1836_Immermann_Epigonen.html




        
                                 Karl Immermann
                                  Die Epigonen
                        Familienmemoiren in neun Büchern
                                   18231835
                                   Erstes Buch
                              Klugheit und Irrtum
  Irre ich so irre ich mir
                                                                            Hiob
                                 Erstes Kapitel
An einem deutschen Sommertage wo Gussregen und schwüler Sonnenblick wechselten
und das Gefilde zu öfterem halb unter grauen Wolken halb unter glühendem Lichte
lag gingen mehrere Männer suchend durch die Heide »Sie muss sich in die Erde
verkrochen haben« sagte der eine »wir haben doch nirgends eine Spur von ihr
gefunden«
    »Wenn nur die Alte die ihr hat wahrsagen müssen uns nicht angeführt hat«
versetzte ein anderer »Sie schickt uns vielleicht nach einer falschen Gegend
und hält das Kind unterdessen in ihrer Spelunke verborgen Ich habe es dem
Landrat oft gesagt er solle das Luder von hier fortweisen zu den Zigeunern nach
Friedrichslohra«
    »Zigeuner« rief ein Dritter aus »Das alte Weib ist so wenig eine
Zigeunerin als deine und meine Frau Ich habe sie als Unteroffizier dazumal im
Kriege recht wohl gekannt Zu der Zeit war sie unsre Marketenderin Sie ist aus
Halle in Sachsen Mit
    Büchern und allerhand Schnurren hatte sie immer ihr Wesen davon sind ihr
die Redensarten sitzengeblieben und nun tut sie so als wäre sie von weit her
weil sie merkt dass es in ihrem Gewerbe dann vor den Leuten besser fleckt Aber
da kommt wieder am Himmel so ein Schlauch hergezogen lasst uns bei den Bäumen
untertreten«
    Die Männer bargen sich vor dem Wetter an einer Waldecke Ihr Gespräch
verließ bald die Zigeunerin und das entflohene Kind dem sie nachspüren sollten
und wandte sich auf die Mühsale der Polizei welche für alles sorgen müsse und
von jedermann für überflüssig erachtet werde Bei diesen Reden machte eine
Branntweinflasche die nicht zu den kleinsten gehörte fleißig die Runde Als
die Unterhaltung erschöpft die Flasche ausgetrunken und der Regen verzogen
war sagte der eine Mann »Wenn ihr mir folgen wollt so nehmen wir jetzt am
Stern noch einen und gehen dann zu Ratause Mit dem Busch können wir uns doch
nicht befassen denn er ist zu groß Wir haben getan was möglich war und der
Komödiant mag nun selbst ausgehn wenn er sein Mädchen wiederhaben will«
    Diesem Vorschlage gaben die andern mit der Bemerkung dass eine ungesunde
Witterung herrsche lebhaften Beifall worauf sich alle ohne dem Walde weitere
Aufmerksamkeit zu schenken nach dem Wirtshause in Bewegung setzten welches sie
vor kurzem erst verlassen hatten
    Währenddessen saßen im Dickicht zwei junge Leute auf einem umgestürzten
Stamme Der Regen tröpfelte durch die Blätter und schien dem einen welcher
schlank und wohlgebildet war beschwerlich zu fallen wogegen der andre
untersetzt und knochicht dessen nicht achtete Er hielt eine Landkarte auf
seinen Knieen entfaltet und redete unbekümmert darum dass sie nass ward auf
seinen Genossen mit Feuer und heftiger Gebärde ein
    »Nach acht Tagen« rief er »bin ich in Genf  In vierzehn Tagen kann ich
Marseille erreichen und wenn die Winde des Himmels dem Wunsche der Freiheit
günstig sind so küsse ich nach sechs Wochen den Boden der heiligen Hellas«
    »Nehmt nur eine Taschenausgabe der Klassiker mit« versetzte der andere
lächelnd »damit ihr die Illusion immer wiederherstellen könnt Die Neugriechen
werden euch mitunter unsanft in euren Träumen stören«
    »Es gilt« versetzte der mit der Landkarte »ein gesunkenes Volk aus den
Fesseln der Knechtschaft erlösen es gilt edlen Herzen eine Freistatt erobern
wohin sie sich vor der Zwingherrschaft verrotteter Kerkermeister retten können
es gilt den Grundstein zu einer neuen Ordnung der Dinge legen und du tätest
besser Hermann statt über das Heilige zu spotten dich unsrem Bunde
anzuschließen Was willst du in Deutschland«
    »Traurig für mich wenn ich in Deutschland etwas wollte« erwiderte sein
Freund »Als ob in unsrer mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre ein Entschluss
nur entstehn geschweige denn ausgeführt werden könnte Aber eben weil ich
nichts mehr will tauge ich auch nirgend mehr hin als nach Deutschland Ich
habe abgeschlossen mit dem Leben Seit ich das getan bin ich ruhig Ich wünsche
nichts ich verlange nichts die Zeit der Täuschungen ist für mich vorüber
Tummelt ihr euch immerhin umher zwischen Schein und Irrtum nur hofft nicht in
mir einen Nachfolger zu finden Ich war in London in Paris ich habe sie
gesehen die sogenannten bedeutenden Charaktere der Zeit Nun was waren sie denn
mehr als gewöhnliche Figuren nur deshalb hervorragend weil der Zufall sie auf
hohe Postamente gestellt hatte Nein mich soll nichts mehr betrügen und da
jetzt an einen großen Inhalt des Lebens doch nicht zu denken ist so will ich
meine Tage wenigstens heiter hinleben Ohne Zweck und Ziel sollen mir die
Stunden verfliessen denn Zweck ist nur ein andres Wort für Torheit und wenn man
sich ein Ziel setzt so kann man wohl gewiss sein dass man von dem Strudel der
Umstände in entgegengesetzter Richtung fortgerissen wird«
    Der Freund stand auf faltete die Landkarte zusammen und sprach sehr
ernstaft »Diese Reden klingen wie die Philosophie der Verzweiflung Möge dich
Gott bald von solcher Sinnesart heilen  Der Mensch muss würdige Entwürfe
verfolgen darin besteht sein eigentliches Leben Was man recht will das kann
man auch und wenn uns das Jahrhundert dessen Gehalt du gegen deine Überzeugung
leugnest irgend etwas gelehrt hat so ist es das Gebot nicht unsrem
beschränkten Selbst sondern den allgemeinen Interessen der Menschheit zu leben
Doch von etwas andrem zu reden bis ich nach Marseille komme wo ich den ersten
Sold vom Vereine beziehe reiche ich wohl schwerlich aus Könntest du mir
vielleicht «
    Hermann ließ den Philhellenen nicht vollenden griff in seine Tasche und
reichte ihm eine Note Der andre steckte ohne sich zu bedanken das Papier ein
schüttelte seinem Freunde herzhaft die Hand und sprach »Auf Wiedersehen in
Napoli Du kommst uns nach ich weiß das schon Du bist besser und wärmer als
du dich stellst«
    Statt einer Antwort fasste Hermann in den Busen zog ein versiegeltes
Päckchen hervor wandte sich ab und drückte wie er meinte unbemerkt vom
Freunde einen Kuss auf das Papier »Du gehst über München« sagte er zum
Philhellenen »gib das an Fränzchen ab du kennst sie ja«
    »Das sieht wie eine Trennung aus Seid ihr auseinander«
    »Man tut am besten fallen zu lassen was sich nicht länger halten kann Sie
ist sonderbar mit mir umgegangen Und doch war sie allein aufrichtig Ich habe
mich um ein Dutzend Weiber gedreht und die Schwüre ewiger Treue von ihnen
empfangen die dann in den Armen eines neuen Freundes vergessen wurden
Franziska sagte Wir wollen ein paar vergnügte Tage zusammen haben und weiter
nichts Wenn ich auf eine ernstere Verbindung drang so lachte sie mich aus und
meinte sähe ich sie einmal verheiratet so wüsste ich wen sie für den größten
Gimpel auf der Welt gehalten habe Sage ihr ich hätte anfangs diese lieben
Briefchen als Unterpfand dass unser Bündnis nicht ganz zerrissen sei behalten
wollen aber die Freiheit sei das höchste Gut sie solle mich vergessen und
glücklich sein«
    »Dass du die Weiber verachtest« sprach der Freund »ist recht und gut Kein
frauenhaftgesinnter Mensch kann höheren Ideen leben Du bist auf gutem Wege
ich gehe beruhigt von dir Ich weiß dass wir uns nicht zum letzten Male gesehen
haben Tanze nur nicht hörst du Gottlob Die Neigung zu diesem entnervenden
Vergnügen nimmt doch immer mehr ab«
    Er umarmte Hermann feierlichherzlich und ging mit großen Schritten sein
kleines Ränzel tragend quer durch den Wald Der jugendliche Philosoph blieb auf
dem Stamme sitzen
 
                                Zweites Kapitel
Zufällig hatten sie einander in dem Dorfe wo beide tags zuvor eingetroffen
waren gefunden Manche Erinnerungen verknüpften sie der Abend und ein Teil der
Nacht war unter Gesprächen hingegangen Als Hermann die Gestalt des Freundes
hinter den Stämmen verschwinden sah schlich eine unangenehme Empfindung über
sein Herz Ihm war als gehe seine Vergangenheit von ihm er kam sich wie ein
ausgesetzter Findling vor Beinahe wäre er aufgesprungen jenen zurückzurufen
und sich Fränzchens Liebespfänder wiederzuerbitten hätte ihn nicht die Scheu
vor dem Ausbruche einer solchen Weichlichkeit an seinen Sitz gefesselt
    »Ihr grünen Kräuter ihr schlanken Stauden ihr kräftigen Bäume wie beneide
ich euch« rief er aus »Ihr steht so gesund da so selbstvergnügt dass euch die
kränklichen Menschen die ihr unter euch umherschleichen seht recht zum Hohn
und Spott dienen mögen Der Frühling ruft eure Knospen hervor der Sommer
schenkt euch Laub und Blüten der Herbst bringt euch wie Wiegenkinder zur
Ruhe Die Knospenzeit denkt nicht an die Blütenmonde und wenn eure vollen
Kronen in den warmen Lüften schaukeln sie erschrecken nicht vor der Ahnung
winterkahler Zweige Wir armen Menschen Wir Frühgereiften Wir haben keine
Knospen mehr keine Blüten
    mit dem Schnee auf dem Haupte werden wir schon geboren Wahrlich unser Los
ist ein recht lächerlicher Jammer Dass man heutzutage so früh gescheit wird
gescheit werden muss dass es gar nicht möglich ist die törichten Streiche bis in
die Dreißig mit hinüberzunehmen O gäbe mir ein Gott die glückliche Dunkelheit
die hoffnungsreiche Nacht statt des kalten Lichtes welches Verstand und
Erfahrung uns Spätlingen unwiderstehlich anzünden«
    Zwei Arme strickten sich um seinen Nacken zwei weiche warme Händchen
hielten ihm die Augen zu Erschrocken wollte er sich losmachen das Ding hinter
ihm vereitelte durch aalartiges Drehen und Wenden seine Bestrebungen »Nun hast
du ja was du wolltest die Finsternis vor den Augen« rief eine zarte
Mädchenstimme Endlich bekam er das Gesicht frei Er sah sich um Ein
wunderhübscher Kopf stak wie das Haupt der Dryas zwischen den Aststumpfen des
Baums unter welchem er gesessen hatte Er zog das Wesen hinter dem Stamme
hervor Es war ein schönes Geschöpf zwischen Kind und Jungfrau
    »Wer bist du Woher kommst du Was willst du von mir« fragte Hermann der
sich von seinem Erstaunen kaum erholen konnte
    »Ich bin Fiametta oder Flämmchen ich komme aus meiner Grotte hier nebenan
wo ich hörte was ihr miteinander spracht du und dein dummer Freund Was ich
von dir will weißt du denn die Alte hat es gesagt und es steht in den Sternen
geschrieben«
    Sie schmiegte sich bei diesen Worten an Hermann und sah ihm zärtlich in die
Augen Dieser wusste nicht ob er mit etwas Menschlichem oder ob er mit einem
neckischen Waldgeiste zu tun habe Er strich dem Kinde die braunen Haare die
ungefesselt von Kamm und Nadel in üppiger Fülle bis zu den Hüften niederwogten
Er wollte fragen und doch unterließ er es aus Furcht einen anmutigen Zauber
zu zerstören Das Kind setzte sich auf seinen Schoss streifte ihm die Weste auf
legte die Hand auf sein Herz lehnte den Kopf an horchte und sagte dann »Das
klingt wenn man nur so obenhin zuhört wie
    Vorbei Vorbei Vorbei wenn man aber genauer acht gibt so klopft es Aufs
neu Aufs neu Aufs neu  Komm du schöner Prinz nach meinem Palaste du
sollst sehen wo Flämmchen dieser Tage gesteckt hat«
    Sie zog ihn tänzelnd und singend vom Stamm auf und den Erdwall hinunter an
dessen Kante jener lag Rasch schlug sie ein wucherndes Gesträuch auseinander
und der Eingang zu einer Art von Grotte wurde sichtbar Man schien dort früher
Ton gegraben zu haben dadurch mochte die Aushöhlung entstanden sein Hermann
sah bei dem Scheine des gedämpft einfallenden Lichts ein Mooslager und einen
Sitz aus Steinen zusammengefügt  Er versuchte das Mädchen auszuforschen
erfuhr aber nichts weiter als dass ihr wahrer Vater wie sie sich ausdruckte
längst gestorben sei dass sie darauf viele Jahre bei dem falschen Vater
zugebracht habe der in dem Städtchen nahebei hause Dieser habe sie an einen
hässlichen alten Ritter verkaufen wollen da sei sie ihm entsprungen
    »Und wo hast du dich denn seitdem befunden« fragte Hermann
    »Hier im Walde in der Höhle du siehst es ja Da ist mein Lager und hier
mein Sitz Heute morgen hungerte mich da fiel mir der Mut ich weinte und rief
meinen toten Vater Der muss mich gehört haben denn er schickte mir die Alte
die versprach mir Hilfe und nun ist die Hilfe da«
    Hermann redete ihr jetzt mit guten und bösen Worten zu ihm zu folgen er
wolle sie zu dem Vater zurückbringen und dafür sorgen dass sie freundlich
empfangen werde Alles Bitten war jedoch vergebens Endlich beschloss er Gewalt
zu brauchen da er die Verirrte sich nicht selbst überlassen zu dürfen meinte
Er nahm sie auf den Arm und wollte sie forttragen Aber heftig riss sich das
Abenteuer von ihm los stieß ein Geschrei aus welches ihm durch Mark und Bein
drang warf sich gewaltsam zu Boden und rief die Hände vorgestreckt in einem
wunderbar schneidenden Tone »Du willst mich verraten Du« Darauf sprang sie
empor der junge knospende Busen flog ein blutiges Rot überlief ihre Augäpfel
sie schien außer sich zu sein und nicht zu wissen was sie begann Wie eine
Wütende zerriss sie das seidene Fähnchen welches sie trug Es glitt von ihren
Schultern das Hemd glitt ihm nach oder warf sie es ab er konnte es nicht
unterscheiden so rasch waren ihre Bewegungen Nun stand sie nur von ihren
langen Haaren umflogen Hermann gegenüber und unaufhörlich ertönte aus ihren
zitternden dunkelgeröteten Lippen jener Ruf »Du willst mich verraten Du«
    Endlich gelang es ihm sie durch Liebkosungen und Schmeicheleien zu
beruhigen Sie legte die Hand an die Stirne sah betroffen an sich herab
huschte schnell wie ein Wiesel in die dunkelste Ecke der Höhle und hockte
dort in der Stellung nieder welche die Alten die jedes Ding am besten
verstanden dem weiblichen Gefühl in einer solchen Lage für alle Zeiten geliehen
haben
    Hermann war in der größten Verlegenheit Was sollte der Unsinn nun anziehn
Das rote seidene Kleidchen war von oben bis unten zerrissen »Es ist kein andres
Mittel« rief er dem Mädchen zu »du musst dich als Knabe kleiden bis man für
dich anderweit gesorgt hat«
    Er klomm aus der Grotte den Erdwall hinauf zu dem Stamme auf welchem seine
Reisetasche lag Vorsorglich hatte er Kollet und Pantalons für den Fall der Not
auf dieser Fusswanderung eingepackt beides warf er von der Erhöhung dem nackten
Kinde hinunter 
    Oben rieb er seine Augen und fragte sich ob er wache oder träume Dann
ging er mit großen Schritten unter den Bäumen auf und nieder denn er fühlte
dass ihm hier ein kräftiges Eingreifen obliege Er ahnte ein Bubenstück und
beschloss das Seinige zu tun die gekränkte Unschuld zu schützen Als er mit
solchen Gedanken einige Male unter den Bäumen auf und nieder gegangen war
sprang ein allerliebster Junge durch das Gesträuch dem das veilchenblaue
Jäckchen und die gestreiften Hosen sehr hübsch standen
    Der Grundtrieb des Geschlechts hatte sich tätig erwiesen Aller Überfluss an
den Kleidungsstücken war so weggebunden weggesteckt und weggenestelt dass sie
knapp wie angegossen saßen
    Flämmchen nahm seinen Arm und sagte »Ich will dich nun auf den Weg
bringen« Sie führte ihn durch den Wald und zwar entgegengesetzt der Richtung
welche er seinem Reisezwecke gemäß einschlagen musste Jede Spur der
Leidenschaft in welcher Hermann sie gesehen hatte war verschwunden »Du hast
nichts weiter zu tun« sagte sie gleichmütig »als in der Stadt dich nach meinem
falschen Vater zu erkundigen und ihm zu sagen dass du mich heiraten wollest
dann hat er keine Gewalt mehr über mich und der alte hässliche Ritter muss von
mir ablassen«
    Hermann sah sie mitleidig an »Die Misshandlungen die sie erdulden musste
haben ihr den Verstand genommen« dachte er bei sich Er legte die Hand auf ihr
Haupt und sprach »Ich schwöre dir du armes Kind dich nicht zu verlassen«
    Sie standen am Ausgange des Waldes In einiger Entfernung ragte eine
Turmspitze empor »Das ist das Nest« rief Flämmchen Sie fasste ihren Beschützer
schmeichelnd bei der Hand strich hätschelnd mit dem kleinen Finger über den
Ballen und die innere Fläche und sagte »Höre wenn wir erst in deinem
Fürstentume sind und du mein Herr Gemahl bist dann lassen wir auch die Alte
kommen damit wir immer wissen was uns begegnet nicht«
    »Hältst du mich für einen Fürsten« fragte Hermann verwundert
    Das Mädchen wollte sich vor Lachen ausschütten »Nun tut er als wisse er
nichts davon« rief sie »Aber alle deine Verstellungen werden ein Ende nehmen
Gib mir deinen Hut Die Sonne und die Kälte in meinem Walde machen mir Kopfweh«
Ohne eine Antwort zu erwarten hatte sie ihm den Strohhut vom Kopfe gestreift
und sich aufgesetzt Sie gaukelte in den Wald zurück Hermann sah ihr eine Weile
stutzig nach dann ging er der Stadt zu
    Alles dieses begab sich in der ehrbarsten Provinz unsres Vaterlandes
nämlich in Westfalen auf einer bekannten Heide Woraus zu entnehmen dass auch
der trockenste Boden mitunter seine Früchte trägt
 
                                Drittes Kapitel
Vor der Tür des Gastofs im kleinen Städtchen stand der Gastwirt wie es schien
erhitzt von der Anstrengung des Tages Hermann trat zu ihm und fragte ob er
bei ihm Unterkommen finden könne Der verständige Mann welcher einen sichern
Blick für den wahren Wert seiner Gäste hatte betrachtete unsern hutlosen
Wandrer und sein schmächtiges Reisetäschchen prüfend und schien auf eine
abschlägige Antwort zu sinnen Endlich aber sagte er zum Hausknecht der mit
eingeknickten Beinen die Hände in den Hosentaschen gähnend unter dem Torwege
stand »Führe den Mann nach Nummer Zwölf«
    Der Hausknecht schlenderte voran ohne dem Gaste das Bündel abzunehmen Sie
gingen über den Hof durch einen langen Garten und betraten eine Remise worin
der Wirt seine Felle trocknete denn er war zugleich ein Lohgerber Eine schmale
Treppe die sich zuletzt in eine Leiter verlor führte zum oberen Teile dieses
Fellmagazins Als die Leiter erklommen war machte der Hausknecht einen
bretternen Verschlag auf und sagte »Dieses ist Seine Stube«  »Das ist ein
Taubenschlag« rief Hermann »Nein der ist darüber« versetzte der Hausknecht
kaltblütig und kletterte die Stiegen hinunter
    Hermann sah sich in diesem Wohnorte um und musste laut lachen Hierauf
machte er die Runde durch denselben was nicht viel Zeit erforderte da er
genau gemessen sechs Fuß im Gevierte hielt Die Wände waren unschuldig weiß
und nur mit jenen Spielen der Laune bemalt welche die Bedienten oder
Soldatenkammern zu schmücken pflegen Es fehlte nicht an Nasen verschiedner
Größe Zöpfe und Grenadiere wechselten mit Störchen und Blumen ab Ein
beständiges Piepen Sand und Federn die von Zeit zu Zeit durch die ritzenvolle
Decke fielen diese Umstände überzeugten unsern Freund dass der Hausknecht recht
gehabt habe Der Taubenschlag war wirklich über seinem Sorgenfrei vorhanden
    Der Wirt hatte unterdessen überlegt dass heutzutage manche Personen von
Stande zu Fuß reisen in seinen Augen eine sonderbare Liebhaberei und dass ein
solcher Querkopf auch wohl einmal den Einfall gehabt haben könne die Welt
barhaupt zu durchstreifen Um daher nicht etwa einen der Achtung werten
Ankömmling zum Nachteile des Gastofs zu beleidigen entschloss er sich durch
Höflichkeit mit Worten gutzumachen was er in der Tat verbrochen hatte denn
jenes so üble Quartier welches dem Eingekehrten gegeben worden war stand
selbst bei den Wirtshausleuten in Verachtung und hieß gemeiniglich bei ihnen nur
das Loch Er nahm sich in der Stille vor dem Fusswandrer ein bessres Stübchen
abzulassen sobald er nur erst die moralische Überzeugung von dessen
Zahlungsfähigkeit geschöpft haben würde Übrigens war der Raum in dem Gasthofe
wirklich beschränkt Ein Herzog der zu den Mediatisierten gehörte hatte mit
Gemahlin und Gefolge fast alles in Beschlag genommen
    Der Wirt trat unter Entschuldigungen über das etwas enge Logis in das
sogenannte Loch welches er da niemand das Seinige beschelten soll in seinen
Reden zu einer Pièce erhob »Wahrhaftig« rief er »es tut mir leid einen
solchen Herrn nicht ganz nach Wunsch aufnehmen zu können Das Hotel steckt aber
heute so voll von Fürsten Grafen und Freiherrn dass mit Respekt zu sagen kein
Apfel zur Erde kommt«
    »Lassen Sie das gut sein« versetzte Hermann »Ein Reisender von Profession
ist an dergleichen gewöhnt In Dijon hat man mich einmal in einem Stalle
untergebracht«
    »In einem Stalle« rief der Wirt mit einer Miene die das Entsetzen
ausdrücken sollte »Nein da ginge ich selbst lieber in den Stall und gäbe
einem solchen Herrn meine Schlafkammer«
    Hermann fand an diesen unnützen Reden kein Behagen Ihm lag das Abenteuer im
Walde am Herzen Ehe der Wirt daher zu seinem Zwecke gelangte unterbrach ihn
jener mit der Frage
    Ob nicht vor einigen Tagen hier ein junges Mädchen seinen Angehörigen
verlorengegangen sei
    Hierauf bediente ihn der Wirt sofort ausführlich und überflüssig Er war die
wandelnde Chronik des Städtchens und wusste was von dem einen Tore bis zum
andern sich ereignete oder doch hätte ereignen können »Das ist eine wilde
Geschichte« rief er »Haben der Herr auch schon davon gehört Kommt hier ein
nichtsnutziger Komödiant an mietet sich ein lebt man weiß nicht wovon
treibt man weiß nicht was Er hat ein Kind bei sich schön wie die Sonne und
wild wie der Teufel mit dem gibt es alle Tage Lärmen dass die Nachbarn zum
Burgemeister gehen und bitten dem Unfuge zu steuern Was ist der Grund gewesen
Denken Sie nur der Abschaum von Vater hat das unschuldige Kind einem alten
Sündengesellen zur Unehre verkaufen wollen Seine leibliche Tochter Da ist das
Mädchen weggelaufen Die beiden Alten haben gestern und heute die Gegend
abgesucht und der Burgemeister hat gesagt er werde suchen Die arme Person ist
weg und wer weiß in welchem Weiher schon ihr Leichnam schwimmt«
    Hermann erwiderte dass man das Beste hoffen müsse und dass das Schicksal der
Witwen und Waisen in höherer Hand ruhe Damit war der Wirt zwar einverstanden
aber es beruhigte ihn nicht Er sagte daher weil ihm keine feinere Wendung
einfiel »Es ist hier weder Schrank noch Kommode Wenn der Herr vielleicht Ihre
Sachen und besonders die Barschaften mir zum Aufbewahren geben wollten «
    Hermann fand dieses Anerbieten vernünftig und griff nach seiner
Brieftasche in welcher er bedeutende Wechsel führte um sie dem Wirte
einzuhändigen Wie erschrak er als er nicht die seinige sondern die des
Philhellenen hervorzog Beide sahen einander ähnlich und waren im
Nachtquartiere vertauscht worden Hermann erblasste die Sache konnte von den
übelsten Folgen sein Indessen fasste er sich und sagte dem Wirte dass er denn
doch lieber alles was er habe selbst behalten wolle Dieser aber hatte ihn
erblassen sehen und verließ ihn mit bedenklichem Gesichte
    Hermann kannte die Umstände in welchen sich ein Philhellene zu befinden
pflegt Er wusste dass versteckte Schätze hier wohl kaum zu erwarten seien und
öffnete mit einer bösen Ahnung die Brieftasche Ach da waren Freiheitslieder in
großer Anzahl Logenzertifikate und Marschrouten nach allen vier
Himmelsgegenden aber keine Dingewelche einem irdischen Bedürfnisse abzuhelfen
vermochten
    Er verwünschte diesen Zufall Drei bis vier Taler in der Tasche ohne
Kreditbriefe ohne Hut auf dem Kopfe ein einziges Kleid am Leibe irrte er hier
umher mehrere Tagereisen von seinen Quellen entfernt Was sollte er beginnen
Fremd in der Gegend wie leicht konnte er den Strich verfehlen den der
Philhellene gegangen war der ohnehin von der Landstraße abzuweichen liebte um
in weniger besuchten Gegenden seine Grundsätze auszubreiten Dazu schwebte ihm
die Gestalt jenes Kindes vor dem schleunige Rettung vom Verderben not tat
Flämmchen und der Philhellene zogen ihn nach verschiedenen Seiten er wusste
nicht was er tun sollte und blätterte zerstreut in den Freiheitsliedern seines
Freundes der dagegen das Geld und die Wechsel hatte Wie das ferne Licht in der
Grube dämmerte ihm aber doch die Hoffnung sein Geist werde ihm auch dieses Mal
helfen wie er ihm so oft in Bedrängnissen geholfen hatte
 
                                Viertes Kapitel
Währenddessen hatte sich unten im Gasthofe ein großer Lärmen erhoben Der Wirt
hinkte denn er war lahm im Hausflur und in der anstoßenden Stube umher die
Wirtin rang die Hände vier bis fünf Neugierige standen vor dem Ehebette des
Paars alles schwatzte durcheinander
    Der Grund dieses Aufruhrs war die Kammerjungfer der Herzogin Diese litt an
der Epilepsie und war eben von ihrem Übel befallen worden als sie in der Küche
das Brenneisen wärmen wollte um die Gebieterin zu frisieren Der Wirt sollte
einen Friseur schaffen und konnte es nicht Von solchem Gewerbe hatte das
kleine elende Landstädtchen nie gehört das Haarabschneiden wurde dort in den
Familien besorgt
    Die Person zuckte auf dem Bette die Umstehenden gaben Mittel an ihr zu
helfen jeder ein anderes Die Wirtin rief der Kranken zu wenn es ihr möglich
sei das frisch überzogne Bett mit ihren heftigen Bewegungen zu verschonen
worauf die Arme natürlich keine Rücksicht nahm Der Wirt beteuerte unter
allerhand Flüchen dass der Stadt niemand nötiger tue als ein Friseur wie er
stets gesagt habe
    In dieses Getöse trat Hermann Das Flattern und Mausern der Tauben über ihm
der Dunst und Geruch der Felle unter ihm seine Unruhe und Ratlosigkeit hatten
ihn aus der abscheulichen Nummer Zwölf ins Freie getrieben Von einem gelassnen
Karrentreiber der mit seinem Hundegespann um besser hören zu können bis vor
die Tür des Zimmers gefahren war in welchem die Kranke stöhnte vernahm er die
Geschichte Er ließ sich den Namen des eingekehrten Herzogs sagen und erschrak
diesmal aber freudig als der Karrentreiber ihn aussprach Er schloss aus der für
ihn unerwarteten Neuigkeit auf die Nähe seines Dämons Schnell kam ihm ein
närrischer Einfall Er wusste dass um zwei Verlegenheiten zu entgehn es nichts
Bessres gebe als sich in eine dritte zu begeben In die Küche eilend nahm er
dort Kohlen und Brenneisen war blitzschnell die Treppe hinauf ließ sich durch
den Bedienten als den Mann melden der die Herzogin frisieren solle und stand
bald darauf im Zimmer der Fürstin
    Die Dame saß im Lehnstuhl das Gesicht von dem Haarkünstler aus dem
Stegreife abgewendet und las Sie mochte an diesem Orte für ihr Haupt nichts
Besondres hoffen und sagte vom Buche aufsehend doch ohne sich umzukehren
»Nur ganz schlicht«  Hermann blickte nach der Toilette da war alles was er
brauchte Er stellte sich hinter den Stuhl und da ihm wirklich einige
Reminiszenzen des Handwerks beiwohnten so ging die Sache ganz erträglich
vonstatten Er prüfte mit Sorgfalt das Eisen verfuhr behutsam und so kam denn
nach und nach etwas zustande was wenigstens für die Skizze einer Frisur gelten
durfte
    Freilich dauerte das Geschäft ziemlich lange Die Herzogin welche die
Geduld selbst zu sein schien brachte die Augen nicht von ihrem Buche Als er
dem Ende seines Werks nahte meinte er dass nun der Augenblick gekommen sei den
er erharrt hatte und sagte »Gnädigste Herzogin der Geringste hat Rechte die
auch der Vornehmste nicht kränken darf So ist es ein altes Privilegium meiner
Zunft dass diejenigenwelche ihr Haupt uns anvertrauen sich auch unsrem armen
und seichten Geschwätze hingeben müssen Keiner ist davon befreit selbst der
König muss den Friseur plaudern lassen Untersagt er ihm das so bin ich
überzeugt dass der Mann das Elend der Verbannung einem stummen Herrendienste
vorziehen würde Ew Durchlaucht haben gelesen das hat mich tief verletzt Ich
überlasse Ihrer Gerechtigkeit zu entscheiden ob Sie mir nicht werden erlauben
müssen einige Worte zu Ihnen zu reden«
    Die Herzogin legte erstaunt über diese Apostrophe das Buch zusammen Da
Hermann schwieg sagte sie mit einem verlegnen Lächeln »Nun«
    »Ich habe etwas zu erzählen« fuhr Hermann fort »was freilich verdiente
ernsthafter eingeleitet zu werden Ein Schauspieler will seine Tochter um ein
Stück Geld der Erniedrigung dem Elende preisgeben Verzeihung dass ich so
unsaubre Dinge in Ew Durchlaucht reiner Nähe ausspreche Wer jenen Stand kennt
wer es weiß wie seine Lügenkunst das Gemüt bis in die innersten Fasern
verfälscht der wird sich über dergleichen Schändlichkeiten kaum wundern Ein
solcher Mensch hat vielleicht jahrelang den Marinelli gespielt und wie er den
Charakter auf den Brettern behandelte gedankenlos so gedankenlos überträgt er
die Rolle auch wohl einmal in das Leben  Ein sonderbarer Zug des Vertrauens
führt das Mädchen zu mir die Verzweiflung beschwört mich um Schutz vor der
Entehrung Ich bin sonst der Meinung dass man sich vor allen raschen
Verpflichtungen zu hüten habe Oft wird ja durch ein fürwitziges Helfenwollen
das Wirrsal nur noch größer Hier aber überwältigte mich der Anblick der Not
ich versprach mich und alle meine Kräfte dem Mädchen Aber wie soll ich für mein
Wort einstehn ohne Einfluss ohne Verbindung in der Gegend ich ein junger
Mann der an und für sich der Welt in solcher Sache als ein zweideutiger Vormund
erscheint Da höre ich dass Ew Durchlaucht hier angekommen seien
Augenblicklich war meine Sorge gehoben Ich wusste dass ich einer solchen Fürstin
den bösen Vorsatz eines ehrvergessnen Vaters die Trübsal der Tochter nur
schmucklos zu melden brauchte um Rat zu schaffen Dieses habe ich denn hiemit
getan und nun meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen«
    Mit so entschiednen Farben hatte unser Abenteurer diese Angelegenheit
darzustellen sich gedrungen gefühlt Die Herzogin hörte mehr auf den Ton seiner
Rede als auf den Inhalt Der reine Dialekt die gebildeten Wendungen hatten sie
ganz verwirrt gemacht Sie wusste nicht was sie von dem Menschen denken sollte
    Hermann nahm ihr mit einer anständigen Verbeugung den Staubmantel ab Ihr
erster Blick war in den Spiegel Sie sah sich wenigstens nicht verunstaltet Ihr
zweiter fiel auf Hermann Wie erschreckt senkte sie die Wimpern und eine
Marmorblässe überzog die zarten ohnehin nur leicht gefärbten Wangen Noch
einmal schickt sie zweifelnd und forschend ihren Blick aus als wolle sie die
Widerlegung eines Irrtums erspähn Aber unwillkürlich flüsterte sie »Mein Gott
welche Ähnlichkeit«
    Die Tür öffnete sich und ein großer ernster Mann im schlichten Überrock
trat ein Es war der Herzog »Ist der Not abgeholfen« fragte er lächelnd Dann
näher tretend musterte er Hermann auch nicht ohne ein gewisses Erstaunen doch
schien die Befremdung weniger durch das Antlitz als durch den Aufzug Hermanns
veranlasst zu sein der im modischen Kleide den Staubmantel der Herzogin auf dem
Arme und die Friseurwerkzeuge in den Händen dastand
    »Ich bin von jemand bedient worden den man wohl schwerlich zu diesem
Gewerbe erzogen hat« sagte die Herzogin
    »Der Rock sieht freilich nicht nach Kamm und Schere aus« sagte der Herzog
»Wie heißen Sie«
    Hermann nannte sich »Ist es möglich« rief der Herzog »Sie sind der Sohn
des Senators in Bremen des vertrautesten Freundes meines seligen Vaters«
    »Derselbe«
    Der Herzog konnte sich über dieses Zusammentreffen nicht zufriedengeben »So
unerwartet muss ich den Sohn des würdigen Mannes hier finden von dem mein Vater
nie ohne Rührung redete Aber sagen Sie mir wie kommen Sie darauf sich bei uns
in dieser wunderbaren Weise einzuführen«
    »Man muss überall aushelfen wo es fehlt« versetzte Hermann »Unsrer Fürstin
gebrach ein Mann der Pomade ich konnte allenfalls so ein Subjekt notdürftig
vorstellen wie hätte ich anstehn sollen mit meiner geringen Kunstfertigkeit zu
dienen«
    Der Herzog fragte ihn lachend wo er denn diese Geschicklichkeit erworben
habe Hermann versetzte das dürfe er nicht verraten das sei ein
Handwerksgeheimnis
    Die Herzogin hatte an diesem Gespräche nicht teilgenommen sondern nur von
Zeit zu Zeit ihn verstohlen betrachtet Ihr Gemahl raunte ihr ein Wort ins Ohr
worauf sie nickte und Hermann eine Einladung zu Mittag empfing Als er die
Treppe hinabging sagte er für sich »Das hätte ich nicht gedacht als ich im
Feldzuge bei dem alten Perückenmacher im Quartier lag und seine Tochter Lotte
mich zu ihrem Werter machen wollte und ich ihr aus Langeweile die Locken und
die Touren fertigen half dass mir die Possen noch einmal bei den vornehmsten
Leuten helfen würden In unsrer Zeit muss man sich auf alles schicken denn man
kann alles gebrauchen Die Lotte und der alte Perückenmacher sollen leben«
 
                                Fünftes Kapitel
»Welche Ähnlichkeit« Diese Worte der Herzogin gaben ihm viel zu sinnen Er
fragte den Wirt nach der Ursache, weshalb das fürstliche Paar hier verweile
erfuhr aber nur dass es eine Bewandtnis mit den Herrschaften haben müsse denn
es sei viel Fragens und Schickens nach dem alten verfallnen Schloss in der Nähe
gewesen von dessen Bewohner man allerhand erzähle
    Ein langer grauer Mann von verdriesslichem Ansehen trat ein und sagte zum
Wirte »Ich habe Sie so sehr gebeten mir eine Stube ohne Zug zu geben den ich
durchaus nicht vertragen kann und dennoch ist mir eine angewiesen worden worin
kein Fenster und keine Tür schließt Ich habe nicht Lust hier ungesund zu
werden und verlange von Ihnen auf der Stelle ein andres Quartier«
    Der Wirt versicherte es sei alles besetzt er werde aber sogleich Schreiner
und Glaser kommen lassen damit jede Ritze verleimt und verstopft werde
    Es war um die Zeit der Hundstage und selbst dem entschiedensten Rheumatiker
konnte ein kühles Lüftchen nur willkommen sein Hermann hatte an der
eigentümlichen Falte des Überdrusses um den Mund sogleich den Hypochondristen
erkannt Er trat höflich zu dem Verstimmten und sagte dass er sich glücklich
schätzen würde wenn er ihm ein besseres Gelass anzubieten vermöchte das seinige
werde aber auf jeden Fall wohl das allerschlechteste im ganzen Hause sein Der
andre maß ihn mit einem matten sterbenden Blick als verdrösse ihn jede
Artigkeit und ging ohne ihm etwas auf seine freundliche Anrede zu erwidern
fort
    Hermann sehr böse über dieses raue Benehmen fragte den zurückkehrenden
Wirt wer jener Bär sei und erfuhr dass er Wilhelmi heiße und bei dem Herzoge in
Diensten stehe Auch der Wirt nannte ihn einen eigensinnigen Kauz dem nichts
recht zu machen sei »aber« setzte er hinzu »man muss ihn schonen denn er ist
des Herzogs rechte Hand« Hermann beschloss im stillen die Unart nicht so
hingehn zu lassen
    Doch für den Augenblick hatte er eine dringendere Sorge Im Überrocke setzt
man sich bekanntlich nicht zu einer fürstlichen Tafel Er aber besaß kein andres
Kleidungsstück er hatte sich erst in der nahen Stadt neu equipieren wollen
Lange dachte er darüber nach was vorzunehmen endlich erinnerte er sich aus der
Geschichte der Moden dass der Frack aus dem Überrock entstanden istindem nach
und nach die Vorderblätter immer weiter und weiter weggeschnitten wurden Er
beschloss diesen historischen Weg zu verfolgen und erkundigte sich nach dem
besten Schneider der ihm leicht nachgewiesen werden konnte da es nur einen am
Orte gab
    Der Meister welcher wegen der geringen Nahrung im Städtchen zugleich sein
eigener Junge und Geselle war saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tische und
nähte was das Zeug halten wollte Hermann trat in das kleine Stübchen an
dessen Wänden die papiernen Masse herabhingen und welches durch verschmauchte
Fensterchen sein spärliches Licht erhielt Er sagte dem Meister was er von ihm
wolle nämlich er solle die Vorderteile des Rockes abschneiden denn er habe
einen Frack nötig Der kleine blasse Mann kam von seinem Tische herab tat die
Brille hinweg prüfte den Schnitt des Kleides befühlte das Tuch sah
erschrocken empor und fragte mit wehmütigem Tone »In dieses Tuch soll ich
hineinschneiden«
    »Es geht nicht anders Meister« versetzte Hermann »es muss so sein«
    Der Meister schüttelte den Kopf legte unschlüssig die Hände auf den Rücken
und murmelte »So ein Rock So ein Tuch Schade Jammerschade Die Elle kostet
wohl ihre drei Taler«
    »Mehr Meister mehr«
    »Vier Fünf«
    »Ich glaube man hat mir acht auf die Rechnung gesetzt
    Rührt Euch Meister ich habe nicht lange Zeit«
    »Acht Taler die Elle Gott« war alles was der Schneider hervorbringen
konnte Er ließ die Schere sinken nur Ausbesserung und der gröbste Stoff war
ihm sein Leben lang unter die Hände geraten Jetzt erblickte er ein Prachtkleid
von dem seine seligsten Träume nichts wussten und dieses sollte er verwüsten
Hermann sah nicht ohne Teilnahme dem Seelenkampfe dieses Männleins zu dem ein
feiner Rock zur höchsten Lebenserscheinung wurde Endlich überwand sich der
Meister zeichnete in wilder Hast mit Kreide die Form auf dem Leibe ab die
Schere arbeitete die Nadel flog und bald war ein Frack fertig wenn nicht von
elegantem doch von wohlgemeintem Schnitte Hermann freute sich der
Metamorphose die so leicht vonstatten gegangen war Schwieriger konnte es mit
der Bezahlung werden denn er hatte unterwegs für eine Kopfbedeckung seine
Barschaft bis auf einen armseligen Rest ausgegeben »Was sollen mir die
Vorderblätter« sagte er »Meister die wären so etwas für Euch wollt Ihr sie
an Zahlungs Statt annehmen«  Der Meister war schon daran gewöhnt von seinen
Kunden in Naturalien als Butter Käse Eiern u dgl bezahlt zu werden Die
Vorderblätter galten ihm weit mehr als er fordern durfte schon sah er sich im
Geiste mit der Sonntagsweste aus dem Achttalertuche bekleidet er schlug freudig
ein
    Hermann klopfte ihm auf die spitzen Achseln und sagte er sei recht
geschickt gewesen In so kurzer Zeit einen Frack zustande zu bringen möchte
nicht jedem gelingen
    Dieses Lob stieg dem Schneiderchen ins Gehirn Triumphierend rief er »O
ich habe auch nicht immer geflickt Ich bin überhaupt nur durch Unglück hieher
unter das dumme katholische Pack geraten« Dann sich scheu umwendend als
fürchte er das Verhängnis einer großen Mitteilung setzte er geheimnisvoll
hinzu »Ich habe schon einmal einen ganzen Rock gemacht Der Herr Pastor an
meinem früheren Orte wollte sich verheiraten wie solche Herrn sind sie haben
kein Vertrauen zu unsereinem er bestellte sich den Bräutigamsrock bei dem
Modeschneider in der großen Stadt den sie den Kleidermacher nennen Mein Herr
Kleidermacher ließ aber meinen Herrn Pastor sitzen Der wollte zur Braut
abreisen kein Rock war da Ich hörte von der Not und lief zu ihm Er wird es
nicht können sagte er Vertrauen Sie Gott sagte ich Ich ging nach der Stadt
kaufte Tuch freilich nicht so fein als das Ihrige schneiderte Tag und Nacht
und siehe da der Rock wurde fertig und der Herr Pastor sind darin getraut
worden und haben darin das heilige Abendmahl ausgeteilt und tragen ihn noch
zur Stunde und ich bin doch nur ein lumpiger Flickschneider«
    Seine Augen glühten er hatte sich auf die Fußspitzen gestellt und drei
Finger der rechten Hand vorn in das aufgeknöpfte Wams geschoben So stand er
und der siegreiche Feldherr der gegen Abend die Meldung von der letzten
eroberten Schanze empfängt kann nicht stolzer aussehn
 
                                Sechstes Kapitel
Das Gespräch an der Tafel drehte sich um sittlichantropologische Fragen
    »Wie kommt es nur« sagte die Herzogin beim Dessert »dass wir gleichgültiger
gegen die Tugend als gegen die Höflichkeit sind Wenn man durch seinen Stand
gezwungen ist viele Menschen zu sehen so muss man auch mitunter Leute empfangen
deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen Ich kann nun wohl sagen dass
mich die Nähe solcher Personen wenig verletzt unbefangen sehe ich sie kommen
und gehen Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung wenn in meinem Kreise ein
Verstoss gegen die Lebensart vorfällt«
    »Das rührt daher weil wir alle auch die Besten unter uns nie den Hang
vollkommen ablegen uns nach außen zu vergeuden statt dass wir streben sollten
nur nach innen wahrhaft zu leben« erwiderte der Kammerrat Wilhelmi
    »Ich denke« entgegnete die Herzogin »man lebt in jedem Augenblicke
zugleich nach innen und nach außen Übrigens bitte ich Sie mich nicht einer
schlaffen Moral anzuklagen Alles was ich sagte bezieht sich nur auf die
gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünfte und wenn jene zweideutigen
Figuren mich irgendwo im Heiligtum meiner Verhältnisse berühren so machen sie
mir auch Kummer genug«
    »Darin liegt die Antwort auf deine Frage« versetzte ihr Gemahl »Das Leben
besteht wo es nicht Geschäft ist meistenteils aus Repräsentation
Unsittlichkeiten drängen sich uns nicht vor das Auge wohl aber Roheit
Ungeschick Was gehen uns also jene an da wir niemandes Richter sind«
    Hier nahm Hermann das Wort und sprach »Vielleicht fordert keine Zeit mehr
zur Beobachtung äußerer Sitte auf als die unsrige Alle Gegensätze sind
blossgelegt wo irgend Menschen zusammenkommen bringen sie die
widersprechendsten Gefühle und Überzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge
mit Politik Religion das Ästetische ja selbst was im Privatleben erlaubt
sei alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts Wie kann man sich aber mit
Behagen nebeneinander sehen wenn nicht wenigstens auf der Oberfläche die in der
Tiefe zürnenden Geister beherrscht werden wenn nicht die strengste Regel der
Konvenienz welche jedem Kunstwerke notwendig ist waltet Und die gute
Gesellschaft ist doch wie man mit Recht gesagt hat eine Art von Kunstwerk
oder sollte wenigstens eins sein«
    »Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten« sagte der Herzog »Ich lade
auch nie zwei zu gleicher Zeit ein Denn ich bin dann nicht sicher dass die
Herrn über einen alten römischen König oder eine Sprache von der man nur
vermutet dass sie einmal gesprochen sein soll einander Beleidigungen sagen«
    »Auch die Hypochondristen sind böse Gäste« rief Hermann
    Die Herzogin warf lächelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi der die ganze
Tafel über sein verdriessliches Gesicht noch nicht abgelegt und sooft die Tür
aufging ängstlich mit den Händen den Kopf bedeckt hatte obgleich wie wir
bemerkt haben die Hitze der Hundstage herrschte Sie meinte Hermann solle sich
in acht nehmen er werde da Widerspruch bekommen
    Angereizt vom Lächeln der Dame rief dieser aus »Muss ich doch mich selbst
verurteilen wenn von jenen Übeln geredet wird Ich hatte immer gehört dass man
heutzutage um interessant zu erscheinen unzufrieden und kränklich sein müsse
Da die Natur mir aber beide Eigenschaften versagt hatte so bestrebte ich mich
durch Kunst dieselben hervorzurufen denn ich wollte nun einmal nicht so
unbedeutend durch das Leben gehen Fürs erste schaffte ich mir eine finstre Miene
an und sah aus als ruhe die Last der Welt auf meinem Busen Es war aber nicht
so schlimm das Essen und Trinken schmeckte mir dabei und ich schlief mit
meinem Grame bis an den Morgen Aber so schon begann ich zu gelten einige Damen
wollten selbst etwas Byronsches an mir bemerken Es kam nur noch darauf an
krank zu werden Ich rief die Einbildungskraft zu Hilfe und richtete meine
Aufmerksamkeit stundenlang auf mich selbst Ich fragte mich so lange und so
ernstlich Tut dir nicht da und da etwas weh bis es mir endlich vorkam als tue
mir da und da etwas weh Nicht mit Darstellung der ganzen Methode will ich Ew
Durchlaucht ermüden nur so viel darf ich versichern dass ich es in Erzeugung
der Schmerzen bis zur Virtuosität gebracht habe Kopfgicht Armweh Brustkrampf
Podagra jegliches Übel kann ich nach Gefallen hervorbringen Denke ich zum
Beispiel nur daran dass jene Tür aufgetan werden möchte so wütet schon ein
ganzes Heer von Rheumatismen mir durch Kopf und Genick«
    Diese Beziehungen waren zu deutlich um nicht verstanden zu werden Beide
Herrschaften hielten den Kammerrat wie es solchen Leidenden zu gehen pflegt für
krank in der Einbildung Sie sahen in einer Mischung von Verlegenheit und
Schadenfreude auf ihre Teller Hermann genoss seinen Sieg aber nicht lange
Wilhelmi hatte ganz gefasst dessen Rede mit angehört Als nun die Pause die nach
dem Schluße derselben entstanden war nicht enden wollte sagte er freundlich
zu ihm
    »Was Sie vorhin von der Notwendigkeit der feinen Lebensart äußerten hat mir
sehr gefallen«
    Hierauf wurde Hermann rot und stotterte einige Worte die wie ein Dank für
den ihm erteilten Beifall klangen Die Herrschaften aber taten als gehe sie der
letztre nichts an Die Herzogin rückte den Stuhl und die Tafel ward aufgehoben
    Er war mit dem Herzoge allein Die Gemahlin sprach in einem Nebenzimmer mit
dem verdrießlichen Freunde über wichtige Angelegenheiten welche das fürstliche
Paar in diesen jämmerlichen Ort geführt hatten
    Der Herzog schien sich für den Jüngling zu interessieren er fragte ihn nach
dem Zwecke seiner Reise Hermann versetzte dass er sich auf der Wandrung
befinde um seinen Oheim den großen Fabrikherrn den er noch nie gesehen habe
zu besuchen
    »Da werden Sie einen merkwürdigen Charakter kennenlernen« sagte der Herzog
»Ich mache oft Geschäfte mit ihm Er steht ganz einzeln in der heutigen Welt da
und vergegenwärtigt mir immer das Bild eines Bürgers der Hansa Ihr Vater und er
sind ein sehr eigentümliches Brüderpaar gewesen«
    »Sie lebten beide wo nicht in Hass doch in stiller Entfremdung« sagte
Hermann »Ich will nun versuchen ob der Oheim gegen mich auftaut Wahr ist es
wenn ich an meinen Vater zurückdenke so suche ich vergebens nach seinesgleichen
in der Gegenwart Er war mit Sinn und Lebensgewohnheit ungefähr in den achtziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts stehngeblieben Von daher schrieben sich die
grossblumigen Tapeten seines Zimmers die geschnörkelten Meubles der Zuschnitt
seines Rocks an welchen Dingen allen er mit hartnäckiger Strenge festhielt Und
doch soll er als junger Mensch munter und beweglich gewesen sein Aber etwas
Störendes scheint plötzlich seinen ganzen Organismus gehemmt zu haben Überhaupt
liegen die Erinnerungen an meine Eltern wie Märchen hinter mir an deren
Wahrheit zu glauben mir oft schwerfällt«
    Er erzählte noch manches von seinem väterlichen Hause welches wir später an
geeigneter Stelle einschalten werden Der Herzog welcher großen Anteil an
allem was aus dieser Familie herrührte nahm fragte nach Hermanns Studien und
Lebensgange worauf er die gewöhnliche Geschichte eines unsrer jungen Männer
hörte Hermann hatte als Siebenzehnjähriger den Befreiungskrieg mitgemacht als
Zwanzigjähriger auf der Wartburg gesengt und gebrannt und war dann auch in jene
Händel geraten welche die Regierungen so sehr beschäftigt haben
    »Indessen« fuhr er fort »war ich der Torheiten selbst bald müde geworden
Und als wolle mich das Geschick für diese zeitige Reue belohnen meine
Rhadamanten fanden dass ich zum Ravaillac verdorben sei und entliessen mich
nach kurzem Verhör« Er erzählte weiter dass er sodann die jetzt gewöhnliche
Reise durch Frankreich England und Italien gemacht habe demnächst aber in den
Dienst des wegen seiner Verwaltung berühmten Staats als sogenannter
Referendarius getreten sei
    »Sie sind noch in dieser Anstellung« fragte der Herzog
    Hermann trat drei Schritte zurück schöpfte tief Atem und rief »Nein Ew
Durchlaucht in dieser Anstellung bin ich gottlob nicht mehr Nachdem ich die
Welt gesehen in Rom und Neapel meine Seele ausgeweitet in London und Paris
mich in die bewegten Wogen großer Völker gestürzt hatte musste ich nun mit
erheucheltem Ernste protokollieren und expedieren über Dinge die selten des
Federzugs wert waren Anfangs solange mir die Handgriffe noch neu waren trieb
ich die Sache wie einen mechanischen Scherz bald aber ergriff mich die
furchtbarste Langeweile und ein unergründlicher Ekel an meinen Tagen welche
sich in diesem trocknen Nichts dürr und farblos verzettelten Das altweiberhafte
Helfenwollen wo die Natur schon immer für die Hilfe gesorgt hatte das
Bevormunden von Menschen welche gewöhnlich klüger waren als die Herren
Vormünder dieses norddeutsche Vielgeschrei und Vieltun Die unendlichen müden
Sessionen Kein Blick aus der quetschenden Grube in die lichte Tageshelle des
Geistes, alles umbaut mit Kabinettsbefehlen Paragraphen Instruktionen Akten
Tintefässern Sandbüchsen Mir war in dem Getreibe zumute wie in einer ewig
klappernden und sausenden Mühle nur das Mehl sah ich nie welches zu gewinnen
so viele Räder sich abarbeiteten Zum ersten Male in meinem Leben war ich
unglücklich und als ich das recht empfunden hatte fragte ich mich Warum bist
du es denn  Da tat ich mit beiden Füßen einen großen Schritt in die Freiheit
und als ich die Tore der Marterstadt hinter mir hatte jauchzte ich laut wie
Orestes als die Furien von ihm abliessen und  ich schäme mich des
Bekenntnisses nicht  ich habe mich zu Boden geworfen und habe die grüne Erde
geküsst der ich nach der Fahrt durch ein wüstes Papiermeer nun erst wieder
anzugehören glaubte Nein Ew Durchlaucht ich bin nicht mehr Referendarius
Ich überlasse das Metier den geistigen Nihilisten deren ganzer Stolz darin
besteht eine Sache mehr abgemacht und aus der Welt geschafft zu haben während
der geringste Handwerker sich freut ein sichtbares Produkt von seiner Hände
Arbeit in die Welt setzen zu können«
    Hermann trocknete von der Stirne den Schweiß ab in welchen ihn diese
leidenschaftliche Herzensergiessung versetzt hatte Der Herzog strich mit einer
leichten Bewegung der Hand ihm über die Achsel als wolle er da etwas
wegwischen Betroffen sah Hermann nach der Stelle hin er wusste nicht was die
Gebärde bedeuten sollte
    »Beruhigen Sie sich« sagte der Herzog »Es kam mir nur so vor als sei da
noch etwas Asche von den Feuern der Wartburg sitzen geblieben«
 
                               Siebentes Kapitel
Inzwischen hatten sich andererorten im Gasthofe wichtige Ereignisse zugetragen
Der Wirt war nämlich nicht so bald innegeworden dass sein verachteter Gast bei
dem Herzoge speise als er zu seiner Frau sagte dass man einen solchen Herrn
unmöglich auf Nummer Zwölf lassen könne Nun war aber guter Rat teuer denn
zwischen Vormittag und Nachmittag hatte sich neuer Besuch eingefunden so dass
jetzt wirklich kein Zimmer mehr leer stand Endlich schlug die Wirtin vor die
    Kammerjungfer der Fürstin nach Nummer Zwölf zu verweisen und Hermann
dagegen die von ihr bewohnte Nummer Vier zu geben
    Wo es Ungerechtigkeiten und Schelmenstücke galt war der Wirt mit seiner
Gattin immer einverstanden Die Jungfer war um nach ihrem Anfalle frische Luft
zu schöpfen spazierengegangen Die redliche Wirtin unternahm es ihr bei der
Rückkunft vorzuspiegeln dass die Decke in Nummer Vier eingestürzt sei und dass
dieser Umstand eine Quartierverändrung notwendig gemacht habe
    Als Hermann vom Herzog kam wurde er vom Wirt mit vielen Kratzfüssen nach
seinem neuen Zimmer welches sich in einem Nebenhause befand geführt Er freute
sich der reinlichen Wohnung und des Blicks nach hinten hinaus über grüne Wiesen
Aber leider sollte dieser ruhige Besitzstand bald gestört werden
    Denn er hatte kaum einige Minuten dort zugebracht als er auf der Treppe ein
heftiges Gezänk hörte Die Jungfer war in den Gasthof zurückgekehrt hatte von
der Wirtin die Umquartierung vernommen und Nummer Zwölf besichtigt Der Anblick
dieses schauderhaften Gelasses setzte sie bei ihrer cholerischen Gemütsart in
einen großen Zorn Über den Hof streichend fand sie die Wirtin an der kleinen
Treppe im Nebenhause und überschüttete die Frau mit einer Flut von
beleidigenden Worten
    Hermann riet dem Wirte den er gern loswerden wollte hinunterzugehn und
seiner Frau beizuspringen Der Wirt blieb aber machte ein ängstliches Gesicht
und rief indem er an den Nägeln kaute »Wir haben den Skandal hier oben noch
früh genug«
    Diese Besorgnis war nur zu gegründet Denn alsobald betraten beide
Frauenzimmer die Stube die Jungfer mit Händen und Füßen vorwärtsstrebend die
Wirtin vergeblich bemüht sie am Rocke zurückzuhalten Jene hatte sich mit
eignen Augen überzeugen wollen ob die Decke in Nummer Vier wirklich eingestürzt
sei Da sie nun sah dass dieselbe so heil war wie ein neugebornes Kind so
erstarrte sie anfangs über die Tücke der Wirtsleute zu einer stummen Bildsäule
Dann aber brach ein solcher Schwall von Verwünschungen aus ihrem Munde dass man
sich nur wundern muss wie das Haus stehnbleiben konnte Sie beschränkte sich
nicht auf die eigentlichen Übeltäter sondern ging bald auch zu Schmähungen
unsres Freundes über Dieser gescholten er wusste nicht weshalb fragte nach
der Reihe herum was denn der ganze Auftritt bedeuten solle Aber keiner gab ihm
Antwort Die Kammerjungfer schrie in die Höhe deutend »Ist da etwas
eingestürzt« Der Wirt schrie »Bedenken Sie dass ich Ihr heute morgen die
Daumen aufgebrochen habe«  »Ist dieses der Dank dafür dass Sie uns das Bett
zerrammelt hat« schrie die Wirtin
    Während dieses Geschreis war eine neue Figur an der offenen Tür erschienen
Den Reitknecht Wilhelm hatte der Lärmen herbeigezogen er kam die kurze Pfeife
im Munde Als die Jungfer den Dienstgenossen erblickte lebten in ihr alle
Hoffnungen auf sie lief zu ihm und beschwor ihn bei der Ehre des Stalls und
der Gesindestube ihr das gegen göttliche und menschliche Rechte entrissne Zimmer
wiedererringen zu helfen Es hätte so dringender Worte nicht bedurft Der brave
Kerl war selbst auf den Wirt und dessen schlechten Hafer böse und eine
Gelegenheit ihm etwas anzuhaben kam ihm grade erwünscht
    Es rückte nunmehr die Heersäule der Bundesgenossen vor die Kammerjungfer
mit einer Elle bewaffnet die sie irgendwo gefunden hatte der Reitknecht sich
verlassend auf seine derben rotbraunen Fäuste Sofort duckte sich der Wirt mit
seiner Gattin zwischen zwei Stühlen nieder Hermann der endlich merkte worum
es sich handle rief wiederholentlich »Hört mich an« Es achtete aber niemand
seiner und nun beschloss er vorerst die Entwicklung der Begebenheiten
abzuwarten Er zog daher einen Tisch vor das Sofa auf dem er saß um sich gegen
alle gezwungne Teilnahme an den drohenden Ereignissen der nächsten Zukunft zu
sichern
    Der Reitknecht und die Kammerjungfer gingen indessen grade gegen die Stühle
vor Dem verständigen Gastwirte welcher zwischen denselben hockte wurde nicht
wohl zumute »Ihr wollt mich doch nicht in meinem eignen Hause prügeln« rief er
mit einer zwischen Mut und Furcht zitternden Stimme  »Haun Sie zu Wilhelm«
redete die Jungfer den Knecht an »Hurra« rief der brave Kerl welcher nur an
seine übelgenährten Pferde und nicht an den Dienst des Herzogs dachte und
reichte dem Wirte eine Ohrfeige von schwerem Gewichte Diese Ohrfeige gab das
Zeichen zum allgemeinen Kampfe Der Wirt fuhr grimmig auf den Reitknecht los
und die Jungfer machte sich mit der Wirtin handgemein
    Zuerst von den Männern Mit leichter Mühe hatte der Reitknecht ein
baumstarker Mann den Wirt zurückgeworfen Er verfolgte den errungnen Vorteil
und legte den Gegner alles Sträubens ungeachtet über einen Stuhl mit dem
Gesichte gegen die Erde Die Rockschösse des Wirts trennten sich und nun erst
wurde dem Reitknechte das eigentliche Feld seiner Tätigkeit sichtbar Alsobald
begann er auf dieser Tenne zu dreschen so flink und so gewaltig als gälte es
die Ernte des ganzen Jahres an einem Tage zu gewinnen
    In dieser schrecklichen und letzten Not rief der Wirt inbrünstig alle
Heiligen um Beistand an Einer derselben musste ihn gehört haben denn es
ereignete sich eine völlige Wendung der Geschicke Der Reitknecht hatte im
Übermasse seiner Siegestrunkenheit sich die Faust an dem Wirte fast lahm
geschlagen Deshalb müde noch mehr Lorbeern mit Schmerzen zu gewinnen nahm er
den Geprügelten in seine Arme nicht um ihn zu küssen sondern um ihn zur Stube
hinauszutragen Aber er hatte denn doch seiner Kraft zu viel vertraut Auf der
Hälfte des Wegs stolperte er über seine Sporen stieß an Hermanns Tisch und
fiel mit seiner Bürde donnernd zu Boden Jetzt fügte es jener unbekannte Heilige
so dass der Wirt eher auf den Füßen zu stehen kam als der Reitknecht Hurtig
wie eine wilde Katze holte jener seinen Marterstuhl herbei und stülpte
denselben dem Reitknecht über den Leib dergestalt dass dieser kein Glied zu
regen vermochte Nun war der Augenblick der Vergeltung erschienen Der Wirt saß
auf dem Stuhle und ließ alle zehn Finger im Gesichte des Reitknechts
spazierengehn welcher die Farben des Regenbogens vor den Augen sehend vorn
wieder empfing was er hinten ausgeteilt hatte So rächte der Wirt sein
gemisshandeltes Kreuz Der brave Kerl lag unter dem Stuhle zerschlagen wehrlos
regungslos und rief unaufhörlich »Jungfer zu Hilfe«
    Aber wie hätte die Jungfer ihm helfen mögen sie die selbst nur zu
ernstaft beschäftigt war Anfangs suchten die beiden Frauenzimmer einander mit
den Nägeln möglichst zu schaden Da indessen dieses Gefecht der Kammerjungfer
kein genügendes Resultat gab so drängte sie die fette und unbehülfliche Wirtin
in eine Fenstervertiefung und fing an von ihrer Elle Gebrauch zu machen Die
Wirtin konnte sich der ungemein schmächtigen und behenden Jungfer nicht
erwehren tat einen Satz der Verzweiflung und sprang auf die Fensterbrüstung
Hier wurde nun die Schnur des Vorhangs von der heftigen Erschüttrung gelöst und
die Gardine rollte vor der Wirtin nieder Mit großer Geistesgegenwart ergriff
die Jungfer augenblicklich das untre Ende des Vorhangs hielt die Wirtin wie in
einem Sacke gefangen und hämmerte wacker auf die runde Erhöhung los welche der
Leib der Feindin im Vorhange bildete Die Frau seufzte nach ihrem Manne wie der
Reitknecht nach der Jungfer aber beide Sieger spürten größere Begierde in sich
die Gegner zu prügeln als den Ihrigen zu helfen
    Endlich fiel der genotängsteten Wirtin das letzte Mittel ein durch welches
sogar eine Hinrichtung hinausgeschoben wird und welches freilich dem armen Kerl
von Reitknecht nicht zu Gebote stand Sie rief hinter dem Vorhange »Jungfer
schonen Sie meiner ich bin in andern Umständen«
    Bei diesen Worten geriet Hermann in eine Todesangst denn die funkelnden
Augen der Jungfer ließ besorgen dass sie auch das Ungeborne ihrer Rache opfern
werde Er fürchtete ein Unglück und fand wie durch innere Eingebung einen
rettenden Gedanken Vom Sofa aufspringend den Tisch umwerfend rief er mit
lauter Stimme »Haltet inne der Herzog kommt«
    Dies wirkte Sogleich hörte die Schlägerei auf Die Wirtin sprang vom
Fenster und pustete die Kammerjungfer stellte sich vor den Spiegel brachte
ihre Flechten in Ordnung und keuchte der Wirt ließ den Stuhl los und spuckte
der Reitknecht raffte sich auf und schüttelte sich am ganzen Leibe wie ein
durchnässter Pudel
    Hermann erklärte darauf dieser pustenden keuchenden und sich schüttelnden
Versammlung dass es des ganzen Krieges nicht bedurft habe und dass er lieber im
Freien zubringen als jemandem sein Zimmer nehmen wolle Der Reitknecht sah die
Jungfer verdrießlich an und sagte »Auf ein andermal lasse Sie einen mit Ihren
Dummheiten ungeschoren« Den armen Kerl schmerzten seine Beulen er ging sich
mit Branntwein zu waschen Hermann wollte auch hinaus Aber der Wirt der seine
Schläge umsonst empfangen zu haben nicht begehrte hielt
    ihn zurück und erklärte rund und nett die Jungfer solle nun durchaus ihren
Willen nicht haben die Stube sei ihm zugeteilt und dabei habe es sein
Bewenden Auf dieses Manifest machte die Jungfer ein grimmiges Gesicht Hermann
fürchtete den Wiederausbruch der Feindseligkeiten und um nur die Sache
vorderhand beizulegen schlug er vor die Stube zwischen ihm und ihr zu teilen
ob der Wirt nicht ein Saattuch oder sonst etwas habe womit man die beiden
Hälften abscheiden könne Wirklich erinnerte sich jener eines alten riesigen
Krankenschirms Dieser wurde herbeigeholt aufgestellt und schied das Zimmer in
zwei gleiche Teile Hermann überließ der Jungfer das Kabinett rechts und zog
links vom Schirm ein Zuerst hatte sich ihr Zartgefühl gegen einen solchen
Vorschlag gesträubt endlich war sie durch wiederholte feierliche Versichrungen
Hermanns dass er jede ersinnliche Rücksicht auf ihre Nähe nehmen werde
beschwichtigt worden
    Beim Hinausgehen fragte der Wirt seine Gattin mit dem Ausdrucke einer
stillen Trauer ob denn ihre Nachricht von vorher richtig sei und der Herr sich
an ihrem Leibe noch mächtig erwiesen habe Die Frau versetzte er solle doch
nicht so töricht sein sie sei ja weit über die Jahre hinaus Das war denn doch
eine Freude nach manchem Leid denn der Wirt hatte Kinder genug und verlangte
nicht nach mehreren
    Nun schien Ruhe und Frieden links und rechts des Schirmes eingekehrt zu
sein Die Jungfer nähte und Hermann hatte sich auf das Bett gelegt welches in
seiner Hälfte stand Er suchte seine Gedanken zu ordnen und sich in den
mannigfaltigen Zufällen dieses Tages zurechtzufinden »Ich muss wohl der Mann des
Schicksals sein« rief er »da um meinetwillen ohne Not Unheil und Katzbalgerei
entsteht«  Ermüdet wie er war von Wandern und Hitze versank er bald in
Schlummer Die Kammerjungfer drüben wurde auch des Nähens überdrüssig legte
sich mit dem Kopf auf den Tisch und nickte ein
    Aber Eris schlief nicht und brauchte diesmal statt des Apfels einen Hund
um die Eintracht zu stören Ein Newfoundländer von der größten und zottigsten
Art den ein Gast mitgebracht hatte ging nach Wurstschalen und andern
Leckerbissen umherschnoppernd durch das Haus Er kam auch zu Nummer Vier fand
die Tür nur angelehnt und schob sich sacht hinein Die Hunde wissen auf der
Stelle wer ihr Freund ist Dieser sah dem schlafenden Hermann so eine Art von
Sympatie an Er setzte sich vor dem Bette nieder beroch die niederhängende
Hand des Schlummernden leckte dann an derselben und setzte dieses Spiel eine
Weile fort Hermann der bald die kalte Nase bald die warme Zunge des Tiers an
seiner Hand hatte wachte von dieser Abwechslung auf Der Instinkt des Hundes
war richtig gewesen Hermann hielt wirklich gute Freundschaft mit allen
lebendigen schönen Geschöpfen Er freute sich des mächtigen Tiers streichelte
seinen Kopf und Rücken so dass der Hund vor Vergnügen zu gähnen anfing Hermann
ballte das Schnupftuch zusammen der Hund apportierte lustig Ihn ergötzten die
gewaltigen Sprünge des Newfoundländers er wiederholte den Zeitvertreib und warf
das Tuch nach dem Schirme zu Der zottige Gesell sprang mit seiner ganzen Stärke
gegen den Schirm dessen Bespannung alt mürbe und kaum noch in den Nägeln
hangend einem solchen Stosse nicht zu widerstehn vermochte Ein großer Fetzen
riss aus der Hund fuhr hindurch und in das Gebiet der Kammerjungfer Hermann
hörte den Hund bellen und die Jungfer schrein
    Diese war durch das Getöse welches der Köter machte längst erweckt worden
Tapfer gegen ihresgleichen war sie überaus furchtsam wenn sie nur eine Spinne
oder Kröte sah Und nun gar eine Newfoundländer Dogge Sie floh vor der erregten
Bestie in eine Ecke warf sich dort nieder und brachte wie der Vogel Strauss
ihren Kopf in Sicherheit alles übrige preisgebend Der Hund sprang ihr lustig
nach und mit den Vorderfüssen auf beide Hüften So stand er halb auf der Jungfer
und bellte aus Leibeskräften ohne etwas Arges im Schilde zu führen Die Sache
schien ihn vielmehr ausnehmend zu belustigen und er wurde immer vergnügter je
heftiger die Jungfer kreischte Vergebens rief ihn Hermann durch das ganze
Register der ihm bekannten Hundenamen
    Indessen war der bedrängten Jungfer bereits ein Retter erschienen und zwar
in der Person des verständigen Wirts welchen der abermalige Lärmen in der
verhängnisvollen Nummer Vier wieder herbeigezogen hatte Um gutzumachen was er
an der Jungfer verbrochen fasste er den Beller am Schweif ihn von ihrem Rücken
herabzureissen Der Hund verstand aber wie alle seine Brüder am Schweife
durchaus keinen Scherz fuhr herum und versetzte dem Wirt einen solchen Biss in
die Hand dass der Mann sie unter Geheul blutig in die Luft schlenkerte So ward
jener an einem Tage für beides bestraft für Laster und Tugend
    Inzwischen trat die Kammerjungfer zum Schirme und schalt in den bittersten
Ausdrücken nach Hermann hinüber Dieser aber hörte von allem was sie sagte
nichts denn er hatte das Schlachtfeld verlassen entschlossen die Stätte so
vieler Streitigkeiten mit keinem Fuße wieder zu betreten Unten begegnete er dem
Newfoundländer der auch gleichgültig fortgerannt war sobald er den Wirt in die
Hand gebissen hatte
 
                                 Achtes Kapitel
Der Abend war schön Hermann beschloss denselben im Freien zuzubringen Draußen
vor dem Tore zwischen grünen Hecken unter mächtigen Kastanienbäumen sah er ein
blaues Schieferdach Spitzbogen Kreuze und hohe schmale Fenster überzeugten
ihn dass das kleine einsame Gebäude eine Kapelle sei er erinnerte sich von
einem weit und breit berühmten Marienbilde gehört zu haben welches hier den
Gläubigen seine Wunder spendete
    Die Neugier führte ihn in das Heiligtum leise trat er durch die nie
verschlossne Pforte Der den katholischen Kirchen und Betörtern eigentümliche
Geruch welcher vom zersetzten Weihrauchs und Lichterdampfe herrührt schlug
ihm entgegen Samt Borten Blumen von gesponnenem Gold und Silber
Schmelzwerk und was sonst die Andacht zur Zier verwendet prangten um den
geschmückten Altar Zwischen diesen glänzenden Dingen nahm sich freilich das von
Dunst und Alter gebräunte Bild der Mutter Gottes nicht sonderlich aus
    Indessen bewegte ihn ein eigener Anblick Dieses Bild erzeigte sich besonders
Gichtkranken hilfreich Da hatten nun die Reicheren welche die Befreiung von
ihren Leiden hier erbetet silberne Votivglieder geschenkt kleine blinkende
Arme und Füße hingen in großer Anzahl um die himmlische Helferin Die Armen
welche Silber zu schenken unvermögend waren stellten ihre Krücken als
Denkzeichen hin Zu Hunderten standen die unnötig gewordnen Notbehelfe rechts
und links vom Altar
    »Sie ist zur Fabel geworden diese Religion der Wunder« sagte Hermann für
sich »aber sie ist eine rührende Fabel«
    Er sah zwei Betende in der Kapelle und erkannte den Herzog und die Herzogin
die hier ihre Abendandacht verrichteten Sonst war niemand darin Als sie sich
erhoben trat Hermann mit einer unwillkürlichen Bewegung hinter ein
Seitentabernakel zurück Die Herrschaften setzten sich auf die Bänkchen ihrer
Betpulte
    »Man weiset uns an Gott einzig um geistige Dinge zu bitten« sagte die
Herzogin »Heute muss ich gestehen von dieser Vorschrift abgewichen zu sein Ich
habe dem Herrn nur allein die Bitte vorgetragen uns die Spur der unglücklichen
Johanna zu zeigen«
    »Ich denke« versetzte der Gemahl »dass die Ehre unsres Hauses und das
Schicksal eines verirrten Wesens wohl auch Dinge sind von denen man zu dem
höchsten Ordner der menschlichen Angelegenheiten reden darf«
    »Glaubst du dass wir morgen auf dem Falkenstein etwas von ihr hören werden«
fragte die Herzogin
    »Wenn ich aufrichtig sprechen soll nein« erwiderte der Gemahl »Der
Entführer ist schlau genug und der alte Amtmann dem ich längst nicht mehr
traue war vermutlich mit ihm im Einverständnis Er wird sich anstellen als sei
er selbst getäuscht worden Lieb wäre es mir wenn du den graden Weg nach Hause
einschlügst und mich mit Wilhelmi diese verdrießliche Seitentour allein
abmachen ließest«
    »Nimmermehr« rief die Herzogin »Es müsste denn sein dass meine Gegenwart
euch in etwas Dienlichem hinderte Ich bin doch auch schuld daran dass die
Unselige sich so weit vom rechten Pfade verlieren konnte ich hätte sie
vielleicht sanfter behandeln ihr Herz mehr aufschließen sollen Deswegen halte
ich es für meine Pflicht alle Mühsale und Verlegenheiten die sie uns
verursacht mit tragen zu helfen«
    »Wer hat hier Schuld« sagte der Herzog »Der welcher eigentlich für die
Fehltritte einer zügellosen Natur verantwortlich ist liegt im Grabe Die Sünden
der Väter werden heimgesucht an den unsträflichen Kindern ich mache mich auf
schmerzliche Dinge gefasst«
    Hermann hörte noch manches was sich auf das Hausgeschick bezog dessen
diese Reden gedachten Er fühlte sich in seiner gezwungnen Horcherrolle sehr
gepeinigt Wenn man ihn beim Hinausgehn sah in welchem Lichte musste er
erscheinen Und doch war es jetzt unmöglich geworden unbemerkt aus der Kapelle
zu schlüpfen
    Die Herzogin stand plötzlich auf ergriff ihren Gemahl bei der Hand und
sagte mit einiger Leidenschaftlichkeit »Du musst mir etwas versprechen Ich
weiß dass du talentvolle junge Männer gern an dich heranziehst Tue mir den
Gefallen und halte uns unsre heutige Bekanntschaft fern«
    Ihr Gemahl sah sie verwundert an »Wie kommst du darauf« fragte er
    »Es ist eine Grille« erwiderte sie »und ich mag ihr keine Wichtigkeit
beilegen Aber tue mir den Gefallen und lade diesen jungen Mann nicht über
unsre Schwelle«
    »Man sollte sich bei seinen Handlungen eigentlich durch Grillen nicht leiten
lassen« rief der Herzog »Er ist der Sohn eines Manns dem mein Vater die
größten Verpflichtungen hatte Verpflichtungen die nach hingeworfnen Äußerungen
zu schließen ganz eigener sonderbarer Art gewesen sein müssen Er rennt ohne
Zweck und Ziel durch die Welt Ich hatte daran gedacht ihn nützlich zu
beschäftigen Indessen gehen mir deine Wünsche über alles und er mag sich daher
selbst in der Irre zurechtfinden«
    Sie standen jetzt kaum zwei Schritte von Hermann und er sah der Fürstin in
das schöne regelmäßige Antlitz »Hätten wir doch unsre Pferde bei der Hand«
sagte sie »Ein Ritt am Flüsschen müsste in dieser Kühle sehr behaglich sein«
    »Ich habe leider keinen Bedienten mitgenommen den wir nach dem Gasthofe
schicken könnten« erwiderte der Herzog
    »Lass uns eine Strecke zu Fuß spazieren«
    Als sie die Kapelle verlassen hatten trat Hermann aus seinem Verstecke
hervor »Was hat sie gegen mich« fragte er bitter und wehmütig Es war ihm so
neu in der Damenwelt etwas wie Abneigung zu finden dass er sich nicht wohl
darein zu schicken wusste
    Er trat in die Türe der Kapelle und sah die Herrschaften zwischen wallenden
Kornfeldern gehen Der Schmerz kleidete sich bei ihm leicht in den Scherz Er
strich sich über die Augen wischte eine Träne aus und rief »Weiset ihr den
Gast zurück so werdet ihr doch den Bedienten nicht verschmähn«
    In fünf Minuten hatte er das Wirtshaus erreicht Er stöberte den Reitknecht
Wilhelm auf und hieß ihn satteln der Herzog befehle die Pferde Er wollte ihm
die Gegend beschreiben wo sein Herr lustwandelte der Reitknecht ließ ihn aber
nicht ausreden sondern schlug sich mit beiden Fäusten in das Gesicht welches
von den Stößen des Wirts schon blau genug war und rief »Ich bin aus dem
Dienst wenn die Herrschaft mich so zu sehen bekommt« Vergebens stellte ihm
Hermann vor morgen bemerke der Herzog ja doch sein geschwollnes Antlitz und
erfahre mithin die Sache Der Reitknecht dachte wie ein Wilder nicht über den
heutigen Tag hinaus
    Hermann sah dass mit dem Menschen nichts anzufangen war »Was tuts ob mich
das Nest für einen Narren hält« rief er »Sattelt Wilhelm ich will den
Herrschaften die Pferde bringen« Diese Großmut schlug dem Kerl bis auf die
Seele durch er küsste Hermann inbrünstig die Hand und sattelte weinend die
Rosse Bald trabte jener auf einem gedrungnen Polacken den Zelter der Herzogin
und den Fuchs des Herzogs an der Hand führend davon zum Erstaunen des Wirts
dem dieser Gast ein Rätsel war und blieb
    Als die Herrschaften den Hufschlag hörten wandten sie sich um und machten
verwunderte Gesichter Er war rasch vom Pferde trat die Tiere führend zu
jenen und sagte schnell um die Entdeckung des wahren Zusammenhangs zu
verhüten
    »Ich sah Ew Durchlauchten im Felde spazieren ich dachte dass ein Ritt
vielleicht angenehmer sein möchte habe ich mich geirrt so bringe ich die
Pferde zurück Den Reitknecht konnte ich nicht finden ich erlaubte mir deshalb
selbst den Stallmeister zu machen«
    Der Herzog fixierte ihn und versetzte nicht ohne eine gewisse Schärfe »In
wie vielen Gestalten wird man Sie denn noch zu sehen bekommen«
    »In jeder welche schicklich ist Ew Durchlaucht Dienste zu leisten« sagte
Hermann trocken
    Man sprengte durch Wiesen und lichte Baumplätze Hermann hielt sich streng
mehrere Schritte zurück Da der Weg breit genug für drei war so forderte ihn
der Herzog auf Front zu machen »Der Platz des Dieners ist hinter den
Gebietern« erwiderte er und blieb wo er gewesen der schlanken Reiterin vor
ihm im stillen grollend
    Es war dunkel als man zurückkehrte Hermann half vor dem Gasthofe der
Herzogin vom Pferde Sie flüsterte ihm als sie ins Haus ging zu »Ich habe
noch mit Ihnen zu reden«
    In der Dämmerung stand er ihr bald in ihrem Zimmer gegenüber Sie ging nach
ihrer Schatulle holte eine Rolle drückte sie in seine Hand und sagte »Sie
haben mir heute morgen von einem unglücklichen Mädchen erzählt Hier ist Geld
Finden Sie den Vater ab bringen Sie das Kind anständig unter wenn ich
späterhin gute Zeugnisse zu sehen bekomme so will ich die Verlassne selbst
aufnehmen«
    Hermann weigerte sich das Geld anzunehmen »Ich bin Ew Durchlaucht
unbekannt und kann mir nicht schmeicheln Ihr Vertrauen schon in dem Masse zu
verdienen um der Depositar einer so großen Summe sein zu können«
    »Was meinen Sie« fragte die Herzogin befremdet »Sie sind brav und klug
und Ihr Name hat für unser Haus einen guten Klang Leben Sie wohl Wir sehen uns
wohl schwerlich wieder«
    Sie machte ihm ein Zeichen dass er entlassen sei Er ging und wusste nicht
was er von ihrer Abneigung und von dem letzten Lobe denken sollte
    Man setzte sich in der größeren Stube die den Salon vorstellen musste zum
Spiel Nachdem einige Partien gemacht waren sagte die Herzogin »Wir treiben
die Sache so ernstaft dasswenn uns jemand sähe der uns nicht kennt dieser
glauben müsste die bunten Blätter lägen bei uns zu Hause beständig auf dem
Tische«
    »Das Spiel ist in eine unverdiente Missachtung gefallen und bis jetzt durch
nichts Besseres ersetzt worden« sagte Wilhelmi »Grade die mäßige
Aufmerksamkeit die es fordert das Zählen und Anlegen ist wohltätig Es hält
uns in einem heilsamen Mittelzustande zwischen Anspannung und Zerstreuung«
    »Unser Freund sagt wieder Schmeicheleien eigener Art« rief der Herzog »Weil
wir zu geistlos sind miteinander zu reden müssen wir spielen«
    »Ich verwahre mich gegen alle besondren Auslegungen gnädigster Herr«
versetzte Wilhelmi »Sie wissen dass es meine Schwachheit ist gern im
allgemeinen zu reden Und das darf ich denn doch wohl behaupten dass unsre
deutsche Gesellschaft meistenteils ein wunderbares Gesicht macht welches nicht
schöner geworden ist seitdem man die Tische mit den Markenkästchen entfernt
und an ihre Stelle die Musikpulte und die Lesebrettchen geschoben hat Sonst kam
man zusammen ganz einfach und aufrichtig ein Spielchen zu machen man freute
sich auf seine Partie der Abend wurde dadurch kürzer späterhin gelang wohl ein
heitres Gespräch an runder vertraulicher Tafel Jetzt strömt das
Verschiedenartigste in die erleuchteten Säle Menschen die keinen Ton leiden
mögen die man wollten sie aufrichtig reden mit Gedrucktem und Geschriebnem
wer weiß wie weit jagen könnte Leute die an nichts Wissenswürdigem einen
wahren Anteil nehmen dieser bunte Jahrmarkt flutet zwischen Musik Vorlesen und
sogenannter geistreicher Unterhaltung hin und her mit erlognem Interesse mit
scheinbarer Erhebung Jeder Vernünftige welchen sein Unstern in dieses Getreibe
wirft seufzt im stillen
    Ach ständen doch die Kartentische erst wieder da Ich erinnre mich von
meiner letzten Geschäftsreise eines solchen Festes Ein alter General dem man
die Pein ansehen konnte saß traurig in einer Fenstervertiefung und klagte
sich unbelauscht glaubend in seinem eigentümlichen Deutsch über die verwünschte
Bücher und Singemode Gleich darauf war ein Hauptaktus beendigt ein
geckenhafter Mensch trat an den Gelangweilten hinan und der alte Degenknopf
musste sich nun zwingen in den Enthusiasmus des Windbeutels einzustimmen«
    »Welche Predigt« rief die Herzogin »Was dergleichen kleine Torheiten nur
groß schaden«
    »Was sie schaden« sagte Wilhelmi »Ich glaube dass sie mit dazu beitragen
den Zustand allgemeiner Heuchelei hervorzubringen der recht eigentlich das
Kennzeichen unsrer Zeit ist Wir Deutschen sind ein häusliches und bürgerliches
Volk ehrwürdig durch einen einfachen Sinn durch gesunden Menschenverstand Was
man Geist nennt ist nur das Erbteil einzelner nicht der Nation Am
allerwenigsten kann man sagen dass das Gefühl für das Schöne bei uns so häufig
verbreitet sei als man jetzt sich und andern einbilden will Wir sind und
bleiben Barbaren und wollen die Musen und Grazien wie jener König in Phokis
immer gleich einsperren wenn sie ja einmal bei uns einkehrten Darum wiederhole
ich Ständen doch die Kartentische erst wieder da«
    »Und vergessen dass Sie an einem sitzen« sagte der Herzog »Sie hätten
längst mischen sollen Dieses Schelten auf die Zeit auf unsre Zeit Gehören Sie
denn nicht auch zu ihr Sie mit Ihren trüben Ansichten eben recht zu ihr Es ist
charakteristisch dass wir immer von der Zeit reden von unsrer Zeit Wo fängt
sie denn an und was hat sie eigentlich so Besondres wenn wir einmal ganz auf
den Grund gehen wollen«
    »Sie spielt Komödie wie keine andre« sagte Wilhelmi »Die alten
Jahrhunderte haben uns ihre Röcke hinterlassen in die steckt sich die jetzige
Generation Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock in den patriotischen
Rock in den historischen Rock in den Kunstrock und in wie viele Röcke noch
sonst Es ist aber immer nur eine Faschingsmummerei und man muss um des Himmels
willen hinter jenen würdigen Gewändern ebensowenig den Ernst suchen als man
hinter den Tiroler und Zigeunermasken wirkliche Tiroler und Zigeuner erwarten
soll Was aus unsrer Jugend die so recht vom Geiste der Gegenwart durchsogen
ist werden mag ist in der Tat schwer abzusehn So ein junger Mensch von heute
steht im vierundzwanzigsten Jahre fertig da alles ward ihm leicht und mundrecht
gemacht im Fluge hat er den Schaum von der Oberfläche der Dinge abgeschöpft
Dass der Mensch nur durch Erfahrung unter Arbeit und Not zu irgendeiner
Erkenntnis gelangen kann dass man durch das Kleine sich lange Jahre
hindurchwinden muss bevor man das Grössere zu verstehen imstande ist dass nur das
wahrhaft besessen wird was errungen ermüht und erlitten wurde wer möchte
dergleichen Dinge jetzt aussprechen Die wohlfeilen Kommunikationsmittel fördern
den jungen Weisen in reissender Schnelligkeit durch alle Lande er ist durch den
Vatikan gestrichen nun ward er ein Kunstkenner er hat den Tunnel angesehen
seitdem versteht er sich auf Mechanik Benjamin Konstant sprach mit ihm ein paar
höfliche Worte  der Politiker war ausgebrütet Bescheidenheit Gehorsam
Unterordnung Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmärchen
Grossmutterschwächen Überall und nirgends zu Hause kehrt er zurück ins
Vaterland ein Riese an Sicherheit der aber bei jedem Schritte ausgleitet
kluge Reden hält er über gute Lebensart «
    Ein herzliches Lachen unterbrach den schwarzgalligen Redner »Daher der
Zorn« rief die Herzogin »Der arme Hermann Sie haben doch ein rachsüchtiges
nachtragendes Gemüt Wilhelmi«
    Währenddem der Herzog den Spott seiner Gemahlin fortsetzte wurde ein Billet
an Wilhelmi abgegeben Dieser wollte es ungelesen einstecken »Öffnen Sie doch
es könnte etwas Eiliges sein« sagte der Herzog Wilhelmi brach auf und rief
    »Von unsrem Abenteurer« Er las folgende Zeilen
    »Es ist mir eine unerträgliche Empfindung in dem hohen und freundlichen
Kreise welcher mich einige Stunden in seiner Mitte duldete eine herbe
Nachwirkung befürchten zu müssen Ich habe mich gegen Sie vergangen und ich
gestehe Ihnen mein Unrecht aufrichtig ein Die Unart des Jünglings kann einem
Manne wie Sie sind nicht empfindlich sein Aber um meinetwillen und zu meiner
Beruhigung lassen Sie mich glauben dass Sie mir vergeben Ich möchte an den
heutigen Tag so gern ganz heiter zurückdenken und ich kann es nicht wenn Sie
mir wegen meiner Torheit zürnen«
    Der Herzogin Antlitz glänzte vor Freude Der Herzog sagte »Ich hoffe du
hältst mich wegen des braven Jungen nicht beim Worte« und Wilhelmi rief mit der
Gutmütigkeit die sich bei den Hypochondristen einstellt wenn sie tüchtig auf
die Welt geschmält haben aus »So möchte ich mich wohl alle Tage in einem
Menschen irren«
 
                                Neuntes Kapitel
Hermann war indessen nach dem Walde hinausgeeilt worin er das wilde Mädchen
gefunden hatte Rasch war sobald er von der Herzogin die Mittel besaß sein
Plan zu Flämmchens Rettung entworfen worden Vorerst sollte sie in dem Dorfe
jenseits des Waldes untergebracht werden dann wollte er die Sache mit dem
Komödianten abmachen und wenn dies geschehen hatte er vor das Kind in eine
benachbarte Pension zu geben deren Vorsteherin ihm bekannt war
    So war sein Entwurf an dessen Gelingen er nicht zweifelte Es war bei ihm
ein Ehrenpunkt geworden diese Angelegenheit zur Zufriedenheit der Herzogin zu
Ende zu bringen die ihn nach seiner Meinung so ungerechterweise von ihrem
holden Antlitze hinwegwies Flämmchens romantische Gestalt schwebte vor seinem
Geiste sein Blut befand sich in heftiger Wallung
    Vielleicht bewirkte es dieser aufgeregte Zustand dass er im Walde den er
halb laufend erreicht hatte bald von der Richtung die er am Morgen genommen
abkam Der umgestürzte Stamm welcher ihm den Ort wo Flämmchen weilte zeigen
sollte blieb unsichtbar und es dauerte nicht lange so sah er sich zwischen
fünf bis sechs Kreuz und Quersteigen verirrt
    
    Anfangs wählte er noch unter denselben dann ließ er den Zufall walten und
endlich war er durch Wahl und Zufall im dichtesten Forste Erschöpft sank er an
einer Quelle nieder die durch aromatische Kräuter hinrieselte Nachdem er
seinen brennenden Durst gelöscht und sich hinlänglich ausgeruht hatte wollte
er seine Irrgänge wieder anfangen obgleich er bei dem fast taghellen Scheine
des inzwischen aufgegangnen Mondes an seiner Uhr sah dass Mitternacht
herannahte
    Ein Rascheln wurde im Laube hörbar Hermann erblickte eine schwarze Gestalt
die gebückt am Stabe daherschlich Das alte Weib kam näher setzte sich auf
einen Stein und sagte
    »Nun wird mich wie ich meine das Ding nicht wiederfinden Dieses Flämmchen
kann wohl eine Flamme heißen«
    Hermann trat heftig auf die Alte zu fasste sie bei der Schulter und rief
»Wer bist du Von wem sprichst du«
    Ohne aus der Fassung zu kommen schlug die Alte ihr dunkelfarbiges Kopftuch
zurück und ein braungelbes scharfkantiges runzelvolles Antlitz sah ihn im
Mondenstrahle an »Das bin ich« sagte die Alte »und von dem Flämmchen dem
jungen Teufel sprach ich«
    »Wo ist sie« fragte Hermann
    »In den Fichten« versetzte die Alte »Ich habe sie hingeschickt um sie
loszuwerden und dort mag sie den Geist erwarten den ich ihr zitieren sollte«
    Er nahm so viel aus den Reden des alten Weibes ab dass Flämmchen sie vor dem
Zusammentreffen mit ihm gesprochen und nachher wieder aufgesucht habe Was sie
ihr gewahrsagt vermochten weder Bitten noch Drohungen herauszubringen  »Es
ist gegen unser Gewissen« sagte sie »Unsre Reden gehen nur zu zweien Ohren
ein so lautet ein Sprichwort«  Den Ort wohin sie die Abergläubische
geschickt wollte oder konnte sie nicht angeben sie sei selber fremd in der
Gegend sie habe den Narren auf das Geratewohl nach einem Fichtenkampe gehen
heißen dessen Lage sie nicht mehr bezeichnen könne Er sei wohl eine Stunde von
hier ob er nach Morgen oder Abend stehe wisse sie nicht
    »Wenn du mich belögest« rief Hermann »wenn du mit dem Mädchen etwas
Schlimmes vorgenommen hättest «
    Die Alte erwiderte »Ich bin eine gute Christin und glaube an Himmel und
Hölle Bei dem Kreuz Ich habe dem Mädchen nichts zuleide getan Wartet die
Nacht ab morgen wird sie schon wieder zum Vorschein kommen und Ihr werdet Eure
Perle nach Herzenslust beschauen können Ich glaube vor der nimmt Wolf Bär
Löwe und Tiger Reissaus Ihr seid ein Aufgeklärter das sehe ich Euch auch bei
Mondenschein an Ihr würdet mich nur auslachen wollte ich in Eure Hand sehen
und sagen so und so Aber nehmt von einem alten Weibe einen Rat an Hütet Euch
vor dieser Flamme Sie hat zehntausend böse Geister im Leibe Ich habe
geschlummert die Nacht hinter dem Dorn am alten Raubschloss auf der Bahre im
Beinhause im weißen Klippentale und auf der grauen Heide und ich habe mich
nicht gefürchtet Heute aber fürchtete ich mich als sie vor mir stand die
junge Hyäne das blanke Messer in der Hand und von mir verlangte ich solle
ihren toten Vater berufen«
    »Lass dein angelerntes Geschwätz« rief Hermann »Gewiss hast du die Not der
Armen benutzt ihr den letzten Pfennig abgenommen und dafür ihr Gehirn mit
aberwitzigen Dingen erfüllt«
    »Nur aus der Hand auf der etwas Blankes liegt lässt sich wahrsagen«
versetzte die Alte »Sie hat bezahlen müssen was recht ist Wer gibt Euch die
Befugnis mich auszuschelten«
    In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine finstre Wolke und bei der
Dunkelheit die hierdurch entstand gewahrte Hermann durch die Bäume den
Schimmer eines schwachen Lichts Der Mondschein hatte vorher das spärliche
Leuchten überstrahlt Er schloss aus diesem Umstande auf die Nähe einer
menschlichen Wohnung und da er seiner Meinung nach von dem Städtchen weit
verschlagen sein musste die Alte aber fest dabei verblieb dass sie ihm den Ort
wohin sie Flämmchen geschickt nicht bezeichnen könne so entschloss er sich auf
den Schein loszugehn und den guten Willen der Bewohner um ein Obdach
anzusprechen
    Er verließ die Alte ohne Abschied Diese hob wir wissen nicht ob zu ihrer
Erbauung oder zum Zeitvertreibe ein holprichtes Lied an und sang mit tiefer
und rauer Stimme Strophen durch die Nacht deren Worte Hermann nicht verstehen
konnte
 
                                Zehntes Kapitel
Ein Hirschgeweih über der Pforte und das Anschlagen der Hunde von einem
Hinterhofe her kündigten die Wohnung eines Weidmanns an Hermann schritt durch
den mit Bäumen bepflanzten Vorraum und klopfte an die aus zwei Hälften
bestehende Tür Von innen riefen zarte Stimmen »Ach er kommt Er kommt« Die
Tür ward auf getan er trat in eine nur vom Kohlenfeuer des Herdes beleuchtete
Küche zwei Kinder drängten sich an ihn und fragten ängstlich »Sie sind doch
der Herr Doktor«
    »Ich bin kein Arzt Kinder« versetzte Hermann »ich bin ein verirrter
Reisender der um ein Nachtlager bitten wollte Wo sind eure Eltern«
    Statt hierauf zu antworten warf sich das Mädchen jammernd über einen Stuhl
die hellen Tränen drangen aus dem Gesichtchen sie rief schluchzend »Unsre
Mutter stirbt und alles hat uns verlassen«
    Anfangs stand der Knabe wie verlegen still und tränenlos neben der
Weinenden dann zuckte es um seine Lippen er ballte die Hände stampfte mit dem
Fuße riss das Haupt der Schwester an seine Brust drückte es heftig an sich und
sagte mit einer Stimme die halb wie Trotz halb wie die innigste Liebe klang
»Kornelie du sollst nicht weinen«
    »Muss ich zuletzt noch an ein Krankenlager geraten« rief Hermann Er sah
sich um es war das gewöhnliche Innere eines westfälischen ländlichen Hauses
Die Küche mit dem Feuerherde als allgemeiner Versammlungsort in der Mitte mit
Fliesen gepflastert mit schwarzberäucherten Bohlen gedeckt Hinter diesem
Raume der Viehstall ohne sonstige Trennung von dem Aufenthalt der Menschen als
durch die Krippe Gegenüber ein paar Türen die zu den kleinen Zimmern in den
vorspringenden Teilen des Gebäudes führten
    Ein Ächzen ließ sich nebenan vernehmen Hermann ging zu dem Bette der
Kranken Sie fieberte und phantasierte sprach viel von einem Fräulein und von
Briefen und wiederholte oft mit Heftigkeit den Ruf »Die Briefe weg Verbrennt
die Briefe« Er kehrte zu den Kindern zurück Sie schienen in dem einsam
liegenden Waldhause ganz allein zu sein Er begriff nicht wie man die
Gewissenlosigkeit so weit hatte treiben können ihnen die Kranke und sie sich
selber zu überlassen Aufs neue schien ihm die Schutzrolle zugeteilt zu sein
und der Tag sollte enden wie er begonnen hatte
    Der Knabe sagte ihm es sei nach dem Arzte in der Stadt geschickt worden
welcher auch versprochen habe zu kommen Sie hätten nun von Stunde zu Stunde
auf ihn gewartet und als sie das Klopfen gehört gemeint er sei endlich da
    Hermann suchte die armen Geschöpfe mit herzlichen Worten zu beruhigen Er
nahm sie bei der Hand streichelte ihre Wangen sprach ihnen Mut ein und
versicherte mit der Mutter habe es keine Gefahr er sei zwar kein Arzt von
Profession verstehe sich aber doch auf die Krankheiten es sei nichts als ein
Flussfieber Der getroste Ton mit dem er sprach machte einen günstigen Eindruck
auf seine Schutzbefohlnen Kornelie trocknete die Tränen im Schürzchen ab
lehnte sich an ihn und umfasste da er nicht aufhörte zu trösten und zu
ermutigen mit beiden Händen seinen Arm Ihren Bruder den sie Ferdinand rief
schien dies zu verdrießen er lief in eine Ecke der Küche stampfte wieder mit
dem Fuße und sagte derb und trocken »Kornelie mich hungert koch etwas zu
essen«
    Auch Hermann wären ein paar Bissen angenehm gewesen Zu seinem Erstaunen
wussten die Kinder trefflich Rat zu schaffen Ferdinand war rasch eine Leiter
über dem Kuhstalle hinauf zu einer Art von Verschlage kroch hinein Hühner
schrien gleich darauf kam der Knabe mit einem Tuche voll Eier herab Kornelie
hatte unterdessen den Wasserkessel der nach Landesbrauch nie den Haken über dem
Herdfeuer verließ in die Siedenähe gerückt und tat die Eier hinein Ferdinand
spürte das Brot und die Butter auf das Tischtuch die Messer und Gabeln fanden
sich in wenigen Minuten war der Tisch gedeckt Kornelie nahm mit der Kelle die
Eier aus dem Wasser setzte sie auf ging in die Krankenstube kehrte ein neues
Schürzchen vorgebunden zurück und nötigte zierlich sich verneigend ihren
Gast zum Essen
    Hermann hatte mit Behagen den lieblichen Gestalten zugesehn wie sie sich
geschäftig vor dem Feuer des Herdes hin und her bewegten Es war als führten
sie seit Jahren eine Wirtschaft so geschickt war alles Häusliche von ihnen
besorgt worden Nun setzte er sich mit seinen jungen Wirten zu Tische nicht
neben Kornelien denn zwischen sie und ihn hatte sich Bruder Ferdinand
geschoben
    Hermann musste über die kindische Eifersucht lächeln Der Knabe genoss
obgleich er vorher sehr hungrig getan hatte nun fast gar nichts hing mit
seinen Blicken an Kornelien und drückte ihr verstohlen die Hand sooft sie
dieselbe vom Tische nahm Sie litt es einige Male dann aber zog sie dieselbe
hinweg und sah verschämt nach Hermann hinüber Nur das Feuer des Herdes
leuchtete zu dem kleinen Mahle Kerzen hatten die Kinder nicht zu finden gewusst
Sie plauderten allerlei vom Vater und dem nach ihm geschickten Boten dass der
Vater gewiss morgen kommen werde dass nun alles gutgehe da die Mutter nur das
Flussfieber habe Dieses Wort und die Gegenwart Hermanns hatte sie beruhigt sie
schienen ihre Angst vergessen zu haben Die Kranke war auch still geworden und
lag in einem tiefen Schlummer
    Hermann fühlte sich in dieser Stille ungemein wohl Er kam sich wie ein
Hausvater vor alles war so heimlich traut und natürlich der kleine Tisch die
schönen Kinder manch ländliches Gerät umher im ungewissen Feuerschein Um die
Ekloge zu vollenden erhoben sich ein paar breitgestirnte Kühe durch das späte
Geräusch aufgestört von ihrer Schlummerstätte und streckten über die Krippe
ihre Köpfe dumm und zutraulich nach den Menschen hinüber Endlich hieß Hermann
die Kinder welche überwacht noch munter fortschwatzen wollten sich
niederlegen Er versprach ihnen wach zu bleiben und auf die Mutter zu achten
Die Wanduhr hatte Eins geschlagen Ferdinand ging Kornelie machte noch ein Glas
Brotwasser für die Kranke zurecht Dann wollte sie dem Bruder folgen und
wünschte ihrem Beschützer wohl zu schlafen Dieser umfasste sie und wollte ihr
unbefangen wie man mit Kindern zu tun pflegt einen Kuss geben Aber sanft
entwand sie sich ihm und flüsterte ängstlich »Ach nein lassen Sie das doch«
Indem sie ging kam sie ihm länger vor er wusste nicht wo er zuerst die Augen
gehabt hatte dass sie ihm so gar klein erschienen war
 
                                Elftes Kapitel
Nun war er mit sich allein in tiefster nächtlichster Stille die nur von dem
einförmigen Schlage des Perpendikels belebt wurde Er ging in die Krankenstube
wo er jetzt erst in einer Ecke allerhand aufgespeichertes Reisegerät Koffer
lederne Behälter Körbe und dergleichen bemerkte Was diese Zusammenhäufung von
Dingen in einem Wohnzimmer denn das schien jene Stube zu sein bedeuten sollte
war ihm unerklärlich Einige Bücher lagen unter den Sachen umher eins derselben
nahm er zur Hand Er wollte versuchen am Herde dessen Glut er mit einigen
Kienscheiten erfrischte zu lesen
    Es waren die Schriften von Novalis Blätternd stieß er auf das schöne
Märchen von Hyacint und Rosenblütchen welches so lieblich die Lehre
ausspricht dass wir mit allem Suchen nur unsre Kindheitswonne wiederzufinden
streben In den Fragmenten umhersehend fand er den Satz »Wer rechten Sinn für
den Zufall hat der kann alles Zufällige zur Bestimmung eines unbekannten
Zufalls benutzen Auch der Zufall ist nicht unergründlich er hat seine
Regelmäßigkeit«
    Ihm schmerzten die Augen er tat das Buch hinweg »Kann man doch alles
behaupten wenn man nur den Mut dazu hat« sagte er »Wir haben so ziemlich
jegliches Ding nach Schnur und Maß geordnet nur der Zufall hatte sich noch
seine weltalten Launen vorbehalten Nun will uns der schlafengegangne Magus
überreden dass wir auch diesen äußersten dunkelsten Winkel der Welt mit unsrem
Lichte erleuchten können Wohlan welche Regel ist in dem Gastmahle vom Zufall
mir in diesen letzten vierundzwanzig Stunden aufgetischt Was für eine Lehre hat
mir das Begegnen Flämmchens das sonderbare Benehmen der Herzogin und meine
letzte improvisierte Hausvaterschaft geben wollen«
    Noch einmal das Buch in die Hand nehmend schüttelte er ein Blatt lose
eingelegt heraus Er hob es auf Es war eine kolorierte Zeichnung ein tiefes
gewundnes Tal mit weißen langen Gebäuden besetzt Er las mühsam die
Unterschrift wie erstaunte er als er den Namen der Fabriken seines Oheims
fand »Wie mag diese Landschaft sich hieher verloren haben« fragte er »Willst
du mir vielleicht ein Zeichen deiner Regelmäßigkeit geben rätselhafter Gott
Zufall Lauscht hinter den Geldsäcken des Oheims mein Rosenblütchen«
    Die Augen sanken ihm vor Müdigkeit zu Er fand einen Lehnstuhl in dem er
sich bequem zurechtsetzte Doch schlief er nicht ein Er befand sich in dem
überreizten Zustande worin die Phantasie unwillkürlich aus eigener
losgebundner Kraft nicht müde wird ihr mischbuntes Arabeskengedicht zu spinnen
Die Figuren des Tages wuchsen ihm aus Blumen entgegen zerstäubten in Flocken
setzten sich aus den Flocken wieder zusammen strichen hinüber und herüber
Zwischen allen diesen Phantasmen kehrte eine Erscheinung am öftersten wieder
Aus weiter Ferne sah ihn ein Haupt erblichen sanft an schwebte dann näher und
je näher es kam desto deutlicher erkannte er das Medusenantlitz welches ihm
zuletzt voll furchtbaren Ernstes und doch unendlich milde tief in die Augen
blickte Darauf wich es zurück und so schwankte dieses wache Traumbild zwischen
Nähern und Entfernen Milde und Schreck einige Male hin und her bis es
plötzlich wie eine Maske umfiel und eine lachende Gestalt die sich dahinter
verborgen hervorsprang welche Flämmchens Züge trug
    Sanfte Töne erweckten ihn nach einigen Stunden aus dem dumpfen
Morgenschlafe in welchen sich denn doch zuletzt jene Spiele der
Einbildungskraft verloren hatten Ein roter Schein zitterte durch das Haus Noch
war es leer Sein erster Gedanke suchte die Kinder Er stieß eine Tür auf da
ward ihm ein Anblick der nicht schöner sein konnte Auf einer über den Fußboden
gebreiteten Matratze ruhten die Unschuldigen lächelnden Gesichts nebeneinander
Die trotzigen Züge des Knaben waren gemildert der Kopf des Mädchens lag auf der
Brust des Bruders sie hielt ihre Hände gefaltet Der Knabe hatte seine
Schwester im Arme Das Morgenrot beleuchtete die Gruppe und gab dem
dunkelblauen Pfühle auf dem die Kinder schliefen eine tiefe Purpurfärbung
Dazu erklangen von draußen die gehaltnen Töne der Blasinstrumente
    Doch nur wenige Augenblicke dauerte dieses schöne Gesicht Das Morgenrot
setzte sich schnell in den gelben Schein des Tages um die Gestalten der Kinder
erbleichten und die Farbe des Pfühls wurde ein kaltes Blau Draußen fielen die
Instrumente mit einem hallenden Jägerstückchen ein
    Hermann ging hinaus Vier bis fünf Grünröcke standen im Kreise und bliesen
Nachdem sie ihr Stückchen vollendet wandte er sich an den der ihm der Herr und
Meister der übrigen zu sein schien »Herr Förster« sagte er etwas bitter »Ihre
Frau lebt noch aber Ihre armen Kinder sind fast vor Angst gestorben«
    Der Förster der sich seines Hagestolzenstandes in Ehren bewusst war und
schon mit Verdruss einen Fremden aus seinem Hause hatte kommen sehen musterte
Hermann vom Kopf bis zum Fuß und entgegnete nichts als ein langgezognes
»Was«
    Man erklärte sich indessen bald Die Kinder waren mit ihrer kranken Mutter
tags zuvor angekommen und hatten den Förster um den Liebesdienst gebeten sie
aufzunehmen weil die Mutter vor übergrossen Schmerzen nicht einen Schritt weiter
fahren konnte Woher sie gekommen Wie die Familie heiße Was der Frau fehle um
alles dieses hatte sich jener Westfale nicht bekümmert Denn er war der Meinung
dass das Wissen aufblase und unnütze Neugier vom Übel sei Es war gleich nach
dem Arzte geschickt die Kinder selbst hatten entschlossen wie Hermann sie
kannte einen Boten an ihren Vater gedungen Somit war alles Nötige geschehen
und der Förster hatte sich nicht weiter um die Sache bekümmert sondern seinen
gewöhnlichen Holzgang gehalten
    »Es war keine Seele im Hause Wie konnten Sie die Unglücklichen über Nacht
allein und hilflos lassen« fragte Hermann mit Heftigkeit
    »Mein Herr was geht Sie denn eigentlich meine Handlungsweise an«
entgegnete kaltblütig der Förster »Ich war auf dem Tanz bei dem Hofschulzen
wohin ich alle Jahre mit meinen Leuten gehe Engel sollte zu Hause bleiben ist
Engel fortgelaufen so kriegt Engel die Karbatsche«  Er verstand unter diesem
Engel seine Magd Angela welchen Namen das Volk dort solchergestalt
zusammenzieht
    Hermann war überzeugt dass er hier ins Mittel treten müsse um die
Gefühllosigkeit des Grünrocks durch das Interesse zu bezwingen Die Goldstücke
der Herzogin die ihm freilich zu einem andern Zwecke gegeben waren brannten in
seiner Tasche er rief »Ich bezahle alles was die Kinder mit ihrer Mutter bei
Ihnen verzehren aber ich bitte mir aus dass Sie gewissenhafter sich ihrer
annehmen Heute abend oder morgen früh bin ich wieder hier«
    Er ging ohne den Förster nach dem Wege zu fragen was auch unnötig war
Denn nur die Nacht hatte ihn getäuscht Das Försterhaus lag auf einer Waldblösse
und hinter einem dünnen Saum von nahem Gebüsch lief der große Heerweg
    In kurzer Entfernung sah er den wohlbekannten Turm des Städtchens Er hatte
sich also am Abend zuvor im Zirkel umhergetrieben
    Der Förster stand nach der leidenschaftlichen Anrede Hermanns einige Minuten
schweigend als müsse sich seine Seele erst besinnen wie sie solche
Beleidigungen aufzunehmen habe Dann brach er mit einem grimmigen Fluche los
und rief zornig dass seine Rüden zu bellen begannen »Brauche ich denn dein
Geld Bin ich denn ein Schenkwirt So soll doch das Donnerwetter
dareinschlagen«
    Er ging eiligst in sein Haus entschlossen wie rohe Menschen in solchem
Fall zu sein pflegen für die Schuld eines Dritten die Unschuldigen büßen zu
lassen
 
                                Zwölftes Kapitel
Nach der tiefsinnigen Bemerkung des seligen Asmus rühren die Missverständnisse
gewöhnlich daher dass einer den andern nicht versteht Dieser Satz erhielt durch
das was nunmehr zwischen Hermann und dem Komödianten vorfiel eine neue
Bestätigung
    Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug Das Mädchen war die Tochter
eines polnischen Offiziers der unter den Fahnen des Eroberers dienend Mutter
und Kind auf den
    Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte Er blieb in einer
großen Schlacht bald nachher starb auch seine Geliebte eine Spanierin von
Klima und Mangel aufgezehrt
    Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf Er
war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter Der Anblick des
kleinen Wesens dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten und welches aus
seinen Lumpen so keck hervorsah als sei es eine Prinzessin rührte ihn Er ließ
das Kind sich abtreten und beschloss es zu seinem Gewerbe anzuführen
    Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen sondern nur
Herzeleid Fiametta die lieber Flämmchen heißen wollte war das eigensinnigste
widerspenstigste Ding was polnisches und spanisches Blut vereinigt erzeugen
können Die sogenannte Erziehung welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft
zuteil wurde fruchtete nichts und unmöglich war es sie zum Auftreten zu
bewegen Sie begreife nicht sagte sie wozu das dumme Zeug wie sie das
Schauspiel nannte diene der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über warum
er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe
    Einmal hatte man sie unter Mühe und Not durch Hunger und Kummer dahin
gebracht die Rolle des Knaben Otto in der »Schuld« zu lernen Der Abend kam
Flämmchen ließ sich gehorsam anziehen schminken wolle sie sich schon selbst
sagte sie Jerta stand auf den Brettern und deklamierte die erhabensten Sachen
Elvire zitterte noch von dem Ereignis mit der gesprungenen Saite da kam
Flämmchen der kastilianische Knabe aber wie Rot blau gelb grün weiß und
was für Farben noch sonst hatte sie sich in das Gesicht gestrichen sie glich
durchaus den Makis mit den Regenbogenwangen welche die Zierden der
umherwandernden Menagerien zu sein pflegen Jerta verstummte Elvire kreischte
das Publikum wusste nicht woran es war Flämmchen trat an den Rand des
Proszeniums sang ein Lied ohne Sinn und Verstand sprang ins Orchester half
sich am Bass empor kletterte über die Brüstung war im Parkett wischte sich
gelassen die Schminke aus dem Gesichte und erklärte den Leuten in den
Sperrsitzen es sei ihr unmöglich vor der ganzen Stadt die verrückten Streiche
zu machen die man von ihr begehre Nach der Bühne rief sie hinauf
    »Spielt nur weiter ihr könnt meine Sachen auslassen«
    Man denke sich die Verzweiflung der Schauspieler und den Jubel des
Publikums Geschrei Gelächter Klatschen von oben bis unten aus allen Ecken
des Hauses Man verlangte Flämmchen in den Logen im Parterre überall Sie aber
blieb ruhig in einem Sperrsitze und schien sich um den ganzen Lärmen nicht
weiter zu kümmern Bald wurde das Publikum seines Jubels auch wieder müde man
forderte von den armen Schauspielern heftig das Stück Don Valeros der Vater
und Pflegevater trat heraus erklärte der beklagenswürdige Vorfall mache die
Fortsetzung der »Schuld« unmöglich und kündigte den »Lustigen Schuster« an Nun
gingen die Gebildeten aus dem Theater ließ sich das Legegeld an der Kasse
zurückgeben und nur der Pöbel blieb
    Seit diesem verderblichen Abende der dem Pflegevater vom Direktor auf
Rechnung gestellt wurde wünschte jener herzlich der Bürde entledigt zu sein
die seine Gutmütigkeit ihm aufgeladen hatte Es kam dazu dass alle Menschen und
insbesondere die jungen Männer Partei gegen ihn und für Flämmchen nahmen deren
Eulenspiegeleien jedem der nicht durch dieselben litt gefielen Man redete auf
ihn ein er müsse nur zu erziehen wissen er müsse diese Natur nach Prinzipien
behandeln Der arme Komödiant wusste aber von Pädagogik so viel wie von den
Bewohnern des Sirius Er war daher mit seinem Verstande durchaus am Ende und
verschwor jemals wieder die Tugend der Wohltätigkeit zu üben
    Nachdem er wegen schwindenden Gedächtnisses verabschiedet worden war zog er
durch das Land und stoppelte noch hin und wieder ein Deklamatorium in
irgendeinem Winkel zusammen Auch nach dem kleinen Städtchen war er in dieser
Hoffnung gekommen hatte aber erst nichts zustande bringen können und
stilliegen müssen
    Hier fand er eine frühere Bekanntschaft wieder einen alten verwitterten
Menschen der mit dem Johanniterkreuze geziert war und da der Orden nichts
mehr zu leben gibt sich zu einem kleinen Posten wenn wir nicht irren im
Zollfache hatte bequemen müssen Sie hatten einander in besseren Verhältnissen
gesehen Damals war der Pflegevater ein beliebter Akteur der andre ein
kräftiger lebensfrischer Offizier gewesen Letztrer gehörte zu den Figuren wie
deren so viele in Deutschland umherwanken Er hatte während der Umwälzungen
unsres Vaterlandes mehreren Herrn nacheinander gedient und war auch eine
Zeitlang der Kamerad von Flämmchens Vater gewesen Er sah das geckenhafte
Mädchen bei dem alten Genossen seiner schöneren Erinnrungen und fasste eine
Zuneigung zu ihr Nach seiner Meinung musste der schöne Trotzkopf mit
vernünftiger militärischer Strenge behandelt werden »All dein Gebelfre hilft
nichts« sagte er zum Komödianten »Sie muss durch Disziplin Kommando Tempo
Prison und dergleichen in Ordnung kommen«
    Er bat Flämmchen ihm zu geben Die Ordnung und die Sparsamkeit selbst
besaß er eine kleine Wirtschaft und mochte vielleicht bei seinem Vorschlage den
Gedanken an eine junge Frau zum Troste seines Alters im Hintergrunde der Seele
hegen
    Wer war froher als der Pflegevater Mit Freude schlug er ein nur besorgte
er im stillen dass der Johanniter sein Flämmchen nach wenigen Wochen als
unverbesserlich ihm zurückgeben werde Vorderhand vereitelte aber ihre Flucht
die Überlieferung
    Flämmchen entsprang nämlich sobald sie hörte dass ihrer eine strenge
militärische Disziplin harre Die Unordnung war noch das einzige was sie am
Pflegevater liebte sie hatte schon immer Reissaus genommen wenn der hagre
Johanniter gekommen war Die Alten suchten und fanden sie nicht sie war wie
verschwunden
    So hing die Sache zusammen Was dem Flüchtling in der Irre begegnete werden
wir späterhin erzählen
    Freilich fehlte viel dass Hermann der Zusammenhang der Dinge so unschuldig
erschienen wäre Die zärtlichen Blicke des Mädchens die Verleumdungen des
Wirts seine eignen übereilten Äußerungen gegen die Herzogin hatten
gewissermaßen den Verführungsroman zusammengebaut in welchem er selbst mit den
Goldstücken der erlauchten Geberin als Held und Ritter der Unschuld glänzte
Sein Abscheu gegen die Schauspieler vollendete in ihm die Überzeugung von der
Ruchlosigkeit des Pflegevaters
 
                              Dreizehntes Kapitel
Freilich konnte er nicht zum besten auf diesen Stand zu sprechen sein Er hatte
wie viele junge Leute heutzutage ein Stück geschrieben wenn wir nicht irren
war es eine Tragödie Nach dem Urteile derer die es gelesen haben fehlte es
demselben keinesweges an Geist Wenn es als Dilettantenarbeit auch vielleicht
ohne eigentliche Wirkung vorübergegangen wäre so hätte das Theater dem
Verfasser dennoch wohl den Gefallen tun können es unter die Fracht aufzunehmen
womit unser Bühnenschiff von Tag zu Tage segelt Er erfuhr aber die Tücke jener
Sphäre sobald er sich mit ihr einließ Entusiastische Versichrungen
brennender Eifer für seine Dichtung Lauwerden kritische Zweifel gänzliches
Erkalten treuloses Zurückziehn Widerruf des gegebnen Worts unter ersonnenen
Vorwänden alle diese Dinge musste er in kurzer Frist erleben wodurch er in die
übelste Stimmung versetzt wurde Seine jungen Leidensgefährten halten sich nun
bekanntlich nach solchen Wechselfällen dadurch schadlos dass sie das Dasein der
deutschen Bühne überhaupt leugnen und neuen Erscheinungen welche sich die
Gunst der Meinung gewinnen aus allen Kräften rezensierend entgegentreten Bei
Hermann nahmen aber alle Erfahrungen mehr eine moralische Wendung Er hatte eine
so reine Begeisterung bei seinem Werke gefühlt dieser war so schmählich
vergolten worden Sein Hass seine Verachtung wandte sich nicht bloß gegen das
Institut sondern er begann auch die Persönlichkeit der Schauspieler gering zu
schätzen Es gab nichts dessen er sie nicht fähig gehalten hätte und jede
Anschuldigung war er geneigt zu glauben sofern sie einen aus dieser von ihm
verworfnen Kaste betraf
    So vorgestimmt und verstimmt ging er zu dem armen Komödianten Dass ein
schlechter Plan schwer zu beweisen sei dass die Obrigkeit den Kuppler vertreten
werde wenn man nicht
    eine entschiedne Niederträchtigkeit dazutun vermöge diese Betrachtungen
zogen ihm durch den Kopf er sah ein dass er in einem so verwickelten Falle mit
seiner ganzen so früh erworbnen Klugheit werde handeln müssen Da ihm nun ein
andres Mittel schlechterdings nicht einfallen wollte so geriet er auf den
wunderbarsten Gedanken Er beschloss nämlich sich anzustellen als habe er
selbst die Absichten auf das Mädchen welche er bei dem alten Spiessgesellen des
Pflegevaters voraussetzte letzteren dadurch in eine Falle zu locken und wenn
er hineinging wenn er durch unvorsichtige Äußerungen sich blossstellte dann im
Namen der Tugend mit ihm zu machen was er wollte
    Der Komödiant hatte die Sorge um sein entlaufnes Unkraut grade etwas
beiseite gesetzt und an das Deklamatorium gedacht welches endlich doch
zustande kommen sollte In diesem wollte er unter anderem Lear auf der Heide
produzieren und zwar die Wirkung zu verstärken im Kostüme Er erwartete den
Johanniter als Zuhörer zu einer Probe und ging für sich rezitierend die Stube
auf und ab Sein Negligé war das tiefste er befand sich nämlich noch im Hemde
hatte aber um das Mantelspiel einzuüben die Enveloppe seiner seligen Frau
umgeworfen
    Grade bei den Worten an die Elemente
                                                    Hier steh ich euer Knecht
                                    Ein armer schwacher tief gekränkter Greis
trat Hermann dessen Klopfen nicht vernommen worden war in das Zimmer Der
Anblick eines barfüssigen Menschen mit der Nachtmütze auf dem Kopfe dem die alte
kurze Weiberenveloppe kaum die Hälfte der dürren Schenkel bedeckte brachte
unsern Helden einigermaßen aus der Fassung doch nahm er sich zusammen und
stellte sich dem gemisshandelten Könige als einen Kunstfreund dar der ihm seinen
Besuch machen wollte Er gab sich in der Schnelligkeit den Charakter als Baron
um für sein Kavaliermärchen Grund und Boden zu gewinnen
    König Lear sehr erfreut über den Besuch eines Mannes welcher nach rasch
angestellter Schätzung zu schließen ihm mehr als ein Billet abnehmen würde
nötigte den Fremden mit äußerster Höflichkeit ohne Bestürzung über seine Blöße
zum Sitzen und verstrickte ihn sofort in ein Kunstgespräch welches freilich
nicht geeignet war nach dem Punkte hinzuführen den Hermann im Auge hatte
    Konnte dessen Überzeugung dessen Widerwille gegen den Pflegevater noch
gesteigert werden so geschah es nun Hermann gehörte zu denen welche durch
eine Physiognomie durch den Klang einer Stimme bis in ihr Innerstes zu
verwunden sind Der Komödiant hatte jenen weichen bürgerlichen Biedermannston
mit welchem sie auf den süddeutschen Bühnen Helden und Väter spielen in das
tägliche Leben hinübergenommen sein Gesicht war welk und aufgedunsen von Wein
Schminke und theatralischen Rührungen Hermann ekelte der widerwärtige Ton an
ihn erhitzte der Anblick des alten schlaffen vermeintlichen Lasters welches wie
der deutsche Hausvater sprach immer heftiger er unterbrach den salbadernden
Komödianten plötzlich und sagte »Nun etwas andres weshalb ich eigentlich
gekommen bin«  Er wiederholte mit einem gewissen Akzent dass er Baron sei
einige Güter in Böhmen und eine Herrschaft in Schwaben besitze Seine Wangen
glühten vor Scham und Verdruss Der gute und anständige Mensch mag sich nicht
einmal zur Erdichtung einer Schlechtigkeit hergeben
    Es entstand also eine tiefe Pause König Lear sah den jungen reichen Baron
mit großer Ehrfurcht an und zerbrach sich den Kopf was bei diesem Gespräche
herauskommen werde Seinerseits fühlte Hermann dass er nunmehr durchaus ohne Weg
und Steg sei Unfähig den angelegten Wüstlingscharakter rein und frech zu
halten verlegte er sich auf Andeutungen Er stammelte und stotterte allerlei
daher dass er den andern mit Flämmchen da und dort gesehen habe dass es Eindrücke
gebe rasch und augenblicklich und doch tief und entscheidend dass die Liebe ein
Wunder sei und als Wunder behandelt werden müsse über kleinliche Formen
erhaben dass die Sehnsucht eines fühlenden Herzens nach Vereinigung lechze und
was dergleichen mehr war
    Der Pflegevater begleitete diese verworrnen Reden solange sie bloß von
Flämmchen handelten mit Ausrufungen deren Muster in den Stücken zu finden war
worin eine Tochter dem Vater wegläuft Als er aber von dem Eindrucke hörte von
der Liebe und von der Sehnsucht als er das erhitzte Gesicht die feurig
umherirrenden Augen des Jünglings erwog da kam ihm eine andre Gedankenreihe und
zwar eine sehr freudige Was konnte der junge Mann Schlechteres sein als ein
verliebter Edelmann der einen dummen Streich machen und ein schönes Findelkind
heiraten wollte Es war ein Fall der ganz in seine Praxis gehörte Zu Hunderten
hatte er abends zwischen neun und zehn Uhr hinter den Lampen die Missbündnisse
eingesegnet Seine Seele frohlockte endlich erschien der Tag an welchem er
Flämmchen gründlich loswerden sollte und was ging ihm nicht alles noch daneben
auf Er überlegte in der Geschwindigkeit ob er seine alten Tage auf den
böhmischen Gütern oder in der schwäbischen Herrschaft zubringen solle und
entschied sich für Böhmen wegen des Karlsbades Die Augen trocknend welche
immer weinten sobald er wollte schnupfte er stark und wiegte vergnügt das
Haupt hin und her während Hermann seine Bruchstücke vortrug Als dieser
ausgestottert hatte stand jener auf streckte die Hand in Hemdärmeln aus der
Enveloppe nahm unsern Freund bei der Rechten und sagte Kriegsrat Dallner in
Stellung Blick und Gebärde »Lieber Baron die Papiere über Ihre Angaben Sind
die Papiere in Ordnung hegen Sie wirklich die Absichten welche Sie hegen so
sage ich es sei Nimm sie hin«
    »Und wie machen wir es mit Ihrem alten Freunde«
    »Nun mein Gott von dem kann ja gar nicht mehr die Rede sein Wenn ein Mann
wie Sie mit solchen Anträgen auftritt «
    »Ha Schändlicher« rief Hermann sich vergessend packte den Komödianten
bei der Brust und schüttelte ihn aus allen Kräften »Schändlicher Kuppler habe
ich dich endlich« 
    »Donner und Doria zu Hilfe« ächzte der entsetzte Alte
    Der Johanniterritter trat ein »Was gibt es hier« fragte er erstaunt
Hermann ließ den vermeintlichen Lastervater los »Mord Mord und Mortimer«
rief der Komödiant »Dieser Mortimer drang zum Heiligtum meines Herdes
begehrte Flämmchen zum Weibe ich willige ein da spinnt er meinen Tod der
Entsetzliche«
    »Grauer Lügner« rief Hermann »Ich hätte Flämmchen zum Weibe begehrt« 
»Nun was wolltest du sonst Ungeheuer der Nacht« fragte der Pflegevater 
»Hier muss ich Licht anstecken« rief der Johanniter und trat dicht vor Hermann
»Wenn dem so ist wie mein Freund hier sagt so haben Sie sich auf Ehre sehr
sonderbar betragen mein Herr und ich bitte mir von Ihnen eine Erklärung aus
und zwar eine bestimmte«
    »Sie wollen von mir eine Erklärung und in dem Tone« rief Hermann mit
funkelnden Augen »Wohlan hier ist sie Sie sollen Ihr Vorhaben mit dem
unschuldigen Kinde nicht ausführen solange ich einen Arm rühren kann Pfui
mein Herr Sie betragen sich Ihrer Jahre wenig würdig Das Kreuz auf Ihrem Rocke
ist übel daran«
    Der alte ehrenzarte Johanniter der sich ohne irgendeinen Grund so
empfindlich beleidigen hörte geriet in einen schrecklichen Zorn der sich durch
ein dumpfes Lachen ankündigte Er knöpfte seinen Rock zu grub mit den Fingern
in der schwarzen Halsbinde zerrte am Schnurrbart sein gelbes Gesicht wurde
dunkelbraun In der Ecke hatte der Komödiant das Schwert des Otto von
Wittelsbach stehen auf dieses warf der Gekränkte einen Blick welcher das
Schlimmste fürchten ließ Der Komödiant der seinen Freund kannte und nichts
inniger hasste als wirkliches Blutvergießen war mit einem Satze in der Ecke
packte die Waffe und sprang damit in die Kammer welche er hinter sich
verriegelte Der Johanniter sagte mühsam unter der Wucht seines Grimms atmend
»Es sind nur zwei Fälle möglich Entweder Sie sind ein hergelaufner
Landstreicher ohne Namen und Stand dann werde ich Ihnen angedeihen lassen was
Ihnen gebührt oder Sie sind imstande mir Genugtuung zu geben dann wissen Sie
was ich für Ihre Worte von Ihnen zu fordern habe«
    »Ich weiß« versetzte Hermann »Man darf sich das Äußerste erlauben und
dann doch sehr entrüstet sein wenn der andre die Sache bei ihrem Namen nennt
Die Sitten und Gebräuche der Welt sind über mir Ich war Offizier verlangen
Sie mein Patent zu sehen«
    Der Johanniter verneinte kalt und höflich und das war gut denn jenes
Dokument wanderte ja auch in der eingebüssten Brieftasche mit dem Philhellenen
gen Hellas
    Man bestimmte Ort und Stunde der Johanniter versprach auch da im Städtchen
keine Waffen zu bekommen waren aus seinem Vorrate für diese zu sorgen
    Sie schieden voneinander in den Formen hergebrachter Artigkeit Der
Komödiant kam aus seinem Verstecke hervor noch immer im Hemde und sagte zum
Freunde »Ich verstehe mich auf den Wahnsinn aus so manchen Sachen her aber
diese Art der Tollheit ist mir fremd dass der Liebhaber den Vater bei der Gurgel
packt wenn man eben die Einwilligung erteilt«
    »Das geht mich alles nichts an und ist mir ganz einerlei« versetzte der
alte Ritter »Ich habe mit Ehren gelebt und gedient und auf meine Ehre er soll
einen Aderlass bekommen dass es ihm nie wieder einfallen wird einen Mann wie
ich bin zu beleidigen«
 
                              Vierzehntes Kapitel
Mit der unbehaglichsten Empfindung kehrte Hermann nach dem Wirtshause zurück
Dort erfuhr er dass die fürstlichen Personen frühmorgens abgefahren seien und
wohl nicht wiederkommen sondern vom Falkensteine den näheren Weg eine Stunde
von der Stadt nach ihrem Schloss einschlagen würden Auf ein hastiges
Erkundigen ob nicht nach ihm gefragt worden sei wurde verneinend geantwortet
Jener schlotternde Hausknecht der grade um eine häusliche Verrichtung
abzumachen hinzugetreten war und die Anfrage Hermanns vernommen hatte sagte
gähnend es sei allerdings nach dem Herrn gefragt worden aber von einem
kauderwelschen Jungen welcher bei ihm hinten im Stalle gewesen sei und gemeint
habe der Herr nehme ihn in Dienst Die Beschreibung des Anzugs passte auf
Flämmchen Sie hatte hinterlassen dass sie vor Abend wieder nachfragen werde
Hermann gab den Befehl sie sobald sie sich zeige in eine abgelegne Kammer zu
bringen
    Er musste nun erwarten wie die Sache sich weiter entwickeln würde »Nicht
einmal nach mir fragen zu lassen und sie sehen mich doch vielleicht nicht
wieder« rief er »So sind die Vornehmen«  Er zog wehmütig die Rolle hervor
welche ihm die Herzogin gegeben hatte tat die Goldstücke aus dem feinen roten
wohlriechenden Papiere welches sie umschloss wickelte den Schnitzel sorgfältig
ein und steckte die kleine Reliquie in ein Medaillon mit dem Bilde seiner
verstorbnen Mutter welches den Platz über dem Herzen des Sohns nie verließ
    Die Stunden sind launenhafte Dirnen Sie führen bald einen Schwamm bald
einen Pinsel mit Farbe gefüllt in der Hand Mit jenem wischen sie so lange über
unsre Freuden hinweg bis diese erbleicht oder ganz verschwunden sind mit dem
Pinsel malen sie das Bild unsrer Leiden immer deutlicher und schärfer aus
Hermanns Stimmung wurde trüber und trüber je länger er in der Gaststube saß
Der Wirt wollte ihm nun durchaus ein gutes Zimmer geben er verbat es er hätte
zwischen den einsamen vier Wänden nicht ausdauern können So blieb er denn an
dem allgemeinen Versammlungsorte der Gäste und sah dem Getreibe um sich her zu
Dieses Kommen und Gehen dieses Fragen Bestellen und Abbestellen dieses
Durcheinander von gleichgültigen Fragen und schläfrigen Antworten wie man es in
einer solchen Stube bemerkt war ihm recht das Bild unsres unter tausend
Widersprüchen sich abhaspelnden Lebens und er rief »Am Ende kommt bei der
Sache auch nichts weiter heraus als dass man dem Wirte die Zeche bezahlt dafür
dass er uns schlechtes Quartier versalzne Speisen und ein hartes Folterlager
gegeben hat«
    Langeweile und Ungeduld führten ihn auf die Straße Aus dem Fenster aus
welchem gestern die holde Fürstin geschaut hatte sah heute ein neuer Gast ein
graues Männchen mit einem weißen Hute auf dem Kopfe Das Zimmer dünkte ihn
enteiligt er wendete seinen Blick ab
    Der Graue rief den Wirt welcher in der Tür stand an und fragte »Wird der
Bote nicht bald kommen«  »Ich sehe mir die Augen nach ihm aus Herr
Kommerzienrat« versetzte der Wirt »Das faule Zeug ehe das im Gang ist kann
man gestorben und wieder auferstanden sein«
    Er wollte den Wirt nach dem Namen des Fremden fragen als der trotzige
Knabe den er im Försterhause kennengelernt hatte sichtbar wurde Der Knabe kam
eiligst die Straße herab er lief mehr als er ging Ohne von Hermann Notiz zu
nehmen wandte er sich an den Wirt und erkundigte sich ob er wohl auf der
Stelle zwei Zimmer für seine kranke Mutter und seine Schwester haben könne Ehe
der Wirt Bescheid erteilte rief der graue Mann aus dem Fenster »Ferdinand«
Der Knabe sah empör die Freude loderte über sein Gesicht mit dem Rufe
    »Vater Vater« stürzte er in das Haus die Treppe hinauf
    Der Wirt sagte »Das ist der Kommerzienrat aus tal der sein Geld mit
Scheffeln misst und der junge Herr ist der Herr Sohn Wie wird sich der Herr
Vater freun«
    Welche neue Überraschung für Hermann Der Graue war sein Oheim Unwissend
hatte er seiner Familie die Nacht über beigestanden die liebliche Kornelie war
sein Mühmchen Er ging in das Haus Vater und Sohn standen schon unten in der
Stube »Lass anspannen Ferdinand« sagte der Oheim »und gib dem Wirte das für
den Boten den ich nun nicht mehr nötig habe«
    Hermann sah den Oheim mit Verwundrung an Diese kleine kümmerliche Figur
mit den viereckigen Knieschnallen den fahlen Strümpfen und den schweren
Schuhen war also der Millionär vor dem sich schon Fürsten tief gebückt hatten
Weisses Haar lag um das Antlitz welches grau war wie der Anzug und nur ein
Paar helle kluge Augen verrieten einen nicht gewöhnlichen Geist Er machte dem
Oheim eine Verbeugung und nannte nach einigen einleitenden Redensarten seinen
Namen Der Oheim stutzte nur leicht nahm seine Brille betrachtete den
Verwandten durch die Gläser wie eine zu prüfende Ware und sagte »Sieh da Du
bist also der Neffe Nun nun du siehst ja recht ordentlich aus Wir haben dich
längst erwartet nach deinem Briefe konntest du schon vor acht Tagen bei uns
sein Wie gerätst du denn hieher das ist ja ganz aus dem Wege«
    »Wenn ich vom Wege abgekommen bin so habe ich mich wenigstens zur Erfüllung
einer Pflicht verirrt Ich war diese Nacht hindurch bei Ihren Kindern soviel
ich über die Sache urteilen kann hat es mit der Tante keine Gefahr«
    »Das glaube ich auch« sagte der Oheim »Sie wird sich erkältet haben Nach
einer Badekur ist man immer sehr reizbar Kinder wissen sich denn nicht zu
helfen am wenigsten auf Reisen«
    Hermann erfuhr nun dass die Tante Wiesbaden gebraucht dass der Oheim den Tag
ihrer Rückkunft berechnet habe und ihr heimlich entgegengereist sei »Ich mag
sonst die Überraschungen nicht und mein Plan war mir unterwegs schon leid
geworden nun ist es mir aber doch lieb dass ich ihn ausgeführt habe« sagte er
»Wie hast du sie denn getroffen und erkannt«
    »Ich habe sie nicht gekannt«
    »Und ihnen doch geholfen  Nun nun das ist ja recht hübsch du scheinst
ja einen recht guten Charakter zu haben«
    »Ich wurde wenn etwas Gutes an meiner Handlungsweise war sogleich dafür
belohnt« versetzte Hermann »Ich muss Ihnen nur gestehen lieber Onkel dass ich
mich in Kornelien verliebt habe Mein Mühmchen wird ihren Mann einmal glücklich
machen sie ist schon jetzt ein vollkommnes Hausmütterchen«
    Dem Oheim schien dieser Scherz wenig zu gefallen »Sie ist nicht dein
Mühmchen« sagte er »sondern die Tochter meines verstorbnen Buchhalters wir
erziehn sie nur«
    Ferdinand kam »Das ist dein Vetter« sagte der Oheim »So« versetzte der
Knabe gedehnten Tones und hielt Hermann der ihn küssen wollte gleichgültig
nur die Wange hin
    »Wie geht es draußen« fragte Hermann »Warum wolltest du hier Zimmer haben
lieber Ferdinand«
    »Weil der Förster uns sagte wir sollten uns aus seinem Hause machen wir
könnten zu dem Herrn gehen der sich unsrer so sehr angenommen und ihn so
schnöde behandelt habe«
    Hermann sah bestürzt vor sich nieder »Bester Onkel« rief er »es empörte
mich dass der Gefühllose die armen Kinder und die Kranke verlassen hatte und
ich musste ihm sagen was mir mein Herz eingab«
    Der Oheim schüttelte den Kopf und versetzte »Neffe ich kann dir nicht
beistimmen Die Leute tun jetzt kaum für Geld etwas leistet einer ausnahmsweise
einmal etwas umsonst so muss man zufrieden sein und ja nichts mehreres von ihm
verlangen Der Transport hätte meiner Frau doch sehr schaden können Es ist
recht gut dass ich noch zur rechten Zeit gekommen bin der Förster wird sich
wie ich denke wohl wieder bedeuten lassen«
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Die Chaise fuhr vor »Willst du mit« fragte der Oheim Hermann entschuldigte
sich mit einem Geschäfte welches ihn am Orte zurückhalte »Das ist ein andres«
versetzte jener »Geschäfte sind immer die Hauptsache Auf guten Erfolg Wir
sprechen uns ja noch dann kannst du mir sagen wann du kommen willst Ich
verlange nach deinem Besuche ich muss wegen der Gelder die ich für dich
verwalte mit dir abrechnen auch habe ich geheime Sachen von deinem seligen
Vater an dich abzuliefern da du nun das Alter erreicht hast in dem du sie nach
seiner Disposition bekommen solltest Mein Bruder war ein Mystiker man muss den
Toten ihren Willen tun«
    Die Chaise rollte davon Noch immer wollte die Stunde des Duells nicht
schlagen Das unbeschäftigte Warten auf etwas was man mag es nehmen wie man
will doch unangenehm bleibt bringt eine Pein ganz eigener Art hervor Die
Vergangenheit verschwindet die Zukunft ist bedeckt und nur das widrige Gefühl
einer faden Gegenwart schneidet sich mit stumpfer Gewalt in die Seele ein
    Diese nagende Empfindung zehrte an Hermanns Gemüt Obgleich fest
entschlossen Blut und Leben für die Rettung eines unglücklichen Wesens
einzusetzen musste er sich bekennen dass der Schmelz von dem Abenteuer
abgestreift sei seitdem er nicht mehr hoffen durfte den Lohn seiner
Anstrengungen in einem gütigen Lächeln der Fürstin sich zu gewinnen Die Kinder
hatten ihren Vater die Kranke war unter Obhut er kam sich in allen
Beziehungen die ihn seit gestern umsponnen hatten so überflüssig vor Ja er
begann zu zweifeln dass er irgendwo nötig gewesen sei Die Gestalt seines
umherirrenden Mündels verflüchtigte sich zu einem luftigen Märchenbilde
»Vielleicht« rief er unmutig aus »hatte ich hier an nichts als an meine
verlorne Brieftasche zu denken«
    Endlich war die Zeit hingegangen und Hermann stand am bezeichneten Orte
Ein finstrer Tannenkamp umgab einen geräumigen Platz Durch die schwarzen Kronen
der alten Stämme sah ein bedeckter Himmel ein grauer melancholischer Tag
Hermann war früher da als sein Gegner er vertraute sich als dem besten
akademischen Fechter seiner Zeit und war entschlossen den Feind zu schonen
    Der Johanniter kam in einem kleinen Kabriolet angefahren Man begrüßte
einander Hermanns Gegner ließ ihn unter den beiden mitgebrachten Degen wählen
Die Sache gewann wegen des Mangels an Sekundanten ein sehr unförmliches Ansehen
und ein gefährliches da niemand des Arztes gedacht hatte Man vereinigte sich
dass jeder das Recht haben solle die Dauer des Ganges zu bestimmen, und dass ein
Haltrufen nicht für unehrenvoll gelten dürfe
    Die Streiter warfen die Röcke ab der Hals wurde von der Binde entfesselt
Hermann legte sich aus der Johanniter hieb aus Schon nach den ersten Gängen
merkte Hermann dass er den Gedanken an Schonung aufgeben müsse Er focht
regelrecht auf den Hieb wie der Universitätsbrauch ist der Widerpart verfuhr
dagegen nach dem komplizierten französischen Systeme von Hieb und Stoß und
machte ihm mit Finten und blitzschnellem Nachschlagen viel zu schaffen Er hielt
sich zwar brav wie immer war aber doch zerstreuter als sonst unruhig von den
durchwachten Nächten und vom Getreibe der vergangenen beiden Tage
    Indessen wäre dieser Handel wie so mancher durch die Ermüdung der Kämpfer
wohl zum unblutigen Ziele gediehen wenn nicht Hermann plötzlich während einer
Pause in der Ferne zwischen den Bäumen eine Figur sich hätte bewegen sehen die
er für Flämmchen halten musste Seine Verwirrung nahm zu er wollte den Kampf um
jeden Preis zu Ende bringen und suchte durch Heftigkeit den Mangel an
Sicherheit zu ersetzen Er drang gewaltsam vor gab dabei eine Blöße diese
benutzte der Gegner rasch einspringend und die Terz hauend Der Stahl zischte
durch die Luft und fuhr in die rechte Seite
    Die Degen sanken das Blut tröpfelte aus der aufgeschljetzten Seite quoll
dann immer reichlicher hervor floss und floss unaufhaltsam Der Johanniter schlug
sich wie ein Rasender vor den Kopf und verwünschte den Streich der ihn um
seinen Posten bringen könne
    Hermann war erschöpft zu Boden gesunken und sagte mit matter Stimme
»Beruhigen Sie sich eilen Sie nach der Stadt holen Sie einen Arzt und sagen
Sie überall Sie hätten hier einen Verwundeten liegen sehen Ich bestätige jedes
Ihrer Worte und will versichern dass mich ein Räuber angefallen habe«
    Unterdessen war Flämmchen weinend und jammernd herbeigekommen Sie fuhr mit
entsetzlicher Gebärde auf den Johanniter zu »Du hast ihn erstochen meinen
Gemahl den Prinzen er stirbt Ich werde nie eine Prinzessin werden« rief sie
»Aber dafür sollst du verdorren Ich weiß wo die Hexenmeister wohnen die einem
den Schatten nehmen und das Spiegelbild rauben und das Galgenmännlein
verkaufen«
    »Bist du verrückt« fuhr sie der Johanniter an »Komm mit Welch ein
Aufzug«
    »Bleib mir vom Leibe« rief die junge Furie »Ich sage sonst was du
begangen hast und sie sollen dir den Kopf abschlagen«
    Hermann richtete sich halben Leibes empor »Bringt Sie mein Blut nicht zur
Besinnung« fragte er »Ich beschwöre Sie achten Sie die Tugend dieses
Mädchens«
    Der Johanniter sah ihn starr an »Ich alter Tor« brach er endlich aus
»über meine verdammte Hitze Sich beleidigt zu halten von einem Menschen der
seine fünf Sinne nicht beisammen hat« Er warf den Degen weit von sich in das
Gebüsch und jagte mit seinem Wägelchen im Galopp davon
    Flämmchen warf sich zu dem Verwundeten an den Boden stopfte Moos in die
verletzte Seite rief ihm die süßesten Namen zu und dazwischen dem Johanniter
grässliche Verwünschungen nach Hermann hörte und sah nichts mehr Eine tiefe
Ohnmacht hatte ihn überschattet Sein Gesicht war totenbleich Das Moos hemmte
die Blutung nicht So lag er unter den düstern Tannen als ein Opfer seines
guten Willens
 
                                  Zweites Buch
                          Das Schloss des Standesherrn
  Wo keine Götter sind
 walten Gespenster
                                 Erstes Kapitel
Im Park dem Schloss gegenüber saß die Gesellschaft und erfreute sich des
klaren Herbstabends »Wie geht es unsrem Kranken« fragte der Herzog einen Mann
von zuversichtlichem Äußeren
    »Nach Wunsch« erwiderte der Arzt »Das Fieber ist zwar noch vorhanden doch
schon im Abnehmen Die Krisis ist überstanden Wenn ich bedenke dass zu den
Folgen der schweren Verwundung sich noch die starke nervöse Affektion gesellt
hatte so muss ich über die Kraft dieser Natur erstaunen welche so vereinigten
Angriffen zu widerstehn imstande war«
    »Hat man den Täter noch immer nicht entdeckt« fragte die Herzogin
    »Der Verwundete konnte bis jetzt keine Auskunft geben Jener Mann der ihn
gefunden und die Nachricht in das Städtchen gebracht hat wusste auch nichts
Näheres zu sagen«
    »Und der Knabe sein kleiner Diener« Der Arzt sah mit einem eignen Blicke
vor sich nieder »Er erzählt Sachen gnädigste Herzogin die zu abenteuerlich
sind als dass ich sie hier wiederholen möchte Ich fürchte dieser Knabe ist auf
eine greuliche Art verwahrloset oder verbildet«
    Das Gespräch wandte sich auf die sonderbare Fügung der Umstände welche
unsrem Freunde die Hilfe gebracht hatte Der Weg welchen die Herrschaften bei
der Rückkehr von dem alten Schloss Falkenstein einschlugen führte in geringer
Entfernung an dem Tannengehölze durch in dem Hermann seine Wunde erhielt Er
mochte eine Stunde in seinem Blute gelegen haben ohne dass ein Chirurgus sich
blicken ließ Flämmchen saß ausgeweint still verzweifelt bei dem Ohnmächtigen
Da hörte sie von fern den dumpfen Ton der über Kies und Grand fortarbeitenden
Kutsche Sie stürzte durch die Tannen fiel am Wagenschlage auf die Kniee und
flehte um Erbarmen für den Halbtoten Welcher Schreck für die Herrschaften als
sie den jungen Mann der ihnen in mancher Beziehung interessant geworden war in
solchem Zustande wiedersahen Man half sich mit ihm wie man konnte und brachte
ihn notdürftig verbunden langsamen Fahrens nach dem Schloss
    Aber welches Unglück wenn sie später gekommen wären Wenn die Abendkälte
der Tau den Verwundeten auf dem kühlen Boden getroffen hätten Wenn der andre
Weg wie der Kutscher anfangs gewollt eingeschlagen worden wäre Alle diese
Fälle wurden besprochen in deren Aufzählung besonders die Herzogin die größte
Lebhaftigkeit zeigte
    Ein junger blasser Mann den Tonsur und schwarze Kleidung als den
Hausgeistlichen bezeichneten hatte sich bisher wenig geäußert Nun aber als
das Reich der Möglichkeiten solchergestalt durchgemustert wurde nahm er das
Wort und erklärte mit schwärmerischem Feuer dass es für den Gläubigen kein
Ungefähr gebe dass Gottes Finger in allem sichtbar sei und dass auch der Fremde
nicht ohne den Ratschluss des Himmels sich in diesem Schloss befinde
    Der Arzt warf hierauf schalkhaft die Frage hin welcher Religion der Fremde
wohl sein möge
    »Er ist aus einer protestantischen Familie« versetzte Wilhelmi sarkastisch
»Indessen wer kennt den Ratschluss des Himmels mit ihm«
    Der Geistliche war still geworden Der Herzog erklärte der Ratschluss des
Himmels werde wenigstens auf keinen Fall sein den jungen Mann innerhalb des
Burgfriedens zu einem andern Glauben zu bringen Er halte als Grundherr auf
seinem Gebiete an den Bestimmungen des Westfälischen Friedens fest und keine
Konfession solle da wo er etwas zu sagen habe sich gegen eine andre
Zudringlichkeiten erlauben
    Der Geistliche stand auf und beurlaubte sich weil die Stunde seiner
Übungen gekommen sei Nach seiner Entfernung entstand die Stille durch welche
ein gebildeter Kreis die Medisance schlechter Gesellschaften bei sich ersetzt
wenn jemand weggegangen ist dessen Sinn nicht ganz zu den übrigen passt Endlich
sagte die Herzogin »Sich gegen die Ereignisse ungebärdig stemmen ist meistens
so unnütz Können wir dem armen in der Dunkelheit forttappenden Menschen einen
andern Rat geben als Gewöhne dich in jedem Vorfallen das Walten der
himmlischen Mächte voll Ergebung aufzusuchen«
    »Aufzusuchen Sehr schön« versetzte Wilhelmi »Aber um alles in der Welt
nur nicht zu früh zu gedankenlos es zu finden Jedwedes auch das Herrlichste
kann zur Spielerei zur Redensart werden Wer wollte gegen das Schönste gegen
einen wahrhaft gottergebnen Sinn polemisieren Aber zu rasch bei einem Unglücke
mit der Unterwerfung unter die allmächtige Hand Gottes fertig zu sein beweiset
mir nur dass das Unglück dem Betroffnen ein so gar großes nicht war Nur mit
abgefallnen Wangen erloschnen Augen und kummerbleichen Lippen spricht der
Mensch jenes Wort würdig aus Auch die Heiligen haben ihr Haar zerrauft und in
der Asche getrauert Es ist unsittlich und unfromm immer sittlich und fromm
sein zu wollen Wenn Sie meine Fürstin mir nach einem schweren Leid wovor Sie
Gott bewahren möge sagen Der Herr ist über mir dann weine ich mit Ihnen wenn
ich Ihnen nicht helfen kann Wenn aber die Mutter der das Kind starb spricht
Wie sollte ich klagen da es bei Gott ist und acht Tage darauf in ihre
gewöhnlichen Gesellschaften geht wenn der sogenannte Freund dem in weite Ferne
vielleicht für immer scheidenden Freunde nichts weiter nachzurufen weiß als
Man soll sein Herz an nichts Irdisches hängen dann wende ich meine Schritte
und überlasse die gemütlichen Schwätzer ihrer öden Selbstzufriedenheit Aus
dunkler Tiefe aus tausend Quellen springt das Leben man soll ja nicht glauben
die unendliche Flut in einem Fingerhute auffangen zu können«
    Er war sehr bewegt Unter einer kalten ja abstossenden Außenseite verbarg
sich bei ihm die höchste Zartheit und eine bis zum Leidenschaftlichen gehende
Wahrheit der Empfindung Vielleicht bedurfte er jener Kruste um nicht zwischen
den Rädern des Alltags zerrieben zu werden
    Der Herzog flüsterte dem Arzte zu »Bringen Sie etwas auf was uns vor der
Fortsetzung dieser Predigt schützt« Worauf jener laut anhob »Mein Metier
verschafft mir nicht so tiefe Seelenanschauungen wie unser Freund sie uns
vorgetragen hat Indessen sehe ich am Krankenbette doch auch manches
Menschliche Nur dass ich nicht darüber weine sondern lache Ich habe in meinem
Gedenkbuche eine Anekdote aufgezeichnet an welche ich durch diese Gespräche
erinnert wurde Wenn für die Teestunde keine bessere Unterhaltung bereit ist so
will ich meine Geschichte von den Fügungen des Himmels hiemit dazu anbieten«
    Man verlangte sie zu hören Die Herzogin erhob sich Ein alter Bedienter
kam und sagte Wilhelmi etwas ins Ohr seinen Zorn wie es schien schwer
verbergend Wilhelmi sah bestürzt auf den Herzog und entfernte sich Der Arzt
ging um noch einige Krankenbesuche zu machen
    Die Herrschaften wollten durch den Laubgang nach dem Schloss zurückkehren
Ein kleiner Junge trat aus dem Gebüsch schlug Rad stellte sich auf den Kopf
und machte noch mehrere dergleichen Kunststücke um sein Almosen zu verdienen
Die Herzogin verbot ihm die halsbrechenden Possen reichte ihm Geld und fragte
»Wie heißt dein Vater« Als der Junge den Namen eines Bettlers genannt hatte
sah die Herzogin ihn scharf an und sagte »Ich möchte für diese Unwahrheit dir
das Geld wieder abnehmen Du bist ein Kind des Waldmeiers und hast nur aus
Übermut gebettelt« Der Junge wurde rot und schlich davon er gehörte wirklich
jenem Manne der für sich und die Seinigen genug zu leben hatte
    »Wie war dir möglich die Abkunft des Knaben so bestimmt auszusprechen«
fragte ihr Gemahl
    »Du kennst meine unglückliche Gabe Familienzüge zu erkennen« versetzte
sie »Ich habe früher geglaubt es sei Täuschung aber unzählige Erfahrungen
haben mich endlich überzeugt dass mir die Genealogie auch da erscheint wo sie
andren Menschen nicht sichtbar wird Es ist kein gutes Geschenk der Natur.
Leider« fuhr sie schamhaft fort »sehe ich so manchen geheimen Fehler wo die
Welt nur Pflicht und Tugend erblickt Ach es ist nicht alles eines Bluts was
einen Namen trägt Lass mich dir nun auch ein Geständnis tun Als ich unsrem
Kranken zum erstenmal ins Gesicht sah erschreckte mich die größte Ähnlichkeit
mit Johannen Ich war bestürzt Ich möchte so gern mit dir nun ein ruhiges
geordnetes Leben führen wir haben schon so viel Verdruss von jener ich ahnte
neue Störungen die nie ausbleiben wenn man sich mit Menschen verworrnen
Schicksals einlässt deshalb bat ich dich uns den Jüngling fernzuhalten«
    Ihr Gemahl stand einige Minuten nachdenklich »Du irrtest dich gewiss Mein
Vater war ja leider so offen gegen mich über seine Fehltritte Er hätte mir
diesen auch gestanden Und überdies  es ist nicht möglich«
    »Nein« sagte sie »und wir wollen nicht mehr daran denken Ein unerwartetes
Ereignis hat ihn uns wenn nicht wider doch ohne unsern Willen gebracht Ob
darin etwas Besondres zu finden ist weiß ich nicht aber ich fühle dass wir ihn
pflegen und für ihn sorgen müssen wenn er es verdient Das Los eines Menschen
gilt mehr als Ahnungen und Träume«
    Sie sprach das einfach sanft wie sie pflegte Ihr Gemahl sah umher es war
niemand in der Nähe Er umfasste sie und schloss sie mit der zärtlichsten Liebe
in seine Arme »Bleibe die Genossin meiner Entwürfe die Freundin meiner
innersten Gedanken »sagte er gerührt Sie ruhte beglückt am Herzen des Manns
der ihres Lebens Stolz und Freude war
    Sie standen unter der Gruppe des Amor und der Psyche und die reinen Sterne
sahen auf diese Umarmung nieder
 
                                Zweites Kapitel
Der Arzt zog am runden Tische sein Büchelchen hervor und las
                        Der Lieutenant und das Fräulein
                           Anekdote aus meiner Praxis
Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte lernte ich einen Offizier von
der Garnison kennen der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte und von
allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde
    Dieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer
von desto unruhigerer Gemütsart verlobt Fräulein Ida hatte alles Feuer
zugeteilt bekommen welches die Natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian
erspart hatte Lebendig galt sie bei ihren Tänzern für geistreich und konnte
allerliebst sein wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren
Anfangs spielte sich das Verhältnis überaus artig fort er wurde von ihrer
Beweglichkeit in Bewegung gesetzt sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung
woran es ihr früherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte Das
Unpassende was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet fiel
hier weg da die Braut ein artiges Vermögen besaß und nur der Eigensinn der
Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob wo der Schwiegersohn einen
höheren Rang und die Kompanie erlangt haben würde
    Indessen musste der Monarch wohl noch eine große Anzahl verdienstvollerer
oder älterer Lieutenants besitzen Das Patent blieb länger aus als man gedacht
hatte und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel
von ihrem Herzen weggeben wollte so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu
Jahren der Erwartung aus Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die
bedeutendsten Unannehmlichkeiten Die Liebe ist für Stunden die Ruhe für das
Leben wer kann aber der Ruhe genießen solange die Früchte noch auf dem Halme
stehen Das Gefühl gleicht nach so gedehntem Harren einem schönen Weine den man
im offenen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen
    Grade kurz vor der Zeit wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im
Verhältnisse der Liebenden eintrat lernte ich den Lieutenant kennen und ward
durch ihn im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter eingeführt Ich sah noch
die letzten Sommertage der Zärtlichkeit bald aber nahm ich eine gewisse Kälte
zwischen den Brautleuten wahr die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen
abwechselte Sie ließ sich wohl wenn er dicht bei ihr stand durch einen andern
den Mantel holen und betonte den Befehl er rannte mitunter in der zierlichsten
Gesellschaft nach heimlichraschem Zwiegespräch in die Ecke wo sein Hut und
Degen sich befand und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen Aufsehn
zu vermeiden und zu bleiben Denn schon war ich sein Vertrauter geworden Als
junger Arzt musste ich mir auf jede Weise zu helfen suchen Ich machte damals in
Herzenssachen den Rat und Beistand um stärkere Praxis zu bekommen
    Der Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer Er könne seiner Geliebten
nichts mehr recht machen Jede Laune werde an ihm ausgelassen Bald solle er
erkaltet sein bald sich ohne Gemüt betragen haben neulich habe sie ihm
vorgeworfen er verstehe sie nie Er sei wirklich noch ganz und gar der alte
gehe im Frühlinge mit dem ersten Märzenveilchen zu ihr im Junius komme der
Rosenstock im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke wie sonst zum
Geburtstag mache er seinen Vers die Weihnachtsbonbonnière fehle nimmer Aber
alles werde jetzt kaltsinnig oder schnöde aufgenommen Was er denn nur in dieser
Not beginnen solle
    Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen Er
versetzte dieses stehe nicht in seiner Gewalt Sich selber könne er nicht
avancieren und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht
    Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu
treiben und dieser fand seinen Gleichmut
    wieder als er vor seinem Gewissen sicher war im Dienste der Liebe nicht
lässig geworden zu sein Nun verwies er seine Braut wenn sie ohne Grund klagte
an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hören Darauf kam er mit der
Notwendigkeit hervor sich zufriedenzugeben wenn die Dinge einmal nicht anders
gehen wollten Worauf sie ihm sagte er sei unausstehlich Endlich da alle
Trostgründe niedrer Schicht nichts helfen wollten wählte er als letzte Arznei
die Fügungen des Himmels Wenn sie über ein Fältchen zuviel oder zuwenig im
Kleide sich ungebärdig anstellte sprach er man könne nicht
    wissen wozu ein Missgeschick fromme Wenn der Regen eine Spazierfahrt
vereitelte lehrte er die Vorsehung lasse Tropfen fallen damit die Sonne
nachher um so herrlicher scheine Und als sie einst weinend auf ihrem Stuhle
saß weil man den Gesang einer Mitschwester stärker beklatscht hatte als den
ihren gab er zu ihr tretend den Spruch zu vernehmen »Wen der Herr liebt den
züchtiget er« Er war ein ordentlicher Kirchengänger und hatte wirklich den
Glauben dass dem Geduldigen alle üblen Sachen zum Heile ausschlagen müssen
    Zuerst war ihr dieser Ton neu und es vergingen einige Wochen unter solchen
Tröstungen ganz leidlich Indessen wollte das Gute zu welchem nach ihrer
Meinung das Schlechte führen musste nämlich das Avancement immer noch nicht
erscheinen Da ward sie böser als je und der arme Phlegmatikus geriet in ein
Fegefeuer welches nicht läuternder sein konnte Zu gleicher Zeit begann ein
Einfluss auf sie zu wirken welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob
    Eine jener alten Jungfraun welche weil sie sitzengeblieben sind es gern
sähen wenn das Heiraten abkäme hatte sich des verdüsterten Sinns unsrer
schönen Ärgerlichen bemächtigt Sie ließ in ihre Gespräche einfliessen dass sie
schon längst mit Kummer bemerkt wie der Lieutenant immer gleichgültiger
geworden sei wie seine Neigung wohl keine Probe bestehen werde und was
dergleichen mehr war Diese bösartigen Worte fanden ein offenes Ohr
Verdriesslich von Missstimmungen geplagt ließ sich die Getäuschte zu dem
Schritte hinreißen dessen gefährliche Albernheit schon so viele beklagt haben
Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prüfen
    Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fräuleins berufen Sie lag
anmutig gekleidet allerdings im Bette und klagte fast über jegliches was den
Menschen schmerzen kann Die Mutter stand untröstlich daneben sie liebte das
Kind vielleicht zu sehr Man kann denken dass mir als jungem Arzte eine
Krankheit in einem geachteten Hause welches selbst einigermaßen in der Mode
war höchst angenehm sein musste ich strengte daher die ganze Kraft meiner
Diagnose deren Feinheit man stets auf der Klinik gerühmt hatte an um die
Natur des Übels zu entdecken Aber der Puls ging vortrefflich die Augen
strahlten vom gesundesten Feuer die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend
die Zunge war unbelegt alles ohne Ausnahme alles befand sich leider im
wünschenswertesten Zustande Ich entschied mich dass hier Verstellung sei
verordnete die unschuldigen Mittel welche Hippokrates uns für einen solchen
Fall an die Hand gegeben hat äußerte indessen natürlich meine wahre Meinung
nicht sondern sagte der Mutter draußen auf ihre ängstliche Frage ob es auch
keine Gefahr habe mit Ernst und Nachdruck dass man noch grade zur rechten Zeit
nach mir geschickt habe und dass eine Stunde später für nichts mehr zu stehen
gewesen sei
    »Sie glauben nicht welches Zutrauen sie zu Ihnen hat« sagte die Mutter
»Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen«  »Nein« dachte ich »Der
alte grobe Heros würde wenig Umstände gemacht haben meine blöde Jugend ist für
dergleichen Leiden geeigneter«
    Auf der Straße fand ich den Liebhaber dem man schon durch die dritte Hand
dieses Siechtum zu wissen getan hatte Er war so bestürzt wie es einem Seladon
geziemt und in Verzweiflung dass er nicht gleich nach dem Hause seiner Braut
eilen könne aber er müsse auf die Parade Ich beruhigte ihn und verpfändete
mein Ehrenwort dass die Sache nichts weiter sei als ein kleiner Schnupfen
    Gegen Abend fand ich mich wieder bei der verstellten Kranken ein denn ich
war neugierig wohin diese Komödie führen werde »Treuer sorgsamer Freund«
sagte die Mutter welche von meinem Eifer gerührt war In bescheidner Entfernung
vom Krankenbette saß der Lieutenant wie es schien zerstreut und verlegen
    »Es ist doch ein großes Glück um einen gleichmütigen Sinn« stichelte die
Mutter »Man versäumt dann nichts Notwendiges und macht die Geschäfte erst ab
bevor man dem Herzen folgt«
    »Er will es nicht glauben dass ich so krank bin Doktor« seufzte Fräulein
Ida deren hochrotes Antlitz von großer Bewegung zeugte Die alte Jungfer saß im
Fenster und strickte für die Armen
    Diesmal erriet meine Diagnose die Krankheit Mich gelüstete nach der Krisis
und da ich als junger Arzt traurig für mich überflüssige Zeit hatte setzte
ich mich zu den gesunden Damen und knüpfte mit ihnen eins der Gespräche an aus
welchem man noch immer mit Geistesfreiheit nach etwas andrem hinzuhören vermag
    »Wenn ich sterbe Fabian « lispelte das Fräulein »Teure Ida an einem
Schnupfen stirbt man ja nicht« versetzte freundlich aber gefasst der Lieutenant
    Sie begann immer heftiger und weinerlicher zu reden kam in den Ton der Jean
Paulischen Liane sagte im Traume sei ihr ihre selige Karoline erschienen und
sprach viel von Ahnung und Vorgefühl
    Ich saß so dass ich im Spiegel die Szene beobachten konnte Je patetischer
das Fräulein wurde desto mehr nahm das Gesicht des Bräutigams den Ausdruck der
Abwesenheit an er half sich fast nur noch mit Interjektionen als »Hm So Ei
bewahre« Nachmals hat er mir gestanden dass er an dem Tage einen Verdruss mit
seinem Obersten gehabt habe und dass seine Gedanken freilich mehr bei dem
ungerechten Vorgesetzten als bei dem Schnupfen des Fräuleins gewesen seien
    In einem solchen Zustande laufen einem gewisse Redensarten die man häufig
im Munde führt ohne Sinn und Verstand über die Lippen Daher geschah es dass
als das Fräulein welche über die Fassung ihres Geliebten immer mehr aus der
Fassung geriet mit unterdrücktem Weinen sagte »Ja ich empfinde ein gewisses
Etwas in mir ein Weben der Auflösung die schwarzen Männer werden mich gewiss
wegtragen«  der Lieutenant der schon lange nicht mehr wusste wovon die Rede
war zerstreut und feierlich ausrief »Wie Gott will Der Wille des Herrn
geschehe«
    Schrecklich war die Wirkung dieser Worte Das Fräulein entrüstet über eine
solche Ergebung in die Fügungen des Himmels die doch gar zu weit ging warf
meine unschuldige Medizinflasche zu Boden dass die Scherben umherflogen und
rief
    »Aus meinen Augen Ich habe dich durchschaut Fort Wir sind für immer
geschieden«  »Wenn meine Tochter stirbt sind Sie ihr Mörder« wehklagte die
Mutter Die alte Jungfer hatte ihr Strickzeug in den Schoss sinken lassen und
äußerte so mit Salbung dass derjenige zu beneiden sei der so früh wie Ida die
Einsicht in die Nichtigkeit aller Erdenlust gewinne
    »Erlauben Sie mir nur einige Worte zu meiner Verteidigung « stammelte der
arme Fabian »Es ist jetzt nicht Zeit dazu machen Sie dass Sie fortkommen«
raunte ich ihm zu
    Ich war mit den Damen allein »Ida meine Ida« seufzte die Mutter »Diese
Gemütserschütterung in deinen Leiden Erhole dich mein Kind denke nicht mehr
an den Abscheulichen«  Ich beschloss die kleine Heuchlerin zu strafen und die
alte Jungfer dazu Und so ist es gekommen Ich erklärte den Zustand des
Fräuleins für verschlimmert ich ernannte die bejahrte Freundin zur nächtlichen
Wächterin da die Mutter eine solche Anstrengung nicht aushalten könne Drei
Tage musste die gesunde Kranke im Bett zubringen drei Nächte hatte die
Friedensstörerin auf dem Wächterstuhl zu versitzen Endlich erklärte jene sich
mit Gewalt für hergestellt zuletzt lief diese aus dem Hause und verschwor es
wieder zu betreten wenn ich dort aufgenommen bleibe Darüber bekam sie mit der
Mutter Streit und Feindschaft die mich einen seltenen Menschen nannte Kurz der
böse Feind hatte sich diesmal die Grube selbst gegraben
    Mehrere Wochen vergingen in denen ich nichts von meinen Liebesleuten hörte
Einige wirkliche und zwar sehr ernste Krankheiten hatten meine ganze Zeit in
Anspruch genommen
    An einem schönen Märztage wanderte ich über den neuen Kirchhof wo alle
Sträucher in dem ungewöhnlich frühwarmen Wetter schon die Knospenaugen
aufschlugen Ich wollte die neuen Einrichtungen im Leichenhause besichtigen
welche zur Rettung der Scheintoten angebracht worden waren Soeben mit dem
Meisterdiplom versehen hatte ich die Obsorge über jene Anstalten zu führen
von der Stadt den Auftrag bekommen Als ich durch die gewundenen mit Kies
reinlich gefesteten Wege des parkartigen Gottesackers ging und das im
gefälligen Stil erbaute Leichenhaus hinter einem Rasenplatze liegen sah sagte
ich »Es ist kein Wunder dass die Menschen jetzt mit dem Leben unzufrieden sind
man macht die Sterbehäuser und Grabstätten zu anlockend«
    Auf einem freien Platze fand ich unvermutet meinen Phlegmatikus Er stand
bei einem Sträussermädchen die ihren Korb voll Frühlingsblumen ihm vorhielt Er
wählte und suchte sich das Schönste was sie an Veilchen Primeln und Aurikeln
hatte zusammen »Für wen der Strauss« fragte ich »Für Ida« versetzte er
    »Gottlob So seid ihr versöhnt«
    »Ach nein Ich habe sie nicht wiedergesehn Aber es ist heute ihr
Geburtstag Ich will den Strauss unter ihrem Porträt in Wasser setzen«
    Er sprach diese Worte ruhig ja kalt Aber seine Augen waren erloschen und
die Wangen bleich Ich muss gestehen dass mich die stummen geduldigen Patienten
immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben Ich sah meinen armen Verstossnen an
ich überlegte hin und her ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen
sei Die Natur der Leidenschaften insbesondre der Liebe kannte ich aus der
Seelenlehre das Fräulein war mit der Mutter in der Stadt das wusste ich Ich
war jung verwegen Ohne an die möglichen Folgen eines tollen Einfalls zu
denken lud ich den Lieutenant ein sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen
zu lassen Das Sträussermädchen wies ich an vor der Türe zu warten
    Der Wächter war ausgegangen alles begünstigte meinen Plan Ich öffnete mit
dem Hauptschlüssel wir waren allein im leeren schallenden Hause Ich erklärte
meinem Begleiter jedes Ding die Einrichtung und Verbindung der Gemächer die
leicht zu bewegenden Glockenzüge die Wärmmaschinen die Frottierzeuge die
Bürsten den Elixier und Essenzenapparat des Wächters für die ersten
Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer Er fragte ernst und
wissenschaftlich gesinnt verständig nach allem und keine empfindsame
Betrachtung kam in diesem Hause des Todes über seine Lippen Endlich sagte er
scherzend »Diese reinlichen schimmernden Wände die bronzenen Lampen die
blinkenden Stahlgriffe die schönen Teppiche und Matratzen zeigen wie jetzt
alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmückten strebt
Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen um den Geretteten Unterhaltung
zu bereiten bis die Ihrigen sie wieder abholen«
    Ich bat mir seinen Verlobungsring aus Er stutzte wusste nicht was ich
wollte Ich erklärte ihm trocken dass ich gesonnen sei noch heute zwischen ihm
und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften aber dazu des Ringes bedürfe
nahm ihn bei der Hand und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring
vom Finger Er in plötzlich auflodernder Hoffnung und Freude rief ob ich
verwirrt sei Ich ohne zu antworten schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerissnes
Blättchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter legte den
Ring bei verschloss das Billet mit Oblate eilte zum Mädchen hinaus sagte ihr
den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen sie sollte das Briefchen auf der
Stelle da und da hintragen
    Mein bestürzter Freund war bis auf den Flur gefolgt und hatte die
Bestellung gehört Ich nötigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern
zurück »Um Gotteswillen« rief er »was treiben Sie was machen Sie aus mir« 
»Einen Scheintoten« versetzte ich Er sah mich an wie einen von dem man
glaubt er habe den Verstand verloren »Idas Krankheit« sagte ich »führte den
Bruch herbei Ihr Tod soll das Bündnis herstellen das nennt man einen Klimax
welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehört Sie haben die Wahl entweder mich
zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun oder folgsam zu sein
und Ihr Glück im letzten Akt einer Posse zu empfangen« Er stand anfangs starr
dann verwünschte er meine Torheit und überschüttete mich mit Vorwürfen Ich
behielt indessen Geistesgegenwart kramte Schnepper und Bindzeug aus setzte
eine Menge Flaschen auf den Tisch ließ den Essigäter duften verbrannte
Federn kurz ich richtete das Zimmer so zu dass es ganz medizinisch aussah und
roch Er über meine Kaltblütigkeit in Verzweiflung warf sich auf eine
Matratze Ich erklärte ihm da könne er liegenbleiben denn dahin gehöre er in
seinem jetzigen Zustande Ich löste seine Halsbinde knöpfte die Uniform und
Weste auf und machte mir immerfort zu schaffen um meine Unruhe zu verbergen
die sich mit dem Nachdenken doch allmählich bei mir einzustellen begann
    Nach einiger Zeit sprang er auf und rief »Ich muss fort ich bin an diesen
Dingen unschuldig Sehen Sie zu wie Sie aus der Verlegenheit kommen die Sie
angerichtet haben«
    Ein Wagen fuhr sturmschnell vor »Sie kommen« rief ich »ich wusste das ja«
und ging ihnen entgegen Sie waren es Ida und ihre Mutter meine Berechnung war
richtig gewesen Aus dem Schlage stürzte das Fräulein entgeistert blass die
Augen voll Tränen und rief »Wo ist seine Leiche«  »Er lebt beruhigen Sie
sich er ist erwacht meine Furcht war zu voreilig« rief ich ihr hastig zu
»Wo Wo« stammelte sie flog in das Haus und wie durch Instinkt geleitet in
das rechte Zimmer
    Ich half der Mutter aus dem Wagen Sie wusste sich in diesen Wechsel von
Trauer und Freude nicht zu finden »Teuerster warum erschreckten Sie uns Man
muss bei dergleichen doch erst das Ende abwarten« sagte sie Ich bat um
Verzeihung ich hätte ganz den Kopf verloren gehabt sie möchte einem jungen
unerfahrnen Manne um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen
    Wir traten in die Sterbekammer Da war die Liebe von den Toten auferstanden
Fabian und Ida lagen einander in den Armen Sie herzten sich und küssten sich
und wussten beide nicht was sie taten Sie wollte von ihm wissen wie ihm zumute
gewesen sei er erwiderte in diesem Punkte besonnen er wisse von nichts sie
müsse den Doktor fragen
    Ich verbot alle Erklärungen und riet ihnen sich des Lebens zu freun Die
Mutter trat hinzu gab ihm die Hand und sagte sehr freundlich »Lieber Sohn
Sie machen uns schöne Streiche Mein Gott wie das hier aussieht und riecht es
fällt mir auf die Nerven Verlassen wir den leidigen Ort« Ich benutzte den
Augenblick küsste ihr ehrerbietig die Hand und sagte bescheiden »Edle Frau
Ida ist vor Liebe krank geworden Fabian wäre beinahe daran gestorben sollen
Ihre Kinder noch länger schmachten«
    Die Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht Sie gab die Zustimmung zu
dem was die Verlobten wünschten Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und
Umarmungen in dem ich ebenfalls zuletzt von ungefähr mehrere Küsse bekam
    Indessen waren die Fügungen des Himmels auch tätig gewesen Denn als wir
eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen nahte
sich der Bursche Fabians mit der in gemessner Haltung vorgebrachten Meldung dass
der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe indem das ersehnte Patent nun
endlich eingetroffen sei
    So führte Ida statt eines erblichnen Lieutenants nach dem sie ausgefahren
war einen lebendigen Kapitain nach Hause  Sie leben sehr glücklich
miteinander manche Szene die sonst in die Ehe fällt haben sie vorher schon
unter sich abgetan dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen
    Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fräuleins während jener drei Tage
und die Rettung des Bräutigams große Gunst in den vielen mit dem Hause
verbundnen Familien zuwege Einer lobte mich immer noch mehr als der andre so
entstand mir bald ein Ruf den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen
geübte saure Mühe nicht erworben hatte Zuerst schlug mich das Gewissen etwas
nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie die
in der Welt herrscht über die meinige die wenigstens niemand geschadet
vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat
 
