E T A Hoffmann
Die Elixiere des Teufels
Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Kapuziners
Herausgegeben von dem Verfasser der
Fantasiestücke in Kallots Manier
Vorwort des Herausgebers
Gern möchte ich dich günstiger Leser unter jene dunkle Platanen führen wo ich
die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten Male las Du würdest
dich mit mir auf dieselbe in duftige Stauden und bunt glühende Blumen halb
versteckte steinerne Bank setzen du würdest so wie ich recht sehnsüchtig nach
den blauen Bergen schauen die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem
sonnichten Tal auftürmen das am Ende des Laubganges sich vor uns ausbreitet
Aber nun wendest du dich um und erblickest kaum zwanzig Schritte hinter uns ein
gotisches Gebäude dessen Portal reich mit Statüen verziert ist Durch die
dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren
lebendigen Augen an es sind die frischen Freskogemälde die auf der breiten
Mauer prangen Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge der Abendwind erhebt
sich überall Leben und Bewegung Flüsternd und rauschend gehen wunderbare
Stimmen durch Baum und Gebüsch als würden sie steigend und steigend zu Gesang
und Orgelklang so tönt es von ferne herüber Ernste Männer in weit gefalteten
Gewändern wandeln den frommen Blick emporgerichtet schweigend durch die
Laubgänge des Gartens Sind denn die Heiligenbilder lebendig worden und
herabgestiegen von den hohen Simsen Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer
der wunderbaren Sagen und Legenden die dort abgebildet dir ist als geschähe
alles vor deinen Augen und willig magst du daran glauben In dieser Stimmung
liesest du die Geschichte des Medardus und wohl magst du auch dann die
sonderbaren Visionen des Mönchs für mehr halten als für das regellose Spiel der
erhitzen Einbildungskraft
Da du günstiger Leser soeben Heiligenbilder ein Kloster und Mönche
geschaut hast so darf ich kaum hinzufügen dass es der herrliche Garten des
Kapuzinerklosters in B war in den ich dich geführt hatte
Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt zeigte mir der
ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassene im Archiv
aufbewahrte Papiere als eine Merkwürdigkeit und nur mit Mühe überwand ich des
Priors Bedenken sie mir mitzuteilen Eigentlich meinte der Alte hätten diese
Papiere verbrannt werden sollen Nicht ohne Furcht du werdest des Priors
Meinung sein gebe ich dir günstiger Leser nun das aus jenen Papieren geformte
Buch in die Hände Entschliessest du dich aber mit dem Medardus als seist du
sein treuer Gefährte durch finstre Kreuzgänge und Zellen durch die bunte
bunteste Welt zu ziehen und mit ihm das Schauerliche Entsetzliche Tolle
Possenhafte seines Lebens zu ertragen so wirst du dich vielleicht an den
mannigfachen Bildern der Kamera obscura die sich dir aufgetan ergötzen Es
kann auch kommen dass das gestaltlos Scheinende sowie du schärfer es ins Auge
fassest sich dir bald deutlich und rund darstellt Du erkennst den verborgenen
Keim den ein dunkles Verhängnis gebar und der zur üppigen Pflanze
emporgeschossen fort und fort wuchert in tausend Ranken bis eine Blüte zur
Frucht reifend allen Lebenssaft an sich zieht und den Keim selbst tötet
Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig durchgelesen
welches mir schwer genug wurde da der Selige eine sehr kleine unleserliche
mönchische Handschrift geschrieben war es mir auch als könne das was wir
insgemein Traum und Einbildung nennen wohl die symbolische Erkenntnis des
geheimen Fadens sein der sich durch unser Leben zieht es festknüpfend in allen
seinen Bedingungen als sei der aber für verloren zu achten der mit jener
Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es
aufzunehmen mit der dunklen Macht die über uns gebietet
Vielleicht geht es dir günstiger Leser wie mir und das wünschte ich denn
aus erheblichen Gründen recht herzlich
Erster Teil
Erster Abschnitt
Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben
Nie hat mir meine Mutter gesagt in welchen Verhältnissen mein Vater in der Welt
lebte rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück was sie mir schon in
meiner frühesten Jugend von ihm erzählte so muss ich wohl glauben dass es ein
mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann war Eben aus diesen
Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner Mutter über ihr früheres Leben die
mir erst später verständlich worden weiß ich dass meine Eltern von einem
bequemen Leben welches sie im Besitz vieles Reichtums führten herabsanken in
die drückendste bitterste Armut und dass mein Vater einst durch den Satan
verlockt zum verruchten Frevel eine Todsünde beging die er als ihn in späten
Jahren die Gnade Gottes erleuchtete abbüssen wollte auf einer Pilgerreise nach
der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen Auf der beschwerlichen
Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal
dass diese nicht unfruchtbar bleiben würde wie mein Vater befürchtet und seiner
Dürftigkeit unerachtet war er hoch erfreut weil nun eine Vision in Erfüllung
gehen sollte in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der Sünde
durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte In der heiligen Linde erkrankte
mein Vater und je weniger er die vorgeschriebenen beschwerlichen
Andachtsübungen seiner Schwäche unerachtet aussetzen wollte desto mehr nahm das
Übel überhand er starb entsündigt und getröstet in demselben Augenblick als
ich geboren wurde Mit dem ersten Bewusstsein dämmern in mir die lieblichen
Bilder von dem Kloster und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde auf
Mich umrauscht noch der dunkle Wald mich umduften noch die üppig aufgekeimten
Gräser die bunten Blumen die meine Wiege waren Kein giftiges Tier kein
schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der Gebenedeiten nicht das Sumsen
einer Fliege nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille in
der nur die frommen Gesänge der Priester erhallen die mit den Pilgern goldne
Rauchfässer schwingend aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt in
langen Zügen daherziehen Noch sehe ich mitten in der Kirche den mit Silber
überzogenen Stamm der Linde auf welche die Engel das wundertätige Bild der
heiligen Jungfrau niedersetzten Noch lächeln mich die bunten Gestalten der
Engel der Heiligen von den Wänden von der Decke der Kirche an Die
Erzählungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster wo ihrem tiefsten
Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde sind so in mein Inneres gedrungen dass
ich alles selbst gesehen selbst erfahren zu haben glaube unerachtet es
unmöglich ist dass meine Erinnerung so weit hinausreicht da meine Mutter nach
anderthalb Jahren die heilige Stätte verließ So ist es mir als hätte ich
selbst einmal in der öden Kirche die wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes
gesehen und es sei eben der fremde Maler gewesen der in uralter Zeit als eben
die Kirche gebaut erschien dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit
kunstgeübter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte
dann aber als er fertig worden wieder verschwand So gedenke ich ferner noch
eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauen Barte der mich oft
auf den Armen umhertrug im Walde allerlei bunte Moose und Steine suchte und mit
mir spielte unerachtet ich gewiss glaube dass nur aus der Beschreibung meiner
Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild erzeugt hat Er brachte einmal einen
fremden wunderschönen Knaben mit der mit mir von gleichem Alter war Uns
herzend und küssend saßen wir im Grase ich schenkte ihm alle meine bunten
Steine und er wusste damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen aber
immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes Meine Mutter saß
neben uns auf einer steinernen Bank und der Alte schaute hinter ihr stehend
mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu Da traten einige Jünglinge aus
dem Gebüsch die nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen
wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren
Einer von ihnen rief indem er uns gewahr wurde lachend »Sieh da eine heilige
Familie das ist etwas für meine Mappe« Er zog wirklich Papier und Krayon
hervor und schickte sich an uns zu zeichnen da erhob der alte Pilger sein Haupt
und rief zornig »Elender Spötter du willst ein Künstler sein und in deinem
Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe aber deine Werke
werden tot und starr bleiben wie du selbst und du wirst wie ein Verstossener in
einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eignen Armseligkeit« Die
Jünglinge eilten bestürzt von dannen Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter
»Ich habe Euch heute ein wunderbares Kind gebracht damit es in Eurem Sohn den
Funken der Liebe entzünde aber ich muss es wieder von Euch nehmen und Ihr
werdet es wohl sowie mich selbst nicht mehr schauen Euer Sohn ist mit vielen
Gaben herrlich ausgestattet aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem
Blute er kann jedoch sich zum wackeren Kämpen für den Glauben aufschwingen
lasset ihn geistlich werden« Meine Mutter konnte nicht genug sagen welchen
tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie gemacht hatten
sie beschloss aber demunerachtet meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun
sondern ruhig abzuwarten was das Geschick über mich verhängen und wozu es mich
leiten würde da sie an irgend eine andere höhere Erziehung als die sie selbst
mir zu geben imstande war nicht denken konnte Meine Erinnerungen aus
deutlicher selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an als meine
Mutter auf der Heimreise in das Zisterzienser Nonnenkloster gekommen war dessen
gefürstete Äbtissin die meinen Vater gekannt hatte sie freundlich aufnahm Die
Zeit von jener Begebenheit mit dem alten Pilger welche ich in der Tat aus
eigener Anschauung weiß so dass sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des
Malers und des alten Pilgers ergänzt hat bis zu dem Moment als mich meine
Mutter zum erstenmal zur Äbtissin brachte macht eine völlige Lücke nicht die
leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben Ich finde mich erst wieder als
die Mutter meinen Anzug soviel es ihr nur möglich war besserte und ordnete
Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft sie verschnitt mein wildverwachsnes
Haar sie putzte mich mit aller Mühe und schärfte mir dabei ein mich ja recht
fromm und artig bei der Frau Äbtissin zu betragen Endlich stieg ich an der Hand
meiner Mutter die breiten steinernen Treppen herauf und trat in das hohe
gewölbte mit heiligen Bildern ausgeschmückte Gemach in dem wir die Fürstin
fanden Es war eine große majestätische schöne Frau der die Ordenstracht eine
Ehrfurcht einflössende Würde gab Sie sah mich mit einem ernsten bis ins
Innerste dringenden Blick an und frug »Ist das Euer Sohn« Ihre Stimme ihr
ganzes Ansehen selbst die fremde Umgebung das hohe Gemach die Bilder alles
wirkte so auf mich dass ich von dem Gefühl eines inneren Grauens ergriffen
bitterlich zu weinen anfing Da sprach die Fürstin indem sie mich milder und
gütiger anblickte »Was ist dir Kleiner fürchtest du dich vor mir Wie heißt
Euer Sohn liebe Frau« »Franz« erwiderte meine Mutter da rief die Fürstin
mit der tiefsten Wehmut »Franziskus« und hob mich auf und drückte mich heftig
an sich aber in dem Augenblick presste mir ein jäher Schmerz den ich am Halse
fühlte einen starken Schrei aus so dass die Fürstin erschrocken mich losliess
und die durch mein Betragen ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang um
nur gleich mich fortzuführen Die Fürstin ließ das nicht zu es fand sich dass
das diamantne Kreuz welches die Fürstin auf der Brust trug mich indem sie
heftig mich an sich drückte am Halse so stark beschädigt hatte dass die Stelle
ganz rot und mit Blut unterlaufen war »Armer Franz« sprach die Fürstin »ich
habe dir weh getan aber wir wollen doch noch gute Freunde werden« Eine
Schwester brachte Zuckerwerk und süßen Wein ich ließ mich jetzt schon dreister
geworden nicht lange nötigen sondern naschte tapfer von den Süßigkeiten die
mir die holde Frau welche sich gesetzt und mich auf den Schoss genommen hatte
selbst in den Mund steckte Als ich einige Tropfen des süßen Getränks das mir
bis jetzt ganz unbekannt gewesen gekostet kehrte mein munterer Sinn die
besondere Lebendigkeit die nach meiner Mutter Zeugnis von meiner frühsten
Jugend mir eigen war zurück Ich lachte und schwatzte zum größten Vergnügen der
Äbtissin und der Schwester die im Zimmer geblieben Noch ist es mir
unerklärlich wie meine Mutter darauf verfiel mich aufzufordern der Fürstin
von den schönen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzählen und ich wie
von einer höheren Macht inspiriert ihr die schönen Bilder des fremden
unbekannten Malers so lebendig als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefasst
beschreiben konnte dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der
Heiligen als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und vertraut
geworden Die Fürstin selbst meine Mutter blickten mich voll Erstaunen an
aber je mehr ich sprach desto höher stieg meine Begeisterung und als mich
endlich die Fürstin frug »Sage mir liebes Kind woher weißt du denn das
alles« da antwortete ich ohne mich einen Augenblick zu besinnen dass der
schöne wunderbare Knabe den einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht hätte
mir alle Bilder in der Kirche erklärt ja selbst noch manches Bild mit bunten
Steinen gemalt und mir nicht allein den Sinn davon gelöst sondern auch viele
andere heilige Geschichten erzählt hätte
Man läutete zur Vesper die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in eine
Tüte gepackt die sie mir gab und die ich voller Vergnügen einsteckte Die
Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter »Ich sehe Euren Sohn als meinen
Zögling an liebe Frau und will von nun an für ihn sorgen« Meine Mutter konnte
vor Wehmut nicht sprechen sie küsste heiße Tränen vergiessend die Hände der
Fürstin Schon wollten wir zur Tür hinaustreten als die Fürstin uns nachkam
mich nochmals aufhob sorgfältig das Kreuz beiseite schiebend mich an sich
drückte und heftig weinend so dass die heißen Tropfen auf meine Stirne fielen
ausrief »Franziskus Bleibe fromm und gut« Ich war im Innersten bewegt und
musste auch weinen ohne eigentlich zu wissen warum
Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt meiner
Mutter die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte bald ein
besseres Ansehen Die Not hatte ein Ende ich ging besser gekleidet und genoss
den Unterricht des Pfarrers dem ich zugleich wenn er in der Klosterkirche das
Amt hielt als Chorknabe diente
Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene
glückliche Jugendzeit Ach wie ein fernes heiliges Land wo die Freude wohnt
und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen Sinnes liegt die
Heimat weit weit hinter mir aber wenn ich zurückblicke da gähnt mir die Kluft
entgegen die mich auf ewig von ihr geschieden Von heißer Sehnsucht ergriffen
trachte ich immer mehr und mehr die Geliebten zu erkennen die ich drüben wie
im Purpurschimmer des Frührots wandelnd erblicke ich wähne ihre holden Stimmen
zu vernehmen Ach gibt es denn eine Kluft über die die Liebe mit starkem
Fittich sich nicht hinwegschwingen könnte Was ist für die Liebe der Raum die
Zeit Lebt sie nicht im Gedanken und kennt der denn ein Maß Aber finstre
Gestalten steigen auf und immer dichter und dichter sich zusammendrängend
immer enger und enger mich einschliessend versperren sie die Aussicht und
befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart dass selbst die Sehnsucht
welche mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfüllte nun zu tötender
heilloser Qual wird
Der Pfarrer war die Güte selbst er wusste meinen lebhaften Geist zu fesseln
er wusste seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu formen dass ich Freude
daran fand und schnelle Fortschritte machte Meine Mutter liebte ich über
alles aber die Fürstin verehrte ich wie eine Heilige und es war ein
feierlicher Tag für mich wenn ich sie sehen durfte Jedesmal nahm ich mir vor
mit den neuerworbenen Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten aber wenn sie kam
wenn sie freundlich mich anredete da konnte ich kaum ein Wort herausbringen
ich mochte nur sie anschauen nur sie hören Jedes ihrer Worte blieb tief in
meiner Seele zurück noch den ganzen Tag über wenn ich sie gesprochen befand
ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung und ihre Gestalt begleitete mich
auf den Spaziergängen die ich dann besuchte Welches namenlose Gefühl
durchbebte mich wenn ich das Rauchfass schwingend am Hochaltare stand und nun
die Töne der Orgel von dem Chore herabströmten und wie zur brausenden Flut
anschwellend mich fortrissen wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stimme
erkannte die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und mein Inneres mit
den Ahnungen des Höchsten des Heiligsten erfüllte Aber der herrlichste Tag
auf den ich mich wochenlang freute ja an den ich niemals ohne inneres
Entzücken denken konnte war das Fest des heiligen Bernardus welches da er der
Heilige der Zisterzienser ist im Kloster durch einen großen Ablass auf das
feierlichste begangen wurde Schon den Tag vorher strömten aus der benachbarten
Stadt sowie aus der ganzen umliegenden Gegend eine Menge Menschen herbei und
lagerten sich auf der großen blumichten Wiese die sich an das Kloster schloss
so dass das frohe Getümmel Tag und Nacht nicht aufhörte Ich erinnere mich nicht
dass die Witterung in der günstigen Jahreszeit der Bernardustag fällt in den
August dem Feste jemals ungünstig gewesen sein sollte In bunter Mischung sah
man hier andächtige Pilger Hymnen singend daherwandeln dort Bauerbursche sich
mit den geputzten Dirnen jubelnd umhertummeln Geistliche die in frommer
Betrachtung die Hände andächtig gefaltet in die Wolken schauen
Bürgerfamilien im Grase gelagert die die hochgefüllten Speisekörbe auspacken
und ihr Mahl verzehren Lustiger Gesang fromme Lieder die inbrünstigen Seufzer
der Büssenden das Gelächter der Fröhlichen Klagen Jauchzen Jubel Scherze
Gebet erfüllen wie in wunderbarem betäubendem Konzert die Lüfte Aber sowie
die Glocke des Klosters anschlägt verhallt das Getöse plötzlich soweit das
