1820_Ahlefeld_Erna.html




        
                             Charlotte von Ahlefeld
                                      Erna
                                   Kein Roman
                            Seiner Königlichen Hoheit
                                   dem Herrn
                                        
                        Erbgrossherzog zu SachsenWeimar
                               und Eisenach etc
                                        
                             ehrerbietig gewidmet
 
                                       I
Ein liebes Mädchen sollst Du heute kennen lernen Alexander sagte die
verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen einem zwanzigjährigen
Husarenoffizier der aus der Residenz gekommen war sie in der Landstadt zu
besuchen in der sie wohnte Das wäre eine Partie für Dich Gut hübsch sehr
verständig wohlerzogen und reich  liebes Kind was könntest Du mehr verlangen
Das sind fürwahr Eigenschaften die eine glückliche Ehe gründen
    Ehe antwortete Alexander lachend Dafür hoffe ich soll mich der Himmel
mein Leben lang bewahren Nein Tante die Liebe ist eine Frühlingssonne die
das Dasein wärmt und duftende Blumen hervorlockt  die Ehe aber ein Maienfrost
unter dessen feindseeligem Einfluss sie wieder erstarren Ungebunden nur mir
selbst angehörend will ich des Lebens süßen Reiz genießen und nie mein Haupt
jenem Joche darbieten dessen Schwere nicht allein die Freiheit sondern auch
das Glück erdrückt
    So hat die Verdorbenheit großer Städte auch Deine Grundsätze schon
vergiftet versetzte die Generalin O Alexander lass Dich doch nicht irre leiten
von der sittenlosen versunkenen Menge die der ehrwürdigsten Gefühle spottet
weil in ihrer kraftlosen Brust kein Raum mehr dafür ist Eine frühe Verbindung
mit einem achtungswerten weiblichen Geschöpf wäre ganz gewiss ein sicheres
Mittel Dich in diesem Schwarm rein Dir selbst zu erhalten  soll ich nicht
wünschen dass Du es ergreifen möchtest Ernestine oder Erna wie wir gewohnt
sind sie zu nennen die ich längst für Dich im Sinne hatte ist die einzige
Tochter einer meiner Freundinnen der Frau von Willfried die das hier
unmittelbar an die Stadt gränzende Landgut Seedorf bewohnt Wiewohl noch nicht
vierzehn Jahr alt verspricht dies hoffnungsvolle Kind doch ein Muster
weiblicher Liebenswürdigkeit zu werden Es fehlt ihr nichts bei den
vollkommensten zum Teil schon entwickelten Anlagen als ein gewisses
Selbstvertrauen das ihre Schüchternheit nicht aufkeimen lässt Sie ist so
bescheiden so wahrhaft demütig dass sie keine Ahnung davon hat wie viel sie
sein könnte wollte sie ihren Wert geltend machen Nur wer sie so genau kennt
wie ich wird sie ganz verstehen aber sie verdient das Studium ihres
Charakters und wahrlich es belohnt sich denn nie wohnte ein reineres
heiligeres Gemüt in einer lieblicheren Hülle
    Sie machen mich ganz neugierig liebe Tante unterbrach sie Alexander
scherzend Ich bin ein Freund der jungen Rosenknospen deren erstes zartes Rot
zwischen frischem Frühlingsgrün hervordämmert und oft in dem Versprechen eines
herrlichen Entfaltens schon eben so schön ist als in der Blüte selbst Gern
werd ich mich an dem reizenden Anblick weiden und  will das holde Röschen für
mich blühen mich an seinem süßen Duft ergötzen Aber es auf ewig in meinen
Lebenskranz winden nein Tante das vermag ich nicht und wäre es auch völlig
dornenlos und geradeswegs aus Eden entsprossen
    Leichtsinniger sprach die Generalin sehr ernst wenn Du auch  scheinbar
oder wirklich  doch hoff ich nur das erstere den Sinn für Lauterkeit und
reine Sitten verloren hast so wirst Du doch nicht vergessen welch hohe
Achtung der Unschuld gebührt Ich erwarte daher wenigstens dass Du die Tochter
meiner Freundin nicht zum Spielwerk männlicher Koketterie und frivoler
Eroberungssucht wählst und der Ruhe ihres Herzens schonst wenn Du auch ihrer
Reinheit wegen sie vielleicht mit Recht zu hoch über Dir erblickst um an eine
Verbindung mit ihr denken zu mögen
    Alexander sah dass seine Tante aufgebracht war Er küsste schmeichelnd ihre
Hände und versicherte ihr mit all der einnehmenden Anmut die ihm eigen war
dass seine Äußerungen bei weitem nicht so ernstlich gemeint seien als sie ihr
schienen und dass  wenn er sich auch noch für viel zu jung zum Heiraten halte
er doch gewiss ihrer mütterlichen Absicht so wie den Verdiensten ihres
unbekannten Lieblings volle Gerechtigkeit widerfahren lasse
 
                                       II
Es gelang ihm die Erzürnte wieder zu versöhnen denn es war schwer seiner
hinreissenden Freundlichkeit und seinen liebkosenden Bitten zu widerstehen
    Selten hatte die Natur einen Jüngling so verschwenderisch ausgestattet als
ihn den bei hellem Geist und warmen raschem Gefühl die Vorzüge einer
bezaubernden Gestalt schmückten
    Sorgsame Leitung über die Untiefen und Klippen der großen Welt hätte gewiss
aus ihm einen der trefflichsten Männer gebildet  aber schon in der frühsten
Jugend sich selbst überlassen und mit offenen Sinnen und ungebundner Freiheit
den geräuschvollen Zerstreuungen einer der üppigsten Residenzen Deutschlands
hingegeben war  durch die Macht des Beispiels hingerissen  die Reinheit
seines Gemüts unter den Lockungen der Verführung und der eigenen Sinnlichkeit
längst schon verloren gegangen Nicht die Aegide der Tugend sondern nur die
Feinheit seines Geschmacks schützte ihn mitten in der Fülle des Leichtsinns und
des Übermuts vor dem Versinken in zügellose Ausschweifungen die das Bessere
im Menschen unwiederbringlich vernichten
    Aus diesem immer verderblicher werdenden Rausch der Sinne, dem er sich mit
der ganzen Heftigkeit seines leidenschaftlichen Charakters hingab würde wie
seine Tante sehr richtig meinte eine edle Liebe ihn wohltätig geweckt haben
Aber dies Gefühl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben deshalb konnte er
den heiligen Einfluss desselben nicht anerkennen ja nicht einmal ahnen Sich dem
gauklenden Schmetterlingsschwarm zuzugesellen der die blendendsten Koketten der
Residenz umflatterte und ihm durch die Überlegenheit seiner glänzenden und
einschmeichlenden Eigenschaften den Rang abzulaufen um nach erlangtem Siege
sich schnell nach einem neuen Gegenstand seines Verlangens umzusehen war bisher
der Cyklus seiner Beschäftigungen und das stete Ziel seiner Bemühungen gewesen
in dessen Erreichung seine Eitelkeit Befriedigung fand wenn auch das Herz leer
blieb Ihn erwärmte bei so unwürdigen Unternehmungen nicht jene reine Flamme
wahrer Empfindung die selbst Verirrungen adelt welche sich auf ihre Innigkeit
gründen sondern es war ein eingehejetztes Feuer mit dem er sich und andern in
törichter Verblendung weis machte dass er glühe während er eigentlich sehr oft
nur kalte Geringschätzung fühlte
    So war es sehr natürlich dass neben der Unschuld seines Herzens auch die
gute Meinung unterging die der Mann durchaus von den Frauen haben muss wenn er
ihnen seine höhere Ausbildung und sein Glück verdanken soll und er glaubte
gleich den Gefährten seiner Lüste an keine weibliche Tugend mehr da es ihm
immer noch gelungen war eine jede, die sich ihm dafür ausgab zu zerstören Er
hatte den Schein in seiner ganzen Nichtigkeit erforscht und darüber den Glauben
an die Wahrheit verloren So sehr er daher auch der Schönheit huldigte wo er
sie fand so dünkte ihm doch die Glorie der sittlichen Reinheit mit der er sie
sehr oft umgeben fand nur ein gemeines Irrlicht auf Sümpfen erzeugt um zu
täuschen und zu locken und er betrachtete es als eine unumgänglich notwendige
List sie scheinbar zu ehren um mit Hilfe dieser Verstellung und einer
erheuchelten Achtung sich seine Eroberungen leichter zu machen und Maske mit
Maske zu vergelten
 
                                      III
Die Gesellschaft welche die Generalin ihrem Neffen zu Ehren eingeladen hatte
und unter der er die ihm von ihrer mütterlichen Fürsorge bestimmte Braut finden
sollte fing an sich zu versammeln Aber so manche Mutter auch mit ihrer
blühenden oder verblühten Tochter hereintrat  durch keine wurden die
ausgezeichneten Lobsprüche gerechtfertigt mit welcher seine Tante wenigstens
seine Neugier in Hinsicht Ernas Bekanntschaft gerejetzt hatte
    Endlich erschien eine bleiche abgezehrte Matrone geführt von einem jungen
Mädchen das durch die zarteste Sorgfalt im Benehmen und eine völlig auf ihre
kindlichen Pflichten beschränkte Aufmerksamkeit auch ohne Worte aussprach dass
sie die Würde des Berufes fühle ihrer dem Grabe entgegen kränkelnden Mutter
alles zu sein
    Dies entsprach allerdings die Güte und Dankbarkeit ihres Herzens
verbürgend der Schilderung die die Generalin von ihren moralischen
Eigenschaften gemacht hatte Aber schön war sie nicht  und doch hatte sie auch
ihr Äußeres als sehr vorteilhaft gerühmt Er erwartete daher  sein Ideal
jugendlicher Schönheit üppig in der Seele tragend  eine volle feurig in der
Fülle der Gesundheit sich dem Leben öffnende Blüte zu sehen die wie mit
Liebesarmen an jede irrdische Freude sich fest schlingend nur Fröhlichkeit und
Mutwillen atmete Statt dessen erblickte er ein Wesen zart und äterisch  er
nannte es mager  in dem der leise Übergang vom Kinde zur Jungfrau noch nicht
harmonisch verschmolzen war und sie demnach weder als das eine noch als die
andere erscheinen ließ dabei einen Ernst der ihren Jahren so wenig in seinen
Augen kleidete wie der Doctorhut einem Knaben und in dem ganz eigenen Ausdruck
ihres Gesichts auf welchem nicht die Rosen der ersten Jugend sondern der
blasse Mondschein einer fast überirdischen Verklärung ruhte stilles Nachdenken
Ruhe und Resignation statt des Aufblitzens üppiger Lebenskraft und kindlicher
Heiterkeit denen er zu begegnen hoffte
    Sie hatte ihre Mutter sanft zu einem Sopha geleitet und nachdem sie Sorge
getragen sie mit alle den kleinen Bequemlichkeiten zu versehen die ihre
Schwäche ihr zum Bedürfnis machten zog sie sich zu den übrigen jungen Mädchen
zurück in deren Kreis sie sich so anspruchslos verlor wie das Veilchen sich im
Wiesengrund verbirgt
    Alexanders Augen folgten ihr Noch immer konnte er die Reize nicht
wahrnehmen die seine Tante als ausgezeichnet erwähnt hatte Erna war groß für
ihr Alter aber schneller Wachstum schien es hatte ihrer Gestalt noch nicht
gestattet jene wohlgefällige Rundung zu gewinnen die zu einem richtigen
Ebenmaas gehört Ihr reiches castanienbraunes Haar war in Flechten
zusammengedrängt kunstlos um das Haupt gewunden Dunkler noch contrastirten die
hoch gewölbten schmal geformten Augenbraunen und die langen einem
Trauerschleier gleich den gesenkten Blick verhüllenden Wimpern mit der seltenen
Weiße ihres Teints aber es fehlte das warme frische Rot der belebenden
Jugendglut das nur auf den zarten fest verschlossenen Lippen anzutreffen war
Ihre Züge waren fein und edel gebildet und insbesondere trug die Stirn den
Stempel hoher Unschuld und Reinheit  doch das Ganze sprach seinen an
schimmernden Farbenschmelz und an Flittergold der Kunst gewöhnten Sinn so wenig
an wie im bunten Blumenbeet des Frühlings die farblose Lilie
    Um zu untersuchen ob seine Tante auch in Hinsicht ihres Geistes das von ihr
gefällte Urteil übertrieben habe trat er ihr näher und mit jener Gewandheit
und Leichtigkeit die das immerwährende Leben in der großen Welt gibt wollte
er eine Veranlassung suchen sie anzureden
    Als er nun aber vor ihr stand und sie das bisher gesenkte Auge erhob dem
seinen begegnend da begrüßten ihn gleich dämmernden Schatten der Vorzeit die
längst nicht mehr empfundenen Regungen schüchterner Blödigkeit und süßen
Bangens und er fühlte sich von ihrem großen ruhigen und klaren Blick tief und
wunderbar ergriffen
    Solche Augen  das konnte er sich nicht abläugnen hatte er niemals noch
gesehen Sie trugen den Himmel in ihrer herrlichen Tiefe und sprachen in
lichteller Klarheit eine Treue einen Seelenadel eine Reinheit aus vor denen
selbst sein frivoler Sinn sich beugte
    Doch lange blieb es ihm nicht vergönnt sich in ihrem Anschauen zu
verlieren denn Verlegenheit die ihre bleichen Wangen plötzlich mit dem sanften
Anhauch einer zarten Rote färbte verhüllte schnell mit der süßen Nacht der
langen Wimpern den Himmelsglanz der ihm so leuchtend in die Seele drang
Wahrscheinlich hatte Erna von ihrer Mutter die Weisung empfangen ihn mit
besonderer Auszeichnung zu begegnen und die schwache Frau die kein Geheimnis
vor der geliebten Tochter verbergen konnte hatte den mit der Generalin früher
besprochenen Plan einer Verbindung zwischen ihr und Alexander ihr als
Perspective ihrer Zukunft gezeigt
 
                                       IV
In ihrer Verwirrung fand er sehr bald seinen Mut und seine Gegenwart des
Geistes wieder Es fing seine Eitelkeit an zu interessieren sich die Entscheidung
der Frage zu verschaffen ob Erna etwas wisse von dem Plan der beiden alten
Frauen oder ob seine Persönlichkeit allein sie so sichtbar imponirt habe
    Denn es war nicht zu verkennen dass sie von seiner Anrede gleichsam
electrisirt alle Fassung verlor und in ihrer linken blöden und verlegenen
Antwort weniger ihre geistige Beschränktheit als eine tiefe Betroffenheit des
Herzens verriet Er gönnte ihr Zeit sich ein wenig zu sammeln und erneuerte
dann wieder seine Versuche ihr Rede abzugewinnen aber neues glühendes
Erröten von leisem Beben und einzelnen abgebrochenen kaum hörbaren Worten
begleitet scheuchten ihn abermals zurück und erst als er sich nicht mehr um
sie zu bekümmern schien erlangte sie ihre Ruhe und Unbefangenheit wieder
    Ob sie nun gleich trotz der wunderschönen Augen denen er volle
Gerechtigkeit widerfahren ließ weit unter seinen Erwartungen und Wünschen
blieb so schmeichelte es ihm doch den tiefen Eindruck zu bemerken den seine
Erscheinung auf ein so völlig neues unerfahrenes Herz gemacht hatte und er
beschloss sich damit zu belustigen
    Um der schüchternen Taube einigermaßen Zutrauen einzuflößen verbarg er die
Habichtsklauen seines Leichtsinns und stellte sich ernst fromm und sinnig an
Ohne durch seine Nähe ihr leicht bewegtes Gemüt ängstlich aufzuregen wusste er
doch die Überzeugung wach in ihr zu erhalten dass seine Aufmerksamkeit
teilnehmend mit ihr allein beschäftigt sei und sie vor allen ihren
Gespielinnen auszeichne Die Verehrung mit der er ihre Mutter behandelte und
die bescheidne liebliche Art mit welcher er sie zu unterhalten und zu erheitern
strebte erwarb ihm nicht nur den Beifall der Matrone sondern flößte auch Erna
die vorteilhafteste Meinung von seinem Charakter ein die den günstigen
Eindruck seiner einnehmenden Gestalt verstärkte Seine Tante selbst war entzückt
über sein Betragen und konnte es kaum erwarten ihn allein zu sprechen um ihm
ihre Zufriedenheit zu bezeugen und sein Urteil über Erna zu vernehmen
    Alexander hatte durch seine frühere übel aufgenommene Freimütigkeit
erfahren dass es bedenklich sei ihr ganz offen seine innersten Gedanken und
Gefühle darzulegen und da es seine Absicht war sie nicht abermals zu erzürnen
so unterdrückte er seine satyrischen Bemerkungen und verbarg ihr wie
lächerlich er das gute Kind in seiner ländlichen Unbeholfenheit und
Schüchternheit fand
    Er begnügte sich daher nur im Allgemeinen sich zu äußern und sehr
gemildert und oberflächlich seine wahre Meinung auszudrücken Gern glaub ich
beste Tante sagte er dass in dem Fräulein die Keime aller möglichen Tugenden
verborgen liegen aber es wird schwer halten sie ans Licht zu befördern da
ihre Blödigkeit doch wirklich alle Gränzen übersteigt Bei dem sorgsamsten und
gewiss nicht zudringlichen und unzarten Bestreben mit ihr in irgend eine Art von
Beziehung zu kommen hat mir der heutige mühevolle Abend doch kein anderes
Resultat gebracht als dass ich weiß  wie sie errötet Sie ist für jetzt sich
und andern wie mir scheint noch ein bloßes Fragzeichen im Leben eine mimosa
pudica die bei der leisesten Berührung krampfhaft zusammenfährt und man sollte
glauben dass eine Mönchszelle in Georgien sie erzeugt habe so gesenkten
Hauptes gleichsam gebeugt wandelt sie einher Dort wo die Mönche in nicht
völlig vier Fuß hohen Zellen wohnen um eine demütige Stellung sich
anzugewöhnen mag ein solcher Anstand auch ganz an seinem Platze sein Hier aber
unter uns in froher Geselligkeit und fern von aller klösterlichen Disziplin war
es vorteilhafter und vernünftiger wenn sie das pikante Gesichtchen ein wenig
erheben wollte  besonders da ein paar Augen es schmücken wohl wert dass man
in ihren Strahlen sich sonnet
    Die Generalin war vorläufig mit seiner Charakteristik zufrieden denn sie
musste im Geiste zugeben dass er Recht hatte Auch sie fand heute ihre sonst so
ruhige Erna so ungewöhnlich verschüchtert und verlegen dass sie sie kaum selbst
erkannte Sie wollte jedoch der Eigenliebe des ohnehin eitlen Jünglings nicht
durch die Entdeckung schmeicheln dass sein Anblick die Ursach einer so
auffallenden Verwandelung sei und überließ es der Zeit und Ernas Reizen des
Körpers und der Seele den Flatterhaften zu fesseln und mit der Unbehaglichkeit
des ersten Empfangs zu versöhnen
 
                                       V
Die Stadt in welcher die Generalin lebte gehörte zwar eben nicht zu den
größten und war keineswegs frei von den kleinlichen Fehlern eines Tons der
sich oft durch Neugierde und Geschwäzzigkeit von dem Pfade edlerer Unterhaltung
entfernte aber an munterer Geselligkeit gab sie der Residenz nichts nach denn
mehrere Beamte und wohlhabende Honoratioren bildeten mit dem zahlreichen Adel
der umliegenden Gegend einen weiten Kreis der sich sehr oft versammelte sich
vereint des Lebens zu freuen
    Die Generalin war mit allen in gutem Vernehmen doch ihr liebster Umgang
beschränkte sich auf Frau von Willfried deren ohnehin sanfter Charakter durch
die fromme Geduld mit der sie eine beständige Kränklichkeit trug noch weicher
und anziehender wurde
    Sie hatten gemeinschaftlich ihre Jugend in der großen Welt zugebracht und
so manche Erinnerung der Vergangenheit die jetzt ihre Einsamkeit würzte gab
ihnen reichen Stoff der Mitteilung im traulichen Beisammensein indem sich
durch sie das Andenken jener Zeit ihnen erneuerte
    Ein noch innigeres Band webte aber Erna zwischen ihnen die  gleichsam von
zwei Müttern gepflegt und geliebt und beide mit Liebe und Gehorsam umfassend
schon in der frühsten Kindheit ein herrliches Gemüt neben ausgezeichneten
Geistesgaben ahnen ließ
    Die Generalin hatte keine Kinder und Alexander der einzige hinterlassene
Sohn ihres früh verstorbenen Bruders sollte einmal in Zukunft ihr Erbe werden
Doch war diese Verfügung mehr ein Werk der Pflicht als der Neigung denn sie
hatte ihn seit seinem zehnten Jahr aus den Augen verloren und wenn sie auch von
allen Seiten hörte er sei zu einem schönen frohen geistreichen Jüngling heran
geblüht der allenthalben warmen Anteil erwecke und  wie man zu sagen pflegt
 Glück mache so mischte sich doch auch manche Kunde von seinem Leichtsinn dem
aufbrausenden Ungestüm seines Charakters und seinem an Libertinage gränzenden
Hang zum üppigsten Lebensgenuss als dunkler Schatten in das schimmernde Bild
seiner Liebenswürdigkeit und die Briefe die sie von Zeit zu Zeit von ihm
empfing bestätigten ihr durch manchen charakteristischen Zug dass Lob und Tadel
über ihn gegründet sei
    Einsam und unbekannt mit Freuden und Gespielen ihres Alters war Erna neben
ihr aufgewachsen und hatte oft durch ihre stille sich selbst nicht einmal
bewusste Güte durch ihre Innigkeit und kindliche Hingebung die nie auf sich
immer nur auf das Wohl anderer Rücksicht nahm den Wunsch erregt dass die Natur
sie ihr zur Tochter verliehen haben möge
    Der immer leidende Zustand der Frau von Willfried hatte ihre Reizbarkeit so
unendlich erhöht ihr Empfindungsvermögen so krankhaft geschärft dass sie die
Entfernung ihres einzigen geliebten Kindes auch nur auf Stunden nicht ertragen
konnte Daher und weil eine tiefe Stille in ihrer Umgebung ihr bei ihren
schwachen Nerven Bedürfnis war wurde Erna ausgeschlossen von den munteren
Kreisen anderer Kinder und ihr Gemüt das die Sonne des Frohsinns nur selten
durchscheinen durfte neigte sich zu einem unnatürlichen Ernst an dem es früher
reifte als die eigentliche Bestimmung des Menschen es haben will
    Es war ihr nicht entgangen dass man das stete Kränkeln ihrer Mutter von den
Folgen der schweren Niederkunft ableitete durch welche ihr das Dasein gegeben
worden war Diese traurige Entdeckung legte ihrem tief fühlenden Herzen das
schon durch die unbegränzte Fülle der Mutterliebe die sie erfuhr zu der
innigsten Dankbarkeit verpflichtet war das drückende Gewicht eines inneren
Vorwurfs auf dessen Schwere ihr nur eine völlige Aufopferung eigener Freuden
und Wünsche und das Bestreben ganz ihren kindlichen Pflichten zu leben
erleichtern konnte
    Diese Tendenz die ihr als der heiligste Beruf vorschwebte teilte ihr
indem sie die angebohrene Lebhaftigkeit ihres Innern dämpfte und gewissermaßen
mit einem Flor umhüllte auch in der äußeren Form jene leise Stille mit die in
allen ihren Bewegungen Geräusch zu vermeiden gewöhnt immer nur zu lindern zu
helfen und zu tragen bemüht ist Wie der Engel der Geduld und der stillen
klaglosen Resignation war sie stets um ihre Mutter und leistete mit zarter
liebevoller Hand ihr alle Pflege die sie bedurfte Sie wurde in ihrem Beisein
unterrichtet sie las ihr vor  sie genoss die frische Luft und die bunten
Abwechselungen der Jahreszeiten nur an der Seite der Leidenden wenn sie  statt
mit den Lämmern der Wiese um die Wette umher zu springen  gehaltenen Schrittes
sie hinaus führte um mitten in der blühenden Natur sie von der Vergänglichkeit
alles Irrdischen von ihren Schmerzen und Todesahnungen sprechen zu hören
    So wurde ihr jugendlich knospendes Leben früh von einer Schwermut
verschattet die nur durch den stillen Frieden gemildert ward den das
Bewusstsein erfüllter Pflichten gewährt Ihre nie ermüdende treue Sorgfalt für
ihre Mutter war ihr der mit inniger Liebe klar erschaute Mittelpunkt von
welchem all ihr Wollen und Wirken ausging und zu dem es wieder zurückkehrte
Wohl dämmerten zuweilen in ihrer Seele Ahnungen einer freudigeren Welt auf als
sie rings um sich erblickte aber ihre Sehnsucht strebte nicht über die scharf
gezogene Gränzlinie hin die sie davon schied und ein stilles Genügen das sie
im Busen trug versöhnte sie fromm und ergeben mit ihrer einförmigen und ernsten
Existenz
 
                                       VI
Ein Ball der Alexandern zu Ehren gegeben werden sollte eröffnete seiner
Eitelkeit die willkommene Aussicht zu glänzen da der Tanz zu den Künsten
gehörte die er in der höchsten Vollkommenheit sich angeeignet hatte Seine
schöne Gestalt sein edler Anstand seine jugendliche Leichtigkeit und der ihm
gleichsam angeborene Tact bildeten ein Gemisch von Anmut und männlicher Grazie
in seinem Wesen das sich in jeder Bewegung so wie in seiner ganzen Haltung
aussprach
    Alles war versammelt  auch Erna fehlte nicht Doch vergebens suchte sie
sein Blick in der munteren Reihe als er der Konvenienz folgend den Ball mit
der Tochter des Hauses begann Sie saß neben ihrer Mutter unter den
Zuschauerinnen und folgte mit denkenden ruhigen Augen dem bunten Gewühl ohne
sich in seine Kreise zu mischen Auch ihre Kleidung war ihm auffallend Verhüllt
von den Sohlen bis zum Kinn in ein dichtes weißes Gewand hätte es nur noch
eines Schleiers über das dunkle Haar und das ernste Gesicht bedurft um sie in
eine Bildsäule der Ists umzuwandeln zu deren Ehrfurcht gebietender Würde Scherz
und Mutwillen sich nicht zu erheben wagten
    Als der erste Tanz geendigt war nahte er sich ihr sie zum zweiten
aufzufordern Mit einem ihm freudig scheinenden Erröten nahm Erna seine Bitte
auf jedoch ohne sie zu gewähren Sie sagte ihm nämlich dass sie nie getanzt
und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe weil die auf dem Lande so
seltene Gelegenheit sie zu erlernen sich gerade zu einer Epoche getroffen als
ihre Mutter besonders leidend gewesen sei daher es ihr sowohl an Zeit als an
Lust gemangelt habe
    Da nach dieser Erklärung seine Blicke so wie seine Unterhaltung sie wieder
in jene Verlegenheit versetzten die ihm in ihrer Seele so peinlich war so
brach er ab und kehrte zum Tanz zurück dessen Freuden er sich mit der ganzen
Lebendigkeit seines Charakters überließ Von Zeit zu Zeit sagte ihm aber ein
Blick den er auf Erna warf und dem jedesmal ihr Auge begegnete das sie dann
von dem seinen ergriffen voll Verwirrung senkte dass sie ohne mit ihm zu
tanzen doch nur mit ihm beschäftigt sei
    Er suchte ihr diesen schweigenden Anteil durch manche zarte Aufmerksamkeit
zu vergelten teils um sich das Wohlwollen seiner Tante zu erhalten das auf
einer freundlichen Hinneigung zu Erna hauptsächlich zu beruhen schien teils
weil es wirklich seiner Eigenliebe schmeichelte das keimende Interesse zu
bemerken das er immer zunehmend in dem jungen unerfahrenen Busen erweckte Die
Gesellschaft welche vielleicht schon vorher von einer vorhabenden Verbindung
gehört hatte die man beabsichtigte behandelte die Auszeichnung mit der er ihr
begegnete als den Tribut einer privilegirten Bewerbung und war bemüht beiden
jene schonenden Rücksichten zu beweisen durch die man gewöhnlich einem
angehenden Brautpaar Gelegenheit gibt sich einander ungestört zu nähern Kein
Wunder wenn Ernas argloses zum erstenmal von der Liebe wie von einem süßen
Rausch befangenes Herz anfing dem Traume des Glücks Realisirung zuzutrauen in
den die offenen Mitteilungen ihrer Mutter die Anspielungen ihrer ganzen
Umgebung und vor allem Alexanders ehrerbietig inniges Betragen sie wiegte
 
                                      VII
Auch Frau von Willfried ordnete ein ländliches Fest in Seedorf an Alexandern zu
erfreuen und hier im gewohnten Kreise tätig an der Mutter Statt die
Pflichten der Hausfrau ausübend erschien Erna vorteilhafter als in den
Circeln wo sie als Gast auftrat Denn hier in Geschäftigkeit und freundlicher
Fürsorge sich selbst vergessend schwand die Verlegenheit welche dort so leicht
ihr ihre Unbefangenheit raubte Haus und Garten waren nicht eben groß aber der
stille Geist der Ordnung der allenthalben waltete schien jeden Raum zu
erweitern und zu erhellen und heiter das Gemüt ansprechend begegneten überall
in sinniger Anordnung dem Auge Spuren des nützlichen Wirkens und der
verschönernden weiblichen Umsicht die mit Bescheidenheit verbunden dem
häuslichen Leben einen so liebenswürdigen Charakter erteilen Auch dass
Wohlwollen und menschenfreundliche Güte hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen
hatten verriet unwillkürlich der Ton des Ganzen obgleich Erna sichtbar
strebte die unendliche Innigkeit mit der alle Hausgenossen ihr begegneten den
Blicken der Fremden zu entziehen da sie ihrer Demut nicht als ein Zoll der
ihrem inneren Wert gebührte sondern als eine unverdiente Gunst erschien
Menschen und Tiere huldigten hier nur ihr und zwar nicht als stolze Herrin
von deren gebietender Willkür sie abhingen sondern Milde und Güte umwebten sie
gleichsam mit einer Glorie in deren Strahlen sich Lieb und Zutrauen gerne
sonnete
    Es sah fast lächerlich aus als man zu einem Spaziergang sich anschickte
und das Fräulein auf Befehl ihrer Mutter an Alexanders Arm als Wegweiserin den
Zug eröffnete dass der ganze Hühnerhof in Bewegung geriet und mit
ausgespreiztem Gefieder schnatternd krähend gluchzend und pipend wie die
Verschiedenheit der Naturen nun eben wollte  teils empfangener Wohltaten
eingedenk teils neue Spenden von Ernas freigebiger Hand erwartend  hinter
ihr drein lief bis sie schnell zurückeilend und ein Körbchen mit Waizen
holend die zudringlichen Begleiter seitwärts lockte um während des
augenblicklichen sinnlichen Genusses den sie ihnen streute ungehindert ihren
freundlichen Verfolgungen zu entkommen
    Weniger leicht abzuweisen waren die Tauben die von ihrem Schlage leise in
malerischen Schwingungen herabschwebten ihre Gönnerin umkreiseten sich ihr auf
die Schultern setzten oder dreist zu ihren Füßen niederliessen und als sie
sanft seitwärts geschoben wurden sich wieder erhoben um einige Schritte weiter
dasselbe Schauspiel zu erneuern
    Als aber auf dem Gang durchs Dorf die Kinder mit dem gegenseitigen Zuruf
»Fräulein Ernchen kommt« einander gewissermaßen das Signal gaben ihr entgegen
zu laufen  als jedes ihr eine Patschhand reichen jedes ihr folgen wollte  als
Männer und Weiber die Arbeit ruhen ließ mit herzlichem Gruße ihr entgegen und
nachzuschauen  als auch die abgelebten Alten aus ihren Häusern traten sich an
der Frühlingssonne ihres milden Blickes zu erwärmen ihr freundlich zunickend
ihr Segen nachwünschend  da gestand sich Alexander selbst im Stillen ein dass
es ein ungewöhnlicher Grad von Güte sein müsste den eine so allgemeine und
innige Anhänglichkeit belohne
 
                                      VIII
Demohngeachtet erregte weder diese Güte noch so manche schöne geistige Anlage
die nur der Entwickelung bedurfte noch auch ihr edles Äußeres das weit mehr
sich in sich selbst zu verhüllen als sich geltend zu machen strebte den Wunsch
in seinem leichtsinnigen Herzen sie in einer ernsten ewigen Verbindung sich
anzueignen Metodisch steigerte er durch alle Kunstgriffe der Erfahrung und der
männlichen Koketterie die Neigung die in ihrer reinen Seele für ihn erwacht
war und belustigte sich an den naiven ihm den vollen Reiz der Neuheit
gewährenden Wirkungen seines grausamen Unternehmens ihre Ruhe zu untergraben
und zu einem Opfer seiner Eitelkeit zu machen
    Frau von Willfried eben sowohl als die Generalin getäuscht durch die
Beflissenheit mit der er sich um Erna bemühte leisteten ihm allen möglichen
Vorschub sich ihr zu nähern Denn geblendet von ihren Hoffnungen erblickten
beide Frauen in allen seinen Äußerungen so viel Verstand Charakter und selbst
Gefühl dass sie überzeugt waren er werde das Glück ihres Lieblings machen Die
unwillkührlichen Ausbrüche des Mutwillens der Frivolität und der Satyre die
zuweilen selbst das Heilige nicht verschonte erschienen ihren bestochenem
Urteil als Auswüchse die nur das Leben in der verdorbenen großen Welt ihm
angebildet habe und die eine reinere Umgebung das Läuterungsbad wahrer Liebe
und dereinst die Würde ehelicher Verhältnisse bald genug wieder abschleifen
werde In dieser Voraussetzung erwarteten sie ruhig und freudig seine nähere
Erklärung die seinem Benehmen nach mit jedem Tage wahrscheinlicher wurde
    Auch Erna selig gehoben von den Schwingen eines so mächtigen ihr selbst im
Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefühls sah mit klopfendem Herzen
von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment vorbereitet dem Geständnis des
Jünglings entgegen dem sie ihr Ja nicht versagen wollte da sie ihm bereits
ihre innige Neigung geschenkt hatte Sie gewann allmählig Vertrauen zu ihm und
zu sich selbst Anfangs von dem Glanz seiner geschliffenen Außenseite
verblendet wusste sie nur schüchterne Unterwürfigkeit blödes Zagen seinem
munteren und sicheren Ton entgegen zu setzen Sie erschrak wenn sie den Klang
ihrer eigenen Stimme vernahm  sie errötete wenn sein Blick ihr begegnete 
sie zitterte wenn er sie anredete Jetzt wich nach und nach die Verlegenheit
durch die sie sich selbst so gestört und unbequem in ihrem Innern vorkam einer
bescheidenen Zuversicht die auf die stolze Überzeugung sich stützte ein so
hoch an Geist und Bildung über ihr stehendes Wesen wie ihr Alexander erschien
begreifen und fassen zu können Er wusste so unmerklich und leise den kalten Reif
der Verschlossenheit von ihrem Gemüt abzustreifen wusste indem er sie so oft
glücklich erriet ihren undeutlichen Gedanken Klarheit ihren dunklen Gefühlen
Licht zu geben und durch einen im rechten Augenblick gleichsam unwillkührlichen
Ausbruch einer erkünstelten Begeisterung für das Gute und Schöne eine
hingeworfene wie dem Innern entschlüpfte Floskel der Sentimentalität ihre
vorteilhafte Meinung von ihm immer fester zu begründen dass es sehr natürlich
war wenn ihre Achtung für ihn mit jedem Tage des Beisammenseins wuchs und die
zarte Liebe ihres Herzens vertiefte
 
                                       IX
Obgleich die Fortschritte die Alexander so sichtbar in Ernas Neigung machte
ihm manchen Stoff zur ergötzlichen Selbstunterhaltung gab so drückte ihn den
an schimmernde Zerstreuungen Gewohnten doch die Einförmigkeit des halb
ländlichen Lebens in dieser kleinen Stadt viel zu sehr als dass er nicht hätte
streben sollen es so viel er vermochte mit Abwechselungen zu durchweben
    Es war ihm längst langweilig gewesen in einer bequemen Kutsche  die
einzige Bewegung die Frau von Willfried vertragen konnte  ihr und seiner Tante
gegenüber und an Ernas Seite im abgemessenen Tact den der Arzt
vorgeschrieben durch die schöne Gegend zu rollen und diese schläfrige Partie
durch die Benennung einer Spazierfahrt zu ehren
    Er schlug daher Erna vor ihr Unterricht im Reiten zu geben und obgleich
ihre Furchtsamkeit vor der ungeheueren Idee zurückbebte mit zarter Hand ein so
mutiges Tier bändigen und regieren zu sollen und Mutter sowohl als Tante
meinte sie werde ihre oft geäusserte Bangigkeit vor Pferden nicht überwinden
können so willigte sie doch sogleich freundlich ein als sie vernommen hatte
dass es ihm viel Vergnügen machen werde ihr Lehrmeister in dieser fröhlichen
Kunst zu sein
    Schnell wurde nach seiner Angabe ein Reitkleid verfertigt und während der
Tage die darüber hingingen war er bemüht ein kleines lammfrommes Ross noch
gemächlicher für sie zuzureiten
    Als Erna nun zum erstenmal in dem geschmackvollen Amazonenkleide erschien
das er nach seinen Erinnerungen aus der Residenz angeordnet hatte wurde er
durch die Anmut mit der sie sich darstellte überrascht Er konnte sich nicht
abläugnen dass der größte Teil der Unscheinbarkeit mit der sie gewöhnlich
auftrat eine Folge ihres matronenhaften vernachlässigten Anzugs war Der
weibliche Körper muss ein schönes Oval bilden wenn er wohlgefällig ins Auge
fallen soll und an diesem Oval dürfen ein paar zierliche Füßchen als der Schluss
desselben eben so wenig fehlen wie der Kopf selbst am andern Pole dieser
Sphäroide
    Nun war aber Erna gewöhnlich so verhüllt dass es zu den seltenen
Erscheinungen gehörte wenn hie und da die schnell wieder vom dichten Faltenwurf
verdeckte Spitze ihres Schuhs sichtbar wurde und er hatte schon öfters im
Stillen die boshafte Vormutung gehegt dass die Natur sie in diesem Punkt
stiefmütterlich behandelt haben müsse weil er nicht begreifen konnte dass
Sittsamkeit in einem weiblichen Gemüt die Oberhand über Eitelkeit und Sucht zu
glänzen behaupten könne
    Wie verwundert wurde er daher als er beim ersten Blick der errötenden
Erna den Verdacht in Gedanken abbitten musste dass sie wie so viele ihres
Geschlechts ohne die mindesten Kosten auf  großem Fuß lebe
    Niemals hatte er so zart geformte so gleichsam in leiser Anmut schwebend
auftretende Füßchen gesehen wie die ihrigen Sie schien in den zierlich
geschnürten Stiefeln kaum den Boden zu berühren Das sammtne Barret von hohen
Federn umschwankt gab dem allzubescheidenen zu sehr an Verschüchterung
gränzenden Ausdruck ihrer Züge etwas Kühnes das ihr wohl stand und das eng
sich anschmiegende Kleid dessen lebhafte Farbe günstig auf das bleiche Gesicht
wirkte verriet eine Körperform der nur noch etwas mehr Fülle fehlte um
vollkommen zu sein
 
                                       X
Mit wohlgefälligem Lächeln verweilten Mutter und Tante auf der so vorteilhaft
veränderten Gestalt und nachdem Frau von Willfried Alexandern aufs dringendste
empfohlen hatte doch ja ihr geliebtes Kind sorgsam vor allen Schaden zu hüten
und es als ein heiliges seiner Vorsicht anvertrautes Pfand zu betrachten
begann der praktische Unterricht
    Doch schon im allerersten Anfang zeigte sich eine Schwierigkeit An die
Galanterie der großen Welt gewöhnt die er sich gleichsam wie seine andere Natur
angeeignet hatte hielt Alexander wie er bei den Schönen der Residenz gewohnt
war seine Hand hin damit Erna sie als Schemel betrachten und von ihr sich in
den Sattel schwingen möchte
    Das blöde Kind weigerte sich aber standhaft dies zu tun und zwar mit
einer Festigkeit die sehr von ihrer gewöhnlichen still resignirten
Nachgiebigkeit abwich Vergebens versicherte er ihr dass das so Sitte und für
sie das Bequemste sei Ihr ohnehin beklommener Zustand wurde durch sein Zureden
nur noch peinlicher aber dennoch errang er diesmal nicht den Sieg über ihren
festen Willen und bewegt stand er am Ende ab von seinem Begehren als Erna mit
Tränen in den Augen sagte »Wie könnt ich jemals mich entschließen auf die
Hand zu treten als sei sie fühlloser Stein die sich so gütig für mein
Vergnügen bemüht« Gerührt über den wohlwollenden Sinn ihrer Weigerung dem
vielleicht auch  ihr selbst unbewusst  ein dunkles Gefühl von mädchenhafter
Scheu mit zum Grunde lag drang er nicht mehr in sie sondern umfasste
ehrerbietig ihre schlanke Gestalt sie aufs Ross zu heben
    Es am Zügel führend und ihr nun die Regeln aus einander setzend durch
welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse fühlte Erna ihre
Bangigkeit allgemach verschwinden Mit Freudestrahlenden Augen über alle
bleiche Angst nun erhaben schaute sie auf ihren Lehrer herab und dann wieder
rings um sich her kindlich froh und stolz die Welt gleichsam zu ihren Füßen
erblickend Zum erstenmal in ihrem Leben drang das Bewusstsein eigener Kraft die
sie bisher nur im Dulden und Tragen geübt hatte in ihr Gemüt und es schien
ihr in dem heitern Traum ihrer Macht als entwickele sich jede Bewegung des
munteren Tieres welches sie trug aus ihrer Willkür die es regierte Sie
hörte wenig von dem was Alexander sagte  sie sah nur die liebliche Bewegung
seiner blühenden Lippen  nur den Glanz der fröhlichen Augen die  wie eine
selig in ihr dämmernde Ahnung ihr sagte  die Planeten waren bestimmt ihrer
künftigen Lebensbahn zu leuchten
    Wirklich wäre es schwer gewesen so vieler männlicher Schönheit und Anmut
wie in Alexandern sich vereinigte den Preis der Vollendung abzustreiten den
selbst ein unparteiisches Urteil wie nicht vielmehr ein von dem Zauber der
ersten Liebe befangenes Herz ihm zugestehen musste Er war wie Aeschylos so
charakteristisch von einem seiner Helden sagt ein Jünglingsmann Alle
einschmeichlenden Reize der Jugend verbunden mit der Würde und Sicherheit des
Mannes schmückten mit strahlendem Nimbus sein Wesen und flössten auch denen die
um die Entweihung seines inneren Lebens wussten das lebhafteste Interesse für
seine der Natur und der Weltbildung so glücklich gelungene Außenseite ein
    Dass Ernas Blick der die Untiefen des menschlichen Herzens zu durchschauen
noch nicht geübt war da wo glatter Schimmer ihr entgegen trat den Spiegel
hehrer Seelenreinheit und wo schlaue Verstellung sich Täuschungen erlaubte die
Lauterkeit eines unverdorbenen ihrer Achtung würdigen Gemüts wahrnahm lag in
der Unerfahrenheit ihrer Unschuld die noch nicht durch Menschenkenntnis
getrübt von sich selbst auf andere schloss Im tiefsten Herzen vernahm sie den
Ruf der ersten Liebe Alles was bisher ihr Leben beschäftigt und ausgefüllt
hatte erblich vor der allmächtigen Flamme die in ihr aufzulodern begann  ihre
ganze Vergangenheit schwand in Dämmerung wie ein Traum aus dem sie nur eben
erst zur Wirklichkeit erwacht schien  dunkle aber selige Hoffnungen regten
sich in ihrem Busen und es zogen Anklänge des Gefühls durch ihr süß
erschüttertes Wesen als gingen sie von einer Sphärenmusik aus die aus dem
Heiligsten der Himmel niederwallte
 
                                       XI
Sehr zufrieden mit der Gelehrigkeit seiner holden Schülerin endigte Alexander
die erste Lection schnell um ihre Kräfte so wenig wie ihre Geduld zu ermüden
    Am folgenden Tag aber begann der Unterricht von neuen und Erna saß bereits
so fest im Sattel wusste mit so grazienhafter Leichtigkeit sich im Gleichgewicht
zu halten so mutig und sicher die ihr nun selbst anvertrauten Zügel zu führen
dass er ohne Bedenken ihr einen Spazierritt über die engen Schranken des Gartens
hinaus ins Freie vorzuschlagen wagte
    Es war ein wunderschöner Maimorgen Junges helles Grün mit Blütenschnee
durchwebt schmückte Bäume und Gesträuch und die Nachtigallen mischten den
Zauber ihrer Melodieen in den monotonen und doch so anmutigen Laut des Kukuks
der wie sie den Lenz begrüßte Das Trillern der Lerche in hoher Luft und das
Geschwirr und Sumsen der Insekten die im warmen Sonnenschein sich freuten
vollendete den Chor der Naturder noch niemals inniger als jetzt Ernas
erregtes Herz angesprochen hatte Ein heiterer blauer Himmel ähnlich dem den
sie für ihre Zukunft sich träumte spannte sich lächlend über sie aus und die
dampfenden Felder und die taufunkelnden Wiesen mit vielfarbigen Blumen
bedeckt sandten ihr die süßesten Düfte hinauf den Rausch ihrer Stimmung noch
zu erhöhen
    Alexander bemerkte mit Vergnügen dass seine Nähe immer mehr die starre Rinde
der Blödigkeit von Ernas Wesen hinweg schmolz wie der Schnee im Frühling von
den Hügeln taut wenn die Sonne mit Feuerblick auf ihn hernieder sieht Es kam
Leben und Seele in ihre Züge Das jugendliche Erwachen ihres Gefühls der
unverkennbare unschuldsvolle Wunsch ihm zu gefallen der nicht in Künsten
studierter Koketterie sondern nur in dem aufmerksamen Bestreben sich seine
Meinungen anzueignen seinem Geschmack zu entsprechen und seine
Eigentümlichkeit aufzufassen sich verriet gab seiner Eitelkeit ein
belustigendes Schauspiel dem wenigstens das Interesse der Neuheit nicht fehlte
Selbst wenn sie oft vergebens suchte aus ihrer reineren schuldlosen Natur
herauszutreten um sich mit seiner Individualität zu amalgamiren deren
Verdorbenheit ein schimmernder Firnis überzog und es ihr nicht gelingen wollte
gleich ihm zu fühlen und zu urteilen selbst dennoch erblickte sie ihn hoch
über sich und gab der Beschränktheit ihres eigenen Sinnes die Schuld wenn sie
den seinigen nicht ganz zu begreifen und zu würdigen wusste
    Heute betrafen ihre Gespräche das Glück des Landlebens die Schönheit der
Gegend die stillen Freuden der Wohltätigkeit Denn es lag Alexandern daran
sie zutraulicher noch zu stimmen und das konnte ihm weniger gelingen wenn er
Gegenstände berührte die ihrer Unerfahrenheit fremd waren Er gab sich die
Miene als ermüde ihn der Zwang in einer geräuschvollen Stadt unter betäubenden
Zerstreuungen die  wenn sie auch den Geist momentan zu beschäftigen
vermöchten doch das nach edleren Genüssen schmachtende Gemüt leer und
unbefriedigt ließ  leben zu müssen und drückte die Sehnsucht nach
idyllischer Einfachheit der Sitten und nach den Freuden der Häuslichkeit um so
lebhafter aus je entfernter seine Seele davon war sie wirklich zu empfinden
    Erna hatte noch nie Romane gelesen Die Sprache derselben ihr eben so neu
als verführerisch und so ganz ihren innersten Begriffen zusagend schmeichelte
sich von Alexanders der Verstellung gewohnten Lippen süß und zutraulich in ihr
Herz und ihre Achtung für ihn nahm in eben dem Grade zu in welchem ihr
schüchternes Wohlwollen ihr selbst unbewusst sich zur innigsten Liebe
verstärkte
    So kehrte sie von diesem Spazierritt mit erhöhter Freudigkeit und
Zuversicht so wie mit verdoppelter Neigung für ihn zurück und ihre wonnevoll
beklommene Brust konnte die Fülle ungewohnter Seligkeit nicht bergen Tief
erglühend in der schönen Röte die zwischen Schaam und Freude schwankt sank
sie in die Arme ihrer Freundin Auguste die sie bei ihrer Rückkehr empfing und
flüsterte leise und entzückt ihr ins Ohr Auguste wie bin ich glücklich
 