                                Drittes Kapitel
In den folgenden Tagen war in den Zimmern des Herzogs große Geschäftigkeit Ein
fremder Rechtsgelehrter war angekommen mit dem der Fürst und Wilhelmi in
eifrigen Gesprächen unter Papieren und Akten zusammensassen Es wurde viel nach
dem Archive geschickt bunte Stammbäume mit vergoldeten Siegelkapseln lagen auf
den Tischen umher man holte Bücher aus der Bibliothek eine wichtige Frage
beschäftigte die Versammelten Der Advokat hatte die Nachricht von dem Tode
eines Seitenverwandten überbracht und mit dieser Post ungewünschte Eröffnungen
verbunden Wir fassen das Resultat jener Gespräche in einem kurzen Berichte
zusammen
    Das alte Haus dessen Glanz gegenwärtig nur allein noch der Herzog in
kinderloser Ehe repräsentierte teilte sich schon seit hundert Jahren in zwei
Linien in die ältere und in die jüngere gräfliche Die Natur schien es auf ein
Erlöschen des berühmten Namens angelegt zu haben denn jener Seitenverwandte
der Graf Julius war der letzte der jüngeren Linie gewesen Er hätte noch länger
leben können wenn nicht zu rascher Genuss seine Tage abgekürzt hätte Als
Jüngling vaterlos geworden gebot er über ein bedeutendes Erbe dem er auf keine
Weise vorzustehen wusste Kühnheit und Leichtsinn verwickelten ihn in vielfältige
Abenteuer er glänzte am Hofe er wollte auch zu Hause glänzen dieser
gedoppelte Aufwand hätte die Minen Perus erschöpfen können Bald war er von
Gläubigern umringt sah sich in Verlegenheit und bei seinem gänzlichen Mangel
an Erfahrung ohne Mittel aus derselben zu kommen
    Damals lernte er Hermanns Oheim kennen welcher in der für Tausende
unglücklichen Periode die unsrem Vaterlande angebrochen war eben sein Glück zu
machen begann Vom düstern kleinen Komptoir im Hinterstübchen eines mäßigen
Hauses ging er mit sichrem Schritte auf die Million zu Schon dachte er an
Landbesitz um seine großen weitgreifenden Fabrikplane zu verwirklichen Graf
Julius sprach ihn um ein bedeutendes Kapital an womit die dringendsten Schulden
bezahlt werden sollten Der Oheim pflegte sonst an Verschwender deren Güter
bereits über die Hälfte des Werts andren gehören nicht zu leihen Indessen
musste ihm wohl in diesem Falle der Verschwender selbst eine gute Hypothek sein
Er gab und gab bis die Besitzungen des Grafen nach einem freilich wohlfeilen
Anschlage sein waren Nun erklärte er nichts mehr geben zu können Jetzt war
der Graf erst in der rechten Not Die Zinsen verschlangen die Einkünfte niemand
wollte sein Geld mehr bei ihm wagen Man weiß wie die allgemeine Verzweiflung
jener Zeit auch das Letzte worauf sich sonst der Mensch verlässt den Grund und
Boden im Werte heruntergedrückt hatte
    Zum zweiten Male erschien ihm der Oheim jetzt als Retter und Heiland Er
schlug ihm einen Verkauf der Güter vor wollte sie für die vorgeschossnen Summen
annehmen und dem Grafen freie Wohnung auf dem Schloss seiner Väter sowie eine
jährliche anständige Rente gewähren Das Geschäft war zulässig die Gesetze der
großen Nation welche uns beherrschte hatten bekanntlich alle feudalistischen
Beschränkungen des Eigentums aufgehoben Der Graf frohlockte bei dem Gedanken an
ein sorgenfreies Leben wie seine Imagination es ihm vorstellte er schlug ein
Die Rittergüter gingen in die Hände des Bürgerlichen über das Geld hatte
gesiegt
    Nach einigen Jahren des Verdrusses welchen der Graf statt der erwarteten
Lebensfreude gefunden war er gestorben und an diesen Todesfall knüpften sich
die wichtigsten Folgen Die herzogliche Linie in der jedoch diese höhere Würde
ein neues Datum hatte war im Besitze der Haupt und Stammgüter deren Komplex
vor kurzem zur Standesherrschaft erhoben worden war Aber nie hatte sie
unangefochten besessen Der Ahnherr des Hauses sollte sich nämlich mit einer
Person unadlichen Standes verbunden haben man sprach sogar von der Tochter
eines Leibeignen War dies der Fall so hatte die Deszendenz natürlich nie ein
Erbfolgerecht gehabt und ihr Besitz war eine Usurpation gewesen Darauf
stützten sich die Nachkommen des zweiten in die gesamte Hand aufgenommnen
Bruders die Glieder der jungern Linie Sie behaupteten und hatten immer
behauptet die rechten Erben der Herrschaft zu sein
    Die jüngre Linie erlosch wie gesagt mit dem Grafen Julius Als dem Herzoge
diese Nachricht wurde empfand er eine sehr verzeihliche Freude Nun waren alle
Zweifel die ihn bisweilen noch in seinem Wirken beunruhigt hatten getilgt der
letzte war mit dem letzten Prätendenten in die Gruft gegangen Heiter hatte er
an jenem Abende die Anekdote des Arztes angehört Man blieb bis spät in die
Nacht beisammen lachte und scherzte über die Torheiten der Menschen und teilte
einander in mannigfachen Wendungen die aus den Memoiristen geschöpfte
Überzeugung mit dass die geringfügigsten Dinge ein Wort ja ein Buchstabe die
Ereignisse so oder so gestalten
    Der Arzt hatte die lustigsten Einfälle über die Ahnfrau deren reines Geblüt
noch eine Untersuchung habe bestehen sollen nachdem die Möglichkeit einer
chemischen Analyse längst verschwunden gewesen sei Zuletzt brachte er einen
Toast auf die Ruhe ihrer Seele aus in welchen der Herzog munter die Herzogin
gefällig und Wilhelmi widerstrebend einstimmte Dieser hatte seine ernste
Stimmung nicht verloren und sagte als die Gläser klangen »Mit den Geistern
ist nicht gut scherzen«
    Am andern Morgen zeigte es sich dass die Sache nicht zu Ende sei Der
Rechtsgelehrte welcher abends zuvor seine Müdigkeit vorgeschützt hatte um auf
dem Zimmer bleiben zu dürfen überreichte eine Zession welche der Graf bereits
vor einigen Jahren ausgestellt hatte In derselben trat er alle seine Rechte auf
die Herrschaft an Hermanns Oheim ab Man musterte voll Erstaunen diese Urkunde
man wusste von Missverständnissen selbst von Streitigkeiten zwischen beiden
Teilen man konnte sich den Beweggrund zu einem so auffallenden Schritte nicht
erklären Aber alles Erstaunen und Verwundern führte zu nichts Die Urkunde lag
vor jede Form war beobachtet worden man sah sich genötigt auf den Inhalt
einzugehn womöglich dessen Gültigkeit zu widerlegen
    Letztres versuchte Wilhelmi »Die Güter welche jetzt die Standesherrschaft
bilden waren unter der deutschen Reichsverfassung Lehen« sagte er »Darauf
folgte die Fremdherrschaft mit ihren Umwälzungen dann der Befreiungskrieg Der
Vater meines Gebieters starb nach dem Frieden Entweder hat nun der Herzog die
Standesherrschaft als freies Eigentum überkommen oder als Lehen Im ersten
Falle waren alle aus den Rechtsantiquitäten hergenommnen Ansprüche der jüngeren
Linie erloschen keine Missheirat eines Vorfahren kann meinem Herrn noch
gegenwärtig schaden Im letzten Falle hatte nur der Graf nur er für seine
Person ein Familienrecht welches er einem Dritten Fremden Ihrem Machtgeber
nicht übertragen durfte«
    Darauf erwiderte der Rechtsgelehrte »Der erste Fall ist nicht eingetreten
Man hat es für gut gefunden nach der Katastrophe welche Europa den alten
Dynastien zurückgab die schon halbeingeschlafnen agnatischen Rechte der
Familien wiederzuerwecken Seine Durchlaucht besitzen Ihre Schlösser nicht wie
der Bauer sein Gütchen der Bürger sein Haus besitzt Alle Fehler alle Mängel
aus der ältesten Vorzeit her haften auf dem jüngsten Erwerber«
    »Welche also nur der Agnat nur der ebenbürtige Anwärter rügen dürfte« warf
Wilhelmi ein
    »Keinesweges« versetzte der Rechtsgelehrte »Indem man jene abgekommnen
Ansprüche herstellte ging man wenigstens hiesigen Landes nicht so weit auch
die Verbindung zwischen Lehnsherrn und Vasallen aufs neue erstehen zu lassen
Nur die persönlichen Rechte der Gevettern sind restauriert sie haben aber eben
wegen der nur teilweise geschehenen Operation eine Umwandlung erlitten sie
stehen nun mit allen übrigen gewöhnlichen Befugnissen in Reihe und Glied Ich
frage warum hätte Graf Julius über die seinigen zu verfügen nicht die Macht
gehabt«
    Die Deduktion konnte nicht bestritten werden Wilhelmi äußerte sich sehr
leidenschaftlich über das kindische Halbwesen der Zeit über das ungeschickte
Vermischen von Alt und Neu über die grellen Widersprüche die aus dem jetzt so
häufig ersichtlichen Mangel an allem Gefühl für die Ergründung der eigentlichen
Verhältnisse entsprängen
    Der Herzog unterbrach ihn und sagte ruhig »Der Monarch hat mich durch seine
Gnade aus der Reihe der übrigen Untertanen emporgehoben Wir waren Fürsten des
Reichs das sind wir ich weiß es nicht mehr es kam eine Zeit in der wir nur
gewöhnliche Edelleute gewesen sind Aber die Zeit ist vorüber
    Ich stehe wieder bevorrechtet zwischen Thron und Volk eigentümlich nur mir
selbst und meinen Pairs gleich da Ich gehöre der Herrschaft und die Herrschaft
gehört mir Wie kann der Bürger der Fabrikant diesen Zusammenhang zerreißen«
    »Der Regent wird den Fabrikanten nicht zum Standesherrn machen« antwortete
der Rechtsgelehrte »Aber der Bürger kann Rittergüter erwerben und benützen
Keine Verfügung des Monarchen schadet wohlerworbnen Rechten dritter Personen
Graf Julius hatte seine Anrechte als freies persönliches Eigentum erworben Ew
Durchlaucht sind Standesherr erst seit zwei Jahren es ist kein Geheimnis dass
Ihre Erhöhung eben wegen der Zweifelhaftigkeit Ihres Rechts so bedeutenden
Aufschub gelitten hat Unsre Zession ist vier Jahre alt Wir haben bis jetzt
damit nicht auftreten wollen weil der Graf bei seinen Lebzeiten dies
unterlassen zu sehen wünschte Zu allem Überflusse steht in Ihrem Diplom die
ausdrückliche Klausel
    Vorausgesetzt dass die jetzt besitzende Familie ein vollständiges Recht
hat«
    Der Herzog erinnerte daran dass die Linie die Herrschaft seit
unvordenklicher Zeit innegehabt habe Hierauf bemerkte sein Gegner dass wie man
gegenseits sehr wohl wisse der Prozess zur gehörigen Stunde bei den
Reichsgerichten angehoben und immer im Gange erhalten worden sei dass derselbe
aber nach wetzlarischer Sitte unter dem Stabe des Kammerrichters seine Endschaft
nicht erreicht habe Er wies die Abschrift eines Dekrets vor vielleicht des
letzten welches jener Hof erlassen und schloss mit dem Anführen dass das
Deutsche Reich bekanntlich noch nicht seit dreißig Jahren aufgelöst sei und dass
mithin von einer Verjährung hier nicht geredet werden könne
    Ohne den Vortrag des Advokaten einzuräumen ließ man die Verhandlung über
diese Punkte fallen Von allen Seiten wurde gefühlt dass die tote Ahnfrau in dem
Streite den Ausschlag geben werde So ging also doch wieder dieses Gespenst und
nicht in teatralischer sondern in sehr wirklicher Weise durch das Haus Die
Gegner waren im Besitz der unverwerflichsten Zeugnisse dass der Ahnherr sich mit
einer Jungfrau ehelich verbunden hatte vor deren Namen das Wörtlein von fehlte
Die Extrakte aus den Kirchenbüchern wiesen zugleich nach dass ein Landmann
gleiches Namens erst lange nachher in dem Dorfe welches sich späterhin zum
Residenzflecken der Herrschaft erhob verstorben war Man hielt ihn für den
Vater des Mädchens die regierende Linie so folgerte man stammte von einer
Bäuerin ab »Alle diese Stammbäume welche ich hier vor mir ausgebreitet liegen
sehe beweisen nichts« rief der gewandte Konsulent »Es sind einseitig in Ihrem
Hause aufgestellte Tafeln die noch dazu die untrüglichsten Zeichen später
Abfassung an sich tragen
    Wir nehmen als möglich an« fuhr er fort »dass jener Graf Archimbald seiner
Maria Sibylla vom Kaiser den Adel erwirkt hat In diesem Fall würden wir für ein
Geringes abzustehn bereit sein Die Familienstatuten reden nur vom Adel der
Mutter schlechtin als Bedingung der Erbfähigkeit der Kinder nicht von altem
stifts und turnierfähigem Adel wahrscheinlich weil man an einen andern gar
nicht dachte Wir sehen jedoch ein dass unsre Ansprüche dann zweifelhaft würden
und dasswenn die Sache bei Gericht in die Hände eines Referenten von neuen
Ansichten fiele die geadelte Bäuerin leicht für vollwichtig erachtet werden
möchte Aber wo ist der Adelsbrief War er je vorhanden so muss er doch
aufbewahrt er muss herbeizuschaffen sein«
    Über diese Urkunde gab der Herzog eine ablehnende Antwort Er wusste aus
seiner frühen Jugend dass sie dagewesen war Noch wie von heute erinnerte er
sich des Tages an dem der alte strenge Großvater sie ihm gezeigt hatte mit den
Worten betrachte das Blatt es verteidigt uns gegen die Vettern Noch sah er
mit den Augen des Gedächtnisses die braune Saffiankapsel in welche der alte
Mann sie tat Nachher war sie verschwunden Beim Kammergericht hatte man ein
Jahrhundert hindurch über den Punkt gestritten welcher von beiden Teilen zu
beweisen habe und zur Vorlegung des Dokuments war man daher nicht gediehen
    Wilhelmi suchte Tag und Nacht im Archive aber seine Mühe war diesmal wie
früher vergebens Darauf eröffnete der Advokat die Vergleichsvorschläge des
Oheims Sie liefen auf eine Halbierung der Güter hinaus Der Herzog ließ den
alten Fabrikherrn einladen mit ihm persönlich zusammenzutreten
    Der Rechtsgelehrte übernahm es seinen Klienten zum Besuche auf dem Schloss
zu vermögen
    In seinen einsamen Augenblicken fühlte sich der Fürst sehr erschüttert Den
wilden verschwenderischen Vetter hatte er nie gescheut vor dem alten eisernen
Handelsmann ergriff ihn eine Art von Geisterfurcht über die er nicht Herr zu
werden vermochte Mit diesen Schlössern Feldern und Wäldern durch alle
Erinnerungen verwachsen hielt er es für eine Unmöglichkeit aus solcher
Gemeinschaft zu scheiden Seine Existenz stand auf dem Spiele das empfand er
und dass er seinen Sturz nicht überleben wolle gelobte er sich vor den Bildern
der Ahnen Indessen gewohnt immer derselbe zu scheinen wie es auch innerlich
wechselte zeigte er vor andern das heitre Antlitz eines Manns den nichts in
Erstaunen setzt Es war ausgemacht worden der Herzogin diese Verhandlungen
geheimzuhalten Sie ahnte daher nicht, welche Wolke über ihrem Haupte schwebte
 
                                Viertes Kapitel
Aber auch sie hatte ihr Leid Jenes unglückliche Kind des Hauses die verirrte
Johanna lag ihr schmerzlich am Herzen Endlich nach vielen vergeblichen
Erkundigungen wusste man so viel dass sie in der großen Stadt im Norden mit dem
Manne lebe dem sie ihr Geschick anvertraut hatte Das Gerücht sprach von einer
Vermählung Man würde früher ihre Spur gefunden haben wenn man nicht aus
Rücksicht auf den Ruf der Entflohnen alle Nachforschungen nur durch die dritte
Hand anzustellen sich genötigt gesehen hätte
    Die Herzogin war durch das Ereignis im Innersten verletzt
    Den Herzog sah sie beschäftigt gedankenvoll sie meinte das Gespräch mit
ihm über diese Verwirrung bis zu einem freieren Zeitpunkte verschieben zu
müssen Inzwischen wollte sie nicht feiern Sie nahm sich vor der Unglücklichen
zu schreiben auf welche Weise dieser Brief zu versenden das sollte späterhin
überlegt werden Manche Stunde saß sie das Haupt auf die Hand gestützt vor
ihrem Schreibtische nie war ihr etwas schwerer geworden oft legte sie halb
unwillig die Feder weg endlich kam ein Blatt zustande in welchem ihre ganze
Seele zu lesen war
    Der Advokat hatte sich der Herzogin vorstellen lassen und war als Glied der
Gesellschaft aufgenommen worden Man behandelte ihn artig wie seine Sitte und
Bildung es verdiente Insbesondre ließ ihm der Herzog die unheilbringende
Botschaft nicht entgelten Denn jener benahm sich bei der Erörterung der Frage
wer hier Herr sein solle so verständig und bescheiden dass der Fürst eher eine
Art von Neigung zu ihm fasste Er hielt ihn unter einigen Vorwänden etliche Tage
zurück weil er immer noch hoffte Wilhelmi werde die vermisste Urkunde finden
und damit dem ganzen Streite auf der Stelle ein Ende machen
    In diesen Tagen ging bei dem jungen Manne eine große Verändrung vor und er
bedurfte der ganzen Festigkeit welche ihn auszeichnete um das Gefühl seiner
Pflicht in sich lebendig zu erhalten Teils Wilhelmi teils der Herzog selbst
hatten ihn im Schloss und in den Umgebungen die nicht leicht ansprechender
gefunden werden konnten umhergeführt Überall stieg ihm das Bild eines
würdigen stillprächtigen Daseins entgegen welches auf den Erwerb verzichtet
weil es in seiner Fülle genug hat Und wie in einer schönen Landschaft ein
klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklärt
wiedergibt so erhielt dieses Bild adlichen Lebens zuletzt sein seelenvolles
Auge in der Anmut der Herzogin
    Vom Herzoge hatte er sich beurlaubt Bei ihr angemeldet war er nach einem
Gartenkabinette beschieden worden Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wände
dieses Zimmers weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher von Konsolen
herab sahen die Büsten der großen Dichter Heitre und doch ernsthafte
italienische Landschaften füllten die Zwischenräume aus auf einem runden Tische
lagen rote vergoldete Bände Der Advokat schlug einige derselben auf und fand
»Hermann und Dorotea« »Tasso« »Iphigenia« Homer die Gesänge unsres
Schiller Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen
man brachte dort den Abend zu wenn es draußen zu schwül war und genoss der
Aussicht auf die neuen Anlagen welche in stetiger Folge die Blüten jeder
Jahreszeit spendeten Alle Hausgenossen welche zum Zirkel gehörten besaßen den
Schlüssel zu diesem Gemache um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu können
    Er war eine geraume Zeit lang allein und seine Empfindungen wurden immer
trüber je länger er diese gewölbten Marmorstirnen diese Prospekte auf Felsen
und Palmen Himmel und Meer betrachtete oder in die gelbrot glühenden
Georginenbeete der holden Fürstin schaute Der junge Mann hatte nichts von dem
was man heutzutage ästhetische Bildung nennt aber er folgte einem natürlichen
Gefühle Seine erste Empfindung war stets andre Menschen für edler und klüger
zu halten als sich und das Lied eines Dichters konnte ihn bis zu Tränen rühren
    In diesem der geistigen Erholung gewidmeten Orte drängten sich ihm nun
alle Anregungen der vergangenen Tage zusammen Schon erblickte er hier wo das
Schöne gute Menschen beseligt hatte ein ödes rechnendes Komptoir schon sah er
dort draußen quer über die armen Blumen über den samtnen Rasen einen Weg für
Karren und Schleifen zu irgendeiner trostlosen Fabrikhütte führen Er kam sich
selber hassenswürdig und niedrig vor dass er zu solchem Beginnen die mitelfende
Hand bieten wollte Mit dem Buchstaben eines ungerechten Rechts den geheiligten
Zustand so verehrungswerter Personen zu zerstören es erschien ihm gemein und
ruchlos Aber was sollte er tun Wie durfte er eine Treulosigkeit begehn gegen
welche sich alle seine Begriffe sträubten Im heftigen Kampfe mit sich selbst
ging er auf und nieder und blickte bald diese bald jene Büste an als fragte er
die Helden des Gesangs um Rat in seiner Not
    Denkverse standen mit goldnen Buchstaben unter jeder Konsole Er las den
Spruch unter Schillers Haupt
                    Die Weltgeschichte ist das Weltgericht
Und plötzlich kam ihm wie durch innere Erleuchtung der Entschluss »Ja« rief er
»es gibt etwas Höheres als die Form, und das ist der Gehalt Über alle Worte
und Satzungen hinaus liegen die Quellen des Wahren und Guten Kein Kontrakt kann
uns zu einer Schlechtigkeit verpflichten Mein Machtgeber kennt den ganzen Stand
der Sache ausführlich will ich ihm melden was ich hier verhandelt habe aber
dann rühre ich keine Feder mehr für ihn an«
    In einer Selbstvergessenheit wie sie ihn noch nie überwältigt hatte warf
er sich an einem Sessel vor der Büste des Dichters nieder Er war mit sich im
reinen er hatte eine neue Richtschnur für sein künftiges Verhalten gefunden Er
gelobte dem Verewigten über ihm dass er fernerhin nur dem seinen Mund leihen
wolle der ein wirkliches nicht ein bloß papiernes Recht habe müsse er auch
arm und unangesehn darüber bleiben
    So knieend fand ihn die Herzogin Wer beschreibt ihr Erstaunen Bestürzt
erhob er sich und konnte kein Wort vorbringen »Sie knieten an keiner
unwürdigen Stelle« sagte sie nach einer Pause »Man hat vor diesem Haupte immer
so reine Gedanken Sei es Ihnen nicht unlieb dass ich Sie überrascht habe Ich
bin von der altfränkischen Partei und liebe den tugendhaften Künstler wie man
ihn so schön genannt hat«
    Ihr Auge schimmerte sie nahm eine Rose vom Busen hauchte einen Kuss darauf
und legte sie auf den Sessel unter der Büste
    Er hatte sich inzwischen gesammelt und schon ganz wieder die Haltung des
schlichten Geschäftsmanns gefunden »Ich kann keine Worte vorbringen welche
Ihrer und der Geister die uns umschweben wert wären« sagte er »Ich
versichre nur dass es mich sehr freut auf Ihr Schloss gekommen zu sein und dass
ich hier etwas für meinen Beruf gelernt habe« Man wechselte noch einige
freundliche Reden Sie empfand ein stilles Zutrauen zu dem Manne der vor ihrem
geliebten Sänger das Knie gebogen hatte und nun so fest und doch so
anspruchslos vor ihr stand Sie reichte ihm die Hand zum Kusse Hocherrötend
empfing er dieses Zeichen des Wohlwollens So schied der verwandelte Feind
 
                                Fünftes Kapitel
Der Herzog hatte nach der Entlassung des Advokaten in seinen Zimmern ein
Standrecht abgehalten Im Schloss wankte eine alte Gestalt umher wie man
dergleichen wohl als Erbstück in den Häusern großer Familien antrifft Ein
sechzigjähriger Bedienter der bei dem Großvater und Vater gedient hatte und
nun noch so mitschlenderte derselbe von welchem der Fremde Wilhelmin so zornig
angemeldet worden war Eigensinnig und unverträglich war er eine Plage der
übrigen Dienerschaft er glaubte mehr Recht zu haben als sie weil er seine
Kamaraden alle hatte eintreten sehen Oft hatte man seiner Unbehülflichkeit
wegen ihn von der Aufwartung bei Tafel entfernen wollen er setzte sich aber
hartnäckig zur Wehre wenn man sein verjährtes Amt ihm zu nehmen gedachte und
einmal da man ihn mit Gewalt aus dem Saale trieb fand man ihn kurz nachher auf
dem Söller in unheimlichen Zurüstungen mit Strick und Nagel begriffen Damals
hatte der Herzog befohlen man solle ihn dulden und in seinem Wesen gewähren
lassen
    Diesem Menschen erteilte er jetzt einen ernstaften Verweis Er hatte
bemerkt dass jener statt den Fremden zu bedienen immer mit der Schüssel an ihm
vorübergegangen war so dass der Gast oft von mehreren Gerichten nichts bekommen
hatte Streng fragte er ihn was für ein Benehmen das sei und verbat sich für
die Zukunft dergleichen grobe Nachlässigkeiten
    Der alte Erich zitterte vor Ärger »Es war keine Nachlässigkeit Ew
Durchlaucht« rief er »Ich bin noch so akkurat wie einer von den Jüngsten
Aber dem sollte ich etwas zu essen geben dem der uns von Haus und Hof treiben
will Nimmermehr So einer muss hier verhungern und verdursten«
    »Was meinst du damit« fragte der Herzog betroffen »Hast du gehorcht«
    »Ich musste ja das Licht immer zu den Konferenzen bringen Höre ich nicht
wenn gesprochen wird Sehe ich nicht was zu sehen ist«
    Wirklich hatte der Herzog gleich vielen seiner Standesgenossen sich
gewöhnt die Diener nicht für Personen wenigstens nicht für augen und
ohrenbegabte zu halten Manches war schon hin und wieder in Gegenwart der
Aufwartenden verhandelt worden was diese dann zum Nachteil der Herrschaft
umhertrugen Er sagte dem Alten dass er vernünftig sein und die Sache bei sich
behalten solle
    Die Narren haben ihr Herz im Maul aber die Weisen haben ihren Mund im
Herzen Jesus Sirach am Einundzwanzigsten« versetzte Erich der gern in
biblischen Sprüchen redete »Sie denken ihren Stuhl herzusetzen aber es wird
ihnen nicht gelingen« Er klopfte auf seine linke Brust Der Herzog wusste nicht
was der Alte damit sagen wollte und bedeutete ihn mit finstrer Miene sich
zusammenzunehmen denn aller Geduld sei ihr Ziel gesetzt
    Draußen zog der zornige Greis ein langes Messer welches er immer unter dem
Rocke bei sich trug aus dem Futteral und murmelte mit der scharfen Waffe
durch die Luft fechtend Wer den Stein in die Höhe wirft dem fällt er auf den
Kopf Wer einem andern Schlingen stellt der fängt sich selber Wer seinem
Bruder Schaden tun will dem kommt es über den eignen Hals dass er nicht weiß
woher Sirach am Achtundzwanzigsten«
 
                                Sechstes Kapitel
                            Die Herzogin an Johanna
»Es ist mit dem Briefschreiben eine schlimme Sache Alles was man spricht kann
man durch Blick und Ton verdolmetschen aber die schwarzen Buchstaben stellen
sich zwischen unsre Meinung und den Dritten und wer sagt uns ob sie unsern
Sinn getreu überliefern Ich schreibe diese Zeilen mit dem innigen Wunsche
Ihnen und uns etwas Heilsames zu erzeigen muss ich aber nicht befürchten dass
Sie statt der Gesinnung nur Worte darin finden werden Darf ich von demselben
irgendeine günstige Wendung des Ereignisses welches uns betrübt erwarten Ich
lasse meines Herzens Meinung fliegen wie die Taube aus der Arche ob ich ein
Ölblatt zurückbekomme oder nicht ist mir unbekannt aber ich lasse die Taube
fliegen
    Wir dachten immer über einen Punkt sehr verschieden Sie hassen die
Selbstbetrachtung Sie glauben man verliere dadurch alle Freuden des Daseins
Mich dagegen führten die äußern Dinge von jeher in mein Inneres zurück nur was
ich dort eroberte genoss ich als wohlversichertes Besitztum Solchen
Beobachtungen selbst denen die andern niederschlagend gewesen wären verdanke
ich die größten Freuden Mit Entzücken erinnre ich mich noch des Tages wo mir
zum ersten Male recht tief im Busen die durchdringende Überzeugung von meiner
schwachen hülflosen Weiblichkeit wurde Es war am Morgen nach einem Ballabende
wo man mich mit den schönsten Artigkeiten überhäuft hatte Da erhielt ich ein
Billet und sah mich in einer Verlegenheit die ich mit allem Aufwande meines
bisschen Verstandes nicht zu besiegen vermochte und von welcher ich mir doch
gestehen musste dass ein kluger Mann sie spielend gelöst haben würde An jenem
Tage gelobte ich mir nie mich als Opfer meiner Täuschungen bekränzen zu lassen
nichts sein und vorstellen zu wollen als eine untergeordnete hülfsbedürftige
Frau Welches Glück welchen Frieden hat mir diese Erfahrung bereitet
    Ich erzähle Ihnen dieses nur um Sie womöglich zu überzeugen dass die
Einkehr in uns selbst uns nicht dem Leben entfremdet uns vielmehr mit freierem
Blicke dem Leben zurückgibt Was haben wir denn eigentlich wenn wir nichts
haben als unsre Irrtümer und den kühnen Willen sie koste es was es wolle
festzuhalten Ein Tröpfchen Wahrheit ist ja mehr wert als der ganze Strom
selbstgeschaffner Einbildungen auf dem wir vertrauen wir demselben unser
Schiff an wer weiß zu welchen öden Küsten geführt werden Könnte ich Sie
überreden einmal das was Sie Unmöglichkeit nennen zu besiegen In jedem
Menschen ist ein grauer Fleck den wir doch ja nicht mit Blumen überdecken
sollten Jenseit dieser dunklen Stelle liegt erst unser bessres Selbst Alles
was Sie wie Sie sich auszudrücken pflegen hemmt empfängt Ihren Hass aber wenn
ich Ihnen die Frage vorlegte ob Sie wohl je erforscht haben was in Ihnen
gehemmt werde würden Sie mir Antwort geben können Johanna
    Die Gegenwart umfängt uns mit den Nebeln augenblicklicher Täuschungen
Dagegen ist die Vergangenheit ein fester Spiegel in dem wir unser Antlitz
erblicken können Diesen Spiegel will ich Ihnen vorhalten so gut ich es vermag
Vielleicht zeigt er Ihnen dass an Ihrem Anzuge etwas zu ändern sei
    Als der Herzog mich nach dem Tode seines Vaters heimführte fand ich Sie im
Schloss Sie waren der Mittelpunkt des häuslichen Lebens gewesen Die
Dienerschaft hatte Ihnen zu gehorchen jeder Fremde sah in Ihnen die Dame des
Hauses Was für alle Umgebungen seit lange offenbar sein musste das Geheimnis
Ihrer Geburt hatte erst kurz vor dem Tode des Vaters aufgehört für Sie
verborgen zu sein Die Schwachheit entriss dem Greise das Wort welches seine
Liebe zu Ihnen und den Platz den er Ihnen eingeräumt erklärte Er wollte in
Ihnen vor dem letzten Abschiede nicht bloß die Tochter seiner Wahl er wollte in
Ihnen auch das Kind seines Bluts umarmen
    Ich kam nun an die junge Frau in strenger Regel erzogen Meine Lage war
nicht angenehm Hätte der Vater doch lieber sein Geständnis mit in die Gruft
genommen Mich dünkt es ist nie gut zu erfahren dass unser Dasein mit den
Einrichtungen der Welt in Widerspruch steht Sie fühlten sich was war
verzeihlicher als dass Sie sich in Ihrem natürlichen Rechte zu behaupten
suchten Sie sind großmütigen Sinns vielleicht wirkt es auf Sie wenn ich Ihnen
bekenne dass ich in den ersten Zeiten meines Ehestandes viel gelitten habe Ich
machte keine Ansprüche aber ich war denn doch die Gattin des Herrn Und nichts
um mich her war so wie ich es mochte Jener Kreis den Sie herbeigezogen
hatten er war der nicht in dem mir das Herz aufging er konnte nie der meinige
sein Große Gaben hat mir der Himmel nicht beschert aber ich vermag das Wahre
vom Falschen zu unterscheiden und in Ihrer Gesellschaft bei dem Anblick der
allgemeinen Kälte wehte mich oft ein Schauder des Todes an Ich beschloss diese
Menschen zu dulden aber ihnen entgegenzukommen mit dem Wunsche sie zu fesseln
 dazu war ich ausserstande Sie verstanden mein Benehmen unrecht ich fühlte
dass ich bei Ihnen für eine stumpfe neidische Seele zu gelten begann
    Am besten kommen wir mit denen die uns nahegestellt sind aus wenn wir uns
geradezu entschließen sie zu lieben Ich nahte Ihnen mit dem aufrichtigen
Verlangen nach Ihrer Freundschaft Ob Sie hierunter irgendeine künstliche
Absicht suchten weiß ich nicht Genug ich wurde wieder missverstanden Sie
wichen mir mit der ganzen Gewandtheit Ihres Geistes aus Nun konnte ich freilich
nichts weiter tun als mich auf meinen Gatten und micht selbst beschränken Es
kam jene Zeit des gegenseitigen Beobachtens und Deutens die uns beiden wohl
immer eine trübe Erinnrung sein wird
    Inzwischen setzte der Herzog welcher mit wichtigeren Dingen beschäftigt
auf den geheimen Zwiespalt seiner Frauen nicht achten konnte die Reformen fort
welche er nach des Vaters Tode begonnen hatte Unter den Klagen entlassner
Müßiggänger die auf meiner Schwelle lagen umgeben von verdrießlichen
Gesichtern derer die auf schmalere Bissen gesetzt worden waren sollte ich ihm
mit Meinung und Rat beistehn ich die ich mir selbst nicht zu raten wusste ich
unter deren Füßen der Boden schwankte«
                              Einige Tage später
»Am tröpfelnden Tage wünschen wir uns klaren Himmel und wenn dann der schwüle
Druck des glühenden Sonnenbrandes auf uns lastet so hätten wir gern die kleine
Unbequemlichkeit wieder  Jene mindestens unschuldige Gesellschaft hatte sich
weggewöhnt dafür kam der Verderber ins Haus und bemächtigte sich Ihrer Wie
oft wünschte ich von seiner unheimlichen Nähe bedrückt mir den Schwarm zurück
    Ich rede von Medon Ich fürchte ihn nicht und nichts in der Welt soll mich
abhalten über ihn zu sprechen wie ich denke Er ist böse grundböse er ist
böser als Worte sagen können Dieser Mann hat gewiss noch niemand ermordet aber
er wäre imstande das Menschengeschlecht zu vergiften um den Raum für seine
eingebildete Schöpfung zu gewinnen Ich schelte Sie nicht dass Sie in seine
Schlingen gefallen sind  musste ich doch selbst meinen Kopf zusammennehmen um
nicht von ihm bezaubert zu werden Aber als ich an hundert kleinen untrüglichen
Zeichen sah dass er nur ein Schauspieler wiewohl ein überaus großer war dass er
mit Wissen Geschichte Religion mit dem Ideellen seiner ganzen Erscheinung
immer auf Effekt abzielte da ergriff mich auch ein Widerwille gegen ihn wie
ich ihn noch nie gegen einen Menschen gefühlt hatte
    Mit Entsetzen bemerkte ich dass Ihre Seele einem solchen Eindrucke nicht zu
widerstehn vermochte Ich sah Ihr wachsendes Zutrauen ich sah  verzeihen Sie
mir dass ich es ausspreche  wie er mit Ihnen spielte Leider sind wir ja immer
am schwächsten wenn wir nicht schwach sein wollen Der Herzog teilte meine
Besorgnisse die Sie freilich von uns nicht hören mochten Wir waren nun einmal
in Ihren Augen prosaische Naturen Ich sah Sie dem Abgrunde zuhüpfen und Sie
stießen mich zurück als ich Sie aufhalten wollte
    Was ich lange geahnt erfolgte endlich ein auffallender Bruch aller
Verhältnisse Medon nahm Abschied und reiste Sie entfernten sich gleichzeitig
ohne Abschied und ein zurückgelassnes kurzes höfliches Billet sagte uns dass Sie
es Ihrer Neigung angemessen fänden einen andern Aufenthaltsort zu wählen Seit
dieser Zeit waren Sie für uns verschwunden In der alten Burg wo wir uns auf
unsrer Rückreise aus Osterreich nach Ihnen erkundigten haben Sie mit ihm unter
fremden Namen einige Monate lang gelebt
    Betrachtungen über diese Geschichte anzustellen halte ich für überflüssig
Redet sie selbst nicht zu Ihnen so würde mein Wort auch kraftlos sein Nur noch
eins Nicht die Liebe hat Sie hingerissen Die Liebe macht still und weich so
sah ich Sie nie Sie waren aufgeregt nicht bewegt Ihre Unzufriedenheit mit
dem was Ihnen das Schicksal zugemessen hatte Ihre Sehnsucht nach der
Ungebundenheit die nun einmal dem Weibe nicht beschieden ist fand an Medons
größerer Unzufriedenheit mit den Menschen und mit der Gegenwart an seinem
Fanatismus für einen erträumten besseren Zustand der Dinge, gleichsam die
Beglaubigung den Anhalt Aus dieser Sympatie des Missvergnügens ist Ihr
Verderben gewoben worden Die Hand auf das Herz Johanna habe ich unrecht
    Man nennt Sie vermählt Das glaube ich nicht Ein Medon verheiratet sich
nicht Sie haben Ihr Los jemandem vertraut der bei seinen Handlungen sehr wenig
an Sie denken wird
    Kehren Sie zurück Johanna Sie wandeln einen schmalen gefährlichen Weg
lenken Sie ein in die gebahnte Straße Kein Blick des Vorwurfs wird Ihnen hier
begegnen Der Herzog ist Ihnen brüderlich gesinnt die Bitte des sterbenden
Vaters bleibt ihm ein Befehl für das Leben Gern wird er Ihnen das Landhaus
welches Sie liebten so lange Sie wollen einräumen Da können Sie in der
Stille fern von unangenehmen Erinnrungen sich zurechtfinden können mit uns
wieder anknüpfen wann und wie Sie mögen Ihr Ruf ist bewahrt die Freunde
wissen nicht anders als dass Sie eine Reise gemacht haben Mich sehen Sie erst
wenn Sie selbst es wünschen Kehren Sie zurück Johanna«
Diesen Brief so freundlich er klang und so innig er gemeint war hatte die
Herzogin dennoch mit großem Widerstreben geschrieben Beinahe hätte ein Zufall
das mühevolle Werk vernichtet Sie besaß einen zahmen Papagei der frei im
Zimmer umherspazierte und von der Gebieterin verzogen nach der Weise dieser
affenähnlichen Vögel tausend Possenstreiche ausgehn ließ Er pflegte in der
Regel ernstaft auf der Lehne ihres Stuhls zu sitzen wenn sie arbeitete oder
schrieb Als sie eben mit dem Briefe fertig geworden war schoss er von seinem
Platze auf die Klappe des Sekretärs hatte den Brief im Schnabel und war damit
im Umsehn weg Schon saß er in einer Ecke bereit das Papier mit Schnabel und
Krallen zu zerarbeiten Sie jagte ihm den Raub zwar wieder ab ob sie aber sehr
gezürnt haben würde wenn der Vogel die Vernichtung vollendet hätte steht
dahin
 
                               Siebentes Kapitel
Während seine Wohltäter auf so verschiedene Weise beschäftigt waren lag Hermann
noch immer in der Bewusstlosigkeit des Fiebers Beinahe etwas zu hart war er für
seinen irrtümlich verwendeten Eifer bestraft worden Denn der Degen des alten
Raufbolds hätte nur noch einen Zoll tiefer zu schneiden gebraucht so wäre die
Leber verletzt gewesen Eine geraume Zeit lang hatte er ohne Hoffnung gelegen
Nach und nach kehrte die Besinnung zurück anfangs wie ein dämmernder Traum
dann wie ein blasser zarter Tag
    Als er die Augen aufschlug sah er einen ernstaften Mann an seinem Lager
sitzen der ihm die Medizin reichte Er kannte den Mann nicht Ein andrer
Unbekannter schwarzlockig kam und fühlte den Puls »Wo bin ich« fragte er mit
matter Stimme »Bei Freunden« versetzte der Arzt »halten Sie sich ruhig«
    Die nächsten Tage vergingen unter der treuen Obhut jener Männer Er hatte
das Gedächtnis eingebüßt Als man ihm den Herzog nannte die kleine Stadt in
deren Nähe man ihn verwundet gefunden wusste er von nichts Seine Sinne litten
an krankhafter Reizbarkeit wenn er etwas Rauhes anfasste schmerzten ihm die
Fingerspitzen ein hartes Auftreten dröhnte ihm im Ohr das helle Tageslicht
hätte er nicht zu ertragen vermocht Bei der Dämmrung verhangner Fenster bekam
er Zeit seine Lebensgeister wieder zu sammeln
    Er fand sich in einem hohen ernsten Zimmer Alte Stukkatur verzierte die
Decke von den Wänden hingen schwere rote Tapeten herab massive vorzeitliche
Meubles standen umher Große eichne Flügeltüren wiesen nach andern Gemächern
Kaum hallte ein Fußtritt durch den Gang Man hatte den Verwundeten absichtlich
im stillsten Teile des Schlosses untergebracht
    Die Einsamkeit und die altertümliche Umgebung machten einen angenehmen
Eindruck auf ihn welcher durch die Töne der Orgel zu bestimmten Morgenund
Abendstunden aus der nahen Kapelle herüberklingend noch verstärkt wurde
Wilhelmi und der Arzt erschienen pünktlich mehrmals des Tages der alte Erich
versah die Aufwartung Nach und nach traten die Bilder der Tage welche diesem
einförmigen Zustande vorhergingen aus dem Dunkel aber wie Schatten ohne
rechten Zusammenhang Er suchte nach einem festen Punkte er hätte sich um sein
Leben gern auf eine Gestalt besonnen die ihm nicht erinnerlich werden wollte
    Einst brachte ihm Wilhelmi eine Schale voll der schönsten Pfirsichen »Diese
Früchte schickt Ihnen die Herzogin« sagte er
    Die Herzogin Der Name durchzuckte ihn wie ein Blitzstrahl Sie war es die
Gestalt nach welcher er vergebens bisher gesucht hatte Nun sah er sie nun
stand sie vor ihm in dem feinen braunen englischen Kleide er hörte sie in
der Kapelle ihn zurückweisen er half ihr vom Zelter er empfing von ihr das
Geld Flämmchen zu retten Alles jeder Moment war ihm mit einem Schlage
gegenwärtig
    Wilhelmi lächelte über die Ausrufungen welche bei dieser Gelegenheit laut
wurden »Unsre Fürstin verdient Ihren Enthusiasmus« sagte er »Sein Sie nur
recht dankbar wenn Sie Ihr Zimmer wieder verlassen haben werden sie hat große
Teilnahme an Ihnen bezeugt Man hat Sie uns grade zur rechten Zeit ins Schloss
getragen Wir andern sind mit unsern Geschäftsgesichtern jetzt wenig geeignet
sie zu unterhalten wie sie es verdient
    Er ließ Hermann allein der sich in diesen süssschmerzlichen Fall nicht zu
finden wusste »Aufgedrungen bin ich hier Welches Geschwätz dass sie teil an mir
nehme Ja den Almosenanteil eines gewöhnlichen Mitleids« rief er aus Nicht
lange konnte er dieser Wehmut nachhängen Die Türe flog auf und Flämmchen
herein Tränen im Auge fiel sie ihm zu Füßen drückte und küsste seine Hand und
war wie außer sich vor Freude dass man sie wieder zu ihm gelassen habe  »Ich
hatte das beste Mittel dich in drei Tagen gesund zu machen das wollte ich dir
eingeben da rief mich der böse Doktor von dir und sie haben mich abgesperrt
gehalten O hier ist es sehr hässlich alles so gleich und langweilig wie im
Grabe lass uns bald fort«
    Sie drückte seine Hand so dass er sie unter empfindlichem Schmerze
zurückzog Langsam kehrte ihm die Erinnrung an diese Figur wieder »Ich habe
meine Wunde um dich bekommen welche Not wirst du mir noch sonst verursachen«
sagte er »Wie konntest du so unbesonnen sein mir als Knabe zu folgen«
    »Es war doch gut dass der Knabe bei der Hand war« versetzte sie trotzig
»Du hättest sonst unter den Fichten verbluten müssen Wie sprichst du denn Ich
dachte die Schmerzen hätten dich vernünftiger gemacht Wo soll ich anders sein
als bei dir«
    »Es ahnt doch wohl niemand hier dein Geschlecht« Sie sah ihn starr an
»Geschlecht Was ist das«
    Hermann befahl ihr streng sich ordentlich zu betragen und nicht aus dem
Vorzimmer zu weichen Er drohte ihr mit augenblicklicher Verstossung wenn sie
mit irgend jemand außer mit ihm spräche Traurig den Kopf hängend schlich sie
fort Der Arzt der ihn schon für geheilt erklärt hatte fand ihn gegen Abend
verändert Gemütsbewegung und Sorge hatten ihn aufgeregt es meldete sich wieder
ein kleines Fieber Auf seine Fragen wollte Hermann mit der Sprache nicht
heraus
    Die Tür zum Vorzimmer war offen geblieben Flämmchen saß am Tische und
studierte in einem Punktierbuche Ein verlegner Blick Hermanns auf sie verriet
woher das Fieber rühre Der Arzt zog die Türe zu »Beruhigen Sie sich« sprach
er »Ihr Geheimnis mit dem Mädchen ist unentdeckt und soll unentdeckt bleiben
wenn Sie vernünftig sind«
    »Geheimnis Mädchen Ich verstehe Sie nicht« stotterte Hermann
    »Gemach mein Freund nur keine Maske Vor seinem Arzte muss man offen sein
auch sind wir in solchem Punkte nicht so leicht zu täuschen Sein Sie unbesorgt
ich weiß es sonst niemand Unser Wilhelmi sieht vor der Verderbnis des
Zeitalters im allgemeinen das besondere Fleckchen zu seinen Füßen nicht dem
Herzog sind alle romantischen Dinge Allotria um welche sich ein Mann der
Geschäfte hat nicht bekümmert und unsre schöne fürstliche Tugend glaubt an
nichts Schlimmes weil sie selbst nie einen bösen Gedanken gehabt hat Die
Kammerjungfer welche etwas erlauscht haben musste hat Sie anschwärzen wollen
sie ist heute als Verleumderin des Dienstes entlassen worden Dass ich es treu
mit Ihnen meine können Sie daraus abnehmen dass ich Ihrem Fritz oder wie
dieser Jüngling sonst heißen mag sein langes Haar welches leicht zu einer
Entdeckung führen konnte habe abscheren lassen Als Schwedenkopf geht er schon
eher mit durch«
    »Um Gotteswillen urteilen Sie nicht übel von mir« rief Hermann »Ich
brauche mich des Verhältnisses zu jener Unglücklichen nicht zu schämen«
    »Ich bin kein Richter und am wenigsten ein Sittenrichter« erwiderte der
Arzt etwas spöttisch »Die Moralität unsrer Kranken geht uns nichts an Aber
mein tugendhafter Freund hier in diesem ehrbaren Altvaterschlosse darf der
Skandal nicht fortgesetzt werden Denn ein Skandal bleibt es doch immer wenn
ein verkleidetes Mädchen welches die Kinderschuhe vertrat sich bei einem
jungen Manne aufhält Nur unter der Bedingung schweige ich dass Sie diesen
Zwitter so bald als möglich fortschaffen«
    Hermann erklärte dem Arzte dass es sein eigener sehnlichster Wunsch sei
Flämmchen irgendwo sicher unterzubringen Er wollte ihn über das Mädchen
ausholen bekam aber anfangs nur ziemlich ironische Antworten zu hören welche
deutlich anzeigten wofür er gehalten werde Zuletzt gab der Arzt dem Andringen
Hermanns verwundert nach und rief
    »Entweder sind Sie ein vollendeter Heuchler oder hier ist etwas was mir
mein Konzept über die Menschen verrückt Wie Sie sollten von ihr so wenig
wissen und doch wäre sie bei Ihnen Sie hätten sie nicht ihrem Vater entführt
der alte Johanniter hätte Sie nicht für dieses Unterfangen verwundet«
    »Wer kann das behaupten«
    »Die beiden Alten haben es überall ausgesagt Ich hatte Mühe genug die
Sache zu stillen«
    »In welcher schrecklichen Verlegenheit befinde ich mich« seufzte Hermann 
Die Mitteilungen des Arztes flössten ihm ein Grauen gegen das Wesen ein welches
sich so gewaltsam so seinen Spuren nachdrängte
    »Sie ist« berichtete jener »durchaus und bis in die letzte Faser ihrer
Natur Aberglauben und nie habe ich diese geistige Krankheitsform so rein
auftreten sehen Ich habe jetzt über alles was uns das Mittelalter von Hexen
Besessenen Doppelgängern und ähnlichen Fratzen erzählt durch sie eine andre
Meinung bekommen diese Dinge waren keineswegs Pfaffentrug ich sehe an einem
lebendigen Beispiele dass eine verstörte Einbildungskraft alles das hervorrufen
kann Sie tut keinen Schritt ohne irgendein willkürliches Orakel zu fragen sie
hat Visionen sie führt im Mondschein sonderbare Gespräche mit ihrem Schatten
dabei ist sie durchaus nicht heimlich und verschlossen nein man kann ihre
ganze Verkehrtheit in jedem Augenblicke von ihr erfahren weil die
abenteuerlichsten Dinge ihrem Geiste so gemein erscheinen wie uns der Wechsel
der Tageszeiten Ihr Verderben wäre sie gewesen kam ich im rechten Augenblicke
nicht noch dazu Gerade als Sie in der heftigsten Fieberhitze lagen fand ich
sie im Begriff Ihnen einen Trank einzugeben der wie mich die Untersuchung des
Gemisches lehrte Sie in wenigen Stunden getötet haben würde Woher sie die
Spezies bebkommen Von wem das Zeug bereitet worden habe ich nicht ausmitteln
können Zufälligerweise geriet mir kurz nachher eins jener alten verworrnen
Büchelchen aus dem siebenzehnten Jahrhundert in die Hände worin allerhand
Phantastereien als Naturkunde prunken und darin fand ich das Arkanum Ihrer
unberufnen Helferin als allgemeinen Lebensbalsam Gran für Gran verordnet«
    »Aber wie ist nur eine solche Verbildung möglich geworden«
    »Fragen Sie mich in Ernst so kann ich darauf nur Mutmaßungen mitteilen Sie
wuchs auf unter Leuten deren eigentliches Geschäft es ist alle ihre Stunden in
Schein und Schaum zu verzetteln Denken Sie sich lebhaft das Innere einer
Komödiantenwirtschaft und Sie haben das Bild der Gemeinheit und faselnden
Dämelei von welcher das Kind immer umgeben war Die Einbildungskraft überragt
in ihr alle andern Vermögen dabei fehlt ihr das Talent der Nachahmung woraus
die Schauspielkunst entspringt Es mangelte ihr also in jenem Kreise die
Möglichkeit mit dem Äußeren Wirklichen anzuknüpfen Sie ist sehr unwissend
Lesen und Schreiben hat man sie zur Not gelehrt übrigens weiß sie von dem
Zusammenhange der Dinge nichts und alles Überirdische ist ihr völlig fremd
    Gleichwohl will ein lebhafter Sinn eine entzündliche Phantasie
Beschäftigung Früh mögen ihr manche Sachen in die Hände gefallen sein die im
verflossenen Jahrzehnt Mode waren jene talentvollbizarren Ausgeburten eines
vielgelesenen Autors worin das Märchenhafte ja das ganz Unmögliche und
Widersinnige dicht an die tägliche Umgebung geschoben wird Fabeln die aus
fabelhaftem Rahmen blicken wären wohl kaum imstande gewesen die junge Törin so
zu verwirren aber diesen alten Weibern welche so vertraut an der und der
Straßenecke sitzen und dann plötzlich Gott weiß was werden diesen Koboldchen
und Diavolinis in Schlafrock und Pantoffeln vermochte das Gehirnchen keinen
Widerstand zu leisten Sie hat sich eine Art von Fetischismus gebildet und es
ist mir oft merkwürdig gewesen an ihr dasselbe wahrzunehmen was man uns von
den Völkern erzählt die sich noch auf der Stufe der Kindheit befinden Im
ganzen bemerkte ich nämlich auch an ihr dass alle Religion aus dem Schrecken
entspringt und dass der Mensch das Gute und Angenehme als sich von selbst
verstehend hinnimmt Der große Stein im Schlosshofe an dem sie sich im Sprunge
den Fuß verletzte ein alter fauler Weidenbaum der ihr als sie sich eines
Abends verspätet hatte zum Entsetzen ins Auge glühte die verwitterten in den
dunklen Gang nach dem Archive beiseite geschaften Gartenstatuen sind die
Gegenstände ihrer heimlichen fürchtenden Verehrung während sie bei keiner
Blume an etwas andres denkt als dass sie wohl rieche den Sonnenschein und die
gute Speise genießt ohne darüber nachzusinnen woher beides stamme«
 
                                 Achtes Kapitel
Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glück sein Unser Leben wird zur
größeren Hälfte von Gewohnheiten und nur zur kleineren von Freiheit und
Entschluss genährt Gewohnheiten aber sind meistens die Polster welche die
schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen Eine Krankheit unterbricht nun
den einschläfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten und macht es dem Genesenden
möglich sich nicht bloß im körperlichen sondern auch in einem höheren Sinne
wie neugeboren zu fühlen
    Wirklich nahm sich Hermann in den ersten Tagen des wiedergeschenkten Lebens
ernstlich vor künftig vorsichtiger zu sein Die Äußerungen des Arztes hatten
schon ein unangenehmes Streiflicht auf seine Ritterschaft geworfen und
Flämmchens eigne Reden dienten nur dazu den Tag heraufzuführen bei dessen
Glanze er sich zuletzt wie ein zweiter Don Quixote vorkommen musste Das wilde
Mädchen hatte gar kein Hehl dass sie sich bloß vor der Strenge des alten
Johanniters gefürchtet habe Ihre Tugend war durchaus nicht in Gefahr gewesen
das sah ihr Beschützer nunmehr zu seinem Leidwesen ein Es war ihm
unbegreiflich wie sich ein solches Hirngespinst in ihm hatte festsetzen können
und er beschloss hinfort noch kälter und klüger zu sein als er nach seiner
Überzeugung bereits war
    Die Lage in der er sich trotz aller Unschuld befand war sehr zweideutig
Ein junges Mädchen verkleidet Tag und Nacht in seinem Vorzimmer zu wissen
welches Missgefühl für ihn welch ein Anlass zu den übelsten Verwicklungen Aber
wohin sollte er mit dem Kinde Vom Pflegevater an den er gleich geschrieben
hatte er eine in schwülstigen Ausdrücken verfasste ablehnende Antwort erhalten
So grausam durfte er nicht sein ein verlassnes Wesen von sich zu stoßen und
konnte er hoffen dass jemand sich mit dem verwahrloseten Geschöpfe befassen
werde
    Diese Sorgen hielten ihn mehrere Tage lang zwischen Furcht und Zweifel
gespannt Niemand konnte er sich vertraun dabei war ihm der Mangel an aller
ordentlichen Bedienung äußerst lästig Sein Kaleb war ohne Ohr für die Stunde
ohne Sinn für Ordnung warf alles unter und übereinander und wenn er ihr
Anweisungen gab oder Strafpredigten hielt so fiel sie ihm um den Hals statt
zu gehorchen Er war daher fast allein auf sich und seine Hände beschränkt und
dazu kam noch dass schon ihr Geschlecht ihm verbot manches von ihr zu fordern
dessen ein Genesender bedarf Der Arzt der allein hier hätte einschreiten
können schien voll Schadenfreude kein Auge für diese Verlegenheiten zu haben
    Konnte ihm etwas seine verdrießliche Situation erträglich machen so war es
der Umstand dass das Mädchen über alles was Lüsternheit oder nur Sinnlichkeit
heißen mochte in völliger Unbekanntschaft lebte Er sammelte hierüber
merkwürdige Erfahrungen ein und musste die ewige Konsequenz der Natur bewundern
welche immer nur in einer Richtung bildet und missbildet Während ihre Phantasie
ganz vom Abenteuerlichen und Seltsamen geschwängert worden war blieb sie rein
von allen den Dingen, womit sich sonst in den Jahren der Entwicklung ein stilles
und gefährliches Nachsinnen zu beschäftigen pflegt Mit dem Gedanken dass er sie
heiraten werde woran sie starr und steif festhielt verknüpfte sie keine andre
Vorstellung als dass sie sich neben ihm in weichgepolsterter Kutsche wiegen
oder den Schmuck einer vornehmen Dame am Halse tragen werde
Eines Tages war er auf einen Augenblick ins Freie gegangen und fand sie als er
zurückkehrte nicht in ihrem Vorzimmer Am Pfosten des Bettes hing ein
Täschchen wie es schien vollgestopft Ein Buch das hervorsah machte ihn
neugierig er nahm das Täschchen und leerte es aus Da zeigte sich ein
sonderbarer Inhalt Allerhand Dornen Stäbchen beschmutzte Bilder
halbzerbrochne Whistmarken kamen zum Vorschein Ein sogenannter Krötenstein
wurde sichtbar nebst Stücken von einem Kindesschädel Er sah ein Band von
ungewöhnlicher Farbe auf dem fremdartige Charaktere eingestickt waren
vermutlich das Ordensband einer Loge irgendwo verlorengegangen Er öffnete ein
zugenähtes Säckchen dieses fand er mit Salz und Kümmel angefüllt1 Er schlug
die Büchlein auf welche das Täschchen enthielt und sah die Vermutung des
Arztes bestätigt Es waren einige von den Sachen die vor Jahren die
Einbildungskraft aller jungen Leute so sehr in Bewegung setzten die
»Teufelselixiere« der »Goldne Topf« »Rasmus Spikher« uam teils vollständig
teils in zerlesenen Bogen und Blättern
    Er hielt also den Kram in Händen welcher das Gehirn des armen Kindes
verdreht hatte Mit der Vertilgung dieser äußerlichen Dinge meinte er den
Aberglauben an der Wurzel zu zerstören und warf daher alles rasch in das
herbstliche Kaminfeuer
 
                                Neuntes Kapitel
Eine geheime Scheu hatte ihn noch immer abgehalten sich seinen Wohltätern
vorstellen zu lassen obgleich er das lebhafteste Verlangen empfand der edlen
Herzogin wieder in das Antlitz zu sehen Er errötete wenn er ihrer gedachte und
verschob den Tag des Besuchs von Woche zu Woche unter dem Vorwande dass er noch
zu angegriffen sei um in Gesellschaft erscheinen zu können obgleich der Arzt
ihm längst alle Rechte der Gesunden eingeräumt hatte Diesem Manne musste er sich
dankbar und verpflichtet fühlen dennoch empfand er kein Behagen an seinen
Gesprächen Der Arzt hatte seine Wissenschaft mit Geist und Freiheit studiert
die verwandten Naturgebiete waren von ihm in den Kreis der Betrachtung gezogen
worden er teilte sich gern und ausführlich mit Aber freilich hatten diese
Studien die gewöhnliche Folge gehabt Dem Eingeweihten war das animalische Leben
die Hauptsache geworden Von Natur zweiflerisch gesinnt hatte er durch ein
wundes Verhältnis welches ihn heimlich peinigte einen noch schärferen Blick für
den Zwiespalt der einzelnen Dinge bekommen Alles Geistige und Gemütvolle fand
an ihm einen entschiednen Verneiner der die ätzendsten Einwürfe im ruhigsten
Tone vortrug
    Jene trostlose Meinung dass der Mensch sich nur durch eine Art von höherem
Instinkt über das Tier erhebe trat hier in reiner ausgeprägter Gestalt auf Der
Arzt war unerschöpflich in Beispielen welche beweisen sollten dass alles
ideelle Streben der Menschheit und des Menschen immer nur zur Torheit oder zum
Verbrechen geführt habe dass der Kreis in welchem sich die Geschlechter
umherdrehn ein überaus kleiner sei und dass nur die unermüdliche Einbildung der
Selbstgefälligkeit ihn zu einem großen erweitre oder seine Peripherie in die
beliebte grade Linie nach dem sogenannten Ziele der Vollkommenheit verwandle
    Hermann hatte sich wie wir wissen selbst für einen frühreifen Propheten
des Nihilismus gehalten Wie aber das Licht der Kerze neben der Strahlenglut der
Sonne erbleicht so schmilzt die Spielerei eines angeeigneten Wahns am Feuer
einer echten Gesinnung Er bestritt den Arzt mit allen Waffen die ihm zu Gebote
standen und führte die Sache der Begeisterung so gut er konnte An Eifer fehlte
es ihm nicht aber die Rüstkammer welche für solchen Streit nur in der
Geschichte oder in dem eignen auf große Weise geführten Leben anzutreffen ist
war ihm verschlossen Sein Leben wenn er es gründlich untersuchte erschien ihm
ziemlich dünn und die Geschichte hatte er wie er zu seinem Schrecken bemerkte
über der Beschäftigung mit den Zeitungen bis auf einige allgemeine Umrisse fast
vergessen Der Fülle von Stoff welche der Arzt phalanxartig ihm entgegensetzte
wusste er selten auslangend zu begegnen und musste sich eines Tages als jener
jede eigentliche Freundschaft bestimmt leugnete und mit grausamer Deutlichkeit
alle Verbindungen unter Männern aus dem Interesse ableitete mit dem Argumente
der Frauen helfen dass er trotz allem Gesagten doch fühle es sei anders und
besser
    »Orest und Pylades Damon und Pytias gehören in das Reich der Fabeln«
sagte der Arzt »Wenn es wahr ist was man von Jonathan erzählt so sehe ich
darin nichts Großes Er wusste recht wohl dass er von seinem Vater Saul wenig zu
befürchten habe und dass es immer vorteilhafter sei sich zur aufgehenden Sonne
zu halten als zur sinkenden Und so geht es noch heutzutage Wie empfindsam
wurde der Göttingische Dichterbund ausgeputzt Die Jünglinge umarmten einander
unter der Bundeseiche unweit der Leine hoben die Finger empor und leisteten den
Schwur ewiger Treue Klopstock erschien in ihren Versammlungen als Oberpriester
und Erzdeutscher wie schön wie erhebend Die Treue hielt auch vor solange
einer vom andern regelmäßig seine Ode empfing als aber dieser Tauschhandel
wechselseitiger Begeisterung flau ward schlief die Liebe allgemach ein und an
ihrer Stätte erwachte ein grimmiger Hass der noch nach Jahren gedruckt
hervorbrach und von dem wenigstens ich den Grund nur darin finde dass Voss
Stolberg und Stolberg Voss zu besingen überdrüssig geworden war Glauben Sie mir
die Sache steht nüchtern betrachtet so Jugendfreundschaften dauern nie aus
und was in den späteren Jahren Freundschaft genannt wird bezieht sich auf
Sachen und Zwecke nicht auf die Person Wenn man aufrichtig sein will so wird
man sich gestehen müssen dass ein Mann immer vor dem andern im letzten Winkel
seiner Seele einen geheimen Widerwillen behält Auch in dieser Hinsicht sollten
wir uns von unsern Mitgeschöpfen nicht so weit entfernt glauben Der
Sozietätstrieb lässt sich nicht leugnen er ist aber auch in den Ameisen und
Bienen in der Wanderratte und unter den Vögeln in den Krähen und Staren
sichtbar Die Freundschaft soll wenn sie echt ist reingeistiger Natur sein
nun frage ich wie kann sie also uns die wir in Haut und Knochen Fleisch und
Sehnen hangen eignen«
    »Mit solchen Reden kann man freilich den Frühling entlauben die Menschheit
entmenschen und den Himmel entgöttern« rief Hermann  »Sie selbst aber sind
wie alle Verkündiger des Nichts Ihr eigener Widerleger Sie fühlen sich zu
andern hingezogen ohne Eigennutz Sie haben Zuneigungen die um ihrer selbst
willen vorhanden sind, ohne Rücksicht auf Vorteil oder sonstige unedle Motive«
 »Was wollen Sie damit sagen« fragte der Arzt verlegen
    »Ich bin geheilt Ihr Amt hat bei mir aufgehört« versetzte Hermann warm und
eifrig »Dennoch kommen Sie täglich zu mir Ich weiß dass ich Ihnen nichts
bieten kann was Ihren Verstand beschäftigte Und doch kommen Sie und wir sind
stundenlang zusammen Soll ich aus dieser Annäherung wodurch Sie mich höchlich
ehren und erfreun die Folgrung gegen Sie machen oder übernehmen Sie dies nun
selbst«
    »Ich muss ja wohl« erwiderte der Arzt indem er beruhigt Atem schöpfte und
seine Hand aus der Hand Hermanns ohne dessen Druck zu erwidern zurückzog Er
sprach von andern gleichgültigen Dingen konnte aber ein Lächeln nicht
verbergen womit er hin und wieder unsern Freund von oben bis unten betrachtete
Beim Abschiede sagte er »Sie glauben nicht wie unsereinen jetzt wo man fast
nur eingebildete Kranke unter Händen hat ein wirkliches großes Übel wie das
Ihrige war anzieht Und dann sah ich als ich Sie baden ließ dass Sie den
schönsten normalsten Körper besitzen den ich je erblickte Ich muss gestehen dass
mir ein solcher Leichnam noch nie auf dem anatomischen Theater vorgekommen ist«
    Hieraus merkte denn Hermann freilich dass er dem Arzte mehr ein
patologisches Objekt sei als ein Gegenstand der Zuneigung Verstimmt und
traurig fand ihn Wilhelmi der in der Regel gegen Abend kam mit ihm Schach zu
spielen Zu diesem zog ihn die Sympatie in dem Masse hin als ihn der Arzt
abstiess Auch hier trat ihm eine verzweifelnde Ansicht des Lebens entgegen aber
die Verzweiflung entsprang aus dem fruchtlosen Suchen nach der irdischen
Erscheinung der himmlischen Urania Wilhelmi gehörte zu den vielen Deutschen
bei denen der Sinn die Tatkraft überwiegt Es scheint fast dass man mit einem
gewissen Leichtsinn handeln müsse um eigentliche Resultate zu erblicken Er war
mit seinem bedeutenden Verstande mit seinen Kenntnissen und Gesinnungen doch
nur in kleinliche Verhältnisse geraten unter Zaudern und Wählen waren ihm die
besten Lebensjahre verstrichen Nun war er der Diener eines abgelegen hausenden
Dynasten und konnte sich in dieser Stellung unmöglich gefallen Aus dem
Missverhältnis in welchem er sich zu seinem Geschicke fühlte erwuchs ihm das
Gefühl für das allgemeine Missverhältnis in der Welt ein Gefühl welches durch
körperliche Leiden noch geschärft wurde Unzufrieden mit allem was er in der
Wirklichkeit sah erbaute er sich eine Art von Traumwelt und suchte sich in
allerhand Willkürlichkeiten eine problematische Existenz zu gründen da das
Leben ihm die Mittel zu einer andern nicht bieten wollte
    Die Jugend hat einen natürlichen Hang die Welt anzuklagen um das Recht zu
bekommen sie zu verbessern und wer diesen Ton voll und stark erklingen lässt
wird ihr immer angenehm sein Hermann hatte von dem ernsten verdrießlichen Manne
eine hohe Meinung gefasst und überbot sich mit ihm in Reden gegen die Menschheit
und Zeit wo es sich denn oft ergab dass er über das Ganze grade das Gegenteil
von dem sagte was er kurz vorher dem Arzte gegenüber im Einzelnen aufrecht zu
erhalten versucht hatte Der Schimmer des Geheimnisvollen welcher Wilhelmi
umwebte vermehrte nur den Eindruck seiner Persönlichkeit Hermann hatte
bemerkt dass wenn er jenen nach seiner Wohnung im ältesten Teile des Schlosses
begleitete er nicht in das eigentliche Arbeitszimmer des Freundes gelassen
sondern in einem Vorgemache abgefertigt wurde Die Spöttereien des Arztes über
die Höhle des Sehers welche kein Profaner betreten dürfe reizten seine Neugier
nur noch stärker und er spürte mehrmals die Versuchung wenigstens durch das
Schlüsselloch in das Mysterium zu blicken wenn Wilhelmi ihn zurücklassend
durch die Pforte abschritt um ein Buch oder sonst etwas worauf die
Unterhaltung geführt hatte zu holen
    Wilhelmi seinerseits erfreute sich endlich eines geduldigen Zuhörers ja
einer zweiten Stimme in dem Konzerte welches er so gern anstimmte und in dem
er bisher fast immer nur Solo hatte spielen müssen Aus dem Zusammenreden
entstand bald ein Zusammenempfinden und da Hermann ihm mit wahrer Liebe
entgegenkam so konnte ein aufrichtiges Wohlwollen des älteren Mannes nicht
ausbleiben Dieser nahm sich im stillen vor eine Lieblingsgrille welche er
noch niemand zu eröffnen gewagt hatte mit seinem jungen Freunde auszuführen
    Als einige Partien gemacht worden waren in denen sich Hermann heute
ziemlich schwach verhalten hatte stand Wilhelmi auf ging mit feierlichem
Anstande durch das Zimmer trommelte sodann auf den Fensterscheiben und sagte
und tat hiernächst gewisse Dinge die nicht verraten werden dürfen Seine
Mutmaßung bestätigte sich Hermann antwortete wie er musste und beide
schüttelten einander als Brüder einer weit verbreiteten Genossenschaft herzlich
die Hand »Kommen Sie« sagte Wilhelmi »ich habe Ihnen etwas zu vertraun«
Erwartungsvoll folgte Hermann seinem Verbündeten durch die langen Gänge des
Schlosses Es war schon spät und die Fußtritte hallten auf dem Estrich
Wilhelmi nahm in seinem Vorzimmer zwei Armleuchter vom Tische zündete die
Kerzen an und hieß mit dem Ernste eines Magus Hermann in das Allerheiligste
treten
    Wir meinen das Studierzimmer Hier wurde freilich die Erwartung des Gastes
enttäuscht Er sah nichts als eine Art Faustischer Zelle wie sie zu jedem
deutschen Gelehrten herkömmlich gehört Bücher standen auf Brettern die vom
Fußboden bis zur Decke emporreichten Glasschränke mit Antiquitäten und
allerhand Seltenheiten nahmen den übrigen Raum ein jede etwa noch leere Stelle
an der Wand war mit einem Kupferstiche einer Zeichnung oder einem Risse
zugedeckt Man konnte sich kaum umdrehn Vergebens aber spähte Hermann nach
Geheimnissen »Warum halten Sie dieses Zimmer so verborgen« fragte er
ungeduldig seinen Wirt der mit ängstlicher Sorgfalt einige Federn die von dem
ein für allemal angewiesenen Orte gewichen waren zurechtlegte
    »Hier ist der einzige Raum auf der Welt wo ich frei Atem hole« versetzte
Wilhelmi »Zwischen diesen vier Wänden liegt mein Asyl hier kann ich sein wie
ich will und nur mein innigster Freund soll dieses kleine Königreich mit mir
teilen Kein kaltes kein freches Gesicht störe den Frieden der hier mich
umsäuselt Hier bleibe es Ordnung wenn die Unordnung draußen auch noch so groß
wird«
    Wirklich schien dieses Gemach so überfüllt es war ein Heiligtum saubrer
Genauigkeit zu sein Kein Stäubchen wäre wegzublasen gewesen denn Wilhelmi
fegte selbst mehrmals des Tages alles ab und dem Diener war nur erlaubt den
Grund zu kehren Symmetrisch geordnet lagen und standen auf dem Schreibtische
Papiere Federmesser Brieffalzer in abgemessner Entfernung voneinander umsonst
würde ein Maler hier das Modell zu der reizenden Verwirrung eines Stillebens
gesucht haben In Reihe und Glied schnurgrade standen die Bücher von himmelblau
angestrichnen Brettern hoben sich die Raritäten hinter wasserhellen Scheiben
nett und deutlich ab
    »Helfen Sie mir« sagte Wilhelmi zu Hermann der die Totenurnen die
Elfenbeinsachen in den Schränken die Zeichnungen und Risse an den Wänden
betrachtete Sie gingen in ein Seitenkabinett und Wilhelmi schlug den Deckel
von einem großen Kasten zurück Mit Verwundrung sah Hermann darin einen
vollständigen mystischen Apparat
    Als sie ihn auspackten horchte Wilhelmi auf »Mir war es« sagte er »als
hörte ich ein Geräusch« Im Zimmer war aber nichts zu erblicken Vorsichtig
schloss er die Türe nach außen ab
    Hierauf schmückten beide das Zimmer in seltsamer und geheimnisvoller Weise
aus »Tun wir auch recht« fragte Hermann bedenklich »Es ist auf kein Schisma
abgesehn« versetzte Wilhelmi »ich stelle diese Zeichen nur um uns her unsre
Gedanken von der gemeinen Alltäglichkeit abzusondern die leider in jedem
Momente sich aufdrängt« Er nahm in einem tronartigen Lehnstuhle Platz Hermann
musste sich gegenüber auf einem Tabouret niederlassen Er war sehr gespannt auf
das was aus diesen Anstalten sich entwickeln werde Wilhelmi begann seinen
Vortrag folgendermaßen
 
                                Zehntes Kapitel
»Wir können nicht leugnen dass über unsre Häupter eine gefährliche Weltepoche
hereingebrochen ist Unglücks haben die Menschen zu allen Zeiten genug gehabt
der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist aber sich auch ohne alles besondere
Leid unselig zu fühlen Ein ödes Wanken und Schwanken ein lächerliches
Sichernststellen und Zerstreutsein ein Haschen man weiß nicht wonach eine
Furcht vor Schrecknissen die um so unheimlicher sind als sie keine Gestalt
haben Es ist als ob die Menschheit in ihrem Schifflein auf einem
übergewaltigen Meere umhergeworfen an einer moralischen Seekrankheit leide
deren Ende kaum abzusehn ist
    Man muss noch zum Teil einer andern Periode angehört haben um den Gegensatz
der beiden Zeiten deren jüngste die Revolution in ihrem Anfangspunkte
bezeichnet ganz empfinden zu können Unsre Tagesschwätzer sehen mit großer
Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands wie er gegen das letzte Viertel des
vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte und noch eine Reihe von Jahren
nachwirkte herab Er kommt ihnen schal und dürftig vor aber sie irren sich
Freilich wussten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt
die Kreise in denen sie sich bewegten waren kleiner aber man war mehr in
seinem Kreise zu Hause man trieb die Sache um der Sache willen und dass ich
bei der Schutzrede für die Beschränkung mit einem recht beschränkten Sprüchlein
argumentiere der Schuster blieb bei seinem Leisten Jetzt ist jedem Schuster
der Leisten zu gering woher es auch rührt dass kein Schuh mehr uns bequem
sitzen will
    Wir sind um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen Epigonen und
tragen an der Last die jeder Erb und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt Die
große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und
Hüttchen aus unternahmen hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt welche nun
auf allen Markttischen ausliegen Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die
geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu
erwerben Aber es geht mit geborgten Ideen wie mit geborgtem Gelde wie mit
fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet wird immer ärmer Aus dieser
Bereitwilligkeit der himmlischen Göttin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz
eigentümliche Verderbnis des Worts entstanden Man hat dieses Palladium der
Menschheit dieses Taufzeugnis unsres göttlichen Ursprungs zur Lüge gemacht
man hat seine Jungfräulichkeit entehrt Für den windigsten Schein für die
hohlsten Meinungen für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe
die geistreichsten gehaltvollsten kräftigsten Redensarten Das alte schlichte
Überzeugung ist deshalb auch aus der Mode gekommen und man beliebt von
Ansichten zu reden Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit
denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehen von denen man redet
und womit beschäftigt zu sein man vorgibt«
    »Wie wahr Wie haben Sie so ganz recht« rief Hermann den Redner
unterbrechend aus Die Gedanken welche Wilhelmi vortrug hatten ihn in die
höchste Bewegung versetzt
    Jener fuhr fort »Ich muss Ihnen gestehen dass mich die Betrachtung der
allgemeinen Schwätzerei oft der Verzweiflung nahe gebracht hat Wenn ich rings
um mich nichts als das lose lockre Plaudern vernahm wenn ich Kunstvereine mit
pomphafter Ankündigung von Leuten stiften sah die kalt an den Werken des
Raffael vorübergehn würden zeigte man ihnen diese ohne den Namen des Meisters
zu nennen wenn ich hörte da habe wieder einmal einer vom innern Drange
getrieben das katholische Glaubensbekenntnis abgelegt von dem ich recht wohl
wusste dass es mit dem religiösen Bedürfnisse bei ihm betrübt stand dass er nur
ein leichter nachgiebiger Weltcharakter war wenn die Schneeflocken des
politischen kalten Brandes mir aus dem Munde solcher entgegenstäubten von denen
ich voraussehen konnte sie würden nicht der kleinsten Aufopfrung für ein
Gemeinwesen fähig sein dann mein junger Freund hatte ich Momente in denen
ich mir hätte das Leben nehmen können Ich betastete mich und fragte Bist du
nicht auch ein Schemen der Nachhall eines andern selbständigen Geistes Ich
grub in die letzten Tiefen meiner Seele und suchte nach der Affektation die
das wusste ich wohl in irgendeinem verborgenen Winkel bei mir ebenfalls lauern
musste Ich sah ja alles verfälscht vom armseligen Journalisten und seinem
Handlanger an die beide mit entwendetem Tiefsinn und geraubtem Scharfblick nur
ihr trostloses Leben fristen und ihre winzige Persönlichkeit bemerkbar machen
wollen bis hinauf zum Fürsten dem ein faselnder Minister allerhand
unregentenhafte Kostbarkeiten vor dem Volke in den Mund legt Sollte ich denn
allein eine Ausnahme machen«
    »Sie sind eine« rief Hermann begeistert Wilhelmin feurig die Hand
drückend »Wir leben in einer erbärmlichen Welt und man möchte mit Feuer und
Schwert darein wüten«
    »Da würden wir nebenher auch verzehrt Nein bei uns müssen wir beginnen
und mit unsrem Selbst den ersten Baustein zum Tempel der neuen Andacht tragen
Lege den Gehalt einer Gesinnung auch in das kleinste Tun Sprich nichts als was
du wirklich gedacht hast Sei wahr in jedem Atemzuge Nach diesen drei
Vorschriften lassen Sie uns jeden Moment unsres Daseins prüfen und wenn wir
selbst auf solche Weise streng gegen uns sind dann haben wir die Befugnis
unerbittlich gegen andre zu sein Antworten Sie mir Sind Sie durchdrungen von
dem was ich äußerte Haben Sie den Mut mit mir auf der neuen dornigen Bahn zu
wandeln«
    »Ja« war alles was Hermann vorbringen konnte Sein ganzes Leben ging in
diesem Augenblicke ihm vorüber Er fühlte wie oft er die Fehler und
Zweideutigkeiten sich hatte zuschulden kommen lassen die Wilhelmi so scharf
rügte Die Sucht zu glänzen und zu scheinen war ihm leider nicht fremd
geblieben Er gelobte sich mit stillem Schwure ein andrer und bessrer zu werden
    Wilhelmi nahm einige Zeremonien vor die wir unbeschrieben lassen Dann
umarmte er den Neophyten und rief »So nehme ich dich denn auf mein Bruder in
den neuen Grad den ich hiemit stifte«
 
                                Elftes Kapitel
»Der Orden dem Sie und ich angehören wird bestehn solange die Welt besteht
denn seine Formen sind ewig und unsterblich Aber der Stoff der in das Gefäß
getan wird veraltet von Zeit zu Zeit oder verbraucht sich ganz und gar und
auf diesem Punkte stehen wir jetzt Was soll uns die Humanität die einst in
unsern geweihten Hallen zuerst ihr stilles Reich gründete Leider sind wir
draußen nur gar zu human geworden Ein neues Licht tut uns not dafür wollen wir
Lehrlinge suchen stufenweise sollen sie zu der Erkenntnis geführt werden dass
die Menschheit eine Masse istwelche der Verwesung entgegengeht wenn nicht
rasch eingeschritten wird Das sei fortan das Geheimnis unsrer Bruderschaft und
in diesem Sinne helfen Sie mein Freund den Orden ohne Feindschaft und ohne
Kampf in seinem innersten Wesen verjüngen«
    Hermanns Busen schwoll von Entschlüssen Er wünschte sich die schwersten
Proben um den neugewonnenen Sinn für Wahrheit kräftig zu betätigen
    »Wir werden keinen leichten Stand haben« fuhr Wilhelmi fort »Neben der
Schminke und dem Firnis der andern wird sich unsre Art arm und einfältig
ausnehmen Jeder gibt sich für mehr als er ist wir die wir uns nur zeigen
wollen wie wir sind werden auch das Wenige nicht gelten was wir sind
Schlicht und vernünftig sein heißt heutzutage dumm sein und wer handelt ohne
Prätensionen zu machen kann darauf rechnen übersehn oder gar verachtet zu
werden«
    »Ist es zu irgendeiner Zeit anders gewesen« rief Hermann »Wollen wir es
besser haben als die tausend Märtyrer vor uns welche auch litten und bluteten
weil sie sich nicht entschließen konnten die Gebrechen ihrer Mitwelt zu
teilen«
    Jetzt raschelte es hinter dem Postamente der großen etrurischen Vase in der
Ecke ganz vernehmlich Wilhelmi und Hermann sahen nach und standen beide starr
vor Erstaunen und Schreck Flämmchen saß hinter dem Postamente Sie warf sich
zitternd auf die Knie und rief »Vergebt mir ich konnte mich nicht halten
schon lange wusste ich dass der Schwarze ein Hexenmeister sei es zog mich hinter
euch her als ihr fortschlicht«
    »Nur erst das hier weg« rief Wilhelmi Beide packten die Heiligtümer
stürmisch auf und warfen sie unordentlich in das Seitenkabinett Unterdessen
huschte Flämmchen durch die Stube nach der Türe um zu entfliehn Wilhelmi
bemerkte es eilte ihr nach und hielt sie beim Arm zurück »Du gehst nicht von
der Stelle bis du gebeichtet hast« sagte er »Ungezogner Knabe wie hast du
dich erkühnen dürfen hier einzudringen Was hast du gesehen Was hast du
gehört«  »Alles« stotterte Flämmchen »Mach mich nur nicht tot Du hast mit
meinem Zukünftigen ein Verbündnis gestiftet und ihn die Künste gelehrt den
Teufel zu zwingen dass er allen Leuten den Mund aufbricht damit sie die
Wahrheit sagen«
    Hermann musste ungeachtet des Ernstes der vorhergegangnen Szene lächeln
Wilhelmi schlug sich vor den Kopf und sagte französisch »Wenn der Junge
ausplaudert was er erlauscht hat so werden wir vor dem Herzoge dem alle
höhere Dinge eine Torheit sind zum Gespötte«
    »Benutzen Sie seinen Aberglauben ihm die Lippen zu versiegeln« versetzte
Hermann ebenfalls französisch
    Flämmchen sah sie beide ungewiss und furchtsam an Wilhelmi fasste sie am
Kinn hob ihr den Kopf in die Höhe und sagte in einem ruhigeren Tone »Es ist
wahr dass ich manches verstehe was kein Mensch sonst weiß Wenn du aber von
dem was du hier beobachtet hast eine Silbe verrätst so dreht dir der Teufel
im nämlichen Augenblicke den Hals um«
    Flämmchen legte den Finger auf den Mund reckte ihn dann wie zum Schwure in
die Luft und sagte »Wenn ich etwas sage oder merken lasse so will ich des
Todes sein auf der Stelle Was denkst du auch von mir Werde ich mich gegen euch
auflehnen Weiß ich nicht dasswenn ihr durch das Bild stecht den Menschen der
Schlag rührt dass ihr eure Feinde totbeten oder bei lebendigem Leibe verwesen
machen könnt«  Sie lehnte sich an ihn und flüsterte mit dem
zärtlichschmeichelnden Ausdruck der ihr eigen war wenn sie etwas erlangen
wollte »Lehre mich auch deine Künste Oder« fügte sie hinzu »entdecke mir
wenigstens wer mir meine Zaubersachen weggenommen hat Ach der böse Mensch
Alles hat er mir gestohlen und ich bin ganz arm«
    Ihre Stimme hatte bei diesen Worten etwas so Tiefklagendes dass Hermann der
schon in den letzten Tagen ihr verzweiflungsvolles Suchen nach den verschwundnen
Kleinodien nicht ohne Bewegung hatte mit ansehen können gerührt wurde
    Er wandte sich ab und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus
    Wilhelmi dagegen lachte über die Einfalt des Kindes »Kommt Zeit kommt
Rat« scherzte er »Wer weiß was ich tue wenn du folgsam und gelehrig bist
Aber jetzt leiste mir zuerst einen Dienst spring hinab zum Haushofmeister und
bestelle ein kaltes Abendbrot mit dem nötigen Getränk aus meinem Keller und
sage dem Philipp er solle zwei Kouverts auflegen«
    »Woher haben Sie diesen Knaben« fragte er Hermann nach Flämmchens
Entfernung »Er ist eine Waise aus guter Familie« versetzte jener beklommen und
suchte ein andres Gespräch auf die Bahn zu bringen Aber Wilhelmi ließ sich
nicht ablenken und sagte »Eine seltsame Erscheinung der Fritz dieser
Aberglaube man sollte kaum glauben dass dergleichen sich in unsrer Zeit noch so
ausbilden könnte Überhaupt scheint die Natur es mit ihm auf eine Spielart
angelegt zu haben Seine Haut ist fein wie aus dem Ei geschält sein Haar das
zarteste was man nur finden kann und er ist so eigen gebaut dasswenn man ihn
zum Scherz in Mädchenkleider steckte jeder ihn für eine Dirne halten würde«
    »Wo denken Sie hin« rief Hermann roten Antlitzes gezwungen lachend
    Nachdem wie vorgedacht die Gesetze des neuen Ordens betätigt worden waren
kam Flämmchen sich mit einem Korbe schleppend woraus weißes Gedeck die
leckersten Sachen und einige verpichte Flaschenhälse sahen »Es geht auf
Mitternacht dein Philipp ist schlaftrunken er würfe alles entzwei ich habe es
ihm abgenommen lass mich euch bedienen« sagte sie »Du bist zu ungeschickt«
rief Hermann der für sein Leben gern das Mädchen entfernt hätte  »Lassen Sie
den Fritz gewähren« sagte Wilhelmi »mit meinem Philipp ist in diesem Zustande
den ich an ihm kenne nichts anzufangen«
    Die Ritter der Wahrheit setzten sich hierauf zu Tische Hermann bemerkte
dasswenn auch sein Wirt die Welt im ganzen schalt diese Verachtung sich nicht
auf das einzelne gute Ess und Trinkbare ausdehnte was noch hin und wieder in
derselben angetroffen wird. Man sprach den feinen Sachen die aufgetragen waren
wacker zu der köstliche Burgunder mit dem man begann wurde nicht geschont
und man ging über die erste Champagnerflasche ohne Zagen hinaus Wilhelmi hatte
sich durch seine Mitteilung einer langgetragnen Bürde entledigt und war
unbeschreiblich vergnügt Er konnte nicht viel vertragen und mit Erstaunen sah
sein Gast wie er nach den ersten Gläsern aus dem Extreme der trübsten Gedanken
womit diese Zusammenkunft begonnen hatte in das entgegengesetzte der
ausschweifendsten Lustigkeit überging Er nötigte ohne Unterlass erzählte
Schnurren über Schnurren schwatzte von den Abenteuern seiner Jugend und nannte
Hermann welcher Grund hatte sich zu schonen und sich etwas gelinder verhielt
einen finsteren Moralisten Endlich begann er Studentenlieder zu singen in die
da sie alle Freiheit Bruderschaft und Recht atmeten Hermann von dem
neugewonnenen Orden entzündet feurig einstimmte Nichts exaltiert so als
Singen beim Glase bald war unser Freund so laut als sein Genosse
    Flämmchen war unterdessen auch nicht still geblieben Man hatte ihr in ihrem
Winkelchen des Guten so viel sie begehrte zukommen lassen und bald zeigten
sich die Wirkungen. Ihr Grauen verschwand die leichtfertige Natur kam zum
Vorschein sie hüpfte in drolligen Sprüngen durch das Zimmer umarmte den
singenden Wilhelmi und schwor unter Lachen er sei der lustigste Teufel den sie
je gesehen habe schlug Rad zertrümmerte dabei eine Scheibe an einem
Antiquitätenschranke schlich sich zu den Büsten des Plato und Pythagoras unter
dem Spiegel malte ihnen mit Kohle Schnurrbärte kurz sie trieb alle Torheiten
die in einem Zimmer welches noch vor kurzem ein Tempel der Weisheit gewesen
war nur verübt werden können.
    So dauerte dieses Bacchanal unter Singen Schwatzen und Possenreissen fort
bis des Nachtwächters Stimme Zwei abrief Da nahm sich Hermann zusammen stand
auf und wünschte seinem Wirte gute Nacht Wilhelmi überschaute das Zimmer
welches freilich einen ungewöhnlichen Anblick darbot lachte herzlich wie ein
vergnügtes Kind und rief »Hier sieht es munter aus«
    Flämmchen war an einem Stuhle in tiefen Schlaf gesunken Hermann versuchte
sie auf ihre Füße zu stellen vergebens sie fiel immer wieder zusammen Er
wusste dass sie von diesem Todesschlummer oft befallen wurde Endlich lud er sie
auf seine Arme und trug sie fort
    Ihr Westchen war aufgegangen die Nadel war aus dem Hemdkragen gewichen der
schönste jüngste frischeste Busen sah ihn an als er sie auf ihr Lager
niederlegte Sein Blut von der Schwärmerei des Abends erhitzt wallte siedend
auf er wollte wie vor einem Gespenste seiner Gedanken sich flüchten weit
weit weg und blieb gefesselt stehen das schöne Kind mit seinen Blicken
verschlingend Endlich drückte er ihr einen heißen Kuss auf die Lippen Tränen
entstürzten seinen Augen er meinte er sagte sich selber vor dass er das arme
verwahrlosete Geschöpf aus Mitleid geküsst habe
    Durch die Nacht erklang von draußen ein Lied zur Gitarre Eine tiefe sonore
Bassstimme sang folgende Strophen
Steh still mein Herz und rühr dich nicht
Kannst ja ein zweites Herz nicht rühren
Doch liebe bis der Tod dich bricht
Ins Land der Kälte dich zu führen
Aus aller Blüten schönem Reich
Hab ich die tauben nur erworben
Mein Leben ist ein welker Zweig
Ich bin allein und schon gestorben
Verwundert sah Hermann im nahen Hause des Arztes noch Licht Er überzeugte sich
dass der Gesang aus dessen Zimmer kam Was hatte der kalte abgeschlossne Mann mit
solchen Gefühlen zu schaffen
 
                                Zwölftes Kapitel
Wilhelmis Erwachen war äußerst schmerzlich Der Diener Philipp hatte nicht
gewagt die Unordnung anzurühren er ließ alles stehen und liegen Denn seiner
Meinung nach war es bei dem Herrn nicht mit rechten Dingen zugegangen und er
wünschte dass dieser sich selbst von dem Greuel überzeugen möge »Bei uns hat
der Satan gewirtschaftet Herr Kammerrat« sagte der Mensch als er ihn endlich
spät aus dem Bette holte Wilhelmi fühlte sich matt und angegriffen aber er
meinte in die Erde zu sinken als er sein Zimmer betrat Schon der gedeckt
stehngebliebne Tisch mit den Resten der Mahlzeit würde hingereicht haben ihn
höchlich zu verstimmen was war jedoch dieser Tisch gegen die Stühle die
Flämmchen in ihrem Mutwillen zu einer Pyramide zusammengeschoben gegen den
Tintenstrom der sich aus der umgeworfnen Flasche ergossen hatte gegen die
zerschlagne Scheibe und endlich gegen die Schnurrbärte des Plato und
Pythagoras Ärgerlich befahl er dem Diener schnell aufzuräumen und ging zum
Herzog der wie er hörte schon nach ihm verlangt hatte
    »Nun Sie sind gestern abend recht lustig gewesen« rief ihm der Fürst
heiter entgegen
    »Ich habe die Genesung unsres jungen Freundes gefeiert« versetzte Wilhelmi
mit halber Stimme
    »So werden wir ihn ja endlich auch wohl zu sehen bekommen« sagte der Herzog
einigermaßen empfindlich »Aber die Briefe wo sind sie lassen Sie mich sie
unterschreiben«
    »Welche Briefe Ew Durchlaucht Ja die Briefe  Großer Gott die Briefe
 O ich Unseliger«
    Es war Posttag Wichtige Geschäftsbriefe deren Abgang aus manchen Gründen
beschleunigt werden musste waren zu schreiben gewesen Wilhelmi hatte sich
vorgenommen gehabt den Rest des Abends oder den frühen Morgen dazu zu
verwenden als er Hermann in sein Zimmer führte
    Pünktlich sonst in seinem Dienste bis zum Pedantischen war er jetzt so
gröblich von der Regel abgewichen welche den Ehren und Angelpunkt seines
Lebens bildete und bei welcher Veranlassung Er geriet völlig außer sich und
ergoss seinen Kummer ohne der Gegenwart des Herzogs zu achten in einer
verzweiflungsvollen Rede über die Schwäche und Inkonsequenz des Menschen Kaum
konnte ihn der Herzog der diesen gewaltsamen Ausbruch eines unbegrenzten
Pflichteifers denn darin suchte er den Grund desselben nicht ungern hörte
durch herablassende und gütige Worte einigermaßen beruhigen
    Indessen kleidete sich Hermann an um seinen Besuch bei der Fürstin zu
machen Zur guten Stunde war ein schwerer Geldbrief vom Oheim angelangt nebst
Abrechnung und Beilagen die er durchzusehn sich noch nicht die Zeit genommen
hatte Sogleich war ein Bote im gestreckten Trabe nach der Stadt geschickt
worden um das Notwendigste herbeizuschaffen was zur anständigen Kleidung
gehört Mit großer Genugtuung vervollständigte er die ihm für Flämmchen
anvertraute Summe wieder von welcher er die Zeit her zu seinen Ausgaben hatte
nehmen müssen Es blieb ihm ein sehr bedeutender Überschuss er sah sich im
Spiegel vorteilhaft ausstaffiert er fühlte sich frei berechtigt wie jeder mit
Gelde versehne Mensch Nur von der Ausschweifung der vergangenen Nacht empfand er
noch einige Nachwehen
    Aber auch diese verschwanden als er in das Zimmer der Herzogin trat Homer
erzählt von einem Kraute Moly dessen Genuss alle Einflüsse unheimlichen Zaubers
abwendet und es war Hermann als habe ihm ein himmlisches Wesen so ein
schützendes Mittel gereicht da er den holden Duft süßer Wohnlichkeit einsog
der durch das heitre prächtige Gemach hinwehte Die Herzogin hieß ihn freundlich
willkommen er ward aufgefordert ihrem Stickrahmen gegenüber Platz zu nehmen
Nun war ihm erst wie einem Gesunden zumute Unterwegs hatte er einen Entschluss
gefasst den auszuführen er für Pflicht hielt »Wie« sagte er »du hast
gehorcht du bist im Besitz der Hälfte eines Familiengeheimnisses und deine
Wohltäter wüssten von diesem Umstande nichts  Wahr zu sein hast du geschworen
beweise hier auf die Gefahr in Ungnade zu fallen dass du deinen Eid halten
willst«
    Als daher in dem Gespräche eine Pause entstand fing er seine Beichte an in
welcher er freilich den Umstand betonte dass ihn nur der Zwang der Umstände zum
unerbetnen Vertrauten gemacht habe Er beteuerte dass was er gehört für ewig
in seinem Busen begraben bleiben werde und schloss mit der Bitte ihm zu sagen
ob er auf der Stelle einen Ort verlassen solle wo sein Anblick vielleicht
missfällig sei
    Die Herzogin hatte sich um ihre Bewegung zu verbergen anfangs tief auf
ihre Arbeit niedergebeugt bald aber fand sie sich und noch während Hermann
sprach fasste sie einen Plan Sie glaubte vielleicht zu sehr an einen
vernünftigen Zusammenhang der Zufälligkeiten in der Welt und sah in der
Dazwischenkunft des jungen vielversprechenden Fremdlings so etwas von einem
Winke der Vorsehung Ganz beruhigt erhob sie daher ihr Haupt als jener geendet
hatte und sagte »Dass es mir nicht angenehm sein kann von Ihnen belauscht
worden zu sein begreifen Sie selbst Indessen waren Sie unschuldig daran und
damit ist die Sache abgemacht« Er hoffte sie werde ihm irgendeine tröstliche
Andeutung geben wie die seine Näherung ablehnenden Worte welche sie damals
zugleich gesprochen hatte zu verstehen wären aber vergebens Schon erwartete
er mit Herzklopfen seine Entlassung als die Herzogin scheinbar nur um das
Gespräch fortzuführen einige Fragen nach seiner Vaterstadt tat Mit weiblicher
Feinheit wusste sie den Faden von Straße zu Straße zu spinnen bis nach dem Hause
seiner Eltern und so war er auf einmal er merkte selbst nicht wie in einer
Erzählung von seiner Jugend und von seinen frühesten Verhältnissen begriffen
    »Es ist gewiss« sagte er »dass dem Menschen nichts mehr schadet als wenn
über dem Gemälde seiner ersten Tage ein verworrnes unruhiges Licht zittert Das
Kind soll wie die Pflanze aus festem Boden unter dem gleichen Scheine der
nach ewigen Gesetzen wiederkehrenden Sonne emporwachsen Ich dagegen bin in
einer Lage zum Bewusstsein gekommen die viel von dem Schwanken des Schiffbruchs
oder vom Stegreifsleben einer Nomadenhorde hatte Ich war etwa neun Jahre alt
als es dem damals Allmächtigen beliebte auch unsre gute ehrwürdige Reichsstadt
unter die Fürsorge seines Zepters zu nehmen Nun sollten wir Franzosen werden
blieben Deutsche und niemand wusste was bei der Sache herauskommen werde Auf
großen Tafeln stand mit ellenlangen Buchstaben zu lesen dass wir jetzt eine
Munizipalität ein Tribunal und eine Präfektur statt des Rats der Oberalten
des Schöppenstuhls und der Pfennigmeisterei hätten Die Patrioten zogen sich ins
Dunkel zurück schweigend wie grollende Titanen die Geschichte der eignen
Stadt womit sonst ein Knabe aufgenährt wird blieb uns fremd wer mochte von
der Vergangenheit reden der man das ganze Unglück der Gegenwart aufbürdete Wir
liefen hinter den neuen Mäntelchen Krägelchen und Schärpen her bis wir hörten
in den hübschen Kostümen steckten lauter abgefeimte Schelme Rings um uns
zischte es von nichts als von Bestechungen Kabalen Begünstigungen durch die
niedrigsten Mittel Welche Eindrücke für ein junges Alter worin alles so scharf
aufgefasst wird«
    »Sonderbar« sagte die Herzogin »Ich lebte damals in Paris Es war der
ruhigste Ort auf der Welt Niemand fühlte die Bewegung, die den ganzen Erdboden
erschütterte Man sah derselben wie einem Schauspiele zu die Bulletins glichen
den Reden der Helden in der Tragödie und die Trophäen welche von Zeit zu Zeit
anlangten kamen den Menschen nur wie neue Szenerien vor womit seine
Hauptstädter zu ergötzen der Gebieter die kluge Gefälligkeit hatte Aber Ihre
Eltern«
    »Sie ruhen in Frieden Teuer sei mir das Andenken dieser verehrten Häupter
Sie haben in mir das höchste Vertrauen erweckt warum soll ich zaudern von
allem zu sprechen was mich bei dieser Erinnrung bewegt Außer dem Hause war das
Verderben im Hause gab es kein Behagen Nicht dass irgendein Zwiespalt
hervorgetreten wäre nein im Gegenteil mein Vater bezeugte der Mutter nur
Achtung und Aufmerksamkeit und sie war das Muster weiblicher Sanftmut und
Unterwürfigkeit Aber dem Blicke des Kindes blieb nicht verborgen dass hier doch
jene Eintracht der Herzen fehle die in tausend kleinen unbeschreiblichen
Zeichen sich kundgibt Ernst und still gingen die Urheber meiner Tage
nebeneinander her Wie oft fand ich die Mutter in Tränen Wie oft sah ich den
Vater wenn ich von der Straße und meinen Kamaraden kam trüb und gedankenvoll
am Fenster stehen Sein schwerer Blick ruhte in den Wolken als suche er da
etwas was ihm auf der Erde mangle Er hatte viele Eigenheiten So durfte in
seiner Gegenwart nie von einer Hochzeit gesprochen werden Er geriet geschah
dies einmal zufällig in eine solche Schwermut dass er dann mehrere Tage lang
für jeden unsichtbar blieb Eine andre Sonderbarkeit war dass nichts in der Welt
ein Versprechen ihm abzulocken vermochte Wir wollen sehen war alles was er auf
die dringendsten Bitten erwiderte Dann aber tat er was er nur konnte und
dieses ungewisse Wort galt bei den Leuten mehr als ein Eidschwur andrer
    Ich liebte meine Eltern herzlich Mein Vater war mir eine Art Gottheit die
sich in heiliges Dunkel verbirgt In mancher Nacht lag ich auf meinen Knien und
bat den Himmel es so zu fügen dass meine Eltern einander doch auch so liebhaben
möchten wie ich sie liebte Aber mein Naturell war munter und beweglich alle
diese finsteren Dinge konnten seine Fröhlichkeit nicht zerstören Ich war viel
außer dem Hause viel unter andern Menschen man mochte mich gern leiden eine
Antwort fehlte mir nie und mehrere meiner jüngeren und älteren Bekannten schienen
ein Vergnügen daran zu finden wenn sie meine Geistesgegenwart auf die Probe
stellen durften Was sonst einem Kinde so natürlich ist dass es seine Eltern für
einen Wall und Rückhalt in jeglicher Not ansieht blieb mir immer fremd Sie
waren von einem mir unbekannten Leide schon so sehr bedrückt sollte ich ihre
Verlegenheiten vergrößern
    Nun erschien das Jahr 1813 Als Siebenzehnjähriger stand ich in den Donnern
von Lützen Da lernte man sich erst recht fühlen den Schanzen und Kolonnen
gegenüber sich selbst und seinem Schicksale überlassen Nachher habe ich meine
Eltern immer nur auf kurze Zeiten wiedergesehn Ich studierte reiste viel war
hier und dort So bin ich das unruhige unstete ach und leider zu früh mit der
Welt und ihrem Laufe bekannt gemachte Wesen geworden welches Sie mit solcher
Nachsicht angehört haben Bringen Sie mich nicht in eine Klasse mit den eitelen
vorlauten zerstreuten Jünglingen unsrer Tage ich stehe vielleicht an Geist in
keiner Beziehung über ihnen aber mein Sinn ist anders Sie sind so höchst
zufrieden mit sich ach und ich bin leider so höchst unzufrieden mit mir Ich
habe keine Jugend gehabt Ist das vielleicht die Krankheit und der Mangel meiner
Natur Die Dinge gewähren mir keine Resultate Alles was ich anfasse löst sich
unter meinen Händen in ein Abenteuer auf welches sich immer in die Gestalt
meines Vorteils verwandelt Wer aber wird nicht müde vom Leben nur die
sogenannten Annehmlichkeiten zu erbeuten Wer wünschte nicht dass ihn eine milde
Fügung mit gütiger Hand in die Mitte des Dasein stellen und in dessen
Geheimnisse einweihen wollte«
    Die Herzogin hatte mit größerem Interesse zugehört als sonst den
Erzählungen und Klagen der Jugend zuteil zu werden pflegt »Milde Fügung Gütige
Hand« sagte sie lächelnd »Es ist schlimm dass sich die Fügungen nicht
bestellen lassen  Übrigens glaube ich dass Sie empfinden was Sie aussprechen
Und daher denke ich dass die Schicksale nicht ausbleiben werden nach denen Sie
sich sehnen«
    Hermann erhob sich »Mir ist eben von der dunklen Macht welche unsre Tage
beherrscht eine Frage vorgelegt worden und wenn ich nicht gar zu unbescheiden
erschiene so möchte ich mir die Antwort wohl hier erbitten«
    Er zog ein kleines Portefeuille hervor »Diese Brieftasche sendet mir mein
Oheim« sagte er »Ich soll dieselbe nach dem Willen meines Vaters öffnen wenn
ich das vierundzwanzigste Jahr zurückgelegt habe Die Worte des Verstorbnen
besagen dass ich nicht eher mich ankaufen nicht eher ein festes Amt übernehmen
und hauptsächlich nicht eher mich verloben soll bis ich den Inhalt
kennengelernt Vor einigen Tagen erreichte ich jenes Lebensalter Was soll ich
tun«
    Die Herzogin sah ihn betroffen an Dann beschaute sie aufmerksam das
Portefeuille Es war alt mit kostbarer eingelegter Arbeit von Goldstäbchen
Perlemutter und Steinen geziert Auf der hinteren Fläche war etwas wie ein
großes Wappen eingebrannt dessen Embleme sich aber nicht mehr entziffern
ließ Es schien viel gebraucht worden zu sein
    Sie hakte an dem silbernen Schlösschen sie schien auf einen passenden
Ratschlag zu sinnen »Hat Ihr Vater in seinen Angelegenheiten etwas ungeordnet
zurückgelassen«
    »Nein sein Leben war dem Gange einer wohlgestellten Uhr gleich«
    »Sie lieben Ihre Eltern nicht Sagten Sie nicht so«
    Er neigte sich stumm bejahend
    »Lassen Sie das Portefeuille uneröffnet« rief die Herzogin »Alle
Geheimnisse sind verderblich alle ohne Ausnahme«
    Er zauderte es aus ihrer Hand zurückzunehmen »Die Neugier ist der
unüberwindlichste Fehler unsrer Natur« Er wagte nicht mehr zu sagen
    »Sie haben es so gewollt« versetzte sie indem sie es hastig in den
Schreibtisch legte »Nun ist es für Sie verloren denn mit meinem Willen lesen
Sie kein Blatt darin«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Von diesem Tage an war Hermann auf dem Schloss einheimisch Der Herzog
beruhigte sich bei einer allgemeinen Erzählung über dessen Geschick unter den
Tannen und schien an dem gesitteten wohlunterrichteten jungen Manne immer mehr
Geschmack zu finden Da er nicht leicht jemand unbenutzt lassen konnte so
brauchte er ihn bald zu verschiedenen Expeditionen welche jener unter Wilhelmis
Oberaufsicht zu seiner Zufriedenheit ausführte
    Nur bei einem Geschäfte gelang es ihm nicht Beifall zu gewinnen Die
Kriegsschäden waren noch zu liquidieren welche der Herrschaft vom Staate
ersetzt werden sollten Hermann hatte alle Papiere die sich auf diesen
Gegenstand bezogen erhalten und nach deren Einsicht eine billige Rechnung
aufgestellt solche Posten die bestritten werden konnten aus derselben
weglassend Der Herzog sah die Arbeit voll Verwundrung durch und fragte
kopfschüttelnd womit er es denn verdient habe dass Hermann gegen ihn Partei
nehme Es könne ja die Hälfte mehr gefordert werden Er zählte die Summen auf
die nachgetragen werden müssten und versetzte als Hermann seine Einwürfe
dagegen vorbrachte »Diese Zweifel wollen wir den Herrn Revisoren überlassen«
    »Ich glaubte den Sinn Eurer Durchlaucht durch die Art wie ich dieses
Geschäft behandelt getroffen zu haben« wandte Hermann bescheiden ein »Nach
meiner Meinung dürfte ein Teil des Schadens gegen den Gewinn aufzurechnen sein
den uns die glückliche Verändrung der Dinge gebracht hat«
    »Was ich oder meinesgleichen ihr Großes zu danken hätte wüsste ich so
eigentlich nicht« versetzte der Herzog »Über diesen Punkt gilt das Post hoc
non propter hoc mit vollem Rechte Der Adel ist so alt als die Welt und dass
man wenigstens in Monarchien ihn nicht entbehren kann werden Sie mir zugestehn
Da nun der Freiheitsschwindel längst vorüber und alles bereits wieder in die
gewohnten Formen eingelenkt war da man überall große Reichslehen schuf so
würde man sich auch schon wieder nach uns umgesehn haben und vermutlich ständen
wir wo wir jetzt stehen wenn auch die Sachen geblieben wären wie sie waren«
    Hermann musste sich bequemen eine Kriegsschädenrechnung anzufertigen die
ihm sehr übertrieben zu sein schien Gefielen ihm nun dergleichen Grundsätze
keinesweges so war sein Missvergnügen doch nur vorübergehend Das Schloss und
die ganze Lebensweise darin übte auf ihn denselben Eindruck aus von dem wir
bereits bei dem jungen Rechtsgelehrten geredet haben Er empfand ein eigenes
Vergnügen für sich allein durch die hohen Bogengänge und Hallen seinen
Gedanken überlassen stundenlang zu wandern und er hätte nie geglaubt dass eine
so einförmige Tagesordnung wie sie hier herrschte ihm der an Abwechslung
gewöhnt war in dem Grade behagen könne Er ließ sich von dem Elemente welches
ihn umgab fortspülen und schob die Gedanken an die Zukunft weit hinaus
    Freilich trug zu seinem Wohlbefinden die Güte womit ihn die Herzogin
behandelte vieles bei Sie hatte gewisse Einflüstrungen die ihr über ihn
gemacht worden waren mit Verachtung von sich gewiesen und mochte ein stilles
Bedürfnis empfinden den unschuldig Angeklagten durch besondere Freundlichkeit
für die ihm zugefügte Unbill schadlos zu halten Überdies gehörte sie nicht zu
den Frauen die an unmündigen Männern Gefallen finden und die Sorge für ihre
Erziehung sich aufbürden mögen Hermanns gewandte Entschiedenheit der leichte
Ton mit welchem er von allem wenigstens zu reden wusste waren Eigenschaften
die ihm bei ihr nur nützten Bald erkannte sie auch dass der Anschein von
Übermut und Selbstgenügen welchen er bei der ersten Begegnung Fremden zeigte
durch die nähere Bekanntschaft sich sehr minderte
    Er schadete in der Tat immer nur sich und nie andern An tausend Zeichen
nahm sie wahr dass er in jedem Augenblicke bereit sei sich im Dienste seiner
Freunde aufzuopfern Die Farbe der Zeit konnte er nicht verleugnen aber im
Innersten musste man ihn für unversehrt erklären
    Wenn er seinerseits durch die Bemühungen für den Herzog sich ein stilles
Recht auf das längre Verweilen in diesen Mauern zu erarbeiten meinte so empfing
er dagegen durch die Gemahlin nur Geschenke für welche er sich ewig als
Schuldner fühlen musste Solange er Rekonvaleszent war wurde ihm ihre liebende
Sorgfalt zuteil Sie verbot ihm über Tische die Speisen welche er nach ihrer
Meinung noch nicht genießen durfte sie warnte ihn wenn ein Abendspaziergang zu
lang zu werden drohte Wir wissen nicht ob es Absicht oder Zufall war dass er
als er dies bemerkte gegen ihre Gebote zu sündigen liebte es könnte sein dass
er den Wunsch empfunden hätte von solchem Munde recht häufig zurechtgewiesen zu
werden Das ist gewiss er wäre unter diesen Bedingungen gern immer krank
gewesen
    Bald erteilte auch sie ihm einen Auftrag welcher ihm angenehmer war als
die Korrespondenz mit Behörden und Verwaltern die ihn der Herzog besorgen ließ
Sie zog eines Tages ein Heft aus dem Pulte und fragte indem sie es ihm zum
Lesen einhändigte ob er wohl glaube dass in ihr eine Schriftstellerin verborgen
sei Er sah den Titel an Es war eine Übersetzung des Romans »Ivanhoe« von
Walter Scott Dieser Autor stand grade damals bei uns in der höchsten Blüte
seines Ruhms »Erschrecken Sie nicht wie die Männer pflegen wenn sie von einer
neuen Gelehrten oder Dichterin hören« sagte die Herzogin scherzend »Ich habe
das Buch nur für mich übersetzt um die Sprache aus dem Grunde zu lernen nicht
um den Messkatalog damit zu vermehren Aber ich möchte da ich mir einmal die
Mühe gegeben habe es auch gern in vollkommener Gestalt sehen und wünsche nicht
dass in meinem Büchlein wie in dem Produkte jener Prinzessin von der Sie
neulich das Märchen vorlasen der Mond in der Welt hereinscheine«
    Sie fragte ihn ob er die Mühe übernehmen wolle das Werk von Stilfehlern
und grammatischen Unrichtigkeiten zu säubern Wer war froher als er Er nahm
das Heft mit und betrachtete innig erfreut die zierlichen perlenrunden Züge der
Handschrift worin eine Zeile wie die andre in gleichen Zwischenräumen grade
fortlief Wenn irgendwo die Schrift die Sinnesart ausdruckte so war es hier der
Fall Hermann weidete sich an den Blättern wie an einem Gemälde bevor er sein
Werk begann welches er auch mehr als galanter Kavalier denn als kritischer
Zensor vollbrachte Es schien ihm ein Frevel zu sein diese anmutigen Charaktere
zu zerstören er korrigierte mit der feinsten Feder mit den zartesten Strichen
 
                              Vierzehntes Kapitel
Des Abends waren die Zusammenkünfte gemeinschaftlich Man hatte festgesetzt dass
jeder aus seinem Fache immer etwas vortragen solle Im Anfang hielt man auch
diese Anordnung aufrecht der Arzt handelte allgemeinverständliche Kapitel der
Naturwissenschaft ab Wilhelmi gab einen populären Abriss der neueren
philosophischen Systeme zum besten der Herzog erzählte von der englischen
Landwirtschaft mit welcher er sich grade eifrig beschäftigte Da aber nach dem
Willen der Herzogin jeder an jedem Abende sein Pensum enden sollte so wurde der
Kursus doch bald gar zu aphoristisch Die übrigen Männer zogen sich daher mit
guter Manier zurück und das Regiment gelangte unvermerkt an Hermann der die
Poesie und Unterhaltungsliteratur erwählt hatte
    Unangenehm war es freilich dass auch hieraus nach der einmal gegründeten
Sitte des Hauses fast nie etwas Vollständiges zum Vorschein kommen durfte Der
Eintritt des Bedienten welcher zu melden hatte dass serviert sei zerschnitt
mit unerbittlicher Strenge die anziehendste Vorlesung mitten im Akt Szene
Perioden Die Herzogin hatte eine eigentümliche Gabe sich an Einzelheiten zu
erfreun weshalb sie auch weniger nach einem Ganzen verlangte ja ein solches
nur in Einzelheiten aufnahm Sie schaffte sich alle Blumenlesen und Geister
welche aus den Schriftstellern gezogen zu werden pflegen mit besondrer Vorliebe
an und nichts glich ihrem Vergnügen wenn sie einen schönen Gedanken in schöner
Sprache außer dem Zusammenhange mit weniger glänzenden Dingen genießen durfte
    Gesellschaft des umherwohnenden Landadels brachte doch meistens wöchentlich
eine Abwechselung in den Kreislauf der Stunden Grade in dieser Gegend waren die
Gutsbesitzer unverrückt auf ihren Schollen sitzen geblieben und hatten von den
Ansteckungen des Stadt und Hoflebens die dem Adel andrer Orten so gefährlich
geworden sind kaum etwas gelitten
    Hermann wunderte sich nicht wenig als er in den Zirkeln die er
kennenlernte auf manchen Mann stieß dessen einfache Denkungsweise ihm
Ehrerbietung einflößte als er selbst hin und wieder Töchter edler Häuser fand
in deren Unterhaltung er sich schon gänzlich resignieren zu müssen gemeint
hatte und die ein sehr gutes Gespräch zu führen wussten Denn der Adel dieser
Landstriche war bei seinen eleganteren Standesgenossen fast im Verruf und galt
nur für eine Sammlung völlig verbauerter Krautjunker
    Schlittenfahrten die so oft es sich tun ließ veranstaltet wurden gaben
ihm Gelegenheit sich als gewandten Vorreiter oder als ersten Diener der
Herzogin wie er sich gern in ihrer Gegenwart nannte zu zeigen
    Vor allem aber vergnügte ihn die Jagd die auch wirklich in dem
waldichthüglichten Gebiete des Herzogs von großer Ergiebigkeit war Es freute
ihn indessen weniger ein Stück zu erlegen als dieses fröhliche Ausziehn in der
Mitte lustiger Gesellen mitzumachen das sachte listige Streifen und Schleichen
durch den Nebel über Heiden und Waldplätze zu versuchen die Geschichten die
Ahnungen und Vorbedeutungen zu hören das heitre Mahl nach vollbrachter Arbeit
verzehren zu helfen Er fühlte sich auf diesen frohen Zügen in solcher
Gemeinschaft mit der Natur, dem kräftigen Urzustande der Menschheit so nahe
gerückt Auch wenn kein größeres Treiben stattfand lag er mit dem alten Erich
der ein firmer Schütze war und einem Menschen der zuweilen herüberkam und der
Amtmann vom Falkenstein genannt wurde viel im Forste wobei manche Mondnacht im
Kreise kahler reifglänzender Bäume auf dem Anstande versessen ward Einmal hatte
er bei solcher Gelegenheit das fabelhafte Glück zwei Füchse die um die Ecke
geschlichen kamen mit den Schüssen seiner Doppelflinte zu töten Ein Fall der
noch nicht vorgekommen war und ihm bei allen Weidmännern ein fast mytisches
Ansehen gab
    So gingen unsrem Freunde wohl oder übelbeschäftigt die Tage hin Die Bäume
waren kahl geworden der Schnee hatte die Erde bedeckt war wieder geschmolzen
und nun kamen aufs neue die Knospen hervor Seine Gegenwart schien allen
willkommen zu sein es sah aus als müsse das immer so fortdauern Nur einmal
ward er zu einem flüchtigen Nachdenken aufgeregt Sein Tagebuch fiel ihm in die
Augen welches er sonst sehr ordentlich zu führen gewohnt war Um das Versäumte
der letzten Woche wie er meinte nachzuholen schlug er es auf sah aber zu
seinem Schrecken dass er schon mehrere Monate lang nichts geschrieben hatte
Auch von früher standen nur Notizen mit einem Worte vermerkt als »Jagd den und
den« »Gesellschaft aus « »Schlittenfahrt nach « ohne alle weiteren Zusätze
    Er besann sich er hatte geglaubt dass ihm viel begegnet sei konnte
indessen nichts darüber zu Papiere bringen Die weißen Blätter sahen ihn wie
strafend an in diesem Augenblicke hörte er die Herrschaften unten von einer
Spazierfahrt zurückkehren und eilte indem er das Buch weglegte hinab sie zu
empfangen
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Von Flämmchen war nie die Rede gewesen Die Herzogin hatte sich mit keinem Worte
nach dem Kinde für welches sie ihm Geld gegeben erkundigt Unmöglich aber
konnte er sich zu einer Beichte überwinden welche sein angenehmes Verhältnis
gestört ihn lächerlich und verkehrt gezeigt haben würde Der Arzt gegen den
er wie die Sachen standen seinen Widerwillen hatte niederkämpfen müssen hatte
ihm einen Pädagogen genannt der nach seiner Meinung das Mädchen in die rechte
Bahn bringen würde Diesen wollte Hermann nun baldigst aufsuchen Vor seinem
Ordensgelübde rechtfertigte er das Verschweigen gegen die Herzogin mit der
Distinktion dass man zwar nie lügen müsse dass es aber zuweilen unumgänglich
notwendig sei die Wahrheit einigermaßen beiseite zu stellen
    Was den andern Ordensritter betrifft so hatte dieser nach jener
mystischlustigen Nacht als deren Anstifter er sich den unschuldigen Hermann
einbildete mit ihm zu schmollen versucht Bald aber wich dieser künstliche
Zorn und als ob Torheit fester verknüpfe denn Vernunft sie wurden noch bessere
Freunde wie vorher Gewöhnlich brachte Hermann wenn die Gesellschaft
auseinandergegangen war noch einige Stunden bei Wilhelmi zu Dieser war ein
erklärter Liebhaber alles Alten und Veralteten er besaß die seltensten Sachen
und Pergamente In einer solchen Zusammenkunft holte er eine Urkunde herbei
woraus sich das schönste Licht über die großen Bauverbrüderungen des
Mittelalters verbreitete Alles war darin bestimmt wie der Gesell dienen solle
wie jeder verpflichtet sei sein Zeichen zu führen wie Hader Schimpf und
Unzucht in der Hütte zu meiden wie wenn einer der Bauleute mit einer
anrüchtigen Person notwendig sprechen müsse er sich mit ihr über
Hammerwurfsweite vom Bauplatze zu entfernen habe und was dergleichen
Vorschriften mehr waren welche alle auf die strengste sittlichste
Geschlossenheit des Handwerks Bezug hatten
    Das Himmlische schwebte auch hier über dem Irdischen Die Verehrung der
heiligen drei gekrönten Baumärtyrer Klaudius Simplicius und Kastorius welche
lieber sterben als einen heidnischen Tempel bauen wollten war zur
unerlässlichen Pflicht gemacht kein Tag sollte ohne sie anzurufen begonnen
werden
    »Schöne Denkmale einer untergegangnen Zeit« rief Hermann »Man verwundert
sich weniger über jene Riesengebäude wenn man dergleichen Urkunden durchliest
Und noch klarer begreift man dass sie jetzt nicht mehr nachzuahmen sind und dass
alle Versuche dieser Art schwach und kindisch ausfallen Aber was hilft es
Unwiederbringliches zu beklagen Wir müssen doch vorwärts Niemand kann in den
Leib seiner Mutter zurückkehren«
    »Und doch müssen die Zünfte wiederhergestellt werden wenn wir überhaupt
noch künftig vor Wind und Wetter geschützt wohnen wollen« sagte Wilhelmi
»Jetzt wo jeder baut wie er Lust hat sind wir nahe an den Stand der Nomaden
zurückgeführt Das ist auch eine von den Früchten der gepriesenen
Gewerbefreiheit die denn wieder zu den Blüten unsrer Kultur gehört Aber diese
sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein der wir
entgegengehn oder vielleicht schon verfallen sind Denn wenn die frühere darin
bestand dass niemand oder wenige etwas wussten so ist die jetzige wohl nicht
minder beklagenswürdig wo alle zu verstehen glauben was kaum einer oder der
andre überwältigt Das ist eben das traurige Gefühl was man gar nicht los wird
dass man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muss und mit seinem
Verstande sich doch vorhält wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte
was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist«
    »Auch der Adel ist so eine Ruine« sagte Hermann »Ich muss immer lächeln
wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe Was macht den
Adel Die Abgeschlossenheit das Kastenmässige Nun aber haben die Bessern sich
längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt Nirgends finden Sie noch in
der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände Leben wir hier auf unserm
Schloss anders als in einer anständigen Bürgerfamilie Erinnert irgendeine
Etikette daran dass wir mit Gliedern eines der ältesten Häuser unsres
Vaterlandes Umgang pflegen«
    Wilhelmi lachte bitter »Sie Neuling Sie in der Welt trotz aller Reisen und
Bekanntschaften« spottete er »Ja freilich ist der Adel im Kern verwest aber
das Gehäuse steht noch aufrecht und man kann sich daran noch immer die Stirn
einrennen Die Lebensluft der Aristokratie ist der Egoismus Andre Menschen sind
selbstsüchtig aus Not böser Gewöhnung angeeigneter Maxime Der Edelmann ist es
von Natur er muss es sein mit der Muttermilch saugt er wie etwas sich von
selbst Verstehendes die Überzeugung ein dass er da sei um seiner selbst willen
und dass er die Kräfte andrer von Rechts wegen benutzen dürfe«
    Hermann sah ihn voll Verwundrung an »Es macht Sie stutzig dass ich so
rede« fuhr Wilhelmi fort »Ich bin alt und verkümmert und wäre wohl ein Stück
weiter wenn man in mir je etwas andres gesehen hätte als ein Lasttier denn
der Gelegenheiten gab es genug mir fortzuhelfen Und so liefre ich in meiner
Person und durch meine Tagelöhnerei eben recht den Beweis für den Satz«
    Der Adelsfeind würde noch länger in diesem Tone fortgesprochen haben wenn
nicht plötzlich wieder aus der Wohnung des Arztes das düstere Lied erklungen
wäre welches Hermann schon einmal ungefähr um dieselbe Stunde gehört hatte
Wilhelmi horchte auf und geriet in eine wilde Lustigkeit »Nichts als
Kontraste« rief er »feuriges Eis frierendes Feuer Hier ein armer
Bürgerlicher der den Adel hasst und sich doch für die Hochgebornen totschlagen
ließe dort der ärztliche Verstand der mit aller seiner Kälte sich vor der
unsinnigsten Leidenschaft nicht zu schützen vermocht hat Weil er nicht selbst
Dichter ist paraphrasiert er den Byron und schüttet dessen Schmerzenstöne
verdeutscht in die Lüfte«
    »Der abgelebte ausgetrocknete Mensch Sagen Sie mir wen liebt er«
    »Wen  Wen er liebt Wenn Sie es wissen wollen die Herzogin Nun machen
Sie noch einen recht widersinnigen Streich dann können wir Terzett singen«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Ein für allemal war täglich eine Stunde bestimmt worin Hermann der Herzogin das
korrigierte Pensum des »Ivanhoe« zu bringen hatte An die Verhandlungen hierüber
knüpfte sich seit einiger Zeit eine Lektion im Englischen welche ein junges
Mädchen aus der Stadt über welches die Fürstin Obsorge übte von ihm empfing
Alles dieses hatte sich wie von selbst gemacht doch war es Hermann schon oft
so vorgekommen als sei der »Ivanhoe« und das Englische nur Nebensache Er
bemerkte dass die Herzogin seinen Lehren über deutschen Stil eine mehr gefällige
als gespannte Aufmerksamkeit schenkte und die junge Lucie wurde nicht
gescholten wenn sie unter allerhand Vorwänden vor Ablauf des gesetzten
Zeitraums der Grammatik entrann und sich wieder ins Fenster zum Filet setze
Man benutzte diese Zusammenkünfte zu Gesprächen über wichtige Punkte des Lebens
es schien dass man unsern Freund von allen Seiten kennenlernen wolle und er
unterließ nicht als er diese ihm überaus behagliche Absicht wahrnahm sich im
besten Lichte zu zeigen
    Nun war durch Wilhelmis unvorsichtige Eröffnung eine gärende Unruhe in sein
Blut geworfen worden und er ging sehr befangen am andern Morgen zur Herzogin
Dass sie unschuldig sei unschuldig bis in den geheimsten Gedanken ihrer Seele
davon überzeugte ihn der erste Blick auf diese reine Stirn in diese milden
Augen Er bedauerte sie er verwünschte die Begehrlichkeit der Männer die kein
Heiligtum unangetastet lassen können Der Arzt erschien ihm gemein und niedrig
er fühlte sich berufen den Ritter jener hochverehrten Dame zu machen
    Zerstreuter hatte er nie Unterricht gegeben Seine Verwirrung erreichte den
Gipfel als der Arzt sich anmelden ließ und angenommen wurde Dieser war wie
immer frei und unbefangen was unserm Freunde als die äußerste moralische
Verdorbenheit vorkam Er hätte an Pausen des Gesprächs an einigen verlegnen
Bewegungen der Herzogin wohl abnehmen können dass der Besuch einen Zweck habe
und dass seine Gegenwart nicht ferner gewünscht werde doch blieb er sitzen bis
ihn die Herzogin auf die freundlichste Weise entließ Sie hatte dies nie getan
und es kam ihm vor als ob ihm der Arzt beim Abschiede einen höhnischen und
triumphierenden Blick zuwerfe
    Er irrte durch den Park worin es schon grün zu werden begann Das junge
Laub erfreute ihn nicht Er sah den Herzog kommen und wich ihm aus Seine Seele
war in einer wogenden Bewegung in einem unbestimmten Verdrusse voll Missmut
der eigentlich keinen Gegenstand hatte
    Die Stunden bei der Herzogin gingen fort aber wie sehr hatte sich seine
Stimmung in ihnen verwandelt Nun war ihm die Plauderhaftigkeit der kleinen
Lucie welcher ihre Beschützerin viel Freiheit eingeräumt hatte äußerst
zuwider Das Geschrei des Papageien über welches er sonst gelacht hatte klang
ihm jetzt ganz unerträglich und er begriff nicht wie eine Dame von so feiner
Konstitution das überlaute Tier in ihrer Nähe dulden konnte Die abendlichen
Versammlungen gereichten ihm zur Pein er nahm sich jeden Tag vor aus denselben
fort zu bleiben und saß doch regelmäßig wenn die Glocke geschlagen hatte mit
empfindlichen Schmerzen auf seinem Stuhle Alles war ihm durch die unglückliche
Entdeckung verschoben und zerstückt
    Sein durch üble Laune geschärfter Blick sah nunmehr auch so manches um ihn
her was ihm lächerlich und abgeschmackt vorkam Er bemerkte dass man das Wappen
des Hauses überall angebracht hatte wo sich nur ein Plätzchen dafür finden
wollte über Toren und Türen Sälen Zimmern Gartenhäuschen und Vorratskammern
und er konnte aus der Neuheit vieler Verzierungen dieser Art abnehmen dass sie
erst während der Besitzzeit des Herzogs entstanden sein mussten
    Wilhelmis Sarkasmen über den neualten Aufputz der hin und wieder im
Schloss sichtbar war klangen ihm wieder vor den Ohren Wirklich sahen einige
Räume sehr buntscheckig aus Des Herzogs Vater ein Charakter wie er im
achtzehnten Jahrhundert unter vornehmen Edelleuten nicht selten vorkam war im
Sinne seiner Periode liberal und modern gewesen Französische Papiertapeten
Goldleistchen Phantasieblumen leichte geschnörkelte Meubles verdrängten den
alten schweren Schmuck Der Sohn fast in allem ein Gegensatz seines zu Genuss
und Empfindsamkeit aufgelegten Vaters ließ sobald Graf Heinrich in die Gruft
der Ahnen gegangen war was noch von frühern Zeiten übriggeblieben wieder
hervorsuchen und machte die Kontrerevolution inwieweit es anging Da kamen die
bunten Schäfer und Landschaftsbilder die massiven Schränke und Tische aus ihrem
Versteck aus Böden und Verschlägen wieder hervor und nahmen sich nun freilich
neben den übrigen Dingen im neusten Geschmack seltsam genug aus Der Herzog
äußerte wenn ihm der Kontrast von Eichenholz und Mahagoni von dickem Damast
und dünner Seide selbst auffallend werden wollte dass es besser sei ohne Kosten
sich mit den alten soliden Sachen zu helfen die trotz ihres Jahrhunderts noch
aussähen wie von heute und gestern als neue Fabrikate anzuschaffen gegen
deren Dauerhaftigkeit jeder ein entschiednes Misstrauen empfinden müsse
    Hermann sah aber in seiner jetzigen Verstimmung nur das Ungereimte solcher
Zusammenstellungen Und bald überzeugte ihn ein kleiner Vorfall noch mehr dass
er sich unter Menschen andrer Art und Natur aufhalte
    Er bemerkte eines Tages dass unter den Arbeitern im Garten ein Rennen und
Treiben entstand und sah mit nicht geringem Erstaunen nach kurzer Zeit die
wohlbekannten Figuren welche soeben noch in ihren kurzen Jacken gesteckt
hatten in schönen roten Uniformen einherstolzieren Eine Trommel ließ sich
vernehmen und bald war ein Häuschen vor dem Schloss welchem sich dieser
Gebrauch sonst nicht ansehen ließ als Hauptwache von den neugeschaffnen
Soldaten besetzt Zwei Schildwachen fassten gravitätisch vor der Rampe des
Mittelgebäudes Posto kurz ein kleiner Militärstaat wuchs im Augenblicke
sozusagen aus der Erde
    Als er sich nach der Ursache dieser plötzlichen Verwandlung erkundigte
hörte er dass der Herzog das Recht der Standesherrn eine Leibwache zu halten
auf diese Weise ausübe Man habe vernommen dass ein fremder General noch heute
ankommen werde In solchen und ähnlichen Fällen nun wo es gelte den Glanz des
Hauses zu zeigen werde die Armee zusammenberufen für welche jeder Arbeiter
zugleich geworben sei und welche nur so lange bestehe als die Veranlassung
währe Wirklich sah Hermann noch vor Abend die Posten von dem Schloss abziehn
die Hauptwache verlassen und die Arbeiter wieder rüstig in ihren Jacken
schaufeln und jäten denn die Nachricht mit dem fremden Generale hatte sich
nicht bestätigt Dergleichen Beobachtungen führten ihn darauf über die
Schlussworte in dem Briefe seines Oheims nachzusinnen Sie lauteten
folgendermaßen
    »Du bist da in Umgebungen geraten wo Du nur verdirbst Traue ihnen nicht
sie meinen es immer falsch mit uns Deinen Vater haben sie zum unglücklichen
Mann gemacht lass Dich von seinem Schicksale warnen«
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Um Flämmchen hatte er sich seither wenig bekümmert Sie zeigte nach dem
mystischen Abende eine heftige Neigung zu Wilhelmi und schien die Hoffnungen
ihres Wahnglaubens auf ihn gesetzt zu haben Wo er ging und stand suchte sie
ihm zu dienen und war endlich durch Dreistigkeit und unermüdliches Verfolgen
dahin gelangt dass ihr Wilhelmi erlaubte einen Teil des Tages bei ihm im
Archive zuzubringen wo er sich im Schweiße seines Antlitzes bemühte Ordnung zu
stiften soviel dies möglich war denn die Eigenheiten des Herzogs legten ihm
große Schwierigkeiten in den Weg Flämmchen durfte ihm dabei zur Hand gehen sie
brachte ihm die Akten und Skripturen zu versah sie mit Papierstreifen und was
dergleichen mechanische Dinge mehr sind welche bei einer Arbeit dieser Art so
vielfach vorkommen Wilhelmi fand sie in allem was er ihr auftrug äußerst
brauchbar er gewann den munteren bildschönen Knaben lieb und sprach eines Tages
gegen Hermann die Bitte aus ihm den Jungen ganz zu überlassen
    Dieser geriet hierdurch in eine große Verlegenheit Er sah zwar dass sein
Freund wirklich wie der Arzt sagte blind für alles Nächste war allein
irgendeine Unbesonnenheit Flämmchens konnte ihm dessen ungeachtet mit jedem Tage
gewaltsam die Binde von den Augen reißen Er kannte Wilhelmis strenge
Grundsätze und wenn er auch hoffen durfte diese durch einen wahrhaften Bericht
zu beschwichtigen so musste er doch von dessen Hange alles gleich auf die
Spitze zu stellen den schlimmsten Verrat fürchten Sein Aufenthalt im Schloss
war ihm ohnehin verleidet er nahm sich daher kurz und gut vor zu reisen und
den ihm empfohlnen Pädagogen um Erlösung aus seiner seltsamen Not zu bitten
    Indessen musste in der Zwischenzeit für sie gesorgt werden Trotz seiner
Abneigung gegen den Arzt die zuletzt fast in Verachtung übergegangen war sah
er sich gezwungen mit diesem über ihre vorläufige Unterbringung zu verhandeln
    Der Arzt empfing ihn zwischen seinen Elektrisiermaschinen und
Spirituspräparaten höflich als sei nichts vorgefallen Er wusste gleich Rat
»Sie soll« sagte er »solange Sie abwesend sind zu meiner alten
Kräutersammlerin gebracht werden und wir wollen sofort mit dieser die Sache
richtig machen«
    Sie ritten auf Wegen die Hermann noch nie betreten hatte durch ein wüstes
Hügelland und kamen in ein abgelegnes Tal welches obgleich in geringer
Entfernung von menschlichen Wohnplätzen den Charakter völliger Einsamkeit
zeigte Freilich waren die Pfade die hineinführten die schlechtesten sie
hatten sich mehrmals genötigt gesehen abzusteigen und ihre Pferde hinter sich
herzuleiten Ein Bach floss hindurch an demselben zwischen alten Rüstern stand
die Hütte der Alten gegen den Stamm der einen gelehnt
    Die Alte kroch zwischen den Klippen umher und sammelte Pflanzen Vor sich
hatte sie ein blendendweisses Tuch ausgebreitet auf welches sie die grünen
Sprossen und Blätter mit Bedachtsamkeit legte »So fleißig Mutter« rief sie
der Arzt an »habt Ihr gesucht was ich haben wollte«  »Nur der Waldmeister
fehlt noch« versetzte die Alte in ihrer gebückten Stellung und ohne sich stören
zu lassen »sonst ist alles da was Sie befohlen«
    »Lasst es jetzt sein und kommt herunter zu uns wir haben mit Euch etwas
auszumachen« sagte der Arzt
    Ungern schien sie sich von ihrem Geschäfte zu trennen Sie pflückte erst
noch einige Blumen ab band jede Spezies behutsam nur den Stengel berührend
mit Halmen in gesonderte Bündelchen fasste das Tuch locker bei den Zipfeln und
kam ihr Gewand vorn zusammennehmend ohne aufzusehen von den Felsen herab
»Sie sind heute recht frisch und kräftig« sagte sie das Tuch oben etwas
lupfend »damit sie nichts verlieren will ich sie gleich in den Keller legen«
    Der Arzt hielt sie zurück und eröffnete ihr seinen Wunsch Er fragte sie
ob sie ein junges Mädchen welches er ihr zubringen werde gegen gute Bezahlung
auf einige Wochen hinnehmen wolle Sie machte eine ehrerbietige Bewegung mit der
Hand und rief »Sie sind mein Herr und Gebieter Ich werde die welche Sie mir
bringen wie mein Kind aufnehmen«
    Als Hermann das Gesicht der Alten betrachtet und ihre Stimme gehört hatte
stieg in ihm eine Vermutung auf die ihn unruhig machte Um Gewissheit zu
erlangen fragte er den Arzt auf dem Heimritte über sie aus
    Dieser erzählte dass er sie im Spätsommer des verwichnen Jahrs kennengelernt
habe Sie sei als Zigeunerin mit einem Trupp verlaufnen Gesindels durch den
Flecken transportiert worden habe wegen Krankheit liegenbleiben müssen Hilfe
begehrt und so sei er zu ihr geführt worden »Die Reden dieser Person« fuhr er
fort »erregten meine Aufmerksamkeit Sie beschrieb mir ihre Leiden und den
Sitz derselben die Milz mit einer solchen Deutlichkeit dass ich daraus
schließen musste sie sehe gewissermaßen das Organ und seinen Zustand Ich
folgerte hieraus eine eigentümliche Stärke der sinnlichen Erregteit setzte
diese Wahrnehmung mit ihrem Gewerbe zusammen und da es eine meiner
Grundüberzeugungen ist dass jede Abnormität auf einer natürlichen Anlage beruht
so fasste ich den Vorsatz aus einer verworfnen Herumtreiberin womöglich ein
nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen
    Zur Probe hielt ich ihr meine Hand hin sie sah weniger auf diese als in
mein Gesicht und sagte Ihr wollt mich versuchen Ich bemerkte dass sie mit
einem unendlichen Scharfblick für alles Körperliche ausgerüstet war aus den
Lineamenten die geheimsten Seelenregungen las und mit diesen Kräften durch
Elend und Dürftigkeit gezwungen auf Prophezeien und Quacksalbern verfallen war
während sie unter günstigen Umständen vielleicht eine berühmte Frau geworden
wäre Ich öffnete ihr die Augen über sich sagte ihr dass ich ihr helfen wolle
wenn sie folgsam sei und fand Zutraun
    Meine homöopatischen Kuren welche ich wo die Konstitution dieses
Verfahren rechtfertigt zuweilen vornehme erfordern Mittel zu welchen die
Substanzen mit der äußersten Sorgfalt eingesammelt werden müssen Niemand hatte
mir bis dahin die Sache zu Dank machen können ich war genötigt gewesen selbst
stundenlang die Halme und Binsen aus dem eigentlich Brauchbaren zu lesen um
nicht nach großer Mühe noch endlich einen verfälschten groben Saft durch die
Extraktivpresse zu gewinnen Ich beschloss mit der Alten einen Versuch
anzustellen und er ist vollkommen gelungen Als sie von ihrem Lager erstanden
war lehrte ich sie Botanik dh soviel davon zu ihrem Geschäfte nötig schien
mietete ihr das Häuschen in dem Hügelkessel welcher die seltensten Pflanzen
weit in die Runde trägt und schickte sie auf das Suchen aus Sie hatte mich
wunderbar schnell begriffen ja sie trug die Kunde welche ich ihr beibringen
wollte sozusagen schon vollständig nur unentwickelt in sich Sie hat sich
mit dem Pflanzenreiche gleichsam identifiziert entdeckt was nur entdeckt
werden kann, verfährt mit einer Genauigkeit die Sie selbst zum Teil haben
bemerken können und leistete mir im vorigen Herbste sowie in diesem Frühjahre
schon die wesentlichsten Dienste Anfangs fürchtete ich für den Winter weil ich
nicht wusste womit ich sie während desselben beschäftigen sollte Aber die Natur
half auch hier wie gewöhnlich aus Sie verfiel nämlich zu meinem Erstaunen in
einen Schlaf welcher der Erstarrung mancher Tierarten ganz ähnlich war und aus
dem sie oft nur je um den zweiten Tag zu einem Halbbewusstsein erwachte in dem
sie dann wie träumend für ihre Bedürfnisse sorgte um sich nachdem diese
abgetan waren wieder auszustrecken Ich glaube dass eine furchtbare Krankheit
die wie ich aus einzelnen Reden geschlossen habe selbst bis zum Scheintode
geführt hat dergestalt ihre Lebenskraft schwächte dass diese nur während der
warmen Jahreszeit vorhält und sich sobald es kalt wird als Fünkchen in das
Innere des Organismus zurückzieht So gewährt sie mir noch nebenbei ein
merkwürdiges Studium«
    Hermann entdeckte ihm dass er die Alte für dieselbe Person halte welche er
schon einmal im Walde gesehen und welche Flämmchen gewahrsagt habe Er äußerte
seine Besorgnis vor den Folgen wenn man beide wieder zusammenbringe Der Arzt
teilte dieselbe aber nicht sondern sagte »Sie wird eher heilsam auf das Kind
wirken denn sie hegt den größten Abscheu vor ihrem ehemaligen Gewerbe und
bereut wie sie sich ausdruckt jeden Augenblick wo sie in die Hand und in das
Antlitz der Menschen gesehen seitdem sie erfahren wieviel Gott auf die Blätter
der Pflanzen geschrieben hat«
    Er erbot sich Flämmchen wenn Hermann abgereist wäre unter einem Vorwande
von Wilhelmi zu entfernen und jener musste wohl nachgeben da er keinen andern
Ausweg wusste
 
                              Achtzehntes Kapitel
Flämmchen kam dazu als er packte »Willst du fort« fragte sie Er bejahte es
 »Warum«  »Um deinetwillen«
    Sie zog ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl kniete vor ihm nieder und
schaute ihm mit einem unbeschreiblichen Blicke in die Augen »Um meinetwillen«
sagte sie gedehnt »Ich meinte schon mit uns sei es aus und die Alte und der
Geist hätten gelogen« Sie wollte lächeln aber der Schmerz verzog ihren Mund
und ein Tränenstrom floss über Lippen und Kinn
    Er hielt den Augenblick für geeignet ihr Inneres zu erforschen »Sei einmal
recht offen gegen mich mein liebes Kind« sagte er »Was hat dir den Gedanken
in den Kopf gesetzt von dem du nicht lassen willst«
    »Ich lag nach meiner Flucht vom falschen Vater im Walde und weinte denn
zurück wollte ich nicht und um mich waren nichts als Bäume und mir graute in
der Einsamkeit Ich wusste mich vor Angst nicht zu lassen ach es ist so
schrecklich ganz allein zu sein Ich zog meine Sachen hervor aber nichts
wollte mir helfen Den falschen Vater hatte ich wenn er seine weinerlichen
Reden hielt oft lieber Gott rufen hören Nun rief ich auch wohl hundertmal
lieber Gott aber kein lieber Gott kam und ich merkte dass der auch nur eine
Lüge sei wie alles was der falsche Vater gesagt hatte«
    »Mädchen Mädchen« rief Hermann »du weißt nicht was du sprichst Erzähle
weiter«
    »Da stand die Alte vor mir Sie musste aus der Erde gewachsen sein denn ich
hatte sie nicht kommen sehen Ich solle nicht weinen sagte sie zu mir und
nannte mich ein schönes Kind dem es nicht übel ergehen könne Ich müsse etwas
Blankes auf die Hand legen dann wolle sie mir wahrsagen Ich hatte noch ein
Silberstück von den Geschenken der jungen Herren bei mir das legte ich auf die
Fläche meiner Hand Sie schlug nachdem sie die Linien beschaut die Hände vor
Freuden über dem Kopfe zusammen und rief O du gebenedeite Kreatur Welch ein
großes Glück steht dir bevor Dann weissagte sie mir ein Prinz werde sich in
mich verlieben und mich zu seiner Frau Gemahlin machen Ich fragte Wann wo
wie bald  Sie machte sich von mir los und lief durch die Bäume davon flink
wie ein Feldhuhn aber ich hörte noch aus der Entfernung ihre Antwort Bald
Vielleicht noch heute Ganz in der Nähe Und an demselben Vormittage habe ich
dich gefunden«
    »Mich Flämmchen ja Aber wann den Prinzen Ich bin eines Bürgers Sohn Wer
bildete dir ein dass ich der verheissne Prinz sei«
    Flämmchen sah ihn an stutzig als ob sie an diese Frage noch nie gedacht
habe »Wer« fragte sie sinnend »Ich lauschte hinter einem Baume als du neben
deinem Freunde auf dem Stamme sassest und als ich dein Gesicht erblickt hatte
wusste ich du seist es«
    Eine dunkle Röte hatte bei diesen Worten ihr Antlitz ja den Hals überzogen
Sie sprach mit einem Tone welchen er nie von ihr vernommen hatte tiefer
bebender als gewöhnlich Es war als ob eine andre Person aus ihr rede Auch
ihn ergriff ein mächtiges Gefühl Die Natur sah ihn durch alle Verkehrtheit mit
ihren heiligen Augen an So muss dem zumute sein der unter einer Karikatur die
Züge einer frühern lieblichen und wohlgefälligen Zeichnung erblickt die der
Zerrmaler übersudelt hat
    »Ich lief« fuhr Flämmchen fort »als wir auseinandergegangen waren durch
Feld und Busch umher meine Alte wiederzufinden die das wusste ich schon alles
konnte was sie wollte Ich traf sie auch glücklicherweise auf der Heide an den
großen Steinen die da im Kreise umher lagen Ich sagte ihr sie solle mir den
Geist meines Vaters rufen denn ich musste ja den auch um dich befragen Sie
wollte nicht und endlich antwortete sie mir sie könne nicht Da bin ich
ingrimmig geworden und weiß nicht was ich getan habe Aber als ich zu mir
selbst kam sah ich dass ich mein Messer aufgeklappt in der Hand hatte und die
Alte lag vor mir an der Erde zitternd und bat ich möchte ihres Lebens
schonen Sie sagte mir darauf die Worte mit denen ich den Geist rufen müsse
und die ich dir nicht wiederholen darf sonst sterbe ich in neun Tagen Nach den
Tannen schickte sie mich und da habe ich gewartet bis Mitternacht unter Furcht
und Angst dann kam er in einer schönen bunten Uniform ganz bleich mit einem
blutigen Streifen über der Stirn Ich fragte ihn und er antwortete mir ich
solle dir folgen wohin du gehest und mich ganz auf dich verlassen«
    »Und fragtest du ihn denn auch mein Flämmchen ob ich ein Prinz sei«
    »Daran habe ich wahrhaftig gar nicht gedacht« rief das Mädchen und machte
eine Bewegung mit der Hand wie ein Kind das sich einer Nachlässigkeit
erinnert »Das habe ich doch wirklich rein vergessen«
    Hermann stand auf und beruhigte sie »Prinz oder nicht« sagte er zu ihr
»werde ich mich deiner annehmen«
    »Es streiten sich zwei um dich« fuhr sie mit verfinstertem Gesichte fort
»Aber ich hoffe sie wird es mit dem Tranke den sie dir eingegeben hat nicht
durchsetzen ich werde dich behalten Es wäre recht übel wenn es anders käme
Denn sie hat genug aber Flämmchen hat niemand als dich«
    »Trank Sie Wer«
    »Nun die Herzogin Das ist doch zu sehen dass sie sich in dich verliebt
hat Sie kann ja nicht leben wenn du nicht ein paar Stunden des Tages über bei
ihr bist«
    »Du schwärmst Ist es möglich dass dir nur so etwas in den Kopf kommt«
    »Ich denke die unschuldigen Tiere werden wissen was sie tun« rief
Flämmchen leidenschaftlich aus »Spricht nicht ihr bunter Vogel in einem fort
Teurer Hermann Wie oft habe ich es gehört wenn ich unter dem Balkon durchging
auf welchem er sich sonnte Er muss es doch von ihr haben Heißt du nicht
Hermann Und ich sollte nichts merken«
 
                              Neunzehntes Kapitel
In diesem Augenblicke erhielt er den Befehl zur Herzogin zu kommen »Da haben
wirs« rief Flämmchen und lief schluchzend fort Er ging bestürzt zur Fürstin
Sie war sehr bewegt Vergebens suchte sie heiter und unbefangen zu erscheinen
Sie fragte ihn ob es wahr sei dass er reise Ihre Stimme zitterte sie machte
sich mit Blumen und Büchern allerhand zu schaffen Er versetzte dass er sich nur
fortbegebe um ein Geschäft abzumachen dass er aber wenn es ihm erlaubt werde
in wenigen Tagen zurückzukehren wünsche
    »Wir sehen Sie also wieder« rief sie freudig Sie holte tief Atem als ob
eine Last von ihrer Brust gehoben sei Dann versank sie wieder in eine stille
Verlegenheit knüpfte ein Gespräch über gleichgültige Dinge an, ließ es fallen
schien kaum zu hören was er erwiderte Es war als ob sie ihm etwas vertrauen
wolle und gleichwohl die Mitteilung scheue
    Er befand sich in der peinlichsten Stimmung Der Boden glühte unter ihm Und
als ob ein Dämon heute sein Spiel triebe plötzlich öffnete der unbescheidne
Vogel im Käficht seinen Schnabel und wiederholte ein dutzendmal die Worte
welche Flämmchens Eifersucht schon früher vernommen hatte Er sprach sie mit dem
rauen Tone dieser Tiere Hermann hatte früherhin auf sein Geschwätz nicht
geachtet nun aber aufmerksam gemacht konnte er nicht zweifeln dass der Vogel
zum Verräter an den einsamen Stunden und Selbstgesprächen seiner Gebieterin
werde
    Unwillkürlich sah er nach dem Schwätzer dann warf er einen scharfen
fliegenden Blick auf die Fürstin Sie errötete und deckte einen Teppich über
den Käficht »Er spricht recht deutlich« sagte Hermann um nur etwas zu sagen
»Man hatte ihn schon diese Worte gelehrt als ich ihn kaufte« versetzte sie
mit dem Teppich beschäftigt ohne sich umzuwenden  »Reisen Sie glücklich«
    Der alte Erich brachte ihm draußen die Nachricht dass heute keine Fuhre zu
haben sei So musste er sich denn entschließen noch einen Tag zu verweilen Es
wäre ihm nicht möglich gewesen dem gewohnten Kreise zu nahen und ebenso
unmöglich fiel es ihm einsam zu bleiben Er suchte sich selbst er suchte den
Bildern zu entfliehn die in stürmender Eile an seiner Seele vorüberjagten
    In dieser Verfassung war es ihm recht dass der Hausgeistliche sich zu ihm
fand Die gemeinschaftliche Erinnrung an Rom verknüpfte beide Männer auch heute
war es wieder jene Weltstadt welche Hermann wenigstens auf eine Zeitlang über
sich und die Gegenwart erhob
    Der Geistliche gehörte zu denen welche dort ein neues Glaubensbekenntnis
wählten Scheu zurückgezogen mit äußerster Strenge die Gebräuche seiner Kirche
übend stand dieser junge Mann sehr einsam unter den neuen Glaubensgenossen da
Man kennt den Spott womit bereits in Rom die sogenannten Nazarener verfolgt
wurden unser armer Proselyt hatte auch diesseits der Alpen nur Achselzucken und
Zweifel an seiner Gesinnung gefunden
    Der Herzog duldete ihn als vom Vater ererbt Wilhelmi hielt ihn für einen
Toren und der Arzt für einen Heuchler Er ertrug Kälte verdeckte und offenbare
Angriffe mit musterhafter Geduld und hatte schon mehrere Vorschläge zu
Verändrungen seiner Lage die ihm nur zum Nutzen gereichen konnten abgelehnt
weil er nach der Weise solcher Charaktere den Aufenthalt in diesem Schloss für
eine gottverhängte Schickung und Busse ansah
    Hermann war ihm immer freundlich begegnet und der Geistliche dem diese
sanfte Berührung wohltat hatte sich gegen ihn mehr als gegen irgend jemand
aufgeschlossen Unser Freund hatte bei dieser Gelegenheit eine nur unsrer Zeit
eigentümliche Gemütsart kennengelernt eine Individualität die sich mehr fühlen
als beschreiben lässt und von der wir nur den allgemeinsten Umriss angeben wenn
wir sie weibliche Männlichkeit nennen
    Er war über die Abreise seines Freundes sehr betrübt »Sie gehen fort« rief
er »und wenn Sie auch noch einmal wiederkehren wie lange wird das dauern Ich
werde Sie bald verlieren ich werde bald wieder ganz allein sein Der Mensch ist
eine schwache Kreatur es ist als könne er den holden Schall menschlicher Rede
nicht entbehren Wie fest hatte ich mir vorgenommen nur in stummen Gesprächen
mit Gott meine Tage hinzubringen Sie haben mich verwöhnt Werde ich leben
können ohne Sie Von niemand geachtet zu werden o es ist ein ödes schreckliches
Gefühl Aufzustehn mit der Überzeugung Wieder einmal ist der Tag angebrochen
der den andern Liebe Traulichkeit Teilnahme bringt und dir bringt er nichts
als trostlose Versenkung in dich selbst als ein unendliches Brüten über den
grauenvollen und unergründlichen Tiefen der Gottheit Sich niederzulegen mit der
Bitte Vater lass diese Nacht die letzte sein und zu erwachen im Dunkel und
schaudernd zu wissen dass man sein erstorbnes Dasein weiterzuschleppen verdammt
ist«
    »Armer Mann« sagte Hermann den die Klage des Priesters der sich selbst
kein Heil wusste rührte »Wie ich Sie kenne haben Sie den Schritt welcher Sie
aus der Mitte Ihrer Verhältnisse riss reinen Herzens getan und das sollte Sie
trösten wenn andre Sie kalt oder lieblos beurteilen«
    »Es ist nicht das« seufzte der Geistliche »Reinsten Herzens jawohl so
tat ich diesen Schritt Hören Sie die Geschichte meiner Bekehrung es kommt
weder von Heilandskassen noch von Zeichen und Wundern etwas darin vor ach und
sie hat mir nichts eingetragen als Schmerzen und Dornen«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                           Eine Bekehrungsgeschichte
»Ich war Protestant dh ich wurde in dieser Konfession eingesegnet Der
Religionsunterricht der Katechumenen hatte sich mehr über Naturgeschichte und
Physiologie als über den Katechismus verbreitet Der Prediger welcher diese
Stunden abhielt war der Meinung dass dieselben auf solche Weise noch immer
nützlich zu machen seien Unser Lehrer galt in der Stadt überaus viel Er besaß
die schönsten geselligen Tugenden erheiterte wöchentlich einen großen Kreis
durch Knittelverse und Gelegenheitsgedichte und wenn er unter ganz vertrauten
Personen war ging seine Vorurteilslosigkeit so weit hin und wieder auch ein
Tänzchen oder ein Pfänderspiel nicht zu verschmähn
    Ich stand den übrigen Knaben an Kenntnissen vor wurde wegen meiner raschen
Antworten sehr gerühmt und wusste mir viel mit dem erhaltnen Lobe Auch an
verliebten Blicken zu den Mädchen hinüber und von ihnen herüber fehlte es nicht
So war ich zur Ablegung meines Glaubensbekenntnisses vorbereitet worden und
meiner Meinung nach fest in demselben kam ich nach Rom
    Erwarten Sie hier keinen Mortimer Ich kann wohl sagen dass der Glanz das
Geflitter und der rauschende Pomp wovon das Leben der Kirche dort begleitet
wird nicht auf mich eingewirkt haben Ich freute mich an diesen bunten Dingen
ohne dass sie mich religiös berührten
    Aber ein andrer Einfluss begann allmählich mich umzugestalten Sie waren
dort und wissen welche Stille über so manchen Plätzen und Winkeln über
Trümmern und Schädelstätten bei den Gräbern der Märtyrer in den Hallen der
weniger besuchten Kirchen und Kapellen weilt Wer in Rom nicht fühlt dass der
Mensch ein Nichts ist und wem nach dieser Empfindung die zum Nichts führt
kein tröstender Geist riesenhaft und doch vertraulich zuspricht der muss ein
verwahrlosetes Herz haben Überall sah ich Geschichte überall trat ich auf
Boden den vor mir Menschen beschritten hatten durch welche die Welt verwandelt
worden war wie kümmerlich kam ich mir mit meinem neuen Sinne mit meinem aus
bunten Läppchen zusammengeflicktem Wesen unter dieser Herrlichkeit des Todes
vor Ich kann Ihnen die Versichrung geben dass ich anfangs an nichts weniger
dachte als an eine Religionsverändrung Ich besah Gemälde Antiken Ruinen
Paläste Kirchen war ein Reisender wie es deren Tausende gibt Aber nach und
nach ward mir als ob aus der Gewalt aller dieser verschiedenartigen
Erscheinungen doch nur eine Stimme rede Ich horchte zu und siehe es war die
Stimme Gottes Da wurde ich nachdenkend und je mehr ich hörte desto fühlbarer
weitete sich mein Inneres Ich wüsste von diesem Zustande keine Beschreibung zu
machen Meine Brust baute sich wie mit granitnen Pfeilern und Bogen
himmelanstrebend aus mein Herz hing und brannte in dem neuen Heiligtum wie
die ewige Leuchte und ein Choral ernst wie das Gespräch der Dreieinigkeit mit
sich selbst durchtönte es Ich tat nichts zu diesen Sachen es wurde etwas in
mir ohne mein Verdienst ja ohne meinen Willen Auch fehlten nicht die düstern
gramvollen Stunden Ich sah nicht bloß die Wunder Roms ich sah auch den
Violettstrumpf den hinterhaltig lächelnden Monsignore die Schnörkel an der
Monstranz die zerstreuten Blicke sogenannter Andacht wie sie dem Volke aus
jeder heiligen Handlung eine Komödie zubereiteten Diesen Wust diesen Trug all
die Alfanzerei welche sich darum und daran gehängt hat willst du mit in den
Kauf nehmen fragte ich mich erbleichend Meine Seele spaltete sich ich hatte
verlassen was mir zugehörte und konnte das andre noch nicht ergreifen
    Die Karwoche kam heran Ich hatte mich einem alten Priester anvertraut und
ich müsste die Unwahrheit sagen wenn ich behauptete jemals Künste der
Überredung von ihm erfahren zu haben Alles was man in dieser Beziehung in
Deutschland über mich verbreitet hat ist eine Erfindung Er riet mir mich in
Ruhe und Sammlung zu erhalten dann werde mir von selbst das Rechte gezeigt
werden Seine Kirche sei zwar die Spenderin der alleinigen Wahrheit aber auch
zur Wahrheit komme man nur vorbereitet Ich erlangte durch seine Vermittlung
während jener Periode Aufnahme im Kloster der Passionisten wohin sich wie Sie
vielleicht erfahren haben gegen die Osterzeit fromme Gesellschaften
zurückziehn um sich zum Feste in der tiefsten Stille geistlich zu rüsten Man
wusste dass ich noch nicht übergetreten war gewährte mir aber den Aufenthalt
unter der Bedingung dass auch ich mich der Regel des Hauses fügen wolle
    Wer jene Lebensweise erwählt scheidet sich während der Dauer seines
Verweilens völlig von der Außenwelt ab Kein Brief keine Nachricht darf von
jenseit der Klostermauern zu den Genossen der Übungen dringen Letztre sind fest
bestimmt und nehmen fast den ganzen Tag auch einen Teil des frühen Morgens
ein Jeder hat seine Zelle auf welcher er von niemand Besuche empfangen darf
Selbst bei dem Mahle welches gemeinschaftlich ist sind weltliche Gespräche
untersagt
    Das war nun ein Leben wie man es nirgends wieder findet ein eigentliches
Leben im Geiste Ich gestehe dass gerade dort zwischen den Wänden meiner Zelle
in mir die schwersten Zweifel aufstiegen Ist diese Absondrung menschlich
Lauert nicht auch hier die Schlange unter den Blumen Werden sich deine
Mitgenossen wirst du selbst dich nicht von solcher Entbehrung in gedoppelter
Lust und Zerstreuung erholen  Vielleicht stirbt dieser einem ein teurer Mensch
ab vielleicht streckt nach einem andern die Not ihre Arme flehend aus sie aber
hören nichts davon sie haben zwischen sich und der Natur eine Scheidewand
gesetzt liegt darin nicht eine Verkehrung der ewigen Ordnung der Dinge?  So
lauteten ungefähr meine stillen Selbstgespräche
    Das Kloster liegt ziemlich hoch auf einem Hügel Ich saß in den Freistunden
meistenteils unter der herrlichen Palme die in der Mitte des Hofes ihre
Schatten verbreitet Über die Mauer am Abhange sah ich auf den Aventin und die
Kaiserpaläste Aber der Berg und die Trümmer sprachen nicht mehr zu mir und der
Gesang aus der Kirche tönte an meinen Ohren vorüber Es war völlig finster in
mir geworden und mich verlangte nach dem Ende dieser grabähnlichen Tage
    Eines Abends ging ich in meiner großen Bekümmernis zur Kirche Noch hatte
der Gottesdienst nicht begonnen ich war allein Redlich hatte ich gekämpft es
durchdrang mich wie ein Schwert dass Gott solchem Suchen sich zeigen müsse Ein
unendliches Zutraun erfüllte mich ich wollte am Hochaltare zum Gebete
niedersinken als meine Blicke auf das Kruzifix über demselben fielen Schon oft
hatte ich dieses Bild gleichgültig betrachtet in meiner damaligen Erregung
machte es aber einen äußerst widerwärtigen Eindruck auf mich In der Tat konnte
man sich auch nichts Hässlicheres denken Groß plump von Holz geschnitzt war
es ein getreuer Abdruck der krassesten VorstellungIn den Zügen des Hauptes die
abscheulichste Fratze des tierischen Schmerzes alles dick mit Farben
bestrichen das Blut in ekelhaften roten Streifen herabrinnend und mit diesem
Jammer in Widerspruch geschmacklose Zieraten auf dem Kreuze in verblichnem Gold
und Schmelzwerk eingeschlagen Meine Gedanken schrumpften vor dieser Missgestalt
ein ich richtete mich empor und stand straff auf meinen Füßen missmutig
ernüchtert verworren Mechanisch ging ich einige Schritte zur Seite da sah
ich dass es von Würmern zerfressen war und es kam mir zugleich so vor als ob
sich in der Seitenfläche eine ganz feine Spalte befinde Ich trat wieder hinzu
ich erhob mich über die Brüstung des Altars und konnte nun deutlich sehen dass
es nicht aus einem Stücke bestand sondern aus zwei aufeinander gelegten Hälften
gemacht zu sein schien
    Ich weiß nicht war es Neugier oder etwas Ernsteres Besseres was meine
Hand führte genug ich fasste das Heiligtum an wie um ein verborgnes Geheimnis
zu erobern Zu meinem Schreck blieb mir die obere Hälfte wie eine Schale in
der Hand ich traute meinen Augen nicht als mir der wahre Gehalt dieses Bildes
erschien Das Holz war nur Kapsel nur Futteral für ein Werk der edelsten Kunst
Aus der zweiten stehengebliebnen Hälfte blickte der Gekreuzigte im reinsten
Elfenbein auf tief glänzendem Schwarz sich abhebend zu mir nieder Eine
göttliche Arbeit sie musste der besten Florentiner Periode angehören Nie habe
ich einen Christuskopf gesehen in dem die Pein so geistig und rührend
dargestellt war Und welche Pein Nicht um die blutigen Fuß und Handwunden
nein um die gefallnen Menschen die sie schlugen
    Überrascht ergriffen entzückt warf ich die rohe hölzerne Decke aus meinen
Händen und stürzte vor dem gefundnen Erlöser nieder Auf einmal war mir alles
klar meine Lage meine Pflicht in diesem Gleichnisse erschien mir sichtlich
körperlich greifbar der ganze Stand und das innerste Wesen der Kirche Meine
Seele geriet in eine Verzückung Das war nicht totes Elfenbein und Ebenholz
mehr was ich vor mir sah der schwarze Stamm des Kreuzes fing an sich von
innen zu erleuchten bis er ganz durchsichtig in rosenrotem Lichte strahlte
der Leib des Erlösers begann zu pulsieren Blutstropfen perlten aus den Armen
und Füßen die Wangen färbten sich leicht an und aus den milden Lippen tönte es
mit Geisterlauten Willst du den Kern verachten der Hülle wegen Hier bin ich
unter allem Tand und Aberwitz hier und nirgend anders Die Toren haben ihr
Werk getan und die Würmer tun ihr Werk an dem Werke der Toren du aber suche
mich nicht draußen sondern drinnen
    Wie lange ich mich in diesem erhöhten Zustande befunden habe ist mir nicht
klargeworden Als ich erwachte stand der Prior hinter mir nebst seinen Mönchen
und den Andachtsgenossen Alle sahen verwundert auf mich auf das entdeckte
Heiligtum auf die Holzdecke die von meinem Wurfe in Splitter und Wurmfrass
zerfallen am Boden lag Ich beichtete meinen Vorwitz man vergab mir um seiner
Folgen willen
    Die starre Regel des Tages war durch das unerwartete Ereignis gestört
worden und sie meinten Gott zu dienen wenn sie ihren Betrachtungen darüber
freien Lauf ließ Die Ältesten der Kongregation erinnerten sich dass im
Kloster traditionell die Sage von einem unendlich schönen Kruzifix welches man
vor Zeiten besessen gegangen sei und dass man auch oft wiewohl vergebens
Nachforschungen angestellt habe solches wieder aufzufinden Nun suchten sie in
den Registern und Urkunden zu entdecken wann von wem und zu welchem Zwecke
dieses Werk so mumienhaft den Augen entzogen worden sei Die Jüngern welchen
das Amt obgelegen den Leib des Erlösers am Karfreitage in das aufgeschmückte
Grab zu tragen und am Auferstehungsmorgen ihn zum Altare zurückzubringen
meinten sie hätten sich immer über die unverhältnismässige Schwere des
Kruzifixes verwundert Einge fragten wie es doch möglich gewesen sei dass man
nicht früher den Falz in dem Holze gesehen habe Darauf erwiderten andre dass
solange der Stoff noch einigermaßen haltbar gewesen beide Hälften fest
aufeinander geschlossen hätten erst durch Alter und Zerstörung sei das Volumen
verringert und dadurch ein Zurückweichen der Teile hervorgebracht worden
    Was mich betrifft so hatte ich während alles dieses Fragens Verwunderns
und Erklärens nur einen Gedanken Mir war die Decke von der Gestalt hinweggetan
der Katholizismus hatte sich mir in jener Stunde der Erleuchtung göttlich
hüllen und makellos gezeigt Am ersten Ostertage ging ich zu meinem guten
geistlichen Vater sagte ihm wie es mit mir geworden sei und empfing bald
darauf von ihm das hochzeitliche Kleid des neuen Menschen Himmel und Erde lagen
jungfräulich wiedergeboren vor meinen Blicken Nein es kann keine Täuschung
gewesen sein Diese Momente überströmender Seligkeit diese Gefühle leiblicher
Gemeinschaft mit dem Allmächtigen sie waren nicht Lüge sie trugen auf ihren
Flügeln den Lichtglanz der Urwahrheit«
    Der bewegte Mann hatte von dem Tone der Klage womit seine Geschichte
begann sich bis zu dem Ausdrucke der höchsten Begeisterung erhoben Er schaute
mit glänzenden Blicken in die Sonne die hinter den Hügeln hinabsank Sie
standen auf einer kleinen Anhöhe Hermann hatte die Erzählung des Proselyten
voll Teilnahme gehört Erinnrungen schöner Art waren in ihm aufgewacht Von
diesen bewegt drückte er dem Geistlichen die Hand und sagte leise »Rom«
    »Rom Rom« rief jener außer sich und warf sich dem Erstaunten
leidenschaftlich an die Brust »Ja Rom Und ist Rom nur über den sieben Hügeln
Du Unglücklicher Armer Darbender Komm herüber zu uns wir haben der Speise
die Fülle auch für dich Sei der unsre du bist dessen wert«
    Hermann erschrak über diese unerwartete Wendung Gegenüber in einem Fenster
des Schlosses erschien die Herzogin Ihr Blick ruhte lange und durchdringend auf
der Gruppe  »Wir sind nicht unbemerkt« sagte er ängstlich und machte sich
los »Die Herzogin sieht uns«
    »So sieht dich der Engel deiner Tage« rief der Geistliche »Auch ihre
Wünsche steigen für deine Rettung empor Auch sie fleht mit den unschuldigen
Lippen Erlöse ihn aus seiner Unseligkeit o Heiland dass wir ihn haben und
behalten diesseits und jenseits«
    
 
                                  Drittes Buch
                                 Die Verlobung
  Die Ehen werden im Himmel geschlossen
                                 Erstes Kapitel
Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein
Ziel erreicht Als er die Stadt im dampfenden Tale vor sich liegen sah
überdachte er seinen Plan beschloss im Hause des Pädagogen zuerst pseudonym
aufzutreten und wie im Auftrage eines andern seinen Wunsch vorzubringen Auf
diese Weise hoffte er die Sache in der für ihn leichtesten Art zum Ende zu
führen
    Das Gymnasium war aus den Überbleibseln einer Stiftung entstanden Alte
Linden umgaben den Schulhof durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter
angestrichnen Wohnung des Rektors Er erfuhr von der Magd dass dieser verreist
sei und musste sich daher bei der Frau anmelden lassen
    Die Rektorin empfing den Kandidaten Schmidt aus Leipzig  diesen Namen und
Stand hatte er sich gegeben  mit lebhafter Freundlichkeit Als sie ihn zum
Sitzen nötigte wollte er ihrem Sofaplatze gegenüber auf einem Stuhle sich
niederlassen Sie verhinderte es aber zog ihn auf das Sofa und sagte »Wir
leben hier nicht steif und vornehm Seine Feinde fasst man ins Antlitz seine
Freunde hat man gern neben sich«
    Er eröffnete ihr dass er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde deren
vorzüglichster Zweck sei die ersten Männer des Fachs kennenzulernen Schon
lange habe er sich gesehnt dem ausgezeichneten Erzieher dessen Methode man
weit und breit rühme seine Verehrung zu bezeugen
    Das Mütterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlürfen »Er
benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S wo wir leider einen
verdrießlichen Handel abzumachen haben« versetzte sie »Indessen erwarte ich
ihn morgen oder übermorgen zurück und wenn Sie einige Tage hier verweilen
können so soll es mir lieb sein«
    Sie gehörte zu den Personen mit denen man in fünf Minuten bekannt ist Die
gutmütigsten Augen sahen unter dem weißen Spitzenhäubchen hervor ihr Herz
schwebte auf der Zunge Sie schien nicht viel Ruhe zu haben stand öfters auf
quirlte hin und her setzte ihm ein Frühstück vor und er musste ungeachtet
aller Versichrungen dass er schon im Gasthofe das Nötige genossen habe
wenigstens davon kosten »Wer in unser Haus tritt isst von unsrem Brote und
trinkt von unsrem Weine« sagte sie »Wir ahmen darin den Erzvätern nach und
dem edlen Alkinoos wenn wir gleich keine phäakische Schmauserei anstellen
können« Diese und ähnliche Anspielungen welche bald darauf zum Vorschein
kamen deuteten dem falschen Schulamtskandidaten den Ton an in welchem er sich
hier vernehmen lassen müsse Das saubre Zimmerchen dem aber jede Eleganz
fehlte war mit den Porträts berühmter Gelehrten verziert Der besten Rähmchen
erfreuten sich die Philologen Heine Wolf Ernesti Gesner Bentlei Ruhnkenius
zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter Voss war dreimal vorhanden gezeichnet
im Kupferstich und in Gips Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und
Griechisch zusammen sprach von der hehren Göttin Kalypso besann sich zum Glück
auf ein paar Horazische Verse die er ohne wesentliche Verstümmlungen
herausbrachte und bemerkte dass die Rektorin nun erst das volle Zutraun zu ihm
gewann Mit Erstaunen hörte er im Verlaufe des Gesprächs völlig regelrechte
Hexameter aus ihrem Munde tönen die nur durch gehäufte Spondeen etwas
Unbeholfnes erhielten Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde
miteinander
    Indessen entstanden doch wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen
pflegt Pausen Hermann erhob sich daher und wollte gehen Sie fasste ihn bei der
Hand und sagte ihm treuherzig ins Gesicht sehend »Ihr Herrn habt es im Kopfe
aber selten viel im Beutel und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen als
die Kandidaten welche uns sonst besuchen so dächte ich doch dass frei Quartier
bei guten Leuten besser wäre als teure Gastofszeche Ich will Ihnen Ihr
Zimmerchen zeigen und Sie können nur gleich Ihre Sachen vom Wirtshause
herüberbringen lassen« Ohne seine Antwort zu erwarten nahm sie ihn mit in das
obere Stockwerk wies ihm unterwegs verschiedene wirtschaftliche Einrichtungen
namentlich den Ofen der zwei Stuben zugleich heizte und den neuen Wandschrank
und führte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen von welchem man das ganze
Flusstal übersah Er fragte nach dem Namen eines Dorfs dessen Turmspitze am
Horizonte hervorragte und erfuhr nicht nur diesen sondern lernte auch auf der
Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten Freunden und
Gevattern die da und dort wohnten kennen
    »Sind Sie versprochen Herr Schmidt« fragte sie plötzlich »Nein« 
»Rauchen Sie Tabak«  »Auch nicht«  »Dann sind Sie auch kein ordentlicher
Kandidat« rief sie lachend »Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt der
nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hätte Sie müssen sich beides bald
anschaffen« Er erwiderte ihren Scherz der halb wie Ernst klang und wurde von
ihr mit einem Armvoll Tischzeug beladen welches er unten in das Esszimmer tragen
sollte Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten dass
ein Kandidat der Frau eines Schulvorstehers nötigenfalls dienstbar sein müsse
    Unten sagte er um seinem Zwecke etwas näher zu kommen »Es ist so still in
Ihrem Hause und ich sehe keinen Ihrer Pensionäre oder Pensionärinnen« 
»Pensionäre Pensionärinnen« fragte sie erstaunt »Wir haben bloß unsre Knaben
in Pension Man hat mit den eignen Kindern Last genug wer wollte sich noch die
Mühe mit fremdem liebem Gute machen« Da sie nun merkte dass diese Worte ihn
befremdeten fuhr sie nach einigem Besinnen fort »Ach gewiss ist da wieder eine
Verwechselung vorgefallen und Sie meinen bei dem Edukationsrate zu sein Wir
werden noch an das Stadttor schreiben lassen müssen Da wohnt der Philologe und
da der Realschulmann«
    Bei näherer Erkundigung hörte er nun dass sich noch ein Namensvetter des
Rektors am Orte befinde welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei sondern
eine Privaterziehungsanstalt habe Er sei in allem der Gegner ihres Alten sagte
die Rektorin halte nichts auf Römer und Griechen wolle vielmehr die ganze
Bildung der Jugend auf das Praktische richten »Dies hindert aber nicht« fügte
sie hinzu »dass wir gute Freunde bleiben Wir kommen zusammen die beiden Alten
zanken sich tüchtig ab wenn der Konrektor dabei ist so spricht auch das
Mittelalter noch ein Wort darein am Ende sind sie müde der Edukationsrat ruft
Die Gegenwart gehört der Gegenwart das ist mein Stichwort ich sage dann Es
ist angerichtet wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz verträglich und
lustig ein Gericht Gerngesehen miteinander«
    Hermann überzeugte sich im stillen dass der Arzt ihm jenen Edukationsrat
habe empfehlen wollen und dass er verkehrterweise in ein andres Haus geraten sei
Indessen würde es unartig gewesen sein das Missverständnis zu bekennen und er
erwiderte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rektorin sich nunmehr zwischen
dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden dass seine Nachfrage nur
eine zufällige gewesen sei und dass er niemand hier habe kennenlernen wollen
als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop
    »Nun wohl« sagte die Rektorin »ich glaube Ihnen aber nehmen Sie sich in
acht Sie werden auf den Zahn gefühlt werden Und jetzo lassen Sie uns
voneinander scheiden Sie können den näheren Weg durch den Garten nach Ihrem
Wirtshause nehmen schicken Sie mir mein Kornelchen daher wir wollen einen Topf
mehr zum Feuer rücken damit es heut mittag heißen kann
    Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle worauf es dann ferner
lauten soll
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war
Gingen sie alle gesamt zu dem göttlichen Hirten Eumäos
Dort des Kaffees Gebräu zu schlürfen aus blumiger Tasse«
 
