1823_JSchopenhauer_Tante.html




        
                              Johanna Schopenhauer
                                   Die Tante
                                   Ein Roman
  Even so it was wit me when I was young
 It is the show and seal of natures trut
 Where loves strong passion is impressd in yout
 By our remenbrances of days foregone
 Such were our faults  or ten we tougt tem none
 SHAKESPEARES Alls well tat ends well
                                                               Act I Szene III
 
                                  Erster Band
Babet und Agathe zwei sehr hübsche Mädchen von sechszehn und siebenzehn Jahren
saßen an einem rauen Herbstabende in der trübseligsten Stimmung von der Welt
ganz allein bei einander Draußen peitschte der Sturm mit lautem Geprassel Regen
und Hagel gegen das Fenster des Kabinets und im Nebenzimmer lag ihre todtkranke
Verwandte Vicktorine die einzige Tochter des reichen Handelsherrn Kleeborn der
seit dem frühen Tode ihrer Eltern sich als der Bruder ihrer Mutter der armen
verwaiseten Kinder väterlich annahm
    Wenn sie auch der Kranken wegen sich nicht hätten Zwang antun müssen so
war doch ohnehin den beiden Mädchen nicht so zu Mute dass sie wie sonst hätten
mit einander um die Wette plaudern mögen denn seit Jahr und Tag das heißt
seit sie aus der Pensionsanstalt in das Haus ihres Oheims kamen waren ihnen zum
erstenmale zwei tötlich lange Wochen ohne Ball ohne Theater ohne irgend eine
Art von Gesellschaft langsam vorüber geschlichen Daher wussten sie auch gar
nichts ordentliches zu reden am liebsten wären sie aus lauter Langeweile
gleich zu Bette gegangen obgleich es eben erst Abend ward aber das ging auch
nicht an denn es war an ihnen die Reihe diese Nacht bei der kranken Kusine zu
wachen Es schämte sich nur eine vor der andern sonst hätte jede sich gern in
einen Winkel hingesetzt und nach Herzenslust drauf los geweint so beklommen
war ihnen zu Mute
    Nachdem sie eine feine Weile so trübseelig da gesessen hatten begannen sie
so leise als möglich auf den Fußspitzen nebeneinander in dem kleinen Zimmer
umher zu schleichen bis Babet sehr nachdenklich am Fenster stehen blieb den
zierlichen Finger an die hübsche Nase legte und nach einer kleinen Pause mit
fast heroischem Anstande ausrief »richtig der Schwarze« so dass Agathe
darüber der draußen herrschenden Dunkelheit vergessend mit dem Köpfchen
neugierig gegen das Fenster fuhr Die Scheiben klirrten Agathe klagte
weinerlich »Das war recht maliziös von dir« und rieb sich die schmerzende
Stirn »Ich weis gar nicht was du darunter suchst« setzte sie hinzu »Und ich
weis gar nicht was es dich angeht« erwiderte Babet »So und hast du mir nicht
gesagt« eiferte Agathe Babet meinte das hätte sie eben nicht und nun ging
der Zwist wieder los gerade wie gestern Abend da sich beide bloß für die
Langeweile recht tüchtig mit einander herumgestritten hatten
    Manch heißes Tränchen war schon von beiden Seiten geflossen als Babet
endlich heraus schluchzte »es ist doch zu arg dass man nun nicht einmal mehr
überlegen darf was man morgen in der Kirche für einen Hut aufsetzen will«
»Was Hut aufsetzen« fragte schnell sich erheiternd Agathe »liebste Babet
ich meinte wahrhaftig du sähest draußen den Schwarzen ach du weist ja wen
wir so nennen den hübschen Lieutenant meinte ich«
    Die unwiederstehlichste Lust zum Lachen hemmte jetzt aufs schnellste den
Erguss der Tränen bei beiden Mädchen vergebens tönte gleich einem nahenden
Gewitter das warnende Husten der alten französischen Mamsell aus dem
Krankenzimmer zu ihnen herüber sie waren nicht im Stande sich zu fassen Das
Lachen hörte nicht auf selbst als die Mamsell ein sehr ernsthaftes »fi donc
mes enfants« zur halbgeöffneten Türe hereinflüsterte sie stopften sich zwar
die kleinen Batisttücher in den niedlichen Mund aber es half wenig Endlich
schmiegten sich alle beide in des Onkels großen Lehnstuhl hinein und legten
noch immer kichernd die Lockenköpfchen dicht aneinander
    Nach und nach war es jetzt im Zimmer beinah ganz dunkel geworden denn man
hatte vergessen ihnen Licht zu bringen dazu orgelte der Wind im Kamin und
pfiff in schneidenden Tönen durch die langen Gänge des weitläuftigen Hauses so
dass den Mädchen trotz dem Lachen ein kleines Grauen anwandelte Sie mochten
sich weder regen noch einander loslassen und fingen daher lieber an von ihren
Herzensangelegenheiten mit einander zu plaudern denn dieses war so recht ein
Stündchen dazu
    »Sage einmal« flüsterte Agathe »geht er denn in die Kirche wenn du den
schwarzen Hut aufsetzest« »Ei bewahre« antwortete Babet »aber er wartet ja
alle Sonntage mit den Andern an der Kirchtüre um die Damen zu sehen die
hineingehen mich grüßt er dann immer ganz absonderlich den schwarzen Hut
kennt er aber noch gar nicht an mir weil der noch neu ist und er kleidet mich
doch am besten wie du weißt« »Ach Gott nun habe ich den armen Theodor schon
seit acht Tagen nicht gesehen« setzte Babet mit einem recht kläglichen Seufzer
hinzu »wären nur die Ferien nicht so schnell vorüber wie lange wird es währen
so muss er wieder nach Göttingen Das alberne Studiren Ach und nun ist Montag
die neue große Oper und Dinstag Ball im Kassino Was hilft es mir nun dass ich
zum ersten Walzer zur zwoten Quadrille und zum Kotillion mit ihm engagirt bin
Da haben sie nun alle mich so beneidet und nun bin ich doch so unglücklich«
    »Ach ja es ist eine rechte Not« seufzte Agathe »und darum will ich mich
auch niemals verlieben all mein Lebtage nicht« »Ich dächte gar« rief lachend
Babet »willst du eine alte Jungfer werden wie die Tante« »Ach die adliche
Tante sprich nur nicht von der« erwiderte Agathe ganz ärgerlich »Ich wollte
die säße wo der Pfeffer wächst oder wo sie bis jetzt gesessen hat Der Onkel
hätte auch nicht nötig gehabt sie Vicktorinen wegen zu verschreiben die
hätten wir wohl ohne ihre Hilfe gepflegt und wäre auch wohl so gesund geworden
Ich kenne zwar die Tante noch gar nicht« »Ich auch nicht« fiel Babet ein
»aber sie ist mir doch auch eben so fatal als dir Gib nur Acht wie die uns
wird behofmeistern wollen als wenn wir nicht schon mit der Mamsell Not genug
hätten Und eigentlich ist sie nicht einmal unsere rechte Tante denn unsere
Mutter war doch die leibliche Schwester des Onkels Kleeborn sie aber ist nur
die Schwester seiner seeligen Frau und obendrein eine Nonne oder so etwas«
    »Stiftsdame ist sie« fiel Agathe belehrend ein »doch wir wollen schon
sehen wie wir mit ihr fertig werden« fuhr sie fort »lass uns jetzt nur wieder
auf den Schwarzen kommen Siehst du ich tue nur so als ob ich Teil an ihm
nähme denn man muss in der Welt alles mitmachen aber ich heurate ihn nicht
wenn er auch um mich anhält das kann ich dir auf Ehre versichern« Hiermit
lehnte sich Agathe sehr gravitätisch in den Lehnstuhl zurück und tat dabei so
ernstaft dass Babet wieder laut auflachen musste »Kennst du ihn denn so gut«
fragte diese »Bewahre« war die Antwort »ich meinte nur wenn ich ihn kennte
und eigentlich kenne ich ihn doch Du weißt wie oft wir mit einander getanzt
haben und er ist auch schon zweimal hier nebenan bei Obristens zum Besuch
gewesen da habe ich jedes Wort gehört was er gesagt hat und ich kann dich
versichern es war alles sehr vernünftig du kannst es mir glauben« »Warst du
denn bei Obristens zum Besuch Das hast du mir ja noch gar nicht erzählt«
fragte Babet »Ach nein« antwortete Agathe »ich hatte nur wegen des
Geldbeutels den ich dem Onkel zu Weihnachten häckeln will mit Amelie
notwendig zu sprechen und da stand ich ein wenig hinter der Türe« »Ja so«
erwiderte Babet bedächtig »nun ich wollte mein Theodor machte jetzt nur auch
bald ein Ende und spräche mit dem Onkel Eigentlich hat er auf Ostern
ausstudirt Pfingsten kann er sich examiniren lassen dann wird er auf Johanni
angestellt«  »und heuratet dich auf Michaeli das geht ja alles Quartalweise
bei dir« fiel Babet lachend ein
    »Das Fräulein Tante kommt« rief jetzt ein vorübereilender Bediente ins
Kabinet hinein und beide Mädchen nahmen sich schnell zusammen um der
Gefürchteten entgegen zu gehen
Sie fanden die Ankommende noch auf der mit Marmor getäfelten Hausflur von
vorleuchtenden Bedienten umgeben welche sie in die für sie bereiteten Zimmer
führen wollten Es war eine hohe schlanke Ehrfurcht gebietende Gestalt die in
dem schwarzen knapp anschliessenden Reisekleide mit dem schwarzen
Spitzenschleier über dem dicht anliegenden weißen Häubchen wirklich ein
ziemlich nonnenartiges Ansehen hatte Die edlen etwas scharf gezeichneten Züge
des blassen Gesichts trugen noch unverkennbare Spuren ehemaliger seltener
Schönheit die leicht beweglichen feinen Lippen des noch immer schönen Mundes
bezeichneten wie bei Andern das Auge jede vorübergehende Empfindung mit einem
ganz eigentümlichen Ausdrucke Die großen hellblauen Augen hingegen schienen
auf den ersten Anblick beinahe farblos und unbedeutend doch wenn sie während
die Tante sprach sich belebten so drang eine solche innere Lebensglut aus
ihnen hervor dass man sie für ungewöhnlich schön anerkennen musste Es lag etwas
Südlichschwärmendes im Aufschlage dieser noch immer von langen dunkeln Wimpern
beschatteten Augen das an jene herrlichen Darstellungen der Mater dolorosa
erinnerte wie wir sie noch in alten Kirchen zuweilen sehen
    Übrigens schien die Tante kaum funfzig Jahre zu zählen obgleich sie fast
zehn Jahre älter war Die Hand der Zeit hatte die etwas stolze Haltung des hohen
Wuchses nicht gebeugt und das noch immer weiche blonde Haar zeigte nur fast
unmerkbare Spuren von Reife des Alters Die ganze Erscheinung dieser Dame
stellte sich als eine jener begünstigten Ausnahmen dar welche die Zeit zuweilen
nur mit mildem schonenden Hauche zu berühren wagt um ein seltenes Meisterwerk
der Natur so spät als möglich verblühen zu lassen
    So hatten weder Agathe noch Babet sich die Tante gedacht Sie begrüßten sie
ängstlich verlegen und zogen dann so ehrfurchtsvoll hinter ihr drein um sie in
ihre Zimmer zu begleiten als wäre sie eine Königin Obgleich Beide nur noch vor
wenigen Minuten sehr vorlaut über sie abgesprochen hatten so waren sie jetzt
doch so befangen dass sie nur verstohlen es wagten den prüfenden Blick zu ihr
und zu einem sehr jungen sehr schönen und sehr bleichen Mädchen zu erheben
das sichtbar ermattet auf ihren Arm sich stüzte
    »Der Onkel ist nicht zu Hause wir wollen ihn aber gleich holen lassen«
stotterte Agathe »Er ist im Kassino wo er alle Abend sein Partiechen macht
und gewöhnlich erst nach Mitternacht zu Hause kommt« setzte Babet sich
ermutigend hinzu »Dort lasst ihn in Ruhe ich bitte ich werde morgen ihn
sehen sprach die Tante sehr freundlich »für jetzt wünsche ich nun Mamsell
Virnot zu sprechen um genau zu erfahren wie es mit unsrer Vicktorine steht
Euch aber liebe Nichten  denn das seid ihr doch denke ich« »Ach ja Babet
und Agathe« riefen beide Mädchen im Chor »Nun denn liebe Babet und liebe
Agathe euch beiden empfehle ich hier meine Pflegetochter sie heißt Angelika
Ich bitte euch nicht sie zu lieben denn das findet sich gewiss von selbst
nehmt euch nur fürs erste ihrer freundlich an und helft dem armen reisemüden
Kinde zur Ruhe zu kommen«
Mitternacht war längst vorüber Vicktorine lag leise atmend im tiefen
Schlummer von dem der noch spät sie besuchende Arzt die heilsamsten Folgen
gehofft hatte Auch Agathe und Babet waren schon vor ein paar Stunden zu Bette
geschickt worden denn die Tante welche sich von der heutigen sehr kurzen
Tagereise gar nicht ermüdet fühlte hatte darauf bestanden an ihrer Stelle bei
der Kranken zu wachen Die Jugend sprach sie zu ihrer alten Freundin Virnot
indem sie für die beiden schläfrigen Kinder vorbat die Jugend bedarf zum
Gedeihen des Schlafes wie die erblühende Pflanze den erquickenden Tau Anders
ist es mit uns deren Lebenstag sich schon dem Untergange zuneigt da wird die
Natur selbst genügsamer und lehrt uns mit den Stunden haushalten die uns
vielleicht nur noch sehr sparsam zugezählt sind
    So saß sie denn jetzt in dem an das Krankenzimmer stossenden Kabinette in
dem nämlichen Lehnstuhle in welchem vor ein paar Stunden Babet und Agathe
einander ihren Liebeskummer geklagt hatten und ihr gegenüber die beim Schein
der verdüsterten Lampe emsig strickende Französin Die Türe des Nebenzimmers
stand offen keine Bewegung der Kranken konnte ihren Wächterinnen entgehen doch
sie schlief fest und ruhig
    »Gute Virnot« hob die Tante das leise flüsternde Gespräch an »liebe alte
treue Freundin ich muss diese ersten Augenblicke ungestörten Beisammenseins
benutzen um Ihnen für die unsägliche Liebe zu danken mit der Sie meiner armen
Vicktorine sich annehmen«
    »Ach das liebe Kind« erwiderte freudig die Französin »es ist ja als wäre
es das meine Je lai vu naître diese Arme haben sie von ihrer Kindheit an
getragen wie sollte ich sie nicht lieben cest un coeur excellent ein wenig
heftig ein wenig hochfahrend zuweilen doch das macht die Jugend der Grund ist
vortrefflich cest le vrai portrait de feu Madame sa mère Wenn ich dagegen
Babet und Agathe mit ihr vergleiche ach Ihr Hochwürden ces chers Enfants sind
ein paar maliziöse kleine Kreaturen«
    »Nicht doch gute Virnot« fiel die Tante lächelnd ein »unartig mögen sie
wohl zuweilen sein das gebe ich zu aber nicht boshaft denn die Jugend ist
dies selten oder nie Doch lassen Sie uns jetzt lieber von unsrer Vicktorine
sprechen Es sind nun zwölf Jahre dass ich weder sie noch ihren Vater gesehen
habe und ich stehe da mitten unter den Meinen gleich einer Fremden Dennoch
hängt jetzt mein ganzes Herz an dem teuren Ebenbilde meiner früh zur Ruhe
gegangenen Schwester das ich als sechsjähriges Kind verlassen habe und jetzt
als achtzehnjährige Jungfrau wieder finde«
    »Und wie sie sich entwickelt hat cette chère petite Victorine rief die
Guvernante Belle comme le jour Madame je vous assure In gesunden Tagen war
keine von unsern jungen Demoiselles ihr zu vergleichen sie war die Krone von
allen und jetzt hélas«
    »Sie wird es wieder gute Virnot« tröstete die Tante doch diese seufzte »
ah Madame ich fürchte der Arzt wird für unsre Vicktorine nur wenig tun
können denn was sie heilen soll ist in keiner Apotheke zu finden Hätte sie
mir nur vertraut aber da hat sie geschwiegen und geweint und geweint und
geschwiegen und nun liegt sie da«
    »Liebe Virnot wie Sie mich erschrecken« rief die Tante »ich beschwöre
Sie sagen Sie mir alles was Sie von dem geliebten Kinde wissen oder vermuten
es sei noch so wenig noch so unbestimmt Es ist durchaus notwendig dass ich
einigermaßen vorbereitet sei ehe ich es versuche Vicktorinens Vertrauen mir zu
gewinnen Ich hoffe sie wird zu mir ein Herz fassen sie wird mich um ihrer
Mutter willen lieben obgleich sie mich nur aus den Briefen kennt die wir
bisher selten genug mit einander gewechselt haben Leider war ich stets mit
Vicktorinens Umgebungen zu wenig bekannt um auf das Gemüt meiner Nichte
entscheidend wirken zu können Nur Sie kenne ich in diesem Hause liebe Virnot
und die Treue welche Sie so viele Jahre hindurch meiner Schwester und ihrem
Kinde bewiesen alle andern sind mir fremd sogar Vicktorinens Vater wir sind
in geistiger Hinsicht einander nie näher gekommen Liebe zu dem einzigen Kinde
meiner Schwester konnte allein mich bewegen seinen dringenden Bitten
nachzugeben und die geliebte Einsamkeit meines Stiftes mit dem Leben in dieser
geräuschvollen Stadt auf einige Zeit zu vertauschen«
    »Et Dieu en soit loué mille fois« rief die ehrliche Virnot »denn dieses
haus bedarf jetzt mehr als je an seiner Spitze einer Dame wie Ihr Hochwürden
Gnaden sind und unsre junge Demoiselle einer Leitung wie Sie allein ihr
gewähren können Ich war ja von jeher nur ihre Bonne Zwar obgleich ich nicht in
Frankreich selbst sondern nur in der französischen Kolonie zu Berlin geboren
bin französisch hat sie dennoch von mir gelernt Madame elle parle comme une
petite parisienne sie hat so ganz den ächten Accent in ihrer Gewalt eh bien
das sind Gaben von Gott dabei hat sie ein gewisses maintien gewisse Manieren
wie eine kleine Prinzessin Das alles ist aber doch nicht genug maintenant
quelle est une grande Demoiselle kann ich das liebe Kind doch nicht mehr
überall hinbegleiten überdem liegt die ganze Haushaltung auf mir und so ist es
allerdings ein großes Glück dass Ihr Hochwürden Gnaden sich der Not annehmen
wollen«
    »Lassen Sie mich vor allen Dingen Sie bitten liebe Virnot mich mit dem
Titel zu verschonen den ich außerhalb meines Stiftes und besonders hier übel
angebracht finde und nun machen Sie mich mit der Not bekannt welcher
abzuhelfen hier meine einzige Sorge sein soll« sprach die Tante
    »Eh bien donc Madame vous le voulez« erwiderte die Französin nahm die
Brille ab legte ihr Strickzeug zusammen und rückte im Sessel sich zurecht
dann fuhr sie folgendermaßen fort »Au fond glaube ich liegt die Schuld wohl
größtenteils am cher Papa Herr Kleeborn ist zwar ein sehr braver Mann der
sein Kind liebt wie ein rechtlicher Vater soll und muss Er lässt es Vicktorinen
an nichts fehlen er hält ihr die teuersten maitres in allem was eine solche
junge Demoiselle zu lernen hat sein Haus ist das brillianteste in der Stadt
Ach Ihr Gnaden können gar nicht glauben wie ich mich tummeln muss bei den
ewigen Feten die wir geben denn obgleich wir Bedienten die Menge haben liegt
doch alles auf der alten Virnot mais je le fais de bon coeur Ja was ich sagen
wollte um wieder auf unsern Text zu kommen ja und eine Garderobe hat unsre
jeune Demoiselle comme une petite Reine je vous assure Schmuck und alles was
dazu gehört«
    »Nun das alles will indessen nicht viel sagen Herr Kleeborn besizt ein
fürstliches Vermögen Alle an der Börse ziehen den Hut vor ihm ab und so kann
er den Aufwand wohl ertragen Mais Madame entre nous soit dit das ist nicht
immer so gewesen Es kam einmal eine Zeit nicht lange vor dem Ableben unsrer
seligen Dame es mögen zehn Jahre und drüber sein das war eine sehr böse Zeit
in der die Stützen von Europa wankten wie Herr Kleeborn zu sagen pflegt wenn
jetzt die Rede darauf kommt Ein eigener Unglücksstern muss damals über der
Handelswelt aufgegangen sein denn figurez vous Madame in Amsterdam in
London überall in den bedeutendsten Handelsstädten fielen die größten Häuser
Überall herrschte Mistrauen plus de confiance plus de crédit nulle part
Jeder Tag brachte neue Hiobsposten und Herr Kleeborn ward immer so bleich wie
hier mein Tuch ehe er die Briefe welche an ihn einliefen im Zimmer von Madame
erbrach denn da trug er sie damals immer hin weil er sich nicht mehr getraute
sie im Komtoir im Beisein seiner Leute zu eröffnen Wahrscheinlich fürchtete er
sich zur Unzeit zu verraten wenn etwa böse Nachrichten kämen Nun die blieben
denn auch nicht aus und Herr Kleeborn sah sich au bord dun précipice wie man
zu sagen pflegt Er war zwar nicht ruinirt aber er geriet doch pour le moment
 in sehr dringende Verlegenheit und nur baares Geld konnte ihn retten wenn er
nicht wie damals so viele andere seine Zahlungen suspendiren wollte Le pauvre
homme Der bloße Gedanke an einen solchen Schritt setzte ihn in Verzweiflung
Meine arme Dame hat in jenen Tagen recht viel mit ihm ausgestanden denn nur ihr
allein vertraute er alles Ah comme elle en a pleuré«
    »Meine arme Schwester mir hat sie das alles verschwiegen« seufzte die
Tante »Das glaube ich« erwiderte die Bonne »denn sie klagte nie aber sie
hat seitdem wenig frohe Stunden mehr gehabt Um den Herrn zu trösten bat sie
ihn mit Tränen sich an ihre reiche Verwandte zu wenden die sollten ihm
helfen Sie schrieb selbst an den Herrn Grosonkel der die weitläuftigen
Herrschaften in Schlesien besitzt Auch an alle andere begüterte Mitglieder der
Hochadeligen Familie wandten sich beide in dieser Not Herr Kleeborn sowohl als
Madame Namen und Reichtümer der hohen Herrschaften sind Ihr Gnaden gewiss
besser bekannt als mir mais  hier stockte die gutmütige Erzählerin als
scheue sie sich weiter zu sprechen doch ihre Zuhörerin lies nicht ab mit
Bitten bis sie sich entschloss weiter fortzufahren
    »Enfin Madame vous le voulez ainsi« fing sie abermals an »und so muss
ich denn leider bekennen dass eine abschlägige Antwort der andern folgte und
waren sie auch nicht alle mit dem feinsten ménagement abgefasst Den Zustand
meiner beklagenswerten Dame unter diesen Umständen mag ich Ihr Gnaden nicht
beschreiben die Verzweiflung ihres Gemals blieb indessen immer ihr größter
Kummer an sich dachte sie wenig Leider aber verschonte sie auch Herr Kleeborn
nicht mit Vorwürfen über das Benehmen ihrer Verwandten et cependant Dieu le
sait la pauvre chère femme nen pouvait rien Sie trug alles mit der größten
Freundlichkeit aber ich denke immer jeder Tag in jener Zeit war ein Nagel zu
ihrem Sarg«
    Die gute Alte brach bei diesen Worten in Tränen aus auch ihre Zuhörerin
weinte endlich nahm die Bonne wieder das Wort »Ah Madame« seufzte sie »nous
avons bien souffert Endlich kam Hilfe wo es der Herr am wenigsten erwartet
hätte ein reiches Amsterdammer Haus welches schon mit seinem Vater in großen
Verbindungen gestanden hatte an das er sich aber nicht hatte wenden mögen weil
es ebenfalls bei allen diesen Schlägen nicht verschont geblieben war schickte
Herrn Kleeborn aus eigenem Antriebe große Summen ein gab ihm offenen Kredit zu
einer Zeit da der Bruder dem Bruder nicht mehr vertrauen durfte Herr Kleeborn
war nun durch den Edelmut seiner Handelsfreunde gerettet er blieb ein
wohlbehaltner Mann und ging wie ein König mit erhobnem Haupte an der Börse
einher doch meine arme Dame litt darum nicht weniger denn er warf von diesem
Augenblick an einen gewaltigen Hass nicht nur auf ihre Familie sondern auf die
ganze Noblesse Er sprach unablässig davon wie töricht die Bürgerlichen wären
die sich mit Adelichen verbänden und versicherte dass er seine Vicktorine 
lieber Gott la pauvre petite war damals kaum sieben Jahre alt  dass er sie
sage ich nie einem andern als einem Kaufmann geben würde »Der wahre Kaufmann«
pflegte er zu sagen »hat den achtungswertesten nützlichsten und darum
ehrenvollsten Stand erwählt Er allein verbindet beide Hemisphären sein
scharfer Blick entdeckt jeden Mangel in den entferntesten Ländern und auf
seinen Wink eilen reichbeladene Schiffe von einem Pole zum andern um diesem
Bedürfnis abzuhelfen Sein Wort sein Befehl gelten in der neuen Welt wie in der
alten und ein Federzug von ihm sezt hundert Meilen von ihm Millionen Goldes und
tausend fleißige Hände in Bewegung« Ne vous étonnez pas Madame dass ich dies
alles Ihnen so hersagen kann ich habe die ganze Tirade so viel Hundertmal fast
immer in den nämlichen Worten wiederholen gehört dass ich sie endlich wohl
auswendig behalten musste Am Ende dieser Rede setzte Herr Kleeborn gewöhnlich
hinzu »lassen Sie einmal einen Reichsgrafen einen Freiherrn oder welchen
Ihrer edlen Verwandten Sie wollen es versuchen Madame was im Auslande mehr
gilt Ihr uralter Name Ihr tausendjähriger Stammbaum oder meine simple keine
funfzig Jahre alte Firma Martin Nikolaus Kleeborn von meiner eignen Hand
geschrieben Kaiser und Könige nehmen zu uns ihre Zuflucht wir müssen allen
helfen aber wenn wir Hilfe brauchen und sie törichter Weise bei andern als
bei unsers gleichen suchen« Damit ging denn das alte Lied wieder los et
Madame pleurait Freilich kam es mir vor als ob der Herr in der Hauptsache
nicht ganz Unrecht haben mochte aber wozu diese ewigen kränkenden Répétitions
gegen meine unschuldige Dame Aussi en avait elle le coeur navré obgleich sie
nie litt dass ich nur ein Wort darüber sprach Sie ward endlich dabei des Lebens
immer müder und müder bis sie nach etwa sechs Monaten sich hinlegte und
entschlief Dieu aye pitié de son ame«
    »Eh bien« nahm nach kurzer Pause mit vor innerer Rührung noch bebender
Stimme die Bonne wieder das Wort »eh bien nun war es an dem Herrn zu weinen
und das hat er denn auch redlich getan denn er liebte meine seelige Dame
demohnerachtet Sein Gewissen mochte ihm anfangs wohl manch böses Stündlein
machen wenn er der letzten Zeit gedachte die sie mit ihm verlebt hatte Doch im
Gewühle der Geschäfte ging das bald vorüber Einige glückliche
Handelsconjuncturen traten bald darauf ein so nennen sie es nämlich an der
Börse wenn sie mit ihren Spekulationen viel Geld verdienen Herr Kleeborn ward
mit jedem Jahre immer reicher und reicher und zuletzt der Millionär der er jetzt
ist Wärend Herr Kleeborn sein Hauswesen immer prächtiger einrichtete wuchs
ebenfalls unsre Vicktorine seine einzige Erbin zur schönsten Demoiselle in der
Stadt heran Da gab es bei uns Bälle Koncerts Assemblées Téatres de Société
alle angesehenen Fremde von jedem Range und Stande sans distinction fanden
dabei Zutritt et notre chère petite Victorine war wie eine kleine Königin au
beau milieu de tout cela«
    »Armes Kind« seufzte die Tante »Ja wohl stimmte die Bonne mit ein so
ganz allein dans ce tourbillon ohne eine chère Maman sie zu souteniren
Indessen muss ich ihr zum Ruhm nachsagen dass tausend andre junge Demoiselles
sich an ihrem Plätz ganz anders benommen haben würden da ist Mademoiselle Babet
par exemple mais passons làdessus Unsre Vicktorine war immer artig und
freundlich gegen jedermann immer sans prétentions Die Freier blieben denn auch
nicht lange aus manche mochten wohl les beaux yeux de la Kassette de son père
mit in Anschlag bringen enfin das ist so der Welt Lauf Genug Grafen und
Barone haben sich um unsre petite Demoiselle beworben man spricht sogar von
einem nahen Verwandten der apanagirten Linie eines regierenden fürstlichen
Hauses mais cela reste entre nous«
    »Dass Herr Kleeborn an dem Succès seiner schönen Tochter ungemeine Freude
hatte war wohl ganz natürlich indessen wies er doch alle die vornehmen
Partien die sich ihr darboten zwar sehr höflich aber doch auch zugleich sehr
bestimmt zurück«
    »Er blieb dabei ihre Hand nur einem Kaufmanne wie er selbst einer ist
geben zu wollen und jetzt Ihr Gnaden nous voilà arrivé au point jetzt sind wir
an dem Punkte will ich sagen  »wie denn« fragte ein wenig ungeduldig die
Tante »an welchem Punkte«  »Nun an dem Punkte« war die Antwort »von
welchem wie ich glaube die Krankheit Vicktorinens ausgeht Und gebe Gott dass
ich irre dass meine Ahnung nicht in Erfüllung gehe mais jai un pressentiment
bien triste au fond du coeur Ich fürchte sie fühlt eine unglückliche Passion
für einen der großen vornehmen Herrn die sich vergeblich um ihre Hand bewarben
Und wenn der cher papa so fortfährt wie er angefangen hat so kann sie wie ihre
pauvre chère maman « »Fassen Sie Mut gute Virnot fiel die Tante ein
»fürchten Sie nicht gleich das Aergste ein junges Herz bricht nicht so leicht
weil es immer und gern an der Hoffnung hält und die lässt uns so nicht
untergehen Sagen Sie mir nur vor allen Dingen kennen Sie den Mann von dem Sie
glauben könnten«  »Hélas non ich kenne niemand« seufzte die Bonne »Wenn
Société da ist« fuhr sie nach einem kleinen Bedenken mit ihrer gewohnten
Redseeligkeit fort »so komme ich nie in den Salon da habe ich im Hause genug
zu tun cest la mer à boire Wahrhaftig Ihr Gnaden es täte Not dass ich
hundert Augen hätte und Flügel dazu Ich glaube es wohl liebe Virnot«
erwiderte die Tante »doch sprechen wir von Vicktorinen«
    Ah Madame« fing die Bonne wieder an »que voulez vous que je vous en dise
 Ich weis nichts weiter als dass der Papa vor einiger Zeit sie in sein Kabinet
rufen ließ Das wunderte mich eben nicht denn es ist so seine Gewohnheit wenn
er einen neuen Freier abgewiesen hat damit Vicktorine doch wisse wie sie in
Zukunft ihr Benehmen gegen den Monsieur en question einrichten soll Sie blieben
wohl eine Stunde bei einander das war noch nie geschehen Endlich kam sie
zurück in ihr Zimmer mais grand Dieu dans quel état Bleich wie eine
Sterbende sag ich Ihnen hélas sie sah in dem Augenblick ihrer pauvre maman
so ähnlich Sie schlang ihre beiden lieben schönen Arme um meinen alten Nacken
und weinte so kläglich wie noch nie seit dem Tode ihrer Mutter Ich weinte mit
ich wusste zwar nicht worüber aber wie konnte ich anders la pauvre petite me
perçoit le coeur Ich versuchte endlich ihr zuzureden so gut ich es konnte in
meiner Unwissenheit von dem was zwischen ihr und ihrem Vater vorgegangen war
mais du lieber Gott was konnte das helfen Sie hörte nicht einmal auf mich
dabei war sie so heftig ihre Augen blitzten so wild ihre Bewegungen waren so
égarés ich vergieng bald vor Angst und wusste nicht quoi faire Bald weinte
sie bald stieß sie Klagen und Reden aus die ich zwar nicht verstand die ich
aber doch nicht anders auslegen kann que comme jai eu lhonneur de le dire à
Madame Das währte einige Zeit sie wankte gleich einem Schatten umher schrieb
viel weinte noch mehr bis ein heftiges Fieber ihr Kraft und Besinnung raubte
Seitdem liegt sie da comme Madame la trouvée«
    »Heute war ein entscheidender Tag und der Arzt zufrieden le bon Dieu en
soit béni mille fois Ich denke die Gegenwart der chère Tante wird das beste
Kordial für die arme Kranke sein Wenn sie nur reden wollte Reden bleibt doch
immer der beste Trost«
    Unerachtet der großen Teilnahme mit welcher die Tante der guten alten
sprachseeligen Französin zugehört hatte konnte sie dennoch bei dieser ihrer
letzten Bemerkung ein leichtes Lächeln kaum unterdrücken Indessen brach der Tag
an die Tante ging um auszuruhen und Vicktorine erwachte bald darauf mit allen
Anzeigen einer nahen Genesung
Von nun an verlies die Tante Vicktorinen so wenig als möglich Denn obgleich der
Arzt diese für völlig außer aller Gefahr erklärt hatte so bedurfte die arme
Kranke jetzt dennoch einer weit aufmerksamern Pflege als damals wo sie in
dumpfer Bewusstlosigkeit am Scheidewege zwischen Tod und Leben dalag Nach der
Versicherung des Arztes konnte jede selbst die freudigste Gemütsbewegung ihr
einen wahrscheinlich tötlichen Rückfall zuziehen daher war es der Tante
angelegentlichste Sorge die ununterbrochendste Ruhe in ihrer Nähe zu erhalten
und sogar jedes einigermaßen interessante oder auch nur anhaltende Gespräch
mit ihr zu vermeiden
    Auch Angelika umschwebte fast unhörbar gleich einem freundlichen
Schutzgeist das Lager der Kranken und ohne dabei jemals durch sich übereilende
polternde Hast lästig zu werden suchte sie jeden Wunsch in ihren Augen zu
lesen um ihn gelassen und zuvorkommend zu erfüllen ehe er noch ausgesprochen
ward Lieben und atmen waren gleichbedeutend für dieses nur zu zart besaitete
Wesen aus dessen tiefster Brust jeder Ton des Schmerzes einen wehmütig
verhallenden Nachklang hervor rief und der Name Angelika hätte für sie erfunden
werden müssen wenn er nicht schon da gewesen wäre so genau stimmte er zu ihrem
Äußern wie zu ihrem Innern
    Von ihrer frühsten Kindheit an hatte der armen Angelika die Freude fast nie
anders als in fremden Augen gelächelt An ihrer Wiege wachte nicht mütterliche
Liebe denn ihr Eintritt in das Leben gab der Mutter den Tod und vereinigte
diese wieder mit dem geliebten ihr einige Wochen früher vorangegangenen Gatten
Die erste Sorge für das ganz verwaiste Kind fiel also bezahlten Aufsehern zu
Denn Angelika ward weit entfernt von allen ihren Verwandten in einer kleinen
Stadt in der Nähe des Rheins geboren wo ihre Eltern sich erst wenige Monate
vorher niedergelassen hatten Niemand beinahe hatte diese dort anders als dem
Namen nach gekannt selbst der Vormund des armen Kindes wusste wenig von ihnen
und nur der allgemeine Ruf der diesem braven Manne das Zeugnis strenger
Rechtlichkeit gab hatte Angelikas sterbende Mutter bewogen ihr ganz verlassnes
Neugebohrnes seinem Schutz zu empfehlen Mit dem besten Willen von der Welt
wusste er indessen für sein armes Mündel nichts besseres zu tun als es für ein
geringes Kostgeld der Pflege einer ihm als redlich bekannten Frau zu übergeben
und indessen den nicht sehr bedeutenden Nachlass der Eltern Angelikas so
vorteilhaft als möglich für sie zu verwalten
    Angelika erreichte ihr achtes Jahr ohne dass es ihr bei der Frau der sie
anvertraut war besonders wohl oder übel ergangen wäre und nun beschloss ihr
Vormund sie nach Frankreich in eine Erziehungsanstalt zu bringen Denn er
fühlte eine unendliche Vorliebe für dieses Land in welchem er seine eigene
Jugend verlebt hatte und war fest überzeugt dass ein mittelloses Fräulein wie
Angelika sich nur dort die nötigen Talente erwerben könne um einst als
Guvernante fürstlicher Kinder oder als Gesellschafterin einer Dame von hohem
Stande ihr Fortkommen in der Welt zu finden
    Die weltberühmten Erziehungsanstalten in und um Paris waren freilich für die
sehr beschränkten Vermögensumstände Angelikas viel zu kostbar doch ein in
Angouleme wohnender Jugendfreund ihres Vormundes empfahl diesem ein in jener
Stadt bestehendes Institut dieser Art nicht nur als sehr wohlfeil sondern auch
als ganz vorzüglich Der Vormund freute sich hier einen so vortrefflichen Ausweg
für sein Mündel gefunden zu haben und entschloss sich um so eher es dorthin zu
schicken da sich zufälliger Weise eine vorzüglich gute Gelegenheit ihm darbot
die Kleine in sicherer Begleitung hinzuschaffen
    So musste denn die arme Waise fern vom Vaterlande in einer der abschreckend
schmuzigsten traurigsten Städte des südlichen Frankreichs den schönen nie
wiederkehrenden Frühling ihres Lebens unter Menschen verleben denen sie fremd
blieb selbst nachdem sie es gelernt hatte deren Sprache zu verstehen In dem
Hause dem sie anvertraut wurde war alles klösterlicher Zwang sogar das
Vergnügen Über eine ziemlich bedeutende Anzahl aus allen Ecken der Welt sogar
aus Amerika dort zusammengekommner junger Mädchen herrschten drei bis vier
Unterguvernantinnen gleich strengen Zuchtmeisterinnen und diese selbst standen
wiederum unter dem gewaltigen Szepter einer Vorgesezten die sich fast wie eine
Gottheit von ihren Untergebenen sclavisch verehren lies Die Zöglinge waren
mehrenteils alle durch Alter Vaterland Sprache Talent und Gemütsart
wesentlich von einander verschieden und wurden dennoch vollkommen gleich
behandelt alle waren strengen ängstlichen Formen unterworfen die einzig
erdacht zu sein schienen jede frohe Regung eines jugendlichen Gemüts zu
ersticken
    Die arme Angelika glich hier vollkommen dem Epheu der in einen engen
Scherben verpflanzt mühseelig fortvegetirt und vergebens die schlanken Zweige
nach allen Seiten hinstreckt um einen Gegenstand zu finden den er liebend
umfassen könnte Ein einziges ihr namenlos bleibendes Gefühl unendlicher
Sehnsucht bemächtigte sich ihres ganzen Wesens aber sie fand nicht einmal eine
Seele die es der Mühe wert gehalten hätte sich von ihr lieben zu lassen Sie
hatte Jugendgenossen aber keine Jugendfreundin und überhaupt niemanden in der
weiten Welt zu dem sie hätte sagen können Dir gehöre ich an oder der auch nur
teilnehmend sich ihr zugeneigt hätte
    Die Zeit vergeht indessen dem Glücklichen wie dem Unglücklichen und so flog
sie denn auch an Angelika vorüber und nahm deren freudenarme Kindheit mit sich
fort Wie auf einsamer Alpe die im nakten Felsen dürftig wurzelnde Pflanze oft
schöner ihr Haupt erhebt als ihre im Garten sorgsam gepflegte glücklichere
Schwester so wuchs auch die Verlassne unter Entbehrungen aller Art und Übung
sehr herber Pflichten mit ihrem vereinsamten Herzen nicht minder schön zur
Jungfrau heran als eine Glückliche Sie hatte das Wort Liebe nie anders als im
religiösen Sinn gehört nie einen Roman gesehen viel weniger gelesen sie war
nie im Theater gewesen sah keinen Mann außer den Lehrern in ihrem Institut
und diese waren alle in ihrem mühseeligen Berufe grau geworden dankten Gott
wenn die Stunde schlug die ihnen das Ende ihres peinlichen Tagewerks
verkündete Und dennoch schwebte vor dem innern Sinne der armen Angelika ein
namenloses Ideal das ihre stille Fantasie mit den herrlichsten Eigenschaften zu
schmücken wusste Es verschönte im Wachen wie im Schlummer ihren Traum es lieh
der ihr ganz unbekannten Welt einen zauberischen Glanz und lehrte dem einsamen
Mädchen mitten im Zwange seiner verarmten Jugend alles Entzücken der
ungemessensten Aufopferung der zartesten Anhänglichkeit ja die ganze
unendliche Seeligkeit zweier Liebe um Liebe hingebender Wesen vorahnend
empfinden
    Als Angelika ihr sechzehntes Jahr erreicht hatte entschloss sich ihr
Vormund sie selbst aus Angouleme abzuholen um sie nach dem nördlichen
Deutschland in das Haus eines nahen Verwandten ihres verstorbenen Vaters zu
geleiten der es endlich für gut gefunden hatte der Existenz seiner Nichte sich
zu erinnern In der Familie desselben sollte sie denn noch ein Jahr lang
verweilen um deutsche Sprache und Sitte zu lernen ehe sie eine Hofdamenstelle
bei einer einsam lebenden verwittweten Fürstin anträte zu welcher ihre
Verwandten ihr indessen die Anwartschaft zu verschaffen bemüht gewesen waren
Angelika zitterte vor banger Freude als sie das Haus betrat in welchem sie zum
erstenmal in ihrem Leben Personen finden sollte die ihren Namen trugen und an
deren Teilnahme sie Anspruch zu haben glaubte Sie war so fest entschlossen
sie innigst zu lieben doch auch hier kam gleich beim Empfange ihrem von
heißer Sehnsucht erfüllten Gemüte die kälteste Berechnung steifer
Förmlichkeiten entgegen so dass sie davor zusammenschrack wie die Sensitive
wenn der kalte Hauch des Nordwindes über sie hinfährt
    Angelika empfand gleich in der ersten Stunde welche sie unter ihren
Verwandten verlebte dass sie durch Sprache und Anstand sogar durch ihre
Kleidung ihnen höchstens ein Gegenstand der Duldung doch nie der Liebe werden
könne Sie stand mitten unter ihnen wie eine Fremde denn sie schien durch diese
Äußerlichkeiten einem Volke anzugehören gegen dessen alles zertretenden
Übermut gerade in jenem Momente sich jedes deutsche Herz empörte jeder
waffenfähige Arm sich erhob
    Indessen war Angelika trotz dem äußern Scheine den man ihr ohne ihr Zutun
aufgedrungen hatte dennoch sehr weit davon entfernt Frankreich zu lieben von
dem sie nichts weiter kannte als die alte düstere Stadt und in dieser das Haus
wo sie ihre erste Jugendzeit in trübseeliger Beschränktheit hingeschmachtet
hatte Denn alles übrige war ihr sogar bis auf den Namen davon fremd geblieben
    Sie hatte immer mit heißer Sehnsucht diesem Grundtone ihres Daseins an
ihrem Vaterlande festgehalten dessen Bild ihr noch aus ihren Kinderjahren
vorschwebte verherrlicht durch jenen Zauberglanz mit welchem Entfernung und
Entbehren jeden Gegenstand schmücken
    Sie war sogar heimlich bemüht gewesen ihre Muttersprache nicht ganz zu
vergessen und hatte gleich einem werten Heiligtum ein paar kleine
Kinderbüchelchen sorgfältig aufbewahrt die sie aus ihrer Geburtsstadt mit sich
nach Frankreich gebracht So lange sie in dem Erziehungsinstitute war las sie
in mancher einsamen Viertelstunde sich selbst aus diesen Büchern laut vor um
nur die süßen vaterländischen Töne zu hören und setzte dieses sogar dann noch
fort als der Inhalt ihrer ärmlichen Bibliothek ihrem höher entwickelten Geiste
schon längst nicht mehr zusagen konnte
    So vorbereitet war es ihr nicht schwer ihrer Muttersprache bald wieder ganz
mächtig zu werden Das ihr bis jetzt unbekannte Familienleben im Hause ihrer
Verwandten die herzlichere Sitte ihres Volkes der Genuss der Natur in einer
schönen Gegend den sie seit ihrer ersten Kindheit entbehren musste alles dieses
vereint machte ihr Vaterland ihr unendlich teuer aber sie musste es auch
lieben wie sie es liebte um mit ihrem sanften weichen Gemüte das Gefühl des
Nazionalhasses zu ertragen welches damals unzertrennlich von der
Vaterlandsliebe neben dieser herzog und sich in allen ihren Umgebungen auf das
deutlichste aussprach
    Angelikas Rückkehr ins Vaterland fiel in jene unvergesliche Zeit in der ein
neu erwachter Heldengeist jede deutsche Brust beseelte Ein frischer Jugendhauch
wehte durch die neu belebte Welt die so lange unter dem Druck eines Einzigen
geseufzet hatte jedes Herz klopfte in frommer Hoffnung und von allen Seiten
eilte Deutschlands streitbare Jugend herbei und fand bei der gastlichsten
Aufnahme in jedem Hause die eben verlassne Heimat wieder
    Auf diese Weise kam auch Ferdinand von Klarenau in das Haus des Barons
Sternwald  so hies Angelikas Oheim bei welchem diese jetzt lebte  und in dem
einzigen Wesen das ihr jemals beim ersten Anblicke liebend und vertrauend
entgegengetreten war glaubte das sehnsuchtsvolle Gemüt des so lange
vereinsamten Mädchens jetzt das Urbild ihres Jugendideals gefunden zu haben
Alles zeigte sich ihr von nun an in verschönerndem Lichte und die Welt erblühte
ihr in nie gesehener Pracht an Ferdinands Hand denn er war Jüngling Dichter
und Krieger für Vaterland und Recht Der freudige Enthusiasmus der ihn
beseelte teilte auch ihr sich mit ihr Leben schien ihr jetzt erst zu beginnen
und jeder ihrer Atemzüge war ein stilles Dankgebet für die unendliche
Seeligkeit welche ihr der Freude ungewohntes Herz kaum zu tragen vermochte
    Da auch die äußern Verhältnisse die Liebenden begünstigten so schied
Ferdinand aus der geliebten Nähe seiner Angelika als ihr von ihren Verwandten
anerkannter verlobter Bräutigam Bei seiner Zurückkunft aus dem Felde sollte
ihre Hand den Lohn der Tapferkeit ihm reichen und die hohe schöne
Siegeshoffnung die aus seinen Augen ihr entgegen stralte erhob auch sie über
den Schmerz der Scheidestunde und führte diese linde und leise an Beiden
vorüber Ferdinand ging nun für die Geliebte zu streiten Angelika blieb um
für ihn zu beten
    Als er ging kam kein Gedanke daran in das Herz der Armen dass er gegangen
sein könne um nie wiederzukehren und doch war es so Er hatte den Lützowschen
Jägern sich zugesellt und fand mit diesen seinen tapfern Gesellen im
schändlichsten Verrate den Untergang Wie er geendet hatte wusste keiner genau
zu berichten aber er war verschwunden spurlos rettungslos wie so Viele die
mit ihm kämpften und fielen
    Gleich einer verstummten Nachtigall wenn der Frühling dahin ist so
klagelos so einsam blieb Angelika zurück Ihr ganzes Dasein war von nun an nur
ein leises Ach sie ging ganz still umher sie war unendlich freundlich gegen
Alle sie atmete wie sonst doch jeder Schlag ihres Herzens war ein nie
endendes Sterben Oft dünkte ihr als müsse sie gegen einen bangen Traum
ankämpfen dann bat sie Gott mit Tränen er möge sie erwachen lassen denn sie
konnte an die Wahrheit ihres Elends nicht glauben bis das heftiger
wiederkehrende Weh im Innersten ihrer Brust sie von neuem fühlen ließ dass es
dennoch so sei wie es war
    Ihre im Grunde gutmütigen Verwandten taten zwar nach ihrer Art alles was
sie vermochten um die Arme zu trösten doch mit dem besten Willen von der Welt
verwundeten sie oft wo sie zu heilen gedachten Sie führten sie endlich nach
Pyrmont in der Hoffnung dass das Gewühl des Badelebens sie zerstreuen würde
aber sie verflochten sich bald selbst so gewaltig in das allgemeine Treiben der
Gesellschaft dass sie gar nicht bemerken konnten wie Angelika immer bleicher
und stiller ward je lauter und bunter es in ihrer Nähe zugieng
    Doch gerade hier erbarmte sich endlich ein guter Engel der Leidenden und
führte ihr in Vicktorinens Tante der Stiftsdame Anna von Falkenhayn den
einzigen Trost zu der auf Erden für sie noch zu finden war den Trost einer
weisen wahrhaft teilnehmenden Freundin Das allgemeine Mitleid welches die
interessante Erscheinung des bleichen trauernden Mädchens jedem einflößte der
es sah löste sich in Annas edlem Gemüte gar bald in wahrhaft mütterliche
Zuneigung auf und Angelika erwiderte diese Liebe mit all der Innigkeit welche
von jeher die Lust und die Quaal ihres Lebens gewesen war
    Obgleich Angelika in ihrer stillen Demut sich nie die leiseste Andeutung
von Unzufriedenheit mit ihrer äußern Lage erlaubte so sah das Fräulein Anna
von Falkenhayn doch nur zu bald ein dass die Umgebungen in welchen ihre junge
Freundin leben musste einem gebrochenen Herzen durchaus nicht wohltun konnten
Schon die Art bewies dies mit der Angelikas Verwandte sich über das harte
Geschick ausliessen welches diese zarte Pflanze so tief gebeugt hatte Die
Bereitwilligkeit mit der sie nicht nur das Fräulein sondern sonst auch noch
jedermann der danach fragte zum Vertrauten in dieser Angelegenheit machten
hatte in der Tat etwas beleidigendes obgleich sie selbst dieses weder fühlten
noch wollten denn sie waren wirklich wohlmeinend und wünschten der armen
Angelika zu helfen nur war sie ihnen von jeher zu ferne geblieben um von ihnen
verstanden zu werden Endlich entschloss sich Anna von Falkenhayn vom innigsten
Mitleid durchdrungen zu erbitten was Angelikas Verwandte ihr mit tausend
Freuden gewährten um so mehr da bei der Gemütsstimmung des armen Mädchens und
dessen mit jedem Tage tiefer sinkenden Lebenskraft ohnehin an die
Hofdamenstelle nicht mehr gedacht werden durfte Und so zog sie denn mit ihrer
älteren Freundin in deren Heimat und ward von Letzterer als die Tochter ihres
Herzens mit unaussprechlicher Zartheit gepflegt und gewartet wie eine kranke
Blume die man gern wieder aufrichten möchte
    Anna gewann nach Art aller edlen Frauen die Leidende immer lieber je mehr
sie für sie tat und Angelikas Leben hing dagegen einzig an der wohltuenden
Gegenwart ihrer Beschützerin Die Möglichkeit auch nur wenige Monate fern von
dieser leben zu können war ihr undenkbar und so wurde denn das geliebte Kind
bei dem Besuch im Kleebornischen Hause Annas Begleiterin und teilte freudig
mit ihr die liebende Sorge für Vicktorinen
Nicht nur Vicktorine deren Genesung mit jedem neuen Tage neue erfreuliche
Fortschritte machte sondern auch alle übrige Mitglieder der Hausgenossenschaft
empfanden das Wohltuende der Ruhe und Ordnung wieder herstellenden Gegenwart
der Tante Die gute alte Virnot wanderte wieder ganz wohlgemut in gewohnter
Geschäftigkeit Trepp auf Treppe nieder ihr Schlüsselkörbchen in der Hand und
führte in Küche und Speisekammer das Regiment über die zahlreiche weibliche
Dienerschaft
    Auch Babet und Agathe seegneten ihres Teils die Tante und Angelika weil
diese beiden sie der steten Gegenwart in der beengenden Luft des Krankenzimmers
überhoben Die guten Kinder durften jetzt doch wenigstens am Fenster die
Vorübergehenden mustern und da gab es denn einstweilen manches zu besprechen
mitunter auch manchen interessanten Gruß zu erwidern denn der schwarze
Lieutnant und der blonde Theodor schienen täglich in der Nähe des Kleebornschen
Hauses viel zu tun zu haben Dieser Umstand und die Überlegungen welche man
in Hoffnung auf nahe bessere Zeiten hinsichtlich der Wintergarderobe anzustellen
für nötig fand gaben unversiegbaren Stoff zur Unterhaltung so dass fürs erste
unter den Beiden von Streit oder übler Laune nicht mehr die Rede sein durfte
    Nur Herr Kleeborn selbst der alles angewendet hatte seiner Schwägerin
Gegenwart sich zu gewinnen nur er allein fühlte sich jetzt durch dieselbe
einigermaßen gedrückt ohne dieses jedoch jemals sich selbst gestehen zu wollen
Die fast übertriebne Zartheit mit der sie die größte Anspruchslosigkeit die
strengste Diskrezion in allen häuslichen Verhältnissen beobachtete ihre
mitunter ein wenig altmodisch sich äussernde Vorliebe für Schicklichkeit und
Anstand selbst im engsten Familienleben machten ihn oft etwas beklommen und
verlegen wenn er der Tante gegenüber sich befand Es entgieng ihm nicht wie
sie allein durch ihre Persönlichkeit nicht nur das ganze Haus sondern sogar ihn
selbst beherrschte ohne doch jemals irgend etwas einem Befehl Ähnliches
auszusprechen Alles richtete sich nach ihren Blicken und jedem vom Herrn an
bis zu dem Geringsten der Dienenden war es so zu Mute als dürfte dieses gar
nicht anders sein
    »Es ist das verfluchte adlige Vornehmtun« dachte Herr Kleeborn oder gab
sich vielmehr Mühe es zu denken und im Ganzen half ihm dies wenig denn er
gewann dennoch nicht den Mut mit ihr von Dingen zu reden über die sie noch
nicht Lust hatte ihn zu hören Ihr Wunsch war Vicktorinen erst genauer kennen
zu lernen ehe sie sich auf die Absichten einließ welche ihr Vater mit dieser
etwa haben mochte Herr Kleeborn hingegen der die Krankheit seiner Tochter für
gar nicht so bedeutend hielt hatte Vicktorinens Pflege eigentlich nur als
Vorwand zur dringenden Einladung seiner Schwägerin gebraucht seine eigentliche
Absicht dabei war aber durch die Tante auf Vicktorinen zu wirken und sie in
Güte seinem Willen geneigter zu stimmen Indessen hielt er ihre Gegenwart
nebenher für höchst nötig um durch dieselbe den Glanz und die Würde der vielen
Feste zu erhöhen welche Vicktorinens Genesung sowohl als die zu hoffende
Erfüllung seiner Pläne mit ihr bald herbeiführen mussten Denn nächst dem
Gelderwerb liebte Herr Kleeborn nichts so sehr als Glanz und Pracht in seinen
Umgebungen gern wetteiferte er hierin mit den Vornehmsten und unerachtet
seiner laut erklärten Geringschätzung des angeborenen Adels tat er sich dennoch
in seinem Innern nicht wenig darauf zu gute eine Dame von dem Range und Ansehen
des Fräuleins von Falkenhayn unter seine nächsten Verwandten zählen zu dürfen
Er betrachtete oft mit innerem Behagen ihre majestätische Gestalt den jede
ihrer Bewegungen bezeichnenden vornehmen Anstand und freute sich im voraus auf
den Augenblick wo sie in dem schönen Ordenskleide ihres Stiftes mit dem großen
diamantnen Kreuze das sie als Pröbstin desselben trug in seinem Hause die
Honneurs machen würde Übrigens tröstete er sich mit dem Glauben dass
aufgeschoben nicht aufgehoben sei er hoffte dass nach Vicktorinens völliger
Genesung sich schon ein günstiger Augenblick finden würde um die Tante für sich
zu gewinnen und überließ sich täglich in vollkommener Gemütsruhe den gewohnten
Erholungen nach vollbrachter Arbeit die er jetzt außer seinem Hause aufsuchen
musste da ihm das Innere desselben in seinem durch Vicktorinens Krankheit
verödeten Zustande wenig Freuden darbieten konnte
Der helle Sonnenschein eines heitern klaren Herbstmorgens an welchem Vicktorine
sich auffallend wohl befand hatte die Tante mit ihrer Angelika hinaus ins Freie
gelockt Müller der alte Buchhalter stand eben in der Haustüre als beide von
ihrem Spaziergange zurückkehrten und die Tante beeilte ihre Schritte um dem
Greise den sie seit ihrer Ankunft im Kleebornischen Hause noch nicht gesehen
ein paar freundliche Worte sagen zu können Sie kannte ihn schon lange und ehrte
ihn als einen treuen vieljährigen Diener des Hauses ihres Schwagers bei dessen
Vater er schon in Ehre und Ansehen gestanden hatte Als die Damen näher traten
ging ein junger Mann mit ehrerbietigem Grüssen an ihnen vorüber der bis dahin
mit Herrn Müller in anscheinend eifrigem Gespräch begriffen gewesen war Sein
Anblick schien der Tante auf eigne Weise aufzufallen sie sah sichtbar befangen
ihm eine Weile nach und war sogar etwas bleicher als gewöhnlich als sie die
zum Hause führenden Stufen hinauf stieg so dass Herr Müller sie von einem
plötzlichen Unwohlsein ergriffen glaubte und ihr entgegen eilte um sie in das
zum Empfange der Fremden bestimmte Eintrittszimmer neben dem Komtoir zu führen
Dort setzte sich die Tante zwar gleich erklärte aber dabei dass sie sich
vollkommen wohl befinde nur habe sie am Krankenbette ihrer Nichte sich der
freien Luft entwöhnt die heut unerachtet des hellen Sonnenscheins
ungewöhnlich scharf sei Beruhigt ging Angelika zu Vicktorinen hinauf während
die Tante noch unten blieb um mit Herrn Müller ein paar Minuten zu plaudern
    Wer war der junge Mann fragte sie einigermaßen eifrig so wie Angelika die
Türe hinter sich angezogen hatte Herr Müller besann sich eine Weile denn er
verstand sie nicht gleich Der junge Holm der eben bei mir war meinen Ihr
Gnaden den« erwiderte er ihr endlich »ja das ist ein recht lieber
guterziger junger Mensch Seit unser Fräulein Vicktorine krank ist versäumt er
nie alle Tage zweimal zu mir in mein Kabinet zu kommen um sich nach ihrem
Befinden zu erkundigen denn von mir erhält er doch immer umständlichern Bericht
als von den Bedienten Nun gottlob heute konnte ich ihm recht viel Gutes sagen
er war auch darüber recht erfreut«
    »Also wohl ein sehr genauer Freund des Hauses« fragte die Tante
    »Das nun wohl nicht« war die Antwort »denn der junge Herr Holm ist noch
gar nicht selbst etablirt und auch sonst eben nicht von Familie Ihr Gnaden
Niemand wusste was man aus seinem seeligen Vater machen sollte denn der war
zwar ein Gelehrter aber weder Jurist noch Mediziner Er wohnte mit diesem
seinem einzigen Sohne lange Jahre hindurch in der Vorstadt niemand hat ihn
sonderlich gekannt denn er führte ein sehr eingezogenes Leben Ja du lieber
Gott es ist hier ein sehr teuer Pflaster und wer nicht reich ist tut am
besten sich ganz still zu verhalten«
    »Ist der Vater lange tot« fragte die Tante wieder mit sichtbarem Anteil
    »Seit drei Jahren ungefähr« erwiderte Herr Müller »Der alte Holm soll
aber übrigens ein recht grundgelehrter Mann gewesen sein« setzte er hinzu »sehr
bewandert in der Mathematik und in fremden Sprachen auch soll er ein Lexicon
oder so etwas im Druck herausgegeben haben Nun der Sohn artet dem Vater nach
man sagt er habe auf der Universität seine Zeit sehr gewissenhaft angewendet
Das wird ihm denn nun auch freilich in seinem jetzigen Stande recht gut zu
statten kommen denn in unsern Tagen kann der Kaufmann nie zu viel wissen und
das Gelehrtsein oder wenigstens Gelehrttun ist unter unsern jungen Herrn
obendrein Mode«
    »Der junge Mann war also nicht von jeher zum Kaufmann bestimmt« fragte die
Tante mit steigendem Interesse
    »Ei was wollte er« erwiderte der Buchhalter »nein Ihr Gnaden der junge
Holm ist Doctor Juris er hat ordentlich studiert Erst vor kaum anderthalb
Jahren hat er umgesattelt und was das sonderbarste ist niemand hat früher die
mindeste Neigung zum Kaufmannsstande an ihm bemerkt das ist so ganz mit
einemmal von selbst gekommen Aber da sieht man recht wie der Mensch alles
kann was er ernstlich will Vor zwei Jahren wusste der junge Holm noch keinen
Kurs zu berechnen nicht einmal einen Wechsel ordentlich auszustellen von
Waarenkenntnis war bei ihm vollends gar nicht die Rede und jetzt ist er der
Herren Fischer et Kompagnie rechte Hand Geben Ihr Gnaden nur Acht der macht
gewiss noch sein Glück in der Welt« Die Tante in immer tieferes Nachdenken
versinkend schien auf die letzten Worte des freundlichen Greises kaum zu hören
weshalb dieser denn auch mit gewohnter Ehrerbietung stille schwieg bis sie wie
aus einem Traume erwachend die Bemerkung hinwarf dass der junge Holm doch wohl
öfters an den Gesellschaften hier im Hause Anteil nehmen müsse da ihn die
Ereignisse in demselben so zu interessieren schienen
    »Ins Komtoir kommt er zwar oft in Geschäften seit er den Kaufmannsstand
erwählt hat« erwiderte Herr Müller »sonst aber nie ins Haus dass ich wüsste
außer ein paarmal bei Konzerten denn er singt einen herrlichen Tenor Dass er
sich aber so fleißig nach der Gesundheit unsers Fräuleins erkundigt ist
dennoch ganz natürlich da er sie doch einigermaßen kennt die halbe Stadt tut
ja dasselbe Sehen Ihr Gnaden hier liegt der Zettel mit den Namen derer die
nur diesen Morgen nachgefragt haben Zwei volle Bogen man kann die Hälfte kaum
lesen denn die Bedienten schreiben meistens so schlecht dass es eine Schande
ist Aber hier sind doch einige zierliche Handschriften denn die jungen Herren
haben fast alle eigenhändig ihre Namen angeschrieben weil sie gewöhnlich selbst
kommen sich nach des Fräuleins Befinden zu erkundigen Sehen Ihr Gnaden Sir
Robert Beverlei John Simpson Esquire Komte de Beauchamp Graf Nordhausen
Baron Engeström lauter Fremde die an uns addressirt sind«
    Angelikas blondes Lockenköpfchen das diese über dem langen Ausbleiben der
Tante besorgt zur Türe herein steckte machte jetzt der Unterhaltung ein Ende
    Anna begab sich zu Vicktorinen sie fand diese auf ihrem Sopha von einer
Schaar junger sie besuchender Mädchen umlagert unter denen auch Babet und
Agathe nicht fehlten Alle sprachen zugleich denn es war von gar interessanten
Gegenständen die Rede denen aber die Tante keinen Anteil abzugewinnen wusste
Sie setzte sich daher in ihren Lehnstuhl in der fernsten Ecke des Zimmers Ihre
Gedanken flogen zurück in eine längst dahin geschwundene Vergangenheit deren
Abglanz in diesem Augenblick in ungewohnter Klarheit sie umschwebte So zaubert
ein einziger heller Sonnenblick uns oft mitten im Winter den Frühling mit allen
seinen längst in Staub versunknen Blüten herbei Anna gab dem
schmerzlichschönen Traume mit ganzer Seele sich hin sie forschte nicht weiter
was gerade jetzt ihn herbeigerufen haben könne sie versank immer tiefer in sich
selbst und achtete wenig auf das was in dem jugendlichen Kreise in ihrer Nähe
laut genug abgehandelt ward
    Die Mädchen zählten indessen die Bälle welche sie in den nächsten Wochen zu
hoffen hatten und jetzt waren die Tänzer an der Reihe »Mit denen sieht es
windig aus« seufzte Babet »wenn nicht etwa der Himmel ein Einsehen hat und
frische Zufuhr uns einsendet« »Leider ja« stimmte Amelie die Tochter des
benachbarten Obristen in diese Klage ein Theodor geht morgen fort und auch
Baron Sillborn reist nach Wien« »Und Lieutenant Horsten hat nur noch vierzehn
Tage Urlaub« rief Lilli dazwischen So währte das Herüber und Hinübersprechen
noch eine feine Weile fort der Gegenstand des Gesprächs beschäftigte alle so
dass keine dabei auf Vicktorinen Acht gab bis die eben ins Zimmer tretende
Angelika durch einen Schrei des Entsetzens sie darauf aufmerksam machte dass die
Arme bleich und starr gleich einer Toten in ihre Kissen zurück gesunken dalag
    Der Aufruhr der jetzt entstand ist nicht zu beschreiben Die Mädchen liefen
vor Angst wie sinnlos durch einander der Schellenzug riss von dem gewaltigen
Sturmläuten laut schreiend »bon Dieu quest il donc arrivé à ma pauvre petite
« stürzte die Bonne herein und dieser folgte zum Glück bald der schnell
herbeigerufne Arzt Vicktorinens bewusstloser Zustand den die vielen ohne Wahl
und Zweck angewandten Mittel nur verschlimmerten ohne dass die vor Schrecken
selbst halb tote Tante dem Unheil hatte steuern können wich endlich seinen
vernünftigern Anordnungen Jetzt aber hob der wackre Mann auch eine tüchtige
Strafpredigt an während welcher sich indessen die fremden Mädchen ganz in der
Stille fortschlichen er schrieb Vicktorinens Zufall einzig dem lärmenden
Besuche zu und empfahl nochmals die ungestörteste Ruhe und Stille in der Nähe
der Kranken Babet und Agathe wurden gänzlich aus dem Zimmer derselben verbannt
jeder fremde Besuch hoch verpönt und nur Angelika für deren stilles Betragen
sich die Tante verbürgte erhielt die Erlaubnis nach wie vor die Sorge für
Vicktorinens Pflege mit ihrer geliebten Wohltäterin zu teilen
Es war schon später Abend und die Tante saß ganz allein an Vicktorinens Bette
als diese aus ihrem unruhigen Schlummer auffahrend die Vorhänge zurückschlug
und mit ängstlicher Hast im ganzen Zimmer umher sah
    »Tante« flüsterte sie leise und beklommen »Tante sind wir allein werden
wir es bleiben« Die Tante versicherte sie dessen und bat sie nur ruhig sich
zu verhalten »Ruhig ruhig« erwiderte Vicktorine mit ungewohnter Heftigkeit
»gebieten sie doch auch dem Sturm der eben heulend das Haus umtobt dass er
ruhig sei oder dem Meere oder der Flamme die verzehrend wütet« »Kind
geliebtes Kind« unterbrach die Tante sie »du richtest dich und mich und uns
alle zu Grunde wenn du so fortfährst komm sei mein gutes Mädchen lege dich
wieder sei geduldig und ich verspreche dir  « »Was « rief Vicktorine »was
können sie mir versprechen für mein Leben Tante für die Ruhe meines Lebens
für all mein Glück auf Erden und vielleicht auch dort Nein Sie müssen mich
hören Sie müssen jetzt mich hören in dieser Minute wenn Sie mich nicht wollen
wahnsinnig werden lassen Sie werden mich hören Sie werden mich retten denn
Sie sind ja die einzige Schwester meiner lieben lieben Mutter« Schwer und
einzeln rollten große Tränen aus Vicktorinens weit offenen starren Augen über
die glühenden Wangen auf die krampfhaft zitternde Brust hinab die Tante hielt
schmeichelnd sie umfasst und bat sie in den zärtlichsten Worten nur jetzt sich zu
schonen »Ich will dich ja hören ich will ja alles tun ich will dich retten
dir helfen für dich nur leben« sprach sie »ich bin ja nur deinetwegen hier
aber halte dich jetzt nur ruhig damit du Kräfte gewinnst späterhin Morgen
vielleicht«   »Späterhin ist zu spät« rief Vicktorine mit immer steigender
Heftigkeit »späterhin wenn alles vorüber ist was für Trost was für Hilfe
können Sie mir dann gewähren wenn Gott selbst das Geschehene nicht mehr
ungeschehen machen kann Nein jetzt jetzt in dieser Stunde« Vergebens suchte die
Tante durch Erinnerung an das Verbot des Arztes sie zum Schweigen zur Schonung
ihrer Kräfte zu bewegen »Was weis der Arzt der überkluge Tor was wissen sie
Alle« rief Vicktorine »Sie sehen es ja Tante sie müssen es sehen ich habe
Kraft aber Schweigen in dieser Stunde vernichtet mich diese gränzenlose Angst
kann ich nicht verschließen sie zersprengt mir die Brust Sie müssen mich
hören wenn Sie vom Untergange mich retten wollen«
    Vicktorinens immer heisseres Bitten die zunehmende Fieberglut die aus ihren
Augen blizte bewogen endlich die Tante sich mit ihr auf Bedingungen
einzulassen um sie nur einigermaßen zu beruhigen »So sprich denn meine
Vicktorine« bat sie schmeichelnd »sage mir was ich in diesem Augenblick tun
soll um dich zu beruhigen Ich will es vollbringen wenn es zu vollbringen ist
doch was ich nicht jetzt gleich wissen muss das spare für eine bessere Stunde auf
wenn du ruhiger kräftiger bist nur unter dieser Bedingung will ich es wagen
des Arztes Gebot zu überschreiten und dich reden zu lassen«
    »Wohlan denn« rief Vicktorine »lassen Sie den alten Müller herauf kommen
hier herauf ins Nebenzimmer dort und die Türe muss offen stehen und flüstern
Sie nicht etwa mit ihm ich muss alles hören jedes Wort das Sie miteinander
sprechen ich will nicht getäuscht sein« »Was denn Vicktorine was willst du
wissen« fragte die Tante »Ob er nach Odessa geht o Gott o Gott er ist
vielleicht schon fort« rief laut jammernd Vicktorine
    Die Tante erschrack heftig denn sie glaubte jetzt in der Tat zum wenigsten
eine in fieberhaften Träumen Verlorne vor sich zu haben »So besinne dich doch
so fasse dich doch Liebe« redete sie Vicktorinen begütigend zu »was willst du
mit Odessa was soll der gute alte Müller dort« 
    »Wer spricht von dem« rief zürnend Vicktorine »Raimund Tante Raimund
Holm geht nach Odessa ist vielleicht schon dort hörten Sie es denn nicht Es
klang doch so laut so furchtbar mir war als ob die Decke des Zimmers sich in
dem Momente zusammen brechend über mich herabsenkte und Sie hörten es nicht
Luzie sprach es aus als die Mädchen ihre Tänzer aufzählten »der beste von
allen« sprach sie »Holm geht heut oder morgen nach Odessa ab«
    Die Tante blickte jetzt mit unbeschreiblicher Wehmut auf das arme Mädchen
hin das in wilder Angst sie anstarrte dann das Gesicht verhüllend »er ist
fort er ist fort auf ewig fort« in herzzerschneidenden Klagetönen wimmerte
»Holm ist nicht fort« sprach jetzt die Tante nachdem sie mühsam ihre gewohnte
heitre Fassung wieder errungen hatte »ich habe ihn kurz vor deiner Ohnmacht
heut Vormittags gesehen als er bei Müllern sich nach deinem Befinden
erkundigte Der gute Alte hat mich nachher lange von ihm unterhalten von seinen
lobenswerten Eigenschaften von seinen Aussichten in die Zukunft Odessa ward
dabei gar nicht erwähnt und Müller hätte nicht davon geschwiegen wenn die ganze
Reise nicht ein Märchen wäre Wer wird auch in dieser Jahreszeit bei
einbrechendem Winter nur daran denken so etwas zu unternehmen« Vicktorine
richtete sich im Bette auf sie sah der Tante lange und forschend ins Gesicht
dann ergriff sie ihre Hände und drückte sie fest an ihr hörbar klopfendes Herz
an ihre heißen Augen sie bewegte die zitternden Lippen aber von ihrem Gefühl
überwältigt vermochte sie es nicht nur einen Laut hervor zu bringen
    »Du liebes Ebenbild meiner Schwester« sprach die Tante sehr bewegt »du
sollst mich immer nicht nur mild und teilnehmend sondern auch wahr finden
Armes armes Kind Beruhige dich für jetzt ich will es auch Wir wollen Kräfte
sammeln denn wir werden beide sie brauchen«
    »Ich weis es Tante« erwiderte ihr die jetzt zwar minder heftige aber doch
noch immer sehr aufgeregte Vicktorine »ich weis es Auch was Ihnen selbst
vielleicht noch unbekannt blieb ist mir es nicht mehr denn ich weis warum man
Sie gerade Sie zu mir gerufen hat Ich kenne Sie nur wenig liebe Tante doch
weit ich mehr als ich es sagen kann mich hingezogen fühle Sie gleich einer
zweiten Mutter zu ehren und zu lieben so wage ich es Sie bittend zu warnen
Unternehmen Sie es nicht zu versuchen was man von Ihnen fordern wird denn
ich sage es Ihnen im voraus Sie und mein Vater können zwar das Herz mir
brechen aber nie mich verleiten der treuen alles opfernden Liebe unwürdig zu
lohnen Wollen Sie mir nicht glauben meine Bitte nicht erfüllen nun wohlan
dann versuchen Sie Ihre Überredungskünste die ganze wunderbare Macht die
Ihnen gegeben ward über die Gemüter Anderer zu herrschen Mich sollen Sie
standhaft finden nie sollen Sie mich verleiten die Stimme zu ersticken die in
mir laut über Recht und Unrecht entscheidet
    Die Tante erwiderte der noch immer unnatürlich Aufgeregten nur wenig und
in den mildesten Ausdrücken und so gelang es ihr endlich sie nach und nach
einigermaßen zu besänftigen Was ihr indessen Vicktorine an diesem Abend und in
den nächst folgenden Tagen nur stückweise oft von Gefühlsergiessungen der
Erzählerin zuweilen von Gegenbemerkungen der Tante unterbrochen mitteilen
konnte findet der Leser im folgenden Abschnitt in zusammenhängender Form
Raimund Holm war der Sohn eines Mannes dem wohl anzusehen war dass während eines
nicht sehr langen Lebens die Welt ihm oft und vielfach wehe getan haben mochte
Mehr noch als sein früh ergrautes Haar und seine augenscheinlich durch langen
und herben Gram verdüsterten Züge bezeigte dies die tiefe Abgeschiedenheit
welche er mit einer Art Ängstlichkeit aufsuchte und die Scheu mit der er
alles floh was nur von ferne dahin abzwecken konnte ihn aus seiner
Verborgenheit ans Licht zu ziehen
    Der Vielerfahrne kannte das Leben zu gut um nicht zu wissen dass man in
einer großen volkreichen Stadt weit unbemerkter und einsamer nach eigenem Plane
sein Dasein hinbringen kann als in einem kleinen Orte oder selbst auf dem
Lande Denn in Städtchen und Dörfern zieht jeder neue Ankömmling die
Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich und jeder gilt für einen bemerkenswerten
Sonderling der nicht genau so leben mag wie alle Übrige um ihn her Raimunds
Vater wählte deshalb lieber eine große berühmte Handelsstadt zu seinem
Wohnorte wo er einige zwanzig Jahre hindurch bis an seinen Tod ein von aller
Gesellschaft fast von aller Bekanntschaft abgesondertes Leben führte gleich
weit entfernt von Dürftigkeit und Überfluss Seine feinern Sitten und
Lebensgewohnheiten eine gewisse Eleganz in seinem Äußern  die niemand auch
in der tiefsten Einsamkeit ablegen kann der sie von Jugend auf sich aneignete
 verrieten indessen dass er die Welt kannte die er floh und dass er sogar in
ihrem Umgange seine erste Bildung erhalten haben musste
    Durch frühe Gewöhnung teilte er auch seinem Sohn diese Eigenschaften mit
und gab ihm dadurch gewissermaßen einen Freibrief für den künftigen Eintritt in
die Gesellschaft den viele entbehren die in der Einsamkeit aufwuchsen und
dessen Mangel dennoch selbst bei sonst ausgezeichneten und hochbegabten
Menschen die in dieser Hinsicht meistens unerbittliche Welt selten zu übersehen
pflegt
    Des Knaben Erziehung den er als ganz unmündiges Kind mit sich gebracht
hatte war das einzige Geschäft des Vaters Kunst und Literatur die Freude und
der Schmuck seines Lebens Raimund wuchs heran unter fröhlichen mutigen
Spielgesellen der fröhlichste und mutigste von allen denn sein Vater der kein
Glück der Jugend ihn entbehren lassen mochte versäumte es nicht neben dem
häuslichen Unterrichte den er ihm selbst erteilte ihn auch die öffentliche
Schule besuchen zu lassen Überhaupt war er weit entfernt von dem Gedanken
seinen Sohn nur für ein kontemplatives Leben in steter Entfernung von der Welt
erziehen zu wollen obgleich er ein solches am früh einbrechenden Abend seines
Lebens für sich selbst erwählt hatte Er wünschte vielmehr ein nützliches und
tätiges Mitglied der Gesellschaft aus ihm zu bilden Denn wie man erst nach
vollbrachter Arbeit den vollen Genuss der Ruhe lernen kann so lernt man auch nur
nach langem Treiben im Gewirre der Welt den hohen Wert der Einsamkeit erst
recht empfinden Dies wusste Raimunds Vater aus eigener Erfahrung
    Des Knaben beglückte Kindheit zog gleich einem Frühlingstraum an ihm
vorüber und unvermerkt kam so die Zeit herbei in welcher er zum erstenmale
seinen Vater verlassen sollte um die Universität zu beziehen
    Nichts stellt den Jüngling am Anfang seines ersten Ausflugs in die Welt so
fest so sicher so kräftig in diese hin als die frühere Erziehung an der Seite
eines edlen durch Geist und Gemüt ausgezeichneten Vaters der ohne berühmt zu
sein dennoch durch Lehre und Beispiel ihm stets gegenwärtig bleibt und zu
dessen Bilde er sich flüchtet wenn er im Gedränge der ihm neuen Verhältnisse
des Lebens Rat und Hilfe bedarf Ein durch den Vater berühmt gewordner Name ist
hingegen beim ersten Eintritte in die Welt wohl eher ein Hindernis zu nennen
denn diese hängt stets am Klange des Worts Und so wie der schuldlose Sohn eines
als unwürdig bekannten Mannes unerachtet seines eignen Werts und seiner
Unschuld dennoch stets mit tausend Vorurteilen und Widerwärtigkeiten zu
kämpfen hat die einzig um seines Namens willen sich überall ihm entgegen
stellen so tritt auch dem der sein Leben einem großen berühmten Vater
verdankt ein Vorurteil andrer Art in den Weg Man verlangt von einem solchen
dass er besser und geistreicher sei als alle andere seines Gleichen und zwingt
dadurch oft eine gewisse Unsicherheit in sein Wesen hinein die ihm mit einem
andern Namen geboren stets ferne geblieben wäre
    Raimund hatte das Glück auch in dieser Hinsicht ganz frei und ungehindert
da zu stehen Mit der von seinem Vater ihm mitgeteilten Ruhe alter Erfahrung
zog er in blühender rüstiger Jugend aus ein reiner Jüngling an Seele und Leib
und kehrte zur bestimmten Zeit eben so ins Vaterhaus wieder zurück Im klaren
Bewusstsein seines Zwecks hatte er die Universitätsjahre wohl angewendet doch
der Rat seines Vaters bewog ihn sich einstweilen noch ernstlicher auf das
tätige Leben vorzubereiten teils durch stille Fortsetzung seines Strebens in
wissenschaftlicher Hinsicht teils indem er mit der geselligen Welt sich näher
bekannt zu machen suchte ehe er es wagte in ihr als Geschäftsmann öffentlich
aufzutreten Er knüpfte auf den Rat seines Vaters manche erfreuliche
Bekanntschaft in der Stadt an besuchte Gesellschaften Bälle das Theater
kehrte aber jeden Abend mit gewohnter Liebe und Treue zu seinem Vater zurück So
strebte er dessen kränkelndes Alter durch Erzählungen aus jenem bunten Treiben
zu erheitern das der Greis seit mehr als fünf und zwanzig Jahren nicht mehr
sah und das er dennoch in den Beschreibungen des Jünglings als wenig verändert
wieder erkannte Anfangs schien es als ob Raimunds Vater in diesem genussreichen
Beisammenleben mit seinem Sohne gewissermaßen begönne neue Jugendkraft wieder
zu gewinnen doch leider war dieser freudenverkündende Schein nur das letzte
Aufflackern der Lampe vor dem völligen Erlöschen Die längst in den Stürmen des
Lebens erschöpften Kräfte brachen in dieser heitern Stille bald gänzlich
zusammen und Raimund blieb verwaiset und verlassen am Grabe seines Vaters
zurück ehe noch das zu seiner völligen Ausbildung bestimmte Jahr vorüber war
    Dieser Verlust hatte in Raimunds äussrer Lage nichts verändert denn bei
gewohnter Mäßigkeit sicherte ihm das hinterlassne väterliche Vermögen zwar
keine glänzende aber dennoch eine völlig unabhängige Existenz Dagegen fühlte
er in seinem Innern nun die schmerzlichste Öde Er hatte für niemanden mehr zu
sorgen niemanden mehr zu erfreuen keinen einzigen Vertrauten seiner Gedanken
und Empfindungen Und gerade in jener weichen sehnsüchtigen Stimmung in die uns
ein Verlust wie der seine so leicht versezt und der wir so gern nachgeben
trat Vicktorinens glänzend schöne Erscheinung zuerst ihm entgegen
    Der berühmteste Musicklehrer der Stadt hatte nach Zelters preiswürdigem
Beispiel einen Singverein errichtet der sich wöchentlich ein paarmal
versammlete und in dem fast alle die sich dazu eigneten eifrig Teil nahmen
Raimund dessen schöne TenorStimme dem Stifter der Gesellschaft längst bekannt
war durfte nicht dabei fehlen und auch Vicktorine behauptete mit Necht den
Rang der ersten Sängerin unter den Damen Dass der erste Tenor und der erste
Sopran durch ihr Talent einander näher gebracht wurden war wohl ganz natürlich
es fehlte Beiden nicht an Anlässen sich gegenseitig auch über andere als bloß
musikalische Gegenstände auszusprechen und dabei den inneren Reichtum ihres
Geistes vor einander zu entfalten Raimund hatte schon früher Vicktorinen
zuweilen gesehen und ihre seltene Schönheit bewundert doch der im Kleebornschen
Hause herrschende große Ton hielt bis dahin den stolzbescheidenen Jüngling
davon ab Zutritt in demselben zu suchen Und auch jetzt bei näherer
Bekanntschaft mit Vicktorinen vermied er es noch immer den Schein von
Zudringlichkeit dadurch auf sich fallen zu lassen obgleich Vicktorinens
jugendlich schöne Gestalt der dunkle Feuerstrahl ihrer Augen ihm öfter als
sonst in wachen Träumen vorschwebte und der seelenvolle Ton ihrer hellen
glockenreinen Stimme hallte immer noch lange in seiner tiefsten Brust wieder
wenn er schon längst den Singverein verlassen hatte
    Ein glänzender Ball zu dem auch Raimund geladen war bot diesem indessen
einige Zeit nach Errichtung des Singvereins Gelegenheit Vicktorinen zum
erstenmal im vollen Glanze zu erblicken Schon bei ihrem Eintritte in den Saal
hörte er jenes leise Flüstern der Bewunderung den höchsten Triumph der
Schönheit ihr entgegen rauschen so wie die Wipfel des Waldes sich flüsternd
regen wenn die Sonne aufgehen will Dieser schmeichelhafte Ton begleitete sie
durch die lange Reihe der größtenteils schon versammelten Gesellschaft so wie
sie durch den Saal hingieng und verkündete in ihr schon im Voraus die Königin
des Festes
    Raimunds Blick hing unabwendbar an ihr und belauschte jede ihrer
Bewegungen Noch nie war ihm ein weibliches Wesen von so blendendem Reitze
erschienen ja er glaubte Vicktorinen selbst so zauberisch schön noch nie
gesehen zu haben Ihr sehr reicher Anzug trug bei aller darin herrschender
Pracht dennoch das Gepräge edler kunstloser Einfachheit Jugendliche Freude
leuchtete aus ihren Augen aus dem süßen Lächeln des lieblichen Mundes und
verschönte sie unbeschreiblich So stand sie in höchster Unbefangenheit da
mitten im dichten Kreise ihrer Bewunderer lachte mit Diesem scherzte mit
Jenem und betrug sich völlig wie Jemand welcher der Huldigungen zu gewohnt ist
um darauf noch großen Wert legen zu können Alle die sich durch nähere
Bekanntschaft nur einigermaßen dazu berechtiget glaubten drängten sich in ihre
Nähe die elegantesten jungen Herren nahten sich ihr ehrerbietig als wäre sie
eine Fürstin um einen Tanz von ihr zu erbitten und jeder beneidete den
Glücklichen dem sie einen zusagte Sogar die andern Mädchen suchten eine Ehre
darin mit Vicktorinen vertraut zu erscheinen denn es fiel keiner ein mit ihr
wetteifern zu wollen und alle liebten sie wegen ihrer anspruchslosen immer
gleichen Freundlichkeit
    Raimund sah aus einiger Entfernung dem Gedränge um Vicktorinen zu und das
Herz tat ihm dabei weh er wusste nicht warum Er versuchte es dieses bange
Gefühl sich als Mitleid mit dem holden Wesen auszudeuten das so umgauckelt am
Ende doch wohl zu Grunde gehen müsse doch fühlte er bei alle dem auch die
Unmöglichkeit ihr den ihr gebührenden Tribut der Bewunderung zu versagen
    Der Tanz begann und gleich einer Göttin von ihren Nymfen gefolgt schwebte
Vicktorine am Arm eines fremden Prinzen der sich unter den anwesenden Gästen
befand dem glänzenden Reigen voran Alle tanzten nur ein einziges Mädchen
blieb unaufgefordert an ihrem Platze ein junges blödes Kind das niemand
kannte und dessen beinahe zu einfacher etwas altmodischer Putz schon von
Manchen bespöttelt worden war weil er gegen die Eleganz der übrigen Tänzerinnen
gar zu auffallend abstach In der peinlichsten Stellung mit hochglühenden
Wangen saß die Verlassene da mit der noch niemand eine Silbe gesprochen hatte
aus den unschuldigen Augen strahlte das glühendste Verlangen an der allgemeinen
Jugendlust ebenfalls Anteil nehmen zu können und zugleich zuckte ängstliche
Verlegenheit um den kindlichen Mund als ob die Arme sich bemühe Tränen zurück
zu drängen die das Gefühl des Zurückgesetztwerdens ihr eben auszupressen im
Begriff war
    Raimund nahm an diesen und einigen folgenden Tänzen nicht Teil In eine
Ecke des Zimmers hingelehnt verfolgte er jede Bewegung Vicktorinens mit seinen
Blicken und sah zu seinem Erstaunen wie diese gleich in der ersten Pause dem
unbekannten Mädchen sich nahte ein Gespräch mit der augenscheinlich Verlegnen
anknüpfte sich eine kleine Weile zu ihr hinsezte dann wieder aufstehend
ihren Arm ergriff und einigemal mit ihr im Saal auf und abgieng Im Gewühle
der Gesellschaft verlor er indessen beide bald aus dem Gesicht und schon begann
der böse Argwohn sich in seinem Gemüte zu regen als ob Vicktorine im
Übermute des Bewustseins ihrer alles besiegenden Schönheit mit dem
unscheinbaren Mädchen vielleicht ein unwürdiges Spiel treibe und es als Folie
mit sich herumführe um dadurch den Glanz ihrer eignen Erscheinung zu erhöhen
Da rief plötzlich eine sanfte Stimme seinen Namen und weckte ihn aus seinen
Träumereien Er fuhr auf blickte um sich und dicht neben ihm stand Vicktorine
und sah ihn freundlich bittend an
    »Ich möchte Sie wohl um einen Ritterdienst ansprechen denn Sie sehen mir
ganz danach aus als ob Sie mir ihn nicht abschlagen würden« sagte sie mit
unbeschreiblicher Anmut aber doch ein wenig errötend »Ich möchte Sie
bitten« fuhr sie fort »den nächsten Tanz mit jener jungen Dame zu tanzen die
eben mit mir durch den Saal ging Sie ist der Gesellschaft unbekannt und
unsere jungen Herren sind sämtlich unartig genug sie dies empfinden zu
lassen«
    Raimunds frohes Erstaunen bei dieser unerwarteten Anrede erlaubte ihm nicht
viel Worte zu machen Er eilte vor allen Vicktorinens Wunsch zu erfüllen und
nahte sich ihr dann wieder um von ihr zu erfahren wer das junge Mädchen sei
dessen sie so eifrig sich annahm
    »Ich kenne sie eben so wenig als Sie sie kennen« gab Vicktorine ihm ruhig
und einfach zur Antwort »Indessen sie ist hier fremd und da ich sie so ganz
verlassen da sitzen sah kam mir der Gedanke wie mir zu Mute sein würde wenn
mir einmal etwas ähnliches wiederführe Da war es denn doch natürlich dass ich
nicht eher ruhen konnte bis ich sie tanzen sah«
    »Aber wie war es möglich dass Sie gerade Sie mein Fräulein sich eine
solche Möglichkeit nur denken konnten« fragte Raimund
    »Und warum sollte ich dies nicht können« erwiderte ihm Vicktorine »Jene
alte menschliche Sitte dem Fremdling freundlich entgegen zu treten weil
Fremdsein doch wenigstens für den Moment eine Art Unglück ist kam längst aus
der Mode und da könnte es doch geschehen dass ich an einem Orte wo ich ganz
unbekannt wäre eben so verlassen da sitzen müsste als dieses arme Kind Zu
meiner großen Freude werde ich indessen eben gewahr dass man sie zum nächsten
Tanze wieder auffordert und nun tanze ich selbst mit verdoppelter Lust da der
Anblick der kleinen Verlassenen mich nicht mehr quält« »Die Sie gar nicht
kennen« fragte Holm »Die ich gar nicht kenne Muss man denn alle Leute kennen«
erwiderte Vicktorine lachend und hüpfte mit ihrem Tänzer davon der in diesem
Augenblick herantrat um sie zum eben beginnenden Tanze abzuholen
    Nachdem letzterer vollendet war setzte sich Vicktorine hin um auszuruhen
und Raimund nahte ihr von neuem »Ich möchte wohl einmal und wäre es auch nur
für eine einzige Stunde Sie sein mein Fräulein« sprach er lächelnd »es ist
wohl ein verwegner Wunsch aber ich kann ihn nicht unterdrücken Ich möchte
wissen wie jemanden zu Mute ist der in der Gewisheit auftritt mit jedem
Lächeln jedem Blick Freude und Bewunderung um sich her zu verbreiten«
    »Sind Sie nicht kindisch« rief Vicktorine recht herzlich lachend »Das
wäre ja ein Bewustsein wie es höchstens eine Prinzessin haben könnte der man
von Jugend auf solch albernes Zeug in den Kopf gesezt hat Unser einem fällt so
etwas gar nicht ein«
    »Fräulein Sie sind zu bescheiden und wenn ich dürfte so setzte ich gerne
hinzu Sie sind auch in diesem Augenblicke nicht recht aufrichtig gegen sich
selbst Denn wie könnte Ihnen der Eindruck entgehen den Sie durch ihr bloßes
Erscheinen überall hervorbringen« sprach Raimund
    »Ich bin nicht halb so bescheiden als Sie es vielleicht denken« erwiderte
Vicktorine mit einer sehr gefälligen Zutraulichkeit in ihrem Wesen »Ich wäre
aber doch eine gar zu alberne Törin« fuhr sie fort »wenn ich nicht merkte
wie viel oder eigentlich wie wenig von dem was Sie die allgemeine Bewunderung
nennen ich mir selbst zuzuschreiben habe Ich weis recht gut dass ich ziemlich
hässlich und sogar etwas unangenehm sein könnte ohne dass das Betragen der
Gesellschaft gegen mich sonderlich dadurch abgeändert würde wenn alles übrige
meiner Existenz was nicht Ich ist nur so bliebe wie es istDies sage ich mir
recht oft um hübsch in der Demut zu bleiben« setzte sie mit einem angenehmen
Lächeln hinzu und eilte mit ihrem sich nahenden Tänzer wieder fort
    Raimund blickte mit einem nie zuvor gekannten Gefühl ihr nach Ihre
Schönheit ihr Geist ihr musikalisches Talent hatten ihn schon oft zu lebhafter
Bewunderung hingerissen doch die Güte die ächte Bescheidenheit die
liebenswürdige Offenheit und Einfachheit ihres Wesens die er gerade an diesem
Abend an ihr entdeckte wo sie einen Triumph feierte der tausend andre
schwindlich gemacht hätte zeigten sie ihm im fast überirdischen Lichte Den
ganzen übrigen Abend hindurch blieb er in ihrer Nähe er bat sie um einen Tanz
den sie ihm gleich und gern gewährte und schwebte an ihrer Seite wie von
Himmelsflügeln getragen in nie gekannter Seeligkeit durch den Saal Bei Tische
wo nur die Damen saßen und die Herren sie bedienten blieb er ihr gegenüber
hinter dem Stuhle des jungen Mädchens stehen das sie in Schutz genommen hatte
Durch Vicktorinens Beispiel dazu bewogen suchte er das noch immer von der
übrigen Gesellschaft ziemlich vernachlässigte Wesen durch die feinste
Aufmerksamkeit über dessen Verlassenheit zu trösten Vicktorine lohnte ihm dies
von Zeit zu Zeit mit einem freundlichen Lächeln oder durch ein paar queer über
den Tisch hin ihm zugesprochne Worte während sie mit unabänderlichem an Stolz
gränzenden Gleichmute die Huldigungen der jungen Herren hinnahm die den
fremden Prinzen in ihrer Mitte sich schaarenweise hinter ihrem Stuhle drängten
mit einander wetteifernd um die Ehre ihr zuweilen einen Teller oder ein Glas
Wasser reichen zu dürfen
    Im seeligsten Taumel kehrte Raimund vom Balle nach Hause ihm war die ganze
Nacht hindurch als schwebe er noch immer in einer bezauberten Welt Er sah
Vicktorinen wieder und wieder sie behandelte ihn von nun an gleich einem alten
Bekannten dem man ohne ängstlichen Rückhalt sich zeigt wie man ist Jedes
Wiedersehen ließ ihn tief in das Innere eines reinen Gemüts voll Liebe und
Milde blicken jedes enthüllte ihm neue Beweise eines von Natur hellen lebhaften
Geistes reich begabt mit den günstigsten Anlagen stets bereit alles Gute
Hohe und Treffliche in sich aufzunehmen Die Heftigkeit zu welcher das
Ungewohntsein jedes Widerspruchs sie zuweilen hinriss die an Eigensinn gränzende
Festigkeit mit der sie hielt was sie einmal ergriffen und achtlos
durchzusetzen suchte was sie für recht und gut anerkannte konnte er freilich
an ihr nicht entdecken weil sich ihm dazu keine Gelegenheit bot
    Raimund sah nun in Vicktorinen das Wesen in entzückend blühender
Jugendfülle lebend und atmend vor sich stehen das bis jetzt nur gleich einem
unerreichbaren Traumbilde seiner jugendlichen Fantasie vorgeschwebt hatte Er
fühlte sich ihr zu eigen fürs ganze Leben um so mehr da er ohne zu
geckenhafter Einbildung herabzusinken es sich nach wenigen Tagen nicht mehr
verbergen konnte dass auch Vicktorine ihn ebenfalls vor allen Andern
auszeichnete Ihr süßes Erröten das freudige Aufstrahlen ihrer Augen wenn er
sich nahte das ihr ganz ungewohnte weiche Beben der Stimme wenn sie ihn
anredete tausend kleine Züge in ihrem Benehmen viel zu zart für jede
Beschreibung verkündeten ihm sein Glück lange ehe es ausgesprochen ward Doch
auch diese Stunde die höchste Blüte des Lebens blieb nicht aus aber wie sie
herbeigeführt ward was er sprach was Vicktorine antwortete wusste diese der
Tante selbst nicht ausführlich zu vertrauen Die Glücklichen hatten fast wortlos
einander verstanden fast wortlos hatten sie den Bund der Treue fürs ganze Leben
geschlossen
    Das höchste ihm denkbare Ziel des Glückes so nahe vor Augen beschloss
Raimund jetzt ohne Aufschub die Kenntnisse die er sich erworben im
bürgerlichen Leben tätig geltend zu machen und dann bei Vicktorinens Vater um
ihre Hand zu werben Freilich war Kleeborns Abneigung sie einem andern als
einem Kaufmanne zu geben zu stadtkundig geworden als dass Raimund nichts davon
hätte erfahren sollen doch Vicktorine war überzeugt oder wollte es sein dass
ihr Vater unter diesem Vorwande nur die Anträge ihrer adlichen Verehrer zu
entfernen gesucht habe weil er nur gegen diese stets einen unbesiegbaren
Widerwillen laut aussprach ohne dabei der andern bürgerlichen Stände zu
erwähnen Raimund glaubte Vicktorinen gerne denn was glaubt hoffende Liebe
nicht In der freien Re chsstadt in welcher sie lebten konnte Raimund auf dem
Wege den er einzuschlagen gedachte zu den höchsten Ehrenstellen gelangen und
er durfte um so eher hoffen alles zu erreichen was er in dieser Hinsicht
wünschen konnte da er keine bedeutende Mitbewerber um sich sah die ihm den
Preis streitig gemacht hätten Freilich stand das Ziel das er zu erreichen
streben wollte ihm noch fern doch beide er und Vicktorine waren nicht nur
jung genug um die Zeit ihrer völligen Vereinigung ruhig abwarten zu können
sondern auch zu seelig in der Gegenwart um über diese nicht gern die Zukunft zu
vergessen Und überdem welcher Glückliche ging nicht jedem Wechsel seines
Zustandes mit einem heimlichen Bangen entgegen selbst wenn diese Veränderung zu
noch Höherem zu führen verheisst
    Bei alle dem verhehlte Raimund es sich nicht dass sein kleines Vermögen
gegen den fürstlichen Reichtum der Vicktorinen einst zufallen sollte durchaus
nicht in Anschlag gebracht werden könne doch sein heller reiner Sinn war weit
über jene edelmütig sein wollende Armseeligkeit erhaben die nicht minder
ängstlich berechnend als der Eigennutz das Geld der Geliebten wägt und zählt
und es höher stellt als ihre Liebe um nur wäre es auch auf Kosten ihres
Glückes mit romanhaft grosmütiger Entsagung prunken zu können
    Vicktorine war sein sie selbst hatte sich ihm gegeben auch arm hätte er
sie nicht weniger geliebt und so konnte die Goldmasse die einst als Eigentum
ihr zufallen sollte den Wert dieses Geschenks in seinen Augen weder erhöhen
noch sein Necht daran vermindern Auch fühlte er in sich Kraft Mut und Talent
mehr als hinlänglich um die Geliebte seines Herzens in jedem Falle nicht nur
vor Mangel zu schützen sondern ihr auch alles zu verschaffen was man zu einem
bequemen ehrenvollen Leben bedarf Wie die Welt ihn beurteilen könne kam ihm
dabei gar nicht in den Sinn und wenn er auch daran gedacht hätte sein Vater
hatte ihm gelehrt auf das Gespräch der Leute nicht mehr Wert zu legen als es
verdient ihm durchaus nie ein entscheidendes Urteil über seine Handlungen
einzuräumen wenn es das Glück eines ganzen Lebens galt
    Während Raimund zum Eintritt in das tätige Leben eines Geschäftsmannes die
ernstlichsten Vorkehrungen traf fasste Vicktorine ihrer Seits den Entschluss ihm
diesen Schritt dadurch zu erleichtern dass sie ihrer Beider Hoffnung so sicher
zu stellen suchte als möglich Niemand wusste bis jetzt um ihre Liebe denn sie
hatte keine einzige jener Vertrauten die im gewöhnlichen Laufe der Dinge in der
Mädchenwelt eben so unentbehrlich sind als auf dem französischen Theater
Vicktorine hatte nie jenes Bedürfnis gekannt von sich und ihren Gefühlen
unablässig zu reden oder gar lange Briefe darüber zu schreiben welches so Viele
verlockt wa hre oder eingebildete Liebesgeschichten an und auszuspinnen um
nur in den Augen ihrer Vertrauten als die Heldin eines kleinen Romans zu
glänzen Hingegen war aber auch ihrem offenen Gemüt alles Heimlichtun durchaus
verhasst und sie beschloss daher die erste schickliche Gelegenheit zu ergreifen
um ihrem Vater das stille Geheimnis ihres Herzens zu entdecken und ihn im
Voraus durch Bitten und Gründe für ihre Liebe zu gewinnen
    Der ihr für dieses Geständnis günstig scheinende Moment blieb nicht lange
aus Sie war mit ihrem Vater allein und fand ihn in einer sehr freundlichen
Stimmung doch ihr Vertrauen ward leider ganz gegen ihre Erwartung erwidert
    »So du hast Romane gelesen mein Kind und sie sind dir wie ich sehe
schlecht bekommen« antwortete ihr Herr Kleeborn sobald er nur erst begriff was
sie meinte und dies mit einer Art ironischer Gelassenheit die Vicktorinen
gleich einem Dolchstiche wehe tat »Doch das tut nichts es wird sich schon
wieder geben denn du bist noch jung und kannst noch vieles lernen« fuhr er im
nämlichen Tone fort »Du wirst schon mit der Zeit einsehen« setzte er hinzu
»dass die Welt anders aussieht als es in deinen Büchern steht Indessen du magst
dies bald begreifen oder spät oder auch gar nicht so präge dir wenigstens
fest in den Sinn dass dein Vater nie auf den törichten Einfall kommen kann
seine der ganzen Welt rühmlichst bekannte Firma mit seinem Tode erlöschen zu
lassen und sein einziges Kind nebst allem was er mit Mühe und Sorge erworben
hat einem Federhelden zu übergeben der ein so beträchtliches Vermögen weder zu
verwalten noch zusammen zu halten weis«
    Vicktorine wollte hier das Wort nehmen doch ihr Vater lies sie nicht dazu
kommen »Schlage dir diese und ähnliche Grillen gänzlich aus dem Sinne
Vicktorine« rief er mit zornfunkelndem Blick vor dem die Erschrockene
verstummen musste »Ich warne dich auf nichts eigensinnig zu bestehen« fuhr er
fort »denn es hilft dir nichts ich fordre Gehorsam Es steht fest wie die
Sonne dass kein Baron kein Graf selbst kein Prinz mein Schwiegersohn wird
aber auch kein Schulfuchs sondern ein tüchtiger Mann meines Standes des ersten
glücklichsten und ehrenvollsten in der Welt weil er der nützlichste ist
Übrigens hast du vergessen mir den Namen deines Seladons zu nennen Schweige
ich verlange auch nicht ihn zu erfahren weil es mir gleichgültig ist wie ein
arroganter Tor heißen mag Du weißt jetzt meinen Willen geh und richte dich
danach«
    Die eisige Kälte mit welcher Herr Kleeborn dieses Urteil aussprach und
die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen dessen sichtbaren Eindruck auf das
Gemüt seiner Tochter mit welcher er dieser sich zu entfernen winkte
überzeugten Vicktorinen nur zu sehr von dem Vergeblichen jedes Versuches den
strengen Richter zu erweichen Überdem war es ihr in diesem Augenblick
unmöglich noch länger in seiner Gegenwart zu verweilen so ergriffen fühlte sie
sich von der ganz unerwarteten Aufnahme die ihr herzliches Vertrauen gefunden
hatte
    Mit unbeschreiblichschmerzhaftem Erschrecken ward sie jetzt den von ihr nie
zuvor geahneten Ernst des Schicksals der Menschen gewahr das nie vergisst auch
seinen Günstlingen Dornen unter die Rosen zu streuen die scheinbar den Weg
bedecken Bis jetzt war jeder Wunsch selbst jede schnell vorübergehende
Mädchenlaune der Verwöhnten in Erfüllung gegangen nichts war ihr jemals
verwehrt oder abgeschlagen worden und nun pressten Schmerz Zorn und bange
Furcht vor der Zukunft ihr heissbrennende Tränen aus den Augen die bis diese
Stunde nur freudiges Lächeln oder Tränen des Mitleids gekannt hatten
    Jetzt erst fühlte sie ganz was Raimund ihr war sie hatte ihn sogar nie
zuvor so innig geliebt als in diesem Moment wo sie zum erstenmale die
Möglichkeit sich dachte von ihm getrennt werden zu können Ihre Tränen
trockneten indem sie sich gelobte der unbeugsamen Gewalt ihr starkes Herz voll
Liebe und ihren festen feurigen Mut entgegen zu stellen Endlich ergriff sie
ohne weiteres Bedenken die Feder um dem Geliebten das zwischen ihr und ihrem
Vater Vorgegangene umständlich und offen darzustellen Ihre Worte trugen das
Gepräge einer leidenschaftlichen Glut welche ihr bis jetzt stets fremd
geblieben war und die ein zuvor von ihr nie gekanntes Gefühl erlittnen Unrechts
in ihr entzündet hatte Sie dachte nicht daran ihre Worte zu wählen sie ward
immer begeisterter je länger sie schrieb und zuletzt schien ihr nichts
ausdrucksvoll und glühend genug um nur dem Freunde ihres Herzens Vertrauen in
ihre Liebe und Treue einzuflößen ihn im voraus über alles das zu trösten was
ihrem Glücke sich entgegen stellen könnte und ihm den starken Mut mitzuteilen
von dem sie sich selbst in diesem Momente durchdrungen fühlte
    »Ich bin dein Raimund« schrieb sie nach vollendeter Erzählung des Vorgangs
zwischen ihr und ihrem Vater »ich bin dein und bleibe es und wärst du weit über
dem Meer und leuchteten dir in einem andern Weltteil andre Sterne als mir und
gienge dir in dem Augenblick fern von mir die Sonne auf in welchem ich sie
sinken sehe Die Mitternacht würde dann auch mein Morgen sein den Tag würde ich
verträumen und nur in der Nacht leben wenn ich wüsste dass du des Lichtes dich
freutest und deiner Vicktorine liebend gedächtest Habe nur Vertrauen zu mir
denn nichts kann von dir mich wenden nicht Bitten nicht Drohen nicht die
Macht der Zeit viel weniger die sterbliche Gewalt«
    »O könnte ich diese goldnen Ketten abstreifen die ich jetzt so herzlich
verachte Könnte ich mit dir in verborgener Mittelmässigkeit leben für dich
arbeiten und entbehren Du denkst vielleicht deine vom Glück verwöhnte
Vicktorine spreche nur so leichthin von Entbehrungen die sie nicht kennt ohne
einen Begriff damit zu verbinden aber glaube mir mein Freund ich weis was ich
damit sage Ich weis wohl dass anfangs mir verzognem Kinde Dürftigkeit scheinen
würde was Andre als seltenen Überfluss hoch halten ich weis dass meine
Erziehung mir leider schwere Fesseln angelegt hat und dass ich gewissermaßen
von neuem leben lernen müsste wenn ich aus dem Gleise hinausträte an welches
ich von meiner Geburt an gewohnt bin Ich leugne das Opfer nicht ab das ich
damit brächte aber bedenke auch welches unnennbare Wonnegefühl es sein müsste
durch irgend ein Opfer und wäre es das höchste die Seeligkeit zu erringen an
der Hand des Geliebten durchs Leben zu gehen Durch dich mit dir immer höher zu
streben zum Urquell alles Guten und Wahren und Schönen«
    »Ich bin nicht für den Schmerz geboren das weis ich seit heute da ich
zuerst ihn empfand er erdrückt mich er vernichtet mich und nur im
Sonnenscheine des Glücks kann alles das Gute welches in mir wie in jedem
lebenden Geschöpfe liegt zur vollen Blüte sich entfalten Und wo ist Glück für
mich als bei Dir«
    »Doch fahre hin schöner Traum vor dem was sein könnte ich muss Dir
entsagen denn ich darf meinen Vater nicht ohne seine Einwilligung verlassen
wenn ich Raimunds und des Glückes wert bleiben will dem ich so nah zu sein
hoffte und das jetzt in so ungemessner Ferne vor mir steht Ich werde meinem
Vater gehorchen wie ich tat seit ich lebe mit heißen bitteren Tränen
schreibe ich dies nieder doch ohne Kampf mit mir selbst Ich werde seinen
Wünschen entgegen eilen und jeder seiner Winke sei mir Befehl in allem wo er
mir gebieten darf Ach alles alles will ich tun alles alles leiden
hingeben entbehren nur Dich zu lieben wolle er mir nicht verwehren er darf
es nicht er kann es nicht so wenig als er mir verbieten kann zu atmen Die
Hand die meines Herzens Schlag schuf und erhält legte auch den Keim dieser
Liebe gleich bei seinem Entstehen in dies nämliche Herz mein Dasein ist mit
dem Deinen innigst verflochten es lässt sich nicht losreißen dies nur
versuchen hieß sündigen es wäre geistiger Selbstmord darum bin und bleibe ich
dein nahe oder ferne gleich viel«
    »Während ich Dir schreibe Geliebter kam Trost in meine Seele Wie konnte
es anders sein Du warst ja bei mir und ich fühlte Deine liebende Nähe Raimund
noch blüht uns die Gegenwart wir werden uns sehen uns sprechen wie zuvor und
sind durch gemeinschaftliche Sorge nur noch inniger vereint Mein Vater hat mir
nicht geboten den Umgang mit Dir aufzuheben er kennt nicht einmal den Namen
des Mannes dem seine Tochter auf ewig angehört anfangs lies er mir nicht Zeit
ihn zu nennen später hielt er es nicht der Mühe wert danach zu fragen So
leichthin behandelt er das Herz das Glück seines Kindes Doch auch hierin liegt
Trost ich darf den Vater nun noch nicht grausam schelten denn er weis ja
nicht was er mir tut vielleicht wäre er sonst milder er hat mich ja immer
geliebt«
    Es war der erste Brief den Vicktorine jemals an Raimund geschrieben hatte
und sie sendete ihn verborgen in einem Pakete Musikalien an ihn ab ohne dadurch
Argwohn zu erregen denn der Singverein veranlasste oft solche Sendungen
    Dass Raimund das Schreiben erhalten habe war nicht zu bezweifeln doch viele
Tage vergiengen ohne dass er ihr antwortete Vergebens hoffte Vicktorine im
Singverein ihn zu treffen vergebens suchte ihr Auge ihn auf der Promenade im
Konzert im Theater er fehlte überall wo sie sonst gewohnt war wenigstens aus
der Ferne seinen Gruß zu erwidern Sie vergieng beinahe vor innrer Unruhe
tausend immer abenteuerlicher werdende Besorgnisse drängten sich ihr auf und
füllten ihre Fantasie mit Schreckbildern Und doch war jeder Versuch aus dieser
beängstigten Lage zu kommen ihr unmöglich denn es fehlte ihr der Mut nur
Raimunds Namen zu nennen vielweniger mochte sie es wagen bei Bekannten nach
ihm sich zu erkundigen Endlich nach mehreren in unaussprechlicher Bangigkeit
verlebten Tagen erhielt auch sie ein Paket Musikalien sie erbrach es mit
zitternder Hand es enthielt das wonach sie so lange sich gesehnt einen Brief
des Geliebten Raimund schrieb
    »Du meine Vicktorine Du deren schöne Seele so wahr so glühend es
empfindet welche Seeligkeit es sei der Liebe alles zu opfern freue Dich mit
Deinem Freunde dass er der Glückliche ist dem die strenge Pflicht erlaubt was
sie Dir verbietet«
    »Ja ich habe im festen heiligen Vertrauen auf Dich alles von mir geworfen
meine Aussichten für die Zukunft meine Pläne die ganze bisherige Tendenz
meines Lebens sogar meiner Unabhängigkeit habe ich für einige Zeit wenigstens
entsagt um nur die Hoffnung mir zu gewinnen Dich mir einst erwerben zu können
denn  seit zwei Tagen arbeite ich im Komtoir des Kommerzienrats Fischer
dessen Sohn wie Du weist einer meiner Universitätsfreunde ist«
    »Du erbleichst Dein schönes Auge füllen Tränen und bange Furcht bemeistert
sich Deiner indem Du dieses liesest Fasse Mut meine Vicktorine zage nicht
zweifle auch nicht ich habe den Schritt den ich tat wohl überlegt Um dieses
zu können vermied ich es sogar in diesen Tagen Dich zu sehen denn ich wollte
den wichtigen Kampf mit mir ganz allein in ungestörter Stille auskämpfen ich
schrieb Dir nicht bis ich mit mir selbst völlig einig Dir sagen konnte das
habe ich getan statt Dir zu melden das gedenke ich zu tun Ich bin nicht
minder offen als Du ich werde es gegen Dich immer so sein und darum will ich
nicht einmal das Dir verhehlen dass auch ich nicht ohne Schmerz von allem
Gewohnten mich losreißen und die von meinem Vater für mich gewählte Bahn
verlassen konnte um mich in das Gewirre und Getreibe einer Welt zu werfen die
nie die meine war Doch glaube mir ich bin unfähig je zu bereuen was ich nur
nach vielfacher Überlegung unternahm und werde gewiss von nun an alle Pflichten
des an sich ehrenwerten Standes erfüllen den ich selbst mir erwählte ja den
ich mir erwählen musste um gegen mich selbst gerecht zu sein«
    »Teure Vicktorine ich habe mich in dieser Zeit sehr strenge geprüft ich
bin mit mir selbst offen zu Werke gegangen was so schwer ist denn wen täuscht
man lieber und leichter als sich selbst Auch Dich will ich nicht täuschen und
so gestehe ich Dir offen dass ich jetzt weis ich könnte ohne Dich das Leben zwar
tragen aber ich fühle auch dass ich mich alsdann dazu anschicken müsste wie zu
einer nächtlichen Winterreise ohne Wärme und Licht denn Du Vicktorine bist
die Sonne meines Daseins das ich ohne Dich kraftlos in Dunkelheit hinschleppen
müsste Darum schilt mich nicht dass ich tat was ich musste beneide mich auch
nicht dass ich durfte was Du nicht darfst und vor allem tadle Deinen Vater
nicht dessen wohlgemeinter und im rechten Lichte gesehen auch wohl motivirter
Wille mir es möglich machte Dir durch mehr als Worte zu zeigen was Du mir
bist«
    »Kann es Dich beruhigen und ich hoffe es wird es so vernimm dass ich schon
jetzt einsehe wie ich zu meinem jezigen Berufe bei meinen freilich zu anderm
Zwecke erworbnen Kenntnissen nicht viel mehr brauchen werde als Gewöhnung und
dabei Aneignung des ihm eigentümlichen mechanischen Teils desselben den
gewöhnlich Knaben in früher Jugend schon erlernen Alles dies dünkt mir indessen
zum Teil nicht schwer zu begreifen zum Teil werde ich dessen überhoben Was
dem Knaben als Zentnerlast erscheint ist ja überdem dem reifen Manne ein Spiel
Und wäre es auch anders was kann mir lästig dünken wenn ich den Blick dem
Ziele zuwende zu dem ich strebe«
    Leidvoll und Freudvoll versank Vicktorine in sich selbst als sie dieses
las Das Opfer welches Raimund ihr gebracht erfüllte ihr Gemüt nicht mit
Liebe nicht mit Bewunderung aber mit einem aus beiden zusammengesezten
namenlosen Gefühl als sie ihr Wesen so ganz mit dem seinen verschlungen dass
nur Tod sie von ihm reißen könne Die Liebenden sahen sich wieder ihr erstes
Wiedersehen war ein schmerzlichentzückender Augenblick auch ward ihnen von nun
an nur selten das Glück mehr als Blicke oder ein paar flüchtig hingeworfene
Worte mit einander wechseln zu können denn Beide fühlten jetzt mehr wie je die
Notwendigkeit ihr Geheimnis den Augen der neugierigen Welt zu verbergen Sie
vermieden deshalb auf das gewissenhafteste jede Unvorsichtigkeit in ihrem
Betragen durch die das Heiligtum ihrer Herzen unberufnen Beobachtern hätte
verraten werden können.