Auge nur reicht ist alles in dichte Reihen gedrängt auf die Knie gesunken
und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille Der letzte
Schlag der Glocke tönt aus die bunte Menge strömt wieder durcheinander und
aufs neue erschallt der minutenlang unterbrochene Jubel Der Bischof selbst
welcher in der benachbarten Stadt residiert hielt an dem Bernardustage in der
Kirche des Klosters bedient von der unteren Geistlichkeit des Hochstifts das
feierliche Hochamt und seine Kapelle führte auf einer Tribüne die man zur
Seite des Hochaltars errichtet und mit reicher seltener Hautelisse behängt
hatte die Musik aus Noch jetzt sind die Empfindungen die damals meine Brust
durchbebten nicht erstorben sie leben auf in jugendlicher Frische wenn ich
mein Gemüt ganz zuwende jener seligen Zeit die nur zu schnell verschwunden Ich
gedenke lebhaft eines Gloria welches mehrmals ausgeführt wurde da die Fürstin
eben diese Komposition vor allen andern liebte Wenn der Bischof das Gloria
intoniert hatte und nun die mächtigen Töne des Chors daher brausten Gloria in
excelsis deo war es nicht als öffne sich die Wolkenglorie über dem
Hochaltar ja als erglühten durch ein göttliches Wunder die gemalten Cherubim
und Seraphim zum Leben und regten und bewegten die starken Fittiche und
schwebten auf und nieder Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem
Saitenspiel Ich versank in das hinbrütende Staunen der begeisterten Andacht
die mich durch glänzende Wolken in das ferne bekannte heimatliche Land trug
und in dem duftenden Walde ertönten die holden Engelsstimmen und der wunderbare
Knabe trat wie aus hohen Lilienbüschen mir entgegen und frug mich lächelnd »Wo
warst du denn so lange Franziskus ich habe viele schöne bunte Blumen die
will ich dir alle schenken wenn du bei mir bleibst und mich liebst immerdar«
Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Äbtissin die mit
der Inful geschmückt war und den silbernen Hirtenstab trug eine feierliche
Prozession durch die Gänge des Klosters und durch die Kirche Welche Heiligkeit
welche Würde welche überirdische Größe strahlte aus jedem Blick der herrlichen
Frau leitete jede ihrer Bewegungen Es war die triumphierende Kirche selbst
die dem frommen gläubigen Volke Gnade und Segen verhieß Ich hätte mich vor ihr
in den Staub werfen mögen wenn ihr Blick zufällig auf mich fiel Nach
beendigtem Gottesdienst wurde die Geistlichkeit sowie die Kapelle des Bischofs
in einem großen Saal des Klosters bewirtet Mehrere Freunde des Klosters
Offizianten Kaufleute aus der Stadt nahmen an dem Mahle teil und ich durfte
weil mich der Konzertmeister des Bischofs liebgewonnen und gern sich mit mir zu
schaffen machte auch dabei sein Hatte sich erst mein Inneres von heiliger
Andacht durchglüht ganz dem Überirdischen zugewendet so trat jetzt das frohe
Leben auf mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern Allerlei lustige
Erzählungen Späße und Schwänke wechselten unter dem lauten Gelächter der Gäste
wobei die Flaschen fleißig geleert wurden bis der Abend hereinbrach und die
Wagen zur Heimfahrt bereitstanden
Sechzehn Jahre war ich alt geworden als der Pfarrer erklärte dass ich nun
vorbereitet genug sei die höheren theologischen Studien in dem Seminar der
benachbarten Stadt zu beginnen ich hatte mich nämlich ganz für den geistlichen
Stand entschieden und dies erfüllte meine Mutter mit der innigsten Freude da
sie hiedurch die geheimnisvollen Andeutungen des Pilgers die in gewisser Art
mit der merkwürdigen mir unbekannten Vision meines Vaters in Verbindung stehen
sollten erklärt und erfüllt sah Durch meinen Entschluss glaubte sie erst die
Seele meines Vaters entsühnt und von der Qual ewiger Verdammnis errettet Auch
die Fürstin die ich jetzt nur im Sprachzimmer sehen konnte billigte höchlich
mein Vorhaben und wiederholte ihr Versprechen mich bis zur Erlangung einer
geistlichen Würde mit allem Nötigen zu unterstützen Unerachtet die Stadt so
nahe lag dass man von dem Kloster aus die Türme sehen konnte und nur irgend
rüstige Fußgänger von dort her die heitre anmutige Gegend des Klosters zu ihren
Spaziergängen wählten so wurde mir doch der Abschied von meiner guten Mutter
von der herrlichen Frau die ich so tief im Gemüte verehrte sowie von meinem
guten Lehrer recht schwer Es ist ja auch gewiss dass dem Schmerz der Trennung
jede Spanne außerhalb dem Kreise der Lieben der weitesten Entfernung gleich
dünkt Die Fürstin war auf besondere Weise bewegt ihre Stimme zitterte vor
Wehmut als sie noch salbungsvolle Worte der Ermahnung sprach Sie schenkte mir
einen zierlichen Rosenkranz und ein kleines Gebetbuch mit sauber illuminierten
Bildern Dann gab sie mir noch ein Empfehlungsschreiben an den Prior des
Kapuzinerklosters in der Stadt den sie mir empfahl gleich aufzusuchen da er
mir in allem mit Rat und Tat eifrigst beistehen werde
Gewiss gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend als diejenige ist in
welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt Der herrliche
Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien mir jedesmal wenn
ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser bald bei jener üppigen
Baumgruppe stehen blieb in neuer Schönheit zu erglänzen Gerade in diesem
Garten traf ich den Prior Leonardus als ich zum erstenmal das Kloster besuchte
um mein Empfehlungsschreiben von der Äbtissin abzugeben Die dem Prior eigne
Freundlichkeit wurde noch erhöht als er den Brief las und er wusste so viel
Anziehendes von der herrlichen Frau die er schon in frühen Jahren in Rom kennen
gelernt zu sagen dass er schon dadurch im ersten Augenblick mich ganz an sich
zog Er war von den Brüdern umgeben und man durchblickte bald das ganze
Verhältnis des Priors mit den Mönchen die ganze klösterliche Einrichtung und
Lebensweise die Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem Äusserlichen
des Priors deutlich aussprach verbreitete sich über alle Brüder Man sah
nirgends eine Spur des Missmuts oder jener feindlichen ins Innere zehrenden
Verschlossenheit die man sonst wohl auf den Gesichtern der Mönche wahrnimmt
Unerachtet der strengen Ordensregel waren die Andachtsübungen dem Prior
Leonardus mehr Bedürfnis des dem Himmlischen zugewandten Geistes als asketische
Busse für die der menschlichen Natur anklebende Sünde und er wusste diesen Sinn
der Andacht so in den Brüdern zu entzünden dass sich über alles was sie tun
mussten um der Regel zu genügen eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoss die in
der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengteit erzeugte Selbst eine
gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wusste der Prior Leonardus
herzustellen die für die Brüder nicht anders als heilsam sein konnte
Reichliche Spenden die von allen Seiten dem allgemein hochgeachteten Kloster
dargebracht wurden machten es möglich an gewissen Tagen die Freunde und
Beschützer des Klosters in dem Refektorium zu bewirten Dann wurde in der Mitte
des Speisesaals eine lange Tafel gedeckt an deren oberem Ende der Prior
Leonardus bei den Gästen saß Die Brüder blieben an der schmalen der Wand
entlang stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres der Regel
gemäß während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und Glas
besetzt war Der Koch des Klosters wusste vorzüglich auf eine leckere Art
Fastenspeisen zuzubereiten die den Gästen gar wohl schmeckten Die Gäste
sorgten für den Wein und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster ein
freundliches gemütliches Zusammentreten des Profanen mit dem Geistlichen
welches in wechselseitiger Rückwirkung für das Leben nicht ohne Nutzen sein
konnte Denn indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und
eingingen in die Mauern wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte
Leben der Geistlichen verkündet mussten sie von manchem Funken der in ihre
Seele fiel aufgeregt eingestehen dass auch wohl auf andere Wege als auf dem
den sie eingeschlagen Ruhe und Glück zu finden sei ja dass vielleicht der
Geist, je mehr er sich über das Irdische erhebe dem Menschen schon hienieden
ein höheres Sein bereiten könne Dagegen gewannen die Mönche an Lebensumsicht
und Weisheit da die Kunde welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt
außerhalb ihrer Mauern erhielten in ihnen Betrachtungen mancherlei Art
erweckte Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen mussten sie in der
verschiedenen aus dem Innern bestimmten Lebensweise der Menschen die
Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des geistigen Prinzips ohne welche
alles farb und glanzlos geblieben wäre anerkennen Über alle hocherhaben
rücksichts der geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung stand von jeher der
Prior Leonardus Außerdem dass er allgemein für einen wackeren Gelehrten in der
Theologie galt so dass er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien
abzuhandeln wusste und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm Rat und
Belehrung holten war er auch mehr als man es wohl einem Klostergeistlichen
zutrauen kann für die Welt ausgebildet Er sprach mit Fertigkeit und Eleganz
das Italienische und Französische und seiner besonderen Gewandtheit wegen hatte