                                Zweites Kapitel
Indem Hermann über den Hof und durch den Garten ging war es ihm nicht unlieb
dass er sich in der Person des Schulmanns geirrt hatte Nach dem Wesen der Frau
nach dem Begriffe, den er durch ihre Reden von dem Manne erhalten bei dem
Anblicke der philologischen Bildnisse der engen Häuslichkeit der schmalen
Gartenstiegelchen und sauber gehaltnen Beetchen hätte er nicht erwarten können
dass ein Sinn der diese Umgebung sich geschaffen geneigt gewesen wäre sich mit
einem wilden Geschöpfe wie Flämmchen zu befassen Nun aber durfte er von dem
Edukationsrate noch alles hoffen
    Im Pavillon der am Ende des in eine Spitze auslaufenden Gärtchens stand
sah er ein junges Mädchen mit Blumen beschäftigt Sie kniete vor den Töpfen in
welche sie Samen und Sprossen senkte »Mademoiselle « sagte er und wollte
den Auftrag der Rektorin ausrichten Welche Überraschung für ihn als sie sich
wandte erhob und er das Hausmütterchen aus der Försterei erblickte
    Sie war es Kornelie Aber welche Verwandlung Aus dem Kinde war die
Jungfrau geworden Er stand durch die unerwartete Begegnung aus der Fassung
gebracht verloren in den Anblick dieser reizenden Jugendblüte und konnte kein
Wort vorbringen Sie dagegen schien von seiner Erscheinung nur erfreut zu sein
und begrüßte ihn mit holder Unbefangenheit Er wollte sich erkundigen wie sie
hieher komme als vom Hofe der Ruf der Rektorin nach ihr ertönte Mit fliegenden
Worten konnte er ihr nunmehr nur sagen dass er unter fremdem Namen hier sei dass
auch sie ihn bei diesem nennen müsse und die Wahrheit nicht verraten dürfe Sie
erschrak und flüsterte bestürzt »Ach Gott das wird mir schwer werden« Er
fasste sie bei der Hand und beschwor sie ihm dennoch den Gefallen zu tun es
sei etwas ganz Unschuldiges Die Rektorin trat in den Garten Kornelie zog ihre
Hand aus der seinigen und eilte jener ängstlich entgegen
    Hermann hatte sich vorgenommen gehabt sogleich zum Edukationsrate zu gehen
fühlte sich aber nach diesem Vorfalle zu beunruhigt und suchte das Freie um
sich zu sammeln Die Gegend war die anmutigste die man sich denken kann Hügel
mit dem frischesten Laubholze bestanden liefen in sanften Linien bis beinahe an
die Tore des Orts der mit Ringmauer Türmen und Graben altertümlichen
Ansehens dazwischenlag Hermann setzte sich auf eine Wiese die von roten
gelben und weißen Blumen ganz bunt war und genoss den Überblick
    Ein Hirt der in der Nähe stand und dessen Ziegen und Schafe zwischen den
Büschen umher grasten trat zu ihm und sagte »Wenn der Herr meinem Rate folgen
will so steht Er auf die Stelle ist ungesund Er kann den Schwindel dort
bekommen« Wirklich hatte Hermann ein leichtes Übelbefinden verspürt als er
sich niedergesetzt hatte Es verlor sich sobald er aufstand »Woher wisst Ihr
das Landsmann« fragte er den Hirten Dieser versetzte »Das Vieh frisst dort
nichts es geht in einem Bogen um die Stelle wie Sie an den Kräutern sehen
können Ein Gift muss da in der Erde verborgen sein«
    Hermann bemerkte dass die Gräser an der Stelle unberührt üppig
emporgeschossen waren während ringsumher der Zahn der Tiere die Halmen abgenagt
hatte Er fühlte sich versucht mit dem Hirten der aus klugen Augen schaute
das Gespräch fortzusetzen und erfuhr eine Menge von Ernten und
Wetterprophezeiungen Als er seine Zweifel kundgab und fragte wie der Hirt das
alles erfahren habe versetzte dieser »Es trifft doch zu Die Leute in der
Stadt sehen von ihren Fenstern immer nur auf die Straßen und gewahren höchstens
ein kleines Stückchen Himmel und da meinen sie kein Tag sei dem andern gleich
und wenn sie das grüne Gemüse bekommen verwundern sie sich weil sie es nicht
wachsen gesehen haben Wir aber die wir immer im Freien sind merken wie es
mit Wolken und Wind Wärme und Kälte und Wachstum steht und ich versichre Sie
es geht jahraus jahrein immer in einem fort Ich habe oft meine Gedanken wenn
die Herrn über die Erziehung wie sie es nennen sich streiten und meine
Fragtet ihr den Hirten um Rat der würde es euch sagen«
    »Welche Herrn«
    »Der Herr Rektor und der andre Sie trinken ihren Kaffee zuweilen in meinem
Baumgarten weil sie von dort die schöne Aussicht wie sie es nennen haben und
ich muss ihnen das Feuer dazu besorgen Sie haben immer ihr Gespräch wie man die
Kinder am besten in die Höhe bringen soll und sie treffen es beide nicht«
    »Wie würdet Ihr denn die Kinder erziehn Freund« fragte Hermann
    »Mehr wie das Vieh« antwortete der Hirt »Die Hauptsache bleibt das Waschen
und Kämmen das Füttern und dass keins sich überfrisst Für alles übrige sorgt
der liebe Gott Aus einem Schaflamme wird mein Tage keine Ziege und aus einem
Zickchen niemals ein Schwein Aber soviel ich von den Worten der gelehrten Herrn
verstehe wollen sie immer auf dergleichen mit den Kindern hinaus Da kommt der
eine Herr eben mit seinen Söhnen«
    Ein kleiner rascher Mann trat aus einem Hohlwege gefolgt von vier bis fünf
Knaben Er stand auf der Wiese still stützte sich auf seinem Stock schaute
umher und fragte dann den Hirten »Was meint Ihr Schäfer gibt es eine gute
Ernte heuer«
    »Die Eichhörner haben noch nicht fertig gebaut Herr Rat« versetzte der
Hirt »es lässt sich noch nicht sagen«
    »Wie kann sich die Ernte nach dem Bauen des Eichhorns richten«
    »Wenn das Eichhorn sein Nest sehr dick baut so gibt es Regen und kühle
Witterung bis Fronleichnam und danach kommt eine gute Ernte Bauen sie dünn so
folgt Dürre und Trocknis und die Saat verbrennt in der Erde«
    Hermann trat mit einer höflichen Verbeugung zum Edukationsrat sagte ihm
ungefähr das nämliche womit er sich bei der Rektorin eingeführt hatte und bat
um die Erlaubnis ihn besuchen zu dürfen Der andre verhielt sich zwar darauf
freundlich aber doch ganz trocken und kurz und Hermann konnte bemerken dass
die Schmeichelei auf diesen Mann keinen Eindruck machte Desto gesprächiger ward
er als ihn jener auf sein System brachte welches ein Gemisch von
Basedowischen Pestalozzischen und Jacototschen Reminiszenzen war
    Während dieser Unterredung hatten die Knaben umher ihr Wesen getrieben Zu
seiner Verwundrung hörte Hermann dass sie einander nicht bei den Namen sondern
nach Ständen riefen Hinter dem Gebüsche fiel ein Schuss einer der Knaben kam
mit der Vogelflinte und dem Erlegten heraus und wurde von einem zweiten als
Förster angesprochen mit der Frage was er geschossen habe Der Förster
versetzte »Ich weiß es nicht besieh du ihn Naturforscher« Der Naturforscher
nahm den Vogel betrachtete Brust Rücken und Flügel und sagte »Es ist die
gemeine Amsel turdus merula Linné« Ein kleiner muntrer Junge verließ sein
Spielwerk von Sand und Steinen an der Erde sprang neugierig zu den Brüdern und
wurde der Baumeister genannt Außerdem war noch ein Pastor zur Stelle ein
stiller Knabe der blöde vor sich hinsah
    »Wie soll ich die Benennungen verstehen welche sich Ihre Söhne
untereinander geben« fragte Hermann
    »Wie ich Ihnen schon gesagt habe ist es mein Grundsatz die mir
anvertrauten Zöglinge auf dem kürzesten Wege zu Menschen welche dem wirklichen
Leben angehören auszubilden« erwiderte der Edukationsrat »Ich wünsche sie
ohne Umschweife zu dem zu machen wozu man nach der alten Manier nur infolge der
schmerzlichsten Pilgerschaft wurde nämlich zu Bürgern Deshalb ist in meinen
Lehrplan nur das aufgenommen was sie in ihrem künftigen Berufe unmittelbar
brauchen Länder und Völkerkunde Gewerbe Naturwissenschaft Geschichte der
neuesten Zeit Von Sprachen namentlich von den toten nur das Notdürftigste
Ich leugne die Würde des Gelehrten nicht aber die Menschen so erziehen als ob
sie alle Gelehrte werden sollen heißt das Bette des Prokrustes von neuem in
Anwendung bringen
    Am günstigsten steht die Aufgabe des Jugendbildners wenn früh sich
entschiedne Neigungen zeigen die den künftigen Stand vorbedeuten Denn der
Stand ist eigentlich der Mensch Dieses Glück hatte ich bei meinen Söhnen
Sobald die beiden ältesten nur auf ihren Füßen stehen konnten schleppten sie an
Steinen Pflanzen toten Tieren herbei dessen sie habhaft wurden Ich bemerkte
indessen dass der eine sich mehr mit dem Erbeuten der andre mehr mit dem
Trocknen und Aufbewahren abgab Auch verließ den ersten bald die Lust am
Mineralreiche er wandte sich ganz zum Vegetabilischen und Animalischen Steckte
nun also nicht in jenem der geborene Jäger und in diesem der Naturforscher Der
Kleine dort der Baumeister schnitt seitdem er die Hände zu regen vermochte
Figuren in Papier und Pappe aus und der Pastor über den ich am längsten unklar
gewesen bin hat mich endlich dadurch von seiner Anlage überzeugt dass er
stundenlang still sitzen und dann plötzlich aus dem Stegreife anfangen kann
Verse zu deklamieren Anfangs gaben wir die Namen welche Ihre Aufmerksamkeit
erregt haben den Knaben zum Scherz nach und nach ist bei uns und ihnen ja in
der ganzen Anstalt daraus Ernst geworden und sie werden nun in jeder Hinsicht
so behandelt als seien sie das schon was sie werden sollen«
    Hermann fühlte dass man mit diesem Manne in der Kürze handelseins werden
könne Er fragte ihn ob in seinem Hause auch Mädchen erzogen würden
    »Allerdings« versetzte jener »Mit ihnen hat aber lediglich meine Frau zu
tun ich bekümmre mich nicht um sie Wir nehmen auch nur solche auf welche
durch irgendeine üble Gewohnheit oder einen eingewurzelten Fehler meiner Frau
welche einen außerordentlichen Tätigkeitstrieb hat ein Interesse gewähren
Gute reinsittliche Kinder gehören nirgends anders hin als unter die Flügel der
Mutter und das neuere Pensionswesen führt nur zur Koketterie oder zur
Bleichsucht An den Verwahrloseten aber verrichtet meine Frau wahre Wunder der
Besserung«
    Diese Erklärungen waren wie sie Hermann nur wünschen konnte Er trug dem
Pädagogen sein Anliegen vor und verschwieg nicht dass Flämmchen diesem
vielleicht nur zu unbändig erscheinen werde
    »Das hat nichts zu sagen« versetzte der Edukationsrat »Wenn Sie meine Frau
kennenlernen werden Ihre Zweifel schwinden Die Sache ist abgemacht wir haben
grade einen Platz offen da wir gestern eine Gebesserte ihren Eltern
zurückschickten Sie legen die Jahrespension bei mir nieder und können dann Ihr
Komödiantenkind bringen wann Sie wollen«
    Beide gingen miteinander den Abhang hinunter dem Tore zu der Hirt aber
welcher ihrem Gespräche kopfschüttelnd zugehört hatte sagte »Wenn ein Stück
krank wird so nehme ich mich der Kreatur an aber das sollte mir fehlen eine
räudige Herde mir zusammenzubetteln« Er wollte sich hierauf in der Mitte der
Ziegen und Schafe niedersetzen um sein Brot mit Käse zu verzehren als sich ihm
vom Walde her eine sonderbar aussehende Figur näherte welche wir später
kennenlernen werden
 
                                Drittes Kapitel
Leichtern Herzens setzte sich Hermann unter der Laube wo die Rektorin hatte
decken lassen zu Tische So rasch war ihm seit lange nichts geglückt Er war
sehr heiter und überbot sich mit der Alten welche nichts lieber hatte als
Lachen und Lustigkeit in drolligen Einfällen Ein junger Mann welcher ihm als
der Konrektor vorgestellt worden war und ein wohlgebildetes Frauenzimmer
jedoch schon in gewissen Jahren auch dem Hause wie es schien angehörig und
Wilhelmine genannt machten die Gesellschaft aus An verschiedenen kleinen
Aufmerksamkeiten die der Konrektor der sonst ziemlich zerstreut war ihr
erwies und an flüchtig gewechselten Blicken konnte er bald abnehmen dass
zwischen ihnen ein Verhältnis entstanden oder im Entstehen sei
    Kornelie saß mit niedergeschlagnen Augen ihm gegenüber Sie berührte die
Speisen kaum sprach nichts und antwortete wenn er sie anredete errötend nur
das Notwendigste Die Rektorin welche schon bei der Szene im Garten ihre eignen
Gedanken gehabt hatte ließ zwischen beiden prüfende Blicke hin und her wandern
Er brannte zu erfahren wie Kornelie hieher komme und beschloss die Rektorin
darüber sobald als möglich auszufragen
    Sie waren beim Obste als eine kräftige tiefe Bassstimme durch das Weinlaub
erscholl und der Virgilianische Vers
    Nunc frondent silvae nunc formosissimus annus
    den Speisenden zugerufen wurde Alles sprang auf die Rektorin rief »Der
Vater« und herzte eine lange hagre Mannsgestalt welche mit heftigem Schritte
in die Laube trat »Quis« fragte der Rektor auf Hermann deutend »Kandidatus
nec non nisi fallor baccalaureus« versetzte seine Frau »Salve« sagte der
Rektor und gab ihm derben Handschlag
    »Ubi liberi« fragte die Rektorin »Sie schwärmen noch sicuti hoedi wie
die Böcklein in pratis« antwortete der Hausherr »Da die Ferien erst morgen zu
Ende gehen so wollte ich ihnen diese fernere Freiheit gönnen denn auch Cicero
scherzte nach den Staatsgeschäften in seinem Tusculo«
    Er bat die Gesellschaft sich nicht stören zu lassen er sei ermüdet und
wolle schlummern worauf er sich entfernte ohne den Hut vom Haupte zu tun den
er auch bei dem Eintritte nicht abgenommen hatte
    Nach dem Essen sagte die Rektorin »Nun zu unsrem Eumäos Der Himmel ist
wunderklar wir werden einen prächtigen Nachmittag draußen haben Kornelie« 
fuhr sie nach kurzem Innehalten schalkhaft fort»mag mit dem Gastfreunde
vorangehen und ihm die Gegend zeigen wir alten verständigen Leute der Herr
Konrektor du Wilhelmine und ich schlendern gemächlich hinterdrein«
    Auf dieses Wort entfernte sich Kornelie wie um etwas zu holen und einige
Augenblicke darauf sah Hermann sie zu seinem Verdrusse mit dem Konrektor und
Wilhelminen denen sie einen verstohlnen Wink gegeben hatte über die Straße
nach dem Tore zu gehen
    Die Rektorin hatte sich den Strohhut aufgesetzt und kam zurück »Noch hier«
fragte sie »Wo ist das Jungfräulein«  »Es scheint« erwiderte Hermann etwas
verlegen »dass man meine Begleitung nicht wünscht Woher ist dieses junge
Mädchen Wem gehört sie an Was führte sie zu Ihnen«
    »Ei so eifrig« sagte die muntere Frau »Und wie unwissend der Herr Kandidat
sich anstellen Gut denn da Sie der Belehrung in dieser Hinsicht so bedürftig
sind so sei Ihnen gedient Mein Kornelchen ist die Pflegetochter der
Kommerzienrätin Hermann von dieser meiner alten Jugendfreundin mir auf einige
Monate zum Besuche geschickt Damit aber hat die Beichte ein Ende das übrige
bleibe vorderhand noch unter sieben Siegeln Jetzt auf Ihre drei Fragen eine
zurück Was halten Sie von dummen Streichen in der Liebe«
    »Wie soll ich das verstehen« fragte Hermann äußerst bestürzt
    »Zum Beispiel so Wenn ein junger Mann nur geradezu ehrbar im schwarzen
Frack mit weißen Manschetten hintreten und um ein frommes schönes Kind werben
dürfte statt dessen aber lieber unter fremdem Namen in ein stilles Bürgerhaus
eindringt und allerhand Angst und Schrecken verbreitet«
    »Um Gottes willen« rief er »was hat Sie in diesen seltsamen Irrtum
versetzt«
    »Irrtum  Machen Sie mich nicht zu Ihrer Feindin Ich meine es ja wohl mit
Ihnen mir gefallen die Schleifwege der Zärtlichkeit Auch mein Alter musste bei
Nacht und Nebel mit mir zusammenkommen weil die Base den jungen Menschen der
nur einen Rock besaß und weiter nichts von ihrer Schwelle wies Es ist mir
nichts langweiliger als die Vernünftigkeit der jetzigen jungen Leute welche
ohne die Aussicht auf ein Amt oder auf eine reiche Mitgift dos dotis sich
gar nicht mehr verlieben Also nur frisch zu die Rektorin steht Ihnen bei Aber
ein Kandidat sind Sie nicht denn Sie haben keine Pfeife tragen feine Wäsche
und machen Fehler gegen die lateinische Prosodie«
 
                                Viertes Kapitel
Draußen auf grünem birkenbesetzten Rasen machten sich die Frauenzimmer um das
Feuer zu schaffen Der Ort war wirklich allerliebst und verdiente zum Familien
und Nachmittagsplätzchen ausersehen zu werden Links und rechts sah man in das
lichte weissstämmige Gehölz zwischen den Bäumen lag das reinlich gehaltne
Häuschen des Hirten am Fuße der Anhöhe sprang die Stadt in einem scharfen mit
Warttürmen gekrönten Winkel vor der Fluss wand sich blinkend um diese Ecke
Nimmt man dazu dass unter den Birken ein Sauerwasser aus der Erde quoll über
welchem von vorsorglicher Hand das Brunnendach gewölbt worden war so hat man
das Bild der friedlichen anmutigen Stelle
    Der Konrektor sprach mit einem Menschen der seinen Gesichtszügen nach
unkenntlich auf einer Bank abseits am Hause saß Er trug einen ziemlich
verbrauchten Rock von weisslicher Farbe und einen Hut mit breiter Krempe der
das Antlitz verschattete Was davon noch zu sehen gewesen wäre bedeckte zum
Teil wieder eine schwarze Binde die über dem linken Auge und über der Wange
lag
    »Wer ist der Mensch« fragte die Rektorin welche jetzt geführt von
Hermann zum Platze gekommen war
    »Ein armer Spätrückkehrender aus Spanien wie er sagt wo er die
sonderbarsten Schicksale erlebt haben will« versetzte der junge Schulmann »Er
wandert zu seinen Eltern die noch weit von hier wohnen sollen Da er nicht Geld
genug hatte um in der Stadt einzukehren so hat er seine paar Groschen dem
Hirten gegeben der ihm dafür auf einige Tage Obdach gewähren will Er hat sich
nach Ihnen und Ihrem Gemahle eifrig erkundigt wie mir der Hirt sagte«
    Die Rektorin trat auf den Verhüllten zu und fragte ihn »Kennen Sie uns
Wissen wir etwas von Ihnen«
    »Wohl schwerlich« versetzte der Fremde mit einer tiefen und rauen Stimme
»Ich hatte nur von Ihnen als von mildtätigen Leuten gehört und da mein Weg
noch weit ist und mein Geld mir ausgegangen war so ließ ich mir Ihr Haus
beschreiben Sie um eine Gabe anzusprechen«
    Sie erwiderte ihm etwas Freundliches und reichte ihm vorderhand was sie bei
sich trug mit gutmütiger Einladung auf Speise und Trank in ihrem Hause »Wenn
ich auch den Bettlern sonst eben nicht hold bin« mit diesen Worten wandte sie
sich an Hermann »so bekommt doch jeder Soldat etwas der aus der
Kriegsgefangenschaft in den fremden Ländern wohin unser junges deutsches Blut
geschleppt wurde zurückkehrt Mit diesen Almosen ehre ich das Andenken meines
umgekommnen Sohns«
    Hermann dem es lieb war dass sich die Gelegenheit zu einer von ihm
ablenkenden Unterredung darbot erkundigte sich nach diesem Hausunfall und hörte
ein Geschick wie es durch die ungeheuren Kriegsereignisse leider so vielen
deutschen Familien bereitet worden ist. Die Rektorin erzählte ihm dass ihr
ältester Sohn ein wilder siebenzehnjähriger Bursche mit dem der Vater nie
zurechtkommen können im Jahre Zwölf ihnen fortgelaufen und der Fahne des
Eroberers nach Russland gefolgt sei Bis Smolensk ja bis zur Moskwa habe er da
er bald seinen Schritt bereut noch Nachricht gegeben nachher sei er
verschollen
    »Wir hatten nach dem Frieden alle möglichen Erkundigungen angestellt wir
hatten da diese nichts fruchteten ihn betrauert und ihn darauf zu den Toten
geschrieben« fuhr die Rektorin gleichmütig fort »Da machte er uns vor kurzem
auf einmal wieder Unruhe Ein hübsches Erbteil welches ihm angefallen ist und
auf welches wir nach seinem Tode Anspruch haben kann von uns nicht erhoben
werden bevor er nicht bei den Gerichten förmlich für tot erklärt worden ist.
Und dieses Geld käme uns grade jetzt sehr zustatten da die Bibliothek eines
Professors in H aus freier Hand verkauft werden soll die der ganze
Herzenswunsch meines Mannes ist weil sie die Lücken seiner eignen vollständig
ergänzt Auch den beiden halben Liebesleuten da soll die Todeserklärung helfen
Zu den törichten Streichen meines Sohns gehörte auch dass er sich mit
Wilhelminen welche damals sechzehn Jahre alt war alles Ernstes versprochen
hatte Die Sache ist natürlich veraltet der Konrektor und sie geben ein gutes
Paar ab sie ist auch mit ihm einig dann aber kommen wieder Tage wo ein
überspannter Begriff von Treue in ihr aufwacht wo sie Gewissensbisse empfindet
dass sie einem Zweiten angehören wolle ehe sie noch völlig überzeugt sei dass
der Erste nicht mehr unter den Lebendigen wandle  kurz auch da wird der
Ausspruch nötig sein dass der Tote wirklich tot sei um alles zum Abschluss zu
bringen Wir haben viele Umstände von dieser Angelegenheit gehabt mein Alter
war deshalb nach S gereist ich hoffe dass er seinen Zweck erreicht hat«
    In dieser Erzählung fuhr sie noch eine Zeitlang fort und sprach über die
Dingewelche sie und ihr Haus betrafen mit derselben Rückhaltlosigkeit welche
ihr in Reden über fremde Verhältnisse eigentümlich war Hermann welcher diesen
Geschichten etwas zerstreut zuhörte und seine Augen umherschweifen ließ
bemerkte dass der Fremde von seiner Bank gespannt lauschte und das Haupt nicht
von der Redenden abwandte
    Indessen war das Getränk am Feuer zubereitet worden Kornelie und Wilhelmine
verteilten die Tassen und als hätte die Nachahmung der »Luise« vollkommen getreu
werden sollen  die Löffel waren wirklich vergessen und mussten durch
Birkenstäbchen ersetzt werden die der Konrektor rasch zu dem Zwecke zu liefern
wusste Kornelie hatte da dieser sich seinen Platz neben Wilhelminen nicht
rauben ließ neben Hermann sitzen müssen machte ihn aber ihrer Nähe nicht froh
sondern benutzte jeden Vorwand um aufzustehn und etwas zu besorgen
    Als es Abend werden wollte kam der Rektor den Hügel herauf Zugleich
erschien von der Wiesenseite der Hirte welcher sein Vieh eintrieb Sie
begegneten einander auf halbem Wege und der Rektor welcher mit dem Hirten immer
seinen archäologischen Verkehr hatte begrüßte ihn und sagte »Wie geht es dir
männerbeherrschender Sauhirt«
    »Herr Rektor« versetzte der Hirt »Sie wissen es ja dass ich keine Schweine
hüte sondern nur Ziegenund Schafvieh Und was die Männerbeherrschung angeht
so bin ich froh wenn ich meine Herde in Ordnung halte mit weiterem Regiment
gebe ich mich nicht ab Aber Sie haben hier so oft die alte Geschichte von dem
Manne erzählt der ich weiß nicht wie heißt und so lange fortgewesen ist
und endlich zurückkommt und bei dem Hirten liegt «
    »Nun und Pergas« sagte der Rektor
    »Ich meine nur dass noch alle Tage kuriose Dinge vorfallen können« sagte
der Hirte
    »Nun erzähle mir wie deine Reise abgelaufen ist« sagte die Rektorin zu
ihrem Manne
    »Ganz nach Wunsch« versetzte dieser »Unsre Zeugnisse und Bescheinigungen
sind endlich als gültig angenommen worden Wir haben nur noch den üblichen Eid
zu leisten dass wir seit dem Verschwinden Eduards nichts von ihm vernommen haben
und ihn wirklich für tot halten und dazu ist schon der nächste Donnerstag
angesetzt worden Tandem aliquando kann ich sagen die Bibliothek ist unter
Brüdern das Dreifache wert was dafür gefordert wird«
    Beide Gatten ergingen sich noch in behaglichen Gesprächen über die gehabte
Mühe die nunmehr hinter ihnen lag Hermann war in eigne Gedanken verloren und
Kornelie zerpflückte wie im Traume Blumen Aus diesem Gespräche und Sinnen
wurden alle durch einen dumpfen Schrei aufgeschreckt den der Fremde außstieß
Sie sahen sich um und erblickten den jungen Schulmann der neben Wilhelminen
verlegen die Augen gesenkt stand Auch sie war errötet Der Fremde erhob sich
und ging in die Hütte Man konnte bemerken dass er wankte
    Hermann war ihm gefolgt Der Fremde lag schluchzend das Haupt auf einen
Tisch gelegt und rief da er den Eintretenden in seinem Schmerze nicht gewahr
wurde selbstvergessen »Ja ich bin ein Toter und unter den Lebendigen
ausgetan«  In Hermann stieg blitzschnell eine Vermutung auf die ihn
vermochte leise wie er eingetreten war die Stube zu verlassen um nicht eine
zu gewaltsame Szene herbeizuführen
    Er sagte der draußen wartenden Gesellschaft dass der Wandrer von der großen
Anstrengung die er gehabt ein Übelbefinden gespürt habe jedoch sich schon
wieder erhole und bewog sie von weitrer Sorge um ihn abzustehn und den
Rückweg nach der Stadt anzutreten
    Nach so mannigfaltigen Vorfällen die sich im engen Rahmen einer
beschränkten bürgerlichen Haushaltung ereignet hatten fühlte er das Bedürfnis
der Einsamkeit und war sehr froh als er sich nach überstandnem Abendessen auf
seinem Erkerzimmerchen befand Er ließ den Zustand in den er ohne es zu
wollen eingetreten war an seiner Seele vorübergehn und wenn ihm die Weise
dieser Leute freilich etwas eng und einförmig vorkommen wollte so fühlte er
doch dass auf so schlichtem Denken und Empfinden eigentlich das Glück des
Daseins ruhe Aber auch dieser Idylle waren die düstern Farben der entsetzlichen
Welterschüttrung zugeteilt auch in sie ragte eine fremde unheimliche Gestalt
hinein »Ach« rief er aus »wer kann jetzt wissen ob er nicht auch einmal
unkenntlich seinen Nächsten fremd und abgeschieden umherschwanken wird«
    Er sah durch das Fenster Ein schöner Stern ging hell am Horizonte auf In
diesem Augenblicke trat das Bild Korneliens wieder vor seine Seele und eine
innige Wärme durchdrang ihn Er hatte nicht zehn Worte mit ihr gesprochen und
doch war es ihm als kenne er sie seit Jahren Er hatte geglaubt sein Herz sei
in Liebeshändeln abgemüdet und nun kam es ihm vor als habe er noch nie
empfunden Er fühlte ein unaussprechliches Verlangen sich anzuheften
anzuklammern und dem zweck und planlosen Leben ein Ende zu machen Mit diesen
frommen Regungen sank er auf sein Lager zum erquickendsten Schlummer nieder
 
                                Fünftes Kapitel
Gestärkt durch einen freundlichen Gruß Korneliens welche ihm frisch wie der
Morgen begegnet war ging er andern Tages sobald es ihn schicklich dünkte zum
Edukationsrat Sie schien ihm freier zu sein als gestern
    Bei dem Edukationsrate hatte er bald sein Geschäft in Richtigkeit gebracht
Nun lernte er auch die Frau des Erziehers kennen Er fand sie allerdings
geeignet dem Systeme wonach hier eingewurzelte Fehler ausgetrieben werden
sollten Nachdruck zu verschaffen Sie war von ungewöhnlicher Größe starken
Gesichtszügen auf ihrer Oberlippe ließ sich ein leichtes Bärtchen nicht
verkennen »Nach Ihrer Erzählung ist das Kind dessen Sie sich annehmen
mittellos folglich zum Dienen bestimmt« sagte sie zu Hermann »Ich werde sie
daher mit besondrer Strenge zum Kochen Backen und Spinnen anführen und wenn
sie soweit ist sich selbst zu helfen ihr eine Kondition verschaffen«
    Hermann musste hierauf mit den beiden Ehegatten einen Gang durch das Gebäude
machen um alle Einrichtungen zu beaugenscheinigen Das Haus war früher ein
städtisches Mehlmagazin gewesen und konnte noch nicht ganz seine vorige
Bestimmung verleugnen Denn abgesehen davon dass darin nach der Klage seiner
Führer eine unermessliche Anzahl Grillen zurückgeblieben war wozu sich wie sie
sagten nunmehr leider auch beträchtliche Wanzenscharen zu gesellen schienen so
waren auch noch nicht sämtliche Räume zu dem Erziehungszwecke ausgebaut Der
Edukationsrat hatte mit mäßigen Geldkräften anfangen müssen zu wirtschaften
und so grenzten denn noch weite wüste Speicher mit Lukenöffnungen an Wohnzellen
und Lehrzimmer
    Über mehreren Türen stand mit großen Buchstaben der Spruch
Nach Freiheit strebe der Mann
Das Weib nach Sitte
»Ist Ihnen diese Maxime so wichtig« fragte Hermann
    »Ganz gewiss« versetzte der Edukationsrat »denn in diesen zwei Zeilen ist
die Bestimmung der Geschlechter vollständig ausgedruckt und alles was noch
sonst darüber gesagt werden mag ist nur ein Kommentar jener Verse Leider
bekomme ich nur meine Zöglinge nicht so unverbildet wie ich meine eignen Knaben
erhalten habe In der Regel ist ihnen durch Zwang schon allerhand eingeimpft
was denn erst wieder heraus muss damit nur die Natur zum Vorschein kommt und ich
sehe wozu eines jeden Sinn und Neigung ihn führt Habe ich das erkannt so ist
eigentlich das Hauptgeschäft getan und die junge Raupe frisst sich wenn ich ihr
nur die Blätter gebe worauf ihr Instinkt sie angewiesen hat von selbst zum
Schmetterling«
    Hermann musste über dieses seltsame Gleichnis lächeln und wandte ein dass
wenn man sich nach eines jeden Neigung richten wolle man so viele Erzieher
haben müsse als Kinder in die Welt gesetzt würden
    »Ein System ist nur unter Beschränkungen auszuführen das versteht sich von
selbst« versetzte nicht ohne Empfindlichkeit der Realschulmann »Annähernd aber
kann man allerdings verfahren und um ein Beispiel zu geben Ich quäle
diejenigenwelche einen entschiednen Sinn für Mathematik und Zeichnen verraten
nicht mit der Technologie und so umgekehrt Das glücklichste wäre wenn meine
Methode nach und nach zur Aufhebung der Universitäten führte die in ihrer
jetzigen Gestalt wahre Invalidenanstalten des Geistes sind Wenigstens müsste die
philosophische Fakultät in welcher man alles Wichtigste Geschichte
Geographie Naturkunde und was sonst noch zusammengerührt hat in
Spezialschulen auseinandergelegt werden Geschichte kann man nur lernen in einer
Gegend wo die verschiedenen Perioden der Vergangenheit ihre Niederschläge in
Denkmalen Sprache und Sitten abgesetzt haben ebenso Erdkunde und Physik nur an
wirklich bedeutenden Naturpunkten Was Jurisprudenz und Theologie betrifft so
möchten diese immerhin bleiben wo sie sind und die Philosophie kann freilich
auch überall und nirgends gelehrt werden«
    »Mit deinem Systeme hat es noch weite Wege« sagte die Edukationsrätin
welcher Hermann die Ungeduld angesehen hatte auch zum Wort zu gelangen »Desto
kürzer ist das meinige auszuführen Ja mein Herr das Weib strebe nach Sitte
das ist die ganze Weisheit weiblicher Erziehungskunst Und was heißt Sitte
Gehorsam Fleiß Daher um fünf Uhr morgens aufstehen gehorchen bis neun Uhr
abends die Hände nicht in den Schoss legen und dann wieder zu Bett Alles andre
ist ganz unnütz wir lernen nichts aus Büchern sondern nur durch Umgang und
Menschen Wenn sie heiraten und Kinder bekommen wird Klavierspielen und
Französisch an den Nagel gehängt Stille Liebe Verträglichkeit bescheidnes
Fügen das sind die Eigenschaftenwelche uns ziemen und zieren«
    Sie bekam gleich Gelegenheit diese Tugenden einzuschärfen und zugleich den
Besuchenden von ihrem Ansehen zu überzeugen Denn in einer an den Gang über den
sie wanderten stossenden Stube worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger
Mädchen bei häuslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte erhob sich ein
ungemeiner Lärmen und heftiger Streit Sofort rief die Edukationsrätin mit
donnernder Stimme »Still« und stampfte mit dem Stocke den sie beständig in
der Hand führte heftig auf den Fußboden worauf augenblicklich die tiefste Ruhe
eintrat
    Beim Abschiede legte der Edukationsrat Hermann die Hand auf die Schulter
und sagte mit Feierlichkeit »Ich freue mich einen Mann gefunden zu haben der
mit Aufmerksamkeit Grundsätze anhört von welchen wenn sie durchdringen die
Erneuung des Menschengeschlechts beginnen muss Mehr könnte ich wirken wenn mir
der Rektor mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse säße Dieser Mann sonst ein
achtungswerter Gelehrter und gewissermaßen mein Freund schadet mir durch sein
falsches Beispiel über alle Begriffe So muss ich notgedrungen Ferien halten
weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehen Denn obgleich sie das ganze
Jahr hindurch nur spielend lernen und also einer besonderen Erholungszeit nicht
bedürfen so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe wenn sie
die Gymnasiasten abziehen sehen und ich muss sie dann wider Willen entlassen
Deshalb habe ich auch vor wenn es sich irgend tun lässt fortzuziehn und meine
Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs wo sie vor schädlichen Einflüssen
gesichert ist zu verpflanzen«
    Obgleich Hermann in dem was er von beiden Personen gehört hatte den guten
Willen und auch zum Teil das Richtige nicht verkennen mochte so war die
Lokalität doch wenig geeignet in ihm die Behaglichkeit hervorzubringen welche
das Haus des Rektors gleich entschieden in ihm erweckt hatte Denn außer dem
Wüsten und wenig Erfreulichen der nicht ausgebauten Räume hatte sein Auge der
Anblick mancher Unordnung verletzt welche in Zimmern und Vorplätzen trotz den
Worten der Edukationsrätin sich dort bemerken ließ Um die Stunden hinzubringen
ging er in die Bibliothek des Rektors wozu ihm dieser gleich nach den ersten
Begrüßungen die Erlaubnis gegeben hatte Sie war wegen ihrer Größe nicht im
Studierzimmer aufgestellt sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach
zusammen Ausgestattet mit allem was zur klassischphilologischen Rüstkammer
gehört war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius Der Rektor hatte auf
eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers große Mühe und viele Zeit
verwendet und denn auch ein Werk geliefert welches in der gelehrten Welt nur
rühmlichst genannt wurde
    Es fehlte indessen dieser Büchersammlung ebenfalls nicht an Engländern und
Deutschen Er nahm ein englisches Buch in welchem Menschen und
Weltverhältnisse aphoristisch betrachtet wurden zur Hand um darin zu lesen
und fand einen Satz der ihn stutzig machte er wusste nicht warum »In flachen
Gegenden oder auf dem Meere« sagte jener Autor »gibt es ein Phänomen welches
man das Heliakallicht nennt Die Kugel der Sonne bildet sich frühmorgens in den
Dünsten ab welche den Luftkreis durchziehn das Tagesgestirn scheint schon
aufgegangen zu sein während es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt
Etwas Ähnliches begegnet oft im Leben Das Schöne Reizende Wünschenswerte
zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde wir meinen es dann
schon zu besitzen und doch ist es vorderhand nur ein Schein der erst einige
Zeit später zum leuchtenden und wärmenden Gestirne unsrer Tage werden kann, wenn
das Schicksal es uns überhaupt so gönnen will«
 
                                Sechstes Kapitel
In der Lektüre und in den dadurch angeregten Gedanken störte ihn ein dumpfes
Geräusch welches vom Nebenhäuschen im Hofe heraufdrang Er sah die Knaben des
Rektors welche schon abends zuvor im väterlichen Hause wieder eingerückt waren
auf den Stufen der Vortreppe übereinander sitzen und hörte ihre Vorbereitung zu
den morgen aufs neue beginnenden Lektionen Da sie verschiedenen Alters waren so
reichten sie von Quinta bis Prima hinauf und trieben folglich die Latinität von
»alauda cantat« bis zum Exponieren des Virgil Ganz laut wurden diese Studien
betrieben wodurch ein Geräusch entstand nicht unähnlich demjenigen welches in
einer Judenschule zu tönen pflegt Was Hermann in Erstaunen setzte war dass
keiner den andern irrte vielmehr jeder sein Pensum unter den fremden
Beschäftigungen die ihm vor dem Ohre klangen fortlernte
    Nachdem dieses babylonische Sprachgemisch eine Zeitlang angehalten hatte
kamen zwei Söhne des Edukationsrats vorsichtig durch eine Hintertür geschlichen
Es war der Naturforscher und der Baumeister Erstrer trug eine große Flasche
letztrer einen Topf und ein leinenes Säckchen Sie sahen sich vorsichtig um als
fürchteten sie bemerkt zu werden und schlichen sodann zu den Lateinern
    Sobald diese jene bemerkten warfen sie Bröder Cäsar und Virgil weg
stießen ein Freudengeschrei aus und hielten mit den beiden Angekommnen ein
heimliches Gespräch wobei von letzteren viel auf Flasche Topf und Beutel
gedeutet wurde Nachdem einer darauf einen Spaten ergriffen hatte zog der ganze
Trupp durch die Hintertür nach dem wüsten Platze ab welcher dort zwischen
Scheunen der Nachbarn neben dem Garten lag Durch die offene Türe sah Hermann sie
noch an der Erde graben und wirtschaften ohne gewahr werden zu können was sie
eigentlich vornahmen
    Im Verlaufe des Tages fragte er den Rektor ob seine Söhne Grammatik und
Autoren immer auf die Weise behandelten welche er wahrgenommen hatte
    »Jederzeit« antwortete dieser »Sprache kommt her von Sprechen Man kann
sie nur laut lernen An dem hörbaren Schalle prägt sich alles lebendiger ein
stilles Lesen und Memorieren ist nur ein halbes Werk«
    »Ich habe mich deshalb auch genötigt gesehen die Jungen nach dem
Nebengebäude zu verweisen welches früher eine Waschküche war denn im Hause war
das Getöse nicht auszuhalten« sagte die Rektorin
    »Es gab allerdings zuweilen multum clamoris« sprach der Rektor
gravitätisch Hermanns Besuch bei dem Edukationsrate war ruchtbar geworden und
diese Nachricht gab zu allerhand Scherzen über diesen Mann und sein
Erziehungswesen Veranlassung worin besonders die Rektorin unerschöpflich war
Sie verschonte auch sein Zöpfchen nicht welches er freilich auffallend genug
noch trug da doch dieser Zierat schon längst abgekommen ist und meinte er
lasse es nach seinem Grundsatze von der Freiheit der Entwicklung stehen weil die
Haare nun einmal diese Richtung genommen hätten
    »Dieser sonst würdige Mann und mein Freund wird durch seine fast pueril zu
nennenden Grillen noch einmal das größte Unglück herbeiführen« sagte der
Rektor »Heute morgen vertraute mir der Apotheker welcher hier vorbeikam dass
zwei seiner nebulonum der sogenannte Naturforscher und der Architekt in der
Offizin fünf Pfund Eisenfeilspäne und eine große Flasche Vitriolsäure angekauft
hätten Was nun die Knaben damit Verderbliches beginnen wollen mögen die
unsterblichen Götter wissen«
    Bei diesem Hin und Herreden wurde Hermann der sich nun auch noch an so
manches aus den Gesprächen des Edukationsrats erinnerte das sonderbarste
Verhältnis offenbar eins von denen welche der deutschen Stuben und
Gelehrtenwelt eine so wunderliche Gestalt geben Beide Schulmänner gingen von
Prinzipien aus die jedes in seiner Art etwas für sich hatten Denn alle
Bildung bestand ja von Anbeginn der Geschichte nur darin dass man entweder durch
einen mächtigen allgemeinen Begriff das Individuum zu steigern versuchte oder
sein besondres Inneres erforschend es zu entfalten suchte Da sie nun aber diese
Grundsätze auf die Spitze trieben so sahen sie sich mit der Welt welche
eigentlich beide zu einer unbestimmten Mitte verflacht wissen will in
beständigem Widerstreite Häufig kam der Fall vor dass Eltern ihre Söhne dem
Edukationsrate nach kurzer Frist wieder wegnahmen »weil sie bei ihm nichts
lernten« und der Rektor war schon verschiedentlich von der oberen Behörde scharf
bedeutet worden die Kräfte der Jugend weniger anzugreifen und über das Studium
der Alten nicht alles andre zu vernachlässigen
    Beide hatten aber beschlossen fest zu beharren bei dem was sie für wahr
erkannten beide fühlten sonach die Notwendigkeit zu stets bereiter Polemik
gerüstet zu sein Das Bedürfnis sich in dieser zu üben hatte die Gegner
zueinander geführt und da sie nebenbei joviale rechtschaffne Männer waren so
schlich sich unter allem Streit und Hader eine aufrichtige Freundschaft ein die
sich schon durch verschiedene wesentliche Dienste welche einer dem andern
erwiesen betätigt hatte Freilich konnte ein Dritter bei ihren Zusammenkünften
welche wöchentlich regelmäßig einige Male stattfanden davon nichts merken denn
diese gingen nie ohne hitzige Wortgefechte ab
    Zwischen ihren Häusern hatte sich überhaupt ein förmlicher kleiner Krieg
ausgebildet und es war ein eigenes Idiom entstanden welches dem
Nichteingeweihten unverständlich war So hatte Hermann bei dem Edukationsrate
von den Alten und bei dem Rektor von den Ständen wie von lebenden Personen
reden hören und erst durch einige Fragen herausgebracht dass mit dem ersten
Ausdrucke die Söhne des Rektors und mit dem zweiten die des Edukationsrats
gemeint waren Die Gattin des letztren tat sich viel auf den Einfall zugute dass
der Rektor alles Ernstes bedaure seinen Hirten nicht Schweine hüten zu sehen
weil dieser in seiner gegenwärtigen Verfassung doch noch keine vollkommne
Ähnlichkeit mit dem Homerischen Vorbilde zeige die Rektorin dagegen nannte ihre
rüstige Freundin wegen des schon berührten Stabes nie anders als die
speerschwingende Minerva
    Das Geschick hatte noch außerdem für Mehrung der Verwicklungen gesorgt
Durch eine besondere Nemesis sah sich der Edukationsrat gezwungen seinen Pastor
bei dem es denn doch nun einmal ohne Römer und Griechen nicht abgehen konnte zu
dem Widersacher auf das Gymnasium zu schicken Lange hatte er sich gesträubt
der Knabe welcher ohnehin keinen raschen Kopf hatte war daher für seine Jahre
zurückgeblieben und saß in einer unteren Klasse Diesen Umstand verfehlte der
Rektor nicht bei Gelegenheit gehörig aufzustechen Im stillen hatte er sich
vorgenommen dem Pastor sobald er nur erst die Rudimente hinter sich hätte
selbst alle mögliche Nachhülfe zu geben ihn der Kanzel zu unterschlagen aus
ihm einen Philologen zu bilden und so dem Gegner aus seinem eignen Blute den
Rächer an den verachteten Klassikern zu wecken
    Dagegen erlebte der Rektor nun wieder an seinen Knaben manches Leidwesen
Ihnen war streng jeder Umgang mit den Söhnen des Edukationsrates untersagt
worden von welchen der Vater nur Zerstreuung und allerhand törichte Streiche
besorgte Aber die Alten fühlten eine unbezwingliche Neigung zu den Ständen die
immer etwas Neues vorzuweisen und anzugeben hatten und befriedigten dieselbe
auf hundert und aber hundert Schleifwegen Gegenseitig wurden geheime Besuche
abgestattet denen der Edukationsrat mit stiller Schadenfreude nachsah der
Rektor dagegen durch einen Vorpostendienst zu dem er sich selbst in Haus Hof
und Garten bequemen musste möglichst entgegenzutreten strebte
    Alles dieses störte indessen die Geselligkeit beider Familien nicht und so
war auch an dem Tage von welchem hier die Rede ist ein Abendessen im Garten
des Rektors verabredet worden Der Fischer hatte der Rektorin einen großen
Hecht frisch aus dem Wasser gezogen überbracht welcher nicht allein verzehrt
werden durfte
    Kornelie welche das Lustäuschen zum Empfang der Fremden aufschmückte kam
von ihrer Arbeit eilig zu Hermann und sagte leise zu ihm »Bringen Sie doch
heute etwas auf worüber kein Streit entstehen kann Ich weiß gar nicht warum
sie hier zusammenkommen wenn sie immer miteinander Zwist haben wollen Es hört
sich so unangenehm zu« Er ging und sann wie er ihrem Gebote Folge leisten
solle
    Als gegen die Zeit des Besuches der Rektor in das Lustäuschen trat sah ihm
seine Gattin einige Verstimmung an »Wir bekommen noch einen Fremden der mir
nicht ganz gelegen ist« sagte er « übernachtet auf seiner Reise nach  in
unserm Orte und hat sich anmelden lassen Er ist mir als Feind meines teuren
hochverehrten Johann Heinrich und weil er der Gelehrte mit Süssduft und
Modeschwatz den Chevalier equitem spielen will äußerst widerwärtig dennoch
habe ich ihn heuchlerischer Weltsitte gemäß die auch den Biedern zwingt
willkommen heißen müssen«
    »Spricht er denn noch deutsch oder schon nichts als Sanskrit und Prakrit«
fragte die Rektorin
    »Ich bitte dich schweige Bilem moves ich möchte unartig werden wenn mir
bei seinem Anblicke die indischen Ungeheuer einfielen«
    Der Rektor befand sich wie er immer pflegte wenn er nicht ausging oder
Schule hielt im Schlafrock und Pantoffeln Die Gattin ermahnte ihn für heute
des fremden Gastes wegen die bequeme Hauskleidung abzulegen erhielt aber einen
verneinenden Bescheid »Das fehlte noch« rief er »dass ich um des alten Gecken
willen von ehrbarer Gewohnheit abweiche Nein deus haec nobis otia fecit Wer
mich nicht sehen will wie ich bin intra privatos parietes der bleibe haussen«
    Die Rektorin welche bei aller Achtung und Liebe für ihren Mann dennoch
einen Blick für seine kleinen Lächerrlichkeiten hatte und oft befürchtete dass
er dadurch den Spott Dritter über sich hervorrufen möchte war über die
Weigerung etwas verdrießlich Wie die Frauen sind die gern im Angenehmen und
Unangenehmen beharren sie brachte gleich noch ein Zwietrachtstema hervor »Ich
weiß nicht was heute einmal wieder mit unsern Kindern sein mag« sagte sie
»Sie lassen sich kaum blicken wenn ich einen sehe so verkriecht er sich oder
macht ein sonderbares Gesicht Gewiss ist eine ausbündige Schelmerei und für uns
ein tüchtiger Ärger unterwegs Wenn ich dich doch überreden könnte den lauten
Sprachunterricht einzustellen damit ich sie wieder in das Haus nehmen dürfte
In der Waschküche sind sie unsrer Aufsicht entrückt können tun was sie wollen
und überdies habe ich jetzt mit der großen Wäsche wegen Mangels an Raum immer
meine liebe Not«
    »Du häufest verkehrte Wünsche« erwiderte der Gatte gehaltnen Tons »Den
lauten Sprachunterricht einstellen hieße von einem obersten leitenden
Grundsatze abweichen und dieses wirst du deiner großen oder kleinen Wäsche
wegen wohl im Ernste nicht von mir verlangen Was aber die heutige Unruhe der
Knaben betrifft so beruhige du dich darüber Es ist morgen die große
Klassenversetzung der Quintaner und Tertianer rücken auf Quarta und Sekunda
bleiben sitzen Praesentiunt praesagiunt spei timorisve pleni das bringt sie
so in Bewegung und wenn du mehr Menschenkenntnis besässest so hättest du wohl
den wahren Grund erraten können«
    Der letztere Vorwurf mit welchem der Rektor der sich für einen großen
Menschenkenner hielt gegen seine Gattin freigebig zu sein pflegte traf sie
empfindlich Sie bezwang sich indessen dieses Mal und fragte ihn nach einer
Pause mit einer gewissen scharfen Freundlichkeit »Sage mir Väterchen was
hältst du von unsrem Gastfreunde«
    »Dieser Kandidat Schmidt hat leider mehr von der modernen ästhetischen als
von der gründlich gelehrten Bildung abbekommen« versetzte der Rektor »Wenn er
sich mir anvertraute so wollte ich ihm wohl nachhelfen denn er ist ein
gescheiter offener Kopf Was sein Hiersein betrifft so ist dieses nicht ohne
geheime Absichten er will unter der Hand etwas durchsetzen«
    »Hast du das gemerkt« fragte die Rektorin betroffen über den Scharfsinn
ihres Manns
    »Freilich Er will etwas über den Eutrop edieren wozu es denn nun an allen
Ecken und Enden fehlt Da soll der Rektor vorspannen Deshalb bringt er das
Gespräch einigermaßen in fastidium beständig auf diesen Autor und sucht mich
auszuholen«
    Sie schöpfte Atem im stillen überzeugt dasswenn sie auch in Nebensachen
sich fügen müsse ihr doch in den Hauptpunkten wohl die Herrschaft verbleiben
werde Indem sie ging noch allerhand häusliche Besorgungen vorzunehmen konnte
sie sich nicht enthalten ihrem Gatten Zurückhaltung über den Eutrop gegen den
Kandidaten Schmidt anzuempfehlen
 
                               Siebentes Kapitel
Die beiden Ehepaare gewährten einen eignen Anblick Der lange und hagre Rektor
saß neben der großen Edukationsrätin deren kleiner Ehegatte bei der kurzen
Rektorin seinen Platz gefunden hatte Wenn man die verschiedenen Längen dieser
Personen sich mit Linien umzogen dachte so kam fast die Figur eines
lateinischen Z heraus Das Gespräch war ziemlich einsilbig der junge Konrektor
sah sich nach Wilhelminen um die abwesend war und das Mahl bereiten half
Kornelie welche Tee einschenkte wartete ängstlich auf Hermann der sich noch
nicht hatte blicken lassen dem Rektor lag wie man ihm deutlich ansah etwas
auf dem Herzen
    Nach einigen nichtsbedeutenden Reden und Gegenreden befreite er seine Brust
»Ehe wir eins in das andre reden« sagte er zum Edukationsrat »erfordert es die
Pflicht Ihnen werter Freund eine Entdeckung zu machen Sie haben oft für gut
gefunden meine Warnungen zu verachten die heutige darf deshalb doch nicht
unterbleiben Ihre Söhne haben in der hiesigen Offizin die gefährlichsten
Substanzen angekauft Dinge womit sie die Gesundheit ja das Leben selbst in
Schaden setzen können«
    »Ist mir schon bekannt« versetzte der Edukationsrat sehr ruhig
»Vitriolsäure Eisenfeilspäne Schwefel Salpeter nicht wahr der Naturforscher
und der Baumeister wollen gemeinschaftlich damit einen künstlichen
feuerspeienden Berg verfertigen wozu sie die Anleitung in Wieglebs Natürlicher
Magie gefunden haben Man wirft einen Erdhügel auf setzt den Topf mit dem
Gemische hinein verbindet diesen Herd durch eine Kraterröhre mit der äussren
Luft verstopft die Mündung nach einigen Stunden ist die Gärung der Stoffe die
Entwickelung der Gasarten vollendet der Propfen wird vom Krater hinweggezogen
und es gibt eine feurige Entladung welche im kleinen die gewaltige
Naturerscheinung recht artig darstellen soll Ich freue mich selbst auf das
Gelingen dieses interessanten Experiments«
    »Quid« rief der Rektor »Ist es möglich Freund Sie stehen an einem
Abgrunde und werden wenn Ihnen das Haus über dem Kopfe angezündet worden oder
einer Ihrer Knaben exanimis auf der Bahre liegt vergebens beklagen nicht
gehört zu haben«
    »Die Natur« sagte der andre »verletzt nur den der sich scheu vor ihr
zurückzieht Dreiste Vertraulichkeit mit ihren Kräften zähmt sie Sitzen über
den Büchern bildet Feiglinge und es ist einer der gröbsten Irrtümer die Alten
welche sich grade durch ihr inniges Gefühl für die sie umgebende Welt
auszeichneten zu Werkzeugen einer solchen Verzärtelung zu machen«
    Hierauf setzte der Rektor die Pfeife in den Winkel und nahm eine starke
Prise Die Abwechselung dieser Genüsse war für die Kundigen immer ein Vorzeichen
des herannahenden Sturms Die Frauen legten die Strickzeuge weg wie sie bei
solcher Gelegenheit zu tun pflegten um als aufmerksame Richterinnen dem Kampfe
vorzusitzen Noch aber sollte durch die Erscheinung eines Dritten der Ausbruch
verschoben werden
    Der Fremde den wir von seiner Hauptbeschäftigung den Hindu nennen wollen
trat zur Gesellschaft Dieser Mann hatte so oft die Schwerfälligkeit deutscher
Gelehrten verspotten hören dass er sich vorsetzte in seiner Person eine
Ausnahme darzustellen Er trug sich ungeachtet seiner hohen Jahre noch wie der
jüngste Modeherr und hatte seine Manieren durchaus nach Pariser Mustern
einzurichten sich bestrebt
    Als der Hindu den mitten in anständiger Gesellschaft in Schlafrock und
Pantoffeln dasitzenden Rektor wahrnahm geriet er außer Fassung und starrte den
Verstoss gegen die Sitte einige Sekunden lang an bevor er die herkömmlichen
Begrüßungen finden konnte Doch erholte er sich streichelte mit leichter
zärtlicher Handbewegung die Ordenszeichen welche seine Knopflöcher zierten und
kam durch diese Berührung wieder zum Gefühle seiner selbst.
    Es gelang ihm sofort einige französische Epigramme vorzubringen die
niemand in diesem Kreise verstand und darauf in den leichten Weltton zu fallen
den er so sehr innezuhaben glaubte
    Bald hatte er sich des Gesprächs bemeistert und da er gehört dass vornehme
Personen nie von wichtigen Dingen welche sie zunächst berühren zu reden
pflegen so hielt er die Abschweifung zu gelehrten Diskussionen mit einiger
Gewalt fern Er erzählte dafür lieber ausführlich das Abenteuer vom Verluste
seiner goldnen Brille welches da diese Brille wie er sagte unersetzlich sei
und er weder eine silberne noch eine von Horn im Gesichte zu dulden vermöge ihn
zwinge vorderhand unbewaffneten Auges umherzuwandeln wodurch seiner
Kurzsichtigkeit manches Missverständnis bereitet werde Von dieser
Kurzsichtigkeit wenn es nicht Zerstreuung gewesen legte er gleich einen
auffallenden Beweis ab der selbst dem Rektor welcher sich sonst ziemlich
mürrisch verhielt ein Lächeln entlockte Der Fremde saß nämlich zwischen der
Rektorin und Kornelien und war der Pflichten seines Platzes wie man merkte
vollkommen eingedenk Nur begegnete es ihm dabei dass er die Rektorin für die
Tochter und Kornelien für die Mutter ansah denn er verwandte an jene galante
Scherze und behandelte diese mit achtungsvoller Kälte
    Man wurde ganz fröhlich die Männer suchten durch allerhand übertriebne
Behauptungen die Stimmung des Fremden zu steigern die Frauen teilten einander
ihre Bemerkungen über seine Perücke und über die berühmte Spiegeldose mit
welche er von Zeit zu Zeit hervorzog um sich verstohlen in Augenschein zu
nehmen Kornelie war gegangen Hermann kam und brachte Weltneuigkeiten mit die
er auf dem Kaffeehause in den Zeitungen gefunden hatte kurz der Abend schien
sich zu einem allgemeinen Frieden anzulassen
    Unglücklicherweise erwähnte Hermann der Untersuchungen gegen demagogisches
Unwesen die mit besondrem Eifer grade damals wieder aufgenommen worden waren
Söhne angesehener Familien waren plötzlich verhaftet worden der Argwohn hatte
seine Schatten in schon gegründete bürgerliche Verhältnisse geworfen Man
beklagte den unglückseligen Schwindel der Jugend welcher sie selbstmörderisch
treibe ihre ganze Heiterkeit und Frische sich so jämmerlich zu verderben Der
Rektor nahm hievon die Veranlassung zu bemerken dass das ganze Unheil davon
herrühre dass in den neuesten Zeiten die eigentlich gelehrte Bildung
vernachlässigt zu werden beginne
    »Die Beschäftigung mit den Alten« sagte er »drückt in die junge Seele das
Bild eines vollkommenen in sich zusammenhangenden Lebens Ein einziger Vers des
Horaz eine Sentenz des Tacitus wirft über ganze Strecken ein mächtiges Licht
Nennen Sie mir etwas was gleich mit solcher Gewalt die Seele ausweitete als
die bloßen Namen Rom Athen Nicht unpassend hat ein großer Dichter und Weiser
gesagt man fühle sich wie in einer Montgolfiere schwebend sobald man Homer zur
Hand nehme«
    »Die Gleichnisse hinken« versetzte der Edukationsrat »man könnte aber auch
sagen sie sind Fackeln die den Pfad dessen der auf unrechten Wegen geht
erhellen Ja leider leider haben wir in der Luft geschwebt seit Jahrhunderten
in der Luft geschwebt und es dürfte nicht schwer sein nachzuweisen dass auch
die Fehltritte jener unglücklichen Jünglinge nur das Stolpern derer sind die
aus der Wolkenhöhe endlich wieder auf festem Grund und Boden sich niederlassen
Dieses ganze politische Traumgebäude ist denn doch weiter nichts als der
Nachklang gewisser Schulbegriffe die lange Zeit in den Auditorien eingesperrt
durch die unruhige Gegenwart an die Oberfläche des wirbelnden Tages geschleudert
worden sind
    »Die Schulbegriffe wie Sie sie nennen gaben dem Leben der ersten
Staatsmänner seinen Halt« sagte der Rektor »An solchen Schulbegriffen haben
der große Chatam und sein großer Sohn sich auferbaut Kannings Reden sind voll
von klassischen Zitaten«
    »Weshalb man auch sagt dass sie nach dem Schimmel riechen« fiel der
Edukationsrat ein
    »Überhaupt meine ich dass ein ganz andrer Einfluss als den Sie beide im Auge
haben bevorsteht« hob der Hindu mit einer gewissen graziösen Feierlichkeit an
»Ich darf wohl sagen dass ich das klassische Altertum kenne ich war der erste
der die Mangelhaftigkeit des Vossischen Hexameters aufdeckte ich habe es
vorausgesagt dass die reinen Trochäen in diesem Metro auch ganz verworfen werden
würden und ich denke dass der Vers
    Wieder zur Ebene rollte der frech sich empörende Steinblock ein wenig besser
klingt als das
                     Donnergepolter des tückischen Marmors
über welches wir sobald es durch Germanien zu poltern begann gleich unsre
herzliche Freude hatten Nachmals als ich das Glück hatte jener Frau
anzugehören die man kann wohl sagen eines europäischen Rufes genoss machte
ich sie oft zu lachen wenn ich ihr den fraglichen Vers zum Beweise für den
Wohllaut unsrer Sprache vorsagte sie versuchte ihn dann nachzusprechen kam
aber nie damit zustande besonders machte ihr jenes so kraftvoll gebildete Wort
worin sozusagen der große Philologe Dichter und Kämpe für Wahrheit und Recht
sich völlig inkarniert zeigt viele Schwierigkeit sie sprach es immer à la
française aus etwa so tonnère guepoltère und vergebens war meine ganze
Didaskalie Ich weiß nicht ob Sie aus jener Zeit mein Epigramm auf Napoleon
kennen welches ich machte als Kanova seine Statue verfertigte Dieses Witzwort
hatte einer meiner amerikanischen Freunde gehört und ließ es in der Baltimorer
Zeitung abdrucken von wo es denn wieder dem Tyrannen zu Ohren kam daher sein
Hass auf mich der mich etwas in den Bemühungen störte die ich dazumal noch
immer dem Tristan zugewendet hatte Ich habe zuerst auf dieses Gedicht
hingewiesen worin süße Frische Lüsternheit und Unschuld den Becher mit
bezauberndem Getränk füllen unerwartet fand ich vor einigen Monaten eine
dritte weder von Ulrich noch von Heinrich herrührende Fortsetzung deren
Verfasser ich noch nicht habe entziffern können es ist sehr leicht bei diesem
Gedichte an Ariost zu denken aber welch ein Abstand«
    Er war hierauf im Begriff das erste Buch des Ariost auswendig herzusagen
als man ihn erinnerte dass er von einem Einflusse haben reden wollen der die
Alten verdrängen werde Er besann sich und führte nicht ohne Beredsamkeit aus
dass in dem mit so regem Eifer erwachten Studium des Orientalischen sich die
gemeinte Wirkung anzudeuten scheine
    »Die Modernen sind einmal Aneigner und Verarbeiter« sagte er »Seitdem
Petrarca sein Gedicht Africa schrieb und es über die süßen Reime stellte die
ihn unsterblich gemacht haben ist nun ein halbes Jahrtausend verflossen Mich
dünkt es wird Zeit sich nach einem andern Kompendium umzusehen und welches
Füllhorn neuer Begriffe wunderbarer Anschauungen öffnet uns der Orient Ich
arbeite an einem Werke über die Elefanten und über die Bedeutung dieses Tiers in
den Epen vom Ganges Der Mahabharata der Ramayana der BrahmaPurana «
    »Quousque tandem « murrte der Rektor »Ich kann über diese Dinge nicht
gelehrt mitsprechen weil ich sie nur aus Exzerpten und Rezensionen kenne Aber
was darin steht macht mich nach dem übrigen nicht lüstern Monstrum informe
ingens cui lumen ademtum Ich glaube dass der Inhalt jener Gedichte alle die
Tiger Affen Gänse Gazellen die ungeheuerlichen Büssungen welche eintreten
wenn einer ausspuckt oder sonst etwas Natürliches verrichtet wo er es nicht
soll weil irgendein Ölgötz mit Schweinsrüssel im Tulpenkelch sitzend dies
nicht leiden kann dass sage ich alle diese riesenhaften Puerilien der Welt
nicht so viel Licht geben als der letzte der Klassiker in einer schlechten
Waisenhauser Ausgabe ihr geschenkt hat Übrigens wird das alles auch nur dicis
causa traktiert ich weiß es wohl und im Grunde ists verkappter Katholizismus
der mit uraltem Bonzenund Pfafftume eingeschwärzt werden soll Aber
Tumm machen lassen wir uns nicht
Wir wissen dass wirs werden sollen«
Diese sonderbare Grille des Rektors gab nun Veranlassung zu noch heftigeren
Debatten in welchen der Hindu zuletzt den begeisterten Anhänger der
evangelischen Lehre spielte obgleich er wenn wir die Wahrheit gestehen sollen
gleich Falstaff vergessen hatte wie das Inwendige einer Kirche aussieht Die
ausschweifendsten Dinge wurden infolge dieses Streites behauptet der sich denn
doch bald wieder auf die Jugend und ihre Führung zurückwandte Der Konrektor war
inzwischen eingetreten und brachte die vierte Stimme zu diesem Hausund
Gesellschaftskonzerte Die beiden Alten der Rektor und der Edukationsrat
wiederholten fast mit denselben Worten ihr Thema dazwischen wogten Persien und
Indien Nibelungen und Parzival Es blieb sonach unentschieden ob das
heranwachsende Geschlecht gen Latium oder Delhi geführt werden ob es an Minne
und Ritterkampf sich auferbauen oder in früher bürgerlicher Hantierung
erstarken solle denn jede Meinung hatte einen kräftigen Verfechter dem es
nicht an triftigen Gründen fehlte
    Plötzlich rief die Edukationsrätin mit ihrer Stentorstimme »Was ist das Es
riecht nach Schwefel« Alles schwieg Der Gestank war nicht zu verkennen
zugleich hörte man ein sonderbares aus Zischen Wimmern und Heulen
zusammengesetztes Geräusch ganz in der Nähe des Gartenhäuschens Indem man noch
verwundert und erschreckt über dieses Abenteuer sprach stürzte eine Magd mit
dem Rufe herein »Kommen Sie um Gottes willen Die Jungen sind alle verbrannt«
    Bestürzt folgten ihr die Streitenden Hermann die beiden Frauen Nur der
Hindu blieb zurück Er nahm sich vor diesen Augenblick zu seinem Abzuge zu
benutzen denn es missfiel ihm höchlich hier Er tappte also durch die Dunkelheit
nach seinem Wirtshause Unterwegs fielen ihm einige Epigramme auf die Rustizität
der deutschen Gelehrten ein die nachmals auch der Welt bekannt geworden sind
 
                                 Achtes Kapitel
Die Magd führte die andern nach dem wüsten Plätzchen zwischen den Scheunen Ein
dicker Qualm drang ihnen entgegen und es dauerte einige Minuten ehe man recht
wahrnehmen konnte was sich dort begab Endlich unterschied das Auge bei dem
Scheine eines wilden roten Feuers die Gegenstände Ein sprühender Strahl drang
gewaltsam aus der Erde zwei Knaben des Rektors lagen wehklagend am Boden die
andern und die Söhne des Edukationsrats standen verlegen umher
    Hermann suchte das Feuer mit einem Spaten auszuschlagen machte aber die
Sache nur noch ärger das gereizte Element zischte in springenden Funken umher
und versengte die Kleider der Anwesenden Er musste den Spaten wegwerfen und die
Naturkraft gewähren lassen
    Indessen zog der Rektor von der Magd Erkundigung ein welche diese zögernd
gab da sie sich auch halb schuldig fühlte Die Knaben des Edukationsrats hatten
die des Rektors zur Bereitung eines feuerspeienden Bergs zu überreden gewusst
die Magd hatte allerhand Geräte dazu hergegeben Unvorsichtig war von einem zu
früh der Pfropfen aus der Röhre gezogen worden während zwei sich darüberhin
gebogen hielten die denn den ganzen feurigen Schuss ins Antlitz bekommen hatten
Das Auge müsse wenigstens weg sein sagte die Person nach Art solcher Leute im
Unglück noch übertreibend
    Der Rektor nahm sich kaum die Zeit diese Erzählung vollständig zu hören
Rasch ergriff er einen Stecken und eilte von seinem Grimme übermannt auf die
bestürzte Gruppe der Knaben zu Diese benahmen sich bei dem Anblicke der
herannahenden Gefahr auf sehr verschiedene Weise Denn während die Stände als
sie den Stecken und den Rektor sahen zu lauter Füßen wurden mit katzengleicher
Behendigkeit eine niedrige Scheidemauer überklimmend und entrinnend blieben die
Alten von Schreck gefesselt stehen und erwarteten das Schicksal Die Geschichte
meldet hierauf von mehreren ausgeteilten und empfangnen Streichen
    Indessen war das vulkanische Feuer verglüht der Konrektor hatte eine
Laterne herbeigeholt und auf die Stätte dieses Ereignisses niedergesetzt Er und
Hermann beluden sich mit den Verwundeten die Frauen folgten die Geschlagnen
schlichen hinterher Der Rektor wollte ohne Wort und Gruß nachgehn der
Edukationsrat hielt ihn aber beim Arme zurück und hob folgende Rede an
»Wahrheit mein Freund in allen Verhältnissen unter jeder Bedingung Das ist
meine Maxime Ich kann ich werde sie auch heute Ihnen nicht verschweigen ja
dieses unglückliche Ereignis mahnt nur um so dringender rückhaltlos mich
auszusprechen als es Sie zunächst am empfindlichsten berührt hat Sie erfahren
heute an einem schlagenden Beispiele wohin die Richtung welcher Sie mit
starrer Konsequenz sich und andre eigneten führt Harmonie Zusammenhang gebe
der Seele das klassische Altertum Ich sehe wenig von diesen schönen
Eigenschaften an einem steckenbewaffneten zornigen Manne«
    Hier warf der Rektor den Stecken heftig fort und wollte abermals gehen Der
andre hielt ihn aber mit beiden Händen fest und sprach also weiter »Sie sollen
und müssen mich aushören nicht sobald wird sich wieder eine gleichgünstige
Gelegenheit ergeben Wenig Besinnung verrät es schon fremde Kinder in Gegenwart
des Vaters körperlich abstrafen zu wollen Das überlässt man diesem wohl in jedem
Falle der eine so traurige Notwendigkeit erfordern sollte Nun aber wie
weiter Der Gegenstand Ihrer Leidenschaft wird Ihnen entrückt da fallen Sie
völlig blind und unfrei diejenigen an welche doch in Ihrem Sinne nur die
Verleiteten Schwachen sind Allerdings erinnert dieser letzte Zug an ein
klassisches Muster nämlich an den rasenden Ajax wie er anstatt der Atriden die
Schafe geisselt Wer aber bei allem diesem Gebaren noch jenen spiritum Grajae
tenuem Kamenae säuseln hört der hat schärfere Sinne als ich Kommen wir nun auf
unsre Zöglinge selbst Denn an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen heißt es
hier mit vollem Rechte Unverletzt sind meine Söhne Sie hüten sich wohl ihre
Nase über einen gärenden Feuerbrodel zu halten was wirklich nur abgestumpften
auf der Sitzbank vennüfften Geschöpfen begegnen kann Diese warten denn auch
ruhig die ungerechte Züchtigung ab während meine gewitzigten frühpraktischen
Gesellen rasch wie die Hirsche zu entrinnen wissen Das kommt vom Vertrautsein
mit allen vier Elementen Sie haben selbst gesehen mit welcher Schnelligkeit sie
sich über die Mauer schwangen Lassen Sie also mein Freund von einem Systeme
welches Ihnen und den Ihnen Angehörigen Welt und Leben verbaut Nie ist es zu
spät zum Richtigen umzukehren«
    »Doch ist es zu spät die Fortsetzung dieser Moralien zu vernehmen« sagte
der Rektor mit schneidender Kälte »Rechnen Sie es meinem Erstaunen zu dass ich
bis jetzt geduldig dem mein Ohr lieh womit Sie einen Vater dem die Kinder
verbrannt sind besprechen wollen Apage Das ist das letzte Wort zwischen uns
Wir sind geschiedne Leute So ist es beschlossen Stat alta mente repostum« 
    Er nahm die Laterne auf und ging Der Edukationsrat blieb im Dunkel zwischen
den Scheunen stehen
 
                                Neuntes Kapitel
Im Hause hatten unterdessen die Frauen und die jungen Leute um die Verletzten
Sorge getragen Nachdem Gesichter und Hände mit einem Schwamme gereinigt worden
waren sah man dass der Schreck das Schlimmste gewesen sei Außer versengten
Augenbrauen und Haaren ließ sich kein Schaden erspähn Die Rektorin schickte die
Patienten zu Bett die gleich den übrigen Knaben ganz verdutzt waren und kein
Wort sprachen Sie verbot ausdrücklich den Arzt zu holen Kaltes Wasser werde
hier vollkommen genügen
    Als man sich zu Tisch setzte stieß sie einen Seufzer über die
leerbleibenden Plätze aus Ihr Mann hatte sich eingeschlossen und wollte nichts
essen die Edukationsrätin war denn doch auch fortgegangen Der Konrektor
welcher nach Art junger Schulleute zuweilen von auffallenden Grillen geplagt
ward nahm sich plötzlich eine willkürliche Eifersucht auf Hermann zu Kopfe der
an niemand weniger dachte als an Wilhelminen genug aber er war eifersüchtig
und entfernte sich mit verdrießlichen Blicken worauf Wilhelmine um die
Erlaubnis bat bei den kranken Knaben bleiben zu dürfen So war aus einer
Gesellschaft von neun Personen eine von dreien geworden die durch weite
Zwischenräume getrennt an dem beträchtlichen Tische Platz nahm Ein
grossmächtiger Hecht ward aufgetragen welcher der Rektorin neue Sorge machte
wie er von so wenigen Personen verspeiset werden solle Dieser Bekümmernis war
indessen abzuhelfen denn die beiden Patienten ließ durch Wilhelminen um ein
Stück Fisch bitten da sie außerordentlich hungrig seien
    Nach dem Essen blieb Hermann mit der Rektorin allein »Das übelste wäre
wenn der einfältige Vesuv Feindschaft stiftete« sagte sie »Das darf nicht
sein Zwar ist der Edukationsrat ein Narr und hat meinen Alten ungeschickt
behandelt aber das Leben währt zu kurz um nachzutragen Also muss ich
Versöhnung stiften und dazu sollen Sie den Mittelsmann machen Sie gehen morgen
in der Frühe zum Rat und lassen fallen mein Mann habe die ganze Nacht vor
Schmerz über die Zwistigkeit kein Auge schließen können Dann sagen Sie
dasselbige vom Rat bei meinem Alten und ich wette sie sind noch vor Abend
wieder gute Freunde Man kann die Menschen auseinanderlügen aber glauben Sie
mir man kann sie auch ebenso leicht zusammenlügen Das erste ist nicht meine
Sache das zweite darf man sich schon erlauben«
    Als Hermann einwenden wollte er werde die aufgetragne Rolle nicht geschickt
genug spielen lachte ihm die Rektorin in das Gesicht »Versuchen Sie es nur
immerhin« rief sie »Sie Neuling in solchen Händeln« Die Verlegenheit welche
er nach den ersten derartigen Worten der kurz angebundnen Frau in ihrer
Gegenwart nicht mehr besiegen konnte wuchs und erreichte ihren Gipfel als ihm
jetzt ein Zettel des Rektors gebracht wurde worin dieser ihn bat morgen
anstatt seiner mit den Primanern den Sophokles zu lesen da er sich zu unwohl
fühle um die Lektion abhalten zu können Gott weiß es Hermann verstand zu
wenig Griechisch um einem solchen Ansinnen gewachsen zu sein Er reichte der
Rektorin mechanisch den Zettel hin die ihn lächelnd überlas und dann sagte
»Herr Schmidt setzen wir uns
    Sie spielen Komödie mit uns das ist nicht fein Sie sind darob in
Ungelegenheit geraten das macht mich geneigt Ihnen zu helfen Wozu dienen nur
diese Winkelzüge Warum kommen Sie trotz ehrlicher Absichten welche ich doch
bei Ihnen voraussetzen muss mit einem fremden Namen wie der Betrüger Sinon in
unser Haus Sie sind nicht der Kandidat Schmidt aus Leipzig Sie heißen Hermann
und wollen Kornelchen heiraten«
    Hermann wusste vor Bestürzung nicht wo er bleiben sollte »Ich bitte Sie
wegen dieses Streichs tausendmal um Vergebung  Ich habe nichts Schlimmes im
Sinne  Aber Sie irren sich  Es war nur dem Flämmchen zuliebe «
stotterte er
    »Ach was Flämmchen« rief die Rektorin eifrig »Ein Feuer welches den Herrn
fünfzehn Meilen weit dahertreibt kann wohl eine Flamme heißen Aber Ihr
Benehmen ist für meinen schwachen Verstand zu spitz Das arme Kind so in
Verlegenheit zu setzen das heißt einem jungen Herzen für seine unschuldige
Neigung übel lohnen«
    »Verlegenheit Herz Neigung Liebt Kornelie mich«
    »Sollten Sie das nicht wissen Sollten Sie ein Mischling sein von Schlauheit
und Kindersinn der nichts merkt Nun ja der Herr hat in jener Waldhütte ein
Unheil angerichtet er erschien dem armen Dinge wie ein Helfer und Heiland und
da er so ziemlich wohl gewachsen ist ein Paar feurige Augen im Kopfe hat und
seine Worte sanft zu setzen weiß so ward das Geschöpfchen danach ganz still
und schwermütig seufzte und  ach es ist eine alberne Kindergeschichte und
recht töricht von mir dass ich das alles Ihnen so gutmütig hererzähle«
    »Fahren Sie fort beste Frau« rief Hermann »Ich schwöre Ihnen bei Gott
ich bin aller dieser Dinge unkundig aber Sie schenken Ihr Vertrauen keinem
Bösartigen Warum ist Kornelie hier«
    »Das ist ja eben das Tollste Heutzutage fangen die Menschen früh an zu
leben Gott weiß wie früh sie aufhören werden wenn das so fortgeht Die Kinder
haben jetzt Leidenschaften welche sich sonst erst mit dem zwanzigsten Jahre
einstellten Kurz Ihr Vetter Ferdinand hat ohne es zu wissen sein
Pflegeschwesterchen geliebt als Sie der Störenfried dazwischentraten und nun
ergriff den Jungen den mein Alter vermutlich noch nicht nach Sekunda setzen
würde eine unbändige Eifersucht die zu den ärgsten Dingen geführt haben muss
wiewohl Ihre Tante mir darüber nichts Näheres geschrieben hat Aber wie ich aus
abgebrochnen Reden Korneliens schließe so hatte der Knabe einmal gegen sie ein
Messer erhoben Die Eltern sahen sich genötigt das Mädchen auf einige Zeit zu
entfernen bis sich weiterer Rat finden wird«
    »Sie haben mir Ereignisse mitgeteilt welche ich nicht von fern ahnen
konnte« sagte Hermann nach einigem Schweigen »Nur ein sonderbarer Zufall hat
dieses Zusammentreffen mit Kornelien herbeigeführt Doch warum nenne ich Zufall
was vielleicht die höchste die heiligste Schickung meines Lebens ist«
    Er berichtete ihr hierauf den Zusammenhang der Sachen und da er die
Wahrheit sprach so musste er Glauben finden Die Rektorin schien sehr
verdrießlich über diese Entdeckung zu sein und kündigte ihm offen wie sie in
allem war an dass er am besten tun werde morgenden Tages abzureisen Aber
Hermann fühlte dass für ihn zu Wichtiges auf dem Spiele stehe um die nächsten
Entscheidungen durch Empfindlichkeit zu verscherzen Er bezwang sich wusste der
Rektorin so viel KindlichSchmeichelndes zu sagen bat so dringend ihm doch nur
Zeit zu lassen dass er sich besinnen zu dem entschließen könne wovon
vielleicht sein ganzes Glück abhange dass er weniger liebenswürdig hätte sein
müssen um eine alte Frau nicht umzustimmen Mit einem derben Schlage auf die
Schulter ärgerlichen Worte aber freundlichen Gesichte verließ sie ihn
    Als er allein war warf er sich in einen Lehnstuhl und ließ seiner innern
Bewegung Raum Aus dem formlosen Gedränge wunderbarer Vorstellungen entwickelte
sich endlich ein lieblichentzückendes Bild mit dessen Ausmalung er noch
beschäftigt war als Kornelie das Nachtlicht in der Hand ins Zimmer trat Er
saß in einer beschatteten Ecke so dass sie ihn nicht bemerkte Was er schon am
Tage nach jeder Beschäftigung sie mochte noch so reinlich sein von ihr gesehen
hatte sie tat es auch jetzt Den Hahn des Wasserkränchens am Fenster
aufdrehend netzte sie ihre Finger und trocknete sie dann sorgfältig ab Es war
Hermann als ob eine leichte Röte ihre Augenwimpern säume da sie zufällig das
volle Antlitz nach der Seite wandte wo er sich befand Sie prüfte Fenster und
Läden ob sie verschlossen seien hing die Schlüsseln in das Wandschränkchen und
entfernte sich
    Hermann war wie in zwei Hälften geteilt Die sichtliche Erscheinung hatte
das Bild womit er beschäftigt gewesen war zerstört sie war anders als jenes
Er wusste unter beiden nicht zu wählen
 
                                Zehntes Kapitel
In jedem Hause besonders in bürgerlichen wo ein enges Zusammensein manche
Reibung erzeugt sammelt sich von Zeit zu Zeit allerhand Gärstoff der denn zu
Ausbrüchen des Verdrusses zwischen den Ehegatten oder den Eltern und Kindern
notwendigerweise führen muss Dann wird wieder Friede geschlossen den alle Teile
für einen ewigen halten obgleich die Verhältnisse bleiben wie sie sind
    Am besten ist es wenn jener Gärstoff durch eine Berührung von außen
entzündet sich nach außen entladen kann Auch unter dem Dache des Rektors
hatten verschiedene Meinungen über Häusliches Kindererziehung und dergleichen
ein gewisses Missbehagen hervorgebracht welches freilich dem Fremden nicht
gleich sichtbar ward Dazu kam die Angelegenheit mit der Todeserklärung des
verschollnen Sohns und das Verhältnis Wilhelminens zum Konrektor welches Mann
und Frau nicht mit denselben Augen ansah Letztre wie alle Frauen Anhängerin
der Natur, wollte die Verbindung ersterer sein System über jede menschliche
Beziehung setzend gönnte dem mittelalterlichen Jünglinge nichts am wenigsten
ein Frauenzimmer woran er selbst einen fast väterlichen Anteil nahm
    Nun waren durch den feuerspeienden Berg und den Zwist der beiden
Familienhäupter alle verborgenen Fermente entbunden und aufgezehrt worden Es
bedurfte der Unterhandlungen welche die Rektorin in Hermanns Hand hatte legen
wollen nicht einmal um die Versöhnung herbeizuführen Am frühen Morgen war
nach vorausgesandtem herzlichen Schreiben der Edukationsrat zum Rektor gekommen
und hatte aufrichtig um Verzeihung gebeten die ihm denn auch mit einem
lateinischen Verse gewährt worden war Der Rektor fühlte sich hierauf
hergestellt und hielt wohlgemut seine griechische Stunde ab so dass unser
Freund vor den Schülern nicht zuschanden zu werden brauchte Eine große
Heiterkeit verbreitete sich über das Haus man erwies einander kleine
Aufmerksamkeiten verhielt sich über die streitigen Punkte schonender und nur
die Kinder wurden wie zuweilen die Völker die Opfer dieses Friedensschlusses
man nahm sie nämlich von beiden Seiten unter die geschärfteste Aufsicht um die
Gelegenheit zu neuem Hader zu vermeiden
    Hermann waren von der Rektorin die gern in allen Stücken Fristen
festsetzte drei Tage des Verweilens zugestanden worden Er war viel außer dem
Hause hatte Bekanntschaft mit dem Konrektor gemacht welcher wieder von seinem
Verdachte zurückgekommen war ließ sich alte Sagen erzählen und suchte sich auf
alle Weise zu zerstreun Die Eröffnungen seiner Wirtin hatten ihn in eine
gespannte peinlichsüße Lage versetzt Der unvermutete Anblick einer weiblichen
Neigung hat wir dürfen uns des Ausdrucks bedienen etwas Erschreckendes Die
Natur welche verlangt dass des Manns Gefühl ausgesprochen erst jene Blüte
hervorrufen soll kehrt sich in einem solchen Falle um aber anstatt den Greuel
zu enthüllen deckt sie das verborgne Schöne auf Was Wunder wenn dann die
Sinne des Anschauenden in Wonne und Graus durcheinanderschwanken
    Hermann fragte sich hundertmal des Tages über sein Herz aus es wollte ihm
keine Antwort geben Was vorher so nahegelegen hatte schien nun durch
Entdeckungen die es noch näher bringen sollten weit weithin entrückt zu sein
Er fühlte ein Bedürfnis beständig um Kornelien zu sein und wenn er sie sah so
wich er ihr doch lieber aus Seine Unruhe ward durch die ihrige noch vermehrt
sie war wenn sie mit ihm zusammen sein musste augenscheinlich verlegen ja
traurig Die Rektorin schien sich um beide nicht zu bekümmern
    Ein geringfügiger Umstand entschied endlich seine Empfindung Auf einer
Kommode sah er Schreibbücher liegen auf denen Korneliens Name stand Er öffnete
eins in scharfen und doch unsicheren Zügen waren allerhand Sprüche und
Vorschriften kopiert am häufigsten der Satz: »Wer zu rasch nach dem Ziele
läuft bricht unterwegs den Fuß« Draußen hörte er ein Geräusch und sah durchs
Fenster blickend die Knaben des Rektors mit Kornelien im Garten Haschen
spielen Eine Kälte die ihm wohltat breitete sich durch seine Brust »Sie ist
noch ein Kind« sagte er für sich »Mein Verhältnis zu ihr wäre gemacht
unnatürlich erzwungen Das beste wird sein zu schweigen und zu reisen«
    Er war ein paar Straßen auf und ab gegangen um seinen Vorsatz recht reif zu
denken als ihm zunächst dem Tore der Hirt begegnete »Bester Herr« rief
dieser »wie gut dass ich Sie treffe Wenn es Ihnen nichts verschlägt so kommen
Sie auf ein Stündchen hinaus Ich glaube Sie könnten da durch Zureden etwas
Gutes stiften«
    »Was ist Alter« fragte Hermann
    »Lieber Gott der Fremde mit dem großen Hute den Sie bei mir gesehen haben
und der seinen Namen durchaus nicht nennen will macht mir viel Not Seine
wenigen Groschen sind aufgezehrt nun wollte ich ihm gern noch weiter borgen
aber er will fort und wenn ich ihn frage wohin so zuckt er die Achseln und
macht so sonderbare Gebärden dass mir angst und bange wird«
    »Habt Ihr keine Vermutung wer er ist«
    »Ach« sagte der Hirte »Vermutung genug im Grunde weiß ich es wohl schon
Ich habe ein Historienbuch das lese ich des Winters richtig durch darin steht
ein großer Vogel abgemalt der steckt seinen Kopf weg und meint dann sehe ihn
niemand So ists mit dem Unglücke es meint wenn es nur den Kopf verberge
werde es für jedermann unsichtbar Aber im Gegenteil dann merkt man erst wie
der Hase läuft«
    »Ihr hättet ihn sollen vermögen zum Rektor zu gehen« sagte Hermann
    »Habe ich es denn nicht vom Morgen bis zum Abend versucht« rief der Hirt
»Aber dann fährt er mich an und brummt was er bei dem Rektor solle und
hinterher stürzen ihm die Tränen aus den Augen Ich sage es ja immer das Vieh
ist vernünftiger als die Menschen da schreit doch jedes Zicklein wenn es sich
verloren hat nach seiner Alten und läuft zu ihr wenn es sie wieder erblickt«
    »Was wolltet Ihr denn jetzt hier in der Stadt« fragte Hermann
    »Den alten Leuten die Sache ansagen« erwiderte der Hirte »Aber unterwegs
fiel mir ein ich könne mich doch irren und nur unnütze Freude verursachen oder
wenn es auch richtig sei so brächte ich es doch vielleicht nicht auf die rechte
Art an und kurz es ist mir lieb dass ich Sie gefunden habe Sie werden wohl
eher hierin Bescheid wissen«
    Hermann war gern bereit mit dem Hirten nach seiner Hütte zu gehen Vor dem
Tore kam der Konrektor auf seinem gewöhnlichen Abendspaziergange daher
geschritten leider durfte Hermann seine Begleitung nicht ablehnen um kein
Aufsehn zu erregen Er dachte noch darüber nach wie er sich von ihm wieder
losmachen solle als sie schon vor dem Hirtenhause anlangten
    Der Fremde saß auf der Bank unter den Birken wieder wie früher den
breitkrempigen Hut tief in das Gesicht gedrückt Als er Menschen kommen sah
wollte er aufstehn und sich in die Hütte begeben »Bleiben Sie« sagte der
Konrektor »wir müssen sonst auch vorübergehn und wir wollten uns gern hier ein
wenig ausruhn«
    »Meine Nähe kann niemand erfreulich sein« erwiderte der Fremde
    »Sie sollten uns etwas von Ihren Abenteuern erzählen« sagte der Schulmann
»Was hat Sie so lange in Spanien zurückgehalten Warum kehrten Sie nicht gleich
nach den Friedensschlüssen heim Es muss eine wunderbare Empfindung für Sie sein
das Land welches Sie unter dem Faustdrucke des Despotismus betäubt verließen
nun verjüngt im fröhlichen Regen aller Kräfte wiederzusehn«
    »Mein Herr« versetzte der Fremde »ich weiß von dieser wunderbaren
Empfindung wie Sie sich ausdrücken wenig zu sagen Ich hörte überall nur wo
ich einkehrte wie ehedem über die schlechten Zeiten klagen«
    »Das ist der Widerhall von dem Liede der Demagogen« antwortete der
Konrektor kaltblütig indem er sich mit Behaglichkeit zurechtsetzte und seine
Pfeife anzündete denn er rauchte wie der Rektor außer den Schulstunden fast
beständig  »Wir sind Deutsche worden treu fromm guter Art in aller
löblichen Kunst und Wissenschaft fleißig Welch ein Abstand zwischen Sonst und
Jetzt Es gibt wirklich Erscheinungen in der Menschenwelt die einem das was
die Sagas von Zauber und Verblendung melden ganz glaublich und natürlich
darstellen Wie wäre es ohne einen solchen Zauber gedenkbar dass ein kleiner
unansehnlicher Mensch dem die Tücke aus den Augen blickte von einer
altberüchtigten Insel her die Menschen Völker Fürsten auf seine Seite bringen
konnte obgleich ein jeder wusste dass er von ihm hintergangen werde«
    Hermann erinnerte halblaut den andern dass dieses Gespräch dem Fremden
schwerlich angenehm sein werde jener aber war im Eifer ließ sich nicht stören
und rief »Wer deutsche Luft atmet muss deutsch Wort vernehmen können Wer an
seinem Vaterlande dem Erobrer zuliebe ein Verräter werden konnte muss sich
jetzt selbst seines Irrtums schämen blieb noch ein Funken richtigen Gefühls in
ihm«
    Der Fremde rückte unruhig hin und her und rief »Mein Herr es ist leicht
hinterher zu richten Vaterland Wir sind beide nicht alt genug um viel von der
Zeit zu wissen die jener Periode vorherging welche Sie die verblendete zu
nennen belieben Doch scheinen Sie noch jünger zu sein als ich Vaterland Ich
erinnre mich dass man an das Vaterland nur dachte wenn die Soldaten Gassen
laufen mussten wenn die Akzisebeamten am Tore visitierten oder wenn der
Edelmann dem Bürgerlichen vorgezogen wurde Sicherlich hat man in der
Verbannung im Elende Zeit genug Jugendträume die in bittere Wirklichkeit
ausgingen zu beweinen aber glauben Sie mir der Zauber den die Größe ausübt
ist noch nicht der schlimmste Wir sind die Geschlagnen die Besiegten Nun gut
so lasse man uns Aber man denke nur nicht dass man selbst so ganz und gar in
neuen Häuten lebe Ich komme aus der Fremde bin unbekannt mit den jetzigen
Verhältnissen aber ich meine immer nach einer großen Tyrannei kann nichts
andres als die Tyrannei der Kleinen oder ein wildes Getreibe befreiter Knechte
folgen«
    »Das spricht ein « versetzte der Konrektor »Aber freilich sind für
manche Menschen die Zeiten schlecht denn die Landläufer haben keine Hoffnung
mehr Glück zu machen«
    »Landläufer« rief der Fremde außer sich sprang auf den Konrektor zu gab
ihm einen Faustschlag dass er zu Boden stürzte schlug sich dann als ob er
diesen Ausbruch bereue heftig an die Stirn und stürzte in die Hütte Hermann
obgleich erschreckt von dem Vorgefallnen konnte den Konrektor kaum bedauern
überließ ihn dem Hirten und folgte dem Zornigen Diesen fand er eifrig
beschäftigt sein Bündelchen zu schnüren wobei er einmal über das andre
ausrief »Ich muss fort weit weit bis ans Ende der Welt«
    »Das sollen Sie nicht« sagte Hermann »Aber wie konnten Sie sich so
vergessen«
    »Einen Landläufer nannte der harte Vater mich wenn ich mich über den
lateinischen Schriftstellern nicht zu Tode quälen wollte mit diesem Worte hat
er mich endlich hinter die Adler in die Schlacht in die Bergwerke gejagt ich
kann es nicht hören ohne dass es dem der es ausstösst übel bekommt«
    »Es ist mir lieb dass es jetzt dahin geführt hat Sie mir zu entdecken«
versetzte Hermann »Stehen Sie von Ihrem unglückseligen Entschlusse ab und
kommen Sie mit mir zu den Eltern denen ein gütiges Geschick Sie erhalten hat«
    Der Fremde ergoss sich hierauf in wilden höhnischen Reden Hermann ließ aber
nicht ab ihm freundlich zuzusprechen und brachte es wirklich dahin dass jener
sich etwas beruhigte Er machte ihm begreiflich dass es wenigstens unnütze Plage
sei im Dunkel fortzustürmen und dass er morgen am hellen Tageslichte ja noch
alles tun könne was er wolle Der Hirte kam nachdem er den Konrektor draußen
abgefertigt hatte auch in die Hütte zündete seine Lampe an und nun gewahrte
Hermann erst das Antlitz des Fremden Es schien völlig blutlos zu sein der
Schädel nur von Haut bedeckt sah totenkopfähnlich aus dünne erbleichte ja
ins Grünliche spielende Haare umsäumten den Scheitel Hermann fuhr unwillkürlich
zurück indessen fasste er sich und folgte der Einladung des Hirten der beide
freundlich bat mit ihm vorlieb zu nehmen Sie setzten sich um den Tisch der
Hirte trug eine große Schüssel dampfender Kartoffeln auf holte etwas
geräuchertes Fleisch aus dem Schornstein und da zufällig einige Flaschen Wein
von einem neulichen Schmause der beiden Familien bei ihm stehengeblieben waren
so fehlte diesem einfachen Mahle auch das Getränk nicht Jeder zog sein Messer
aus der Tasche Gabeln waren unnötig zwei Gläser ließ sich auftreiben der
Hirt trank aus einem Topfe
    Der Fremde war nachdem sein Inkognito aufgehört hatte zutraulich geworden
und erzählte den beiden andern eine wunderbare Gefangenschafts und
Rettungsgeschichte Im Anfange hatte sie noch Ähnlichkeit mit dem was viele auf
jenem furchtbaren Zuge erdulden mussten dann aber berichtete er etwas was nach
unsern Verhältnissen angesehen fast unglaublich klang Als der Friede
geschlossen worden war befand er sich schon mit einer großen Menge von
Unglücksgenossen auf dem Heimwege Da traf in einem wüsten Landstädtchen in
entgegengesetzter Richtung ziehend ein Transport schwerer Verbrecher mit ihnen
zusammen Beide Kolonnen machten an dem Orte Rast In der Nacht entsprang einer
der gefährlichsten Verbrecher der Führer des Transports besorgt vor der harten
Strafe welche seiner Nachlässigkeit drohte ergriff ein schändliches Mittel
sich zu retten Er wusste den unglücklichen Kriegsgefangnen mit List an sich zu
locken an einem abgelegnen Orte sprangen ein paar Helfershelfer herzu er wurde
geknebelt in Eisen geschmiedet und als der Tag graute befand er sich unter
Räubern und Mördern auf dem Wege nach Sibirien Vergebens war sein Toben sein
Widerstand Misshandlungen besiegten diesen Keine Behörde konnte oder wollte ihn
verstehen die Menschen welche in den Dörfern und Städten durch die der Zug
ging am Wege standen sahen in seinen Gebärden nur den Trotz eines unfügsamen
Missetäters so ging es Werst für Werst weiter bis das unselige Ziel erreicht
war
    Welche Greuel nun da unten in der Nacht der Bergwerke sich begaben wollen
wir um die Gemüter unsrer Leser nicht zu ängstigen verschweigen Wie es ihm
dennoch gelungen sich zum Lichte wieder emporzuschwingen darüber glitt der
Fremde selbst einigermaßen hinweg Er sprach von einem Aufseher den er
überwältiget habe Aber ein Zittern der Stimme ein unheimliches Zucken der
Augenwimpern deutete an dass eine blutige Tat dabei vorgefallen sein mochte Die
nun folgende Flucht durch die ungeheuren Waldund Grassteppen erinnerte an
Mazeppas Abenteuer Mit einer tartarischen Horde welcher er Dienste leisten
konnte drang er bis an die Grenzen Europas In Kasan fand er einen alten durch
Liebesgeschick auf dem fremden Boden zurückgehaltnen Kriegsgefährten der ihn
mit Geld Wäsche und Pass ausstattete
    Der Hirte vergaß bei dieser Erzählung beinahe Essen und Trinken starrte den
Fremden mit offenem Munde an und schlug die harten Hände vor Verwundrung einmal
über das andre zusammen Hermann hatte eigentlich einen Widerwillen gegen solche
grelle Geschichten in welchen das Menschliche kaum noch wahrzunehmen ist Er
hörte nur zu um den Fremden im Fluss zu erhalten schenkte ihm fleißig ein und
dachte darüber nach wie er jenen mit seiner Familie wieder vereinigen solle
Denn dazu glaubte er vom Schicksal offenbar berufen zu sein
 
                                Elftes Kapitel
Als daher der verschollne Sohn auserzählt hatte der Wein getrunken und
Mitternacht herangekommen war fragte er um einzulenken »Warum haben Sie Ihren
Eltern nicht früher Nachricht von sich gegeben«
    »Ich schrieb ihnen aus Polen der Brief muss nicht angekommen sein«
versetzte der Fremde mit einer wilden Gleichgültigkeit »Stoßen Sie mit mir in
diesem Reste an Es lebe der Krieg es lebe das Vagabundieren«
    »Das ist ein schlechter Toast« versetzte Hermann »Lassen Sie uns nun ein
vernünftiges Wort reden Wie lange wollen Sie in der Irre umherschweifen
Eltern Geschwister Freunde Familie werden Ihnen wiedergegeben darf ich Sie
den Ihrigen ankündigen«
    »Das wäre schade um die schöne Bibliothek die der gute Vater sich dann
nicht anschaffen könnte und um das zarte Liebesbündnis zwischen dem Schulfuchse
und der alten Jungfer Nein mein Herr hüten wir uns vor törichten Streichen
Zehn Jahre Abwesenheit sind in der Tat wie der Tod warum soll ein Gespenst die
Lebenden erschrecken«
    »Ich fühle dass Sie von manchem was Sie sahen und hörten verletzt sein
müssen« sagte Hermann »Aber erwägen Sie die Gewalt der Umstände vertrauen Sie
auf die Kraft der Natur. Ihre Angehörigen haben Sie als tot beweint Wie sollten
wir armen Menschen überhaupt fortbestehn können wenn uns nicht die traurige
Fähigkeit gegeben wäre zu vergessen Ist aber mit diesem öden Vermögen der
Kreis unsres Wesens umschrieben das Innerste unsrer Seele ausgedruckt Lassen
Sie uns also auch in diesem Falle fröhlich auf die heilige Empfindung baun der
das Grab seinen Raub wiedergibt für welche ein Wunder geschieht nicht ein
erzähltes nein ein wirkliches«
    »Das sind alles nur Redensarten« sagte der Fremde bedächtig sein Glas
ausschlürfend »Die Wunder darf man nicht zu nahe besehn so ein tausend Jahre
weit weg nehmen sie sich trefflich aus Es gibt Nöte mein Herr welche nicht
beten lehren Vater und Mutter muss man ehren solange sie einem etwas zu essen
geben aber in Nertschinsk helfen sie uns blutwenig«
    »Kein Schaf spräche so unvernünftig wenn es das Maul auftäte« sagte der
Hirte leise zu Hermann »Lassen Sie ihn in Gottes Namen laufen er ist nichts
Bessres wert« Dann streckte er sich auf sein Lager murmelte ein Vaterunser und
schlief ein denn er war müde vom ungewohnten Weine
    Hermann ergriff der Bekehrungseifer er machte den Fremden auf das
Frevelhafte solcher Reden aufmerksam und beschwor ihn sich seinen letzten Trost
nicht zu zerstören Aber jener unterbrach ihn ungestüm und rief »Junger
Sittenprediger was haben Sie erfahren dass Sie mitreden dürfen O mein Herr
mein Herr Sie wissen nicht was einem Menschen auszukosten gegeben werden kann.
Ich dachte als ich befreit war nun sei das Elend vorbei ich könne auch wieder
glücklich sein und leben wie andre Menschen Aber das Schlimmste sollte ich
nicht in Sibirien gelitten haben hier in der lieben deutschen Heimat musste ich
es erfahren Sie haben ganz recht dass Eltern endlich sich über ein
totgeglaubtes Kind beruhigen dass eine Geliebte neue Bande sucht es ist nichts
Besondres und steht zu verzeihn Aber dass uns Qualen auferlegt werden können,
welche uns zu lebenden Schemen machen und die Kraft zur Empfindung in uns
aufzehren das möchte ich nicht zu verantworten haben wenn ich das Weltregiment
führte«
    »Und doch brach diese Empfindung sehr lebhaft hervor als Sie das alte Band
welches Wilhelminen an Sie knüpfte zerrissen sahen« sagte Hermann
    »Sie irren« versetzte der Fremde »Wilhelmine ist mir ganz gleichgültig
geworden ich wüsste nicht wie ich mich noch überwinden könnte ihr einen Kuss zu
geben Sie hat gealtert und sieht wie mich dünkt etwas einfältig aus So geht
mirs auch mit den Eltern Der pedantische Vater die schwatzende Mutter  ich
empfand wirklich eine Art von Widerwillen als ich ihre Gestalten erblickte Sie
könnten alle jetzt tot vor mir liegen ohne dass mir eine Träne in das Auge
träte Darum ist es nicht gut nach Russland zu ziehen und in die Bergwerke zu
geraten Dass ich aufschrie als der Schulmensch Wilhelminen umarmte war keine
Eifersucht nein es war Schmerz um mich selbst Ich saß dem Vater der Mutter
der Braut gegenüber und fühlte doch keine Neigung aufzuspringen ihnen zu
Füßen zu fallen Das hatte lange schon in Kopf und Herz gewühlt endlich ward
mirs zu stark die Natur machte sich in einem Laute der Pein Luft Die
Erinnrung bleibt dem Menschen mein Gedächtnis sagte mir dass ich nicht aus der
Erde gewachsen sei sondern von Wesen meinesgleichen abstamme diese
Vorstellungen lenkten meine Schritte der Heimat zu Aber als ich die
Wirklichkeit vor mir sah erkannte ich dass ich nur noch sozusagen in der
Theorie Sohn Bruder Liebhaber sei In meines Vaters Haus gehe ich nimmer In
Neapel Piemont am Ägäischen Meere gibt es wie ich höre tapfre Arbeit dort
will ich mir Brot suchen gleichviel auf welcher Seite Und so sei denn diese
Neige dem Greuel der Verwüstung als Libation dargebracht ein würdiges Opfer für
eine solche Gottheit die einzige welche ich anerkenne«
    Er stand auf schnellte den Rest des Weins aus seinem Glase auf die Erde
und warf das Glas zum Fenster hinaus Hermann trennte sich ohne Abschied von dem
verwilderten Menschen hinter dessen wüsten Worten er dennoch etwas Besseres
wahrzunehmen glaubte Seine Meinung dass wir uns immer nur innerhalb der uns
gezognen Kreise im Guten wie im Bösen bewegen und dass alles was darüber
hinauszugehn scheint eben nur Schein ist stand zu fest Nach dieser Meinung
wollte er verfahren
    Er tastete sich durch Gebüsche auf engen Wegen in die Stadt zurück worin
eben der Wächter Eins abrief Das Haus seiner Gastfreunde war verschlossen und
schon meinte er die Nacht auf dem Steinpflaster zubringen zu müssen als er sich
des niedrigen Mäuerchens an den Scheunen erinnerte über welches die Söhne des
Edukationsrats so behend entsprungen waren Überzeugt dass ihm nicht missglücken
werde was den Knaben gelungen war suchte er durch ein Nebengässchen
schreitend den freien Platz auf von dem das Mäuerchen den Raum zwischen jenen
Wirtschaftsgebäuden abschied Er sah ein Licht im Hofe erklimmte die Mauer und
war froh noch jemand wach zu finden der ihm das Haus öffnen könne
    Das Licht brannte in Korneliens nach hinten hinaus zu ebner Erde belegnen
Stübchen Er blickte hinein und sah sie mit gerungnen Händen weinend umhergehn
Sie setzte sich zuweilen und stützte ihr Haupt schmerzlich auf doch schien es
sie nicht an einem Orte zu leiden immer erhob sie sich wieder und begann von
neuem ihre unruhvolle Wanderung Hermann pochte ans Fenster und rief leise ihren
Namen Sie erschrak fragte ängstlich »Wer ist da« und schauderte wie entsetzt
zusammen da er etwas lauter Antwort gab Vergebens rief er ihr zu sich doch zu
besinnen er sei es ja aus Zufall so verspätet sie möge ihm öffnen Sie stand
bleich zitternd da und er musste jeden Augenblick besorgen dass sie umsinken
werde Was sollte er tun die Tür nach dem Hofe war verriegelt er drückte am
Fenster nur angelehnt gab es nach leicht schwang er sich in das Zimmer Er
hatte eben noch Zeit Kornelien aufzufangen die ohnmächtig in seine Arme sank
    Er war in der größten Verlegenheit und Sorge Er hielt den lieblichen
jungfräulichen Körper umfasst Die Mittel waren ihm nicht unbekannt welche in
solchen Fällen die stockende Natur wieder in Bewegung bringen helfen aber er
trug eine innige Scheu ihren Leib durch Blick oder Hand zu entweihn Er
begnügte sich ihre Schläfen mit kaltem Wasser zu netzen es gelang ihm sie
damit in das Bewusstsein zurückzubringen Sie schlug die verweinten Augen auf
errötete da sie in die seinigen sah entwand sich ihm und setzte sich
erschöpft zu Füßen ihres Betts nieder
    Unter dem Vorwande dass er sie in diesem Zustande unmöglich verlassen könne
blieb er noch eine Zeitlang bei ihr obgleich sie ihn sobald sie wieder zur
Besinnung gekommen war dringend gebeten hatte zu gehen Er war mit sich uneins
ob er nach der Ursache ihrer Betrübnis fragen solle unterdrückte endlich seinen
Wunsch und schied von ihr in sonderbarer Bewegung
    Den Rest der Nacht verbrachte er schreibend Es schien ihm unpassend zu
sein den Familienszenen welche bevorstanden als Dritter beizuwohnen sein
Geschäft war vollbracht wenn er den Eltern den verlorenen Sohn angezeigt hatte
In diesem Sinne setzte er einen Brief an den Rektor auf worin er ihm sagte was
wir bereits wissen Während des Schreibens verschwanden einige Bedenklichkeiten
die er anfangs gehegt hatte gänzlich Mit Entzücken malte er sich die Freude
der Eltern die Umwandlung des Sohnes aus wenn die raue Rinde von dessen
Herzen schmelzen werde
    In der Frühe bestellte er Postpferde und hieß vor dem Tore den Wagen seiner
warten Bei dem Frühstück welches er gemeinschaftlich mit der Familie einnahm
erkundigte man sich nach seinem nächtlichen Abenteuer Er gab eine ins
allgemeine ausweichende Antwort Der Rektor sagte zu ihm »Da Sie durch H
kommen so tun Sie mir doch den Gefallen zum Justizrate zu gehen und ihn zu
bitten dass er einen andern Termin zur Ableistung des Eides wegen meines Sohns
ansetze ich habe am Donnerstage dringende Abhaltung«
    Hermann stand auf und nahm Abschied von seinen Wirten Die Knaben welche
ihn liebgewonnen hatten hingen sich an ihn herzten und küssten ihn »Der Mensch
denkt Gott lenkt« sagte er feierlich »Wie« fragte der Rektor erstaunt »Oben
auf meinem Zimmer liegt ein Schreiben an Sie« erwiderte Hermann »Wichtige
Eröffnungen sind darin es ist ein Schicksal gewesen dass ich zu Ihnen gekommen
bin Lesen Sie es wenn ich Ihr Haus verlassen habe und gedenken Sie meiner im
Besten«  »Gottlob« rief die Rektorin »So ist alles gekommen wie ich
gewünscht und gewollt habe Ich werde Ihre Fürsprecherin bei den Eltern sein«
setzte sie mit freundlichem Händedrucke hinzu »Welche seltsame
Missverständnisse« sagte Hermann und war zur Tür hinaus
    Kornelie hatte an dem Frühstücke nicht teilgenommen Er konnte unmöglich
gehen ohne ihr Lebewohl zu sagen Er suchte sie auf ihrem Zimmer in den Gängen
des Hauses endlich glaubte er ihre Stimme vom Gartenhäuschen her zu vernehmen
Dorthin eilte er Wieder war sie wie damals als er bei seiner Ankunft sie hier
fand beschäftigt Sie kniete vor Blumentöpfen Aber diesmal säte und pflanzte
sie nicht sie nahm einen verwelkten Stock aus dem Topfe
    Er trat bescheiden vor sie hin und sagte »Ich gehe Kornelie« Sie
verfärbte sich und antwortete nichts »Ich weiß« fuhr er fort »dass ich Ihnen
zuwider gewesen bin lassen Sie es nun gut sein da ich mich entferne geben Sie
mir ein freundliches Wort mit Und wollen Sie mich in dieser letzten Stunde
recht glücklich machen so vertrauen Sie mir warum Sie in der vorigen Nacht
geweint haben Ich wüsste niemand dem ich lieber helfen möchte als Sie«
    Sie stand die Augen niedergeschlagen und versetzte »Es ist nicht recht
von Ihnen dass Sie tun als hätte ich etwas gegen Sie Sie haben wohl gesehen
wie herzlich ich mich freute als Sie so unerwartet hier ankamen Aber als Sie
sich den falschen Namen gaben und auch mich zwangen zu lügen da bin ich so
traurig geworden wie ich noch nie war Ich hatte nirgends Ruhe konnte niemand
ansehen Und darum war ich auch in dieser Nacht so betrübt Ich hatte mich schon
schlafen gelegt als ich vor Angst wieder aufstehn und mich ausweinen musste Nun
wissen Sie es sein Sie mir deshalb nicht böse«
    Sie erhob ihr Gesicht gegen ihn und reichte ihm die Hand Er sah in das
gute unschuldige Auge das heilige Leidwesen einer reinen Natur die zum ersten
Male von dem Gedanken dass es ein Böses gebe berührt worden ist, blickte aus
diesen bewölkten Spiegeln Ein zärtlicher Schmerz durchdrang ihn mit einer Art
von Ehrfurcht neigte er sich zu ihr und sagte »Ich will mich nie wieder
verstellen Kornelie«
    Nun hätte er wohl scheiden sollen aber er blieb Ein unbezwingliches Gefühl
trieb ihn gegen seinen Willen Er hatte sich vorgesetzt schweigend zu gehen und
schon war die scheue Frage über seine Lippen »Liebst du mich Kornelie«
    Sie antwortete nicht sie fiel an sein Herz In diesem Augenblicke rief
einer der Knaben im Garten »Kornelie wo bist du Bruder Eduard ist wieder da«
    Sie fuhr empor und flüsterte ängstlich »Was haben wir getan« Er durfte
nicht eine Sekunde länger verweilen
    Leidenschaftlich ihren Mund küssend der nun eher den seinigen vermied rief
er »Du hast mein Wort Ich verlobe mich dir und werde bei deinen Pflegeeltern
um dich anhalten« Er schwang sich über das Mäuerchen Sie schickte ihm den
schmerzlichsten Blick nach dann wankte sie dem Knaben entgegen der ihr
Wunderdinge erzählte Sie aber hörte von allem nichts was er ihr sagte
 
                                  Viertes Buch
                         Das Karoussel der Adelsbrief
                 So treiben wir Possen mit der Zeit und die Geister der Weisen
                sitzen in den Wolken und spotten unser
                                                        Prinz Heinrich von Wales
                                 Erstes Kapitel
In einem gotischen Pfeilergewölbe unter Helmen Kürassen Schwertern und
Streitkolben stand die Herzogin mit dem Arzte in ernstlicher Beratung »Wenn das
Turnier regelrecht sein soll so muss nicht bloß courtoisiert sondern auch mit
scharfen Waffen gekämpft werden à outrance« sagte sie »Suchen Sie doch die
besten Speere und Schwerter aus«
    Der Arzt nahm eine Anzahl Waffen von den Pflöcken und sagte lächelnd »Mein
Amt ist Wunden heilen und hier muss ich in Ermanglung eines besseren
Beistandes welche vorbereiten helfen Es tut mir leid dass ich René dAnjous
Buch welches ich einst in Dresden durchblätterte nicht exzerpiert habe Die
französischen Ritterspiele waren weniger ernstaft als das englische dessen
Nachahmung Ew Durchlaucht beabsichtigen Gut möchte es auf alle Fälle sein
wenn die Herren sich zuvor erst sorgfältig auf Stoß und Hieb einüben sonst
dürfte der Chirurgus eine reichliche Ernte haben«
    »Soll ich aufrichtig sprechen« versetzte die Herzogin »so wäre ich sehr
zufrieden wenn ich die Sache nicht angefangen hätte Sie macht so viel Arbeit
bringt eine solche Unruhe in das Haus dass ich nicht weiß ob das Vergnügen alle
diese Anstalten lohnen wird«
    »Dann sollten wir lieber dieses ohnehin fremdartige Fest einstellen« sagte
der Arzt
    Die Herzogin entgegnete aber dass das nicht möglich sei der Herzog wisse
schon darum und scheine sich auf den Tag ungemein zu freun Auch könne sie die
Einladungen an die Teilnehmer nicht wieder rückgängig machen ohne zu
spöttischen Reden in der Umgegend Veranlassung zu geben
    »Wie sehr entbehren wir unsern Wilhelmi bei dieser Gelegenheit« rief der
Arzt »In seinen Bilderbüchern Mappen und Urkunden fand er immer für solche
Dinge Rat und Aushülfe Er besitzt eine große Geschicklichkeit das Wesentliche
von dem Zufälligen zu sondern und eine gewisse allgemeine Idee von der Sache zu
geben auf die es doch allein ankommt Ist es denn nicht möglich den Herrn mit
ihm zu versöhnen und uns den melancholischen Freund zurückzuführen«
    Die Herzogin antwortete hierauf nichts sondern sagte »Der Domherr hat
unrecht uns in der Not zu verlassen die nur er im Grunde angerichtet hat
Versuchen Sie doch ihn zu halten«
    »Ew Durchlaucht kennen die Grillen dieses seltsamen Mannes« versetzte der
Arzt »Ich habe ihn schon dringend gebeten zu bleiben aber er sagte seine
Geschäfte litten es nicht Freilich ist dies ein leerer Vorwand der wahre Grund
liegt in seiner gänzlichen Unfähigkeit irgend etwas mit Stetigkeit zu
verfolgen Sobald er sieht dass einem Plane wie deren seine Seele täglich
hunderte gleich Blasen aufwirft die Ausführung zukommen soll ergreift ihn ein
unbezwinglicher Widerwille er kann dann nicht ausdauern es treibt ihn wie mit
Geistermacht von solchem Orte hinweg Nichts Seltsameres soll es geben als
seine sogenannten Sammlungen und die Einrichtung seines Hauses Alles hat er
angefangen nichts vollendet die Zimmer ließ er reich meublieren ehe sie noch
ausgeweisst waren«
    »Ein unglücklicher Charakter« sagte die Herzogin »Ich möchte von einem
solchen Wesen die Worte Glück und Unglück gar nicht gebrauchen« erwiderte der
Arzt »Sie deuten doch immer auf einen gewissen Zusammenhang im Menschen hin
und der ist es gerade welcher hier fehlt Eigentlich tut er mir leid da er
gutmütig ist und auf seine Weise Verstand besitzt Wir sehen in ihm doch auch nur
ein Opfer vernachlässigter Erziehung und der Zwangsverhältnisse welche
jüngeren Söhnen vornehmer Familien sonst nur die Wahl zwischen dem Müssiggange
des Degens und dem Müssiggange der Tonsur offenliess An der Wurzel dergestalt
getötet kann jemand zwar solange die Jugend vorhält durch Libertinage und
Gesellschaftskünste den Schein des Lebens um sich verbreiten aber wenn die
Jahre kommen die keinem gefallen weil sie unerbittlich von jedem sagen was an
ihm sei dann tritt der psychische Tod die Torheit unaufhaltsam ein ehe noch
das Spiel der Nerven und Muskeln ausgespielt ist«
    »Ich habe immer darüber nachdenken müssen warum uns die andern Stände
beneiden« sagte die Herzogin »Seitdem das Geld weit mehr bei den Bürgerlichen
als bei uns ist kann man nicht einmal sagen dass wir leichter imstande seien
uns die Genüsse zu verschaffen worin doch auch das Leben nicht besteht Was
haben wir also voraus Mich dünkt die Pflichten sind geblieben während die
Rechte verlorengingen«
    »Man nennt den Adel häufig eine Ruine« versetzte der Arzt »Ich will die
Wahrheit dieses Gleichnisses nicht untersuchen und es dahingestellt sein
lassen ob so wenig Mauer und Fundament geblieben sei dass ein geschickter
Baumeister nicht daraus ein neues Gebäude solle herstellen können Aber das ist
gewiss der schönste Anblick wird uns wenn wir die Blume unter Trümmern blühn
sehen Dann ergreift uns ein liebliches Gefühl von Entstehn und Vergehn von Lust
und Trauer Mögen die Männer Ihres Standes immerhin eine schwierige Aufgabe
haben für die Weiblichkeit bleibt er doch immer noch der günstigste Boden ihre
zartesten Erscheinungen herauszufördern Grade diese Konvenienzen Erinnrungen
und Schranken welche in den übrigen Ständen vor der sogenannten praktischen
Richtung fast ganz verschwanden und bei Ihnen doch wenigstens zum Teil noch
gelten sind dem Wesen einer Frau so gemäß Ich möchte es wenn Sie den Ausdruck
nicht missverstehn wollen auch nur eine liebenswürdige Fiktion nennen Mit
Frauenzimmern des Bürgerstandes wenn sie überhaupt aus der gleichgültigen Menge
sich durch irgend etwas sondern kann der Mann sich immer vergleichen sie sind
was sie haben sei es Geld Verstand Tüchtigkeit und nichts ist der Empfindung
nachteiliger als die Vergleichung zu welcher sich Ihre Schwestern in jenen
Sphären nur zu unvorsichtig drängen Aber in Ihrem Stande habe ich noch Frauen
gesehen die von nichts getragen und behütet sein wollten als von anmutigen
Myten Wie gewinnend ist der Zauber reizender Hülflosigkeit Wie saugen sich
unsre Sinnen fest an dem was in jedem Augenblicke ihnen verschwinden kann eben
weil es nur ein wunderbarer Schein ist Ja hier überwältigt uns eine trunkne
Schwelgerei in der Gewalt der Empfindung wenigstens das süße Nichtige zu
verewigen eine schwärmende Wonne vergleichbar den Entzückungen der
Kunstentusiasten den Verzückungen des Andächtigen Ich möchte behaupten meine
Fürstin dass ein recht männlicher Mann jetzt nur eine Dame von Adel lieben
könne«
    Die Herzogin lächelte »Sollte man nicht glauben dass Sie in eine verliebt
seien« sagte sie »Ich wünschte nur dass Ihre Gesinnung bei unsern jungen Herrn
Verbreitung fände Dann würde es mehr Freiwerber als harrende Jungfraun geben
statt dass jetzt das umgekehrte Verhältnis sichtbar ist weil man leider weiß
dass der Erbe die Güter und die Tochter den Segen bekommt«
    Der Arzt hatte sein gewöhnliches kaltes Wesen wieder angenommen und sagte
»Was den Domherrn betrifft so habe ich mich einigermaßen gewundert dass er hier
so wohl empfangen ward Er hat sich durch seine Unzuverlässigkeit überall außer
Kredit gesetzt«
    »Da er früher ab und zuging so müssen wir ihn auch jetzt gelten lassen
obgleich wir uns wenig aus ihm machen« erwiderte die Herzogin
    »Es ist sonderbar wie die Natur sich durch Kontraste im Gleichgewicht zu
halten pflegt« fuhr der Arzt fort »Er der an nichts und an dem nichts
haftet der demzufolge kein Bedenken trägt für die unnützesten Dinge Geld
auszugeben hat gleichwohl eine fast kindische Scheu Bares wäre es noch so
wenig geradezu einzubüssen Diese Abneigung geht so weit dass er sich selbst
nicht überwinden kann einem Armen Almosen zu reichen und sich lieber von
beharrlichen Bettlern mit Sachen die er eben bei sich trägt loskauft Es
scheint dass wo Grundsätze und Vernunft versagt sind gewisse starre Launen
ihre Stelle in dem des Halts so bedürftigen Menschen vertreten sollen Hierauf
gründe ich auch einen Plan den ich mit ihm vorhabe denn da ich wie Sie
wissen gern etwas in die Psychologie oder in das Moralische pfusche so habe
ich mir vorgenommen ihn womöglich zurechtzubringen«
    Die Herzogin hatte sich schon mehrmals nach den Bedienten umgesehn welche
nach der Rüstkammer beordert worden waren Endlich erschienen sie unter
Anführung des alten Erich der ihr Ausbleiben damit entschuldigte dass die Herrn
aus der Nachbarschaft bereits angekommen und nach dem Ahnensaale zu führen
gewesen seien Dies war der Herzogin unangenehm da sie vor dem Eintreffen der
Ritter alle Armaturen dort ordentlich hätte aufhängen lassen wollen Nun beluden
sich die Bedienten hastig mit dem Eisen wobei nicht gar zu vorsichtig verfahren
wurde und manches morsche Niet auswich Auch der Arzt nahm einen Panzer und so
schwankte der Zug unter der Last des Mittelalters keuchend nach dem
Ahnensaale
    Wir lassen sie hin und widergehen und erzählen unterdessen die
Veranlassung dieser Dinge Es ist nämlich zu sagen dass kurz nach der Abreise
Hermanns bei Gelegenheit einer wirtschaftlichen Einrichtung die der Herzog
ausführen wollte die Rüstkammer eröffnet ward Seit seiner Kindheit hatte er
sie nicht betreten nur im allgemeinen wusste er von dem Dasein einer
Waffensammlung Wie freudig erstaunte er als der vergessne Raum sich auftat
alle Wände und Gestelle sich mit Schildern Speeren Brust und Beinharnischen
bedeckt zeigten In der Tat war hier weit mehr vorhanden als man hätte ahnen
können Der Herzog nahm sich gleich vor bessere Ordnung zu stiften vor allen
Dingen einen Katalog anfertigen zu lassen seine Gemahlin aber entwarf in der
Stille einen andern Plan Er hatte sein Vergnügen über diese Denkmale
kräftigerer Zeiten so lebhaft ausgesprochen so wiederholentlich geäußert wie
weit die freudigen Kampfspiele jener Tage über allen jetzigen gesellschaftlichen
Vergnügungen ständen dass sie wünschte ihrem Gemahle zu seinem Geburtstage
welcher herannahte einen solchen Genuss verschaffen zu können Die Lektüre in
Walter Scott gab ihr das Muster eine Nachahmung des Turniers von Ashby de la
Zouche welches der schottische Barde so beredt geschildert hat schien nicht
unmöglich zu sein Indessen wäre es wohl bei dem Gedanken geblieben wenn nicht
der Zufall um diese Zeit jenen alten Bekannten des Hauses den Domherrn auf das
Schloss geführt hätte
    Kaum hörte er von dem Vorhaben als er sich niedersetzte und aus dem
Stegreife ein Programm verfasste worin alle Momente des Ritterspiels enthalten
waren Randzeichnungen waren an schicklichen Orten hinzugefügt altertümliche
Spruchreime für den Mund der Herolde bestimmt leiteten das Fest ein und fort
Als die Herzogin alles so zierlich auf dem Papiere stehen sah schwand jeder
Zweifel über die Schwierigkeit der Ausführung Der Domherr erhielt die
Erlaubnis alle ebenbürtige junge Edle alle stiftsfähige Fräulein der Umgegend
in ihrem Namen einzuladen von welcher er den raschesten und ausgedehntesten
Gebrauch machte
    Nun entstand auf sämtlichen Landgütern und Rittersitzen mehrere Meilen weit
in die Runde die lebhafteste Bewegung Pferde wurden probiert Fechtübungen
angestellt man versuchte ob die vorläufig mit einem Brette geschützte Brust
den Stoß der Lanzen welche durch Stangen dargestellt wurden aushielt Man
stöberte jeden Winkel nach irgendetwas Obsoletem durch Fahnen wurden gestickt
Wappenschilder gemalt Noch geschäftiger als die Männer waren die Damen Es war
angeordnet worden dass niemand anders als im Kostüm erscheinen solle Manches
frische Gesicht manche schlanke Gestalt freute sich auf den Spitzenkragen auf
das Kleid mit langem Schoße auf die pauschigen Ärmel Zofen und Nähterinnen
hatten alle Hände voll zu tun um all den Samt die Seide die goldnen und
silbernen Borten die Federn das Schmelzwerk zu bewältigen Im stillen teilten
die Hübschen eine jede sich selbst die Rolle der Königin der Minne und
Schönheit zu deren Ernennung nicht ausbleiben durfte wenn das Fest seinen
Charakter behalten sollte was die Hässlichen betrifft so beschlossen diese die
Wahl wenn selbige auf sie fallen würde bescheiden abzulehnen
    Während so in den Wohnungen derer welche sich vollständiger Ahnen rühmen
durften nur Erwartung Hoffnung und Freude herrschte war bei einigen andern
Gutsbesitzern bedeutend angestossen worden Auch in diesen Gegenden hatte es im
Strudel der Zeiten nicht fehlen können dass ein Teil der Bodenfläche auf
Neugeadelte oder bürgerlich Verbliebne überging Mehrere davon waren sogar wenn
man den Herzog ausnimmt die vermögendsten Eigentümer des ganzen Bezirks Die
Herzogin hatte nach mildem verständigem Frauensinne ein Auge zudrücken und auch
diese zu ihrem Feste entbieten wollen allein der Domherr erklärte mit großem
Ernste das gehe durchaus nicht an Er erzählte ihr so viel von der
Wappenprüfung und andern bei einem Turniere vorkommenden Dingen wobei die
Darlegung eines vollständigen Stammbaums notwendig ist dass sie endlich wiewohl
ungern seiner eigensinnigen Gewissenhaftigkeit nachgab Natürlich erhob sich
unter den Ausgeschlossnen großer Verdruss Einer derselben schlug vor unter sich
ein zweites Turnier zu geben welches noch mehr Geld kosten müsse als das
herzogliche welcher Gedanke indessen obgleich er ein echt deutscher war von
den übrigen als lächerlich verworfen ward Man fuhr jedoch fort untereinander
zu munkeln und schon wollte verlauten dass von dort etwas zu Spott und Schimpf
ausgehn werde
    Die Herzogin hatte dem Domherrn die Funktion des Waffenkönigs zugedacht
welcher bekanntlich in den alten Zeiten der Zeremonienmeister solcher
Festlichkeiten war von dessen Geschick und Einsicht das Gelingen derselben
wesentlich abhing Wie erschrak sie als der charakterlose Mann nachdem er den
Aufruhr in Schloss Stadt und Landschaft angestiftet erklärte er müsse sich nun
empfehlen Sie hatte niemand der seine Stelle vertreten konnte Der Arzt war
schon vermöge seiner Geschäfte dazu unfähig mit Wilhelmi hatte ein unangenehmer
Vorfall stattgefunden Sie war wirklich in großer Verlegenheit zumal da die
Anstalten in der Wirklichkeit sich anders verhalten wollten als auf dem
Papiere
    Man hatte den jungen Edelleuten welche nicht selbst für altertümliche
Waffen und Rüstungen zu sorgen gewusst den Vorrat des Schlosses angeboten Die
meisten machten hievon Gebrauch und so war denn eine beträchtliche Reiterschar
eingetroffen um nach Statur und Leibesumfang das Passende auszuwählen und
anzuprobieren
 
                                Zweites Kapitel
Im Ahnensaale den Bildnisse Schenktische und Hirschgeweihe herkömmlich
schmückten warteten gegen zwanzig junge Edelleute sehr vergnügt über den
bevorstehenden herrlichen Zeitvertreib »Gott strafe mich« rief einer »es war
ein vernünftiger Gedanke auf so etwas zu verfallen Man hat gar nichts mehr
voraus aber das können sie uns nicht nachmachen«
    Nachdem die eintretende Herzogin mit großem Geräusch verehrt worden war und
jeder seine Empfehlungen von Müttern und Schwestern ausgerichtet hatte warf man
sich jubelnd über die herbeigebrachten Waffen her Die Bedienten hatten eine
ungeheure Last Eisenwerk im Saale umher aufgeschichtet unter dem nun jeder nach
dem was ihm gemäß sei spürte Man setzte Helme auf legte Schienen an suchte
mit den Harnischen fertig zu werden Die Bedienten halfen so gut sie konnten
da aber die Ungeduld zu groß oder das Geräte zu alt war so riss vieles und
zerbrach mehreres Ja einige der schönsten Rüstungen die gleich den Leichen in
manchen Gewölben nur noch zum Scheine zusammenhielten fielen gänzlich
auseinander bei welchem unerwarteten Anblicke die Herzogin erschreckt und
verstimmt den Saal verließ
    Etwa ein Dutzend Ritter kam indessen doch nach vielfältigen Versuchen mit
der Wehrhaftmachung zustande freilich nicht ohne dieses und jenes
Missverständnis Denn so behauptete einer hartnäckig die Beinschienen welche
bekanntlich zum Schutze des vorderen Teils der Schenkel dienten gehörten an die
entgegengesetzte Stelle um gewisse unangenehme Folgen heftigen Reitens zu
verhüten ließ sich auch von seinem Irrtume nicht überführen sondern die
Schienen verkehrterweise anschnallen worauf ihn ein andrer mit derbem Scherze
in einen Stuhl drückte und fragte ob er denn nun so sitzen könne was er
freilich leugnen musste
    Die Fertiggewordnen schwankten von der ungewohnten Wucht bedrückt vor die
großen Wandspiegel und brachen bei ihrem Anblicke in ein schallendes Gelächter
aus Und wirklich waren diese wankenden düstern verrosteten Gestalten eher
scheusslich als lieblich anzusehen
    Der Arzt welcher zurückgeblieben war um den Wirt zu machen lud die
Gesellschaft jetzt zu dem unterdessen aufgetragnen Gabelfrühstück ein Man war
so vergnügt über die Maskerade man fühlte sich so groß in dieser Hülle der
Altväter dass die meisten sich in Wehr und Waffen zu Tisch setzten Die Speisen
waren vortrefflich die Esslust der jungen Leute war es nicht minder Man
schmauste tapfer und zechte weidlich dazu Die Hitze welche unter den Rüstungen
sich entwickelte trug dazu bei dass der Wein noch eher als sonst wohl
geschehen wäre den Trinkenden zu Kopfe stieg bald entstand ein Gespräch in
dem keiner mehr sein eigenes Wort vernahm Die Bedienten welche nicht frische
Flaschen genug herbeischaffen konnten schüttelten an das gemessne Wesen der
Herrschaft gewöhnt über diesen erstaunlichen Lärmen die Köpfe der alte Erich
murrte ganz laut und belferte seine biblischen Sprüche daher Zufälligerweise
hatte sich eine Musikbande im Hofe des Schlosses eingeschlichen welche
angelockt von dem Geräusch durch Gänge und Vorsäle drang und von niemand
bemerkt mit stimmenden Instrumenten in den Saal trat Sogleich verlangten die
Trunknen etwas Lustiges aufgespielt worauf die Musikanten welche nichts
Besseres hatten die Marseillaise zum besten gaben Niemand fand an dieser Wahl
Anstoß denn es war eine völlige Vergessenheit der Zeiten eingetreten die ganze
gerüstete Schar hüpfte walzte oder marschierte nach diesen neusten
aufrührerischen Tönen munter im Saale umher dass die Fenster erklirrten
    Der Herzog welcher von einem Ritte über Land heimkam hielt im Hofe still
und fragte jemand der ihm begegnete mit strengem Tone nach der Ursache des
Lärmens Der Mensch glaubte nichts verraten zu dürfen und zuckte die Achseln
indem er nur einen Blick nach den Fenstern der Herzogin warf Der Herzog besann
sich und sagte »Das ist ja aber als ob Hasper a Spada Brömser von Rüdesheim
und Bomsen vereint dem Grabe entstiegen wären Ich merke das deutsche Rittertum
ist von starkem Getöse nicht zu trennen«
    Der Arzt hatte sich sobald er gekonnt von der lauten Gesellschaft
getrennt und in der Eile einige halbversäumte Patienten besucht Die
Beratungen zu denen er notgedrungen sich hergeben musste die Verrichtungen
welche ihm für das Fest aufgetragen wurden raubten ihm zu seinem Verdrusse
Zeit ein Gut mit welchem er sehr haushälterisch umging Vor allem aber hatten
die Worte zu denen er durch sein Alleinsein mit der Herzogin hingerissen worden
war ihn in die übelste Stimmung versetzt Er gefiel sich nur in der
verschlossnen Kälte welche er als das ihm geeignete Element sich zubereitet
hatte und war außer Fassung wenn er befürchten musste das Gefühl welches ihm
als Menschen denn doch auch geblieben war aus seinem Versteck entlassen zu
haben In solchem Unmute war er immer zu harter sarkastischer Laune
willkürlicher Behandlung anderer aufgelegt
    Er nahm nach vollbrachtem Geschäfte ein Buch zur Hand aber das Lesen wollte
nicht gelingen Er ging durch den Park und hatte schon vor da niemand sich
zeigte an dem er den Zorn auslassen konnte Wilhelmi in seinem Exile zu
besuchen als die Alte zu welcher er Flämmchen gebracht ihm in den Weg trat
Sie verbeugte sich kreuzte die Arme über der Brust und streckte schweigend die
flache Hand aus
    Der Arzt verstand diese Gebärde reichte ihr Geld und sagte »Ich meinte
Ihr hättet länger mit dem auskommen müssen was ich Euch neulich gegeben hatte«
    »Es wäre auch geschehen wenn das Flämmchen nicht so viele Schuhe
durchtanzte« versetzte die Alte
    »Wie soll ich das verstehen« fragte der Arzt
    »Es lässt sich nicht erzählen man muss es sehen« antwortete die Alte »Wir
haben Mondlicht da treibt sie es«
    Er fragte sie wie sie sich vertrügen Die Alte erwiderte »Sehr gut Es
wäre mein Tod wenn das Kind wieder von mir genommen würde Sie legt mir die
Kräuter aus das fehlte mir noch nun bin ich ganz zufrieden«
    Er tat noch allerhand Kreuz und Querfragen und brachte dadurch heraus dass
Flämmchen nachdem sie zu der Alten gekommen in einen Zustand von Exaltation
verfallen war welcher besonders in der Zeit des Mondlichts sich offenbaren
sollte Was er hierüber erfuhr dünkte ihn merkwürdig und er versprach der
Alten einen baldigen Besuch
    Kaum hatte sie ihn verlassen als der Domherr reisefertig zu ihm trat »Wo
stecken Sie Doktor Ich wollte Ihnen Lebewohl sagen« rief er und umarmte
lebhaft den Arzt
    »Warum eilen Sie so fortzukommen« fragte dieser »Sie könnten unsrer
Herzogin manche Verlegenheit abnehmen wenn Sie blieben Ich habe den Auftrag
Sie dringend darum zu bitten«
    »Es ist mir wahrhaftig nicht möglich« versetzte der andre »Ihr Kinder wisst
nicht was für Geschäfte auf mir lasten«
    »O ja Kanarienvögel zu füttern Kupferstiche durcheinander zu werfen Hunde
abzurichten und dergleichen wichtige Dinge mehr«
    Auf der Landstraße welche am Park vorbeiführte kam in dem Augenblicke der
Zug der heimreitenden jungen Edelleute durch Sie sangen saßen ziemlich
unordentlich zu Pferde einige hatten in der Abwesenheit ihrer Sinne die Helme
auf dem Haupte behalten
    »Da sehen Sie was Sie angerichtet haben« sagte der Arzt »Es wäre Ihre
Pflicht was Sie uns einbrockten auch mit uns zu verzehren Indessen reisen Sie
nur wenn Sie sich durchaus eine Krankheit in der Abendkühle holen wollen«
    Auf dieses Wort wurde der Domherr stutzig und fragte nach dessen Bedeutung.
Der Arzt erzählte ihm hierauf eine Geschichte von den jetzt herrschenden
bösartigen Wechselfiebern welche so allgemein vorkämen dass man sie fast eine
Epidemie nennen könne und welche durch die kleinste Erkältung herbeigeführt
würden Der Domherr ersuchte den Arzt ängstlich ihm nach dem Pulse zu fühlen
welchen dieser in der Tat schon fieberhaft erregt fand Hierauf ließ der Domherr
eiligst abspannen begab sich nach seinem Zimmer und erwartete dort unruhig den
Arzt der ihm noch einen Besuch zugesagt hatte
    Dieser verfehlte nicht sich einzustellen weil er einen absonderlichen Plan
mit ihm durchsetzen wollte Das Gespräch welches er auf geschickte Weise
einzuleiten wusste und welches sich bis tief in die Nacht ausdehnte führte zu
dem allerwunderlichsten Ergebnisse Um letzteres wahrscheinlich zu machen
müssen wir einiges über die Persönlichkeit des fremden Gastes beibringen
 
                                Drittes Kapitel
Der Domherr aus alter Familie als jüngerer Sohn entsprossen war frühzeitig in
eine einträgliche Pfründe eingekauft worden und durch verschiedene unerwartete
Todesfälle begünstigt zur Hebung gediehn sobald er nur das kanonische Alter
erreicht hatte Ohne Beschäftigung ja selbst ohne die Sorge für die Erhaltung
eines Vermögens genoss er reichlicher Einkünfte welche ihm keine anderen
Pflichten auferlegten als seine Residenz an dem Orte des Kapitels zu halten
und die kirchlichen Stunden innezuhalten welche in diesem Stifte ohne
bedeutenden Verlust an Gelde nicht durch Vikarien abgestattet werden durften
    Sein lebhafter und neugieriger Geist trieb ihn die Langeweile eines solchen
Zustandes dadurch zu versüßen dass er das Verschiedenartigste nacheinander las
und vornahm Da er indessen zu wenig Ruhe besaß und ein äussrer Zwang welcher
vielleicht allein imstande ist lockeren Naturen Halt zu geben hier mangelte
so berührte er von allem nur die Oberfläche erwarb zwar durch leichte
Fassungsgabe und gutes Gedächtnis mannigfaltige Kenntnisse denen es aber an
einer Wurzel in der Seele völlig gebrach So entstand denn in ihm ein wahres
Chaos von unzusammenhangenden Meinungen und einander aufhebenden Maximen Ein
Spötter hatte ihn einst den lebendig gewordnen Vordersatz ohne Nachsatz genannt
Dagegen galt er wieder bei vielen andern für einen reichen Geist ja für ein
Genie
    Am übelsten stand es mit seinem Verhältnisse zu den übersinnlichen Dingen
Der Katholizismus seiner Jugend war ihm nichts als das lästigste Formenwesen
geworden die dumpfen Choräle welche er späterhin als Pfründner in seinem
holzgeschnjetzten Stuhle täglich geduldig mitsingen musste dienten auch nicht
dazu die Liebe zu dem angestammten Glaubensbekenntnisse zu steigern Er hatte
sich bei Voltaire und Holbach Rats erholt und eine Zeitlang mit großer
Dreistigkeit die Sätze versponnen welche in dieser Schule zu gewinnen sind
    Als er aber über das vierzigste Jahr hinaus war und er wusste selbst nicht
wie immerfort auf den Gedanken kam dass er nicht mehr so lange leben werde als
er gelebt habe ergriff ihn eine große Unruhe die bald zur ausschweifendsten
Todesfurcht wurde Dass damit eine ängstliche Sorge für seine Gesundheit sich
verband ist natürlich allein was half diese Endlich müssen wir ja doch
sterben Er fasste daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der
Unsterblichkeit der Seele welches er aber nur physikalisch oder magisch sich
anzueignen wusste Er las Swedenborg Paracelsus vertiefte sich in
kabbalistische Phantasien und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern
Nach der nächsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst vielmehr
äußerte er einst mit großer Naivetät gegen einen vertrauten Bekannten dass ihm
an dem Dasein Gottes im Grunde wenig liege wenn er nur das ewige Leben bekomme
    Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhasst geblieben Als
daher der bekehrte Priester dessen wir uns erinnern ihm bei seinem Eintreffen
im Schloss nahen wollte weil er an dem Gaste so etwas Schadhaftes witterte
wies ihn dieser mit entschiedner Geringschätzung zurück Dagegen wandte er sich
lebhaft dem Arzte zu den der Fremde belustigte Jener nahm ein geheimnisvolles
Wesen gegen den Domherrn an und hatte sich bald in eine solche Achtung bei ihm
gesetzt dass selbst die tollen Scherze zu welchen ihn der Anblick des
närrischen Mannes bisweilen hinriss von diesem für verhüllte hierophantische
Weisheit erachtet wurden Sein ganzer gegenwärtiger Zustand war eine Kette von
Zerstreuungen Die Umwälzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten
entbunden ohne ihm die Präbende zu nehmen Eine Erbschaft war ihm zugefallen
so dass er für reich gelten konnte In der Nähe der großen Stadt hatte er sich
das Landhaus erbaut von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin
erzählte
    An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvörderst den Domherrn über
seine Gesundheitsumstände zu trösten ließ jedoch ein entscheidendes Wort über
die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen wobei er ihn bedenklich ansah
Dieser Blick konnte den andern wenig vergnügen und seine Stimmung wurde nicht
gebessert als der Arzt ein treffendes Bild der Auflösung entwarf worin deren
einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten
so dass man froh sein musste wenn dieses widerliche Gären endlich in lauter
grauem Staube sich beruhigte
    Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte »Possen Wer an
Fortdauer glaubt lässt sich durch dergleichen nicht schrecken«
    Der Arzt versetzte hierauf dass der Glaube und die Wissenschaft allerdings
zwei gesonderte Gebiete beherrschten wovon nur das eine den Vorzug habe dass
man wisse wo es liege während dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten
lasse Er wollte hierauf das Gespräch abbrechen und sich entfernen womit aber
dem Domherrn durchaus nicht gedient war Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht
verhüllter Ängstlichkeit zurück und rief »Ihr seid Materialist Doktor ich
weiß das aber ein innerstes Gefühl sagt dem Menschen dass seine Seele etwas
Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts
Sprecht Eure Zweifel nur aus es ist mir nichts unerträglicher als dieses
Halten hinter dem Berge«
    »Man hat« sagte der Arzt »auch lange von den vier Elementen gesprochen
und nun wissen wir denn doch dass diese für Grundstoffe gehaltnen Dinge aus
verschiedenen andern bestehn welche erst zusammengefügt das bilden was wir
Erde Wasser Luft und Feuer nennen Und wer weiß wie weit die Chemie die
Scheidung noch treiben kann Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu
machen scheint mir leicht Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer
Einfachheit gesprochen worden dabei wurde nur vergessen dass derselbe Mensch
unter verschiedenen Umständen oft als ein ganz andrer erscheint dass Grundsätze
Meinungen und Überzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen und
dass daher in dem Dinge welchem wir so gern eine vornehme Selbständigkeit
beilegen möchten manche gar nicht so notwendig zueinander gehörende Potenzen
wirksam sind die ja auch die empirische Psychologie längst aufgezählt und
nachgewiesen hat«
    »Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermaßen in Verstand Vernunft
und Urteilskraft zerlegen« fragte der Domherr froh seinen Gegner zum Absurden
geführt zu haben
    Der Arzt versetzte »Wie die Auflösung des Seelischen vonstatten gehe weiß
ich nicht ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun Sind Sie derselbe
noch der Sie als Kind und Jüngling waren Entschwanden nicht ganze Regionen von
Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste Wechselten nicht Liebe und
Neigung in Ihnen Wollen Sie noch was Sie wollten Können Sie einen einzigen
Moment in sich nachweisen wo Ihre Seele anders als zeitlich räumlich
hinfällig leiblich dachte und fühlte Welchen Teil welche Stufe dieses Etwas
wollen Sie also für jene Ewigkeit retten Denn Sie werden immer etwas aufgeben
müssen entweder die Vernunft, wenn Sie das was im Herzen klopfte oder das
Gemüt wenn Sie das was im Haupte leuchtete erhalten wünschen
    Will das nun irgend jemand Gewiss nicht Vielmehr ist es ja grade das
Verlangen sich in seiner Totalität zu bewahren was man die Sehnsucht nach dem
Jenseits genannt hat auf welche Sehnsucht denn wieder einer der sogenannten
Beweise gebaut worden ist. Weil es einen Hunger gibt so gibt es eine Speise
weil wir Durst fühlen so muss Getränk vorhanden sein Also weil wir jene
Sehnsucht fühlen so wird der Gegenstand ihrer Befriedigung nicht ausbleiben So
weit bin ich einverstanden Nur was der Gegenstand sei darüber herrscht eine
Täuschung
    Man hat auch von Nektar und Ambrosia gesprochen und gewiss hat mancher nach
dieser Götterspeise wie Tantalus ein Gelüsten empfunden gleichwohl hat sie
jemand gekostet Musste nicht jeder sich mit gemeiner menschlicher Kost begnügen
Und so ist es mit dem Unsterblichkeitsglauben Ein lügenhaftes schwärmendes
Etwas in uns verlangt nach Nektar und Ambrosia während die wahre innige und
viel tröstlichere Befriedigung überall uns nahegestellt worden ist, ohne dass
unsre blöden Sinne sie wahrnehmen«
    »Und die wäre« fragte der Domherr
    »Das gegenwärtige irdische Leben selbst« versetzte der Arzt »Auch ich
sage in meinem Sinne Der Mensch ist ewiger Dauer Aber ich setze hinzu Der
Himmel ist auf Erden und mit dem Tode ist es nicht aus sondern es beginnt aufs
neue Wie Feuer von oben ergreift das Psychische den Ton bildet und wirkt ihn
aus und wenn es ihn abgenutzt hat sucht es sich frischen Stoff Wir sind alle
Revenants und dieser Erscheinung der Geister oder des Geistes ist kein Ziel der
Zeit gesetzt«
    »Das ist eine schlechte Fortdauer« seufzte der Domherr »Was hilft es mir
zu vermuten ich habe schon irgendwo einmal gesteckt wenn ich nicht weiß wo
und in welcher Haut ich steckte«
    »Und wenn nun jene Vermutung sich bis zur klarsten Anschauung steigern
ließe Im ahnenden Vortraume ist letztre schon gesetzt er heißt Geschichte
Diese in allen so lebendig zu machen dass jeder sich auf Jahrtausende zurück
wiederfinden kann ist eigentlich die geheimnisvollverhüllte Aufgabe der
Gegenwart Wir reifen einer Periode entgegen worin die Menschen ebensosehr
Bürger der Vergangenheit sein werden als sie eine Zeitlang in der durch das
Christentum angewiesenen Richtung Anwärter der Zukunft waren Das ist der heilig
zuckende Wille des Weltgeistes unter der Decke der politischen Bestrebungen
unsrer Zeit welche eben dieses von ihrer bewussten Absicht ganz verschiedene
Resultat hervorzubringen bestimmt sind Hin und wieder ist dieser
Unsterblichkeitsglaube oder vielmehr dieses Wissen schon vorhanden es gibt
Vorboten der neuen Epoche So glaube ich von mir sagen zu können dass ich mit
Bestimmtheit sehe wo ich da und dort schon aufgetaucht bin«
    »Ist es möglich« rief der Domherr »Entdecken Sie mir «
    »Diese Kunde gehört nur mir« erwiderte der Arzt »Allein ich glaube dass
jeder nicht ganz Verwahrlosete sie in sich erzeugen könnte«
    »Und wie«
    »Man kommt zu Mysterien bekanntlich erst nach vielen Vorbereitungen Auch
wird nur der eine höhere Seelenerfahrung recht besitzen der sie selbsttätig
sich hervorbringt Um aber auf Ihre Angst und Not die ich mit Bedauern
wahrnehme zurückzukommen es gibt ein sehr einfaches Mittel sie zu heben Sie
von aller Unruhe über die Dinge jenseits des Grabes zu heilen und Ihnen dieses
so zu zeigen wie es ist nämlich als einen unschuldigen harmlosen Hügel Erde«
    »Nun dieses Mittel«
    »Heiraten Sie und zeugen Sie einen Sohn Wenn wir uns einigermaßen an die
Natur halten wollen  und das ist wohl in jedem Falle das Sicherste  so müssen
wir erkennen dass mit jener wunderbaren Funktion worin der ganze Mensch zu
einer belebenden Flamme auflodert auch der ganze Mensch im natürlichen und im
höheren Sinne fortgesetzt wird Nur eine verdorbne Phantasie hat um sie ihr
lüsternes Unkraut gewoben sie ist für den wahren Priester des Universums etwas
so Ernstes und Schweres wie die Bewegung der Himmelskörper die Reise des
Lichts der Drang der Voltaischen Säule Hier ist uns auf die liebreichste Weise
das Mittel in die Hand gegeben alle kranken Schrecken abzuschütteln und ich
habe immer die Weisheit der alten Indier bewundert welche aus dem Geschäfte zu
welchem ich Sie aufmuntern möchte einen Punkt ihrer Pflichtenlehre machten
Meine Beobachtungen lehrten mich auch fast immer dass Personen welche die Zeit
nach ihnen verkörpert vor sich sahen aufhörten dieselbe zu fürchten und die
wenigen Ausnahmen befestigten mir eben die Regel Es ist keine Redensart es ist
eine Wahrheit dass die Eltern in den Kindern fortleben So aber geht es der
Mensch sucht über den Sternen was zu seinen Füßen liegt wie die Spanier nach
dem fernen Eldorado fuhren und in den Wildnissen verhungerten während sie mit
treuer Arbeit zu Hause sich hätten nähren und auch des so heiß ersehnten Goldes
ein bescheidnes Teil gewinnen können«
 
                                Viertes Kapitel
Am folgenden Morgen besuchte der Domherr den Arzt ganz früh und eröffnete ihm
dass er sich verheiraten werde da er auf Erlassung der Zölibatspflicht seitens
der Staatsbehörde sicher rechnen könne Der Arzt bezeigte sich darüber nicht im
mindesten erstaunt sondern fragte ihn trocken »Wen« Worauf der Domherr
versetzte er wisse es noch nicht da es ihm aber an Bekanntschaft unter den
Damen des Landes nicht mangle so werde er leicht eine angemessne Partie
ermitteln zu welchem Ende er gegenwärtig aufbrechen wolle
    »Dieser Plan ist ein unglückseliger zu nennen« sagte der Arzt »In Ihren
Jahren haben sich Gewohnheiten und Verwöhnungen so festgesetzt dass ein zweites
freies und selbständiges Wesen nicht mehr in diesen Bann sich finden kann und
die Sache notwendig mit Scheidung oder vollendeter Herrschaft des Pantoffels
schließen muss« Er erzählte ihm aus dem Stegreife einige Geschichten von
verspäteten Heiraten die wirklich ein betrübtes Ende genommen hatten so dass
der andre ganz nachdenklich wurde und mit trauriger Miene sagte »Aber heiraten
will ich und muss ich denn was Ihr gestern abend zuletzt sagtet Doktor das
hat Grund und es ist mir über Nacht schon die Bestätigung geworden Ich konnte
nicht schlafen versenkte mich in Eure Unsterblichkeitsteorie und auf einmal
nicht träumend sondern wie gesagt hellwachend im Bezirke jener Gedanken und
Gefühle die Ihr in mir aufgeregt hattet empfand ich etwas was mir die
unumstösslichste Wahrheit Eurer Behauptungen erwies Plötzlich war ich nämlich
nicht mehr ich selbst der Domherr aus dem neunzehnten Jahrhundert sondern mein
Urgroßvater der General in venezianischen Diensten Ich hielt um die Hand
meiner Urgrossmutter an ich drückte mich in dem damals üblichen Kauderwelsch von
Deutsch und Französisch aus und Ihr mögt mirs glauben oder nicht ich habe
den roten Plüsch mit silbernen Litzen den er zu tragen pflegte deutlich auf
meinem Leibe gefühlt«
    »Lieber« sagte der Arzt mit ungläubigem Gesichte »transzendentale Dinge so
ins Einzelne verfolgen führt nur zu Phantastereien«
    »Ich weiß wohl dass Ihr gleich wieder skeptisch werdet wenn Ihr etwas
behauptet habt« versetzte der Domherr »Aber ich lasse mich dadurch nicht
irreführen Den Verjüngungstrank von dem Ihr neulich spracht und den Ihr jetzt
ableugnet muss ich auch noch von Euch herausholen Kurz seht mich an Bin ich
mein Urgroßvater oder bin ich es nicht«
    »Domherr« sagte der Arzt welcher sich während dieses Gesprächs vor seinem
Gaste unbefangen ankleidete »Ihr seid ein großer Narr«
    »Ihr könnt mich gar nicht beleidigen« rief der Domherr »Heimführen wollt
Ihr mich wie man den Bauer nach Hause schickt aber es wird Euch nicht
gelingen So gewiss ich in mir die Tatsache erlebt habe dass der Urgroßvater in
mir wirklich fortbesteht so gewiss werde ich in einem Sohne fortdauern den ich
daher fest entschlossen bin zu erzeugen Was soll nun dieses Abschweifen
dieses Ironisieren Gestern waren wir ja ganz einverstanden geht doch ehrlich
mit mir um«
    »Kann man sich denn auf Sie verlassen« erwiderte der Arzt indem er begann
sich zu rasieren »Muss man nicht immer besorgen dass Sie umschlagen sobald man
glaubt Sie bei einem Punkte fest zu haben Seit mehreren Tagen trage ich mich
mit einer Idee Ihre Unsterblichkeit festzustellen doch was hilft das Sie
werden nach Ihrem Kopfe heiraten höchst unglücklich vielleicht ein Hahnrei
werden und ohne Ihren Zweck zu erreichen früh ins Grab sinken«
    Der Domherr drang hierauf angelegentlichst in den Arzt ihm seine Idee zu
eröffnen Dieser ließ sich lange bitten endlich sagte er ihm dass Heiraten
ältlicher Männer nur dann zum Heile führen könnten wenn der Gatte die Gattin
sich erzöge Er könne ihm ein schönes durch allerhand Unglück hilflos gewordenes
Kind aus guter Familie zuweisen welches gewiss das Erziehungswerk verlohnen und
mit der Zeit die allein für ihn passende Frau abgeben werde
    Als der Domherr nun heftig verlangte mit diesem Kinde bekanntgemacht zu
werden verwies ihn der Arzt zur Geduld und sagte er müsse zuerst sich
überzeugen dass er die arme Verlassne ihm auch sicher anvertrauen könne Durch
seine Reden schimmerte so etwas von fürstlicher Abkunft wodurch die
Einbildungskraft des Domherrn in Feuer und Flammen gesetzt wurde
    Ihr Gespräch wurde durch einen Bedienten unterbrochen welcher die Meldung
machte dass Waffenschmiede und andre Handwerker angekommen seien die nötigen
Zurüstungen zum Turnier ins Werk zu richten Der Arzt erklärte nun dem Domherrn
rundheraus dass er zuerst das Kampfspiel in Gang bringen helfen müsse ehe an
weitre Unterhandlung über den bewussten Gegenstand zu denken sei Dieser fügte
sich in die Bedingung und ging mit erneuter Tätigkeit an die halbvergessnen
Arbeiten Nun wurden im Ahnensaale rüstige Schmiede und gewandte Polierer
beschäftigt die Rüstungen zu ordnen auszubessern und zu putzen so dass in
kurzem alles ein blankes Ansehen gewann Wo etwas fehlte wo einem Schwerte
einem Schilde durch leichte Vergoldung nachzuhelfen war ließ der geschäftige
Mann gleich das Nötige besorgen und da er viel Geschmack besaß die Kosten
nicht schonte und geschickte Werkmeister unter sich hatte so konnte er der
Herzogin bald eine Sammlung der spiegelhellsten Schutz und Trutzwaffen
vorweisen
    Auf einem grünen Platze hinter dem Park von dem ein gewundner Weg zu der
Anhöhe führte auf welcher der Geistliche Hermann versucht hatte sollte das
Turnier gehalten werden Der Domherr ließ den Rasen abstechen Sand anfahren
Schranken und Tribünen aufrichten Mit Hilfe reichlicher Trinkgelder erhoben
sich zum Erstaunen schnell zierliche gotische Gerüste die auf leichten
Pfeilern um den reinlichen Plan liefen Im Innern des Schlosses beschäftigte er
fünf fleißige Tapezierer welche die Fahnen Behänge Festons und Pavillone so
rasch lieferten dass man berechnen konnte mit allen Vorbereitungen wenigstens
acht Tage vor dem Geburtsfeste des Herzogs welches in die Mitte des Junius
fiel fertig zu werden
    Unter dem Hammern Klopfen und Nieten wovon das Geräusch durch das ganze
Schloss schallte drangen eine Menge Hausierer und Juden ein welche immer wie
durch Instinkt geleitet merken wo es etwas zu handeln geben möchte Seiltänzer
und Taschenspieler meldeten sich um bei dem ritterlichen Spiele ihre Künste zu
zeigen ein zudringlicher Mensch der eine kleine Menagerie umherführte hatte
nur mit Mühe abgewiesen werden können. Der Zulauf so vieler fremder Gesichter
verursachte einige Hausdiebstähle welche obgleich sie unbedeutend waren der
Herzogin die trübsten Stunden machten
    Indessen wusste sie sich gegen den weiblichen Besuch der ihr jetzt fast
täglich aus der Nachbarschaft zuteil ward auf das beste zusammenzunehmen Diese
Damen welche entweder ihre eigne Sache oder die ihrer Töchter führten hätten
gern erfahren wer zur Königin der Minne und Schönheit bestimmt worden sei und
jede schöpfte aus den freundlichen Mienen und gefälligen Worten der
liebenswürdigen Festgeberin beim Abschiede die schönsten Hoffnungen
    Während nun der Domherr mit Freigebigkeit jedes Hindernis bezwang die
teuersten Rechnungen genehmigte und doppelten Taglohn anwies warf die Herzogin
immer ängstlichere Blicke auf ihre Nadelgelder mit welchen sie sehr
haushälterisch umzugehn gewohnt war und die unmöglich für diesen Aufwand
zureichen konnten Kaum bemerkte der Herzog welcher sonst für alles jetzt taub
und blind zu sein schien an seiner Gemahlin eine Verlegenheit als er die
Ursache ahnend dem Arzte eine bedeutende Summe einhändigen ließ mit der
Weisung dafür Sorge zu tragen dass sämtliche Rechnungen bis zur Hälfte gekürzt
seiner Gemahlin vorgelegt würden
    Der Domherr las in den Abendstunden wann seine Geschäfte zu Ende waren
viel in Memoiren einer gewissen Gattung von denen der Vater des Herzogs eine
starke Sammlung in der Bibliothek hatte aufstellen lassen Seine Vermutungen
welcher erlauchten Familie Sprössling ihm anvertraut werden solle schweiften
wild umher Er suchte bei den Orléans bei italienischen und russischen
Geschlechtern Endlich fand er es so reizend ein Kind aus dem bekanntlich nie
ganz erloschnen Stamme der Komnenen zu seiner Gattin zu erziehn dass der Gedanke
sich in ihm festsetzte Flämmchen müsse daher rühren Denn den Namen hatte ihm
der Arzt vertraut der sonst unerbittlich blieb und erst nach dem Turnier ihn
zu dem Mädchen führen wollte
    Dieser schrieb indessen in seinem Denkbuche allerhand Bemerkungen nieder
von denen wir einige hier mitteilen
                                       
»Was ist ein Menschenleben Ein Nichts Jedes Ereignis welches in der
Geschichte Front macht fährt gleichgültig über deren tausend hin die alle in
unsern Augen ebenso kostbar und wichtig erscheinen müssen als das einzelne
womit wir uns im Zustande des sogenannten Friedens ängstlich zu schaffen machen
Unter allen Wahrheiten ist die wahrste dass kein Mensch unentbehrlich ist Der
Arzt stellt sich an als sei er vom Gegenteil überzeugt«
                                       
»Man wird es müde Blut und Fleisch Nerven und Eingeweide zu untersuchen Was
wir von diesen Dingen wissen können wissen wir so ziemlich und ich für meine
Person teile wenigstens den Eifer meiner Kollegen nicht zu dem aufgeschichteten
Haufen der Tatsächelchen noch das und jenes Sandkörnchen zu fügen Die einzige
interessante Substanz bleibt für mich noch die menschliche Seele«
                                       
»Da gälte es nun Experimente anzustellen zu analysieren zu verbinden Wie man
Blut und andre Flüssigkeiten des Körpers auf den geeigneten Mitteln prüft so
müsste man ein gleiches Verfahren mit den Geistern anstellen um zu sehen in
welche Bestandteile sie sich zersetzen lassen was an ihnen wandelbar und was
dagegen unbezwinglich erscheint Freilich verbietet die Moral den Gebrauch der
Agenzien und Reagenzien welche in dieser Sphäre allein wirksam sein möchten
Allein wie uns niemand darüber Vorwürfe macht wenn wir um zu einem wichtigen
wissenschaftlichen Aufschlusse zu gelangen den Schmerz der Tiere nicht achten
so gibt es ja auch wohl unter den Menschen Exemplare mit denen man allenfalls
sich erlauben dürfte Versuche zu machen«
                                       
»Und dann habe ich bei den Dingen, die mir jetzt durch den Kopf gehen doch immer
eine gute Absicht Abweichungen im Psychischen wieder auf die Linie der Natur
zurückzuführen Wer kann mich also tadeln«
                                       
»Was ich von dem Mädchen höre lege ich mir als Arzt leicht aus Dennoch bleibt
darin etwas Mystisches Tanz Wer hat seine Bedeutung schon ergründet Religiöse
Tänze Tanz der Schamanen«
                                       
»Wenn ich den alten Wilhelmi um eine Lappalie verbannt und trauernd sehe wenn
ich den Lärmen um nichts hier im Schloss höre wenn ich daran denke wie der
Herzog ohne Kinder spart um nur das Fideikommiss zu vergrößern welches einmal
Gott weiß wem zustatten kommt wenn ich den Krämer von der einen und den
Pfaffen von der andern Seite lauern sehe so ist es mir als müsse über kurz
oder lang etwas Fremdes Unerwartetes hereinbrechen wovon jetzt keiner einen
Begriff hat«
                                       
»Was hat uns denn nur zusammengeblasen und was hält uns noch beieinander«
                                       
»Es ist mit den Häusern den Familien den Freundschaften zu Ende man sieht es
klar«
                                       
»Wenn ich nur der verruchten Liebe quitt werden könnte Dass eine weiße Haut
eine kleine Hand eine Iris von der und der Farbe ein seidnes Kleid und ein
gesticktes Taschentuch einen vernünftigen Menschen aus der Fassung bringen Und
es ist keine Sinnlichkeit dabei das ist das schlimmste«
 
                                Fünftes Kapitel
Der Arzt welcher von Zeit zu Zeit einsame Spazierritte nach Flämmchens
Verstecke machte um sich über ihren Zustand aufzuklären hatte es dem
beharrlichen Andringen des Domherrn endlich doch nicht versagen können sie
wenigstens ihm zu zeigen Vorher musste aber der launische Mann eine
Verschreibung ausstellen wodurch er sich anheischig machte eine bedeutende
Summe einzubüssen wenn er das Mädchen zu sich nähme und sie dann auf das
Geratewohl wieder entliesse Dieses Papier unterschrieb er ohne Zaudern denn er
glaubte fest an die Beständigkeit seiner Entschlüsse obgleich er wie wir
wissen darin täglich wechselte
    Es war zu Ausgang Mais und ein wunderschöner Mondabend Der Arzt hatte
vorgeschlagen zu reiten jedoch bei seinem Freunde kein Gehör gefunden welcher
die Gefahr der Erkältung vorschützte und anspannen ließ Jener wunderte sich
dass verschiedene Sachen die man auf dieser kurzen Fahrt nicht gebrauchte in den
Wagen getragen wurden
    Man konnte mit dem Wagen nur bis zu einer gewissen Entfernung von der Hütte
der Alten vordringen und hatte noch eine starke Viertelstunde zu gehen Der
Domherr sagte dem Kutscher etwas ins Ohr und machte sich dann mit dem Arzte auf
den Weg Dieser erzählte seinem Begleiter um ihn auf den Anblick der seiner
wartete vorzubereiten was er von der Alten gehört hatte Das Mädchen war nach
dem ersten Erstaunen über das Wiederfinden ihrer Zigeunerin in einen sonderbaren
Zustand verfallen In der Einsamkeit zwischen Waldeichen Klippen und Bachwellen
machte sie gewissermaßen zum ersten Male die Bekanntschaft der Natur, und der
Eindruck den diese Gewaltige auf einen halbreifen Geist der wie der Arzt sich
ausdruckte eigentlich nur Phantasie war hervorbrachte war sehr stark Sie
ging wie eine Träumende umher führte Gespräche mit den Bäumen und Steinen und
war dann oft wieder wie erstarrt Gleichzeitig traten bei ihr gewisse
körperliche Erscheinungen ein die sie sehr angreifen mussten denn sie begann an
Konvulsionen zu leiden welche die Alte besorgt machten dass daraus eine Art von
Veitstanz entstände Letztre verschwieg indessen ihrem Beschützer alles dieses
weil sie befürchtete er möchte ihr das Kind wegnehmen zu welchem sie nachdem
sie ihm einmal tief in die Augen geschaut eine unbezwingliche Neigung gefasst
hatte Sie behandelte ihren Pflegling mit Kräutern und Tränken und hatte die
Freude ihn bald hergestellt zu sehen Es entwickelte sich nun etwas an dem
Mädchen was niemand hatte vorausahnen können nämlich eine Neigung oder  denn
dieses Wort sagt viel zuwenig  eine unwiderstehliche Notwendigkeit zu tanzen
    Als das Mondlicht kam ging Flämmchen eines Abends fort und wurde von der
Alten die ihr nachgeschlichen war auf einer Felsenplatte in den wundersamsten
Bewegungen angetroffen Diese wiederholten sich seitdem alle Abende und nun da
das Mädchen wieder gesund ward erhielt erst der Arzt vom Vorgefallenen Kunde
»Es ist« sagte er »als habe ihr Organismus alle Schrecken abschütteln und
zugleich ein geheimes Gesetz der Schönheit welches lange in dem armen verlassenen
Kinde geschlummert entfalten wollen«
    Unter dieser Erzählung waren sie aus dem Dickicht auf einen frei
hervorspringenden Hügel getreten Der Domherr welcher immer einige Schritte
vorausgehabt hatte stand plötzlich still und rief mit gedämpfter Stimme »Was
ist das«
    Der Hügel verlief in ein glattes grades ziemlich geräumiges Felsenstück
Auf dieser natürlichen Bühne schritt Flämmchen umher in den Vorbereitungen zu
ihrem Tanze begriffen Die Nacht war taghell so dass man alles genau sehen
konnte die Entfernung so gering dass kein Laut verlorenging Beide Männer
drückten sich hinter einen Stamm seitwärts zwischen den Kanten eines
ausgezackten Gesteins wurde der schwarzbraune Kopf der Alten sichtbar die am
Boden zusammengekauert gleichfalls horchte und lauschte
    Einen Kranz auf dem Haupte und einen in jeder Hand haltend schritt das
Mädchen gemessen fast feierlich erst rund um die Felsenplatte als vollziehe
sie die Weihe des Orts Dann in die Mitte sich stellend wandte sie ihr
glänzendes Antlitz gegen den Mond und begann nun immer seiner leuchtenden
Scheibe zugekehrt ihren ausdrucksvollen Tanz Bald neigte sie sich ihm mit
zärtlicher Gebärde entgegen bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn
jetzt hob sie den einen dann den andern Kranz lockend empor darauf ließ sie
beide sinken verwechselte sie warf sie in die Luft dass sie dort Bogen
beschrieben und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf während
Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten Der Sinn dieses Tanzes war ein
liebliches Gedicht der kalte hohe Freund da oben sollte zur Erde herabgezogen
werden mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe und auf
der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei Was ihre
Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließ deuteten Strophen
aus die sie dazwischen absang und womit sie sich den Takt anzugeben schien
Sie hatten alle ein gewisses Metrum bestanden aber oft nur aus abgebrochnen
Worten deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mussten Die Alte gab zuweilen
in einer fremden Sprache welche weder der Arzt noch der Domherr verstand eine
Art von Refrain zu vernehmen
    Der Domherr war wie außer sich Trotz aller Verkehrteiten welche diesem
Manne anklebten musste man ihm wenigstens einen zarten Sinn für das Schöne
besonders der phantastischen Gattung zugestehn Er seufzte drückte dem Arzte
die Hand dieser sah dass Tränen aus seinen Augen flossen »Ist es nicht« sagte
der Domherr leise »als sei die alte Fabel wieder jung geworden und schaue uns
Spätlinge mit entzückenden Kindesaugen an Was sind unsre Ballette mit ihrer
absichtsvollen Lüsternheit gegen dieses einzige Schauspiel Hier entbrennt eine
Seele deren Drange nichts Geringeres als das Ganze Fuß Hand Leib Stimme
genügen kann zu einem lebendigen Kunstwerke und spricht das aus wozu der
armen stummen gefesselten Natur ewig die Organe mangeln Wie danke ich Ihnen
mein Freund für solchen Anblick«
    Die Bewegungen Flämmchens waren langsamer geworden die Kränze entfielen
ihren Händen sie sank mit dem Ausdrucke einer angenehmen Ermattung auf einen
Stein und schien einzuschlummern Die Alte kam zwischen den Klippen hervor »So
ruht sie nun und lässt mit sich machen was man will« sagte sie »Wenn ich sie
auf ihre Füße stelle so geht sie auch von mir gestützt und weiß dennoch von
nichts«
    »Kommen Sie« sagte der Arzt zum Domherrn »Es ist in der Tat kühl und ich
spreche heute nicht im Scherz sondern im Ernst von Erkältungen« »Lassen Sie
mich bei dem schönen Kinde noch einen Augenblick allein« versetzte der Domherr
»Ich kann mich an ihr nicht satt sehen und werde sie in die Hütte nachbringen«
    Der Arzt stieg mit der Alten die Klippen hinunter Unten begegnete ihnen ein
Mensch der sich verirrt zu haben schien denn er fragte ängstlich und eilig
nach dem Wege der auf den Felsen führe Erst nachdem er zurechtgewiesen und
vorbei war erkannte der Arzt in ihm den Bedienten des Domherrn
    Unten in der Hütte kündigte er der Alten an dass er Flämmchen wahrscheinlich
binnen kurzem von ihr nehmen werde Auf dieses Wort stand sie wie versteinert
und sah ihn mit starren Augen an Er redete ihr zu und wollte sie durch die
Nachricht dass er das Geld welches er für das Mädchen ihr gegeben auch nach
deren Entfernung noch eine Zeitlang fortzahlen werde beschwichtigen Sie aber
unterbrach ihn und rief mit einem herzzerreissenden Tone »Nehmen Sie mir das
Kind nicht«
    »Was soll sie ferner bei dir« versetzte er »Überhaupt wie kommt es dass
du solchen Anteil an dem unbekannten Mädchen nimmst«
    »Unbekannt« rief die Alte »Ach sie ist mir nur zu wohl bekannt O mein
Herr lassen Sie mir das Kind Es wehete ein Sturm und verwehete die
Geschlechter der Erde man schlief ein unter blühenden Mandelbäumen und erwachte
im öden sandigen Blachfeld Wisst Ihr was es heißt im Grabe gelegen haben und
wieder aufwachen O ich könnte Euch Dinge erzählen vor denen Ihr erschrecken
würdet Aber durch Nacht und Tod und Finsternis geht der Weg des Fleisches und
es fügt sich alles wieder zusammen was zueinander gehörte«
    Er drang in sie ihm diese dunkeln Reden zu erklären Sie antwortete hierauf
etwas in der fremden Sprache welche er schon draußen von ihr vernommen hatte
und sagte dann »Wollt Ihr dass ich mein Kleinod hinwerfe dass Ihr darauf tretet
und es zerstört Ich glaube daran damit gut meinen Glauben will ich behalten«
    Sie legte den Finger auf den Mund dann ging sie umher bewegte die Arme
als wollte sie ein Kind in den Schlaf schaukeln und summte dazu ein Wiegenlied
Plötzlich fuhr sie empor rief heftig »Was ist das Wo bleibt sie« und eilte
aus der Hütte
    Verdriesslich über das lange Ausbleiben des Domherrn ging der Arzt in dem
düstern kleinen Raume hin und her und erwog bei sich ob es nicht besser sei
alle diese Abenteuer sich selbst zu überlassen als er von außen einen gellenden
Schrei vernahm und die Alte in die Stube stürzte »Verruchte Treulose
Ungeheuer« schrie sie »Betrügen wolltet Ihr mich Das Feuer des Himmels über
Euer schändliches Haupt«
    Die entblößten Brüste das flatternde schwarze Haar gaben ihr das Ansehen
einer Furie »Besinne dich« rief der Arzt und fasste ihren Arm »Was ist
geschehen«
    »Der Bösewicht hat sie geraubt Ach ich unglückseliges Weib« erwiderte sie
jammernd
    Bestürzt klomm der Arzt die Felsen empor Es war richtig Niemand war auf
der Platte zu sehen Etwas Weisses flatterte zwischen den Steinen Es war ein
beschriebnes Blatt Er gab sich Mühe es zu lesen was aber selbst in dem hellen
Mondscheine nicht gelingen wollte Von unten hörte er die Klagen der Alten die
schauerlich durch die Nacht tönten Mit Mühe arbeitete er sich auf den
beschwerlichen Pfaden nach dem Orte zurück wo auf gebahnter Straße der Wagen
des Domherrn stehngeblieben war Er war verschwunden Als er sein Ohr an den
Boden legte meinte er in weiter Ferne das Geräusch der fortrollenden Räder zu
vernehmen
    Er musste sich zur Rückkehr entschließen und dem kommenden Tage überlassen
was weiter zu tun sei Als er nach mehreren Stunden ermüdet heimgekommen war
hörte er noch von dem Bedienten zur Vermehrung seiner üblen Laune dass spät
abends Hermann wieder im Schloss eingetroffen sei Er las das Blatt Es
enthielt nur wenige Zeilen wodurch der Domherr ihm bekanntmachte dass er das
Mädchen welches ihm zur Erziehung bestimmt sei mit sich nehme und alles
zwischen ihnen Verabredete ausführen werde Hinzugefügt war die lakonische
Bitte den übereilten Abschied zu entschuldigen und bei der Herzogin
entschuldigen zu helfen
 