    So vergieng ihnen ein Jahr und drüber in der Seeligkeit des reinsten
Bewustseins vertrauensvoller inniger Liebe Das jungen Holm rasch ausgeführter
Entschluss war bei seinem Alter bei seinen Kenntnissen in einem andern Fache
bei seinen Aussichten in eine ihm offen stehende ehrenvolle Zukunft zu
beispiellos als dass er nicht selbst in dieser großen Stadt dadurch hätte
Aufsehen erregen sollen Anfangs war darüber als über eine große Torheit viel
gesprochen und gespöttelt worden späterhin aber begann Raimund sich ganz auf
eine entgegengesezte Weise bemerkbar zu machen Man fühlte sich gezwungen die
Leichtigkeit zu bewundern mit welcher der Neuling Schwierigkeiten überwand die
denen unüberwindlich geschienen hatten welche von Jugend auf zum
Kaufmannsstande erzogen es für unmöglich hielten sich ohne diesen Vorteil in
Geschäften solcher Art zurecht finden zu können Raimunds sehr ausgebreitete
Kenntnis fremder Sprachen die Geschicklichkeit mit der er den bedeutendsten
Teil der Korrespondenz seines Hauses zu führen wusste und mehr noch als alles
dies der Scharfblick und die Berechnung der Umstände durch welche er dasselbe
zu einigen sehr vorteilhaft ausfallenden Spekulazionen veranlasst hatte
erwarben ihm allgemeine Achtung an der Börse Man wusste dass er ohne alle
Belohnung an Gelde im Fischerschen Komtoir arbeite aber die angesehnsten Häuser
hätten gern um jeden Preis einen solchen Gehülfen sich erworben der ohne die
Lehrjahre überstanden zu haben gleich als Meister auftrat Jeder profezeiete in
ihm einen künftigen Stern erster Größe in der handelnden Welt wenn das Glück
ihn nur so begünstigen wolle als seine Kenntnisse und sein Fleiß es verdienten
Sogar Herr Kleeborn erwähnte seiner einigemal über Tische und mit großem Lobe
Vicktorine getraute sich dabei kaum die Augen von ihrem Teller zu erheben und
ihr laut pochendes Herz wollte vor banger Freude zerspringen denn ein ganz
eigenes schlaues Lächeln ihres Vaters indem er den Namen Holm auffallend
betonte verriet ihr nicht nur seine Bekanntschaft mit ihrem Geheimnis sondern
sie glaubte auch mit Sicherheit Pläne zu ihrem künftigen Glück darin lesen zu
dürfen
    Ganz unbefangen und ahnungslos folgte sie daher dem Ruf ihres Vaters als
dieser sie wie er zuweilen tat zu sich in sein Kabinet beschied Höchstens
erwartete sie wieder einmal von einem abgewiesenen Heuratsantrage hören zu
müssen und sie erschrack daher schon ein wenig als Herr Kleeborn mit ganz
sonderbarer etwas feierlicher Freundlichkeit ihr entgegen trat ihre Hand
ergriff und sie nötigte sich zu ihm auf das Sofa zu setzen
    »Vicktorine« begann er nach einer kleinen Pause seine wahrscheinlich
vorher einstudirte Rede »Vicktorine Du bist mein einziges Kind und Du weist
wie es von jeher mein höchster Wunsch war Dein wahres Glück nach bester
Einsicht und Kraft zu begründen Viele Jahre hindurch habe ich Tag und Nacht für
Dich gesorgt und gearbeitet darum ist es jetzt an Dir mich für alle meine Sorge
und Mühe zu belohnen Nun ich muss es Dir zum Ruhm nachsagen Du warst ein
folgsames Kind und hast Dir nie die mindeste Einwendung gegen meinen Willen
erlaubt wenn ich Anträge abwies die ich für Dich als unpassend erkannte indem
ich mit meinem wohlerworbnen Golde weder alte Adelsbriefe auffrischen noch
verschuldete Güter einlösen lassen mag Nun des Vaters Seegen erbaut den
Kindern Häuser und auch meiner hat Dir eins gebaut denn ich habe Dich rufen
lassen um Dir anzukündigen dass Du endlich die Braut eines würdigen Mannes
meines Standes bist eines Kaufmanns recht nach meinem Herzen der«   
    »Herr Holm ist im Komtoir« rief jetzt Jemand zur Tür herein »Herr Holm«
wiederholte Kleeborn nachdenklich für sich hin Vicktorine bebte an allen
Gliedern »Es ist gut so und vielleicht um so besser« setzte jetzt Kleeborn nach
kurzem Überlegen halblaut hinzu dann wandte er sich zu Vicktorinen »Geschäfte
gehen allem vor mein Kind wie Du weist doch Du bleibst hier es ist gleich
abgetan und wir sprechen hernach weiter« »Lassen Sie den jungen Holm nur
herein treten« sagte er zu dem der ihn gemeldet hatte Dieser ging sogleich
den Befehl zu vollstrecken und nach wenig Sekunden stand Raimund vor
Vicktorinen Sein erster Blick fiel auf sie er sah sie fast besinnungslos da
sitzen und errötete sichtbar doch suchte er sich schnell wieder zu fassen und
richtete wirklich seinen Auftrag an Herrn Kleeborn mit möglichster Klarheit aus
anfangs freilich mit etwas unsicherer nach und nach aber mit immer fester
werdender Stimme Es war von einer sehr bedeutenden Unternehmung die Rede zu
welcher Holm den Plan entworfen hatte und zu deren Ausführung Herr Kleeborn mit
dem Herrn Fischer zusammentreten wollte Er ging darüber mit Raimunden in sehr
weitläuftige Unterhandlungen ein lobte mehrmals die helle bestimmte Ansicht
des jungen Mannes und betrug sich im Ganzen so freundlich und höflich gegen
ihn dass Vicktorine sich nicht nur allmählig von ihrer Überraschung erholte
sondern sogar begann in ihrem Gemüte den kühnsten Hoffnungen Raum zu geben
    Der Gegenstand des Gesprächs der Beiden war nun erschöpft und Holm machte
Miene sich entfernen zu wollen doch Kleeborn hielt ihn fest »Ehe Sie gehen
lieber Herr Holm« sprach er »will ich Ihnen doch einen Beweis meiner Achtung
für Ihre Person geben Sie sollen der erste sein der meiner Tochter als der
Braut des Sir Charles Wissmann seinen Glückwunsch bringt Ihr Bräutigam ist
holländischer Konsul in London und der Sohn des berühmten Amsterdammer Hauses
dieses Namens das Ihnen gewiss rühmlichst bekannt sein wird Seit mehr als zehn
Jahren bin ich diesem Hause so hoch verpflichtet dass ich nur auf diese Weise
meine Schuld einigermaßen abtragen kann«
    Raimund stand jetzt unbeweglich und bleich gleich einer Marmorbüste da Es
war ihm als ob bei dieser unerwarteten Anrede die Sinne ihm vergiengen auch
Vicktorine starrte mit gefalteten bebenden Händen und mit weit offenen Augen
atemlos vor sich hin Sie sprang vom Sofa auf »Vater« rief sie »Vater was
soll dieser grausame Scherz« Die Stimme versagte ihr sie verstummte
sichtbarlich zitternd vor innerer ängstlicher Bewegung
    »Scherz mein Kind« erwiderte Kleeborn mit erzwungnem Gleichmut »ei ei
Vicktorine seit wenn kennst Du mich denn von dieser spashaften Seite Dass ich
mit ernsten Dingen nicht gewohnt bin zu scherzen könntest Du doch wissen Frage
nur hier Herrn Holm das Haus Deines Schwiegervaters in Amsterdam ist ihm gewiss
bekannt«
    »Sie scherzen nicht Vater« rief jetzt Vicktorine sich und alles in ihrer
Verzweiflung vergessend »Sie scherzen nicht Und dieser fürchterliche Hohn  o
Vater ich habe Ihnen ja nichts verschwiegen Sie konnten mein Herz«  
Kleeborn unterbrach sie »Mädchenherzen sind Modeartikel auf die kein
vernünftiger und gewiss kein solider Mann sich einlässt« erwiderte er ihr noch
immer sehr gleichmütig »Übrigens« setzte er hinzu »will ich hoffen dass Dein
Herz kein rebellisches sondern ein gehorsames Herz ist wie es sich für meine
Tochter ziemt Von Deinen Geständnissen aber die Du mir gemacht haben willst
weis ich kein Wort und auch Du tust am besten sie ebenfalls zu vergessen«
    »Vater o mein Vater« rief Vicktorine ängstlich flehend »Sie wussten um
meine Liebe Hören Sie auf mich auf diese Weise zu ängstigen ich habe Ihnen ja
nichts verborgen und wenn Sie auch Gründe vielleicht hatten den Namen des
Mannes den ich liebe nicht von mir nennen hören zu wollen so konnten Sie ihn
aus Raimunds seltnem Entschluss doch erraten ja Sie haben ihn erraten
besinnen Sie sich doch lieber Vater Sie haben ihn erraten«   »Das ich nicht
wüsste« fiel Kleeborn noch immer sehr kalt und gelassen ein »ich gab mich nie
sonderlich mit Rätseln ab doch weis ich lange dass junge Mädchen sich mit
eingebildeten Liebesgeschichten die Zeit vertreiben wenn es mit den Puppen
nicht mehr recht fort will denn jedes Alter will sein Spielwerk Doch Du
Vicktorine solltest die Kinderschuhe endlich ausgetreten haben und ich bitte
dass es von heute an geschehe wenns nicht schon geschehen ist«
    Mit hochfliegender Brust bleich und stumm vor Entsetzen stand Vicktorine
im gewaltsamen Kampfe ihres Innern da während ihr Vater sich jetzt vornehm
höflich an Raimund wandte »Von Ihnen Herr Holm« sprach er zu diesem »und von
Ihrem Verstande hege ich eine zu gute Meinung als dass ich nicht glauben dürfte
dass Sie von jeher eingesehen haben werden wie weder Ihre jetzige Lage noch Ihre
derzeitigen Vermögensumstände Sie für jetzt berechtigen können auf die Hand
eines Mädchens wie die einzige Tochter von Martin Nicolaus Kleeborn eines ist
Ansprüche zu machen« Hier wollte Raimund antworten doch der Alte lies ihn
nicht zum Worte »Ich will Sie mit dieser meiner Äußerung keinesweges
zurücksetzen lieber Herr Holm« sprach er noch immer in ziemlich höflichem
Tone »im Gegenteil ich kenne Sie als einen sehr soliden und geschickten
jungen Mann der einst gewiss noch in der Welt sein Glück machen wird Viele
haben mit weit Wenigerm angefangen als Sie und sind jetzt Millionäre Ihr Glück
blüht noch und wenn ich in Zukunft Ihnen irgendwo dienen kann soll es gern
geschehen denn ich helfe gern jungen Leuten fort Aber für jetzt  nun Sie
wissen es ja auch künftig ist nicht heut und man pflückt nicht Blüten sondern
Früchte«
    Raimund hatte allmählig während dieses Vorganges seine Fassung wieder
errungen« Je länger Kleeborn sprach je höher richtete er sich aus seiner
vorigen durch Schrecken und Verlegenheit gebeugten Stellung wieder empor so
dass er zuletzt mit fast königlichem Anstande vor seinem Widersacher stand und
ihm so fest ins Auge sah dass Kleeborn jetzt seinerseits dadurch in einige
Verlegenheit geriet und unwillkürlich das Gesicht von ihm abwandte
    »Ich weis wer und was ich bin und es bedarf keiner Erinnerung von Ihnen
Herr Kleeborn um mich in den mir gebührenden Schranken zu halten« erwiderte
Raimund jetzt zwar mit gemässigtem aber dennoch sehr festem ernsten Tone »Ja
ich gestehe es« fuhr er fort »und ich bin stolz darauf es Ihnen und der
ganzen Welt zu bekennen dass ich Vicktorinen mehr liebe als mich als mein
Glück als mein Leben Doch verstehen Sie mich recht nur sie liebe ich nur
nach ihrem Besitze strebe ich nicht nach dem Vermögen ihres Vaters dessen ich
Gottlob nicht zu meinem Glücke bedarf«
    »Ich habe Sie ausreden lassen und erbitte mir die nämliche Gefälligkeit
jetzt von Ihnen« setzte Raimund hinzu da er bemerkte dass der Alte ihm etwas
erwidern wollte »Es kann Ihnen nicht unbekannt sein« fuhr er fort »dass wäre
ich dem Stande getreu geblieben zu dem ich erzogen ward ich die sichre
Aussicht hatte Ihrer Tochter mit meiner Hand ein vielleicht glänzendes oder
doch gewiss ein unabhängiges und ehrenvolles Loos bieten zu können Doch ich
verlies diese Bahn um auf eine Weise zu dem höchsten Ziele meiner Wünsche zu
gelangen die auch Ihnen gefallen und sogar mit der Zeit Ihnen nützlich werden
könnte Ich wünschte dem Vater Vicktorinens durch ein nicht unbedeutendes Opfer
meine Liebe zu seiner Tochter zu beweisen und zugleich durch meinen
angestrengtesten Fleiß ihm späterhin ein sorgloses mühloses Alter
    »So Ey das ist ja recht schön und lobenswert« fiel Kleeborn jetzt noch
immer ein wenig verlegen ein  denn das edle feste Benehmen des jungen Mannes
imponirte ihm doch einigermaßen und überdem mochten auch Rücksichten auf das
eben gesprochene wichtige Geschäft ihn bewegen denselben mit einiger Schonung
zu behandeln »Ja sehen Sie« fuhr er daher ziemlich freundlich fort »das ist
wie gesagt recht lobenswert und schön Nun Sie werden es mir gewiss noch selbst
einst verdanken dass ich so gleichsam die unschuldige Ursache war Sie auf den
rechten Weg zu bringen denn Sie sind zum Kaufmann geboren Und wie gesagt wenn
ich gleich Ihre Offerte wegen meiner Tochter diesmal nicht annehmen kann so bin
ich doch stets geneigt Ihnen in Zukunft mit meinem guten Rat oder auch sonst
zu dienen denn wir bleiben doch gute Freunde da ich von Ihrer
Rechtschaffenheit hoffe dass Sie nicht hinter meinem Rücken etwas unternehmen
werden um mein einziges Kind zum Ungehorsam zu verleiten«
    Holm ohne ihm zu antworten wandte sich Vicktorinen zu die einer
Sterbenden ähnlich in der leidenschaftlichsten Bewegung vergebens nach Atem
rang »Teures unaussprechlich geliebtes Wesen« sprach er und drückte ihre
Hand an sein hochschlagendes Herz Vicktorine Du Licht meiner Augen Du Leben
meines Lebens zürne mir nicht dass ich jetzt Deine Freiheit Dir wieder gebe ich
wollte Dich verdienen doch erschleichen will ich Dich nicht entscheide über
Dich selbst und wenn Du es vermagst so folge dem Willen Deines Vaters lass den
Gedanken an mein künftiges Geschick auf Deinen Entschluss keinen Einfluss haben
Dein Glück ist das meine Dein Bild kann mir niemand rauben und eine Zukunft
gibt es nicht mehr für dieses Herz das hinfort nur in der Vergangenheit lebt
Ich bleibe Dein denn ich kann nicht anders doch Du   
    »Raimund Raimund« schrie Vicktorine mit konvulsivischer Heftigkeit laut
auf sie stürzte zum erstenmal sich in seine Arme an seine Brust sie umschlang
seinen Nacken mit furchtbarer Angstgeberde und sank dann vor ihrem Vater
nieder dessen Knie sie fest umklammerte »Vater« rief sie »können Sie mich
Ihr einziges Kind so sehen und nicht sich erbarmen können Sie diesen edelsten
der Menschen hören und nicht an Ihre Brust ihn schließen und nicht Gott danken
dass er ihr Sohn sein will«
    »Romanenheldin Komediantin solche Teaterpossen gehen an mir verloren«
rief der Vater bleich vor Zorn mit bebenden Lippen indem er sich los zu machen
strebte »Also auf du und du bei Gott das geht weit Steh auf Steh auf
Vicktorine Du bist und bleibst Charles Wissmanns Braut denn ich gab mein Wort
und werde es Deiner Narrheit zu gefallen nicht zum erstenmal in meinem Leben
brechen Und Sie junger Herr  «
    »Vollenden Sie nicht was Sie sagen wollen Hören Sie erst meine Erklärung
auch« sprach Raimund mit so festem männlichen Ton dass Kleeborn sich bewogen
fühlte ihm nachzugeben »Dass ich nach diesem nicht mehr daran denken kann Sie
durch Bitten erweichen zu wollen werden Sie mir zutrauen dass ich mein Glück
nicht erschleichen will wiederhole ich Ihnen nochmals«
    »Sie werden also hinfort nicht suchen meine Tochter heimlich zu sehen Sie
wollen ihr nicht schreiben in Summa Sie geben alle Ihre Ansprüche auf«
    »Ich habe keine Ansprüche als an ihr Herz und nur Vicktorine darf hier
entscheiden« erwiderte Raimund
    »Ich bin Du Du bist ich« rief Vicktorine überlaut und umschlang ihn
nochmals »Lassen Sie mich mein Vater« sprach sie mit so wild blitzenden
Augen als dieser eine Bewegung machte sie von Raimund los zu reißen dass er
erschrocken von ihrer Heftigkeit zurück fuhr »Höre mich Gott was ich in
Gegenwart meines Vaters gelobe« rief sie und hob wie zu einem Eidschwur ihre
rechte Hand empor »Ich schwöre Treue unverbrüchliche Treue diesem Mann So wie
nichts ihn je aus meinem Herzen reißen kann so soll nichts je mich bewegen
meine Hand einem Andern zu geben Und nun lebe wohl« sprach sie in die höchste
Weichheit übergehend »lebe wohl mein Glück meine Jugend meine Seeligkeit auf
Erden Raimund ich bin Dein und bleibe es darum versprich für mich was Du
willst ich werde es halten denn Du bist meine Seele meine Tugend Du bist
alles Meineid wirst Du auf mich nicht laden wollen« hauchte sie noch in
gebrochenen Tönen hin und sank wie aufgelöst in seinen Armen zusammen
    »Vicktorine o meine Vicktorine« war alles was Raimund aus gepresster Brust
hervor seufzen konnte und Tränen glänzten in seinen Augen indem er sie aus
seinen Armen auf das Sofa niedersinken lies ihre Hand behielt er fest in der
seinen indem er ihrem Vater sich zuwandte der jetzt schäumend beinah in
untätigem Zorn dabei stand
    »Sie hörten die Erklärung Ihrer Tochter« sprach Raimund mit edlem Anstand
und gemässigtem Ton »Ich habe hier nach Vicktorinens Willen für uns beide zu
handeln und so nehmen Sie denn unser beider heiliges Versprechen dass wir nicht
suchen wollen uns heimlich weder zu sehen noch zu schreiben so lange Sie es
uns verbieten denn ich hoffe dass Ihre Behandlung Vicktorinens mir nicht zur
Pflicht machen wird der Geliebten zu Hilfe zu eilen Wollen Sie noch mehr«
»Ihr sollt euch trennen« schrie Kleeborn fast unverständlich vor Wut
    »Wir trennen uns bis ein günstigeres Geschick uns vereint hier oder dort«
sprach Raimund mit glänzenden Augen Fest aber wehmütig setzte er noch hinzu
»Sein Sie ruhig alter Mann wir sind beide nicht fähig Sie zu betrügen« Dann
küsste er noch einmal Vicktorinens leblose Hand »Lebe wohl lebe wohl auf lange
Zeit« rief er aus und verließ das Zimmer
»Und so ist es noch in diesem Augenblick Tante« sprach Vicktorine am Ende
ihrer Erzählung »Wir haben Wort gehalten wir sehen uns nicht wir schreiben
uns nicht aber die Luft die mich umweht bringt mir seinen Gruß und die
Sterne am Himmel sind unsre Vertrauten denn sie leuchten mir und ihm ich lese
in ihnen dass er meiner gedenkt der Abglanz seiner Blicke stralt mir aus ihnen
entgegen das kann mein Vater doch nicht hindern Nein so weit reicht nicht
seine Gewalt aber auch eben so wenig soll sie dahin reichen mich zwingen zu
können jenem Verhassten meine Hand zu geben und so auf mein bis jetzt
schuldloses Gemüt die Sünde des Meineids zu laden O Tante sagen Sie ihm nur
dieses wenden Sie Ihre Überredungskraft nur dazu an ihn hiervon zu
überzeugen damit er aufhöre mich zu zwingen ihm widerspenstig und
pflichtvergessen zu erscheinen während ich doch nur tue was ich muss O nehmen
Sie gütig uns Verlassene in Ihren Schutz« setzte Vicktorine kindlich flehend
hinzu
    »Glaubst Du wirklich es bedürfe Deiner Bitten damit ich alles was in
meinen Kräften steht zu Deinem Besten versuche« erwiderte freundlich die
Tante »Das Nötigste wäre freilich erst auszumitteln was eigentlich Dein
Bestes erfordert und vor allen Dir beizustehen damit Du Gewalt genug über Dich
gewinnst um jene Heftigkeit zu mäßigen die spät oder früh Dich ins Verderben
stürzen muss«
    »Tante liebe Tante« fiel Vicktorine ihr ein »ich bin von Natur nicht
heftig ich war in Raimunds Nähe stets sanft und mild und lenksam wie ein Kind
Aber hier gilt es mehr als mein Leben Gewis wenn wir nicht früherem Untergange
bestimmt sind so kommt einst die Zeit die mich und Raimund hier noch vereint
denn wir beide sind nur zusammen nur eins durch das andere alles was wir sein
können Nehmen Sie mir ihn und Sie rauben mir nicht nur mein ganzes Erdenglück
Sie rauben mir das Gefühl des Rechts der Tugend Sie machen mich zu einem
Nichts und in mir o mein Gott« rief sie mit unendlicher schmerzhafter
Gebärde »o mein Gott in meinem armen unbedeutenden Ich zerstört ihr das große
schöne Herz meines Freundes Wer könnte diesen Mord euch vergeben« setzte sie
mit strömenden Augen hinzu und verbarg laut weinend ihr Gesicht
    In diesem Moment trat Angelika hinein doch da sie die Beiden so bewegt sah
entfernte sie sich sogleich wieder um durch ihre Gegenwart nicht störend zu
werden Die Tante sah schweigend ihr nach »Und wie willst Du denn diese milde
liebliche Erscheinung Dir erklären Vicktorine« fragte sie endlich« darfst Du
Deinen Schmerz dem Ihren gleich stellen und lebt sie nicht lächelt sie nicht
zuweilen und siehst Du nicht sogar in allen ihrem Tun zarte Keime eines
neuen nur anders gestellten Lebens erblühen Ach liebes Kind Glück und Unglück
gehen an uns vorüber nur das Recht die Pflicht bestehen und was diese uns
gebieten lässt sich erfüllen Die Kraft dazu kommt uns wir wissen nicht wie
obgleich wir es ahnen und die Bessern unter uns hebt der Schmerz über sich
selbst und veredelt sie statt sie nieder zu drücken«
    »Tante« rief Vicktorine »um Gotteswillen nennen Sie Angelikas armes Dasein
Leben sind denn die Keime neuen Lebens wie Sie sie nennen etwas anders als
nimmer aufblühende Knospen die zu einer Todtenkrone sich flechten wollen
Können Sie so irren Haben Sie nie gelebt nie geliebt«
    »Doch wohl vielleicht« erwiderte die Tante mit einem leisen Seufzer und
brach für diesen Abend das Gespräch ab
Zu aller ihrer Freunde höchsten Erstaunen erholte sich Vicktorine unglaublich
schnell von dem letzten Stoß den ihre Gesundheit erlitten hatte
    Man schrieb dieses halbe Wunder zwar dem Arzte zu doch eigentlich war es
die Tante die den Grund dazu legte teils indem sie der Kranken durch Herrn
Müller die beruhigende Gewisheit zu verschaffen wusste dass von Raimunds Reise
nach Odessa nie ernstlich die Rede gewesen sei teils indem sie den schweren
Druck gewaltsam erzwungnen Schweigens von ihr nahm und ihr erlaubte alle
Gefühle ihres von Angst und Liebe überströmenden Herzens vor ihr auszuschütten
Im Genuss ihrer freudigen Jugend hatte Vicktorine bis jetzt keiner Vertrauten
bedurft und folglich auch keine gefunden aber sie war auch dabei vom Schicksal
zu verwöhnt worden um den Schmerz ebenfalls allein tragen zu können So hatte
einzig das gewaltsame Zurückdrängen des sie allmächtig beherrschenden Gefühls
des Kummers der Sorge um den Geliebten sie an den Rand des Grabes gebracht
Jetzt aber fand sie in der Tante was weder die gute doch beschränkte Virnot
noch eine ihrer Jugendgespielen ihr hatten sein können eine weise
teilnehmende Freundin die zwar weit davon entfernt blieb ihr Benehmen
durchaus zu billigen und dieses sogar mit eindringendem Ernst zuweilen
äußerte die aber doch gern und gelassen sie anhörte Und für dieses
leidenschaftliche Gemüt war das schon eine große Erleichterung
    Übrigens übte die Tante durch ihre bloße Gegenwart eine Art magnetischer
Kraft an Vicktorinen die in der Tat wunderbar und seltsam genug war Sie
widersprach ihr wenig sie fragte noch weniger sie hörte sie meistens nur an
Aber der ernste durchdringende Blick ihres klaren Auges entflammte Vicktorinen
zu immer festeren Beschlüssen dem stummen Widerspruch den sie oft in den Zügen
ihrer Vertrauten zu lesen glaubte stellte sie ihre geheimsten Gedanken ihr
verborgenstes Empfinden laut entgegen und so lernte sie erst durch dieses mit
unsichtbarer Gewalt erpresste Vertrauen sich und ihr Herz klar erkennen indem
sie dadurch über vieles erst zum deutlichen Bewusstsein gelangte was bis dahin
nur wortlos ihrem innern Sinne vorgeschwebt hatte
    So kehrte denn nach und nach das gewohnte Leben in den häuslichen Kreis des
Kleebornschen Hauses wieder zurück und der Herr desselben begann schon dem
Zeitpunct freudig entgegen zu sehen in welchem Überfluss Pracht und rauschende
Gesellschaften seine weiten Säle wieder füllen würden Er kam jetzt jeden Abend
auf eine Stunde in das Wohnzimmer wo die Tante mit anmutiger Sitte und
gewohnter Heiterkeit am Teetische waltete um welchen sich schon zuweilen
einige vertraute Freunde versammeln durften er sah mit Vergnügen wie auf
Vicktorinens bleichen Wangen die Farbe der Genesung allmählig wieder erblühte
und ihr so lange verdunkeltes Auge wieder im helleren Glanze zu strahlen begann
»Nun nun murmelte er dann für sich hin es geht wie ich dachte mit der Zeit
wird sich alles geben« und eilte seelenvergnügt dem Spieltische zu an welchem
seine Freunde ihn erwarteten
    Eines Abends an welchem Vicktorine sich auffallend wohl befand sprach er
kurz ehe er fortgieng sehr viel von einem glänzenden Feste mit welchem er
nächstens die völlige Genesung seiner Tochter zu feiern gedachte und Babet und
Agathe arbeiteten dabei wie nach dem Tackt an einem neuen Ballputze den sie
nach Angabe der Tante für sich verfertigten Der Himmel hing ihnen dabei voll
lauter Walzer spielenden Geigen und sie sahen schon im Geiste die kleinen
Füschen unter der dicken blumenreichen Garnirung des kurzen Kleidchens zierliche
Triller schlagen
    Angelika ging indessen in liebenswürdiger Geschäftigkeit ab und zu und
suchte jedem besonders der Tante nach ihrer Weise etwas Angenehmes zu
erzeigen Der stille Schmerz verklärte dies holdseelige Wesen immer mehr und
mehr und machte es immer freundlicher Jeder sogar Herr Kleeborn fühlte sich
von dem eigentümlichen Wohlwollen das Angelika Allen bezeigte zu ihr gezogen
und empfand gleichsam die Verpflichtung ihr verlornes Glück durch verdoppelte
Liebe ihr zu ersetzen so weit dies möglich war Das dankbare Gemüt des
stillen freundlichen Mädchens öffnete sich natürlicherweise gern dem tröstenden
Einflusse dieser überall ihm entgegen kommenden Neigung und es fasste wieder
Freude am Leben doch nicht am eignen In dieses sah Angelika vollkommen wie in
ein fremdes hinein es war ihr als gienge sie sich selbst nichts mehr an nur
im Schmerz oder in der Freude Anderer fühlte sie noch ihr irdisches Dasein und
daher war es ihr sehnlichster Wunsch nur Vicktorinen wieder froh und glücklich
zu sehen deren lebensreiche Natur weder Schmerz noch Entsagung zu tragen wusste
    Bald nach Herrn Kleeborns Entfernung ergriff die Tante ein Buch wie sie
jeden Abend zu tun pflegte um mit ihrer wohltuenden sonoren Stimme den jungen
Mädchen etwas vorzulesen Sie war Meisterin in dieser Kunst und die Wahl die
sie unter den vorzüglichsten Dichtern unserer Zeit zu treffen wusste bezweckte
vor allem das Gemüt ihrer beiden Lieblinge zu beschwichtigen indem sie den
eignen Schmerz im verklärten Lichte der Poesie ihnen zeigte So öffnete sie
zugleich die jungen Herzen jenem beseeligenden Einflusse der Kunst der ihre
Lieblinge weit über irdisches Geschick erhebt und allein uns lehrt in stiller
Tätigkeit und dennoch duldend es zu besiegen und in der eignen Brust einen
Himmel uns zu erbauen den keine Erdenmacht verhüllen darf
    Agathe und Babet die nur den Augenblick mit Ungeduld erwartet hatten in
welchem die Tante ermüdet das Buch wieder hinlegen würde benutzten jetzt diesen
um in ihr Zimmer zu eilen und sich dort für das erzwungne beschwerliche
Schweigen während der Lektüre zu entschädigen Angelika hingegen holte auf der
Tante bittenden Wink ihre Harfe herbei und hauchte mit süßer leiser Stimme
folgendes Lied in den Klang der goldenen Saiten Sie hatte in einer schönen
wehmütigen Stunde bald nachdem Ferdinand zur Armee gegangen war es selbst
gedichtet und Worte und Melodie waren zugleich entstanden
                                 Angelikas Lied
Bricht an der Tag mit seinen hellen Lichtern
So flücht ich meiner Liebe heilgen Schein
Vor all der bunten lauten Menge schüchtern
In meines Herzens tief verschlossnen Schrein
Dort ruht er ungesehen glüht verborgen
Bis dass der Abend kommt dies ist sein Morgen
Denn wenn nun dieser zieht die grauen Schatten
Das Licht sich nach und nach in Dunkel bricht
Bis es im letzten Strahle muss vermatten
Wenn Nacht sich um die weiten Himmel flicht
Dann zünde ich im allertiefsten Herzen
Ganz still mir an der stillen Liebe Kerzen
Sie leuchten freudig mir in meiner Zelle
Aus herrlicher Vergangenheit herauf
Sie zeigen auch im Dunkel Hoffnungshelle
Mir meiner Zukunft unentüllten Lauf
Sie glänzen  gehen die müden Augen schlafen 
Als Pharus in des Traumes Wunderhafen
Und diese lichten Träume sollen blühen
So lang des Lebens Traum mich noch umfängt
Sie sollen treu auch dahin mit mir ziehen
Wo man zum langen Schlaf mich eingesenkt
Nein Diese Flammen können nicht vergehen
An ihnen zündet sich das Auferstehen
Tränen glänzten in den Augen der Zuhörerinnen als die Sängerin verstummte
doch ihre Augen blieben klar ihre Züge heiter indem sie aufstand und
schweigend die Harfe wieder hinaus trug
    Sobald sie das Zimmer verlassen hatte warf sich Vicktorine mit
überströmendem Gefühl in Annas Arme »Tante« rief sie »glauben Sie es nur
ich fühle die stille Lehre die Sie durch die Gegenwart dieses schon
halbverklärten Engels mir geben wollen aber kann denn die junge Tanne sich
schmiegen und beugen wie der Epheu liebe gütige Frau ich leide in Ihrer Seele
wenn ich Ihre Zukunft mir denke denn ich sehe es Sie wollen zu der Höhe mich
führen auf welcher Angelika erhoben in ihrer Demut schon steht und Sie
werden zu meinem frühen Grabe mich hinleiten«
    In Tränen schwimmend verbarg sie jetzt ihr Gesicht am Busen der Tante die
schmeichelnd und liebkosend sie aufzurichten strebte »Meine Vicktorine«
sprach sie »mein geliebtes Kind glaubst Du denn ich wisse nicht wie Schmerz
oder Freude auf Jeden seiner eignen Natur nach verschieden wirken muss oder
denkst Du ich wäre ungerecht genug Allen Alles zuzumuten da doch das Maß
und die Art unsrer Kraft so verschieden sind Nur können wir dieses Maß nicht
eher erkennen bis wir erprobt haben wie weit es reicht Und deshalb tut es
mir immer weh und macht mich sogar zuweilen unmutig was es nicht sollte wenn
ich sagen höre das kann ich nicht das ist mir unmöglich Ach wir können
tausendmal mehr als unsre feigherzige Trägheit uns eingestehen mag wenn es uns
nur mit dem Wollen ein rechter Ernst ist Ich spreche aus Erfahrung liebes
Kind oder denkst Du wirklich weil ich jetzt alt bin ich habe nie jugendlich
gefühlt nie jugendlich gelitten wie Du oder Angelika«
    »Ach Tante ich glaube es wohl« erwiderte seufzend Vicktorine »aber Ihre
Jugendzeit war anders und besser als die unsere und auch das Mädchenleben in
allen seinen Anforderungen und Begebnissen war gewiss himmelweit von dem unsern
verschieden Daher kann ich mir recht wohl denken dass auch Sie fühlten wie wir
aber ich kann nimmermehr glauben dass der Schmerz so gewaltsam zerstörend Ihnen
nah getreten sei Seit Sie jung waren hat sich alles anders gestaltet und auch
wir sind ganz anders ins Leben hingestellt als Sie es waren Bei Ihnen war Ruhe
und Ordnung wir aber schiffen auf bewegtem Meer jauchzend werden wir von der
hohen Brandung zum Hafen getragen oder finden von ihr zerschmettert am
nächsten Felsenriff unser und unsrer Hoffnungen Grab Jedes Lebensschiff ist
jetzt das Spiel der Windesbraut der Zeit jede Bewegung ist Kampf«
    »Die Form mag sich freilich seit ich jung war sehr verändert haben«
erwiderte die Tante »aber das innere Wesen der Dinge verändert sich nie und
der Glaube ist kindisch wenn gleich ziemlich allgemein dass die Welt weil wir
sie betreten sich durchaus umgestalten musste« Vicktorine schwieg errötend
und jene fuhr sehr ernst werdend zu reden fort indem sie auch Angelikas Hand
ergriff welche inzwischen wieder in das Zimmer gekommen war »Kinder« sprach
Tante Anna »ich bin nicht daran gewöhnt viel von mir selbst zu reden aber ich
liebe Euch mütterlich und habe es in diesen Tagen recht ernstlich bei mir selbst
überlegt ob ich nicht wohl daran täte wenn ich Euch auch meine Jugend
erzählte Ich glaube dass Dein Mut meine Angelika vielleicht gestärkt und
erhöht wird wenn Du an meinem Beispiele siehst dass es ein noch herberes Leid
geben kann als das Deine und dass es dennoch möglich sei es zu tragen und dabei
zu leben Und Du meine Vicktorine kannst vielleicht lernen dass die Liebe in
Deinem jungen Herzen noch nicht das höchste Werk des alten Meisters ist nicht
die einzige Axe um die für Dich die Welt sich drehen muss und dass das was Du
dein Unglück nennst nicht eine Art von Adelsbrief ist der vor Andern Dich
auszeichnet denn wir alle wurden geboren zu lieben zu leiden und am Ende in
stiller frommer Ergebung unser wahres Glück zu finden Den ersten Abend an
welchem wir Drei ruhig und allein bei einander sind denke ich dieser ernsten
Unterhaltung zu weihen obgleich ich vielleicht nicht ganz gleichgültig und ohne
Schmerz daran gehen werde so manchen längst besiegten bösen Tag noch einmal in
der Erinnerung zu durchleben«
»Höre Babet« fragte Agathe ihre Schwester Abends beim Auskleiden »wie gefällt
dir Angelika« »Ach geh mir mit der die ist mir viel zu matterzig«
erwiderte Babet verdrüslich »Ja es ist wohl wahr viel Leben hat das arme Ding
freilich nicht« erwiderte Agathe mit einem kleinen Achselzucken aber gut muss
man ihr doch sein Sieh nur was für ein großes Stück sie mir während dem
Vorlesen an meiner Garnirung weiter half«
    »Die Tante hat doch wirklich viel Geschmack« setzte Agathe nach einer
kleinen Pause hinzu während welcher sie das neue Kleid wohlgefällig
betrachtete »und sie ist dir auch noch sonst gar nicht so übel als wir anfangs
meinten Denk nur sie weis alles von mir und dem Lieutnant und dabei ist das
das wunderlichste dass ich ihr das meiste selbst erzählt habe ich begreife noch
bis diese Stunde nicht wie ich dazu gekommen bin«
    »So und was sagte sie denn dazu« fragte Babet ganz trübseelig denn sie
überlas eben zum dreissigsten male des blonden Theodors Abschiedskarte die sie
vorhin im Wohnzimmer heimlich vom Spiegel mit weggenommen hatte
    »Ach es war recht wunderlich« erwiderte Agathe sie lachte und sagte
»nun mit diesem Herzchen hat es wohl fürs erste keine Not das nimmt es wohl
noch mit einem ganzen Dutzend hübscher Blond und SchwarzKöpfe auf War das
nicht recht frivol gesprochen von einer so alten Person Hernach aber ward sie
auch wieder mit einemmale ganz ernstaft und gab mir gute Lehren und sagte mir
allerlei darüber wie ich mich gegen den Schwarzen zu benehmen habe«
    »So hat sie Dich doch am Ende recht ausgescholten« murmelte Babet vor sich
hin
    »Gescholten Ach nein nicht sehr nur ein ganz klein bisschen« antwortete
Agathe »und Du wirst es kaum glauben aber es ist doch wahr sie hat mir ganz
von selbst versprochen dass er zu der ersten Gesellschaft gebeten werden soll
die wir geben und das geht auch recht gut an denn Visite hat er beim Onkel
gemacht ich habe selbst die Karte gesehen Und dann soll er auch mich zu Tische
führen und neben mir sitzen dürfen aber dafür musste ich ihr auch versprechen
ihr nichts von dem zu verheimlichen was unter uns vorgeht«
    »Und das hast Du auch getan« fragte Babet »Das wohl nicht« war die
Antwort »ich habe ihr natürlicherweise gesagt dass ich ihr unmöglich ein jedes
Wort wiederklatschen könne was wir beide miteinander reden und damit war sie
denn auch zufrieden Sie lachte wieder recht von Herzen und meinte denn dass
sie das auch gar nicht zu wissen verlange Ich soll ihr nur nichts vorsätzlich
verschweigen und vor allen Dingen ihr gerade das sagen wobei mir einfiele dass
ich es nicht gern sagen will Das habe ich ihr denn endlich auch versprochen
denn ich denke das kann mir doch einmal nützlich sein da sie es doch so gut
mit mir meint Es ist mir auch selbst sogar lieb dass ich doch jetzt jemand
Vernünftiges habe mit dem ich alles überlegen kann und der mir guten Rat
gibt«
    »O du dummes Kind dann ist ja bei der ganzen Geschichte keine Freude mehr«
seufzte die trauernde Babet setzte sich verdrüslich mit ihrer Karte in eine
Ecke Theodor und die Seeligkeit des letzten Kottillions fielen ihr wieder ein
und sie weinte bitterlich wohl eine Viertelstunde lang bis sie zuletzt darüber
vor Betrübnis einschlief
Wenige Tage später wurde eine neue berühmte Oper gegeben und Babet und Agathe
erhielten die Erlaubnis der ersten Vorstellung derselben unter dem Schutze der
Mamsell Virnot beizuwohnen Seit Vicktorinens Krankheit hatten sie dieser Freude
entbehrt also lange genug um ihr jetzt mit Entzücken entgegen zu gehen und so
war denn der einsam ruhige Abend für die versprochne Lebensgeschichte der Tante
gewonnen
    Im Zimmer herrschte mehrere Minuten lang eine fast andächtige Stille welche
weder Angelika noch Vicktorine unterbrechen mochte die Tante sah so wehmütig
feierlich aus indem sie sich ohne ein Wort zu sprechen in ihren Armstuhl
niederlies Deshalb verstummten auch beide Mädchen und mochten aus Zartgefühl
es gar nicht wagen sie durch Worte oder Blicke an ein Versprechen zu erinnern
dessen Erfüllung ihr wie sie selbst gestanden hatte schmerzlich sein musste
Doch es bedurfte bei ihr keiner Mahnung denn nach einer kleinen Pause nahm sie
wenn gleich sichtbar beglommen von selbst das Wort
    »Das ruhige Beieinandersein des heutigen Abends wollen wir benutzen wie ich
es Euch verheißen habe« sprach sie »aber mir ist doch sonderbar dabei zu
Mute wahrscheinlich weil ich nie gewohnt war von mir selbst viel zu reden«
    »Ich wusste von jeher zu viel von der Welt als dass ich hätte wünschen können
dass sie viel von mir wissen möge und so seid Ihr denn die ersten denen ich je
von mir und der Geschichte meines Lebens Rechenschaft ablege Meine Erzählung
wird indessen doch lang sein denn mein Leben wars Es war doch auch mitunter
recht öde recht schmerzenvoll recht arm« setzte die Tante von ihrer
Erinnerung unwillkürlich fortgerissen hinzu und sah dabei so trübe und
schweigend vor sich hin wie man einem bei sinkender Dämmerung sich entfernenden
Gegenstande nachblickt
    Angelika rückte ihr leise näher Vicktorine heftig wie gewöhnlich schloss
sie in ihre Arme und rief indem sie mit besorgter Teilnahme ihr ins Gesicht
sah »Tante liebe Tante wenn es Sie schmerzt«  doch diese wehrte sie
freundlich von sich ab
    »Nicht doch« sprach sie »und wäre es auch Ihr beide seid ja meine
geliebten Töchter und Mutterliebe achtet keiner Schmerzen Es liegt doch auch
wieder gewissermaßen etwas Erfreuliches in dem Gefühle mit welchem wir am Ende
einer langen gefahrvollen Bahn den zurückgelegten Weg noch einmal überschauen
und die welche ihn erst antreten wollen durch unsre mühsam erworbne Erfahrung
zu leiten suchen« setzte die Tante nach einer kleinen Pause mit gefälligem wenn
gleich anfangs etwas erzwungnem Lächeln hinzu »Was ich Euch erzählen will ist
übrigens kein erheiterndes Märchen wie es für Euren jugendlichen Sinn sich
passen möchte aber mährchenhaft wird es Euch doch wohl zuweilen vorkommen wenn
Ihr die verfallne Gestalt der alten Tante anseht und sie dabei von jenem Zauber
sprechen hört dessen Nachhall ihr noch immer nicht verklungen ist Von jenem
Zauber« fuhr die Tante mit feuriger Beredsamkeit fort »von jenem Zauber der
bis in mein spätes Alter im Innern mich jung im Äußern mich kräftig erhielt
der alle Hyroglifen des Lebens am Ende mir herrlich auflöste der wenn gleich
erst spät im Schmerz wie in der Freude das hohe Geschenk eines Lebens mich
recht würdigen lehrte in welchem Gott uns die Liebe zur Begleiterin gab die am
Ende unsers Tagewerks freundlich mild wie der Abendstern bei sinkender Nacht
uns zur Ruhestätte leuchtet um uns beim Erwachen wieder zu empfangen«
    Vicktorine und Angelika blickten gerührt auf die Tante Indem diese so
sprach schien sie vor ihren Augen höher schöner jugendlicher zu werden denn
der erhebende Ausdruck vollkommener seeliger Ruhe nach langer mühvoller
Pilgerfahrt verbreitete seinen verklärenden Zauberschein über ihre ganze
Gestalt so dass die Mädchen sie kaum wieder erkannten Wie sie damals mag
vielleicht ein seeliger Geist die eben verlassne Erde und die geliebten Menschen
auf ihr noch einmal überschauen eh er den höheren Flug vollends aufwärts der
ewigen Heimat zuwendet
    »Es ist wunderbar wie groß und breit und gewaltig die Kluft zwischen ehmals
und jetzt sich in diesem Momente vor mir ausbreitet indem ich zurückblicke in
meine Vergangenheit« fuhr die Tante nach einer kleinen Pause sehr ernstaft und
nachsinnend fort »Es wird in der Tat fast nötig dass ich einen Anlauf nehme
wie jeder gern tut der im Begriffe steht einen großen Sprung zu wagen denn
wahrlich es ist ein Riesensatz von dieser Stunde an bis zu der in welcher ich
mein funfzehntes Jahr antrat Dass ich auch einmal will fünfzehn Jahre alt
gewesen sein kommt Euch wahrscheinlich schon ein wenig sonderbar und
unglaublich vor« setzte sie lächelnd hinzu »aber gewiss ich war es doch
wirklich obgleich mir dies selbst jetzt wie ein Traum dünken will Euch wird es
einst nicht besser gehen liebe Kinder freilich wird dann der Hügel unter dem
ich ruhen werde schon seit langen Jahren eingesunken sein aber die Zeit kommt
doch und es wird euch auch dann ebenfalls scheinen als habe sie dennoch Euch
übereilt Deshalb wollen wir aber für jetzt der Eilenden nicht weiter vorgreifen
denn sie holt uns ohnedem schnell genug ein«
    »Seid ruhig Kinder« sprach die Tante als beide Mädchen mit einem
unendlich wehmütigen Gefühl ihre Hände ergriffen und sie küssten »seid ruhig
und lasst Euch nicht so von Andeutungen und Bildern erschrecken welchen man in
meinem Alter nur gar zu gern nachhängt und denen man auch in dem Eurigen nie
wenigstens nicht geflissentlich aus dem Wege gehen sollte Und nun bitte ich
Euch stört mich im Verfolg meiner Erzählung so wenig als möglich durch Einreden
jeder Art und lasst mich fürs erste den bewussten Anlauf zum Anfange derselben
nehmen indem ich Euch ein Bild unsers häuslichen und geselligen Lebens leicht
hinskizzire so wie es damals bestand als ich vor einigen und vierzig Jahren
aus der Kinderstube in die Mädchenwelt eingeführt wurde
    In jener Euch so ferne liegenden Zeit war das Leben von Euresgleichen
beides reicher und ärmer als das Eure Aermer unendlich ärmer an Willkür und
Freiheit an Überfluss und Mannigfaltigkeit der Vergnügungen reicher viel
reicher an wahrem reinen Genuss denn eben jener Überfluss dessen Ihr Euch
rühmt ermüdet am Ende und die Seltenheit war ja von jeher die beste Würze
unsrer Freuden
    Dieses Lob meiner Zeit kommt Euch etwas sofistisch vor nun so werdet Ihr
doch wenigstens gewiss einen zweiten Vorzug für voll gelten lassen den Eure
Grosmütter vor Euch voraus hatten und von dem wie die Welt jetzt steht fast
keine Spur übrig geblieben ist ich meine hiermit jene allgemeine zarte
Aufmerksamkeit jene an Ehrfurcht gränzende Hochachtung jene an die Zeiten
alter Chevallerie erinnernde und aus diesen abstammende ehrerbietige
Galanterie welche damals von allen gebildeten Männern unserem Geschlechte
gezollt ward Wenn wir einmal in der Gesellschaft erschienen was freilich weit
seltener geschah als jetzt so traten wir gleich kleinen Fürstinnen einher von
einem Gefolge umgeben das jedem unsrer Wünsche mit zuvorkommendem Eifer
entgegen flog Mit Euch Ihr guten Kinder dünken sich die jetzigen Männer
wenigstens auf gleichem Fuß und glauben damit schon ein Übriges für Euch
getan zu haben Daran aber seid Ihr selbst schuld denn Ihr habt Euch auf
glattem Boden neben sie hingestellt Ich möchte uns in unserem damaligen
Verhältnis zur männlichen Welt am liebsten mit seltenen Blumen vergleichen die
mit Sorgfalt in einem verschlossnen Gewächshaus aufbewahrt werden zu denen man
deshalb gern Zutritt zu erhalten sucht und sie in der Nähe zu bewundern
wünscht Ihr aber wachst und blüht in der Freiheit vielleicht nur um so üppiger
und schöner aber Ihr steht in einem aller Welt offenen lustigen Garten in
welchem man ohne Rückhalt Euch nahen darf Was man aber täglich mühelos sehen
kann verliert am Ende den höchsten Reitz den der Neuheit man gewöhnt sich
bald genug achtlos daran vorüber zu wandeln und leider geht darüber manche
köstliche Pflanze unbemerkt zu Grunde oder wird wohl gar im Gedränge zerknickt
und zertreten
    Indessen will ich nicht ableugnen dass wir Euch um eure jetzige größere
Freiheit wahrscheinlich würden beneidet haben wenn wir uns eine solche nur
recht lebhaft hätten denken können Das war aber bei unsern beschränkteren
Begriffen vom Leben und unsrer durch unser Verhältnis herbeigeführten
furchtsamen Bescheidenheit nicht wohl möglich Auch muss ich gestehen dass wir
einen großen Teil unsrer damaligen vornehmen Grandezza mit unsäglichem
schmerzlichem Zwange mit hohen Absätzen an den Schuhen mit breiten steifen
Fischbeinröcken mit Harnisch ähnlichen Schnürbrüsten teuer genug erkaufen
mussten Im vollkommensten Gegensatze mit dem jetzt üblichen war unser Anzug
hauptsächlich darauf berechnet unsre Gestalt bis zum unkenntlichen zu maskiren
Jede von uns war ein wandelndes Rätsel von der Spitze des kleinen mit
Flittern gestickten AtlasKoturns welchen blitzende Steinschnallen noch
verherrlichten bis zu dem Wipfel des hochaufgetürmten Haarschmucks der
obendrein den ganzen Tag über unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm weil jeder
Luftzug jede zu rasche Bewegung des Kopfes dem zarten Puderreif Untergang
drohte Der zärtlichste Liebhaber konnte nicht einmal in jener Zeit über die
Farbe der Haare seiner Schönen zu einiger Gewisheit gelangen denn der gelbe
Puder machte die Braune der Blonden ganz ähnlich Die Kleine hob sich
vermittelst höherer Absätze an den Schuhen zur mittleren Größe hinauf und die
Wespenartig zusammengeschnürte Taille die in unbegreifliche Breite ausgehenden
Fischbein Röcke gaben Allen die nämliche Form aus welcher kein sterbliches Auge
die wahre menschliche Gestalt heraus finden konnte
    Ihr lacht über die wunderliche Figur die wir spielten Ich glaube ich
müsste selbst lachen wenn ich mich noch einmal in meinem damaligen Putz
erblicken sollte und doch galten die Schönen unter uns deshalb nicht für minder
schön und die Häslichen gewannen noch bei dieser allgemeinen Vermummung denn
sie gingen in der Maske mit durch die sich obendrein auf das vollkommenste
dazu eignete kleine Mängel zu verbergen
    Ein sehr karackteristisches Unterscheidungszeichen jener Zeit bestand auch
darin dass wir Alle damals Zeit hatten zu Allem was uns oblag oder was wir
unternehmen wollten zu vollbringen Die jetzt so allgemeine Klage über Mangel
derselben hörte ich in meiner Jugend fast nie und der ganz einfache Grund
hiervon war der dass wir viel mehr zu Hause blieben als die jezige Generazion
Morgenbesuche und Morgenpromenaden waren etwas so Ungewöhnliches dass ich wohl
darauf wetten möchte meine Mutter sei nicht dreimal in ihrem Leben Vormittags
ausgegangen außer in die Kirche Indessen möchte ich diese größere
Häuslichkeit meinem Zeitalter nicht ganz zur Tugend anrechnen eine gewisse
unbeholfne Steifheit der Sitten und Gewohnheiten hatte auch Teil daran Man
scheute nichts so sehr als Bekannten sogar Freunden sich und sein Haus anders
als im vollen Putze zu zeigen Ein unerwarteter Besuch der uns im Hauskleide
oder bei häuslichen Beschäftigungen überraschte erregte gewöhnlich eben so viel
Verwunderung als Unmut und nur eine sehr wichtige Veranlassung konnte einem
solchen Überfalle zur Entschuldigung dienen
    Dass wir ohne gegen alle Regeln des Anstandes zu sündigen weder im Theater
noch auf der Promenade noch überhaupt an einem öffentlichen Orte ohne einen
männlichen Begleiter erscheinen durften diente auch gar sehr dazu uns das
Ausgehen zu erschweren Denn obgleich zu dieser Gewohnheit die zum Dienste der
Damen allzeit bereitwillige Galanterie der Männer wahrscheinlich den ersten
Anlass gegeben haben mochte so waren doch die unter ihnen von welchen wir uns
anständigerweise eskortiren lassen konnten nicht immer müßig zuweilen auch
nicht gefällig genug um stets zur Hand zu sein wenn wir ihrer bedurften
Übrigens spreche ich hier nur von den Frauen junge Mädchen sezten keinen Fuß
auf die Straße als unter dem Schutz ihrer Mütter
    Alles alles was uns umgab Lebloses und Belebtes strebte damals zu einem
gewissen formellen Wesen hin welches gegen die jetzige zwanglose Lebensweise
sehr wundersam absticht Bei den fein geschnitzten und à quatre couleurs
vergoldeten sehr zerbrechlichen Stühlen unsrer Putzzimmer war an kein Anlehnen
zu denken die zu den Stühlen passenden schmalen Kanapees hatten nur die
Ähnlichkeit mit unsern jezigen damals noch ganz unbekannten Sofas dass sie wie
diese als Ehrenplatz manchen Rangstreit unter den Damen veranlassten übrigens
boten sie durchaus keine Bequemlichkeit für die jetzt so beliebte liegende
Stellung die damals in gesunden Tagen etwas Unerhörtes war
    Auch weis ich nicht wie man diese mit dem ganzen damaligen Anzuge dem
Reifrocke der gepuderten Frisur hätte vereinigen können wir hielten uns gerade
wie ich noch immer aus alter Gewohnheit tue und ohne es weiter unbequem zu
finden
    Mit dieser körperlich geraden Haltung hing aber auch sogar im engsten
Familienkreise ein sehr genaues Beobachten der einmal angenommenen
Höflichkeitsregeln gegen seines Gleichen und der abgemessensten Ehrfurcht gegen
Höhere zusammen die ich jetzt ich mag es nicht leugnen zuweilen recht
schmerzlich vermisse weil die jetzige Welt dergleichen als steifes
überflüssiges Zeremoniell heut zu Tage verachtet Die zierliche vom Tanzmeister
zu diesem Zweck erlernte Verneigung an der Türe mit der ich täglich meine
Eltern zuerst begrüßte ehe ich näher trat und jedem von ihnen besonders mit
feierlicher Ehrerbietung den guten Morgen bot würde jetzt freilich lächerlich
erscheinen doch der Mensch ist ein Kind der Gewohnheit und wem man am Morgen
so ehrfurchtsvoll sich nähert gegen den wird man schwerlich im Laufe des Tages
bis zum heftigsten Widerspruch oder zu andern Unziemlichkeiten sich vergessen
wie doch jetzt von Kindern gegen ihre Eltern nur zu oft geschieht Die Eltern
nach jetziger Art Du zu nennen hätte damals gewiss für eine Art von Blasphemie
gegolten nur bei ganz kleinen Kindern höchstens ward dieses geduldet und doch
wurden Vater und Mutter gewiss nicht weniger geliebt als jetzt Ich hing an den
meinigen mit so liebevollem reinem Vertrauen dass ich unmöglich glauben kann
der jetzt zwischen Eltern und Kindern herrschende Ton vollkommener Gleichheit
hätte dieses Gefühl erhöhen können wohl aber kann ich es nicht ableugnen dass
er in einigen Fällen und mit gewissen Modulazionen mich jetzt oft verletzt
    Mein Vater lebte eine lange Reihe von Jahren hindurch in dieser freien
Reichsstadt als königlich scher Resident in Ehre und Ansehen Als der jüngere
Sohn einer sehr alten Familie in welcher das Majoratsrecht galt war er nicht
reich um so weniger da auch meine Mutter ihm kein bedeutendes Vermögen
zugebracht hatte Die Einkünfte meiner Eltern verbunden mit der Besoldung
meines Vaters reichten daher nur eben hin um bei Sparsamkeit und Ordnung mit
Anstand davon leben zu können freilich aber gehörte vor funfzig bis sechzig
Jahren weit weniger dazu als heut zu Tage Damals herrschte selbst in den
reichsten Häusern dieser Stadt eine gewisse frugale Mäßigkeit die man jetzt
vielleicht Geitz und Mesquinerie schelten würde tausend Erfindungen des Luxus
welche wir ohne Bedenken dem Unentbehrlichen zuzählen waren in jener Zeit
völlig unbekannt man wohnte weit enger zusammengedrängt man brauchte viel
weniger Bedienung und hatte durchaus keine kostspieligen Fantasien zu
befriedigen
    Bei alle dem aber hielt man dennoch viel auf eine gewisse solide wenn
gleich etwas schwerfällige Pracht in der Kleidung sowohl als in allen übrigen
Umgebungen Wenigstens zweimal im Jahre musste der im alltäglichen Leben sehr
mäßig besetzte Tisch unter der Last des schweren Silbergeschirres der
kostbarsten Weine der ausgesuchtesten Speisen sich seufzend beugen und so
viele Gäste als der Saal nur zu fassen vermochte saßen im feierlichsten Putze
starrend von Gold und Edelsteinen um ihn her alle von dem sorgsamen Herrn des
Hauses nach Rang und Würden auf das gewissenhafteste geordnet Dieser sowohl
als seine Frau sahen bei einem solchen Feste wie Leute aus die einer an sich
ehrenvollen aber doch nicht ganz leichten Pflicht sich so gut als möglich zu
entledigen suchen und auch die Gesichter der Gäste zeigten im Ganzen mehr den
Ausdruck einer höflichen Resignazion als den des Vergnügens denn an einer
dreistündigen Sitzung an der Tafel vermochten doch nur sehr wenige sich wirklich
zu erfreuen Eigentlich war aber auch von geselligen Vergnügungen bei einer
solchen formellen Abspeisung nie sonderlich die Rede niemand machte Ansprüche
daran und im Ganzen ging es sehr still dabei her Die Frauen beobachteten
alles zählten Schüsseln und Assietten und überlegten wie sie bei ihrem eignen
nächsten Gastmahle deren noch ein paar mehr anbringen könnten die Männer aßen
tranken und ließ gegen das Ende der Mahlzeit ihren Witz in Ausbringung
schalkhafter Gesundheiten leuchten Alle aber die Wirte wie die Gäste dankten
Gott wenn wieder einmal ein solches Vergnügen überstanden war
    So sah es zu jener Zeit mit dem geselligen Vergnügen bei uns aus Freilich
hatte mein Vater im Auslande besonders in Frankreich eine leichtere und
genusreichere Lebensweise kennen gelernt doch er fühlte die Verpflichtung sich
nach den Gebräuchen des Ortes zu richten in welchem er eine
gastlichfreundliche Aufnahme fand überdem war er auch zu vernünftig um gegen
den Strom schwimmen zu wollen was damals noch mit ganz besonderer Schwierigkeit
verbunden war Die Welt war gegen Sonderlinge und Neuerungssüchtige bei weitem
nicht so tolerant als jetzt wo in jedem Winkel und auf jeder Schulbank
Weltverbesserer mit grandiosen Ansichten sitzen die alle ihr gläubiges Publikum
finden Jener Ausspruch »Du Narr willst klüger sein als wir« mit welchem die
ungebildeten Brüder von Gellerts tanzenden Bären diesen aus ihrer Mitte
vertrieben war damals noch in voller Kraft und ganz an der Tagesordnung
    Mein Vater ließ es sich also gar nicht beikommen an der Lebensweise seiner
Freunde und Bekannten das mindeste abändern zu wollen er nahm an ihren Festen
willigen Anteil aber er hütete sich zugleich gar sehr davor sich mit den
reichen Handelsherren in deren Mitte er lebte in einen Wettstreit einzulassen
bei dem er entweder mit Schande bestehen oder sich und die Seinen zu Grunde
richten musste Daher versammelte er in seinem Hause und an seinem mit
anständiger Mäßigkeit besezten Tische nur immer eine kleine Anzahl mit Auswahl
zusammengebetener Gäste und das seltene Talent meiner Mutter mit sehr Wenigem
viel hervorzubringen machte es uns leicht diese kleinen Gastmahle ziemlich oft
zu wiederholen Die Ordnungsliebe der teuren Frau der Scharfblick mit dem sie
Alles von ihr mit Sorgfalt Aufbewahrte stets am rechten Orte zu benutzen
verstand gaben bei möglichster Ersparnis unserem Haushalte das Ansehen einer
damals hier noch unbekannten Eleganz Zwar nannte man unsre Lebensweise wohl
zuweilen vornehm aber man verzieh sie uns doch weil man das Bewusstsein dabei
behielt uns an Reichtum und Pracht zu übertreffen Man lebte sogar recht gern
mit uns weil meine Eltern mit dem Ausdrucke des herzlichsten Wohlwollens ächte
Höflichkeit und jenen feinen geselligen Tackt verbanden der uns lehrt alles zu
meiden was auch den Geringsten in der Gesellschaft verletzen könnte und jedes
so zu verstehen wie es gemeint ward Mein Vater hatte sich diese Eigenschaften
früher im Leben mit der Welt erworben meiner wahrhaft liebenswürdigen
anspruchslosen Mutter waren sie angeboren und so erfreuten sich beide lange
Jahre hindurch der Achtung und Liebe eines aus ziemlich heterogenen Gestalten
zusammengesetzten Kreises dessen Mittelpunct sie waren ohne je nach dieser
Ehre gestrebt zu haben
    Zwölf Jahre hindurch blieb ich das einzige Kind meiner Eltern und genoss im
Übermaasse alles Glück und Unglück eines solchen bis deine Mutter liebe
Vicktorine geboren ward Ich war von der Natur, sowohl geistig als körperlich
mit den glücklichsten Anlagen ausgestattet und meine Eltern sorgten auf das
angelegentlichste für die fernere Ausbildung derselben ja ich darf wohl sagen
dass mein Vater ganz gegen seine sonstige Art verschwenderisch wurde sobald es
darauf ankam irgend ein in mir schlummerndes Talent an das Licht zu rufen So
sorgsam er sonst alle neue fortlaufende Ausgaben vorher berechnete so ernstlich
er jede nicht durchaus notwendige vermied so sparte er doch nichts um mir die
ersten Lehrer in allem zu verschaffen wozu ich Lust oder Anlagen zeigte Man
hielt mir ganz gegen die damalige Gewohnheit keine französische Gouvernante
ich ward auch in keiner Pensionsanstalt erzogen denn meine Mutter hatte gegen
beide Erziehungsmetoden einen unüberwindlichen Widerwillen doch meine Eltern
ersetzten dies überschwenglich durch die treue Aufmerksamkeit mit der sie
selbst über den Unterricht ihres Lieblings wachten
    So machte ich denn in früher Jugend nicht ganz unbedeutende Fortschritte in
der Musick im Zeichnen und Miniaturmalen in allem worin nach der Meinung der
jetzigen Zeit ein Mädchen unterrichtet werden muss und schritt damit weit über
die Gränze der damals gewöhnlichen Begriffe von weiblicher Erziehung hinaus
Diese drehte sich in einem weit engeren Kreise herum und die Kunstübungen eines
Mädchens jener Zeit beschränkten sich gewöhnlich auf ein paar leidlich
hergeklimperte Polonaisen ein paar mühseelig durchgezeichnete Stickmuster
höchstens auf ein ängstlich getuschtes Landschäftchen nach irgend einem
Kupferstiche Die mir angeborene Leichtigkeit mit der ich fremde Sprachen
erlernte bewog unter andern meinen Vater mir auch in der englischen und
italienischen Sprache selbst Unterricht zu erteilen Französisch war ohnehin
unsre tägliche Haussprache sobald wir unter uns allein waren sprachen wir
keine andere denn dies war damals fast in allen adlichen Familien so der
Gebrauch Mein Vater zog diese Sprache jeder andern vor weil von ihr zu seiner
Zeit nicht nur seine sondern auch die geistige Bildung aller derer ausgieng
die sich nicht geradezu dem eigentlichen Gelehrtenstande widmen wollten und die
klassischen Schriftsteller der Franzosen blieben ihm zeitlebens die liebsten
ich könnte wohl sagen die einzigen die er las Von der deutschen schönen
Literatur hatte er in seiner Jugend nur wenig kennen gelernt und dies wenige
war ihm nicht erfreulich gewesen wie es denn auch in jener trüben
Gottschedischen Zeit einem Geiste wie dem seinigen nicht zusagen konnte Daher
blieb ihm ein unüberwindliches Vorurteil gegen alle deutsche Schriftsteller
besonders gegen die deutschen Poeten welches er mit fast allen damals lebenden
gebildeten Männern teilte die darin dem Beispiele Königs Friedrichs des
zweiten folgten Auch ich lernte deshalb erst spät die Schätze meines eigenen
Volcks kennen obgleich um die Zeit da ich geboren ward schon die
hellstrahlende Morgenröte am deutschen Kunstimmel den glorreichen Tag
verkündete der jetzt uns leuchtet
    Mehr als aller meiner übrigen guten Anlagen erfreute sich mein Vater jenes
unserm Geschlechte eignen leichten Auffassungsvermögens mit dessen Hilfe wir
spielend erraten was die Männer mühsam erlernen und durch welches ich
besonders mich auszeichnete
    Diese den Frauen ganz eigentümliche Gabe könnte uns fast verleiten an
gute oder doch wenigstens gut gelaunte Feen zu glauben die ihren Lieblingen
schon in der Wiege eine ganz eigne Gewandtheit verleihen welche sie fähig
macht von allem für sie passenden Wissenswerten sich wenigstens die
schimmernde Oberfläche anzueignen Ohne tiefer ins Reich der Wissenschaften
einzudringen oder auch nur eindringen zu wollen umschwärmen diese vor andern
Begünstigten auf leichtem Fittig die Blüten und lassen den Männern gern das
mühsame Geschäft im Schweise ihres Angesichts den Wurzeln nachzugraben Auch
sind sie nicht nur fähig sich zu freuen wenn kluge Männer reden weil sie
verstehen wie sies meinen sondern sie wagen es zuweilen im scherzenden
Übermut mit glücklicher Keckheit sich neben diese klugen Männer hinzustellen
und sie durch die ihnen beiwohnende Zauberkraft mitunter selbst ein wenig irre
zu machen
    Diese geistige Geschmeidigkeit ist aber dennoch für die welche sie
besitzen beiweitem nicht gefahrlos und sollte nach meiner jetzigen Ansicht
wohl eher in Schranken gehalten als geübt und bewundert werden Doch mein Vater
war hierin andrer Meinung Ihm galt anspruchslose heitre Liebenswürdigkeit zu
Hause wie in der Welt für eine der ersten Eigenschaften meines Geschlechts er
hielt dafür dass wir um zu dieser zu gelangen wohl einer höheren
Geistesbildung aber durchaus keiner Gelehrsamkeit bedürften die er geneigt
war eher für ein Hindernis anzusehen Daher belächelte er mit wahrer Lust meine
kleinen wissenschaftlichen Scharlatanerien und lies mich gewähren
    Während meine geistige Entwickelung auf diese Weise meinen Vater ergözte und
beschäftigte sorgte meine gute trefliche Mutter auf seinen Antrieb dafür mir
durch frühe Gewöhnung die möglichste Unabhängigkeit von allen jenen
unbedeutenden Kleinigkeiten zu verschaffen die so oft den ausgezeichnetsten
Frauen quälende Fesseln anlegen So wie ich heranwuchs brachte sie durch Lehre
und Beispiel mich dahin dass ich weder des Schneiders noch der Putzmacherin
bedurfte Selbst die Kammerjungfer und den Friseur lernte ich im Fall der Not
entbehren und das war damals keine Kleinigkeit
    Auf diese Weise glaubte mein Vater geistig und körperlich am besten für
meine Zukunft mich auszustatten möge diese mich nun in die Welt führen oder in
die Einsamkeit meines Stiftes Denn schon damals trug ich dieses Ordenskreuz
als Geschenk einer fürstlichen Pate bei welcher meine Grosmutter einst Hofdame
gewesen war und es gab meinem Vater keine geringe Beruhigung mich dadurch
gegen die Stürme des Lebens einigermaßen gesichert zu wissen
    So blühte ich denn allmählig heran im schönsten Verhältnisse zu meinen
Eltern gleich glücklich in der äußern wie in meiner mir selbst geschaffnen
innern Welt denn auch diese fehlte mir nicht Lesen war damals zwar nicht das
unentbehrliche Bedürfnis jedes Alters jedes Geschlechts und jedes Standes was
es jetzt ist Die Mütter mussten sogar noch zuweilen ihre Töchter ermahnen
endlich einmal ein Buch in die Hand zu nehmen statt dass sie in unsern jetzigen
Tagen über das viele Lesen sich ereifern und es nicht ganz mit Unrecht einen
geschäftigen Müßiggang schelten Indessen habe ich doch ziemlich früh
angefangen Romane zu lesen Mein Vater verbot es mir nicht wie er denn
überhaupt vom Verbieten nicht viel hielt aber er bewachte doch die Wahl meiner
Lektüre und hütete mich besonders vor den französischen Romanen jener Zeit
deren verderbliche Tendenz unerachtet seiner Vorliebe für ihre Verfasser er
sich dennoch nicht verbarg
    Indessen war es in meiner Jugend weit schwerer als jetzt sich eine
unterhaltende Lektüre zu verschaffen Lesbare deutsche Romane fanden sich fast
eben so selten als Leihbiblioteken die man kaum dem Namen nach kannte Man
behalf sich damals aus Not wie jetzt aus Wahl mit Übersetzungen aus dem
Englischen und ich erinnere mich noch lebhaft des Entzückens mit welchem ich
im Schranke der Mutter einer meiner Gespielinnen eine lange Reihe Bücher
entdeckte die unter dem Titel einer Landbibliotek eine Anzahl solcher
übersetzten Romane vereinigte
    Hier lernte ich denn unzählige Lords und Ladies Sirs und Misses kennen
deren Taten und Leiden mit der den Romanschreibern jener Nazion noch bis diese
Stunde eignen Breite und Weitschweifigkeit uns bis auf die geringsten Details
vorgeführt wurden sogar bis auf die Farbe des Kleides welches die Heldin oder
der Held bei wichtigen Gelegenheiten trugen Vor allem aber wurden die
Hochzeitkleider nicht nur des endlich beglückten Brautpaars sondern auch die
der vornehmsten anwesenden Gäste nie vergessen Ich las das alles mit einer
Wonne von der ihr Übersättigten keinen Begriff haben könnt denn ich war nicht
unbeschränkt wie ihr im Gebrauch meiner Zeit Hatte ich ein solches bändereiches
Werk vollendet so war mir so einsam zu Mute als sei ein sehr lieber
interessanter lange da gewesener Besuch wieder abgereist
    Ich freute mich die ganze Woche hindurch auf den Sonntag Nachmittag wo ich
meinem Lieblingsgenusse mich am ungestörtesten hingeben durfte und obgleich ich
vor Ungeduld nach der Entwicklung brannte so las ich doch immer langsamer wenn
ich sah dass der Band zum Ende sich neigte um mir dadurch die Freude zu
verlängern
    Richardsons Romane entzückten mich ganz unbeschreiblich gerade wegen ihrer
Weitschweifigkeit obgleich ich dem Tugendspiegel Sir Charles Grandison keinen
sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte und der brillante Bösewicht Lovelace
mir tausendmal besser gefiel Jetzt sehe ich wohl ein dass gerade die Werke
dieses berühmten Schriftstellers sich sehr schlecht dazu eigneten einem kaum
zwölfjährigen Mädchen in die Hände gegeben zu werden aber sie hatten einmal die
allgemeine Stimme für sich War doch sogar in England die mehr als zweideutige
Pamela dem Volke von der Kanzel als Erbauungsbuch angepriesen worden Überdem
verlies mein Vater sich auf meine Unschuld und das mit Recht er war überzeugt
dass ich in meiner glücklichen Unbefangenheit das für mich Unpassende entweder
übersehen oder nicht verstehen würde und seine Erwartung trog ihn nicht
    Meine jugendliche oder vielmehr kindische Fantasie blieb indessen bei alle
diesem nicht müßig Mein Kopf war voll von Entführungen Maskeraden gewaltsam
erzwungner Trauungen diesen Apparat der damaligen englischen Romanschreiber
die eben wie jetzt ihre jüngeren Brüder sich immer gern wiederholten und alles so
ziemlich über einen Leisten formten Das alles suchte ich nun in Gedanken mir
selbst anzupassen mein Held war ein Ungeheuer von Tugend Tapferkeit Edelmut
und Liebenswürdigkeit Grandison und Lovelace in einer Person Ich selbst war
eine höchst gefährliche Schönheit die in steter Angst vor den Verfolgungen
ihrer wütenden Anbeter lebte Bei alle dem aber blieb ich ein gutes Kind
lernte meine Lexionen strickte meine Strümpfe nähte meine Wäsche half meiner
Mutter im Hauswesen und niemand sah mir an welche Wunder in meinem Köpfchen
herumspuckten
    Jenes fantastische Spielwerk war nur eine Ergötzlichkeit in müßigen
Stunden mein Held hatte noch gar keine Gestalt und konnte keine haben denn ich
wusste keine ihm zu geben Da ich noch nicht confirmirt war so durfte ich noch
nicht in der Welt erscheinen und kannte daher nur wenige junge Männer die aber
welche ich kannte gefielen mir nicht hauptsächlich wohl weil sie von mir noch
keine Notiz nahmen
    Die empfindsame SiegwartsPeriode die bald darauf eintrat ging ziemlich
spurlos an mir vorüber Zwar versuchte ich es ebenfalls Vergissmeinnicht zu
pflücken und mit dem bleichen Monde einen Verkehr anzuspinnen und das ging
auch in so weit recht gut von statten nur die Leiden machten mir Not Ich
wusste dem blassen Freunde nichts zu klagen und war zu gesund und ehrlich um mit
Glück dergleichen erfinden zu können Daher gab ich die ganze Sache bald auf und
ward aus einer pinselnden deutschen Romanheldin wieder eine stolze englische
Schönheit
    Einen weit größeren Eindruck als Siegwart machten auf mich Sophiens Reisen
von Memel nach Sachsen die auch um jene Zeit erschienen Die theologischen
Abhandlungen und Kontraversen welche dieses Buch enthielt überschlug ich das
versteht sich von selbst aber es belustigte mich sehr zum erstenmal in meinem
Leben gute alte Bekannte in meinen Büchern zu finden Die englischen Lords und
Ladies waren mir niemals wie recht lebendige Personen vorgekommen obgleich ich
es nicht ableugnen mag dass sie mir vielleicht nur deshalb um so interessanter
erschienen weil meine Fantasie um so freier mit ihnen schalten und walten
durfte Die Herren Puff und Konsorten hingegen sah ich zuweilen am Tische meiner
Eltern und gleich Oelenschlägers Korreggio da er das erste niederländische
Bild erblickt geriet ich darüber in freudige Verwunderung dass man auch so
etwas malen könne
    Endlich stand ich in meinem vierzehnten Jahre nahe an der Gränze des
jungfräulichen Alters da trübte zum erstenmal die schwere Hand des Unglücks
mein fröhliches sorgloses Dasein Ich verlor meine gute liebe herrliche
Mutter gerade in dem Zeitpuncte da ich ihrer milden leitenden Hand am
nötigsten bedurft hätte Sie entschlief sanft und still wie sie lebte Es
raubte sie uns ein schleichendes Übel das seit der Geburt meiner Schwester
langsam und fast unmerkbar verzehrend an ihrem Leben genagt hatte bis sie ohne
Klage in sich zusammensank während wir uns mit den schönsten Hoffnungen ihrer
nahen vollkommenen Genesung schmeichelten Außer mir vor Schrecken und Schmerz
stand ich ein halbes Kind noch an ihrem Sarge in dem nämlichen Saale wo wir
vor wenig Tagen noch so froh mit ihr gewesen waren und dessen ringsum
schwarzbekleidete Wände ich jetzt kaum wieder erkannte Ich hielt mein armes
kleines Schwesterchen auf dem Arme das in kindlicher Unschuld die vielen
Lichter anlächelte welche zum leztenmal die teure bleiche verstummte Gestalt
beleuchteten Neben mir stand mein trostloser Vater zum erstenmale sah ich die
Tränen eines Mannes es war mir unbeschreiblich furchtbar ihn laut weinen zu
sehen wie ein unnatürliches Wunder kam es mir vor und all mein Blut erstarrte
mir in den Adern Ohnehin eignete sich der ganze Trauerapparat jener Zeit auf
das vollkommenste dazu den innern zerreissenden Schmerz durch die äußere
Erscheinung bis zum Unerträglichen zu steigern Nicht nur der Vater und wir
Kinder auch alle Bedienten des Hauses waren in schwarzen Krepp gehüllt den
langnachschleppenden Schleier die breite schwarze Schneppenbinde die nur das
Gesicht frei lies durfte ich während der ersten Wochen sogar nicht im Hause
ablegen Bis nach dem Begräbnistage waren alle Fenster des Hauses dicht
verschlossen Wohnzimmer Treppen und Vorsaal schwarz umhangen und die schwarz
gekleideten Leute alle schlichen mit unhörbarem Tritt Gespenstern gleich durch
die düstere Dämmerung So wollte es nicht nur unser Schmerz so wollte es auch
die damalige Sitte
    Ach und wenn ich mitten in dieser düstern Pracht das bleiche liebe Gesicht
meiner Mutter im Sarge ansah wie war das Bild des Todes so furchtbar vor meine
junge Seele getreten ich wollte vor Schmerz und Grauen dabei vergehen ich
meinte nie wieder froh werden zu können und ward es doch denn die Macht der
Zeit überwindet alles besonders wenn Jugend sie unterstüzt Ich muss sogar
bekennen dass ich früher wieder ruhig und heiter ward als ich mir selbst es
gestehen mochte ich sei es
    Auch mein Vater gewann bald Fassung genug um seinen Verlust zu ertragen
obgleich er nie lernte ihn zu verschmerzen denn er hatte meine Mutter unendlich
lieb gehabt Sie selbst mit ihrem reinen weichen Herzen mit ihrem klaren
bescheidenen Sinne war nach Art der bessern Frauen jener Zeit stets nur der
anmutigste Nachhall seines freieren kräftigeren Wesens Ihr Gemal war ihre
sichtbare Gottheit auf Erden Mein Mann hat es gesagt oder der Herr hat es
befohlen galten ihr ersteres in der Gesellschaft das zweite im Hause für
Gründe und Aussprüche gegen die ihrer Meinung nach kein Vernünftiger etwas
einwenden konnte Und dennoch war sie fern von jeder sklavischen
Unterwürfigkeit es war nur ihrem liebenden Herzen unmöglich sich etwas Höheres
und Besseres zu denken als ihren Gatten
    Alle Sorgfalt und Liebe meines Vaters ward von nun an mir doppelt und
dreifach zugewendet Mein kleines Schwesterchen konnte er nur mit stiller
Wehmut betrachten Es blieb im Hause unter der Aufsicht einer alten Wärterin
Diese hatte auch meine hülflose Kindheit einst gepflegt und sich durch
vierundzwanzig jährige treue Dienste das Recht erworben als ein Mitglied
unserer Familie betrachtet zu werden dem es zuweilen erlaubt wurde bei
bedeutenden Angelegenheiten derselben ein Wort mit zu reden
    Meine Konfirmazion war durch den Tod meiner Mutter auf einige Monate
hinausgeschoben worden und dieser bedeutende Schritt ins Leben wurde abgesehen
von jeder andern höheren Ansicht desselben in meinem jetzigen verlassenen und
verwaiseten Zustande doppelt wichtig für mich Denn von jenem Moment an ward ich
nicht nur als ein selbstständiges Mitglied der Gesellschaft betrachtet ich trat
auch zugleich an die Spitze unseres nicht unbedeutenden Haushalts und nahm die
Verpflichtung auf mich hier nach Kräften die Stelle meiner verewigten Mutter zu
ersetzen
    Seit ich die Heftigkeit des ersten Schmerzes über den Verlust meiner Mutter
überwunden hatte war mir das Unersetzliche derselben nie wieder so
herzzerreissend aufgefallen als in dem Augenblick da ich nach jener religiösen
Feierlichkeit zuerst wieder unser vereinsamtes Haus betrat Ich sehnte mich ganz
unbeschreiblich nach einem Paar mich umfangender Arme nach einem Herzen an das
ich mit vollem Vertrauen das meine legen könnte aber ich blieb einsam Ich
befand mich in einer ganz eignen nie zuvor gekannten Stimmung des Gemüts
Dieses war bewegt von der heiligen Handlung von der ich eben zurück kam aber
es war nicht in seinen Tiefen ergriffen es war nicht erwärmt Der flüchtige
wenn gleich heftige Eindruck den der heutige Tag auf mich gemacht hatte musste
sogar bald einer eignen Art von Eitelkeit Raum geben denn ich begann sehr
selbstgefällig das eben überstandne öffentliche Examen mir wieder zurück zu
rufen bei dem ich allen Andern mich überlegen gezeigt hatte Denn bei keinem
einzigen der biblischen Sprüche die ich auswendig lernen musste um durch sie
die Glaubenslehren zu beweisen welche meine Lippen bekennten hatte mir mein
Gedächtnis den Dienst versagt doch leider war auch kein einziger von ihnen bis
in mein Herz gedrungen denn ächte Frömmigkeit war mir von Jugend auf selbst
dem Begriffe nach fremd geblieben Als bloßes Gedächtniswerk hatte ich Religion
gelernt wie ich auch Geographie und Geschichte lernte ihr Geist hatte nie mich
durchdrungen und nie so lange ich lebte hatte ich außer der Kirche die man
zuweilen aus Gewohnheit noch besuchte von Gott reden gehört
    Liebe Kinder wundert Euch nicht über dieses Bekenntnis sondern beklagt
mich dass meine Jugend leider in jene kalte trostlose Zeit fiel in der man
begann sich der Religion zu schämen Von jeher bahnte ja Übertreibung einer
andern Übertreibung ganz entgegengesezter Art den Weg und so drang denn auch
plötzlich aus der düstern Nacht des kurz zuvor herrschenden krassesten
Aberglaubens das grelle Flackerlicht des trostlosesten Unglaubens hervor den
man damals Aufklärung nannte Was war dabei wohl natürlicher als dass die vom
schnellen Übergange aus dem Dunkel zu jenem kalten Nordschein geblendete Menge
einen andern Irrweg einschlug als den eben verlassenen ohne zu ahnen dass es
einen richtigern Pfad geben könne
    Die geistreichsten Männer jener Zeit mit ihnen mein Vater ließ von
Voltaires kaltem aber glänzendem Witze sich hinreißen der das Heiligste mit
dem Unheiligsten zugleich schonungslos verspottete Eine furchtbare Erkältung
der Gemüter nahm immer mehr und mehr überhand und Voltaires Anhänger rühmten
sich laut keine Religion als die eines rechtlichen Mannes anzuerkennen la
religion dun honnéte homme wie sie es nannten Leider gehörte auch mein Vater
zu diesen
    Meine wahrhaft fromme in stiller Einfachheit erzogene Mutter schwieg zu
alle dem aus Ergebenheit gegen meinen Vater dessen Ansichten sie nie
widersprach sie konnte dies um so eher da man sie ungestört ihren stillen Weg
gehen lies Denn es war Grundsatz jener Aufgeklärten die Weiber und das Volk
bei dem was sie Irrtümer nannten so lange zu lassen als diese darin
verharren wollten In Hinsicht auf mich tröstete sich meine Mutter damit dass
ich den gehörigen Religionsunterricht täglich von einem Kandidaten erhielt und
für ihre Person begnügte sie sich mit der ihr gelassenen Freiheit sich ganz
still zu entfernen wenn der französirende Witz der Gesellschafter meines Vaters
gegen Dinge die ihr heilig waren zu hoch ansprudelte
    So trat ich denn als ein recht armes verlassnes Kind ins erweiterte Leben
ohne die Leitung einer verehrten Mutter und ohne den Trost jenes über das
Irdische und jeden Schmerz desselben uns erhebenden Gefühls den das Bewusstsein
uns gewährt dass wir unter dem Schutze und der Leitung eines mächtigen gütigen
unbegreiflichen Wesens stehen an welches ich leider nie dachte obwohl ich im
Herzen daran glauben musste Denn ich war nicht irreligiös ich war nur gar
nichts weil kein Ton um mich her mein armes erstarrtes Herz erweckte und das
darin schlummernde Gute ins Leben rief
    Jetzt da ich eine fast sechzigjährige Matrone bin werdet Ihr es mir
hoffentlich nicht als Eitelkeit auslegen wenn ich unumwunden gestehe dass ich
vor undenklich langer Zeit sehr schön war Der Form nach zeigst Du meine
Vicktorine mir im Spiegel der Erinnerung einigermaßen mein Bild nur zürne
nicht wenn ich behaupte dass mein langes weiches blondes Haar noch reicher und
seidner war als dein braunes mein milderstrahlendes blaues Auge vielleicht
noch ausdrucksvoller als Dein dunkles meine Farbe noch blendender als die
Deine mein Wuchs voller und höher Genug ich zeichnete mich trotz aller
Verkrüppelungen der damaligen Mode vor allen meinen Jugendgespielinnen sehr
auffallend aus Seht mich nur recht darauf an lieben Kinder so vergeht Glanz
und Ehre der Welt
    Mein gütiger Vater fing jetzt an nicht nur sein Kind mit einiger Eitelkeit
zu betrachten sondern auch mit einem gewissen Stolze dessen kleine Vorzüge an
das Licht zu ziehen dem nur die väterliche Liebe zur Entschuldigung dienen
konnte Er hatte meine sanfte anspruchslose Mutter unendlich lieb gehabt er war
an ihrer Seite und durch sie unbeschreiblich glücklich gewesen und doch ließ er
von jener Eitelkeit sich verleiten mich ganz zum Widerspiele dessen ausbilden
zu wollen was sie gewesen war In seiner Erinnerung wachte wiederum der
Frühling seines Lebens auf den er in Paris zum Teil in den Salons jener
geistreichen Frauen zugebracht hatte welche zu seiner Zeit als Ton angebende
Regentinnen von ihrem Lehnstuhl aus in halb Europa die Geister beherrschten
Madame du Deffant die geistreiche LEspinasse Madame de Tencin und so viele
andere die damals durch Geist Witz Talent und Liebenswürdigkeit ein eigenes
geistiges Reich mitten im frivolsten Treiben eines immer tiefer sinkenden Volkes
errichteten wer kennt nicht jetzt noch ihre Namen Mein Vater hatte an den
Strahlen ihres Geistes gerade in der Zeit sich gesonnt in der die von
jugendlichem Entusiasm erfüllte Brust so leicht und gern jedem schmeichelnden
Eindruck sich hingibt er hatte sich in den tiefsten Tiefen seines Gemüts so
manche herrliche Erinnerung an sie aufbewahrt welche die väterliche Liebe ihn
jetzt mit dem Wesen seiner Tochter verwechseln lies und so verführte er sich
selbst zu dem Plan alles daran zu setzen um mich zu einer jenen berühmten
Damen ähnlichen Erscheinung umzubilden wenn ich gleich bestimmt schien in
einem weit beschränkteren Kreise zu glänzen Wenigstens wollte er mir durch
Lektüre und mündlichen Unterricht eine über jedes Vorurteil erhabene Richtung
geben und machte dies von nun an zum Hauptgeschäfte seines Lebens Meine
natürlichen Anlagen vereint mit einer Eitelkeit welche durch die meines Vaters
neu belebt ward und die man in meiner Lage verzeihlich finden wird unterstüzten
ihn bei diesem Unternehmen so kräftig dass ich in der Tat nach wenigen Jahren
als eine sehr blendende Erscheinung da stand und durch alle glänzende
Eigenschaften eines für die große Welt gebildeten Geistes durch Witz und
schnelle Urteilskraft nicht minderes Aufsehen erregte als durch meine zu
immer höherer Schönheit erblühende äußere Gestalt
    Mädchen und Frauen mit denen ich bis dahin noch Umgang gehabt hatte
suchten zwar jetzt meine Nähe weniger mieden sie vielleicht gar weil sie
anfiengen sie drückend zu empfinden doch ich achtete dies wenig denn auch mir
war das Beisammensein im gewohnten Kreise nach und nach langweilig geworden
Nach dem Tode meiner Mutter hatte ohnedem unsre Lebensweise sich ganz
unmerklich völlig anders gestaltet Unser Umgang mit so vielen der ersten und
angesehensten Familien der Stadt den ich Euch so eben beschrieben habe hatte
ganz allmählig von selbst aufgehört ungefähr wie die Schwingungen des
Perpendikels einer ins Stocken geratenen Uhr die doch nie so ganz mit
einemmal abbrechen
    Wenn viel Zuhausebleiben häuslich leben heißt so lebten wir in der Tat
weit häuslicher als da meine Mutter noch mit uns war denn wir gingen fast nie
aus dafür aber versammelten wir täglich einen zwar nicht sehr ausgedehnten
aber erwählten Kreis geistreicher Männer in unserm Hause Eine nicht ganz
unbedeutende Erbschaft die meinem Vater unerwartet zugefallen war machte es
uns möglich dies mit zierlicher Eleganz tun zu können gleich weit entfernt
von Überfluss und ängstlicher Sparsamkeit Künstler Gelehrte interessante
Männer aus jedem Fach deren diese Stadt noch in diesem Augenblick weit mehrere
verbirgt als man gewöhnlich glaubt waren als tägliche Gäste uns stets
willkommen Viele Fremde schlossen sich diesem Kreise an ja es hielt sich fast
kein Einziger von einiger Bedeutung länger als einen Tag in der Stadt auf ohne
bei uns Zutritt zu suchen Auch an fremden Künstlern fast von allen Nazionen
fehlte es nicht die zum Teil durch uns bekannter zu werden hofften und gern
und willig unseren geselligen Abenden durch ihr Talent einen neuen Reiz
gewährten
    Ich hatte mich unterdessen dabei gewöhnt die Honneurs von meines Vaters
Hause mit einer Leichtigkeit einem Anstande zu machen welche diesen über allen
Ausdruck erfreuten Alle unsere Gäste lobten mich um die Wette viele
behaupteten geradezu dass ich an jedem Hofe sogar in Paris Aufsehen und
Bewunderung erregen müsse Mir schwindelte das junge Köpfchen bei diesem Lobe
doch vor allem beglückte es mich um meines Vaters willen an dem ich jetzt mit
ungemessner Liebe hing Sein stilles Entzücken über mein seltnes Gelingen in
der Gesellschaft entgieng meinem Scharfblicke nicht und ich bemerkte recht
wohl wie sein freudigglänzendes Auge heimlichtriumfirend jede meiner
Bewegungen verfolgte Wenn ich was oft genug geschah furchtlos die Stimme
erhob und in gewählten schön geordneten Phrasen meine entscheidende Meinung
über irgend einen eben besprochenen Gegenstand der schönen Literatur an den Tag
legte so war es mein Vater allemal der zuerst die Aufmerksamkeit der
Anwesenden mir zuzuwenden suchte Er hörte mir teilnehmender zu als alle
Andere wenn ich über irgend einen Satz der damals herrschenden philosophirenden
Moral oder gar der Politik aburteilte welche letztere schon damals Freiheit
und Gleichheit zu predigen anfing Mit beifälligem Lächeln lohnte er es mir
wenn ich mit leichtem stechendem Witz Ungereimteiten schonungslos verfolgte
oder mich in einen geistreichen Wettkampf einlies bei dem ich gewöhnlich den
Sieg davon trug Meine seltene Gewandheit des Geistes gab mir in solchen Fällen
zwar oft eine Art von Überlegenheit doch öfterer noch mochte ich wohl diesen
Sieg der damals noch üblichen Höflichkeit meiner Gegner verdanken die nach
alter Art zu galant waren um ihn im Ernst einer Dame streitig machen zu
wollen
    So sah ich denn in blühender unerfahrner Jugend von einer Schaar von
Männern mich umgeben die mir alle ohne Unterschied des Standes oder der Jahre
den Hof machten jeglicher nach seiner Weise Ich tronte gleich einer kleinen
Königin ohne Nebenbuhlerinnen in ihrer Mitte denn meine Schwester war noch zu
jung um in unsern Abendgesellschaften zu erscheinen und meine weiblichen
Bekannten hatten sich nach und nach alle gänzlich von mir zurückgezogen Ich
vermisste sie eben so wenig als ihr Wegbleiben aus unserm Hause mich befremdete
denn ich wusste von meinem Vater dass meine Vorbilder die tonangebenden Damen in
Paris zu ihrer Zeit eben so allein mitten in dem Männerkreise da gestanden als
ich jetzt
    Die Stelle welche mein Vater unter den Diplomaten dieser Stadt einnahm
machte es mir freilich bei seltenen festlichen Gelegenheiten zuweilen zur
Pflicht in größeren aus beiden Geschlechtern zusammengesetzten Gesellschaften
zu erscheinen aber auch in dieser behauptete ich meinen Platz Ich war hier zu
laut und zu allgemein als die Erste in jeder Hinsicht anerkannt als dass es
einer andern hätte einfallen können mir diesen Rang streitig machen zu wollen
Sobald ich außer dem Hause erschien umgaben mich die vornehmsten meiner
Verehrer gleich einer Wagenburg und die welche nicht bis zu mir
hindurchdringen konnten sonnten sich von ferne in meinen Strahlen
    In aller Unschuld ward ich auf diese Weise recht kokett wenn nämlich
Kokettsein so viel heißt als ohne Unterschied allen gefallen wollen Ich wollte
dies in der Tat aber doch nur weil ich keinen Mann gesehen hatte dem ich in
meinem Herzen vor allen seines Gleichen hätte den Vorrang einräumen können
Alle die ich kannte galten mir gleich aber ich betrachtete sie auch alle wie
Untertanen von denen mir keiner rebellisch werden oder gar einer andern Fahne
sich zuwenden durfte Mein eigentlichstes Streben war doch nur meinem Vater zu
gefallen nicht nur weil er mein Vater sondern weil er zugleich der edelste
geistreichste Mann war den ich kannte Ihm anzugehören die Freude dieses
Greises zu sein war mein Stolz und seine mit jedem Tage zunehmende Liebe zu
mir mein einziges Glück Das Bild seiner Jugend wie ich mir es dachte wurde
mein Ideal und ich schlug mehrere Heiratsanträge aus weil alle diese Männer
die sich um mich bewarben meinem Vater zu unähnlich waren als dass ich einen
von ihnen hätte der Ehre wert halten können sein Sohn zu heißen Diese jungen
Herren welche sich um mich her drängten erschienen mir eigentlich alle in
einem etwas kläglichen Lichte Es entgieng mir nicht dass nur eine noch
ungemessenere Eitelkeit als meine eigne sie an den Stufen meines Trones
versammle deshalb achtete ich sie im Grunde zu wenig um auf ihre Huldigungen
großen Wert legen zu können aber es belustigte mich wenn ich ihre Torheit
zu meiner Unterhaltung benutzte und sie wie Marionetten behandelte denen ich
nach Belieben Leben und Bewegung verlieh
    Die Zeit vergieng aus Tagen wurden Wochen aus Wochen Monate aus Monaten
Jahre ohne dass ich es sonderlich gewahr ward und so hatte ich eben mein zwei
und zwanzigstes Jahr vollendet als mitten in der schönsten Frühlingszeit alle
Welt hier in eine halb ängstliche halb freudige Spannung geriet deren
unschuldige Ursache die regierende Herzogin von P war Diese Fürstin sollte auf
ihrer Durchreise nach einem Bade mit ihren beiden Prinzessinnen in kurzem bei
uns eintreffen und hatte beschlossen einige Tage in unserer Stadt zu
verweilen um die Merkwürdigkeiten und vor allem die schönen Umgebungen
derselben kennen zu lernen
    Vor vierzig Jahren war das Reisen mit weit größeren Beschwerden verbunden
als jetzt wo es einer lustigen Spazierfart immer ähnlicher wird Gute Gastöfe
waren selten leidliche Wege noch seltener und Kunststrassen am allerseltensten
Daher blieb fast jeder der nicht reisen musste gern zu Hause und besonders
waren reisende Könige und Fürsten damals eine seltene Erscheinung
    Alle Fenster in den Straßen durch welche ein gekröntes Haupt fahren
sollte wurden deshalb lange im voraus in Beschlag genommen die neugierige
Menge drängte sich Kopf an Kopf in dichten Reihen um die fürstlichen Wagen her
und alte Leute denen in ihrer Jugend das Glück zum Teil worden war einen
Kaiser oder König von ferne zu sehen erzählten noch Kindern und Kindeskindern
davon als von einem merkwürdigen Ereignisse ihres Lebens
    Die bloße Durchreise der Herzogin wäre also schon hinreichend gewesen um
die ganze Stadt in Bewegung zu bringen aber nun wollte sie sogar drei Tage in
unsrer Mitte verweilen und glänzende Feste sollten diese Zeit ausfüllen deren
Erfindung denen welche sie anzuordnen hatten nicht wenig Kopfbrechens
verursachte Der überall immer steigende Luxus hatte freilich seit den letzten
zehn Jahren auch in dieser Stadt sehr zugenommen und nach und nach war manche
bedeutende Abänderung in der früher gewohnt gewesenen Lebensweise der Einwohner
derselben entstanden doch die Idee von Hoffesten lag den freien Reichsstädtern
noch immer zu fern als dass sie sich sogleich darin hätten finden können
    Während die Männer mit Zuziehung meines Vaters darüber ratschlagten wie
sie die Fürstin gehörig empfangen und unterhalten könnten waren die Damen ihrer
Seits mit Vorbereitung ihres Putzes zu dieser feierlichen Gelegenheit nicht
minder beschäftigt Ich allein blieb vielleicht die Müssigste in der ganzen
Stadt denn die Sucht auf diese Weise glänzen zu wollen gehörte nie zu meinen
Fehlern Im stolzen Bewustsein meiner Vorzüge suchte ich vielmehr stets etwas
darin meine von Silberflor Flittern und Edelsteinen strahlenden
Nebenbuhlerinnen im einfach zierlichen Gewande dennoch zu verdunkeln und ich
nahm mir vor auch diesmal meiner alten Gewohnheit treu zu bleiben Bei alle dem
aber klopfte mir doch das Herz bei dem Gedanken einer Fürstin vorgestellt zu
werden Wäre es ein König oder selbst ein Kaiser gewesen ich hatte zwar auch
noch keinen gesehen aber ich wäre wahrscheinlich ruhiger dabei geblieben denn
Kaiser und Könige sind Männer und gegen solche wusste ich mich zu benehmen Ich
durfte sogar hoffen ihnen eben so wenig zu misfallen als andern Männern aber
eine Fürstin und vollends gar eine junge Prinzessin Der bloße Gedanke an ein
solches mir so ähnliches und doch wieder auch so unähnliches Wesen flößte wie
etwas Übernatürliches mir eine Art ängstlicher Scheu ein Ich zerbrach mir
vergebens den Kopf um zu ersinnen wie einer so von Jugend auf in einer ganz
andern Sphäre und mit ganz verschiedenen Ansichten aufgewachsenen Prinzessin die
Welt und die Verhältnisse des Lebens erscheinen könnten zu denen eine solche
Fürstin eigentlich gar nicht gehört und denen sie denn doch auch wieder in
gewisser Hinsicht eben so unterworfen ist als jedes andre Mädchen
    Der große Tag kam endlich heran die Fürstin auch und ich ward in der
Reihe der ersten Damen der Stadt ihr vorgestellt Ich fühlte mich bei dieser
ganz einfachen Zeremonie so befangen wie nie zuvor in meinem Leben und ärgerte
mich dabei innerlich über mich selbst weil es mir durchaus nicht gelingen
wollte dieses ängstliche Gefühl abzuschütteln Die Herzogin eine schöne hohe
Frau von mütterlichem Ansehen war die Huld und Freundlichkeit selbst sie war
weit einfacher gekleidet als wir alle und weder Schmuck noch Orden verrieten
ihren hohen Stand Mit jener Leichtigkeit welche von Jugend an den Fürstinnen
eingelehrt wird wandte sie sich an alle Damen der Reihe nach und wusste jeder
etwas angenehmes zu sagen Mich beehrte sie besonders mit freundlichen Fragen
nach einigen meiner Verwandten die sie in frühern Zeiten gekannt hatte und ich
antwortete ihr so gut ich es konnte doch meine Stimme bebte dabei meine Wangen
glühten und meine Augen hafteten unabwendbar am Boden Unerachtet aller
möglichen fürstlichen Herablassung imponirte mir die hohe über das ganze Wesen
der Herzogin verbreitete ihr ganz eigentümliche Würde und ihre
Kornblumenfarbenen Augen so mild sie stralten schienen mir bis in das Innerste
meiner Brust dringen zu wollen Es mochten wohl schon oft solche verlegne
Figuren wie ich damals eine war vor ihr gestanden haben denn sie schien meinen
Zustand zu begreifen und suchte mitleidig ihm dadurch abzuhelfen dass sie mich
ihren beiden Töchtern zwei äterischzarten Gestalten zuführte Besonders war
die jüngste Prinzessin Matilde ein Kind von zwölf Jahren beinahe
unkörperlich wie eine Silphide
    Ich fühlte die Absicht der Fürstin und schämte mich innerlich meines
albernen Betragens nur noch mehr indessen gelangte ich nach und nach durch das
Gespräch mit den jungen Damen doch wieder zu leidlicher Fassung obgleich ich
von meiner gewohnten Sicherheit noch immer weit entfernt blieb
    Ich wagte es doch wenigstens wieder aufzusehen fuhr aber gleich wieder
erschrocken zusammen denn mein erster Blick fiel in das mit gespannter
Aufmerksamkeit auf mich gerichtete Auge eines dicht hinter der Herzogin
stehenden jungen Mannes Er wandte fast unmerklich errötend den Blick von mir
ab so wie der meinige ihn traf und auch ich schlug die Augen wieder nieder
aber ich fühlte wie meine Wangen vor dem Strahle seines Blicks in dunkelem
Purpur erglühten Als ich mich nach einer kleinen Weile unbemerkt wusste sah ich
doch verstohlen wieder hin es war eine hohe edle Gestalt mit einem sehr
ausdrucksvollen schönen ernsten Gesichte Sein durchaus ruhiger bescheidener
und doch vornehmer Anstand verkündeten in ihm den Mann von Welt und feiner
Bildung ich sah von ihm auf meine zahlreichen den Saal füllenden Bewunderer
nie hatten sie mir weniger gefallen alle standen in ehrerbietiger Ferne
einige noch verlegener als ich drückten sich an den Wänden herum Ich wünschte
in diesem Augenblick nichts sehnlicher als zu erfahren wer der interessante
Fremde sei Aber wo hätte ich den Mut hernehmen wollen danach zu fragen ich
war mit einemmal ein blödes bescheidnes Kind geworden und ich kannte mich
selbst nicht wieder in dieser Umwandlung
    Der Nachmittag war bestimmt die Herzogin an einige der schönsten Puncte der
Umgegend zu führen und sie selbst hatte die Gnade mich zur Begleitung ihrer
Töchter einzuladen Ich fuhr mit den Prinzessinnen und ihrer Hofmeisterin in
einem offenen Wagen der Fremde ritt neben dem der Herzogin her Er schien so an
ihre Nähe gefesselt dass er sich von ihr durchaus nicht entfernen durfte
indessen hatte ich doch das Vergnügen ihn von weitem zu beobachten Seine
schöne Gestalt zeigte sich mir zu Pferde auf das allervorteilhafteste denn es
ist ja eine sehr alte Bemerkung dass für die Männer das Pferd das ist was für
uns der Tanzsaal um darauf körperliche Vorzüge im günstigsten Lichte geltend zu
machen Mit stiller Freude wurde ich gewahr dass er sich nach uns umsah so oft
sich die Gelegenheit dazu bot Ich bemerkte es jedesmal wenn es geschah mochte
aber um so weniger es wagen nach seinem Namen zu fragen
    Eine elegante und ausgesuchte Kollazion erwartete die Herzogin nach
vollendeter Spazierfahrt in einem der schönsten Gärten in der Nähe der Stadt
und ein brillantes von einem in diesem Fache berühmten Künstler dirigirtes
Feuerwerk sollte mit sinkender Nacht die Freuden dieses Tages beschließen Für
die Herzogin war zu diesem Zweck dicht am Hause eine große mit einem seidenen
Baldachin bedeckte Estrade erbaut worden Einige Stufen führten von dieser
Estrade in den Garten hinunter und vom Hause aus gelangte man ebenfalls einige
Stufen hinab durch drei der großen bis an den Fußboden reichenden Fenster des
in der ersten Etage befindlichen Speisesaals auf die für die Herzogin und die
Damen bestimmten Plätze Ich fand den meinigen unfern den Prinzessinnen am Ende
der zweiten Reihe von Stühlen Das Feuerwerk begann die laue Sommernacht schien
für ein Vergnügen dieser Art eigends geschaffen zu sein Dunkle Wolken bedeckten
den Horizont ohne doch mit wahrem Regen zu drohen und das in bunten feurigen
Farben stets wechselnde lustige Strahlenspiel zeigte sich auf diesem dunkeln
Hintergrunde in feenhafter Zauberpracht Der Anblick der zahllosen geputzten
Zuschauer welche im Garten um die Estrade her gruppirt teils saßen teils
standen erhöhte den Reitz des magischen Schauspiels indem alle die vielen
Köpfe sich bald im hellsten Lichte zeigten bald zurücktretend in das
geheimnisvolle Dunkel der Nacht wieder verschwanden Das ganze Feuerwerk ging
zur Freude aller Anwesenden ganz vortrefflich von statten schon zeigte sich die
letzte glänzendste Dekorazion ein im hellsten Brillantfeuer strahlender
Säulentempel Ein feuriger Adler flog zu einem der oberen Fenster des Hauses
hinaus über die Estrade weg um die an dem Tempel angebrachten Namenzüge der
hohen Herrschaften anzuzünden alles war in gespannter froher Erwartung Doch
ehe der Adler noch die Mitte seiner Bahn erreichte riss einer der Drähte
entzwei an welchen er schwebte der feurige Klumpen prallte sinkend zurück
gerade auf den Platz zu wo die Herzogin saß Er setzte die seidene Drapperie
des Baldachins in Brand verwundete ein paar Damen und fiel dann mitten in der
Estrade zu Boden wo er dampfend und zischend und prasselnd Angst und Gefahr
um sich her verbreitete
    Von dem Tumulte dem Geschrei dem Entsetzen der Unordnung worin sich jetzt
alles auflöste kann Euch keine menschliche Zunge einen Begriff geben Man muss
so etwas mit erlebt haben um es sich vorstellen zu können Alle Rücksichten
waren im Moment vergessen jeder dachte nur an sich und die Seinen Die welche
auf der Estrade sich befanden stürmten schreiend durcheinander den in den
Speisesaal führenden Zugängen zu Jeder rief mit überlauter Stimme die Namen der
Seinen die er im Gedränge zu verlieren fürchtete und alle vermehrten im
panischen Schrecken die allgemeine Unordnung und die erst aus dieser
hervorgehende Gefahr welcher ein einziger besonnener Mann hätte zuvorkommen
können Mit einem Griffe der die glimmenden Drapperien herunter gerissen mit
einem Fußtritt der den Funken sprühenden Adler in den Garten hinab geschleudert
hätte wäre alles getan gewesen doch daran war jetzt nicht mehr zu denken Die
leichten Latten welche rings um die Estrade eine Art Balustrade gebildet
hatten wurden von denen zertrümmert die aus dem Garten hinauf diese
erkletterten um ihren oben befindlichen Frauen und Töchtern zu Hilfe zu kommen
die Stühle wurden umgeworfen einige der Fliehenden fielen über diese oder über
die zu dem Hause hinaufführenden Stufen andere stiegen über die Gefallenen weg
Die Herzogin war zum Glück gleich im ersten Augenblick ins Haus geflüchtet zwei
Sekunden später waren schon alle drei Eingänge zu diesem von der ihr
nachdringenden Menge verstopft niemand konnte weder rückwärts noch vorwärts
und alles das geschah unter durchdringendem betäubendem Geschrei innerhalb
weniger Minuten ich möchte sagen in weit kürzerer Zeit als ich gebraucht
habe Euch von diesem Unfalle zu erzählen
