch weniger zu bedeuten
Ohne dass es mit einer Silbe ausgesprochen wurde hatte Vittoria schon einen
vollständigen Sieg erfochten worüber der Engländer entzückt war den die schöne
große Frau und ihre heroische Entschlossenheit begeistert hatte Jetzt erhob
sich der stolze Bracciano und wendete sich nachdem er alle durch eine
Verbeugung begrüßt hatte an den Kardinal Farnese der sich die Miene gab als
wenn er tiefsinnig in seinem Gedenkbuch etwas Wichtiges einzeichnete
»Ihr verehrter Freund« sprach Bracciano mit lauter Stimme »werdet also
wie die edle Witwe wünscht ihre Tugend und Unschuld am besten und kräftigsten
bezeugen können Soll Euer Stillschweigen nicht für Lossprechung gelten oder
verlangt der Heilige Vater und das Kollegium der Kardinäle die Fortsetzung des
Prozesses so erkläre ich hiermit dass ich imstande bin den wahren Mörder
anzuzeigen was ich auch gewiss tun werde wenn man mich zum Äußersten zwingt
Aber zum Äußersten ich wiederhole es werde ich dann getrieben Alle meine
Macht Mannschaft mein Ansehen meine Reichtümer meinen Einfluss werde ich dann
rücksichtslos daran strecken mit meinem Gut und Blut eine verleumdete Unschuld
zu verteidigen und zu erretten Es komme dann was kommen mag und meine Gegner
mögen sich dann selber die möglichen Folgen zuschreiben Dann eröffne ich aber
zugleich wie und wo ich es erfahren habe wozu dieser arme Peretti von einem
großen mächtigen Manne gemissbraucht werden sollte wird dies weltkundig so
steht es dahin ob noch irgend jemand selbst der edle Oheim das Schicksal des
Unglücklichen sonderlich bedauern würde«
Alle verstummten und sahen nach Farnese der heftig in sich kämpfte seine
Fassung nicht völlig zu verlieren Er war vernichtet denn was Vittorias Rede
nur angedeutet sprach der Herzog deutlich aus dass er selbst in jener Nacht die
schändliche Abrede angehört hatte Mit einem stolzen Gruß wendete sich Bracciano
nach der Tür Einer der Schreiber eilte ihm nach und sagte demütig »Exzellenz
Ihr habt Euren Mantel vergessen« er machte Miene ihn herbeizuholen »Kind«
sagte der stolze Mann »was kümmert dich das Lass liegen ich bin es nicht
gewohnt die Stühle auf denen ich sitze mit mir zu nehmen« So verließ er
den Saal
Jetzt erhob sich Farnese und sagte indem er die Versammlung eilig verließ
»Ich bin in meinem Gewissen gezwungen alles das zu bestätigen was der edle
Herzog oder die verständige tugendhafte Witwe selbst ausgesagt haben ich halte
sie für völlig unschuldig und erkläre dass wir durch falsche Angeber sind
getäuscht worden«
Der Medicäer erhob sich hierauf und sprach »Vittoria Accorombona
verwitwete Peretti wir sprechen Euch hiermit jedes Verdachtes an dem Morde des
Gemahls frei los und ledig Aber in dieser unruhigen Zeit verfolgt von
mächtigen Feinden wie Ihr es seid bedrängt von gewalttätigen Bewerbern die
wie Ihr selber wisst und ausgesagt habt keine Mittel scheuen selbst die
schrecklichen nicht ist es unsre Pflicht Euch auf einige Zeit von der Welt
abzusondern um Euch Sicherheit zu gewähren Dass Euer kleines Haus Euch diese
nicht verleiht dass es nicht ziemlich ist länger im Palast des Herzoges zu
verweilen muss Eurem hohen Verstande selber einleuchten Der Governador in
eigener hoher Person der Neffe und weltliche Stellvertreter unsers Heiligen
Vaters hat Euch die Ehre erwiesen Euch hierherzuführen er wird Euch
gleichfalls zurückbegleiten und Euch einen Teil seiner eignen Wohnung zum
Schutz in Kastell Angelo anweisen Nicht als Gefängnis bezieht Ihr diese Burg
sondern als wahres Asyl um Euch wie vor Verleumdung so auch vor persönlichen
Angriffen zu schützen Der Heilige Vater wird sich auch erweichen lassen und
Euch die völlige ungehemmte Freiheit wiedergewähren die Ihr scheinbar nur auf
einige Zeit verliert wenn sich alle diese ungestümen Wogen verlaufen haben«
Im Vorsaal empfing der Governador die Losgesprochene und führte sie nach der
Engelsburg wo sie mehrere Zimmer bewohnen sollte um weder Bracciano noch
andre ihrer Freunde oder Feinde auf einige Zeit zu sehen
Als im Palast der Medicäer der Kardinal Fernando und der Ritter Karre
angekommen waren sagte der letztere »Diese herrliche Frau sollte die Königin
eines großen Reiches sein«
»Man sagt« erwiderte der Medicäer »dass sie sich schon jetzt mit Bracciano
verlobt habe Sei sie übrigens unschuldig so darf doch unsre Familie diese
unkluge Ehe nicht zugeben damit die rechtmäßigen Kinder nicht in der Erbschaft
verkürzt werden Diese Missheiraten haben schon Unglück genug hervorgebracht Ich
zitterte dass sie mir von meiner jetzigen Schwägerin Bianca Kapello sprechen
würde Aber die Frau ist hochbegabt und verständig«
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
Es schien als sollte in Rom und dem Kirchenstaate mehr Ruhe einkehren und doch
zeigte sich plötzlich eine Landplage die schlimmer als alle früheren auch
noch das gemeine Volk drückte und es zur Verzweiflung brachte Eine Hungersnot
brach ein so gewaltig und furchtbar wie man sich keiner ähnlichen erinnern
konnte Es war dem Armen dem gemeinen Manne unmöglich das zu erschwingen was
nur das gewöhnliche Brot die alltäglichsten und wohlfeilsten Nahrungsmittel
kosteten In solchem Elende wird der Mensch zum Tier und es lässt sich nichts
erdenken was der aufgereizte wütige Pöbel dann nicht für erlaubt hält jede
Schranke erscheint ihm dann als Grausamkeit und jedes Gesetz als Willkür und
Wahnsinn
Alle Welt entsetzte sich vor den Greueln die jetzt täglich und stündlich
zur Sprache kamen Auch dem Feigsten zwang Notwehr und Verzweiflung die Waffen
in die Hand Man raubte und stahl man ermordete sich am lichten Tage vor aller
Augen und die Gerechtigkeit war viel zu schwach diesen Abscheulichkeiten
Einhalt zu tun
Öffentlich zogen die Banditen in großen Scharen durch die Stadt Die Großen
quartierten sie in ihren Palästen ein unter dem Vorwand dass sie ohne diese
Bewachung ihres Lebens nicht sicher sein würden Sooft der Kardinal Farnese
ausfuhr oder ritt sei es zum Besuch sei es zu Geschäften so begleitete ihn zum
Schutz ein Heer gemieteter und bewaffneter Banditen deren Anblick so
schreckerregend war dass alle Welt mit Entsetzen vor ihnen floh Auch die
verschiedenen Parteien dieser Banditen gerieten zuweilen in den Straßen der
Stadt ins Handgemenge und nicht selten blieben die Erschlagenen auf den Plätzen
liegen
Der alte Papst war in Verzweiflung als er diesen Unfug mit jedem Tage mehr
anwachsen sah Er fühlte die Abnahme seiner Kräfte und sein herannahendes Ende
Er vergoss bittere Tränen dass alle Versuche dem furchtbaren Unheil und der
Verzweiflung des Volkes Einhalt zu tun vergeblich waren Alle Klugen und
Verständigen seiner Umgebung alle Entschlossenen sprach er um Rat und Hilfe an
Borromäus und der Medicäer rieten aber alle Mittel die versucht und aufgeboten
wurden waren zu schwach Diese furchtbaren Banditen wurden von Grafen und
Baronen angeführt die sich verarmt und verzweifelnd zu ihnen geschlagen sie
machten aus Raub und Mord und bezahlter Rache ein ehrenvolles Gewerbe und da
sie von den größten Baronen Herzogen und Kardinälen in der Stadt öffentlich
beschützt und als Freunde anerkannt wurden so überstieg wie es begreiflich
ist ihre Frechheit alle Grenzen
Auch der Sohn des Papstes Buoncompagno der Governador von Rom suchte
seinem ehrwürdigen Vater zu helfen und ihm Rat zu erteilen »Glaubt mir« sagte
dieser in einer traulichen Stunde zu ihm »dieses Übel ist mehr in der Stadt
als außerhalb der Mauern Diese Frevler und freien Banden sind alle miteinander
einverstanden sie werden dadurch reich dass unsre armen Römer des Hungertodes
sterben Sie streifen bis vor die Tore Roms und nehmen den Landleuten die
Lebensmittel Mehl Korn Gemüse alles was diese zur Stadt führen Dann lassen
sie es durch die Ihrigen zu ungeheuren Preisen auf den Märkten verkaufen Das
Volk weiß es auch und lästert nicht diese Bösewichter sondern die schwache
Regierung Es ist keine andre Hilfe wir müssen einmal mit Strenge Gewalt ja
wenn es nicht anders möglich ist mit Grausamkeit einschreiten Die meisten
Paläste sind mit diesem Raubgesindel angefüllt sie wohnen sicher darin wie in
Festungen machen ihre Ausfälle plündern morden und kehren öffentlich in diese
zurück«
Der Papst war selber schon längst dieser Überzeugung gewesen Jetzt ließ
er und der Gouverneur den Obersten der Häscher Roms den Barigell Bozela zu sich
entbieten Ihm ward strenge anbefohlen alle Häscher um sich zu versammeln neue
anzuwerben und sie zu bewaffnen Sein Auftrag war alle Banditen die sich
betreffen ließ in der Stadt zu ergreifen und diejenigen die sich in den
Palästen versteckt hielten aus diesen mit Güte oder Gewalt herauszunehmen weil
die Gerechtigkeit des Asyls diesen Häusern schon längst von den Päpsten genommen
sei es also nur ein schädlicher Missbrauch heiße wenn die Adlichen unter diesem
nichtigen Vorwande Mördern und Räubern einen Zufluchtsort gestatten wollen
Der Barigell folgte dem Befehl und man hoffte jetzt dem Übel gesteuert zu
sehen Die Hungersnot ließ endlich nach aber aus dieser Maßregel erzeugte sich
neues Unglück
Man hatte wiederum mit dem berüchtigten Piccolomini kapitulieren müssen der
die zahlreichsten Banden viele Herren und Edelleute unter ihnen führte und
mit Rom in einem förmlichen Kriege begriffen war Er zog sich wieder in das
florentinische Gebiet zurück dankte für jetzt viele seiner Söldlinge ab und
versprach sich ruhig zu verhalten
Auch mit andern Anführern wurde unterhandelt und so konnte Rom wieder etwas
freier atmen allgemach fiel wieder der hohe Preis der Lebensmittel und man
hoffte auf Ruhe
Jetzt glaubte man sich kräftig genug um mit jenen Banditen die zu Zeiten
sich in Rom selbst aufhielten dreister verfahren zu können Es war ein Haus
ausgeraubt einige der Frevler waren gefangen worden und andre hatten sich in
den Palast des Raimund Orsini gerettet um hier eine Zuflucht zu suchen Der
Barigell der durch die neuesten Vorfälle mehr Mut bekommen hatte und der durch
den strengen Befehl des Governador wie des Papstes bevollmächtigt war drang
mit seinen Häschern in das Haus um die Flüchtlinge zu fordern und in das
Gefängnis zu führen Der Graf war abwesend und mit einigen Freunden auf einem
Spazierritt begriffen Die Diener weigerten sich die Banditen herauszugeben und
beriefen sich auf das Recht des Asyls und die Unverletzlichkeit des Hauses Der
Anführer widersprach das Recht sei längst aufgehoben und vernichtet und kein
Mensch dürfe sich seiner rechtmäßigen Obrigkeit widersetzen Während dieses
Streites und Zankes kam Graf Raimund mit seinen Genossen vom Spazierritt zurück
Der junge Mann war nicht ganz so wild und ungestüm wie sein Bruder Luigi aber
nicht minder stolz und hochfahrend auf seinen Adel und die Hoheit seines Blutes
eitel und unfähig eine Beleidigung oder was er die Verletzung seiner Rechte
nannte zu erdulden Er erstaunte den Obristen der Häscher mit seinem Gefolge
in seinem Hause zu finden Er zwang sich erst höflich zu sein und erkundigte
sich nach der Ursache dieses Besuchs Der Barigell antwortete dass er auf
allerhöchsten Befehl verschiedene Banditen verlange die der Graf ihm ausliefern
möge
»Ich erstaune Mann über Eure Dreistigkeit« rief Graf Raimund »habt Ihr
vergessen wem dieser Palast gehört und wer ich bin Dürft Ihr mein angebornes
Recht so frech verletzen und mit diesen Euren sauberen Gesellen über die
Schwelle meines Hauses schreiten«
»Herr Graf« rief ihm Bozela entgegen »mein und Euer Gebieter ist der
erlauchte Governador von Seiner päpstlichen Heiligkeit gar nicht einmal zu
sprechen Auf deren ausdrücklichen Befehl bin ich hier und so wie ich diesen
allerhöchsten Gewalten Gehorsam leisten muss werdet Ihr es auch«
»Welche neue nie erhörte Sprache« rief der erbitterte Graf »Woher diese
Frechheit Ich befehle Euch augenblicks mein Haus zu räumen und jene beiden
Gefangenen sogleich in Freiheit zu setzen wenn Ihr nicht meinen Zorn und Eure
Züchtigung erfahren wollt«
»Züchtigung« schrie jetzt im Jähzorn Bozela »Wer seid Ihr denn eigentlich
Ihr kleines Männchen dass Ihr also sprechen dürft«
Jetzt machte sich der eine Begleiter des Grafen Rusticucci auch ein junger
Mann herbei sowie der dritte Graf Savelli ein Schwager Raimunds Sie waren
besorgt dass Orsini sich in seinem Zorn vergessen könnte und ritten jetzt ganz
nahe zu ihrem Freunde heran
»Männchen« schrie Raimund erbost »wenn ich jetzt meinen Dienern dort
befehle Euch zu züchtigen Unverschämter so bekommt Ihr nur was Euch gebührt
Dankt es meiner Mäßigung und Großmut dass es nicht geschieht weil Ihr meinem
Zorne zu niedrig seid«
Rusticucci wollte vermitteln Savelli riet abzusteigen aber schon hatte
sich das Volk bei dem lauten Gezänk versammelt und drängte sich an das Haus
die Diener die sich im Palast befanden waren durch die Häscher abgeschnitten
von ihren Herren und konnten nicht durchdringen um diesen beim Absteigen zu
helfen So schrie jetzt alles durcheinander und im Volksgedränge bemerkte man
den alten gebrechlichen Montalto der sich vergeblich bestrebte die freie
Straße zu gewinnen um zur Kirche die er besuchen wollte hinzulenken Nun
hatte der Barigello auch schon alle Fassung verloren und schrie mit seiner
donnernden Stimme »Ihr der Herr Raimund Grossmütig Elender Wicht Ihr seid
selber ebenso schlimm wie jenes Gesindel denn Ihr beschirmt diese Räuber und
Mörder Ihr zieht Vorteil von diesen Landflüchtigen Ihr seid ein Empörer und
Rebell gegen Eure Obrigkeit und unsern Heiligsten Vater und wenn ich wollte so
könnte ich Euch selber als Gefangenen in den Kerker werfen und wenn ich es
jetzt nicht tue so bin ich als Amtsverwalter der Grossmütige gegen Euch«
»Nichtswürdiger Hund Bestie« schrie der Graf von Wut ganz außer sich
»die Kanaille will wie ein Prinz reden«
Und mit diesen Worten holte er mit der Reitpeitsche aus und schlug von oben
dem nahe stehenden Barigello so heftig über das Antlitz dass dieser im ersten
Augenblick glaubte blind zu sein Als der plötzlich reissende Schmerz der ihn
betäubt hatte entwichen war sah er sich nach seinen Leuten um winkte und auf
dies früher verabredete Zeichen donnerten zehn Schüsse aus den scharf geladenen
Doppelhaken Ein Schuss ging dicht dem Kardinal Montalto vorüber entsetzt sprang
das Volk auf die Seite die Straße ward für den Augenblick frei Der junge
Rusticucci lag aus der Brust blutend seinem Rosse hintenüber er griff
ohnmächtig mit den Händen auf die Steine als wenn er sich aufrichten wollte
das Pferd schlug hinten aus sprang seitwärts und schleppte ihn eine Strecke
über das Pflaster bis er als Leiche niederfiel Graf Raimund war totenbleich
er blutete stark auch in die Brust getroffen seine Leute hoben ihn vom Ross und
trugen den Ohnmächtigen nach seinem Zimmer andere Diener rannten nach Ärzten
Savelli hing über den Hals seines Pferdes vorn er nannte wimmernd den Namen
seines Schwagers Luigi Orsini ein Stallmeister empfing ihn in seinen Armen
und da er ebenfalls ohne Besinnung war ward er auch indem er viel Blut verlor
in den Palast getragen
Ein stummes Entsetzen hatte sich des Volkes bemächtigt Aber sosehr diese
geringen Menschen vom Adel waren gequält und misshandelt worden so betrachteten
sie doch mit Grauen diese blutige Tat der Häscher Die Jünglinge die so
schmählich endigen mussten dauerten sie so sehr dass sie Tränen vergossen und
sich nicht fassen konnten wie sie mit ihren Augen etwas so Ungeheures erlebt
und gesehen hatten was ihnen selbst nach der Tat als etwas Unmögliches erschien
Der Barigell führte mit seinen Häschern die Gefangenen triumphierend in das
Gefängnis denn es fiel im Hause keinem mehr ein die Banditen zu verweigern da
sie vollauf mit ihren sterbenden Gebietern zu tun hatten
Vittoria lebte völlig einsam und zurückgezogen aber nicht als eine Gefangene im
Kastell Ihre Zimmer waren angenehm geschmückt zwar nur mit einer Aussicht in
den innern Hof aber doch nicht unerfreulich Der Gouverneur besuchte sie
zuweilen und zeigte ihr die größte Hochachtung dessen Lieutenant Vitelli ein
jüngerer Mann mischte einige Zärtlichkeit ja Leidenschaft in den Ausdruck
seiner Verehrung weil er von der Schönheit Vittorias die er früher noch
niemals gesehen hatte bezaubert war Sie verstand recht gut dass diese
Gefangennehmug wie sie es mit allem Anstand doch war sie vom Herzog trennen
solle damit nicht geschehe was die Familie und auch die Medicäer fürchteten
dass er sich mit ihr vermähle und so auf neue Erben viele von den Gütern der
Bracciano übergehen möchten Da sie aus dem ihr angedrohten Prozess mit Triumph
geschritten war so überließ sie der Zeit ihr künftiges Schicksal zu
entwickeln Sie war jetzt damit zufrieden dass sie die Verlobte des Mannes war
den sie verehrte und liebte
Dass ihre Mutter wie man ihr sagte nicht wohl sei betrübte sie innigst da
es ihr unmöglich war sie zu pflegen und zu trösten Sonst wies sie alle
Besuche die zuweilen die Erlaubnis des Governadors erhielten zurück denn da
sie den Herzog Bracciano nicht sehen sollte er auch keinen Versuch machte bei
ihr einzudringen so wollte sie kein anderes menschliches Angesicht schauen
außer ihre Wächter und die alten Freunde ihrer Kindheit Guido und Ursula
welche sie mit sich genommen hatte
Bracciano hatte dem Papst und dem Medicäer versprechen müssen jetzt seine
Verbindung mit Vittorien aufzugeben Unter dieser Bedingung hatte man die
Anklage fallenlassen die Gerüchte unterdrückt keine andre Zeugen verhört und
Vittoria selbst auf anständige Weise bewacht Bracciano sah ein dass, wenn er
nicht nachgäbe und zum allgemeinen Ärgernis unmittelbar nach des Gatten Tode
sich mit der Witwe vermählte der verletzte Papst unerbittlich seine Familie
unversöhnlich sein und er alle Gunst des Volkes verlieren würde Alles was
boshafte Feinde gegen die Accoromboni aufbringen konnten erhielt dann eine
große Wahrscheinlichkeit und da nur die äußere Tatsache erschien und die
innersten geistigen Ursachen das moralische Getriebe verborgen bleiben mussten
so setzten sich beide dem allgemeinen Abscheu aus und es entstand dann die
Frage ob der Herzog trotz seiner Stellung mächtig genug sei der Kabale
gegenüber Vittorien vor Schande Einkerkerung vielleicht gar schimpflichem Tod
zu schützen ja ob er nicht selbst überwältigt den Sturz teilen würde So
waren es denn doch die Umstände welchen diese beiden starken Naturen nachgeben
mussten Sie beugten nur ungern den stolzen Nacken aber das Schicksal das sie
selbst herbeigerufen hatten bezwang sie dennoch
In dieser ruhigen fast anmutigen Einsamkeit war alle Bitterkeit aus dem
Gemüt Vittorias verschwunden Sie erlebte jetzt den Zustand in welchem auch der
starke Geist sich nicht ungern einer unbedingten Passivität hingibt Dies ist
kein Verzagen Sichaufgeben oder ohnmächtiges Verzweifeln sondern die Seele
taucht sich willig wie in einen erquickenden Schlaf in ein behagliches
Vergessen unter um wieder neue Kräfte für andre vielleicht nahe Stürme zu
sammeln
Nur einmal war ihr Zorn in seiner ganzen Stärke wieder aufgewacht Der
älteste Bruder Ottavio hatte sich mit Erlaubnis des Gouverneurs bei ihr
melden lassen und dringend ein Gespräch verlangt Sie war nicht zufrieden
damit ihn kurz abzuweisen sondern schickte ihm noch ein Billet voll
Bitterkeit durch den Diener in welchem sie ihm von neuem seine Schlechtigkeit
vorwarf Man sagte ihr dass er mit sehr bekümmerten Mienen sich entfernt habe
Zweites Kapitel
Ganz Rom war in der heftigsten Bewegung Der Adel der das was geschehen war
für Verletzung aller seiner Rechte für Beschimpfung und gewalttätigen Mord
erklärte rottete sich in den Häusern Straßen und auf den Plätzen zusammen
auch die Feindseligsten versöhnten sich und schwuren Rache und Vergeltung Die
Bürger verschlossen sich in ihren Häusern weil sie einen gewaltsamen Ausbruch
fürchteten Die Regierung war ungewiss was sie tun sollte der Barigell war mit
seiner Mannschaft allenthalben auf Wacht
Es fehlte dem Adel nur ein Haupt um die verschiedenen schwankenden
Entschlüsse auszuführen und zu diesem schwang sich durch Wut und ungebändigte
Wildheit Luigi Orsini auf Die alten Barone und Grafen selbst der Geistlichen
viele billigten die Rache von welcher alle durchglüht waren wenn jene auch
selber keinen tätigen Anteil nehmen wollten Luigi war derjenige welcher sich
mit Recht von allen am meisten gekränkt fühlen konnte Schon am folgenden Tage
war Raimund sein Bruder so wie sein Schwager Savelli an den Wunden gestorben