                                Sechstes Kapitel
Hermann wurde von der Fürstin mit unverstellter Freude empfangen Er musste
berichten wie es ihm ergangen sei und beeilte sich sein neues Verhältnis ihr
zu entdecken Sie fragte ihn ob er schon die Einwilligung des Oheims habe Er
versetzte dass er diese einzuholen den Umweg über die Fabriken gemacht dort
jedoch vergebens einige Wochen auf den Oheim gewartet habe welcher nach England
verreist gewesen sei Endlich habe ein Brief von diesem den Seinigen gemeldet
dass er den Rückweg über die Standesherrschaft nehmen wolle weil er mit dem
Herzoge über die streitige Angelegenheit selbst zu sprechen wünsche
    »Darf ich« sagte er »wie unbescheidne Bitter zu tun pflegen aus gewährter
Gunst auf vermehrte hoffen so bleibe ich unter dem Schirme Ihrer Huld bis der
Oheim hier eintrifft«
    Sie sprach über verschiedene Dinge mit ihm erzählte ihm von dem
bevorstehenden Feste und es fiel ihm auf dass sie seiner Verlobung weiter mit
keinem Worte gedachte
    Der Herzog welcher dazukam begrüßte ihn ebenfalls in seiner herablassenden
Weise und sagte dann indem er ihn näher betrachtete »Was ist mit Ihnen
vorgegangen Sie haben einen Zug im Gesicht den ich sonst nicht an Ihnen
wahrgenommen habe und den ich nur den Bräutigamszug nenne«
    »Damit könnte es seine Richtigkeit haben« versetzte Hermann
    »Wirklich« rief der Herzog »Siehst du Ulrike dass ich mich in diesem
Punkte nie irre Der Bräutigamszug besteht in einem gedankenvollen Senken der
Mundwinkel auch pflegt damit ein eigener Ausdruck der Lippen und Augen verbunden
zu sein«
    »Er ist in der Tat verlobt« sagte die Herzogin
    »Dann mag er sich nur Gewichte an Hände und Füße hängen denn er sieht noch
nicht danach aus als ob er willens sei Stich zu halten« fuhr ihr Gemahl in
seinen Scherzen fort die Hermann mit Verwundrung hörte da er dergleichen von
dem Herzoge nicht gewohnt war
    Die Herzogin empfing in diesem Augenblicke die Nachricht von der
unvermuteten Abreise des Domherrn Sie erschrak dann aber warf sie einen
zuversichtlichen Blick auf unsern Freund und ihr Gemahl sagte da sie sich
hierauf mit etwas andrem beschäftigte ihm leise ins Ohr »Sie erscheinen wie
der Spiritus familiaris immer zur rechten Zeit wenn die Not am höchsten sind
Sie am nächsten Meine Frau würde es ohne Sie nicht zustande gebracht haben
helfen Sie ihr recht treulich Sie erwerben sich wirklich dadurch ein Verdienst
um unsern Stand«
    Kaum hatte er sich gefällig entfernt als Hermann bereits mit einer Menge
von Aufträgen für die Anordnung der Festlichkeiten versehen ward Er musste als
er sich darangab dieselben auszurichten mancher Reden Wilhelmis gedenken und
sagte zu sich selbst »Sollte es denn wahr sein dass das Erbübel der
privilegierten Stände der Egoismus immer noch wenngleich von angenehmen
Formen bedeckt in alter Stärke fortwuchert Um mein persönliches Geschick hat
man sich kaum bekümmert ja der Herzog fragte nicht einmal nach dem Namen der
Braut«
    Waren diese Betrachtungen geeignet in ihm eine verdrießliche Stimmung
hervorzurufen so musste ihm dagegen die fröhliche Bewegung welche unter den
Arbeitern entstand als er ihnen ankündigte dasse er nunmehr die Leitung des
Ganzen übernehme wohltun Die Menschen leisten gern das Mögliche wenn ihnen
gehörig befohlen wird Sein sichres anstelliges Wesen war den Leuten im Schloss
von sonst her bekannt sie rühmten den fremden Werkmeistern diese Eigenschaften
und gleich war ein erhöhter Eifer überall sichtbar
    Hermann ließ sich die Apparate vorweisen und besuchte den Turnierplatz Er
fand bald dass obgleich vieles getan war doch noch mehreres nachzuholen übrig
blieb Denn der Domherr hatte in seiner hastigen Manier oft das Nötigste
vergessen So waren unter andrem keine Treppen angebracht worden auf welchen
die Zuschauer zu den Tribünen emporsteigen konnten Hermann musste sich daher
entschließen einen Teil des Bretterwerks wieder abbrechen zu lassen um die
nötigen Zugänge zu öffnen
    Unter den Hausbeamten welche bei diesen Zurüstungen mitwirkten bemerkte er
einen Mann von unangenehmen Manieren dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte
Man nannte ihn nur den Amtmann vom Falkenstein Hermann erfuhr dass er
Kammerdiener bei dem Großvater des jetzt regierenden Herrn gewesen sei dass er
bei jenem und bei dem Vater des Herzogs in Ansehen und Einfluss gestanden habe
Die jetzige Herrschaft hieß es dulde ihn obgleich er ihr nicht genehm sei
weil er für den Mitwisser verfänglicher Geheimnisse gehalten werde die jedoch
der Herzog ihrem eigentlichen Inhalte nach selbst nicht kennen solle Dieser
Mensch welcher über alles seine spöttischen Bemerkungen machte fasste Hermann
scharf ins Auge und begegnete ihm darauf mit einer übertriebenen Höflichkeit
Er nannte ihn nur den gnädigen Herrn und sagte zu den Leuten laut so dass
Hermann es hören musste sie möchten ja alles pünktlich tun was der gnädige Herr
befehle
    Bei Tafel sah er sich vergebens nach Wilhelmi um Er fragte seinen Nachbar
nach diesem alten Freunde Der Mann blickte verlegen vor sich hin und gab ihm
ein Zeichen dass er es zu vermeiden wünsche über jenen hier Auskunft zu
erteilen Mit dem Arzte hatte er über Flämmchen reden wollen dieser vermied ihn
sichtlich und setzte sich ein paar Plätze weit von ihm weg Das Gespräch
berührte nur die gleichgültigsten Dinge alle schienen mit ihren Gedanken
abwesend zu sein
    Die außerordentlich heitre Laune des Herzogs fiel ihm immer mehr auf Der
sonst ziemlich trockne Herr erschöpfte sich in munteren Einfällen die nur
zuweilen einem eignen schwärmerischen Ernste Raum gaben Seine ganze Stimmung
schien eine erhöhte zu sein Auch ein gewisses Zeremoniell hatte sich an der
Stelle der sonstigen Ungezwungenheit eingefunden Früher waren die fürstlichen
Personen jede für sich wie die Dame ihre Toilette der Herr seine Geschäfte
beendigt hatte in den Speisesaal getreten Heute war von zwei Bedienten
nachdem die Gesellschaft eine volle Viertelstunde versammelt gewesen die
Flügeltüre aufgetan worden und der Herzog hatte seine Gemahlin
feierlichzierlich an den Fingerspitzen in den Saal geführt In gleicher Weise
nahm er mit ihr nach aufgehobner Tafel seinen Rückzug ohne weiter mit den
Tischgenossen zu verkehren
    Indessen hatte unser Freund nicht lange Zeit über diese Verändrungen
nachzudenken Schon waren die jungen Edelleute wieder angekommen welche wie
neulich die Rüstungen so nun Lanze und Schwert probieren wollten Hermann wurde
beordert die Recken zu empfangen und der Übung als Waffenkönig vorzustehn
Wieder legte man im Ahnensaale unter schallendem Jubel die Panzer und Schienen
an die nun glänzend den Gliedern angepasst die vielen jugendlichen Gestalten
kräftig hervorhoben
    Der klirrende schimmernde Zug stieg eine verborgne Treppe hinunter um
durch eine Hintertüre in das Freie zu gelangen Alle waren außer sich vor Freude
und Hermann hatte genug zu tun um die lauten Ausbrüche des Entzückens welche
ungelegne Zuschauer herbeiziehn konnten zu mäßigen
    Draußen standen die Pferde der Ritter Sie scheuten bei dem Anblicke ihrer
verwandelten Gebieter und prallten zurück Die Reitknechte hatten einige Mühe
die brausenden Tiere zu begütigen was indessen doch zuletzt den angewandten
Schmeichelkünsten gelang Man saß auf und nach einigem Springen und Bocken
schien die Gewandtheit der jungen Männer siegen zu sollen Nur einer ein
ältlicher Herr der es aber für seinen Vorteil ansah sich so lange als möglich
zur Jugend zu halten konnte trotz aller Mühe nicht auf seinen Rappen gelangen
und musste endlich von dem schweisstreibenden Werke abstehn Er gab dem armen
Tiere welches in seiner Furcht vor dem stählernen Herrn wahrlich noch mehr
ausstand als er einen ungerechten Schlag ließ sich entwaffnen und setzte
sich in seinem grünen Nankingröckchen traurig unter eine Fichte Seit der Zeit
ward dieser Mann welcher vorher das Fest eifrigst hatte betreiben helfen ein
Verächter desselben die andern aber gaben ihm unter scherzhafter Anspielung auf
den Helden des Scottschen Romans den Spitznamen el Desdichado oder der
Enterbte Auch wir sind genötigt ihn künftighin wo er uns noch vorkommen
sollte unter dieser Bezeichnung aufzuführen da die Geschichte seinen wahren
Namen nicht aufbewahrt hat
    Hermann ließ die Ritter nun zuvörderst einige Volten auf dem Turnierplätze
machen und dabei den Speer senkrecht im Bügel führen Dann mussten sie in
gleicher Weise zwei Glieder tief und zwölf Lanzen hoch  denn im ganzen hatten
sich so viele Kämpferpaare gemeldet  rund um den Plan sprengen Diese
vorläufigen Übungen gelangen vortrefflich und gaben die besten Hoffnungen Dass
einige etwas hart die hölzernen Schranken streiften andre nicht die völlige
stallmeisterliche Sicherheit in den Sätteln behaupteten konnte hiebei nichts
verschlagen da solche kleine Unregelmässigkeiten kaum irgendwo ausbleiben wo
Mensch und Ross sich zusammenfinden
    Man war daher kühn geworden und wollte gleich mit dem Schwierigsten
beginnen mit dem allgemeinen Lanzenstechen Zwölf gegen Zwölf Hermann hielt es
aber für ratsam stufenweise zu verfahren und bestand darauf dass sich zuerst
die Paare einzeln gegeneinander versuchen sollten Er selbst begann im knappen
Kollet auf einem leichtfüssigen Engländer sich wiegend an der Sache Geschmack zu
finden Die Herzogin sah zwischen den Bäumen aus ihrer Droschke zu und man will
wissen dass unser Freund mehr als nötig sein Rösslein habe courbettieren lassen
obgleich er sich gewissenhaft bestrebte nur an die ferne Kornelie zu denken
    Wie es bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt die Schwächsten
drängten sich zu den ersten Versuchen während die tüchtigsten Reiter lächelnd
warteten um zuletzt das Hauptstück zu vollführen Leider zeigte sich nur zu
bald wie gegründet Hermanns Vorsicht gewesen war da auch sie das Geschick
nicht abzuhalten vermochte welches nun einmal in seinem Eigensinne jeden
Versuch dahingeschwundne Zeiten wiederzuerwecken vereiteln zu wollen scheint
    Man kann nicht sagen dass diese Adlichen das Unmögliche gewollt hätten Die
Aussicht mit zerbrochenen Gliedern vor Oheimen und Tanten Schwestern und
Bräuten im Sande zu liegen hatte für keinen der Kämpfer etwas Erfreuliches es
war daher durch eine stillschweigende Übereinkunft vorgesehen worden dass so
wenig Gefahr als möglich entstände Man hatte die Schäfte der Lanzen dünn und
von sprödem zerbrechlichem Holze machen lassen Es war mithin mehr
Wahrscheinlichkeit vorhanden dass diese schwachen Waffen auf der beschützten
Brust der Gegner zerbrechen als dass die Kämpfer von der Gewaltsamkeit des
Stosses zu Boden stürzen würden
    Die ersten welche gegeneinander ritten waren zwei junge Vettern namens
Kaspar und Max denn alle diese Erben riefen sich gegenseitig fast nur bei ihren
Vornamen Sie sprengten hastig ein und es wäre gewiss zu einem lebhaften Treffen
gekommen wenn nicht die Pferde als man noch etwa sechs Schritte voneinander
war plötzlich stillgestanden hätten so dass die Reiter von dieser
unvorhergesehnen Hemmung erschüttert beinahe über die Hälse ihrer Tiere
hinweggeflogen wären Umsonst war alles Schenkelandrücken und Spornen die
Pferde sahen einander feurig und wütend mit schnaubenden Nüstern an ließ sich
geduldig auf die Punkte von denen ausgelaufen wurde zurückreiten rannten
lustig vor standen aber dann auf den Stellen über welchen ein Zauber zu brüten
schien wie angemauert still Nachdem diese Vereitlungen sich drei bis viermal
wiederholt hatten wurde einigen Reitknechten geheißen die Hinterteile der
Widerspenstigen mit Peitschenhieben zu bearbeiten was offenbar nur für einen
Ausbruch roher Leidenschaftlichkeit gelten konnte denn man durfte doch
unmöglich beabsichtigen am Tage des Turniers die Kämpfer auf eine so
lächerliche und unwürdige Weise von hinten flott zu machen Auch halfen jene
Hiebe nur insoweit dass die Pferde ausschlugen und beinahe einen der Züchtiger
getroffen hätten vorne wichen und wankten sie nicht Hierauf stiegen Kaspar und
Max ab schleuderten unter lauten landüblichen Flüchen ihre Lanzen weg und
setzten sich zum Enterbten der seinerseits bei dem Anblicke dieser Hemmung
wieder etwas heiterer zu werden begann
    Demnächst ritten zwei andre Vettern welche Konrad und Bernhard hießen
Deren Pferde blieben keineswegs stehen schossen vielmehr als ihre Herrn eben
meinten einander mit den Spitzen der Lanzen erreichen zu können recht und
links abspringend vorbei im wütenden Laufe über die niedrigen Schranken
hinwegsetzend grade auf die Tribünen zu Da die Pfeilerbogen derselben nicht so
hoch waren dass ein ausgewachsner Mann zu Pferde darunter wegkommen konnte so
wären die Reiter verloren gewesen wenn sie sich nicht rasch bügellos gemacht
und zur Erde gelassen hätten Glücklicherweise lag auf jeder Seite ein großer
Haufen Sand welcher noch umher verbreitet werden sollte Auf diese natürlichen
Betten stürzten die Jünglinge und diese Sandhaufen waren es welche ihr Leben
retteten Denn obgleich dem einen das Blut aus Mund und Nase quoll und der
andre mehrere Minuten betäubt dalag so zeigte sich doch als man die Helme
abnahm und die Panzer aufschnallte außer einigen Quetschungen und Schrunden
kein Schaden Sie standen auf der Betäubte zuletzt gingen zum Enterbten dem
die Schadenfreude immer heller aus dem Gesichte leuchtete begehrten kein
Lanzenrennen weiter sondern nur den Feldscherer der denn auch bald nachher mit
Bindzeug und Seifenspiritus ankam
    Hermann sah die Herzogin die Hände ringen und suchte alles fernere Stechen
und Tjosten zu hindern Seine Zurufungen fruchteten aber nichts Gleichsam als
ob der Anblick der Gefahr etwas Verführerisches habe Die folgenden sechs Paare
stürzten sich nur noch heftiger in den Kampf Bei ihnen nahmen Ungeschick und
Zufall mannigfaltigere Gestalten an Mehrere fielen ohne Umstände von den
Pferden einer stach seine Lanze zu hoch führend durch das Visiergitter des
Gegners und bohrte diesem beinahe das Auge aus etliche rannten so zusammen
dass wie sie sich nachmals ausdruckten ihre Rippen knackten Auch die armen
Tiere welche nicht so geschickt wie ihre Vorgänger die Kämpfe des
Mittelalters zu vermeiden wussten litten denn zwei Pferde wurden lahm und eins
brach im Niedersitzen auf die Kruppe einen Fuß Kurz es wurde offenbar dass
weder Rosse noch Reiter zu dem Ritterspiele passten
    Es waren noch vier Paare übrig und grade die gewandtesten lauter
KavallerieOffiziere Obgleich diese mit bedenklichen Blicken das Schlachtfeld
überschauten so machten sie sich doch auch fertig Wunden und Beulen zu
gewinnen Da hörte Hermann mehrere Male seinen Namen überlaut rufen wandte sich
um und sah die Herzogin leichenblass neben der Droschke stehen Sie winkte ihn
ängstlich herbei und er verfehlte nicht dem Zeichen eiligst zu folgen nachdem
er den noch unversehrten Kämpfern geboten hatte wenigstens bis zu seiner
Rückkunft ihren Eifer zu mäßigen
    Ein Strom von Tränen floss aus ihren Augen die armen feinen Lippen
zitterten sie war außer sich Ohne der Menschen zu achten welche sich in
großer Anzahl versammelt hatten der Waffenprobe zuzusehn ergriff sie
leidenschaftlich seine Hand verwünschte das Turnier den unseligen Domherrn
welcher es angegeben den Arzt der ihr nicht mit besserem Rate beigestanden
Wilhelmi dem Grillen lieber wären als die Angelegenheiten seiner Freunde
rief dass wenn Hermann im Schloss geblieben wäre er es ihr ausgeredet haben
würde Augenblicklich sollten Schranken und Gerüste abgebrochen werden denn sie
wolle nicht eine zweite Angst wie die heutige erleben Hermann gab ihr die
heiligsten Versichrungen dass niemand an Leib und Leben geschädigt sei dass es
doch noch zu einem schönen gefahrlosen Feste kommen solle und dass er schon
einen Gedanken darüber habe den er ihr sofort mitteilen werde Er hob sie sanft
in den Wagen und hieß den Kutscher auf der Stelle nach dem Schloss fahren Sie
ruhte willenlos auf dem Sitze ließ geschehen was er anordnete und bat ihn nur
beim Wegfahren mit leiser Stimme ja gleich nachzukommen
    Er eilte zu den Edelleuten zurück und verkündete ihnen den Willen der
Fürstin Die noch nicht gekämpft hatten waren im stillen zufrieden dass es
nicht dazu kommen sollte
    Aber alle riefen »Was wird nun aus unsren schönen Mänteln und Trikots
worin wir tanzen wollten«
    »Sie werden alle in Ihren Mänteln tanzen es gibt doch ein Fest« versetzte
Hermann zuversichtlich
    »So« fragte der Enterbte höhnisch »Wollen Sie etwa eine Freiredoute
geben«
    Man warf die Rüstungen ab Zwei Birutschen wurden vom Schloss
herbeigeschaft in welche man die Wunden und Gequetschten lud Langsam ritten
die unversehrt Gebliebenen beiher Die Reitknechte folgten mit den hinkenden
Pferden an der Hand Das welches den Fuß gebrochen hatte und jämmerlich
stöhnte blieb zurück
    So sehr verunglückte eine Nachahmung des Turniers bei Ashby de la Zouche im
neunzehnten Jahrhundert
 
                               Siebentes Kapitel
Unangemeldet  denn die ganze Dienerschaft befand sich noch auf dem
Turnierplatze  trat Hermann in das Zimmer der Herzogin Sie war nicht dort Die
Vorhänge waren der Sonne wegen niedergelassen eine sanfte Dämmerung erfüllte
den heimlichen Raum Hermann warf seine verlangenden Blicke umher und empfand
ganz den süßen Schauder der uns ergreift wenn wir für uns die stillen
Umgebungen der Frauen mustern dürfen mit denen sich unsre Einbildungskraft
beschäftigt Seine Augen schweiften von der halbfertigen Stickerei auf der ihre
Hände gelegen hatten zu den Blumen die ihr Hauch berührte von da zu den
Porträts an denen manche Erinnrung haften mochte Die Blätter dieses Gebetbuchs
empfingen ihre unschuldige Morgenandacht in jenem Sessel mit dem gestickten
Fussbänkchen davor ruhte sie gewiss aus wenn sie vom Spaziergange zurückkehrte
    Schon wollte er sich bescheiden wieder in das Vorzimmer zurückziehn als er
in der Ecke den Papagei gewahr wurde der wenn wir nicht irren schon zuweilen
in diesen Geschichten erwähnt worden ist. Die Klappe des Schreibtisches war
offengelassen worden Papiere aus farbigen Mappen hervorsehend lagen darauf
Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht
vieles herausgezerrt zerbissen auf den Fußboden gestreut Jetzt saß er auf dem
Rande eines Korbes welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel
diente und zerstörte mit großer Emsigkeit ein paar feine rote Blättchen die er
zwischen Klauen und Schnabel hin und herzog Hermann wollte ihm den Raub
abjagen der Papagei ließ die Blätter in den Korb fallen und entfloh mit
lächerlichen Sprüngen
    Hermann sah in dem Korbe die halbzerrissnen Blätter auf andern gleichfarbigen
liegen er musste sie für Wegwurf halten und konnte meinen wenigstens keine
Indiskretion zu begehn wenn er sich dieselben zueignete Die Handschrift der
Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen in seinen unklaren verworrnen
Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus er wollte etwas von
der Fürstin besitzen heute besitzen er drückte unwillkürlich seinen Mund auf
die Blätter und schob sie unter die Weste auf seinem Herzen sollten sie ruhen
Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Korneliens seiner Seele vorüber schon
hatten seine Finger die Blätter gefasst um sie an ihren Ort zurückzubringen als
das Erscheinen der Herzogin die aus dem anstoßenden Gemache in das Zimmer trat
dieses gute Vorhaben vereitelte
    Verweint trat sie ihm schamrot er ihr entgegen »Das gehört auch noch zu
den übelen Folgen solcher Zerstreuungen worin ich seit vier Wochen lebe dass man
das nächste vergisst« sagte sie indem sie die Verwüstung erblickte »Ich kenne
den Schelm und seine Unarten und lasse ihn hier uneingesperrt bei den Papieren
zurück«
    Hermann hob die am Boden liegenden Blätter auf sie ordnete sie so gut es
in der Schnelligkeit gehen wollte in die Mäppchen ein und sagte »Es sind meine
Erinnrungsblätter ich hatte heute ein Bedürfnis darin zu lesen Welchen eignen
Eindruck macht eine solche Lektüre Wie vieles schreibt man auf worüber man
kurz nachher lächeln muss oder wovor man auch wohl zu erröten hat  Aber nun
mein Helfer und mein Trost zur Hauptsache Die ganze Gegend ist in Erwartung
unsres Festes es kostet leider wie ich aus den Rechnungen die mir nach und
nach jetzt schon vorgelegt werden sehe Tausende und doch ist es wie wir
heute erfahren haben nicht zustande zu bringen Was für Unglück hätte ich
anrichten welche schreckliche Gewissensbisse hätte ich mir zuziehn können Mit
Schauder denke ich an die Auftritte die ich draußen sah«
    »Beruhigen sich Ew Durchlaucht« sagte Hermann »Ich hoffe Ihnen einen
Plan vorlegen zu können dessen Ausführung Sie den Herrn und alle Gäste
zufriedenstellen wird«
    »Ich bin begierig ihn zu vernehmen« sagte die Herzogin
    »Mein Gedanke ist folgender« versetzte Hermann »Die Idee zu dem Feste ist
aus dem Bewusstsein Ihres Standes hervorgegangen es sollte ein adliches sein
dabei müssen wir also stehnbleiben Aber warum gehen wir in so entlegne Zeiten
zurück Warum wählen wir eine Darstellung des Ritterwesens mit welchem wenn
wir die Sache näher betrachten unsre heutigen Begriffe durchaus nicht mehr
zusammenhangen Lassen Sie uns also immerhin einige Jahrhunderte weiter
vorrücken und ein Fest aus dem Zeitalter Ludwigs XIV und Augusts des Starken
veranstalten in welches die Blüte der ersten Klasse der Gesellschaft fiel«
    »Und das wäre« fragte die Herzogin
    »Ein Karoussel« versetzte Hermann Sie haben gewiss meine Fürstin von den
prächtigen Lustbarkeiten gelesen die in dieser Art besonders am sächsischen
Hofe gefeiert worden sind. Auch sie geben reichliche Gelegenheit Figur
Anstand Geschick zu zeigen auch bei ihnen empfängt der Kavalier aus den Händen
der Dame den Dank Galanterie und Sitte haben auch da freien Spielraum Und
alles ist mit einigen Quadrillen mit dem Stechen nach dem Ringe und nach dem
Türkenkopfe abgetan Jeder wird sein Vergnügen haben und wir dürfen vor keiner
Leiche besorgt sein«
    Die Herzogin entzückte dieser Vorschlag »Aus welcher Verlegenheit retten
Sie mich Wie erkenntlich muss ich Ihnen sein« rief sie Hermann fuhr fort
»Alle Anstalten zu dem Turniere können wir auch zu dem Karoussel gebrauchen an
dem Kostüm der Damen und Herren braucht kaum etwas geändert zu werden denn es
ist nichts törichter als in solchen Fällen worin es doch nur auf gesellige
Freude ankommt gelehrt sein zu wollen Schliesst sich an unser Ringelrennen ein
Ball für die Herrschaften ein Scheibenschiessen für Diener und Untertanen an so
wüsste ich nicht wie es einen bunteren und lustigeren Tag geben könnte«
    Hermann bekam unumschränkte Vollmacht alles was die Umwandlung des Festes
erforderte zu verfügen Die Herzogin händigte ihm die Schlüssel zu den Zimmern
ihres verstorbenen Schwiegervaters ein worin sich wie sie meinte einige
Abbildungen befänden die ihm bei Ausführung des neuen Plans nützlich sein
würden Sie selbst übernahm es den Herrn welche bei dem Karoussel tätig sein
sollten die Ändrung des Festspiels anzuzeigen was die übrigen Gäste betraf so
war man übereingekommen dass es klüger sei diesen nichts zu sagen da sie doch
hinnehmen müssten was ihnen geboten werde
    Während Hermann sich in den Zimmern des alten Herrn umsah empfing der Arzt
seine Boten die er nach der Hütte der Alten und hinter dem Domherrn her
gesandt hatte Der erste meldete er habe die Alte nicht in der Hütte betroffen
und in letztrer eine greuliche Zerstörung alles dessen was nicht niet und
nagelfest gewesen wahrgenommen Der zweite welcher zu Pferde dem Domherrn
nachgesetzt war gab das Wort des Rätsels an Er hatte den Flüchtigen in einem
kleinen Orte getroffen wo er mit Flämmchen und der Alten ganz geruhig zu Tische
saß und speiste Nach einigem Hin und Widerreden erfuhr er den ganzen Hergang
Die Alte hatte in der Wut alles in ihrer Hütte zerschlagen und war dann wie
rasend der Spur des geraubten Kindes nachgelaufen Halbtot erreichte sie den
Entführer und beide Flämmchen und sie erklärten ihm er müsse sie entweder
zusammen mitnehmen oder zusammen entlassen In seiner jetzigen Stimmung war ihm
die braune Greisin ein erwünschter Zuwachs leicht entschloss er sich sie
ebenfalls zu behalten Dem Arzte ließ er auf dessen Anfordrung das Mädchen
zurückzuschicken sagen es bliebe beim Erziehen und Heiraten
    Zum ersten Male war dieser entschlossne Mann in Verlegenheit Wir dürfen bei
dieser Gelegenheit sagen dass der Beweggrund zu seiner Handlungsweise gegen den
Domherrn nicht bloß die Lust gewesen war psychologische Experimente
anzustellen sondern hauptsächlich in dem Misstraun gesucht werden musste welches
er gegen Hermann fühlte Dessen ganzes Wesen diese Mischung von Leichtsinn und
Ernst von Frühreife und Jugendlichkeit war ihm unverständlich und da er nur
das was er begriff gelten ließ so hielt er ihn lieber für einen
charakterlosen Abenteurer Er fürchtete dass jener nicht wiederkommen dass ihm
die Last der Obsorge für das verwaiste Mädchen bleiben werde und diese wollte
er auf die Schultern des Domherrn abladen aber freilich nicht so übereilt bei
nächtlicher Weile auf eine Art die üble Nachreden geben konnte
    Nun war aber Hermann zurückgekehrt Was sollte er ihm sagen wenn dieser das
Mädchen forderte Er war äußerst verdrießlich auf sich auf die Menschen auf
die Welt Am meisten schmerzte es ihn von einem Narren überlistet worden zu
sein
    Indem er noch erwog wie er dem jungen Vormunde den Handel am wenigsten zu
seinem Nachteil darstellen solle trat dieser in sein Zimmer Zufällig war er
mit den beiden Boten des Arztes zusammengetroffen Es waren Bürgersöhne aus dem
Städtchen Sie kannten Hermann er hatte im Winter oft mit ihnen gejagt es
bestand zwischen ihnen eine Art von Kamaradschaft Voll bis zum Überfliessen
von ihrem Geheimnisse teilten sie es ihm nach den ersten Begrüßungen unter dem
Siegel der Verschwiegenheit mit
    »Ich weiß alles« rief Hermann dem verlegnen Arzte zu »Nur eine Frage Ist
der Mann der sich so rasch in unser Geschäft gedrängt hat gut gesetzt
zuverlässig«
    »Das möchte ich von ihm mit Sicherheit behaupten« antwortete der Arzt
kleinlaut
    »So danke ich Ihnen und ihm dass mir eine Sorge abgenommen worden ist, der
ich doch auf die Länge nicht gewachsen war« sagte Hermann Der Arzt sah ihn
verwundert an Jener händigte ihm eine Rolle Gold ein und fuhr fort »Wenden Sie
dieses Geld welches mir von milder gnädiger Hand für das Mädchen vertraut war
zu ihrem Besten an Ich sage mich hiemit von ihr los da sie einen andern
Beschützer gefunden hat«
    Nach seiner Entfernung brach der Arzt in ein bittres Gelächter aus Er
schwor sich zu niemals wieder vor der Beständigkeit und Konsequenz eines
Menschen Furcht zu hegen und erklärte ein für allemal das ganze Geschlecht nur
für die höchste Gattung des Tierreichs
    Und doch tat er unsrem Freunde unrecht Dieser war sobald er nach dem
entscheidenden Augenblicke mit Kornelien zur Besinnung kam in die unruhigste
Stimmung geraten Er fühlte einen Wendepunkt seines Lebens und fühlte sich doch
auf keine Weise der Zukunft gewachsen Dass ein neuer Zwiespalt in ihm entstand
als er die Türme des Schlosses wieder erblickte dass dieser wuchs da die schöne
Fürstin ihn begrüßte wollen wir grade nicht billigen gewiss aber ist es dass er
in den Gemächern des schlafen gegangnen Herrn Dinge zu sehen bekam welche ihn
außer Fassung bringen und sein Wesen an der Wurzel erschüttern mussten Es hätte
eine übermenschliche Kraft dazu gehört sich in solcher Verfassung mit etwas
andrem als mit sich und mit seinem Geschicke zu beschäftigen
    Er freute sich dass die Tage bis zur Ankunft des Oheims der über sein Los
das Urteil fällen musste in wechselnder Beschäftigung vergehen sollten Denn
darin war er glücklich zu preisen kein Zweifel kein Leid versenkte ihn unnütz
grübelnd in sein Ich wo so viele Menschen fruchtlos die Auflösung ihrer
Bedrängnisse suchen fruchtlos weil alle Selbstbetrachtung nur tiefer zerstört
Ihm sagte ein geheimer Glaube dass die Fragen in uns und die Antworten in den
Dingen liegen denen er deshalb wie es mit ihm auch stehen mochte immer in
Liebe und Freundlichkeit zugetan blieb
    Man sah ihn daher auch jetzt unbefangen scherzen plaudern und die
Zurüstungen über welche er selbst im stillen lächelte eifrig besorgen während
er kaum noch wusste was aus ihm werden solle ja wer er nur sei
 
                                 Achtes Kapitel
Über Wilhelmi hatte er durch den alten Erich der ihn jetzt bediente nur in
Erfahrung gebracht dass er im Kruge wohne und dass ein Schrank das Unglück
herbeigeführt habe Er konnte sich hieraus nichts zusammensetzen und der
verdrossne Alte gab keine weitern Erklärungen Er war einigermaßen in
Verlegenheit wie er sich bei dieser Zwistigkeit benehmen solle als ein Billet
Wilhelmis ihn ohne Verweilen zu dem Freunde rief
    Wilhelmi saß in einem elenden Dorfstübchen und schnitt Federn deren schon
eine große Menge zugespitzt auf dem Tische lag »Ich will« rief er Hermann
entgegen »den Undank beschreiben aber so viele Federn ich schon fertig habe
ich denke doch es sind noch nicht genug und da schneide ich denn immer noch
ein paar mehr«
    »Liebster« sagte Hermann »was tun Sie hier Wie war es möglich dass
zwischen Männern welche so sehr zueinander gehören wie Sie und der Herzog
sich der Zwist einschleichen konnte«
    »Ich bitte dich nenne mich du« versetzte Wilhelmi »Schon mit dem Ihr kam
das Unglück in die Welt da gewöhnte man sich einen Menschen einen Mitbruder
im gleichgültigen Plural zu betrachten wo individuelle Beziehungen auslöschen
Das verrückte Sie hat aber den Greuel vollendet nun ist der andre nichts als
ein Konglomerat dritter Personen eine Versammlung toter Atome die man heute
braucht morgen wegwirft Aber Du um Du das heißt Auge in Auge Arm gegen Arm
in Liebe oder Hass«
    »Bester« rief Hermann »lassen wir die Abschweifung Soll ich dich du
nennen so schenke mir auch ein brüderliches Vertraun Was hat euch entzweit«
    »Ein Schrank Du lachst Ja ja nichts weiter als ein Schrank ein elender
Schrank Aber in diesem nichtsnutzigen Kasten siehst du ein Gleichnis und Symbol
von dem ganzen Tun und Treiben dieser abgelebten Klasse Sie fühlen sich
überholt von dem Sturmschritte der Zeit Ehre Mut kriegerische Tapferkeit sind
bürgerlich geworden da suchen sie sich denn an Strohhälmchen festzuhalten und
das nennen sie altväterliche Gesinnung Sie haben mich fortgejagt wie einen
ausgedienten Jagdhund und werden mich auf dem Dünger sterben lassen Mühevolle
Tage durchwachte Nächte ausgeschlagne Verbesserungen meiner Lage Treue
Fleiß alles gilt vor diesen nur den Taglohn womit sie uns von Morgen bis Abend
abzufinden meinen Natürlich Der Schrank muss stehen bleiben das gehört auch in
das System des historischen Bestandes der Rechte Wilhelmi kann eher fort
Bravo Ist es denn wahr dass der Herzog sich jetzt da er Turnier halten will
für einen Abkömmling Karls des Großen hält O glaube mir diese Anmassungen
diese Herzlosigkeiten werden ein furchtbares Ende nehmen Das Schicksal wird
auftreten und wenig danach fragen ob sie den Schrank stehnlassen wollen oder
nicht«
    Noch mehrere und krausere Redensarten bekam Hermann zu vernehmen die ihn
ungeduldig gemacht haben würden hätte er nicht das tiefe Leiden des
rechtschaffnen Freundes in Gesicht und Mienen gesehen Er hörte also geduldig zu
und aus bis der gekränkte Hypochondrist sich erschöpft hatte und fähig war
auf die Frage Was es denn nun eigentlich gegeben habe ohne Umschweife zu
antworten Die Geschichte war ziemlich einfach Wilhelmi hatte schon längst wie
wir wissen Ordnung im Archive stiften wollen welches durch die Vereinigung
mehrerer Registraturen von andern Gütern des Herzogs eine ungeheure Überfüllung
bekommen hatte Nicht bloß Wertloses und Reponiertes lag über und
untereinander selbst Urkunden hatten schon aus Bergen von Akten mühsam
hervorgezogen werden müssen Es schien um diesen Wust zu lichten und Platz für
das Aufbewahrungswerte zu gewinnen kein andrer Rat möglich als die
Repositorien bis unter die Decke des Gewölbes zu erhöhn Dieser Einrichtung
stellte sich nun hauptsächlich ein Schrank von gewaltiger Tiefe und Breite
entgegen welcher zwei Drittel der einen Wand bedeckte Wilhelmi bestand darauf
das riesige Möbel zu entfernen der Herzog wollte es nicht von der Stelle
gerückt wissen Hierüber kam es zwischen beiden zu einem heftigen Auftritte
welcher damit endigte dass Wilhelmi seinen Dienst aufsagte und der Herzog ihm
erwiderte er halte niemand der nicht bei ihm bleiben wolle
    Seit diesem Tage lebte er im Kruge wollte abziehn und ließ doch seine
Sachen im Schloss indem er sich vorsagte dass er die Geschäfte erst ordnen
müsse gleichwohl aber von Tage zu Tage verschob Hand daran zu legen Seine
beste Lebensnahrung entging ihm seit er nicht mehr von den Blicken der Herzogin
zehrte Er sah übel aus Hermann suchte den trübsinnigen Lieben der wie er
sagte irgendwo Galerieinspektor werden wollte um nicht mehr mit Menschen
sondern nur noch mit Sachen zu tun zu haben zu trösten und nahm sich gleich
vor Versöhnung zu stiften
    Er erinnerte sich der Theorie welche die alte Rektorin für ähnliche Fälle
angeraten hatte begann also damit dem Herzoge der jetzt gegen ihn in der
gnädigsten Laune war zu sagen wie sehr Wilhelmi den Vorfall bedaure und sich
seiner Hitze schäme
    Der Herzog hatte grade den Brief des Oheims welcher seine Ankunft nunmehr
auf die nächsten Tage verkündigte empfangen Er war nachdenklich und in sich
gekehrt »Ich brauche ihn zwar nicht« erwiderte er auf Hermanns vermittelnde
Reden »aber wenn er kein andres Unterkommen hat so mag er immerhin einstweilen
zurückkehren«
    Hierauf sagte Hermann zu Wilhelmi dass der Fürst nur ungern an die
Übereilung denke deren auch er sich schuldig wisse Er wünsche nichts
sehnlicher als die Wiederkehr des alten bewährten Dieners ohne den er wie er
fühle nicht bestehn könne Über Wilhelmis Gesicht flog es wie wenn die Sonne
im Januar auf Eisfelder scheint er rief »Dann ist es freilich meine Pflicht
den Vorfall zu vergeben«
    Kurz nachdem Hermann noch einige Male hin und her parlamentiert hatte
brachte er die Ausgleichung zustande Die Szene hatte etwas Diplomatisches Der
Herzog kam wie zufällig begleitet von einigen Verwaltern bis an die Grenze
des Parks geritten dort fand er Wilhelmi der ebenso zufällig daherum
spazierengegangen war Der Herzog hob sich etwas im Sattel grüßte den
Verbannten und sagte in leichtem Tone als ob nichts vorgefallen wäre »Ah« 
Wilhelmi der gebückt und einigermaßen verlegen vor dem Herrn stand erwiderte
»Ja« Der Herzog machte einen Gestus nach dem Schloss zu und sagte »Nun«
worauf der andre sich von seinem Freunde in das Schloss führen ließ und noch vor
Abend große Päcke Korrespondenz erhielt welche freilich inzwischen unerledigt
geblieben waren
    Hermann der den Friedensstifter Festordner Vertrauten abgeben musste
nebenbei noch Bräutigam war und zu allem Überflusse die aufregendsten
Entdeckungen gemacht hatte hätte sich nur gleich zerteilen können um allen den
verschiedenartigen Anforderungen zu genügen Man verlangte ihn hier man
verlangte ihn dort man verlangte ihn allenthalben Im stillen durfte er sich
doch die Frage vorlegen was denn aus allen diesen Dingen hätte werden sollen
wenn er nicht zufällig im rechten Augenblicke hergekommen wäre
    Wahrhaft unleidlich war ihm die Aufdringlichkeit des Amtmanns der wie an
seine Fersen gebannt zu sein schien Die Bemerkungen dieses Menschen hatten alle
etwas Gemeines und Höhnisches er war der Sklav der um die Schwächen der
Herrschaft weiß und in dieser Kunde sich dreist und behaglich fühlt »Sie
glauben nicht mein gnädigster Herr« sagte er als er jenen am Abend vor dem
Feste auf dem Turnierplätze fand beschäftigt die Anstalten noch einmal
sorgfältig zu überschaun »wie viele Verändrungen ein alter treuer Diener mit
durchmachen muss der so ein fünfzig Jahre nebenher gegangen ist Der Herr Vater
würden über diese Gerüste recht lachen und der Herr Großvater kreuzigten und
segneten sich gewiss hörten sie von dem vielen Gelde was sie gekostet haben
Der Herr Großvater taten nichts als sparen und schaben Bäume pflanzen Feld
und Vieh in Ordnung halten Wie oft erinnre ich mich aus seinem Munde gehört zu
haben Wenn man alles hätte müsste man noch etwas mehr zu bekommen suchen Der
Herr Sohn war denn schon anders brachte Mosen und die Propheten wieder unter
die Leute in der Jugend hatte er ein empfindliches Herz aber schön war es die
Liebe brachte ihn nie in groß Leid er wusste sich immer mit so guter Manier zu
helfen Nachmals als die Kräfte schwanden wollte der Selige Gold kochen
späterhin sahen wir Geister und endlich wurden wir gar fromm und ließ uns von
Rom einen Priester kommen nicht so einen der in der Sache jung geworden und
auferzogen worden ist, nein einen express sich selbst Verfertigtabenden welche
immer gleich der eigengemachten Leinwand die besten sein sollen Nun sind denn
endlich Seine Durchlaucht an das Regiment gekommen da geht alles groß und
staatisch zu ich glaube sie legen sich sogar mit ihren Orden zu Bette das
habe ich nun so insgesamt mit angesehen und was werde ich vielleicht noch alles
erleben müssen«
    In diesem Geschwätze fuhr er fort obgleich Hermann ihn durch
dazwischengeworfne verdrießliche Fragen abzubringen versuchte Endlich rief er
»Wenn ich nur einmal das Glück hätte die ganze liebe Familie hier beisammen zu
sehen« Worte über die Hermann nachdenken musste und deren Sinn er nicht
ergründen konnte
    Man war nunmehr dicht vor dem Tage um welchen man sich eine so bedeutende
Mühe gegeben hatte Es herrschte die größte Bewegung Die gemeinschaftlichen
Mittags und Abendtafeln waren aufgegeben worden jeder aß wie und wo er
konnte Schon war das Schloss von Besuch halb voll denn mehrere vorsichtige
Familien hatten es für ratsam gehalten sich beizeiten in Besitz zu setzen um
nicht mit der heranflutenden Masse vermischt übel quartiert zu werden Niemand
konnte sich um diese Gäste bekümmern und da sie ihrerseits es für unschicklich
hielten vor der Stunde des Festes öffentlich zu erscheinen so verbrachten sie
in ihren Zimmern eingesperrt in der Tat eine sehr unbequeme Gefangenschaft
    Noch zur rechten Zeit vernahm Hermann dass jene Gutsbesitzer die es nicht
verschmerzen konnten uneingeladen geblieben zu sein einen satirischen Streich
auszuführen beabsichtigten und zu dem Ende in der Stadt wie in einem
Feldlager zahlreich versammelt wären Er hielt sogleich mit Wilhelmi und dem
Arzte einen Kriegsrat in welchem anfangs mehrere ideelle und geistige
Gegenoperationen zum Vorschlag kamen
    Zuletzt aber sah man ein dass hier die körperlichste Abwehr wohl die beste
sein dürfte Man beschloss daher auf allen Straßen die zum Turnierplatz
führten tüchtige Schlagbäume errichten zu lassen und deren Bewachung sichern
Männern mit gemessner Unterweisung anzuvertraun
    Eine augenblickliche Verlegenheit hatte sich erhoben als Hermann die Liste
der Eingeladnen durchging und deren Zahl mit der Größe der Tribünen verglich
von denen die Standespersonen dem Feste zusehn sollten Es zeigte sich dass sie
viel zu groß angelegt worden waren kamen auch alle Gäste kaum ein Dritteil der
Sitze konnten sie anfüllen Der Gedanke das Karoussel vor leeren Polstern
stattfinden zu lassen war nun gar zu unerträglich man bestimmte sich daher zu
einer freilich verzweifelten Auskunft Die Herzogin sandte nämlich nachdem
vergeblich alle übrigen Mittel und Wege erwogen worden waren in größter Eile
nachträgliche Einladungen an sämtliche Honoratioren des Städtchens deren
Ehehälften und Töchter ab um durch ihre Gegenwart die dünnen Reihen des Adels
zu verstärken Aber auch dies würde noch nicht genug verschlagen haben wenn
nicht glücklicherweise ein Regiment welches sich auf dem Marsche befand in der
Stadt eingerückt wäre um dort auf einige Tage haltzumachen Kaum wurde bei
demselben die Mär von dem Feste ruchtbar als das ganze Offizierskorps den Chef
an der Spitze sich auf den Weg machte und der Herzogin Visite abstattete
worauf es denn auch in corpore seine Einladung empfing
    Nun senkte sich die Nacht zur Erde nieder aber im Schloss und um dasselbe
blieben gewiss gegen hundert Menschen wach Die Köche sotten und brieten an ihren
Feuern die Tafeldecker ordneten die Speisetische die Bedienten rannten mit dem
Silberzeuge treppauf und treppab der Haushofmeister bereitete die Dislokation
der Gäste vor und schrieb Nummern an alle Stubentüren Bei Laternenschein
behingen die Tapezierer die Brüstungen der Tribünen mit Teppichen und
vollendeten den Aufputz der Pavillone in welchen die Kavaliere vor dem Beginne
des Festspiels verweilen sollten Von weitem klang das Hämmern der Zimmerleute
welche die Schlagbäume fertigten wodurch man die Feier des Tages vor roher
Unbill zu schützen gedachte
    Auch die fürstlichen Personen genossen wenig Ruhe insbesondre tat die
Herzogin kein Auge zu Hermann war bei seinem Oheim der noch vor Abend
angekommen und in der Stadt abgetreten war Den Inhalt ihrer Gespräche und die
denkwürdigen Dinge des nächsten Tages werden wir in den folgenden Kapiteln
berichten
 
                                Neuntes Kapitel
Der Oheim fuhr erschreckt zurück als ihm Hermann seine Verlobung ankündigte und
Zustimmung begehrte »Das geht nun und nimmer an« rief er »Jetzt also verstehe
ich den Brief des armen Kindes worin sie ängstlich bittet sie um jeden Preis
zurückzunehmen« Hermann bat vergebens um eine Erklärung dieses Versagens »Bin
ich Ihnen denn so schlimm abgeschildert lieber Oheim« fragte er »Auch Ihre
Briefe waren immer so kalt und die Tante empfing mich wie einen Fremden
Weshalb stoßen mich meine Verwandten zurück da ich so herzlich wünsche mich
ihrem Kreise anzuschließen«  »Du gehst deinen Weg und wir gehen den unsrigen«
versetzte der Oheim
    »Ich bitte Sie entziehn Sie mir die Hoffnung auf Kornelien nicht ganz«
rief Hermann »Lassen Sie mich um sie dienen prüfen Sie mich lernen Sie mich
kennen Diese Bitte dürften Sie auch dem Schlechtesten nicht abschlagen«
    »Wir wollen vermeiden uns zu erhitzen« sagte der Oheim »Kornelie ist mir
von einem alten Freunde dessen Fleiße ich einen großen Teil meines Vermögens zu
danken habe hinterlassen sie ist meine Mündel meine Pflegetochter ich habe
die Pflicht für ihr Bestes zu sorgen Ist sie volljährig so mag sie nach
Gefallen über sich entscheiden«
    »Volljährig« sagte Hermann mit einigem Eifer »Sie ist jetzt grade sechzehn
geworden«
    »Oder seid ihr einig« fuhr der Oheim kaltblütig fort »so tut was euch die
Gesetze erlauben Es ist vernünftig dass man das Glück junger Leute nicht einzig
von dem Ja oder Nein der Väter und Vormünder abhängig gemacht hat denn auch die
Alten können sich irren Klagt also gegen mich gebt der Behörde eure Gründe an
ich werde die meinigen beibringen wir wollen es auf den Spruch des Richters
ankommen lassen und du sollst es dann an der Ausstattung nicht merken dass
meine Einwilligung ergänzt worden ist
    Hermann verwarf mit Entrüstung diesen Vorschlag »Niemals« rief er »werde
ich ein Mädchen welches ich liebe in Zwiespalt mit ihrer Dankbarkeit
versetzen Kornelie weiß was sie Ihnen schuldig ist und ich bin der Sohn Ihres
Bruders Können wir nicht in Geduld und Harren Ihre Weigerung auflösen so
wollen wir lieber unglücklich sein«
    »Das ist die Jugend« sagte der Oheim »Ein wahres Trübsal dass viele
Menschen meinen das Leben lasse sich auf Empfindungen Zartsinn und
Gefälligkeiten erbaun denn aus dieser hohen Stimmung entspringen in der Regel
grade die gemeinsten Folgen Man muss mit Verstand zu rechnen wissen und von
sich und andern nie eine andre Maxime erwarten als die dass erlaubt sei was
nicht verboten wurde Dann legt man zu seinem Geschicke einen tüchtigen
Grundstein und das Schöne und Gute findet sich wohl obendrein hinzu In
entgegengesetzter Richtung handeln heißt an Blütenzweige Zentnergewichte
hängen Du siehst ich kann auch in meinem Fache zum Dichter werden wenigstens
war dieses wie mich dünkt ein passendes Gleichnis«
    Hermann war an das Fenster getreten um seine Aufregung zu verbergen Der
Oheim stand eine Zeitlang schweigend am Tische dann ging er zu ihm legte ihm
die Hand auf die Schulter und sagte mit dem gutmütigen Tone der diesem Manne
trotz seiner Kälte eigen sein konnte »Du dauerst mich armer Narr Aber sieh
über gewisse Dinge Verhältnisse und Konjunkturen habe ich nun einmal meine ganz
bestimmte Meinung von der ich nicht ablassen kann da meine sechzig Jahre sie
mir immer bestätigten So wenig ich meinen Sohn Ferdinand Soldat werden lasse
so wenig ich Kornelien an einen Seefahrer verheiraten würde so wenig bekommst
du sie mit meinem Willen Die Sünden der Väter sind eine Last für die
unschuldigen Kinder es ist schlimm aber wer kann es ändern«
    »Entdecken Sie mir denn was Sie von mir von meinen Eltern wissen« rief
Hermann »Was für Gespenster der Vergangenheit schleichen um mich her Was
bedeuteten die Tränen meiner Mutter die Seufzer meines Vaters Was sollen die
Bilder Inschriften und Erinnrungsdenkmale die mich in den Zimmern des Herzogs
wie gefährliche Zauberzeichen anstarrten Reden Sie ich will alles erfahren«
    »Frage deine Brieftasche« versetzte der Oheim »Den Willen meines Bruders
habe ich vollstreckt etwas Weitres fordre nicht von mir Den Inhalt fremder
Geheimbücher verrät kein rechtlicher Kaufmann«
    Er brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand und fragte Hermann
wann das Fest vorbei sein werde da er gleich nachher den Herzog zu sprechen
wünsche indem seine Zeit gemessen sei Jener sagte ihm darauf das Nötige und
eröffnete ihm dass er von der Herzogin den Auftrag empfangen habe ihn ebenfalls
einzuladen Er beschwor ihn dieser freundlichen Frau mit Freundlichkeit zu
begegnen »Wüssten Sie« rief er »was für Menschen diese die Sie angreifen
wollen trotz aller ihrer Schwächen und Vorurteile sind Sie würden in Ihrem
grausamen Beginnen wankend werden«
    »Grausam« versetzte der Oheim einigermaßen empfindlich »Du gehst mit den
Worten nicht eben genau um Ich will ihnen ja einen Vergleich vorschlagen und
einen billigen Wir wollen miteinander teilen sie bleiben dann noch immer reich
genug Ich erzeige ihnen die Ehre selbst zu kommen da sie meinen Sachwalter
verführt haben Wie kann man nachgebender gefälliger sein«
    »Soviel ich von diesem Handel weiß« sagte Hermann »ist er der
ungereimteste der sich denken lässt Sie der Bürgerliche werfen dem Edelmann
den Flecken seiner Abstammung vor und wollen aus diesem Grunde Sie ihn von
Haus und Hof treiben Ein solcher Erwerb den nur der Widersinn mir zuwerfen
könnte würde mir Grauen verursachen«
    »Gib mir die schönen Güter das andre will ich tragen« erwiderte der Oheim
»Habe ich die Rechte gemacht Bin ich schuld an den Verwicklungen der Zeit
Glaubst du dass ich mich wie ein Geier auf die Beute stürze Kommt es zum
Prozess und verliere ich ihn so werde ich an dem Tage wo ich es erfahre nicht
um ein Haarbreit unzufriedner sein denn ich weiß recht wohl dass mit den
Reichtümern auch die Sorgen wachsen und dass man nur bis auf einen gewissen
Punkt besitzt Darüber hinaus hat man eigentlich nichts mehr von dem Seinigen
Aber eine günstige Gelegenheit von der Hand schlagen zu einem Glücke welches
uns gleichsam zugeworfen wird sagen Geh ich mag dich nicht das würde ich
weder vor mir noch vor meiner Familie noch vor den vielen Menschen die von
mir leben verantworten können Auch ist es endlich einmal Zeit dass eine bessere
Ordnung in der Welt gestiftet wird Das Herz blutet einem wenn man sieht wie
sie mit dem Ihrigen wirtschaften So erfuhr ich im Vorüberfahren dass der Herzog
einen herrlichen Kalkbruch der ihm jährlich die sicherste Rente abwerfen würde
aus bloßem Eigensinne nicht aufbrechen lässt Weil sie nie etwas zu erringen
brauchten so denken sie auch nicht an das Vermehren kaum an das Bewahren
    Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes und wenn sie
sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt so ist des Verwunderns kein
Ende Du weißt es nicht denn du bist noch zu jung wie uns andre dieses
bevorzugte Geschlecht drückte peinigte verdrängte wie es sein Gift in das
Innerste unsrer Häuser spritzte Ja mir kann groß zumute werden wenn ich an
manches was vorgefallen ist mich erinnere und nun bedenke dass ich es bin
der das Messer in der Hand hat um «
    Seine Augen blitzten die hagre Gestalt wurde länger seine Gebärde hatte
etwas Erhabnes Doch besann er sich vollendete den Satz nicht und fuhr in
gleichgültigem Tone fort »Es ist noch nicht so gar lange her dass wir nur mit
dem Beisatze Bürgercanaille genannt wurden wenngleich das jetzt schon wie
veraltet klingt Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtnis für
unsre Kränkungen und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen wie die
Sündflut oder den Untergang der Welt durch Feuer obschon manche Zeichen dahin
deuten dass man an tausend Ecken und Orten mittelbareroder auch
unmittelbarerweise versucht die Zeit der Junker ihrer gnädigen Öhme und Basen
zurückzuführen Was mich betrifft ich will mich wenigstens an meinem Platze
bestreben die alten Feudaltürme und Burgverliesse zu sprengen«
    »Vergessen Sie nur nicht« sagte Hermann »dass man wenn man die Hand an
dergleichen altes Gemäuer legt leicht Vipern und Nattern mit aufstört oder
giftige Schwaden entbinden hilft die einem gefährlich ja tödlich werden
können
    »Das ist mir zu hoch und ich verstehe es nicht« erwiderte der Oheim »Wir
haben aber die Nacht zum Tage gemacht lass uns wenigstens noch etwas schlafen
Ich möchte sonst morgen bei eurer Lustbarkeit die mir ohnehin Langeweile genug
machen wird die Augen nicht offenhalten können«
 
                                Zehntes Kapitel
Als der Oheim sich andern Tages ankleidete bemerkte Hermann dass ein schwarzer
Flor um den Arm lag »Wen betrauern Sie« fragte er bestürzt
    »Meine Frau« versetzte der Oheim ruhig »Ihr altes Übel hat sie gleich nach
deiner Abreise ergriffen und dieses Mal doch überwältiget Leider war ich zu
entfernt als ich die Nachricht bekam um noch zur rechten Zeit zur Bestattung
eintreffen zu können ich habe diese Sorge andern überlassen müssen«
    »Großer Gott« rief Hermann »und davon sagen Sie mir erst jetzt etwas«
    »Warum denn früher Du hast sie nur wenige Wochen gekannt wie kannst du ein
Interesse an ihr haben Leere Beileidsbezeugungen sind mir zuwider Sie ist
schlafen gegangen ein paar Stunden eher als ich das ist alles Mein Platz an
ihrer Seite wird mir nicht entstehn Nun geh nur voran ich will noch etwas in
meinen Papieren lesen es möchte dir ohnehin bei deinen Gönnern und Beschützern
schaden wenn du in meiner Gesellschaft erschienest«
    Hermann ging ganz verwirrt über diesen Mann von dessen Fassung er nicht
wusste ob er sie für Wirkung der Gefühllosigkeit oder der Seelenstärke halten
sollte
    Auf dem Platze vor dem Schloss kam ihm Wilhelmi entgegen und rief »Wo
bleibst du Die Neidharte sind überwunden unsre Wächter haben sich tapfer
gehalten« Er erfuhr von dem Freunde dass sich auf einem der Wege die sowohl
zum Schloss als zum Turnierplatze führten ein abenteuerlicher Zug gezeigt
habe Große Schlittenkufen auf Räder gesetzt rollten von schellenbehangnen
Pferden gezogen und von Harlekinen gefahren daher In diesen Gefähren saßen
maskierte Gestalten deren Aufputz eine Mischung aller möglichen Kostüme war
Sie begehrten am Schlagbaume Einlass und hielten dazu eine Rede in
Knittelversen deren Sinn ungefähr dahin ging dass wo man Anno dann und dann
Turnier spiele Gäste die im Sommer Schlittenfahrt hielten gewiss willkommen
seien
    Wilhelmi hatte in der Nähe gelauscht alles verstanden und auch leicht die
Stimme eines der missgünstigen Gutsbesitzer erkannt Der Wächter nahm sich bei
diesem satirischen Anfalle ganz vortrefflich Er tat gar nicht als ob er den
Spruch höre ließ den Balken des Schlagbaums im Schloss und drehte den
Schlittenfahrern schweigend den Rücken zu Auf solche Weise wird die Wirkung
jedes Hohns am sichersten vereitelt Nachdem die Schlittenfahrer noch einige
Male ihre Xenie wiederholt hatten ohne etwas auszurichten kehrten sie da sie
doch nicht gradezu Gewalt brauchen wollten um und versuchten einen weiten
Umweg machend auf einem andern Punkte einzudringen Aber auch hier fanden sie
einen Schlagbaum und einen Wächter der dem ersten glich Es half nichts sie
mussten abziehn und sich in ihrer lächerlichen Verkleidung hin und wieder von
mutwilligen Buben beschrien durch die Feldmark zerstreun
    Wilhelmi zog Hermann nach dem großen Zimmer des Herzogs welches im Schloss
nur der Audienzsaal hieß weil der Fürst darin die vornehmeren Besuche zu
empfangen pflegte Sie fanden ihn umgeben von dem ganzen Hausstaate
beschäftigt die Glückwünsche der Versammlung entgegenzunehmen Er trug seine
goldbestickte Generalsuniform war überaus freundlich und sagte zu Hermann als
dieser sich ihm mit schicklichen Worten näherte scherzend »Nun heute werden
wir wohl auch unsre Stallmeisterkünste genugsam zeigen nicht wahr« Doch dann
sich besinnend und ehe noch Hermann sagen konnte dass er dem Feste nur als
bescheidner Zeuge beizuwohnen wünsche maß er unsern Freund von oben bis unten
mit den Augen und flüsterte dann »Ah so«  Hierauf gab er ihm huldvoll die
Hand und würde gewiss den Kuss darauf geduldet haben wenn Hermann einen solchen
beabsichtigt hätte Er rief ihn Wilhelmi und den Arzt in einen Winkel und
sagte dort zu dem Hypochondristen vor diesen Zeugen »Ich gedenke auch Ihnen in
den nächsten Tagen ein Beispiel zu geben dass ich nicht an Vorurteilen hafte
und vernünftige Neuerungen geschehen lassen kann Nur muss alles im Wege der
Reform vor sich gehen und nicht auf tumultuarische Weise«  Wilhelmi nahm
Hermann nach diesem Erlasse beiseite und sagte »Er ist doch durch die
Entdeckung der alten Rüstungen rein toll geworden Wie wenig gehört dazu um in
beschränkten Köpfen das bisschen Vernunft gären zu so machen«  »Ei lass ihn
Lieber« versetzte Hermann »Er sieht heute gar zu stattlich aus und ist ein
beneidenswerter Mann«
    Unbeschreiblich reizend war nämlich die Herzogin anzuschaun Sie hatte mit
feinem Sinne einen Putz gewählt der obgleich fremdartig und phantastisch sich
doch zu der modernen Kleidung ihres Gemahls harmonisch verhielt Denn sie wusste
wohl dass dieser nicht zu bewegen sein würde anders als in seiner eigentlichen
Kleidung zu erscheinen Als Hermann zu ihr trat sagte sie ihm leise und
angelegentlich »Wir werden Sie nach diesen unruhvollen Tagen noch einige Zeit
in der Stille und Einsamkeit hier behalten Nicht«
    Man wiederholte in diesem vertrauten Kreise die Ordnung des Tages wie sie
beobachtet werden sollte Die Einladungen waren auf die Mittagsstunde gestellt
worden Auf dem Georginenplatze den aber jetzt Schneebälle Lilien und
Maienrosen schmückten hatte man ein geräumiges Gartenzelt errichtet unter dem
sich die Gesellschaft versammeln sollte Das Lesekabinett war mit seinen
anstoßenden Räumen gleichfalls geöffnet worden damit für jeden Platz und
Freiheit bleibe Eine Seitenverwandte des Hauses die man Gräfin Teophilie
nannte sollte die Honneurs machen bis die fürstlichen Personen eintreten
würden Man hatte sie zu diesem Zwecke ausdrücklich kommen lassen Herzog und
Herzogin wollten erst sichtbar werden wenn alles versammelt wäre Nach den
Bewillkommnungen sollte ein Herold zu Pferde vor dem Zelte erscheinen und das
ritterliche Spiel ankündigen Man hatte die ungefähre Dauer des letzteren
berechnet und die Tafelstunde danach auf vier Uhr nachmittags festgesetzt
Gespeist sollte im Ahnensaale werden wo ein Hufeisen für vierhundert Personen
gedeckt war Um sechs Uhr sollte das Mahl zu Ende sein und jeder nach Belieben
sich umtun dürfen Als heitre Zwischenunterhaltung waren für diesen Zeitpunkt
die Ergötzlichkeiten der Leute das Scheibenschiessen der Hahnenschlag das
Klettern und was sonst noch daran gereiht war bestimmt Im Ahnensaale war
unterdessen aufzuräumen zu erleuchten und alles für den Ball herzurichten der
dort Schlag acht Uhr beginnen sollte
    Jeder der Anwesenden hatte seinen Auftrag was um so nötiger war da man um
auch den Leuten möglichst viel Vergnügen zu gönnen nur den unentbehrlichsten
Teil der Hausdienerschaft zur Aufwartung beibehalten und den übrigen erlaubt
hatte an den Volkslustbarkeiten teilzunehmen Man hatte deshalb von den
umliegenden Gütern sich eine Menge fremder Menschen erbitten müssen deren
Dienste immer nicht so zuverlässig erschienen als die der eignen vollkommen
regelrechten Livree
    Wilhelmi übernahm es den Wagenzug vom Gartenzelte nach dem Turnierplatze zu
ordnen der Arzt wollte für Aufrechtaltung des Ballreglements Sorge tragen was
Küche und Keller betraf so konnte man sich in dieser Hinsicht auf den
Haushofmeister verlassen der ein sehr sichrer gewandter Mann war Hermann
endlich hatte sich das im stillen wirkende Amt des Ordners bei dem Festspiele
selbst erbeten
    Unter diesen Besprechungen war es Mittag geworden und man konnte die Gäste
erwarten Verlangend sahen Herzog Herzogin und die bei ihnen im Audienzsaal
Verbliebenen nach der Allee vor den Toren des Schlosses in welche sämtliche
Wege die zu demselben führten einmündeten Nichts erschien nur die Stäubchen
wehten im Sonnenscheine Die roten und gelben Fahnen mit den Wappen des Herzogs
auf den Spitzen der Pavillone flatterten über den Stauden des Parks Trompeten
und Pauken ließ sich von dort hin und wieder in ungeduldigen Fanfaren hören
am Gartenzelte harrten der Haushofmeister und die Dienerschaft mit den
bereiteten Erfrischungen aber kein Wagen kein Reiter kein Fußgänger wollte
erscheinen Straße Hof und Park waren wie ausgestorben
    Nachdem man so länger als eine Stunde vergebens gewartet und alle
Möglichkeiten in Vermutungen über den Grund dieses auffallenden Zögerns
erschöpft hatte sah man plötzlich einen bunten Jockei atemlos und bestürzt auf
den Hof gelaufen kommen »Zu Hilfe« rief der Knabe »wir können nicht hinein
Auch ich habe mich nur mit genauer Not so durchgeschlichen«
    Auf der Stelle stieg Hermann zu Pferde und ritt dem Knaben nach der den
Weg einschlug auf welchem die meisten der Besuchenden kommen mussten Dieser Weg
lief zwischen hohen Erdwänden hin und war etwa eine kleine halbe Stunde vom
Schloss durch einen der Schlagbäume gesperrt worden An letzterem nahm nun
Hermann das lächerrlichste Schauspiel wahr Jenseits des Schlagbaums hielt eine
unabsehliche Reihe von Wagen und Reitern von denen die vordersten mit heftigen
Reden die Erhebung des Balkens begehrten diesseits stand der Wächter
unbeweglich ungerührt und drehte der ganzen Gesellschaft den Rücken zu
    Bald hatte Hermann die Erklärung dieses Auftritts vernommen Der Wächter
hielt sich streng an seine Instruktion welche ihm verbot Leute von
fremdartigem Ansehen durchzulassen Er meinte die Worte des Befehls auch auf den
Zug der Eingeladnen anwenden zu müssen von denen die meisten in ungewöhnlichem
Anzuge erschienen Vergebens waren alle Deutungen und Bedeutungen gewesen der
Wächter schwieg und behielt den Schlüssel in der Tasche Da nun der Weg wie wir
ihn beschrieben haben durchaus keine Umgehung gestattete und der Wächter
einigen Bedienten die unter dem Balken durchkriechen wollten um im Schloss
das Hindernis zu verkündigen mit unzweideutiger Gebärde seinen Spieß vorhielt
so sah sich der ganze Reigen eine geraume Zeit lang in der seltsamsten Lage und
wie im Zustande des Banns vor einem verzauberten Kastell bis es jenem gewandten
Knaben glückte vorbeizuschlüpfen
    Verdriesslich über die Dummheit des Wächters entriss Hermann ihm den
Schlüssel machte am Schlage des vordersten Wagens den Damen schickliche
Entschuldigungen und erbat sich einige berittne Diener die er sofort nach den
andern Schlagbäumen abfertigte Wirklich war diese Vorsorge nötig gewesen denn
überall trafen die Boten auf die nämliche Szene Die Wächter hatten sämtlich in
der Überzeugung gestanden dass an solchen Tagen eine buchstäbliche Auslegung der
Gesetze die sicherste sei und nach diesem Grundsatze verfahrend Ritter und
Edelfrauen abgesperrt
    Überhaupt schien ein schalkhafter Kobold an diesem Morgen die Sinne der
Menschen zu betören Der so kluge und einsichtsvolle Haushofmeister hatte im
Strudel seiner Geschäfte gänzlich vergessen dass der eine Flügel schon von den
frühzeitig eingetroffnen Besuchern erfüllt war und in der Absicht verwahrt zu
halten was nicht auf der Stelle benutzt werden sollte die große Türe desselben
verschließen lassen Bei solchem Zudrange eine an sich löbliche Vorsicht
    Nun vernahm der Herzog während Hermann bei dem Schlagbaume beschäftigt war
von der Seite jenes Flügels her ein donnerartiges Getöse schickte hin und
hörte dass ein Teil der Gäste dort ebenfalls versperrt sei welcher sich mit
trommelnden Händen und Füßen abmühe Erlösung aus dem Kerker zu gewinnen Der
Haushofmeister war nicht gleich zu finden und so mussten jene noch eine ganze
Weile hinter Schloss und Riegel verharren
    Blitzschnell war Hermann vom Schlagbaume zurückgesprengt und hatte dem
Herzoge das dort Vorgefallne gemeldet Dieser ließ um das Gedränge vor der
Allee zu hindern verschiedene Seitenwege durch Wiesen und Baumgärten öffnen Auf
einmal verwandelte sich nun die bisherige Einsamkeit in das Getümmel des regsten
und buntesten Lebens Durch die Allee über Wiesen und Baumflecke von allen
Richtungen her rollten glänzende Equipagen trabten geschmückte Reiter auf
kräftigen oder zierlichen Tieren heran Barette Henriquatres Sammetmäntel von
allen Farben Unterkleider von schneeweisser Seide gelbe oder rote Stiefelchen
goldne Sporen hoben manche jugendliche Gestalt trefflich hervor In den Wagen
klopften die schönsten Busen unter Gold Atlas Spitzen und Stickerei blitzten
die anmutigsten Augen unter wehenden Reiherfedern während ehrwürdige ältere
Herrn und Damen in Silbergrau Braun und Schwarz gewissermaßen den dunkeln
Grund bildeten auf welchem die Blumen des Festes wuchsen Dazu die scharlachnen
Hauptgestelle der Pferde das weiße und rote Sielenzeug die galonierten Livreen
der Kutscher und Diener Kurz als auch die Flügeltüre ihre geputzten Gafangenen
hervorgelassen hatte als die Wege von den Herbeieilenden zurückgelegt worden
waren so gab es im Schlosshofe ein Gewimmel von Farben Figuren von Glanz und
Schimmer welches würdig zu beschreiben eine geschicktere Feder als die
unsrige ist kaum vermöchte Abstechend nahmen sich gegen die Gestalten des
Mittelalters freilich die neuen Uniformen der Offiziere und die schlichten
Röcke der Bürgerlichen aus aber auch diese Kontraste erhöhten nur den
mannigfaltigen Reiz des Anblicks
    Da die Zeit über die Gebühr vorgerückt war so säumten die fürstlichen
Personen nicht im Gartenzelte zu erscheinen als sie meinten dass dort alles
sich zusammengefunden haben würde Bei ihrem Eintritte entstand ein fröhlicher
Tumult man drängte sich um sie verneigte sich begrüßte sie Der Scharfblick
der Herzogin hatte bald wahrgenommen dass die Gattinnen und Töchter der
Honoratioren aus der Stadt sich unter so vielem Samt und so glänzender Seide
in ihren weißen Batistkleidern etwas verlegen fühlten während die Männer und
Väter eher trotzig und herausfordernd vor den gleissenden Rittern standen Mit
bezaubernder Freundlichkeit wandte sie sich vorzugsweise an jene Frauenzimmer
und hatte wirklich in kaum fünf Minuten jeder eine Artigkeit gesagt so dass
alle wie neugeboren Luft schöpften
    Inzwischen bemerkte der Herzog den Oheim der grau gekleidet mit
Schnallenschuhn wie er sich immer zu tragen pflegte im Lesezimmer stand und
ein eifriges Gespräch mit einigen der prächtigsten Paladine führte deren
Geschäftsfreund er war Sobald er konnte ging der Fürst dorthin Der Kaufmann
trat ihm einige Schritte entgegen und sagte bescheiden »Es tut mir leid dass
ich von dieser Festlichkeit früher keine Kunde bekam ich würde Ew Durchlaucht
sonst meinen Anblick erspart haben der grade heute Denenselben nicht angenehm
sein kann«  »Warum das« versetzte der Herzog im besten Ton und reichte dem
Kaufmann die Hand »Jedes Ding hat seine Stunde Heute das Vergnügen morgen die
Arbeit auf beides bin ich gefasst«
    Trompeten schmetterten ein Herold kam geritten und sagte folgenden Spruch
her
Die Bahn ist abgesteckt die Fahnen wehn
Wohlauf ihr Kavaliere reinen Bluts
Wer einen Degen lässt zur Seite sehen
Der gebe Zeugnis auch des Rittermuts
Hierauf wurden die Damen wieder zu den Wagen geführt die Herrn sahen nach ihren
Rossen Ein prächtiger Sechsspänner fuhr vor in den der Herzog mit seiner
Gemahlin sich setzte Wilhelmi ordnete die Reihenfolge des Zugs Die
Bürgerlichen gingen zu Fuß voran An einem Kreuzwege schwenkten die
Karousselreiter ab Alles war in der größten Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten Die kleinen Neckereien des Zufalls welche vorangegangen waren hatten
die Stimmung erhöht und leidenschaftlicher gemacht Von den Wagen flogen
zärtliche Blicke nach manchem der schmucken Reiter Das Fest begann
 
                                Elftes Kapitel
Um den großen mit Sand reinlich belegten Platz liefen auf zierlichen
Bogenstellungen die Sitzreihen für die Zuschauer von Stande Man hatte dem
Holzwerke eine muntere Färbung gelb und braun gegeben Behänge von rotem Tuch
mit goldnen Fransen gesäumt deckten die Brüstungen In der Mitte dieses
Amphiteaters bezeichneten bessere Stoffe ein Baldachin und das große im
schwersten Zeuge gestickte Wappen des Herzogs den Ehrenplatz Zu demselben bis
dicht unter die Brüstung führten vom Grunde aus tuchbelegte Stufen Hier sollte
die Königin der Schönheit und Minne auf einem tronartigen Sessel Platz nehmen
auf etwas niedrigeren Lehnstühlen neben ihr zu beiden Seiten wollten Herzog und
Herzogin sitzen Zierliche Pagen in Blau und Silber standen hinter Thron und
Lehnstühlen und hielten auf weißen goldgestickten Atlaskissen die
Ehrengeschenke welche die geschicktesten Ritter aus den Händen der Königin als
Dank empfangen sollten In der Auswahl dieser schönen und kostbaren Sachen hatte
die Herzogin ihren ganzen Geschmack bewiesen
    Auf ihre Veranlassung durch Wilhelmis und andrer Vertrauten Bemühungen war
bunte Reihe gestiftet worden die verschiedenen Stände Gäste in und ohne Kostüm
saßen gemischt untereinander ja sie selbst hatte ein gutes blödes Kind welches
ängstlich nach einem freien Platze umherschaute auf einen Sessel in ihrer Loge
genötigt
    Neben dem Kaufmann saß der Enterbte der an dem Karoussel keinen Anteil
nehmen wollte und mit allerhand spitzigen Bemerkungen halblaut um sich warf
    Dem herzoglichen Sitze grade gegenüber leuchtete der große geräumige
Pavillon von roter und gelber Leinwand unter welchem sich die Kavaliere zu Ross
versammelt hielten Die Wappen des Herzogs und der Herzogin standen gepaart auf
beiden Seiten der breiten Öffnung behütet von kräftigen Schildhaltern
    Als alles sich gesetzt hatte richtete sich jeder Blick nach dem Pavillone
In diesem war ein kleiner Verzug entstanden Unterwegs hatte sich nämlich
Hermann wusste selbst nicht wie ein Ritter zu den übrigen gefunden welcher eine
halbe Larve vor dem Gesichte trug Sein Putz überstrahlte an wilder Pracht den
der andern weit ebenso auffallend erschien sein Tier Als man ihn fragte wer
er sei antwortete er er nenne sich den Neffen des Enterbten Im Pavillon
verlangte Hermann dass jener sich demaskieren solle welches höflich aber
bestimmt verweigert ward Hermann wusste nicht recht wie er sich hiebei zu
benehmen habe während er aber noch zaudernd stand ertönte der erste
Trompetenstoss und nun war keine Zeit zu verlieren Um kein Aufsehn zu erregen
und in der Meinung dass hier ein artiger Scherz beabsichtigt werde reihte er
den Neffen des Enterbten eiligst bei dem letzten Gliede ein während die
Trompeter schon aus dem Pavillon ritten
    So breit war die Öffnung des letztern dass mit Bequemlichkeit sechs Mann
hoch ausgeritten werden konnte Voran zogen zwölf Trompeter und Pauker ihre
Instrumente mit schwerem Silberzeug verziert Hinterdrein folgte der Herold in
der Rechten eine große Pergamentrolle haltend Nach ihm ritten in vier Zügen
vierundzwanzig Kavaliere mit entblößten Schwertern Dieser herrliche und
glanzvolle Aufzug bewegte sich unter den Tönen eines triumphierenden Marsches
längs der Umschränkungen des Platzes hin Als er vor dem Balkone des fürstlichen
Paars angelangt war senkten die Kavaliere die Schwerter schwieg die Musik
entfaltete der Herold die Pergamentrolle Er verlas die Namen der Edelleute und
erbat für sie von dem Burgherrn und der Burgfrau Vergunst ritterlich Wesen sehen
lassen zu dürfen Die Herrschaften neigten sich gewährend der Zug setzte seine
Runde fort Nach deren Vollendung zogen sich die Kavaliere wieder in den
Pavillon zurück Trompeter und Pauker aber schwenkten ab und ritten unter dem
Balkone der Herrschaften auf
    Nunmehr war es an der Zeit zu der Wahl zu schreiten welcher alle schönen
Busen mit gerechter Bewegung entgegenschlugen Ein andrer Herold in
Friedenskleidern einen Kranz in den Haaren kam geritten hielt in der Mitte
des Platzes und rief mit lauter verständlicher Stimme
Wann wird der Dank zum lieblichen Gewinne
Wann ihn die Köngin beut der Schönheit und der Minne
Wem ziemt die Wahl Den Schönheit setzt in Qual
Wohlauf ihr Herrn Erkiest sie allzumal
Die Herzogin hatte nämlich um Neid und Eifersucht möglichst zu entfernen
beschlossen dem Zufall das Amt aufzutragen Jeder Herr sollte auf ein
elfenbeinernes Täflein den Namen derjenigen schreiben welcher er die Würde
zudachte Aus diesen Täflein in eine Urne geworfen sollte dann Damenhand das
beglückte Los ziehen Anfangs hatte sie sich hiebei ganz auf den Takt der
Anwesenden verlassen zu dürfen geglaubt bei der nunmehr doch sehr gemischten
Natur der Gesellschaft waren aber den beiden Edelknaben welche die Stimmen
einsammeln sollten geheime Anweisungen erteilt worden und wir dürfen wohl
verraten dass bei dieser Gelegenheit der Unterschied der Stände scharf im Auge
gehalten wurde
    »Was bedeutete der Spruch jenes Menschen« fragte der Kaufmann seinen
Nachbarn »Nichts« versetzte der Enterbte »er drehte sich wie das ganze Fest
um nichts«
    Die beiden Edelknaben der eine mit den Täflein der andre mit der Urne
näherten sich ihnen »Ich wüsste keine der ich die Palme gönnte« sagte der
Enterbte »geschwind alter Herr fällt Ihnen kein Mädchenname bei« Der
Kaufmann erwiderte »Meine Bekanntschaft unter dem jungen Frauenzimmer ist auch
sehr schwach ich kenne fast niemand außer meiner Tochter Kornelie«  »Bravo«
rief der Enterbte schrieb und warf sein Täflein in die Urne
    Nachdem die Knaben den Umgang gemacht hatten erhob der Herold wieder seine
Stimme und rief
Die Lose ruhen verhüllt Von Frauenhand
Wird nun in des Geschickes Dienst gezogen
Und glücklich die der zarte Finger fand
Die andern doch sind auch nicht ganz betrogen
Ob sie auch fern vom Thron des Festes blieben
Ein Herz beherrschen sie des der sie aufgeschrieben
Diese Wendung fand allgemeinen Beifall Man wiederholte sie lachend und
scherzend die anmutigsten Gesichter mussten die meisten Neckereien anhören Ein
alter lustiger Herr sagte »Dies ist sonach die wahre Republik Polen wo jeder
wenn er auch nicht zum Zepter gelangte im stillen sich dazu berechtigt fühlte
Ich fürchte nur« setzte er lauter hinzu »die Erwählte wird ein noch
angefochtneres Regiment haben als jene Sarmatenkönige«
    Der Edelknabe mit der Urne bog sein Knie vor der Herzogin Sie wies ihn an
die vornehmste Dame nach ihr welche in ihrer Nähe saß Diese eine hohe
majestätische Gestalt erhob sich gebot die Lose in der Urne umzuschütten
griff hinein zog ein Täfelchen hervor las und verwunderte sich »Ich finde
hier nur den Namen Kornelie aufgeschrieben« sagte sie zur Herzogin »Wer ist
diese Kornelie Gebe Gott dass nicht mehrere dieses Namens hier anwesend sind
sonst wird es eine schwierige Entscheidung geben«
    Der Herold welcher aufmerksam nach dem Namen hingehorcht hatte fiel mit
dem auf das Stichwort vorbereiteten Spruche ein »Kornelie ist zur Königin der
Minne und Schönheit erwählt worden Ihr Edelfräulein geleitet die Königin zum
Throne« Ein jauchzender Tusch der Trompeten und Pauken bekräftigte diesen Ruf
    Die vier jungen Mädchen welche von der Herzogin zu Ehrendamen bestimmt
worden waren traten hinter ihr Tabouret und sahen der Anweisung bedürftig
auf sie Ein Murmeln lief rings um die Tribünen man fragte nach der
ausgerufenen Dame man überzeugte sich bald dass sie nicht zur Stelle sei Die
Herzogin das Täfelchen von der andern empfangend spielte verlegen damit und
befand sich in grausamer Unschlüssigkeit Der Herzog nahm es ihr aus der Hand
und sagte mit gehaltnem Tone deutlich dass seine Worte über den ganzen Platz
hin vernommen wurden »Da die Königin des Festes wie es scheint abwesend ist
so ersuche ich meine Gemahlin ihre Stelle zu versehn Vielleicht ist diese
Gestalt der Wahl die richtigste denn das Höchste soll uns ja eigentlich immer
fern und unsichtbar bleiben Ich erkläre hiemit im Namen der unbekannten
Schönheit den Thron für besetzt und bitte das Spiel zu ihrer Ehre anfangen zu
lassen«
    Er legte das Täfelchen auf den Thron Die Ehrenfräulein setzten sich auf
Sessel an den Stufen desselben Die Herzogin behielt ihren Platz und blickte
zerstreut vor sich hin Auch ihm sah man an dass er eine kleine Bewegung
niederzukämpfen hatte
    Was Hermann betrifft der von dem Vorfalle durch einen aufmerksamen
Zuschauer unterrichtet worden war so möchte es schwer sein seine Stimmung
genügend zu schildern Es war ihm als blicke er durch ein Kaleidoskop worin
sich unscheinbare Kleinigkeiten zu glänzenden Figuren verbinden Diese deuten
auf Gestalten der Wirklichkeit hin und sind sie doch nicht
 
                                Zwölftes Kapitel
Schon bei den Quadrillen die zuerst abgeritten wurden hatte sich die
Aufmerksamkeit bald vorzugsweise dem Verlarvten zugewendet So gut die übrigen
von tüchtigen Stallmeistern eingeübt ihre Sachen in Schwenkungen und Volten
machten dem Verlarvten kam keiner gleich oder nur nahe Das Staunen über seine
Geschicklichkeit war um so größer als er dieselbe durch den Gegensatz noch zu
heben wusste Denn anfangs hatte er wie im Schlafe auf seinem Tiere gehangen und
war nur so mitgezuckelt hatte auch wohl zum Sattelknopf seine Zuflucht
genommen so dass schon mancher über den Ritter von der schneiderhaften Gestalt
zu lachen begann Auf so einmal aber rückte er sich zurecht alle Muskeln
schwollen von kräftigem Fleische er ritt nicht mehr er schwebte auf dem Gaule
seine Hand spielte mit dem Zügel er führte die seltensten Kunststücke so
edelnachlässig aus als seien sie eigentlich noch unter seiner Würde Hierauf
gefiel es ihm denn auch wohl wieder zur großen Erlustigung besonders der Leute
aus dem Volke die unter den Bogen der Tribünen hinter den Schranken zusahn in
den anfänglichen Schneidertrab zu verfallen und so fesselte er die ganze
Versammlung in Lachen und Bewunderung an sich Was das Merkwürdigste war sein
Tier eine katzenartig gezeichnete lange Schecke die aus tückischen
leuchtenden Augen schaute schien mit dem Herrn völlig eins zu sein Wurde er
über ihr zum Schneider so wurde das Tier unter ihm zur Mähre ließ die Ohren
hängen senkte den Kopf und tat als ob es lahme Sobald dagegen der Reiter er
selbst sein wollte tanzte es wie ein Hirsch flog es wie ein Vogel
    Besonders entzückt über diese Künste war ein alter Landedelmann der einen
Teil seiner Jugend in Grossbritannien zugebracht hatte und alles Pferdewesen
leidenschaftlich liebte Dieser Mann hatte bis dahin seine Nachbarn mit der
unaufhörlich wiederholten Erörtrung der Frage was doch wohl aus ihnen allen
hätte werden sollen wenn die Schlagbäume nicht gehoben worden wären gepeinigt
als die Freude über den Verlarvten jene Untersuchung niederschlug Er lehnte
sich mit beiden Armen auf die Brüstung klatschte unmäßig rief einmal über das
andre »Bravo« und schwor er müsse nach dem Karoussel mit jenem Brüderschaft
trinken »Wenn ich nur wüsste aus welcher Familie er ist« sagte er »Aus unsrer
Provinz kann er nicht sein denn hier sitzen sie doch im Grunde alle wie die
Mehlsäcke zu Pferde er muss von mecklenburgischem Adel sein er macht wahrhaftig
Sachen wie ein englischer Bereiter«
    Nach den Quadrillen welche die Musiker mit den ausgesuchtesten Märschen
begleiteten entstand eine kleine Pause Knappen in grün und weissgestreiften
Wämsern richteten die bewimpelten Pfähle mit den Ringen auf nach welchen nun
das Stechen beginnen sollte Eine große Walze wurde angewendet den von den
Huftritten der Pferde aufgewühlten Sandgrund wieder festzudrücken unter dem
Pavillone verschnauften die Kavaliere und ihre Rosse
    Der Enterbte war von der Tribüne herabgekommen trat in den Pavillon und
Hermann sah dass er mit dem verlarvten Neffen beiseite trat Eine gewisse
Vermutung machte ihn auf den Inhalt des Gesprächs neugierig er wusste sich
scheinbar unbefangen den beiden zu nähern und konnte wenigstens einige Worte
von ihren Reden vernehmen »Macht es nicht so auffallend« sagte der Enterbte
zum Neffen »es kommt sonst aus und wir werden um unsern Spaß gebracht«
    »Herr Baron« versetzte der Neffe in einem rauen holprichten Dialekte
»ich nehme mir es auch vor aber wer kann wider die Natur«
    Die Kavaliere begannen das Ringelstechen mancher Ring blieb auf den Degen
sitzen mancher flog auch von ungeschicktem Stosse berührt in den Sand Der
Verlarvte schien anfangs die Warnung des Enterbten beachten zu wollen er
zeichnete sich nicht aus fehlte traf wie es kam Auf einmal aber war es als
ob in ihn wieder ein übermütiger Geist führe Denn plötzlich ritt er bei dem
Baume vorbei und stach diesem den Rücken zukehrend mit einer sichern Bewegung
nach hinten zierlich den Ring ab Das war noch wenig Das nächste Mal warf er
den Degen nach dem Ringe traf ihn und fing den Degen in der Luft auf Es war
gut dass hiermit dieser Teil des Festes zu Ende ging denn wer weiß welche
Streiche noch sonst zur Gemütsergötzung der Zuschauer verübt worden wären
    Sobald der Zug wieder im Pavillone war nahm Hermann den geschickten Reiter
beiseite und befahl ihm geradezu sich zu entlarven Die bestimmte Mahnung
setzte den Menschen aus der Fassung er nahm die Maske ab und ein braunes
verbranntes Gesicht erschien unter dem Barett »Sie sind gedungen unsrem Feste
zum Hohne zu gereichen« redete ihn Hermann hart an »Verfügen Sie sich zu Ihrer
Gesellschaft bei der die Künste welche Sie üben für Geld zu sehen sind
Fort«  »Mein Herr« versetzte der Mensch welcher zu ebner Erde so verlegen
war als er im Bügel sich keck erwiesen hatte »ich wollte es nicht gern tun
denn ich fürchtete mich vor Rüge und Bestrafung aber der Herr Baron setzten mir
so lange zu dass ich mich endlich bewegen ließ«  »Und was war die Absicht bei
diesem Possenspiele« fragte Hermann »Ich sollte« antwortete der andre »nach
dem Karoussel vor der Frau Herzogin hinknien und die Geschenke empfangen die
der Herr Baron dann von mir haben wollte Was weiter im Werke war kann ich
nicht sagen wir reisen schon morgen fort«
    Hermann nötigte den falschen Ritter auf sein Kunstpferd und begleitete ihn
noch einige hundert Schritte um gewiss zu sein dass er sich entferne Als er
umkehrte begegnete ihm der Enterbte auf halbem Wege Dieser sah dem abziehenden
Kunstreiter nach und sagte dann mit giftigem Blicke »Sie tun ja als ob Sie
hier Herr im Hause wären«
    »Mein Auftrag geht dahin reine Bahn zu halten« versetzte Hermann »Ich
hätte nicht übel Lust den Oheim dem Neffen folgen zu lassen Das ist auch
etwas worin wir die Wilden unleugbar übertreffen dass wir uns an jemandes
Tafel Hohn und Schimpf im Herzen niederlassen können«
    Er wandte ihm den Rücken und ließ ihn stehen Eine laute Fanfare von
Trompeten und Pauken verkündete das Ende des dritten Teils des Stechens nach
dem Türkenkopfe welches inzwischen vor sich gegangen war und das Karoussel
beschließen sollte Die Kavaliere waren abgestiegen und standen des Danks
gewärtig die Pferde wurden von der Bahn geführt Die Herzogin saß unruhig eine
Träne im Auge da Sie fürchtete jeden Augenblick den Verlarvten wieder
hervortreten und sich mit unter die Dankbegehrenden stellen zu sehen Sie wusste
nicht wer dieser Mensch sei aber ihr weibliches Ahnungsvermögen sagte ihr dass
er ihr und ihrem Feste Schlimmes bedeute
    Hermann eilte was er konnte und trat atemlos hinter ihren Lehnstuhl Er
flüsterte ihr zu dass der Störer entfernt sei und nannte ihr diejenigen
Edelleute welche nach seiner Meinung sich am besten gehalten hatten
    Die Geschenke bestehend in goldnen Pokalen damaszierten Ehrendegen
prachtvollen Schärpen und kostbaren Ringen wurden verteilt Auch wer keinen
Dank empfing wurde doch mit einer zierlichen Schleife welche die verschlungnen
Namen des Herzogs und der Herzogin zeigte geschmückt Alles dieses geschah bei
Pauken und Trompetenschall im Namen der abwesenden Königin
    Die Versammlung erhob sich Nach dem Verlarvten wurde einige Augenblicke
lang gefragt dann vergaß man ihn Nur der alte Landedelmann war untröstlich
als er erfuhr dass dieser Paladin sich entfernt und dadurch seinen Umarmungen
entzogen habe Er verfiel darauf wieder in das Gespräch von den Schlagbäumen
solange er einen Zuhörer finden konnte
    Man wollte nicht fahren im Gehen meinte jeder sich mit denen die er am
liebsten mochte besser zusammenzufinden Alles wanderte in buntem Gewimmel nach
dem Speisesaale
    Sobald die Gesellschaft den Platz verlassen hatte stürzte eine Menge Knaben
aus dem Volke herbei und raffte auf was an Federn Schlangenköpfen und
sonstigen Kleinigkeiten umherlag Hermann nahm eine Bandschleife welche von
der Hand der Herzogin berührt liegengeblieben war und wollte sie als
Erinnrungszeichen verwahren Da sah er die verschlungnen Namen und warf sie mit
einer schneidenden Empfindung weg Die Knaben rauften sich um das leichte
Zeichen bei dem Ziehn und Zerren zerriss es
    Was den Herzog betrifft so hatte dieser nach Beendigung des Karoussels ganz
freundlich seine Gemahlin gefragt wann denn nun das Turnier beginne In der
Verwirrung der vorangegangnen Tage war man nämlich wie dergleichen wohl
vorzufallen pflegt völlig vergessen gewesen die Hauptperson von der Umändrung
des ursprünglichen Festplans etwas wissen zu lassen Er verwunderte sich daher
nicht wenig als er hörte dass die Sache schon vorbei sei und dasjenige
ausbleibe worauf er sich eigentlich gefreut hatte
 
                              Dreizehntes Kapitel
Indessen rauschte das Fest unaufhaltsam weiter Ein kostbares Mittagsmahl war
eingenommen worden die Gesellschaft zerstreute sich in Sälen Zimmern Lauben
Gartengängen Während ein Teil der älteren Herrn ein frühzeitiges Spiel begann
andre da und dort ihr Nachmittagsschläfchen abhielten die Matronen und die
Frauen in gewissen Jahren ernstaft mit der Kritik des Vorfallenden
beschäftigt umhersassen verirrte sich so manches zärtliche Pärchen seitab in
die entlegensten Teile des Parks Es gewährte einen bunten und fröhlichen
Anblick die vielen fremdartig geschmückten Gestalten wie Blumen aus dem Grün
der Gebüsche und Baumgruppen hervordringen zu sehen
    Hermann hatte sich zu einer großen Gestalt von außerordentlicher wenngleich
verblühter Schönheit hingezogen gefühlt Es war die Teophilie welche die
Herzogin zu ihrem Beistande hatte kommen lassen die Schwester jenes toten
Vetters Ungeachtet des Streites welcher die beiden Agnaten entzweit stand sie
mit dem Herzoge in einem freundschaftlichen Verhältnisse Sie waren einander an
Höfen und in Bädern begegnet und man hatte selbst einmal vorlängst von einer
gegenseitigen Neigung gesprochen
    Hermann erfuhr von ihr dass sie in dem Schloss ihres Bruders welches nun
seinem Oheim gehörte wohne »Wie kam es dass ich Sie dort während meiner
Anwesenheit nicht gesehen habe« fragte er
    »Es geziemt einer alten Hofdame in ihrer Zelle zu verbleiben« sagte sie
»Mein Bruder machte sich bei dem Verkaufe einen Teil der Schlosszimmer aus und
nahm mich in den Vertrag mit auf Dort lebe ich für mich und hüte meine
Erinnrungen Man muss der Welt den Korb geben bevor sie ihn uns gibt Übrigens
sind wir wie wohlgestellte Uhren Sobald man uns aufzieht gehen wir wieder Ich
war seit zehn Jahren nicht in großer Gesellschaft gewesen und meinte alles
vergessen zu haben was zum guten Tone gehört aber meine Kousine hat mich
aufgezogen und siehe da die stehngebliebne Uhr geht noch denn ich machte wie
mich dünkt nach allen Formen die Honneurs«
    Der Oheim kam ihnen entgegen gedankenvoll vor sich hinsehend Sobald er
Teophilien erblickte verfärbte er sich und wendete sich ohne zu grüßen kurz
um
    »Verzeihen Sie ihm« sagte Hermann betreten »er ist so kurzsichtig« 
»Nicht doch« erwiderte sie lächelnd »er hat mich recht wohl erkannt Wissen
Sie dass Ihr Oheim ein Geisterseher ist«
    »Diese Eigenschaft hätte ich nicht an ihm vermutet« erwiderte Hermann
    »Doch Er ist so ein Sonntagskind dh in Beziehung auf mich Er sieht
neben mir immer allerhand graue schwarze schalkhafte tückische Geister
Kennen Sie die Geschichte vom Müller bei Potsdam«
    »Welches Kind kennt sie nicht« rief Hermann
    »Nun ich bin der Müller bei Potsdam Tausende gäbe Ihr Oheim hin wenn ich
weichen wollte aber ich bleibe in meinem Rechte wohnen Das ist alles nur
Scherz« fügte sie in einem schneidenden Tone hinzu »Ihr Oheim sollte meinen
Blick vergessen der ihn so erschreckte als ihm mein Bruder aus freien Stücken
die Zession gab denn hin ist hin und tot ist tot«
    Ein Schwarm junger Mädchen näherte sich lachend und schwatzend Sie ließ
ihn stehen und lachte und schwatzte mit den Mädchen Er versuchte noch einige
Male ihr nahe zu kommen um die Erklärung ihrer spöttisch geheimnisvollen
Worte zu vernehmen sie wich ihm aber aus und er hatte über eine neue
Verwicklung aus früherer Zeit nachzudenken
    Inzwischen waren die Lustbarkeiten der Bürger und Bauern begonnen worden
Auf einer grünen geräumigen Wiese unfern des Turnierplatzes erhoben sich
Schaukeln und Kletterbäume zu beiden Seiten waren Schiessstände abgesteckt
einer für das Armbrust der andre für das Büchsenschiessen In der Mitte des
Plans stand eine große Bretterbude zum Tanzen Würfeln und Spielen
    Die ganze Wiese war von fröhlichen Menschen bedeckt Knaben und Mädchen
schwebten in den Schaukeln junge Bursche fielen von den Kletterbäumen ohne
sich weh zu tun Auf der einen Seite schwirrten Pfeile nach dem Vogel auf der
andern flogen Kugeln nach der Scheibe
    Besonders tat sich der alte Erich mit der Büchse hervor Er schoss fast
jedesmal ins Schwarze und hatte schon manchen schönen Preis erbeutet »Wenn Ihr
so fortfahrt wird für uns nicht viel übrigbleiben« sagte ein Schütze zu ihm
»Der Hauptschuss steckt noch im Laufe« versetzte der Alte
    »Trinkt nur nicht so viel« sagte der andre zu ihm »Bedenkt Euer Alter Ihr
habt schon zweimal soviel zu Euch genommen als wir«
    »Meine Seele dürstet nach Kraft wider die Ungerechten« rief Erich und
leerte einen ganzen Krug des Getränks welches an den Schiessstätten in reichem
Masse aufgefahren war Die Augen des Alten glühten seine Finger bewegten sich
unsicher gern hätte man ihm das Gewehr weggenommen wenn dies in seinem
Zustande nicht noch gefährlicher gewesen wäre
    »Es ist nur zu verwundern dass er in der Beschaffenheit so gut trifft«
sagten einige der Umstehenden »Er muss es mit jemand haben« sprachen andre
»denn er murmelt beständig von dem Fürsten der Finsternis den er vertilgen
wolle Ist er von einem beleidigt worden«
    Der Herzog erschien mit seiner Gemahlin Eine Menge der reichgeputzten Gäste
hatte sich schon vorher eingefunden und unter die Volksgruppen gemischt deren
Lust immer stürmischer emporloderte Junge Herrn setzten sich zu den schmucken
Bauermädchen in die Schaukeln die Herzogin war begleitet von einigen
Edeldamen nach der Bretterbude gegangen und hatte dort mit älteren Leuten aus
dem Dorfe ein herablassendes Gespräch angeknüpft Der Herzog stand bei den
Büchsenschützen und besah ihre Gewehre von denen mehrere sehr künstliche Stücke
waren
    Auch der Oheim war gekommen und zu dem Schiessstande herangetreten Der
Amtmann machte sich um ihn zu tun und bewies sich auch gegen ihn sehr demütig
und vielgesprächig »Wenn hier viel Geld vertan wird« sagte der Oheim mehr für
sich als zu seinem Begleiter »so muss man gestehen dass es wenigstens auf eine
muntere Weise geschieht Ich werde mich hüten müssen dass diese Lust nicht mich
wie meinen Advokaten ansteckt«
    »Wie schön werden diese Plätze sein« versetzte der Amtmann »wenn erst
überall hier der Nutzen herrscht Schon sehe ich zB im Geiste auf jener Anhöhe
das lange Trockengebäude mit Fachwerk errichtet denn dicht daneben im Grunde
steht das ergiebigste Torflager welches Seine Durchlaucht nur nicht anbrechen
lassen weil Sie sich einbilden der Gewinn ertrage die Kosten nicht«
    »Lassen wir das« versetzte der Oheim »Noch gehört dieses alles ihm und
ich gebe mir heute Mühe zu vergessen weshalb ich eigentlich hier bin«  »Tun
Sie das nicht wertester Herr Kommerzienrat« sagte der Amtmann »Betrachten Sie
immerhin was Sie vor sich sehen als das liebe Ihrige Denn selbst wenn der
alte Adelsbrief aufgefunden werden sollte wozu kein Anschein so würde es immer
noch Mittel und Wege geben «
    »Wie« fragte der Oheim und zog den Amtmann beiseite Gleich darauf gingen
sie miteinander fort einem Wege durch das Gebüsch zu
    »Ich möchte wohl durch jemand einen Schuss auch für mich tun lassen« sagte
der Herzog an der andern Seite der Schiessstätte
    »Dessen ist niemand würdig« versetzte ein Schütze »als der alte Erich Der
wird einen Meisterschuss einen Herzogsschuss für Ew Durchlaucht tun«
    Man suchte nach dem Alten Er war nicht zu finden Man verwunderte sich
noch ganz vor kurzem hatte ihn jedermann hier gesehen Ein Knabe sagte er habe
mit einem Fluche seine Büchse geladen und sei raschen Schritts unter die
Menschen gegangen wo er ihm aus dem Gesichte gekommen sei
    Ein Walzer ertönte aus der Bude die Herzogin ließ ihren Gemahl bitten
dorthin zu kommen Ein ehrenfester Bursche wurde der Gnade teilhaftig mit der
Fürstin den Tanz zu eröffnen Der Herzog machte mit einem hübschen flinken
Mädchen die Runde Auch einige der vornehmen Herren griffen da und dort zu
Demnächst nahm man mit guter Manier seinen Rückzug um die Toilette für den Ball
herzustellen der nun sogleich im Schloss beginnen sollte
    Unterwegs trat der Burgemeister den Herzog an und fragte ihn ob er wohl
erlauben wolle dass auch seine bürgerlichen Gäste verkleidet erschienen »Ich
bedachte« sagte er »als ich die geschmückten Herrn und Damen sah wie kahl wir
uns unter ihnen ausnehmen würden und erinnerte mich dass wir auf dem Ratause
noch mehrere Kisten voll Maskenzeug von dem Redoutenunternehmer stehen haben der
uns die Saalmiete schuldig geblieben ist Diese habe ich holen lassen das Zeug
wird für die Männer vollständig hinreichen und auch unsre Frauenzimmer werden
genug Bänder Flor Schmelz Blumen und Borten finden um sich ein fremdes
Ansehen zu geben«
    Der Herzog erteilte mit Vergnügen seine Zustimmung »Aber freilich« sagte
der Burgemeister »sind es nicht lauter Ritterkleider es sind Schweizer
Türken Polacken Juden Indianer Gärtner und Zigeuner darunter«
    »Je bunter desto besser« rief der Herzog »Dieser Tag gehört der Freiheit
und Freude Eilen Sie sich anzukleiden wir wollen gleich anfangen damit unsre
jungen Damen und Herrn etwas vor sich bringen können«
    Hermann hatte einen Augenblick sich unter den Volkslustbarkeiten umgesehn
dann war er nach dem Schloss zurückgeeilt um die Erleuchtungsanstalten um
dasselbe zu ordnen Er meinte hierauf sich von dem Getöse etwas zurückziehn zu
dürfen und ging durch einen abgelegnen Teil des Parks um seine Sinne zu
beruhigen Auf einmal war es ihm als höre er ein Geschrei und als er noch
horchte um sich dessen zu vergewissern kam schon etwas quer durch die Büsche
die einen Hügel dort bekleideten herabgestürzt Es war der Amtmann Zitternd
entsetzt rief er »Mord Mord« und rannte über den Weg durch das Strauchwerk
weiter
    Mit der Schnelligkeit des Blitzes drang Hermann durch die Büsche die Anhöhe
hinauf Oben ward ihm ein schrecklicher Anblick Sein Oheim stand bebend an
einem Baume sich haltend furchtsam weggekrümmt einige Schritte von ihm der
alte Erich die weißen Haare wie Borsten emporgesträubt die Büchse im Anschlage
haltend Mechanisch warf sich Hermann zwischen seinen Oheim und den wütenden
Greis »Lass ab« rief er Der Alte schien durch Hermanns Entschlossenheit außer
Fassung zu geraten ließ die Büchse sinken und schlug sich vor die Stirne
    »Unglücklicher was wolltest du tun« sagte Hermann schritt beherzt auf den
Alten zu und nahm ihm ohne Widerstand zu finden das tödliche Gewehr ab
    »Das Haus meines Herrn beschützen« versetzte dumpf und kalt Erich »Sie
sollen nicht sitzen wo meine Herrn gesessen haben«
    Es kamen Menschen Der Amtmann war es und der Gerichtshalter mit seinen
Dienern »Da steht der Mörder« rief der Amtmann überlaut »Assassinat« sagte
der Gerichtshalter »Ergreift ihn und bringt ihn in das Gefängnis Einer aber
gehe sofort und zeige es Seiner Durchlaucht an«  »Halt« rief Hermann »Tun
Sie was Ihres Amts ist aber niemand soll heute abend von diesem Vorfalle etwas
erfahren am wenigsten der Herzog Das Fest darf nicht gestört werden und ich
mache Sie dafür verantwortlich dass Ihre Leute schweigen«
    »Mein Herr« versetzte der Gerichtshalter und warf sich in die Brust »wer
gibt Ihnen das Recht mir Befehle zu erteilen«
    »Sie gehorchen« sagte Hermann fest Der Alte sah ihn an erhob die Stimme
und rief »Zanke nicht mit einem Gewaltigen dass du ihm nicht in die Hände
fallest Viele Tyrannen haben müssen herunter und ist dem die Krone aufgesetzt
worden auf den man nicht gedacht hätte«
    Der Gerichtshalter welcher von Natur verlegen und ängstlich war bedachte
sich einige Augenblicke dann sagte er zu seinen Leuten »Es mag so geschehen
Führt ihn auf Umwegen wo niemand ihn sieht nach dem Gefängnis und keiner rede
von der Sache«
    Als der Alte abgeführt worden war wandte sich Hermann zu seinem Oheim der
sich kaum auf den Füßen halten konnte Er verlangte nach dem Gasthofe
schweigend führte ihn der Neffe dorthin Er erkundigte sich mit Schonung nach
dem Hergange der Oheim wusste ihm aber weiter nichts zu sagen als dass jener
Unselige der ihnen nachgeschlichen sein müsse plötzlich hinter den Bäumen das
Mordgewehr auf ihn gerichtet hervorgetreten sei ihn mit furchtbaren Drohworten
aus den Propheten anfahrend Der Amtmann habe gleich die Flucht ergriffen und
ihn dem Grimme des Alten überlassen
    Er ließ Postpferde bestellen Hermann suchte alles mögliche auf ihn von dem
Entschlusse zu einer nächtlichen Reise nach solcher Alteration abzubringen und
führte ihm endlich den Plan mit dem er hieher gekommen in die Erinnerung
zurück »Das ist vorbei« sagte der Oheim »Fernerhin soll zwischen mir und
dieser Mördergrube nur von Recht und Gerechtigkeit die Rede sein«
    Als Hermann bestürzt seinen Verwandten in den Wagen gehoben hatte ging er
nach der Wohnung des Gerichtshalters bei welcher sich auch die Gefängnisse
befanden Er erhielt Einlass in den Kerker des alten Erich konnte aber mit
diesem nichts beginnen denn der Alte war als habe er nichts begangen fest
eingeschlafen Der Gerichtshalter erzählte aus einem kurzen Verhöre welches er
sogleich mit ihm angestellt folgendes Er sei dem Amtmann und dem
Kommerzienrate nachgegangen ohne zu wissen warum habe ein abscheuliches
Gespräch zwischen beiden belauscht und dann gesehen wie der Kommerzienrat sich
auf den Hügel gestellt die Arme ausstreckend und andeutend wie und wo er
niederreissen zerstören und bauen lassen wolle wenn er hier Herr werde Da sei
ihm jener wie der Teufel vorgekommen der die Hand zum Verderben über eine ganze
Gegend ausrecke und er habe es für nichts Böses gehalten den Teufel
totzuschiessen
    Hermann sagte zu dem Gerichtshalter dass er es übernehme den Herzog von
diesen finsteren Dingen zu benachrichtigen und gebot ihm den Alten mit Schonung
zu behandeln Er eilte nach dem Schloss sehr in Sorgen dass doch eine Kunde
bis dahin dringen werde
    Es war völlig Nacht geworden In den Alleen um das Schloss waren alle Lampen
angezündet worden welche farbig ein magisches Regenbogenlicht umherstreuten
Vor dem Portale brannten mächtige Pechpfannen alle Fenster waren hell
erleuchtet aus dem Innern erscholl die rauschende Tanzmusik Er schritt
geblendet von dem Glanze die Treppen hinauf und stellte sich an den Eingang
des Saals In dem Lichte der Lustres und Kronleuchter bewegten sich die
glänzenden und bunten Gestalten für deren Menge der große Ahnensaal doch fast
zu klein war Es war das prachtvollste Gewimmel welches seine Augen je gesehen
hatten Auch der Herzog war zum großen Erstaunen seiner Gemahlin verwandelt
in dem geheim zubereiteten Schmucke unter die Gäste getreten Er strahlte mit
Diamanten bedeckt in einem roten hermelinumfassten Mantel Die Augen der Damen
folgten nicht zum Verdrusse der Fürstin der hohen stattlichen Gestalt Als er
Hermann an der Tür bemerkte winkte er ihm in den Saal zu treten Dieser aber
verblieb wo er war jeden Hineingehenden sorglich anblickend ob er auch nicht
unvorsichtigerweise die Nachricht bringen werde wie das Entsetzliche sich
diesem schönen Scheine so nahe geschlichen habe So stand er in seinem
schlichten Frack einen Teil der Nacht durch als treuer Wächter an der Schwelle
 
                              Vierzehntes Kapitel
Am folgenden Morgen wurde er von dem Gerichtshalter zu früher Stunde geweckt
Der Mann trat mit erschrocknem Gesichte vor sein Bett und brachte ihm stotternd
die Nachricht dass der alte Erich entflohen sei Der Gerichtshalter hatte ihm
auf Hermanns Weisung keine Fesseln anlegen lassen so war es ihm möglich
geworden seine Wächter die in der allgemeinen Freude wohl auch das Ihrige zu
sich genommen haben mochten zu täuschen
    Hermann ging mit dem Gerichtshalter nach dem Kerker Das nicht recht feste
Schloss war von inwendig erbrochen worden Die Wächter welche draußen im
Vorraume gewesen waren mussten geschlafen haben während der Alte sein
Befreiungswerk verrichtete An der Wand stand mit Kohle fast unleserlich
geschrieben dass was einmal missglückte nicht immer fehlzuschlagen brauche
    Das erste war nun den Herzog zu benachrichtigen mit welchem unangenehmen
Geschäfte sich Hermann belud da der Gerichtshalter sich nicht vor den Herrn
getraute Hier sah Hermann den Fürsten zum ersten Male fassungslos Er konnte
kaum sprechen und seine Bewegung wurde noch größer als er die Abreise des
Oheims vernahm Hermann musste sich auf eine Viertelstunde entfernen nach deren
Verlauf der Fürst einigermaßen wieder zu seinem Gleichgewichte gekommen war Er
fragte nach dem Verbrecher und befahl als man ihm dessen Flucht meldete dass
die strengsten Maßregeln zu seiner Habhaftwerdung getroffen werden sollten
Jedoch schien es Hermann als ob dieser Eifer nicht ganz wahr und das
Verschwinden des Schuldigen ihm das einzige Tröstliche bei der Sache sei er
begnügte sich daher dem Gerichtshalter die sogenannten Solita anzuempfehlen
welche bekanntlich selten zum Ziele führen
    Im Schloss sah es wüst aus Der Ball hatte bis gegen Morgen gedauert Die
Dienerschaft war erst bei Tageslicht aus den Federn gekommen Im Tanzsaale in
den Seitengemächern besonders im Trinkzimmer überall zeigten sich noch die
Spuren des Festes Zum Beweise wie weit die Zerrüttung dieses so wohlgeordneten
Hauswesens gediehen sei erzählte man sich die Neuigkeit dass die Herzogin heute
dreimal nach ihrem Frühstücke habe verlangen müssen
    Nur überwachte abgespannte Gesichter begegneten einander Dazu strömte der
Regen herunter in welchen sich das heitre Sonnenwetter umgesetzt hatte Unter
ausgespannten Schirmen stiegen die Gäste welche nicht schon in der Nacht das
Schloss verlassen hatten schweigendverdrießlich in ihre Wagen und fuhren
hinter zugeknöpften Ledern ab Die Herzogin hatte sich alle Beurlaubungsvisiten
verbeten sie entschuldigte sich mit körperlichem Unwohlsein
    Als Hermann auf den Turnierplatz ging sah er die Tapezierer mit heftiger
Eile bemüht die schon durchnässten und halb verdorbnen Behänge von den Gerüsten
zu nehmen Die giessenden Fluten hatten die Bemalung von den Tribünen und
Pfeilern abgewaschen sie standen missfarbig und beschmutzt da Von dem Pavillone
war nur noch das Gerippe zu sehen
    Die Herzogin war mehrere Tage hindurch für niemand als für ihren Gemahl
sichtbar Nur der Geistliche hatte Zutritt zu ihren Zimmern und hielt
fortgesetzte Andachtsübungen mit ihr Unter den Vertrauten ging die Rede sie
mache sich über das Fest Gewissensskrupel
    Von diesem schwieg jeder man hatte vorher zu viel davon gesprochen Man
suchte nach Gegenständen der Unterhaltung sie wollten sich nicht finden Man
gähnte war übelnehmerisch ging einander aus dem Wege Der Arzt schrieb viel
    Am verstimmtesten bezeigte sich Wilhelmi »Ich gehe« sagte er eines Tages
zu Hermann »meines Bleibens wird hier nicht lange mehr sein Man muss sich nur
einmal versöhnt haben um gewiss zu werden dass man nicht mehr füreinander passt«
    »Du wirst deine Gönner in der Krisis welche vielleicht nahe bevorsteht
nicht verlassen« erwiderte Hermann
    »Ich werde mich immer wie ein ehrlicher Mann betragen« sagte Wilhelmi
»Auch fällt es mir selbst schwer genug aus diesen Wänden zu scheiden Aber der
hiesige Zustand ist ein künstlicher man tut am besten ihn aufzuheben Sie
haben wegen meiner Sammlungen von der Hauptstadt aus mit mir angeknüpft wo sie
jetzt alles zusammenscharren Ich bin willens darauf einzugehn«
    Den Herzog betraf nunmehr fast Tag für Tag etwas Unangenehmes Das Geschick
schien wie es wohl kommt durch den Lärmen der Lustbarkeiten aus seinem
Schlummer zu feindseliger Tätigkeit emporgestört worden zu sein Es währte nicht
lange so überbrachte ihm ein Freund und Gutsnachbar anscheinend sehr
entrüstet die letzte Nummer des vielgelesenen Provinzialblatts worin
geschrieben stand dass bei einem neuerlich stattgefundnen
feudalistischritterlichen Feste der bekannte Äquilibrist und
gymnastischakrobatische Künstler  den Preis davongetragen und den Dank aus
hoher schöner Hand empfangen habe Namen und Ort waren zwar nicht genannt die
journalistische Halblüge enthielt aber so viele individuelle Andeutungen dass
die Beziehung sich mit Händen greifen ließ Auch sagte der Nachbar dass schon
die ganze Gegend davon spreche
    Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung welche den Geistlichen betraf Dieser
Mann dessen Absichten immer unumwundner hervortraten hatte die Verwirrung
worin sich das Schloss seit einigen Wochen befand genützt um etwas auszuführen
wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der
Mut gebrochen hätte Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief
angesehener protestantischer Eltern worin diese sich bitter beklagten dass man
ihre beiden ältesten Söhne in seiner Schlosskapelle katholisch gemacht habe Er
war wie vom Donner gerührt Der Geistliche sogleich zu ihm gerufen leugnete
gar nicht und sagte mit Freimütigkeit dass er es für die Pflicht eines
Priesters halte abtrünnige Kinder in den Schoss der allgemeinen Mutter
zurückzuführen sobald sie ein Verlangen danach empfänden Er gebe fügte er
den Herzog entschieden anblickend hinzu dem Kaiser was des Kaisers und
Gotte was Gottes sei
    Der Herzog fühlte sich in einer zornigen Verlegenheit Er war ein ganz guter
regelrechter Katholik doch betrachtete er wie die meisten vornehmen Männer
seines Glaubens diesen mehr als eine Sache für sich von der nicht viel Wesens
gemacht werden müsse und alles was von fern nach Fanatismus oder
Verbreitungssucht schmeckte war ihm im Grunde der Seele zuwider Nun aber
durfte er den der immer ein nach den Begriffen der Kirche gottgefälliges Werk
getan hatte doch nicht dieserhalb schelten und so blieb ihm denn weiter nichts
übrig als dem geschäftigen Priester mit scharfer Freundlichkeit zu eröffnen
dass er für seine weitere Befördrung Sorge tragen werde
    Unter diesen Verdrießlichkeiten wurde ihm die Klage des Oheims behändigt
welche lange vorbereitet ihn vor den höchsten Gerichtshof der Provinz lud
über die Herrschaft über seine Weiler und Vorwerke Wiesen Wälder Teiche und
Flüsse Gemarkungen und Breiten zu Recht zu stehen Abermals begann nun das
Suchen nach dem verschwundnen Adelsbriefe der Urältermutter von welchem er und
Wilhelmi das Schicksal dieses Streits abhängig glaubten Kein Winkel der
Bibliothek des Archivs der Registraturen blieb undurchforscht
    Indessen waren diese Mühen vergebens Er zog sich hierauf ebenfalls in die
Einsamkeit seiner Zimmer zurück und selbst die Hausoffizianten welche zunächst
mit ihm zu tun hatten bekamen ihn nicht zu sehen
 
                              Fünfzehntes Kapitel
»Welche fremde Gewalt nimmt mich so ungestüm gefangen Man hat mir gesagt es
sei unsre Bestimmung zu lieben und geliebt zu werden Warum denn nun diese
Bangigkeit diese Angst Klopft der Blume auch so das Herz wenn sie aus der
schwachen farblosen Knospe bricht Mir ist immer als stände ich auf der
schwindelerregenden Spitze eines hohen Turms und selbst seine Nähe beruhigt
mich nicht«
                                       
»Ich bemühe mich oft mir den Eindruck recht klar zu machen den ich empfand
als ich dich zum ersten Male erblickte Hermann Denn ich meine wenn ich mir
nur darüber Rechenschaft geben könnte so müsste eine Rettung aus dieser Not
sein Aber es ist vergebens je mehr ich darüber nachsinne desto undeutlicher
fließt alles ineinander bis du mir begegnest wo denn in Tränen und Lust alles
Grübeln weit weg flieht«
                                       
»Warum hast du nicht Platz behalten Gott in dem Herzen welches dir so ganz
gehörte Warum erlaubtest du deinem Geschöpfe aus Staub sich neben dir
einzudrängen und die reine Weihrauchwolke die dort sich dir erhob zu
zerstreun«
                                       
»Dies ist die Sünde Nun weiß ich was das schreckliche Wort bedeutet Ich tue
nichts Unrechtes und doch bin ich verstimmt meine Gedanken mischen sich und
erquicken mich nicht mehr meine Seele nimmt verschiedene Stellungen an und in
keiner ist ihr wohl Und doch ist was ich erleide nur ein gemeines Schicksal
so vieler meines Geschlechts warum werde ich denn nun dadurch so geplagt«
                                       
»Ich habe mir vorgenommen ihn zu meiden aber was hilfe mir das Bliebe nicht
immer seine Schattengestalt in meiner Seele störend zurück Nein ich muss
versuchen dies Fremde in mir innerlich zu überwinden es in den Frieden der
mich sonst durchsäuselte aufzulösen Ich muss diese Liebe zur Tugend erheben«
                                       
»Es ist so süß so lieblich was ich oft empfinde wenn ich neben Hermann sitze
dass ich mitunter denke alle diese Ängstigungen laufen wohl am Ende auf leere
Selbstquälerei hinaus Ich möchte ihn selbst gern zum Richter über unser
Verhältnis machen er sieht mir an dass ich ihm etwas zu sagen habe sein
freundlicher Blick will mir Mut machen das Wort schwebt mir auf der Lippe dann
riegelt mir eine unbezwingliche Gewalt den Mund zu«
    Über den Blättern welche diese und ähnliche geheime Ergiessungen eines zart
liebenden mit sich zwiespältigen Gemüts enthielten saß Hermann und las sie
wir wissen nicht zum wievielsten Male Es waren diejenigenwelche der
unbescheidne Vogel ihm in die Hände gespielt hatte Das war die Hand der
Herzogin und sein Name stand hier in so gefährlicher Verbindung geschrieben
»So ist es denn wahr« rief er »So ist mir das Geheimnis ihres Betragens
enthüllt So soll ich undankbar an meinem Gönner und Gastfreunde werden«
    Er schrieb mit Heftigkeit an Kornelien warf ihr vor dass sie ihm auf seine
früheren Briefe nicht geantwortet habe versicherte ihr seine ewige Liebe und
dass er trotz des Widerspruchs von s des Oheims die Verbindung mit ihr werde
zu bewirken wissen
    In der Einsamkeit welche nun zum Gegensatze der früheren Geschäftigkeit im
Schloss herrschte war nichts was ihn abzog Er fühlte sich müßig gepeinigt
er wusste nicht an welcher Handhabe er seine Tage anfassen sollte
    Viele Stunden versass er in den Zimmern des alten Herrn zu denen er den
Schlüssel behalten hatte Nach dessen letztem Willen sollten sie unberührt
bleiben weil sie die Erinnerungen seines Lebens enthielten Er selbst war dort
in ganzer Figur gemalt als Schäfer rings um dieses große Bildnis wimmelte es
von kleineren in ovalem und vierecktem Format aus welchen jugendlich schöne
Gesichter als Nymphen Dianen Jägerinnen Armiden und Griechinnen hervorsahn
Alle Tische und Schränke waren mit Kleinigkeiten von Holz Porzellan Glas
Bernstein Perlemutter bedeckt von denen das meiste seinen Ursprung als
Andenken genussvoller Stunden nicht verleugnen konnte
    Wilhelmi der die Türe zu diesen Gemächern angelehnt gefunden hatte trat
ein und fand seinen Freund gedankenvoll an einem Spiegeltische sitzen »Du
scheinst dich mit uns allen in der Stimmung zu befinden welche die Perser
Bidamag Buden nennen Uns steckt ein Jammer gewisser Art in Kopf und Gliedern
Was mich betrifft so hoffe ich ihn bald abzuschütteln ich reise wahrscheinlich
in nächster Woche und nehme einen Teil meiner Sachen mit Hast du etwas nach 
zu bestellen«
    »Du bist mir ganz unerklärlich« versetzte Hermann »Willst du dort mit
alten Vasen und Bildern die Rolle des vornehmen Antiquars spielen Sie werden
dich anfangs mit schönen Worten füttern und am Ende wirst du nicht wissen in
welcher Ecke du dich herumdrücken sollst Was hast du vor«
    Wilhelmi machte eine geheimnisvolle Miene legte den Finger auf den Mund und
sagte »St Ich nenne dir ein einziges Wort Staat Fassest du was der Staat
ist Ich habe darüber während meiner Verbannung nachgedacht Du sollst weiter
von mir hören«
    Er wollte gehen Hermann hielt ihn zurück nahm eine Dose altfränkischen
Ansehns vom Spiegeltische und sagte »Weißt du der du alle Antiquitäten kennst
was für eine Dose diese ist«
    Wilhelmi besah sie und versetzte »Es ist eine sogenannte Lorenzodose
Diese Dosen gehören mit zur Geschichte der Sentimentalitätsperiode Du erinnerst
dich wie beredtstumm der Franziskaner Lorenzo dem Yorick Sanftmut und
Duldsamkeit predigt und wie sie darauf einen Dosentausch vornehmen Diese
Geschichte rührte die beiden Jacobis so dass sie einen Orden der Humanität zu
stiften beschlossen dessen Patron jener Lorenzo sein sollte Zum Ordenszeichen
wurde die von Sterne beschriebne Horndose des Franziskaners erwählt Daran
wollten sich die Brüder erkennen Hatte sich einer wie man es damals nannte
inhuman betragen so sollte die stumme Vorhaltung der Lorenzodose ihn an seine
Pflichten erinnern Gleim und andre Befreundete des Pempelforter Kreises waren
die ersten Glieder dieser Verbindung welche bald durch die damalige
Empfindelei begünstigt eine große Ausdehnung gewann Aber es währte nicht
lange so mussten sich die Begründer von ihr lossagen die Lorenzodosen waren
Gegenstand der Spekulation geworden ein Graf von Solms ließ sie fabrikmässig
verfertigt zu Tausenden in alle Welt ausgehn was denn zur Folge hatte dass
Müßiggänger Landstreicher und Glücksjäger die Dosen in der Hand und Tränen in
den Augen betteln fechten auch wohl prellen gingen«
    »Du glaubst nicht wie mich diese Dose erschreckt hat« sagte Hermann »Eben
eine solche erinnre ich mich als Knabe unter den Sachen meines Vaters gesehen zu
haben«
    »Da finde ich nichts zum Erschrecken« versetzte Wilhelmi »Sie sind beide
Lorenzobrüder gewesen Sie gehören ja auch jener Zeit an«
    Hermann klappte die Dose auf zeigte seinem Freunde ein Bild welches in das
Inwendige des Deckels eingenietet war und fragte was er davon halte
    »Ein schönes Schwabenmädchen« antwortete Wilhelmi nachdem er das Medaillon
lange aufmerksam durch seine Gläser betrachtet hatte
    »Es ist meine Mutter« rief Hermann »Ich hätte sie erkannt wenn der Name
auch nicht darunterstände Nun verstehe ich ihre Tränen ihren geheimen Schmerz
des Grafen Heinrich Besuche bei meinen Eltern seine Zärtlichkeit gegen mich
Sie ist seine Neigung gewesen er hat der Freundschaft das heldenmütigste Opfer
gebracht und meine Mutter mag wohl im stillen während eines unerfreulichen
Ehestandes bereut haben dem andern strengen verdrießlichen Manne gefolgt zu
sein«
 
                              Sechzehntes Kapitel
Im Garten traf mit ihm der Geistliche zusammen Dieser Mann welcher während der
geräuschvollen Tage sich ganz zurückgezogen und im stillen sein Werk getrieben
hatte trat sobald jene Wellen verströmt waren wieder hervor und suchte eifrig
seine Gesellschaft Er war Hermann seit der Szene auf der Anhöhe einigermaßen
verdächtig und dennoch konnte sich dieser von einem gewissen Anteil den ihm
das feine schwärmerische Wesen des Priesters abnötigte nicht ganz losmachen
    Heute führte der letztere mit ihm ein leises tastendes Gespräch welches
sehr zart um den Kummer und die Unruhe unsres Freundes strich Er wusste seine
Teilnahme an dessen Verstimmung so freundlich zu äußern er vermass sich so wenig
der trocknen Redensarten womit die Menschen in der Regel ein bedrücktes Herz
nur noch schwerer machen dass Hermann sich wirklich erleichtert fühlte Zugleich
ließ der Geistliche auf eine geschickte Weise einfliessen indem er vor Hermann
die Augen niederschlug dass er auch an der Herzogin sehr zu trösten habe
    »Ja ich bin unruhig und bedrängt« versetzte Hermann »Ich tue nichts
Unrechtes und doch mischen sich meine Gedanken und erquicken mich nicht mehr«
fügte er hinzu und errötete weil er sich erinnerte nur Worte der Blätter
wiederholt zu haben die seine Aufregung zum Teil verschuldeten
    »Ich habe in meinem Amte oft Gelegenheit gehabt wahrzunehmen dass die
Menschen in Beziehung auf das Böse sich in einem Grundirrtume befinden« sagte
der Geistliche
    »Der wäre« fragte Hermann
    »Als sei es zu vermeiden als müsse alle Kraft der Seele daran gesetzt
werden sich davor zu bewahren«
    Hermann trat bestürzt zurück »Sie werden« fuhr der Geistliche ruhig fort
»nicht glauben dass ein Diener Gottes sich zum Apologeten der Sünde aufwerfe
Aber sie ist einmal da durch die heilige unbegreifliche Zulassung des Höchsten
Sie ist so wirklich so ewig und ursprünglich wie das Gute Jeder Mensch muss
dieses Messer in seiner Seele fühlen wodurch sie erschüttert gelockert und
zum Brautbette der himmlischen Liebe bereitet wird Gott will nicht die
Rechtfertigen er will die Reuigen Dieses Finstre als etwas Zufälliges zu
behandeln zu meinen dass man den Einzug des unwiderstehlichen Feindes durch
Gegenwehr verhindern könne ist ein bodenloser Wahn Es ist nicht wahr dass er
die Seele zerstört nur das Irdische Nichtige in ihr frisst der glühende Atem
seines Mundes dann ersteht vom Regen der Bussetränen befeuchtet in der warmen
Asche die grüne Saat des Glaubens und der Hoffnung Sind aber die Kräfte in dem
nichtigen Kampfe gegen das Übermächtige vergeudet erfolgt dann doch der Fall
so möchte in einem so ausgesognen Boden schwerlich wieder etwas keimen und
reifen können und es bliebe dann wohl nur die dumpfe Gleichgültigkeit übrig
woraus zuletzt die Fertigkeit im Laster entsteht Darum lehrt auch meine Kirche
welche in allen Stücken die von den Toren verspottete Königin der Weisheit ist
nicht Hüte dich vor dem Bösen sondern Glaube an den allbarmherzigen Gott an
den Erlösungstod an die Fürbitte der Heiligen an die Unnachsichtlichkeit der
Beichtpflicht an die reinigenden Flammen des Fegfeuers
    Es gibt Neigungen die verboten sind Süße Lippen und Augen locken in den
Armen des versagten teuren Gegenstandes liegt eine Welt außer der es für den
Liebenden keine zweite gibt Ich habe nun immer gefunden dass diejenigen sich
gründlicher von einer Verirrung herstellten welche gefallen waren und mit
herzlicher Zerknirschung sich der strafenden und verzeihenden Mutter in den
Schoss warfen als die welche sich in innerlichen Kämpfen und Krämpfen
abarbeiteten denen tantalische Schatten und die Stacheln nicht gebüsster
Leidenschaften in der Seele zurückblieben O auch hier ist dem der nur sehen
will der Weg gewiesen auch hier wallt die sanfte Friedensfahne dem so milde
entgegen der nur nicht in eigensinniger Verstockteit von der Dürre des
Protestantismus saftige Frucht gewinnen von den Dornen die Feigen lesen will
Ja mein Freund «
    Ein Lakei der Herzogin kam und unterbrach diese Rede nach Hermann fragend
Er ging im Innersten empört über die frevelhaften Reden des Priesters und
wurde nach dem GartenLesekabinette gewiesen Die Fürstin empfing ihn trauig und
leidend »Das kleine Zimmer ist noch so lieblich wie sonst« sagte sie »Da
liegen meine guten Bücher draußen blühen die Staudenrosen die Büsten der
Dichter sehen von ihren Postamenten herab Und doch schwankt der Grund unter uns
und die Welt blickt mich verschwommen an wie ein Traum Wenn man uns von Haus
und Hof triebe Ich weiß alles der Herzog hat seinen Kummer nicht länger
bemeistern können Wie ist das Sagen Sie mirs ich begreife die ganze Sache
nicht Warum sollen wir nicht bleiben können wo unsre Voreltern waren«
    Hermann wollte einige beruhigende Worte reden sie unterbrach ihn aber und
sagte mit erstickter Stimme »Gott sendet uns die Trübsale er gebe uns die
Kraft sie zu ertragen Ich ließ Sie rufen um Ihnen etwas zu sagen was mir
lange auf der Seele lastet und nun fehlt mir wieder aller Mut Sie müssen es
wissen vielleicht ist es mir morgen möglich kommen Sie um diese Stunde wieder
aber dann reisen Sie gleich gleich«
    Ihre schönen Hände ergriffen die seinigen Halb zog sie ihn nach sich halb
drückte sie ihn zurück Es war ihm als öffne sich der Boden unter seinen Füßen
ein wonnevoller Schauder flog ihm durch die Glieder Er war aus dem Kabinette
und wusste nicht wie
    Auf dem Gange nach seinem Zimmer wollte ihm der Geistliche der auf ihn
gewartet zu haben schien wieder seine Gesellschaft antragen die Hermann aber
ablehnte Er riegelte hinter sich zu und ging mit großen Schritten auf und
nieder »Ja sie liebt mich« rief er einmal über das andre aus Er beklagte
diese Verwicklung er wünschte sich weit hinweg Keinen Blick wollte er wieder
in die gefährlichen Tagebuchblätter werfen und als er den Entschluss recht fest
gefasst zu haben meinte nahm er sie doch wieder vor und las sie noch einmal
Unten am Fuße der letzten Seite bemerkte er heute zum ersten Male die
gebräuchlichen Anfangsbuchstaben der Bitte umzuschlagen Er tat es und sah auf
der Rückseite etwas von andrer Hand geschrieben aber mit so blasser Tinte dass
er es bei dem Lichte seiner Abendkerze auf dem gefärbten Papiere nicht zu lesen
vermochte
    Im Widerstreite seiner Empfindungen zwischen Wollen und Nichtwollen hin und
her geschleudert ermannte sich seine Natur plötzlich wie durch einen Ruck zu
einem moralischen Vorsatze durch dessen Ausführung er sich und einer zweiten
Person den rechten Weg zu weisen die Pflicht empfand Er eilte nach dem
Gartenkabinette schlug sich dort Licht an und schrieb bis spät in die Nacht
unter der Büste Schillers sitzend welche schon einmal Zeugin einer edelen
Entschließung geworden war Stanzen nieder von leren Inhalte wir im folgenden
Kapitel zu reden haben werden
 
                             Siebenzehntes Kapitel
Andern Tages ließ ihn der Herzog rufen Auch diesen fand er verwandelt blass und
abgespannt »Ich habe Ihnen etwas zu eröffnen und Sie um eine Gefälligkeit zu
bitten« hob der Fürst an »Der Anspruch Ihres Oheims ist Ihnen bekannt der
entscheidende Adelsbrief meiner Urgrossmutter bleibt verborgen ich habe mit
verschiedenen Rechtsfreunden wegen dieser Angelegenheit Rücksprache genommen sie
meinen der tollste widersinnigste Ausgang des Streites sei bei der jetzigen
Verwirrung der Begriffe nicht undenkbar
    Werde ich vom Schloss meiner Väter getrieben so bin ich vernichtet Andre
verhärten sich dem Unglück gegenüber und werfen stolz den Nacken empor Ich bin
nicht so stark der schreckliche Gedanke hat mich gebeugt ich habe ein
Vorgefühl wie das eines Sterbenden Empfangen Sie in diesen Geständnissen den
Beweis meines vollen Zutrauens Ich wünsche das Unrecht welches ich etwa
zugefügt gutzumachen und für den Fall dass ich aus Glanz und Macht
abzuscheiden bestimmt bin nur versöhnte Herzen hinter mir zurückzulassen Ich
habe um eine Kleinigkeit um eine Grille wenn Sie wollen die Entfernung eines
treuen bewährten Dieners zugegeben auch nach seiner Rückkehr merke ich wohl
dass sein Gemüt verletzt geblieben ist ich sehe dass er auf andre Lebenswege
sinnt Er tue was er will ich werde ihn in seiner Laufbahn nicht hindern aber
er nehme wenn er geht das Gefühl mit dass ich nicht schlimm war und
nachzugeben verstanden habe Empfangen Sie hiemit den Hauptschlüssel der auch
die Türe des Archivs öffnet lassen Sie den Schrank welcher unsern Hader
veranlasste aus dem Gewölbe irgendwohin bringen wo er nicht im Wege steht
sagen Sie dann Wilhelmi dass die Stelle frei geworden sei und dass er dort die
Umändrungen vornehmen möge welche ihm belieben«
    Der Fürst hatte dieses alles so niedergeschlagen und doch so edel
gesprochen dass Hermann trotz der Geringfügigkeit des Gegenstandes, um den es
sich hier handelte eine innige Rührung empfand Mehr um etwas zu sagen als
weil ihm daran gelegen gewesen wäre es zu erfahren fragte er den Herzog
bescheiden warum er überhaupt einen so großen Wert auf den unverrückten Stand
jenes Schranks gelegt habe
    »Ich hatte dazu einen allgemeinen und einen besonderen Grund« versetzte der
Fürst »Wilhelmi ist die eigenste Zusammensetzung von Pedanterie und unruhiger
Neuerungssucht Wie er die Sachen stellt und legt so müssen sie stehen und
liegen bleiben und wehe dem Sonnenstäubchen welches sich unterfinge störend
dazwischen zu kräuseln Aber dann fällt ihm auf einmal selbst ein alles
umzukramen und die neue Einrichtung wird nun bis sich eine dritte Laune
meldet ebenso streng wie die frühere gehalten Ich fürchte wenn er den
Schrank erst aus dem Archive weg hat so wird ihm das Archiv selbst bald nicht
mehr gerecht sein er fordert dann von mir wohl einen andern Raum und ich habe
wieder Verdruss mit ihm Darum bestand ich auf meinem Willen wegen dieses
Schrankes welcher mir aber auch insonderheit als ein altes schön ausgelegtes
Stück lieb und wert war Nun weiß man wohl wie es mit solchen vorzeitigen
Dingen sich verhält Sie werden ihn schwerlich unzertrümmert aus dem Gewölbe
bringen ich habe gesehen dass die Würmer ihr Werk an ihm getan haben Mein
Großvater ließ ihn als die Franzosen in den neunziger Jahren heranrückten in
das Archiv schaffen Der Feind kam es gab eine furchtbare widerwärtige Nacht
die dem Greise einen Schlagfluß zuzog Mein Vater war auf Reisen abwesend mich
hatte der Großvater um sich ich tat ihm alles zu Sinne und war ihm besonders
lieb Nun ist mir der Augenblick immer gegenwärtig geblieben wie er sich mit
gelähmter Zunge und starr gewordnen Händen von mir in das Archiv führen ließ Er
deutete auf den Schrank er umfasste ihn mit sonderbarer Gebärde er wollte mir
etwas vertrauen was so gleichwohl sein Mund nicht mehr auszusprechen seine
Hand nicht mehr niederzuschreiben wusste Bald darauf starb er Mir aber hat die
kindische Erinnerung nicht schwinden wollen und sie mag denn wohl auch
mitgewirkt haben mich zu bestimmen, dass das altväterische Behältnis nicht von
dem Platze gerückt werden sollte welchen ihm der Großvater offenbar aus Sorge
für seine Erhaltung vor der zerstörenden Hand des Feindes angewiesen hatte Sehr
traurig dass ihn der Tod damals überraschte viel bares Geld welches notwendig
bei seinem Absterben vorhanden sein musste war verschwunden er hat es
wahrscheinlich irgendwo für immer den Augen entzogen So bin ich auch im stillen
überzeugt dass er die Urkunde welche uns jetzt retten konnte zum Unheil seiner
Nachkommen damals versteckt hat Doch dies führt uns von der Sache ab die Sie
so bald als möglich ins Werk richten wollen«
    Hermann ging in den Marstall und ließ das Pferd satteln welches ihm der
Herzog zur Erkenntlichkeit für seine Bemühungen geschenkt hatte Heute wollte er
aus dem Schloss scheiden wo ihm so manches begegnet war Die Stunde rückte
heran die ihm die Herzogin zur letzten Unterredung gönnen wollte Mit
klopfendem Herzen überlegte er sein Verhalten
    Er hatte unter der Büste von Schiller einige Stanzen gedichtet die aus der
tugendhaftesten Regung hervorgegangen waren Mit großer Wärme schilderten sie
eine leidenschaftliche Situation gingen dann zu einer Apostrophe an die
Heiligkeit der Pflicht über und schlossen mit schwunghaften Zeilen welche eine
begeisterte Entsagung predigten Er hatte sie reinlich abgeschrieben auf das
Postament der Büste gelegt wollte nur kurze Worte des Abschieds zur Herzogin
reden jedem Gespräche mit ihr vorbeugen und stumm auf die Verse deuten in
welchen sie seine Gesinnung und was ihnen beiden not tue lesen sollte
    Es setzte ihn in nicht geringe Verlegenheit und störte seinen ganzen Plan
dass er beim Eintreten die Herzogin schon beschäftigt sah seine Stanzen zu
lesen »Ich habe da zufällig etwas von Ihrer Hand gefunden was ja auch wohl
kein Geheimnis sein soll« sagte sie unbefangen »Es sind recht hübsche Verse
aber so allgemein dass ich vergebens nach irgendeinem Bezuge geforscht habe Das
ist mir immer das Unbegreiflichste an der Poesie gewesen dass sie was wir
andern mit blutendem Herzen empfinden wieder in ein leichtes Spiel auflöset
wobei der Dichter kaum etwas fühlt wenigstens nicht in unsrem Sinne
    Möchte ich doch auch mit schweren Dingen so leicht scherzen können Setzen
Sie sich mein Freund so darf ich Sie nennen wir sind eine geraume Zeit
vertraulich nebeneinander hergegangen Lassen Sie mich zum letzten Male Ihre
Wirtin sein und sehen Sie mich nicht an ich bin auch gegen Sie in Schuld«
    Sie bereitete ihm hierauf in einer zierlichen silbernen Schale Erdbeeren mit
Zucker Er sah zerstreut dem anmutigen Spiele der schönen Finger zu und aß um
nur etwas vorzunehmen denn er war in großer Verlegenheit
    »Als Sie in das Schloss kamen« fuhr die Herzogin fort »hätte ich Sie
anfangs gern entfernt gesehen Da ich Sie aber näher kennenlernte segnete ich
mein Geschick welches mir in Ihnen den Helfer gesendet zu haben schien Ich
vertraue Ihnen ein Unglück unsres Hauses Ein Frevel an Sitte und Gebrauch ist
hier geschehen Ich fühlte mich berufen die verletzte Würde der Familie
wiederherzustellen und doch war ich zu schwach ich bedurfte eines männlichen
Arms Diesen werden Sie mir leihen wie ich hoffe«
    Sie erzählte ihm hierauf mit errötenden Wangen die Geschichte von Johanna
und Medon legte den Brief dessen wir uns aus einem der vorigen Bücher
erinnern auf den Tisch und sagte ihm den Inhalt desselben dass er nämlich den
Versuch enthalte die Irrgeführte auf die rechte Bahn zurückzuleiten Er wusste
durchaus nicht zu erraten wohin das alles zielte hörte es jedoch nun sogleich
    »Wer sollte mein Bote an die Unglückliche sein« sagte die Herzogin »Nur
ein zarter feiner kluger Mann war imstande dieses Geschäft zu vollführen Der
Arzt ist hier durch seinen Beruf gefesselt Wilhelmi hätte alles durch Laune und
trübes Wesen verdorben In Ihnen sah ich die Eigenschaften, die den Freunden
fehlten Sie erkor ich im stillen zu dem Dienste welcher der wichtigste ist
der dem Herzoge und mir geleistet werden kann.
    Ich hätte Ihnen nun offen mich und die Sache entdecken sollen Aber nach
Frauenart tat ich das nicht ich liebte es mich auf Umwegen dem Ziele zu nahn
Ich wollte Sie erst recht tief ergründen prüfen ausforschen Ich suchte jede
Gelegenheit mit Ihnen unter vier Augen zu sein Wissen Sie Lieber dass Walter
Scott und das Englische für Lucie mir eigentlich wenig am Herzen lagen als ich
Sie zum Korrektor meiner Übersetzung und zum Lehrer des jungen Kindes ernannte
Diese Dinge sollten nur den Faden spinnen an dem ich Sie zu meinen Zwecken
festhielt Jeden Tag wollte ich meine Lippen öffnen und verschob es dann doch
wieder Ich bin Ihnen gewiss oft mit meiner Verlegenheit und Unruhe rätselhaft
erschienen Als Sie abreisten empfand ich die größte Not Nun musste gesprochen
werden doch ich vernahm dass Sie wiederkehren würden und schwieg abermals
    Wie durch einen bösen Dämon wurde ich darauf in den Feststrudel getrieben
Ich vergaß die so ernste Pflicht Ernüchtert bin ich von meinem Gewissen hart
gescholten worden über das Vergessen über den Leichtsinn auch über das
heimliche und künstliche Betragen gegen Sie« Sie erhob sich »Wollen Sie nach
dieser Beichte einer Sünderin vergeben« sagte sie liebenswürdig wie nie
»Darf ich diesen Brief noch in Ihre Hände legen Werden Sie ihn nach der
Residenz tragen sagen was er nicht ausspricht handeln vermitteln leise
schonend wie ich es an Ihnen kenne Ich bitte Sie darum machen Sie es mir
möglich dass ich mich als die treue die helfende Gattin des Herzogs erweise
bringen Sie uns seine verleitete Schwester heim«
    Er empfing den Brief bejahte nicht verneinte nicht »Was ist das« sagte
er draußen »Nur eine Absicht war alles Aber das Tagebuch Das Tagebuch«
    Er nahm abermals die Blätter in die Hand Zum ersten Male fiel ihm auf dass
das Papier etwas ausgebleicht war wie von langem Liegen Hastig blickte er nach
der letzten Seite wo das geschrieben stand was er bis dahin immer übersehn
hatte Es war eine so unleserlich kleine Hand und so blasse Tinte dass es auch
jetzt am Tageslichte ihm schwer ward den Inhalt zu entziffern Doch gelang es
ihm endlich Wer schildert seine Bestürzung als er folgende Zeilen in
französischer Sprache abgefasst lesen musste
»Ich bin meine Ulrike in ihrem Zimmer erwartend über ihr Tagebuch geraten
Vergib mir Geliebte Alles was von Deiner Hand ausgeht übt eine magnetische
Gewalt über mich unwiderstehlich zog es mich ich musste in den Bekenntnissen
Deines unschuldigen Herzens blättern Mein Närrchen Was für seltsame Sorgen
machst Du Dir über unser Verhältnis auf welches der Segen der Eltern und die
Gnade aller Heiligen mit denen Du so vertraut umgehst herniederträuft Also
den lieben Gott habe ich bei Dir so etwas verdrängt Nun sieh das könnte einem
bescheidenen Bräutigam fast den Kopf verrücken Lass es gut sein er ist groß und
größer als wir denken Er kennt keine Eifersucht Weißt Du den Spruch nicht
dass der Künstler sich am meisten geehrt fühlt wenn man seiner bei dem Werke
vergisst
    Teuerste schaffe Dir besseres Schreibzeug an Diese Tinte ist unglaublich
flüssig und Deine Federchen sind viel zu zart für meine raue Hand Nun schiebe
ich das Blättchen mit diesem Postskript wieder unter die übrigen Du wirst es
finden böse werden ich werde reuig tun Du wirst großmütig verzeihn und
zuletzt 
                                                                       Hermann«
Nach diesem ward unsrem Freunde alles zum Schrecken klar Er erinnerte sich aus
dem genealogischen Kalender was er zwar immer gewusst aber seither nicht
bedacht hatte dass auch der Herzog Hermann hieß Nicht also eine in sich selbst
entzweite Frau sondern eine junge devote Braut hatte in den geraubten Blättern
ihre Gewissensbedenken niedergeschrieben an denen er völlig unschuldig war Die
erhabenen Stanzen waren also auch ohne Not unter Schillers Büste abgefasst worden
 
                              Achtzehntes Kapitel
Glühend vor Scham und Erbitterung ging er auf und nieder Es wollte ihn durchaus
nicht trösten dass die Herzogin sich kalt getreu und fehlerfrei erwies »Also
immer nur Berechnung« rief er schluchzend aus »Und ich das Werkzeug zum
Dienen Lasttragen und Briefbestellen gut genug«
    Er war eben dabei das empfangne Schreiben in einem höflich das Geschäft
ablehnenden Billette einzusiegeln als es an seiner Türe klopfte Es waren die
Arbeitsleute welche er bestellt hatte um den Schrank aus dem Archive zu
schaffen »Zum letzten Male denn getagelöhnert« murmelte er ingrimmig Er ging
mit den Leuten nach dem Gewölbe und befahl ihnen hurtig zu sein er müsse
gleich fort
    Drinnen setzte er sich zwischen den bestäubten Urkunden nieder und sagte
»Diese Bogen haben ihnen ein ledernes und papiernes Dasein geschaffen in
welchem kein Blut zirkuliert Man muss ihnen vergeben denn sie sind selbst am
unglücklichsten daran«
    Die Arbeiter hatten unterdessen ihr Werk mit Eifer angegriffen Ob es die
Wirkung des letzteren war oder ob das alte Holzgebäude wirklich das Ziel seiner
Dauer erreicht hatte genug die Worte des Herzogs gingen in Erfüllung Der
Schrank knackte sobald er gerückt wurde krachte und fiel in sich zusammen
Eine Wolke von Staub und Wurmmehl stieg aus den zerfressnen Trümmern Die
Arbeiter sahen Hermann bestürzt an
    »Ist es doch als ob ein Feudaltron einstürzt« sagte Hermann »Frisch ihr
Leute vom dritten Stande die ihr gar nicht die Absicht hattet ihn zu
zertrümmern sondern ihn nur so ein wenig beiseite bringen wolltet tragt die
Stücke hinaus« Die Arbeiter beluden sich damit und gingen Einer sagte »Da ist
eine Türe hinter dem Schranke«
    Hermann trat zu der Stätte und scharrte mit dem Fuße in dem liegengebliebnen
Staube Dann fiel sein Blick auf die Türe welche der alte Schrank verdeckt
hatte Ohne etwas dabei zu denken zog er an ihr sie gab nach und eine tiefe
gemauerte Nische in der Wand wurde sichtbar Er sah dass sich Gegenstände darin
befanden die er bei dem Dämmerlichte welches im Archive herrschte nicht
unterscheiden konnte Er griff hinein und fühlte an große gereiht aufgesetzte
Geldbeutel so schwer dass er sie kaum zu heben vermochte
    Erschrocken zog er die Hand zurück Ihm flog durch den Sinn was der Herzog
von dem Fehlen des baren Geldes bei dem Tode des Ahnherrn gesagt hatte »Großer
Gott Wo das gesteckt hat kann mehr sein« rief er überlaut Er ging umher und
suchte sich zu sammeln seine Brust keuchte vor Erwartung Er hauchte auf sein
Tuch und drückte es an die Augen die doch nicht weinten Er bat Gott dass ihm
die allerhöchste Freude seines Lebens nicht wie ein Schatten vorüberschweben
möge
    Hierauf streckte er den Arm schaudernd als sollte er die Hand zur
Feuerprobe auf glühendes Eisen legen über die Geldsäcke hinweg in die Tiefe der
Nische und zog eine Saffiankapsel hervor ganz mit Schimmel bedeckt Er öffnete
sie ein kostbar eingebundnes Pergament lag darin an welchem das große
Reichswappen in goldner Umschliessung durch schwarze und gelbe Schnüre
festgehalten hing Sein Entzücken war grenzenlos Er las so gut er in dieser
Verfassung lesen konnte dass der Kaiser der Maria Sibylla Freundsberg  nicht
den Adel gebe  sondern den in ihrer Familie längst bestandnen nur in Abnahme
gekommnen lediglich erneuere
    Es war die vermisste schmerzlich gesuchte Urkunde der Adelsbrief der
Ahnfrau welcher bewies dass das regierende Geschlecht mit gutem Fug hier
waltete dass kein Vetter ein besseres Recht als jenes gehabt und ein solches
daher auch nun und nimmermehr auf einen Dritten hatte übertragen können
Fürsorglich hatte der Großvater das teuerste Besitztum nebst seinem Gelde hieher
vor dem herandringenden Feinde geflüchtet und den großen Schrank als
verbergende Schutzwehr vor die Nische schieben lassen Stummheit und Tod des
Alten hatten das Geheimnis leider auf dreißig Jahre hin bewahrt
    Jauchzend flog Hermann aus dem Archiv dessen Türe weit offengelassen wurde
und stürmte den Adelsbrief wie eine Fahne schwingend durch die Gänge nach den
Zimmern der Herzogin Unangemeldet trat er ein und hielt ihr die erschreckt
zurückwich die Urkunde entgegen »Die Not ist vorüber Sie sind gerettet« rief
er Der Herzog kam das laute Reden hatte ihn herbeigezogen Schweigend reichte
ihm Hermann die Urkunde Der Herzog überblickte sie wechselte die Farbe
drückte das Pergament an seine Brust brach in Tränen aus und sagte seiner
Gemahlin mit stammelnden Worten den Zusammenhang der Sache Ihr Antlitz
verklärte sich auch sie begann zu weinen Sie sank zwischen den Männern auf die
Knie faltete die Hände und ihre lieblichen tränenleuchtenden Blicke erhoben
sich bald zum Himmel bald ruhten sie auf ihrem Gemahle bald auf Hermann
Dieser stand froh und stolz da seine Gestalt schien größer geworden zu sein
ein süßes Vergnügen strömte durch seine Brust er kam sich wie ein
wiedergebornes Kind vor Unbefangen legte er seine Hand auf das Haupt der
Herzogin und sagte »Der Zufall lauert unsern Torheiten auf und erniedrigt uns
in ihnen Aber dann wird auch gleich wieder dafür gesorgt dass wir nicht
zugrunde gehen dass wir uns selbst finden und fühlen lernen Ich erfahre es
heute Nun nach dieser Wendung bin ich imstande Ihren Auftrag zu besorgen
meine verehrte Fürstin Ich will versuchen auch von dieser Seite Ihre
Kümmernisse zu zerstreun«
 
                                  Fünftes Buch
                                 Die Demagogen
  Mit wenig Witz und viel Behagen
 Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz
 Wie junge Katzen mit dem Schwanz
                                                                  Mephistopheles
                                 Erstes Kapitel
Dem Herausgeber dieser Geschichten ist es zuweilen begegnet dass gute Freunde
oder Bekannte welche er in geraumer Zeit nicht gesehen hatte und welche ihn
nachmals mit einem unerwarteten Besuche überraschen wollten diese Überraschung
auf doppelte Weise bewerkstelligten nämlich auch durch eine verwandelte
Persönlichkeit Nicht selten geschah es dass der Leichtsinnige ernst der Muntre
schwerfällig der Rührige bequem geworden war Da wir aber dergleichen Ändrungen
uns nicht vorzustellen vermögen vielmehr die Menschen in unsern Gedanken immer
bleiben was sie gewesen sind so geht es bei derartigen plötzlichen Begegnungen
nie ohne ein unangenehmes Gefühl ab
    Um dem Leser der vorliegenden Denkwürdigkeiten jenes unangenehme Gefühl zu
ersparen müssen wir jetzt ankündigen dass eine Person die im Beginne unsrer
Erzählung flüchtig vorüberstreifte nunmehr den Boden derselben in verwandelter
Gestalt wieder betritt Man wird sich noch des Freundes von Hermann erinnern
des Philhellenen welcher ihn über seine unentschiedne Gesinnung einigermaßen
mitnahm und voll Tatendrang von ihm schied Dieser junge Mann kam wirklich mit
dem Gelde Hermanns bis nach München wo er noch Empfehlungsbriefe mitnehmen
wollte bereit sein Blut für Hellas zu verspritzen Dort erkundigte er sich
nach dem Mädchen welche eine Zeitlang Hermanns Herz besessen hatte um ihr die
ihm vertrauten Liebespfänder einzuhändigen Sie empfing ihn als Freund ihres
Freundes und er ging vom ersten Tage an zu allen Stunden im Hause aus und ein
Denn durch ein Zusammentreffen der Umstände musste es sich fügen dass er auch mit
ihrem Vater gleich vertraut werden konnte Dieser ein wohlhabender Mann besaß
ein großes Brauhaus Er war sobald sich dort die Vereinigungen zugunsten der
unglücklichen Griechen zu bilden begannen einer derselben als eifriges Mitglied
beigetreten Vielleicht handelte er hierin nicht ganz ohne Eigennutz man sagt
er habe in Erwägung gezogen dass so viele an das landübliche Getränk Gewöhnte
nach jenen fernen Gegenden auswanderten und im stillen beabsichtigt eine
Niederlage seines Produktes nahe bei Athen anzulegen
    Zu diesem Manne hielt sich der Philhellene der jenem durch sein
entschiednes feuriges Wesen und die Gabe ausdrucksvoller Rede ungemein gefiel
Die Gönner welche dem Wandrer behilflich sein sollten waren verreiset der
Münchner Aufenthalt zog sich in die Länge Unerwartet aber sehr willkommen tat
sein neuer Freund ihm den Vorschlag bei ihm Quartier zu empfangen welches
dankbar angenommen wurde Sie unterhielten sich nun sooft es die Geschäfte des
Hausherrn erlaubten von nichts als von ihren Planen für die Herstellung und
Beglückung des den Türken abzunehmenden Landes
    Die Zwischenzeiten füllten Gespräche mit Fränzchen aus Dieses gute muntere
hübsche Kind hatte doch im stillen einige Tränen vergossen als Hermann aus
Scherz Ernst machte und ihr die Andenken zurücksandte In solchen Stimmungen
sind die Frauenzimmer bekanntlich am geneigtesten einer neuen Empfindung Gehör
zu geben Sie bemerkte daher nicht so bald dass die Blicke des Philhellenen ihr
zu folgen anfingen als die ihrigen die Gefälligkeit bezeigten sich finden zu
lassen Den Herzen die zueinander strebten folgten binnen kurzem die Hände und
die Lippen und mit dem feierlichen Schwure von s des Liebhabers dass sie
sein zukünftiges Eigentum am Öta als Hausfrau schmücken solle ward der Bund
geschlossen
    Nun begannen für den Philhellenen Tage die wie er zu Franzisken sagte ihm
eine neue Welt öffneten Er liebte nach seiner Versicherung jetzt die ganze
Menschheit er schwärmte mit dem Vater und koste mit der Tochter In dieser
Empfindung habe sich erst seine ganze Manneswürde entwickelt rief er hundertmal
des Tages aus Auch wenn der Vater schon zur Ruhe gegangen war blieb er noch
bei Fränzchen wo sich denn ihre gegenseitigen Empfindungen nicht selten so
steigerten dass Worte denselben unmöglich mehr genügen konnten
    Aber aus den Freuden dieser Abende entsprang eine natürliche Folge worüber
der Philhellene so erschrak dass er als Fränzchen sie ihm mit trauriger Miene
zuflüsterte wie vom Donner gerührt dastand Denn er versenkt in seine großen
Ideen von Menschenwohl und Volksbefreiung hatte gewiss niemals an einen so
alltäglichen Ausgang gedacht Er lief zwei Tage hindurch wie ein Verzweifelnder
umher dann fiel er dem Brauherrn zu Füßen und gestand seine Schuld Der Alte
wurde braun vor Zorn und drohte mit einer unanständigen Bezeichnung beiden
Arme und Beine entzweizuschlagen Da aber geschehne Dinge nicht zu ändern sind
der Übeltäter seine Neigung besaß und der Jammer des Mädchens gar gewaltig zum
Vaterherzen sprach so konnte er die Vergebung nicht zurückhalten die er denn
unter der Bedingung erteilte dass wer für den Balg gesorgt habe nun auch für
den Papp sorgen solle
    Dieses war gerade wofür die Seele des Philhellenen seit der unglückseligen
Entdeckung brannte Sein neuer Stand hatte in ihm das Bewusstsein neuer Pflichten
erzeugt In allen braven heldenhaften Studenten Kandidaten und Privatdozenten
ist es eigentlich nur der Philister der innerlich juckt und hinauswill was
denn auch bald zu geschehen pflegt während an Universitäten und Akademien so
arme kümmerliche übersehne Gesellen umherschleichen aus denen nachher die
Genies und Lichter der Welt werden Im Philhellenen hatte die Katastrophe den
Philister mit Macht herausgeschlagen der bei einem ruhigeren Gange der Dinge
vielleicht längerer Zeit bedurft hätte um sich zur vollständigen Blüte zu
entfalten Er empfand sich als angehenden Vater und Gatten verspürte eine wahre
Begeisterung für den Broterwerb zerriss die Bilder der Pallikaren und die
neugriechischen Volkslieder welche er bei sich führte und dachte nur daran
wie er ein Ämtchen erringen solle wovon er sich und Fränzchen nähren könne
    So war er durch die Natur dem Vaterlande und der Bürgerlichkeit gewonnen
worden Sein zukünftiger Schwiegervater kannte den Legationssekretär einer
auswärtigen Macht welcher gern Bier trank Dieser empfahl ihn einem
Legationsrate der Legationsrat dem Gesandten Vom Gesandten schwang sich die
Kette der Empfehlungen wieder abwärts bis zu einem Polizeichef in einer
bedeutenden norddeutschen Stadt Wie von da die Kanäle weiter geflossen ist
unbekannt geblieben das Ende der Sache war aber dass man dem Philhellenen
erlaubte im Polizeifache welches immer frische rüstige Leute erfordert zu
arbeiten Kaum waren einige Monate vergangen als man ihn der einen
unglaublichen Diensteifer an den Tag legte zum Polizeikommissarius in einem
Ackerstädtchen zwischen Hessen und Westfalen ernannte
    Er führte Fränzchen sobald er dieser besoldeten Würde sich erfreute heim
Sie genas kurz darauf von ihrer Bürde Nie hatte die Gegend einen tätigeren
Beamten gesehen Die Kraft welche sonst weit über Berge und Ströme
hinausgeschweift war lenkte sich jetzt ganz auf Vertilgung des Diebes und
Bettelgesindels von welchem es dort der schlechten bisherigen Aufsicht wegen
wimmelte Vor ihm war kein Gauner sicher kein Vagabunde konnte mehr in Ruhe
hinter der Hecke seinen Bissen verzehren er lebte fast mehr in verdächtigen
Häusern als in seinem eigenen
    Wirklich hatte er sich schon Verdienste um den Bezirk erworben und die
Aufmerksamkeit der Obern sich zugelenkt Gerade um die Zeit von welcher wir
jetzt reden geschah die Entdeckung neuer demagogischer Umtriebe man war dem
Bunde der Jungen hart auf die Spur gekommen Zugleich hatte man in Erfahrung
gebracht dass ein Schwarm junger Hochverräter nach dem Landstriche in welchem
unser verwandelter Schwärmer hantierte ziehe um da herum seinen Frevelsabbat
zu halten
    Der Polizeikommissarius empfing einen geheimen Auftrag von höchster Stelle
Er war gemessen ehrenvoll über die engen Amtsgrenzen hinausreichend Welch ein
Sporn für seinen jetzigen Trieb Er wurde etwas tiefsinnig man sah ihn viel
durch Feld und Wald schweifen seiner Gattin antwortete er kaum noch auf ihre
Anreden Er brachte in größter Heimlichkeit Gefängnisse Arm und Beinschellen
in Ordnung Den Gendarmen und niederen Agenten gab er Befehle und Winke welche
diese nicht immer verstanden Er aß nichts und trank wenig Seine Nächte waren
unruhig Er flehte Gott an dass er ihm die Demagogen in das Netz führen möge
 
                                Zweites Kapitel
Indessen näherte sich Hermann auf seinem geschenkten Rösslein kleine Tagereisen
mit Behaglichkeit machend dem mittleren Deutschland Die letzte glückliche
Entdeckung hatte ihn unglaublich erfreut er wollte nun so recht in Stille und
Musse sich und die Welt genießen Er liebte es in abgelegnen Höfen und Weilern
einzukehren die Städte vermied er wo er konnte Zwei Pistolenhulfter welche
am Sattel befestigt waren hatte er bald ihres kriegerischen Inhaltes entledigt
und sie dafür mit einer Korbflasche sowie mit kalter Küche gefüllt Mittags
hielt er gewöhnlich im Freien unter einem schattenden Baume hinter einem
Felsen oder in altem Gemäuer seine Rast Dann verspeiste er den mitgenommnen
Tagesproviant und ließ sein Pferd welches ein außerordentlich gutes und sichres
Tier war frei umhergrasen Er hatte die Grille wenn man es so nennen will
gefasst bis zu der großen Stadt wohin ihn seine neuste Bestimmung wies
womöglich nur sich und der Natur zu leben In die Erinnerungen eines jungen und
doch mannigfaltigen Lebens vertieft war seine Seele frei von Furcht und Wunsch
und nur die Hoffnung schwebte mit jungfräulichen Zügen von weitem ihm voran
    Ganz heiter war er wenn er auch des Abends bei einem wohlhabenden
Hofschulzen freies Quartier fand Freilich pflegte er am andern Morgen durch
reichliche Geschenke an Kinder oder Mägde immer dafür zu sorgen dass die Zeche
gehörig bezahlt wurde Mitunter baten sich auch wohl die Wirte ein Andenken aus
so dass er fand eine solche Reise auf Gastfreundschaft koste heutzutage fast
mehr als wenn man sich unterwegs lediglich an die zahlungbegehrenden Hotels
halte
    Einige Male hatten ihn Gendarmen die ihn an abgelegnen Orten gelagert
fanden scharf befragt da aber seine Papiere in Richtigkeit waren so ließ man
ihn jederzeit frei durch
    Eines Tages gesellte sich ein Fusswandrer zu ihm Der Mann trug einen Rock
wie ihn Jahn vorschreibt hinten zu vorn offen ging im bloßen Halse mit
langen herabwallenden blonden Locken aus dem offenen treuherzigen Gesichte
strahlten die schönsten blauen Augen Anfangs war das Gespräch zwischen ihnen
ziemlich unbedeutend als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich
in freien Scherzen erging nahm es einen ernstafteren Charakter an Bald wurden
die Verhältnisse besprochen an welche die Unzufriedenheit in unsrem Vaterlande
gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat Hermann der noch nicht
gelernt hatte sich zurückzuhalten gab seine Meinungen zu vernehmen und man
tauschte gegeneinander die gefährlichsten Dinge aus
    Plötzlich sah Hermann dass der Fremde sich reckte in die Ferne schaute und
zusammenfuhr Er bemerkte dass ein Mensch ihnen entgegenkam dessen Rock und
Kragen den Polizeidiener verriet
    »Ich bin ein Landschaftszeichner« rief der Fremde eilfertig und ängstlich
»ich will doch von jenem Hügel die Gegend aufnehmen« Mit diesen Worten sprang
er in ein hohes wallendes Kornfeld und arbeitete sich mit reissender
Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhöhe hinter welcher er
verschwand
    Hermann hielt betroffen sein Pferd an Der Polizeidiener kam herzu und
fragte »Wer war der Mensch der ins Korn sprang«
    Hermann versetzte »Er sagte er sei ein Landschaftszeichner und wolle die
Gegend aufnehmen«  »Der Teufel mag er sein aber kein Landschaftszeichner ich
glaube dass ich den Kerl kenne« murrte jener und setzte achtsam nach allen
Seiten umherschauend seinen Weg fort
    Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stündchen an einen Erdrand von
welchem der Boden senkrecht in eine beträchtliche Tiefe abwich Es war ihm als
höre er aus der Vertiefung pfeifen
    Er bog sich über und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrüpp und
hohem Ginster wahr Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen Nicht ohne
Mühe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter wobei der Fremde ihm
behilflich war
    »Sie werden sich über mein Benehmen verwundert haben« sagte dieser
    »Allerdings« versetzte Hermann »Ich habe nie die Neigung zu den schönen
Künsten so sprungartig hervortreten sehen«
    »Ich sagte die Unwahrheit« rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer
»Vergeben Sie mir« fügte er hinzu indem er Hermann sanft die Hand drückte
»Sie sind ein edler Mensch ich will mich Ihnen frei entdecken Aber vor allen
Dingen wo speisen wir Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich
heute wenigstens in keine menschliche Wohnung wagen«
    Hermann sagte hierauf dasswenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle der
Not abzuhelfen sei Er holte Getränk und Speise aus den Pistolenhulftern und
legte die Flasche zur Abkühlung in eine Quelle die an dem Orte hervorsprudelte
Sie setzten sich beide am Fuße einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr
gemeinsames Mahl wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt denn nur auf
Hermanns dringendes Nötigen war er zu bewegen mit diesem gradedurch zu teilen
Das Pferd graste lustig zwischen den Gesträuchen
    Nachdem der Fremde sich gesättigt und den Mund säuberlich abgewischt hatte
fing er plötzlich an zu weinen umschlang Hermanns Nacken und rief »O Freund
Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus Was habe ich dir
getan mein Vaterland dass du mich also verfolgst Warum dürfen die Füße deines
wärmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten Die Schelme
sitzen an der Tafel und prassen und die Kinder des Hauses irren in der Wüste
umher«
    »Fassen Sie sich« sagte Hermann betroffen über diesen unerwarteten
Auftritt »und entdecken Sie mir wer Sie sind«
    »Ich bin ein politischer Flüchtling« versetzte der Fremde »Gequält
gehetzt von den Schergen der neununddreissig Tyrannen weiß ich oft nicht wohin
ich mein Haupt legen wo ich den Bissen für meinen Mund gewinnen soll Jetzt ist
mir Österreich vor allen auf der Spur denn unter seinen Fäusten litt ich
zuletzt Und was habe ich getan Ich liebte Deutschland Was ist meine Schuld
Ich wollte die Enkel Hermanns vor denen Roms Legionen zitterten aus ihrer
unseligen Zerissenheit aus dem jammervollen Schlafe der Schmach in den sie
versunken sind emporrütteln helfen Das Mark unsrer Brüder wird von seidenen
Knechten ausgesogen wer der ein Herz hat kann es mit ansehen ohne sich zu
rühren«
    Hermann antwortete nicht ohne Mitleid »Obgleich ich ungeachtet meiner
vorigen Scherze die auflösenden Gesinnungen nicht teile welche diesen Reden zum
Grunde liegen so weiß ich doch die Stimmung sehr wohl zu würdigen aus welcher
sie entstehen mussten Kann es Sie erleichtern so erzählen Sie mir Ihre
Geschichte und seien Sie versichert dass ich nichts dagegen habe wenn Sie das
Meinige wie das Ihrige betrachten«
    »Ist es so« rief der Fremde mit einem feurigen Blicke »Wohl mir ich habe
wieder einen Edelen gefunden Nein Teuts Volk kann nicht untergehn in dem so
viel Milde und Kraft sich paart Sind wir nicht die einzigen die in ihren
uralten Sitzen unvermischt blieben O wenn ich daran denke so wird mir groß
zumute«
    Da Hermann nach der Erzählung verlangte so willfahrte ihm der Fremde und
berichtete ihm seine Schicksale die aber fast nur in Wanderungen durch die
Kerker verschiedner Länder bestanden Er streifte seinen Arm auf und zeigte die
Spuren der Fesselwunden dann erhob er das Antlitz gen Himmel und rief mit
glänzendem Gesichte »Ja mein Ideal An meinem Ideale will ich halten ob auch
die Welt zerbricht So willst du treulos von mir scheiden Wer steht mir
tröstend noch zur Seite Du meines Lebens goldne Zeit Beschäftigung die nie
ermattet Mit deinen holden Phantasien«
    Er schien von seinen Gefühlen und Erinnerungen ganz außer Fassung gesetzt
worden zu sein beugte sich auf Hermanns Hand und schluchzte heftig Dieser
suchte den Weinenden mit den freundlichsten Reden zu beruhigen »Trösten Sie
sich« sagte er »es wird noch alles gut diese Verwicklungen der Gegenwart
können nicht immer dauern wer weiß wie bald Sie Ihrer jetzigen Not entkommen«
 »Das hoffe ich auch« versetzte der andre noch immer weinend »Was ist des
Deutschen Vaterland Ists Steierland ists Bayerland Ists wo des Marsen
Rind sich streckt Ists wo der Märker Eisen reckt O nein nein nein mein
Vaterland muss größer sein Hätten Sie wohl die Güte mich auf Ihrem Pferde etwas
reiten zu lassen«
    »Warum das Lieber« fragte Hermann
    »Nichts stellt die Seele so sehr zum Gleichgewichte her als die schüttelnde
Bewegung des Rosses« versetzte der unglückliche Mann »Da wird der Mensch
wieder in sich selbst einig und alle Sorgen bleiben unter seinen Füßen Von den
entsetzlichsten Bedrängnissen hat mich oft ein rasches Tier befreit«
    Hermann gab ihm gern die Erlaubnis sich auf diese Weise zu erholen jener
bestieg sein Pferd und ritt davon Hermann sagte als er allein war die Worte
des Sallust her welche die Katilinarische Verschwörung beginnen »Ja« rief er
»gälte die Geisteskraft der Könige und Helden so viel im Frieden als im Kriege
so würden die menschlichen Angelegenheiten einen gerechteren und festeren
Bestand haben es triebe nicht alles nach verschiedenen Richtungen man würde
nicht so viel Wandlung und Mischung sehen Denn leicht wird das Reich durch die
Mittel bewahrt durch welche es erobert ward  Das aber ist eben der Fluch
ungewöhnlicher Zeiten dass sie wie ein gärender Stoff das Bessere Flüchtige
entstellt und widerlich umtreiben während die tote Masse als Bodensatz bald
ihren unverrückten Stand erhält Dann heißt das was doch eigentlich zum Leben
sich entbinden will das Nichtige und jene trägen Hefen zaudern nicht sich den
Ruhm des Nützlichen und Bleibenden beizulegen Wer wird mit diesen Abenteurern
die jetzt zu Hunderten das Land durchstreifen irgend gemeinschaftliche Sache
machen ja nur in ihren Träumereien einen haltbaren Zusammenhang antreffen Und
gleichwohl wer der Dinge und Menschen mit menschlichem Blicke betrachtet mag
es sich verbergen dass aus ihren Hirngespinsten doch ein viel zarteres Gefühl
ein höherer Schwung und ein entschiednerer Charakter hervorsieht als aus der
Pflichtmässigkeit der Leute welche jetzt nachdem die Tage der Gefahr vorüber
sind als die treusten und beehrtesten Söhne des Vaterlandes umhergehn Wahrlich
nicht durch diese ist es errettet worden wahrlich nicht durch solche wird es je
errettet werden Gar leicht ist es gegenwärtig ein guter Patriot zu heißen
denn es kommt fast nur darauf an in allerhand zeitgefälligen Bestrebungen sein
Licht nicht unter den Scheffel zu setzen bei Gelegenheit tapfer zu schmausen
und eine schwülstige Rede zu halten Aber wenn das Verderben wieder hereinbricht
von Osten oder Westen dann werden wohl die Schmauser und Geburtstagsredner
verschwunden sein dann wird man sich wieder nach den verfolgten Vagabunden
umsehn welche dann auf eine Zeitlang zu Ehren kommen und späterhin abermals an
ihren blutigen Sohlen erfahren werden wie hart der Boden der Heimat ist O
seltsamer und trauriger Widerspruch der irdischen Dinge Immer nur bringen hoher
Mut und kühne Gesinnung die Sachen zum glücklichen Ausgange von welchem der
Held gleichwohl selten etwas zu genießen bekommt sondern wenn das Mahl
bereitet ist setzt sich der Philister zu Tische und lässt sich die Gerichte
wohlschmecken«
    Nach diesen und andern Reden saß er eine geraume Zeit schweigend und harrte
auf den politischen Flüchtling Da derselbe nicht sichtbar werden wollte so
stieg er aus der Vertiefung auf die Höhe des Erdrandes erblickte aber weder den
Mann noch das Pferd Betroffen horchte er ob sich nicht Hufschlag vernehmen
lasse aber vergebens Er rief und pfiff aber nur Echo gab ihm Antwort Ein
Argwohn stieg in ihm auf den er jedoch als des edelen Geächteten unwürdig
sogleich aus seiner Seele verbannte Gleichwohl blieb dieser Sohn des
Vaterlandes unsichtbar obschon Hermann nach ihm in verschiedenen Richtungen die
Gegend umher durchsuchte
 