    Ich selbst behielt zum Glücke kaltes Blut genug um das Nichtige der
gefürchteten und das Bedeutende der aus dieser Furcht entstehenden Gefahr
einzusehen und war deshalb auch so besonnen dass ich mich nicht wie die
Übrigen dem Hause zu zuflüchtete Ich wollte lieber durch einen raschen Sprung
seitwärts von der gar nicht hohen Estrade in das weiche Gras mich in den
dunkeln menschenleeren Teil des mir aus früherer Zeit sehr wohl bekannten
Gartens flüchten um dort das Ende alles dieses Lärmens ruhig abzuwarten Indem
ich aber mein Kleid zusammennahm und mich anschickte herunter zu springen
fühlte ich mit sanfter Gewalt meine Knie umfasst erschrocken sah ich nieder und
traute meinen eigenen Augen kaum als ich die arme kleine Prinzessin Matilde
erblickte die unfähig sich zu helfen zwischen den umgeworfenen Stühlen auf
dem Fußboden der Estrade lag und krampfhaft zitternd mich fest umschlungen
hielt Das arme Kind war gleich anfangs im ersten Schrecke von seiner Mutter
abgekommen es war über die Stühle hingefallen niemand hatte dies gesehen und
da mehreren Personen oblag für die Prinzessin zu sorgen so hatte sich
eigentlich in der Verwirrung niemand um sie bekümmert indem jedes sie bei den
Andern in Sicherheit glaubte So war sie denn wirklich der Gefahr ausgesetzt
geblieben im Gedränge erstickt oder ertreten werden zu können
    Ohne langes Bedenken nahm ich die zarte Kleine auf kniete am Rande der
Estrade hin und ließ sie mit möglichster Behutsamkeit langsam hinunter in das
Gras sinken dann sprang ich selbst ihr nach das Getümmel und Geschrei oben
nahm zu und das Kind lag wie besinnungslos zu meinen Füßen Eben wollte ich
versuchen es mit Hilfe meines Flakons mit Eau de Luce wieder zu sich selbst zu
bringen als ein fürchterliches lange anhaltendes Knallen mich selbst jetzt auf
das heftigste erschreckte Ein Feuerregen umsprühte mich im Nu Hunderte von
feurigen Schlangen flogen zischend und prasselnd nach allen Richtungen durch die
Luft und verbreiteten eine höchst ängstliche Helle die momentan wieder mit
dicker Finsternis abwechselte Eine große Menge zerstreut liegender Raketen
welche zu einer gewaltigen Girandole vereint den Schluss des Feuerwerks hatten
verherrlichen sollen war durch ein Versehen in Brand geraten Vermutlich
hatte der Feuerwerker selbst über die wahrscheinlich nicht ohne seine Schuld
entstandene Verwirrung den Kopf verloren und so konnte denn dieses zweite
Unglück durch die vielen mit Fackeln zum Aufsuchen ihrer Herrschaften
herumlaufenden Bedienten leicht entstehen Durch das immer wilder werdende
Geschrei über mir durch das Knallen der Raketen durch den fortwährenden
Funkenregen und die rings um uns niederfallenden brennenden Raketenstöcke war
ich jetzt selbst so ängstlich geworden dass ich in Gefahr stand ebenfalls die
Besinnung zu verlieren doch suchte ich mich zu fassen so gut ich konnte Ich
nahm das noch immer halb ohnmächtige Kind in meine Arme es schien mir in der
Angst federleicht Mir kam der Gedanke in einen vom Schauplatze der Verwirrung
ziemlich entfernten mir wohl bekannten Gartensaal uns beide einstweilen in
Sicherheit zu bringen denn schon fielen kalte einzelne Regentropfen herab und
der nächtliche Himmel hüllte sich in immer schwärzeres Dunkel Selbst zitternd
vor Furcht trat ich daher jetzt mit meiner Bürde den Weg nach jenem Gartensaal
an und beeilte meine Schritte so gut ich es konnte Ich hatte das Kind schon
eine ziemliche Strecke weit fortgetragen als Angst und Eile mich ein paar
Stufen vergessen ließ die auf meinem Wege lagen und zu einer niedriger
liegenden Terrasse hinabführten über die ich musste Ich glitt aus fiel mit
dem Kinde auf meinen Armen die kleine Treppe hinab und fühlte nach wenigen
Minuten zu meinem unaussprechlichen Schrecken die Unmöglichkeit aufzustehen
und weiter zu gehen
    Im Garten war es jetzt sehr dunkel und todtenstill Das Feuerwerk hatte
ausgetobt und nur wie aus weiter Ferne tönte das die Estrade noch immer
umwogende Getöse zu mir herüber Der Regen begann mächtiger hernieder zu
rauschen und weckte die kleine Prinzessin aus ihrer Ohnmacht Sie zitterte an
allen Gliedern wie ein Espenlaub doch freute es sie sich in meinen Armen zu
finden »Fräulein« bat sie unter heißen Tränen »liebes Fräulein so stehen
Sie doch auf dass wir zu meiner Mutter kommen« und da sie sah dass ich nicht
aufzustehen vermochte erhob sie ein lautes klägliches Geschrei nach Hilfe
    Vergebens versuchte ich alles sie zu beschwichtigen sie lies sich nicht
beruhigen und zitterte dabei immer stärker mit konvulsivischer Heftigkeit Ich
versicherte sie dass alle Gefahr vorüber sei dass der Schmerz in meinem Fuße
sich bald geben würde dass ich den Weg kenne und sie sicher nach Hause bringen
würde alles war vergebens Sie schrie immer lauter und ängstlicher und ich
hörte dabei die Zähne des armen Kindes vor Angst und Furcht an einander
schlagen Der traurige Zustand der Kleinen ging mir durch die Seele Eure
Shawls kannte man damals noch nicht so riss ich dann meine Zirkassienne eine
Art Oberkleid das damals Mode war herunter um das arme Prinzesschen in den
starken seidenen Stoff zu hüllen und es nur einigermaßen vor dem immer dichter
fallenden Regen zu schützen Dankbar schlang das Kind die zarten schwachen
Aermchen um meinen Hals verbarg leise weinend und schluchzend das Köpfchen an
meine Schulter und schrie dann wieder überlaut mit verdoppelter Heftigkeit nach
Hilfe Jetzt fing ich an um uns Beide recht ernstlich besorgt zu werden Die
unnatürliche Heftigkeit der Prinzessin Matilde ängstigte mich unbeschreiblich
die Schmerzen in meinen Füßen nahmen mit jeder Minute zu und wurden fast
unleidlich dazu durchnässte der immer dichter fallende Regen uns beide
besonders aber mich bis auf die Haut Ihr könnt also denken wie froh ich war
als ich endlich an der Taxusecke welche die Terrasse einfasste auf welcher ich
lag den Wiederschein eines Lichtes erblickte Auch die Prinzessin ward mit mir
zugleich diesen Hoffnungsstrahl gewahr sie stand auf wandte sich nach der
Richtung von wo das Licht zu kommen schien und rief mit einemmal laut jubelnd
»Leuen lieber Leuen hieher hier unten ist Matilde hier ist auch das
Fräulein geschwind uns zu Hilfe hieher
    Das Gebüsch über mir rauschte ein Mann sprang von der oberen Terrasse zu uns
hinab und beim Schein einer Laterne die er trug und die er augenscheinlich
irgendwo an einem Hause heruntergerissen haben musste erkannte ich den Begleiter
der Herzogin
    Gottlob dass ich Sie finde Prinzessin sprach er ganz außer Atem wir
glaubten alle Sie schon zu Hause zu finden und die Herzogin ist jetzt
Ihretwegen in der quälendsten Todesangst Kommen Sie wir müssen eilen erlauben
Sie dass ich Sie bis an den Wagen trage damit wir schneller fortkommen
    Nein nein nein nein rief abwehrend die Kleine sehen Sie doch nur hier
das arme liebe Fräulein Falkenhayn Sie hat den Fuß gebrochen weil sie mich
forttrug Ach Gott ach Gott sie stirbt sehen Sie wie sie mit einemmal bleich
wird sie stirbt ganz gewiss wenn sie nicht gleich Hilfe bekommt Das arme Kind
brach von neuem in Tränen aus warf sich mir wie ich so da lag um den Hals
der Fremde aber der jetzt erst meiner gewahr ward stand sichtbar erschrocken
dabei und schien in der ersten Überraschung vergebens nach Worten zu suchen
    Es ist lange nicht so arg als die Prinzessin es glaubt« erwiderte ich
und suchte unerachtet des ungeheueren Schmerzes in meinem Fuße ein Lächeln zu
erzwingen Ich bin ausgeglitten ich habe mir den Fuß verstaucht vielleicht ein
wenig verrenkt aber gebrochen nicht hoffe ich Die paar Schritte bis zum Wagen
denk ich recht gut gehen zu können sprach ich und bemühte mich vom Boden
aufzustehen Herr von Leuen unterstützte mich auch die arme kleine Matilde
strengte mitleidig alle ihre schwachen Kräfte an mir zu helfen doch der
Schmerz ward zu heftig und ich sank mit einem kaum zu unterdrückenden Wehelaut
zurück in das Gras
    Es geht nicht sprach ich meinen Schmerz möglichst verbergend es geht
nicht Haben Sie nur die Güte Herr von Leuen die Prinzessin an den Wagen zu
bringen und mir dann Hilfe zu senden
    Nein nein nein rief Matilde abermals und umschlang mich mich fest
umklammernd als wolle man mit Gewalt sie von mir reißen Nein Leuen ich tue
es nicht mag werden was da will ich kann ja meine gute liebe Beschützerin hier
nicht so allein liegen lassen
    Auch ich kann mich nicht dazu entschließen erwiderte von Leuen mit
bewegter Stimme Aber was fangen wir an der Regen wird immer heftiger was
sollen wir tun
    In diesem Augenblick erblickte er durch das Gebüsch in ziemlicher Ferne
Leute mit Fackeln welche vermutlich noch immer die Prinzessin suchten Er rief
so laut er es konnte ihnen zu doch Wind und Regen rauschten niemand hörte ihn
die Lichter entfernten sich wieder und verloren sich zuletzt ganz Sie
aufzusuchen erlaubte die Prinzessin Herrn von Leuen nicht sie hielt ihn unter
Tränen und Bitten fest und niemand kam zu uns da man nicht vermuten konnte
uns in diesem ganz abgelegenen Teile des Gartens zu finden
    Wenn die Prinzessin gehen könnte es sind kaum hundert Schritte bis dahin
wo ich den Wagen errufen kann fing Leuen jetzt ein wenig verlegen an
    O ich kann ich kann rief das zitternde Kind mir fehlt nichts gar nichts
helfen Sie nur lieber Leuen helfen Sie nur dem Fräulein Geben Sie mir die
Laterne ich will sie schon tragen und nehmen Sie das Fräulein und tragen Sie
sie auf den Armen wie sie mich getragen hat
    Die Prinzessin hat Recht ich bitte vertrauen Sie sich mir sprach jetzt
Leuen und obgleich seine merklich zitternde Stimme dabei von innerer
Verlegenheit zeugte so hob er doch ohne meine Antwort abzuwarten und ehe ich
mich dessen versehen konnte mit starkem Arme mich empor Mir vergiengen dabei
fast die Sinne, aber was konnte ich tun Wie ein Kind lag ich in seinen Armen
an seine Brust gedrückt sein Atem wehte an meiner Wange ich hörte jeden
Schlag seines Herzens Ein unnennbares nie gefühltes Vertrauen zu dem fremden
Manne dessen Namen ich kaum kannte kam in dem Augenblick in meine Seele und
Tränen entquollen meinen Augen süße Tränen die ich weinte ich wusste nicht
warum Er bemerkte mein stilles Weinen »Sie leiden sehr« flüsterte er mit
unbeschreiblich sanfter wohltuender Stimme mir zu und ich sah beim Schein der
Laterne welche die Prinzessin trug dass ein feuchter Schimmer auch sein schönes
Auge verklärte Ich vermochte es nicht seine Frage zu beantworten
    Wir kamen nur sehr langsam vorwärts denn die arme kleine Matilde konnte
kaum fort und auch Herr von Leuen eilte nicht und konnte es auch wohl nicht
unter der schweren Last die er trug
    Endlich ward aber doch der Wagen erreicht unser Beschützer setzte sich
neben mich um mich zu unterstützen und so viel dies möglich war die Stöße
des Wagens zu mindern der seinem Befehl zu Folge meinetwegen sehr langsam
fahren musste Matilde setzte sich mir gegenüber und bestand darauf meinen
kranken Fuß auf ihrem Schoss zu halten dabei plapperte sie in einem fort mit
der frohen Geschwätzigkeit eines Kindes das sich freut einer großen Gefahr
entronnen zu sein und überzeugt ist etwas höchst Merkwürdiges erlebt zu haben
Sie war bei dem ganzen Vorgange nicht so bewustlos gewesen als ich gedacht
hatte denn sie erzählte sehr umständlich wie ich sie von der Estrade hinunter
gelassen habe und dann ihr nachgesprungen sei wie ich sie dann weiter
getragen und wie ich zuletzt mein eigenes Kleid mir abgerissen habe um sie in
die Schleppe desselben einzuhüllen Als sie diesen Umstand erwähnte ward ich
erst beim Scheine der den Wagen umgebenden Fackeln den zerstörten Zustand
meiner Kleidung gewahr und alles Blut meines Herzens stieg mir ins Gesicht
Leuen dessen glänzende Augen bis jetzt in einem fort auf mir geruht hatten
bemerkte mein Erröten auch er wurde rot wandte den Blick und vermied es von
nun an mich wieder anzusehen bis der Wagen vor dem Hause der Herzogin hielt
    Leicht wie ein Vogel mit hellem Freudengeschrei flog Prinzessin Matilde
zum Wagen hinaus die Treppe hinauf in die Arme ihrer Mutter Ich verlangte zu
meinem Vater gebracht zu werden doch in demselben Augenblicke kam er selbst an
den Wagen und schloss mit liebender Sorge mich in seine Arme Seine Gesundheit
erlaubte ihm nicht mehr sich der Abendluft auszusetzen deshalb war er bei dem
Feuerwerke nicht gegenwärtig gewesen doch als das ins Fabelhafte vergrößerte
Gerücht von dem dabei vorgefallenen Unheil ihm zu Ohren kam und ich noch immer
fort ausblieb trieb ihn Besorgnis um mich zur Herzogin wo er mich zu finden
hoffte Beide teilten nun mit einander die Angst um das Schicksal ihrer Kinder
und die Sorge für deren Rettung Alle Leute deren sie habhaft werden konnten
wurden ausgeschickt uns zu suchen doch keiner von allen kam auf den Einfall
uns da zu vermuten wo wir uns befanden Nur Herr von Leuen der übrigens die
Lokalität des Gartens gar nicht kannte ward durch ein glückliches Ungefähr zu
unserer Hilfe herbei geführt Das sonderbarste war dass niemand begreifen
wollte wie die Prinzessin Matilde in diese Verlegenheit hätte geraten können
Und doch war nichts natürlicher Es ist ja das Schicksal aller für deren
Bedienung Viele zu sorgen haben dass sie bei wichtigen unerwarteten Ereignissen
gerade am ersten vernachlässigt werden weil sich stets einer ihrer Diener auf
die Pünktlichkeit des andern verlässt
    Während die Herzogin sich des Wiedersehens ihres vermissten Kindes erfreute
ward ich in einem ihrer Zimmer auf ein Ruhebette getragen denn sie wollte es
durchaus nicht erlauben dass ich in diesem leidenden Zustande in die von der
ihrigen ziemlich weit entfernten Wohnung meines Vaters gebracht würde Gleich
darauf kam sie selbst zu mir um unter heißen Tränen des Dankes mich für die
Rettung ihrer Tochter zu umarmen Sie übertrieb sowohl die Gefahr in welcher
die Prinzessin geschwebt als die Bewunderung dessen was ich für sie getan
hatte nach der gewohnten Art aller Großen die sich nur selten in die
kleineren Unfälle des Lebens zu finden wissen obgleich sie schweres Unglück oft
mit einem Mute ertragen der den unsern beschämt Die Herzogin nannte mich
einen von Gott zu ihrem Schutze gesendeten Engel und war so unerschöpflich im
Lobe meines Mutes meiner Besonnenheit meiner Selbstopferung dass ich zuletzt
anfing mich recht herzlich vor mir selbst zu schämen Denn was war es denn am
Ende was man so bis in die Wolken erhob Was hatte ich denn Großes getan Ich
hatte Besonnenheit genug gehabt einigermaßen mit Verstand für meine eigene
Person zu sorgen und war dabei nicht unmenschlich genug gewesen ein schwaches
liebenswürdiges Kind hilflos zu verlassen«
    »So wie die Herzogin hinaus ging fingen alle im Zimmer Gegenwärtige von
der Hofmeisterin der Prinzessin bis zum Garderobenmädchen hinab an auch ihren
Teils meinen Edelmut in noch übertriebneren Ausdrücken als ihre Fürstin bis in
die Wolken zu erheben Alle erzählten einander zugleich die Wunder die ich
getan so dass ich der Sache endlich recht überdrüssig ward und es versuchte
ihnen meine eigne Ansicht des Vorganges mitzuteilen Allein ich predigte tauben
Ohren Man ergoss sich jetzt sogar in überlaute Bewunderung meiner Bescheidenheit
Ich schwieg zuletzt lies geduldig alles über mich ergehen und fand bald dass
dies der beste Weg sei die ungestümen Nachbeter ihrer Fürstin endlich zum
Schweigen zu bringen
    Inzwischen untersuchte der Leibarzt der Herzogin meinen beschädigten Fuß Er
war wie ich es vermutet hatte nicht gebrochen aber verrenkt und stark
geschwollen Der Arzt versprach meine völlige Wiederherstellung innerhalb
weniger Tage nur machte er dabei das vollkommenstruhige Verhalten zur
unablässlichen Bedingung So war denn um so weniger an meine Rückkehr in das Haus
meines Vaters zu denken da obendrein die Herzogin sehr ernstlich darauf
bestand mich unter ihren Augen verpflegen zu lassen
    Ein leichtes Erkältungsfieber welches Prinzessin Matilde von unserem
nächtlichen Abenteuer davon getragen zwang ohnehin die Herzogin ihren
hiesigen Aufenthalt auf unbestimmte Zeit zu verlängern besonders da auch ihre
eigne Gesundheit von der heftigen Gemütsbewegung jenes Abends gelitten hatte
Sie fühlte sich matt und erschöpft oder brauchte dies auch vielleicht nur zum
Vorwande um allen anderweitigen Festen auszuweichen die man ihretwegen noch
anordnen wollte
    Auch meine eigne Genesung machte weit langsamere Fortschritte als der Arzt
anfangs gehofft hatte so blieb ich denn zwei volle Wochen hindurch in der Nähe
der Herzogin und diese Zeit ward zu einem Lichtpunct in meinem Leben dessen
Abglanz noch jetzt das Dunkel meiner alten Tage erhellt Wie durch einen
Zauberschlag sah ich mich in eine mir ganz neue Existenz versezt alle meine
Begriffe von mir und vom Leben erhielten eine andere Richtung alles was mich
bis dahin teils ergözt teils geblendet hatte war für den Moment wenigstens
wie vor meinen Augen verschwunden Ohnerachtet der herablassenden Güte der
Fürstin fühlte ich mich doch in jeder Hinsicht ihr viel zu untergeordnet als
dass es mir hätte einfallen können meine gewöhnliche glänzende Rolle in ihrem
Beisein fortspielen zu wollen Auch die ernste stille beinahe furchtsame
Bescheidenheit der älteren Prinzessin Ludovika die nur wenige Jahre jünger als
ich war flößte mir eine Zurückhaltung ein die ich sonst nicht kannte Nicht
etwa dass ich ein verstelltes Betragen angenommen hätte um in diesen Umgebungen
anders zu erscheinen wie ich war nein ich blieb offen und unverstellt wie
immer aus Charakter nicht aus Tugend aber ich folgte nur meiner gewohnten
Art mich vom Augenblicke und von meinen Umgebungen hinreißen zu lassen Mit
der kleinen Matilde die leidenschaftlich an mir hing ward ich eben sowohl
zum spielenden jauchzenden Kinde als ich in Gegenwart der Herzogin und der
Prinzessin Ludovika mir die bescheidne Haltung und das anspruchslose Betragen
aneignete durch welches diese Damen sich auszeichneten Kein einziger meiner
Verehrer hätte in dieser Umwandlung mich als Die wieder erkannt die ich noch am
Morgen vor dem Feuerwerke war und doch bin ich überzeugt nie wahrhaft
liebenswürdiger gewesen zu sein als während meines Aufenthalts in diesem Hause
Ich fühlte das wohl und freute mich darüber aber ich war leider noch nicht klug
genug um mir daraus für mein künftiges Leben eine Lehre zu nehmen
    Das Reisegefolge der Herzogin war so klein als der hohe Rang dieser Fürstin
es nur immer erlauben mochte Außer dem zur Bedienung notwendigen Personal
bestand es nur aus einer Hofdame die mit der Herzogin von Jugend auf zusammen
gelebt hatte aus der Hofmeisterin der Prinzessinnen einem Kavalier und dem
Leibarzte Ersterer Baron Reineck ein Mann von mittlerem Alter langte erst am
Morgen nach dem Feuerwerke bei seiner Fürstin an Ein ganz unerwarteter Zufall
hatte ihm unterwegs eine geliebte seit vielen Jahren nicht gesehene Schwester
entgegen geführt und die Herzogin erlaubte ihm gern ein paar Tage mit dieser
zuzubringen um so eher da Herr von Leuen den sie zufällig an dem nämlichen
Orte traf sich erbot den Dienst seines Freundes Reineck während dessen
Abwesenheit zu versehen Diesen jungen Mann führte sein Weg ohnehin dem
nämlichen Ziele zu da er Geschäfte halber einige Zeit in unsrer Stadt zu
verweilen gedachte die Fürstin hatte ihn schon während des vergangenen Winters
den er zum Teil in ihrer Residenz verlebte als einen sehr angenehmen
Gesellschafter kennen gelernt und sie war mit der Aussicht ihn einige Tage zum
Begleiter zu haben vollkommen zufrieden Auch jetzt nach der Rückkehr des Barons
Reineck erlaubte sie ihm nicht eine andere Wohnung als die ihrige zu beziehen
und er musste ihrer Einladung zufolge nach wie vor zu den unsrigen gehören
Ich darf mich dieses Ausdrucks wohl bedienen denn auch ich ward in jener
glücklichen Zeit dem kleinen Kreise der Herzogin zugezählt
    Wir alle die wir zu diesem gehörten versammelten uns jeden Abend im Zimmer
der Fürstin das um diese Zeit unter dem Vorwande des Unwohlseins der kleinen
Prinzessin Matilde allen andern Besuchen verschlossen blieb Welche Abende
waren das Wie ungeduldig erwartete ich jedesmal die Stunde wo die Herzogin von
der Tafel zurückkam zu der sie täglich einige der Ersten der Stadt einladen
lies Mit welcher Freude sah ich jedesmal die beiden himmellangen Heiducken in
ihrer damals üblichen teatralischbunten Tracht in meinem Zimmer erscheinen um
mich in meinem Ruhebette zu ihrer Herrin herüber zu tragen
    Die feinste Sitte war in diesem kleinen Abendzirkel vorherrschend und
dennoch blieb aller Zwang jede von den Großen dieser Erde sonst unzertrennlich
geglaubte Etikette daraus verbannt Es war der schönste Kommentar zu Tassos
freilich damals noch nicht niedergeschriebenem Ausspruch Willst Du genau
erfahren was sich ziemt so frage nur bei edlen Frauen an Jeder von uns trug
nach seiner Weise durch Scherz und Ernst durch Kunst und Talent zur
Unterhaltung bei die Herzogin selbst aber schwebte über dem Ganzen gleich einem
milden alles belebenden Genius Nie weder früher noch später sah ich eine
Frau die mit so anspruchsloser Grazie das Gespräch stets so zu lenken wusste
dass Alle Freude daran hatten nie sah ich eine welche die schwere Kunst
zuzuhören so verstanden hätte wie sie Sie war die erklärteste Feindin aller
jener geselligen Neckereien die so leicht in bittere Persönlichkeiten ausarten
und doch hatte der ungefesselteste Witz freies Spiel so lange er nur ergötzen
und nicht verwunden wollte Niemand durfte in ihrer Nähe sich zurückgesezt
fühlen niemand bedrückt niemand in seinen Rechten oder auch nur in seinen
Empfindungen gekränkt
    Ich staunte meine hohe Meisterin an sie war so himmelweit von jenen
berühmten Frauen in Paris verschieden die mein Vater als Muster aller
weiblichen Vollkommenheit mir so oft beschrieben und angepriesen hatte Zum
erstenmal kam eine Ahnung davon in meine Seele dass Jugend Schönheit Geist
blendender Witz und die Gabe über jeden Stoff interessant reden zu können noch
lange nicht alles sind was wir bedürfen um liebenswürdig und allgeliebt zu
sein und dass man mit weit weniger brillantnen Eigenschaften dennoch weit
sicherer und dauernder dieses Ziel erreiche wenn Herzensgüte ächtes Wohlwollen
und anspruchlose Natürlichkeit aus unserm ganzen Wesen denen entgegen leuchten
die uns nahen
    Bernhard von Leuen stand in unserem kleinen geselligen Verein als Seele
desselben der Herzogin würdig zur Seite Man sah er war ein Mann der
unerachtet seiner Jugend fest und sicher seinen Weg ging ohne je gleich
einem Irrenden bald nach diesem bald nach jenem zu greifen Unerachtet seiner
sehr vorteilhaften äußern Bildung und übrigen bedeutenden Vorzügen lag in
seinem Benehmen nicht die leiseste Spur eines Bestrebens auffallen oder glänzen
zu wollen Der Grundton seines Wesens schien vielmehr eine gewisse ernste Ruhe
zu sein die ihm nie erlaubte sich irgendwo vorzudrängen er lies lieber alles
an sich kommen und ging niemals auch nur um einen halben Schritt der
Bewunderung entgegen Höflich gegen alle besonders gegen Damen blieb er doch
stets von dem mitunter etwas faden Tone der damaligen jungen und alten Herren
entfernt und erzeugte uns die Ehre oder die Gerechtigkeit uns wie vernünftige
Wesen und nicht wie Kinder zu behandeln Ohne geradezu witzig zu sein war er
die Zierde jeder bedeutenden Unterhaltung denn er besaß die herrlichste Gabe
des Worts die mir je vorgekommen So oft irgend ein hohes den Menschen ehrendes
Gefühl ihn dazu begeisterte riss der ihm eigne Zauber seiner Überredungskraft
auch den Kältesten hin Jeder fühlte dass das Unwiderstehliche derselben nicht
allein in der sorgsamen Wahl seiner Worte und nicht in der eigentümlichen
Schönheit des vollen reinen Tons seiner Stimme lag es lag weit tiefer denn was
er sagte war nicht bloß das Erzeugniss seines hellen Verstandes es kam recht
aus dem Grunde seines schönen Herzens und musste darum wieder zum Herzen gehen
Er war viel gereist das Schönste und Erhabenste was diese Erde trägt hatte er
gesehen ein guter Genius hatte ihn gelehrt es sich anzueignen für die
Erweiterung seiner Kenntnisse sowohl als fürs praktische Leben und man sah es
ihm an dass er wohl wusste was die Welt von ihm und er von der Welt zu fordern
habe
    Scheltet mich nicht dass mein altes Herz sich noch jugendlich warm im Lobe
meines Freundes vielleicht zu wortreich ergießt Er war so wie ich ihn Euch
beschreibe ich sah nie seinesgleichen und werde es nie wieder sehen Wenn er
uns vorlas was dem Wunsch der Herzogin gemäs täglich wenigstens eine Stunde
lang geschah wie hing ich und wie hiengen wir alle dann mit ganzer Seele an
seinen Lippen an dem Ausdrucke seines edlen Gesichts Durch ihn zuerst lernte
ich deutsche Poesie und jenen hohen Wohllaut kennen dessen unsere von mir so
lange verkannte Sprache fähig ist Ihr habt nicht vergessen dass ich bis dahin
durch meinen Vater außer einigen italienischen und englischen Klassikern nur
hauptsächlich die französische Literatur kennen gelernt hatte Fast alle unsere
deutschen Schriftsteller waren mir fremd geblieben vor allen die damals aus
langer tiefer Nacht glorreich entstehende Poesie meines Vaterlandes Die
Herzogin sowohl als Bernhard von Leuen genossen meine freudige Überraschung
mit jener wohlwollenden und wohltuenden Empfindung mit der wir einen Freund
zum erstenmal an den schönsten Punkt einer uns längst bekannten reitzenden
Gegend führen oder ihn vor ein ihm noch unbekannt gebliebenes herrliches
Kunstwerk hinstellen und in seinem Entzücken den Moment noch einmal durchleben
in welchem auch wir zum erstenmal an der Stelle standen wo er jetzt steht
    Das alles ist dahin und mit einem sehr trüben Gefühle der Wandelbarkeit
des menschlichen Sinnes und aller Größe und alles Ruhms auf Erden muss ich es
erleben dass das Wirken jener Männer deren Namen ewig unser Stolz sein sollte
eigentlich schon jetzt an ihren undankbaren Enkeln verloren geht Wie lange wird
es dauern so ist es ganz vergessen und verschollen während wir aus Modesucht
und Misverstand HandwerksburschenLieder aufsuchen und sie als Meisterwerke
bewundern und sammeln Wer in der jezigen leselustigen jungen Welt kennt noch
Kleists Frühling anders als höchstens vom Hörensagen während jeder nur halb
gebildete Engländer seinen Tomson beinahe auswendig weis dessen Andenken neue
Auflagen seiner Werke alljährlich erneuern Sinkt nicht sogar Klopstock der vor
wenigen Jahren noch unter uns lebte allmählig der Vergessenheit zu Man nennt
ihn noch zuweilen aus Gewohnheit oder aus einer Art von Pietät aber wie Viele
in der jungen Welt kennen mehr von ihm als den Namen So ists mit Hagedorn mit
Utz mit Kronegk mit Haller mit Hölty mit so vielen die der Ausländer zu
unsrer Schande bald besser kennen wird als wir während wir mit wahrem
Heishunger auf die neuen Erzeugnisse der Zeit auf Tageblätter und Taschenbücher
uns werfen die schon beim Entstehen den Keim der Vergänglichkeit in sich
tragen und auch nicht einmal verlangen länger zu leben als der Augenblick
durch den und für den sie entstanden
    Mit einem ganz unnennbaren Gefühle hörte ich einzelne Gesänge aus Klopstocks
damals unlängst zuerst erschienenem Messias vorlesen und die Bemerkungen von
Leuen und der Herzogin über das eben Gehörte ergriffen mich nicht weniger
wunderbar So war ich es nicht gewohnt dieser heiligen Gegenstände erwähnen zu
hören vieles schien mir sogar unverständlich sowohl was sie sagten als was
vorgelesen ward und doch ergriff mich dabei eine mir selbst unerklärliche nie
zuvor von mir gekannte Rührung Oft fühlte ich mich über mich selbst erhoben
und zum erstenmale drang ein erwärmender Strahl jenes Lichtes in mein Gemüt
das jetzt der Trost meines Alters istindem es die dunkle Bahn sanft erleuchtet
die ich bald werde zu wandeln haben
    So sehr mein Geist und mein Gemüt durch alles dieses angeregt und
angesprochen wurde so muss ich indessen doch gestehen dass ich nach Mädchenart
es dennoch nicht unterlassen konnte das innige Wohlgefallen zu bemerken mit
dem Bernhards Auge auf mir ruhte so oft er sich unbeachtet glaubte Ich sah es
recht gut wie er alle die schönsten zartesten ergreifendsten Stellen der
Poeten welche er besonders liebte und deshalb auswendig wusste gerade mir
allein durch Blick und Ton zuzueignen schien Wäre mir hiebei noch irgend ein
Zweifel übrig geblieben so hätte manch heimliches Lächeln der Anwesenden
manche leicht hingeworfene Bemerkung mich in meinen Beobachtungen bestärken
müssen Er war durchaus kein homme aux petits soins und doch konnte nichts
Zarteres erdacht werden als die tausend kleinen fast unmerklichen
Aufmerksamkeiten welche er mir stündlich erwies Wie oft sah ich ihn
erbleichen wenn zuweilen der Schmerz in meinem Fuße plötzlich auf ein paar
Minuten wiederkehrte und ich mit einem nicht zu unterdrückenden Wehelaut
zusammenzuckte Jene wahrsagende Stimme die schon seit Anbeginn der Welt in
jedem Mädchenherzen wohnt und bis ans Ende der Tage darin wohnen wird sagte
auch mir ich sei geliebt heiß geliebt von dem seltensten edelsten Manne vor
welchem alle meine übrigen Anbeter und Bewunderer samt und sonders in traurige
Unbedeutenheit zusammensanken Auch Bernhard las in meinem Herzen und ich
versuchte es zwar nicht ihm dieses zu wehren aber ich gestand mir auch nicht
dass ich es ihm erlaube sondern ich lies es gleichsam wie achtlos geschehen
Beide waren wir nun überglücklich im seeligsten Empfinden des ersten leisen
zarten Verstehens zweier in eins zerfliessender Gemüter Wir fühlten es wohl
wir wussten es wohl was wir eins dem andern waren aber um die Welt hätten wir
es noch nicht aussprechen mögen denn die erste Liebe lernt nicht sobald Worte
finden und kann sie auch entbehren
    O wär ich länger in diesem Verhältnisse geblieben Wie ganz anders hätte
mein Leben sich gewendet Doch die Prinzessin Matilde genas wieder die
Herzogin setzte ihre Reise weiter fort und ich kehrte nach zwei kurzen mit
Flügelschnelle an mir vorüber geeilten Wochen völlig hergestellt in das Haus
meines Vaters zu meinen alten Umgebungen zu meiner gewohnten Lebensweise
zurück
    Mir war als erwache ich aus einem langen schönen Traume doch auch dies
Erwachen hatte sein Angenehmes und ich weinte nicht wie Kaliban um wieder
einzuschlafen Hatte ich doch auch in manchen Stunden die Trennung von meinem
Vater und vielleicht auch eine gewisse Abhängigkeit vom Willen Anderer deren
ich nicht gewohnt war wenn nicht schmerzlich doch wenigstens unbequem gefühlt
und war Er doch zurück geblieben um wie er gleich anfangs es angekündigt
hatte einige Geschäfte hier abzumachen Bernhard von Leuen lies sich bei meinem
Vater einführen dessen Bekanntschaft er schon früher bei der Herzogin gemacht
hatte und von nun an besuchte er fast täglich unser Haus
    Der gewohnte Kreis unsrer Hausfreunde und Bekannten empfing mich mit lautem
Jubel und tiefer Verehrung in seiner Mitte als wäre ich eine Königin die nach
langer Abwesenheit in ihre Staaten wieder zurückkehrt Der Ton in unserem Hause
hatte sich während meiner kurzen Entfernung aus demselben nicht im mindesten
verändert Französirende Witzeleien dreistes oft zugleich auch unbefugtes
Absprechen über jeden Gegenstand rücksichtloses unbarmherziges Verspotten
wenn nicht des Heiligsten selbst doch dessen was vielen für heilig gilt war
bei uns nach wie vor an der Tagesordnung Stundenlang konnte die lebhafteste
Unterhaltung sich um ein Nichts herumdrehen hingegen besprachen auch zuweilen
besser unterrichtete Männer an deren Spitze mein Vater stand sich klar und
verständig belehrend und gründlich über viele der bedeutendsten Gegenstände des
Lebens der Kunst der Wissenschaft. Die mehresten unter dem jüngeren Teile der
Gesellschaft zogen sich von diesen Gesprächen verstummend zurück nur Bernhard
nahm stets mit höherem Interesse Teil daran Ich hingegen mischte nach alter
Gewohnheit mich in alles es mochte Ernst sein oder Scherz und fand oft ein
ganz eigenes Vergnügen darin alles launenhaft durch einander zu wirren Denn
leider trat die alte Gewohnheit des Lebens bald wieder in ihre Rechte jeder Tag
drängte die Erinnerung an jene bessere nur zu kurze Zeit die ich bei der
Herzogin verlebt hatte mehr in den Schatten zurück und in den alten Umgebungen
ward ich selbst wieder nur zu schnell was ich früher gewesen war
    Es wird Euch unglaublich dünken wenn ich Euch sage dass ich mit heimlicher
Freude das Erschrecken bemerkte mit welchem von Leuen mich im väterlichen Hause
so ganz verschieden von dem fand was ich in der Nähe und den Umgebungen der
Fürstin gewesen war Doch leider war ich töricht und verwöhnt genug die
sichtbare Bewegung in die er bei dieser Entdeckung getiet für ein Zeichen
bewundernder Überraschung anzusehen und mein Betragen ward von nun an mit
jedem Tage übermütiger und kecker Neben der Freude an meines Vaters Beifall
riss teils die überlaute Bewunderung unsers Kreises mich hin teils wollte ich
vor Bernhards Augen recht glänzend und liebenswürdig mich zeigen und so überbot
ich denn mit jedem Tage mich selbst bis zur höchsten Anstrengung meiner
geistigen Kräfte Ich witzelte mit Jenem neckte mich mit diesem entschied
überall oft über Dinge von denen ich nichts wissen konnte und lachte mich
selbst zuerst aus wenn ich dabei in grobe Irrtümer verfiel was wohl zuweilen
vorkam
    Ich war nicht verblendet genug den tiefen leidenschaftlichen Schmerz zu
übersehen der jetzt Bernhards schöne Züge nur zu oft umdüsterte doch ein paar
an ihn gerichtete freundliche Worte wenn er sich dessen am wenigsten versah
ein unbedeutender Vorzug den ich unerbeten und zuvorkommend ihm vor den
Übrigen einräumte verfehlten es nie diesen schmerzlichen Ausdruck seines
Gesichts in den der innigsten Liebe umzuwandeln So glaubte ich in seinem
momentanen Trübsinne nur die Wirkung einer Eifersucht zu sehen die mir nicht
anders als schmeichelhaft sein konnte Ich fühlte wie er mit ganzer Seele an
mir hing und hatte eine wahrhaft kindische Freude daran ihn nach Belieben an
einem seidenen Faden flattern zu lassen Ich glaubte weder dass er diese leichte
Fessel zerreißen noch dass sie ihm drückend werden könne denn er schien sie so
gern zu tragen und ich hatte keine Mutter keinen Freund gütig und weise
genug um mich aufmerksam darauf zu machen wie sehr dieser Misbrauch der
Gewalt die ein freundliches Geschick mir über das edelste Gemüt gegeben
seiner und meiner unwürdig sei
    Indessen verband ich mit diesem wunderlichen Betragen auch noch ganz
insgeheim die Absicht meinem Freunde dadurch mehr gesellige Leichtigkeit
anzubilden das Einzige was ihm in meinen Augen noch zur Vollkommenheit fehlte
Bei dem grosartigeren ernster gehaltenen Tone der in den Umgebungen der
Herzogin vorherrschend war hatte ich an ihm nicht das geringste auszusetzen
gefunden doch in meinem eigenen Kreise erschien er mir jetzt oft nicht gewandt
genug und ich war zuweilen in meinem Herzen recht trostlos darüber wenn ich
ihn in dieser Hinsicht von übrigens ganz unbedeutenden Gesellen übertroffen zu
sehen glaubte Ich selbst war ja vor allen Dingen brillant und alles was zu
mir gehören wollte musste es auch sein
    Bernhard schien indessen wenig geneigt sich hierin meinen Wünschen zu
fügen und dem wesenlosen Schimmer nachzujagen den ich an ihm vermisste Wie er
von jeher gewesen so blieb er und wenn die Gecken um ihn her ihr loses Spiel
ihm ein wenig zu nahe trieben so wusste er schroff und imponirend genug sich
vor ihren Augen zu erheben um sie in gehöriger Entfernung von sich abzuhalten
Dies war es nun wohl nicht was ich eigentlich gewollt hatte doch konnte es
mich nicht verdrießen ich ward nur heimlich um so stolzer auf meinen Freund
Bernhard bemerkte meine Zufriedenheit in solchen Augenblicken wenn gleich ich
sie mir selbst kaum gestand und diese Entdeckung gab ihm sogar einst den Mut
einen günstigen Augenblick zu benutzen um mir über das Schaale und Zwecklose
unsers Treibens recht ernstliche und eindringende Vorstellungen zu machen Wie
können Sie teures Fräulein sprach er zu mir wie können Sie die Sie so reich
begabt sind an der geistigen Armut dieser Leute Freude finden Wie ist es
möglich dass der Wirbel dieser Geselligkeit Sie so hinreisst Ich selbst glauben
Sie es nur ich selbst könnte in diesem nichtigen Treiben dem Sie viel zu
nachsichtig sich hingeben Sie verkennen wenn jene ersten schönen Tage die ich
in Ihrer Nähe verlebte mir nicht noch in zu heller Glorie vorschwebten Nie
werde ich jener Zeit vergessen lassen Sie sie wiederkehren Sie können es
sobald Sie es wollen sein Sie nur wieder Sie selbst
    Das bin ich allemal erwiderte ich ihm lachend ein fröhliches Geschöpf
das wohl zuweilen recht ernstaft sein mag das sich aber auch herzlich gerne
amüsirt und zum Amüsiren schicken die Toren sich am besten
    Sich amüsirt wiederholte Leuen ein ganz klein wenig erbittert was heißt
denn amüsiren Das Leben zu vergessen suchen von den Tagen einen dem andern in
nichts sagendem und nichts wollendem Spiel so rasch als möglich nachjagen damit
nur von Keinem eine Spur übrig bleibe damit man nur gar nicht zur Besinnung
komme O Fräulein Sie die Sie so glücklich sein könnten indem Sie andere
beglücken rief er mit hohem Erröten hingerissen von seinem Gefühl und
ergriff dabei meine Hand Teure teure Anna mögen Sie des Lebens immer immer
sich freuen das Köstlichste das es bieten kann möge es zu Ihrem Ergötzen
stets bereit sein möchten alle Ihre Tage eine ununterbrochene Kette Ihrer
würdigen Freuden werden und  hier stockte er ein wenig dann setzte er in
gelassenem Tone hinzu doch amüsiren Liebes Fräulein überlassen Sie diesen
nüchternen Rausch allen denen die nicht minder tief unter Ihnen stehen als
jene Menschen denen Sie es erlauben Sie ihrer Unbedeutenheit unerachtet zu
umflattern
    Sehen Sie von Leuen erwiderte ich freundlich wenn gleich innerlich nicht
ganz zufrieden sehen Sie indem Sie auf das unschuldige Amüsiren schelten sind
Sie selbst höchst amüsant denn Sie nehmen für Ernst was gar nicht so gemeint
ist und eben das ist ja erst der rechte Spaß Werden Sie denn nie lernen Ihre
Freunde auch unter der Maske zu erkennen
    Aber wenn sie tagtäglich immer und ewig in der Maske einher gehen
erwiderte er
    Ich fiel ihm rasch ein Im Karneval tut man das und die Jugend ist das
Karneval des Lebens Sein Sie doch zufrieden dass Sie zu den sehr Wenigen
gezählt werden in deren Nähe man die Maske gern und recht oft ein wenig lüftet
Und nun Herr Griesgram kommen Sie an den Flügel mir Amiets Klagen von unserem
Lieblinge Kleist zu akkompagniren Ich verspreche Ihnen dagegen den ganzen
Abend recht artig zu sein wenn nämlich nichts dazwischen kommt das mich
anderes Sinnes machen könnte Bernhard folgte mir willig mit jenen aus Liebe
und Zorn zusammengeseztem Ausdrucke in seinen Zügen den wir so gern als den
sichersten Beweis unserer unumschränkten Herrschaft anzusehen uns gewöhnen und
ich sang heimlich triumphierend ihm vor Sie fliehet fort es ist um mich
geschehen ein weiter Raum trennt Lalage von mir
    Von nun an fielen beinahe alle Tage ähnliche Szenen zwischen uns beiden vor
die von Leuen oft ziemlich künstlich herbeizuführen wusste Oft sah ich das offene
Geständnis seiner Liebe auf seinen Lippen schweben mein Herz klopfte ihm
entgegen aber ein ganz eigenes Gemisch von Stolz Verlegenheit und mädchenhafter
Scheu verbunden mit dem lebendigsten Bewustsein dessen was ich selbst für ihn
empfand bewogen mich jedesmal ihm auf irgend eine Art zu entgehen und wäre es
auch nur durch die erste beste Posse gewesen die mir eben durch den Sinn fuhr
Mein Vater freute sich unserer gegenseitigen täglich wachsenden Neigung zu
einander die seinem Scharfblicke nicht entgieng doch hielt er es für das
Geratenste nichts weder dafür noch dagegen zu unternehmen
    In unserem geselligen Kreise begann man um diese Zeit ebenfalls mich als
die Braut des Herrn von Leuen zu betrachten obgleich ich jede darauf
hinzielende Anspielung nur mit einem stolzen Lächeln beantwortete Übrigens
hörte ich alles an was man über diesen Gegenstand sagen mochte ohne sonderlich
weiter darüber zu denken
    Meine Zukunft breitete sich unabsehbar vor mir aus ich war glücklich in der
Gegenwart der Augenblick erfüllte mich so ganz dass ich alles gehen lies wie
es ging ohne Sorge und ohne Vorbedacht
    Bernhards mit jedem Tage zunehmender Ernst verbunden mit manchem andern
Zuge in seinem Benehmen hätte bei einzelnen Gelegenheiten mir wohl einen großen
Kampf in seinem Gemüte andeuten können doch ich bemerkte nichts davon oder
glaubte nicht daran und so kam dann der verhängnisvolle Abend herbei der über
meine Zukunft entschied ohne dass ich Verblendete seine Nähe vorahnend empfunden
hätte
    Ist es denn nicht immer so Spielen wir nicht immer achtlos wie Kinder am
Rande eines Abgrundes während wir der Hand ausweichen oder sie wohl gar unsanft
zurückstossen die uns vor dem Fall bewahren möchte weil sie nicht vermeiden
kann uns zuweilen etwas unsanft zu ergreifen
    Unsre gewohnte Gesellschaft war eben eines Abends zahlreicher als gewöhnlich
versammelt und das sehr animirte Gespräch drehte sich rasch um einen
Gegenstand welcher damals die ganze hiesige elegante Welt auf das
allerlebhafteste beschäftigte Es galt einem nach mehrjährigem Aufenthalte im
Auslande eben wieder in der Heimat frisch angelangten jungen Manne Er hatte
sich lange in Paris sogar auch ein paar Monate in Rom aufgehalten und eignete
sich folglich auf das vollkommenste dazu in seiner Vaterstadt den Ton
anzugeben was damals für Seinesgleichen weit leichter war als jetzt In unseren
Tagen geht alle Welt auf Reisen und dies macht uns gegen Weitgereiste viel
gleichgültiger die in meiner Jugend weit mehr galten Wer Paris diese damals
allgemein anerkannte Königin aller Städte gesehen hatte erhielt schon allein
dadurch ein gewaltiges Übergewicht in der Gesellschaft und wer nun vollends in
Rom gewesen war und vom Pantoffel des Papstes etwas zu erzählen wusste den
betrachtete man sogar mit einer eignen Art von ehrfurchtsvoller Scheu als Einen
der Großes unternommen und vollbracht hatte
    Der junge Wiesenau so hieß der Vielgereiste benuzte im vollsten Masse den
Vorzug den dieses Vorurteil seiner Zeitgenossen ihm gewährte Nichts von
allem was er bei uns antraf konnte so wie es eben war vor seinen Augen Gnade
finden er verdammte alles nannte alles lächerlich zum Erbarmen Ekipagen und
Hausgerät Kleidung und Frisur Dafür aber war er auch eben so unerschöpflich
als bereitwillig im Angeben der neuesten Pariser Moden und ging dabei in die
kleinsten Details ein ohne zu ermüden Unsre sämtlichen jungen Herren wollten
verzwèifeln weil die Tag und Nacht arbeitenden Handwerker mit aller möglichen
Anstrengung dennoch nicht im Stande waren alles gleich so herbei zu zaubern
wie Wiesenau es hatte denn der Szepter der Mode regierte vor dreißig bis
vierzig Jahren weit despotischer als jetzt und wer im Schnitte der Kleidung oder
in der Form seiner Umgebungen nur im geringsten von ihrem neuesten Gesetze
abwich der durfte kaum es wagen sich sehen zu lassen wenn er nicht schon
früher auf Eleganz und Modernität Verzicht geleistet hatte
    Dass auch unter den Damen dies gereiste Wunder gewaltiges Aufsehen erregen
musste versteht sich wohl von selbst Glückseelig war die mit der Herr von
Wiesenau sich unterhielt noch glückseeliger die welche auf einige Stunden den
leichten Schmetterling zu fesseln wusste Am allerglückseeligsten aber achtete
man einige wenige Beneidenswerte denen er eine von ihm mitgebrachte große
mit mehreren Anzügen versehene Pariser Modepuppe mitteilte von der Art wie
sie damals alle Monate von Paris aus an die bedeutendsten Höfe von Europa
versendet wurden und nach deren Muster die von Wiesenau dazu Auserwählten sich
durch Anzug und Kopfputz fast bis zum Unkenntlichen umgestalteten
    Übrigens galt dieser junge Mann nicht nur im Äußern für die Krone aller
eleganten Modernität er wurde auch allgemein als der witzigste
liebenswürdigste zierlichste Petitmaitre bewundert den man seit wenigstens
funfzig Jahren gesehen Jedermann trug sich mit allerliebsten Anekdoten und
witzigen Einfällen von ihm herum nur von Leuen der ihn früher im Auslande
angetroffen hatte wollte mit dem allgemeinen Chor der Bewunderer des jungen
Herrn nicht recht übereinstimmen Er erklärte ihn für einen faden dreisten
Gecken den man selbst in den großen Städten welche er besucht hatte sehr oft
zur Zielscheibe des Witzes misbraucht habe und der nichts weiter verstehe als
auswendig gelernte Melodien Dompfaffenartig abzuleiern
    Ich selbst die ich den Helden des Tages noch gar nicht gesehen hatte war
in Hinsicht auf ihn ziemlich unparteiisch gesinnt Da mir an seiner Modepuppe
nichts lag so hatte er für mich weit weniger Anziehendes als für andere meines
Gleichen Nach allem was ich von ihm hörte und da ich ohnehin immer gern eine
Oppositionspartei bildete war ich in meinem Herzen vielmehr geneigt die
Meinung des Herrn von Leuen in Hinsicht auf ihn anzunehmen Doch er war in dem
Augenblick Mode er war brillant das lies sich nicht abstreiten und so
beschloss ich denn ihn fürs erste an meinen Siegeswagen ein wenig mitziehen zu
lassen sobald sich nur die Gelegenheit dazu fände Diese fand sich noch ehe
ich es erwarten konnte am nämlichen Abend denn einer unsrer Hausfreunde
führte an demselben den Vielbesprochnen bei uns ein
    Nur vom Theater aus könnt Ihr lieben Kinder jetzt eine Idee und noch dazu
nur eine höchst unvollkommene von dem bekommen was ein Stutzer jener Zeit
eigentlich war denn Gottlob in der Wirklichkeit ist diese Art gänzlich bei
uns ausgegangen Ich wünsche meiner Nachwelt Glück zu diesem Verluste denn
obgleich ich das was an die Stelle jener Karikaturen getreten ist eben so
wenig unbedingt loben mag so ist doch die Torheit der jezigen Zeit weniger
erniedrigend wenn gleich vielleicht nicht minder groß Kaum konnte ich selbst
des Lachens mich enthalten als die verdrehte gezierte parfümirte Figur des
Allbewunderten zuerst mit unnachahmlicher Grazie tief sich bückend mir die
Hand küsste und dabei mit seinen à la Maréchal gepuderten ailes de pigeon nahe an
meinem Knie vorüber streifte denn in dieser Übertreibung hatte ich noch keinen
gesehen Doch das Männchen hatte in Paris schwatzen gelernt es hatte mitunter
Einfälle die gar nicht übel waren und besaß obendrein jenen übermütigen Ton
oberflächlicher keine Schonung kennender Persiflage in die ich nur allzugut
einzugehen wusste So kam es an jenem Abende nur zu bald dahin dass wir beide in
der Gesellschaft die Wortführer machten denen der Chor der übrigen in
abgemessnen Pausen Beifall zuzurufen und zuzulachen sich begnügte
    Das Gespräch nahm bald eine Wendung die wie ich selbst es mir nicht
verbergen konnte meinem Freunde durchaus verhasst war doch in meinem Übermute
lies ich darum nicht davon ab sondern wetteiferte mit dem neuen Ankömmling in
unbarmherziger Verspottung alles dessen was zufolge der damaligen modernen
Aufklärung die französirenden Schöngeister Vorurteil nannten daneben aber
ward auch manches abwesende Mitglied der Gesellschaft bei dieser Gelegenheit von
unsern Pfeilen nicht verschont
    Erlasst es mir meine Lieben Euch die näheren Details eines Gesprächs zu
geben das ich noch immer nur mit tiefem Schmerz Euch wiederholen könnte und das
ich so gern vergässe ohne dass es mir bis diesen Augenblick hätte gelingen
wollen es aus meinem Gedächtnisse zu tilgen
    Die gespannteste Aufmerksamkeit unserer Zuhörer nur dann und wann von
schallendem Gelächter unterbrochen lohnte unser Bestreben zu glänzen selbst
mein Vater hörte lächelnd und wohlgefällig uns zu während Bernhard immer
ernster und schweigsamer ward Ich sah den verhaltnen Unwillen in seinen dunklen
Augen blitzen ich las den stummen Schmerz über mein Betragen in seinen Zügen
aber es fiel mir nicht ein ihn deshalb zu schonen Meine unseelige Eitelkeit
verleitete mich zu dem Versuche trotz seiner Unzufriedenheit mit mir seine
Bewunderung durch eben das zu ertrotzen was diese Unzufriedenheit in ihm rege
machte und so trieb ich es immer ärger bis er nicht mehr im Stande war es zu
ertragen
    Ich saß in einer Ecke neben dem Kamin dieses der Kaminschirm und ein
kleiner Tisch der seitwärts vor mir stand sonderten mich ein wenig von der
Gesellschaft ab die mir gegenüber einen Halbkreis bildete Bernhard fand
indessen doch einen Weg ziemlich unbemerkt hinter meinen Armstuhl zu gelangen
und über die Rücklehne desselben gebeugt mir die Bitte zuzuflüstern diese
wunderliche Unterhaltung doch endlich abzubrechen Doch vergebens ich gab mir
im Gegenteil das Ansehen ihn gar nicht zu verstehen Jetzt wurden seine Bitten
immer dringender sie gestalteten sich endlich zu Warnungen um und hingerissen
von der Glut der Leidenschaft von seinem empörten Gemüte und dem Schmerze des
Augenblicks mischte er endlich ganz ohne es zu wollen das so lange
zurückgehaltne Geständnis der glühendsten innigsten Liebe in das dringendste
Flehen um Rückkehr zu mir selbst und meiner bessern Natur
    Dieser Moment war der höchste Triumph meines Lebens Jetzt hatte ich was zu
erhalten meine kühnsten Einbildungen kaum erträumen konnten Er Bernhard von
Leuen musste mitten im Zorn über mich den stolzen Sinn vor mir beugen und
meine Siegergewalt anerkennen Doch auch mein Herz wallte in heißer Liebe ihm
entgegen ich hätte die Welt darum hingeben mögen um in diesem Moment
unbelauscht ihm alles gestehen zu dürfen was ich dachte und empfand und doch
trieb mich ein unüberwindlicher Übermut eine wirklich dämonische Lust an
seiner Quaal das verhasste Spiel noch immer nicht aufzugeben Ich war mir ja
bewusst diese Quaalen jeden Augenblick in Entzücken umwandeln zu können
    Innerlich zu aufgeregt um genau zu wissen was ich tat erschien ich jetzt
wirklich glänzender an geistreichen Einfällen unerschöpflicher als je und
Bernhard stand da bleich und stumm Kein guter Engel gab es mir in die Seele
aufzuhören weil es noch Zeit sei es war vielmehr als sei ich zur Strafe
meines Übermutes den dunkeln unheilbrütenden Mächten anheim gefallen von
denen man glauben könnte dass sie jene kleine Zufälligkeiten leiten die oft
eben so unerwartet als zerstörend in unser Leben treten
    Solch ein Zufall war es gewiss der ich weis bis diese Stunde nicht wie es
geschah die Pfeile unseres Witzes gegen Bernhard selbst wendete In der Art von
Bewustlosigkeit in die mein Benehmen ihn versezt hatte gaben vielleicht ein
paar unbedachte Worte die er hinwarf den ersten wirklich nicht gesuchten
Anlass dazu Doch er war zu erschüttert zu aufgeregt in den tiefsten Tiefen
seines Gemütes als dass er es vermocht hätte wie sonst wohl geschah den
Angriff auf seine Gegner zurückprallen zu lassen Das kalte Spiel widerte seinem
glühenden Herzen zu sehr an als dass er mit Glück daran hätte Anteil nehmen
können Er versuchte zwar sich zu verteidigen aber er verwirrte sich in dem
Versuch und fand zum erstenmale nicht das passende Wort für das was er sagen
wollte Ich sah es seine Verwirrung erhöhte das Gefühl meines Triumphes
hingerissen von der übermütigsten Freude war ich unbesonnen genug einen
seiner Ausdrücke aufzunehmen dem eine lächerliche Seite sich abgewinnen lies
    Bernhard sah mich an und schwieg ganz fassungslos Den Blick vergesse ich
nie
    Jetzt entstand plötzlich eine allgemeine unendlich peinliche Stille um mich
her Ich glaubte zu fühlen dass man in ihm mich schonen wolle ich vergaß dass
wahrscheinlich keiner der Anwesenden Lust haben konnte den Scherz gegen den so
oft Beneideten fortzusetzen dessen Überlegenheit ein jeder von ihnen oft genug
erfahren hatte um sie zu scheuen Ich blickte auf und mein böser Dämon zeigte
mir wie ein heimlich triumphirendes Lächeln auf allen diesen Gesichtern mir
entgegen grinste und er allein stand der gewohnten Waffen beraubt mitten
unter dem mir in diesem Moment unbeschreiblich verhassten Haufen der sich das
Ansehen gab ihn mitleidig schonen zu wollen
    Jetzt begann ich in meinem Gemüte seinetwegen ganz entsetzlich zu leiden in
diesem furchtbaren Moment da mir war als müsse ich mich seiner schämen fühlte
ich zuerst recht tief und eindringend was er mir war und mit welch
unbegränzter Liebe ich an ihm hing
    In bodenloser Verwirrung in namenloser Quaal übermütig und gedemütigt
zugleich rastlos getrieben von einer ganz unerklärlichen an Verzweiflung
gränzenden grausamen Lust  sprach ich noch ein paar Worte
    Lautschallendes nicht zu unterdrückendes Gelächter aller Umstehenden folgte
diesen Worten und mit unbeschreiblichem Schmerze traf der schneidendgellende
Ton dieses Lachens mein Ohr  denn es galt meinem einzigen in diesem
Augenblicke mit fast wahnsinniger Leidenschaft geliebten Freunde und ich selbst
hatte ihn dem Spotte dieser Menschen blosgestellt
    Bernhard stand auf und plötzlich verstummte alles wieder Er trat vor mir
hin blickte noch einmal mir ins Auge ergriff meine Hand die er küsste und
schied ohne ein Wort zu sagen aus dem Kreise in welchem mit einemmale eine
Todtenstille entstand Mit vernichtender Gewalt trat jetzt der Schmerz in meine
Seele meine Besinnung war hin ich könnte sagen mein Leben stand einen
Augenblick still Dann klopften alle meine Pulse mir zu »du hast ihn verloren
ihn und dich auf ewig durch eigne Schuld
    Angelika Vicktorine kennt ihr einen Schmerz der diesem gleichen mag
    Ich wusste nicht mehr was ich tat mechanisch ergriff ich eine kleine aber
sehr schöne PotpourriVase von Porzellan die auf einem kleinen Tische neben mir
stand sie entglitt meinen Händen ob durch mein Versehen ob ich sie vom
dumpfen Instinkt getrieben fallen lies um so die allgemeine Aufmerksamkeit von
mir abzulenken ist mir nie recht klar gewesen Letzteres war wenigstens die
scheinbare Folge davon denn über alle Anwesende musste eine dunkle Ahnung des
vorgefallenen Unheils gekommen sein und deshalb waren alle froh die Gedanken
davon abzuziehen
    Mein Erbleichen mein zitterndes Schwanken hatte nun doch eine sichtbare
Ursache gewonnen und die Gesellschaft war aus der stummen Verlegenheit in der
sie bis jetzt dagestanden glücklich wieder gerettet Das Betrachten des zu
meinen Füßen zerschmettert daliegenden Amors der auf der Vase gemalt gewesen
war das Bedauern über seine Vernichtung gab zu unzähligen galanten Bemerkungen
und witzigen Einfällen Anlass von denen manches Einzelne trotz seiner
Albernheit mir tief in das Herz schnitt Indessen hatte durch diesen halben
Zufall die Unterhaltung doch eine andere Wendung genommen und ich ward dadurch
in den Stand gesetzt mir für den übrigen Teil dieses entsetzlichen Abends die
nötige Fassung wieder zu erringen
    Jetzt lasst es für heute genug sein« setzte die Tante mit leiserer Stimme
hinzu indem sie aus ihrem Armstuhl sich langsam erhob Sie küsste die in Tränen
zerfliessenden Mädchen auf die Stirn und heftete lange und bedeutend den
seelenvollen Blick ihrer hellen Augen auf beide man sah sie wollte noch etwas
sagen wozu die Stimme ihr versagte dann wandte sie sich freundlich ging
langsam hinaus winkte ihr nicht zu folgen und kam den Abend nicht wieder zum
Vorschein
Anna von Falkenhayn treu ihrer vieljährigen Gewohnheit saß am Morgen nach
diesem Abend schon um sieben Uhr völlig angekleidet in ihrem Armstuhl obgleich
es im Kleebornschen Hause das in dieser Hinsicht von andern großen Häusern der
Stadt keine Ausnahme machte kaum anfing Tag zu werden
    Ihr Auge war trübe ihr Herz war schwer von tausend wehmütigen und
schmerzlichen Erinnerungen Das blasse Gesicht auf die durchsichtig zarte Hand
gestüzt strebte sie schon lange vergebens ihre Aufmerksamkeit dem vor ihr
aufgeschlagen da liegenden Buche zuzuwenden um mit dessen Hilfe den Nachhall
aller der trüben und schönen Stunden endlich wieder verklingen zu lassen den
sie selbst am gestrigen Abend aufs neue in ihrem Gemüte hervorgerufen Daher
war es ihr zwar eine unerwartete aber durchaus keine angenehme Überraschung
als ihr Kammermädchen ihr einen draußen stehenden Fremden meldete der dringend
um Zutritt bei ihr bat Sie fühlte sich um so mehr abgeneigt den ihr zu so
ungewöhnlicher Zeit zugedachten Besuch zu empfangen da sie das Mädchen
vergebens um seinen Namen befragte »Der junge Herr« erwiderte dieses »sieht
so vornehm in die Welt hinein dass ich unmöglich zu ihm sagen konnte mit wem
habe ich die Ehre zu sprechen«
    Mismutig und verstimmt war Anna von Falkenhayn schon im Begriff den ihr
etwas überlästig scheinenden Fremden um einen Besuch zu gelegenerer Zeit bitten
zu lassen doch der plötzliche Gedanke dass es gerade wegen der so ungewöhnlich
gewählten Stunde hier wohl auf mehr als auf eine bloße Visite abgesehen sei
hielt sie davon ab und um nicht einer Laune zu gefallen vielleicht eine
Gelegenheit zu verlieren andern hilfreich erscheinen zu können so befahl sie
den Fremden hereinzuführen Er trat ein und mit einem ihr selbst unerklärlichen
Erschrecken erkannte sie in ihm gleich auf den ersten Anblick den Geliebten
ihrer Vicktorine
    So sonderbar verlegen und errötend als diese Beide mag wohl nicht leicht
beim ersten Zusammentreffen ein Paar einander gegenüber gestanden haben von dem
die Dame wenigstens zweimal so alt war als der Herr Indessen währte diese
wunderliche Befangenheit nicht lange Tante Anna hatte zu viel Gewalt über sich
selbst um sich nicht schnell von ihr loswinden zu können und nach wenigen
Minuten saßen daher sie und Raimund wie ein Paar alte Bekannte ganz traulich
einander gegenüber
    Raimund entschuldigte seinen gegen alle Regeln der Konvenienz streitenden
frühen Besuch zuvörderst mit seines alten Freundes Müller Versicherung dass es
bei der Hochwürdigen Frau wenigstens zwei Stunden eher Tag werde als im übrigen
Hause nächstdem aber mit dem nicht zu unterdrückenden Wunsch sie ungestört und
wo möglich auch unbemerkt sehen zu dürfen Ziemlich verlegen wollte er jetzt es
versuchen zur Erklärung seines eigentlichen Anliegens zu schreiten doch die
zuvorkommende Güte seiner Zuhörerin erleichterte ihm dieses dadurch ungemein
dass sie ihm deutlich merken ließ wie Vicktorine sie schon längst zur Vertrauten
des stillen Geheimnisses ihrer Liebe eingeweiht habe So ward denn das Gespräch
zwischen beiden sehr bald von jeder beengenden Rücksicht befreit und sie
unterhielten sich ohne weitern Zwang mit gegenseitigem Vertrauen von dem was
in diesem Augenblick ihrem Herzen am nächsten lag
    Vollkommen ermutiget durch ihre würdevolle Freundlichkeit erklärte Raimund
jetzt der Tante wie ein Antrag der Herren Fischer den er ohne Vicktorinens
Beistimmung weder ablehnen noch annehmen könne ihn hauptsächlich bewogen habe
sie um ihre Vermittlung zu ersuchen Es war von einer langen mit manchen
bedeutenden Gefahren verbundnen Seereise die Rede die er nach dem Wunsch jener
Herren unternehmen sollte um in einem fremden Weltteile eine sehr wichtige
großen Gewinn versprechende Unternehmung persönlich zu leiten Unter den
vorteilhaftesten Bedingungen sollte bei seiner hoffentlich glücklichen Heimkehr
ein bedeutender Anteil an der Handlung dieses sehr geachteten Hauses der Lohn
seiner Bemühungen werden »Sobald ich den ersten Zorn überwunden hatte den
Herrn Kleeborns Benehmen in mir aufregen musste« setzte Raimund hinzu nachdem er
der Tante sowohl die Gefahren als den Vorteil erklärt hatte welche bei dieser
Unternehmung für ihn persönlich zu erwarten standen »sobald ich den ersten Zorn
überwunden hatte das heißt sobald ich wieder meiner Sinne mächtig war denn
mehr bedurfte es nicht so stand auch der Entschluss felsenfest in mir
unerachtet des ersten Fehlschlagens aller meiner Wünsche dennoch auf der einmal
angetretnen Bahn zu beharren Der Mann darf ja nicht sich selbst zum Spiel des
Zufalls machen er soll ja nicht blindlings umhertappen bald ergreifen bald
wieder loslassen wie Lust und Laune ihn treiben Er soll vielmehr festhalten an
dem was er einmal unternommen um so doch wenigstens die nie wiederkehrende Zeit
aus dem Schiffbruch seiner Hoffnungen zu retten«
    »Es freut mich herzlich Sie so festen Sinnes zu finden« erwiderte Tante
Anna »denn auch Vicktorine«  »o gewiss« unterbrach Raimund sie »ich kenne
meine Vicktorine und nie kann der Schatten eines Zweifels an dieses edle Wesen
meinen Blick umdüstern Ich weiß es Vicktorine hält unabwendbar fest an mir
und jener Fremde den Herr Kleeborn ihr aufdringen möchte wird nie ihre Hand
erhalten Aber auch mir wird sie nie angehören so lange ihr Vater lebt um es
zu verbieten denn sie bleibt ihrer Pflicht nicht minder treu als ihrer Liebe
Und so werden wir beide wahrscheinlich in langer nie erfüllter Sehnsucht unser
Leben vertrauern wenn nicht ein guter Engel unser Geschick freundlicher wendet
Wie das geschehen könnte sehe ich Blödsichtiger freilich noch nicht ab« setzte
Raimund mit einem leisen Seufzer und getrübten Blicke hinzu
    Anna von Falkenhayn schien nun einmal zur milden Trösterin aller die ihr
nahten ausersehen zu sein und so versuchte sie es denn auch gern und nicht
ohne Gelingen ihren neuen jungen Freund mit dem Leben und insbesondere mit
seinem eignen Geschick zu versöhnen Es musste indessen noch manches sehr
ernstlich beleuchtet und erwogen werden ehe man zu einem festen Entschluss in
Hinsicht auf die ihm vorgeschlagene Reise kommen konnte und Raimund kehrte
deshalb noch mehreremal und immer in der Frühstunde zur Tante zurück Ihre
Nähe sowohl als ihre Persönlichkeit übten auf ihn einen ganz wunderbaren Zauber
Er fühlte sich unwiderstehlich zu der seltenen Frau hingezogen die wie das
verbindende Element des Lebens zwischen ihm und Vicktorinen stand Wenn sie so
freundlich ihm zusprach musste er dabei stets an seinen Vater denken denn so
wie sie hatte seit er diesen verloren nie wieder jemand zu ihm gesprochen
    Vor Allem aber erfüllte ihn ein ganz eigenes Gefühl süßer fast schauerlicher
Wehmut wenn er sie dabei ansah und nun in den alternden Zügen des bleichen
ernsten Gesichtes die unverkennbarste Ähnlichkeit mit seiner reizenden in
voller Jugendpracht blühenden Geliebten entdeckte Ihm war dann als lüfte die
Zukunft den dunkeln Schleier und blicke ernst und geheimnisvoll ihn an während
der eilende vernichtende Schritt der Zeit hörbar ihn umrauschte und ihn
ermahnte das Leben und die Jugend festzuhalten ehe sie auf immer entschwinden
    Auch der Tante ward der junge Mann immer lieber und lieber je öfter sie ihn
sah doch nicht etwa weil sie das Innere seines Gemüts dabei näher kennen
lernte Man möchte sagen sie empfand dies nur gleich dem Eigenen und sie
beurteilte ihn daher wie Frauen gewöhnlich zu urteilen pflegen mit dem Herzen
und nicht mit dem Kopf was bei der ungemeinen Klarheit ihres Geistes freilich
ein seltener Fall war Alles an ihm seine ganze Art zu sein seine Sprache sein
Benehmen Alles erschien ihr wie der begleitende Ton zu der Melodie ihres
innersten Lebens und war ihr deshalb befreundet und kam ihr wie längst bekannt
vor
    »Endlich meine edle teure Beschützerin endlich muss ich doch dazu kommen
einen Entschluss in Hinsicht auf meine Reise zu fassen« schrieb Raimund der
Tante eines Morgens an welchem er abgehalten worden zu ihr zu gehen »Die Zeit
drängt mich« fuhr er fort »und ich kann es nicht länger auf eine ehrenvolle
Art vermeiden meinen Freunden die mir zu meinem künftigen Fortkommen so
wohlwollend die Hand bieten eine genügende Antwort zu erteilen Ich habe die
ruhige Stille dieser Nacht darauf verwendet Alles nochmals ernstlich
durchzudenken Der Antrag der Herren Fischer öffnet mir die Aussicht auf ein
völlig unabhängiges sogar auf ein glänzendes Loos das ich wenigstens nach dem
Ableben ihres Vaters Vicktorinen werde bieten können selbst wenn dieser den
Entschluss fasste sie im Fall sie die Meine wird völlig zu enterben Vielleicht
wird er auch jetzt weniger eigensinnig auf die Verbindung mit dem Sohne seines
Handelsfreundes bestehen sobald er mich in der Ferne weiß und Vicktorinen
glückt es wahrscheinlich um so eher sich von den Fesseln loszuwinden mit denen
ihr Vater sie umstricken möchte Für meine persönliche Wohlfahrt bangt mir
übrigens nicht Vicktorinens Gebet wird mir ein schützender Engel werden der
jede Gefahr von mir wendet mit der Menschen oder die Elemente mir drohen
könnten
    Und so bitte ich Sie denn nur Hochwürdige Frau bringen Sie mir
Vicktorinens Erlaubnis zu gehen und das bald Der erste Tag der Reise ist ja
auch der erste der uns der Heimkehr näher führt Und wer kann wissen ob es
nicht während meiner Abwesenheit dem schützenden Genius unsrer Liebe in Ihrer
würdigen Gestalt gelingt Alles indessen zu unserm Besten zu wenden«
    Unerachtet sie den Gründen ihres jungen Freundes nichts entgegenzustellen
wusste unternahm es die Tante doch nur mit innerem Widerstreben Raimunds Wunsch
zu erfüllen sie erschrack beinahe als Vicktorine weit leichter und gefasster
als sie es hätte erwarten können zu der Entfernung des Geliebten ihre
Einwilligung gab Eigentlich war Vicktorinens lebhafter Geist das ganz
Einförmige ihres Unglücks das Quälende des Gefühls dem Geliebten zugleich so
nahe und so fern zu sein allmählig so unerträglich geworden dass jede
Abänderung ihrer Lage ihr dagegen wie Gewinn erscheinen musste Ihre glühende
stets vorwärts strebende Fantasie fand in dem Alltagsleben eines Geschäftsmannes
keinen einzigen Punkt von dem aus sie das Bild des Geliebten der ihr nicht
nahen durfte festhalten konnte Wo sollten ihre Gedanken ihn suchen an der
Börse am Schreibepult im alltäglichen Verkehr mit der handelnden Welt und
ihren Gehülfen »Nein Tante« rief Vicktorine »er mag gehen Mein Seegen mein
Gebet meine Wünsche begleiten ihn überall und unablässig Es ist jetzt nicht wie
damals da ich glaubte dass er aus überspanntem Edelmut auf immer nach Odessa
fliehen wolle Er scheidet zwar doch er entflieht mir nicht Er geht wohin die
Pflicht die er auf sich genommen ihn ruft aber er geht um vielleicht
glücklicher wiederzukehren Tausend Meilen oder tausend Schritte sind in unserer
Lage das nemliche Raimund wird in der Ferne mir sogar näher gerückt erscheinen
denn lieber will ich ihn mir doch vorstellen wie er auf dem Verdeck seines die
mächtigen Wogen durchschneidenden Schiffes unter dem tiefblauen Sternenhimmel
des Südens meiner gedenkt lieber soll mein Geist in fremden Städten im Gewühl
des Ankommens oder der Abreise ihn suchen als hier in der weiten farb und
formlosen Öde des alleralltäglichsten Lebens in welcher Alles vor meinen
Blicken verschwimmt«
    Nur Eines forderte Vicktorine mit ihrer gewohnten Festigkeit noch und
Raimund stimmte mit ihr überein sobald er ihre Entscheidung vernommen und
dieses Eine war eine Abschiedsstunde mit Bewilligung des Vaters unter den Augen
der Tante dieses milden Schutzgeistes ihres Lebens wie ihrer Liebe Vergebens
erschöpfte sich Anna in Gründen und Bitten um die Liebenden zu bewegen sich
selbst diese bittere Stunde zu ersparen Sie wurde nicht nur überstimmt sie
musste sogar unternehmen Herrn Kleeborns Erlaubnis zu dieser Zusammenkunft zu
erhalten denn Raimunds Beredsamkeit übte eine unwiderstehliche Gewalt über sie
aus
    »Zwingen Sie mich nicht« bat er »zwingen Sie mich ja nicht dem Schmerz
wie ein Feiger aus dem Wege zu gehen denn alles Umgehen ist meiner Natur
durchaus zuwider und mir im Innersten der Seele verhasst Was mir auch begegnen
mag ich will ihm fest und gerade ins Auge sehen und wär es mein Untergang So
viele wünschen sich einen schnellen Tod ich habe von Kindheit auf ihn gescheut
Wenn ich einst vom Leben scheide so wünsche ich dass es mit Bewusstsein
geschehe mein brechendes Auge soll sich noch einmal dankend zu der Sonne zu
den Sternen erheben die so lange mir leuchteten Und so will ich auch jetzt ehe
ich gehe um vielleicht nie wiederzukehren so will ich auch jetzt noch einmal in
Vicktorinens liebetreue Augen blicken in diese Sonnen meines bessern Daseins
Wer weis denn ob sie je mir wieder leuchten werden denn meine Reise ist weit
und mancherlei Gefahren werden Unheil drohend mir entgegen treten«
»Der junge Holm geht in diesen Tagen nach England und von dort nach Westindien
wie ich für gewiss höre« sprach die Tante zu Herrn Kleeborn im gleichgültigsten
Ton den sie nur bei dieser Gelegenheit aufzubringen vermochte Eigentlich
dachte sie nur auf diese Weise ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen das zur
Erfüllung ihres Versprechens leiten konnte um dessen Vollbringung sie sich eben
in nicht geringer Verlegenheit befand doch Kleeborn fuhr sichtbar erschrocken
zusammen als er sie so ganz gelassen den Namen nennen hörte den er bis jetzt
noch gar nicht den Mut gehabt hatte in ihrer Gegenwart auszusprechen Er
starrte in sprachloser Verwunderung sie an und veranlasste sie dadurch das
Gesagte nochmals zu wiederholen »Holm« rief er jetzt fast jauchzend vor
Freuden »der junge Holm aus dem Hause der Herren Fischer et Kompagnie Nun
Glück auf die Reise Nein Fräulein Schwester eine bessere Nachricht konnten Sie
mir im Leben nicht bringen und wenn Sie mir gesagt hätten dass ich das große
Loos in der englischen Lotterie gewonnen habe es könnte mehr mich nicht
erfreuen Denn über häuslichen Frieden und das Glück meines einzigen Kindes geht
mir doch nichts in der Welt Aber was sind Sie eine kluge Dame Ja ja ich habe
es immer gesagt und gedacht Sie sind eine Dame die die Welt kennt Ich
zerbreche mir den Kopf wie ich die verfluchte Geschichte Ihnen schicklich
beibringen will Sie verstehen ja wohl was ich meine nun und inzwischen gehen
Sie so ganz in der Stille hin wissen Alles lenken Alles und führen Alles zum
Besten Nun nun jetzt wird sich Alles ja wohl mit der Zeit geben wenn erst
dieser Stein des Anstoßes aus dem Wege kommt Vicktorine wird ja Vernunft
annehmen besonders wenn Sie Fräulein Schwester«  Die Tante unterbrach ihn um
nicht mehr hören zu müssen als ihr lieb war »Ich habe Herrn Holm erlaubt in
meiner Gegenwart von Vicktorinen Abschied zu nehmen« sprach sie in dem
nämlichen gleichgültigen Ton als vorher und zugleich mit so gelassner fester
Zuversicht dass Herr Kleeborn darüber ganz stutzig ward und nicht gleich wusste
was er ihr antworten könne Die Sicherheit mit der sie sprach als könne das
gar nicht anders sein verbunden mit der ehrerbietigen Zurückhaltung welche
ihre Gegenwart ihm einflößte erlaubten ihm nicht ihr geradezu zu widersprechen
besonders da sie ihm eben eine so gute Nachricht mitgeteilt hatte Und doch
fühlte er auch eine große Abneigung seine Einwilligung zu dieser Zusammenkunft
der Liebenden ausdrücklich zu geben wenn er gleich innerlich gewiss war dass es
die letzte sein würde
    Nach kurzem Bedenken fand er indessen einen Mittelweg indem er tat als
habe er die letzten Worte der Tante völlig überhört »Ende gut alles gut und
Einmal ist keinmal« brummte er endlich halb leise vor sich hin als er nach
einer kleinen Pause gewahr ward dass seine Schwägerin nicht für gut fand noch
einige Bewegungsgründe hinzuzusetzen die er denn Gelegenheit gehabt hätte zu
bestreiten und damit ging er ohne weiteres zum Zimmer hinaus in sein Komtoir
    Anna freute sich des leichten Sieges und war dabei billig genug nicht mehr
zu fordern als sie eben bedurfte denn sie glaubte mit dieser stummen
Bewilligung könne sie völlig zufrieden sein und sie ohne alles Bedenken
benutzen
    Der Morgen des zu Raimunds Abreise bestimmten Tages brach endlich an und
die Liebenden sahen in den letzten Minuten vor dieser sich wieder denn so hatten
beide es gewollt Doch welch ein Wiedersehen war das Wiederfinden und Trennung
Seeligkeit des Himmels und unaussprechlich tiefes Leiden drängten auf der
Spitze eines einzigen kurzen Augenblicks sich zusammen So gränzen in dem
StundenDasein der Ephemere die erste Regung des Lebens und das Erstarren des
Todes enge an einander
    Seelig und trostlos ohne Worte und doch unendlich beredt hielten Raimund
und Vicktorine sich umfangen bis die Stunde der Trennung schlug Die Tante hörte
den Ton der Glocke die sie verkündete sie hatte so lange in sich versunken da
gesessen jetzt richtete sie sich auf und ihr Blick fiel zuerst auf Raimund Ein
die Wolken durchbrechender schwacher Sonnenstrahl verklärte in diesem Augenblick
die schmerzlich bewegten Züge seines edelen Gesichts Anna fuhr wie von einem
gewaltsamen Schmerz plötzlich ergriffen schaudernd zusammen und ihre Hand
zuckte unwillkürlich nach ihrem Herzen während ihr Auge mit einem
unbeschreiblichen Ausdruck an Raimunds trüber Gestalt hing Ein halb
unterdrückter Schmerzenslaut drängte sich ihr aus tiefster Brust herauf sie
schwankte erbleichend und drohte zu sinken Erschrocken eilten Vicktorine und
Raimund sie zu unterstützen und sie aufs Sofa zu geleiten doch sie erholte sich
noch früher indem ein Strom von Tränen ihrem bangebeklommnen Herzen
Erleichterung zu gewähren schien
    Jetzt drückte Raimund noch einmal die vereinten Hände beider ihm so teuren
Wesen an seine brennenden Lippen an seine hochschlagende Brust und entfernte
sich dann schnell Sie sahen die geliebte Gestalt durch die Türe verschwinden
die sich in langer Zeit nicht vielleicht nie wieder ihr öffnen sollte
Raimunds Schritte tönten den langen Korridor entlang immer schwächer immer
mehr aus der Ferne Vicktorine ohne einen Laut von sich zu geben horchte dem
Ton bis er sich ganz verlor dann warf sie sich in die geöffneten Arme an die
treue Brust die fast eben so bewegt als ihre eigene mit nicht minder heftigem
Schmerz zu ringen schien
Das Schreckbild einer weiten gefahrvollen Reise des Geliebten das vor wenigen
Wochen Vicktorinen fast zu Tode geängstigt hatte war jetzt zur Wirklichkeit
geworden So sagt man glauben die Perser dass jedes ausgesprochne Wort zu
einem geisterartigen Wesen sich umwandle welches unablässig so lange die Welt
bis an die Pforten des Paradieses durchstreife bis es zur Tat sich gestaltet
habe
    Indessen war es doch merkwürdig wie Vicktorine diesen wahrhaften Schmerz
mit weit größerer Fassung ertrug als jenen erträumten der sein Vorbild gewesen
war Dass sie mit Bewusstsein aus freiem Willen ihn auf sich genommen
erleichterte ihn ihr vielleicht nicht minder als die innige Teilnahme ihrer
mütterlichen Freundin vor allem aber erhob die Hoffnung einer aus diesem Opfer
entspringenden glücklicheren Zukunft sie über sich selbst und wiegte die oft
bis zur Ungeduld sich steigernde Sehnsucht wieder zur Ruhe ein von der sie in
einsamen Stunden nur gar zu oft sich ergriffen fühlte Ihr körperliches Befinden
bedurfte jetzt keiner besonderen Pflege mehr doch ihr Gemüt bedurfte der
zartesten Schonung und diese fand sie nur bei der Tante und ihrer Angelika
    In den stillen geräuschlosen Abendstunden welche Babet und Agathe jetzt
öftrer als sonst außer dem Hause bei ihren Freundinnen zubringen durften gab
die Tante den Bitten ihrer beiden Lieblinge gerne nach und nahm den Faden der
Geschichte ihres Lebens dort wieder auf wo sie am ersten Abende ihn hatte
fallen lassen Wir geben ihre Erzählung so viel möglich mit ihren eignen Worten
doch ohne der Zwischenreden ihrer Zuhörerinnen oder der mitunter eintretenden
Störungen und Pausen weiter zu erwähnen
              Fortsetzung der früheren Lebensgeschichte der Tante
»Schwer und undurchdringlich in ihrer Finsternis lastete die Nacht nach jenem
furchtbaren Abende auf mir« sprach Anna von Falkenhayn im Verfolg ihrer
Erzählung »Sie schien nimmer enden zu wollen und meine brennend heißen
tränenlosen Augen erstarrten an ihrer von keinem Stern erhellten Dunkelheit
ohne dass es mir möglich gewesen wäre auch nur Minuten lang in tröstendem
Selbstvergessen sie zu schließen Es war die erste Nacht die ich gefoltert von
innern Vorwürfen durchwachte ihr düsterer Schatten hat sich über mein ganzes
Leben verbreitet und ist nie wieder ganz aus demselben verschwunden Unzählige
trübe schlaflose Nächte sind seitdem dieser ersten gefolgt doch gottlob keine
so ganz trostlose als diese denn nie war ich wieder so durchaus mit mir selbst
zerfallen wie damals
    Vergebens strebte ich an dem sonst mir eignen Stolz mich wieder
aufzurichten vergebens wollte ich eine Törin mich schelten und die Last leicht
zu nehmen suchen die mich zu erdrücken drohte Die glühendste Liebe sprach laut
in meinem Herzen jeder Schlag desselben erhöhte das Gefühl der bittersten an
Selbstverachtung gränzenden Reue und mein ehemaliges eitles Bewusstsein
verschwand unter der angestrengtesten Bemühung es fest zu halten
    Endlich kam der Tag jedem auch dem unglücklichsten Wesen pflegt er
wenigstens für einen kurzen Moment Mut und Trost zu bringen und auch ich
begann jetzt zu hoffen Bernhard könne so nicht auf immer von mir geschieden
sein oder ich suchte es vielmehr mir selbst wahrscheinlich zu machen dass ich
diese Hoffnung noch hege
    Ich stand auf um nur so schnell als möglich jedes nächtliche Grauen
abzustreifen doch der erste Blick in meinen Spiegel flößte mir neues Entsetzen
ein so schattenähnlich so bleich und zerstört trat mein Bild aus ihm mir
entgegen Zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich gezwungen jene kleinen
Toilettenkünste zu üben die ich bis jetzt immer mit Verachtung verschmäht hatte
denn ich war zwar fest entschlossen dem Mann den ich liebte mit edler
Freimütigkeit entgegen zu treten ich wollte ohne Rückhalt und wahr mein ganzes
Herz ihm eröffnen sogar im Fall dies nötig würde zum Bekenntnis des Gefühls
meiner übermütigen Torheit mich herablassen aber zu deutlich in meinem
Gesichte lesen was in meinem Gemüt indessen vorgegangen war das sollte
Bernhard denn doch auch nicht
    Der Morgen vergieng größtenteils über dieser Beschäftigung die ich um mich
selbst zu täuschen so zögernd als möglich betrieb Auch späterhin noch wandte
ich alles an um nur nicht zu bemerken wie weit der Tag schon vorgerückt und
dass die Stunde längst vorüber sei in der Bernhard sonst zu kommen pflegte mein
armes Herz schlug aber immer voller und schwerer Endlich brachte man mir eine
nur mit seinem Namen bezeichnete Abschiedskarte und meinem Vater ein
versiegeltes Billet in welchem Bernhard in ziemlich allgemeinen Ausdrücken für
alle bisher ihm gewährte Beweise seines Wohlwollens dankte und auf unbestimmte
Zeit Abschied nahm ohne jedoch das Ziel seiner Reise dabei zu erwähnen Mein
Vater vermied es mich anzusehen indem er das Billet so wie er es still für
sich gelesen mir hinreichte und nie hat mich etwas tiefer und demütigender
gekränkt
    Ich zog mich bald darauf unter dem gewiss nicht ganz ersonnenen Vorwande
körperlichen Übelbefindens in mein Zimmer zurück und verlebte dort ganz allein
ein paar stille einsame Tage denn ich bedurfte dieser gar sehr um nur
einigermaßen mich mit mir selbst zu beraten Nur fort von hier war das einzige
Ziel meiner Gedanken denn die Gesellschaft wieder zu sehen in der ich Bernhard
vermissen sollte schien mir unmöglich zu sein Doch wohin sollte ich mich
wenden ich hatte keine Freundin sogar nicht einmal eine Bekannte meines
Geschlechts die mir in dieser Verlegenheit Schutz und Obdach hätte gewähren
können oder wollen sie waren alle vor dem blendenden Glanz entwichen mit dem
meine Eitelkeit mich bis dahin umgab Einen Augenblick dachte ich zwar daran
zur Herzogin von P zu reisen die beim Abschiede mich mit einer Einladung auf
unbestimmte Zeit beehrt hatte aber wer konnte mir dafür stehen dass nicht auch
Bernhard mit seinem wunden Herzen zu ihr geflohen sei War es in diesem Fall
schicklich oder auch nur verständig den Verdacht auf mich zu laden als sei
ich absichtlich ihm gefolgt Und gesezt ich fände alles dort wie sonst nur ihn
nicht wie wollte ich das ertragen wie alle die Fragen nach ihm wie sollte ich
täglich und stündlich von ihm reden ihn preisen hören ohne zu verzweifeln
    Je länger ich über meine Lage nachdachte je hoffnungsloser erschien sie
mir so dass ich zuletzt wahres Mitleid mit mir selbst empfand Ich konnte nicht
fortleben wie ich bis jetzt es getan das allein war mir deutlich Das gewohnte
schaale Treiben das ihn das Bernhard mir verscheucht hatte widerte jetzt mich
unbeschreiblich an doch wie sollte ich hinaustreten ohne lächerlich zu werden
was mir herber dünkte als selbst der Tod Meinem Vater meinem geliebten Vater
konnte ich es doch unmöglich zumuten meinetwegen Gesellschaften und
Gewohnheiten zu entsagen die Jahre lang seine einzige Freude gewesen waren
    So war denn jeder Ausweg mir verschlossen und ich verzehrte mich vergeblich
in fruchtlosem Nachsinnen wie ich es anfangen könne die Welt zu verlassen die
noch vor wenigen Tagen als der Schauplatz meines Triumphs mir unentbehrlich
schien und die mir jetzt so fürchterlich war Wahrscheinlich wäre meine
Gesundheit diesem Zustande endlich unterlegen wenn er länger gedauert hätte
doch ganz unvermutet wie ein vom Himmel gesendeter Bote des Friedens kam jetzt
ein Brief der aller meiner Verlegenheit ein Ende machte Ich las ihn mit
Entzücken und wäre doch nur noch vor wenig Tagen trostlos gewesen wenn ich
damals ihn empfangen hätte Er enthielt nichts anders als eine auf Befehl der
Pröbstin meines Stiftes an mich gerichtete Aufforderung doch endlich das von
mir schon zu lange umgangene Gesez zu erfüllen das mir seit ich mündig war die
Verbindlichkeit auferlegte jährlich wenigstens einige Monate im Stifte zu
verleben dabei versicherte man mich dass man mir keine fernere Verzögerung
dieser Verpflichtung nachsehen könne indem dieses schon zu lange geschehen sei
    Mit kaum zu unterdrückender Freude teilte ich dieses Schreiben meinem Vater
mit und zugleich meinen Entschluss die Verbindlichkeit zu der man mich
aufforderte sobald als möglich zu erfüllen Der gute Vater widersprach mir
nicht er eilte sogar alle nötigen Anstalten zu meiner schnellen Abreise zu
treffen aber er war dabei so still so recht im Herzen traurig dass es mir
durch die Seele ging In jedem seiner Blicke aus seinem ganzen Benehmen gegen
mich sah ich deutlich dass er nicht nur alles was in mir vorgieng erraten
hatte sondern dass auch bange Zweifel in ihm aufstiegen ob er denn auch
wirklich durch die ausgezeichnete Erziehung die er mir gegeben mein wahres
Glück begründet habe Diese Besorgnis die denn doch wohl in jedem Fall zu spät
kam beugte sichtlich ihn nieder denn wenige sind stark genug wenn ein
Lieblingsplan mislingt nur die Absicht nicht den Erfolg sich zuzurechnen und
nicht zu vergessen dass wir in unsrer Beschränkung uns damit beruhigen sollten
nur das Beste gewollt zu haben wenn gleich die Freude des Gelingens uns versagt
blieb
    Froh als entrönne ich einem Gefängnis verlies ich endlich an einem trüben
Herbstmorgen zum erstenmal das väterliche Haus um mich mit meinem Schmerz in
die Einsamkeit eines mir ganz fremden Aufenthaltes zu flüchten Karoline meine
damals zwölfjährige Schwester war nach dem Wunsch meines Vaters meine liebe
Begleiterin auf der Reise Unser Weg ging durch eine reiche üppigfruchtbare
Gegend die aber wie so manche reizende Mädchengestalt durchaus der Jugend des
Jahres bedurfte um zu gefallen Jetzt im Spätherbst wo der Wind kalt und
schneidend über Stoppelfelder wehte und im spärlichen gelben Laub der Bäume
schauerlich rauschte jetzt hatte alles was ich erblickte ein düstres
unfreundliches Ansehen ohne die kleinste Spur früherer Anmut Mit nicht zu
unterdrückender Ängstlichkeit klammerte meine arme kleine Karoline sich an mich
an als wir endlich mit einbrechendem Abend durch das dunkle niedrige Gewölbe
des Tores fuhren welches den Eingang zu einem ehemaligen Kloster bildete das
jetzt einem Teil der Stiftsdamen zur Wohnung diente Mich selbst sogar kam ein
kleiner Schauder an als wir durch den schon halbdunkeln langen Kreuzgang
wanderten an dessen äusserstem Ende die mir bestimmten Zimmer lagen
    Wir kamen auf diesem Wege an mehreren niedrig gewölbten Türen vorbei die
in die ehemaligen Klosterzellen zu führen schienen Hinter einer derselben hörte
ich im Vorbeigehen laute weibliche Stimmen wie im heftigen Streit hinter
andern schmetterten Kanarienvögel heisere Möpschen bellten und Kakadus und
Papageien kreischten dazwischen mit widrigem Geschrei
    Karoline hielt mich immer ängstlicher am Arm auch unser Kammermädchen
drängte sich so nahe als möglich an uns an und blickte ganz verschüchtert in
alle Ecken bis eine Türe ganz ähnlich denen an welchen wir vorbeigekommen
aufgeschlossen ward Wir standen jetzt vor meinem geöffneten Wohnzimmer die
Abendsonne schon ganz unten am Rande des Horizonts durchbrach in diesem Moment
die schwere graue Wolkendecke welche den ganzen Tag über sie verhüllt hatte
und leuchtete uns durch die purpurroten Blätter der das Fenster umrankenden
wilden Rebe freundlich ins Gesicht die hüpfenden Schatten der Zweige spielten
lustig auf der blassgrünen Wand alles sah freundlich und bequem aus so dass wir
mit neuem Mut den erquickenden Sonnenstrahl wie ein Zeichen von guter
Vorbedeutung annahmen
    Die kleine Wohnung war für uns geräumig genug mit sehr wenigem konnte sie
recht wöhnlich und behaglich eingerichtet werden und Karoline ging mit unserm
Mädchen so eifrig an das Auspacken und Anordnen als käme es darauf an uns
gleich auf der Stelle hier für eine ganze Lebenszeit häuslich niederzulassen
Ich aber suchte indessen den einsamsten Winkel auf um mich ungestört in mich
selbst zu versenken
    Die Einsamkeit in der ich von nun an mehrere Monate zubrachte war in der
Tat klösterlich zu nennen und stach fast gewaltsam gegen mein ehemaliges Leben
ab Mein Gefühl glich in der ersten Zeit jenem beklemmenden Streben nach
Besinnung wie es uns nach einer überstandnen großen Gefahr oft noch lange
beängstigt doch nach und nach ward mein Gemüt wieder ruhiger und ich blickte
mit klarerem Sinn um mich her
    Mit dem aufrichtigsten Willen auch gegen mich selbst nicht nur wahr sondern
auch gerecht zu sein überschaute ich meine Vergangenheit wie meine Zukunft und
wandte Alles daran um aus diesem einem Stillstand ähnlichen Ruhepunct meines
Lebens die ersprieslichsten Folgen zu ziehen
    Dass keine Zeit keine Macht der Umstände Bernhards Bild je aus meinem Herzen
reißen könne fühlte ich schon damals mit voller Überzeugung es musste von nun
an ewig darin wohnen wie in einem stillen Heiligtum Je deutlicher ich das
Unrecht einsah das ich frevelnd an mir selbst uns beiden zugefügt hatte desto
inniger wandte all mein Trachten und Sinnen sich dem schwer beleidigten Freunde
zu um so fester nahm ich mir vor mich über mich selbst zu erheben um seiner
würdiger zu werden Ich gelobte mir mich als ihm allein angehörig zu
betrachten selbst wenn ich nie ihn wieder sehen sollte alles übrige wollte ich
dem Schicksal getrost überlassen Heimlich und stille lebte indessen doch die
Hoffnung in mir dass ein günstiger Stern oder vielmehr sein eigenes Herz ihn
mir wieder zuführen müsse  und dann  ach ich wagte es nicht über dieses dann
hinaus zu denken
    Meine nächsten Umgebungen überließen mich in ziemlich ungestörter Ruhe mir
selbst
    Ich widmete regelmäßig dem Unterricht meiner Karoline einige Stunden des
Tages die übrige Zeit brachte das liebenswürdige Kind größtenteils bei einer
benachbarten Familie zu in welcher sie nicht nur an den Töchtern des Hauses
Gespielinnen ihres Alters fand sondern auch noch außerdem alle Annehmlichkeiten
eines in ruhiger Häuslichkeit hingebrachten stillen Familienlebens kennen und
lieben lernte Ich selbst blieb beinah immer allein in meinem Zimmer die
jüngeren Stiftsdamen waren fast alle abwesend um den nahenden Winter bei ihren
Verwandten zuzubringen die zurückgebliebenen von den älteren Damen bekümmerten
sich wenig um mich Sobald nur die erste Neubegier mich zu sehen gestillt war
welche meine unerwartet schnelle Ankunft erregt hatte so kehrten alle recht
gern zu ihren gewohnten Vergnügungen zu ihren Kaffeevisiten Trissett und
lHombrepartien wieder zurück ohne mir es weiter zu verargen dass ich keine
Lust bezeigte daran Teil zu nehmen
    So beschränkte sich denn zuletzt mein Umgang im Stifte fast einzig auf die
Pröbstin einer geborenen Stiftsgräfin von  Sie war aus einem der ältesten
und edelsten Häuser in Deutschland aber ihr innerer Adel hob sie noch weit über
den ihr angeborenen Rang und Stand Ein unheilbares langsam und schmerzlich sie
verzehrendes Übel hielt sie schon Jahre lang fast immer an ihr Lager gefesselt
Ihr schweres Leiden zog mich zuerst zu ihr hin doch ihre echtchristliche
Demut die fromme Ergebung in den Willen Gottes mit der sie ohne Klage ja
fast freudig alles trug was ihr auferlegt ward erweckten wie ich sie näher
kennen lernte mein innigstes bewunderndes Mitgefühl Auch ich war so glücklich
mir sehr bald ihre herzlichste Zuneigung zu erwerben dass sie in jeder
schmerzensfreien Stunde mich um sich zu haben wünschte Ihr Gespräch die
Bücher größtenteils religiösen Inhalts die ich ihr vorlas vor allem aber das
wahrhaft große Beispiel dieser Frommen ihr festes kindliches Vertrauen auf Gott
gewann den wohltuendsten Einfluss auf mein Gemüt in eben dem Grade wie früher
die kurze Bekanntschaft mit der Herzogin von P auf die höhere und
angemessenere Bildung meines Geistes eingewirkt hatte
    Nie kann ich es dankbar genug erkennen dass die Hand die mein Leben
leitete mich so zur rechten Zeit diesen beiden edlen Frauen zuführte von denen
die eine in gewisser Hinsicht vollendete was die andere begonnen hatte denn
alles was ich später geworden bin alles was mir in dem Labyrinthe des Lebens
Trost und Licht verlieh verdanke ich hauptsächlich ihnen
    Leidende erkennen einander schnell und auch meine neuerworbne edle Freundin
fühlte gar bald dass auch ich nicht glücklich sei obgleich ich mir eben so
wenig eine Klage als sie sich eine Frage erlaubte Der eigne Schmerz machte sie
scharfsichtig genug um in meinem Herzen wie in einem offenen Buche zu lesen und
sie benutzte den Einfluss den sie auf dasselbe gewonnen um mit leiser linder
Hand und wahrhaft mütterlicher Sorge dem vom Himmel gesandten Lichte mich
zuzuführen das auch die Nacht ihrer eignen Leiden zu erhellen vermochte Ich
lernte von ihr Glauben und Hoffen selbst wenn jeder irdische Trost und jedes
irdische Glück vor unserm enttäuschten Blicke im Nichts zerflattern
    Mit bereichertem erhobnen Gemüt mit mühsam erworbnem aber desto festerem
Mut und mit dem treu gemeinten Torsatz dem Schein nie wieder das kleinste
Opfer zu bringen verließ ich endlich nach einem Aufenthalte von acht Monaten
die mir so lieb gewordne Einsamkeit Ich eilte zu meinem Vater zurück dessen
sehr schwankender Gesundheitszustand jetzt mehr als jemals der Pflege seiner
Kinder bedurfte
    Nächst der Sorge für die Erhaltung und Erheiterung des ehrwürdigen Greises
den ich leider weit schwächer wieder fand als ich gefürchtet hatte war jetzt
Karolinens fernere Bildung das Hauptgeschäft meines Lebens Ihre schöne
Jugendblüte drang jetzt immer lieblicher sich entfaltend aus der Knospe der
Kindheit mächtig hervor und ihr Anblick erfreute nicht nur ihren Vater sondern
auch jeden der ihr nahte Ich fand zu meiner großen Beruhigung dass während
meiner Abwesenheit in der Lebensweise unsers Hauses eine bedeutende
Veränderung vorgegangen sei Mein Vater hatte bei seiner zunehmenden
Kränklichkeit den großen Kreis der sich sonst bei uns zu versammeln pflegte
unmöglich zusammenhalten können da in mir die Wirtin des Hauses ihm fehlte um
die Honneurs desselben zu machen Die Gesellschaft hatte sich also bis auf
wenige unserer älteren Freunde allmählig von selbst aufgelöst ein kleinerer
gewählter Kreis der sich ebenfalls alle Abende um meinen Vater versammelte war
an ihre Stelle getreten denn dieser war von Jugend auf der Geselligkeit zu
gewohnt um ihr selbst in seinem jetzigen hohen Alter gänzlich entsagen zu
können
    Die Unterhaltung in diesen kleinen Abendgesellschaften war freilich von dem
vormals bei uns herrschenden brillanten Ton himmelweit verschieden doch ich
selbst war ja auch in der Zwischenzeit ein anderes Wesen geworden und daher
sehr damit zufrieden auch ein anderes Leben führen zu können Der Gedanke an
meinen hoffentlich nicht auf immer verlorenen Freund füllte jede Lücke in meinem
jetzigen Dasein oft erweckte ich mich selbst aus schönen Träumen von einer
glücklichern Zeit in der ich uns beiden alles zu vergüten hoffte was wir durch
meine Schuld erlitten nur sah ich freilich noch nicht ein welcher glückliche
Zufall diese Zeit herbeiführen dürfe und verlor mich dann wieder aufs neue im
Reich der Möglichkeiten
    Meine gänzliche Unwissenheit in Hinsicht auf alles was auf Bernhards
gegenwärtigen Aufenthalt und sein Ergehen Bezug hatte begann indessen doch mit
jedem Tage schmerzlicher mich zu betrüben Seit er uns verließ war er für mich
wie von der Erde weggehaucht und nie hatte ich nur seinen Namen wieder nennen
hören Mir selbst band ein sehr natürliches Gefühl die Zunge wenn ich es einmal
unternehmen wollte nach ihm zu fragen aber auch mein Vater erwähnte seiner so
wenig als ob er nie ihn gekannt hätte teils wohl aus Schonung für mich doch
mehr vielleicht noch aus Verdruss über uns beide
    Obgleich wir die Zahl der uns täglich Besuchenden sehr beschränkt hatten so
stand doch unser Haus nach wie vor durchreisenden Fremden noch immer
gastfreundlich offen Meines Vaters große und vielfältige Verbindungen im
Auslande schickten uns sehr oft Reisende aus fernen Gegenden zu und so
empfingen wir fast täglich manchen mitunter recht interessanten Besuch dessen
flüchtige Gegenwart unsrer einförmigen Häuslichkeit Leben und Wechsel verlieh
    Eines Abends es mochte wohl beinahe ein Jahr seit Bernhards Entfernung
vergangen sein hatte auf diese Weise der Zufall mehrere Fremde bei uns
versammelt von denen einige durch ihre angenehme Unterhaltungsgabe dem Gespräch
einen rascheren Umschwung zu geben wussten Besonders zeichnete sich einer unter
ihnen durch die etwas kurz absprechende Art aus mit der er Paradoxen einzig
deshalb nachzujagen schien um durch deren Behauptung wenn nicht die ganze
Welt doch wenigstens den kleinen Teil derselben der ihm eben zuhörte in
Erstaunen und Bewunderung zu versetzen Dieser streitbare Held war aber bei alle
dem weit weniger unangenehm und überlästig als man nach dieser Beschreibung
glauben könnte Er schien nicht bösartig er hatte das Wort in seiner Gewalt er
zeigte mitunter recht viel Witz und Humor und war dabei gewandt genug sobald
er gewahr ward dass er es zu weit getrieben sich gleich auf der Stelle abmerken
zu lassen wie es ihm mit seinen Behauptungen eigentlich gar kein rechter Ernst
sei Man sah deutlich dass es hauptsächlich ihm nur um den Lärm zu tun war den
seine Redensarten herbei führten er glich hierin einem Kinde das mit dem Munde
den Trommelschlag überlaut nachzuahmen sucht ohne sich weiter etwas dabei zu
denken und so war es denn unmöglich ihm zu zürnen obgleich er es mitunter
recht arg machte
    Ich weis nicht wie es zugieng dass gegen das Ende des Abends das Gespräch
sich zuletzt um ausgezeichnet edle mit bedeutenden Aufopferungen vollbrachte
Handlungen drehte von denen beinahe jeder der Anwesenden ein paar Beispiele
zum Teil mit großem Wortaufwande der Gesellschaft zum Besten gab Nichts ist
ansteckender und zugleich dem guten Geist der Konversazion verderblicher als
diese Lust zu erzählen die gewöhnlich alle ergreift sobald nur einer den Ton
dazu angibt und doch ist auch nichts seltener als die Gabe eine gute
Geschichte gut vortragen zu können Auch an jenem Abende hatten wir nur zu oft
Gelegenheit die Wahrheit dieser Bemerkung bestätigt zu finden und zuletzt kam
sogar einer der unbarmherzigsten Erzähler an die Reihe einer von der Art die
nie das Ende der Geschichte finden kann weil sie bei jedem Wort immer sich
selbst wiederholt um das schon Gesagte noch zu verbessern
    Lotario so lasst mich den streitsüchtigen Fremden nennen dessen
eigentlichen Namen ich nie recht erfahren habe weil ich nur dies einemal ihn
sah Lotario ließ eine Weile den gewaltigen Wortschwall ziemlich gelassen an
sich vorüber gehen in welchem jener Grosmut und Dankbarkeit und Edelmut
durcheinander wirrte doch endlich riss ihm die Geduld besonders da er in unser
Aller verlängerten Gesichtern Überdruss und Langeweile in deutlichen Zügen lesen
mochte Er sprang auf geht mir rief er in fast kläglichem Ton indem er auf
eine höchst komische Weise die Hände faltete geht mir ich bitte euch um
Gotteswillen geht mir mit euren verwünschten Tugenden die beim Lichte besehen
nichts sind als Affektazion Eitelkeit oder wohl gar Ungerechtigkeit denn die
kann man auch an sich selbst üben Der Mensch trachte doch nur ja vor allen
Dingen fürs erste gegen sich wie gegen andere gerecht zu sein ehe er es sich
beikommen lässt Grosmut üben zu wollen setzte Lotario sehr ernstaft hinzu