                                      XII
Auguste war eine Freundin und Gehülfin des Hauses Frau von Willfried der
sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedürfend hatte sie ehe Erna allein
ihr diese leisten konnte und um sie ihr späterhin zu erleichtern zu sich
genommen und ihr die Aufsicht über die Dienstboten und das Hauswesen und
Ernas Unterricht in den feineren weiblichen Arbeiten übertragen
    Auguste die Tochter eines Predigers war eine jener zarten früh
verblühenden Gestalten die verschlossen aber in tiefen Frieden mit sich selbst
und andern ihren Lebensweg dahin gehen ohne dass der aufmerksame Beobachter dem
ihre früheren Verhältnisse fremd sind zu entscheiden vermag ob der Wurm der
Kränklichkeit oder eines durch Unglück erschütterten Gemüts an ihrer vor der
Zeit gewelkten Blüte nagt
    Hier hatte beides sich vereinigt sie rasch über die Gränzlinie feuriger
genussvoller Jugend in jenen sinnigen ruhigen Zustand reiferer Jahre hinüber zu
führen in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt
nicht mehr als eine Bühne des Handelns sondern nur des Zuschauens betrachtet
    So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Dasein beschlossen und
geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr Doch hatte sie die Schätze
eines reinen Gewissens der Geistesklarheit und einer nun nicht mehr zu
untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer trüben Vergangenheit gerettet und
gelassen klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen
Umfang ihres Berufs dankbar dass Frau von Willfrieds Sanftmut und Ernas
himmlische Güte ihren Pfad freundlich ebneten indem beide ihren sittlichen
Wert erkannten und höher ehrten als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht
schien
    Erna zählte erst sieben Jahr als Auguste ihre Hausgenossin ward Sie fühlte
sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden Kinde hingezogen das schon früh
in allen seinem Denken und Tun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen
ließ und es ward ihr bald die heiligste und süßeste Angelegenheit ihres Lebens
ihre Anlagen zu entwickeln und dem zu wahrer Frömmigkeit sich hinneigenden
Gemüt die Richtung zu geben die  wie sie aus Erfahrung wusste  in allen
Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet nur in sich Schutz und Schirm
und Gleichgewicht findet
    Sie lehrte sie mehr durch Beispiel als durch Worte in Freude an der Natur,
in stillen nützlichen Beschäftigungen und in der Erfüllung ihrer Pflichten den
Zweck so wie die Würze ihres Daseins suchen Auch waren Ernas Verhältnisse
ganz geeignet um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich
selbst zur frühen Reife des Geistes, zur sanften Mäßigung ihrer lebhaften
Gefühle hinzuleiten Denn die stets leidende Mutter die gleichsam das ganze
Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm das ihr gebührte und
die das früh resignirte Kind aus der Sphäre fröhlicher Jugendlust die ihren
Jahren angemessen war an den engen Kreis bannte welcher ihr Schmerzenslager
umgab half durch den Anblick ihres langsamen Dahinschmachtens ihre Phantasie
von dem Irrdischen abziehen und zu jener höheren Ansicht empor richten die wie
ein Stern in dunkler Nacht den Blick des Geistes aufwärts hebt
    Nichts bildet die moralischen Fähigkeiten edler aus nichts wirkt herrlicher
auf das weibliche Gemüt als wenn es ganz von dem Beruf der Krankenpflege
durchdrungen ihn als eine heilige Pflicht anerkennt und übt Sanftmut Geduld
frommer Glaube an eine Hand die jedes Leiden lindert wäre es auch erst
jenseits Ergebung und himmlischer Friede entkeimen der Saat welche
Selbstverläugnung in den steinigen Boden des Entbehrens streut und lohnen jeden
hingegebenen Genuss der Welt durch die reiche Fülle des Bewusstseins.
    So glaubte Auguste in Ernas Fortschreiten im stillen Versagen bunter
Jugendfreuden und in einer sich selbst vergessenden Tätigkeit die stärksten
Waffen gegen alle feindlichen Angriffe eines künftigen Geschicks ihr in die Hand
gegeben zu haben und als sie die sanfte Morgenröte einer  wie sie hoffte 
glücklichen Neigung in ihrer Seele anbrechen und diese durch die Wünsche der
Familie geheiligt so wie durch Alexanders auch sie bestechende Außenseite
gerechtfertigt sah wähnte sie ihren Liebling nahe an der Schwelle des Tempels
der höchsten irdischen Glückseligkeit und freute sich der immer wärmer
werdenden Innigkeit die sie bemerkte
 
                                      XIII
Denn ein weibliches unverdorbenes Wesen auch wenn es selbst durch ungünstige
Erfahrungen nur die Dornen nicht die Rosen der Liebe gekannt hat weiß sich
dennoch keinen anderen Himmel hienieden zu träumen als den einer glücklichen
ehelichen Verbindung
    Mit treuem Anteil und freudig gerührt nahm sie daher Ernas Geständnis
dass sie so glücklich sei als einen Vorboten des noch wichtigeren Bekenntnisses
dass sie liebe auf und half ihrer zarten Verschämteit ihren mit sich selbst
kämpfenden des Ausdrucks ermangelnden Gefühlen zur Sprache indem sie sanft ihr
entgegen kommend eigentlich mehr erriet als von ihr erfuhr
    Freilich fehlte noch um sie als glückliche Braut zu begrüßen Alexanders
förmliche Erklärung Aber war nicht sein ganzes Erna so sichtbar auszeichnendes
Betragen eine ehrerbietig und liebevoll fortgesetzte Bewerbung der nur das
entscheidende Wort fehlte um bindend auf ewig zu sein Und oft sprechen Worte
nicht so deutlich als Handlungen in denen unwillkürlich sich die Neigung
verrät Er wusste ja die Absichten seiner Tante und der Frau von Willfried 
unmöglich hätte er sich bei den Grundsätzen wahrer Ehre die man an ihm zu
bemerken glaubte dem Schein in sie einzugehn geliehen wenn sie nicht mit den
seinigen harmonisch übereinstimmten
    Und konnte er eine edlere Wahl treffen als die die diesen Engel an Güte
und Herzlichkeit ihm zur künftigen Gefährtin seines Lebens bestimmte Selbst in
conventioneller Hinsicht machte Ernas bedeutendes Vermögen sie zu einer sehr
vorzüglichen Partie doch seltener noch war der Reichtum ihres Gemüts und
ihres Geistes neben einer Gestalt die ohne noch zur vollkommenen Schönheit
heran geblüht zu sein doch schön zu werden versprach so wie ihre Jugend und
die große Biegsamkeit ihres Charakters nicht bezweifeln ließ sie werde leicht
und geschickt sich in die künstlich geschliffenen Formen der großen Welt fügen
lernen die freilich auf dem Lande ihr fremd geblieben waren
    Alles dies sagte sich Auguste in ihrer innigen Teilnahme an dem künftigen
Loose ihres holden Zöglings vor und Erna mit dem Segen der wärmsten Liebe an
ihre Brust drückend erwartete sie zuversichtlich von den nächsten Tagen die
endliche Schürzung des Knotens
 
                                      XIV
Was sie noch mehr als alle vorhergegangenen Umstände zu dieser Erwartung
berechtigte war ein Vorfall der traurige Folgen hätte haben können der aber
jetzt nach Ernas Ansichten nur dazu diente ihr auf eine etwas raue Art den
Himmel ihrer Zukunft früher zu öffnen
    Alexander der das ihm anvertraute Amt als Lehrmeister ernst und
gewissenhaft verwaltete fand es notwendig dass seine Schülerin sich an mehr
als ein Pferd gewöhne um sicherer in allen den Eigentümlichkeiten der
Reitkunst zu werden
    Nicht ohne ein inneres weissagendes Vorgefühl der Gefahr vertauschte daher
Erna eines Tages ihr liebes frommes Ross mit seinem schnaubenden Araber der aber
trotz der Fülle des Mutes und Übermutes die aus ihm wieherte trefflich
zugeritten war und keine Unarten hatte die die mindeste Besorgnis für seine
zarte Reiterin erregen konnte Wohlgemut trabten beide über die frischen Wiesen
dahin dem kühlen Walde zu der mit seinen dämmernden Schatten ihnen so
einladend winkte Dort ließ sie die Tiere langsam gehen und im traulichen
Wechselgespräch schwand Ernas leise Furcht so wie ihre Achtsamkeit auf sich
selbst und auf die Zügel
    Längst hatte gewiss der schlaue Araber gemerkt dass es nicht Alexanders
gewohnte feste und bändigende Hand sei die ihn lenke Daher erlaubte er sich
manchen kleinen Seitensprung den sein Gebieter ihm nicht verstattet hätte und
schüttelte oft brausend die Mähne den Kopf bald tief zur Erde senkend bald
weit ihn zurück werfend und die fein gespitzten Ohren schalkhaft bewegend als
spotte er der sanften Gewalt die Erna mädchenhaft über ihn übte
    Alexander aufmerksam auf die unziemlichen Freiheiten die er sich nahm
dictirte der allzu nachsichtigen Reiterin eine Strafe für ihn so wie eine
strengere Beschränkung seiner Willkür Aber der Schlag den sie auf sein Geheiß
mit der Peitsche ihm gab glich einer leisen liebkosenden Berührung und
schreckte den Mutigen nicht Demungeachtet wurde sie nicht bange Ihr war als
könne an des Freundes Seite kein Unglück sie erreichen und lächlend blickte sie
öfterer in sein schimmerndes Auge als auf den Weg der durch das von Moos halb
versteckte Wurzelgeflecht der Bäume und ein stets Berg auf Berg ab eine
verdoppelte Achtsamkeit gebot Da erklang tief aus dem dunkelgrünen Hintergrund
des Waldes die schwermutsvolle Liebesklage einer Nachtigall und eine zweite
ihnen näher antwortete in süßen lang gedehnten Accorden den verschwebenden
Tönen aus der Ferne und flötete so lieblich so herzergreifend dass sie beide
unwillkürlich die Rosse anhielten ihr zuzuhören
    Ungeduldig scharrte der Araber der sich nach raschem Gallop sehnte die
Erde auf und stampfte den Boden  Alexander und Erna in die seelenvollen
Melodieen Philomelens vertieft bemerkten es nicht Plötzlich fiel dicht neben
ihnen ein Schuss und ein Reh  nicht durch ihn getroffen aber verscheucht
sprang aus dem Gebüsch fast die Pferde berührend seitwärts an ihnen vorüber
und riss durch die jähe Gewalt des Schreckens den scheu gewordenen schon vorher
durch Ungeduld gereizten Araber vorwärts
    Im vollen Lauf sprengte er durch einen eng verwachsenen Nebenweg sich
drängend die waldige Anhöhe hinab oft sich bäumend oft hintenausschlagend
bis Erna die sich vergebens im Sattel zu halten strebte durch einen Schlag an
den Kopf von einem tief herab gebeugten Ast mit der Besinnung das Gleichgewicht
verlor und im Bügel hängen bleibend von dem rasenden Tier geschleift wie
eine Beute des Todes auf dem von ihrem Blut benetzten Pfade dem ihr atemlos
nacheilenden Alexander aus den Augen schwand
 
                                       XV
Denn er hatte mit der Gegenwart des Geistes, die ihm eigen war überdacht dass
er ihr zu Fuße weit leichter folgen und weit hülfreicher sein könne als zu
Pferde allenthalben durch das Dickicht ängstlich und gefahrvoll aufgehalten
Schnell war er daher abgesprungen und flüchtig wie das Reh das die erste
Veranlassung dieses Schreckens gab eilte er ihr nach nicht ohne aufs tiefste
von seiner Verantwortlichkeit bewegt zu sein und voll quälender Besorgnis wie
er sie finden werde
    Die einzelnen Blutstropfen auf dem grünen Moose waren ihm ein purpurner
Leitfaden ihre Spur zu verfolgen und endlich  welch ein Schauder rieselte
durch alle seine Nerven  endlich sah er sie in weiter Entfernung leblos auf der
Erde liegen und den Araber unaufhaltsam und wie vom bösen Gewissen gejagt von
dannen sprengen
    Er flog zu ihr hin und warf sich vor ihr nieder Todtenblässe bedeckte ihre
Wangen und Lippen Der Ast der ihre Stirn verletzte hatte ihr das Barret
abgestreift und die festgeflochtenen Haare gelösst die lang und dunkel an ihr
niederhingen Gleichwohl war trotz der Willkür des Falles ihre Stellung so
edel der Ausdruck ihrer in den Fesseln der Ohnmacht erstarrten Züge so rührend
dass Alexander tief erschüttert mit gefaltenen Händen vor ihr lag und mehrere
Momente in ihrem Anschauen verlor ehe er so viel Fassung gewann um irgend
etwas zu ihrer Hülfsleistung zu tun
    Das Flüstern einer nahen Quelle weckte ihn zuerst aus der dumpfen Betäubung
in der er zu ihren Füßen kniete Er raffte sich auf und tauchte sein Tuch in
ihre crystallene Kühlung es dann sanft und leise um Ernas verwundeten Kopf zu
schlagen Noch perlte ihr reines Blut in hellen Tropfen gleich Rubinen auf der
Lilienweissen Stirn und zwischen den braunen Locken hervor aber er hatte doch
den Trost zu bemerken dass ihre Wunden nicht tief waren Sorgsam ihr auf den
rauen Boden hingesunknes Haupt an seine klopfende Brust lehnend ihre kalten
Hände zwischen den seinigen wärmend hatte er endlich die unaussprechliche
Freude ihr Bewusstsein leise wieder aufdämmern zu sehen
    Welch ein Erwachen Sie glaubte sie habe geträumt Von seinen Armen
umschlossen an seinem Busen sich wieder findend verlöschte die Erinnerung des
gehabten Schreckens und der erlittenen Schmerzen in ihrer Seele die keinen Raum
neben den Gefühlen hatte welche seine vertrauliche Nähe ihr gab
    Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen Mit der ganzen Kraft des neu
erwachten Lebens mit der vollen Glut still entflammter Liebe und mit der
innigsten Dankbarkeit für das Entzücken mit welchem er sie dem gefahrvollen
Scheintod entrissen sah blickte sie ihm ins Auge und lächelte ihm zu wie nur
Seelige lächeln
    Doch es war nicht Erwiderung ihrer liebenden Empfindung die aus seinen
Blicken strahlte  es war nur die aus ganz gewöhnlicher Gutmütigkeit
entspringende Freude sie gerettet zu sehen sie nicht als Leiche ihrer Mutter
wiederbringen und den herzzerschneidenden Vorwurf erwarten zu müssen dass sein
Verschulden ihr die Tochter raubte Anders glaubte aber Erna sein Innerstes
bewegt weil das ihrige ihr der Maasstab war nach dem sie es beurteilte Ihr
schien es aufs tiefste ergriffen  ein süßer Wahn überredete sie dass sie seine
Gesinnung eben so durchschauete wie die ihrige rein und offen vor ihm lag und
in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnte sie nicht dass selbst ihre
forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen
Rinde abprallten womit Verstellung sein eigentliches Wesen umgab
    Wie dank ich Gott für mein Leben flüsterte sie leise und hob das schöne
Auge in welchem eine Träne funkelte zum Himmel indem sie seine Hand sanft zu
drücken wagte Ach in den angstvollen Momenten wo ich es zu verlieren
fürchtete hab ich zum erstenmal seinen ganzen vollen Wert erkannt und recht
von Herzen gebetet dass es mir erhalten bliebe
    Das gute fromme Kind sah so verklärt in der Begeisterung der Dankbarkeit
aus war so innig durchdrungen von dem Glücke des Daseins dass Alexander mit
Wohlgefallen auf den durch einen ganz neuen Ausdruck beseelten Zügen weilte aus
denen eine himmlische Freundlichkeit ihm entgegen strahlte Leicht entflammt und
durch die Einsamkeit so wie durch das Neue dieser Situation hingerissen konnte
er nicht umhin seinen Hang zur Galanterie nachzugeben und der sich so hold ihm
hingebenden Erna recht viel Schönes und Liebeatmendes zu sagen was in dieser
reizbaren Minute und bei dem festen Glauben in ihm ihren Bewerber zu sehen
doppelt tiefen Grund in ihrem unbewahrten Busen fasste
    Und als er im Wechselgespräch das von seiner Seite immer mehr den Schein
der Leidenschaft annahm durch ihr naives unverstelltes Entgegenkommen wie in
eine fremde Welt entrückt den Wallungen nicht gebieten konnte die sie in ihrer
Unschuld für Liebe hielt und er sie stürmisch an seine Brust zog und auf ihre
jungfräulichen noch nie berührten Lippen den ersten glühenden Kuss drückte der
ihr das Siegel einer ewigen Treue schien  da konnte ihr kindliches tief
erregtes Herz die Fülle seines Entzückens nicht bergen und in seliger Wehmut
ihn umfassend sprach sie es aus wie sie ihn liebe und wie glücklich sie sich
preise sich die Seinige nennen zu dürfen
 
                                      XVI
Doch dies Geständnis wirkte wie beruhigendes Öl auf ein stürmendes Meer indem
es seine heiß erwachte Sinnlichkeit in die kalten Gränzen der Vorsicht und der
Besinnung zurück scheuchte
    Der Ernst mit dem dies Kind seine Annäherungen als eine über das ganze
Leben entscheidende die ganze Zukunft im engsten Bunde umfassende Liebe
betrachtete war ihm lächerlich Wäre ein sentimental platonisches Verhältnis
nicht in seinen Augen das langweiligste unter der Sonne gewesen er würde es
eine Weile fortgesetzt haben um zur belustigenden Bereicherung seiner
Menschenkenntnis immer neue Erfahrungen zu sammeln wie die unentweihte Unschuld
der ersten Jugend sich benimmt wenn der Liebe magische Gewalt sie mit ihren
Netzen umfängt
    Aber da es ihm nicht in den Sinn kam durch eine ernstliche Verbindung
seinen freien Nacken zu fesseln so hielt die Furcht in das Gewebe seiner
eigenen Kunstgriffe verstrickt und dann zu unangenehmen Erörterungen gezwungen
zu werden denen der feine Weltton gern ausweicht ihn neben dem wenig
belohnenden des damit verbundenen Zeitverlustes zurück  und sie zu verführen 
nein er war doch nicht verdorben genug um nicht von diesem Gedanken mit
Unwillen sich abzuwenden Denn ob er bei seinen Ansprüchen an Politur der Form
und äußeren Benehmen gleich fand dass das in geselliger Feinheit so unerfahrene
Landmädchen sich besser in ihren Hühnerhof und unter die Bewohner ihres Dorfs
als in die in tausendfache Facellen geschliffene Residenz schicke so musste er
doch die schleierlose Wahrheit ihres Charakters achten und die reine Güte ihres
Herzens verehren
    Er konnte sich nicht abläugnen dass es Unrecht sei bei seinem festen
Entschluss sie nicht zu heiraten ihr im tiefen Frieden der Kindheit so ruhig
schlummerndes Herz geweckt und gewaltsam in den berauschenden Kreis flammender
Jugendwünsche entrückt zu haben ohne ihren mutwillig erregten Hoffnungen
ihren auf sein Betragen sich stützenden Erwartungen etwas anders als den Schmerz
unbefriedigter Sehnsucht zu hinterlassen
    Zwar schmeichelte es seiner Eitelkeit sich zu denken dass sie ihm
nachtrauern dass sie sein Bild als ihr beständiges Ideal lebenslang im Innern
sich bewahren werde  doch tat ihm zu gleicher Zeit die verlorene Ruhe ihres
Gemüts leid die ein Opfer ihrer Unerfahrenheit und seiner Koketterie geworden
war und er nahm sich vor nicht länger ein so grausames Spiel mit Empfindungen
zu treiben die er nicht zu erwidern geneigt war sondern den günstigen
Totaleindruck den er auf sie gemacht in so fern zu zerstören als er seinen
Charakter betraf
    Mochte sie immer seiner persönlichen Liebenswürdigkeit Gerechtigkeit
widerfahren lassen  seine Eigenliebe gestattete ihm ohnedem nicht diese in ein
nachteiliges Licht zu stellen Auch war es hinlänglich für die fromme Einfalt
ihrer Sitten und die strengen Begriffe welche Lehren und Beispiele ihr
eingeprägt hatten ihr den Leichtsinn seiner Grundsätze und die Frivolität
seiner Denkungsart zu zeigen um jeden Wunsch seines Besitzes zu verlöschen
ohne dass er nötig hatte unzart und schonungslos sich zurück zu ziehen
    Diesen Vorsatz in der Seele störte er zuerst ihre goldenen Illusionen durch
die Erinnerung an die Angst ihrer Mutter wenn nämlich wie sich vermuten
lasse der Araber den Weg nach Hause gefunden habe und ohne seine Reiterin ihr
ein Bote der schmerzlichsten Sorge ein Verkündiger des Unglückes geworden sei
    Erna erschrack dass sie dem Zauber ihrer Gefühle hingegeben nicht von
selbst an die Erfüllung einer so heiligen Pflicht gedacht hatte als die
Beruhigung ihrer Mutter ihr war Doch dass er sie daran mahnte dünkte ihr ein
neuer Beweis seines gediegenen inneren Werts seiner unaussprechlichen Tiefe
und Zartheit der Empfindung und gern erblickte sie auch von dieser Seite ihn
über sich stehend zutrauen und verehrungsvoll den Blick zu der sittlichen Höhe
erhebend in der er ihr erschien
    Sie hatten kaum Arm in Arm und von den Vorsichtsmaasregeln sprechend mit
welchen sie das Vorgefallene der kränklich schwachen Mutter mitteilen wollten
den Saum des Waldes berührt der ins Freie führte als die ängstlich ausgesandte
Dienerschaft der Frau von Willfried die sie suchte ihnen bestätigte dass
Alexanders Vermutung eingetroffen und das zurückgekehrte Pferd der Verräter
ihres Unfalles geworden war
    Mit verdoppelter Eil strebten sie das Haus zu erreichen und erst als Erna
gesund und wohlbehalten am Bett der in Krämpfen liegenden Mutter kniete
linderte sich das unsägliche Weh unter dem sie gelitten  ein Strom von
Tränen der zugleich das heisseste Dankgebet zu Gott war benetzte das geliebte
ihr wiedergeschenkte Kind und erleichterte ihre durch Centnerschwere beklommene
Brust und der herbei gerufene Arzt tat das Seinige den Folgen ihrer
nahmenlosen Angst entgegen zu arbeiten
 
                                      XVII
So lange sich ihre Mutter noch nicht völlig erholt hatte widmete Erna sich ganz
ihrer Pflege Nur dann und wann holte sie sich aus dem Nebenzimmer wo Alexander
sehr oft Augusten Gesellschaft leistete einen stärkenden Blick von ihm oder
einen erquickenden Händedruck
    Er benutzte indes mit kluger Vorsicht diese Zeit um sich der Ausführung
seines Plans zu nähern indem er in Augusten die so gern um Ernas willen an
ihn glaubte allmählich die Stützen untergrub auf denen ihre Achtung für ihn
ruhte
    Leise und unvermerkt leitete er das Gespräch auf das Leben in großen Städten
und schilderte die Verdorbenheit der Sitten dort mit einem Feuer das nicht an
dem Abscheu vor solcher Gesunkenheit sondern am sichtlichen Wohlgefallen daran
entzündet zu sein schien
    Man verlangt von der guten Gesellschaft nur dreierlei sagte er einst als
Erna ihm zuhörte Ein feines Benehmen einen eleganten Ton und eine Art von
Ansehen das sich entweder auf Geburt Rang und Einfluss oder auf Reichtum
Geist oder persönliche Annehmlichkeiten gründet
    Ein fleckenloses Leben ist keineswegs nötig um mit Auszeichnung behandelt
zu werden  ja oft wirft es sogar auf den der es übt das schlimmste Licht in
dem ein Mensch von gutem Ton erscheinen kann nämlich das Ridicül Tackt für
das Schickliche Witz gute Laune Dreistigkeit und die Gabe jede Rolle mit
Gewandtheit zu spielen die der Augenblick nötig macht  dies ersetzt reichlich
die sogenannten Verdienste und eine leichte selbst leichtfertige Aufführung
wird freundlich von der großen Welt verziehen wenn sie nur mit geselliger
Anmut und dem Schein der Decenz verbunden ist
    Erstaunt hörte Erna ihm zu Sie glaubte er scherze oder er wolle Augustens
feste Grundsätze die auch ihr zur Richtschnur ihres Lebens dienten auf die
Probe stellen Aber er sah so ernst aus  die wärmste Überzeugung schien aus
ihm zu sprechen und ihr wurde ganz unheimlich während ihr Herz mit ängstlichen
Ahnungen kämpfte
    Und als sie schüchtern den Einwurf wagte dass der beobachtete Schein der
Decenz einem unverdorbenen Gemüt unmöglich genügen könne  dass ein echt
religiöser Sinn nicht in dem durch Täuschung erschlichenen Beifall der Welt
sondern in der Reinheit seines Bewusstseins und in dem gewissenhaftesten
Befolgen der Gebote der strengsten Sittlichkeit wahre Befriedigung zu finden
vermöge lächelte er sie mit jenem gutmütig sich überhebenden Gemisch von
Ironie und freundlichen Bedauerns an wie man die ungereimten Einfälle eines
Kindes zu belächeln pflegt
    Allerdings versetzte er sind dies die Regeln welche Präceptor und
Gouvernante in früher Jugend uns sclavisch einzuprägen suchen  aber wie bald
reibt das wirkliche Leben diesen Rost der Schulmoral von uns ab und dann erst
treten wir aus langweiliger Unbemerkteit hervor und fangen an zu glänzen
    Um comme il faut zu sein muss man die Form jener liebenswürdigen Tugenden
annehmen die vielleicht früher wirklich existirten jetzt aber nur einen
trügerischen Wiederschein in der Seele des Menschen zurückgelassen haben wie
der blaue Himmel im Teiche sich spiegelt ohne darum Himmel zu sein Milde
Nachsicht Güte Bescheidenheit und wie die guten Eigenschaften weiter heißen
die uns in unserer Kindheit gepredigt werden müssen stets die eigentliche
bittere Pille des Gemüts vergolden Denn beissende Ausfälle Lästerungen und
sinnliche Vertraulichkeiten dürfen sich nicht ungestraft in ihrer Nacktheit
sehen lassen  sie müssen durch irgend eine mildernde Hülle sanft verschleiert
durch Witz treffenden Scharfsinn und den Anschein einer anständigen
Schicklichkeit erst autorisirt werden in der guten Gesellschaft zu erscheinen
    Wenn es so ist sagte Erna mit ihrer Angst ringend so ist die
Zurückgezogenheit des Landlebens ja ein zwiefaches Glück Nicht nur dass in ihm
die Natur uns näher ist und uns inniger mit Gott verbindet als all das bunte
Treiben in der Welt  wir bedürfen auch selbst wenn wir ihre Anwendung nicht
verschmähten jener armseligen Kunstgriffe nicht die dazu dienen ohne innern
Wert zu schimmern
    Sie sind noch so neu in der Welt meine holde Erna erwiderte Alexander
jene ironische Miene beibehaltend die ihm so übel kleidete indem sie ihm ein
höhnisches Ansehen gab dass ich Ihnen Ihr übereiltes Urteil verzeihe Dass uns
der Umgang mit Schafen Hühnern und Pflanzen allerdings bis zum Langweiligwerden
unschuldig erhält ist freilich wenn Sie wollen ein Vorzug des Landlebens den
aber der gebildetere Sinn weder begehrt noch beneidet Dass unser Dasein ein
Lustspiel für uns ein Schauspiel für andere und für niemanden ein Trauerspiel
sei ist wie mir scheint der vernünftige Zweck den die Natur uns vorzeichnet
und um ihn zu erreichen dürfen wir gern links und rechts die Blumen pflücken
die an unserm Wege blühn wenn auch die kalte engherzige Moral die im
Geschmack der Karteuser uns memento mori predigt nicht eben uns Beifall winkt
So wenig als gründliche Kenntnisse nötig sind um in wissenschaftlicher
Hinsicht zu glänzen da das Gesetz der feinen Lebensart fordert dass man keinen
Gegenstand erschöpfe und bloß verlangt dass man die Oberfläche eines jeden
leicht berühre um mit Gewandtheit und Eleganz darüber hinzugleiten eben so
wenig sind diese mürrischen frostigen Tugenden die man als Freudenstörer der
Jugend uns früh zu verehren zwingt nötig um uns die Achtung zu erwerben die
wir zu einer angenehmen Existenz bedürfen Wenn wir nur den Schein derselben da
wo es gilt zu beobachten wissen um unseren Abenteuern Intriguen und Genüssen
ein ehrbares Gewand zu geben so richtet die Welt milde mag es auch im Innern
aussehn wie es will
    Und sollte es nicht unsere Pflicht sein auf einen höheren Richter zu
achten als auf das seichte durch Trug und Lüge und Blendwerke aller Art
befangene Urteil der Welt unterbrach ihn Erna Sollte nicht der Glaube an
Gott an die Nichtigkeit alles Irrdischen und die Gewissheit einer Zukunft wo
kein Schein mehr gilt uns über das unwürdige Bestreben erheben können den
Beifall der Menschen zu erlangen ohne ihn verdienen zu wollen
    Mit dem schärfsten Ausdruck des Spottes zu dem er seine Züge nur immer
zwingen konnte lächelte Alexander zu ihrer inneren Empörung Es ist recht gut
für das Volk sagte er das solcher Zügel bedarf wenn man ihm weis macht dass
ein höheres Wesen und ein zukünftiges Leben jenseits des Grabes existiert Denn
wie das unverständige Kind die Züchtigung fürchtet die eine Folge seiner
Unarten ist so scheut auch der uncultivirte bornirte Sinn des gemeinen Mannes
die moralische Rute die in der Vorstellung einer ewigen Verdammnis oder
Seeligkeit liegt und manches Böse unterbleibt auf diese Weise aus Furcht vor
der Strafe Wir aber die wir auf einer höheren Stufe der Aufklärung stehen und
Vorurteile wie billig verachten  warum sollten wir uns überreden an
Phantome zu glauben die nur in überrejetzten fanatischen Gehirnen entsprungen
eine menschliche Erfindung und bloß der Schwärmerei heilig sind
    Und sind dies wirklich Ihre Grundsätze fragte Erna zur Marmorbüste
erblasst
    Ja versetzte er indem er ihre kalte zitternde Hand ergriff Ich halte es
für Pflicht mich Ihnen zu zeigen wie ich bin da ich Sie liebe und von Ihrem
Besitz das Glück meines Lebens hoffe Warum reizende Erna sollt ich
verhehlen dass meine Vernunft längst den Sieg über jene Schreckgestalten davon
getragen hat mit deren Strafgericht eine sogenannte religiöse Erziehung uns zu
ängstigen bemüht ist Ich glaube an keine Fortdauer der Seele und an kein
Jenseits und darum geniess ich auch das Leben als das einzig wahre Gut das wir
besitzen das jeder Augenblick vernichtend in das Nichts zurückstürzen kann aus
dem es entstand Lassen Sie uns nicht in idealischen Gefilden schwärmen wo nur
sich selbst quälende Phantasten zu Hause sind sondern erlauben Sie mir Sie aus
der äterischen unhaltbaren Region Ihres Wahns in die Wirklichkeit herab zu
führen Genuss des schäumenden Jugendbechers und ein fröhliches Verbannen aller
schwerfälligen Sorgen ist die wahre Philosophie die einzige Religion zu der
ich mich bekenne und Sie von Ihren finsteren Irrtümern zu befreien und Ihr
Dasein an meiner Seite so heiter wie möglich zu machen soll das süßeste Ziel
meines Strebens sein
    Erna schauderte und bebte zurück Er wagte es seinen Arm um ihren Nacken
zu schlingen und sie an seine Brust zu ziehen Da ermannte sie sich plötzlich 
glühende Röte verdrängte die Leichenblässe ihres Gesichts und es stiegen
wieder Funken in ihr starres Auge Den Blick nach oben gerichtet als wolle sie
von da Kraft und Fassung sich erflehen wandte sie sich nach einer stummen aber
unendlich ausdrucksvollen Minute von ihm ab mit dumpfer fast tonloser Stimme
die Worte aussprechend Unglücklicher Gott helfe Ihnen wieder auf den rechten
Weg und vergeb es Ihnen dass Sie mich so lange täuschten Wir haben uns nichts
mehr im Leben zu sagen
 
                                     XVIII
Sie schwankte hinweg und Alexander blieb mit Augusten allein
    Sie haben meine Freundin sehr gekränkt sagte Auguste nach einer Pause in
der sie  unschlüssig was sie tun solle und selbst tief erschüttert  erst
mühsam die Kraft zu sprechen gewann Gewiss ihr lauteres keine Verstellung
kennendes Herz erträgt es nicht auf eine so harte Probe von dem gestellt zu
werden den es liebte  sie erträgt es nicht Sie in einem so nachteiligen
Lichte zu erblicken Eilen Sie o eilen Sie die Grundsätze zu widerrufen vor
denen mit Recht Ernas reiner Sinn zurückschaudert Sie zertrümmern sonst das
Glück des holden Wesens und Ihr eigenes unwiederruflich
    Wie versetzte Alexander sich verwundert stellend kann Erna bei allen
ihren hochgepriesenen Tugenden die Wahrheit nicht hören  Würde es ihr besser
gefallen wenn ich  statt in meiner eigentümlichen Gestalt vor sie hin zu
treten mich einer Maske bediente um sie zu täuschen Ich bin zu stolz zur
Verstellung und sie ist mir unbequem Daher  so sehr es mich auch mit Recht
beleidigen muss von dem Mädchen das ich so ehrte um es zur Gefährtin meines
Lebens erwählen zu wollen gewissermaßen einen Korb empfangen zu haben so
bereue ich es doch nicht da ich selbst ihre Gunst mir nicht durch Heuchelei
erwerben möchte Leben Sie wohl für immer denn für mich ist nun nichts mehr
hier zu tun Sie werden meiner Tante bezeugen dass es nicht an mir lag wenn
ihr sehnlicher Wunsch unerfüllt blieb und dass ich Erna meine Hand bot  aber
mit Geringschätzung zurückgewiesen wurde Suchen Sie um des eignen Bestens Ihrer
Freundin willen ihre romantischen überspannten Ideen zu berichtigen und sie der
wirklichen Welt anzupassen in der sie leben soll denn diese idyllische
Sentimentalität zerstört die Wurzeln eines gesunden Daseins und macht sie am
Ende zu einer  Kandidatin des Irrenhauses
    Mit diesen Worten die er voll des empörendsten Hohns in seinen Mienen
aussprach verließ er das Zimmer und Auguste blieb halb betäubt von der
plötzlichen so schrecklichen Verwandelung eines Charakters den sie geschätzt
hatte und zitternd vor den Folgen die es auf Ernas liebendes Gemüt haben
werde zurück
    Als Alexander zu seiner Tante kam entdeckte er ihr mit allen Zeichen
wohlerkünstelter Kränkung und fehlgeschlagener Hoffnung dass er Erna in
Augustens Gegenwart seine Hand angetragen aber eine abschlägliche Antwort von
ihr erhalten habe und auf eine verächtliche Weise von ihr verlassen worden sei
    Umsonst strebte die Generalin sich dies Rätsel zu erklären umsonst erbot
sie sich zur Vermittlerin  da sie Ernas Liebe zu ihm so wenig wie ihre
vorteilhafte Meinung von seinem Wert bezweifeln konnte  sein Stolz lehnte
sich wiewohl scheinbar mit tiefem Schmerz kämpfend gegen jedes Anerbieten
ihrer Einmischung auf und noch demselben Tag trat er ohne sich durch Bitten
und Zureden halten zu lassen äußerlich zerstört und tief ergriffen innerlich
aber frohlockend dass er wie er glaubte mit so guter Art seinen Nacken aus der
Schlinge gezogen habe den Rückweg zur Residenz an
 
                                      XIX
So lange Erna wähnte ein schwerer Traum habe sie dem Himmel ihrer Hoffnung
entrückt so lange ruhte der wohltätige Nebel der Betäubung nicht das
Centnergewicht der Verzweiflung auf ihrer Seele
    Als aber nach und nach Klarheit wieder in ihre Besinnung zurückkehrte und
sie sich nicht mehr verhehlen konnte dass sie wirklich auf immer von dem Ideal
ihres höchsten Glücks geschieden sei da bemächtigte sich ihrer ein Schmerz der
ihr armes Leben aller seiner Blüten beraubte
    Wenn gleich ein dunkles Gefühl ihr sagte sie müsse den Kummer verbergen
unter dessen Druck sie fast erlag um ihre Mutter zu schonen so vereitelte die
Unfähigkeit sich zu verstellen und die Neuheit einer solchen Bürde doch ihr
inniges Streben allein zu tragen was der freie Blick in das Herz des
Jünglings den sie liebte ihr auferlegt hatte Aus ihrem Dasein war das
Paradies verschwunden  das Schöne aus ihren Träumen  das Göttliche aus ihrer
Hoffnung Denn wie ein Blitz ungeahnet und unbegriffen von wannen woher war
die Liebe aus des Himmels Höhen in ihr Gemüt gesunken aber nicht wie sie in
frommer Kindlichkeit geglaubt hatte um es zu erwärmen und zu erhellen sondern
um jede Kraft zu lähmen jede Freudigkeit zu vernichten Sie befragte sich
selbst in der Bangigkeit ihrer Zweifel ob es Gottes Hand sei die diese
schwere dunkle Wolke über ihr Leben herauf führte oder der Dämon eigener Schuld
 aber ihr Bewusstsein war rein und warf ihr nur ein zu blindes nur so bitter
hintergangenes Vertrauen nur eine zu innige jetzt so grausam getäuschte
Neigung keinen Fehler vor der Alexanders raues Abwenden von ihr hätte
rechtfertigen können
    Der Sturm den betrogener Glaube gemisbrauchtes Zutrauen und das
unheilbare Gift einer ewigen Hoffnungslosigkeit in ihrer Seele erregt hatte
näherte sie fast dem Wahnsinn indem er ihre körperliche Kraft sichtbar aufrieb
    Ihre Mutter die nur durch Augusten nicht durch die von der Größe ihres
Schmerzes verschlossnen Lippen ihres Kindes das Vorgefallene erfuhr vergaß der
eignen Leiden um den Kummer der geliebten Tochter lindern und tragen zu helfen
    Längst hatten ihr die Ärzte bei der Zartheit ihrer Konstitution einen
Aufenthalt in südlichen Ländern verordnet Aber die Beschwerden einer so weiten
Reise das Gefühl ihrer Schwäche die Anhänglichkeit an ihren Wohnort und an den
freundlichen Kreis der sie dort umgab und so manche Schwierigkeiten mehr die
der Kränkliche mühsam überwindet weil er der Energie und des Mutes beraubt
leicht in der spielenden Mücke einen drohenden Elephanten erblickt hatten sie
bisher abgehalten um ihrentwillen diesen heilsamen Rat zu befolgen
    Aber kaum hatte man ihr gesagt dass Erna krank an Leib und Seele der
Zerstreuung und einer mildern Luft bedürfe um zu genesen als das liebevolle
Mutterherz Entschlossenheit genug in sich fand allen Hindernissen Trotz zu
bieten
    Mit einer Eil die sich selbst nicht Ruhe vergönnte wurden die Anstalten
zur Abreise betrieben Seit Jahren in einem völlig leidenden Zustand und aller
Tätigkeit entwöhnt überließ sie sich jetzt einer so eifrigen Betriebsamkeit
dass sie gleichsam in diesem Streben noch einmal wieder aufglühte wie die
hinsterbende Lampe kurz vor dem Erlöschen höher aufflackert
    Denn sie konnte die Sorge für das Mittel durch welches sie ihr größtes
Kleinod zu retten hoffte niemand sogar der treuen Auguste nicht überlassen und
die mühevollsten Anstrengungen deren sie sich unterzog gaben durch ihren
heiligen Zweck ihren erschlafften Nerven wieder Spannung ihrem hinfälligen
Körper wieder Kraft
    Sie ordnete alles selbst und da sie weder Mühe noch Geld sparte so war das
Ziel ihres Strebens bald erreicht und wenig Wochen nach der Katastrophe die
Ernas Herz brach rollte der schwer beladene Reisewagen bereits mit ihr dem
freundlichen Süden zu
    Die Generalin blickte weinend ihrer alten Freundin nach War es die Ahnung
dass sie sie niemals wieder sehen werde war es ein innerer Vorwurf dass ihr
voreiliger Wunsch Erna zum Schutzgeist ihres Brudersohns zu weihen die
Veranlassung so herben Kummers für diese und ihre Mutter geworden war und sie
selbst des liebsten Umgangs beraubte  genug sie konnte sich der tiefsten
Traurigkeit nicht erwehren
    Nach reiflicher Überlegung und genauer Prüfung des Vorgefallenen das
schmerzlicher noch in Ernas Tränen als in Augustens Mit heilungen sich
aussprach glaubte sie ihren Neffen richtig zu beurteilen wenn sie meinte er
habe um sie nicht zu erzürnen scheinbar in ihr Verlangen eingehn wollen habe
in der Langeweile seiner einförmigen Lebensweise bei ihr wirklich für eine
kurze Zeit befriedigende Unterhaltung im Wahrnehmen der ihm so neuen
himmlischen Unschuld Ernas gefunden  endlich aber wie ein wildes Ross nach
zügelloser Freiheit sich sehnt und Zaum und Gebiss flieht die immer leiser sich
zuziehende Schlinge eines ernster werdenden Verhältnisses durch einen
Gewaltstreich zerreißen wollen indem er Gesinnungen äußerte von denen er
wusste sie würden ihn der frommen Erna entfremden
    Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen dass sie ihn sich
eigentlich besser dachte als er selbst sich darzustellen bemüht gewesen war
Weit lieber hätte sie ihn als einen Verirrten beklagen wie als einen Heuchler
verachten mögen Die kleinliche List mit der er die Folgen seiner herzlosen
Annäherung zu vertilgen suchte und das leichtsinnige Spiel das er mit einem
der besten Mädchen getrieben wandten in gerechtem Unmut ihre Neigung von ihm
ab und sie gewann es nicht über sich während des kurzen Rests ihres Lebens
ihn als ihr diese Ansicht völlig klar geworden war je wieder eines
freundlichen Worts zu würdigen Seine Briefe blieben stets unbeantwortet und
kein Zeichen ihres Seins und ihrer Teilnahme an seinem Geschick suchte wie
sonst ihn in der Ferne zu erfreuen Sie traf jedoch um das Andenken eines
geliebten Bruders auch noch in seinem unwürdigen Sohne zu ehren keine
Anstalten ihn das Vermögen zu entziehen das nach ihrem Tode die Gesetze ihm
als ihrem nächsten Erben zuerkannten und zwei Jahre nachher setzte ihn ihr
sanftes Hinscheiden in den freien und rechtmäßigen Besitz desselben
 
                                  Zweites Buch
                                        I
Fröhlich war Alexander in die Residenz zurückgekehrt sich seiner gewohnten
Lebensweise um so freudiger hingebend da er die Genüsse welche sie ihm bot so
lange hatte entbehren müssen
    Oft lächelte er triumphierend bei sich selbst wenn er bedachte wie gut es
ihm gelungen sei eine offenbare Weigerung gegen die Absichten seiner Tante zu
vermeiden und die Schuld ihres vereitelten Plans von sich ab auf Erna zu
wälzen deren Unerfahrenheit nur allzuleicht in die Falle gegangen war die er
ihr gestellt hatte Oft aber auch und zwar mehr im Traum als im wachenden
durch das Gewirr bunter Vergnügungen stets vom Nachdenken abgezogenen Zustande
verfolgte ihn das Bild des bleichen Mädchens das es so gut mit ihm gemeint das
mit der ganzen Kraft eines noch völlig reinen Herzens mit dem ganzen Feuer der
ersten süß verschämten Liebe ihn geliebt hatte Stillen Vorwurf und tiefen
Kummer in ihren Mienen trat sie dann vor ihn ihn durch ihren Anblick an das
Unrecht zu mahnen das er an ihr begangen und ihm war in solchen Momenten als
könne er den reinen strafenden Blick ihres frommen Auges nicht ertragen
    Zuweilen auch störte ihn die Erinnerung mitten in dem Gewühl rauschender
Freuden indem sie unwillkürlich ihm die Szene zurückrief wo er im Walde vor
ihr kniete sie blass und blutig und dem Schein nach leblos vor ihm lag und
er in Todesangst um sie das in den Quell getauchte Tuch um ihre verletzte
Stirne schlang Dann drang noch einmal wie ein Strahl von oben der erste Blick
ihres dem Leben sich wieder öffnenden Auges in seine Seele wie es  den Himmel
in sich tragend und eine Welt von Empfindungen aussprechend  so voll inniger
Tiefe an dem seinigen hing Ach  damals war es ihm wohl gewesen als spräche
eine leise Regung für sie in seinem Herzen  aber seine Abneigung vor den
Fesseln der Ehe sein gränzenloser Hang zur Ungebundenheit und sein Leichtsinn
hatte schnell wieder dies bessere Gefühl erstickt und ihn überredet es sei nur
eine Aufwallung des Mitleids durch die Gefahr erregt in welcher er sie
erblickte
    Als durch den Tod seiner Tante ihm ihr ganzes sehr bedeutendes Vermögen
zufiel hätte es die Lage der Dinge, und sein Vorteil wohl erfodert dass er
persönlich Besitz von ihrer Hinterlassenschaft genommen hätte Aber er scheute
sich die Gegend wieder zu sehen wo wie er glaubte Erna atmete  auch konnt
er sichs nicht verhehlen dass seine Tante unzufrieden mit ihm aus der Welt
gegangen sei und da es zu den Gesetzen seiner Lebensphilosophie gehörte sich
alle unangenehmen Gemütsebwegungen zu ersparen so übertrug er alles was ihm
oblag einem Rechtsgelehrten und folgte nach wie vor dem Strome der ihn in die
wilden Wirbel der Zerstreuungen zog
    Doch wie selbst tiefere Eindrücke allmählich von der Hand der Zeit
verwischt werden so schwand im Rausche seines wüsten Lebens auch nach und nach
jeder leise Vorwurf den das Andenken der Vergangenheit ihm machte und immer
seltener und immer gleichgültiger nahte ihm Ernas Erscheinung bis sie endlich
ganz unter den wogenden Leidenschaften die in seinem Innern stürmten sich
verlor
    Fünf Jahre waren verstrichen seit er sie hatte kennen lernen  da schlug
ihm unerwartet die Stunde der Vergeltung die selten ausbleibt und oft dann
erst das Unrecht straft wenn der der es beging es bereits vergessen hat
    Er war einige Tage abwesend gewesen und kehrte spät am Abend in seine
Wohnung zurück wo er von der Gräfin Tannow die eins der angesehensten Häuser
der Residenz ausmachte eine Einladung zum Ball vorfand
    Zwar war die Uhr schon zehn und das Vertauschen seiner nachlässigen
Reisekleidung mit einer glänzenden Toilette konnte leicht noch eine Stunde
hinwegnehmen  zudem fühlte er sich nicht wohl und verstimmt  aber
demungeachtet konnte er sich nicht entschließen zu Haus zu bleiben Denn er
sehnte sich nach Geräusch und Abwechselung um seinen Blick durch andere
Gegenstände von sich selber abzuziehen wo er nur mit Unmut verweilte Seinen
Frohsinn lähmend war der böse Geist des Überdrusses nach und nach über ihn
gekommen und hatte ihn  gesättigt von der Fülle eitler Weltlust die er
genossen  das Schaale Seelenlose Ermattende seines zwecklosen Lebens in
düsterer Beleuchtung wahrnehmen lassen
    Nachdem seine Erfahrungen ihn mit allen bekannt gemacht hatten was das
Dasein bietet fand er so wenig genügendes  so wenig was der Zeit trotzend
auch in der Zukunft ihm noch die Freuden versprochen hätte die es einst ihm
gewährte Ein stilles dunkles Sehnen nach der früh verlohrenen Unschuld seines
Herzens nach dem unwiederbringlichen Wert der Unverdorbenheit regte sich in
seinem Busen und verschattete ihm finster die Welt deren verpestender Hauch
gleich dem Sirocco alle schöneren Blüten des Lebens ihm vergiftet hatte Doch
die Unbehaglichkeit dieser Gefühle war zu drückend als dass er nicht hätte
suchen mögen sie los zu werden  er kleidete sich daher um und fuhr hin wo er
Zerstreuung seiner finsteren Grillen zu finden wähnte
 
                                       II
Feenhaft strahlten die hellerleuchteten Fenster herab in die dunkle Straße die
von ihrem Abglanz erhellt wurde und rauschend und seinen Sinn zur Fröhlichkeit
auffodernd tönte die Ballmusik durch die stille schweigende Nacht
    Schon halb erheitert sprang er aus dem Wagen und eilte hinauf Aber
befremdend blieb er einige Augenblicke am Eingang stehen denn kein Empfang
begrüßte ihn niemand kam ihm entgegen und selbst die Bedienten schienen in
Zuschauer verwandelt zu sein
    Alles drängte sich einen weiten Kreis in der Mitte des Saals umschliessend
diesem innerhalb desselben es unverkennbar etwas vorzügliches zu sehen gab so
nahe wie nur immer möglich zu kommen Selbst die Spielenden sonst so fest an
ihre Plätze gebannt dass kaum ein Erdbeben sie hätte in Bewegung bringen können
waren aufgestanden und hatten ihre Tische verlassen und rings an den Wänden
war man sogar auf Stühle gestiegen um nur nichts von dem Schauspiel zu
verlieren das unbekannter weise auch seine Neugierde zu erregen begann
    Endlich wurde ihn die Frau des Hauses gewahr und winkte ihn zu sich Der
Platz an ihrer Seite vergönnte ihm einen Blick in das Allerheiligste des Saals
zu tun und er sah von einem seiner Freunde und von einer fremden Dame einen
französischen Kontretanz mit einer Leichtigkeit und Vollkommenheit aufführen
die er noch nie in diesem Maße an einem weiblichen Wesen wahrgenommen hatte
    Ihre blendende Schönheit und das Edle ihres Wuchses und ihrer Haltung nebst
ihrer einfachen aber reichen Kleidung erhöhte noch das Entzücken das ihre
Kunst gewährte und staunend stand er in Bewunderung verloren und wagte kaum
zu atmen aus Furcht es möchte irgend eine Bewegung dieser Grazie ihm
entschlüpfen
    Endlich war der Tanz geendigt Stolz auf das Recht sich ihr nähern zu
dürfen gab ihr Tänzer ihr den Arm sie nach einem Sitze zu führen und
ehrerbietig wich die Menge aus einander sie hindurch zu lassen während alle
Blicke bewundernd auf ihr ruhten alle Hände rauschend ihr Beifall klatschten
    Ihr Gesicht war ein wenig seitwärts gewandt als sie an Alexandern
vorüberging Er sah nur einen Teil des ausdrucksvollen Profils nur den
blendend weißen Nacken um den große Diamanten sich reihten mehr Zierde von ihm
empfangend als sie zu geben vermochten nur den Silphidenwuchs der bei aller
lieblichen Fülle der Jugend und Gesundheit doch durch die Anmut mit der sie
sich trug und bewegte so äterisch erschien als schwebe ihr Fuß einher statt
die Erde zu berühren
    Länger konnte er sein Verlangen nicht bezwingen zu erfahren wer diese
wundervolle Erscheinung sei und er wandte sich mit dieser Frage an die Gräfin
neben der er noch immer stand
    Sehen Sie so bestraft sichs erwiderte diese scherzhaft wenn Sie mit der
Stadt boudiren und ihr den Rücken kehren Dieser neue Stern ist während Ihrer
Abwesenheit an unserem Himmel aufgegangen  nehmen Sie sich nur in Acht lieber
Norbeck dass Ihre hochgepriesene Freiheit nicht die Flügel an seiner Glorie
versengt
    Ein schmerzlich süßes Weh zuckte bei diesen Worten durch seine Brust Ihm
war als wäre ihm die Weissagung einer Prophetin erklungen und ein Schauer ganz
eigener Art rieselte durch alle seine Nerven Doch noch immer blieb seine
Neugier ungestillt  noch einmal wiederholte er seine Frage nach dem Namen des
liebenswürdigen Fremdlings  aber wie unbegränzt war sein Erstaunen als die
Antwort ihm  Erna von Willfried nannte
 