man ihn in früherer Zeit zu wichtigen Missionen gebraucht Schon damals als ich
ihn kennen lernte war er hochbejahrt aber indem sein weißes Haar von seinem
Alter zeugte blitzte aus den Augen noch jugendliches Feuer und das anmutige
Lächeln welches um seine Lippen schwebte erhöhte den Ausdruck der innern
Behaglichkeit und Gemütsruhe Dieselbe Grazie welche seine Rede schmückte
herrschte in seinen Bewegungen und selbst die unbehilfliche Ordenstracht
schmiegte sich wundersam den wohlgebauten Formen seines Körpers an Es befand
sich kein einziger unter den Brüdern den nicht eigne freie Wahl den nicht
sogar das von der innern geistigen Stimmung erzeugte Bedürfnis in das Kloster
gebracht hätte aber auch den Unglücklichen der im Kloster den Port gesucht
hätte um der Vernichtung zu entgehen hätte Leonardus bald getröstet seine
Busse wäre der kurze Übergang zur Ruhe geworden und mit der Welt versöhnt ohne
ihren Tand zu achten hätte er im Irdischen lebend doch sich bald über das
Irdische erhoben Diese ungewöhnlichen Tendenzen des Klosterlebens hatte
Leonardus in Italien aufgefasst wo der Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des
religiösen Lebens heiterer ist als in dem katholischen Deutschland So wie bei
dem Bau der Kirchen noch die antiken Formen sich erhielten so scheint auch ein
Strahl aus jener heitern lebendigen Zeit des Altertums in das mystische Dunkel
des Christianism gedrungen zu sein und es mit dem wunderbaren Glanze erhellt zu
haben der sonst die Götter und Helden umstrahlte
Leonardus gewann mich lieb er unterrichtete mich im Italienischen und
Französischen vorzüglich waren es aber die mannigfachen Bücher welche er mir
in die Hände gab sowie seine Gespräche die meinen Geist auf besondere Weise
ausbildeten Beinahe die ganze Zeit welche meine Studien im Seminar mir übrig
ließ brachte ich im Kapuzinerkloster zu und ich spürte wie immer mehr meine
Neigung zunahm mich einkleiden zu lassen Ich eröffnete dem Prior meinen
Wunsch ohne mich indessen gerade davon abbringen zu wollen riet er mir
wenigstens noch ein paar Jahre zu warten und unter der Zeit mich mehr als bisher
in der Welt umzusehen So wenig es mir indessen an anderer Bekanntschaft fehlte
die ich mir vorzüglich durch den bischöflichen Konzertmeister welcher mich in
der Musik unterrichtete erworben so fühlte ich mich doch in jeder Gesellschaft
und vorzüglich wenn Frauenzimmer zugegen waren auf unangenehme Weise befangen
und dies sowie überhaupt der Hang zum kontemplativen Leben schien meinen innern
Beruf zum Kloster zu entscheiden
Einst hatte der Prior viel Merkwürdiges mit mir gesprochen über das profane
Leben er war eingedrungen in die schlüpfrigsten Materien die er aber mit
seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks zu behandeln wusste so
dass er alles nur im mindesten Anstössige vermeidend doch immer auf den rechten
Fleck traf Er nahm endlich meine Hand sah mir scharf ins Auge und frug ob ich
noch unschuldig sei Ich fühlte mich erglühen denn indem Leonardus mich so
verfänglich frug sprang ein Bild in den lebendigsten Farben hervor welches so
lange ganz von mir gewichen Der Konzertmeister hatte eine Schwester welche
gerade nicht schön genannt zu werden verdiente aber doch in der höchsten Blüte
stehend ein überaus reizendes Mädchen war Vorzüglich zeichnete sie ein im
reinsten Ebenmass geformter Wuchs aus sie hatte die schönsten Arme den
schönsten Busen in Form und Kolorit den man nur sehen kann Eines Morgens
als ich zum Konzertmeister gehen wollte meines Unterrichts halber überraschte
ich die Schwester im leichten Morgenanzuge mit beinahe ganz entblösster Brust
schnell warf sie zwar das Tuch über aber doch schon zu viel hatten meine
gierigen Blicke erhascht ich konnte kein Wort sprechen nie gekannte Gefühle
regten sich stürmisch in mir und trieben das glühende Blut durch die Adern dass
hörbar meine Pulse schlugen Meine Brust war krampfhaft zusammengepresst und
wollte zerspringen ein leiser Seufzer machte mir endlich Luft Dadurch dass das
Mädchen ganz unbefangen auf mich zukam mich bei der Hand fasste und trug was
mir dann wäre wurde das Übel wieder Ärger und es war ein Glück dass der
Konzertmeister in die Stube trat und mich von der Qual erlöste Nie hatte ich
indessen solche falsche Akkorde gegriffen nie so im Gesang detoniert als
dasmal Fromm genug war ich um später das Ganze für eine böse Anfechtung des
Teufels zu halten und ich pries mich nach kurzer Zeit recht glücklich den
bösen Feind durch die asketischen Übungen die ich unternahm aus dem Felde
geschlagen zu haben Jetzt bei der verfänglichen Frage des Priors sah ich des
Konzertmeisters Schwester mit entblösstem Busen vor mir stehen ich fühlte den
warmen Hauch ihres Atems den Druck ihrer Hand meine innere Angst stieg mit
jedem Momente Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lächeln an vor
dem ich erbebte Ich konnte seinen Blick nicht ertragen ich schlug die Augen
nieder da klopfte mich der Prior auf die glühenden Wangen und sprach »Ich
sehe mein Sohn dass Sie mich gefasst haben und dass es noch gut mit Ihnen steht
der Herr bewahre Sie vor der Verführung der Welt die Genüsse die sie Ihnen
darbietet sind von kurzer Dauer und man kann wohl behaupten dass ein Fluch
darauf ruhe da in dem unbeschreiblichen Ekel in der vollkommenen Erschlaffung
in der Stumpfheit für alles Höhere die sie hervorbringen das bessere geistige
Prinzip des Menschen untergeht« So sehr ich mich mühte die Frage des Priors
und das Bild welches dadurch hervorgerufen wurde zu vergessen so wollte es
mir doch durchaus nicht gelingen und war es mir erst geglückt in Gegenwart
jenes Mädchens unbefangen zu sein so scheute ich doch wieder jetzt mehr als
jemals ihren Anblick da mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit
eine innere Unruhe überfiel die mir um so gefährlicher schien als zugleich
eine unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lüsternheit sich regte
die wohl sündlich sein mochte Ein Abend sollte diesen zweifelhaften Zustand
entscheiden Der Konzertmeister hatte mich wie er manchmal zu tun pflegte zu
einer musikalischen Unterhaltung die er mit einigen Freunden veranstaltet
eingeladen Außer seiner Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen und
dieses steigerte die Befangenheit die mir schon bei der Schwester allein den
Atem versetzte Sie war sehr reizend gekleidet sie kam mir schöner als je vor
es war als zöge mich eine unsichtbare unwiderstehliche Gewalt zu ihr hin und
so kam es denn dass ich ohne selbst zu wissen wie mich immer ihr nahe befand
jeden ihrer Blicke jedes ihrer Worte begierig aufhaschte ja mich so an sie
drängte dass wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich berühren musste welches
mich mit innerer nie gefühlter Lust erfüllte Sie schien es zu bemerken und
Wohlgefallen daran zu finden zuweilen war es mir als müsste ich sie wie in
toller Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken Sie hatte
lange neben dem Flügel gesessen endlich stand sie auf und ließ auf dem Stuhl
einen ihrer Handschuhe liegen den ergriff ich und drückte ihn im Wahnsinn
heftig an den Mund Das sah eins von den Frauenzimmern die ging zu des
Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr nun schauten sie
beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch Ich war wie vernichtet ein
Eisstrom goss sich durch mein Inneres besinnungslos stürzte ich fort ins
Kollegium in meine Zelle Ich warf mich wie in toller Verzweiflung auf den
Fußboden glühende Tränen quollen mir aus den Augen ich verwünschte ich
verfluchte das Mädchen mich selbst dann betete ich wieder und lachte
dazwischen wie ein Wahnsinniger Überall erklangen um mich Stimmen die mich
verspotteten verhöhnten ich war im Begriff mich durch das Fenster zu stürzen
zum Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran mein Zustand war in der Tat
entsetzlich Erst als der Morgen anbrach wurde ich ruhiger aber fest war ich
entschlossen sie niemals mehr zu sehen und überhaupt der Welt zu entsagen
Klarer als jemals stand der Beruf zum eingezogenen Klosterleben von dem mich
keine Versuchung mehr ablenken sollte vor meiner Seele Sowie ich nur von den
gewöhnlichen Studien loskommen konnte eilte ich zu dem Prior in das
Kapuzinerkloster und eröffnete ihm wie ich nun entschlossen sei mein Noviziat
anzutreten und auch schon meiner Mutter sowie der Fürstin Nachricht davon
gegeben habe Leonardus schien über meinen plötzlichen Eifer verwundert ohne in
mich zu dringen suchte er doch auf diese und jene Weise zu erforschen was mich
wohl darauf gebracht haben könne nun mit einemmal auf meine Einweihung zum
Klosterleben zu bestehen denn er ahndete wohl dass ein besonderes Ereignis mir
den Impuls dazu gegeben haben müsse Eine innere Scham die ich nicht zu
überwinden vermochte hielt mich zurück ihm die Wahrheit zu sagen dagegen
erzählte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation das noch in mir glühte die
wunderbaren Begebenheiten meiner Kinderjahre welche alle auf meine Bestimmung
zum Klosterleben hindeuteten Leonardus hörte mich ruhig an und ohne gerade
gegen meine Visionen Zweifel vorzubringen schien er doch sie nicht sonderlich
zu beachten er äußerte vielmehr wie das alles noch sehr wenig für die Echteit