sie wurden zugleich mit dem jungen Rusticucci mit großem Pomp und vielem Tumult
und unter Geschrei und heftigen Reden beerdiget Im Palast des Luigi hatten sich
nach dem Begräbnis alle jungen Adlichen von den verschiedenen Familien
versammelt Die junge Gattin Luigis flehte umsonst »Du hast es mir so feierlich
versprochen« sagte sie »dich aller jener gewaltsamen Taten aller jener
Wildheit völlig zu entwöhnen die deinen Namen so berüchtigt gemacht haben ich
habe deinem heiligen Wort vertraut und mein Schicksal an das deinige geknüpft
und nun sollen jene schadenfrohen Prophezeiungen meiner Feindinnen dennoch in
Erfüllung gehen dass du deinen grausamen Sinn niemals ändern könntest Ich
beschwöre dich bleibe dieser abscheulichen Unternehmung fern verweile bei mir
rate deinen jungen ungestümen Freunden ab denn deine Stimme gilt alles bei
ihnen Wohin soll dieser Aufruhr führen Und wenn du fällst Wenn jene siegen
und die Regierung dich bannt oder gefangensetzt oder gar «
»Wie« schrie er im wildesten Zorn »dulden sollten wir es wir Fürsten und
Barone dass diese gemeinen elenden feigen Söldlinge uns so ungestraft
mordeten Uns wie das Vieh hinschlachteten Und wenn ich in Stücke gerissen
werde wenn Papst und Kardinäle und Rom untergehn so müssen wir uns rächen
Dahin sollte es kommen dass wir die Sklaven von Häschern würden Und wir die
Hände in den Schoss legen O du bist keine Savelli du bist das hochherzige Weib
nicht für das ich dich erkannt habe wenn du mir im Ernst eine solche
Niederträchtigkeit anraten kannst Und wo ist die Gefahr Du wirst sehen wie
leicht wie schnell dies Gesindel von uns zertrümmert wird«
Er verließ sie und sein Gemüt jauchzte Er mochte wohl nur eine Gelegenheit
einen Vorwand erwartet haben um seine Wut die immerdar in ihm brannte
entzügeln zu können Nun ward die versammelte Menge nach verschiedenen Palästen
und Straßen gesendet und plötzlich stürzten die Jünglinge von verschiedenen
Punkten mit Schwert Dolch und Schiessgewehr bewaffnet auf Plätze und Gassen
hinaus Orsini lief zuerst auf die Wacht zu die der Barigell um sich versammelt
hatte Toben Schreien das Knallen der Gewehre die Wehklage der Fallenden
alles erregte den zitternden Bürgern die aus ihren sichern Häusern der Metzelei
zusahn Schauder und Entsetzen Mancher der Edlen fiel aber diese Hauptwacht
war vernichtet der Barigell als er seine Leute fallen sah entfloh mit wenigen
Lebenden die sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten
Aus andern Straßen strömten dem blutberonnenen Luigi fliehende Häscher und
ihre Verfolger entgegen Alle diese Sbirren wurden überwältigt und grausam
schnell unter Hohngelächter massakriert »Welche Freude« rief Luigi im Taumel
zu seinen Begleitern »welche Lust muss das vor zehn Jahren in Paris gewesen
sein als man auf diese Weise die Bartolomäusnacht feierte als jedermann auf
diese verdammten Hugenotten loshieb und stach und von dem verruchten
ketzerischen Blut heiß übergossen wurde«
Wo sich nur ein Häscher zeigte wurde er diesseit und jenseit der Tiber
niedergemacht es war keine Straße die nicht vom Blute des Mordes befleckt
wurde Mancher Wandernde der nicht in seinem Hause geblieben war ward
niedergestossen weil sich die Wütenden auf Frage und Antwort nicht einliessen
und ihn für einen verkleideten Feind annahmen Wo sich die Parteien der Rasenden
begegneten drückten sie einander die Hände umarmten sich und frohlockten über
ihr gelungenes Werk Allentalben lagen Leichen oder Sterbende die sich in
ihren Schmerzen krümmten und die klaffenden Wunden zu decken suchten Aber
nirgend war Mitleid
Bracciano sah aus seinem hohen Gemach vieles von diesem Unheil und hatte es
den Seinigen streng verboten aus dem Hause zu gehen und an diesem Mordfeste
teilzunehmen
Als Luigi schon die ganze Stadt durchraset hatte und von allen seinen
Begleitern getrennt war sah er noch einen Häscher in ein kleines Haus
hineinspringen um sich dort zu verbergen Die Wohnung war ihm nicht unbekannt
und er sprang dem Fliehenden nach Dieser rann durch das Vorgemach und stürzte
sich in eins der innern Zimmer Luigi ihm nach mit dem geschwungenen Dolch
Unter ein Ruhebett wollte der Zitternde sich verkriechen doch hatte ihn der
Wütende schon ereilt und stieß ihm den Dolch in die Brust Ein Blutstrom ein
kurzes Röcheln und er war verschieden Nun erhob er den Blick und sah vor sich
auf dem Ruhebette ein Wesen sitzen das ihn entsetzte sowenig er Furcht und
Grauen kannte Es war ein Weib das ihm wie ein Gespenst erschien Ein schwarzer
Blick aus dem tief eingefallenen Auge fuhr stechend in das seine die Wangen
aschgrau und eingesunken das greise lange Haar ungekämmt und ohne Ordnung über
die Brust hängend Nacken und Arme vermagert
»Um des Himmels willen« schrie Luigi und schlug die Hände zusammen »erst
jetzt erkenne ich Euch Ihr seid Donna Julia«
»Und warum nicht« antwortete sie mit heiserer Stimme »irgend was muss der
Mensch sein und ich habe diese mühselige Rolle übernommen«
»Ihr Ärmste« rief Luigi innigst bewegt » also so weit ist es mit Euch
gekommen Wo ist nun Euer Glück Wo die Bewunderer die hier in diesem Zimmer
Eure und Eurer Tochter Gedichte lobpriesen Nicht wahr die Vermählung mit
diesem Peretti ist herrlich ausgegangen Eure Klugheit hat Wunder ausgerichtet
Ist das die stolze herrische Donna die es damals wagte mir so herbe Worte zu
sagen Die poetischen Werke Eures Übermutes haben wenig gefruchtet«
»Eines Eurer schönen Werke« antwortete sie »habt Ihr mir hier überreicht«
sie wies auf den Leichnam »und Euer Ende ist auch noch nicht gekommen aber
es wird glaubt mir die Stunde wird kommen wo Euer Weib sich die Haare
ausrauft dass sie die Eurige ist im dumpfen engen finsteren Kerker werdet Ihr
schmachvoll verscheiden und Stadt und Land werden ein Jubelgeschrei anstimmen
dass der Bösewicht endlich sich seinen verdienten Lohn selbst herbeigeholt hat«
Mit Schauder verließ Luigi die Prophetin indem er noch einmal das Zimmer
musterte in welchem er früher mit der hohen Jungfrau als Freund und Feind
gewesen war wo er noch zuletzt als er zuerst Peretti erblickte jene Zornworte
außstieß die doch sosehr die Familie Accoromboni gesunken war sich nicht
erfüllt hatten
Die Regierung Roms war in der größten Verlegenheit Der alte Papst von
Natur ein weicher Mann und ebenso schwach hatte alle Fassung verloren Ihn
gereuten die Befehle die er gegeben hatte denn er hatte diesen Aufstand nicht
erwartet der noch gefährlicher werden konnte Dazu ängstigten ihn Schadenfrohe
wie der Kardinal Farnese der seine Befürchtung aussprach ganz Rom könne in
eine allgemeine Empörung ausbrechen und den Papst wie die Regierung zur Flucht
zwingen wenn sie sich nicht in Tod und Verderben begeben wollten denn alle
Bürger auch die Landleute drohten die Partei des Adels zu ergreifen
Montalto Ferdinand der Medicäer und Karl Borromäus waren im einsamen Zimmer
versammelt um diese Begebenheit zu besprechen »Es ist keine Hilfe« sagte
Montalto »der Heilige Vater ist allzu schwach er hat keine Kraft den
übermütigen Adel zu bändigen Er beweint den Befehl den er kürzlich dem
Oberhaupt der Sbirren gegeben hat«
»Ja wohl« sagte Fernando »und er schmäht unsre Regierung den Governador
den er doch so innig liebt und sich und uns alle denn soeben hat er das
Todesurteil für die wenigen Sbirren unterschrieben die sich in seinen Palast
geflüchtet haben und er lässt sie als Empörer und Rebellen hinrichten die sich
gegen ihn und die Stadt eigenmächtig aufgelehnt haben Wie muss nun der Übermut
jener zügellosen Adelsjugend dieses rohen Volkes wachsen wenn ihnen der
Souverain vor dem sie zittern müssten öffentlich so schimpfliche Abbitte tut
indem er diejenigen seiner Diener schmählich aufopfert die nichts getan haben
als seinen Befehlen Folge leisten«
»Es ist nichts mehr darüber zu sprechen« fügte Borromäus hinzu »der
Barigell ein braver mutiger Mann hat sich nach der Grenze gerettet Man hat
schon hingesendet um ihn ausliefern zu lassen und ein peinlicher Prozess soll
ihn wegen Veruntreuung von Geldern wegen einer geheimen Verbindung mit einem
andern Obristen einem gewissen Antonio in Subiaco und Verrat und
Einverständnis mit Banditen gemacht werden Ihm wird auch der Kopf abgeschlagen
wegen veralteter undeutlicher Klagepunkte weil man es nicht wagt den
Verständigen wegen des letzten Unglücks zur Rede zu stellen So wird diesem
jungen Volk geschmeichelt und allen Patrioten sowie dem Auslande unsre Schwäche
aufgedeckt Und werden denn diese grausamen Sühnopfer jene Unbändigen
zufriedenstellen Ich glaube es nicht Man weist ihnen ja selber die Bahn an
auf welcher sie immer mehr und mehr fordern können Ich fürchte noch
Schlimmeres«
Vittoria saß indessen ruhig in ihrem behaglichen Gefängnis Sie hatte von
dicken Mauern beschützt selbst nichts vom Tumult in den Straßen keinen Laut
des wilden Geschreis nichts von dem Gewehrfeuer vernommen Während dieses
Aufruhrs indessen der Gouverneur und Vitelli dessen Stellvertreter im
stillen Anstalten trafen das Kastell zu verteidigen falls die Wütigen in ihrer
Frechheit einen Angriff wagen sollten schrieb und dichtete sie in ihrem stillen
Zimmer Ist mir nicht sein Andenken dachte sie ein Paradies und
Himmelreich Er sinnt hierher und ich sehe und höre ihn immer dar denn seine
Gedanken klingen in meinem Herzen wider
Und bin ich nicht glücklich Meine Feinde verstummt ihre Angriffe
zurückgeschlagen meine Kerkermeister fein artig gefällig jeder erlaubte
Wunsch wird mir erfüllt sowie ich ihn ausgesprochen habe Wie glücklich
ärmster Tasso bin ich wenn ich mein Schicksal an dem deinigen messe
Zweimal hat dich dein böser Dämon zurückgejagt nach dem verhassten Ferrara
Alle Warnungsstimmen hörtest du nicht das leise Flüstern deines Genius ward
überschrieen von deiner Leidenschaft Nun schmachtest du Edelster in dumpfer
finstrer enger Zelle preisgegeben den hämischen Launen deiner Wächter Wenn du
sinnst und dichtest bist du vom Geheul der Wahnsinnigen betäubt die in deiner
Nähe hausen Du ein Tor ein Wahnwitziger Im Narrenhause festgehalten Und die
frech Blödsinnigen die Aberwitzigen draußen in Freiheit dich belachend über
dich spottend wenn sie dem Kerker vorübergehn höhnisch und mitleidig die
Achseln zuckend Und jener schwatzende Malespina gibt verstümmelt sein Werk
heraus um dem Armen den letzten Trost zu rauben eigenmächtig ungefragt und
sendet es mir das schöne und in diesem Zustand so traurige Werk dem
Götterbildnis ähnlich dem Haupt und Arme fehlen und der Schwätzer schreibt
mir dass es doch besser so getan sei als wenn das Gedicht ganz verlorengehe
sein Herzog habe ihn zu der Herausgabe gedrängt Bianca habe es auch so herzlich
gewünscht Mit Heeresmacht sollten die Guten ausrücken um all die Tyrannei die
Aberweisheit die schlecht verhehlte Schadenfreude um alles dies Gewürm zu
zertreten und zu zerstören
Jetzt trat Vitelli der Lieutenant herein Er erzählte Vittorien nachdem
die Ruhe scheinbar wiederhergestellt war vom Tumult und Morde »Jetzt hat der
Heilige Vater« beschloss er »alle Faktionen durch die Opfer besänftigt die er
den Empörern gebracht hat«
»O Luigi« rief Vittoria aus »dieser böse Geist dieser Entsetzliche ist
mir bekannt und der Himmel wird es mir gewähren dass ich sein Antlitz niemals
wieder erblicke In ihm ist Wut und Roheit verkörpert und sein Wesen ist um so
furchtbarer weil er auch mit höflichem Gleissen den feinen Mann den Galanten
spielen kann Wenn er am freundlichsten lacht sinnt er auf das Abscheulichste«
»Ihr eifert zu sehr schöne Frau« antwortete Vitelli »dieser Luigi wird
wohl wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, zu seinen Taten mehr durch
die äußern Umstände als durch seine innere Bosheit getrieben Was die
schlechten Menschen tun darf man nicht immer ihrem Charakter zuschreiben Wir
sind einmal so in unsrer Schwachheit dass wir vieles nicht unterlassen oder
vermeiden können wenn wir auch wollen So was jetzt der Heilige Vater und der
verehrte Gouverneur haben tun müssen sie beweinen den Schlag zu welchem sie
notgedrungen die Hand erheben Lebt wohl der Papst hat mich rufen lassen«
»Mann« rief Vittoria geängstigt »nach allem was Ihr mir eben erzählt
habt nach diesen kürzlich verübten Greueln werdet Ihr Euch doch nicht in den
Straßen von Rom sehen lassen wollen Lasst Euch warnen Freund Nein Ihr geht
heute nicht aus der Papst wird Eure Entschuldigung annehmen und der Gouverneur
sollte es Euch verbieten heute einen Fuß aus dem Kastell zu setzen«
Vitelli lächelte und sagte »Weiberfurcht«
»So seid ihr Männer« antwortete sie »alle seid ihr so als wenn wir
Frauen nur Wesen der Furcht und Bildnisse der Angst wären Es gibt ein Zagen
das ebenso weise als männlich ist Tollkühnheit und Leichtsinn muss man nicht
mit dem Namen Mut stempeln wollen Bleibt heute in Euren Zimmern wenn ich nicht
Todesangst um Euch erdulden soll denn ich sehe einen schwarzen tückischen
Geist hinter Euch stehen welcher grinset und hohnlacht«
»Glücklich« antwortete der junge Mann »dass Ihr so warmen Anteil an meinem
Schicksale nehmt«
»O keine Phrasen« rief sie aus »zu dergleichen ist die Zeit allzu ernst
Wenn ich mir Euer sanftes Antlitz Euer edles weiches Wesen diesem Luigi und
seinen wilden Genossen gegenüber denke Bleibt mein Freund wir wollen lesen
und musizieren Ihr habt dies Befreite Jerusalem wie wir es nun einmal
besitzen noch nicht zu Ende gelesen Seid nicht halsstarrig aus einer
missverstandenen Männlichkeit«
Vitelli lächelte wieder küsste ihr zärtlich die Hand und hüpfte zur Tür
»Auf Wiedersehen« rief er zurück
»Sie können nicht ernstaft sein diese Männer« sagte Vittoria zu sich
»uns gegenüber soll immer Liebe und Zärtlichkeit gespielt werden auch in
Momenten wo es völlig unziemlich ist Auch das gehört zu den Drangsalen von uns
armen Weibern dass wir keinen echten unbestochenen Freund unter den Männern
finden können Diese scheinbare Vergötterung in demselben Augenblick wo sie
uns geringe achten So dieser sanfte liebenswürdige Vitelli Für den Posten
der ihm von Vater und Großvater anvertraut ist müsste er etwas mehr von einem
Helden haben Es gäbe keinen männlichen echten Freund so sagte ich eben o
du guter getreuer Kaporale wie muss ich bei dir abbitten«
Vitelli fuhr zum Papst um dessen Befehle zu empfangen Man wollte da die
Stadt wieder ruhig war gegen die Banditen auf dem Lande die ganze Städte
eingeäschert hatten mit Strenge verfahren Nur war es bedenklich dass nach
diesem Tumulte kein Barigell und Häscher in den Provinzen sich wollte gebrauchen
lassen in der Stadt waren sie für diesen Augenblick alle vertilgt und es war
zu fürchten dass sich neue zu diesem gefahrvollen Dienst schwerlich würden
anwerben lassen Man ratschlagte ob nicht Banditen denen man unbedingte
Amnestie gewährte am besten zu gebrauchen wären um die Ruhe einigermaßen
wiederherzustellen Doch erschien dieser Versuch auch wieder allzu misslich weil
sich dadurch die Regierung völlig in ihre Hände lieferte Im äußersten Falle
musste man sich auf die bewaffneten Haufen auf die Soldaten und selbst die
wenigen Schweizer sowie auf die Freiwilligen verlassen die bei dringender
Gefahr aufgerufen wurden
Der Papst sagte endlich dem geliebten Vitelli Lebewohl Er trat an das
Fenster um ihm nachzusehn Vitelli bestieg seinen kleinen offenen Wagen und
grüßte noch einmal ehrerbietig zum Palast hinauf Indem trat über den Platz
Luigi Orsini mit seinem abscheulichen Begleiter dem Grafen Pignatello auf das
Fuhrwerk zu Dieser Pignatello trug wieder ein solches schwarzes Wams und den
Federhut wie ihn früher Pepoli im Gebirge gesehen hatte Seit einiger Zeit war
er Orsinis Herzensfreund geworden und ließ sich von diesem zu den verruchtesten
Diensten gebrauchen Vitelli wurde blass als er des Luigi ansichtig wurde doch
befahl er seinem Stallmeister diesen beiden sorglos aber schnell
vorüberzufahren In demselben Augenblick aber schrie Orsini »Halt« und griff
in den Zügel so dass das Pferd stillstand Zugleich erschallte ein Schuss und
Vitelli stürzte von dem Pistol des Pignatello getroffen zurück dass das Haupt
über den kleinen Wagen hing »Dein Vater« schrie Orsini »ist der Schurke der
den verruchten Rat gegeben hat den Adel von niederträchtigen Häschern ermorden
zu lassen nimm dies zum Lohn« Sie entfernten sich langsamen Schrittes noch
trotzig zum Palast hinaufdräuend Der Stallmeister führte bestürzt den
Leichnam seines Herrn in den Palast des Papstes zurück
Der Papst als er die verruchte Tat sah war einem seiner Kameriere der
hinter ihm stand in die Arme gestürzt Dieser Anblick hatte ihn zu plötzlich
überrascht und ihn mit Entsetzen erfüllt So weit war es gediehen So wenig
hatte seine zu nachgiebige Milde auf diese verhärteten Herzen gewirkt
Es war natürlich dass diese Untat ganz Rom von neuem aufregte Dieser Mord
erschreckte selbst die Freunde Orsinis viele seiner Partei fielen von ihm ab
und schalten mit lauter Stimme und öffentlich diesen Frevel Als Luigi dies
gewahr ward wie die Mehrzahl der Empörer sich von ihm wendete konnte er selber
sein Schicksal sich voraussagen Dies entmutigte ihn aber nicht sondern er
lachte laut und rief den Braven die ihm treu geblieben waren zu »Nun beginne
ich also ein Leben das ich mir eigentlich seit lange gewünscht habe Wie
Piccolomini wie Sciarra führe ich nun offenen Krieg mit meinem Vaterlande Man
wird mir meine Häuser und Güter nehmen man wird den Bann über mich sprechen und
mein Todesurteil wenn ich mich wieder im römischen Gebiet betreffen lasse
Immerhin meine Gattin sende ich nach Venedig und folge ihr künftig vielleicht
nach Bis dahin sind wir freie Männer in Wald und Gebirge quartieren uns ein
ohne anzufragen die Reben des Weinbergs das Wild der Jäger die Weiber in den
Kastellen alles ist unser und Schwert Dolch und Feuer unsre Brüder«
So verließ er mit so viel Geld und Juwelen als er eilig zusammenraffen
konnte die Stadt Als der Papst sich wieder erholt und die Regenten des
Staates berufen hatte ward beschlossen dass Luigi Orsini als Meuter Rebell und
Meuchelmörder auf ewige Zeit aus dem Gebiet des Römischen Staates und aller
Provinzen verbannt sein sollte ein Preis ward außerdem auf seinen Kopf gesetzt
und ein großer Lohn dem verheißen der ihn tot oder lebendig herbeischaffen
würde Man rechnete hierbei auf die Banditen und seine Raubgesellen selbst
Als Vittoria die Mordtat erfuhr war sie kaum verwundert und nicht
erschrocken weil ihr voraussehender Geist ihr dieses Ende gesagt hatte Sie
weinte mit dem Gouverneur der plötzlich ein trostloses Geschick auf sich
hereinbrechen sah
Drittes Kapitel
Mit allen seinen Gesellen Vornehmen und Geringen begab sich der Graf Luigi
Orsini in die freie Landschaft um dem Staate dem er sich empört hatte so
vielen Schaden zuzufügen als in seiner Gewalt stand Man vernahm bald die
Klagen über Beschädigungen die er an den Städten und Landbewohnern ausübte
Auch rüstete er ein Schiff aus um die See zu beunruhigen und die Fahrzeuge
welche nach Rom segelten aufzufangen Auch warb er neue Banden und verstärkte
sich durch Galeerensklaven die teils ihre Strafzeit überstanden teils sich
empört und mit Gewalt befreit hatten
Der nächste nach Luigi im Kommondo der Banden war der Graf Pignatello der
grausame Mörder des Vitelli sowie der Graf Ubaldi aus Arezzo ebenfalls ein
verwegner Mensch der auf unwürdige Art sein Vermögen verschwendet hatte und
jetzt in Verzweiflung und leichtsinniger Frechheit keine Rücksicht der
Menschlichkeit mehr anerkannte
Ein besserer Mensch war durch Verarmung und traurige Schicksale in die
Gesellschaft dieser Verworfenen geraten der Graf Francesco Montomellino Er war
von mittleren Jahren wohlgebaut stark und sein Wesen hatte den Ausdruck eines
edlen Mannes Auch ihn hatte Unglück und Verzweiflung aber nicht Bosheit diesen
Banden und einem Luigi zugeführt Es war eine von den Erscheinungen in der
menschlichen Natur welche öfter wiederkehrt dass Orsini sich mit Vertrauen ja
Liebe an diesen besseren Mann anschloss der ihm so unähnlich war den er mehr
achten musste als sich selber Graf Montomellino war ihm bald so unentbehrlich
dass er keine Stunde ohne ihn leben konnte und er in dessen Gesellschaft sogar
seine Gattin und alle früheren Freunde die ihm nicht gefolgt waren vergaß
Unter den Galeerensklaven hatte sich auch jener junge Kamillo Mattei der
Neffe des alten Priesters Vinzenz in Tivoli eingefunden Er wagte es nicht