                                      III
Unbeweglich wie eine Bildsäule blieb er von dem Klange dieser wenigen Worte
getroffen stehen und eine längst versunkene Welt schwankend zwischen neuer
Furcht und Hoffnung dämmerte in seiner Seele wieder auf wie ein grünendes
Eiland aus stürmenden Fluten sich erhebt
    Es ist kein Wunder dass Fräulein Willfried schön tanzt hörte er jetzt die
Obristin Lahnberg zu einer neben ihr stehenden Matrone sagen Neid und
Bitterkeit in ihren grämlichen Zügen Hätte meine Mariane eben so wie sie
Jahrelang in Paris diese leichtfertige Kunst erlernt und getrieben vielleicht
würde sie auch so durch ihre Geschicklichkeit glänzen Aber sie hat immer das
Reelle dem leeren Schimmer vorgezogen Es ist übrigens nicht schwer zu
brilliren wenn man halb Europa durchreisen kann um in Italien mahlen und
singen in Frankreich tanzen zu lernen und wenn man vor allen Dingen dabei die
noble Dreistigkeit hat seine Talente geltend zu machen
    Jetzt näherte sich Mariane ihre Tochter mühsam ihr von Misgunst verzerrtes
Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zwingend War das nicht ünique Mama
fragte sie Es ist ein Vergnügen so deliciös tanzen zu sehen  man kommt sich
ordentlich wie im Ballette vor Freilich sollte das Wesentliche nicht unter der
Ausübung solcher Künste leiden In diesem Augenblick hört ich von sicherer
Hand dass Fräulein Willfried im häuslichen eben so unerfahren als geschickt im
Tanzen ist Keine Suppe soll sie kochen keine vernünftige Nat nähen können
und da unser Beruf doch nicht ist wie von der Tarantel gestochen durchs Leben
zu hüpfen so ists zu bedauern dass sie das Wichtigere über so frivole und
vergängliche Geschicklichkeiten versäumt hat
    Das ist die heutige Modeerziehung die sich nicht zu nützen sondern nur zu
schimmern bemüht fiel ihre Mutter eifrig ihr ins Wort Zu meiner Zeit wurde nur
soliden Kenntnissen Wert beigelegt und daher hab ich Dich auch so erzogen dass
ich vor Gott und Menschen Ehre einlege und gewiss ein rechtschaffener Mann
dereinst mit Dir nicht betrogen wird Aber die selige Willfried  nun man soll
von Toten nur Gutes sprechen und sie war meine sehr genaue Freundin denn wir
haben zwei Jahr lang zusammen der hochseligen Prinzess Sophie als Hofdamen
gedient  sie hatte immer etwas überspanntes und geziertes und ihre Sucht sich
allenthalben vorzudrängen scheint denn auch auf die Tochter übergegangen zu
sein Doch sie hat Geld und dadurch macht sich heut zu Tage jede Närrin
geltend während das stille bescheidene Verdienst wenn es arm ist hier blickte
sie ihre überreife vergilbte Tochter seufzend an unbemerkt und ungesucht wie
das Veilchen im Moosse verduftet 
    Alexander hatte genug erfahren um zu merken dass dies Gespräch nicht ohne
Absicht sich in seiner Nähe entspann Man zählte ihn im Kreis der jungen
Heiratsfähigen Männer zu den vorteilhaftesten Partieen und grobe und feine
Netze hatten sich daher schon oft von Seiten längst erwachsenen Fräuleins und
ihrer Mütter ausgebreitet den schimmernden nur allzuglatten Goldfisch zu
fangen
    Die so verschiedenen Kunstgriffe weiblicher Koketterie mit der eine jede,
ihrer Individualität angepasst die Maske wählte die ihrer Meinung nach am
meisten anzuziehen und zu fesseln geneigt war belustigte ihn oft und er machte
sich nicht selten das grausame und unedle Vergnügen Hoffnungen zu erregen
welche er bis auf einen gewissen Punkt steigerte und dann plötzlich täuschte
    Leichtfertig und schadenfroh hätte er sonst mit erheucheltem Ernst in die
neidischen und verläumderischen Äußerungen dieser Törinnen eingestimmt aber
heute war es ihm nicht möglich Sein Herz war so voll so plötzlich verwandelt 
die Brust so gepresst  es zog ihn mit Riesenkraft zu der aufgeblühten Rose hin
der er als Knospe so weh getan dass er um dem inneren Drange seines Sehnens
genug zu tun sich voll Reue hätte zu ihren Füßen stürzen und weinen mögen
 
                                       IV
Er nahte sich dem Strahlenkreis dessen Mittelpunkt sie war Zwar fand er sie zu
umringt um sie anreden zu können hatte auch jetzt noch kaum den Mut es zu
wollen  aber er weidete sich doch an ihrem Anschauen das ihm mit jedem Blick
neue Reize entfaltete
    Wie hatten diese fünf Jahre sie verändert Kaum erinnerten noch die edlen
seelenvollen Züge an den bleichen Schatten den ihr früheres Bild in seinem
Gedächtnis zurückgelassen hatte War dies stolz in so reizender
Lebensfreudigkeit auftretende Mädchen das mit heller Geistesgegenwart und
klarer Umsicht die Huldigungen der Menge kaum zu beachten schien wirklich jenes
einst so blasse blöde Kind das in seiner Verlegenheit oft so link sich
darstellte und schüchtern in sich selbst zusammenzitterte wenn ein Blick es
traf oder ein Wort es zur Rede zwang Etwas über mittlere Größe heran
gewachsen schmückte die lieblichste Harmonie aller Verhältnisse ihren schlanken
Bau und der ungezwungenste edelste Anstand vollendete den einschmeichelnden
Eindruck den ihre vollkommen schöne Gestalt beim ersten Anblick auf jeden
unverwahrloseten Sinn machte Ihr reiches braunes Haar kunstvoll aufgewunden
und wieder in seidene wallende Locken um Stirn und Schläfe ausgegossen war mit
Diamanten durchflochten doch ein reineres Licht als diese auszuströmen
vermochten strahlte von den klaren herrlichen Augen in denen eine seltene
Tiefe des Gemüts verschmolzen mit allem Feuer eines hellen Geistes sich
aussprach Ihr Anzug war einfach doch kostbar Über blendend weißen Atlas
schmiegte sich ein Gewand von indischem Mousselin gleich einem zarten Gewölk um
ihren edlen Wuchs und ein reicher Gürtel befestigte den weichen Faltenwurf Die
funkelnden Juwelen ihres Halsbands und ihrer Ohrringe so wie des Diadems das
sich um ihre Locken wand und die köstlichen Brüssler Spitzen die ihren Busen
umgaben und den Saum ihres Kleides bildeten erhöhten den Neid den ihre
persönliche Anmut bereits in den meisten anwesenden Damen erregt hatte
    Alexander kämpfte mit sich selbst ob und wie er sie anreden solle Sie an
ihre frühere Bekanntschaft mit ihm zu mahnen konnte nur bittere Erinnerungen in
ihrer Seele zurückrufen und gleichwohl ihrer gar nicht zu erwähnen hätte ihm
den Schein einer Oberflächlichkeit des Sinnes gegeben den er wie alles was ihm
fortan in ihrer Meinung schaden konnte fürchtete
    Er gründete auf die Neigung die sie ihm einst so unbefangen verraten
hatte die schönsten Hoffnungen seines Herzens und gehoben und gleichsam schon
veredelt durch die zum erstenmal empfundenen Gefühle einer edlen wahren Liebe
nahm er sich vor wahr zu sein ihr bei der ersten schicklichen Veranlassung
offen seine damaligen so wie seine jetzigen Gesinnungen zu entdecken um durch
seine Reue über das Vergangene sich ihrer Verzeihung wert zu machen und seinem
Charakter ihr verlorenes Zutrauen wieder zu erwerben Für jetzt aber beschloss
er die fröhliche Tendenz des Abends nicht durch so ernste Erklärungen zu
unterbrechen und sich mit strenger Selbstbeherrschung innerhalb den Schranken
zu erhalten mit denen die Konvenienz die Hochgefeierte umbaute
 
                                       V
Unstreitig war Alexander der beste Tänzer der Residenz Nicht Eitelkeit oder der
ihm sonst so gewöhnliche Hang zu glänzen sondern der Wunsch in irgend eine
leise Beziehung mit ihr zu kommen erweckte das Verlangen in ihm mit Erna zu
tanzen und schon wollte er bittend sich ihr nähern als sie aufstand und 
einem Glücklicheren bereits versagt  an ihm vorüber ging
    Als Zuschauer blieb er an eine Säule sich lehnend stehen und war so
vertieft in ihrem Anblick dass er die Annäherung der Gräfin Tannow nicht
bemerkte Er schrack ein wenig zusammen als ihre scherzhafte Anrede ihm bewies
dass er beachtet worden sei Doch schien sie kein Arg aus seinem jede Bewegung
Ernas verschlingenden Anschauen zu haben sondern es nur auf sein Interesse an
einer Kunst zu beziehen in der er selbst Meister war und als sie gleich darauf
äußerte dass er ihren Gästen durchaus das Vergnügen verschaffen müsse ihn mit
Fräulein Willfried tanzen zu sehen weil außer ihm kein Tänzer ihr völlig an
Geschicklichkeit gleich sei erfüllte sie ohne es zu ahnen den brennendsten
Wunsch seines Innern indem sie auf seine etwas schüchterne Einwendung dass er
ihr noch gar nicht vorgestellt sei und daher nicht wage sie aufzufodern sich
 um des allgemeinen Bestens willen wie sie sagte das durch den Genuss eines
solchen Schauspiels gewinnen werde  zu seiner Fürsprecherin erbot
    Mit ihrem Tuche sich Kühlung zuwehend saß Erna nach geendigtem Tanz in der
Reihe der Damen als die Gräfin ihr nahte und Alexandern ihr vorstellend
seinen Namen nannte
    Der Klang desselben schien sie keineswegs zu erschüttern wie er erwartet
hatte Sie erhob sich von ihrem Sitze ihn zu begrüßen doch würdigte sie ihn
nur eines kurzen ruhig an ihm vorübergleitenden Blickes und seine Anrede
gleichsam überhörend wandte sie sich von ihm ab zur Gräfin mit Feinheit und
völliger Unbefangenheit ein heiteres Gespräch beginnend
    Da stand er jetzt der sonst so kühne übermütige Jüngling die Glut der
Verlegenheit auf seinen Wangen und den schmerzenden Stachel der Demütigung
tief und immer tiefer in die Brust gedrückt Welch ein Empfang  Ihm war als
müsse die ganze Versammlung wahrgenommen haben wie gleichgültig und beschämend
sie ihn aufgenommen hatte sie deren Herz er beim Wiedersehen vom Blitz
zärtlicher Erinnerungen getroffen vom Weh mühsam bekämpfter aber nicht
erstickter Liebe bestürmt glaubte
    Er biss sich grimmig in die Lippen während er mit den Augen unstät
umherschweifte und mit Anstrengung aller seiner Kraft sich bestrebte durch
äußerliche Fassung den innern Aufruhr seines Wesens zu verschleiern
    Die Gräfin drang freilich nicht in die eigentliche Tiefe seines bitter
gerejetzten Gefühls ein aber ein wenig zu oberflächlich um höflich zu sein
schien ihr doch das Benehmen des Fräuleins gegen ihn wenn sie es gleich nur für
zufällig hielt und um die Empfindlichkeit zu mildern die sie sehr wohl an ihn
bemerkte sprach sie in der Hoffnung das Unangenehme seiner Situation zu
vermitteln die Bitte aus dass Erna ihm der ein ihrer Kunst würdiger Tänzer
sei zur Freude sämmtlicher Zuschauer eine Française schenken möge
    Ruhig ohne ein Zeichen des Unwillens oder der persönlichen Abneigung
erklärte sie dass der Wunsch der Gräfin ihr Befehl sein würde wenn sie nicht
bereits das Maas im Tanzen überschritten hätte das ärztliche Vorschrift ihr
ihrer Gesundheit wegen vorgezeichnet habe Eine lang anhaltende heftige
Bewegung vertrage sich nicht mit ihrem Wohlbefinden und sie sei zu erhitzt und
ermüdet um diesen Abend noch wieder tanzen zu dürfen
    Da ihre Entschuldigungsgründe von ihrer Gesundheit hergeleitet waren konnte
die Gräfin nichts dagegen einwenden und mit der feinen Geschliffenheit der
großen Welt die bei keinem Gegenstand so lange verweilt dass er langweilig
wird gab sie dem Gespräch sogleich eine andere Wendung
    Indes begann ein neuer Tanz und die beiden Damen zwischen welchen Erna
gesessen folgten der Aufforderung daran Teil zu nehmen Die Gräfin wurde
abgerufen und Erna sich jetzt nicht ohne einige Verlegenheit ihm allein
gegenüber findend setzte sich wieder mit gesenktem Auge auf ihren Platz
während er mit klopfender Brust sich zu dem Entschluss ermutigte sich kühn an
ihrer Seite niederzulassen und sie anzureden
 
                                       VI
Lange suchte er der sonst so Gewandte jetzt vergeblich nach einem Worte
passender Annäherung
    Er merkte dass nicht nur in ihm allein dass auch in Erna die Verwirrung
stieg mit der die Unmöglichkeit ihm jetzt schicklicher Weise auszuweichen sie
erfüllte und er schöpfte Ermunterung aus dieser Wahrnehmung da selbst ihr
Unwillen ihm schmeichelhafter war als die bisherige stille Gleichgültigkeit mit
der sie ihn übersah
    Darf der Neffe einer Frau welche Sie so kindlich verehrten es wagen Sie
hier willkommen zu heißen sagte er endlich
    Bei diesen Worten verdunkelte sich die Glut auf Ernas Wangen Ein tiefer
Ernst gab ihren Zügen Ruhe ihrer Haltung Würde Warum beschwören Sie die
abgeschiedenen Geister Herr von Norbeck antwortete sie gönnen wir den Toten
ihre Ruhe
    Und sollte diese Ruhe durch eine ehrfurchtsvolle Erinnerung gestört werden
erwiderte er Vielleicht hab ich meine Tante während ihres Lebens nicht so
gekannt und geschätzt wie ihr seltener Wert es verdiente Der Leichtsinn meiner
früheren gedankenlosen Jugend der mich blind für wahre Verdienste machte ließ
mich manches in dem trügerischen Lichte törichter Verblendung wahrnehmen was
späterhin durch eine bessere Überzeugung und durch Reue mir ganz anders
erschien Daher wenn ich mit Wehmut und Dankbarkeit der edlen Frau gedenke
deren Vortrefflichkeit ich zu spät einsah um sie in ihrem ganzen Umfang noch
auf Erden ehren zu können und mich bestrebe jetzt wo sie nicht mehr Zeuge
meines irrdischen Wandels sein kann ihn so zu führen dass sie mit mir zufrieden
sein würde wenn sie ihn beobachten könnte  sollte das nicht das würdigste
Todtenopfer sein das ich ihren Manen zu bringen vermöchte
    Statt durch den sich entschuldigenden Sinn seiner Rede gerührt und zu
versöhnender Milde bewegt zu werden fühlte sich Erna erbittert und empört da
sie ihn für einen Heuchler hielt
    Denn was sie seit ihrem kurzen Aufenthalt in der Stadt bereits  teils
zufällig teils leise durch eigenes Forschen veranlasst  von ihm gehört hatte
stellte ihn nach dem allgemeinen Urteil als einen entsetzlichen Wüstling dar
so früh schon verdorben dass ihm nicht einmal eine Ahnung von Schuldlosigkeit
noch weniger das Andenken wahrer Herzensreinheit geblieben sei und der  ewig
in frivole Abenteuer und Intriguen verstrickt  sich voll frecher Spottlust und
schadenfroher Verstellung eine jede Maske anzupassen wisse die sich zur
Befriedigung seiner momentanen Wünsche und Begierden eigne
    Zwar sprach das Urteil der Welt auch von seiner persönlichen
Liebenswürdigkeit und manchem großmütigen schönen Zug seines ursprünglich
edlen nur durch Ausschweifungen entweihten Charakters ließ man Gerechtigkeit
widerfahren Auch verteidigten ihn viele wenn er getadelt wurde mit Eifer da
die Sittenlosigkeit eines jungen unverheirateten Mannes in Bezug auf Frauen
gewöhnlich von den meisten nicht so streng gerichtet wird als sie es wohl
sollte Aber konnte seine Freigebigkeit sein Mut sein Frohsinn der dem Leben
stets die lachende Seite abgewann wohl den Mangel jener höheren Tugenden in ihm
ersetzen die allein erst dem Menschen sittliche Würde geben  Seine
individuelle Anmut durfte so meinte Erna niemand zu seinem Vorteil
bestechen da diese die Gefahr seiner verderblichen Nähe nur vergrößern half Er
war in ihren Augen was sie nicht ohne Schauder sich denken konnte ein Mensch
ohne Religion Er selbst hatte ihr ja  sie bebte noch bei der Erinnerung jenes
schrecklichen Augenblicks  mit kecker Dreistigkeit gesagt dass er nichts
glaube nichts hoffe und dass üppiger Lebensgenuss die einzige Tendenz seines
Handelns das einzige Prinzip seiner Moral sei Diese Erfahrung die ihr
Gedächtnis nur allzutreu bewahrt hatte verdunkelte noch den düstern Schatten
den sein Ruf in ihre Seele warf
    Es machte daher auf ihr alle Heuchelei tief verachtendes Gemüt einen sehr
misfälligen Eindruck ihn die Sprache des Gefühls der Erkenntnis und der Reue
reden zu hören da sie nach seinen ehemaligen Bekenntnissen dies Betragen nur
für listige Verstellung hielt In edlem Zorn erglühend fehlte der Nichtachtung
die sie in diesem Augenblick für ihn empfand die Kälte welche sonst gewöhnlich
Geringschätzung zu charakterisiren pflegt und mit bewegtem Busen und flammendem
Auge sprach sie indem sie aufstand Ein Schauspieler von Ihrem Talent Herr von
Norbeck sollte seine Rolle nur vor einem dankbaren Publicum recitiren Der
Beifall eines unbedeutenden Mädchens wie ich würde Ihnen schon darum nicht
gnügen weil er nicht rauschend ist  und jener innere des Bewusstseins, wenn er
auch der Preis einer künstlerischen Darstellung sein könnte  den achten ja wie
Sie mir früher gesagt haben Leute von Welt und gutem Ton nicht
    Sie wandte sich hierauf rasch von ihm ab und setzte sich zum Spieltisch der
sischen Gesandtin wo sie verweilte bis es zur Abendtafel ging
 
                                      VII
Bitter und im höchsten Grad aufgeregt war die Stimmung in welcher Alexander
ihr nachsah Das Schonungslose Auffallende ihrer brüsquen Entfernung beleidigte
ihn fast noch mehr als die ihn herabwürdigende Bedeutung ihrer Worte denn es
stellte ihn seiner Meinung nach vor der Welt bloß und er fühlte sich voll
Furcht dass ein seine Eigenliebe so demütigendes Benehmen von jedermann habe
bemerkt werden können, eben so empfindlich am Heiligtum äußerer Ehre
angegriffen als tief im Innern gekränkt durch das Unrecht das sie ihm tat
    Indes  dies letztere musste er ihr wohl verzeihen denn war er es nicht der
ihre zutrauensvolle Jugend durch Argwohn vergiftet und den Glauben an Wahrheit
Güte und Treue in ihr erschüttert hatte O wie gern hätt er jetzt ihn neu
erweckt  wie innig schmerzlich sogar war sein Sehnen sie möge milde ihm die
reine unbefleckte Hand reichen um aus seinem bisher so profanen Leben ihn in
ein besseres seiner würdigeres hinüber zu ziehen Was hätt er nicht darum
gegeben jenen feindselig erkältenden Eindruck wieder verlöschen zu können den
er einst so froh war in ihrem Herzen erregt zu haben Doch  wer vermag das Rad
der Zeit zurück zu wälzen und Geschehenes ungeschehen zu machen Noch verließ
ihn die Hoffnung sie zu gewinnen nicht denn nach den ersten Momenten
unmutiger Aufwallung flüsterte seine Eitelkeit Worte des Trostes in den Sturm
seiner Seele
    Sie zürnet Dir  Gott sei Dank  Du bist ihr nicht gleichgültig jubelte
er als er bedachte dass sie die Feingebildete unmöglich mit Verletzung aller
Höflichkeit so heftig von ihm geschieden sein würde wenn ihr Gemüt nicht im
lebhaftesten Kampfe zwischen Stolz und Neigung begriffen gewesen wäre
    Da er es nicht für geraten hielt heute noch den Versuch sie zu sprechen
zu erneuern so bemühte er sich wenigstens etwas näheres über ihre hiesigen
Verhältnisse zu erfahren
    Man erzählte ihm dass sie erst ganz kürzlich mit der sischen Gesandtin hier
angekommen sei Sie habe in Italien ihre Bekanntschaft gemacht und sei von
ihrer Mutter auf dem Sterbebette dem Schutz und der Fürsorge derselben empfohlen
worden Diese habe nach dem Tode der Frau von Willfried mit inniger Liebe das
teuere ihr anvertraute Pfand bei sich aufgenommen und Erna mit sich nach
Frankreich geführt wo ihr Gemahl früher ehe er hieher versetzt worden einem
diplomatischen Posten vorgestanden Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Paris
habe das veränderliche Loos seines Standes ihm hier seinen Platz als Gesandter
angewiesen und Erna die sich so innig zu dieser Familie zähle als sei sie
durch Bande des Bluts mit ihr verwandt sei ihr auch hieher gefolgt Man rühmte
sehr den anmutigen Ton dieses Hauses und riet Alexandern sich doch ja recht
bald dort einführen zu lassen da man stets einen auserwählten kleinen Zirkel
und die angenehmste Unterhaltung dort finde
    Um den Pfeil mit welchem Ernas Schönheit ihn verwundet hatte ihm durch
ihren steten Anblick noch tiefer ins Herz zu drücken wiess ihm der Zufall seinen
Platz bei der Abendtafel ihr gerade gegenüber an
    Wie brannte er vor Verlangen nur einem jener Blicke zu begegnen der wie
einst als er ein solches Glück noch nicht zu schätzen wusste ihm ihr vom süßen
Zauber der Liebe bewegtes Gemüt verraten hatte Aber umsonst Sie schien der
Erinnerung jener Zeit so ganz entfremdet zu sein so völlig seine Bekanntschaft
und das noch vor wenig Momenten Vorgefallene vergessen zu haben dass ihr Auge so
unteilnehmend und fremd über ihn hinwegstreifte als sei er gar nicht da 
wenigstens nicht für sie
    Und doch gewährte es ihm einen schmerzlichen Genuss sie unablässig zu
beobachten Die Unschuld und Unbefangenheit eines Kindes mit scharfem Verstand
und der feinsten Geistesbildung verbunden die größte Anspruchslosigkeit bei dem
entschiedensten Recht zu Ansprüchen stellte in ihrer Person ein seltenes aber
unwiderstehliches Gemisch von Liebenswürdigkeit dar das kaum ihrer siegenden
Reize bedurft hätte um jedes Herz magnetisch anzuziehen Heiter wie ein
Frühlingstag und sich der Fröhlichkeit des Augenblicks kindlich hingebend
unterhielt sie sich mit ihren Nachbaren und wer sie in diesem Austausch des
Scherzes und der geselligen Mitteilungen sah konnte schwerlich ahnen dass ihr
Geist in der Schule ernster Erfahrungen gereift ihr Gefühl im Prüfungsfeuer
tiefen Schmerzes geläutert sei
 
                                      VIII
Mismutig mit sich selbst entzweit und doch sein ganzes Wesen durch einen
neuen kräftigeren Impuls aufgeregt kam Alexander nach Hause und verträumte
noch manche Stunde in Ernas Andenken ehe der Schlummer sein müdes Auge schloss
Hätte er seiner Neigung nachgeben mögen so würde er am folgenden Tag schon
versucht haben Zutritt im Hause des Gesandten zu erhalten das ohne jemals
große Feste zu geben sich jeden Abend gastlich den Besuchen gebildeter und
befreundeter Menschen öffnete Aber nach der Art wie Erna ihn aufgenommen
schien es ihm zu kühn ihr in ihrer eigenen Wohnung zu nahen ehe nicht ein
zweites milderes Zusammentreffen am dritten Orte ihn dazu ermuntern würde Denn
auch nur den leisesten Schein einer Zudringlichkeit auf sich zu laden war
seinem Stolze unerträglich selbst hier wo es Beschwichtigung der innern ewig
nagenden Unruh und Linderung der Sehnsucht galt die an seinem Herzen zehrte
    Ernas Erscheinung wirkte indessen in seiner Seele fort indem sie ihn immer
mit sich beschäftigend von seinem gewohnten Tun und Treiben abzog Nie hatte
er einsamer und zurückgezogener gelebt Ganze Tage brachte er sich selbst
genug in seinem Zimmer zu über die tiefe Bedeutung ihres Charakters die
reiche Entfaltung ihrer schönen Anlagen nachzudenken So lebendig als sei sie
es wirklich erblickte er dann im Spiegel seiner Phantasie ihre schlank
aufstrebende hohe und doch in dem reizendsten Ebenmaas so sanft gerundete
Form und das seelenvolle Gesicht das in seinen Zügen einen so himmlischen
Ausdruck offenbarte Dann lag die ganze Welt versunken und vergessen hinter ihm
und nur ein einziges unendliches Gefühl sagte ihm dass er lebe aber nur um zu
wünschen und zu hoffen was doch so fern, in so unerreichbarer Höhe schimmerte
wie der Mond der seinen reinen Strahl zur dunkeln Nacht herab senkt
    Noch hatte nichts im Leben seinen Charakter zur tiefen Einkehr in sich
selbst zurückgedrängt Jetzt auf einmal fand die unstäte Begehrlichkeit seines
Sinnes einen festen Halt im Dasein Er fühlte sich besser als sonst folglich
auch ihrer würdiger Die Vergnügungen in denen er sich ehemals berauschte
ekelten ihn jetzt an  schaal und unschmackhaft waren ihm die Früchte der
Weltklugheit die er gegen den Preis eines reinen Herzens eingetauscht hatte
und gern würde er alle Blüten seines künftigen Lebens gleich einer Opfergabe
auf den Altar reiner Anbetung niedergelegt haben hätte Erna nur freundlich die
Hand ausstrecken wollen sie zu empfangen
    Die einzige Annäherung die er sich gestattete war des Abends wo er durch
die Straße ging in der sie wohnte Dann sah er zu den hellen Fenstern empor
wie man zu den Sternen aufblickt wenn man die Dürftigkeit der Erde recht tief
empfindend sich nach dem Himmel sehnt Ihm war dann als könne er wenn ein
leichter Schatten an den Wänden vorüberschwebte erkennen ob sie es sei oder
nicht und nicht nur manche Sekunde im flüchtigen Vorüberstreifen sondern ganze
halbe Stunden ruhig verweilend brachte er in seinen Mantel gehüllt dem Hause
gegenüber zu dessen Mauern so glücklich waren sie zu umschließen
    Acht Tage waren so seit jenem Ball vergangen  da fand er einst die Fenster
dunkel folglich seinen Abendspaziergang des höchsten Reizes beraubt
Verdrieslich darüber lief er zwecklos noch durch einige Straßen und als sein
Weg ihn am Opernhause vorüberführte und durch die Entfernung gedämpft Mozarts
Zauber in den herrlichen Tönen Don Juans sein Ohr traf beschloss er leise von
ihnen ergriffen einzutreten obgleich die Vorstellung längst begonnen hatte
 
                                       IX
Hier fand er unverhofften Ersatz für seine früher verfehlten Wünsche Denn als
er im Parterre stehend gleichgültig und finster sein Auge über die
schimmernden Logenreihen hingleiten ließ wurde er mit einem Male wie durch
einen elektrischen Schlag fest an eine Stelle gebannt Denn er erblickte Erna
welche  ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend  neben der Gesandtin
saß
    Dass sie mit unverwandtem Blick auf der Bühne ruhte begünstigte sein
Verlangen sie nur sie zu sehen da es unbemerkt von ihr geschehen konnte Wie
schön war sie wieder einfach fast nachlässig gekleidet und doch von
unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben Ein Spitzenschleier bezeichnete
mit seinem äterischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend die schöne
Form desselben und ein türkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt Ihre
sprechenden Mienen durch lebhafte Teilnahme an dem was sie sah und hörte mit
immer neuem kindlich reinem Ausdruck beseelt boten ihm in ihrem Anschauen
alles um sich her vergessend eine unerschöpfliche Fülle des Genusses und der
Bewunderung Daher kam es dass er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden
musste ehe er sich umsah eine Botschaft der Gräfin Tannow zu vernehmen
    Sie befinde sich in der Loge gerade über ihm ließ sie ihm sagen und
wünsche ihn auf ein Wort zu sprechen Ungern folgte er ihrem Geheiß denn wenn
er gleich in ihrer Loge den süßen Anblick nicht verlor der ihn hier fast zur
Bildsäule versteinert hatte so war er doch dort weniger unbemerkt und
gezwungen seine Blicke sorglicher zu bewachen als hier wo er weit
unbeachteter sich im Gedränge der Menge verlor
    Er musste indes gehorchen Man sieht Sie ja gar nicht mehr flüsterte die
Gräfin ihm zu als er über ihren Stuhl gebeugt sie begrüßte Haben Sie die
Absicht ein Einsiedler zu werden so bitt ich diesen Plan wenigstens noch ein
paar Tage aufzuschieben denn ich habe auf Sie gerechnet und zur Strafe für
Ihre Misantropie so unumschränkt über Sie disponirt als hätte ich das Recht
Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gütern zu zählen
    Ahnungslos welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschließen werde
antwortete er mit sauerm Mismut im Herzen aber mit der behenden Gefälligkeit
eines gewandten Hoffmanns dass er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger
unterwerfe und sie daher vollkommen berechtigt sei in jeder Hinsicht über ihn
zu gebieten
    Der Winter ist so schön und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht
benutzt fuhr die Gräfin fort denn Bälle Schauspiele und Assembleen könnte uns
allenfalls auch der Sommer gewähren nun hör ich dass seit gestern herrliche
Schlittenbahn sein soll und habe ein Projekt entworfen wie wir den morgenden
Tag recht genießen wollen Um zwölf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum
Frühstück geladen Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach und
haben die Ehre mich nach Bellevue zu fahren Dort erwartet uns das Diner in der
Orangerie Mit Fackelschein fahren wir zurück und da ein Tag der so heiter
beginnt notwendig auch ein frohes Ende haben muss so bringen wir den Abend bei
dem sischen Gesandten zu der mit seiner Familie auch von der Partie sein
wird und sichs ausgebeten hat dass wir dann sämtlich bei ihm absteigen
    Der Nachsatz ihrer Rede söhnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus
denn nur mit innerem Widerstreben aus Höflichkeit nicht aus Neigung da er zu
geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war hätte er sich außerdem in ihren
Plan gefügt der jetzt seine kühnsten Erwartungen übertraf So sollte er sie
wiedersehen ohne in dem misfälligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen
ohne sie aufzusuchen ja auf eine Art selbst gesucht die seinem Stolz
schmeicheln und ihm einiges Ansehen in ihren Augen verschaffen musste da die
Gräfin Tannow die ihn zu ihrem Führer wählte eine der gefeiertesten Damen der
Residenz war
    Freudig einwilligend verbeugte er sich und würde ihr sein Entzücken noch
lebhafter bezeugt haben wenn nicht teils die Klugheit ihm geraten hätte es
zu verbergen teils ein Anblick ihn so befremdet und zerstreut hätte dass es
ihm nicht möglich war sich gehörig zu sammeln
    Es trat nämlich ein junger Mann in die Loge des Gesandten der mit allen
Kennzeichen genauer traulicher Bekanntschaft Platz hinter Erna nahm
    Eine angenehme Gestalt und ein freier durch Welt und gute Erziehung
gebildeter Anstand zeichnete ihn aus  mehr noch ein gewisser Ernst der reifer
wie seine Jahre war und sich fast zur Düsterheit hinneigte In dem freundlichen
Empfang der ihn von Seiten der Gesandtin und Ernas wurde lag ein eben so
unverkennbarer Ausdruck von Achtung als von Wohlwollen und unwillkürlich
beneidete er den Unbekannten um das Lächeln und den herzlichen Gruß mit
welchem Erna ihn aufnahm
    Er verarbeitete das Unbehagen in sich das bei diesem Anblick mit
plötzlichem Schauer die frohen Wallungen seines Blutes kühlte und als er wieder
so viel Ruhe gewonnen hatte um gleichgültig fragen zu können forschte er nach
dem Namen des ihm völlig Fremden und erfuhr dass es Herr von Linovsky der
Legationssecretair und sehr geachtete Hausfreund des Gesandten sei Die Gräfin
schilderte ihn als einen guten klugen aber etwas bizarren Menschen der den
Philosophen spiele allen geselligen Freuden abgeneigt aber demungeachtet
seiner übrigen guten Eigenschaften wegen von den beiden Damen sehr wohl gelitten
sei
 
                                       X
Da Erna nach der ersten Begrüßung sich wieder ruhig zum Theater wandte und
Linovsky sich keineswegs bemühte sie durch seine Unterhaltung davon abzuziehen
so stillten sich in Alexandern allmählig die eifersüchtigen Regungen die ihm
von neuen bestätigt hatten wie teuer ihm das liebenswürdige Mädchen geworden
sei
    Ohne das mindeste Recht auf sie ja selbst ohne eine eigentliche Hoffnung zu
haben war ihm doch als sei sie mit tausend unzerreissbaren durch heiße Liebe
gewebten Banden an ihn geknüpft und als dürfe niemand wagen sie ihm streitig
zu machen oder auch nur in bescheidener Entfernung Wünsche in Beziehung auf sie
zu hegen die er sich allein vorbehielt
    Er fühlte es sei die höchste entscheidendste Zeit die Bahn unwürdiger
Verirrungen nun auf immer zu verlassen und den Weg der Tugend künftig zu
wandeln und übersättigt vom austrocknenden öden Weltleben sehnte er sich
danach  aber er fühlte auch dass er der himmlischen Stütze der Liebe bedurfte
um mit Hilfe ihrer Allmacht zu dem höheren Standpunkt empor zu klimmen von dem
ihn bisher Leichtsinn und Frivolität geschieden hatte Schon war sein Herz mild
erwärmt von jener heiligen Flamme die über alle ehemaligen Täuschungen der
Sinne ihn erhebend keinem Rausche sondern einer inneren Verklärung gleich
durch die das Leben sich läutert aber Ernas Betragen deutete nicht auf die
Wahrscheinlichkeit einer einstigen Erwiderung seiner Gefühle denn der ruhige
Ernst ihrer Züge und die kühle Stille ihres Blicks wenn er dem seinigen
begegnete schlug seine feurigen Hoffnungen nieder doch nur um  Nahrung aus
seinen Wünschen schöpfend  sich bald wieder von neuem zu entzünden
    Er nahm sich vor mit der leisesten Behutsamkeit zu verfahren um durch ein
immer gleiches bescheidenes Benehmen Ernas Unwillen so wie ihr Mistrauen zu
entkräften Dann erst das sagte ihm die Vernunft und ein gewisser innerer Takt
der sich nicht abläugnen ließ dann erst wenn er allmählig sich wieder in den
Besitz ihrer Achtung gesetzt haben würde durfte er einen günstigen Erfolg
erwartend ihr die innigeren Empfindungen bekennen von deren Austausch er sich
jetzt allein das Glück seiner Zukunft versprach
    Er konnte nicht umhin die Gräfin als die Oper geendigt war an ihren Wagen
zu begleiten Auf der Gallerie die den Eingang zu den Logen bildete begegnete
er Erna am Arme des Gesandten seine Gemahlin von Linovsky geführt Man
wechselte einige freundliche Worte die sich auf die Hoffnung bezogen den
morgenden Tag gemeinschaftlich mit einander zu verleben und scherzend
präsentirte die Gräfin den Damen in Alexandern den Ritter dessen kräftigen Arme
sie morgen Leben und Wohlfahrt anzuvertrauen gesonnen sei Mit vieler
Höflichkeit ergriff der Gesandte diese Gelegenheit durch eine directe Einladung
an ihn zum nächsten Abend die frohe Erwartung zu bestätigen welche die Gräfin
schon früher in ihm erweckt hatte sich gleichsam ohne sein Zutun in einem
Hause eingeführt zu sehen das  weil es ihr Aufenthalt war  ein so
unbeschreibliches Interesse für ihn hatte
 
                                       XI
Die Hälfte der Nacht verging unter Anordnungen zum folgenden Morgen der so
ahnungsvoll über ihn anbrach als sei er der Verkündiger einer neuen
wichtigeren Epoche seines Lebens
    Mit stiller Sebstzufriedenheit besah er sein Schlittengeschirr das das
glänzendste und geschmackvollste der Residenz war Denn er liebte den Luxus und
sein Vermögen setzte ihn in den Stand allem was ihm angehörte den Stempel
einer Eleganz aufzudrücken die durch edle Auswahl um so lieblicher ins Auge
fiel
    So hatte er auch hier da das Schlittenfahren zu seinen
Lieblingsvergnügungen gehörte Sorge getragen es auf eine seine Eitelkeit in
jeder Hinsicht befriedigende Art genießen zu können und es war nicht zu
leugnen dass wenn sein silbernes Glockenspiel harmonisch erklang der Anblick
des schimmernden Schlitten des mit männlicher Grazie und Leichtigkeit ihn
lenkenden Führers und des mutigen auserwählt schönen Rosses das aufs
zierlichste geschmückt war etwas zauberisches in der Erscheinung hatte Der
reiche Anzug seines Vorreuters die Farben des Schlittens und seiner eigenen
Uniform waren so passend gewählt dass eins durch das andere gehoben wurde und
die reine Winterdecke des Schnees bildete nirgends den Grund zu einem
anmutigeren Gemälde als wenn er wie auf Sturmwindsflügeln auf diese Weise
vorüberflog
    Ungeduldig zählte er die einzelnen Schläge der Uhr die der Stunde
vorausgingen welche ihn zu Ernas Wiedersehen rief  aber als sie nun selber
schlug die lang ersehnte da zögerte er schüchtern mit sich selbst kämpfend
und alle Blödigkeit der ersten Jugend in dämmernder Erinnerung schon abgelegt
kehrte in ihn zurück und vereinigte sich mit der nie gekannten Furcht zu
misfallen um ihn ängstlich so lang wie möglich zurück zu halten
    Es war ihm als habe ihn gleich einem Läuterungsbad der nie empfundene
Zauber einer wahren ernsten Liebe den er jetzt empfand von all den Flecken
gereinigt mit denen die Verdorbenheit der Welt und seines eigenen Sinnes früher
sein Gemüt entstellt hatte Er fühlte sich weich wehmütig kindlich geworden
Weinen hätt er mögen um die verlorene entweihte Vergangenheit die eine so
tiefe Kluft zwischen ihn und Erna warf wenn nicht die Hoffnung tröstend in ihm
den Glauben gestärkt hätte dass Reue die ja mit dem Himmel versöhnt auch ihn
ihr wieder nähern werde Er gelobte sich selbst wenn es ihm gelänge die
Herrliche zu gewinnen durch ein untadelhaftes Leben sich ihres Besitzes wert
zu machen und wenn gleich manche Schwierigkeit sich vor ihm auftürmte so
zeigte der Spiegel der Zukunft seiner Sehnsucht doch in der Ferne dies
neidenswerte Loos Hatte sie ihn doch geliebt als seine Fehler wie üppig
wucherndes Unkraut in seiner Seele jeden Keim des Besseren erstickten  wie
sollte sie ihn jetzt zu hassen vermögen da Wunsch und Vorsatz der Besserung
sein Inneres veredelte und ihn moralisch ihr um so viel näher brachte Versenkt
in diese Träume denen die Hoffnung ein so rosiges Kolorit lieh vergaß er zu
gehen bis ein Eilbote der Gräfin ihn an sein Versprechen erinnerte
    Die Gesellschaft war schon versammelt und mit dem Frühstück bereits fertig
als er atemlos herein trat
    Ich habe Ihre Galanterie nicht wenig verläumdet rief ihm die Gräfin
entgegen oder vielmehr Ihr spätes Kommen hat es getan und nur weil Gnade bei
mir vor Recht geht sollen Sie noch eine Tasse kaltgewordene Chocolade haben
    Er wollte sich entschuldigen aber der Blick in Ernas großes ernstes Auge
machte ihn verwirrt und widerspenstig verweigerte ihm die Fülle der Worte ihren
Dienst die ihm sonst so leicht zu Gebot stand Der Gruß mit welchem sie den
seinigen erwiderte war nur höflich und die stille Kälte ihrer Mienen die
abgemessene Fremdheit ihres Benehmens gegen ihn schnitt um so schmerzlicher in
sein warmes Herz da er sich von dem heutigen ungezwungenen Beisammensein mit
ihr so viel versprochen hatte
 
                                      XII
Er war daher froh als das Signal zum Aufbruch seine Verlegenheit beendigte
Still und wortkarg lenkte er den Schlitten durch die schneebedeckten Gefilde
wenig in der Gräfin heiteres Plaudern eingehend und seine düsteren Gedanken
reuig in die Vergangenheit zagend in die Zukunft senkend
    Der Weg führte durch einen Tannenwald dessen dunkles Grün die Hülle von
Schnee zuweilen durchbrach wie eine leise Hoffnung in ihm die Nacht der
Resignation durchschimmerte zu der Ernas an Geringschätzung gränzende
Gleichgültigkeit ihn zu verdammen schien
    Auf einer Anhöhe zu der wo der Wald aufhörte eine breite Allee sanft
empor leitete lag Bellevue das Ziel ihrer Fahrt und hell und freundlich von
der mittäglichen Sonne beschienen strahlte ihnen das wohlgebaute Schloss mit den
weit ausgebreiteten Orangeriegebäuden entgegen die es umgaben
    Dort stiegen sie aus und wandelten umher Der Reichtum so vieler
tropischen Gewächse die Zierden jedes Himmelsstrichs und der Triumph der
Kunst die selbst in dieser Jahreszeit die dem Sommer eigentümlichen Blumen zum
Blühen zwang machte auf Erna die der Pflanzenwelt so hold war einen kindlich
frohen ihr ganzes Wesen freudig umwandelnden Eindruck
    Auch Alexander fühlte sich freudiger angeregt indem er bemerkte dass in
dieser sanften Neigung wenigstens ihr Gefühl dem seinen begegnen müsse denn an
Kinder an Musik und Blumen hing sein Herz vorzüglich und beurkundete eben
dadurch dass es ursprünglich eine edlere Tendenz von der Natur erhalten hatte
als sich im Getöse seelenloser oft gar die Seele entweihender Freuden müde zu
schlagen Er selbst zog in seinen Zimmern mit der genausten Sachkenntnis und
mit wahrer väterlichen Liebe die schönsten Blumen und so ungeduldig er auch
übrigens war so konnte sein rascher Sinn doch mit der größten Behutsamkeit und
Ausdauer das Entwickeln und Fortschreiten einer Knospe belauschen oder dem
leisen Entfalten einer lang ersehnten Blüte entgegen harren
    Es näherte ihm Erna auf eine zwanglose und ganz zufällig scheinende Art dass
seine botanische Gelehrsamkeit ihr viele Namen die ihr fremd waren zu nennen
wusste und da er diese Wissenschaft nicht bloß systematisch sondern mit wahrer
entschiedener Vorliebe und Anwendung auf das praktische Leben geübt hatte so
konnte er ihr mehr mitteilen als die trockene Nomenclatur allein bietet und
fügte die Eigenschaften, Zwecke und charakteristischen Tugenden eines jeden
Gewächses das ihr eine neue Erscheinung war mit hinzu
    Eine so harmlose Unterhaltung machte sie zutraulich Schon hörte sie nicht
nur mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu sondern suchte durch
Fragen ihren Umfang zu erweitern und durch Einwürfe und oftmals keck genug
ausgesprochene Zweifel sich immer gründlicher durch seine Mitteilungen zu
unterrichten Unvermerkt entfernten sie sich von den Übrigen die weniger
lebhaften Anteil an den Einzelnen nehmend sich lieber dem Gesammteindruck
dieses erkünstelten Frühlings überließen und vor der prächtigen camellia
japonica stehend docirte er ihr mit vielem Ernst dass sie vermöge des ewig
frischen Grüns ihrer Blätter und des pergamentartigen Stoffs ihrer Blüten zu
dem Geschlecht der Orangerie gehöre in China und Japan zu Hause sei und die
Eigenheit besitze dass ihre vom höchsten Purpur bis zum reinsten Weiß
übergehenden Blüten abfallen ehe sie noch verwelkt sind
    Diese Worte schienen in Ernas leicht bewegtem Gemüt eine sonderbare
Erschütterung hervorzubringen Abfallen vor dem Verwelken welch ein
neidenswertes Loos sagte sie leise vor sich hin und beugte sich auf eine der
Blüten herab die obgleich nur sanft von ihr berührt sich vom Stiel trennte
und herab säuselte
    Schnell hob Alexander sie auf Wie eine Mutter in ihren Kindern noch
fortlebt sprach er so pflegt man diese Blüten auf junge Knospen ihres Stammes
zu setzen wo sie noch lange in ihrer Schönheit fortdauern ohne eine andere
Nahrung in sich zu ziehen als die die sie in ihrer eigenen Kraft finden
    Sie nahten sich jetzt der Plumeria rubra und Erna fragte ob dies nicht
eine Abart des Oleanders sei den sie in südlichen Ländern so oft im Freien habe
blühen sehen
    Alexander musste eine flüchtige Familienähnlichkeit zwischen diesen Gewächsen
anerkennen berichtigte aber den freundlichen Irrtum in welchem sie gleichsam
eine alte Bekanntschaft in dieser Pflanze zu erneuern wähnte dahin dass er ihr
aus einander setzte wie sie aus Jamaika abstammend nur in heißen Lüften
gedeihe und schon in den sonderbaren mit einander gleichlaufenden und noch
vor dem Rande der grünen Blätter sich wieder vereinigenden Seitenadern ihre
indische Herkunft beurkunde da eine solche Zeichnung europäischen Gewächsen
nicht eigen sei Sie verlange stets eine gleiche und nicht zu schwache
Temperatur der Wärme und lohne die sorgsame Pflege die ihr unter kälteren
Zonen Bedürfnis sei durch ihren herrlichen Duft der ihr in ihrer Heimat auch
noch die Benennung roter Jasmin zugezogen habe Ihren botanischen Namen
verdanke sie dem verdienstvollen französischen Pater Plumier der zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts die westindische Naturgeschichte mit so vielem Eifer
untersuchte so treffliche Entdeckungen als Resultate seines Forschens uns
hinterließ und der erste war der diese Zierde eines fremden Himmelsstrichs
nach Europa sandte
    Mit vielem Interesse hörte Erna ihm zu Wie schön find ich diese Art das
Andenken eines Naturforschers zu ehren sagte sie Ein unvergänglicheres
Denkmahl als Erz und Marmor bieten können blüht ihm in der ewig sich
erneuernden Jugend und Schönheit des Pflanzenlebens und trägt seinen Namen
dankbar in ferne Jahrhunderte hinüber
    Ich kanns nicht ausdrücken fuhr sie zur Gräfin gewendet fort die sich
ihr genähert hatte welchen warmen Anteil gerade dieser Zweig der
Naturgeschichte in mir erregt welch eine eigene schmerzlich süße Bedeutung
mein Gemüt in das stille Knospen Treiben und Vergehn der Pflanzen legt Es
gemahnt mich wie das menschliche oder vielmehr wie das weibliche Leben das
auch so eng beschränkt auf eine Stelle sich oft wie in eine stehende Form des
Daseins gegossen nur entfaltet um zu verblühen  selten bemerkt  seltener
noch gekannt 
    Warum schließen Sie aber die Männer aus liebes Kind fiel die Gräfin
schalkhaft ein Freilich  es wäre ihnen zu viel Ehre erzeigt ihnen unter den
Blumen ihren Platz anzuweisen  und sie in die Klasse des Unkrauts zu stellen
dazu sind sie offenbar zu gut Aber es fände sich ja wohl eine andere
passendere Rubrick für sie Lassen Sie uns ein wenig nachdenken Sollen wir sie
zu den Schmetterlingen zählen die das Blühende umflattern so lange es blüht 
Oder zu den Dornen deren Zweck mehr zu verwunden als zu schützen ist Oder zu
den Würmern die oft zerstörend die geheimsten Wurzeln des Daseins zernagen dass
die zarte Staude hinwelkt ohne dass ein menschliches Auge die Ursach ihres
Leidens wahrnimmt 
    Erna wurde rot Ihr Auge erhob sich mit dem schüchternen Ausdruck leisen
Forschens welchen Eindruck diese Worte auf ihn machten zu Alexandern welcher
aufgebracht über den bitteren Scherz der Gräfin der seine stille Unterhaltung
störte und Ernas Stimmung sichtlich eine andere Richtung gab sich schweigend
in die Lippen biss
    Das sanfte Mitleid mit seinem gerejetzten und peinlichen Zustande gab indes
ihrem Blick einen unwillkührlichen Ausdruck von Zärtlichkeit der alle
Bitterkeit des Unmuts in ihm verlöschte und indem sie leicht und schonend das
Gespräch auf andere Gegenstände wandte sparte sie ihm die Anstrengung mit so
befangener Seele in die ihm misfällige Heiterkeit der Gräfin eingehen zu müssen
    Sie fragte nämlich nach einer Gemäldesammlung die wie sie gehört hatte
interimistisch im Schloss Bellevüe aufbewahrt werde bis ein eigenes Local in
der Residenz für sie eingerichtet sei und in welcher zwar noch ungeordnet und
bunt unter einander gemischt doch manche interessante Erinnerung aus grauer
Vorzeit manches Andenken an später lebende berühmte Menschen in ihren Bildern
enthalten sein solle
    Alexander kannte diese Sammlung und erbot sich zum Cicerone und da der
kurze Wintertag nicht lange mehr volle Beleuchtung von außen versprach so eilte
man sie noch vor der eintretenden Dämmerung zu betrachten
 