Was wir Grosmut nennen ist gewöhnlich nur verkleideter Übermut gerecht sein
aber ist jedem unerlässliche Pflicht und wem es ein rechter Ernst ist diese
vollkommen und überall auszuüben der wird wahrscheinlich lange vorher zu seinen
Vätern versammelt werden ehe er bis zur Erlaubnis grosmütig sein zu dürfen
sich durchgearbeitet hat
    Mit der Dankbarkeit kommt mir nur vollends gar nicht rief Lotario fast
überlaut als mehrere Stimmen dieses Wort nannten indem sie gegen ihn sich
erhoben Die Dankbarkeit ist eigentlich nichts weiter als eine schlechte
Gewohnheit fuhr er fort eigentlich und unter gewissen Modifikazionen könnte
man sogar ein Laster sie nennen Wer von andern sie fordert ist um ihn nicht
noch jemanden schlimmern zu vergleichen wenigstens eine Art Sklavenhändler der
mit einer miserablen Gefälligkeit oder mit ein wenig lumpigen Goldes die Seele
dessen dem er nach seiner Meinung wohltat sich auf ewig erkauft zu haben
meint der aber der sich einem andern auf immer zu eigen gibt weil dieser ihm
einmal irgendwo aus der Flamme half der ist aufs höflichste benannt wenigstens
ein Schwachkopf weil er nicht fühlt dass jeder der eine honette Tat
vollbringt schon in der Freude daran seinen Lohn dahin nahm
    Lotarios Worte machten einen unbeschreiblich traurigen Eindruck auf mich
denn sie erinnerten mich lebhaft an eine Zeit an welche ich jetzt nur mit sehr
bitterer Empfindung denken konnte in der auch ich um genial zu erscheinen
ähnliche aus Wahrheit und Trug zusammengesezte Meinungen aufstellte und eifrig
verteidigte Indessen erhob sich fast alle Welt gegen ihn und er hatte alle
Hände voll zu tun um jedem der ihn angriff gebührend Rede zu stehen Ohne
eigentlich in beleidigende Heftigkeit auszuarten ward das Disputiren immer
lauter und lebhafter zuletzt blieb man bei dem Satz stehen den alle bekämpften
und den Lotario gewandt genug zu behaupten suchte dass es eben so sträflich und
unrecht sei aus Parteilichkeit für andere das eigne Glück zum Opfer zu
bringen als wenn man um des eignen Nutzens willen andre zu bevorteilen suche
    Wohlan denn rief Lotario endlich aus da er in Gefahr stand mit seiner
Stimme durch den immer mehr überhand nehmenden Lärmen nicht mehr durchdringen zu
können Wohlan ich fordre das Wort Beinahe ein jeder hat ein Geschichtchen
erzählt nur ich nicht Ich bitte um die Erlaubnis ein einziges Beispiel
aufstellen zu dürfen welches meine Behauptung erläutern soll denn es scheint
mir als wolle man nicht recht verstehen wie ich es meine Das Fräulein hier
mag dann den Streit entscheiden in schwierigen Fällen vertraue ich immer gern
dem reinen Sinn der Frauen die ohne viel zu grübeln recht gut wissen was
Recht was Unrecht sei weil sie es fühlen
    Es war einmal fing Lotario jetzt an da alle schwiegen um ihn anzuhören
es war einmal ein junger Mann gesund an Leib und Seele dabei gut verständig
unterrichtet durch das Geräusch der großen Welt nicht verwöhnt und doch
bekannt genug damit um sich nicht wieder danach zu sehnen Genug ein Mann
wie er sein muss um den durch lange Vernachlässigung tief gesunknen Zustand
ziemlich weitläuftiger Familiengüter wieder zu heben die ihm als dem ältesten
Sohn seines Vaters nach dessen unlängst erfolgtem Ableben zugefallen waren
    Der junge MajoratsHerr ward zwar bisher von Familienverhältnissen und
mancherlei andern Rücksichten abgehalten sich viel um sein Eigentum zu
bekümmern doch endlich langt er nach vieljähriger Abwesenheit und
mannichfachen Reisen ganz unvermutet auf seinem ziemlich verfallnen
Stammschlosse an mit dem Vorsatz von nun an der Verbesserung des Zustandes
seiner armen verwilderten Bauern und seiner eigenen nicht weniger
vernachlässigten Besitzungen sich ausschließend zu weihen Sehr überrascht durch
dessen Gegenwart trifft er dort seinen einzigen um mehrere Jahre jüngeren Bruder
an den er wunderlicher Weise noch gar nicht kannte und mit dem er bis jetzt
auch fast in keiner Verbindung gestanden hatte
    Dieser junge eben mündig gewordne Mann hatte einzig deshalb seinen
bisherigen Aufenthalt verlassen um sich in seines älteren Bruders Arme zu
werfen Er war der Sohn einer zweiten Gemalin des Vaters der beiden Brüder von
der sich dieser nach einer sehr kurzen unzufriednen Ehe getrennt hatte und
lebte von seiner frühesten Kindheit an in Rom dem Geburtsorte seiner Mutter wo
er in einem Kloster in ihrer Nähe zum geistlichen Stande erzogen ward
    Durch die Bemühungen eines sehr mächtigen Oheims mütterlicher Seite der als
Prälat vom ersten Range und Liebling des heiligen Vaters fast alles erreichen
konnte was er wollte erhielt er indessen schon in seiner Kindheit ganz gegen
Gesetz und Regel die Anwartschaft auf eine Komturei des Malteserordens und
war jetzt im Begriff diese anzutreten und zugleich das Ordensgelübde abzulegen
    Die Lage des jungen Herrn war also nichts weniger als beklagenswert indem
er statt der Tonsur das Malteserkreuz erhalten sollte und eigentlich hätte er
sich glücklich preisen können aber unglücklicherweise war er verliebt zum
Sterben verliebt oder bildete sich vielleicht nur ein es zu sein Ein
wunderschönes zum Reichsein erzognes und dabei blutarmes Fräulein war die Dame
seines Herzens deren Eltern ihrer Schönheit wegen gewaltig hoch mit ihr hinaus
wollten so wie sie selbst auch und mit der folglich an ein glückliches
Hüttenleben gar nicht zu denken war Überhaupt sollten Verliebte an dergleichen
nie denken wenn sie nicht von Jugend auf daran gewöhnt sind Doch dies
nebenher
    Dass der junge Herr also lieber heiraten als Malteser werden wollte war
wohl natürlich und dass er seinem Bruder Tag und Nacht seine Liebesklagen
vorjammerte war es auch Was tut nun der ältere Bruder statt dem jungen
angehenden Ritter vernünftig zuzureden lässt er sich durch die Pinseleien
desselben so weichherzig machen dass er gar nicht einmal recht untersucht ob
diese Liebe echt und vernünftig sei Er spielt lieber den Grossmütigen er tritt
alle Rechte seiner Erstgeburt und mit diesen alle seine Besitzungen dem jüngeren
Bruder ab um ihm dadurch sein Liebchen zu erkaufen und nimmt an dessen Stelle
das Malteserkreuz und die Komturei wozu ihm des Jüngern geistlicher Oheim in
Rom mit tausend Freuden behilflich ist freilich fand dieser aus tausend
Gründen seine Rechnung dabei wenn er auf diese Weise dem Sohn seiner Schwester
zu den reichen Besitzungen verhalf Die Welt nun nennt diese Handlung
großmütig ich nenne sie nicht nur verrückt sondern auch höchst ungerecht
gegen sich und die armen Untertanen die von der Natur an den älteren Bruder
gewiesen waren um aus ihrem jetzigen unglückseeligen Zustand zu kommen In
seinem großmütigen Paroxismus überantwortete dieser sie nun einem verliebten
Knaben dessen mönchische Erziehung ihn unfähig gemacht hat für die armen Leute
zu sorgen und der sich vermutlich eben so wenig um das bekümmern wird was
hier Not ist als seine Vorfahren es seit den letzten hundert Jahren getan
haben
    Entscheiden Sie nun mein Fräulein ob meine Ansicht die rechte sei setzte
Lotario jetzt mit einer Verbeugung gegen mich hinzu Übrigens habe ich die
Geschichte nicht etwa ersonnen vor einigen Monaten wohnte ich als Zeuge der
feierlichen Übergabe der Güter bei Vielleicht kennen sogar einige in der
Gesellschaft den GrossmutsHelden Er heißt Bernhard von Leuen und hat sich wie
ich höre auch hier eine Zeitlang aufgehalten Um das Maß seiner Torheit voll
zu machen ging er da ich ihn verließ nach Venedig um sich von da nach
Valetta einzuschiffen dort muss er jetzt längst angelangt sein er war Willens
wenigstens einige Jahre in jenem Hauptsitz seines Ordens zu verweilen
    Alle Anwesenden beinahe hatten Bernhard von Leuen gekannt und der Anteil
den Lotarios Erzählung erregte war so groß und stürmisch dass die
Streitfrage welche dieselbe herbeigeführt hatte zum Glück darüber nicht weiter
zur Sprache kam
    Wie dankte ich Gott als ich nach dieser Szene mit mir und meinem Schmerz
mich endlich ohne Zeugen befand Alles woran ich seit Bernhard mich verließ
unablässig gearbeitet hatte das ganze aus Sehnsucht und Hoffnung künstlich
zusammengesetzte Gebäude meiner Ruhe war nun mit einem Schlage zerstört Mir
war als bräche erst jetzt der Schmerz mit allen seinen vernichtenden Folgen
gewaltsam auf mich ein und ich war von neuem unglücklicher als ich es je zuvor
gewesen Deutlich sah ich ein wie nun jede Hoffnung möglicher Versöhnung
möglicher Vergütung meines Unrechts sogar die des Wiedersehens mir auf immer
verloren sei Ich schauderte vor mir selbst als hätte ich ein Verbrechen
begangen denn ich war es ja die jene unseelige Reise veranlasste auf der er
den Bruder kennen lernte Der Schmerz um mich hatte die schöne Klarheit seines
Geistes zerstört und ihn zu jenem raschen vielleicht für das Glück seines
Bruders nicht einmal notwendigen Schritte getrieben der ihn nun aus seinem
Vaterlande verbannte der seine ganze Zukunft umgestaltete ihn seines
Eigentums beraubte und ihn ohne Frieden und ohne Freude hinaus in die Irre
sandte
    O lasst mich nicht weiter davon sprechen damit nicht der Geist jener
quaalvollen Zeit von neuem über mich komme Lasst mich euch nicht vorrechnen wie
viele endlose Tage Wochen Jahre einander folgten ohne dass ein einziger Tag
mir tröstlichere Kunde von ihm gebracht hätte
    Die Zeit vergieng unter dem Bemühen ruhig und glücklich zu scheinen um
meines Vaters willen Der ehrwürdige Greis neigte sich immer tiefer dem Grabe
zu während meine schöne blühende Schwester immer liebenswürdiger sich
entwickelte Sein Blick ruhte oft mit dem Ausdruck tiefer Sorge auf dem holden
Wesen das in jugendlicher Freudigkeit ihn umflatterte und wandte sich dann
gleichsam bittend mir zu Es schmerzte mich tief aber ich durfte diese
bittenden Blicke nicht verstehen Denn wie wäre es mir möglich gewesen unter
den zum Teil sehr achtungswerten Männern die sich damals um meine Hand
bewarben einen zu wählen während die Erinnerung an Bernhard die Sorge um ihn
die Reue über eine nie wiederkehrende Vergangenheit noch immer meine ganze
Seele erfüllten Mein gütiger Vater schonte mich deshalb nicht minder weil wir
nie über diesen Gegenstand ein Wort mit einander gewechselt hatten er las
deshalb nicht minder deutlich in meinem Herzen und erlaubte sich auch nicht die
kleinste Andeutung seines Wunsches mich vor seinem Tode an der Seite eines
edlen Gatten versorgt und dadurch auch die Zukunft meiner Schwester gesichert
zu sehen Nie kam ein hierauf Bezug habendes Wort über seine Lippen aber auch
ich wusste was in seinem Gemüte vorgieng und die Quaal meines Daseins ward
dadurch noch erhöht dass ich nicht gewähren konnte was er so innig zum Besten
seiner Kinder wünschte
    Die ganz unerwartet sich erklärende Neigung Deines Vaters Vicktorine zu
meiner damals kaum funfzehnjährigen Schwester machte wider alles Verhoffen
unserer Sorge um das liebe Kind ein plötzliches fröhliches Ende
    Kleeborn war der einzige Sohn eines der angesehensten Handelsherren der
Stadt welcher von jeher der treueste geliebteste Freund meines Vaters gewesen
war Er hatte so eben die sogenannte große Tour durch beinahe ganz Europa
zurückgelegt welche man damals zur Vollendung der Erziehung eines jungen Mannes
seiner Art für unentbehrlich hielt und er kehrte jetzt heim um eine Gattin zu
wählen und sich dann in seinem Geburtsorte häuslich niederzulassen Meiner sehr
schönen Schwester fröhliches einfaches Wesen zog auch ihn an wie jeden der sie
sah und bestimmte ihn vielleicht um so mehr in seiner Wahl da seine
Bekanntschaft mit den Damen des Auslandes wahrscheinlich von der Art gewesen
war dass er den Wert einer solchen Gefährtin des Lebens durch den Kontrast mit
jenen um so höher zu schätzen gelernt hatte Karolinens bis jetzt ganz frei
gebliebenes Herz war stets bereit Liebe um Liebe zu geben Sie war noch bei
weitem zu jung um das Wichtige des Schrittes den sie zu tun aufgefordert
ward in seinem ganzen Umfange zu fühlen und so gab sie ohne Widerstreben sogar
fröhlich ihr Jawort zu dieser Verbindung da sie sah welche Freude sie dadurch
ihrem Vater bereitete
    Diesem sowohl als dem alten Kleeborn war die Aussicht das Band der zwischen
beiden so lange bestandenen Freundschaft durch die Verbindung ihrer Kinder noch
enger knüpfen zu können zu erwünscht als dass irgend ein auf Geburt oder
Vermögen Bezug habendes Vorurteil bei einem von beiden hätten zur Sprache
kommen können Beide führten voll der freudigsten Aussichten auf eine glückliche
Zukunft die Verlobten sobald als möglich am Altar einander zu Die Augen meines
Vaters strahlten während der feierlichen Handlung in ungewohntem Glanz seine
ganze Gestalt glich der eines seeligen Verklärten ach nur zu bald sollte er
wirklich zu ihnen gezählt werden und in das Land einziehen wo die Sorgen
verstummen und keine Tränen mehr sind Wir alle weinten drei Tage später an
seinem Sarge Schonend und freundlich hatte der milde Genius des Todes die
Fackel umgekehrt und den geliebten Greis schmerzlos im ruhigen Schlummer seiner
Vollendung zugeführt
    Ich eilte vom Grabe des Vaters in die mir im Schmerz so lieb gewordene
Einsamkeit meines Stiftes zurück wo das schwache Lebenslicht meiner edlen
Freundin noch immer kämpfend mit dem völligen Erlöschen trübe und schwankend
fortbrannte Ich wollte nicht mit meinem Gram zwischen dem neuvermählten Paar
und dem fröhlich leuchtenden Glücksstern ihrer jugendlichen Liebe verdüsternd
eintreten und war auch überdem der Ruhe höchst bedürftig Ohne dass man mich im
eigentlichsten Sinne krank nennen konnte ward doch das leise Hinsinken meiner
durch den Schmerz um meinen Vater noch mehr untergrabenen körperlichen Kräfte
jetzt so sichtbar dass selbst unser Arzt eine einfachere Lebensweise in
ländlicher Ruhe auf das Dringendste anempfehlen zu müssen glaubte
    Äußern Frieden fand ich in meiner stillen Wohnung auch frommen
wohlgemeinten Trost an der Seite meiner jetzt fast ganz verklärten Freundin Doch
der Schmerz dem ich nirgend entfliehen konnte wohnte in meinem Herzen und
nagte leise und heimlich an meinem Leben
    Einige Wochen nach meiner Ankunft saß ich in früher Morgenstunde allein mit
mir selbst versunken in schmerzlichem Nachdenken aus welchem Rebecke meine
alte Wärterin durch die ihr ungewohnte Hast mit welcher sie die Türe aufriß
mich aufschreckte Die treue Seele hing mit mütterlicher Liebe an mir sowohl
als an meiner Schwester weil sie von unserer Geburt an uns gewartet und
gepflegt hatte Deshalb hatte sie auch ungeachtet ihres weit vorgerückten
Alters es sich nicht nehmen lassen mich in meine Einsamkeit zu begleiten weil
ich wie sie behauptete wieder gepflegt werden müsse und niemand das besser
verstünde als sie Fräulein Annettchen rief sie jetzt ganz atemlos denn so
nannte sie mich noch immer von meiner Kindheit her Fräulein Annettchen wen
denken Sie dass ich eben gesprochen habe er ging im Klostergarten spazieren
Herr von Leuen Er kannte mich gleich wieder und hatte eine Freude er hat mich
recht über Sie und Ihr Befinden ausgefragt ich musste Ihre Fenster ihm zeigen
Die wilde Rebe mit den schönen roten Blättern hat ihm recht gefallen er hat
sie in eins weg betrachtet und gelobt
    Guter Gott wie vermöchte ich das Gefühl Euch zu schildern mit dem ich
gleich einer aus bangem Todesschlaf Erwachenden diese Botschaft vernahm Ich
drückte die gute Alte an meine Brust ich lachte und weinte in beinahe
wahnsinniger Freude Ich kniete hin und dankte Gott mit lauter Stimme dass
Bernhard noch mein gedenke
    Dann versank ich aufs neue in tödtliche Sorge und ermahnte die gute
Rebecke sich doch ja recht zu bedenken ob sie sich nicht in der Person geirrt
haben könne Ich ließ aufs genaueste mir beschreiben wie er aussah ich fragte
hundertmal ob er auch gewiss kommen werde ich konnte es mir noch immer nicht
denken dass er da sei meinetwegen da sei dass ich ihn wiedersehen solle
    Rebecke war unermüdlich in Wiederholung des mir schon tausendmal Gesagten
Nie nie habe ich seitdem die treue wieder von mir gelassen dankbar habe ich
kindlich sie Jahre lang gepflegt bis sie lebensmüde in einem sehr hohen Alter
in meinen Armen entschlief Stets dachte ich daran dass sie es war die zuerst
mir sagte Bernhard von Leuen ist wieder da
    Nach wenigen Stunden kam er selbst Ich sah ihn wirklich wieder Lieben
Kinder ich bin sehr alt und viele viele Jahre liegen zwischen dieser Stunde und
jenem Augenblick doch wenn ich seiner gedenke so ist mir noch als lege sich
mein ergrautes Haar wieder in hellschimmernden Locken um meine Stirn als
berühre mich ein Lebensstrahl von dort oben und gebe meine Jugend mir wieder
Wie schön stand ihm die Freude mich so blühend wieder zu finden denn in diesem
seeligen Moment lieh das Entzücken meiner sonst verfallnen Gestalt aufs neue den
Anschein der Gesundheit und färbte meine bleichen Wangen mit ihrem rosigen
Schein
    Bernhard sagte mir er habe in meiner Vaterstadt vernommen dass ich an einer
wahrscheinlich unheilbaren Auszehrung leide er gestand mir dass er die Sorge um
mich nicht länger habe tragen können dass er einzig gekommen sei mich zu sehen
wäre es auch nur aus der Ferne Alles dieses sagte er mir abgebrochen in
möglichst kurzen Worten seine Seele war in seinen Augen Wir beide sprachen
überhaupt nur wenig bei dieser ersten Zusammenkunft wir konnten nicht reden
wir konnten nichts als uns freuen uns beiden war in diesem Moment als sei nie
eine betrübende Vergangenheit da gewesen
    Am folgenden Morgen kam er wieder doch neue Zweifel schienen in ihm
erwacht denn trübe und verschlossen stand er vor mir Ich ertrug diese
Veränderung in seinem Betragen mit Gelassenheit und stiller Ergebung denn ich
wusste ich hatte dies verdient ich hatte mutwillig sein Zutrauen verscherzt
Doch ich blieb mir gleich ich dachte und wollte nichts als offen und
unverstellt ohne List und ohne Hinterhalt mich ihm zeigen wie ich war so viel
ich dies konnte ohne der Würde meines Geschlechts etwas zu vergeben und
dadurch seine Achtung aufs neue wenn gleich auf andre Weise zu verscherzen
    Am dritten Tage kam er um Abschied zu nehmen Ich führte ihn zur Pröbstin
die durch ungewöhnliches Leiden entkräftet nicht im Stande gewesen war ihn
früher zu sehen Auch jetzt fühlte sie sich noch sehr unwohl und nur meine
dringenden Bitten hatten sie vermocht meinen Freund bei sich zu empfangen
    Mir lag unendlich viel daran mir auf diese Weise wenigstens den Trost zu
erwerben zuweilen wenn er nun ganz von mir geschieden sein würde seinen Namen
nennen von ihm reden zu hören wäre es auch im gleichgültigsten Ton ach und
ganz gleichgültig konnte niemand von ihm sprechen der ihn kannte das wusste ich
wohl
    Ein unerwartetes Geschäft welches die Pröbstin krank wie sie war nicht
selbst berichtigen konnte und das sie mir deshalb auftrug zwang mich fast in
derselben Minute ihr Zimmer wieder zu verlassen in welcher ich Bernhard bei
ihr einführte Es hielt beinah eine Stunde lang mich fest bei meiner
Zurückkunft fand ich Bernhard wider mein Erwarten noch bei meiner Freundin doch
sein ganzes Wesen erschien mir auffallend anders als zuvor Eine ihm sonst
fremde Hastigkeit in seinen Bewegungen das ungewohnte Feuer seiner Augen der
mir nur zu wohl bekannte Zug schmerzlicher Rührung um seine Lippen alles sagte
mir dass etwas Ungewöhnliches in ihm vorgegangen sein müsse seit ich das Zimmer
verließ Die Pröbstin lag zwar bleich und erschöpft auf ihrem Ruhebette aber
sie lächelte wie eine Seelige mir entgegen indem sie mich zu sich winkte mit
leiser Stimme mich bat den Herrn von Leuen fortzuführen und sie deshalb mit
ihrer krankhaften Schwäche bei ihm zu entschuldigen
    Bernhard folgte mir mit auffallender Eile da ich ihm zum Fortgehen winkte
Sein Arm zitterte indem er mich die Treppe hinab führte er war augenscheinlich
in heftiger innerer Bewegung doch ob in einer schmerzlichen oder freudigen
konnte ich noch immer nicht entscheiden
    Kaum war ich mit ihm in meinem Zimmer allein als der so lange in seiner
Brust mühsam verhaltne Sturm losbrach Anna teure wiedergefundne Anna rief
er und betrachtete mich wie man ein lange schmerzlich vermisstes Kleinod
betrachtet mit zusammengeschlagnen Händen und mit Augen aus denen das reinste
Entzücken leuchtete Ja Sie sind es fuhr er mit tief bewegter Stimme fort Sie
sind was sie immer waren edel und rein und gut wie ein Engel des Himmels Ohne
zu wissen was sie tat hat Ihre Freundin den Schleier zerrissen der Sie so
lange mir verhüllte indem sie mit alle der dankbaren innigen Liebe von Ihnen
sprach die sie mit so hohem Rechte für Sie empfindet Anna ich kenne jetzt Ihr
ganzes engelreines Leben von dem Augenblick an da ich Unseeliger aus Ihrer
Nähe entfloh Ich kann fast sagen ich weiß wie Sie jede Viertelstunde jener
langen langen Zeit zugebracht haben Was Ihr erstes Wiedersehen in diesen Tagen
mich ahnen ließ wogegen ich Verblendeter so lange mich sträubte alles das ist
in dieser Stunde zur klarsten Gewissheit mir geworden und ich bin zugleich der
Seeligste und Unseeligste auf Erden
    Lieben Kinder was soll ich euch noch viel von dem Gespräch zweier in Wonne
und Schmerz Verlorner erzählen Bernhard bekannte mir wie er mit tief
verwundetem Gemüt ohne Plan unfähig sogar einen zu ergreifen auf seinem
Schloss angelangt sei wo er seinen Bruder ringend mit wilder Verzweifelung
antraf Alles was Lotario grell und widerwärtig dargestellt hatte sah ich jetzt
durch tausend Umstände gemildert im schönen Licht der edelsten Aufopferung
durch die er einem liebenden Paar das Glück das ihm selbst auf ewig
hoffnungslos aus seinem Leben gerissen schien erkaufen wollte In Malta konnte
ich nicht länger weilen sprach er zu mir eine nicht zu bekämpfende Sehnsucht
ähnlich dem Heimweh der Schweitzer hatte mich ergriffen Ich musste wieder fort
ich vermochte es nicht dieses Dasein in welchem kein Ton aus Ihrem Leben mein
Ohr erreichte länger zu ertragen Ich nahm Urlaub und ging nach Deutschland
zurück um mir nur die Gewissheit zu verschaffen dass Sie lebten dass Sie
glücklich wären So meinte ich es wenigstens doch als ich nun wieder mit Ihnen
dieselbe Luft atmete genügte mir dieses nicht mehr ich musste Sie auch sehen
Anna wie habe ich Sie wieder gefunden wie so ganz gleich dem was Sie in
meinen glücklichsten Träumen immer waren
    Leider war auch das Entzücken des gegenwärtigen Augenblicks nichts weiter
als ein flüchtiger Traum von Seeligkeit des Himmels der nur zu früh der herben
Wirklichkeit weichen musste denn so wie der erste freudige Rausch nachlies kam
auch die Ahnung über uns dass wir uns nur gefunden hätten um uns wieder zu
verlieren dass nichts uns bleiben könne als der feste Glauben einander stets
wert gewesen zu sein und es von neuem ewig zu bleiben Meine Liebe hatte mein
Herz groß gemacht und meinen Mut erhöht ich vermochte es über mich dem
Geliebten alles zu gestehen und jedes Unrecht ihm abzubitten Mein ganzes Herz
alle Tiefen meines Gemüts enthüllte ich seinem liebenden Blick Auch er klagte
sich an und ich genoss die Seeligkeit ihm ebenfalls vergeben zu können wie er
mir vergab
    Als wir gelassner wurden suchten wir unsre Zukunft und unsre jetzige Lage
so klar als möglich zu überschauen um zu entdecken ob nirgend Rettung für uns
sei ob denn auch gewiss jede Hoffnung verloren wäre das einmal verscherzte Glück
uns wieder zu gewinnen doch ach wir mussten wenn gleich mit tiefem Schmerz
einander gestehen dass wir beide jeder auf seine Weise alle Möglichkeit einer
nähern Verbindung auf immer von uns gewiesen hatten Bernhard war katholisch
ich hatte dies früher nicht gewusst obgleich er nie ein Geheimnis daraus machte
denn in meiner damaligen gränzenlosen Gleichgültigkeit gegen alles was auf
Religion Bezug hatte hielt ich es nie der Mühe wert mich um dergleichen zu
bekümmern
    Als Katholik hatte sich Bernhard lebenslänglich dem ehelosen Stande geweiht
indem er das Malteser Kreuz annahm Zwar konnte der Pabst sein Ordensgelübde
lösen und es wäre vielleicht nicht schwer geworden diese Gunst von ihm zu
erhalten doch dann verlor Bernhard auch die Einkünfte seiner Komturei und war
bis auf eine nicht sehr bedeutende Leibrente die er sich vorbehalten hatte
ganz arm Sein Bruder dem er alles übrige was er einst besaß abgetreten war
selbst beim besten Willen nicht fähig ihm Beistand zu gewähren denn bei der
verschwenderischen Lebensweise zu der seine junge an Pracht und Wohlleben
gewöhnte Gemalin ihn verführte war er selbst oft in Verlegenheit und genötigt
Schulden zu machen indem er die Einkünfte seiner ohnehin sehr gesunknen
Besitzungen auf Jahre hinaus verpfändete
    Mich die protestantische Stiftsdame band zwar kein Gelübde aber auch mir
hatte mein Vater wenig hinterlassen obgleich die Einkünfte meines kleinen
Kapitals verbunden mit denen meiner Präbende für mich hinreichend waren um
anständig davon leben zu können Bernhard schauderte vor dem Gedanken an seiner
Hand mich die Heissgeliebte vielleicht in einen bodenlosen Abgrund von Sorgen
und Mangel hinabzuziehen und so blieb uns denn nichts übrig als Entsagung
Mein Freund war darüber der Verzweiflung nahe denn er betrachtete unser
trauriges Loos als die Folge einer sonst ganz gegen seinen Charakter streitenden
Übereilung zu der sein damals von allen Seiten schmerzlich bestürmtes Gefühl
ihn hingerissen hatte und die traurige Gewissheit dass sein Bruder an der Seite
der so teuer erkauften Gattin das gehoffte Glück bei weitem nicht gefunden
habe raubte ihm vollends jeden Trost Doch ich die ich einen weit herbern
Schmerz gekannt ich war beglückt wenn gleich unter Tränen Ich wandte alles
an um auch meinem Freunde die wehmütige Ruhe mitzuteilen die seit dieser
unvergesslichen Stunde mich nie wieder ganz verlassen hat doch leider widerstand
sein Kummer lange Zeit allen meinen Bitten und Vorstellungen
    Bernhard sprach ich zu ihm glauben Sie mir von heute an trage ich nicht
nur resignirt sondern auch mit stiller Freude diese Strafe meines früheren
Leichtsinns Von nun an ist mein ganzes Leben einzig dem beseeligenden
Bewustsein geweiht Ihnen anzugehören und wie auch unser Schicksal sich wenden
mag und wenn wir auch nie wieder wie heute neben einander stehen wenn ich nach
der schmerzlichen Trennung die uns so nahe bevorsteht auch nie wieder die
geliebte Gestalt meines Freundes wiedersehen soll so bin und bleibe ich doch in
unwandelbarer Treue Ihnen zu eigen und werde nie eines andern sein Denn wir
sind eins auf ewig und das Gelübde das Sie bindet fesselt auch mich
    Bernhard erschrack auf das Heftigste da er diesen Entschluss von mir
vernahm beinahe kniend flehte er mich an davon abzustehen Sie wissen nicht
Anna rief er Sie wissen nicht zu welchem Opfer Ihr Edelmut Sie verleiten
will Noch blüht Ihnen das Leben und die nie wiederkehrende Jugend o
verschleudern Sie nicht beide um eines Unglücklichen willen der gestraft werden
muss weil er an Sie nicht glauben wollte und im blinden Wahn sich selbst Fesseln
schmiedete die er jetzt nicht mehr zerreißen darf Teure Anna denken Sie von
heute an ich sei gestorben tragen Sie mein Andenken wie das eines einst
geliebten Toten in Ihrem reinen treuen Gemüt erinnern Sie sich meiner mit
stiller Wehmut wenn Sie glücklich sind mehr darf und kann ich nicht wollen
aber versprechen Sie mir wenigstens das Glück um meinetwillen nicht von sich zu
stoßen wenn es in einer Ihrer würdigen Gestalt sich Ihnen naht und das wird es
gewiss und bald Ich bin ja der Welt und dem Glück schon abgestorben ich bin ja
eigentlich nichts weiter mehr als der Leichenstein dessen was ich einst war
    Sein inniges Flehen die Träne die sein schönes Auge umdunkelte rührten
mich tief in der Seele weil er es war der so bat nicht weil die Gründe die er
anführte meinen Vorsatz erschüttert hätten Ich weinte mit ihm aber ich blieb
fest auf meinem Sinn Und so schieden wir wieder noch am nämlichen Abende von
einander, auf lange lange Zeit Denn Bernhards Rückkehr nach Malta stand
unabänderlich fest
    Ich blieb wieder einsam zurück doch wie ganz anders war alles gegen ehedem
Bernhards Briefe obgleich die weite Entfernung sie selten genug machte wurden
von nun an das eigentliche Element meines Lebens meine ganze Existenz drehte
sich einzig um ihren Empfang und um die Freude sie zu beantworten Jeder neue
Jahrestag den wir so weit von einander entfernt erlebten fand uns fester
verbunden denn unser ganzes Dasein verzweigte sich durch die schriftliche
Mitteilung aller unsrer innern und äußern Begebnisse auf das wunderbarste in
einander und wenn je zwei Menschen eins genannt zu werden verdienten so waren
wir es
    Zuweilen trennte ich mich auf einige Monate von der mir so lieb gewordnen
Einsamkeit um meine im Gewühl der Welt lebende Schwester zu besuchen doch
immer kehrte ich voll heißer Sehnsucht zu ihr wieder zurück sobald ich dies nur
konnte ohne Karolinen wehe zu tun Wenn ich dann bei meiner Heimkehr die alten
Türme meiner klösterlichen Wohnung wieder von Ferne erblickte so klopfte mir
das Herz in ungestümer Freude beinahe als wäre ich gewiss ihn dort wieder zu
finden für den und in dem ich einzig noch lebte denn ich kannte keine Freude
als die Beschäftigung mit ihm der ich mich nirgend so ungestört ergeben konnte
Die Welt vergaß mich allmählig wie sie alles bald vergisst und so führte ich ein
paar Jahre hindurch ein ernstes ruhiges ich könnte sogar sagen ein glückliches
Leben von wenigen gekannt von keinem beneidet
    In wilden Kämpfen wogte indessen die Welt Die französische Revolution war
ausgebrochen und alles alles sowohl im Reich der Ideen als der Wirklichkeit
näherte sich einer furchtbar gewaltsamen Umwälzung welcher nur wenige sich ganz
zu entziehen vermochten Auch mein Freund hielt es nicht länger aus dem allen
nur aus der Ferne zuzusehen er konnte das ruhige stille Leben nicht weiter
fortführen das bei dem gewaltigen Treiben im übrigen Teil von Europa ihm wie
Untätigkeit vorkam und er wandte alles an um sich wenigstens auf einige Zeit
davon loszumachen
    Er kam zurück ins Vaterland vor allem eilte er mich wieder in meiner
Einsamkeit aufzusuchen und wir feierten zum zweitenmal mit entzückender wenn
gleich wehmütiger Freude das Fest des Wiedersehens Dann zog er wieder fort
hinaus in die wildbewegte Welt um ihr Treiben mit eigenen Augen und in der Nähe
zu beobachten Der trügerische Schimmer echter Freiheit und hoher Bürgertugend
den anfangs die Revolution um sich verbreitete hatte bei ihrem ersten
Erscheinen die edelste Jugend aller Länder verblendet und auch Bernhard fühlte
sich in der Ferne vom allgemeinen Taumel ergriffen doch in der Nähe verschwand
das Truggebilde gar bald vor dem richtigen Scharfblick mit dem die Natur ihn
reichlich begabt hatte
    Die verbündeten Mächte standen jetzt auf um mit vereinter Kraft die
vielköpfige Hyder der wildesten Anarchie in der Geburt zu ersticken und auch
mein Freund gesellte ihrem Heere sich zu und teilte mit edlen Genossen alles
Unheil jener trüben verhängnisvollen Zeit
    Tief betrübt eilte er nach dem so traurig beendeten Feldzuge zu mir zurück
Er suchte und fand Trost und Beruhigung bei mir dem einzigen Wesen dem er in
der Welt noch angehörte dann wandte er sich wieder ab um in einen
ausgebreiteteren Wirkungskreis zu treten den die Gnade eines großen Monarchen
ihm bot welchem er wärend jenes merkwürdigen Krieges glücklich genug gewesen
war näher bekannt zu werden Seine Ordenspflicht wenn gleich nicht sein
Gelübde wurden in der Zeit so gut wie vernichtet oder doch aufgehoben denn
auch Malta fiel durch Feigheit und schändlichen Verrat in die Hände der
allgemeinen Welträuber Völlig frei von dieser Seite begann jetzt Bernhard ein
sehr bedeutendes ich darf wohl sagen ein gewaltiges großes Leben zu führen zu
dessen Förderung er seine vielfachen Verbindungen mit ausgezeichneten und
mächtigen Zeitgenossen sehr glücklich zu benutzen wusste Übrigens bahnten auch
sein Geist seine wissenschaftliche Bildung seine Lebenserfahrung das
Einnehmende seiner persönlichen Erscheinung überall ihm den Weg
    Auch in meiner äußern Lage war indessen eine bedeutende Veränderung
vorgegangen Nach langem Kampfe endlich von seinen irdischen schmerzlichen
Banden entfesselt hatte der edle reine Geist meiner Freundin der ewigen Heimat
sich zugeschwungen Seit Jahren musste ich unter ihrer Aufsicht alle Pflichten
die ihr als Pröbstin des Stiftes oblagen für sie verwalten indem ihre große
Kränklichkeit ihr nicht mehr erlaubte dies selbst zu tun Gegen mein Erwarten
und ohne mein Zutun ward ich nach ihrem Tode erwählt als ihre Nachfolgerin
ganz an ihre Stelle zu treten und der mir dadurch zufallende Anteil an der
Verwaltung der dem Stift angehörenden weitläuftigen Güter öffnete mir ein
weites Feld zur Übung aller meiner geistigen Kraft und bot mir tausendfache
Gelegenheit Gutes zu wirken
    Mein Freund lebte indessen als auswärtiger Gesandte seines Monarchen
abwechselnd an mehreren zum Teil weit entfernten Höfen und der blendende
Glanz der ihn in seinem jezigen Wirkungskreis umgab verhüllte ihn mir oft Doch
immer blieb er mein auch in der Ferne immer war ich und nur ich die Vertraute
seiner Pläne seiner Ansichten seiner Handlungen ich darf sagen jedes
Gedankens seiner Seele und zuweilen gelang es mir sogar durch meinen Rat
sowohl als auch auf andere Weise ihm nüzlich zu werden
    Die stete mitunter tätige Teilnahme an Dingen die gewöhnlich weit außer
dem Bereich des Frauenkreises liegen gab mir mit der Zeit eine bei meinem
Geschlechte ungewöhnliche Festigkeit des Sinnes und eine ganz andre Art von
Bildung als es die meiner Umgebungen war Mit meiner innern Kraft wuchs auch
meine Gewalt über das Gemüt der meisten die mit mir in irgend eine Art von
Berührung kamen ich führte ein sehr tätiges Leben das den heilsamsten Einfluss
auf meine Gesundheit hatte und ich darf sagen ich habe in der langen Zeit
manches Gute zu Stande gebracht Und warum sollte ich es nicht auch euch
gestehen dass ich Viele und zu ihrem Besten beherrscht habe die angezogen von
meiner Art das Leben zu nehmen sich vertrauungsvoll mir ergaben Doch mein
Freund bewahrte mich vor jedem Übermut denn ich war und blieb stets nur das
Echo seines Wesens wie seines Lebens
    Nach einigen Jahren kehrte Bernhard aus dem Auslande zurück um in der Nähe
des Monarchen dem er diente eine sehr bedeutende Stelle zu bekleiden Wir sahen
uns wieder wir trennten uns von neuem und kehrten wieder zu einander zurück
oft und vielfach im Laufe des Lebens doch immer fanden wir einander in
unveränderter alter Treue wieder genau so wie wir uns verlassen hatten Auch
brachte ich jetzt zuweilen mehrere Monate in Bernhards glänzender Nähe zu wenn
seine Geschäfte ihm nicht erlaubten mich zur gewohnten Zeit in meiner
Einsamkeit aufzusuchen
    Bernhard war jetzt wieder reich es lag in seiner Gewalt sein Gelübde lösen
zu lassen um mir für den Rest unsers Lebens die Hand zu bieten und gerne hätte
er auch vor der Welt bekannt dass sein Dasein in allem Wechsel seines Geschicks
stets einzig mir geweiht gewesen sei Doch wir beide waren indessen alt
geworden es fehlte uns der Mut zu einem raschen Entschluss und eine seltsame
Scheu von welcher keines von uns sich genaue Rechenschaft abzulegen vermochte
hinderte uns an unserm so lange bestandnen so lange uns beglückenden
Verhältnis etwas abzuändern So vergieng uns wieder ein Jahr nach dem andern
indessen hätten wir wahrscheinlich doch noch dem bei jeder neuen Trennung
lebhafter gefühlten Wunsch nachgegeben in ungestörtem Beisammensein das Ende
unsrer Tage vereint abzuwarten  da trat der Tod zwischen uns
    Bernhard starb ferne von mir in der Schweiz wohin Geschäfte seines Herrn
ihn gerufen hatten Mein tiefer Schmerz zog mich hin an sein Grab dort fand ich
Tränen und in diesen die erste Erleichterung für meine im bittersten Weh
erstarrte Brust
    Der Anblick der unbeschreiblich großen Natur in jenem wundervollen Lande
löste zuerst das eiserne Band welches mir bis zum Erdrücken das Herz
zusammenpresste und ich glaubte unaufhaltsam mein Leben auf dem Hügel ausweinen
zu müssen der die geliebte Gestalt mir auf immer entzog Mein erstarrtes Herz
ward wieder weich mein Auge hob sich wieder fromm hoffend mit Ergebung zu dem
Allwaltenden hinauf der dort auf seinen ewigen Bergen im riesengrossen Bilde der
Natur sich den Sterblichen näher offenbaret Ich blieb lange genug in der
Schweiz um noch Bernhards Todestag an seinem Grabe zu feiern das sind nun acht
Jahre  eben heute«
Vite vite mes enfans geschwinde ans Fenster Ciel de Dieu quel train rief
Mamsell Virnot indem sie den Kopf zur halbgeöffneten Türe des Wohnzimmers
hinein steckte ihn aber auch sogleich wieder zurückzog und davon eilte Babet
und Agathe saßen eben ganz allein am Kamin mit ihrer Näharbeit emsig
beschäftigt Agathe nach ihrer hastigen Art warf im Aufspringen den großen
Stickrahmen über den Haufen verwickelte sich in die Fäden der weit über den
Fußboden sich verbreitenden Seidenrollen zerriss alles ohne sich weiter darum zu
kümmern und eilte das Fenster aufzumachen denn der immer näher schmetternde
Klang vieler unter einander wetteifernder Postörner lockte sie
unwiederstehlich Auch Babet gesellte sich zu ihr und beide Mädchen sahen nun
mit fröhlicher Neubegier und weit vorgestrecktem Halse dem nahenden Zuge von
Reisenden in gespannter Erwartung entgegen
    »Fenster zu« donnerte Herr Kleeborn der eben ins Zimmer trat »Seid ihr
von Sinnen bei dieser Kälte wollt ihr die Straße heitzen und da liegen auch
alle eure Siebensachen auf dem Fußboden umher Das ist mir eine feine
Wirtschaft« »Ach Onkelchen« rief Babet ohne den Kopf nach ihm umzuwenden
»machen Sie nur geschwinde die Türe zu damit es nicht so grässlich zieht« »Und
schelten Sie nicht so« setzte Agathe hinzu indem sie lächelnd ihm winkte
»Kommen Sie lieber selbst und helfen uns zusehen es langen Bereuter an« »Warum
nicht gar Bereuter« sprach Babet mit verächtlichem Achselzucken »die werden
auch im Hotel dAngleterre logiren Vornehme Herrschaften sinds«
    Der durch das Geplapper der Mädchen wirklich selbst schaulustig gewordne
Onkel trat indessen hinter sie um selbst über ihre Köpfe wegzusehen und auch
die Tante mit Vicktorinen und Angelika die Herrn Kleeborn ins Zimmer gefolgt
waren ließ von dem zunehmenden Getöse auf der Straße sich in das zweite
Fenster locken
    Sie erblickten das ganze dem Kleebornschen Hause schräge gegenüber liegende
Hotel dAngleterre in der allergeschäftigsten Bewegung Von dem Heere seiner
Kellner umgeben stand sogar der sonst sehr vornehm gesinnte Gastwirt in der
dritten Posizion vor der Türe seines Hauses zu den allertiefsten Bücklingen
bereit und das sämtliche Personal schaute mit erwartungsvollen Gesichtern nach
der Seite der Straße hin von wo der Klang der Postörner immer lauter und
lustiger näher kam Zur Freude der zahlreich versammelten Strassenjugend führte
ein eben vom Pferde gestiegener fantastisch bunt gekleideter Jokei sein
dampfendes Tier mit der größten Gelassenheit in der engen volkreichen Straße
auf und ab um es verkühlen zu lassen während die Hausknechte sich gewaltig
abarbeiteten um einen mit vier Postpferden bespannten und mit allerlei
wunderlich geformten Koffern und Mantelsäcken hochbeladnen Packwagen in die
Remise zu schaffen Dieser Packwagen schien augenscheinlich zu einem sehr
eleganten ebenfalls vierspännigen Reisewagen zu gehören der durch dessen
Entfernung erst Platz gewann vor dem Hotel anzufahren Zwei junge elegant
gekleidete Männer saßen darin hinten auf einem zu diesem Zweck eingerichteten
bequemen Sitz ein Bedienter vorn auf dem Bock ein glänzender Jäger und ein in
grellen Farben geputzter Negerknabe »Das sind sie« flüsterten die Mädchen
einander zu und stießen sich nur mit dem Ellenbogen an ohne einander
anzusehen denn die Fremden denen der Wirt selbst in tiefster Untertänigkeit
aus dem Wagen half nahmen alle ihre Aufmerksamkeit in Beschlag »Ce sont des
Mylords anglais« rief die alte Virnot von unten zum Fenster hinauf denn auch
sie hatte sich von der Neugier in die Haustüre locken lassen
    »Ein junger reisender Prinz oder Graf mit seinem Hofmeister« sprach
hingegen Herr Kleeborn mit großer Zuversicht und war schon im Begriff die
Mädchen vom Fenster wegzujagen und dieses zuzumachen doch unterließ er es noch
einstweilen da er zu seiner Verwunderung gewahr ward dass die eben
ausgestiegnen Fremden sich nicht ins Haus führen ließ sondern nebst dem
Wirt den Kellnern und den Bedienten vor demselben stehen blieben als ob sie
auf noch jemanden warten müssten Zugleich ragten in einiger Entfernung mehrere
Pferdeköpfe und Reuter über die zahlreichen Häupter der Zuschauer empor die im
Vorbeigehen wie das bei solchen Gelegenheiten in großen und in kleinen Städten
immer geschieht auf der Straße stehen geblieben waren
    »Höre der Rechte kommt noch glaube ich« flüsterte Babet Agaten zu »wohl
gar ein König und das sind nur seine Minister« »Ach lass mich« erwiderte
Agathe »sieh lieber auf die Pferde die dort kommen Die haben ordentlich
Mützen mit Ohren auf und Überröcke an und rote Brillen auf der Nase« »Gewiss
sinds am Ende doch Bereuter« jubelte die Kleine und klatschte vor Freuden in
die Hände »Das wäre nun ganz herrlich es sind so lange keine da gewesen«
    Drei in grauen rot verbrämten Überzügen von oben bis unten dicht verhüllte
Pferde nahten jetzt von zwei reitenden Stallbedienten geführt ein stattlicher
in einem modernen dunkelfarbigen Überrock gekleideter Mann ritt nebenher
»Siehst du dass ich Recht habe« frohlockte Agathe »das ist der Herr der
Truppe und dort im letzten Wagen sitzen wohl die Damen die zu ihr gehören
Nicht wahr Onkelchen es sind Bereuter« fragte sie indem sie sich diesem
lächelnd zuwendete »Fast sieht es mir selbst so aus« erwiderte Kleeborn
»Dann ist es wahrscheinlich Tourniaire der Mann ist reich wie man sagt aber
wundern tut es mich doch dass er hier im ersten Hotel der Stadt absteigt mit
all den Leuten und Pferden Das wird ein schönes Geld kosten«
    »Nun wer hat nun Recht« rief jetzt Babet und bog sich so weit als möglich
zum Fenster hinaus »Wo siehst Du Damen Der König oder der Prinz kommt dort
erst selbst in dem wunderschönen großen Wagen« »Nein es ist eine Dame in
Herrenkleidern eiferte Agathe die Bereuterinnen reisen immer so Du siehst es
ja sie hat den Hund bei sich und den Affen die sollen gewiss im Feuerwerk ihre
Künste machen wie ich das in der Zeitung beschrieben gelesen habe Die zahmen
Hirsche sehe ich noch nicht die kommen gewiss noch nach mit dem Übrigen
Allerliebster bester Onkel den ersten Tag wenn die Leute spielen müssen wir
hin und wie glücklich nun sehen wir sie alle Tage zweimal mit Musik Parade
reiten wenn sie ausziehen und wenn sie wiederkommen«
    Langsam wegen der ziemlich engen mit Fussgängern erfüllten Straße obgleich
mit sechs Postpferden bespannt nahte jetzt ein wirklich sehr schöner
zurückgeschlagener Landauer Wagen ohne alle Bedienten darauf Ein einziger
junger Mann saß oder lag vielmehr in der allernachlässigsten Stellung in einer
Ecke desselben so bequem hingestreckt als befände er sich zu Hause auf seinem
Sofa Ein prächtiger Pelz von sonderbarem Schnitt verhüllte ihn bis an die
Ohren und eine grüne Staubbrille die er trug lieh seinem blassen doch nicht
unangenehmen Gesicht etwas grauenhaftgespensterartiges dabei studierte er mit
der größten Aufmerksamkeit ein Zeitungsblatt das er in der Hand hielt ohne nur
einmal den Blick davon zu wenden Neben ihm hatte ein großer schöner getiegerter
Hund seinen Platz und indem dieser die Vorderpfoten auf die Schultern seines
Herrn gelegt hatte kuckte er so emsig und ehrbar mit in die Zeitung hinein als
ob er etwas davon verstände Auf dem Rücksitz des Wagens stand ein zierliches
mit vergoldetem Gitterwerk geschmücktes Häuschen doch sein an einer langen
Kette in demselben befestigter Bewohner ein kleiner langgeschwänzter Affe saß
oben auf dem Dache seiner Wohnung wies den mit lautem Jubel den Wagen
umschwärmenden Strassenbuben die Zähne und warf ihnen alle Überbleibsel seiner
unterwegs gehaltnen Mahlzeiten an die Köpfe ohne dass sich sein Herr dadurch im
mindesten in der Lektüre stören lies bis der Wagen vor dem Hotel dAngleterre
hielt
    Langsam als erwache er eben vom süßen Schlummer stieg der Reisende jetzt
aus dem Wagen pfiff seinem Hunde der ihm auf den Fersen nachfolgte winkte dem
Neger ihm den Affen nachzutragen und ging mit stolzem Schritt in den Gasthof
hinein ohne den Wirt und dessen Komplimente nur eines Blickes zu würdigen
Alle folgten ihm ehrerbietigst der Wirt die Bedienten die Kellner zuletzt
auch die beiden kurz zuvor angekommnen Fremden Die Pferde wurden fortgeführt
die Zuschauer zerstreuten sich Herr Kleeborn schloss sorgfältig das Fenster und
das ganze Schauspiel hatte einstweilen sein Ende erreicht
    »Wie Du Dich nun einmal wieder blamirt hast mit Deinen Bereutern« sprach
Babet jetzt zu Agaten »das kommt davon dass Du immer alles besser wissen willst
als andre Leute« »Aber wer sagt uns denn gewiss dass es keine sind« erwiderte
ziemlich kleinlaut Agathe »es können doch noch Bereuter sein aber recht
vornehme die gradezu aus London hergeritten kommen »Quer über das
mittelländische Meer zu Pferde nun Du weißt es recht« rief spöttisch lächelnd
Babet »Stille stille um Gotteswillen« sprach Herr Kleeborn dazwischen »euer
Herr Kandidat möchte auch an Deinen geografischen Kenntnissen wenig Freude
haben wenn er so Dich reden hörte So viel ist indessen gewiss Bereuter sind
das nun einmal nicht Sollte einer von den englischen Prinzen  Doch die sind
ja alle viel älter Ich weiß was ich tue ich schicke den Johann hinüber«
    Der von seinem Herrn aufs Recognosciren sogleich ausgesandte Bediente kehrte
indessen erst zurück als Kleeborn und die Seinen sich schon eine ziemliche
Weile um den reich besetzten Frühstücktisch versammelt hatten den in großen
Handelsstädten das bis in den späten Abend hinausgeschobne Mittagsmahl zu einer
Stunde einführte die in andern Orten schon längst dem Nachmittage angehört Man
hatte schon lange dem Abgesandten ungeduldig entgegen gesehen denn die Neugier
plagte eigentlich den guten Onkel nicht weniger stark als seine Nichten doch
die Nachrichten welche Johann mitbrachte waren bei weitem nicht befriedigend
Etwas sehr vornehmes müsse es sein so viel hatte der Wirt gesagt weiter aber
wusste dieser noch von nichts als dass die ganze BelEtage seines Hauses auf
mehrere Wochen in Beschlag genommen worden sei und dass die in derselben bereits
wohnenden Fremden alle über Hals und Kopf andere Zimmer beziehen müssten was
denn natürlicher Weise ohne großen Molest nicht abgehe »Übrigens« erzählte
Johann weiter »übrigens gienge alles im Hotel drunter und drüber und Koch
Kellner und Stubenmädchen liefen insgesamt mit den Köpfen gegeneinander um die
Fremden nebst ihrer Dienerschaft zu befriedigen indem alle tausenderlei auf
einmal verlangten und jeder etwas anderes
    Agathe und Babet hatten sich indessen dem Fenster wieder genähert denn der
Affe saß drüben auch auf der Fensterbank und eine Menge Leute war aufs neue vor
dem Hause versammelt um die Grimassen des possierlichen kleinen Tieres zu
belachen »Du« flüsterte Agathe indem sie halb auf den Knien halb auf einem
umgestülpten Fussschemelchen sitzend ihren Stickrahmen wieder in Ordnung zu
bringen suchte »Du höre vielleicht ist es der König von Heidi oder wie er
heißt der die sächsische Mamsell heiraten soll wie man sagt und der jetzt
kommt um seine Braut abzuholen Ach wenn er doch den Grafen Limonade oder
Schokolade bei sich hätte« »Dummes Kind die sind ja alle gestorben« belehrte
sie Babet »Ach wie kann ich von allen Leuten wissen ob sie leben oder tot
sind« erwiderte Agathe und setzte ergrimmt einer ihr entfliehenden
Seidenrolle nach
    »Soviel ist gewiss« sprach nun Babet mit großer Überlegung nachdem Agathe
sich wieder zu ihr gesetzt hatte »soviel ist gewiss der Fremde hat zuverlässig
und auf jeden Fall Addressen an uns und denn muss doch der Onkel ihm zu Ehren
einen Ball geben das ist wohl das wenigste was er für einen solchen Herrn tun
kann« »Nun Gottlob« rief Agathe und klopfte freudig in die kleinen Hände
»Gottlob dann kommt doch wieder einmal Leben ins Haus« »Ja« sprach Babet
»aber das sage ich Dir den rosenfarbnen Crepon zieh ich nicht an die lange
Schmidt hat wieder gerade so ein Kleid Mein neuer BlondenTüll muss dazu fertig
werden und Du musst mir dabei helfen«
    
    »Wenn es ein Prinz wäre so recht ein wirklicher Prinz« sprach Agathe sehr
bedenklich »mein Lebtage habe ich noch keinen so recht in der Nähe gesehen Und
wenn er nun gar mit mir tanzte« »Freilich muss er mit uns tanzen wir sind ja
die Damen vom Hause« verbesserte Babet sie »Schade nur dass mein Theodor nicht
dabei ist der käme gewiss vor Eifersucht von Sinnen wenn er ansehen müsste wie
mir der Prinz die Kour macht« »Ich ängstige mich tot wenn er mit mir tanzt«
rief Agathe »der tanzt gewiss nichts als Françaisen wäre nur Monsieur Michaud
wieder da dass man die Pas ein wenig einüben könnte »Ists ein Engländer so
tanzt er nur Ekossaisen aber walzen wird er leider nicht können« setzte Babet
hinzu
    »Pas de Zéphyr« rief jetzt Agathe indem sie vor dem großen Spiegel mit
hochaufgenommenen Röckchen ihre Pas einzuüben versuchte »tour de bras en
avant Tournez rigadon« rief die sich zu ihr gesellende Babet »allons tour
de poule«
    »Tour de Gans die passt für euch am besten« rief Herr Kleeborn lachend
dazwischen indem er den beiden Kindern mit Vergnügen zusah denn sie waren in
diesem Augenblick wirklich allerliebst »Herr Gott Onkel der Fremde kommt
gerade ins Haus« rief jetzt Agathe die eben einen Blick aufs Fenster geworfen
hatte »Es ist ja der Rechte nicht« eiferte Babet »Wie kannst Du das so genau
wissen« erwiderte Agathe »Allerliebstes bestes Onkelchen« setzte sie
schmeichelnd hinzu »tun Sie mir den allereinzigsten Gefallen und lassen ihn
hier hereinkommen ich möchte ihn gar zu gerne in der Nähe sehen Babet
vereinigte ihr Bitten mit dem ihrer Schwester und der Onkel der sich eben bei
seltener guter Laune befand tat was die Kinder von ihm verlangten
    Herr Wilkinson aus London so hatte der Fremde sich melden lassen Herr
Wilkinson trat herein und alle erkannten in ihm sogleich einen der beiden
Fremden die in dem ersten Wagen angelangt waren Es war ein hübscher nach der
allerneuesten englischen Mode gekleideter junger Mann der in der geöffneten
Türe sich sehr zierlich mit allen fünf Fingern der linken Hand in das
Himmelansträubende Haar fuhr während er mit der rechten den Hut abnahm erst
die Damen dann den Herrn des Hauses mit einem sehr graziosen Kopfnicken
begrüßte und zuletzt zwar mit etwas ausländischem Accent aber doch in sehr
verständlichem Deutsch seine Rede anhob
    »Sir Charles Wissmann trug mir auf ihn den Damen und Herren Kleeborn
hochachtungsvoll zu empfehlen«  »Wissmann« rief Kleeborn ganz entzückt und
schüttelte dem Neuangekommnen recht kräftig die Hand  »Wissmann ei lieber Herr
Wilkinson so sein Sie mir doch tausendmal willkommen Warum ist er denn nicht
gleich bei mir abgestiegen ich habe ihn doch eingeladen und seine Zimmer stehen
bereit Babet geh mein Kind Mamsell Virnot soll aufschließen und einheizen
lassen«  Babet stieß Agaten an dass diese gehen solle doch keine von beiden
bewegte sich von der Stelle denn keine hatte Lust den Gegenstand ihrer
Aufmerksamkeit aus den Augen zu verlieren
    »Bemühen Sie das Fräulein ja nicht« bat Wilkinson indessen »Sir Charles
wünscht die Familie nicht zu derangiren und da wir ziemlich viel Platz
brauchen«  »Ich habe Raum genug für alles« erwiderte Kleeborn
»wahrscheinlich sind Sie des jungen Wissmanns Reisegefährte Nun auch für Sie ist
Platz genug da und Sie sollen mir ebenfalls ein recht werter Gast sein lieber
Herr Wilkinson Vier Zimmer stehen bereit damit werden die beiden jungen Herren
schon auskommen Also der junge Mann der neben Ihnen saß  denn wir sahen Sie
vor dem Hotel aussteigen müssen Sie wissen  der junge Mann also ist der Sohn
meines alten Freundes Ey ei wer hätte das denken können Nun nun und Sie
wahrscheinlich ebenfalls Kaufmann Sie haben Recht das ist der erste Stand der
Welt«
    »Verzeihen Sie« erwiderte der Fremde mit sehr gemessnem Ton »verzeihen
Sie mein Herr ich habe das Vergnügen dem Sir Charles in der Qualität eines
Sekretärs attaschirt zu sein der junge Mensch aber den ich neben mir im Wagen
hatte dient ihm als sein Homme de Chambre Eigentlich gehörte auch er auf den
Bock doch auf Reisen das wissen Sie gewiss darf man dergleichen so genau nicht
nehmen und überdem ist Marcellin seinem Herrn so treu ergeben dass ihm schon
deshalb manches nachgesehen wird« Ein halb gepfiffnes halb geseufztes sehr
gedehntes So war Kleeborns erste Antwort dann setzte er nach einer ziemlichen
Pause mit etwas verlängertem Gesicht hinzu »also ist Wissmann nicht da kommt
auch vielleicht heute nicht« »Verzeihen Sie« erwiderte Wilkinson abermals
»Sie erwähnten vorhin dass Sie uns vor dem Hotel aussteigen gesehen haben nun
Sir Charles Landauer folgte dicht hinter meiner Batarde« »Wie das also hm
hm« erwiderte Kleeborn mit steigender aber nicht sehr fröhlicher Verwunderung
»und die Pferde«  »Beim Himmel es sind herrliche Tiere« fiel Wilkinson ein
»wie Sie gewiss unerachtet der Decken bemerkt haben werden Vor allem der
Lichtbraune Sir Charles eigenes Leibpferd Das mutige Tier lässt sich aber auch
von keinem regieren ausgenommen von seinem Herrn und unserm Stallmeister Es
stammt in gerader Linie von des Herzogs von Bedford berühmten Hector ab Orion
war sein Vater der fünfmal in Newmarket den Sieg davon trug die Mutter war
Lord Ashfords Molly die beim letzten Pferderennen in Epsom«  »Sehen Sie
einmal« Mit diesem Ausruf unterbrach Kleeborn in ziemlicher Verwirrung den
plötzlich beredt gewordnen Sekretär der eben im besten Zuge war ihn auf das
umständlichste mit den Stammbäumen und allen Heldentaten der Pferde seines
künftigen Schwiegersohnes bekannt zu machen »Ey ei sehen Sie einmal  nun und
Herr Wissmann« »Sir Charles« erwiderte Wilkinson »Sir Charles hat mir
aufgetragen Ihnen und der Familie seine glückliche Ankunft zu melden Durch eine
eigenhändige Note von ihm wäre dies freilich besser und schicklicher geschehen
Doch Domingo hat den Schlüssel zu seines Herrn Schreibekassette verlegt und so
sieht dieser sich genötigt Sie durch mich zu bitten dass Sie den ihm
aufgezwungnen großen Verstoss gegen die Regel freundlich entschuldigen mögen
gewiss nur die Not konnte ihn dazu veranlassen denn die Schreibmaterialien
welche der Wirt herbeibrachte wurden leider sämtlich total unbrauchbar
befunden« »Das wundert mich der Mann ist doch sonst so ordentlich« erwiderte
Kleeborn »Total unbrauchbar auf Ehre« wiederholte Wilkinson
    »Übrigens« setzte er hinzu »übrigens bittet Sir Charles um die Erlaubnis
sich Ihnen und den Damen noch heute Abend nach dem Mittagsessen vorstellen zu
dürfen Er wünscht nur zuvor die Reisekleider abzuwerfen und sich von der
Ermüdung ein wenig zu erholen Denn wir sind gewohnt sehr schnell zu reisen und
die Wege hier herum sind fürchterlich schlecht«
    Beladen mit Höflichkeitsbezeugungen aller Art verlies der Sekretär endlich
das Zimmer und Herr Kleeborn gewann nun Zeit sich von dem Erstaunen über alles
was er vernommen ein wenig zu erholen Sein Gesicht glich einem Apriltage in
diesem Augenblick glänzte es im hellsten Sonnenschein der Freude im nächsten
schwebten dunkle nahen Sturm verkündende Wolken des Unmuts darüber hin Leise
pfeifend schritt er aus einer Ecke des Zimmers in die andere wie er immer zu
tun pflegte wenn irgend etwas ihn aus der Fassung gebracht hatte Alle übrigen
im Zimmer schienen ebenfalls mehr oder weniger gespannt zu sein Babet und
Agathe standen wie versteinert da denn der Prinz und der Sekretär Sir Charles
und die Bereuter wogten mit großem Tumult in ihren Köpfen herum Angelika die
an allem bisher Vorgegangenen wenig Teilnahme bezeigte schlich sich jetzt leise
zu Vicktorinen hin und über die Lehne ihres Stuhls gebeugt betrachtete sie die
geliebte Freundin mit dem Ausdruck inniger und zugleich sorgenvoller Liebe
hingegen Vicktorine selbst obgleich auffallend bleicher als sonst saß mit
stolz erhabnem Nacken und blitzenden Augen neben der Tante wie jemand der einem
nahen schweren Kampf mutig entgegensieht Um Annas feine Lippen schwebte
indessen ein fast unmerkliches ein wenig spöttisches Lächeln während ihr klares
Auge jede Bewegung von Vicktorinens Vater verfolgte Dieser maß noch ein paarmal
mit großen Schritten das Zimmer blieb dann plötzlich vor Vicktorinen stehen als
ob er etwas sagen wollte kehrte eben so plötzlich wieder um und begann von
neuem seine Promenade dabei herrschte eine Todtenstille die niemand der
Anwesenden zu unterbrechen wagen mochte
    »Hm ja« fing Kleeborn endlich halb für sich halb zu den andern an »hm
ja einen Sekretär braucht er als holländischer Konsul in London obgleich auf
Reisen sollte ich meinen  nun die Zeiten haben sich sehr geändert seit ich jung
war Freilich ich bin so nicht gereist doch wie gesagt andre Zeiten andre
Sitten und wer einen Rückhalt hat wie dieser junge Mann der kann  hm« Nun
folgte wieder eine neue Pause und eine neue Promenade dann blieb der Alte
abermals vor seiner Tochter stehen »Vicktorine« begann er »Du hast vernommen
wer angekommen ist wen wir erwarten wollte ich sagen Darum dächte ich mein
Kind Du benutztest noch die Zeit vor Tische um dich ein wenig zu putzen«
»Onkelchen das sollten wir ja wohl auch« rief Babet mit ihrem hellen Stimmchen
dazwischen »Seid Ihr auch noch da« fuhr Kleeborn sie an »das könnt Ihr halten
wie Ihr wollt wer denkt an Euch« Leise wie eine Maus schlich Babet jetzt über
den Teppich weg der Türe zu winkte Agaten und beide Mädchen verschwanden
Auch Angelika folgte ihnen zufolge einem von der Tante erhaltenen Wink sich
ebenfalls zu entfernen
    »Fräulein Schwester« hob Kleeborn jetzt an indem er sich zu der Tante
setzte und ihre Hand ergriff »liebes Fräulein Schwester Sie sind eine sehr
kluge Dame das weiß ich und Sie werden mich daher verstehen wie billig Dieser
junge Mann den wir vor einer Stunde freilich mit ziemlich auffallendem Prunk
dort drüben ankommen sahen ist wie ich nun weiß der Sohn eines der ersten
Häuser in Amsterdam dessen Reichtümer ihn allerdings berechtigen mehr Aufwand
zu machen als tausend andere nicht dürfen Und ich muss es in einiger Hinsicht
sogar loben dass er beflissen ist gerade hier sich recht glänzend zu zeigen
Ihrer bekannten großen Einsicht wird es nicht entgehen wie ich dieses meine
doch zur Sache Der alte Wissmann hat vor zehn Jahren da alle Welt mich verlies
Freunde und Verwandte  ja Fräulein Schwester Verwandte auf die ich rechnen zu
dürfen wohl befugt war mein Blut kocht noch wenn ich daran gedenke doch Sie
sind unschuldig daran Sie können nichts dafür  Genug Fräulein Schwester der
Vater dieses jungen Mannes hat mir damals mehr als das Leben gerettet  selbst
du Vicktorine verdankst ihm  doch Basta es ist gottlob alles vorüber und mit
Ehren überstanden So viel ist indessen gewiss ohne meinen alten Amsterdammer
Freund wären wir alle nicht wo wir sind und ich selbst vielleicht längst  doch
wie gesagt das ist vorbei Was aber der Vater an mir tat will ich dem Sohne
vergelten das steht so fest wie das Wort eines ehrlichen Mannes es stellen
kann und dass es die Pflicht meines einzigen Kindes sei mir dabei zu helfen
wird wohl niemand mir abstreiten  und darum geh Vicktorine dich umzukleiden«
    »Ich will es tun wenn Sie durchaus es verlangen« erwiderte Vicktorine
mit bewegterer Stimme als dieser Befehl ihres Vaters es zu erfordern schien
»ich will es tun aber erlauben Sie mir zu bemerken dass ich die Überzeugung
habe gerade so wie ich hier bin jeden Besuch mit Anstand annehmen zu dürfen
Und obgleich ich bereit bin den Sohn eines Freundes den Sie so hoch stellen
mit aller der Zuvorkommenheit zu empfangen die mir als Ihre Tochter ziemt so
sehe ich doch nicht recht ein warum ich gerade mit ihm in diesem Punkt eine
Ausnahme machen soll« »Eine Ausnahme« zürnte Kleeborn »Ja mein Vater eine
Ausnahme« erwiderte Vicktorine bescheiden aber fest »Ich bitte Sie recht
kindlich vergessen Sie eben so wenig die Vergangenheit als ich meine Pflicht
gegen Sie je vergessen werde Mein Wort muss mir nicht minder heilig sein als
Ihnen das Ihre denn ich bin Ihre Tochter und ich werde dem Sohne Ihres
Freundes die Achtung die ich als solchem ihm schuldig bin hauptsächlich
dadurch beweisen dass ich ihn keinen Augenblick über mich selbst über mein
Herz über meine Lage über meinen unabänderlichen Entschluss in Zweifel lasse
sobald er mich in den Fall setzt mich gegen ihn erklären zu müssen Ihnen mein
Vater ist alles dies kein Geheimnis mehr daher bitte ich Sie«  »Vicktorine«
schrie Kleeborn und sprang mit von Wut entstellten Zügen auf  da trat die
Tante beschwichtigend zwischen Vater und Tochter »Seid Ihr nicht wunderliche
Leute« rief sie lächelnd »Ich sehe jetzt sehr wohl ein wovon unter Euch
beiden eigentlich die Rede ist aber denkst Du denn Vicktorine dass ein junger
Mann von Welt wie dieser sich gleich in der ersten Stunde wie ein
Hochzeitbitter vom Dorfe vor Dich hinstellen und seinen Spruch anheben wird Und
Sie lieber Herr Bruder Sie sehen es wohl ein dass Vicktorine noch wie eine kaum
vom Tode Genesene betrachtet werden muss Kranke Kinder werden überdem immer ein
wenig verzogen und brauchen hinterher viele Nachsicht Daher bitte ich lassen
Sie der Zeit doch ihre Rechte wir werden ja sehen«  »Ja ja Sie sprechen sehr
vernünftig Fräulein Schwester« erwiderte Kleeborn augenscheinlich von ihren
Worten beruhigt »Sie haben recht die Zeit die Zeit allein wirkt Wunder und
mit der Zeit gibt sich alles alles alles findet sich mit der Zeit«
    Mit diesem seinem liebsten und gewöhnlichsten Trost verlies der alte Herr
das Zimmer und eilte der Börse zu welche er über die Begebenheiten dieses
Vormittages zum erstenmal in seinem Leben fast vergessen hätte
Schon war das späte diesmal ziemlich stumm eingenommene Mittagsmahl im
Kleebornschen Hause längst vorüber und der Abend rückte mit starken Schritten
der Nacht entgegen Die lange Reihe der Fenster des ersten Stocks im Hotel d
Angleterre schimmerte in fast blendender Erleuchtung als würde dort ein großes
Fest gefeiert während Kleeborn in seinem Hause noch immer und mit steigender
Ungeduld in dem zum Empfange der Fremden bestimmten Zimmer auf und abgehend den
ihm angekündigten Besuch vergebens erwartete »So wollte ich doch« rief er mit
dem Fuße stampfend als die Glocke zehn schlug doch in diesem Augenblick ward
die Türe aufgerissen Sir Charles wie aus dem allerneuesten Modejournal heraus
geschnitten trat ein und die Freude über seine Gegenwart verscheuchte
blitzschnell von der Stirne des alten Herrn jede Spur des vorigen Unmutes
    Ein halbes Stündchen verging beiden unter gegenseitigen Mitteilungen ehe
sie sich dessen versahen Doch nun ergriff Herr Kleeborn den Arm seines jungen
Freundes um ihn in das Wohnzimmer seiner Familie zu führen Schon waren sie
oben auf dem Vorsaal angelangt da stürmte der alte Müller hinter ihnen drein
die Treppe hinauf »Herr Kleeborn ein Wort« rief er atemlos »eben kommt eine
Stafette an Sie vermutlich die lange erwartete Nachricht von«  »Ey der
Tausend« rief Kleeborn ganz entzückt indem er stille stand »Bester Herr
Wissmann« sprach er nach kurzem Bedenken »Sie verzeihen mir gewiss in zehn
Minuten bin ich wieder bei Ihnen Nur hier herein unterdessen Sie finden hier
meine Tochter« Mit diesen Worten öffnete er eine Türe schob ohne sich viel
umzusehen den jungen Mann ins Wohnzimmer hinein und eilte den Kopf voll von
dem ihn unten erwartenden Geschäft zurück in sein Komtoir
Ohnerachtet der möglichst großen aus der vorteilhaftesten Meinung von sich
selbst entspringenden Sicherheit die ihm eigen war fühlte Sir Charles sich
wenn gleich vielleicht nicht verlegen dennoch wenigstens etwas genirt als er
auf so seltsame Weise der ihm bestimmten Braut entgegen geschoben ward Doch die
junge Dame die er ganz allein im Zimmer antraf empfing ihn mit so
überraschender Freundlichkeit dass davor jede Anwandlung dieses ihm sonst ganz
fremden Gefühls wie Nebel vor der Sonne zerrann Die Art mit der man durch
zwei schnell auf einander folgende Knixe seinen ersten Gruß erwiderte die
beiden Grübchen mitten in den Pfirsichwangen des etwas verschämt ihn
anlächelnden Gesichtchens und vollends die zuvorkommende Pantomime mit der man
ihn ohne ein verständliches Wort hervorbringen zu können zum Sitzen im Sopha
nötigte alles dieses war weit mehr als es bedurfte um einen jungen Mann
seiner Art wieder zum gewohnten Selbstgefühle zu verhelfen Mit aller graziösen
Nachlässigkeit eines echt englischen Dandys im größten Styl warf er sich daher
auf den ersten Wink der Schönen neben ihr in eine Sophaecke hin und betrachtete
sie ohne sich dabei den mindesten Zwang anzutun durch seine Brille vom
schildkrotenem Kamme der auf ihren Scheitel die reiche Fülle der lichtbraunen
glänzenden Zöpfe und Locken zusammenhielt bis zu der Spitze des netten
verlegen spielenden Füsschens das die Konturen der großen Rosen auf dem
Fussteppich nachzuzeichnen versuchte Die zwischen den frischen etwas
aufgeworfnen Lippen hervorglänzenden Perlzähnchen die schelmischlächelnden
Augen das allerliebste Stumpfnäschen der schwanenweisse Hals die runden
Aermchen mit den kleinen Händen voller Grübchen kurz das ganze wie aus Rosen
und Schnee zusammengesetzte runde und dabei doch zierliche Figürchen gefiel
ihm ausnehmend wohl und immer besser je länger er hinsah Endlich wagte es
auch seine Nachbarin den scheuen Blick dann und wann zu ihm zu erheben
Freilich lies sie ihn anfangs gleich wieder sinken doch das gab sich allmählig
sie gewann sogar bald Mut genug um mit naiver Koketterie alle ihre kleinen
Künste vor ihm spielen zu lassen und tat alles mögliche um sich ihm im
vorteilhaftesten Lichte zu zeigen Da sie instinctartig fühlen mochte dass
dieses nicht ohne Erfolg geschah so waren beide in kurzer Zeit mit sich sowohl
als miteinander auf das Vollkommenste zufrieden und vermissten nicht im
mindesten die Gegenwart des Herrn Kleeborn der sie eigentlich einander hätte
vorstellen sollen Freilich drehte sich anfangs das Gespräch nur
schneckenartiglangsam um Wege und Wetter und um das Ermüdende einer langen
Reise im Winter doch fühlten beide durchaus keine Langeweile dabei Als nun
vollends die herrlichen Pferde des Sir Charles erwähnt wurden so gewann auch
die Unterhaltung einen lebhafteren Gang denn man kam auf die natürlichste Weise
von der Welt von diesen zu dem allerliebsten Affen dem interessanten
Reisegefährten seines Herrn Sir Charles erzählte einige lustige Anekdoten in
welchen sein Koko die Hauptrolle spielte das hübsche Kind musste über diese
Geschichtchen lachen und da ihr das ganz allerliebst stand so erzählte Sir
Charles immer mehr und seine Zuhörerin lachte immer herzlicher Beide dachten
gar nicht daran dieser Unterhaltung müde zu werden und Sir Charles würde
gewiss wer weiß wie lange noch da geblieben sein ohne dass es ihm eingefallen
wäre fortgehen zu wollen Doch nach einem halben Stündchen schickte Herr
Kleeborn hinauf lies sein Nichtwiedererscheinen für diesen Abend durch
unerwartete wichtige Geschäfte entschuldigen die ihn bis tief in die Nacht
hinein in seinem Komtoir festzuhalten drohten und dies war nun freilich ein
Zeichen zum Aufbruch dem Sir Charles wenn gleich ungern dennoch Folge zu
leisten nicht umhin konnte
    Schön ist sie eigentlich nicht meine Braut aber verteufelt hübsch
murmelte er vor sich hin als er höchst zufrieden ohne eine Ahnung davon dass
er sich in der Person geirrt haben könne quer über die Straße hinging um sich
in seine Wohnung zu begeben Nach englischer Sitte hatte er im Laufe des
Gesprächs Herrn Kleeborn stets nur bei seinem Namen genannt und ihn nie als den
Vater der jungen Dame zu der er sprach näher bezeichnet In Babets Plan  denn
dass es diese und nicht Vicktorine war die er im Wohnzimmer antraf hat man
gewiss längst erraten  in Babets Plan also konnte diese Verwechselung freilich
nicht liegen als sie ganz allein im Wohnzimmer blieb nachdem Anna Agathe und
Vicktorine des langen Wartens müde sich aus demselben zurückzogen Es war ihr
nur verdrießlich gewesen sich so um nichts und wieder nichts geputzt zu haben
deshalb beschloss sie bei sich selbst und ohne ein Wort davon zu sagen es doch
noch ein wenig abzuwarten ob der Fremde nicht noch kommen sollte dessen
Ankunft am Morgen ihre ganze Neubegier bis zum Peinlichen erregt hatte Als er
nun wirklich da war und vollends sie für Vicktorinen hielt was sie sehr bald
bemerkte schwieg sie anfangs weil sie in der Verlegenheit nicht wusste wie sie
sich ihm zu erkennen geben sollte doch dieses verlegene Schweigen verwandelte
sich mit der Zeit in ein absichtliches da sie das Wohlgefallen entdeckte mit
welchem der junge Mann sie betrachtete »Hat er mich doch nicht nach meinem
Namen gefragt« dachte sie und wenn ich ihm nun besser gefalle als Vicktorine
ists meine Schuld Es wäre doch albern von mir wenn ich ihn gleich zurückwiese
und am Ende tue ich wohl noch gar Vicktorinen einen Gefallen denn die scheint
ganz etwas anderes im Kopfe zu haben als diesen Sir Charles den Papa ihr gern
zuweisen möchte wie ich wohl merke
    Voll von der Eroberung die sie so ganz unverhofft noch am späten Abend
gemacht zu haben glaubte eilte Babet gleich nachdem Sir Charles fortgegangen
war zu ihrer Schwester um ihr dies wichtige Ereignis mitzuteilen doch Agathe
war schon im Einschlafen begriffen und bezeigte wenig Teilnahme »Geh mir«
sprach sie endlich da Babet gar nicht aufhören wollte davon zu reden »geh mir
mit deinem Engländer Wenn es kein Prinz und kein Bereuter ist so verlange ich
gar nichts von ihm zu wissen Und nimm es mir nicht übel aber ich kann es von
Dir auch nicht loben dass Du Dich gleich so mit dem wildfremden Manne einlässt
ohne auch nur ein bisschen an deinen Theodor zu denken Ich könnte so nicht sein
und wenn er sich sechs Brillen übereinander aufsetzte Und nun gute Nacht«
    In Babets Köpfchen wie in ihrem Herzen wogte es indessen viel zu bunt
durch einander als dass sie sich so hätte zufrieden geben können Sie bedurfte
durchaus gleich auf der Stelle einer Vertrauten und schlich sich also spät wie
es war zu Vicktorinen die sie freilich noch wachend fand Aber zu ihrem großen
Schrecken traf sie auch die Tante noch bei ihr an Indessen fasste sie sich
schnell und war obendrein listig genug ihr Zusammentreffen mit Sir Charles und
dass er sie für Vicktorinen angesehen habe als einen lustigen Scherz jetzt zu
erzählen doch statt des gehofften Beifalls erhielt sie von der Tante nur einen
sehr ernsten Verweis über ihren unvorsichtigen Leichtsinn und wurde noch
obendrein gefragt was sie denn morgen anzufangen gedenke wenn Sir Charles die
wirkliche Vicktorine sehen und so den ihm gespielten Betrug entdecken würde
Babet machte sich ohne Antwort ganz trübselig wieder davon denn dieses war ihr
in der Freude ihres Herzens noch gar nicht eingefallen
    Halb ärgerlich halb ängstlich denn der Tante letzte Bemerkung hatte sie
schwer getroffen wollte Babet eben wieder den Weg nach ihrem Zimmer
eingeschlagen da hörte sie auf dem Gange Angelikas Harfentöne durch die stille
Nacht Das Bedürfnis von dem zu reden was ihr in diesem Augenblick auf dem
Herzen lastete war zu groß es trieb sie daher auch noch zu dieser hin so
wenig sie übrigens auch sonst gewohnt war mit der ernsten Angelika nach
Mädchenart vertraulich zu verkehren Im Grunde dachte sie ist Angelika doch
ein gutes Kind und auch verständig vielleicht kann sie mir raten was ich
morgen anfangen soll um nicht vor allen Leuten gar zu beschämt da zu stehen
Doch die arme Babet war einmal dazu bestimmt an diesem Abend durchaus keine
Teilnahme finden zu können Das blasse Gesicht auf die Harfe gelehnt schien
Angelika dem raschen Plaudern zwar mit ihrer gewohnten stillen Freundlichkeit
zuzuhören aber es ging beinahe ganz unverständlich an ihr vorüber Mühsam und
vergebens suchte sie ihren schwermütigen Träumen sich zu entreißen denen sie
in der Einsamkeit der Nacht sich so gerne überließ sie vermochte es nicht
einmal den Sinn von Babets Worten zu fassen und antwortete ihr so unpassend
und abgebrochen dass diese die Geduld dabei verlor und endlich fortging um mit
ihrem Kopfkissen dem einzigen Vertrauten der ihr noch blieb sich besser zu
beraten
    Babet verband eigentlich mit einer sehr lebendigen Phantasie ein eiskaltes
Gemüt wie sich denn das im Leben oft genug zusammen findet Noch nie war ein
wahrhaft ernster Gedanke in ihr aufgekommen aber sie hatte in ihrer
Pensionsanstalt schon ganze Leihbiblioteken erschöpft Langeweile und das
Bedürfnis einer Abwechselung in ihrem einförmigen Leben hatten damals die Lust
Romane zu lesen bis zu einer Art von Leidenschaft in ihr gesteigert und die
kleinen Ränke welche sie anwenden musste um diese ihre Lieblingsneigung ganz
unbemerkt zu befriedigen erhöhte ihre Freude beträchtlich daran So kam sie
denn den Kopf voll von den abenteuerlichsten Geschichten als ein nun
erwachsenes Mädchen in das glänzende Haus ihres Oheims und da aus der Sucht
Romane und nichts als Romane lesen zu wollen gewöhnlich auch die dergleichen
zu spielen entspringt so sehnte sich Babet jetzt nur vor allem danach recht
bald zu erleben was sie oft mit dem innigsten Anteile gelesen hatte All ihr
Sinnen und Trachten ging nur darauf hin als die Heldin einer Liebesgeschichte
zu glänzen Der Student Theodor war zufälliger Weise der Erste der ihr beim
Eintritt in die Welt mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit bezeigte und was war
daher natürlicher als dass sie sogleich in diesem ihren Helden gefunden zu haben
wähnte Es fiel ihr gar nicht ein dass der ebenfalls sehr junge Mann um nicht
ganz müßig zu sein nach Art der Mehrsten seines Alters sie während seines
Aufenthaltes in ihrer Nähe zur Dame seines Herzens erwählt haben könne sie
dachte weiter gar nicht darüber nach sondern begann im Gegenteil sogleich
einen Roman mit ihm zu spielen der so viel Redens sie davon auch gegen Agaten
machte dennoch nur in ihrem Köpfchen seine Existenz fand Alles ging
vortrefflich so lange die Ferien dauerten doch diese zogen vorüber Theodor
kehrte nach Göttingen zurück und der Roman hatte ein Ende Babet wusste nicht
einmal ob sie den Geliebten jemals wieder sehen würde aber er hatte ihr eine
noch aufgeregtere Phantasie und eine sehr fühlbare Öde in ihrem Leben
hinterlassen die sie mit jedem Tage missmutiger stimmten Sie suchte zwar noch
eine Zeit lang sich mit einer eingebildeten Trauer um den Entfernten
hinzuhalten doch dieses ermüdete sie sehr bald sie bedurfte eines neuen
Gegenstandes um wieder zu einiger Zufriedenheit zu gelangen und so war ihr Sir
Charles in diesem Augenblick eine höchst willkommene Erscheinung Auch trugen
der ihn umgebende Glanz und die Hoffnung als Siegerin neben der ihr sonst
überall weit vorgezognen Vicktorine in die Schranken zu treten nicht wenig dazu
bei ihrer Eitelkeit zu schmeicheln indem zugleich das Fremdartige seiner
Umgebungen sowohl als seiner Persönlichkeit ihre Phantasie auf alle Weise in
Anspruch nahm
    Sir Charles Gestalt eignete sich übrigens ganz vortrefflich dazu auf ein
Mädchen wie Babet den angenehmsten Eindruck zu machen Man konnte ihn eigentlich
einen schönen Mann nennen obgleich sein ganzes Wesen auf jenen Überdruss am
Leben hindeutete den wir in unsern Tagen aus dem frühen keine Mäßigung
kennenden Genuss aller Freuden desselben nur zu oft in der blühendsten Jugendzeit
entstehen sehen Das Erschlaffte in den regelmäßigen Zügen seines wirklich
angenehmen Gesichts das unnatürlich Matte in seiner Haltung dem er durch
angenommene modische Gleichgültigkeit gegen Alles außer sich noch nachzuhelfen
strebte gaben ihm in Babets Augen ein höchst interessantes Ansehen und machten
ihn den Helden aus ihren Romanen vollkommen ähnlich
    In dieser ersten schlaflosen Nacht ihres Lebens dachte sie so lange an ihn
und wiederholte sich so lange jedes seiner Worte jeden seiner Blicke deren
Unbescheidenheit sie nicht gefühlt hatte bis sie überzeugt war nicht nur ihn
zu lieben sondern auch auf ihn den tiefsten günstigsten Eindruck gemacht zu
haben Dass er nicht ohne ihr Zutun sie für Vicktorinen gehalten habe
erschien ihr zuletzt in einem so romantischen Lichte dass sie sich alle
Bemerkungen der Tante darüber aus dem Sinne schlug die sie kurz vorher so
ängstlich gemacht hatten Sie überzeugte sich zuletzt sogar bei der morgen zu
erwartenden Entdeckung in seinen Augen nur gewinnen zu können und wandte sich
nun ihrer Garderobe zu die sie in Gedanken eine vollständige Revüe passieren
lies um für den kommenden großen Tag das Schicklichste daraus zu wählen bis
sie endlich bei fast anbrechenden Morgen ruhig einschlief um von Sir Charles
und dem neuen RosaKleide zu träumen
 
                                  Zweiter Band
Schon seit wenigstens einer Stunde erwartete die zahlreich versammelte
Gesellschaft welche Herr Kleeborn am folgenden Tage zu einem glänzenden
Mittagsmahle eingeladen einzig nur noch den Helden des Festes Sir Charles der
immer noch ausblieb Die alte Virnot wandelte unablässig in jener allen guten
Hausfrauen bei ähnlichen Fällen wohlbekannten Verzweiflung zwischen Speisesaal
und Küche auf und ab und war nahe daran bittere Tränen zu vergießen über das
Misslingen welches durch diese Verzögerung ihren herrlichsten Vorbereitungen
drohte Herr Kleeborn sah alle fünf Minuten nach der Uhr und die Tante
erschöpfte vergebens ihre Unterhaltungsgabe um den Gästen dieses peinliche
Erwarten minder auffallend zu machen Endlich schlug es sieben Uhr die
Flügeltüren flogen auf und Sir Charles trat gefolgt von seinem Secretär mit
so vornehmnachlässigem Anstande in den Saal dass Herr Kleeborn wirklich den
Mut verlor ihm wie er es sich doch vorgenommen seinen Verdruss über die
verspätete Erscheinung merken zu lassen Sir Charles begrüßte den Herrn des
Hauses nur mit einer stummen Verbeugung und ging dann die ganze übrige
Gesellschaft übersehend gerade auf Babet los die schön geputzt aber doch
ziemlich verlegen am entgegengesetzten Ende des Saales stand
    Doch Herr Kleeborn ergriff auf halbem Wege seinen Arm »Hier Herr Wissmann«
sprach er »hier steht meine Tochter neben ihrer Tante der hochwürdigen Frau
Pröbstin von Falkenhayn« Sir Charles stutzte wie Jeder dem etwas ganz
Unerwartetes entgegen kommt die würdige Gestalt der Tante machte indessen auch
auf ihn den Eindruck den sie Allen gab begrüßte sie ehrerbietig und wandte
sich dann zu Vicktorinen die im reichsten Schmucke wie ihr Vater es verlangt
hatte stolz und hoch gleich einer Königin dastand und ihn vornehm kalt mit
einer sehr abgemessnen Verneigung empfing Sir Charles Verwunderung stieg
sichtbar
    »Ihr ältestes Fräulein Tochter« fragte er endlich Herrn Kleeborn »Meine
einzige« war die Antwort »Sie wissen es ja ich habe nur dies eine Kind und
Sie haben ja auch meine Vicktorine schon gestern Abend gesehen Oder etwa
nicht«
    Sir Charles war wirklich für den Augenblick um eine Antwort verlegen doch
ein Blick auf Babet die sich indessen dicht hinter die Tante zu schleichen
gewusst hatte setzte den geübten Weltmann schnell ins Klare denn Babet hob wie
in höchster Angst ihr Auge bittend zu ihm auf schlug es aber auch gleich
wieder nieder während die glühendste Purpurröte ihren Hals und Gesicht
übergoss
    Zwar glitt bei dieser Entdeckung ein leichtes halb spöttisches Lächeln über
Sir Charles Züge hin aber er fühlte dennoch dass er hier etwas zu schonen habe
und murmelte daher nur einige unverständliche Worte die Herr Kleeborn zum Glück
nicht beachtete weil eben die Türe des Speisesaals aufging und die
Gesellschaft sich hineinbegab
    »Ich vergaß es gestern dass Aurora immer der Sonne voranzuschreiten pflegt«
flüsterte Sir Charles Vicktorinen zu indem er ihr den Arm bot doch Vicktorine
erwiderte ihm keine Sylbe stumm und kalt ließ sie sich von ihm an die Tafel
führen und so verlor auch er die Lust das Gespräch fortzusetzen und schwieg
halbbeleidigt während Babet Gott dankte dass die Sache noch so leidlich
abgelaufen war
    Bei festlichen Mahlzeiten wie diese pflegt gewöhnlich anfangs in der
Gesellschaft eine allgemeine Stille einzutreten und Sir Charles benutzte diese
Zeit um die ihm wirklich bestimmte Braut die in aller der graziösen
Schroffheit deren sie sobald sie es wollte fähig war an seiner Seite saß
mit der gleich einer jungen Rose blühenden Babet zu vergleichen Letztere hatte
es künstlich genug so einzurichten gewusst dass sie ihm schräg gegenüber ihren
Platz fand Er konnte es sich zwar nicht verhehlen dass diese neben Vicktorinens
blendender Schönheit zu einem artigen Zöfchen herabsank aber sie gefiel ihm
darum nicht minder Ja es wandelte ihn sogar eine Art von innerlichem Ärger
darüber an dass sie die Rechte nicht sei besonders da seine Nachbarin alles
was er sagte nur mit höflicher aber desto zurückstossender Kälte aufnahm
während jene nicht nur mit angestrengter Aufmerksamkeit jedes seiner Worte
belauschte und mit der holdseeligsten Freundlichkeit belächelte sondern es auch
übrigens an schmachtenden Blicken bedeutendem Erröten und ähnlichen Zeichen
der Teilnahme nicht fehlen ließ
    Gegen die Mitte der Mahlzeit belebte sich das Gespräch und ward allgemeiner
zugleich begann auch Herr Kleeborn sich queer über den Tisch hin bei Sir
Charles nach mehreren seiner alten Freunde in London zu erkundigen und ihn über
ihr persönliches Befinden und ihre häuslichen Zustände zu befragen Doch er
erhielt nur wenige und sehr unbefriedigende Antworten zuletzt gar die mit
vornehmer Kälte sehr lakonisch hingeworfene Versicherung dass Sir Charles alle
diese Herren zwar im Geschäftswege dem Namen nach kenne aber keinesweges sonst
noch mit einem von ihnen in persönlicher Verbindung stehe
    Herr Kleeborn schwieg sichtbar verstimmt und auch Sir Charles blieb von
nun an stumm und verschlossen bis einer der anwesenden Fremden seiner schönen
Pferde erwähnte die dieser mit Bewunderung im Stalle gesehen hatte Nun ward er
mit einemmal nicht minder lebendig als gestern sein treuer Wilkinson bei der
nämlichen Veranlassung es geworden war Er unterhielt die ganze Tafel mit
Erzählungen von englischen Wettrennen und von den bei diesen auf unglaubliche
Weise gewonnenen oder verlorenen bedeutenden Summen Dazwischen berief er sich
immer auf Wilkinson der nie ermangelte der Geschichte noch irgend etwas
zuzusetzen um sie noch wunderbarer und merkwürdiger erscheinen zu lassen Von
den Pferden ging er zu den Festen und Assembleen der vornehmen Welt in London
über Von diesen kam er auf die dortige italienische Oper und den besonderen
Verdienst der berühmtesten Sängerinnen und Tänzerinnen Ein unaufhaltsamer Strom
von Beredsamkeit floss von seinen Lippen indem er seiner vertrautesten Freunde
in London dabei erwähnte lauter Lords Kounts und Viscounts Kein einziger
plebejer Name entschlüpfte ihm vor allem aber pries er die Herrlichkeiten von
Brighton und sprach mit wahrer Begeisterung von den Freuden die er dort in der
unmittelbaren Nähe des Prinz Regenten selbst wollte genossen haben
    Kleeborns Unmut stieg sichtbarlich bei den Rodomontaden des jungen Mannes
man sah es ihm an dass er auf irgend eine Weise ihm Luft machen musste und ein
eigenes Gefühl von Unbehaglichkeit bemächtigte sich dabei allmählig der ganzen
Gesellschaft »Erlauben Sie mir eine Frage« fing er endlich an »Sie sprechen
immer als wären Sie ein geborner Engländer und doch als der Sohn meines sehr
verehrten Freundes Jan Peter Wissmann in Amsterdam sind Sie so viel ich weiß
ein Holländer«
    »Ei freilich ist der alte Herr mein Papa« fiel Sir Charles halb lachend
ihm ein denn das viele Reden und der dazwischen reichlich genossne Burgunder
schien ihn jetzt ungewöhnlich belebt zu haben »freilich ist der alte Herr mein
Papa den die halbe Welt als eine der bedeutendsten Figuren an der Amsterdamer
Börse kennt Deshalb aber habe ich dennoch die Ehre ein so echter Britte zu sein
als irgend einer, der innerhalb des Glockenschalles von Bowchurch geboren ward
Ich könnte sogar mit der Zeit Lordmajor von London werden so gut als der Beste
in der City wenn es mir nur möglich wäre im Kohlendampfe dieses schmutzigen
schachernden Teils von London zu leben Aber ich ziehe es vor unter meines
Gleichen im Westende der Stadt zu wohnen obgleich ich freilich mein Komptoir in
der Nähe der Börse haben muss Ich scheue den weiten Weg nicht wenn meine
Gegenwart dort nötig ist In ein paar Stunden lässt sich bekanntlich vieles
abtun und meine braven Pferde bringen mich so schnell hin und zurück dass ich
oft schon wieder zu Hause bin noch ehe es bei meinen eleganten Nachbaren Tag
wird«
    Des Alten Gesicht legte sich in immer ernstere Falten so dass die Tante
anfing einen förmlichen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Gewitters zu
befürchten was ihrem feinen Gefühl für Schicklichkeit unerträglich gewesen
wäre selbst wenn dadurch Vicktorine von Sir Charles Ansprüchen auf immer hätte
befreit werden können. Denn alles was die feinste Grenze des Anstandes im
mindesten verletzen konnte war ihr durch lange Gewohnheit so widerwärtig dass
sie sich oft wie von einem Fieber ergriffen fühlte sobald sie nur ahnte es
könne so etwas selbst von ihr übrigens völlig gleichgültigen Personen in ihrem
Beisein geschehen Daher trat sie auch hier gleich ins Mittel und um nur den
alten Herrn nicht zum Wort kommen zu lassen bat sie Sir Charles ihr doch zu
erklären wie man zugleich ein Engländer und ein Holländer sein könne
    »Das kann in der Tat niemand sein und ich bin es auch nicht« erwiderte
Sir Charles »denn wie gesagt ich habe die Ehre einzig Grossbrittanien
anzugehören und dieses verdanke ich meiner Mutter die aber dennoch auch nur
eine ächte in Rotterdam geborene Holländerin war Die gute Dame hatte aber die
Gefälligkeit mich auf einem englischen Westindienfahrer das Licht der Welt zum
erstenmal erblicken zu lassen und sie wissen gewiss alle dass ich dadurch so
vollkommen nazionalisirt bin als wäre ich von englischen Eltern mitten in
London geboren«
    »Das war ja für Sie ein ungemein günstiger Zufall« erwiderte ein alter
Herr aus der Gesellschaft den Sir Charles wundersame Erscheinung höchlich zu
amusiren schien
    »Freilich freilich« erwiderte dieser »aber es hat auch seine
melancholische Seite denn meine Mutter musste das Geschenk das sie mir machte
mit dem eignen Leben bezahlen Sie war eben auf der Rückreise von Jamaika
begriffen wohin sie meinen Vater begleitet hatte und diese war durch tausend
ungünstige Zufälligkeiten beinah bis ins Unglaubliche verlängert worden Seit
sechs und zwanzig Jahren ruht sie nun unter Korallenfelsen im Grunde des
atlantischen Meeres und es war meinem Vater so schmerzlich sie hinabsenken zu
sehen dass er mich in meiner Kindheit gar nicht um sich haben mochte und mich
deshalb in England lies als er nach Amsterdam zurückkehrte« »Doch erlauben Sie
mir Madame« setzte Sir Charles zur Tante gewendet hinzu »erlauben Sie mir
nach englischer Sitte ein Glas Champagner mit Ihnen zu trinken um diese
trübseligen Erinnerungen wieder hinunter zu spülen die man bei der Tafel am
wenigsten aufkommen lassen sollte«
    Die Tante versicherte sehr kalt sie tränke niemals Champagner Sir Charles
leerte seine Glas und nahm noch aufgeregter als zuvor abermals das Wort »Der
sicherste Beweis dass ich in meinem Vaterlande als echter Engländer anerkannt
werde« sprach er »ist der dass ich im vorigen Jahre in Brighton die Ehre
hatte die ritterliche Würde zu empfangen deren in Altengland kein Ausländer
fähig ist And now um mit Sir John Falstaff witzigen Andenkens zu reden can
make any Jane a Lady1 die ihre Hand mir reichen mag« Eine allgemeine Pause
entstand jetzt denn viele mochten schon das Verhältnis ahnen in welchem Sir
Charles zu dem gastlichen Hause stand das alle ehrten Seine letzte
Ungezogenheit neben dem herzlosen Übermut mit welchem er seiner verstorbenen
Mutter erwähnt hatte berührte Jedermann auf eine höchst unangenehme Weise und
diese allgemeine Verstimmung führte bald darauf das Aufheben der Tafel herbei
    Nur ein einziges Paar hatte nichts von allem Vorgegangenen bemerkt und dies
war Agathe und der neben ihr sitzende uns schon bekannte Schwarze Ihr selbst
kam seine ganz unverhoffte Gegenwart so unglaublich vor dass sie oft zu träumen
fürchtete Sie hatte weder von seiner ebenfalls am gestrigen Abend erfolgten
Ankunft noch von der Visite die er am Morgen dem Onkel abstattete das
Mindeste vernommen und freute sich nur ungemein vernünftig gewesen zu sein da
sie ihn unter den Gästen ihres Oheims fand denn sie hatte bei seinem Anblick
nicht laut aufgeschrien
    Der junge Mann war indessen vom Lieutenant zum Rittmeister emporgestiegen
und lag nun mit seiner Schwadron in einem nahen Städtchen in Garnison Er musste
seiner jungen Nachbarin unendlich viel zu berichten haben denn während der
ganzen Mahlzeit flüsterte er unaufhörlich mit ihr doch führte er ganz allein
nur das Wort indem Agathe mit niedergeschlagenen Augen und glühenden Wangen
ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit nur eine aufmerksame Zuhörerin abgab
Zuweilen wagte sie es ganz heimlich und schüchtern zur Tante hinüber zu sehen
wandte sich aber noch tiefer errötend gleich wieder ab wenn sie dem klaren
scharfsehenden Auge derselben auf halbem Wege begegnete
    Während der Kaffee herumgereicht ward wagte sie es aber endlich doch sich
in Annas Nähe zu drängen »Ach Tante« flüsterte sie ihr zu »ach Tante was
hab ich Ihnen alles zu sagen« »Wirklich« erwiderte diese lächelnd »und wenn
ich dir nun sage dass ich ohnehin schon alles weiß« »Herr Gott Sie habens
gehört und folglich die andern alle auch« rief Agathe gewaltig erschrocken
»Das habe ich wohl gedacht das kommt von der Unbesonnenheit her« »Beruhige
Dich meine besonnene Agathe« erwiderte freundlich die Tante und streichelte
ihr die glühende Wange »beruhige Dich denn ich hörte mit den Augen und die
Kunst versteht nicht jedermann«
Die Gesellschaft hatte sich zu spät versammelt um nicht auch sehr spät wieder
auseinander zu gehen daher war für diesen Abend unter den Mitgliedern der
Kleebornschen Familie an keine vertrauliche Mitteilung über alles Vorgegangene
zu denken Doch am folgenden Vormittage suchte der alte Kleeborn die Tante in
ihrem eignen Zimmer auf was seit dem Tage ihrer Ankunft nicht wieder der Fall
gewesen war und also auf Ungewöhnliches deutete »Fräulein Schwester« rief er
noch in der Türe mit einem sehr heitern Gesicht ihr entgegen »Fräulein
Schwester wenns Glück gut ist und Sie es so meinen wie ich so haben wir zwei
Bräute im Hause und können an einem Tage zwei Hochzeiten ausrichten So eben
hat der Rittmeister Horst um Agaten bei mir angehalten Der junge Soldat geht
rasch zu Werke wie Sie sehen aber dabei auch rechtlich nach der alten Art wie
sichs gehört und das muss ich loben Er hat nicht erst wie ein gewisser Andrer
den ich nicht nennen mag und von dem auch hoffentlich nie wieder die Rede sein
wird mit dem Mädchen hinter meinem Rücken einen Liebeshandel angesponnen
sondern geht gleich vor die rechte Türe Ich liebe freilich das Militär eben
nicht besonders ich würde auch Vicktorinen an keine Uniform weggeben und
steckte selbst ein General darin Doch mit Agaten ist das ein Anderes obgleich
das Kind ein hübsches Vermögen besitzt«
    Die Tante erwähnte Agatens große Jugend
    »Freilich ist das Mädchen noch blut jung kaum siebzehn Jahr alt doch jung
gefreit hat keinem gereut« erwiderte Kleeborn »Auch ist der junge Horst
nichts weniger als arm er ist der Sohn eines wohlhabenden mir wohl bekannten
Kaufmanns in Stettin und sein ältester Bruder setzt die Handlung fort so wäre
denn von dieser Seite die Partie gar nicht ungleich In seinem Stande kann er
es auch noch einmal hoch genug bringen denn dass er sich brav gehalten beweist
nicht nur sein eisernes Kreuz sondern auch sein schnelles Avancement Ich habe
ihn also in Gottes Namen auf morgen früh wiederbestellt denn er muss den Abend
wieder fort und wenn Agathe übrigens nicht abgeneigt wäre so dächte ich  doch
tue ich nichts ohne Ihren Rat denn Sie sind eine ungemein kluge Dame daher
bitte ich Sie jetzt mir diesen zu erteilen und mir zu sagen was ich den
jungen Menschen morgen antworten soll«
    Die Tante fand dieses alles zwar ungemein übereilt um so mehr da Agatens
künftiges Glück ihr sehr am Herzen lag denn sie hatte dieses natürliche
gutmütige Wesen recht mütterlich lieb gewonnen aber sie sah auch ein wie
wünschenswert es sei die Kleine sobald als möglich von Babets verlockender
Gesellschaft und zugleich aus dem Hause des Oheims zu entfernen wo sie ohne
alle Aufsicht mitten im Geräusche eines sehr glänzenden Lebens tausend
Gefahren ausgesetzt bleiben musste Dem alten Herrn zu raten unternahm sie aber
deshalb doch nicht denn sie wusste wohl dass er wie fast Alle nur um Rat frug
um dennoch seiner eigenen Ansicht zu folgen aber sie versprach was er
eigentlich nur von ihr gewollt hatte nämlich Agatens Herz zu erforschen Doch
verlangte sie noch zuvor eine Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Horst
die Herr Kleeborn auch einzuleiten suchen wollte Sie hoffte in dieser doch den
Mann etwas näher kennen zu lernen an dessen Hand sie nicht ohne Bangen ein
unverdorbenes liebes Kind dem Ernste des Lebens in so früher Jugend entgegen
gehen sehen konnte
    Kleeborn brachte das Gespräch jetzt auf den jungen Wissmann und zu Annas
Erstaunen schien seine gestrige Unzufriedenheit mit diesem über Nacht völlig
verschwunden zu sein »Freilich ist er nicht ganz so wie ich es erwartete und
es wäre mir auch recht lieb wenn manches anders wäre« sprach er »Das
fürstliche Ansehen das er sich zu geben sucht gefällt mir eben so wenig als
sein ewiges Prahlen mit vornehmen Freunden Wir sind denn doch auch was wir
sind Auch kann ich es nicht loben dass er sich gewissermaßen schämt ein
Kaufmann zu heißen und der Aufwand den er treibt ist denn doch etwas zu
auffallend Aber er ist noch jung und Verstand kommt nicht vor Jahren Ich war
auch einmal so ein Springinsfeld Freilich trieb ich es nicht so arg aber Sie
wissen es selbst Fräulein Schwester vor dreißig Jahren waren auch andere
Zeiten und andere Sitten und wenn man Hausvater wird so legen sich die stolzen
Wellen gewöhnlich von selbst«
    »Ich mag es nicht verhehlen« erwiderte Anna »der ungemessene Übermut
des jungen Mannes hat mich tief empört Obendrein scheint er mir völlig
gemütlos und ich gebe es Ihnen recht ernstlich zu bedenken ob Vicktorine an
der Seite eines solchen Mannes je hoffen kann ein frohes Leben zu führen und
ob sie je mit ihm die Unfälle wird heitern Muts ertragen können die auch dem
Glücklichsten drohen«
    »Das gibt sich alles Fräulein Schwester« fiel Kleeborn ein »Was Sie von
seinem Übermut erwähnen gebe ich zu Sie sehen ich bin billig was wahr ist
lasse ich gelten Das ist aber Jugendart und vergeht wenn man älter wird
besonders bei den Holländern denn ein solcher ist er doch trotz seines
englischen Rittertums In Holland frägt man sogar sprichwörtlich von jedem
jungen Manne hat er geraset oder will er erst rasen Das wird dort wie die
Kinderblattern angesehen die auch ein jeder gehabt haben muss und ein
verständiger Vater wählt immer lieber Einen der schon einige tolle Streiche
gemacht hat als Einen der von Jugend auf still und vernünftig war denn bei
letzterem steht zu befürchten dass der Paroxismus in der Ehe nachkommen könnte
Wissmann ist jetzt mitten in demselben begriffen wir wollen das abwarten Ich
will darum auch auf keine Weise die Erklärung zwischen ihm und Vicktorinen zu
beschleunigen suchen mag er sich erst die Hörner noch ein wenig ablaufen Sie
bleiben einander doch gewiss das lässt sich nicht ändern denn die Partie ist
für beide zu vorteilhaft und wir Väter gaben einander unser Wort darauf das
noch keiner von uns jemals gebrochen hat«
    In diesem Augenblick trat Vicktorine ins Zimmer und ihr Vater wandte sich
sogleich an sie »Höre Vicktorinchen« sprach er »tue mir den Gefallen und
lass das Gesichterschneiden es hilft Dir zu nichts und Du weißt ich kann es
nicht leiden Du tust am besten wenn Du Dich mit guter Art in Dinge fügst die
sich nicht abändern lassen Ich frage nicht einmal ob Wissmann Dir gefällt aber
ich rate Dir freundschaftlich ihn Dir gefallen zu lassen denn er wird Dein
Mann das ist nun einmal gewiss Wir Väter werden unser Wort nicht brechen weil