nachdem er seine Strafzeit überstanden nach Rom zu seinen Eltern
zurückzukehren da ihn Schande und Schmach bedeckte und er nicht hoffen konnte
auf irgendeine Weise in seine frühere Stellung zurückzukehren Ein glühender Hass
gegen die Familie Accoromboni war in ihm entbrannt so wie gegen alle Vornehmen
und da er wusste wie sehr die stolze Vittoria den Luigi Orsini verabscheute so
hatte er sich diesem und seinen Freibeutern am liebsten angeschlossen
Von Marcello hatte man nur wenig erfahren können Das Gerücht sagte dass er
sich beim Heere des Piccolomini befinde welches bald in den florentinischen
bald in den neapolitanischen Staaten umstreifte und oft wieder die Grenzen des
römischen Gebietes beunruhigte
Als Flaminio sich in Rom wieder nach seiner Mutter umsah um ihr Hilfe zu
bringen war sie ohne Spur verschwunden und jede Forschung und Nachfrage
vergeblich In der Verwirrung ihres Geistes hatte sich die unglückselige Matrone
scheu und tief bekümmert von allen Menschen zurückgezogen Sie zürnte sich und
aller Welt den Menschen wie dem Himmel weil sie sich nicht still ergeben und
fügen konnte sondern ihr Gefühl ihr zurief dass in ihrem Unglück ihr vom
Schicksal das herbste Unrecht zugefügt sei So ließ sie auch oft ihren
liebevollen Sohn Flaminio abweisen und wollte ihn nicht sprechen weil sie über
seine weiche und charakterlose Unbestimmteit zürnte auch auf den Herzog
Bracciano war sie erbost und wies mit schnöden Worten alle Hilfe zurück die er
ihr großmütig anbot denn sie meinte er hätte sich bei dieser Entwicklung der
großen Begebenheit mit mehr Kraft und Kühnheit betragen sollen Gegen den
Bischof ihren ältesten Sohn gab sie ihren Hass offen kund sie sah ihn nicht
wieder so oft er auch bei ihr einzudringen suchte Selbst auf die freundlichen
Botschaften und Briefe ihrer Tochter Vittoria nahm sie keine Rücksicht So von
aller Welt verlassen und Freunden wie Feinden unsichtbar geworden war sie nun
endlich ohne Spur verschwunden
Auch in der Landschaft war allenthalben die Kunde erschollen von der
Ermordung Vitellis der Empörung des Orsini und der Verhaftung der Vittoria
Peretti sowie von der Anklage gegen sie Das Volk welches sich so gern mit
Märchen trägt und diese am liebsten glaubt verband damit tausend unmögliche
Bosheiten und wunderbare Zufälle von Bezauberung Gift Gespenstern und
Geständnissen auf der Folter war die Rede und in der kleinen Stadt Tivoli in
welcher die Familie Accoromboni oft gewohnt hatte und in ihr gewissermaßen
einheimisch war wurde am meisten über diese neuesten Begebenheiten geschwatzt
und geurteilt verschieden und mannigfaltig je nachdem man den Angeklagten
freundlich oder feindlich gesinnt war Doch hatte auch hier das Märchen bei den
meisten Eingang gefunden Vittoria habe durch einen Liebestrank den Herzog
Bracciano bezaubert auf dieselbe Weise den jungen Luigi Orsini unsinnig
gemacht den Gemahl Peretti durch den Bruder umbringen lassen so wie sie den
Kardinal Farnese habe vergiften wollen und jetzt sitze sie mit der Mutter im
Kastell gefangen weil sie der Papst in kurzer Zeit beide als Hexen öffentlich
wolle verbrennen lassen
Der alte Pfarrer Vinzenz wandelte langsam durch die Stadt und überlegte sich
diese tollen und törichten Erzählungen sowie so manches was er in seinem Leben
schon gesehen und erfahren hatte Alles sagte er zu sich gleicht diesem
Teverone hier Da oben fließt er glatt und freundlich die Ufer mit ihren
Gebüschen und Hügeln spiegeln sich in der klaren Flut sie kommt näher und
rennt und rennt immer schneller nun stürzt sie wogend unaufhaltsam
brausend in Klagen und Verwünschungen tief hinunter in den Abgrund Wie
freundlich erquicklich lebten sie hier und schienen so sicher und fest stolz
und selbstständig Und nun zu hoch wollten sie hinaus die Ebne war ihnen zu
gering und nun dieser Absturz
Er stand jetzt vor einem zierlichen Hause welches einzeln lag Er war seit
lange nicht diesen Wänden die mit Efeu bewachsen waren vorbeigegangen Nun
ward er hier durch ein seltsames Getön festgehalten Er hörte nämlich mit
heiserer Stimme einzelne Strophen aus Volksliedern übertrieben laut und
kreischend singen dann plötzlich Stille ohne die Melodie zu beschließen
Aufschrei Schluchzen dann wieder Gesang von lauten Flüchen und
Verwünschungen unterbrochen Jetzt tat es einen harten Fall und nun vernahm der
Alte Winseln und Schluchzen und vielfältige Klagelaute Die Fenster waren gegen
die Sonne verschlossen er konnte nicht hineinsehn ob sich hier ein Unglück
zugetragen habe Er näherte sich der Tür sie war nicht verriegelt und er trat
in das freundliche Haus welches nicht zu einem Aufenthalt des Elends bestimmt
schien mit zögernder Furcht und einem leisen Schauer Das Winseln und
Schluchzen ließ sich nach einer Pause wieder vernehmen So öffnete er
entschlossen die Tür des Zimmers aus welchem er den Ton vernahm und trat in
das halb dunkle Gemach
»Bedarf jemand einer menschlichen Hilfe« frug er mit gedämpfter ängstlicher
Stimme und fuhr mit lautem Schrei sich entsetzend zurück denn eine große
weibliche Gestalt lag ausgestreckt auf dem Boden die man für eine Leiche hätte
halten können wenn nicht die schwarzen feurigen Augen im kreideweissen alten
ganz abgemagerten Gesicht sich heftig bewegt hätten »Wer ist da Welcher
Sterbliche« sagte die mächtige Gestalt und erhob sich langsam vom Boden Ihr
greises langes Haar schüttete sich bei der Bewegung über das Gesicht sie
lächelte furchtbar und warf es nun ganz über das Antlitz hinüber bückte sich
nach vorn und nahm ein Gebetbuch vom Ruhebett auf stellte sich gekrümmt so in
die Mitte des Zimmers als wenn sie in Andacht lesen wollte und sah in dieser
Gestaltung einem wilden reißenden Tiere oder einem Ungeheuer nicht unähnlich
Nun fuhr sie mit einem Sprunge auf den alten Priester los und schrie »Nun
warum weichst du nicht dem Banne wenn du doch ein Gespenst bist«
»Nichts weniger« sagte der Alte mit erzwungener Ruhe »ich bin ein ganz
gewöhnlicher Mensch und wollte der Himmel dass ich Euch so betiteln könnte
Aber mir scheint als wenn Ihr gewaltig über die Stränge geschlagen hättet
Seid Ihr denn nicht mit Verlaub jene Dame Julia Accorombona die sonst mit
ihrer schonen Tochter hier in diesem Hause wohnte das ich freilich erst jetzt
wiedererkenne«
»Meine Tochter« rief die Wahnsinnige und setzte sich mit Majestät auf
einen hohen Sessel Sie nahm einen Kranz von Stroh geflochten und rückte ihn
auf den grauen Scheitel zurecht indem sie die Masse der verwirrten Haare über
den Rücken warf »meine Tochter elender Sklave wie wagst du es diese nur zu
nennen Sie ist die weltberühmte Kaiserin Semiramis und sitzt da droben unter
goldenem Baldachin hoch hoch in ihren schwebenden Gärten und sinnt so wie
sie die Elfenbeinhand an die glänzend weiße Stirn legt und sich mit der andern
auf den goldenen Szepter stützt auf neue Weltwunder O solch himmlisches Bild
von Schönheit Würde und Majestät ist noch niemals auf Erden gesehen worden und
Raffael der große Maler hat vorgestern bei unserm Pluto um die Erlaubnis
nachgesucht dass er aus seinem Grabe kommen und die Himmlische malen dürfe«
»Lasst die Dummheiten liebe unglückselige Frau Julia« sagte der Priester
dessen Sinne halb verwirrt waren »der Himmel hat Euch heimgesucht fügt Euch
seinem Willen in gelinder Demut und er wird Euch Euren Verstand der recht
ansehnlich war wiedergeben«
»Meine Königreiche soll er mir zurückgeben« rief sie mit Ungestüm » aber
still schon hat mein David mein Sohn den Riesen überwunden nun geht er der
gesalbte König mit seiner tapfern Schar und streift durch das Gebirge sie
bewirten sie fürchten ihn der Herr hat ihn gesalbt durch Samuel seinen
Hohepriester er wird den Saul überwinden und dann wird David vor allem Volke
gekrönt Dann führt er die Mutter die Unbekannte Verschleierte zu seinem
Thron und alle Völker beten sie an die Unsterbliche die solche Kinder zur
Welt gebracht hat«
»Was die Gottlose für Reden führt« rief Vinzenz unwillig aus »versündigt
Euch nicht an der Schrift und dem heiligen Wort Der verruchte Marcello soll wie
David sein der königliche Prophet der Auserwählte des Herrn Wo steht das
geschrieben Banditen und Mörder sind keine Heilige mit Blut nicht vom Samuel
sind sie mit dem heiligen Öl gesalbt und getauft«
»Was« rief sie sprang auf und ergriff den Erschrockenen heftig bei der
Hand »seid Ihr ein Levit und versteht die Gesetze und Prophezeiungen so ganz
und gar nicht Habt Ihr vom Daniel gelesen der ein Liebling des Königs war
seht Einfältiger das ist mein Sohn Flaminio er mit dem flammenden römischen
Geist jetzt Geheimschreiber bei dem großen Tyrannen Holofernes Und der fromme
Bischof mein Sohn der große Kirchenpfeiler beredter wie Chrysostomus
gelehrter wie Origines heiliger als Augustin er wird morgen zum Papst erwählt
vom Heiligen Geist«
»Nun das fehlte uns gerade noch« sagte Vinzenz murrend »Sündiges Weib«
rief er »haltet inne ist es nicht genug dass Ihr selber rasend seid müsst Ihr
mich auch noch toll machen«
»Gelinde Männchen« erwiderte sie mit jenem furchtbaren Lächeln der
Wahnwitzigen und streichelte ihn unter dem Kinn » sprecht nicht so mit der
berühmten Kornelia wisst Ihr Mein Sohn der Kajus Gracchus ist viel
ungestümer als jener ältere der Tiberius er lässt Euch sogleich hinrichten
wenn ich Euch bei ihm verklage Dann werdet Ihr vom Tarpejischen Felsen gleich
hier nahebei in den Wasserstrom hinuntergeworfen Das haben wir hier recht
bequem Ach« schrie sie und sprang plötzlich auf und rannte heulend durch
das Gemach alle Stühle und Sessel packte sie an »Hilfe Hilfe« rief sie
»sie versinkt meine Tochter mein Kind der Mörder der verruchte der
schändliche Kamillo hat sie hineingestürzt«
»Warum nicht gar« schrie ihr der Geistliche entgegen »nehmt Vernunft an
kurioses altes Weib oder jeder Mensch muss Euch für toll halten wenn Ihr so
alberne Dinge sprecht«
»Nun so lass uns tanzen Schatz« sagte sie »wenn es denn wirklich nicht so
böse gemeint ist« Sie sprang auf und fiel gleich wieder in den Sessel
»Nein« sagte sie matt »mein Gebein ist zu schwach geworden der Gram hat mich
ausgehöhlt Ich kann auch nicht mehr singen Wisst Ihr meine schönen Verse Ja
mein Befreites Jerusalem haben sie nun auch herausgegeben und mich obenein in
den Narrenturm gesperrt Ihr seht es mit den Verrückten wovon Ihr einer seid
muss ich nun sprechen und poetische Akademien halten Nun improvisiert gleich
über ein Thema das ich Euch geben will«
»Das ginge mir ab« sagte Vinzenz »ich verrückt und die da klug«
»Wie Asträa die Welt so ganz und gar verlassen hat« fuhr die Alte fort »O
über den Greuel die Schandtat die sich seitdem entwickelt Wie die Unschuld
nun unterdrückt wird wie der Arme blutet das Gesetz den Gerechten zerschneidet
und Bosheit und Frevel in Purpur gekleidet geht Den Farnese wollen sie zum
Papst machen dann wird Luigi Governador von Rom und alle die Meinigen sind dem
Untergang geweiht Betet dass Christus und Maria uns die Asträa wiederschicken«
»Einen Funken Verstand sollten sie an Euch wenden« sagte jener »aber sie
denken vielleicht das wäre doch nur ein weggeworfnes Gut«
Als er sah dass die Kranke sich etwas beruhigt hatte war es ihm auch
möglich verständiger und eindringlicher mit ihr zu reden Sie hörte ihn an und
begriff sein Wohlwollen da jetzt nach jener Erhitzung die gute Stunde bei ihr
herrschte Sie brachte ihr Haar in Ordnung warf einen Mantel über und
versprach mit Gelassenheit den Willen des Himmels zu tragen
Ihre Dienerin kam eine junge einfältige Bauernmagd die ihr das wenige von
Speise und Trank brachte welches sie genoss Nur diese die ihr nie antwortete
sich über ihre tollen Reden weder verwunderte noch sie anhörte durfte zu ihr
sonst war vor aller Welt ihre Tür verriegelt und niemand erfuhr es selbst die
Einwohner von Tivoli wussten es nicht dass die Signora Julia welche sie ehemals
wohl gekannt hatten sich in ihrer Nähe aufhielt
So gewöhnte der redliche Vinzenz die arme Kranke an seine Gegenwart und es
schien in mancher Stunde als wenn dieser freilich zu ihrem Schmerz Vernunft
und Bewusstsein zurückkehrte
Oft zankten sie wieder heftig denn er wollte es nie dulden dass sein Neffe
der unschuldige Kamillo Ursache am Unglücke der Familie sein solle Verglich
sie wieder den abtrünnigen Marcello mit David so geriet der Priester außer
sich so dass es in solchen Momenten schwer zu entscheiden sein mochte wer von
beiden der Törichte sei Denn wenn er ihr die mytologischen und
geschichtlichen Torheiten christlich nachsah wenn sie sich bald diese bald jene
große Königin oder Juno Minerva manchmal Niobe nannte so war er desto
strenger und unerbittlicher wenn sie in die Geheimnisse der Religion anmassend
hineingriff und sich und den Ihrigen die großen heiligen Personen der Bibel
oder Legende aneignen wollte Da sie seine Unversöhnlichkeit in diesem Punkte
kennenlernte entwöhnte sie sich auch dieses Frevels und begnügte sich mit der
weltlichen Geschichte und der heidnischen Poesie Aber ohnerachtet dieser
Torheit ward sie auf diesem Wege milder und selbst christlicher und
vernünftiger Hätte ich je von mir geglaubt sagte der Priester zu sich
selbst als er an einem Abend von ihr ging dass ich noch einmal so ein starker
Heidenbekehrer werden könnte Und dass sich wirklich doch zuweilen Beelzebub
durch Satan vertreiben lässt Vielleicht haben aber auch andre viel größere
Männer als ich Ärmster schon ehemals diese Künste geübt und ihre heilsame
Wirkung erfahren
Viertes Kapitel
Obgleich der Papst Gregor nicht krank war so konnte doch jedermann bemerken
dass in seinem hohen Alter seine Kräfte sichtbar abnahmen Vielerlei Bewegungen
Verbindungen mancherlei Versprechen waren geschehen und im Kollegium der
Kardinäle sowie unter den Prälaten und den Gesandten der fremden Mächte
vorgefallen Alles rüstete sich schon auf den Fall einer so wichtigen
Veränderung Der Nepote oder Sohn des Papstes Buoncompagno der Stattalter
von Rom und Oberbefehlshaber des römischen Heeres hatte Ursach am meisten bei
einem vorfallenden Wechsel besorgt zu sein Der Papst der immer gern rechtlich
und im christlichen Sinne handelte war nicht darauf ausgegangen sosehr er und
mit Leidenschaft diesen Buoncompagno liebte ihn zu einem unabhängigen Fürsten
zu machen und er sprach den Ungeduldigen der höher hinaufzusteigen wünschte
oft zufrieden und riet ihm sich mit seinem bedeutenden Posten zu begnügen
Um nicht zu viel zu wagen hatte der Stattalter sich mit dem Grossherzoge
von Florenz versöhnt der ihn hafte und alle Zerwürfnisse aus welchen die
Entzweiung hervorgegangen war hatte Buoncompagno jetzt durch die Vermittlung
des klugen Kardinals Ferdinand beigelegt
Vittoria leistete dem Governador oft Gesellschaft um ihn aufzuheitern und
dieser fand stündlich Gelegenheit ihren Verstand und festen Charakter zu
bewundern Selten nur ward eine ausgelesene kleine Vereinigung von Freunden
hinzugelassen weil der Stattalter von seiner Milde und Freundschaft nicht viel
reden machen wollte da der Papst unversöhnlich schien und Vittorien noch
ebensosehr wie im Moment der Anklage zürnte Diese erfuhr von diesem Hasse des
Oberhauptes nichts und hoffte von einem Tage zum andern ihre völlige Freiheit zu
erhalten sie suchte sich daher an ihren geliebten Dichtern und eignen Arbeiten
zu erheitern sie sang und war gegen die Dienerschaft und alle Menschen die mit
ihr in Berührung kamen mitteilend und freundlich
Nur gegen den einen hatte sie ihren bitteren Zorn nicht verhehlen können und
mögen gegen ihren ältesten Bruder Ottavio Dieser Unglückselige von den Furien
des Stolzes und Hochmutes unablässig verfolgt hatte sich kürzlich mit ihr
versöhnen wollen als sie ihn mit so vieler Bitterkeit abgewiesen hatte Schon
seit einiger Zeit fühlte er sich gekränkt und unglücklich da alles was er
gehofft und gewünscht hatte sich nicht der Erfüllung nähern wollte Die Partei
des Montalto wies ihn von sich wegen des Bruders Marcello und des Unterganges
des Peretti auch der Papst war ihm erzürnt und die Florentiner die sich mit
andern dem Medicäer anschlossen vermieden ihn ebenfalls Es war schon jetzt
ziemlich ausgemacht weil die Verbindung gegen den Mächtigen allzustark war dass
bei Erledigung des päpstlichen Stuhles nicht dem Farnese die hohe Stelle
zugeteilt würde Dies schmerzte den Bischof Ottavio weil er darauf wie auf eine
feste Hoffnung gebaut und danach seinen ganzen Lebensplan eingerichtet hatte
Noch mehr aber ward er gekränkt dass sich Farnese nicht nur völlig von ihm
abwendete sondern ihm auch öffentlich seine Feindschaft erklärte Der Kardinal
welcher gern jede Spur seines Verhältnisses zu Peretti Vittoria und ihrer
Mutter in Vergessenheit bringen wollte behandelte seinen Schmeichler Ottavio
als einen Verdächtigen der vielleicht in Verbindung mit seinen Feinden
gestanden habe um ihm in der öffentlichen Meinung zu schaden Er mochte selbst
davon überzeugt sein dass Ottavio ein zweideutiger Charakter sei da er gesehen
wie er sich gegen die eigne Familie hatte brauchen lassen Dem Herzog Bracciano
und allen Freunden dieses großen Hauses durfte Ottavio sich nicht nähern weil
ihn der Fürst der seinen Charakter kannte und alles Böse wusste das er der
Schwester hatte zufügen wollen hasste Selbst Flaminio der jüngste Bruder und
der Vertraute Braccianos wollte ihn nicht sehen auch die kranke Mutter hatte
ihn mit Verwünschungen zurückgewiesen und sich vor ihm verschlossen So war sein
Herz halb gebrochen als er noch erfuhr die Mutter sei ohne Spur verschwunden
Lange waren alle Nachforschungen vergeblich endlich sagte ihm ein dunkles
Gerücht dass sie sich wahrscheinlich nach Tivoli gewendet habe
So sah man nach einiger Zeit einen kranken blassen Mann in Tivoli mit
schwankenden ungewissen Schritten umherirren Er lehnte sich oft wie
erschöpft an einen Baum oder eine Mauer er schien viel zu sinnen und sich
mancher Dinge mit Trauer und Leid zu erinnern Schon lange hatte den wie im
Schwindel Umhertaumelnden der alte Pfarrer Vinzenz von seinem Fenster aus
beobachtet Da der Kranke jetzt einer Ohnmacht nahe schien so trat er aus
seiner Tür um ihm Beistand zu leisten »Tretet zu mir ein kranker Herr« sagte
der Priester »erquickt Euch in meiner kleinen Hütte und lasst mich wenn Ihr es
bedürft den guten Apotheker herbeirufen« »Nein« erwiderte jener »setzt
Euch wenn Ihr Zeit habt ein wenig zu mir auf diese Steinbank und beantwortet
mir einige Fragen«
»Gern« sagte der Priester
»Wisst Ihr denn vielleicht ob sich eine Donna Julia Accorombona hier im Orte
aufhält und wo sie ihre Wohnung genommen hat«
Jetzt erst erkannte fast mit Entsetzen der Alte diesen Fragenden In
dieser unscheinbaren kümmerlichen Gestalt so ganz zerbrochen und ohne Würde
saß jener hochmütige starke straff aufgerichtete Ottavio neben ihm der als
er nur noch Abt war den armseligen Priester von oben herab kaum eines Blickes
gewürdiget hatte Ein Schauer über den Wandel menschlicher Schicksale und die
Unbeständigkeit des Glückes ergriff ihn es kostete ihn Mühe sich zu fassen und
seine Erschütterung zu verbergen
»Ihr wisst also« fing der Bischof mit schwacher Stimme wieder an »wo diese
Donna Julia sich aufhält und könnt mich zu ihrer Wohnung führen«
»Gewiss« sagte der Priester »auch bin ich der einzige den sie seither
gesehen und gesprochen hatte«
»Ich war an jenem Hause« sagte Ottavio »aber alles war verschlossen und
fest verriegelt Wie geht es ihr Ist sie genesen und mehr beruhigt«
»Jetzt ist sie ganz ruhig« antwortete Vinzenz
»Nun so gehen wir doch gebt mir vorerst einen Becher Wasser«
»Kommt geehrter ehrwürdiger Herr« rief Vinzenz indem er hastig aufstand
»würdigt meine Hütte hineinzutreten genießt etwas und erstarkt Euch mit einem
Trunke Weins«
»Nein« sagte Ottavio »nur Wasser« Jener ging in das Haus und jetzt
erinnerte sich auch Ottavio dass dieser jener armselige Priester sei den er
vormals als einen unwissenden geringen Menschen schnöde behandelt habe Der
Alte kam mit dem Wasser das er in seinem zierlichsten Becher auf einem
Untersatz brachte Zitternd vor Rührung nahm der Bischof das Gefäß dankte und
trank Er gab den Becher zurück und blickte in den klaren blauen Himmel hinauf
»Wie hart und undankbar sind wir Menschen doch« sagte er dann »welcher
Wohlschmack welche Wonne ja welche lautre Offenbarung enthüllt sich dem
Durstenden Matten in einer einzigen Welle des kühlen Elementes In Kunst und