                                      XIII
Alexander führte sie in einen Saal der durch mehrere Stockwerke gehend und mit
Gallerieen umgeben an seinen hohen Wänden die Heldengestalten der
Vergangenheit gepaart mit den schönsten Frauen ihres Zeitalters zeigte
    Zunächst begrüßten sie Heinrich den Vogler den wackeren Kaiser der der
Stifter der Turniere und ihrer edlen Gesetze war
    Einen Falken auf der tüchtigen Faust der mit den sonnenhellen Augen lüstern
um sich blickt schaut der tapfere Held in seiner ritterlichen Tracht eine
rote gekrümmte Hahnenfeder auf dem Haupt gar fest und gebietend um sich her
während nach altdeutscher Weise aus seinem Munde Verse gehen die derb und
bieder in ihrer kaum mehr verständlichen Sprache an jene unverfeinerte aber
kräftige Epoche mahnen
    Die Gräfin fand es in seiner listigen Physionomie ausgesprochen dass es im
Leben seine Freude war die harmlosen Waldbewohner zu berücken und mit der
Leimrute oder im betrügenden Netz des Vogelheerds ihnen das kostbare Gut ihrer
Freiheit zu rauben
    Erna aber stets milde Ansichten habend las neben dem Heldensinn der aus
seinem Auge blitzte die väterliche Milde mit der er einst seiner ungehorsamen
Tochter Helena vergab als sie mit ihrem Entführer dem Grafen von Altenburg in
eine böhmische Wildnis geflüchtet und zufällig von ihm der sie fünf Jahre
betrauert hatte entdeckt worden war Sie hielt ihn für einen fremden Ritter
denn sie erkannte ihn nicht da er im tiefen Schmerz um ihren Verlust während
ihrer langen Entfernung weder sein Haupt noch seinen Bart hatte scheeren lassen
was zu den Zügen des Grams und des vor der Zeit dadurch herbeigelockten Alters
noch den wilden Ausdruck einer fast an Wahnsinn gränzenden Verworrenheit
gesellte
    Er aber erkannte den undankbaren Liebling seines Herzens sogleich doch
männlich sich zusammen nehmend lies er nicht ahnen wie tief bewegt sein schwer
gekränktes väterliches Herz war
    Und als Helena fröhlich nach so langer Abgeschiedenheit endlich einmal
wieder Kunde von der Welt und ihren neusten Begebenheiten zu vernehmen durch
mancherlei Fragen nach ihnen forschte drängte nicht kindliche Liebe Reue oder
Sehnsucht das Wort über ihre Lippen wie es Kaiser Heinrich ergehe
    Als nun der Kaiser ihre Gesinnung auf die Probe zu stellen ihr erwiderte
dass er seit einem Jahr schon verschieden und die zeitliche Krone mit der ewigen
vertauscht habe hoffte er vielleicht leise eine Träne werde aus dem Auge
seines Kindes als vermeintliches Todtenopfer ihm fallen
    Aber Helena schlug jauchzend in ihre Hände und freute sich eine Waise zu
sein weil sie nun die Einsamkeit verlassen dürfe die selbst an der Seite des
Geliebten ihr drückend war
    Was wolltet Ihr denn tun edle Frau fragte Heinrich wenn Ihr den Kaiser
in Eurer Macht hättet gleich wie nunmehr mich
    Wir wollten ihm das Licht heute auf eine Weise auslöschen antwortete
Helena dass er das morgende nimmer erblicken sollte
    Nach lang geführtem Gespräch in welchem der gekränkte Vater sich sorgsam
bewachte um sich nicht zu verraten bettete Helena ihn sanft aus Dankbarkeit
wie sie sagte für die ihr gegebene frohe Nachricht und entließ ihn am anderen
Morgen ohne zu vermuten wen sie unter ihrem Dache bewirtet habe
    Als aber der Kaiser wieder zu den Seinigen gekommen war sammelte er ein
Kriegsheer und bewaffnete es mit Beilen um einen Weg durch das Dickicht des
Waldes zu bahnen bis sie das Schloss seiner unkindlichen Tochter erreichten das
er bestürmen ließ
    Als nun der Graf von Altenburg sich so feindlich umzingelt sah fragte er
wer es wage ihm mit Kriegsüberzug zu nahen und Kaiser Heinrich donnerte es
in sein Ohr während er an der Spitze des Heeres den grauen Ritter erblickte
den er vor kurzem unerkannt bei sich beherbergte
    Und als nun ein Herold ihn zur Übergabe auffoderte und ihm verkündete dass
es des Kaisers Befehl sei ihn tot oder lebendig in seine Hände zu liefern
griff der Graf verzweiflungsvoll zum Bogen sich bis zu seinem letzten
Blutstropfen zu verteidigen  aber in fünfjähriger Ruhe war die Senne desselben
vermodert und es blieben ihm nur Steine zur jämmerlichen Notwehr
    Da zerraufte sich Helena das Haar und lief mit gerungenen Händen auf die
Zinne des Schlosses und rief hinab mit herzzerschneidenden Jammertönen Wisst
dass wo mein Herr und Gemahl seines Lebens beraubt werden soll ich das meinige
keine Stunde verlängert sehen will und dafern mich keiner von Euch ermorden
mag soll meine eigene Hand so beherzt sein mir die Brust zu durchstossen
    Da stritten in dem schwer beklommenen Vaterherzen Hass und Liebe und Mitleid
mit einander, und die sanfteren Empfindungen siegten und bezwangen den
gerechten Zorn Knieend beugten sich die Fürsten und Herren die ihn umgaben
vor ihm und legten eine Fürbitte ein die Schuldigen zu verschonen und durch
Vergebung ihres Unrechts zu begnadigen
    Tränen perlten an des Kaisers grauen Wimpern und rollten seine
eingesunkene Wange herab O wie mancherlei Fäll hat doch die Liebe brach er
aus Wohlan es soll Euerer Fürbitt gewillfahret werden
    Diese milde väterliche Antwort öffnete wie durch einen Zauberschlag ohne
alle fernere Gewalt das Schloss und die Liebenden kamen zwar bebend aber nicht
mehr zaghaft hervor und warfen sich in Demut nieder vor ihren beleidigten
Herrn und Vater der sie aber liebreich aufhub ihnen verzieh und sie wieder
mit sich in sein Hoflager führte
 
                                      XIV
Ich muss gestehen ich wäre nicht so bereitwillig gewesen zu verzeihen sagte
die Gräfin und es scheint mir eine große Schwäche des Geistes und des
Charakters anzudeuten dass der gute Kaiser nach solchen Erfahrungen wie ein ganz
gewöhnlicher Komödienvater sich benahm und statt zu strafen vergab und vergaß
Ich hätte an seiner Stelle den Herrn Grafen laufen lassen die saubere Helena
aber in ein Kloster gesteckt um  nicht die Leidenschaft der sie gefolgt war 
wohl aber die Lieblosigkeit ihrer kindlichen Gesinnung gehörig zu büßen
    Dass die gefühllose Tochter dies verdient hätte bestreite ich nicht
unterbrach sie Erna aber sollte was Ihnen Armut des Geistes dünkt nicht eher
ein Reichtum des Herzens gewesen sein der den Kaiser vielleicht unwillkürlich
bewog nicht als Richter sondern nur als Vater zu handeln Wie der Ozean den
Tropfen verschlingt dass keine Spur mehr sein kurzes Dasein verrät so tilgt
die Liebe durch ihre unüberschwängliche Fülle ja auch die einzelnen Kränkungen
und Beleidigungen aus die uns von außen kamen denn die Liebe überwindet alles
und vergibt alles 
    Mit brennenden Blicken lauschte Alexander ihren Worten die so tröstlich die
dunkle Wolke seines Schicksals mit dem goldenen Saum der Hoffnung zu schmücken
schienen Errötend bemerkte sie die hochgespannte Achtsamkeit mit der er ihr
zuhörte und setzte Misverständnissen vorbeugend hinzu die himmlische Liebe
nämlich die das eigentliche Leben ist und die Nacheiferung dessen der seine
erwärmende Sonne Bösen und Guten scheinen lässt und seinen erquickenden Regen
über Gerechte und Ungerechte verteilt und die weil sie nicht im Irrdischen
sondern in einer höheren Region ihr Wesen gründete unsterblich ist und
unsterblich macht
    Sie wandte sich hierauf wieder zu den Gemälden und die Lebendigkeit mit
der sie nach echt weiblicher Art sich in der Geschichte wenig um die
Heldentaten berühmter Männer desto mehr aber um die kleinen individuellen Züge
ihres Privatlebens und um die zeitgemässen Eigenheiten ihrer Sitten bekümmert
hatte und die Genauigkeit mit der ihr treues Gedächtnis sich ihrer erinnerte
charakterisirte ihr Geschlecht auf eine sehr anmutige Weise und nahm ihrem
Wissen das sie unbefangen und freudig aussprach jeden pedantischen Anstrich
gesuchter Gelehrsamkeit da es nur als freundlicher Anteil an dem menschlich
empfundenen Wohl oder Weh der längst in Staub Verwandelten erschien
    Es machte ihr Vergnügen mit dem Gesandten der die Geschichte als sein
Lieblingsstudium trieb ein kindlich neckendes Examen anzustellen in welchem er
oft nicht zu bestehen im Stande war da sie begehrte er solle in die größten
Einzelnheiten eingedrungen sein und immer mehr den Menschen als seinen
öffentlichen Charakter im Auge behalten haben
    Er hingegen der Würde des historischen Zwecks sich bewusst und ihn auf
höheres beziehend als auf das eigentlich menschliche Leben von dem schon
Salomon behauptet dass es nichts neues zu bieten habe hatte ihn im Allgemeinen
aufgefasst und weniger enge Gränzen der Übersicht sich gezogen Wohlgeordnet
wusste er die allmählich aus der Nacht hervortretenden Fortschritte der Bildung
nach ihrer Zeitfolge sich vorüber zu führen aber von dem eigentlich Häuslichen
Herzlichen der Vergangenheit das für Erna die Hauptsache war hatte er keine
Notiz genommen
    Daher als sie jetzt vor Otto des Großen Bilde standen wusste er zwar in der
möglichst chronologischen Ordnung dazutun dass dieser seltene wahrhaft große
Mann im Jahr 937 in Aachen von Hildebert Erzbischoff zu Mainz gekrönt worden
sei tapfer als Kriegsheld für Recht und deutsche Ehre gekämpft ritterlich
seine Feinde überwunden stets einen frommen gottseligen Wandel geführt habe
und im Jahr 973 in Quedlinburg unter heiligen Betrachtungen der sieben letzten
Sterbensworte des Erlösers sanft und selig verschieden sei worauf man seinem
entseelten Leichnam die Ruhestätte in Magdeburg angewiesen das durch die
Durchzüge barbarischer Völker verwüstet von ihm neu gegründet und durch den
ehrwürdigen Dom daselbst wahrhaft kaiserlich für alle Zeiten ausgestattet worden
sei
    Als nun aber Erna ihn fragte was der große Kaiser einst am Osterfeiertag in
Pavia erfahren und welche mächtigeren Feinde als ein Kriegsheer von außen er
rühmlich damals in seinem Innern bezwungen habe wusste er ihr nicht Rede und
Antwort zu geben
    Triumphirend ihn belehren zu können trug sie daher im Chronikenton ihm die
Begebenheit vor die sich da ereignete und lächelte gutmütig über sich selbst
indem sie wie sie sagte vor einem so gründlich unterichteten Publicum als
Lehrerin der Geschichte auftrat
    Als nämlich einst Otto das Osterfest in Pavia beging wurde seine Tafel
unter andern Speisen auch mit einem Osterfladen besetzt dessen köstlicher Duft
einen jungen Herzog von Schwaben der sich am kaiserlichen Hof aufhielt zu
lüsterner Begierde reizte
    Ohne das genäschige Verlangen nach dem Genuss dieses Fladens mäßigen zu
können oder zu wollen erdreistete er sich ehe noch der Kaiser herein getreten
war ein Stück davon abzubrechen
    Ergrimmt wurde der Truchses diese Verletzung schuldiger Ehrfurcht gegen
Kaiserliche Majestät in der frevelhaften Verunzierung seiner Tafel gewahr und
erhob seinen Stab das knabenhafte Beginnen des jungen Herzogs zu züchtigen
    Aber unglückseliger Weise verwundete er ihn und der Hofmeister desselben
Herr Heinrich von Kempten wurde durch das Blut seines Zöglings das er fließen
sah so in Wut versetzt dass er den Truchses diese Schmach zu rächen auf der
Stelle niederstiess
    Als nun der Kaiser in der Absicht sein Mahl zu halten herein trat und den
treuen Diener ermordet zu seinen Füßen erblickte entbrannte er in ungemessenem
Zorn und befahl den Täter augenblicklich hinzurichten
    Da warf sich der Hofmeister zu seinen Füßen und flehte nur um ein kurzes
Gehör sich verantworten zu dürfen
    Aber Otto versagte es ihm in der Heftigkeit der Leidenschaft und
wiederholte den gegebenen Befehl ihn sogleich ohne Aufschub zum Tode zu
führen
    Da bemächtigte sich des Unglücklichen die Verzweiflung die nichts mehr zu
hoffen nichts mehr zu fürchten hat Außer sich fiel er den Kaiser an der sich
dieser Kühnheit nicht versah schlug ihn zu Boden raufte ihm den Bart aus und
würde ihn mit starker Faust erwürgt haben wenn nicht die Umstehenden
hinzugeeilt wären und mit vieler Mühe ihn aus den Händen des Rasenden gerettet
hätten
    Jetzt wollte man empört über so unerhörte Freveltat ihn zum Tode
schleppen ohne einen neuen Befehl des atemlosen Kaisers dazu zu erwarten
    Aber siehe  er winkt mit der Hand  noch kann er nicht sprechen doch sein
gütiges Auge befiehlt Schonung  zerknirrscht von Schaam und Reue steht der nun
wieder zu sich selbst gekommene Verbrecher in der Ferne
    Da ruft ihn Otto zu sich und spricht mit sanftem Ton »ich bekenne dass
nicht Du sondern Gott durch Deine Hand mich gezüchtiget und geschlagen dieweil
ich das Obrigkeitliche Amt in Anhörung der Sach durch Zorns Verleitung hab
unterlassen Weil ich nun meines Amts vergessen so hat mich Gott an diesem Tag
des Herrn durch Deine Züchtigung mit gebührendem Schmerz erinnern lassen wie
ich mich hinführo in dergleichen Fällen verhalten soll Deswegen rede was zu
Deiner Notdurft dient darob ich wissen kann wie diese Begebnis zu
entscheiden
    Hierdurch ermutigt trug Heinrich von Kempten ihm hierauf in geziemender
Ehrfurcht den Verlauf der Sache vor und fügte die demutsvolle Bitte um
Vergebung seines zwiefachen Vergehens auf seinen Knieen hinzu
    Zorn und Rachsucht schwiegen in des Kaisers edlem Herzen und er hob das
früher gefällte Todesurteil wieder auf und begnadigte den Reuigen Doch
dieweil Du mir den Bart die Zierde des Mannes mit kühner Hand zerrauft und
verwüstet hast fügte er hinzu so sollst Du eine Zeitlang mein Angesicht
meiden und mir nicht unter die Augen treten
 
                                       XV
Lachend über den Schluss der Erzählung die Erna mit komischem Ernst vortrug auf
eine Menge alter Autoritäten sich berufend aus denen sie dieselbe geschöpft
hatte wandelte man noch lange umher um  von der eintretenden Dämmerung
gedrängt  wenigstens flüchtig noch die übrigen Portraite zu betrachten die als
Stufen der nach und nach sich entwickelnden Kunst und als Gepräge ihres
Zeitalters so viel Interesse einflössten
    Nur momentan verweilte man bei Otto dem Dritten dem schönen jugendlichen
Kaiser den Eifersucht in Italien durch ein paar vergiftete Handschuh im Lenz
des Lebens dahin raffte und bei Adolph von Nassau dem mutigen
Nonnenentführer der so früh Krone und Leben verlor Mitleidig gingen sie an dem
unglücklichen Heinrich dem Vierten vorüber den der eigene undankbare Sohn vom
Throne drängte ihm nicht nur gewaltsam die Zierden kaiserlicher Würde rauben
ließ sondern ihn unbarmherzig dem Hunger und dem Elende Preis gab aber
schaudernd wandten sich alle von dem Bilde Heinrichs des Achten von England ab
der mit einer Physionomie als habe ihn Naturanlage und Gewohnheit zum Henker
bestimmt seine ganze scheussliche Seele in den Fanatismus und Blutdurst
ausdrückenden Blicken trägt Sein doppeltes Kinn und die feiste Fleischmasse
seiner Wangen die das feindselig glühende Auge fast begräbt scheint von dem
eingesogenen Blut zu strotzen das er so reichlich vergoss und das wahrhaft
fürchterliche Lächeln das seine Züge umschwebt flösst Entsetzen statt
Vertrauen ein 
    Hinweggescheucht von diesem Bilde hatten sie von dem widerwärtigen Eindruck
den es auf sie machte sich noch nicht erholt als der Gesandte der ihnen ein
wenig vorausgegangen war sie durch einen lauten Ausruf der Bewunderung zu sich
hinzog
    Hier wartete ihrer eine anmutigere Ansicht Sie fanden ihn vor der Sirene
ihrer Zeit der reizenden Maria Stuart die im schwarzen Sammtäubchen das
liebetrunkne Auge sanft erhoben und den zarten Spitzenkragen um den noch
zarteren Schnee des üppigen Busens geschmiegt in wunderbarer Schönheit ihnen
entgegen strahlte Weich und lieblich hoben sich die Umrisse dieser reizenden
Form von den goldbefranzten Purpurkissen ab auf denen sie ruhte und der
blendende Schmelz ihrer blühenden lebenatmenden Farben bezeichnete sie in der
jugendlichen Frische jener Zeit wo noch der Thron statt des Kerkers ihr Loos
war so wie das still vor sich hin träumende Lächeln ihres verführerischen
Mundes schweigend zu verkündigen schien dass damals wohl die Regungen einer
zärtlichen Leidenschaft doch noch nicht der Wurm des befleckten Gewissens und
der Schmerz verlorener Freiheit in ihrem Innern nagte
    Manch mitleidiges Bedauern erweckte die Erinnerung ihres Unglücks beim
Anblick ihrer Schönheit bei den Herren manch strenges wiewohl gerechtes
Urteil von Seiten der Damen die bei der Übersicht ihrer Schicksale fanden
dass sie nicht durch unvermeidliche Verhängnisse sondern größtenteils durch
ihre eigene Schwäche das Vergessen ihrer nicht nur königlichen sondern auch
weiblichen Würde das Beleidigen alles Zartgefühls und das Verläugnen jeglicher
Schaam die Dornenkrone eines schmachvollen Todes statt der zwiefachen Kronen
erwarb mit denen Natur und Rang sie geschmückt hatte
    Erna schwieg wie sie zu tun pflegte wenn ihr milder aber stets der
Wahrheit geheiligter Sinn nicht zu verteidigen vermochte Doch hörte sie mit
Aufmerksamkeit dem Für und Wider zu wodurch man sich bemühte die unglückliche
Königin teils zu verdammen teils zu entschuldigen
    Nun wir wollen uns nicht streiten sagte der Gesandte lächelnd als die
Debatten immer lebhafter wurden Eine schmerzliche Busse und am Ende der
versöhnende Tod haben jetzt ja längst die schöne Sünderin wieder gereinigt Ich
spreche sie nicht von aller Schuld frei aber viel sehr viel trug gewiss die
Rohheit ihres Zeitalters und der schottischen Sitten und ihr in Frankreich
durch Schmeichelei verwöhnter durch Üppigkeit aufgeregter Charakter nebst den
mehrmals verfehlten Wahlen ihres Herzens zu ihrem Verderben bei Jung feurig
durch Parteienhass verfolgt und allein stehend hielt sie das dunkle Gefühl
das sie leitete für Instinkt der Schutzbedürftigkeit und wurde so zu gleicher
Zeit ein Gegenstand öffentlicher Geringschätzung und eine Beute männlichen
Übermuts und männlicher Härte von der nichts als neue Übereilungen ihr eine
Erlösung zu versprechen schienen Ich bekenne dass ich mir sie weit lieber als
eine Verführte Gefallene denke deren Unglück mein Mitleid anspricht da
ungünstige Verhältnisse sie Stufenweise weiter auf den unrechten Weg drängten
wie als eine Lasterhafte die durch eine schwarze Seele die himmlische Schönheit
dieses Körpers entweihte Mordgedanken hinter dieser anmutigen Stirn verbarg
und schamlose Unsittlichkeit zerstörenden Hass und Rachgefühle in diesem
blendenden Busen hegte Daher scheint mir die Anwendung des Spruches nicht
unpassend auf sie wer viel geliebt hat dem wird viel vergeben werden
    In dieser Verdrehung des eigentlichen Sinnes jener Worte erkenne ich ganz
den Diplomatiker der gewohnt ist seine vielseitigen Meinungen unbestimmt
auszudrücken damit ihm stets ein Schlupfwinkelchen übrig bleibe unterbrach ihn
lachend die Grafin Maria Stuart hat Viele geliebt ob viel oder wenig  wer
könnte das ergründen und wenn er auch eben so tolerant wie Sie und noch
bestochener vom Eindruck ihrer Reize wäre
    Ja gewiss sagte Alexander den Ernas Nähe und ihre holde Freundlichkeit
allmählig in eine immer steigendere Begeisterung versetzt hatte sie kannte in
der Flatterhaftigkeit ihres gedankenlosen Leichtsinns die eigentliche Liebe
jene Himmelstochter nicht Sie die nur einen Gegenstand mit der Glut eines
vollen Herzens umfasst nur einem das Dasein und alle Kräfte eines durch sie
geheiligten Gemüts zu widmen vermag hätte die Unglückliche nicht so unsicher
im Leben schwanken und am Ende als Opfer ihrer eigenen frivolen
Unbedachtsamkeit sinken lassen
    Er meinte in diesem Augenblick so herzlich was er sagte er fühlte durch die
Neigung die so wahr und rein für Erna in seinem Busen aufgeflammt war sein
sonst profanes Wesen so veredelt sich  im Endlichen das Unendliche ahnend 
dem vorhergehenden Larvenleben so entrückt und den wahren Wert des Daseins
den er sonst im Schein und Schimmer suchte in seiner eigentlichen Wurde
anerkennend dass es nur eines fernen Entgegenkommens nur einer leisen aber
bestimmten Hoffnung der Erhörung bedurft hätte die unerschütterliche Basis in
ihm zu gründen die in jeder künftigen Versuchung ihn vor dem Fallen bewahrt
haben würde
 
                                      XVI
Er verdiente es daher nicht, durch den eigentümlichen oft etwas stechenden
Humor der Gräfin auf eine schmerzliche Weise der Heuchelei bezüchtigt und in
Ernas Augen herabgesetzt zu werden
    Ei ei hub sie nämlich an ihn schalkhaft mit ihren Blicken fixirend wie
so auf einmal verändert Mir deucht dass das Prinzip: Viele zu lieben vor
Kurzem noch ebenfalls ganz das Ihrige war und dass Sie Sich durch Wort und Tat
auch recht freimütig dazu bekannten Woher die plötzliche Metamorphose
Erhalten vielleicht gewisse Tugenden erst ihren Glanz durch Reibung an
entgegengesetzten Fehlern Oder wollen Sie  in allen Farben des Chamäleons
schillernd  uns heute dadurch überraschen und ergötzen dass Sie uns zeigen wie
Ihre Gewandtheit selbst das Heterogenste für Ihren Charakter die Maske der
Beständigkeit mit Anstand zu tragen versteht
    Der heitre scherzhafte Ton in dem sie sprach milderte zwar die Bitterkeit
der Beschuldigung die für Alexandern in ihren Worten lag aber da sein Blick
auf Erna die dunkel glühend errötet war ihm bewies dass der Fluch des
Argwohns gegen ihn der wie ein mephitischer Dampf sich aus dem bitteren Kelch
ihrer früheren Erfahrung entwickelt hatte jetzt von Neuem wieder ihr
zutrauensvolleres Wesen vergiftete fühlte er sich so ergrimmt gegen die
leichtfertige Frau dass er den unersetzlichen Schaden den sie ihm ohne es zu
wissen oder zu wollen tat auf das bitterste hätte an ihr rächen mögen
    Er nahm sich indessen zusammen und strebte mit der Fassung eines
Weltmannes dessen Oberfläche stets ruhig scheint wenn es auch im Innern tobt
und brauset durch eine ebenfalls scherzhafte aber piquante Replik sich zu
verteidigen Doch kostete es ihm wirklich Überwindung ihr den Groll zu
verbergen der sein Herz erfüllte und der wenn er sich verraten hätte die
leichte Neckerei schnell in das dornenvolle Gebiet einer förmlichen Entzweiung
hinüber geführt haben würde
    Indessen war die Dämmerung eingetreten und mit ihr die Stunde des
Mittagsessens das sie erwartete Ein liebliches Gemach von origineller
Erfindung verband den Mittelpunkt ausmachend zwei lange Reihen von
Gewächshäusern in denen ganze Wälder der herrlichsten Orangerie mit Blüten und
Früchten prangten und im vollen Schmuck des Südens der Schneehülle der Mutter
Erde draußen spotteten Stufenweis senkte sich von den hohen Wänden die
Blumenfülle aller Zonen so wie aller Jahrszeiten in zierlichen Gefässen herab
mit süßem Duft die Nahenden begrüssend und zahme Kanarienvögel flatterten jetzt
vom Glanz der Lichter aus ihrer früh begonnenen Ruhe aufgescheucht zwischen dem
frischen Grün umher und belebten es auf eine anmutige Weise
    Anders aber war der erwählte Speisesaal decorirt der durch verborgene
Röhren sommerlichmilde erwärmt in lieblicher Täuschung eine Felsengrotte
darstellte Große Granitblöcke zum Teil bemoost zum Teil mit Epheu und
Gesträuchen umzogen fügten sich kunstvoll die Natur nachahmend zusammen und
wölbten sich in bedeutender Höhe einen weiten luftigen Raum umschliessend
Palmen Cipressen und Laurus mit weiser gefälliger Oeconomie verteilt und
gruppirt schienen schlank dem weichen Moos des Bodens entsprossen als sei hier
ihre eigentliche Heimat Ein reicher Quell ergoss von oben seine silberne Fülle
rauschend als Wasserfall über mehrere Felsentrümmer die ihn brachen und
vervielfältigten bis seine schäumende Flut zu einem breiten Wasserspiegel sich
sammelte der alsdann mit sachterem Geplätscher in einem Becken von rohbehauenem
Granit sich verlor
    Hier durch schimmernde Lampen tageshell erleuchtet fanden sie eine reich
besetzte Tafel und es bestätigte sich auch diesmal die alte vielbewährte
Erfahrung dass  nicht der tierische Genuss des Gaumenkitzels  sondern die
Fröhlichkeit des Beisammenseins das harmlose Ruhen aller Geschäfte und das
unwillkührliche Verstummen mancher Sorgen unter munterem Geschwätz eine
wohlgeordnete gesellige Mahlzeit zu einer nicht unerheblichen Erholung und
Lebensfreude zu machen pflegt Heiterkeit und Scherz herrschte in dem kleinen
aber frohen Kreise jedoch ohne im mindesten die Gränzlinie zu überschreiten
welche die Charis vorzeichnet denn man wurde gegenseitig traulicher ohne
dreist zu werden Munter erklangen die Becher mit des Bachus edelsten Gaben
gefüllt und selbst die Damen versagten es nicht tropfenweise den Champagner zu
nippen wozu die Männer mit wahrer Kriegslist durch ausgebrachte Gesundheiten
und sonstige heitere Veranlassungen sie stets von Neuem zu verleiten suchten
 
                                      XVII
Anfangs hatte Alexander schüchtern nur von ferne Ernas Züge und ihre Stimmung
beobachtet und so lange er sie in sich gekehrt nachdenkend und schweigend
erblickte fand der Frohsinn den Weg zu seinem Herzen nicht
    Doch bald klärte sich der trübe Nebel auf der ihre Stirn umwölkte und das
schöne Auge hing nicht mehr durch die gesenkten Wimpern verschleiert am Boden
oder erhob sich ernst von schmerzlicher Gedankenfülle umdüstert Freier schaute
es um sich her in seiner eigentümlichen reinen überirrdischen Klarheit
strahlend wie ein milder Stern der aus höheren Regionen den Glauben an das
Heilige und Ewige unauslöschlich in jede Seele senkt
    Kindlichen Sinnes und die zarten Saiten ihrer Gefühle leicht bewegt wie
die vom leisesten Hauch bewegte Aeolsharfe war ihr der Übergang von tiefem
Ernst zu mitteilender Fröhlichkeit nicht schwer und sie kehrte nur dann erst
wieder zu der ihr von den Bemerkungen der Gräfin aufgedrungenen einsylbigen
Förmlichkeit zurück als diese Letztere die mit der Gesandtin in ein sie
lebhaft interessirendes Gespräch geraten war beim Wegfahren plötzlich
erklärte dass sie den Platz bei derselben im Schlitten einzunehmen und den
ihrigen Erna zu übertragen wünsche
    Ich werde Ihnen untreu sagte sie zu Alexandern aber ich mache Ihnen keine
Entschuldigung sondern ich erwarte Ihren Dank da ich meine Stelle so würdig
besetze
    Eben so ahnungslos wie sie ihn vorhin beleidigt hatte versöhnte sie ihn
jetzt durch die Gelegenheit die sie ihm gab während der Stunde des Heimwegs
Erna nahe zu sein
    Ehe sie aber noch einstiegen brachte ein heimlich von ihm beauftragter
Gärtnerbursche einen Korb voll der lieblichsten Blumensträusse die er unter die
Damen verteilte
    Eine wunderschöne Rose hatte sich der leichten Fessel entrissen und war
vereinzelt im Korbe zurück geblieben Er wagte es sie Erna noch insbesondere
anzubieten und streifte sorglich vorher die Dornen ab die sie verletzen
konnten
    Die Gräfin bemerkte es Was tun Sie rief sie aus Sie rauben ja dem armen
Röslein Wehr und Waffen und machen es zu einem unnatürlichen Unding Denn eine
Rose ohne Dornen  ist das nicht gerade wie Liebe ohne Schmerz Beides ist auf
dieser prosaischen Erde nicht zu finden und wer weiß ob es sogar in den
elisäischen Feldern oder in Oschinnistan und wie die sonstigen Domainen und
Residenzen der Feen und Zauberer heißen mögen zu Hause ist
    Der Natur nachzuhelfen ist ja das schöne Vorrecht der Kunst erwiderte er
wie nicht vielmehr der Verehrung die dem zarteren Geschlecht so gern in der
Liebe den Schmerz und an der Rose die Dornen sparen möchte
    Er reichte hierauf die nicht mehr verwundende Blume Erna ehrerbietig hin
Sie nahm sie an und er hatte die süße Genugtuung gewahr zu werden dass sie
als sie sich unbeobachtet glaubte sie tief in ihrem Zobelpelz verbarg um sie
vor dem kalten Atem der Winterluft zu schützen
    Jetzt mahnte das schallende Glockengeläute der Schlitten das kunstmässige
Klatschen der Peitschen in den geübten Händen der Vorreuter und der Schein der
Fackeln die den dunkeln Winterabend verklärten an die Heimkehr
    Er bot Erna den Arm sie in seinen Schlitten zu führen und hüllte sie
sorgsam in die reichen Tygerdecken desselben die zum Schutz gegen die Kälte
dienten Der Gedanke sie so gewissermaßen für einige Zeit in seiner Gewalt zu
haben und sie furchtlos und ruhig der Leitung seiner Zügel sich hingeben zu
sehen durchzuckte ihn mit süßem Schauer und weckte eine Reihe wehmütig
seliger Bilder in seiner Seele
    Ach  dürfte er so ihr künftiges Schicksal lenken wie jetzt den Schlitten
der die teuerste Bürde trug Gewiss  diese Überzeugung war ihm klar  sollte
sie es nimmer bereuen es ihm anvertraut zu haben
    Denn er fühlte sich ein ganz anderer Mensch geworden als vormals Sein
vergangenes Leben passte durchaus nicht mehr zu der inneren Welt seiner jetzigen
Gesinnung und er mochte kein doppeltes Dasein in sich ahnen wie so mancher in
sich trägt sondern glaubte fest dass ein Herz in dem ihr Bild herrsche
unwillkürlich sich zum Tempel der Reinheit und der moralischen Würde veredlen
müsse
    Zuerst war die Unterhaltung zwischen ihnen sehr wortkarg Ihm genügte es
sich stumm der Gewissheit zu überlassen dass sie es sei die er fuhr und dies
Gefühl verbunden mit der eigenen Blödigkeit die ihn in ihrer Nähe zu befallen
pflegte verschloss seine Lippen Es schien ihm unbescheiden hier wo sie ihm
nicht entrinnen konnte die Rechte einer älteren Bekanntschaft geltend zu
machen und ihr irgend etwas zu sagen was sie an die Vergangenheit erinnern
und so in Verlegenheit setzen oder ihren Unwillen reizen könnte Er wagte es
daher nur von der Schönheit des Abends zu reden der trotz der Kälte aus dem
tiefen Blau des sternbesäeten Himmels und aus dem blitzenden Schneegewand der
Erde durch den Fackelglanz rötlich erhellt mit streng nordischer Anmut sie
ansprach
    Erna erwiderte einiges auf seine Bemerkungen Der Ton ihrer Stimme war
sanft und milde und sie schien sich allmählig zu einer freiwilligeren
Mitteilung zu bequemen wenn diese gleich stets innerhalb der Schranken
fremdartiger Zurückgezogenheit sich erhielt So sprach und fragte sie manches
unter andern wollte sie wissen wem das Landhaus gehöre das als sie den Weg
zurückgelegt hatten aus einer entblätterten Baumgruppe heiter mit seinen
hellerleuchteten Fenstern von einer kleinen Anhöhe dicht am Wege ihnen entgegen
schaute
    Er antwortete ihr dass der Besitzer einer seiner Jugendfreunde sei der
früher bei seinem Regiment gestanden seit Jahr und Tag aber seinen Abschied
genommen sich verheiratet und diesen kleinen halb ländlichen halb städtischen
Besitz den er Sorgenfrei nenne zu seinem beständigen Aufenthalt gewählt habe
Sie versetzte hierauf dass schon beim früheren Vorüberfahren die simple Eleganz
der Bauart und die schöne Lage dieses Hauses ihr aufgefallen sei und dass sie
begreife wie man recht gern an einer so lieblichen Stelle sich zeitlebens
ansiedlen möge
    Unter diesem Gespräch hatten sie die Tore der Residenz erreicht und nach
wenig Minuten hielten sie vor dem Hotel des Gesandten still
 
                                     XVIII
Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle die zu
der Wohnung der Geliebten führte
    Zwar konnte er sich denken dass das Allerheiligste derselben ihr Zimmer
ihm verschlossen bleiben werde aber es waren doch dieselben Wände die sie
täglich umgaben die er sehen es war ihr häusliches Leben das er beobachten
sollte und um keinen Preis der Welt hätte er das Recht vertauscht sich nun mit
eigenen Augen überzeugen zu dürfen wie sie im engeren Kreise des heimatlichen
Tuns und Wirkens sich bewege
    Ohne Pracht aber in einem edlen gefälligen Styl war die Wohnung des
Gesandten eingerichtet und man atmete bald unwillkürlich einen Teil des
Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein welche nicht allein innerhalb der
einfach geschmückten Räume sondern auch in den Gemütern ihrer Bewohner
herrschte
    Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Kamin Erna hatte
sich einen Moment entfernt um ihren Pelz abzustreifen und erschien nun in
einer zierlichen Hauskleidung sich  als sei hier ihre eigentliche Sphäre 
mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschäfte annehmend die sonst der
Wirtin obliegen
    Als der Tee gebracht wurde trat auch Linovsky herein und mit ihm eine
alte Bekanntschaft Alexanders Auguste nämlich vor deren strengem kalt ihn
messenden Blick sein der unbefangenen Freude geöffnetes Herz gleichsam
krampfhaft erstarrend sich wieder zusammen zog
    Sie schien nicht überrascht ihn hier zu finden  Dies war ihm ein Zeichen
dass Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte da sie voraus wusste er werde
an der Gesellschaft Teil nehmen Ohne Befremden wohl aber mit einer gewissen
frostigen Geringschätzung und mit jener Art von Scheu mit welcher der Gesunde
sich von dem Pestkranken abwenden würde setzte sie sich neben ihn und wurde
ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens zu einer höchst
drückenden widerlichen Erscheinung
    Ganz sicher hätte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden
aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen wenn
seiner Politik nicht die Notwendigkeit eingeleuchtet wäre sie als Ernas
Freundin die von je her einen fast mütterlichen Einfluss auf sie hatte schonen
zu müssen
    Er stellte sich also als übersähe er ihr unverbindliches Betragen und 
ohne die allgemeine Höflichkeit zu vernachlässigen setzte er sich wohlweislich
durch keine Annäherung der Gefahr aus ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher
als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen
    Eine Beobachtung die er im Stillen machte gab ihm indessen von der einen
Seite das Wohlbehagen wieder das von der andern ihm geraubt worden war
    Denn er glaubte nämlich zu bemerken dass zwischen Linovsky und Augusten ein
Verhältnis existire dessen Eigentümlichkeit ihnen wenig Rücksicht auf Erna zu
nehmen gestattete
    Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller inniger und zutraulicher
Ton dass man sie leicht hätte für ein Paar Verlobte halten können die  nicht
aus Leidenschaft sondern aus Vernunft ruhiger Überlegung und ächtem
Wohlwollen sich gegenseitig fürs ganze Leben erkoren haben
    Er begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit fasste jede ihrer
Äußerungen auch in der leisesten Beziehung auf, richtete hauptsächlich an sie
alles was er sprach und schien sie nie aus den Augen verlierend ihrem
Urteil stets das seinige zu unterwerfen
    Sie hingegen nahm als gebühre es ihr so seine freundliche Beflissenheit um
sie wie ein Recht auf an das ein engeres Verhältnis ihr Ansprüche gegeben Sie
hörte ihm am liebsten zu wenn er redete und musste sie bon gré mal gré jemand
Anderm ihr Ohr leihen so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton und
strebte an dem was er unterdessen sagte Teil zu nehmen so wie sie in allen
streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die höchste Instanz zu
betrachten und zu ehren schien Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner
Meinung so geschah es auf eine Art welche deutlich bewies dass nur das
Verlangen den Faden des Gesprächs mit ihm weiter fortzuspinnen aber keine der
seinigen entgegengesetzte Überzeugung sie dazu vermochte
    Alle diese kleinen oft so charakteristischen Züge die auf Liebe
hinzudeuten pflegen gossen in Alexanders durch Eifersucht leicht aufgeregtes
stürmisches Gefühl eine linde Beruhigung über diesen Punkt und er gönnte der
blassen verbleichten Auguste so zuwider sie ihm auch war den offenbar für sie
zu schönen und jugendlichen Verehrer da ihm dadurch die Sorge er möchte sich
um Erna bewerben vom Herzen fiel
    Die Gräfin deren lebendig regsamer Sinn stets auch bei der angenehmsten
Unterhaltung nach Abwechselung verlangte foderte Erna auf Musik zu machen
Ohne sich lange zu weigern setzte sie sich zum Fortepiano und bat Linovsky um
seine Begleitung mit der Violine
    Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte sie die mit der
herrlichsten Blüte aller Eigenschaftenwelche das Vollkommene bezeichnen eine
Anspruchslosigkeit verband die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber
ihrer Kunst noch erhöhte
    Ihre zarten Finger schienen leicht wie ein Gedanke über die Tasten
hinschwebend beseelte Sprachwerkzeuge zu sein Sie weckte die schlummernden
Töne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit mit der nur die tiefe Bedeutung
verglichen werden konnte die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu
legen wusste
    Als sie nun die volle silberhelle Stimme erhob sie mit ihrem trefflichen
Spiel zu verschmelzen da enthüllte sich der Umfang ihrer Kunst ganz in der
Entwirrung der schwierigsten Passagen in den überraschendsten Läufern in den
meisterhaftesten Intervallen so wie die Tiefe ihres Gefühls der Melodie erst
durch die reinste Intonation eine Seele verleihend im erschütternden Ausdruck
gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft mild besänftigt durch den schmelzenden
Erguss sanfter Empfindung und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges
wie ein frommer Gedanke sich aufwärts zu den Sternen erhebend sich aussprach
    Süss berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer
höheren Sphäre entquollenen Töne in sich gesogen und  so seelenvoll auch
Linovskys Spiel auf der Violine war  doch nur Ernas Laut vernommen nur ihr
auf den Schwingen ihres göttlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend aus
welchem das prosaische Applaudissement der Gräfin ihn jetzt rauschend und
störend herab zog
    Er vermochte es nicht über sich Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu
bezeugen wie sehr sie ihn gerührt entzückt und erschüttert habe Worte dünkten
ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der
Gefühle zu entweihen die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig
ihn durchbebten
    Aber als sie nun aufstand und  wenn ihn nicht alles täuschte  ihr Blick
gleichsam verschämt und schüchtern ihn ihn vor Allen zu suchen schien  als
ihr der seinige begegnete der flammend nur an ihr hing  da  er las es in
ihrer lieblichen Verwirrung  da  das wusste er gewiss  konnte kein Zweifel an
dem unauslöschlichen Eindruck den sie auf ihn gemacht hatte Raum in ihrer
Seele finden
    Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder und das tief gesenkte Auge
fest auf die Stickerei heftend mit der sie eben beschäftigt war gewann sie
bald ihre gewöhnliche Unbefangenheit wieder Die Gesandtin welche unterdessen
von ihren Lieblingsgesängen den eigentlichen Volksliedern gesprochen hatte
die oft nicht nur das innerste Gepräge des Nationalcharakters ausdrückend
sondern auch die ehrwürdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt
festhaltend kunstlos und rührend zum Herzen dringen weil sie vom Herzen
abstammen bat Erna einige derselben die sie auf ihren gemeinschaftlichen
Reisen gelernt habe zu singen und sie tat es ohne alle musikalische
Begleitung nur durch ihre graziöse Mimik unterstützt welche sie so ganz der
kindlichen Eigentümlichkeit der Gesänge die sie vortrug anzupassen wusste
    Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein kleines Lied das sie einst
in Frankreich von einer Prozession junger Mädchen gehört hatten die ein
Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekränzend es sangen und das
sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingeprägt hatte
Es bestand bloß in diesen vier Zeilen
Doux enfant Jesus
Donne moi le Saint Esprit
Et toutes les vertus
De ta mère Marie Marie Marie
Alle hörten bewegt diese Worte an die durch Ernas reine jetzt sanft gedämpfte
Stimme und eine ganz eigene kunstlose aber die innersten Saiten des Gefühls
berührende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen
    Die Gesandtin erzählte dass die Sängerinnen meist nur erst zwölfjährige
Kinder gewesen wären welche mit ihren leichten fast äterischen Gestalten in
ihrer südlichen Blässe mit dem dunklen Haar und Augen in denen eine
schwärmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters
gepaart habe ihr wie eine Schaar Verklärter erschienen wären Sie habe sich der
Tränen nicht enthalten können und wisse noch selbst nicht ob der Anblick der
weissgekleideten geisterhaft an ihr vorüberschwebenden Kinder oder die rührende
Weise ihres Liedes am meisten auf sie gewirkt habe
    Alexander achtete wenig auf das was sie sagte Nur mit einem Gegenstand
beschäftigt konnte er sein Auge von Erna nicht losreißen die mit einer so
milden lieblichen Frömmigkeit in ihren Zügen dies kleine Lied gesungen hatte
dass unwillkürlich alle seine Gefühle in ihm riefen Himmlische das Gebet das
eben von deinen Engelslippen erklang ist schon erhört Alle Tugenden die die
Mutter Gottes zieren  Demut Würde und Reinheit  alles alles ist bereits
dein herrliches Eigentum Flehe nicht um mehr   wie dürften sterbliche Wesen
es dann jemals wagen sich dir hoffend und liebend gegenüber zu stellen 
 
                                      XIX
Das Abendessen versammelte die Gesellschaft traulich um einen runden Tisch wo
die Unterhaltung allgemein wurde und bald sich leicht und ungezwungen um
verschiedene nicht uninteressante Gegenstände bewegte
    Der Gesandte der unter der Hülle äußeren Ernstes einen heitern
jovialischen Sinn verbarg fand Vergnügen daran mit der Gräfin deren neckend
muntere Laune ihn anzog einen immerwährenden kleinen Krieg zu führen
    Nicht aus einem gewissen Geist des Widerspruchs sondern um sie stets von
Neuem anzuregen und ihr Gelegenheit zu geben ihrem Mutwillen freien Lauf zu
lassen bildete er stets ihre Oppositionspartei und bestritt sie gern
zuweilen selbst bis zu leichtem Unwillen reizend alles was sie sagte und
behauptete
    So ergriff er auch jetzt wieder lebhaft die entgegengesetzte Meinung um sie
zu verteidigen als die Gräfin über ihr LieblingsThema die Unbeständigkeit
der Männer geraten war und der weiblichen Beharrlichkeit in Lieb und Treue
und allem Guten das Wort redete und besonders bestritt er die auch von ihr in
Schutz genommene und als etwas Heiliges und Unauslöschliches betrachtete erste
Liebe der er durchaus nur in der Reihe der Irrtümer und der Selbsttäuschungen
ihren Platz anweisen wollte
    Denn er erklärte geradezu es gehöre zu den Chimären des Menschen und
insbesondere der Frauen an die Ewigkeit einer ersten Liebe zu glauben und man
müsse den Schwachen irgend eines Stabs Bedürftigen auch diesen Wahn nicht
rauben da man ihnen nicht leicht eine Entschädigung dafür geben könne
    Aber bei Mann und Weib sei die erste zweite dritte Liebe gewöhnlich ein
Fehlgriff der sich bitter bestrafe wenn das Herz nicht Kraft genug habe sich
aus Banden leise zurückzuziehen die alles Glück stranguliren würden wolle man
sie nur aus Pflichtgefühl enger noch zusammen knüpfen Denn fuhr er fort wie
der junge Adler seine Flügel prüft und vom Instinkt getrieben von
mütterlichem Nest hinwegflattert um bald den Wipfel eines Baums bald ein
sonniges Tal zu erreichen so strebt auch der jugendliche Sinn zu jener
Vereinigung die ihm Vollendung dünkt Doch des jungen Adlers Versuche mislingen
oft denn ehe ihm die Flügel nicht recht gewachsen sind können sie ihn nicht
mit Sicherheit tragen So auch die Liebe des Menschen Jene feste dauernde
treue Liebe die unser eigentlichstes wahrstes Glück gründet kann nur aus
sogenannter Untreue hervorgehen wie der Phönix der Fabel sich aus der Asche
empor hebt Denn erst nach mehreren Versuchen weiß das Herz was es bedarf zur
Erwiderung seiner innigsten Gefühle Früher wirkte Zufall Stimmung
misverstandene Sinnlichkeit und Wunsch die innere Leere ausgefüllt zu sehen
auf unsere Wahl und wir reichen voreilig dem Wesen das uns entgegen tritt die
Hand und wähnen nun der ganze dunkle Raum der Zukunft müsse sich in ein
blühendes Paradies verwandeln Doch  nach und nach werden die goldenen
Illusionen zu Flittergold das rauschend von verwelkten Kränzen abfällt  wir
finden uns getäuscht und täuschen wieder indem wir gewaltsam uns zum Wortalten
von Dingen zwingen wollen die sich eigentlich gar nicht versprechen lassen
Endlich ist der Freiheit Kleinod wieder errungen und vorsichtiger wagen wir den
zweiten Versuch denn darin gleicht das Herz dem Taucher der doch wieder ins
Meer hinabstürzt wenn er gleich mehrere Muscheln heraufgebracht hat in denen
keine Perle war Finden wir auch hier nicht dies Echo eines vollharmonischen
Gemüts in der Brust der wir zum zweitenmal die Krone des Lebens reichten  nun
so schrecken die Mistöne die wir vernehmen uns schon leichter wie das
erstemal der dritten Liebe zu und so fort und immer fort bis wir endlich
finden was uns not tut oder bis wir auch verzagen und zweifeln müssen dass
es auf Erden existiert
    Ich glaube gern dass Sie diese schönen Erfahrungen aus der Wirklichkeit
oder vielmehr aus ihrem eigenen Leben entlehnt haben unterbrach ihn die Gräfin
und begreife nun um so leichter woher es kommt dass sich die meisten
Männerherzen so abnutzen dass sie nur in Trümmern und einzelnen Bruchstücken
oder wie eine Münze an der das Gepräge verwischt ist das Ziel erreichen
    Die Herzen deren Gepräge sich verwischen antwortete der Gesandte lachend
sind nur Fleischklumpen von der warmen Blutwelle zu tierischen Funktionen
nicht zu jener höheren Sehnsucht getrieben die ja eigentlich nur allein die
Ursache des sogenannten männlichen Wankelmutes ist Wie die frische Quelle sich
ewig erneut so viel auch aus ihr geschöpft wird so  nur immer mehr gereinigt
durch das Sandbad der Erfahrung  ist auch ein reich ausgestattetes liebefähiges
Herz habe es sich auch noch so oft vorher vom Wahn verblendet hingegeben
    Übrigens will es denn doch auch verlauten dass die so hoch gerühmte
weibliche Beständigkeit schon vom Anfang der Welt an gar manchen Anfechtungen
nicht nur unterworfen gewesen sondern auch erlegen ist und dass besonders bei
Ihrem Geschlecht sich der alte Satz bewährt dass  wenn die Sonne untergegangen
dann die Sterne zu flimmern beginnen cest à dire wenn ich eine freie
Übersetzung dieser Behauptung hinzufügen darf wenn der Geliebte abwesend oder
heimgegangen ist wie die Herrnhuter zu sagen pflegen so fangen auch geringere
Subjekte an zu interessieren  sind überall als Lückenbüsser und um den
Triumphwagen der Damen desto rascher zu ziehen gar nicht überflüssig und
unwillkommen
    Die Gräfin wollte schlechterdings dies nicht zugestehen Doch fand sie dass
sie mit sehr ungleichen Waffen gegen ihren Widersacher kämpfe indem er der
schlaue Diplomatiker vermöge seines Berufs schon gewohnt sei sich und Andere
durch allerhand glänzende Scheingründe sophistisch zu bestechen und die
Wahrheit  wenn auch nicht geradezu zu verleugnen doch so zu verdrehen dass sie
am Ende alles Andere nur nicht Wahrheit sei Sie foderte die übrigen
anwesenden Damen auf sie doch nicht allein sich aufopfern und den Märtyrertod
für den Ruhm ihres Geschlechts sterben zu lassen sondern ihr beizustehen Alle
aber fanden ihre Angelegenheiten in den besten Händen
    So wandte sie sich zuletzt denn an Alexander Sie den ich heute zu meinem
Ritter erwählt habe sagte sie dessen Pflicht es ist jeden Unglimpf zu rächen
der mir widerfährt  können Sie so ruhig anhören wie man uns arme wehrlose
Frauen und vor allen mich ihre Stellvertreterin kränkt und verläumdet Wenn
Sie auch nicht meine Farbe tragen so heben sie doch wenigstens ritterlich den
Handschuh auf den dieser durch die dritte vierte Hand liebende Held mir so
höhnend zuwirft
    Gewiss gnädige Frau antwortete er es ließe sich für keine schönere
Veranlassung eine Lanze brechen und sie finden mich hier wie immer zu Ihrem
Dienste bereit Ich erkenne und ehre die weiblichen Tugenden viel zu sehr um
Beständigkeit eine der herrlichsten derselben zu bezweifeln und mein eigenes
Gefühl ich darf sagen meine eigene Erfahrung hat schon früher in mir gewagt
den Beschuldigungen Sr Excellenz zu widersprechen Denn was bei dem weniger
zart organisirten Mann möglich ist die Gewalt des ersten unauslöschlichen
Eindrucks sich fürs ganze Leben zu bewahren  wie sollte dies nicht bei den
Frauen noch weit natürlicher und unerlässlicher sein  bei ihnen deren Gemüt
der geweihte Tempel einer jeden Gottheit ist die wir Unschuld Treue Reinheit
und Liebe nennen Und wir  hier berührte sein funkelnder Blick schüchtern im
Vorüberstreifen Erna die sogleich verlegen die großen Augen senkte  wir
denken wenn uns einmal eine Sonne warm und wahrhaft durchglüht hat ewig an den
schönen Strahl zurück und bemerken weder Nebensonnen noch Sterne wenn sie auch
noch so hell glänzen
    Nun fürwahr unterbrach ihn die Gräfin mit der ihr eigenen Art zu scherzen
indem sie aufstand ritterliche Galanterie traute ich Ihnen zu mir beizustehen
nicht aber dass Sie von Ihren Gefühlen und Erfahrungen unterstützt ein
Lobredner der Beständigkeit werden und sie sogar unter die Eigenschaften des
männlichen Charakters und des Ihrigen insbesondere zählen würden Das
übertrifft meine Erwartung und die diplomatische Excellenz wird sich nun gewiss
auch ohne Blutvergießen für überwunden erklären Daher darf ich jetzt auf einen
ehrenvollen Rückzug denken da die Mitternachtstunde ohnehin nach einer weisen
häuslichen Polizeieinrichtung die letzte sein sollte die man außer dem Bette
zubringt
    Heiter wie man zusammen gewesen war ging man auseinander und Alexander
nahm als den letzten Gewinn dieses reichhaltigen Tages die Einladung des
Gesandten mit auf den Weg so oft er nur immer selbst wolle seinen Besuch zu
wiederholen
 