unsere Kinder beide jedes auf seine Weise vor der Hand noch ein Paar Narren
sind die nicht wissen was sie wollen« »Lieber Vater« sing Vicktorine bittend
an doch dieser ließ sie nicht weiter reden
    »Hilft nichts hilft nichts« rief er »was sein muss muss sein und Du bist
deshalb doch Wissmanns Braut Indessen braucht das vor der Hand noch Niemand zu
wissen als wir Daher verlange ich einstweilen auch nur dass Du es bloß im
Herzen sein sollst ohne den äußern Schein davon anzunehmen der kommt zeitig
genug Für jetzt betrage Dich nur freundlich und anständig gegen Deinen
Bräutigam das kommt Dir hernach in der Ehe zu gut Übrigens warte alles in
Gelassenheit ab gib Dir weder durch zu große Freundschaft noch auf andere
Weise das Ansehen als ob Du Dir von ihm eine Erklärung vermutetest denn das
schickt sich nicht für eine Tochter von mir Die Erklärung wird nicht
ausbleiben das versichre ich Dir Nun bis auf einen Punkt der hoffentlich
jetzt auf ewig vergessen sein soll bin ich ja immer mit Dir zufrieden gewesen
Du hast Dich ja stets so betragen dass ich Ehre und Freude davon hatte Du wirst
auch jetzt Deinen alten Vater nicht kränken wollen ich habe ja sonst nichts in
der Welt das mir recht am Herzen läge als Dich Glaube mir mein Kind ich bin
nur auf Dein Glück bedacht und Du wirst es mir gewiss noch einmal danken wenn Du
dies jetzt auch noch nicht einsiehst Die Jugend ist blind aber wir Alten sind
dafür da um sie zum Besten zu leiten Und nicht wahr Du wirst nicht ferner
widerstreben Meine gute dankbare Vicktorine wird mir auf meine alten Tage dafür
Freude machen wollen dass ich in meinen jungen Tagen stets nur für sie arbeitete
und sorgte« Der plötzlich ganz ungewöhnlich weich gewordne Alte streichelte bei
diesen Worten Vicktorinens erbleichende Wange und verließ dann in sichtbarer
Bewegung das Zimmer während Vicktorine in Tränen ausbrach
    »Tante« rief sie »gütige liebe Tante dieses ist härter als alles Ich
kann ich kann in der Treue nie wanken noch weichen aber wie soll ich fest
bleiben wenn mein Vater so zu mir spricht Wohin ich auch blicken mag ich sehe
nur meinen Untergang«
    »Raimund erliegt vielleicht in diesem Augenblick dem Kampf mit dem wilden
Elemente auf dem er schwebt um einem Lande entgegen zu eilen in welchem der
Tod in Blumenduft verhüllt ihn erwartet einem Lande wo Tausende vor ihm
schon beim ersten Schritte Vernichtung einatmeten Doch bewahrt ihn auch sein
Engel mitten in allen Gefahren und führt ihn sicher in die Heimat zurück mich
findet er nicht mehr dies sagt mir ein Gefühl dem ich umsonst zu widerstreben
versuche«
    »Vicktorine wie bist Du plötzlich so mutlos und gerade jetzt wo alles
sich vereint um Deinem Hoffen neues Leben zu gewähren« sprach Tante Anna
    »Ach liebe liebe Tante« erwiderte Vicktorine »meine Kraft ist erschöpft
und mir wäre wahrlich am besten wenn ich zur Ruhe ging wo aller Kampf ein Ende
hat So lange mein Vater mich hart und streng seinem Willen beugen wollte so
lange hatte ich den Mut ihm zu widerstehen und der Stimme meines Herzens zu
folgen die hier laut über Recht und Unrecht entscheidet Und warlich seit ich
den herzlosen kindisch eitlen eingebildeten Toren sah dem ich bestimmt bin
seitdem fühle ich noch tiefer als zuvor dass ich sogar um meines Vaters willen
hier nicht nachgeben darf ich dürfte es nicht selbst wenn ich Raimund nie
zuvor erblickt hätte denn mein Vater müsste ja seine grauen Haare in Kummer und
Reue dereinst zu Grabe tragen wenn er späterhin das unausbleibliche Elend mit
ansäh das er jetzt freilich in der besten Absicht seinem Kinde an der Seite
dieses Mannes bereiten möchte Tante ich flehe Sie an reizen Sie den Vater
wieder zum Zorne gegen mich auf so entsetzlich mir dieser auch einst erschien
er allein hat mich aufrecht erhalten das fühle ich jetzt Dem gütigen dem
bittenden Vater kann ich nur mit verschlossener auf ewig verstummter Lippe
widerstreben«
    Anna fühlte unaussprechliches Mitleid für die arme Vicktorine deren
gegenwärtige Stimmung ihr bei diesem Charakter sehr begreiflich war Sie wandte
alles an um die Klagende wieder zu beruhigen »Glaube mir« sprach sie »Dein
Zustand ist nicht halb so hoffnungslos als er es in Deiner jezzigen trüben
Stimmung Dir erscheint Halte Dich nur aufrecht und erschöpfe nicht Deine Kraft
in nutzloser Klage und ungestümer Heftigkeit Der letzte Befehl Deines Vaters
stellt es Dir ja frei die zu erwartende Erklärung des Dir bestimmten Bräutigams
durch kluges Benehmen so lange als möglich zu verzögern denn Dein Vater selbst
wünscht nicht sie für jetzt zu beschleunigen Du kannst es ohne dabei im
mindesten den äußern Anstand gegen Sir Charles zu verletzen wenn Du nur klug
und vorsichtig zu Werke gehst und ich wette dass der Eigendünkel des
wunderlichen Menschen Dir die Rolle die Du zu spielen hast noch obendrein sehr
erleichtern wird Mich hat lange nichts so herzlich gefreut als seine
abgeschmackte Erscheinung die so ganz das Widerspiel von dem ist was Dein
Vater erwartete Ich will Dein Hoffen von der Zukunft nicht zu hoch steigern
ich will für jetzt Dich nur darauf aufmerksam machen dass Du Zeit gewonnen hast
und dass es nur von Dir abhängen wird diese mit Verstand zu benutzen Lass Dich
von ihrem Strome treiben mein Kind er führt Dich sicher zum Hafen«
    »Zum Hafen zum Hafen der ewigen Ruhe« rief Vicktorine mit überströmenden
Augen
    »Dort landen wir einst Alle« erwiderte die Tante und trocknete ihr
liebkosend die Tränen ab »Dort landen wir einst Alle aber bis dahin meine
Vicktorine sollen wir dem Beispiele des erfahrnen Schiffers folgen der beim
Wüten des Sturmes nicht klagend den tobenden Abgrund anstarrt der ihn zu
verschlingen droht sondern mit frommem Mut und weiser Tätigkeit sich an das
Steuerruder stellt jeden günstigen Umstand mit Klugheit benutzt um sich durch
Klippen und Brandung zu winden und so zuletzt dennoch die Fahrt glücklich
beendet Darum bitte ich Dich meine Vicktorine grüble nicht über das was Du
dein Unglück nennst wende lieber den Blick davon ab denn es wächst vor unsern
Augen beängstigend zur Riesengestalt an je länger wir es betrachten«
    »Ich weiß es wohl« setzte die Tante lächelnd hinzu als Vicktorine durch
ihr mildes Zureden wieder ruhiger ward »ich weiß es wohl so lange wir jung
sind lieben wir alle den Schmerz und geben uns gern mit einer Art von Wollust
ihm hin Aber das sollten wir nicht denn er gewinnt dadurch die Macht seine
jede Lebenskraft lähmende Gewalt an uns zu üben Ihr aber weit davon entfernt
ihm widerstehen zu wollen Ihr habt ja nicht einmal an der großen oder kleinen
Plage genug die ohnehin jeder Tag mit sich bringt sondern Ihr bewahrt Euch
sogar das Andenken alter verjährter Schmerzen haushälterisch auf um es zu
bestimmten Zeiten wieder hervorzuholen und Euch an solch ein marinirtes
Unglück zu halten wenn eben kein frisches vorhanden ist
    Der wunderliche Vergleich zwang Vicktorinen ohnerachtet ihrer nassen Augen
ein Lächeln ab doch wandte sie nichts dagegen ein und die Tante fuhr fort zu
reden »Wenn wir älter werden« sprach sie »geben wir gewöhnlich dieses
gefährliche Spiel mit unserm innern Frieden von selbst auf Darum aber sind wir
Alten auch heut zu Tage gewöhnlich weit heiterer als unsere jungen Töchter Wir
ertragen Schmerz und Verlust mit einer ruhigen Ergebung welche die Jugend sich
gewöhnt hat als eine durch die Jahre herbeigeführte Stumpfheit des Gefühles zu
verschmähen Doch auch hierin pflegt sie oft zu irren Was Ihr an uns
Gefühllosigkeit scheltet ist meistens die Frucht gereifter Erfahrung Diese
lehrt uns glauben und hoffen dass wir alle nur verlieren um Höheres zu
gewinnen und dass jedes auch das bitterste Scheiden auf Wiederfinden deutet
sei es nun hier oder dort«
Vicktorine und die Tante wurden bald darauf in das Wohnzimmer abgerufen wo Sir
Charles den Damen einen Morgenbesuch abzustatten wünschte und so wenig sie auch
in diesem Augenblicke zur Fröhlichkeit gestimmt sein mochten so konnten sie
sich dennoch kaum enthalten laut auf zu lachen als sie die wunderliche Gruppe
erblickten die sie dort vorfanden
    Mit einem völlig nichtssagenden Gesicht wie zwischen Schlafen und Wachen
saß oder lag vielmehr Sir Charles in einem Armstuhle nachlässig hingestreckt
neben ihm aufrecht sitzend sein großer Hund dem er mit der rechten Hand die
Ohren kraute und auf seiner linken Schulter saß Koko der Affe Dazu hatte er
einen hellblauen leinenen Kittel an zwar von etwas feinerem Stoffe doch
übrigens ganz so wie ihn die französischen Bauern oder auch die brabanter
Fuhrleute tragen Damals versuchten erst wenige tonangebende Elegants in Paris
diese Mode als Morgennegligée der Herren aufzubringen aber bis nach Deutschland
war sie bis dahin noch nicht durchgedrungen und musste daher doppelt auffallend
erscheinen Domingo der Negerknabe stand auf das Schönste geputzt in einem
feuerfarbnen Gewande das mit seinem schwarzen Gesicht den seltsamsten Kontrast
bildete in ehrerbietigster Stellung an der Türe und hielt eine lange Kette
von fein polirtem glänzenden Stahl deren anderes Ende an Kokos Halsband
befestigt war
    Dicht vor Sir Charles stand Babet und reichte mit gezierter Ängstlichkeit
dem Affen einzelne in Papier gewickelte Bonbons die dieser unter tausend
Grimassen verzehrte und jedesmal der Geberin zum Dank dafür das Papier an den
Kopf warf worüber diese laut kichernd sich halb tot lachen zu müssen
versicherte Sir Charles sah dem kindischen Spiel mit ungemeiner Leutseligkeit
gelassen zu doch nicht so Herr Kleeborn Dieser stand mit dem Rücken an das
Fenster gelehnt und blickte mit einem sehr finsteren Gesicht auf welchem Ärger
und Höflichkeit sichtbar miteinander im Kampfe lagen auf das seltsame Trio
während die neben ihm sitzende Agathe ganz verschüchtert und kleinlaut es kaum
wagen mochte die Augen von ihrer Arbeit aufzuschlagen Man sah deutlich sie
hatte etwas auf dem Herzen das sie verhinderte Babets und Kokos lustigem
Treiben die Teilnahme zu schenken die sie in einer andern Stimmung gewiss nicht
ermangelt hätte dabei zu bezeigen
    »Verzeihung« sprach Sir Charles indem er die Tante und Vicktorinen
hereintreten sah und sich langsam von seinem Armstuhl erhob »Verzeihung meine
Damen dass ich es wagte diese meine Reisegefährten hier einzuführen aber
Fräulein Babet äußerte gestern den lebhaften Wunsch deren nähere Bekanntschaft
zu machen« »Ach und Koko ist so allerliebst« rief Babet dazwischen und
versuchte es den noch immer auf der Schulter seines Herrn sitzenden Affen zu
streicheln Doch dieser war eben nicht aufgelegt Spaß zu verstehen er wies ihr
Nägel und Zähne und stieß dabei ein so unangenehmes gellendes Geschrei aus dass
Babet sehr erschrocken zurückfuhr
    »Fidonc Koko« lallte lächelnd Sir Charles mit großer Gelassenheit
»Domingo bringe den unartigen Kleinen nach Hause« Doch der Kleine hatte noch
keine Lust hiezu er biss um sich zerraufte seinem Herrn die Haare und sprang
zuletzt auf Kleeborn los so schnell dass Domingo kaum Zeit gewann ihn von
diesem abzuhalten indem er die Kette kürzer fasste Der arme Neger hatte
wirklich viel Mühe sich des aufgebrachten Tieres zu bemächtigen und musste es
sich gefallen lassen tüchtig zerkratzt zu werden während er es in einem sehr
zierlichen Pelzmantel von blauem Samt einwickelte um es darin über die Straße
zu tragen Der große Hund folgte auf Sir Charles Wink ihm von selbst aus dem
Zimmer und dieser sank nun als wäre er von der kleinen Anstrengung höchst
ermüdet in seine vorige bequeme Stellung zurück »Solche wilde Bestien« rief
jetzt Herr Kleeborn sehr erfreut dem so lange mühsam verhaltenen Ärger
endlich Luft machen zu können »solche wilde Bestien den Hals sollte man ihnen
umdrehen Was für Freude kann man davon haben sie um sich zu dulden Hunde lass
ich allenfalls noch gelten Pferde auch denn die sind doch nützlich aber wilde
Tiere aus den afrikanischen Wäldern« 
    »Ach die Welt ist so zahm« fiel Sir Charles ihm sehr gelassen ein »das
Leben ist so einschläfernd« setzte er mit gedehntem halb gähnenden Tone hinzu
»wahrhaftig ohne meinen kleinen Freund aus den afrikanischen Wäldern wie Sie
ihn nennen wüsste ich kaum wie ich es ertragen sollte Was man sieht was man
hört was man genießt hat man schon so viele Tausendmal gehört gesehen und
genossen Koko ist noch der Einzige unter allen meinen Bekannten der mich
zuweilen durch seine Genialität überrascht denn er tut gewöhnlich was ich
nicht will oder wenigstens doch nicht von ihm erwarte Mungo mein Hund ist
schon ein halber Mensch und daher viel langweiliger er ist ehrlich
niederträchtig und nach seiner Art auch höflich ich dulde ihn nur wegen seiner
Anhänglichkeit und weil ich mich nicht damit bemühen mag ihn wegzugeben Ich
wollte er würde mir einmal gestohlen aber er käme doch wieder«
    Die Tante sah deutlich wie Kleeborn durch dieses Geschwätz immer
verdrießlicher gemacht wurde und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben
suchte sie es auf des jungen Mannes Reisen besonders in Frankreich und Italien
zu leiten Dieser von ihr dazu aufgemuntert begann jetzt zu erzählen und zwar
nicht ohne Geist aber er gähnte dabei oft durch die Nase machte lange Pausen
verlor den Faden so dass er nicht mehr wusste wovon er zuletzt gesprochen hatte
und betrug sich vollkommen wie einer der nur spricht um nicht vollends
einzuschlafen Alles Sehenswerte alles bedeutend Merkwürdige hatte er in den
Ländern gesehen die er durchreist war Nichts war ihm entgangen aber auch
nichts hatte seine Erwartung befriedigt am wenigsten das was alle andere
Reisende mit Bewunderung erfüllte dabei sprach er viel von antiken und anderen
Kunstwerken die er in Italien an sich gekauft hatte vieles das den Transport
nicht gar zu sehr erschwerte versicherte er mit sich zu führen und erbat sich
zugleich die Erlaubnis es den Damen gelegentlich zeigen zu dürfen
    »Es wird mir einigermaßen selbst lieb sein alle diese Dinge einmal wieder
zu sehen denn seit ich sie acquirirte habe ich mich nicht wieder darum
bekümmert« sprach er »mein Secretair hat sie unter seiner Aufsicht Mich
interessirten sie nur so lange ich sie nicht besaß wegen der Freude sie
andern wegkaufen zu können die ebenfalls nach ihrem Besitze strebten Ich
betrachte das wie eine Art von Entschädigung für die Freuden der Jagd die ich
in jenem Lande entbehren musste und die langnasigen römischen Cicerones kamen mir
dabei wie treffliche Spürhunde vor Übrigens mögen diese Herren mich wohl
mitunter ziemlich ruchlos betrogen haben aber ich scheute die Mühe dieses zu
merken und ließ sie lieber machen was sie wollten Im Grunde ist es doch ein
törigtes Beginnen sein schönes Geld für altes rostiges Eisenwerk und
zerbrochenen Marmor wegzugeben doch was tut man nicht aus Langeweile und die
atmet man in Italien besonders in Rom mit der Luft ein«
    Das Gespräch wandte sich zufälligerweise auf Manufakturen und ihre
Erzeugnisse Sir Charles gab auch hier wie überall seinem angeblichen
Vaterlande England den Vorzug aber er wusste doch auch über manches von dieser
Art was er in andern Ländern gesehen ziemlich bestimmte Auskunft zu geben und
beantwortete einige Fragen des alten Kleeborn zu dessen großer Zufriedenheit so
dass dieser allmählig wieder völlig mit ihm ausgesöhnt schien und die
afrikanischen Tiere darüber vergaß Unter andern rühmte er die
Korallenschleiferei in Marseille und zog dabei ein Schmuckkästchen unter seinem
Kittel hervor welches er als Beweis der hohen Vollkommenheit ihrer Produkte
Vicktorinen überreichte die bis jetzt an dem Gespräch nur schweigenden Anteil
genommen hatte Es enthielt einen sehr vollständigen Damenschmuck von ausgesucht
schönen geschliffenen Korallen dessen größter Wert aber in der außerordentlich
eleganten Fassung derselben bestand
    Vicktorine und die Tante betrachteten und lobten den schimmernden Putz mehr
aus Höflichkeit als aus wirklichem Wohlgefallen daran doch Babet die sich
gleich sehr geschäftig herbeidrängte wurde nicht müde jedes einzelne Stück
desselben überlaut bis in die Wolken zu erheben »Der herrliche Kamm« rief sie
»ach und das ganz einzige allerliebste JeannettenKreuz und nun vollends die
köstlichen Ohrringe Nein darüber geht doch nichts in der Welt« Sie trieb
dieses so lange und so laut bis Vicktorine sich ihrer schämte und alles wieder
in das Kästchen hineinpackte
    Sir Charles ergriff gerade diesen Moment um aufzustehen und Vicktorine da
sie ihn im Begriffe sah sich fortzubewegen bat ihn seinen Schmuck nicht zu
vergessen »Meinen Schmuck« fragte er mit dem unbefangensten Gesichte von der
Welt und da sie ihm das jetzt wieder geordnete Kästchen hinreichte ging er so
weit zu behaupten es sei nicht das seine sondern Vicktorinens
    »Nun in der Tat« erwiderte Vicktorine mit etwas spöttischem Lächeln
»Sie sind für einen so jungen Herrn entweder sehr zerstreut oder Sie verstehen
die schwere Kunst aus dem Grunde mit einem sehr ernstaftem Gesicht zu
scherzen indem Sie sich stellen als ob Sie Ihr Eigentum nicht anerkennen
wollten« 
    »Ich versichre Sie mein Fräulein « fing Sir Charles an doch Vicktorine
unterbrach ihn
    »Ich bitte« sprach sie sehr stolz sehr ernst aber zugleich auch sehr
höflich »ich bitte Sie geben Sie sich nicht weiter Mühe das kleine Versehen
zu entschuldigen ich bin ohnehin vollkommen überzeugt dass Sie nur zerstreut
waren denn es kann mir doch unmöglich in den Sinn kommen dass Sie fähig wären
in diesem Hause auf diese Art Scherz treiben zu wollen und noch weniger dass
es Ihnen einfallen könnte einem Mädchen wie ich bin ein Geschenk anzubieten«
    Sir Charles nahm jetzt anscheinend gleichgültig sein Kästchen zurück doch
innerlich kochte der Zorn den Vicktorinens stolzes Benehmen in ihm aufregte
    »Vater ich berufe mich auf Sie selbst konnte ich anders ich Ihre
Tochter« sprach Vicktorine sobald Sir Charles zur Türe hinaus war und ehe
noch Kleeborn das zornige Wort aussprechen konnte das auf seinen Lippen
schwebte
    Der Alte mochte auf diese Frage nicht gefasst sein die ihn an die
Verhaltungsregeln erinnerte welche er selbst Vicktorinen eben gegeben und
wusste daher nicht gleich was er ihr antworten solle er schüttelte daher nur
den Kopf und begab sich fort ohne eine Silbe zu erwidern aber zufrieden war
er weder mit Vicktorinen noch mit Sir Charles
Sir Charles lief indessen gleich einem Wütenden in seinem eignen Zimmer auf
und ab und zwar weit schneller als man es ihm zutrauen konnte wenn man ihm
nur im gewöhnlichen Leben sah »Die stolze Törin« rief er aus »geberdet sie
sich nicht als wäre sie Königin von Spanien und es täte Not dass man auf den
Knien zu ihr heranrutschte Wäre sie nur nicht Kleeborns Tochter« Der
Kammerdiener Marcellin sein Vertrauter versuchte es zwar seinen Herrn zu
besänftigen doch lange umsonst Endlich gab er ihm zu bedenken ob es denn zur
Abwechselung so übel wäre auch einmal eine Spröde zur Vernunft zu bringen
besonders wenn man sie zu heiraten denke und Sir Charles der indessen
ausgetobt hatte fing an seinen Gründen Gehör zu geben
    »Freilich« erwiderte er »es liegt etwas pikantes in ihrem Benehmen und
überdem ist sie wunderschön und der Hochmut steht ihr nicht übel das muss ich
ihr lassen Nun wir wollen unser Heil versuchen es wäre schade wenn die
Weisheit unsrer Papas bei dieser Gelegenheit zur Torheit würde die alten
Knaben haben diesmal zu klug speculirt Es sei Diese Donna Diana verlangt einen
Don Cesar wie ich merke Va sie soll ihn in mir finden Wir wollen sehen ob
das Trotzköpfchen sich nicht bändigen lässt«
    Um diesen Plan sogleich zur Ausführung zu bringen ging er noch am nämlichen
Abende um die Teezeit in das Kleebornsche Haus hinüber und betrug sich gegen
Vicktorinen und gegen Alle als wäre gar nichts vorgefallen das ihm unangenehm
berührt hätte Er war sogar ungewöhnlich aufmerksam und gesprächig besonders
gegen Babet und suchte auf eine recht angenehme Art zur Unterhaltung des
zahlreichen Kreises junger Mädchen beizutragen welche als Babets und Agatens
Freundinnen sich dort versammelt hatten eigentlich wohl nur um den Fremden zu
sehen dessen seltsames Wesen schon anfing Aufsehen zu erregen
    Der Abend neigte sich bereits zum Ende als Sir Charles noch eine neue Art
von Lottospiel in Vorschlag brachte welchem die Tante sich nicht wohl
entgegensetzen konnte indem alle Übrigen außer Vicktorinen ihm mit lauter
Freude ihren Beifall schenkten Um nicht wunderlich zu erscheinen musste sie es
daher geschehen lassen dass Domingo einen großen Korb voll jener unbedeutenden
bunt bemalten Spielereien herbeibrachte die jedermann unter dem Namen von
Attrappen kennt welche bei Weihnachtsoder GeburtstagsGeschenken sehr oft zur
Verhüllung irgend einer artigen Kleinigkeit dienen müssen
    Das Spiel ging vor sich Sir Charles wusste es mit großer Feinheit zu leiten
und benahm sich sehr artig dabei am Ende hatte jede der Anwesenden ein
Körbchen eine Frucht ein Vogelnest oder eine ähnliche aus Pappe gebildete
zierliche Kleinigkeit gewonnen deren Inhalt warscheinlich bedeutender war als
ihre Außenseite Doch da die Tante und Vicktorine ihren Gewinnst weglegten
ohne ihn näher zu untersuchen so folgten auch die Übrigen diesem Beispiel
weil sie meinten es schickte sich nicht anders Nur Babet konnte ihre Neubegier
nicht zähmen und versuchte es den großen Ananas der ihr zu Teil worden war
ein klein wenig zu öffnen ein fast unsichtbarer Wink von Seiten des Sir
Charles der ihr bei ihrer steten Aufmerksamkeit auf diesen nicht entgehen
konnte bewog sie indessen sogleich wieder davon abzustehen
    Der ganze Korallenschmuck nebst einer beträchtlichen Anzahl ähnlicher zum
Teil kostbarer Kleinigkeiten war auf diese Weise ganz unmerklich in der
Gesellschaft verteilt worden nur Vicktorine fand das Kästchen so sie gewonnen
mit Bonbons gefüllt was sie als einen Vorzug betrachtete obgleich Sir Charles
sie dadurch zu kränken gemeint hatte der Tante aber war eine kleine von einem
italienischen Künstler sehr brav in Wasserfarben gemalte Ansicht des Vesuvs
zugeteilt mit der sie ebenfalls vollkommen zufrieden war und dabei bemerkte
dass Sir Charles es sehr wohl verstände die Linie des Schicklichen nicht zu
verletzen sobald er sich nur die Mühe geben wollte sie zu berücksichtigen
    Doch nichts glich Babets stürmischem Entzücken als sie Abends in ihrem
Zimmer nicht nur den Kamm sondern auch die Ohrringe und sogar auch das
Kreuzchen die sie am Morgen so sehnsüchtig betrachtet hatte in ihrer Ananas
fand Sie schrie vor Freuden laut auf und hohlte dann sogleich alle Lichter
herbei deren sie habhaft werden konnte um sich im Spiegel mit diesen
Herrlichkeiten geschmückt von allen Seiten und nach allen Richtungen hin zu
bewundern Sie erzählte dabei so ausführlich und mit so großem Triumph wie
geschickt Sir Charles es angefangen habe um ihr absichtlich diesen gewiss
größten Gewinnst in die Hände zu spielen dass Agathe sie zuletzt bitten musste
doch endlich einmal davon aufzuhören
    »Ich habe ganz andere wichtigere Dinge zu überlegen« seufzte die Kleine
und stützte dabei sehr nachdenklich das sorgenschwere Lockenköpfchen auf die
runde weiße Hand »ich mag nicht einmal nachsehen was in dem Spargelbunde
steckt das ich gewonnen habe da liegt es noch unberührt denn ach Babet
denke Dir um Gotteswillen morgen um diese Zeit soll ich schon eine Braut sein«
    »Du« fragte Babet voller Erstaunen »Du schläfst wohl schon und sprichst
halb im Traum«
    »Ach nein bewahre« erwiderte Agathe »ich denke nicht an Schlafen Stell
Dir nur vor Horst hat heute früh beim Onkel ordentlich um mich angehalten er
hat es mir gestern über Tische schon gesagt dass er es wollte und er hat auch
dem Onkel recht wohl gefallen Hernach ist er wohl anderthalb Stunden lang mit
der Tante allein in ihrem Zimmer geblieben und er hat auch ihr recht wohl
gefallen besonders sagt sie wegen seines ehrlichen und aufrichtigen Wesens
und weil er mich so lieb hat Nun und hernach hat die Tante auch mich ins Verhör
genommen und dabei ging es scharf her das kannst Du nur glauben nun und
hernach  ach Gott« rief sie halbweinend »und hernach soll ich morgen früh das
Jawort geben der Onkel will es nicht anders und der Schwarze will auch nicht
länger warten und ich habe noch in meinem Leben keinen Menschen ein Jawort
gegeben und ich weiß gar nicht wie ich das anfangen werde Ach wäre morgen doch
erst vorüber ich ängstige mich so Du kannst es gar nicht glauben«
    »Höre« erwiderte Babet mit einem sehr altklugen Gesicht »wäre ich wie Du
und fürchtete ich mich so ich gäbe das Jawort nicht und ließe ihn ohne solches
abziehen Solch eine förmliche Heuratsgeschichte könnte mir nun gar nicht
gefallen Das ist ja wie als der Großvater die Großmutter nahm Es ist viel
hübscher wenn die Leute sagen die ist noch so jung und hat doch schon einem
Rittmeister den Korb gegeben denn bekannt muss so etwas doch werden «
    »Das wäre doch recht schlecht von mir« fiel Agathe ein »und ich müsste mich
doch schämen wenn ich ihn dafür dass er mich lieb hat ins Gerede bringen
wollte Und dann Du weist es ja mir hat der Schwarze schon lange viel besser
als alle Andere gefallen Wenn ich nur das Jawort nicht geben müsste Nun der
liebe Gott wird mir helfen und der Mensch kann viel überstehen«
    »Meinetwegen tu was Du willst« erwiderte jetzt Babet etwas pikirt »und
denke nur nicht etwa dass ich mich ärgre weil Du eher Braut wirst als ich
obgleich ich dreizehn und einen halben Monat älter bin als Du Glück zu Frau
Rittmeisterin ich denke höher hinaus und wer weiß ob ich Dich dennoch nicht
einhole Man kann zwar nicht im Voraus so genau bestimmen wie alle Dinge kommen
werden aber ich weiß was ich weiß und gib nur Acht es wird sich noch alles
ganz anders machen als die Leute es sich jetzt denken«
Dem mit altreichsstädtischer Förmlichkeit in Gegenwart des Onkels und der Tante
ausgesprochnen Jawort mit welchem am folgenden Morgen Agathe unter gewaltigem
Herzklopfen den Rittmeister beglückte folgte bald die feierliche Verlobung des
jungen Paares und Agathe ward die allerreizendste kleine Braut die man sich
denken kann Anfangs war sie freilich noch sehr schüchtern und ängstlich sie
kam sogar ganz von selbst auf den Gedanken dass sie den Mann doch eigentlich
sehr wenig kenne mit dem sie ihr ganzes Leben hindurch Freude und Leid teilen
wollte Doch Horsts treue herzliche Liebe gab ihr bald die jugendliche
Fröhlichkeit wieder die ihr zuerst das Herz des junges Kriegers gewonnen hatte
Der ihr angeborene Mutwille kam wieder auf und sie verstand es in kurzer Zeit
vortrefflich ihren Rittmeister der sich dies mit tausend Freuden gefallen
ließ auf gut militärisch zu kommandiren Nebenher trieb sie den ganzen Tag über
ihre gewohnten Kinderpossen obgleich sie auch wieder dazwischen die zahlreichen
Gratulationsvisiten von Freunden und Verwandten mit unendlicher Gravität
anzunehmen wusste Das ganze Kleebornsche Haus erhielt durch sie einen Anstrich
von heiterer Fröhlichkeit die sonst nicht immer darin einheimisch gewesen war
aber die Nähe einer jungen glücklichen Braut besitzt eine eigne alles belebende
Kraft und selbst die Ältesten fühlen sich in ihr gleichsam verjüngt sie
gleicht dem Frühlinge bei dessen ersten Erscheinen sogar die alte halb
abgestorbne Eiche mit jugendlichem Grün sich kleidet und sich ihren Sprösslingen
gleichstellt
    Von nun an wandte die Tante alle Liebe und Sorge deren sie in so hohem
Grade fähig war der jungen Braut in verdoppeltem Maße zu indem sie in dieser
bei tausend Anlässen welche ihr neues Verhältnis herbeiführte ein höchst
glückliches Naturell entdeckte das nur geringer Nachhülfe und einer Leitung
bedurfte um sich schnell recht erfreulich zu entwickeln Horst war in seinen
Anforderungen an die künftige Gefährtin seines Lebens sehr mäßig er selbst
machte bei einem gesunden hellen Verstande dennoch nur wenig Ansprüche an höhere
geistige Bildung und forderte deshalb auch nichts weiter von seiner jungen
Braut als ein treues liebendes Gemüt heitern Sinn und nie wankendes
Vertrauen Dieses alles fand er in ihr er war der Mann dazu es sich zu
erhalten und so schien denn die glückliche Zukunft des neuverlobten Paares sich
mit jedem Tage fester zu stellen
    In dem alten Kleeborn war indessen die Lust an dem ehemaligen Glanz seines
gastfreien Hauses von neuem erwacht und die weiten Säle desselben mussten von
neuem fast täglich von rauschenden Festen widerhallen denen das junge Brautpaar
zum Vorwande diente obgleich es dabei eigentlich darauf abgesehen war
Vicktorinen und Sir Charles einander näher zu bringen
    Horsts einfacher Sinn hätte ihn dem allen zwar gern aus dem Wege geführt
doch da man ihn jetzt schon als einen nahen Verwandten betrachten konnte so
entdeckte ihm Herr Kleeborn das Verhältnis in welchem seiner Meinung nach jene
Beiden zu einander standen und er war dafür gefällig genug sich einstweilen
eine Lebensweise gefallen zu lassen die ihm eigentlich wenig zusagte Zum Glück
gewann er dabei seine Agathe nur um so lieber da er sah wie sie mitten im
glänzendsten Gewühle dennoch mit ganzer Seele nur an ihn hing und sobald sich
die Gelegenheit dazu bot für eine einsame Stunde an seiner Seite gern andern
Freuden entsagte
    In diesem nur selten unterbrochenen Taumel des Vergnügens verging der größte
Teil des Winters und der Frühling nahte bereits ohne dass sich Kleeborn dennoch
durch alle seine kostbaren Anstalten der Vollendung seiner Wünsche nur um einen
Schritt näher gebracht sah Obendrein ward mit der Zeit die halbe Stadt in seine
Pläne eingeweiht so gern er diese noch eine Weile verborgen gehalten hätte und
es fehlte nicht an Anspielung darauf die er freilich nur schweigend höchstens
durch ein schlaues Lächeln beantwortete die ihm aber doch eigentlich sehr
unangenehm waren
    In bedeutenden Handelsstädten wird freilich das Leben etwas liberaler
betrieben als selbst in mancher großen Residenz denn in letzterer sind
gewöhnlich die Stände viel strenger von einander gesondert und die große Stadt
zerfällt dadurch in unzählige kleine In großen Handelsstädten hingegen wo Alle
einander mehr oder weniger gleich stehen und nur der größere oder geringere
Reichtum der Familien einigen Unterschied bildet ist dieses weit weniger der
Fall besonders wenn sie zugleich Seestädte sind Selbst das ganz vom
Gewöhnlichen Abweichende fällt dort schon darum weit weniger auf weil die aus
allen Ecken der Welt zuströmenden Fremden den Augenpunkt der Bewohner einer
solchen Stadt erweitern und das Fremdartige ihnen dadurch zum Bekannten wird
weil es beinahe täglich vorkommt Da es indessen aber wohl keinen Ort in der
Welt gibt aus welchem die Lust über Andere zu reden völlig verbannt wäre so
machte auch Vicktorinens Geburtsstadt von dieser Regel keine Ausnahme und man
muss gestehen dass Sir Charles ihren Bewohnern überreichen Stoff zur Unterhaltung
freiwillig lieferte
    Sein langer Aufenthalt im teuersten Gasthofe in welchem er mit seiner
zahlreichen Dienerschaft fürstlichen Aufwand trieb konnte schon an und für sich
unmöglich ganz unbemerkt bleiben er wandte aber auch überdem geflissentlich
alle Mittel an die ihm zu Gebote standen um die allgemeine Aufmerksamkeit
täglich von neuem auf sich zu richten nicht nur durch seine und seiner
Dienerschaft auffallende Kleidung sondern auch durch sein ganzes übriges
Betragen
    Bald stellte er mit seinen schönen Pferden ein öffentliches Wettrennen nach
englischer Art an welches die halbe Stadt herbeizog bald regierte er als ein
echter Pferdebändiger mit eigener Hand und auch im Äußeren einem Kutscher
ähnlich gekleidet seine vier mutigen Rosse vom Kutschbock aus und fuhr so
seinen im Wagen sitzenden Kammerdiener auf den besuchtesten Promenaden
spazieren Ein Paar Mal ließ sogar Babet sich von ihm auf diese Weise im Triumph
herumfahren und neben ihr saß denn in Todesangst mit kaum zu unterdrückendem
Angstgeschrei die arme alte Virnot Denn Vicktorine weigerte sich unter dem
Vorwande unüberwindlicher Furcht Babet auf solchen Fahrten zu begleiten und
ihr Vater dem bei dem wilden Treiben selbst nicht wohl zu Mute war mochte sie
nicht zwingen diese Furcht zu besiegen Ein andermal lud Sir Charles alle Welt
zu einem TanzFrühstück ein das um drei Uhr Nachmittags anfing und gegen
Mitternacht endete oder gab um acht Uhr Abends ein großes Mittagsessen zu
welchem die seltensten Leckerbissen aus fernen Landen verschrieben und alle
Treibhäuser mehrere Meilen in der Runde geplündert werden mussten um den
Speisesaal mitten im Winter zu einem blühenden Frühlingsgarten umzuschaffen So
brachte fast jeder Tag etwas Neues und bot zur Unterhaltung auf Kosten des
Fremden frischen Stoff dar Am wenigsten war man aber geneigt ihm sein Benehmen
in der Gesellschaft zu verzeihen Die Trägheit und Gleichgültigkeit die er so
gern zur Schau trug die anscheinend geflissentliche Verletzung der
allergewöhnlichsten Regeln der Höflichkeit die er sich gelegentlich zu Schulden
kommen ließ machten ihn durchaus nicht beliebt oft aber zum Gegenstand des
Spottes ohne dass seine gewohnte Apathie ihm erlaubt hätte Notiz davon zu
nehmen So sah man ihn zum Beispiel einst in einem sehr besuchten öffentlichen
Konzert wo es durchaus an Platz fehlte in einer der vordersten Reihen seine
gewohnte Lieblingsstellung über zwei Stühle hingelehnt beibehalten obgleich
mehrere Damen um und neben ihn standen bis es ihm endlich nach einer halben
Stunde beliebte mitten in einer Kadenz des Virtuosen während man bei der
allgemeinen Stille eine Stecknadel hätte fallen hören können sich mit
ziemlichen Geräusche in die Höhe zu richten den Damen seine Plätze zu
überlassen und dabei auszusehen als erwache er eben aus einem tiefen Traume
    Alles dieses missfiel dem alten Kleeborn gar sehr und machte ihn zuweilen
recht missmutig vor allem aber verdross es ihm dass es noch immer zwischen Sir
Charles und Vicktorinen zu keiner förmlichen Erklärung kommen wollte Es sah
sogar zuweilen aus als erwarte jener dass der erste Antrag zu einer nähern
Verbindung von Seiten des Vaters seiner Braut an ihn gelangen solle doch
dagegen sträubte sich dessen Stolz und so blieb Alles wie es war Zwar meinte
Kleeborn Sir Charles förmliches Anhalten um Vicktorinens Hand sei eigentlich
nur eine bloße Formalität da zwischen ihm und dem alten Wissmann was ihm die
Hauptsache war schon längst verabredet wurde aber er sah diese Formalität doch
als durchaus notwendig an Auch würde er ihre Verzögerung kaum so lange
ertragen haben wenn nicht zuweilen der Gedanke ihn getröstet hätte dass Sir
Charles sie absichtlich verschiebe um Vicktorinen mit der Zeit seinen Wünschen
geneigter zu stimmen als sie jetzt es zu sein bezeigte So wartete er denn in
wunderlicher Selbsttäuschung von einem Tage zum andern ohne eigentlich recht
gewahr zu werden wie aus diesen Tagen Wochen und zuletzt sogar Monate
entstanden die dennoch nicht die geringste Veränderung in der Lage der Dinge
herbeiführten
    Inzwischen erwartete aber auch Babet täglich und mit nicht minderer
Gewissheit als ihr Oheim eine Erklärung ähnlicher Art von Seiten des Sir
Charles die gewiss allen Hoffnungen des alten Herrn mit einemmal ein Ende
gemacht hätte und die Nachgiebigkeit mit der dieser die Launen seines
erwählten Schwiegersohnes ertrug war in der Tat nicht weniger zu bewundern
als seine Verblendung gegen Dinge die dicht unter seinen Augen vorgingen
    Babets Einbildung war freilig sehr geschäftig doch muss man auch gestehen
dass Sir Charles sich gegen sie auf eine Weise betrug welche sich ganz dazu
eignete in dem eitlen unerfahrenen Mädchen die schmeichelhaftesten Erwartungen
zu erregen besonders war dies der Fall wenn er sich von Andern unbemerkt
glauben konnte Der Eindruck den ihre frische Jugendblüte im ersten Augenblick
ihres Zusammentreffens auf ihn gemacht hatte war nicht so ganz oberflächlich
dass nicht ihre zuvorkommende Freundlichkeit und ihre ihm oft ganz
unbegreifliche Naivetät diesen täglich hätten erneuern und ihn bewegen sollen
ihr gegenüber alle jene kleinen Künste männlicher Koketterie zu üben die
seinesgleichen stets zu Gebote stehen Er bildete sich sogar ein nach einem
sehr wohldurchdachten Plane dabei zu handeln indem er glaubte Vicktorinens
Eifersucht erregen und die Stolze demütigen zu wollen während es doch
eigentlich nur Langeweile und das Bedürfnis einer kleinen Intrike war die ihn
zu diesem Benehmen bewogen Demohngeachtet stand aber der Vorsatz in ihm fest
sich hier auf keinem Fall zu einer Unvorsichtigkeit hinreißen zu lassen die für
ihn die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen konnte Daher suchte er vor allem
sich stets so unbestimmt als möglich gegen Babet zu äußern und trachtete
hauptsächlich danach das Spiel so in seiner Hand zu behalten dass er es
aufgeben könne sobald er wolle Er sprach sich daher selten in Worten aus weit
öfter durch Blicke und hütete sich sorgsam vor allem was ihn vor der Welt
ernstlich kompromittiren könnte Babet hingegen benahm sich auf ganz
entgegengesetzte Weise und setzte ihn dadurch oft in nicht geringe
Verlegenheit Ihr lag vor allen Dingen daran der Welt zu zeigen welch eine
Eroberung sie auf Vicktorinens Kosten gemacht habe Der stille Triumph war ihr
nicht genug sie verlangte einen öffentlichen und beging dahei unzählige oft
recht künstlich berechnete Unvorsichtigkeiten durch die sie weit mehr erraten
ließ als sie eigentlich zu verbergen hatte Denn sie strebte hauptsächlich nur
nach dem Vergnügen sich von ihren zahlreichen Freundinnen necken mitunter auch
wohl ein wenig beneiden zu lassen und beides gelang ihr Bei solchen
Gelegenheiten pflegte sie dann Vicktorinen mit wirklich beleidigendem Mitleide
zu betrachten während diese nichts sehnlicher wünschte als das Spiel sich in
Ernst verwandeln zu sehen Ihre edlere aller Hinterlist abgeneigte Natur und
auch Babets mitunter recht unartiges Betragen hielten sie freilich davon
zurück hier die Mittlerin machen zu wollen aber sie tat wenigstens alles was
in ihren Kräften stand um nichts von dem zu sehen worauf Babet sie aufmerksam
machen wollte und so wenigstens auf keine Weise dem anscheinenden Verständnisse
jener Beiden in den Weg zu treten
    Übrigens war Babet so überzeugt dass Sir Charles bis zum Sterben in sie
verliebt sei dass sein bisheriges Vermeiden einer förmlichen Erklärung dieser
Leidenschaft ihr auch nicht die mindeste Unruhe verursachte sie war im
Gegenteil unerschöpflich im Bemühen täglich neue Gründe dafür zu ersinnen
Hatte er ihr doch gesagt dass sie unbeschreiblich schön und reizend sei und was
noch mehr war hatte er sie sogar nicht einigemal seine bezaubernde Lady Betty
genannt was konnte das anders heißen als dass er sie liebe und sie folglich
durch eine Heirat mit ihm zu einer englischen Lady erheben wolle Eine Lady
sie wusste selbst nicht was sie sich darunter dachte aber es kam ihr doch über
alle Massen romantisch vor eine englische Lady zu sein
    Dass dem im langen Leben mit der Welt geübten Scharfblick der Tante von allem
diesen nichts entgehen konnte war wohl natürlich aber sie kannte auch Babet
genau genug um zu wissen dass hier jede selbst eine mit der größten Schonung
ausgesprochene Warnung wohl manches verschlimmern jedoch nichts verbessern
könnte Deshalb begnügte sie sich damit jeden ihrer Schritte treulich zu
beobachten und sie übrigens ihren Weg gehen zu lassen Sie stellte sie einer
Nachtwandlerin gleich die man nicht anrufen darf wenn man sie nicht dem
Abgrunde zu treiben will aber sie versäumte es deshalb dennoch nicht den
Abgrund sorgsam zu umstellen um sie im Falle der Not gewaltsam zurückhalten zu
können Dass übrigens der Schmerz getäuschter Liebe der künftigen Ruhe eines
Mädchens wie Babet nie gefährlich werden könne davon war sie ebenfalls auf
das Vollkommenste überzeugt indessen hoffte sie viel für sie von der heilsamen
Erschütterung des gewiss nicht fernen Moments ihres Erwachens aus dem selbst
geschaffnen Traume und nahm sich fest vor diesen alsdann recht kräftig zum
Besten des verblendeten eitlen Kindes zu benutzen
In diesem von mehreren Seiten höchst gespannten Verhältnisse war schon eine
ziemliche Zeit vergangen während welcher Allen die nur die äußere Seite des
Lebens in dieser Familie kannten sie für höchst glücklich halten mussten als
Vicktorine eines Morgens die Tante in einem ganz ungewohnten Zustande in ihrem
Zimmer allein fand Ihre Hand hielt einen Brief oder vielmehr ein Packet dessen
noch versiegelter Umschlag sie mit tiefen Schmerz ja fast mit dem Ausdruck
geheimen Grauens betrachtete und alles an ihr deutete auf eine gewaltsame
Bewegung in ihrem Innern über welche sie nicht Herr zu werden vermochte
Erschrocken eilte Vicktorine auf sie zu doch der erste Blick auf den Brief in
Annas Händen machte auch auf sie den tiefsten Eindruck
    »Tante« rief sie fast atemlos »öffnen sie den Brief öffnen sie ihn
schnell mein Gott wie konnte sein Anblick Sie so erschrecken er ist ja von
ihm«
    »Von ihm« wiederholte Anna mit bebender klangloser Stimme und immer noch
hielt sie den Brief fest in ihrer Hand und starrte ihn regungslos mit erloschnen
Augen an bis Vicktorine ihn ihr sanft entzog das Siegel erbrach und ihn offen
wieder in ihre Hände zurück gab
    »Der Brief ist von Raimund« rief sie »kennen Sie denn seine Schriftzüge
nicht mehr er ist von ihm ich darf ihn nicht lesen doch Sie  um Gotteswillen
welche schwarze furchtbare Ahnung hat bei seinem Anblicke sich Ihrer
bemeistert sie ergreift auch mich mir bebt das Herz in unbestimmter
entsetzlicher Angst Lesen Sie o lesen Sie damit ich nur dieser bangen Quaal
entrissen werde Lassen Sie das Unheil über mich hereinbrechen es kann in der
Nähe so furchtbar nicht sein als es jetzt schwarz und drohend vor meiner Seele
steht Denn Raimund lebt ja  oder wäre dieser Brief nach seinem « Vicktorine
erbleichte vor dem Gedanken der sich jetzt ihr aufdrang und den sie
auszusprechen nicht wagte
    Anna hatte sich indessen mit sichtbarer Anstrengung in so weit wieder
gefasst um den Innhalt des aus mehreren engbeschriebnen Bogen bestehenden
Packets flüchtig überschauen zu können und jetzt war es an ihr die bleiche
zitternde Vicktorine zu beruhigen
    »Der Brief ist von Raimund« sprach sie hochaufatmend »jetzt erkenne ich
die Hand Auf der Adresse konnte ich es nicht die ist französisch geschrieben
das sah ich von ihm nie Sieh her Vicktorine schrieb er auch das« setzte sie
hinzu indem sie Vicktorinen den Umschlag hinreichte »und ist auch dieses sein
gewohntes Siegel«
    »Gewiss gewiss« rief Vicktorine »aber der Brief lebt Raimund ist er
gesund«
    Die Tante las jetzt die letzte Seite des Briefes mit mehr Aufmerksamkeit
als die gewaltsame Bewegung in der sie sich befunden es ihr vorhin erlaubt
hatte während Vicktorine neben ihr hinkniend den starren Blick auf sie
richtete als wollte sie den Abglanz von Raimunds Worten in ihren Zügen lesen
»Er lebt er ist gesund er war im Begriff sich zu seiner fernen Reise
einzuschiffen der Brief ward von ihm vor etwa vierzehn Tagen in Toulon auf die
Post gegeben Jetzt schwimmt Raimund wahrscheinlich schon dem Ziele seiner
Bestimmung zu Darf ich mehr Dir sagen« fragte Anna indem sie die Blätter des
Briefs wieder ordnete
    »Nein o nein« rief Vicktorine von den Knien sich erhebend »nein das
Wort welches Raimund in meinem Namen meinem Vater gab ist mir heilig ich darf
es auf keine Weise umgehen Auch nicht mittelbar will ich mich mit ihm in
schriftliche Verbindung setzen Und was brauch ich mehr zu wissen als dass er
lebt Dieses kleine Wort sagt mir ja alles Tante ich lasse Sie mit seinem
Briefe allein ich gehe um jeder Versuchung zu entfliehen Ach Tante mir ist
jetzt wie damals wenn er am frühen Morgen zu Ihnen ging wissen Sie es noch
Wie horchte ich dann auf seine Schritte unter tausenden hätte ich sie wieder
erkannt Ich horchte und horchte bis am Ende der langen Gallerie Ihre Türe
sich ihm öffnete Wie sehnlich trieb es mich dann oft auch die meinige nur
einmal zu öffnen nur einmal einen kurzen Augenblick ihn zu sehen aber ich
widerstand der Versuchung wie ich auch jetzt ihr widerstehe Ich gehe liebe
Tante« sprach sie indem sie der Türe sich zuwandte »ich gehe und lasse Sie
mit ihm allein Doch in Ihren lieben Augen darf ich hernach doch lesen« setzte
sie wieder umkehrend hinzu »das darf ich doch Fragen erlaube ich mir nicht
aber das darf ich doch und mich freuen wenn ich lauter Gutes und Liebes darin
lese Ich kann ja nicht anders liebe Tante Und nun nehmen Sie Ihren Brief
lesen Sie ihn ja recht alles was darin steht er ist so lang aber ich bitte
lesen Sie ihn zweimal zweimal wenigstens Ach ich lernte ihn so gern
auswendig«
    Die Tante musste endlich die Schwätzerin mit sanfter Gewalt von sich treiben
die immer gehen zu wollen versicherte und immer blieb Dann schloss sie sich in
ihrem Zimmer ein ließ niemanden vor sich und was noch nie geschehen war sie
erschien sogar Mittags nicht bei Tische So blieb sie den größten Teil des
Tages für sich allein den sie mit emsigem Durchsuchen und Ordnen vieler Briefe
und Papiere hinbrachte bis sie gegen Abend Vicktorinen und Angelika zu sich
beschied
Heftig wie immer mit nicht unterdrückender Angst stürzte Vicktorine auf den
ersten Ruf in das Zimmer der Tante und da ihr diese mit freundlichem Blick
entgegen lächelte so ging sie auch eben so lebhaft von der bängsten Sorge
welche sie den ganzen Tag über gequält hatte zur berauschendsten Freude über
    Wie ein glückliches Kind sich an den Busen der Mutter wirft wenn es am
Weinachtsabende durch die noch verschlossene Türe schon die Lichterchen des
lang ersehnten Baums blinken sieht so warf sich Vicktorine in die Arme der
Tante
    »Nicht wahr« flüsterte sie schmeichelnd »alles ist gut alles ist recht
gut und Ihre bange Ahnung beim ersten Anblicke des Briefs bestätigt sich
nicht«
    »Alles ist gut« erwiderte die Tante merklich bewegt »alles ist gut und
wird hoffentlich noch sehr gut werden« Damit drückte sie das geliebte Kind fest
an ihr Herz und zog auch Angelika in ihre Arme die jetzt ebenfalls dicht neben
ihr stand und sie mit leuchtendem Blicke betrachtete
    »Anna« rief Angelika aus »Anna wie schön sind Sie in diesem Augenblick
es ist als ob ein eigener Strahl himmlischer Verklärung Sie umleuchtete Sie
sehen aus wie an jenem unvergesslichen Abende da Sie zuerst den Namen Bernhard
uns nannten Sieh sie doch nur an Vicktorine ist es nicht als ob unser
Schutzengel in sichtbarer Gestalt vor uns stände«
    »Es ist so« erwiderte Vicktorine indem sie tief und forschend in Annas
helle Augen sah »es ist so aber ich sehe hier eine große Träne blinken ich
sehe um ihren Mund das Zucken innerer Rührung die sie umsonst hinwegzulächeln
sich bemüht Angelika unser Schutzengel trauert über uns und so ist denn doch
nicht alles gut Liebe liebe Tante o reden Sie was wollen Sie uns verkünden«
    »Nichts Unglückliches wahrlich nicht« erwiderte Anna »es wird sogar
hoffentlich zum Guten führen doch für den Augenblick wird es auch Euch
betrüben wie es mich betrübt denn ich muss Euch verlassen wenn gleich nicht
auf lange«
    Die Mädchen starrten sie erbleichend an und vermochten keine Sylbe zu
erwidern »Ungern sehr ungern meine Vicktorine lasse ich Dich in der
drückenden Lage allein in der Du so sehr meines Trostes bedarfst« fuhr Anna
fort »und auch von Dir meine Angelika« setzte sie noch weicher werdend
hinzu »auch von Dir mich zu trennen ist mir sehr schmerzlich ich werde Deine
gewohnte liebe Nähe sehr sehr vermissen mein Kind mein Liebes« Sie schloss
Angelika in ihre Arme und die Träne die schon lange in ihrem Auge gezittert
hatte schimmerte jetzt wie ein Diamant in den blonden Locken des immer bleicher
werdenden Mädchens Alle schwiegen
    »Nein es ist nicht es darf nicht sein« rief endlich Vicktorine »Es ist
so es muss so sein« erwiderte Anna sanft aber bestimmt »Doch fragt mich
nicht warum denn diese Frage darf ich Euch noch nicht beantworten ergebt Euch
drein wie ich mich drein ergebe in wenigen Monaten vielleicht in wenigen
Wochen schon kehre ich wieder«
    »Und ich bleibe verlassen zurück und mag untergehen wen kümmert das« rief
fast zürnend Vicktorine
    »Dir bleibt Raimunds Angedenken und Deine Liebe ist das nicht genug Dir
bleibt auch Angelika wie Du ihr bleibst« erwiderte die Tante mit mildem
Ernst »Und bliebe sie Dir auch nicht nur der ist verlassen der sich selbst
verlässt Die Bahn liegt klar und bestimmt vor Dir die Du zu gehen hast es ist
Deine Schuld wenn Du von ihr abweichst Mich ruft ein wichtiges Geschäft das
Niemand ausführen kann als ich allein Ich kehre mit gewohnter Liebe zu Euch
zurück sobald ich vollendet habe was mir jetzt obliegt und unser Wiedersehen
wird freudig und glücklich sein dies sagt mir eine innere Stimme die im Laufe
meines Lebens mich selten irre führte«
    »Und so darf ich denn nicht wissen was Sie abruft in einer Zeit da nur
Ihre Gegenwart mich aufrecht erhält Es muss durchaus auch mir verborgen
bleiben« rief die immer noch sehr aufgeregte Vicktorine »Liebe Tante ich bin
kein Kind mehr dem man die bittere Arznei in Zucker einwickeln muss ich kann
das Herbste mit Fassung tragen ich habe dies bewiesen aber wenn ich es soll
so muss ich aber auch überzeugt sein dass «
    »Und welcher Uberzeugung bedarfst Du denn noch um mir zu vertrauen«
erwiderte Anna jetzt sehr ernstaft »bin ich noch nicht weiter mit Dir bedarf
es damit Du mir Glauben schenkst noch weitläuftigere Erklärungen unter uns
die ich vermeiden will wie Du siehst Glaubst Du ich handle nur aus Eigensinn
so und nicht weil ich überzeugt bin so handeln zu müssen«
    »O Tante Sie sind strenge aber auch gerecht« rief jetzt Vicktorine mit
überströmenden Augen »Ja teure Frau ich will ich muss unbedingt Ihnen
vertrauen ich tue es mit reinem festen Glauben Doch ist es meine Schuld
wenn eine finstere Ahnung mich empfinden lässt wie tief Raimund in alles dieses
verflochten ist Nur jener Brief der auch Sie diesen Morgen durch seinen bloßen
Anblick schaudern machte nur er kann Sie zu diesem unerwarteten Entschlusse
bewogen haben Raimund droht irgend ein Unheil das Sie abwehren wollen oder er
ist vielleicht dem Unglück schon verfallen und Sie wollen retten wo vielleicht
keine Rettung mehr ist«
    »Vicktorine« rief wehmütig lächelnd die Tante und drohte ihr mit
aufgehobenen Fingern
    Vicktorine verstummte errötend
    »Nicht wahr Du und Raimund und eure Liebe sind alles« fuhr Anna fort »und
Niemand als Euch Beiden kann etwas begegnen das der Rede wert wäre Gutes
liebes Kind ich möchte nie Dir wehe tun am wenigsten in dieser Stunde doch
der JugendDünkel der Dich wie alle Deinesgleichen verleitete Euch weit
entfernt von allen Übrigen auf eine ganz besondere Stufe zu stellen und alles
auf Euch zu beziehen kann ich selbst jetzt nicht loben er zieht ja zu traurige
Folgen nach sich für Euer künftiges Leben Du weinst Vicktorine weine nicht
und nimm wenigstens den Trost von mir an den einzigen den ich Dir geben kann
dass täuschte ich mich auch in der Hoffnung des glücklichen Erfolgs dessen was
ich jetzt zu unternehmen im Begriffe bin dennoch Deine und Raimunds Lage
dadurch nicht im mindesten anders gestellt werden kann, als sie jetzt steht Und
nun lass Dir meine Angelika noch einmal empfohlen sein Du liebst sie wie eine
Schwester pflege und schone ihrer wie Du sie liebst Auch Dir meine Angelika
empfehle ich meine Vicktorine bleibe ihr mit Deinen still ergebenen frommen
Sinn stets zur Seite verlasse sie nie Und wenn der Geist des Unmuts sich in
ihr zu regen beginnt was während ich nicht da bin ihn zu bannen wohl öfters
noch als sonst geschehen möchte dann meine Angelika dann suche Deine milde
Liebe ihn zu besänftigen Lasst mich so Euch wieder finden« setzte sie mit in
Tränen glänzenden Augen hinzu indem sie beide Mädchen eines in des andern Arme
legte »Denkt meiner in Liebe doch nicht in Sorge Schreiben werde ich selten
nur wenn es nötig werden sollte Eure Briefe sendet unter meiner Adresse mir in
mein Stift ich werde sie sicher erhalten aber ich bitte Euch schreibt auch
Ihr mir nur wenn Ihr mir wirklich etwas zu sagen habt das ich wissen muss Wenn
ich nichts von Euch höre werde ich denken es gehe Euch gut tut Ihr ein
Gleiches wenn Ihr von mir nichts vernehmt« Vicktorine schwamm in Tränen bei
diesem feierlichen Abschiede doch Angelikas Auge blieb trocken denn sie weinte
schon lange nicht mehr Sie warf sich nur mit flehender Gebärde an den Busen der
Tante und hob schüchtern den bittenden Blick zu ihr empor
    »Mein teures Kind mein geliebtes holdes Leben« sprach Anna sehr gerührt
»ich verstehe Deine stumme Sprache sie trifft mir schmerzlich in das Herz Aber
ich kann auch Dir nur erwidern was ich auf Vicktorinens laute Klagen
antwortete es muss so sein ich muss auch von Dir auf einige Zeit mich trennen
Ich darf Dich nicht mit mir nehmen Wollen wir denn beide zugleich die arme
Vicktorine verlassen«
    Angelika richtete sich auf und reichte in schweigender Wehmut mit einem
unendlich schmerzlichen Lächeln Vicktorinen die Hand
    »Ich werde schnell reisen weit schneller als Deine der ungestörtesten Ruhe
bedürfende Gesundheit es ertragen könnte« setzte Anna jetzt gefasster hinzu ich
werde sogar die mondhellen Nächte benutzen Das Geschäft dem ich zueile wird
alle meine Zeit in Anspruch nehmen Deine mir sonst so liebe Gegenwart meine
Angelika würde mir nur quälend werden weil ich Dich durchaus vernachlässigen
müsste So denke ich Dich gesünder und gestärkter hier wieder zu finden als ich
Dich zurückzubringen hoffen dürfte wenn ich mir es erlaubte meinem Wunsche zu
folgen und Dich mit mir zu nehmen«
    Angelika beugte sich schweigend über die Hand ihrer geliebten Wohltäterin
und nur ein leiser Seufzer drängte sich unhörbar aus der tiefsten Tiefe ihrer
Brust herauf
Sobald die Mädchen sie verlassen hatten befahl Anna auch den Rittmeister Horst
zu rufen um den während ihrer Abwesenheit auf das Betragen der Schwester seiner
Braut aufmerksam zu machen denn auch diese hielt sie ihrer liebenden Vorsorge
nicht unwert so weit Babet auch für jetzt davon entfernt sein mochte es
dankbar zu erkennen und durch kindliches Vertrauen zu erwidern Daher wünschte
sie wenigstens in Agatens künftigen Gatten dem leichtsinnigen Mädchen einen
brüderlichen Freund zu hinterlassen der an ihrer Stelle über die Unvorsichtige
wachte um sie vor großen Fehltritten zu bewahren
    Die Nachricht von der Tante nahen Abreise betrübte auch den wackeren jungen
Mann der sie nicht minder liebte und ehrte als alle die ihr nahten Er hörte
sehr aufmerksam was sie in Hinsicht auf Sir Charles und Babet ihm zu sagen für
gut fand gab ihr aber zugleich zu erkennen dass auch ihm das Betragen dieser
Beiden längst sehr unangenehm aufgefallen sei und dass er wie wohl vergebens
es sogar versucht habe Babet zu warnen
    »Ich mochte wohl freilich dabei« sprach er »meine Worte nicht ganz genau
abgewogen haben denn das ist nun einmal nicht meine Sache aber ich bin dafür
auch schlecht genug angekommen Herr Gott wie hat Sie mich abgeführt Am
liebsten hätte ich den jungen Herrn in die Lehre genommen doch aus Schonung für
eine Familie deren Güte ich so viel verdanke wollte ich es vermeiden
Zwiespalt zu stiften denn ich weiß ja auf welchem Fuße der Fremde hier im
Hause eigentlich steht Ich verließ mich deshalb lieber auf Sie gnädige Tante
denn ich sah wohl wie Sie überall ein wachsames Auge hielten Jetzt aber wollen
Sie leider fort nun reisen Sie mit Gott hochwürdige Frau wenn es denn nicht
anders sein kann Ich will ihr Gebot erfüllen so gut ich es vermag und was mir
vielleicht an welterfahrner Klugheit dazu abgeht soll meine treue Wachsamkeit
ersetzen Warnen werde ich nicht mehr das bestärkt Babet nur in ihrem
Eigensinne und wäre auf jeden Fall in den Wind gesprochen aber finden soll sie
mich überall wo sie mich nicht gern sehen wird und sie müsste es weit klüger
anfangen als es in ihren Kräften stehen mag wenn sie mich hinter das Licht
führen wollte«
    »Babet ist sehr schlau« erwiderte die Tante »Tut nichts sie findet in
mir ihren Mann« fiel der Rittmeister ihr lächelnd ein »Sie haben mir da
freilich einen etwas gefährlichen Vorposten anvertraut hochwürdige Frau aber
das ist nun einmal Husarendienst und ich will ihn schon mit Ehren behaupten
sorgen Sie nicht«
    »Ich traue Ihnen das Beste zu« sprach Anna »aber Eines bitte ich nur nicht
zu vergessen Sie dürfen weder drein hauen noch drein schießen nach Husarenart«
    »Ei Gott bewahre wo denken die gnädige Tante hin« erwiderte Horst recht
herzlich lachend »ich werde ja nicht Dem Sir Charles soll kein einziges seiner
parfümirten Härchen gekrümmt werden wenn er es nicht selbst mit Gewalt an mich
bringt und danach sieht er mir nicht aus Aber gnädige Tante da wir doch nun
einmal so vertraulich mit einander sprechen so möchte ich nur Eines noch Sie
fragen was mir schon lange recht schwer auf dem Herzen liegt Ist es denn wahr
und ist es denn wirklich Herrn Kleeborns und auch Ihr Wille dass unsre
engelschöne und engelgute Vicktorine diesem Strohmanne diesem englisirten
Seekalbe das mir im Grunde der Seele so zuwider ist wie ich es auszudrücken
nicht vermag dass sie sage ich diesem Menschen auf Gnade und Ungnade
ausgeliefert werden soll Und können Sie es vor Gott und Ihrem Gewissen
verantworten wenn Sie das leiden«
    Horst war während dieser Rede ganz rot im Gesichte geworden und die Tante
freute sich herzlich an dem wohlgemeinten Eifer des jungen Mannes dessen
redliches Gemüt sie längst erkannte und den sie gern als ein sehr achtbares
Mitglied der Familie betrachtete Ohne jedoch zuviel von Vicktorinens Geheimnis
zu verraten ließ sie ihm daher jetzt deutlich merken dass diese schon längst
eine andere würdigere Wahl getroffen habe und gewiss durch offenen Widerstand
sich dem Elend entziehen würde welches ihr an Sir Charles Hand drohe wenn
nicht früher vielleicht noch irgend ein glücklicher Zufall sie von ihm befreie
    Die höchste Zufriedenheit leuchtete aus des Rittmeisters ehrlichen Augen
während Anna ihm noch auf das Eindringendste die strengste Verschwiegenheit über
diese Angelegenheit gebot »Lassen Sie auch meine arme Vicktorine während meiner
Abwesenheit Ihrem Schutz empfohlen sein« setzte sie noch hinzu »So wie ich Sir
Charles Betragen ansehe hoffe ich dass nichts geschehen soll was Vicktorinen
aufs Äußerste treiben könnte während ich nicht da bin um mich ihrer
anzunehmen Doch würde Vicktorine gezwungen der offenen Gewalt ihren festen Mut
entgegen zu stellen dann lieber Horst dann stehen Sie ihr bei an meiner
Statt Kleeborn ist nicht bösartiger Natur doch sein Eigensinn macht ihn in der
ersten Hitze zu allem fähig besonders wenn sein eigenes Interesse dabei mit ins
Spiel kommt wie eben hier Er liebt seine Tochter von Herzen doch Reichtum
ist in seinen Augen das Höchste auf Erden und so könnte er wohl dahin kommen
Vicktorinens wahres Glück ohne Schonung zu vernichten und dabei dennoch
überzeugt zu bleiben er handle als ein redlicher Vater der sein verblendetes
widerspenstiges Kind sogar mit Gewalt glücklich zu machen suche«
    »Lassen Sie mich vor allen Dingen Ihre liebe schöne Hand küssen dass Sie
mich jetzt durch Ihr Vertrauen erst recht zu Ihrem Verwandten eingeweiht haben«
erwiderte der Rittmeister »und sein Sie übrigens unbesorgt Vicktorine ist von
heute an meine Schwester Mir ist das Herz jetzt federleicht denn nun weiß ich
gewiss und möchte mit Leib und Leben mich dafür verbürgen dass der Hans Hasenfuß
mein Vetter nicht wird und hoffentlich auch nicht mein Schwager Lassen Sie
mich nur machen ich will erst meiner Sache ganz sicher sein ehe ich etwas
verrate aber Sie sollen Freude an mir erleben«
    »Horst wenn Sie eine Unvorsichtigkeit begingen« rief die einigermaßen
ängstlich gewordene Tante »Ei bewahre« erwiderte dieser »doch eine honette
Kriegslist ist nicht verboten und die verlangt ja an und für sich schon dass
man Vorsicht übt Verlassen Sie sich in Gottes Namen auf einen ehrlichen
Husaren der Ihr Zutrauen zu schäzzen weiß und es deshalb auch verdienen will
und reisen Sie ohne weitere Sorge Vicktorine hat in jedem Fall einen Beistand
an mir der selbst in Not und Tod zur Seite bleibt das Übrige findet sich
Geben Sie Acht sie wird erlöst und ich bin ihr Ritter«
    »So« sprach Agathe welche in diesem Augenblick den Kopf zur Tür
hineinsteckte um sich nach ihrem Rittmeister umzusehen den sie ungern lange
vermisste »Nun da muss ich mich ja auch wohl nach einem andern Ritter umsehen«
setzte sie hinzu indem sie vollends hineintrat »Denn Niemand kann wie
bekannt zweien Herren dienen und vollends zweien Damen das geht nun gar nicht
an«
    Die Lustigkeit mit der sie diese Worte sprach ging indessen sehr bald in
tiefe Betrübnis über da sie von der nahen Abreise der Tante Kunde erhielt »Ach
lass mich« sprach sie zu Horst der es versuchen wollte sie zu trösten »lass
mich Du weißt nicht was wir alle Beide an ihr verlieren Mich verlässt mein
guter Engel wenn sie von mir geht Wer soll mir dann nun zum Guten raten und
wer mich schelten wenn ich dummes Zeug mache Ach und wer wird mich nun am
Hochzeitstage so hübsch anziehen wie sie es allein nur kann Sehen Sie Tante
Sie haben es mir von Anfang an versprochen und nun lassen Sie mich doch im
Stich und das sage ich Ihnen wenn Sie mir den Brautkranz nicht aufsetzen so
mag ich lieber gar nicht getraut werden« Die hellen Tränen liefen ihr bei
diesen Worten über das kindlichrosige Gesicht
    Anna tröstete sie liebkosend so gut sie es vermochte »Ich lasse Dich auf
keinem Fall im Stich liebe Agathe« sprach sie lächelnd »trockne nur Deine
Tränen Ich verspreche es Dir ich putze Dich auf das Schönste am
Hochzeitstage ich setze Dir mit eigener Hand den Kranz auf und sollte ich in
der letzten Stunde vor der Trauung erst ankommen ich komme darauf gebe ich Dir
mein Wort Du kennst mich ja und weißt ich pflege es nicht zu brechen« Doch
alles Zureden half nur wenig Agathe küsste zwar schmeichelnd die Hände der
Tante aber sie ward den ganzen Abend über nicht wieder froh und die Tränen
traten ihr in die Augen so wie sie die geliebte Frau nur ansah
    Kleeborn wendete wenig ein als die nahe Abreise der Tante auch ihm
angekündigt ward obgleich er sie nicht gern sah denn das Wort »wichtige
Geschäfte« war eine Zauberformel für ihn die unwiderstehliche Gewalt an ihm
übte daher ließ er sie willig gehen und bat sie nur recht bald wieder zu
kommen
    Anna hatte sich jeden weitern Abschied ernstlich verboten und so regte
sich außer den Bedienten Niemand im Hause als am folgenden Morgen ihr
Reisewagen in der frühesten Dämmerung vorfuhr den sie allein mit ihrer
Kammerjungfer bestieg Vicktorine barg laut weinend ihr Gesicht in ihre Decke
als sie ihn fortrollen hörte und fühlte mit unnennbarer Angst sich so einsam
und verlassen wie nie zuvor in ihrem Leben Auch Angelika ehrte das Gebot ihrer
Wohltäterin und blieb in der letzten Stunde von ihr entfernt aber sie war doch
aufgestanden und lauschte durch die Fenstervorhänge um die teure Gestalt nur
noch einmal zu sehen
    »Du gehst« sprach sie leise mit gefaltenen Händen und zum Himmel gewandtem
Blicke »Du gehst und mein Auge sieht Dich wohl nie wieder möge Gottes Seegen
Dich begleiten wohin Du Dich wendest und möge keine Ahnung davon in Deine
Seele kommen wie leicht und wie schnell indessen Du fern von mir bist die
Nacht hereinbrechen kann die mich Dir auf immer verbirgt Finde bald wieder ein
Wesen dem Du so wohltätig erscheinen kannst als Du mir es warst damit Dir
keine Lücke in Deinem schönen Leben fühlbar werde wenn ich nun dahin bin und
mögen nur sanfte keine bitteren Tränen um die arme Angelika Deine lieben Augen
füllen wenn Du am Morgen wo Du heimkehrst mich suchest und nicht mehr
findest«
Raimund deutete der Tante in seinem Briefe zuerst nur ganz in der Kürze die
Städte und Länder an welche er besucht hatte seit er von ihr und Vicktorinen
scheiden musste Er meldete ihr wie er in London nur wenige Wochen verweilte und
dann von Dower nach Kalais überschiffte Das ganze schöne Frankreich das wohl
mit Recht der Garten von Europa genannt zu werden verdient durchzog er beinahe
der Länge nach um von dort nach Marseille zu gelangen
    In den bedeutendsten französischen Städten durch welche ihn sein Weg
führte musste er bald längere bald kürzere Zeit verweilen um manches
verworrene mitunter auch wohl bedeutenden Verlust drohende Geschäft seines
Hauses zu ordnen Das Glück war ihm dabei günstig gewesen er hatte zugleich
einige neue seinem Hause Vorteil versprechende Verbindungen anzuknüpfen
gewusst und so war der unter diesem glücklichen Himmelsstrich ohnehin so kurze
Winter an ihm endlich vorüber gezogen
    »Stille stille mein Herz« schrieb Raimund weiter »stille mein Herz
sprach ich oft ganz leise zu mir selbst wenn die Ungeduld über das unruhige
mitunter auch ziemlich schlechte Treiben der Leute um mich her sich gar zu
ungestüm in mir regen wollte warte nur bis es Nacht wird und die Welt zur Ruhe
geht dann kommt Deine Zeit Und war denn nun endlich mein mühseliges Tagewerk
vollbracht dann hochwürdige Frau dann eilte ich meinen einsamen vier Wänden
mit einer Sehnsucht zu als erwarte ich dort mit Gewissheit einen recht lieben
Besuch zu finden der mich für den ganzen langen Tag entschädigen sollte«
    »Ich kann Ihnen das freudige Gefühl nicht beschreiben mit dem ich an meinen
Schreibtisch flog wenn es nun endlich still um mich geworden war wenn ich nun
Ihnen und Vicktorinen alles erzählte was mich den Tag über erfreut alles was
ich gedacht alles was ich gesehen hatte Die schönen Gegenden durch die mein
Weg mich führte die großen Überbleibsel einer gigantischen Vorwelt deren man
in dem südlichen Teile von Frankreich so viele noch antrifft alles zeichnete
ich auf regellos ungeordnet aber treu und wenn ich endlich aus Ermüdung die
Feder niederlegen musste so war mir zu Mute als sei ich bei Ihnen gewesen bei
Ihnen und bei dem Leben meines Lebens das ich an Ihrer Seite so sicher mir
denke als es das Kind im Arme der Mutter ist«
    »Und doch warum sollte ich es Ihnen verhehlen wollen es ergreift mich
zuweilen ein Gefühl des Verlassenseins wie es nur der arme Verbannte empfinden
mag der in Sibiriens eisigen Wüsten sein trostloses Dasein zwischen Leben und
Erstarren kümmerlich fristen muss weit geschieden von der schönen Sonne die in
bessern Tagen und glücklichern Zonen ihm leuchtete Warum soll ich Ihnen nicht
bekennen es steht oft so schmerzlich klar und lebendig vor meinem Geiste dass
ich es kaum zu ertragen weiß wie unbegreiflich lange ich nun schon von Ihnen
und Vicktorinen geschieden bin so ganz getrennt dass auch nicht das leiseste
Zeichen ihres Andenkens kaum Ihres Daseins mich erreicht Und dennoch kann ich
es nicht lassen immer von neuem den trüben Blick der noch trübern Zukunft
zuzuwenden und zerrissen von Sehnsucht und Ungeduld zur Erhöhung meiner
eigenen Qual die Zahl der langen unabsehbar langen Reihe von Tagen im Voraus
zu berechnen die ich alle noch in dieser fürchterlichen Abgeschiedenheit werde
durchleben müssen«
    »Sie sind so mild Sie zürnen gewiss keinem der Ihnen vertrauend naht und
so will ich diesem Geständnisse auch noch das hinzufügen es gesellt sich zu
jenen Qualen oft ein sehr herbes Gefühl der Reue der bittersten Reue darüber
dass ich es nie wagte eine Bitte auszusprechen welche mir in Ihrer Nähe stets
auf den Lippen schwebte die heiße innige Bitte doch zuweilen sei es auch noch
so selten in noch so wenigen Zeilen mir von Sich und Vicktorinen Nachricht zu
erteilen Ich durfte diese Bitte nicht wagen weil ich Vicktorinens erzürnten
Vater einst versprach jeder Mitteilung zwischen uns beiden auf unbestimmte
Zeit zu entsagen Die Überzeugung dass auch Vicktorine mich ermahnen würde
dieses Versprechen in keiner Art zu verletzen bestärkte mich in meinem
Schweigen Denn sind wir nicht Eins Muss nicht jedes Gefühl das in mir laut
wird auch in ihrem Herzen wiederhallen Wenn ich aber indessen wieder bedachte
dass mich dennoch in Hinsicht auf Sie hochwürdige Frau kein Versprechen binde
dann freilich dann verlor ich doch zuweilen die fein gezogene Linie aus dem
Gesichte die einzig bestimmen konnte was hier erlaubt sei was nicht Sie soll
entscheiden beschloss ich endlich sie selbst Anna von Falkenhayn Hält sie es
für erlaubt so wird sie gewiss aus eigenem Antriebe mich auffordern ihr zu
schreiben und sich auch erbieten mir von Vicktorinen Nachricht zu geben«
    »Wie oft hochwürdige Frau wie oft lauschte ich damals als ich noch an
jedem Morgen Ihrer wohltuenden Nähe mich erfreuen durfte der Erfüllung dieses
sehnlichsten Wunsches mit bangbewegtem Herzensschlag entgegen Wie oft glaubte
ich ihr ganz nahe zu sein wenn Sie so mütterlich teilnehmend über die nahe
lange Trennung mit mir sprachen Irrte ich wirklich wenn ich in jener Zeit auch
in Ihren Augen zuweilen den Wunsch zu lesen glaubte dem armen Scheidenden der
all sein Hoffen einzig auf Sie gestellt hatte auch aus der Ferne ein Wort des
Trostes sagen zu dürfen Doch Sie schwiegen immer unabänderlich Und so ergab
ich mich endlich nicht nur darein den einzigen Trost zu entbehren welchen nur
Sie mir gewähren konnten sondern ich beschloss auch sogar Ihnen selbst nie zu
schreiben um mir die hoffnungslose Qual des Erwartens einer Antwort zu
ersparen«
    »Ohnerachtet dieses festen Entschlusses wage ich es aber doch heute nicht
nur freien Mutes Ihnen zu schreiben sondern auch schon jetzt mein Tagebuch
Ihren Händen zu übergeben was ich eigentlich erst später in einer glücklichern
Zeit zu tun gedachte denn ein über allen Ausdruck erhabenes aber zugleich
auch höchst schauerliches Ereignis hat vor kurzem mich von der Notwendigkeit
überzeugt vorher mein Haus zu bestellen ehe ich den Weg betrete den ich zu
wandeln habe Und so übergebe ich denn hochwürdige Frau im reinsten Vertrauen
auf Ihre nachsichtige Milde meinen letzten Willen Ihren Händen ehe ich Europa
verlasse oder vielmehr ich gestehe Ihnen dass ich dieses zum Teil schon
früher getan habe ohne dass Sie darum wussten«
    »Sie erinnern sich unstreitig einer kleinen Schatulle die ich kurz vor
meiner Abreise Ihnen mit der Bitte übergab sie mir aufzubewahren ich füge
diesem Briefe den Schlüssel zu derselben bei den ich überwältigt vom Schmerze
der Abschiedsstunde Ihnen zu überreichen vergas Das kleine Behältnis
verschließt in sicheren Papieren mein ganzes väterliches Erbteil und zugleich
auch eine Abschrift meines gerichtlich niedergelegten Testamentes durch welches
alles was ich besitze nach meinem Tode Vicktorinens Eigentum wird Gegen die
Reichtümer welche das teure Wesen dereinst von seinem Vater zu erwarten hat
muss zwar alles was ich geben kann nur als höchst unbedeutend erscheinen aber
es ist dennoch genug um Vicktorinen über den Zwang des Lebens zu erheben der
auf ihrem Geschlechte weit schwerer lastet als auf dem unsern Mein kleines
Vermächtnis kann sie vielleicht einst von der harten Notwendigkeit retten ihre
Neigung jenem Zwange opfern sich Pflichten aufbürden lassen zu müssen deren
Erfüllung sie stets als ein stilles Unrecht empfinden würde und der Gedanke ist
mir unbeschreiblich tröstlich selbst wenn ich nicht mehr bin der Geliebten das
höchste Gut die Freiheit ihres Gemüts auf diese Weise sichern zu können
Meine letzte Bitte bis wir uns wiedersehen ist für jetzt dass Sie hochwürdige
Frau dieses Kästchen eröffnen und mein Tagebuch denen darin schon befindlichen
Papieren beilegen«
    »Sollte ich nicht wieder kehren so wird Herr Kleeborn hoffentlich nichts
dagegen haben dass dieses letzte Denkmahl des trüben Daseins eines Menschen der
dann seinen Plänen nicht weiter hinderlich sein kann in Vicktorinens Händen
komme Ich war bei ihr als ich es niederschrieb und vielleicht wird es mir
vergönnt sie tröstend zu umschweben wenn sie einsam oder an Ihrer Seite mit
trübem Blicke diese Ergiessungen des treuliebenden Herzens überschaut das nur
ihr zu eigen war so lange der warme Strom des Lebens Regung ihm lieh«
    »Auch das Kästchen in welchem ich meine ganze Habe niederlegte gehört
Vicktorinen wenn ich nicht mehr bin und ich bitte die Geliebte es
hochzuhalten um meines Vaters willen denn es war ihm wert So lange der
teure Greis noch unter uns wandelte durfte keine fremde Hand es berühren und
sein brechendes Auge erstarrte in dessen Anblick Noch denke ich mit tiefem
Schmerze daran wie ich es ihm zum letztenmal hinreichen musste ich sah
deutlich wie er mit sichtbar peinlicher Anstrengung sich bemühte mir etwas
darüber zu sagen doch der Schlagfluß dessen Wiederholung ihm tödlich ward
hatte gleich im ersten Anfange seines plötzlichen Erkrankens ihn der Sprache und
zugleich der Kraft zum Schreiben beraubt
    Nach seinem Ableben fand ich bei der sorgfältigsten Untersuchung nichts
weiter in der Schatulle als die unser Vermögen betreffenden Dokumente welche
bis diesen Augenblick noch darin aufbewahrt liegen Und so muss ich denn glauben
dass nur das Kästchen selbst für ihn als Andenken einer früheren Zeit hohen Wert
hatte denn der Gedanke an Gold und irrdische Habe konnte unmöglich diesen
reinen edlen Geist noch in der letzten Scheidestunde bis zu diesem Grade
beunruhigen So lange ich denken kann sah ich den geliebten Vater sehr oft im
schmerzlichen Kampfe mit wahrscheinlich recht trüben Erinnerungen aus seinem
früheren Leben und dieses bestärkt mich in meinen Mutmaßungen von dem
Kästchen Indessen mochte ich es nie wagen die seltenen Augenblicke in denen er
eines kurzen Vergessens sich erfreute durch unzeitiges Forschen zu
unterbrechen und so ist mir alles fremd geblieben was auf seine
Jugendgeschichte Bezug haben mochte Mein eigenes Dasein ist mir sogar
gewissermaßen ein Rätsel dessen Auflösung mir indessen wenig Sorge macht Seit
mein Vater nicht mehr ist kenne ich niemand der durch Bande des Bluts mir
verwandt wäre und sogar das Land aus dem ich eigentlich stamme ist mir
unbekannt Denn aus einzelnen Äußerungen die zuweilen meinem Vater
entschlüpften musste ich beinahe vermuten dass er kein Deutscher sei obgleich
er der Sitte und Sprache dieses Landes vollkommen mächtig war und auch mich
darin erzog«
    »Die Bitte Vicktorinen einstweilen sowohl die Verfügungen die ich einer
ungewissen Zukunft wegen treffen zu müssen glaubte als überhaupt den ganzen
Inhalt dieses Briefes zu verschweigen wäre gewiss überflüssig«
    »Sagen Sie dem geliebten Wesen nur dass ich lebe und der Erfüllung meiner
Pflicht freudigen Mutes entgegen gehe Dieses ist erlaubt und mehr braucht es
zwischen uns beiden nicht Und nun vergönnen Sie mir noch ehe ich von Ihnen
scheide mein Tagebuch zu ergänzen indem ich Ihnen die Ereignisse dieser
letzten Tage mitteile Ich weiß dass diese auf vielfache Weise Ihr Mitgefühl in
Anspruch nehmen werden um so mehr da in Ihnen die Veranlassung zu diesem
Schreiben und meiner früher ausgesprochenen Bitte liegt«
    »Ich will mich hochwürdige Frau nicht weitläuftig darüber verbreiten wie
wenig erfreulich und unter welchem Drange mitunter recht unangenehmer
Geschäfte ich meine Zeit in Marseille hinbringen musste Meine einzige Erholung
nach jedem mühsam durchkämpften Tagewerk war Abends ein Spaziergang sobald die
Sonne sich dem Untergange zuneigte und am liebsten wallfahrtete ich dann auf
ziemlich steilem Pfade dem Gipfel eines nicht zu weit von der Stadt entfernten
Berges zu um mich dort an der um diese Stunde vom Meer herrüberwehenden Kühle
und der herrlichen Aussicht zu erquicken Gleich einer Mauerkrone schmückte hier
eine alte Zitadelle mit ihren von Wind und Wetter gebräunten Zinnen und Türmen
den nackten Scheitel des fünfhundert Fuß hoch über dem Meer stolz und kühn sich
erhebenden Felsens und bildet mit dem dunkeln Blau des darüber sich
hinwölbenden Himmels den wunderbarsten Kontrast den ich täglich mit neuer Lust
betrachtete Ganz in ihrer Nähe hat frommer Glaube schon seit undenklicher Zeit
eine Kapelle hingebaut in welcher die heilige Jungfrau unter dem Namen notre
Dame de la Garde verehrt wird und sowohl die Festung als der Felsen selbst
werden in der Umgegend nach diesem kleinen Tempel benannt Wenn ich diese
Kapelle besuchte so ergriff mich sowohl ihre Bestimmung als ihre Lage auf
unbeschreiblich rührende Weise Von der hervorragendsten Stelle des Felsens
winkt sie dem scheidenden Schiffe den letzten Gruß aus der Heimat noch lange
nach wenn der übrige Teil der Küste seinem Auge schon entschwunden ist und
dem Wiederkehrenden leuchtet sie zuerst entgegen wie ein aus den Wogen
auftauchender Freude und Wiedersehen verkündender Stern ehe noch das Land
selbst seinem Auge sichtbar werden kann. Das sonst als wundertätig hier
verehrte Gnadenbild von gediegenem Silber ward freilich schon damals als
frevelnde Hände jedes Heiligtum ungestraft antasten durften von den
Kürmagnolen entführt aber der alte fromme Glaube haftet doch noch an der
Stelle die es einst heiligte Die Seefahrer empfehlen sich vertrauensvoll dem
Schutz der notre Dame de la Garde wenn sie den Hafen verlassen und rings umher
an den Wänden hängen zahllose Dankopfer von denen die ihrem Beistande Errettung
aus der Sklaverei der Barbaren oder Erhaltung mitten in der drohendsten Gefahr
schuldig zu sein glauben Morgens und Abends eilen Frauen und Mädchen aus der
Umgegend hieher die für ein geliebtes Leben zittern das im Kampf mit dem wilden
Elemente begriffen ist welches sich hier unabsehbar wie die Ewigkeit vor dem
geblendeten Auge ausbreitet Sie schmücken den kleinen Altar mit frischen Blumen
und geweihten Kerzen und kehren hoffnungsvoll und beruhigt zu ihrem Tagewerk
zurück wenn sie im brünstigen Gebet den geliebten Mann der mächtigen notre Dame
de la Garde empfohlen haben Wie oft stand ich da gedachte Vicktorinens und
suchte in den ländlichen Gestalten irgend eine Ähnlichkeit mit dem geliebten
Wesen aufzufinden dessen reines inniges Gebet vielleicht in der nämlichen
Stunde für mich zum Himmel aufstieg bis auch mich mein Gefühl neben die
Beterinnen am Fuße des kleinen ärmlichen Altares hinzog wenn gleich mein Glaube
keiner heiligen Vermittler zwischen mir und Gott bedarf
    Am längsten und liebsten aber pflegte ich hier auf der Terrasse dicht vor
der kleinen Zitadelle zu verweilen von welcher aus sich eine wahrhaft
unermessliche Aussicht vor mir ausbreitete die ich bis jetzt noch keiner andern
zu vergleichen weis Land und Meer die große lebensreiche Stadt mit ihrem
Gewühl von dem kein Ton bis hier hinaufgelangt die malerisch geformten Felsen
der Hafen mit seinen vielen fremdartigen in ihrer Bauart so verschiedenen
Schiffen und Fahrzeugen aller Art die viel tausend kleinen Bastiden ringsumher
welche gleich leuchtenden weißen Punkten hervorglänzen aus ihrem
Myrtengesträuch ihren Olivenbäumen ihren Pinien alles dieses zusammen
gewährt hier beim Untergange der Sonne ein Bild dessen Darstellung weder Pinsel
noch Feder unternehmen darf Und doch fühlt sich Jeder zu dem Versuche
hingerissen und ich selbst muss jetzt gewaltsam mich davon abwenden«
    »Hieher hochwürdige Frau wallfahrtete ich auch noch am letzten Abende den
ich vor meiner Abreise nach Toulon in Marseille zuzubringen gedachte
Arbeitsmüde geistig erschöpft von tausend kleinen neckenden Widerwärtigkeiten
die ich des Tages über zu bekämpfen gehabt hatte machte ich mich etwas später
als gewöhnlich auf den Weg Die Sonne war schon dem Untergange nahe und ich
bemerkte es kaum dass ein dünner durchsichtiger Schleier den sonst ewig heitern
Himmel wie mit einem Flor zu bedecken begann Der Weg kam mir ungewöhnlich lang
vor der Felsen schien mir steiler als je kein Lüftchen wehte mir Kühlung zu
wie sonst immer um diese Stunde wo der Seewind sich aus dem Meere erhebt eine
für diese Jahreszeit sehr drückende Schwüle erschwerte mir das Atmen und ich
empfand eine so ungewohnte lähmende Mattigkeit dass ich recht froh war den
Felsen endlich erstiegen zu haben«
    »Ich eilte sogleich der Terrasse zu um noch einmal an der köstlichen
Aussicht mich zu erfreuen ehe es dunkel ward denn unter diesem Himmelsstrich
ist die Zeit der Dämmerung so kurz dass die Nacht gleich nach dem Sinken der
Sonne ihre Rechte geltend zu machen beginnt Zugleich wollte ich von dem alten
Invaliden Abschied nehmen der hier oben als Wächter angestellt ist und so lange
der Tag währt jedes am Horizonte auftauchende Seegel vermittelst eines großen
Fernrohrs beobachtet um dessen Ankunft sogleich der Stadt durch Signale kund zu
tun sobald sich nur die Flagge des ankommenden Schiffes erkennen lässt«
    »Zwischen mir und dem alten wackeren Graukopfe war während meiner öfteren
Besuche hier oben eine Art freundlichen Verkehrs entstanden von dem ich ihm ein
kleines Andenken zurückzulassen wünschte Ich hatte gewissermaßen sein Herz
gewonnen weil ich ihm freundlich zuhörte wenn er mir mit der alten Franzosen
so eignen Redseligkeit von seiner Jugendzeit erzählte die er gleich allen
Greisen der jetzigen weit vorzog von der vormals unter dem unglücklichen Ludwig
in Versailles herrschenden Pracht und von der Schönheit und Huld seiner noch
unglücklicheren Königin die er sogar einmal gesprochen zu haben versicherte
als er eben im Park von Versailles Schildwache stand«
    »Der gute Alte pflegte mich sonst immer mit so lauter Freude zu empfangen
als es die alt französiche Höflichkeit ihm nur erlauben mochte doch heute war
auch dieses anders wie sonst »Kehrt um Herr« rief er mir schon von weitem zu
sobald er mich ansichtig ward »geht zurück um Gotteswillen was wollt Ihr heute
hier oben Ein fürchterliches Unwetter zieht herauf und Ihr habt von Glück zu
sagen wenn Ihr noch vor dessen völligem Ausbruche die Stadt erreicht«
    »Ich begriff den alten Regnand anfangs nicht die Luft war vollkommen still
kein Hälmchen regte sich nur der Schleier der jetzt den ganzen Himmel
bedeckte verdichtete sich unmerklich aber schnell und über dem Meere hin
stiegen weissgraue zackige Wolkengebilde auf Doch plötzlich veränderte sich
alles Mit wildem ängstlichem Geschrei flog jetzt auf einmal ein unzählbares
Heer großer und kleiner Wasservögel von allen Seiten dem Ufer zu und suchte mit
bangem Geflatter sich in die Höhlen und Spalten der Felsen zu verbergen Nahe am
Strande war das Meer noch still es war als ob seine helle jetzt blassgraue
Fläche nur innerlich erzitterte ohne jedoch eigentlich Wellen zu bilden doch
weiterhin in der offenen See türmte es sich schon Haus hoch und ein dumpfes
schauerliches Getöse stieg immer lauter und grausenvoller aus der entsetzlichen
Tiefe zu uns herauf«
    »Wie kurz vorher die Möven und das übrige Geflügel dem schützenden Strande
zugeeilt waren so sah ich jetzt auf den Wogen unzähliche kleine schwarze Punkte
in ängstlicher Eile ihm zustreben lauter Fischernachen die mit Anstrengung
aller Kräfte das Land zu erreichen suchten Einer davon schlug nahe am Ufer um
aber die rüstigen Fischer retteten sich schwimmend In einiger Entfernung
wandten sich ein Paar große Schiffe mit vollen Seegeln durch die kleinen Nachen
durch wie ein Paar Schwäne teilten sie in stiller Majestät die schäumenden
Wogen und erreichten glücklich den nahen Hafen ehe der Sturm mit seinem
vernichtenden Fittig sie ereilen konnte«
    »Die Luft war am Ufer still aber das bange Grausen das auf der ganzen
Natur ruhte hatte auch mich ergriffen und ich stand da und blickte unfähig
mich abzuwenden den kommenden Schrecken entgegen Mein alter Freund saß
indessen unbeweglich wie fest gebannt vor seinem Fernrohr und obgleich die
hereinbrechende Dunkelheit ihm nicht mehr erlauben mochte weit zu sehen so
starrte er dennoch mit unverkennbarer Angst in die Wasserwüste hinaus wo der
Kampf der Elemente sich immer wilder erhob Von mir nahm er dabei keine Notiz
nur dass er ohne es vielleicht selbst zu wissen dass er es tat mich dann und
wann ermahnte heimzukehren so lange es noch Zeit sei«
    »Heulend pfeifend brüllend mit grässlichem Tosen brach jetzt der Sturm
los und das Meer antwortete ihm Bergehoch mit weißem hell durch die
Dämmerung leuchtenden Perlenschaume gekrönt türmte sich am Ufer die Brandung
auf brach am Felsen in sich zusammen erhob im Momente sich von neuem und
unabsehbar tief gähnte der schwarze furchtbare Abgrund zwischen den immer von
neuem wieder erstehenden Wogen So weit das Auge reichte siedete das Meer in
unbeschreiblicher Wut stürzten auf der unermesslichen Fläche Berge über Berge
ineinander Blitze fuhren daher und die ganze Atmosphäre stand in Flammen
Donner und Meer brüllten um die Wette Der jetzt ganz schwarze Himmel schien
sich in das Meer versenken zu wollen die gewaltigen Wogen türmten gegen ihn
sich an als wollten sie gleich ergrimmten Titanen mit ihm kämpfen und der
Fels auf dem ich stand schien in seiner Grundfeste zu erbeben«
    »Dichte Finsternis bedeckte die grausenvolle Szene und erhöhte ihre
Schrecken Jetzt zerrissen Blitze von allen Seiten die schwarze Wolkendecke und
bei der einige Sekunden lang anhaltenden und nach jedesmaligem Verschwinden
schnell wiederkehrenden blendenden Helle entdeckte mein scharfes Auge in nicht
zu großer Entfernung einen dunklern Gegenstand den eine Woge der andern im
grässlichen Spiele zuwarf der uns bald näher gerollt ward bald weiter sich
entfernte bald auf drohender Höhe schwebte bald tief hinab dem entsetzlichen
Abgrund zugeschleudert wurde Es war ein Schiff allmächtiger Gott ein Schiff
Wie klein ist alles Menschenwerk gegen die unermessliche Natur Und was sind wir
die wir uns rühmen die Elemente unserem Dienste zu unterjochen«
    »Jetzt begann der Regen in großen schweren einzelnen Tropfen niederzufallen
beim Scheine der Blitze glänzten diese wie Feuerfunken Mir kam es nicht in den
Sinn ein schützendes Dach aufzusuchen es war mir als gäbe es keinen Schutz
mehr in der Welt vor dieser vernichtenden Gewalt der Natur. Von Ehrfurcht
durchschauert in den tiefsten Tiefen meines Gemüts fühlte ich mich in der
unmittelbaren Gegenwart des Herrn der Welt und ich vermochte es nicht einen
andern Gedanken zu fassen als seine unbegreifliche Größe und die arme
Endlichkeit alles irdischen Beginnens«
    »Kommt herein Herr verschmäht meine arme Hütte nicht Ihr werdet unter
meinem Dache wenigstens im Trocknen sein« sprach jetzt mein alter Invalide und
zog mich mit höflicher Gewalt seiner kleinen ganz in der Nähe befindlichen
Wohnung zu »Ich sage es Euch vorher ich habe Euch gewarnt Herr aber da war
kein Gehör schalt er recht väterlich während er in seinem ärmlichen Stübchen
den durchnässten Rock mir auszog und ihn an das Kamin hing in welchem er mit
einigen Bündeln trockner Weinreben und ein Paar dicht belaubten Zweige der
immergrünen Eiche die hier einheimisch ist ein hellaufloderndes Feuer
anzündete«
    »Ich bin das gewohnt« brummte er während dieser Beschäftigung nach seiner
gutmütigen Weise fort »einem alten Soldaten schadet so etwas nicht leicht
aber Ihr junger Herr ich sage Euch ihr könnt eine Brustentzündung davon
tragen Folgt mir nur wenigstens diesmal und nehmt einen Tropfen von meinem
guten Curaçao das wird Euch wohl tun«
    »Ich tat alles was der Alte wollte ließ ihn ungestört um mich herum sein
Wesen treiben und horchte nur auf den Sturm der immer furchtbarer die Hütte
umtobte Plötzlich vernahm ich mitten durch den wilden Aufruhr der Elemente
einen von diesen sich unterscheidenden Schall wie von einer in nicht gar zu
weiter Entfernung gelösten Kanone gleich darauf noch einen und wieder einen »
Notre Dame de la Garde nehme der armen Seelen sich in Gnaden an die werden den
Morgen schwerlich wiedersehen« seufzte recht innerlich betrübt der Alte
»Habt Ihr es gehört Herr das waren Notschüsse Wohl mag das arme Schiff in
großer Not schweben aber da ist bei Menschen keine Hilfe Bei diesem Wetter
wagt kein Lootse sich hinaus«
    »Ich will hin rief ich und griff nach meinem am Feuer hängenden Rock ich
will hinunter sagt mir wo finde ich die Lootsen ich will ihnen Gold bieten
vielleicht «
    »Bleibt sage ich Euch bleibt« erwiderte der Greis indem er mich fest
hielt »ich sage Euch bötet Ihr auch Millionen hier ist nichts zu tun Die
Lootsen wohnen weit von hier nahe am Hafen es sind brave Leute darunter die
ihr Leben nicht achten wenn Hilfe möglich ist In dieser Nacht aber wäre jeder
Versuch an das Schiff zu gelangen wirklich Tollheit und könnte nur zum
Untergange führen Solchen Sturm hat niemand seit Menschengedenken erlebt Ich
kenne das Schiff wohl ich glaube dass es sogar Lootsen am Bord hat denn seit
mehreren Stunden sah ich unter großer Besorgnis zu wie es auf der Höhe lavirte
Es ist der Phönix ein braves Schiff eines der schönsten und größten von
Marseille Aber so viel ich durch das Fernrohr sehen konnte hat es während
dieser Reise durch frühere Stürme schweren Schaden erlitten denn es konnte sich
nicht recht regieren Sonst hätte es wohl eben so gut noch den Hafen erreicht
wie die Syrene und der Merkur die Ihr vorhin kurz vor dem vollen Ausbruche des
Unwetters einlaufen saht Horch sie schießen wieder  und wieder  arme Leute
arme Leute mögen Gott und die Heiligen sie trösten So dicht vor dem Hafen es
ist ein grausames Geschick«
    »Die Türe flog jetzt weit auf und hereinstürzte mit der Gebärde einer
Verzweiflenden ein junges Mädchen von dem ich mich erinnerte es sehr oft in
der Kapelle beten gesehen zu haben Wild flog ihr langes rabenschwarzes Haar um
das todtenbleiche Gesicht ihre Kleider waren durchnässt sie wollte reden aber
der Atem fehlte ihr«
    »Suzon Mamsell Suzon barmherziger Gott wo kommt Ihr her in dieser
Schreckensnacht« rief der Alte und schlug voller Entsetzen beide Hände
zusammen«
    »Die Lampe die Leuchte Eure Laterne Vater Regnaud  »stammelte das arme
Mädchen »ich muss hinab an den Strand hört Ihr das ängstliche Notschiessen denn
nicht  ich will hin ihnen muss Hilfe werden  sie müssen gerettet « ihre Knie
brachen bei diesen Worten unter ihr zusammen Vater Regnaud hielt sie im Fallen
auf sie zitterte konvulsivisch aber sie verlor nicht das Bewusstsein. Wir
standen ihr bei so gut wir es vermochten der Alte trug sie in seinen
gepolsterten Sorgstuhl neben dem Kamin rieb ihr die Schläfe mit gebranntem
Wasser und versuchte es ihr ein Paar Tropfen davon einzuflößen »Armes armes
Kind seufzte er dazwischen und eine Träne zitterte in seinen grauen Wimpern
»Die Unglückselige in dieser Nacht den Felsen zu erklimmen es ist unglaublich
Betet Mamsell Suzon betet zu Gott und unsrer lieben Frau für die armen Leute
sie sind in Gotteshand hofft auf ihn«
    »Gebt mir die Laterne erwiderte Suzon mit wildem fast wahnsinnigem Blick
ich sage Euch ich muss hinab an den Strand Sie wollte aufstehen doch sie
vermochte es nicht sie sank halb ohnmächtig zurück in den Stuhl und ihre Augen
fielen von selbst zu wie die einer Todmüden »Ich habe gebetet so betet
niemand wieder« sprach sie leise und immer leiser »notre Dame de la Garde 
ich wusste er käme heut Euer Signal  sie sagtens mir in der Stadt  sechs
Stunden lag ich am Fuße ihres Altars sie hat mein Gelübde angenommen sie
winkte mir  ich muss hinab ich rette ihn notre Dame de la Garde «
    »Die arme Suzon sprach die letzten Worte halb im Traume ihr Köpfchen sank
zurück ein eigenes Lächeln glitt über das bleiche Gesicht hin die an das
Stuhlkissen gedrückte Wange rötete sich ein wenig sie atmete leiser und
ohnerachtet der innern furchtbaren Angst machte die erschöpfte Natur ihre Rechte
geltend indem sie dem armen Kinde kurzes Vergessen aller Not gewährte«
    »Sie schläft« flüsterte der Alte und schlug ein Kreuz über die
Schlummernde dann wollte er auf die Terrasse hinaus sich umzusehen und ich
begleitete ihn Der Regen hatte aufgehört der Sturm tobte fürchterlicher als
zuvor kaum dass ich seiner Macht widerstehen konnte und mich aufrecht erhielt
Unaufhörliche Blitze gossen noch immer Ströme von Feuer über das siedende Meer
aus und noch deutlicher als zuvor erblickten wir bei ihrem Leuchten das
unglückliche Schiff ringend mit dem Untergange Dunkle undurchdringliche
Grabesnacht umgab uns gleich darauf wieder und durch die dichte Finsternis
leuchteten einzelne kleine schnell wieder verschwindende Funken zu uns auf es
war das Aufblitzen der Kanonen durch deren unaufhörliches Abfeuern die
verzweifelnde Mannschaft des Phönix noch immer menschliche Hilfe herbeizurufen
strebte aber der Schall verschwand unhörbar und ungehört in dem furchtbaren
Aufruhr der Natur
    »Ich konnte mich nicht entschließen zurück in die Hütte zu gehen und auch
der Alte blieb draußen wahrscheinlich um Suzons herzzerreissenden Anblick
auszuweichen Noch immer bestürmte ich ihn mit Bitten und Fragen um Mittel und
Wege dem augenscheinlich dem Untergange geweihten Schiffe zur Hilfe zu kommen
aber er wies mich unabänderlich ab wie man ein Kind abweist das Unmögliches
verlangt obschon das Herz des mit allen diesen Schrecken längst vertrauten
Greises für die unglückliche Suzon blutete«
    »Er sagte mir sie sei seine Pate die Tochter eines armen Fischers aus
einem kleinen Dörfchen nahe am Fuße des Felsens von notre Dame de la Garde das
schönste sittsamste anmutigste Mädchen weit und breit umher von Jugend auf
bei Alt und Jung beliebt Antoine seit langer Zeit ihr Verlobter war als
Matrose mit dem Phönix ausgegangen sobald er heimkehrte sollte die Hochzeit
sein und nun  dem alten Mann brach die Stimme vor innerer Bewegung er
vermochte nichts weiter hinzuzusetzen«
    »Ich dachte an Vicktorinen und  ach hochwürdige Frau lassen Sie mich was
ferner sich mit der Unglücklichen begab was mir das Herz zerriss indem es mit
einem Entsetzen mich erfüllte das immer von neuem wiederkehrt so oft ich daran
denke  lassen Sie mich das alles nur noch mit wenigen kurzen Worten andeuten
um Ihrer und meiner zu schonen
    »Wir kehrten in die Hütte zurück und  fanden Suzon nicht mehr Sie war
erwacht und hatte sich hinter unserem Rücken hinausgeschlichen Das furchtbare
Brausen des Sturms das wilde Toben der Wogen bei dem wir nur mühsam dicht
zusammen gedrängt uns einander verständlich machen konnten  wir hatten ihr
Fortgehen nicht bemerkt«
    »Wir riefen Hilfe herbei die wenigen Invaliden welche die Zitadelle
bewohnen vereinten sich mit uns der Fels der Weg zur Stadt die Kapelle
alles ward durchsucht obgleich die Schrecknisse dieser entsetzlichen Nacht die
Nachforschungen eben so gefährlich als mühsam machten  alles war umsonst und
Suzon blieb verloren«
    »Der Morgen graute das Gewitter verzog der Sturm legte sich doch das
erzürnte Meer siedete noch immer in innerlicher entsetzlicher Wut und die
schäumende Brandung tobte weit über ihre sonst gewohnte Gränze am Ufer hin Da
ging endlich die Sonne auf hell und heiter als leuchte ihr Strahl nur
Glücklichen die smaragdnen Wellen erglänzten sie hoben wie im feierlichen Tanz
die schaumgekrönten Häupter in unbeschreiblicher Pracht und warfen im wilden
Spiele die dunkeln Trümmer des gescheiterten Schiffes einander zu ein trauriges
Zeichen ihres Triumphs über zerbrechliches Menschenwerk«
    »Wie ich zurück nach Marseille und in meine Wohnung gelangt bin weiß ich
kaum Das in allen seinem Schrecken über allen Ausdruck erhaben große Schauspiel
dieser unvergesslichen Nacht Suzon Vicktorine alles dieses vereint drängte
sich auf dem Wege in meiner Phantasie zu einem einzigen gewaltigen Bilde
zusammen«
    »Es war mir unmöglich Marseille wie ich es mir früher vorgenommen hatte
schon an diesem Tage zu verlassen ohne vorher über das Geschick der armen Suzon
und der Mannschaft des so nah am Hafen gescheiterten Schiffes zu einiger
Gewissheit gelangt zu sein Alle alle hatten wahrscheinlich im Zorn des empörten
Elements den Untergang gefunden«
    »Als am zweiten Morgen nach jener Schreckensnacht das wieder beruhigte Meer
sich in seine alten Schranken zurückzog und die wilde Brandung sich legte
fanden die Fischer mehrere Tote welche die Wogen dem mütterlichen Boden wieder
zugeworfen hatten Antoine war der erste unter diesen unfern dem Wohnorte
seiner Braut lag er auf einer kleinen Erhöhung halb bedeckt noch von den
Wellen die einzeln über ihn hinschlugen und neben ihm seine bis in den Tod
getreue Suzon Kalt erstarrt durchnässt als hätte sie mit ihm die Gefahren des
Schiffbruchs geteilt hielt sie ihn noch immer fest umschlungen und keine
Gewalt vermochte die Liebenden im Tode zu trennen denen Vereinigung im Leben
nicht beschieden war«
    »Die Unglückliche Nachdem sie aus der Hütte des guten Regnaud entfloh
stieg sie wie man jetzt vermutet einen Fußpfad hinab der schnurgerade ans
Ufer führt Niemand begreift wie dieses Wagestück ihr in dieser entsetzlichen
Nacht gelungen sein kann denn nur selten mag einer der kühnsten Bewohner dieser