Wissenschaft in hochgetürmten Tempeln und Palästen oder einzig in der Schrift
und ihren begeisterten Auslegern suchen wir das Wort des Ewigen und sehen ihn
stets dicht neben uns wo wir auch sein mögen er winkt er reicht uns die Hand
und immerdar will der Stolz unsers pharisäischen Herzens ihn nur finden wo
Weihe und Würde Pracht und Wissenschaft Zeremonie und Weihrauch ihn uns
kenntlich machen sollen Führt mich jetzt mein lieber Gastfreund der mich
erquickt hat«
Sie gingen durch die Stadt »Hier verlieren sich die Häuser und
Wohnungen« sagte der Bischof »ist sie denn so weit weggezogen«
»Wir sind gleich zur Stelle« sagte der Priester wehmütig
»Dort« Sie näherten sich dem Kirchhof Ein Hügel war neu und mit
frischem Rasen belegt »Hier schläft sie« sagte Vinzenz »endlich hat ihr
wildes Herz Ruhe gefunden da unten steht es still«
Mit einem irren Blick sah Ottavio seinen Begleiter an sank dann in die
Knie weinte laut und heftig und umarmte das Grab Vinzenz entfernte sich und
setzte sich trauernd hinter einen Busch um den Unglückseligen nicht zu
beobachten oder seine einsamen Gebete zu stören Vernichtend das Herz
zerschneidend drängten sich jetzt wie stürmende Hagelschauer alle Erinnerungen
der Jugend und Kindheit in das Gemüt des Betenden Wie die Mutter ihn immer
geliebt wie so willig sie ihm so manchen Genuss Bequemlichkeit ja oft das
Unentbehrliche in ihrem bedrängten Wittum aufgeopfert hatte um ihm nur die Bahn
des Lebens und der Wissenschaft zu ebnen wie sie sich seiner Fortschritte
seines Gedeihens gefreut wie er ihr Stolz gewesen wie sie auf ihn ihr
irdisches Glück und die ganze Hoffnung ihrer Zukunft habe bauen wollen Welche
Wonne es der Mutter gewesen wenn sie ihn durch ein Geschenk zuweilen ein
kostbares habe überraschen und erfreuen können an seinem Namenstage dann als
er die Priesterweihe erhalten welches Entzücken in ihrem Auge glänzte als er
nun Abt geworden Und er Wie Stolz Hochmut und Härte ihn früh dem
mütterlichen Hause abgewandt wie er immerdar ihre Sorgfalt und Liebe verkannt
habe »O ja« rief er indem er innigst bewegt die Hände rang » ja wir
Kinder sind Ungeheuer statt der Liebe und Verehrung saugen wir Undank
Verschmähung aus der Brust und dem Herzen unserer Mutter O wieviel
Verworfenheit nistet in unserem Gemüt ach und dem Mann dort ja dem Himmel
da oben war ich eben noch in Rührung dankbar für den Schluck kühlen Wassers den
mir der Fremde gönnen wollte und ihr dieser hochherzigen Mutter die ganz
Liebe deren Leben ununterbrochene Aufopferung für die Kinder war wie haben
wir ihr gelohnt Und ich der Verruchteste schlimmer als Marcello ich Ja
jetzt da es zu spät ist möcht ich zu ihren Füßen hinsinken und mich auflösen
in reumütigen Tränen Und sie könnte sie sich jetzt unter dieser grünen
Decke ihres Bettes erheben durch einen Blick ein Wort eine Träne wäre sie
mir versöhnt ganz nur Liebe und Mutter wieder ja sie würde alle Schmerzen
die sie meinetalb erduldet für Gewinn für Freude achten wenn meine Liebe
ihr wie ein Gefühl meiner frühen unschuldigen Kindheit wiederkehrte Und er
den wir stammelnd Gott nennen das Liebeherz aller Welten er sollte sich
weniger des reuenden Sünders erbarmen«
Er hatte sich auf das Grab hingeworfen und konnte sich in Tränen nicht
ersättigen Aber ihm ward wohl Die starre eherne Schale die wie ein Panzer
sein Herz umschlossen hatte zersprang und brach und alles Harte in ihm löste
sich schmelzend in diesem Erguss der Tränenfülle Er hatte in diesen großen
Momenten die Welt und sich völlig überwunden
Der Priester glaubte schon weil Ottavio sich nicht wieder erhob er sei zur
Leiche geworden Als er sich näherte schaute ihm vom Grabhügel ein verklärtes
Angesicht entgegen eine Begeisterung des Schmerzes leuchtete in allen Zügen
und so wie die Zeichen der Krankheit verschwunden waren glänzte das Antlitz
wie das eines selig Sterbenden der schon im toten Ohr die Stimme der Engel
vernimmt Vinzenz erschüttert war im Begriff niederzuknien und um den Segen
des zu bitten der ihm ehemals so feindlich gegenüberstand
»Könnt Ihr mich« sagte der Bischof »für die wenigen Stunden oder Tage die
ich noch zu leben habe in Eurem Hause aufnehmen wollt Ihr meine Beichte hören
und mich als geistlichen Vater zu meiner irdischen Auflösung vorbereiten«
Vinzenz weinte und küsste ihm die Hand »Soll ich nicht zur Stadt senden«
sagte er »soll nicht einer der Großen zu Euch kommen Wollt Ihr Euch nicht
selbst nach Rom begeben«
»Nichts von all dem« sagte Ottavio sanft lächelnd und fasste den Alten
unter dem Arm um sich von ihm führen zu lassen So schritten sie langsam nach
dem kleinen Hause
In seinen letzten Stunden behandelte der Bischof den Priester als seinen
rettenden Engel und liebenden Vater Er ergoss ihm sein ganzes Herz beichtete
ihm alle seine Verirrungen Fehler und Sünden empfing von ihm Absolution und
die Sakramente Der demütige Priester drückte ihm die Augen zu und beerdigte
ihn dann dicht neben seiner Mutter wie Ottavio es gewünscht hatte
Alles was er bei sich trug Gold Juwelen und Kostbarkeiten alle seine
Habe in Rom vermachte er in seinem Testament Vinzenz dem Freund seiner letzten
Stunden Dieser ward durch dies Erbe wohlhabend und konnte dadurch sein
bekümmertes Alter aufheitern und sich und andern Armen eine bessere Pflege
zukommen lassen Er selbst legte aber auch das Harte und Schroffe seines
Charakters ab und seine Liebe die sich unter einem fast wilden Äußeren
verborgen hatte zeigte sich nun weich und offen als christliche Liebe
Indessen war in Rom der Papst Gregor in diesen Tagen gestorben Die
Kardinäle vereinigten sich zum Konklave und alles war in der höchsten Spannung
wer an seine Stelle treten würde Viele jubelten über den Tod Gregors weil sie
seine Schwäche und Unentschlossenheit für die Ursache aller jener Leiden
hielten die den Staat während seiner Regierung bedrückt hatten Andre die
seine Liebe und Wohltätigkeit erfahren hatten beklagten das Hinscheiden des
menschenfreundlichen Fürsten
Sowie der Tod des Papstes bekanntgemacht war fuhr der Herzog Bracciano der
auf diesen Fall schon alles vorbereitet hatte in allem Prunk seines Standes
und von Grafen Baronen und Edelleuten die von ihm abhängig waren sowie mit
einer großen Schar von Dienern die Vornehmen in kostbaren Kleidern die
Geringeren in schimmernden Gewändern vor das Kastell In dieser wichtigen
kritischen Zeit konnte es der Gouverneur nicht wagen ihm und seinem Gefolge den
Einzug zu verweigern
Buoncompagno war in Verwirrung als der große Mann mit dem Anstande eines
Herrschers und Fürsten zu ihm trat »Ich verlange von Euch meine Gemahlin«
sagte er im befehlenden Ton
Der Gouverneur wollte sich entschuldigen bat um Aufschub meinte der
neuerwählte Papst dürfte vielleicht seine Nachgiebigkeit schelten und riet die
neue Wahl abzuwarten damit er dann vom Herrscher dessen Befehle empfangen
könne
Zwischen Zorn und Lachen antwortete Bracciano »Mein edler Freund denn das
seid Ihr und werdet Ihr bleiben der Papst ist gestorben wir haben jetzt in
Rom keinen Herrscher es bleibt zweifelhaft ob der neue Euch in Eurer Würde
bestätigen wird Jetzt ist also keine Regierung und der Fürst in dessen Hand
ich mein Versprechen gab mich nicht zu vermählen ist verschieden Ihr wisst
wie oft während des Konklave das unruhige Volk zu Meuterei und Aufruhr
ausgebrochen ist versagt Ihr jetzt bestimmt mein rechtmässiges Verlangen so
werde ich nicht scheuen mir mit Gewalt zu nehmen was nach menschlichen und
göttlichen Gesetzen mein ist Wollt Ihr es wagen in diesen Tagen der Anarchie
es zu einem Kriege zwischen uns kommen zu lassen Wollt Ihr Euch meine und der
Meinigen unauslöschlichen Hass zuziehn der Ihr vielleicht bald unsere Hilfe
brauchen könnt Diese wie meine Freundschaft und Liebe bleibt Euch versichert
wenn Ihr Euch jetzt als ein verständiger und nachgiebiger Freund zeigt«
Der Gouverneur hatte weiter keine Antwort er sagte nur wie ihm Vittoria
unaufgefordert bezeugen werde mit welcher Hochachtung wie einer Tochter er
ihr in dieser traurigen Zeit begegnet sei Er führte ihn hierauf selbst in die
Zimmer der Gefangenen und ließ sie nach einigen Bezeugungen der Höflichkeit
allein indem er die schöne Gefangene als frei dem Gemahle feierlich übergab
Beide umarmten sich in Freude und Rührung weinend »So hat die Zeit« sagte
der Herzog »doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt die mein Glück
meine Seligkeit trägt Nicht wahr das Leben ist doch ein großes Geschenk ein
himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen unnennbaren Geistes Ja er liebt seine
Geschöpfe und wir wollen es dankbar erkennen«
»Wenn uns nur nicht immer« sagte Vittoria »in diesen großen Momenten ein
sonderbarer Schwindel ergriffe Es ist kein Zagen kein Zweifeln keine
Ungewissheit unsrer selbst auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft nein
mein Geliebter nur als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung
wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte plötzlich
die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit
stumm gemacht würde so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste
Glück die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt für Unglück
und Leid sind tausend Fühlungen in uns«
»Gedankenreiche melancholische Braut« sagte der Herzog lächelnd »so
möchten wir uns dem Krebse vergleichen der ungeschickte Glieder zum
Rückwärtskriechen aber keine zum Vorschreiten hat«
Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuss und führte sie hinab um mit
ihr den Wagen zu besteigen
Der Bischof erwartete sie schon im Palast In der Kapelle ward von ihm die
Trauung feierlich vollzogen Die Braut war geschmückt und in den reichsten
Kleidern Sie trug weil es der Herzog gewünscht hatte dieselben Gewande mit
denen sie am Tage ihres sogenannten Verhörs war bekleidet gewesen ihr Benehmen
an jenem Tage hatte ihn so entzückt dass er sie wieder in der nämlichen Tracht
sehen wollte
Die Priester entfernten sich und nur wenige der Vertrautesten versammelten
sich im aufgeschmückten Saal Bracciano war weit davon entfernt ein großes
prächtiges Vermählungsfest zu feiern er vermied an diesem Tage seines Glückes
die große vornehme und geschwätzige Gesellschaft Die Menge wäre ihm an diesem
Tage lästig gewesen So lud er nur einige seiner Verwandten von deren
Ergebenheit und Liebe er überzeugt war und seinen Schwager Flaminio den er
heut seiner Dienste als Geheimschreiber entließ und ihm damit er ein
selbstständiger Mann sein könne ein bedeutendes Vermögen übergab Kaporale der
treue Freund der sich in Rom befand ward nicht vergessen
So war gerade nur die Zahl der Musen am Tisch und das Mahl das nicht zu
lange währte ward unter Scherz Lachen und ernsten Gesprächen genossen Der
Herzog hatte es als einen besonderen Luxus ersonnen dass sie nur von schönen
Mädchen bedient wurden die alle poetisch als Nymphen oder Göttinnen der Fabel
leicht und bunt bekleidet waren Kaporale war so glücklich so heiter sein
Gesicht so lachend als wenn er selbst der glückliche Bräutigam gewesen wäre
Aber er triumphierte dass sich nun doch trotz aller Hemmung und des Unglücks
das erfüllt hatte was sein Herzenswunsch immer für seine Freunde gewesen war
Er jauchzte darüber dass er zuerst und ohne ihn zu kennen den edlen Freund in
das Haus der schönen Geliebten eingeführt hatte Diese betrachtete er mit immer
wachsendem Erstaunen denn sie war was auch der Herzog behauptete noch schöner
geworden und in ihrer strahlenden Majestät schimmerte lächelnd eine so süße
Jungfräulichkeit dass nicht bloß der Bräutigam in ihrem Anblick entzückt und wie
trunken sich verlor Alle Dienerinnen so schön und reizend sie in Blumenkranzen
und poetischen Gewändern glänzten so lieblich und holdselig sie auch waren so
lockend Busen Nacken und Schultern leuchteten waren in der Nähe Vittorias doch
nur wie dienende Sklavinnen und ihr Licht ward von diesem Sonnenglanz durchaus
verfinstert und dunkel
Kaporale ließ beim Bankett und Nachtisch die Rosenkränze hereinbringen die
man auf seine Anordnung geflochten hatte Nach alter Weise musste sich jeder mit
einem schmücken und nun wurden auch die Dienerinnen entlassen Jetzt
extemporierte Kaporale ein Lied und sang es herzlich wenn auch mit etwas
heiserer Stimme Jeder Gast folgte dem Beispiel und nur Bracciano an den Busen
seines Weibes gelehnt sagte dieser stumme Ausdruck seines Gefühls sei das
wahre und beste Gedicht das er aus seinem Herzen in seine Augen aber nicht auf
seine Zunge hinaufbringen könne
Vittoria improvisierte ungefähr in folgender Weise indem sie die Laute
ergriff und in schöner malerischer Haltung mit ihrer Silberstimme sang
»Gibt es Götter Lebt und webt die unsterbliche Lust noch droben im Olymp
Komm du ernster trüber Zweifler und siehe uns hier und unser Glück Kannst du
schauen und ist dein Auge nicht blöde vom Erdenstaub dein Geist nicht stumpf
vom irdisch trüben Geschäft so siehe dort die holde Kypria stehen und lachen
mit Amor der zu uns herüber schalkhaft blickt auch der magdliche Bacchus ist
zugegen er von allen Göttern der Jungfrau am ähnlichsten Wenn ihr Mut genug
habt ihm ins Auge zu schauen so wagt es und seht den mächtigen Jupiter an
den Vater der Geschicke und die hochedle Juno die auch in guter Laune ein
weniges von Eifersucht bemerken lässt Hütet euch es mit dieser Beschützerin
der Ehe zu verderben denn auch den Zeus bezwingt sie endlich Wer ist stark
genug dem Schmollen zu widerstehn Beschütze du mich Regent mein
Auserwählter der Widerschein des Hohen des Übermenschlichen dass keine
neidische dich liebende Gottheit uns jemals entzweit«
Als es Abend war trennte man sich und die Mädchen geleiteten die Braut zur
Kammer um sie zu entkleiden Als Bracciano durch Hilfe seines alten
Kammerdieners die Hülle von sich warf sagte der Herzog »Was fehlt dir alter
Freund dass ich dich so bewegt sehen muss Hat jemand dir etwas Leides zugefügt«
»O nein erlauchter Herr« sagte der Alte »im Gegenteil ich freue mich
Eures hohen Glückes O mein gnädiger Fürst es ist ja eine Göttin die Ihr
heimgeführt habt mehr als Armida oder Helena Wohl mir dass es mir vor meinem
Tode noch vergönnt war eine solche Schönheit mit meinem schwachen Auge zu
erblicken und beseligt ich dass sie Euch gehört Euch die Gattin mir die
Gebieterin Welcher Fürst welcher Sterbliche kann sich rühmen je der Gemahl
einer Himmlischen gewesen zu sein ja Venus soll mehr wie einen Erdgebornen
beglückt haben aber hier Venus Juno Minerva und Diana in ein Wesen
verschmolzen und dieser Ernst Tiefsinn und diese Schalkheit und kindliche
Plauderei und dies Necken Witz und große Gesinnung«
»Höre auf alter Freund« sagte Bracciano lachend »du fängst an zu
schwärmen und du wirst mich eifersüchtig machen«
»Es ist zuviel für einen Menschen« beschloss der Alte »alles dies in seine
Arme zu fassen und es sein Eigentum zu nennen«
Die Mädchen als sie nach Hause gingen schwatzten untereinander auf
ähnliche Weise Die eine sagte weinend »Ich habe mich für hübsch gehalten man
hat mich selbst schön genannt wie erbärmlich schlecht matt und leblos dieser
gegenüber Wenn er nicht treu ihr bleibt verdient er des schimpflichsten Todes
zu sterben«
Als Bracciano sich der Tür der Kammer näherte sagte er zu sich wer bin
ich dass die Unsterblichen mir diese Wonne haben auferblühen lassen Mit
heiligem Schauer nur mit erhabener Furcht mit wollüstigem Zagen kann ich euch
danken Das ist meines Lebens wichtigster Moment Und hätte ich nur für diesen
einen Augenblick gelebt so wäre mein Leben ein reiches gewesen
Fünftes Kapitel
Nach vielfältigen Verhandlungen Widersprüchen Annäherungen und in Ausübung
jener Künste welche immerdar die Geschichte der Konklaven wenn sie umständlich
und wahrhaft erzählt sein konnten so lehrreich machen ward endlich der Kardinal
Montalto zum Papst gewählt weicher den Namen Sixtus des Fünften annahm
Viele hatten ihre Stimme für ihn gegeben weil sie ihn für so schwach und
unbedeutend hielten dass sie glaubten in seiner Stelle und seinem Namen
regieren zu können Einige gaben in der Überzeugung nach er sei so alt und
krank dass er unmöglich lange leben könne und dass also der Stuhl bald wieder
erledigt sei und ihnen eine neue Hoffnung aufgehn würde Viele waren für ihn
um nur dem klugen ehrgeizigen Farnese entgegenzustreben und so geschah
endlich was der Medicäer vom Anbeginn gewollt hatte dass Montalto die höchste
geistliche Würde der Christenheit erhielt
Es hatte dem Greise auch die Hochachtung bei der Wahl geholfen die er sich
durch seine ruhige Fassung beim Tode seines Neffen Peretti erworben hatte Und
so sah denn Montalto den ehrgeizigen Wundertraum seiner Kindheit erfüllt dass er
zum Teil durch seine Klugheit und Beharrlichkeit auf dem Throne saß vor welchem
alle zu seinen Füßen knieen mussten
Aber wie erschrak das Kollegium als sie statt eines schwachen kranken
zaghaften Greises nun plötzlich einen rüstigen starken gebietenden
Kirchenfürsten vor sich sahen der gleich in den ersten Augenblicken deutlich
zeigte dass er zu befehlen wisse und Kraft besitze seine Gebote geltend zu
machen Viele die ihm zu seiner Würde geholfen hatten wünschten dass es
möglich sei die Wahl rückgängig zu machen und Farnese sowie manche andre die
dem schwachen stets schweigenden Montalto so oft ihre Verachtung gezeigt
hatten waren jetzt sehr verlegen als sie sich vor ihm demütigen mussten
Auch in der Stadt verbreitete sich sogleich Furcht und Entsetzen Es war
altergebrachte Sitte dass am Tage wenn der neue Papst gekrönt ward allen
Verbrechern in den Gefängnissen Gnade widerfuhr Dies wurde auch jetzt allgemein
erwartet Viele Verbannte stellten sich freiwillig um so an der Amnestie
teilzunehmen und für die Lebenszeit wegen früherer oft vergessener Verbrechen
freigesprochen zu werden Sixtus aber dessen fester Vorsatz war diesen Untaten
für immer einen Damm entgegenzusetzen ließ alle des Todes Würdigen selbst am
Tage seiner Krönung öffentlich hinrichten Alle Vorbitten Einreden waren
vergeblich Einen Burschen der nur mäßig sich gegen einen Häscher im Wortgezänk
verteidigt hatte ließ er sosehr auch selbst die vornehmsten Kardinäle sich für
den Unglücklichen verwendeten hängen Alle die sich im stillen mancher
Vergehen bewusst waren entflohen aus der Stadt Auf dem Lande wurde auf seinen
strengsten Befehl ebenso unerbittlich verfahren denn diejenigen die seine
Gebote nicht befolgten oder nur lau und lässig sie ausrichteten wurden selbst
für das Gesetz in Anspruch genommen und er ließ keinem der solcher Fehler
überwiesen war Gnade widerfahren
Jedermann sah ein dass man sich in der Person des gebrechlichen alten und
hinfälligen Montalto geirrt hatte und dass man fast wider Willen einen
strengen und wahren Regenten der Kirche gewählt habe einen echten Papst der
auch ohne zu zagen wenn er es für notwendig hielt den Tyrannen spielen würde
Es endeckte sich nun auch dass er bis jetzt sein Lebensalter vorsätzlich zu hoch
angegeben hatte denn seinen Jahren nach sowie seiner jetzt entwickelten Kraft
und Rüstigkeit war die Aussicht dass er lange den päpstlichen Stuhl besitzen
könne
Als die große Audienz angesagt war begab sich auch der Herzog Bracciano mit
den andern Großen in den Palast des Vatikans Es schien dass der Papst ihn gar
nicht beachtete er redete ihn nicht an übersah ihn und Bracciano musste
glauben dass dies vorsätzlich geschehe und ein Zeichen seiner Ungnade sei
Beunruhigt wendete sich der Herzog an den Kardinal Ferdinand von Florenz er
ersuchte diesen ihm eine Privataudienz bei Sixtus zu verschaffen »Der Papst«
sagte dieser »ist natürlich ungehalten dass Eure Exzellenz gegen Euer
feierliches Versprechen sich mit Vittoria dennoch vermählt hat«
»Ich gab dies Versprechen« erwiderte Bracciano »nur dem Papst Gregor der
nicht mehr ist Ich gab es weil ich sah dass der erzürnte Greis es außerdem zu
gefährlichen Extremen treiben würde die wenn er ohne Rücksicht handelte mich
zwängen offen als Rebell ihm gegenüberzutreten Dann war das Dasein meiner
Gemahlin gefährdet und alle meine öffentlichen wie heimlichen Feinde hätten
schnell diesen rechtlichen Vorwand benutzt auch mich zu stürzen und zu
vernichten denn es war wohl deutlich dass die Kabale mehr gegen mich als gegen
die arme Vittoria gerichtet war denn sie wurde dem Papst nur hingestellt um
den Verblendeten der den Zusammenhang nicht kannte zu Gewaltschritten