                                       XX
Dass er  wiewohl mit all der Bescheidenheit die dem seingebildeten Manne ziemt
 von dieser Erlaubnis Gebrauch machte versteht sich von selbst und da die
Anmut seiner Persönlichkeit und der feine Tact fürs Schickliche der ihm
angeboren war ihn wirklich zu einem sehr angenehmen Gesellschafter machte
durfte er bald keinen Tag mehr im Hause des Gesandten fehlen ohne sich vermisst
um die Ursach befragt und aufgesucht zu sehen
    Mächtiger noch als diese freundlichen Veranlassungen zog ihn die eigene
Neigung und die Wunderkraft an die durch Ernas Schönheit eine so
unwiderstehliche Gewalt über ihn übte Immer fester webten sich die Zauberfäden
die ihn an sie fesselten und je mehr er Gelegenheit hatte sie im engen
häuslichen Kreise zu beobachten wo das Gemüt sich freier als in großen
geräuschvollen Zirkeln entschleiert oder wenigstens sich öfterer unwillkürlich
verrät je mehr bestärkte sich die Überzeugung in ihm dass die liebenswürdigen
Eigenschaften ihres Charakters die Reize ihrer Gestalt und die seltene
Ausbildung ihrer Talente noch übertrafen
    Zwar schien sie ihm gegenüber sich unerschütterlich fest innerhalb der
sich streng vorgezeichneten Gränzlinie einer vorsichtigen selbst kalten
Zurückhaltung erhalten zu wollen aber ihr Wesen in dem jede Regung Ausdruck
der reinsten Natur und der Wahrheit war konnte nur mühsam und doch nicht
täuschend erkünsteln was sie nicht empfand
    Wenn zuweilen sein Auge plötzlich sie fasste schien eine rührende Wehmut in
dem ihrigen zu schwimmen und zarte Teilnahme die sich durch eine stete leise
Achtsamkeit auf alles was er sagte und tat verriet bewies ihm dass eine
geheime Stimme  ihr selbst vielleicht kaum vernehmbar  für ihn in ihrem Busen
sprach
    Dass der öftere Wechsel ihrer Farbe wenn er ihr insbesondere nahte oder
vorzugsweise sie unvermutet anredete eher aus einer Aufwallung des Wohlwollens
als der Abneigung oder des Unwillens entstand durfte er wenn er wahr gegen
sich selbst sein wollte nicht bezweifeln
    Denn sie duldete seine Bemühungen um sie wenn sie sich auch Mühe gab sie
scheinbar zu übersehen Sie wich nicht scheu zurück wenn er sich mit der
eifrigen Gewandheit als gälte es einen Thron zu erobern herbei drängte den
Platz neben ihr am Teetisch oder bei der Tafel zu erhaschen und hatte ihn
irgend einmal Konvenienz oder Klugheit gezwungen dies süße Ziel seines
täglichen Strebens einem Anderen zu überlassen so dünkte ihn eine unbefriedigte
Stimmung in ihr und ein leiser Anstrich von Schwermut in ihren Zügen es zu
beklagen Wie die Sonnenwende die Blüte ihres Antlitzes stets dem Strahle
entgegen neigt in dem allein sich die erhöhte Kraft ihres Daseins spiegelt so
war alsdann auch ihre Aufmerksamkeit nur ihm zugewandt so viel nämlich feiner
Weltton und gesellige Rücksichten es nur immer gestatteten
    Gleichwohl wenn auch alle diese kleinen verräterischen Kennzeichen eines
nicht unbefangenen Herzens ihm Mut gaben einer förmlichen Erklärung näher und
immer näher zu rücken so vermochte doch schon die zarteste Äußerung seiner
Gefühle sobald er ihr Worte zu leihen wagte sie sichtbar zu verschüchtern und
statt einen Schritt vorwärts dadurch auf der Bahn seiner Hoffnung zu gelangen
fand er sich immer um mehrere dadurch zurückgesetzt
    Durch solche Erfahrungen gewitzigt hütete er sich wohl ihr irgend eine
Schmeichelei zu sagen aber unvermerkt wurde sein Ton gegen sie herzlich und
dies schien ihr nicht zu misfallen ja sie erwiderte sogar zuweilen wenn es
ohne Beziehung auf sich selbst geschehen konnte die trauliche Innigkeit mit
der er sich an sie anschloss indem sie mit warmem Anteil ihm zuhörte und in
das was er erzählte oder behauptete einging So wie er aber ihre mild
erweichte Stimmung benutzen wollte sie in ein näheres heißer von ihm ersehntes
Interesse zu ziehen schien der finstere Genius der Vergangenheit sich wieder zu
regen und mit seinen eiskalt beschattenden Fittigen jeden hellen freundlichen
Eindruck in ihr zu verlöschen Sie zog sich alsdann ihm ausweichend gleichsam
in sich selbst zurück und träumend sinnend trauernd als bemühe sie sich
vergebens die Widersprüche eines dunklen Schicksals zu lösen dauerte es lange
ehe die genaueste Wachsamkeit auf sich selbst von seiner Seite sie wieder in das
vorige ruhige Gleis des freundlich unbefangenen Umgangs zurückbrachte
    Deshalb aber verzagte er keineswegs Nicht mit stürmender Hand das fühlte
er wohl durfte er dem mit dem heiligsten Flor bedeckten Geheimnis ihres Lebens
seinen Schleier entreißen Von selbst musste er dereinst fallen wenn eine immer
nähere Bekanntschaft mit ihm sie nach und nach überführt hatte dass seine Fehler
gebessert seine Tugenden nicht mehr zufällig sondern auf die sichere Basis
fester Grundsätze gestützt waren und da er sich wirklich besser fühlte und auf
dem Wege es mit jedem Tag mehr zu werden so rückte sein nicht auf Eigendünkel
sondern auf das Bewusstsein seines moralischen ihm zurückgegebenen Werts
gegründetes Selbstvertrauen das schöne Ziel wo er sie sein nennen dürfe in
keine allzu ferne Zukunft hinaus
                                      XXI
So sehr er hier nicht aus Wohlwollen sondern lediglich um seines Vorteils
willen sich bemühte Augusten nach und nach wieder mit sich zu versöhnen um
sie für seine Wünsche zu gewinnen da eine solche Fürsprecherin ihm die
erspriesslichsten Dienste zu leisten im Stande gewesen wäre so wenig wollte es
ihm doch gelingen
    Sie fuhr fort ihn als einen Menschen zu behandeln den sie ganz
durchschaut und mit Recht ihr Zutrauen und ihre gute Meinung entzogen hatte In
ihrem Liebling Erna fühlte sie sich damals so empfindlich beleidigt dass sie ihm
weit eher die ihr selbst zugefügte Kränkungen verziehen haben würde als den
Schmerz dies fromme reine schuldlose Opferlamm seines Leichtsinns und seiner
Härte so hinwelken zu sehen dass nur nach und nach Zeit Vernunft Religion und
die abwechselnden Zerstreuungen weiter Reisen ihr den Becher körperlicher
Genesung zu reichen vermochten
    Nun ahnte sie freilich im menschlichen Gemüte jene tief verborgene
göttliche Kraft welche fähig ist den Gefallenen wieder aufzurichten und den
Verirrten auf den rechten Weg zurück zu leiten aber Erkenntnis Reue und fester
Wille und vor allem Wahrheit des Charakters schienen ihr die unerlässlichen
Erfordernisse durch die selbst der tief Gesunkene sich wieder zu erheben im
Stande sei Hier aber ihm gegenüber der einst ein so grausames Spiel mit dem
edelsten Herzen getrieben konnte sie bei aller Güte ihres selbst so reinen
Sinnes sich kein anderes Urteil abzwingen als dass er auch jetzt nur auf dem
faulen Morast der Lüge das Gebäude seiner sinnlichen Wünsche zu erreichen
strebe und jeder lichte Strahl der als Zeuge einer geläuterten Gesinnung aus
seiner veredelten Seele blitzte schien ihrem Unglauben an ihn ein täuschendes
Irrlicht auf Sümpfen erzeugt unfähig mit seinem falschen Schimmer das Leben
ihrer Erna zu verklären sondern nur vom listigen Betrug ausgesandt ihren
frommen Sinn von Neuem zu verlocken
    Sie verhielt sich daher mit unbestechlicher Strenge immer in den
abgemessenen Formen kalter Höflichkeit gegen ihn und versagte gern ihm auch
diese wenn es zuweilen unbeobachtet geschehen konnte Denn der Ruf seines
Leichtsinns und seiner Frivolität den selbst die verbreiten halfen die seine
vorzüglichen geselligen Eigenschaften an ihm schätzten und seinen Umgang
suchten verglichen mit ihren früheren Erfahrungen mit seinem eigenen
Geständnis dass er Religion nur als ein Phantom betrachte das Volk zu
schrecken und dass der Schein ihm die Wirklichkeit jeder Tugend aufwiege alles
dies bei der selbst erprobten Gabe sich so täuschend zu verstellen dass sie ihn
einst für einen sehr guten Menschen gehalten hatte flößte ihr neben dem
unüberwindlichsten Mistrauen auch den entschiedensten Widerwillen gegen ihn ein
    So gelang es ihm auch nicht sich mit Linovsky zu befreunden woran ihm
freilich im Ganzen weit weniger lag da der tiefe Ernst desselben seine oft
schwermütigen Ansichten und seine Zurückgezogenheit von allen rauschenden
Freuden des Lebens ihn eher zurückstiessen als anzogen Aber da er nicht
bezweifeln konnte dass Auguste ihm eine üble Meinung von ihm beigebracht so
hätte er sich gern den Triumph gewährt sie durch eine genauere Bekanntschaft zu
entkräften und in Wohlwollen umzuwandeln Als jedoch mehrere Versuche den
Sonderling gegen sich umzustimmen vergebens blieben gab er die Idee, sich ihm
nähern zu wollen auf und begegnete ihm mit derselben wortkargen
Gleichgültigkeit die von Linovskys Seite das einzige Resultat seiner
freundlichen Zuvorkommenheit gewesen war
    Die Bemerkung dass Erna gerade dann am herzlichsten gegen ihn war wenn
Auguste oder Linovsky schroff und unzugänglich wie der Felsen im Meer seine
gefällige Annäherung aufnahmen war ihm ein tröstlicher Beweis dass sie das
ungünstige Vorurteil gegen ihn nicht mit ihnen teile ja es misbillige dass
sie es nicht einmal der näheren Untersuchung wert zu halten schienen um davon
zurückzukommen
    Oft ruhte ihr holder ausdrucksvoller Blick bittend auf Augusten als wolle
er sie anflehen das Zurückstossende ihres Benehmens gegen ihn zu mildern  oft
suchte sie durch ein freundliches Wort das sie an ihn richtete den Unmut in
ihm wieder zu verlöschen den die stets abgezirkelte fast geringschätzige
Förmlichkeit ihrer Freundin notwendig in ihm erregen musste Er fühlte sich
reichlich durch dieses leise aber wohltuende Bestreben ihrer alles Bittere so
gern lindernden Güte entschädigt und wagte sie für mehr als dies für das
Zeichen eines individuellen innigeren Anteils zu halten den er sich immer
mehr zu erlangen und zu verdienen bemühte Um die ihm Abgeneigten bekümmerte er
sich bald eben so wenig als sie sich um ihn
 
                                      XXII
So waren zwei Monate vergangen die glücklichsten und bedeutungsvollsten seines
Lebens  durch Hoffnung gewürzt wenn gleich oft durch Sehnsucht vergiftet die
sich noch so fern von ihrem Ziele fühlte Sein Inneres glich einem tiefen Meere
in dessen Schoss  wenn auch die Oberfläche oft glatt und still das Bild des
Himmels auf den geebneten Wellen trägt  doch eine ewige Bewegung gährt die
jeder leise Hauch von außen schäumend und tosend aufwühlen kann Er befand sich
in einer steten Reizbarkeit alle seine Gedanken nur auf einen Punkt concentrirt
 alle seine Wünsche nur einen Gegenstand umschlingend Bisher war Freiheit das
Element seines Daseins gewesen und alles Bedingende ihm verhasst wie
Kettengerassel und jetzt  o wie schmachtete er nach den heiligen Banden die
ihn zu Ernas ewigem Eigentum weihen die ihn an die selige Beschränkung eines
stillen häuslichen Lebens knüpfen sollten
    Gleichwohl so deutlich er fühlte dass es ihm nicht möglich sei den Zustand
dieser Ungewissheit ferner zu ertragen so würde er doch vielleicht noch lange
mit seiner Erklärung gezögert haben wenn ihn nicht einst ganz unvermutet die
Gräfin bei Seite genommen ihm zu vertrauen dass morgen Ernas Geburtstag sei
den sie mit einem Ball zu feiern gedenke der ihr aber lediglich als Impromptü
erscheinen solle Ihm war als riefe jetzt die Stimme seines Schicksals mit
unwiderstehlicher Allmacht ihm zu Lass diesen Tag der sie einst der Erde gab
entscheiden ob sie für dich geboren wurde
    In welchem Aufruhr seines ganzen Wesens brachte er die Nacht zu die diesem
Tage vorausging Schlaflos warf er sich auf seinem Lager umher an den bald
Furcht als grässlich drohende Erscheinung bald Hoffnung als milder Genius
seiner dunklen Zukunft ihm vorüber schwebte Der erste Schein der Frühe rief
ihn auf und hinaus ins Freie Es war ein kalter Märzmorgen Blinkender Reif
ruhte wie ein weißes Leichentuch auf der Erde und die blätterlosen Bäume
streckten gleich starren Gerippen ihre nackten Zweige in die nebelhauchende
Luft Alexander empfand wenig von dem frostigen Einfluss der Atmosphäre In ihm
loderte eine Glut die sich an dem Altar der heiligsten Sehnsucht entzündete
und die ihn wärmte als wandele er unter den brennenden Strahlen der Juliussonne
einher Sonderbar erschüttert war sein Gemüt und ein gar anderer Geist als
sonst schien durch die Natur zu wehen und ihn so innig mit allen winterlichen
Erscheinungen zu befreunden als sei es Fülle des Lenzes die mit Blütenhauch
ihn umschmeichele
    Jetzt regte der Morgenwind seine Fittige flammend erhellte sich der Osten
und ein herrliches Morgenrot wandelte der Sonne voran die die Nebel
zerstreute Ihm war so wunderbar zu Mut  mit Wehmut kämpfend atmete seine
beklommene Brust gleichwohl mit vollen Zügen ein frisches freudiges Gefühl des
Daseins ein Die glanzumsäumten Wolken zogen wie goldene Träume über ihn hin
und das ferne Jenseits dessen Schwelle das Grab ist erschien ihm hinter der
purpurnen Pforte des Morgens alle Schauer der Unsterblichkeit in seiner ernsten
Gedankenfülle erweckend Ein seit seinen Knabenjahren durch Leichtsinn und
frivole Zerstreuungen gebannter Geist der Geist des Gebets zog heiligend in
seine Seele und belebte ihre öde Tiefe mit frommen Vorsätzen und würdigen
Entschlüssen Tränen stiegen in sein Auge und sich selbst das Gelübde
ablegend gut und immer besser zu werden ging er wieder zu Haus die
Empfindungen die sich in ihm regten in einen Brief an Erna zusammen zu fassen
    »Ich würde mein Unrecht verdoppeln wenn ich es zu verringern strebte«
schrieb er »Daher bekenne ich es frei Erna dass die Vergangenheit wie eine
rächende Nemesis neben mir durchs Leben geht und mich bitter mahnt an die
Vergehungen meiner unbesonnenen Jugend«
    »Ich habe Sie einst beleidigt und gewaltsam von meinem Herzen verscheucht
Meine Bestimmung wollte dass mir erst spät der Wert in seiner ganzen
himmlischen Klarheit erschiene der Sie jetzt in meiner Überzeugung zu der
Ersten und Einzigsten Ihres Geschlechts erhebt Aber Erna  ich halte mich an
die Worte die Sie einst aus dem Innersten Ihrer Seele sprachen und die seitdem
die Losung meiner stillen Träume der Grund meiner seligsten Hoffnungen geworden
sind Die Liebe überwindet alles und vergibt alles Sie haben mich einst
geliebt als ich dies Glück noch nicht verdiente Jetzt wo ich es in seinem
ganzen Umfang erkenne und mich nach ihm sehne als nach dem einzigen Himmel
den es für mich auf Erden gibt jetzt  ich beschwöre Sie bei unserem
beiderseitigen Glück das  so flüstert mir eine innere Stimme zu  nur
gemeinschaftlich bestehen kann  sein Sie nicht härter als jener milde
Ausspruch der mich wie eine Zauberformel über den düstern Abgrund
verzweiflungsvoller Hoffnungslosigkeit erhob  geben Sie mir ein Zeichen dass
Sie mich nicht verwerfen dass Sie mir erlauben Ihre Hand durch innige Liebe und
Treue zu verdienen  und machen Sie auf diese Weise Ihren Geburtstag mir zu
einem zwiefachen Festtag für mein ganzes Leben«
 
                                     XXIII
Kaum konnte er seine Ungeduld zügeln bis die Zeit die ihm nie so langsam als
gerade heute zu schleichen schien die Stunde herauf führte wo es die
Schicklichkeit erlaubte Erna seinen Glückwunsch und zugleich diesen Brief zu
überbringen
    Denn er selbst wollte ihn ihr übergeben  keiner fremden Hand das Blatt
vertrauen das die Veranlassung der Entscheidung über seine ganze Zukunft werden
musste Wie diese ausfallen werde  er wagte nicht sich es klar und deutlich zu
denken Ihm war als risse er in frechem Übermut den Schleier von einem
Heiligenbilde wenn er mit kühn der Zeit vorgreifenden Wünschen und Hoffnungen
in das Dunkel seines Schicksals dränge Kindlich fromm und dem Himmel
vertrauend der ja in die Tiefe seiner Seele zu blicken vermochte und den Ernst
des Entschlusses kannte die Geliebte verdienen zu wollen erwartete er Ernas
Ausspruch  aber menschlich wars dass er in zitternder Ungewissheit bangte und
dass er sich nach dem Augenblicke sehnte der ihn von dieser Quaal befreien
werde
    Er überschaute die duftende Reihe seiner blühenden Gewächse um durch
Blumen diese zartesten aller Gaben ihren Tag ehrerbietig zu verherrlichen
aber alle schienen ihm gemein und unwürdig um zur Feier desselben zu dienen
bis eine Daphne durch ihren süß berauschenden Duft ihn fest hielt und neben ihr
ein Rhododendrum ponticum mit seinen reichen Blütenbüscheln in der schönsten
Farbenpracht sein Auge auf sich zog Von jeder derselben eben so selten als
schön in ihrer Art wählte er die vollste jugendlichste Blüte und sie
während er hinging an seinem Herzen vor dem Frost der noch rauen Luft bergend
erbat er sich von Gott als ein geistiges Zeichen für seine Wünsche sie den
Abend auf dem Ball an dem ihrigen blühen zu sehen
    Er hörte beim Eintritt in das Haus des Gesandten dass das Fräulein auf ihrem
Zimmer sei
    Noch nie war es ihm gelungen dies Heiligtum zu betreten  aber oft schon
hatte eine süße Sehnsucht ihn mächtig dahin gezogen oft seine glühende
Phantasie sich träumend innerhalb der Wände versetzt die so glücklich waren
sie in ihren einsamen Stunden zu umgeben Er hatte auch wohl dann und wann den
Mut gehabt wenigstens den Versuch wagen zu wollen ob es nicht möglich sei in
ihr stilles ihm so bedeutungsvolles Asyl einzudringen  aber immer wars als
werde ihre Schwelle von unüberwindlichen Geistern bewacht die ihm auf
mancherlei Weise den Zutritt wehrten Heute aber fühlte er die Kraft in sich
jedem Hindernis Trotz zu bieten Und hätten feurige Drachen den Eingang gehütet
 ritterlich würde er sich durchgeschlagen und dem mächtigen Zug gefolgt haben
der in der exaltirten Aufregung seines ganzen Wesens ihm den Gang zu ihr als den
Weg seines eigentlichen Berufs zeigte
    Ein Bedienter meldete ihn an Er sei willkommen war die freundliche
Antwort Es war elf Uhr Vormittags und Erna allein Sie saß in einem einfachen
Morgenkleid das schöne Haar nachlässig geordnet auf dem Sopha der Tür
gegenüber und erhob sich als er sie öffnete sanft jedoch nicht ohne einen
kleinen Anstrich von Verlegenheit ihn zu begrüßen
    Im zarten Wechsel ihrer Farbe in der hold ihm entgegen geneigten Stellung
und in der liebreichen Verwirrung des unsicher von ihm abgleitenden und auf die
Erde sich senkenden Blicks sprach ihn ein geheimer Mut erweckender Anteil an
denn er fühlte so könne sie keinen Fremden keinen Gleichgültigen empfangen
    Mächtig dadurch gehoben näherte er sich ihr ihr seinen Glückwunsch
auszusprechen und die Blumen ihr zu überreichen Da auf einmal ward es dunkel
vor seinen Augen  das frische Rot seiner Wangen verlor sich in Todesblässe 
seine Kniee bebten und hätte er nicht schnell nach dem Tisch gegriffen sich
auf ihn der eine Scheidewand zwischen ihm und Erna bildete stützend  wer
weiß ob er nicht niedergeschmettert durch die Gewalt eines ungeahneten
Eindrucks umgesunken wäre
    Denn die Gräber schienen sich ihm aufgetan zu haben und feierlicher Ernst
so wie bitterer Vorwurf im stummen strafenden Blicke schauten von der Wand über
dem Sopha die Portraite seiner Tante und der Frau von Willfried in Lebensgröße
und täuschender Ähnlichkeit auf ihn herab
    Was ist Ihnen fragte Erna besorgt als sie sein Zittern bemerkte Er
vermochte nichts zu erwidern Aengstlich leitete sie ihn zu dem Sopha und ihm
einen Flacon reichend und eiligst aus ihrer kleinen Hausapoteke stärkende
Tropfen herbeiholend bemühte sie sich auf die liebreichste Weise ihm
beizustehen
    Ihm tat es so wohl sie so teilnehmend um sich beschäftigt zu schen
Seinen verworrenen Sinnen dünkte diese Szene ein Vorausgenuss der Zukunft wo
eheliches Beisammenleben die Geliebte auch in häuslicher Sorge freundlich um ihn
bemühen werde und diese selige Vorstellung rief seine Lebensgeister kräftiger
zurück als der Liquor es vermochte den sie ihm eingab
    Er schützte eine Anwandelung von Schwindel vielleicht weil er zu rasch
gegangen sei als Ursach des plötzlichen Nichtwohlbefindens vor das ihm
angewandelt sei und da er die furchtbar mahnenden Bilder jetzt im Rücken hatte
ermannte er sich sich dem Entzücken hingebend mit Erna allein zu sein und aus
ihrem sorgsam bekümmerten Benehmen so erquickliche Hoffnungen schöpfen zu
dürfen
    Schon zog er  die Blumen hatte sie bereits freundlich angenommen  das
verhängnisvolle Blatt aus seinem Busen um es hinzuzufügen als ein Geräusch im
Vorzimmer entstand die Türen stürmisch aufgerissen wurden und die Gräfin von
der Gesandtin begleitet herein trat Erna glückwünschend zu umarmen und sie
für den Abend zu sich einzuladen
    Sehr bewegt und fast der Fassung beraubt hielt Erna den Brief noch in der
Hand doch strebte sie ihn den Blicken der Kommenden zu verbergen und auch
dies dass sie ein Geheimnis mit ihm teilen zu wollen sich herabliess schien ihm
ein seinen Glauben aufmunterndes Kennzeichen der zu hoffenden Erhörung
    Aber schon hatte die überlebhafte Gräfin es wahrgenommen Vermutlich ein
Gedicht zur Feier dieses schönen Tages rief sie aus das versiegelte Papier
schalkhaft fixirend O lassen Sie uns Alle daran Teil nehmen Erna Lesen Sie
uns vor Von dieser Seite kannte ich unseren Freund noch nicht Ich wusste
freilich längst dass er uns Frauen gegenüber wenn von seinen Gefühlen die Rede
war manches zu er dichten im Stande sei aber das geschah immer in Prosa wie
er dichtet ist mir noch fremd
    Es ziemt mir nicht versetzte Erna mit gezwungenem Lächeln der Neugier
Preis zu geben was Zutrauen in meine Hände niederlegte Wenn es ein Gedicht
ist darf nur der Dichter entscheiden ob ein größeres Publicum als das das er
sich erkohren es hören soll
    Durch das unzeitige Dazwischenkommen der Gräfin aus allen seinen Himmeln
gestürzt konnte Alexander sich des bittersten Verdrusses nicht erwehren
    Für Sie allein ward geschrieben was dieses Blatt enthält erwiderte er
und sich stumm verbeugend verließ er das Zimmer da ein sehr richtiges Gefühl
ihm sagte dass  einmal verscheucht  die vorhergehende beglückende Stimmung
eben so wenig wiederkehren werde als das vorhin durch die Gunst des Zufalls
erlangte einsame Zusammensein mit Erna
 
                                      XXIV
Mit unschlüssigem aber freundlichen Wesen geleitete ihn Erna der Höflichkeit
gemäß bis halb zur Türe und der Ausdruck in ihren Zügen als er sie zum
letztenmal ins Auge fasste überzeugte ihn still und tröstlich dass er ihrer
Diskretion so wie überhaupt ihrer Gesinnung vertrauen dürfe
    Er kehrte nun in seine Wohnung zurück ruhiger zwar als er sie verlassen
hatte wiewohl noch nicht weiter vorwärts gekommen als vorher
    Indes  das Geheimnis seines Herzens war ausgesprochen  er selbst hatte es
der Entscheidung der Geliebten unterworfen  er durfte daher nicht zweifeln dass
sie bald erfolgen werde Aus Furcht den zarten Blütenstaub von seinen
Hoffnungen zu blasen enthielt er sich gewaltsam alles Grübelns  aber mit
gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf jeden Fußtritt der seinem Zimmer
nahte immer erwartend ein willkommener Bote werde ihm das ersehnte Ja oder
wenigstens die Weisung bringen selbst zu kommen um es von den Lippen der
errötenden Braut zu vernehmen
    Aber umsonst Die zögernden Stunden durch lange Erwartung gedehnt glitten
im Schneckenschritt an ihn vorüber und keine Kunde von ihr erfreute seine
Einsamkeit
    
    Auf dem Ball wird sie dir antworten sprach er zu sich selbst den
stürmischen Aufruhr seines Gemüts durch mühsam aufgesuchte Trostgründe
beschwichtigend Es war zu viel von der weiblichen Schüchternheit zu verlangen
sie solle ohne alle Überlegung ja sogar mit dem Anschein einer Übereilung das
Wort aussprechen das Liebe und Innigkeit sich erst verdienen muss wie die
Tapferkeit den Lorbeer der den Helden schmückt In ihrem Blick werd ich mein
Urteil lesen  und o die sonnige Milde die er diesen Morgen noch mir ins Herz
strahlte als sie mich krank wähnte berechtigt mich fest zu halten an der
freudigsten Zuversicht
    Kaum dämmerte der Abend so kleidete er sich zum Ball an und ob er gleich
gewöhnlich erst öffentlich erschien wenn alles versammelt war und man ihn
längst vermisst hatte so ließ ihm heute doch die Unruh keine Rast und er war
der erste Ankömmling im weiten noch nicht einmal völlig erleuchteten Saale
Selbst die Gräfin sonst eine sehr aufmerksame Wirtin fehlte noch da die
Stunde wo sie mit Recht erst ihre Gäste erwarten durfte noch nicht geschlagen
hatte
    Er verbot den Bedienten ihr seine Ankunft zu melden und setzte sich in
eine Fenstervertiefung wo die weiten faltenreichen Drapperien der seidenen
Fenstergardinen ihm eine Art von Einsamkeit mitten im Gewühl geschäftiger
Zurüstungen gewährten
    Endlich fingen die Wagen an zu rollen und fröhliche Gruppen füllten den
Saal und die angränzenden Gemächer  sie aber die sein Auge mit schüchternem
Verlangen suchte  sie sah er nirgends und als es endlich immer lauter und
gedrängter um ihn her ward verließ er seinen Schlupfwinkel sich unter die
Menge zu mischen
    Da begann der Tanz aber ohne Erna die doch bestimmt war die Königin des
Festes zu sein
    Die Gräfin schien verstimmt Noch hatte er sich ihr nicht genähert da wurde
sie ihn gewahr und sagte mismutig an ihn vorüberstreichend Denken Sie wie
fatal es mir geht Ich verfehle ganz den Hauptzweck den ich hatte Erna einen
frohen Abend zu bereiten Sie hat absagen lassen
    Noch war er halb betäubt von dieser ihn schmerzlich befremdenden Nachricht
da mahnte ihn ein süßer aromatischer Duft an der Daphne würzige Blüte Er
kannte die Schätze aller Treibhäuser der Residenz und wusste dass diese
liebliche Pflanze in keinem derselben jetzt blühend existire Wars ein Wunder
wenn er trotz dem was er so eben gehört Ernas Nähe wiewohl seinen Augen
noch verborgen vermutete Wie die Gletscher von der untergehenden Sonne zum
letztenmal bestreift in sanftem Rosenlicht erglühen um dann aufs Neue zu
erblassen von nächtlichem Schatten umhüllt so wärmte eine zarte Hoffnung noch
einmal sein bebendes Herz um es täuschend der Verzweiflung Preis zu geben
    Denn was glich der Empfindung die sein glühendes Blut in einen fröstelnden
Eisstrom verwandelte als der verräterische Duft näher und näher kam und er 
an Fräulein Mariane Lahnbergs vergilbtem Busen seine liebevoll erzogenen einem
so schönen Zweck geweihten Pflegekinder die Daphne neben ihrem strahlenden
Gefährten den Rhododendron erblickte
    Seiner nicht mächtig drängte er sich zu ihr hin und wie kommen Sie zu
diesen Blumen war die nicht sehr freundliche Anrede mit der er ihren
zuvorkommenden Gruß erwiderte
    Höhnisch grinzte ihn Mariane an und sagte wir machten vor dem Ball eine
Visite bei der schen Gesandtin Da lagen diese Blumen auf dem Tische von denen
Fräulein Willfried uns sagte dass sie ein ihr aufgedrungenes Geschenk und ihr
höchst zuwider seien so sehr sie auch sonst Blumen liebe Als ich sie nun
lobte und den armen Dingern das Wort redete sie möge ihnen nicht entgelten
lassen aus welcher unangenehmen Hand sie vielleicht kämen bot sie mir sie an
wiewohl sie hinzufügte sie wage es kaum da ihre Absicht gewesen sei sie zum
Fenster hinaus zu werfen Ich aber kehrte mich nicht daran und nahm sie Finden
Sie sie nicht schön
    Knirschend blieb Alexander ihr die Antwort schuldig Das ist zu viel rief
er aus fest mit seiner Hand seine Augen verdeckend vor denen sich alle
Gestalten um ihn her zu verwirren begannen
    Um Gotteswillen schrie Mariane was ist Ihnen Ich habe doch wohl nicht
etwan eine Indiscretion begangen Ich beschwöre Sie sagen Sie niemand was ich
Ihnen eben erzählte es könnte Verdrus geben Ich bin nun einmal so ein albernes
aufrichtiges Ding dass ich schlechterdings immer die Wahrheit sagen muss
    Ohne weiter auf sie zu hören rannte er fort und kam in einem Zustande in
seine Wohnung zurück der fast dem Wahnsinn glich
    Seine Leute ihn nicht so früh vermutend waren ausgegangen und nur
Benedikt sein Reitknecht ein grundehrlicher treuherziger Bursch der alle ihm
gegebenen Aufträge aufs pünktlichste besorgte und mit der größten historischen
Treue darüber berichtete war zur Aufsicht des Hauses zurückgeblieben
    Erschrocken leuchtete er seinem Herrn in das todtenbleiche Gesicht
ängstlich vor ihm herschreitend ihm das Zimmer zu öffnen Und als Alexander
hier ohne ein Wort zu sagen sich mit stieren Blicken auf den Sopha warf blieb
er verlegen vor ihm stehen und wusste selbst nicht ob jetzt der schicklichste
Augenblick sei von den während seiner Abwesenheit sich ereigneten häuslichen
Vorfällen zu sprechen Indes seine Liebe zur Pünktlichkeit siegte über die
Furcht seinen ihm ganz unheimlich vorkommenden Gebieter vielleicht in tiefen
Gedanken zu stören und schüchtern langte er von dem Marmorsimms des Kamins
einen Brief der von einem Bedienten des schen Gesandten mit dem Bedeuten
überbracht worden sei dass es keiner Antwort bedürfe
    Ein wirksameres Mittel hätte Benedikt nicht auftreiben können seinen fast
zu Marmor erstarrten Herrn von Neuem zu beleben Wie der Verschmachtende die
letzte Kraft die ihm übrig blieb anstrengt den Becher zu erreichen in den
ihm Labung und Rettung quillt so ergriff Alexander mit zitternder Hast den
Brief ihn an sich reißend als könne durch ihn die Quaal seines Innern sich
lindern und noch alles alles gut werden
    Gleichwohl betrachtete er doch erst ehe er das Siegel brach die
Aufschrift sich einen Moment an der zierlichen Frauenhand weidend die sie
geschrieben Noch nie hatte er Ernas Schriftzüge gesehen aber ein milder
Geist der Geist der Hoffnung schien sie zu beseelen und neu gestärkt und
ermutigt öffnete er nun den Brief und las folgendes
    »Ersparen Sie meiner Freundin die unangenehme Notwendigkeit Ihnen eine
abschlägliche Antwort erteilen zu müssen indem Sie Sich mit meiner
Versicherung begnügen dass Ernas Hand auf ewig für Sie verloren ist
    
                                                                       Auguste«
 
                                      XXV
Als ungefähr nach einer halben Stunde Alexander sich wieder deutlich besinnen
konnte fand er sich von den Armen des treuen Benedikt umfasst der ihm ein Glas
Wasser ins Gesicht gegossen und so aus seiner dumpfen ohnmachtähnlichen
Betäubung ins Leben zurückgerufen hatte
    Ihm war als erwache er aus einem taumelnden Rausche Er fühlte sich
angegriffen aber doch nüchtern und fähig zu überlegen und zu handeln
    Gott sei gelobt dass der Herr Rittmeister doch wieder bei sich sind rief
der nun etwas beruhigte Benedikt aus dem Schweistropfen auf der Stirn und
Tränen im Auge standen Ich dachte immer Sie würden mir unter den Händen
sterben Hätt ich doch man lieber den fatalen Brief in den Kamin geschmissen
statt ihn drauf zu legen da er Gott weiß was für Teufeleien enthält die den
Herrn Rittmeister so außer sich brachten
    Bei Erwähnung des Briefs wurde es vor Alexanders Sinnen immer heller und
heller wiewohl in schneidender Klarheit Er hielt ihn noch krampfhaft
zusammengeknittert in der Hand und entfaltete ihn von Reuem ihn  wie er sich
einbildete  noch einmal ruhig zu überlesen
    Dies wollte nun zwar nicht gehen denn jeder Buchstabe schien ihn mit
Basiliskenblick anzuschauen und ihn dünkte als knisterten blaue
Schwefelflammen aus jeder Zeile mit spitzen brennenden Zungen an seinen
tödlich verwundeten Herzen leckend aber er rief gewaltsam alle Kraft des
Willens die dem Manne zu Gebot steht auf und sagte sanft und gefasst zu
Benedikt Sorge dass ich ungestört bleibe diese Nacht mein guter Junge denn
ich habe zu tun und muss allein sein Um Mitternacht bringe mir eine Flasche
Rheinwein
    Hierauf winkte er mit der Hand gegen die Tür und so ungern auch der treue
noch immer leise besorgte Diener ihn verließ so war er doch an zu strengem
Gehorsam gewöhnt um sich nicht augenblicklich zu entfernen
    Als er mit dem Schlag zwölf Uhr herein trat fand er seinen Herrn sehr
beschäftigt mehrere Schränke auszuräumen Papiere teils zu ordnen teils zu
verbrennen und Geld abzuzählen
    Sehr mäßig trank er von dem Weine den Benedikt ihm gebracht hatte und
befahl ihm mehrere Sachen die er bezeichnete in einen Koffer zu packen und
alsdann so wie der Tag anbrechen werde verschiedene Rechnungen zu bezahlen
und andere Aufträge auszurichten die er unter dem Siegel der Verschwiegenheit
ihm anvertraute
    Gegen Morgen war alles still und pünktlich nach seinem Willen geordnet Da
warf er sich unausgekleidet auf den Sopha und schlummerte einige Stunden dann
ging er zu dem Chef seines Regiments und bat um augenblicklichen Urlaub zu
einer höchst notwendigen Reise Er erhielt ihn erhob von seinem Banquier eine
bedeutende Summe Geldes und die nötigen Wechsel entließ reich beschenkt seine
übrigen Leute außer Benedikt dessen anhängliche Treue er schon oft erprobt
hatte und ehe noch jemand aus dem Kreise seiner Bekannten seine Absicht ahnte
lag die Residenz bereits hinter ihm im Nebel der Entfernung
    Frankreich Italien und die Schweiz waren die Länder nach denen sein
unstäter der tiefsten Schwermut preisgegebener Sinn zuerst strebte
    Da aber sein erbetener Urlaub nicht einmal zu einem flüchtigen
Durchstreichen noch weniger zu einem ruhigen Kennenlernen derselben hingereicht
haben würde und es sein entschiedener Vorsatz war nie oder doch nur unter
ganz veränderten Umständen wieder in die Heimat zurückzukehren so sandte er
das Gesuch um seinen Abschied an die Behörde ein um  so sehr er auch seine
Militairverhältnisse geliebt hatte  frei und unabhängig über sich selbst und
über seine Zeit verfügen zu können Ungern erteilte man ihm diesen da er von
jeher echt martialisch denkend und handelnd an Leib und Seele Soldat war
seinem Regiment durch den regesten Diensteifer so wie durch die Liberalität
seiner Gesinnung und den Glanz seines bedeutenden Vermögens Ehre gemacht hatte
und alle seine Kameraden ihn brüderlich liebten Um daher nicht alle Ansprüche
an ihn aufzugeben stellte man ihn à la suite an und ungehindert folgte er nun
dem Zuge der  aus seiner unbefriedigten Sehnsucht sich entwickelnd  ihn durch
den größten Teil Europas trieb
 
                                  Drittes Buch
                                        I
Obgleich die mit einer ewigen Abwechselung verbundenen Zerstreuungen auch auf
Alexanders Gemüt ihre erheiternde Wirkung wenigstens momentan nicht
verfehlten so fühlte er doch sehr bestimmt dass das Schicksal des unheilbaren
Kranken der unter südlicheren Zonen und an fremden Heilquellen Linderung sucht
und hofft und allenthalben nur sein Elend findet auch das seinige sei
    Eine fremde dunkle Macht war seit die Hoffnung es verlassen hatte
schauerlich in sein Leben getreten und statt wie sonst mit offener leicht
empfänglicher Seele sich den vor ihm aufblitzenden Freuden der Welt hinzugeben
drängte ein düsterer verschlossener Ernst ihm die Nichtigkeit aller irrdischen
Genüsse zeigend ihn tief in sich selbst zurück und machte dass er sich mitten
unter den Herrlichkeiten der Natur und Kunst die ihn umgaben wie ein Gespenst
unter den Ruinen des Tempels erschien der einst von ihm dem Glücke geweiht und
nun  von der Hand des Schicksals auf ewig zertrümmert war
    Denn der tief in ihm noch brennende Schmerz der Vergangenheit machte ihn
gleichgültig gegen die Reize der Gegenwart und sein Gemüt hatte unwillkürlich
eine Astenie ergriffen die es zum toten Meere umschuf das keine Ausflüsse
hat sondern nur über fließt wenn ungewöhnliche Ereignisse es in Bewegung
setzen oder Orcane es aufwühlen Das Ungewöhnliche aber vermied ihn weil seine
die Flügel senkende Phantasie es nicht suchte und die Melancholie deren
finsterer Schatten wie eine schwarze Wolke über sein Leben zog ihm jedes
fröhliche Ergreifen des Zufalls verleidete
    Indessen bewährte die Zeit auch an ihm ihre lindernde wenn gleich nicht
heilende Kraft Anfangs hatten ihn die herrlichsten Gegenden und die erhabensten
Naturschönheiten eben so kalt gelassen als führe sein Weg ihn durch die
Lüneburger Heide oder über die eintönigen Sandstrecken der Mark aber nach und
nach erwärmte sich sein starrer Blick und ruhte mit Wohlgefallen auf den
Wundern reich ausgestatteter Gefilde in deren Reizen er sich für Augenblicke
losgebunden von allem fühlte was ihn sonst so schmerzlich an die niedere
Dornenbahn seines dürftigen Lebens fesselte Er wusste sich wieder in stiller
Einsamkeit die geheimen Hierogliphen der Natur zu deuten  das flammende
Abendrot redete ihn wieder an wie sonst nur in einer anderen ernsteren
Sprache  die murmelnden Bäche flüsterten ihm wieder dämmernde Träume zu  die
Wasserfälle sangen Wiegenlieder seinem Schmerz und die rauschenden Haine wehten
Kühlung in die Tiefe seines verwundeten Busens Nur mit der Erinnerung war er
dem Schein nach für immer zerfallen Denn wenn sie zuweilen wie sie zu tun
pflegt ihn leise beschlich in den Stunden des Alleinseins lächelnd den Spiegel
ihm vorhaltend aus dem das Bild der Vergangenheit ihn begrüßte  dann war es um
den schwer errungenen Gleichmut geschehen  grau und verwischt lag das Dasein
vor ihm dessen innerste Wurzel zerstört war  stechende Eisschauer zitterten
wieder durch die schnell auflodernde Fieberglut seines Innern  des Lebens
unendliches Weh legte sich von Neuem gleich einer erdrückenden Last auf seine
schwer geängstete Brust und der leise Trost der sanft beschwichtigenden Natur
war dann auf lange für ihn verloren
    Deshalb hütete er sich auch sorgfältig vor allen Nachrichten aus der
Heimat da sie ihn nicht erheitern sondern nur aufs Neue verletzen konnten Er
schrieb und empfing keine Briefe als solche, die zur Fortdauer seiner
physischen Existenz in ökonomischer Rücksicht nötig waren und Zahlen statt der
Gefühle machten den Inhalt derselben aus
    Die Wintermonate brachte er stets in irgend einer bedeutenden Stadt zu
schloss sich auch wohl an deren gesellige Kreise an doch nur wie einer der von
der Bühne abgetreten ist und mit den Maschinerieen bekannt und nicht mehr
geblendet von dem auf Effect berechneten Schein zwischen den Kulissen hindurch
einen frostigen Blick auf das bunte Treiben wirft in dessen Mitte er einst eine
so lebendige Rolle spielte So waren vorzüglich seit jenem Wendepunkt seines
Lebens der ihn von allem Frohsinn geschieden hatte die Damen denen er sonst
so gern im Allgemeinen wie im Einzelnen huldigte Gegenstände der höchsten
Gleichgültigkeit für ihn und so manches Netz auch von zarter Hand gewebt
strebte den schönen Fremdling zu fangen so war doch jene Höflichkeit die die
feine Sitte fodert der einzige Tribut den er selbst den verführerischten
Reizen brachte
    Weit mehr als sie und ihre anmutigen Bestrebungen ihn zu fesseln zog ihn
die Kunst mit ihrem stillen wundervollen Wirken an Ihm lag freilich die Ahnung
fern die manchem Menschen in ihr sein höchstes Prinzip erblicken lässt Er
betrachtete sie nur als Mittel den Schmerz der unendlichen Sehnsucht zu
mildern der Wermut in jeden Tropfen Lust Seufzer in jeden freudigen Laut ihm
mischte Vermittelst seines regen Anschauungs und Auffassungsvermögens führte
sie seiner Seele Gedanken und Bilder zu welche die Nachtgestalten wenigstens
auf kurze Zeit verdrängten die mit eiserner Beharrlichkeit sonst ihren Platz
dort genommen hatten und auf den lichten Schwingen der Harmonie erhub er sich
zuweilen über das grauenvolle Dunkel um ihn her in das ferne Geisterreich der
Töne  oder er fühlte sich durch die Meisterwerke der plastischen Kunst und der
Malerei für Momente ihm entrückt
    Nur der Poesie wollte es nicht glücken den Einfluss auf seinen umhüllten
Sinn zu erlangen den mancher Leidende durch sie getröstet und gestärkt ihr
über sich einräumt Denn sie berührte mit ihrem magischen Stabe seine Wunden
nicht lindernd sondern sie von Neuem zum Bluten reizend und rief eine Menge
Erscheinungen die traumähnlich in ihm dämmerten zu einem krampfhaften Leben in
ihm auf
    Er scheute daher die Möglichkeit dass ihr geheimer Zauber den Ton in der
Tiefe seines Gemütes treffen könne der als bang erschütternde Dissonanz
leichter zu erregen wie alsdann zu vertilgen war und da sie nur Reflexe seiner
untergesunkenen Hoffnungen seiner schmerzlich begrabenen Wünsche in die camera
obscura seiner Brust zu werfen vermochte so wählte er als das sicherste Mittel
sich vor jeder unsanften Berührung dieser Art zu schützen dass er gar nichts
als höchstens  die Zeitungen las
    In einer derselben die der Zufall ihm in die Hand führte fand er die
Anzeige dass der sche Gesandte seinen bisherigen Aufenthalt verlassen und
einen andern diplomatischen Posten an einem nordischen Hofe erhalten habe
    Diese Nachricht machte einen seltsamen Eindruck auf ihn Ob er sich es
gleich nicht eingestehen mochte so hatte es ihm doch in seinen stillen Träumen
ein wehmütig süßes Gefühl gewährt sich Erna zuweilen in alle den ihm bekannten
Beziehungen und Umgebungen zu denken Nun war sie fort  denn er durfte nicht
bezweifeln dass sie ihrer Freundin nicht auch nach ihrer neuen Bestimmung
gefolgt sei und ihm ermangelte der feste Punkt an den er sich halten durfte
um ihre reizende Erscheinung sich zu vergegenwärtigen Denn wenn auch seitdem
sein Blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete so war es ihm
doch als tappe er in einem wüsten Labyrinth wo der leitende Faden ihm fehlte
um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen
    Freilich  ihm selbst öffnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun
schon seit länger als vier Jahren verlassenen Heimat denn nie das hatte er
sich vorgesetzt wollte er sie betreten so lange er fürchten musste ihr je
wieder zu begegnen
    Vielleicht aber würde er an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstrassen
nun gewöhnt noch lange nicht daran gedacht haben zurückzukehren wenn nicht
dumpfe Gerüchte von den kriegerischen Zurüstungen seines Vaterlandes sein Ohr
erreicht und die politischen Verhältnisse den Ausbruch baldiger
Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt hätten
    Da schien es ihm doch als sei es besser die im unnützen Wanderleben sich
zersplitternden Kräfte dem Dienste seines Königs zu weihen und seiner plötzlich
aus ihrer Letargie erwachten Einbildungskraft dünkte das Wirbeln der Trommeln
das Wiehern der Rosse die energische Sprache der Kanonen und das zu blutiger
Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedürfnissen recht
angemessenes Spiel
    Er beschloss also zurückzureisen und sich um eine neue militairische
Anstellung zu bewerben Mancher Beneidenswerte sprach er leise zu sich selbst
kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden  mancher den heilenden Tod   
mir wird das Schlachtfeld ihn gewähren
 