meines Berufs spräche da eben hier eine Illusion sehr möglich sei Überhaupt
pflegte Leonardus nicht gern von den Visionen der Heiligen ja selbst von den
Wundern der ersten Verkündiger des Christentums zu sprechen und es gab
Augenblicke in denen ich in Versuchung geriet ihn für einen heimlichen
Zweifler zu halten Einst erdreistete ich mich um ihn zu irgend einer
bestimmten Äußerung zu nötigen von den Verächtern des katholischen Glaubens zu
sprechen und vorzüglich auf diejenigen zu schmälen die im kindischen Übermute
alles Übersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte des Aberglaubens abfertigten
Leonardus sprach sanft lächelnd »Mein Sohn der Unglaube ist der ärgste
Aberglaube« und fing ein anderes Gespräch von fremden gleichgültigen Dingen an
Erst später durfte ich eingehen in seine herrliche Gedanken über den mystischen
Teil unserer Religion der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen
Prinzips mit höheren Wesen in sich schließt und musste mir denn wohl gestehen
dass Leonardus die Mitteilung alles des Sublimen das aus seinem Innersten sich
ergoss mit Recht nur für die höchste Weihe seiner Schüler aufsparte
Meine Mutter schrieb mir wie sie es längst geahnt dass der weltgeistliche
Stand mir nicht genügen sondern dass ich das Klosterleben erwählen werde Am
Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und
habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an der Hand geführt Auch die Fürstin
war mit meinem Vorhaben ganz einverstanden Beide sah ich noch einmal vor meiner
Einkleidung welche da mir meinem innigsten Wunsche gemäß die Hälfte des
Noviziats erlassen wurde sehr bald erfolgte Ich nahm auf Veranlassung der
Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an
Das Verhältnis der Brüder untereinander die innere Einrichtung rücksichts
der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster bewährte sich ganz in
der Art wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen Die gemütliche Ruhe die
in allem herrschte goss den himmlischen Frieden in meine Seele wie er mich
gleich einem seligen Traum aus der ersten Zeit meiner frühsten Kinderjahre im
Kloster der heiligen Linde umschwebte Während des feierlichen Akts meiner
Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters Schwester
sie sah ganz schwermütig aus und ich glaubte Tränen in ihren Augen zu
erblicken aber vorüber war die Zeit der Versuchung und vielleicht war es
frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen Sieg der mir das Lächeln
abnötigte welches der an meiner Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte
»Worüber erfreuest du dich so mein Bruder« frug Cyrillus »Soll ich denn nicht
froh sein wenn ich der schnöden Welt und ihrem Tand entsage« antwortete ich
aber nicht zu leugnen ist es dass indem ich diese Worte sprach ein
unheimliches Gefühl plötzlich das Innerste durchbebend mich Lügen strafte
Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht nach der jene Ruhe
des Geistes eintrat Wäre sie nimmer von mir gewichen aber die Macht des
Feindes ist groß Wer mag der Stärke seiner Waffen wer mag seiner Wachsamkeit
vertrauen wenn die unterirdischen Mächte lauern
Schon fünf Jahre war ich im Kloster als nach der Verordnung des Priors mir
der Bruder Cyrillus der alt und schwach worden die Aufsicht über die reiche
Reliquienkammer des Klosters übergeben sollte Da befanden sich allerlei Knochen
von Heiligen Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere Heiligtümer die in
sauberen Glasschränken aufbewahrt und an gewissen Tagen dem Volk zur Erbauung
ausgestellt wurden Der Bruder Cyrillus machte mich mit jedem Stücke sowie mit
den Dokumenten die über ihre Echteit und über die Wunder welche sie bewirkt
vorhanden bekannt Er stand rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an
der Seite und um so weniger trug ich Bedenken das zu äußern was sich
gewaltsam aus meinem Innern hervordrängte »Sollten denn lieber Bruder
Cyrillus« sagte ich »alle diese Dinge gewiss und wahrhaftig das sein wofür man
sie ausgibt Sollte auch hier nicht die betrügerische Habsucht manches
untergeschoben haben was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes Heiligen
gilt So zB besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers Erlösers und
doch zeigt man überall wieder so viel Späne davon dass wie jemand von uns
selbst freilich in freveligem Spott behauptete unser Kloster ein ganzes Jahr
hindurch damit geheizt werden könnte« »Es geziemt uns wohl eigentlich nicht«
erwiderte der Bruder Cyrillus »diese Dinge einer solchen Untersuchung zu
unterziehen allein offenherzig gestanden bin ich der Meinung dass der darüber
sprechenden Dokumente unerachtet wohl wenige dieser Dinge das sein dürften
wofür man sie ausgibt Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen
Merke wohl auf lieber Bruder Medardus wie ich und unser Prior darüber denken
und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken Ist es nicht herrlich
lieber Bruder Medardus dass unsere Kirche danach trachtet jene geheimnisvollen
Fäden zu erfassen die das Sinnliche mit dem Übersinnlichen verknüpfen ja
unseren zum irdischen Leben und Sein gediehenen Organism so anzuregen dass sein
Ursprung aus dem höheren geistigen Prinzip ja seine innige Verwandtschaft mit
dem wunderbaren Wesen dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur
durchdringt klar hervortritt und uns die Ahndung eines höheren Lebens dessen
Keim wir in uns tragen wie mit Seraphsfittichen umweht Was ist jenes
Stückchen Holz jenes Knöchlein jenes Läppchen man sagt aus dem Kreuz
Christi sei es gehauen dem Körper dem Gewande eines Heiligen entnommen aber
den Gläubigen der ohne zu grübeln sein ganzes Gemüt darauf richtet erfüllt
bald jene überirdische Begeisterung die ihm das Reich der Seligkeit erschliesst
das er hienieden nur geahnt und so wird der geistige Einfluss des Heiligen
dessen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab erweckt und der Mensch
vermag Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen den er
im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief Ja diese in ihm erweckte
höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers zu überwinden vermögen und
daher kommt es dass diese Reliquien jene Mirakel bewirken die da sie so oft
vor den Augen des versammelten Volks geschehen wohl nicht geleugnet werden
können.« Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors
die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten und betrachtete
nun die Reliquien die mir sonst nur als religiöse Spielerei erschienen mit
wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht Dem Bruder Cyrillus entging diese Wirkung
seiner Rede nicht und er fuhr nun fort mit größerem Eifer und mit recht zum
Gemüte sprechender Innigkeit mir die Sammlung Stück vor Stück zu erklären
Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und
sagte »Hierinnen lieber Bruder Medardus ist die geheimnisvollste
wunderbarste Reliquie enthalten die unser Kloster besitzt Solange ich im
Kloster bin hat dieses Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und
ich selbst die andern Brüder viel weniger Fremde wissen etwas von dem Dasein
dieser Reliquie Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrühren es ist
als sei darin ein böser Zauber verschlossen der gelänge es ihm den Bann der
ihn umschließt und wirkungslos macht zu zersprengen Verderben und heillosen
Untergang jedem bereiten könnte den er ereilt Das was darinnen enthalten
stammt unmittelbar von dem Widersacher her aus jener Zeit als er noch
sichtlich gegen das Heil der Menschen zu kämpfen vermochte« Ich sah den
Bruder Cyrillus im höchsten Erstaunen an ohne mir Zeit zu lassen etwas zu
erwidern fuhr er fort »Ich will mich lieber Bruder Medardus gänzlich
enthalten in dieser höchst mystischen Sache nur irgend eine Meinung zu äußern
oder wohl gar diese jene Hypothese aufzutischen die mir durch den Kopf
gefahren sondern lieber getreulich dir das erzählen was die über jene Reliquie
vorhandenen Dokumente davon sagen Du findest diese Dokumente in jenem Schrank
und kannst sie selbst nachlesen Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur
Gnüge bekannt du weißt dass er um sich von allem Irdischen zu entfernen um
seine Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden in die Wüste zog und da sein Leben
den strengsten Buss und Andachtsübungen weihte Der Widersacher verfolgte ihn
und trat ihm oft sichtlich in den Weg um ihn in seinen frommen Betrachtungen zu
stören So kam es denn dass der heilige Antonius einmal in der Abenddämmerung
eine finstere Gestalt wahrnahm die auf ihn zuschritt In der Nähe erblickte er
zu seinem Erstaunen dass aus den Löchern des zerrissenen Mantels den die
Gestalt trug Flaschenhälse hervorguckten Es war der Widersacher der in diesem
seltsamen Aufzuge ihn höhnisch anlächelte und frug ob er nicht von den
Elixieren die er in den Flaschen bei sich trüge zu kosten begehre Der heilige
Antonius den diese Zumutung nicht einmal verdrießen konnte weil der
Widersacher ohnmächtig und kraftlos geworden nicht mehr imstande war sich auf
irgend einen Kampf einzulassen und sich daher auf höhnende Reden beschränken