anzureizen damit ich in Gefahr käme Und wer weiß wie es diesem Farnese und
andern geriet wenn sie durch ihren heroischen Mut nicht diesen Hauptfeind
schamrot gemacht und gedemütigt hätte«
»Gesteh ich es nur geehrter Schwager dass ich mich Euch auch nicht völlig
versöhnen kann« erwiderte der Medicäer »Ist sie denn so vorzüglich großartig
und tugendhaft als Ihr sie wähnt Hat Euch die Leidenschaft nicht verblendet
und zu einem unziemlichen Schritte verleitet Ich rede jetzt nicht vom Tode
meiner Schwester sie ist ihrem Schicksal erlegen sei es Strafe sei es
Krankheit sie hatte sich tief gegen Euch verschuldet und Ihr wisst es selbst
wie weder der Fürst mein Bruder noch ich Euch nach diesem Unglück unsre
Freundschaft entzogen Wir verbanden uns im Gegenteil inniger mit Euch und Eurem
Interesse Eures Sohnes wegen und auf Euren Wunsch strengten wir Mittel und
Kredit an um Eure Güter von der Schuldenlast zu befreien die Euch drückte die
durch Eure Großmut und Freigebigkeit so angehäuft war Ihr verspracht auch mir
Vittoria aufzugeben«
»Eminenz« rief Bracciano »seid billig und setzt mich nicht auf diese Weise
in Verlegenheit indem Ihr Worte und Versprechungen anders nehmt als sie jemals
gemeint sein konnten
Bedenkt doch was meine Liebe und Leidenschaft bedeuten könnte wenn ich so
ruhig auf immer diesem Besitz meiner angebeteten Gemahlin hätte entsagen mögen
Ich musste ja notwenig voraussetzen dass Ihr als ein weiser Mann mein Wort so
nahmt wie es nur gemeint sein konnte dass ich in diesem Zwiespalt in diesem
kritischen Moment ihr entsagte und es duldete dass die Unschuldige eingekerkert
wurde Und sie Vittoria Ja wäre sie eine Bianca Kapello oder nur entfernt
ihr ähnlich so wäre der Handel mit einer listigen Buhlerin bald geschlossen
gewesen sie hätte dann die günstigen Umstände wie jene abgewartet falls meine
Schwachheit für sie wie bei jener des Gemahls fortgewährt hätte Denn Ihr wisst
und bedauert es gewiss verehrter Freund und Schwager was Euer erlauchter Bruder
sich alles für jene hat zuschulden kommen lassen Dort werdet Ihr zu sorgen
haben dass nicht untergeschobene Kinder Eure Rechte kränken Nicht soll mein
Virginio je darunter leiden dass ich mich in meinem Alter noch den glücklichsten
aller Menschen nennen darf Und Euer großer Vater gab er nicht in Krankheit und
Schwäche noch einer Leidenschaft nach die auch viele selbst von seinen
Freunden tadeln wollten Ich bin Euch und Eurem Bruder verbunden dass Ihr
Ordnung in mein Hauswesen und Vermögen habt einführen wollen es wird meinen
Kindern zugute kommen Aber arm ohne Rang und Titel ein Bettler möchte ich
lieber sein als den Besitz meiner Vittoria aufgeben die noch tiefer in mein
Herz eingewurzelt ist die ich noch leidenschaftlicher liebe seit ich sie meine
Gattin nenne Ihr selber würdet sie verehren wenn Ihr sie näher kennenlerntet«
Der Medicäer schien mit dieser Auseinandersetzung nicht unzufrieden und er
musste sich gestehen dass Vittoria von fast ebenso edler Abkunft wie jene ihm
verhasste Bianca war und dass ihre Schönheit Betragen Tugend und edle Weise
weit über die Eigenschaften jener vorragten und die gealterte Buhlerin in den
Schatten stellten
Sixtus bewilligte das Gespräch um welches Bracciano angesucht hatte Dieser
musste einige Zeit im Vorsaal warten was seinen Stolz aufreizte indem er sich
jener Zeiten erinnerte in welchen er mit Geringschätzung auf diesen Montalto
hinabgesehen hatte Er wurde eingeführt und traf den Papst allein in seinem
Sessel sitzend Als der Herzog die herkömmliche Veneration geübt hatte sah ihn
Sixtus mit seinem scharfen hellgrauen Auge blitzend an doch Bracciano war
gefasst und vorbereitet
»Indem ich Euren Segen Heiligster Vater für mich und die Meinigen
erflehe« sprach er »empfehle ich mich und uns alle in Euren Schutz und Eure
Gnade Die Gnade aber die ich am höchsten stelle ist dass Ihr meinen Sohn
Virginio der sich den reifen Jahren nähert würdiget dass er der Gemahl Eurer
Nepotin der Tochter Eurer verehrten Schwester Kamilla werden möge Dann
sichert Ihr auf immer das Wohl meiner Familie und ich kann ruhig sterben«
»Ihr seht nicht aus wie ein Mann des Todes« antwortete Sixtus »und ein
neu verehlichter Gatte sollte nicht vom Sterben sprechen Was Euren Sohn und
meine geliebte Nichte betrifft so danke ich Euch für Euer Anerbieten durch
welches Ihr sie ehrt Und so wünsche ich Euch auch zu Eurer Verbindung alles
Glück obgleich mir diese schöne Vittoria mehr gefallen würde wenn sie damals
als sich jenes Unglück ereignete sich in ein Kloster als fromme Schwester
verborgen und der sündigen Welt völlig entsagt hätte«
Jetzt stand der Papst auf und ging mit schnellen Schritten durch den Saal
Soeben wurden Verbrecher auf dem Platze hingerichtet Er trat an das Fenster und
rief den Herzog zu sich hinan »Seht« rief er »auch Banditen und Mörder denen
ich niemals unter keiner Bedingung Gnade erweisen werde Ja« rief er aus
indem seine kräftige Stimme wie Donner tönte und sein blitzendes Auge wilder in
das Gesicht des Herzogs sah »und wenn ein regierender Fürst der
durchlauchtigste so vor mir stände so würde ich ihm ungesäumt sein Urteil
sprechen und ebenso dort unten an ihm vollstrecken lassen Alles sei
vergessen was meinen Neffen betrifft aber jeder neue Frevel jede Verbindung
mit Banditen jede Gewalttat in meinen Staaten bei Gott und meiner Ehre und
der des Stuhls« er schlug heftig mit der Faust auf seine Brust »nur Strang
und Beil sollen sie richten ohne Ansehen der Person«
Bracciano so kühn er sich fühlte erschrak und musste vor diesem Feuerblick
sein Auge scheu niederschlagen Die Kämmerer im Vorsaal entsetzten sich weil
sie nicht wussten was vorging und sie diese Donnerstimme des Papstes von ihm
noch niemals vernommen hatten Mit der gewöhnlichen Zeremonie entfernte sich
Bracciano
»Was ist dir Geliebter« fragte Vittoria besorgt als der Herzog in seinen
Palast zurückgekommen war »du siehst bleich aus dein Auge ist ohne Glanz du
wirst erkranken«
»Lass Liebste« erwiderte der Gatte »ich bin wohl und gesund und diese
Erschütterung wird bald vorübergehen Aber wir verlassen Rom schon morgen mit
der Frühe«
Vittoria erstaunte »Ja« sagte Bracciano »ich habe in Schlachten dicht vor
den morderfüllten Kanonen gestanden türkische Säbel blitzten tödlich nahe über
meinem Haupte aber bis heute wusste ich nicht was Zittern sei Doch der Alte
dort im Vatikan brüllt wie ein wütiger Löwe und hat den Blick eines Tigers Er
lechzt nach Blut und Mord ihm wage ich nicht gegenüberzustehn«
»Dieser alte milde schwächliche Montalto« sagte Vittoria lächelnd
»Zum Drachen ist er hinausgewachsen« sagte der Herzog »unser Untergang
unsre Hinrichtung würde ihn mit trunkner Lust erfüllen und wie leicht dass
einer meiner Anhänger sich vergisst dass selbst dein Bruder der Marcello mich
in Gefahr bringt dass die Geschichte vom Tode Perettis wieder aufwacht die er
nun nicht wie damals beschwichtigen wird Wir müssen fort von hier je weiter
je besser bis an die Grenzen der Schweiz und Deutschlands Dort oben am
schönen Gardasee in Salo besitze ich ein anmutiges Sommerhaus der Frühling
hat erst begonnen dort wollen wir in schöner warmer Zeit bis zum Spätherbst
uns selbst und der Liebe leben ein Paradies ist dort Menschen bedürfen wir
nicht Musik und Bücher nehmen wir mit uns und das höchste Kleinod die
Liebe«
Vittoria als sie ihr Erstaunen überwunden hatte fügte sich gern dem
plötzlichen Entschluss und der folgende Tag sah sie schon auf der Reise
Sie verweilten in Bologna beim Grafen Pepoli der entzückt war in seinem
Palast so edle Gäste aufnehmen zu können
Beim frohen Gastmahl sagte der Herzog wie im Scherz »Mich jagt der wütende
Sixtus aus meinen römischen Besitzungen hinweg obgleich er mein Schwager
geworden ist und ich meinen Sohn ihm mit der Tochter seiner Schwester verlobt
habe Ja mir dünkt noch dies Bologna als ihm gehörend unheimlich und ich
werde eilen diese mit Blut gefärbten Staaten zu verlassen«
»Wie erfreulich« sagte Pepoli »wenn ein Mann und Fürst der hohe und
mutigste sich in solchen Scherzen ergeht Es ist als wenn der Mond sich
wirklich fürchtete von den tessalischen Zauberinnen auf die Erde herabgezogen
zu werden«
»Ei Freund« sagte der Herzog »der Zauberkünste und Formeln gibt es gar
viele und mannigfaltige Die Wirkung kommt künstlich und magisch vorbereitet
so unerwartet um eine unschuldige Felsenecke wie eine kriechende Schlange
schleichend heran und plötzlich sieht sich plötzlich mit seinen Söhnen
verstrickt unentrinnbar und der Tod grinst hämisch da wo vor Minuten noch
Gesundheit und Übermut lachten«
Noch am Abend als eine kleine Gesellschaft sich versammelt hatte brachte
der Kammerdiener dem Grafen ein versiegeltes Blatt Er eröffnete es in Gegenwart
des Herzogs und es enthielt nichts als eine Chiffre »Aha« rief Pepoli aus
»da werde ich nach Jahren an ein feierliches Versprechen gemahnt das ich um
alles nicht brechen darf«
Er rief dem Haushofmeister Dieser musste sogleich ein Fuhrwerk besorgen um
in Begleitung zweier Diener diejenigen die sich so rätselhaft angemeldet
hatten noch in der Nacht weiterzuschaffen Er ließ ihnen schnell ein Gastmahl
anrichten damit sie erquickt und gestärkt die nächtliche Reise unternehmen
könnten um in der Landschaft auf einem einsam gelegenen Kastell einige Tage
zu verweilen
»Als sie allein waren sagte der Graf Ihr dürft es wohl erfahren dass die
Fremden von jenen proskribierten Verbannten sind die der Papst mit
unerbittlichem Sinne zu vertilgen sucht Ein guter Mann Ascanio ist mit einem
ehemaligen Barigell Antonio unten in meinem Hause Jetzt darf ich davon
sprechen da die Zeit alles Geheimnis jener Sache längst entkleidet hat Dieser
Ascanio hat mir in jener Zeit als ich einen alten Verwandten im Sabiner Gebirge
aufsuchte auf eine edle Art das Leben gerettet Dem berüchtigten Piccolomini
musste ich als Ersatz dafür mit einem feierlichen Handschlag versprechen
diejenigen zu retten die sich mir mit dieser Chiffer anmelden würden Nun muss
der weichherzige Ascanio doch wieder in die schlimme Verbrüderung durch
Unglücksfälle geraten sein da er meine Hilfe in Anspruch nimmt«
»Aber« fiel Bracciano ein »Ihr setzt Euch durch Euer Mitleid einer Gefahr
aus«
»Die strengen Edikte des neuen Papstes« antwortete Pepoli »sind auch zu
uns hierher gekommen ich werde es auch niemals wagen hier in Bologna einen
Verbannten aufzunehmen und zu beschützen Ich sende sie nach dem Kastell dort
das außerhalb des päpstlichen Gebietes liegt und das unter Schutzherrschaft des
deutschen Kaisers steht dessen Vasall ich ebenfalls bin«
Man beschloss sich am folgenden Tage nach diesem Schloss zu begeben denn
Bracciano zog es vor soviel als möglich das päpstliche Gebiet sowie das
Florentinische zu vermeiden weil er unter den jetzigen Umständen in
Begleitung der jungen Gemahlin mit seinen Verwandten dort weder in freundliche
noch zornige Berührung kommen wollte
Bracciano wie Vittoria freuten sich über die Verehrung und Liebe die ihr
Freund Pepoli in Bologna genoss Erst an diesem Tage hatte er eine Menge
verwaister Kinder beiderlei Geschlechts reichlich ausgestattet und ihnen den
Eintritt in das Leben erleichtert Er sorgte großmütig für Blinde und hülflose
Alte Jeder Arme der rechtlich war und den Unglück gebeugt hatte wandte sich
mit Vertrauen an den edlen Grafen und keiner ging ungetröstet von ihm So
nannten ihn die Bedürftigen Bettler und Kranke nur den Schutzgeist von Bologna
und wenn er sich öffentlich zeigte drängte sich das Volk um ihn um ihm ihre
Liebe und Verehrung kundzutun Nicht minder achtete ihn seines
menschenfreundlichen Wesens halb der ältere und jüngere Adel er galt allen für
ein Muster nach dem sich der Jüngling bilden müsse Auch Priester und Gelehrte
schätzten ihn hoch weil er die Wissenschaften ebenfalls auf alle Weise
unterstützte Kurz er konnte für das Vorbild eines sanften edlen wohltätigen
Mannes gelten Er war unvermählt und hatte bis jetzt die Anmutung sich zu
verheiraten abgewiesen weil er fürchtete dass er doch als Gatte so groß sein
Vermögen war in seiner Wohltätigkeit gehemmt werden dürfte obgleich seine
Freunde auf seine nächsten Verwandten hindeuteten die falls er ohne Erben
stürbe seine Reichtümer auf ganz entgegengesetzte Weise anwenden möchten
Mit der Frühe reisten die drei befreundeten Wesen von Bologna ab um sich
nach jenem Kastell des Grafen zu begeben Unterwegs sagte Pepoli »Ihr werdet
einen sonderbaren alten Verwandten von mir kennenlernen diesen Velluti den ich
damals mit einiger Anstrengung befreite Er war früher der Ausbund eines
übermütigen Mannes keine Unternehmung war ihm zu kühn man nannte ihn in der
kleinen Stadt nur den tollkühnen Alten So war er denn auch den Banditen dort
sehr gefährlich die vor seinem Namen zitterten bis es den Bösewichtern gelang
ihn aus dem eignen Hause wegzurauben und ihn unter stündlicher Todesbedrohung
viele Tage im innern Gebirge zu verstecken Seitdem denkt sieht und hört der
Arme nichts als Banditen denkt und träumt nur Mord und Brand und aus dem
verwegensten Menschen ist die feigste Seele geworden«
Sie gelangten an das Schloss das in einer schönen grünen Einsamkeit sich
stattlich zeigte Es war fest wie es die damaligen unruhigen Zeiten notwendig
machten da Kampf und Überfall täglich sich ereignen konnten
Schon vor dem Tore kam ihnen der zitternde Velluti entgegen Weinend küsste
er die Hand des Grafen und rief bewegt »O mein Wohltäter so sehe ich Euch doch
noch einmal in meinem Leben wieder Ich dachte Euer liebes Angesicht nicht
wiederzuerblicken O nein ich muss vergehen in meiner Angst und Ihr werdet
sterben mein Hochverehrter Ach da sind zwei greuliche Menschen unten im
Schloss zwei von denen die Ihr auch wohl in den schrecklichen Bergen
kennenlerntet Kommt ihnen nicht zu nahe lässt Euch mit ihnen nicht ein
wechselt kein Wort mit den Bösewichtern«
Sie betraten unter fröhlicher Begrüßung der Dienerschaft das Schloss In den
unteren Gemächern traf Pepoli die beiden Flüchtigen Der riesengrosse Antonio war
wie immer ruhig und barsch »Ich dachte nicht« sagte er mit grobem Ton »dass
ich noch einmal so herunterkommen würde Eure Hilfe in Anspruch nehmen zu
müssen aber der Sixtus ist schlimmer als ein toller Eber so dass sich auch der
wilde Piccolomini von ihm hat ins Bockshorn jagen lassen Und so sind wir so
gut wir auch organisiert waren ausgerissen denn der verrückte Pfaffe weiß sich
nichts Köstlicheres als Rädern Köpfen Verbrennen und Strangulieren Das ist
sein Konfekt des Nachtisches die Folterqualen selber mit anzusehen O wohin ist
unsre goldene Freiheit«
Ascanio erzählte wehklagend eine traurige Geschichte wie klägliche Umstände
ihn wieder jener früheren Verbrüderung zugeführt hätten Der Graf gab ihnen
bedeutende Summen um sich mit diesen in das Venezianische oder nach Korfu und
Dalmatien oder selbst nach Deutschland zu begeben Sie eilten von dem freien
Gebiete wo ihnen keine Gefahr drohte nach fern liegender Zuflucht um dort ein
neues Leben zu versuchen
Als die Herrschaften in heitern Gesprächen beim Abendessen saßen stürzten
atemlos und bleich einige Diener herein »Was gibt es« fragte der Graf »Ist
ein Unglück geschehen«
»O weh« schrie der eine »das Haus ist mit Soldaten und Truppen umstellt«
»Und der alte Velluti« rief der andre »ringt schon mit dem Tode so hat er
sich über diesen Anblick entsetzt«
Alle erhoben sich vom Tische »Was ist das« rief der Graf »was kann man
von mir wollen Sind es denn Kaiserliche«
»Nein« stammelte der Diener »römische Krieger und Häscher«
In der Verwirrung hatte man den Anführer schon in das Haus gelassen er trat
höflich grüßend herein und mahnte den Grafen sich mit ihm nach Bologna zu
begeben
»Weshalb Was hat es zu bedeuten«
»Ihr wisst« fuhr jener fort »die strengen geschärften Befehle unsers
Heiligen Vaters wie jeder der Banditen eine Freistätte gewährt dem Gesetz
verfallen ist«
»Wisst Ihr auch« sagte der Graf stolz und fest »dass ich hier in diesem
meinem Kastell der Vasall des Römischen Kaisers bin dass in diesem Distrikt hier
der Papst nicht mein Oberherr ist und er mir hier gar nichts zu gebieten oder
zu befehlen hat«
»Ich folge der Ordre meiner Obern« antwortete der Barigello »mich
kommandiert mein General Graf Kordori dieser steht unter dem Kardinal
Salviati welcher im Bolognesischen die Befehle des Heiligen Vaters mit aller
Strenge auszuüben hat Wollt Ihr uns nun Herr Graf gutwillig folgen oder
sollen meine Leute Euch mit Gewalt fortführen«
»Dieser Friedensbruch« sagte jetzt Bracciano »und Verletzung des Bannes
ist in der Geschichte unerhört«
»Ich bitte um Antwort« sagte der Barigello
Man übersah aus dem Fenster die ansehnliche Mannschaft der Soldaten und
Häscher alle zum Kampf gewaffnet an Widerstand war also nicht zu denken an
Flucht noch weniger »Ich muss mich ergeben« sagte Pepoli »ich hoffe am
Kardinal Salviati der mir persönlich bekannt ist einen verständigen Richter zu
finden«
»Salviati ist mir von alter Zeit befreundet« sagte der Herzog »und ich
begleite Euch zurück nach Bologna Er wird Vernunft hören und annehmen Kann er
oder der Papst den deutschen Kaiser so mutwillig kränken und beleidigen wollen«
Vittoria sah die beiden Männer mit Erstaunen und Wehmut an Sie begriff
eigentlich den Handel nicht Unten lag Velluti als Leiche Er hatte sterbend
seinen Wohltäter grüßen lassen
Traurig finster kam Bracciano am folgenden Tage zurück »Die Unmenschen«
rief er der erschreckten Gemahlin zu »sie haben ihn sogleich als überführt im
Gefängnis erdrosselt Möchten die Erben doch ihre Klage bei Papst und Kaiser
erheben sagte der blutdürstige Salviati o welcher Tiger dieser Sixtus
Als ich zornig sprach drohte man mir selbst als einem Banditenfreunde Lass uns
dem Schlachtause entfliehen«
Sechstes Kapitel
Am Gardasee in der Nähe der kleinen Bergstadt Salo lebte der Herzog mit seiner
Gemahlin glückliche Tage Sie lasen sangen dichteten er ritt auf die Jagd
und sie begleitete ihn auf kleinen Reisen in der schönen und mannigfaltigen
Umgegend Die Nähe von Deutschland und der Schweiz diese Bergnatur mit ihrem
stets neuen Wechsel geben diesen Landschaften einen eigentümlichen Reiz Von
einem so einfachen idyllischen Leben ist nur wenig zu berichten das ruhige
ungestörte Glück kann niemals die Imagination des Dichters vielfach bewegen nur
von Wechsel Unglück Schlacht und Tod Gram und Verzweiflung oder Wunder
berichtet Legende und Romanze das epische Gedicht wie das Drama
In dieser holdseligen Einsamkeit störte sie fast niemals ein Besuch In
Venedig waren sie gewesen und die Republik hatte dem tapfern Herzoge eine hohe
und rühmliche Befehlshaberstelle angetragen er war gerührt von der ihm
zugedachten Ehre schlug aber diese Würde aus was den Dogen und den Rat
einigermaßen kränkte Man hatte ihm und seiner Gemahlin mit einem feierlichen
Aufzuge entgegenkommen wollen welches aber nun so viel Ehre sie ihm auch
erwiesen unterblieb
Es erfreute ihn aber hier in dieser weltberühmten Stadt seine Vittoria im
Glanz einer Fürstin auftreten zu sehen es schmeichelte ihm wie der Doge und
hohe Adel ihrer Schönheit huldigte und jedermann sich ihr nur mit Erstaunen und
Bewunderung näherte Auch die Gelehrten und Dichter brachten ihr Opfer des Lobes
und der Schmeichelei da man in Italien wenn sie auch ohne Namen gedruckt
waren ihre feurigen Lieder kannte
Nachdem sie das großartige Verona besucht hatten begaben sie sich wieder in
die Einsamkeit ihrer Berge und nach dem schönen romantischen See den sie auf
einer Barke mit Musik begleitet überschifften und sich an den alten Romanzen
ergötzten die man in diesem Lande vernahm
Zuweilen erfüllte die hohe Schönheit den Wunsch des Geliebten sich ihm in
der Gestalt und Tracht der Diana zu zeigen und er rief einmal in seinem
Entzücken »Ja du mein Herz und meine Seele in dieser herben Jungfräulichkeit
du wildes Kind wurdest du mein denn ein Mägdlein nicht eine Frau gönnte mir
an jenem Abend wo Hymen uns vereinte den kostbarsten Schatz ihrer Liebe Oh
du Wunderwerk der unerschöpflichen Natur wie wandelst du dich in alle
Gestalten und in jeder neuen bist du schön und herrlich Wenn ich dich als
Pallas anbeten muss so hüpft mein Herz im Rausche der Wonne wenn ich dich auch
im Taumel der Liebe als Bacchantin sah und immer weiblich edel immer von
Grazie und Holdseligkeit umgossen Wenn andere Frauen sättigen entzündest du