Küste den fast senkrecht steilen Weg bei hellem Sonnenscheine zu erklimmen
Wahrscheinlich fand sie zuerst beim grauenden Morgen den geliebten Toten noch
umspült von der Brandung die ihn ans Ufer warf und ihn wieder mit
hinabzureissen drohte Die erschöpften Kräfte der Armen vermochten nicht ihn
vollends an das Ufer zu ziehen und so sank sie neben ihm hin und fand selbst
den Tod in dem Bestreben ihren Geliebten wieder ins Leben zurückzurufen Es ist
ein Geschick über das sich weiter nichts sagen lässt hier bleibt nichts übrig
als schweigend in Ehrfurcht zu verstummen«
    »Am zweiten Tage ehe ich den Weg nach Toulon antrat ging ich hinaus um
das Meer noch einmal zu sehen doch den Felsen von notre Dame de la Garde mochte
ich nicht wieder besteigen Glänzend wie ein Spiegel kaum gekräuselt von leicht
dahin tanzenden Wellen lag es vor mir keine Spur mehr von der furchtbaren
Empörung in der ich es vor kaum acht und vierzig Stunden gesehen hatte Sinnend
verweilte ich lange in seinem Anschauen alle Schrecknisse jener Nacht gingen
nochmals an meinem Geiste vorüber und ich fasste hier zuerst den Entschluss
welchen ich jetzt ausführe indem ich diese Blätter und den Schlüssel zu dem
Kästchen Ihnen hochwürdige Frau übersende«
    »Mein Mut blieb indessen ungebeugt und ich darf sagen was ich sah und
erlebte hat ihn vielmehr neu gestärkt obgleich das harte Geschick der armen
Suzon und ihres Geliebten mich noch immer mit tiefer wehmütiger Trauer erfüllt
Drohen doch überall tausend Gefahren dem armen Leben des Sterblichen selbst
mitten im Kreise der Seinen auf festem Boden im sichern Hause Ist doch die
Erde ein weites Grab wie das Meer und jeder Atemzug ein unerforschtes Wunder
das unser Leben von einer Sekunde zur andern fristet Wahrlich wir müssten
entweder immer verzagen oder immer vertrauen und ich wähle mir das letztere«
    »Am nämlichen Tage noch trat ich meine kleine Reise nach Toulon an ich
suchte und fand neue Lebenskraft im Betrachten dieser von allem mir Gewohnten
so ganz abweichenden Pracht der Natur und es gelang mir nach und nach mich von
den düstern Bildern loszureißen die noch immer auf meine Phantasie eindrangen«
    »Alles ist hier anders wie bei uns und doch unendlich reizend keine Spur
jener anmutigen Frische die in den schönen Tälern am Ufer der Elbe des
Rheins der Donau uns mit so unbeschreiblichem Wohlbehagen erfüllt Weit und
breit ist nur wenig Grünes zu entdecken die Olivenbäume die in den
Steinklüften wurzeln der Tymian der Lavendel alle die viel tausende Kräuter
die wie ein Teppig sich über die Felsen hinbreiten zeigen meistens nur ein
einförmiges Graublau welches das dunkle ans Schwarze gränzende Grün der
malerischen Pinie nur selten unterbricht aber ein süssberauschender Duft steigt
Abends und Morgens aus ihnen auf Der Oleander der Rosmarin wachsen hier mit
der Myrte vereint zum hohen baumartigen Strauch heran Die Tazette der
Goldlack alle die vielen Blumen die wir im Norden mühsam pflegen gedeihen
hier in der Wildnis weit üppiger als in unsern Treibhäusern Myriaden von
Cikaden klingeln wie mit Silberglöckchen vom Morgen zum Abend ihr eintöniges
Lied und die malerisch gestalteten Felsen erglühen im Sonnenschein in einer
Farbenpracht die wir im Norden nicht kennen«
    »Da ich erst spät gegen Mittag ausgereist war so konnte ich Toulon nicht in
Einem Tage erreichen sondern musste in Cujes einem kleinen mitten in einem
Felsenkessel liegenden Orte übernachten dafür ritt ich aber auch schon mit
Sonnenaufgang wieder aus von meinem Bedienten und einem Postillion begleitet
der uns zum Wegweiser diente Unsere Straße führte uns anfangs durch ein
wunderschönes Felsental am Ufer eines lustig rauschenden Bergwassers hin dem
von den Höhen eine Menge kleiner silberhellen Quellen zustürzten als eilten
sie sich mit ihm zum fröhlichen Tanz durch das schöne Land hin zu vereinen Wo
nur ein urbares Plätzchen sich findet wachsen hier Mandelbäume Maulbeerbäume
und Reben zwischen dem Gestein unzählige Blumen biegen sich neugierig vor als
wollten sie in dem klaren Gewässer sich spiegeln und alles grünt und blüht in
üppiger Frühlingskraft Doch dieses währte nicht lange die Felsen erhoben sich
kühner das klare Strömchen verwandelte sich in einen scheltend und stürmend
zwischen engen Ufern daher rollenden Giesbach und alles um uns gewann einen
düsteren wilderen Charakter bis zuletzt jede Spur von Vegetation hinter uns
zurückblieb und das enge schauerliche Tal von Oliulles uns aufnahm In früheren
Zeiten selbst während der Revolution war es als der Aufenthalt gefährlicher
Räuberhorden berüchtigt und auch jetzt hatte man uns ermahnt es nicht
unbewaffnet zu durchziehen Denn der vieljährige Krieg hat die Menschen
verwildert und viele die während desselben heranwuchsen und kein anderes
Handwerk als Raub und Plünderung in fernen Ländern erlernten üben dieses jetzt
notgedrungen im eigenen Vaterlande aus besonders wo sie gerade wie in diesem
Tal einen Ort finden der von der Natur selbst zum Schauplatz dunkler Taten
bestimmt scheint«
    »Nie sah ich eine furchtbarere Einöde Ein wild verworrenes Labyrinth
grausenerregender Klüfte und Höhlen öffnet sich zu beiden Seiten der dicht am
Bergstrom sich hinwindenden Straße und bietet dem Räuber überall sichere
Zuflucht und Mittel zu entkommen Zuweilen treten die überhangenden Felsen so
nahe zusammen dass kaum ein schmaler Himmelsstreif dem Wandrer sichtbar bleibt
und kein belebender Sonnenstrahl in die schauerliche Dämmerung hinabzudringen
vermag Hier verstummt alles Leben kein Vogel singt in dieser furchtbaren
Wüste aus der selbst die genügsame Cikade entflieht weil auch kein armes
Hälmchen dem trocknen harten Steine mehr entspriesst«
    »Tief in mich selbst versunken ritt ich eine kleine Strecke voraus dem
einsamen dunkeln Pfad entlang während mein Bedienter mit dem Postillion etwas
zurückblieb um sich von diesen Mordgeschichten erzählen zu lassen deren
Schauplatz er gerade in die Gegend hin verlegte in welcher wir uns befanden
Meinem ehrlichen Dubois sträubte sich dabei das Haar himmelan aber er horchte
dennoch mit einem Interesse darauf welches auch gebildetere Naturen als die
seine nie ganz zu verleugnen vermögen und verlangte immer nach einer zweiten
furchterregenden Erzählung wenn die erste eben zum Schluße gekommen war«
    »So gelangte ich anscheinend ganz allein zu einer Stelle im Tal wo sich
die Felsen dem Auge so wunderbar in einander schieben dass der rückwärts
Schauende eben so wenig begreift wo er hergekommen ist als man absehen kann
wo es hinaus will wenn man den Blick vorwärts wendet Und gerade in diesem
ringsum von steilen Felsenwänden eingeschlossenen Platze sah ich plötzlich in
geringer Entfernung aus einer der Seitenklüfte zwei mit starken Knütteln
bewaffnete Männer hervorspringen deren verwildertes Ansehen das traurige
Gewerbe nur zu deutlich bezeichnete welches sie hier treiben mochten«
    »Wo hinaus« rief mir der Eine zu der mir am nächsten stand und suchte
meinem Pferde in den Zügel zu fallen während der Andere im gestreckten Laufe
herbei eilte Ich hatte indessen im Augenblicke als ich ihrer ansichtig ward
eines meiner Terzerole hervorgezogen und feuerte es nur über ihre Köpfe ab
denn warum sollte ich die armen Teufel zu verletzen suchen Der Schall
vertausendfältigte sich bis ins Unendliche zwischen diesen Felsenmassen und was
ich dadurch beabsichtigte war auch im nächsten Augenblick erreicht denn der
Postillion und Dubois bogen um die Ecke die Räuber flohen in ihre Schlupfwinkel
zurück sobald sie dieser Beiden gewahr wurden und verschwanden blitzschnell
vor unsern Augen«
    »Herr das waren böse Gäste« rief der Postillion »lasst uns eilen damit
wir diese verwünschten Räuberwinkel in den Rücken bekommen Ich ließ mir den
Rat gefallen und nun ging es eine Weile so schnell vorwärts als der bald
steil sich erhebende bald dem Abgrunde sich zusenkende Weg es nur erlauben
wollte Die Felsen zogen sich in immer wunderbarer sich gestaltende düstere
Klüfte zusammen Plötzlich sprang mein Pferd um die Seite ich suchte die
Ursache seines Scheuwerdens und ward mit Entsetzen einen fast ganz entkleideten
wahrscheinlich ermordeten Menschen gewahr der halb verborgen in einer
Felsenschlucht unfern dem Wege lag Schnell sprang ich vom Pferde um zu
untersuchen ob noch Leben in ihm sei Dubois Angst stieg zwar bis zum
Lächerlichen bei diesem Verweilen an einem so berüchtigten Orte und auch der
Postillion wäre gern vorwärts geeilt doch ich achtete nicht darauf und da ich
beiden in der nächsten Minute die Versicherung erteilen konnte dass der
Beraubte nicht tot sondern nur von einem Schlage auf den Kopf betäubt sei so
waren sie auch sogleich bereit mir in dem Bemühen ihn wieder ins Leben zu
bringen beizustehen Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Unglückliche den
nämlichen Räubern in die Hände gefallen denen wir kurz vorher begegneten
Dubois und der Postillion besprachen dieses mit einander sehr weitläuftig indem
sie sich um ihn beschäftigten und zogen daraus den tröstlichen Schluss dass die
Räuber deshalb wohl schwerlich sobald sich wieder hieher zurückwagen würden«
    »Mit welcher Freude ich endlich die erste Regung des wiederkehrenden Lebens
in dem Verwundeten wahrnahm vermag ich nicht zu beschreiben Nie zuvor hatte
ich gefühlt was es heißt ein Menschenleben gerettet zu haben und ich schrie
beinahe laut auf vor Entzücken als sein Auge sich dem Lichte öffnete Freilich
sank er bald darauf halb ohnmächtig wieder zurück doch gelang es uns deshalb
vielleicht um so besser die nötigen Vorkehrungen zu treffen um ihn mit uns zu
führen ohne ihm zu große Schmerzen zu verursachen«
    »Langsam schritt unser kleine Zug jetzt vorwärts bis wir den nicht mehr
sehr entfernten Ausgang des Tals erreichten Tausend Gedanken und Empfindungen
wogten indessen in meinem Gemüt Suzon und ihr schmerzliches Geschick standen
von neuem vor meinem Geist und die Überzeugung dass nur der Untergang jenes
holden liebenden Wesens mich in der rechten Stunde zur Rettung dieses jungen
Mannes herbeigeführt habe erfüllte mich mit unaussprechlich tiefer Wehmut
Denn nur um von Suzon noch Kunde zu erhalten war ich später von Marseille
ausgereist als ich zuerst es mir vorgesetzt hatte«
    »So geht das Leben durch Nacht zum Licht aus Untergang erwächst neues
Entstehen wie am Horizonte des gestirnten Himmels ein neues Sternbild glorreich
sich erhebt wenn andere nach vollbrachtem Laufe hinabsinken Die anscheinend
unbedeutendste unsrer Handlungen zieht oft eine Kette von Folgen nach sich bei
deren Betrachtung uns wenn wir den Blick rückwärts wenden geheimnisvolle
Schauer aus einer unsichtbaren Welt entgegen wehen Dass ich zu übelgewählter
Zeit einen Spaziergang unternahm daran hing allem menschlichen Absehen nach
das Leben dieses jungen Mannes nebst allen den nicht zu berechnenden Folgen
die aus seiner Erhaltung nicht nur für ihn sondern für alle die entstehen
können welche mit ihm schon in Verbindung sind oder noch im Laufe der Jahre mit
ihm in Verbindung kommen werden Wie ernst ist das Leben und wie wichtig
zugleich wie abhängig von allem was wir Zufall zu nennen wagen Man darf
darüber nicht zuviel grübeln aber wie soll man es anfangen sich dieser
Gedanken zu entschlagen wenn die Veranlassung dazu sich auf solche Weise uns
entgegen drängt«
    »Der Anblick der unaussprechlich reizenden Gegend welche dicht vor jenem
Felsental mir überraschend entgegen leuchtete entriss mich jenen vielleicht zu
ernsten Betrachtungen«
    »Ich gebe zu dass der Kontrast mit der eben verlassenen Wüste nicht wenig
dazu beigetragen haben mag mir alles was ich nun erblickte in feenartigen
Zauberglanze zu zeigen doch für den Moment war mir wirklich als sei ich
plötzlich aus den Schlünden des Tartarus in Elisium versetzt da ich im Dörfchen
Oliulles zum erstenmal in meinem Leben die ländlichen Hütten von Orangenbäumen
umgeben sah aus denen Hunderte von Nachtigallen uns entgegen sangen und deren
immer grüne im herrlichsten Blütenschmucke prangende Zweige zugleich unter der
schweren Last goldner Früchte sich beugten«
    »Unser Postillion war glücklicher Weise aus diesem Dörfchen gebürtig und so
ward es uns nicht schwer unsern Verwundeten hier einstweilen auf leidliche
Weise unterzubringen bis für dessen fernere Verpflegung besser gesorgt werden
konnte Ich ließ meinen Dubois bei ihm zurück und ritt so schnell als möglich
dem jetzt nicht mehr weit entfernten Toulon zu von wo ich sogleich einen
Wundarzt und eine Sänfte nach Oliulles absandte Am nächsten Tage hatte ich
schon die Freude den Unglücklichen in meinem Gasthofe anlangen zu sehen wo ich
für seine Verpflegung selbst Sorge tragen kann Bis jetzt liegt er äußerst
schwach beinahe regungslos da doch seine Wunden sind an sich nicht
gefährlicher Art und der Arzt hofft mit Gewissheit er werde genesen Diese
Hoffnung stützt sich hauptsächlich auf die innere Kraft einer jugendlichen
unverdorbenen Natur welche freilich durch mannigfaches Leiden vielleicht sogar
durch harte schwere Arbeit untergraben zu sein scheint bei sorgsamer Pflege
steht aber zu erwarten dass sie bald wieder die Oberhand über Fieber und Schmerz
gewinnen werde«
    »Im Ganzem ist mir dieser noch sehr junge Mann eine höchst rätselhafte
Erscheinung Seine verfallne abgemagerte Gestalt seine wenn gleich fein
geformten dennoch hart gewordnen Hände voller Schwülen scheinen freilich zu
beweisen dass ihn bis jetzt das Leben nicht sanft bettete und doch liegt ein
gewisses unbeschreibliches Etwas in seiner sehr edlen Gestalt und mehr noch in
seinem Benehmen sobald er nur einen Augenblick seiner Besinnung mächtig wird
welches darauf hindeutet dass er den gebildeten Ständen angehört die wir die
Höheren zu nennen gewohnt sind«
    »Der Arzt verbietet ihm zu sprechen was seine eigne Schwäche ihm ohnehin
kaum erlauben möchte er liegt die größte Zeit des Tages in einem an
Bewusstlosigkeit gränzenden Hinbrüten fast ohne ein Zeichen des Lebens und da
die Räuber ihm alles was er bei sich führen mochte nahmen so blieb mir
nichts was mich in meinen Vermutungen über seine früheren Verhältnisse leiten
könnte Gleichwohl ahnt mir zuweilen er sei vielleicht ein Deutscher und
dieser Gedanke erhöht meine Freude über seine Rettung um ein Großes Freilich
haben Luft und Sonne sein Gesicht gebräunt so dass er sich in dieser Hinsicht
durchaus nicht von den Eingebornen des Landes unterscheidet doch seine Locken
sind blond und einigemal glaubte ich deutlich zu hören wie er o mein Gott
seufzte wenn seine Wunden ihm stärker schmerzen mochten«
    »Morgen kehre ich nach Marseille zurück denn die Geschäfte welche mich
dort erwarten erlauben mir nicht nur noch einen Tag länger in Toulon zu
verweilen Der Unfall meines Unbekannten hat indessen die Wachsamkeit der
hiesigen Polizei nun belebt Gensdarmes durchstreifen das Tal von Oliulles
nach allen Richtungen hin und die große Straße wenigstens ist in diesem
Augenblick vollkommen sicher«
    »Mein Unbekannter bleibt indessen unter dem Schutze eines wackeren Deutschen
Namens Weiler dem Chef eines hiesigen bedeutenden Handelshauses zurück Denn wo
wäre eine bedeutende Stadt in Europa in der man nicht Deutsche anträfe Auch
der Arzt ist einer wie so viele der geachtetsten Ärzte in Frankreich Beide
ahnen mit mir in dem Unbekannten einen Landsmann und pflegen deshalb seiner um
so mehr mit wahrhaft brüderlicher Teilnahme Weiler ist sogar entschlossen ihn
in sein Haus aufzunehmen sobald der Gesundheitszustand des Kranken dieses
erlaubt So weis ich ihn denn gut versorgt und kann leichten Mutes von ihm
scheiden ich lasse ihm meine Adresse und die meines Hauses zurück und Herr
Weiler will sich mit mir vereinen um ihm die Heimkehr zu den Seinen auf jede
Weise zu erleichtern Und nun leben Sie wohl hochwürdige Frau Sie werden jetzt
in langer langer Zeit nicht wieder von mir hören aber ich weis Sie vergessen
meiner dennoch nicht Lebe wohl Geliebte Vicktorine Du schönes holdes Licht
meines Lebens Lebe wohl mein Vaterland Europa lebe wohl Mein Schiff liegt im
Hafen vor Marseille zur Abfahrt bereit Es ist ein trefflicher Seegler der
Kapitain ein erfahrner verständiger Seemann Die Stürme der Tag und
Nachtgleiche sind vorüber und alles weissagt mir eine schnelle glückliche
Fahrt«
    »Mein Herz schlägt hoch in Freude dass ich nun endlich dem mir gesetzten
Ziele zueilen darf die Hoffnung des schönsten Wiedersehens winkt mir durch den
Schleier der die ferne Zukunft verhüllt was ich auf Erden noch zu ordnen
hatte ist jetzt geordnet und so rufe ich frischen Mutes aus voller Brust
Glück auf«
Schon das wohlbekannte Wappen mit welchem dieser Brief gesiegelt war hatte
wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen in den Augen der Tante die
Ähnlichkeit der Schriftzüge auf der Adresse mit den ihr unvergesslichen einer
längst zu Staub eingesunknen geliebten Hand zu erhöhen Als sie nun vollends
auch den kleinen goldnen Schlüssel aus seiner Verhüllung wickelte welcher in
dem Briefe lag strahlte ihr ein zweiter heller Lichtschein aus ihrer fernsten
Vergangenheit so blendend entgegen dass sie darüber das Bewusstsein der Gegenwart
verlor Ihre zitternde Hand vermochte es kaum den Schlüssel fest zu halten sie
betrachtete ihn genauer er war es unverkennbar derselbe Sie drückte beinahe
unwillkürlich auf eine oben am Griffe angebrachte Rosette diese wich noch wie
ehemals dem leisen Drucke und schob sich zurück Anna glaubte zu träumen
    In unbeschreiblicher Bewegung brachte sie jetzt auch das Kästchen herbei
welches Raimund ihrer Bewahrung anvertraut hatte Ohne es genauer zu betrachten
hatte sie es damals weggestellt und hätte nicht Raimund jetzt durch sein
Schreiben sie dazu berechtiget so würde sie es ihm gewiss bei seiner Rückkunft
ganz unberührt wieder gegeben haben ohne dass es ihr je eingefallen wäre die
Chatulle aus der Verhüllung zu ziehen die solche von allen Seiten dicht umgab
Mit strahlenden Augen mit einem Gefühle ohne Namen erkannte Anna auf den
ersten Blick jetzt das aus seinem Futterale gehobene Kästchen für das nämliche
welches einst Bernhard von Leuen als ein von seiner Mutter ererbtes
Familienkleinod mit der größten Sorgfalt aufbewahrte Wie oft hatte sie die
alte mit Gold künstlich eingelegte Arbeit alle die unendlich feinen Blumen und
in einander verschlungnen Züge mit ihm bewundert die das Elfenbein schmückten
aus welchem die Außenseite dieses kostbaren Behältnisses bestand Sie versuchte
es mit dem zierlichen Schlüssel zu öffnen das Schloss wich das Kästchen sprang
auf und leuchtend wie sonst glänzte die Silberplatte ihr entgegen welche das
Innere desselben oben und unten und von allen Seiten bedeckte
    Alle die seeligen Stunden welche sie im entzückenden Gefühle des ersten
Aufkeimens reiner jugendlicher Liebe bei der Herzogin von P mit Bernhard
durchlebte gingen bei diesem Anblick wieder an ihr vorüber und weit drängten
sie die Gegenwart zurück Anna glaubte wieder Bernhards leisen Tritt zu hören
als schliche er herbei als wolle er wie er einst im fröhlichen Scherz getan
über ihre Schulter blicken um in dem kleinen Raume der hellspiegelnden Fläche
sein Bild mit dem ihrigen zu vereinen
    Wunderbar durch sich selbst getäuscht glaubte sie das Wehen seiner Nähe zu
empfinden unwillkürlich warf sie einen Blick in das Innere des Kästchens  doch
ach nicht das Bild des Geliebten nicht das ihrer eignen längst entschwundnen
Jugendblüte lächelte ihr daraus entgegen  sie erblickte nichts weiter als ihre
jetzige gealterte Gestalt Ergriffen von der unnennbaren und doch so
menschlichen Trauer um den versunknen Frühling ihres Lebens bedeckte sie bei
diesem Anblick ihr Gesicht mit beiden Händen und sank mit einem kaum zu
unterdrückenden Schrei des Entsetzens in ihren Armstuhl zurück als habe erst in
diesem Moment eine feindliche Gewalt ihre Jugendherrlichkeit mit einem Schlage
zerstört Was sie gelitten was sie verloren alle längst verjährten Schmerzen
die sie im Laufe ihres Lebens gefühlt und überwunden drangen jetzt mit
unsäglicher neubelebter Gewalt auf sie ein das Gefühl des Alters überwältigte
sie plötzlich mit seiner ganzen Trostlosigkeit ihr starkes Gemüt unterlag dem
Schmerze über den entsetzlichen Unterschied zwischen jetzt und damals als diese
nämliche Platte das leztemal ihr Bild ihr gezeigt hatte und sie brach in bittere
heiße Tränen aus wie sie nie wieder sie weinen zu müssen gehofft hatte
    Wir alle Männer und Frauen würden fühlen wie Anna damals empfand dürfte
das Alter uns so plötzlich nahen als der Tod zu unserem Heile es darf aber
die ihre Kinder immer schonende Natur führt uns glücklicherweise in leisen
Übergängen von Stufe zu Stufe dem Ziele unmerklich näher das der blühendsten
Schönheit wie der unverwüstlichsten Jugendkraft unvermeidlich wenn gleich
meistens unbeachtet gegenüber steht
    Annas lang geübte Gewalt über sich selbst gab ihr indessen bald wieder Kraft
genug um den Inhalt des Kästchens näher zu untersuchen Sie fand darin alles
wie Raimund es ihr geschrieben hatte eine versiegelte Abschrift seines letzten
Willens und die sein nicht ganz unbeträchtliches Vermögen betreffenden
Documente Sie nahm alles dieses heraus und bereitete sich nun die verborgenen
Fächer des Kästchens zu öffnen von deren Dasein Raimund nichts wusste und die
auch ihr verborgen geblieben wären wenn nicht Bernhard von Leuen sie einst
zufälliger Weise damit bekannt gemacht hätte dabei war sie überzeugt dass
Raimunds Vater seinem Sohne das Dasein dieser Fächer noch zu entdecken gewünscht
hatte und dass nur das schmerzliche Gefühl dieses nicht mehr zu vermögen die
letzten Stunden des sterbenden Greises beunruhigt haben mochte Übrigens konnte
in dem kleinen Behältnisse diese verborgenen Fächer niemand ahnen der nicht in
das Geheimnis eingeweiht war Denn die mit Gold eingelegte Arbeit welche die
elfenbeinerne Außenseite fast über und über bedeckte nebst den sehr massiv
scheinenden silbernen Platten im Innern desselben waren mehr als hinlänglich um
die Dicke und Schwere des Deckels und Bodens vollkommen zu motiviren
    Abermals schob jetzt Anna am Griff des Schlüssels die Rosette zurück welche
einen kleinen Magnet verbarg dessen Kraft ein fast unsichtbares im Innern des
Kästchens angebrachtes stählernes Knöpfchen beseitigte und beide im Deckel und
im Boden angebrachte Silberplatten sprangen im nämlichen Momente auf so wie sie
die dadurch jetzt sichtbar gewordne Feder berührte
    Mehrere Papiere größtenteils Briefe füllten zierlich zusammengefaltet
beide so lange verborgen gebliebene Fächer des Kästchens aus
    Anna heftete den trüben Blick lange darauf ohne dass sie es wagte die
Papiere zu berühren denn ihr scharfes Auge erkannte sogleich in einigen von
diesen Bernhard von Leuens Schriftzüge und ihr war als wolle der bleiche
längst geschlossene Mund des Toten noch einmal sich öffnen um ihr freundlichen
Gruß aus einem höheren Leben zu senden und ihr wirklich zu entdecken was ihrem
ahnenden Gemüte schon längst wenn gleich dunkel und unbestimmt vorgeschwebt
hatte
    Mitten unter den Papieren schimmerte eine kleine Kapsel ihr entgegen mit
zitternder Hand ergriff und öffnete sie diese und fand darin einen Ring mit
Bernhards Bildnis Die edlen Züge das seelenvolle Auge im kleinsten Raum aufs
treuste wieder gegeben ganz so wie sie zum erstenmal ihn sah leuchteten ihr
in blühender Jugendfrische entgegen von blitzenden Diamanten umgeben Sogar das
Kleid schien dasselbe welches Bernhard von Leuen bei jenem der Herzogin von
P zu Ehren gegebnen Feuerwerk trug Das dunkle Behältnis welches das schöne
Miniaturbild so lange aufbewahrte hatte die Farben vor dem Verbleichen
geschützt sie strahlten noch im ursprünglichem Glanze und Anna erkannte mit
erhöhter Wehmut die Arbeit eines ehemals berühmten jetzt ebenfalls schon
längst entschlafnen Künstlers darin der vor langen Jahren zu den Hausfreunden
ihres Vaters gehört hatte Sie betrachtete das Kleinod genauer und
unwiderstehlich drang sich ihr die Überzeugung auf dass dieser Ring ihr zum
Brautgeschenk bestimmt gewesen sei ehe ein unseeliges Missverstehen Bernhard von
ihr entfernte denn ihr eigener Namenszug mit dem des Geliebten zierlich
verschlungen war der innern Seite desselben eingegraben Jener wilde Schmerz
den sie so eben mühsam niedergekämpft hatte erwachte bei dieser Entdeckung
nicht wieder wohl aber bemeisterte sich ihrer ein tiefes Gefühl inniger
Wehmut dem sie ohne Widerstand mit schmerzlicher Freude sich hingab Sie zog
ein Gemälde Bernhards hervor welches sie nie von sich lies und das ihn so
darstellte wie er war als er zum letztenmal von ihr Abschied nahm sie
verglich die Greisengestalt mit dem lebenatmenden Bilde seiner Jugend Noch
einmal musste jener silberne Spiegel auch ihre eigne verblichne Gestalt ihr
zeigen und tief ergriffen von der Flüchtigkeit des Traums den wir Leben
nennen vermochte sie es jetzt die wohltätige Hand dankend zu preisen die
auch sie dem Ziele so nahe geführt hatte wo wie ihr frommes Hoffen ihr
verhieß Bernhard schon lange ihrer harrte
    Endlich gewann Anna es auch über sich den Inhalt der so lange verborgen
gebliebnen Papiere zu untersuchen und diese wehmütig ernste Beschäftigung gab
sie allmählig sich selbst ganz wieder zurück Sie fühlte inniger als je zuvor
die Verpflichtung hier tätig zu werden für das künftige Wohl des abwesenden
Raimund den sie von nun an als von Bernhard selbst ihrer Vorsorge empfohlen
betrachten musste Deshalb las sie alles was sie in den verborgenen Fächern
vorfand mit möglichster Aufmerksamkeit und wandte alle Kraft ihres Gemütes
daran um die mannichfachen Empfindungen zu unterdrücken welche bei dieser
Beschäftigung aufs neue ihre gewohnte Fassung zu zerstöhren drohten
    Was sie vorfand überzeugte sie von dem Berufe und der Möglichkeit, hier für
Bernhard selbst eintreten und unsäglich viel Gutes die geliebte Asche und den
teuren ihr nie verklungnen Namen Ehrendes bewirken zu können Von neuem
erwachte in ihr die lange Gewohnheit sich des Wohles Andrer tätig anzunehmen
alles übrige von sich weisend überließ sie sich einzig dem ernsten Überlegen
was hier am ersten zu ergreifen sei und kam auf diese Weise sehr bald zu dem
Entschlusse die Reise zu unternehmen welche sie, wie früher erwähnt ward am
folgenden Morgen wirklich antrat
Nach der Abreise der Tante blieb Anfangs im Kleebornschen Hause alles so
ziemlich unverändert wenigstens dem äußern Anschein nach Innerlich wurde der
alte Herr freilich mit jedem Tage verdrießlicher und Angelika und Vicktorine
empfanden die tiefe Sehnsucht nach der entfernten mütterlichen Freundin immer
schmerzlicher Feste und Lustbarkeiten gingen aber demohnerachtet nicht nur
ihren gewohnten Gang sondern wie das beim Schluss der Winterfreuden gewöhnlich
der Fall ist, sie drängten sich in und übereinander bis zum Überdrusse der
meisten daran Teilnehmenden Denn bekanntlich vermag es keiner der in einem
solchen Strudel von Geselligkeit befangen ist sich ihm in dem Augenblicke zu
entziehen da er seiner müde wird sondern jeder muss noch eine Weile im
gewohnten Kreise sich fortdrehen wenn gleich ohne Lust und ohne Freude daran
so wie zu rasche Tänzer noch einige Minuten nachdem die Violinen verstummten
unwillkürlich fortwalzen müssen
    Nach einem glänzenden Balle der bis zum Anbruch des Tages gewährt hatte
befand sich die ganze Kleebornsche Familie eines Vormittags bei dem sehr
verspäteten Frühstück nach altergebrachter Gewohnheit versammelt Alle waren
müde und lebenssatt und jeder Einzelne sogar Babet labte sich mit stillem
Wohlbehagen an der Hoffnung dass heute wahrscheinlich ein Ruhetag sein und
bleiben würde Da trat wider alles Erwarten Sir Charles herein um sich nach dem
Befinden der Damen zu erkundigen und fragte zugleich an ob er das Glück haben
könne sie den Abend in das Theater zu begleiten indem eine neue Oper zum
erstenmal gegeben werden solle von der man große Erwartungen hege
    Alle blickten voll Erstaunen auf ihn denn seit langer Zeit hatte man ihn
weder zu einer so frühen Tageszeit noch so auffallend zuvorkommend gesehen
Vicktorine erklärte sich indessen doch für zu ermüdet um nicht das
Zuhausebleiben der Oper vorzuziehen Agathe stimmte ihr bei und auf Babets
Meinung dass man gerade im Theater am aller besten ausruhen könne wurde gar
nicht geachtet denn auch der alte Kleeborn wollte von der neuen Oper nichts
wissen sondern lud Sir Charles ein den Abend lieber einmal mit ihm und den
Seinen im engsten Familienkreise zuzubringen
    »Ich könnte einer so angenehmen Einladung nicht widerstehen und wenn ich
auch ein weit größeres Vergnügen deshalb aufopfern müsste als ich daran finde
deutsche Musik von deutschen Kehlen abhaspeln zu hören« erwiderte Sir
Charles der heut einmal durchaus seinen höflichen Tag zu haben schien »Ich
komme gewiss« setzte er hinzu »obgleich ich es eigentlich nicht sollte denn
ich muss es nur gestehen dass ich alle diese Zeit her meine Geschäfte ganz
unerlaubt vernachlässigt habe Unter manchen andern üblen Gewohnheiten besitze
ich leider auch die immer nur ruckweise arbeiten zu können Mein Schreibtisch
seufzt unter der Last wichtiger Depeschen die ich längst ausfertigen sollte
der vielen Geschäftsbriefe die alle unbeantwortet daliegen mag ich nicht
einmal erwähnen Wilkinson sitzt schon seit sechs Stunden wie angemauert an
seinem Pulte denn ich muss Morgen vor Tagesanbruch zwei Stafetten abfertigen
des heutigen Posttags nicht einmal zu gedenken Indessen da ich ohnehin
entschlossen war die Nacht durch zu arbeiten im Fall die Damen sich heute für
das Theater bestimmt hätten so kann ich nun um so eher dieses kleine Opfer dem
unweit größeren Vergnügen darbringen mit Ihnen allein   «
    Kleeborn hielt es nicht länger aus er musste hier den Redner unterbrechen
und dabei leuchtete ihm die helle Freude aus den Augen denn nie zuvor hatte er
den jungen Mann so ernstaft von Geschäften reden hören Außer sich vor
Vergnügen darüber begann er jetzt auf das eifrigste ihn zu ermahnen und zu
bitten doch ja seiner kostbaren Gesundheit zu schonen und diese gefährlichen
Nachtwachen zu meiden welche jene sicher und unwiederbringlich zerstöhren
müssten Er versicherte dass er untröstlich sein würde wenn Sir Charles darauf
bestände ihm die Ruhe dieser Nacht aufzuopfern und so entstand zwischen Beiden
eine Art von edelmütigem Wettstreite in welchem Sir Charles durchaus die
Erlaubnis forderte den Abend mit der Familie allein zu bringen zu dürfen und
der Alte eben so hartnäckig dabei blieb ihm solche auf die freundlichste Weise
von der Welt zu versagen Es währte ziemlich lange bis Sir Charles endlich für
gut fand sich für überwunden zu erklären »Nun so sei es denn« seufzte er und
verbeugte sich nicht ohne Anmut in komischer Trostlosigkeit gegen alle in die
Runde »ich gehe ich armer Verbannter Aber weil es denn nun einmal so sein muss
und ich Sie alle heute nicht sehen darf so will ich auch gar nichts sehen als
den Wilkinson und seine verwünschten Schreibereien Ich schließe mich von Stunde
an in meinem Kabinette ein bleibe darin bis Morgen früh unzugänglich wie eine
Auster Nichts soll mich herauslocken und käme die Katalani selbst vor meine
Türe um mit ihrer Syrenenstimme dieses Wunder zu bewirken«
    Sir Charles entfernte sich und Horst folgte ihm auf dem Fuße nach denn ohne
ein Wort darin zu reden war dieser ein Zeuge des ganzen Vorganges gewesen Er
entschuldigte jetzt ebenfalls sein Nichtwiedererscheinen für diesen Tag mit
wichtigen Geschäften doch Kleeborn achtete kaum darauf so entzückt war er von
Sir Charles heutigem Betragen er wurde nicht müde es zu preisen und die
erfreulichsten Schlüsse für die Zukunft daraus zu ziehen wodurch denn die
Unterhaltung eine für Vicktorinen durchaus nicht erfreuliche Wendung gewann
    Langweilig war der Tag an ihnen allen vorüber geschlichen wie solche Tage
es gewöhnlich pflegen Die Teaterstunde nahte heran und Kleeborn überlegte
eben ob es nicht dennoch klüger gewesen wäre den für Arbeit und Vergnügen
gleich verdorbnen Abend vollends im Schauspiel gemächlich zu vergähnen als der
Rittmeister Horst ganz unerwartet hereintrat und mit ihm die Tochter seines
Majors eine Freundin Agatens Diesem neuen Ankömmling zu Ehren ward nun auf
des Rittmeisters besonderem Antrieb sogleich beschlossen dennoch ins Theater zu
fahren obgleich die eigentliche Stunde dazu schon beinahe vorüber war Der alte
Kleeborn schien wahrhaft erfreut einen Anlass gefunden zu haben der ihn
bestimmen konnte seinen früher gefassten Entschluss abzuändern besonders da
Horst ihm vertraute das Fräulein Natalie sei nur wegen der neuen Oper und in
Hoffnung auf einen Platz in der Kleebornschen Loge zur Stadt gekommen denn wie
viele alte Herren seiner Art bezeigte er sich noch immer gerne galant gegen
Damen Babet und Agathe waren ebenfalls sehr zufrieden damit und nur Vicktorine
äußerte den lebhaften Wunsch bei ihrer Angelika bleiben zu dürfen deren
schwache Nerven ihr ein Vergnügen dieser Art nur selten erlaubten Horst
erschrack sichtbar da er dieses vernahm und fing an mit solchem Ernst auf ihr
Mitgehen zu dringen dass selbst Angelika sich dadurch bewogen fühlte ihre
Bitten mit den Seinen zu vereinen Da Vicktorine sich noch weigerte stiegen
diese Bitten beinahe bis zum ängstlichen Flehen und nahmen nach und nach einen
so seltsamen Ton an dass Vicktorine endlich gezwungen ihm nachgab Der Wert
den er auf eine ihr so unbedeutend scheinende Gefälligkeit von ihrer Seite zu
legen schien kam ihr indessen doch halb lächerlich vor und sie konnte es nicht
unterlassen ihn ein wenig damit zu necken doch als sie ihn dabei genauer ins
Auge fasste erschrack sie beinahe über den Ausdruck feierlichen Ernstes in
seinen Mienen den er vergebens unter dem Scheine heiterer Unbefangenheit zu
verbergen suchte Es überlief sie dabei ein heimliches Grausen das sie sich
selbst eben so wenig zu erklären wusste als das sonderbare Benehmen ihres sonst
immer heitern Freundes so dass sie darüber endlich in eine Art ängstlicher
Befangenheit geriet und nun mehr als alle die Andern eilte um nur recht bald
in den Wagen und in ihre Loge zu gelangen
    Die Oper war angegangen und in dem fast überfüllten Hause herrschte die
größte Stille unter den Zuschauern Daher war es wohl natürlich dass die
verspätete nicht ganz geräuschlose Ankunft so vieler Damen für den Augenblick
einige Aufmerksamkeit erregen musste Doch diese Aufmerksamkeit schien sich gar
nicht wieder der Bühne zuwenden zu wollen selbst nachdem die unschuldigen
Stöhrerinnen der allgemeinen Ruhe schon längst ihre Plätze eingenommen hatten
Aus allen Ecken waren bewaffnete und unbewaffnete bekannte und unbekannte Augen
auf sie gerichtet ein tausendstimmiges Zischeln und Flüstern ging durch Logen
und Parterre und erfüllte das Haus mit einem seltsamen unheimlichen Geräusch
bei dem fast Niemand mehr das was auf dem Theater vorging zu beachten schien
Kleeborn selbst wurde auf die unter den Zuschauern herrschende Unruhe
aufmerksam er hatte sich bis jetzt mit einem Bekannten im Hintergrunde der Loge
aufgehalten doch nun trat er vor und beugte sich weit über die Brüstung
derselben hinaus um die Veranlassung dieser seltsamen Erscheinung zu entdecken
die er weit entfernt war in seiner Nähe zu suchen Sorgfältig musterte er die
Logenreihen mit seinem Opernglase während das Flüstern und Lorgniren von allen
Seiten zunahm Doch wer beschreibt sein Erstaunen als er in einer Loge sich
gerade gegenüber eine einzelne junge Dame gewahr wurde welche durch ihren
kostbaren aber etwas fantastisch überladnen Anzug sich nicht minder
auszeichnete als durch ihre wirklich blendende Schönheit und dicht hinter ihr
in seiner gewohnten nachlässigen Stellung über mehrere Stühle hingegossen den
Rücken dem Theater zugewendet  Sir Charles  der ohne weiter auf die Oper noch
auf das Publikum zu achten sich einzig damit zu beschäftigen schien die Blumen
in dem türkischen Shawl seiner schönen Nachbarin sorgfältig zu zählen
    Über den Anblick dieser Gruppe vergaß der alte Herr die noch immer nicht
abnehmende Unruhe im Publikum denn es fiel ihm nicht ein diese mit jener in
Verbindung zu setzen Er bemühte sich nur zu erraten wer wohl die Dame sein
könne die es heute vermocht hatte seinen zukünftigen Schwiegersohn aus dem
wohlverschlossnen Kabinette hervorzulocken Eine Fremde musste es sein davon war
er fest überzeugt nicht nur wegen ihrer auffallenden Kleidung sondern
hauptsächlich weil keine Einheimische einen solchen Verstoss gegen die allgemein
angenommene Sitte begehen konnte sich ganz allein von einem jungen Manne ins
Theater begleiten zu lassen Es tat ihm leid um die arme Person die aus
Unbekanntschaft mit der Gewohnheit des Orts sich vielleicht Unannehmlichkeiten
aussetzen konnte und er war schon im Begriff hinüber zu gehen und sie mit ihrem
Begleiter in seine eigne Loge abzuholen als er noch einmal im Hause sich umsah
und nun erst zu seinem großen Erschrecken gewahr ward wie alle seine näheren
und entfernten Bekannten eigentlich nur ihn zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit
machten Einige sahen mit besorgter Teilnahme ihn an andre trugen den
hämischen Triumph der Schadenfreude im lächelnden Gesicht die meisten
betrachteten ihn mit dem starren Blick neugieriger Erwartung dessen was
zunächst geschehen würde Nur das Paar ihm gegenüber schien seiner nicht gewahr
zu werden Die schöne Dame hatte alle ihre Aufmerksamkeit der Oper zugewendet
und von Sir Charles war es schwer zu entscheiden ob er schlafe oder wache
    Kleeborn trat sogleich in den Hintergrund der Loge zurück um mit dem
Rittmeister Horst der an eine Säule gelehnt mit angestrengter Aufmerksamkeit
den ernsten Blick auf jenes Paar geheftet hielt über diese seltsame Erscheinung
zu sprechen doch indem klopfte ihm jemand auf die Schulter und eine bekannte
Stimme bot ihm einen freundlichen guten Abend
    In großen Städten trifft man häufig auf Hagestolze von mittleren Jahren die
in allen sogenannten guten Häusern Eingang finden und überall sind einzig weil
sie den Leuten weiß zu machen wissen dass sie überall hingehören Diese Herren
reden über alles sind immer mit gutem Rate bei der Hand spielen hohes oder
niedriges Spiel wie man will um überall hinzupassen und üben unter der Maske
treuherzigen Freimuts eine Art von arroganter Vormundschaft über Jung und Alt
indem sie sich bei allen Gelegenheiten zum Vertrauten aufdringen Und alles dies
nur um sich ihren freien Platz am Tische im Theater oder bei Landpartien zu
sichern Ein solcher war Doctor Erning der eben den Vater Kleeborn begrüßt
hatte
    »Nun was sagen sie zu dem neuen Kometen der an unserem Horizonte
aufgestiegen ist Wie gefällt Ihnen die schöne Rosabelle« fragte Erning gleich
nach der ersten Begrüßung
    Kleeborn war noch zu befangen um des Doctors Meinung gleich zu verstehen
»Rosabella« wiederholte er ganz tonlos und unwillkürlich
    »Nun ja Rosabella oder auch Rosaspina« erwiderte Erning lachend denn so
viel ist wohl gewiss der alte Papa drüben in Holland wird sie wenigstens lieber
für einen Dornenstrauch als für eine Rose erklären denn das liebe Söhnchen mag
bei ihr viel Wolle sitzen lassen Aber schön ist sie doch das muss man ihr
lassen nicht wahr«
    »Ich verstehe Sie nicht« erwiderte Kleeborn mit erzwungner Kälte obgleich
auf seinem Gesichte deutlich zu lesen war dass er eben anfange alles recht gut
zu verstehen
    »Nun das muss ich sagen« rief Erning »Sie allein sollten nicht wissen was
die ganze Stadt seit drei Wochen weis denn so lange ist es seit er sie durch
seinen Kammerdiener von Paris abholen ließ weil er wahrscheinlich nicht Lust
hatte sie dort länger auf seine Kosten leben zu lassen Er hat sie in der
Vorstadt im Weissischen Gartenhause einlogirt wo sie sich Frau Gräfin nennen
lässt Sie sehen ich bin von allem genau unterrichtet also spielen Sie nicht
länger den Geheimnisvollen gegen mich Bei den kleinen Dejeunees die er dort
uns jungen Leuten en petite comité zuweilen gibt können Sie Papachen freilich
nicht sein aber exquisit sind sie deliziös auf Ehre Er versteht so etwas
anzuordnen das muss der Neid ihm lassen Wäre nur nicht immer auch der König
Pharao mit dabei das verdammte hohe Spiel ich kann es nun einmal für den Tod
nicht leiden Doch mit den Wölfen muss man heulen und er  «
    »Er und er und immer er was für ein er« fuhr Kleeborn jetzt im höchsten
Ärger auf Doch Erning dem er zu laut ward zog ihn schnell in den Logengang
hinaus und wandte nun alles an ihn zu beschwichtigen um dadurch noch größeres
Aufsehen zu vermeiden
    »Zürnen Sie nicht so lieber alter Freund wenigstens nicht auf mich der es
wahrhaft gut mit Ihnen meint« sprach er »was ist es denn weiter
Jugendstreiche die haben wir alle gemacht«
    »Herr« rief Kleeborn immer aufgebrachter »von was von wessen
Jugendstreichen ist hier denn die Rede  «
    »Wahrhaftig Sie wissen von nichts« fiel Erning ihm ein »nein wie konnte
ich das vermuten da ich den jungen Mann täglich in Ihrem Hause sah in welchem
er gewissermaßen zu Ihrer Familie zu gehören schien Bis jetzt war ich fest
überzeugt dass Sie alles absichtlich ignorirten da es aber so steht und Sie
die Sache so hoch nehmen  mit Klätschereien befasse ich mich nicht das weis
jedermann aber erfahren müssen Sie es doch es ist einmal der Sohn Ihres besten
Freundes und wer kann wissen was für Sie sonst noch wichtiges darum und daran
hängt Nun so hören Sie denn ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache
erzählen«
    Kleeborn musste sich gewaltsam zusammennehmen um dieses tropfenweise ihm
zugeteilte Gift nur mit einiger Fassung sich aufdringen zu lassen doch zum
Glück traten jetzt einige seiner bewährteren Freunde aus den benachbarten Logen
hinzu die das nicht ganz leise mit Erning gepflogene Gespräch zum Teil mit
angehört hatten und diese bekräftigten durch ihr ganz unzweideutiges Zeugnis
Ernings Erzählung bei deren Anhören der alte Kleeborn sich jetzt dem
ungemessensten Zorne überließ Auch Horst hatte sich dem kleinen Kreise
zugesellt und da der tief empörte schwer beleidigte Alte darauf bestand
sogleich nach Hause zu eilen nahm der Rittmeister sich nur eben Zeit die
Damen die seiner sehr richtigen Ansicht nach ruhig in der Loge verharren
mussten dem Schutze des Doctor Erning zu empfehlen zu dessen Ehrenämtern
dergleichen Aufträge ohnehin gehörten Dann eilte er dem alten Herrn nach um
ihn wo möglich von gewaltsamen Schritten zurückzuhalten
    Während dieser Vorgänge wollte der Zufall dass Sir Charles einmal die Augen
der Kleebornschen Loge zuwendete und zu seiner Ehre müssen wir bekennen dass er
wie vernichtet dastand als er die Gesellschaft in derselben erblickte und
zugleich das spöttische Lächeln gewahr wurde welches auf seine Kosten die
Gesichter seiner zahlreich versammelten Bekannten verklärte Mit einem Gefühle
ohne Namen glaubte er sich verhöhnt und absichtlich belauscht Er sah sich schon
zum Stadtmährchen geworden und zwar auf eine derjenigen ganz entgegengesetzte
Weise die seiner Eitelkeit sonst so schmeichelhaft gedünkt hatte Sein erster
Entschluss war die Spötter mit eiserner Stirne zu braviren doch einem paar
tausend Menschen gegenüber ist das ein schwieriges Unternehmen Er richtete sich
zwar hoch empor und stellte sich an den am hellsten beleuchteten Platz in der
Loge aber nach einigen Augenblicken wurde ihm diese Lage doch so unerträglich
dass er seiner Dame den Arm bot und ohne auf ihren Wunsch das Ende der Oper
abzuwarten zu achten das Schauspielhaus mit ihr verlies
    Vicktorine bewährte bei dieser Gelegenheit abermals die oft gerühmte Kraft
ihres Karakters indem sie wenn gleich mit großer innerer Anstrengung im
Äußern so ruhig als möglich sich zeigte Besorgnis Freude Mitleid mit der
Kränkung die ihr Vater erleiden musste Furcht vor der nächsten Stunde in der
sie ihn wiedersehen sollte wogten in ihrem Gemüte und regten die Ahnung einer
nahen bedeutenden Wendung ihres Geschicks in ihr auf Die Art mit welcher der
Rittmeister Horst sie diesen Abend zum Besuche des Theaters beinahe gezwungen
hatte machte ihr den Anteil den er an diesem seltsamen Zusammentreffen haben
mochte nur zu deutlich und sie wusste nicht ob sie ihm denselben verdanken
oder ihn darüber tadeln sollte Dazwischen quälte sie Ernings Zudringlichkeit
mit der dieser ein Gespräch anzuknüpfen versuchte in welchem er zu erforschen
gedachte welchen Eindruck Sir Charles Betragen auf sie gemacht habe Es ward
ihr nicht leicht den unverschämten Frager auf würdige und doch nicht
beleidigende Weise in den ihm gebührenden Schranken fest zu halten Um ihm zu
entgehen suchte sie der Oper alle die Aufmerksamkeit wenigstens scheinbar
zuzuwenden welche Agathe und das Fräulein Natalie ihr wirklich schenkten
    Die aus allen ihren Himmeln hinabgestürzte Babet zeigte bei weitem nicht so
viel Fassung sondern spielte eine sehr trübseelige Rolle Unter dem Vorwande
unleidlicher Kopfschmerzen hatte sie sich in den Hintergrund der Loge
zurückgezogen wo ihrem feinem Ohr beinahe keine Silbe von dem Gespräche ihres
Oheims mit dem Doctor Erning entging Helle Tränen welche sie umsonst zu
verhehlen suchte rollten ihr dabei über die hochrot erglühenden Wangen herab
und fielen auf das Kreuzchen von Korallen das sie auf der Brust trug das
traurige Denkmal schöner Stunden
Das Unternehmen sich eine Rosabella in die nämliche Stadt nachkommen zu lassen
in welcher man die reiche schöne von Verehrern umlagerte Erbin eines sehr
Ehrliebenden und dabei auf den Ruf seines Hauses mit Recht stolzen Mannes zu
heiraten gedenkt gränzt so sehr an das Abenteuerliche dass man es selbst
einem so verschrobnen Charakter wie den des Sir Charles kaum zutrauen kann
ohne ihn zugleich für wenigstens halb wahnwitzig zu erklären Und doch hatte ihn
zu diesem Schritte nur hauptsächlich die Langeweile verleitet welche
Vicktorinens abgemessenes Betragen und Babets ihm aus tausend Gründen täglich
lästiger werdendes Hingeben in ihm erregten Daneben beleidigte die Verzögerung
seiner Vermählung mit Vicktorinen seinen Stolz auf die empfindlichste Weise und
doch erlaubte eben dieser Stolz ihm nicht die nötigen Schritte zu tun welche
einzig diese Verbindung herbeiführen konnten Auch das Leben in einem zwar
glänzenden aber doch sittlich beschränktem Kreise des höheren Mittelstandes kam
seinen verwöhnten Sinnen allmählig so schaal und abgestanden vor dass er es ohne
anderweitige Zerstreuung nicht länger ertragen zu können glaubte Und so lies er
sich wirklich von allen diesen zu einer Handlung verleiten welcher nicht einmal
die heftigste Leidenschaft hätte zur Entschuldigung dienen können Diese war
indessen durchaus nicht im Spiele denn Sir Charles hatte Zeitlebens weder die
schöne Rosabella noch irgend ein sterbliches Wesen außer sich selbst geliebt
Nur die unseelige Neigung sich stets glänzend zu zeigen und durch Reichtum und
persönliche Vorzüge alle Andern zu überbieten hatten ihn bestimmt um jeden
Preis eine Verbindung mit einer Person anzuknüpfen welche während seines langen
Aufenthalts in Paris als eine seltsame und merkwürdige Erscheinung großes
Aufsehen erregte
    Vielleicht war noch nie ein Mädchen dieser Art auf einen so sonderbaren
Standpunkt in ihrer Welt hingeraten als eben Rosabella in dem Augenblicke da
Sir Charles ihre Bekanntschaft machte Ihre wirklich blendende Schönheit erregte
überall das größte Aufsehen im gewöhnlichen Leben bezauberte sie alle die ihr
nahten und war stets von Männern jedes Alters umgeben welche ihr die höchste
Bewunderung zollten Doch auf dem großen Opernteater wo sie unter den
Tänzerinnen einen sehr untergeordneten Rang einnahm herrschte ein seltnes
Missgeschick über sie Sobald sie die verhängnisvollen Bretter betrat wollte ihr
auch das Unbedeutendste nicht gelingen sie stand von aller der ihr sonst
eignen Grazie verlassen wie unkenntlich da und trotz der angestrengtesten
Bemühungen war es ihr unmöglich auf der Bühne sich nur als den Schatten von dem
zu zeigen was sie außer derselben wirklich war Daher wurde ihr jedesmaliges
Auftreten gleichsam das Signal zu einem ganz eignen Kampf unter den Zuschauern
die verhältnismäßig doch immer nur kleine Zahl ihrer persönlichen Verehrer
suchte durch lauten Beifall ihren Mut zu erhöhn während das große durch die
Leistungen der in diesem Fach bedeutendsten Künstler verwöhnte Publikum jeden
ihrer misslungnen Versuche unbarmherzig rügte Der Parteigeist der in Paris bei
jeder Gelegenheit erwacht versäumte nicht auch hier sich tätig zu bezeigen
und unglücklicher Weise für die arme Rosabelle war ihre Partei gewöhnlich die
schwächste und erlitt schmähliche Niederlagen
    Morgens vergöttert Abends ausgepfiffen führte Rosabella zwischen der
stillen Bewunderung ihrer Verehrer im Hause und dem lauten Tadel des Publikums
im Theater ein wahrhaft trostloses Leben und so nahm sie Sir Charles Erbieten
an sie in eine andere Lage zu versetzen Ein ihr von ihm ausgesetztes
bedeutendes Jahrgeld half ihr seine bald darauf erfolgende Abreise nach
Deutschland mit großer Fassung ertragen aber ihr Herz sehnte sich ewig im
Stillen nach den verhängnisvollen Brettern zurück die an Allen welche einmal
sie betraten eine eigne nie zu lösende Zauberkraft üben Das magische Wort
Kabale dieser mächtige Trost aller schlechten Schauspieler und
Schauspielerinnen tröstete auch Rosabellen über ihr bisheriges Mislingen und
sie folgte daher mit Entzücken dem von Sir Charles an sie abgeschickten
Kammerdiener nach Deutschland indem sie hoffte auf den vornehmsten Bühnen
dieses ihr durchaus fremden Landes als Gastspielerin zu glänzen und in der
Ferne als eine der ersten Tänzerinnen die Lorbeeren zu erndten welche ihr
undankbares Vaterland ihr versagte indem es, ihrer Meinung nach ihren Wert
absichtlich verkenne
    Sir Charles dachte indessen gar nicht daran diese ihre Hoffnung zu erfüllen
und sie öffentlich auftreten zu lassen im Gegenteil waren für ihn die tausend
kleinen Ränke und Künste die er anwenden musste um ihr Dasein zu verbergen
gerade das interessanteste Rosabella musste es sich daher gleich bei ihrer
Ankunft gefallen lassen in einem ganz abgelegenen wenn gleich sehr elegant
eingerichteten Gartenhause in tiefer Verborgenheit ein durchaus eingezognes
Leben zu führen welches ihr gleich in den ersten Tagen die peinlichste
Langeweile verursachte Es währte nicht lange so gähnte sie mit Sir Charles um
die Wette und dieser wusste um dem verdrießlichen Zustande ein Ende zu machen
keinen bessern Rat als dass er nach und nach einige seiner näheren Bekannten
bei ihr einführte Rosabella wurde in diesem kleinen Kreise freilich für eine
polnische Gräfin ausgegeben welche durch Familienrücksichten dazu bewogen
eine Zeit lang in tiefer Verborgenheit zu leben wünschte aber ihr eigentliches
Verhältnis zu Sir Charles blieb deshalb doch niemanden ein Geheimnis um so
weniger als seine ungemessne Eitelkeit ihn selbst dazu brachte es oft sehr
deutlich erraten zu lassen Ohne dass er etwas davon ahnte ging die Geschichte
der schönen Rosabella gar bald wie ein Lauffeuer von Ohr zu Ohr die halbe Stadt
wusste darum bewunderte die seltene Frechheit des jungen Mannes und war auf den
Ausgang begierig nur Kleeborn hörte nichts davon weil niemand der Erste sein
mochte ihn davon zu unterrichten und weil wir auch das was uns zunächst
betrifft gewöhnlich zuletzt zu erfahren pflegen
    Das hohe Spiel welches Sir Charles in diesem kleinen Kreise seiner
Vertrauten einführte gewährte zwar ihm einige Zerstreuung da aber Rosabella
keinen Teil daran nahm so geriet sie bald in die verdrüsslichste Laune in die
ein so verwöhntes Wesen nur geraten kann Um doch einen Zeitvertreib zu haben
fing sie an ihren Beschützer mit tausend Eifersüchteleien zu quälen besonders
in Hinsicht auf seine Braut die er immer um sie nur einigermaßen zu beruhigen
als ein wahres Fratzenbild ihr beschrieb Endlich verlangte sie sogar durch den
Augenschein sich zu überzeugen dass jene wirklich so hässlich sei als man sie
ihr darstellte und es gelang ihr Sir Charles zu dem Versprechen zu bewegen
sie einmal ins Theater zu führen um ihr Vicktorinen von ferne zu zeigen
    Dieser verhängnisvolle Abend an welchem die neue Oper gegeben ward schien
Sir Charles zur Erfüllung eines Versprechens an welches er zu seinem großen
Überdrusse täglich gemahnt ward ganz auserlesen zu sein denn das Gespräch am
Morgen hatte ihn fest überzeugt es werde niemand aus dem Kleebornschen Hause
das Theater besuchen Er führte also die Schöne wirklich hinein bezeichnete ihr
das hässlichste junge Mädchen dessen er in den ersten Rang Logen ansichtig
werden konnte als die ihm bestimmte Braut und ergötzte sich heimlich an der
Wirkung seiner wohl ausgesonnenen List bis der Anblick der wahren Vicktorine
ihn in einen Abgrund von Zorn und Verlegenheit stürzte in welchem er die sonst
gewohnte Fassung völlig verlor
    Er schäumte beinahe vor Wut indem er Rosabella den Arm bot und sie ohne
auf ihre Gegenrede zu hören die Logentreppe mehr hinabriss als dass er sie
geführt hätte Unten hob er sie wie im Fluge in seinen Wagen und befahl sie in
ihre Wohnung zurück zu führen Im heftigsten Kampfe mit sich selbst lief er nun
noch einigemale unter den Arkaden vor dem Schauspielhause auf und ab um zu
überlegen ob es ratsam sei den Erfolg dieser Begebenheit ruhig abzuwarten
oder gleich jetzt zu dem alten Kleeborn zu gehen ihm entweder wegen des
niedrigen Belauerns seiner Schritte zur Rede zu stellen oder auch  nachdem
nun die Stimmung wäre in der er ihn treffen würde  zu suchen auf eine gute
Art allen Verdacht von sich abzuwenden
    Rosabella fuhr inzwischen nach Hause ohne recht zu wissen wie ihr geschehen
sei und suchte nur zu begreifen warum sie die Oper nicht hatte bis ans Ende
sehen dürfen was sie recht von Herzen bedauerte Ihre Hoffnung auf deutschen
Teatern als ein Stern erster Größe zu glänzen war durch den Anblick einiger
Statistinnen sehr hoch gestiegen welche an diesem Abend auf ziemlich
ungeschickte Weise durch ganz gewöhnliche Tänze das fehlende Ballet zu ersetzen
gesucht hatten und Rosabella fest überzeugt dass man in Deutschland nichts
besseres kenne wiegte sich eben in goldenen Träumen von ihrem künftigen
theatralischen Glanz als Sir Charles noch immer wie ein Wütender zu ihr
hineinstürzte sie mit Vorwürfen und Drohungen überhäufte ihr befahl auf der
Stelle zur Abreise sich zu bereiten und dann wieder in der nächsten Minute ihr
verbot sich nur vom Platze zu bewegen
    Rosabella hörte und sah ihm eine Weile ganz verschüchtert zu und war dabei
in nicht geringer Angst denn sie fürchtete wirklich dass ein plötzlicher Unfall
ihn seines Verstandes beraubt habe Doch als mitten im Zorne die Erklärung der
Ursache desselben ihm entschlüpfte und er sogar ihr verriet wie er sie zu
täuschen gemeint habe da hielt die lebhafte Französin sich nicht länger Die
verzweiflungsvolle Lage ihres Geliebten erschien ihr mit einemmal in einem so
komischen Lichte dass sie darüber in lautes Gelächter ausbrach welches immer
unaufhaltsamer wurde je mehr Sir Charles sich darüber erzürnte Selbst nachdem
er beim Fortgehen die Türe so unsanft hinter sich zugeschlagen hatte dass das
ganze Haus davon erbebte lachte Rosabella noch immer fort und es währte sehr
lange ehe sie sich wieder einigermaßen zu fassen vermochte
Der Rittmeister erwartete indessen Vicktorinen an der Türe ihres väterlichen
Hauses und trug die Zitternde in der Freude seines ehrlichen Herzens beinahe die
Treppe hinauf ohne diesesmal um seine Agathe sich zu bekümmern »Horst«
flüsterte Vicktorine atemlos vor Furcht den erzürnten Vater unter die Augen
zu treten  »Horst was haben sie angestellt«
    »Befreit habe ich Sie Kusinchen mein der Tante gegebenes Wort habe ich
gelöst« erwiderte er ihr jubelnd indem er sie ins Wohnzimmer führte wo sie
zu ihrer großen Beruhigung niemanden antraf als Angelika die ihr freudig
entgegeneilte
    »Du bist befreit meine Vicktorine ich hoffe Du bist es und wirst es
bleiben« sprach Angelika und drückte sie liebevoll an ihr Herz »Anna wird
wenn sie heimkehrt den Trost haben ihren Liebling fröhlicher hoffnungsreicher
wieder zu finden als sie ihn verließ ihre Tränen werden schneller versiegen
wenn sie  O Vicktorine« setzte sie schnell abbrechend hinzu »ich selbst bin
in diesem Augenblicke so seelig so innig erfreut vor allem darüber dass die
schwere Wahl von Dir genommen ist dem Vater widerstreben zu müssen oder die
heilige Treue zu verletzen«
    Vicktorinens Augen flossen vor Wehmut über indem sie die Freundin
betrachtete die jetzt plötzlich sehr bleich werdend in ihre Arme sank und mit
dem Abglanz des Himmels im fast brechenden Blick zu ihr hinauf sah Die Arme
war unglücklicher Weise Zeuge eines sehr stürmischen Auftritts zwischen Horst
und dem alten Kleeborn gewesen als beide aus dem Theater nach Hause kamen
Schrecken und Furcht hatten sie dabei weit gewaltsamer ergriffen als ihre
schwachen Kräfte es zu tragen vermochten und obgleich Horst die erste freie
Minute benutzte um sie zu beruhigen so vermochte sie es dennoch nur mit der
größten Anstrengung bis zu Vicktorinens Heimkehr sich aufrecht zu erhalten
    Freundlich wie immer eilte Agathe augenblicklich herbei sie zu
unterstützen »Lass mich das müde Kind zur Ruhe bringen« sprach sie indem sie
sorgsam sie fortführte »überlasst sie ruhig meiner Pflege ich wanke und weiche
die ganze Nacht nicht von ihr Horst mag indessen hier der Verkündiger seiner
eignen Taten sein und den Dank der Dame sich abfordern der er sich zum Ritter
geweiht hat« setzte sie im Herausgehen mit dem ihr eignen schalkhaften Lächeln
hinzu
    »Ist es nicht als sähe man eine geknickte Lilie an eine vollblühende
Zentifolie gelehnt« sprach Horst indem er den beiden Mädchen nachblickte »Und
Sie Kusinchen« setzte er hinzu indem er sich zu Vicktorinen wandte die ihrem
so lange zusammengepressten Herzen noch immer in Tränen Luft machte »Sie kommen
mir auch gerade wie eine vom Platzregen durchnässte Nachtigal vor die es gar
nicht glauben mag dass die Sonne wieder scheinen wird obgleich sie schon durch
die Wolken bricht Gott mag wissen wie ich heute zu poetischen Vergleichen
komme aber ein Wunder ist es nicht wenn ich am Ende selbst unter so seltsamen
Leuten auch anfange etwas seltsam zu werden Habe ich mich doch wie ein Kind
auf den Jubel gefreut der heute Abend hier unter uns laut werden sollte und
nun wird die Eine ohnmächtig und ich bekomme darüber meine Braut die einzige
recht vernünftige Person unter uns diesen Abend nicht wieder zu sehen Die
Andre die vor Allen Ursache hat froh zu sein will hier auf den Sopha in
Tränen zerfließen und unsre kleine Babet dort drüben sitzt in einem Eckchen
zusammengedrückt und hat Migräne Ist das die neue gebildete Art sich zu freuen
so bleibe ich bei der alten die mir weit besser gefällt«
    Babet welche bis jetzt schwer seufzend da saß und bald ihre Ohrringe
anfühlte bald den Kamm den sie aus ihren Locken gezogen hatte mit trüben
Blicken betrachtete sprang jetzt auf ergriff ein Licht schleuderte auf Horst
den wütendsten Blick den ihre hübschen blauen Augen nur aufzubringen
vermochten und verlies mit einem halb trotzigen halb weinerlichen »Gute Nacht«
das Zimmer Vicktorine aber reichte mit bittend freundlicher Gebehrde dem
Rittmeister die schöne Hand hin ohne vor innerer Bewegung ein Wort
hervorbringen zu können
    »Gute liebe Vicktorine« sprach Horst indem er freundlich ihre Hand
ergriff »ich weiß wohl dass ein junges Mädchen die Ereignisse des Lebens mit
ganz andern Augen ansieht als ein Husar ich habe alle mögliche Ehrfurcht vor
dem feineren Gefühle der Frauen und werde es nie wissentlich verletzen aber
jetzt wollte ich doch sie sprächen zu mir denn mir wird wahrhaftig allmählig
zu Mute als hätte ich ein böses Gewissen und ich habe es doch mit Allen
besonders mit Ihnen recht gut gemeint obgleich es mir jetzt vorkommen will als
hätte ich es Ihnen nicht recht gemacht Ich bitte Sie mir zu vergeben wenn es
so ist obgleich ich nicht begreife wie es damit zugegangen sein kann«
    »Glauben Sie mir« erwiderte jetzt Vicktorine indem sie mit gewaltsamer
Anstrengung sich zusammennahm »glauben Sie mir ich fühle was ich Ihnen ewig
zu verdanken haben werde aber guter treuer Freund verargen Sie es mir nicht
dass ich für jetzt mich noch nicht so freuen kann wie ich sollte lassen Sie mir
Zeit mich selbst wieder zu finden Alles ist mir wie ein Traum Sie und
Angelika sagen ich sei befreit Bin ich es denn wird mein Vater  Ach mein
Vater wie bangt mir vor seinem Wiedersehen und doch sehne ich mich danach«
    »Heut« erwiderte Horst »werden Sie ihn nicht sehen er wird die halbe
Nacht hindurch auf seinem Komtoir vollauf zu tun haben um den alten Müller
den Sie liebe Vicktorine weit mehr zu verdanken haben als Sie wohl glauben
mit allen Nötigen zu seiner Reise nach Amsterdam auszurüsten«
    »Müller reist nach Amsterdam« rief die erstaunte Vicktorine
    »Noch vor Tagesanbruch und obendrein mit Kurierpferden« antwortete Horst
»Er geht um den alten Wissmann dem er persönlich bekannt ist über das Benehmen
seines Sohnes weit besser mündlich ins Klare zu setzen als dieses durch Briefe
geschehen könnte Der alte Herr der ein sehr wackerer Mann sein soll wird gewiss
selbst einsehen dass man unter diesen Umständen Herrn Kleeborn nicht
beschuldigen kann er nähme sein Wort zurück wenn er die Verbindung zwischen
Ihnen und Sir Charles wie aufgelöset betrachtet indem dieser während seines
langen Aufenthaltes bei uns noch nicht den geringsten Schritt getan hat um ihn
an die Erfüllung desselben zu erinnern und sich überdem so betragen dass dieser
Bruch als durchaus von seiner Seite herrührend betrachtet werden muss Glauben
Sie nun dass es mit Ihrer Befreiung Ernst sei«
    Vicktorine vermochte nur durch freudig bejahende Zeichen zu antworten und
winkte ihm fortzufahren
    »Auf diese Weise« sprach Horst »wird Ihr Vater der Sorge enthoben seinem
alten Freunde wortbrüchig zu erscheinen und hoffentlich wird auch keine
Abänderung in ihrem durch die Zeit geheiligten Beiden Ehre und Vorteil
bringenden Verhältnis entstehen Der gute alte Müller der Ihnen wie Ihrem
ganzen Hause mit unsäglicher Treue und Liebe ergeben ist war der Erste der
diesen Vorschlag in Anregung brachte als er den Zorn und zugleich die
Verlegenheit Ihres Vaters sah Denn ich rief ihn mir zur Hilfe und durfte es da
ich wohl weis in welchem Grade er das Vertrauen seines Herrn durch mehr als
dreissigjährige Dienste sich erworben hat Ich wünsche Sie hätten gesehen wie
die Augen des alten Mannes glänzten indem er versicherte dass er trotz seiner
Jahre die Beschwerden der Reise gern auf sich nehmen und wenn es sein müsste
Leib und Leben daran setzen wolle um nur das liebe Fräulein Vicktorine vor
einer Verbindung zu bewahren der er immer mit schweren Herzen entgegengesehen
habe Sogar Herr Kleeborn selbst drückte gerührt ihm die Hand Ich kann Ihnen
den Trost geben dass der Schmerz Ihres Vaters über das Fehlschlagen eines lange
gehegten Lieblingsplans sich seit der Aussicht seinen alten Freund nicht
dadurch zu verlieren sehr gemildert hat Er hat mir sogar gedankt dass ich
wenn gleich wie er glaubt ohne es zu ahnen die Veranlassung gegeben habe ihn
von der Gegenwart eines Menschen zu befreien dessen immer unleidlicher
werdender Übermut ihm täglich unerträglicher wurde und der nur heute Morgen
durch die niedrigste Heuchelei sich ihm zum erstenmal in einem günstigeren
Lichte zu zeigen wusste«
    »Also ist es wirklich wahr und ich bin aller Qual und Sorge jeder Furcht
vor der nächsten Stunde die oft mich fast zu Boden drückte überhoben« sprach
Vicktorine hochaufatmend »Wie kann ich je dieses Ihnen verdanken denn dass Sie
absichtlich die Katastrophe dieses Abends herbeiführten werden Sie mir nicht
ableugnen wollen Und doch ich ehre Ihren geraden Sinn zu sehr um auch gegen
Sie nicht ganz offen zu sein selbst mit Gefahr Ihnen undankbar zu erscheinen
Lieber guter Horst musste es denn gerade auf diese Weise geschehen konnten Sie
meinem Vater nicht diese Aufsehen erregende Szene ersparen die sein Stolz und
das mit Recht sehr kränkend empfinden muss war es nicht möglich ihm auf
sanftere Weise über den Unwert dieses Menschen die Augen zu öffnen«
    »So sind die Mädchen« erwiderte Horst lachend »tragt sie auf den Händen
bis Rom und setzt sie am Tore etwas unsanft nieder und ihr werdet gescholten
Doch Sie sind wenigstens so billig mich nicht wie einen Spion ungehört zu
verdammen sondern wollen erst ordentlich Kriegsrecht über mich halten So hören
Sie denn meine Verteidigung«
    »Fürs erste will ich nicht leugnen dass ich heut jeden Schritt unsers
gemeinschaftlichen Feindes den ganzen Tag über bewachte denn sein gar zu
schmiegsames Betragen an diesem Morgen zeigte mir deutlich dass er etwas im
Schilde führe Ich will nicht leugnen dass Fräulein Natalie ohne mich an die
heutige Oper schwerlich gedacht haben würde und dass ich es für eine erlaubte
Kriegslist hielt durch sie das Zusammentreffen im Theater herbeizuführen von
dem ich fest überzeugt war dass es so enden musste wie gottlob geschehen ist
Schon lange wartete ich auf eine solche Gelegenheit Herrn Kleeborn über das
unsittliche Leben seines erkohrnen Schwiegersohns die Augen zu öffnen Die
Ankunft der Tänzerin war mir schon einige Tage vor der Abreise der Tante bekannt
geworden und ich stand eben im Begriff auch sie davon zu benachrichtigen als
ihr plötzlicher Abschied uns alle überraschte Warum sollte ich die letzten
Augenblicke welche die würdige Dame in unserem Kreise zubrachte durch eine
solche Nachricht beunruhigen da ich überzeugt war alles ohne ihre Hilfe an den
Tag bringen zu können besonders da sie mir noch in den letzten Stunden die Ehre
erzeigte mich zum Beschützer ihrer geliebten Vicktorine zu ernennen«
    »Aber lieber Freund konnten Sie denn nicht  «
    »Ihrem Vater alles erzählen nicht wahr« fiel Horst ein »Für mein Leben
gern hätte ich das getan aber wer stand mir denn dafür dass Herr Kleeborn mir
glauben dass es jenem listigen Menschen nicht gelingen würde sich weiß zu
brennen und dem alten Herrn ein X für ein U zu machen Denn wer in der Welt
zweifelt nicht gern so lange als möglich an einer Wahrheit die seinen liebsten
Wünschen widerspricht Am Ende konnte dadurch vielleicht die öffentliche
Erklärung Ihrer Verbindung nur noch beschleunigt werden Solchen Kämpfen durfte
ich Sie nicht aussetzen ich musste den Augenschein unwiderleglich für uns
sprechen lassen und den sichersten Weg wählen wenn gleich er nicht der
angenehmste war«
    »Ich fühle wie sehr Sie Recht haben und doch kann ich nicht umhin die
Kränkung die mein Vater erduldet hat schmerzlich zu empfinden Was sagte er
denn wie benahm er sich« sprach Vicktorine
    »Danken Sie Gott dass Sie nichts davon gesehen und gehört haben »erwiderte
der Nittmeister »und verlangen Sie nicht es genauer zu erfahren Dass der Papa
anfangs sehr wild war können Sie sich leicht denken Sie kennen seine heftige
alles Widerspruchs ungewohnte Natur Es war ein Glück dass ich ihn nicht aus den
Augen lies sonst wäre er hingegangen den Sir Charles zur Rede zu stellen und
daraus hätte doch nur sehr Unfreundliches entstehen können Es dauerte lange
ehe ich ihn bereden konnte davon abzustehen Endlich willigte er ein als ich
ihm vorstellte dass Sie doch noch nicht förmlich versprochen wären und daher
ein solcher Schritt von Seiten Ihres Vaters Sie nur erniedrigen könne Am
schwersten wurde es mir ihn über die öffentliche Beschimpfung zu beruhigen die
er erlitten zu haben glaubte und ihm begreiflich zu machen dass niemand
beschimpft sei als Sir Charles selbst Zum Glück kam Müller bald dazu und
half mir den aufgebrachten alten Herrn nach und nach in einem Grade besänftigen
wie ich es selbst sobald nicht erwartet hätte«
    »Was wird nun zunächst geschehen« rief Vicktorine noch immer sehr
beklommen »Wie werde ich morgen meinem Vater finden Wie wird Sir Charles sich
ferner gegen uns benehmen Ach wäre die Tante mir zur Seite ohne Sie irre ich
wie verloren und weis nicht was ich ergreifen soll«
    »Ich wollte auch sie wäre bei uns die würdige liebe Dame erwiderte
Horst wenn ich gleich vielleicht Ihnen diesmal in Ihrem Geiste raten kann
Geduld und Kurage glauben Sie mir Kusinchen damit kommt man in der Welt
überall durch und die Tante selbst vermöchte es nicht Ihnen etwas besseres zu
empfehlen Von dem fremden Narren werden Sie hoffentlich nichts mehr hören oder
sehen denn ich wüsste doch nicht wie er trotz seiner Frechheit es anfangen
wollte nach einem so öffentlichen Scandale sich noch hier im Hause zu zeigen
Und im höchsten Notfall ist Horst auch noch bei der Hand Beim Papa wird wohl
schlecht Wetter im Kalender stehen aber wenn das nun auch einige Tage oder
Wochen hindurch währte  «
    »Alles alles will ich mit der kindlichsten Unterwerfung ertragen« fiel
Vicktorine lebhaft ein »Ich weis ja welch ein lang gehegter Lieblingsplan ihm
zu Grunde gegangen ist Wie sollte ich da nicht alles tun um meinem Vater zu
beweisen dass ich mit wahrem Schmerze mein Glück auf Kosten seiner Zufriedenheit
erkauft sehe«
    »So ists Recht« sprach Horst »die Tante selbst könnte nicht vernünftiger
Ihnen raten Bleiben Sie dabei Kusinchen und lassen Sie für das Übrige den
lieben Gott sorgen«
Alle Fenster der Hauptetage im Hotel dAngleterre standen am folgenden Morgen
weit offen und man sah deutlich das geschäftige Walten der Besen und
Borstwische im Innern der Zimmer denn Sir Charles und sein ganzes Gefolge waren
über Nacht so vollkommen daraus verschwunden wie die bunten Bilder einer
LaternaMagika von einer weißen Wand wenn Licht herein gebracht wird Keine
Spur war von dem ganzen lustigen Treiben übrig geblieben nur ein geschäftiger
Lohnbedienter galoppirte noch durch die Straßen um in den angesehensten Häusern
der Stadt die zierlichsten mit Sir Charles Namen und p p c bezeichneten
Karten auszuteilen und auch bei Herrn Kleeborn wurde eine ganze Hand voll
derselben abgegeben
    So hatte denn auch für diesesmal der zweite Roman der schmerzlich betrübten
Babet sein Ende erreicht ohne dass ihr weiter etwas davon übrig geblieben wäre
als ein solches buntpapiernes mit goldnem Rande verziertes Denkmal seeliger
Täuschungen und sie unterlies auch diesesmal nicht es reichlich mit ihren
Tränen zu benetzen ehe sie es zu Theodors Abschiedskarte legte
    Nach reiflicher Überlegung hatte Sir Charles am vorigen Abend es denn doch
aufgegeben Herrn Kleeborn über sein Erscheinen im Theater zur Rede zu stellen
wie er es anfangs willens gewesen war Wilkinson und der Kammerdiener seine
beide Vertrauten fühlten so gut als er selbst dass dabei wenig Ehre zu erlangen
sein würde sie rieten ihm daher nach Kräften davon ab und brachten ihn lieber
auf den Gedanken plötzlich die Stadt zu verlassen um sich auf diese Weise in
den Augen des Publikums das Ansehen zu geben als habe er absichtlich eine
Verbindung auf eine so beleidigende Weise abgebrochen die er ihrer äußern
Vorteile willen doch im Grunde seines Herzens sehr ungern aufgab und gern
wieder angeknüpft hätte wenn dieses nur einigermaßen als möglich ihm erschienen
wäre
    Auch die sogenannte polnische Gräfin verschwand mit ihm um die nämliche
Stunde aus ihrer Wohnung doch scheint sie sich bald darauf von ihm getrennt zu
haben denn nach wenigen Wochen las man in öffentlichen Blättern von ihrem
Auftreten als Tänzerin auf einigen der größten Theater in Deutschland wo sie
indessen auch nicht die erwartete Anerkennung ihres Talents gefunden zu haben
schien
    Vicktorine hatte freilich noch eine harte Szene mit ihrem Vater zu bestehen
der sie was lange nicht geschehen war in sein Kabinet rufen lies um ihr
anzukündigen dass ihre Verbindung mit Sir Charles völlig aufgehoben sei Er
unterlies es nicht sie dabei mit Vorwürfen über ihr wohlberechnetes kaltes
Benehmen gegen diesen zu überhäufen welches wie er ihr Schuld gab den jungen
Mann angereizt habe sie sowohl als ihren Vater absichtlich zu beleidigen
Vicktorine trug alles mit Geduld wie sie es sich vorgenommen hatte und wagte
es sogar nicht auch nur eine Silbe ihm entgegen zu stellen als er sie zuletzt
warnte sich ja nicht durch diesen Vorfall nur um einen halben Schritt einer
Verbindung mit dem jungen Holm näher gebracht zu glauben Er redete sich selbst
immer tiefer in seinen Zorn hinein je länger er sprach und die demütige
Ergebenheit mit der sie alles über sich ergehen lies brachte ihn immer mehr
auf bis er sie endlich entlies weil er nichts mehr zu sagen wusste und sich
obendrein heiser gesprochen hatte
    Die Art mit der viele der geachtetsten Männer der Stadt gegen Herrn
Kleeborn Sir Charles letztes Bekragen erwähnten trug viel dazu bei ihn
heiterer zu stimmen und wenigstens den Wahn einer durch dasselbe erlittenen
Beschimpfung ihm zu benehmen aber dennoch vergingen viele Wochen ehe er es
über sich gewinnen konnte Vicktorinen mit gewohnter Freundlichkeit zu begegnen
Geschah dieses ja einmal in einem Augengenblicke des Vergessens so suchte er
gewiss im nächsten dieses Versehen durch verdoppelte Härte wieder zu verbessern
    Vicktorine blieb sich in ihrem Betragen immer gleich und suchte durch die
kindlichste Ergebung und nie ermüdende Aufmerksamkeit auf jeden seiner Wünsche
das Herz des Vaters sich wieder zu gewinnen aber es fielen dennoch täglich neue
unangenehme Szenen vor bei denen niemand mehr litt als die arme Angelika Liebe
und Ruhe waren das Element ihres Daseins und der zarte Faden an dem ihr Leben
noch schwebte erzitterte oft im allerschmerzlichsten Mitgefühle bei jeder
stillen Träne jedem leisen Seufzer ihrer Vicktorine Für den eignen Schmerz
hatte sie keine Tränen mehr sie liebte ihn sogar denn er erschien ihr jetzt
wie ein Engel des Lichts der sie der Vollendung immer näher führte doch bei
dem Anblicke des getrübten Frühlings ihrer in voller Jugendherrlichkeit
blühenden Freundin öffnete sich von neuem diese Quelle und stieg oft mit
stechendem Schmerze wie aus der tiefsten Tiefe ihrer Brust in das verklärte
Auge das lange schon im Vorgefühl der nahen Himmelsseeligkeit nur zu lächeln
gewohnt war
Inhalt einiger der Papiere welche Anna von Falkenhayn in den verborgenen
Fächern des elfenbeinernen Kästchens fand
 Bernhard von Leuen an seinen Bruder Albert von Leuen Gleich nach des Erstern
                   Ankunft auf der Insel Malta geschrieben
Um Dir guter Albert meinen letzten Abschiedsgruss zu senden benutze ich die
Rückkehr des Schiffes das mich mit dem günstigsten Winde wie im Fluge von
Venedig hierher brachte In dem freudigen Rausche der jetzt Dich beseeliget
hast Du Glücklicher hoffentlich längst schon die einzige Täuschung
verschmerzt welche ich mir jemals gegen Dich erlaubte indem ich nicht wie ich
Dich glauben lies von der kleinen Reise nach St nochmals zu Dir
zurückkehrte Warum sollte auch meine ernste trübe Gestalt sich nochmals in das
Paradies Eurer jungen Liebe stöhrend eindrängen wollen Wer selbst nicht
glücklich ist meide ja die Gesellschaft der Glücklichen seine Gegenwart ist
unheilbringend sie wirft erkältende Schatten in die frisch aufgehende Blüte
des Lebens denn wer dieser sich recht erfreuen soll der darf nie daran
erinnert werden wie leicht alles anders sein könnte und wie oft zwischen
Morgen und Abend eines einzigen Tages die unerwartete Entscheidung eines ganzen
Menschenlebens liegt
    Die Kluft zwischen mir und meinem Vaterlande ist jetzt sehr bedeutend und
meine Ruhe das einzige Gut nach welchem ich streben kann erfordert dass ich
alles meide was jene Kluft mir auch nur scheinbar verkleinern könnte Ich habe
viel zu vergessen und wem es damit wahrer Ernst ist der hüte sich vor dem
Schreiben denn die Feder ist in dieser Hinsicht die gefährlichste Vertraute
Daher wirst auch Du sogar nur selten Nachricht von mir empfangen und vielleicht
gehen Jahre darüber hin Was könnte ich Dir auch von mir zu melden haben Die
Geschichte meines Lebens ist hoffentlich abgeschlossen und was ich über Dich
und Deine Verhältnisse Dir sagen könnte würde doch nichts anders sein als
Wiederholung der ernsten Bitten und Ermahnungen die ich Dir während unsers
kurzen Beisammenlebens unaufhörlich an das Herz legte Selbst schon dieser Brief
kann beinahe nichts anders als jene Wiederholungen enthalten bewahre ihn wohl
lies ihn zuweilen wenn Du nach mir und meinem Rate Dich sehnst und möge Dir
dann sein als hörtest Du nochmals die warnende Stimme des von der Natur Dir
zugegebenen Freundes der Dich und Dein Glück im Herzen trägt und tragen wird
wenn gleich seine gegenwärtige Stimmung ihm nicht erlaubt Dir aus der Ferne oft
ein Zeichen davon zu senden
    Vor Allem lass mich die dringendste meiner Bitten Dir nochmals vortragen die
Bitte nie unter keinen Umständen die stille Burg unserer Väter mit einem
andern Wohnorte zu vertauschen Wer wie Du das hohe Glück reiner Liebe die
Krone des Lebens errungen hat der strebe doch ja nach Einsamkeit mit der
Geliebten nur in dieser kann es wachsen und dauernd bestehen so wie die
Alpenrose sich auch nur im reinen Äther ihrer hohen einsamen Berge in all
ihrer Pracht entfalten kann Albert bange Sorge um Dich bewegt mein Gemüt O
fliehe die Welt wenn Du Dein Glück Dir rein bewahren willst lass Dich von ihrem
Flitterglanze nicht verlocken Du kennst sie nicht Du weißt nicht Du ahnest
nicht wie die edelste Natur das Meisterwerk des hohen Schöpfers in jenem
glänzenden Gewühle hinabgezogen entwürdigt werden kann. Ich aber habe es
erfahren Du und Luise ihr einfachen fröhlichen harmlosen Kinder was wolltet
ihr dort Wie könntet ihr beide in Eurer glücklichen Unbefangenheit jemals
ungestraft es wagen Euch jenem schlüpfrigen Pfade anzuvertrauen der selbst den
Erfahrnen von Jugend auf mit ihm Bekannten Verderben und Untergang droht
    Du wirst auf der Burg unserer Väter mit Deiner Luise Dich zwar einsam doch
nicht allein befinden denn Hunderte gehören zu Euch die durch Deine Geburt von
der Natur an Dich gewiesen wurden und jetzt hoffend zu Dir hinaufblicken Du
selbst hast freilich im Laufe Deines jungen Lebens noch nichts verbrechen guter
Albert aber bei aller Deiner Schuldlosigkeit hast Du dennoch vieles gut zu
machen was in frühern Zeiten Deine Vorfahren verschuldeten ob gezwungen oder
freiwillig gilt hier gleich Betrachte in den Dörfern die zu Deinen
Besitzungen gehören die armen verfallnen Hütten den elenden Zustand ihrer mehr
als zur Hälfte verwilderten Bewohner dieser Anblick wird Dich besser über das
was Dir obliegt belehren als Worte es vermöchten Nie wird Langeweile Dir
nahen weil es Dir an Beschäftigung nie fehlen kann wenn Du mit redlichem Eifer
die Pläne zur Verbesserung des Zustandes Deiner Güter auszuführen suchst die
ich Dir vor meiner Abreise zum Teil schriftlich vorlegte auch Luise wird in
heiter verständiger Tätigkeit Dir zur Seite als Deine Gehülfin sich beglückt
fühlen und sich nach andern Freuden niemals sehnen
    Ein Name wie der Deine von Ahn zu Ahn Jahrhunderte hindurch ehrenvoll bis
auf Dich herabgeführt ist ein Kleinod dessen Wert Du nie zu hoch anschlagen
kannst wenn Du dabei die heiligen Verpflichtungen nicht aus den Augen
verlierst welche diese unverdiente Gunst des Schicksals Dir auferlegt
Erinnerst Du Dich noch wie uns Beiden das Herz aufging als wir Hand in Hand in
der dem Andenken unsrer Vorfahren gewidmeten Gallerie standen und die lange
Reihe ehrwürdiger Gestalten betrachteten welche vor uns in diesen Räumen
walteten Und doch war der erste unter ihnen er der einzige welcher keine
Ahnen aufzuzählen hatte bei weitem der Größte Denn viel ehrenvoller ist es
der Gründer eines kraftvollen herrlichen Stammes zu sein als sich durch das
Verdienst edler Vorfahren gehoben auf schon gebahntem Wege gemächlich durch die
Welt helfen zu lassen
    Doch Dir mein Bruder eröffnet sich eine Aussicht die Ehrenkrone unsers
Stammvaters mit ihm einst teilen zu können Zwar bist Du der letzte unsers
alten edlen Namens doch hoffentlich wird er wieder neues Leben gewinnen und Du
stehst einst in der Mitte zwischen der langen Reihe unsrer Vorfahren und einer
zahlreich erblühenden bis in die späteste Zeit hinab reichenden
Nachkommenschaft Du kannst es erringen dass einst Deine Urenkel und die Deiner
Untertanen vorzüglich vor Deinem Bilde gern bewundernd verweilen und dass der
Vater indem er dem Sohne es zeigt zu ihm spreche neige dich ehrfurchtsvoll
vor diesem Albert er verlieh dem zu seiner Zeit fast ganz gesunknem Hause der
von Leuen neues Leben er allein erhob es wieder zu seinem ursprünglichen
Glanze indem er Freude und Wohlhabenheit bis in unsre Hütten verbreitete und
durch Tätigkeit Umsicht und weise Sparsamkeit wieder aufbaute was eine
verworrene unheilbringende kriegerische Zeit zerstört hatte
    Doch glaube nicht dass ich verkenne auf welch ein schweres Unternehmen ich
hier hindeute oft schon mein teurer Bruder wenn Du vergebens nach Dir
genügenden Worten suchtest um Deine gränzenlose Dankbarkeit mir auszudrücken
fiel es mir schwer aufs Herz dass ich durch die Übertragung der Rechte meiner
Erstgeburt Dir weniger als Nichts gewährte wenn Du nicht selbst mit rastlosem
Eifer Dein Leben daran setzen willst um Dein Besitztum wieder zu dem zu
erheben was es vor den Verwüstungen des siebenjährigen Krieges und der aus den
langen Abwesenheiten seiner Eigentümer entstehenden Verwahrlosung gewesen ist
Einem edlen freien Geiste wird es unendlich leichter Neues zu schaffen als
Verworrenes Zerstörtes wieder zu ordnen und aufzurichten Es wollte mir daher
oft unbillig erscheinen dass ich Dir dem Knabenalter kaum Entwachsenen eine so
schwere Aufgabe aufbürden konnte und einzig die Überzeugung dass ich durch
diese Handlung nur der Zeit um einige Jahre zuvoreile konnte mich darüber
beruhigen Nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur wären Dir dem um viele Jahre
jüngeren Bruder dennoch die Verpflichtungen einst zugefallen die Du von mir
veranlasst schon jetzt übernimmst Als geistlicher Ritter hättest Du ihnen noch
weniger genügen können unser alter edler Name wäre mit Dir erloschen und das
Eigentum unsrer Väter die Sorge für das Glück derer die seit undenklicher
Zeit vom Vater auf den Sohn gewohnt waren dem Schutz eines von Leuen anvertraut
zu sein wäre fremden Händen zugefallen Da sei Gott vor dass ich dies zugeben
solle wenn ich es ändern kann
    Ich mein Albert ich bin vom Schicksal unabwendbar bestimmt einsam zu
leben und zu sterben ich müsste es und wärst Du nie geboren Sahst Du niemals
einen Baum stark und fest dem äußern Anschein nach aber an der eigentlichen
Wurzel seines Lebens nagt ein heimlicher Wurm er kann noch eine Weile
fortgrünen doch der Raum um ihn her bleibt ewig öde und in seinem kalten
Schatten sprosst kein junges Leben wieder auf Sahst Du je einen solchen Baum Er
war das Bild Deines Bruders Frage mich nicht weiter ich kann und will keine
Deiner Fragen über diesen Punkt beantworten aber glaube mir wenn ich mit dem
tiefen Ernst eines auf den Tod Verwundeten Dir sage es ist so
    Lass diesen Ausspruch Dich nicht zu sehr um meinetwillen betrüben denn ich
habe einst auch gelebt ein kurzes aber schönes vom seeligsten Traume
hochbeglücktes Leben doch jetzt ist es dahin Für andere kann ich noch wirken
so lange die Sonne mir scheint für mich nicht mehr denn ich habe keinen Wunsch
mehr auf Erden alles alles ist vorbei Dass ich aber indem ich tat was ich
für Recht und nötig erkannte zugleich Dein und Luisens Glück erbauen durfte
das ist die letzte Gunst welche das Geschick mir gewährte ich achte sie um so
höher je weniger ich mir noch einer solchen im Laufe meines Lebens gewärtig
war
    Sorge auch übrigens nicht um mich zwar bin ich bis heut hier völlig fremd
geblieben und weiß Dir über die hiesige Zustände nichts mitzuteilen doch Raum
für Tätigkeit gibt es überall Ich brauche nur diesen noch auch hier werde
ich ihn entdecken und denke so mich ganz leidlich von einem Tage zum andern
hinüber zu helfen
    Zugleich mit diesem Briefe wird das Dir wohlbekannte Kästchen von Elfenbein
Dir eingehändigt werden welches lange Jahre hindurch in unsrer Familie
hochgehalten und bewahrt wurde Ich sende es Dir zurück weil es hier dereinst
sehr leicht in fremde Hände fallen könnte bewahre es wohl und lasse es nie von
Dir behalte es zu meinem Andenken wenn es Dir dadurch vielleicht lieber werden
sollte Du findest es mit einigen Kleinigkeiten an Schmuck und Seltenheiten
angefüllt wie dieses Land sie bietet Übergieb diese Deiner Luise in meinem
Namen sie sind an sich beinahe ohne Wert doch ich hoffe Luise wird um
meinetwillen sie nicht verschmähen
    Den Ring mit meinem Bildnis den Du jenen Dingen beigefügt findest bestimme
ich Dir denn ich weiß es wird Dich freuen eine so treue Kopie meiner Züge zu
besitzen doch trage ihn nie an Deiner Hand und lass auch Deine Luise dieses
nie tun Eine der schmerzlichsten Erinnerungen knüpft sich für mich an den
Anblick dieses Ringes er darf nie zum Schmucke dienen da er die Hand nicht
schmücken durfte für die er ursprünglich bestimmt war Und nun lebe wohl Gott
erhalte Dir Dein jetziges Glück und segne Dich mit Kraft und Mut und Ausdauer
für die Bahn welche Du zu gehen hast
 Albert von Leuen an seinen Bruder Bernhard achtzehn Jahre später geschrieben
Wenn Du diese Schriftzüge erblickst mein edler schwer beleidigter Bernhard so
hat die alles ausgleichende Hand des Todes den Müden wirklich zur Ruhe geleitet
den Du schon vor langen Jahren zu den Verstorbenen zähltest Dem Lebenden
musstest Du zürnen weil er schwach und verblendet den Pfad nicht zu halten
wusste den Du so weise als liebevoll ihm bezeichnet hattest dem Todtgeglaubten
hast Du vergeben dies fühlte er wohl darum mochte er Dir nie wieder nahen im
Laufe des trüben Daseins das er in tiefer Verborgenheit auf Erden noch
fortführte und wahrscheinlich einige Jahre hindurch noch fortführen wird
    Dass Du aber dem Bruder gern ein willig Ohr leihen wirst wenn er gleichsam
aus seinem Grabe herauf Dir am Ende seiner Bahn Rechenschaft ablegen will
davon bin ich eben so überzeugt als dass dieses Bekenntnis seiner Verirrungen
wie seiner Leiden ein menschliches Herz bei Dir finden wird denn auch sie waren
menschlich Kein Verbrechen lastet auf Deinem armen Albert das glaube fest der
immer wache innere Richter gibt ihm das Zeugnis dass sein Streben zum Bessern
stets redlich war wenn er gleich leider weder von der Natur noch durch seine
Erziehung sich dazu eignete das zu werden was Deinem höheren Geiste aus ihm zu
bilden möglich schien
    Und nun lass mich noch einmal in meinem Leben wie der Bruder zum Bruder aus
vollem Herzen zu Dir reden Der letzte Ruhepunkt den ich auf Erden zu finden
bestimmt war ist erreicht Mein Pilgerstab hängt über dem kleinen Altar meiner
Laren und soll nicht wieder herabgenommen werden bis er zur Gruft mich
begleitet Doch jetzt lebe ich noch und ein unwiderstehliches Gefühl drängt
mich zu Dir Ich der Verwaiste Verlassene  durch Schuld oder Unglück nenne
es wie Du willst  von allem was mir einst lieb war Verbannte ich werfe mich an
Deine Brust um Dir zu klagen wie ich irrte und wie die Strafe jedem meiner
Irrtümer auf der Ferse folgte
    Ich muss Dir auch mitteilen was mir gelang was mich erfreute und welche
Aussicht auf eine alles ausgleichende Zukunft sich mir eröffnet indem doch
eine Hoffnung mir fröhlich erblüht eine von den vielen die ich in eitle
Truggebilde sich auflösen sah
Es wird nötig diesen Brief hier zu unterbrechen um dem was Albert seinem
Bruder aus seinem späteren Leben mitteilt eine kurze Übersicht der frühern
Ereignisse desselben einzuschalten die Albert als Bernharden vollkommen
bekannt übergehen musste Zugleich wird dem Leser einiges wieder ins Gedächtnis
zurückgerufen was schon vorläufig nur flüchtig erwähnt ist
    Albert wurde bekanntlich in Rom dem Geburtsorte seiner Mutter zum
geistlichen Stande erzogen dem er bei den sehr gesunkenen Verhältnissen seines
Hauses ohnehin gewidmet worden wäre selbst wenn seine Eltern sich nicht nach
einer kurzen höchst unglücklichen Ehe wieder von einander getrennt hätten Doch
überdem öffnete der mächtige Schutz eines Oheims seiner Mutter dem Knaben eine
der allerglänzendsten Aussichten auf der für ihn gewählten Bahn denn als
Kardinal und erklärter Liebling des damaligen Pabstes übte dieser eine fast
unumschränkte Gewalt in seinem Wirkungskreise aus Zwar lies er als ein sehr
frommer den Vorschriften seiner Kirche streng ergebener Geistliche sich nur
selten einen Missbrauch seiner Macht zu schulden kommen dem Nepotismus jedoch
dieser allgemeinen Erbsünde der höheren römischen Geistlichkeit vermochte er
nicht zu widerstehen und so benutzte er zu Gunsten seines Grossneffen dem ihm
verliehenen Einfluss indem er mit Umgehung aller Ordensregeln dem Knaben fast
noch in der Wiege die Anwartschaft auf eine bedeutende Komturei des
Malteserordens zu verschaffen wusste welche Andre durch jahrelange Anstrengung
im Dienste des Ordens sich erst erwerben müssen
    Sobald der Knabe weiblicher Pflege einigermaßen entbehren konnte ward er
von seinem vornehmen Beschützer der mütterlichen Aufsicht entzogen und dem Pater
Jeronimo übergeben einem sehr gelehrten Benediktiner der seine eigne Jugend
stets in klösterlicher Einsamkeit zugebracht hatte und mit frommer Scheu die
ihm ganz unbekannte Welt als einen Sündenpfuhl betrachtete Letzterem nicht
nahen zu müssen hielt er für das größte Glück auf Erden
    Albert wuchs an der Seite dieses Greises in so tiefer Einsamkeit auf als
wäre er mit ihm durch einen Zauberspruch in die Tebaische Wüste versetzt
worden Er sah beinah nichts und kannte nichts als seinen Lehrer seine Bücher
und die vier engen Wände einer Zelle im Kloster oder des kleinen Zimmers im
Pallaste seines Oheims welche er gemeinschaftlich mit seinem Lehrer bewohnte
Denn Pater Jeronimo teilte seine Zeit zwischen dem Kloster und dem Kardinal
der ihn zu seinem Allmosenier ernannt hatte und ihn hauptsächlich deshalb auch
zu Alberts Erzieher erwählte um den Knaben weniger aus den Augen verlieren zu
müssen
    Albert konnte sich nicht nach Genüssen und Freuden sehnen die er selbst dem
Namen nach nicht kannte aber wie alle von der Natur nicht ganz verwahrlosete
Kinder dürstete er nach Beschäftigung jemehr er heran wuchs und Jeronimo
benutzte dieses um ihn so früh als möglich in das Reich der Wissenschaften
einzuführen dem er selbst alles Glück seines stillen einförmigen Lebens
verdankte Das Talent und die unermüdliche Wissbegierde des Knaben entzückte
seinen Lehrer er brachte es bald dahin die klassischen Schriftsteller Roms und
Griechenlands mit ihm in ihrer Ursprache lesen zu können Zu ihren Dichtern
sogar ging er über ohne dass es dem in kindlicher Unbefangenheit grau gewordnen
Alten einfiel mit welchen Ahnungen eines von dem seinen ganz verschiedenen
genussreichen Lebens diese den Knaben erfüllen mussten welcher zum Jüngling
heranreifte Während Pater Jeronimo mit trockner Schulgelehrsamkeit seinem
Zöglinge die technischen Schönheiten eines seiner Lieblingsdichter auseinander
setzte oder in Vergleichung der verschiedenen Lesarten irgend einer dunklen
Stelle sich vertiefte führte die jugendliche Phantasie den scheinbar
Aufmerksamen auf Adlersflügeln weit weg in ein magisches Land wo alles ihn
entzückte und nichts ihm deutlich war am wenigsten seine Wünsche und
Hoffnungen
    Indessen wurde Albert unter der Leitung seines Lehrers dennoch grundgelehrt
In Athen im alten Rom in der Geschichte der Völker unter den Sternbildern des
nächtlichen Himmels war er vollkommen zu Hause doch von den Verhältnissen des
wirklichen praktischen Lebens wusste er in seinem zwanzigsten Lebensjahre weit
weniger als ein gewöhnlicher Knabe von acht Jahren Der Kardinal war indessen
mit der geistigen Ausbildung seines Grossneffen vollkommen zufrieden das übrige
meinte er würde zu seiner Zeit schon von selbst sich finden und er trug kein
Bedenken als Albert das dazu erforderliche Alter erreicht hatte ihm
anzukündigen dass er zur Reise nach Malta sich bereit halten solle
    Alberts Mutter war während dieser Zeit in einem Kloster gestorben dem sie
um den Himmel mit den Verirrungen ihres Lebens zu versöhnen ihr ganzes Vermögen
hinterließ Ihr Sohn war nun einzig aus die Großmut des Kardinals angewiesen
der ihn auch sehr freigebig mit allem versah was er zu seiner Reise bedurfte
ihm sogar erlaubte durch Deutschland zu gehen und sich in Triest einzuschiffen
weil Albert sehnlichst danach verlangte seinen nie gesehenen Bruder kennen zu
lernen
    Die Reise selbst auf die sich Albert wenn gleich nicht ohne heimliches
Bangen sehr gefreut hatte erfüllte in der Wirklichkeit durchaus nicht seine
Erwartungen besonders nachdem er die Alpen im Rücken hatte Das laute Treiben
und Lärmen der im Schweiße ihres Angesichts arbeitenden Menschen die Not der
Armen besonders aber die ihm barbarisch klingenden Töne einer ihm völlig
unverständlichen Sprache machten auf ihn den widrigsten Eindruck Alles was er
sah und hörte kontrastirte so sehr mit seinen goldenen Träumen dass er einem
vertrauten Kammerdiener seines Oheims welchen ihn dieser zum Begleiter
mitgegeben hatte alle Besorgungen der Reise überließ und nur aus dem Wagen
stieg um nächtlich zu ruhen
    Durch diese Art zu reisen geschah es denn dass er auf seinem väterlichen
Schloss eben so unbekannt mit der Welt und den Menschen anlangte wie er von
Rom ausgegangen war Wer ihn sah und hörte hätte glauben können es habe ihn ein
Wolkenwagen durch die Lüfte geführt ohne je die Erde zu berühren
    Er traf seinen Bruder nicht auf Leuenstein man wusste nicht einmal mit
Gewissheit zu sagen wo sich dieser jetzt aufhielt und der arme Albert fühlte
sich bei dieser Nachricht so verlassen wie nie zuvor in seinem Leben Das
einzige Erfreuliche für ihn war dass er mit dem im Schloss wohnenden Justiziar
sich in französischer Sprache leidlich verständigen konnte und dass dieser sich
ziemlich bereitwillig zeigte einstweilen für die Bequemlichkeit des jungen
Herrn zu sorgen bis Bernhard von Leuen von der Ankunft seines Bruders
benachrichtigt werden konnte
    Der alte Kammerdiener Giovanno eilte sobald als möglich seiner schönen
Heimat wieder zu ohne auf Alberts Bitten zu achten denn es schien dem
verwöhnten Südländer unmöglich zwischen den hohen Waldbewachsnen Bergen länger
zu verweilen in deren Mitte Schloss Leuenstein auf einer bedeutenden Anhöhe lag
    Albert war nun mit einemmale von allen seinen gewohnten Umgebungen getrennt
ohne auch nur den kleinsten Ersatz für diese gefunden zu haben Die so lange
ersehnte Freiheit welche ihm jetzt im vollsten Maße zuteil geworden war
beängstigte den klösterlich erzogenen Jüngling statt ihn zu erfreuen und ihm
war ungefähr so zu Mute wie es einem Kanarienvogel sein mag der dem Käfig in
dem er aufwuchs unbedachtsam entschlüpfte und nun wie verloren mit ungeübtem
Flügelschlage über Wiesen und Gärten ängstlich flattert Die Welt kam ihm so
weit und so unheimlich vor dass er einige Tage dazu brauchte ehe er nur zu dem
Entschlusse kommen konnte das Schloss zu verlassen und einsame Wanderungen in
den romantisch schönen Umgebungen desselben anzustellen Der Anblick der freien
Natur den er früher beinah nie genossen hatte verfehlte indessen nicht auf
ihn den tiefsten Eindruck zu machen er befreundete sich gar bald mit ihr denn
in ihr fand er zuerst seine Dichter wieder und seine frische Jugendphantasie
wusste beide zu einem entzückenden Ganzen zu vereinen Liebeglühend drückte
Albert Bäume und Blumen an seiner mit süßer namenloser Wehmut erfüllten Brust
ward nicht müde die Nympfe Echo zu wecken rief der Dryas ihm aus den Wipfeln
ihrer hohen Buchen nur einmal zu erscheinen und trieb dieses phantastische
Spiel bis die sinkende Nacht ihn zwischen die alten dunkeln Mauern seiner
väterlichen Burg wieder zurückbannte
    In ziemlich weiter Entfernung von dieser war er eines Morgens nicht lange
nach seiner Ankunft seinen Virgil in der Hand auf einem ihm noch unbekannten
Pfad geraten der zwischen hohen Gesträuchen am Saume eines von einem kleinen
See begränzten Waldes hinführte als ein ängstliches Rufen um Hilfe ihn
plötzlich aus seinen wachen Träumen aufschreckte Es schien vom See herzukommen
Albert teilte blitzschnell das diesen ihm verbergende Gesträuch um an das Ufer
zu gelangen und stand im nächsten Momente geblendet vor einer
Göttererscheinung
    Galatea mit ihren Gespielinnen war sein erster Gedanke als er vier schöne
junge Mädchen kaum zwanzig Schritte vom Ufer in einem kleinen Kahne sitzen sah