                                       II
Mit einem ganz eigenen Schauer von Wehmut betrat er die Gränze seines
Vaterlandes wieder Stiller war es freilich in ihm geworden seit er sie vor
fünftehalb Jahren überschritten hatte um das bittere Gefühl des Verschmähtseins
in weite Ferne zu tragen  heller aber nicht In tausend schimmernden Farben
ging ihm die Vergangenheit auf und alle wie aus langem Schlummer erwachenden
Erinnerungen seiner ersten lebensfrohen Jugend mahnten ihn an den schmerzlichen
Kontrast zwischen einst und jetzt
    Und doch so heiter er auch damals in der Fülle sorglosen Leichtsinns seine
Tage dahin scherzte hätt er nicht zu ihr zurückkehren mögen wenn es in seiner
Kraft gestanden hätte die Kluft hinwegzutilgen die zwischen damals und seiner
blütenlosen entblätterten Gegenwart lag
    Denn in dem Schmerze abgewiesener Liebe der wie griechisches Feuer
unauslöschlich brennt war ihm erst des Lebens tiefe Bedeutung aufgegangen und
in der kurzen aber reichen Zeit seines Umgangs mit Erna hatte sich ihm ein nie
vorher geahneter Himmel der reinsten Seligkeit erschlossen so dass auch noch
jetzt in seiner umnachteten Seele die Vorstellung des höchsten Glücks neben der
Trauer lag es verfehlt zu haben
    Die Poststrasse führte ihn über Bellevüe wo er einst einen unvergesslichen
Wintertag an ihrer Seite verlebte Damals starrte die Natur in die Fesseln des
Winters eingeengt ihn frostig an aber einen warmen seligen Lenz trug er im
Busen von der milden Sonne der Hoffnung verklärt Jetzt lächelte ihm alles
frisch und grün im Schmuck des hohen Sommers zu  doch in ihm wie winterlich
verödet  Er riss sich gewaltsam los von diesen herben Vergleichungen und
bemühte sich an gleichgültige Dinge zu denken um sein aufgewiegeltes Herz
wieder zu der stumpfen Ruhe zurückzubringen die nun einmal der wohltätigste
Gemütszustand war den das dürftige Geschick ihm gönnte Denn ihm mangelte
Neigung und Entschluss um mit Bestimmtheit Pläne für seine Zukunft zu entwerfen
da dem Menschen der nicht zurück blicken mag oder darf leicht auch die Lust
fehlt seine Kräfte vorwärts zu richten und er in ein müdes sich Gehenlassen
statt des Handelns verfällt
    Da scheuchte ihn plötzlich ein Zufall aus dieser hinbrütenden
Halbbewusstlosigkeit auf
    Ein Rad seines Wagens nämlich lief ab und der im vollen Trab fahrende
Postillon vermochte die Pferde erst anzuhalten als der Wagen bereits umgefallen
und zerbrochen war und Alexander mehrere schmerzhafte wenn gleich nicht
gefährliche Verletzungen am Kopfe erhalten hatte
    Sie waren gerade am Ende jenes Tannenwaldes dessen unverwelkliches mit
Schnee vermischtes Grün ihn damals als er Erna im Schlitten fuhr symbolisch in
seinem Innern zum Hoffen ermuntert hatte
    Er beschloss während Benedikt mit dem Postillon sich bemühte den Wagen
wieder aufzuhelfen und in einigermaßen fahrbaren Stand zu bringen zu Fuß nach
dem nah gelegenen Sorgenfrei zu gehen um die Teilnahme seines Jugendfreundes
der es bewohnte anzusprechen und durch einen Verband mit Essig oder Wein das
Schwellen der erhaltenen Quetschungen zu vermindern
    Als er das heitere wohlgebaute Haus auf seiner sanften Anhöhe erblickte
glühten eben die Fenster so feurig vom abendlichen Sonnenstrahl beglänzt als
wollten innere Flammen hervorlodern Sanfte Lüfte säuselten in den blühenden
Linden die es wie ein dunkler Kranz umgaben und trugen den lieblichen Duft
der ihm wie ein Gruß des Willkommens entgegen wehte weit umher Als er näher
kam bemerkte er allenthalben eine sorgsamere Kultur als vormals Das ist der
eigentümliche Segen der Häuslichkeit dachte er bei sich selbst Der Mensch ist
nicht geboren um unstät und flüchtig durch die Welt zu pilgern Hat er sich
erst ein Asyl gegründet das ihn schützt vor den Stürmen des Lebens so gewinnt
er es bald lieb und schmückt es wie das Kind seine Puppe Er nimmt dann die
engen Schranken die ihn umbauen unter der freundlichen Hülle nicht wahr mit
der sein Fleiß sie umgibt und dankbar  dankbarer als die Menschen  ist der
Boden den man mit Sorgfalt pflegt 
    Unter hohen Blumenstauden die sich von dem frischen kurz gehaltenen Rasen
eines freien Platzes erhoben saß ein herrlicher Knabe und spielte Eine Glorie
von blonden Locken umwallte sein liebliches Gesicht und mit großen braunen
sonnenklaren Augen schaute er ihm voll herzgewinnendem Vertrauens entgegen
    Alexander konnte kein nur einigermaßen liebenswürdiges Kind sehen ohne sich
innig zu ihm hingezogen zu fühlen Er beugte sich herab zu dem Kleinen der
etwas über drei Jahre alt schien und küsste ihn auf die freie offene Stirn ihn
fragend ob sein Vater zu Hause sei
    Vater nicht antwortete der Knabe aber Mutter Willst du hin Ich will dich
zu ihr bringen 
    Die gepflückten Blumen in seinem aufgeschürzten Gewand bergend raffte er
sich auf ihm ohne Schüchternheit die kleine Hand bietend um ihn nach dem Hause
zu führen dessen Flügeltüren offen standen
    Außer der veränderten inneren Einrichtung fiel ihm ein höherer Grad von
Ordnung als er je in diesem Hause wahrgenommen beim Eintritt auf und eine
gewisse einfache aber dem Auge wohltuende Eleganz sprach ihn auf eine höchst
angenehme Weise an und verbürgte den richtigen Sinn seiner Bewohner für alles
Edle und Schöne der äußeren Form.
    Der Kleine stieß eine nur angelehnte Tür auf und Alexander trat in ein
Zimmer wo eine schlanke jugendliche weibliche Gestalt neben einer grün
umhangenen Wiege saß einen Säugling auf dem Schoos haltend der in süßer
Behaglichkeit lächelnd und lallend mit ihren braunen Locken spielte
    Sie hatte ihr Haupt tief herab über das Kind gebeugt daher konnte Alexander
nicht sogleich ihre Züge erkennen aber das schöne Haar und die über allen
Ausdruck zierlichen Füßchen welche in ihrer vermeinten unbeobachteten
Einsamkeit etwas vorgestreckt auf einem Schemel ruhten wirbelten im plötzlich
erwachten Sturm einer unbändigen Leidenschaft die wunderbarsten Reminiscenzen
aus seiner tiefsten Seele herauf
    In diesem Augenblick rief der Knabe Mutter da ist ein fremder Mann Sie
wandte das Gesicht zu ihm hin und vom Blitz der schrecklichsten Gewisheit
getroffen blieb Alexander wie gelähmt vor ihr stehen denn  heiliger Gott 
es war Erna
 
                                      III
Sie schien vor dem Blick zu erbeben den er auf sie schleuderte Der brennendste
Hass die tiefste Geringschätzung und eine Stimmung in der es ihm nicht schwer
geworden wäre das blutigste Verbrechen zu begehen spiegelte sich als
Wiederschein der wilden Gährung die in seinem Innern Statt fand in seinem
Antlitz ab
    Doch  nur einige stumme Minuten ihr gegenüber und er fand sich wieder
    Wie schön war sie nicht in dieser schweigsamen demütigen Haltung vor der
Wut erzitternd die sein Anblick ausdrückte und doch vom Gefühl der
Mutterwürde gestärkt ihm furchtlos in das flammende Auge schauend So rein und
edel hatte selbst Raphael seine Madonna nie gedacht Der rosige Duft kräftiger
Jugendfrische auf ihren Wangen war einer sanft verklärenden Blässe gewichen und
die kindliche Heiterkeit die sonst wohl ihre Züge anregte einem stillen
seelenvollen Ernst der aber durch die unaussprechlichste Güte gemildert ward
    Schweigend waren die ersten Augenblicke des Wiedersehens ihnen
vorübergegangen  jetzt aber fasste sich Alexander und redete sie an
    Verzeihen Sie gnädige Frau   denn so muss ich Sie jetzt wohl nennen sagte
er bitter dass ein Unfall der mich nicht weit von hier getroffen mich ohne die
Ahnung dass ich Ihr Haus betrat hierher führte Ich glaubte meine ehemaligen
Bekannten noch hier zu finden  allein ich habe mich geirrt wie ich sehe
    Nicht in dem was Sie zu finden meinten versetzte Erna Sie sind bei Ihren
ehemaligen Bekannten denn Sie sind bei mir
    Das möchte um so unangenehmer für uns beide sein erwiderte Alexander
unfähig seiner herben Stimmung zu gebieten Doch Erna nahm gelassen diese
unartige Äußerung hin und rügte sie nicht Sie bemerkte gerade jetzt dass er
verwundet und ihres Beistandes bedürftig sei Eilig rief sie daher die Wärterin
des Kindes übergab ihr den Säugling und bemühte sich mit der sanftesten
Teilnahme zu erforschen wo es ihm weh tue um ihm lindernd und nützlich zu
sein
    Er war sehr erschöpft von dem inneren Aufruhr den Hass und Neid zwei ihm
sonst so fremde Leidenschaften bei der Vorstellung, dass Erna vermählt sei in
ihm erregt hatten Gleichwohl wollte er doch ohne alle Hilfe anzunehmen seinen
Weg zu Fuß nach der sehr nah gelegenen Stadt fortsetzen  allein Erna glaubte
dies bei seinem psychisch und physisch gereizten Zustand nicht zugeben zu
dürfen
    Als nun ihre freundlichen Bitten finster von ihm abgewiesen wurden und er
fest auf seinem Vorsatze beharrte öffnete sie die Tür eines Nebenzimmers So
gewähren sie es diesen wenn auch nicht mir dass ich für Ihre Erholung sorgen
darf sagte sie und er erblickte jene Bilder wieder die die Züge seiner Tante
und der Frau von Willfried so treu bewahrt hatten  aber mit ganz anderem
Ausdruck als sie ihn einst erschütterten wie er an Ernas Geburtstag sie
zuerst sah schauten sie ihm jetzt entgegen Damals schien Unwille Vorwurf des
begangenen Unrechts und Verachtung in ihren stillen Blicken zu glühen  jetzt
lächelten sie ihn beide mitleidig an als wollten sie in tröstender Milde sagen
Alles ist vergeben denn das bittere Leiden das eine Folge deines Leichtsinns
war hat uns mit dir versöhnt
    Er fühlte sich überwältigt Weich geworden wie ein Kind konnte er kaum der
Rührung seines Herzens wehren hervorzubrechen  auch Erna war tief bewegt Wie
Tau im Kelche einer Blume so funkelten Tränen in ihren Augen  aber sie
wandte sich hinweg und trocknete sie leise ihm diesen Anblick entziehend der
ihn nur noch tiefer erschüttert hätte Sie schien zu ahnen ja sogar in gewisser
Hinsicht zu teilen was in ihm vorging Indessen machte gerade dies innige
Verstehen seiner Gefühle sie schüchterner als vorher ihr Schranken anweisend
die das Bewusstsein ihrer Pflichten sie zu überschreiten warnte
    
    Sie ordnete alles an was seine Pflege erforderte aber sie legte nicht
selbst Hand an so weh es ihr auch tat ihrem Kammermädchen ein Geschäft
überlassen zu müssen das sie gewiss linder und schonender verwaltet hätte
    Ihrem Zureden und Bitten nachgebend hatte Alexander Platz auf einem
Ruhebett genommen Es fanden sich mehrere ziemlich tiefe Verletzungen am Kopfe 
seine Schmerzen wurden heftiger und durch ein Wundfieber noch vermehrt das ihn
von Zeit zu Zeit convulstvisch schüttelte Erna suchte von seinen Leiden
sichtbar ergriffen ihm durch Hausmittel momentan Erleichterung zu verschaffen
sandte aber sogleich einen Boten nach der Stadt einen Chirurgus holen zu
lassen der ihn kunstmässiger und wirksamer als weibliche Erfahrung zu behandeln
im Stande sei
    Duldsam und mild geworden unterwarf sich Alexander jetzt allem was sie
verfügte Es tat ihm wohl sie an seinem Lager sitzen zu sehen denn aus ihrer
Nähe quoll der heilendste Balsam den es für sein bis zum Tode verwundetes
Gemüt gab Ihr gegenüber gewährte es ihm die feinste Schwelgerei der Sinne, so
wie den höchsten Genuss der Seele sich in ihr Anschauen zu vertiefen und
durstig nach so langem Entbehren jeden ihrer Blicke einzusaugen Ruhe ist der
Charakter der Gottheit  nur leise und unmerklich mit Leiden verschmolzen
tronte sie auf ihrer verklärten Stirn und Reinheit des Sinnes strahlte in
ihrem himmlischen Auge das  ihn über irrdisches Sehnen erhebend  sanft seine
stürmende Brust beruhigte
    Er fand sie aber sehr verändert wenn er sie mit dem Bilde verglich das ihm
von ihr gefolgt war während dieser Jahre der Trennung Denn nicht mehr die
blendende blühende Schönheit sondern ein dem Unsichtbaren näher als den
Freuden der Welt angehörendes durch ernste Selbstverläugnung geläutertes durch
stillen Schmerz vertieftes Wesen stand vor ihm in einer nicht mehr auf gemeiner
Erde einheimischen Gestalt
    Und doch schien ihre freundliche Demut sie ohne Murren an den niederen
Dienst des rauen Lebens zu knüpfen und eine fromme Ergebung die aus allem
hervorstrahlte was sie tat und sprach sie mit den Mängeln des irrdischen
Berufs zu versöhnen
    Ob sie wohl glücklich im ehelichen Bunde ist fragte er sich selbst Der
Frieden der auf ihrer Stirne tronte bejahte scheinbar seine Frage  scheinbar
nur denn nicht der Glückliche allein auch der kann ihn erringen der durch
Glauben an ewige Hoffnungen gestärkt sich über alle Dornen seiner Bahn
hienieden erhebt ob er gleich ein mühseliges Leben des Entbehrens und der
Entsagung führt
    Es war ihm unmöglich nach dem Namen ihres Gatten zu fragen Wer es auch sei
 hassen musste er ihn das fühlte er sehr bestimmt hassen um so glühender je
mehr seine Beobachtungen ihn überzeugen würden dass Erna ihn liebe
 
                                       IV
Sehr bald indessen riss ihn die Ankunft des glücklichen Gemahls aus dem
ungewissen Grübeln wer es wohl sein könne denn nachdem man den raschen Galop
eines Pferdes vernommen trat  Herr von Linovsky ins Haus
    Aengstlich und atemlos das bemerkte Alexander durch die offenstehende Tür
des Nebenzimmers eilte er auf Erna zu
    Um Gotteswillen was ist geschehen rief er ihr entgegen Ich erfuhr
unterwegs dass du eilig nach einem Wundarzt geschickt habest  ich will doch
nicht hoffen dass dir oder den Kindern etwas zugestoßen ist
    Ruhig sagte Erna Weder die Kinder noch ich bedürfen seines Beistandes aber
einen Freund von uns hat nicht weit von unserm Hause ein Unfall betroffen der
zwar dem Himmel sei Dank nicht bedeutend ist aber dessen Behandlung denn doch
meine wenigen medicinischen Kenntnisse übersteigt Herr von Norbeck  sie
zeigte als sie seinen Namen nannte durch die offene Tür nach dem Ruhebett im
angränzenden Zimmer auf welchem er lag  Herr von Norbeck wurde durch den
Umsturz seines Wagens am Kopfe verletzt und um seinen schmerzlichen Zustand
sobald wie möglich gründlich zu lindern hab ich so schnell ich nur vermochte
nach ärztlicher Hilfe gesendet
    Alexander sah Linovsky bei Erwähnung seines Namens erblassen und es war
als träte eine unangenehme Erinnerung finster vor sein Gedächtnis Auch dauerte
es einige Minuten während er sich mit Erna in leisem Gespräch in eine
Fenstervertiefung zurückgezogen hatte wohin sein Blick ihm nicht folgen konnte
bis er zu seinem Lager trat und ihm als einen der Höflichkeit nicht gern
dargebrachten Zoll einige halb unverständliche Worte von dem Vergnügen ihn
wieder zu sehen und von der Freude dass sein Haus gerade das nächste bei dem
sich ereigneten Unfall gewesen sei um ihm als Zufluchtsort dienen zu können
zumurmelte
    Alexander stellte sich kränker als er war um diese Gemeinplätze nur nicht
beantworten zu müssen In Linovskys frostigen Mienen und den feindseligen
Blicken mit denen er ihm gegenüber stand spiegelte sich ein Teil seiner
eigenen Gesinnung und der herbeigerufene Wundarzt der eben herein trat
unterbrach sehr willkommen die Spannung dieses nicht wohltuenden
Beisammenseins
    Erna hatte bereits Charpie und Leinwand zum Verband zurecht gelegt Nachdem
sie den Chirurgus sorglich gefragt was er noch außerdem bedürfe um dem
Leidenden recht zu nützen entfernte sie sich vor dem Anblick der Sonde
erschreckend die er aus seiner Instrumententasche hervorzog Sie warf als sie
von Linovsky begleitet hinweg ging noch einen Blick so voll innigem Mitleids
und rührender Teilnahme auf Alexander dass dieser wie durch Tropfen eines
himmlischen Elixirs seine gesunkenen Kräfte gehoben fühlte und es ihm ein
freudiges Spiel ward sich nun den schmerzhaften Untersuchungen des Arztes zu
unterwerfen
    Der Wechsel so stürmender die innerste Lebenskraft aufreibender
Gemütsbewegungen machte mehr noch als seine Wunden seinen körperlichen Zustand
bedenklich Ein heftiges Fieber wütete in seinem Blute und der Arzt erklärte
dass einige Tage der tiefsten Ruhe durchaus erst dem Versuch vorausgehen müssten
ihn nach einem anderen Aufenthalt zu bringen
    Nicht gern ließ sich Alexander dies gefallen Die widerwärtige Überzeugung
Linovsky unwillkommen zu sein die sein abstossendes Betragen ihm aufgedrungen
hatte beleidigte seinen Stolz und machte dass er trotz Ernas wohltuender
Nähe sich hinweg sehnte
    Und selbst diese Nähe die ihm den Pfeil des Schmerzes nur immer tiefer in
die gespaltene Brust drückte musste sie ihm nicht den Eindruck ihrer
Liebenswürdigkeit immer unauslöschlicher machend das Loos der Mücke die das
Licht umflattert in seinem Schimmer sich wärmen will und von der gefährlichen
Flamme in Asche verwandelt dahin sinkt als Sinnbild seines eigenen Schicksals
im Spiegel der Zukunft zeigen
    Alle seine Einwendungen wurden jedoch durch den Ausspruch des Arztes dass er
ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Zustandes nicht hinweg gebracht werden
könne widerlegt und da Erna ihn mit der ihr eigenen lieblichen
herzgewinnenden Weise bat sich doch zu gedulden und ihr die Freude zu gönnen
durch ihre Pflege zu seiner Erholung beitragen zu dürfen auch Linovsky nachdem
er sich etwas gesammelt hatte eine etwas wohlwollendere Außenseite zeigte als
vorher so ergab er sich wiewohl ein unglückweissagendes Gefühl in seiner Seele
ihn mahnte dass schleunige Flucht heilsamer für ihn als Bleiben sei
    Denn immer neue immer achtungswertere und anziehendere Eigenschaften
entfalteten sich in ihrem stillen Tun und Wirken das er als Hausgenosse
unbeobachtet übersehen konnte und zwar nicht um dadurch glänzen zu wollen
sondern unwillkürlich wie die Blume ihren Duft ausströmt verbreitete sie
allenthalben wohin ihr milder Einfluss drang Ruhe Anmut und den Zauber
gefälliger Ordnung
    Es war ihm immer höchst lächerlich und widerlich gewesen wenn er ein
weibliches Geschöpf die häuslichen Geschäfte mit Geräusch und Anmassung
verrichten und sich etwas darauf einbilden sah eine gute Hausfrau zu sein
    Die meisten dieser dahin gehörigen Dinge sind denn auch so mechanisch dass
selbst der gewöhnlichste Verstand sie begreifen kann  warum sollte es der
Eigenliebe schmeicheln sie zu wissen Sie sind ferner so notwendig dass sie
sich als materielle Basis des Lebens nicht entbehren lassen und es gereicht den
Frauen entweder zur Schande oder doch gewiss zum Nachteil unerfahren in ihnen
zu sein Aber die Fertigkeit ihr Haus und die ihnen anvertraute Einnahme gut zu
verwalten gibt ihnen noch keinen Anspruch auf Bewunderung denn sie ist nur
die Ausübung einer untergeordneten wiewohl unerlässlichen Pflicht der vor Allem
der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt
    Wie ganz anders als so viele Frauen die er in dieser Hinsicht beobachtet
hatte erschien das leise anspruchlose Walten Ernas die die Seele ihres
Hauses war
    Mit ernster Güte wusste sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit
und Ordnung anzuhalten Sie war geliebt von allen und zugleich gefürchtet weil
die Achtung die sie einflößte jeden nichts so sehr als die Möglichkeit ihr zu
misfallen scheuen ließ Mit sicherm aber ruhigem Blick ging sie in jedes
Detail der Haushaltung ein sorgte für alles dachte an alles und fand auch die
geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwert weil alles nützen
kann scheint es auch noch so unbedeutend dabei war sie stets gleicher Laune
seufzte und klagte nie über viele Geschäfte oder gab durch Klirren der
Schlüssel Türenzuwerfen und eine bis zum ängstlichen Abmühen getriebene
Tätigkeit zu erkennen wie viel auf ihr laste Immer gut und sorgsam angezogen
immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung immer ruhig und Zeit habend
obgleich nichts versäumt ward schien eine weise jedoch nicht pedantische
Überlegung alle ihre Handlungen zu ordnen so dass wie Glieder einer Kette eine
regelmäßig und still in die andere griff
    Auch als Mutter ein Verhältnis das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich
auszudenken vermochte stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen die er
kannte und selbst vor denen die er vorzüglich in dieser Würde ehrte da die
himmlische sich selbst vergessende Liebe mit der sie die Kinder ihres Herzens
umsing mit jenem Ernst verbindend der aus der Festigkeit des Willens nur ihr
wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend und sie eben deshalb keineswegs
verziehend hervorgeht
    Otto der älteste Knabe war nicht allein von der Natur begünstigt sondern
durch den reinen Einfluss des mütterlichen Wirkens bereits zu einer Höhe der
Liebenswürdigkeit und Ausbildung gebracht die selten schon in diesem zarten
Alter sich zeigt
    Gehorsam als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht Bescheidenheit
Genügsamkeit Selbstbeherrschung  alle jene Tugenden die den der sie besitzt
um so lieblicher zieren je öfterer der Mensch sie in sich und Anderen vermisst
waren die sorgsam gepflegten Keime die Erna in seine junge Seele gepflanzt
hatte und jede Beschäftigung mit ihm der sie stets wie ihr Schatten umgab
entwickelte seine noch mit Nacht umhüllten Begriffe und prägte durch Lehre und
Beispiel gleich kräftig das Gute und Schöne in sein kindliches Herz
 
                                       V
Weniger klar ließ sich erkennen was sie als Gattin war  oder vielleicht
raubten ihm die Leidenschaften die stets in ihm in Bewegung gerieten wenn er
sie von dieser Seite betrachtete die nötige Unbefangenheit des Urteils um
sie in einer Beziehung zu durchschauen welche ihm die schmerzlichste von allen
war
    Sie begegnete Linovsky mit einer Achtung die sich durch ein immerwährendes
Bestreben seine Zufriedenheit zu erlangen ausdrückte Aber wenn diese auch
offenbar das höchste Ziel ihrer Wünsche schien so mischte sich doch kein
gleichsam unwillkürlich entschlüpftes Zeichen eines innig liebend ihm
zugewandten Gefühls in die gefällige Milde und Aufmerksamkeit mit der sie ihn
als ihren Herrn und Gebieter ehrend sich ganz nach seinen Winken und Willen
richtete
    Zog sie wirklich aus der verhängnisvollen Urne des Schicksals oder vielmehr
aus eigener Wahl ein Loos nach ihrem Herzen so musste Ruhe fast möcht er sagen
Kälte der Grundton ihres Wesens sein das fern von aller Exaltation einer
leidenschaftlichen Glut sich nur innerhalb der Gränzlinie gemässigter Empfindung
regte Ihre Vernunft so wie ihre Pflicht unterwarfen sie Linovsky unbedingt
und sich ihm ganz unterordnend war er ihr in der Würde des Hausvaters stets die
erste Instanz die über ihre Handlungen entschied  aber als Gemahl und Vater
ihrer Kinder genoss er  oder verbarg sie ihm aus Schonung die Äußerungen einer
wärmeren Gesinnung  nur jenes allgemeine freundliche Wohlwollen das ihre
reine Seele für alles beseelte was sie umgab
    Ob sie nun ihren Mann wirklich liebe und ob überall in die reiche Mitgift
die sie von der Natur empfangen auch die Fähigkeit mit einbegriffen sei mit
ganzer voller glühender Seele lieben zu können  er wusste es nicht  aber das
fühlte er bestimmt ihn würde als Ernas oft beneideter Gatte dies an sich
verdienstliche Streben nach Pflichterfüllung ohne jenen Grad der Herzenswärme
der die eigentliche Weihe eines liebenden Bundes ist nicht befriedigt haben
    Dem Anschein nach eine glückliche Frau geehrt geliebt von einem allgemein
geachteten Manne dessen bedeutender Rang er war Nachfolger des schen
Gesandten geworden ihr eine ausgezeichnete Stelle im bürgerlichen Leben anwies
dessen eigenes Vermögen verbunden mit dem ihrigen alle Sorgen des Lebens wie
mit goldenem Zauberstab verbannte  rings um sich eine paradiesische Umgebung
als Mutter zweier wie aus einer Schaar von Engeln entlehnter Kinder und an
Augusten eine Freundin habend die im verjährten Besitz ihres vollen Vertrauens
mit fast mütterlicher Liebe an ihr hing und als Hausgenossin ihr stets zur
Seite war  jung und schön und überall gefeiert  was konnte ihr zu wünschen
übrig bleiben
    Und doch mischte sich zuweilen der Schatten einer rührenden Schwermut in
die sanft gemässigte Heiterkeit ihres Wesens nie in eine Klage ausbrechend aber
doch im stillen Sinnen im feucht verklärten Schimmer des umwölkten Auges im
leisen Seufzer sich verratend der ihren Busen hob
    Sie schien in solchen Momenten der Erde auf der sie wandelte nicht mehr zu
gehören und scheuchte sie dann ein Geräusch eine plötzliche Anrede oder sonst
irgend ein Anspruch des Lebens aus den Träumen empor in die sie nur allzugern
versank so bedurft es eines Augenblicks ehe sie sich wieder fand und der
weichere Ton ihrer Stimme das Bittende ihres Blicks die verdoppelte freundlich
sich aufopfernde Milde ihres Benehmens flehte gleichsam um Vergebung dass ihr
Geist schon losgerissen von allen irrdischen Banden in unbekannte Regionen sich
verloren hatte
    Auguste welche am Tage seiner Ankunft abwesend gewesen war schien
Alexandern so wie er ihr ein feindseliges Andenken bewahrt zu haben Da der
Familienkreis sich sehr oft teilnehmend um sein Schmerzenslager versammelte
und man sich bemühte die Pflichten der Gastfreiheit in ihrem ganzen Umfang zu
erfüllen so konnte auch sie sich nicht ausschließen Doch ihr streng
fortdauernder Ernst ihm gegenüber wurde durch kein Zeichen irgend eines
wohlwollenden Anteils gemildert und auch er bemerkte ohne sich weiter um sie
zu bekümmern mit einem stummen Vergnügen das fast der Schadenfreude glich die
Verwüstungen die der Zahn der Zeit während der Jahre seitdem er sie nicht
gesehen in ihrer früher schon verblühten Gestalt hervorgebracht hatte
    Endlich nach mehreren Tagen erlaubte ihm der Arzt wieder in die Luft zu
gehen und sich hinaussehnend in den frischen duftigen Sommermorgen benutzte
Alexander auf der Stelle diese Erweiterung der ihm bisher so eng gezogenen
Gränzlinie seines Verhaltens
    Langsam wandelte er auf Benedikt gestützt denn er fühlte sich sehr matt im
Garten umher bis die süßen Töne eines einfachen Liedes das Erna ohne alle
Begleitung sang ihn  um keinen Laut desselben zu verlieren  dem Hause wieder
näherte
    Die nach dem Garten gehenden Fenster waren durch Rebengewinde halb
verschleiert Eins derselben stand offen  aus ihm drang der himmlische
Wohllaut der durch das Ohr geradezu den Weg zu seiner Seele fand Leise schlich
er heran um unbemerkt die Sängerin zu hören vielleicht gar sie zu sehen Aber
wie teuer büsste er dies Verlangen
    Versteckt vom dunkeln Grün der Weinranken erreichte sie allerdings sein
suchendes Auge aber in einer Situation die alle seine Gefühle stürmisch
aufregend ihn in einen Abgrund voller Flammen stieß
    Sie befand sich in ihrem Schlafgemach Im nachlässigen Morgenkleide das sich
wie eine Hülle frisch gefallenen Schnees um sie anschmiegte jede Form
verratend ohne jedoch die zarteste Sittsamkeit zu beleidigen das schöne Haar
noch ungeordnet in langen Locken sie umwallend hielt sie den Säugling auf
ihrem mütterlichen Schoss ihm die Nahrung zu reichen auf welche der Mensch
durch den Wink der Natur in der Schöpfung des Weibes eine so heilige Anweisung
erhalten hat Lächelnd ließ oft der Kleine den blendenden Busen los um mit den
großen braunen Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublicken und ihren Tönen
zu lauschen Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog und ein Kuss der
heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach fasste er die süße Quelle seiner
Labung wieder und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel von welchem
Erna nicht ahnte dass ein fremder Zeuge es beobachten könne
    Nachdem sie verschiedene Melodieen teils innig mit dem Kinde ihres Herzens
beschäftigt teils sichtbar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken
verlierend leise vor sich hingesungen hatte ging sie auf einmal in die über
die wie ein Schwert der schärfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt
Doux enfant Jesus sang sie
Donne moi le Saint Esprit
Et toutes les vertus
De ta mère Marie Marie Marie
Ach welche versunkene Welt damals als er zuerst diesen einfachen Gesang von
ihr vernahm noch voll blühender Hoffnungen und jetzt so verödet tat sich von
Neuem vor ihm auf den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend 
    Er konnte nicht länger bleiben  sein laut klopfendes Herz würde ihr seine
Gegenwart verraten der Sturm der wildesten Gefühle in ihm ihn zu irgend einer
Raserei hingerissen haben Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen
in ihm mit der weichen Wehmut seines Busens Er hasste er verabscheute sie 
und in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unauslöschlichen
Liebe bewusst die siegreich ihre Macht an ihn bewährte und die wie er klar
erkannte kein Verhältnis jemals zu vertilgen im Stande sei Wie dem in
Todesgefahr Kämpfenden ein dunkler Instinkt oft den Weg zur Rettung zeigt so
rief es laut in ihm Fort  fort aus diesem Zauberkreise  fort sobald als
möglich
 
                                       VI
Er schwankte in sein Zimmer zurück und warf sich auf sein Lager Da fasste er
den Entschluss noch heute das Haus zu verlassen wo die Wunden seines Herzens
statt still zu vernarben täglich bluten mussten und je brennender der Eindruck
war den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verführerischen
Situation auf seine Seele gemacht hatte je mehr sah er ein wie sehr es Not
tat so schnell wie möglich den Versuch zu wagen ob er zu verdrängen sei
    Als daher nach einer Stunde Erna wie gewöhnlich völlig gekleidet aus ihrem
Zimmer trat ihm einen guten Morgen zu bieten und nach seinem Befinden zu
fragen erwiderte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gruß mit der Erklärung
dass er die erhaltene Erlaubnis des Arztes die Luft wieder genießen zu dürfen
auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufenthalts ausdehnen wolle indem
er vielleicht schon zu lange ihre Güte durch eine Pflege gemisbraucht habe die
er nun nicht mehr bedürfe so süß sie ihm auch sei Er habe daher Anstalten
getroffen sich in die Stadt bringen zu lassen und bitte sie seinen innigen
Dank für ihre unvergessliche Freundlichkeit und Milde und  sein Lebewohl
anzunehmen
    Erna schien betroffen Verlegen da ihr keine Gründe einfielen ihn
zurückzuhalten machte sie ihn leise darauf aufmerksam dass es Linovsky
befremden werde ihn nicht mehr zu finden
    Dieser der sein diplomatisches Büreau in der Stadt hatte und jeden Morgen
dort seinen Geschäften widmete war bereits in aller Frühe dahin gegangen Aber
Alexander erwiderte dass er den ersten Ausgang welchen er sich in der Stadt
erlauben dürfe benutzen werde um auch ihm den Dank für seine gütige Aufnahme
den er ihm schuldig sei persönlich darzubringen und dass er sie ersuche ihn
einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen und seine plötzliche Entfernung
mit manchen unvorhergesehenen Umständen zu entschuldigen die ihn unerwartet
jetzt nötigten sich von einem so liebenswürdigen Zirkel zu trennen
    Erna war bewegt aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest
ausgesprochenen Vorsatz ein sondern drückte ihn nur in wenigen aber herzlichen
Worten aus wie leid es ihr sei seine Pflege nicht vollenden zu sollen und dass
sie hoffe er werde eben so sorgsam über sich wachen als wenn ihr Auge noch
sein Tun und Treiben beobachten könne
    Der kleine Otto aber der sich mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an ihn
geheftet hatte und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war wollte seine
Abreise durchaus nicht zugeben Weinend und bittend hing er an ihm und aller
Trost des baldigen Wiedersehens den seine gerührte Mutter ihm zuflüsterte alle
Versprechungen lockenden Spielzeugs das Alexander ihm bei seinem nächsten
Besuch mitzubringen gelobte konnte seine heißen Tränen seine schmerzlichen
Klagen nicht stillen
    Ergriffen von der warmen Anhänglichkeit des Knaben hob Alexander ihn auf
und drückte sanft ihn beschwichtigend ihn an seine Brust Indem schaute er
Erna an  ihr Blick traf wie ein zündender Blitz den seinen Ein
unaussprechlicher Ausdruck von Wehmut Innigkeit und mühsam bezwungener Trauer
glänzte in ihm bis Perlen wie lichter Tau sich um die funkelnden Sterne
sammelten die er nun nicht mehr sehen sollte und die allein des Daseins Nacht
ihm zu erleuchten vermochten 
    Da konnte er seinen Gefühlen nicht länger gebieten Der Wagen den Benedikt
aus der Stadt gebracht hatte hielt vor der Tür und mahnte ihn an die Nähe des
unvermeidlichen Scheidens Er gab der Mutter ihr weinendes Kind und als sie
noch einmal im flehenden Tone tieferschütterter Teilnahme ihn bat doch sich
recht zu schonen und seine Wunden gut zu pflegen schlug er sich heftig an die
Stirn indem er ausrief diese werden wohl heilen die im Herzen aber nie  Mit
diesen Worten eilte er hinweg sich in den Wagen werfend Unwillkührlich wie es
schien war Erna ihm bis zur Hausflur gefolgt und als er noch einen Moment
verweilen musste da Benedikts Sorgsamkeit sich es nicht nehmen ließ ihn gegen
seinen Willen auf das vorsichtigste zu umhüllen um ihn gegen alle rauen und
stossenden Bewegungen des Wagens zu verwahren erblickte er sie in einen Sessel
hingesunken ihr liebes Antlitz mit ihrem Tuche bedeckt und Otto dessen
kindliche Aufmerksamkeit nun von seiner Entfernung abgezogen sich zu ihr
hingewandt hatte und der noch immer weinend sich bemühte an ihr
emporzuklettern
    In diesem Augenblick der ihn den letzten Überrest besonnener Fassung
raubte hieb der Kutscher zum Glück auf die Pferde die ihn in raschen Trab von
dannen zogen Ihm war als erwache er aus einem Traume und als habe das
Verhängnis die Zügel ergriffen und lenke mit jener geheimnisvollen Macht der
nichts widersteht ihn gerade in der Sekunde vom Rande des Abgrundes hinweg in
der er nahe daran war sich selbst zu vergessen
 
                                      VII
Dass seine Gesundheit unter diesen neuen Erschütterungen litt war natürlich
Sehr erschöpft und dumpf betäubt kam er in der Stadt an und es dauerte mehrere
Tage ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem
Fortschreiten erholte
    Als er wieder einige Kraft gewann sollte sein erster Besuch wirklich ein
Opfer der Höflichkeit sein und Linovsky gelten Er freute sich ihn nicht zu
treffen da er gern den Anblick des Beneidenswerten vermied  und doch zuckte
es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch
seine Seele als man ihm sagte er sei bereits nach seinem Landhaus  folglich
zu Erna  zurückgekehrt
    Er beschloss nun die ihm bestimmte Zeit der Gräfin zu widmen und ging zu
ihr Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrüßt und daher
war seine Zurückkunft so verschwiegen geblieben dass seine Erscheinung die
Gräfin jetzt eben so überraschte als erfreute
    Hilf Himmel rief sie ihm entgegen was für ein gespenstisches wunderbares
Wesen sind Sie doch geworden So plötzlich und spurlos aus unserer Mitte zu
verschwinden  man weiß nicht wohin  und eben so unerwartet wieder
aufzutreten man weiß nicht woher  das ist ein Rätsel das Sie mir durchaus
lösen müssen da mein eigener Scharfsinn es nicht vermag
    Alexander parirte als ein geübter Wortfechter die Stöße ab mit denen ihre
Fragen seinem leicht verletzlichen Innern weh taten Statt sie zu beantworten
bat er sie da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermaßen fremd durch
seine lange Abwesenheit geworden sei ihn wieder ein wenig zu orientiren ehe er
sich ihm von Neuem anschlösse und sie führte bereits mit geläufiger Zunge alle
bedeutenden Veränderungen die indessen vorgefallen waren an ihm vorüber als
ein neuer zu dem diplomatischen Korps gehörender Ankömmling Baron H
gemeldet und angenommen wurde
    Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen Hofe accreditirt und die
Gräfin  scherzhaft wie immer  suchte bereits sein Urteil über das bunte
Tulpenbeet der Damen zu erforschen das  wie sie bei der letzten Kour bemerkt
haben wollte  er mit genau prüfendem Kennerblick gemustert habe
    Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus
und es schwellte Alexanders Herz mit wehmütig freudigen Regungen als er
leicht über die blühende Schönheit mehrerer jungen Frauen und Mädchen
hinweggleitend den interessanten Ausdruck und die Anmut und Lieblichkeit
Ernas rühmte der er obgleich ihre Reize mehr zu rühren als zu blenden
geeignet seien den Vorzug vor allen übrigen einzuräumen schien
    Ohne eben kränklich auszusehen fügte er hinzu ist in dieser seelenvollen
Physionomie doch ein so mit Leiden vertrauter Zug enthalten dass man von ihr mit
Marmontel sagen möchte on sent bien que lamour à passé par là
    Die Lebhaftigkeit der Gräfin gestattete nicht dass das Gespräch lange bei
einem Gegenstand verweilte Gern hätte Alexander  wenn gleich aus dem Munde
eines Fremden  noch mehr über Erna gehört allein nach einigen flüchtigen
Minuten empfahl sich der Baron schon wieder und nun stand er nicht an diesen
ihm so interessanten Faden wieder aufzufassen und die Gräfin geradezu zu
fragen ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermut den auch er
während seines kurzen Aufenthalts bei ihr in ihrem Wesen wahrgenommen habe
wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute oder ob er vielleicht ohne
innere Beziehung nur zufällig sei
    Lieber Freund versetzte die Gräfin Erna ist nicht allein in der Fülle der
Vollkommenheit ihrer Eigenschaften sondern auch in ihren Fehlern eine seltene
und sonderbare Erscheinung
    Verschlossen wie das Grab dringt höchstens der Blick ihrer milzsüchtigen
Auguste kein anderer in das streng umhüllte Heiligtum ihres eigentlichen
Gefühls und was ich Ihnen daher mitteilen kann sind bloß Vermutungen
Beobachtungen und Kombinationen zu denen sie mir keineswegs den Schlüssel gab
    Sie hat Linovsky wohl nur geheiratet weil man von allen Seiten ihr seinen
Wert pries weil Auguste ihn als ein Muster männlichen Verdienstes anerkannte
weil er sich dringend um sie bewarb und  weil sie wirklich nichts gegen ihn
einzuwenden vermochte
    Vielleicht hat sie auch geglaubt ihn zu lieben  ich weiß es nicht  genug
sie gab ihm freiwillig aus Überzeugung aus Vernunft aus tiefgegründeter
Achtung ihre Hand und hat sich auch gewiss in seinem Charakter nicht geirrt 
aber gleichwohl schien doch mit dem Hauch der das bräutliche Ja von ihren
Lippen entführte ihr jugendlicher Frohsinn und die unbefangene Heiterkeit ihrer
Stimmung zu verschwinden
    Dazu kam noch dass sein Hang zur Eifersucht sie um nicht sowohl den
Hausfrieden als ihm die wohltätige Stille eines nicht durch Leidenschaften
aufgewühlten Gemüts zu erhalten bald von allen geselligen Kreisen isolirte
den Hof ausgenommen wo denn nun freilich die mächtig gebietenden Verhältnisse
es wollen dass sie sich dann und wann einmal zeigt
    Um vielleicht eine schonende Hülle über die männliche Tirannei zu werfen
mit der seine Anmassungen fodern dass sie nur für ihn und für keinen Genuss des
Daseins außer ihm lebe bewog sie ihn das Landhaus Sorgenfrei zu kaufen dessen
Lage ihr schon früher sehr gefallen
    Dort richtete sie sich häuslich ein und so sehr auch die Nähe der Stadt
einen ausgebreiteten Umgang begünstigen würde so scheuchte doch bald die
finstere Gemütsart ihres Gatten alle Besuchenden vorzüglich männlichen
Geschlechts zurück so dass immer vereinzelter immer einsamer der stille Weg
ihres Berufs sie von den Freuden der Welt entfernt und bloß auf Mann und Kinder
und Augusten beschränkt
    Selbst ich die ich doch so oft in das Haus des schen Gesandten kam und
sie daher genauer kenne als die meisten Übrigen der hiesigen Gesellschaft
sehe sie nur selten weil ich es nicht verbergen kann dass ich dem
eigensüchtigen Menschen der uns so viel Liebenswürdigkeit entzieht um sie
egoistisch ganz allein zu genießen recht von Herzen gram bin
    So klar nun auch ihr häusliches Leben scheint dass man wähnt in seine
innersten Verhältnisse wie in einen Spiegel hineinschauen zu können so will es
mich doch selbst bei den nur höchst sparsamen Besuchen die ich mir gestatte
dünken als ob ein Wurm an ihrem Innern nage den nur Frömmigkeit
Selbstbeherrschung und eine exemplarische Pflichterfüllung beschwichtigen Aber
ob Unzufriedenheit mit ihrer Lage ob irgend eine geheime Neigung oder
körperliche Kränklichkeit  an die ich zuweilen bei dem zu frühen Erbleichen
ihrer frischen Jugendblüte wohl glaube  die Ursache ist  das kann ich nicht
entscheiden da ihr kaltes schroffes Schweigen auch dem teilnehmendsten
Forscher nicht entgegen kommt
    Hat Erna vielleicht fragte Alexander leise ihrem Gemahl je Gelegenheit
gegeben eifersüchtig zu sein
    Das nicht erwiderte die Gräfin Selbst die giftigste Verleumdung würde
nicht im Stande sein auch nur einen Schein von Schuld auf ihren tadellosen
Wandel zu werfen Aber es geht ihm wie dem Geizhals der seinen köstlichen
Diamant lieber in den Kasten verschließt als ihn im Strahl der Sonne schimmern
lässt weil er meint als verlöre er durch das bunte Farbenspiel das Andere
entzückt an seinem inneren Werte Auguste ist die einzige Person deren Nähe
um Erna der Mysantrop freundlich duldet da sie ganz für ihn eingenommen ist
und sich auch gewiss willig als Cerberus leihen würde wenn es einer solchen
Kreatur bedürfte um ein Elisium zu bewachen Da aber dies Elisium sich durch
eigene Strenge und Würde schützt folglich nie für ihn zum Tartarus wird so
spielt sie statt der Rolle einer auflauernden Duenna nur die einer Freundin im
Hause
 
                                      VIII
Diese Skizze von Ernas Leben und Verhältnissen gab Alexandern reichen Stoff zum
Nachdenken mit nach Hause und ließ ihn zugleich Linovskys frostigen Empfang
nicht als individuelle Abneigung sondern nur als eine allgemeine Wirkung des
unglücklichen Hanges zur Eifersucht erblicken der sein Dasein trübte und 
statt ihn auszuzeichnen ihn nur nicht ausgeschlossen hatte
    Dies flößte ihm Mut ein eine Pflicht des Wohlstandes zu erfüllen und
sobald er sich nur völlig erholt hatte durch einen Besuch in Sorgenfrei Erna
sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen wie dankbar durchdrungen er von ihrer
Höflichkeit und Güte sei
    Er wählte absichtlich dazu einen Nachmittag um Linovsky nicht zu verfehlen
weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anlass zu dem Verdacht geben wollte als
habe er Erna irgend etwas allein zu sagen
    Die Familie befand sich auf der Hausflur die an Eleganz mit den Zimmern
wetteifernd als ein solches gebraucht wurde Um den Teetisch versammelt an
welchem Erna präsidirte Otto neben ihr der kleine Wunibald auf einem Kissen zu
ihren Füßen liegend Auguste mit Arbeit beschäftigt und Linovsky ein Buch in
der Hand aus welchem er vorzulesen geschienen hatte stellte die kleine Gruppe
die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geöffneten Glastüren
übersehen konnte wirklich ein lieblich anziehendes Bild häuslicher Eintracht
und häuslicher Freuden dar
    Als sein Wagen vorfuhr und man ihn erkannte stand Linovsky auf ihm
entgegenzugehen Da Alexander ihm sogleich als hauptsächlichen Grund seines
Kommens den vergeblichen Versuch anführte ihn in der Stadt aufzufinden um ihm
doch endlich persönlich auszudrücken wie innig verbunden er sich ihm für seine
gastfreie Aufnahme fühle so war der Empfang weniger steif und kalt als er
befürchtet hatte Wie erstaunte er aber als er die Stufen heraufstieg und Erna
von ihrem Platz verschwunden sah Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres dass
sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe weil er ihr gleichgültig sei
    Endlich kam sie wieder Eine sanfte Röte hatte sich über ihre Wangen
ergossen  sie war jedoch die einzige verräterische Andeutung eines aufgeregten
Gemüts denn wie immer tronte der Friede auf ihrer Stirn die Ruhe in ihrem
Lächeln Teilnehmend aber mit vorsichtiger Zurückhaltung erkundigte sie sich
nach seiner Gesundheit freute sich ihn wiederhergestellt zu sehen und zog
sich dann zu Augusten zurück ihn dem ausschliesslichen Gespräch mit Linovsky
überlassend
    Der kleine Otto hatte ihn mit stürmischer Freude begrüßt Mehr noch als
Peitsche Steckenpferd Trommel und Bilderbuch und was die bunte
Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst enthielt schien die
Wiederkehr des Freundes ihn zu entzücken und diese seltene uneigennützige
Anhänglichkeit diese tiefe Innigkeit des Gefühls in einem Kinde hatte etwas so
unbeschreiblich Rührendes dass es begreiflich war Erna davon erschüttert zu
sehen
    Auch Linovsky stolz auf das Vatergefühl das ihm dieser Knabe zueignete
bewährte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die
alte Erfahrung dass nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt als das
Wohlwollen das man ihren Kindern schenkt
    Denn Alexander erwiderte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen
sprach sich so warm und unverholen über seine herrlichen Anlagen über sein
tiefes Gemüt aus dass Linovsky erfreut von den Lippen eines Fremden bestätigt
zu hören was die eigene Überzeugung ihm oft zugeflüstert hatte ein inniges
Behagen an der Gerechtigkeit fand die seinem Otto widerfuhr
    Da nun noch überdem Alexanders kühner freier vom Leben gehärteter und
vom Schmerz geläuterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht
erhielt die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte indem er
Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies als die die die allgemeine
Höflichkeit der Frau vom Hause zu widmen pflegt so schien es wirklich als sei
er Linovskyn ein willkommener Gast und indem er ihn bat zum Abendessen zu
bleiben äußerte er zugleich recht verbindlich dass es ihn freuen werde ihn
öfterer zu sehen
    Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen und
war nicht wiedergekehrt  ein Brief der Linovskyn gebracht wurde nötigte
ihn sich auf eine Viertelstunde zu entfernen um ihn zu beantworten  jetzt
also fand sich Alexander mit Erna allein da Otto der schön wie ein Liebesgott
zwischen beiden stand seines zarten Alters wegen für keinen Zeugen zu rechnen
war
    Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen denn zu voll
gedrängten Gefühls waren diese Augenblicke um den Anfang einer gleichgültigen
Unterhaltung zuzulassen
    Da ermannte sich Erna und indem sie aufstand und ans Fenster trat bat sie
ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rat über die Behandlung
eines erkrankten Myrtenbäumchens das sie trotz aller Pflege zu verlieren
fürchtete
    Er betrachtete es genau und beugte sich tief zu ihm nieder doch mehr um
die Bewegung zu verbergen in der er war als um seinen eigentlichen Zustand zu
untersuchen Eine unbeschreibliche Wehmut überfiel ihn im Bewusstsein verlorenen
Lebensglücks Es wird sich wieder erholen sagte er dumpf Denn welche Jugend
hat nicht dürres Reis und welke Blüten  welchen Glücklichen hienieden sprosst
die Myrte in ungestörter Heiterkeit Ein wenig frische Erde wird ihm wohl tun
  in ihr liegt Heilkraft für alle Krankheiten 
    Da sah ihn Erna an mit einem Blick dessen reine Klarheit obwohl von
Mitleid getrübt ihn hoch empor über allen irrdischen Kummer hob Wie Blumen
Labung uns entgegenduften so drang der goldene Frieden der Unschuld ihn
moralisch erquickend aus ihrer Seele in die seine und beschwichtigt schwiegen
seine Schmerzen als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden floss
    Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines Innern Diese
schwermütigen Äußerungen habe ich nicht hervorrufen wollen sagte sie mit
freundlichem Ernst Auch sind sie Ihrer Natur eigentlich fremd die sich ja
immer zum Frohsinn hinneigte Warum sollte sie ihn jetzt verleugnen O halten
Sie ihn fest  er ist eine so starke sichere Stütze in den Stürmen des Lebens
    Tief erschüttert ergriff sie Alexanders dunkel glühender Blick Dieser Rat
kommt von Ihnen antwortete er bitter In der Tat das muss mich befremden
Wollen Sie meines gemishandelten Gefühls noch spotten Wer mir die Stütze raubte
 darf mir noch raten sie festzuhalten
    Norbeck ich beschwöre Sie nicht diesen Ton unterbrach ihn Erna Er
entfernt uns von dem Wege auf dem ich gern neben Ihnen durchs Leben ginge und
auf dem allein ich es darf Lassen Sie der Vergangenheit ihren Schleier und
ehren Sie gleich mir in allem was er verhüllt eine höhere Fügung der der
Mensch geduldig gehorchen muss
    Wie rief Alexander aufs höchste aufgeregt wollen Sie mich zur
Gotteslästerung verleiten Menschliche Willkür menschliche Unversöhnlichkeit
soll ich statt über ihre Härte mich zu beklagen noch mit kindlicher
Unterwerfung als einen Rat der Vorsehung betrachten die alle ihre Geschöpfe
zum Glück berief und auch mich nicht ausgeschlossen haben würde wäre die
jugendliche Übereilung meines so oft und bitter bereueten früheren Betragens
einer mein ganzes Leben vergiftenden Strafe entgangen
    Ja fuhr er fort ich habe damals als das Glück Ihres Besitzes mir
zugedacht war es für unverträglich mit den lockenden Freuden der Freiheit
gehalten in denen ich schwärmte und die ich in törichter Verblendung für das
höchste Gut auf Erden hielt   ich habe unedle Mittel ergriffen es von mir
abzulehnen indem ich selbst meinen moralischen Wert verkleinerte um die
Überzeugung hervorzubringen als sei mein Charakter unwürdig es zu erlangen
Leichtsinn Unbesonnenheit rissen mich hin  und in der damals noch
unentwickelten Knospe konnte ich nicht ahnen welche Blüte des Himmels die
meinen Lebensweg verschönert hätte ich von mir stieß
    Aber als ich Sie nun wieder sah und eine glühende unaussprechliche
Leidenschaft mich jetzt eben so wahrhaft zu Ihnen hinzog als früherer Irrtum
mich von Ihnen entfernte  ach  da konnte eine Reue wie sie ja selbst den
Himmel versöhnt das racherfüllte Herz eines Mädchens nicht erweichen und von
seiner Unbarmherzigkeit zu unauslöschlichem Elend und ewigem Darben verdammt
soll ich noch für höhere Fügung halten was meinem Dasein alle Jugend meiner
Zukunft jede Hoffnung raubte 
    Tränen stürzten aus Ernas Augen Ihre bittende Stellung und die tiefe
Wehmut ihrer Züge schien ihn um Schonung anzuflehen  aber er wand sich ab von
ihr seinen Sinn nur noch mehr zu verhärten indem er sich selbst ihrem
rührenden Anblick entzog Überzeugt dass er sich allein am ersten wiederfinden
werde und dass ihre Nähe ihn nur noch mehr reize entfernte sie sich und nahm
den kleinen Otto mit sich der nicht aufhören konnte zu fragen weshalb der
fremde Mann  so nannte er Alexandern  so bös auf Mama sei
 