die Liebe und ihr Verlangen nur mehr und mehr Wie ich nach dir brannte wie
mein Herz nur dein und deiner immer und ewig begehrte und der Moment dass du
mein werden konntest mir von feindseligen Dämonen festgeschmiedet schien um
mich ohne Labsal verschmachten zu lassen so oh missverstehe mich nicht
mein Abgott so sehne ich mich jetzt dass ich mir nur ein einzig armes Mal
sagen könnte jetzt ist mein Herz und Sinn gesättigt ich bin auf diesen
Augenblick doch der Sehnsucht und dieses Rausches frei«
Da zog jene wundersame Glut der Schamröte über ihr Lilienantlitz und sie
schmiegte ihr Auge verbergend das Lockenhaupt an seine Brust »Oh mein Paul«
flüsterte sie ihm zu » du mein Gott und alles was bin ich durch dich
geworden Eine Selige der Olympischen eine Aber warum du Wilder bist du so
wild und ungestüm Ist es denn nicht oft als wolltest du Seele und Leben die
ganze Ewigkeit in diesen Momenten des Rausches opfern Oh mein Gatte mein
Held mein liebliches Kind mein sanftes Lamm und auch Bacchus und Apoll und
Jupiter willst du kannst du nicht sanfter demütiger ach Himmel Was
soll ich sagen Du verstehst mich gewiss«
Er lächelte selig und sah auf sie nieder etwa wie Herkules mag auf die
Göttin der Jugend sanft und stolz hinabgesehen haben
Wenn sie einmal allein war was sich nur selten zutrug so war ihr Sehnen
nach ihm so milde und genügend die Erinnerung so still behaglich dass das Herz
sich immerdar in sanfter Freude wiegte »Dass den Sterblichen« sagte sie dann
»ein solches Glück zugewiesen werden könne ist mir ehedem nicht glaublich
gewesen ja ich habe keine Ahnung von einem solchen Leben gehabt«
Ein andermal neckten sie sich wieder wie die Kinder und übten tausend
kleine Schalkheiten aneinander aus Im Garten stellten sie einst einen Wettlauf
an und er blieb weit zurück
»Du bist zu stark« sagte sie lachend und ihn verspottend »wie willst du
die Last eines großen Körpers deine hohe Gestalt so schnell bewegen und so
behende Ich darf dir viele Schritte vorausgeben und du wirst mich doch nicht
einholen«
»Mit der Atalante« erwiderte er »kann keiner rennen ich müsste dir denn
wie jener Freier die goldnen Äpfel zum Abirren weit wegwerfen«
»Und so kann ich dir also doch weglaufen sobald ich nur will«
»Dann schleudere ich dein Zeus Donner und Blitz dir nach die sind doch
rascher als deine schönen Beine meine Liebesgedanken ereilen dich dann wie sie
dich ja auch so eingeholt und überlaufen haben dass du mein Weibchen geworden
bist«
»Bin ich es denn« sagte sie ihn küssend »deine Geliebte bin ich dein
wildes Kind wie du mich so oft nennst Wie du mich neulich schlugst mit meinen
eigenen schweren Locken als ich deine Heldentaten gegen den Türken nicht
glauben wollte du Prahler«
»Prahler« fuhr er auf und umschloss sie mit seinen kräftigen Armen »und
eben ermahnte sie mich noch in meiner Liebe mäßiger zu sein die nüchterne
ungläubige Heidin Ja morden könnte ich dich du Gottlose liebste Liebe in
diesen höchsten Momenten der Liebe«
»Und warum nicht gern sterben« antwortete sie »und mit Freudentränen im
Auge Ach Paul mein Giordano wenn wir uns nach dem Tode wiederfinden wenn
ich dir entgegenstürze in jenem uns unbekannten Lande wird dann die Wonne
nicht vielleicht noch größer sein oder anders oder ist es wie mir im Leben
vorher war dass wir es uns jetzt nicht denken können«
»Tod und Leben in deiner Nähe ist mir eins« antwortete Bracciano »für dich
nur hat mich das Schicksal auf einer langen und oft rauen Bahn erzogen So ist
mein Lieben jetzt die Schule deiner in Zukunft noch würdiger zu werden«
»Ja« fuhr sie fort »und so schweben wir in jenen uns jetzt unsichtbaren
und undenkbaren Gebieten wir beide eins und zugleich mit Andacht Anschauen
der vorigen Kräfte eins wie wir schon jetzt in begeisterten Momenten aufgehen
mit der schönen Natur umher mit Luft Himmel Licht den Gestirnen der Nacht
und wir in Entzücken die ewigen Kräfte fühlen die magisch im Gestein und
Wasser in Mond und Sonne weben wir hören dann wir fühlen den Pulsschlag der
allgewaltigen Natur Gottheit weht durch unser ganzes Wesen und auch die
kleinste Faser unsers Daseins ist geweiht und klingt wie die windbewegte Saite
der Harfe in den Akkord der Unendlichkeit hinein«
»Und auch dies Gespräch« fuhr er fort »ist bacchantischer Natur Wir
Menschen können nicht anders Wohl dem Eingeweihten in Eleusis Mysterien wenn
er in jeder Chiffer die ihm die Wirklichkeit vorhält ein Geheimnis findet ihm
verständlich«
»Oder ein Rätsel« sagte sie »das als unerraten lieblicher und tiefer
unser Wesen durchschauert als wenn sich uns die sogenannte Wahrheit enthüllte«
»Darum ist jede Wirklichkeit jede Erscheinung Symbol« sagte Bracciano
»und wieder oft in anderer irdischer Begeisterung angesehen bedeutet es doch
nur sich selbst genügt sich selbst und ist sich selbst das Höchste Es ist
Abend geworden lass uns ruhen und jene sich genügenden höchsten Mysterien
feiern«
Sie sah ihn mit leuchtenden aber keuschen Blicken an und schüttelte
lächelnd das Haupt Er küsste sie aber und sie folgte ihm nicht unwillig
So zählten sie in immer neuem Glück nicht Zeit und Stunde Flaminio war in
Padua und hatte dort den Palast für sie eingerichtet wenn sie mit dem Beginn
des Winters diesen beziehen würden Der Herzog hatte den älteren Bruder Marcello
auch dorthin beschieden der jetzt durch den erlauchten Schwager in
Wohlhabenheit versetzt sich vornahm fortan ein anständiges Leben zu führen
Der Sommer war vergangen aber die beiden Glücklichen dachten noch nicht daran
ihre schöne Einsamkeit zu verlassen
Es war schon im Herbst und einer von jenen wunderbaren Tagen wie man sie
nur in den südlichen Berggegenden erleben kann Er wollte das wundersam schöne
Wetter einmal ganz für sich allein im Walde genießen Vittoria blieb einsam
zurück und saß sinnend und schreibend bei offenen Türen im Saal welcher die
Aussicht auf die schöne Landschaft erlaubte
»Wie selig müde« so schrieb sie »wie erregt in schlummernde Mattigkeit
wie wach und bewusst in diesem seligen Traum Die Liebe ist es durch die ich
alles verstehe durch welche auch das scheinbar Tote lebt Der See schimmert und
rauscht und flüstert unter seinen wechselnden und spielenden Lichtstrahlen Oft
klingt wie aus dem Grunde ein Glockenton herauf und tönt fort wie mahnend unter
die kosenden vielfach schwatzenden Laute hinein Ist es des Wassers ernster
Geist der die plaudernden Kinder ermahnt Denn wie die kunstbegabte Hand durch
die vielfach tönenden Saiten der Harfe sich klug auf und ab bewegt wie auf dem
Spinett die angeschlagenen Tasten klingen so hält die Fee der Wasser die
glänzenden Finger hinein und spielt mit den vor Freude zitternden Wellen und
lässt sie rieseln und klingen Der ernste Felsen drüben zieht schon wie zum
Schlaf die ernste Nebelkappe über sein raues Haupt um andächtig zuzuhören
und die Wälder fragen sich wird die Nacht kommen und die Traumgestalt die dann
durch das dunkele Grün poetisch wandelt Das kleine Gesträuch schwatzt am Ufer
von jener Zeit in welcher es zu Bäumen wird und statt der Amsel und der
Nachtigall der Adler sie besucht und der Reiher in ihnen sein Nest baut Wie
spiegelt sich die schlüpfende Eidechse noch in den letzten Strahlen der
untergehenden Sonne Nun wandelt und wimmelt das kleine Wurmgeschlecht die
Völkerschaft der kleinen Käfer auf mannigfachen Wegen durch das dunkler
leuchtende Gras Der Adler fliegt zu seinem Horst und trinkt die Strahlen der
Abendröte die Schafe kommen blökend von der Weide die Glocken der Kühe tönen
den einförmigen Schall ein Schweigen ruht auf Wasser Feld und Berg es
horcht brütend und aufmerksam in die Tiefe der Erde hinein was die Geister dort
ausschwatzen die niemals an die Oberwelt kommen Nun stehen die Kuppen der
Berge hell blühend im Rosenlichte die Nebel ziehen sacht vom Strahle geküsst
in den Wald hinab die großen Wolken malen kühn Schlacht und Tumult und
Ovidische Metamorphose in das dunkelnde Himmelsgwölbe Nun geht sie fort die
Abendröte die Königin bläulich grau wie Leichname stehen die Felsenkuppen
wie Gespenster fast und mich ergreift ein Schauer und zittert an mein Herz
hinan«
Wirklich ergriff sie ein fröstelndes Zittern und sie stand auf die Fenster
und Türen gegen die eindringende Abendluft zu schließen Indem sie sich umsah
nahm sie in der Ecke des Saales ein zusammengekauertes kleines graues Wesen
wahr das sich in der Nähe einer Tür gelagert hatte Ihr erster Gedanke war
einen jener blödsinnigen Bettler oder die Gestalt eines Kretins vor sich zu
sehen wie sie wohl in jenen Gegenden zu finden sind Sie wollte die Diener
rufen um das kleine Wesen mit einem Geschenke abzufinden als dieses sich erhob
und den nebelgrauen Finger warnend ausstreckte Es war nicht Wirklichkeit so
sagte sie zu sich selbst sondern eine Schöpfung ihrer aufgeregten Phantasie
Sie trat dem Fremden dreist näher und heftete die Augen fest auf ihn aber er
verschwand nicht wie sie erwartet hatte Sein hängendes Gewand war grau mit
einem schwärzlichen Gurt in der Mitte zusammengehalten die weiten Ärmel
schlotterten und Arme Finger und Hände waren unendlich mager sein Angesicht
war wie das eines halb verweseten Leichnams die Lippen blassbläulich und die
Augen dunkel mit stechendem Blick So mutig sie war so genau sie den
Unheimlichen zu betrachten wagte so konnte sie sich doch einer angstaften
Furcht nicht erwehren »Wer bist du« redete sie ihn an »was willst du von
mir« »Dein Warner« krächzte kaum vernehmlich der Kleine »sollst dich hüten
Er jetzt eben «
Da ging sie ganz nahe aber ihre Hand erfasste nur die Mauer es war nichts
da was gesprochen haben konnte aber viel finsterer war die Stelle des Saales
als vorher als der Kleine noch dort in seinem grauen Schimmer gestanden hatte
Aber sie fasste sich und rannte schnell aus dem Hause da sie glaubte soviel
begriffen zu haben er sei in Gefahr Sie eilte in den nahen Wald Hier war
die Dämmerung schon in Dunkel und Finsternis verdichtet Es war als wenn ein
unsichtbarer Führer sie auf den Fusssteigen geleitete die sich nach allen Seiten
ausstreckten denn sie zweifelte nicht dass sie ihrem Gemahl begegnen müsse Er
kam ihr auch nach geraumer Zeit entgegen schwankend ungewissen Schrittes auf
einen fremden Mann gestützt Sie eilte in seine Arme er lehnte sich auf sie und
rief »Nun bin ich getrost da ich dich wiederhabe«
Sie wusste nicht was sie antworten sollte »Dank Euch mein guter Mann«
sagte Bracciano »dass Ihr mir bis hierher geholfen habt jetzt ist mir besser«
Sie sah sich um der Wald war an dieser Stelle um ein weniges lichter und
schnell hatte sie mit einem kräftigen Stoß den unbekannte Begleiter zu Boden
geworfen »Du Elender« rief sie »willst uns auch bis hierher verfolgen«
Bracciano stand verwundert still »Es ist ja der verächtliche Mancini ein
Spiessgesell von Mördern der uns damals von meinem unglücklichen Bruder den
Zettel brachte in der verhängnisvollen Nacht Seitdem hat mich eben Marcello
wiederholt und dringend vor diesem Menschen warnen lassen der im Solde unserer
Verfolger steht« »Mancini« rief Bracciano »ich kenne ihn als meinen Feind
ob ich ihn gleich früher niemals sah« Der Niedergestürzte raffe sich auf und
floh mit größter Eil in das Dickicht des dunkeln Waldes Sie wollte ihm nach
aber das Zittern und Schwanken des Gemahls hielt sie bei diesem zurück und der
Verdächtige entkam
Vittoria führte ihn ihn sicher stützend in das Haus er legte sich tu
Bett und mit größter Eil wurden Ärzte aus der nächsten Stadt herbeigerufen Sie
wachte indessen bei seinem Lager und er so matt er sich fühlte konnte nicht
einschlafen
»Was ist dir geschehen« sagte Vittoria in der Nacht »du siehst bleich
deine Hand zittert dein Auge ist matt und sieht starr«
»Ich fürchte« antwortete der Herzog »ich bin durch mein Verschulden meinen
listigen Feinden in die Hände geraten dass du diesen Mancini vor welchem mich
seit lange schon freundschaftliche Briefe warnen wiedererkannt hast gibt mir
fast die Gewissheit davon Ich glaube dass ich ihnen und ihren Künsten
unterliege und dass du zu spät zu meiner Rettung herbeigeeilt bist
O Vittoria wir sind alle schwache gebrechliche Menschen Indem uns die
eine Torheit verlässt meldet sich schon die andre bei uns an und wir gestatten
ihr gern den Eingang O freilich war es eine Lüge dass deine Liebe mir eins und
alles sei denn wäre dies so hätte ich mich nicht von dieser Schwachheit so
gröblich hintergehn lassen
Schon vor Jahren laborierte ich mit meinem Schwager dem Grossherzog In
seinem Kabinett bewahrt er Wundersachen die ich mir nicht zu erklären weiß Und
mag man disputieren und klug sein wie man will mich hat noch kein Argument so
getroffen dass es meine Überzeugung sei nur ein Tor könne auf die Verwandlung
der Metalle und auf das Erringen des Goldes hoffen
Wie dieser Wonnerausch der Liebe alle unsre Kräfte erhöht wie wir im
Glauben oder Aberglauben so selig sind so kamen auch die alten vergessenen
Träume wieder zu mir Wer kann die Scheidewand ziehen zwischen Glauben und
Aberglauben Ich erinnerte mich nun dass ich schon einmal mit dem berufenen
Deutschen dem Turneiser gearbeitet hatte dass ich zu verschiedenen Zeiten die
Hoffnung genährt dem Geheimnis ganz nahe auf der Spur zu sein
Vor einiger Zeit traf ich in diesem Walde einen alten Mann welcher Kräuter
suchte Wir kamen ins Gespräch er sagte mir einiges von Blumen von der Kraft
mancher Gewächse was mir ganz neu war Seine Wohnung wollte er mir nicht
anzeigen er war überhaupt in allen seinen Reden kurz angebunden und er schien
vielmehr mich vermeiden als aufsuchen zu wollen
Ich traf ihn ein andermal wieder und nun erzählte er mir von einem viel
älteren Manne dessen Schüler er sei und welcher das große Mysterium besitze Es
lag ihm aber so tat er nichts daran dass ich den Greis kennenlernte
Nur wie zufällig fand ich ihn noch einmal und nun führte er mich auf mein
Ersuchen zu einer Waldhütte wo ich den Magier traf Auch dieser rückhaltend
kannte mich nicht wollte mich auch nicht näher kennenlernen Aber auf meine
dringenden Fragen gab er Antwort Kurz er war nicht abgeneigt mir einen
sichtlichen Beweis seiner Kunst zu geben wenn ich nämlich Mut genug dazu
besitze Es war von nichts Geringerem die Rede als mir die Geister meiner
Eltern zu zeigen was mir um so merkwürdiger war da der Zauberer so wie ich
glaubte mich gar nicht kannte
Zu keinem Sterblichen so hatte ich mein feierliches Versprechen gegeben
durften ich eine Silbe von diesem Abenteuer erwähnen darum verschwieg ich auch
dir alles was ich nicht hätte tun sollen Heute so war die Verabredung ging
ich zu ihm Nun die gewöhnlichen Vorbereitungen er gab mir einen Trank der
Weihe wie er ihn nannte der mich stärken sollte um das Ungewöhnliche oder
Erschreckende leichter zu ertragen Auch er trank davon um mich ganz sicher zu
machen Kein Mensch war im Zimmer als wir die Fenster wurden gegen das
Sonnenlicht geschlossen geweihte Kerzen angezündet magische Kreise zog der
Beschwörer und ein sinnebetäubender Rauch stieg aus seiner Pfanne und erfüllte
das ganze Zimmer Schon fing meine Nachgiebigkeit an mich zu gereuen als
wirklich im Dunst meine Eltern erschienen und mit drohender Gebärde die
Zeigefinger gegen mich erhuben Vielleicht hatte man auf Schrecken oder
Entsetzen von meiner Seite gerechnet da ich aber kaltblütig blieb so musste man
weiterschreiten Ich war jetzt schon überzeugt dass der Gaukler mich kenne und
dass alles vom ersten Augenblick an auf eine gröbliche Täuschung berechnet
gewesen sei Ich schämte mich vor mir selber Da erschien im Dampf das Bild
jener Isabella von Florenz dann der ermordete Peretti blutend Ich wollte mich
entfernen als der Dampf so vermehrt wurde dass ich zu ersticken fürchtete und
plötzlich standest du in Qualen halb nackt aus vielen Wunden blutend
verzerrten Angesichts da Dem unerwarteten Anblick war ich nicht gewachsen ich
stürzte nieder bewusstlos Nach einiger Zeit traf ich mich im Walde wieder von
jenem Menschen geführt den du wiedererkanntest Meine Feinde haben mich
überwältigt und diese meine Schwachheit benutzt ich fühl es von diesen
Dämpfen bin ich vergiftet und jede Hilfe wird vergeblich sein«
Noch in der Nacht erschienen einige Ärzte
Siebentes Kapitel
Es war der Winter eingetreten welcher in Oberitalien eine raue und traurige
Jahreszeit ist und viel Regen und Kälte mit sich bringt Der Herzog Bracciano
war gestorben und zur Erde bestattet Vielfache Gerüchte waren seinerhalb
verbreitet Waren es die Orsini die Gegner in Florenz die Freunde des in Paris
ermordeten Troilo die sich ihm in Masken genähert und ihn listig fortgeschaft
hatten Das Haus wo jene Geisterscheinungen vor sich gegangen sein sollten
konnte man im Umfange des Waldes sosehr man sich auch bemühte nicht auffinden
derjenige welchen Vittoria als Mancini erkannt hatte war seitdem nirgend
gesehen worden So glaubten manche die sich für die Einsichtigen hielten ein
Fieber habe den Herzog hingerafft und seine sonderbaren Aussagen zeugten nur
von der Krankheit seines Gemütes und einer schon ganz irregeleiteten Phantasie
Die Wundergläubigen dagegen behaupteten seine Visionen in dem rätselhaften
verschwundenen Hause hätten sich sei es durch einen Magier sei es auf andre
übernatürliche Weise dem Verstorbenen wirklich gezeigt um ihm alle Sünden und
Verbrechen seines Lebens vorzuhalten und keine giftigen Dünste oder Getränke
sondern die Qual des aufgescheuchten Gewissens habe seinen frühen Tod
herbeigeführt
Vittoria ertrug ihren Schmerz wie große Seelen fast immer die herbsten
Verluste zu tragen pflegen Man sah sie nicht klagen und weinen ihr Unglück war
zu groß um sich in solchen Leiden kundzutun Sie lebte in einer stillen
erhabenen Resignation Ihr Leben war beschlossen ein Frühling Sommer und
Herbst war ihr Glück gewesen in diesen wenigen Monaten war der Inhalt ihres
eigentlichen Daseins befangen Die Erinnerung dieser ländlichen Einsamkeit war
jetzt ihr Genuss sich jede auch die kleinste Begebenheit den unbedeutendsten
Scherz wieder lebhaft herbeizurufen
Sie hatte den für sie bestimmten Palast in Padua bezogen Der Magistrat der
Stadt der hohe Adel sowie einige der vornehmsten Geschlechter aus Venedig
hatten sie ehrerbietig als Herzogin von Bracciano begrüßt und ihr Schutz und
Sicherheit zugesagt
Viele Diener einige Stallmeister alles was zum Gefolge einer mächtigen
Familie gehört umgab sie Der Herzog hatte schon früher ein Testament zu ihrem
Vorteil gemacht in welchem er ihr alle baren Summen das Geschmeide Juwelen
und Kostbarkeiten alles Silbergeschirr den Marstall und alle Mobilien seiner
Güter gerichtlich übergab sowie den wohleingerichteten Palast in Padua Das
Testament war unter den Schutz des Herzogs Alfons von Ferrara sowie einiger
anderer Großen gestellt weil Bracciano gegen die Familie der Orsini ein
gerechtes Misstrauen hatte er auch wohl überzeugt sein konnte dass das Haus der
Medicäer dieser Verfügung nicht hold sein würde Sollte und konnte der Fürst von
Este die Herzogin Vittoria Bracciano schützen und mit Kraft vertreten so war
dies freilich auch Veranlassung den Fürsten von Florenz gerade deshalb zu
Streit und Eifersucht zu bewegen weil schon seit lange Ferrara und Florenz in
beständigem Zwiespalt lebten Alle Güter und übrigen Schlösser des Bracciano
seine große Herrschaft alles verblieb dem Sohn Virginio welchen er mit der
Schwester des Grossherzogs von Florenz Isabella erzeugt hatte Man konnte also
billigerweise wohl nicht behaupten dass der verstorbene Herzog seinen Kindern zu
viel entzogen habe um die kinderlose Vittoria allzusehr zu begünstigen
Wäre die grossgesinnte Witwe irgend geneigt gewesen viele Menschen um sich
zu sehen so war der Adel der Stadt und der Umgegend geneigt ihr seine Huldigung
darzubringen In ihrer Stimmung zog sie aber die Einsamkeit vor und den Umgang
einiger Gelehrten und edlen Priester Wer so große unnennbare Schmerzen
durchlebt der wendet sich gern in der Einsamkeit seines verwaiseten und
verarmten Herzens an die ewige Liebe des Unnennbaren die dem Menschen am ersten
im Unglück sichtbar wird Poesie und Gelehrsamkeit verließen die Ärmste nicht
und ihre Stimmung war auch nicht der Art dass sie diese Göttergaben diese
himmlischen Begleiter des Lebens vorsätzlich als Torheit verabschiedet hätte
aber so wie ihr sonst der Olymp und Parnass Apollo und sein liebliches Gefolge
der Tanz der Grazien und das Necken der Amorinen persönlich anschaulich gewesen