Doch bald ward er von ihrer irrdischen Natur überzeugt denn so wie sie seiner
ansichtig wurden streckten sie alle unter ängstlichen Klagetönen die runden
weißen Arme ihm entgegen Ihnen war das Ruder entglitten das sie ohnehin
schwerlich zu führen wussten Die armen Kinder glaubten wegen einer nicht weit
davon liegenden Mühle sich in der dringendsten Todesgefahr zu befinden obgleich
der spiegelhelle von keinem Lüftchen gekräuselte See gerade an dieser Stelle
sehr flach war und der Kahn eigentlich auf dem Sande schon fest saß
    Albert hatte zwar noch nie Gelegenheit gehabt den Umfang seiner physischen
Kräfte kennen zu lernen oder sich durch Behendigkeit und Besonnenheit aus
irgend einer Verlegenheit zu ziehen aber er bedachte sich dennoch keinen
Augenblick sich mutig den Fluten anzuvertrauen die ihm kaum bis über die
Fussknöchel reichten Dann ergriff er einen hinter dem Kahn herschwimmenden
Strick der inwendig befestigt diesen am Ufer anzubinden wahrscheinlich gedient
hatte und zog das Fahrzeug samt seiner reizenden Last etwas näher ans Land
endlich suchte er große Steine zusammen um den schönen Kindern eine Brücke zu
bauen und so gelang es seinem Bemühen sie alle ziemlich trocknen Fußes ans
Land zu bringen
    Kaum fühlten sie festen Boden unter sich so begannen die vier Mädchen alle
zugleich ihrem Erretter mit vielem Wortaufwande und großem Eifer ihre
Dankbarkeit bezeigen zu wollen doch leider verstand Albert keine Silbe von dem
was sie sagten und er hätte dieses auch nicht gekonnt selbst wenn er der
deutschen Sprache vollkommen mächtig gewesen wäre denn seine Seele alle seine
Sinne waren in seinen dunkel flammenden Augen und von der Hand aus die zum
erstenmal in seinem Leben eine Mädchenhand berührt hatte strömte ein nie
gekanntes verzehrendes Feuer durch sein ganzes Wesen hin Erglühend und
erbleichend stammelte er einige italienische Worte und verging fast in
unerwartetem Entzücken als Luise die jüngste unter den vier Schwestern ihm in
der nämlichen Sprache antwortete Zum erstenmal seit der alte Giovanno ihn
verlassen hatte trafen die süßen gewohnten Töne wieder sein Ohr und von Lippen
die selbst der fehlerhaften Aussprache einen ganz eigentümlichen Reiz zu
verleihen wussten Auch die übrigen Mädchen suchten nun in der Geschwindigkeit
das wenige Italienische zusammen das sie hauptsächlich aus Opernarien erlernt
hatten um mit dem schönen schwarzgelockten Jüngling eine Art von Konversation
anzuknüpfen
    Albert befand sich wie im Traume so vielem Zauber vermochte er nicht zu
widerstehen um so weniger da es ihm gar nicht einmal in den Sinn kam dieses
zu wollen Entzückt betäubt kaum seiner selbst sich bewusst wandelte er an
Luisens Seite durch die schattigen Sternalleen des parkähnlich ausgehauenen
Waldes und stand ehe er sich dessen versah vor einer zahlreichen unter den
Säulen eines sehr schönen modernen Landhauses versammelten Gesellschaft Scheu
wie ein Reh wäre er gern zurück in das Gebüsch geflohen aber da war an kein
Entrinnen zu denken
    Die Mädchen hatten unterwegs seinen Namen von ihm erforscht und stellten ihn
unter diesem ihren Eltern vor indem sie zugleich recht ausführlich die große
Gefahr aus welcher der junge Fremde sie errettet hatte erzählten solche bis
zum Schauderhaften vergrösserten und nicht unterliessen Alberts bei dieser
Gelegenheit bewiesenen Heldenmut bis in die Wolken zu erheben Dies musste
einigen der Anwesenden ein leichtes sarkastisches Lächeln entlocken denn der
sehr verlegene Held dieser großen Begebenheit stand trotz der überstandenen
Wassersnot in vollkommen trockner Kleidung da
    Baron Steinau und seine Gemalin die Eigentümer des Schlosses ermangelten
indes nicht auf die freundlichste Weise von der Welt über die große
Verwegenheit ihrer Töchter zu schelten und deren noch immer verstummenden
Erretter mit Danksagungen und Lobsprüchen zu überhäufen von denen dieser in der
Angst seines Herzens keine Silbe verstand Da Baron Steinau schon früher von
Alberts isolirter Lage auf dem jetzt öden Leuenstein gehört hatte so lud er ihn
in sehr fliessendem Italienisch und auf die einnehmendste Weise ein bis zur
Ankunft des älteren Herrn von Leuen bei ihm als seinem nächsten Gutsnachbar zu
verweilen und sich ohne allen Zwang als ein Mitglied seiner Familie zu
betrachten
    Albert hätte aus Mangel an Bekanntschaft mit den Formen des geselligen
Lebens gar nicht gewusst wie er es anfangen könne um eine solche Einladung von
sich zu weisen selbst wenn er dazu geneigt gewesen wäre aber er begriff schon
jetzt gar nicht mehr die Möglichkeit zu leben ohne die holde Luise zu sehen
Tief errötend verbeugte er sich vor dem Baron ohne weiter ein Wort
hervorbringen zu können und so wurden von dieser Stunde an seine Umgebungen
sein Empfinden seine Gedanken ja sein ganzes Leben auf eine Weise umgestaltet
die ihm selbst bis zum Unglaublichen wunderbar geschienen hätte wenn es ihm nur
möglich gewesen wäre auf einen einzigen Augenblick aus dem ewigen
Freudentaumel in welchem er schwebte zur Rückkehr in sich selbst zu erwachen
    Das Haus des Barons Steinau war in der ganzen Umgegend bei weitem das
glänzendste auf viele Meilen in der Runde die Familie desselben bestand außer
den vier Töchtern noch aus zwei Söhnen von denen der älteste ein vollkommen
für die Welt gebildeter junger Mann mit Albert in gleichem Alter war Auch der
verlobte Bräutigam der ältesten Tochter war zugegen und nächstdem vergrösserten
noch mehrere für den ganzen Sommer eingeladene Gäste beiderlei Geschlechts die
Gesellschaft
    Die Unterhaltung in welcher der feinste gesellige Ton vorherrschte wurde
gewöhnlich in französischer Sprache geführt in welcher auch Albert sich
auszudrücken verstand doch sprachen Mehrere in dem Zirkel seine Muttersprache
und die Töchter des Hauses vor allen Luise beeiferten sich ihm deutsch zu
lehren wobei er im kurzen die auffallendsten Fortschritte machte Alle vom
Herrn des Hauses bis zum geringsten der Diener begegneten ihm mit der größten
Aufmerksamkeit jedes Mitglied der Gesellschaft suchte auf das freundlichste
seinem Mangel an geselliger Gewandheit zu Hilfe zu kommen Die älteren Herrn und
Damen nannten ihn lächelnd lIngénu und die anmutige Naivetät mit welcher der
Jüngling in die ihm so neue Welt hinein sah flößte ihrer Seltenheit wegen Allen
ein gewisses Interesse für ihn ein und machte Jedermann ihm geneigt
    So von Allen begünstigt so freundlich angezogen von allen Seiten lebte und
atmete Albert doch nur in Luisens Gegenwart allein Der Funke der glühendsten
Leidenschaft den ihr erster Anblick in seinem Gemüte geweckt hatte schlug
bald zur hell lodernden nicht mehr zu erstickenden Flamme auf Alles um ihn her
trug bei sie zu nähren und zu vergrößern besonders der ihm ganz neue Anblick
des traulichen Verhältnisses zwischen Konstanzen der ältesten Schwester und
ihrem verlobten Bräutigam Die mächtige Leidenschaft die aus Alberts Augen
blitzte in jeder seiner Handlungen jedem seiner Worte unverkennbar sich
aussprach konnte nicht verfehlen auf das junge Herz der kaum funfzehnjährigen
Luise den tiefsten Eindruck zu machen und bald war sie selbst überzeugt nicht
minder heftig zu lieben als sie geliebt wurde Ihre Eltern denen dieses unter
ihren Augen sich entspinnende Verhältnis unmöglich entgehen konnte taten
ihrerseits wenigstens keinen Schritt um störend dazwischen zu treten Sie
wussten wenig mehr von Alberts persönlicher Lage als dass es der jüngere Bruder
sei und alles was der allgemeine Ruf von dem älteren verkündete bestärkte sie
in der Hoffnung dass dieser sich gewiss geneigt finden lassen würde Alberts
Glück auf jede Weise zu fördern Da sie sich überdem die innere Zerrüttung ihres
Vermögens nicht füglich länger selbst verbergen konnten die mit einer
Lebensweise entstanden war welche die Kräfte ihres Vermögens weit überstieg so
musste jede Aussicht zur Versorgung einer ihrer Töchter ihnen unter diesen
Umständen doppelt willkommen sein
    Nach mehreren Wochen welche Albert im gastlichen Hause des Barons Steinau
verlebt hatte langte endlich Bernhard gleich nach seiner Flucht von der
verkannten Geliebten auf Leuenstein an ohne eine Ahnung von des Bruders Nähe zu
haben denn sowohl die Briefe aus Rom welche Alberten anmelden sollten als die
Boten welche von dem Justiziar zu Leuenstein ausgeschickt worden waren hatten
durch ein eigenes Zusammentreffen mehrerer Zufälligkeiten ihn verfehlt
    Bernhards sehr trübe Stimmung erlaubte ihm nicht Alberten persönlich in dem
ihm ganz fremden Kreise des Barons Steinau aufzusuchen er begnügte sich ihm
seinen Wagen zu schicken um ihn zu sich holen zu lassen und dieses war für den
armen Albert ein allerdings sehr günstiger Zufall Denn die Verzweiflung mit
welcher dieser die früher sehnlichst herbei gewünschte Nachricht von der Ankunft
seines Bruders so anhörte als würde sein eigenes Todesurteil ihm verkündet
hätte gewiss auf Bernhards damals ohnehin sehr hart verletztes Gemüt den
traurigsten Eindruck machen müssen Bleich zitternd verstummend im tiefsten
Schmerz bestieg Albert endlich den Wagen und sein Zustand während der kurzen
Fahrt war in der Tat bedauernswürdig zu nennen Doch seine Quaal stieg bis zum
Unerträglichen als er auf Leuenstein angelangt war und nun den Blick fest an
den Boden geheftet vor dem hohen edlen Manne stand dem er angehörte ohne ihn
je gesehen oder auch nur seine Persönlichkeit sich deutlich gedacht zu haben Er
fühlte sich erdrückt von Bernhards Nähe welche das Ende seines kurzen Glücks
ihm verkündete er konnte nicht reden kaum atmen und es bedurfte aller der
milden Überredungskraft die Bernhard in so hohem Grade besaß um den fast
Vernichteten anfangs nur einiges Vertrauen einzuflößen Doch dieses wuchs von
Minute zu Minute sobald Albert es nur einmal über sich gewann die Augen zu dem
Bruder aufzuschlagen der mit unendlicher Liebe und Milde im Blick und Herzen
ihm mit offenen Armen gegenüber stand und der Brust voll eigener Quaalen
vergaß über dem Bemühen den Zagenden aufzurichten Mit überströmenden Augen
warf Albert sich jetzt in diese Arme an diese Brust und das Geständnis seiner
hoffnungslosen Leiden seiner Verzweiflung ergoss sich unaufhaltsam über seine
Lippen mit jener Gewalt der hinreissendsten Beredsamkeit die unwiderstehlich das
Herz trifft weil sie tief und wahr aus dem Herzen kommt
    Nie konnte Bernhards Gemüt einem Bekenntnisse dieser Art empfänglicher
sein als gerade in diesem Augenblick wo alle Hoffnung auf eigenes Lebensglück
ihm verschwunden war Alberts und Luisens traurige Lage erregte sein inniges
Mitgegefühl und forderte ihn unwiderstehlich zur Errettung des in der Blüte der
Jugend hoffnungslos untergehenden Paares auf Was er nach einigen Tagen
reiflicher Überlegung zu diesem Zwecke mit der edelsten Aufopferung seiner
selbst beschloss ist dem Leser bekannt und dass nicht bloßes in Schwäche
ausartendes Mitleid zu diesem Entschlusse ihn bewog dass andre sehr ernste
Ansichten dabei mit vorwalteten beweist sein oben angeführtes Schreiben aus
Malta Alberts reines Gemüt sein vielseitig wenn gleich noch nicht für das
praktische Leben gebildeter Geist wurden bald mit hoher Freude von seinem
Bruder anerkannt Bernhard benutzte jede Stunde um so viel es die Kürze der
Zeit erlaubte seinen Albert zu den Geschäften vorzubereiten welche künftig ihm
obliegen würden diesen hingegen hob der innigste Wunsch dem edlen Bruder seine
Dankbarkeit auszudrücken weit über sich selbst empor und verlieh ihm eine
früher nie gekannte kräftige Regsamkeit Er gelobte mit Entzücken sein Leben
zwischen seiner Luise und der Erfüllung der Wünsche seines Bruders zu teilen
er hörte mit nie ermüdender Aufmerksamkeit auf dessen belehrenden Rat warf
sich mit dem schönen Eifer unverdorbener Jugend in die ihm vorgezeichnete Bahn
und begann mit so viel Ernst so vieler Anstrengung sie zu verfolgen dass
Bernhard die schönsten Hoffnungen einer ihn und Alle beglückenden Zukunft daraus
schöpfen musste Auch das dankbare Gefühl mit dem Luise in Bernhard den Gründer
ihres ganzen Lebensglückes verehrte lässt sich nicht in Worte fassen sie
versprach gleichfalls seinen Rat in allem so zu folgen als wäre es der Befehl
eines zu ihrem Heile vom Himmel herabgestiegenen höheren Wesens Bernhard war in
ihren Augen ein Halbgott zu dem sie nur mit staunender Bewunderung seiner Größe
hinauf sah Albert ein Sterblicher sie fühlte dass sie sich jenem nur mit
scheuer Ehrfurcht nahen dürfe diesen liebte sie herzlich mit allen seinen
Mängeln doch lässt sich nicht ableugnen dass ihr letztere nie sichtbarer
erschienen als wenn er der hohen edlen Gestalt seines Bruder gegenüber stand
    Die Vermählung des jungen Paares ward in Luisens väterlichem Hause sehr
glänzend gefeiert doch Bernhard mochte mit seinem zerrissenen Gemüt kein Zeuge
davon sein ohne förmlichen Abschied begab er sich einige Tage früher auf den
Weg zu seiner Bestimmung und Albert und Luise blieben ganz allein in ihrer
weitläufigen alten Burg Der in gebürgigen Gegenden gewöhnlich früher
eintretende Herbst scheuchte bald darauf alle Gutsnachbare in die Stadt auch
Baron Steinau mit den Seinen kehrte zum Schauplatz seiner gewohnten
Winterfreuden zurück Albert aber hielt standhaft an das seinem Bruder
geleistete Versprechen Leuenstein nicht zu verlassen und auch Luise die im
Rausche der ersten jungen Liebe den Winteraufentalt auf dem Lande sehr
romantisch fand stimmte freudig ihm bei Monate vergingen und Albert schwebte
noch immer wonnetrunken in einem Meer von Seeligkeit nur in der Liebe seiner
Luise war er seines Daseins sich bewusst jede Stunde schien ihm wie aus seinem
Leben gerissen die er außer dem Bereich ihres seelenvollen Auges ihres
anmutigen Lächelns zubringen musste er sah er dachte nichts als sie und alles
andere rings um ihn her war für ihn so gut als verloren
    Bernhards Schreiben aus Malta rüttelte ihn zuerst aus seinen süßen Träumen
wieder auf ein leiser Ausdruck der Unzufriedenheit schien ihm über die edlen
schönen Züge seines Wohltäters zu schweben als er den Ring mit dem Porträt des
Bruders betrachtete und das dunkle Erröten eines nicht ganz freien Bewusstseins
glühte dabei auf Alberts Wangen Gewaltsam nahm er sich jetzt zusammen indem er
nochmals sich gelobte jedes Bedingniss der ihm gewordenen Seeligkeit zu
erfüllen um die Erwartungen des edlen Schöpfers seines Glückes in keiner
Hinsicht zu täuschen leider aber fand er jetzt bei dem ersten Versuche sich
der Verbesserung seines jetzigen Eigentums anzunehmen Schwierigkeiten die er
durch Bernhards Nähe gehoben sich so groß nimmer gedacht hätte Er verstand es
zwar die Bahnen der Kometen zu berechnen und die Lösung keiner noch so
verwickelten Aufgabe der höheren Mathematik war ihm zu schwer aber ihn
schwindelte vor den bogenlangen wahrscheinlich nicht ohne Absicht verworrenen
Rechnungen und Tabellen welche seine Beamten ihm vorlegten und die
Unmöglichkeit sich da hindurch zu finden schlug seinen Mut fühlbar nieder
    Mit der praktischen Oeconomie ging es ihm nicht besser er las mit
unerhörtem Eifer alles was über diesen Gegenstand geschrieben ward der gerade
in dieser Zeit anfing viele der ersten Köpfe besonders in England zu
beschäftigen doch alle zum Teil sehr kostspieligen Versuche die er nach jenen
Vorschriften anstellte fielen unglücklich aus teils weil sie am unrechten
Platz angewendet wurden teils weil man sie nicht mit der gebührenden
Aufmerksamkeit auszuführen suchte
    Seine große Unerfahrenheit verbunden mit seinem Mangel an Menschenkenntnis
verleitete ihn auch zu unzähligen Missgriffen anderer Art Er wandte oft seine
ganze Aufmerksamkeit Gegenständen zu die an sich wenig bedeuteten und lies
darüber das Wichtigere aus der Acht er entdeckte und bestrafte kleine
Betrügereien und übersah die gröbsten Unterschleife welche dicht unter seinen
Augen vorgingen Weder sein Missgeschick noch seine eigene Unfähigkeit am
allerwenigsten das aus beiden hervorgehende traurige Resultat konnte ihm lange
verborgen bleiben und alles dieses vereint beugte ihn tief Sein ihm
angeborner durch die klösterliche Erziehung noch mehr ausgebildeter Hang zur
Schwermut erwachte von neuem und er wurde mit jedem Tage trüber und
missmutiger Die arme Luise begann unter diesen Umständen gar bald sich heimlich
nach dem fröhlichen Leben in dem heitern Hause ihrer Eltern zurück zu sehnen
denn der Abstand war gar zu groß Sie seufzte oft recht schmerzlich aus tiefster
Brust wenn sie mit aller ihrer Liebenswürdigkeit dem armen Albert kein Lächeln
mehr abzugewinnen vermochte und ihr sonst immer klares Auge füllten Tränen
wenn er mit trübem Blick sie an seine gramerfüllte Brust drückte statt wie
sonst sich mit ihr des Lebens in der schönen sonnenhellen Welt heiteren Sinnes
zu freuen
    Albert sah den Kummer der noch immer Heissgeliebten und fühlte mit
unnennbarem Weh dass es nicht in seiner Macht stand ihn völlig zu heben
indessen wollte er es doch versuchen ihn wenigstens einigermaßen zu zerstreuen
Er bemühte sich ihre kleinen Wünsche zu erforschen um durch deren Erfüllung ihr
Leben zu erheitern Sie liebte die zierliche Eleganz der häuslichen Umgebungen
an die sie in ihrer Eltern Hause von Jugend auf gewöhnt worden war und Albert
überraschte sie freudig mit manchem Geschenk dieser Art Doch jedes von diesen
machte wieder andre Dinge notwendig weil es zu dem von alten Zeiten her
vorhandenen Geräte nicht passte Albert sah sich dadurch unmerklich zu sehr
bedeutenden Ausgaben verleitet denn nach und nach wurde das ganze Schloss mit
modernem Hausgeräte versehen welches mit großen Kosten aus der ziemlich
entfernten Residenz herbeigeschaft werden musste Das neue Ameublement erforderte
auch eine neue Einrichtung der Zimmer Tapezirer Maler Handwerker aller Art
wurden verschrieben überall ward gehämmert vergoldet gemalt bis das von
Außen noch immer uralte Schloss von innen einem Feenpallaste glich aus dem
beinahe jede Spur seiner frühern ehrwürdigen Altertümlichkeit verschwunden war
    Alberts Blick trübte sich oft und sein Herz war ihm schwer wenn er diese
so ganz außer Bernhards Plänen liegende Umwandlung betrachtete doch Luise
lächelte wieder laut schallte ihr Gesang durch das Haus wenn sie in
liebenswürdiger Geschäftigkeit von einem Zimmer zum andern eilte um dieses oder
jenes Neue anzuordnen es war ihm unmöglich den Himmel dieses geliebten Wesens
von neuem zu trüben er freute sich ihrer Freude und trug Sorge und Kummer gern
allein
    Die tiefe Einsamkeit in der Luise an der Seite eines stets in Geschäften
sich abmühenden Gatten lebte machte es allerdings wünschenswert ihr eine
erheiternde Gesellschaft gewähren zu können und Albert selbst fiel zuerst auf
den Gedanken einige ihrer Jugendfreundinnen einzeln und abwechselnd zu ihr
einzuladen Diesen folgten bald mehrere Besuche Luisens Eltern versäumten nicht
nach und nach alle ihre Bekannten in dem Hause ihrer Tochter einzuführen und
Albert sah sich bald von dem Geräusche der großen Welt in seinem eignen Schloss
umringt das nie aufzusuchen er seinem Bruder feierlich gelobt hatte Jeder
Gedanke an häusliche Stille verschwand vor dem immer mehr sich vergrössernden
Schwarme von Besuchenden die oft wochenlang auf Leuenstein verweilten Luisens
Eltern trugen alles dazu bei den Ton in Alberts Hause immer höher zu steigern
ohne dass Albert den Mut hatte sich diesem Unheil zu widersetzen Er fürchtete
Luisen dadurch zu betrüben die ihre Eltern zärtlich liebte und in deren Seele
keine Ahnung davon kam dass Baron Steinau es sehr angenehm und bequem finde bei
seiner Tochter eine Lebensweise fortführen zu können an welche er gewöhnt war
und die er selbst im eignen Hause nicht länger ausführbar zu machen vermochte
    Ein zahlloses Heer französischer Emigranten überschwemmte um diese Zeit
Deutschland und wusste mit seiner tiefen Verdorbenheit seiner Frivolität seiner
Anmassung aber auch mit seinem unübertrefflichen Talent für die feinste
Geselligkeit sich überall Eingang zu verschaffen Auch Alberts Schloss wurde von
dieser allgemeinen Landplage nicht verschont denn Baron Steinau hatte seinem
unbesonnenen Betrogen dadurch die Krone aufgesetzt dass er einige dieser
gefährlichen Gäste als ihm besonders lieb gewordene Hausfreunde bei seinen
Kindern einführte und überall wo es nur einem einzigen Emigranten gelungen war
festen Fuß zu fassen folgten bald mehrere nach die mit unbeschreiblicher
Gewandheit in kurzer Zeit dort unumschränkt zu herrschen wussten wo sie zuerst
als unglückliche Verbannte mitleidige Aufnahme fanden Vom Morgen bis zum Abend
musste Albert jetzt seine junge schöne Luise von Marquis und Vicomtes umschwärmt
sehen welche das ganze Schloss umkehrten um alles auf den Ton der elegantesten
Zirkel von Paris oder Versailles umzustimmen Ihn selbst aber schienen sie wie
einen Fremden zu betrachten dessen düstere Außenseite freilich sehr schlecht
hieher passe den man aber dulden müsse und nicht ganz degoutiren dürfe weil er
doch einmal der Gemahl der Dame vom Hause sei Bei der ihm zur zweiten Natur
gewordenen Anspruchslosigkeit verlor Albert in diesen Umgebungen das wenige
Selbstvertrauen gänzlich das er noch besaß er fühlte sich ungewandt und
unbeholfen in der Mitte dieser glänzenden Fremdlinge die nichts hatten und
nichts achteten als den äußern Schein er konnte es sich nicht ableugnen dass
diese ihn selbst in den Augen seiner Luise verdunkelten und verdunkeln mussten
er glaubte zu sehen wie Luisens Herz sich immer mehr von ihm abwende und ward
leider immer weniger liebenswürdig je mehr die Überzeugung nicht mehr geliebt
zu sein in seiner Seele sich festsetzte wie das leider immer zu geschehen
pflegt
    Es braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden dass Alberts häusliche
Lage nicht urplötzlich sondern allmählig während dem Laufe mehrerer Jahre diese
traurige Umwandlung erlitt Luise hatte ihm während dieser Zeit mehrere Kinder
geboren von denen nur das älteste ein Knabe von etwa fünf Jahren am Leben
blieb ein jüngerer war erst wenige Wochen alt als Bernhard zum zweitenmal von
Malta nach Deutschland zurückkehrte um sich zu der Armee der alliirten Mächte
zu begeben welche zu jener Zeit im Begriff stand den Feldzug gegen die
französischen Demokraten zu eröffnen Damals wie Bernhard ein Jahr nach seiner
Flucht nach Malta zurück eilte um seine heissgeliebte Anna noch einmal wieder
zu sehen als ihm in ihrer Rähe die früher ungeahnete Größe des Opfers klar
wurde durch welches er viel zu voreilig für die ganze Seeligkeit seines eignen
Lebens das Glück seines jüngeren Bruders erkauft hatte da vermochte er es nicht
über sich durch den Anblick des jungen glücklichen Paares den eignen Schmerz
noch zu erhöhen
    Die Zeit hatte diesen Schmerz zwar nicht gemildert aber Bernhard war durch
sie gewöhnt worden ihn mit Fassung zu tragen und so entschloss er sich einen
ziemlich bedeutenden Umweg nicht zu achten um auf seinem Wege zur Armee den
Bruder und die Burg seiner Väter noch einmal zu begrüßen ehe er den großen
Kampfplatz betrat von welchem nicht wiederzukehren vielen Tausenden bestimmt
war
    Als Bernhard die Gränze seiner ehemaligen Besitzungen betrat bemerkte er
zuerst mit steigendem Unmute wie schonungslos die Axt noch vor kurzem in den
herrlichen Waldungen gewütet hatte welche von jeher den größten Schatz
derselben ausmachten Jahrhunderte hindurch mitten im wildesten Drange der
Zeiten hatte keiner seiner Vorfahren es gewagt sie so frevelhaft anzutasten
weil alle sie als eine nie versiegende Quelle von Wohlhabenheit betrachteten
die durchaus verlangte sorgsam gepflegt und verständig benutzt zu werden Sein
Unmut vermehrte sich indem er weiter ritt und überall den fruchtbarsten Boden
unverantwortlich vernachlässigt sah Doch als Schaaren halb nackter hungernder
Kinder ihn in den Dörfern bettelnd verfolgten als er aus den elendsten Hütten
die je ihm vorgekommen waren bleiche Jammergestalten scheu hervorlauschen sah
oder wilde zigeunerartige Gesichter die mit dem Gepräge dumpfer Rohheit
bezeichnet ihn anstarrten da hielt er sich nicht mehr der edelste Zorn
schwellte seine schmerzlich bewegte Brust und flammte aus seinen dunkel
blitzenden Augen
    »Albert« rief er beinahe laut »Albert leichtsinniger Knabe hältst du so
dein Gelübde lohnst du mir so für ein Opfer dessen wahren Wert niemand
ermessen kann und das von nun an durch deine Schuld wie ein entehrender Flecken
auf meinem Leben haften muss« Er ritt langsamer um sich nur einigermaßen wieder
zu bemeistern ehe er das Schloss erreichte sein Blick wurde immer düstrer je
näher er ihm kam doch wer beschreibt sein schmerzliches Erstaunen als er nun
das Innere der Burg seiner Väter betrat Er schritt durch die lange Gallerie
hindurch von deren Wänden die ehrwürdigen Gestalten seiner Ahnen sonst auf ihn
herabzublicken schienen Diese waren nicht mehr dort er sah die ihm so
unaussprechlich teuren Bilder durch Spiegel Vergoldungen blitzende Girandolen
und allen Flitter der damaligen Mode verdrängt sie selbst waren wenn sie noch
existirten wahrscheinlich in irgend einem düstern abgelegenen Winkel des
Schlosses hin verbannt
    Glühend vom edelsten gerechtesten Zorn der je in einer menschlichen Brust
entbrannte nahte er dem kerzenhellen großen Saal aus welchem eine lustige
JanitscharenMusik ihm entgegen schallte Hoch und furchtbar wie ein zürnender
Apoll blieb Bernhard am Eingange desselben stehen sein Auge flammte seine
Brust hob sich gewaltsam indem er die im Walzer sich drehenden Tänzer
überschaute um Albert und Luise unter ihnen aufzufinden Niemand achtete auf
ihn niemand bemerkte ihn denn er hatte seine Ankunft vorher nicht gemeldet
weil er seinen Bruder freudig zu überraschen gehofft hatte Da umschlangen ihn
plötzlich zwei zitternde Arme als wolle jemand zu seinen Füßen in den Staub
sinken es war Albert
    Bernhard heftete schweigend den finsteren Blick auf ihn und die in
gänzlicher Mutlosigkeit eingesunkene Gestalt des Armen der Ausdruck tiefen
unheilbaren Grams in seinen Zügen entwaffneten Bernhards Zorn im Augenblick Er
drückte den unglücklichen Bruder an seine feste männliche Brust »Albert mein
armer Albert« sprach er mit dem weichen Ton des tiefsten Mitleids »was ist mit
Dir geschehen« Albert vermochte nicht zu antworten
    Jetzt kam auch Luise herbei um ihren Wohltäter mit unverstellter Freude zu
begrüßen sie war ganz unbefangen denn sie hatte keine Ahnung davon dass
Bernhard hier irgend Grund zur Unzufriedenheit finden könne Sie hatten ja ihr
Wort gehalten denn sie waren wie er es verlangt auf Leuenstein geblieben und
Albert mühte sich Tag und Nacht bei seinen Geschäften ab So ging ihrer Meinung
nach alles ganz vortrefflich denn leider verband Albert mit seinen übrigen
Schwächen auch noch die Luisen über die wahren Ursachen seines Kummers nie
aufzuklären um sie in ihrer Freude nicht zu stören
    Bernhard war jetzt vollkommen Herr seines empörten Gefühles geworden er
erwiderte Luisens Gruß so freundlich als es ihm in diesem Augenbicke möglich
war denn er wollte sie nicht ohne Not verwunden und war billig genug aus
ihrer frohen Unbefangenheit zu schließen dass sie wenigstens nicht absichtlich
die Zerstörerin aller seiner Pläne für ihr und seines Bruder Glück geworden war
Er sah ein dass sie einem Kinde glich welches spielend den verzehrenden
Feuerbrand in die vollen Scheuern seiner Eltern wirft ohne zu wissen was es
tut
    Am folgenden Tage beobachtete er Luisen aufmerksamer und seinem im Leben
geübten Blick ward es nicht schwer dieses offene jugendliche Wesen ganz zu
durchschauen Er sah wie Luise als Gattin ihre Pflicht dadurch auf das
vollkommenste zu erfüllen glaubte dass sie ihrem Albert im alltäglichsten Sinne
des Wortes die unverbrüchlichste Treue bewahrte und übrigens ihm bei seiner
Schwermut die sie Verdriesslichkeit nannte gern so viel als möglich aus dem
Wege ging um ihn nicht durch ihr fröhliches Wesen zu reizen oder zu verletzen
Dass sich in der ewigen Zerstreuung in der sie jetzt lebte ihr Herz von ihm
gewendet habe schien sie selbst kaum zu wissen Übrigens hielt sie sich in der
Verwaltung ihres Hauswesens für eine treffliche Wirtin weil sie es an nichts
fehlen lies um selbst die verwöhntesten ihrer Gäste zu befriedigen und ein
stiller Triumph strahlte aus ihren Augen wenn irgend einer derselben überlaut
versicherte bei ihr wäre alles deliziös tout comme à Paris Ihr ältestes Kind
ein Knabe von etwa fünf Jahren ward von ihr wie ein Spielzeug betrachtet das
sie zu nicht geringer Unbequemlichkeit der Gesellschaft fast nie von ihrer Seite
lies Das ganze Haus fürchtete die Ungezogenheit des kleinen Plagegeistes nur
die Franzosen nicht Diese fütterten ihn mit Bonbon nannten ihn un charmant
petit Lutin lachten über seine Unarten und halfen ihm neue ersinnen alles pour
faire rire Madame sa mère Das jüngste Kind kam noch gar nicht in Betracht es
war erst wenige Wochen alt und im Grunde besser versorgt als alles Übrige im
Hause denn es hatte eine ausgezeichnet gute Amme die es recht mütterlich
liebte und pflegte
    Bernhard vermochte nicht ohne den tiefsten Schmerz den fast hoffnungslosen
Verfall des häuslichen Glücks zu überschauen das er so felsenfest gegründet zu
haben vermeinte Sein Zorn der sich bei manchen Anlässen stets von neuem wieder
in ihm regte lösthe sich jedesmal in tiefes Mitleid auf wenn er seinen Bruder
sah und hörte Unaufgefordert ergriff dieser die erste vertrauliche Stunde um
ihn ganz unumwunden zu gestehen wie er Leben und Glück in zweckloser keine
Ruhe kennender Tätigkeit zersplittern und unerachtet seines angestrengtesten
Bemühens die auf seinen Gütern ruhende Schuldenlast vermehrt habe statt sie zu
vermindern »Ich weiß Bernhard« sprach er »Du bist gerecht Du wirst meiner
Versicherung glauben dass dieses glänzende Elend in welchem ich leben muss mir
noch nie auch nur einen genussreichen Augenblick gewährt hat Aber durfte ich
meiner Luise etwas versagen das ihr durch meine Schuld getrübtes Dasein
erheitern kann Ich fühle es meine Liebe kann sie nicht mehr beglücken ich
sehe das liebliche Wesen an meiner Seite in Missmut vergehen das hingerissen
von meiner wilden Leidenschaftlichkeit mich zu lieben glaubte und so in
jugendlicher Unerfahrenheit sich mir opferte Täglich fühle ich bitter
bereuend wie so ganz verschieden sich ihr Dasein an der Seite eines andern
Mannes gestaltet hätte Luise bedarf einer festen leitenden Hand um sich zum
Vortrefflichsten zu erheben und ich bin unfähig sie ihr zu reichen Was bin
ich ein durch seine frühere mönchische Erziehung für das Leben auf ewig
Verdorbener Nie hätte ich es wagen sollen an mein von Grund aus verfehltes
Dasein das Glück Anderer knüpfen zu wollen nie hätte ich von Liebe betört
mich in Luisens schönes Jugendleben eindrängen müssen schweigend und duldend
hätte ich bleiben sollen was ich halb schon war ein dunkler einsamer Mönch
Luise wäre dann glücklich und frei das Erbteil unserer Väter dessen ich
unwert bin wäre in Deinen Händen wieder geworden was es früher gewesen ist und
ich  unbeweint und vergessen in meiner stillen Gruft ruhte ich schon längst
von aller der Sehnsucht von allen den Schmerzen aus die ich in reiner
verschwiegener Brust getragen hätte bis sie mich hinabzogen Die Palme des
ewigen Friedens wäre dort oben schon längst der hohe Lohn meiner Entsagung auf
Erden«
    Bernhard hörte seinen Bruder ohne alle Unterbrechung schweigend an seine
Klagen drangen bis in die tiefsten Tiefen seines Gemüts denn sie waren ihm nur
der laut werdende Nachhall leiser Vorwürfe die schon ohnehin zu oft und zu
schmerzlich in seinem Innern sich regten Indessen gewann er es doch über sich
den Mut des tiefgebeugten Bruders durch ernstes männliches Zureden fürs erste
wieder zu erheben und dann ernstlich auf Mittel zu sinnen um wieder gut zu
machen was noch gut zu machen möglich sei
    Vor allen Dingen suchte Bernhard jetzt Luisens Eltern ohne große Umschweife
von der eigentlichen Lage Alberts zu unterrichten und legte es ihnen sehr fest
und bestimmt ans Herz wie es ihre Pflicht sei durch Rat und Beispiel ihre
Kinder auf den rechten Weg zu ihrem Glücke zurückzuleiten statt sie zu neuen
größeren Verirrungen zu veranlassen die endlich ihren gänzlichen Untergang
herbeiführen müssten Doch er fand nur halbes Gehör
    Steinau und seine Frau waren von jeher gewohnt über alles Unangenehme
leicht hinweg zu schlüpfen und Bernhards sehr ernste Vorstellungen schienen
ihnen deshalb wenn nicht beleidigend doch wenigstens sehr unbequem Sie
suchten ihnen daher für den Augenblick zu entgehen und erfanden noch am
nämlichen Abend einen Vorwand um zur Stadt zurückzukehren wo sie jetzt für
immer ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten denn ihr eigenes Gut war schon längst
in den Händen ihrer Gläubiger und wurde zu deren Besten administrirt
    Einige der Gäste die mit ihnen gekommen waren begleiteten sie die übrigen
folgten ihnen am andern Tage denn Allen war gleich beim ersten Anblick des
ernst umherblickenden Maltesers unheimlich zu Mute geworden Selbst die
Emigranten bequemten sich Bernhards ziemlich deutlich ausgedrückte Wünsche zu
verstehen und ihm einige ruhige Tage in der Mitte der Seinen zu gewähren Und so
war denn die lange vermisste Ruhe auf Leuenstein wieder eingekehrt und Bernhard
hatte Raum gewonnen den Schleier so schonend als möglich zu heben der Luisen
gegen ihr eigenes und ihres Gatten Wohl verblendete
    Luise hörte den ernsten Warner mit größerer Fassung an als er es erwartet
hätte denn der Eindruck seines frühern Edelmuts war noch bei weitem nicht in
ihrem Gemüte erloschen Bernhards Bild schwebte ihr noch immer selbst während
seiner Abwesenheit als das Ideal aller männlichen Liebenswürdigkeit Hoheit und
Würde vor sie gedachte seiner nie ohne Bewunderung und Verehrung und nur die
strahlende Höhe auf welcher ihr dankbares Gefühl ihn stellte hatte vielleicht
früher das Aufkeimen einer weit zartern innigern Liebe in ihrem Herzen erstickt
als sie je für Albert empfunden hatte
    Überdem war Luise jetzt kaum ein und zwanzig Jahre alt und in diesem Alter
pflegt eine an sich gutgeartete Natur sich nicht leicht gegen die warnende
Stimme eines als wohlwollend anerkannten Freundes zu verhärten
    Sanft weinend aber willig gelobte sie daher dem Rat ihres edlen und weisen
Beschützers nach besten Kräften zu folgen und von der ihr von ihm
vorgezeichneten Bahn zum stillen häuslichen Glück sich hinfort so wenig als
möglich wieder abzuwenden Bernhard wagte zwar nicht diesem Versprechen
unbedingten Glauben zu schenken aber er war dennoch wenigstens von ihrem guten
Willen überzeugt Zum zweitenmal legte er in dieser Stunde ihre Hand in die
seines Bruders drückte beide mit glänzenden Augen an seine von tausend
verschiedenen Empfindungen bestürmte Brust und wandte sich dann von ihnen um
seine treue Sorge für ihre glücklichere Zukunft fortzusetzen Die unabänderlich
vorher bestimmte Kürze seines Aufenthalts hatte ihn gleich bei seiner Ankunft
auf Leuenstein abgehalten den Zustand der höchst verworrenen Angelegenheiten
seines Bruders genauer zu untersuchen aber er hatte in seinem Herzen
beschlossen diesem einen erfahrnen wohlgesinnten Freund zuzuführen der eben so
geschickt als willig sei sich seiner anzunehmen
    Seine Wahl war dabei auf den Baron Meinau einer seiner früheren
Jugendfreunde gefallen der seit wenigen Jahren ein mässiges nur wenige Stunden
von Leuenstein entferntes Landgut bewohnte dessen ursprünglichen Wert er nach
dem Urteil aller in diesem Fache Erfahrnen durch Fleiß und wohl angewandte
ökonomische Kenntnisse während der kurzen Zeit fast verdoppelt hatte Zu diesem
führte Bernhard am letzten Tage seines Aufenthalts in der Burg seiner Väter
Albert und Luisen und schon auf dem Wege fielen ihm die blühenden Felder die
üppigen Wiesen die freundlichen Dörfer auf welche Meinaus Besitzungen vor
andern der Nachbarschaft auszeichneten
    Sein alter Freund erkannte ihn sogleich und empfing ihn mit offenen Armen
und ungeheuchelter Freude auch Albert und Luise fanden die freundlichste
Aufnahme und während Frau von Meinau Luisen mit jener anspruchlosen
Zuvorkommenheit zu unterhalten suchte welche sogleich die Herzen gewinnt fand
Bernhard Gelegenheit dem Baron Meinau in Alberts Beisein das wichtige Anliegen
zu eröffnen das ihm besonders am Herzen lag Er hatte früher Gelegenheit
gehabt diesem sehr bedeutende Dienste zu leisten und obgleich er es selbst
längst vergessen zu haben schien so ergriff Meinau doch mit herzlicher Freude
die Gelegenheit die so ganz unerwartet sich ihm bot um Bernhard durch mehr als
Worte zu beweisen dass er jener Vergangenheit noch immer dankbar gedächte Er
zeigte sich daher sehr bereitwillig alle Zeit die er von seinen eigenen
Geschäften abmüssigen könne Alberten zu widmen und versprach diesen überall
durch Rat und Tat so viel er dieses vermöchte zu unterstützen
    Mit sehr erleichtertem Herzen kehrte Bernhard Albert und Luise nach
Leuenstein zurück und brachten noch einige Stunden im traulichen Gespräche zu
bis der Morgen graute Dann drückte Bernhard noch einmal seine Lieben an sein
Herz entfernte sich stumm und warf sich auf sein bereit stehendes Pferd um nun
endlich seiner ernsten Bestimmung entgegen zu eilen
    Gleich nach Bernhards Abreise bemühte sich Baron Meinau das seinem Freunde
gegebene Wort im vollsten Sinne desselben zu erfüllen doch leider stellte ihm
die überall in Alberts Angelegenheiten herrschende Verwirrung Schwierigkeiten
dabei entgegen die er so groß sich nimmer gedacht hatte Er wandte jede seiner
freien Stunden daran nur fürs erste den Betrag der auf den von Leuenschen
Gütern ruhenden Schuldenlast zu erforschen aber es währte sehr lange ehe er
nur damit zu Stande kommen konnte und endlich ward er mit Schrecken gewahr dass
die von Albert in der letzten Zeit aufgenommenen Summen dessen eigne
unvollkommene Angabe derselben um mehr als die Hälfte überstiegen Überdem
musste diese Schuld sich mit jedem Jahre beträchtlich vermehren wenn man nicht
bald Mittel und Wege fand einige bösartige Wucherer zu befriedigen denen
Albert teils aus Unerfahrenheit teils verleitet durch den Rat seines
gewissenlosen Justiziars in die Hände gefallen war
    Meinau sah für den Augenblick keine Möglichkeit die dazu nötigen sehr
bedeutenden Summen aufzubringen er konnte es nicht unterlassen seine daraus
entstehende Besorgnis gegen Albert zu äußern und obgleich er dabei so schonend
als möglich verfuhr so drückte er damit doch den Stachel der Reue immer tiefer
in das Herz des Armen das durch die täglich steigende Gewissheit von Luisens
Gleichgültigkeit ohnehin schmerzlich verwundet war so dass Meinau alle Mühe
hatte seinen Mut nur etwas zu erheben und ihn durch freundliche Trostgründe
vor gänzlicher Hoffnungslosigkeit zu bewahren
    Während der weise wohlmeinende Freund welchen Bernhard seinen Bruder
geschenkt hatte sich so tätig für dessen Wohl bemühte fühlte auch seine
Gattin sich von ihrem Herzen gezogen ihm zu helfen denn diese wirklich
liebenswerte Frau war zu gewohnt ihrem Gatten in allem hilfreich zur Seite zu
stehen als dass sie dieses nicht auch in einer Angelegenheit hätte versuchen
sollen die ihm so sehr am Herzen zu liegen schien Sie begann daher ganz
unvermerkt Luisens sich anzunehmen gegen die sie mit ihren acht und zwanzig bis
dreißig Jahren sich ohnehin recht matronenartig vorkam Halb scherzend halb im
Ernst suchte sie die junge Frau zu bewegen der Verwaltung des innern
Hausstandes sich mehr als sonst anzunehmen und da sie ihr hierin überall mit
dem besten Beispiele voranging so lernte Luise auch bald wenigstens in der
Gegenwart ihrer neuen Freundin sich ihrer bisherigen Nachlässigkeit zu schämen
    Luise konnte es sich nicht verhehlen dass Frau von Meinau mit nicht
geringeren Ansprüchen an das Leben in die Welt getreten sei als sie selbst auch
sie hatte vor ihrer Vermählung im Hause ihrer reichen angesehenen Eltern in der
Residenz und sogar am Hofe mitten in den glänzendsten Zirkeln gelebt deren
schönste Zierde sie war sie hatte Talente und überhaupt eine weitumfassende
geistige Bildung sich erworben welche Luise nicht besaß und klagte dennoch nie
über die Einsamkeit des Landlebens und stand dennoch mit nie ermüdender
Tätigkeit ihrem Hauswesen und der Erziehung ihrer Kinder vor ohne je damit
prunken zu wollen Wenn sie Abends an ihrem schönen Wiener Pianoforte dem
einzigen glänzenden Hausgerät das sie besaß ihre Zuhörer bezauberte oder im
kleinen Kreise ihrer Bekannten am Teetisch die Seele der Unterhaltung war so
merkte niemand es ihr an wie sie den Tag über in ihrem Haushalte sich
beschäftigt hatte und oft selbst mit Hand anlegte wenn ihr dieses nötig zu
werden schien
    Ein zweites Verdienst um Luisen welches diese ihr noch inniger verdankte
erwarb Frau von Meinau sich dadurch dass auf ihre Veranlassung das Leben auf dem
Lande sich im Laufe der länger werdenden Abende weit freundlicher gestaltete
als Luise erwartet hatte Keine Woche verging in der nicht beide Familien
wechselseitig einander mehreremale besuchten Einige Prediger und Beamte aus der
Nachbarschaft Leute von deren Existenz Luise bis jetzt gar keine Notiz genommen
hatte vergrösserten zuweilen mit ihren zum Teil recht gebildeten Frauen und
Töchtern den kleinen Kreis Musik gemeinschaftliches Lesen oder erheiterndes
Gespräch füllten die langen Abende aus Luise vergaß sehr oft in diesen
anspruchslosen Umgebungen der früheren rauschenden Freuden und entzückte Alle
durch ihre jugendliche Heiterkeit Doch leider kehrte freilich die alte Leere
wieder in ihr Herz zurück sobald sie einige Tage mit Albert allein ohne andre
Gesellschaft verleben musste Dann vermochte sie es nicht über sich ihre
Unzufriedenheit mit ihrer jetzigen Lage ihm zu verbergen und der arme Albert
flüchtete sich gewöhnlich in sein einsames Zimmer um sich dort ungestört und
ohne Zeugen dem bitteren Schmerze zu überlassen der verzehrend und langsam an
seinem Leben nagte
    So mochten denn wechselnd zwischen gute und böse einige Monate seit
Bernhards Abreise hingegangen sein als eines Morgens einige Landleute sich auf
Leuenstein meldeten um über die Verwüstungen zu klagen die ein wilder Eber auf
ihren Feldern anrichtete Schon seit geraumer Zeit waren alle Tiere dieser Art
in jenen Gegenden ausgerottet worden und die Erscheinung eines einzelnen das
sich wahrscheinlich aus einem andern fernen Gebiete hinüber verirrt hatte
setzte gerade ihrer Seltenheit wegen die Leute in um so größere Angst Meinau
war eben zugegen und riet eine große allgemeine Jagd anzustellen die ganze
Nachbarschaft ward aufgeboten um das Tier zu erlegen Alle zogen am frühsten
Morgen des folgenden Tages mit Hunden und Jägern begleitet von fröhlicher
Jagdmusik von Leuenstein aus in den herbstlich gefärbten Wald an dessen
Zweigen nur einzelne Blätter noch gelb und rötlich im Sonnenschein spielten
    Der Mittag nahte heran Luise hatte mit Hilfe ihrer Freundin alles zum
Empfange der wahrscheinlich sehr ermüdeten Jäger vorbereitet und beide Frauen
saßen nun mit ihrer Arbeit an einem Fenster von welchem sie die in den Wald
ausgehauene lange Allee überschauen konnten durch die jene zurückkommen mussten
 »Horch« rief Luise »hörst Du Hallalli blasen die Jagd ist aus sie müssen
bald hier sein«
    Frau von Meinau öffnete das Fenster »In der Tat« sprach sie »ich höre
Hörnergetöne aus der Ferne Und wie mild und erquickend die Luft vom Tannenwalde
herüberweht komm Luise der Tag ist zu schön um ihn ganz im Zimmer zu verleben
lass uns den Männern bis zu dem runden Platze entgegen gehen wo alle die
Alleen sich kreuzen dort können wir sie unmöglich verfehlen«
    Beide Frauen wandelten nun Arm in Arm durch den Garten dem Walde zu und
hatten den bestimmten Platz bald erreicht an welchem sie zu verweilen
beschlossen Frau von Meinau vertiefte sich rechts ins Gesträuch um von den
Zweigen einer jungen noch mit allen ihren Blättern prangenden Eiche einen Kranz
für den Sieger zu flechten Luise blieb mitten auf dem Platz stehen und sah
einem Eichhörnchen zu das sich mit lustigen Sprüngen von einem der hohen im
Sonnenstrahl erglühenden Tannenwipfel zum andern schwang Hundegebell und
Hörnergetön schallten aus der Ferne die Jagd schien näher zu kommen ein Schuss
fiel und wenige Augenblicke darauf knisterte und rasselte es ungefähr dreißig
Schritte vor Luisen im Gesträuch zur linken Hand der durch eine leichte Wunde
zur entsetzlichsten Wut aufgereizte Eber brach hervor und rannte schäumend vor
Schmerz und Zorn gerade auf die Wehrlose zu Sie wollte seitwärts zu ihrer
Freundin fliehen ihr Fuß verwickelte sich in Brombeerranken die über ihren Weg
sich ausbreiteten sie fiel und verlor das Bewusstsein. Der Eber eilte noch immer
auf sie zu schon war er nur wenige Schritte noch von ihr entfernt sie
rettungslos dem greuelvollsten Tode verfallen als ein Reuter im gestrecktesten
Galopp aus einer Seitenallee welche nach Meinaus Besitzungen führte sich
zwischen sie und das wütende Tier warf
    Der Eber wandte nun seine Wut gegen diesen neuen Ankömmling der nur mit
einer Reitgerte bewaffnet ihr nichts entgegensetzen konnte Im Nu verwundeten
die furchtbaren Hauer des Ungeheuers das edle durch gewaltiges Spornen ohnehin
sehr wild gewordene Pferd dies bäumte und überschlug sich mit seinem Reiter
der unter dasselbe zu liegen kam Glücklicherweise war ein Teil der Jagd
indessen herbeigekommen zwei gewaltige Saufänger packten den Eber noch gerade
im rechten Augenblick da er seine Wut an den Unglücklichen auslassen wollte
sie zwangen ihn sich gegen sie zu wenden und ein glücklicher Stoß von Meinaus
starker Hand machte bald darauf dem Kampfe ein Ende
    Auch Albert kam jetzt herbei und sah mit unaussprechlichem Entsetzen sein
geliebtes Weib bleich und starr wie eine Tote am Boden liegen er rief
tausendmal überlaut Luisens Namen warf sich neben sie hin mit der Gebärde an
Wahnsinn gränzender Verzweiflung und vor Schrecken völlig unfähig ihr die
kleinste Hilfe zu leisten verlangte er nur mit ihr zu sterben
    Indem eilte auch Frau von Meinau bleich und zitternd herbei Sie hatte aus
der Ferne in Todesangst zugesehen Selbst kaum im Stande sich aufrecht zu
erhalten wollte sie die Freundin unterstützen welche eben anfing sich von
selbst zu erholen doch indem sie sich zu ihr beugte fiel ihr Blick auf Luisens
Befreier Diesen hatten die Jäger unterdessen unter seinem Pferde hervorgezogen
und er saß mit Blut bedeckt geduldig da den Rücken an einen Baum gelehnt von
ihm zu Hilfe Eilenden umringt
    »Oskar« schrie sie mit dem tonlosen Schrei des höchsten Entsetzens »Oskar
o stirb nicht stirb nicht mein Bruder ohne mich« Sie warf sich neben ihm in
das mit seinem Blute benetzte Gras zerriss ihr Kleid um die Kopfwunde zu
verbinden aus der das Blut sein Gesicht überströmte umschlang ihn mit ihren
Armen und zuckte erschrocken zusammen da sie gewahrte wie weh die leiseste
Berührung ihm tat während er mit halberstorbener Lippe sie zu beruhigen suchte
und ihr versicherte dass er sich durchaus nicht gefährlich verwundet fühle
    Die Szene welche jetzt erfolgte lässt sich nicht beschreiben Freude
Schmerz Erstaunen Dankbarkeit bewegten jede Brust und äußerten sich auf
tausendfältige Weise Luise hatte sich indessen vollkommen wieder erholt stumm
und bleich wie eine Bildsäule kniete sie mit gefaltenen Händen neben dem
Verwundeten den starren Blick so fest auf ihn geheftet als wäre außer ihm die
ganze Welt ihr verschwunden Albert lag zu seinen Füßen Tränen überströmten
sein Gesicht »Engel zur Rettung eines Engels vom Himmel gesandt« sprach er
»wie soll ich Dir danken wie Dich nur nennen der selbst wehrlos mit
unerhörtem Heldenmute sich für eine ihm ganz Unbekannte dem grässlichsten Tode
entgegenstürzte«  »Ich sah Frauen in Gefahr da galt kein Bedenken ich konnte
nicht anders« erwiderte Oskar mit schmerzlichem Lächeln und kaum hörbarem Ton
    Die Jäger hatten indessen unter Meinaus Leitung aus Tannenzweigen eine Art
von Trage zusammengezimmert und mit weichem Moose bedeckt auf welche der
Verwundete freilich unter großen Schmerzen gelegt ward um ihn nach Leuenstein
zu bringen Alle Männer wetteiferten untereinander ihn abwechselnd auf den
Schultern zu tragen Luise und Frau von Meinau gingen neben her ihn zu
unterstützen so kam langsam einem Leichenbegängnisse ähnlich der Zug im
Schloss an der am Morgen unter Hörnerschall fröhlich ausgegangen war
    Zum Glück konnte Oskar sogleich die nötige ärztliche Hilfe erhalten denn
Meinau hatte Besonnenheit genug gehabt um gleich im ersten Augenblick einen
reitenden Boten nach einem ziemlich geschickten Wundarzte der in der Nähe
wohnte auszuschicken Diesen fanden die Ankommenden schon im Schloss vor und
sein Ausspruch nach dem ersten Verbande gab wenigstens Beruhigung Weder die
Kopfwunde noch die übrigen Verletzungen die Oskar beim Sturze mit dem Pferde
erlitten drohten die mindeste Gefahr für sein Leben doch freilich war der
linke Arm zerbrochen der rechte verrenkt die Schmerzen welche er litt waren
groß und Monate mussten wahrscheinlich darüber hingehen ehe es ihm möglich
werden durfte das Schloss zu verlassen um sich zu seiner Schwester zu begeben
    Dieser wenn gleich an sich traurige doch auch in andrer Hinsicht
tröstliche Ausspruch eines als geschickt anerkannten Arztes beruhigte Alle
selbst Frau von Meinau vergaß einigermaßen über die Erhaltung ihrer Freundin den
Schmerz den geliebten Bruder nach jahrelanger Trennung so wieder finden zu
müssen nur Albert wollte es kaum wagen in seinem Herzen der Hoffnung Raum zu
gewähren Die Grässlichkeit der Gefahr in welcher er seine Luise gesehen hatte
schwebte unablässlich in furchtbarer Deutlichkeit vor seiner aufgeregten
Phantasie sein eigenes Leben schien ihm jetzt an dem ihres heldenmütigen
Befreiers zu hängen und er wusste sich vor den entsetzlichen Bildern die ihn
stündlich verfolgten nicht anders zu retten als dass er stets bedacht für
Oskars Erhaltung zu sorgen auch Luisen ermahnte der Erfüllung dieser heiligen
Pflicht sich ausschließlich zu weihen
    In Luisens weicher Seele steigerte sich nur zu leicht der Enthusiasmus der
Dankbarkeit bis zur Leidenschaft hinauf ja man könnte sagen dass diese die
einzige Leidenschaft sei welche sie bis dahin wahr und wirklich empfunden
hatte Bernhard erweckte sie zuerst in ihr aber seine höhere Natur hielt sie
ab ihn anders als aus der Ferne zu verehren Oskar hingegen stand ihr weit
näher und dass er als Kranker stets ihres Beistandes bedurfte machte ihn ihr mit
jedem Tage noch werter Sie verließ ihn so selten als möglich und wachte über
ihn wie eine Mutter über den Liebling ihres Herzens So lange er durch den
Verband gehindert wurde sich seiner Hände bedienen zu können suchte sie mit
unglaublicher Aufmerksamkeit auch den kleinsten seiner Wünsche zuvorzukommen
und hiedurch sowohl als durch tausend andere Zufälligkeiten wie sie das
häusliche Leben mit sich führt entstand zwischen beiden ein zartes namenloses
Verhältnis dem sie sich hingaben ohne weiter darüber zu denken Überdem wurde
Frau von Meinau durch ihre häuslichen Pflichten oft abgehalten sich der Pflege
ihres Bruders so anzunehmen wie sie es wohl gewünscht hätte und so blieb diese
Sorge Luisen größtenteils allein überlassen
    Oskars ungeschwächte Jugendkraft beförderte seine Genesung er durfte weit
früher als man gehofft hatte es wagen sein Lager und bald auch sein Zimmer zu
verlassen und entwickelte nun auch im häuslichen Beisammensein die
liebenswürdigsten Eigenschaften Schon seine männlich schöne Gestalt musste auf
den ersten Anblick für ihn einnehmen Die zwar nicht regelmäßig schönen aber
ausdruckvollen Züge seines sehr angenehmen Gesichts waren der treuste Spiegel
jeder Regung seines Gemüts dabei trug sein ganzes Wesen einen Anstrich von
Ritterlichkeit der ihm außerordentlich gut stand und sich besonders in der
zartesten Achtung gegen Frauen äußerte Lebhaft und leicht erregbaren Geistes
riss er alles unwiderstehlich mit sich fort wenn er in seiner schönen
wohlklingenden Sprache über irgend einen Gegenstandder ihn innig ergriffen
hatte mit dem Enthusiasmus eines Begeisterten sich äußerte Mit einem sehr
angenehmen sonoren Organ verband er das seltene Talent ein ausgezeichnet guter
Vorleser zu sein oft auch begleitete seine rührende gerade ans Herz dringende
Tenorstimme Luisens ziemlich mittelmässiges Spiel auf der Guitarre die er selbst
zwar meisterhaft zu behandeln wusste aber mit seinem noch immer gelähmten Arme
nicht zu berühren wagte Abends erzählte er zuweilen Luisens ältestem Knaben
wundersame Märchen die den sonst ewig Unruhigen festbannten und denen selbst
die Mutter gern zuhörte
    So verstand er es auf die verschiedenste Weise sich selbst zu Andrer Freude
zu vervielfältigen und allein durch seine Gegenwart den Geist innerer
Unzufriedenheit und Langeweile aus diesem Hause zu bannen der bis dahin den
Frieden desselben so oft getrübt hatte
    Mit immer steigender Zufriedenheit bemerkte Albert den wohltätigen Einfluss
der Gegenwart seines neuen Freundes auf die Gemütsstimmung seiner Luise Nie
fand er sie mehr in stillen Tränen wie wohl sonst oft geschehen war nie
klagte sie mehr über die in Leuenstein herrschende Einsamkeit kein Zeichen der
Unzufriedenheit entschlüpfte ihr wenn ihr arbeitsmüder Gatte Abends mit
anscheinendem Mangel an Teilnahme ihr zur Seite saß Albert sah sie jetzt immer
heiter immer freundlich mit Augen aus denen Jugend Gesundheit und kindliche
Freude am Leben strahlten Sie erschien ihrem Gatten völlig so wie er zuerst im
Hause ihrer Eltern sie sah auch sein Herz ward ihm leichter und ein Nachgefühl
der zu schnell entschwundnen Seeligkeit der ersten Tage ihrer Vereinigung gab
auch ihm einen Teil seiner entflohnen Heiterkeit wieder zurück
    Dass Oskar es war der diese glückliche Veränderung seines häuslichen
Zustandes herbeiführte fand Albert eben so natürlich als Luisens Betragen
gegen diesen Ihre grenzenlose Dankbarkeit ihre Art diese zu äußern machten
ihm die Geliebte nur noch werter denn er war überzeugt dass nie genug für den
geschehen könne der ihm das höchste Kleinod seines Daseins mit Gefahr des
eignen Lebens erhalten hatte Oskar stand neben Bernhard in Alberts Herzen was
dieser ihm schenkte hatte jener ihm erhalten er fühlte dabei dass Oskars
Liebenswürdigkeit ihn angezogen haben würde selbst wenn er ihm nicht alles zu
verdanken hätte und war stolz darauf ihn überall als den Mittelpunkt des Lebens
in seinem Hause betrachtet zu wissen
    Nie kam dabei das niederdrückende Gefühl des Zurückgesetztwerdens in Alberts
Seele das ihn so oft der Verzweiflung nahe gebracht hatte als noch die Fremden
in seinem Eigentume herrschten denn niemals zeigte Oskar nur eine Spur des
Übermuts durch welchem jene sich auszeichneten nie suchte er sich
hervorzudrängen und in seinem ganzen Wesen ward auch nicht die mindeste Ahnung
der seltenen Eigenschaften sichtbar die ihn vor Tausenden auszeichneten ohne
dass er den hohen Standpunkt zu bemerken schien auf welchen Alle ihn stellten
    Der Winter hatte sich indessen sehr früh und mit fast beispielloser Härte
eingestellt kaum durften völlig Gesunde es ungestraft wagen sich im Freien der
grimmigen Kälte auszusetzen und der Arzt wiederholte täglich dass Oskar
durchaus noch nicht daran denken könne Leuenstein zu verlassen so lange der
scharfe Frost anhielt Wie groß musste daher Alberts Erstaunen sein als Oskar
gerade am kältesten Tage den man bis dahin gehabt hatte mit der Bitte in sein
Zimmer trat ihn sogleich zum Baron Meinau fahren zu lassen weil er bei diesem
einige Zeit zu verweilen Willens sei
    Alberts erster Gedanke war dass bei seinen Freunden irgend ein Unglück
vorgefallen sein müsse er betrachtete Oskar genauer während dieser ihm
versicherte dass dieses keinesweges der Fall sei er sah ihn ungewöhnlich
bleich alle Züge seines Gesichts deuteten auf eine heftige Bewegung in seinem
Innern sein sonst immer heiteres Auge glänzte im feuchten Schimmer
zurückgedrängter Tränen und seine Lippe zuckte schmerzlich indem er in kaum
verständlichen Worten die eben ausgesprochene Bitte um Pferde und Wagen nochmals
wiederholte
    Albert vermochte nicht ihm zu antworten er strengte alle seine
Geisteskräfte an um zu erraten was seinen Freund so heftig ergriffen und ihn
zu dem Entschlusse bewogen haben könne so plötzlich von Leuenstein sich zu
entfernen Er erinnerte sich dass Oskars ungewohnter Trübsinn ihm schon seit
einigen Tagen aufgefallen sei dass er bemerkt habe wie dieser öfterer als sonst
die Einsamkeit gesucht und besonders Luisen absichtlich zu meiden schien und
nun glaubte er mit einemmal den Schlüssel zu dessen jetzigen rätselhaften
Benehmen gefunden zu haben
    »Ich sehe wie es ist Freund Oskar ich der ich in meinem Leben nichts
errate ich durchschaue Sie dennoch diesesmal« rief Albert mit freundlichem
Lächeln und ergriff Oskars Hand die in der seinen zuckte Dass Oskar immer
bleicher ward und sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte bemerkte Albert
nicht sondern fuhr aus der Fülle seines liebenden argwohnlosen Gemüts zu reden
fort »Es darf nicht sein« sprach er recht herzlich bittend »Sie dürfen uns
noch nicht verlassen und auf diese Weise nun vollends gar nicht Was zwischen
Ihnen und meiner Luise vorgefallen sein mag verlange ich nicht zu wissen aber
das weis ich dass Sie es nicht auf diese Weise aufnehmen würden wenn Sie das
liebenswürdige Geschöpf so kennten als ich Ich möchte sogar keine der kleinen
Launen meiner Luise an ihr vermissen denn sie ist doch ein Engel der Güte Ich
gehe zu ihr sie selbst wird eilen alles wieder gut zu machen sie selbst wird
Sie bitten uns nicht zu verlassen ich weis da können Sie unmöglich
widerstehen«
    Albert eilte zu Luisen ehe Oskar so viel Fassung gewann ihn daran hindern
zu können Er fand sie auf ihrem Sofa in Tränen Bei seinem Eintritt verhüllte
sie ihr Gesicht und unterdrückte nur halb einen Schrei des schmerzlichsten
Erschreckens
    »Du weißt es also schon ich sehe es« sprach Albert »er will fort in
dieser entsetzlichen Kälte die ihm den Tod geben kann Das darf nicht sein
nicht war Luise Nur Du kannst es hindern Komm liebe Luise sei gut vergiss
was zwischen Euch vorgefallen sein mag und hilf mir ihn erbitten Bezwinge
diese kleine Aufwallung mein geliebtes Weib denke er ist der Retter unseres
Lebens ein freundliches Wort von Dir und alles ist wieder gut komm meine
Luise« Albert wollte ihre Hand fassen doch sie entriss sie ihm mit ungewohnter
Heftigkeit drückte laut schluchzend das Gesicht noch tiefer in die Sofakissen
hinein und winkte ihm abwehrend fortzugehen
    »O über die großen erwachsenen Kinder« rief Albert halb entrüstet halb
traurig indem er Oskar wieder aufsuchte er fand ihn vertieft in schmerzlicher
Betrachtung vor Luisens Büste stehen und begann nun ihn mit Bitten zu
bestürmen ein Paar Menschen nicht zu verlassen die in ihm ihren Schutzengel
entfliehen sähen Alles was unbegränzte Dankbarkeit tiefgefühlte Hochachtung
innige Freundschaft und der heisseste Wunsch des Gelingens nur eingeben können
brachte er mit jener unwiderstehlichen Beredsamkeit vor die ihm stets eigen
war sobald er von den Regungen seines tiefen Gemütes sich hinreißen lies Er
beschwor Oskar bei allem was ihm heilig sei Luisens vorübergehenden gewiss nur
aus Kränklichkeit entstandenen Unmut nicht so schwer an ihm und ihr zu ahnden
Er versicherte ihm dass sie gewiss mit Entzücken dem sich ihr wieder zuwendenden
Freunde entgegen eilen und alles daran setzen würde um nur den heldenmütigen
Retter ihres Lebens zum Verzeihen und zum Vergessen zu bewegen
    Was auch Oskar ihm einzuwenden versuchte alles war verloren Albert hörte
nicht darauf und ward immer wärmer immer unwiderstehlicher je länger er
sprach so dass Oskar endlich die Unmöglichkeit fühlte sich hier länger in den
Schranken zu halten die er sich gesetzt hatte um seinen edlen Freund zu
schonen
    »Albert lass ab von mir ich beschwöre Dich« rief er zuletzt in höchster
Spannung hingerissen von seinem Gefühl »lass ab von mir und höre auch mich Du
unerbittlicher Feind Deiner Selbst Edle argwohnlose kindlich reine Seele«
setzte er unendlich weich hinzu »höre mich endlich an Ich kann Dich betrüben
aber betrügen kann ich Dich nicht Und müsste ich Dein schönes Gemüt noch tiefer
verwunden ich kann gegen Dich dennoch nicht unwahr sein So erfahre denn durch
mich wovon kein Gedanke in Deine ahnungsfreie Seele kam ich liebe Luise Deine
Luise Dein Weib ich liebe sie mit verzehrender Glut ich lebe ich atme nur
in dieser Liebe die ihr erster Anblick in mir entflammte und die ich dennoch
zu spät mit unsäglichem Schrecken erkannte Albert ich kämpfe seit vier Tagen
den fürchterlichsten Kampf mit mir selbst umsonst ich liebe nur sie ich kann
nichts denken nichts fühlen als diese Liebe Trennung ist Tod Ich beschloss zu
bleiben mein Geheimnis in tiefster Brust zu begraben Ich unseeliger Tor wie
konnte ich ihr zu verbergen hoffen was mir selbst jetzt offenbar war Ein
unglückseeliger Zufall entriss mir diesen Morgen ein Geständnis das mich  
Luise weiß alles Albert bestehst Du noch darauf mich hier fest halten zu
wollen«
    Albert stand regungslos wie eine Bildsäule »Luise weiß Alles sagst Du
Alles  Und sie« hauchte er fast unhörbar mit kaum bewegter Lippe »Und sie«
wiederholte er dringender und sein Auge suchte mit dem Ausdruck
unaussprechlicher Angst in Oskars Zügen zu lesen
    »Lass mich fliehen dränge selbst mich über Deine Schwelle« rief Oskar in
wilder Verzweiflung »Verbanne mich lass mich elend sein aber schuldlos
dränge mich mit Gewalt fort fort fort um Luisenswillen um Deinetwillen fort
von hier verstosse mich verbanne mich« Seine noch nicht ganz
wiederhergestellten Kräfte verließen ihn er sank in einen Sessel und verhüllte
mit beiden Händen sein Gesicht
    Albert betrachtete ihn eine Weile schweigend und ging dann einigemal mit
immer fester werdendem Schritte im Zimmer auf und ab Dann stand er wieder vor
Oskar still und ergriff dessen fast leblose Hand Als sei ein neuerer höherer
Geist über ihn gekommen so verändert so erhaben war in diesem Augenblick
Alberts Haltung seine ganze Gestalt sein Auge strahlte in hoher Verklärung
wie das Auge eines Sterbenden im letzten Momente des scheidenden Lebens welcher
der Erde nicht mehr angehört Nie zuvor sah er seinem Bruder Bernhard so
ähnlich
    »Oskar« fing er mit kaum merklich bewegter Stimme und sehr gemässigtem Tone
an »lieber Oskar Sie hatten Recht ich sehe ein es ist gut dass Sie noch heute
Ihre Schwester besuchen und es soll meine angelegentlichste Sorge sein dass
dieses ohne Gefahr für Ihre Gesundheit geschehen könne Mein edler
hochgeliebter Freund wir brauchen beide Zeit um uns selbst wieder zu finden
aber glauben Sie mir nur alles wird sich ordnen wir werden beide ruhiger
werden und Sie kehren gewiss einst und bald in froherer glücklicherer Stimmung
nach Leuenstein zurück Oskar Sie würdigten mich eines ungemessenen Vertrauens
wo Tausende an Ihrer Stelle  doch es wäre Beleidigung Sie nur mit jenen zu
vergleichen Wir beide haben in dieser schmerzlich schönen Stunde einander
erkannt auf ewig Sie wissen jetzt dass ich Ihres edlen Vertrauens nicht
unwert bin geben Sie mir den letzten Beweis davon dass Sie dies glauben indem
Sie nur eine Frage noch mir offen und ohne Rückhalt beantworten Weiß außer mir
noch jemand weiß Meinau oder Ihre Schwester   « »Guter Gott wie wäre dies
möglich« rief Oskar »wie könnte ich Andern gestehen was ich mir selbst kaum
gestand«
    »Nun dann« erwiderte Albert indem er Oskars Hand an seine Brust drückte
»nun dann so gewähre mir noch die Bitte auch ferner gegen alle zu schweigen
und Deiner Schwester Haus nicht zu verlassen bis wir beide in der Stimmung
sind mit gefasstem Mut zu überlegen welch ein Entschluss hier zu fassen steht
der uns allen die entwichene Ruhe wiederzugeben vermag Wir alle drei sind
reines Herzens es wird ein Ausweg sich entdecken lassen wir haben nichts zu
befürchten als in zweckloser Übereilung die so uns lieb sind zu verwunden
Lass dies uns vermeiden und mögen dann Gott Zeit und der unbestechbare
Richter den jeder von uns im Busen trägt über alles Andere entscheiden«
    Alberts seltene wie durch höhere Eingebung über ihn gekommene
Geistesstärke welche in des noch tiefer gebeugten Oskars Gegenwart seinen Mut
erhob und ihn in dieser erschütternden Szene aufrecht erhielt brach zusammen
so wie er sich wieder in seinem einsamen Zimmer allein sah Er hörte den Wagen
aus dem Schlosshofe fortrollen in welchem Oskar sich entfernte ohne Luisen
wieder gesehen zu haben und ihm war als gingen die Räder desselben zermalmend
über seine Brust hinweg
    »Dort fährt er hin« rief Albert übermannt vom Schmerze des Augenblicks
»dort fährt er hin er dessen Leben ich beraubte noch eh ich ihn sah und mit
ihm verlässt das ganze Glück des geliebtesten Wesens auf Erden unser verödetes
Haus Niemand bleibt der armen Luise als ich den sie schon lange nicht mehr
liebt den sie nie lieben konnte den sie jetzt hassen verabscheuen muss seit
sie den Einzigen gefunden hat der ohne mein unseeliges dazwischentraten ihr
Leben zu einer Kette von Seeligkeit umgewandelt hätte Ich bleibe um täglich
stündlich den Vorwurf ihres Unglücks ihr tiefes Leiden in ihren Augen zu lesen
Ich Unseeliger habe zwei Wesen getrennt die der Himmel selbst für einander
bestimmte Und was habe ich mir gewonnen Unaussprechlichen Jammer ewige Reue
Oskar und Luise wo gibt es ein Paar diesem zu vergleichen Sie hätten sich
gefunden sie mussten sich finden Ohne mich blühte jetzt Luise in unentweihter
voller Jugendpracht ihm entgegen doch ich selbstsüchtig und grausam benutzte
die jugendliche Unerfahrenheit des kindlich lieblichen Geschöpfs ich zerstörte
in der Knospe die Blume nun wird sie an meiner Seite dahin welken O läge ich
ruhig und still in meinem Grabe Noch wäre es nicht zu spät beiden lacht noch
das Leben im Jugendglanz beide könnten vereint noch glücklich mit einander
sein Bernhards edler Wille würde dennoch erfüllt ich habe Söhne unser alter
edlerName wird in ihnen fortblühen und sie würden unter Oskars Pflege den
Unglücklichen nicht vermissen der ihnen nichts geben konnte als das Leben«
    Ergriffen von diesem Gedanken gefoltert von unbeschreiblichen Quaalen sank
Albert auf die Knie und betete mit Innbrunst um augenblicklichen Tod den
freiwillig zu wählen fromme Überzeugung ihn abhielt So glühend so ernstlich
wie er hat vielleicht kein zum Sterben Verurteilter jemals um Leben gefleht
Dann sprang er wieder auf tausend Entschlüsse tausend Gedanken tausend
Möglichkeiten durchkreuzten sich verwirrend in seinem Gemüte und brachten ihn
dem Wahnsinn nah Nichts ward ihm klar als die Notwendigkeit Luisen ihre
Freiheit wieder zu geben und mit dieser die Anwartschaft auf eine glückliche
Zukunft an Oskars Seite Vergebens strengte er sich an um eine Möglichkeit zu
entdecken dieses vollbringen zu können Scheidung war hier kein Ausweg denn
Luise bekannte sich so wie er selbst zur katholischen Kirche und diese
gestattet in einem solchen Falle keine zweite Verbindung so lange der erste
Gatte noch lebt Auch der selbst verschuldete traurige Zustand seines Vermögens
und seiner von Bernharden ihm anvertrauten Güter fiel ihm ein und erhöhte seine
Quaal wie seine Unentschlossenheit So verbrachte er die Stunden des Tages in
nutzlosem fürchterlichem Kampfe mit sich selbst bis die frühe Abenddämmerung
hereinbrach »Gott« rief er endlich in wilder Verzweiflung aus und warf sich
mit gerungenen Händen abermals auf den Boden hin »Gott Du siehst meinen
Jammer die Bahn liegt vor mir die ich gehen muss klar und deutlich überschaue
ich sie aber der Zugang zu ihr bleibt mir ein nie zu lösendes Rätsel
Erleuchte mich ich habe niemand auf Erden der in dieser furchtbaren Nacht der
Verwirrung die Hand mir bieten könnte ich habe niemand als Dich Erhöre das
bange Flehen Deines verzweiflenden Geschöpfs rufe mich ab aus diesem Labirinte
von Leiden oder sende mir ein sichtbares Zeichen Deiner Gnade das mir zum
Führer diene in dieser Wüste des Lebens«
    In diesem Moment öffnete sich die Türe Albert sprang erschrocken auf Es
war nur einer seiner Diener der Licht brachte und zugleich ein
schwarzgesiegeltes ziemlich starkes Briefpacket ihm überreichte welches so eben
der Bote von der nächsten Post abgegeben hatte Mechanisch nahm Albert es an und
öffnete es eigentlich nur um dem Bedienten der noch einige Augenblicke im
Zimmer beschäftigt blieb seinen heftig bewegten Zustand zu verbergen Doch
einzelne Worte zogen dennoch seine Aufmerksamkeit an indem er die in dem Packet
entaltenen Papiere ohne eigentlich zu lesen nur flüchtig überschaute Er zwang
sich aufmerksamer zu lesen und der Inhalt derselben fesselte ihn endlich ganz
Als er vollendet hatte rieselte Todeskälte ihm den Nacken hinab sein Haar
sträubte sich und die Hand zitterte konvulsivisch in welcher er die Papiere
hoch empor hob »Du hast mich erhört« rief er bleich wie ein Sterbender den
starren Blick zum Himmel gerichtet »Du hast das Zeichen mir gegeben das ich
vielleicht an Deiner Gnade frevelnd mir erflehte Ich beuge mich tief in den
Staub vor Dir ich folge zitternd aber willig dem Wink Deiner allmächtigen Hand
Nimm das Opfer gnädig an seegne Luise und Oskar«
    Das Packet welches Albert gerade in diesem Moment erhielt und das seine
aufgeregte Phantasie so wunderbar ergriff enthielt die Nachricht von dem im
hohen Alter erfolgtem Absterben des Kardinals seines Grossoheims und zugleich
die Abschrift von dessen letzten Willen Der fromme Greis hatte eine Hälfte
seines wirklich fürstlichen Vermögens der Kirche zu wohltätigen Stiftungen
hinterlassen die zweite Hälfte desselben in reiche Legate unter seine Freunde
Verwandte und alte treue Diener verteilt Albert war mit einem reichen
Vermächtnisse bedacht worden das beinahe dreimal so viel betrug als die Summe
welche nach Meinaus Berechnung nötig war um alle seine Schulden zu tilgen
    Eine Anweisung war dem Briefe beigefügt gegen welche er den vollen Betrag
des Vermächtnisses bei einem der ersten Handelshäuser in St erheben konnte
sobald er sich als der dem es bestimmt war legitimirte
    Mit jener an Todeskälte gränzenden Fassung die dem auf den Fluten des
Lebens Müdegetriebenen das Ansehen scheinbarer Ruhe gewährt setzte Albert sich
hin um an Luisen zu schreiben die unter dem Vorwande großer Nervenschwäche an
diesem Tage niemanden vor sich lies Er meldete ihr dass ein dringendes Geschäft
ihn zwinge morgen in aller Frühe nach St zu reisen Sie lies ihm mündlich
zurücksagen dass sie sich zu schwach fühle um ihn noch vor seiner Abreise zu
sehen dass sie hoffe er würde nicht lange ausbleiben und ihn bitte das jüngste
Kind nebst seiner Wärterin bis B mitzunehmen wo ihre Eltern wohnten indem
eine sehr bösartige Blatterepidemie anfange unten im Dorfe und in der Umgegend
Überhand zu gewinnen und sie daher wünsche den Kleinen bei den Grosseltern in
Sicherheit zu wissen Albert hörte von diesem allen nur dass Luise ihn nicht
wiedersehen wolle
    Die Nacht ward zum Teil unter dem Einpacken der zu seiner Legitimation
notwendigen Papiere hingebracht Sein Herz lag tot und schwer in seiner Brust
und keine Träne kam in seine heissbrennenden Augen Noch einmal zog er durch
alle Zimmer seines Schlosses wie ein rastloser Geist der weder im Himmel noch
auf Erden eine bleibende Stätte findet Der Morgen dämmerte leise öffnete
Albert die Türe zu Luisens Zimmer sie schlummerte sanft und hörte ihn nicht
Noch einmal betrachtete er die holde Gestalt wie sie in jugendlicher Anmut
aufgelöst in süßem Vergessen dalag Tief und schmerzlich in blutigen Zügen
prägte das geliebte Bild sich ihm ins gemarterte Herz für eine Ewigkeit ein Er
wagte es nur eine ihrer Locken zu küssen um sie nicht zu wecken und riss sich
dann von ihr los wie ein Verzweifelnder vom Leben scheidet Im Wagen versank er
anfangs in dumpfes starres Hinbrüten und ward es gar nicht gewahr dass die
Wärterin seinen schlummernden Knaben auf dem Schoss ihm gegenüber saß Doch
als ein flammendes Lichtmeer sich über Erde und Himmel ergoss und die spät
aufgehende Sonne in ihrer winterlichen Pracht Bäume und Felder mit blitzenden
Rubinen übersäete da wachte auch das Kind auf und streckte laut jauchzend für
Freude dem Vater die kleinen Arme liebkosend entgegen Ein Strom von Tränen
stürzte jetzt aus Alberts Augen und erleichterte sein bis zum zerspringen
zusammengedrücktes Herz Er nahm das zarte kleine Wesen in seine Arme das sich
in dem vor jedem Eindringen der Kälte sorgfältig geschützten Wagen sehr
behaglich fühlte und in seiner wortlosen Sprache seine Freude auszudrücken
strebte
    »Dich habe ich noch« rief Albert »doch noch ein Wesen das zu mir gehört
Dich gab ein Gott mir zum Troste mit in die verödete Welt Und willst Du immer
mir bleiben Willst Du mich niemals verlassen« Das Kind schlang lächelnd ihm
beide Aermchen um den Nacken Es war zu viel für sein Herz er gab es der
Wärterin zurück und weinte laut
    Ohne Plan für sich selbst war Albert in die Welt hinausgezogen nur des
Entschlusses sich bewusst von allem was ihm teuer war zu scheiden Doch der
Anblick seines Kindes gab ihn sich selbst wieder zurück In dem rastlosen
kummervollen Leben das er bis jetzt geführt hatte war ihm wenig Raum für die
Beschäftigung mit seinen Kindern geblieben und oft waren ganze Wochen vergangen
ohne dass er sie zu Gesichte bekam Doch jetzt beim Anblicke dieses wirklich sehr
schönen munteren Knaben der so ganz unerwartet sein Reisegefährte geworden war
regte sich die Vaterliebe mächtig in ihm und erwärmte wohltätig sein fast
erstorbenes Gemüt Die Reise kam ihm nach dem heftigen Kampfe der ihr
voranging wie Ausruhen vor und es gelang ihm sich im Laufe derselben zu
sammeln und eine Ansicht dessen zu gewinnen was jetzt für ihn am nächsten zu
ergreifen sei
    So wie sie B dem Wohnorte von Luisens Eltern sich näherten kündigte er
der treuen Renate an dass er willens sei durch diese Stadt gerade durchzufahren
und sie mit dem Knaben noch weiter mit sich zu nehmen Die gute Frau war damit
außerordentlich zufrieden indem die Reise dem Kleinen sehr wohl zu bekommen
schien und sie sich überdem von dem Aufenthalt bei der Frau Grossmama nicht viel
versprach die gerade gegen diesen ihren jüngsten Enkel niemals große Liebe
bezeigt hatte
    Nach wenigen Tagen langten die Reisenden glücklich in St an wo Albert
zuerst darauf bedacht war das reiche Geschenk seines erblichenen Wohltäters
sich auszahlen zu lassen was ohne alle Schwierigkeiten vollbracht wurde Dann
setzte er unter den gehörigen Formalitäten seinen letzten Willen auf und legte
ihn gerichtlich nieder nachdem er eine Abschrift davon nehmen lies die er an
seinen Freund Meinau zu senden Willens war In diesem Testamente übertrug er dem
Baron Meinau die Vormundschaft über seinen ältesten in Leuenstein
zurückgelassenen Sohn und bestimmte ein Dritteil der Einkünfte seiner Güter
für die Erziehung desselben zwei Dritteile aber nebst der Wohnung in
Leuenstein überlies er seiner Gattin auf Lebenslang sogar wie er ausdrücklich
hinzusetzte im Fall sie sich zum zweitenmale vermählen sollte
    Dem Baron Meinau sandte er nebst der Abschrift dieses Testaments eine
unumschränkte Vollmacht für die Zeit in welcher er selbst abwesend wäre
zugleich übermachte er ihm die Hälfte der von seinem Oheim ererbten Summe bat
seinen edlen Freund diese nach bestem Wissen zur Verbesserung seiner
Besitzungen anzuwenden benachrichtigte ihn von dem Absterben des Kardinals und
trug ihm zugleich auf Luisen zu melden dass er nach Italien zu gehen gedenke
um dort das Grab des väterlichen Beschützers seiner Jugend zu besuchen Er bat
sie ihm zu verzeihen dass er seinen Sohn mit sich auf die Reise nähme indem
das Kind ihm jetzt zu lieb geworden wäre als dass es ihm unmöglich sei sich von
ihm zu trennen Der zweiten Hälfte der so unverhofft ererbten Summe erwähnte
Albert in diesem Briefe nicht denn diese glaubte er mit Recht ausschließend
als sein Eigentum und als das künftige Erbteil seines jüngeren Sohnes
betrachten zu können aber er empfahl nochmals seine Luise in den dringendsten
rührendsten Ausdrücken dem Schutze seines Freundes und bat ihn zugleich Oskar
seiner unveränderten Liebe und Dankbarkeit zu versichern und ihm zu sagen dass
er fest darauf rechne ihn bei seiner Heimkehr noch in der Nachbarschaft von
Leuenstein anzutreffen
    Der Brief ward versiegelt und abgeschickt und Albert fühlte sich von diesem
Augenblick an von seiner ganzen Existenz von allen ihren Freuden und
Hoffnungen von allen ihren Schmerzen und Sorgen auf ewig geschieden ein
heimatloser Wanderer auf Erden Die Überzeugung jetzt einzig an sich selbst
gewiesen zu sein ohne eine Seele die ihm nahe genug geblieben wäre um ihm auf
seinem ferneren Wege eine leitende Hand zu reichen gab ihm eine
Selbstständigkeit die er sich nie zugetrauet hätte Er glich einem Kinde
welches gehen lernt und immer weniger schwankend vorwärts schreitet sobald es
sich nur einmal entschließen konnte die Gegenstände loszulassen an die es bis
dahin sich ängstlich angeklammert hielt
    Alberts Hauptsorge war jetzt sein Dasein Allen die früher ihn gekannt
hatten zu verbergen um sowohl vor den Augen der Welt als derer die durch
engere Bande an ihn gefesselt waren spurlos zu verschwinden Unerachtet seiner
bisherigen Unerfahrenheit in allem was zum practischen Leben gehört gelang es
ihm dieses auf die zweckmässigste Weise auszuführen Den einzigen Bedienten der
ihn von Leuenstein aus begleitet hatte schickte er in St unter einem wohl
ersonnenen Vorwande zurück ehe er noch selbst diese Stadt verließ um angeblich
die Reise nach Rom anzutreten Unterwegs wandte er sich in gerad
entgegengesetzter Richtung von dem Wege ab von dem man glauben musste dass er
ihn genommen habe mit großer Vorsicht verwandelte er seinen alten adlichen
Namen sobald er dieses sicher und unbemerkt wagen durfte in einem unbekannten
bürgerlichen und eilte nun so schnell er konnte der von Leuenstein
entferntesten Gegend in Deutschland zu das er nicht ohne Not zu verlassen
entschlossen war
    Die treue Renata die er so viel dies schicklich und möglich war in einen
Teil seines Geheimnisses einweihte ließ sich leicht bewegen durch einen
heiligen Eid zum ewigen Verschweigen seines wahren Namens und Standes sich zu
verbinden da er ihr gelobte sie nie von dem Kinde zu trennen an dem sie mit
wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit hing und das von nun an für das ihre gelten
sollte
    Je weiter Albert von dem ehemaligen Schauplatz seines Wirkens und Lebens
sich entfernte je besser gelang es ihm seine Zukunft in seinem Gemüte zu
ordnen Seine frühere nie ganz erstickte Liebe zur Wissenschaft erwachte
wieder überdem fühlte er dass nur anhaltende ernste Beschäftigung ihn auf die
Länge vor Wahnsinn und Verzweiflung bewahren könne und so beschloss er alles
anzuwenden um sich noch so viel möglich die Kenntnisse zu erwerben die ihm
mangelten um späterhin seinen Sohn zu einem würdigen nützlichen Mitgliede der
menschlichen Gesellschaft zu bilden und ihn vor den Fehltritten zu bewahren zu
denen seine Unerfahrenheit im Leben ihn selbst verleitet hatte
    Sobald er weit genug sich von Leuenstein entfernt glaubte mietete er daher
Frau Renata in einem artigen mitten in einer der reizendsten Gegenden belegenen
Landhause ein wo er sie für eine ihm nah verwandte Wittwe ausgab welche mit
ihrem einzigen Kinde in ländlicher Stille zu leben wünsche Er selbst aber bezog
eine damals sehr berühmte einige Meilen von jenem Landhause entfernte
protestantische Universität wo er förmlich seine Studien begann die ihm durch
die unter Pater Jeronimos Leitung erhaltene klassische Erziehung sehr
erleichtert wurden Seine Erscheinung fiel an diesem Orte niemanden auf denn
man war es in jener Zeit mehr gewohnt als jetzt Jünglinge erst im reiferen
Alter die Universität beziehen zu sehen überdem hatte Albert eben erst sein
sechs und zwanzigstes Jahr zurückgelegt und sah weit jünger aus als er
eigentlich war
    Da er beinahe alle Gesellschaft und besonders öffentliche Orte mied so
wurde seine Existenz kaum bemerkt Seine einzige Erholung nach wochenlanger
Arbeit schränkte sich auf einen Besuch bei seinem Sohne ein der unter Renatas
treuer Pflege recht munter und kräftig heranwuchs
    In Leuenstein hatte man indessen wenige Monate nach Alberts Entfernung in
der Zeitung die Nachricht gelesen dass an der italienischen Küste ein Schiff
samt der ganzen Mannschaft und allen darauf befindlich gewesenen Passagieren zu
Grunde gegangen sei dabei wurde besonders das Schicksal eines Baron Albert von
Leuen mit Bedauern erwähnt der sich mit seinem Sohne und dessen Wärterin in
Triest eingeschifft hatte um dem noch sehr jungen unmündigen Kinde den
Übergang über die Alpen zu ersparen und der nun samt diesen auf so traurige
Weise ebenfalls den Tod in den Wellen gefunden hatte
    Welchen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht sowohl auf Luisen als Oskar
und den Baron Meinau machen musste ist leicht zu erachten doch nichts gleicht
Alberts tiefem Seelenleiden als er bald darauf sich im Namen seiner Frau und
seines Freundes Meinau in allen Zeitungen auf das dringendste aufgefordert sah
von seinem Leben und seinem jetzigen Aufenthalte Nachricht zu geben indem man
immer noch hoffe dass jenes Gerücht von seinem Untergange ungegründet gewesen
sei Diese Aufforderungen wurden mehrere Monate hindurch immer rührender und
erschütternder wöchentlich wiederholt und der schwere Kampf zwischen Alberts
noch immer unbesiegten treuen Liebe und dem Glauben dass die Heissgeliebte nur
durch seinen anscheinenden Tod das ihr von jeher bestimmt gewesene Glück finden
könne erhob sich denn jedesmal von neuem in seinem Gemüte Die Stimme der
Gattin und des Freundes lockten ihn mit unaussprechlicher Lieblichkeit aus der
Ferne oft war er nahe daran den Schritt zurückzutun durch welchen er
Heimat Namen ja seine ganze Existenz auf Erden freiwillig hingab um nur
Luise wahrhaft glücklich zu wissen aber er hielt dennoch fest an der einmal
gewonnenen Überzeugung hier standhaft bleiben zu müssen um nicht aus schnöder
Eigenliebe sowohl an Luisen als an dem edlen Retter ihres Lebens unwürdig zu
handeln
    Diese quälenden Nachklänge aus seinem vergangenen Leben hörten endlich auf
doch nun erschien ein volles Jahr nach seiner Abreise von Leuenstein ein Aufruf
andrer Art der ihn von Gerichtswegen ermahnte sich binnen Jahresfrist zu
melden widrigenfalls er für tot erklärt und seiner Gattin die Erlaubnis
erteilt werden würde zur zweiten Ehe zu schreiten Albert schwieg und meldete
sich nicht aber noch schmerzlicher als zuvor fühlte er sich tief in der Seele
verwundet obgleich er nichts anders bezweckt und erwartet hatte Noch
gewaltsamer traf ihn die Freunden und Verwandten gewidmete Ankündigung von
Oskars und Luisens Vermählung die er nach Ablauf des ihm gesetzten Termins
ebenfalls in den Zeitungen las Sie schien ihm der letzte Todesstoss alles seines
Hoffens auf Erden und dennoch hatte er gewähnt seine Rechnung mit dem Leben
ganz abgeschlossen zu haben
    Tief erschüttert sank er aufs Krankenbette wo er mehrere Wochen hindurch in
wohltätigen Fieberphantasien alles vergaß nur nicht seine Liebe Als er
endlich wieder zum Leben erwachte schien es ihm selbst er gehöre schon zu den
Toten Wie ein abgeschiedener Geist überschaute er noch einmal mit jener süßen
wehmütigen Ruhe die jedes Genesen nach schwerer Krankheit begleitet den
kurzen aber dornenvollen Pfad seiner Vergangenheit und segnete nun das
Geschick das indem es ihn aus der Welt stieß ihm dennoch einen geliebten
teuren Zweck seines künftigen Daseins mit in die Verborgenheit gab zu der er
sich von nun an verurteilt sah Nochmals gelobte er sich denselben mit treuem
Eifer sich zu weihen und in Zukunft nur dem Kinde zu leben das lächelnd wie ein
tröstender Engel an seinem Lager stand das letzte Band das ihn noch an das
Leben fesselte und ihn bewog es mutig zu tragen
    Nachdem Albert vier Jahre auf der Universität verlebt hatte sah er die
Notwendigkeit ein ernstlich darauf zu denken sich endlich einen bleibenden
Wohnort zu wählen als plötzlich Frau Renata erkrankte und durch ihren bald
darauf erfolgten Tod ihn bestimmte diesen Entschluss zu beschleunigen Albert
weinte schmerzlich bittere Tränen am Grabe der treuen Pflegerin seines Sohnes
sie war die Einzige die noch zuweilen Luisens Namen ihm nannte und er fühlte
sich nun durch ihren Verlust noch mehr verwaiset als je zuvor Er ermannte sich
indessen wieder nahm seinen Knaben der jetzt beinahe fünf Jahre alt der
weiblichen Pflege allenfalls entbehren konnte und trat mit ihm von einem
einzigen Diener begleitet eine Reise an um irgendwo in Deutschland einen Ort
aufzufinden in welchem er zwar in tiefer Verborgenheit doch dem größeren
Wirkungskreise der Welt nahe genug leben könne um seinen Sohn die
Unbekanntschaft mit ihr zu ersparen die der einzige Grund seines verfehlten
Daseins und aller seiner frühern Leiden gewesen war
 Beschluss des oben abgebrochenen Briefes von Albert an seinen Bruder Bernhard
In dieser großen lebensreichen Handelsstadt in welcher ich nun schon seit zwölf
Jahren einheimisch bin denke ich auch den Rest meiner Tage vollends
abzuspinnen so lange es Gott gefällt
    Wenn aber nun wirklich meine letzte Träne geweint mein letzter Seufzer
verhallt ist und ich vom Fiebertraum des Lebens nun endlich unter dem
Rasenhügel ausruhe den ich unfern meiner bescheidenen Wohnung im duftigen
Schatten einer uralten Linde mir längst zum letzten Asyl erwählt habe dann
mein Bruder mein hochgeliebter Bernhard dann wird ein Dir unbekannter Jüngling
vor Dich hintreten und Du wirst wähnen Dich selbst durch ein Wunder wieder in
neu erblühter Jugend zu sehen Nimm ihn in Deine Arme an Dein Herz denn dieser
Jüngling ist mein Sohn ist Dein Neffe Bernhard Raimund von Leuen Vergönnt es
die ewige Weisheit welche das unsichtbare Reich dort drüben wie hier unten das
sichtbare allmächtig beherrscht so umschwebt in jener heiligen Stunde mein
entfesselter Geist Euch teure Beide und Du fühlst das Wehen seiner
unbegreifliche aber gewisse Seligkeit verkündenden Nähe Von jenem Augenblicke
an lege ich die Bestimmung des künftigen Geschicks meines Raimunds in Deine
Hände des einzigen Wesens das mein sonst so freudenarmes Dasein durch einen
Hoffnungsstrahl zu erheitern vermochte Raimund entwickelt schon jetzt mit jedem
Tage die treffendste Ähnlichkeit mit Dir mein Bernhard und täuscht mich nicht
die Liebe des Vaters zum Sohne die so oft und gern unsern Blick verblendet so
ist es nicht nur die edle schöne Gestalt die er von Dir ererbte sondern es
glüht auch ein unsterblicher Funken Deines Geistes in seinem Innern und in
seiner Brust schlägt ein Herz dem Deinen gleich Liebe mich in ihm wie ich
Dich in ihm immer geliebt habe Ach sein Anblick allein erleichterte mir den
herben Schmerz unserer hoffnungslosen Trennung und wenn er sprach drang mir in
seiner Stimme der milde tröstende Ton der Deinen tief ins Herz der Stimme die
nie nie wieder hören zu dürfen mein trauriges Loos auf Erden ist
    Mein Sohn bringt das elfenbeinerne Kästchen Dir wieder zurück das Du von
Malta aus an mich sandtest In den nur Dir und mir bekannten geheimen Fächern
desselben lege ich diese letzten Bekenntnisse eines schon längst der Welt
Abgestorbenen nieder nebst allem was einst dazu dienen kann meinem Sohne das
Anrecht an den alten edlen Namen zu erhalten den seine Geburt ihm verlieh Er
selbst kennt sich bis jetzt nur als Raimund Holm und Dir mein Bruder bleibt es
überlassen zu entscheiden ob er jemals erfahren soll welch einem ehrwürdigen
Stamme er entsprossen ist oder ob er noch ferner nur auf sich selbst
zurückgewiesen als der Sohn eines unbekannten dunkeln Bürgers für den er sich
hält die Bahn verfolgen soll für die ich ihn erzogen habe Auch auf ihr kann
er einst als ein geachtetes nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft
sich Ehre Ansehen und alles was man im gewöhnlichen Leben Glück nennt
erwerben es wird ihm dieses sogar leichter gelingen können als es dem nicht
reichen jüngsten Sohne eines alten adlichen Hauses gelingen könnte
    Noch ein Bekenntnis bin ich Dir schuldig und warum sollte ich länger
anstehen es Dir freimütig abzulegen Ich habe meinen Sohn im Glauben der
Kirche erzogen die seines Vaters Hause jetzt am nächsten steht Raimund ist
Protestant ich selbst bin es in meinem Herzen schon seit ich die Universität
verließ obgleich ich nie öffentlich zu jener Kirche überging In meinem
jetzigen Wohnorte konnte kein äußeres Bedingniss zu einem solchen Schritte mich
zwingen gegen den ich immer eine Abneigung fühlte und warum sollte der Mensch
das Heiligste was er hat seinen Glauben ohne Not und ohne Beruf den Augen der
Welt darlegen wollen Dich aber mein Bruder und Deinen milden
vorurteilsfreien Sinn kenne ich zu gut um zu fürchten dass Du mir zürnen
könntest weil ich hier von der Bahn unsrer Väter und auch von der Deinen
abgewichen bin Du traust mir gewiss zu dass nur wahre innere Überzeugung mich
bestimmen konnte und Du wirst auch meinen Raimund nicht weniger lieben weil
sein Vater bei dessen Erziehung dieser Überzeugung gefolgt ist
    Ob Du aber aus Familienrücksichten es nun nicht geratner finden wirst
Raimund den ersten Protestanten in unserem Hause in der Dunkelheit seines
bürgerlichen Namens verharren zu lassen darüber vermag ich aus Unbekanntschaft
mit den Gründen die dabei vorwalten könnten nicht zu entscheiden Du wirst wie
immer das Beste zu wählen wissen und ich überlasse Dich hierin mit der
vollkommensten Ruhe Deiner freien Wahl denn ich weiß dass Raimunds wahres Glück
nicht von der Veränderung seines Namens abhängig ist. Nur Deiner Liebe bedarf
er wenn er nun ohne mich allein in der Welt steht nur diese entziehe ihm
nicht und möge er immer wenn Du es so willst dem süßen Wahn überlassen
bleiben dass er sie nur Deinem Herzen verdanke und nie erfahren dass in diesem
auch die Stimme des Bluts für ihn spreche
    Indessen könnten aber doch einst Zustände eintreten die Dich bestimmten
Raimund als den der er seiner Geburt nach ist in der Welt auftreten zu lassen
Ist dieses jemals der Fall so beschwöre ich Dich mein Bruder bei allem was
Dir heilig ist bei Deiner künftigen Ruhe bei Deiner Hoffnung auf eine seelige
Zukunft gib nie zu nie unter keiner Bedingung dass dies geschehe so lange
seine Mutter noch lebt Was würde aus Luisen was aus Oskar werden wenn sie von
der Verlängerung meines traurigen Daseins Kunde bekämen und wie könnte dieses
ihnen dann noch verborgen bleiben wenn Raimund wieder ans Licht träte Nein
nein lasse sie bis an ihr Ende in dem Wahne verharren der sie beseeligt den
ich mit meinem Leben ihnen erkaufte Alles alles was ich erstrebte Luisens
innrer Friede das ganze Glück ihres Daseins wären bei einer solchen Entdeckung
auf immer verloren Raimunds Wiedererstehen böte seiner Mutter keinen Ersatz er
war nie das Kind ihrer Liebe die sich einzig auf ihren Erstgebornen beschränkte
und ihre Tränen um ihn wie die um mich  sind längst schon getrocknet
    Ich habe vollendet und scheide jetzt von Dir Bald mir sagt es ein
unbezwingliches Vorgefühl meines nahen Scheidens aus dieser Welt bald recht
bald werden diese Blätter in Deinen Händen sein Lass keine bittere Träne des
Schmerzes sie netzen halte fest an der tröstenden Gewissheit dass sobald Dein
Auge auf ihnen ruht Dein armer lange verbannter Albert endlich durch Nacht und
Dunkel zu der ewigen lichtellen Heimat den Weg fand wo er freudig Deiner
harret um Dich nie wieder zu verlieren Die Liebe aber die dann in Deiner
Brust aufs neue gewiss für ihn erwachen wird beglücke seinen Sohn sie ist das
herrlichste Erbteil das sein Vater ihm hinterlassen konnte Feire zuweilen mit
ihm das Andenken Deines Bruders und freue Dich dass dieser endlich hinüber
gelangt ist ins Land der ewigen Ruhe
                                                               Albert von Leuen
Alberts Hoffnung hatte ihn abermals getäuscht er musste noch den großen Schmerz
erfahren seinen Bruder Bernhard zu überleben ohne an dessen Grabe weinen zu
können Alle verjährten Schmerzen seines verarmten Lebens erwachten in ihm von
neuem bei dieser Todesnachricht jeder seiner Tage bildete von nun an ein Glied
der langen Kette trüber Erinnerungen die Mut und Atem raubend ihn immer
fester umschlang bis an sein Grab
    Es ist schwer zu erraten was er während seiner übrigen Lebenszeit bei
dieser traurigen Veränderung der Dinge mit den Papieren beabsichtigte welche er
in den elfenbeinernen Kästchen niedergelegt hatte Sie zu vernichten verhinderte
ihn wahrscheinlich jenes heimliche Grauen das wohl ein jeder bei ähnlichen
wenn gleich vielleicht minder wichtigen Gelegenheiten schon empfand Denn das
geschriebene Wort steht außer uns und sieht gar fremd und wundersam uns an als
ob Geister die toten Züge bewachten und mit unsichtbarer Gewalt die Hand
fesselten die schon zum Zerstören gehoben ward Aus einigen in Alberts Nachlass
vorgefundenen Papieren scheint hervorzugehen dass er zuweilen Willens war sich
das Kästchen mit ins Grab geben zu lassen aus andern aber dass er mit dem
Gedanken umging es an einem sicheren Orte zu deponiren und dabei einen weit
entfernten Zeitpunct den Luise aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erleben
konnte zu bestimmen, in welchem Raimund es zurücknehmen und eröffnen sollte So
viel ist indessen gewiss dass der Tod ihn übereilte eh er hierüber mit sich
selbst einig geworden war und dass der für Raimund so wichtige Inhalt desselben
diesem wahrscheinlich auf immer ein Geheimnis geblieben wäre wenn nicht Anna
zufälligerweise ihn entdeckt hätte
    Auch Luise überlebte Bernhard nicht lange den sie noch immer dankbar
verehrte sie starb wenige Monate später als ihr erster Gemahl an den Folgen
einer heftigen Erkältung Oskar der jetzt an Leuenstein keine Ansprüche mehr
hatte verließ diese Gegend um in weiter Ferne Vergessenheit eines Glücks zu
suchen dessen er sich nie mit vollem Genuße und ganz reinem Bewusstsein hatte
erfreuen können Denn Alberts bleiche trübe Gestalt stieg oft vor seinem innern
Sinne auf und der Gedanke durch das unzeitige Bekenntnis seiner Liebe zu
Luisen den frühen Untergang dieser edlen nur zu weichen Natur herbeigeführt zu
haben drang sich ihm bei jedem Anlasse auf und ließ nie ganz von ihm ab
    Leo Bernhard Alberts ältester Sohn und Meinaus Zögling blieb also vor der
Hand der einzige anerkannte Eigentümer der weitläuftigen Besitzungen die unter
der Aufsicht seines trefflichen Vormundes und mit Hilfe der beträchtlichen
Summen welche Albert diesem übermacht hatte wieder in den blühendsten Zustand
versetzt worden waren Meinau hatte während seiner langen Vormundschaft mit mehr
als väterlicher Sorgfalt über die Erziehung des ihm anvertrauten Mündels
gewacht doch kein ganz glücklicher wenn gleich auch kein ganz niederschlagender
Erfolg lohnte sein edles Bemühen Leo war im Äußern wie im Innern ganz das
Ebenbild seiner Mutter er besaß die ihr eigene Liebenswürdigkeit und Grazie
aber auch die ihr eigene Indolenz die es ihr von jeher unmöglich gemacht hatte
sich ernst und anhaltend zu beschäftigen Vergebens strebte Meinau diesem
Characterzuge seines Mündels entgegen Leo blieb wie er war aber er schenkte
wenigstens seinem edlen Pflegevater das innigste Vertrauen und hing an ihm mit
wahrhaft kindlicher Liebe
    Niemals selbst nachdem er schon seit mehreren Jahren mündig geworden war
konnte Leo zu dem Entschlusse kommen sich vom Baron Meinau unabhängig zu
betrachten und die Verwaltung seines Eigentums selbst zu übernehmen So oft
dieser nur Miene machte ihm von der Führung seiner langen Vormundschaft
Rechnung ablegen zu wollen stürmte Leo mit den dringendsten Bitten auf ihn ein
mit solch einer Zumutung ihn zu verschonen wenigstens bis dahin wo er von
einer großen Reise ins Ausland zurückgekehrt sein würde die er nächstens zu
unternehmen Willens sei
    Diese Reise aber ward durch die übergrosse Zärtlichkeit seiner Mutter von
einem Jahre zum andern verschoben und Meinau fuhr indessen fort sich der
Verwaltung der Güter anzunehmen obgleich sein zunehmendes Alter ihm dieses
Geschäft ziemlich zu erschweren begann
    Eigentlich mochte er wohl selbst gewissermaßen sich davor fürchten das was
er so mühsam erbaut und eben dieser Mühe wegen lieb gewonnen hatte unter der
Leitung eines gutmütigen Schwächlings wieder zu Grunde gehen sehen zu müssen
    Indessen schien ein vernichtender Geist über dem Hause der von Leuen zu