                                Drittes Kapitel
Dieses Wandern und Suchen dauerte bis gegen Abend Nun ließ er davon ab noch
immer bemüht sich eine unbestreitbare Wahrheit zu verbergen Er lenkte in die
Heerstraße ein um nach einem bewohnten Orte zu gelangen Unmutig ging er auf
derselben einher Nicht lange so hörte er Menschentritt hinter sich Er wandte
sich um und erblickte den Polizeidiener wieder Nachdem er dem Manne vorsichtig
das Ereignis vertraut hatte schlug dieser ein helles Gelächter auf und rief
»Also sind Sie doch von dem Strolche angeführt worden Nun trösten Sie sich es
begegnet Ihnen nicht allein Der Vogel ist uns und der ganzen Welt zu schlau
Wenn wir denken wir haben ihn im Netz so sitzt er ganz vergnügt auf dem Baume
und lacht uns aus Was für Mühe hat sich der Herr Polizeikommissarius um ihn
gegeben«
    »Wer ist er denn eigentlich« fragte Hermann
    »Ein Jude aus Hameln« sagte der Polizeidiener »Wir heißen ihn nur den
Rattenfänger weil er zuerst mit Mäusebutter handeln ging was er aber nun
aufgegeben hat«
    »Wie kann er ein Jude sein da er lange blonde Haare hat« fragte Hermann
    »Falsch falsch« rief der Polizeidiener »Der Kerl führt alle möglichen
Perücken im Sack Struppkopf Bonvivant Pastor Zopf Strohdach Aus dem Rocke
macht er auch was er will Frack Mantel Uniform es ist unglaublich was für
Streiche er ausführt«
    Sie setzten ihren Weg zusammen fort und der Polizeidiener erzählte Hermann
von den Listen womit der Rattenfänger die Leute betrogen habe Unser Freund
musste sich zu seiner Beschämung gestehen dass jener bei den meisten andern mehr
Klugheit nötig gehabt hatte um zum Ziele zu gelangen als bei ihm
    Missgestimmt trat er in das Wirtshaus ein welches vor den Toren der nächsten
Stadt angenehm zwischen Gärten lag Sie hatten es mit dem letzten Strahle des
Tages erreicht Es bekümmerte ihn in seiner jetzigen Gemütsverfassung wenig dass
der Wirt ihn fast ebenso zweifelnd betrachtete wie jener welcher im Eingange
dieser Denkwürdigkeiten auftrat In der Tat pflegt ein Fußgänger mit Sporen an
den Stiefeln immer ein Gegenstand scherzhafter Verwundrung zu sein Mürrisch
forderte er eine Stube und ließ sich den Abgang der nächsten Schnellpost nach
Osten anzeigen Denn er hatte beschlossen nunmehr auf die gewöhnlichste Weise
seine weitere Reise zu veranstalten Kaum hörte er auf den Polizeidiener hin
welcher sich hoch und teuer vermass ihm das gestohlne Pferd wieder zu
verschaffen es koste was es wolle
    Indessen trieb ihn der Ärger der in der Einsamkeit immer nagender wurde
bald wieder in das abendliche Wirtszimmer Dasselbe war von einem Dampfe
erfüllt welcher beinahe die Lichter auslöschte Um den Tisch saßen sechzehn
junge Leute Bier trinkend und Tabak rauchend
    Hermann erkannte bald an den polnischen Röcken bloßen Hälsen an den
Sammetbaretten und bunten Pfeifentroddeln die Studenten Er verwunderte sich
über den tiefen Ernst womit diese Jünglinge ihr stummes Geschäft verrichteten
Niemand von ihnen sprach ein Wort nur jezuweilen schlug einer oder der andre
den Wirt zutraulichderb auf die Schulter und sagte »Bier« Ihr Präses der am
oberen Ende des Tisches saß ein starker vierschrötiger Mensch rief aber bei
solchen Gelegenheiten »Mehr Cerevis eherner Roche« Der wohlbeleibte glänzende
Wirt bediente sie mit gelenkiger Schnelligkeit warf ihnen allerhand Scherzreden
ins Gesicht ohne jedoch irgendeinen aus seiner Haltung zu bringen In der Ecke
des Zimmers strickte ein Frauenzimmer sah den Präses mit wehmütigen Blicken an
und stieß schwere Seufzer aus
    Hermann erwartete von Minute zu Minute den Beginn eines Kommersliedes aber
die ganze Studentengesellschaft blieb so stumm und ernst wie sie bei seinem
Eintritte gewesen war Er wandte sich endlich mit der höflichen Frage an den
Präses ob die Herrn auf einer Ferienwandrung begriffen seien
    Der Präses erhob sich warf ihm einen wilden Blick zu und versetzte dann in
rauhem Tone »Der deutsche Mann hat keine Ferien Es ist jetzt nicht an der
Zeit zu lottern sondern zu wirken Ich bin aus Mecklenburg und heiße
Brüggemann«
    »Diese Antwort finde ich etwas sonderbar« sagte Hermann
    »Sonderbar Tusch« riefen alle einhellig und der Mecklenburger raunte
seinem Nachbar etwas ins Ohr Das Frauenzimmer stand auf nahm ein Licht gab
Hermann mit ängstlicher Miene einen Wink und ging hinaus Er folgte ihr
    In einem abgelegnen Zimmer erwartete sie ihn Zu seinem höchsten Erstaunen
warf sie sich ihm hier zu Füßen und rief »Sie sind ein edler Mann ich lese
Menschlichkeit in Ihren Blicken Retten Sie die Armen ich beschwöre Sie darum
Ich liebe den Mecklenburger und kann sein Verderben nicht sehen«
    »Lassen Sie mich zuvörderst wissen wovon hier die Rede ist« sagte Hermann
    »Es sind Demagogen« versetzte das Frauenzimmer »Der Herr weiß worin die
Anziehungskraft unsres Gastofes für diese Jünglinge liegt Das ist nun schon
der vierte Bundestag welcher bei uns abgehalten wird und immer sind bald
darauf die Unglücklichen hier oder in der Nähe festgenommen worden und werden
doch nicht scheu sich in den Rachen der Klapperschlange zu stürzen Endlich
habe ich das furchtbare Geheimnis entdeckt Mein Vater der Entsetzliche
schenkt ihnen das Bier ein und verrät sie der Polizei«
    »Wenn die Sachen so stehen so sollten Sie Ihren Geliebten warnen«
antwortete Hermann
    »Wer sind Sie dass Sie mir dieses raten« rief das Frauenzimmer pathetisch
»Kennen Sie Ziegenhainer mein Herr Die Wütenden würden den Greis mit Schlägen
bedecken Nein eine Tochter welche den eignen Vater seinen Feinden zu
überantworten imstande ist verdient diesen Namen nicht den heiligsten in der
ganzen weiten Natur Ich heiße Tusnelde und bin ein deutsches Mädchen«
    »Eine Närrin bist du und heissest Sophie Christine« sagte der Wirt der
lachend in die Stube trat »Marsch fort Was steckst du hier mit dem fremden
Herrn zusammen«
    »Die Bücher haben ihr den Kopf verdreht« sagte er zu Hermann Dieser
versetzte »Sie sprach von Ihnen und von den jungen Leuten und ich wollte
wünschen es wäre nicht wahr was sie mir entdeckt hat«
    »Der liebe Gott segnet mein Haus mit Demagogen wie er andre Häuser mit
Kindern oder Schätzen segnet« sagte der Gastwirt behaglich »Es gibt gar kein
dümmeres Vieh als Studenten Sie wissen dass ihre Kamaraden immer hier
aufgehoben worden sind, und doch rennt es noch beständig hieher Es geht mit des
Himmels Segen zu Ich bekomme gute Extrapräsente und das Allgemeine
Ehrenzeichen kann mir in ein vier fünf Jahren durchaus nicht entgehn«
    »Wie mögen Sie ein so hinterlistiges Verfahren nur entschuldigen« rief
Hermann zornig
    »Hinterlistig« sagte der Wirt ohne sich aus seiner Laune bringen zu
lassen »Es ist noch keinem der Kopf abgerissen worden Sie werden in bequeme
Postchaisen gepackt kommen auf ein Jährchen in Prison haben dort Zeit zu
studieren schlagen in sich dann erfolgt eine schwere Sentenz dann die
Begnadigung dann die Befördrung weit schneller als bei andern Landeskindern
denn im Himmel und in  ist mehr Freude über einen Sünder der bereut als über
hundert Gerechte die nie fielen«
    »Das Unglück von Menschen zu bespotten verrät ein gefühlloses Herz« rief
Hermann
    »Ein jeder denkt auf seinen Profit« erwiderte der Wirt »Die Schnellposten
haben den armen Wirten fast alles Brot entzogen Wenn ich keine Demagogen
anzugeben hätte müsste ich wohl betteln gehen Morgen ist also hier der vierte
Bundestag und übermorgen früh denk ich hangen sechzehn Drosseln in den
Dohnen Wollen aber Sie das verhindern mein Herr so nehmen Sie sich vor dem
Polizeikommissarius in acht denn ich denunziere Sie dann als den Mitschuldigen
des Hochverrats und da Sie kein Student mehr sind so möchte man vielleicht mit
Ihnen schärfer verfahren«
    Hermann war nicht einen Augenblick unschlüssig was er tun sollte Das
Schicksal welches diesen armen jungen Leuten bevorstand erschien ihm fast noch
gelinder als die rasende Verblendung wodurch sie sich dasselbe zuzogen Er
selbst eingeweiht in diese Verirrungen konnte jetzt kaum begreifen wie es
möglich gewesen sei so frevelhaften Unsinn zu treiben Er beschloss die jungen
Toren ihrem Geschicke zu entziehn indem er sie von ihrer Verblendung heilte Da
man aber um sich den Wölfen überhaupt zu nähern mit ihnen heulen muss so
schien ihm ein besonders geschicktes Benehmen hier durchaus notwendig zu sein
    Er fand den Mecklenburger auf einem Vorplatze des Hauses seine Pfeife
ausklopfend Hermann legte die drei ersten Finger der rechten Hand an den
Pfeiler und fragte »Wohin gehst du«
    Betroffen sah ihn der Mecklenburger an legte aber die letzten Finger seiner
Rechten an den Pfeiler und versetzte »Nach Leipzig Sage mir die neun
Grundartikel«
    Hermann trug hierauf ohne zu stocken die begehrten Sätze vor Der
Mecklenburger drückte nach diesen unzweifelhaften Zeichen ihm kräftig die Hand
und rief »Die Begegnung hätte ich nicht vermutet Ich wollte dich fordern
lassen denn sonderbar ist unter allen Umständen Tusch nun aber wird natürlich
daran nicht mehr gedacht auch hätte ich gleich erwägen sollen dass du Philister
bist mithin von dir nichts zieht Bringst du uns Nachricht vom Männerbunde«
    »Allerdings« versetzte Hermann doppelsinnig »Es gibt einen Bund der
Männer dem Unrecht zu wehren Schaden zu verhüten den Frieden zu schützen«
    »Recht so« versetzte der Mecklenburger »so meinen wir es auch Die Zeit
ist groß wir müssen Großes leisten um vor ihr groß zu bestehn Eingreifen
müssen wir in ihre Räder mit dem Strome schwimmen und die Dämme und Klippen
zerbrechen welche die Hölle ihnen in den Weg türmt Jetzt sind wir daran das
Volk aufzuklären Frisch frei fromm fröhlich das ist immer die Hauptsache
Auf einen Kopf oder ein paar krummgeschlossne Knochen kommt es dabei nicht an
mehr als totmachen können sie uns nicht«
    »Wie weit seid ihr denn gediehen« fragte Hermann
    »Das Reich ist eingeteilt es geht wieder in die zehn Kreise nach Homanns
Karte« erwiderte der Demagoge »Das war das sicherste Die Festungen sind
unser der Ölmüller hat einen geheimen Gang neben seinem Teiche und der Major
wird Grossfeldherr Ich nehme Mecklenburg hin ausgenommen Güstrow was Schneppe
aus Greifswald nicht fahren lassen wollte Berlin wird niedergerissen und Jahn
baut die neue Hauptstadt an der Elbe Er wird auch Obermeister der Zucht aber
das Turnen bleibt vorderhand abgestellt denn wir wollen nichts übertreiben In
der Bundeskasse haben wir an dreiundsechzig Taler es kann alle Tage losgehn«
    »Was führt euch aber eigentlich hier zusammen« fragte Hermann
    »Die letzte Frage welche noch zu entscheiden ist« erwiderte der Demagoge
»Morgen wird bestimmt was aus den Fürsten werden soll ob wir sie alle
erstechen müssen oder ob man wenigstens in betreff einiger Gnade vor Recht
ergehn lassen kann In der Buschmühle tagen wir fehle ja nicht in der
Versammlung«
    Dieses sinnreiche Gespräch würde noch länger fortgedauert haben wenn nicht
im Hofe ein plötzlicher Lärmen entstanden wäre Eine Menge Menschen mit Laternen
und Windlichtern drang herein in deren Mitte Hermann bei dem Näherkommen des
Zuges den Polizeidiener den Rattenfänger und sein Pferd wahrnahm Der
Rattenfänger führte das Pferd der Polizeidiener den Rattenfänger Er hielt ihn
am Ohrläppchen gefasst und rief unaufhörlich »Haben wir dich endlich du
saubrer Kavallerist Haben wir dich« Wunderbar war es anzusehen wie der Mensch
nun als schwarzlockiger Pudelkopf erschien und den abgelegten blonden Schopf
wehmütig in der Hand hielt
    Hermann würdigte diesen politischen Flüchtling keines Blickes und empfing
sein Pferd welches von Schweiß triefte Der Polizeidiener erzählte ihm wie er
des Vagabunden habhaft geworden sei und gab ihm den Rat sobald als möglich
fortzureiten und sich den Schaden zur Lehre dienen zu lassen
 
                                Viertes Kapitel
Am folgenden Morgen wanderte Hermann nach der Buschmühle mit sich einig über
den Plan nach welchem er die verirrten Jünglinge in das rechte Geleis
zurückführen wollte »Wie doch das Unangenehme meistens die besten Ausgänge
hervorbringt« sagte er zu sich selbst »Ohne den gestrigen Vorfall würde ich
meines Weges weitergezogen sein und die Gelegenheit verabsäumt haben etwas
Gutes und Heilsames auszurichten«
    Als er am Orte der Zusammenkunft eintraf fand er die Studenten schon auf
einer Dachkammer versammelt Fahl schien das Licht durch beräucherte
Fensterscheiben und gab den ohnehin mit frühen Runzeln gezeichneten blassen
Gesichtern dieser jungen Leute ein noch trübseligeres Ansehen Sie saßen und
standen umher die Pfeife war wie sich von selbst versteht auch hier in voller
Tätigkeit und der Qualm in dem engen Raume beinahe unerträglich Der
Mecklenburger kam auf Hermann zu fasste ihn bei der Hand und stellte ihn mit den
Worten »Da seht ihr endlich einen vom Männerbunde« den andern vor
    Alle drängten sich um ihn und wollten vom Männerbunde wissen Hermann
versetzte »Ich werde euch noch genug nachher zu sagen haben jetzt tut ihr erst
das Eurige«
    Die Studenten zogen Dolche aus ihren Röcken zückten sie und riefen mit
dumpfer Stimme »Den Verräter treffe der Tod« Darauf warfen sie dieselben
zusammen auf einen Haufen
    Der Mecklenburger setzte sich an einen kleinen wacklichten Tisch in der
Mitte der Kammer ein andrer der den Sekretär vorstellte ihm gegenüber Dieser
zog ein Heft beschmutzter unordentlicher Papiere welche Akten bedeuten sollten
hervor und schlug seinen Kollegienstecher in die Tischplatte Die übrigen saßen
oder lagerten sich umher Hermann nahm zu seiner Sicherheit einen Platz an der
Türe
    Der Sekretär erhob die Stimme und fragte »Welche Kreise Deutschlands sind
hier auf diesem vierten Tage des Bundes der Jungen versammelt«
    »Obersachsen« antwortete einer mit unzweideutiger scharfer Kopfstimme
»Franken« riefen vier Schwaben ward durch fünf Niedersachsen und Westfalen
jedes durch zwei vertreten für Burgund meldeten sich drei schwarzhaarige
einigermaßen heimtückisch aussehende Belgier Bayern Oberrhein Niederrhein
Österreich fehlten
    Der Sekretär stand auf und sagte »Bruder Präses sechs Kreise Deutschlands
sind versammelt«
    Der Mecklenburger entblößte sein Haupt und sprach »Ich erkläre hiemit den
Tag für beschickt und eröffnet Geliebte Brüder des Bundes für Freiheit und
Recht Vernunft und Wahrheit Frisch frei fromm fröhlich das ist immer die
Hauptsache Schwer Werk liegt auf teutscher Jugend wir sollen die alte dumm
und faul gewordne Zeit wieder einrenken die Flicker und Stücker vertreiben den
Stall lüften das Molchund Otterngezüchte aus seinen Höhlen schwefeln dass
alles teutsch werde christlich und gut Es ruht wie gesagt auf der Jugend
die Alten sind nichts nutze«
    »Davon habe ich eben ein Beispiel gehabt« sagte einer aus Franken »Ich
stehe mit meinem Alten in Rechnung so viel für Hauspump so viel für Bücher
Wäsche und so weiter Nun hatte ich ihm sechzig Gulden für Kollegia angesetzt
Denkt euch verlangt das Kamel ich soll nachweisen dass ich sie gehört habe«
    »Bruder unterbrich mich nicht« rief der Mecklenburger »Lass deine eignen
Angelegenheiten hinweg wo es die große Sache des Vaterlandes gilt Brüder
Lange Reden zu halten ist nicht meine Sache ich bin aus Mecklenburg und heiße
Brüggemann Zuschlagen muss man das ist das kürzeste und jeder versteht wie er
dieses zu nehmen hat Lange genug hat das Wort die Welt verfjetzt gesunde
Knochen und tüchtige Fäuste sollen ihr wieder zum Besinnen verhelfen Also
Bruder Schreiber und Schriftwart lies kurz und gut die Frage des Tages ab Dann
stimmt und hernach streife jeder den Arm auf gürte seine Lenden und tue was
der Beschluss ihm auflegt«
    Der Sekretär las aus den sogenannten Akten »Der dritte Bundestag hat die
Königs und Fürstenfrage zur Entscheidung des vierten gestellt Die heute
versammelten Kreise und Stände des Reichs welches da kommen soll haben
folglich darüber abzustimmen Sollen die Könige und Fürsten alle ohne Ausnahme
niedergemacht werden oder kann man in betreff einiger und welcher mildere
Entschließung eintreten lassen«
    »La mort sans phrase« riefen die Belgier hastig
    »Burgundier« versetzte der Präses »es steht noch nicht einmal fest ob wir
euch zum Reiche nehmen oder euch nicht lieber den Pariser Wölfen überlassen
Wollt ihr aber mit uns tagen so redet die Sprache Teuts und nicht die der
Welschen und Franschen«
    »Ich lasse meinen König nicht umbringen« sagte der aus Obersachsen »Ich
habe eine Freistelle auf der Fürstenschule gehabt er heißt Friedrich August der
Gerechte was kann er dafür dass er ein König ist«
    »Alle ohne Ausnahme abgemuckt« riefen die Franken Niedersachsen stand zu
Obersachsen die Debatte wurde stürmisch Einige Schwaben und einige Westfalen
suchten vergeblich einander deutlich zu werden Ein Kreis verstand den andern
nicht
    Der Präses klopfte auf den Tisch und redete nachdem alles still geworden
war so »Zankt euch nicht Durch Span und Zwist sind die Reiche verfallen das
hat Rom und Griechenland gestürzt soll auch unsre Stärke dadurch schwach
werden Ich meinesteils bin für Mäßigung Furchtbar ist ein Volk welches sich
im Glücke zu fassen weiß Wir haben die Oberhand lasst sie uns nicht
missbrauchen Ich schlage eine Sondrung vor Die bis zur Leipziger Schlacht
teutscher Sache noch nicht beigetreten waren sollen sterben und denen die vor
diesem Zeitpunkte ihre Pflicht erfüllt haben geben wir Pension oder Leibzucht
vaterländischer zu reden Auf diese Weise sind wir zugleich gerecht und milde«
    Über diesen Vorschlag entstand ein hitziger Streit bei welchem die äußerste
Rechte und die äußerste Linke einander beinahe zu Kragen geraten wären Endlich
siegte die gemässigte Mitte die Mehrheit nahm den Vorschlag an und der
Mecklenburger entwarf sogleich die Pensionssätze wobei der für den größten
Fürsten von Norddeutschland mit besondrer Rücksicht auf dessen Verdienste und
Schicksale bis zu achthundert Talern jährlich anstieg obgleich die gewöhnliche
Pension eines Königs nicht mehr als fünfhundert betragen sollte
    Während man noch mit der Festsetzung dieser Angelegenheit beschäftigt war
sagte ein Franke »Ihr habt einen Hauptpunkt vergessen Was soll mit den
dirigierenden Bürgermeistern der freien und Hansestädte werden«
    Es entstand eine Pause allgemeinen Nachdenkens »Dass auch in den sogenannten
freien Städten keine Freiheit weilt dass dort die Gewalt oft noch verderbter
ist als in den Fürstentümern kann niemand leugnen« sagte endlich der Präses
»Wo wird man mehr mit dem Pass geschoren als in Frankfurt Wo ist teurer leben
als in Hamburg Aber dein Bedenken ist ganz richtig Bruder Wenn wir auch die
Bürgermeister hinwegräumen so bleiben ja immer noch die Senate übrig fünfzig
Mann in jeder Stadt die zur Zwingherrschaft berechtigt ja auch daran beteiligt
sind«
    Die Burgundier rieten zur Abschlachtung der gesamten Senate welcher Gedanke
jedoch als zu blutdürstig von den eigentlich deutschen Kreisen einstimmig
verworfen wurde Man sprach von Kerker eidlichem Verzicht und dergleichen fand
aber diese Mittel alle zu ungenügend Zuletzt rief ein Schwabe »Brüder Eine
nach der andern frisst der Baur die Würst Lasst uns die Könige und Fürsten erst
einmal aufm Kraut haben unterweil fällt uns vielleicht wegen der Bürgermeister
etwas ein«
    Alles lachte über den Schwaben konnte aber gleichwohl keinen besseren Rat
ersinnen denn er Wer weiß wie lange dieses Nachdenken noch fortgesetzt worden
wäre wenn nicht Hermann der dem Wahnsinne nicht länger zuzuhören vermochte
eine Doppelpistole welche er in der Stadt erhandelt herausgezogen und sie vor
den Studenten langsam scharf geladen hätte »Was soll das« fragten einige
    »Der Männerbund führt nur Schiessgewehr« versetzte Hermann kalt Er spannte
den Hahn und hielt die Pistole vor sich hin Dann sagte er »Der erste welcher
mir zu nahe kommt wird totgeschossen Ihr albernen Toren ihr verblendeten
Jünglinge Ein schlimmes Übel erfordert bittere Arzneien Indem ich euch zu
heilen unternehme sage ich daher dass ich nicht weiß ob ich über eure
Schlechtigkeit zürnen oder über eure Dummheit lachen soll Ihr beruft euch
irregeführt von euren Verleitern immer auf das Altertum ahmt demselben nach und
erinnert euch zuerst daran dass zu jenen Zeiten die Jungen nicht mitsprechen
durften in Sparta musste einer dreißig Jahre alt sein wenn er den Mund über
Staatsangelegenheiten auftun wollte Ihr Unsinnigen die ihr euch herausnehmt
Könige und Fürsten absetzen pensionieren ja erdolchen zu wollen weil sie wie
ihr wähnt ihrer Würde nicht vorzustehen wissen und die ihr selbst noch nicht
den allerkleinsten und abgeleitetsten Teil dieser Würde zu bekleiden vermöchtet
Geht in euch lernt eure Hefte singt Trink und Burschenlieder genießt die
schöne Jugend und überlasst die Sorge um den Staat den Alten Eines sage ich
euch noch Ich halte euch nicht für so unvernünftig dass ihr auf eure eigne
Faust ohne Hilfe älterer gewichtigerer Männer zu revolutionieren die
Tollkühnheit besitzen solltet Nun denn so erfahrt dasswenn ihr aufsteht
kein Torschreiber und Supernumerarius euch beispringen wird alles was den
Burschenrock ausgezogen hat sitzt ruhig mit Tabagiegespräch zufrieden im
bürgerlichen Leben der Männerbund ist eine Lüge womit euch irgendein Bösewicht
geködert hat ihr seid die Affen welche für die Katze die Kastanien aus dem
Feuer holen sollen«
    Schwer würde es sein die Wirkung dieser Anrede auf die Studenten zu
beschreiben Sie hatten sich in einem Winkel zusammengedrängt zitterten vor
Grimm waren jedoch keinesweges lüstern der Mündung des Pistols näher zu
treten Vielmehr gaben sie ganz das Bild gemalter Wüteriche ab wie Shakespeare
sagt
    Hermann war eben im Begriff seinen Spruch mit einer gesteigerten
Nutzanwendung zu schließen als von unten Stimmen ertönten und Pferdegetrappel
hörbar ward Diese Laute verwandelten auf einmal die Szene Hermann und die
Studenten rannten einträchtig zu einer Bodenlucke und sahen den ganzen Hof voll
von Gendarmen Häschern und bewaffneten Bauern Sogleich ergriffen die jungen
Leute mit katzengleicher Geschwindigkeit die Flucht Einige ließ sich eine
Falltüre hinunter andre verkrochen sich in den dunkelsten Ecken des Gebälks
die Entschlossensten kletterten auf die den Häschern abgekehrte Seite des Dachs
sprangen in den Garten und eilten zu Walde In einem Augenblicke war der ganze
Söller von den Demagogen leer nur Hermann blieb im Gefühle seiner Unschuld auf
demselben zurück
 
                                Fünftes Kapitel
Nicht lange so erschien ein Gendarm blickte forschend in die Dachkammer und
rief seinen Kamaraden mit den Worten »Komm einer ist noch hier« herbei »Sieh
nur die Wirtschaft« sagte der zweite als er eintrat »Die Dolche Und da die
Brandbriefe«  »Gut dass wir wenigstens den Oberdemagogen haben schau was für
eine Pistole er führt«  »Es ist ein Halbkarabiner« versetzte der zweite
Gendarm
    Sie schritten auf Hermann zu und kündigten ihm in barschem Tone Arrest an
»Gänzlich im Irrtum meine Herrn« versetzte er »Ich wollte die verführte
Jugend zum Besseren bekehren« Die beiden Männer schlugen ein helles Gelächter
auf und meinten er sehe nicht nach einem Propheten aus Um sich nicht übler
Behandlung auszusetzen gab er sich gefangen Er fragte nach ihrem Befehlshaber
und verlangte zu diesem geführt zu werden Sie versetzten dass der Herr
Polizeikommissarius nicht zu sprechen sei indem er bei Verfolgung eines
Flüchtigen zu Boden gestürzt sich das Bein aufgeschlagen habe
    Nachdem die Gendarmen ihm die Pistole abgenommen die Dolche und Akten
zusammengerafft hatten führten sie ihn hinunter Mit genauer Not erhielt er es
dass man ihn nicht fesselte doch war auch so schon seine Lage die
unbehaglichste Hunderte von Menschen hatte die Neugier herbeigezogen deren
gaffende Blicke alle auf ihn gerichtet waren Unaufhörlich wurden die Gendarmen
befragt wer er sei worauf sie jederzeit kaltblütig erwiderten »Es ist der
Oberdemagoge«
    Auf seine Bitten wurde eine verdeckte Kalesche angespannt Die Gendarmen zu
beiden Seiten des Wagens reitend brachten ihn darin nach dem Städtchen aus
welchem er in so guter Absicht nach der Buschmühle gegangen war Dort lieferte
man ihn in der Wachtstube des Orts ab Bei dem Eintritte in dieses Gelass hätte
er vor Scham und Verdruss sterben mögen Es war nämlich am gedachten Tage auch
das sogenannte allgemeine Vagabundengreifen gewesen und die Wachtstube wimmelte
daher von übel aussehenden Leuten Heftig fragte er den einen Gendarmen ob man
für Verbrecher seinesgleichen hier nicht einsamen Kerker bereit halte Die
beiden Männer sahen einander kopfschüttelnd an einer griff an seine Stirn dann
sprachen sie leise zusammen Man willfahrte ihm indessen und brachte ihn über
einen finsteren schmutzigen Hof nach dem Hintergebäude der Fronfeste wo sich
denn hinter Schloss und Riegel seinem Wunsche gemäß einsames Gefängnis auftat
    Er war nun zwischen vier einst weiß gewesenen Wänden allein Beständig musste
er sich zurufen dass dieses Ungemach ja lediglich aus einem lächerlichen Irrtume
entspringe und von kurzer Dauer sein werde um dem Missmute nicht zu erliegen
Endlich warf er sich auf die Strohschicht welche der Kerkermeister frisch
besorgt hatte und schlief trotz seiner übelen Laune ein
    Die Gendarmen ihrer scharfen Anweisungen eingedenk nahmen indessen nach
kurzer Abwesenheit vor der Kerkertüre Platz
    »Weißt du« sagte der eine zum andern »woher alle die Teufelei rührt Ich
kanns dir sagen Die Juden stiften den ganzen Spektakel an«
    »Nicht möglich« rief der andre »Ich dachte die Franzosen steckten
dahinter«
    »Franzosen hin Franzosen her« sagte der erste »Das ist ja eben die Sache
Die Franzosen sind auch alle heimliche Juden Dazumal in Ägypten hat der
Bonaparte seine ganze Armee dazu herumgekriegt und die Soldaten haben dann nach
ihrer Rückkehr das Judentum weiter gestiftet und auch bei uns ausgebreitet bis
der Krieg kam und davon rühren die Demagogen her«
    »Drum aßen auch die Kerle so viel Knoblauch« sagte der zweite Gendarm
    »Richtig« versetzte der erste »Der Knoblauch ist der erste Grad im
Judentum Der Bart ist der zweite Merkst du was Gehts dir auf Alle tragen
sie lange Bärte Ich muss nur lachen wenn die Herrn sich so viele Mühe mit dem
Volke geben um ein Geständnis herauszubringen Am Leibe visitiert da würden
sie bald das untrügliche Zeichen finden«
    »So wäre man ja seiner Gliedmaßen nicht sicher wenn das Zeug die Oberhand
bekäme« rief der zweite Gendarm mit so Entsetzen
    »Das wäre noch das wenigste« sagte der erste »aber alle Kinder würden sie
totschlagen und das Blut trinken und kein Krämer dürfte mehr ein Lot Salz
verkaufen«
    Der zweite Gendarm erinnerte sich wieder an Ägypten und fragte ob da nicht
die Türken anstatt der Juden hauseten »Lass dir sagen« antwortete der erste
»Die Reichen sind mit Mose nicht ausgezogen sondern im Lande sitzen geblieben
wo hast du je gehört dass ein Jude sein Eigentum verlassen hätte
    Nur das Schacherpack lief fort und vierzig Jahre in der Wüste umher das
heißt sie gingen hausieren nichts zu handeln drin bei den Leuten die da so
in den Gegenden wohnten Die zurückgeblieben waren kamen bei den Türken unter
den Druck Bonaparte wollte sie befrein um dem Engländer einen Tort zu tun
Denn wo die Juden aufkommen sind die Engländer verloren Aber die merkten den
Schlich und lieferten ihm die große Schlacht da oben bei Dings«
    »Daher kommt es denn auch dass sie in Hannover so scharf sind mit den
Demagogen« sagte der zweite »Es ist wegen den englischen Handelsverbindungen«
    Dieses scharfsinnige Gespräch hörte Hermann zum Teil mit an denn er war von
Hitze und Unruhe bald wieder munter geworden Die Wachtmänner welche nach den
Gendarmen aufzogen hielten sich in ihren Gesprächen mehr an seine Person und
machten eine schlimme Beschreibung von ihm die sich denn von Ablösung zu
Ablösung steigerte so dass er gegen Morgen in den Reden dieser Leute wie ein
Ungeheuer mit Klauen und Hörnern aussah
    Im Strahl der frischen Morgensonne fand er seine gute Laune wieder Er
lachte über die Ungereimteiten die er von draußen vernahm laut auf so dass
die wachenden Männer ein Grauen ergriff »Hoffentlich« sagte er »ist denn
dieses doch der letzte dumme Streich den ich mache Oder nein« fügte er hinzu
»wer wollte die Torheit verschwören Nur diejenigen Menschen irren sich nicht
deren Leben von Anfang bis zu Ende ein einziger trockner Irrtum ist«
 
                                Sechstes Kapitel
Man führte ihn vor den Polizeikommissarius zum Verhör Der Beamte saß hinter
einem Tische auf welchem die Hermann abgenommnen Sachen lagen Geld die
Doppelpistole und die Brieftasche Ein kleiner Schreiber saß dem Beamten zur
Linken mit steilrecht erhobner Schreibefeder Hinter dem Polizeikommissarius
standen zwei Häscher ernst und regungslos ihre Blicke ruhten auf dem Haupte
des Vorgesetzten
    Dieser hatte das verletzte und bewickelte Bein seitwärts auf einen Sessel
gelegt so dass er sein Gesicht bei Hermanns Eintreten von diesem abkehrte Der
kleine Schreiber fuhr den Gafangenen herkömmlich grimmig an und bedrohte ihn mit
den schlimmsten Dingen wenn er nicht die reine Wahrheit sage Jetzt wandte sich
der Polizeikommissarius um und wollte mit noch höherer Würde diese
Gewissensschärfung vornehmen kam jedoch nicht über das erste Wort hinaus blieb
vielmehr stocken und starrte seinen Inkulpaten geöffneten Mundes an Ein
gleiches Erstaunen prägte sich in der Miene und Gebärde Hermanns aus sie
standen einander gegenüber wie die Salzsäulen
    Zuerst fand der Polizeikommissarius einige Laute wieder »Abtreten« rief
er dem Schreiber und den Häschern winkend Betroffen verließ das Personal die
Amtsstube »Hermann«  »Ernst« Mit diesem Rufe fielen die beiden Freunde
einander in die Arme
    »Unglücklicher so sehen wir uns wieder« sagte der Polizeikommissarius
»Dasselbe möchte ich dir entgegnen« erwiderte Hermann »Warum bist du denn
nicht in Hellas warum steckst du in dem Rocke da«
    »Achtung vor dem Könige dessen Farbe ich trage« sagte der ehemalige
Philhellene mit gebietender Haltung »Aber o ich Schwergeprüfter« rief er
außer Fassung geratend »Meinen besten Freund meinen Herzbruder finde ich unter
Hochverrätern als ihr Haupt als ihren Rädelsführer wieder Dahin führen
verkehrte Grundsätze das ist die Frucht einer unruhigen Sinnesart Wie oft habe
ich dich gewarnt wie oft sagte ich dir über das Gewöhnliche sich erheben
wollen führt zum Allerschlechtesten«  »Du vergesslicher Mensch« rief Hermann
»dieses sind ja eben meine Worte an dich als du den abenteuerlichen Zug nach
Griechenland unternehmen wolltest«
    Aber sein Freund hörte ihn nicht Er war aufgestanden hinkte feierlich mit
steifem Knie auf und nieder und sagte »Pflicht Du Polarstern des Beamten du
Ankergrund der Diensttreue stärke mich jetzt Ein Mann der mit blutendem
Herzen tut was ihm obliegt ist ein Schauspiel für Götter In diesem Zimmer
hört der Mensch auf es kennt nur den Diener des Staats«
    Hermann fing den ausgestreckten Arm des Freundes rüttelte ihn und sagte
heftig »Die erste deiner Pflichten ist den Beschuldigten anzuhören Ich bin
kein Demagoge geschweige ihr Oberhaupt und Rädelsführer Ich bin ein so
unschädlicher Mensch wie nur einer Brot isst Du hättest mich eher aus den
Händen deiner dummen Gendarmen und Scharwächter befreien sollen«
    »Bist du nicht unter den Wütenden betroffen worden« fragte der
Polizeikommissarius »Liegen da nicht die Dolche die Schriften voll der Teilung
Deutschlands und des Mordes der Könige Liegt dort nicht dein eigenes
Schiessgewehr«
    Hermann gab ihm mit der überzeugenden Kraft welche der Wahrheit eigen zu
sein pflegt die Einsicht in den Hergang der Dinge. Der Polizeikommissarius
wurde wankend nachdenklich erholte sich aber wieder und sagte »Und diese
Brieftasche hast du die auch in der Absicht zu bessern bei dir geführt Blick
hinein was siehst du Aufrührerische Traktätchen Freie Stimme frischer Jugend
den Bauernkatechismus kurz den ganzen Arsenal der liberalen Propaganda Wie
willst du dieses unumstössliche Beweismittel entkräften«
    »Mensch hast du denn aus der Lete getrunken« rief Hermann »Sieh doch die
Brieftasche genauer an Es ist ja die deinige dieselbe welche damals aus
Irrtum in meiner Tasche blieb mit diesem deinem Freiheitsschwindel angefüllt
während du mit meiner und mit meinem Gelde von dannen zogst«
    Da nun die Brieftasche in einer Ecke des vordersten Blattes wirklich noch
den Namen des ehemaligen Philhellenen führte so konnte der Polizeikommissarius
sie nicht verleugnen Diese Entdeckung hatte die Wirkung auf ihn dass er den
Pflichtbegriff fahren ließ und sich den freundschaftlichen Empfindungen ganz
hingab Es verstand sich dass er Hermann in seiner Häuslichkeit bewirten wollte
von deren Lobe er nun überströmte Beide schüttelten einander herzlich die Hand
und genossen die Freude des unverhofften Wiedersehens
    »Was wird Fränzchen dazu sagen« rief er »Und mein Junge Zwar der kann
noch nichts sagen«
    Er brachte ihn durch einen bedeckten Gang welcher die Gefängnisse mit
seiner Wohnung verband nach dieser Unterweges wurde er wieder still »Bei
allem dem bleibt es doch ein eigenes Unglück« sagte er niedergeschlagen »dass
ich mit der vielen Mühe mit der Plage bei Tag und bei Nacht nichts andres
ausgerichtet habe als mir das Knie zu zerfallen meinen besten Freund
gefangenzunehmen und meine eigne Brieftasche wiederzufinden«
 
                               Siebentes Kapitel
Fränzchen schrie laut als Hermann vor sie trat »Gebt euch nur einen Kuss«
sagte der Polizeikommissarius »alte Liebe rostet nicht daraus mache ich mir
gar nichts es bleibt in der Freundschaft« Noch hatte Hermann den Weg zu ihren
Lippen nicht vergessen errötend duldete sie was sie an vergangne Zeiten
erinnerte Sie war still und schien verlegen zu sein Hermann bemerkte dass
ihre Blicke vergleichend zwischen ihm und ihrem Manne hin und her wanderten
    Ein Kindergeschrei ließ sich vernehmen »Das ist Hermann der Saßen
Herzog« sagte der Polizeikommissarius »Mutter bring den Jungen herein« Sie
brachte das Kind einen starken rotbäckigen Knaben den Hermann ungeachtet des
Zustandes in welchem er sich eben befand abküssen musste
    Hermann verbrachte einige Tage in dieser Häuslichkeit welche der spärlichen
Umstände wegen worin beide Gatten lebten die beschränkteste war Der
Diensteifer seines Freundes hatte eine eigne Verwicklung herbeigeführt Gleich
nach seiner Gefangennehmung war nämlich von diesem eine Stafette mit der Meldung
von dem Geschehenen gen  abgesendet worden welcher er zwar als er den
Zusammenhang der Dinge in Erfahrung gebracht hatte einen zweiten reitenden
Boten mit einer Berichtigung der früheren Anzeige nachschickte jedoch ohne den
gewünschten Erfolg Er empfing nämlich einen Verweis dass er sich herausnehme
in dieser Angelegenheit selbst urteilen zu wollen man finde dies unangemessen
und habe er den Gefangenen schleunigst abliefern zu lassen
    Diese Hiobspost kündigte er seinem Freunde mit bestürzter Miene an
Fränzchen weinte Hermann tröstete sie beide sprach von seinen Bekanntschaften
in der Residenz die ihm bald aus der Verlegenheit helfen würden und sagte dass
wenn man auch in diesem Punkte dort strenge Grundsätze hege die Unschuld doch
etwas Siegreiches habe was die Richter sofort zu seinen Gunsten stimmen werde
    Im Grunde war er froh als der Wagen vorfuhr die beiden bekannten Gendarmen
zu den Seiten aufritten und dergestalt einigen beklommenlangweiligen Tagen ein
Ziel gesetzt ward Die ersten Gespräche mit seinem Freunde hatten ihn überzeugt
dass alle Berührungspunkte zwischen ihnen verlorengegangen waren Der
Polizeikommissarius bezog jetzt alles im strengsten Sinne auf den Dienst oder
die Hausvaterschaft So hatte Hermann einmal lange mit Geist und Suada von den
streitenden Bestandteilen des Staats gesprochen aufmerksam wie es ihm schien
angehört von dem Freunde Als er aber geschlossen hatte rief dieser aus »Du
hast ganz recht es wird nicht eher besser bei uns als bis wir wissen wie weit
die Polizei gehen darf und wie weit die Justiz«
    Die Pflichten des Hausvaters übte er wirklich in vollem Masse Nicht genug
dass er bei der Wartung des Kindes in den unangenehmsten Vorkommenheiten mit zur
Hand ging er grub im Garten und beschickte die Küche wo es irgend not tat ja
Hermann hatte ihn eines Morgens im Ställchen die Ziege melken sehen welche
diesem Haushalte die tägliche Milch gab
    Oft geriet der Gast durch die Art und Weise in Verlegenheit mit welcher der
Wirt sein früheres Verhältnis zu Fränzchen zum Gegenstande der Unterhaltung
machte Er war unerschöpflich in Anspielungen und Scherzreden welche nicht
immer die feinste Wendung nahmen Umsonst versuchte Hermann abzulenken endlich
verbat er sich geradezu dergleichen Worauf der Polizeikommissarius entgegnete
»Du bleibst wie du warst nicht für das Praktische nicht für das wirkliche
Leben« Am meisten hatte Hermann in der Seele der jungen Frau gelitten welcher
ungeachtet ihres Fehltritts und ihrer jetzigen Dürftigkeit immer noch die feine
anständige Manier geblieben war durch welche Hermann sich ehedem so sehr
angezogen gefühlt hatte
    Er stieg ohne Abschied von ihr zu nehmen in den Wagen Was hätte er ihr
sagen sollen »Dahin wäre ich denn auch gediehen« sprach er zu sich selber
»wenn ich den sogenannten vernünftigen Weg im Leben eingeschlagen hätte
Vielleicht in größeren Zimmern wohnend und die Ziege nicht melkend wäre ich
denn doch vielleicht im Grunde schon ebenso ein Philister geworden Welt Zeit
und den Pulsschlag der Geschichte nicht mehr vernehmend die Neigung unsrer
niederen Natur zu schläfriger Bequemlichkeit in das lügenhafte Gewand erhabner
Pflicht kleidend Ehe  wie rauschen die Redensarten wenn das Wort
ausgesprochen wird Das Sakrament der Ehe Die Heiligkeit der Ehe Der Segen des
Ehestandes  Und was bringen denn nun diese schönen Dinge bei vielen hervor
Dass sie einen Stillstand in ihrem Leben machen dass die edelsten Verhältnisse
die unschätzbarsten Verbindungen ihren Reiz verlieren die zarte Berührung mit
dem Leben und den Menschen aufhört und am Ende jene dumpfe Erstarrung eintritt
welche für das Ziel des Daseins ausgegeben wird
    Man sollte daher auch über diesen Gegenstand natürlicher zu denken anfangen
und sagen dass der Staat der Sache bedürfe um nicht selbst sich mit der Sorge
für die Kinder befassen zu müssen und folglich von Rechts wegen sie beschütze
Oder wenn man von einem Sakramente der Ehe und des Hauses reden wollte so
sollte man den Leutchen zurufen Macht euren Bund durch ein erhöhtes Leben in
Geist und Gemüt zum Sakramente aber glaubt nicht dass ihr den Stand der Gnade
schon durch die Liebeleien des Brautstandes durch das Wechseln der Ringe und
durch das Anschaffen von Linnen Betten Töpfen und Schüsseln erworben habt«
 
                                 Sechstes Buch
                               Medon und Johanna
                 Nuptiae sunt conjunctio maris et foeminae consortium omnis
                vitae divini et humani juris communicatio
                                                                      Modestinus
                                 Erstes Kapitel
Die Reise ging ohne weitere Vorfälle Tag und Nacht fort Eines Morgens rollte
der Wagen durch breite schnurgrade Straßen zwischen prächtigen Palästen hin und
die Hauptstadt war erreicht Der Postillon hielt vor einem geräumigen Gebäude
welches man für eine stattliche Privatwohnung hätte ansehen können wenn nicht
durch die eisernen Gitter vor den Fenstern seine Bestimmung klargeworden wäre
Hermann stieg aus und wurde eine breite Treppe hinaufgeführt Auf der Mitte
derselben kam ihm ein wohlgekleideter Mann entgegen begrüßte ihn äußerst
höflich und sagte »Haben Sie die Güte mir zu folgen ich hoffe Sie auf der
Stelle entlassen zu können«
    Oben im Verhörsaale öffnete sich eine Seitentüre und herein trat von einem
Schliesser begleitet der mecklenburgische Präses »Kennen Sie den Herrn« fragte
der Beamte den Mecklenburger Dieser wälzte seine rollenden Augen nach Hermann
und sagte »Er ist der Bösewicht der Teutschlands Sache abtrünnig auch uns
mit vorgehaltner Pistole zum Abfall verleiten wollte«  »Gut« versetzte der
Beamte sehr sanft »bringen Sie Schliesser den Mann wegen ungebührlicher
Ausdrücke vor Gericht auf acht Tage in den einsamen Kerker bei Wasser und Brot
und Sie mein Herr sind frei«
    Nach der Entfernung des Präses erzählte der Beamte unsrem Freunde dass ein
Teil der Demagogen welche dem Polizeikommissarius entgangen waren sich in
unbegreiflicher Verblendung nach der Hauptstadt gewendet habe wo sie denn ihre
unbedachte Einfalt gegenwärtig hinter Schloss und Riegel büssten »Unter diesen
befindet sich« sagte er »auch jener freche Mensch welcher seines Verbrechens
kein Hehl hat vielmehr sich dessen rühmt Er bekannte auf der Stelle die ganze
Geschichte des sogenannten vierten Bundestags und wie Sie mein Freund mehr
wohl als kluggesinnt es unternommen hätten die Versammlung zum Rücktritte von
ihren Verirrungen zu bewegen
    Nun waren in den oberen Regionen allerhand Bedenken ob man Sie nicht doch
noch vorläufig festhalten müsse« fügte der Beamte hinzu »Diese hat ein Mann
der vielen Einfluss besitzt zu überwinden gewusst ihm haben Sie daher für Ihre
Freiheit zu danken«
    »So bestände denn also das ganze Unglück darin dass ich die Reise die ich
auf meine Kosten hätte machen müssen auf die des Staats zurückgelegt habe«
rief Hermann heiter »Aber wo ist mein unbekannter großmütiger Wohltäter«
    Eine zweite Seitentüre öffnete sich und ein großer würdig ja majestätisch
aussehender Mann trat ein »Glücklich los« fragte er Hermann mit freundlichem
Tone
    »Mein Herr« erwiderte dieser »niemals noch hatte ich das Glück Sie zu
sehen Wer sind Sie Womit habe ich Ihre Güte verdient«
    »Ich finde es so natürlich andern Ungelegenheiten zu ersparen wenn man es
kann dass ich einen solchen Dienst nicht der Rede wert halte« versetzte jener
»Zufällig wusste ich von Ihrer Reise zufällig erfuhr ich welche Hemmung Sie
unterwegs angetroffen hätten und zufällig ließ man mein Wort zu Ihren Gunsten
gelten Sie sind mir keinen Dank schuldig denn in einem ähnlichen Falle erwarte
ich dasselbe von Ihnen Übrigens heiße ich Medon«
    Wer beschreibt das Erstaunen Hermanns Er ging mit ihm die Treppe hinunter
keines Wortes mächtig »Warum sind Sie doch so betroffen« fragte ihn Medon
»Freuen Sie sich lieber dass Sie jemand der Ihnen vermutlich wie ein Ungeheuer
beschrieben worden ist, in ganz menschlicher Art und Gestaltung finden Und nun
entledigen Sie sich vor allen Dingen Ihrer Kommission und vertrauen Sie mir
getrost den Brief an meine Frau welchen ich nicht unterschlagen werde«
    Hermann suchte den Brief aus dem Portefeuille welches ihm wiedergegeben
worden war hervor und sagte zu Medon »Wie erfuhren Sie das was meines
Wissens niemand außer der Herzogin und mir bekannt war«
    »Die Herzogin« versetzte Medon lächelnd »welche nach Art der Frauen ihrer
Natur entweder etwas halb tut oder zuviel des Guten gibt hatte den ersten
Grundsatz der Diplomatie vergessen durch Überraschung zu wirken wenn man nicht
mit ganz zureichenden Mitteln versehen ist Sie vertraute ihren Plan einer
hiesigen Bekannten und ersuchte sie Johannen auf Ihren Empfang stimmend
vorzubereiten Die Gute welche durch diesen Auftrag in einige Verlegenheit
geriet weil wir leider hier in ganz erträglichem Ruf und Ansehen stehen suchte
an dem verschwiegnen Busen einer Freundin Rat welche ihrerseits und so weiter
Sie kennen diesen Hergang der Dinge. So kam es dass wir Ihre Ankunft durch ein
Stadtgespräch vorauswussten etwas verdrießlich für uns indessen lässt sich zu
dergleichen nichts tun man muss die abweichenden Ansichten der Menschen
besonders wo sich Stand und Befangenheit mit einmischen schon in Geduld
ertragen«
    Er empfing den Brief der Herzogin lobte die Handschrift der Adresse und
steckte ihn gleichgültig ein »Ich würde Sie bitten bei uns zu wohnen« sagte
er zu Hermann »wenn wir nicht so beschränkt uns halten müssten wie es überhaupt
hier Ortssitte ist Doch habe ich Ihnen ein Quartier nicht gar zu weit von uns
gemietet wo Sie aus Ihrem Fenster alle die neu aufsteigenden Bauten
überschaun«
    Er führte ihn nach einem großen Hause unter der Lindenallee der Stadt in
ein geräumiges heitres Zimmer Wirklich überblickte Hermann von dort die großen
teils fertigen teils der Vollendung entgegensteigenden Architekturmassen zu
welchen der Friede nun wieder die Kräfte und den Mut gegeben hatte Medon
verließ ihn nachdem er ihn zu baldigstem Besuche eingeladen hatte
    In ein neues wundersames Verhältnis zu freundlichen Feinden geklemmt konnte
Hermann den Schlummer nicht finden durch den er sich auf die erzwungnen
Nachtfahrten zu erholen gedachte Er sprang von seinem Lager auf und suchte in
der Zerstreuung sich zu beschwichtigen Er durchstrich die wohlbekannten Straßen
und Plätze erneuerte einige Bekanntschaften und wünschte dass der Tag vorbei
sein möchte An enghäusliche Zustände seit einiger Zeit gewöhnt fühlte er sich
ungeachtet der günstigen Wendung seines Schicksals in der weiten breiten Stadt
unter den rasch und gleichgültig aneinander vorbeirennenden Menschenhaufen
ziemlich unlustig
    Dass er nunmehr am Sitze der Intelligenz sich befinde ward ihm bald fühlbar
Denn er war noch nicht zwei Stunden in der Hauptstadt als er bereits von
mehreren Leuten aus der niedrigsten Volksklasse mit denen er sich in
nachfragende Gespräche eingelassen ein unzweideutiges Verhöhnen seiner
provinziellen Einfalt hatte erfahren müssen
 
                                Zweites Kapitel
Einige Tage vergingen bevor Hermann sich entschließen konnte Medons Haus zu
besuchen Wie peinlich war seine Stellung Johannen gegenüber geworden Das
Gefühl der Unhöflichkeit welche in seinem Meiden lag schien ihm erträglicher
als der Gedanke an das Zusammentreffen mit einer Frau welcher er er mochte es
deuten wie er wollte das Verletzendste überbracht hatte Medon war einige Male
gekommen ohne ihn zu treffen nachher hatte er diese Bemühungen eingestellt
    Die alten Bekannten zeigten sich unverändert gegen ihn Man wusste schon von
seinem Abenteuer die Männer lachten darüber die Frauen welche hier sämtlich
sehr loyal waren staunten seinen Heldenmut an und beide Geschlechter
vereinigten sich in dem Behagen welches die Gesellschaft immer empfindet wenn
man ihr zu reden gibt Er konnte in weniger Zeit einen großen Kreis durchlaufen
weil jedermann äußerst beschäftigt war seine Stunden genau eingeteilt hatte
und man ihn nach fünf oder zehn Minuten überall gern entließ um zu einer neuen
Tagesobliegenheit übergehn zu dürfen
    Freilich empfand er bald in diesem unruhigen Drängen Treiben und Quirlen
einen moralischen Schwindel Um sich einigermaßen zu fassen forschte er nach
einem gemeinsamen Mittelpunkte aller dieser kurzen geistigen Wogenschläge und
fand denselben freilich da wo er ihn am wenigsten wünschen konnte
    Die Bewohner einer großen Stadt von den auf sie einstürmenden Lebensreizen
überdrängt sind unfähig wie die Pfahlbürger kleinerer Orte ihren stillen
eigensinnigen Gang zu gehen Ein Heerführer tut ihnen not um ihr gefährdetes
Inneres an ihn zu klammern Es wird daher immer von Zeit zu Zeit irgend jemand
Mode welcher nun fast als ein weltlicher Messias dem der Erlösung aus
Unsicherheit und Langeweile bedürftigen Geschlechte dasteht Nicht selten
entscheidet das Verdienst über die Wahl mitunter freilich auch der Zufall und
im ganzen ist an diesem Vasallendienst auszusetzen dass die Dauer dem Feuer
womit er begonnen wird nicht gleichzukommen pflegt
    Eben war Medon Mode geworden In seinem Hause versammelten sich die
bedeutendsten Gelehrten Staatsmänner Künstler und Dichter der Hauptstadt
Wohin Hermann hörte überall vernahm er ein fast andächtig zu nennendes Lob Die
Männer wollten in ihm einen Charakter des Altertums finden Es sei schön sagten
mehrere dass einmal wieder jemand sich zeige der ohne Gehalt ohne Dienstpatent
und Ordensband an den Geschäften des Staats teilnehme denn man hielt es für
ausgemacht dass sein Rat bei manchen weitgreifenden Einrichtungen im stillen
benutzt werde Die Frauen schwärmten dagegen mehr über seine musterhafte
Häuslichkeit Kurz vor ihm war ein geistreicher Kopf Mode gewesen welcher sich
in witzigen Schlagreden auszeichnete die seine Anhänger umhertrugen und groß
nannten An Medon fand man es dagegen groß dass von ihm kein einziges Bonmot zu
berichten sei vielmehr das Anziehende der Erscheinung in ihrer ruhigen
schlichten Kraft bestehe Doch muss um die diplomatische Treue dieser
Denkwürdigkeiten nicht zu verletzen bemerkt werden dass mehr von Grossartigkeit
als von Größe die Rede war denn dieses Zwitterwort besaß damals schon den Ruf
in welchem es sich noch jetzt erhält
    Einem solchen Manne gegenüber in diesem Ansehen gegründet sollte also
Hermann den Auftrag der Herzogin vollziehn Ein tiefes sonderbares Gefühl sagte
ihm dass sie recht habe hörte er auf seinen Verstand traute er so vielen
klugen Leuten nur einiges Urteil zu so musste er seine Botschaft für unnütz und
lächerlich erachten
    Er konnte seinen Besuch nicht länger verschieben und wählte dazu einen
Abend an welchem wie er erfahren bei Medon regelmäßig große Gesellschaft war
Unter vielen glaubte er am besten über die Verlegenheit der ersten Begegnung
hinauszukommen Wirklich waren die geräumigen anständig verzierten Zimmer von
den ausgezeichnetsten Personen mehr als gefüllt Diplomaten höhere Offiziere
Geschichtschreiber Philologen Länder und Völkerkundige Philosophen
Schriftsteller Reisende und Maler standen in eifrig redenden Gruppen zusammen
Hermann wurde am Sofa der Frau vom Hause vorgestellt trat aber sobald es
schicklich war von ihr zurück und mischte sich unter die Redenden
    Wie wohl fühlte er sich denn doch nach überwundner Beklemmung in diesem
Kreise Politik Geschichte Sprache die ganze Breite der Welt ging im
Gespräche an ihm vorüber Eine Masse von Ideen wurde angeregt mit Einsicht
besprochen und doch nicht erschöpft sondern unendlicher Betrachtung aufbewahrt
Ein Strom des geistigen Lebens umwogte ihn er fühlte sich engen kleinlichen
Verhältnissen entrückt und wie nach einem stärkenden Bade auf heiterer Höhe Der
Philosoph verstand den Empiriker dieser bekannte der Spekulation gegenüber die
Grenzen seiner Kunde die Praktiker ließ die Gelehrten gelten und so
umschlang ein Band gegenseitiger Achtung diesen Tauschmarkt zu welchem die
köstlichsten Güter Kenntnisse und Wahrheiten gebracht wurden
    Eine ganz eigne Stellung nahm Medon zu seinen Freunden ein Er enthielt sich
des lebhaften Gesprächs und hörte viel zu Waren aber die Meinungen zu ihrer
letzten Divergenz gediehen so wusste er auf die glänzendste Weise zu resumieren
wo dann jeder die seinige in so schöner Gestalt wieder erblickte dass dem
eifrigsten Streite ein allgemeines Wohlbehagen folgte die Sache selbst freilich
unerledigt blieb
    Empfand nun Hermann schon am ersten Abende über diesen ihm neu gewordnen
Verkehr die größte Freude so lässt sich wohl denken dass sein Fuß bald öfter das
Haus betrat Binnen kurzem genoss er den näheren Umgang der beiden Gatten und
erblickte ein Verhältnis welches im Gegensatze zu der modernen Barbarei
klassisch genannt werden konnte Hier hatte man die Ehe und das Haus nicht zum
Polster nachlässiger Sitten gemacht die engsten Bande dienten nur dazu Glanz
und Strenge der feinsten Formen als etwas Natürliches herauszustellen Selbst
ein Anflug schmerzlicher Kälte der ihm hin und wieder entgegenwehte erhöhte
den Ausdruck der Antike welcher dieser Gruppe angehörte
    Johanna trat wenig hervor aber sie war eine der Frauen hinter deren
gemessnem Wesen man ein unendliches Lieben und Leiden vermutet Von dem Briefe
der Herzogin war nicht die Rede
    Er schrieb an diese einige gefühlte Zeilen worin er zwar die Ausrichtung
seiner Kommission meldete jedoch hinzusetzte dass er die Umstände zu
verschieden von seiner Erwartung gefunden habe um ein ferneres persönliches
Einwirken versprechen zu können
 
                                Drittes Kapitel
In Medons Hause hatte er eine Dame kennengelernt deren lebhafte Gesprächigkeit
ihn anzog Er folgte einer Einladung und war bald ihrem Kreise als willkommner
Besucher einverleibt
    Madame Meyer war eine entusiastische Verehrerin des Schönen besonders der
bildenden Künste in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten Es
machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck als er zum ersten Male bei
ihr vorgelassen wurde Man führte ihn durch eine Reihe von Zimmern worin
Dämmrung und blendender Lichtglanz abwechselten Denn hatte er eins
durchschritten von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten so trat
er in ein andres in welchem goldgrundierte heftigbunte Gemälde die Wände
bedeckten und die Sehnerven sich fast verwundet fühlten
    In diesem Hause war der eigentliche Sammelplatz der Künstler und
Kunstfreunde welche bei Medon mehr nur wie Zugvögel einsprachen weil man ihm
anmerken konnte dass so gefällig er auch auf artistische Gespräche einzugehn
und so verständig er sie zu führen wusste sein Sinn und seine Neigung doch mehr
andern Gebieten zugewendet waren Zwei Abende in der Woche waren zu regelmäßigen
Zusammenkünften bestimmt in denen man sich über Gegenstände des Fachs
unterhielt Stein und Handzeichnungen besah Blieb nach diesen Beschäftigungen
noch Zeit übrig so pflegte man im Konzertzimmer Musik zu machen zu welcher
meistenteils altkatolische Hymnen auserwählt wurden Madame Meyer hatte dieses
Gemach wie eine kirchliche Kapelle aufschmücken lassen und sich eine
wohlklingende Haus und Handorgel zu verschaffen gewusst Das Bild der heiligen
Cäcilia augenscheinlich der ältesten Kunstepoche angehörend wenn hier nicht
etwa eine geschickte moderne Nachahmung sich ins Mittel geschlagen hatte sah
von einem Pfeiler hernieder
    Da nun die Besitzerin um die Illusion auf das Äußerste zu treiben in
diesen künstlichen Raum Altärchen und Messbüchlein ja sogar ein ewiges Lämpchen
hatte stiften lassen so befand man sich wirklich in der angenehmsten Täuschung
welche nur dadurch hin und wieder unterbrochen wurde dass die Bedienten auch
dort ohne Scheu mit dem Teebrette umhergingen und die Gäste die geleerten
Tassen nicht selten auf den Sockeln der Pfeiler ja wohl gar auf dem Altare
absetzten
    Ein junger Dichter erhöhte von Zeit zu Zeit die Mannigfaltigkeit dieser
Abende Er hatte unternommen das Leben der größten Maler in Terzinen zu
beschreiben war so gefällig aus diesem Werke wie es fortrückte vorzulesen
und so durfte jeder welcher an den Soireen der Madame Meyer teilnahm hoffen
nach und nach die Kunstgeschichte in geglätteten Versen kennenzulernen
    Es war um die Zeit als die »Herzensergiessungen des Klosterbruders« das Volk
zu entzünden begannen nachdem sie viele Jahre hindurch nur in einem engen
Kreise weniger Geweihter Einfluss bewiesen hatten Jetzt ist diese Zeit fast auch
schon wieder verschollen Wer erinnert sich aber nicht noch jenes Sturms und
Dranges nach Kirchenfenstern Schnitzwerk in Holz und Elfenbein nach
unscheinbaren Tafeln auf welchen man wenn Schmutz und Moder weggenommen waren
endlich ein rundes altdeutsches Gesicht erblickte Madame Meyer teilte ganz
diese Leidenschaft ihr beträchtliches Vermögen gab ihr die Mittel ein
ansehnliches Besitztum jener Art um sich zu versammeln Jedoch hielt sie
besonders was Gemälde anging streng auf die älteste Periode welche ihr allein
Andacht und Begeisterung wiederzustrahlen schien Von Raphael hätte sie
vielleicht noch etwas an und aufgenommen wer ihr aber mit einem Guido oder
gar mit einem der Karaccis nahegekommen wäre würde sie gewiss tief verletzt
haben Ihr Kreis widersprach diesen Meinungen nicht wiewohl man versucht sein
konnte manche Glieder desselben namentlich die Bildhauer andres Sinnes zu
vermuten Indessen mochte niemand es gern mit der angenehmen Wirtin verderben
welche die Güte und Gefälligkeit selbst war
    Hermann der sich überall zu finden wusste beschloss diese Gelegenheit
seine Kenntnisse zu erweitern treulich zu nützen Jene älteste Kunstregion war
ihm so gut als fremd jetzt suchte er sich nun auf alle Weise an den
byzantinischen Tafeln aufzuklären Die liebenswürdige Witwe war seine
gewissenhafte Führerin durch diese Schätze und ein steigendes Wohlwollen ließ
sich ihrerseits bald nicht mehr verkennen
    Die Gespräche der Künstler waren ihm immer lehrreich besonders wenn sie die
Empirie berührten Weniger fand er sich erbaut sobald die Unterredung zum
Allgemeineren emporstieg oder gar einen philosophischen Charakter annahm Es
war viel von der Auferweckung eines früheren verlorengegangnen Stils die Rede
von der Wahl religiöser Momente von dem Bunde der Kirche mit den Künsten ohne
dass ihm Gelegenheit gegeben wurde bei diesen Worten etwas Bestimmtes zu denken
oder Hoffnungen auf das Gelingen eines Werks zu schöpfen Ja er nahm sogar bald
wahr dass hier mehr ein berechneter Austausch gewisser übereinkömmlicher
Redensarten als das Bekenntnis eines festen Glaubens und Erwartens zu walten
schien
    Wollte ihm jedoch diese Affektation Unbehagen verursachen so stellte die
Freundlichkeit der Wirtin immer bald seine Heiterkeit wieder her Sie fühlte
sich im Besitze ihrer Altertümer und in dem Umgange mit den ersten Talenten der
Hauptstadt so wohl dass das Vergnügen welches sie empfand zum Teil wenigstens
auf jeden übergehn musste der sich ihr näherte dabei tat es vielleicht auch
etwas dass die Augen an der noch immer sehr hübschen Frau welche nur für ihre
Fülle etwas zu klein war ihre Rechnung fanden
    Unerwartet führte ihn diese neue Bekanntschaft Johannen näher Madame Meyer
verehrte Medon und liebte seine Gattin zärtlich Diese schien sich bei der
Freundin wohler als im eignen Hause zu befinden wo man ihr oft ein seltsam
gespanntes Wesen ansah Unter den fremden Umgebungen ruhte sie von unbekannten
Schmerzen aus Dort in einem artigen von mattlieblichem Lampenlichte erhellten
Seitengemache in welchem Madame Meyer die freundlichsten Madonnenköpfe
versammelt hatte pflegte sie zu sitzen die großen schönen Augen wie in eine
weite Ferne richtend Ihre Züge welche sonst etwas Strenges hatten bekamen in
dieser milden Dämmrung einen unendlich sanften Ausdruck selbst ihre Stimme
wurde weicher Hier fand sich Hermann so oft er nur konnte zu ihr und manche
Stunde verfloss ihnen beiden dort unter traulichen Gesprächen während die andern
sich in den hellerleuchteten Sälen mit Dürer und Hemling beschäftigten oder den
Chorälen Leos in der Kapelle horchten In diesem Lichte auf diesen Tönen
schwebten ihre Worte am liebsten zu frühen Bildern zurück in der Nähe dieser
Frau trat ihm seine erste Jugend wunderbar nahe er wurde ganz Erinnrung
während sie die zarten Ranken aufblühender Hoffnungen an seine mutige Kraft zu
knüpfen schien
    »Was machen Sie nur mit Johanna« fragte ihn Madame Meyer »Wir andern haben
gepredigt und gescholten um sie aus ihrer Resignation worin sie nur noch mit
den abgeschiednen Geistern der Vergangenheit zu leben schien emporzurichten
aber alles war vergebens Nun kommen Sie und schon spricht sie von Reisen
Festen die sie geben will Bekanntschaften die sie anzuknüpfen vorhat kurz
von lauter zukünftigen angenehmen und vergnüglichen Dingen«
    Die Gesellschaft unterhielt sich bereits von dem vertraulichen Verhältnisse
beider Und doch hatte sie unrecht Hier war keine Spur von
Leidenschaftlichkeit von trübem Verlangen Es war ihnen natürlich zusammen zu
sein sie folgten dieser Notwendigkeit ohne selbst davon zu wissen
    Eines Abends sagte Johanna zu ihm »Wie preise ich meine Freundin glücklich
dass sie an diesen Zimmern Gemälden und Putzsachen ihr Vergnügen haben kann Ich
mag das alles auch es ergötzt mich sogar und doch wäre es mir nicht möglich
mich mit diesen oder andern dergleichen Dingen zu beschäftigen Ach die Natur
ist oft recht grausam Man spricht von Mannweibern man spottet ihrer man
glaubt von jeder Frau welche sich nicht mit Kleidern Zierat oder wie es
jetzt Mode wird mit Kunstsachen zu behaben weiß oder keine Kinder als eine
andre Art von Spielwerk um sich herstellen kann sie gehe aus hochmütigem
Gelüste über die Grenzen des Geschlechts hinaus und doch ist es oft nur unser
Eigenstes des Weibes Kleinod und Perle die tiefe Sehnsucht das heiligste und
hülfloseste Liebesbedürfnis welches zu solcher Einsamkeit verdammt«
    »Sind Sie so unglücklich« fragte Hermann und fasste teilnehmend ihre Hand
    »Sehr« versetzte sie  Er wagte die schüchterne Bitte um volles Zutraun
    »Auch dazu wird die Stunde kommen« antwortete sie indem sie sich erhob
»Mein Schicksal ist wohl entschieden aber der Himmel zeigt sich wenigstens
darin der Geknickten gnädig dass er ihr eine Stütze sendet an welcher sie dem
Kloster oder sonst einer verborgenen Freistätte entgegenwanken kann«
 
                                Viertes Kapitel
Die Errichtung und Ausstattung des großen den Kunstsammlungen des Staats
gewidmeten Baues beschäftigte damals in hohem Grade die Gemüter Schon
überdeckte die Wände das Dach Maler und Vergolder waren im Inneren tätig man
musste nun daran denken wie der aufgespeicherte Vorrat einzuordnen sei Von
allen Orten und Seiten her hatten diese Schätze sich zusammengefunden es war
die Absicht der Herrschenden dass die durch glorreiche Kriegstaten
wiedererrungne Macht sich im mannigfaltigsten Besitze abspiegeln sollte
    Nur über das Wie herrschte einige Verlegenheit Nach der Weise früherer
Zeiten auf das Geratewohl die vorhandnen Bilder aufhängen zu lassen und nur
dafür zu sorgen dass jedes wertvolle Werk ein ziemliches Licht erhalte war der
Klarheit des Bewusstseins, womit in dieser großen Stadt alles betrieben wurde
durchaus zuwider Es sollte wie man sich hier auszudrucken pflegte eine Idee
im neuen Nationalmuseum herrschen die Geschichte der Kunst sollte aus der
Sammlung hervorleuchten und zwar nicht eine Kunstgeschichte wie sie
herkömmlich falsch bisher überliefert worden sondern die gereinigte welche die
neusten archäologischen Forschungen geschaffen haben
    Hier zeigte sich nun aber dass die Bestrebungen scharfsinniger Geister denn
doch nur erst bis zum Zweifel geführt hatten Die Zeitfolge das Verhältnis der
Schulen war angefochten worden Ungewiss erschienen die Zeichen der Meister
Warnend hatten die Kenner auf die ausgebildete Technik so mancher geschickten
Kopisten aufmerksam gemacht Kurz diejenigen welchen die Sorge des Geschäfts
anvertraut worden war trieben in einem Meere von Bedenken und Einwürfen um Man
wollte sicher zu Werke gehen und sein Gewissen vor der Schande bewahren einen
Cinquecentisten übersehen oder irrtümlich angenommen zu haben und über diesem
kritischen Bestreben gelangten die Werkleute nicht zum Einschlagen der Nägel
Das Schlimmste war dass da Laien und Frauen eifrig mit einzureden begannen und
eine siegreich durchgeführte Meinung die Aussicht auf eine wohlausgestattete
Pfründe bei der neuen Anstalt gab die Leidenschaften sich mit in das Spiel
mischten Bald stritten die Kenner persönlich und feindselig gegeneinander und
man beobachtete in dieser Angelegenheit nicht immer die Urbanität wozu die
schönen Künste führen sollen
    Eine andre Schwierigkeit entsprang aus der Beschaffenheit der vorhandnen
Sachen Man hatte vieles aber unter diesem Vielen was zum größeren Teile ganz
gut war gab es keine eigentlichen Haupt und Glanzbilder es fehlten die
Fürsten der Säle um welche sich das übrige gruppieren ließ solche Werke
welche einer Sammlung erst die rechte Haltung geben
    Nimmt man nun dazu dass eine bedeutende Partei welche die Kunst vom
ideellen Gesichtspunkte betrachtete gegen die Aufnahme des Genres und der
Landschaft sich erklärte während andre realistisch gesinnt sich ebenso
entschieden dafür aussprachen so wird man einen Begriff von dem Chaos haben in
welches die beste und hochherzigste Gesinnung der Waltenden eine Menge
verständiger Männer und Frauen gestürzt hatte
    Was Madame Meyer betraf so versetzte sie dieser Streit so oft er bei ihr
anzuklingen begann in die übelste Lage Sie hatte sich über die früheste
Periode der Kunst so ziemlich unterrichtet und da ihr hier und in Beziehung auf
ihre Sammlungen keine unhöfliche Gegenrede der künstlerischen Freunde
beschwerlich fiel so wusste sie wenn die Betrachtung sich in jenen Regionen
verhielt ein auslangendes Gespräch zu führen Aber sobald man die erwähnten
Streitpunkte aufregte fühlte sie sich ganz verlassen und indem sie als
Sachverständige doch mitzureden die Pflicht empfand gleichwohl eigentlich
nichts beizubringen imstande war kam nichts ihrer Verlegenheit gleich Diese
wurde ihr um so häufiger bereitet als grade die gelehrtesten und hartnäckigsten
Kämpfe sich nicht selten auf den Teppichen ihrer Zimmer entspannen
    Welchen Stoff dieser Bilderstreit den lustigen Köpfen der Stadt die allem
ihre Einfälle anzuheften pflegen gegeben lässt sich denken Ein Spottvogel
äußerte die Gemälde würden nicht eher hangen als bis die Gelehrten hingen und
ein andrer versetzte auf die Frage wann die große Galerie zustande kommen
werde »Nach dem Dreissigjährigen Kriege«
    Plötzlich erschien inmitten dieser Bewegungen ein fremder Handelsmann
welcher durch Gunst des Geschicks in Italien Flandern und Deutschland die
seltensten Stücke zusammengebracht hatte Er kramte seine Sachen aus und
stellte sie in dem hellen Saale eines großen Gastofs den Schaulustigen zur
Betrachtung auf Nicht leicht hatte man einen bestimmten Abschnitt der
Kunstgeschichte in so stetiger Folge überschaut als hier Die Sammlung umfasste
den Zeitraum vom dunkelsten Altertume vor Cimabue bis auf Raphaels Jugend allem
Späteren hatte der Besitzer Neigung und Geldbeutel versagt Hier taten einem
unter allem dem Gold Lack und bunten Farbengetümmel im eigentlichen Sinne des
Worts die Augen weh
    Niemand konnte einem so zusammenstimmenden Ganzen seine Achtung versagen
ohne dass gleichwohl der Gedanke entstand diese Anhäufung von Inkunabeln werde
einer in umfassenderem Sinne zu behandelnden Sammlung von erheblichem Nutzen
sein
    Madame Meyer geriet bei dem Anblicke der glänzenden Tafeln fast außer sich
und der junge Dichter teilte ihr Entzücken In seinen Produkten erschienen
seitdem noch mehr Bronnen und Wonnen Lichtstrahlen und Waldesnächte
Engelsköpfe und Tauben des Heiligen Geistes Sie aber vernachlässigte über
diesen Genuss fast eine Zeitlang ihre Freunde und den musikalischen Gottesdienst
in der künstlichen Kapelle
    Es war wunderbar anzuhören auf welche Weise der Handelsmann in die
entusiastischen Reden dieser beiden Begeisterten einstimmte Er hatte von
klugen mit dem Geiste der Zeit vertrauten Männern unterstützt das ganze
Sammelgeschäft aus Spekulation getrieben und wusste bei seinen Sachen stehend
anfangs durchaus nicht wie er sich bei jenen Hymnen zu verhalten habe Endlich
merkte er deren äußeren Schall sich zu eigenem Gebrauche ab und gab wenn darin
eine Pause entstand den hohen Ankaufspreis der Bilder in dem nämlichen
schwärmerischverzückten Tone fortfahrend an
    Auf einmal ohne dass man sich dessen versehen wurde bekannt dass die
Sammlung für die Nationalgalerie angekauft sei Das Erstaunen über diesen
Entschluss war sehr groß Die unterrichtendsten Prachtstücke jenes Besitztums
hätte jeder gern in den neuen Hallen gesehen das Ganze aber schien außer allem
Verhältnisse zu dem Zwecke der Anstalt zu sein Die Köpfe mühten sich ab den
Grund jener befremdenden Entscheidung aufzufinden und in Ermanglung der
Wahrheit behalf man sich mit ziemlich unglaublich klingenden Gerüchten So hörte
Hermann erzählen Medon habe einen starken Einfluss auf die Sache ausgeübt Auf
geschickte Weise sei von ihm Madame Meiers Enthusiasmus in das Spiel gezogen
und sie selbst bestimmt worden einem angesehnen ihr leidenschaftlich zugetanen
Manne der in dieser Angelegenheit das Votum besaß sich gefälliger und
geneigter zu erweisen als früherhin Der Staatsmann ganz beglückt über die ihm
aufgehende Liebessonne habe in einer schwachen zärtlichen Stunde dem Andringen
seiner Freundin auf Erwerbung der alten Kunstschätze nicht widerstehen können
und so sei durch das Herz hier ein Ankauf vermittelt worden gegen welchen der
Verstand des Staatsmanns sich eigentlich gesträubt habe
    Hermann maß diesen und ähnlichen Einflüsterungen keinen Glauben bei Zwar
hatte er wirklich in der letzten Zeit lange vertrauliche Gespräche zwischen
Medon und Madame Meyer bemerkt und eine Annäherung ihrerseits an den sonst
ziemlich kühl von ihr behandelten Staatsmann wahrgenommen aber jenes
intrigierende Benehmen widerstritt zu grell seiner Meinung von Medon welche von
Tage zu Tage günstiger ward Auch hatte sich Medon einmal sehr kräftig gegen die
Spielerei mit längst verschollnen Empfindungs und Auffassungsweisen
ausgesprochen und die Liebhaberei der Madame Meyer geradezu eine Buhlschaft mit
geputzten Leichen genannt Wie sollte er also darauf gekommen sein jetzt wider
seine eigne Überzeugung zu wirken
    Etwas Gutes hatte der Ankauf der alten Bilder der Zank der Gelehrten war
sofort geschlichtet Die Sammlung als Ganzes erworben sollte als ein solches
zusammenbleiben Verfuhr man nun aber wie man musste nach dieser Bestimmung so
nahm sie den bedeutendsten Teil des zugemessnen Raumes hinweg und das andre war
ohne dass mehr sonderlich auf die kritischarchäologischen Streitigkeiten
Rücksicht genommen werden konnte unterzubringen wie es sich eben schicken und
fügen wollte
    Hermann der von allem dem was sich um ihn und in ihm bewegte schon
nichts mehr gern unbesprochen mit Johannen ließ hatte auch sie einstmals um
ihre Meinung von diesen Dingen befragt Sie versetzte »Wenn ich das Museum zu
ordnen hätte würde ich bald fertig werden Ich hinge die liebsten Bilder die
mir Tränen der Rührung oder des Lachens in die Augen treiben in das hellste
Licht und es würde mir nicht darauf ankommen ob eine Himmelskönigin sich neben
einer Schenke voll Bauern befände«
    »Aber die Geschichte die Kunstgeschichte« rief Hermann
    Johanna lächelte und sagte »Es muss wohl etwas daran sein weil ich so viele
kluge Männer davon reden höre Nur sehe ich sie auf ihrem Wege mitunter dahin
geraten dass sie über die Wiege und den Taufschein das Kind vergessen Wenn ich
meine gute Meyer betrachte und wahrnehme wie sie ihr schönes Vermögen in
lauter Dingen vergeudet von denen das wenigste einem gesunden Sinne eigentlich
Vergnügen machen kann so möchte ich glauben dass mindestens für uns Frauen die
Kunst nur die Geschichte hat welche sie in der Gegenwart erlebt wenn auf ihre
Wunder der Blick einer reinen Seele fällt Indessen lassen Sie uns von diesem
Gegenstande abbrechen Das Schöne will nicht beredet es soll gefühlt werden
Ich kenne nur ein Gespräch welches noch unnützer ist als das über Bilder und
das ist das über Musik«
 
                                Fünftes Kapitel
Medons Kreis verarbeitete währenddessen ein Thema von großer politischer
Wichtigkeit das Verhältnis der neu erworbnen Provinzen zu dem Haupt und
Stammlande Man hatte nicht ungeschickt den Staat mit zwei auf dem festen Lande
ausgesäten Inseln verglichen und dieses Gleichnis war insofern von moralischer
Bedeutung als dessen beide durch weite Strecken auseinandergehaltne Teile nach
ersiegter Ruhe sich gegenseitig schroff insularisch abzuschließen drohten
Diesen Krieg im Frieden zu schlichten und eine Verschmelzung des Gemeinwesens
herbeizuführen war nicht bloß das Geschäft der mit Lösung der Aufgabe
unmittelbar beauftragten Staatsmänner sondern die Sorge jedes einsichtigen
Patrioten und Medon schien sich hier in seinem eigentlichen Felde zu bewegen
während er andern Gegenständen der menschlichen Betrachtung oft mehr nachgiebig
und geschickt als wahrhaft und aufmerksam folgte
    Die Meinungen wie das Neue zum Alten zu stellen sei waren sehr
mannigfaltig doch konnte man drei Hauptrichtungen unterscheiden
    »Wir haben erobert« so ließ sich ein Mann von entschlossner Gesinnung zu
öfterem vernehmen »warum zögern wir also nach dem unter allen Völkern und zu
allen Zeiten üblich gewesenen Eroberungsrechte zu verfahren Der Sieger gibt
seine Einrichtungen seine Gesetze ja wo Verschiedenheit der Sprache obwaltet
nicht selten auch diese dem Besiegten Der Sinn aller Kriege und Umwälzungen ist
nur der dass die den Völkern zugeteilten Fähigkeiten und Eigenschaften nach der
Reihe im weiteren Kreise herrschend werden und den Gang der Ereignisse
bestimmen sollen Auf solche Weise wird die in der einen Richtung müde gewordne
Welt durch eine andre erfrischt und das ist der Grund warum das Reich von den
Römern zu den Germanen kam darauf die spanische Herrschaft folgte und den
Franzosen demnächst auch ihre Rolle gegeben wurde Der Sieg soll den Zwang in
seinem Gefolge haben nur dadurch kann er sich als gerecht betätigen Wieviel
mehr als andre sind wir aber in diesem Falle da es hier nur gilt den
nunmehrigen westlichen Brüdern ein ihnen von fremder Hand vor kurzem
aufgedrücktes Gepräge wieder abzunehmen und ihnen dagegen eine stammverwandte
Gestalt zu geben Jetzt erst sind sie in die rechte Stellung zu Deutschland
gekommen sie sind Deutsche geworden und es wäre wahrlich eine verdammliche
ihnen selbst den größten Schaden bringende Schwäche wenn man ihnen aus Furcht
vor den Regungen einiger Egoisten die Segnungen der Nationalisierung
vorentielte«
    Indem er diese Ansichten weiter ausführte vertrat er die Notwendigkeit
einer schnellen und kräftigen Organisation Gesetze Finanzen Verwaltungs und
Kulturanstalten des alten Landes sollten so rasch als möglich jenen neu
herantretenden Staatsgenossen nutgeteilt werden
    Ganz im entgegengesetzten Sinne sprach sich ein andrer Staatsmann aus
»Diese Umbildung oder Organisation wie man dergleichen Gewaltsamkeiten nennt
als wenn man in einer neuen Provinz nur eine tote Masse empfinge welcher durch
den Erwerber erst die Lebensorgane gegeben werden müssten scheint mir gänzlich
außer der Zeit zu sein Im Grunde rührt jenes System von den Römern her welche
freilich alle überwundne Völker mit der Geissel ihres Rechts und ihrer Verwaltung
zu züchtigen pflegten Jeder spätere Versuch der Art ist nur eine Nachahmung der
Maxime des einst weltbeherrschenden Staats gewesen Am reinsten wurde derselbe
von den Spaniern in den Eroberungen der Neuen Welt durchgeführt wie denn
überhaupt die spanische Herrschaft die meiste Ähnlichkeit mit der römischen
Tyrannie hatte
    Aber um sich zu einer so harten Zwangslehrmeisterstelle berufen zu fühlen
muss man sich für das erste Volk der Erde halten können Römer und Spanier taten
dieses erstere vom politischen letztere vom religiösen Stolze getragen Ohne
solchen Wahn ohne diesen festen und unerschrocknen Fanatismus wird man in jener
Bahn immer nur die Rolle des an sich selber zweifelnden Despoten spielen die
schlechteste welche es gibt
    Nun wird doch wohl niemand im Ernste sagen dass unser achtbarer aber etwas
schmächtiger Mittelstaat jene unermessliche Befangenheit teile Wir freun uns des
eingetretnen Umschwungs der Dinge, wir wissen dass wir redlich und nach Kräften
an dem Rade der Zeit haben schieben helfen aber alle Vernünftigen sind von dem
Rausche jener begeisterten Jahre ernüchtert in denen wir freilich glaubten dass
Körners Lieder und die Freiwilligen den Usurpator verjagt hätten Eine kühlere
aber richtigere Betrachtungsweise ist an die Stelle jener Überspannung getreten
Friedrichs Ehre glänzt bei den Sternen dort leuchte sie uns fort und fort als
heiliges Erinnrungszeichen aber gefährlich wäre es sie etwa als Kokarde an
unsern Hüten zu tragen wir sind bescheidner geworden Noch weniger glauben wir
im Ernste dass unsre Einrichtungen wirklich die besten seien im stillen weiß ja
jeder Kundige dass wir so manches nur noch des Herkommens und der Gewohnheit
halber mitmachen Wie sollte es uns also einfallen dürfen andern mit Gewalt
aufzudringen was uns selbst zum Teil überlästig geworden ist«
    Der erste Redner stellte hierauf mit Lebendigkeit alle die Nachteile dar
welche aus einer so verschiedenartigen Gestalt der öffentlichen Lebensform
entspringen müssten »Wahrlich« rief er aus »wie Öl und Wasser sich nicht
mischen so werden wir wenn man jenen gelinden und zaudernden Weg verfolgt das
entfernte Besitztum mit uns niemals verbunden sehen es wird nur unser
Scheineigentum sein welches der erste beste Sturm uns wieder zu entführen
droht Und warum die großen Besorgnisse möchte ich doch fragen Sind wir nicht
eines Stammes muss daher nicht bei ihnen selbst eine Art von Verlangen nach
unsern germanischen Einrichtungen bestehn«
    »Das möchte ich doch leugnen« nahm ein Dritter das Wort »Wie man über
Westdeutschland denken möge so viel ist gewiss dass man einen merklichen
Unterschied wahrnimmt sobald man sich dem Stromgebiete der Weser nähert Bei
uns ist alles häuslich bürgerlich familienhaft Arbeit und Erwerb um der Frau
und Kinder willen zu unternehmen nach des Tages Last und Hitze im Kreise der
Seinigen auszuruhn dem Sohne zu einer Stelle der Tochter zu einer Heirat zu
verhelfen darauf bezieht sich alles Streben der Stände welche hier wie
überall vorzugsweise das Volk ausmachen Blickt der Bürger aus seinen vier
Pfählen in das Gemeinwesen so sieht er dasselbe eigentlich nur in der
aufsteigenden Beamtenhierarchie die jedes selbsttätige Eingreifen seinerseits
verbietet und in dem Herrscher der ihm fast nur wie der oberste Familienvater
vorkommt Kein Adel oder ein solcher welcher verschuldet und machtlos nur zu
dienen weiß Über ein weites plattes Land derselbe Zustand dieselbe Stimmung
verbreitet höchst achtbar aber sehr einförmig und ein wenig tonlos
    Wie anders wird es wenn wir durch die Westfälische Pforte gegangen sind
Erinnrungen der verschiedensten Art beherrschen die Geister der Menschen Hier
lag eine freie Reichsstadt dicht daneben waltete der Krummstab des Bischofs
unfern gebot ein kleiner Dynast Nun dauert aber das Gedächtnis einer
politischen Vergangenheit länger als unsre Staatskünstler sich träumen lassen
Weiterhin in den rheinischen Kreisen war bekanntlich die Landkarte noch bunter
zu den Zeiten des Reichs welches doch noch kein Menschenalter tot ist
Betrachte man denn eine eigentümliche Folge welche die Verhältnisse kleiner
Staaten in den Menschen erzeugen Wenn in einem großen Reiche etwa ein Dutzend
Personen zu dem Bewusstsein politischer Würde und Wichtigkeit gelangen so
entsteht auf einem viermal geringeren Raume welcher von kleinen Staaten besetzt
ist wenigstens das Vierfache jenes Bewusstseins und des daraus entspringenden
Sinns für das Öffentliche Auf Flächeninhalt und Einwohnerzahl kommt es hiebei
nicht an Der Geheime Kammerrat des Beherrschers von wenigen Dörfern und Weilern
trägt ein Selbstgefühl mit sich umher welches dem des Ministers in dem Staate
von dreizehn Millionen Einwohnern nichts nachgibt vielleicht dasselbe noch
übertrifft weil jenen die großen Weltindernisse nicht so bedrängen wie
diesen
    Die kleinen Staaten sind untergegangen aber die Menschen sind geblieben
Die Söhne oder Enkel jener Geheimen Kammerräte Bürgermeister Schöffen und
Patrizier leben und wollen an ihrem Teile die Stelle der Väter und Ahnen
einnehmen Im Dienste des großen Reichs welcher ihnen nun offensteht gelangen
aber nur sehr wenige ich wiederhole es zu dem Gefühle eigener Wichtigkeit im
ganzen Staatsbetriebe der unendlich größeren Mehrheit bleibt die Last des
passiven Gehorsams ohne Ruhm und Auszeichnung Was folgt also hieraus In einer
großen Zahl von Menschen entspringt dort die Neigung sich neben dem Staate
allenfalls auch wider denselben stehend geltend zu machen
    Nimmt man nun noch dazu einen hohen und reichen Adel der jene Gegenden mit
bevölkern hilft und der keinesweges willens ist sich so ganz leidend in die
uniforme Staatseinheit verschlingen zu lassen vielmehr eher den Wunsch hegen
möchte sich zu einer neuen Art feudalistischer Zwischenmacht zu erheben
bedenkt man dass bis zu den jüngsten Zeiten in den dortigen Gegenden auch unter
Bauern und Kleinbürgern so manche Reste unabhängiger Selbstregierung
fortdauerten und bringt man schließlich in Anschlag dass wir zum Teil von
Slawen Sarmaten Wenden und Longobarden jene aber von Sachsen und Franken
abstammen so wird man wohl fühlen dass so bedeutende Gegensätze nicht wohl mit
einem Federzuge ausgestrichen werden können
    Mehrere welche jene Gegenden kannten stimmten dem Redner bei und sagten
dass auch ihnen dort ein größerer Sinn für das Öffentliche dagegen ein völliger
Mangel eigentlichen Familienlebens bemerklich gewesen sei
    »Gewiss« versetzte jener »und wenn uns dieser Mangel namentlich am Rheine
unangenehm berührt so können wir dagegen dem höheren Gemeingefühle der dortigen
Menschen Achtung nicht versagen Die Angelegenheiten der Stadt des Kreises der
Provinz sind dort wirklich mehr zugleich auch Sache der Einzelnen als bei uns
Man kollektiert petitioniert stiftet Vereine aller Art ein jeder sucht wo
irgend möglich in das Ganze mit einzugreifen Darum hat auch das französische
Wesen wo es dort noch besteht tiefere Wurzeln geschlagen als mancher hier
sich denkt Denn man sage über dasselbe was man will es schmeichelt der
Eitelkeit der persönlichen Selbstschätzung kurz jenen Eigenschaftenwelche so
nahe mit dem politischen Streben verwandt sind Unsre Einrichtungen sind dagegen
alle auf eine gewisse Selbstentäusserung berechnet sie sind patriarchalischer
Natur und müssen uns ehrwürdig sein Für die Anwohner des großen Stroms sind sie
aber keinesweges gemacht sie würden ihnen schwach und lax und dann doch auch
wieder hart und quälend erscheinen Dass ich übrigens keinesweges jene
Landgebiete auf Kosten unsrer Provinzen loben will muss ich ausdrücklich
hinzufügen Mich verblendet kein Advokatenund Rednergeschwätz und mir ist
während ich mich dort aufhielt das seichte oberflächliche unruhige Wesen der
Hang zum Verleumden und Verkleinern die Geistesdürre und die Gemütskälte nicht
entgangen wodurch man sich dort wie überall wo eine politische Regung
herrscht angewidert fühlt Nur sage ich nochmals Sie sind nicht wie wir
warum sollen sie so scheinen Saladins Wort es sei nicht nötig
                      Dass allen Bäumen eine Rinde wachse
passt auf die Völker noch in einem weit höheren Grade als auf die einzelnen
Menschen«
    Man versagte dieser ganzen Auseinandersetzung den Beifall nicht doch
vereinigten sich auch die bedeutendsten Stimmen in der Überzeugung dasswenn
dem auch so sei die Dinge nicht so bleiben könnten da die neueren
Regierungsgrundsätze durchaus eine gewisse innere Einheit der verschiedenen
Bestandteile des Staats verlangten
    Ein Mann von gemässigter Denkungsart schlug einen Mittelweg vor »Die
Revolution« sagte er »hat eigentlich die jetzige Gestalt der dortigen
Distrikte bestimmt was uns entgegenzustehn scheint sind doch nur ihre
Erzeugnisse Ich sage scheint denn in der Wirklichkeit möchten die Kontraste
nicht so unvereinbar sein Wir haben während der schlimmen Jahre wo es galt
jedermann auf seine Füße zu stellen damit er wenn der Tag der Entscheidung
käme Lust hätte sich totschiessen zu lassen auch unsererseits revolutioniert
wenngleich auf eine stille gesetzliche Weise Wie nun bei jenen vielleicht ein
Schritt zu weit getan ist so könnten wir noch einige vorwärts tun Wir könnten
den Besitz der neuen Provinzen zu einer Art von Tauschhandel benutzen ihnen von
uns und uns von ihnen anzueignen was jeder des Guten hat auf diese Weise aber
eine fortschreitende Reform des ganzen Reichs bewirken«
    Der Vorschlag hatte eine gefällige Außenseite als man aber zu der
Anwendbarkeit desselben im einzelnen überging zeigten sich grade die meisten
Schwierigkeiten wie dies bei allen Mittelwegen einzutreffen pflegt
    Diese und ähnliche Gespräche wurden an vielen Abenden im Hause Medons
geführt Er selbst verhielt sich dabei kritisch oder referierend vermehrte
durch geschickte Einwürfe die Menge der Streitpunkte oder fasste die
Darstellungen der Redenden in lichtvollen oft glänzenden Übersichten zusammen
wodurch denn freilich die Untersuchung nicht weiter gedieh Seine eigne Meinung
was zu tun sei verbarg er denn er hatte eine solche und eine sehr bestimmte
wie er nicht selten merken ließ Da man nun von seiner Einsicht groß dachte und
deshalb oft eifrig in ihn drang sich auszusprechen er aber immer den Fragenden
gewandt zu entweichen wusste so hatte ihm der heimliche Spott der als
Landesfrucht auch an dieser Tafel nicht fehlen durfte den Spitznamen des Abbé
Sieiès beigelegt
    Johanna nahm in der Regel ein Buch zur Hand wenn die Herrn sich in ihre
administrativpolitischen Gespräche vertieften Nur wenn Medon zu reden begann
schien sie ein Zwang zu ergreifen welcher sie nach fruchtlosen Versuchen
fortzulesen trieb ihm zuzuhören Mit einer Mischung von Wohlgefallen und
Schmerz tat sie dies sie konnte lächeln während ihr Mund vor Pein zuckte
Hermann betrachtete sie mit inniger Teilnahme obgleich er durchaus nicht wusste
wo er ihr Unglück finden solle Denn die Verhältnisse des Hauses waren glänzend
die angesehensten Personen suchten die schöne merkwürdige Frau eifrigst auf
der Gatte behandelte sie mit einer Achtung die an Ehrfurcht grenzte Dass sie
gewissermaßen dem herzoglichen Hause entführt worden war schadete ihrem Rufe in
einer Welt nicht welcher alles Gewürz zu den Lebensumständen lieb und angenehm
war Der Verdacht der Herzogin endlich hatte keinen Grund Hermann überzeugte
sich aus dem Kirchenbuche dass beide wirklich ehelich verbunden und vom Priester
eingesegnet worden waren
    Die Staats und Regierungsfragen welche er hier aufwerfen wenn auch nicht
beantworten hörte beschäftigten ihn selbst angelegentlich Wurden auch keine
Resultate erzielt die Tatsache drängte sich ihm unwiderstehlich auf dass er
inmitten eines großen Verbandes sei welcher sich von Russland nach Frankreich
erstreckte Es konnte nicht fehlen dass das Gefühl solcher Umgebung auch in ihm
lebendige Wirkungen hervorbringen und den Tätigkeitstrieb anfachen musste
welcher allen jungen Männern eingeboren ist
    Eines Abends als die Gesellschaft das Zimmer verlassen hatte war er mit
Medon und Johanna allein zurückgeblieben »Sie haben« sagte er zu Medon »auch
heute uns Ihres Zutrauens in betreff jener allgemeinen Angelegenheit nicht
gewürdigt Sein Sie wenigstens offener wenn ich für meine Person von Ihnen einen
Rat begehre Ich sehe um mich her alles betriebsam wirkend ich selbst aber
verzehre mein Geld verzettle doch im Grunde nur meine Tage und kann nicht
leugnen dass ich mich unbehaglich zu fühlen beginne Ich habe schon wieder an
den von mir so rasch verlassenen Staatsdienst gedacht«
    Medon schwieg einige Zeit dann hob er an »Und doch würden Sie in einen
zweiten härteren Irrtum verfallen wenn Sie diesem Gedanken die Ausführung
gäben Wie ich Sie kenne sind Sie nicht geschaffen zu dienen am wenigsten
hier wo man mag sagen was man will doch meistens nur der Zufall der
Schlendrian und die geschmeidige Charakterlosigkeit zu den Stellen emporführen
in welchen ein Mann von Geist und Talent ausdauern kann Indessen wüsste ich
einen andern Weg Ihr Feuer Ihre Kenntnisse und Rednergaben der Welt nützlich
zu machen Sie mit der Welt in eine werktätige Verbindung zu setzen«
    »Und der wäre« fragte Hermann gespannt Johanna rückte unruhig näher
    »Es ist mir ein schönes Gut im Badenschen zum Kauf angeboten dessen Besitz
die Landtagsfähigkeit gibt Ich kann von diesem Eigentume obgleich die
Bedingungen äußerst billig sind keinen Gebrauch machen Wollen Sie es erwerben
Ein Teil des Preises darf stehnbleiben Meine Verbindungen in dortiger Gegend
sind ziemlich ausgebreitet Ich will Ihnen allenfalls dafür haften dass Sie in
die Kammer gewählt werden sollen Die nächsten Sitzungen werden aller
Wahrscheinlichkeit nach wichtig und erfolgreich sein kurz die glänzendste Bahn
liegt wenn Sie auf diesen Vorschlag eingehn Ihren Fähigkeiten offen«
    Johanna erhob sich »Lass das« rief sie Medon mit einem Tone zu welchen
Hermann noch nicht von ihr vernommen hatte »Er gehört hieher und in einen
ordentlichen ehrlichen Beruf« fuhr sie ruhiger fort
    Medon schien anfangs etwas bestürzt zu sein Bald aber fasste er sich und
sagte als Johanna das Zimmer verlassen hatte »Meine Frau hat oft die
seltsamsten Launen und ist dann nicht imstande sich zu gebieten Gleichwohl
würde sie ohne dieselben nicht die schöne Empfindungsfähigkeit haben um welche
ich sie so unaussprechlich liebe und verehre«
 
                                Sechstes Kapitel
Der Gedanke badenscher Volksdeputierter zu werden hatte so unerwartet und
seltsam er Hermann anfangs vorgekommen war dennoch bald für ihn etwas
Reizendes Er las die Papiere welche ihm Medon mitgeteilt achtsam durch und
konnte an manchen darin entaltnen Winken abnehmen dass eine rührige Partei ein
geschicktes Werkzeug suche welches man aus unbekannten Gründen am liebsten im
Auslande finden zu wollen schien Dies machte ihm die Sache noch anziehender
Man will behaupten dass er aus der großen Bibliothek damals mehrere Bände
englischer Parlamentsverhandlungen und französischer Journale erborgt und
wenigstens angefangen habe in diesen Musterurkunden zu studieren
    Ein Blick auf die nächsten Verhältnisse überzeugte ihn wirklich dass Medon
wenigstens darin recht gehabt habe ihm den Eintritt in diese zu widerraten So
sehr man Persönlichkeit Geist Talent als gesellige Tugenden achtete eine so
verschiedene Gestalt nahmen die Dinge an, wenn die Rede vom Dienste des Landes
war Dann trat behutsam und indirekt aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor
dem Genie auf mit welchem man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben
mochte Auch nahm er binnen kurzem wahr dasswenn man nicht das Glück hatte
einer der Familien anzugehören in welchen sich die Befördrung sozusagen
erblehenartig machte ein rasches Fortkommen zu den seltensten Zufälligkeiten
gerechnet werden musste Gern hätte er sich mit Johanna die ihn seit jenem
Auftritte mit zweifelnder Miene betrachtete verständigt sie wich aber allen
Erklärungen aus und sagte nur einmal in Selbstvergessenheit zu ihm »Wer sich
das Netz über den Kopf werfen lässt und merkt es nicht verdient kein Mitleid«
    Es war noch so manches was ihn jetzt in diesem Kreise befremdlich anstieß
Zuerst dass er sah wie es Mode geworden war auf eine jüngstvergangne Zeit voll
Glut und Erhebung vornehm hinunterzublicken Man schämte sich fast der verübten
Grosstaten wie wilder Studentenstreiche die Helden jener Epoche wurden von
allen Seiten kritisch beleuchtet sie waren unbequem geworden und das
berüchtigte Gleichnis dass in dem denkwürdigen Jahre jeder zum Kampf geeilt sei
pflichtmässig wie der Bürger bei entstandnem Feuerlärmen zur Spritze erfreute
sich vieler eifriger Verehrer
    Einstmals traf er mit einem Bewohner der westlichen Gegenden zusammen
welcher gekommen war ein persönliches Anliegen durchzusetzen Er merkte ihm
bald ab dass der Mann zu den Unzufriednen gehörte Auf seine Fragen worüber man
sich denn dort zu beschweren habe versetzte der andre derb »Zum Henker über
die Unredlichkeit Wir sind so oft umgemodelt worden dass wir uns auch jetzt
wieder eine Verändrung gefallen lassen würden Aber was macht man Die Formen
lässt man bestehn und in der Sache tun sie hier denn doch was den hiesigen
Grundsätzen gemäß ist Dadurch sinkt die Achtung vor den Gesetzen und vor der
Verfassung denn man sieht dass diese nur ein Spielzeug sein soll welches man
dummen und blöden Kindern in Händen lässt damit sie nicht schrein Viele sind
darüber verdrießlich und in manchem ist eine noch üblere Stimmung erzeugt
worden«
    Als er sich nach dem Näheren erkundigte hörte er von mehreren Fällen
welche die Klage des Unzufriednen zu bestätigen schienen Besonders sollte
dieses zweideutige System in einer Sphäre befolgt worden sein mit deren
Vorstande er zufällig näher bekannt geworden war weil er zu den fleissigsten
Besuchern des Medonschen Hauses gehörte
    Er nahm sich vor von Medon den er oft in tiefen vertraulichen Gesprächen
mit jenem Staatsmanne bemerkt hatte über die Angelegenheit Erkundigung
einzuziehn Als er dies tat maß ihn Medon mit den Augen und gab keine
bestimmte Antwort welche er überhaupt im Augenblicke irgendeiner bedeutenderen
Frage immer zu vermeiden pflegte Allein nach einigen Tagen ließ er sich auf
einem Spaziergange so gegen Hermann aus »Wir leben in der unumschränktesten
Monarchie welche vielleicht jetzt auf der Erde besteht und selbst unsre
östlichen Nachbarn können in dieser Hinsicht neben uns nicht genannt werden. Ich
heiße unsern Staat so weil das Volk in ihm von jeher nicht viel bedeutet hat
wir vielmehr von den Erinnrungen an einige große Regenten zehren die das
wundersame Geschick grade auf dieser dürftigen Erdscholle geboren wissen wollte
An diesen Erinnrungen hängt unser Dasein aus ihnen ist Sturz und
Wiederherstellung des Reichs hervorgegangen Der Träger der obersten Macht ist
alles bei uns seiner Entscheidung und Beschlussnahme würde mit Erfolg weder ein
Gemeingefühl der Beherrschten noch die hemmende Kraft selbständiger
Institutionen auch wenn man die Absicht hätte sie zu schaffen entgegentreten
können So ist es und so muss es sein wenn wir uns erhalten wollen Da wir nun
aber gegenwärtig den sogenannten Geist der Zeit zu schonen haben so scheint mir
eine Verfahrungsweise wie Sie mir sie schildern nicht so übel zu sein dass man
nämlich den jüngsten Kindern des Hauses die Formen lässt welche sie liebgewonnen
haben in den Sachen aber autokratisch nach alten Prinzipien beschliesst«
    Hermann widersprach diesen Ansichten lebhaft welche er im Fortgange eines
ziemlich eifrig werdenden Gesprächs Machiavellismus nannte Worauf Medon
versetzte dass er den Machiavell für einen der größten Staatsweisen halte
welche es je gegeben und dass er der Zeit Glück wünschen wolle wenn ihr wieder
so ein Kopf beschert würde welcher das eigentliche unter den politischen und
administrativen Phraseologien versteckte Gewebe des jetzigen öffentlichen Seins
aufzudecken tüchtig genug wäre »Übrigens weiß ich nicht« fuhr er mit einer
abbrechenden Wendung fort »ob man so verfährt wie Sie sagen und so
verabscheuungswürdig finden Den Unzufriednen ist nirgends zu trauen«
    Dieses Gespräch verflatterte sonach gleich den meisten die er mit Medon
geführt zuletzt in Luft das einzige was ihm in seinem Umgange mit diesem
bedeutenden Manne missfiel Denn sonst zog ihn alles nun immer mächtiger zu ihm
hin Wissen Beredsamkeit Kraft ja selbst der Blick des hellblauen Auges
welches wenn Medon in Eifer geriet im eigentlichen Sinne des Worts blitzte so
durchdringend wurde der Glanz desselben
    Hermann teilte hierin nur die Stimmung sämtlicher jüngeren Leute welche in
großer Anzahl bei Medon aus und eingingen Er schien den Verkehr mit diesen
besonders zu lieben Sie dagegen ahneten hinter seinen Andeutungen und Winken
etwas Außerordentliches welches um so reizender für sie war als sie sich von
der Gestalt desselben keine Rechenschaft zu geben wussten Da er nun in jedem das
Selbstgefühl durch Lob und Ermuntrung ungemein zu steigern wusste und ihren
Talenten die schimmerndsten Kreise anwies so hatte er um sich eine Art von
Hofstaat versammelt welcher sich in angenehmen Gedanken und schönen Erwartungen
von Tag zu Tage gehnliess
 
                               Siebentes Kapitel
Er hatte indessen immer tiefere Blicke in die badenschen Grund und
Erwerbspapiere geworfen und da ihm um diese Zeit einige feurig aufmunternde
Briefe ehemaliger Ordens und Gesinnungsbrüder zukamen des Inhalts dass er aus
der Untätigkeit hervortreten möchte da Medon auch ohne zuzureden seinen
Entschluss für gefasst annahm so war eines Morgens in einer leeren unmutigen
Stunde die bindende Unterschrift unter dem ihm vorgelegten Dokumente geleistet
und letzteres zur Post gefördert
    Er saß nachdenklich die Feder noch in der Hand und überlegte den wichtigen
Schritt welchen er soeben getan als Medon eintrat Dieser umarmte ihn da er
das Geschehene vernommen und rief »So sehe ich Sie doch endlich in der rechten
Straße und dem zwecklosen Umherstreifen enthoben«
    »Es ist sehr zu wünschen dass dem so sei« versetzte Hermann »Denn mein
väterliches Vermögen reicht kaum zu den Kaufpreis des Guts zu decken und ob
ich bei der Bewirtschaftung desselben sonderliche Geschäfte machen werde steht
dahin weil ich in diesen Dingen noch völlig unwissend bin«
    Wie groß war sein Schreck als er die Verfassungsurkunde jenes Landes
nachsah was er bis jetzt unterlassen hatte und bemerkte dass er das wahlfähige
Alter noch gar nicht erreicht habe Er konnte sich nicht enthalten Medon einige
Vorwürfe darüber zu machen dass er von ihm auf diesen Umstand nicht aufmerksam
gemacht worden sei Medon lehnte dieselben jedoch ganz sanft mit der Bemerkung
ab dass er ja nicht verordnet gewesen sei seine Jahre zu zählen und dass er ihn
nach der Reife seines Urteils und nach seinem äußeren Ansehen schließend für
älter gehalten habe »Übrigens ist noch nichts verloren« fügte er hinzu »Sie
sind nur als Bürgerlicher zu jung wenn Sie geadelt werden besitzen Sie die
erforderliche Weisheit Wir wollen also auch diese Metamorphose versuchen und
ich werde Ihnen dazu die Mittel und Wege angeben«
    Diese neue Aussicht für deren Verwirklichung gleich allerhand geschah
vermehrte die Unruhe welche das Wesen unsres Freundes aufregte seitdem er in
den Zauberkreis der großen Stadt getreten war Nicht leicht ging ein Tag hin an
welchem nicht das was ihm festzustehen schien von andern bezweifelt und
häufig auch widerlegt worden wäre Die Stadt war gewissermaßen eine Freistätte
aller Gedanken und Meinungen und wenn diese selbst friedlich nebeneinanderher
gingen so hatte der Anblick so vieler unvermittelter Gegensätze für den dritten
Beschauer auf die Länge etwas Seelenzerstörendes
    Um nur ein Beispiel anzuführen Er hatte geglaubt durch die Gespräche in
Medons Hause über die Lage des Staats und über das was dessen vorzüglichste
Männer hauptsächlich beschäftige ziemlich in das Klare gesetzt worden zu sein
Wie erstaunte er da er an einem andern Orte zufälliger Zeuge einer Unterredung
wurde aus welcher er abnahm dass die Frage über das Verhältnis der neuen
Provinzen von den eigentlichen Lenkern nur als eine untergeordnete betrachtet
wurde dass man sich vielmehr im höchsten Rate mit Dingen beschäftige welche
weitgreifender Art über ganz Deutschland ihre Folgen zu verbreiten bestimmt
waren
    Diese ganze Welt in welcher er sich seit einigen Monaten bewegte kam ihm
so doppeldeutig und unsicher und trotz alles scheinbaren Lebens so tot vor dass
ihm oft übel zumute ward Was ihn vor allem unangenehm berührte war der Mangel
jeglicher Poesie der ihm bald anschaulich wurde Zwar arbeitete der junge
Dichter rastlos an seinen Bildern aus der Kunstgeschichte fort und hatte für
den nach Weimar mitgeteilten florentinischen Zeitraum von dort ein aufmunterndes
Schreiben empfangen »in so löblichen Bestrebungen treufleissig fortzufahren«
zwar bestanden einige literarische Gesellschaften aber Hermann wollte durch
alles was er hier hörte und sah wenig erbaut werden Was einem Fremden wie er
war bald kein Geheimnis blieb Es hielt niemand etwas von dem andern und wenn
sie sich auch gegenseitig besangen so lachten sie sich im stillen doch nur
untereinander aus Vom Theater zu reden ward beinahe für unanständig gehalten
es stand in einer Art von Verruf warum ließ sich auch nicht wohl begreifen es
war um nichts schlimmer als manches andre was in hohen Ehren gehalten wurde
    So zwischen Staatskunst Gelehrsamkeit und dem Enthusiasmus für Malerei
eingeklemmt fühlte Hermann recht deutlich dass ihm nur wohl werden könne wo
der frische Glaube an die fortzeugende Kraft der Dichtung wehe Hier aber ward
alles Neue mehr oder minder höflich verneint man hatte sich und sein
ästetisches Gewissen in der schwärmerischen Verehrung des alternden großen
Autors abgefunden Es ließ sich aber erkennen dass mindestens ein Teil der
Verehrer ihn auf gut Nicolaitisch wiederum gekreuzigt haben würde wenn er unter
ihnen neu mit dem »Werter« aufgetreten wäre
    Die Tage waren kurz geworden An einem Abende an dem es draußen recht
unheimlich stürmte besuchte er Johannen Er hatte gewünscht sie allein zu
finden und es ward ihm so wohl Sie saß in einem kleinen Zimmerchen und hatte
Briefe getrocknete Blumen Schattenrisse vor sich auf dem Tische ausgebreitet
An den Wänden dieses Zimmerchens hingen viele kleine Bildnisse Freunde und
Freundinnen einer glücklicheren Zeit Ihre Augen waren verweint sie schien matt
und abgespannt zu sein »So kommen Sie doch noch« rief sie ihm sanft und
freundlich entgegen »das ist schön Der Abend ward mir unter meinen lieben
Schatten hier gar zu schwer ich kam mir selbst schon ganz vergangen vor und
meinte zum zweiten Male zu leben Wie es draußen stürmt und hier die kleine
friedliche Lampe So wütet es überall feindlich um das stille liebliche Feuer
was hin und wieder die Mächte des Himmels entzünden«
    »Was hat Sie betrübt Johanna« fragte Hermann und setzte sich teilnehmend
zu ihr
    »Nichts und alles« versetzte sie »Mein Herz ist eben zum Überlaufen voll
und da genügt ein Tröpfchen zum Ergusse Wir hatten zu Mittag Gesellschaft und
die trostlosen Gespräche begannen wieder welche mir schon oft den Busen
zerspaltet haben Die armen törichten Menschen Auf den Knien sollten sie Gott
danken dass er doch hin und wieder einen warmen Frühlingsatem über die Erde
streifen lässt unter welchem das kleinste Gräschen sich aufrichtet und selbst
verdorrte Keime neu zu spriessen beginnen«
    »Ich weiß was Sie meinen« sagte Hermann »Auch mich hat es schon oft
verdrossen dass man hier fast geflissentlich bemüht ist der Erinnrungen an eine
große Zeit sich zu entschlagen Und doch was steht ihr gleich was kann das
gegenwärtige Geschlecht ihr Ähnliches hoffen«
    »Sie war die hohe Brautwoche der süße Honigmonat meines Lebens« rief
Johanna und ihre Augen glänzten »Ich war zwanzig Jahre alt auf meines Vaters
Schloss erwachsen der wie ihn die Leute auch beschelten mögen mir ein guter
Vater war und mich aufstreben ließ frei und ungezwängt gleich den Tannen in
unserm Park An seiner Seite zu Pferde oder im leichten Jagdwagen wenn der
Hirsch verfolgt wurde war es mir oft als müssten Flügel mir an beiden Schultern
wachsen so leicht und rein rollte in mir das mutige Leben Daheim horchte ich
den Erzählungen der Reisenden und klugen Männer welche meinen Vater besuchten
und von fremden Ländern und Menschen sprachen oder ich las Geschichte mit
meiner alten würdigen Erzieherin Denn Dank sei es denen welche über mein
Geschick geboten nichts Gemeines und Eitles durfte mich berühren und ich
erinnre mich noch dass in meinem Zimmer der Spiegel fehlte Welt und Vorzeit
umgaben mich wie ein schönes sinnvolles Märchen in dessen Mitte ich allen
Helden und Weisen vertraulich nahe liebe Tage hinspann
    Nun erschien jener große Winter mit seinen Eisund Leichenfeldern mit
seinem Stadt und Herzensbrande Meines Vaters Entschluss war sogleich gefasst
als die ersten Zuckungen des wieder erwachenden Lebens sich verspüren ließ
Obgleich nach der Sitte seiner Jugend gern die fremde Sprache redend war er
ein deutscher Mann und Edelmann geblieben sein Herz hatte bei dem Jammer des
Vaterlandes oft geblutet Wir zogen damit er tätiger eingreifen könnte auf
eine Zeitlang nach der großen Stadt welche der Herd des heiligen Feuers war
Was schwatze ich Ihnen vor Sie waren ja selbst dabei haben selbst die Waffen
getragen Welche Tage Welche Gefühle Nun waren Rom und Griechenland und die
Ritterzeit kein Märchen mehr für mich alles Größte strahlte wiedergeboren im
grünen frischen Lichte mich an Mein Mädchenherz wollte mir oft die Brust
zersprengen wenn ich bis Mitternacht ja bis an den frühen Morgen die Binden
zuschnitt welche das Blut der Wunden hemmen sollten Ich weinte dass mein Vater
reich war dass ich nicht auch mich genötigt sah mein Haupthaar auf dem Altare
der allgemeinen Begeisterung zu opfern Nie nie kann ich das vergessen und
wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klügelei starr wird so soll der Busen
einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern«
    Sie war aufgestanden und ging mit großen Schritten durch das Zimmer Ihre
Züge hatten sich verklärt sie glich einer Priesterin einer Velleda Nach einer
Pause während welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig
zu werden schien stand sie still und rief »Ja wenn es eine Liebe je auf Erden
gegeben hat so habe ich geliebt Und o des Glücks Die zärtlichste Empfindung
war nur eins mit der heiligsten und größten Im Waffenschmuck trat er mir
entgegen dem Kampfe sich entgegensehnend in den er nach wenigen Wochen zog
Mild war er und edelen Zornes zugleich voll nie hat ein reineres tugendhafteres
Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft Er war wie ein Verschlagner von
einer fernen seligen Insel unter uns andern Die Augen pflegte er zu senken als
erliege seine Seele unter ihrer eignen Größe Stumm war unsre Liebe und ohne
Erklärung Nur als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte verstanden
sich unsre Blicke Er zog dahin und ich sah ihn nicht wieder
    Er trug wie alle jugendliche Frühlingsherzen die Todesahnung im Busen
Sein einziger Wunsch war in deutscher Erde zu ruhen er schauderte vor dem
Gedanken fern unter den Fusstritten des feindlichen Volkes vermodern zu müssen
Das Schicksal ist oft grausam es kann uns nicht allein das Leben wie wir es
wünschen sondern auch den Tod wie wir ihn zu sterben würdig gewesen wären
versagen Nicht in einer der großen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein
Freund nein vereinzelt seiner Schar nachgeblieben wurde er von
umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen Ich erfuhr seinen
Tod noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte In der Nacht aus tiefem
Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend sah ich das blutige Haupt
des Ermordeten am Fuße meines Lagers aufsteigen und alsobald auch wieder
verschwinden Augenblicklich wusste ich um meinen ungeheuren Verlust aber
zugleich durchdrang mein Herz ein unvergänglicher Trost der es so ganz
erfüllte dass ich mich kaum erinnere damals geweint oder sonst getrauert zu
haben Nur jetzt nach manchem Jahre fließen meine Tränen zuweilen Als die Ruhe
hergestellt war beschäftigte uns alle die wir ihn geliebt hatten sein Wunsch
Ein treuer Gefährte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf scheute
nicht Mühe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich empörten Volke fand die
Grube in welcher man den Körper verscharrt hatte kaufte die teuren Reste los
und brachte sie in die Heimat«
    Sie näherte sich einer schmalen länglichen Kiste welche in der Ecke des
Gemachs stand öffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes über
sie Hermann trat hinzu und fuhr zurück ein menschliches Gerippe starrte ihm
aus der Kiste entgegen »Warum erschrickst du Was macht dich zu fürchten« rief
sie »Dies ist mein lieber mein einziger Freund den ich nun wiederhabe und
nicht von mir lasse Betrachte den holdseligen Mund die guten schönen Augen
die denkende Stirne Nun ruht er umweht vom Hauche der Liebe nun ist ihm
wohl«
    »Teure warum gaben Sie der Erde nicht wieder was der Erde gehört« fragte
Hermann als er sich einigermaßen von seinem Erstaunen erholt hatte
    Sie versetzte nichts Mit den zärtlichsten Namen rief sie den geschiednen
Freund schmeichelnd strich sie über den kahlen Schädel ihre Lippen küssten die
leeren Augenhöhlen Dazwischen führte sie Reden deren Sinn und Bedeutung
Hermann nicht verstand Sie sprach von dem Vampir der auferstandne Leiche
umhergehe und den Lebenden das Blut aussauge und beschwor die Gebeine des
Toten sie wie bisher so auch ferner vor dem Schrecknis zu schützen
 
                                 Achtes Kapitel
Es schien als seien die nächsten Tage bestimmt unsres Freundes Herz welches
schon in kalten seltsamen Umgebungen zu frieren begann wieder von neuem
auszuwärmen Johannas Not regte mächtig sein Gefühl auf und kurz nach jenem
Abende sollte er auch einen alten Freund wiedersehen
    Er war in Madame Meiers Gesellschaft gewesen Als geborner Hansestädter an
reichliche Mahlzeiten gewöhnt empfand er nach den dort landüblicherweise
genossenen dünnen Butterschnittchen immer noch einen lebhaften Appetit den er
nun in einer Restauration stillen wollte Aber obgleich es erst elf Uhr war so
herrschte in diesem Teile der Stadt doch schon eine Totenstille die Fenster
waren dunkel die Läden geschlossen und nur die Laternen warfen ihr mattes Licht
über die menschenleeren Straßen Er kam endlich in die Nähe eines Gastofs vor
dessen Türe sich jemand in ähnlicher Not befand wie er Ein Reisender suchte
mit Rufen Schelten und Klopfen vergebens Einlass durch die bereits fest
verschlossne Pforte zu gewinnen Das Geräusch zog Hermann mechanisch näher und
er erkannte mit freudigem Schreck die Stimme seines Freundes Wilhelmi Dessen
Freude war nicht geringer beide begrüßten einander auf das herzlichste Nachdem
sie durch vereinte Bemühungen die Öffnung des Wirtshauses erwirkt hatten
Wilhelmis Wagen und Gepäck untergebracht worden war blieben sie noch einen Teil
der Nacht in traulichen Gesprächen beisammen Hermanns erste Frage war was
Wilhelmi so unerwartet herführe worauf jener ihm erwiderte dass sein Verhältnis
zum herzoglichen Hause gelöst sei und dass er komme um seine Sammlung dem
großen Museum zu verkaufen Man habe ihm die bestimmte Hoffnung gemacht ihm als
Preis eine feste Anstellung bei jenem Institute zu geben
    Hermann wusste wie leicht man es mit solchen Versprechungen des Orts nehme
und erschrak über den unbedachten Entschluss des Freundes Er hütete sich
indessen seine Befürchtungen ihm mitzuteilen um Wilhelmis Hypochondrie nicht
rege zu machen Wahrhaft schmerzlich war ihm aber die Lösung der Bande welche
er in Achtung Liebe und Bedürfnis fest gegründet erachtet hatte Auch der Arzt
so hörte er von Wilhelmi sinne darauf dem Schloss Lebewohl zu sagen Am
befremdlichsten klang was er über die Herzogin vernahm Sie sei erzählte
Wilhelmi nach Hermanns Abreise in eine düstere Melancholie verfallen welche
sich durch einen sonderbaren Widerwillen gegen die Gesellschaft ihres Gemahls
ausgezeichnet habe In dieser Stimmung habe sich der Geistliche ihrer
bemächtigt mit welchem sie nun den größten Teil ihrer Zeit in Andachtsübungen
die zuweilen selbst in Kasteiungen ausarten sollten verbringe Der Herzog sei
über diesen Zustand um so bekümmerter als ihm grade jetzt der vom Kaufmann nun
mit vollem Eifer betriebne Prozess viel zu schaffen mache
    Alles dieses konnte Hermann wenig erfreun Es tat ihm wehe dass ein so
treuer gefühlvoller Mann wie Wilhelmi sich seinen Gönnern in einem solchen
Augenblicke hatte entziehen können
    »Ich will mich nicht rechtfertigen« sagte dieser als Hermann nach einigen
Tagen eine leise Andeutung seiner Empfindung blicken ließ »Es gibt Dinge und
Worte die mit magischer Kraft das Gemüt unwiderstehlich nach sich reißen und
so muss ich dir gestehen dass ich in abgelegnen Winkelverhältnissen hingehalten
nicht zu widerstehn vermochte als mir die Aussicht erschien mich dem
Öffentlichen angereiht zu sehen Wie einst das Heilige Grab und späterhin die
Neue Welt jeden strebenden Geist siegreich lockte so ist es jetzt mit dem
Staate Nur das was an ihn sich lehnt nur das was von ihm erkannt wird hat
Glauben an sich selbst die Zeit der Privatdienstbarkeit ist durchaus vorüber«
    »Du sprichst da etwas aus welches mir schon lange das Herz beschwert hat«
versetzte Hermann »Wenn ich die Dokumente jener verspotteten empfindsamen
Zeiten betrachte so muss ich sagen dass diese schwärmerischen Freundschaften auf
Leben und Tod diese leidenschaftlichplatonischen Liebesverhältnisse diese
begnügten Familienglückseligkeiten wie sie damals gang und gäbe waren jetzt
fast aufgehört haben Das Gemüt hat die Fähigkeit verloren sich in so
traulicher Enge zu regen alle Kräfte und Sinne der Menschen streben weiteren
und höheren Zwecken zu Das wäre nun recht schön wenn wir nur schon ein
Vaterland oder große öffentliche Einrichtungen hätten Aber alle diese erhabenen
Tröstungen zeigen sich bei näherer Betrachtung denn doch meistens als Schein
höchstens als ziemlich schwache Versuche Und so darbt unser Herz über den
Mangel eines Freundes einer Geliebten eines Hauses sich zu Tode und wenn es
sich auf einem andern Altare opfern möchte so fehlt eben dieser Wahrlich es
ließe sich ein Werter des neunzehnten Jahrhunderts schreiben der an diesem
Doppel und Nichtzustande verginge und dessen Klagen auch rührend und beweglich
ertönen würden«
    »Ja wir leben in einer Übergangsperiode« sagte Wilhelmi »Das ist ein
trivial gewordnes Wort welches alle Schulknaben jetzt nachplappern Schwieriger
ist es die ganze Bedeutung desselben zu fühlen sympatetisch mitzuempfinden
wie viele Menschen an einem solchen Übergange zugrunde gehen Wohl befinden sich
in der Gegenwart eigentlich nur die oberflächlichen Naturen welche von Schatten
und Klängen genährt werden während jede tiefer gehöhlte Brust ein heimliches
Verzagen erfüllt Auf alle Weise sucht man sich zu helfen man wechselt die
Religion oder ergibt sich dem Pietismus kurz die innere Unruhe will Halt und
Bestand gewinnen und löst in diesem leidenschaftlichen Streben gemeiniglich
noch die letzten Stützen vom Boden«
    »Wunderbare Gedanken und Träume beherrschen die Menschen« sagte Hermann
»Trotz alles Redens von der praktischen Richtung des Zeitalters laufen die
Vorstellungen und Dinge weit auseinander und der Wahn hat eine furchtbare Macht
gewonnen Es ließe sich der Fall denken dass jemand unter der Last eines
eingebildeten Schicksals sein Leben hinkeuchte und stürbe ohne das Antlitz der
Wahrheit geschaut zu haben«
    »Wiederum aber sind auch die ausserordentlichsten Glücksfälle gedenkbar«
versetzte Wilhelmi »Eigentum und Besitz haben ihre schwere tellurische Natur
aufgegeben sie streichen gasartig verflüchtigt durch die Lüfte und niemand
von uns weiß ob nicht auch er in den Bereich eines solchen ziehenden Schwadens
kommen werde Kurz Freund es kann an deiner und es kann an meiner Stirn mit
unsichtbarer Schrift das Wort Millionär geschrieben stehen so wenig Anschein
die Sache auch jetzt für sich haben mag«
    »Nein in der Tat danach sieht es bei mir nicht aus« sagte Hermann
lächelnd »Ich will nur froh sein wenn ich aus meinem badenschen Ankaufe mit
einem blauen Auge davonkomme Übrigens wüsste ich auch nicht was ich mit vielem
Gut und Gelde beginnen sollte es hat wenig Reiz für mich«
    »Um so geschickter bist du vielleicht Vermögen zu bewahren« antwortete
Wilhelmi »Oft kommt mir alles Eigentum wie ein Depositum vor welches bei uns
für ein nachkommendes glücklicheres Geschlecht hinterlegt worden wäre welches
wir treulich den Enkeln aufzuheben aber selbst nicht zu genießen hätten«
 
                                Neuntes Kapitel
Hermann führte den Freund in seinem Kreise umher an welchem Wilhelmi aber viel
auszusetzen fand Mit Johannen gelang es noch am besten nachdem eine leichte
Verlegenheit von beiden Seiten überwunden war kam ein erträglicher Umgang
zustande obgleich beide in ihrer Gereiztheit wenige Berührungspunkte
füreinander hatten Dagegen nannte er Medon geradezu den Jugendverführer ohne
sich über den Sinn dieses Ausdrucks näher zu erklären
    Auch die übrigen Persönlichkeiten Einrichtungen und Anstalten der
Hauptstadt fanden keine Gnade vor ihm Er sah nur die Hast womit hier alles
sich zur Erscheinung drängen musste um bemerkt zu werden und übersah den Kern
welcher von jener Hast hervorgestossen wurde Bald nannte er den ganzen Zustand
eine große Lüge und die Stadt selbst ein Konglomerat von zwölf Krähwinkeln
welches Paris vorstellen wolle Dieses Thema führte er in unzähligen spitzigen
und witzigen Variationen aus worüber Hermann anfangs lachte späterhin aber
zuweilen verdrießlich wurde
    Die Spötter rächten ihrerseits wieder die Stadt an dem Hypochondristen und
einer derselben verfasste eine parodistische Geschichte von Jona dem neuen
Propheten welcher berufen worden sei Ninive Busse und Zerstörung zu predigen
und welcher sich nun ärgre dass die Stadt nicht untergehn wolle Das Schloss des
Standesherrn wurde in dieser Travestie mit dem Bauche des Walfisches verglichen
in welchem der unzufriedne Seher drei zyklische Tage zugebracht habe
    Als Hermann das Produkt zu Gesichte bekam trachtete er es den Augen
Wilhelmis verborgen zu halten weil er von seiner Aufregung einen heftigen
Ausbruch befürchtete Allein er hatte sich in ihm geirrt Wilhelmi erhielt die
Blätter von einem Dienstfertigen zugesteckt lachte herzlich darüber suchte den
Verfasser auf und bat um seine Freundschaft
    Am übelsten stand er anfangs mit Madame Meyer Sie hatte nach Art der
Weltfrauen darin ein ganz eigenes Talent bisweilen jemand der ihr mehr als
andre hätte empfohlen sein sollen zu übersehen was denn bei ihr immer um so
mehr wie eine Beleidigung erschien weil sie sich sonst so zuvorkommend zu
benehmen wusste An einem dieser dem Zerstreutsein verfallnen Tage wurde ihr
Wilhelmi vorgestellt welcher nach den Erzählungen Hermanns auf einen besonders
freundlichen Empfang gerechnet hatte Er sah sich durch die über ihn
hinschweifenden Blicke der Wirtin die seine Anrede mit einer Bemerkung über das
Wetter erwiderte bitter getäuscht und machte seinem Freunde beim Nachhausegehn
lebhafte Vorwürfe darüber ihn dort eingeführt zu haben Hermann kannte ihn
schon in solchen Stimmungen und ließ schweigend die erregten Wellen
ausschäumen
    »Sie kann ihren Stamm nicht verleugnen« rief Wilhelmi zum Schluße einer
heftigen Zornrede »Mir wurde unter allen diesen Porzellanen Gläsern Schnitz
und Kritzelwerken zumute wie in einer Trödelbude Es ist der Schachergeist
ihrer Väter welcher in der Sammelwut der Tochter fortspukt
    Überhaupt haben die modernen Juden eine seltsame Stellung gegen Welt und
Gesellschaft« fuhr er ruhiger fort »Es ist noch kein Menschenalter her dass
dieses Volk an vielen Orten Leibzoll bezahlen an andern wie krankes Getier
abgepfercht wohnen musste Plötzlich ist ein Umschwung eingetreten sie stehen
jetzt in den bürgerlichen Rechten uns gleich und wollen besonders hier in
Geist Geschmack und Ansehen den ehrlichen Christenseelen womöglich noch den Rang
ablaufen Nun ist es aber ein eigen Ding um elegantes Dasein Das geht nämlich
immer nur aus völlig gesicherten Notwendigkeiten des Lebens hervor Dieses
Gefühl haben sie nicht können es auch nicht haben denn die Verbesserung ihres
Zustandes ist weit mehr das Erzeugnis sentimentaler Schriftsteller und schlaffer
Staatsmänner als einer Umstimmung des Volksglaubens Im Volke hat sich vielmehr
das alte Bewusstsein unzerstört erhalten dass der Jude nichts tauge Folglich
denken alle diese unsre großen israelitischen Häuser im stillen immer noch an
die Möglichkeit einer rückgängigen Bewegung an den Leibzoll und an die
Judengassen Dadurch erhalten ihre Bestrebungen um Eleganz etwas Unsicheres und
Hastiges ihre Gesellschaften haben durchaus mehr den Charakter einer Hypothese
als den eines Postulats
    Die produktiven Köpfe der Nation verfahren dagegen nach den Grundsätzen des
Gewerbgeistes welcher ihre Ahnen auszeichnete sie schachern und trödeln In
Gedichten Musiken in Philosophie und Wissenschaften sind sie mit kleinem
Profit mit allerhand netten charmanten glänzenden Effekchen und Wahrheitchen
zufrieden bringen auf solche Weise auch wirklich manches zusammen obwohl man
schwerlich im Reiche des Geistes durch geschickt zubereitete Bagatellen großes
Vermögen erwirbt«
    Als Hermann einiges zum Schutze der Geschmähten vorbringen wollte fuhr ihn
Wilhelmi beinahe an und rief »Du wirst auch noch durch Schaden klug werden
Deine ägyptische Kavaliergarde wird dir Verdrusses die Fülle machen« Dies bezog
sich darauf dass sich um Hermann eine Menge junger Israeliten versammelt hatte
welche ihm mit großer Freundschaft begegneten
    Die Laune Wilhelmis schärfte sich von Tage zu Tage Zum Teil wurde dieser
üble Humor durch sehr wesentliche Bedrängnisse erzeugt Er konnte nämlich bald
merken dass an einen Verkauf seiner Sammlungen nicht zu denken sei und dass er
die leichte Zusage eines hohen Mannes viel zu schwer genommen habe Ein
sicherndes Verhältnis hatte er aufgegeben außer seinen Kunstsachen besaß er
nichts und jede Aussicht schwand mit diesen dem Museum einverleibt zu werden
Bald war er in Geldverlegenheit und sprach Hermann um Hilfe an
    Wie erschrak er als dieser ihm eine gleiche Not offenbaren musste Im
Badenschen bestand man streng auf Innehaltung der Zahlungstermine ein Kapital
nach dem andern war schon dorthin gewandert einen Besitz zu bezahlen den
anzutreten der Eigentümer weder Lust noch Geschick in sich verspürte
    So führten denn unsre beiden Glücksritter ein ziemlich gewagtes Leben Der
eine war wenn man so sagen darf in böhmischen Dörfern angesessen der andere
stand mit Raritäten in teuren Mietzimmern aus Ihre Lage konnte übel genug
werden wenn der Himmel sich nicht ins Mittel schlug
    Indessen trugen sie ihre Lasten zu zweien und das will viel sagen Da die
Taler ausgingen so teilten sie die Groschen miteinander Hermann zog sich aus
vielen großen Gesellschaften zurück und begann eine Art von geniessendem
Einsiedlerleben zu führen
    Mit der ägyptischen Kavaliergarde mit den jungen Juden hatte Wilhelmi nur
zu sehr recht gehabt Einer derselben ein angehender Künstler war ihm
besonders eifrig genaht hatte einige Billette an ihn sogar »mit Ehrfurcht«
unterzeichnet Im Hause der reichen Eltern begegnete man unsrem Freunde fast wie
einem höheren Wesen Eines Tages ersuchte ihn der junge Künstler bescheiden um
seine vortreffliche Kritik über dieses und jenes Bei der näheren Nachfrage
erfuhr Hermann dass ihn ein Gerücht zum Verfasser mehrerer anonymen Rezensionen
in dem gelesensten Blatte der Stadt gemacht hatte welche durch ihren
geistreichen Gehalt allgemeines Aufsehn erregten Da er nun diese Vaterschaft
ablehnen musste so bemerkte er an den Gesichtszügen und an dem Benehmen seines
feurigen Anhängers bald eine merkliche Verändrung welche sich demnächst auch
dem Hause der Eltern mitteilte und nach und nach eine gänzliche Erstarrung des
Verhältnisses herbeiführte Noch früher hatten ihn die übrigen verlassen sobald
sie wahrnahmen dass er nicht mehr viel mit vornehmen Leuten verkehrte
    Er klagte Wilhelmi sein Leid Dieser lachte und rief »Sei froh dass du von
ihnen los bist Jude bleibt Jude und der Christ muss sich mit ihnen vorsehn am
meisten wenn sie sich liebevoll anstellen Sie sind allesamt freigelassne
Sklaven kriechend wenn sie etwas haben wollen trotzig wenn sie es erlangten
oder wenn sie merken dass es nicht zu erlangen steht«
 
                                Zehntes Kapitel
Alle Übertreibungen sind von kurzer Dauer Madame Meyer hatte nicht sobald
bemerkt dass die beiden Freunde seltener in ihren Zirkeln zu erscheinen begannen
als sie ihrerseits alles tat das traulichgesellige Verhältnis zu erhalten
Freundliche Einladungen drängten sich und Wilhelmi wurde für die frühere
Vernachlässigung durch das liebenswürdigste Benehmen entschädigt Bald war er
völlig umgestimmt und ebenso freigebig in seinem Lobe als er früher
verschwenderisch im Tadel gewesen war
    Die Dame entdeckte ihrerseits an dem verwandelten Hypochondristen eine
Eigenschaft, welche ihn ihr höchst schätzenswert machte Wilhelmi besaß eine
Fülle von antiquarischen Kenntnissen und setzte Madame Meyer über manches was
sie hatte durch seine Erläuterungen erst in das Klare Was ihn aber einer Frau
besonders empfehlen musste war seine Art die Tatsachen vorzutragen Er teilte
sie nämlich nicht nach der Weise deutscher Gelehrten weit ausholend mit sondern
gab seine Kunde in kurzen aphoristischen alles ausdruckenden Sätzen welche
sich dem Gedächtnisse leicht einprägten und ohne Mühe nachgesprochen werden
konnten Auf diese Weise hatte er die Freundin bald mit einer Menge von Tesen
bekanntgemacht welche sie rüsteten den Verlegenheiten schlagfertig zu
begegnen denen sie sonst in ihrem Gesprächskreise hin und wieder mit Leidwesen
unterlegen war Denn obgleich manches der Wilhelmischen Lehre nur für
problematisch gelten konnte so verfehlte es doch mit angenehmer Keckheit von
einem schönen weiblichen Munde axiomatisch vorgetragen nie seine Wirkung auf
den überraschten Gegner
    Es war als wolle der Himmel selbst in diesem Falle durch Zeichen und Wunder
wirken Eines Tages als Wilhelmi mit ihr ein früher noch nicht besehenes
Kabinett durchmusterte stand er vor dem Altarbilde eines heiligen Stephanus
still von welchem die Hälfte fehlte Die Tafel war dicht an dem Körper des
Märtyrers abgespalten worden von den Peinigern ließ sich nichts erblicken
Madame Meyer welche Wilhelmi in den Anblick dieses Werks versunken sah legte
die Hand auf seine Schulter und sagte »Wohl mögen Sie über dieses liebe
gemütliche Bild erstaunen welches mir doch nur Schmerzen verursacht Ich achte
es für die Krone meiner Sachen aber ich entsage oft für Monate seinem Anblicke
weil mir der verstümmelte Zustand desselben durch die Seele geht Was habe ich
nicht versucht getan aufgewendet um die andre Hälfte herbeizuschaffen welche
durch die Ungebühr der Zeit oder eine rohe Faust vielleicht für immer vernichtet
ist«
    »Madame« versetzte Wilhelmi der ganz Erstaunen war »mich ergreift weniger
der Anblick dieses vortrefflichen Werks von seltener Innigkeit des Gefühls als
dasswenn mich nicht alles trügt ich den andern Teil der Tafel besitze Ich
verlangte nach dem Heiligen wie Sie sich nach den Steinigern sehnten«
    Die Meyer stand sprachlos Auf einen Wink Wilhelmis entfernte sich der
Bediente und brachte aus dessen Quartiere das bezeichnete Fragment herbei Es
blieb kein Zweifel sobald man nur das Stück angepasst hatte zeigte sich die
Vermutung bestätigt Die Gruppe der Steiniger war vollständig fast noch besser
erhalten als der gemarterte Jüngling Nie sind hässliche Frevelgesichter von
hübschen Augen mit gerührteren Blicken betrachtet worden
    Es waltete unter den beiden Kunstfreunden ein langes Schweigen ob während
welches jeder seinen besonderen Gedanken nachhing Endlich brach Wilhelmi
dasselbe und sagte dass solange er am Orte verweile er sehr gern die beiden
Hälften vereinigt lassen wolle Madame Meyer nahm dies dankbar an und fragte
schüchtern ob ihm sein Fragment nicht feil sei was Wilhelmi ernstaft
verneinte Man erzählte einander von der Erwerbung dieses Kunstwerks und
brachte bald heraus dass beide Stücke an einem und demselben Orte von dem
spekulierenden Verwalter aufgehobner Klostergüter eingehandelt worden waren Man
untersuchte die Kanten der Fragmente und fand dass der Riss keinesweges alt war
Aus allerhand sonstigen Anzeichen schloss man zuletzt mit ziemlicher Gewissheit
dass jener klug berechnende Mann der herrschenden Neigung vertrauend welche
derartige Altertümer auch im verstümmeltsten Zustande aufsuchte selbst die
Tafel zerspalten haben möge und denn auch wirklich die beiden Teile teurer
losgeschlagen hatte als er vom ungetrennten Ganzen erwarten dürfen Er hatte
also im kleinen mit dem Gute der Kirche vorgenommen was der Staat im großen er
hatte dismembriert
    Ein eifriges Gespräch welches dieser fröhlichen Begebenheit folgte wurde
durch den Eintritt der gewöhnlichen Abendgesellschaft unterbrochen Bei dem
Erscheinen der Fremden zeigten sich Madame Meyer und Wilhelmi sehr verlegen
wovon der Grund darin zu suchen dass zum Schluße jener andächtigen
Kunstunterredung die Hände sich gefunden hatten und die ersten Eintretenden von
dieser Vereinigung Zeugen geworden waren Die Gäste nahmen nun gebührenden
Anteil an dem hergestellten Stephanus und an der Freude der Wirtin es ließ sich
aber aus manchen Mienen und Flüsterworten abnehmen dass man sich während dieses
Abends doch mehr mit dem natürlichen als mit dem Kunstereignisse beschäftige
    Wilhelmi sprach in den nächstfolgenden Tagen nichts als Gutes von der Stadt
und ihren Bewohnern kehrte alles zum Besten und verwies Hermann seine finstre
Laune obgleich dieser sich ganz ruhig und gleichmütig verhielt
 
                                Elftes Kapitel
Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf
genommen lieferten jedoch nicht die Ergebnisse nach welchen die Behörden
hauptsächlich hinsteuerten Die Verschuldungen der Jünglinge lagen so ziemlich
klar zutage ihnen aber war im voraus verziehen sie sollten mit dem Schreck
davonkommen Was man am eifrigsten suchte war das Dasein und die Glieder jenes
Männerbundes zu ermitteln welcher Staat und Thron allerdings ernstlicher mit
dem Umsturze bedrohte In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches
Dunkel die geheimen Störenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu
Werke gegangen dass trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden
Deutschlands hin mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen
wollten
    Der Beamte welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte ging in Medons
Hause viel ein und aus Er erzählte dort im Vertraun manches von jenen Dingen
und so erfuhr Hermann dass der grimmige Mecklenburger durch das ihm wie wir
wissen in größter Sanftmut zuerkannte einsame Gefängnis gezähmt worden sei und
seine Bekenntnisse abzulegen beginne »Er gesteht« sagte der Beamte »dass ihm
in Zürich ein Mann erschienen sei welcher ihm von dem wirklichen Vorhandensein
eines Männerbundes Kunde gegeben und ihn aufgefordert habe einen Bund der
Jungen zu stiften welcher sich an jenen anlehnen solle Er hat von jenem Manne
Zeichen und Symbole empfangen und ist denn auch wirklich der Stimme der
Verführung gefolgt«
    Medon hörte dieser Erzählung mit Gleichgültigkeit zu »Man sollte« sagte
er »den jungen Leuten kurzen Prozess machen sie sind einmal für ihre Lebenszeit
vergiftet der Staat müsste wenn er mehr klug als milde wäre den schädlichen
Stoff zerstören welcher wenn man ihn bestehn lässt in wechselnder Gestalt sich
immer wieder hervordrängen wird«
    »So sind Sie für strenge Maßregeln« fragte der Beamte
    »Durchaus« versetzte Medon »Auch hierin könnte uns das Altertum zum
Lehrmeister dienen Es vertrug sich nicht mit seinen Feinden es vernichtete
sie«
    »Nehmen Sie sich in acht dass Sie nicht über sich das Verdammungsurteil
aussprechen« sagte der Beamte scherzend »Sie können leicht auch in diese
Untersuchung verwickelt werden«
    »Wieso« fragte Medon
    »Sie müssen doppelt in der Welt umhergehn« versetzte jener »Der Student
beschreibt den Mann welcher ihn so freventlich verlockt Zug vor Zug wie Sie
aussehn selbst das Mal welches Sie an der linken Handwurzel haben hat er bei
dem Hokuspokus den der falsche Prophet mit ihm getrieben bemerkt Zuletzt muss
ich Sie mit ihm konfrontieren und Sie können noch als Rädelsführer der
politischen Verschwörungen unsrer Zeit in meine Gefängnisse wandern«
    Man lachte hierüber und der Sache wurde eine Zeitlang nicht weiter gedacht
Doch fing der Beamte einmal später wieder an von dem Gegenstande zu reden und
sagte zu Medon »Wir Aktenleute sind eine Art von Fetischanbetern die
Dienstpflicht ist unser Götze dessen Gebote wir erfüllen müssen sie seien noch
so unsinnig Wollen Sie mir glauben dass ich bei meinem Mecklenburger Demagogen
den Gedanken an Sie nicht mehr aus dem Kopfe loswerden kann Ich rede mir
tagtäglich das Ungereimte dieser Ideenverknüpfung vor und dennoch sobald der
Mensch wieder anfängt den Apostel des Männerbundes zu beschreiben ist es mir
als müsse ich Sie ihm vorstellen weil das Signalement nun einmal schwarz auf
weiß in meinen Protokollen steht und ich ein Individuum kenne auf welches
dasselbe zu passen scheint Es lässt mir keine Ruhe abgeschmackte Träume
phantastischjuristischer Art ängstigen mich Letzte Nacht träumte mir ich
stände am Jüngsten Tage vor den Schranken des Weltgerichts Der Engel mit der
Posaune fragte donnernden Tons Warum hast du die Konfrontation unterlassen
worauf ich keine Antwort geben konnte Ich wurde deshalb zur Höllenstrafe
verurteilt welche darin bestand dass ich alle meine Korpora delicti aufessen
sollte obgleich sich darunter Sachen von Stahl und Eisen befanden  Etwas
Auffallendes um eines aberwitzigen Spiels des Zufalls willen zu veranlassen
würde ich mir nie vergeben können allein ich wollte Sie schon ersuchen doch
einmal wie von ungefähr auf mein Verhörzimmer zu kommen wo Ihnen denn ebenso
von ungefähr der Demagoge vorgeführt werden sollte Dann wäre mein Gewissen
beruhigt versagen Sie mir also diese Gefälligkeit nicht«
    »Ich will das recht gern tun« versetzte Medon »Nur müsste ich Sie bitten
noch einige Zeit in Geduld zu stehen Ich habe eine Reise vor und bis dahin jede
Minute besetzt«
    »Lieb wäre es mir doch wenn sich ein halbes Stündchen dazu vor der Reise
finden wollte« sagte der Beamte »Die Sache ist im übrigen zum Spruche reif
und wenn ich gesehen dass Sie es nicht waren welcher dem Demagogen in Zürich
begegnete so kann ich das Papier getrost den Herrn am grünen Tische
zuschicken«
    »Es wird sich noch davon reden lassen« versetzte Medon und brach das
Gespräch ab welchem Hermann unbemerkt nahestehend zugehört hatte
    Kurz danach wurde er zu Johanna berufen »Wollen Sie mir einen Dienst
leisten« fragte sie ihn »Jeden« versetzte er »Können Sie schweigen« fuhr
sie fort »Ich hoffe es« erwiderte er
    »Ich werde diesen Ort vielleicht auf einige Zeit verlassen müssen« sagte
sie mit leiser Stimme »Bis hieher hat mich ein schlimmes Geschick führen
dürfen weiter aber nicht Ich werde Sie vielleicht um Schutz und Begleitung
ansprechen auf heimlicher Wandrung Vor allem suchen Sie ein einsames Haus
womöglich mitten im wildesten Walde zu entdecken darin ich verborgen leben
kann«
    Hermann bestürzt über dieses Ansinnen tat stammelnd einige Fragen nach dem
Beweggrunde eines so leidenschaftlichen Entschlusses Sie legte den Finger auf
seine Lippen und sagte »Stille Wollen Sie mir nicht helfen so wird Gott mir
beistehn«  Verwirrt gelobte er ihr jeden Dienst welcher sich mit Ehre und
Pflicht vereinigen ließe
    Der Charakter Medons das Verhältnis der beiden Gatten wurde ihm immer
rätselhafter Hier schien kein einzelnes Verschulden keine besondere Zwistigkeit
vorzuliegen sein und ihr Dasein schien eine große Unseligkeit zu sein
    Medon war gesprächig belehrend wie sonst doch nahm Hermann an seinen
Reden und Scherzen etwas Überreiztes wahr Er ließ fallen dass er vielleicht den
Winter in Italien zubringen werde doch müsse ein solcher Entschluss wenn man
ihn überhaupt ausführen wolle urplötzlich ausgeführt werden denn Reisen
gelängen nur aus dem Stegreife unternommen
    Sein häuslicher Zirkel hatte den höchsten Glanz erreicht Ein Prinz der für
das Musterbild aller Geistreichen galt war auf Johanna aufmerksam geworden
hatte sich ihr genähert Zutritt zu ihren Abenden erbeten und war seitdem
beständig dort Dieser vornehme Stern zog andre Planeten und Monde nach sich so
dass der Glanz der Kerzen dort bald durch das Blinken aller der Ordenskreuze und
Ehrenzeichen beinahe ausgelöscht wurde Man sprach davon dass der Staat sich
nicht länger so außerordentliche Kräfte wie die Medons entgehn lassen werde
dass ihm Anstellung in einem hohen Posten bestimmt sei wobei man nur von seiner
Liebe zur Ungebundenheit eine abschlägige Antwort befürchtete So viel ist
gewiss dass er noch längere vertrauliche Zusammenkünfte mit obersten Beamten
hatte als früherhin und dass nach und nach dienstliche Papiere und Hefte von
den Zentralstellen zur Begutachtung in sein Kabinett zu wandern begannen
    Der Prinz belebte die Gesellschaft durch Mitteilungen aus seinem Hof und
Reiseleben Er hatte ein großes Talent im Erzählen und die gewöhnlichsten
Vorfälle bekamen durch eine epigrammatische oder satirische Wendung in seinem
Munde etwas Anziehendes Noch stärker war er im Vortrage von Märchen zu welchen
sich unser lockrer Lebensstoff ihm gern verflüchtigte Er gab deren mehrere an
jenen Abenden aus dem Stegreife beginnend ohne Anmassung von etwas
Ausserordentlichem in so schlichter Einfalt nur noch stärker die Zuhörer
fortziehend Eins derselben ist aufbewahrt worden und mag dieses Buch
beschließen
    Johannas Wangen wurden blässer und blässer Oft kam sie Hermann in ihrem
sammetnen Gewande unter ihren Perlen und Juwelen wie eine geschmückte Leiche
vor und nur ihre Worte das tiefste Gefühl atmend wenn er sich ihr nahte
bewiesen ihm dass hier noch ein schönes Leben sich rege aber freilich unter
einer ungeheuren Last zuckend
 
                                Zwölftes Kapitel
                               Mondscheinmärchen
In jener grauen Urzeit von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe
machen war es wie neuere Forschungen lehren mit der Welt folgendermaßen
beschaffen Die Erde war alles und außer ihr gab es nichts nur eine falsche
Bescheidenheit späterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt aus
welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bällchen
hervorgesprungen sei Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes nämlich
in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft und die Seitenflächen bogen
sich als schützende Ränder hoch und weit über Es gab weder Gras noch Baum
weder Tiere noch Menschen auf der Erde auch schien keine Sonne dennoch war es
auf ihr und in der Höhlung des großen Nestes weder unfein noch still noch
dunkel Ihre Oberfläche war glatt und sanft anzufühlen wie der feinste Samt
sie sang sich selbst ein süßes Lied von jener frohen Ewigkeit vor und
phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte
    Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert Endlich aber wie denn
nichts ungestört bleiben kann regte sich ein gefährlicher Fürwitz in der Erde
und sie sprach so zu sich »Wozu ein Nest ohne Eier Meine Bestimmung ist nur
halb erreicht« Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern
aus denen sich wie sie meinte die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen für
sie entwickeln würden
    Wie froh erstaunte sie als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schoße
eine Menge der schönsten Eier fand Auf welche Art sie dieselben gewonnen auf
welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden darüber
schweigt Geschichte und Märchen Genug sie lagen in Kreisen gereiht im Grunde
des großen Nestes waren durchsichtig wie die Edelsteine herrliche Figuren
schmückten die glänzenden Schalen im Innern pulsierte es ein eigenes
wildkräftiges Leben
    Mutter Erde vor Freude ganz wirblicht machte eine schräge Bewegung woraus
später die Schiefe der Ekliptik entstanden ist erinnerte sich aber noch zur
rechten Zeit ihrer neuen Pflichten nahm sich zusammen und weinte nur einige
Tränen in den unendlichen leeren Raum hinab Darauf begann sie liebevoll ihr
vertrautes Gut zu wärmen und machte tausend Plane wie sie mit den Vöglein wenn
sie aus den Eiern gekrochen wären freundlich und herzlich verkehren wolle
    Unter diesen Sorgen Gedanken und Träumereien war es in dem einen Eie rege
geworden es pickte und eine leuchtende beflügelte Gestalt brach durch die
Schale Anfangs war sie noch einigermaßen in den Grenzen erträglicher Größe
aber mit Sturmeseile wuchs sie wahrscheinlich durch die einströmende
atmosphärische Luft geschwellt ins Ungeheure so dass der Erde vor dieser Geburt
angst und bange wurde Doch fasste sie sich und sagte »Gesell du wirst nicht
vergessen wer deine Stärke also gepflegt Komm sei mein Freund«  »Was
Freund« fuhr sie der feurige Recke an »ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit
meine Bahn geht selbständig durch die unermesslichen Räume« Und damit schoss er
fort der Undankbare und ward der erste Fixstern Seinem Beispiele folgten die
andern Geburten die nun bald nacheinander kamen sie wollten alle nichts von
Häuslichkeit und gemütlichem Zusammenleben wissen vielmehr eigne Fortüne droben
im Blauen machen was ihnen denn auch gelungen sein muss wie der gestirnte
Himmel besagt
    Nur ein Flüchtling eine schöne üppige Person von lebhaftem Temperament
bereute den Undank als sie ein paar Millionen Meilen weit fortgerannt war
hielt inne in ihrem wüsten Laufe und ward feuerrot vor Scham Sie sieht sich
noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlassenen Neste um und das Erröten dauert
auch noch fort welches uns sehr zustatten kommt denn wenn die Sonne sich nicht
so schämte und uns dadurch nicht mit einheizte wären wir alle längst erfroren
weil die Dinge bald eine betrübte Gestalt annahmen wie ich gleich erzählen
werde
    Zuerst schüttete die Erde in ihren Hoffnungen so schmerzlich getäuscht
einige noch nicht ausgekommne Eier zornig über Bord Sie fielen eine geraume
Zeit unaufhaltsam in die Tiefe endlich stießen sie doch irgendwo an eine
scharfe Weltecke die Schalen zerbrachen und die unreifen Geburten taumelten
heraus Diese haben nun ein Leben und haben keins im halbwachen Traume schießen
sie dahin und dorthin ziehen einen feurigen Schweif von allerhand
Eulenspiegeleien hinter sich her und sind mit einem Worte unglückselige
Kometen auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verlass und Glaube ist
    Doch was gehen uns die Kometen an Auf der Erde entstanden ganz andre Folgen
der misslungnen freundlichen Absicht Zuvörderst zog sie sich aus der offenen
Nestgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen welcher nur bis auf eine
geringe Tiefe etwas anzuhaben ist Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch
einen heftigen Gallenerguss Proteus der Metallkönig nieder der also eigentlich
der kristallisierte Verdruss der Erde ist und bei allen nachfolgenden Händeln
eine große Rolle spielt Darauf um ihr einigen Ersatz zu geben geschah die
Schöpfung in sechs Tagen mit Kräutern und Bäumen Fischen Vögeln vierfüssigem
Getier und endlich dem Menschen Die Erde tröstete sich wohl als sie das alles
auf sich grünen und blühen krabbeln und zappeln sah aber dann wars ihr doch
wieder nicht recht und sie sprach alle Tage unzählige Male zu sich selbst »Das
tuts doch alles nicht« Und sooft sie das für sich sagt stirbt oder verdorrt
etwas
    Proteus aber der Metallkönig der alte Verdruss drängt sich unaufhaltsam an
das Tageslicht Denn es ist nicht wahr dass die Menschen ihn suchen und dass er
gern in seinen dunklen Kammern bliebe nein er blickt und lockt nach ihnen aus
dem Finsteren und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag so sucht er
ihre Träume heim Dann müssen sie von Unruhe gepeinigt die Erde aufreißen und
ihr Elend herauffördern Denn wenn er oben ist so ergreifen den alten Griesgram
kindische Launen er kann es nicht leiden in zerstückten Gliedern sich durch
die Welt zu breiten er will immer beisammen sein Aus dieser Sehnsucht des
Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen welche das unglückliche
Menschengeschlecht heimsuchen Krieg Eigennutz Dieberei Raub Denn so strebt
zB der aufgespeicherte Vorrat an Schwertern Gewehren und Kanonen in den
Zeughäusern des einen Landes nach seinesgleichen in dem andern das Eisen reizt
durch geheime Einflüsse den Arm des Menschen so lange bis dieser sich zu seinem
Dienste darbietet und es mit großem Getöse aus dem Verschlusse hervorholt Dann
heißt es die und die Nation habe der andern den Krieg erklärt Nun ziehen die
Heere oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen
Endlich treffen sie sich und es gibt ein frohes Wiedersehen und Umarmen bei
welchem die dazwischen befindlichen Menschen übel wegkommen das nennen sie dann
eine Schlacht und meinen sie wären es die selbige geschlagen während doch
nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrüßten und die Schlünde des Erzes einander
feurige Küsse zuwarfen
    Ebenso geht es mit Silber und Gold Wo dessen eine Menge vorhanden ist, da
regt sich in ihm die Lust mit einem Schatze der anderswo liegt verbunden zu
sein Die bösen roten und weißen Zauberaugen schauen nach Händen um welche den
Gefallen ihnen täten der Wucherer und Betrüger den sie erblicken wird von
ihnen bestrickt er muss daran und mit allerhand schlimmen Künsten die
getrennten Horte zusammenbringen Er meint den Mammon zu haben und der Mammon
hat ihn Aber über den Redlichen ist diesem die Gewalt versagt daher der auch
für die Vereinigung der Metalle nichts tut den Proteus wenn dieser sich aus
Irrtum einmal zwischen seine Finger verirrte sogleich wieder aus denselben
fallen lässt mit andern Worten zeitlebens arm bleibt
    Also geht es zu in der Welt das wissen wir alle Wie anders und schöner es
aber geworden wäre wenn die Erde die Vöglein aus den Eiern sich zur
Gesellschaft hätte ausbrüten können das deutet in gewissem Masse uns der
Mondschein an Nämlich als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten und
die Kometen zu früh zur Welt gekommen waren tönte es aus einem Winkel gar
lieblich und bat um milde Behandlung Die Erde sah nach und bemerkte dass eins
der Eier zurückgeblieben war dessen Inwendiges sich eben zum äußeren Leben
hindurchrang Es war eine sanfte Mädchengestalt viel sanfter und zarter als
die andern welche sobald sie nur auf ihren kleinen Füßen stehen konnte
unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete und versprach ihr immer
hold und gewärtig zu sein Die Erde aber welche der Undank der übrigen tief
erbitterte und in welcher sich schon Proteus der Metallverdruss abgelagert
hatte ließ wie es in solchen Fällen geht die Unschuldige büßen verstiess sie
mit harten Worten und rief sie möchte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel
suchen ihr solle sie nicht vor die Augen kommen Und damit schüttelte sie sich
dermaßen dass die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert
wurde
    Aber sie ließ sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen War ihr auch
ein näheres Verhältnis untersagt so konnte ihr doch niemand verbieten der
zornigen Mutter zu folgen und sie in gemessner Entfernung zu umkreisen Das hat
sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis
an der Welt Ende was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt
    Der Zorn der Erde ist längst vorüber und sie lechzt eigentlich im stillen
innigst nach der Vereinigung mit Lunen Allein diesem Umstande tritt die
inzwischen entstandne Schöpfung entgegen da sich voraussehn lässt dasswenn die
beiden großen Mächte zusammenkämen Wälder und Felder Tiere und Menschen
dazwischen zerquetscht werden würden Ein solches Verderben will nun die Erde
als gute Haushälterin nicht und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht
werden und Luna hat sich entschließen müssen nur zu scheinen Der Mondschein
ist der schwärmerische Ersatz für den Kuss der Mutter und Tochter Er ist kein
bloßer Schein Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter welche
davon bis in ihre Tiefen selig erschüttert wird Nicht Geheimes oder
Unbekanntes verkünde ich was ich erzähle ist jedem bewusst Wer hat nicht die
Zauber der Mondnacht empfunden Alle Geschöpfe fühlen dass etwas Großes Liebes
vorgehe und sind in einer Art von Verwandlung die Läuber der Bäume zittern
die Blumen spenden süßen Duft die Lilien schicken leichte Flämmchen aus ihren
Kelchen die Vögel singen im Schlafe und in den Herzen der Menschen spriesst die
Liebe Immer stärker wird das Verlangen Lunas nach der guten gekränkten Mutter
sie wächst mit ihren Wünschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe aus
dieser zum Vollmonde
    Aber Proteus dem alles sanfte Zerfliessen ein Greuel ärgert sich und
ergrimmt zu wilden Gedanken wenn die Sachen so weit gekommen sind Die Erze in
den Schachten rauschen und glimmern die Waffen in den Rüstsälen klirren die
Goldstücke und Taler in den Säckeln der Reichen klappern unheimlich Vor diesem
bösen Wesen erschrickt Luna nimmt ab bis zum Neumonde und scheint für immer
verschüchtert zu sein Aber wer kann das Herz zwingen Kaum hat sich der grimme
Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben so blinkt auch die liebe Sichel wieder am
Saume des Horizonts hervor und das trauliche Spiel beginnt aufs neue
    Den Tod hätten wir gewiss alle davon wenn Luna das Verbot der Mutter
überwände und sich anstatt des Scheins an ihr Herz legte Aber gedenke ich
wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat in welchen süßen Frieden er
mich einschlummernd gewiegt so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang
wünschen nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren
Ordnung der Dinge wieder auferständen
 
                                 Siebentes Buch
                              Byzantinische Händel
  Gott legt uns die Nüsse vor
 aber er knackt sie uns nicht auf
                                                            Aus einem Stammbuche
                                 Erstes Kapitel
Abermals sah Hermann das tiefe gewundene Tal vor sich liegen aus welchem die
weißen Fabrikgebäude des Oheims hervorleuchteten Die Maschinen klapperten der
Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft
Lastwagen und Packenträger begegneten ihm und verkündigten durch ihre Menge die
Nähe des rührigsten Gewerbes Ein Teil des Grüns war durch bleichende Garne und
Zeuche dem Auge entzogen das Flüsschen welches mehrere Werke trieb musste sich
zwischen einer Bretterund Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen Zwischen
diesen Zeichen bürgerlichen Fleißes erhoben sich auf dem höchsten Hügel der
Gegend die Zinnen des Grafenschlosses in der Tiefe die Türme des Klosters
Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschäftszwecken Auch die
geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft zu billigem Preise erworben Lange
Gebäude mit einförmigen Trockenfenstern versehen unterbrachen die Linien der
gotischen Architektur auf der Höhe und in der Tiefe der Wald welcher die Hügel
bedeckte war fleißig gelichtet
    Gräfin Teophilie kam ihm entgegen in einem Buche lesend »Was führt Sie
her« fragte sie ihn Er gab eine allgemeine ausweichende Antwort und da er
von ihr manches über den Oheim zu erfahren wünschte so trug er sich ihr zum
Begleiter an Sie gingen über angenehme Busch und Wiesenplätze Die Bleichen
und Betriebsamkeitsstätten vermied sie nach andern Gegenden strebte sie mit
einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin Er sah an solchen Stellen Rasenbänke
oder Überbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel
    Sie stiegen den Berg hinauf und standen nach einer kurzen Wendung vor dem
Seitenflügel des Schlosses »Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt und
die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt so kommen Sie immerhin noch ein
wenig zu mir« sagte sie
    Als er sich oben nach kurzem Gespräch von ihr beurlauben wollte hielt sie
ihn angelegentlich zurück und rief »Sie sehen ein wie wohl es mir tut mit
jemand mich zu unterhalten auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben
steht oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften Das Plaudern
ist von alters her mein Element ich finde es sehr begreiflich dass jene
Französin in den amerikanischen Wildnissen einige hundert Meilen weit wanderte
um mit einer Nachbarin zu schwatzen und ich könnte es in gleichen Verhältnissen
ihr wohl nachtun Da nun heute zum Glück ein Herr Nachbar mich besucht so will
ich diese Gunst des Zufalls auch recht ausbeuten«
    Er erwiderte ihr der Oheim werde es übelnehmen dass er in seiner Nähe
verweile ohne ihn zu begrüßen Sie erzählte ihm darauf dass jener nicht mehr
oben im Schloss wohne sondern mit dem ganzen Hausstande in das Kloster unten
im Tale gezogen sei um dem Arzte näher zu sein da er seit dem Mordanfalle auf
dem Feste des Herzogs beständig kränkle
    »Überhaupt« fügte sie hinzu »ist er jetzt mit einem Hausgeschicke so
beschäftigt dass ihm alles andre ziemlich gleichgültig sein wird Unsereiner
die von Haus und Hof weggekauft worden ist, tut es recht wohl zu sehen wie die
Fügungen der Natur sich nicht abkaufen lassen und dem größten Rechner eine
unsichtbare Gestalt zur Seite geht welche allerhand Ziffern dem Kalkül
einmischt auf die er nicht gezählt hatte«
    Da diese Anspielungen sein verwandtschaftliches Gefühl beleidigten so
suchte er dem Gespräche eine andere Wendung zu geben und befragte sie über
einige Verhältnisse des Hofes an dem sie ihre Rosenzeit zugebracht hatte
worüber er denn auch gleich die genaueste und freigebigste Auskunft erhielt
    Sie ging hinaus um einige Bestellungen für das Abendessen zu geben welches
er mit ihr einnehmen sollte und er benutzte diese Pause sich in ihrem Zimmer
umzuschauen Eine Menge sehr sauber gezeichneter Geschlechtstafeln der ersten
Familien des Landes hing an den Wänden umher zwischen denselben sah man viele
vornehme Gesichter in Miniaturporträts Als er den Inhalt eines kleinen
Bücherschranks musterte erblickte er sämtliche Jahrgänge des Gotaer
historischgenealogischen Kalenders in Reihe und Glied aufgestellt damals
einundsechzig an der Zahl welche in solcher Vollständigkeit sich wohl
schwerlich in der Bibliothek einer zweiten Dame versammelt haben mögen
    »Das ist mein Zirkel« sagte sie lächelnd als sie ihn in die Betrachtung
dieser Dinge versenkt fand »Die Stammbäume habe ich selbst gezeichnet und mich
dabei im Gedächtnis der Personen erfreut die ich gekannt und wenn ich die
Blätter der Kalender aufschlage so blühen mir bei jeder Familie Geschichten
entgegen Die Gegenwart kann mir nicht gefallen Zukunft hat ein armes Fräulein
bei Jahren nicht mehr da suche ich denn an der Vergangenheit in der das Leben
etwas wert war meine Tage zu fristen«
    Er fühlte welcher Ton hier anzuschlagen sei um sich behaglich zu
empfinden In einem der Kalender blätternd nannte er den Namen eines der darin
verzeichneten gräflichen Häuser und hörte sogleich aus dem Munde seiner Wirtin
das anmutigste Reise und Liebesabenteuer welches den Stammherrn vor soundso
vielen Jahren betroffen hatte
    Nun waren die Schleusen der Unterhaltung einmal aufgezogen Erzählungen
entwickelten sich aus Erzählungen eine Geschichte nach der andern schachtelte
sich ein und wenn der ursprüngliche Faden schon ganz verlorengegangen zu sein
schien so sprang irgendwo wieder durch eine Hof und Staatsfigur unvermutet der
Zusammenhang hervor Scheherezade schien aus ihrem Grabe erstanden zu sein um
einem andächtigen Zuhörer die Gesamtchronik des Lebens der höheren Stände zu
veroffenbaren
    Hermann fühlte sich auf das angenehmste gefesselt und berührte die Speisen
kaum welche inzwischen aufgetragen worden waren Alle diese Verwicklungen
Galanterien Missverständnisse Entzweiungen und Versöhnungen welche so vielen
hohen Personen von denen die meisten ihr Blatt in der Geschichte besaßen einen
bedeutenden Teil ihrer Zeit hinweggenommen hatten drehten sich zwar eigentlich
um nichts aber es war das liebenswürdigste Nichts was man sich denken konnte
und selbst der feine Duft zierlicher Sünde welcher sich durch die Kapitel
dieses weitschichtigen Romans hindurchzog verlieh den Begebenheiten wie sehr
man sie auch hin und wieder tadeln musste einen besonderen Reiz mehr Was aber
die Hauptsache war eine lebende Person gab in diesen Historien ihr Leben das
was ihr das Leben bedeutet hatte aus und Lebendiges wirkt immer es sei auch
was es sei
    Als die erzählende Dame einmal Atem schöpfen musste und hiedurch eine
Unterbrechung ihrer Mitteilungen entstand nahm Hermann die Gelegenheit zu
reden wahr und sagte »Eins ist mir bei Ihren Geschichten höchst merkwürdig
Ich sehe Fürsten Heerführer und Staatsmänner welche mit dem größten Ernste das
Schicksal der Völker geleitet und entschieden haben während der Zeiten ihrer
würdigsten Tätigkeit in die leichtesten ja leichtfertigsten Händel verstrickt
Was uns andre leidenschaftlich abwärts getrieben haben würde scheint sie wie
ein flüchtiges Aroma nur zu noch energischerem Wirken zu begeistern und das
Bewusstsein, welches uns in derartigen Strudeln abhanden gekommen wäre in ihnen
zu steigern Es kommt mir daher fast so vor als ob man um die recht großen
Dinge in der Welt zustande zu bringen weniger arbeiten als genießen müsse und
dass Mühe und Fleiß eigentlich doch nur Ameisenwerk schaffen«
    Teophilie versetzte »Das ist Philosophie und auf diese habe ich mich nie
verstanden Aber die Uhr schlug eins und ich muss Sie entlassen so gern ich
auch die Nacht hindurch noch fortplauderte«  Ihre Wangen glühten von den
lebhaften Gesprächen ihre Augen glänzten von fröhlicher Aufregung
    Beim Abschiede gab sie ihm die Hand und sagte »Ich ahne weswegen Sie
gekommen sind glaube aber nicht dass Ihr Vorhaben Ihnen gelingen werde In
jedem Falle haben Sie an mir eine treue Freundin«
    Er tappte die Wendeltreppe auf welcher das Licht der aufgehängten Lampe
erloschen war hinunter und klinkte an der Pforte um hinaus und nach dem
Wirtshause zu gelangen Zu seinem großen Schreck war sie verschlossen Über
einen Gang sich tastend nicht ohne Furcht irgendwo zu stürzen oder anzulaufen
fühlte er zwar mehrere Türen aber kein Drücker wollte seiner Bemühung zu
öffnen weichen Er horchte ob sich nicht ein Geräusch wollte vernehmen lassen
aber umsonst in dem ganzen Gebäude herrschte eine Totenstille
    Um nicht auf dem kalten Estrich schlafen zu müssen suchte er die
Wendeltreppe wieder und klimmte empor Er hoffte Teophilien noch wach zu
finden Oben stieß er an eine Türe die gleich aufging In dem dunklen Gemache
stand etwas wie ein Bette wie es schien mit Kissen versehen Kurz entschloss
er sich und um eine ihm doch eigentlich ganz fremde Dame nicht zu stören warf
er sich in seinen Kleidern auf die Lagerstätte die sonderbar schmal und kurz
ihm nach einer ermüdenden Reise doch einige Stunden Schlummer versprach
    Wirklich schlief er ein erwachte aber bald wieder von einem lauten Reden in
seiner Nähe Er rieb sich die Augen und konnte als er ganz munter geworden
war nicht zweifeln dass er neben dem Schlafzimmer Teophiliens und von ihr nur
durch eine dünne Tapetentüre geschieden sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte
Höchst bestürzt über diese Indiskretion des Zufalls zog er den Atem an sich um
seine Anwesenheit auch nicht durch das leiseste Geräusch zu verraten Aber er
hörte in diesem gespannten ängstlichen Zustande nur um so genauer und verlor
kein Wort von dem was die Schläferin mit den vier Wänden laut verhandelte Sie
redete nicht wie dies sonst zu geschehen pflegt in abgebrochnen Worten
sondern fliessend zusammenhängend als setze sie die Erzählungen des Abends
fort
    Plötzlich macht sie eine Pause es war Hermann als ob sie sich im Bette
aufrecht setze Sie brach in ein leises inniges Lachen aus dass es durch die
Nacht unheimlich klang Nun begann sie französisch zu sprechen und mit
Erstaunen hörte er die Namen seines Oheims der Tante und des Grafen Julius
Dieses Erstaunen wurde Bestürzung Scham ja Entsetzen als sich nach und nach
eine Geschichte vernehmen ließ in welcher jene Personen die handelnden Figuren
waren und welche am allerwenigsten für die Ohren des Neffen taugte
    So wurde er in tiefer grauenvoller Nacht durch eine Unbewusste ihrer Sinne
nicht Mächtige Mitwisser eines schrecklichen Familiengeheimnisses Er wendete
sich um nichts weiter zu hören aber immer zog ihn das Gelüste des Schrecks
nach der verhängnisvollen Kunde und erst als die Redende aufhörte sank er
erschöpft zurück
    Ein Schrei erweckte ihn Es war heller Tag Teophilie stand im
Morgengewande vor ihm »Um des Himmels willen« rief sie »wie kommen Sie in
dieses mein Zimmer Ich hätte den Tod von Ihrem Anblicke haben können«  Er
versuchte seine Sinne zu sammeln und stammelte die Geschichte seiner
Einsperrung und seines Fehlgehens daher
    Noch hatte er nur auf sie geachtet Wie ward ihm aber als er seine
Lagerstatt in Augenschein nahm Ein seltsames Bette In einem Sarge hatte er
geschlafen in einem Sarge welchen Tabourets umstanden auf denen die zu einem
vollständigen Leichenanzuge gehörigen Stücke lagen
    Entsetzt sprang er von diesem furchtbaren Lager auf Teophilie lächelte
»Tun Sie doch als sähen Sie Gespenster und doch ist es das Gewöhnlichste
Bekannteste was Ihre Augen erblicken« sagte sie
    Sie lud ihn zum Frühstücke ein Als er die ihm vorgesetzte Tasse unangerührt
stehen ließ und noch immer wie abwesend dasaß stieß ihn Teophilie an und
rief »Wie ist es möglich dass ein Sarg und ein Sterbekleid einen beherzten Mann
so außer Fassung bringen können Ich bin allein eine Fremde unter Fremden In
Ihrer Tante starb die einzige Freundin welche ich noch hatte Was ist
natürlicher als dass ich mir meine letzte Behausung und Hülle fürsorglich
zubereiten ließ da mir die Arme der Liebe nach meinem Hinscheiden diesen Dienst
doch nicht leisten werden Man stirbt wegen dergleichen nicht eine Stunde
früher«
    Sie hatte bald ihren fröhlichen Ton völlig wiedergefunden neckte ihn mit
seinem Tiefsinn und meinte das Abenteuer einen jungen Mann so Wand an Wand zu
beherbergen sei allerliebst »Und ungefährlich für Tugend und Ruf« sagte sie
mit freiem Scherze wie er nur ihr anstand »denn dieser Jüngling war eine
Leiche und scheint auch auferstanden noch keine Kraft gesammelt zu haben«
    Er versuchte in diese Scherze einzustimmen es wollte nicht gelingen
Nachdenklich versetzte er »Das Schicksal gibt uns oft sonderbare Zeichen Es
ist eigen dass ich gerade jetzt wo so manche Entscheidungen sich an mein Leben
herandrängen mich wider Willen in einem Gehäuse ausstrecken musste worin
wenigstens auf geraume Zeit Sinn und Gefühl und Erinnerung erlöschen werden«
 