und in ihren dichtenden Stunden immer näher getreten war so erwachte jetzt das
Bedürfnis bestimmter in ihr sich jenen Unsichtbaren den in der Andacht
Geahneten in Bildung und Gestalt als Vater und Tröster zu verwirklichen sich
diesem Vater der höchsten Liebe ganz hinzugeben der sich durch den Schmerz das
Mitleid mit dem Menschengeschlecht und die Inbrunst seiner Liebe sich selbst und
dem Vater der armen Sterblichen so himmlisch verständlich gemacht hatte Sie
fühlte deutlich dass soviel sie geschaut und empfunden hatte doch eine Lücke
eine Kluft in ihrem Herzen geblieben war die der tiefste Lebensschmerz ihr erst
entdeckt und beleuchtet und ihr zugleich gewiesen hatte wie diese Leere durch
Liebe auszufüllen sei Sie erfuhr nun an sich dass die ewige Liebe sich keinem
entzieht der sie wahrhaft und mit ernster Anstrengung sucht und auch in diesen
Übungen der Andacht fühlte sie den teuren Gemahl wieder ganz nahe in ihrer
Gegenwart
Unter den merkwürdigen Besuchenden trat auch der mehr als achtzigjährige
Sperone wieder zu ihr mit dem sie von Literatur den Gelehrten und dem armen
eingekerkerten Tasso sprach Es schmerzte sie innig dass der Greis weder Tassos
Talent noch Unglück in seiner ganzen Größe anerkennen wollte
Als diese große ehrwürdige Gestalt sich entfernt hatte trat auf sein
dringendes Verlangen der schmächtige zitternde Kamillo Mattei ein der so
herzlich wünschte seine ehemalige Jugendgespielin nach zehn vollen Jahren als
große reiche Herzogin und mächtige vornehme Dame wiederzusehn Vittoria musste
wider ihren Willen über die sonderbare Verlegenheit ihres Jugendfreundes
lächeln Sie suchte ihn zu beruhigen und sicher zu machen indem sie ihren Ton
jener ehemaligen Vertraulichkeit näherte Er fasste endlich mehr Mut und
erzählte von seinen Eltern welche beide schon seit Jahren gestorben seien sein
Oheim Vinzenz mache sich in Tivoli gute Tage indem er durch den Bischof Ottavio
wohlhabend geworden sei auch eine bessere Pfründe erhalten habe Er selbst habe
in diesen zehn Jahren vielfaches Elend durchgemacht und kennengelernt Die
Lebensweise auf der Galeere sei eben nicht die schlimmste gewesen oft sei er in
der Gesellschaft der Banditen noch schrecklicher gemisshandelt worden wenn es
freilich auch hie und da gute Tage gegeben habe Seit nun der grausame Sixtus
der Fünfte den päpstlichen Thron bestiegen hätten alle sich mit der größten Eil
und Angst aus dem Kirchenstaat geflüchtet jeder der ergriffen sei
hingerichtet worden und so hätten viele der bravsten Männer auf erschreckliche
Weise ihr Leben eingebüßt So habe sich Piccolomini und Sciarra und andre
Bandenführer fortgemacht ebenso der unvergleichliche Luigi Orsini in dessen
Diensten er gewesen seit er von der Galeere frei geworden »Jetzt ist dieser
Herr Luigi hier in Padua« so beschloss er
»Hier« rief Vittoria in der größten Bestürzung aus
»Ja wohl« sagte Kamillo »er hat den großen Palast Barbarigo dort am Wasser
eingenommen er mit allen seinen braven und furchtbaren Männern Die Republik
hat den tapfern Grafen schon seit einiger Zeit in ihre Dienste berufen und er
geht in wenigen Tagen mit uns allen als MilitärGouverneur nach Korfu ab«
»Nach Korfu und bald« fragte die Herzogin etwas beruhigt
»Ja wohl« sagte Kamillo »denn Venedig so sagt man will dort eine tapfere
Besatzung und einen kühnen Anführer hinlegen weil von den Türken große Gefahr
zu besorgen sei«
Kamillo entfernte sich wieder in seiner Imagination diese Vittoria mit
jener vergleichend die er vor zehn Jahren geküsst deren Reize er ohne Schleier
gesehen hatte Jetzt zitterte er vor der welche er damals so kühn umarmte
Auch Vittoria maß ihren jetzigen Zustand mit jenem kindlichen von damals
Jetzt hatte sie nun den Brunnen und den großen Saal des Apone oder des Pietro
von Abano gesehen auch dessen Bildnis und wie gleichgültig und unbedeutend war
ihr alles erschienen
Nicht lange so erschien Luigi Orsini selber vor ihr den sie nicht
wenigstens diesen seinen ersten Besuch hatte abweisen können Er war stärker
geworden im Antlitz ganz gebräunt doch hatten ihm die Erfahrungen von zehn
Jahren ein milderes Ansehen gegeben Er bemerkte es wohl wie Vittoria bei seinem
Eintritt zitterte er aber näherte sich verbindlich küsste mit Anstand und fein
sich verbeugend die Hand und sagte »Schöne Muhme ich muss vor Euch erscheinen
wenn Ihr mich auch vielleicht ungern seht um Euch mein Beileid über Euren
großen schmerzlichen Verlust das Abscheiden des edelsten Mannes zu bezeugen
den wir Orsini alle immerdar gern und ohne Widerspruch für das edelste Haupt
unsrer Familien anerkannten dessen Wille uns fast immer für einen Befehl galt
und dem sich auch die Kecksten unter uns in Ehrfurcht beugten«
Vittoria sah in verwundernd an und bestätigte gern was er von den Tugenden
und dem Adel ihres Gemahls ausgesprochen hatte »Ihr habt« fuhr Luigi fort »an
Schönheit gewonnen erlauchte Herzogin die Zeit vermag nichts über Eure Reize
eine erhabene Majestät regiert in Euren Zügen aber doch ist es noch viel zu
früh dass ihr Euch den Matronen zugesellen könntet Nun solltet Ihr so bald als
möglich diese Trauergewande ablegen denn sie heben Euren Reiz so strahlend
hervor dass Ihr nur um so vieles verführerischer erscheint«
Vittoria wollte ihn mit einem strengen Blicke strafen der aber an seinem
feinen fest stehenden Lächeln abglitt
»Zürnt mir nicht« fuhr er ungestört fort »zwar widerfuhr es mir ehemals
ebenso und ich darf mich wohl keiner andern Begegnung von Euch erfreun
obgleich ihr jetzt Witwe und widerum ganz frei seid Was aber könnte mir Liebe
und Leidenschaft nutzen da ich an eine schöne Frau gefesselt bin die auch aus
einem hohen Hause stammt Und sie etwa umbringen um mich einer andern Schönheit
würdig zu machen wäre doch zu grausam obgleich man sagt dass Liebe und
Grausamkeit wohl aneinander grenzen Habe ich Euch doch in meiner Jugend auch
dergleichen vorgeschwatzt wodurch ich Euch erzürnte Ich drohte Euch damals
wenn ich mich recht erinnere sogar mit Tod und Untergang und ich muss über
meine törichte Heftigkeit selber lachen wenn ich sehe wie wir uns jetzt in
diesem Augenblick gegenüberstehn«
Er lachte mit dem Ausdruck des albernsten Leichtsinnes indessen Vittoria im
Innersten erschauderte und ihr Angesicht von ihm abwenden musste Doch um wieder
ernstaft zu sein fing er von neuem an »Ich bin bei Euren würdigen und sehr
angesehenen Rechtsgelehrten gewesen und diese werden es Euch auch wohl
mitteilen verehrte Muhme dass ich gegen das Testament Eures erhabenen Gatten
einen Einspruch erhoben habe zum Besten meines armen Neffen Virginio und der
Grossherzog von Florenz sowie der Kardinal Ferdinand sind darin mit
einverstanden dass er der Verwaiste nicht so sehr darf beschädigt werden ich
bin auch überzeugt dass der strenge feste Papst auf unsere Seite treten wird«
»Von diesen Sachen« erwiderte sie »verstehe ich so wenig dass ich bitten
muss alles dies mit meinen Advokaten abzumachen die man mir als sehr gelehrte
und rechtschaffene Männer anempfohlen hat auch mögt Ihr mit dem Dogen wenn ihr
es gut findet darüber sprechen oder Euch an den Herzog von Ferara wenden die
sich als meine Beschützer erklärt haben«
»Ich wenigstens« antwortete Luigi »kann dergleichen nicht abwarten denn
ich segle schon in diesen Tagen mit meinen Leuten nach Korfu ab kann also erst
später die Entscheidung erfahren Aber was reizende Dame wollt Ihr nur mit dem
ganzen großen Marstall eines so berühmten Reiters und Jägermeisters wie es der
Herzog war anfangen Alles Mobiliar ist Euch vermacht kann man aber wohl
rennende und springende Rosse wenn sie sich gleich bewegen ein Mobiliar
nennen Diese Tiere sind Euch ganz unbrauchbar Ja wärt Ihr eine wilde
Reiterin wie jene Margareta von Parma es war so ließe sich dieser Punkt des
Testamentes oder die Auslegung eher begreifen«
Er lachte wieder und Vittoria sagte »Lasst das werter Graf ich hoffe dass
wir uns über alle etwa streitigen Punkte vereinigen werden«
»Noch an einen Punkt muss ich erinnern« fing der Redselige wieder an »Euer
Gemahl war in aller Zeit sehr großmütig und freigebig er liebte wie Ihr es
wisst Pracht und Aufwand und so musste ich ihm einmal als er sich in Not
befand mit einer sehr bedeutenden Summe aushelfen Ich kann Euch durch meinen
Advokaten die bündige Verschreibung von ihm selbst unterzeichnet vorweisen
lassen Für diese große Summe die ich jetzt bei meiner Ausrüstung nach Korfu
sehr gut brauchen könnte würde mir so wie ich es kenne und überrechne
ungefähr der Schatz Eures Silbergerätes ausreichen Was die Juwelen und
altererbten Schmuck und Kostbarkeiten betrifft so kann der Grossherzog und
Kardinal unmöglich diesen fast königlichen Juwelenschatz aus der Familie
entführen lassen«
Vittoria stand auf und der Graf ebenfalls »So soll ich denn« sagte sie
ohne Zorn aber ihn fest anblickend »völlig beraubt und geplündert werden Wie
ich Euch sagte persönlich werde ich mich nicht darein mischen das Recht und
meine hohen und höchsten Beschützer mögen für oder gegen mich sprechen diesem
Ausspruche werde ich mich unbedingt fügen« Sie gab dem lästigen Besucher das
Zeichen dass sie ihn verabschiede »Nicht in Zorn« sagte er sich tief
verneigend »entfernt mich so schönste Muhme erlaubt mir vorerst noch einen
Kuss der Ergebenheit auf diese himmlische Hand zu drücken Ich muss doch wieder
lachen seid mir nicht böse deshalb Gedenkt Ihr des Tages als Ihr Euch mit dem
kleinen Peretti vermähltet In der Kirchtür stand ich grimmig und erbost hinter
Euch meine Leidenschaft war so ungeheuer dass ich ihn und Euch mit dem Dolch
hätte niederstossen können und ich sagte Euch ins Ohr Wir sehen uns oder wir
treffen uns wieder Nun freilich sind wir auch wieder zusammengekommen und
sprechen hier wie alte Handelsleute über Geld und Geldeswert«
Vittoria war nach diesem unglückseligen Besuch des Frechen in einer
Stimmung dass sie in eine Wüste hätte ziehen mögen um nur kein menschliches
Antlitz mehr zu sehen Sie ließ ihren alten ehrwürdigen Rechtsgelehrten ruf en
um sich an seinem Gespräch wieder etwas zu beruhigen Er tröstete sie und sagte
unter andern »Sorgt nicht zu sehr Exzellenz diese Anfälle des rohen Menschen
geschehen mehr Euch zu kränken als dass er irgendeinen festen Grund hätte auf
welchem er fussen könnte Es wäre unerhört wenn ein mächtiger reicher Herzog
der im Bewusstsein aller seiner Seelenkräfte stirbt nicht in einem legalen
Testamente seiner rechtmäßig von der Kirche angetrauten Gemahlin sein Mobiliar
bares Geld und Schmuck sollte vermachen dürfen Wenn Ihr Euch dieser und jener
Sache vielleicht des zahlreichen Marstalls der Euch mehr belästigen als
nutzen mag entäussert so kann das nur durch Euren freien Entschluss und auf dem
Wege des Vergleichs geschehen auf keine Weise durch Zwang Über seine alte
Schuldforderung an Euren Gemahl möchte man lachen er der Verschwender
Verschuldete war wohl niemals in der Lage dem Herzoge einen so großen
bedeutenden Vorschuss leisten zu können Wäre es aber selbst der Fall so müsste
er um Wiederbezahlung bei den Haupterben dem Sohn der die Herrschaft und alle
Güter bekommt nicht aber bei der Nebenerbin seine Forderung einreichen Es ist
keine Frage dass die Medicäer und die Orsini dies Testament des weisen Herzoges
umstossen möchten aus Eigennutz und Hass auch der Papst der Euch erhabene
Frau aus begreiflichen Ursachen nicht gewogen ist riet Euch wie Ihr wisst die
Erbschaft fallenzulassen und Euch in ein Kloster zurückzuziehn in welchem er
Euch dann mit einer jährlichen ansehnlichen Summe versorgen würde Ihr habt dies
Anerbieten aber und mit Recht zurückgewiesen Da der Herzog Euch keins wie er
es immer noch gekonnt hätte von seinen vielfachen Gütern vermacht hat um Euch
nicht Euren Feinden auszusetzen so kann nach Recht Gesetz und Herkommen auch
von diesem übermachten Vermögen Euch nichts entrissen werden Ihr seid als
adliche Tochter der Republik anerkannt der Herzog von Ferrara hat Euch auf
bestimmte Weise seinen Schutz zugesagt und so darf Florenz nicht wagen die
Orsini noch weniger gegen die große gewaltige Familie einer Nebensache wegen
in offene Feindschaft auszubrechen und der Papst am wenigsten der seinen
Vorschlag nur als Rat einsendete und der das gewaltige Ferrara das schon oft
verletzt wurde schonen muss Dieser Luigi will sich auch nur nach seinem
schlechten Lebenswandel bei den Florentinern und den Erben von Bracciano
wichtig machen um etwas zu gewinnen vom Papst möchte er gern die eingezogenen
Güter wiederhaben und meint auch diesen für sich zu erobern wenn er Euch etwa
einschüchtern könnte befehlt darum strenge dass der Freche niemals wieder über
Eure Schwelle gelassen werde und wir alle werden mit Erfolg Euer Recht
beschützen«
»Wenn ich nur meiner Stimmung folgte« antwortete Vittoria »so würde ich
alles von mir werfen und mich mit wenigem in die entfernteste Einöde
zurückziehn um niemals wieder in die Nähe von Menschen zu kommen ich brauche
ein Geringes meine würdige Mutter die sich meines Glanzes erfreut haben würde
ist gestorben so wie mein ältester Bruder Marcello wie Flaminio sind durch die
Großmut meines Gemahls reichlich versorge ich kann mich aber so denke ich
nicht zurückziehn das Testament als ungültig hinwerfen und mich in ein Kloster
verkriechen und von der unwilligen Gnade eines erzürnten Papstes leben Dadurch
würde die Ehre meines Gemahls gekränkt und ich erklärte mich öffentlich für
unwürdig jemals an seiner Größe teilgenommen zu haben So zwingen uns immer
wieder Bedingungen und Umstände zu Handelsweisen sie legen uns Pflichten auf
von denen wir in gewöhnlichem Verhältnis wenn wir alles aus der Ferne
betrachten keine Vorstellung haben«
Der Graf Luigi kam sehr verdrießlich von seinen Advokaten zurück die ihm
alle Schwierigkeiten des Prozesses auseinandergesetzt und ihm vorgestellt
hatten dass er wenigstens nicht so schnell als er es gedacht beendige werden
könne da die mutige Frau sich nicht einschüchtern lasse Auch sei der Ausgang
selbst sehr bedenklich da sie so hohen Schutzes genieße der Vorwand das
Testament umzustossen auch kein hinreichender sei
»Diese Hunde von Advokaten« rief er in Wut als er wieder zu den Seinigen
im Palast zurückgekehrt war »Diese Federfechter mit ihren Klauseln und
Praktiken Ich habe alles dem Kinde meinem Vetter so fest versprochen er
tritt mir gern einen Teil des Vermögens ab künftig als Schwiegersohn des
Papstes muss er mir meine Güter wiederschaffen«
Er versammelte seine Vertrauten um sich Der den meisten Einfluss auf ihn
hatte war der verruchte Graf Pignatello der vor keiner Tat und keinem Morde
zurückschreckte seine Liebe und Freundschaft besaß aber der mildere Graf
Montemellino ein naher Verwandter jenes Blutdürstigen Diese beiden und noch
einige der Entschlossensten wurden zum geheimen Rate berufen
»Je schneller geendigt je besser« sagte Pignatello »Kinder sind nicht da
die Toten schweigen und Prozess und Testament sind von selbst zu Boden gefallen«
Luigi war derselben Meinung und der mildere Montemellino konnte seine Einwürfe
nicht geltend machen »Nein« schrie Luigi »abgesehen von allen meinen
Vorteilen so muss ich an dieser Kreatur Rache blutige Rache nehmen Nur wer
jemals rechten innerlichen ewigen wahren Hass empfunden hat kann wissen und
ermessen welchen Grimm und welche Wut mir diese Buhlerin seit so vielen Jahren
erregt hat Kein Drache Krokodil Ungeheuer keiner der mir Vater und Mutter
ermordet hätte könnte je meine Seele mit diesem Abscheu anfüllen wie er in Wut
gegen dieses schöne Untier in meinen Eingeweiden kocht und siedet Wie sie mich
immer verletzt zurückgestoßen und gekränkt hat nicht gegen den räudigen Hund
kann man so viel Ekel und Widerwillen zeigen als sie mir mit ihrer Mutter so
unverhohlen bewies Es war ein innerlichster Schwur eine Aufgabe meines Lebens
und beides habe ich in keinem Augenblick auch in meiner Brautnacht nicht
vergessen und aufgegeben mich blutig an dieser Sirene oder Harpyie zu rächen
Und diese wonnevolle Stunde soll nun endlich geschlagen haben Wer als ein Lump
mir die Freundschaft aufsagen will mag es jetzt tun denn ich bin mir selbst
genug«
Alle sagten mit Schwüren ihre Hilfe zu und Orsini sprach »So muss es bald
so muss es eilig geschehen noch vor dem Fest denn unmittelbar nach Weihnachten
wie ihr es wisst sollen wir nach Korfu absegeln Die Kreatur muss morgen
vernichtet sein«
Vittoria war zur Beichte gewesen und hatte mit mehr Erbauung als je das
heilige Abendmahl genossen Mit einem Gefühl des Schauers trat sie in ihren
großen einsamen Palast Sie sprach mit ihren Brüdern dann war sie wieder
allein Flaminio seit er nicht mehr für den Herzog beschäftigt war wusste nicht
recht wie er seine Zeit anwenden sollte Marcello der sich mit Büchern nicht
unterhalten konnte wünschte als Soldat von der Republik angestellt zu werden
nur dünkte es ihm schmählich bei Orsini dem Feinde seiner Schwester Dienste
zu nehmen
Vittoria suchte sich in Büchern zu zerstreuen und zu erheben Aber ihr
Schmerz war noch zu neu sie betete oft im Stillen »O gütiger Vater gib
schenke mir nur eine eine einzige Minute in welcher ich meinen Verlust völlig
vergessen kann nur so viel um auszuruhn damit ich dann neu gestärkt zum
Gefühl meiner Leiden zurückkehren möge« Aber wie sie die Hand ausstreckte wie
sie ein Buch ausschlug wie sie den Bissen zum Munde führte war es ihr immer
als wenn Bracciano nun neben ihr stände mit jenem sterbenden Leichenblick der
sich ihr so tief so unvergesslich eingeprägt hatte
So war es Abend so war es Nacht geworden Sie war in ihrem Schlafzimmer
arbeitete betete und las abwechselnd Würde mir ebenso sein sagte sie zu sich
selbst wenn ich ein geliebtes Kind von ihm an meinem Busen nähren könnte
Marcello hatte schon beim Mittagsessen darauf angetragen den Pförtner des
Hauses zu entlassen weil dieser ihm verdächtig erschien Vittoria ganz in
ihren Gedanken vertieft hatte diesen Vorschlag keiner Aufmerksamkeit gewürdigt
Jetzt schlich sich Kamillo zu Flaminio der im Vorzimmer schrieb und wollte ihm
mitteilen was er glaubte gehört oder vielmehr erraten zu haben Flaminio riet
ihm zu warten weil er den kräftigen Bruder Marcello rufen und suchen wolle
Sowie sich Flaminio entfernte entfloh der geängstigte Kamillo wieder weil er
sich vor Marcello fürchtete und nicht den Mut hatte diesem seine Gedanken
mitzuteilen
Vittoria begriff es nicht was sie in dieser Nacht mehr als jemals ängstigen
könne Sie kniete auf den Betschemel und strebte im Gebet wiederum ihre Seele
zum allmächtigen Vater emporzuheben Nun ging sie wieder in den Saal und
beleuchtete mit der Kerze die Bilder die dort an der Wand hingen Mit einem
Male stieß sie einen lauten gellenden Schrei aus denn hinter ihr wie sie sich
umwendete dicht an ihr stand eine große furchtbare Gestalt mit geschwärztem
Angesicht die sie aus den dunklen Augen groß anstierte Sie wollte nach der
entgegengesetzten Seite entrinnen und eine andre entsetzliche Figur trat ihr
entgegen und die dritte vierte und mehr alle mit unkenntlichen Gesichtern
geschwärzt oder in dunkeln Masken »O Gott« schrie sie »der abscheuliche Traum
meiner Kindheit geht in Erfüllung«
Auf ihren gellenden Schrei war aus dem innern Zimmer Flaminio
hereingesprungen Sowie sie ihn erblickten rannten die Verlarvten auf ihn zu
und hieben ihn nieder Da öffnete Marcello die äußere Türe sah die
Abscheulichkeit und sprang schnell Fassung gewinnend zurück und so aus dem
Fenster auf die Gasse hinaus um Hilfe oder die Wächter der Stadt anzurufen
»Du stirbst« sagte die große finstre Gestalt mit dumpfem Ton zur
geängstigten Vittoria »Ich ergebe mich« klagte sie denn sie sah und hoffte
keine Rettung da ringsum die blanken Degen und Dolche ihr drohten und einige
niederknieend noch ihren Stahl in den zerhauenen Leichnam des Bruders wie aus
Übermut bohrten
Also heut diese Nacht jetzt erfüllt sich mein Schicksal sagte sie zu
sich selbst »Wirf das Kleid diese Gewänder und Tücher von der Brust zurück
wenn du eines leichten Todes sterben willst« sagte die dunkle Gestalt
Folgsam wie ein gehorsames Kind warf sie das Nachtleibchen ab denn sie
hatte sich schon zum Schlafen aus und angekleidet »Auch das Busentuch«
rief jener sie tat es er zog hierauf selbst das letzte Leinengewand von der
Brust zurück und die herrliche Gestalt stand in ihrer glänzenden Schönheit
nackt bis zu den Hüften hinab wie das herrlichste Marmorbildnis da die festen