musste frug ihn warum er denn so viele Flaschen und auf solche besondere Weise
bei sich trüge Da antwortete der Widersacher Siehe wenn mir ein Mensch
begegnet so schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen nach meinen
Getränken zu fragen und zu kosten aus Lüsternheit Unter so vielen Elixieren
findet er ja wohl eins was ihm recht mundet und er säuft die ganze Flasche aus
und wird trunken und ergibt sich mir und meinem Reiche So weit steht das in
allen Legenden nach dem besonderen Dokument das wir über diese Vision des
heiligen Antonius besitzen heißt es aber weiter dass der Widersacher als er
sich von dannen hub einige seiner Flaschen auf einen Rasen stehen ließ die der
heilige Antonius schnell in seine Höhle mitnahm und verbarg aus Furcht selbst
in der Einöde könnte ein Verirrter ja wohl gar einer seiner Schüler von dem
entsetzlichen Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten Zufällig
erzählt das Dokument weiter habe der heilige Antonius einmal eine dieser
Flaschen geöffnet da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und
allerlei scheussliche sinneverwirrende Bilder der Hölle hätten den Heiligen
umschwebt ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht bis er
sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben In diesem
Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlass des heiligen Antonius eben eine
solche Flasche mit einem Teufelselixier und die Dokumente sind so autentisch
und genau dass wenigstens daran dass die Flasche wirklich nach dem Tode des
heiligen Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen gefunden wurde kaum zu
zweifeln ist Übrigens kann ich versichern lieber Bruder Medardus dass so oft
ich die Flasche ja nur dieses Kistchen worin sie verschlossen berühre mich
ein unerklärliches inneres Grauen anwandelt ja dass ich wähne etwas von einem
ganz seltsamen Duft zu spüren der mich betäubt und zugleich eine innere Unruhe
des Geistes hervorbringt die mich selbst bei den Andachtsübungen zerstreut
Indessen überwinde ich diese böse Stimmung welche offenbar von dem Einfluss
irgend einer feindlichen Macht herrührt sollte ich auch an die unmittelbare
Einwirkung des Widersachers nicht glauben durch standhaftes Gebet Dir lieber
Bruder Medardus der du noch so jung bist der du noch alles was dir deine von
fremder Kraft aufgeregte Phantasie vorbringen mag in glänzenderen lebhafteren
Farben erblickst der du noch wie ein tapferer aber unerfahrener Krieger zwar
rüstig im Kampfe aber vielleicht zu kühn das Unmögliche wagend deiner Stärke
zu sehr vertraust rate ich das Kistchen niemals oder wenigstens erst nach
Jahren zu öffnen und damit dich deine Neugierde nicht in Versuchung führe es
dir weit weg aus den Augen zu stellen«
Der Bruder Cyrillus verschloss die geheimnisvolle Kiste wieder in den
Schrank wo sie gestanden und übergab mir den Schlüsselbund an dem auch der
Schlüssel jenes Schranks hing die ganze Erzählung hatte auf mich einen eignen
Eindruck gemacht aber je mehr ich eine innere Lüsternheit emporkeimen fühlte
die wunderbare Reliquie zu sehen desto mehr war ich der Warnung des Bruders
Cyrillus gedenkend bemüht auf jede Art mir es zu erschweren Als Cyrillus mich
verlassen übersah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtümer dann löste
ich aber das Schlüsselchen welches den gefährlichen Schrank schloss vom Bunde
ab und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte
Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner
jedesmal wenn er predigte war die Kirche überfüllt der Feuerstrom seiner
Worte riss alles unwiderstehlich fort die inbrünstigste Andacht im Innern
entzündend Auch mir drangen seine herrlichen begeisterten Reden ins Innerste
aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries war es mir als rege sich eine
innere Kraft die mich mächtig antrieb es ihm gleichzutun Hatte ich ihn
gehört so predigte ich auf meiner einsamen Stube mich ganz der Begeisterung
des Moments überlassend bis es mir gelang meine Ideen meine Worte
festzuhalten und aufzuschreiben Der Bruder welcher im Kloster zu predigen
pflegte wurde zusehends schwächer seine Reden schlichen wie ein halbversiegter
Bach mühsam und tonlos dahin und die ungewöhnlich gedehnte Sprache welche der
Mangel an Ideen und Worten erzeugte da er ohne Konzept sprach machten seine
Reden so unausstehlich lang dass vor dem Amen schon der größte Teil der
Gemeinde wie bei dem bedeutungslosen eintönigen Geklapper einer Mühle sanft
eingeschlummert war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden
konnte Der Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner indessen trug
er Scheu zu predigen weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu stark
angriff und sonst gab es im Kloster keinen der die Stelle jenes schwächlichen
Bruders hätte ersetzen können Leonardus sprach mit mir über diesen Übelstand
der der Kirche den Besuch mancher Frommen entzog ich fasste mir ein Herz und
sagte ihm wie ich schon im Seminar einen innern Beruf zum Predigen gespürt und
manche geistliche Rede aufgeschrieben habe Er verlangte sie zu sehen und war so
höchlich damit zufrieden dass er in mich drang schon am nächsten heiligen Tage
den Versuch mit einer Predigt zu machen der um so weniger misslingen werde als
mich die Natur mit allem ausgestattet habe was zum guten Kanzelredner gehöre
nämlich mit einer einnehmenden Gestalt einem ausdrucksvollen Gesicht und einer
kräftigen tonreichen Stimme Rücksichts des äußern Anstandes der richtigen
Gestikulation unternahm Leonardus selbst mich zu unterrichten Der Heiligentag
kam heran die Kirche war besetzter als gewöhnlich und ich bestieg nicht ohne
inneres Erbeben die Kanzel Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu
und Leonardus sagte mir nachher dass ich mit zitternder Stimme gesprochen
welches aber gerade den andächtigen wehmutsvollen Betrachtungen womit die Rede
begann zugesagt und bei den mehrsten für eine besondere wirkungsvolle Kunst des
Redners gegolten habe Bald aber war es als strahle der glühende Funke
himmlischer Begeisterung durch mein Inneres ich dachte nicht mehr an die
Handschrift sondern überließ mich ganz den Eingebungen des Moments Ich fühlte
wie das Blut in allen Pulsen glühte und sprühte ich hörte meine Stimme durch
das Gewölbe donnern ich sah mein erhobenes Haupt meine ausgebreiteten Arme
wie von Strahlenglanz der Begeisterung umflossen Mit einer Sentenz in der
ich alles Heilige und Herrliche das ich verkündet nochmals wie in einem
flammenden Fokus zusammenfasste schloss ich meine Rede deren Eindruck ganz
ungewöhnlich ganz unerhört war Heftiges Weinen unwillkürlich den Lippen
entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne lautes Gebet hallte meinen
Worten nach Die Brüder zollten mir ihre höchste Bewunderung Leonardus umarmte
mich er nannte mich den Stolz des Klosters Mein Ruf verbreitete sich schnell
und um den Bruder Medardus zu hören drängte sich der vornehmste der
gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Läuten in die nicht
allzu große Klosterkirche Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge
den Reden im stärksten Feuer Ründe und Gewandtheit zu geben Immer mehr gelang
es mir die Zuhörer zu fesseln und immer steigend und steigend glich bald die
Verehrung die sich überall wo ich ging und stand in den stärksten Zügen an
den Tag legte beinahe der Vergötterung eines Heiligen Ein religiöser Wahn
hatte die Stadt ergriffen alles strömte bei irgend einem Anlass auch an
gewöhnlichen Wochentagen nach dem Kloster um den Bruder Medardus zu sehen zu
sprechen Da keimte in mir der Gedanke auf ich sei ein besonders Erkorner des
Himmels die geheimnisvollen Umstände bei meiner Geburt am heiligen Orte zur
Entsündigung des verbrecherischen Vaters die wunderbaren Begebenheiten in
meinen ersten Kinderjahren alles deutete dahin dass mein Geist in
unmittelbarer Berührung mit dem Himmlischen sich schon hienieden über das
Irdische erhebe und ich nicht der Welt den Menschen angehöre denen Heil und
Trost zu geben ich hier auf Erden wandle Es war mir nun gewiss dass der alte
Pilgram in der heiligen Linde der heilige Joseph der wunderbare Knabe aber das
Jesuskind selbst gewesen das in mir den Heiligen der auf Erden zu wandeln
bestimmt begrüßt habe Aber so wie dies alles immer lebendiger vor meiner Seele
stand wurde mir auch meine Umgebung immer lästiger und drückender Jene Ruhe
und Heiterkeit des Geistes, die mich sonst umfing war aus meiner Seele
entschwunden ja alle gemütliche Äußerung der Brüder die Freundlichkeit des
Priors erweckten in mir einen feindseligen Zorn Den Heiligen den hoch über sie
erhabenen sollten sie in mir erkennen sich niederwerfen in den Staub und die
Fürbitte erflehen vor dem Throne Gottes So aber hielt ich sie für befangen in
verderblicher Verstockteit Selbst in meine Reden flocht ich gewisse
Anspielungen ein die darauf hindeuteten wie nun eine wundervolle Zeit gleich
der in schimmernden Strahlen leuchtenden Morgenröte angebrochen in der Trost
und Heil bringend der gläubigen Gemeinde ein Auserwählter Gottes auf Erden
wandle Meine eingebildete Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein die um
so mehr wie ein fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten je weniger sie