                                Zweites Kapitel
Er stieg den Berg zum Kloster hinunter Die mannigfaltigen Gewerbevorrichtungen
welche er nun im einzelnen musterte berührten seine Auge noch unangenehmer als
tages zuvor Diese anmutige Hügel und Waldnatur schien ihm durch sie entstellt
und zerfetzt zu sein Das freie Erdreich mit Bäumen und Wasser welches die
Seele sonst von jedem Drucke zu erlösen pflegt lastete auf der seinigen mit
stumpfem Gewichte weil es doch auch nur als Sklav im Dienste eines künstlich
gesuchten Vorteils sich zeigte Um alle Sinne aus der Fassung zu bringen
lagerte sich über der ganzen Gegend ein mit widerlichen Gerüchen geschwängerter
Dunst welcher von den vielen Färbereien und Bleichen herrührte
    Erst als er sich dem Kloster ganz nahe befand ward ihm wohler Rings um die
wellenförmige Erhöhung auf welcher die Gebäude standen zogen sich die
schönsten Blumenpartien Alle Umgebungen waren in einen wohlausgestatteten
Garten verwandelt worden Orangerien und Gewächshäuser zeigten sich an mehreren
Punkten
    Er fand den Oheim zu dem er ohne weiteres geführt wurde in seinem
Komptoir umgeben von vielen Geschäftsleuten und Kommis Sie saßen um einen
großen grünen Tisch nach Art eines Kollegiums der Oheim nahm in einem
Lehnstuhle die Oberstelle ein Er begrüßte Hermann mit kurzen freundlichen
Worten und bat ihn zu verziehen bis die Konferenz beendigt sei welche darauf
ihren Gang ungestört weiter nahm
    Hermann konnte bald an den Verhandlungen sehen dass hier keine
Geschäftsführung im gewöhnlichen Sinne stattfinde Nicht ein Herr mit
verschiedenen nur die Ausführung besorgenden Dienern war vorhanden sondern ein
jeder Geschäftszweig hatte seinen unabhängigen Vorstand welcher innerhalb
desselben frei nach eigenem Ermessen verwaltete So trat in der Versammlung ein
Direktor der Glasfabrik der Bergwerke der Brau und Brennerei der Webstühle
der Porzellanmanufaktur hervor und noch manche andre Fabrikstätten wären zu
nennen Diese Vorstände berichteten dem Oheim die Resultate ihrer Tätigkeit in
der verflossnen Woche Wo mehrere oder alle Gewerbszweige ineinandergriffen wie
bei dem Verkehr mit Amerika wurde die Beratung ganz kollegialisch die
Stimmenmehrheit entschied streitige Punkte Jedes Departement schien auch seine
abgesonderte Kasse zu haben denn die Vorstände rechneten miteinander ab und es
kam vor dass einer von dem andern sich eine Anleihe erbat die dann auch wie
die dabei gemachten Bemerkungen erwiesen ihre kaufmännischen Zinsen tragen
musste Ein Sekretär welcher am unteren Ende der Tafel saß führte über den
Einhergang Protokoll
    Die Autorität des Oheims bestand nur in der Präsidentschaft Er hörte die
Berichte der einzelnen Direktoren an äußerte darauf seine Meinung die jedoch
niemals wie ein Befehl klang lächelte beifällig wenn sie angenommen wurde und
ließ es geschehen wenn der Referent sie verwarf Trat eine allgemeine Beratung
ein so beschränkte er sich darauf die Debatte zu leiten abschliesslich den
Inhalt der verschiedenen Meinungen zusammenzufassen und bei Stimmengleichheit
durch sein Votum zu entscheiden
    Hermann wohnte mit Verwunderung dieser Sitzung bei Die Größe der
zirkulierenden Summen die Mannigfaltigkeit der Geschäfte die Unabhängigkeit
der Verwaltungen und dann doch wieder ihre innige Verzweigung der Blick nach
Rio und Vera Cruz der sich von Zeit zu Zeit auftat alles dieses
zusammengenommen gab ihm das Bild des Weltandels und zugleich eines
»königlichen Kaufmanns« der Gegenwart Wunderbar stach gegen die kolossale
Gestalt dieses Betriebes die körperliche Erscheinung des Herrn und Meisters ab
Hermann fand den Oheim sehr verändert Er saß gebeugt und mit dem Kopfe
zitternd in seinem Lehnstuhle und nur die Augen sowie seine Reden verrieten
noch die ungeschwächte geistige Kraft
    Als die Geschäftsvorstände sich entfernt hatten bewillkommte ihn der Oheim
sich mühsam im Sessel emporrichtend Hermann nötigte ihn zum Sitzen zurück und
wollte nach den ersten Reden die Absicht seines Kommens darlegen »Lass es«
sagte der Oheim »du kennst meine Grundsätze darüber Oder wenn du dich durchaus
getrieben fühlst die Sache weiter zu verfolgen so warte damit noch ein acht
Tage sieh dich indessen in der Gegend und in den Fabriken um vielleicht kommst
du dadurch selbst von deinem Vorsatze ab«
    »Wenigstens müssen Sie diesen vernehmen« sagte Hermann »Ich kann die
Ungewissheit worin ich über Kornelien schwebe nicht länger ertragen Was Sie
mir damals auf dem Schloss des Herzogs eröffneten wurde in Eile und
Zerstreuung gesprochen eine ruhige Überlegung verhinderte das unglückliche
Ereignis welches Sie zu schleuniger Abreise zwang Kornelie hat mir auf alle
meine Briefe nicht geantwortet Eine Entscheidung will und muss ich haben und
deshalb bin ich hier«
    »Diese Entscheidung soll dir werden« versetzte der Oheim den der bewegte
Ton mit dem Hermann sprach nicht ungerührt zu lassen schien »Warte die Zeit
ab Ich will ja dir ich will keinem mit Absicht Unrecht tun gönne mir ein paar
Tage die Sache noch einmal für und wider zu überlegen und unterdessen sei mein
Gast«
    Mit dieser Erklärung musste Hermann vorderhand zufrieden sein
    Bei Tische erwartete er vergebens Kornelien nach deren Anblicke er sich
sehnte und den er doch fürchtete Dagegen zeigte sich Ferdinand auf einen
Augenblick Sowie der Knabe aber Hermanns ansichtig wurde färbten sich seine
Wangen hochrot er warf entrüstet die Serviette auf den Teller und rannte
hinaus Der Oheim schickte ihm einen zornigen und kummervollen Blick nach
    Nachdem die Verlegenheit welche durch diesen unzweideutigen Auftritt
entstanden war sich verloren hatte überblickte Hermann die Tischgesellschaft
Sie war ziemlich zahlreich und bestand wohl aus dreißig Personen Die
Hausgenossen die unverheirateten Geschäftsleute und Vorstände und mehrere
junge Engländer und Franzosen welche angezogen vom Rufe des Oheims bei ihm in
die Lehre gingen bildeten sie Man setzte sich sobald die Suppe erschien ohne
auf die Ausfüllung einiger leeren Plätze zu warten das Gespräch war ziemlich
laut und Hermann konnte bemerken dass der Ton welcher hier herrschte sehr
ungezwungen ja derb war Der Oheim sprach halbleise nur mit seinem nächsten
Nachbar und sah meistenteils niedergeschlagen vor sich hin Von Frauenzimmern
war außer einigen Wirtschafterinnen niemand zu erblicken
    Als man schon ziemlich weit in der Mahlzeit vorgeschritten war erschienen
die verspäteten Tischgenossen Hermann sah überrascht zwei alte Bekannte wieder
den Rektor und den Edukationsrat Letztrer begrüßte ihn freundlich dagegen
dankte der Rektor kaum der Bewillkommnung und schien die ganze Tafel über mit
einer heimlichen Entrüstung zu kämpfen
    Nach Tische suchte Hermann mit dem Oheim ins Gespräch zu kommen und sich
über so manches was hier bereits seine Aufmerksamkeit gereizt hatte Belehrung
zu verschaffen »Ich bin heute morgen Zeuge einer Verhandlung gewesen« sagte
er »nach der es den Anschein gewann als hätten Sie sich bereits zur Ruhe
gesetzt und andern Ihr ganzes Geschäft übertragen Und dennoch widerspricht dem
alles was ich von Ihnen sonst sehe und weiß«
    »Wenn ich nicht irre sagte ich dir schon einmal dass man nur bis auf einen
gewissen Punkt besitze« versetzte der Oheim »Erreicht das Vermögen eine Größe
welche das Maß der sogenannten Wohlhabenheit übersteigt sind die Geschäfte zu
einem hohen Grade der Ausdehnung gediehen so muss man andre schalten und walten
lassen Wer dann noch selbst in alles eingreifen jedes einzelne in eigener
Person ordnen zu können wähnt macht über kurz oder lang die Erfahrung, dass
nichts nach seinem Willen geschieht und wird allerorten getäuscht und betrogen
Ich sah diesen Wendepunkt meines Schicksals als ich das Kloster und die
Besitzungen des Grafen angekauft hatte und meine Fabrikplane anfingen in
Erfüllung zu gehen Deshalb entschloss ich mich aus meinen Dienern und Faktoren
welche zum Glück sich in meiner Schule tüchtig herangebildet hatten
selbständige Herrn zu machen ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien welche
ich für die verschiedenen Geschäftszweige bestimmt hatte vorzustrecken und
einen jeden übrigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen Bis
jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden Die Direktoren
treiben das Geschäft zu eigener Ehre und Vorteil und bringen deshalb einen weit
lebhafteren Schwung hinein als wenn sie nur meine Handlanger wären die
wöchentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange und da
in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehört wird so lenke ich im Grunde
alles nach wie vor«
    »Eins fiel mir auf« sagte Hermann »Warum lassen Sie von Anleihen welche
ein Institut von dem andern macht Zinsen geben da doch das gesamte
Betriebskapital Ihnen gehört Sie scheinen solchergestalt sich selbst die
Interessen zu entrichten« »Nicht so ganz« versetzte der Oheim »Die Direktoren
haben nur von den reinen Überschüssen ihren Anteil Sie müssen sich daher
bestreben die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen und da dies
in den meisten Fällen gelingt so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat
und nicht bloß zum Schein«
    Jemand der wie ein Metallarbeiter aussah kam und brachte ein Päckchen
Papiere in einem blauen Umschlage »Es sind die bestellten Kassenscheine« sagte
er »sehen Sie zu ob sie Ihnen recht sind«
    Der Oheim nahm die Papiere aus dem Umschlage hielt sie gegen das Licht
prüfte die Stempel und gab einige Stücke an Hermann Dieser sah dass es
Banknoten waren über größere und kleinere Summen lautend mit dem
Geschäftssiegel und der Namensunterschrift des Oheims versehen
    »Es ist gut so« sagte er zu dem Arbeiter »die Proben gefallen mir und ihr
könnt nun die euch aufgegebne Anzahl verfertigen
    Ich habe es für vorteilhaft gehalten dieses Papiergeld zu kreieren dessen
Honorierung mir von allen bedeutenden Handelshäusern in den benachbarten Städten
zugesagt worden ist« mit diesen Worten wandte er sich gegen Hermann »Es ist
ein leichtes Zahlungsmittel für alle meine Angehörigen und Arbeiter und ich
erspare damit ebensoviel bares Geld welches nun wieder andrerorten tätig sein
kann
    Ich sehe« fuhr er fort »in den so übel berüchtigten Anleihen der Staaten
nichts Schlimmes Nicht in der vorhandnen Masse der edlen Metalle sondern in
den produktiven Kräften beruht der Reichtum einer Nation und es ist
gleichgültig ob diese Kräfte durch Silber und Gold oder ob sie durch Papier in
Bewegung gesetzt werden ja es ist ein gutes Zeichen wenn man zu letzterem
greifen muss um den Überschuss der Tätigkeit auszugleichen«
    Ein kleiner Rollwagen fuhr unter dem Fenster vor von zwei rüstigen Burschen
gezogen Der Oheim sah mit einem schwermütigen Lächeln seine schwachen und
gebrechlichen Füße an und sagte »Dagegen hilft nun freilich weder Spekulation
noch Papiergeld Willst du neben diesem kindischen Fuhrwerke hergehend mich
durch die Anlagen begleiten«
    Hermann half ihm in den Wagen und das Gespann setzte sich in Bewegung Der
Oheim ließ sich durch seinen Blumengarten fahren welcher von der
geschmackvollsten Auswahl und sorgfältigsten Pflege zeugte Bei den schönsten
Exemplaren musste der Wagen stillhalten der Oheim hob die Kelche mit leiser Hand
auf und senkte seinen sehnsüchtigen Blick in ihre bunte Tiefe oder sog den
Wohlgeruch verlangend ein Zwischen dieser zarten Beschäftigung fuhr er fort
den Neffen über Handels und Gewerbsverhältnisse zu unterrichten
    Auf einer Anhöhe welche die eigentlich botanische Region bildete stand ein
Gartenhaus worin die Bibliothek befindlich war die zu solchem Platze sich
eignete Der Oheim stieg aus nahm ein Werk zur Hand und schlug darin etwas
nach
    In einiger Entfernung an der Abdachung des Hügels sah Hermann Leute
beschäftigt und ging da der Oheim bei seiner Lektüre blieb zu ihnen Man
hatte eine Wand des Hügels mit künstlichem Fels umsetzt zwischen dessen Spalten
Rhododendren und andre Staudengewächse blühten In der Mitte öffnete sich dieser
Felsen zu einem Gewölbe dessen Ausmauerung die Arbeiter beschäftigte
    Hermann vernahm auf Befragen dass das Gewölbe bestimmt sei die Reste der
Tante aufzunehmen welche der Oheim nur vorläufig im Erbbegräbnisse des
Schlosses habe niedersetzen lassen Dieser Platz aber sei zu ihrer Ruhestätte
erwählt worden weil sie denselben vorzugsweise geliebt habe
    Wirklich hatte man von dort die reizendste Aussicht Gerade aus der Tiefe
beinahe senkrecht ihr gegenüber stieg ein mächtiger Fels auf den eine schöne
frische Wiese von klaren Quellbächen befeuchtet umgrünte hinter demselben
erhob sich die Waldhöhe von welcher das Schloss stolz herabblickte Das
Maschinenwesen war nach dieser Seite noch nicht vorgedrungen Man sah auf Berg
und Tal wie sie Gott geschaffen hatte
    Was Hermann von den Marmoren die weiter geschafft würden von den
prächtigen Gusseisenarbeiten die der Oheim bestellt habe vernahm überzeugte
ihn dass Gattenliebe hier das kostbarste Mausoleum gründen wolle Sich selbst
hatte der Oheim in dieser Gruft auch die letzte Rast bestimmt wie die Arbeiter
sagten
    Er saß noch bei sinkendem Abend und lange nachdem die Leute den Platz
verlassen hatten an dieser ernsten Stätte Dachte er an die Erzählung aus
Teophiliens Schlafreden so musste er wünschen geträumt zu haben denn hatte
sie wirklich gesprochen und die Wahrheit gesagt so erschien der ganze Zustand
der armen Menschen ihm unselig hohl und lügnerisch
 
                                Drittes Kapitel
In den folgenden Tagen durchstreifte er mit einem erfahrnen Führer welchen der
Oheim ihm beigegeben hatte die Gegend und besah die Fabriken Fast alle Zweige
dieser Art menschlicher Tätigkeiten hatten sich hier im Umkreis weniger Stunden
abgelagert Man musste wirklich über den Geist des Mannes erstaunen der in
verhältnismäßig kurzer Zeit eine ganze Gegend umzuformen verstanden hatte Aus
einfachen Landbauern waren Garnspinner Weber Bleicher Messer und
Sägenschmiede Glasbläser Töpfer Vergolder ja sogar Zeichner und Maler
gemacht worden
    Als er sich bei einigen Vorstehern nach den Mitteln erkundigte welche diese
Verwandlung bewerkstelligt hatten sagten sie dass nichts leichter gewesen sei
Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen welche ihre
Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen
hätten Alsobald sei der Nachahmungstrieb besonders bei den jüngeren Leuten
rege geworden da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der
Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe welche zum Dienen bestimmt unzufriednen
Geistes sehr froh gewesen wären einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu
finden
    »Auf diese Weise« sagten die Vorsteher »hatten wir in wenigen Jahren aus
den Bewohnern der Gegend selbst unsre Pflanzschule herangebildet Nun sind von
den damaligen Lehrlingen die Geschicktesten schon wieder als Lehrer in die
Fremde gegangen Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden ein
Mittelstand neben der bäuerlichen Aristokratie ähnlich den englischen
Verhältnissen Der Erstgeborne erbt den Hof und wird nach dem Hofe benannt
setzt also auch eigentlich allein die Familie fort die andern Söhne und die
Töchter gehen in die Fabriken und legen sich in der Regel von ihrer
Beschäftigung neue Namen bei gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs und ohne dass
die Verbote der Obrigkeit welche daraus allerhand Verwirrungen befürchtet
etwas fruchten wollen«
    Musste Hermann diesen Ausweg für eine Menge durch die Geburt hintangesetzter
Menschen sehr erspriesslich finden und sah er auf allen Maschinenstätten in
jedem Lager und Speicher die größte Ordnung und Nettigkeit wurde es ihm hier
recht klar welch ein großes Ding das Geld und ein diese Weltkraft bewegender
verständiger Geist sei so fehlte auf der andern Seite viel dass ihn alle die
nützlichen und lehrreichen Anschauungen welche er auf dieser Wanderung
einsammelte erfreut hätten Vielmehr empfand er einen tiefen Widerwillen gegen
die matematische Berechnung menschlicher Kraft und menschlichen Fleißes gegen
die Verdrängung lebendiger Mittel durch tote und er konnte dieses Gefühls nicht
Herr werden so bedeutende Resultate er auch vor Augen sah so große Achtung er
vor dem Oheim und seinen Helfern haben musste
    Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter Jener zweite
Stand von welchem die Vorsteher geredet hatten unterschied sich auch dadurch
von den dem Ackerbau Treugebliebenen dass seine Genossen bei Feuer und Erz oder
hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes
eingeimpft sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten welche
bleich und aufgedunsen auf Wegen und Stegen umherkrochen Wie die beiden
Beschäftigungen die natürliche und die künstliche dem Menschen zuschlagen sah
Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze Während er hinter den
Pflügen Gesichter erblickte die von Wohlsein strotzten nahm er bei den
Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr deren
Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ
    Die Amtleute und Richter klagten sehr über die Vermehrung der Frevel
besonders gegen das Eigentum seit die Gegend eine so veränderte Gestalt
angenommen habe In den Schleifereien und Erzschmieden griff man jetzt bei der
leichtesten Zänkerei gleich zum Messer
    Wenn er mit diesem Zustande das Leben auf dem Schloss des Herzogs verglich
so fühlte er sich nur noch unbehaglicher erregt Es ist wahr hier gehörte alles
tätig der Gegenwart an und dort zehrte man von Erinnerungen bestrebte sich
umsonst der Vergangenheit neues Leben einzuhauchen aber jene Örtlichkeiten und
ihre Bewohner erzeugten doch in der Seele eine Stimmung während er hier
vergeblich danach rang den Knäuel der dumpfen und niederdrückenden Wirklichkeit
sich zum Gespinste zu entfalten Entschieden war es ihm wenn diese Bestrebungen
weiter um sich griffen so war es in ihrem Umkreise um alles getan weswegen ein
Mensch der nicht rechnet leben mag
    Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz Die Stunde regierte und die Glocke
nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze traten die Träger
ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an versammelten sich die
Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten Bei diesen griff ein jeder
nach englischer Manier zu wo es ihm beliebte der Reihenfolge der Speisen
achtete man wenig da sie fast sämtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden
Keine aufwartenden Diener eine Magd welche ziemlich ungeschickt war nahm
Teller und Schüsseln weg oder ließ sie auch wohl stehen wie es sich eben traf
Auf niemand wurde gewartet verspätete Ankömmlinge setzten sich kaum grüßend
und begrüßt nieder und holten in Hast das Versäumte nach
    Alle diese Unsitten waren für jemand der in den letzten zwei Jahren in der
besten Gesellschaft gelebt hatte sehr empfindlich Lästig fiel Hermann welcher
das Wasser nicht vertragen konnte auch die Entbehrung jedes sonstigen
Trinkbaren bei Tische Der Oheim hatte nämlich die Laune seine Tafel nur mit
eignen Produkten besetzt sehen zu wollen Hinsichtlich der Speisen tat dies der
Güte des Mahls keinen Abbruch Die Meiereien lieferten das saftigste Fleisch
die Gärten das zarteste Gemüse und die schönsten Früchte die Weiher gaben
schwere Karpfen und Hechte her Allein mit dem Getränke verhielt es sich anders
Man braute hier ein sogenanntes Ale und presste aus Äpfeln und Birnen Cider Nur
diese Getränke kamen in geräumigen Flaschen auf den Tisch wurden aber selbst
von den daran Gewöhnten nur mit Zurückhaltung genossen Hermann versuchte von
beiden bekam jedoch von dem Ale Kopfweh mit Schwindel verbunden und wurde nach
dem Genuße des Ciders von einem heftigen Erbrechen befallen so dass er seitdem
lieber Durst litt als so schlimmen Einwirkungen abermals sich aussetzte
    In den Zimmern sah es verworren aus Meubles vom teuersten Holze mit
schwerer Vergoldung standen neben tannenen Kommoden und Tischen überall fehlte
etwas oder vielmehr der Widerspruch trat allerorten hervor ehemalige
bürgerliche Einfachheit und neu erstrebte Pracht lagen miteinander in Streit
Wertvolle Gemälde welche der Oheim in den damals aufgekommenen Kunstverlosungen
erworben hatte hingen in dunkeln Winkeln meistens uneingerähmt während
geschmacklose kolorierte Kupferstiche in kostbarer Einfassung an den hellsten
Stellen der Wände prunkten
    Zwischen diesem Ungeschick und verdrießlichen Wesen blickte nur ein
rührender Zug durch des Oheims Liebe zu den Pflanzen Für sie hatte er den
feinsten Sinn niemand verstand so wie er die Gruppen der Blumen Stauden und
Bäume zu ordnen die kundigsten Landschaftsgärtner hätten von ihm lernen können
Unter seinen Gewächsen musste man ihn sehen wenn man sich überzeugen wollte dass
die Natur keinem Menschen irgendeine zum Ganzen der Seele notwendige Richtung
versagt Diese Neigung und die Liebe zu seiner Familie waren die schönen
menschlichen Eigenschaften des merkwürdigen Mannes Täglich sah ihn Hermann in
seinem Wägelchen durch die Anlagen fahren und stundenlang oben im Gartenhause
oder bei der Gruft der Tante verweilen deren Schmückung ihm die liebste
Beschäftigung geworden war Aus manchen Äußerungen ging hervor dass seine
Gedanken ebenso oft bei der schlafengegangenen Gattin als bei den irdischen
Dingen verweilten
 
                                Viertes Kapitel
Von der Vergrößerung dieser gewaltigen Besitzungen durch die Standesherrschaft
wurde unter den Geschäftsleuten des Oheims wie von einer ausgemachten Sache
gesprochen obwohl Hermann nicht begreifen konnte worauf sich da der
Adelsbrief der Ahnfrau aufgefunden worden war diese Zuversicht stützte In den
Gesprächen jener Männer welche wie wir wissen bei der Ausdehnung und dem
erhöhten Schwunge der Geschäfte selbst beteiligt waren traten weitgreifende
Plane hervor wie jene Güter zum Fabriknutzen umgewandelt oder zerstückelt
werden sollten so dass dem Gaste dessen Erinnerungen sich noch mit Vorliebe
dorthin wandten übel zumute ward Einmal traf er den verdächtigen Amtmann vom
Falkenstein bei dem Oheim der ihm wieder die höhnisch freundlichen Blicke
zuwarf über welche Hermann schon auf dem Schloss des Herzogs verdrießlich
geworden war
    Der Oheim ließ sich über diese Angelegenheit noch gleichgültiger als früher
vernehmen Seinen Adelshass verriet er zwar auch jetzt wieder und wiederholte
mit Lebhaftigkeit die Meinung dass es an der Zeit sei das Eigentum aus den
Händen derer welche es nicht zu benutzen verständen in fleissigere übergehn zu
lassen »Allein mir für meine Person« fügte er hinzu »liegt an dem Erwerbe der
mir zedierten Besitzungen kaum noch etwas Die Sache ist mehr für meine
Direktoren welche noch vorwärts wollen Ich werde nur Last und Sorge von diesen
Schollen haben
    Zudem« sagte er schwermütig »für wen sammle ich«
    Diese Worte bezogen sich auf eine Verlegenheit welche dem Oheim in seinem
eignen Hause erwachsen war Sein einziger Sohn Ferdinand von dem er natürlich
nichts heißer wünschen konnte als dass er der Erbe seines Sinnes werden möchte
zeigte sobald er sich zu entwickeln begann auch nicht die mindeste Neigung zu
dem was eine solche Hoffnung rechtfertigen durfte Alles Stillsitzen war ihm
zuwider es kostete unendliche Mühe ihm die Elemente der Rechenkunst
beizubringen die Maschinen zu denen er früh geführt wurde damit er Geschmack
an ihnen bekomme waren ihm lächerlich und widerwärtig Er schlich sich heimlich
zu den Werken verdarb manches schadenfroh und hatte einmal durch ein geschickt
eingeworfnes Hemmnis eine Dampfpresse gewaltsam zum Stehn gebracht dadurch aber
beinahe den Mechanismus zerstört
    Hingegen war es seine Leidenschaft die gefährlichsten Orte zu erklettern
Seine ersten Spiele waren Soldatenspiele er hatte bald eine Kompanie Knaben
zusammengetrieben welche er zum Erstaunen eines durchreisenden Offiziers völlig
regelrecht einexerzierte obgleich er die Handgriffe nie gesehen hatte Als er
heranwuchs war ein Pferd sein dringendstes Verlangen und der Vater der für
dieses ihm nach langer kinderloser Ehe spätgeborne Kind die weichste
Zärtlichkeit hegte konnte sich nicht entbrechen ihm eins anzuschaffen Nun
entband sich erst die ganze Natur des Knaben Der Sattel war ihm lästig er
schied ihn von dem Geschöpfe mit dem er in eins zusammenzuwachsen sich sehnte
Den Bauchgurt zerschneidend schwang er sich auf den nackten Rücken des Tiers
umfasste dessen Hals zärtlich und ließ sich von ihm über Stock und Stein tragen
Das alles hatte er insgeheim vorbereitet denn es zeigte sich in ihm eine
merkwürdige Vermischung von Schlauigkeit und verwegnem Mute Dem Oheim sträubten
sich vor Entsetzen die Haare als er von dem tollkühnen Ritte hörte Er wollte
dem Knaben das Pferd wieder wegnehmen lassen aber da erfolgten so heftige
Ausbrüche der Wildheit dass man für seinen Körper besorgt wurde und ihn lieber
dem Geschick überließ welches dem Unerschrocknen nicht selten günstig ist
    Späterhin verfiel er auf das Schießen wogegen aber der Vater sich mit
Festigkeit erklärte so dass Ferdinand von dem ungestümen Verlangen nach Pistolen
und Flinten wenigstens scheinbar abstand
    Gleichwohl sah der Oheim die Wiederholung eines alten Unglücks in seiner
Familie voraus sah voraus dass der Sohn zerstreuen werde was der Vater
gesammelt und diese trübe Besorgnis wirkte dazu mit die Fäden seines Daseins
abzunutzen
    Um das Seinige zu tun hatte er die beiden Schulmänner zu einer Beratung
über das Erziehungssystem welches in betreff des Knaben zu verfolgen sein
möchte einladen lassen Man kann aber denken dass deren Gutachten ihm wenig
genügten da ihre Meinungen nur beschränkt und einseitig waren und seinem
scharfen Verstande einleuchten musste dass die Mittel welche sie vorschlugen
und welche einander noch dazu widersprachen gegen eine entschiedne Richtung der
Natur nichts verfangen würden
    Hermann hatte von dem Edukationsrate einen Teil der obigen Notizen
eingezogen
    Sprach er mit Teophilien die er oft des Abends besuchte von dieser
Angelegenheit so machte sie ein zweideutiges Gesicht Sie war recht eigentlich
zur Plage des Oheims im Schloss zurückgeblieben Er empfand eine sonderbare
Furcht vor ihr wich ihr aus wo er nur konnte und hätte viel darum gegeben
wenn mit ihr die letzte Erinnerung an den ehemaligen Besitzer verschwunden wäre
Zu dem Ende hatte er ihr bedeutende Summen anbieten lassen wenn sie ihren
Wohnsitz verändern wolle welches aber immer höflich von ihr abgelehnt worden
war
    Eines Tages brachte Hermann die Sache gegen sie zur Sprache und fragte in
schonenden Wendungen warum sie einen Ort nicht verlasse der ihr unmöglich
angenehme Gefühle erwecken könne
    »Lieber« versetzte Teophilie »Sie kennen das Unglück nicht Wenn Sie
wüssten was es heißt vom Erbe verdrängt worden zu sein nicht mit Gewalt und
Übermacht das wäre leidlicher nein auf stillem rechtlichem Wege mit
erlaubtem Wucher mit zulässiger Geschäftskunst Sie würden mich nicht so
fragen Ihr Oheim hat meinen Bruder zerstört verführt zerrüttet und ich bin
die Schwester des Grafen Julius Er besitzt unsre Schlösser gönne man uns nur
noch wie jene Frau sagt ein Grab bei den Gräbern unsrer Ahnen Hier sind meine
Erinnerungen dieser Schmerz füllt mein Leben aus es hätte seinen Inhalt
verloren wiche ich von hinnen Nein es bleibe bei der Übereinkunft die mein
Bruder bei dem Verkaufe der Güter machte dass ich hier zeitlebens Wohnung und
nach dem Tode auch Unterkommen im Erbbegräbnis finden solle Ich bin die Hüterin
der Rasensitze der Pavillone aller der Plätze die unsre muntren Feste sahen
sie verwildern verwittern veralten wie ich ein geheimes Band der Sympatie
schlingt sich von ihnen zu mir ich muss es ehren«
    Hermann wunderte sich über die Erhebung womit Teophilie sprach Dieser Ton
war ihr sonst nicht eigen sie pflegte leicht ja leichtfertig zu reden aber
sie geriet wie er nunmehr öfter wahrnehmen konnte jedesmal in jenen Schwung
wenn sie an das Unglück ihres Hauses dachte Aus hingeworfenen Reden ließ sich
schließen dass sie ein Geschick ahne welches den Oheim ganz daniederwerfen
werde und leider schien sie sich darauf zu freuen wenn sie sich dies auch
nicht eingestehen mochte
    So bedroht so innerlich gefährdet und untergraben war der Zustand des
Oheims während nach außen hin Vermögen und Ansehen ins Unermessliche wuchsen Man
konnte sagen dass er eine Macht darstelle Denn nicht allein dass seine
Handelsverbindungen über die ganze Erde griffen auch mit den Fürsten und
Regierenden war er in Verhältnisse gediehen bei welchen er da er mehr zu
gewähren als zu erbitten hatte sich ziemlich auf gleichem Fuße zu ihnen halten
durfte Sie ehrten ihn denn auch auf mancherlei Weise verliehen ihm Titel die
er nicht führte weil sie ohne Ertrag waren und noch in den Tagen von Hermanns
Anwesenheit traf ein Orden hoher Klasse ein von welchem aber der Neffe nur
durch die dritte Hand etwas vernahm weil das schimmernde Kreuz nachdem der
Empfänger es flüchtig beschaut hatte still weggestellt worden war
    Vom Schloss hatte der Oheim seine Wohnung wenigstens zum Teil deshalb
hinabverlegt weil ihm die Nähe Teophiliens immer widerwärtiger geworden war
Aber im Kloster erwartete ihn ein andrer Verdruss Bei der Säkularisierung hatte
man für die katholische Umgegend den Gottesdienst in der Kirche erhalten der
Weg zu ihr führte quer durch das nunmehrige Wohnhaus und sie selbst befand sich
hart an den Geschäftszimmern des Besitzers Seinem Sinne welcher dem
Kirchlichen durchaus abgeneigt war wurde nun täglich die Pein einen Zug
Andächtiger durch das Haus wandern zu sehen und das Klingeln der Messe vernehmen
zu müssen Um so unangenehmer für ihn als er den katholischen Kultus eigentlich
geradezu hasste da dieser die Menschen nach seiner Meinung zum Unfleisse
verführe Schon mehrmals hatte er versucht sein Eigentum von jener Last zu
befreien hatte sich selbst erboten den Katholiken eine neue Kirche bauen zu
lassen allein die Geistlichkeit wohl wissend wie erspriesslich ihrer Sache ein
traditionelles Altertum sei war dagegen stets auf das Bestimmteste eingekommen
und die Behörden konnten wohlerhaltne Rechte nicht aufheben
    Mit allem Gelde vermochte er daher nicht, sich vor den Reminiszenzen des
Adels und der Kirche zu schützen über deren Eigentum der Zeitgeist ihn zum
Herrn gemacht hatte Unter den protestantischen Arbeitern aber tat sich eine
neue Wirkung umgestalteter Lebensverhältnisse auf die dem Oheim fast noch
unleidlicher war als der unter seinen Augen sich rührende Katholizismus Die
sitzende Lebensart welche an die Stelle der Bewegung in freier Luft getreten
war hatte bei vielen den Boden für die pietistische Richtung zubereitet einige
Werkmeister welche von der Wupper kamen brachten den Samen mit und bald war
eine zahlreiche stille Gemeine entstanden in welcher die Erweckten predigten
und jedermann mit der Gnade des Herrn dem Blute des Lamms und wie die
Schlagworte jener Herde sonst noch heißen mögen gewandt umzuspringen wusste
    In Hermann welcher alle diese Unanehmlichkeiten kennengelernt hatte regte
sich der alte Eifer zu helfen Der Oheim bezeigte sich immer freundlicher gegen
ihn sein Widerwille schien verschwunden zu sein er hatte die Gesellschaft
unsres Abenteurers gern und schenkte ihm über manche Dinge Vertraun Dieser
bedachte nun schon dankbar im stillen wie das Fräulein dennoch zur Verlegung
ihres Wohnsitzes auf eine zarte Weise zu vermögen das Naturell des wilden
Knaben in die dem Oheim gefälligen Wege zu leiten und die widerstrebende
Geistlichkeit biegsamer zu machen sein möchte hatte auch über alle diese Dinge
bei sich einen Plan entworfen in welchem jedes Hindernis beseitigt war als ihn
eine Mitteilung des Edukationsrats stutzig und an diesen wohlgemeinten Entwürfen
irremachte
    Es war ihm aufgefallen dass der Rektor ihn sichtlich vermied und wenn er
nicht ausweichen konnte ihm nur mit Widerstreben Rede stand Da er sich nun
durchaus keiner Verschuldung gegen den Schulmann bewusst war so musste er den
Grund zu jenem Betragen in einer allgemeinen Verstimmung des Alten suchen Er
fragte den Edukationsrat bei Gelegenheit danach worauf dieser versetzte
»Allerdings hat meinen Freund das schlimmste Schicksal betroffen Ein wundersam
scheinendes Glück führte nur dazu sein Hauswesen heftig zu erschüttern wo
nicht von Grund aus zu zerstören Jener totgeglaubte aus Russland zurückkehrende
Sohn wurde von den Eltern die ihn gleichsam aus dem Grabe wiederempfingen mit
einer Mischung von Liebe Graun und Mitleid aufgenommen Der Vater durch Ihren
Brief benachrichtigt kaum seiner mächtig holte den Verlornen aus der
Hirtenhütte ab welche der Unglückliche eben hatte verlassen wollen um in die
weite Welt zu schweifen Man erschrak über seine Gestalt sein Wesen hoffte
aber durch Sorgfalt und Pflege ihn wieder zum Menschen zu machen
    Aber es zeigte sich bald dass diese Hoffnungen eitel gewesen waren Der
Elende hatte zu viel gelitten sein Physisches und Moralisches war zerrüttet
Bald mussten die Eltern zu ihrem Schmerze sich überzeugen dass Eduard zwar alles
Liebe und Gute was ihm geboten wurde sich gefallen ließ dass aber kein
dankbares Gefühl in seiner Seele dadurch geweckt wurde Nur die Not und das
Elend schienen ihn noch aufrecht gehalten zu haben sobald ihn das bequeme
gemächliche Leben im väterlichen Hause umfing brachen jene herben Stützen
zusammen und er versank von Tage zu Tage mehr Ein unmässiger Hang zu geistigen
Getränken begann sich zu äußern den der Verwilderte auf alle Weise heimlich zu
befriedigen wusste Bald nahm man Spuren des Irrsinns wahr der endlich zur
Tobsucht führte Die Paroxysmen dieses Zustandes zerstörten die letzten Kräfte
der Seele es folgte eine stille Verrückteit in welcher er unschädlich
willenund gedankenlos nur noch so fortbrütet Die Eltern haben ihn aus dem
Hause und zu guten Leuten getan welche ihn verpflegen und am Morgen bei hellem
Wetter in die Sonne setzen wo er dann ohne sich zu bewegen oder zu sprechen
den Tag über sitzen bleibt
    Der Gram über dieses Geschick warf die Mutter auf ein Krankenlager von dem
sie nur langsam schwer erstanden ist Der Unglückliche hatte den Stoff so
mancher Ansteckung in die Familie gebracht die Wirkung seines Aufenthalts ist
die übelste auf die jüngeren Knaben gewesen Zwischen den Konrektor und
Wilhelminen trat er wie ein Gespenst sie gaben einander nach heftigen
Zwistigkeiten ihr Wort zurück und der Verlobtgewesene hat sich einen andern
Wohnort gesucht Kurz diese Vorfälle bestätigen die Lehre dass keiner
heimkehren muss wenn er nicht mehr vermisst wird«
    »Sie bestätigen noch eine andre Lehre« rief Hermann sehr traurig aus »Man
soll die Hände in den Schoss legen und nichts für andre sinnen und tun dann ist
man sicher dass man ihnen nicht schadet Was in der reinsten Absicht geschieht
bringt Tod und Verderben und wer seinen Nebenmenschen aus dem Wasser zieht
kann ihn dabei erdrücken«
 
                                Fünftes Kapitel
Er hatte gehört dass Kornelie sich auf einer kleinen Meierei unweit der
Fabrikbesitzungen befinde wo sie die Molkenwirtschaft lerne Dorthin war sie
vom Oheim gesendet worden um die täglichen Berührungen zwischen ihr und
Ferdinand zu hindern welche nach der Rückkehr des Mädchens bei dem Knaben einen
immer leidenschaftlicheren Charakter angenommen hatten Ohne selbst recht zu
wissen was er beginnen wollte und ungeachtet er dem Oheim das Wort gegeben
hatte nichts in dieser Sache eigenmächtig zu unternehmen befand er sich eines
Tages kurz nach den erzählten Vorfällen auf dem Wege zur Meierei Dieser führte
ihn an schroffen Felsen und bebüschten Hügeln vorbei bis endlich im anmutig
grünsten Wiesentale sich das reinliche rot und weiß angestrichene Gebäude
zeigte Schönes saubergehaltenes Vieh graste auf dem samtnen Rasen umher unter
niedrigem Gesträuch zwischen Gitterwerk eingehägt scharrte und pickte
allerhand Geflügel hübsche kräftige Mägde gingen mit ihrer Marktladung auf dem
Haupte durch das Tal den umsäumenden Hügeln zu der blauste Himmel spannte sich
über der friedlichen Szene aus
    Hermann betrat das Haus in welchem ihm der frische Molkengeruch
entgegenduftete mit einiger Beklemmung da er von der Zusammenkunft mit
Kornelien einen heftigen und ängstlichen Auftritt besorgte Niemand begegnete
ihm und so ging er auf das Geratewohl nach einem Gemache in welchem er ein
Geräusch vernahm Die Türe öffnend sah er Kornelien bei der ländlichen Arbeit
in Gesellschaft der Schaffnerin und einiger Dienerinnen
    »Ich bin es Kornelie erschrecken Sie nicht« sagte er »Warum sollte ich
erschrecken« versetzte sie unbefangen »Ich habe Sie längst erwartet da ich
wusste dass Sie bei dem Oheim waren«
    Sie wies ihn nach ihrem Zimmer und bat ihn dort allein zu verweilen bis
ihre Arbeit welche sie nicht aufschieben könne getan sei Er ging durch das
Haus welches von holländischer Reinlichkeit glänzte betrat das Stübchen und
sah sich dort von dem lieblichsten Bilde der Ordnung angelächelt
    Nicht lange so erschien Kornelie Sie reichte ihm von freien Stücken die
Hand begrüßte ihn mit dem traulichen Du und da er von ihrer Lieblichkeit
bezwungen seine Lippen den ihrigen näherte duldete sie ihm zum Erstaunen
seinen Kuss »Warum bist du so lange ausgeblieben« fragte sie »Du warst in
meiner Nähe und ich erwartete dich täglich«
    Hatte er sich vor Zwang und peinlichem Wesen gefürchtet so setzte ihn
dieser unbefangne Empfang noch mehr außer Fassung Um sich zu sammeln bat er
sie mit ihm einen Spaziergang zu machen was sie gern gewährte Sie führte ihn
auf einen Hügel von welchem er den Überblick über das ganze Tal hatte Man sah
nur dieses und nirgends sonst menschliche Wohnplätze weil die Turmspitzen der
benachbarten Ortschaften sich alle hinter den vorspringenden Hügeln verbargen
Hiedurch erhielt die Gegend etwas unglaublich Stilles und Einsames Dieser
Eindruck wurde noch dadurch vermehrt dass hier seit Menschengedenken nur das
einfachste Geschäft die Viehzucht betrieben worden war das Geschäft welches
dem Boden die wenigsten Spuren menschlichen Verkehrs aufprägt Denn das Tier
wandelt da und dort über den Anger sein Schritt furcht ihm keine Straße ein
und was sein Zahn abrupfte ist in wenigen Wochen wieder nachgewachsen
    Hermann der das heitre lebenskräftige Mädchen neben sich in dieser
Abgeschiedenheit ansah fragte sie ob ihr diese und ihre einförmige
Beschäftigung nicht doch bisweilen zuwider werde
    »Niemals« versetzte Kornelie »Bin ich nicht eine Waise Ist mein Los ein
andres als dienstbar zu sein Ich muss dem Vater herzlich danken dass er mir
Gelegenheit bietet die Hände zu rühren Und dann fällt unter den Kühen und
Schafen auch so manches vor was immer Abwechslung gibt Da entsteht Zank und
Eifersucht Versöhnung nebst allerhand Geschichten wie unter den Menschen
    Es ist ein trauriges Schicksal keine Eltern zu haben« setzte sie ernster
hinzu »Dein Oheim und deine Tante wollten mich es nie fühlen lassen und doch
konnte ich es wohl merken Ich kann nie vergelten was sie an mir getan haben
und doch bin ich immer dessen mir bewusst gewesen dass ich niemand angehörte
Wenn von der Zukunft von ihren Planen die Rede war da hörte ich immer nur
Ferdinands Namen und meinen nicht mit Das hat sich mir tief eingeprägt Aber
man lernt unter solchen Umständen früh sich selbst helfen und so jung ich bin
so fühle ich doch dass ich wohl allein durch die Welt kommen wollte Das
Härteste erfuhr ich in dem Waldhause wo du uns trafst Die Mutter begehrte in
ihrer Fieberhitze zu trinken Ferdinand und ich wir kamen beide mit einem Glase
zum Bette mich wies sie zurück und nahm von Ferdinand das Getränk an Es war
freilich nur Phantasie aber es kränkte mich doch sehr ich setzte mich
bitterlich weinend in eine Ecke Nicht lange danach tratest du ein«
    Unter solchen Gesprächen waren sie in das Tal hinuntergestiegen Hermann
nahm wahr dass die Hirten und Melkmädchen Kornelien wie sie an ihnen
vorüberging mit einem Ausdrucke grüßten der an Ehrfurcht grenzte Ja eine
junge schwarzbraune Dirne die aus feurigen Augen schaute sank vor ihr wie vom
Gefühl überwältigt in die Knie und legte die Hand Korneliens sich auf das
Haupt
    Ein Lämmchen kam aus der Herde munter auf Kornelien zugesprungen und gab
durch schmeichelnde Gebärden ein Anliegen zu erkennen Sie beugte sich zu dem
zarten Tiere hinab nahm ein Milchfläschchen aus dem Busen und tränkte das
Geschöpf welches sich vertraulich an die Knieende anschmiegte aus der hohlen
Hand Hermann betrachtete mit Vergnügen das reizende Bild Nachdem sie ihr
mildes Geschäft vollbracht erhob sie sich und sagte »Das Närrchen hat seine
Mutter verloren und obgleich ein andres mitleidiges Stück der Herde deren
Stelle schon oft bei ihm vertreten hat so sucht es doch immer mich und mein
Milchfläschchen wenn ich mich zeige«
    Alles was Hermann hier sah und hörte gab ihm das Gefühl eines süßen
Friedens und er malte sich mit Entzücken das Bild der Häuslichkeit aus welche
ihm Kornelie gewähren würde Denn dass sie nicht länger sich seinem treugemeinten
Werben widersetzen werde war ihm nach dem traulichliebevollen Empfange den er
hier über alle Erwartung gefunden hatte gewiss
    Bei der Mahlzeit die aus den einfachsten Gerichten bestand war nur noch
eine dritte Person zugegen die alte Schaffnerin Ihre Verneigung tief und
förmlich verriet die ehemalige Klosterjungfrau und wirklich war sie es Sie
hatte den Oheim ersucht ihr dieses Amt zu geben und er der jeder Tätigkeit
hold war hatte ihren Wunsch gern gewährt ihr überdies die Pension gelassen
welche ihre übrigen Schwestern die Hände im Schoss verzehrten
    Obgleich auch durch den Oheim aus dem gewohnten Lebenskreise vertrieben
gehörte sie wenigstens nicht zu seiner Gegenpartei und bildete durch ihre Reden
einen anmutigen Kontrast mit Teophilien Sie verhehlte gar nicht dass sie schon
im Kloster sich zu den Freidenkerinnen geschlagen habe und dass ihr die Erlösung
aus der Klausur herzlich willkommen gewesen sei Sie wusste hundert lächerliche
Geschichten von den kleinen Intrigen jenes Zwangszustandes zu erzählen und wie
die Nonnen sich die lange einförmige Zeit durch allerhand seltsame Spielereien
verkürzt hätten
    »Einer dieser Zeitvertreibe« sagte sie »war das Spiel mit dem Jesulein
Jede der Klosterschwestern hatte so ein Püppchen in der Zelle welches sie auf
das köstlichste aufputzte alle Abende entkleidete und mit zu Bette nahm Man
nährte es wartete es ab behandelte es völlig wie ein lebendes Kindlein Wenn
dann die Nonnen zusammenkamen so erzählte eine jede, wie klug ihr Jesulein sei
der einen ihres konnte schon lesen ein andres lernte das Zimmerhandwerk ein
drittes hatte der Mutter die Brust wund gesogen dass sie Umschläge auflegen
müssen und was der Possen mehr waren Die Äbtissin sah der Sache lange nach
endlich hielt sie sich doch in ihrem Gewissen verbunden die fromme Tändelei dem
Beichtvater zu entdecken durch den es vor den Bischof kam Dieser traf
plötzlich eines Tages im Kloster ein hielt eine strenge Visitation und predigte
scharf gegen Profanation der heiligen Dinge worauf denn die Jesulein
abgeschafft werden mussten und wir nicht mehr die Mütter Gottes spielen durften
Einige Schwestern behaupteten aber nach diesem Verbote ganz treuherzig das
Milchfieber zu haben«
    Kornelie hatte bei dieser und andern derartigen Plaudereien still und
schweigsam gesessen Höchst wohltuend war ihm die Sitte und Ordnung welche im
Gegensatze zu des Oheims Tafel an diesem kleinen Tische herrschten Servietten
und Tücher waren zierlich gefältelt Schüsseln und Teller symmetrisch gestellt
die Magd welche aufwartete und dies Geschäft flink und geschickt verrichtete
säuberte nach jedem Gerichte Messer und Gabeln
    »Wo hat sie das gelernt« fragte Hermann die Schaffnerin als Kornelie sich
nach Tische auf einige Augenblicke entfernte
    »Es muss ihr so angeboren sein« versetzte die Alte »Bei dem Oheim hat sie
alles das freilich nicht absehn können und die selige Tante verstand auch
nicht diese Zierlichkeit in die alltäglichen Dinge des Hauswesens zu bringen
Ich aber hatte hier mehrere Jahre lang einsam gehauset und wenn man für sich
allein ist hat man auf dergleichen nicht acht Sobald sie herkam fing sie an
es so einzurichten und in kurzer Zeit hatte sie jeden an diese Akkuratesse
gewöhnt Überhaupt ist mir das Kind ein rechter Segen in der Meierei Vorher
ging es zwischen den Hirtenknaben und den Mägden wild und liederlich zu und
seit sie hier ist hat sich auch das gegeben ist alles keusch und sittsam
geworden Es scheint dass in ihrer Nähe nichts Unreines den Mut hat sich
hervorzuwagen«
    Er machte sich von der Alten die gern noch fortgeschwatzt hätte los und
brachte einige Stunden des Nachmittags für sich zu um seinen Entschluss in Ruhe
vorzubereiten Aber ein solches Abwarten bringt den entgegengesetzten Erfolg
hervor er wurde nur immer unruhiger und betrat gegen Abend mit starkem
Herzklopfen das Blumengärtchen welches sich Kornelie neben dem Hause angelegt
hatte und worin er sie ihre Pfleglinge begiessen sah
    Doch nahm er sich zusammen trat zu ihr ergriff die Giesskanne und tränkte
die Pflanzen Nachdem dies geschehen war wobei ihm Kornelie lächelnd zugesehen
hatte fasste er sanft ihre Hand und sagte »Du weißt geliebte Kornelie warum
ich gekommen bin«
    »Ich kann es mir denken« versetzte sie leicht errötend »Und da du nun hier
bist so wollen wir die Sache auch recht klar besprechen«
    Sie gingen zusammen nach einer Laube und setzten sich Noch hielt er ihre
Hand die sie ihm ohne Widerstreben ließ »Du hast mir nicht geschrieben« rief
er »Aber alles ist vergeben Das Gedächtnis dieser lieblichen Stunden die ich
heute mit dir verleben durfte löscht jede bittere Rückerinnerung aus Ich habe
es durchgedacht und durchgefühlt Kornelie nur deine süße Unschuld deine holde
Stetigkeit kann mich dem Leben gewinnen meinem Dasein die Grundlagen geben
ohne welche es doch sonst früh oder spät versinken wird Ich wiederhole die
Frage und die Bitte die ich an jenem stürmischen Morgen tat ich wiederhole sie
heute mit voller Ruhe und Sicherheit des Gemüts Willst du die Meine sein  Der
Oheim wird einwilligen wenn er unsern Ernst sieht sein Sinn hat sich gewendet
er ist mir nicht mehr unfreundlich«
    »Ich habe dich angehört nun höre auch du mich an« versetzte Kornelie mit
niedergeschlagnen Augen »Dass ich mich nicht gegen dich verstellen kann weißt
du und mein Herz kennst du Ich denke an dich wo ich bin und weile das war
seit der Nacht im Walde so bei mir entschieden und mit Freuden ginge ich für
dich in den Tod Es wäre mir auch kein größeres Glück auf der Welt als wenn ich
dich so täglich einige Stunden sähe oder wenn das nicht anginge so wäre ich
schon zufrieden wenn du nur abends im letzten Strahle der Sonne auf die Spitze
des Hügels dort trätest der so grün in das Tal schaut und ich dann dein Bild
von fern in mir empfinge und es still mit mir zur Ruhe nähme Sieh so ist es
mit mir Deinen Wunsch erfülle ich nicht das ist auch beschlossen«
    »Um Gottes willen« rief Hermann bestürzt und sprang auf »was ist das«
    »Bleibe ruhig Lieber« sagte Kornelie »Wie übel wäre es wenn wir jetzt
uns nicht zu finden wüssten Du fragst mich was das sei was zwischen dir und
mir so hindernd steht ich weiß es selbst nicht Wie gern möchte ich dass es
anders wäre aber kann ich dafür dass es nun einmal so ist Die Tage welche
deiner heftigen Erklärung im Hause des Rektors folgten waren schrecklich ich
hatte nie geglaubt dass ich solche Schmerzen je würde zu ertragen haben Ich war
dumpf und wie zerstückt in mir wüstes Wunderliches bedeckte meine ganze Seele
ich hatte beinahe einen Hass gegen dich und empfand Ekel vor mir selber Nachher
klärte sich alles ich wurde ruhig mein Gefühl für dich schied sich recht
lieblich aus diesem Wust aber neben demselben stand auch ganz fest der
Widerwille gegen eine Verbindung mit dir und dieser ist durch nichts vermindert
worden«
    »Sollte man nicht glauben ein bleichsüchtiges krankes Mädchen aus der
Stadt zu vernehmen« murmelte Hermann dumpf vor sich hin »Eine von denen die
verzärtelt und überbildet nur noch in Überspannungen und künstlichen Nöten
einen gemachten Halt für ihr Wesen gewinnen«
    »Wie du mich kränkst« sagte Kornelie leise »Kaum verstehe ich was du
meinst aber recht hart muss es sein«
    »Kornelie« rief er überlaut indem der gewaltsamste Schmerz Ströme von
Tränen aus seinen Augen trieb »ändre dein Wort sage mir etwas Gutes Liebes«
    »Ach was hilfe es dir wenn ich dich und mich betröge« versetzte sie auch
weinend und drückte seine Hand mit der zärtlichsten Gebärde gegen ihre Brust
    »Du beharrst bei deinem Entschlusse«
    »O dass ich dein Herz quälen muss« rief sie indem sie aufstand und nach
dem Hause ging Er machte eine Bewegung ihr zu folgen sie winkte dass er es
unterlassen solle Er schlug die Hände vor das Gesicht und blieb eine Weile in
dieser Stellung Als er wieder aufsah war er allein Er riss eine Blume vom
Stengel und warf sie wild weg Die Sonne schickte ihre letzten glühenden Lichter
über die Hügel er blickte starr hinein bis er es vor Schmerz nicht mehr
ertragen konnte Geblendet taumelnd machte er sich auf den Weg der zu den
Hügeln führte »So muss dieser Tag enden so« rief er laut vor sich hin und
lachte und schluchzte dass die Begegnenden ihm scheu auswichen
 
                                Sechstes Kapitel
Zwischen den Felsen an Steinbrüchen und Abgründen vorbei irrte sein Fuß und
es war ihm gleichgültig wohin er gelangen möchte Da er des Weges nicht
achtete so war er bald von dem gebahnten Pfade abgekommen und musste sich durch
Dornen und Schlinggewächse auf steilen Klippenstegen weiterarbeiten Die
Anstrengung welche ihm dies verursachte die Pein welche seine Hände von den
scharfen Dornen verspürten brachte ihn wieder zum Gefühle seiner selbst, die
wildflutenden Gedanken fingen an zu ebben er war fähig einen reinen Schmerz
über Korneliens Verlust zu empfinden
    Auf einer Höhe angelangt wo niedriges Brombeergebüsch den Überblick über
einen beträchtlichen Raum gestattete hörte er von weitem ein Geräusch welches
wie Pferdegalopp klang Obgleich es ihm unmöglich schien dass jemand auf solchen
Felsen reiten könne so musste er sich doch bald davon überzeugen denn aus dem
gegenüberliegenden Dickicht drang der Kopf eines Rosses hervor welches der
Reiter zu gefährlichen Sprüngen durch diese Einöde anspornte Wie erschrak
Hermann als er in dem tollkühnen Reiter Ferdinand erkannte Er rief ihm zu zu
halten der Knabe aber als er Hermanns Stimme hörte und ihn sah schien nur
noch verwegner zu werden denn er drückte dem Tiere beide Sporen in die Seiten
dass es in gewaltigem Satze vorwärts schoss nach der Gegend zu wo Hermann stand
Es war grauenvoll anzusehen wie die geängstigte Kreatur schäumend vor Furcht
und doch grausam vorwärts genötigt über die nach allen Seiten hin tief zerrissne
Klippenhöhe setzte stolperte stürzte und halb schon am Boden liegend sich
immer wieder emporraffte Endlich an einem senkrecht hinuntergehenden Abhange
glitt das Pferd aus und schoss in die Tiefe Hermann schloss entsetzt die Augen
und meinte da er sie wieder auftat Ferdinands Leiche unten zwischen dem
spitzigen Gestein erblicken zu müssen zu seinem Erstaunen aber sah er diesen
unversehrt aus der Tiefe heraufklimmen während das Pferd unten lag und ächzte
Wahrscheinlich hatten ihn bügellos geworden die Gesträuche im Falle
aufgehalten während das Ross in seiner stärkeren Last von nichts gehemmt
unaufhaltsam hinabstürzte
    Ohne seines beschädigten Tiers zu achten trat der Knabe mit funkelnden
Augen auf Hermann zu »Du bist bei ihr gewesen Nicht Warst du nicht bei ihr
Ihr seid einig« rief er mit von Zorn erstickter Stimme
    »Beruhige dich« versetzte Hermann »keiner von uns wird sie haben sie
entzieht sich uns beiden«
    »Du lügst« rief Ferdinand »Habe ich je zu ihr gedurft Schreckte sie mich
nicht immer von den Hügeln mit einem Blicke zurück vor dem keiner standhalten
kann Mit dem Blicke aus den großen glänzenden Augen die ich blindküssen
möchte dass sie sich von mir leiten lassen müsste wohin ich wollte Aber du
sollst das nicht so ungestraft tun du sollst sie nicht haben und müsste ich
dirs in deinem Blute verbieten«
    »Dazu kann Rat werden« versetzte Hermann mit kaltem Spott »Ich habe ein
Paar gezogner Lütticher Pistolen zu Hause Komm mit wir wollen laden das Maß
nehmen und wer den andern totschiesst der nehme Kornelien hin«
    »Sacht« rief Ferdinand indem er sich einige Schritte zurückzog »Mit dir
mich zu schießen ist mein einziger Wunsch aber erst will ich es vom alten
Kammerjäger lernen den ich hier im Gebirg ausfindig machte und wann ich ein
Kartenblatt im Fallen treffe dann sollst du mir schon Rede stehen«
    »Recht« sagte Hermann »du bist ein echter Kaufmannssohn willst eine
sichre Spekulation auch auf deines Gegners Tod machen Nun so lerne das Schießen
von deinem alten Kammerjäger und wenn du es kannst wollen wir uns
weitersprechen«
    Er ging Der Knabe blieb auf den Felsen zurück und überließ sich ganz der
Raserei wütender Eifersucht Mehrere Tage lang blieb er unsichtbar
    Hermann kam in später Nacht erst wieder heim Er warf sich auf sein Lager
drückte das Haupt in die Kissen und versuchte zu schlafen jedoch vergebens
    Welche traurige Tage er nach diesem verlebte wird jeder mitzufühlen wissen
der die Gewalt reiner Empfindung kennt Kein wildes Verlangen zog ihn nach
Kornelien es war das lauterste Bewusstsein dass er in ihr einen Halt für sein
zerstreutes zweckloses Leben finden werde und darin war er nun so schmerzlich
und wie es schien für immer gestört Was sie zu ihrem Verhalten bewege war ihm
unerklärlich Er suchte nach geheimen Gründen und der offenbare welcher
vielleicht alles aufgehellt hätte blieb ihm verhüllt
    Den Oheim sprach er nur noch einmal an der Hügelgruft der Tante Der alte
Mann war über den eigenmächtigen Schritt Hermanns sehr verdrießlich und seine
Stimmung mochte durch die Besorgnis über das wilde Herumtreiben Ferdinands nur
noch übler geworden sein Er barg dem Neffen seine Erbittrung nicht und dieser
hatte alle Selbstbeherrschung welche ihm die Rücksicht auf Alter und Verhältnis
zur Pflicht machte nötig um nicht einen schlimmen Auftritt herbeizuführen
    »Du hast das gute Kind erschreckt das war nicht recht nicht löblich« rief
der Oheim »Vor meinem unsinnigen Knaben habe ich sie geborgen nun kommt ein
andrer Störenfried der auf ihre Ruhe einstürmt Wie kannst du dich
rechtfertigen ja wie willst du dich nur entschuldigen«
    »Sie kennen meine Absichten« versetzte Hermann gelassen »und in ihnen
liegt meine Rechtfertigung«
    »Und warst du der Mann sie zu realisieren« fragte der Oheim »Weißt du
wer du bist wem du angehörst Hast du eine Familie Es besteht alles in der
Welt nur durch Ordnung Häuslichkeit Bürgertugend wer dagegen angeht ist mir
verhasst er sei wer er wolle Mit Ehren habe ich mein Haus auferbaut zu dem
ich Kornelien rechne unsern Kreis hat nie eine vornehme Sünde nie die
Leichtfertigkeit eines großen Herrn befleckt still und fleißig mäßig und
nüchtern haben wir unsre Tage hingearbeitet das Unsrige vermehrt In diesem
Lebensgange will ich bis ich hier an der Seite meiner guten Frau ruhe
verbleiben und bin entschlossen von dem was mir lieb ist alle Abenteurer
Müßiggänger und Blendlinge fernzuhalten deren Nähe uns andern doch nur Schaden
Auflösung und Elend aller Art bringt«
    »Ihre Vorwürfe sind zum Teil ungerecht zum Teil verstehe ich sie nicht
einmal« erwiderte Hermann
    »Wohl dir wenn du mich nicht verstehst lies die Brieftasche da wirst du
erfahren was ich meine« rief der Oheim und stieg in sein Wägelchen welches
die Burschen herangefahren hatten Das Wägelchen setzte sich in Bewegung ohne
dass der Oheim zu Hermann ein Wort des Abschieds gesprochen hätte
    Dieser blieb auf einem Steine sitzen und sah in dumpfer Betäubung den
Arbeitern zu welche das Grabgewölbe austieften Sein Herz zerrissen tausend
widrige Empfindungen dass alles was so freundlich sich anzulassen geschienen
hatte nun so hart sich löste
    Er fühlte seine Schulter angerührt und wendete sich Teophilie stand hinter
ihm »Es ist sonst meine Art nicht diese Region zu besuchen« sagte sie »aber
da ich vom Tale aus Sie hier so traurig sitzen sah und den Wortwechsel mit dem
Oheim gehört hatte so trieb mich die Neugierde her Was hat es mit ihm
gegeben«
    »Er beschalt mich ohne Grund und hielt eine Lobrede der Bürgertugend von
der ich die Veranlassung bei dieser Gelegenheit und an diesem Orte nicht
einzusehen vermag« sagte Hermann
    »Bürgertugend« rief Teophilie spöttisch »Und fühlt er sich denn so
sicher der ehrenfeste tugendbelobte Bürgersmann Es ist ein eigenes Gefühl
eine frohe Genugtuung seinen Feind in der Gewalt zu haben Denn es kostet mich
nur ein Wort so fällt dieser aufgespreizte Bürgerstolz dieses Prunken mit
unbefleckter Häuslichkeit zusammen wie ein Kartenhaus«
    
    Sie wollte sich rasch entfernen und schien zu bereun was sie gesagt hatte
Hermann hielt sie zurück »Abermals vernehme ich Reden aus Ihrem Munde welche
mir in Zusammenhange mit Entdeckungen der Mitternacht zu stehen scheinen« sagte
er »Entweder lehren Sie mich diese vergessen oder geben Sie mir das volle
wenn auch schreckliche Licht«
    Sie stutzte Er erzählte ihr was er in tiefer Nacht von ihren unbewusst
plaudernden Lippen erhorcht hatte Ihre leichtfertige Natur brach in ein
herzliches Gelächter aus »Nun« rief sie »da sieht man dass es sogar
gefährlich ist einen Mann im Sarge neben sich liegen zu haben Was für schönes
Zeug hätten Sie da von mir erfahren können Also ich spreche im Schlafe das ist
etwas was ich noch nicht wusste und was mich bestimmen wird in Zukunft beim
Schlafengehn ein Papagenoschloss auf den Mund zu legen denn nicht immer möchte
man so diskrete Wandnachbarn haben«
    Er unterbrach diese Reden mit heftig eindringenden Erkundigungen »Lassen
Sie es doch gut sein« versetzte sie »begnügen Sie sich mit dem was Sie
hörten«
    »Nein« rief er »Es ist unsre Natur dass wir alles zu ergründen streben bis
auf den letzten Schauer des Abgrunds Es betrifft meine Familie Sie sind mir
die Aufschlüsse welche ich begehre schuldig«
    »Ungestümer Mensch Hätten Sie meinen Schlaf nicht belauscht so erführen
Sie doch nichts  Hören Sie denn die Arbeiter haben Feierabend gemacht wir
sind allein Ihr Oheim tut nicht wohl sich an dieser Stelle mit seiner
Familienehre zu brüsten und lächerlich ist es dass er hier hier oben ein
Monument ehelicher Liebe und Treue mit so vielem Aufwande in Erz und Marmor
prunken lassen will denn hier gerade hier war es wo die zärtliche Gattin in
linder lauer Mondnacht mit meinem Bruder die ersten leidenschaftlichen Schwüre
wechselte und deshalb hatte die Frau den Ort so lieb er erinnerte sie an die
glühende Stunde welche die verbotne Wonne ihres sonst armen und traurigen
Lebens schuf«
    Hermann lag mit dem Gesichte auf der Lehne des Stuhls Teophilie fuhr fort
»Die Tante hatte in halber Kindheit den Oheim heiraten müssen Sie war ein
lebhaftes Mädchen voll Feuer und Einbildungskraft gewesen Nun was einem
solchen Geschöpfe dieser Herr Gemahl bieten konnte vermögen Sie so einzusehn
Sie hat mir nachmals als ich ihre und ihres Verhältnisses Vertraute geworden
war gestanden dass sie unter den Komptoirbüchern und Zählbrettern des
rechnenden Eheherrn oft dem Selbstmorde nahe gewesen sei Mein Bruder trat mit
Ihrem Oheim in Verbindung er bemerkte die junge in ihrem Darben anziehende
Frau und von dem Augenblicke an war die Sache zwischen ihnen entschieden Ihm
widerstand zu seiner Zeit kein weibliches Herz er gab ihren Lippen freilich
eine andre Speise als der gute Kommerzienrat und rührend ist mir gewesen wie
sie mir noch auf ihrem Sterbebette ungeachtet aller Gewissensskrupel die ich
ihr nicht ausreden konnte klagte sie werde wenn sie noch einmal anfinge zu
leben dieser Liebe sich dennoch wieder ergeben müssen
    Mein Bruder widmete ihr die heftigste Leidenschaft es war das letzte
Auflodern seiner Natur die sich noch einmal in ihrer ganzen Flammenpracht
zeigen wollte bevor sie erlosch Er dachte auf Entführung sie sollte sich
scheiden lassen und als diese Wünsche an den Bedenken der Tante welche ihren
Ruf über alles schätzte scheiterten stürmte er seinen Kummer und Verdruss in
der unbändigsten Verschwendung aus Der Oheim mochte mit stiller Schadenfreude
zusehn wie mein Bruder sich ihm rücksichtslos in den gefährlichsten
Verschreibungen hingab er wusste nicht welch eine Unruhe es war die seinen
Schuldner trieb die unerschwinglichsten Zinsen zuzusagen und wie der Graf sich
denn doch anderweit im Hause des Bürgers entschädigte
    So gewann Ihr Oheim Geld und Land und verlor die Frau Mir die ich ihn
seit dem Beginne dieser Dinge herzlich hasste war es recht erquicklich zu
sehen wie der Mann welcher sonst das Gräschen wachsen hörte und die
Sonnenstäubchen zählte in betreff der nächsten Angelegenheiten taub und blind
war Seine Neigung zu der Tante wuchs je weiter diese in ihrem Herzen von ihm
hinwegtrat wobei er echt spiessbürgerlich auf alle die Zeichen der
Entfremdung welche einem kundigen Auge nur zu offenbar waren durchaus nicht
achtete sondern vermutlich meinte sie müsse ihn weil sie sein angetrautes
Weib sei auch lieben Als nun endlich nach langem Hoffen und Harren ein
Söhnlein erschien da war des Familienglücks kein Maß und Ziel Es kommt alles
zu seinem Gleichgewichte und zu seiner Vergeltung diese Erfahrung tröstet
einen wenn man dem Verlaufe der Sachen in der Welt zusehn muss ohne glücklich
geworden zu sein Meinen Bruder richtete die Torheit für die schöne
Kaufmannsfrau vollends zugrunde und sein Verderber handelte sich von ihm die
Schande ein Denn selbst die Zession womit Ihr Oheim unsre Verwandten
ängstiget ist doch nur ein Denkmal der Unehre Julius wollte auf sein Kind auf
das Kind seiner heimlichen Entzückungen die Ansprüche auf die Standesherrschaft
übertragen und deshalb stellte er jene Akte dem Titularvater aus«
    Hermann fuhr heftig auf »Das ist nicht wahr« rief er sich selbst
vergessend aus
    »Ei ei mein Herr« versetzte Teophilie »eine Lügnerin nannte mich bis
jetzt noch niemand Ich versichre Sie Ihr Oheim hat so wenig Anteil an seinem
sogenannten Sohne Ferdinand als ich an den Bergwerken von Peru Wollen Sie mir
nicht glauben so lesen Sie die Liebesbriefe meines Bruders und Ihrer Tante
welche sich in meinem Gewahrsam befinden und alles was ich Ihnen erzählen
musste mit vielen schwärmerischen Ausrufungen bestätigen Sind Sie noch so jung
zu glauben dass ein Paar Verliebter sich auf die Länge damit begnügt in den
Mond zu sehen oder Vergissmeinnicht am Bache zu
    pflücken«
    »Die Briefe« rief Hermann »Das also waren die Briefe wovon die
unglückliche Frau im Försterhause auf ihrem Krankenlager so ängstlich
phantasierte Ich bitte Sie um alles in der Welt vernichten Sie diese Urkunden
der sträflichsten Verirrung lassen Sie sich von Ihrer Leidenschaftlichkeit
gegen meinen Oheim nicht hinreißen und schonen Sie das Andenken Ihres Bruders
einer Frau welche Sie ja selbst Ihre Freundin nannten«
    Sie wollte sich seinem Andringen entziehn und meinte es sei immer gut die
Waffen in der Hand zu behalten Allein er ließ nicht ab er wusste so gutmütig zu
flehen und ihr Herz welches im Grunde nicht schlecht war so in Bewegung zu
setzen dass sie endlich mit dem Ausrufe »Sie sind ein Narr« nachgab Er durfte
sie in ihre Wohnung begleiten wo beide ein Kaminfeuer entzündeten und mehrere
Pakete Briefe und Billette auf buntem oder goldgerändertem Papier aus welchem
Locken getrocknete Blumen und Bandschleifen in nicht geringer Anzahl
herausfielen den Flammen opferten Als das erste Paket verbrannt war hatte
zwar Teophilie Reue verspürt und die übrigen vor der Vernichtung bewahren
wollen allein sein Eifer siegte über sie und da er von ihr zuletzt nach
manchem weigernden Worte das feierliche Versprechen erhielt nie ihre Kunde von
diesen geheimen Sünden gegen den Oheim benutzen zu wollen so schien dessen Ruhe
wenigstens für diese Welt gesichert zu sein
 
                               Siebentes Kapitel
Hermanns erster Gang nach der Rückkehr in die Stadt war zu Wilhelmi In seinem
Quartiere hörte er dass der Freund zur Meyer in das Haus gezogen sei Dort
vernahm er von einem Bedienten einen abermals erfolgten Wechsel der Wohnung
Bestürzt meinte er schon dass sich auch hier unangenehme Dinge ereignet haben
möchten als er Madame Meyer im Gespräch mit einigen Handelsleuten die Treppe
herabkommen sah Es wurden Bestellungen gegeben und die Dame schien in diese
Geschäfte so vertieft zu sein dass sie selbst der Anwesenheit Hermanns eben
keine Aufmerksamkeit widmete Sie rief ihm flüchtig die jetzige Wohnung
Wilhelmis zu und sagte bescheiden errötend dass unter den eingetretnen
Verhältnissen eine kurze Trennung schicklich gewesen wäre und dass ihm der
Freund viel zu erzählen haben würde
    Im neuen Quartiere fand er Wilhelmi ebenfalls nicht Um die Zeit
hinzubringen begab er sich nach einem öffentlichen Garten wo er hoffen durfte
Bekannte zu treffen Einer derselben ein Hausfreund der Madame Meyer und einer
der Spottvögel nahm ihn sogleich beiseite und fragte ihn ob er die Neuigkeit
des Tages schon kenne Ohne seine Antwort zu erwarten fuhr er fort »Saturn und
Pallas sind in Konjunktion getreten Wilhelmi und die Meyer haben sich verlobt«
    Nichts hätte ihn mehr überraschen können als diese Nachricht die bei
Wilhelmis krittelndem Sinne und der von Madame Meyer oft ausgesprochnen
Ehescheue auch wirklich sehr auffallend war Er fragte den Spötter nach der Zeit
und dem Einhergange dieses Vorfalls worauf er eine Stadt und Tagesgeschichte
zu hören bekam von welcher wir freilich nicht wissen wieviel davon der
Wahrheit und wieviel der Lästrung angehörte
    »Unsre Freunde« berichtete der Spötter »sind unter lauter
Kunstbestrebungen auf den Weg der Natur geraten Schon lange hatten wir eine
Annäherung zwischen beiden bemerkt die Vereinigung der Hälften des Sankt
Stephansbildes mochte die der Herzen gewaltsam nach sich ziehen aber den
eigentlichen Ausschlag gab doch ein verfehltes Fest zu Ehren des byzantinischen
Stils«
    »Wie soll ich das verstehen« fragte Hermann
    »Sie wissen« versetzte der Spötter »dass die Meyer mit fester Treue an
jenen langen spinnenbeinigen Gestalten an den gebräunten Schwarten und
glitzernden Goldgründen hangengeblieben istwelche die übrige Welt nun auch
schon wieder zu ermüden beginnen Das wissen Sie aber nicht und wir wussten es
auch nicht dass sie im stillen beschlossen hatte das Ihrige werktätig zur
Auferweckung dieses kindlichen Stils beizutragen
    Eines Tages kurz nach Ihrer Abreise erhielten die nächsten Freunde des
Hauses Einladungen zu einem Frühstücke Sie waren nicht förmlich sondern der
eine sollte dem andern wissen lassen dasswenn man sich von ungefähr zu der
und der Stunde einfände man willkommen sein würde Wir schlossen aus diesen
Anstalten zu einer Vereinigung durch Zufall dass etwas Besondres im Werke sein
müsse und verfehlten nicht uns sämtlich einzustellen
    In einem Vorgemache trafen wir Wilhelmi der uns unter allerhand Gesprächen
dort zurückhielt dann wie zufällig die Tür öffnete und uns in die Kapelle
führte wo uns denn durch Zufall der Anblick eines lebenden Bildes ward Die
Meyer stand nämlich durch Diadem gescheiteltes Haar und altdeutsches Gewand
der heiligen Elisabet verähnlicht in einer Blende zu welcher Stufen
emporführten und reichte aus einem Korbe den ein schöner Knabe ihr vorhielt
Semmeln und Wecken an arme Leute welche von den Stufen oder von dem Fußboden
der Kapelle in mannigfaltigen Stellungen zu ihr emporsahn Einige Dienstmägde in
ansprechender Kleidung vollendeten die Gruppe welche wirklich ein recht artiges
Tableau bildete Die Zofen verrieten durch ihr Blinzeln dass sie uns wohl
bemerkten während die Meyer mit niedergeschlagnen Wimpern tat als habe sie
unser leises Eintreten nicht wahrgenommen und durch Wählen und Verwerfen der
Esswaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wusste
    Endlich musste man uns aber doch sehen und nun löste sich das lebende Bild
schnell auf Die heilige Elisabet kam anscheinend überrascht von den Stufen
herab bewillkommte uns höflichst der Junge mit dem Brotkorbe lief davon ihm
folgten die armen Leute und auch die Dienstmägde verloren sich still durch
Seitentüren
    Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likör doch wusste
die Meyer das Gespräch durchaus in einer religiösgemütvollen Schwingung zu
erhalten wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte Nur die Vertrautesten des
Hauses waren eingeladen worden die Gesellschaft betrug nicht über zehn
Personen
    Wie gewöhnlich wurde nur von Kunst gesprochen Die Meyer äußerte
frommseufzend den oft vorgetragnen Wunsch dass die Maler sich doch nur alle
erst zu jener ältesten kindlichsten Auffassung zurückwenden möchten durch
welche allein das Höchste und Tiefste darzustellen sei
    Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu gefälliger Nachgiebigkeit
eingewöhnten Kreise einstimmig zugestanden dagegen erhoben sich bescheidne
Zweifel ob jene alte Kunst mit Glück wieder heraufzubeschwören sei Man hat
doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen Blick für die menschliche Gestalt
wie sie ist und für die übrigen Dinge wie sie wirklich erscheinen geöffnet
sagten einige Wie sollte man also die Augen wieder verschließen können und den
Menschen zumuten dürfen anstatt der Muskel eine Linie gewissermaßen eine
Chiffre anstatt des verständlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen
    Da diese Sätze welche in mannigfachen Nutzanwendungen erläutert wurden den
gesunden Menschenverstand für sich hatten so trieben sie unsre gute Wirtin
etwas in die Enge
    Sie warf einen ängstlichen Blick auf Wilhelmi der denn auch die Stimme
erhob und sich also vernehmen ließ
    Die Kunst sagte er sieht wohl nie die Dinge wie sie sind hat sie nie so
gesehen und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht sie so nachzubilden
Wollte man dies annehmen so käme man auf jenes System von der Nachahmung der
Natur zurück welches denn wieder den Gemälden den höchsten Wert beilegen würde
in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren
Mälern Warzen und Schrunden zeigt Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan und
man braucht sie kaum noch zu bestreiten
    Aber was sieht denn die Kunst und was versucht sie darzustellen fragte
jemand
    Den Geist in der Natur, versetzte Wilhelmi oder vielmehr die Form, welche
der jedesmaligen Evolution des Geistes draußen in der Welt der Erscheinungen
entspricht Die Kunst ist geistiger Abkunft sie erscheint immer im Gefolge
irgendeiner großen religiösen philosophischen oder poetischen Bewegung selten
mit ihr zugleich meistenteils etwas nach ihr So schuf Phidias in seinem
erhabenstrengen Stile gewissermaßen noch einmal die ernsten Betrachtungen des
Tales und der Pytagoräer aus welche dieser Kunstepoche vorangegangen waren
so waren die späteren schönen und anmutigen Werke Nachklänge der allgemeinen
Geistesblüte der Griechen in welcher die reichste Mannigfaltigkeit nur die
einfachste Harmonie umkleidete
    Und um nun auf unsre byzantinischen Bilder zu kommen so sehe ich in ihren
steifen schmalen langen Gestalten in ihrer symmetrischen Anordnung
keinesweges eine so unschuldige Kindlichkeit die nicht weiß was sie will und
erstreben möchte Vielmehr erscheint mir hier auf der Holztafel und in Farben
dieselbe Richtung welche sich kurz zuvor auf dem reingeistigen Felde der
Scholastik veroffenbart hatte Das Christentum hatte die Welt von Grund aus
umgekehrt und der menschlichen Seele ein Gebiet eröffnet auf welchem sie sich
nur tappend bewegte Durch die Scholastik suchte sie sich zu orientieren das
schwankende Göttliche auf die Festigkeit des Begriffs zu bringen das
unerklärbarEine durch die Entgegensetzungen dem Dialektik dem Verstande
anzunähern Die erste Kunstform welche nach der Scholastik und zum Teil noch
gleichzeitig mit den späteren Entwicklungen derselben durch Occam auftrat
zeigt nun alle diese Elemente vereinigt und zugleich das Ehrwürdige wie das
Subtile und Dürftige jener Richtung Ganz bewusst matematischstreng nicht
etwa schwachgemütlich bildet der Kirchenglaube die Grundlage der Werke von
diesem gehen sie aus in der Steifheit und Magerkeit der Formen erscheint der
Begriff, und in der symmetrischen Anordnung die Dialektik kurz jene Bilder sind
nichts als gemalte Scholastik
    Diese verfiel der Glaube verlor von seiner Strenge der Geist suchte in
Freiheit sein Ziel und konnte auf diesem Wege der ganzen Fülle der Realitäten
nicht entbehren Wieder treu diesem Vorgange schreitet die Kunst der Periode
nach von welcher Cimabue und Giotto die Anführer sind Das Strengkirchliche
tritt mehr und mehr zurück Maria wird ein schönes wunderbares Weib Christus
ein begeisterter Lehrer statt der symmetrischen bildet sich die dramatische
Gruppe aus und wenn die Maler nun allerdings Muskeln statt der parallelen und
triangulären Linien malen so sind es doch Muskeln in Handlung mithin nur
Träger einer geistigen Bewegung Auch hier ist es nicht die sinnliche Natur
welche gesucht wird sondern der Geist spiegelt in ihr welche alle Bilder
wiedergibt nur seine eigne Emanzipation ab
    Jene Periode erreicht ihren Gipfel und stirbt darauf in kranken Zuckungen
nach und nach ab Die Symptome des Verfalls sind trockne Empirie wollüstiger
Materialismus kokettierende Selbstsucht Alle diese Übel hat die Kunst
mitgelitten
    Wir sind nun auf dem Punkte angelangt wo wir uns von geistiger Schwelgerei
übersättigt fühlen das heftigste Bedürfnis nach einem Obersten Leitenden
empfinden und uns selbst einen gewissen Schematismus gefallen lassen würden
wenn er nur dahin führte in unsre Unordnung Ordnung zu bringen Ich frage
Liegen einer solchen Stimmung die freien sinnlichglänzenden Kunstwerke nahe
Wird uns aus den fliegenden Gewändern aus dem gefälligen Faltenwurfe und den
runden Gliedern und Formen nicht immer eine gewisse Leere und Kälte
entgegenhauchen Wird unser nach der Einheit der Regel schmachtender Geist nicht
eine innigere Wahlverwandtschaft mit den alten strengen symbolischen Bildern
empfinden  Und in diesem Sinne muss ich unsrer Freundin vollkommen recht geben
und wenigstens meinesteils auch so viel behaupten dass wenn in unsrer Zeit eine
eigentlich große Kunst entstände was ich aber aus vielen Gründen für mehr als
zweifelhaft halte diese mit der sogenannten byzantinischen eine starke
Ähnlichkeit haben müsste
    Diese Rede welche manchen Widerspruch fand wurde von Wilhelmi mit so
geschickten und glänzenden Wendungen verfochten dass er endlich alle Opponenten
zum Schweigen brachte Die Meyer genoss ihren Triumph und holte leise ein paar
uns noch unbekannte Täflein herbei von welchen allerhand heilige Gestalten so
schmal als man sie nur verlangen konnte auf Goldgründen die Beschauer ansahen
Eine allgemeine Erbauung griff um sich man fragte die Besitzerin aus welchem
Kloster diese Schätze herrührten welche jeder anwesende Kenner unbedenklich dem
dreizehnten Jahrhundert zuschrieb
    Unsre Wirtin lächelte und sagte Freund Wilhelmi zweifelt an dem Aufblühn
einer großen Kunst unter uns so viel ist aber gewiss dass es Gemüter heutzutage
gibt in welchen die ganze Begeisterung jener alten Meister schlummert Ja
meine Freunde diese Tafeln von welchen Sie glauben sie seien ein halbes
Jahrtausend alt sind vor noch nicht zwei Monaten und hier in meinem Hause
gemalt
    Sie weidete sich an dem Erstaunen der Gesellschaft und fuhr fort Ich halte
einen frommen Jüngling bei mir verborgen welcher diese Bilder verfertigt hat
Durch Zufall machte ich seine Bekanntschaft und fühlte mich verpflichtet ihm
fortzuhelfen da ich sah dass der Geist der Väter auf ihm ruhe Noch mehreres
als dieses hat er bereits geliefert Ich sehe Ihr Erstaunen über das wundersame
Talent und da wir so freundlich beisammen sind so erlauben Sie mir ihn unter
Ihnen einzuführen Ihrer Huld und Gunst ihn zu vertrauen Gewiss Sie werden ihn
lieben und fördern wie ich Gegenwärtig malt er an einem Heilande mit mystisch
geschlitzten Augen welcher die Welt segnet überaus ähnlich einem lieben Bilde
dessen ich mich aus einer böhmischen Kirche erinnre Wenn es Ihnen ebenso viele
Freude macht wie mir das stille Weben des Genius zu belauschen so folgen Sie
mir zu jenem Schiebefensterchen durch welches ich oft stundenlang von ihm
unbemerkt in seine stille Werkstatt blicke und meinem Angelo denn so nenne
ich ihn wegen seines engelreinen Gemüts zusehe
    Wir erhoben uns und zufällig war ich in dem Zuge nach dem Schiebefenster
der vorderste Ich schob sacht das Vorhängelchen von den Scheiben hinweg und
sah in die Werkstatt des jungen Byzantiners Hier bekam ich aber etwas zu
schauen worauf ich keinesweges gefasst war und welches mir zugleich bewies dass
unsre Zeit wenigstens noch zwischen der Sehnsucht nach dem Symbolischen und dem
Verlangen nach sinnlicher Naturwahrheit sich schwankend mitteninne hält In der
Werkstatt lag nämlich auf einem dunkelroten Teppich der über ein Ruhebett
gebreitet war ein schönes Mädchen in dem Zustande wie sie Gott der Herr
erschaffen und in der Stellung der Danae oder Leda denn der Einzelheiten
erinnre ich mich so genau nicht mehr Der Byzantiner stand neben ihr mit Kohle
und Malerstock bewaffnet und rückte an ihren Gliedmaßen um die Stellung noch
natürlicher zu machen
    Ich hütete mich wohl meine Überraschung laut werden zu lassen sondern
trat nachdem ich einige Sekunden dieser keinesweges unerfreulichen Anschauung
genossen still zurück Nach mir gelangte ein Pietist zum Schiebefenster
welcher in ein Gebetbuch geschrieben hatte er bezeuge mit seiner Hand dass der
Herr an ihm ein Zeichen gesetzt habe Dieser sagte auch kein Wort sondern
seufzte nur nachdrücklich und zog dann den Kopf scheinbar nicht ohne
Widerstreben hinweg Bis dahin war alles leidlich gegangen nun aber wollte
eine alte Dame das Weben des Genius sehen legte Augen und Nase dicht an das
Glas fuhr aber dann mit einem fürchterlich zu nennenden Geschrei zurück Dies
hörten der Byzantiner und die Nackte sie sahen die fremden Zuschauer hinter den
Glasscheiben Rot und sprachlos stand der junge Mann da stampfte mit den Füßen
und hielt den Malerstock gleichsam drohend in die Luft das arme Geschöpf
schlüpfte hinter die Staffelei welche sie nicht ganz verdeckte
    Die Wirkung dieses so ganz unerwarteten Ereignisses war außerordentlich Wir
jüngeren Leute sahen verlegen vor uns hin und taten als ob wir uns schämten
der Pietist faltete die Hände und blickte gen Himmel die alte Dame eiferte
gegen die Meyer welche durch einen flüchtigen Blick in die Werkstatt auch von
dem Unheil in Kenntnis gesetzt wie vernichtet dastand und sich auf Wilhelmi
lehnte Umsonst war dessen Trostspruch dass es ja nur ein Modell sei sie
flüsterte ihm unter zornigen Tränen zu er solle den sittenlosen Heuchler auf
der Stelle aus dem Hause schaffen Einige junge Mädchen welche sich im Zuge
verspätet hatten und nun neugierig herandringen wollten wurden von der alten
Dame mit der Eröffnung dass eine Fledermaus dort umherschwirre die sich ihnen
leicht in die Haare setzen könne zurückgehalten
    Nachdem Wilhelmi seinen strengen Auftrag in der Stille ausgeführt hatte und
wir wieder zu unsern Sesseln in der Kunstkapelle gelangt waren fühlten wir
wohl dass fernere gesellschaftliche Freuden schwerlich geraten möchten und
wollten uns in schicklicher Weise entfernen Leider aber hatte die Meyer einen
fremden durchreisenden berühmten Künstler auf ihren Byzantiner bitten lassen zu
dessen Veröffentlichung und Ruhm der Tag ausdrücklich von ihr bestimmt worden
war Dies erfuhren wir durch einige Reden Wilhelmis als wir der beim Abschiede
empfangnen Einladung uns entziehen wollten Unter solchen Umständen wäre ein
Aussenbleiben unhöflich gewesen und so stellten wir uns denn sämtlich mit
Ausnahme der alten Dame am Abend wieder ein obgleich mir von einem Tage der
so quer begonnen hatte nichts Gutes ahnte und die verstörten Augen der Wirtin
zu erkennen gaben dass ihr die härteste Strafe lieber gewesen sein würde als
eine zierliche im heiligen Geiste der Kunst versammelte Gesellschaft
    Wir kamen in Zimmern zusammen wo wir früher nie waren empfangen worden
weit von der Kapelle und von den Sammlungen der alten Periode Papiertapeten
bekleideten die Wände gleichgültige elegante Meubles standen umher Nur ein
Gemälde war vorhanden das Bildnis des seligen Meyer im braunen Frack von
Weitsch gemalt Es hing über dem Sofa wie ich hörte hatte der verstorbne
Eheherr diese Gemächer bewohnt
    Das Gespräch lahmte und wurde eigentlich nur von dem fremden Künstler im
Gange erhalten den ein Kreis andächtiger Verehrer umgab Er erzählte viel von
seinen Reisen von seinen Bekanntschaften mit Kaisern und Königen wobei eine
angenehme Selbstgefälligkeit zum Vorschein kam die unter uns wie Sie wissen
nie ihre Wirkung verfehlt Seine beiden Knaben junge mutwillige Eulenspiegel
trieben sich umher und verübten allerhand Possen welche die Zeit hinbringen
halfen Zuletzt und ziemlich spät erschien unser Dichter welcher sein
neuerdings bedeutend angeschwollnes Manuskript mitbrachte und nach kurzer
Weigerung sich bereitwillig finden ließ daraus die zuletzt ausgearbeiteten
Kapitel vorzutragen
    Nun war er aber leider an die Darstellung des fünfzehnten Jahrhunderts
geraten und hatte diesem wegen seiner Wichtigkeit die gründlichste Durchführung
gewidmet Besonders erschöpfend handelte er die Frage ab ob die Kunst jener
Zeiten noch eine religiöse zu nennen sei und hatte das Für und Wider nach allen
Richtungen hin in seinen Versen versammelt
    Die Terzinen wälzten sich wie ein endlos flutender Strom daher eine Stunde
nach der andern schlug und noch war kein Ziel der Sache abzusehn Ich
betrachtete zu meiner Unterhaltung die Gesellschaft ringsumher und sah die
verschiedenartigsten Versuche sich durch tiefes Atemholen Rücken auf dem
Stuhle Spielen mit den Uhrketten usw munter zu erhalten
    Nur die Höllenstrafen sind ewig jede Vorlesung aber hört denn doch endlich
auf Der Kunstdichter schloss und trocknete sich den Schweiß ab wir durften uns
von unsern Stühlen erheben und die abwesenden Lebensgeister wieder herbeirufen
die Meyer aber welche vielleicht allein an dieser poetischen Leistung Behagen
gefunden hatte weil dieselbe sie über einen lästigen Abend hinwegbrachte
nötigte mit artiger Verbeugung in ein Nebenzimmer wo uns eine kalte Kollation
erwarten sollte
    Ich hatte die Knaben des fremden Künstlers nach der ersten Lesestunde in das
Nebenzimmer schleichen sehen und die Glücklichen beneidet welche dort ruhig auf
einem Sofa die Vorlesung verschlummern durften Nicht ahnte ich dass sie weit
verhängnisvollere Absichten im Schilde führten und wirklich durchsetzten
    Als wir nämlich das Nebenzimmer betraten und die Wirtin uns mit dem
verbindlichen Wenn es Ihnen gefällig wäre  zu Tische nötigte sahen wir zwar
diesen weissgedeckt von Lampen beleuchtet auch darauf verschiedene Schüsseln
Assietten und Fruchtkörbe alle diese Essgeschirre aber durchaus leer und ihres
Inhalts beraubt Die Urheber des Raubes konnten nicht lange zweifelhaft bleiben
denn die beiden Knaben standen am Tische beschäftigt die letzten Reste der
Konfekte und Früchte zu verzehren Von den Salaten Fleischschnitten und Cremen
war keine Spur mehr zu erblicken Sie hatten der Tat auch kein Hehl denn auf
die zornige Frage des Vaters wie sie sich das hätten unterstehn können
versetzten sie unbefangen dass nach ihrer Meinung diese Sachen zum Essen
hingesetzt worden und dass sie hungrig gewesen wären Unglaublich würde Ihnen
diese Aufzehrung eines Abendessens für zwölf Personen durch zwei Knaben klingen
wenn Ihnen nicht die Frugalität unsrer Genüsse bekannt wäre
    Die arme Meyer dauerte mich Es war viel zu spät um noch einen Ersatz des
verschwundnen Abendessens herbeischaffen zu können Sie wollte über den Vorfall
scherzen aber es gelang ihr übel Die Gesellschaft gab ihr die Versichrung dass
niemand Appetit verspüre aber wer hätte dieser Behauptung nach so langwierigem
Vorlesen Glauben geschenkt
    Der Künstler welcher die nächste Verpflichtung hatte die Anwesenden für
die durch die Gefrässigkeit seiner Knaben erlittne Einbusse zu entschädigen fand
sich am ersten zurecht und sagte Wir haben hier leider erlebt wie die Natur
aller Ästetik spottend in roher Weise ihren Weg geht Angenehmer ist es zu
sehen wie sie sich dem Zwange zum Trotz den ihr Narren antun wollen
unaufhaltsam die Bahn bricht und eine solche Erfahrung habe ich heute hier
gemacht Ich fand ein junges Talent welches man von seinem Ziele abzuleiten
gedachte und welches sich dennoch zu dem machen wird was es ist
    Als ich in den Morgenstunden aus den Fenstern meines Gastofs sah hörte ich
unten auf der Straße ein lautes Schluchzen Ein junger Mensch stand vor der
Pforte des Hauses und ließ einem Kummer der auch halb wie Zorn aussah auf
solche ungezähmte Weise freien Lauf ohne der Umstehenden zu achten Die
prächtige Gesichtsbildung des Jünglings seine hohe Stirn gebogne Nase und das
reich wallende Haupthaar zogen mich an ich ging hinunter und fragte nach der
Ursache seiner Tränen Anfangs wollte er mir nicht Rede stehen ich ließ jedoch
nicht ab nahm ihn mit auf mein Zimmer und brachte ihn dort zum Geständnis Er
sei ein armer Junge ohne Eltern und Beschützer erzählte er Von Kindheit an
habe er die größte Lust zum Zeichnen gehabt und alles nachgeahmt was ihm zu
Gesicht gekommen Bäume Tiere Soldaten Niemand aber sei ihm behilflich
gewesen dass er etwas lernen können Endlich habe sich eine reiche Dame seiner
angenommen nun sei er in ihrem Hause untergekommen wo er aber verborgen habe
leben müssen Die Dame habe ihm gesagt er werde ein großer Mann werden wenn er
sich ganz nach gewissen Bildern richte die sie ihm denn auch gezeigt habe
    Der Jüngling nannte diese Bilder in seiner Natursprache Herrgötter mit
Eidechsenleibern und ich wusste bald woran ich war Er beschrieb mir seine
Pein welche er empfunden da er diese Missgestalten nachbilden müssen in so
rührenden Wendungen dass mein Anteil immer höher stieg
    Indessen sagte er habe er doch gemerkt dass jene Herrgötter menschliche
Körper vorstellen sollten und da sei das brennendste Verlangen in ihm erregt
einen wirklichen natürlichen Leib in seiner wahren Gestalt zu erblicken
Zufällig habe er gehört dass es Personen beider Geschlechter gebe die sich wohl
zu solchem Zwecke den Malern darliehen und nun habe er nicht eher geruht bis
er des ersehnten Anblicks teilhaftig geworden sei Da habe er denn etwas zu
sehen bekommen worüber nichts in der Welt gehe jegliches so ebenmässig fein
rund und doch straff All sein Taschengeld habe er nun auf Modelle verwendet
deren verschiedene Stellungen er in seinen heimlichsten Stunden selig vor
Vergnügen abgezeichnet habe Heute sei er mit einer wahren Wollust bemüht
gewesen die Glieder und Formen eines wunderschönen Mädchens auf das Papier zu
übertragen als er wahrgenommen dass man ihn belausche Es sei hierauf ein
großer Lärmen im Hause entstanden und die Dame habe ihm als einem schlechten
liederlichen Menschen die Türe weisen lassen Außer sich vor Ärger und
Beschämung sei er nach dem Gasthofe gelaufen um sein Brot anderweit zu
verdienen sei es auch durch Laufen und Packentragen für die Reisenden
    Ich wollte den Namen jener guten Törin wissen welcher es unbekannt zu sein
scheint dass man um Menschen zu malen ihre Gestalt kennenlernen muss mein
junger Exilierter weigerte sich aber da er aus meinen Worten abnahm wie ich
über den Vorfall denke sie zu nennen die immer so fügte er hinzu seine
Wohltäterin bleibe Durch diesen Beweis von Zartsinn wurde er mir noch lieber
    Ich ließ ihn seine Zeichnungen bringen und hatte über ein urkräftiges
Talent zu erstaunen welches in Gefahr gewesen war durch verrückte Modetorheit
wenn nicht erstickt doch aufgehalten zu werden Roh und unfertig waren diese
Sachen das ist richtig aber aus jedem Punkte aus jeder Linie leuchtete ein so
tiefer Sinn für die Natur ein so reines Schönheitsgefühl hervor dass ich
wahrhaft in Erstaunen gesetzt ward
    Es versteht sich dass ich ihn nicht hierlasse sondern mit mir nehme
obgleich ich voraussehe dass er mich in kurzem überholen wird  Wissen Sie
vielleicht mir die altertümelnde Beschützerin zu nennen Denn ich muss ihr doch
danken dass ihre Kenntnis von dem Studiengange eines Malers mir zu dieser
Bekanntschaft verholfen hat«
 
                                 Achtes Kapitel
»Die letzte Frage und Aufforderung hörte die Meyer nicht mehr Sie hatte sich
schon während der Erzählung sobald deren traurige Beziehung klar ward hochrot
eine Unpässlichkeit vorschützend still entfernt
    Unsre Gesichter können Sie sich denken Der gute Künstler war ganz
verwundert dass seiner Geschichte nichts als ein dumpfes Schweigen folgte Beim
Nachhausegehn fragte er mich ob er gegen jemand verstoßen habe worauf ich ihm
versetzte der ganze Tag sei nur ein Verstoss gewesen
    Kurz nach diesem unglücklichen Ausgange byzantinischer Bestrebungen
schickten die Meyer und Wilhelmi Verlobungskarten umher Wir erfuhren dass
Wilhelmi nach ihrem Rückzuge aus der Gesellschaft ihr gefolgt sei und sie auf
dem Sofa liegend erschöpft und weinend gefunden habe Sein Herz war gegen die
Leidende übergegangen aus sanften Tröstungen hatte sich bald eine zärtliche
Erklärung entwickelt Da sie zu beständigem Wittum entschlossen dieser
widerstanden hatte soll er auf eine kluge Weise haben einfliessen lassen dass
ein kunstkundiger Gemahl ihr gesagt haben würde die Maler ständen nun einmal
von nackten Mädchen nicht ab und wer solches nicht ertragen könne der müsse
sie nicht in das Haus nehmen
    Da hat die Meyer auf einmal die ganze Misslichkeit ihrer Stellung erkannt
hat eingesehen dass eine gelehrte Frau welche sich behaupten will durchaus
eines Gatten bedarf der seine Schulen durchgemacht hat und aus diesen Gefühlen
und Erwägungen ist das Bündnis erwachsen worüber die Stadt beinahe eine ganze
Woche zu reden hatte welches aber jetzt über andre Dinge von Belang schon
wieder vergessen worden ist
    Nur ungern hörte Hermann diese Erzählung mit an welche ihm zwei Personen
denen er zugetan war in einem lächerlichen Lichte zeigte indessen konnte er
der unermüdlichen Zunge des Spötters nicht entrinnen  »Wie sie bemüht sind
sich alles zu zersprechen damit nur gar nichts übrigbleibe woran Liebe und
Verehrung haften kann« rief er als er allein war aus »Dieser Mensch nennt
sich einen Freund des Hauses und scheut sich nicht mit der giftigsten Lästerung
über die Herrin des Hauses herzufallen«
    Er hatte vergessen dass ein geheimer Hohn die Lebensluft der guten
Gesellschaft ist weil nur durch ihn das Gleichgewicht bewahrt wird dessen sich
jedes Mitglied bewusst sein muss um zur Unterhaltung beizutragen
    Nach manchen vergeblichen Gängen traf er endlich seinen Freund Wilhelmi und
wünschte ihm herzlich Glück Musste er auch über dessen Emphase lächeln womit
Wilhelmi lauter Eigenschaften an seiner Verlobten hervorhob welche diese
wirklich nicht in ausnehmendem Grade besaß so war in dessen Äußerungen doch so
viel Empfundnes so fühlte der Freund doch so tief das Glück einem einsamen
Leben zu entrinnen dass er sich wahrhaft über dessen Schicksal freuen konnte
Selbst das Äußere Wilhelmis hatte der Bräutigamsstand verwandelt seine Wangen
waren röter geworden seine Augen lebhafter und er sah wieder wie ein
stattlicher Mann in den besten Jahren aus
    Auch Madame Meyer fand er vorteilhaft verändert Sie war stiller und
sinnender trug sich nicht mehr so viel vor redete auch mehr von den
gewöhnlichen Dingen des Lebens als von der Kunst Die Kapelle und die
altertümlichen Sammlungen waren geschlossen Sie empfing ihre Freunde wirklich
in den Zimmern die der Spötter beschrieben hatte Der Kreis ihrer Gesellschaft
hatte sich verengt und sie bekannte unsrem Freunde in einer traulichen Stunde
dass sie sich dabei wohler fühle
    Dagegen sagte Wilhelmi dass er nur die Hochzeit abwarten wolle um dann die
Vereinigung seiner Sammlungen mit denen seiner Frau vorzunehmen und in das
ganze Besitztum eine systematische Ordnung zu bringen Er fügte triumphierend
hinzu dass diese verbundnen Schätze von der Art sein würden um auch noch neben
den Sammlungen des Staats die Aufmerksamkeit der Kenner und Liebhaber zu
erregen
    »Dein gutes Geschick hat freundlich für dich gesorgt« versetzte Hermann
»Du wolltest Direktor des Nationalmuseums werden worin du manchen Verdruss und
Zwang würdest zu erdulden gehabt haben Anstatt dessen macht dich die Liebe zum
Kustos eines Privatkabinetts mit dem du wirst schalten können wie du magst«
    War es ihm von Herzen lieb das Los seiner Freunde auf so zuverlässige Art
gesichert zu sehen so konnte er sich doch eines stillen Neides nicht erwehren
»Der Misantrop der Grillenhafte wird ohne sein Zutun aller Wahrscheinlichkeit
zuwider in den Hafen geführt während ich der ich das Glück einfach und
gerades Weges suche plan und bahnlos mich von meinem Ziele fortschleudern
lassen muss« rief er »Wo ist da noch Zusammenhang in der Welt wenn Launen und
Seltsamkeiten das Gute und Zweckmässige gebären dem wirklichsten Bedürfnisse
aber sich grausam die Erfüllung versagt«
    Er fühlte lauter Widersprüche in seinem Schicksale und ein unbestimmtes
Grauen vor der nächsten Zukunft überschlich ihn Um Schutz gegen sich und seine
Gedanken zu finden nahm er die Bibel zur Hand welche aber hier wie in jedem
Falle einer aus dem Stegreife mit ihr gesuchten Bekanntschaft dieselbe ablehnte
und dem heftig Andringenden ein hartes undeutsames Antlitz zeigte
    Von Johannen und Medon hörte er wenig Sie hatte sich seit einiger Zeit fast
ganz zurückgezogen und selbst den Umgang mit Madame Meyer aufgegeben Er war
wie man sagte von seinem Plane zu reisen abgegangen und sollte sehr
ernstaft an einer staatswirtschaftlichen Schrift arbeiten Hermann schob seinen
Besuch von Tage zu Tage auf obgleich ihn eine tiefe Sympatie zu dem
unglücklichen schönen Wesen hinschmeicheln wollte
    Das Museum war jetzt der Sammelpunkt der feinen Welt geworden Eines Tages
traf Hermann dort den Prinzen welchem er in Medons Hause vorgestellt worden
war den Erzähler des Mondscheinmärchens Er war so gefällig sich seiner zu
erinnern und freute sich ihn wiederzusehn »Man wollte hier wissen« sagte der
Prinz »Sie würden nicht zurückkehren Sie wären der Associé Ihres Oheims in
seinem Geschäfte geworden«  »Die Welt« versetzte Hermann »hat einen
entschiednen Hang uns Dinge anzudichten welche gewöhnlich dem was wir
eigentlich tun und begehren schnurstracks entgegen sind«
    »Das ist wahr« erwiderte der Prinz »Hierin zeigen sich die Menschen
wahrhaft erfindungsreich und aus den gewöhnlichsten Köpfen entspringen nicht
selten die sinnreichsten Myten So hat man mich zum Beispiel  und ich wüsste
durchaus nicht zu sagen wodurch ich die Veranlassung gegeben hätte  zu einem
begeisterten Verehrer oder gar Protektor der bildenden Künste gemacht während
ich mir bewusst bin für sie eigentlich kein Auge zu besitzen Das Lustigste bei
solchen Gesellschaftsfabeln ist dass man unversehens und unwillkürlich aus einem
Objekte derselben zu ihrem Subjekte und Helden wird Nach und nach versammelte
sich um mich allerhand Gemaltes und Plastisches ich übernahm das Patronat eines
Vereins und gehöre zu den fleissigsten Besuchern dieser Säle obgleich ich die
Wahrheit zu gestehen mehr der Menschen welche sich hier einfinden als der
Gemälde wegen komme«
    »Gnädigster Prinz« sagte Hermann höflich »Sie werden heute auf Ihre eignen
Unkosten zum Märchendichter«
    »O nein« erwiderte der Prinz »und ich schätze mich deshalb nicht geringer
weil ich der Mode meine Neigung versage Ein lebendiges Interesse kann nur an
einer Sache sich entzünden welche in der Gegenwart kräftig wurzelt Nun aber
sehe ich an den Handlungen der Zeitgenossen durchaus nichts für das Auge mithin
auch nichts für den Pinsel oder Meissel Wo die Kanonen und die taktischen
Bewegungen das Schicksal der Reiche entscheiden gibt es keine Heldengruppen wo
die Predigt im Gottesdienste das Wort führt keine Erscheinungen wo die Leute
bis zu den Schustern und Schneidern hinunter den Frack tragen kein Genre Was
soll also entstehn Entweder ein geschmackvoller Eklektizismus welcher niemals
eine Epoche macht oder ein romantisches Unbestimmtes Versuche der Poesie
nachzutreten die in wenigen Jahren schon wenn gewisse momentane Stimmungen
vorübergegangen sein werden unverständlich sein müssen
    Man darf sich ja nicht durch die jetzige allgemeine Neigung zu diesen Dingen
täuschen lassen Ein Unterschied der modernen Zeit von der griechischen besteht
darin, dass unter uns Neueren das wahrhaft geniale Schöne fast immer im
Gegensatze zu der herrschenden Stimmung erwächst welche dagegen ihrerseits das
als vorhanden zu präkonisieren pflegt woran es ihr eben ganz gebricht Dagegen
ging in jener glücklichen griechischen Periode das besondere Genie der Künstler
aus dem allgemeinen Talente der Nation hervor Um an einem Beispiele meine
Meinung klarzumachen so glaubten wir an Klopstocks Oden Bardieten und an den
Nachahmungen derselben eine große vaterländische Poesie zu besitzen und doch
waren diese frostigen Exerzitien am allerfernsten von einer solchen Nur eine
Entwicklung der Schönheit sehe ich noch vor uns nämlich die poetische in der
Dichtkunst hat wie ich glaube Deutschland den Gipfel noch nicht erreicht«
    »Diese Meinung ist für die Poeten der Gegenwart sehr tröstlich« sagte
Hermann »um so tröstlicher als viele Stimmen das dichterische Element der Zeit
ganz leugnen wollen«
    »Ich rede nicht von einem einzelnen nicht von Individuen« erwiderte der
Prinz »Urteile über Personen und Werke deren Zeitgenosse man ist sind
meistens sehr misslich Meine Hoffnung bezieht sich auf etwas Allgemeines Nun
ist es wohl klar dass eine Periode in welcher alle Schätze des Geistes
gewaltsam aufgeregt worden sind, so dass sie gleichsam in das Freie fielen von
selbst einen Fähigen hervorrufen muss welcher sich dieses Reichtums bemächtigen
wird Diesem wird gerade der Mangel an äusserm plastischen Leben höchst
förderlich sein da unsrer Stimmung die deskriptive Poesie immer langweilig
erscheint und die Dichter dieser Jahrhunderte mit Glück nur das Innerliche die
bewegenden Ursachen der Dinge ergriffen haben«
    Hermann hatte nur aus schuldiger Rücksicht dem letzten Teile dieser
Auseinandersetzung zugehört denn eine unerwartete Erscheinung wendete seine
Gedanken von den Reden des Prinzen ab Zu der Flügeltüre des Saals in welchem
sie standen trat nämlich herein abenteuerlich aufgeputzt im bunten Gewande
eine Gestalt in welcher er nach kurzem Besinnen Flämmchen erkannte
    Flatternde Bänder zierten Achseln und Schulter Schmelzbesatz säumte Busen
und Leib das kurze Röckchen war zackig ausgeschnitten darunter sahen
rotflammige Strümpfe und goldne Schuhe hervor Die schönen nackten Arme
umschlossen an den Gelenken Korallenschnüre ein safrangelbes Bindentuch
welches sich durch ihre Locken zog vollendete den fremdartigen Anblick
    Sie betrat den Saal mehr schwebend als gehend spielte mit einem
Elfenbeinstäbchen warf es empor und fing es mit reizender Beugung des Arms
wieder auf
    Ihr nach drang ein Schwarm verwunderlichgeschmückter junger Herrn eine
ältliche korpulente Figur mit kahlem Haupte die Brille vor den Augen bewegte
sich mühsam hinterher Flämmchen scherzte und schäkerte mit ihrer Begleitung
der ganze Zug rauschte an den Wänden umher und auf die Gemälde wurde wenig
geachtet Es war das Bild einer leichtfüssigen Nymphe welche Satyrn und Faunen
umspringen und der Silen mit Anstrengung folgt
    »Was ist Ihnen« fragte der Prinz Hermann welcher starr nach Flämmchen
hinsah Dieser versetzte dass er ein Frauenzimmer bemerke welches er früher
sehr wohl gekannt habe
    »Ach unsre herkulanische Tänzerin und junge gnädige Frau dort« sagte der
Prinz der nun erst auf den Zug aufmerksam wurde »Ja ich erinnre mich von
Ihrer Mentorschaft gehört und herzlich darüber gelacht zu haben Nun Ihre
Erziehungsplane sind nicht geglückt anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das
wundersamste entzückendste Geschöpf ausgebildet Ich behaupte wer sie tanzen
gesehen kann nie wieder ganz unglücklich werden Wäre ich ein Freund von
Paradoxen so würde ich sagen Sie tanzt Geschichte Fabel Religion ihre
begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein
Unter uns muss ich Ihnen gestehen dass jenes Märchen mit welchem ich in Medons
Hause so viel Glück machte nur der schwache Nachhall einer Pantomime war durch
die sie an einem unvergesslichen Mondabende meine Sinne außer Fassung gesetzt
hatte«
    »Verzeihen Sie meinem Erstaunen gnädigster Prinz« rief Hermann »wenn ich
unbescheiden werde und mir eine Frage erlaube Sie sprachen das Wort Frau
aus In welcher Verbindung steht dasselbe hier«
    Der Prinz lachte und versetzte »In der natürlichsten von der Welt Der
närrische Domherr mit dem wir manchen Scherz getrieben haben entführte sie um
sie es koste was es wolle zu seiner Frau zu machen von der abgeschmacktesten
Theorie beherrscht die ihm ein Schalk in den Kopf gesetzt hatte Die Heirat kam
wirklich in reissender Schnelligkeit zustande und kurz darauf starb der Domherr
völlig beruhigt wie man sagt über seine Fortdauer nach dem Tode Das junge
Witwenkind lebt nun wenn sie nicht wie jetzt zu kurzem Besuche nach der Stadt
kommt auf der Villa ihres Eheherrn wo sich die albernsten Verhältnisse
angesponnen haben«
    Er verbeugte sich gegen Hermann und ging zu Flämmchen die ihn mit
zierlicher Begrüßung empfing Der Prinz deutete nach Hermann hinüber Flämmchen
erblickte diesen und die hellste Freude loderte über ihr Antlitz Er etwas
Auffallendes an diesem öffentlichen Orte besorgend trat rasch durch eine
Kommunikationstüre in einen Vorraum zurück Die Treppe hinuntergehend flüchtete
er sich zu den Antiken und Vasen welche man in den Gemächern des Erdgeschosses
aufgestellt hatte Hier war es menschenleer Er schritt hin und her und
überlegte wie und wo er seinen ehemaligen Schützling am besten sprechen möchte
als aus einem Seitenkabinette Flämmchen hereinflog Mit dem Rufe »Liebster
Bester Einziger« hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse
brannten auf seinen Lippen
    »Habe ich dich endlich wieder« rief sie indem sie ihm Augen und Stirn
küsste »Nun aber werde ich dich nicht lassen nun sollst du mein werden sie
mögen tun was sie wollen«
    Hermann war in großer Verlegenheit jeden Augenblick fürchtete er Zeugen
dieser befremdlichen Szene eintreten zu sehen Er suchte sich ihren Armen zu
entwinden sie hielt ihn aber fest und rief »Sei doch nur auf diese wenigen
Augenblicke mein Freund mein Geliebter nicht lange wird die Wonne dauern das
abgeschmackte Volk oben dem ich davongelaufen bin wird bald kommen mich zu
suchen Lass deine arme Flamme die kurze Zeit an dir glühen ach du weißt es
freilich nicht wie einem Mädchen zumute ist die nicht an Gott und Teufel
nicht an Himmel und Hölle sondern nur an ihren Liebsten an das süße Fleisch
und Blut glaubt Siehst du ich bin erwachsen ich spreche im Zusammenhange das
rührt daher weil ich kein Kind mehr bin«
    »Beruhige dich mein Flämmchen« sagte Hermann »erzähle mir ordentlich wie
es dir gegangen ist ich hörte Dinge die mir unglaublich vorkamen«
    »Etwa dass ich Witwe bin« versetzte sie überlaut lachend »Ja ich bin
eine und müsste eigentlich Schwarz tragen denn der Domherr ist erst seit sechs
Wochen tot aber ich traure in Rot und Gelb wie die Bäume wenn die Blätter
abfallen Setze dich in den Grossvaterstuhl frage und ich will Antwort geben«
    Sie drückte ihn in einen antiken Lehnsessel hockte sich vor ihm nieder und
lehnte ihr Haupt an sein Knie »Wie hat sich deine Heirat so rasch gemacht Wer
sind deine Begleiter Wer nimmt sich deiner an« fragte er
    »Der Domherr bat mich inständig darum die Alte redete mir so lange zu dass
ich es ihm zu Gefallen tat und dann tat ich es auch um dich zu ärgern weil du
mich so ganz vergessen hattest Denn ich wusste doch dass es dir leid sein würde
wenn du mich als Frau fändest Die Jungen mit den hohen Halsbinden und
Backenbärten machen meinen Viehstall aus sie haben sich alle in mich verliebt
und müssen sich gefallen lassen was ich mit ihnen vornehme den Dicken nennen
sie den Kurator Die Verwandten meines Mannes haben ihn angestellt mich zu
beaufsichtigen die Alte sagt ich sei guter Hoffnung ich wüsste zwar nicht wie
es zugegangen sein sollte aber die Verwandten sind doch bange dass ihnen die
Erbschaft entgehn möchte und darum muss er mich bewachen Nun ist es ein
himmlischer Spaß dass der dicke Sünder sich auch in mich vernarrt hat Er
schleicht mir nach seufzt und stöhnt ich könnte ihn weit führen wenn ich
nicht auf Tugend hielte Die Alte nimmt sich meiner in Treuen an sie spricht
oft dummes Zeug ich glaube das alte Weib ist zuweilen etwas verrückt aber ich
könnte doch ohne das gute Tier nicht leben Nun habe ich dir auf alles
geantwortet jetzt tue auch mir so auf meine Frage Wirst du deine Flamme in
ihrem Häuslein besuchen und bald«
    »Liebes Herz« sagte Hermann »das kann ich dir nicht gewiss versprechen Ich
habe noch manches hier abzutun auch führst du allem Anscheine nach eine
sonderbare Wirtschaft zu welcher ich eben nicht passen würde«
    »Nicht Nicht« rief sie mit dem wilden Ausdrucke welcher ihn erschreckt
hatte als er sie zum ersten Male in der Höhle traf Blitzschnell hatte sie
einen Dolch aus dem Busen gerissen und die Spitze würde in ihrer Brust gesessen
haben hätte er nicht ihren erhobnen Arm festgehalten
    »Was wolltest du tun wahnsinniges Kind« fragte er entsetzt »Mich
erstechen« sagte sie gleichgültig »Du bist wie du warst Holz und Stein was
soll Flämmchen auf der Welt«
    »Ich will ja zu dir kommen« rief er bestürzt  »Bald«  Er bejahte »So
schwöre mirs zu den Füßen dieser Liebesgöttin« Er tat was sie begehrte um
sie nur zufriedenzustellen
    Ihr Schwarm drang herein sie suchend Flämmchen trat ihnen mit komischer
Würde entgegen und sagte »Dieser ist ein alter Bekannter von mir und wenn der
einmal zu mir kommt habt ihr euch alle zum Hause hinauszuscheren mit Ausnahme
des Dicken der ein vernünftiger Mann ist und eine anständige Gesellschaft für
ihn« Sie ging ohne nach Hermann sich weiter umzublicken oder ihm Lebewohl zu
sagen
 
                                Neuntes Kapitel
Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte war das
Ausschweifendste von der Welt Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause
eine Art von Hof oder Menagerie wie man es nennen will versammelt bestehend
aus den wildesten jungen Leuten der Residenz die durch den Ruf ihrer Schönheit
angelockt dorthin geströmt waren Mit ihnen wurden die tollsten Streiche
verübt zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter
entsetzlichem Geschrei durch die Gegend so dass die Landleute in ihren stillen
Hütten sich vor dem Unwesen segneten oder man sprengte falsche Nachrichten von
Räuberbanden und Unglücksfällen aus welche Scharwachen und Beamte aufregten so
dass sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen jedoch
höheren Ortes bedeutet worden war solches zu unterlassen da sich denn doch
alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt
    Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus
Täglich war Ball bei ihr wozu man freilich die Damen unter den Hausmädchen und
den Bauerdirnen der Nachbarschaft suchen musste denn anständige Familien wollten
ihre Töchter zu diesen Vergnügungen nicht abordnen Wer Flämmchen tanzen
gesehen sprach darüber wie der Prinz einstimmig erklärte man dass keine
Beschreibung den Zauber dieser Anschauung wiedergeben könne
    Die Seitenverwandten des Domherrn lüstern nach dem Besitze der
beträchtlichen Erbschaft und erschreckt durch die Angabe von Flämmchens
Zustande welcher wenn er gegründet war ihnen ihre Aussicht entzog hatten in
dieses Gewirre jenen ältlichen Mann als Aufseher gesendet
    War Flämmchens Angabe über ihn richtig so konnte freilich sein Amt nicht
wohl schlechter versehen sein
    Zum Teil hörte Hermann diese Dinge aus Flämmchens Munde selbst welcher er
eine Zusammenkunft in ihrem Gasthofe nicht hatte abschlagen können Dort den
Kopf an seine Brust gelehnt ihn mit beiden Armen umklammernd tat sie ihm
Entdeckungen welche man von einem so leichtfertig erscheinenden Wesen nicht
hätte erwarten sollen Es waren abgebrochne Schmerzenstöne nur der Ahnung
verständlich in geordneten Worten kaum auszusprechen am wenigsten auf dem
Papiere Der Naturgeist zuckte hier gleichsam in seiner ganzen neckischen
Ungebundenheit unter seiner menschlichen Hülle All und Individuum lagen
miteinander im Streite und aus ihrem Ringen entsprangen die Zuckungen welche
äußerlich wie Possen aussahen
    Merkwürdig waren ihm besonders ihre Geständnisse wie sich die unbesiegliche
Lust zum Tanze in ihr entwickelt habe
    »Als du mich in die grüne Einöde zu der Alten gebracht hattest wurde ich
von einer unsäglichen Angst befallen« sagte sie »Die Berge und Felsen wuchsen
mir in der Brust die Zweige der Bäume wanden sich durch meinen Kopf und
peitschten vom Sturme geschüttelt mir das arme Hirn wund ich fühlte in mir
die Kräuter und Moose stechend spriessen und mir war als flösse ich
auseinander dahin nach weiten kahlen Eisfeldern und dorthin nach blutroten
Granatenbüschen Ich wollte mir Luft machen in Worten aber die Zunge versagte
mir den Dienst ich wollte es abzeichnen mein Elend an hoher Steinwand aber
die Hand sank lahm herunter da merkte ich dass meine Füße sich zu regen
begannen dass meine Arme folgten der Leib in sanften Drehungen sich schwang
Erlösung zu finden von dem Inneren Großen Entsetzlichen ach wie süß
schlummerte ich nach dieser Anstrengung ein Fels Berg Baum und Kraut standen
wieder außer mir der Mond wurde mein bester Freund Das ist nun der Tanz den
ich nicht lassen kann der mich mir selbst wiedergibt wenn der Weltgraus mich
überwinden und in mir einziehen will Könntest du mich lieben und immer bei mir
sein so wäre alles gut dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu
tanzen leider wird es nicht so gut werden«
    Sie nahm ihm noch einmal das Versprechen ab sie recht bald zu besuchen was
er ihr nun um so lieber gab als er einsah dass sie in ihrem wilden Treiben dem
Verderben zueile und hoffen durfte durch seine Anwesenheit auf der Villa
vielleicht manches ordnen und schlichten zu können Dies sollte den Abschluss der
Verwicklungen bilden welche sein Leben wie er sich überzeugte seit einigen
Jahren unnütz aufgesponnen hatten Er hatte die Freiheit von bürgerlichen
Verhältnissen gesucht und nicht bedacht dass eine solche eigentlich ganz in das
Leere führe Er hatte überall auf die gutmütigste Weise geholfen und die Welt
war indessen unbekümmert um ihn ihren selbstischen Gang weitergeschritten Sein
Vermögen erschöpfte der unüberlegte Ankauf im Badischen er konnte in Not
geraten
    Alles drängte ihn zu einer vernünftigen Entsagung zu einer bescheidenen
Rückkehr Nach mancher Träne bitteren Unmuts die er verweinte beschloss er die
Verhältnisse wieder aufzunehmen auf welche er so stolz herabgesehen hatte und
die Vorbereitung zu einem Staatsamte aufs neue zu beginnen die ihm früher so
unleidlich geworden war Wilhelmi dem er seinen Vorsatz mitteilte lobte ihn
sehr und bestärkte ihn darin Durch dessen eifrige Bemühung wurde er des fernen
Grundeigentums entledigt freilich mit großer Einbusse indessen zog er so viel
aus diesem Handel noch heraus dass er sich eine Zeitlang allenfalls damit
hinhalten konnte
    Wilhelmi tröstete ihn wenn er ihn schwermütig sah und seine Klagen über
die verlorenen Jahre hörte »Was ist es weiter« rief er »Du hast eine Weile
vagabundiert das wird dir doch zugute kommen Viel besser ist es so als wenn
du dich wie ich zu früh gefesselt hättest Die Jugend soll verschwärmt werden
manches ist gewiss an dir hangen und kleben geblieben wovon du jetzt selbst
nichts ahnest«
    »Ich will es wünschen« versetzte Hermann »wenn ich es gleich nicht zu
hoffen wage Der Reichtum eines sogenannten bewegten Lebens ist wohl nur
täuschend Von einem Punkte aus soll der Mensch erwerben Wer zerstreut von
der Mannigfaltigkeit Resultate begehrt kommt mir wie einer vor der mit
verdecktem Teller in einer gemischten Gesellschaft sammeln geht die Summe
pflegt nicht groß zu sein wenn der Teller abgehoben wird«
    Er mietete ein stilles Quartier in der entlegensten Gegend der Stadt
schaffte sich juristische Bücher an und tat die nötigen Schritte seine
bürgerliche Laufbahn wieder zu betreten So gewann es den Anschein als solle
der Strom seines Daseins wie der so vieler nach kurzem mutigem Laufe im Sande
der Gewöhnlichkeit auslöschen
 
                                Zehntes Kapitel
Die Sozietät pflegt sich für unangreifbar zu halten schon die leiseste
Verletzung des Persönlichen erscheint wie ein Attentat Dann bricht plötzlich
etwas ganz Unerwartetes Niebefürchtetes in diese Kreise ein alle Bande sind
auf einmal zersprengt und eine Geisterfurcht ergreift die Menschen
    Von solchen Gefühlen wurde Hermann bestürmt als Wilhelmi eines Abends
atemlos auf seine Klause mit der Nachricht trat dass Medon verhaftet worden sei
Über den Grund dieses erschreckenden Vorfalls konnte er nichts Näheres angeben
nur so viel wusste er dass derselbe mit den Untersuchungen gegen die Demagogen
zusammenhange
    Hermann eilte in der Hoffnung dass ein falsches aberwitziges Gerücht den
Freund betrogen habe nach Medons Wohnung Leider fand er hier die Sache nur zu
wahr Er hatte Mühe in das Haus zu kommen welches scharf bewacht war Auf dem
Flur standen Koffer und allerhand Reisegepäck durch eine Glastüre blickte er in
das Zimmer worin er so manche lehrreiche Stunde erlebt hatte Medon dem
vorderhand nur Hausarrest gegeben worden war saß darin auf dem Sofa sah blass
und angegriffen aus Der Gerichtsbeamte stand neben ihm und schien ihn zu
verhören In andern Zimmern wurde versiegelt
    Von den Hausleuten die sehr verwirrt und bestürzt waren konnte er nichts
Genaues herausbringen Nur so viel wussten sie dass man Anstalten zu einer Reise
gemacht habe dass aber mitten in denselben der Gerichtsbeamte plötzlich mit
einem jungen Menschen von wildem Ansehen erschienen sei welcher auf Medon
zuschreitend und ihn scharf ins Auge fassend gerufen »Dieser ist es welcher
in Zürich uns vom Männerbunde erzählte« worauf der Beamte Medon in Haft
genommen habe
    Ängstlich fragte er nach Johannen Ihr Kammermädchen entdeckte ihm weinend
dass die gnädige Frau heimlich in großer Eile abgereist sei noch ehe die
Verhaftung stattgefunden habe Sie habe an verschiedenen Reden die zwischen dem
Herrn und der Frau vorgefallen seien gemerkt dass letztre mit dem Herrn
verreisen sollen und sich dessen geweigert habe Mit Tränen in den Augen habe
darauf ihre Gebieterin sie bei ihrer Treue beschworen ihr einen Wagen nach
entgegengesetzter Richtung zu verschaffen was denn auch von ihr geschehen sei
Die gnädige Frau habe den Wagen nach einem abgelegnen Strässchen bestellen
lassen wo sie kaum mit den nötigsten Sachen versehen eingestiegen und in
schnellster Eile fortgefahren sei Sie habe die arme gnädige Frau begleiten
wollen sei aber von ihr mit den Worten dass sie fortan nur Gott zum Begleiter
haben wolle zurückgewiesen worden
    Schmerz und Wehmut zerrissen Hermanns Brust Aus dem Hin und Herreden der
Leute konnte er abnehmen dass die leidenschaftlichen Vorfälle zwischen den
Gatten die Veranlassung zu Medons Unglück mochten gegeben haben Das geängstigte
Mädchen hatte davon überall geplaudert um sich Luft zu machen dadurch hatte
aller Wahrscheinlichkeit nach der Beamte Kunde von diesen Dingen erhalten Denn
gleich nach der Flucht Johannas war ein subalterner Agent der öffentlichen Macht
unter einem Vorwande im Hause erschienen hatte verschiedene Fragen getan und
das aufgeschichtete Reisegepäck achtsam betrachtet Unmittelbar nach seiner
Entfernung aber erfolgte das was alle in Schreck versetzte
    Der Beamte erschien und bat Hermann höflich sich zu entfernen Dringend
verlangte dieser zu Medon gelassen zu werden Nach einigem Zaudern wurde ihm
eine kurze Unterredung zugestanden Mit einer furchtbaren Empfindung betrat er
das Zimmer Medon hielt den Kopf in der Hand gestützt und bemerkte den
Eintretenden nicht Leise sagte Hermann an der Türe stehenbleibend »Ich bin
gekommen Sie zu fragen ob ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein kann« Medon
sah empor versetzte kein Wort sondern winkte ihm schweigend dass er ihn
verlassen möge Hermann konnte den Blick seines Auges nicht ertragen es lag
darin der gläserne Ausdruck der Verzweiflung einer völlig zerstörten Seele
    Draußen fragte er den Beamten ob für Johannen etwas zu fürchten sei was
dieser mit Bestimmtheit verneinte Er wollte über Medons Schicksal einiges
erfahren hier versagte jener aber alle Aufklärungen und rief »Glauben Sie mir
dass die Erfüllung meiner Pflicht mir schwer genug geworden ist und dass ich viel
darum gäbe einen Irrtum vielleicht mit strenger Rüge büßen zu müssen als
leider die von mir nach und nach geahnete schlimme Wahrheit bestätigt zu sehen«
    Es war Nacht geworden Er begab sich zur Meyer wo er Wilhelmi noch
vermutete um mit diesem zu beraten Eine Menge von Männern und Frauen war dort
versammelt welche die Bestürzung über diese Vorgänge zusammengeführt hatte
Über den eigentlichen Zusammenhang war der Schleier des Rätsels gebreitet die
wildesten Gerüchte kreuzten sich Wie sollte man es sich auch erklären dass ein
Mann den Angesehensten des Staats nahestehend ein Mann von den loyalsten
Gesinnungen ein ganz andrer ein Feind des Staats gewesen oder noch sein
sollte Man hoffte ein Missverständnis man glaubte binnen kurzem diese
Schatten welche die geachtetste Persönlichkeit der Stadt jetzt verdunkelten
schwinden zu sehen Nur Wilhelmi rief »Ich wünsche es aber es wird nicht so
werden er ist ein Katilina und zwar ein gefährlicherer als der römische weil
er keine Laster hat«
    Die gute Seite der Menschen zeigte sich bei dieser Gelegenheit Alle
sprachen ihr innigstes Bedauern über die unglückliche Johanna aus welche man
sich bei Nacht umherirrend auf öden bösen Wegen dachte die Spötter erklärten
sich zu jeder Hilfe bereit Madame Meyer war außer sich Man besprach ob man
einen Boten mit Briefen schicklichen Inhalts ihr nachsenden solle oder ob es
nicht besser sei wenn ein Freund selbst dieses Geschäft übernehme
    Hermann erklärte sich zu letzterem bereit Er gedachte seiner
Versprechungen er fühlte dass er nicht ohne Schuld der Vernachlässigung gegen
die Geflüchtete sei und gutzumachen habe stärker aber als diese Erwägung der
Pflicht trieb ihn das heisseste Mitleid der Armen nach
    Man freute sich über seinen Entschluss die Meyer und Wilhelmi packten eilig
verschiedene Reisenotwendigkeiten zusammen und so fuhr unser Freund nach
Mitternacht mit raschen Postpferden davon begleitet von den besten Wünschen der
ganzen Gesellschaft welche bis zu seiner Abreise vereinigt geblieben war
 
                                Elftes Kapitel
Von dem Kammermädchen war ihm die Richtung angegeben worden welche Johanna
genommen hatte es war zufälligerweise dieselbe Straße an welcher in der
Entfernung von zwei Tagereisen Flämmchens Landhaus lag Nur die Verzweiflung
konnte Johannen auf diesen Weg getrieben haben er führte fortgesetzt nach dem
Schloss des Herzogs und vor der Rückkehr zu ihrem Bruder und seiner Gemahlin
hatte sie stets den größten Widerwillen gezeigt Bei der Abreise war ausgemacht
worden dass Hermann ihr zwar in nichts hemmend entgegentreten jedoch ihr die
liebevollste und dringendste Einladung zu der Meyer überbringen solle Man
meinte dass sie in deren Hause wohlberaten von aufrichtigen Freunden am
leichtesten die schwere Zeit überwinden werde welche ihr bevorstand Die Meyer
hatte in ihrem gutmütigen Eifer noch vor der Abreise Hermanns die Auswahl der
Zimmer getroffen welche die Freundin aufnehmen sollten Es waren die schönsten
und stillsten des Hauses Hermann nahm sich vor Johannen mit allen Gründen die
ihm zu Gebote standen zur Wahl dieses Asyls zu vermögen da er von einem
Zusammentreffen mit der Herzogin bei dem so entgegengesetzten Charakter beider
Frauen wenig Gutes hoffen durfte
    Er war mehrere Stationen gefahren ohne eine Spur von ihr anzutreffen Schon
glaubte er dass sie ihren Entschluss geändert habe und von dieser Straße
abgewichen sei als er in einem Landstädtchen welches er um die Mitte des
folgenden Tages erreichte plötzlich die verlangten Nachrichten bekam Der Wirt
erzählte ihm dass die Dame welche er zu suchen scheine abends zuvor angekommen
sei sehr unruhig getan und von ihrem Fuhrmanne verlangt habe weitergefahren
zu werden Dieser habe die Müdigkeit seiner Pferde als Weigerungsgrund
angegeben und sich aller Versprechungen ungeachtet nicht dazu verstehen
wollen Die Dame welche durchaus fort gewollt sei in großer Bekümmernis
gewesen da sich keine Post am Orte befinde Sie sei schluchzend auf ihrem
Zimmer hin und her gegangen als plötzlich ein Wagen vor dem Hause gehalten
habe umgeben von einer Menge junger Herrn zu Pferde die ein großes Geschrei
vollführt und einem bildschönen Frauenzimmer in bunter Tracht herausgeholfen
hätten Das Frauenzimmer habe durch Zufall von dem Leidwesen der Dame erfahren
sich gleich zu ihr führen lassen und sie mit der zierlichsten Höflichkeit
gebeten einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen in dem sie wenn sie befehle
bis an das Ende der Welt fahren könne Anfangs sei die Dame das nicht willens
gewesen da aber das Frauenzimmer nicht abgelassen habe endlich ihr zu Füßen
gesunken sei und ihr Knie umfasst habe so sei die Dame mit den Worten »Du
arges Kind wohin führtst du mich« in den Wagen gestiegen auf dessen Rücksitze
das Frauenzimmer Platz genommen habe ungeachtet der wiederholten Bitten der
Dame sich doch neben sie zu setzen
    Der Wirt erzählte noch dass beim Abfahren der Zug der jungen Herrn mit
lautem Geräusche sich habe anschließen wollen auf einen ängstlichen Blick der
Dame nach diesem Schwarme hin habe aber das Frauenzimmer sich emporgerichtet
und ihren Begleitern in gebieterischer Stellung zugerufen »Zurück ihr Tiere«
Hierauf seien die jungen Leute gehorsam diesem Befehle geblieben die Nacht
sei von ihnen unter tausend Eulenspiegeleien hingebracht worden und erst am
Morgen habe sich das Rudel in Bewegung gesetzt
    Nicht ohne Unruhe hörte Hermann diese Erzählung Dass das junge Frauenzimmer
Flämmchen gewesen sei stand außer Zweifel und dass Johannen in ihrer
Gesellschaft so manches begegnen könne was diese verletzen musste hatte er zu
besorgen Alles das spornte ihn zur größten Eile an er gab doppelte
Trinkgelder der Wagen flog nur über die tennengrade Chaussee und so erreichte
er noch vor Sonnenuntergang die Gegend in welcher Flämmchens Haus eine
Viertelstunde von der Heerstraße hinter Birken und Tannenwäldchen lag
    Sie kam ihm im Garten entgegen durch welchen man zu dem Hause gelangte
»Habe ich es nun recht gemacht« rief sie »die Schöne Prächtige bei mir in
Sicherheit zu bringen Ich bin doch das guterzigste Geschöpf von der Welt euch
beide bei mir zu beherbergen denn dass du nachsetzen würdest konnte ich mir
wohl denken«
    »Wo ist Johanna« fragte er »Droben auf ihrem Zimmer das deinige ist
daneben« versetzte Flämmchen und sprang fort um sie von der Ankunft des
Freundes zu benachrichtigen Nach einigen Gängen die er durch den Garten
machte erschien Johanna Flämmchen an der Hand welche neben der vollen
schlanken hohen Gestalt wie ein Kind aussah Er nahte sich der verehrten Frau
und beugte sich in tiefer Rührung über ihre Hand »Können Sie mir vergeben«
fragte er leise
    »Es würde mir unaussprechlich wehe getan haben wenn ich Sie nicht
wiedergesehen hätte« versetzte sie sanft »Doch nun ist es ja gut Sie sind
wieder da und nehmen durch Ihre Ankunft einen Teil meiner Leiden mir vom
Herzen«
    Sie standen gegeneinander geneigt die Hände vereinigt Auge in Auge und
es würde schwer sein von dem Zuge der ihre Seelen jetzt bewegte Rechenschaft
zu geben Flämmchen hob sich auf die Füße fasste ihr Gewand mit anmutiger
Gebärde und begann in lieblichen Kreisen die Gruppe zu umschweben Immer weiter
wurden diese Kreise endlich berührten sie ein Gebüsch hinter dem die Tänzerin
verschwand
    Er fragte Johannen wie es ihr hier gefalle und wie lange sie an diesem
Orte zu weilen gedenke Sie versetzte dass er ihren Entschluss am folgenden Tage
vernehmen solle und dass sie dabei auf seine Hilfe rechne
    »Das wundersame Kind bei dem Sie mich finden« sagte sie »hat mich fast
gezwungen ihren Wagen und ihr Haus anzunehmen Sie scheint von der Gewalt
plötzlicher Eindrücke abhängig zu sein und der welchen ich auf sie gemacht
muss mit großer Stärke gewirkt haben denn sie klammerte sich so fest an mich
dass ich mich kaum ihr entwinden konnte Im Wagen setzte sie sich mir gegenüber
um mich immer betrachten zu können wie sie sagte«
    Hermann der unter diesen und andern Gesprächen mit seiner Freundin durch
den Garten ging musste sich im stillen bekennen dass Flämmchen so unrecht nicht
habe Wenn Missgeschicke gewöhnlichen Menschen leicht etwas Widerliches geben so
verschönen sie dagegen den Ausdruck höherer Naturen und breiten auch über die
Gestalt einen Zauber der Verklärung Johanna schritt neben ihm wie eine
tragische Königin selbst die Marmorblässe ihrer Wangen erhöhte den Reiz der
von ihr ausging
    Vor dem Hause entließ sie ihn und wünschte ihm gute Nacht da sie den Abend
allein zuzubringen wünsche Flämmchen stand in der Türe kniete vor ihr nieder
und fragte »Darf ich dich bedienen«  »Wenn es dir Freude macht so tue es
immerhin« versetzte Johanna
    Nachdem er seine Sachen auf dem ihm angewiesenen Zimmer hatte ablegen
lassen trieb es ihn wieder in das Freie Nur durch eine Tür von Johannen
geschieden ohne bei ihr sein zu dürfen war er von einer Unruhe überfallen
worden welche ihn zwischen den vier Wänden nicht litt
    Ein lauter fröhlicher Gesang zog ihn nach einem entlegneren Teile des
Gartens Das lustige Lied erscholl aus einem geräumigen Gewächshause hinter
dessen großen Glasfenstern er bei dem ungewissen Lichte des Abends noch eben die
Sänger erkennen konnte Die jungen Leute waren es Flämmchens Gefolge Sie
hüpften zwischen den Palmen Pisangs und Geranien wie verrückt umher und
mancher Topf fiel von seinem Brette Der beleibte Mann welchen Flämmchen den
Kurator genannt hatte saß ärgerlich unter einem Kaktus und schien sich dieser
Gesellschaft zu schämen besonders als er Hermanns ansichtig wurde Er machte
seine jungen Genossen auf den Fremden aufmerksam worauf der ganze Schwarm an
die Scheiben sprang und Hermann mit possierlichen Gebärden anstarrte Dieser
hielt es der Höflichkeit angemessen dem ältlichen Manne einige Worte zu sagen
konnte aber seine Absicht nicht erfüllen weil er die Türe des Gewächshauses
verschlossen fand
    Als er noch vergeblich klinkte hörte er hinter sich gehen Er wandte sich
um und sah die Alte mit einem großen Korbe voll Esswaren herbeikommen Ihre Züge
waren noch schärfer geworden ihre Farbe hatte sich tiefer gebräunt Ein buntes
wollnes Tuch welches sie um das Haupt trug gab ihr ein ausländisches Ansehen
»Seid mir gegrüßt« sagte sie mit der rauen Stimme an welche er sich von dem
westfälischen Walde her erinnerte »Ja ja was einmal sich getroffen hat kommt
immer wieder zusammen«
    »Was tust du hier« fragte Hermann
    »Ich will die Menagerie füttern« erwiderte die Alte öffnete die Türe des
Gewächshauses und schob den Esskorb hinein über dessen Inhalt die jungen Leute
gierig herfielen »Dürfen wir nicht heraus« fragte einer »Nein« antwortete
die Alte »bis auf weiteren Befehl bleiben die Tiere eingesperrt Nur der Dicke
soll in Freiheit gesetzt werden und dem Herrn Gesellschaft leisten«
    Auf diese Worte kam der Kurator heraus und sagte zu Hermann mit anständiger
Verbeugung »Rechnen Sie mir es nicht zu mein Herr dass Sie mich unter so
lächerlichen und fast unschicklichen Umständen kennenlernen Ich bin wirklich
ein ganz geachteter Geschäftsmann und werde von vielen angesehenen Familien mit
ihrem Vertrauen beehrt Das junge eingesperrte Gesindel zwang mich so sehr ich
mich auch dagegen sträubte mit in den Käficht zu gehen worin ich denn bei ihren
Possen ohne Speise und Trank diesen ganzen Tag habe versitzen müssen«
    Auf nähere Erkundigung vernahm Hermann dass Flämmchen sehr in Zorn geraten
sei als der Schwarm ihrer unreifen Verehrer ungeachtet des Gebots mehrere Tage
lang fernzubleiben sich dennoch bei dem Landhause wieder gezeigt habe Mit dem
Rufe »Ich habe jetzt Besuch der für euch zu gut ist« sei darauf die
Einsperrung im Gewächshause anbefohlen und auch sogleich vollzogen worden denn
die jungen Leute täten alles was sie wolle
    Die Alte verschloss das Gewächshaus und Hermann ging zwischen ihr und dem
Kurator nach der Villa zurück »Ist es wahr« fragte er den Kurator lateinisch
um von der Alten nicht verstanden zu werden »dass Sie sich hier als Curator
ventris aufhalten«
    »Leider« versetzte der Kurator seufzend in derselben Sprache »Es ist die
Torheit der jetzigen reichen und vornehmen Leute alles delikat anfassen zu
wollen Die junge Witwe hat sich für schwanger erklärt oder vielmehr das alte
Weib hat dies ausgesprengt möglicherweise in betrügerischer Absicht weil wenn
ein Erbe erscheint die Mutter desselben noch lange Jahre hindurch den
Niessbrauch aller dieser Besitzungen behält Statt nun schlechtweg eine Hebamme
zur Untersuchung abzusenden bin ich erwählt worden den Lebenswandel des
Flämmchens zu beobachten weil man durchaus mit Zartheit in der Sache verfahren
wollte Was diese aber bewirken soll ist mir unbegreiflich Das Flämmchen lebt
wie es mag und es fehlt mir an allen gesetzlichen Mitteln dagegen hindernd
einzuschreiten so dass ungeachtet meiner Anwesenheit dennoch jeder Unterschleif
geschehen kann Aber man ist abhängig und muss sich daher auch den Grillen seiner
Klienten fügen Das Verzweifeltste bei der Sache ist dass ich selbst von der
Unwahrheit jener Angabe überzeugt bin und nichtsdestoweniger glaube die
Spitzbübin welche uns da begleitet wird ihre Künste in das Werk zu richten
wissen wie sie es denn auch wahrscheinlich gewesen istwelche den seligen
Domherrn mit dem Mädchen zusammenkuppelte«
    Die Alte welche bis jetzt still vor sich hin gegangen war blieb stehen
warf auf beide einen höhnischen Blick und murmelte »Sprecht ihr nur lateinisch
das Kind ist auf der Reise nach Deutschland und wird zur rechten Zeit
ankommen«
    Das Landhaus war hell erleuchtet auf allen Gängen in jedem Vorsaale und
Zimmer brannten Lampen und Lichter »Diese Verschwendung findet hier beständig
statt« sagte der Kurator »denn Flämmchen fürchtet sich vor dem Dunkel und
lässt daher sobald der Abend einbricht die Finsternis aus jedem Winkel jagen
Besonders empfindet sie ein Grauen vor den Hinterzimmern des Gebäudes in deren
einem noch die Leiche des seligen Domherrn einbalsamiert und unbedeckt 10 steht
Der Gute hatte im Testamente anbefohlen ihn in Spiritus zu setzen um sich
physisch bis in die spätesten Zeiten erhalten zu wissen Da nun diese ungereimte
Verfügung nicht wohl auszuführen war so wählte man jene annähernde Art der
Bewahrung und wird die Leiche beisetzen sobald in dem dazu bestimmten
Gartentempel die nötigen Vorkehrungen getroffen sein werden«
    »In der Tat« rief Hermann »es kommt mir hier so vor als ob ich mich in
einem Irrenhause befände«
    »Ja« versetzte der Kurator »es weht in dieser Luft etwas Ansteckendes ich
bin oft für meinen Verstand hier besorgt um so mehr als ich das gefährliche
Beispiel vor mir habe dass Menschen auch ohne denselben fertig zu werden
wissen«
    Flämmchen zog beide hüpfend nach einem strahlend hellen Zimmer in welchem
ein runder Tisch gedeckt stand Gute Speisen waren aufgetragen feine Weine
fehlten nicht »Nun esst was euch beliebt« rief sie »es ist mir nichts
Langweiligeres als die Reihenfolge der Gerichte zu halten das kommt mir vor
als wenn man nach einer Karte spazierengehn wollte« Mit diesen Worten verzehrte
sie einige Früchte und Konfekte die zum Nachtische gehörten und ließ diesem
Genuße Fische und Fleischspeisen folgen
    Der Kurator welcher keinen Blick von ihr verwandte suchte sich dennoch im
Gleichgewichte zu erhalten und begann allerhand Geschäftsverhältnisse zu
erzählen welche sämtlich seine rechtschaffne und edle Gesinnung bewahrheiten
sollten Die Erinnrung an seine Tugend rührte ihn so dass er häufige Tränen
vergoss Flämmchen welche ihn beständig auslachte versicherte ihn zu öfterem
er sei dennoch ein abgefeimter Vogel und flüsterte Hermann zu »Jetzt will ich
den Hanswurst fortschaffen« Mit einem Sprunge war sie auf seinem Schoße küsste
ihn und rief schmeichelnd »Sprich mein Liebster wie hast du es angefangen
so brav und gut zu werden«  Der Kurator war unfähig etwas zu erwidern seine
Augen starrten das schöne Kind an sein Mund war durch die Küsse in den Zustand
versetzt worden welchen man die Sperre nennt so gewährte er einen überaus
lächerlichen Anblick Flämmchen stieß wie von ungefähr an das Glas welches er
mit Burgunder gefüllt in der Hand hielt es entsank ihm und die rote Flut
strömte über den Tisch »O weh« rief Flämmchen »da verdirbt er mir das feine
Gedeck hurtig in die Küche und Salz geholt«  Verlegen ohne aufzusehn
schlich der bestürzte Geschäftsmann fort und Flämmchen schloss hinter ihm die
Türe ab
    Hermann sagte als er mit ihr allein war »Wie magst du nur dieses wilde
leichtfertige Treiben rechtfertigen Geh doch endlich in dich und bedenke dass
du durch dein unschickliches Benehmen dich selbst aus den Kreisen vernünftiger
Menschen bannst Ich nehme herzlichen Anteil an dir aber wie soll ich ihn
betätigen wenn solche Streiche beständig allem Rate jeder Warnung
entgegentreten Zu spät wenn ein aufgegebner Ruf ein siecher Körper dich elend
gemacht haben werden wirst du Reue empfinden dann bin ich vielleicht dir fern
und niemand steht bei dir der auf deine Seufzer hört Versprich mir Flämmchen
deine Lebensweise zu ändern entferne vor allen Dingen diese sittenlosen jungen
Leute welche sich wenig für deine Gesellschaft ziemen und schicke die böse
Alte fort von der ich nichts Gutes glaube«
    Noch mehrere wohlgemeinte Ermahnungen fügte unser Freund hinzu und hatte
dessen nicht acht dass Flämmchen während seiner Rede leise weg und hinter einen
Ofenschirm geschlichen war Er schmeichelte sich dass er Eindruck auf sie
gemacht habe dass sie ihre Beschämung hinter dem Schirme verbergen wolle als
dieser umgeworfen wurde und Flämmchen ihr Tagesgewand über den Arm gehängt im
leichtesten Nachtröckchen sich zeigte welches den Glanz der Achseln und des
Busens unverhüllt ließ und kaum bis an die Knie hinabreichte
    »Ungezogenheit über Ungezogenheit« rief er
    »Es ist Schlafenszeit« sagte sie gähnend »und ich konnte deine Predigt
nicht besser benutzen als mich während derselben zu entkleiden Ihr müsst die
Flamme flackern lassen wie sie mag Gute Nacht«
    Sie wandte sich und wies ihm durch eine Tapetentüre entschlüpfend den
gewölbten Nacken und die runde zierliche Wade
    Draußen sang sie folgendes Lied
Wer mir sagte wo das Mädchen
Ihres Auges Blick gewonnen
O verkündet wo das Fädchen
Ihres Leibes ward gesponnen
Ach zerging ich in die Lüfte
In die leichten in die warmen
Durch die Wälder durch die Klüfte
Schwebt ich dann mit freien Armen
Er hob den Ofenschirm auf Eine große tragische Maske war in demselben
eingestickt Sein Traum im Försterhause welcher ihm das umfallende
Medusenhaupt und Flämmchen dahinter hervorspringend gezeigt hatte trat ihm
wieder vor die Erinnrung Die Maske mit ihren starren furchtbaren Zügen und
toten Augenhöhlen konnte wenigstens für ein Analogon jenes erstarrten Antlitzes
gelten Noch näher aber dem Traume kam seine Stimmung in welcher üppige und
grauenhafte Bilder durcheinanderschwankten
 
                                Zwölftes Kapitel
Am folgenden Morgen wurde er zu Johannen berufen Sie machte ihm ihren Entschluss
bekannt das Verlangen der Herzogin erfüllen und den einsamen Aufenthalt
welchen ihr diese in ihrem Briefe bezeichnet hatte annehmen zu wollen Hermann
wurde ersucht dies dem Bruder und der Schwägerin zu melden »Also werden Sie
doch noch Ihren Auftrag ausrichten« sagte Johanna schmerzlich lächelnd »Sie
vermitteln meine Rückkehr nachdem jeder Gedanke daran Ihnen und mir
verschwunden war So geht es oft im Leben Wir glauben uns von manchen
Anfordrungen von diesem und jenem Verhältnisse weit weit entfernt zu haben
und unerwartet fühlen wir uns in längst abgeschüttelten Banden gefesselt«
    Hermann erlaubte sich manches gegen diesen Plan einzuwenden der ihm
durchaus unheilsam zu sein schien Er sprach den Wunsch der Meyer aus und fügte
hinzu dass wenn sie auch diesem sich abgeneigt zeigen möchte ein Leben und
Wohnen unter gleichgültigen fremden Menschen in ihrer Lage gewiss doch noch dem
Drucke widerstrebender Umgebungen vorzuziehn sei
    Johanna versetzte »Zu meiner Freundin kann ich mich nicht begeben Bei
manchen Schicksalen ist Entfernung Verändrung von Luft und Boden unerlasslich
Wie sollte ich es ertragen da wo ich unaussprechlich gelitten noch einmal in
der Erinnrung alle Qualen nachzuleben Was mich bei dem Herzoge und seiner
Gemahlin erwartet weiß ich recht wohl Waren wir doch schon in jenen früheren
Tagen einander unverständlich Er ist mehr ein Begriff als ein Mensch und sie
hat ungeachtet aller Güte etwas unendlich Peinliches in ihrem Wesen Ich
mochte tun was ich wollte für mich sein oder in Gesellschaft lesen oder
frische Luft schöpfen so hatte ich beziehungsvolle Reden über weibliche
Genialität Gelehrsamkeit und dergleichen anzuhören Daneben glaubte sie denn
und glaubt es noch in ihrem Briefe mich zu lieben während sie doch immer nur
mit dem ganzen Dünkel solcher wohlwollenden Quälgeister eine anmassliche
Vormundschaft über mich hat ausüben wollen«
    »Und dennoch «
    »Und dennoch  Ich sehe voraus wie man mich beobachten bemitleiden und
auf die beste Manier von der Welt nach und nach einzwängen wird und dennoch
wähle ich diesen Kerker Soll uns das Bittre süß schmecken Ist eine Eigenschaft
des Jochs nicht die Schwere Ich habe gefehlt nicht wie meine Verwandten
meinen aber ich irrte indem ich wähnte uns Frauen der neueren Zeit sei die
Begeisterung erlaubt sei es erlaubt auf den Schwingen der Begeisterung dem Manne
entgegenzuschweben der unsrer wert ist Wir sind Geschöpfe der Familie auf sie
sind wir gepflanzt und so ist es nur ein gerechter Gang meines Lebens wenn ich
nun dem mich demütig ergebe was mir die Familie bedeutet wenn ich alles
geruhig erdulde was auf diesem Boden drückend und feindlich für mich
emporsteigt«
    Da er sie fest bestimmt sah so ließ er von weiterem Zureden ab und entwarf
den Brief an die Herzogin Johanna überlas ihn und strich daraus alles weg was
ein Lob ihrer Person enthielt Nachdem die von ihr gebilligte Abfassung zustande
gekommen war wurde ein reitender Bote damit nach dem Schloss des Herzogs
gesendet der die Antwort zurückbringen sollte Diese wollte Johanna auf dem
Landhause erwarten
    In diesem wurde es nun sehr lebendig Johanna hatte ausdrücklich befohlen
dass um ihretwillen kein Zwang eintreten solle indem sie sich schon
zurückzuziehen wissen werde wenn das Getöse ihr beschwerlich falle Es waren
daher auch die jungen Leute in Freiheit gesetzt worden die es nun an Lärmen und
Unruhe nicht fehlen ließ Von den Beschäftigungen womit sie ihren Tag
hinbrachten führen wir nur beispielsweise an dass einer derselben auf nichts
bedacht war als vom Morgen bis zum Abend seinen Backenbart in Ordnung zu
halten und dass ein andrer in einem mitgebrachten blechernen Reisekomfort
fortwährend Beefsteaks briet welche er dann zum Fenster hinauswarf
    Hermann konnte daher Flämmchen eigentlich nicht unrecht geben als sie auf
seine wiederholte Ermahnung sich dieser Umgebung zu entäussern versetzte
»Warum schiltst du mich Andre halten sich zur Gesellschaft Hündchen und
Äffchen wogegen ich einen Widerwillen habe ich halte mir diese die aus guter
Familie und nicht so unreinlich sind wie jene Geschöpfe«
    Zu den possenhaften Bewohnern passte die Örtlichkeit vollkommen Die Villa
war der treue Abdruck des Sinns wodurch der Domherr sein Leben zersplittert
hatte Dass nichts an seiner Stelle stand die Stühle fast überall in ungerader
Zahl vorhanden waren Schränke und Sofas häufig schief gerichtet mitten in den
Zimmern angetroffen wurden konnte auf Flämmchens Rechnung kommen welche
behauptete das Geräte sei da sich umherstossen zu lassen Allein so manches
andre bezeichnete das Gehäuse welches der verstorbne Besitzer selbst um sich
geschaffen hatte So war die Bibliothek wenn man einen Haufen willkürlich
zusammengeraffter Bücher mit diesem Namen belegen will unmittelbar an der
Küche ja fast in derselben angebracht weil der Domherr sich eine Zeitlang
eingebildet hatte der Dampf der Speise stärke als eine Art leichter
olympischer Nahrung den Geist beim Studieren Rosenkreuzerische Symbole fanden
sich neben schlüpfrigen Bade und Toilettenszenen ein astronomisches Kabinett
wies bei näherer Untersuchung nur pappene Fernröhre und Quadranten auf Der
Verstorbne war nämlich gerade als Maler und Schnitzler die entsprechende
Verzierung des Raums vollendet hatten seiner schnell entstandnen Liebhaberei zu
den Sternen wieder überdrüssig geworden und hatte sich nun begnügt die
Instrumente und Vorrichtungen selbst nur als teatralische Requisiten
hinzuzufügen
    Einmal besah Hermann der hier viel müßige Stunden hatte um die Zeit
hinzubringen die Naturalien welche in einem kleinen Kämmerchen aufbewahrt
wurden Ausgestopfte Tiere neuseeländische Waffen Walfischrippen Erze
Konchylien waren über unter nebeneinander gestopft man konnte sich zwischen
dem Gerülle kaum durchwinden Große chinesische Figuren standen in den Ecken
und wiegten wie Denker bedächtig die Porzellanhäupter Hermann öffnete eine
Türe und betrat ein angrenzendes dunkles Gemach in dem seine Fußtritte
widerhallten Hier die eigentlichen Schätze vermutend ließ er sich Licht
bringen und erstaunte nicht wenig als er sich in einem ganz leeren blau
angestrichnen großen saalartigen Zimmer sah in welches kein Tagesstrahl
dringen konnte weil demselben die Fenster fehlten Er erkundigte sich bei dem
Bedienten wozu dieser leere Raum diene und weshalb man nicht hier wo Platz
genug vorhanden sei die Sammlung aufgestellt habe Der Bediente versetzte dass
die beiden Gemächer eine Allegorie darstellen sollten das kleine mit seinem
Inhalte bedeute die Mannigfaltigkeit der Natur, und das große leere blaue die
Ewigkeit zu welcher die Natur hinführe so habe es der selige Herr erfunden und
ausgedacht Ein Vorhang an der Hinterwand reizte Hermanns Neugier »Dahinter«
sagte der Bediente auf seine Frage »sollte der liebe Gott angebracht werden
aber der selige Herr ist darüber gestorben und nun haben wir ihn selbst dort
als Mumie vorderhand beigesetzt weil kein andres Gelass dafür übrig war«  Er
zog an einer Schnur der Vorhang flog zurück und Hermann erblickte auf einem
Stufengerüste in der Nische einen Sarkophag in ägyptischem Geschmack Ohne sich
durch seinen Ruf dass er nach dem Anblicke nicht verlange irremachen zu lassen
hob der Bediente in seinem Eifer dem Fremden die größte Seltenheit des Hauses
zu zeigen den Deckel ab und Hermann musste mit Widerwillen eine eingetrocknete
menschliche Gestalt von weißem Faltengewande bekleidet wahrnehmen welcher die
Kunst diesen kümmerlichen Scheinbestand gesichert hatte Er wandte sich nach
kurzem Hinblick ab zur Verwundrung des Bedienten welcher diesen Abscheu nicht
begreifen konnte und seinerseits die größte Zufriedenheit über den so wohl
erhaltnen seligen Herrn aussprach
    Der Gedanke mit einem Leichname unter Dach zu sein war nicht angenehm Die
albernen Einrichtungen und Zusammenstellungen des Hauses verwundeten Sinn und
Auge Das Getöse welches die jungen Leute machten war oft unleidlich Eine
große Menge hinterlassner Kanarienvögel für welche Tierart der Domherr eine
besondere Vorliebe gehabt hatte warf in dieses Wirrsal die schmetternden
ohrzerreissenden Töne Wollte er dem Schwindel draußen entgehn so schreckte ihn
der vernachlässigte Garten in welchem allerorten wilde Ranken und Sprossen
überwucherten wieder in das Haus zurück
    Flämmchen sah er wenig Sie fuhr in der Nachbarschaft umher eine große
Ballgesellschaft zusammenzubitten »Gebt acht« hatte sie beim Einsteigen
gesagt »wenn ich nur selbst komme und ihnen das Wort gönne so fliegen alle
alten und jungen Gänse in meinen Stall«
    Die braune Zigeunerin umschlich ihn mit sonderbaren Blicken Noch immer sah
er sie Kräuter sammeln welche sie aber jetzt zu eignen Heilzwecken verwendete
Sie machte nun selbst den Arzt täglich kamen Leute aus der Gegend zu ihr man
hielt sie für eine Wundertäterin und ihr Ruf stieg um so höher als sie nie
Bezahlung nahm Sie schien unsrem Freunde etwas vertrauen zu wollen denn sie
machte sich oft ein Gewerbe bei ihm und sah ihn dann so eigen an dass ihm in
ihrer Nähe wunderbar zumute ward Er wünschte sehnlich die Rückkehr des Boten
herbei denn er wollte nur Johannen zum Wagen führen um dann sogleich in die
selbstgewählten Beschränkungen einzutreten da er doch wohl einsah dass er
keinen Einfluss auf Flämmchen habe
 
                              Dreizehntes Kapitel
Nur wenn er sich bewusst ward dass er Johannas Wandnachbar sei oder wenn er bei
ihr verweilen durfte empfand er eine Beruhigung in diesem Treiben Er war viel
bei ihr aber doch nicht so oft als er wünschte Eine Zärtlichkeit ohne
Leidenschaft trieb ihn gegen sie er begriff nicht wie er nach ihrer Abreise
sich werde zu fassen imstande sein und doch konnte er Korneliens zu gleicher
Zeit gedenken lebhaft und schmerzlich nach ihrem ihm für immer entzognen
Besitze verlangen Er wollte sich Vorwürfe über diese Doppelempfindung machen
die seinem Verstande zweideutig erschien aber es stellte sich keine Reue ein
sein Gefühl blieb unversehrt Er war ein Fremdling in seinem eignen Herzen
geworden
    Es gibt nicht Erquickenderes als den Anblick einer großen vornehmen Seele
welche das Unglück als etwas ihr Gehöriges als das heilige ihr von den oberen
Mächten verliehene Eigentum nimmt und hinnimmt während kleine Gemüter sich
gegen dieses Erbteil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos
sperren Johanna war ruhig selbst heiter Sie verhehlte gegen Hermann nicht
dass ihr Los ihr für immer zerstört zu sein scheine »aber« setzte sie hinzu
»wie unendlich wohler ist mir jetzt wo ich die Brandstätte überschaue als
damals wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte«
    Über die Geheimnisse ihrer unglücklichen Ehe über Medons Charakter und die
plötzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges
Stillschweigen Einmal hatte Hermann versucht von weitem und in der
bescheidensten Weise ihre Lippen über diese Dinge aufzuschließen war aber mit
den Worten dass man von unheilbaren Schäden nicht reden müsse zurückgewiesen
worden Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehüllt
und er brachte von denselben nur in Erfahrung was die Gerüchte aus der
Hauptstadt meldeten aus welcher ihm während dieser Tage mehrere Briefe zukamen
Sie sprachen von einer großen Verschwörung welche auf den Umsturz des Trones
und auf Fürstenmord berechnet gewesen sei Die bedeutendsten Männer seien in das
Komplott verflochten selbst Staatsminister bezeichne die öffentliche Stimme
wenigstens als entfernte Teilnehmer
    Einen dieser Briefe den ihm Madame Meyer geschrieben musste er Johannen
wiewohl er es ungern tat zum Lesen geben da er mehreres für sie insbesondre
enthielt Nachdem sie ihn durchgelesen sagte sie »Es steht besser und
schlimmer als diese Zeilen berichten«
    Sehr wohltuend war das Verhältnis in welches sie sich zu den Umgebungen
gesetzt hatte Zuvörderst war in den Zimmern welche sie innehatte unter ihren
und Hermanns Händen Ordnung und Ebenmass entstanden alles Anstössige hatte sich
aus denselben still verloren manches würdige Kunstwerk welches der Domherr
denn doch auch mit vielem Tande zufällig hin und wieder erworben war ihr von
Flämmchen und der Dienerschaft als müsse dieses so sein zugebracht worden So
hatten ihre Gemächer bald das Ansehen einer schönen Insel inmitten eines wüsten
Meeres von Unsinn
    Von dem Getöse welches unsrem Freunde so beschwerlich fiel schien sie
nichts zu vernehmen Als ihr Hermann seine Bewunderung über dieses gleichmütige
Erdulden aussprach erwiderte sie »Ich habe mir vorgenommen nicht danach
hinzuhören und so gelingt es mir auch Man sagt dass die Bewohner einer Mühle
sich an deren Klappern gewöhnen können dass sie sogar aus dem Schlummer
erwachen wenn die lärmenden Räder gehemmt werden und die hiesigen Töne sind
doch noch nicht so laut und schlimm als Mühlengeräusch«
    Trat sie aus ihren Zimmern so verwandelte sich vor ihrer Erscheinung alles
was der Verwandlung fähig war Die jungen Leute ließ von den Albernheiten ab
nahten ihr bescheiden und waren auf eine Zeitlang anständig und gesittet Die
Diener und Mägde welche sich in dieser aufgelösten Wirtschaft ein gemeines
lautes Wesen angenommen hatten gingen still mit niedergeschlagnen Augen ihre
Wege und widersprachen wie sie sonst pflegten den erteilten Befehlen nicht
Flämmchen endlich trocknete Tränen welche ein ihr ewig Versagtes beweinten
    Zum zweiten Male in kurzer Zeit erblickte Hermann die Wirkungen der
Weiblichkeit über eine rohe Welt Wie Kornelie dort über die Hirten so
herrschte hier Johanna über die Barbaren welche die Verfeinerung unsrer Zeiten
wieder erzeugt hat Auch sie wusste wie Kornelie nichts von ihrer Macht Sie
ordnete selbst kleine gemeinschaftliche Vergnügungen an nahm an Spazierfahrten
und Wasserpartien teil und schien sich einfach und natürlich zu dieser
Gesellschaft zu rechnen von welcher sie ein unermesslicher Abstand trennte
    Das ist die heilige Gewalt der Frauen welche sie zu Priesterinnen
Heerführerinnen und Königinnen kraftvoll aufstrebender Völker macht und der
sich zu keiner Zeit jemand ohne seinen Schaden entzieht
 