                                       IX
Wirklich erreichte Erna ihren Zweck Denn als er sie nun neben sich vermisste
und die Unsicherheit des jeder Überraschung blosgestellten Orts bedachte wo er
sie so leicht in ihren ohnehin so beengten ehelichen Verhältnissen hätte auf das
bitterste durch seine Heftigkeit compromittiren können verschwand sein Zorn vor
dem lebhaften Gefühl seines Unrechts und so gern er auch auf der Stelle das
Haus verlassen hätte in welchem ihm so wehe und doch wiederum so wohl war so
schien es ihm doch eine unerlässliche Bedingung der Möglichkeit seiner
Entfernung erst ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen mit sich
hinwegzunehmen
    Nach einigen Momenten in denen er sich völlig zu sammeln strebte kam
Linovsky wieder zu ihm verwundert ihn so ganz allein zu finden Er fragte
seinen Bedienten wo seine Frau sei und erfuhr dass sie den kleinen Otto zu
Bett bringe Ob er sich gleich sehr höflich gegen Alexandern entschuldigte dass
man ihn so unachtsam verlassen habe so schien es ihm doch nicht unangenehm zu
bemerken dass Erna so ganz und gar keine ausgezeichnete Notiz von ihrem Gaste zu
nehmen schien und sich in ihren gewöhnlichen häuslichen Beschäftigungen durch
ihn keineswegs stören ließ
    Erst beim Abendessen kam sie wieder zum Vorschein Beschämt vermochte
Alexander Anfangs den Blick nicht zu ihr zu erheben und als er es endlich über
sich gewann schärfte die milde Trauer die mit ihrem gewöhnlichen Ernst
verschmolzen war noch das Bewusstsein, wie sehr er sich an ihr vergangen habe
und er sehnte sich ihre Vergebung und in ihr die Beruhigung zu erflehen die er
schmerzlich in seinem Busen vermisste
    Doch so wohl sollte es ihm heute nicht werden Obgleich sie an der
Unterhaltung den Anteil nahm den ihre Pflicht als Hausfrau von ihr foderte so
mischte sich doch eine gewisse Ehrfurcht gebietende Strenge in ihren Ton so
wie in ihre Haltung die seine fernen Schranken von ihr ihm sehr entschieden
anwies
    Je zurückgezogener und kälter sie sich aber gegen ihn benahm je
freundlicher war Linovsky der indem Alexander von seinen Reisen erzählte den
geistigen Nachhall froher Erinnerungen genoss und auf diese Weise manchen
Berührungspunkt fand der ihm seinen Umgang um so angenehmer machte da er sich
durch ihn nicht von der Seite beunruhigt fühlte wo er am leichtesten zu
verwunden war
    Er wiederholte daher beim Abschied recht herzlich die Bitte bald wieder zu
kommen und erwiderte einige Tage darauf Alexanders Besuch um ihn zum
folgenden Mittag auf Sorgenfrei einzuladen wo wie er sagte er die
Bekanntschaft einiger interessanten Fremden machen werde
    Wie willkommen war Alexandern nicht die ihm gegebene Gelegenheit sich Erna
wiederum zu nähern Zwar hoffte er nicht auf die Gunst eines unbelauschten
Gesprächs mit ihr die wenn auch der Zufall sie ihm freundlich gewähren würde
ihr Ernst und ihre Festigkeit doch gewiss ihm verweigert hätte Aber der
Entschluss ihr schriftlich auszusprechen was er litt erleichterte sein schwer
beladenes Gemüt und in dem Geschäft ihr zu schreiben fand er Linderung
seiner Quaalen
    Wenden Sie Sich nicht unversöhnlich von dem Unglücklichen ab begann sein
Brief der neben dem tiefen Schmerz Sie auf ewig verloren zu haben nicht noch
Ihren Unmut zu ertragen im Stande ist
    Kaum darf ich es wagen auf eine Zeit hinzudeuten deren Erinnerung Ihnen
nur bittere Gefühle mir nur die heiße Glut der Schaam darbietet Es ist die
Zeit unserer ersten Bekanntschaft  und ob es gleich schonender für uns beide
wäre sie in schweigende Vergessenheit zu begraben so muss ich ihrer doch noch
einmal erwähnen wenn ich den einzigen Zweck erreichen will der mir unter den
Trümmern meines Daseins noch des Strebens wert scheint versöhnt nämlich mit
Ihnen und bemitleidet von Ihrem Herzen auf immer von Ihnen zu scheiden wenn
mein Beruf mich  und vielleicht bald  zur blutigen Tätigkeit des Kriegs und
  ich darf wohl hoffend und sehnend hinzufügen  zum Tode ruft Ja ich
beschwöre den Schatten der Vergangenheit wenn auch nicht mich rechtfertigend
doch mich entschuldigend vor Sie zu treten Werfen Sie einen Blick der
unparteiischen Prüfung auf meine erste Jugend die mich ohne Grundsätze ohne
Festigkeit ohne eine leitende Hand die mich vom Abgrund der Verführung
zurückgehalten hätte in das betäubende Gewühl der großen Welt stieß und mich
bei lebhaftem leicht gereiztem Gefühl allen Gefahren schlechter Gesellschaft
allen Lockungen glänzender Zerstreuungen Preis gab
    Früh hatte ich meine Eltern verloren und nur wie ein immer undeutlicher
werdender Traum dämmerte das Andenken der Lehren meiner frommen Mutter in meiner
Seele um bald von dem wüsten Treiben eines geräuschvollen Lebens verdrängt
obgleich nicht völlig verlöscht zu werden
    Die Verhältnisse meines Standes und das Vermögen dessen Gebrauch oder
vielmehr Misbrauch mir von einem allzunachsichtigen Vormund schon sehr früh
gestattet wurde bahnte mir die gefahrvollsten Wege und ich geriet in
Verbindungen die in meinen Augen dem Heiligen seine Glorie der Reinheit ihren
Glanz der Unschuld ihren Schleier entrissen
    Das Leben in seinen tausendfachen Gestaltungen zu beobachten und es in
seinen leisesten Nüancen zu belauschen schien mir allein der Aufmerksamkeit
wert und da ich viel Unwürdiges unter frommer Hülle entdeckte dünkte ich mich
mitten in der Frivolität eines wenigstens nicht durch Heuchelei befleckten
Lebens weniger strafbar und verächtlich als so mancher der gleisnerisch den
Schein beobachtend mit Ansprüchen auf äußere Tadellosigkeit ein wohlgegründetes
Recht auf innere Geringschätzung verband
    So fand ich oft alle Laster mit der strengsten Ausübung religiöser Gebräuche
vereinigt Dies machte mein Urteil einseitig und erklältete mich gegen alle
Form aber Gott starb dennoch nicht in meinem Herzen wenn auch mein Betragen
ihn oft zu verleugnen schien Aus den bunten Erfahrungen die ein immerwährender
Rausch mich sammeln ließ bildete ich mir ein System der Lebensphilosophie das
wie ich meinte meiner Individualität am genauesten angepasst war und das mir
genügte indem es jede Foderung der Moral ausschloss und es mir als vernünftig
darstellte die Blüten freier Jugendlust nicht mit den scharf einschneidenden
Faden der Pflicht in Straus oder Kranz zu winden wie die kalte Gewohnheit
verjährter Gebräuche es wollte
    So im vollen Brausen aller Leidenschaften die Freiheit als höchstes Gut
betrachtend und noch nicht übersättigt durch die zügellosen Genüsse die sie
mir bot lernte ich Sie kennen und früher noch die Absicht meiner Tante uns zu
verbinden
    Gewöhnt an die schimmernde Koketterie eitler und blendender Modedamen
hätten nur die schlauen Intriguen einer solchen mich damals unmerklich in den
Netzen der List und der Verstellung verstricken können um mich zu einer
immerwährenden Verbindung zu bewegen Der hohen Einfalt der stillen Würde Ihres
Charakters und seiner oft ans Aengstliche gränzenden Schüchternheit gelang es
nicht mich zum Opfer meiner Freiheit zu verleiten da der geheime Götzendienst
der Eitelkeit in meinem Innern keine Nahrung fand und mir der Sinn noch
verschlossen war der das tiefe und heilige Gemüt hätte erkennen können das in
solchen Zügen sich offenbart
    So bebte ein leiser Schauer in mir vor der strengen schmucklosen Wahrheit
Ihrer Gesinnung so wie Ihres Wandels unwillkürlich zurück und so wenig die
Raupe ihr künftiges Schmetterlingsdasein zu ahnen im Stande ist eben so wenig
ahnte auch ich dass spätere Zeiten mit der Erkenntnis Ihres ganzen Werts die
bitterste Reue mein Glück leichtsinnig verscherzt zu haben in mir erwecken
würden
    Um den Zorn meiner Tante nicht durch Widerspruch zu reizen beschloss ich
indem ich mich leichtsinniger und verdorbener stellte als ich war Ihre gute
Meinung von meinem Charakter zu zerstören ohne die  das wusste ich wohl  eine
so fromme Gesinnung wie die Ihrige sich nie zu einer Verbindung auf ewig
entschlossen haben würde
    Der Erfolg rechtfertigte meine teufelische List Sie wandten sich mit
Abscheu von einem Menschen weg der es frei bekannte dass er ohne Religion und
Grundsätze sei und der dem Heiligen was Ihre Seele verehrte Hohn sprach Dies
unwürdige Spiel noch durch die erheuchelte Betrübnis krönend mit welcher ich
meiner Tante klagte dass Sie mein Herz verschmäht meine Hand verworfen hätten
kehrte ich froh den Fesseln des Ehestandes entronnen zu sein in das seelenlose
Geräusch der großen Welt zurück das mich damals fester anzog als alle Bilder
eines reinen häuslichen Glücks in der Perspective meiner Zukunft
    Mit bitterem Schmerz mit nagender Reue war ich mein eigener Ankläger Darf
ich  zur Wahrheit nun zurückgekehrt und durch unauslöschliches Weh versöhnt mit
ihr die ich einst so freventlich verletzte jetzt auch mein Verteidiger sein

    Nicht lange dauerte der Rausch fort der mein besseres Selbst umfing Bald
erkannte ich die Nichtigkeit der Freuden denen ich nachgejagt war und die
Sehnsucht nach einem höheren Glück als das schale Einerlei eines immer
zerstreuten Lebens mir bot wandte mich ab von dem betretenen Wege um mich
einem besseren zuzuführen
    Aber ach um mit Freudigkeit auf ihm fortzuwallen hätt ich einer leitenden
Hand bedurft Vergebens streckte ich die meinige aus  kalt nicht von meinen
Leiden bewegt nicht von meiner Innigkeit ergriffen nicht durch meine Reue
erweicht zog sich die von mir zurück die allein mir hätte die Paradiese des
Lebens öffnen können
    Indessen  ich klage Sie nicht der Härte an Erna ohne Sie zugleich zu
entschuldigen Sie kannten mich zu wenig um das Bild des Frevlers das noch
dunkel im Hintergrunde Ihrer Seele ruhte von dem Bilde des Gebesserten im
Prüfungsfeuer des Entbehrens Geläuterten sich selbst klar Gewordenen zu
trennen
    Denn dass mein Herz diese Wohnung des regsten Gefühls und  als ich auf Sie
Verzicht leisten musste  der wühlendsten Verzweiflung dennoch nicht wieder
zurücksank in den Abgrund früherer Vergehungen aus denen das geistige Vermögen
besserer Erkenntnis mich erhoben dass ich mitten im Dunkel einer ewigen
Hoffnungslosigkeit mich rein erhielt als winke Ihr Besitz mir als Lohn aus der
Ferne  das ists worauf ich stolz bin denn dies Bewusstsein löscht den Schatten
aus den meine früheren Fehler auf die Vergangenheit werfen und eben so wenig
wie der Himmel den zerknirschten Sünder zurückstösst der reuig aus den
Labyrinten weltlicher Verführung zu einem edleren Wandel zurückkehrt eben so
wenig fühl ich mich jetzt mehr durch meinen moralischen Wert von den besten
Menschen auf Erden geschieden  folglich stehe ich auch Ihnen nahe denn in
herber Entsagung und unerschütterlicher Willenskraft hab ich die Stufen
erklimmt die zu Ihrer Höhe hinauf führen
    Und nun zurückgekehrt in die Gegend wo Sie atmen doch ohne es zu ahnen 
durch Zufall  wenn es anders Zufälle gibt  in Ihr Haus versetzt ohne es zu
wissen oder zu wollen ist die ganze Kraft der Leidenschaft die Sie mir
eingeflößt haben wieder in mir emporgeflammt so eifrig auch mein jahrelanges
Streben war sie durch Vernunft Zerstreuung und die abkühlende Erinnerung
gekränkten Stolzes und verschmähter Liebe zu ersticken Sie wiedersehen und
alles von Neuem zu empfinden was ich einst empfand als ich an Ihren Besitz das
höchste Ziel meiner Wünsche knüpfte war eins Denn obgleich die Erfahrungen des
Lebens nach und nach den Charakter abschleifen wie der immer kreisende
Umschwung von tausend und abermal tausend Wellen endlich den scharfen Kiesel
glatt spült so macht ein Herz das wahrhaft geliebt hat doch eine Ausnahme von
dieser sonst so sicheren Regel und der unheilbare Schmerz des meinigen
überzeugt mich dass mein Gefühl für Sie ewig eben so glühend bleiben wird als
die Hoffnungslosigkeit unüberwindlich ist die uns scheidet
    Diese Gewissheit in der tief verwundeten Brust fragen Sie mich um den Zweck
dieser Zeilen  Ach  weiß ich ihn selbst Ich habe Sie beleidigt als ich das
Schweigen brach das Ehrfurcht für die Verhältnisse der Gattin und Mutter mir
hätte auferlegen sollen  ich habe mit der ganzen Bitterkeit der Erkenntnis
meines verlorenen Lebens die sanfte Milde zurückgewiesen mit der Sie die
Gährung meines Innern zu besänftigen strebten und mit aller Ungerechtigkeit
leidenschaftlicher Entrüstung die ganze Schuld meines Elends auf Ihr weiches
Gemüt gewälzt   das ists was ein innerer Drang mich abzubitten und abzubüssen
zwingt
    Denn ich weiß es ja  Sie waren es nicht allein die mein Urteil bestimmte
sondern die die es aussprach hat unläugbar den größten Anteil an der
Entscheidung desselben da sie den Einfluss misbrauchte den Gewohnheit und die
verjährte Anhänglichkeit Ihres kindlichen Herzens ihr einräumen Ich sehe ein
Auguste ist Ihnen lieber als ich und Sie mögen Recht haben wenn Sie in ihr die
mütterliche Freundin ehren die Ihre Kindheit pflegte und eine stets
teilnehmende Zeugin Ihrer Schicksale blieb Aber lassen Sie mich in der Zahl
Ihrer Freunde nicht mit ihr in einer Klasse stehen  ich nehme eine geringere
für eine Auszeichnung an Denn ich verabscheue sie als den feindseligen Dämon
der mein Dasein vergiften half indem sie meinen Charakter keiner näheren
Prüfung würdigend ihn nur durch das gefärbte Glas der Parteilichkeit
betrachtete Sie hasst mich im Geheim und findet den Grund dazu wohl nur in sich
 denn von einer einzigen Übereilung die ein gebessertes Leben wieder gut zu
machen sich bemühte konnte sie ohnmöglich die Veranlassung entlehnen mit
unversöhnlicher Rachsucht Ihren Entschluss zu meinem Nachteil zu leiten und
meine Existenz in eine unwandelbare Hölle umzuschaffen
    Und nicht mich allein treffen die Folgen dieses heimtückischen Einwirkens
Auch Sie Erna  ja ich bin mit wehmütigem Stolz davon überzeugt  auch Sie
würden glücklich an meiner Seite gewesen sein Daher ist sie mir hier und in der
Ewigkeit verantwortlich für Ihren Frieden  denn wenn ich Ihnen und Linovsky
gegenüber stehe fühle ich es klar auch Sie hat ihr kalt verwerfendes Gemüt um
den Himmel betrogen den gegenseitige Liebe gewährt
    Doch nun genug Mir bleibt nichts mehr im Leben zu wünschen und zu hoffen
übrig als dass Sie Sich herablassen werden über meine Zukunft zu entscheiden
    Schon habe ich da die politische Lage der Dinge und die kriegerischen
Rüstungen meines Vaterlandes uns den nahen Ausbruch gerechter Feindseligkeiten
erwarten lassen dem König meine Dienste angeboten und das Versprechen einer
zweckmässigen Anstellung erhalten Aber diese trübe Zwischenzeit welche noch
diese Erwartung von der Erfüllung des Verlangens trennt das sich in mir nach
beschwichtigender Tätigkeit sehnt  wie soll ich sie ausfüllen Ihnen so nahe
    Soll ich Sie meiden oder fortfahren Sie zu sehen Soll ich zu ewigem
Schweigen verdammt mich zwingen stumm neben Ihnen den Schmerz Ihres
unersetzlichen Verlustes zu ertragen den jeder Blick auf Sie gerichtet mir
erneuert  oder darf ich dem wunden Herzen Luft machen und  ohne die Strenge
Ihrer Grundsätze zu beleidigen es zuweilen aussprechen was ich leide um in
Ihrem Mitleid  ein Gefühl das selbst die reinste Tugend nicht verbietet  den
einzigen Balsam zu finden der mir Linderung zu geben vermag
    Denn Erna die Blume die man nicht brechen darf um sie an seinem Busen zu
tragen  sie wird nicht durch die Tränen entweiht mit denen Wehmut sie
benetzt Entscheiden Sie  denn im Kampf mit mir selbst und mit den Dornen
meines Schicksals traue ich unsicher schwankend dem eigenen Ausspruch nicht
und folge willig wie einem höheren Gesetz dem was Ihre bessere Einsicht über
mich verhängt Und vor allem  senken Sie durch einen Blick der Güte durch ein
Wort der Vergebung den Frieden wenigstens wieder in meine zerrissene Seele den
es in Ihrer Macht steht mir zurückzugeben  damit zu dem Schmerz den zu dulden
ich verurteilt bin sich nicht noch der Vorwurf gesellt Ihren Unwillen
verschuldet zu haben
 
                                       X
Ziemlich spät machte er sich am anderen Tage auf den Weg der erhaltenen
Einladung zu folgen hauptsächlich aber sein eigener Briefträger zu sein
    Er fand die Gesellschaft schon versammelt und Erna zierlich geputzt und
ihre Gäste mit Geist und Lebhaftigkeit unterhaltend empfing ihn höflich aber
ohne alle weder freundliche noch unfreundliche Auszeichnung
    Er fand sie heute so hlühend dass ihre Schönheit ihn im Rosenschimmer der
Gesundheit überraschte Ein ganz eigener Glanz funkelte zauberisch in ihrem Auge
 aber so sehr ihn auch der Anblick ihrer Reize gleich warmem Sonnenschein
entzückend durchdrang so schmerzte es ihn doch dass diesmal auch nicht der
leiseste Wechsel ihrer Farbe ihm verriet dass seine Erscheinung irgend einen
Eindruck auf sie mache
    Man schien nur auf ihn gewartet zu haben um sich zu Tische zu setzen
Alexander wählte seinen Platz so dass er die im Auge hatte die er im Herzen
trug und sie scharf beobachtend glaubte er endlich wahrzunehmen dass die
Munterkeit die sie scheinbar beseelte nur eine erkünstelte sei die sie nicht
ohne innere Anstrengung als eine Pflicht der Hausfrau übte
    Als am Nachmittag die Gesellschaft sich in dem Garten zwanglos zerstreute
gelang es ihm sie einen Augenblick allein zu sprechen
    Schüchtern bewegt mit dem vollen warmen Ton der Liebe die den geliebten
Gegenstand gekränkt zu haben fürchtet redete er sie an und bat um die
Erlaubnis ihr in dem Brief den er ihr übergab sein ganzes Herz darlegen zu
dürfen
    Sie zögerte ein wenig ihn anzunehmen Doch als er die Versicherung
hinzufügte dass er nichts en halte was ihr strenges Pflichtgefühl zu beleidigen
im Stande sei  als er beteuerte dass er völlig resignirt auf jede Hoffnung
des Glücks nur Ihre Entscheidung über sein künftiges Benehmen gegen sie sich
erbitte  und dass er keineswegs in der Absicht irgend etwas dadurch zu
gewinnen sondern bloß um sich eben sowohl anzuklagen als zu rechtfertigen die
Vergangenheit noch einmal zum letztenmal vor ihr ausgebreitet habe um durch
ihren Rat geleitet nur das Betragen zu wählen das weder ihrem inneren noch
äußeren Frieden gefährlich zu werden drohe nahm sie ihn hin ihn uneröffnet zu
verbergen
    Das Wort zum letztenmal ist entscheidend für mich sagte sie leise denn
es entschuldigt mich allein dass ich eine so geheimnisvolle Art sich mir
mitzuteilen begünstige Zum letztenmale denn will ich mit Ihnen in jene Zeit
zurückschwärmen die unwiederbringlich dahin ist und in der wir nichts mehr zu
ändern vermögen   dann aber richten Sie gleich mir Ihr Auge mutig in die
Zukunft und gönnen mir die Freude Sie in ihr gleichsam ein neues froheres
Leben beginnen zu sehen
    Alexander wollte der Rührung nicht nachgeben die ihn erschütterte Um sich
daher die Fassung zu erhalten die bei einer leicht möglichen Unterbrechung
ihres Gesprächs ihm so nötig war erwiderte er nichts sondern sprach ihr nur
die Freude aus sie heute so ungewöhnlich woh zu sehen
    Mit einem wehmütigen Lächeln blickte Erna ihn an und leicht mit ihrem Tuch
über de rosige Wange streifend antwortete sie Also haben diese tauben Blüten
auch Sie getäuscht Linovsky sieht mich ungern so bleich wie ich nun einmal
bin weil seine Besorgnis mich dann gleich krank vermutet Ihm zu Ehren prange
ich zuweilen mit erborgter Farbe und vorzüglich wenn er einen frohen Kreis um
sich versammelt hat damit ich nicht einem bereits abgeschiedenen Schatten
gleich störend unter den Lebendigen erscheine
    Wie so fühlen Sie Sich wirklich krank unterbrach sie Alexander betroffen
    Nicht eben krank aber matt und müde versetzte sie ruhig Schon seit
längerer Zeit  ich darf es Ihnen wohl bekennen  ist mir das Leben selbst in
seinen heiligsten Beziehungen so nichtig erschienen dass es mich nicht Wunder
nimmt wenn mein Gemüt mitten im Genuss der reichsten Güter darbt Wie eine
Pflanze in harten ungewohnten Boden versetzt trauert und welkt mag auch Tau
und Regen sie erfrischen und Sonnenwärme sie linde anstrahlen so bietet auch
mir die Erde keine Nahrung für meine Sehnsucht keine Befriedigung des inneren
Bedürfnisses keine Gewährung der Ideale die  vielleicht erträumt und nirgends
in der Wirklichkeit existirend  doch so lebhaft vor meiner Seele schweben als
hätte ich sie einst gefunden oder würde ihnen noch begegnen
    Doch setzte sie einlenkend hinzu als habe ihr reges Gefühl sie
unwillkürlich über die Schranken weiser Zurückhaltung hinübergeführt wozu
entülle ich Ihrem fröhlichen Sinn der das Leben nur erst geprüft und
geläutert und seinen wahren Wert erkennend ergreift um es zu genießen die
Schattenseite meiner Ansichten Vergeben Sie mir  nur die Hoffnung ein
besonnener unserer würdige Umgang werde uns in reiner tadelloser Freundschaft
einander nähern konnte mich die sonst gegen jedermann Verschlossene so
geschwätzig machen
    Und diese Hoffnung die Sie nicht täuschen soll da sie sich auf die Kraft
meines Charakters und auf die Festigkeit meines Willens gründet versetzte
Alexander bewegt verleiht mir das Recht schon jetzt auszusprechen dass die
Wehmut Ihres Wesens ein Echo in meinem Innern findet das der Schmerz geheiligt
hat Nicht der frohe lebensmutige Jüngling steht vor Ihnen den Sie einst in
der Zeit seiner Verirrungen kannten sondern der ernst gereifte Mann der bis
über die Gränze des irrdischen Lebens hinaus das Bild seiner verfehlten Wünsche
als das Höchste sich bewahrt was ihm das Dasein zu bieten vermochte Glauben
Sie ich könnte noch hoffen könnte vielleicht Plane entwerfen für die
entblätterte Zukunft die vor mir liegt der arabischen Wüste gleich in der
kein Labequell rieselt der brennenden Schwüle Erquickung zu versprechen
    Erna wurde sichtbar gerührt Sie suchte abzubrechen und schlug das schöne
Auge aufwärts wo mit lautem Geschrei eine Schaar Zugvögel über ihr
dahinbraussten
    Seid mir gegrüßt in Euerer Höhe Ihr geflügelten Pilger die Ihr so fröhlich
von dannen zieht Euerem Süden entgegen sagte sie Ach wer mit Euch reisen
könnte in das schöne Land zu dem Ihr hinstrebt 
    Wünschen Sie das fragte Alexander
    Nun ja erwiderte sie verlegen denn selten steht ja der Mensch auf einem
Punkte von dem er sich nicht hinwegsehnt Doch sind es eigentlich nicht die
irrdischen Fittige nach denen ich verlange  jene höheren dehnen sich in mir
als wollten sie die schwache Brust zersprengen die empor tragen ins Land der
Verheißung zum Vater der Liebe
    Sie sah ihn bei diesen Worten so hell und klar an als wolle sie seinen Sinn
erheben wie ihre ahnenden Hoffnungen Alexander konnte nichts erwidern 
tränenschwer schlug er die Augen nieder und wandte sich in die Einsamkeit da
in demselben Moment Menschen ihnen nahten die seine Stimmung weder zu begreifen
noch zu schonen verstanden
 
                                       XI
Es wurde ihm an diesem Tage keine einsame Minute der Unterhaltung mehr mit Erna
An den Spieltisch gepflanzt musste er sich zwingen seine Aufmerksamkeit für die
geringfügigsten Dinge und für die unbedeutendsten Menschen die an seiner
Partie Teil nahmen wach zu erhalten und nur selten durfte ein durstiger
Blick zu ihr hinüberstreifen die ruhig und in der ganzen Würde und Hoheit ihres
Charakters mit alle der milden Güte die ihr eigen war die Pflichten der
Wirtin im Allgemeinen ausübte ohne sich scheinbar um Einzelne ihrer Gäste
auszeichnend zu bekümmern
    Als nun die späten Abendstunden zur Trennung auffoderten und Alexander
zwischen Erna und einigen anderen Damen die Verabredung treffen hörte morgen
gemeinschaftlich die Oper besuchen zu wollen wagte er mit dem leisen Wort des
Abschiedes das er ihr zuflüsterte die Frage zu verbinden ob er sich dann an
sie anschließen dürfe um  sei es auch im störendsten Gewühl  sie wieder zu
sehen
    Erna besann sich einen Augenblick in scheinbarer Unentschlossenheit die
eine liebliche Röte auf ihre bleichen Wangen trieb Dann aber fasste sie sich
gleichsam in ihrem Innern die Kraft zu einem freien nicht durch Konvenienz
bedungenen Entschluss auffindend und indem sie freundlich sein Lebewohl
erwiderte setzte sie mit Würde hinzu dass sie sich freuen werde ihm dort zu
begegnen
    In tiefes Nachdenken versunken kehrte Alexander nach der Stadt zurück und
lange noch hielten ihn die ungebändigten Wünsche Hoffnungen Zweifel und
Besorgnisse wach die von Ernas Bild ausströmten das seine Seele so lebhaft im
innersten Heiligtum derselben trug
    Nein so benimmt sich die Gleichgültigkeit nicht rief er endlich aus
nachdem er unter unsäglichen Quaalen ihr ganzes Betragen gegen ihn durchgegangen
war und jedes ihrer Worte prüfend auf die bebende Wagschaale der Furcht und des
Unglaubens erwogen hatte Jener Funke der am frühen Morgen ihrer Jugend in ihr
Herz fiel und später mir durch beleidigten Stolz und gekränkte Empfindlichkeit
wiederum verlöscht schien  er glimmt noch fort von meiner Treue genährt von
meiner Ausdauer flammender als je ins Leben zurückgerufen Und gewiss mir sagen
es die seligen Ahnungen die meinen Busen schwellen sie wird mich einst noch
lieben wie ich sie liebe  ja sie liebt mich schon und die Stunde ist nicht
mehr fern in der sie es mir bekennen wird
    Unglücklicher fuhr er fort als während einer langen Pause trübes
Nachdenken wiederum die Blüten seiner Hoffnung zu knicken drohte  wie darfst
du zu erlangen träumen was so hoch und unerreichbar über dir steht dass selbst
dein mächtigstes Streben sich nicht zu ihm emporschwingen kann Vergebens sehnst
du dich den Tempel deines Glücks zu betreten dessen Himmelsglanz dir trunken
winkt  ach  Schreckenbilder bewachen seine Schwelle und wehren dir den
Eingang Ihre Tugenden sind es ihre Pflichten denen sie ja das ganze blühende
Dasein geopfert hat  ihnen wird sie auch Dich zum Opfer bringen und selbst als
Opfer fallen
    Dumpfer Schmerz wie er ihn niemals nagender empfunden raubte ihm bei
dieser Vorstellung fast die Besinnung und um seine Marter noch zu erhöhen trat
wie der sichtbare Kakodämon seines Schicksals Linovskys verhasste Gestalt vor
sein inneres Auge ihn gleichsam mit dem Hohngelächter der Hölle auf den
übermütigen Lippen daran zu mahnen dass er er es sei der die Herrliche
besitze und dass  wenn sie auch mit dem Gefühl des verlorenen seiner Blüten
beraubten Lebens neben ihm wandele  sie doch eben so unbedingt sein Eigentum
sei wie nur immer eine Sklavin ihrem Tyrannen gehört
    Hass Neid und Ingrimm in der kochenden Brust fand er es sei in Zukunft
eine Aufgabe über seine Kräfte den Gegenstand seiner Liebe neben dem seines
bittersten Hasses und diesem letzteren unterwürfig zu sehen Hätte es ihm nur
möglich geschienen auf den Zauber ihrer süßen Nähe Verzicht zu leisten er
würde im Gefühle tobender knirschender Eifersucht auf der Stelle das Gelübde
ausgesprochen haben des verhassten Nebenbuhlers Haus nie wieder zu betreten
    Gleichwohl zählte er unfähig sich die herbe Prüfung einer strengen
Entsagung aufzulegen jede einzelne Stunde die noch trennend zwischen dem
nächsten ihm beschiedenen Wiedersehen stand und als das Opernhaus geöffnet
wurde war er einer der Ersten der in einer Loge welche das Ganze zu übersehen
gestattete Platz nahm um weder ihr Kommen noch das Glück sich ihr nähern zu
dürfen zu verfehlen
    Endlich die Symphonie rauschte bereits erschien sie mit mehreren
Begleiterinnen und nahm in einer Loge ihm gegenüber Platz
    Ehrerbietig grüßte er sie aus der Ferne und als der erste Act vorüber war
wagte er es sich den Damen zu nähern und ganz zuletzt auch an sie die seine
zarte Scheu zu verstehen schien einige Worte der innigsten Teilnahme mit
denen er nach ihrem Befinden fragte zu richten
    Mit der freundlichen Erwiderung dass ihr wohl sei zog Erna einen Brief
hervor den sie ihm ohne alle geheimnisvolle Umhüllung mit der Bitte übergab
ihn gelegentlich an seine Adresse zu besorgen
    Sie wandte sich hierauf von ihm ab und in ein eifriges Gespräch mit einer
ihrer Nachbarinnen geratend schien es als habe sie von jetzt an keinen Blick
mehr für ihn Gepeinigt durch diese Wahrnehmung zog er sich daher aus Furcht
ihr durch sein Bleiben zu misfallen in seine Loge zurück Doch ehe er sie noch
erreicht hatte konnte er nicht umhin an dem flackernden Schein eines
Wandleuchters auf der übrigens dunkeln unbemerkten Gallerie die Aufschrift zu
lesen und als er sie an sich gerichtet fand erbrach er das Siegel mit
fröhlicher Hast und folgende Worte begegneten seinen sehnsuchtsvoll spähenden
Blicken
    Dass ich Sie angehört habe und dass ich Ihnen antworte ist der erste
Schritt der mich von dem streng mir vorgezeichneten Wege meiner Pflicht
verlockt Ich beschwöre Sie lassen Sie es zugleich den letzten sein und stören
Sie den stillen Wandel nicht der mich zur Ruhe  dem einzigen Ziele nach dem
ich streben darf  hinleitet
    Gewiss auch ohne das erschütternde Geständnis das Sie fodern würden Sie
nicht daran zweifeln können dass ich Ihnen längst vergeben habe Mein Betragen
hat es Ihnen gesagt wenn ich den stummen und mild gewordenen Empfindungen
meiner Brust auch keine Worte verlieh Daher ehren Sie die vertrauenvolle
Offenheit mit der ich es jetzt auch ausspreche und betrachten Sie die
Versicherung dass ich Sie achte als einen Zuruf der aus Gräbern kommt frommen
Frieden in Ihr Gemüt zu flüstern  nicht als einen irrdischen Laut der noch zu
irgend einer Hoffnung berechtigen könnte
    Wenige sind der Erfahrungen die ich auf meinem Wege sammelte aber in
diesen wenigen reichte mir meine ernste Bestimmung den Kern des Lebens und wenn
ich ihn gleich bitter fand so erwuchs mir doch daraus der Vorteil alles
übrige nur als dämmernden Schein als traumähnliche Entwürfe betrachten zu
lernen mit denen der Mensch wie mit Seifenblasen spielt
    Nur selten gestattete ich mir einen Rückblick auf die weit zurückgewichene
Küste der Vergangenheit deren Nebel mein frühestes Morgenrot verschlangen
aber mit Andacht trug ich was ich einst gewünscht geglaubt hatte in meinem
Herzen und meiner Kraft und meinem festen Willen vertrauend durfte ich es
wagen einen Bund zu schließen dessen Heiligkeit mich tief durchschauerte wenn
ich den ganzen Umfang seiner Ansprüche an mich auch noch nicht kannte
    Durch schwere Kämpfe bin ich gegangen habe mich oft erschlafft in allen
Triebfedern meines Seins gefühlt  habe nur durch bang bestandene Prüfungen mir
die Ergebung errungen die nach vielem Schmerzesaufruhr erst die Seele läutert
und todeswund und todesmatt erschein ich mir am Ziele  nicht durch Sieg
gekrönt aber doch durch das Bewusstsein gehoben dass ich immer tat was ich für
recht hielt
    Auch ferner wird es noch mein ernstes Bestreben sein es zu tun Ich ehre
Linovsky als meinen Gemahl dem ich mit Zutrauen die Leitung meines Schicksals
übergeben habe  ich liebe ihn als den Vater meiner Kinder und dieses aus dem
Anerkennen seines Werts und meiner vollsten Achtung hervorgehende Gefühl ist
wenigstens dauerhafter als der flüchtige Rausch mit denen die erste Jugend so
oft sich und Andere täuscht Daher spreche ich zu Ihnen als seine Gattin die 
so weit es sich mit ihren Pflichten vereinigen lässt  Ihre Freundin sein will
Doch niemals mehr sei zwischen uns die Rede von Empfindungen denen wir uns
sonst hätten überlassen dürfen die aber jetzt der ernste Spruch der
Verhältnisse uns auf ewig verbietet Lassen Sie uns das Vergangene vergessen
oder  denn Unmögliches darf ich nicht fodern  wenigstens nie wieder erwähnen
Kommen Sie zuweilen zu uns doch mit der Vorsicht und Schonung die das reizbare
Gefühl meines Mannes verlangt der sich so leicht in einer auch nur geahneten
Beeinträchtigung seiner Rechte an mein ausschliessliches Wohlwollen verletzt
sieht Enge nur und häuslich Wenigen geöffnet ist unser Kreis aber überwinden
Sie um völlig einheimisch in ihm zu werden die Abneigung gegen Augusten die 
wenn sie auch einst in ihrer Strenge zu weit ging  doch nur die beste Absicht
hatte die ja so oft menschlichen Irrtümern zum Grunde liegt Dann werden wir
Alle Ihr Hinzutreten zu uns als einen Gewinn betrachten der aus Ihrer
Bekanntschaft sich entwickelte und ohne Blick und Urteil von außen ohne den
Vorwurf des inneren Richters zu scheuen der auch das Verborgene prüft dürfen
wir Teil an einander nehmen und uns freuen dass wir einander fanden um uns
nie wieder zu verlieren
    Und sollte der schöne Beruf dem Sie Sich widmen die Unabhängigkeit des
Vaterlandes verteidigen zu wollen Sie früher als sich dieser freundlich von
mir entworfene Plan realisiren lässt auf die Bahn kriegerischer Tätigkeit rufen
 sollte  denn dunkel ist die Zukunft  der blutige Lorbeer den Sie zu brechen
Sich sehnen nur fallend Ihnen werden mit Ihrem Tode erkauft  dann  o
Alexander das Leben ist vergänglich aber ewig bleibend das Höhere in der
menschlichen Brust  dann wird Ihre Freundin Ihre Schwester Ihnen für den Rest
der eigenen Tage und noch weiter hinaus ein treues und inniges Andenken
bewahren
 
                                      XII
In der tiefsten Bewegung las Alexander diese Zeilen Dann in seine Loge
zurückkehrend und versunken in das Meer der vielfach in ihm aufgeregten Gefühle
sich in einem Winkel derselben niedersetzend ging das Geräusch um ihn her ihm
verloren denn es vermochte nicht seinen inneren Sinn zu berühren da seine
ganze Seele sich in den Gedanken an Erna und in ihren Anblick versenkt hatte
    Da saß sie ihm gegenüber ruhig streng mit Würde sich behauptend und in
dem so leise atmenden Busen nagte verheerend jede Lebenskraft der Wurm der
Hoffnungslosigkeit der Reue der umsonst bekämpften Liebe
    So wenigstens erklärte er sich den Geist ihres Briefs der zugleich ihr
Gemüt ihm aufschloss Schon hienieden durch tausend Schmerzensstunden zum
fleckenlosen Engel verklärt konnte er sie nicht ohne einen leisen aber jedes
Gefühl veredelnden Schauer betrachten und doch sprach seine Sehnsucht glühender
wie jemals und die Welt schien ohne sie ihm ein weites Grab
    In ihrem Anschauen vertieft das selbst bei dem Erbleichen ihrer sonst so
strahlenden Schönheit durch den magischen Geist so anziehend war der tief doch
still aus dem Innersten ins Innerste drang überraschte es ihn plötzlich mitten
in der Vorstellung die Türe ihrer Loge öffnen und ihr ein Billet überreichen zu
sehen das offenbar eine große Sensation bewirkte
    Erna hatte es nämlich kaum gelesen als sie aufstand einige Worte zu ihren
Nachbarinnen sprach und dann in ihren Shawl sich hüllend verschwand
    Welche Ungeduld brannte in Alexanders Seele ehe er erfuhr ob eine Sendung
trauriger oder gleichgültiger Art sie abgerufen Waren ihre Kinder vielleicht
plötzlich erkrankt  Aber nein  dann würde die Ruhe mit der sie schied ihr
nicht treu geblieben sein denn in der Mutterliebe verriet ihr fest
beherrschtes Wesen ja einzig dass sie auch durch leidenschaftliche Hingebung an
das Leben geknüpft sei
    Sobald es mit einiger Schicklichkeit geschehen konnte ohne sich allzusehr
das Ansehen einer unberufenen Neugierde zu geben trat Alexander in den Kreis
der mit ihrer Entfernung allen seinen Zauber verloren hatte und indem er den
vor Augen gehabten Vorgang ignorirend sich an die Gräfin wandte fragte er ob
Frau von Linovsky vielleicht nicht wohl geworden sei da er sie nicht mehr an
ihrer Seite erblicke
    Ach nein versetzte diese lächelnd ihr ist ganz wohl und ich kann mich
unmöglich überwinden das was ihr begegnet ist zu den Unannehmlichkeiten zu
zählen die uns zuweilen die üble Laune des Schicksals bietet Ihr Herr und
Gemahl benachrichtigte sie in einem Billet von der Ankunft eines Kourriers der
ihn von Seiten seines Souverains nach  zum Kongress bescheidet und schon
diese Nacht auf unbestimmte Zeit abzureisen zwingt Um daher noch der
Ehegenossin die gehörigen Verhaltungsregeln vorzuschreiben vielleicht ihren
Kerker noch enger zu umgränzen als da wo sein Despotenauge seine Schranken
bewacht berief er sie schnurstracks nach Hause Ich wünsche ihm im Geiste eine
glückliche Reise und hoffe man werde die gleichsam bisher von einem Drachen
bewachte Dulderin nun endlich einmal in seiner Abwesenheit genießen dürfen
    Diese Nachricht tat Alexandern wohl denn nicht ohne bitteren Neid und
Groll vermochte er auf Ernas reinem Hausaltare Linovskyn als den Götzen zu
erblicken der jedes Opfer der Aufmerksamkeit und Unterwürfigkeit als ein Recht
foderte oder als eine Pflicht in Anspruch nahm
    Er verließ das Schauspielhaus denn dunkle Entwürfe Pläne und Träume
drängten sich in ihm und winkten ihn aus den Disharmonieen die jetzt selbst
der Wohllaut für ihn bildete hinaus in die Einsamkeit des nächtlichen Dunkels
Er rannte ohne sich selbst klar bewusst zu sein was eigentlich in ihm vorging
durch einige Straßen und blieb vor dem Hause stehen in welchem Linovskys
diplomatisches Büreau sich befand
    Alles war hell erleuchtet und drinnen in der größten Tätigkeit begriffen
Ob diese Mauern auch sie umschlossen  er wusste es nicht  aber eine ganz eigene
Gewalt hielt ihn fest und er blieb gegenüber in einer Vertiefung stehen um die
Dinge die da kommen sollten abzuwarten
    Da wurde der Reisewagen herausgeschoben Dass du ihn nimmer zurückbringen
möchtest war der christliche Wunsch mit welchem Alexander ihn begrüßte und
mit einer unbeschreiblichen inneren Genugtuung sah er die schweren Koffer
hinaufheben die dem Anschein nach die Bürgschaft einer langen Entfernung
übernahmen
    Jetzt fuhr auch Ernas Wagen vor Kutscher und Bediente ihre Herrschaft
erwartend unterhielten sich von den neuesten Begebenheiten und flüsterten
einander unverhohlen die Freude zu nun eine Zeitlang des strengen Regiments
ihres Haustyrannen entrückt und der milden Obhut der gnädigen Frau übergeben zu
werden
    Es machte ihm Vergnügen Linovskyn auch hier nicht geliebt zu sehen denn
gern hätte er die an Hass gränzende Abneigung die er selbst gegen ihn empfand
in jeder anderen menschlichen Brust als ein Echo seiner eigenen Gesinnung
angetroffen Endlich nach langem Zögern öffnete sich die Haustür Erna von
ihrem Gemahl begleitet trat heraus Die letzten Worte des Abschieds die er zu
ihr sprach klangen fast wie Verweise oder Befehle Sie erwiderte wenig Nur
unmerklich neigte sie sich dem Kuss entgegen mit dem er sein Lebewohl
begleitete Das Geräusch der kommenden Postpferde verschlang den Rest der
Unterhaltung  sie stieg ein  und es war Alexandern als falle ein Centner von
seiner Brust als er durch die sternenhelle Nacht sie dahinfahren sah
 
                                      XIII
Es war am anderen Tag Alexanders Absicht keineswegs sogleich ohne alle dem
Zartgefühl wohl anstehende Zurückhaltung sich zu Ernas Einsamkeit hindrängen
zu wollen Ein Spiel des Zufalls und der Zerstreuung lenkte jedoch seinen
Spazierritt unwillkürlich in die Gegend hin wo sie wohnte und ehe er es noch
ahnte fand er sich in ihrer Nähe und von ihr die mit ihren Kindern in der
offenen Haustür saß bereits gesehen
    Es war daher jetzt unvermeidlich sie zu begrüßen Sie nahm ihn mit der
ruhigen Haltung auf die ein reines Bewusstsein verbunden mit festen
Grundsätzen gewähren und gleich weit entfernt ihn mit ausgezeichneter
Zuvorkommenheit wie mit Zurücksetzung zu behandeln war in der zwar
interessanten aber keineswegs sie individuell berührenden Unterhaltung die sie
einzuleiten wusste auch nicht im mindesten die Rede von der Vergangenheit
    Alexander hatte von der Natur in seiner offenen anmutigen Zutrauen
erweckenden Bildung jenen glücklichen Empfehlungsbrief empfangen der
unwillkürlich die Herzen gewinnt und der besonders durch den Zauber einer
geheimen unerklärlichen Sympatie auf die Knospe zarter Kinderliebe wirkt die
sich so gern im Schimmer ächten Wohlwollens erschliesst
    Gleich im ersten Moment der Bekanntschaft hatte sich Otto schon mit der
innigsten Neigung an ihn angeschmiegt Jetzt lächelte auch der kleine noch
nicht jährige Wunibald ihm mit besonderer Freundlichkeit zu und ließ sich
selbst aus dem Arm der Mutter willig in den seinigen nehmen Mit Rührung
betrachtete er den süßen in gesunder Lebensfülle aufquellenden Knaben der 
wie Otto mit den schönen Augen seiner Mutter ausgestattet  Wehmut und
vergebliche Wünsche in seine Seele blickte und unter Liebkosungen ihn
schaukelnd und mit ihm spielend stahl sich mitten unter dem Anschein ungetrübter
Heiterkeit eine Träne über seine Wange die  nicht ungesehen von Erna  zur
Erde fiel
    Mit dem Teetisch erschien auch Auguste Das Gespräch lenkte sich auf
Literatur Alexander erwähnte einiger neuen Erzeugnisse derselben die gerade
Aufsehen machten Erna kannte sie noch nicht und sein Vorschlag sie ihr zu
bringen und vorzulesen wurde ohne Weigern von ihr angenommen Beim Abschied
bestimmte man den folgenden Tag schon zur Ausführung dieses Vorsatzes und so
wurde sein tägliches Kommen sehr bald eine ganz natürlich scheinende und im
Hause nicht befremdende Erscheinung
    Diese Stunden des Beisammenseins die bei dem glühendsten Interesse der
Herzen für einander doch niemals sich gestatteten dieses Interesse durch Worte
zu berühren waren die glücklichsten welche Erna sowohl als Alexander jemals
erlebt hatten
    Jener himmlische Zustand schlummernder Leidenschaften und schweigender
Begierden der das Wesen der Unschuld ist wiegte an Ernas Seite Alexanders
stürmisches Gemüt in die wohltuende Stille des Friedens und schuf ihm einen
Traum von Glück der wenigstens stets so lange dauerte wie seine Anwesenheit
bei ihr In der göttlichen Offenbarung ihres hohen inneren Gehalts öffnete sich
ihm eine Welt wie sie sonst wohl nur dem Seligen sich erschliesst wo die
marternde Sehnsucht schwieg und das brennende Verlangen sich befriedigt fühlte
und wo es ihm klar ward dass auch ihre Freundschaft ein Gut sei groß genug die
Liebe aller anderen Frauen der Erde aufzuwiegen Das entzauberte Saitenspiel
seiner Heiterkeit bisher nur in grellen Mistönen erklingend stimmte sich
allmählig wieder rein  Ruhe jene unerlässliche Basis alles Guten und Schönen
kehrte in seine Seele zurück und versöhnte ihn mit dem Leben das vorher aller
seiner Kränze beraubt jetzt wieder seine strahlende Lichtseite in der reinen
Vertraulichkeit ihm zukehrte welcher Erna ihn würdigte
    Auch Erna gab sich ganz und innig den tadellosen Freuden dieses Umgangs hin
wenn gleich der geheime Kampf mit sich selbst und das unnatürliche Ertödten
ihrer lebhaftesten Gefühle leise und unvermerkt ihre Lebenskraft aufrieb
    Früher hätte sie wohl der grundlosen Eifersucht ihres Gatten das Opfer
gebracht Alexandern aus ihrer Gegenwart zu verbannen  aber jetzt  die Welt
lag so tief und nichtig unter ihr und ihr Scheideblick auf das ihr im Nebel
hinschwindende Leben war zu erhaben um mit irrdischer Sorge noch auf den
kleinlichen Regungen gehässiger Leidenschaften zu verweilen  jetzt fand sie
sich stark und selbstständig genug sich über die Vorurteile hinwegzusetzen
die wie ein giftiger Mehltau auf ihre Freudenblüten zu fallen drohten Es war
ihr unbezweifelt gewiss dass ihr Einwirken auf Alexander ihn zu einem höheren
Standpunkt erhoben dass ihre Achtung und ihr Vertrauen den wilden Schmerz seiner
Brust gestillt ihn geadelt gleichsam geheiligt hatte Wie hätte sie diese
Früchte ihres sanften Strebens aufgeben können um einer Grille genug zu tun
die ihr reines Gewissen tief verachten musste Sie glaubte nicht das Linovsky
sie kennend  es begehren werde  aber wäre es auch so fühlte sie doch
bestimmt dies sei der Punkt wo weibliche Schwäche und Nachgiebigkeit sich zu
weiblicher Kraft ermannen und jedem vom leeren Schein hergenommenen Grund der
Misbilligung kühn und unerschüttert begegnen müsse
    Nicht leichtsinnig und gedankenlos sondern ernst erwägend schaute sie in
die Zukunft und läugnete sich die Wahrheit nicht ab dass eine Neigung wie die
ihrige zu Alexandern streng bekämpft werden müsse um sich nicht selbst Gesetz
zu werden Daher versagte sie ihr jede Äußerung die sie hätte verraten und
seine freundlich eingelullten Hoffnungen wieder aufwecken können Aber da die
Stunden die sie neben ihm verlebte rein waren und  schon längst vergangen
noch die himmlische Glorie einer Erinnerung trugen die sie an keine verletzte
Pflicht an keine Entweihung ihrer Würde als Gattin und Mutter mahnte so hätte
es ihr Verrat an der Freundschaft geschienen den einmal ihres Zutrauens wert
Gefundenen einer einseitigen Laune Preis zu geben die nur aus ungegründetem
Argwohn hervorging
 