verstanden wurden Leonardus wurde sichtlich kälter gegen mich er vermied mit
mir ohne Zeugen zu sprechen aber endlich als wir einst zufällig von allen
Brüdern verlassen in der Allee des Klostergartens einhergingen brach er los
»Nicht verhehlen kann ich es dir lieber Bruder Medardus dass du seit einiger
Zeit durch dein ganzes Betragen mir Missfallen erregst Es ist etwas in deine
Seele gekommen das dich dem Leben in frommer Einfalt abwendig macht In deinen
Reden herrscht ein feindliches Dunkel aus dem nur noch manches hervorzutreten
sich scheut was dich wenigstens mit mir auf immer entzweien würde Lass mich
offenherzig sein Du trägst in diesem Augenblick die Schuld unseres sündigen
Ursprungs die jedem mächtigen Emporstreben unserer geistigen Kraft die
Schranken des Verderbnisses öffnet wohin wir uns in unbedachtem Fluge nur zu
leicht verirren Der Beifall ja die abgöttische Bewunderung die dir die
leichtsinnige nach jeder Anreizung lüsterne Welt gezollt hat dich geblendet
und du siehst dich selbst in einer Gestalt die nicht dein eigen sondern ein
Trugbild ist welches dich in den verderblichen Abgrund lockt Gehe in dich
Medardus entsage dem Wahn der dich betört ich glaube ihn zu kennen
schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemüts ohne welche kein Heil hienieden zu
finden entflohen Lass dich warnen weiche aus dem Feinde der dir nachstellt
Sei wieder der gutmütige Jüngling den ich mit ganzer Seele liebte« Tränen
quollen aus den Augen des Priors als er dies sprach er hatte meine Hand
ergriffen sie loslassend entfernte er sich schnell ohne meine Antwort
abzuwarten Aber nur feindselig waren seine Worte in mein Inneres gedrungen er
hatte des Beifalls ja der höchsten Bewunderung erwähnt die ich mir durch meine
außerordentliche Gaben erworben und es war mir deutlich dass nur kleinlicher
Neid jenes Missbehagen an mir erzeugt habe das er so unverhohlen äußerte Stumm
und in mich gekehrt blieb ich vom innern Groll ergriffen bei den
Zusammenkünften der Mönche und ganz erfüllt von dem neuen Wesen das mir
aufgegangen sann ich den Tag über und in den schlaflosen Nächten wie ich alles
in mir Aufgekeimte in prächtige Worte fassen und dem Volk verkünden wollte Je
mehr ich mich nun von Leonardus und den Brüdern entfernte mit desto stärkeren
Banden wusste ich die Menge an mich zu ziehen
Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrängt voll dass man die
Türen weit öffnen musste um dem zuströmenden Volke zu vergönnen mich auch noch
vor der Kirche zu hören Nie hatte ich kräftiger feuriger eindringender
gesprochen Ich erzählte wie es gewöhnlich manches aus dem Leben des Heiligen
und knüpfte daran fromme tief ins Leben eindringende Betrachtungen Von den
Verführungen des Teufels dem der Sündenfall die Macht gegeben die Menschen zu
verlocken sprach ich und unwillkürlich führte mich der Strom der Rede hinein
in die Legende von den Elixieren die ich wie eine sinnreiche Allegorie
darstellen wollte Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen
langen hageren Mann der mir schrägüber auf eine Bank gestiegen sich an einen
Eckpfeiler lehnte Er hatte auf seltsame fremde Weise einen dunkelvioletten
Mantel umgeworfen und die übereinander geschlagenen Arme darin gewickelt Sein
Gesicht war leichenblass aber der Blick der großen schwarzen stieren Augen fuhr
wie ein glühender Dolchstich durch meine Brust Mich durchbebte ein unheimliches
grauenhaftes Gefühl schnell wandte ich mein Auge ab und sprach alle meine
Kraft zusammennehmend weiter Aber wie von einer fremden zauberischen Gewalt
getrieben musste ich immer wieder hinschauen und immer starr und bewegungslos
stand der Mann da den gespenstischen Blick auf mich gerichtet So wie bitterer
Hohn verachtender Hass lag es auf der hohen gefurchten Stirn in dem
herabgezogenen Munde Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares Entsetzliches
Ja es war der unbekannte Maler aus der heiligen Linde Ich fühlte mich wie
von eiskalten grausigen Fäusten gepackt Tropfen des Angstschweisses standen auf
meiner Stirn meine Perioden stockten immer verwirrter und verwirrter wurden
meine Reden es entstand ein Flüstern ein Gemurmel in der Kirche aber starr
und unbeweglich lehnte der fürchterliche Fremde am Pfeiler den stieren Blick
auf mich gerichtet Da schrie ich auf in der Höllenangst wahnsinniger
Verzweiflung »Ha Verruchter hebe dich weg hebe dich weg denn ich bin es
selbst ich bin der heilige Antonius« Als ich aus dem bewusstlosen Zustand
in den ich mit jenen Worten versunken wieder erwachte befand ich mich auf
meinem Lager und der Bruder Cyrillus saß neben mir mich pflegend und tröstend
Das schreckliche Bild des Unbekannten stand mir noch lebhaft vor Augen aber je
mehr der Bruder Cyrillus dem ich alles erzählte mich zu überzeugen suchte dass
dieses nur ein Gaukelbild meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzen
Phantasie gewesen desto tiefer fühlte ich bittere Reue und Scham über mein
Betragen auf der Kanzel Die Zuhörer dachten wie ich nachher erfuhr es habe
mich ein plötzlicher Wahnsinn überfallen wozu ihnen vorzüglich mein letzter
Ausruf gerechten Anlass gab Ich war zerknirscht zerrüttet im Geiste
eingeschlossen in meine Zelle unterwarf ich mich den strengsten Bussübungen und
stärkte mich durch inbrünstige Gebete zum Kampfe mit dem Versucher der mir
selbst an heiliger Stätte erschienen nur in frechem Hohn die Gestalt borgend
von dem frommen Maler in der heiligen Linde Niemand wollte übrigens den Mann im
violetten Mantel erblickt haben und der Prior Leonardus verbreitete nach seiner
anerkannten Gutmütigkeit auf das eifrigste überall wie es nur der Anfall einer
hitzigen Krankheit gewesen welcher mich in der Predigt auf solche entsetzliche
Weise mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlasst habe wirklich war ich
auch noch siech und krank als ich nach mehreren Wochen wieder in das
gewöhnliche klösterliche Leben eintrat Dennoch unternahm ich es wieder die
Kanzel zu besteigen aber von innerer Angst gefoltert verfolgt von der
entsetzlichen bleichen Gestalt vermochte ich kaum zusammenhängend zu sprechen
viel weniger mich wie sonst dem Feuer der Beredsamkeit zu überlassen Meine
Predigten waren gewöhnlich steif zerstückelt Die Zuhörer bedauerten den
Verlust meiner Rednergabe verloren sich nach und nach und der alte Bruder der
sonst gepredigt und nun noch offenbar besser redete als ich ersetzte wieder
meine Stelle
Nach einiger Zeit begab es sich dass ein junger Graf von seinem Hofmeister
mit dem er auf Reisen begriffen begleitet unser Kloster besuchte und die
vielfachen Merkwürdigkeiten desselben zu sehen begehrte Ich musste die
Reliquienkammer aufschließen und wir traten hinein als der Prior der mit uns
durch Chor und Kirche gegangen abgerufen wurde so dass ich mit den Fremden
allein blieb Jedes Stück hatte ich gezeigt und erklärt da fiel dem Grafen der
mit zierlichem altteutschen Schnitzwerk geschmückte Schrank ins Auge in dem
sich das Kistchen mit dem Teufelselixier befand Unerachtet ich nun nicht gleich
mit der Sprache heraus wollte was in dem Schrank verschlossen so drangen
beide der Graf und der Hofmeister doch so lange in mich bis ich die Legende
vom heiligen Antonius und dem arglistigen Teufel erzählte und mich über die als
Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den Worten des Bruders Cyrillus
ausliess ja sogar die Warnung hinzufügte die er mir rücksichts der Gefahr des
Öffnens der Kiste und des Vorzeigens der Flasche gegeben Unerachtet der Graf
unserer Religion zugetan war schien er doch ebensowenig als der Hofmeister auf
die Wahrscheinlichkeit der heiligen Legenden viel zu bauen Sie ergossen sich
beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfällen über den komischen Teufel
der die Verführungsflaschen im zerrissenen Mantel trage endlich nahm aber der
Hofmeister eine ernsthafte Miene an und sprach »Haben Sie an uns leichtsinnigen
Weltmenschen kein Ärgernis ehrwürdiger Herr Sein Sie überzeugt dass wir
beide ich und mein Graf die Heiligen als herrliche von der Religion hoch
begeisterte Menschen verehren die dem Heil ihrer Seele sowie dem Heil der
Menschen alle Freuden des Lebens ja das Leben selbst opferten was aber solche
Geschichten betrifft wie die soeben von Ihnen erzählte so glaube ich dass nur
eine geistreiche von dem Heiligen ersonnene Allegorie durch Missverstand als
wirklich geschehen ins Leben gezogen wurde«
Unter diesen Worten hatte der Hofmeister den Schieber des Kistchens schnell
aufgeschoben und die schwarze sonderbar geformte Flasche herausgenommen Es
verbreitete sich wirklich wie der Bruder Cyrillus es mir gesagt ein starker
Duft der indessen nichts weniger als betäubend sondern vielmehr angenehm und
wohltätig wirkte »Ei« rief der Graf »ich wette dass das Elixier des Teufels
weiter nichts ist als herrlicher echter Syrakuser« »Ganz gewiss« erwiderte
der Hofmeister »und stammt die Flasche wirklich aus dem Nachlass des heiligen
Antonius so geht es Ihnen ehrwürdiger Herr beinahe besser wie dem Könige von
Neapel den die Unart der Römer den Wein nicht zu pfropfen sondern nur durch
darauf getröpfeltes Öl zu bewahren um das Vergnügen brachte altrömischen Wein
zu kosten Ist dieser Wein auch lange nicht so alt als jener gewesen wäre so