                              Vierzehntes Kapitel
Flöten Geigen und Bässe ertönten im Ballsaale welchen Flämmchen so hell hatte
beleuchten lassen dass der Glanz den Augen fast empfindlich ward Eine
zahlreiche Gesellschaft war versammelt deren Kommen die Vorhersagung des wilden
Kindes bestätigte Man war nur stark genug gewesen früheren geschriebnen
Einladungen zu widerstehn sobald die mutwillige Festgeberin sich in Person
zeigte und einige schmeichelnde Worte verwendete schwanden die Bedenken alle
Väter und Mütter sagten sich und ihre Töchter zu vielleicht zum Teil auch aus
Neugier die berühmte unglückliche Frau kennenzulernen deren Anwesenheit auf
dem Landhause schnell in der Nachbarschaft kund geworden war
    Johanna hatte von Hermann ausdrücklich verlangt dass er am Feste teilnehmen
solle Auch sie erschien geschmückt und strahlend und versagte sich den
ruhigeren Tänzen nicht Als Hermann sie in der Polonaise führte flüsterte sie
ihm zu »Alles in diesem Landhause ist zu ertragen nur die empfindsame
Zudringlichkeit des Kurators nicht Er hat mich mit seinen Anträgen mir helfen
und beistehn zu wollen diese Tage her sehr gepeinigt wenn er mir nur heute
fernbleibt«
    Wirklich hatte Hermann bemerkt dass der Kurator Johannen sobald sie sich
öffentlich zeigte nicht aus den Augen ließ und allen ihren Schritten folgte
Flämmchen schien bei ihm außer Gunst gekommen zu sein
    Auch an diesem Abende zeigte sich die Beeifrung des Verehrers Er nahm
während einer Pause des Tanzes Hermann beiseite und sagte »Welche Erscheinung
Wie wert dass man sich der Frau annehme O Freund lassen Sie uns für die
Herrliche sorgen stehen wir nicht ab bis wir sie vermögen in ihre
Verhältnisse zurückzukehren Ganz gewiss beruht Medons Schicksal auf einem
Irrtume bald wird er seine Freiheit wiedererlangen welche Schmach dann für die
Gattin den Gatten zur Zeit der Not verlassen zu haben Nein helfen Sie mir
eine gestörte Ehe herzustellen leiten wir die verirrte Frau in die Arme des
Mannes zurück«
    »Ich dächte man überliesse den Personen gegen welche man Verehrung fühlt
selbst ihr Los zu bestimmen« sagte Hermann mit Empfindlichkeit Der Gedanke
Johannen und Medon wieder beisammen zu wissen den der Kurator in ihm angeregt
hatte war ihm äußerst unangenehm Dieser machte sich an Johannen und es
verdross Hermann dass sie ihm freundlicher als er es wünschte und wollte zu
begegnen schien Er trank mehr Wein als er sonst pflegte und suchte seine
Aufregung in raschen Walzern mit munteren schönen Mädchen zu vergessen
    Mitternacht war vorüber Er setzte sich in ein Nebenzimmer und sah in die
Nacht hinaus Das ganze Gefühl seiner ersten Jugend welches er immer gegen das
Ende von Bällen gehabt kam über ihn Wie die Töne des Tanzes gegen die große
stille Nacht draußen in buntem Gewimmel ankämpften und doch ihren Tod schon in
sich trugen so erschien ihm das ganze Dasein im kurzen schönen Kriege gegen das
Unendliche Farben und Formlose befangen
    Johanna hatte sich zurückgezogen Er machte sich Vorwürfe auch nur in
Gedanken ihr gezürnt zu haben Morgen musste der Bote vom Schloss des Herzogs
zurückkehren wie nahe stand die traurige Trennung bevor Sehnsucht und tiefe
unbezwingliche Liebe trieben ihn zur Türe ihres Zimmers
    »Kann ich Sie noch sprechen Johanna« flüsterte er Sie öffnete und sagte
»Welch ein später Besuch Was führt Sie zu mir«
    »Schmerz Wehmut Johanna Wir gehen morgen auseinander und wann sehen wir
uns wieder Tief verbergen Sie Ihre Leiden und gönnen dem Freunde nicht den
Trost sie mit Ihnen teilen zu dürfen«
    Sie reichte ihm die Hand und sagte »Keiner soll mir helfen wenn ich der
Hilfe bedarf als Sie In aller Not und Trauer will ich ewig nach Ihnen schauen
Wir sind verbunden was kann uns scheiden Rollt die Liebe auf den Rädern des
Wagens davon«
    Er hielt ihre Hand fest und fragte leise »Lieben Sie mich Johanna«
    »Von Herzen« versetzte sie »Soll denn nur das Blut und immer nur das Blut
Geschwister schaffen Darf nie das Gemüt in freier schöner Wahl das reinste Band
knüpfen Nein ich werde den Glauben nicht aufgeben dass solche Neigungen
möglich sind Vom ersten Augenblicke da ich Sie sah sind Sie mir wie ein
Bruder erschienen lassen Sie mich Ihre Schwester bedeuten Und zum Angedenken
dieser Stunde und meines Bekenntnisses empfangen Sie das beste was eine Frau
darbieten kann«
    Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und die schönen unentweihten Lippen
berührten die seinigen Sanft sich emporrichtend sagte sie »Wer würde das
sehend nicht rufen es sei Leidenschaft Frevel Und doch wie fern bin ich von
allem ungestümen Wesen Wie ruhig könnte ich Sie in den Armen einer andern sehen
So wenig reichen unsre Begriffe an die Geheimnisse des Herzens«
    Zitternd sprachlos ging er durch die erleuchteten Gänge Noch klang die
Musik in rauschenden Weisen Wie hätte er zu schlummern vermocht Über alles
Hoffen hinaus war ihm sein Leben erhöht An seiner Brust hatte die Königliche
geruht er erlag fast unter der Bürde eines fremden unbegreiflichen Glücks
    Ohne Absicht klinkte er an einer Türe Sie tat sich auf und da er in dem
dunkeln Raume an eine Tapete rührte so sah er sich da dieselbe gewichen war
unverhofft in dem großen blauen Zimmer welches er schon kannte und zu dem
dieser zweite verborgne Eingang führte
    Die Alte saß auf einem bunten Teppich am Fußboden und hatte zwei Flaschen
neben sich stehen Aus einer füllte sie sich ein großes Kelchglas bei Hermanns
Eintreten und leerte es auf einen Zug aus »Das ist schön« rief sie »dass Ihr
mich besucht Ich liebe den Lärmen nicht und habe mich hieher in die blaue
Ewigkeit zurückgezogen um meinen Genuss in der Stille zu finden aber die
Gesellschaft eines Mannes wir Ihr seid soll mir ein köstliches Zugemüse zum
Weine sein«
    In seiner Stimmung widerlich durch ihren Anblick gestört wollte er das
Zimmer verlassen Sie trat ihm aber rasch in den Weg und sagte »Nein mein
Herr so kommt Ihr nicht fort Ist es recht undankbar gegen gute Gesinnungen zu
sein Nicht wahr Ihr habt Euch heute so hoch erhoben im Fluge mit dem
Paradiesvogel dass Ihr das was unter Euch zappelt gar nicht mehr wahrnehmt
Nun nur Geduld auch wir sinnen auf Euer Vergnügen wir wissen nur noch nicht
wie es auszuführen«
    Ihre Augen funkelten ihre Lippen lallten sie glich einer Hexe Hermann
welcher den Zustand sah in den sie der Genuss des Weins versetzt hatte tat
sich um einen verdrießlichen Auftritt zu meiden Zwang an und sagte »Ich kann
recht gern bei dir verweilen wenn dir das einen Gefallen erzeigt«
    »So sprecht Ihr vernünftig« erwiderte die Alte trug den Teppich zur
Schwelle der Türe und setzte sich dort nieder ihm den Ausgang versperrend
    »Es gibt gar kein größeres Unglück« sagte sie indem sie fortfuhr zu
trinken »als eine Wissenschaft mit sich umherzuschleppen die dann im Grabe mit
einem verfault Dem Arzte sagte ich sie der wollte sie nicht glauben und lachte
mich aus danach verlor ich das Zutraun und erst Ihr habt es wieder in mir
erweckt Warum weiß ich selbst nicht Ihr scheltet mich aus und macht Euch aus
dem Flämmchen nichts eigentlich müsste ich Euch hassen aber ich tue es nicht
der Teufel muss mir die Freundschaft für Euch angetan haben«
    »Was soll das Was hast du mir zu entdecken« fragte Hermann verwirrt
    »Die Heimlichkeiten der Bahre« kreischte die Alte und leerte das
Kelchglas »Geniesse das Leben junges Blut stampfe die Erde im Tanze schlürfe
das Öl und Feuer der Traube bette dich auf den Hüften des Mädchens denn wenn
du im Sarge dich streckst so wird es anders greulich und fürchterlich Die
einen sagen es sei aus mit dem letzten Hauche das ist nicht wahr die andern
glauben frei und ledig fliege die Seele auf vom Kote zum Himmel das ist auch
nicht wahr die einen lügen wie die andern ich weiß es besser Leben und Tod
sind nicht geschieden wie Schwarz und Weiß ein entsetzliches Grau steht
dazwischen die Verwesung Da fühlt sich das modernde Fleisch noch als Fleisch
da möchte das Blut das in Klumpen und Wasser auseinanderrannte noch
beisammenbleiben und vermag es nicht da brennt in schaudervollem Schmerze das
Auge dem die Säfte vertrocknen O welches Wort nennte diese Pein Welcher
Jammer reichte an solche Verwüstung Warum soll ich allein diese Furcht tragen
an welcher das Menschengeschlecht umkäme wenn sie die Wahrheit erführen Einer
wenigstens muss mit mir zittern und beben und der eine sei du«
    »Wahnwitzige schweige« rief Hermann dem bei diesen Reden das Zimmer sich
umdrehte
    »Wahnwitzig  Ich bin die Prophetin du höre mir zu Ich weiß es denn ich
habe es erfahren Schon hatten sie mich ins Leichentuch gelegt die Kerzen
brannten zu meinem Haupte die schwarzen Männer wurden bestellt und ich konnte
mich nicht regen und rühren Alles begann in meinem Leibe vorzugehn
buchstäblich wie ich es Euch gemeldet und die Würmer rüsteten ihre Zähne zum
Nagen Ich war nicht lebendig und ich war nicht tot ich war zwischen beiden So
wäre es dann fortgegangen Schritt vor Schritt bis dahin wo die arme in eins
gefügte Kreatur zerrissen zersplissen in der Luft stürmet und weht als Erde
friert klebt und starrt auf den feurigen Zungen der Flammen hüpft und lodert
und immer noch von sich weiß und wieder zu sich kommen möchte aber nicht kann
Hast du das klägliche Ächzen nicht gehört in der Natur? Es ist der Hülferuf der
verwesten Seelen die so umherflattern Und mit andern Worten haben das die
Priester schon gesagt wenn sie vom Fegfeuer sprachen Mich aber gelüstete nicht
nach diesem in der letzten Angst rief ich den Starken zum Beistande und der
erhörte mich Er fachte das Lebenslicht in mir an dass es Herr wurde über das
Elend und die faulen Düfte da konnte ich die Finger regen und bald darauf die
Hand Die Leute sahen es sprengten mir flüssige Geister in das Antlitz und
sagten danach Diese ist von den Toten erstanden»
    Sie strich ihre schwarzen Haare und hing sie sich wie Schlangen um das
Haupt »Sage mir wer bist du Unheimliche und woher stammst du« fragte
Hermann dem die wilden Reden durch Mark und Bein dröhnten
    »Ich bin eine Nonne aus Spanien« versetzte die Alte gierig trinkend »Ich
betete öfter als die andern alle zur Jungfrau Maria und den Heiligen war über
die Massen fromm Keine Übung konnte mir streng genug sein die erste war ich auf
und die letzte von dem Chore Sie nannten mich die Begnadigte und ich stand in
hohen Ehren weit und breit umher Da brach der Krieg herein unser Kloster wurde
von den fremden Scharen erstürmt Durch Rauch und Flammen bei dem Zetergeschrei
der Schwestern welche mit zerrissnem Schleier die Gänge hinabirrten drang der
schöne Pole zu mir ergriff mich und schleppte mich in die Kirche Dort auf dem
Altare unter dem Bilde derer welche wir die Mutter Gottes hießen bezwang er
mich ungerührt von meinem Weinen und Flehen Ich schickte die jammervollsten
Bitten in den Schmerzen der Wollust empor zu dem Bilde mir zu helfen und
meinen himmlischen Brautkranz zu schützen aber es war umsonst und ich lag da
vernichtet und mir selbst ein Ekel Da erkannte ich dass die Heiligen von Holz
seien und der Himmel ein Rauch und verfluchte Gott noch an der nämlichen
Stätte Folgte nach diesem dem Polen und lebte mit ihm in verschiedenen Landen
in großer brünstiger Herrlichkeit Das Kind aber so ich von ihm empfangen trug
ich aus in der Verachtung Gottes immer in mich hineinsprechend Wachse du
Frucht meines Schosses ohne ihn der da ist das uralte Nichts Und da es zur Welt
kam hatte es sich nicht wie die andern Kinder welche weinen wenn sie geboren
werden nein es hat gelacht und der Wehmutter ein Gesicht geschnitten als sie
es in ihren Händen auffing
    Aber ich war unselig ohne Gott denn der Mensch muss einen Herrn haben Wie
ich diesen gefunden in den Ketten der Zerstörung sagte ich schon Er der
Starke Dunkle ist mein König und Gebieter worden der mich in alle Wege
leitet Ihr seht mich zweifelnd an und schüttelt das Haupt weil ich im Walde
vom Kreuz zu Euch gesprochen und von Himmel und Hölle weil ich mich nach wie
vor eine gute Christin nenne Das ist eben seine Güte und Großmut er erlaubt es
uns damit uns die Menschen nicht steinigen er rät uns selbst die Larve zu
tragen und ist zufrieden mit unsres Herzens stillem verschwiegnem Dienste Und
ich sage Euch es gibt mehrere dieser Art außer mir Aber horch ich höre das
Flämmchen sie soll uns den Tod und die Auferstehung tanzen«
    Die Alte richtete sich auf wankte in eine Ecke kniete dort nieder stemmte
die Arme in die Seite und hob an ein Lied zu singen welches Hermann der
sobald die Türe frei geworden war hatte entfliehn wollen mit magischer Gewalt
zurückhielt Bei seinen Tönen trat Flämmchen ein im vollen üppigen Putze
schritt ohne selbst Hermanns zu achten wie gefesselt und bezwungen auf die
Alte zu senkte vor ihr das Haupt und bewegte sich dann nach dem Takte der
Melodie rund im Kreise um ihn
    Die Worte des Liedes waren wieder aus der fremden Sprache welche Hermann
nicht verstand aber Melodie und Ausdruck gaben den klaren Sinn Tief und
wehmutsvoll klangen die ersten Strophen ein Schmerz der keine Grenzen und
keinen Namen hat zitterte in ihnen aber gehalten und bewusst Auf einmal fielen
in einem ganz wunderbaren raschen Tempo wirbelnde schneidende Töne ein und
zuletzt sprudelte daraus ein Gewimmel von Lauten hervor als wollten Rhythmus
Worte Musik einander aufheben und vernichten ohne dass gleichwohl die
dämonische Harmonie in diesem Aufruhre aller Takt  und Tongesetze unterging
    Angemessen dem Liede waren die Tanzbewegungen Flämmchens Das Haupt gesenkt
die Arme schlaff am Leibe niederhangend den Leib matt in den Hüften wiegend
setzte sie die kleinen wie durch Starrsucht gefesselten Schritte lieblich
immer aber träge in die Runde Es war mehr ein Schleichen als ein Gehen die
Augen hielt sie halbgeschlossen die Lippen waren wie von Erschöpfung geöffnet
So gab sie das Bild einer sterbenden Magdalena an deren süßen Fleische schon
der grimmige Freudenhasser nagt Bald ging dieses Schleichen in ein völliges
Stocken über kaum merklich waren noch die Bewegungen sie erstarrte endlich
sich auf die Knie niederlassend zu einer Gestalt von Stein durch deren Adern
und Fibern es nur noch wie ein unseliges Rieseln und Wirbeln lief Der Anblick
dieses schönen Mädchenkörpers seiner leisen zuckenden Regungen war
unbeschreiblich rührend die Augen tat sie auf und warf auf Hermann einen
erloschnen Blick vor dem er gleichwohl die seinigen senken musste Denn es rief
aus demselben wie mit schluchzendem Munde »Erlöse mich o du mein Geliebter
aus den Krallen der zerwühlenden Elemente« So blieb sie einige Sekunden haften
dann aber warfen die raschen schneidenden Strophen der Alten den Aufruhr auch in
ihre Glieder Sie erhob die Arme sie richtete sich auf ihre Füße vorwärts und
rückwärts flog der Leib von den geschwungnen Schenkeln bewegt immer wilder
zerbrochner wurde dieser rasende Tanz die Glieder schienen sich voneinander zu
lösen und dahin und dorthin zu zerflattern endlich schwebte das lemurische
Gebilde hauchartig in den Lüften denn kaum den Fußboden noch berührten die
Spitzen der Zehen Die Kreise hatte das tanzende Schattenähnliche aufgegeben in
einer geraden Linie schwebte es gegen den Sarkophag in der Nische von welcher
die Alte den Vorhang hinweggezogen hatte und zitterte dann mit ängstlichem
Wenden von seinem Mumieninhalte zurück Nachdem dieses Hinan  und
Zurückschweben einige Male stattgefunden hatte verklang das Lied der Alten
    Welches Ende das geisterhafte Schauspiel genommen hat Hermann nie erzählen
können Er hatte als er das gespenstische Schweben eine Zeitlang angeschaut
vor dem verwirrenden Anblicke die Augen geschlossen und sich mit abgekehrtem
Gesichte wider die Wand gelehnt Da er sich umwendete war er allein
    Noch immer rauschten die Weisen des Balls fort noch immer hüpften unfern
fröhliche Menschen und hier waren ihm Offenbarungen des Grabes geworden Die
Menschen welche Zauberstätten betreten deren Augen und Ohren in das Wesen und
Weben solcher Orte verstrickt werden büßen Sinn und Willen ein die
überwältigte Seele lebt Jahre in Augenblicken das Fernste Unglaublichste tritt
ihr als Wahrheit nahe die Wirklichkeit hat keine Macht mehr auf sie In solcher
Verfassung war Hermann Seinen durch Tanz und Wein aufgeregten Geist hatten im
Verlauf einer Stunde die fremdesten Gegensätze berührt Das edelste Menschliche
hatte ihm in tiefster Brust mit Liebesarmen geschmeichelt höllischer Spuk war
dieser Seligkeit in aller Pracht des Abgrunds gefolgt In den Haushalt der Engel
und in den der Teufel hatte sein erblindendes Auge schauen müssen leider fehlte
ihm die Festigkeit des Dante welcher einst die Last solcher Gesichte unverzagt
zu ertragen wusste
    Ohne zu wissen was er tat hob er jetzt selbst den Deckel des Sarkophages
ab und starrte gedankenlos die trocknen Züge der Mumie an Eine Weile hatte er
so gestanden als durch die Türe die nach dem Naturalienkabinette führte der
Kurator eintrat »Ich bringe eine gute Neuigkeit« sagte dieser »Johanna
verlangt noch nach Ihnen zu so später oder so früher Stunde denn es geht auf
zwei Uhr kann diese Bestellung nur das Beste bedeuten Gewiss ist in ihr der
einzige richtige Entschluss den sie fassen konnte aufgekeimt und Sie sollen
ihr denselben ausführen helfen Gehen Sie schnell zu ihr«
    Hermann ging Draußen auf dem Gange verließ ihn jener Der Ball hatte
aufgehört unten fuhren die Wagen ab Die Alte sah er umhertaumeln und auf den
Vorsälen die Lichter und Lampen auslöschen Als er bei ihr vorbeiging lachte
sie ihn an und rief »Ihr schleicht noch zu Eurem hohen Lieb Nun eine
glückselige Nacht«
    Er öffnete sacht Johannas Zimmer Es war dunkel der Duft süßen Räucherwerks
floss ihm entgegen Er meinte sich geirrt zu haben trat einen Augenblick auf
den Gang zurück und sah die Türe an Aber das war seine das war Johannas Türe
Er tastete im Zimmer nach einem Stuhle setzt sich auf denselben und wollte
erwarten dass seine Freundin mit Licht komme
    Da hörte er leise die Vorhänge des Betts rauschen Was er noch von Besinnung
gehabt hatte schwand Er wankte der Gegend zu von welcher das Rauschen
vernommen worden war »Johanna« fragte er glühend bebend »Ja« antwortete es
kaum hörbar unter innigem Weinen Ein Busen und Leib dessen Berührung die Glut
des Fiebers in ihm entzündete drängte sich aus den Kissen ihm entgegen Weiche
Arme umschlangen ihn er sank auf das Lager welches ihn erwartete und die
Wogen des höchsten Genusses schlugen über ihm zusammen
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Man hat den Maler gelobt welcher die Grenzen seiner Kunst erwägend auf dem
»Opfer der Iphigenia« dem Vater Agamemnon das Haupt verhüllte Zu diesem oft
angeführten Beispiele müssen auch wir unsre Zuflucht nehmen wenn wir bekennen
dass unsre Feder die Empfindungen nicht schildern mag welche Hermanns Brust
zerrissen als der Tag in sein Gemach schien Es gibt ein Bewusstsein von
welchem kein menschliches Wort das Genügende aussagen kann Ach und dennoch
sind die Dinge möglich die so wütende Schmerzen in uns hervorrufen und werden
uns Armen auferlegt
    Im tiefsten Dunkel war er nach seinem Lager zurückgekehrt Aus
unerquicklichem Schlummer mit dem Morgenrote emporfahrend wollte er sich
überreden das Erlebte sei nur ein lasterhafter Traum gewesen Aber da brannten
und schmerzten seine wunden Lippen noch von wilden Küssen da fehlte seinem
Finger der goldne Ring den er zu tragen pflegte und der ihm unter reizenden
Liebesspielen entschmeichelt und abgestreift worden war
    Er war unglücklich ganz unglücklich Ein Heiligtum war geschändet ein
Götterbild von seinem hohen Stande schmählich in den Kot gestürzt worden Er
ging in den Garten die Bäume schienen ihm falbe Asche statt des Laubes auf
ihren Zweigen zu tragen Luft und Sonne waren ihm zuwider In die Laube worin
er sich niedergesetzt flog ein Vögelchen und sah ihn unschuldig  neugierig an
»Willst du meiner spotten« rief er und schlug nach dem Tiere
    Im Garten wie im Hause war alles still Die jungen Leute die Diener
verschliefen ihre Anstrengungen Flämmchen war nicht zu sehen
    Die Alte kam ein dampfendes Getränk auf silbernem Teller tragend und sagte
feierlich  höhnisch »Ich bringe Euch Stärkung Ihr muntrer Ritter Seht Ihr
wohl Nun habt Ihr doch getan was der Starke Dunkle mir versprochen hatte Ihr
lagt so recht der Tugend im Schoße nicht wahr«
    »Fort du Scheussliche« rief Hermann und schleuderte heftig die Alte
zurück dass die Tasse auf den Boden fiel und das Getränk verschüttet wurde »Ei
behüte und bewahre lasst nur meine Knochen ganz« murrte sie und schlich davon
    Ein Reiter sprengte an das Gittertor in welchem Hermann den nach dem
Schloss des Herzogs gesendeten Boten erkannte Er zog einen paketartigen Brief
aus der Tasche und sagte »Ich bringe Antwort«  »Gebt sie an die gnädige Frau
ab« versetzte Hermann
    Er zitterte Johannen zu sehen Er schauderte vor dem Gedanken ihr Zimmer zu
betreten auf dessen Schwelle sich die Erinnerungen der Nacht mit
Furienantlitzen lagerten Die Vernichtung wäre ihm willkommen gewesen
    Ein Knabe kam und sagte »Sie werden im Birkenholze erwartet« Bewusstlos
schwankte er hin Johanna trat ihm dort entgegen und rief »Ich selbst in
schlimmer Lage soll noch andern helfen Medon seiner Haft entwichen ist hier
in unsrer Nähe spricht mich um Rat an Sie ließ ich holen um Schutz und
Beistand bei diesem unseligen Wiedersehen zu haben da ich doch schwächer bin
als ich meinte«
    Eine Gestalt im Mantel näherte sich schlug die Verhüllung zurück und Medons
bleiches verwildertes Antlitz wurde sichtbar Er stürzte vor Johannen nieder
»Vergeben Sie mir alles was ich an Ihnen getan« war sein erstes Wort
    »Stehen Sie auf Medon« versetzte Johanna »Sie sind unglücklich wie
vermöchte ich Ihnen zu zürnen Wir Frauen haben die Eigenheit selbst unsre
Irrtümer zu lieben in diesem Worte werden Sie eine Beruhigung über mich und
mein Gefühl für Sie jetzt und künftig finden Es war ein Irrtum dass ich Sie
liebte aber ich habe Sie geliebt vor dieser Wahrheit zerschmilzt alles Bittre
und Zürnende«
    Der Unglückliche brach in ein unendliches Weinen aus »Ist keine Hoffnung
dass wir uns je wiedersehen« fragte er leise
    »Keine« versetzte sie »Ich habe abgeschlossen mit Ihnen und mir Ich
könnte noch für Sie dulden und leiden aber nicht mehr mit Ihnen leben«
    »So höre denn dass in diesem Augenblicke der mich auf ewig von dir
scheidet mein Herz sich für ewig an dich knüpft« rief Medon mit aller Glut der
heftigsten Leidenschaft »Ja nun da ich dich einbüsse sehe ich was ich
verscherzt habe Diese Anmut und Hoheit konnte mein sein und ich Sinnloser warf
sie hin um Nichtiges«
    »Enden wir« sagte Johanna »auch mich verlässt die Kraft Gehen Sie aus
Europa meine Briefe welche ich Ihnen nach Ihrem verborgenen Aufenthalte senden
werde öffnen Ihnen durch Freunde die Mittel und die Wege Hier nehmen Sie die
Hälfte dessen was ich besitze Sie dürfen nicht Mangel leiden Und nun gehen
Sie dass Sie kein Späher ausforscht Fassen Sie sich Die Verzweiflung ist für
schwache Seelen«
    Er bedeckte ihre Hand mit inbrünstigen Küssen dann verschwand er zwischen
den Bäumen Johanna wandte sich zu Hermann und sagte zu ihm mit der himmlischen
Ruhe und Klarheit welche ihre Worte an Medon durchleuchtet hatte »Auch wir
scheiden Die Herzogin schreibt mir dass sie bei ihrem Anerbieten mich wieder
aufnehmen zu wollen beharre Mein Wagen ist bestellt Dieses Paket sendet sie
für Sie Leben Sie wohl Ich fühle keine Reue dass sich mein Wesen Ihnen in
schrankenloser Zärtlichkeit ergab Vielleicht löset das Leben gewiss der Tod
dieses schöne Rätsel des Gemüts die selige Nacht in der es aufblühte gehört
uns beiden zu unveräusserlichem Eigentume«
    Hermann war unvermögend zu antworten Er sank auf eine Steinbank als sie
ging Die Welt wankte vor seinem Geiste in ihren Grundfesten »Erhalte mir das
Licht im Haupte du heilige Macht da droben« rief er und rang die Hände
»Diese war Johanna die Reine die Unbefleckte Sie lächelte und redete auch
noch ganz so wie mein lieber hoher Engel von ehedem«
    Er erbrach das Paket Die der Herzogin einst anvertraute Brieftasche das
geheimnisvolle Vermächtnis seines Vaters war in demselben Folgende Zeilen
hatte die Herzogin in französischer Sprache dazu geschrieben
»Mir ist hinterbracht worden welche Unsittlichkeit Sie auf unsrem Schloss sich
erlauben zu dürfen meinten In dem durch Ihr Verhalten mir aufgeregten Gefühle
bin ich ausserstande länger was Ihnen gehört zu bewahren und entlaste mich
durch die Rücksendung der bisher geübten Pflicht«
»Recht so« rief Hermann und lachte ingrimmig »Unsre Sünden werden uns zu
Tugenden und um das Unschuldige verwerfen uns die Menschen Es ist nur eine
kleine Zugabe zu großem Elend Venus Urania ist bei Nacht nichts als die Hetäre
Kallipygos aber wenn die Sonne wieder scheint stellt sich die Göttin in Worten
und Mienen unverletzt her Schein und Schaum die Welt und die Wahrheit oder
umgekehrt Schein und Schaum das allein Wahre Nun wäre ich ja wohl auf dieser
hohen Schule der Folterkünste aus welchen böse Geister das Leben wirken
genugsam vorbereitet zu erfahren was die Lippen meines alten Vaters mit in das
Grab genommen haben«
    Er öffnete das Portefeuille und las den Inhalt
                                       
Wenn es erlaubt ist bei einem Werke des Orts und der Stunde welche ihm das
Dasein gaben zu gedenken so sei dem Verfasser gegönnt ein solches Taufzeugnis
hier niederzuschreiben Wunderbar übereinstimmend war der Boden aller
Verhältnisse auf welchem das gegenwärtige Buch dieser Denkwürdigkeiten wuchs
mit dem Inhalte desselben Denn seltsame Ereignisse mussten beschrieben die
unvereinbarsten Gegensätze in den Schicksalen der Personen welche uns
beschäftigen dargelegt werden Und heimatlos war der Verfasser zu der Zeit
zwischen zwei Städten flüchtig hin und her geschleudert in ein labyrintisches
Geschäft mit Menschen und Dingen verstrickt an welchen selbst die Götter ihre
Meister finden könnten Was Wunder dass diese grause Harmonie der
Äußerlichkeiten und Stimmungen mit seiner Aufgabe ihn oft fürchten machte
letztere werde ungelöst in jenen Knäuel der Umgebung sich verlieren
    Da tat ihm ein ehrwürdiger geistlicher Freund die stille Arbeitszelle in
dem aufgehobnen Kloster hinter ruhig  säuselnden Bäumen und friedlich  dunkeln
Bachwellen auf Für diese Freistatt sei dem guten Abte Beda der Dank auch hier
bezeugt dessen ihn mein Mund schon oft versichert hat Der Liebesdienst wurde
zur rechten Zeit erwiesen und war daher wie alles was zur rechten Zeit kommt
ein unschätzbarer
 
                                  Achtes Buch
                       Korrespondenz mit dem Arzte  1835
  Between the acting of a dreadful ting
 And the first motion all the interim is
 Like a phantasma or a hideous dream
                                                        Brutus in »Julius Cäsar«
                         I Der Herausgeber an den Arzt
Sie erinnern sich vielleicht kaum noch unsrer Zusammenkunft in  wo ich Sie
inmitten der damals Ihnen kurz zuvor untergebnen Anstalten und im Feuer einer
frischen mannigfaltig wirkenden Tätigkeit traf Der Umfang dieser Geschäfte
welche Ihnen neu waren der Lebensatem den die große Stadt dem
wissenschaftlichen Manne zuhauchte und dessen Macht sich noch nicht durch
Gewöhnung abgeschwächt hatte mochte in Ihnen eine erhöhte Stimmung
hervorgerufen haben Unsre Unterhaltung war die inhaltreichste Mit schlagenden
Worten gaben Sie mir in der Kürze den deutlichsten Begriff von dem Stande Ihrer
Wissenschaft in der Gegenwart
    Ich würde mich wie ich schon andeutete vermutlich sehr irren wenn ich
glauben wollte dass meine Person und Erscheinung in Ihnen einen Eindruck
zurückgelassen hätte nur von fern demjenigen gleichkommend welchen ich mit mir
fortnehmen durfte Es ist mir so angeboren bedeutenden Menschen gegenüber mich
still zu verhalten da ich es für einen größeren Vorteil erachte ihnen
zuzuhören als mich selbst vorzutragen
    Dennoch wage ich als seien wir einander Freunde und Vertraute geworden Sie
um eine Gefälligkeit anzusprechen und zwar um eine große Es gibt Dienste
welche so sehr in einem allgemeinen Interesse erbeten werden dürfen dass deren
Leistung auch gegen den ganz Fremden vielleicht kaum mit Recht zu versagen ist
    Lassen Sie mich Ihnen bekennen dass mich nicht der Anteil an Ihrem
Institute und nicht Ihr öffentlicher Ruf mich zu Ihnen trieb sondern dass ich
aus einem mehr persönlichen Beweggrunde kam Nahe hatten Sie einem Teile der
Personen aus den höchsten Ständen und der mittleren Schicht der Gesellschaft
gestanden deren Schicksale sich eine Zeitlang auf eigne Weise berührten und
durchkreuzten Sie waren in der Verkettung der Leidenschaften und Umstände durch
Rat und Tat in Liebe und Widerwillen selbst handelnd gewesen
    Durch Zufall auf die Betrachtung jener aristokratisch  bürgerlichen
politisch  sentimentalen Haus  und Herzensereignisse geführt durch Neigung
bei der Betrachtung festgehalten wünschte ich den Mann kennenzulernen welcher
in diesen Dingen  verzeihen Sie mir den Ausdruck  hin und wieder den
Mephistopheles gespielt hatte
    Nun war aber Ihre Erscheinung ganz verschieden von meinen Gedanken Ich
bemerkte nach den ersten Reden welche wir wechselten dass Ihre Seele eine
philosophisch  religiöse Färbung erhalten hatte die zu meinem Bilde von Ihnen
nicht passte Überrascht durch diese Entdeckung vermochte ich daher auch nicht
das Gespräch auf jene Begebenheiten zu lenken die mich so sehr beschäftigten
und es entspann sich die Unterredung allgemeinen Inhalts welche so anziehend
sie auch für mich war dennoch meinen Wünschen widerstritt
    Denn zwölf Jahre bin ich den Lebensvorfällen der Menschen welche wie wir
alle als duldende Epigonen den von einer früheren Zeit uns hinterlassnen Kelch
auskosten mussten aufmerksam gefolgt ich habe niedergeschrieben was ich von
ihnen erkundete und mich bestrebt die verborgenen Fäden nach den bekannten
Tatsachen ergänzend darzulegen Wie weit mir dieses Werk gelungen vermag ich
zwar nicht zu entscheiden gewiss aber ist es dass die Bücher dieser Geschichten
teils im Plane bedacht teils in der Anlage entworfen und teils in der
Ausführung vollendet einen großen Abschnitt meines eignen Lebens hindurch mir
unausgesetzt  treue Begleiter waren
    Jetzt sind die Entwicklungen nach tiefem Dunkel tröstlich erfolgt Fröhliche
Kinder umspielen die Knie derer welche einst unrettbar verzweifeln zu müssen
schienen leidende Seelen haben sich in edler Tätigkeit erholt nur die starren
eigentlich schon im Leben toten Naturen nur einige lieblichwilde Auswürflinge
geheimer Sünde oder gottschändender Vermischung umhüllt das Schweigen des
Gewölbes oder deckt die grüne Erde welche alles zuletzt mütterlich verhüllt
    Aber eine düstere Zwischenzeit trat diesen heitern Ausgängen vor Am Schluße
meines Werks fühle ich mich unfähig jenen wesentlichen Teil desselben zu
liefern Alles war damals verdeckt entweder von den Vorhängen des
Krankenbettes oder von dem Siegel der Beichte oder von der Scham der sich
selbst zerwühlenden Brust Die Geretteten bewahren ihre Erinnerungen zu
heilsamer Scheue vor den Ungeheuern welche unser Dasein umlagern aber sie
reden nicht davon sie entziehn sich der Mitteilung über diese Gemüts  und
Geistesnächte wenigstens gegen mich
    Das neunte und letzte Buch das Buch der Entwicklungen ist geschrieben und
ich würde allenfalls auch das achte zusammenphantasieren können Aber etwas
Halbrichtiges würde mir selbst am wenigsten genügen Gerade für diese
Zwischenzeit wäre mir diplomatische Treue höchst erwünscht Ich habe oft die
Feder schon angesetzt aber sie unwillig immer wieder weggelegt
    So müssten die »Epigonen« vielleicht ein im Wichtigsten verstümmeltes
Bruchstück bleiben wenn Sie mein Herr sich nicht helfend in das Mittel
schlagen wollen Sie waren in jener Zeit den Leidenden nahe es ist unmöglich
dass Ihnen verborgen blieb was mir zu entziffern nicht gelingen will Ich weiß
nicht ob ich recht tue es gibt vielleicht eine Leidenschaft für die Wahrheit
die wir gleich den andern bezwingen sollten Wenn dem so ist so kann ich
wenigstens ihrer nicht Meister werden und ich bitte ja ich beschwöre Sie
meinem Drange nachzugeben mir Ihre Kunde von dem Verlaufe der beiden Jahre
welche ich meine und die Sie kennen nicht vorzuentalten
    Schreiben Sie mir was das Gewissen der Herzogin bedrückte welches Unglück
auf der Ehe Johannens gelastet was beide Frauen nervensiech machte welche
Antriebe den Herzog so unvermutet dahin brachten alle seine Güter dem
Widersacher abzutreten
    Mit einem Worte Lösen Sie mich auf einige Zeit in der Autorschaft ab und
übernehmen Sie die Redaktion des vorletzten Buchs es sei in welcher Form Sie
wollen
 
                        II Der Arzt an den Herausgeber
Drei Briefe jeder spätere immer noch dringender als sein Vorgänger liegen auf
meinem Pulte Dass mich Ihr Ansinnen überraschen musste haben Sie selbst wohl
vorausgesehen dass ich mir Zeit nehmen würde Ihnen zu antworten war natürlich
Geschäfte und Pflichten mancher Art haben das Ihrige dazu beigetragen diesen
Brief länger zu verzögern als ich wollte
    Ich soll zum Memoiristen werden ich der Arzt der alle Hände voll zu tun
hat seine Patienten wahrzunehmen die Aufsicht über die Anstalt zu üben
Ministerialberichte zu verfassen Doktoranden und Pharmazeuten zu prüfen Zum
Memoiristen über Personen die mir so nahestehn ja zum Teil über mich selbst
und über eine Zeit an die ich nicht gern zurückdenke Dilettieren soll ich in
einem Fache während ich allenfalls in dem andern mein Zeichen aufweisen kann
Es müsste sonderbar zugehn wenn Sie mich überredeten aber verschwören will ich
es nicht denn der Anblick eines Feldes welches uns versagt worden ist, wie Sie
ihn mir öffnen hat etwas Lockendes und reizt uns wie der Rachen der
Klapperschlange den Vogel anzieht
    Vor allen Dingen ehe ich mich entschliesse muss ich die Bücher in Händen
haben deren Sie erwähnen Mich verlangt zu erfahren wie Sie uns die wir an
keinen Beobachter dachten abzuschildern vermochten und danach will ich sehen
was zu tun ist
 
                           III Derselbe an Denselben
Ihre Hefte haben die sonderbarste Nachwirkung in mir zurückgelassen Soll ich
mich eines Gleichnisses bedienen so möchte ich sagen Die Bienen arbeiten in
ihrem Stocke tragen Honig ein halten in den Zellen ihre kleinen Kriege ab und
meinen das alles für sich in völligster Abgeschiedenheit zu tun Aber der Korb
hat an der Rückseite ein Glasfenster und einen Schieber Diesen öffnet dann und
wann der Lauscher und lugt in das stille Getreibe So haben Sie uns verstohlen
betrachtet freilich mit Vorsicht sonst würden wir die Scheiben zu verkleben
gewusst haben
    Die Tatsachen sind ziemlich richtig soweit dies bei einer Erzählung welche
Rücksichten zu nehmen hatte überhaupt möglich war Die Psychologie ist so so
Hin und wieder ging es wohl anders in uns zu als Sie geahnt haben wenigstens
in mir
    Am wahrsten sind die Figuren welche die Menge vermutlich für Erfindungen
halten wird Die Alte der Domherr Flämmchen Es ist zu loben dass Sie diesen
Blasen der von Grund aus umgerüttelten Zeit nichts hinzugefügt noch ihnen etwas
abgenommen haben
    Sie klagen sich der Leidenschaft für die Wahrheit an Lassen Sie sich denn
die Wahrheit gefallen dass ich mich bei Empfang Ihres ersten Briefs wirklich
Ihrer und unsrer Unterredung nicht erinnerte In meinem Zimmer drängen sich der
Menschen viele Auf mein Fach und wenn ich sonst noch ein Buch zur Hand nehme
auf die Engländer mich beschränkend kannte und kenne ich Ihre Schriften nicht
Es ist besser dass ich als Fremder Ihnen gegenübertrete und dass unsre
Bekanntschaft auf eine solide Art vermittelt wird als dass ich mich gegen Sie
mit faden Komplimenten abfinde die in der Regel nachmals sich auf die eine oder
andre Art bestrafen
    Der Zeitabschnitt in welchen unsre Entwicklungskrankheiten fielen denn so
möchte ich die Geschicke welche uns betrafen nennen war vor vielen geeignet
ein deutsches Sitten und Charakterbild hervorzubringen Es war Friede im Lande
geworden die alten Verhältnisse schienen hergestellt das Neue war auch in
seinen Rechten anerkannt alle Bestrebungen hatten eine feste naive Färbung
während die neuesten Weltereignisse jegliche Richtung an sich selbst irre
gemacht und in das Unsichre getrieben haben
    Die Gefühle und Stimmungen jener Periode  der letzten acht oder neun Jahre
vor der Julirevolution  liegen fast schon als mytische Vergangenheit hinter
uns Der Adel suchte sich mittelalterlich zu restaurieren das Geld glaubte
treuherzig wenn es nur den privilegierten Ständen den Garaus machte so werde
die Welt den harten Talern gehören der Demagogismus wollte studentenhaft die
Festung stürmen die Staatsmänner meinten nach Ideen regieren zu können es gab
Schriftsteller welche mit großer Macht die Einbildungskraft beherrschten ein
Denker stand unter seiner weit sich breitenden Schule und katastrierte den
Geist Was ist von allem dem übriggeblieben Die französische Tronverändrung
hat abermals das Antlitz der Welt verändert und sowenig ich in weichliche
Klagen über dieses Ereignis und seine Folgen auszubrechen geneigt bin so muss
ich doch sagen dass die Jahre welche ihr vorangingen an geistigem Gehalt und
an einer gewissen Dichtigkeit des Daseins die Gegenwart übertrafen
    Man könnte Ihnen also Dank wissen dass Sie es unternommen ein Zeugnis jener
verschwundnen Zeit aufzustellen Aber zwei Fragen möchte ich an Sie richten
    Wenn Sie die Neigung so unwiderstehlich zur Betrachtung der menschlichen
Schicksale treibt warum schreiben Sie nicht lieber Geschichte selbst Da hätten
Sie die volle Traube am Stocke vor sich und könnten uns einen gesunden reinen
Wein zubereiten während Sie in der Sphäre welche Sie wählten notwendig
mischen müssen und also auch nur einen Zwittertrank hervorbringen
    Die zweite Frage ist Was soll das Publikum mit diesen Büchern anfangen Die
Hauptperson wird die Menschen schwerlich interessieren da sie keine »Tendenzen«
hat Und was ist daran wichtig dass ein Bürger mit einem Fürsten über dessen
Güter prozessierte dass wir ein Karoussel veranstalteten dass es in den Häusern
des Mittelstandes noch hin und wieder häuslich herging dass an unsrem Sitze der
Intelligenz allerhand Liebhabereien und Teoriewirtschaften getrieben wurden
    Meine Meinung über den Wert dieser Zustände habe ich oben angedeutet aber
sie ist nicht die Meinung der Menge Sie wird auf solche Geringfügigkeiten
missschätzend herabsehn
NS Auf einige Fehler
                                                      quas aut incuria fudit
                                               Aut humana parum cavit natura 
muss ich Sie doch aufmerksam machen
    Hermann will als Neunjähriger die Einverleibung seiner Vaterstadt Bremen in
das französische Kaiserreich erlebt und als Siebenzehnjähriger in den Donnern
von Lützen gestanden haben Da aber jenes Ereignis im Jahre 1810 stattfand und
die Schlacht von Lützen nur drei Jahre später vorfiel so widerspricht seine
Rede aller Chronologie
    Der Jude aus Hameln der falsche Demagoge behauptet von neununddreissig
Tyrannen verfolgt zu werden was nach der deutschen Verfassung völlig unmöglich
ist
    Der Amtmann vom Falkenstein tritt schon im ersten Teile als Jagdgenosse
Hermanns auf und doch wird im zweiten so getan als ob der Held erst bei dem
Karoussel die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe
    Die Interpunktion und Ortographie steht nicht recht fest
    Es sind mir sogar Grammaticalia aufgestoßen die freilich wohl mehr dem
Abschreiber zur Last fallen denn von Ihnen setze ich voraus dass Sie ihren
Schulkursus durchgemacht haben Ob aber alle Leser und besonders diejenigen,
welche sich Kritiker nennen diesen guten Glauben teilen werden steht dahin
 
                        IV Der Herausgeber an den Arzt
Ich bin an der Elbe geboren und erinnre mich aus meinen Kinderjahren einer
großen Überschwemmung dieses Stroms Weit über die Ufer ja über die niedrigeren
Dämme hin wogte die graugelbliche Wassermasse mit weisskräuselnden
Wellenhäuptern Landstraßen und Fluren waren verschwunden nur in der Ferne
deuteten Turmspitzen und Waldsäume das Feste noch an Man führte mich auf die
Brücke von welcher man in dieses wogende Getöse hinabsah und meine Begleiter
forderten mich auf über das große Naturschauspiel zu erstaunen Ich aber konnte
an dem wüsten Einerlei an dem Unabsehlichen Nichtzuunterscheidenden keine
Größe entdecken und blieb in meiner Seele ganz ungerührt Die andern schalten
mich verstockt fanden aber gleichwohl auf meine Frage ob Millionen Tonnen
Wassers zusammengegossen eben mehr wären als Wasser nichts zu erwidern
Gleich danach reiste ich in unser Oberland in den Harz welcher einen Teil der
Fluten aus seinen von Schnee und Regengüssen geschwellten Wässern dem Strome
zugesendet hatte Wild und hastig stürzten die Flüsse Flüsschen und Bäche dem
ebnen Lande zu aber jedes Bette hatte seine eigentümliche Gestalt die Wände
fassten noch das Gerinne welches hier rasch und tosend fortschoss dort sich um
Baumstücke oder Felsblöcke brausend wirbelte und jegliche dieser schäumenden
Adern gewissermaßen zu einer lebendigen Person machte Hier ward nun mein
Entzücken laut ich konnte mich nicht satt sehen an diesem Toben und Wesen und
sagte das sei das wahre große Naturschauspiel wenn die Kräfte so besonders
und für sich aufträten und doch so innig zusammenhingen Denn Seitenspalten und
Nebenkanäle verknüpften diese Söhne des Gebirgs die Elementargeister reichten
einander die silberweissen Arme
    Die Knabenerinnerung soll eine parabolische Antwort sein auf die Frage
warum ich statt der Familiengeschichten nicht Welt und Zeitgeschichte
geschrieben habe und warum ich sie vermutlich niemals schreiben werde Mir
erscheint ihr Geist nur in großen Männern nur die Anschauung eines solchen
vermöchte mir den Sinn für irgendeine Periode aufzuschließen Wir besitzen aber
keinen haben seit Friedrich keinen besessen Napoleon schien sich eine Zeitlang
dazu anzulassen aber es fehlte ihm die letzte Weihe das organisierende Genie
Er hat nicht einmal vermocht einen originalen französischen Staat zu schaffen
seine Institutionen sind schon jetzt veraltet Im Laufe der Jahrhunderte wird er
nur wie ein Attila und Alarich die Vorläufer Karls des Großen dastehn und
diesen zweiten Karl diesen Erneuer des mürbe gewordnen Weltstoffs werden unsre
Augen leider nicht mehr erblicken Was ist also das politische Leben unsrer
Zeit Eine große weite wüste Überschwemmung worin eine Welle sich zwar über
die andre erhebt aber gleich darauf von ihrer Nachfolgerin wieder umgestürzt
und zerschlagen wird Ich kann daran nichts Schönes erblicken Leider haben die
Beherrschten mehr Geist als die Herrscher deshalb vermag nicht einer dieser
feste Gestalt zu gewinnen und jener sind viele so dass sie sich gegenseitig
aufheben
    Ich fühle mich daher immer versucht von der Ebne in welcher diese Wogen
als Revolutionen Tronstreitigkeiten Kongresse und Interventionszüge sich
brausend mischen aufwärts nach dem Gebirge emporzusteigen welches durch seine
hinabgesendeten einzelnen Fluten jene allgemeine Wasserwüste erschafft Nie sind
die Individuen bedeutender gewesen als gerade in unsern Tagen auch der Letzte
fühlt das Flussbette seines Innern von großen Einflüssen gespeist Dort also auf
entlegner Höhe an grüner Waldsenkung zwischen einsamen Felsen im Rücken der
politischen Ebne wachsen und springen meine Geschichten Jeder Mensch ist in
Haus und Hof bei Frau und Kindern am Busen der Geliebten hinter dem
Geschäftstische und im Studierstübchen eine historische Natur geworden deren
Begebenheiten wenn wir nur das Ahnungsvermögen dafür besitzen uns anziehn und
fesseln müssen
    In diesem Sinne reicht die Gegenwart oder die jüngste Vergangenheit dem
welchem das besondere gegliederte Leben mehr gilt als der unentschiedne
Strudel in welchen die verschiedenen Strömungen der Lebenstätigkeiten endlich
zusammenrinnen wenn sie in den Konflikten des Öffentlichen einander begegnen
des Stoffes die Fülle dar und es ist nicht nötig in die Zeiten der Kreuzzüge
oder der Jesuitenherrschaft oder des Dreissigjährigen Kriegs zurückgehn um
bedeutsame Anschauungen zu gewinnen
    Man hat unsre Tage mit denen der Völkerwandrung verglichen Das Römische
Reich zerfiel in jenen und die Germanen traten an dessen Stelle Auch wir
hatten so ein Römisches Reich an der Autokratie der Fürsten oder gewisser
allgemeiner Begriffe Beides neigt sich zu seinem Untergange und die
Individualitäten in ihrer schrankenlosen Entbindung stehen als die Germanen der
Gegenwart da Noch haben sie nur zerstört nicht das geringste Neue ist von
ihnen bisher erfunden und gebildet worden Mein Sinn in welchem etwas
Dichterisches sich nicht austilgen lassen will neigt sich mit Wehmut und Trauer
dem Verfallenden zu denn die Musen sind Töchter der Erinnrung aber eine
Tatsache lässt sich nicht ableugnen nicht verschweigen
 
                            V Derselbe an Denselben
Nachschrift um Nachschrift Dieser Brief soll nämlich eine sein
    Dass Hermann bei seiner Rede an die Herzogin im Feuer der Emphase sich an der
Chronologie versündigt und dass der falsche Demagoge behauptet hat von
neununddreissig Tyrannen verfolgt zu werden ist historische Tatsache welche mir
der Held noch vor wenigen Wochen bestätigte Dagegen ließ sich also nichts
machen
    In betreff des Amtmanns vom Falkenstein bin ich unschuldig Sie haben die
Bleistiftkorrektur an der Seite übersehen nach welcher der Satz so lautet
    »Unter den Hausbeamten welche bei diesen Zurüstungen mitwirkten bemerkte
er wieder seinen Jagdgenossen den Amtmann vom Falkenstein einen Mann von
unangenehmen Manieren dessen Wesen etwas Aufdringliches hatte Hermann erfuhr
usw«
    Sollten Setzer und Korrektor gleichfalls den Bleistift übersehn so diene
dieser Brief zur dereinstigen Berichtigung
    Über Ortographie und Interpunktion hege ich meine Grillen Alles in der
Welt hat sein individuelles Leben bis zu den Buchstaben bis zum Kolon bis zum
Punkte hinunter Inkonsequenzen machen erst das Dasein aus warum missgönnt man
es den kleinen Schelmen zuweilen außer der strengen Regel der Feder zu
entschlüpfen und sich auch wohl einmal in krauser Willkür zu emanzipieren Ein
Komma will sich in der Spalte des Kiels bilden plötzlich aber überkommt den
Narren ein Stolz und zum Semikolon avanciert erscheint er auf dem Papiere Im
Gegenteil Ein großer Buchstabe bekehrt sich da es eben noch Zeit ist vom
Hochmut und siehe als demütigfrommer kleiner steht er da Zusammensetzungen
geraten in Zank und Hader häuslichen Zwist flugs rücken sie auseinander wie
grollende Eheleute um vielleicht auf der nächsten Seite schon wieder in der
schönsten Eintracht verbunden zu sein Das spitzige giftige ss stößt das gute
runde s über den Haufen und was dergleichen Vorfälle mehr sind von denen
Adelung und Wolke nichts gewusst haben
    Eigentliche Grammaticalia begehe ich wohl nicht da ich wie Sie richtig
vermuten in meiner Jugend eine gelehrte Schule besucht habe überdies aber auch
nachmals mich immer mit Lesen und Schreiben beschäftigte Sollte der Kopist
dergleichen gemacht haben und der Korrektor sie stehenlassen so wäre das
freilich schlimm für den Stil aber ich glaube nicht dass es mir bei den Lesern
schaden würde
    Die meisten Autoren tragen sich mit dem Gedanken der Leser nehme das Buch
zur Hand um sich zu belehren oder doch etwas Neues zu erfahren Grundfalsch
Der wahre Leser greift danach mit dem Gefühle des Patronats der Schriftsteller
ist sein Klient und in je traurigeren Umständen dieser sich befindet je
kläglicher die Rede ist die er an ihn hält oder schreibt desto größeren
Eindruck macht er auf den guten Patron
    Daher kommt das wunderbare Glück der ganz erbärmlichen Schriften Bei ihnen
bleibt der Leser im steten ihm so wohltuenden Genuße des Mitleids gegen das
menschliche Elend
 
                           VI Derselbe an Denselben
Doch von den Minutien zum Ernste zurück
    Lassen wir das Publikum  Es gibt kein Publikum mehr Dieses Wort setzt
eine Anzahl empfänglicher Hörer voraus Wer hört nun noch und wer will
empfangen Leicht ist es hierüber verdrießlich zu werden und zu schelten
schwerer das Phänomen in seinem Ursprunge zu begreifen in seinen Folgen mit
Gleichmut zu erdulden
    Und doch entspringt die scheinbare Gefühllosigkeit der jetzigen Menschen für
Schönes Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwähnten
Überfülle der Geister Jeder ist von einem unbekannten Etwas überschattet
welches die Seelen erhebt und gänzlich beschäftigt alle haben eine große
Aufgabe in sich zu verarbeiten keiner ist müßig So sehe ich Zeit und
Zeitgenossen entgegenstehend manchen in den Büchern der »Epigonen«
verlautbarten Stimmen an Wie sollen sie fähig sein zu nehmen da sie schon
mehr haben als sie bewältigen können
    Die Literatur ist eine Literatur der Einsamen geworden Der sinnende und
bildende Geist wird von einer ewigen Notwendigkeit getrieben sich zu
offenbaren und zur Vollständigkeit dieser Offenbarung gehört die äußere
Erscheinung Man schreibt daher und lässt drucken nach wie vor ohne die
Aussicht der Vorgänger zu haben gelesen zu werden Anfangs und in der Jugend
bereitet dieses Verhältnis bittere Schmerzen es ist so traurig sich mit einer
Welt von Anschauungen Gedanken und Empfindungen in der Wüste zu sehen
allmählich beruhigt sich das Gemüt und endlich kann in der durchgeprüften Seele
das Bewusstsein einer glorreichen Dunkelheit entstehen welches so unzerstörbar
schön ist dass man es mit nichts vertauschen möchte Oder ist es nicht besser
unter Reichen als Wohlhabender zu verschwinden denn unter Bettlern mit seinem
Etwas sich hervorzutun
    Ich schrieb den »Merlin« und wusste sein Schicksal vorher nämlich dass man
seiner nicht achten werde Glauben Sie dass mich dieses Wissen niedergeschlagen
hat Keine der Entzückungen aus welchen jenes Gedicht entsprang hat es auch
nur im mindesten getrübt So habe ich an den Büchern der »Epigonen« gearbeitet
ohne irgend etwas davon zu erwarten was man Wirkung nennen könnte Und dennoch
sind mir die Stunden Tage und Wochen welche ich ihnen widmete unverfinsterte
liebe Erinnerungen
    Die Pfade zum Heldentume sind immer steil die Pfade zu dem welches ich
meine vielleicht die steilsten Zart und weich soll der sein der sie wandelt
und doch auch wieder die Kraft des Ajax haben um die himmelansteigenden Felsen
zu bewältigen Dennoch gelingt es wohl emporzuklimmen wenn wir nur verstehen
uns mit dem Blute unsrer Sohlen auf den Absätzen der Klippen neben den
furchtbaren Tiefen festzuleimen
    Lassen wir also das Publikum und helfen Sie mir nur wie ich gebeten mein
Werk vollenden
 
                        VII Der Arzt an den Herausgeber
Niemals bin ich in der Stärke Materialist gewesen wie Sie angenommen haben
Darin muss ich zuvörderst Ihre Geschichten berichtigen
    Religion wird einem jeden angeboren und nach meiner Meinung ist der
Vorwurf dass man keine habe womit die frommen Seelen sehr freigebig zu sein
pflegen der schwärzeste welcher einem Menschen nur gemacht werden kann, denn
er wirft ihn zu den Tieren hinab So hatte ich früh beim Abdämpfen und
Präzipitieren bei dem Öffnen und Zerschneiden der Leichen gefühlt dass ein
Etwas vorhanden sei welches im Feuer des Schmelzofens sich nicht fangen lasse
vor keinem Agens niederfalle dem Messer und der Sonde immerdar entfliehe
Dieses Etwas trieb doch nun aber unleugbar Gestein und Metall Blatt und Blume
hervor und figurierte »das kleine Königreich Mensch genannt« Wer durfte mir
verwehren es Gott zu nennen
    Aber dem Arzte wird es schwer über dieses Eine und Einfache zur Wärme zu
gelangen Er ist seiner ganzen Stellung nach auf Betrachtung der
Mannigfaltigkeit verwiesen er darf darin nicht nachlassen wenn er nicht sehr
bald zurückgehn will und so pflegt es denn zu kommen dass der Mehrzahl meiner
Standesgenossen der den Erscheinungen untergebreitete Urgrund das Heilige das
Imponderabelste etwas Teoretisches wird an dessen Vorhandensein zwar keiner
zweifelt mit welchem aber gleichwohl wenige eine Beziehung anzuknüpfen
vermögen
    An dieser Beziehung mangelte es auch mir Mein Gott war der des Amsterdamer
Philosophen der mit einer intellektualen Liebe von Anfang an sich selbst aber
sonst nichts andres Liebende Er ließ mich gehen ich ließ ihn meinerseits
wieder seine unendlichen Kreise in sich beschreiben Zuweilen stieg wohl eine
Ahnung in mir auf dass wir einander noch einmal begegnen würden aber sie hatte
weder Form noch Farbe und war mir gleichgültig Gegen alle Vermittlung durch
die Kirche verspürte ich aber den entschiedensten Widerwillen
    Was mich auf das Schloss des Herzogs brachte mich dort einige Jahre
festhielt wird man aus Ihren Geschichten herauslesen können Es gibt Dinge
über welche der Mann auch wenn sie abgetan sind gegen den Mann sich
auszusprechen immer Scheu empfindet Der Gemahlin des Herzogs an einem fremden
Orte durch welchen sie reiste in einer leichten Unpässlichkeit genaht
entschied sich mein Lebensgang zur Nachfolge in die einsame Gegend wobei ich
mir vorsagte dass Beweggründe des Interesses meinen Entschluss rechtfertigten
    Leidenschaften besonders unerwidert  verzehrende löschen immer auf eine
Zeitlang Gott und Himmel in uns aus Der Ferne schwebte nur noch wie ein
leichtes blasses Wölkchen an meinem Horizonte und verbarg sich wohl auch ganz
hinter den schwarzen Dunstschichten welche die Luft oft genug trübten Byron
ward mein Prophet mein Evangelium Ein glühendgeistiges Verlangen in mir blieb
ungestillt die Folge davon war dasswenn ich auch dem da droben nichts anhaben
konnte ich doch gegen seine irdischen Gefäße die Seelen eine Nichtachtung
fasste
    Doch ich sehe dass ich schon in das hineingeraten bin wovor ich mich hüten
wollte nämlich in das Erzählen Noch zwar betrifft alles nur mich nun aber
verschlingen sich meine Begebenheiten in die andrer Personen und die erste
Bedingung wäre deren Einwilligung zu weiteren Berichten zu erhalten
    Ich will Ihnen nur gestehen dass ich schon an die Herzogin und an Johannen
geschrieben den Damen Ihr Werk übersandt und die Entschließung auf die Bitte
des Autors anheimgestellt habe
    Warten wir denn ab wie weibliches Gefühl sich in diesem Falle benehmen
wird Darauf müssen wir wohl beide submittieren
 
                          VIII Derselbe an Denselben
Hier die Antwort der Herzogin und Johannens Ihr Wunsch ist erfüllt freilich
mit Widerstreben indessen haben Sie Ihren Willen den die Schriftsteller
überhaupt in der Regel durchzusetzen wissen Schon bin ich selbst mitten in den
Kreis dieser Memoiren gerückt und werde Ihnen wohl nicht widerstehen können
wenn Sie fernere Berichte verlangen
                           Bekenntnisse der Herzogin
Sind wir Frauen denn nur auf der Welt um zu leiden Im stillen frommen Kreise
meiner Zöglinge durch den Sarg des Gemahls von einer früheren unruhigen Zeit
geschieden ausgesöhnt mit der Schwägerin wird mein Auge in Regionen
zurückgenötigt worin alles schwankte gärte und schien Mit Erschrecken sehe
ich dass ein Fremder in welchem ich zuletzt diese Fähigkeit vermutet hätte
meinen Schritten unbemerkt folgte meine Gesinnungen erriet und Schwächen
auffand wo ich nur Tugenden zu haben glaubte
    Ich kann nicht umkehren auf einen andern Ausgangspunkt muss des Weges
wandern der mir allein gerecht ist Möglich dass ich zu manchen Zielen auf
demselben nicht gelange aber soll ich das Erreichbare aus dem Auge verlieren
und mich abmühn das was mir doch versagt bleiben wird mir scheinbar
anzueignen
    Die Orientalen halten es für Sünde das Bild einer Person zu malen Es ist
gewiss auch unrecht das geheime Leben andrer so schwarz auf weiß zu töten denn
was bleibt davon auf dem Wege vom Kopfe durch den Arm in die Feder übrig Nur in
einem liebevollen Geiste können die Buchstaben wieder Leben gewinnen und das
Beste wird immer sein was er zwischen den Zeilen liest
    Eins tröstet mich meine Grundempfindung dass wir nicht oft genug an uns
erinnert werden können. Und eine solche Erinnrung war mir das Buch Zugleich
lehrte es mich wie seltsam unerwartet oft das im Leben eintritt was kurz zuvor
als eine Täuschung sich hingestellt hatte
    Ich verzeihe dem Verfasser Er ist offenbar zu dieser Arbeit genötigt
worden nicht leichtsinnig nicht willkürlich hat er sie unternommen Wenn er
von seiner Leidenschaft für die Wahrheit gegen Sie redet so hat er gewiss recht
Dieser Affekt bemächtigte sich vieler Menschen leider dass er mit Schonung und
Rücksichtnehmen selten zu vereinigen ist
    Lassen Sie mir nur einige Tage Zeit Ich muss den unerwarteten Fall erst
überdenken Als der Autor an mich schrieb war sein Begehren so dunkel und
unbestimmt gefasst dass ich nicht wusste was er meinte und am allerwenigsten auf
eine Produktion vorbereitet war wie die istwelche ich nun kenne
Dass jemand ein Werk woran er jahrelang geschrieben dem Feuer preisgeben werde
weil andre sich dadurch unangenehm berührt fühlen wäre grausam nur zu denken
Die »Epigonen« werden also unvernichtet bleiben sie werden ihren Gang über
Straße und Markt nehmen Sollen nun die Zeiten welche freilich nur wir allein
kennen durch Erdichtungen entstellt werden Soll unser Bild gerade in der
wichtigsten Krisis unsres Lebens undeutlich und verworren der Menge
entgegenschwanken deren Bekanntschaft wir jetzt notgedrungen machen müssen
    Ich sehe schon ich werde dem Zwange unterliegen der meine stockende Feder
bedrängt
Nun ja auch ich habe gefehlt auch mich bewahrte eine klösterliche Erziehung
und das innigste Grausen vor dem Schlimmen nicht ganz unverletzt Eine
Täuschung war es von Hermann dass ich anders als mit freundlichen Gedanken bei
ihm geweilt solange er unter uns auf dem Schloss war aber in den Dünsten
solcher Einbildungen schreitet schon das Böse heran
    Großer Gott wie soll es eine arme Frau anfangen ihr Inneres vor andern zu
enthüllen Aber ich sehe diese gezwungne Konfession als die letzte mir vom
Himmel auferlegte Busse an dafür dass ein Hauch sich über den Spiegel meiner
Seele breiten durfte und deshalb will ich mich ihr auch nicht entziehn
    Als Hermann uns verlassen hatte glaubte ich die frohsten Tage im
Nachgenusse der letzten schönen Stunde erleben zu dürfen Das Dokument welches
uns in unserm Eigentume schirmen sollte war gefunden und durch ihn der mir so
manchen Beistand geleistet hatte Immer stand er vor mir wie er freudeleuchtend
das Pergament emporhielt meine Gedanken ruhten an ihm wie an einer festen
Säule
    Aber es war kaum eine Woche vergangen als mich dieser Trost nicht mehr
befriedigte Eine Unruhe ergriff mich von der ich mir keine Rechenschaft geben
konnte es fehlte mir was ich nicht zu nennen wusste mein Sinnen schweifte über
Buch und Stickerei hinaus wenn ich sie um mich auf etwas zu heften zur Hand
nahm Dem Gemahle welchem ich doch vor allem Zutraun über jedes Begegnis meiner
Seele schuldig war verbarg ich diese peinigende Zerstreutheit und zwang mich
in seiner Gegenwart so zu erscheinen wie sonst Wie tief wucherte schon das
Unkraut in mir
    Am bedrücktesten fühlte ich mich des Abends  sonst meine liebste Tageszeit
Die Nacht welche früher die Ruhe Gottes über mich gebracht hatte schien mich
nun in ein Unendliches Wüstes zu führen vor dessen hohlbrausenden Wogen meine
Seele erzitterte Ich schlummerte zwar auch jetzt nie ohne Gebet ein aber die
Worte desselben regten mich zu wehmütigen Tränen auf Es gemahnte mich als
könne ich mir selbst während des Dunkels abhandenkommen als könne der Mensch
verwandelt schlimm aufstehn der sich gut und unschuldig niedergelegt habe
    Eines Tages sagte ich plötzlich unversehens laut für mich hin »Es ist ja
natürlich dass ich ihn vermisse war er doch beständig um uns Warum soll man
sich nicht an einen Freund gewöhnen können« Ich erschrak heftig da ich diese
Worte gesprochen hatte
    Mein Zustand war sehr schlimm Nach und nach hatte sich aus dem Gefühle des
Zwangs welches mir die Gegenwart des Herzogs einflößte eine stille Furcht aus
der Furcht eine Abneigung entwickelt Ich rechtete ich haderte mit ihm ich
meinte er vernachlässige mich und wenn er mich aufsuchte so bestrebte ich
mich eher ihn zu vermeiden Der Herzog war unglücklich ohne dass es mich
schmerzte seine stillen Blicke fragten mich was er mir getan habe Ich schlug
die meinigen nieder um nur nicht aus der Verschanzung des Trotzes und der
Hartnäckigkeit in welcher ich nun schon eingewohnt war gelockt zu werden
    Von Franklin hatte ich gelesen dass er die ihm obliegenden Pflichten nicht
auf das Geratewohl hin erfüllt sondern über seine Sittlichkeit förmlich Buch
gehalten habe Ich beschloss etwas Ähnliches bei mir einzurichten Vielfach war
ich angesprochen als Hausfrau als Erzieherin als Armenpflegerin Ich legte
mir ein Heft mit verschiedenen Rubriken an in welchem ich abends vor dem
Schlafengehn die Werke des folgenden Tages einzeln verzeichnete Auf der
Gegenseite sollten die Unterlassungen als Debet diesem Kredit gegenüber
eingeschrieben werden Eine Kolumne war den allgemeinen menschlichen und
christlichen Tugenden der Sanftmut Bescheidenheit Verträglichkeit usw
gewidmet
    Gewissenhaft besorgte ich eine Zeitlang diese moralische Rechnungsführung
Da es mir Ernst war der Öde meines Zustandes zu entrinnen da ich nicht
feierte und lieber zuviel als zuwenig mir auferlegte auch seit meiner Jugend
die höchste Achtung vor allen ausdrücklichen Verpflichtungen hegte so füllten
sich die Spalten meines Buchs ziemlich an immer geringer wurden die Rückstände
je weiter ich in der Übung der guten Werke vorrückte und nach Verlauf eines
Monats war ein beträchtlicher Überschuss aus der Bilanz ersichtlich
    Diese Beschäftigungen und die damit nicht selten verknüpfte körperliche
Bewegung machten mich ruhiger Mein Schlaf wurde wieder erquickend und ich hielt
mich für hergestellt Meine Gedanken an den Abwesenden waren oder schienen in
den Hintergrund gedrängt das Behagen der Häuslichkeit war mir zwar noch nicht
zurückgekehrt die Stunden welche ich mit dem Herzoge zubrachte behielten
etwas Formelles indessen setzte mich dies nicht in Erstaunen Schon früh hatte
ich mich mit der Vorstellung vertraut gemacht dass der eigentliche Atem des
Lebens doch nur die Pflicht sei welche man mit Überwindung übe und dass der
Mensch gegen nichts vorsichtiger sein müsse als gegen das Glück Hatte ich nun
früher mir oft im stillen gesagt dass mir das Dasein ohne den Gemahl zur Einöde
werden dass ich seinen Verlust nicht überstehn dass ein Ersatz für ihn mir
undenkbar sein würde so musste die jetzige etwas kältere Empfindung mir als
offenbarer Gewinn erscheinen Nun fühlte ich dass ein stilles Zurückziehn mich
nicht zerstöre dass er eingeordnet in den ganzen Zusammenhang meines Lebens
zwar darin eine hohe vorzügliche Stelle einnehme aber doch nicht Grundfläche
und Spitze der Pyramide ausmache Über diese Entdeckung jauchzte ich und
glaubte durch sie eine Bürgschaft unantastbaren Seelenfriedens erhalten zu
haben
    Wie täuschte ich mich wie fern war ich vom Ziele da ich es schon mit den
Händen zu fassen meinte
    Ich litt obgleich ich sonst gesund war seit einiger Zeit an einer erhöhten
Reizbarkeit der Nerven welche sich besonders dadurch äußerte dass mir
unwillkürlich Phantasmen vor die Augen traten Diese blieben zwar nur einen
Moment sichtbar während der kurzen Dauer desselben hatten sie aber die ganze
sinnliche Deutlichkeit wirklicher Gegenstände So sah ich nicht selten ferne
Gegenden in welchen ich einst gewesen war abwesende Personen besonders
Verstorbne zeigten sich mir in schnell vorüberschwebenden Schattenbildern Ein
eigentümlicher Zug dieser Wahngesichte war dass keine Neigung sie hervorrief
Nur Gleichgültiges erschien oft das woran ich seit Jahren nicht gedacht hatte
Der Arzt verordnete mir allerhand Mittel welche aber nichts halfen im
Gegenteil meine Konstitution noch mehr aufregten Ach leider wird es nur zu
sehr verkannt dass die Krankheiten wenigstens ein Teil derselben weit mehr
sittlicher als sinnlicher Natur sind und dass daher in vielen Fällen Tränke und
Pulver wenig nützen können
    Eines Abends kam ich aus einem benachbarten Dorfe zurück wohin ich zu Fuß
gegangen war um Kranke zu besuchen Ich wollte das Schloss noch bei guter Zeit
erreichen in welches andre Hülfsbedürftige bestellt worden waren Nur ein
Bedienter folgte mir Ich ging etwas rasch und wählte um früher nach Hause zu
kommen den Weg über den dem Schloss gegenüberliegenden Hügel obgleich
derselbe an der einen Seite durch Dornen und Steilheit etwas beschwerlich war
Vom frühen Morgen an war ich tätig gewesen es hatten sich gerade recht viele
Pflichten und Geschäfte an diesem Tage zusammengedrängt und ich dachte nicht
ohne Selbstzufriedenheit daran wie mancherlei ich werde zu Buche tragen können
    Auf einmal war es mir oben auf dem Hügel als wenn sich um meine Füße
unsichtbare Schlingen legten oder als ob ich an einen Stein stiesse der
zugleich meine Schritte gewaltsam hemmte Ich kann diese Empfindung durchaus
nicht genauer beschreiben sie war zwischen Schmerz und Lähmung und am nächsten
komme ich ihr in Worten wenn ich sage Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Gefühle
des sogenannten Einschlafens der Gliedmaßen Ich war unfähig weiterzugehn
meinte zu fallen und wusste doch dass ich mich werde aufrecht halten können In
dem nämlichen Augenblicke erhob sich die Gestalt des Abwesenden aus dem Boden
deutlich dass mir die Knöpfe an seinem Kleide erkennbar wurden neigte sich
gegen mich legte  mit welcher Scham schreibe ich dieses nieder  seinen Arm
um meinen Leib und zog mich an seine Brust Mich verließen die Sinne, und als
ich von einem ohnmachtähnlichen Zustande erwachte fand ich mich auf einer
Rasenbank sitzend wieder von dem zitternden Bedienten gestützt der mir
stotternd und totenbleich erzählte dass ich plötzlich wie vor einem
entsetzlichen Schrecknisse gestarrt dann gewankt und einen angstvollen Schrei
ausgestoßen habe
    Meine Verfassung war fürchterlich Messer durchschnitten mir die Brust Die
Sünde hatte sich mir unversehens in nackter Abscheulichkeit gezeigt
    Da war nun keine Zeit zu verlieren um zu retten was sich noch retten ließ
Ich blickte umher und sah dass mich nichts vor dem Gedankenfrevel geschirmt
hatte weder die Ehe noch die guten Werke Die Kirche allein war der Felsen an
welchen ich mein irrschwankendes Schifflein noch knüpfen konnte Nach einer
qualenvollen Nacht nach einem durchweinten Tage entdeckte ich mich in später
Abendstunde unsrem Geistlichen und soll ich es gestehen das verzweifelnde Herz
trug sich mit der verstohlnen Erwartung er werde mich nicht so strafbar finden
als ich mich selbst Aber ich hatte mich getäuscht Ein strenges Gericht ließ er
über mich ergehn In schrecklichen Zügen in drohenden Beispielen machte er mir
anschaulich dass die Kluft von der Tugend zu der ersten Abweichung von ihr sehr
groß der Raum zwischen dieser und den letzten Tiefen des Lasters aber unendlich
klein sei Er führte mir die Wahrheit dass der Körper nie sondern immer nur die
Seele sündige in ihrer ganzen Strenge vor das Gemüt und nannte zur Bezeichnung
meines Zustandes ein Wort welches meine Ohren nie zu hören geglaubt hatten
    Düstre aber heilsame Tage folgten Ich ergab mich ganz seiner Führung Der
Arzt so mancher Freund der Herzog selbst wollten hemmend dazwischentreten
Gott schenkte mir die Standhaftigkeit ihre Angriffe zurückzuweisen Hier galt
es das Ewige da durfte keine Menschenfurcht zu Rate gezogen werden
    Das erste was der Geistliche vornahm war dass er meine moralischen
Rechenbücher zerriss Er untersagte mir die guten Werke mit denen ich mich gegen
Gott auszulösen gewähnt hatte Dergleichen erklärte er mir sei völlig unnütz
und führe immer nur zu verkapptem Hochmute Dagegen legte er mir die strengsten
Andachtsübungen und eine völlige Versenkung in Gott und die göttlichen Dinge
auf Oft meinte ich dass ich in diesem Ringen nach dem Unsichtbaren erlahmen
werde aber wundersam stärken die Leiden der Heiligung wenn unsre Wangen auch
darüber bleich werden so wächst doch freudige Gesundheit durch sie um das Herz
Nach und nach erwarb ich sagen darf ich es Fertigkeit im Büssen
    Man wollte mich zerstreun ich versetzte dass mir die Sammlung notwendiger
zu sein scheine Erheitrungen sollten mir bereitet werden mir die ich von
meiner immer wachsenden Heiterkeit schon andern hätte mitteilen können Diese
konnten keine Anfechtungen zerstören Der Herzog begann gewiss in guter Absicht
mir unmutig zu begegnen ich opferte gern den Frieden des Hauses auf dem Altare
meines Gottes
    Nachmals gab es noch einen gewaltsamen Krampf in dem schwachen Geschöpfe
der zuletzt in eine Krankheit sich auflöste Von dieser erstanden war ich
geheilt in jedem Sinne des Worts Der Weg war mir jetzt ganz gebahnt von
welchem mich auch die schwersten Unglücksfälle nicht haben abbringen können
    Wem kein so reicher Geist gegeben worden ist, dass ihm nur das verworrne
Mancherlei des Lebens Beschäftigung gewährt wer an einfachen Wahrheiten und
Grundsätzen die Nahrung seines Innern findet der soll erziehn Denn dieses
Geschäft besteht nur darin dass man den jungen Seelen eine Ausstattung
schlichter Begriffe mitgibt mit denen sie durch das Irrgewinde des Markts sich
helfen sollen so gut es gelingen mag Diese in geduldiger Treue immer zu
wiederholen und einzuprägen habe ich meine jungen Mädchen um mich versammelt
    Ich unterrichte und bilde sie nicht als ob ich damit etwas Verdienstliches
zu vollbringen meinte sondern weil ich eben dazu passe und an den Ort gestellt
worden bin wo diese Pflicht geleistet werden sollte
 
                              Johannas Bekenntnis
Von dem kriegerischen Schauspiele welches die Menge der Fürsten und Prinzen
unglaublich glänzend machte mit dem Generale zurückgekehrt fand ich Ihren
Brief und die Bücher welche die Herzogin inzwischen gelesen und mir übersendet
hatte Also so haben wir ausgesehen Sonderbar dass man von seinem inneren
Antlitze keinen Begriff hat wie oft man sich dies auch einbilden mag Oder
vielmehr die Sache steht so Wir wissen um unsre Verhältnisse Stimmungen
Irrtümer und Schwächen recht wohl aber sie im Spiegel zu erblicken ist
schauderhaft
    Anfangs war ich auf den Autor bitterböse und keinesweges gemeint mich wie
die Herzogin der durch ihn von Gott mir verhängten Busse zu unterwerfen Auch
der General wollte nichts von Nachgiebigkeit gegen den im stillen an uns
herangeschlichnen Memoiristen wissen Als wir aber die Sache näher bedachten
sahen wir ein dass meine Geschichte Frauen und Mädchen in deren Hände unsre
Denkwürdigkeiten doch auch wohl gelangen mögen zur Lehre dienen kann und dass,
wenn auch alle Beispiele die Wiederholung der Irrtümer nie verhüten die
Irrenden doch an meinem Falle zu ihrem Troste erkennen werden wie das Gemüt uns
in großes Leid bringt die Arme unsres Schutzgeistes aber stark genug sind uns
aus demselben emporzuziehn
    Da käme ich nun in das Fach der Herzogin und wollte auch erziehn Aber
freilich beruht mein Unterricht auf andern Voraussetzungen Die Stille Liebe
meint so sehr die Demut ihr auch gebietet ihre ganze Wirksamkeit vor der Welt
als zweifelhaft darzustellen insgeheim denn doch dass ihre moralischreligiösen
Vorschriften die jungen Seelen vor dem Strudel bewahren werden Ich habe dagegen
die Überzeugung dass gerade die edelsten Naturen unsres Geschlechts unbedingt
tiefen Verwicklungen dahingegeben sind welche keine Regel der Klugheit kein
Präservativ der Sitte und keine Andachtsübung aufhält Viele gehen in denselben
unter wenige werden gerettet Zu diesen gehöre ich und wenn auch die Art
meiner Herstellung sich nicht bei jeder Unglücklichen wiederholen wird so lehrt
sie wenigstens dass das Leben selbst aus seiner Fülle den Stab wachsen macht
welchen die Dressur der Pensionsanstalt nicht darreicht
    Dies will ich erzählen schlicht einfach kurz zu ausgeführter oder gar
kunstreicher Behandlung habe ich weder die Lust noch das Geschick noch die
Zeit
    Die Stellung der Frauen in der Gegenwart ist sonderbar Was hat unsre Mütter
beschäftigt ihren Geist und ihr Gemüt ausgefüllt Das Haus oder die
Gesellschaft Die Ruhigen wandten sich jenem die Lebhafteren dieser zu Nun
gibt es aber keine Häuslichkeit mehr im alten Sinne und aus der Gesellschaft
ist der feine Zauber längst verschwunden durch dessen Verwaltung wir die
Priesterinnen und Fürstinnen der Salons wurden Unser Platz in der Welt ist also
leer oder anderweitig besetzt wie man dieses Missverhältnis ausdrucken will
Wenn wir uns auch vor der durch die Saint  Simonisten uns zugedachten
Emanzipation schönstens bedanken wollen so lässt sich doch ahnen dass unser
Zustand bedeutenden Verändrungen entgegengeht
    Der Autor hat der Wahrheit gemäß erzählt dass mich schon als Mädchen auf dem
Schloss meines Vaters das Gefühl eines Vaterlandes mächtig bewegte Die Natur
musste vielleicht so bei mir verfahren mir Ersatz durch eine allgemeine
Empfindung geben weil mir der Segen einer gesetzlichen Geburt mir eine Mutter
vorenthalten worden war
    Madame de Staël  wenn ich nicht irre  hat einmal gesagt dass in Zeiten wo
man auch den Frauen die Köpfe abschlage ihnen notwendig erlaubt sein müsse
sich um die Politik zu bekümmern So schlimm steht es nun bei uns nicht Aber da
wir durch die Staatsumwälzungen unser Vermögen einbüßen uns mit den Männern
versetzen lassen müssen und Söhne für den Krieg gebären so scheint uns weder
das Recht noch die Veranlassung zu fehlen an allen den öffentlichen Dingen
teilzunehmen durch welche auch uns Freude und Entsagung das Lachen und die
Träne bereitet wird
    Diese Vorstellungen bewohnten wie in der Knospe den Kopf des jungen
Mädchens es sprach sich und andern dieselben nicht aus Die Frau welche
Schritte in die Dreißig getan hat wird wohl davon reden und eingestehn dürfen
dass sie von jeher sie gehabt
    Nun aber ist es eine eigne Sache um dieses Vaterland Wir sind und bleiben
denn doch arme Gefühlswesen bei welchen der Weg zum Haupte immer und ewig durch
das Herz geht Wenn die Trommel gerührt wird wenn sie dahinziehn in langen
Reihen und die Fahnen den Tüchern und die Tücher den Fahnen Abschied zuwinken
und nun der Busen um Reich und Thron und zugleich um das Schicksal der Lieben
bangt dann die herrlichen freudigen Kampfes und Siegesnachrichten erschallen
jeder in diesem Sturme sich zum Ausserordentlichen gehoben fühlt ach und endlich
bei dem Friedensheimzuge die Freunde uns die teuersten Güter erobert
dahergetragen bringen  dann weiß eine Frau dass auch sie in ihrer schwachen
furchtsamen Seele eine Empfindung beherbergt welche über die Spindel und das
Nähzeug hinausreicht dann dürfen wir uns eines Geschlechts mit der Mutter der
Gracchen und den Weibern der Numantiner rühmen Oder auch dann kann unser Geist
bewegt und erregt sein wenn kluge weltgestaltende Männer im Schweigen des
Kabinetts mit der stillen Feder oder der feinen gewinnenden Rede Bündnisse
stiften Provinzen erwerben die Entschlüsse so leise vorbereiten welche
nachher den Erdkreis erschüttern und die Menschen in Staunen und Verwundrung
setzen Da wissen wir wohl bei uns die Gegner zu friedlicher Annäherung zu
versammeln Geheimnisse zu empfangen und zu bewahren
    Aber wie wird es im Frieden im gleichgültigen Gange des Alltags Statt der
Heldentaten Manoeuvres statt des regsamen Spiels seltener Kräfte ein stockendes
Schleichen im Geleise trockner herkömmlicher Tätigkeit Was soll denn nun die
Frau beginnen welcher die Kleinigkeiten nicht genügen auf die wir dann einzig
und allein angewiesen sind Da müsste sie etwa Dichterin Schriftstellerin
Kunstkennerin werden Aber wenn die arme Seele zu der Einsicht gelangt ist dass
die Lieder ihrer Schwestern am Parnass nüchtern und dünn erklingen dass die
Bücher der Weiber aus den abgetragnen Gedanken der Männer bestehn dass sie vor
den Bildern und Statuen doch auch nur diesen bevorzugten Geschöpfen
nachsprechen wenn sie also zu allen derartigen Zeitvertreiben weder Lust noch
Belieben trägt womit wird sie dann ihre verlangende glühende Brust ausfüllen
    Ich hatte nach dem Tode meines Vaters schlimme Tage auf dem Schloss Gute
Menschen walteten dort aber unsre Seelen waren zu verschieden Der Herzog war
früh gewissen Personen in die Hände gefallen welche ihm die größten
Vorstellungen von der Würde des Adels beigebracht und ihm die Heiligkeit der
Pflicht alles an die Herstellung dieses Standes zu setzen eingeschärft hatten
Diese Begriffe regierten ihn mit unumschränkter Macht er hatte für nichts
andres Raum in sich In den Militärdienst eines kleineren Staates eingetreten
war er rasch von Stufe zu Stufe gestiegen hatte auch an einigen Vorfällen des
großen Kampfs auf der deutschen Seite teilgenommen aber ohne Liebe und Wärme
für die Sache welche ihn nur insofern interessierte als er von ihrem Siege den
Triumph der Aristokratie hoffte Meine gute Schwägerin war in Paris erzogen
worden und hatte Deutschland erst nach dem Untergange unsres großen Feindes
kennengelernt
    Ich voll von den Eindrücken einer unbeschreiblichen Zeit mochte meinen
nächsten Umgebungen wohl wie eine Närrin vorkommen welche sich abmühte
Schattenbilder der Wirklichkeit unterzuschieben Der ganze Enthusiasmus eines
zwanzigjährigen Mädchens war eins geworden mit dem Enthusiasmus eines Volks
diesen Gewinn festzuhalten das herrliche Gedächtnis mir nicht zu einem Traume
verdämmern zu lassen war die Aufgabe meines Lebens Ich baute mir ein kleines
Museum aus Erinnerungszeichen und Bildnissen der Feldherrn zusammen sang meine
lieben Schlacht  und Kampflieder am Fortepiano steuerte von meinen schmalen
Mitteln soviel ich nur entbehren konnte an die Vereine welche sich überall
zur Unterstützung der Invaliden gebildet hatten
    Man stutzte verstand mich nicht lächelte über mich Ich ließ mich das
nicht anfechten Aber freilich fühlte ich nur zu bald dass ich mit dem was mir
das liebste war mich in einer völligen Einsamkeit befinde und dieses
Bewusstsein fiel mit um so größerer Schwere auf mich als es die nächsten waren
die es mir bereiteten und als ich voraussah dass bald mein ganzer Zustand in
dem Hause welches doch auch als mein Vaterhaus gelten sollte unterhöhlt sein
würde Ich versank in eine Schwermut die mich auch wohl zuweilen ungerecht
gegen das Gute machte welches mich umgab Wenigstens muss ich jetzt über manches
lächeln was mich damals gegen die liebenswürdige Frau einnahm mit der ich nun
so verträglich leben kann Sie hatte zB eine ängstliche Sorgfalt für ihre
Gesundheit scheute den Zug den Tau und was dergleichen mehr ist Als ich mich
einst hierüber im entgegengesetzten Sinne vernehmen ließ stellte sie mir sehr
beredt die Pflicht dar welche jeder habe auf solche Weise über sich zu wachen
Ich fand diese bewusste Ansicht von der Sache nur noch egoistischer und
schwächlicher und hatte doch unrecht Denn wie verderben wir uns und andern
durch üble Laune die Tage und wie selten entspringt sie aus geistigen Ursachen
wie viel öfter aus kleinen Indispositionen welche meistens durch Regime zu
meiden wären Wie hindern oder zerstören Krankheiten das Glück ganzer Familien
Was begünstigt überhaupt mehr die Entwicklung eines harmonischen Lebensgangs
als das leichte reine Gefühl welches nur die Blüte vollkommener körperlicher
Wohlfahrt sein kann
    In jenen Stimmungen und Verstimmungen lernte ich nun Medon kennen welcher
auf das Schloss kam mir die erste Nachricht von dem Auffinden der teuren Reste
des erschlagnen Freundes zu überbringen Es wird nicht von mir erwartet werden
dass ich die Geschichte unsrer Herzen oder vielmehr des meinigen denn das seine
hatte leider keinen Anteil daran novellistisch erzähle Nur das muss ich sagen
dass die Herzogin unrecht hatte wenn sie in ihrem Briefe behauptete die
Sympatie des Missvergnügens habe uns zusammengeführt
    Nein es war etwas andres etwas Höheres von meiner Seite Medon gehörte zu
den geistigen Ruinen aber zu den mit aller Pracht üppiger Vegetation
bewachsnen Soll es denn einer arglosen Frau ewig verdacht werden wenn sie der
Duft und Glanz solcher Stauden und Blumen anzieht wenn sie in ihrer
Gutmütigkeit nicht zu ahnen vermag dass unter diesen Reichtümern und Schönheiten
der Abgrund laure Sein Name war mit Auszeichnung im Kriege genannt worden das
musste ihm wohl zur Empfehlung bei mir gereichen er brachte mir eine Nachricht
worin für mich ein trüber Trost über einen ungeheuren Verlust lag wie konnte
mein Herz noch einen Rückhalt gegen ihn haben Endlich ich fand nach langem
Darben jemand wieder mit dem ich meine Sprache reden durfte
    Ich habe beinahe zwei Jahre hindurch den Namen dieses Mannes getragen und
wer wird mir daher glauben dass ich über seine frühere Geschichte über seinen
Charakter und seine Grundsätze nur Vermutungen zu geben weiß Das allein ist mir
bekannt dass ich durch ihn eine Zeitlang sehr elend geworden bin
    Er war aus Franken gebürtig und von einem ehemaligen Jesuiten erzogen
worden Dieser Lehrer hatte ihm die ganze verschlagne Festigkeit seines Ordens
zu eigen gemacht und ihm in jungen Jahren schon den Grundsatz eingeimpft dass
der Zweck die Mittel heilige Als Jüngling muss ihm etwas Schreckliches begegnet
sein ich ahne dass er eine Geliebte aus Unvorsichtigkeit getötet hat Ein
solches Missgeschick mag auf den Menschen die zerstörendste Wirkung äußern Denn
ein Verbrechen lässt sich durch Reue und Busse sühnen aber wo findet der
Beruhigung welcher als blindes Werkzeug geheimer grässlicher Mächte sein
Teuerstes vernichtete Die Sonne geht einer so belasteten Seele unter und
Frostnacht breitet über sie erstarrende Schatten aus
    Er hat mehrere Monate in Wäldern und Felsklüften dem Wilde gleich verlebt
wie er mir selbst gestand Welche Gedanken da sich seiner bemächtigt weiß nur
der finstre Geist des Felsens und des Waldes Als der große Ruf der Freiheit
durch Deutschland erscholl klammerte er sich an die Hoffnung eines einigen
Vaterlandes an und diese ward nun der Gott seines Busens Seine tollkühne
Tapferkeit im Kriege entsprang wohl aus dem Wunsche zu sterben Der Tod ward
ihm nicht und auch das einige Vaterland blieb nach dem Frieden aus Ein tiefer
Hass gegen alles Bestehende worin er nur das Hemmnis einer besseren Ordnung der
Dinge erblickte bemächtigte sich seiner um so gefährlicher und hartnäckiger
als dieser Gesinnung jede Leidenschaftlichkeit abging Viele sind in jenen Tagen
gegen Fürsten und Machtaber stürmisch und drangvoll zu Felde gezogen sie
trugen das Panier ihrer Vorsätze im Antlitz Medon schien dagegen mit allen
Einrichtungen der Gewalt zufrieden zu sein Er gehörte zu den kalten Fanatikern
Diese vermögen wenn die Umstände sie begünstigen etwas auszurichten Denn die
Dingewelche auf solchen Gefilden erstrebt werden entstehen nicht durch die
Begeisterung sondern durch den Kalkül
    Eine kurze Zeit hat er sich in dem damals aufkommenden geheimen Bundeswesen
versucht Wie diese unzulänglichen Intrigen nach Jahren entdeckt wurden und zum
Schreck vieler dem im öffentlichen Ansehen fest wurzelnden Manne das Gebäude
seines künstlich  errungenen Zustandes zertrümmerten ist in den Büchern unsrer
Geschichten erzählt Lange wirkte dieser Sturz im gesellschaftlichen Leben der
großen Stadt nach niemand hielt sich im Verkehr mit andern mehr sicher
    Ein Geist wie Medon musste aber sehr bald einsehen dass sich mit Studenten
nichts durchsetzen lässt und dass überhaupt Verschwörungen nie die Beschaffenheit
der Dinge, sondern immer nur ihre Oberfläche und auch diese meistens nur
vorübergehend ändern Er gab daher alles derartige Tun und Treiben auf sagte
sich von den Häuptern und Gliedern los und folgte dem Strome mit welchem zu
schiffen jeder gute ruhige Bürger verpflichtet ist Sein Name seine Kenntnisse
seine Persönlichkeit führten ihn in vorteilhafter Art bei den Machtabern ein
es dauerte nicht lange so war der Grund zu der glänzenden Existenz gelegt
welche unser Autor beschrieben hat
    Indem ich nun darangehen soll die Fäden welche das Gewebe seiner
Handlungsweise zusammensetzen halfen aufzudrehen fehlen mir fast die Worte um
das Verhältnis von Kette und Einschlag richtig darzustellen Ein Wahn ein
Irrstreben der schlimmsten Art entbehrt vielleicht schon seiner Natur nach der
eigentlichen Gestalt des dichten Zusammenhangs welchen ihm die schildernde
Feder gibt Nur in Träumen und abgerissen  flatternden Momenten mag der so arg
Fehlende sich seines Systems bewusst werden Ich bitte daher den Schatten des
Dahingegangenen zum voraus um Verzeihung wenn die Armut der Sprache mich zu
bestimmteren Ausdrücken zwingt als wie sie der Sache eigentlich gemäß sind
    In den Geschichten der Revolutionen namentlich in denen der französischen
wird zuweilen das Wort Pessimismus gebraucht Es bedeutet das Streben der
Faktionen durch künstliche Hervorbringung eines allerschlechtesten Zustandes
die Menschen in eine Wut zu stürzen welche sie blindlings den Planen der Bösen
zutreibt Die Mittel deren man sich bei diesem furchtbaren Verfahren bedient
sind mannigfaltig jedoch laufen die meisten darauf hinaus dass man entweder die
Gegner zu unbedachten Schritten zu bringen weiß oder selbst den Schein
feindlicher Operationen erzeugt oder durch gemachten Mangel der ersten
Lebensbedürfnisse Kummer und Not unter die Menschen wirft
    Ich weiß nicht anders mich auszudrücken als Medon hatte sich vorgesetzt
ein Pessimist in deutschem Sinne zu sein Voll von dem ätzenden Gefühle dass die
öffentlichen Einrichtungen Deutschlands im Widerspruche mit einer schönen
freien großen Entwicklung seien hielt er dafür dass der Weg zu einer Erneuung
unsres Lebens durch das Labyrinth einer vollkommenen Anarchie gehe und dass dahin
nur eine Zersetzung aller moralischen Bande welche uns zusammenhalten die er
aber für morsch ansah führen könne Ob er allein von jeder Verbindung mit
andern gesondert in dieser entsetzlichen Täuschung einen abenteuerlichen Plan
ausgesonnen hat ob mehrere Teilnehmer einer solchen Verkehrtheit gewesen sind
ich weiß es nicht So viel ist mir aber klar geworden dass seine Ratschläge
seine Einwirkungen auf hochstehende Personen verwendet wurden um unheilvolle
Maßregeln hervorzubringen welche unsre allerdings zweideutigen Verhältnisse in
eine nur noch tiefere Zweideutigkeit und Halbheit senken sollten Maßregeln
welche er mit großem Geschicke und vielem Scheine als nützliche kluge billige
darzustellen wusste Und in dieser Absicht regte er auch besonders junge Leute
auf sich zu überheben die ihnen gezognen Schranken zu verkennen natürliche
ihnen gemässe Lebenslose misszuschätzen so sich innerlich zugrunde zu richten
und sich zu einem gärenden Stoffe der Zeit zuzubereiten Das war endlich der
Grund warum er Hermann in so törichte Pfade verlockte Auch er sollte ein Opfer
dieser Künste werden die Herde der Missvergnügten Zerstörten mehren
    Ach mir entsinkt die Feder Ich habe das dunkle Bild entworfen erlasst mir
es auszumalen Nur so viel noch Seine eignen Andeutungen und einige Blätter
welche er mir in ausforschender Absicht wie ein Spiel des Witzes übergab
liehen mir die Züge dar Die Schrift war nach Art und in der Form des »Fürsten«
abgefasst und hieß »Das Volk« Er hatte wie Machiavell darin eine finstre
Theorie nach allen Richtungen kapitelweise behandelt Genug Genug 
O und doch ist das Schlimmste noch zurück  Wirst du es denn glauben junge
arglose Seele die du diese Bekenntnisse liesest dass wir unsre Brust heißer
Liebe voll an die Brust eines Mannes legen und dass er kalt berechnend
während der Umarmung uns zu einem Hebel in dem Getriebe seiner Entwürfe zu
einem Werkzeuge ausersehen kann Es ist fürchterlich sich an dem Gefühle einer
Frau zu versündigen denn der Frevler tötet darin ihren Gott  Tausendmal ist
es gesagt worden Wir haben nichts als die Liebe aber es geht damit wie mit
allen uralten Wahrheiten niemand achtet ihrer
    Zwar merkte ich an Medon als es ihm gelungen war mein Herz zu
überwältigen oft eine gewisse Unruhe ein Zerstreutsein was wie Kälte aussah
aber ich schob diese Dinge auf Verwicklungen aus früherer Zeit herrührend auf
das Unbehagen welches auch ihm das Haus des Herzogs erregte auf momentane
Stimmungen auf das Gefühl des Nichtbefriedigtseins endlich wovon
ausgezeichnete Menschen immer von Zeit zu Zeit heimgesucht werden Wie hätte ich
in meiner Hingebung und bräutlichen Trunkenheit die Wahrheit ahnen können Aber
als wir die Ringe gewechselt hatten als ich sein Haus teilte und nun
Einrichtungen getroffen wurden welche auf die Absicht einer Sonderung aller
Lebensverhältnisse schließen machten als er sein Zutraun still und höflich
zurückzog die Zeichen und Beweise freundlicher Neigung immer sparsamer und
erzwungner wurden überhaupt unsre Ehe nach und nach die Gestalt eines
gewöhnlichen Konvenienzbündnisses unter abgeflachten Personen der höchsten
Stände annahm ohne dass von meiner Seite diese Wandlung durch etwas andres
verschuldet war als durch wachsende Innigkeit und steigende Sehnsucht im
Hause mein Alles zu finden da befiel mich ein Grauen ich fing an zu argwöhnen
dass ich schwer hintergangen sei und fühlte die Notwendigkeit einem schlimmen
Geheimnisse auf die Spur zu kommen
    Was mich am meisten erschreckte war die Art wie Medon sich gegen mich vor
andern benahm Unsre Zimmer hatten sich nach und nach mit den bekanntesten
Personen der Hauptstadt gefüllt ein glänzender Kreis umgab uns der mir
wohlwollend und achtungsvoll begegnete Medon erschöpfte sich vor diesen Zeugen
in Aufmerksamkeiten gegen mich Aber sobald die Menschen uns verließen sobald
die Kerzen ausgelöscht wurden verschwand auch er und barg sich in seinen
Gemächern
    Ich hatte mir anfangs vorgenommen ihn zu beobachten insgeheim zu forschen
und den Falten seiner Seele nachzuspüren
    Bald aber verwarf ich diese kleinlichen Mittel als meiner unwürdig und
erkannte auf welche Weise es sich einzig und allein für mich zieme in dieser
Sache zu verfahren Eines Tages da ich mich ruhig genug glaubte erklärte ich
Medon zwar mit zitternder Stimme aber durchaus fest und gesammelt in mir dass
mich sein Wesen befremde dass es nicht das eines Gatten sei und dass er mir die
Wahrheit zu sagen habe welche ich sofort ganz im unumwundensten Geständnisse
von ihm verlange
    Die Kraft der Unschuld und des Rechts muss wohl sehr groß sein da sie selbst
das schwache Weib zur Meisterin des starken Mannes macht Medon der sonst
jeglichem standhalten konnte ward durch meine Anrede überwunden Zwar versuchte
er mir in ausweichenden Antworten zu entgehn als ich ihm aber erklärte dass
ich diese verwerfe vielmehr fordre er solle seine Pflicht erfüllen und als
meine Augen welchen die himmlischen Helfer in dieser schweren Stunde weichliche
Tränen fernhielten nicht abliessen ihm der unruhig hin und her ging zu
folgen so brach seine Fassung zusammen Er stürzte mir zu Füßen barg die
errötenden Wangen in meinen Händen und stammelte so demütig niedergebeugt
seine Bekenntnisse Er gestand mir dass er mich nie geliebt habe dass er
überhaupt keine Frau werde lieben können weil sein Haupt gänzlich von dem
öffentlichen Interesse eingenommen sei dass er allerhand Plane mit den Menschen
verfolge dass er aber eingesehen habe wie niemand selbständig auf viele wirken
könne der nicht ein Haus mache weil jeder ledige Mann über kurz oder lang aus
dem Mittelpunkte der Beziehungen an die Peripherie gerate zum Anhange fremder
Verhältnisse werde
    »Unglücklicher« rief ich vorahnend aus »und deshalb bedurftest du einer
Frau um deren Sofa sich die Gäste versammeln sollten die ihnen den Tee
einzuschenken bestimmt war du musstest eine Wirtin für dein Intrigenstück haben
Und so hast du kalt und lauernd mit meinem Herzen gespielt betrügerischen
Glimmer für mein reines Gold gezahlt welches ich dir aus überströmender Fülle
verschwenderisch hinschüttete Hast mich mir selbst entfremdet nicht aus
Leidenschaft nein wie der Vogelsteller mit süssgiftigem Tone die Nachtigall aus
ihrer grünen Laubzelle in seine Netze lockt«
    Er konnte nichts erwidern und nickte nur seine schweigende Bejahung dann
ging er still und gebückt ohne die Augen vor mir aufzuschlagen Bald erhielt
ich einige Zeilen von ihm worin er mir sagte dass nach dem was ich nun wisse
er keine Macht mehr über mich haben wolle und dass es von mir abhange unser
Verhältnis aufzulösen
    Ich antwortete ihm darauf dass man die Frauen in Europa nicht so von Tag zu
Tage nehme und entlasse dass ich überlegen und zu seiner Zeit das Nötige
beschließen werde dass aber vorderhand unsre Scheinehe fortdauern müsse
    Diese Entdeckungen waren kurz vor Hermanns Ankunft geschehen Es hatte sich
eine dunkle Nacht über mich und mein Leben ausgebreitet Seine Erscheinung war
der erste Lichtstrahl in dieser Finsternis sie gab mir wieder die Möglichkeit
einer Hoffnung einer Zukunft Ich glaube dass ich nur durch ihn die Stärke zu
dem Entschlusse gewonnen habe den ich nachmals ausführte als Medon bei der
herannahenden Gefahr mich in seine Irrbahn wieder mit fortreißen wollte mein
Geschick nämlich von dem seinigen durch rasche Flucht für immer abzusondern
    Hier schließe ich So kann eine Frau für die edelsten Regungen büßen Und
von solchem Falle kann sie wieder erstehn
    In der freudigen Rührung die mich immer ergreift wenn ich meines
gewendeten Schicksals denke werde auch dem Verirrten ein entschuldigendes Wort
nachgerufen Er schläft fern in dem fremden Lande jenseits des Weltmeeres
Klima und Kummer zehrten ihn dort auf nachdem seine phantastischen Verbrechen
hier gescheitert waren Er hat schwer gefehlt es ist wahr So übel stehen unsre
Angelegenheiten nicht wie er sich einbildete und seine Denkungsweise war
übler als das Übelste Aber man erwäge dass vieles bei uns zusammentrifft
gerade die lebendigen strebsamen Geister in unheilbaren Trübsinn zu versenken
aus welchem denn auch wohl Frevel der seltensten Art hervorgehen können
 
                        IX Der Herausgeber an den Arzt
Sie haben mir durch die Mitteilung der beiden Bekenntnisse große Freude
bereitet Diese Frauen stellen gewissermaßen die Pole der weiblichen Natur dar
Die eine zieht sich keusch in ihr Innerliches zurück und steigert sich bis zu
einer krankhaften Zartheit welche freilich die nächsten Verhältnisse zerstört
ihre Umgebungen unglücklich macht Die andre mit heitern Sinnen gegen die Welt
gewendet wird Patriotin aus Lebhaftigkeit Besonders anmutig erscheint mir
Johanna und es ist gar lieb und schön wie sie das scheinbar der Frau ganz
Widerstrebende in ihrer weichen Brust verarbeitet Amor mit den Waffen des Mars
spielend ist ein reizendes Bild und ähnlich dem Eindrucke den diese
Zusammenstellung erregt ist die Empfindung die man hat wenn man ihre weißen
feinen schmalen Hände bekanntlich die schönsten welche Gott je in seiner
besten Laune einer Frau gegeben mit den strengen geschichtlichen politischen
Begriffen gebaren sieht Dass sie eine Zeitlang ein Opfer ihrer geistigen Weite
und Freiheit werden konnte ist ebenso tragisch als anziehend
    Der Briefwechsel wenn er ein wahrer ist vertritt die Stelle des Gesprächs
und dieses besteht aus Rede und Gegenrede Lassen Sie mich Ihnen also erzählen
was Sie damals von  entfernt nicht so genau wissen können wie nämlich
Johanna sich herstellte
    Der Krieg ist nicht so schlimm als seine Folgen es sind Man könnte wenn
man Lust an auffallenden Reden hat sagen der Krieg mordet erst im Frieden
Außerordentliche Kräfte ruft er hervor und in denen welche die Kugel des
Feindes nicht trifft regt er unendliche Erwartungen an Wie sollten diese auch
geringer sein da jeder ein Unendliches das Leben auf das Spiel zu setzen
gewohnt war Nun können aber jene Erwartungen auch nicht im entferntesten
befriedigt werden der schleppende Gang der wieder eintretenden Gewöhnlichkeit
hemmt die Seelen und ist doch nicht imstande sie zu fesseln dadurch entsteht
in feurigen Geistern eine Art von Verzweiflung ohne Gegenstand welche manchen
hinrafft ohne dass sich eine äußere Ursache entdecken lässt So viel ist gewiss
die eigentlichen Helden einer denkwürdigen Periode überleben sie selten lange
    Zu den Opfern des Krieges im Frieden gehörte unser alter würdiger Freund
der General Auf seinem Rosse kühner Reiter verwegner Reiterführer war ihm
das Leben in jenen unruhigen Zeiten ein tägliches Glücksspiel gewesen Wo sich
ein Widerstand gegen den Unterdrücker auftat hatte sein Degen gebljetzt so
gingen ihm zehn Jahre in der beständigen Abwechselung der Schlachten und
Belagerungen der Nachtund Tagemärsche hin Seine Locken waren sparsam geworden
und erbleicht aber seine Augen scharf geblieben als die letzten Donner des
großen Völkergewitters in Paris verhallten
    Nun kehrte er zurück Lorbeeren auf dem Haupte Orden auf der Brust im
Munde des Volks als einer der unermüdlichsten Streiter hoch emporgetragen Aber
wie es zu gehen pflegt die Menge vergisst sehr bald ihre Begeisterung und
erinnert sich derselben erst wieder bei dem Leichenbegängnisse und die
Machtaber werden von großen Verdiensten die nicht ganz in der Stille geblieben
sind immer nur belästigt Man lobte ihn ließ es an leeren Auszeichnungen nicht
fehlen in den wesentlichen Dingen aber fing man binnen kurzem an ihn zu
vernachlässigen Er wurde so umhergestossen wo es eigentlich nichts zu tun gab
endlich schob man ihn sacht beiseite
    Der alte feurige Mann wurde nicht sobald dieser gesetzlichen Unbilden inne
als ihn ein tiefer Verdruss ergriff Zu stolz sich zu beschweren schlang er den
Ingrimm hinunter und zehrte dadurch nur noch mehr an seiner Seele Von Stufe zu
Stufe im Missmute versinkend hatte er zuletzt weder Hoffnung noch Aussicht vor
sich und fühlte diesen trostlosen Zustand um so herber als ein beschäftigtes
zerstreutes Leben ihm die allgemeinen Hilfsmittel wodurch sich sonst der
geschlagne Mensch aufrichtet nicht zugänglich gemacht hatte
    Er verzagte an sich und an dem Vaterlande und war in dieser trüben Stimmung
im Begriff seinen Abschied zu fordern und die reinerhaltne tapfre Kraft als
Mietling irgendwo zu vergeuden
    Damals kamen Johanna und die Herzogin nach der Hauptstadt von Ihnen zur
Heilung bedenklicher Nervenleiden dorthin gesendet Nur mit Widerstreben hatte
Johanna Ihrem Befehle gehorcht sie scheute sich den Ort aufs neue zu betreten
der so manche traurige Erinnerung in ihr weckte Sie mied Gesellschaften und
konnte selbst von dem Anblicke ehemaliger Freunde schmerzlich berührt werden
Die Herzogin hielt sich ebenso zurückgezogen man sah beide Frauen nur auf
einsamen Spaziergängen doch auch dort von dem Auge der Neugier beobachtet
    Eines Tages konnte ihnen der General der auch fern von den Menschen zu
wandern liebte einen Dienst leisten Er empfing den artigen Dank der Damen und
versetzte Johanna scharf ins Auge fassend dasswenn ihm Dank für die
unbedeutende Gefälligkeit werden solle er ihn nur darin zu finden wünsche dass
er sie nicht zum letzten Male gesehen habe Er sprach dies mit der Galanterie
eines alten Manns aber kurz trocken soldatisch Sie der alle solche Töne zum
Herzen dringen antwortete ebenso entschieden er möge nur kommen sie werde
sich nicht vor ihm verleugnen lassen
    Dem ersten Besuche folgte der zweite diesem der dritte usw Aus kurzen
Zusammenkünften wurden lange aus Gesprächen allgemeinen Inhalts vertrauliche
Unterredungen Sie kam dem feurigen Greise mit der Unbefangenheit einer Tochter
entgegen er lebte in ihr in ihrem adlichen glänzenden Wesen ein neues Leben
Dennoch blieb er seinem Vorsatze getreu und entdeckte ihr in einer
hingebungsvollen Stunde dass er entschlossen sei dem Vaterlande den Rücken zu
wenden
    Als sie das Nähere von ihm erfahren und gehört hat wie dieser edle
Charakter mit sich seiner Jugend und seinen Erinnerungen uneins zu werden im
Begriff stehe ist sie in eine große Bestürzung verfallen und weder Bitten
noch Tränen sind gespart worden den verehrten Helden von seinem Vorsatze
abzubringen
    Er bleibt indessen fest und fragt bitter was ihn denn eigentlich in diesem
Staate halten solle wo man seiner nicht mehr bedürfe  »Ihre Taten Ihre Ehre
Sie selbst« versetzte Johanna
    »Die Taten sind getan meine Ehre nehme ich überall mit hin und was mich
selbst betrifft so weiß ich kaum wenn ich die jetzigen Emporkömmlinge
betrachte ob ich der nämliche noch bin von dem man einmal geredet hat« 
    Er geht bis zur Türe dann wendet er sich und sagt mit niedergeschlagnen
Augen aber festem Tone »Es gibt ein einziges was mich an diesen undankbaren
Boden fesseln könnte und das wäre wenn Sie Johanna sich entschließen
möchten die Tage eines alten Soldaten zu teilen Meine Seele würde dann eine
Beruhigung finden und die Ungerechtigkeiten zu ertragen vermögen unter welchen
sie jetzt daniedersinkt«  Ohne eine Antwort abzuwarten verlässt er rasch das
Zimmer
    Am andern Morgen empfängt er einen Brief von ihr worin sie ihm sagt dass
sie keine Leidenschaft für ihn empfinde aber ihm herzlich ergeben sei dass sie
überhaupt vielleicht nicht mehr in dem Sinne zu lieben imstande sei wie die
Welt dieses Wort nehme am wenigsten einen Jüngling dass ihr ganzes Wesen
vielmehr seine Erfüllung nur in einem zweiten reichen gehaltvollen
durchgeprüften Leben finden könne Wenn ihm diese Geständnisse genügten so sei
sie die Seine sobald eine natürliche Lösung ihres früheren Verhältnisses
eintrete denn zu öffentlichen Schritten gegen Medon könne sie sich nicht
verstehen Vor allen Dingen aber habe er zu bleiben und zu haften am Herde
seiner Väter und Fürsten
    Der alte Held war überglücklich durch diese Zeilen Er eilte zu ihr
versicherte ihr dass sie ihm sein Dasein zurückgegeben habe und dass er nicht
mehr an seinen Vagabunden  Einfall denke Sie habe über die Gestaltung der
Zukunft allein zu bestimmen.
    Hierauf haben beide die Entwicklung der Dinge ruhig abgewartet Medons Tod
machte endlich Johannen frei und nachdem die Erschüttrung welche dieses
Begebnis in ihr erregen musste überstanden war reichte sie dem Generale ihre
Hand
    Ihre Seele wurde dadurch völlig hergestellt ihr Schicksal gesichert Kein
schönerer Anblick als die beiden hohen Gestalten die eine unter dem Schnee des
Alters blühend die andre in reifer Fülle prangend nebeneinander zu sehen Die
liebenswürdige Patriotin hat als Frau ihre Lebensaufgabe gelöst indem sie einem
verdienten Feldherrn häusliches Behagen gab erhielt sie ihn bei seiner Pflicht
und leistete dadurch dem Gemeinwesen selbst einen Dienst Er sobald er nur
wieder fröhlicher und mitteilender wurde auch von neuem bemerkt erlebte es
dass man ihn bei einigen Gelegenheiten die dem Kriege ähnlich sahen und wo »die
hohlen Namen und die Figuranten« es nicht tun wollten hervorsuchen musste Die
Scham welche zuweilen die Menschen ergreift wenn sie ihrer Verschuldungen sich
bewusst werden brachte es hierauf dahin dass seine Stellung in der ehrenvollsten
Weise geordnet wurde An seiner Gemahlin hängt er mit der eifersüchtigen
Zärtlichkeit eines Liebhabers und dass an der Seite einer schönen vielumworbnen
Frau seine Empfindung etwas von der des Danville hat gibt dem Bündnisse nur noch
einen Reiz mehr
Nun aber möchte ich von Ihnen wieder allerhand wissen Ich müsste mich sehr
täuschen oder Sie denken über den Geistlichen und dessen Verfahren etwas
anders als die gute fromme Herzogin Wie erklären Sie ihre Phantasmen
besonders das auf dem Hügel Was vermochte sie an Hermann den harten Brief zu
schreiben
    Liessen Sie sich zugleich bewegen in die Geschichte des Herzogs und Hermanns
einzugehen auch über sich das Nötige beizubringen so rundeten sich diese
Mitteilungen allgemach aus Die Flut der Offenherzigkeit ist einmal
hereingebrochen das Dämmen hilft doch nichts mehr lassen Sie sie ungehindert
und ganz strömen
 
                         X Der Arzt an den Herausgeber
Ja freilich habe ich eine von der Verehrung unsrer lieben Kränklichen
verschiedene Meinung über den sauberen Heiligen und Priester der die arme Frau
beinahe in das Erbbegräbnis geliefert hätte Zuvörderst muss ich über ihn
anführen dass der lose Vogel keinesweges so frisch wie ein neugebornes Kind
nach Rom gelangte was man aus seiner Erzählung von dem hölzernen
Hergottswunder erlebt im Kloster man weiß selbst nicht recht wo heraushören
soll Vielmehr hatte derselbe zu seiner Zeit wie man zu sagen pflegt nichts
verbrennen lassen und die Ehemänner wussten von ihm zu erzählen Dazwischen war
denn allerhand Ästetik getrieben worden so dass der ganze Kerl nicht viel über
fünfundsiebenzig Pfund wog als er durch die Porta del Popolo seinen Einzug
hielt Dort über den Sieben Hügeln vollendete der Katholizismus was die
Liederlichkeit angefangen hatte und brachte ihn einer Nervenschwindsucht nahe
vor welcher ihn ein wackerer deutscher Arzt nur mit Mühe durch die sorgfältigste
Kur bewahrte Sein Geist aber ging unrettbar unter in leistenartigen und
sozusagen klebrigen Begriffen Ob er ein elfenbeinernes Christusbild in einem
groben hölzernen Futterale entdeckt oder dies dem Hermann nur vorgelogen hat
um seine sogenannte Bekehrung nazarenisch aufzustutzen weiß ich nicht ich
würde mich aber jedenfalls schämen von einer solchen groben Handgreiflichkeit
meine Wiedergeburt zu datieren
    Mir ist alle bewusste und sich vortragende Religiösität in der Gegenwart ein
Greuel denn sie tritt wo sie sich zeigt aus dem Rahmen der Kirche welcher
sie angehören will Sie entbehrt sonach des einzigen Zusammenhangs durch
welchen sie sich als echt beglaubigen könnte Es gab oder es gibt wenigstens
jetzt durchaus keine andre aufrichtig  fromme Menschen als die es
unwillkürlich und ohne viel Wesen davon zu machen sind Wie mich der Anblick
des Siechlings der sich denn auch um die Sache bis zur Spitze zu treiben die
Tonsur hatte scheren lassen anwiderte da ich das Schloss betrat  Ich
erwartete gleich wenig Gutes von ihm
    Dieser unglückselige Mensch hatte sich nach und nach gewöhnt alles in der
Welt unter der Verknüpfung von Schuld und Busse anzusehen und sich so die große
grenzenlose Mannigfaltigkeit welche durchaus verlangt dass man vieles mit
leichtem Blicke als gleichgültig und lässlich betrachte in einen grauen
ekelhaften Brei zusammengerührt von dem zu dieser Stunde eine Kelle voll als
Schuld und zu der nächsten eine zweite als Busse einzunehmen sei Die
natürlichen Folgen die zufälligen Ereignisse waren für ihn nicht mehr
vorhanden in jedem Zahn und Kopfschmerz sah er ein göttliches Strafgericht
    Dass ein solcher devoter Taugenichts bei Gelegenheit wenn es eben an Sünde
gebricht auch wohl darauf ausgehen kann selbige künstlich zu verfertigen um
wieder Stoff für die Pönitenzmühle zu liefern haben Sie in seinem Verhalten
gegen Hermann was ziemlich nach Kuppelei schmeckt richtig geschildert
obgleich Sie sonst den Patron viel zu milde behandeln
    Ihm fiel die arme Schwache in die Krallen als sie sich mit ihren erträumten
Gewissenslasten im stillen plagte Bei Durchlesung und Vergleichung der beiden
Bekenntnisse habe ich gefühlt dass eine um mich des Ausdrucks zu bedienen
robuste Sittlichkeit diejenige istwelche uns zu unsrer und andrer Freude durch
das Leben geleitet Auch die Tugend kann kränkeln scheinbar in ihrer höchsten
Blüte vorhanden sein gleichwohl aber das Geschöpf von einem Irrtume in den
andern jagen Was ist es mehr dass eine junge verheiratete Frau einige
Augenblicke an einen jungen Mann mit größerem Interesse denkt als an den
Gemahl und wie bald heilen Entfernung Pflicht und Verhältnisse solche leichte
Seelenwunden aus Sie zu einem Gegenstande ängstlicher Betrachtung machen heißt
aber nach und nach dahin arbeiten unter lauter Pflichterfüllungen guten
Werken und Andachtsübungen Gatten und Haus aufzugeben
    Doch trägt die Hauptschuld an der ganzen Wendung der Dinge der neophytische
Priester Wäre er wie ein unschuldiger Mann und Diener Gottes es getan hätte
tröstend und beruhigend zu der schönen Selbstquälerin getreten so würde sie
sich in seinem Zuspruche bald ausgeheilt haben So aber stürzte er sich auf ihr
wundes Gemüt wie der Geier auf die Beute und es ist nicht zu beschreiben mit
welcher kasuistischen Grausamkeit er ihr Inneres zerlegt der fiebernden
Einbildungskraft Schrecknisse aus dem ganzen Gebiete der Möglichkeit vorgeführt
und sie so völlig mit sich uneins verworren und elend gemacht hat
    Unsre Bestürzung können Sie sich denken Ohne dass irgend etwas vorgefallen
war floh uns verbarg sich vor uns die geliebte Herrin welche als belebende
Sonne unsern Kreis erwärmt hatte Das ganze Hauswesen des Schlosses neigte sich
einer Auflösung entgegen denn die Frau bleibt ja immer und ewig die innerste
Seele aller der gemütlich  traulichen Beziehungen welche verschiedene Menschen
zwischen vier Mauern zusammenhalten Der Jammer des Herzogs war groß Die Liebe
zu seiner Gemahlin war vielleicht der einzige recht menschliche Punkt an ihm da
er sonst freilich wohl nur aus Aristokratie und Repräsentation bestand Nun
behandelte ihn diese angebetete Frau mit Kälte die zuletzt in einen
unverhüllten finsteren Widerwillen ausging Nach und nach konnte ich mir aus
einzelnen Symptomen wohl zusammensetzen dass der junge Fremde an den
Gewissensskrupeln der Herzogin schuld sein möge und in einer unvorsichtigen
Stunde in der guten Absicht mit dem Gemahle einen vernünftigen Heilplan
festzusetzen entdeckte ich ihm meine Vermutung welcher ich jedoch die
Beteurung hinzufügte dass ich fest wie von meinem Leben von der völligen
Vorwurfslosigkeit der Büssenden überzeugt sei und das Ganze nur für eine Folge
überstrenger Begriffe halte Ich hatte aber diese Mitteilung zu bereuen
    Denn er nach seiner Sinnesweise vermutlich unfähig eine Pein um nichts zu
begreifen ließ mich durch seine schwermütigen Blicke seine verfallenden Züge
seine gebeugte Haltung schließen dass er mehr dass er wahre Fehltritte
argwöhnte
    Alle Versuche die Schmarotzerpflanze von dem schönen schlanken Stamme an
welchem sie sich festgesogen abzureissen wurden mit konvulsivischer Heftigkeit
zurückgewiesen Meine Mittel nahm die Kranke aber was konnten die helfen Das
beste wäre gewesen dem geschäftigen Seelsorger eine Dosis Bilsenkraut
einzugeben wozu ich nicht selten Gott verzeihe mir die Sünde bei mir die
stille Anwandlung verspürte Denn wer mir an das Heiligste und Wunderbarste an
den menschlichen Leib die frevelnde Hand legt der greift als Feind in des
Arztes Gebiet den hasse ich bis in den Tod
    Da nun aber eine Vergiftung sich doch für mich nicht wohl schickte so
ersann ich ein andres nämlich ein Abführungsmittel Es war mir bekannt dass der
Oberhirt der Diözese seine und seiner Kirche Stellung mit Klarheit
überschauend und wohl wissend dass dem Katholizismus nur noch durch eine heitre
Verständigkeit zu helfen ist trübliche Fanatiker durchaus nicht liebte und
alle Versuche eine gemachte Devotion und Rigorosität früherer Zeiten wieder
hervorzubringen bei jeder Gelegenheit streng zurückgewiesen hatte Hierauf mich
verlassend und mit raschem Entschluss meinen Polacken besteigend war ich nach
einem tollen schweisstriefenden Ritte in der Metropole Im Offizialate angelangt
ließ ich mich zu einem der ehrwürdigen Herrn führen von dessen derbem
naturfrischem Wesen ich viel gehört hatte
    Ich fand ihn seltsam genug in einer kahlen Arbeitszelle die kurze Pfeife
im Munde hinter der Flasche und dem grünen Weinrömer Akten lesend »Wundern
Sie sich nicht« rief er mir mit heisrem Lachen entgegen indem er eine dicke
Rauchwolke von sich blies und den Römer füllte »mich unter solchem Rüstzeuge
zu finden Den Arbeitern im Weinberge des Herrn wird oft schwach zumute und sie
bedürfen dann leiblicher Erstärkung«
    Ich versetzte dass gerade diese Umgebung mir Mut mache mein Anliegen
vorzutragen weil ich ihn für einen von denen halte welche den Herrn in
Freudigkeit suchten eröffnete ihm darauf ich sei Doktor und der Leibarzt der
Herzogin von  Die Dame kranke meine Kur könne aber nicht anschlagen weil ein
andrer ein Seelendoktor entgegenoperiere Wie es nun ein Gesetz der
Stereometrie sei dass wo ein Körper, sich kein zweiter befinden könne so gelte
ein Ähnliches auch in der Medizin und deshalb wolle ich ihn als Beisitzer der
höchsten geistlichen Behörde um abhülfliche Massnahmen angehen
    Das Sokratesgesicht verzog sich wieder zu einem faunischen Lachen er
schürzte seine Nasenflügel empor und fragte ungefähr mit den Worten des
Patriarchen im »Nathan« obgleich diesem im Gemüte ganz unähnlich »Ist solches
ein Problema oder ein wirklicher Kasus«
    Ich erzählte ihm darauf was ich wusste und wie ich nun aus dem Memoire
ersehe die Sache bis auf Nebenumstände ziemlich richtig und vollständig
    Der alte rechtschaffne Mann dessen treuer Wandel nach den Geboten Gottes
und nach dem Beispiele der Heiligen allgemein bekannt war ließ mich kaum zu
Ende reden warf seine kurze Pfeife auf den Boden dass der Kopf zerbrach und
rief in Selbstvergessenheit »Den soll ja der Teufel holen« Darauf sich
kreuzigend und den verpönten Fluch mit üblichem Spruche bereuend fügte er
hinzu »Zu solcher Sünde hat mich der Zorneifer fortgerissen Doch nur Geduld
es ist gerade eine Stelle in der wilden Eifel offen wo er unter den Haferbauern
seine Künste versuchen mag Ihr Herzog hat ihn zwar zu seinem Hauskaplane
gemacht da er aber zugleich die Pfarrei des Orts versieht so ist er unsrer
Gewalt unterworfen Er soll in Bälde versetzt werden«
    Nach einigen Gesprächen wurde ich mit dem derben Alten ganz vertraut »Diese
neumodischen aufgespreizten Überläufer geben uns viel zu tun« sagte er »Sie
wollen uns Alten vorbeirennen es immer besser machen als gut damit nur ja
niemand an der Aufrichtigkeit ihrer Gesinnung zweifle und bringen
solchergestalt manche Unruhe zuwege Sie laufen umher stänkern rühren den
Dreck mengen allerhand Subtilitäten in das Dogma verfälschen dadurch selbiges
und verführen eine Quälerei und Deutelei davon unsre Kirche gar nichts weiß
noch wissen will Wir müssen jetzt dahin streben Geistliche zu bekommen die
alert aufgeweckt sich helfen können und nicht wie leider Gottes bis jetzt
der Fall war als Dummerjahne neben den protestantischen Predigern stehen«
    Ich konnte mein Erstaunen über diese Freimütigkeit nicht bergen und er fuhr
fort »Das ist auch so ein alter abgenutzter geistlicher Kniff über alles
hinter dem Berge zu halten was vor jedermanns Augen offen daliegt Ich für
meine Person habe ihn in den Winkel geworfen weil ich festiglich an den ewigen
Bestand meiner Kirche glaube ohne diese Gaukeleien«
    Schon nach acht Tagen kam der Versetzungsbefehl aus dem Offizialate der
zwar große Bestürzung erregte dem aber nach dem Grundsatze der Obedienz nicht
widerstrebt werden mochte
    Die Herzogin konnte dem Gewissensschärfer doch nicht auf sein Dörflein
folgen er musste sich also damit begnügen eine ausgearbeitete Heilsordnung zu
hinterlassen und wir sahen dem abziehenden Sykophanten mit stillem Jubel nach
    Bei diesem Siege hätte ich mich beruhigen ich hätte der Kraft der Zeit
vertrauen und erwarten sollen dasswenn auch unsre Freundin nach der Entfernung
des Priesters fortfuhr zu beten und sich zu kasteien diese Exaltation ohne
einen immer gegenwärtigen Schürer und Anbläser allgemach erlöschen würde zumal
da der Nachfolger des Geistlichen ein durchaus mäßiger heiter denkender Mann
war
    Allein auch mich riss die Ungeduld die uns allen jetzt so eigen ist fort
Ich wollte das Übel mit Stumpf und Stiel ausrotten und muss mich nun leider
selbst eines recht törichten Streichs anklagen Wie man Sturzbäder anwendet um
durch Erschütterung des ganzen Organismus eine Hauptkrisis zu bewirken so
wollte ich in diesem Falle von einem moralischen Sturzbade Gebrauch machen
durch welches ich zugleich das Luftbild welches die Phantasie meiner Herrin
quälte auszulöschen und der entnervenden Irrwirkung des Priesters
entgegenzutreten hoffte
    Ich ließ also  um kurz zu sein denn warum soll ich etwas Schlimmes
weitläuftig hin und her wenden  die Herzogin durch dritte glaubwürdige Hand
wissen dass der junge Mann den wir auf dem Schloss beherbergt eigentlich ein
ziemlich lockrer Gesell gewesen sei der ein verkleidetes Mädchen mit welchem
er schon eine Zeitlang gelebt hier unter uns bei sich gehabt habe
    So weit kann man in Missstimmungen und Willkürlichkeiten verloren von der
graden Bahn abkommen
    Der Erfolg meiner Torheit war keinesweges der beabsichtigte sondern ein
sehr trauriger Ich wurde zur Herzogin berufen welche ausgestreckt auf dem
Sofa im furchtbarsten Krampfe lag Nachdem die verzweifeltsten Mittel diesen
gebrochen entwickelten sich intermittierende Zufälle welche monatelang
anhielten und das zarte Gebilde zu vernichten drohten Mein Zustand war
schrecklich Ich rannte wie rasend durch Felder und Wälder verweinte meine
Nächte verfluchte mich und meinen Unsinn Die Schlaflosigkeiten woran ich noch
jetzt periodenweise leide sind Nachwehen jener trauervollen Zeit In einem
freien Zwischenraume schrieb die Herzogin den Brief an Hermann und sandte ihm
die Brieftasche zurück
Über das Phantasma auf dem Hügel habe ich selbst meine eignen Gedanken gehabt
Soviel ist gewiss es war der Hügel und die Stelle auf demselben wo der Pfaff
sich bestrebt hatte in Hermann den Gedanken an einen Übertritt zur katholischen
Kirche mit listigen Entzückungen zu erregen und wo nachmals der Mordanfall auf
den Oheim geschehen war
    Empfängt die Erde einen Eindruck vom Frevel dass der Ort wo ein solcher
geschah vergiftet wird und in einem dazu disponierten Gemüte Gedanken die vom
Rechten abirren hervorzurufen vermag Seelisches und Körperliches stehen im
engsten ununterscheidbarsten Zusammenhange Körper und Außenwelt wirken auf die
Seele trübe Luft Steinkohlendämpfe erzeugen Niedergeschlagenheit und Missmut
Sonnenschein Gebirgsatmosphäre Heiterkeit und Energie des Geistes.
    Ist es nun so ungereimt anzunehmen dass jene Wirkung wie jede vollkommne
eine Wechselwirkung sei dass auch die Seele ihrerseits als höchst
durchdringendes Fluidum auf die Außenwelt Einfluss übe und in ihren stärksten
Äußerungen den Boden diesen analog zu imprägnieren vermöge Ja wenn man
konsequent denken nicht bei Halbheiten stehnbleiben will so kann man
eigentlich nichts andres annehmen Freilich dürfte man jetzt nur erst als
Hypothese hinwerfen dass der gute Mensch die Luft und den Boden gesund mache
der böse und die böse Tat dagegen die Stelle verpeste so dass den Tugendhaften
dort ein Schauder den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle Noch
klingt dies barock und aberwitzig nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu
den trivial gewordnen Sätzen
    Sie haben schon im zweiten Buche des Volksglaubens erwähnt welcher diese
Dinge für wahr hält Er spricht überall etwas Ähnliches aus Wo ein Mord
geschah hat niemand sich gern angesiedelt ist leicht wieder etwas Übles
vorgefallen Hebel singt vom dem Platze wo der Michel der vom bösen Jäger den
Karfunkel empfing sich den Hals abschnitt
s isch e Plätzli näumen es goht nit Ege no Pflug druf
Hurst an Hurst scho hundert Johr und giftigi Chrüter
s singt kei Trostle drin kei Summervögeli bsuecht sie
breiti Dosche hüete dört e zeichnete Chörper
Der Volksglaube ist aber für die Erkenntnis der natürlichen Dinge eine sehr
wichtige Quelle denn er ist das Unisono derjenigen Menschen welche Augen und
Ohren für sie haben und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen Es tut
mir leid dass ich bei einem Manne der außer den fünf Sinnen noch einen sechsten
hatte den alten Heim meine ich unterlassen habe nachzufragen ob er in den
Zimmern der verschiedenen Menschen welche er behandelte nicht schon durch den
Geruch ihre Individualitäten und Charaktere gewittert hat
In den Tagen da die Herzogin noch immer heftig wenngleich mit der Aussicht der
Herstellung an ihren Krämpfen litt kam Johanna auf das Schloss Sie hatte da
sie von dem Siechtum der Schwägerin vernommen es sich als eine besondere Gunst
erbeten ihr zur Pflege dienen zu dürfen und deshalb das einsame ihr vorläufig
zur Wohnung angewiesene Landhaus verlassen Die Herzogin nahm das Anerbieten an
vielleicht mit von der religiösen Vorstellung bestimmt dass es eine
gottgefällige Schickung sei so wider Willen und Gemüt eine ihr eigentlich
unangenehme Frau täglich um sich zu sehen Indessen wurde aus dieser künstlichen
Empfindung bald eine wahre Johanna durch das Unglück um vieles sanfter
geworden schien wirklich zu fühlen dass es nicht heilsam gewesen sei sich so
eigne Wege gesucht zu haben auch sie büsste aber auf ihre Weise stolz und
herrlich auch in der Demut Ihr Benehmen gegen die kranke Schwägerin war
musterhaft nichts Feineres Edleres Leiseres konnte man sehen Diese dagegen
wurde hier zum ersten Male wieder von etwas schönem Menschlichen berührt und
unbewusst mag sie empfunden haben dass die Segnungen des Gemüts doch tiefer und
gründlicher heilen als die Rezepte eines Priesters Aus der Pflicht Johannen
bei sich zu haben wurde nach und nach eine Freude und da sie erfuhr jene sei
wirklich verheiratet gewesen so fiel die letzte Scheidewand zwischen den beiden
Frauen nieder Ich aber sah dass innerlich gute Menschen sich von dem Boden des
Hauses und der Familie nie für immer entfernen sondern nach den schwersten
Irrungen auf demselben wieder zusammentreffen
    Leider hatte ich an Johannen bald eine zweite Kranke Kräftige Naturen
täuschen sich über sich selbst die ersten Zeiten nach einem großen Schlage
können selbst den Schein erhöhter Gesundheit tragen aber die Wirkungen bleiben
dennoch nicht aus Sobald das Übel der Herzogin gelinder wurde und die Tätigkeit
der Pflegerin nicht mehr unausgesetzt in Anspruch nahm sank diese zusammen
ihre Gestalt verfiel nur ihre Augen bekamen ein noch durchsichtigeres Feuer
was mich aber freilich um so ängstlicher machte Ein tiefer Harm zehrte an ihr
dass sie um ihre Jugendblüte um die Krone und das Herz ihrer heiligsten
Empfindungen nichtswürdig hatte betrogen werden können.
    Die folgenden Geschichten will ich Ihnen ohne Vorrede und Kommentar
übersenden
 
                           XI Geschichte des Herzogs
Der deutsche Adel war seitdem die mittleren Stände einen Drang verspürten sich
durch Geist und Tüchtigkeit hervorzutun in eine gefährliche Stellung geraten
Der Entwickelung männlicher Energie sind Hindernisse förderlich das Verdienst
kann nur auf rauen Bahnen sich seine Pfade suchen In dieser Hinsicht steht nun
der Bürger wenn er nur einigermaßen erträgliche Verhältnisse für sich hat
bevorzugt da während es in den höchsten Ständen schon einer außerordentlichen
Kraft bedarf um nicht in dem schwächenden Elemente gar zu leichter und
geebneter Tage unterzugehen
    Der deutsche Adel empfand weit mehr als dass er sich dessen bewusst geworden
wäre die Schwierigkeit seiner Lage geraume Zeit vor der Revolution welche
zuletzt die tiefe Verderbnis aller gesellschaftlichen Einrichtungen an den Tag
legte Es entstand daher in denjenigen seiner Glieder welche nicht fähig waren
durch Talent und hervorstechende Begabung die verhängnisvolle Last einer
privilegierten Geburt gründlich auszugleichen ein Streben durch allerhand
Scheinmittel die gefährdete Existenz für sich und die Nachkommen zu retten
    Hier boten sich nun zunächst die von den Ahnen ererbten Besitztümer nach
einer Seite und die Illusionen eines vornehm gleissenden Lebens nach der andern
dar So fest wie in diesem Stande hatte sich nirgendwo der Begriff
unveräusserlichen Eigentums ausgebildet gleich eisernen Klammern hielten es
fideikommissarische Bestimmungen Familienstatute Lebensnexus umwunden die
Scholle um jeden Preis zu erhalten wo möglich zu mehren war also das Dichten
und Trachten vieler Edelleute was nun freilich in seinem Gefolge Geiz
Habsucht selbst Unredlichkeit haben konnte
    Die Leichteren und Lebhafteren gingen dagegen einen entgegengesetzten Weg
Sie wussten oder fühlten dass der Bürger ihnen noch lange nicht zu den
Spieltischen der Fürsten in das Boudoir hochgeborner Schönheiten in alle
Konvenienzen eines dem Vergnügen und dem persönlichen Selbstgenusse gewidmeten
Lebens werde folgen können dass auch solche flitternde schimmernde Bestandteile
ihnen ein eigentümliches und wie es ihnen schien den Plebejern unantastbares
Dasein zu erschaffen vermöchten Sie schritten daher von ihren Gütern zu den
Hoflagern Bädern Sammelpunkten der eleganten Welt schwebten wie beflügelte
Götter oder Halbgötter durch die Reihen der niederen Menschen traten auch wohl
auf deren Köpfe
    Beide irrten denn weder kann der Schein ein Leben erbauen noch soll
derjenige sparen und geizen der ohne sein Zutun schon mehr überkommen hat als
andre
    Oft wechselten jene krankhaften Richtungen in den Geschlechtsfolgen ab nach
dem harten ängstlichen Vater kam wohl der weiche alles durchkostende Sohn
    Gegenwärtig hat der Adel eigentlich gar kein Prinzip Die Standesvorrechte
in Masse wirklich noch einmal aufbieten zu wollen ist eine Hoffnung die kaum
dem Kühnsten schmeicheln möchte das Eigentum geht von Hand zu Hand die
Flatterien des hohen Tons sind aber meistens auch verwischt In manchen
Edelleuten deren Sinne diese Prosa nicht genügen will hat sich daher ein
mytisch  poetisches Gefühl abgelagert welches über die nächste Vergangenheit
zurückgreifend entlegne Zeiten mit ihrer Treue Frömmigkeit mit ihrem
Rittermute wiedergebären möchte der Seele eine gewisse Erhebung gibt freilich
aber ohne allen Gegenstand ist.
    In der Familie des Herzogs hatten sich während eines Zeitraums von fünfzig
Jahren alle drei Stimmungen und Gesinnungen erzeugt Der Großvater war ein Mann
gewesen welcher im Notfall auf Feldern und Wiesen selbst mit Hand anlegte wenn
es eben fehlte er trug das gröbste Tuch und saß am liebsten mit Verwaltern und
Bauern in Wirtschaftsgesprächen zusammen Die Grundstücke zu verbessern durch
Ankäufe abzurunden und außer dem Liegenden noch ein beträchtliches Geldkapital
zu hinterlassen dies waren seine einzigen Lebenszwecke Um sie zu erreichen
speiste er von Zinn und versagte sich jeden Genuss Noch zeigte man im Schloss
den Hut den er dreißig Jahre lang getragen hatte Er war zwar nicht wie der in
der Fabel siebenmal verändert worden aber durch Stutzen und Beschneiden von
der ansehnlichen Größe eines dreieckigen bis zu der winzigen Gestalt einer
sogenannten Lampe zusammengeschrumpft
    Der Sohn vereinigte nun das gerade Gegenteil aller dieser Eigenschaften in
sich Prachtliebend empfindsam phantasievoll gereichte er seinem Vater
sobald diese Seiten sich zu entwickeln begannen auch nicht einen Augenblick zur
Freude Gern hätte er ihn enterbt wenn er nur gedurft allein er musste ihn
sogar seines eignen Weges gehen lassen da Graf Heinrich mit der erlangten
Mündigkeit Herr eines ansehnlichen mütterlichen Erbteils wurde Er vermählte
sich früh mit einem reizenden Fräulein welcher aber der Gatte wenig zustatten
kam denn dieser reiste auch nach seiner Heirat viel allein und hielt sich
durch die Bande der Ehe in seinen Freuden nicht gehemmt Zärtliche an
Schwärmerei grenzende Freundschaften schmückten sein Leben bei den Weibern
hatte er ein fabelhaftes Glück eine zahlreiche Nachkommenschaft war die Frucht
so mannigfacher Begegnungen Um diese kümmerte er sich nicht Was ihn bewogen
Johannen nach dem Tode seiner Gemahlin ausnahmsweise auf das Schloss bringen zu
lassen und sie halb und halb anzuerkennen hat man nie erfahren
    In dem Ernste des Enkels glaubte der Großvater eine Spur seines Charakters
zu entdecken und tröstete sich daran über den Leichtsinn des Sohns Er hatte
ihn beständig um sich und man vermutete dass er ihn besonders bedacht haben
würde wäre er nicht vom Tode überrascht worden
    Wie dieser Enkel sich ausgebildet erzählen Ihre Bücher Das aber konnten
sie nicht erzählen und würden sie auch nie erzählen können wie er ein Opfer
der Schuld seiner Altvordern wurde Nur ich weiß es Ich habe keine
Verpflichtung ein Geheimnis daraus zu machen und die Frauen um derenwillen
ich vielleicht schweigen müsste werden wenn ich mich irgendein wenig auf die
weibliche Natur verstehe keinen Blick in die gedruckten Memoiren werfen
nachdem sie schreibend dazu beigesteuert haben Was aber über alles Ich glaube
dass ich von Ihrer Leidenschaft für die Wahrheit durch Sie etwas angesteckt
worden bin
    In den Tagen wo ich zwischen zwei Krankenbetten dem der Herzogin und
Johannas meine Sorgen zu teilen hatte nahm der Prozess über die
Standesherrschaft eine besonders lebhafte Wendung Es sollte zur Vorlegung des
Adelsbriefs geschritten werden und ich saß im Archiv davon eine Kopie für den
Herzog zu fertigen welche er zurückbehalten wollte
    Nach Wilhelmis Abgange und bei noch fortdauerndem Mangel eines tüchtigen
Stellvertreters verrichtete ich manche Geschäfte die ein Nichtjurist allenfalls
besorgen konnte Da hörte ich einen lebhaften Wortwechsel in einem
Seitenkabinette und sah nach einigen Sekunden den Herzog mit dem Amtmann vom
Falkenstein heraustreten Letzterer sah sehr erhitzt aus und rief »So wollen
mich der gnädige Herr wirklich fortjagen«
    »Bedienen Sie sich anständigerer Ausdrücke solange Sie noch in meinen
Diensten sind« versetzte der Herzog welcher seine Fassung ziemlich beibehielt
»Übrigens sehen Sie selbst wohl ein dass in einer wohlgeordneten Wirtschaft der
Herr zu befehlen und der Untergeordnete zu gehorchen hat und dass wo sich die
Sache umdrehen will man schleunig Einhalt tun muss«
    Der Amtmann warf einen höhnischen Blick auf meine Arbeit murmelte »Ich
werde dazu gezwungen«  und verließ das Gewölbe Ich fragte den Herzog was
vorgefallen sei und erfuhr dass er den Trotz und die Willkür dieses bösen Alten
nicht länger dulden könne Er scheine es darauf anzulegen die Autorität der
Herrschaft zu untergraben und habe neuerdings in der Administration des
Falkensteins Anordnungen getroffen die im graden Widerspruche mit den
Verfügungen des Herzogs ständen Darüber zur Rede gestellt sei nicht einmal
eine Entschuldigung erfolgt vielmehr das freche Erwidern dass es so besser sei
worauf der Herzog ihm den Dienst gekündigt habe
    Auch mir war das gemeine Wesen dieses Menschen welches sich in der
letzteren Zeit und besonders seitdem der Rechtsstreit über die Herrschaft
anhängig war immer mehr gesteigert hatte sehr auffallend gewesen Er tadelte
laut seine Gebieter hielt sich über sie auf klatschte und verklatschte benahm
sich überhaupt so als könne er hier schalten und walten wie er wolle
    »Das ist die Frucht davon wenn die Leute zu sehr sich einnisten« sagte der
Herzog  »Dieser Reinhard war schon bei meinem Großvater und dessen rechte
Hand Nun muss ich zu einem Schritte gegen ihn übergehen der mir leid tut aber
nicht abzuwenden ist Der alte Erich wurde in seiner Heftigkeit beinahe zum
Mörder und irrt vielleicht unter Räubern umher und was soll der Amtmann
beginnen wenn ich ihn wie ich muss forttreibe Man wechsle auch mit den
Menschen wie mit den Kleidern es wird viele Unbequemlichkeit dadurch erspart«
    Er sah das Diplom an und fuhr mit einem trüben Lächeln fort »Auf welchem
schwachen Grunde die Pfeiler unsres Daseins stehen Dieses schlechte und dünne
Pergament wäre denn nun die letzte Bürgschaft eines erträglichen Lebens nachdem
so manches sich in meiner Häuslichkeit verändert hat und dieses Schloss zum
Siechenhofe geworden ist«
    Einige Wochen vergingen und des Vorfalls der uns unbedeutend schien wurde
nicht weiter gedacht
    Mein Schreck war groß als eines Abends spät der Herzog auf mein Zimmer
geeilt kam blass mit verwandeltem Antlitz bebenden Gliedern Sprachlos reichte
er mir einen geöffneten Brief hin und sank sich in seinen Mantel hüllend auf
einen
    Sessel
    Der Brief war von Hermanns Oheim und enthielt eine Nachricht die allerdings
den Festesten erschüttern konnte Der Gegner schrieb der Amtmann sei bei ihm
gewesen und habe ihm in betreff der Adelsurkunde von welcher das Schicksal der
zwischen ihnen schwebenden Sache abhange eine unerwartete Nachricht gegeben
Jene Urkunde sei nämlich verfälscht und vom Amtmann selbst auf unablässiges
Bitten Dringen und Befehlen des Großvaters welcher sich den Prätendenten der
jüngeren Linie gegenüber in großer Verlegenheit gefühlt unter genauer
Beobachtung der Kurialien und mit treuer Nachmalung der Kanzeleischrift
angefertigt worden Künstlich vergilbte Tinte sei von einem Chemiker leicht zu
beschaffen gewesen auch habe es nicht schwergehalten dem Pergamente selbst die
Farbe des Alters zu leihen Man habe einen geschickten Stempelschneider für eine
große Summe gewonnen das kaiserliche Insiegel vorhandnen Mustern in Metall
nachzustechen
    Zu solchem Frevel habe der Amtmann sich nur erst dann verstehen wollen als
ihm vom Großvater ein eigenhändiges untersiegeltes Bekenntnis über den ganzen
Einhergang ausgestellt und überliefert worden sei Mit diesem Reverse sei ihm
das Schicksal des Hauses in die Hände gegeben worden und er habe in der Stunde
da er dem Herrn zuliebe so schwer sein Gewissen belastet geschworen dies nicht
umsonst tun vielmehr wenn man ihm einmal nur im entferntesten Sinne schnöde
begegne alsobald das Amt der Rache ausüben zu wollen
    Der Oheim schrieb dass der Amtmann alle diese Entdeckungen ihm in einem
äußerst gereizten Zustande getan habe und dass von ihm keine Rücksicht auf diese
Aussage eines entlaufnen Dieners genommen worden wäre wenn nicht der ihm
gleichfalls überreichte Revers des Großvaters den schlagenden Beweis der
Wahrheit geliefert hätte
    Dieser Revers lag in beglaubigter Abschrift bei und enthielt leider die
Bestätigung des schmachvollen Ereignisses
    Wer hätte dies ahnen können Ich starrte den Herzog an er mich wir fanden
beide keinen Rat in uns Der Oheim hatte seinem Schreiben die Bemerkung
hinzugefügt dass er aus Schonung diese Mitteilung zuvor privatim gemacht habe
und vor Gericht dieselbe nur dann benutzen werde wenn der Herzog auch jetzt
einen gütlichen Ausweg in der Sache verschmähe
    Der Herzog lag stumm und wie ein Toter im Sessel Da mich sein Schweigen
ängstigte fragte ich ihn was er auf die letzte Andeutung beschließen wolle Er
erwiderte mit tonloser Stimme »Nichts Wir sind verloren und haben keine
Beschlüsse mehr zu fassen Nur für die Herzogin muss gesorgt werden das ist das
einzige was noch geschehen kann«
    Da ich ihn in den folgenden Tagen ganz zerschmettert und fassungslos sah
von der Echteit des Reverses hatten wir uns inzwischen durch die Vorlegung des
Originals notgedrungen überzeugen müssen suchte ich ihn mit allerhand
Trostgründen aufzurichten und stellte ihm vor dasswenn auch aus den zutage
gekommnen Umständen der nicht adliche Stand der Ahnin beinahe zur Gewissheit
erhelle doch es noch immer sehr zweifelhaft bleibe ob der Richter die
Rechtsbeständigkeit des Übertrags reiner Familienanrechte auf einen Fremden
Bürgerlichen aussprechen werde
    Er versetzte dass mein Zuspruch den Punkt nicht treffe Scheinbar habe das
Schicksal die Lösung des Knotens vorbereitet um unter der Hülle dieser
Anstalten einen viel festeren und härteren zu schürzen
    Ich merkte dass die Gefahr seine Besitzungen einzubüssen ihn weniger
drücke als ein andres nagendes Gefühl Er war im innersten Mittelpunkte seiner
Empfindungen geknickt zerbrochen Das Falsum des Vorfahren hatte den Begriff,
den er von sich hatte vernichtet Die reine Abstammung auf welche er wie das
Hermelin auf die unbefleckte Weiße seines Pelzes gehalten war besudelt durch
den Fehltritt wozu die Angst zu verlieren einen geizigen Alten fortgerissen
hatte Seine Tage schienen ihm an ihrer Quelle vergiftet zu sein und seine
Vorstellungen nahmen die krankhafte Verderbnis an zu welcher es in der
körperlichen Sphäre ein Gegenbild in dem scheußlichen Übel gibt welches ich
nicht nennen mag
    Ich versuchte den irregehenden Gedanken die natürlichen Wege zu eröffnen
und sagte dass ja ein jeder der Sohn seiner Taten sei nur sein Bündel zu
tragen nur seine Schuld zu verantworten habe Allein diese geistige
Krankheitsform welche man Aristokratismus nennt nimmt solche Mittel nicht an
man kann sie nur aus sich selbst durch Illusionen heilen welche mir nicht zur
Hand waren
    Nach und nach rang sich der Herzog zu einer kalten Fassung empor Er
verlangte von mir die Entfernung der Frauen wenn deren Umstände diese tunlich
machten da er allein zu sein wünsche und die geschäftlichen Anordnungen
welche nun bevorständen auch nur in der Einsamkeit treffen könne Sein Wunsch
stimmte mit meinen Ansichten überein Welche üble Wirkung musste die Verwicklung
der Hausgeschicke auf die langsam genesende Herzogin machen wenn sie davon wie
doch bei ihrer Anwesenheit kaum zu vermeiden war Kunde bekam Ich brauchte
daher den Vorwand dass zu ihrer völligen Herstellung nichts kräftiger wirken
werde als eine magnetische Behandlung und sandte beide Damen diese scheinbar
einzuleiten nach der Hauptstadt Mancher Widerstand war zu besiegen gewesen
insbesondre bei Johanna welche ich zuletzt nur dadurch zur Abreise bestimmte
dass sie einsehen musste wie die Schwägerin ohne sie in der großen Stadt ganz
verlassen sein werde Mein Ernst war es nicht mit dem Magnetismus gegen welchen
ich vielmehr von jeher gewesen bin da er den Organismus nur noch tiefer
zerrüttet Ich empfahl die beiden Leidenden in die Obhut eines dortigen
Freundes auf welchen ich mich wie auf mein zweites ärztliches Ich verlassen
konnte Diesem band ich ein dass er meine Heilmetode als Vorbereitung zu jener
mystischen verfolgen und so ohne Streichen und Manipulieren den Zweck zu
erreichen sich bestreben solle
    Nun waren wir Männer allein verkümmert auf dem Schloss welches sonst von
freundlicher Geselligkeit eine so angenehme Belebung empfangen hatte Der Herzog
schien ruhig zu sein er erklärte verschiedentlich dass ich recht gehabt dass
jeder nur für sich und seine Handlungen einzustehen verpflichtet sei dass die
Vergehungen dritter Personen in den Augen der Vernünftigen unsrer Ehre nicht
schaden könnten und was dergleichen mehr war Allein mir wurde nicht wohl bei
diesem Gleichmute der offenbar sich als erkünstelt zeigte
    Der Kaufmann hatte seine Anträge gemacht welche dahin gingen dass der
Herzog die Güter auf den Todesfall abtreten bei seinen Lebzeiten aber den
Niessbrauch behalten solle Letztres und ein bedeutendes Wittum für die Herzogin
sollten den Kaufpreis bilden Unter diesen Bedingungen war die Zurücknahme der
Klage die Ausantwortung des Reverses und die Geheimhaltung der ganzen Sache
andrerseits versprochen worden
    Der Herzog hatte sich nicht einen Augenblick bedacht den entscheidenden
Federzug unter die ihm vorgelegte Abtretungsurkunde welche die gedachten Punkte
enthielt zu setzen Als ich ihm über diesen eiligen Schritt Vorstellungen
machte sagte er »Wollten Sie dass der Krämer den Namen derer von  an den
Pranger schlage Wäre ich nicht gebrandmarkt Besteht die Welt aus Vernünftigen
Zudem ich habe keine Leibeserben und so möge denn unser altes Geschlecht in
diesen gepriesenen jüngsten Tagen erlöschen«
    Ich sah ihn ernst und nachdenklich oft in später Nachtstunde durch die
Gänge des Schlosses wandern Er stand vor den Türen den Geräten den
Wappenschildern still und musterte sie mit zerstörten Blicken Am längsten
pflegte er im Ahnensaale zu verweilen wo er manches an den Familienbildern
ausbessern die durch Staub und Alter verdunkelten reinigen ließ Das Bild des
Großvaters wurde herabgenommen und beiseite geschafft das seinige an die leer
gewordne Stelle befördert
    Wo es nur irgend geschehen konnte brachte er das Gespräch auf den
Selbstmord gegen den er sich mit der größten Lebhaftigkeit erklärte
    Alles was über diesen Gegenstand Verwerfendes von jeher gesagt worden ist,
trug er in den mannigfaltigsten Wendungen vor und hob bei diesen Gelegenheiten
besonders das Unanständige eines solchen Lebensabschlusses heraus welcher in
den meisten Fällen eine Menge von verletzenden Nachforschungen und das
widerwärtigste Getümmel errege
    Er sprach leider zu oft davon als dass ich nicht die Absicht hätte
durchschimmern sehen und nicht um so besorgter werden sollen Das Leben musste
ihm wie er nun einmal war unter den jetzigen Umständen eine Last sein das
erkannte ich wohl Dennoch sträubt sich unser modernes Gefühl hartnäckig gegen
den Entschluss sie freiwillig abzulegen
    In meinen trüben Ahnungen wurde ich nur noch mehr befestigt als ich eines
Tages bei einem Gange durch die Bibliothek ein toxikologisches Werk
aufgeschlagen fand Der Leser hatte gerade bei der Seite innegehalten welche
von jenem mit grauenvoller Raschheit spurlos wirkenden Gifte von der Blausäure
handelte
    Da der Herzog nun fast gleichzeitig über plötzliche Anwandlungen von
Schwindel zu klagen begann und seine Ahnung aussprach dass er vielleicht einmal
plötzlich am Schlagfluß sterben werde zu dem seine Konstitution sich durchaus
nicht hinneigte so wusste ich dass er zu enden entschlossen sei wie er gelebt
hatte nämlich ohne Verstoss gegen die äußere Sitte in der Weise die ihm für
einen vornehmen Mann die schickliche bedünkte Mich erschreckte mich bekümmerte
diese finstre Absicht und dennoch war bei seinem Charakter keine Hoffnung
vorhanden sie zu wenden
 
                      XII Auch eine Bekehrungsgeschichte
Mich machten alle diese Vorfälle Missgeschicke Krankheiten sehr unglücklich
Das Feuer einer verbotnen Leidenschaft hatte mich unter Menschen getrieben die
sich nun allgemach von mir und voneinander ablöseten Alles Behagen um mich her
war dahin Meine Zeit schien in dieser Einöde ohne Frucht vergangen zu sein und
die Beziehungen des Lebens kamen mir wie kurze Fäden vor die man mit Mühe von
einem verworrenen Knäuel abwickelt Meinen Kranken widmete ich zwar eine
pflichtgemässe Sorgfalt aber ohne Freude am Berufe zu haben Das eigentliche
Leiden der Welt schien mir dem Arzte so unerreichbar zu sein dass seine ganze
Beschäftigung mir kleinlich und nutzlos vorkam Wie sich das Leben vor meinen
Augen zersetzte so bröckelte mir auch die Wissenschaft auseinander und wurde
ein lockres Aggregat problematischer Einzelheiten welchen der eigentliche
Mittelpunkt fehlte
    Auch mich warfen die Anstrengungen und Gemütsbewegungen verbunden mit einer
starken Erkältung die ich mir bei einem nächtlichen Ritte zuzog auf das Lager
Ein starkes Fieber hielt mich drei Wochen lang zwischen glühenden Phantasien
gefangen und möchte leicht einen gefährlichen nervösen Charakter angenommen
haben wären meine Eingeweide nicht frei von jeder Indigestion gewesen
    Als ich erstand war ich wie neugeboren ich hatte das Gefühl eines Kindes
dem jeder Gegenstand tausend frische unabgenutzte Seiten zeigt in den
unbedeutendsten Dingen erkannte ich ein Glück der Gruß eines Bekannten seine
Frage wie es mir gehe konnte mir auf einen ganzen Tag Freude machen
    So lebte ich einige Wochen für mich hin mit Eifer meine Berufsgeschäfte
treibend und mich um die Wirrsale der Welt wenig kümmernd Da wurde mir eines
Tages es war gerade um zwölf Uhr mittags die wunderbarste innere Erfahrung
Sie kam ungesucht unvorbereitet wohl recht wie das Höchste erscheinen muss
    Ich will mich nicht besser machen als ich bin will gestehen dass auch
nachmals mein Inneres voll Schlacken geblieben ist aber ich kann wie Cromwell
von mir behaupten dass ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin und deshalb
nicht verlorengehn werde
    Ich wanderte für mich eine grade keinesweges zur Erhebung stimmende
Landstraße hin ruhig ohne Bewegung des Gemüts nur an eine ganz gewöhnliche
Tagesobliegenheit denkend Da auf einmal fühlte ich in mir die Existenz
Gottes und seine unmittelbarste Gegenwart in mir so dass ich nun ganz bestimmt
wusste Er ist Und zwar nicht als Begriff Idee sondern sein Dasein ist ein
reelles Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar jedoch
hauptsächlich und vorzugsweise das Herz in welchem sich dieselbe wie ein
sanftes Wirbeln gestaltete welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des
Weltalls rückte und es auf einen Zug begreifen lehrte in welchen Gesetzen der
Unschuld Schönheit und Güte dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei Damals
wusste ich auch sofort dass wir nie Gott anschauen werden dass vielmehr die
Seligkeit darin bestehen soll einen solchen Moment für immer zu haben und dass
dann Gott wie ein ewiges Pulsieren der Heiligkeit in uns die Stelle des
fleischlichen Herzens einnehmen wird Alles dieses war keine Phantasie keine
Spekulation sondern eine fast sinnliche Gewissheit Es dauerte nur wenige
Sekunden auch kann ich den Moment nicht näher beschreiben denn es würde doch
nur auf schmückende Armseligkeiten hinauslaufen Dantes Worte kommen ihm noch am
nächsten wenn er singt
All alta fantasia qui mancò possa
Ma già volgeva il mio disiro él velle
Siccome ruota che igualmente è mossa
Lamor che muove l Sole e laltre stelle
Doch klingen auch sie nur wie Lallen von hoher Musik Das Ganze aber war ein
Gemütswunder welches sich nachmals nicht hat wiederholen wollen mir jedoch
auch in seiner einzelnen und einzigen Erscheinung zur Beruhigung über einen
höheren Zusammenhang der Dinge vollkommen genügt Bin ich Ihnen in meinem Wesen
umgestimmt erschienen so ist es die Nachwirkung dieses Augenblicks gewesen
    Als ich nach Hause kam fand ich den Ruf zur Vorsteherschaft über die großen
Anstalten in der Hauptstadt mir höchst unerwartet und überraschend da ich
nicht geglaubt hatte dass meinem Wirken anderwärts Aufmerksamkeit zuteil
geworden wäre Mein Entschluss konnte nicht zweifelhaft sein Hier traf eine
äußere Gunst genau mit einem inneren Glücke zusammen Meine Verhältnisse hatten
sich ausgelebt und ich erkannte dass es für mich an der Zeit sei in neue
bedeutendere Kreise überzugehn
    Man hatte mir den Auftrag erteilt nach England und Frankreich zu reisen
dort verschiedene Beobachtungen zugunsten des Instituts anzustellen So kam es
dass ich erst nach geraumer Zeit in  anlangte wo ich denn die Frauen geheilt
antraf Johannen durch den alten würdigen Kriegshelden die Herzogin durch ihre
jungen Mädchen
    Dass auch bei dieser das Herz freilich in sehr zarter Weise die Herstellung
vermittelt hat ist Ihnen vielleicht nicht so bemerklich geworden Der junge
Lehrer welcher nach dem Tode der Vorsteherin für die hut und mutterlose
Pension welche er nicht gern untergehn lassen wollte ihren Schutz anflehte
wirkte durch seine Persönlichkeit wohl bedeutend auf ihren Entschluss sich der
Mädchen anzunehmen die den Stamm aller nachherigen Zöglinge bildeten Er gehört
zu den jungfräulichen Männern ist schamhaft verschwiegen bescheiden wie
keiner Nun wohnt er schon seit längerer Zeit im Hause der Herzogin und man
kann diese Neigung obschon sie ganz unschuldig ist und nur die Farbe des
Dienstverhältnisses trägt worin er zu ihr steht kaum noch Freundschaft nennen
Ich hatte meine törichte Leidenschaft längst besiegt und mochte daher dieses
Wirken der Natur unbefangnen Sinnes anschaun Freilich wurde mir dabei ihre
Ironie klar welche nirgends ausbleibt und hier durch ein eheähnliches
Verhältnis für Übertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht
herzustellen gesucht hat Denn jenes Verhältnis war nach so vielen
Gewissenszweifeln Büssungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs
eingeschritten
Der Arzt hat eine große Aufgabe in der Gegenwart zu lösen Krankheiten
besonders die Nervenübel wozu seit einer Reihe von Jahren das
Menschengeschlecht vorzugsweise disponiert ist sind das moderne Fatum Was in
frischeren kürzer angebundnen Zeiten sich mit einem Dolchstosse mit andern
raschen Taten der Leidenschaft Luft machte oder hinter die Mauern des Klosters
flüchtete das nagt jetzt inmitten scheinbar  erträglicher Zustände langsam an
sich untergräbt sich von innen aus zehrt unbemerkt an seinen edelsten
Lebenskräften bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehn
    Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt Er muss will
er seinen Beruf mit Weisheit erfüllen ein Eingeweihter sein Gott und die Welt
im Busen tragen er muss gewissermaßen das Amt eines Priesters und Hierophanten
üben Mittel und Wege hat er aufzufinden wozu ihm die materia medica keine
Anleitung gibt
    Unsrer Wissenschaft steht überhaupt eine Umbildung bevor und wenn es
erlaubt ist der Entwicklung der Dinge vorzugreifen so möchte ich sagen Wir
werden uns der antiken Richtung wieder näher anschließen Lange genug haben wir
mit Pulvern und Pillen die Natur zu zwingen gewähnt oder den lebendigen Leib an
das Kreuz des Systems geschlagen in Zukunft werden wir mehr beobachten Selbst
der Auswuchs der jetzigen Heilkunde die Homöopatie deutet schon diesen
richtigeren Weg an wenn sie verschmäht die sogenannten inneren Ursachen
analysierend sich zur Anschauung zu bringen in welcher isolierten Analysis auch
eigentlich nichts mehr vorhanden ist, was dem Arzte einen Fingerzeig geben
könnte
 
                                 XIII Hermann
So bewegte sich die Welt worin unser Freund eine Zeitlang einheimisch und tätig
gewesen war gänzlich umgestaltet in Erbaun und Verfall Trost und Verzweiflung
auf und ab ohne dass er selbst von diesen Ereignissen etwas verstanden oder an
ihnen teilgenommen hätte Mit schwerem Finger hatte ihn das Schicksal berührt
an ihm ein Zeichen gesetzt welche Gefahren unsre Zeit den Jünglingen bereitet
die mit Empfindung und Geist ausgerüstet ungebunden dahinleben zu können
meinen
    Nach der Rückkehr von meiner Reise war mein erster Gang zu Wilhelmi den
ich durchaus verwandelt das zweite Kind auf dem Schoße haltend neben seiner
munteren artigen Frau antraf Von den Gemälden und sonstigen Seltenheiten als
deren eifrige Sammlerin die nunmehrige Madame Wilhelmi bekannt gewesen war
erblickte ich nichts vielmehr sah ich nur eine gewöhnliche elegante
Einrichtung Da meine Augen die verschwundnen Schätze suchten erriet mich
Wilhelmi und ich wurde als alter Freund gleich in einen Ehekrieg eingeweiht
Die Kunstkennerin hatte seit ihrer Vermählung allen Geschmack an den
Antiquitäten verloren sie Wilhelmis Einreden ungeachtet nach entlegnen
Kammern verwiesen und wollte dieses ganze Besitztum gern losschlagen wozu aber
der Gatte seine Zustimmung beharrlich versagte Seine Neigung war die nämliche
geblieben Er suchte die verwiesenen Lieblinge in den engen Räumen so gut als
möglich unterzubringen
    Alles dieses erfuhr ich in der ersten halben Stunde durch halb ernste halb
scherzhafte Gespräche welche jedoch von vollkommener gegenseitiger Zufriedenheit
zeugten
    Bald wurde aber die häusliche Szene durch eine Figur gestört bei deren
Erscheinung die Gatten mitleidig und betrübt ihre Blicke niederschlugen Der
Eintretende wollte sich da er einen Fremden sah alsobald entfernen Wilhelmi
hielt ihn indessen zurück führte ihn mir entgegen und sagte
    »Erkenne ihn nur Hermann es ist unser alter Freund der Doktor«
    Hermann gab mir die Hand lächelte mich wie ein Kind an und sagte
»Hippokrates war der berühmteste griechische Arzt von der Insel Kos gebürtig
und brachte zuerst die Lehre von den kritischen Tagen auf«  Dann setzte er
sich neben Wilhelmis Frau und warf von Zeit zu Zeit historische oder
philosophische Bemerkungen hin welche alle richtig waren nur freilich nicht
die mindeste Beziehung zu der Umgebung hatten
    Es ist schrecklich unvorbereitet den Tod eines Bekannten zu erfahren aber
es erschüttert Mark und Bein ihn plötzlich lebendig so wiederzusehn
    Niemand hatte mir noch etwas von dieser traurigen Veränderung gesagt Ich
war meiner ganzen ärztlichen Fassung benötigt um nicht in Tränen bei dem
Anblicke des Unglücklichen auszubrechen der mit blassem Antlitze erloschnen
Augen und einem steten Lächeln sonst aber unentstellt dasaß
    Unter einem Vorwande nahm ich Wilhelmi beiseite und begehrte draußen
Aufschluss von ihm Ich hörte darauf die Begebenheiten welche nun da ich Ihre
Bücher gelesen mir nicht mehr dunkel sind damals aber mir völlig rätselhaft
vorkommen mussten
    Wilhelmi erzählte mir dass Hermann mit den Gebärden eines Verzweifelnden von
Flämmchens Landhause fortgestürmt sei Die Landleute hätten ihn in der Gegend
mit zerrissnen Kleidern scheu wie das Wild ihnen ausweichend umherirren gesehen
    »Wir Zurückgebliebnen« sagte er »die wir erfuhren dass Johanna nach dem
Schloss abgereiset war wurden über das Ausbleiben Hermanns sehr bestürzt Ich
schrieb an ihn und da der Brief unbestellt wieder in meine Hände gelangte so
reiste ich selbst nach der Gegend wo ich denn jene Vorfälle hörte
    Er war verschwunden trat jedoch nach mehreren Monaten während welcher
Korrespondenz Nachfrage öffentliche Bekanntmachungen vergeblich angewendet
worden waren seinen Aufenthaltsort zu ermitteln eines Abends da es dämmerte
in mein Zimmer fiel mir weinend um den Hals sagte dass er da und dort gewesen
sei aber nirgends Ruhe finde dass ich ihm ein Plätzchen bei mir gönnen möge wo
er sterben könne
    Meinen Schreck werden Sie ermessen Ich sprach mit meiner Frau die sich
kaum zusammennehmen konnte da sie ihn so außer sich sah und verstört Wir
brachten ihn darauf in einem stillen Gartenzimmer bei uns unter baten ihn sich
zu schonen seine Sinne zu sammeln dann werde sich ja alles finden was auch
vorgefallen sein möge
    Er ließ sich diese Obsorge gefallen und saß einige Tage vor sich hin Als
ich glaubte er sei so weit beruhigt dass man mit ihm reden könne suchte ich zu
erforschen was sein Inneres so gewaltsam aufgeregt hatte Ich bekam jedoch keine
andern Antworten von ihm als dass er der verworfenste aller Menschen sei dass
nichts auf Erden sich mit seinem Elende vergleichen lasse ob ich den Ödipus
kenne  Da ich sah dass ihn mein Andringen schwer leiden machte so gab ich es
auf und habe auch nachmals nicht versucht sein Geheimnis zu entdecken
    Nur so viel ist mir aus unwillkürlichen Äußerungen klargeworden dass das
Bewusstsein einer Schuld die furchtbar gewesen sein muss seine Brust zerfrisst
dass sich auf dem Landhause Flämmchens das Schlimme begeben haben mag und dass
dieses wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Inhalte der Brieftasche hat
welche ihm von seinem Vater vererbt worden ist.
    Ich glaubte Beschäftigung werde ihn am ersten wieder zum Gefühle seiner
selbst bringen und äußerte ihm diese Meinung Er ergriff sie mit Leidenschaft
und rief Du hast das Wahre getroffen Beschäftigung mangelt mir Gibt es nicht
manches was einem die bösen Träume verscheuchen mag Philosophie Religion
Kunst Staatswissenschaft Versuchen wir es mit diesen erhabenen Mächten und
Geistern der Zeit deren einer uns gewiss hilfreich sein wird
    Ich hatte leider mit meinem wohlgemeinten Worte nur den Punkt berührt der
die Krisis zum Ausbruch bringen musste Es begann eine Zeit an welche ich mich
nicht gern erinnre denn ich musste in ihr wahrnehmen ohne helfen zu können wie
die Seele eines Freundes sich jammervoll auflöste Er eilte in die Kirchen
schrieb Predigten nach saß zu den Füßen des Philosophen und las in dessen
Büchern bis spät in die Nacht Er durchstrich die Säle der Galerie studierte
Kunstgeschichte ging die Staatsmänner seiner Bekanntschaft um praktische
Arbeiten an die sie ihm auch seinen Zustand bemitleidend wenigstens zum
Schein gewährten Aber alle diese religiösen philosophischen ästhetischen und
praktischen Aufspannungen welche mit einer stürmischen Hast ja mit Wut
betrieben wurden konnten dem Geängstigten Versinkenden keinen Anhalt geben
Noch sind Zettel von ihm aus jener Periode übrig worin er die rührendsten und
zerreissendsten Klagen dem Papiere vertraut Ach ruft er in einer dieser
Ergiessungen aus dem befleckten Gemüte steht alles fern Gott und die Natur
Schönheit und Wahrheit Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten öden
Geiste wie dünne Schatten vorbei welche er nicht zu fassen an denen er sich
nicht anzuklammern vermag
    So sich abarbeitend die Kräfte gegeneinander treibend verfiel er nach und
nach in den Zustand wo nun alles ruht und tot ist den wir trauernd anschaun
worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen und von dem wohl keine Heilung
zu erwarten ist«
    Nachdem Wilhelmi mir diese Eröffnungen gemacht hatte beobachtete ich den
Unglücklichen in allen Stunden welche meine öffentlichen Geschäfte mir frei
ließ Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit
sichtbar die ich je wahrgenommen habe
    Hermann war körperlich gesund Die Blässe seines Antlitzes die Mattigkeit
seiner Augen hinderte nicht dass alle Lebensfunktionen bei ihm den natürlichen
regelrechten Gang nahmen Er aß und trank hinreichend seine Füße trugen ihn auf
meilenlangen Wandrungen die er in der Umgegend anzustellen pflegte ohne dass
bei der Heimkehr eine Erschöpfung an ihm zu verspüren gewesen wäre er
schlummerte tief und ruhig Auch war er keinesweges wahn  oder blödsinnig er
las viel hörte Gesprächen von allgemeinerem Interesse gern zu und ließ seine
Bemerkungen vernehmen die immer verständig zuweilen scharfsinnig hin und
wieder selbst tief waren So gab er einst da wir viel über Schicksal und
Selbstbestimmung geredet hatten den Begriff der Freiheit dahin an dass sie die
Form der Notwendigkeit sei und führte diesen Satz auf eine Weise durch welche
uns alle in Erstaunen setzte
    Dennoch war er im Kerne des Seins gestört ja getötet Das Leben welches in
Freude und Leid in Begehren und Verabscheuen in Liebe und Hass in den
Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht war in ihm durch eine
schreckliche Erinnrung ausgelöscht Er weinte und lachte über nichts ein
stehendes gleichgültiges Lächeln machte seine Züge zur Maske Er wollte nichts
und wendete sich von nichts hinweg er hatte keinen Freund und keinen Feind die
besonderen Verhältnisse andrer waren für ihn so wenig vorhanden als seine
eigenen mit einem Worte Das Individuum schien in ihm völlig untergegangen zu
sein Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele wie ein leeres
Gefäß noch auf ohne die Federkraft zu besitzen sie in ihr Eigentum zu
verarbeiten und daraus die Nahrung zu Entschlüssen zu saugen
    So lebte er scheinbar ein Mensch aber ohne Anteil und in der Tat den
Kreisen welche unser Dasein umschließen entrückt seine Tage hin Die Zeit war
für ihn keine Zeit denn er empfand den Wechsel der Begebenheiten nicht der Ort
kein Ort denn keine Sympatie fesselte ihn mehr an eine Stätte Es war der
Zustand der Pflanze er vegetierte
    Dass in einer so vernichteten Seele dennoch richtige Anschauungen ja Ideen
einkehren konnten bestätigte meine alte Überzeugung von der Natur der
menschlichen Seele überhaupt Wir sind weit mehr Depots des geistigen Fluidums
welches durch das Universum streicht als dass wir es selbsttätig erzeugten Auch
hier sind die Volksredensarten von den Gedanken die einem Gott und denen die
einem der Teufel eingegeben wohl zu beachten und tiefen Sinnes Nie hätte ich
freilich gewünscht den Beweis für meine Hypothese durch einen Menschen zu
erhalten dessen Los mir naheging Meine Abneigung gegen ihn war schon früher
verschwunden gewesen ich hatte mir seine guten Seiten klargemacht und seine
jetzige Krankheit schnitt mir durch das Herz
    Ich sah ein dass in diesem Falle am allerwenigsten positiv zu verfahren sein
werde dass man treu aufmerkend neben dem Leidenden stehen und irgendein
günstiges Ereignis abwarten müsse was zur Heilung benutzt werden könne Am
erwünschtesten wäre mir gewesen wenn ich der verborgenen Quelle des Kummers
hätte auf die Spur kommen können allein in dieser Beziehung scheiterten alle
meine Versuche Der Unglückliche verschloss die Ursache seiner Schmerzen in
tiefster Brust und auch die Brieftasche war verschwunden Wir durchsuchten in
seiner Abwesenheit alle Winkel des Zimmers ließ Schränke und Kommoden öffnen
umsonst sie war nicht zu finden
    Eine Geschäftsreise führte mich in die Nähe von Flämmchens Landhause Ich
machte einen Abstecher dorthin weil ich glaubte ich würde vielleicht da einige
Aufklärungen über diese dunkle Geschichte erhalten Das Haus war unter
Sequestration welche die Verwandten des Domherrn ausgebracht hatten Das
Witwenkind hatte man mit der Alten ausgetrieben da binnen der gesetzlichen Zeit
kein Leibeserbe hatte erscheinen wollen Neue Leute befanden sich im Hause
welche mir nichts was mir diente sagen konnten
    Als ich nach  zurückkehrte war Johanna an der Hand des Generals soeben aus
ihrer Dunkelheit hervorgegangen Wie sie sich bis dahin fast menschenscheu
abgeschlossen hatte so verspürte sie nun das Bedürfnis mit ihren alten
Freunden aufs neue anzuknüpfen So besuchte sie denn auch Wilhelmis Haus und
erfuhr dort Hermanns Schicksal
    Ihr Mitleid war grenzenlos Mir machte sie die bittersten Vorwürfe dass ich
ihr die Sache verborgen wozu ich meine guten Gründe gehabt hatte Sie verlangte
von mir die Erlaubnis den Kranken zu sehen zu sprechen ich weigerte mich auf
das bestimmteste dieselbe zu erteilen da alle Aufregungen mir in seinem
Zustande bedenklich zu sein schienen
    Indessen wie die Frauen sind die zuweilen hartnäckig auf ihrem Sinne
bestehn sie gibt das Vorhaben nicht auf dessen Ausführung die mächtigsten
Gefühle ihrer Brust heischen Im stillen erforscht sie dass zu dem Gartenzimmer
worin er wohnt ein besondrer Zugang über den Hof führt und macht sich eines
Morgens allein und heimlich auf ihn zu besuchen
    Der Kranke saß da sie eintrat mit dem Rücken gegen die Türe gekehrt
Liebreich begrüßt sie ihn er wendet sich und starrt regungslos wie eine
Bildsäule sie an Sie will ihm die Hand reichen er aber zieht mit den Worten
»Wir sind nicht in Griechenland wo die Greuel erlaubt waren« einen Dolch aus
dem Busen und zückt ihn mit schrecklicher Gebärde auf sie die vor Entsetzen in
die Knie zu sinken meint Dann lässt er das Mordgewehr fallen wirft auf sie
einen Blick des Abscheues der sich tiefer in sie einbohrt als dem Dolche
möglich gewesen wäre schlägt die Hände vor das Gesicht stößt ein
Jammergeschrei aus dass Wilhelmi es im Vorderhause hört und springt an ihr
vorbei aus dem Zimmer
    Wilhelmi kam außer sich vor Bestürzung zu mir Wir fanden Johannen
ohnmächtig die uns nur langsam von der fürchterlichen Szene bis zum Sterben
erschüttert das Vorgefallne entdecken konnte Wir suchten nach dem
Unglücklichen er war verschwunden Durch Gärten an unbewohnten Hintergebäuden
vorbei musste er seine Flucht genommen haben Alle Erkundigungen nach ihm an den
Toren in den Umgebungen der Stadt waren fruchtlos
 
                        XIV Der Herausgeber an den Arzt
So sehen wir die Männer der Nichtigkeit oder dem Tode entgegengehn denn auch
der Oheim seufzt unter der Last seiner Besitztümer die letzten Hauche eines
ersterbenden Lebens Nur die Frauen die Schwächsten und die am verlorensten zu
sein schienen sind beschwichtigt
    Eine sentimentale genusssüchtige Vergangenheit hat heimliche Irrungen
aufgehäuft an welchen die schuldlosen Enkel sich zu plagen haben Die
Verhältnisse sind verschoben die Menschen voneinander entfernt sich halb fremd
geworden der Held ist kindisch und nur die Maschinen des Oheims arbeiten wie
von je in toter dumpfer Tätigkeit fort
    Aber die Gegenwart ist im Besitze unendlicher Heilungs und
Herstellungskräfte und ich wüsste diese unsre brieflichen Unterhaltungen welche
etwas chaotisch sind wie ihr Gegenstand die Zeitfolge aufheben und zuweilen
in spätere Tage vorausgreifen nicht besser abzuschließen als mit den Worten
Lamartines wenn er sagt »Ich sehe kein Zeichen des Verfalls im menschlichen
Geiste kein Symptom der Ermüdung oder Veraltung Zwar sehe ich morsch gewordne
Einrichtungen die dahinstürzen aber ich erblicke ein verjüngtes Geschlecht
welches der Atem des Lebens beunruhigt und in jedem Sinne vorwärts stößt Dieses
wird nach einem unbekannten Plane das unendliche Werk wieder aufbaun dessen
stete Erschaffung und Herstellung Gott dem Menschen anvertraut hat sein eigenes
Geschick«
 