                                      XIV
So waren mehrere Wochen still und friedlich in harmlosen Mitteilungen
vergangen in denen beide Ersatz für höheres ihnen versagtes Glück fanden da
erschien plötzlich das Gespenst das den unschuldsvollen Genuss verscheuchte der
bisher die Würze ihrer Einsamkeit gewesen war
    Linovsky nämlich kehrte zurück an den heimischen Heerd dessen reine Flamme
er zwar nicht entweiht aber doch für eine höhere Gottheit glühend fand Ihn
empfing die Gattin mit der Achtung die sie ihrem Gemahl dem Vater ihrer
Kinder schuldig war aber auch mit dem ganzen Stolz des durch keine Schuld
befleckten Bewusstseins und mit der Kälte des den irrdischen Verhältnissen nicht
mehr angehörenden Gefühls Mit alle der Eigensucht die sich stets allein
strebte in Ernas Kreise geltend zu machen geschärft durch Mistrauen und
Eifersucht und vielleicht durch Ohrenbläsereien bereits gereizt forschte er
nach allen kleinen unbedeutenden Vorgängen während seiner Abwesenheit
    Erna zu lauter zur Lüge verhehlte Alexanders öftere Besuche nicht Sie
hatte es zu lebhaft empfunden dass es ihrer Nähe ihrer vertraulichen Hinneigung
beschieden war ihn aus der Tiefe mutloser Verzweiflung zu erheben und auf
eine Stufe zu sich heraufzuziehen auf der sie ihn frei und ohne Erröten vor
aller Welt bekennen durfte Auch hatte sie schon längst in ihrem Innern ohne
Grausen den ernsten Flügelschlag des nahenden Engels vernommen der ihr die
Pforte eines besseren Lebens zu öffnen versprach Tief lagen daher unter ihr
alle feindseligen Urteile der Verleumdung und der alles Gute abläugnenden
Zweifelsucht und fest entschlossen ihrer Pflicht getreu zu bleiben war sie
eben so entschieden sich nicht zu versagen was mit ihr bestehen konnte
    Sie übersah daher mit ruhigem Gleichmut die nicht laut ausgesprochene
Misbilligung Linovskys die aber doch in mancher bitteren Anspielung und in
mancher höhnischen Seitenbemerkung sich darüber äußerte dass sie Alexandern
einen näheren Zutritt gestattet hatte als dem gleichgültigen Bekannten geziemt
    Als er nun aber selbst erschien ahnungslos welche plötzliche
Dazwischenkunft ihn jetzt auf einmal aus seinem Himmel stürzte  als sie in den
Zügen ihres Mannes die feindselige Bitterkeit des im Verborgenen glimmenden
Grolles wahrnahm der nur einer geringen Veranlassung von Außen bedurfte um
unheilbringend und zerstörend hervorzubrechen als sie den an Verachtung
gränzenden Trotz bemerkte den Alexander seinem kühlen kaum höflichen Benehmen
entgegensetzte da fand sie von bangen Ahnungen ergriffen sich zur Verhütung
ärgerlicher Auftritte verpflichtet lieber Verzicht auf die höchste letzte
Freude ihres Lebens zu leisten als die Furie der Zwietracht entflammen zu
helfen und Gefahren herbeizuführen vor deren bloßen Möglichkeit sie schon
erzitterte
    Sie beschloss daher unwiderruflich bei sich selbst durch eine offene und
ruhige Vorstellung Alexandern zu veranlassen dass er seine Besuche einstelle da
sie Linovskyn offenbar so misfällig waren Doch ehe sie noch den unbeobachteten
Augenblick fand den sie sich zu einer kurzen Unterredung wünschte brach der
Ungestüm des Eifersüchtigen die Gelegenheit vom Zaun seinem Unmut Luft zu
verschaffen und den unwillkommenen Gast für immer zu entfernen
    Der kleine Otto nämlich hatte nur mit Schüchternheit dem finsteren Vater sich
genaht und blöde und frostig die Liebkosungen erwidert mit denen er beim
Wiedersehen seinen Erstgeborenen ans Herz drückte
    Wie ganz anders war der Empfang den Alexander fand Freudig hereinstürmend
auf seine Kniee kletternd und ihn mit beiden Armen umklammernd als wolle er ihn
nimmer wieder loslassen schien es wirklich als sei Linovsky dem Knaben ein
Fremder und als ruhe jetzt erst das liebende Kind am Busen seines Vaters
    Düster rief Linovsky den Kleinen von Alexanders Schoss zu sich Er
gehorchte aber nicht aus Neigung sondern sichtbar nur aus Furcht vor dem Zorn
den er bereits in des Vaters Augen funkeln sah und obgleich losgerissen von dem
lieben freundlichen Freund blieben seine Blicke doch unverwandt mit dem
seelenvollsten Ausdruck der zärtlichsten Anhänglichkeit an ihm hängen wenn auch
Linovskys Arme gleich einem beängstigenden Gefängnis ihn umschlossen und
jede seiner Bewegungen hemmten
    Hast du mich lieb mein Kind flüsterte Linovsky zu dem goldenen Lockenkopf
sich herabbeugend
    Ja ach ja antwortete der Kleine ängstlich Erst die Mutter hernach
Norbeck und dann Dich
    Linovsky erbleichte bei diesem naiven Geständnis Zürnend setzte er den
Knaben nieder der sogleich wieder zu Alexandern zurückstrebte Aber ihn heftig
beim Arm fassend und seitwärts schleudernd sprang jetzt der Vater seiner Wut
nicht mehr gebietend auf
    Ich hätte gehofft Du würdest mein Andenken lebendiger in des Kindes Herzen
erhalten haben sprach er nach einer Pause mit Bitterkeit zu Erna Aber was in
Dir selbst augenscheinlich nur allzuschnell unterging um neuen Gegenständen
Platz zu machen  wie könnte es eine festere Dauer in einem so zarten Gemüte
finden das von Pflicht und Recht noch keinen Begriff hat
    Ernas blasses Gesicht überzog sich mit einer flammenden Röte aber sie
schwieg weil sie fühlte jede Erklärung in diesem Augenblick sei sie auch noch
so rechtfertigend könne den Zwist den sie zu vermeiden suchte nur um so
schleuniger entzünden
    Sie rief den weinenden Otto zu sich der durch die raue Begegnung seines
Vaters aufs Gesicht gefallen war und blutete und indem sie ihn ohne Partei
gegen Linovsky zu nehmen tröstete und die Schuld seines Fallens auf seine
eigene Ungeschicklichkeit schob band sie ein Tuch um seine verletzte Stirn und
schickte ihn fort zu Augusten
    Auch Alexander war aufgestanden Sein Blut kochte  alle bösen Geister des
Zorns der Rache und der Vertilgungssucht wachten blutdürstig in seinem Herzen
auf und sehnten sich nicht bloß zu knirschen sondern zu handeln  Doch
Ernas Anblick die still in ihren Leiden den rührenden Ruhe gebietenden Blick
auf seine herausfodernden Augen heftete entwaffnete ihn wieder aber er
empfand dass die schnellste Entfernung nötig sei um sich in einer wenigstens
dem Anschein nach friedlichen Stimmung zu erhalten
    Er griff daher nach seinem Hute Mit beleidigender Hast zog Linovsky bei
diesem Zeichen des nahen Gehens an der Klingel und befahl dem hereintretenden
Bedienten Herrn von Norbecks Pferd vorzuführen Hierauf ging er ohne Abschied
in ein Nebenzimmer wo er die Tür hinter sich werfend sich verschloss
 
                                       XV
Stumm stand Erna jetzt Alexandern gegenüber Sein Gesicht brannte von der Glut
innerer Empörung gerötet ein convulsivisches Zittern flog durch seinen ganzen
Körper und krampfhaft hatte er ohne es selbst zu wissen beide Fäuste geballt
    Da nahte ihm die Geliebte dem Engel des Friedens gleichend dessen Blick
Vergebung dessen Lächeln Versöhnung ist und seine starre Hand fassend und sie
innig drückend rief sie ihn durch dies noch nie vorher von ihr empfangene
Zeichen ihrer Gunst aus dem Schwefelpfuhl ohnmächtiger Wut wieder zur
Besinnung und zur Besänftigung empor
    Sie konnte nicht sprechen denn zu beklemmt war ihre Brust von dem Schmerz
über die Kränkung die er erlitten vom Vorgefühl der nahen unvermeidlichen
und  wie die Weissagung ihres Herzens ihr zuflüsterte  ewigen Trennung und
von der dunkeln Perspective in die freudenlose Zukunft an der Seite eines
rauen ungerechten Mannes der nach dieser Szene das höchste Gut das er bisher
in ihr besessen ihre Achtung nämlich verloren hatte
    Nach Fassung ringend sah sie ihm lange unverwandt in die Augen  da wurde
ihr plötzlich leichter  ihre Blicke schimmerten wie himmlische
trostverheissende Sterne ehe sie in milden Tränen hintauten und in diesen
Tränen fand sie Linderung fand sie sich selbst und ihre Kraft wieder
    Wir müssen uns trennen mein teuerer Freund sprach sie denn kein Opfer
darf mir zu schwer sein wenn es die Beschwichtigung des Mannes gilt dem ich
mit allen seinen Fehlern nun einmal zugesellt und ihn zu ehren und zu schonen
verpflichtet bin Möchte das Vereinsamte meines künftigen Lebens durch die
Überzeugung erheitert werden dass Sie auch mit Nachsicht auf diese Stunde
zurückblicken und ohne Groll aus einem Kreise scheiden wollen in dem ich Ihnen
ewig ein treues Andenken bewahre Leben Sie wohl
    Sie ward immer bleicher  mit halb geschlossenen Augen senkte sich ihr Blick
vorwärts  Alexander fürchtete dass eine Ohnmacht sie anwandle und fing sie in
seinen Armen auf Da ruhte ihre kalte Wange einen flüchtigen Moment an seinem
flammenden Antlitz und seiner selbst nicht mehr mächtig bis zur Verwegenheit
berauscht von einem nie als möglich geträumten Glück das so unmittelbar auf die
tiefste Erschütterung der gehässigsten Gemütsbewegungen folgte wagte er es
seine glühenden Lippen auf ihren Mund zu drücken
    Du liebst mich Himmlische rief er aus o ich hab es immer geahnt
geglaubt und mit allen Kräften meiner Seele gewünscht Wie kann ich je
verzagen nun ich den Trost dieser Gewisheit mit mir nehme  wie kann ich jemals
murren wenn die Erinnerung dieser Stunde mein früh verblichenes Leben mit ihrem
Wiederschein verklärt
    Da ermannte sich Erna und wand sich los aus seinen Armen In stiller Hoheit
stand sie vor ihm da selbst in der Milde der Wehmut die sie umfloss ihn in
die Schranken der strengsten Ehrfurcht zurückweisend die seine Kühnheit
überschritten hatte Leben Sie wohl sagte sie noch einmal leise und tief
gefühlt ihm mit der Hand den letzten Abschied zuwinkend  leben Sie wohl sagte
auch er und stürzte hinaus  Da trat sie ans Fenster ihn wegreiten zu sehen
und als der Hufschlag seines Rosses nun verhallte und seine Gestalt wie auf
Sturmwindsflügeln ihren Augen entrückt war da wehrte sie den häufiger
hervorquellenden Tränen nicht Denn es war ihr klar geworden diese Liebe die
sie nur ungern sich selbst gestand sei die Wurzel wie die Blüte ihres Lebens
 das Prisma ihrer Jugend nun zerbrochen  und hinter drohenden Gewitterwolken
der letzte Glanz verschwunden der ihr Loos vergoldete
 
                                      XVI
So im Innersten erregt dem Schmerze Preis gegeben ohne Kraft selbst ohne
Willen ihn zu verbergen fand sie Linovsky als er von Alexanders Entfernung
überzeugt die Tür wieder öffnete um zu ihr zurückzukehren
    Sein heißes Blut hatte sich in der Einsamkeit abgekühlt er war wieder zu
sich gekommen und hatte eingesehen dass es Unrecht sei Erna zu verdammen da
doch nur der kurze Maasstab vorgefasster Meinung und die übereilten Irrtümer
seines Mistrauens ihn gegen sie erbittert hatten
    Ob er gleich den Alexandern so freundlich gewährten Zutritt durch nichts
entschuldigen zu können glaubte so sehnte sich doch sein Herz die zu tief
Gekränkte durch den Ausbruch seines Unmuts bereits bitter Bestrafte wieder zu
versöhnen und er nahte ihr jetzt wirklich in dieser friedlichen Absicht als
der Anblick ihres stummen unverschleierten Grams und ihrer Tränen ihn von
Neuem zu einem Verdacht aufreizte der ihn bis zur Wut empörte
    Gilt diese Flut die Deinen Augen entströmt Deinem Hausfreunde fragte er
still ergrimmt oder meinst Du vielleicht durch das Bitterkleesalz der Tränen
die Flecken hinwegwaschen zu können die Dein Ruf so wie wahrscheinlich Dein
Bewusstsein durch diesen Umgang erhalten hat
    Erna durch den Ton so wie durch den Sinn seiner Worte schmerzlich
verwundet fühlte ihre Stimmung schnell aus der weichsten Wehmut in Erbitterung
übergehen Sie fand es indes unter ihrer Würde etwas auf den schneidenden Hohn
zu erwidern der ihr Herz zerriss und nur als er da sie ihr Angesicht von ihm
abwandte von Neuem vor sie trat sie wiederholt um Antwort auf seine Fragen zu
mahnen versetzte sie dass sie für solche Fragen keine habe und dass er eher an
seinen Zweifeln als an ihr habe zweifeln sollen Als sie dies mit dumpf
erloschener beinahe lautloser Stimme gesagt hatte sank sie ohnmächtig zu
seinen Füßen nieder
    Indessen war Alexander zur Stadt zurückgekehrt Bilder der hohen himmlischen
Lust die die Erinnerung in ihm erweckte Erna in seinen Armen gehalten und sie
an seine Brust gedrückt zu haben wechselten mit der schrecklichen Vorstellung
sie nun nicht mehr zu sehen ja sie nicht einmal glücklich zu wissen da der
Hausaltar den sie als Opferlamm schmückte durch Härte und rohen Argwohn
entwürdigt war Für einen Augenblick wollte eine selige Hoffnung in ihm
aufdämmern War es doch nicht unmöglich und in dem Staate wo er lebte sogar
leicht Bande wieder aufzulösen die durch unglückliche Verhältnisse das Glück
der Ehe strangulirten statt es zu befestigen Aber auch nur einen Augenblick
dauerte die glückliche Verblendung des Wahns der eine solche Möglichkeit ihm
vorspiegelte Denn ach er kannte Erna und wusste sie würde eher den Tod der
Märtyrerin an Linovskys Seite als getrennt von ihm die Schmach der
Bundbrüchigkeit und des befleckten Bewusstseins wählen
    Mehrere Tage sperrte er sich  allem unzugänglich  in seine Wohnung ein
und seine treuen Diener die einzigen Wesen welche Gelegenheit hatten ihn zu
beobachten glaubten ihn oft an der Schwelle die in das verworrene Gebiet des
Wahnsinns hinüberführt so ungleich war sein Betragen bald eine excentrische
Fröhlichkeit bald die tiefste Schwermut ausdrückend wie eben die Gedanken und
Gefühle in seinem Innern sich durchkreuzten
    Endlich beschloss er wieder auszugehen Er sann auf Tätigkeit die ihn
zerstreuen auf irgend einen Zweck der ihn von dem Schauplatz des einst
besessenen nun so grausam gestörten Glückes entfernen könne Denn er sah wohl
ein dass bei einem leicht möglichen Zusammentreffen mit Linovsky trotz der
Festigkeit mit welcher er sich selbst gelobt hatte Ernas Ruhe und ihren
Willen zu ehren eine Reibung zwischen ihnen entstehen müsse die alsdann nur
ein blutiger Kampf zu stillen im Stande sein werde
    Aber noch hatte die dumpfe Gährung in der politischen Welt welche Krieg
drohte kein entscheidendes Resultat hervorgebracht In langsamen Zurüstungen
und weit aussehenden Vorbereitungen zersplitterte sich der tatenlustige Geist
der Zeit und ungeduldig sah das Heer so wie das Volk dem endlichen Ausbruch
baldiger Feindseligkeiten entgegen
    Diese Erwartungen mit ganzer Seele teilend und unstät bemüht die Zeit bis
zu ihrer Erfüllung so gut wie möglich zu töten und zu kürzen nahm sich
Alexander eines Tages vor zur Gräfin zu gehen
    Zwar hatte ihr Umgang eben keinen sonderlichen Reiz für ihn da ihre
Heiterkeit nicht kindlich spielend wie er es an Frauen liebte sondern oft
stechend und durch Ironie verwundend war aber die Hoffnung zog ihn mit
magnetischer Kraft zu ihr hin vielleicht bei ihr ein Wort von Erna zu hören
Denn es schien ihm als sei er jetzt auf einem Punkt gekommen wo er nun nicht
länger Nachricht von ihr entbehren könne
    Er begegnete als er sich zu ihr begeben wollte unter dem Portal des Hauses
Frau von Lahnberg mit ihrer Tochter die eben von ihr kamen und ihn mit vielen
freundlich sein sollenden Verzerrungen ihrer ohnehin nicht lieblichen
Gesichtszüge becomplimentirten
    Durch Kombinationen und Nachforschungen war er nach und nach dahinter
gekommen dass der bittere Verdrus den ihm einst Mariane seinen Erna
geschenkten Rhododendron und die Daphne an der Brust bereitete nur durch ein
Gewebe boshafter Lügen entstanden sei wodurch ihre Misgunst den reichen und
blühenden Bewerber von Erna ab und wo möglich auf sich zu lenken strebte indem
sie jene Blumen so wie das Geheimnis ihrer Herkunft bloß ihrer Zudringlichkeit
nicht Ernas Geringschätzung seiner Gabe verdankte
    Seitdem hatte er weder Mutter noch Tochter eines Wortes wieder gewürdigt
und mit kalter Höflichkeit ihre zuvorkommende Begrüßung erwiedernd ging er auch
jetzt stumm an ihnen vorüber
    Wie erstaunte er aber als er die Gräfin in der lebhaftesten
Gemütsbewegung und zugleich im Begriff auszugehen fand
    Ah sind Sie es rief sie ihm entgegen nun Gott sei Dank so erhalte ich
wohl früher als durch mich selbst Aufschluss über die rätselhaften
Begebenheiten die mich quälen und an die ich nicht eher glauben kann bis ich
sie auf eine Art bestätigt höre die mir keinen Zweifel mehr gestattet Was
macht Erna
    Das eben glaubt ich von Ihnen zu erfahren erwiderte Alexander ich sah
sie lange nicht
    Und auf welche Weise sahen Sie sie zuletzt unterbrach ihn die Gräfin ihre
heftig gereizte Lebhaftigkeit nicht mehr im Zaume haltend Man sagt wie mir
eben Lahnbergs erzählten dass Linovsky sie kürzlich in einem tête à tête mit
einem Liebhaber überrascht und sogar entdeckt habe dass sein unschuldiger
dreijähriger Knabe bereits als Postillon damour gebraucht worden sei  dass er
Mutter und Kind mishandelnd auf Scheidung sinne und öffentlich dem fluche
der das heilige Recht der Freundschaft misbrauchend ihm seinen Himmel stahl
    Wie vom Blitz getroffen stand Alexander stumm und starr bis er in
namenlosem Schmerz erbebte Denn nicht nur die Ruhe auch den Ruf der
angebeteten Frau verunglimpft zu sehen die so engelrein vor seiner Seele stand
raubte ihm den letzten Rest des inneren Friedens der sich auf den Glauben
stützte dass wenigstens der Schleier des tiefsten Geheimnisses ihrem Zartgefühl
so wohltätig den Mangel ihres häuslichen Glücks bedecke
    Man sagt fuhr er stürmisch auf dies heillose Wort ist die giftigste Natter
des geselligen Lebens der feige Hinterhalt der Verleumdung die die eigenen
Erfindungen unter dieser Aegide dreist verbreitet Dass sehr Viele einem solchen
man sagt blinden Glauben beimessen wundert mich nicht Aber wie konnten Sie
Gräfin einem bloßen feindseligen Gerücht Ihr Ohr leihen und an Ihrer Freundin
zweifeln
    Ich zweifele nicht an ihrem Wert versetzte die Gräfin aber  ungern
spreche ich es vor einem Herrn der Schöpfung aus was ein feiner Menschenkenner
schon vor Jahrhunderten von der Mehrzahl meines Geschlechtes behauptete
Gebrechlichkeit dein Nam ist Weib  Eine frühe Jugendliebe die unter der
Asche um so beharrlicher fortglimmt da sie nicht in lichten Flammen auflodern
durfte eine misvergnügte Ehe nur von der Vernunft, nicht vom Herzen
geschlossen  grundlose und darum eben doppelt ermüdende doppelt beleidigende
Eifersucht die der Gemarterten jeden freien Aufblick ins Leben wehrt  alles
dies kann wohl am Ende selbst einen Engel von seinen himmlischen Höhen auf eine
glatte irrdische Bahn herabführen auf der das Straucheln so leicht ist Und so
viel ist unbezweifelt wahr dass man Erna sehr krank zur Stadt brachte  freilich
unter dem Vorwand dem Arzte näher zu sein Aber aus vielen einzelnen Umständen
lässt sich doch mit Sicherheit auf ein Misverständnis wo nicht auf eine
gänzliche Entzweiung zwischen ihr und Linovsky schließen
    Diese Nachricht beraubte Alexandern seiner ganzen Fassung Die Maske
indifferenten Gleichmuts hinter welcher er strebte zu verbergen was in
seiner Seele vorging entfiel ihm und weder die Glut seiner Neigung noch
seine Angst mehr verhehlend beschwor er die Gräfin nachdem er ihr den wahren
Vorgang der Sache mitgeteilt hatte ihm hilfreich zu sein und ihm Kunde von
Ernas wirklichem Zustande zu verschaffen
    Eigentlich sollt ich mich zu nichts verpflichten sagte sie da ich Ihr
Vertrauen nur dem Schrecken und der Überraschung verdanke Ich will es jedoch
so genau nicht nehmen und da mich selbst danach verlangt mich von dem
Befinden der armen Kreuzträgerin zu überzeugen so erwarten Sie hier meine
Zurückkunft und lassen Sie mich jetzt sogleich meinen schon früher gehabten
Vorsatz sie zu besuchen ausführen
    Sie eilte bei diesen Worten hinweg und allen Martern der Ungewisheit Preis
gegeben blieb Alexander zurück
 
                                      XVII
Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend hörte er nach einer quaalvoll
durchseufzten Stunde den Wagen der Gräfin zurückkommen
    Er trat ihr bis ins Vorzimmer entgegen aber dort wo er sie von ihren
Leuten umgeben fand durfte er sich keine andere Frage erlauben als die die
sein forschender Blick an ihre schmerzlich ergriffenen Züge und an die Spuren
der Tränen tat die er in ihren Augen bemerkte
    Endlich waren sie allein und nun warf sich die Gräfin erschöpft und weinend
in den Sopha
    Es ergreift mit doppelter Gewalt wenn man Menschen die sonst stets die
scherzhafte Seite des Daseins auffassen und nur dem Frohsinn und dem Lachen
sich gewidmet haben plötzlich von tiefer Betrübnis durchdrungen sieht Wie um
so heftiger erschütterte es jetzt Alexandern die Gräfin so zu erblicken da ihr
Schmerz ihm auch ohne Worte das Todesurteil der Geliebten zu verkünden schien
    Reden Sie rief er mit dem Ungestüm der namenlosesten Seelenmarter sprechen
Sie das Entsetzliche nur aus Erna  ich ahne es  ist verloren  sie ist tot
    Nein versetzte die Gräfin sich sammelnd noch ist sie es nicht aber bald
fürchte ich wird die Vermutung Ihrer Furcht wie eine prophetische Weissagung
sich bestätigen Ich habe sie sehr krank gefunden und wie sie im Leben ein
holdes Beispiel der Tugend war so könnte man auch jetzt von ihr zu sterben
lernen
    Sie erzählte ihm nun dass Erna von einem schleichenden Fieber ergriffen in
einem Zustande der äußersten Ermattung sich befinde der dem Arzte wenig
Hoffnung sie zu retten gebe Nur noch der Schatten ihrer ehemaligen Gestalt
sei sie auch in der Blässe des nahenden Todes durch ihre sanfte Geduld ihre
fromme Ergebung noch immer eine der anmutigsten herzgewinnendsten
Erscheinungen die nicht vom Farbenschmelz der äußeren Blüte abhängig den
Stempel einer höheren Abkunft in den verklärten Zügen tragend flüchtig über die
Erde hinweg der besseren Heimat entgegen schweben Linovsky behandele sie jetzt
mit zarter Schonung Sein düsterer Gram spreche deutlich die Sorge aus sie zu
verlieren und Erna begegne seinem achtungsvollen Betragen mit aller Dankbarkeit
eines liebenden mit aller Milde eines versöhnten Gemüts So freundlich sie
aber auch ihren Besuch aufgenommen habe so sei sie doch aufrichtig genug
gewesen ihr die Bitte auszusprechen ihn nur äußerst selten zu wiederholen da
eine durch keines Fremden Dazwischentreten gestörte Einsamkeit die einzige
Bedingung der Ruhe und Zufriedenheit ihres Gatten sei
    Dieser Nachsatz erhöhte Alexanders Schmerz denn ach galt dieser Wunsch
schon der Freundin wie um so viel weiter musste er ihn von ihr verbannen ihn
den in Linovskys Augen eine so schwere Schuld belastete der als der Störer
seines häuslichen Glücks in so tiefem Schatten vor seiner Seele stand Je
leidender er sie wusste je mächtiger fühlte er sich hingezogen zu dem Kreise wo
sie lebte und litt und der schauderhafte Gedanke der Möglichkeit, ja sogar der
Wahrscheinlichkeit, um nicht Gewissheit zu sagen sie für immer zu verlieren
kämpfte mit schmerzlicher Gewalt mit allen den Hindernissen die sich dem kühnen
Wagstück sie noch einmal zu sehen entgegen stellten
    Doch sich den Vielen anzuschließen die wenigstens durch Nachfragen nach
ihrem Befinden eine bloß conventionelle Teilnahme ausdrückten konnte ihm
selbst Linovskys feindselige Gesinnung nicht wehren und er war überzeugt dass
selbst der Groll seiner Eifersucht in diesen ach seine Sehnsucht so drückenden
Schranken die er sich anwies die Gesetze der Höflichkeit ehren müsse die eine
solche bescheidene Äußerung des wärmsten Anteils wenigstens zu dulden ihn
verpflichteten
    Jeden Morgen musste daher der treue Benedikt hingehen um im Namen seines
Herrn die sorgsamste Kunde einzuziehen wie sie die Nacht zugebracht habe und
ob noch kein Schimmer von Genesung die dunkeln Wolken seiner Furcht erhelle
Aber ach  jeden Morgen kam er wieder ihm durch die Nachricht dass die Kranke
immer mehr dahin schwinde den Pfeil des Schmerzes tiefer in die Brust zu
stoßen
 
                                     XVIII
So war der Spätherbst herangekommen Seine Stürme hatten die Haine entblättert
seine Regengüsse die Spuren der letzten Blumen hinweggetilgt und öde und
winterlich wie in Alexanders Herzen sah es ringsumher in der Natur aus
    Ohne Zweck und Ziel nur um der inneren Angst zu entrinnen oder vielmehr um
sie zu betäuben rannte er zuweilen stundenlang durch die Straßen und so führte
ihn der Zufall auch einst an ein Gewächshaus vorüber hinter dessen hohen
Glasfenstern sich die bunteste Blütenfülle des Sommers vor dem zerstörenden
Einfluss des Frostes geflüchtet zu haben schien
    Wehmütig wie die Träume einer längst verschwundenen Kindheit begrüßte ihn
bei diesem Anblick seine alte Neigung zu der Pflanzenwelt wieder und er trat
hinein durch die Magie der Unschuld die unsichtbar im zarten Duft der Blumen
weht die schwarzen Geister der Schwermut in seiner Seele zu beschwören
    Wirklich erheiterte es ihn für Momente wie durch die Berührung eines
Zauberstabs der rauen Jahreszeit entrückt und mitten in den reichsten Überfluss
einer wärmeren Zone sich versetzt zu sehen
    Gleich alten ihm lange aus den Augen entschwundenen Bekannten lächelte er
dem reichen Kranze zu der von blühenden Stauden und Blumen sich um ihn schloss
und wie jeder seiner Gedanken mit dem an Erna verschmolzen war und selbst die
heterogensten Gegenstände ihn an sie erinnerten so gedachte er auch hier bei
dem frischen kraftvollen Leben das rings um ihn her grünte und duftete an
sie die FrühVerwelkende der vielleicht eine sorgsam getroffene Auswahl unter
diesen Blumen eine momentane Freude auf ihrem Krankenbette gewähren könne
    Wie gern hätte er da er auf andere Weise gezwungen war gegen sie zu
verstummen die Blumensprache des Orients jetzt benutzen mögen um in dem
Strauss den er für sie band seinen Schmerz und seine Sehnsucht auszusprechen
aber zartere Rücksichten als die gegen sich selbst ließ ihn unter der Menge
nur die wählen deren milderer Duft nicht narcotisch auf ihre ergriffenen Nerven
zu wirken drohte Einige so schöne Rosen wie sie kaum der reichste Sommer
erzieht verbunden mit Ernas Lieblingsblume der unscheinbaren aber Erquickung
ausströmenden Reseda waren am Ende alles was seine Vorsicht nach einer
strengen Prüfung nicht verwarf
    Er trug seine Gabe zur Gräfin die die einzige Vermittlerin war durch deren
Hilfe er hoffen durfte sie in Ernas Hände zu bringen und er fand sie 
gerührt durch die beklommene Angst seines Herzens die sich in jedem Worte in
jedem Seufzer verriet  sogleich willig seinen Auftrag zu übernehmen Er küsste
die Blumen zum Abschied die nun bald an ihrem Busen duften sollten und schämte
sich der männlichen Träne nicht die auf sie herabrollte Bewegt nahm die
Gräfin sie aus seiner Hand Sie geben Ihren Rosen was ihnen noch fehlte sagte
sie auf die Tränen deutend das ist der Morgentau den kein Treibhaus
erzeugt Ja versetzte er dumpf und leise der Morgentau der der Verkündiger
eines ewigen Schmerzes ist
    Nicht mehr erschüttert von dem Wechselfieber banger Furcht und tröstender
Hoffnung wie früher erwartete er die Zurückkunft der treuen Freundin denn er
wusste wohl sie hatte ihm nur die Bestätigung seiner bangen Ahnung nur die
traurigste Gewissheit des nahenden Verlustes der ihm drohte zu bringen
    Gleichwohl konnte seine Phantasie durch inneres Grauen vor diesem
Schreckenbilde geschützt sich Ernas Tod nicht als so bald erfolgend
ausmalen dass nicht noch manche Kunde von ihr die letzten Lichtstrahlen in sein
dann verdunkeltes Leben zu werfen vermöchte
    Als daher die Gräfin in Tränen gebadet zurückkehrte und durch die
lakonischen Worte nun hab ich Erna zum letztenmal gesehen die Wurzel so wie
den Gipfel alles Seins in ihm tödtend zerschnitt da war ihm als habe er zum
erstenmal in die Ruinen seiner Zukunft geblickt  als sei die dürre Wüste seines
Lebens ohne sie jetzt erst in ihrer ganzen schrecklichen Einsamkeit vor ihm
geöffnet worden
    Teilnehmend suchte die Gräfin ihn zurückzuhalten als er hinwegstrebte
aber umsonst Musste sie selbst doch sich eingestehen dass keine Besänftigung
seines Kummers keine Linderung seiner Angst in ihrer Macht stehe Auch bedurfte
ihr eigenes Gemüt der Ruhe um sich von dem erschütternden Anblick der Leiden
ihrer nun von den Aerzten aufgegebenen Freundin zu erholen Daher ließ sie ihn
gehen und er stürzte hinaus und rannte von den Furien eines wütenden
Schmerzes gegeisselt zweck und sinnlos im Freien umher
 
                                      XIX
Es war ein trüber Novembertag Voll melancholischen Ernstes senkte sich die
schwer bewölkte Himmelsdecke Nebel aushauchend auf ihn hernieder  kein
Sonnenstrahl durchdrang das Grau der Wolken  finster und verödet wie in seiner
Seele sah es rings umher in der Natur aus
    Lange schweifte er düster vor sich hinstarrend umher bis sein Weg sich
dem Kirchhofe näherte der außen vor der Stadt in einem dunkeln Kranz von
Flieder so manchen seiner Bekannten seiner Freunde sogar einschloss
    Da im Innersten fast convulsivisch ergriffen warf er sich auf einen Stein
am Eingang nieder und seine heiße Stirn an das kalte Gitter der Pforte lehnend
rief er verzweiflungsvoll aus Also hier soll ich Dich künftig suchen Dich die
Du wie ein schönes Meteor meinem armen Leben nur glühtest um so früh zu
erlöschen Hier auf dem feuchten Kirchhof in den frostigen Gewölben des Todes
in grässlicher Einsamkeit wird bald Deine Wohnung sein  
    Indem hallten traurig die langsamen Pulse der Abendglocke zu ihm herüber Es
war als ob diese Töne seine Besinnung weckten seinen Geist ermutigten und
einen Entschluss in ihm aufriefen den er fasste als sei er ihm von oben
eingegeben
    Noch lebt sie sprach er zu sich selbst und was heute noch nicht unmöglich
ist sie zum letztenmal zu sehen und den Abschiedsgruss des hinscheidenden
Engels zu empfangen wehrt mir bereits der nächste Morgen der vielleicht schon
über ihrer Leiche aufgeht Alle Bedenklichkeiten die die Spannung zwischen
Linovsky und ihm seinem Wunsch entgegenstellten alle Hindernisse die den
ungestörten Augenblick nach dem er sich sehnte zu unterbrechen drohten  
sonst ihm so wichtig und zurückstossend scheinend  kamen ihm jetzt leicht zu
überwinden und nichtig vor
    Er raffte sich auf und ging Ihm war als habe der Vorsatz sich zu ihr
hinzudrängen und sie allen Schwierigkeiten zum Trotz wieder zu sehen sei es
auch zum letztenmale die Welt um ihn her verändert  als knüpfe ihn wieder ein
glühender Anteil an die Erde als wehe eine andere Lebensluft als vorher neuen
Mut und neue Kraft in seine ermattete Seele
    Als er in die Stadt zurückkehrte hatte sich die Dämmerung bereits in
Dunkelheit verwandelt Wie Mistöne die seinen Schmerz verhöhnten drang das
Kutschengerassel der zerstreuungssüchtigen Menge die dem Theater zueilte in
sein Ohr Mühsam wand er sich hindurch und erreichte die Straße wo Erna
wohnte Er stellte sich ihrem Haus gegenüber um sein ungestüm klopfendes Herz
erst wieder zu einiger Ruhe zu zwingen Tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner
und löste den tobenden Aufruhr seines Innern in mildes Zagen und Trauern auf
Ach  da schimmerte bleich das Licht das ihre Leiden beschien  vielleicht
dachte er sind morgen schon diese Fenster dunkel  unwiderstehlich trieb ihn
dieser Gedanke an zu eilen und ohne auf die abmahnende Stimme der Überlegung
zu hören betrat er entschlossen die ihm heilige Schwelle
    Hier schien bereits des Todes grauenvolles Schweigen zu herrschen Alles war
öde und still wie in einem Grabe Vergebens sah er sich nach irgend einem
menschlichen Wesen um das Erna seine Nähe hätte verkünden können denn er
befürchtete mit Recht das Nachteilige einer plötzlichen Überraschung bei ihrer
Schwäche Endlich trat Auguste leisen Schrittes aus einem der Gemächer
    Erschrocken als habe sie ein Gespenst erblickt fuhr sie zurück als sie ihn
erkannte Sie hier flüsterte sie bebend und vermochte nichts weiter zu sagen
denn mit furchtbarem Ernst und völlig entschieden seinen Willen durchzusetzen
trat Alexander ihr näher
    Ja ich bin hier sprach er mit dem Rechte das der Schmerz mir gibt Ich
muss Erna noch einmal sehen Bringen Sie ich beschwöre Sie darum bringen Sie
mich nicht um den unersetzlichen Moment des letzten Abschieds wie Ihr
unversöhnlicher Groll mich einst um das ganze Glück meines Lebens brachte Ich
möcht es Ihnen jetzt schwerer verzeihen als damals und es ist gefährlich dem
Verzweifelnden eine Bitte zu verweigern
    Sie sollen sie sehen erwiderte Auguste in einem milden begütigenden Tone
denn teils ergriff sein Anblick sie in der wilden Verworrenheit des Sinnes in
der er vor ihr stand mit grausenerregender Ahnung dessen was er in dieser
Stimmung fähig sei teils wollte sie so dicht vor dem Gemach der Kranken jede
lautere Äußerung verhüten
    Sie drängte ihn daher in ihr Zimmer wo sie noch immer zitternd ihn sich
erst zu fassen und zu erholen bat
    Doch Alexander wehrte heftig das sanfte Zureden ab mit dem sie ihn zu
beruhigen suchte Ihre Beredsamkeit sagte er bitter vermag nichts über mich
Schlimm genug dass diese einst Erna von dem Wege verlockte auf dem sie
glücklich geworden wäre und glücklich gemacht hätte Doch  das ist vorüber 
aber sparen Sie das gleissnerische Bemühen mich vielleicht anderen Sinnes machen
zu wollen  die Augenblicke sind kostbar  führen Sie mich hin zu Erna
    Da ermannte sich Auguste Dass ruhige Vernunft und der heiße Wunsch eine
würdige Wahl möge das Loos meiner Freundin sichern strenger über Sie urteilte
als die Liebe die ich nicht mehr in Ernas Brust ahnte da sie sich in tiefer
Verschlossenheit barg  ist das ein Verbrechen das Sie so hart zu rügen
berechtigt sind fragte sie Sie können Ihr früheres Betragen nicht
entschuldigen und es war nur die gerechte Nemesis die Ihre Strafe dictirte
Mich trifft kein Vorwurf als der dass ich nicht an die Besserung eines Menschen
glaubte dessen Ruf eben so nachteilig als früher seine eigenen Geständnisse
von seiner tiefen Verdorbenheit sprach Doch lassen wir das Hab ich geirrt
indem ich strebte Ernas Schicksal die Richtung zu geben ach so büsse ich hart
genug durch den Anblick ihres Vergehens der mir bitterer ist als der eigene
Tod mir wäre
    Der Tränenstrom der bei diesen Worten ihren Augen entstürzte besänftigte
Alexandern einigermaßen Doch sagte er nichts sie zu trösten und aufzurichten
sondern erneuerte ungestüm sein schon früher ausgesprochenes Verlangen
    Sie werden gewiss der Schonung die die Leidende bedarf nicht Ihre Wünsche
unbedingt voransetzen antwortete Auguste Ihr Anblick erschien er ihr
unerwartet könnte leicht den ohnehin nur noch matt glimmenden Funken ihres
Lebens verlöschen Daher wenn es Ihnen nicht genügt sie durch die Glastür
eines Nebenzimmers zu sehen muss ich Erna durchaus erst vorbereiten
    Alexander beschwor sie nicht damit zu zögern Sie öffnete also einen
Allcoven der an das Krankenzimmer stieß und hieß ihn behutsam eintreten Leise
verschob sie die seidene Gardine von der Glastür die ihn nur noch von Erna
schied und er erblickte sie dicht neben sich auf ihrem Lager
 
                                       XX
Das lang entbehrte Glück ihrer Nähe ach wie hob es seine Brust in
schmerzlichen Atemzügen  wie drängte seine ganze Sehnsucht sich ihr entgegen
die in unbewusster Ruhe sein gedachte ohne zu ahnen wie dicht sein Herz neben
dem ihrigen schlug
    Still in ihren Leiden in mondheller Blässe lag sie da in den gefalteten
Lilienhänden die Blumen haltend die er ihr gesendet hatte Sie war abgezehrt
aber nicht entstellt Denn ihr Wesen schien frei von der Angst der sonst
sterbliche Naturen am Rande ihres Daseins unterliegen und tiefer Friede drückte
sich in dem Scheideblick aus mit dem sie noch auf dem dahin schwindenden Leben
verweilte Träumen süßer Erinnerung hingegeben erhob sie oft ihr sanftes Auge
und es war als ob das Anschauen der Welt die sich in ihrem Innern bewegte
ihren Blicken höheren Glanz ihrem Lächeln innigere Freudigkeit verliehe Völlig
angekleidet schien es als habe nur eine tiefe Ermattung sie zum Ausruhen
vermocht nicht der Kampf mit dem nahenden Tode sie auf das Sterbebette
hingestreckt
    Da trat Auguste zu ihr hinein Zärtlich forschte sie mit einer fast
mütterlichen Sorgsamkeit nach Ernas momentanem Zustand leitete dann von den
Blumen die Alexanders Gabe waren die Rede auf ihn selbst und fragte sanft
ob sie wenn er wünsche sie zu sehen ihm wohl einen kurzen Besuch gestatten
wolle
    Erna wurde sichtbar durch diese Frage erschüttert Sie richtete sich auf 
ein freudiger Schrecken zitterte beim Klange des geliebten Namens durch alle
ihre Nerven und in ihren Zügen schimmerte die selige Verklärung des Danks zu
Gott über die Möglichkeit ihn noch einmal zu sehen die sie still gewünscht
aber nie gehofft und noch weniger jemals ausgesprochen hatte
    O wenn er vielleicht hier ist so säume nicht ihn mir zu bringen sagte
sie Meine Augenblicke sind gezählt und mehr als irgend ein Mensch ahnen kann
sehen ich mich ihn noch einmal zu sprechen
    Als Alexander diese Worte vernahm konnte er sich nicht länger zurückhalten
Er öffnete die Tür die ihn von ihr trennte und warf sich stumm an ihrem Lager
nieder ihre Hand mit seinen Küssen und Tränen bedeckend
    Erna schaute ihn an mit einem Blicke in dem ihre ganze Seele lag So seh
ich Dich doch noch einmal wieder ehe ich sterbe sprach sie und in himmlischer
Ruhe des Bewusstseins, das mir durch keinen Vorwurf diesen heiligen Moment
verbittert Denn dass ich Dich geliebt habe  Dich allein auf Erden  das wird
Gott verzeihen da ich mutig strebte mich rein zu erhalten im Kampfe zwischen
Neigung und Pflicht Mein Alexander So dicht an der dunkeln Pforte stehend die
hinüber führt ins Land der Vergeltung wo jedes schwere Opfer sich belohnt und
wo ich nicht vor mir selbst zu erschrecken brauche oder vor dem dessen Rechte
ich gekränkt haben würde hätt ich meinem Herzen gefolgt  da darf ich Dir es
frei bekennen dass Du der Abgott meiner Seele warst dass mein erstes
erwachendes Gefühl so wie das letzte das nun bald der Tod verlöscht nur Dich
umfasste Und auch jenseits noch Ja fest wie ich an die Fortdauer eines
höheren Daseins glaube glaub ich auch an die Dauer einer Liebe in der allein
ich erst als sie mir klar wurde die ganze Tiefe meines Wesens den ganzen
Umfang meiner geistigen Kraft erkannte
    Starr vor sich niederblickend betäubt durch den wonnevollen Schmerz dieses
Geständnisses am Rande des Grabes das die Geliebte zu verschlingen sich
bereits geöffnet hatte hörte Alexander ihr zu
    So geh voran Du Himmlische da uns hienieden das Glück nicht lächeln
wollte sprach er geh voran in eine bessere Heimat  ich folge Dir bald
    Da ergriff Erna mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit seine Hand und drückte
sie fest an das immer schwerer schlagende Herz Ja ich gehe voran und werde
Deiner warten sagte sie aber gelobe mir mein Geliebter mir nicht eher zu
folgen ehe Gottes Wille nicht der rasche Entschluss des Lebensüberdrusses und
der Verzweiflung Dein Ziel steckt
    Alexander beugte sich herab auf ihre Hand und flüsterte leise in seinem
Schmerz verloren Du willst es  ich werde Dir gehorchen
    Und nun lass uns scheiden fuhr sie fort Trage das Leben wie ein Mann und
gedenke oft dieser Stunde der ersten und zugleich der letzten die das Band
meiner Zunge löste und mir gestattete Dir zu bekennen wie teuer Du mir
bist Und wenn dereinst  ach das Schicksal hat kein Mutterherz  wenn meine
Kinder   noch sind sie unter der Obhut ihres Vaters in dem Schutz den ihnen
die Natur anwies aber die Verhältnisse der Menschen sind so wechselnd und
schwankend  wenn sie einst verlassen und einsam wären im engen kalten Leben o
dann Alexander liebe in ihnen ihre Mutter noch fort  nimm Dich ihrer an sei
ihr Freund ihr Ratgeber ihr zweiter Vater  Betrachte sie immer als das
heilige Vermächtnis Deiner Erna Gelobst Du mir auch dies
    Er erwiderte ich gelobe es
    Und nun empfange meinen letzten Abschiedsgruss sprach sie den innigen Segen
eines Herzens das Dich liebte bis in den Tod Ich werde meinem Gatten nicht
verhehlen dass ich Dich sah aber ungern möcht ich dass er Dich hier fände Denn
erst mein Grab wird friedlich wieder vereinen was das Leben so feindselig
geschieden hat Daher erhalte mir die ungestörte Stille die ich bedarf um mich
zu sammeln und mein Gemüt würdig zu dem feierlichen Schritte vorzubereiten
der mich aus dieser mangelhaften Welt in eine bessere führt
    Sie verhüllte bei diesen Worten ihr Antlitz als wollte sie ihren Augen
wehren ihn länger anzuschauen Noch einmal bebte der innige Druck ihrer Hand
durch sein ganzes Wesen  dann winkte sie ihm zu sich zu entfernen und dumpf
in tonloser Betäubung ohne sich dagegen aufzulehnen oder irgend etwas zu
erwidern folgte er gehorsam diesem stummen Befehle
    Und als am andern Morgen Benedikt wie gewöhnlich hingegangen war nach dem
Befinden der Kranken zu fragen kam er wieder mit der Nachricht die ihm Auguste
erteilt hatte Ihr sei jetzt recht wohl denn bereits um Mitternacht sei sie
verschieden
    Er scheute sich seinem Herrn diese Schreckensbotschaft zu bringen aber zu
seiner Verwunderung nahm sie Alexander gefasst ja sogar in stiller
Freundlichkeit des Gemüts auf ohne scheinbar von ihr ergriffen zu werden
    Denn mit jener stillen Zufriedenheit mit welcher man den Piloten auf hohem
Meere in seinem leichten Kahn mit den Wellen kämpfen und dann in einen sichern
Hafen sich retten sähe betrachtete er das letzte heilige Asyl in das sie sich
geflüchtet hatte und das nicht mehr düster ist sobald der Mensch nur die
dunkle Schwelle erst überschritten hat die dahin führt Das Gefühl aus welchem
sich ihm die höchste Wonne so wie der bitterste Schmerz entwickelt hatte
erlosch nicht mit der irrdischen Flamme ihres Daseins  es glühte fort in seiner
Seele und veredelte seinen Charakter immer mehr Als bald darauf der Krieg
endlich ausbrach kämpfte er tapfer mit für die Freiheit und Unabhängigkeit
seines Vaterlandes Es war ihm wohl oft als ob ein tiefes lechzendes Sehnen
ihn in den wildesten Sturm der Gefahren trieb  als wenn eine leise Hoffnung ihm
zuflüsterte dort in blutiger Schlacht werde sein Leben sich enden Dann aber
vernahm er jedesmal Ernas liebkosende Stimme die ihm gebot den Tod nicht zu
suchen und in stiller Ergebung sein Loos zu tragen Seufzend unterwarf er sich
der höheren Bestimmung die vermittelst ihrer Wünsche ihn zu leben zwang und so
viel er des kriegerischen Lorbers auch brach so war er doch stets nur mutig
nicht tollkühn und milde Menschlichkeit stand durch die Erinnerung an Erna ihm
immer gegenwärtig selbst im tobendsten Gefecht an seiner Seite
    Als der Friede ihn endlich in die Residenz zurückführte hatte neben vielen
Bewohnern derselben ein bösartiges Nervenfieber auch Linovsky hinweggerafft
    Alexander eingedenk der letzten Bitte die Erna an ihn tat suchte sich
Einfluss in die Erziehung ihrer Kinder zu verschaffen und es gelang ihm In der
herrlich sich entwickelnden Blüte ihrer Anlagen und in dem rührenden Nachhall
mütterlicher Güte und Reinheit der oft in ihren jungen Seelen ihm erklang ging
ihm ein neuer Lebensfrühling auf Treu übte er die Pflichten die das Vertrauen
der Geliebten ihm so heilig übertrug und es war als ob ihr Segen geistig ihn
umschwebte wenn er mit väterlicher Innigkeit für die Kinder ihres Herzens
sorgte So schien die Welt ihm nicht verödet Auf eigenes Glück Verzicht
leistend hatte er doch einen Zweck gefunden der seinem Dasein Bedeutung gab
und ihm alle Kräfte seiner Seele widmend blieb sein Gemüt in dem Ernas Bild
unauslöschlich wohnte stets ein Tempel für das Heilige und Höhere im Leben