getrennten Brüste im Dämmer des wenigen Kerzenlichtes schimmernd So sank sie
auf den Betschemel knieend nieder Man hätte denken sollen der roheste Barbar
der Kannibal müsste sich bei diesem Anblick erweichen lassen Da stieß er den
scharfen Dolch zielend neben der Brust in den Leib Sie sank zu Boden »Oh
wenn ich tot bin« so klagte sie »habt die Barmherzigkeit und kleidet mich
wieder an« »Vielleicht« sagte jener und stieß das Eisen wieder in die Wunde
indem er es wie prüfend zwei dreimal drin bewegte »Wie ist dir« fragte
er »Kühl ist die Schneide« sprach sie lallend » o lass jetzt ich fühle
das Herz ist getroffen« »Noch nicht« sprach der Schreckliche mit
entsetzlicher Kälte »noch einmal« und wieder an einer andern Stelle stach er
in den edlen marmorweissen Körper Da sank sie ganz zu Boden das Haar löste
sich und schwamm in dem Blutstrom der sich auf dem steinernen Fußboden hingoss
Andre hatten auf einen Wink indessen schon die Schränke hier und in den
andern Zimmern erbrochen was sie an Gold Juwelen und Kostbarkeiten fanden
nahmen sie mit sich und verschwanden dann so still wie sie gekommen Wohl
hundert Bösewichter waren es gewesen die alle Türen und Zimmer bewacht hatten
damit die Mörder nicht gestört werden könnten
Orsini erwartete scheinbar ruhig den Ausgang er hatte sonderbar genug bei
der Ermordung nicht zugegen sein wollen der abscheuliche Pignatello hatte sich
zu dieser Exekution gedrängt
Achtes Kapitel
Marcello der entsprungen war hatte keine Häscher oder Wächter in der öden
finsteren Nacht antreffen können auch hatte er bemerkt dass das ganze große Haus
von jenen Mördern und Raubgesellen angefüllt war so dass eine Hilfe von wenigen
Menschen nutzlos und für diese nur gefährlich geworden wäre
Gegen Morgen erst kehrte er zurück in allen Zimmern waren die Dienstleute
der alte Guido die alte Ursula der Haushofmeister die Kammerdiener alle
gebunden und geknebelt einige fast tot vor Furcht und Schrecken
Nun verbreitete sich das Gerücht von dem schrecklichen Ereignis durch die
Stadt Man kam und sah mit Entsetzen die Greuelszene des Mordes Einige Damen
erbarmten sich der Leiche und bekleideten sie indem sie die hohe Schönheit des
entseelten Körpers mit Bewunderung betrachteten
Mit scheinbarer Betrübnis kam nun auch Graf Orsini wehklagend herbei Er
ließ die Leichname in die nahe Kirche bringen und dort ausstellen Flaminio war
so entstellt und zerhauen dass man ihn nur mit Mühe wiedererkennen konnte
Die Tat war so abscheulich so frech unternommen und ausgeführt dass weder
Padua noch der Staat von Venedig sich ruhig dabei verhalten konnten Auf
dringendes Ansuchen ward der Türhüter eingezogen und erst gütlich dann auf der
Folter befragt der zerknirschte Kamillo meldete sich von selbst und bekannte
so viel als er vom Komplott wusste
Indessen ließ Orsini der sich als naher Verwandter aller Anstalten
bemächtigte die beiden Leichname ohne alles Gepränge und so still wie möglich
beerdigen Der Adel wie das Volk murrten darüber dass so wenig für das
Gedächtnis einer der vornehmsten Damen geschah dass auf das Andenken und den
Namen eines mächtigen Herzogs nicht mehr Rücksicht genommen wurde Sosehr man
auch gesucht hatte die Feierlichkeit des Begräbnisses zu vermindern und das
Ganze gleichsam zu verschweigen so strömten doch viele Menschenmassen hinzu
und klagten laut über den Frevel und beweinten die Ermordete
Der Magistrat der Stadt berichtete den ungeheuren Vorgang sogleich nach
Venedig Nach der Angabe des Kamillo Mattei sowie nach einigen Anzeigen fiel
der nächste Verdacht des Verbrechens auf Luigi Orsini der Stattalter der für
Venedig in Padua residierte ließ den Grafen also zu sich in das Stadtaus
laden Der Übermütige erschien mit seinem ganzen Gefolge allen jenen
Verbündeten die am Morde teilgehabt hatten Da sie alle bewaffnet waren ließ
die Magistratsperson nur den Grafen herein alle übrigen mussten auf der Straße
und im Hofe warten
Der Unverschämte trat wie ein König vor den Gouverneur hin und statt auf
dessen Fragen zu antworten fuhr er selber als Fragender auf den alten Mann los
»Wie kommt Ihr dazu Signor mich wie einen Eurer Klienten oder einen Bürger der
Stadt auf diese Weise vor Euch zitieren zu lassen Was niemals als ich in Rom
lebte der Papst Gregor wagte was ich meinem Verwandten dem Grossherzog von
Florenz ja was ich keinem Könige der Erde einräumen würde das wagt Ihr an
meiner Person Kennt Ihr mich Wisst Ihr von meinem Herkommen und meinen
Vorfahren Ganz andre Männer als ich jetzt einen vor mir sehe haben vor mir
gezittert Wenn Ihr mich sprechen wolltet so war es geziemlich dass Ihr Euch
bei mir melden liesset und ich würde Euch gern Gehör erteilt und vernommen
haben was Ihr begehrt oder wünscht«
Der alte Mann ein fester Charakter ließ sich durch diese Grosssprechereien
nicht verwirren sondern antwortete »Mein Herr Graf von alledem ist hier die
Rede nicht Ihr seid für jetzt ein Einwohner dieser Stadt Ihr steht in Diensten
der erlauchten Republik Venedig eine ungeheure Tat ist vorgefallen die
Sicherheit der Stadt ist verletze eine hohe Person schändlich ermordet Euer
Name ist genannt und ich frage Euch als Vorstand der hiesigen Bürgerschaft ob
Ihr und was Ihr von dieser Begebenheit wisst«
Indem hörte man schreien laut fluchen und Getöse von Waffen Jene Begleiter
hatten die Wache des Stadtauses überwältigt und traten nun mit Lärmen und
trotzigem Anstand alle in den Saal Der Stattalter war über diese Frechheit
verwundert aber nicht erschrocken »Was soll ich nun« rief Orsini aus »in
Gegenwart dieser meiner Freunde sagen und erklären Würden sie es dulden wenn
ich mich einem alten unbedeutenden Manne gegenüber feige oder furchtsam
zeigte Ich erkläre Euch also hiermit dass ich als Verwandter über den Tod
meiner Muhme der Herzogin Bracciano geborene Accorombona am meisten zu trauern
Ursach habe im Prozess war ich auf Ansuchen des nächsten Erben des jungen
Herzogs Virginio mit ihr begriffen und das ist dem Magistrat hier und den
Richtern bekannt Nur einmal habe ich sie hier in der Stadt besucht um mich mit
ihr wegen unsers Rechtsstreites zu besprechen sonst weiß ich nichts von ihr und
ihren Verhältnissen am wenigsten aber was ihr dieses traurige Ende zugezogen
haben mag Ich hörte am Morgen wie alle Einwohner das Gerücht von diesem
nächtlichen Überfall ich erschrak und die Bürgerschaft ist Zeuge meiner Trauer
gewesen und wie ich selbst die Bestattung der Ärmsten besorgt habe Dies alles
und so wie ich von der Ermordung hörte habe ich ebenfalls wie es als
Verwandter meine Pflicht war dem Magistrat melden und anzeigen lassen«
»Ihr werdet vergönnen« sagte der Stattalter »dass wir diese Eure Aussage
zu Protokoll nehmen und dass Ihr sie als eine wirklich gesprochene mit Eurem
Namen unterzeichnet«
»Das werde ich keineswegs« antwortete Orsini »ich kann mich nicht
vernehmen lassen erkenne Eure Auctorität nicht an und weiß dass Ihr mich dazu
nicht zwingen könnt Aber ich ersuche um die Gefälligkeit dass ich diesen Brief
nach Florenz durch meinen Boten senden darf er ist an den jungen Bracciano in
dessen Namen ich den Prozess gegen diese seine Stiefmutter eingeleitet habe ich
gehe morgen oder übermorgen nach Korfu ab und ich melde mit diesem Blatte ihm
nur welche Aussicht ihm seine Sachwalter wegen seiner Ansprüche geben«
Der Gouverneur las den Brief der in der Tat auch nichts anders enthielt
und deswegen gern gestattete dass der Bote ihn nach Florenz bringen dürfe
So entfernte sich Orsini und lachte mit seinen Vertrauten über die Art wie
er den Alten verhöhnt und betört habe Dieser Stattalter aber war klüger als
die Übermütigen dachten und Luigi war einfältig genug sich fangen zu lassen
Sowie dieser sich entfernt hatte gab der Stattalter Befehl den Boten zu
beobachten und als dieser ungehindert durch das Tor gegangen war ward er
plötzlich in der Einsamkeit des Feldes angehalten und genau durchsucht Außer
jenem Briefe fand man in den Schuhen versteckt einen andern folgenden Inhalts
»Alles ist abgemacht Wir haben sie fortgeschaft Die Affen hier habe ich
zum besten wie es sich gehört Sie halten mich für ein unschuldiges Kind
Sendet nun die nötigen Leute wie wir es verabredet«
Beide Briefe wurden zurückbehalten und der Bote heimlich in Verwahrung
gebracht Orsini und die Seinigen jubelten indes hielten die Sache für
abgemacht rüsteten sich zur Reise und lachten über den schwachen und
einfältigen Magistrat den man eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht habe
Sie verwunderten sich aber als sie vernahmen dass man alle Tore
verschlossen hielt und sie bewache kein Mensch durfte die Stadt verlassen Ein
Ausrufer ging durch alle Gassen und verkündete mit lautem Ruf dass diejenigen
die vom Morde wüssten bei härtester Strafe aufgefordert würden die Umstände und
Teilnahme anzuzeigen wer Folge leistete sollte belohnt werden selbst wenn er
am Verbrechen teilgehabt
In der Nacht vom zweiundzwanzigsten Dezember war Vittoria ermordet worden
und morgens früh um sieben Uhr am ersten Weihnachtstage kam schon von Venedig
Bragadino mit unumschränkter Vollmacht vom Senat auf alle Gefahr es möge Blut
und Leben kosten sich des Luigi Orsini lebendig oder tot zu bemächtigen Der
Senat zu Venedig hatte diese unerhörte Freveltat die Frechheit des Grafen nach
den Berichten des Stattalters und den Aussagen Kamillos sowie des gefolterten
Türhüters sehr ernst genommen da außerdem des Grafen eigenhändiger Brief für
ein vollständiges Bekenntnis gelten konnte
Sogleich begaben sich Bragadino der Kapitän und der Podesta in das Kastell
Es wurde Sturm geläutet alle Glocken der Kirchen stürmten ebenfalls Wohl noch
niemals war das Fest der Weihnachten auf diese Weise in Padua begangen worden
Die ganze Stadt groß und klein vornehm und gering war in Aufruhr und Bewegung
Bei Lebensstrafe war geboten dass alle Milizen die Reiterei und alle
waffenfähige Mannschaft sich vor das Kastell das dem Palast Barbarigo nahe war
versammeln sollten und wenn es nötig wäre diesen Aufenthalt des Orsini zu
stürmen und mit Gewalt einzunehmen Sowie der Tag ganz hell war ward ein Aufruf
erlassen dass alle Einwohner bewaffnet herbeikommen sollten wer nicht mit
Gewehr oder Degen versehn wäre was er begehre im Kastell erhalten würde um
tot oder lebend den Luigi Orsini der Gerechtigkeit zu überliefern zweitausend
Dukaten solle erhalten wer den Grafen fünfhundert Scudi wer einen von seinen
Leuten einbringe
Auch vom Lande wurden Männer herbeigerufen um die Anzahl der Freiwilligen
zu verstärken Von allen Seiten wurden Wachen gestellt damit keiner entrinnen
könne
Auf die alte Mauer dem Palast gegenüber wurden Kanonen aufgepflanzt
Bollwerke wurden eilig an der Seite des Flusses errichtet ebenso auf der
Straße damit die Leute sicher wären wenn die Belagerten etwa einen Ausfall
wagen sollten Barken lagen mit Bewaffneten auf dem kleinen Fluße damit auch
hier keiner entkommen könne
Als von den Fenstern aus Orsini alle diese Anstalten gewahr wurde schrieb
er kalten Blutes einen langen Brief an den Senat von Venedig und den edlen
Bragadino in welchem er sich über diese Behandlung beschwerte dass man ganz
vergesse welche Dienste seine Vorfahren der Republik geleistet hätten dass man
ihm selber die Stattalterschaft von Korfu anvertraut habe und ihn jetzt auf
einen oberflächlichen Verdacht hin ohne Ursach wie einen ausgemachten Verbrecher
und Rebellen behandle
In der Nacht begaben sich auf Befehl einige Edelleute aus Padua zum Orsini
Sie fanden dass Türen Fenster und alle Zugänge mit Gerät Brettern Steinen
und was man hatte habhaft werden können, verschanzt waren Die Männer rieten
ihm sich der Übermacht freiwillig zu ergeben weil jeder Widerstand doch nur
unnütz sein könne füge er sich so möchte er vielleicht bei seinen Richtern
noch einige Milde finden sonst gewiss nicht da der Senat auf keine Weise von
seinem Entschluss abgehen würde ihn in seine Gewalt zu bekommen
Er antwortete in seiner sichern Art er wolle sich ergeben doch nur wenn
man alle Truppen und Wachen von seinem Hause entferne dann sollte man ihm von
seinen Vertrautesten begleitet eine Unterredung mit Bragadino und den
Vornehmsten gestatten und ihm versichern dass er nachher ungefährdet in den
Palast zurückkehren könne Bragadino war über diese Anmutung empört dass er mit
ihm wie dem Gouverneur einer Festung unterhandeln solle und verwarf unbedingt
dies Ansuchen Noch einmal gingen die Edlen zu ihm er gab keine andere Antwort
und erklärte fest er würde sich bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen
Nun machten die Belagerer ernstliche Anstalten Einer der eifrigsten unter
den Freiwilligen war Marcello der Bruder der Ermordeten er hatte eine
Kompagnie der bewaffneten Bürger aufgestellt und verfuhr als ihr Hauptmann
Alles rührte sich die Gewehre und Kanonen wurden geladen und auf das Haus
gerichtet Das Volk schrie die Glocken stürmten Bewaffnete zogen durch die
Straßen Neugierige versammelten sich auf den Plätzen und alles war in der
bangsten Erwartung
Orsini lief durch die Säle des Palastes ordnete an und sprach seinen
Freunden und den Gesellen Mut ein Alle schrien verwirrt durcheinander und
schwangen die Degen Da nahm der Graf Montemellino seinen Freund Orsini beiseit
und sagte zu ihm »Luigi Ihr seht es doch wohl dass wir verloren sind meine
Warnung wolltet Ihr nicht hören und es ist gekommen wie ich vorher sagte Da
keine Rettung ist lasst uns wenigstens wie Soldaten sterben und diesen
Paduanern auf ewige Zeiten ein blutiges Andenken zurücklassen Wir die
Obersten scheuen den Tod nicht und haben ihm oft genug ins Angesicht geschaut
aber auch der Geringste unserer Bande ist frech und tollkühn So lasst uns denn
alle zugleich unter diese Bürger und Milizen hinausbrechen niedermachen
schießen was wir erreichen Ihr seht wie vorsichtig wie furchtsam sie sind
welche Haufen sie gegen unsere kleine Schar zusammengetrommelt haben So fechten
wir einen tapfern offenen Kampf in den Straßen verfolgend und verfolgt siegend
und besiegt und da gewiss keiner von uns entrinnen kann und jeder dies sieht
so morden alle wie Verzweifelnde und die feindliche gelehrte Stadt wird zum
Schlachtfeld das unsern Namen tragen wird solange diese Mauern stehen Aber
wollt Ihr dem Henker verfallen und dem Volke zum schadenfrohen Schauspiele
dienen dann habe ich mich sehr in Euch geirrt«
Gewiss war dieser Rat der klügste und eines tapfern Kriegers würdig so
blutig und grausam er auch wenn man ihn befolgte für die Stadt ausfallen
musste Aber Orsini war in diesem höchsten und wichtigsten Moment seines Lebens
wie betäubt er zog es vor zu zaudern und sich was doch unmöglich war hinter
den Mauern zu verteidigen
Plötzlich rollte der Kanonendonner durch die Stadt und schlug als Echo wie
ein nahes Gewitter zurück Die ruhigen Einwohner entsetzten sich Die Kugeln
hatten die Säulen und einen Teil der unteren Mauern niedergeworfen Aus den
Fenstern schossen mit Gewehren die Belagerten mit geschwungenem Degen sah man
ihnen vorbei den wütenden Orsini laufen der immerdar laut schrie »Krieg
Krieg Blut Vertilgung« Nun wurden die Kanonen etwas höher gerichtet aber nur
wenige weil man nicht die Absicht hatte wie man es wohl gekonnt das ganze
Haus in Grund und Boden zu schießen Indessen da es den Belagerten an Kugeln
fehlte schmolzen sie eilig das Zinngeschirr der Küche sie hoben die Fenster
aus zerschlugen sie um das Blei zu gewinnen und gossen schnell im Hinterhause
Kugeln Es schien sogar als wollten die Verzweifelten einen Ausfall wagen Die
Angreifer führten zwei größere Kanonen auf um schneller zu endigen ob sie
gleich hinter ihren Verschanzungen ziemlich gesichert noch keinen Mann
verloren hatten Der zweite Schuss nahm von der Mauer und dem Hause ein viel
größeres Stück hinweg mit dem Schuss stürzte einer der gefährlichsten Banditen
Levonetti tot mit den Steinen herunter Er hatte auf Befehl des Orsini viele
abscheuliche Mordtaten begangen Wieder donnerten die Kanonen und diesmal fiel
mit der Mauer zugleich zerschmettert der Graf Montomellino So ward auf gewisse
Weise der Wunsch dieses tapferen Mannes erfüllt Nun erschrak Luigi Wütend war
der Oberst ein herzhafter Mann Lorenzo dei Nobili da dieser sah wie
unglücklich dieser tolle Krieg sich wendete stürzte er mit seinem geladenen
Gewehr aus dem Hause heraus er wollte in die Masse des Volkes hineinschiessen
um sich im Tode zu rächen aber das Pulver fing nicht Feuer und so ward er im
Augenblicke von einem jämmerlichen furchtsamen Menschen niedergeschossen einem
Aufwärter in einem Schulhause Andere gemeine Männer stürzten hervor und nahmen
ihm schnell Ring Schärpe seine Flinte und das Geld das er bei sich trug
Einer schnitt ihm den Kopf ab
Auf Befehl des Orsini winkte jetzt sein Sekretär Filelfo mit einem weißen
Tuche aus dem Fenster als ein Zeichen einer friedlichen Unterhandlung Man
hielt mit Schießen inne und Orsini befahl seinen zurückbleibenden Leuten sich
nur zu ergeben wenn sie einen schriftlichen Befehl dazu von seiner Hand
erhielten Der Lieutenant Anselmo Suardo wurde abgeordnet auf die Forderung des
Luigi in einem Wagen nach dem Kastell gebracht zu werden um dem Volke nicht
zum Schauspiel zu dienen machte ihn Anselmo darauf aufmerksam wie unmöglich es
sei dies Begehren zu erfüllen wegen der Volksmassen der aufgefahrnen Kanonen
und der aufgerichteten Parapetten welche die Straße sperrten Anselmo um ihn
sicherzustellen nahm ihn unter den Arm und allenthalben machte man ihm Platz
Marcello der Wütende drängte sich jetzt hinzu weil er ihn mit seinen Leuten
bis in das Kastell führen wollte Orsini achtete nicht die dräuenden Blicke die
dieser ihm zuwarf und zuckte nur mit den Achseln über seine zornigen Gebärden
Als er vor seine Richter trat affektierte er eine große Nachlässigkeit er war
gleichgültig in seinen Reden und kurz in seinen Antworten Er übergab seinen
Degen und sagte nachher »Oh hätte ich nur fechten wollen wie mein Freund
Montemellino riet so hätten wir wohl ganz andere Dinge erlebt aber jetzt reut
mich die ganze Geschichte besonders weil dieser liebste Freund dabei hat
umkommen müssen Die Albernheit hat Blut gekostet obgleich ihr meine Herren
wohl nicht bedeutend eingebüßt habt« Er schrieb hierauf an seine Leute den
Befehl sich zu ergeben weil man indessen von beiden Seiten noch mit Schießen
fortgefahren hatte Dann indem er jeden seiner Richter freundlich und höflich
begrüßte näherte er sich dem Kamin nahm eine Schere die er dort fand und
beschnitt sich langsam und mit vollkommener Ruhe die Nägel
Die Bande wurde nun eingefangen und alle führte man nach den Gefängnisse der
Stadt Aus seinem Kerker schrieb Orsini seiner Gattin die in Venedig war einen
sehr gefassten Brief den man edel nennen möchte wenn der Schreiber nicht in
einer so verruchten sondern bessern Sache gefallen wäre Der Stadt Venedig
vermachte er seine schöne Waffensammlung die im Arsenal zu seinem Angedenken
aufbewahrt wurde Dann erlitt er den Tod und wurde im Gefängnis erdrosselt Im
Dome wurde sein Leichnam am Morgen dem Volke zur Schau ausgestellt
Der Graf Paganelli oder Pignatello jener Verruchte der die Dame Vittoria
so kaltblütig gemordet hatte wurde auf grausame Art öffentlich hingerichtet
mit Zangen gezwickt und ihm ebenso wie er getan ein Dolch lange und oft im
Busen umgekehrt so dass er wohl eine halbe Stunde diese Martern litt ehe der
starke kräftige Mann seinen Geist aufgab Vielen wurden die Köpfe abgeschlagen
die andern gehenkt Niemals noch hatte Padua so viele Hinrichtungen gesehen So
ward das Weihnachtfest dort im Jahre 1585 gefeiert
Kamillo der weniger schuldig war und den Mord zuerst freiwillig angegeben
hatte wurde nur auf zwei Jahr auf die Galeeren verdammt
Als der Papst diesen ernsten Hergang und das strenge Gericht erfuhr
forderte er vom Staate von Venedig diesen Marcello welcher am Morde des Peretti
teilgenommen hatte Der Senat meinte die ernste Forderung nicht zurückweisen zu
dürfen Sixtus ließ ihn in Rom hinrichten
So war das ganze Geschlecht der Accoromboni einst so bekannt erloschen
untergegangen und bald vergessen Die Verleumdung verdunkelte den Namen der
einst so hoch gepriesenen Vittoria und nur mangelhafte zweideutige Zeugnisse
werden von den Zeitgenossen und den Nachkommen ihrem Namen beigefügt Nur zu oft
wird das Edle und Große von den kleinen Geistern so verkannt und geschmäht