                                  Neuntes Buch
                              Kornelie  18281829
  Über allem Zauber Liebe
                                 Erstes Kapitel
Kornelie stützte das Haupt des Oheims »Ist dir diese Lage recht« fragte sie
ihn mit sanfter Stimme »Ja mein liebes Kind« versetzte der Alte »Wie wohl
tut mir der Atem deiner Sorgfalt Es ist recht schön von dir dass du von der
grünen Wiese hereingekommen bist einen hinsterbenden Greis zu pflegen«
    »Du wirst dich erholen Vater« sagte Kornelie »Nein meine Tochter«
antwortete der Oheim »wir werden bald voneinandergehn Ein arbeitsames Leben
zehrt auf es ist ein sonderbares Gefühl deutlich das Kapital seiner Kräfte
überschlagen zu können aus deren nicht zu berechnendem Reichtume man in der
Jugend mit so verschwenderischen Händen schöpfte Ich habe diese Empfindung
jetzt oft«
    Der Dirigent einer Abteilung des Gewerbebetriebs trat ein um die Meinung
des Prinzipals über eine neue Anlage einzuholen »Verfahren Sie hierin ganz nach
eigener Einsicht« erwiderte der Oheim nachdem er sich die Sache hatte vortragen
lassen »Sie müssen sich nach und nach gewöhnen selbständig zu handeln«
    »Welche Besorgnisse Ihnen auch Ihre Gesundheitsumstände einflößen« sagte
der Mann nicht ohne Rührung »Besorgnisse die will es Gott sich als
ungegründet ausweisen werden so seien Sie überzeugt dass Ihre Weisheit unsre
unverbrüchliche Richtschnur immerdar bleibt dass keiner von uns an eine Zukunft
nach Ihnen denkt«
    Eine andre Türe ward gewaltsam aufgerissen Ferdinand stürmte herein die
Jagdtasche an der Seite die Flinte über den Rücken geworfen Er warf ein paar
Feldhühner Kornelien zu Füßen und rief »Da hast du einen Braten in die Küche«
 Dann entfernte er sich ebenso laut wie er gekommen war ohne von dem Kranken
Notiz zu nehmen Dieser schickte ihm einen kummervollen Blick nach der
Geschäftsmann sah seufzend vor sich nieder Kornelie weinte still in einer Ecke
des Zimmers »Fürchten Sie nichts« sagte der Kommerzienrat zu seinem Freunde
»Ich werde Verfügungen treffen dass die Schöpfungen unsrer redlichen Mühe die
Anstalten zu deren Begründung sich Kenntnisse Fleiß und gegenseitiges Zutraun
so vieler Männer verbinden mussten nicht zusammenstürzen wenn zwei Augen sich
schließen dass sie wenigstens nie von den Launen eines unbändigen Jungen
abhangen sollen«
    Als jener das Zimmer verlassen hatte sagte Kornelie »Er wird gewiss noch
anders und besser Vater«
    »Nein« erwiderte der Kranke »ich täusche mich nicht mehr mit leerer
Hoffnung Die wilden verderbten Neigungen sind zu tief bei ihm eingewurzelt
ich muss ihn aufgeben und seinen Weg ziehen lassen denn es ist fruchtlos gegen
des Menschen Natur anzugehn Liederlich wird der Bube nun auch ich habe das
leider erfahren Großer Gott wie war es möglich dass zwei stille einfache
Menschen wie meine Frau und ich ein solches unstetes Wesen erzeugen konnten«
    Kornelie suchte den Leidenden zu beruhigen und der Abend ging in Gesprächen
mit dem Prediger der sich als es dunkel geworden war wie gewöhnlich einfand
friedlich hin
    Der Oheim hatte als er die Abnahme seiner Kräfte merklicher werden sah von
manchen seiner Eigenheiten abgelassen sein Wesen war von Tage zu Tage gütiger
und milder geworden Die Geschäfte ruhten schon seit einiger Zeit fast ganz in
den Händen der Untergebnen und wenn ihm auch die Erhaltung des Ganzen am Herzen
lag so nahm er doch an dem Einzelbetriebe und an dem merkantilischen Resultate
wenig Anteil mehr Dagegen hatte sich seine Neigung für die Pflanzen zu einer
wahren Zärtlichkeit gesteigert und eine andre Jugendrichtung die Liebe zur
Chemie stellte sich ebenfalls wieder ein Dieser verdankte er die erste
glückliche Wendung seines Schicksals Er hatte als junger Mensch eine große
Schiffslast für völlig verdorben gehaltner Ware an sich gebracht und sie durch
eine geschickte Behandlung in verkäuflichen Zustand gesetzt dadurch aber in
wenigen Wochen einen Gewinn von vielen Tausenden gemacht Nun in seinen letzten
Lebenstagen saß er wieder wie damals sooft es seine Umstände erlaubten im
Laboratorio vor dem Ofen glühte und schied ohne einen weiteren Zweck als die
Vermehrung seiner Kenntnisse dabei zu verfolgen Besonders eifrig untersuchte er
die Mischungen der Bodenfläche seiner Besitzungen da er wie er scherzend
sagte doch zu wissen wünsche welchen Elementen sein Staub sich dermaleinst
verbinden werde
    Eines Tages ließ er den Prediger diesem sehr unerwartet rufen Nach
einigen vorbereitenden Reden eröffnete er demselben dass er seinen Umgang und
Zuspruch wünsche da er das Herannahen des Todes fühle Der Prediger ein
verständiger Mann welcher einen Rückkehrenden von der konsequentesten
Denkungsart welcher sich von jeher allem Kirchlichen so ferngehalten vor sich
sah begriff wohl dass er auf die gewöhnliche Weise hier nicht einwirken dürfe
dass er vielmehr vor allen Dingen den eigentlichen Zustand des Kranken zu
erforschen habe Er tat daher einige geschickte Fragen welche den Oheim auch
wirklich dahin brachten sich über sein Inneres ohne Rückhalt auszusprechen
    »Zuvörderst muss ich Ihnen versichern« sagte er »dass ich mich vor dem Tode
durchaus nicht fürchte Nur für den Müßiggänger kann dieser Rechnungsabschluss
beschwerlich sein wer es sich immerdar hat sauer werden lassen empfindet gewiss
endlich ein Bedürfnis auszuruhn Weder Gewissensbisse noch Angst vor dem
Unbekannten da drüben treiben mich zu Ihnen Aber es ist so natürlich dasswenn
die eine Art der Beziehungen zu verschwinden anfängt und eine andre beginnt
man sich über diese aufzuklären wünscht Diese Aufklärung suche ich nicht unter
Heulen und Zähnklappern sondern mit einem stillen Verlangen dessen
Befriedigung mir so das Liebste wäre was mir hier noch begegnen könnte«
    Der Prediger sah wohl ein dass eine solche Stimmung mit der eigentlichen
christlichen Sehnsucht nichts gemein habe Gleichwohl durfte er in seinem Amte
angesprochen sich dem Suchenden nicht versagen Er wählte daher den Weg der
historischen Belehrung und schlug dem Oheim vor sich zuvörderst davon zu
unterrichten wie Lehre und Dogma seit ihrem Entstehen von den Menschen
aufgefasst worden seien und unter ihnen gewirkt haben
    Dem Oheim war dies ganz genehm und so brachte denn der Prediger von da an
in jeder Woche mehrere Abendstunden bei seinem Patrone zu ihm aus einem
Handbuche der Kirchengeschichte vorlesend und seine Erläutrungen hinzufügend
Mit großem Interesse verfolgte der alte Mann die Entwicklungen der christlichen
Kirche und wies oft mit vielem Scharfsinne die Verwandtschaft unter den
verschiedenen Lehrmeinungen und Sekten nach Sehr bald hatte er ausgefunden dass
das eigentümliche Leben des christlichen Geistes sich in den drei ersten
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erschöpft und dass alles Spätere doch nur
mehr in Wiederholung und Modifikation einer schon früher dagewesenen Entfaltung
bestanden habe
    Bei den Gesprächen über diesen Gegenstand erwähnte der Prediger einst des
Umstandes dass sich auch die Versuche der frühesten Häretiker den göttlichen
Geheimnissen auf magische oder sinnliche Weise beizukommen bis in die jüngsten
Zeiten erneuert hätten »So befand sich hier ganz in der Nähe« sagte er »vor
etwa hundert Jahren eine Gemeinde welche alle Schwärmereien der Gnostiker und
Manichäer in sich vereint wieder aufleben ließ und ziemlich lange ihr Wesen
trieb bis die herrschende Kirche sie mit solcher Strenge unterdrückte dass
nicht einmal ihr Gedächtnis in den Nachkommen geblieben ist und auch ich von
ihrem Dasein nichts wissen würde hätte ich nicht ihre Geschichte von einem
Märtyrer der Sekte aufgeschrieben ganz zufällig unter vergessenen Papieren
gefunden Woher sie ihre Irrtümer genommen ist mir dunkel geblieben aus den
Papieren ging so viel hervor dass die Bekenner jenes Wahns geringe Leute gewesen
waren von denen sich nicht vermuten ließ dass sie die Sache aus gelehrter Kunde
geschöpft haben sollten Ich bin daher schon auf den Gedanken gekommen dass sich
gewisse Einbildungen immer von Zeit zu Zeit wie Krankheiten von selbst aus dem
Leben der Kirche erzeugen und dass namentlich die böse Täuschung dem Göttlichen
durch geheime Zeichen und eine willkürliche Allegorie beikommen zu können
fortwuchern wird solange es ein Christentum gibt
    Auch ihre Begräbnisstätte habe ich vor kurzem entdeckt« fuhr der Prediger
fort »Sie liegt in einer einsamen wüsten Gegend und wie durch Instinkt
getrieben haben sie sich ihren Ruheplatz um Trümmer bereitet die wohl ohne
Zweifel dem Heidentume angehören An den vermorschten hölzernen Kreuzen und
Denktafeln sowie an einigen roh und dürftig zugehauenen Steinen lassen sich
noch sonderbare Embleme erkennen die ohne Zweifel eine mystische Bedeutung
hatten Wenn es Ihnen gelegen ist so kann ich Sie einmal dorthin begleiten Die
Sache ist immer merkwürdig genug um eine Spazierfahrt bei schönem Wetter zu
verlohnen«
    Der Oheim erklärte sich mit Vergnügen dazu bereit und man beschloss den
ersten heitern Tag zum Besuche dieses Altertums anzuwenden
    Einmal um jene Zeit sagte der Oheim zum Prediger »Ich fühle dass auch das
religiöse Organ von Jugend auf geübt sein will und dass im Alter die Fasern zu
zähe werden um in dieser Hinsicht noch mit Erfolg sich etwas anzueignen Aber
so viel begreife ich dass etwas was die Menschen neunzehn Jahrhunderte hindurch
beschäftigt hat kein Possenspiel sein kann und Sie mögen daher wenn wir
auseinandergehn von mir die Hoffnung schöpfen dass ich vielleicht anderwärts
nachholen werde was ich hier versäumt habe«
    Auch gegen die Katholiken war der Oheim nachgiebiger und freundlicher
geworden Er sah jetzt gelassen zu wenn sie durch das Haus zur Messe gingen ja
er schenkte dem Altare ihrer Kirche eine neue prächtige Bekleidung und ließ an
die Stelle der messingnen kostbare silberne Leuchter setzen Hierüber musste er
selbst lächeln Scherzend rief er aus »Im Grunde bleibe ich mir doch treu ich
mache den Schaffner jetzt bei dem lieben Gotte wie ich ihn lange auf irdische
Weise gemacht habe«
 
                                Zweites Kapitel
Nicht lange nachher fuhr der Oheim mit dem Prediger nach dem Kirchhofe der
verschollnen Sektierer Der Weg ging bald von der Landstraße ab und wurde für
die Pferde beschwerlich da er ohne in das eigentliche Gebirge zu führen sich
über lauter wellichtes zerbröckeltes und zerfurchtes Erdreich schwang Endlich
verlief er sich zwischen hohen Lettenwänden wo allenfalls mit einer schmalen
Karre durchzukommen gewesen wäre der breitspurige Wagen aber bald festsass Der
Kutscher hielt und erklärte nicht weiterfahren zu können Der Prediger
welcher bei seinen Fusswandrungen nach dem entlegnen Orte auf diesen Umstand
nicht geachtet hatte machte sich laute Vorwürfe über seine Unbedachtsamkeit
der Oheim tröstete ihn indessen ließ aus Baumzweigen und Wagenkissen eine
Tragbahre bereiten und nahm die Kräfte zweier jungen Bauern welche in einiger
Entfernung vorübergingen für dieses Transportmittel aus dem Stegreife in
Anspruch So gelangte man denn doch wenn auch später als man gewollt an das
Ziel
    Der Ort auf einer Höhe zwischen heidekrautbewachsenen Hügeln gelegen war
außerordentlich einsam und musste durch sich selbst schon Gedanken der
Melancholie erwecken Eine niedrige Mauer die aber an den meisten Stellen zu
Trümmern zerfallen war umschloss einen runden Platz von mässigem Umfange Was der
Prediger für die Überbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte war die
Substruktion eines kleinen achteckigen Gebäudes von welcher nur hin und wieder
noch einige Steinzacken über der Erdoberfläche emporragten In der Mitte des
inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr in welche ein Bächlein
welches von den Höhen herabkam und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht
hatte sein Wasser ergoss Um diese Trümmer  der Hünenborn wie der Prediger
sagte von den Landleuten geheißen  hatte die Sekte ihre Toten rings im Kreise
bestattet Aber die Gräber waren zum größten Teil schon wieder eingesunken die
Kreuze verfault die Steine lagen umgefallen in aufgerissnen Erdrinnen oder
neigten sich gegeneinander Über eine ganze Reihe tiefer Höhlungen durch das
Einstürzen mehrerer Gräber entstanden hatten die Landleute welche ihren Fußweg
nach einem nahen Walddorfe über die Höhe nahmen eine Notbrücke von Baumstämmen
Leichensteinen und Kreuzen gemacht deren sie sich bedienten wenn Regenwasser
diese Senkungen ausfüllte Alles war an dem verlassenen Platze eigen traurig die
Bilder der Vergänglichkeit hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit
berührt Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte wo menschliche
Leiber verwesen zu haben ein kümmerliches Gras bedeckte spärlich den
weissgelblichen Grund hohe fahle dürre Halmen stachen lang und spitzig aus
demselben hervor sonst zeigte sich weder Baum noch Staude nur über den
sogenannten Hünenborn neigte eine große Trauerweide deren Stamm aber auch schon
im Absterben war ihre mattgrünlichen Zweige
    Nachdem der Oheim am Arme des Predigers einen Gang zwischen den Gräbern
hindurch gemacht und sich an den noch erhaltnen Kreuzen sowie an einigen
Steinen rohe Schlangenzeichen hatte vorzeigen lassen ruheten beide in dem alten
Gemäuer unter der Trauerweide Der Prediger sprach seine Meinung aus und
behauptete dass jene Bildwerke genau mit denjenigen übereinstimmten deren sich
in den ältesten Zeiten die Ophiten bedient hätten »Was mich Wunder nimmt«
sagte der Oheim »sind die Steine Sie haben mir erzählt dass die Sekte nur aus
armen Leuten bestanden habe woher nahmen diese das Geld zu so kostbaren
Denkzeichen«  »Auch mir fiel dieser Umstand auf« versetzte der Prediger »bis
ich entdeckte dass in  noch vor hundert Jahren eine Steinmetzenzunft bestanden
hat ähnlich den mittelalterlichen Gilden dieser Art Wahrscheinlich hat das
Geheimnis welches jene Zunft in ihre Verhandlungen wob sich mit dem
Geheimnisvollen der Sekte als etwas Wahlverwandtem berührt Mitglieder des
Gewerks mögen zu ihr gehört oder sich wenigstens zu ihnen hingeneigt Steine
und Arbeit ihren Bestattungen umsonst oder für die billigsten Preise geliefert
haben«
    Der Oheim warf aufmerksame Blicke umher scharrte mit seinem Stabe in dem
harten steinigten Boden und sagte »Ich müsste mich sehr trügen oder das
Erdreich hat hier eine eigentümliche alkalischätzende Beschaffenheit Die
geringe Vegetation und jene gelben Halmen welche sich immer an Orten derartiger
Bodenmischung finden bringen mich auf diese Vermutung Ich hätte große Lust
etwas Erde von hier mitzunehmen und sie zu Hause auszulaugen«
    Einer der jungen Bauern welcher achtsam zugehört hatte und endlich
begriff wovon die Rede war mischte sich in das Gespräch und sagte »Der Herr
hat ganz recht unser Gerber braucht um seine Felle gar zu machen nichts als
diese Erde sie tut dieselben Dienste wie Lohe«
    »Es ist schade« sagte der Oheim »dass nicht in neuerer Zeit hier jemand
bestattet worden ist. Bei der Aufgrabung würden sich gewiss nach dem was ich
höre merkwürdige Resultate finden«
    »O« rief der junge Bauer »davon könnte man die Probe auch zu Gesichte
bekommen Es ist kaum etwas über ein Jahr her dass hier ein neugebornes Kind
verscharrt wurde und ich weiß noch genau die Stelle wo dies geschah«
    Ein Verbrechen befürchtend fuhren beide Männer zusammen jener aber lachte
und sagte »So schlimm wie die Herrn glauben mögen verhält sich die Sache
nicht Ich hatte nahebei im Felde etwas zu tun da sah ich ein junges Weibsbild
mit einer Alten die im Gesichte ganz gelbbraun war vorübergehn Mich konnten
sie nicht erblicken weil ich hinter einem Busche stand ich aber bemerkte durch
die Spalten der Zweige alles sehr wohl Die Junge welche bleich aber bildschön
war ächzte und stöhnte man konnte ihr anmerken in welchem Zustande sie war
und dass ihre Stunde sie überfallen hatte Die Alte führte sie und sprach ihr zu
und beide gingen nach dem Hünenborne Ich folgte ihnen und versteckte mich
draußen hinter einem Mauerstücke das Gesicht abgekehrt da es doch für mich
nicht anständig war in diesen Nöten den Weibern nahezukommen Nun hörte ich da
wo Sie jetzt sitzen kläglich stöhnen und wimmern und nach einer Weile den
lauten Schrei ausstoßen Es ist tot Ich meinte jetzt sei es an der Zeit mich
auf ziemliche Weise zu nähern kroch eine Strecke zurück richtete mich dann
auf und ging wie von ungefähr auf den Hünenborn zu Sowie mich die Alte
erblickte winkte sie mir Sie kniete unter der Trauerweide und hielt die Junge
in den Armen die matt und kraftlos ausgestreckt lag Zwischen ihnen lag das
neugeborne Kind auf Zweigen des Baums Die Mutter weinte bitterlich und blickte
zuweilen so nach dem Kinde dass es mir durch Mark und Bein ging Die Alte sagte
ich solle es begraben und wollte es in ihr buntes Kopftuch einwickeln was aber
die andre verbot Sie sagte so wie es sei solle es in die Erde kommen die sei
gut und sanft alles andre tauge nichts Ich höhlte hierauf an der Mauer mit
meinem Werkzeug eine Grube in der Erde aus und baute darüber ein kleines
Gewölbe von Steinen Das Frauenzimmer nahm das Kind auf herzte es dann gab sie
es mir Sie wollte auch einen goldnen Ring dem Kinde mitgeben besann sich aber
und sagte seufzend Den will ich doch noch behalten Hierauf brachte ich das
Neugeborne in die kleine Gruft bedeckte dieselbe mit Schieferplatten und
schaufelte Erde darumher dass alles eine Festigkeit bekam und die Tiere den
Leichnam nicht herauszerren oder die Regenwässer mein Gebäude nicht zerstören
möchten«
    Nach dieser Erzählung die der junge Mensch mit einfachem Wesen in guten
schicklichen Worten vorgetragen hatte schwiegen der Oheim und der Prediger eine
geraume Weile Endlich sagte letzterer »Ihr habt unrecht getan Eurem Pfarrer
die Sache nicht sogleich anzuzeigen Wer weiß welcher Frevel hier dennoch in
die Erde versenkt worden ist
    »Und wo blieben jene Personen« fragte der Oheim
    »Ich musste sie nach unsrem Dorfe bringen« versetzte der junge Bauer »Dort
verweilten sie einige Tage bis die Junge soweit gestärkt war fahren zu können
Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre und sie zogen von dannen ohne zu sagen
wohin Von ihren Gesprächen habe ich auch nicht viel verstanden Sie redeten
Deutsch aber es waren lauter Sachen die mir unbekannt waren«
    »Wüsstet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden« fragte der Oheim
    »Ei warum denn nicht« rief der junge Mensch »Dort in der Ecke ist sie«
    Wirklich sah man in einem Winkel der zertrümmerten Mauer eine rundlichte
Erhöhung von Erde welche frischer war als der Boden umher denn kein Grashalm
hatte noch in ihr Wurzel geschlagen
    Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhügel warf und dem
jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien woran ihn die Gegenwart seines
Freundes hinderte so rief dieser »Tun Sie was Sie nicht lassen können nur
erlauben Sie mir dass ich mich solange entferne denn meine Priesterpflicht ist
die Ruhe der Gräber zu schützen nicht sie zu stören«
    Er ging Sobald er den Rücken gewandt hatte sagte der Oheim zu dem Bauer
»Tue mir den Gefallen und öffne die Gruft denn ich bin äußerst neugierig die
Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu erfahren«
    
    Jener hatte Bedenken die der Oheim indessen zu überwinden wusste Er trennte
mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen nahm nachdem sie
blossgelegt worden waren den obersten ab und rief in die Höhlung blickend
verwundert aus »Wie das glänzt«
    Der Oheim ließ sich zu dem Platze geleiten Die Abendsonne warf glühende
Strahlen in die kleine Gruft und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares
Schauspiel wahr in dessen Anblick er lange mit stummem Ergötzen versunken
stand Auf allen Punkten der Wände welche das Grab umschlossen war der vom
nahen Wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln Zacken Büscheln und Spitzen
hervorgequollen und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen
Gestalten welche tropfenbehangen im Sonnenlichte farbenreich glänzten eine
funkelnde Zaubergrotte in deren Mitte die Überbleibsel des Neugebornen lagen
zum reinlichsten weissesten Skelette verzehrt derart wie man kleine Tierkörper
verwandelt wiederfindet welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden
Ameisenhaufen beisetzte Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die
Einflüsse dieses Bodens in so kurzer Zeit völlig aufgesogen nur die zarten
Knöchlein waren bisher nicht zu überwinden gewesen Auch sie besetzten und
umzogen zarte Kristalle ähnlich dem Flitter und Schmelz womit die Andacht an
heiligen Orten die Gebeine der Märtyrer zu zieren liebt und so lag das
Leuchtende zwischen den leuchtenden Wänden Der Oheim wollte die Hand nach den
von der Natur geweihten Resten ausstrecken zog sie aber zurück und sagte
»Nein dies ist zu schön als dass man es nicht so wie es ist lassen müsste«
    Er befahl den Deckstein wieder aufzulegen und gebot dem Bauer noch
sorgfältiger als zuvor geschehen die Erde umherzuschütten damit das schöne
Phänomen so lange als möglich bewahrt bleibe
    Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege
Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen Endlich sagte er »Wenn
uns die Kirchengeschichte lehrt dass der Mensch auf dem Wege zum Göttlichen sich
fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt so hält die Natur in ihrer
regelrechten Tätigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft Sie
haben mich an einen Ort geführt wo eine aberwitzige Schlangenbrüderschaft ihre
Toten begrub und an demselben Orte entdeckte ich etwas was meiner Sinnesart
die ihr gemässe religiöse Erhebung gab«
    Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsäumt Erde von jenem Platze
mitzunehmen wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens
gewesen war
 
                                Drittes Kapitel
Es war ihnen aufgefallen dass Kornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses
zeigte dem Oheim töchterlich aus dem Wagen zu helfen wie sie sonst pflegte
wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zurückkehrte Unerwartet fand sie der
Prediger in seiner Wohnung und trat erschreckt zurück da er an ihrem Gesichte
Spuren der äußersten Bestürzung wahrnahm
    Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust und
sagte unter Weinen und Schluchzen dass sie bei einem Gange nach der Meierei im
Holze jemand angetroffen habe den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen
sei Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er dass dieser
Wiedergefundne Hermann sei der sich ganz anders wie ehemals benehme und auch
verändert aussehe
    Das arme Mädchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewusst und ihn
vorläufig im Hause des Predigers untergebracht Sie öffnete ein Seitenzimmer
deutete mit abgewandtem Antlitz hinein der Prediger betrat dasselbe und
erkannte in einem Manne der früh gealtert war den Unglücklichen dessen er
sich von seinen früheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte Jener las
in einer Bibel die er dort aufgeschlagen gefunden hatte und begann sobald er
den Prediger wahrnahm eine Geschichte des Alten Testaments zu erzählen
    Der Prediger den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte ließ ihn
dennoch ausreden und sagte dann »Dem mag so sein aber nun entdecken Sie mir
was Sie uns unerwartet wieder zuführt« Hermann strich sich über die Stirn als
müsse er sich erst besinnen dann versetzte er gleichgültig »Ich muss doch
irgendwo bleiben Ich bin an vielen Orten hier und da gewesen meine Kleider
fangen an abzureissen ich habe auch wenig Geld mehr Nun erinnerte ich mich
dass hier herum Verwandte von mir wohnen deren Verbindlichkeit es nach römischem
und deutschem Rechte ist für einen dürftigen Angehörigen zu sorgen« Er setzte
hierauf ohne zu stocken die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der
Verwandten auseinander und führte die betreffenden Gesetzstellen mit der
größten Sicherheit an Der Prediger welcher gar nicht wusste was er aus diesem
Benehmen machen sollte musterte ihn mit erstaunten Blicken Der Anzug des
Unglücklichen war äußerst sauber die Wäsche sehr weiß aber alles bis auf den
Faden abgetragen Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kümmern er
setzte sich da der Prediger in seinem Schweigen verharrte wieder zur Bibel und
las darin ruhig weiter
    Kornelie weinte im Nebenzimmer heiße Tränen »Wie mager seine Hände sind
wie bleich das Gesicht ist und an den Schläfen hat er graue Haare« sagte sie
zum Prediger »Ist es wirklich so wie ich denke« fragte sie mit leiser von
innigen Schaudern unterbrochner Stimme »hat er den Verstand verloren«
    »Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden« versetzte der Prediger
»Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskräfte aber es ist als ob
ein totes Buch und nicht ein lebendiger Mensch rede Machte es denn auf ihn
keinen Eindruck als er dir unvermutet begegnete«
    »Nein« erwiderte Kornelie »Ich war wie vom Schreck gelähmt als er unter
den Bäumen in dieser Gestalt mir entgegentrat Er aber reichte mir als sei er
täglich mit mir zusammen freundlich die Hand und bot mir den gewöhnlichen Gruß
So ließ er sich auch von mir willenlos hieherführen«
    »Wir müssen nun überlegen wohin wir ihn bringen da er doch hier unmöglich
bleiben kann« sagte der Prediger
    Kornelie wurde blass ihre Lippen zuckten die Tränen welche schon in den
guten treuen Augen versiegt waren überströmten wieder ihre Wangen So stand sie
eine Weile schweigend da Endlich fiel sie dem Prediger zu Füßen drückte seine
Hände flehentlich gegen die zarte Brust und rief »Stoßen wir ihn nicht hinaus
in die Fremde Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen dass wir ihn behalten
sollen«
    Der Prediger wusste von den Hausgeschichten so viel dass er das Bedenkliche
dieser Entschließung einsah Er stellte Kornelien vor wie unangenehm es dem
Oheim sein müsse wenn er erfahre dass jemand der ihm zuwider sei von seinen
nächsten Umgebungen beherbergt werde und wie jede Gemütsbewegung den dünnen
Lebensfaden des Greises zerreißen könne
    »Das fasse ich wohl« versetzte Kornelie ruhig »und dennoch müssen wir
unsre Pflicht tun Er scheint still und sanft zu sein wir werden ihn hier in
der Verborgenheit hüten können alle Sorgfalt will ich anwenden dass dem Oheim
seine Anwesenheit nicht bekannt werde«
    Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben Da rief Kornelie plötzlich
mit einer Lebhaftigkeit die ihn von dem schüchternen bescheidenen Kinde in
Erstaunen setzte »Wohlan treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle so nehme ich ihn
auf so soll er in meinem Stübchen wohnen und ich will mich auf dem Söller
betten Auf die Landstraße lasse ich ihn nicht jagen«
    Der Prediger sann nach und erklärte sich zuletzt bereit den Armen
wenigstens vorläufig bei sich zu behalten Dagegen musste ihm Kornelie die
tiefste Verschwiegenheit geloben
    Hermann nahm die Nachricht dass er bei dem Prediger bleiben solle wie
alles gleichgültig auf Sein Wirt beobachtete ihn in den nächsten Tagen
sorgfältig und fand was wir schon aus der Feder des Arztes über ihn berichtet
gelesen haben Er suchte ihn auf verschiedene Weise anzuregen ließ sich von ihm
im Garten helfen strebte durch Gespräche über naturgeschichtliche Gegenstände
in welchem Fache er sich viel versucht hatte auf seinen Kranken zu wirken
jedoch vergebens Jener ging auf alles ein las die Bücher die ihm der Prediger
hinlegte und sprach im Zusammenhange über ihren Inhalt blieb aber in die
Letargie versunken welche alle seine Seelenkräfte umsponnen hielt
    Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglücklichen sorgfältig verborgen
Kornelie war wenn sie sich allein befand sehr ernst Ihr Versprechen welches
sie dem Prediger hatte geben müssen den Kranken nicht zu besuchen hielt sie
gewissenhaft nur konnte der Prediger sooft er abends zum Besuche kam an ihren
ängstlichfragenden Augen abnehmen mit welcher Sehnsucht sie den Nachrichten
von seinem Hausgenossen entgegenharrte Diese lauteten freilich nicht tröstlich
und meldeten nur ein trauriges Einerlei
    Um den Oheim vor einer plötzlichen Begegnung zu schützen waren dem Kranken
der noch immer gern weite Spaziergänge machte seine Wege vorgeschrieben worden
Er musste wenn er frische Luft schöpfen wollte von den Fabriken abwärts auf
einsamen wenig betretnen Wiesen sich ergehen die am Fuße waldiger Hügel lagen
Diese Vorschrift ließ er sich auch geduldig gefallen wie er denn überhaupt
alles ohne Widerstreben tat was seine Pfeger ihm geboten Nur einmal als man
auch jene Erlaubnis noch für gefährlich hielt und ihn auf das Haus und
allenfalls den Garten beschränken wollte kündigten sich Zeichen einer geheimen
innerlichen Wut an welche die Besorgnis vor einer verhängnisvollen Szene
erwecken mussten und zu einer raschen Aufhebung des Verbots nötigten
    Am folgsamsten war er gegen die Frau des Predigers welche eine gute
schlichte Matrone ihn auch sehr zweckmäßige zu behandeln wusste Während die
andern ihn doch mehr oder minder merken ließ wofür sie ihn hielten tat
diese als sei sein Zustand nichts Abweichendes als müsse alles so sein wie es
war
    Es war ihr aufgefallen dass er von seinem Rocke welcher obgleich völlig
rein gehalten doch kaum noch in den Nähten hing durchaus nicht lassen ja
nicht einmal die Säuberung dieses Kleidungsstücks einem andern übertragen
wollte Jeden Morgen klopfte und bürstete er selbst ihn aus Irgend etwas
Besondres hierunter ahnend schlich sie eines Abends spät da Hermann schon fest
schlummerte in sein Zimmer nahm den Rock hinweg und untersuchte ihn
Plötzlich fühlte sie etwas Hartes vorn in der Gegend der Brustteile trennte an
der Stelle das Futter vorsichtig vom Tuche und zog jene Brieftasche hervor
nach deren Eröffnung eine so unglückliche Wendung in den Schicksalen unsres
Freundes eingetreten war Sie war verschlossen Der Prediger welcher
herbeigerufen und mit dem Funde bekanntgemacht wurde wollte sie gewaltsam
öffnen seine Frau war aber dagegen und sagte »Dies möchte wenn unser
Pflegling es entdeckte ihn aufbringen seien wir zufrieden zu wissen wo aller
Wahrscheinlichkeit nach das Wort des Rätsels steckt und stellen wir der Zeit
die Lösung anheim« Sie nähte hierauf die Brieftasche wieder ein und tat den
Rock an seinen Ort
    Am andern Morgen trat Hermann den Rock über den Arm gehängt in ihr Zimmer
und erklärte er werde sich einen neuen machen lassen dieser sei nachgerade gar
zu schlecht und dünn geworden »Ich will dir es nur gestehen Mutter« fügte er
hinzu »der Rock war mir lieb weil er so viel mit mir ausgehalten hat aber es
ist etwas damit vorgegangen und nun mache ich mir auch aus ihm nichts mehr
Hebe ihn wohl auf meine Geheimnisse sind darin«
    »Wenn dem so ist mein Freund« versetzte sie »so lass uns die Geheimnisse
zusammen erwägen Dergleichen Dinge werden oft besser wenn vier Augen darüber
kommen«
    »Das ist unmöglich« erwiderte er entblößte seine Brust und ließ sie ein
Schlüsselchen sehen welches er am schwarzen Bande um den Hals trug »Sieh
dieser Schlüssel ist eigen zu der Brieftasche gemacht von meinen Vätern  denn
du musst wissen dass ich deren zwei habe  mir vererbt und doch schließt er nicht
mehr dazu Ich habe es oft versucht und es wollte immer nicht gehen auch bin
ich überzeugt dass keine Menschenhand einen dazu verfertigen kann Also lass du
diese Dinge immerhin unter dem Schloss«
    Er zog sie an sich und flüsterte ihr zu »Es ist mir recht lieb dass du mich
nicht für verrückt hältst In meinen guten Tagen traf ich einmal einen Menschen
an den sie in Russland in die Bergwerke gesetzt hatten und dem nun Mutter
Vater Brüder und Braut gleichgültig geworden waren So ist es mir auch
ergangen muss man deshalb blödsinnig sein«
    Sie erzählte ihrem Manne den Inhalt dieses Gesprächs Ihm wurde die Sache
immer unheimlicher da sein geordneter einfacher Lebensgang einen so
fremdartigen Bestandteil nicht wohl vertragen mochte Er schrieb unter der Hand
an den Arzt und Wilhelmi von deren früheren Verbindung mit Hermann er allerhand
erkundet hatte Der Arzt antwortete nicht er war wieder auf einer gelehrten
Reise begriffen Von Wilhelmi liefen dagegen umgehend einige Zeilen voll des
regsten Eifers für den kranken so lange verschollen gewesenen Freund ein Er
versprach seinen Besuch sobald ihm nur ein abermaliges Kindbette seiner Frau
die Reise gestatten möchte
 
                                Viertes Kapitel
Das Familiengrabgewölbe war vollendet Säulen von grauem Marmor stützten ein
ernstes Portal von dessen Stirnfläche ein freundliches Willkommen in großen
goldnen Buchstaben leuchtete Am innern Eingange lehnten zwei Genien sich als
träumerische Hüter auf die umgestürzte Fackel das Gewölbe selbst war einfach
aber würdig mit großen Werkstücken ausgesetzt und empfing durch eine
Kuppelöffnung deren Seitenlucken das stärkste Kristallglas verschloss ein
dämmerndes Licht
    Diese Begräbnisstätte hatte der Oheim mit großen Kosten und vieler Mühe in
dem Berge den seine verstorbne Gattin geliebt austiefen und schmücken lassen
Je näher er sich selbst so dem Ziele seiner Tage fühlte desto eifriger wurde
sein Bestreben das Werk noch vollendet die Asche der ihm so teuren Frau
dorthin gebracht zu sehen Nach seinem Willen sollte der Ort und dessen Umgebung
zwar etwas Feierliches aber nichts Düstres haben Er ließ den Platz vor dem
Gewölbe mit klarem Kies belegen Zypressen Taxus und andres dunkelfarbiges
Gesträuch musste die Umsäumung desselben bilden Mauerwerk welches in die Runde
geführt ward war bestimmt den Vorplatz vor dem Verwaschen und Abschiessen durch
Regenfluten zu schützen an dasselbe lehnten sich schönblühende Rankengewächse
damit das Auge nirgends durch tote Massen ermüdet werden möchte In der Tat
bekam die Anlage durch den Kontrast der gediegnen Architektur mit der umgebenden
BaumPflanzen und Blumenwelt einen eignen Reiz so dass jeder sich gern auf den
zu beiden Seiten des Portals zum Verweilen einladenden Steinsitzen niederließ
    Noch ganz zuletzt hatte sich ein bedeutendes Hindernis aufgetan Der
Architekt sah nämlich als das Gewölbe schon völlig ausgemauert war dass eine
reichliche Flüssigkeit durch den Kalk und Mörtel der Fugen hindurchsinterte und
den Raum mit verderblicher Nässe zu erfüllen drohte Bald hatte er auch die
Ursache dieses unwillkommnen Einflusses entdeckt Oberhalb dem Grabesberge lag
nämlich ein beträchtlicher Weiher der vermutlich durch geheime erst durch die
Arbeit im Berge eröffnete Kanäle jene Wässer der Gruft zusendete Wurde diese
Gefahr nicht abgewendet so stand davon musste man sich überzeugen dem
Mausoleum eine rasche Zerstörung bevor
    Er machte sogleich dem Oheim die Anzeige welcher sich auf den Berggipfel
tragen ließ die Gefahr aber auch die Schwierigkeit entgegenzuwirken begriff
Die Wände jenes Weihers bestanden nämlich aus Felsen zwischen denselben blinkte
und rauschte das Wasser wie in einer großen natürlichen Schale Ein Durchbruch
der Felsen und eine dadurch zu bildende Abzugsrinne würden so viel Zeit
hinweggenommen haben dass inzwischen wahrscheinlich schon geschehen wäre was
man verhindern wollte
    Davon musste man also abstehn auf andre Weise war die Trockenlegung des
Weihers zu versuchen Rasch hatte der Oheim der in dieser ganzen Angelegenheit
mit der schnellen Kühnheit seiner Jugend verfuhr das entsprechende Mittel
gefunden und zur Ausführung gebracht Große Züge von Pferden schleppten auf
notdürftig gebahnten Wegen eine gewaltige Dampfmaschine den Berg hinan rüstige
Maurer arbeiteten Tag und Nacht den Ofen zu errichten dessen Gluten die
ungeheuren Kräfte der Dämpfe entwickeln sollten sobald er stand stand auch
binnen kurzem die Maschine ein kräftig wirkendes PumpenSaug und Schöpfwerk
welches in jeder Sekunde mehrere Tonnen Wassers zu enteben vermochte wurde an
den Spiegel des Weihers geführt und mit den Armen der Dampfmaschine in
Verbindung gesetzt Nun glühten die Kohlen des Ofens nun hoben sich die langen
eisernen Arme der Maschine griffen in die Öhre der Pumpenstengel trieben die
Schöpfräder um Die abgezognen Fluten bildeten den Berg hinunter einen Giessbach
und über den wirkenden Kräften ruhte die dichte schwarze Wolke welche
dergleichen Stätten zyklopischer Feuertätigkeit bezeichnet
    
    Sobald der Grund sichtbar werden würde sollten Sachverständige prüfen ob
die Quellen zu verstopfen sein möchten Jedenfalls war vorauszusehn dass man
nach der Seite des Mausoleums zu durch Letten und Sandsäcke jede Verbindung mit
dessen Wölbung werde aufzuheben vermögen
    Dies wurde für so gewiss gehalten dass der Oheim der überhaupt mit
krankhafter Ungeduld nach der Beendigung des Werks verlangte das Austrocknen
des Weihers nicht abwarten wollte um die Beisetzung des Leichnams zu
veranstalten Was ihn in seiner Zuversicht bestärkte war der Umstand dass wie
die Wassermasse sich verringerte auch das Durchsintern bedeutend abnahm so dass
man mit Hilfe einer bleiernen Rinne schon jetzt das Gewölbe entnässen konnte
    Er entwarf daher den Plan zu der Feierlichkeit die übrigens höchst einfach
und schmucklos sein sollte Seine Geschäftsfreunde und Vorstände hatten sich
erboten den Sarg auf ihren Schultern aus dem Erbbegräbnis der Grafen
herabzutragen Der Prediger sollte mit der Schuljugend folgen jedoch wegen
Länge des Weges auf diesem kein Lied anstimmen Oben bei dem Mausoleum wollte
der Oheim mit Kornelien und einigen andern jungen Mädchen deren sich die
Verstorbne angenommen hatte den Zug erwarten Die Mädchen hatten einen schönen
Psalm eingeübt mit welchem sie die sterblichen Überreste ihrer Wohltäterin
begrüßen wollten unter diesen ernsten Tönen sollte der Sarg in der Gruft
niedergesetzt werden und ein kurzes Gebet des Predigers den Schluss der
Bestattung machen
    Am Vorabende unterhielt sich der Oheim mit dem Prediger lange über Dinge
auf welche die Umstände wohl führen mussten »Ich kann ganz genau meine
Lebenskraft berechnen« sagte er »und sehe voraus dass ich noch den Winter
hindurch vorhalten und erst im Frühjahre wo alles Mürbgewordne sich sacht von
dannen begibt abscheiden werde Es ist mir lieb dass die Natur sich gegen die
Eigentümlichkeit meines Wesens gefällig bezeugt mich nicht unvermutet aus der
Mitte ungeordneter Geschäfte hinwegreisst sondern mir Zeit lässt mein Haus als
ein ordentlicher Wirt zu bestellen Dieser Winter ist zur Anfertigung meines
Testaments bestimmt und ich darf Ihnen von dessen Inhalte so viel voraussagen
dass ich damit umgehe eine Art von Fideikommiss zu errichten um meinem Sohne die
Zerstörung des Werks welches ich mit meinen Freunden gegründet habe für immer
unmöglich zu machen Es ist sonderbar dass man noch in seinen letzten Tagen zu
Schritten kommen kann die man bei andern früher nie billigte Ich war von jeher
der entschiedenste Gegner solcher Tötungen des freien Eigentums und sehe nun
doch ein dass es Fälle und Verhältnisse gibt welche dazu gebieterisch nötigen«
    Der Prediger wollte ihm die Todesgedanken ausreden jener versetzte aber
»Lassen Sie mir doch meinen Kalkül in dem für mich etwas Angenehmes liegt Wenn
ich sterbe so wird es sein wie ein kaufmännischer Jahresabschluss wie eine
gewöhnlich Komptoirhandlung Alles wird danach im hergebrachten Geleise
bleiben kein Stuhl braucht deshalb verrückt zu werden
    Wir können uns in Beziehung auf den sonderbaren Akt der mit nichts was wir
sonst erfahren Ähnlichkeit hat von einmal gangbar gewordnen Vorstellungsweisen
nicht losreißen so wenig sie auch auf die Sache passen« fuhr er fort »Was
heißt das An der Seite seiner Gattin im Grabe ruhen Ist es nur denkbar ja wäre
es nicht die größte Ungereimteit anzunehmen dass mit der Gemeinschaft der
Gruft irgendeine Empfindung für die Individuen verbunden sein sollte Und
dennoch muss ich Ihnen gestehen dass ich voll wahren Entzückens an diese
Vereinigung mit meiner Frau denke und dass ich dann das Bild des süßesten
seligsten Schlummers nicht aus dem Sinne verbannen kann so sehr mir sonst jede
Schwärmerei auch widersteht«
    »Lassen wir was wir nicht begreifen auf sich beruhn es hat wohl immer
seinen Wert« erwiderte der Prediger »Gewiss ist es menschlicher und
natürlicher fügt sich in den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen leichter
ein den Tod nicht so für sich sondern gewissermaßen als Fortsetzung
gewöhnlicher menschlicher Zustände zu betrachten Und auf diesen Zusammenhang
der Vorstellungen kommt doch alles an Es gibt kein Volk welches nicht die
letzte Rast in Verbindung mit dem menschlichen Geselligkeitstriebe oder mit den
Zuneigungen des Verstorbnen für bestimmte Plätze da er noch lebte brächte und
jenem Triebe und diesen Neigungen eine Schattendauer über das Grab hinaus
beilegte Nur die abgeschwächte Grübelei das erkältete Gemüt wird gleichgültig
gegen die letzte Wohnung in den Zeiten der Stärke beherrscht jener freundliche
Wahn wenn man ihn so nennen will das Volk und jeden einzelnen Ich halte nun
sehr viel von dem Spruche An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen und meine
dass das was die Menschen im Zustande der physischen und moralischen Gesundheit
denken oder auch nur träumen das uns eigentlich Gemässe sei womit wir uns zu
begnügen haben«
    Ein Geräusch im Nebenzimmer unterbrach diese friedlichtraurigen Gespräche
Die Vorstände der Fabriken traten herein und an ihren Mienen ließ sich
abnehmen dass etwas Bedeutendes vorgefallen sein musste Der Oheim verwundert
über den späten Besuch fragte nach der Ursache, worauf ihm einer ein großes
Schreiben ohne zu reden mit bedeutenden Blicken hinreichte Der Prediger
sollte es lesen er besah Siegel und Aufschrift und sagte »Nach dem Postzeichen
kommt es aus der Standesherrschaft«
    »Ich will nicht hoffen« rief der Oheim ahnend aus »dass dort sich etwas
begeben hat«
    »Allerdings« versetzte einer »wir haben was wir haben wollten«
    Der Prediger hatte das Schreiben eröffnet und sagte »Man meldet Ihnen das
Ableben des Herzogs und jene großen Besitzungen sind nun ebenfalls die
Ihrigen«
    Die Geschäftsleute konnten ihre freudige Bewegung nicht unterdrücken der
Oheim entließ sie mit einem stummen Winke und saß die Hände im Schoße
gefaltet das Haupt gesenkt lange Zeit schweigend da Der Prediger hatte einen
zweiten Brief erbrochen der von jemand herrührte welcher sich im Interesse des
Oheims auf die erhaltne Todesnachricht sogleich nach dem Schloss begeben hatte
um etwanige Veruntreuungen der Offizianten und Diener zu hindern Er berichtete
die näheren Umstände über das Ende des Standesherrn Mit Weglassung des
Unwesentlichen schalten wir folgende Stelle seines Briefs unsrer Geschichte ein
    »So versank der Herzog von Tage zu Tage in eine immer tiefere Schwermut Er
hatte seine Geschäfte dergestalt vereinfacht dass er sie fast allein besorgen
konnte Nur die notwendigste Bedienung litt er um sich seine Mittags und
Abendmahlzeiten waren einsam aller Gesellschaft hatte er entsagt Wenn ihm
jemand leise Vorstellungen über diese Absonderung zu machen wagte so versetzte
er dass ihn seine wankende Gesundheit zu einer so regelmäßigen Lebensweise
nötige jeden Gedanken an einen Schmerz der Seele suchte er durch seine
Erklärungen bei andern sorgfältig zu entfernen Über die Abtretung der
Herrschaft an Sie auf den Todesfall sprach er sich mit völliger Ruhe und Fassung
aus
    Wer ihn aufmerksamer betrachtete musste die Angabe über seine körperlichen
Umstände bezweifeln denn das äußere Ansehen deutete durchaus nicht auf etwas
Krankhaftes Aber oft kam er nach Hause am Arme eines Landmanns hinfällig wie
es schien und sagte dann dass ihn ein Schwindel unterwegs betroffen habe und
dass er zu Boden gestürzt sein würde wenn ihn der Führer nicht aufgefangen
hätte
    Gestern hat man ihn denn tot auf dem Fußboden seines Zimmers ausgestreckt
gefunden Noch zwei Tage vorher war an ihm eine merkliche Erheiterung sichtbar
geworden Er hatte sich geäußert dass er ein größeres Wohlsein verspüre von
Besuchen die er wieder abstatten ja von einer Reise die er unternehmen wolle
gesprochen Der Landphysikus ist sogleich berufen worden hat den Körper
untersucht und den Ausspruch gefällt dass ein Schlagfluß den Tagen des Herzogs
ein Ende gemacht habe Diesem ärztlichen Gutachten spricht nun jedermann nach
ich aber habe meine besonderen Vermutungen
    Ich brachte in Erfahrung dass er seine Angelegenheiten in einer Ordnung
hinterlassen habe die beispiellos sei Selbst die gewöhnlichen Rechnungen
welche sonst in jedem großen Hauswesen das Jahr hindurch unbezahlt stehnbleiben
sind bis auf die kleinsten Posten quittiert vorgefunden worden Nun meine ich
dass der natürliche Tod niemand so in Bereitschaft antreffen kann
    Ist mein Argwohn richtig so hat er verstanden die Repräsentation welche
seine Schritte von jeher bestimmte bis an das Ende zu führen Es ist ihm
möglich geworden dem Überdrusse am Dasein die beabsichtigte Folge zu geben
dennoch alle zu täuschen und anständig wie er gelebt zu sterben Ich selbst
der ich mich unter einem Vorwande in sein Zimmer geschlichen und mich überall
umgesehen habe konnte nichts Verdächtiges entdecken
    Die Herzogin welche sich unfern im Bade  befand eilte auf die erste
Nachricht mit Kurierpferden herbei Ihr Schmerz ist grenzenlos und exzentrisch
vielleicht schärft ihn das geheime Bewusstsein begangner Vernachlässigungen zu
denen eine überfeinerte Seelenstimmung sie verleitet hat Man ließ ein Wort vom
Begräbnisse fallen worauf sie wie außer sich ausgerufen hat dass davon keine
Rede sein dürfe dass der Leichnam über der Erde bleiben solle von ihr gepflegt
und behütet Wie man diese Laune des Kummers überwinden werde steht dahin
    Was die übrigen hiesigen Verhältnisse betrifft so werden Sie selbst das
Richtige erraten da Sie die Menschen genugsam kennen Sie sind nun allhier der
Herr und Meister und Ihnen wendet sich ein jeglicher bereits in seinen Gedanken
zu Man hat mich verschiedentlich um günstiges Vorwort bei Ihnen angesprochen
ich denke Sie werden in eigener Person prüfen und die Spreu vom Weizen zu
sondern wissen«
    Da der Oheim in seinem Schweigen beharrte und durch die Nachricht
ungewöhnlich erschüttert zu sein schien sagte der Prediger »Ich kann es wohl
fassen wie ein großes Glück unsre Natur zu ängstigen vermag Wir sind doch alle
eigentlich nur auf die Gewohnheit eingerichtet und wollen wenn sich etwas
Außerordentliches ereignen soll dieses uns lieber durch Dulden und Schmerz als
durch Genuss und Freude aneignen«
    »Sie erraten den Grund meiner Stimmung nicht« versetzte der Oheim »Jene
Todespost verrückt mir mein Konzept darum setzt sie mich so in Unruhe Nie habe
ich geglaubt den Herzog überleben zu müssen Ich war eingerichtet auf Abreise
ich zählte die Stunden bis dahin nun kommt ein Ereignis welches auf längeres
Verweilensollen deutet Denn wenn eine vernünftige Macht unsre Schicksale
beherrscht so wird sie mir nicht eine Vermehrung meiner Besitztümer um das
Doppelte zuwerfen in dem Augenblicke wo sie mich zum Scheiden reif erklärt
Ich werde also fortvegetieren vielleicht noch lange bis ich dieses neuen
Geschäftes Herr geworden bin«
 
                                Fünftes Kapitel
In der Nacht welche diesem Abende folgte lag Ferdinand in der Hütte des alten
Kammerjägers mit dem er seit längerer Zeit geheimen vertrauten Umgang pflog
Spät war er zu ihm gekommen hatte hastig mehrere Gläser des geistigen Getränks
an welches er sich in dieser wilden Gesellschaft gewöhnen musste
hinuntergestürzt und war dann nach heftigen und unbändigen Reden eingeschlafen
    Der Alte welcher auf der einsamen Klippenhöhe  derselben wo einst die
leidenschaftliche Begegnung zwischen Hermann und Ferdinand sich ereignet hatte 
abgesondert von aller menschlichen Gemeinschaft hauste trieb schon eine geraume
Zeit in der Gegend sein Wesen Er bot allerhand Kräuteröle und Essenzen feil
vertilgte die Ratten und Mäuse und da er zu seinen Mitteln und Hülfsleistungen
immer noch einen biblischen Spruch obenein in den Kauf gab so hielten ihn die
Landleute für einen vertriebnen Priester und erzählten sich die wildesten
Geschichten von ihm Woher er gekommen war wusste niemand da er indessen einen
Erlaubnisschein zu seinem Gewerbe hatte keinen belästigte und nichts Übles tat
so musste man ihn unangefochten gehen lassen Zuweilen hielt er sich in der Nähe
der Fabriken auf sah starr nach dem Herrenhause und murmelte unverständliche
Worte für sich hin Da aber hier ein jeder mit seinem eignen Tagewerke genug zu
schaffen hatte so achtete niemand dessen was außer dem Arbeitswege lag und
der murmelnde Alte war ihnen schon zur gewöhnlichen Erscheinung geworden aus
der keiner ein Arg hatte
    Er leuchtete dem Schlummernden dessen Züge von stürmischer Leidenschaft
zuckten mit der Lampe scharf ins Gesicht blickte nach einem auf dem Tische
liegenden blanken Messer und sagte »Jetzt könnte ich es tun und den Samen der
Feinde vertilgen Sie sind hinter sich getrieben worden sie sind gefallen und
umgekommen vor dir Denn du führest mein Recht und meine Sache aus du sitzest
auf dem Stuhl ein rechter Richter Du schiltst die Heiden und bringest die
Gottlosen um ihren Namen vertilgest du immer und ewiglich«
    Er griff nach dem Messer legte es aber wieder hin und rief »Stehet nicht
geschrieben Wer einen Menschen schlägt dass er stirbt der soll des Todes
sterben Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel hat
seine Stunde Anschläge bestehen wenn man sie mit Rat führt und Krieg soll
man mit Vernunft führen Wie man einen Knaben gewöhnet so lässt er nicht davon
wenn er alt wird«
    Er setzte sich zu seinen Wurzeln Ölen und Schmalzen und begann in diesen
unsaubern Dingen zu wühlen Ein widerlicher für nicht ganz abgestumpfte
Geruchsnerven unerträglicher Dunst begann sich zu verbreiten von dem auch wohl
der Schläfer erwachen mochte Er rieb die Augen riss sie dann weit auf sprang
von seinem Strohlager empor stellte sich vor den Alten und rief »Lass deine
albernen Schmierereien und hilf mir«
    »Was fehlt Euch denn und wo sitzt es Junker« fragte der Alte
    »Hier« rief Ferdinand und schlug mit der geballten Faust auf die Brust
    »Sprecht und sagt an dass man Euch verstehe« erwiderte der Alte »Vorhin
als Ihr zu mir gestolpert kamt wart Ihr so außer Euch dass ich meinte Ihr
hättet vom Bilsenkraut genossen welches der Menschen Gehirn verstört Nichts
habe ich von allem dem begriffen was Euren Lippen da entsprudelte«
    Der verwilderte Jüngling setzte sich dem Alten gegenüber stemmte den Kopf
auf und aus seinen Augen brach ein Tränenstrom mit einer Gewalt wie wenn
Quellen sich durch Felsen die Bahn erzwingen Dieser Regen des Schmerzes
erweichte seine Züge welche ungeachtet aller Entstellung durch
Ausschweifungen noch immer viel von ihrem ursprünglichen Adel und von der
unschuldigen Schönheit der Kinderjahre hatten so dass sein Anblick jeden
Empfindenden mit Rührung erfüllt haben würde Der Alte aber ließ ihn weinen
rieb gleichgültig seine ekelhaften Spezies ferner ab und sagte nach einer
Weile »Vom Trauern kommt der Tod und des Herzens Kummer schwächt die Kräfte
Redet endlich denn am Lachen und Flennen soll man den Narrn erkennen«
    »Er ist wieder da bei dem Pfaffen versteckt er sich der Leidige das
Ungeheuer dem ich das Herz aus dem Leibe reißen möchte und es in die Tiefe
werfen da wo es die Füchse fressen« rief Ferdinand »Wie lange wird es
dauern so heiraten sie einander Ich glaubte es sei vorbei dein Branntwein
schmeckte mir und der Spaß mit dem Mädchen zu dem du mich führtest tat mir
wohl aber nun er wieder da ist hat sich alles umgekehrt Ich will nur gleich
zwischen des Vaters Maschinen geraten und von ihren Rädern zerquetscht werden
wenn ich Kornelien lassen soll die mein Leib meine Seele mein alles ist um
die ich durch die brennende Hölle ginge«
    »Da wäre nun kein andrer Rat« sagte der Alte »als Ihr müsstet Euch des
Kerls zu entledigen suchen Lauert ihm auf wenn er allein geht und stosst ihn
von hinten nieder so ist der Weg zum Mädchen frei«
    »Wie dumm du bist« rief Ferdinand »Mord kommt an den Tag das habe ich in
allen Geschichten gelesen Sie schlügen mir den Kopf ab und ich hätte nichts
davon Nein wozu ich noch immer Verlangen trüge das wäre ein Duell auf Leben
und Tod Wenn man darin seinen Gegner niederschiesst so kommt man zwar auch auf
die Festung aber sie lassen einen bald wieder frei Das erzählte neulich einer
über Tisch«
    »Ihr habt ja Pistolen fordert ihn also« sagte der Alte
    »Und wer versichert mich dass ich ihn treffe« fragte Ferdinand Er sann
eine Weile stumm vor sich nieder dann riss er das Haupt des Alten der immer in
seiner Beschäftigung fortfuhr gewaltsam beim Schopfe empor sah ihm mit einem
seltsamen Blicke in das Antlitz und sagte leise »Höre du weißt du ob es
Treffkugeln gibt«
    Der Alte legte seine Sachen weg und versetzte »Oho Wollt Ihr da hinaus
In der Stadt haben sie wie ich mir sagen lassen einen großen Spektakel und
Gesang darüber gemacht Sie ziehen einen rot an den nennen sie den Simon oder
Samuel ich weiß nicht recht wie er heißt und dann geht ein aberwitziger
Lärmen in der sogenannten Wolfsschlucht vor sich Nichtsnutzige Possen das Auf
solche Lappalien horcht nichts in dem Abgrunde der Kräfte die muss man an einem
andern Zipfel zu fassen wissen Ob es wahr ist weiß ich nicht gesprochen wird
davon unter uns Leuten vom Fache
    Es steht geschrieben im zweiten Buche Mose am einundzwanzigsten Auge um
Auge Zahn um Zahn Hand um Hand Fuß um Fuß Seele um Seele Davon machen sie
die Nutzanwendung wer seines Lebens nicht achtet um das Schiessblei zu
gewinnen dem wird das Blei auch alles Leben in die Hände geben an welches er
will Sie sagen wer ein Stück Blei aber es muss nicht von einer Kirche sein
mit Todesgefahr erobert der kann daraus Kugeln gießen vor denen kein Kraut
gewachsen ist Wisst Ihr ein solches Stück Blei so tut was Ihr nicht lassen
könnt und plagt mich nicht weiter denn es ist hoch Mitternacht und ich bin
schläfrig«
    Die Lampe war über diesem Gespräche erloschen Ferdinand tappte im Dunkeln
fort und der Alte streckte sich mit den Worten »Wenn ihm nun ein Unglück
begegnet so ist die Brut der Ungerechten zertreten ohne dass ich schuld daran
habe« auf sein Lager
 
                                Sechstes Kapitel
Am folgenden Morgen bat Hermann die Frau des Predigers um die Erlaubnis dem
Begräbnisse zusehn zu dürfen Sie wollte davon nichts wissen weil ihn der Oheim
zu Gesichte bekommen könne Er versprach auf dem obersten Teile der Anhöhe
hinter Büschen verborgen bleiben zu wollen
    Um ihren Mann über das Anliegen zu befragen ging sie in dessen
Studierzimmer Dieser hatte es sich nicht nehmen lassen wollen außer dem Gebete
eine kurze Rede am Sarge zu halten und schritt Inhalt und Ausdruck in Gedanken
erwägend auf und ab Er war im Zustande der Meditation von allen andern Dingen
immer gänzlich abgekehrt antwortete daher seiner Frau ohne recht zu wissen
wovon sie redete auf ihre Frage zerstreut »In Gottes Namen störe mich nur
nicht ferner«
    Der Kranke rief als er die Einwilligung vernahm »Das ist mir recht lieb
Ich muss mehr Zerstreuung haben Seitdem mit meinem Rocke etwas vorgegangen ist
bin ich so unruhig«
    Nach einigen Stunden hörte der Prediger erst wozu er seine Beistimmung
gegeben hatte Er war darüber sehr erschrocken und wollte durchaus dass der
Kranke von seinem Vorhaben abgebracht würde Indessen musste man es gehen lassen
denn Hermann verriet in Farbe und Mienen wieder einen heimlichen Zorn sobald
seine Pflegemutter versuchte ihm jenen Gang auszureden
    Im Hause des Oheims herrschten sehr verschiedenartige Beschäftigungen
Kornelie übte mit den jungen Mädchen den Psalm ein welcher an der Gruft
gesungen werden sollte und wand mit ihnen die Kränze zum Schmuck des Eingangs
bestimmt Der Oheim war dagegen mit seinen Geschäftsleuten in die weltlichsten
Beratungen versenkt Der Vorteil welcher dem ganzen Fabrikbetriebe und also
nach der gestifteten Einrichtung auch ihnen teilweise durch den Anfall der
Standesherrschaft zuwuchs war unermesslich Kaum hatten sie das Erwachen ihres
Herrn und Meisters abwarten mögen ihm alles das was die Nacht hindurch in
ihren Köpfen gegärt vorzutragen um seinen Frühstückstisch versammelte sich
schnell eine zahlreiche Gruppe von Ratschlagenden Entwürfeverkündenden welche
ihre Gedanken auch sogleich dem Auge durch Listen Rechnungen und schnell
gefertigte Risse anschaulich zu machen sich bestrebten Einer der Rührigsten
wurde noch an demselben Vormittage nach jenen Gütern abgefertigt um namens des
nunmehrigen Eigentümers Besitz zu ergreifen Nutzte man die Kräfte welche durch
den neuen Erwerb gewonnen worden waren in bisheriger schwunghafter Weise so
ließ sich einem solchen Geschäfte kaum noch Grenzen ziehen nur in England
waren die Ähnlichkeiten für derartige Gewerbsgrösse aufzufinden Diese
Betrachtungen rührten zu dem Vorsatze eine bedeutende überseeische Abzweigung
des Kapitals zu bewirken
    Der Oheim nahm an der Unterredung lebhaft teil Jedem Menschen ist eine
Signatur in die Seele eingeschrieben und die Entfernung von diesem Urzeichen
der Lebensentfaltung bleibt immer nur eine scheinbare Auch er hatte eine
unruhige Nacht gehabt Mit siegender Gewalt nahmen ihn die Bilder der neuen
Tätigkeiten gefangen und drängten die stillen entsagenden Vorstellungen zurück
mit welchen er bis zum Ende seiner Tage auszureichen gemeint hatte Besonders
war ihm der Blick verlangend über das Meer gerückt er wünschte sehnlich eine
Herstellung von seinen Gebrechen um sich noch die Anschauung jener fernen
erzeugnisreichen Gegenden gewinnen zu können
    Zwischen diesen Verhandlungen langte eine Botschaft Teophiliens an Sie
hatte den Schlüssel zu dem Erbbegräbnisse der Grafen in Verwahrung und diesen
heute den Männern herausgeben müssen welche den Sarg der Tante von seiner
vorläufigen Ruhestätte zu erheben bestimmt waren Nun bat sie den Oheim
schriftlich allen ferneren Ansprüchen auf die Gruft ihrer Ahnen zu entsagen
welche ihm von keinem Nutzen mehr sein könne da er für sich und die Seinigen
ein eigenes Gewölbe errichtet habe
    Der Oheim sagte nachdem er den Brief gelesen hatte »Da uns das Schicksal
gewaltsam in das Leben zurückdrängt so wollen wir immerhin den Toten die Toten
überlassen Es ist mir lieb den Grillen dieser untergegangnen Frau eine
Nachgiebigkeit erzeigen zu können Vielleicht versöhne ich sie dadurch mit mir«
Er setzte sich nieder stellte eine verzichtende Erklärung wie sie dieselbe
begehrt hatte aus und überließ die Gruft der erloschnen Familie dem letzten
Sprösslinge zur uneingeschränkten freien Verfügung
    Nach dem Mittagsessen welches man noch mehr als gewöhnlich abgekürzt
hatte begaben sich die Männer welche den Sarg tragen wollten eilig den
Schlossberg hinauf Der Oheim verweilte eine kurze Zeit bei Kornelien deren
Augen über das zerstreute und der Feier des Tages abgekehrte Wesen trübe
geworden waren Man sah es allen nur zu deutlich an dass sie das Totenfest
abgetan wünschten um sich den so mächtig andringenden irdischen Hoffnungen mit
ganzer Seele hingeben zu können In ihrer reinen Trauer über diesen grellen
Widerspruch der Menschen und Dinge nahm sie den Oheim als sie mit ihm allein
war beiseite und sagte zu ihm »Nicht wahr Vater wir fahren nach der
Bestattung mit dem Prediger spazieren und bleiben auch den Abend für uns«
    »In deiner sanften Frage liegt für mich ein schwerer Vorwurf« versetzte der
Oheim »Wenn es wahr wäre dass zwischen den Seelen der Menschen ein wesentlicher
Unterschied bestände wie manche haben lehren wollen Wenn nur einige zur
Erhebung zum Leben des Geistes bestimmt wären andre dagegen unwiderruflich in
den Schlamm und Tod versinken müssten und alle Mühe von diesem eingebrannten
Male der Nichtigkeit sich zu reinigen umsonst aufwendeten«
    »Welche Gedanken« rief Kornelie
    »Ich will wenigstens hienieden nützen wie ich kann« fuhr der Oheim fort
»Zu meinen Beschickungen gehörst auch du Kornelie du bist die süßeste
derselben Sollte ich aus der Welt gehen ehe ich dich an der Seite eines Gatten
versorgt weiß so wird dein Los von mir genügend festgestellt worden sein«
    Kornelie sank ihm zu Füßen und sprach mit leuchtenden Blicken »Sorge du
nicht um mich und nicht für mich mein Vater So gewiss dies meine Hand und
jenes meine Füße sind so gewiss weiß ich dass wo ich stehe oder mich
niederlege wohin ich gehe und trete ich behütet und geschirmt bin Wenn das
nicht wäre so hätte ich ja so früh meine Eltern nicht verlieren können Glaube
mir mein Vater mir wird es immer wohl gehen recht wohl An meinem Herde wird
sich der Dürftige wärmen und unter meiner Pforte werden die Müden sitzen Darum
entziehe du deinem Sohne und den Freunden die mit dir gearbeitet haben nichts
von dem Deinigen Kornelien schenke du nur wenn es denn einmal so weit ist
deinen letzten Blick und Hauch das soll meine Erbschaft sein«
    Er fragte einen Eintretenden welcher meldete dass der Leichenzug vom
Schlossberge herabzusteigen beginne nach Ferdinand Jener versetzte dass er den
Knaben aufgefordert habe ihm zu folgen dass dieser aber ohne ihm Antwort zu
geben den Berg nach der Gegend des Weihers zu hinaufgestürmt sei
    Seufzend machte sich der Oheim in seinem kleinen Fuhrwerke neben welchem
Kornelie herging auf den Weg Den Vorplatz des Mausoleums bedeckte eine
zahlreiche Menschenmenge welche nicht die Neugier allein sondern auch so ein
dankbares Erinnern herbeigezogen hatte denn die Verstorbne war die Wohltäterin
vieler Bedürftigen gewesen Die Pforten des Gewölbes waren aufgetan zu beiden
Seiten standen die festlichgeschmückten Jungfraun im Halbkreise Kornelie
gesellte sich sobald sie mit dem Oheim auf der Höhe anlangte zu ihnen Er ließ
seinen Sessel der Pforte gegenüberstellen und erwartete den Zug dessen Annahen
die in immer dichteren Haufen den Berg heraufdringenden Menschen verkündeten In
der Mitte des Platzes war mit leichten Stäben ein freier Raum für den Sarg
seine Träger den Prediger und die Schulkinder abgesteckt worden
 
                               Siebentes Kapitel
Sobald der Sarg niedergesetzt war und die wogenden Menschenwellen welche nun
nicht allein den Platz oben sondern auch alle Abhänge des Berges überfluteten
sich beruhigt hatten erhoben die Jungfraun ihre Stimme und sangen den Psalm
ab dessen gehaltne ernste Melodie die Herzen noch tiefer angerührt haben
würde wenn nicht das vom Weiher herklingende Geräusch der heftigarbeitenden
Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tönen hervorgebracht
hätte Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge verrichtete das
Gebet und knüpfte an dasselbe folgende Worte
    »Ihr seid es von mir schon längst gewohnt meine Zuhörer dass ich euch in
meinen Vorträgen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren nicht
auf die kalten leeren Höhen spitzfindiger Grübelei zu führen pflege weil ich
der Meinung bin dass das Christentum ist es echter Art dem Blute gleichen
müsse welches mit den Werkzeugen des Lebens verbunden sie in ungetrennter
Gemeinschaft durchdringend ihnen eben gerade das Leben schafft während
dasselbe von jenen Werkzeugen getrennt für sich allein nicht bestehn kann
vielmehr dann bald sich scheidet gerinnt und verdirbt Ich liebe es daher euch
aus noch so geringfügig scheinenden Gelegenheiten aus eurer Arbeit und aus
eurem Gewerbe aus den kleinsten Vorfällen eurer Hauswesen die Quellen der
Erbauung zu öffnen und bestrebte mich den Gott welcher jedem erscheinen muss
wenn er das Samenkorn in die Erde legt oder sein Tagewerk am Webstuhle
vollendet hat vor aller Augen zu enthüllen
    Lasst mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen lasst uns nicht
in allgemeinen Todesbetrachtungen welche ohne Frucht und unnütz sein würden
sondern in dem besonderen Hinblicke auf den Fall welcher uns hier
zusammengeführt hat unsre Gedanken vereinigen
    Es ist ein Gerede unter den Menschen dass Mäßigkeit Nüchternheit Vorsicht
die heilsame Kälte welche die Schritte erwägt und den Fuß nicht eher zum
Weitergehn aufheben mag bis man habe wo man ihn niedersetze dass diese Dinge
sage ich zwar gute und einträgliche Eigenschaften seien dass sie aber zu
höheren und seltneren Gewinnen nicht hinzuführen vermögen und dass sie
namentlich den Menschen welcher mit ihnen begabt ist unfähig zu den sanften
und warmen Empfindungen machen auf welchen die Liebe ihr schönes Gebäude
gründet Man nennt die Verbindungen welche nicht im Rausche der Leidenschaft
geschlossen werden Scheinbündnisse man glaubt dass bei ihrer Eingehung nur der
Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben könne
    Seht hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens Über
die Jünglingsjahre längst hinaus ohne stürmische Aufwallung bedächtig das
Wichtige überlegend knüpfte der verehrte Mann um den uns eine fromme Feier
versammelt hat das Band dessen Unzerreissbarkeit eben diese Feier aussprechen
soll Wohl allen denen welche einander im Augenblicke der ersten oft so
oberflächlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandnen Aufregung
versichern wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben welche hier dem ruhig
gegebnen und empfangnen Worte folgten Sämtlich sind wir Zeugen gewesen der
Zucht und Einigkeit des Vertrauens und des Glücks aller der Gnaden und
Segnungen welche diese wahrhaft gottgefällige Ehe schmückten Aber nicht genug
dass sie auf Erden die Bestimmung der göttlichen Einrichtung  das Bild der
vollkommenen Menschheit durch zwei darzustellen  im genügendsten Masse erfüllte
auch über das Grab hinaus reichten ihre Einflüsse und Wirkungen Die Gattin
scheidet und der Zurückbleibende richtet seine Blicke beharrlich der
Entschwundnen nach Fest die Zügel der ihm überwiesenen irdischen
Angelegenheiten haltend blüht ihm doch nur noch Genuss in der Sehnsucht nach
ihr welche seine Augen nicht mehr schauen sein Gemüt entbrennt zu dem schönen
Werke in Erz und Marmor welches nun vollendet vor uns steht die sterbliche
Hülle der teuren Schlafengegangnen aufzunehmen an deren Seite er selbst
dereinst ruhen will Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen
womit unser von Wolken überdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse
anzunähern versucht Wenn andre Menschen von dem Weine und Brote leben dessen
sie genießen so lässt sich von unsrem Freunde behaupten dass ihn die Erinnerung
speiste und die Hoffnung tränkte
    Nehmet denn ihr EhelichVerbundnen oder die ihr in diesen Stand treten
wollt von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung Jenes stille Heiligtum
welches heute seine Weihe erhält der Sarg und der lebende Freund  sie mögen in
eurem Herzen Gelübde erzeugen würdig des Wortes, welches der Apostel sprach
Wer sein Weib liebt der liebt sich selbst In dieser allesumfassenden Liebe
zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredlung gesetzt
der Mensch löset sich von der Selbstsucht ab und empfängt dadurch sein Inneres
erhöht und gereinigt zurück Ja meine Freunde «
    Ein dumpfes Geräusch wie von dem verworrnen Durcheinanderreden vieler
Menschen ließ sich in der Ferne vernehmen Es kam aus der Gegend wo der Weiher
lag Der Prediger hielt betroffen inne Die Menschen wendeten sich nach dem
Schalle
    »Es muss etwas an der Maschine zerbrochen sein man hört sie nicht mehr«
sagte der Oheim »Gehe einer hin und sehe zu Welche widrige Unterbrechung«
    Einige Arbeiter schwangen sich den steilen Pfad hinauf der nach dem oberen
Teile des Berges und nach dem Weiher führte Doch nur wenige Augenblicke
vergingen so kamen sie wieder herabgestürzt totenbleich mit entsetzten
Gesichtern Der Maschinenmeister folgte ihnen und fiel mit einem Jammergeschrei
am Wägelchen seines Herrn nieder »Was ist geschehen« fragte der Oheim
erschreckt »Hat das Werk Schaden genommen«
    »Ihr Sohn liegt zerschmettert oben auf dem Berge« rief der Mann seiner
nicht mächtig
    Entsetzt drang die Menge herzu Man bestürmte ihn mit Fragen wie dieses
furchtbare Ereignis sich begeben habe er war unfähig zu antworten Sprachlos
starrte ihn der Oheim an seine Augen standen ohne Bewegung in ihren Höhlen
seine Lippen verloren die Farbe sein Haupt ruhte an Korneliens Brust
    »Den Sarg in die Gruft unsern Vater nach Hause« rief das Mädchen welches
inmitten dieser Schrecknisse die Besinnung noch hatte deren die andern beraubt
waren Indem man sich anschickte ihrem Befehle zu gehorchen rief von den
Klippen über dem Mausoleum eine laute Stimme »Halt« und Hermann trat auf ein
vorragendes Felsenstück Die Bauerburschen welche den Wagen des Oheims zogen
hatten mit demselben eine Wendung nach vorwärts gemacht so dass Hermann dem
Alten gerade gegenüberstand
    »Tröste dich Onkel« rief der Unselige hinunter »Ferdinand ist dein Sohn
nicht die Tante hatte ihn vom Grafen darum verschrieb dir der die
Standesherrschaft damit die Güter dereinst an sein Blut kämen frage nur
Teophilien sie weiß alles aber die Liebesbriefe haben wir verbrannt«
    Kornelie fiel nun selbst ohnmächtig in die Arme ihrer Freundinnen Auch
bedurfte das Haupt des Oheims keiner Stütze mehr nur die ersten Worte hatte er
aus Hermanns Munde vernommen dann sank er mit einem tiefen Atemzuge in sich
zusammen erdrückt von diesen Schlägen und der Ruf der Umstehenden »Er
stirbt« wurde Wahrheit
    Langsam zogen die Burschen den Wagen hinunter nach dem Hause Schweigend
unter der Last dessen was sich begeben hatte schaudernd ging die Menge von
dem Berge Es war etwas Grauenvolles diese vielen hundert Menschen zu sehen
deren Lippen das ungeheure Schicksal versiegelt deren Herzen es versteinert
hatte
    Auf einen stummen Wink des Predigers welcher mit dem Unglücksboten auf dem
Berge geblieben war wurde der Sarg hastig in das Mausoleum geschafft Er stieg
mit dem Maschinenmeister den Klippenweg hinauf Sie näherten sich dem Weiher
Die Maschine stand Zu ihren Füßen lagen die blutenden Gebeine eines der ein
Mensch gewesen war Ein unseliger Anblick
    Nachdem der Prediger sein Entsetzen bewältigt hatte fragte er den andern
»Wie ist dies zugegangen Reden Sie jetzt dass wir alle Tatumstände feststellen
und nicht noch Unschuldige zur Verantwortung gezogen werden mögen«
    »Gott weiß es ich nicht« erwiderte der bewegte Mann »Schon vor einigen
Stunden hatte er sich bei uns hier eingefunden und war spähend um die Maschine
hergegangen Er machte uns auf den gelockerten und halb zersprungnen bleiernen
Ring dort aufmerksam welcher an jenem das Pumpenwerk in Bewegung setzenden Arme
hängt in seinem unverletzten Zustande bestimmt die Widerstandsmittel gegen
etwanige Explosionen der Dämpfe zu verstärken Seine Frage ob es wohl möglich
sei dieses Blei dem Balken wenn er eben niedersteige mit raschem Griffe zu
entreißen hielten wir für Scherz Wir antworteten dass es ja auch Menschen
gegeben habe die zwischen den sausenden Flügeln einer Windmühle
hindurchgegangen oder wohl gar geritten seien und ebenso möge es gelingen das
Blei zu erobern aber freilich könne der Kopf mit in den Kauf kommen Er
verhielt sich nach diesen Gesprächen still und wir vergaßen bald die ganze
Sache Nun erschien plötzlich der junge Mann der bei Ihnen wohnt und sobald er
den sah wurde er wie von einer rasenden Wut befallen Er blickte bald ihn bald
die Maschine mit grimmig funkelnden Augen an und schoss pfeilschnell auf den Arm
zu da er und der bleierne Ring im Niedersteigen waren Das taube Eisen fasste
ihn seine Kleider mussten sich in das Gestänge verwickelt haben denn dreimal
wurde er im wilden fürchterlichen Umschwunge gegen die Balken und von diesen
wieder in die Lüfte geschleudert Augenblicklich ließ ich hemmen aber schon war
es geschehen und wir hatten als die Maschine stillstand nur die zerbrochnen
Gebeine aus ihren Klammern und Fugen zu nehmen«
    »Eilen wir hinwegzutun was die Blicke der Menschen beleidigt« sagte der
Prediger ließ die jammervollen Überbleibsel erheben und in eine Kiste legen
Auch diese wurde im Mausoleum neben dem Sarge der Mutter beigesetzt
    Unten im Dorfe fand er alles wie ausgestorben Niemand ließ sich blicken
jeder fühlte eine dunkle Furcht vor herandrohenden Schreckgerichten Im
Herrenhause war Bestürzung Weinen und Wehklagen Kornelie lag darnieder und
fieberte
    Die Leiche des Oheims hatte man auf einem Bette ausgestreckt Als der
Prediger ihm in das Gesicht blickte fuhr er zurück und gebot es mit einem
Tuche zuzudecken die Miene des Toten sei von einer eignen den Lebendigen nicht
heilsamen Beschaffenheit
    Er trat in sein Haus Dort saß Hermann wie gewöhnlich ruhig über den
Büchern »Sie haben Ihren Oheim getötet« rief er ihm mit strengem Tone zu
Gelassen versetzte Hermann »Warum schelten Sie mich Ich meinte es gut konnte
er sich nicht zufriedengeben da er hörte dass der wilde Knabe ihn nichts
angehe«
 
                                 Achtes Kapitel
Eine solche Wendung war den Mächten welchen das menschliche Dasein nur zu
leicht verfällt gelungen Voraussicht Klugheit Berechnung waren zuschanden
gemacht worden ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die
Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen den fürsorglichsten Mann riss das
Schicksal mitten aus ungeordneten Verhältnissen in Verzweiflung hinweg In einem
Hause worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde hatte der widersinnigste
Aberglaube seine Flügel bis zum Wahnwitz treibend schwingen dürfen und über
Lippen die nicht wussten was sie sprachen war das Geheimnis der Familiensünde
elementarisch gesprungen
    Diesen Ausgängen war hier niemand gewachsen Die Arbeit stockte mutlos
schlichen die Geschäftsleute umher Man musste an die Bestattung der Leiche
denken und auch da zeigte es sich dass der Zorn jener dunkeln Gesetze welche
in ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten noch nicht vorüber sei
    Teophilie von welcher man den Schlüssel zum Erbbegräbnisse
wiederverlangte weigerte sich ihn zu geben und berief sich auf die
Entsagungsurkunde welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt
hatte Man bewog den Prediger zu ihr zu gehen der denn auch alle Beweggründe
der Milde und Versöhnlichkeit anwendete ihren Willen zu beugen
    Sie ließ ihn ruhig ausreden und sagte dann »Ich ehre diese Grundsätze des
Friedens aber man kann verschiedene Wege gehen die alle recht und gut sind Auch
die Vergeltung hat ihre Ehren Ich bin die Rächerin meiner Familie Er hat uns
im Leben aus unsrem Eigentume getrieben dafür versage ich ihm die Ruhe bei
meinen Toten Immer noch eine sehr glimpfliche Rache sollte ich meinen Das
Geheimnis welches ich wusste wäre mit mir zu Grabe gegangen der Schlaf verriet
es einem fremden Ohre nun wurden Versprechungen gewechselt und Briefe den
Flammen übergeben um es ja recht sicher zu bewahren Aber ein kindischgewordner
Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus und stößt ihm
damit das Herz ab Ich finde etwas Großes und Göttliches in diesem Hergange er
erinnert an alte Märchen worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das
Tiefverborgne an den Tag bringen«
    Da er sah dass sie nicht zu überreden war so stand er ab man beschloss
kein Aufsehn zu erregen indem man Zwang gegen sie versuchte Die Menschen
hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren Einer schlug
vor den Oheim im Mausoleum zu bestatten wie er ja selbst verfügt habe und die
andern billigten seinen Rat zu dessen Ausführung alles in Bereitschaft gesetzt
wurde
    Aber die Natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefühl für Wahrheit
und will nicht dulden dass das ganz Unschickliche geschehe In der Nacht wurden
die Bewohner des Dorfs von einem Getöse erweckt in welchem sie bald das
Rauschen stürzender Fluten erkannten Man machte sich mit Fackeln und
Windlichtern hinzu und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schäumenden
Wasserfalle verwandelt Unten im Dorfe flossen die Wogen zu einem Bache ab der
an manchen Stellen gürteltief war
    Als es tagte nahm man ein grauses Schauspiel wahr
    Durch die Eingangspforte des Mausoleums wie durch einen Brückenbogen schoss
der weissschäumende Strom bergab und hatte Mauerstücke Bäume ja auch die
Behältnisse welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen mit sich
fortgerissen Diese lagen kläglich umgeworfen von Schlamm und Graswust
widerlich umsäumt am Abhange des Berges Ein Teil des Gruftgewölbes war
eingestürzt und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal wenn die Gewalt der immer
weiter wühlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde
    Die Ursache dieser Zerstörung war nur zu bald entdeckt
    Der Weiher von der Maschine an deren Wiederbelebung niemand in der
allgemeinen Bestürzung gedacht hatte nicht mehr ausgeschöpft und überdies
durch Regengüsse in den Bergen über seinen gewöhnlichen Inhalt angeschwollen
hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgenen Rinnen auf die Auswölbung
der Gruft gedrückt und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des
Gemäuers überwunden
    Es geschah was geschehen konnte um die Gefahr einer Überschwemmung von den
Talbewohnern abzuhalten Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt so dass der
Zufluss zum Gewölbe bald vermindert wurde und man auch von dort dem Elemente
entgegenwirken konnte Das einzige Mittel kräftiger Begegnung war die Gruft
auszuschütten und den Berg in seiner dichten Ründung herzustellen Dies geschah
mit rastloser Tätigkeit Felsblöcke Buhnengeflecht Lehm und Schuttlagen
mussten die Höhlung füllen und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schönen
Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken als der Marmor der Pforte welcher
unnütz und wehmuterregend aus jenen niederen Stein und Erdumgebungen
hervorblickte Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man natürlich der Wege und
Anlagen nicht schonen können so dass als die Sache getan war zertretner Rasen
abgebrochne Stauden verwüstete Blumenflecke Sumpf und Nässe den Rahmen um
jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten Inzwischen wartete der
Prediger seines Amtes ließ im Dunkel des späten Abends Mutter und Sohn erheben
und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfs einsenken Auch war nach
diesen letzten trüben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den
Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden dort das
Gewölbe für die Leiche auftun zu lassen und sie so dem Hasse und den wütenden
Naturkräften zu entrücken welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen
zu haben schienen
    Traurig und langsam rückte der schwarzbehangne Wagen in kleinen Tagereisen
gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor welches nun die
eingefallnen und geschlossnen Augen des bürgerlichen Erwerbers nicht schauten wo
keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Gruße entgegenkam Aber in der Nähe des
Schlosses erhielt der Verblichne Gesellschaft auch der Herzog befand sich auf
dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen Man hatte die Bestattung möglich zu
machen die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewusst und jene sobald
man erfuhr dass auch der Oheim dort ruhen solle beeilen wollen um fertig zu
sein wenn diese zweite Leiche einträfe Allerhand Zufälligkeiten verzögerten
indessen die Ausführung der Anstalten und so kam es dass die beiden Züge in dem
breiten Wege welcher nach dem Erbbegräbnisse führte zusammentrafen Der
Prediger trat mit dem herzoglichen Kaplane in kurze Beratung und beide Männer
von einer religiösen Empfindung erschüttert ordneten an dass der Tod keinen
Vortritt gewähren sondern seine stillen Untertanen mit gleichen Rechten
empfangen solle Weg und Pforte waren geräumig genug zwei Särge nebeneinander
aufzunehmen und so gingen die Gegner einträchtig zusammen in die dunkle Wohnung
ein
    Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die
Hinterbliebnen in das Leben zurück In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine
Kommission zusammen welche die Geschäfte in der bisherigen Weise und im Geiste
des Verblichnen fortzusetzen sich bemühte Auf dem Schloss des Standesherrn
wurde von ihren Bevollmächtigten inventarisiert auf Feldern und Waldgründen
vermessen Die Maschinen begannen wieder zu klappern die Arbeiter ihre Packen
auf den gewohnten Wegen zu tragen in den Komptoirs schrieb und rechnete man wie
früher
    Wenn sie sich nun aber fragten wer der Herr der unermesslich angewachsenen
Güter sei und für wen alle diese Arbeit geschehe so war die Antwort von der
Art dass sie selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fügungen des
Zufalls noch staunen machen musste Wie man sich wenden mochte die Lage der
Sache ließ sich nicht bestreiten Der Oheim war ohne Testament kinder und
geschwisterlos gestorben und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein
nächster gesetzlicher und rechtmässiger Erbe
    An Verderben und Untergang mag niemand der seine Hände rüstig bewegt
denken wie jedoch unter einem solchen Eigentümer ein fast unübersehlicher
Besitz das weitverzweigteste Geschäft sich steigern ja nur sich notdürftig
erhalten lassen sollte musste dem klügsten menschlichen Auge verborgen bleiben
    Wilhelmi war angekommen Auch ihn bewegten die Ereignisse tief als er ihren
Gang und Zusammenhang vernahm Er meinte einen Augenblick Hermanns Abspannung
durch die plötzliche Nachricht von dem märchenhaften Glücke welches ihn
betroffen aufzurütteln aber vergebens Hermann empfing die Meldung dass er nun
ein Millionär sei wie etwas Bekanntes woran er wie er sagte gleich bei dem
Absterben des Oheims gedacht habe
 
                                Neuntes Kapitel
Der Oheim war kaum einige Monate tot als die Folgen einer Verwaltung durch
mehrere bereits sichtbar zu werden begannen Obgleich der Verstorbne in den
letzten Tagen seines Lebens nur wenig persönlich eingegriffen hatte so war er
doch der Mittelpunkt alles Wirkens und Schaffens gewesen in ihm bestand eine
Autorität durch welche das Zweifelhafte entschieden jedes Wagnis
gerechtfertigt wurde An einer solchen obersten Gewalt fehlte es nunmehr
gänzlich es zeigte sich hier was in den Welt und Staatsverhältnissen immer
eintritt wenn ein großer König oder ein Held von hinnen geht und sein Werk von
den Stellvertretern weitergeführt werden soll Unendlich ist der Abstand
tüchtiger Ausführung von dem Blitze der Erfindung Man zagte oder hazardierte
und verlor durch beides Die Verluste erzeugten Missmut und Anklage aus solchen
übelen Stimmungen entsprangen Sonderungen und Parteien jeder glaubte am besten
zu tun wenn er nur in seiner Sphäre isolierttätig sei und darüber kam bald
der Zusammenhang des Ganzen abhanden welcher doch allein den Gedanken des
Oheims erhalten konnte Schon erklärte einer und der andre dass er sein
Schicksal weiter zu suchen gedenke und alle fühlten sich von einer Gemeinschaft
bedrückt die noch vor kurzem ihr Stolz gewesen war
    Inmitten dieser Einbussen und Spaltungen lebte der Herr der Reichtümer sein
dämmerndes Pflanzenleben fort Man war übereingekommen so lange als nur möglich
ihn für geistig gesund gelten zu lassen um die Einmischung des Staats die alle
als das größte Übel fürchteten abzuhalten Seine Unterschrift musste daher jedes
wichtigere Geschäft bekräftigen er gab sie ohne zu fragen was er
unterschreibe Nur die große Rechtlichkeit aller dieser Leute verhinderte dass
sich schlimmes Unheil an ein so seltsames Verfahren heftete Aus der
Predigerwohnung war er wenige Tage nach dem Tode des Oheims in das Haus gezogen
welches ja nun das seinige war Dort lebte er in stillen Hinterzimmern den
ganzen Tag über lesend schreibend oder mit sich selbst redend Vor dem Verkehr
mit unbekannten Menschen hegte er eine große Scheu und mied deshalb die
Gemächer nach der Straße während er dagegen mit den Hausgenossen sich leicht
und zutraulich zu benehmen wusste Diese wichen ihm aber aus wo sie konnten
seine Erscheinung war ihnen zuwider und sie vergaben ihm den Tod ihres Herrn
nicht Nur Kornelie ging leise und mild neben ihm her sorgte für seine
Bedürfnisse ohne gleichwohl irgendeine tiefere Bewegung blicken zu lassen
    Unvermutet kam eines Tages der Arzt angefahren Er hatte auf der Heimkehr
begriffen den Brief des Predigers erhalten und den Umweg mehrerer Meilen nicht
gescheut den wiedergefundnen Kranken zu besuchen und zu ergründen ob
vielleicht jetzt zu helfen sei Mehrere Tage verweilend sprach er nach genauer
Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des Übels aus da
sich keine Reizbarkeit zeige und folglich kein Mittel eine Erregung oder Krisis
hervorbringen werde Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre
Entlassung und die noch zurückblieben wurden mehr von einer Notwendigkeit
gefesselt als durch einen Wunsch bestimmt
    Wilhelmi reiste ab und zu wie seine Häuslichkeit es ihm nur gestatten
mochte Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des
Unglücklichen
    Über Kornelien zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war sprach
er mit diesem einen Plan ab welcher wenigstens ihre nächsten Jahre
sicherstellte Seine Frau wünschte bei erweiterter Familie eine
Gesellschafterin der sie Kinder und Haus mit Zutraun übergeben konnte wenn
Zirkel Theater oder Reisen sie selbst abberiefen Wer war zu einer solchen
Stelle geeigneter als das schöne sanfte feste Mädchen Als beide Männer ihr
diese Kondition vorschlugen willigte sie ohne Zaudern ein Wilhelmi bestimmte
den Tag der Abreise Kornelie ordnete ihre kleine Habe und schien ganz ruhig
und gefasst zu sein Nur fiel es denen die sie näher kannten auf dass sie jede
Stunde welche ihre häuslichen Geschäfte ihr frei ließ zu einsamen oft weit
wegführenden Wandrungen durch die Gegend benutzte
    Ging sie so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde
stumpfer aussichtsloser Tage Der Zustand der Menschen hier und in der
Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender Man spricht von einem
Schattenreiche hier hatten die Toten eins auf Erden hinter sich zurückgelassen
 
                                Zehntes Kapitel
Der Wagen stand gepackt Wilhelmi bereit zum Einsteigen wartete im Mantel die
Reisemütze auf dem Haupte »Wo bleibt sie« fragte er etwas ungeduldig »Sie
pflegt sonst die erste fertig zu sein was hat sie drinnen noch zu schaffen«
    »Geben Sie acht Sie reisen allein« rief die Frau des Predigers welche mit
ihrem Manne Lebewohl zu sagen gekommen war
    »Wie« riefen voll Erstaunen der Prediger und Wilhelmi
    »Ihr Männer seid so daran gewöhnt eure Absichten durchgesetzt zu sehen dass
ihr zuweilen die nächsten und größten Hindernisse nicht wahrnehmt« erwiderte
die Frau
    Wilhelmi schickte jemand in das Haus ab und ließ Kornelien bitten sich zu
beeilen Der Bote kam sogleich mit der Meldung zurück dass Mademoiselle ihren
Koffer wieder begehre da sie hier bleiben werde Unwillig eilte Wilhelmi nach
ihrem Zimmer Der Prediger und seine Frau folgten
    Sie fanden Kornelien beschäftigt Reisehut Umschlagetuch und andre Dinge
die sie noch hatte mitnehmen wollen in den Schrank zu tun wobei ihr Hermann
half »Sie geht nicht« rief er den Eintretenden entgegen und sein blasses
unteilnehmendes Gesicht hatte einen Ausdruck wie wenn in tiefster Nacht der
Höhle oder des Schachtes aus dem entlegensten Gange der Strahl des kleinen
Lämpchens aufdämmert Es war nicht Freude aber dieser Blick sagte dass das
Wesen, welchem er angehörte einst Freude gefühlt habe und sie vielleicht
dereinst wieder fühlen werde
    »Was soll das bedeuten« fragte Wilhelmi unmutig »Haben Sie mich zum
besten«
    »Geh auf dein Zimmer Hermann« sagte Kornelie ruhig Er ging »Hören Sie
mich an ehe Sie mich schelten« fuhr sie fort »Ich war willens mit Ihnen zu
reisen den Dienst in Ihrem Hause anzunehmen ich freute mich auf die große
Stadt und alle die neuen Dingewelche ich da sehen würde Den Abschied von
Hermann hatte ich bis zuletzt aufgeschoben Nun aber konnte ich doch ohne den
nicht von ihm gehen da ich allen Leuten im Hause Lebewohl gesagt hatte Als ich
zu ihm trat und er mir still glückliche Reise wünschte seine Hand den Druck
der meinigen nicht erwiderte da war es mir auf einmal als ob eine Decke von
meinen Augen hinweggetan würde Ist es Ihnen nicht auch begegnet dass Sie in
träumerischer Vergessenheit vom Wege abgekommen plötzlich bei dem Anblicke
eines Baums eines Felsens stutzen mussten und Ihren Irrtum einsahn Und sollen
denn solche Male nur immer unsrem Geiste unsrem Herzen fehlen«
    
    »Dies ist in der Tat die ausserordentlichste Leidenschaft welche ich jemals
gesehen habe« fuhr Wilhelmi heraus »Dem Gesunden versagten Sie sich als ein
gewährendes Wort ihn vielleicht gerettet vor den Verwicklungen bewahrt haben
würde die seinen Zustand herbeigeführt haben mögen Nun wollen Sie dem Kranken
erstatten was dieser nicht entbehrt denn Sie sind ihm so gleichgültig wie wir
andern alle Bedenken Sie welche Unschicklichkeit Sie zu begehen willens sind
Wollen Sie etwa wie Flämmchen einst verkleidet als sein Diener bei ihm
bleiben«
    Eine Purpurröte überzog Korneliens Antlitz ihre zarte Brust wurde von
heftigen Atemzügen bewegt sie hob die Augen gegen Wilhelmi auf und sagte mit
zitternder Stimme aus welcher aber der tiefste Ernst hervorklang »Wenn es sein
müsste so würde ich allerdings das tun was Sie mich zu verspotten da gesagt
haben Warum ich hier meine Frauenkleider ablegen sollte weiß ich nicht Da Sie
einmal so unbarmherzig mit Geheimnissen umgehn zu deren Vertrauten ich Sie
nicht gemacht habe so will ich auch ohne Rückhalt aussprechen was ich fühle
und dessen ich mich nicht zu schämen habe Nun denn ich habe dem Gesunden mein
Ja nicht geben wollen weil es nicht reif war und die Liebe ihre Zeitigung noch
nicht erlangt hatte Man erzählt mir hin und wieder von Büchern worin
geschrieben stehen soll dass jenes Gefühl im ersten Augenblicke des Sehens und
Treffens entstehe Wenn es sich dergestalt verhält so mag das eine Liebe sein
die auch in einem Augenblicke wieder vergeht Ich aber denke dass die Ergebung
der Seele an eine zweite auf Leben und Tod etwas so Schweres und Wichtiges ist
um wohl einen innerlichen Schauder eine tiefe Bangigkeit und ein langes scheues
Bedenken vor so strenger Gefangenschaft hervorbringen zu können Ich habe alle
diese Kämpfe durchmachen müssen nun sind sie überwunden und ich bin sein wie
er auch andern erscheinen möge Gott hat ihn gemacht und wird ihn
wiederherstellen wenigstens soll meine Hoffnung darauf nicht untergehn so
lange ich atme Niemand hat er jetzt als mich sie fliehn ihn alle verabscheun
ihn auch wohl ich aber liebe ihn und will ihm Diener und Freund und Schwester
sein Vergangenheit Gegenwart und Zukunft die der Arme eingebüßt hat Das
verspreche und gelobe ich hier und werde mich fürwahr nicht zwingen und
misshandeln lassen so hilflos ich auch bin«
    Ein Tränenstrom hatte die letzten Worte begleitet schluchzend verließ sie
das Zimmer Alle waren sehr betreten und Wilhelmi gereute von Herzen seine
hypochondrische Heftigkeit welche er seit der Wandlung seiner Verhältnisse ganz
überwunden hatte und die doch nun auf einmal wieder zu so ungelegner Zeit
ausgebrochen war Er ließ abspannen und beschloss mit den Freunden einige Tage
auf Korneliens fernere Entschließungen zu warten Sie hofften dass das schöne
gute Kind zu ruhiger Überlegung gediehen von selbst in die gebahnte Straße des
Herkömmlichen wieder einlenken werde
    Man erfuhr dass sie nach der Meierei gegangen sei wie sie öfters tat um
ihre alte Schaffnerin zu besuchen Es wurde daher auch noch nichts Schlimmes
geargwöhnt als sie zu Mittage ausblieb weil sie oft bis gegen Abend dort zu
verweilen pflegte Indessen begann es zu dämmern ohne dass sie zurückkehrte
Zugleich war das Wetter schlecht geworden Nun entstand doch einige Unruhe Ein
nach der Meierei gesandter Bote überbrachte dass sie dort nicht gewesen sei
Wilhelmi war äußerst bestürzt Augenblicklich mussten nach allen Richtungen hin
Leute mit Fackeln und Laternen sich auf den Weg machen Er selbst begleitete
einige welche in die gefährlichsten Gegenden des Forstes und Gebirgs spähend zu
dringen befehligt waren
    Kornelie war in ihrem Kummer dem Walde zugeeilt unter dem Schirme der
grünen Bäume die Ruhe wiederzufinden aus welcher die rücksichtslosen Menschen
sie so unbarmherzig gescheucht hatten Ihr Inneres war wider ihren Willen an das
grelle Tageslicht herausgekehrt worden sie empfand eine innige Scham über die
Entweihung des Heimlichsten und einen tugendhaften Zorn gegen die Roheit
welche sie dazu genötigt hatte Jedoch machten sich diese widrigen Gefühle in
keinen Worten und Ausrufungen Luft sie seufzte und weinte nur still für sich
hin
    Sie wollte wirklich nach der Meierei gehen und dort so lange bleiben bis
ihr das bündigste Versprechen gegeben würde sie in ihrer Freiheit nicht zu
beschränken Indem sie mit schnellen Schritten vorwärts eilte wurde sie
plötzlich von einem kläglichen Stöhnen gehemmt welches in geringer Entfernung
abseits vom Wege erklang Dem Schalle folgend fand sie eine Alte auf dem
abgehauenen Stumpfe einer Rüster sitzen der ein junges totenbleiches
Frauenzimmer im Schoße lag Die Finger das Gesicht die ganze Gestalt der
Jungen waren abgezehrt ihre arme Brust keuchte von schneidenden Schmerzen Ein
dünnes und spärliches Gewand bedeckte die entkräfteten Glieder auch der Anzug
der braunen Alten zeugte von großer Dürftigkeit
    »Wir bekommen Hilfe mein armes Kind« sagte diese zu der Kranken »siehe
da es bewegt sich durch das Gebüsch eine liebe schöne Jungfrau her welche uns
beistehn wird«
    Die Kranke öffnete die Augen und warf einen geisterhaftscharfen Blick auf
Kornelien wie er den Schwindsüchtigen eigen zu sein pflegt wenn ihre Leiden
sich dem Ende nahn Kornelie hatte bei diesem Anblicke vergessen was sie selbst
bedrückte trat mitleidig näher und sagte »Steht auf ihr armen Weiber und
folgt mir ganz in der Nähe sind Menschenwohnungen«
    Die Junge machte eine ablehnende Bewegung und die Alte rief »Nein nicht
zu Menschen will mein Kind zu dem Kleinen will sie welches oben am Hünenborn
schlummert weißt du den Weg dahin schöne Jungfrau so hilf mir die Schwache
stützen und führen«
    Kornelie wandte ein dass die Kräfte der Kranken nicht hinreichen würden den
beschwerlichen Gang bergauf zu machen diese aber richtete sich empor sah ihr
durchdringend in die Augen und flüsterte kaum hörbar aber mit melodischem
Tonfall in der Stimme »Ja führt mich zum kleinen Grabe es liegt geschützt
vom Mauerstein der Mutter winkt im Schlaf der Knabe sie soll nun immer bei ihm
sein«
    Sie schlugen den Pfad quer durch den Wald ein Kornelie kannte die Anhöhen
recht wohl zwischen denen der Hünenborn lag und nahm mit genauer
Aufmerksamkeit auf jedes Wegzeichen die Richtung dorthin Während dieser
Wanderung welche wegen der Schwäche womit die Kranke bei jedem Schritte zu
kämpfen hatte langsam vonstatten ging fragte die Alte Kornelien leise über die
Schulter der Jungen hinweg »Ist es wahr was die Leute mir sagten dass einer
namens Hermann jetzt hier wohnt«
    Kornelie versetzte unbefangen laut »Allerdings Hermann wohnt in dem
Kloster eine halbe Stunde von hier«
    Bei diesen Worten zuckte die Kranke und ihre Brust flog in heftigen
Schlägen Sie brachten sie kaum noch tausend Schritte weit auf eine hochgelegne
Wiese als sie vor Ermattung umsank »Sie stirbt« schrie die Alte mit
herzzerschneidendem Tone »Es ist am Ende« sang Flämmchen denn warum sollen
wir verschweigen dass sie es war »Die Sonne geht zur stillen Rast und Nacht
empfängt den müden Gast  Es ist am Ende «
    Ausgestreckt lag sie am Boden die Alte vergaß vor unbändigem Kummer sogar
die Leidende zu unterstützen Flämmchen richtete sich mit Anstrengung empor
streifte einen goldnen Ring vom Finger und sang »Gib ihm den Ring zum
Angedenken nahm ich ihn jener süßen Stunde als unterging mein Sinn und Denken
im holden lasterhaften Bunde Er ward getäuscht verführt betrogen ich aber
schmeckt ein einzig Glück  und unsrer Leiber sanft Verschränken «
    Sie sank ihre Augen verwandelten sich die Atemzüge wurden langsamer bald
stand der Hauch still Über ihr Antlitz hatte sich eine kindliche schwärmende
Freundlichkeit gebreitet sie sah schön aus
    Die Alte rührte die erkaltenden Lippen an warf sich nieder raufte eine
Hand voll Gras und Blumen aus dem Boden und sprach »Sie ist tot Diese Halme
und bunten Kelche erhebe ich zum Zeichen dass ich sie aus meiner Hand der Erde
und den vier Winden zurückgebe aus welchen alles Menschengebilde entsteht
Fluch soll mich treffen wenn ein Priester ihr nahe kommt oder ein Kirchhof den
schönen Leib aufnimmt oder ein Sarg und Leichtuch sie von dem kühlen guten
Rasengrunde scheidet Auf dieser frischen blühenden Wiese sei ihr Grab gehöhlt
von meinen Händen und da die Augen der Mutter von Mangel und Elend trocken
sind so beweinet ihr sie ihr Oberen Fremden Unbekannten denn nicht
unbetrauert soll mein Kind von dannen gehen«
    Der Himmel hatte sich verfinstert und eine tröpfelnde Wolke erfüllte den
Wunsch der Alten Diese setzte sich in ihr Kopftuch eingehüllt zu der Toten
die Knie zum Haupte emporgezogen das Haupt in den aufgeschlagenen Armen und im
Schoße verborgen nun ganz einer erstarrenden Niobe ähnlich Kornelie sprach ihr
zu da jene aber schweigend sitzen blieb so entfernte sie sich in Verlegenheit
Angst Schrecken über diese abermaligen unerwarteten Vorfälle
    
    Ein heftiger Wind hatte sich erhoben der Regen strömte stärker nieder und
machte die Gegend ihr unkenntlich Sie wollte nach einem Bauernhause dessen
Lage ihr ungefähr bekannt war gehen um die Bewohner zur Hülfeleistung bei der
Alten zu vermögen nahm jedoch bald wahr dass sie vom Wege abgekommen zwischen
Strauchwerk Äckern und Angern umherirrte Vergeblich suchte sie wandernd und
zurückwandernd eine gebahnte Straße zu entdecken Zuweilen stand sie still um
sich zu besinnen oder ein Geräusch zu vernehmen welches ihr die Nähe des Dorfs
anzeigen möchte umsonst nur der Regen rauschte hernieder nur der Sturm pfiff
über die grauen Felder
    Sie betete still dass keine Verzweiflung sie überkommen möge Wirklich
behielt sie ihre Ruhe obgleich es dunkel geworden war die Nässe ihre Kleider
längst durchdrungen hatte und wiewohl sie vor Erschöpfung kaum noch gehen
konnte Bereit die Nacht über draußen in der wüsten Gegend unter den
herabströmenden Fluten zuzubringen suchte sie nur noch nach einem Baume einem
Steine oder einer Erdhöhle zum Schutze gegen die grimmigsten Launen des
Wetters Unaufhaltsam und unwillkürlich quoll in ihrer Seele eine Geschichte
nach der andern empor die sie gelesen von Menschen die aus den übelsten Lagen
gerettet worden waren Diese Bilder des Trostes umgaben sie mit einer Fülle
erquickender Sicherheit
    Auf einmal hörte sie in der Ferne Tritte und eine Stimme die etwas rief
was wie ihr Name klang Entzückt sprang sie von dem harten nassen Lager welches
sie bereits erwählt hatte und antwortete Der Ruf und Menschentritt kam näher
eine Gestalt arbeitete sich über Sturzacker und durch Dorngebüsch Mit den
Worten »Bist du hier Kornelie« fasste Hermann ihre Hand
    »Du du findest mich« war alles was sie vorbringen konnte »Die andern
suchen dich auf den Wegen welche du sonst zu gehen pflegst« sagte er »Ich
meinte aber dasswenn du da wärst du dich wohl selbst heimgefunden haben
würdest und schlug mich lieber hieher in die Wüstenei«
    Der Regen hörte auf hinter einer Wolke trat der Mond hervor und
beleuchtete den Ort wo sie standen Im Augenblicke der äußersten Gefahr war ihr
die Hilfe geworden Dicht neben einem verlassenen tiefen mit Wasser ausgefüllten
Steinbruche hatte sie ihre Rast genommen ein Schritt ja nur eine Bewegung
würde sie hinabgestürzt und ihrem Leben ein Ende gemacht haben
    »Du bist mein Retter« rief sie mit einer Empfindung welche alles
ausgestandne Leid vergütete »Komm nur arme Kornelie« sagte er »du bist ja
ganz nass und wir haben eine gute Stunde nach dem Kloster« Sie hing an seinem
Arme zuweilen musste er sie auch tragen wo angeschwollne Bäche den Weg
durchschnitten Ein stilles Entzücken rieselte durch ihre Adern sie verspürte
nichts von Feuchtigkeit und Frost
    Nach angestrengter Wandrung öffnete sich ihren Blicken das Tal und die
Lichter des Dorfs schimmerten ihnen entgegen Im Kloster war alles dunkel Sie
tasteten sich nach dem gemeinschaftlichen Familienzimmer wo Hermann seine
Gefundne die vor Mattigkeit kaum noch stehen konnte sanft auf das Sofa legte
 
                                Elftes Kapitel
Niemand war in dem weitläuftigen Gebäude zurückgeblieben alle suchten noch auf
verschiedenen Orten und Flecken Kornelien Hermann zündete Licht an eilte nach
ihrem Zimmer holte Kleider und Wäsche ging dann in die Küche entflammte dort
ein mächtiges Feuer und bereitete ein stärkendes Getränk aus Wein und wärmenden
Gewürzen
    Erst nachdem er Kornelien umgekleidet und durch eine Tasse Glühwein
erfrischt sah dachte er an sich und wechselte auch seinen triefenden Anzug
Korneliens Jugend und Gesundheit überwand solche Anstrengungen leicht Sie
versicherte Hermann als er nach kurzer Weile in trocknen Kleidern erschien dass
ihr vollkommen wohl sei und bat ihn nun auch für sich zu sorgen Sein Antlitz
von Mühe Luft und Regen erhitzt kam ihr gesundet vor sie schlürfte
schmerzlichfroh die süße Täuschung ein
    Er zog den Tisch mit dem Getränke vor das Sofa und setzte sich zu ihr
Einige Kerzen welche sie angezündet hatte verbreiteten durch den Raum ein
liebliches Licht Sie musste ihm einschenken und bemerkte dass er ihre Hand wenn
sie ihm die Tasse reichte scheu und flüchtig als solle es nur Zufall sein
berührte
    Draußen kam jemand zur Haustüre herein öffnete das Zimmer und rief
»Gottlob da sind Sie ja« Es war einer der Ausgeschickten der nach lange
fortgesetzter Mühe verzweifelt war seinen Zweck zu erreichen
    »Geht guter Mann« rief Kornelie »versucht die andern welche sich um
mich bemühn zu finden und sagt ihnen dass ich hier geborgen sei«
    »Nun wird bald das Getöse entstehn« sagte Hermann »und ich wäre so gern
mit dir noch allein geblieben« Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn
liebevoll an »Ich will dir wohl etwas entdecken« fuhr er fort »Seit ich
erfuhr dass du bei mir bleiben wolltest und darum so viele Drangsale von den
andern ausstehn musstest ist es mir als werde ich vielleicht einmal wieder
lachen oder weinen können Vermutlich irre ich mich darin aber eine Veränderung
spüre ich an mir denn es ist auch wahrhaftig keine Kleinigkeit dass ein so
liebes schönes Mädchen es mit einem armen dummen Menschen der zu nichts mehr
nütze ist aushalten will Was hast du davon«
    Ihre Arme umschlangen seinen Nacken er legte sich wie ein Kind an ihren
Hals »Wenn du recht offen gegen mich wärst mein Hermann« flüsterte sie
»vielleicht könnte dir geholfen werden«
    »Das ist nicht möglich« seufzte er »mir steht nicht zu helfen Kannst du
aus Sünde Tugend aus Ekel Lieblichkeit aus Unrat Gold und Perlen machen Nein
nein ich bin ein ganz zerstörtes um und um gekehrtes Bild da ist auch kein
Zug mehr ohne Schrammen Brandmale und Flecken Toll bin ich nicht habe meinen
Verstand und ach ein nur zu gutes Gedächtnis Aber wenn ich denke das möchte
ich wohl oder jenes oder den würde ich liebhaben können und den hassen so
liegt immer etwas dazwischen worüber ich nicht hinwegkann was mich in die
Kälte und in das Nichts absperrt Beschreiben lässt sich der Zustand nicht
schweigen wir davon Mir wird schwindlicht wenn ich da hineinblicke«
    »Du musst sonderbare Schicksale erlebt haben« sagte Kornelie  Sie
erschrak und rief »Mein Gott wie konnte ich das vergessen Draußen auf der
Wiese liegt ja «
    »Was liegt draußen auf der Wiese« fragte Hermann
    »Nichts« versetzte sie innehaltend weil sie befürchtete ihn mit der
Erzählung aufzuregen »Aber eine Bekannte traf ich von dir heute sie gab mir
den Ring für dich«
    Sie reichte ihm den Ring Hermann sah ihn an stutzte hielt ihn gegen das
Licht rieb sich die Stirn ging sinnend im Zimmer auf und nieder und fragte
dann wie in einem wachen Traume »Wer sagst du hat dir den Ring gegeben«
    »Ein junges krankes Frauenzimmer Ihre alte Begleiterin nannte sie
Flämmchen Sie sagte sie habe ihn einst von dir bekommen«
    »Wie« fragte er in einen Abgrund von Gedanken versenkt Er nahm ein Licht
und ging auf sein Zimmer den Ring immer vor sich hinhaltend und der wirklichen
Welt so schien es entrückt
 
                                Zwölftes Kapitel
Geräusch fröhliches Rufen Leuchten und Fackeln verkündigten das Nahen der
zurückkehrenden Hausgenossen Kornelie trat ihnen im Flur entgegen und wurde
von allen auf das herzlichste bewillkommt Der Prediger schloss sie in seine
Arme Wilhelmi nahte sich ihr schüchtern und bat sie um Vergebung Sie gelobten
ihr dass ihr künftiges Schicksal nur von ihr abhangen solle
    Alle waren nass und der Erquickung bedürftig Man versammelte sich nachdem
die feuchten Röcke Westen und Fussbekleidungen mit trocknen vertauscht worden
waren im großen Zimmer wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch
die Besorgnisse des Tages und die Mühseligkeiten des Abends vergessen wurden
    Kornelie nahm sobald es sich tun ließ den Prediger beiseite und erzählte
ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter Dieser teilte die
Sache Wilhelmi mit und sie entschlossen sich am folgenden Morgen nach der
Wiese zu gehen welche Kornelie ihnen beschrieben hatte
    Auch von dem Ringe und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht war
ihnen etwas gesagt worden Wilhelmi klopfte daher als die übrigen sich zur Ruhe
begeben hatten an Hermanns Zimmer worin noch Licht zu sehen war und wollte
öffnen fand aber die Türe von innen verriegelt und bekam auf sein Rufen keine
Antwort
    Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschäfte zurück Wilhelmi machte
sich daher nur von einigen Arbeitsleuten begleitet auf den Weg nach der Wiese
Dort hatten sie einen Anblick welcher sie in Erstaunen setzte Die Alte saß
noch wie Kornelie sie ihm geschildert hatte ohne Regung mit aufgezognen
Knien das Haupt im Schoße und in den umfassenden Armen ein Bild des
versteinernden Schmerzes und neben ihr lag der schöne blasse Leichnam vom
Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewühlt welche ihre bunten Glocken
über dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten Wilhelmi
erkannte die Züge des Knaben der ihm auf dem Schloss lieb gewesen war wieder
und fühlte sich ohne Faden in diesem Labyrinthe rätselhafter Begegnungen
    Er wollte die Alte erwecken lassen diese fiel aber bei der ersten Berührung
zusammen Sie war nicht tot denn ihr Atem ging wenn auch kaum hörbar aber in
einem bewusstlosen schlafartigen Zustande
    Ein rüstiger Arbeiter musste sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster
tragen den andern gab Wilhelmi die nötige Anweisung wie der Leichnam zu
bestatten sei Überwältigt von so vielen außerordentlichen Dingen befahl er
dass ganz nach den Worten der Alten hiebei verfahren werden solle die ihm
Kornelie hinterbracht hatte Schweigend machten die Männer eine tiefe Gruft auf
der Wiese schweigend senkten sie den zarten Leichnam um den nur ein feines
Musselintuch geschlagen ward ein
    So wurde das wilde ausgelassne unglückliche Flämmchen unter Gräsern und
Blumen zur Ruhe gebracht Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwände
eine Scheidung Nicht unpassend erschien diese Art des Begräbnisses Den
Elementen hatte sie im Leben näher angehört als der menschlichgeselligen
Ordnung den Elementen wurde sie nun im Tode zu unmittelbarer Gemeinschaft
zurückgegeben
    Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt Ihr Starrkrampf Schlaf
oder was es sonst war dauerte fort Der herbeigerufne Hausarzt erklärte man
müsse die Natur walten lassen welche die inneren Organe wohl wieder so weit
beleben könne um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewusstsein zu
setzen
    Wilhelmi Kornelie der Prediger ja selbst die kalten Geschäftsmänner
wandelten umher halbkrank von schwärmenden Einbildungen erfüllt Denn auch
Hermann war für sie unsichtbar geworden Seit jenem Abende hatte er den
Verschluss seines Zimmers noch nicht aufgehoben nur die notwendigsten Speisen
ließ er sich einmal des Tages hineinreichen und schob dann sogleich wieder den
Riegel vor Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenüberliegenden
Hauses und sah dass er unaufhörlich den Ring anstarrte dann emsig schrieb und
von dieser Beschäftigung nur wieder zu jener Gebärde überging
    »Was wird aus allem diesem werden« sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger
mit dem er viel zusammen war »Wo liegen die Knoten durch deren Lösung ein
verworrnes Gewebe zu ordnen sein möchte«
    »Ich bin auf alles gefasst« versetzte der Prediger »Es sollte mich nicht
wundern wenn hier in unsrer friedlichen Gegend plötzlich ein Vulkan den
feurigen Schlund auftäte oder ein Erdbeben unsre Häuser in ihren Grundfesten
erschütterte so wilde Begebenheiten haben einander gedrängt und überstürzt«
    »Große Besitzungen ohne Herrn ein guter zu allen Freuden des Daseins
berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gestürzt« rief Wilhelmi
»Verborgne Schuld abgelaufner Zeiten grausam an das Tageslicht gerissen und
keine Sonne der Hoffnung aufgehend über den Gräbern des Herzogs des Oheims der
Tante Ferdinands Flämmchens Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und
abgekürzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart«
    
    »Wäre in unsrer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge
unvertilglich so müsste uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen welches
die Schulknaben zu treiben pflegen« erwiderte der Prediger »Sie schreiben auf
die erste Seite ihrer Grammatik Wer meinen Namen wissen will schlage Pagina da
und da auf Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen und so
weiter Endlich wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor
und zurück hindurchgearbeitet hat bleibt der Name mit einem albernen Scherze
aus«
 
                              Dreizehntes Kapitel
Beide Männer machten häufige Spaziergänge in der Gegend um die trüben Gedanken
von denen jeder bedrängt war zu verscheuchen Wilhelmi hätte wohl reisen können
und sollen denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur
Heimkehr aber das anhängliche Gemüt des sonderbaren Manns litt nicht dass er
gerade jetzt das Kloster verließ Er wollte wenigstens warten bis Hermann aus
seiner selbstgewählten Einsamkeit hervorginge und dann wenn der Unglückliche
derselbe geblieben war mit weinenden Augen von dem verlorenen Freunde scheiden
    Auf diesen Gängen kamen sie auch einmal in die Nähe des Hünenborns und der
Prediger welcher seinem Begleiter von dem dort befindlichen Naturspiele erzählt
hatte musste sich dazu verstehen ihm auf die Höhe zu folgen Wilhelmi nahm
vorsichtig den Stein von der kleinen Kindesgruft schüttelte aber da er
hineingeblickt hatte unmutig das Haupt denn er sah nur ein gewöhnliches
Skelett und einige unscheinbare Tropfsteingebilde umher »Ich bin durch Ihre
Erzählung so neugierig gemacht worden« rief er »und nun werde ich nichts
gewahr was nur von fern dem mir so sehr gerühmten Wunder ähnlich sieht«
    »Die Feuchtigkeit wird vertrocknet sein deren Tropfen in allen Farben des
Regenbogens geglänzt haben mögen wenn die Sonne ihre Strahlen in die Höhlung
warf« antwortete der Prediger »Über uns spannt sich heute ein trüber Himmel
aus der nichts beleuchten kann Tag und Stunde machen viel und eigentlich ist
dieses um so mehr ein Wunder zu nennen wenn die Schönheit nur einmal und nur
einem sichtbar wird«
    Wilhelmi deckte verdrießlich den Stein über und war auf dem Rückwege
ziemlich schweigsam so dass der Prediger der kein stummes Zusammensein ertragen
mochte mehr redete als gewöhnlich »Erinnre ich mich des Entzückens meines
verewigten keinesweges zur Schwärmerei geneigten Freundes so werde ich mir
mancher Gedanken noch bewusster die mich auch sonst wohl bei dem Hinblicke auf
die sogenannte leblose Natur verfolgt haben Sie stellt gleichsam in sich ein
zweites Evangelium auf welches neben dem geoffenbarten freundlich hergeht und
sich von diesem nur dadurch unterscheidet dass in ihm alles sichtbar und
äußerlich wird während in jenem die Entfaltung des göttlichen Lebens soll sie
nicht auf kindische Täuschung oder katolisierende Bilderei hinauslaufen nur
innerlich und unsichtbar geschieht Auf solche Weise mag die Natur uns die wahre
Ergänzung der Offenbarung darbieten sollen mir wenigstens hat sie in dieser Art
oft Trost für mein Bedürfnis gegeben In dem Schauspiele welches der Oheim mir
schilderte sprach sie gleichsam das Geheimnis der Erlösung aus Wie diese nicht
dem Gerechten sondern dem Gnadenbedürftigen zuteil wird so hatte sie jenes
aller Wahrscheinlichkeit nach in großer Sünde empfangne Kind erwählt um es mit
himmlischer Pracht im Tode zu verklären«
    »Das sind Meinungen welche das Konsistorium doch ja nicht hören darf«
sagte Wilhelmi
    »Die Zeit der Konsistorien ist wohl auch vorbei« versetzte der Prediger
»Ich glaube dass die Herrn wenn sie versammelt sind das Gefühl der Auguren
haben und sich große Mühe geben müssen einander mit ernstaften Gesichtern
gegenüberzusitzen«
    Man hatte unter diesen Gesprächen das Kloster erreicht und der Prediger
trennte sich an der Pforte von Wilhelmi Dieser ging über die Reden des
Geistlichen nachdenkend in sein Zimmer wo eine Überraschung auf ihn wartete
die ihn für das vermisste Wunder reichlich entschädigte Am Fenster stand Hermann
mit frischen gesunden Wangen hellen Augen und rief dem Eintretenden entgegen
»Wo bleibst du so lange Ich habe dich viel zu fragen du sollst mir auf vieles
Antwort geben«
    Zweifelnd zwischen Furcht und Freude nahte sich ihm Wilhelmi und
betrachtete prüfend den Verwandelten »Was ist mit dir vorgegangen Du siehst
anders aus als ehedem« sagte er endlich
    »Ich glaube es wird noch alles gut« erwiderte Hermann mit dem alten
zuversichtlichen Tone seiner Jugend »Lies was ich in diesen Tagen aufschreiben
musste um mir meine Geschichte deutlich zu machen«
    Er reichte ihm die Blätter an welchen ihn Wilhelmi im verschlossnen Zimmer
so emsig hatte schreiben sehen Sie enthielten die Erzählung jener
abenteuerlichen Nacht auf Flämmchens Landhause deren Rest er mit Johannen
zugebracht zu haben meinte
    Wilhelmi wechselte die Farbe bei der Lesung »Schauderst du schon jetzt«
sagte Hermann »Lies erst diese Papiere Ich habe mir den Rock von der
Predigersfrau wiedergeben lassen und die Brieftasche aus dem Futter genommen
Hier ist der Schlüssel dazu«
    Jener öffnete und durchlief die Papiere welche das Portefeuille enthielt
»Barmherziger Gott« rief er und ließ einen der Briefe vor Schrecken fallen
»und dieses Bewusstsein hast du mit dir umherschleppen müssen o du Armer du
Ärmster«
    »Ja« versetzte Hermann »Nun begreifst du wohl dass einem dabei übler
zumute werden kann, als ihr übrigen Menschen euch vorzustellen vermögt Aber den
Ring den mir die Wilde in deren Schoße ich schwelgte geraubt sendet mir
nicht Johanna sondern das Flämmchen durch Kornelien welche die Wahrheit ist
und ein herabgestiegner Engel des Lichts Es haben also wie ich vermute die
Mächte des Himmels nicht zulassen wollen dass greuliche Fabeln des Altertums auf
meinem jüngsten Haupte wirklich werden sollten«
    Jemand kam und sagte »Die Alte ist erwacht nimmt Speise und Trank wollen
Sie nicht mit ihr reden«
    »Komm« rief Wilhelmi begeistert »Aus diesem verruchten Munde wird uns die
Ahnung sagt es mir die volle Klarheit quellen«
    Er nahm ihn mit zu dem Gemache worin die Alte lag doch musste Hermann auf
dem Gange vor der Türe bleiben welche halb offengelassen wurde
    »Ach« rief die Alte und richtete sich von ihrem Lager empor »sind Sie der
Hausherr so tun Sie mir nichts zuleide das Flämmchen ist wie ich höre
gestorben damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan ich bilde mir nicht
mehr ein mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben oder vom Grabe etwas
Besondres zu wissen bin nur noch ein altes müdes Bettelweib Bringen Sie mich
in einem Spitale oder sonstwo unter und lassen Sie mir notdürftige Kost
reichen ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Böses tun«
    »Alles soll dir vergeben sein und wir werden für dich sorgen wie du
wünschest« sagte Wilhelmi »wenn du mir auf meine Fragen die Wahrheit
bekennst«
    »Was Sie wollen« rief die Alte und legte bekräftigend ihre Hand auf die
Brust
    »Nun denn was ist in der Nacht worin der Ball bei Flämmchen war
vorgefallen«
    »O Elend Elend Muss ich darüber beichten  Und gerade die Niederkunft war
es welche mein zartes heftiges Kind so angriff dass sie seitdem den Keim des
Todes in sich trug Freilich taten die Not und der Mangel in dem wir umherziehn
mussten als uns die harterzigen Verwandten aus dem Hause gestoßen hatten auch
das ihrige Wir besaßen zuletzt nur noch die Fetzen welche unsre Blöße
verhüllten alles andre mussten wir auf unsern Wandrungen losschlagen um den
Bissen für unsern Mund zu haben Aber den eigentlichen Stoß hatte ihr leichter
feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen und ich war die Anstifterin von
allem und habe mein Kind schlachten helfen«
    Sie krümmte sich von der furchtbarsten Pein gefasst konvulsivisch auf dem
Lager Wilhelmi ließ diesen Anstoß vorübergehn und redete ihr dann zu sich
durch ein offenes Geständnis zu erleichtern
    »Ja so von der Nacht wollen Sie wissen Nun ich bin in Ihrer Hand Der
Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt und das Flämmchen in den Herrn
Sie lachte schäkerte und tanzte aber ich wusste wohl dass es nur ihr blutendes
Herz war welches in diesen Scherzen abstarb Ich war ergrimmt auf den Herrn
und ein Kind brauchten wir um die Erbschaft uns zu erhalten die wehe mir
Unglückseligen doch nachmals verlorenging da das Flämmchen zu spät guter
Hoffnung ward In jener Nacht ging alles über und untereinander Der Ball und
der Wein den ich genossen und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz
verrückt gemacht so dass ich einen Plan ausbrütete verwunderlich wie die Nacht
Der Zufall half denn auch Die fremde Dame wollte der Ruhe genießen und bat um
ein andres Zimmer was entfernter vom Tanzsale läge worin die Musik noch immer
fortlärmte Als das besorgt und sie umquartiert war kam mir der alberne Kurator
in den Weg und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf die Dame
verlange noch nach dem Herrn Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet
Unterdessen wartete das Flämmchen welches ganz in meinen Stricken und Fesseln
gebunden war zitternd vor Angst Scham und Sehnsucht schon an der Stelle der
Dame Er kam zum Flämmchen nicht zu der Dame Rausch und Lust haben die Sache
vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen«
    Ein tiefer Atemzug ein Ruf der Wonne ließ sich draußen vernehmen Wilhelmi
eilte vor die Türe und fand seinen Freund auf den Knien liegen die Arme betend
emporgehoben die von den seligsten Tränen überströmenden Augen gen Himmel
gerichtet Bewegt von der freudigsten Rührung beugte sich der alte Getreue
nieder und drückte schweigend einen Kuss auf Hermanns Stirn Dann riss er ihn
stürmisch an sein Herz und die Zähren der Freunde mischten sich
    »Wo ist Kornelie dass ich vor ihr niedersinke sie im Staube verehre und
anbete« fragte Hermann leise Wilhelmi führte ihn zu ihr
    Als sie die beiden eintreten sah in deren Gesichtern der Himmel spielte
trat sie erschreckt von der Ahnung eines überschwenglichen Glücks einen
Schritt zurück Hermann fiel vor ihr nieder umfasste ihre Füße und küsste sie
inbrünstig
    »Was soll das« rief sie erstaunt »Er ist hergestellt« jauchzte Wilhelmi
    »Gott Gott« jubelte Kornelie mit brechender Stimme
    »Hergestellt« wiederholte Wilhelmi »Durch dich du heiliges Kind Aus den
Händen der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen«
    »Durch mich Ich weiß ja von nichts« sagte Kornelie und ihre Hand
streichelte wie trunken das Haar des Geliebten
    »Nein du weißt von nichts musst auch von nichts wissen« erwiderte
Wilhelmi »Die ewige Gnade erwählte das reine Gefäß und dieses vollbrachte in
Einfalt und Liebe das Werk der Entsühnung«
Und nun erst hält sich der Herausgeber befugt die Papiere der Brieftasche
einzuschalten Aus ihnen wird erhellen welche Last auf der Brust unsres
Freundes drückte aus welchen Nächten er zum Lichte wieder emporgeführt wurde
 
                              Vierzehntes Kapitel
                             Inhalt der Brieftasche
                     I Graf Heinrich an Hermann den Vater
                                                     Hamburg den 10 April 1795
Hermann noch klingt und zittert unser Abschied in allen Fibern meiner Seele
nach Als ich die Räder Deines Wagens rollen hörte barg ich mein feuchtes
Antlitz im Tuche warf mich über den Tisch und frass meinen Schmerz hinunter 
Nun bist Du fort ich suche Dich überall und umarme nur ein ödes Luftbild Du
fehlst mir überall »das würde ich ihm sagen diese Empfindung in seinen Busen
ausschütten« spreche ich hundertmal des Tages vor mich hin ach Du weißt es
nicht Du Kalter welches Gefühl für Dich in diesen Adern siedet Nur die
Freundschaft konnte mein Herz ganz ausfüllen ich zweifle ob es die Liebe je
wird vermögend sein Ach dass Du mir fehlst
    Hamburg und Bremen und Bremen und Hamburg wirst Du sagen Fünfzehn Meilen
ist das eine Entfernung Wie bald können wir wieder zueinander kommen Und
dennoch wie fern liegt die Aussicht dazu Dieses Wiedersehen nach unsern
glücklichen akademischen Jahren war das letzte Auflodern der Jugend Dich werden
Deine Verhältnisse in denen Du schon so ziemlich eingesponnen bist nach und
nach immer mehr wie mit eisernen Zangen fassen und ich muss ja nun auch wohl zu
Hause hocken wenn ich meinen Vater nicht ganz aufbringen und ihn dazu treiben
will dass er mich auf den Pflichtteil setzt
    Hier bleibe ich noch ein paar Wochen um dem Meere nahe zu sein welches mit
wunderbarer Gewalt in mir Windstille und Sturmwogen schafft und dieses
eigensinnige kranke Herz zum Genuße seiner selbst mächtig aufwühlt Freilich
unter den Krämern wird mir nicht wohl Gestern wollte mich einer auf ein Schiff
mitnehmen um mir eine Vorlesung über Befrachtung Segel und Steuermannskunde
zu halten Ach« versetzte ich »lassen Sie das mir wäre nötiger zu wissen wie
wir unsern Lebensnachen an Klippen und Untiefen vorbeibringen welche Winde ihn
weiterführen vor welchen Strömungen wir ihn zu hüten haben«
    Hermann unser Schwur unser heiliger Schwur Dass sich keiner dem andern in
der höchsten Not seiner Seele versagen soll und gälte es das Opfer des eignen
Lebens und Glücks Wir haben es uns gelobt als wir das Blut unsrer Adern
zusammen in die silberne Schale rinnen ließ und die Flut dann mischten zu dem
Weine den wir genossen als Kelch eines weltlichen Abendmahls So schließen die
Wilden ihre Todesbrüderschaften und wir habens ihnen nachgemacht und wollen
immerhin gar gern außerhalb der sogenannten Kultur mit unsern Gefühlen stehen
Wie dürste ich meinen Eid durch eine Tat für Dich auszulösen
    Ich habe Klopstock besucht der sich ganz verjüngte als ich ihm von unsrer
Freundschaft erzählte So meinte er habe er nur seinen Schmidt seinen Ebert
seinen Giseke geliebt und sei diese Liebe wie er geglaubt aus der Welt
verschwunden gewesen Er sprach viel von seiner Jugend von Halberstadt und
Gleim von Fanny und Meta und sagte er könne sich in die jetzige Welt nicht
mehr recht finden Die jungen Meister wähnten die Kunst treiben zu können
während sie die Alten von der Kunst getrieben worden wären Ich bat um seinen
Segen den er mir auch als Hoherpriester in Tuiskons Heiligtum
feierlichgerührt erteilte Dieser schönen Stunde Anteil fliege Dir mein
Geliebter auf den Schwingen Idunens zu Sei mein wie ich bin
                                                                  Dein ewiger H
 
                           II Derselbe an Denselben
                                                     Hamburg den 15 April 1795
Hermann ich reise Der Frühling will vor den Seestürmen die von Cuxhaven
herüberwehn nicht zum Durchbruch kommen ich gehe also ihn an seiner Wiege im
Süden aufzusuchen In Schwaben oder in der Pfalz will ich mich unter Mandelbäume
und Kastanien lagern alte Burgen erklimmen und mich in schönere Zeiten träumen
Und wenn ich erwache und sehe dass das Geschlecht der Edleren von der Erde
verschwunden ist so soll mir die jüngste Blüte die ganze Weltgeschichte
ersetzen Zudem sei Dir vertraut dass ich von hier fort muss »Kein Mensch muss
müssen« sagt Lessing aber ich muss doch fort Die schöne Frau mit der Du mich
oft zusammen sahst bezeigte sich gefälliger gegen mich als ich anfangs selbst
erwarten durfte das hat nun Folgen gehabt und so weiter Die Tränen des armen
Weibes fallen wie glühende Tropfen auf meine Seele aber kann ich ihr helfen
Was geschehen konnte ist geschehen und so muss denn dieses Kapitel meiner
Lebensgeschichte vorderhand abgeschlossen sein
    Ich sehe Dich saure Mienen machen und höre Dich über Freigeisterei
schelten alter treuer Moralist Höre mein Credo in betreff der Weiber Sie sind
so einseitig und eng dass es eine Umkehrung aller Gesetze der Natur wäre den
Mann zum Sklaven einer einzigen Neigung machen zu wollen Vielmehr hat sie die
ewigwahre hier schon das richtige Verhältnis angedeutet indem sie dem Weibe
die Frucht gab die ihr verbleibt während der Mann von allen glücklichen
Stunden nur ein bald erblassendes Andenken sich erhält Bequemen wir uns die
wir Erde und Himmel mit unsrem Geiste umfassen eine Zeitlang zu den Füßen einer
Frau zu girren so dächte ich dass ihr das genügen könnte und mehr begehren
heißt das Unmögliche verlangen
    Dass ich verheiratet bin dass ein Junge von mir bereits das Abc lernt was
ists nun weiter Mein Vater wollte es gern dass ich fast noch Student
unterducken sollte weil er davon was weiß ich welche Mirakel der Besserung
erwartete und mir war es angenehm dass ich der ich in so vielem ihm hatte
entgegen sein müssen in diesem Punkte ihm einen Gefallen tun konnte Hierauf
traten wir vor den Altar das kalte Fräulein Celeste sagte Ja der warme Graf
Heinrich sagte Ja ein bezahlter Pfaffe sagte Amen und ich war ein Ehemann
worden Wir haben einen Sohn gezeugt pflichtmässig wie die Herrnhuter und es
müsste ganz verkehrt zugehn wenn der Bube nicht ein Ausbund von Tugend und
Ordnungsliebe wird da bei seiner Erschaffung alles im regelrechtesten Gange
verblieben ist
    Und damit sollte das Leben eines Menschen beschlossen sein  Verdammt
sollte er sein den Feuerstrom seines Innern in rostigen Formen erstarren zu
lassen Du wirst mich davon nicht überreden Du nicht keiner wird es Du denkst
es auch nicht
    Um eines bitte ich Dich Halte mich in dieser Materie für keinen Don Juan
der tierisch umherwütet Immer ist mein Herz bei der Sache nie wende ich
Verführerkünste an die ich hasse wie den Abgrund der Hölle Wir sind schwach
das ist das ganze Geheimnis Das Himmelsfünkchen Seele ist in einem Ballen
Fleisch und Blut verpackt haben wir das zu verantworten Der Gott welcher uns
so hinfällig schuf wird mit unsrer Hinfälligkeit Mitleid haben wird von
tönernen Gefässen nicht die Härte des Marmors erwarten
    Auch die Lolo habe ich wahrhaft geliebt und der unglückliche Ausgang wird
eine Narbe in mir zurücklassen die gewiss so bald noch nicht verharscht
    Bleibe Du mir nur der Du mir bist dann steht alles gut
 
                           III Derselbe an Denselben
                                                     Heidelberg den 1 Mai 1795
O Hermann wie grünt und blüht es hier Diese Pracht ist nicht zu beschreiben
man muss in ihr mit allen Sinnen wühlen Ich wohne dicht unter dem Schloss Nur
wenige Schritte und ich bin mitten unter dem Schnee der Mandelbäume Kastanien
und Apfelstämme Siehst Du wieviel besser die Erde auch hierin ist als der
Himmel Er sendet ihr kalte Flocken zu und sie wirft ihm von ihrer Brust die
warmen duftenden entgegen Obgleich kein Liebhaber von Werter da ich aller
Sentimentalität abhold bin und glaube dass das Vaterland Männer nötig habe
nicht solche schwärmende Siechlinge so kann ich doch hier nur seine Worte
nachsprechen »Man möchte zum Maikäfer werden um in dem Meere von Wohlgerüchen
herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können«
    Deinem Briefe lässt sich leider anmerken dass Du in der freien Reichsstadt
Bremen stark eingepfercht bist Was soll nur das Geschwätz von Graf und Bürger
und dass die Verhältnisse doch einmal zerstörend zwischen uns treten würden Wenn
das geschieht wenn in mir je eine Empfindung von den sogenannten Schranken des
Standes Dir gegenüber entsteht so möge mich der Donner des Allmächtigen im
nämlichen Augenblicke vertilgen Herzbruder wir haben einer des andern Blut
getrunken unsre Seelen sind nicht mehr zwei es sind Saiten derselben Harfe
auf welcher die Akkorde des hohen Liedes von ewiger Freundschaft dröhnen
    Sässest Du nur hier bei mir unter den Mandeln und der Baum bewürfe uns beide
mit Blüten da würden Dir schon die Grillen vergehen Von Klopstock habe ich ein
paar Zeilen die mich ganz glücklich machen Da sie Dich mit angehen so sende
ich sie Dir und Du magst sie behalten so schwer es mir fällt mich von diesen
teuren Schriftzügen zu trennen Aber was teilte ich nicht gern mit Dir
    Zwei Worte Dir ins Ohr aber sprich davon nicht weiter Ich liebe  Du
lachst und rufst Nichts Neues  Sachte Kind Kind das ist etwas ganz andres
Lange behilft sich der Laie mit den äußern Bildern des Altarschreins und meint
die Schönheit an ihnen zu besitzen und nun werden die Flügel aufgetan und da
sieht er erst welche Herrlichkeit sich auf Erden begeben kann
    Worte sind Worte und Phrasen geben kein Gefühl von den Dingen. Also nichts
dergleichen Nur so viel sei Dir gesagt dass hier ein Markstein meines Lebens
gesetzt ist und dass Dein Freund viel anders werden wird Sah doch Petrus auch
ein Tuch voll reiner und unreiner Tiere und war eines so gut als das andre In
dem Tuche sind wir nun auch aufbehalten von einem Engel berührt und geheiligt
    O pfui das ist Gewäsche nichtssagendes Gewäsche Kurz und trocken also
referiere ich Dir dass ich hier in einem Weinhügelwinkel am Neckar hart an der
Grenze von Schwaben sitze und einem Mägdlein helfe Blumen pflanzen und junge
Schoten lesen Gott gebe der Seligkeit Bestand lasse mich die übrige Welt
vergessen und von ihr vergessen sein
    Sie ist die Tochter eines Landpredigers der mich unter seinen Obstbäumen
empfing wie ein Patriarch des alten Bundes Ich entdeckte das Kleinod auf einer
meiner Streifereien den Fluss hinaufwärts Auf ihren Wangen blüht die Unschuld
und süße Unschuld blüht ihr im Herzen und um sie weht guter Friede und aller
holdseligen Dinge die Fülle Nun habe ich doch einmal einen Busen der ganz
erfüllt ist von mir und nichts fassen und halten will außer mir
    Den ersten Mai habe ich diesen Brief begonnen nun so erhalte ich Deinen vom
zehnten Juli der mich über mein Schweigen ausschilt und da sehe ich mit
Erschrecken nach und finde meine paar Sätze die ich diese Monate her auf das
Papier gestrudelt noch unabgesendet vor So mögen sie Dir denn zukommen als
ein Beweis dass es Deinem Freunde wohlgeht denn wenn man nicht schreibt und
nichts zu schreiben hat so ist man glücklich
    Denke Dir eine Knospe frisch und herb aus dem Grün der umhüllenden Blätter
brechend und die ganze Pracht der Blüte im jungen Rot andeutend und Du hast
das Bild von Babetten weißt wodurch sie mich so unwiderstehlich fesselt Fern
von städtischer Weichlichkeit ist sie aufgewachsen kräftig unter den Nussbäumen
und Weinranken Ach wie wohl tut es nach so manchem Mischgebräu was wir haben
verschlucken müssen unsern Gaumen einmal an dem kühlen klaren Trunke der
Quelle laben zu dürfen
    Ich lebe hier unter dem Namen eines Herrn von Müller der Alte sieht unserm
Umgange nach ich bin mit ihr vom Morgen bis zum Abend und der Tag ist um ehe
wir uns dessen versehen haben
    Deinen Namen muss sie mir hundertmal des Tages nennen ich empfange ihn von
ihren Lippen wie ein heiliges Geschenk des Himmels Unser ganzes Verhältnis habe
ich ihr erzählt sie liebt Dich ohne Dich gesehen zu haben und wenn sie mich
küsst so spricht sie »Dieser da ist für Dich und der für Deinen Freund da Ihr
ein Herz und eine Seele seid so darfst Du nicht eifersüchtig werden«  Neulich
sagte sie mir mit ihrer himmlischen Naivetät »Du bist ein Edelmann und wirst
mich armes Schwabenmädel nur verführen wenn das ist so möchte ich Deinen
Freund am liebsten heiraten bitte rede mir beizeiten das Wort bei ihm«
 
                           IV Derselbe an Denselben
                                                          den 4 September 1795
Was daraus werden soll fragst Du und hast den Arsenal der Pflichtenlehre
geplündert mich hier in meinem Versteck mit allerhand Tugendermahnungen zu
beschiessen Freund wenn ich in ihren Armen ruhe möchte ich die ganze Welt
beglücken ich bin so froh wie Jupiter wenn er von Liebe geschmeichelt Regen
und Sonnenschein den harrenden Geschlechtern der Menschen sendet Ich könnte
dann alles tun opfern hingeben ein weinendes Auge zu trocknen einer guten
Seele eine freudige Minute zu schaffen Ist das nun Laster
    Sind wir nicht schon unglücklich genug durch unsre Verhältnisse ist dem
wundgedrückten Sklaven auch das versagt auf eine kurze Stunde die Kette zu
lockern die sein Fleisch schmerzlich presst
    Hat mich mein Geschick gefragt ob ich dieses reizende Mädchen lieben wolle
Sind wir dafür verantwortlich was ein geheimnisvoller Zug in uns ohne unser
Zutun schafft Da ich ihre Augen sah musste ich in sie mit den Pfeilen meiner
Blicke eindringen da ihre Lippen mir winkten wie konnten die meinigen
widerstehen Da an ihrem Busen die süßeste Ruhestätte mir bereitet ward hätte
ich ein Tier sein müssen mich nicht dort zu betten
    Ich wälze abenteuerliche Plane um Meine Frau macht sich nichts aus mir
mein Vater hat mich nie geliebt was bin ich ihnen also Mein Dasein ist ihnen
völlig unnütz und ich bedarf wieder der Flittern des Standes nicht Wenn ich
mich mit der die meine Seele liebt verberge weit weit hinter großen Strömen
und undurchdringlichen Wildnissen und löschte aus im Angedenken der Menschen
außer in Deinem in dem unterzugehen für mich der moralische Tod wäre härter
als der physische
 
                            V Derselbe an Denselben
                                                          den 8 September 1795
Dass mich meine Narrheit zwingt alles Dir zu vertraun obgleich ich weiß dass Du
schmälst aber ich besitze und genieße etwas nur wenn ich es mit Dir teile Ich
merke es Deinen Briefen an besonders dem letzten dass Du mit mir zürnest Du
sprichst keine Vorwürfe mehr aus aber alle Zeilen sind ein Vorwurf Da wäre es
nun an der Zeit sich auch zurückzuziehn bis der böse Freund dem andern seine
Wonne mit gutem Herzen gönnte Aber ich kann das nicht zu meinem Glück oder
Unglück ist mir die überströmende Seele gegeben die nur in schrankenlosem
Vertrauen in unendlicher Hingebung sich befriedigt fühlt
    Ich lebe jetzt mit Babetten auf diesem alten Bergschlosse tief im wildesten
Gebirg Der Vater nachdem er unsre Liebe lange toleriert wollte auf einmal den
Strengen spielen untersagte mir das Haus sperrte mein Mädchen ein Gegen Zwang
hat sich seit Adams Zeit noch immer die freie Liebe empört in einer Nacht
welcher Venus den funkelndsten Schein spendete folgte mir die Getreue die
Holdselige
    Nun führen wir von Waldkronen umrauscht zwischen Trümmern und Klippen
hausend ein Leben wie die Ritter und ihre Trauten in den alten Märchen Es ist
außer einem alten Pachter mit seiner tauben Magd und einem halb blödsinnigen
Knechte keine Menschenseele in diesem Steinklumpen auch wohnen auf eine Stunde
Weges hin keine Leute Diese Einsamkeit hat etwas Großes wundersam Süßes Wenn
die Sonne den Wald in einen grüngoldnen Zauberpalast verwandelt oder der Sturm
wie der Atem des Geistes, durch die Zweige der Buchen geht und ich mein Mädchen
in den Arm fasse da dünkts uns oft wir seien dieser Zeit entrückt und lebten
in den Tagen der Fabel
    Die Liebe lebt ihre eigne Geschichte und braucht der Aussendinge nicht
Babette besorgt die Küche ich spalte ihr das Holz oder suche mit der
Jagdflinte ihr einen Braten zu erlegen und wenn ein Gericht wohl geraten ist
oder mein Weidwerk gute Beute gab so sind das große Ereignisse an welchen wir
lange nachzuzehren haben
    Sie hat mir eines nicht versagen dürfen was ich Dir zitternd leise und
scheu wie ein Kind das vor der Mutter sich fürchtet vertraue Wenn Dunkel
sich über Berge und Täler goss und auch die Abendlampe erlosch dann ruhe ich
selig und froh an ihrer Seite Wehe Dir wenn Du etwas Übles davon denkst Nein
heilig und unsträflich teilen wir das liebliche Lager und tiefe Ehrfurcht vor
der Unschuld liegt zwischen uns wie ein geschliffnes Schwert Es war nur so
eine Laune und Grille von mir zu proben ob man nicht lieben kann wie die
Engel sich lieben Und siehe da die Probe ist gelungen Ach wie süß sie
zitterte da ich zum ersten Male von meiner erstürmten Befugnis Gebrauch machte
und wie ruhig sie nun mir am Busen entschläft
 
                           VI Derselbe an Denselben
                                                           den 20 Oktober 1795
Lieber man ist oft nicht in der Stimmung andern zu antworten Nimm es mir also
nicht übel wenn ich auf Deine Fragen nichts erwidre als die Bitte mir mit
guter Art meinen Taufschein zu verschaffen dessen ich zur Ausführung eines
notwendigen Vorhabens bedarf
    Ich habe Babetten meinen Stand und Namen entdecken müssen Du kannst mir
also das Verlangte nur unter meiner wahren Adresse hieher senden
    Der alte Kaplan ist mir ergeben er wird reinen Mund halten wenn Du den
Schein unter dem Siegel der Verschwiegenheit von ihm forderst Ich mag nicht an
ihn schreiben denn aus allerhand Anzeigen schließe ich dass mein Vater und
meine Frau mir auf der Spur sind und ein Brief von mir könnte leicht durch eine
schadenfrohe Zufälligkeit ihnen bekannt werden
 
                            VII Babette an Hermann
                                                           den 24 Oktober 1795
Ein unglückliches Mädchen elender als Worte es zu nennen vermögen beschwört
Sie bei der Pflicht der Wahrheit und Sie erinnernd an die letzte Stunde welche
alles uns vorhält Gutes und Schlimmes ihr zu sagen ob ein Edelmann namens
von Müller der auch Graf  heißen soll bereits vermählt und Vater eines Sohns
sei
 
                         VIII Graf Heinrich an Hermann
                                                           den 6 November 1795
Es bedarf keiner Antwort auf die Zeilen Babettens welche Du mir überschicktest
Sie weiß alles und wir mögen uns nur die Haare ausraufen mit den Nägeln unser
Antlitz zerfleischen und dem Kitzel unsres Vaters der warmen Stunde unsrer
Mutter fluchen welche ein Tier mehr Mensch genannt in die Marterkammer
Leben trieben
    November sollte das ganze Jahr hindurch sein so schwarz stürmisch und
regnerisch wie dieser Der Mai ist eine Lüge und jeder Sonnenblick ist eine
Da sitzen wir nun Babette in ihrer Stube die sie vor mir verschlossen hält
und ich in meiner und der Vater geht unter dem Burgwalle auf und nieder und
zerstampft das Gras mit seinem Stocke Unsinn der Welt Chaos weites wüstes
Narrenhaus Die Natur erbaut auf Gefühlen den ganzen großen Tempel des Seins,
und wenn wir ihnen folgen lohnt sie uns mit Verzweiflung ab
    Ich will versuchen Dir zu erzählen wenn meine von Weinen geschwollnen
Augen meine zitternden Finger mir erlauben den Brief zu Ende zu bringen
    Der Zustand Babettens war unzweideutig geworden ich entschloss mich in
ferne Länder mit ihr zu fliehn dort mich mit ihr zu verbinden und für meine
deutschen Verhältnisse fortan tot zu sein Was an diesem Vorsatze unerlaubt war
erschien mir leicht und verzeihlich gegen die Sünde das Mädchen meines Herzens
dem Jammer preiszugeben
    Ich sprach mit ihr davon arglos willigte sie in alles schöpfte auch keinen
Verdacht als ich ihr meinen Grafenstand entdeckte ließ meine Vorwände gelten
Den Taufschein erbat ich mir von Dir damit kein Priester der Trauung
Hindernisse in den Weg legen könnte
    Da muss mein böser Stern unsern Freund Miller in die Nähe des Neckars führen
Du weißt wie er mich mit seiner Freundschaft verfolgte wie mir seine
übertriebne Empfindsamkeit zuwider war Er hört durch Zufall von mir und beim
wildesten Wetter steht er auf einmal in meiner Burgzelle vor mir Ich empfange
ihn kalt verlegen er macht mir Vorwürfe aber bleibt ich rede von einer
Reise die ich sogleich in einem Geschäfte anstellen müsse er erbietet sich
mich einige Meilen zu begleiten
    Ehe ich noch einen Entschluss fassen ein unglückliches Zusammentreffen
verhindern kann hat er Babetten gesehen gesprochen und mich in ihrer
Gegenwart nach meiner Frau meinem Kinde befragt
    Wenn auch alle Güter alle Zauber des Lebens sich vereinigten mich so hoch
zu heben als ich jetzt tief gestürzt bin den Blick das Antlitz Babettens
werde ich nicht vergessen womit sie diese Entdeckung anhörte Die Stunde wird
wie ein schwarzer Schatten über meinem Dasein lasten bleiben und stiegen die
Engel mit Schalen voll himmlischer Fluten herunter meine Seele rein zu waschen
Es war nicht Zorn nicht Schreck nicht Bestürzung was in ihrem Gesichte sich
malte es war ach wer kann wer mag das Furchtbare schildern wenn treue heiße
Liebe auf einen Ruck sich in ihr Gegenteil umsetzt
    Die Donner des Schicksals waren durch den Unberufnen nur beschleunigt
abzuwenden wären sie dennoch nicht gewesen Nach einem grauenvollen Tage den
ich vergeblich flehend vor Babettens verschlossner Türe zernichtet zubrachte
drang durch Sturm und Regen ihr Vater hieher der uns durch seine Späher endlich
doch ausgekundschaftet hatte Briefe von den sogenannten Meinigen hatten sich in
seine Pfarrwohnung verirrt und waren von dem argwöhnischen Alten erbrochen
worden Er kannte also alle meine Verhältnisse Anfangs wollte Babette auch ihn
nicht einlassen die Gewalt der väterlichen Autorität siegte aber endlich und
es gab eine erschütternde Szene
    Ich erklärte mich zu allem bereit was nur im Umfange menschlicher Kräfte
stehe man nahm meine Versprechungen nicht an und der Alte bediente sich harter
Ausdrücke gegen mich die ich seinem Kummer zu vergeben hatte
    So ist denn diese Ruine zur Hölle geworden die im engen Raume drei unselig
Leidende vereinigt Ich bin keiner Entschließungen fähig mein ganzes Wesen ist
eine blutende Wunde in welcher die scharfen Messer der grimmigsten Reue wühlen
Hast Du ein Wort ein Zeichen für mich was mir Rat oder Lindrung geben kann so
lass es mir werden
 
                           IX Derselbe an Denselben
                                                           den 8 November 1795
Lies den anliegenden Brief Babettens und schaffe Hilfe Die Verzweiflung
überspringt alle Schranken wer das Mittel bei sich trüge uns aus der
greulichen Not zu retten dem könnte ich den Degen auf die Brust setzen und ihn
um das Mittel ermorden
    Hermann unser Schwur geleistet über den vereinigtrinnenden Blutwellen der
Freunde Nun ist die Gelegenheit da nun beweise dass Du ihr Dasein fühlst Ich
sage nicht mehr Du musst mich verstehen oder der Bund zweier Männer war eine
Posse eine gemeine Lüge
 
                    Beilage  Babette an den Grafen Heinrich
Sie stürmen und dringen an der Türe meines Zimmers um mit mir zu reden ich
wiederhole was ich Ihnen schon durch meinen Vater sagen ließ dass ich nimmer
mit Ihnen mehr spreche Was Sie von mir zu erfahren haben sei diesen Zeilen
anvertraut
    Ich habe gestern die Absicht gehegt mir das Leben zu nehmen welches mir
völlig gleichgültig ist seit ich weiß dass Sie ein unehrlicher Mann sind Ich
stieg auf die Spitze des Felsens hinter der Burg und wollte mich von seiner
jähen Höhe hinunterstürzen in die schwarze Tiefe dass da drunten mein
zerbrochnes blutiges Gebein von den Wogen des Waldstroms fortgeschwemmt werden
möchte Mein alter unglücklicher Vater war mir nachgegangen und hat mich
zurückgehalten
    Was er mir über die Sünde dieses Schrittes soweit es nur mich allein
betrifft gesagt habe ich nicht verstanden denn mein Leben ist so ganz unnütz
geworden dass ich nur glauben kann ein so verwelktes und zerknicktes
Blütenblatt werde am besten dahin getan wo der Kehricht ist Allein das zweite
Leben welches mein verfluchter Schoss empfangen darüber darf ich allerdings
nicht verfügen ohne zur Mörderin zu werden Hievon haben mich die Reden meines
Vaters überzeugt
    Ich soll also nicht sterben und kann nicht leben Ihren Antrag sich
scheiden zu lassen und mich zu heiraten verabscheue ich Dadurch würde ich mir
einen neuen Frevel aufladen und mich an Ihrem Ehebruche beteiligen
    Meine Ehre will ich gleichwohl von Ihnen wiederhaben und diese mir zu
schaffen gebiete ich Ihnen Wie es geschieht gilt mir gleich ich bin völlig
willenlos alle Dinge sind mir recht die geschehen den einzigen Wunsch den ich
noch habe zu erfüllen Was man mir vorschlagen wird es sei noch so fremd und
widerwärtig ich genehmige es schon jetzt ohne es zu kennen
    Wenn Sie in dieser Beziehung etwas ausfindig machen so haben Sie mir es zu
melden ohne Beisatz und Redensart die mich von Ihnen anwidern da ich Ihnen
nichts mehr glaube nicht einmal Reue und Scham
 
                       X Hermann an den Grafen Heinrich
                                   Abschrift
                                                   Bremen den 16 November 1795
Es gibt Dinge die nichts weiter zulassen als die Handlung, alles Reden darüber
ist unnütz Was hilfe es mir Dir meine Betrachtungen über die trostlose
Geschichte mitzuteilen Es ist nun dahin gekommen  was ich immer
vorausgesehen und Dir vorhergesagt habe  dass Dein Sinn Dich vor einen Punkt
führen würde wo Dir Blick und Aussicht ja Bewusstsein verschwinden müsste
    Aber wie gesagt hier gilt es die Tat die Worte sind leere Spreu Aus den
Briefen des Mädchens sehe ich dass sie keine Metze keine Närrin ist die mit
Phrasen umgeht der Lapidarstil in dem sie an Dich schreibt zeugt von einer
starken Seele Und ein solches Wesen hat mein Freund entwürdigt und sein Kind
soll ein Bankert heißen
    Dem soll nicht so sein Du nennst mich kalt der Kalte wird Dir seine Kälte
beweisen Wenn Du diese Zeilen empfängst bin ich schon unterwegs Ich werde vor
Babetten hintreten und sie fragen ob sie meine Hand annehmen will und ob ich
ihre Schande mit meinem ehrlichen Namen zudecken soll Dich wünsche ich nicht zu
treffen diese Sache ist nur zwischen dem Mädchen und mir Dein Anblick würde
mir nur unnütze Schmerzen machen
    Antworte mir nicht danke mir nicht lass uns überhaupt eine Zeitlang bis
die Gemüter sich einigermaßen beruhigt haben werden für einander nicht
vorhanden sein Ich weiß was ich tue opfre mich für Dich gebe ein Leben und
seine Freuden dahin Dir zu helfen Ein solches Gefühl will geschont sein und
wird durch jedes Anrühren auch durch das wohlgemeinte nur noch quälender
aufgeregt In seinen Tiefen werde ich mit der Zeit wo nicht Trost doch
Beschwichtigung schöpfen
    Was mir schon jetzt Halt und Stärke gibt ist die Empfindung dass ich ja
gewusst habe wie alles sich fügen würde Graf und Bürger sollen die Hand
einander nie zu so engem Bunde reichen sollen bleiben wohin der Stand einen
jeden gestellt hat Den einen treibt sein Geschick in das Weite und Freie den
andern weiset es in ziemlich enge Schranken Überspringen sie die gezognen
Grenzen so hat sich der welcher den Fehltritt erkannte da er ihn beging über
die schlimmen Folgen nicht zu beklagen die früh oder spät eintreffen müssen
 
                        Nachschrift des Senators Hermann
                                                                            1816
Du empfängst in diesen Briefen mein Pflegesohn ein verhängnisvolles Geschenk
Ich darf es Dir nicht vorenthalten denn wenn Du nicht wüsstest wer Du bist und
von wem Du abstammst so könnten sich ja entsetzliche Dinge ereignen unbewusst
könntest Du Frevel begehn vor denen die Natur zurückschaudert Dass eine
Schwester von Dir lebt weiß ich mit Bestimmtheit sie heißt Johanna und wird
auf dem Schloss ihres Vaters erzogen
    Gern hätte ich Dir sonst diese Entdeckungen erspart welche Dein Herz
zerreißen und Dich vielleicht auf lange Zeit unglücklich machen werden
    Nach meinem Willen sollst Du die Briefe welche wir damals wechselten erst
lesen wenn Du Dein männliches Alter erreicht haben wirst Du wirst dann die
Stärke haben der Eltern Schuld zu wissen und doch an diesem Wissen nicht
unterzugehn Vor allem suche das Bild Deiner Mutter in Dir rein zu erhalten Wir
haben ein unglückliches Leben zusammen geführt aber ich muss ihr das Zeugnis
geben dass sie die edelste und bravste Seele war welche ich je gekannt
    Was mich betrifft so wird Dir hoffentlich Deine Erinnrung sagen dass ich
Dir ein treuer Pfleger gewesen bin Ich habe mein Gelübde gehalten und dieser
Gedanke gibt mir eine gewisse Heiterkeit Meine Tage sind gezählt ich fühle
das Melancholie hat meine Lebenskräfte verzehrt und mich vor der Zeit zum
Greise gemacht
    Suche auch nach dieser Entdeckung ein freundliches Verhältnis mit meinem
Bruder zu erhalten der das Legat Deines Vaters Dir ausantworten wird Er ist
eigen und schroff aber zuverlässig und wacker
    Ich glaube Du Armer dass Dir verschlungne Lebensschicksale bevorstehn
Sobald Deine Eigenschaften sich zu entwickeln begannen sah ich an Dir ein
Gemisch von Deines Vaters Leichtsinn und Deiner Mutter Schmerzen Mögen denn
gute Geister sich Deiner annehmen wenn die Sorge in das Grab sank welche Deine
Kinderjahre behütete Mit diesem Segenswunsche sei in das Leben entlassen
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Rasch war Hermanns Besserung vorwärtsgegangen Neu war ihm die Welt geworden er
nahm von ihr zum zweiten Male Besitz ausgerüstet mit allen Erfahrungen der
früheren Zustände Unglück und Glück hatten ihre bis zum Überlaufen vollen
Schalen auf seinem Haupte ausgeleert Stimmungen wie sie durch solche
Wechselfälle erzeugt werden entziehn sich der Schilderung Er fühlte dass sein
Geschick ihn jeder selbstsüchtigen Tätigkeit für immer entrückt habe und dass er
dennoch nur um so fester mit allen Fasern der Erde verwachsen sei
    »Wir würden nicht glauben dass dergleichen erlebt werden könnte hätte es
uns nicht selbst betroffen« sagte er nach diesen Tagen einmal zu Wilhelmi »Wie
hat mich der Wahn in wechselnden Gestalten lächerlichen und schrecklichen
verfolgt Als Zwanziger meinte ich fertig zu sein und muss mich nun in den
Dreissigen als Anfänger und jungen Schüler bekennen«
    »Du bist hierin nur der Sohn deiner Zeit« versetzte Wilhelm »Sie duldet
kein langsames unmittelbar zur Frucht führendes Reifen sondern wilde unnütze
Schösslinge werden anfangs von der Treibhaushitze welche jetzt herrscht
hervorgedrängt und diese müssen erst wieder verdorrt sein um einem zweiten
gesünderen Nachwuchse aus Wurzel und schafft Platz zu machen Wohl dem der hiezu
noch Kraft und Mark genug besitzt Ich sage dir blicke fröhlich vor dich hin
denn du kannst es«
    »Das tue ich auch« erwiderte Hermann »Mir ist fromm zu Sinne obgleich ich
nicht bete und den Kopf nicht hänge«
    Auch er machte einen einsamen Gang nach dem Hünenborne Dort nahm er die
Decke von der Gruft des Kindes  seines Kindes  und stand lange in die
Betrachtung dieser Überbleibsel eines Lebens versenkt welches ihm unbewusst
von ihm entsprungen und ihm unbewusst auch schon wieder in die dunkle Nacht
zurückgesunken war aus welcher die Geburten der Erde auftauchen Er legte den
Ring zu dem Skelette und ließ dann ein fest umschliessendes Gewölbe aufmauern
die Hand und den Blick der Neugier für immer von diesen Gebeinen abzuwehren 
»Das ist gut« sagte Wilhelmi der davon hörte »nun sind die bösen Geister der
Vergangenheit unter Salomos Siegel gelegt Der Mensch bedarf solcher
symbolischer Handlungen um sich von einer Last gänzlich zu befreien« Er selbst
hatte die Alte zu guten Leuten an einen einsamen Ort geschickt wo sie in
gehöriger Kost und Pflege ihre noch übrigen Tage zubringen sollte
    Unter den Angehörigen und Bekannten des Hauses herrschte die größte Freude
Alle nahmen den herzlichsten Anteil Der gute Prediger und seine Frau die
Geschäftsleute welche noch da waren empfanden ein reines Behagen Wilhelmi
erhielt von seiner Frau unbeschränkten Urlaub bei Hermann zu bleiben bis
dessen sämtliche Angelegenheiten geordnet wären Der Arzt schickte einen Brief
der ein Dityrambus war auf die Trüglichkeit medizinischer Prognose Selbst die
alte Nonne kam von ihrer Meierei herbeigewankt dem Genesenen die Hand zu
schütteln Auch Teophilie hatte sich glückwünschend genaht Ihr schien leicht
und frei um das Herz zu sein dass Hermann nun hier waltete Sie sah verjüngt
aus Mit einem ihrer kecken Scherze stellte sie an ihn den Schlüssel zum
Erbbegräbnis zurück
    Neben solchem Lichte begann freilich auch der Schatten sich schon wieder
einzufinden welcher keinem Gemälde des Menschlichen fehlen darf
    Hermann musste sobald er mit ruhigem Blicke seine wunderbare Lage übersehen
hatte über die ihm angefallnen Reichtümer sehr nachdenklich werden Das alles
gehörte ihm vor der Welt und von Rechts wegen und doch war dieses Recht nur ein
Schein denn  er war nicht der Neffe seines Oheims Durfte er gleichwohl der
Wahrheit in diesem Falle die Ehre geben das Verborgne enthüllen und die Asche
auch seiner Mutter noch im Grabe beunruhigen Sein Innerstes empörte sich
dagegen2
    Im Widerstreite der Pflichten wollte er wenigstens tun was möglich war Er
ließ daher der Herzogin den Rückkauf der Standesherrschaft unter Bedingungen
anbieten welche das Geschäft einer Schenkung so ziemlich nahe brachten
Wilhelmi welcher die Unterhandlung leitete hatte ihm aber bald die ablehnende
Antwort der Dame zu eröffnen da sie sich mit der ausgeworfnen Apanage begnügen
könne und jede Verwicklung in die Dinge der Erde scheue
    Auch einem Besuche zu dem er um die Erlaubnis gebeten hatte versagte sie
sich »Schwerlich wird sie dich jemals wiedersehen mögen« äußerte Wilhelmi bei
dieser Gelegenheit »Frauen ihrer Art haben eine Unwiderruflichkeit der
Stimmungen ähnlich der Gnadenwahl Wer ihnen einmal unangenehm geworden ist
bleibt es auch wenn sie sich von der Nichtigkeit ihrer üblen Meinung überzeugt
haben Sie wird es dir nie vergeben dass du Flämmchen auf ihrem Schloss bei dir
gehabt hast obgleich sie durch den Arzt nun wohl wissen mag dass die Sache
damals die schuldloseste von der Welt war«
    Kornelie zog sich je mehr Hermann der Welt und den Menschen anzugehören
begann wieder sichtlich von ihm und in ihr Inneres zurück Sie mied die
Gesellschaft und ihn wo sie konnte Eine stille Verlegenheit war an ihr
bemerkbar es schien ihr an dem Orte wo ihr Herz durch gewaltsame Angriffe
erschüttert sich verraten hatte unwohl zu sein Hermann blickte zu ihr wie zu
einem höheren Wesen auf er wagte keinen Wunsch er erlaubte sich keine
vertrauliche Benennung er gestattete sich nicht ihre Hand zu ergreifen
    Eines Tages sagte sie zu Wilhelmi dass sie bereit sei mit ihm abzureisen
Er stutzte »Nun wollen Sie von hier fort Nun« fragte er »Veränderliches
Kind«
    »Und warum nicht Ich bin hier nicht mehr nötig Er ist gesund Also lassen
Sie mich in die Dienstbarkeit wandern der ich von jetzt an doch verfallen bin«
    Wilhelmi sann nach »Wir wollen der Standesherrschaft einen Besuch
abstatten« sagte er »mein Freund und ich Von dort kehre ich über diesen Ort
nach  zurück und dann können Sie mich begleiten wenn Sie noch bei Ihrem
Vorsatze beharren«
    Er ging zu dem Prediger und hielt mit diesem und mit dessen Gattin Beratung
Darauf schrieb er einen langen Brief an Johannen Hermann hatte diese erst sehen
wollen wenn noch einige Zeit verflossen wäre Er sehnte sich und scheute sich
doch mit der Schwester wieder zusammenzutreffen
 
                                Letztes Kapitel
Wieder glänzte der klare Herbstimmel über Park Schloss und Hügeln wieder
blühten die Georginenbeete der Fürstin und die Abendsonne verklärte abermals
die gelbroten Kronen der Bäume In großem Ernste hatten die beiden Freunde den
Tag über alle die Zimmer Säle Stätten und Plätze durchwandert welche sie nun
unter so gänzlich veränderten Umständen wiedersahen
    Jetzt saßen sie ausruhend in dem bekannten Gartenkabinette Dort lag noch
ein von der Herzogin vergessnes Buch aufgeschlagen Hermann nahm es und drückte
sein tränenfeuchtes Auge auf die Blätter welche ihre zarte Hand berührt hatte
Wie ward ihm als er einen Blick hineinwarf Es war wieder ein Band von Novalis
und das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen welches ihm einst im
Försterhause so prophetisch begegnet war
    Er seufzte und legte das Buch weg Wilhelmi hatte nachgesehen und sagte »Im
Bilde stellen oft die unsichtbaren Lenker unsre Geschicke an beiden Seiten des
Lebensweges auf Erinnerst du dich noch unsrer Gespräche über den Wahn ferner
über die Verflüchtigung des Eigentums Das alles ist an dir nun eingetroffen
Und wie viele andre Vorzeichen wurden uns gegeben Schon vor Jahren bei unsrem
Ritterspiele machtest du hier den Herrn und Kornelie wurde zur Königin des
Festes ausgerufen
    In unsern Geschichten« fuhr er mit Erhebung fort »spielt gleichsam der
ganze Kampf alter und neuer Zeit welcher noch nicht geschlichtet ist
Fürchterlich hatte der Adel an seiner eignen Wurzel gerüttelt seine Laster
brachten trostlose Zerrüttung in die Häuser der Bürger Der dritte Stand
bewehrt mit seiner Waffe dem Gelde rächt sich durch einen kaltblütig geführten
Vertilgungskrieg Aber auch er erreicht sein Ziel nicht aus all dem Streite
aus den Entladungen der unterirdischen Minen welche aristokratische Lüste und
plebejische Habsucht gegeneinander getrieben aus dem Konflikte des Geheimen und
Bekannten aus der Verwirrung der Gesetze und Rechte entspringen dritte
fremdartige Kombinationen an welche niemand unter den handelnden Personen
dachte Das Erbe des Feudalismus und der Industrie fällt endlich einem zu der
beiden Ständen angehört und keinem«
    »Und der diesen rechtmäßigunrechtmässigen Erwerb nimmer mit Ruhe um sich
gelagert sehen würde hätte er sich mit seinem Gewissen nicht wenigstens
abzufinden vermocht« sagte Hermann »Dir meinem Getreusten will ich hierüber
meine Entschließungen eröffnen damit dir das Bild des Freundes rein und
unentstellt bleibe Ich fühle die ganze Zweideutigkeit meiner Doppelstellung
Lass dir also sagen dass ich willens bin das was sie mein nennen und was mir
doch eigentlich nicht gehört nur in dem Sinne von dem du einst redetest
nämlich als Depositar zu besitzen immer mit dem Gedanken dass der Tag der
Abtretung kommen könne wo denn die Rechnungslegung leicht sein wird wenn der
Verwalter für sich nichts beiseite geschafft hat«
    »Es klingt gut« versetzte Wilhelmi »schwer wird es mir aber dabei an
etwas Bestimmtes zu denken«
    »Vor allen Dingen sollen die Fabriken eingehn und die Ländereien dem
Ackerbau zurückgegeben werden Jene Anstalten künstliche Bedürfnisse künstlich
zu befriedigen erscheinen mir geradezu verderblich und schlecht Die Erde
gehört dem Pfluge dem Sonnenscheine und Regen welcher das Samenkorn entfaltet
der fleißigen einfacharbeitenden Hand Mit Sturmesschnelligkeit eilt die
Gegenwart einem trocknen Mechanismus zu wir können ihren Lauf nicht hemmen
sind aber nicht zu schelten wenn wir für uns und die Unsrigen ein grünes
Plätzchen abzäunen und diese Insel so lange als möglich gegen den Sturz der
vorbeirauschenden industriellen Wogen befestigen Ich habe bemerkt dass die
Männer welche unter dem Oheim so tätig waren jetzt im stillen alle sich nach
Selbständigkeit sehnen was ja auch ganz natürlich ist Sie haben ihre Lehrjahre
unter diesem Meister vollendet und sind durch seinen Tod losgesprochen Mögen
sie also ihre Prozente nach reichlichster Berechnung aus meiner Bank ziehen und
dann den vorangegangnen Genossen in alle Welt folgen«
    »Diese Handlungen dürften doch die Befugnisse eines Depositars übersteigen«
sagte lächelnd Wilhelmi
    »Ich bitte dich« versetzte Hermann »streite mit mir nicht über Worte
Jener Ausdruck konnte nur etwas sehr Beschränktes andeuten und mein Gefühl ist
ein unendliches Sei zufrieden wenn du in meinem ferneren Leben wenigstens ein
Streben erblickst die Gegensätze welche auf meine Schultern geladen sind
würdig zu schlichten«
    »Sei denn auch du nur zufrieden mein Geliebter« sprach Wilhelmi »Schon in
den letzten Tagen unsres Dortseins und dann auf der Herreise bemerkte ich an
dir eine schwermütige Trauer welche zu der jetzigen heitern Wendung der Dinge
nicht passt«
    »O mein Freund diese Trauer werde ich wohl ewig fühlen« rief Hermann mit
ausbrechendem Schmerze »Ich danke Gott dass ich das alles wiedererlangen
durfte was ich entbehrte und doch ist mir in vielen Stunden als besäße ich
nichts Ist denn die Staude etwas ohne ihre Blüte Vollendet den Baum nicht erst
seine Krone Zuletzt nach allen Irrfahrten Abenteuern Widersprüchen des
Denkens und Handelns ist dem Menschen welcher sich nicht selbst verlorenging
gegeben mit dem Einfachsten sich zu begnügen und alle Fieber der
Weltgeschichte werden endlich wenigstens in dem einzelnen Gemüte von zwei treuen
Armen und Augen ausgeheilt Mir aber soll diese uralte ewigneue Lösung und
Schlichtung immerdar fehlen Die Heilige hat ihren Beruf erfüllt indem sie mir
wieder zu einem guten Gewissen verhalf nun zieht sie sich in Regionen zurück
dahin ich ihr nicht folgen kann und doch wird sie mir das wahrste steteste
Bedürfnis sein und bleiben«
    Ein Bedienter kam und überbrachte Wilhelmi ein Billet Dieser las das Blatt
mit funkelnden Augen und sagte »Fühlst du dich stark genug eine unsägliche
Freude zu erleben«
    »Was meinst du«
    »Sehr selten treffen die Erfüllungen mit unsern Wünschen zusammen Alles
pflegt entweder zu früh oder zu spät zu kommen Hier wäre denn einmal das
beglückende Gegenteil Ich habe früher viel durch Hitze und Schärfe verdorben
nun als alter beruhigter Knabe wollte ich versuchen ob es mir nicht auch
gelingen möchte zu vermitteln Was sich in der Not gefunden drohte in guten
Zeiten wieder auseinander zu geraten Das durfte nicht sein aber nur
Frauenhände wissen dergleichen zarte Händel zu entwirren Ich schrieb deiner
Schwester die schon vor Verlangen nach dir brannte Sie ist über das Kloster
gereist hat das jungfräuliche Herz Korneliens in Pflege genommen und ihren
Lippen Mut gegeben Sie meldet mir ihre Ankunft bist du bereit sie zu sehen«
    Hermann wankte und Wilhelmi musste ihn führen So traten sie aus der Türe des
Kabinetts in die grünen Anlagen Zwei Frauengestalten kamen ihnen den Gang
herauf entgegen Ein schöner Greis in Uniform folgte
    »Ich bin es mein Bruder und bringe dir die Braut« rief Johanna in
Seligkeit blühend Sprachlos fiel er in die geöffneten Arme Korneliens und dann
an die Brust der hohen Schwester So ruhte er zwischen den beiden die seine
Seele liebte Zärtlich hielten sie ihn umschlungen Wilhelmi blickte mit
gefaltnen Händen nach den Vereinigten hin Der General stand auf sein Schwert
gestützt und sah eine Rührung bekämpfend vor sich nieder In dieser Gruppe
über welche das Abendrot sein Licht goss wollen wir von unsern Freunden Abschied
nehmen
 
                                    Fußnoten
1 Ein solches Säckchen schützt nach dem Glauben des Volkes als Amulett gegen die
sogenannte böse Stelle Orte nämlich wo ein Frevel verübt worden ist, wo ein
Mord geschah wo ein ruchloser Mensch einen Meineid schwor oder den Namen
Gottes schändete sind ungesund Dort gedeihen nur Würmer unter Nesseln und
Quecken und wer nichts ahnend selbt viele Jahre später über die vom Unheil
verpestete Stelle hinweggeht der empfängt davon den Schaden an seinem Leibe
2 Sonderbare Zufälligkeiten eine Folge der mit dem Jahre 1830 eingetretenen
Umwälzungen brachten den Herausgeber in den Besitz dieser Hausgeheimnisse und
machten die Veröffentlichung derselben ohne Nennung von Namen und Ort nach
seiner Meinung wenigstens verzeihlich