walten und es dem Untergange zuführen zu wollen denn auch Leo überlebte nicht
lange den Tod seiner Mutter Der Tag an dem er seine immer aufgeschobene Reise
wirklich antreten wollte war bestimmt eine große Jagd zu der die ganze
Nachbarschaft eingeladen wurde sollte den Vorabend derselben feiern
Hörnergetön und Hundegebell tönten lustig durch den Wald wie an jenem
verhängnisvollen Tage an welchem Oskar Luisen von der Wut des wilden Ebers
errettet hatte doch die allgemein herrschende Freude ward auch diesesmal und
auf noch schrecklichere Weise in Trauer und Angst umgewandelt Ein unglücklicher
Fehlschuss von der Hand eines seiner Jugendfreunde gab dem armen Leo
augenblicklichen Tod er fiel lautlos beinahe auf der nämlichen Stelle wo seine
Mutter einst in Todesgefahr geschwebt hatte
    So schien denn nun wirklich der traurige Fall eintreten zu wollen den
Bernhard vorahnend gefürchtet und durch die Vermählung seines Bruders abzuwenden
gehofft hatte Der Stamm der von Leuen war anscheinend ausgestorben und die
jetzt im blühendsten Zustande sich befindenden großen Besitzungen desselben
standen in Folge uralter Familienverträge im Begriff einem weit entfernten
Zweige desselben zuzufallen der einen ganz andern Namen führte in einem ganz
andern Teile von Deutschland wohnte und mit den ehemaligen Eigentümern des
Schlosses Leuenstein nie in persönlicher Verbindung gestanden hatte Auch würde
die Übergabe der Güter in kurzem erfolgt sein wenn nicht Baron Meinau dieser
treuste Freund seiner Freunde sich dem kräftig entgegengesetzt hätte
    Alberts Andenken war nie in Meinaus Herzen erloschen eine leise Ahnung
hatte stets ihn davon abgehalten der Nachricht von dessem Untergange auf dem
Meere unbedingten Glauben zu schenken
    Späterhin erreichten ihn dunkle Gerüchte von Leuten die den
Verlorengeglaubten bald hier bald da in fernen Städten begegnet sein wollten und
bestärkten ihn in seinem Zweifel an Alberts Tode Als Oskar der Bruder seiner
Frau ihm in einer vertrauten Stunde den Inhalt seiner letzten Unterredung mit
Albert entdeckte als endlich Luisens leidenschaftliche Neigung für den Retter
ihres Lebens sich immer deutlicher offenbarte da geriet Meinau bei seiner
genauen Kenntnis von Alberts Charakter sogar auf Vermutungen die ihn das mehr
als heldenmütige Benehmen desselben und dessen Beweggründe beinahe ganz der
Wahrheit gemäß erraten ließ Er versuchte daher in öffentlichen Blättern dem
einzigen Wege dazu der ihm offen stand den allzu Grossmütigen durch dringendes
Bitten zur Heimkehr zu bewegen Alles blieb indessen vergebens Albert schien
durchaus bei seinem einmal gefassten Entschlusse verharren zu wollen und Meinau
hielt sich zuletzt in seinem Gewissen für verpflichtet ihn nicht weiter auf
seinem Wege zu stören Er schwieg also ebenfalls und setzte sich Oskars und
Luisens Vermählung nicht entgegen weil er überzeugt war dadurch am sichersten
in dem hohen Sinn seines edlen Freundes einzugehen den er bewundernd verehren
musste
    Jetzt aber waren die nun alle dahin welche Albert durch sein Verschwinden
zu beglücken gedacht hatte Außer dem weit entfernten Oskar lebte niemand mehr
dessen Ruhe durch das Wiedererscheinen des Verschwundenen hätte gestört werden
können, und keine Rücksichten waren noch vorhanden welche den Baron Meinau
abhalten konnten alles anzuwenden um das von ihm redlich verwaltete Eigentum
seines Freundes so lange vor fremden Händen zu bewahren als er selbst nicht von
dem Tode des rechtmäßigen Eigners überzeugt wäre Die Zeitung welche den
Schiffbruch gemeldet hatte nur höchst unbestimmte Nachricht von diesem gegeben
nicht einmal den Namen des Schiffes genannt und obgleich Albert seit langen
Jahren für tot geachtet wurde so ließ sich wenigstens die Möglichkeit nicht
abstreiten dass sein damals unmündiger Sohn beim Schiffbruch gerettet und noch
am Leben sei Meinau entschloss sich daher gleich nach dem Tode seines
unglücklichen Mündels zu einer Reise in die Residenz um dort der höchsten
Behörde seine Zweifel an dem völligen Erlöschen dieses Hauses vorzulegen
    Meinau war persönlich in jener Stadt sehr geachtet es fehlte ihm nicht an
bedeutenden Verbindungen und auch das Haus der von Leuen stand dort von jeher im
hohen Ansehen Selbst der Fürst hatte nicht ohne Schmerz von dessen Erlöschen
gehört Meinau erhielt also ohne große Schwierigkeiten den Aufschub der
Übergabe der Güter den er verlangte bis er von dem Leben oder Sterben Alberts
und seines Sohnes genügendere Beweise einziehen könne Zugleich wurde ihm von
hoher Hand die einstweilige Verwaltung der von Leuenschen Besitzungen abermals
übertragen weil man bei seiner allgemein anerkannten Redlichkeit und Einsicht
überzeugt war dass sich niemand besser dazu eigne
    Alberts Name erschien jetzt abermals vereint mit dem seines Sohnes in
allen öffentlichen Blättern selbst in denen des Auslandes Raimund las
unzähligemal die Nachricht von denen im Schloss Leuenstein so schnell auf
einander gefolgten Todesfällen ohne zu ahnen dass hier von seiner Mutter und
seinem Bruder die Rede sei Noch weniger kam ein Gedanke daran in seine Seele
dass er selbst der Bernhard Raimund von Leuen sein könne der so dringend
aufgefordert wurde von seinem Leben und Aufenthalte Nachricht zu erteilen
    Auf Meinaus Veranlassung wurden indessen auch in Triest wo Alberts Schiff
ausgelaufen und an der Küste wo es gescheitert sein sollte die genaueste
Nachfrage angestellt Die weite Entfernung der Oertlichkeiten die vielen Jahre
die verstrichen waren seit jenes Unglück sich ereignet haben sollte
erschwerten jeden Schritt und es verging eine lange Zeit ohne dass man nur
irgend eine Auskunft erhalten konnte Eben so wurde auch den Personen vergeblich
nachgeforscht die bald nach Alberts Verschwinden ihm im Auslande begegnet sein
wollten Nirgends war eine Spur von dem zu finden was man suchte aber man
stieß auch auf keinen neuen Beweis für Alberts und Raimunds Untergang
Undurchdringliches Dunkel ruhte über Beider Geschick
    Durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstände war aber auch der nächste
Agnat der von Leuen verschollen und wurde ebenfalls allgemein für verstorben
gehalten ohne dass seine Erben gültige Beweise seines Ablebens beibringen
konnten Er war während des Befreiungskrieges nach einem Gefechte vermisst
worden aber niemand hatte ihn fallen sehen niemand ihn auf der Wahlstatt unter
den Toten gefunden Auch nach diesem wurde daher in allen Zeitungen Nachfrage
gehalten und auf das dringendste um Nachricht von seinem Tode oder Leben
gebeten doch seine Erben waren in ihren Nachforschungen um nichts glücklicher
als Baron Meinau in den seinigen So gingen ein paar Jahre hin während denen in
dieser wichtigen und verwickelten Sache nichts entschieden wurde Baron Meinau
freute sich dieses Aufschubs und benutzte ihn nach besten Kräften doch als
fortwährend keine Aussicht für die Erfüllung seiner Wünsche sich zeigen wollte
so begann freilich seine Hoffnung allgemach sehr zu sinken und Ahnungen stiegen
in seinem Gemüte auf die ihn mutles zu machen drohten
    Wie freudig musste ihn daher ein Kurier überraschen der aus dem Stifte von
Anna von Falkenhayn an ihn abgesandt ihm von ihr die Nachricht überbrachte dass
Bernhard Raimund von Leuen aufgefunden und noch am Leben sei dass er zwar für
den Augenblick sich in einem fremden Weltteile befinde jedoch hoffentlich bald
wieder nach Europa zurückkehren werde Rasch wie ein Jüngling trotz seiner
siebzig Jahre und seiner Silberlocken warf sich Baron Meinau augenblicklich
in den Reisewagen um zu ihr die ihm eine so frohe Botschaft sandte hinzueilen
und sich von den nähern Umständen ihrer Entdeckung unterrichten zu lassen Zwar
hatte er Anna noch nie gesehen aber aus seines entschlafenen Freundes Bernhards
Briefen kannte er sie genugsam um sie innig zu verehren und von ihrer
Teilnahme an dem Hause von Leuen fest überzeugt zu sein Auch Anna ehrte und
liebte in ihm den treuen Freund ihres Verklärten sie wusste dass dieser ihm bis
an seinen Tod stets das unbedingteste Vertrauen geschenkt hatte und sah ihn und
seine nähere Bekanntschaft deshalb mit verdoppelter Freude entgegen
    So wie Meinau in Annas Wohnorte angelangt war eilte diese ihm den Inhalt
des elfenbeinernen Kästchens vorzulegen und zu seiner größten Freude fand er
darin Beweise für Raimunds Ansprüche welche ihm unwiderleglich scheinen mussten
Sogar das Taufzeugniss desselben fehlte nicht denn Albert hatte in der Nacht da
er von Leuenstein sich auf immer entfernte dieses zufälliger Weise unter den
Documenten mitgenommen die er damals zu seiner Legitimation als Erbe des
Kardinals brauchte Der Baron und Anna brachten miteinander einige Tage in
Beratschlagungen zu über die Schritte welche sie während Raimunds Abwesenheit
zur Verteidigung seiner Rechte gemeinschaftlich tun wollten Auch die Beweise
für seine Geburt wurden dabei nochmals ernstlich erwogen und genau untersucht
Meinau konnte nicht umhin den seltenen Geist den geübten Scharfblick zu
bewundern welchen Anna bei dieser Gelegenheit an den Tag legte Die
Leichtigkeit mit welcher sie bei einem Geschäfte das so weit außer dem
gewohnten Bereich der Frauen lag das Verworrenste zu durchschauen vermochte
setzte ihn oft in Erstaunen doch noch weit inniger fühlte er sich bewegt wenn
der Gedanke an Bernhard sie lebhafter ergriff und sie für den Augenblick weit
weg von dem Gegenstande der Beide beschäftigte in das dämmernde Reich der
Erinnerung zurückführte Dann feierte er mit ihr in mancher schönen ernsten
Stunde das Andenken des hochgeliebten Freundes dessen Bild auch er noch immer
im treuen Herzen bewahrte Beide tauschten gegen einander manchen schönen Zug
aus seinem Leben aus und das Gespräch schien nimmer enden zu wollen bis sie
verstummend vom Gefühle inniger Wehmut überwältigt von einander scheiden
mussten und Anna sich in ihr einsames Kabinet zurückzog um ungesehen zu weinen
    Meinau rüstete sich endlich zur Abreise in die Residenz wohin Anna ihm auf
einige Tage zu folgen versprach denn für den Augenblick hielten ihre eignen
Verpflichtungen sie ab sich wieder auf lange Zeit von ihrem Stifte zu
entfernen Sie war bereit sobald dieses nötig würde als Zeuge für Raimund
aufzutreten und die wichtigen Verbindungen in denen sie selbst mit dem
regierenden Fürstenhause stand konnten allerdings wenigstens zur
Beschleunigung beitragen
    Übrigens war sie um ihre Lieben im Kleebornschen Hause unbesorgt Angelikas
Briefe zeugten von ungewohnter Heiterkeit und Vicktorine das wusste sie
bedurfte seit der Entfernung des Sir Charles für den Augenblick ihrer Gegenwart
nicht obgleich diese über der Tante lange Abwesenheit die bittersten Klagen
führte und sie auf das dringendste beschwor bald wieder zu ihr zurückzukehren
Die Tante kannte die heftige Natur dieses ihres Lieblings zu gut um nicht den
Entschluss zu fassen die Entdeckung von Raimunds wahrem Stande und Namen
Vicktorinen bis zur völligen Entscheidung seiner Angelegenheiten zu
verschweigen Und dieses war ein Grund mehr um fürs erste deren Nähe zu meiden
denn sie fühlte wohl dass es ihr sehr schwer fallen würde den unablässigen
Fragen und Bitten des geliebten Kindes zu widerstehen
»Fast möchte ich auf meine alte Tage anfangen recht modern abergläubig zu
werden« rief Meinau der Tante entgegen als er in ihr Zimmer trat um sich vor
seiner Abreise in die Residenz bei ihr zu beurlauben »Ich kann es mir beinahe
nicht aus dem Sinne bringen dass es der Schutzgeist des von Leuenschen Hauses
gewesen sei der mich inspirirte die Rechte eines Unsichtbargewordenen zu
verfechten welcher nach dem Urteil fast aller vernünftigen Leute nur in
meiner Einbildung noch existieren konnte Auch war es gewiss nur dieser schützende
Genius der Ihnen zugleich so ganz zur rechten Zeit das elfenbeinerne Kästchen
in die Hände spielte Ihre wichtige Entdeckung hätte nur um einige Wochen sich
verspäten dürfen und ich befände mich jetzt in nicht geringer Verlegenheit Denn
wunderbarer Weise ist auch Raimunds nächster lange vermisster Agnat in diesen
Tagen wieder von den Toten erstanden So eben erhielt ich die Nachricht davon
die zum Glück uns jetzt ziemlich gleichgültig sein kann Ich hoffe er soll
keinen Prozess gegen uns anstellen wollen und tut er es ja  nun so ist das
jetzt desto schlimmer für ihn«
    »Wir leben doch in einer wunderlichen Zeit« erwiderte Anna »Ich habe
schon oft daran gedacht dass es den Romanschreibern in unsern Tagen gar nicht
schwer fallen kann die seltsamsten Verwickelungen zu ersinnen ohne Furcht der
Wahrscheinlichkeit damit zu nahe zu treten Denn Verlorengehen und Wiederkommen
für Tod gehalten werden und Wiederauferstehen sind vollkommen an der
Tagesordnung in der jetzigen Welt«
    »Freilich« antwortete Meinau »freilich ist die Zeit vorbei in der man von
Tausenden nur mit Gellert sagen durfte er lebte nahm ein Weib und starb um
ihren ganzen Lebenslauf beschrieben zu haben Auch der Unbedeutendste hat in den
letzten Jahren etwas erlebt das des Erzählens wert ist Man muss leider nur zu
viel davon hören und lesen«
    »Setzen Sie hinzu« sprach Anna »dass auch die Meisten mehr Städte und
Länder gesehen haben als ihre Grosseltern nur recht zu benennen wussten Wer
selbst nie auf Reisen ging hatte wenigstens zwischen seinen vier Pfählen
überflüssige Gelegenheit die Bewohner der entferntesten Länder kennen zu
lernen Die Welt kommt mir darüber als recht enge geworden vor denn Rom
Moskau London Paris Petersburg scheinen uns beinahe dicht vor der Türe zu
liegen und wir haben uns gewöhnt die Bewohner dieser Städte fast wie
Gevattersleute und Nachbarskinder anzusehen«
    »Jetzt wäre es die rechte Zeit für den Kosmopolitismus der in unsrer Jugend
so Mode war wie vor kurzem die deutschen Röcke« erwiderte Meinau »aber von
der großen Weltansicht mag niemand mehr etwas wissen auch sie ist aus der Mode
gekommen Jeder will sich nur auf das Nächste nur auf seine Landsmannschaft
beschränken Doch lassen wir die Welt zusehen wie sie mit sich selbst fertig
wird und erlauben Sie mir für jetzt Ihnen ganz in der Kürze die Abenteuer des
zuletzt Wiedererstandenen mitzuteilen von denen dessen Oheim mir Nachricht
gibt Sie sind an sich seltsam genug und können wohl einiges Interesse für den
armen Klarenau erwecken gegen dem wir alle beide doch einen kleinen Widerwillen
fühlen welchen er wahrscheinlich nicht verdient«
    Die Tante willigte freundlich ein indem sie bemerkte dass sie sich
allerdings ein wenig geneigt fühle es dem jungen Manne übel zu nehmen dass er
sich beikommen lasse noch am Leben zu sein und Meinau fing seine Erzählung an
    »Dass Klarenau« sprach er »sich den Lützowschen Jägern zugesellte um gegen
den allgemeinen Feind zu Felde zu ziehen ist Ihnen vielleicht bekannt Gewiss
aber haben Sie es eben so wenig wie ich selbst vergessen auf welche unwürdige
und empörende Weise diese tapfern Verfechter des Vaterlands von dessen Feinden
für Räuberbanden erklärt und mitten im Waffenstillstande überfallen ja sogar
größten Teils vernichtet wurden Klarenau wollte gleich beim ersten Allarm des
Überfalls sich auf sein Pferd schwingen der Sattel war in der Eile nicht recht
befestigt worden das sehr mutige Tier bäumte sich er fiel brach ein Bein
blieb in dem allgemeinen Tumult unbemerkt liegen und geriet völlig wehrlos in
die Gefangenschaft der Feinde ohne an der Seite seiner tapfern Kampfgenossen
sich einen ehrenvollen Tod oder Befreiung erfechten zu können«
    »Mehrere Monate hindurch wurde er als Kriegsgefangener von einem Lazarete
ins andere geschleppt ohne dass sein Leben dem unbeschreiblichen Elende erlegen
wäre das er dulden musste Er war zu noch größerem aufgespart Sein Fuß heilte
bei der schlechtesten Behandlung halb durch ein Wunder und er nebst mehreren
seiner Unglücksgefährten wurden zuletzt nach Frankreich in die Gefangenschaft
abgeführt Von den Misshandlungen der Not dem grässlichen Hohn kurz von allem
was diese Beklagenswerten auf dem langen Wege durch ein feindliches Land
ertragen mussten schweige ich um Sie nicht zu wehmütig zu stimmen meine
Geschichte wird ohnedem noch traurig genug Die mehrsten Gefangenen starben
unterwegs wo sie in Gefängnisse in Zuchtäusern eingeschlossen wurden so
lange sie nicht wandern mussten nur einige wenige und Klarenau unter diesen
langten an ihrem fürchterlichen Bestimmungsort dem Arsenal von Toulon an in
welchem viele tausende von Galeerensclaven jeden Tag die Sonne anklagen dass sie
über solche Gräuel aufgehen mag«
    »In diesen Aufenthaltsort für schwere Verbrecher wurden damals mehrere
deutsche Gefangene gesendet denn man nannte sie Räuber Brigands eben weil sie
ihr Vaterland von Räubern zu befreien aufgestanden waren«
    »Solch unermesslich hartes Loos traf auch Klarenau Gehüllt in elende Lumpen
den kahlgeschornen Kopf mit der roten platten Mütze bedeckt die den
Galeerensclaven bezeichnet wurde hier der unglückliche Jüngling von seinen
Landsleuten sogleich getrennt«
    »Alle Galeerensclaven werden gewöhnlich zu zweien und zweien vermittelst
einer langen Kette aneinander geschmiedet und auch er erhielt einen
abscheuerregenden Missetäter auf diese Weise zum Gefährten von dem er jetzt
Tag und Nacht unzertrennlich blieb Trocknes hartes Brod Wasser höchstens eine
elende Wassersuppe ist die einzige Nahrung jener Unglücklichen sie war auch
die seine und bei dieser musste er Arbeiten verrichten wie man sie kaum einem
Lasttiere aufbürden sollte Jedem seiner schrecklichen Tage folgte eine noch
weit furchtbarere Nacht in dem unteren Raume einer der Galeeren denen alle diese
Gefangene jeden Abend zugetrieben werden In diesem düstern Aufenthalt den die
Hölle kaum an Grässlichkeit übertreffen kann musste Klarenau um nächtlich zu
ruhen mit seinem entsetzlichen Gefährten eine hölzerne enge Bank teilen
zusammengeschichtet mit mehreren Hunderten von Elenden die hinabgesunken zu
dumpfer Tierheit oder schaamloser Frechheit    hochwürdige Frau es sind
beinahe vierzig Jahre dass ich in meiner Jugend als neugieriger Reisender auch in
diesen Abgrund aller Greuel einen Blick geworfen habe und noch steht das Bild
davon unauslöschlich in meiner Seele Ihre Phantasie mag ich nicht damit
beflecken genug ich bin überzeugt dass die wegen der Behandlung ihrer
Christensclaven so übel berüchtigten Raubnester an der afrikanischen Küste
nichts entsetzlicheres aufzuweisen haben können«
    »Klarenau sank eines Tages unter einer schweren Last die ihm aufgebürdet
worden war ohnmächtig zusammen denn seine Kräfte waren völlig erschöpft Er
wurde für krank erklärt und in eines der für die Galeerensclaven bestimmten
Lazarete abgeführt einen dumpfen düstern grabähnlichen Kerker Monate lang
schmachtete er hier zwischen Leben und Sterben Paris wurde indessen erobert
Deutschlands Befreiung war erfochten die Kriegsgefangenen wurden losgegeben er
erfuhr nichts von alle dem und war vergessen Die wenigen seiner
Leidensgefährten die in ihrem tiefen Elende diesen großen Tag erlebten
gedachten bei ihrer Befreiung seiner nicht mehr oder zählten auch ihn zu den
Toten den sie seit ihrem ersten Eintritt in diesen Schreckensort nicht wieder
sahen«
    »Abermals genas Klarenau unerachtet alles Mangels und Elends in seinem
traurigen Verpflegungsorte Er wurde wieder an das Tageslicht gelassen und
musste jetzt denen im Arsenal arbeitenden Handwerkern zur Hand gehen da man ihn
für schwere Arbeiten untauglich fand Doch blieb er immer noch in Ketten und
allnächtlich erwartete ihn noch immer die schreckliche Ruhestätte in der
Galeere Wer er sei warum er hierher geführt worden hatten seine durch den
täglichen Anblick des höchsten menschlichen Jammers bis zur vollkommensten
Gleichgültigkeit verhärteten Aufseher längst vergessen oder es nie erfahren
Keine Seele wandte teilnehmend sich ihm zu und so blieb alles Große und
Herrliche ihm verborgen was während seines Aufenthalts im Lazaret die halbe
Welt in einen Taumel von freudigem Entzücken versetzt hatte Hoffnungslos
schleppte er noch lange Zeit sein trauriges Dasein und seine Ketten von einem
Tage zum andern ehe auch ihm die Stunde der Befreiung schlug«
    »Doch endlich kam sie heran Einer der angesehensten Beamten der über die
großen hydraulischen Arbeiten im Arsenal die Aufsicht führte begegnete ihm
eines Tages zufälliger Weise Die Gestalt des Unglücklichen fiel ihm auf er
redete ihn an und erfuhr mit wahrem Entsetzen wer er sei und wie schuldlos er
leide Der menschenfreundliche Mann eilte sogleich in die Stadt um die
Entdeckung anzuzeigen dass noch ein Kriegsgefangener vergessen auf der Galeere
schmachte und er brachte es wirklich dahin dass Klarenau schon am folgenden
Tage die Jahrelang entbehrte Freiheit wieder erhielt Sein gütiger Befreier
versah ihn nicht nur mit der nötigen Kleidung sondern auch mit einer kleinen
Summe Geldes die Klarenau zu ersetzen versprach sobald er die Heimat wieder
erreicht habe Schnell als glühe der Weg ihm unter den Sohlen floh er nun
durch Toulon durch hinaus ins Freie um nur die Türme dieser ihm entsetzlichen
Stadt nicht länger sehen zu müssen zu denen er aus seinem tiefen Elende so oft
hoffnungslos hinaufgeblickt hatte Denn ehe er sie aus dem Gesichte verlor
konnte er nicht mit voller Seele an seine wiedererlangte Freiheit glauben«
    »Seine Kräfte die dem fürchterlichsten Unglücke widerstanden hatten
erlagen dem freudigen Gefühle mit dem er sich endlich am Ufer des Meeres frei
wie ein Vogel in der Luft wiederfand Mitleidige Fischer nahmen den bis zum
umsinken Ermatteten in ihre kleine von Olivenbäume umschattete Hütte auf die
unerachtet des darin vorherrschenden südlichen Schmutzes ihm ein Paradies zu
sein dünkte Er sah sich genötigt mehrere Monate bei diesen guten Leuten zu
verweilen ehe er sich genugsam erholt hatte um die weite Reise in das nun
befreite Vaterland antreten zu können In dieser Zeit schrieb er mehrere Briefe
an seine Verwandte in Deutschland Die Fischer nahmen sie mit wenn sie ihre
Fische nach Toulon zum Markte trugen und versprachen sie dort auf die Post zu
geben denn ihn selbst hielt ein unüberwindlicher Abscheu davon zurück sich dem
Schauplatze seines unvergesslichen Elendes wieder zu nähern das sich noch immer
so wie er die Augen schloss in den allergrässlichsten Traumbildern ihm erneuerte
Wahrscheinlich aber müssen seine Hausleute mit dem Bestellen der Briefe nicht
recht umzugehen gewusst haben denn kein einziger hat je den Ort seiner
Bestimmung erreicht«
    »Klarenaus abgeschorne Locken waren indessen wieder gewachsen seine
Gesundheit erstarkte bei der gesünderen Kost und in der alles belebenden
Seeluft die mit erquickenden Düften beladen ihn umwehte Müde des Wartens da
noch immer keine Antwort auf seine Briefe kam ergriff er endlich den Wanderstab
und machte sich zu Fuß auf den Weg ohne zu wissen wie er selbst bei dieser
wohlfeilen Art zu reisen mit den wenigen Franken auskommen werde die er von
dem durch seinen großmütigen Befreier ihm vorgestreckten Gelde noch übrig
behalten hatte Er verließ sich dabei auf das Glück das seit kurzem sich ihm
wieder zuwenden zu wollen schien Es war ihm auch günstig wenn gleich es ihm
zuerst diese Gunst ein wenig unsanft bewies«
    »Der Wanderer war noch nicht weit von Toulon auf dem Wege nach Marseille
fortgeschritten als er sich plötzlich in einer als unsicher berüchtigten Gegend
von Räubern umringt sah ein Schlag auf den Kopf streckte ihn bewusstlos hin
rein ausgeplündert blieb er regungslos liegen während die Räuber die ihn für
getötet halten mussten mit seiner wenigen Habe entflohen Wahrscheinlich wäre
er nie wieder zum Leben erwacht wenn nicht ein junger deutscher Kaufmann der
zufällig des Weges reiste   «
    »Ihn mitleidig aufgenommen hätte« fiel hier Anna ein die so lange mit
immer steigender Aufmerksamkeit zugehört hatte »Dieser Samariter« fuhr sie
fort ohne durch Meinaus Erstaunen sich stöhren zu lassen »dieser mitleidige
Samariter ließ den Verwundeten fürs erste nach dem nahen Dörfchen Oliulles und
dann nach Toulon ins Malteserkreuz tragen wo er selbst abgestiegen war Dort
pflegte er seiner mit großer Sorgfalt bis er selbst nach einigen Tagen wieder
abreisen musste bei seiner Abreise übergab er ihn einem sehr angesehenen wackeren
in Toulon etablirten deutschen Kaufmann Namens Weiler in dessen Familie der
Arme ebenfalls mit Herzlichkeit aufgenommen und mit der größten Aufmerksamkeit
verpflegt wurde bis er völlig genesen ausgerüstet mit Geld und Empfehlungen 
 «
    »Hochwürdige Frau« unterbrach Meinau sie jetzt der sich in seiner
Verwunderung nicht länger mäßigen konnte
    »Raimund war es« rief Anna helle Freudentränen im Auge und ohne ihm
weiter zum Worte kommen zu lassen »Raimund Holm Raimund Bernhard von Leuen«
Sie eilte jetzt dessen Brief herbeizuholen und dem Baron die auf dieses
Ereignis Bezug habende Stelle daraus mitzuteilen
    »Nun wahrhaftig das kommt immer besser« rief Meinau jetzt fröhlich aus
als Anna zu lesen aufgehört hatte »So wäre denn der Roman völlig fertig nur
etwas Liebe muss noch hinein die findet sich Der gehörige Edelmut wird auch am
Ende nicht ausbleiben denn hoffentlich wird doch Klarenau nicht mit dem
Erretter seines Lebens einen Prozess anfangen wollen um diesen um sein
rechtmäßig ererbtes Eigentum zu bringen und so wären wir ja mit einemmale
aller Furcht vor Streit und Ärger entledigt«
Der Aufenthalt in Kleeborns sehr schönem Landhause das er während der
Sommerzeit mit den Seinen gewöhnlich zu bewohnen pflegte gewährte den beiden
Freundinnen Angelika und Vicktorine wenigstens ein ruhigeres Dasein als das
Leben in der Stadt ihnen bieten konnte An jedem schönen Abende wandelten sie
Arm in Arm auf der hohen Terrasse vor dem Hause auf und nieder bis die sinkende
Nacht die weite Aussicht über Strom und Land und Meer mit ihrem dunkeln Schleier
verhüllte
    Sehnsuchtsvoll blickte Vicktorine dem majestätischen Laufe der mächtigen
Schiffe nach wenn sie auf dem prächtigen breiten Strome der dicht am Garten
vorüberfloss mit geschwellten von Abendschein geröteten Seegeln dem lange
ersehnten Hafen zueilten Dann wandte sie seufzend das umdüsterte Auge der
dämmernden Ferne zu wo der Strom dem Meere sich vereint bis es in Tränen
überfloss und Himmel und Erde und Meer in eins ihr verschwammen
    Angelika betrachtete vor allem gerne den tiefblauen Himmel wenn an ihm ein
Stern nach dem andern auftauchte Auch ihrer müden Brust entrang sich dann manch
leiser Seufzer und ein trübes Lächeln schwebte um die bleiche Wange und den
lieblichen festgeschlossenen Mund der keiner Klage sich mehr öffnete Beide
Freundinnen suchten die Heimat ihrer Liebe auf die eine dort oben im
glänzenden geheimnisvollen Reiche von Tausenden im ewigen Sphärentanz einander
umkreisenden fernen Sonnen die andere zwar noch auf der grünenden blühenden
Erde aber weit weit weg jenseits der immer bewegten Wogen die wie der
nächtliche Himmel dem Sterblichen ein Bild der Unendlichkeit sind
    Agathe umflatterte zuweilen die Beiden so wie ein leichter luftiger
Schmetterling fröhlich die rote und die weiße Rose umtanzt welche die Kunst
des Gärtners einem einzigen Stocke entblühen lies Aber sie wusste doch dabei die
zu schonen welche nicht so glücklich waren als sie selbst und hütete sich
sorgsam davor sie durch unzeitig angebrachten Scherz zu verletzen Ihr
Lieblingsplätzchen im Garten war eine kleine Anhöhe von der sie den Weg
übersehen konnte welchen Horst gewöhnlich kam wenn er sie besuchen wollte
Mehr als zehnmal des Tages erstieg sie diese sogar wenn sie wusste dass er heute
unmöglich kommen könne und war er nun da so schalt sie ihn tapfer aus denn er
fing gewöhnlich an die Tage und Wochen zu berechnen die bis zu dem im Herbst
angesetzten Hochzeitstage noch vergehen mussten Die Kleine pflegte bei solchen
Gelegenheiten sich gewaltig zu ereifern was ihr indessen nach ihres Bräutigams
Urteil recht allerliebst stand der daher auch nie unterließ sie zum Zorne zu
reizen
    »Ich habe es Dir schon tausendmal gesagt« sprach sie einst »dass das eine
ganz alberne und unnütze Rechnung ist Wie kann ich denn heiraten ohne die
Tante und wer kann vorher wissen wenn die kommen wird Dass sie mir den Kranz
aufsetzt und keine andere das steht nun einmal fest doch wo sie jetzt stecken
mag wissen die Götter Sie schreibt ja nur alle Jubeljahre einmal Kommen aber
wird sie und zur rechten Zeit auch darauf verlasse Dich denn sie hat es mir
versprochen Wir können schon warten bis sie Zeit dazu hat denke ich ein Paar
Wochen oder Monate sind ja keine Ewigkeit«
    Während dieses Streites hatte Vicktorine ein Zeitungsblatt ergriffen das
zufällig dalag und studierte es sehr emsig und zwar nach echter Mädchenart nur
die letzte Seite desselben denn um politische Angelegenheiten bekümmerte sie
sich nach geschlossenem Frieden nur wenig Doch seit Raimunds Entfernung
interessirten sie die Schiffsnachrichten ungemein die gewöhnlich am Ende der
Zeitungen neben den übrigen Bekanntmachungen ihren Platz finden
    »Meine gute liebe Agathe« sprach Vicktorine jetzt indem sie das Blatt
niederlegte und die kleine Braut recht herzlich umarmte »liebes liebes Kind
glaube mir wir sind beide vergessen Ich weiß jetzt dass wichtigere Dinge
Ereignisse die ihr weit näher am Herzen liegen die Tante so beschäftigen dass
wir die Hoffnung aufgeben müssen sie sobald wiederzusehen Flechte Dir selbst
Deinen Kranz und drücke ihn Dir schnell in die Locken ehe der Sturm ihn Dir
entführt Baue in Zukunft auf niemand als auf Gott und auf Dich selbst«
    »Und das alles steht da in der Zeitung« rief Agathe voller Erstaunen
    »Und obendrein in einer uralten sieh nur selbst vom siebenzehnten April«
setzte Horst lächelnd hinzu der indessen das Blatt aufgenommen hatte Er fing
nun an es leise zu durchlaufen »Schiffe angekommen  ausgelaufen  wir bitten
um stille Teilnahme « murmelte er lesend »Unsre gestern gefeierte Verbindung
 ja wer erst so weit wäre  einem gesunden Mädchen beschenkt  Hm da finde
ich doch auf Ehre nichts Doch halt da ganz unten steht noch etwas mit
lateinischen Lettern das wird es sein« Mit lauter Stimme las er nun eine jener
an Albert und Raimund von Leuen gerichteten Aufforderungen Nachricht von ihrem
Leben und Aufenthalt zu geben welche Baron Meinau in allen Zeitungen hatte
einrücken lassen Der Inhalt derselben schien ihm aufzufallen denn er las sie
noch ein paar mal vor sich mit großer Aufmerksamkeit durch ehe er das Blatt
wieder hinlegte
    »Ich verstehe Sie noch immer nicht liebe Vicktorine« sprach er endlich
»Dass es mehr Leute in der Welt gibt die Raimund getauft sind ist längst
bekannt das Einzige auffallende dabei ist nur dass auch der Vorname des Vaters
zutrifft Vor ein paar Tagen habe ich diesen auf dem Denkmal gelesen das sein
Sohn ihm auf seinem Grabe hat errichten lassen und dessen schöne einfache Form
mir im Vorübergehen auffiel Die Leute sagen der alte Holm sei ein sonderbarer
sehr ernsthafter Mann gewesen der etwas eigenes geheimnisvolles in seinem Wesen
gehabt habe Aber mein Gott Kusinchen wie bleich Sie werden habe ich Ihre
eignen Gedanken nicht getroffen so ist ja alles was ich sagte nur ein
wunderlicher Einfall auf den Sie gewissermaßen mich selbst gebracht haben«
    Vicktorine antwortete wenig das Gespräch nahm eine andere Wendung Horst
entfernte sich bald darauf um nach Hause zu reiten und Agathe begleitete ihn
um ihn zu Pferde steigen zu sehen
    »Angelika« rief Vicktorine sobald sie mit dieser allein war »liebe
Angelika welchen Sturm hat dieser Scherz in mir aufgeregt Mehr als Scherz
konnte Horst mit dem was er sagte nicht meinen da er die Geschichte der Tante
nicht kennt so fielen ihm nur die Vornamen derer welche gesucht werden und
nicht der Name von Leuen auf Und doch hat er ohne es zu beabsichtigen mich in
ein Meer von Zweifeln gestürzt Ahnungen erstehen in mir denen meine Vernunft
sich vergebens widersetzt Dieses Blatt ist vom siebenzehnten April Am
nämlichen Tage erhielt die Tante Raimunds Brief am nämlichen Tage kündigte sie
uns ihre schon auf den nächsten Morgen bestimmte Abreise an War es dieses
Blatt in welchem die Verwandte Ihres Bernhard gesucht werden oder war es der
Brief was sie zu jenem schnellen Entschlusse bewog oder erriet Horst ohne es
zu ahnen die Wahrheit und Brief und Blatt wirkten vereint zum nämlichen
Zwecke Ist Raimund der den man sucht  und tausend früher nicht beachtete
Umstände drängen sich mir jetzt entgegen um mich in dieser Ahnung zu bestärken
 ist er ein Edelmann so wird mein Vater bei seinen uns bekannten Grundsätzen
um so weniger in unsre Verbindung einwilligen wollen und ist er es nicht und
kehrt er glücklich zu mir zurück wer wird uns dann in Schutz nehmen wenn Anna
es nicht tut wer bei meinem Vater uns so vertreten wie sie allein es kann
Sie bleibt uns fern Anna wird den Bruder den Neffen ihres Bernhards
wiederfinden die ihrem Herzen weit näher stehen als wir Wir sind vergessen«
    »Armes liebes unruhiges Herz wie sinnreich bist Du zu Deiner eigenen
Quaal« unterbrach sie Angelika »Anna vergisst Dich nicht das glaube fest Wie
konnte nur je in Deinem eignen treuen Gemüt ein so frevelhafter Gedanke
aufkommen«
    Jeder Trost den Angelika aufbringen konnte ging indessen an Vicktorinen
verloren denn zufolge ihrer ungeduldigen Natur konnte diese eher alles andere
ertragen als Ungewissheit Die Tante war ihr von jeher der sichtbare Schutzgeist
ihrer Liebe gewesen von ihrer Gegenwart unterstützt war Vicktorine fähig zu
hoffen doch nun war nicht nur sie sondern zugleich mit ihr jede Spur von
Raimunds jetzigem Leben ihr verschwunden und sie fand eine Art grausamer Freude
darin sich ihrem Kummer und jeder Besorglichkeit ohne Schonung gegen sich
selbst hinzugeben Auch die gegenwärtige Stimmung ihres Vaters trug in dieser
Zeit nicht wenig dazu bei sie in Angst und Unruhe zu versetzen Dieser war
freilich weit milder und freundlicher gegen sie geworden als er es bald nach
der Auflösung ihres Verhältnisses zu Sir Charles gewesen war die Liebe zu
seinem einzigen Kinde schien nicht nur in dem Gemüte des Alten wieder erwacht
sondern sie äußerte sich zuweilen ganz eigen auf eine Weise die bei seiner
gewohnten Heftigkeit um so rührender erschien je mehr sie gegen die raue
Behandlung abstach die Vicktorine früher von ihm zu erdulden gehabt hatte Eben
diese Veränderung in seinem Wesen deren Grund sie vergebens zu erraten suchte
erweckte aber in Vicktorinens dem Vater kindlich ergebenem Gemüte Besorgnisse
die nicht ganz ungegründet zu sein schienen
    Kleeborn war viel bleicher und dabei viel stiller als sonst auch oft in
Gedanken versunken und dabei recht von Herzen betrübt Der alte Müller kehrte
noch immer nicht von Amsterdam zurück und Vicktorine glaubte zu bemerken dass
ihres Vaters trübe Stimmung mit der verlängerten Abwesenheit desselben in
Zusammenhang stünde doch aus leicht zu erratenden Gründen vermied sie es
hierüber eine Frage zu wagen
Die drückendste Schwüle hatte einen ganzen langen Sommertag hindurch auf der
Natur gelastet schwere Ungewitter stiegen im Laufe desselben aus allen
Himmelsgegenden auf und standen oft kämpfend einander gegenüber Die hohen
Linden vor dem Hause beugten sich krachend vor des Sturmes Gewalt vom
schwarzumzogenen Himmel stürzten Wolkenbrüchen ähnliche Regenströme herab gelbe
Blitze umspielten die hohen Wipfel der uralten Bäume und die Erde schien in
ihren Vesten vor der lauten Stimme des Donners zu erzittern Dann ward es wieder
Friede in der Natur, die kämpfenden Elemente schienen versöhnt bis neue
Wolkengebürge sich auftürmten neue Donner diese zerrissen und der eben
beendete Kampf sich noch furchtbarer von neuem entflammte
    Doch die Strahlen der dem Untergange sich nahenden Sonne zerteilten endlich
den Wolkenschleier der sie fast den ganzen Tag über verhüllt hatte
Zurückgerollt zu beiden Seiten bildete er ein hochgewölbtes in den glühendsten
Farben prangendes Flammentor in dessen Mitte die Siegerin sich langsam dem
Horizonte zuneigte Jede einzelne Woge des breiten majestätisch hinrollenden
Stromes prangte in goldigem Purpur Myriaden zerstreuter Edelsteine blitzten auf
der grünen Erde jedes Blatt jede Blume jeder Grashalm glänzte in mehr als
königlicher Pracht berauschende Düfte entströmten den blühenden Orangenbäumen
auf der Terrasse den Levkoyenbeeten den dunkeln Nachtviolen und drüben im
Osten strahlten drei Regenbogen dicht neben einander in so hoher seltener
Farbenpracht dass man nicht unterscheiden konnte welcher der Abglanz des andern
sei Es war als wollten sie mit jenem westlichen immer glühender sich wölbenden
Tore wetteifern unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte
    »O welch ein Abend« sprach tiefaufatmend Angelika indem sie auf
Vicktorinens Arm gelehnt unter die hohen Säulen vor dem Hause hinaustrat »Lass
mich hier Luft schöpfen ich habe den Tag über ihrer so wenig gehabt die Brust
war mir so enge Lass mich jetzt in langen Zügen die balsamisch erquickende Kühle
trinken«
    Sorgsam führte Vicktorine die aeterisch verklärte Gestalt einem bequemen
Sitze unter den Säulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz In Andacht
und stiller Bewunderung versunken blickten beide eine Weile hinaus in die
wundervolle Pracht welche sie umgab
    »Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens der ewigen Hoffnung« sprach
endlich Angelika »und täuscht mein Auge mich vielleicht  es tut es jetzt
zuweilen  oder sind es wirklich ihrer drei«
    »Es sind ihrer drei« erwiderte Vicktorine die jetzt mit immer steigender
Besorgnis den ungewöhnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr
wurde welche den ganzen Tag über von der schwülen Luft sehr bedrückt gewesen
war
    »Es sind wirklich ihrer drei« wiederholte Anlika »Wunderbar nie zuvor
habe ich diese seltene Pracht gesehen Und dort die Sonne Liebe Vicktorine
welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag Immer musste ich daran
denken Zuerst der trübe beklemmende Morgen Dann die kurzen Sonnenblicke der
Regen das Ungewitter und nun die köstliche himmlische Ruhe dieses
glanzerfüllten Abends Sieh Liebe ist es nicht als wolle dort im Westen der
Himmel sich öffnen und uns einen Blick in das Reich seiner Herrlichkeit
gewähren und die untergehende Sonne will sie uns nicht nach Osten hinweisen
wo sie noch immer wieder aufgehen wird wenn sie mir schon lange nicht mehr
leuchtet Nach dem Osten den sie jetzt indem sie von uns Abschied nimmt so
überherrlich mit dem tröstlichen Bilde schmückt das Gott einst der vor seinem
Zorne zagenden Erde gab und dem Menschen dabei zu hoffen gebot Und nun kommt
bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen Dann
schlummern wir in Frieden  und träumen auch wohl«
    »Sprich nicht so viel meine Angelika« bat Vicktorine »komm Liebe komm
ins Haus Du bist matt und erschöpft«
    »O nein o nein« rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit »Mir ist
wohl unbeschreiblich wohl mir ist wie noch nie in meinem Leben Sei nicht
besorgt um mich« setzte sie schmeichelnd hinzu indem sie Vicktorinens
Ängstlichkeit bemerkte »Meinst Du ich sehe nicht was jetzt Dein liebes Herz
beklemmt Aber lass Dir nicht bangen wenn nun jetzt wohl bald auch mein Abend
kommt bangt es mir doch auch nicht und möge er nur diesem Abende so gleichen
wie mein Leben diesem Tage glich Ich habe noch nie mit Dir davon gesprochen
doch heute geht mir in Wonne das Herz auf Bringe der geliebten Anna meinen
letzten Gruß und meine gute Nacht wenn es so weit sein wird Sage ihr dass ich
mich nicht gefürchtet habe allein einzuschlafen sage ihr dass ich beim
Entschlummern mich nicht nach ihr gesehnt habe denn ich kenne keine Sehnsucht
mehr auf Erden Aber ich freue mich dass ihre Abwesenheit den einzigen Schmerz
mildern wird den ich mir bewusst bin ihr jemals gegeben zu haben Sage ihr auch
noch dass ich sie dort jubelnd empfangen werde denn wahrscheinlich ist sie die
erste unter meinen Lieben die mir nachfolgen wird«
    »Angelika Du zerreissest mir das Herz« rief Vicktorine und sank vor ihr
hin und verbarg das von Tränen überströmte Gesicht in ihrem Schoss
    »Liebes liebes Herz was bewegt Dich denn so« sprach Angelika und strebte
liebkosend Vicktorinen zum Wiederaufstehen zu bewegen »Was fürchtest Du denn
heut Ich sage Dir ja und gewiss es ist so mir ist in diesem Augenblick so
unaussprechlich wohl wie noch nie in meinem Leben Ich fühle wie von
Engelsflügeln mich gehoben als wäre die Last des Lebens schon von mir genommen
als brauche ich gar nicht mehr zu atmen so leicht ist es mir in der Brust die
mir den ganzen Tag über so enge war Kannst Du denn wirklich mir nicht wünschen
dass mir immer so sein möge kannst Du Du Herz voll Liebe Dich freuen wenn ich
noch lange jeden Atemzug mit stechendem Schmerz erringen muss kannst Du es mir
missgönnen dass ich nun bald dort dort   «
    Angelika verstummte und sah süß lächelnd mit träumerischen Blick in die
goldene Abendpracht hinaus Vicktorine weinte still und von ihr unbemerkt ihr
zur Seite
    »Es ist seltsam« fing Angelika nach einer kleinen Pause wieder an »oder
ist Dir vielleicht auch so Mir ist als müsste ich etwas hier erwarten  jemanden
 als stände etwas Großes Erfreuliches mir ganz nahe bevor als  Horch« rief
sie plötzlich von ihrem Sitze sich erhebend »horch hörst Du nicht Hörst Du
die Stimme«
    »Ich höre nichts« erwiderte Vicktorine »aber Du machst mir
unaussprechlich bange komm liebe Angelika komm hinein die Abendluft muss Dir
schaden«
    »Wunderliches Kind« rief Angelika ein wenig heftig »ich sage Dir ja mir
ist wohl Aber den Wagen hörst Du doch«
    »Nein  doch ja « antwortete Vicktorine »es ist als käme ein Wagen ganz
von ferne den Hügel herab Aber Du weist von hieraus können wir die Landstraße
nicht sehen so nahe sie auch am Garten vorbeigeht Jetzt höre ich das Fahren
deutlicher komm ins Haus im vorderen Salon da können wir  «
    »O nein o nein« rief Angelika sie festhaltend »Wieder  die Stimme o
mein Gott Hörst Du die Stimme denn nicht ganz nahe Die Stimme die ich nie
wieder zu hören meinte Ganz deutlich  hörst Du hörst Du«
    »Es ist mein Vater« erwiderte Vicktorine »Jetzt höre ich es recht gut
der Wagen fährt in den Hof Was kann so spät noch ihn aus der Stadt herführen
und heut am Posttage da pflegt er nie zu kommen«
    »Hörst Du die Tritte nicht näher und immer näher  und wieder die Stimme«
flüsterte atemlos und zitternd Angelika »Stille stille  die Tritte  die
Stimme  sein Gang seine Stimme«
    »Es ist der Vater« sprach Vicktorine
    »Ich bringe Euch einen Fremden der nach der Tante fragt« sagte Kleeborn
indem er aus dem Hause hervortrat »Es schien ihm viel daran gelegen ihren
Aufenthalt auf der Stelle zu erfahren er hat sie in ihrem Stifte aufgesucht und
nicht gefunden Du Vicktorine als ihre fleißige Korrespondentin kannst ihm
die beste Auskunft geben Der Abend machte sich schön die Post hatte nicht viel
gebracht da entschloss ich mich kurz und fuhr noch mit ihm hinaus«
    Während Kleeborn so sprach trat eine schlanke blasse Gestalt hinter den
Säulen hervor Des Fremden erster Blick fiel auf Angelika Weit vorgebogen
errötend erbleichend im schnellsten Wechsel mit starr auf ihm gehefteten
Auge hielt diese sich zitternd an der Bank fest von der sie eben aufgestanden
war
    Alle Stufen die vom Hause hinabführten mit Blitzschnelle überspringend
stand der Fremde im nächsten Momente dicht vor ihr Ohne Laut ohne sich zu
regen betrachteten beide einander all ihr Leben war in diesem Blick
»Angelika« rief der Fremde und fest umschlungen sanken beide eins in den
Arm des andern auf die Knie Angelika schien ohnmächtig zu werden Der Fremde
hielt sie in seinen Armen als wolle er nimmer und nimmer sie lassen
    »O tragt sie hinein« rief Vicktorine mit gerungenen Händen in tödlicher
Angst »Sie stirbt sie stirbt o tragt sie ins Haus«
    Kleeborn trat jetzt hinzu und nahm die leichte Last in seine starken Arme
Der Fremde erhob sich mit ihr aber er ließ sie nicht los Der sehr bewegte Alte
trug sie mit der größten Sorgfalt ins Haus und legte sie auf einen Sofa Sie lag
da wie ein schlafender Engel keine Spur von Schmerz in den schönen Zügen
Ferdinand von Klarenau er war der Fremde kniete neben ihr wechselnd im
Ausdruck furchtbarer Angst und entzückender Freude hielt er sprachlos den Blick
auf sie geheftet
    »Sie regt sich sie schlägt die Augen auf« rief Vicktorine
    Der letzte Strahl der sinkenden Sonne umfloss in diesem Augenblicke
Ferdinanden und verklärte ihn wunderbar Angelika betrachtete ihn mit festem
ernsten Blick »Todesengel« flüsterte sie »schöner ernster Bote kommst Du
mich abzurufen in dieser geliebten Gestalt«
    »Angelika Du lebst ich lebe wir haben uns wieder und können glücklich
noch sein« rief Ferdinand und drückte sie an seine ungestüm wogende Brust
    »Ferdinand« rief Angelika fast überlaut »Mein mein Ferdinand ja Du bist
es ja Du lebst Sie richtete sich auf sie legte das schöne todtenbleiche
Gesicht auf seine Schulter sie umschlang seinen Nacken fest fest mit beiden
Armen Du lebst Ferdinand Du lebst Die Wonne  o nein sie tötet uns nicht 
nein nein niemand stirbt vor Freude  nein man stirbt vor Freude nicht 
Ferdinand« hauchte sie zuletzt fast unhörbar Ihr Haupt sank tiefer ihre Arme
hielten ihn noch immer
    »Sie wird wieder ohnmächtig« rief Vicktorine und legte mit Hilfe ihres
Vaters sie in die Sofakissen zurück Vicktorine versuchte alle Mittel die ihr
zu Gebote standen um Angelika ins Leben zu rufen Kleeborn eilte hinaus um den
Wagen nach einem Arzte auszuschicken
    »Erwache Angelika erwache« rief Ferdinand mit furchtbarem Tone in
Todesangst
    Angelika erwachte nie wieder
Der unglückliche Klarenau war so wie er Deutschlands Gränze erreichte zu
Angelikas Oheim dem Baron Sternwald hingeeilt bei dem er die Geliebte noch zu
finden hoffte Die schlecht verhehlte Verlegenheit mit der er dort empfangen
ward schien ihm gleich auf nichts Gutes zu deuten sie entsprang indessen doch
nur aus dem beschämenden Gefühle der Nachlässigkeit mit der man sich seit
langer Zeit um das Geschick einer so nahen Verwandten gar nicht weiter bekümmert
hatte Es währte lange ehe man unter einem Haufen alter Papiere die Adresse der
Pröbstin von Falkenhayn auffinden konnte bei der wie man versicherte Angelika
sich in diesem Augenblick nur zum Besuche aufhielt Klarenaus liebevolle
Ungeduld ließ ihm nicht Zeit das unwürdige Benehmen von Angelikas Verwandten
weiter zu ahnden er eilte unaufhaltsam den Wohnort der jetzigen Beschützerin
seiner Geliebten aufzusuchen doch leider fand er Anna nicht daheim sie war
gerade in dieser Zeit in der Residenz um Raimunds Angelegenheiten zu fördern
    Der einzige Bediente den Klarenau in ihrer Wohnung zu Gesicht bekam wusste
ihm den Ort nicht mit Bestimmtheit zu nennen wohin sie gereist sei Er meinte
sie würde wohl nach  zu ihrem Schwager dem reichen Herrn Kleeborn gegangen
sein denn sein Kamerad der lange mit ihr dort gewesen sei habe ihm gesagt
dass sie versprochen habe im Sommer zur Hochzeit einer ihrer Nichten
wiederzukommen Von Angelika wusste der Bediente gar nichts zu sagen er war erst
seit kurzen in Annas Dienst und hatte jene weder gesehen noch von ihr gehört
Die Ungeduld welche Klarenau immer vorwärts zu eilen trieb ward heftiger böse
Ahnungen kamen hinzu und so hielt er sich nicht damit auf an einem Orte mit
dessen Einrichtungen er völlig unbekannt war nähere Nachrichten einziehen zu
wollen Er schrieb sich Kleeborns Namen auf und reiste Tag und Nacht bis er 
erreichte
    Der fernere traurige Erfolg seiner Nachforschungen ist dem Leser bekannt
Nach Angelika hatte er Herrn Kleeborn gar nicht gefragt denn die Möglichkeit
sie hier zu finden fiel ihm nicht ein und Kleeborn war schon zu gewohnt sie
als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten als dass es ihm hätte in den Sinn
kommen können ihrer besonders zu erwähnen
    In unentweihter Schönheit lächelnd wie ein schlummerndes Kind mit dem die
Engel spielen lag Angelika von Rosen umgeben in ihrem Sarge Tag und Nacht
blieb Ferdinand ihr zur Seite so lange die holde Gestalt noch die Erde
schmückte Er folgte ihr in stummer Trauer als sie endlich nach einem ihrer
Lieblingsplätze in einen abgelegenen Teil des Gartens getragen ward Unter
jungem Rosengebüsch und uralten Cypressen hatte ihr Kleeborn hier auf
Vicktorinens inständiges Bitten die letzte Ruhestätte bereiten lassen
Ferdinand blieb die Nacht hindurch allein an ihrem Hügel Am folgenden Tage
bezog er ein kleines Haus dicht neben demselben das sonst wegen seiner
herrlichen Aussicht zuweilen zu ländlichen Festen gedient hatte und das
Kleeborn ihm willig einräumte Dort wohnte Klarenau von nun an in ungestörter
Einsamkeit er fühlte seine in den unerhörten Stürmen seines Lebens erschöpften
Kräfte mit jedem Morgen tiefer sinken und freute sich der ihm immer näher
tretenden Hoffnung bald neben der Geliebten auszuruhen Sein Schmerz gewann
dadurch jenen stillen rührenden Ausdruck der weit entfernt von Bitterkeit und
Hadern mit Gott und der Welt auf ein fromm ergebenes Gemüt deutet Er floh die
Gesellschaft doch nicht die Menschen oft saß er Stundenlang mit Vicktorinen an
Angelikas Hügel und ließ sich von dem schönen Zusammenleben der beiden
Freundinnen erzählen oder er sprach zu Vicktorinen von Raimund und seiner
Errettung durch diesen und von dem sehnlichen Wunsche ihn noch einmal im Leben
zu sehen dessen Gestalt nur wie ein dunkles Traumbild aus seinen
Fieberphantasien ihm vorschwebte Den wackeren Horst und dessen fröhliche Braut
sah er ebenfalls gern und freute sich des frisch erblühenden Lebens dieser
Beiden sogar der alte Kleeborn war ihm lieb geworden denn dieser fühlte das
tiefste Mitleid für den Armen und trat immer so leise an ihn heran als befände
er sich in einer Kirche
    So ward er allen ein lieber milder Gefährte und jeder ehrte seinen Schmerz
weil er auf so edle Weise ihn zu tragen wusste und niemanden durch denselben
lästig fiel Sie besuchten ihn gern an seinem stillen Hügel zwischen dessen
dunklen Cypressen sich unter seiner Leitung ein großes einfaches Kreuz von
weißem Marmor erhob Nur Babet ging ihm aus dem Wege aber sie ließ es dennoch
an schönen rührenden Redensarten nicht fehlen wenn sie so glücklich war durch
Erzählung seiner traurigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Gesellschaft sich
zuwenden zu können
    Horst hatte den schweren Auftrag erhalten der Tante den Verlust ihrer
Angelika zu melden denn Vicktorine vermochte es in den ersten Tagen nicht die
Feder zu führen Er suchte auf die schonendste Weise ihr die traurige Nachricht
zu verkünden aber Annas Herz blutete dennoch bei dieser Botschaft aus tausend
Wunden
    Mein süßes Kind meine holde weiße Rose ach warum musste ich fern von Dir
sein als Du das schöne Haupt zum ewigen Schlummer neigtest schrieb Anna in
ihrer Antwort an den Rittmeister Jetzt erst verstehe ich was mich immer so
vorahnend ergriff wenn ich den Namen Klarenau nennen hörte Immer musste ich
denn aufzufinden suchen wo ich früher ihn gehört was mir ihn merkwürdig
gemacht haben könne und doch kam ich nie darüber zum klaren Bewusstsein Ganze
Nächte hindurch hat dieser Name mich verfolgt jetzt weiß ich dass Baron von
Sternwald ihn mir einmal genannt hat als er Angelikas hartes Geschick mir
vertraute Sie selbst nannte den Geliebten nie so sie sprach immer nur von
Ferdinand und war von seinem Untergange so fest überzeugt dass auch in mir kein
Zweifel daran aufkommen konnte Hätte man mir in dieser Zeit da ich wegen einer
Angelegenheit in die auch ich verwickelt bin ihn oft nennen hörte nur ein
einzigesmal als Ferdinand von Klarenau ihn bezeichnet und dabei die lange Reihe
seiner übrigen Vornamen weggelassen die mich irre machten ich glaube dass mein
Gedächtnis wieder erwacht wäre Dann hätte ich die arme Angelika auf das Glück
vorbereiten können das ihr so nahe bevorstand und die überraschende Freude
hätte das weiche nur an Leiden gewohnte Herz nicht gebrochen Angelika lebte
noch  ach wahrscheinlich doch nur um einige Wochen oder Monate später die Welt
mit bangem Widerstreben im harten Kampfe zu verlassen die Ferdinands Liebe ihr
erst zum Paradiese umgewandelt hätte
    O meine Angelika im höchsten Lichtpunkt Deines sonst immer trüben Lebens
dem kein zweiter in solcher Herrlichkeit folgen kann schlang Dein reiner Geist
sich hinauf Dein Herz brach in Wonne Wer möchte nicht sterben wie Du
    Nach dem was Sie lieber Horst von des armen Klarenau jetzigem Zustande
mir schreiben und dem was ich sonst noch von seinem frühern Geschicke erfuhr
darf er hoffen nicht lange mehr über den Hügel zu trauern unter dem das Leben
seines Lebens ruht Seine Leiden während der fürchterlichen Gefangenschaft in
der er Jahre lang schmachtete mussten seine Lebenskraft ohne Rettung
untergraben
    Ach ich weine um meine Angelika und dennoch fiel ihr auch in dieser
Hinsicht ein glückliches Loos
    Du weiche sanfte Seele wie hättest Du es tragen wollen den Geliebten
zweimal zu überleben
Der Winter kam heran doch weder Bitten noch Vorstellungen vermochten es den
armen Klarenau zu bewegen sich von seinem Cypressenhügel und der kleinen
Wohnung in der Nähe desselben zu trennen seine Freunde mussten sich
entschließen ihn einsam zurückzulassen als sie ihr Haus in der Stadt wieder
bezogen
    Agatens Hochzeit war durch den Tod der von allen betrauerten Angelika
verschoben worden selbst Horst hatte sich mit guter Art darin ergeben denn die
ihm eigne Gutmütigkeit erlaubte ihm nicht in der Nähe eines so Unglücklichen
wie Klarenau ein fröhliches Fest zu begehen Jetzt aber wurde zu Anfange des
Winters der feierliche Tag von Herrn Kleeborn unwiderruflich bestimmt so viel
auch Agathe dagegen einwenden mochte die durchaus erst die Ankunft der Tante
abwarten wollte
    Selbst am Hochzeitsmorgen war indessen Agathe noch fest überzeugt dass Anna
sich zur rechten Zeit einstellen werde »denn« sagte sie »sie hat es einmal
versprochen und den Tag weiß sie auch Glaubt mir nur sie kommt gewiss und daher
könnt ihr es mit dem Anziehen noch immer anstehen lassen ihr versteht es doch
alle nicht wie sie und wenn die Tante mich heute nicht anziehen soll so
braucht meinetwegen gar nichts daraus zu werden heute«
    Jedoch die Zeit verging die Stunde der Trauung rückte immer näher das um
Agaten versammelte Heer der Jugendfreundinnen das nicht minder zahlreiche der
Kammerjungfern wurde immer dringender in seinen Ermahnungen Schon griff Babet
mit sauersüsser Miene zu den Myrten um den Kranz daraus zu flechten und Agathe
wurde recht ängstlich und betrübt weil niemand mehr auf sie hören wollte Da
erscholl mit einemmal ein lautes Freudengeschrei von allen Lippen alles
schwirrte im fröhlichsten Aufruhr durcheinander denn die Tante stand plötzlich
mitten unter ihnen Sprachlos für Freude und Schmerz lag Vicktorine in ihren
Armen Agathe lachte und weinte in einem Atem und erdrückte die geliebte Frau
beinahe mit ihren Liebkosungen
    Anna war mild und freundlich wie immer sie begrüßte alle mit gewohnter
Anmut doch ihr sonst helles Auge war von Wehmut getrübt sie wollte Angelika
nicht erwähnen um die junge Braut nicht zur Traurigkeit zu stimmen aber es
wurde ihr sehr schwer zu verbergen wie schmerzlich sie in diesem frohen
jugendlichen Kreise ihren stillen Liebling vermisse
    »Wer hatte nun Recht« jubelte Agathe als die Tante wirklich anfing das
ihr übertragene Amt zu verwalten »aber da wollte niemand mir Glauben schenken
nicht einmal Vicktorine Niemand hier kennt Sie so gut als ich liebe Tante
denn Sie sehen es selbst niemand baut so fest auf Sie als Ihre Agathe Könnte
ich Ihnen nur sagen wie lieb ich Sie habe aber wo die Zeit dazu hernehmen Erst
anziehen dann getraut werden dann Ball bis zum hellen lichten Morgen Ich
mache mir heute nicht viel aus dem Tanzen aber der Onkel und Mamsell Virnot
lassen sich das nun einmal nicht nehmen Und hernach entführt mich der Schwarze
auf der Stelle nach B Wie werde ich das alles nur überstehen Getraut werden
ist doch gar zu erschrecklich« schluchzte sie zuletzt und die hellen Tränen
rollten ihr dabei aus den unschuldigen Kinderaugen
    Anna sprach ihr Mut ein und band ihr dabei ihr Hochzeitsgeschenk eine
Schnur der schönsten Perlen um den runden weißen Hals Agathe war gleich wieder
das fröhliche Kind welches seiner Freude kein Ende wusste weil die Tante ihr
etwas mitgebracht hatte »Die Perlen sind köstlich aber meinetwegen könnten es
römische Glasperlen sein sie wären mir nicht minder lieb« rief sie einmal über
das andere
    »Und ich Arme was bringen Sie mir« flüsterte leise schmeichelnd
Vicktorine
    »Hoffnung und auch sonst noch Manches« antwortete Anna ziemlich ernstaft
»Du hast aber an mir und meiner Liebe gezweifelt Vicktorine darfst Du es
leugnen« Vicktorine küsste errötend mit zitternder Lippe ihre Hand »Darum musst
Du warten bis morgen heut ist Agathe die Königin des Tages« setzte Anna
freundlicher hinzu
    Das Fest verging wie solche Feste es pflegen unter Weinen und Lachen Der
Ball von dem Kleeborn sich wirklich nicht hatte abbringen lassen wollen
währte bis mit grauendem Morgen der Wagen vorfuhr der das junge Paar nach
Horsts jetzigem Wohnorte bringen sollte Anna nebst einem großen Teil der
übrigen Gesellschaft begleitete die in Tränen schwimmende Agathe und den
hocherfreuten Bräutigam bis an denselben
    »Ich bin recht froh darüber« sprach Anna zu Kleeborn nachdem der Wagen
fort war »dass die jungen Leute den vernünftigen Entschluss gefasst haben
sogleich in ihre Häuslichkeit einzuziehen statt nach der neuesten Mode sobald
sie getraut waren auf Reisen zu gehen Die Freude am Wirtshausleben und die
Sucht dem Glück auf der Poststrasse nachjagen zu wollen gewinnt jetzt unter
allen Ständen nur zu sehr die Überhand wenn das so fortgeht so glaube ich
dass nach funfzig Jahren niemand mehr einer eigenen Wohnung bedürfen wird alles
wird immer von Ort zu Ort ziehen wie die wandernden Tartaren«
    »Ach es geht doch nichts über das Reisen« rief ein junges Mädchen welches
diese Bemerkung mit anhörte und die Türme seiner Vaterstadt noch nie aus dem
Gesichte verloren hatte
    »Nichts als die Freude sich wieder zu Hause zu finden« erwiderte Anna
»aber um dieses zu fühlen muss man freilich erst gereist sein«
Kleeborn benutzte die erste ruhige Stunde des folgenden Tages zu einer ernsten
vertrauten Unterredung mit der Tante deren unerwartete Ankunft auch ihm sehr
willkommen war
    »Ich habe Sie immer als eine ungemein kluge verständige Dame verehrt« hob
er an »jetzt aber muss ich mehr wie jemals Ihre tiefe Einsicht bewundern Was
wäre jetzt aus Vicktorinen geworden wenn nicht nach Ihrem Rat die Verlobung
meiner Tochter mit dem nichtswürdigen Sir Charles sich so verzögert hätte Ich
habe von unserem Müller die traurigsten Nachrichten aus Amsterdam erhalten mein
alter würdiger Freund Wissmann ist nicht mehr er ist vor Kummer gestorben« Dem
Alten gingen bei diesen Worten die Augen über er nahm sich aber zusammen um
der Tante den Inhalt von Müllers Berichten mitzuteilen
    »Von jeher hatte Sir Charles seinen kaufmännischen Geschäften mit der
größten Nachlässigkeit vorgestanden und sie fremden Händen meistens übertragen
Da aber sein Etablissement in London als ein Nebenzweig des sehr geachteten
Hauses seines Vaters in Amsterdam galt so war das eine Zeit lang so
hingegangen ohne ihm in der öffentlichen Meinung sonderlich zu schaden Während
der letzten Jahre die er auf dem festen Lande zubrachte hatte indessen sein
Hang zur Verschwendung eine an Wahnsinn gränzende Höhe erreicht er trieb mehr
als fürstlichen Aufwand und forderte zu diesem immer beträchtlichere Summen
Niemand konnte besser berechnen wohin dieses am Ende führen müsse als sein
erster Handlungsdiener und dieser um die gehoffte Erndte nicht zu verlieren
benutzte den ersten günstigen Augenblick und machte mit allem Gelde dessen er
habhaft werden konnte bei Zeiten sich aus dem Staube indem er zugleich alles
übrige dem Zufall überließ Die nächste Folge davon war dass Sir Charles
Zahlungen plötzlich eingestellt werden mussten und sein Vater der diese
Nachricht ganz unvorbereitet erhielt sank darüber von einem Schlagfluß
getroffen auf das Sterbebette hin«
    »Müller fand ihn schon sprachlos und ohne Bewusstsein das er auch bis an
seinen Tod nicht wieder erhielt«
    »Es war dem unglücklichen Alten zwar nicht verborgen geblieben dass sein
Sohn ziemlich wild in die Welt hineinlebe und viel Geld brauche aber er hatte
keine Ahnung davon gehabt dass dieses so weit gehen könne um dessen völligen
Untergang und vielleicht auch den seines Vaters herbeizuführen Sein plötzlicher
Tod die enge Verbindung in der er mit dem Hause seines Sohnes stand führte in
seinen eigenen Angelegenheiten eine Verwirrung herbei deren vernichtende Folgen
nur durch schleuniges Hinzutreten seiner Freunde abgewendet werden konnten
namentlich des alten Müller der sich hier sogleich für Herrn Kleeborn tätig
bewies Sir Charles ließ während der Zeit nichts von sich sehen und hören er
schien von der Erde wie weggehaucht aber es ging ein Gerücht dass er während
des Sommers in Spaa und Aachen unter einem andern Namen als Spieler von
Handwerk aufgetreten sei«
    »Ach liebes Fräulein Schwester« setzte Kleeborn dieser Erzählung hinzu
»ich bleibe zwar bei alle dem wohlbehalten aber ich werde doch von schweren
Sorgen gedrückt in mein Grab gehen Auf meinem wohlerworbenen Gute muss nach dem
Glauben unsrer Vorfahren der Seegen ruhen denn kein unrecht gewonnener Taler
ist dabei aber wem soll man heut zu Tage noch vertrauen Wem werde ich mein
Kind und die Frucht meiner vieljährigen Arbeit einst hinterlassen Wer soll den
Namen ehrenvoll fortführen den ich mit Gottes Hilfe und redlichem Fleiße mir in
der Handelswelt erworben habe und auf den ich eben so viel halte als ein
Edelmann mit sechzehn Ahnen nur auf den seinen halten kann«
    Die Tante wollte ihm einigen Trost geben aber er war nicht in der Stimmung
darauf zu hören
    »Seit ich alles dieses erlebte« fuhr er fort »habe ich schon zuweilen
daran gedacht noch bei meinen Lebzeiten alles aufzugeben mir Güter zu kaufen
und auf dem Lande meine Tage zu beschließen Aber ich weiß dass die Ruhe mich
töten würde Mein Leben ist Arbeit und Arbeit ist mein Leben Arbeit die ich
verstehe und liebe Und soll ich denn selbst einreissen was ich selbst erbaute
soll ich mein eigener Leichenstein werden Es ist unmöglich ich kann es nicht
Wäre Vicktorine ein Sohn ich hätte ihn anders erzogen als der gute aber
schwache Wissmann seinen Taugenichts und mir wäre geholfen doch auch so ist und
bleibt sie meine einzige Hoffnung auf Erden«
    »Sie wird diese Hoffnung erfüllen zweifeln Sie nicht daran« erwiderte
Anna »Nur darf der Mensch dem Glücke die Gestalt nie vorschreiben wollen in
der es ihm erscheinen soll sonst ruft er leicht sein Unglück herbei Indessen
habe auch ich etwas wichtiges Ihnen mitzuteilen wozu ich mir Gehör von Ihnen
erbitte Doch zürnen Sie nicht dass ich gleich anfangs einen Ihnen verhassten
Namen nennen muss der junge Holm   «
    »Weder er noch sein Name sind mir verhasst« fiel Kleeborn ein »Der junge
Holm hat sich in der kurzen Zeit zu einem außerordentlich geschickten und
ehrenwerten Kaufmann ausgebildet Er ist vor einigen Tagen in Amsterdam
eingetroffen schreibt Müller mir er tritt dort recht verständig für die Herren
Fischer ein die mit dem Wissmannschen Hause fast eben so tief verwickelt sind
als ich selbst und seiner Leitung verdanken wir es größtenteils dass der Name
meines alten Freundes nicht noch im Grabe mit Schande bedeckt wird Wie es aber
zugehet dass er eher als sein Schiff nach Europa zurückgekehrt ist weiß ich
nicht«
    Anna geriet bei der Nachricht dass Raimund schon in Amsterdam wäre in
nicht geringes Erstaunen doch sie barg dieses so gut sie konnte und herzlich
froh über die gute Meinung welche Kleeborn eben geäußert hatte war sie im
Begriffe das angefangene Gespräch fortzusetzen
    »Verzeihen Sie Fräulein Schwester dass ich Ihnen abermals in die Rede
falle« unterbrach Kleeborn sie von neuem »Aber ich glaube zu sehen wo Sie
hinaus wollen und da muss ich Ihnen zuvorkommen Der junge Holm kann nie mein
Schwiegersohn werden das musste ich Ihnen sagen ehe Sie weiter gehen Ich
gestehe es ein dass er ein junger Mann ist dessen außerordentliche
Geschicklichkeit in seinem Fache den Mangel an hinreichendem Vermögen allenfalls
aufwiegen könnte aber er ist der Associé der Herren Fischer sobald er zu Hause
wieder anlangt Mein Schwiegersohn muss meine Geschäfte und meinen Namen nach
meinem Tode fortführen Mit Wissmann war es so der wäre mit der Zeit hier an
meine Stelle getreten für dessen Londonner Etablissement war schon ein Andrer
bestimmt ich und das Haus in Amsterdam  ach es war ein schöner großer Plan
ich darf gar nicht daran denken Nun es ist vorbei  Dass ich aber einer
kindischen Liebesgeschichte zu Gefallen so unrechtlich handeln sollte den
Herren Fischer ihren besten Arbeiter abspenstig zu machen der sich obendrein in
ihrem Hause gebildet hat das werden Sie doch gewiss dem alten Kleeborn nicht
zumuten wollen der Ihnen wohl zuweilen wie ein wunderlicher Kautz vorkommen
mag der aber doch dabei immer auf Ehre hält trotz dem ersten Edelmann«
    »Hören Sie mich aber endlich einmal an lieber Kleeborn was ich Ihnen zu
sagen habe ist ganz andrer Art als Sie wohl vermuten« sprach Anna indem sie
ein großes Packet Papiere vor sich auf den Tisch hinlegte Kleeborns gewohnte
Ehrfurcht vor allem was einem Geschäfte ähnlich sah bewog ihn bei diesem
Anblicke ihr alle Aufmerksamkeit zu schenken die sie nur verlangen konnte er
unterbrach sie nicht ein einzigesmal während sie Alberts und dessen Sohnes
Geschichte ihm teils erzählte teils durch Vorlesung einzelner Stellen aus den
vor ihr liegenden Papieren ihm deutlicher machte Zuletzt legte sie ihm noch
eine Abschrift der AnerkennungsUrkunde des Lehnhofes vor durch welche Raimund
Holm als der letzte Zweig der von Leuen in den Besitz des Erbteils seiner Väter
eingesetzt ward und einen Anschlag seiner jetzt ganz schuldenfreien Güter
    »Sie sehen wohl ein« sprach Anna lächelnd während Kleeborn die ihm
vorgelegten Documente sehr aufmerksam durchging »Sie sehen wohl ein dass jetzt
von des jungen von Leuen Verbindlichkeiten gegen Herrn Fischer nicht mehr die
Rede sein kann und auch dass bei dessen noch immer bestehender treuen Liebe zu
Ihrer Tochter kein niedriger Eigennutz im Spiele ist um so weniger da das von
seinem Vater ererbte Vermögen des jungen Mannes bedeutender ist als Sie wohl
glauben und ich mich auch jetzt in meinem Gewissen für verpflichtet halte ihn
zum Erben des größten Teils meiner Habe einzusetzen Sie wissen ich bin
wohlhabend aber ich verdanke dies einem Vermächtnisse des älteren Herrn von
Leuen der damals nicht wusste dass sein Bruder der Vater dieses Raimunds noch
am Leben sei welcher sonst dessen natürlicher Erbe gewesen wäre«
    »Ich sehe Fräulein Schwester« erwiderte Kleeborn recht freundlich »dass
Sie mir hier eine Partie für meine Tochter anbieten die alles weit übertrifft
was ich jemals für das Mädchen erwarten konnte Und dennoch bin ich gezwungen
sie zurückzuweisen«
    Anna erschrack gewaltig über diese deutlich ausgesprochene Erklärung doch
Kleeborn fuhr ganz gelassen fort zu reden »Von allem dem Merkwürdigen was ich
heute von Ihnen vernommen habe hat nichts einen tieferen Eindruck auf mich
gemacht als der Brief jenes Herrn Bernhard von Leuen der ein sehr respektabler
Mann gewesen sein muss Was er von den Verpflichtungen schreibt die von solchen
großen Besitzungen unzertrennlich sind hat meinen vollkommensten Beifall Was
indessen damals dem Vater galt muss jetzt dem Sohne gelten er kann nicht mehr
daran denken Kaufmann bleiben zu wollen Wenn er rechtlich handeln will darf
er um Vicktorinens willen den ihn angeborenen Pflichten nicht entsagen Zwischen
dem Gutsbesitzer und dem Kaufmann darf er sich nicht teilen wollen denn dieser
besonders erfordert einen ganzen Mann namentlich in unsern Tagen wo alles auf
die Spitze gestellt wird«
    »Aber lieber Herr Bruder so bedenken Sie doch das Glück Ihres einzigen
Kindes« rief Anna
    »Glauben Sie nicht« fuhr Kleeborn fort der einmal ins Reden gekommen war
»glauben Sie nicht dass ich aus blinder Anhänglichkeit an meinen gewiss nicht
ungegründeten Widerwillen gegen Verbindungen Adliger mit Bürgerlichen hier so
entscheidend spreche Keine Regel ohne Ausnahme pflege ich immer zu sagen und
wäre Vicktorine nicht meine einzige Erbin nun so  aber wie die Sache steht ist
es unmöglich Was der alte Herr von Leuen in seinem Briefe über die Erhaltung
seines alten edlen Namens schreibt ist mir ebenfalls wie aus der Seele
gesprochen Zwar habe ich keine Gallerie von Ahnenbildern aufzuweisen ich weiß
kaum wer der Vater meines Großvaters war aber was nicht ist kann werden
warum sollte nach hundert oder zweihundert Jahren eine rechtliche bürgerliche
Familie nicht auch mit Stolz auf ihre Vorfahren zurück sehen können Wir haben
schon der Beispiele Ich will der Stammvater meines Hauses sein so gut als der
erste von Leuen es der des seinigen war den Ihr verstorbener Freund mit Recht
über alle seine Nachfolger erhebt und der vielleicht von seinem Eltervater
weniger wusste als ich von dem meinen Mein Name meine Firma dürfen nicht
untergehen Vicktorine muss sich darin ergeben«
    »Einem Namen einem bloßen Schalle soll die Arme geopfert werden« rief
Anna hingerissen von ihrem Gefühl auch wohl ein wenig vom Zorne gegen sich
selbst weil sie ohne es zu denken dem alten Kleeborn die Waffen in die Hände
gegeben hatte die er jetzt ganz unerwartet gegen sie wandte
    »Handelten denn nicht in tausend ähnlichen Fällen Ihre Standesgenossen eben
so« erwiderte Kleeborn ebenfalls etwas gereizt »Vicktorine aber wird nicht
geopfert Fräulein Schwester Ich denke Kleeborns Tochter soll auch ferner noch
unter Vielen die Wahl haben wie sie bis jetzt sie gehabt hat und ich will
nichts weiter als diese Wahl verständig zu leiten suchen wie es dem Vater von
Rechtswegen zukommt«
    Anna fühlte dass heftiger Widerspruch den Alten leicht dahin bringen könnte
ein Wort auszusprechen welches er wie sie ihn kannte hernach nimmermehr
zurückgenommen hätte Sie unterdrückte daher den eignen Unmut den seine
letzten Reden in ihr erweckten
    »Ich räume Ihnen ein« sprach sie »dass sich für Ihre Ansicht vieles sagen
lässt ich bin auch weit davon entfernt das Gefühl zu tadeln das Sie zu diesen
bestimmte Aber ich bin auch Ihnen und den Ihrigen zu nahe verwandt und zu
herzlich zugetan als dass ich Sie nicht ebenfalls darauf aufmerksam machen
sollte wie leicht und auf welche traurige Weise Sie dennoch das Ziel verfehlen
können dass Sie sich gesetzt haben Vicktorinens Liebe gehört nicht zu jenen
phantastischen Einbildungen mit denen junge Mädchen ihres Alters sich zuweilen
selbst zu täuschen pflegen Sie sehen sie alle Tage darum fällt Ihnen die
Veränderung in ihrem Äußern nicht auf ich aber bin bei meiner Ankunft darüber
erschrocken sie ist ja nur noch der Schatten von dem was sie war Denken Sie
an die arme Angelika«
    »Sagte ich es doch immer« rief Kleeborn sichtbar beunruhigt »Sie hat sich
noch bei weitem nicht von ihrer letzten schweren Krankheit erholt Sie sollte
diesen Sommer nach Pyrmont aber sie wollte nicht das eigensinnige Ding Jetzt
soll aber doch auch gleich der Arzt gerufen werden«
    »Liessen Sie ihn nicht auch zur armen Angelika rufen« sprach Anna »musste er
nicht auf Ihren Antrieb Monate lang alle seine Kunst anwenden um sie am Leben zu
erhalten und was hat es geholfen Zeitlebens werde ich die väterliche Sorge und
Freundlichkeit dankbar erkennen die Sie dem lieben Kinde erwiesen haben aber
Sie haben dennoch ihr langsames Erlöschen mit ansehen müssen Angelika starb
unter ihren Augen am gebrochenen Herzen ich fürchte Vicktorine ist auf gutem
Wege ihr zu folgen wenn Sie nicht bei Zeiten der Arzt werden der ihr allein
helfen kann«
    »Es ist entsetzlich« rief Kleeborn »Sonst war doch die verdammte Krankheit
mit dem gebrochnen Herzen nur in England zu Hause Unsre Mädchen sind gar nicht
wie ihre Mütter die weinten ihr Gesetzchen wenn es nicht nach ihren Willen
ging und lebten darum doch flott weg«
    Anna seufzte recht aus tiefem Herzensgrunde der Seufzer galt dem Andenken
ihrer Schwester
    »Ich muss Ihnen nur gestehen« sprach Kleeborn immer unruhiger werdend »dass
seit dem Tode der guten Angelika mir schon zuweilen ein ähnlicher Gedanke durch
den Kopf geflogen ist wenn ich meine Vicktorine so blass und so betrübt sah Es
hat mir schon manchen Kummer gemacht versichre ich Sie Ich will ihr ja aber
Zeit lassen ich will in nichts sie übereilen Sie ist ja kaum in den Zwanzigen
und war immer kerngesund Nicht wahr Sie denken auch dass sie sich wieder
erholen wird«
    Anna regte sich nicht und antwortete keine Silbe Kleeborn fing an mit
großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen wie er immer tat wenn er über
irgend etwas mit sich selbst nicht einig werden konnte Dann stand er vor der
Tante still »Fräulein Schwester« hob er an »es gäbe vielleicht einen Ausweg
Sie sind eine Dame der ein Mann wohl etwas vertrauen darf Ich habe Ihnen etwas
zu bekennen das vielleicht  Sie sind  ich bin  ja wie gesagt es wäre
möglich dass ein Ausweg sich fände wenn Sie wenn Vicktorine wollte ich sagen
 oder vielmehr wenn der junge Holm  Ach Gott es geht doch nicht Ihnen gerade
kann ich es gar nicht sagen denn  ich will es mir noch besser überlegen und
Sie sollen davon hören nur jetzt nicht« Hiermit verließ Kleeborn das Zimmer
und Anna blieb in der quälendsten Ungewissheit zurück Ein eben ankommender Brief
aus Amsterdam erklärte ihr das Rätsel von Raimunds unerwarteter früher Rückkehr
nach Europa Horst hatte diese veranlasst jener Zeitungsartikel den er zu
Anfange des Sommers in Kleeborns Gartenhause las hatte einen weit tieferen
Eindruck auf ihn gemacht als er sich damals merken lassen mochte Er fühlte
sich bewogen seinen und Raimunds Freund den jüngeren Herrn Fischer aufzusuchen
um mit diesen sich darüber zu besprechen Zufälligerweise hatte Anna von
Falkenhayn so eben ein starkes Packet zur weitern Beförderung an Raimund
eingesandt und zugleich die Herren Fischer in einem besonderen Schreiben
gebeten diesen sobald als möglich nach Europa zurückzurufen weil eine wichtige
Familienangelegenheit seine baldige Gegenwart erforderlich mache Dieser Brief
der Zeitungsartikel die Bewegung, in die Vicktorine über diesen geraten war
wusste Horsts natürlicher Scharfsinn so gut mit einander zu kombiniren dass er
dadurch der Wahrheit ziemlich nahe auf die Spur geriet Er beschloss von seinen
Vermutungen gegen Vicktorine nichts zu äußern aber seine Bitten und
Vorstellungen bewogen Herrn Fischer an Raimund zu schreiben dass er wenn er
dieses zu seinem eignen Besten für nötig hielt die erste Gelegenheit zu seiner
Rückkehr benutzen und die gänzliche Beendigung seines dortigen von ihm sehr
glücklich eingeleiteten Geschäftes einem zuverlässigen Manne übertragen möge
den man zum Gehülfen ihm mitgegeben hatte
    Ein nach Amsterdam bestimmtes Schiff lag eben in jenem Hafen seegelfertig
Raimund schiffte auf diesem sich augenblicklich ein und kam nach einer sehr
kurzen glücklichen Reise gerade zur rechten Zeit in Amsterdam an um bei
Berichtigung der Wissmannschen Angelegenheiten sich durch wohlangewandte
Tätigkeit seinen wohlwollenden Freunden dankbar zu beweisen
    Glühende kein Wanken kennende Liebe zu Vicktorinen innige wahrhaft
kindliche Neigung und Dankbarkeit gegen Anna sprachen laut aus jeder Zeile in
Raimunds Brief doch die Wendung die das Geschick während seiner Abwesenheit
mit ihm genommen hatte schien ihn mehr in Erstaunen zu versetzen als ihn zu
beglücken In dem was er bei dieser Gelegenheit aus seiner Eltern früherem
Leben erfahren musste so schonend Anna es ihm auch beigebracht hatte lag
dennoch unendlich viel Schmerzliches und Erschütterndes die Ungewissheit
welchen Einfluss diese Veränderung seiner Lage auf das künftige Gelingen seiner
sehnlichsten Wünsche haben könne kam dazu und so war es ihm unmöglich der
Freude sogleich in seinem Herzen Raum zu gewähren
    Auch Vicktorine wurde mehr traurig als erfreut da Anna ihren unablässigen
Bitten und Forschen endlich nachgab und ihr alles sogar Raimunds unerwartete
Wiederkehr entdeckte Ihn allen Gefahren einer weiten Seereise glücklich
entronnen zu wissen war ihr freilich ein sehr großer Trost aber so ungeduldig
sie früher die Entscheidung ihres Geschicks herbeigewünscht hatte so ängstlich
bebte sie jetzt ihr entgegen da sie glauben musste ihn ganz nahe gegenüber zu
stehen Hoffnung war alles was die Tante ihr zum Troste geben konnte aber wir
sind nie weniger geneigt diese zu fassen als in dem wichtigen Augenblick wo
alles auf dem Spiele steht Anna selbst war von dem Schmerz über den Verlust
ihrer Angelika zu ergriffen als dass sie fähig gewesen wäre Vicktorine kräftig
wie sonst aufrecht zu erhalten Ihre einzige wenn gleich heimliche Freude war
an diesem Tage dass Vicktorine sehr bleich und mit trüben Augen bei Tische
erschien und dass Kleeborn darüber Essen und Trinken vergaß mit kaum zu
verhehlender Ängstlichkeit sie betrachtete und dann ganz gegen seine gewohnte
Art stumm und in sich gekehrt da saß
Zu der Tante nicht geringem Erstaunen ließ Doctor Erning sich am frühen Morgen
des nächsten Tages bei ihr melden sie war seiner Besuche nicht gewohnt denn
sie hatte sich stets davor gehütet mit ihm in nähere Verbindung zu geraten
daher war sie auch jetzt willens ihn abweisen zu lassen doch das ist kein
Leichtes bei einem Manne seiner Art Er sah sie durch die Spalte der halb
geöffneten Türe in ihrem Armstuhle völlig angekleidet sitzen und dieses war
ihm genug um sogleich in ihr Zimmer zu dringen ohne ihre Erlaubnis dazu vorher
abzuwarten
    »Ich komme als geheimer Geschäftsträger« rief er gleich beim Eintreten dem
sehr ernsten Empfange entgegen der aus ihren Augen ihm zu drohen schien »eine
Dame wie Sie hochwürdige Frau weiß gewiss dass diese überall das Vorrecht
haben sich ungestraft etwas überlästig zu bezeigen«
    »So möchte ich mir aber doch vorher Ihr Creditiv ausbitten ehe wir zur
Konferenz schreiten« erwiderte Anna mit sehr gemessnem Ton
    »Das liegt schon in der Natur der Sache« antwortete Erning ohne sich
dadurch irren zu lassen »Kleeborn schickt mich in der bewussten
Heiratsangelegenheit an Sie ab hochwürdige Frau Sie wundern sich darüber Ja
das ist nun einmal hier zu Lande nicht anders ohne Erning kann nichts in
Ordnung gebracht werden er muss jung und alt aus der Klemme helfen Die ehrliche
Haut tut es auch gern«
    »Ich kann aber doch nicht umhin zu glauben dass ich mit Herrn Kleeborn so
stehe dass er Ihnen heute diese Mühe hätte füglich ersparen können« erwiderte
Anna etwas vornehm
    Erning fand für gut dieses nicht zu bemerken »Ja sehen Sie« sprach er
»das hat so sein ganz eigenes Bewandtnis Kleeborn hat ein ziemlich wunderliches
Bekenntnis Ihnen abzulegen und fürchtet sich wenn er dieses in Person wagen
wollte auf seine alten Tage ein wenig albern vor Ihnen dazustehen Wie das
eigentlich zusammen hängt sollen Sie gleich erfahren wenn Sie mir erlauben
wollen mich zu setzen«
    Erning setzte sich und  doch damit er dem Leser nicht eben so lästig
falle als er es der Tante war möchte es ratsam sein das was er bei ihr
anzubringen hatte mit Weglassung seiner eignen Art und Worte in der Kürze
zusammen zu fassen
    Der Hauptpunct davon war die Entdeckung dass ein außer der Ehe geborner Sohn
des alten Kleeborns am Leben sei um dessen Dasein nur wenige Vertraute wussten
dass zu diesen auch Erning gehörte war natürlich denn diesem blieb so leicht
nichts verborgen was in dem weiten Kreise seiner Bekanntschaften vorgehen
mochte Der junge Vanderbrugge so hatte Kleeborn seinen Sohn nach dessen Mutter
genannt war um mehrere Jahre älter als Vicktorine und stets in Holland wo er
geboren geblieben seine Mutter eine Holländerin starb bald nach seiner
Geburt Dieser Umstand hatte seinem Vater es sehr leicht gemacht das Dasein
dieses Kindes verborgen zu halten aber der frühe Tod des gutmütigen wenn
gleich schwachen Geschöpfs welches ihm das Leben gegeben hatte machte diesem
dennoch viele Jahre hindurch manche trübe Stunde Und als späterhin alle ihm in
rechtmässiger Ehe geborenen Söhne nach und nach meistens noch in der Wiege
hinwegstarben und endlich nur die einzige Tochter Vicktorine die
Jüngstgeborne am Leben blieb so war Kleeborn oft geneigt dieses Unglück als
ein Verhängnis der strafenden Gerechtigkeit des Himmels anzusehen der so auf
die empfindlichste Weise den Tod jenes armen Mädchens an ihm rächen wollte
    Um gut zu machen was noch gut zu machen möglich sei nahm Kleeborn sich
vor für das Kind das er öffentlich nicht anerkennen durfte wenigstens
väterliche Sorge zu tragen Der alte Wissmann sein erprobter vieljähriger
Freund war auch in dieser Angelegenheit sein Vertrauter gewesen er hatte über
die erste Erziehung des Kleinen die Aufsicht geführt und nahm ihn da er
heranwuchs auf Kleeborns Antrieb in sein Komtoir auf wo er sich alle Mühe gab
einen tüchtigen und geschickten Kaufmann aus ihm zu bilden Der beste Erfolg
lohnte ihm dafür er sowohl als Kleeborn hatten ihre Freude an den Knaben und
als er völlig erwachsen war beschlossen beide ihn mit der Zeit in London an Sir
Charles Stelle zu setzen um auf diese Weise ihm eine recht günstige Aussicht
für seine Zukunft zu sichern
    Das gänzliche Fehlschlagen jenes Planes trug viel zu Kleeborns Verdruss über
die Auflösung der zwischen Vicktorinen und Sir Charles beabsichtigten Verbindung
bei und der bald nach diesem eintretende Tod des alten Wissmann nebst allen
daraus entspringenden übelen Folgen vermehrten auch in dieser Hinsicht seinen
Kummer und seine Sorge
    Müller unterließ es nie in jedem Briefe die lobenswerten Eigenschaften des
jungen Vanderbrugge auf das rühmlichste zu erwähnen und Kleeborn wurde dadurch
zugleich erfreut und gekränkt Sein väterliches Gefühl zog ihn zu dem Sohne hin
der in rechtmässiger Ehe erzeugt sein Trost und seine Freude geworden wäre und
es schmerzte ihn tief in der Seele dass er ihn jetzt dennoch verleugnen müsse
So entstand ein ewiger nie sich lösender Zwiespalt in seinem Gemüt und führte
endlich auch jene Veränderung in seinem Äußern herbei über die Vicktorine sich
früher so betrübt und geängstiget hatte
    Bei dieser Verworrenheit in seinem Innern war es in der Tat ein Glück für
den alten Kleeborn dass Anna die Besorgnis Vicktorinen gleich der armen
Angelika hinsterben zu sehen in ihm zu erregen gewusst hatte denn nur diese
brachte ihn dahin endlich einen bestimmten Entschluss fassen zu können
    Der Gedanke an die Möglichkeit seinen Sohn legitimiren zu lassen den er
bis dahin immer von sich gewiesen hatte so oft er auch in ihm aufstieg fing
an mehr Wahrscheinlichkeit für ihn zu gewinnen Der Anschlag von Raimunds
Gütern den er mit großer Aufmerksamkeit durchgegangen hatte überzeugte ihn
dass es an der Seite eines solchen Gatten Vicktorinen selbst wenn ihr Vater sie
völlig enterbte dennoch an nichts von alle dem fehlen könne was seiner Ansicht
nach unumgänglich zu einem glücklichen Leben gehörte an Reichtum Ansehen und
Glanz Um ganz sicher zu gehen ließ er den Doctor Erning rufen um mit diesem
seinen vieljährigen Vertrauten nochmals alles reiflich zu überlegen und so kam
er endlich zu dem Entschlusse der Tante Vorschläge tun zu lassen welche sie
so freudig überraschten dass sie anfangs sehr geneigt war sie für eine
sinnreiche Erfindung des Doctors Erning zu halten Kleeborn erbot sich
Vicktorinen seine Zustimmung zu ihrer Verbindung mit Raimund nicht länger zu
versagen wenn sie dagegen mit guter Art darein willigen wolle den jungen
Vanderbrugge als ihren Bruder zu betrachten den er Willens war in aller Form
zu adoptiren und ihm nicht nur seinen Namen sondern auch nach seinem Tode die
Handlung und die Hälfte seines Vermögens zu hinterlassen Nächstdem sollte
Vicktorine sich auch anheischig machen ihr väterliches Erbteil der Handlung
nie zu entziehen und sich mit den Zinsen zu begnügen Um sie aber dafür zu
entschädigen wünschte er dass Anna sich bereit finden lasse sie an Raimunds
Stelle zur Erbin einzusetzen dessen gegründete Ansprüche Kleeborn zwar nicht
ableugnete aber dennoch glaubte dass dieser zu Gunsten Vicktorinens ihnen
entsagen könne ohne damit ein zu großes Opfer zu bringen
    Anna fand diese Bedingungen so billig und verständig dass sie keinen
Augenblick anstand sie für sich und im Namen ihrer Schützlinge dankbar und
freudig anzunehmen Unerbeten gab sie obendrein die Versicherung niemanden
sogar nicht Raimund und Vicktorinen zu entdecken wie nahe Kleeborns adoptirter
Sohn diesem eigentlich verwandt sei und so ging Doctor Erning triumphierend und
mit Ruhm bedeckt davon um von dem Gelingen seiner Unterhandlungen Bericht
abzustatten Innerlich bedauerte er es nur nicht mehr Schwierigkeiten dabei
vorgefunden zu haben um sein Verdienst bei deren Besiegung gehörig geltend
machen zu können
    Die Geschichte neigt sich zum Ende denn von glücklichen Menschen lässt sich
eben so wenig erzählen als von einer Seereise auf welcher man weder durch
Stürme noch andre Widerwärtigkeiten belästigt den erwünschten Haven in
Sicherheit und Ruhe erreichte Müller Raimund und Vanderbrugge langten nach
wenigen Tagen zusammen im Kleebornschen Hause an und wurden alle drei mit
ungeheucheltem Wohlwollen von dem alten Herrn empfangen Der freudige Taumel
von dem Raimund und Vicktorine bei der alle ihre Hoffnungen übertreffenden
Entwickelung ihres Geschicks sich ergriffen fühlten der laute Jubel des wackeren
Horst und seiner Agathe der Tante ernste stille an Wehmut gränzende Freude
alles dieses lässt sich besser und leichter nachempfinden als beschreiben
    Die ersten Frühlingstage führten in ihrer von tausend schönen Hoffnungen
duftenden Reihe auch den Tag herbei an welchem die Tante einer zweiten mit
jungen Rosen um die Wette blühenden glücklichen Braut den Myrtenkranz in die
Locken flocht Sie und alle zum Kleebornschen Hause Gehörende begleiteten das
neuvermählte Paar nach Leuenstein wo Meinau mit unsäglicher Freude schon lange
vorher alle Anstalten zum festlichsten Empfange getroffen hatte
    Schon längst war jener unpassende Flitterputz völlig unscheinbar geworden
mit welchem vor langen Jahren das durch seine Bauart und sein Altertum
ehrwürdige Schloss auf Luisens Veranstaltung mehr enteiligt als geschmückt
worden Baron Meinau hatte bei Zeiten dafür gesorgt diese verblichenen
Überreste wegräumen zu lassen sobald nur Raimunds Ansprüche an das Erbteil
seiner Väter unwiderleglich erwiesen waren denn er fürchtete durch ihren
Anblick in Annas Gemüte sowohl als in dem des jetzigen Besitzers zu traurige
Erinnerungen zu wecken Seine in ihren Silberlocken noch immer liebenswürdige
Gattin half ihm bei dem Geschäfte die hohen altväterlichen Säle und Zimmer auf
würdige Weise wieder bewohnbar herzustellen
    Mit feinem Takt und richtigem Sinne für das wahrhaft Schöne wussten beide
jede Verzierung jedes Geräte so zu wählen dass nirgend ein schreiender
Kontrast hervortrat weder mit der Altertümlichkeit des Gebäudes noch mit der
Modernität des jungen Paares das es bewohnen sollte Alles Bunte alles zu
Glänzende wurde mit der größten Sorgfalt vermieden und die vorherrschenden
einfachen Formen der Gegenstände brachten überall den wohltuendsten Eindruck
hervor
    Jedes Stück des Ameublements schien genau für die Stelle gemacht die es
einnahm und doch traf man nirgend auf Versuche gotisches Schnitzwerk
nachzukünsteln oder durch Nachahmung der schweren nicht von der Stelle zu
bewegenden Unbehülflichkeit des Hausgerätes unsrer Altväter den Geist einer
längst ergrauten Vorzeit wieder herauf bannen zu wollen
    Vor allem aber wurde die lange Reihe der Ahnenbilder aus ihrem
Verbannungsorte wieder hervorgesucht und in ihre alten Rechte eingesetzt In
passenden Rahmen von hundertjährigem Staube gereinigt blickten sie von den
hohen Wänden des ursprünglich ihnen geweihten Saales seegnend und freundlich auf
das junge Paar herab mit welchem Leben Liebe und Freude in die lange verödeten
Mauern wieder eingezogen waren
Seit jenen das Glück so Vieler begründendem Tage hat das Schicksal der
mehrsten in diese Erzählung verflochtenen Personen keine bedeutende oder doch
wenigstens keine schmerzliche Veränderung erlitten Agathe und Horst sind noch
immer froh und glücklich und gut wie Kinder und Horst fühlt dabei nur die
einzige Sorge dass seine kleine Frau die er auf den Händen trägt ihm nicht vor
der Zeit zu vernünftig werden möge
    Auch der alte Kleeborn ist sehr glücklich in seinem Sohne dessen Kenntnisse
und Betragen alle Wünsche und Erwartungen des Vaters noch übertreffen Der junge
Mann nimmt sich der Geschäfte seines Hauses mit so vielem Geschick und Eifer an
dass der Alte dadurch Zeit gewinnt seine Kinder auf Leuenstein zuweilen zu
besuchen Alles was er dort sieht und hört gefällt ihm ungemein würde ihm
aber noch weit besser gefallen wenn er dabei nur auch die Börse regelmäßig
besuchen könnte So aber treibt die Sehnsucht nach dem gewohnten Gewühl im
Verlauf weniger Tage ihn stets wieder in die Heimat zurück
    Babet ist seit einigen Wochen die verlobte Braut des jungen Kleeborn doch
mit der Geschichte dieser ihrer Liebe ließe keine Octavseite sich anfüllen Es
ging dabei so ganz prosaisch zu wie bei jeder Partie welche allen dabei
interessirten Personen konvenirt was sich darüber sagen ließe steht alles auf
der Karte mit welcher das junge Paar Freunden und Verwandten seine
bevorstehende Verbindung ankündigte Babet ist jedoch über den Mangel aller
romantischen Begebenheiten bei dieser ihrer hoffentlich letzten Liebesgeschichte
auf das vollkommenste dadurch getröstet dass sie in Hinsicht auf Haus Landsitz
Equipage und der Anzahl ihrer türkischen Shawls keiner Dame in der ganzen Stadt
wird nachstehen dürfen Da der junge Kleeborn bei großer Gutmütigkeit auch viel
Festigkeit des Karakters und einen natürlich richtigen durchaus nicht
ungebildeten Verstand besitzt so steht zu hoffen dass diese Ehe so ausfallen
werde wie die mehrsten Sie wird vermutlich gerade kein Himmel auf Erden aber
doch auch keine Hölle sein
    Dass Anna gleich nach ihrer Ankunft im Kleebornschen Hause es nicht versäumt
hatte den armen verwaiseten Klarenau am Grabe ihrer Angelika aufzusuchen dass
sie so lange sie in seiner Nähe verweilte alle die Zeit ihm schenkte welche
sie nicht der Sorge für Ratmund und Vicktorinen zuwenden musste bedurfte wohl
nicht noch besonders erwähnt zu werden
    Damals brachte ihre Gegenwart den ersten wahrhaft wohltuenden Trost in das
Herz des Unglücklichen Der Anblick Raimunds welchen er sogleich als seinen
Retter wieder erkannte die Überzeugung dass Vicktorine die treue geliebte
Freundin seiner Verklärten an der Seite dieses Mannes einer höchst beglückten
Zukunft entgegen gehe erweckte wieder die erste freudige Regung in seinem
Gemüte Es fiel ihm nicht ein mit dem Geschicke hadern zu wollen weil es für
Andere Rosen blühen ließ von denen er nur die Dornen auf seinem Pfade
angetroffen hatte doch weder die dringendsten Bitten noch ernste Vorstellungen
konnten ihn bewegen seine Einsamkeit zu verlassen und dem glücklichen Paare
nach Leuenstein zu folgen
    »Hier ist meine Heimat und sie öffnet sich mir bald« war alles was er
den Freunden erwiderte indem er auf das von jungen Rosen üppig umblühte
Marmorkreuz hinwiess das aus dem dunklen Schatten von Cypressen hell
hervorleuchtete Seine verfallne Gestalt das wunderbare Glänzen seiner Augen
bestätigte nur zu sehr die Wahrheit dessen was er aussprach und Raimund und
Vicktorine ließ tief gerührt endlich davon ab ihn mit ihren Bitten noch
länger zu verfolgen
    Jetzt ruht auch er der in Wüsten des Lebens müde getriebene Pilger unter
dem Kreuze im Schatten der Rosen und Cypressen Der Name Angelika bezeichnete
den letzten Hauch seines Lebens und sein brechendes Auge strahlte im Abglanze
der ihm nahenden Himmelsseeligkeit als er in den Armen des treuen Horst zum
ewigen Schlummer es schloss
    Die Tante trat bald nach Vicktorinens Vermählung von dem Schauplatze ihrer
vieljährigen Tätigkeit ab auf welchem nur das Bedürfnis alle ihr verliehene
Talente und Kräfte nützlich und ehrenvoll zu üben sie so lange festgehalten
hatte Von den Damen des Stifts an denen sie lange Jahre hindurch eine milde
weise Freundin und Beraterin gewesen war bis zu dem geringsten ihrer
Untergebenen herab vernahmen alle mit ungeheucheltem Schmerze ihren Entschluss
das Stift und die Stelle zu verlassen die sie bisher in demselben ehrenvoll und
zu aller Zufriedenheit bekleidet hatte doch keine wagte es ein Unrecht darin
zu finden dass sie in den letzten Jahren eines größtenteils in Sorge um
Anderer Wohl hingebrachten Lebens von den Mühen desselben endlich auszuruhen
wünsche
    Noch einmal wandte sie allen ihren Einfluss daran eine ihrer würdige
Nachfolgerin an ihrer Stelle als Pröbstin gewählt zu sehen die sich ganz dazu
eigne ihren Verlust minder fühlbar zu machen dann schied sie unter den lauten
Klagen derer welche sie zurückließ und folgte ihrem Herzen das sie nach
Leuenstein zu den Kindern ihrer Wahl mächtig hinzog
    Mit einem seltsam aus Wonne und Weh zusammengesetztem Gefühle näherte sich
Anna den altertümlichen Mauern in deren weiten Räumen sie einst bestimmt
gewesen war an Bernhards Seite als Herrin zu walten und der Traum ihres Lebens
zog noch einmal in lichten Bildern an ihrer Seele vorüber Die hohen Wipfel der
uralten Eichen unter deren weit hingebreiteten Schatten Bernhard als Kind
gespielt hatte schienen ihr seinen Gruß zuzurauschen in ahnendem Schauen
fühlte sie seine geistige Nähe überall im Hauche der Lüfte im Dufte der
blühenden Linden jeder ferne Laut klang ihr als riefe er sie bei Namen und
überall in den weiten dämmernden Sälen glaubte sie die geliebte Gestalt
hervortreten zu sehen Das ganze Schloss war ihr ein dem Andenken geweihter
Tempel mit frommer Freude und tief gefühlter Dankbarkeit preiset sie das
Geschick das ihr erlaubte die letzten Tage ihres Lebens in ungestörter Ruhe an
dieser heiligen Stätte zu weilen wo Bernhards Wiege einst stand Was ihrem
eignen Leben versagt ward was während ihrer Jugendzeit nur in schönen
Traumgebilden ihr vorschweben durfte alles das sieht die Tante jetzt in dem
geliebten Paare sich zur seltensten Wirklichkeit gestalten zu dessen Wohles
Begründung sich vor kurzem die Stimme geliebter Toten gleichsam noch aus dem
Grabe erheben musste Vicktorine und Raimund stehen vor ihr wie das Spiegelbild
ihrer eignen Blütezeit beide entwickeln auch im Äußern und unter ihren Augen
eine jeden Tag sich auffallender zeigende Ähnlichkeit mit dem was sie selbst
und der edle Bernhard von Leuen einst waren und im Anblicke des jugendlichen
Paares versunken fühlt Anna oft Vergangenheit und Gegenwart vor ihrem Geiste in
eins zerfließen
    Zwar naht auch ihr die ernste Zukunft unaufhaltsam von deren Geheimnissen
noch kein Sterblicher Kunde erhielt aber sie naht ihr so leise mit so langsam
schonendem Fluge dass niemand von ihren Lieben und sie selbst kaum dieses
Herannahen gewahr wird
    Unverändert im Äußern wie im Innern sieht Anna ihr ohne Grauen entgegen
und so ziehen ihr liebend und geliebt beglückend und beglückt von den Tagen
einer nach den andern im Genuße vollkommener Ruhe vorüber
    »Die Jugend darf im Morgenstrahle der Hoffnung sich sonnen« spricht sie oft
zu ihren Kindern »der Mittag gehört der Gegenwart im rauschenden Drange der
Begebenheiten bald sengend heiß bald sanft erwärmend bald in Wonne bald in
Quaal geht er auch im Laufe unsers Lebens wie in dem eines einzelnen Tages so
schnell an uns vorüber dass wir im raschen Wechsel kaum aufzuatmen vermögen
doch der milde sanfte erquickende Abend ist die Zeit der Alten denn er allein
ist der Erinnerung heilig Und so wie die sinkende Sonne selbst die düstern
Tannen mit einer goldnen Glorie verklärt und in rosigen Schimmer sie kleidet so
weiß auch die Erinnerung alle die Wetterwolken welche unsern Lebensmittag
umstürmten mit goldigen Purpurlichtern zu erhellen Den Dornen die einst uns
verwundeten raubt sie mit milder Hand ihren Stachel wir fühlen die Schmerzen
nicht mehr wohl aber die Freude diese einst überwunden und mutig getragen zu
haben«
 
                                    Fußnoten
1 Ich kann jede Hanne zur Lady erheben