ist es doch fürwahr der älteste den es wohl geben mag und darum täten Sie
wohl die Reliquie in Ihren Nutzen zu verwenden und getrost auszunippen«
»Gewiss« fiel der Graf ein »dieser uralte Syrakuser würde neue Kraft in Ihre
Adern gießen und die Kränklichkeit verscheuchen von der Sie ehrwürdiger Herr
heimgesucht scheinen« Der Hofmeister holte einen stählernen Korkzieher aus der
Tasche und öffnete meiner Protestationen unerachtet die Flasche Es war mir
als zucke mit dem Herausfliegen des Korks ein blaues Flämmchen empor das gleich
wieder verschwand Stärker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das
Zimmer Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert »Herrlicher
herrlicher Syrakuser In der Tat der Weinkeller des heiligen Antonius war nicht
übel und machte der Teufel seinen Kellermeister so meinte er es mit dem
heiligen Mann nicht so böse als man glaubt kosten Sie Graf« Der Graf tat
es und bestätigte das was der Hofmeister gesprochen Beide scherzten noch mehr
über die Reliquie die offenbar die schönste in der ganzen Sammlung sei sie
wünschten sich einen ganzen Keller voll solcher Reliquien usw Ich hörte alles
schweigend mit niedergesenktem Haupte mit zur Erde starrendem Blick an der
Frohsinn der Fremden hatte für mich in meiner düsteren Stimmung etwas Quälendes
vergebens drangen sie in mich auch von dem Wein des heiligen Antonius zu
kosten ich verweigerte es standhaft und verschloss die Flasche wohl
zugepfropft wieder in ihr Behältnis
Die Fremden verließen das Kloster aber als ich einsam in meiner Zelle saß
konnte ich mir selbst ein gewisses innres Wohlbehagen eine rege Heiterkeit des
Geistes nicht ableugnen Es war offenbar dass der geistige Duft des Weins mich
gestärkt hatte Keine Spur der üblen Wirkung, von der Cyrillus gesprochen
empfand ich und nur der entgegengesetzte wohltätige Einfluss zeigte sich auf
auffallende Weise je mehr ich über die Legende des heiligen Antonius
nachdachte je lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem Innern
widerklangen desto gewisser wurde es mir dass die Erklärung des Hofmeisters die
richtige sei und nun erst durchfuhr mich wie ein leuchtender Blitz der Gedanke
dass an jenem unglücklichen Tage als eine feindselige Vision mich in der Predigt
auf so zerstörende Weise unterbrach ich ja selbst im Begriff gewesen die
Legende auf dieselbe Weise als eine geistreiche belehrende Allegorie des
heiligen Mannes vorzutragen Diesem Gedanken knüpfte sich ein anderer an
welcher bald mich so ganz und gar erfüllte dass alles übrige in ihm unterging
»Wie« dachte ich »wenn das wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein Inneres
stärkte ja die erloschene Flamme entzünden könnte dass sie in neuem Leben
emporstrahlte Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle Verwandtschaft deines
Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen Naturkräften sich offenbart hätte
dass derselbe Duft der den schwächlichen Cyrillus betäubte auf dich nur
wohltätig wirkte« Aber war ich auch schon entschlossen dem Rate der Fremden
zu folgen wollte ich schon zur Tat schreiten so hielt mich immer wieder ein
inneres mir selbst unerklärliches Widerstreben davon zurück Ja im Begriff
den Schrank aufzuschließen schien es mir als erblicke ich in dem Schnitzwerk
das entsetzliche Gesicht des Malers mit den mich durchbohrenden
lebendigtotstarren Augen und von gespenstischem Grauen gewaltsam ergriffen
floh ich aus der Reliquienkammer um an heiliger Stätte meinen Vorwitz zu
bereuen Aber immer und immer verfolgte mich der Gedanke dass nur durch den
Genuss des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und stärken könne Das
Betragen des Priors der Mönche die mich wie einen geistig Erkrankten mit
gutgemeinter aber niederbeugender Schonung behandelten brachte mich zur
Verzweiflung und als Leonardus nun gar mich von den gewöhnlichen
Andachtsübungen dispensierte damit ich meine Kräfte ganz sammeln solle da
beschloss ich in schlafloser Nacht von tiefem Gram gefoltert auf den Tod alles
zu wagen um die verlorne geistige Kraft wiederzugewinnen oder unterzugehn
Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst mit der Lampe die ich
bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters angezündet durch die Kirche nach
der Reliquienkammer Von dem flackernden Schein der Lampe beleuchtet schienen
die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen es war als blickten sie
mitleidsvoll auf mich herab es war als höre ich in dem dumpfen Brausen des
Sturms der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr klägliche
warnende Stimmen ja als riefe mir meine Mutter zu aus weiter Ferne »Sohn
Medardus was beginnst du lass ab von dem gefährlichen Unternehmen« Als ich
in die Reliquienkammer getreten war alles still und ruhig ich schloss den
Schrank auf ich ergriff das Kistchen die Flasche bald hatte ich einen
kräftigen Zug getan Glut strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem
Gefühl unbeschreiblichen Wohlseins ich trank noch einmal und die Lust eines
neuen herrlichen Lebens ging mir auf Schnell verschloss ich das leere Kistchen
in den Schrank eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach meiner Zelle und
stellte sie in mein Schreibepult Da fiel mir der kleine Schlüssel in die
Hände den ich damals um jeder Versuchung zu entgehen vom Bunde löste und
doch hatte ich ohne ihn sowohl damals als die Fremden zugegen waren als jetzt
den Schrank aufgeschlossen Ich untersuchte meinen Schlüsselbund und siehe ein
unbekannter Schlüssel mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet ohne
in der Zerstreuung darauf zu merken hatte sich zu den übrigen gefunden Ich
erbebte unwillkürlich aber ein buntes Bild jug das andere bei dem wie aus
tiefem Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber Ich hatte nicht Ruh nicht Rast
bis der Morgen heiter anbrach und ich hinabeilen konnte in den Klostergarten um
mich in den Strahlen der Sonne die feurig und glühend hinter den Bergen
emporstieg zu baden Leonardus die Brüder bemerkten meine Veränderung statt
dass ich sonst in mich verschlossen kein Wort sprach war ich heiter und
lebendig Als rede ich vor versammelter Gemeinde sprach ich mit dem Feuer der
Beredsamkeit wie es sonst mir eigen Da ich mit Leonardus allein geblieben sah
er mich lange an als wollte er mein Innerstes durchdringen dann sprach er
aber indem ein leises ironisches Lächeln über sein Gesicht flog »Hat der
Bruder Medardus vielleicht in einer Vision neue Kraft und verjüngtes Leben von
oben herab erhalten« Ich fühlte mich vor Scham erglühen denn in dem
Augenblick kam mir meine Exaltation durch einen Schluck alten Weins erzeugt
nichtswürdig und armselig vor Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte
stand ich da Leonardus überließ mich meinen Betrachtungen Nur zu sehr hatte
ich gefürchtet dass die Spannung in die mich der genossene Wein versetzt nicht
lange anhalten sondern vielleicht zu meinem Gram noch größere Ohnmacht nach
sich ziehen würde es war aber dem nicht so vielmehr fühlte ich wie mit der
wiedererlangten Kraft auch jugendlicher Mut und jenes rastlose Streben nach dem
höchsten Wirkungskreise den mir das Kloster darbot zurückkehrte Ich bestand
darauf am nächsten heiligen Tage wieder zu predigen und es wurde mir vergönnt
Kurz vorher ehe ich die Kanzel bestieg genoss ich von dem wunderbaren Weine
nie hatte ich darauf feuriger salbungsreicher eindringender gesprochen
Schnell verbreitete sich der Ruf meiner gänzlichen Wiederherstellung und so wie
sonst füllte sich wieder die Kirche aber je mehr ich den Beifall der Menge
erwarb desto ernster und zurückhaltender wurde Leonardus und ich fing an ihn
von ganzer Seele zu hassen da ich ihn von kleinlichem Neide und mönchischem
Stolz befangen glaubte
Der Bernardustag kam heran und ich war voll brennender Begierde vor der
Fürstin recht mein Licht leuchten zu lassen weshalb ich den Prior bat es zu
veranstalten dass mir es vergönnt werde an dem Tage im Zisterzienserkloster zu
predigen Den Leonardus schien meine Bitte auf besondere Weise zu überraschen
er gestand mir unverhohlen dass er gerade dieses Mal im Sinn gehabt habe selbst
zu predigen und dass deshalb schon das Nötige angeordnet sei desto leichter sei
indessen die Erfüllung meiner Bitte da er sich mit Krankheit entschuldigen und
mich statt seiner herausschicken werde
Das geschah wirklich Ich sah meine Mutter sowie die Fürstin den Abend
vorher mein Inneres war aber so ganz von meiner Rede erfüllt die den höchsten
Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte dass ihr Wiedersehen nur einen geringen
Eindruck auf mich machte Es war in der Stadt verbreitet dass ich statt des
erkrankten Leonardus predigen würde und dies hatte vielleicht noch einen
größeren Teil des gebildeten Publikums herbeigezogen Ohne das mindeste
aufzuschreiben nur in Gedanken die Rede in ihren Teilen ordnend rechnete ich
auf die hohe Begeisterung die das feierliche Hochamt das versammelte
andächtige Volk ja selbst die herrliche hochgewölbte Kirche in mir erwecken
würde und hatte mich in der Tat nicht geirrt Wie ein Feuerstrom flossen
meine Worte die mit der Erinnerung an den heiligen Bernhard die sinnreichsten
Bilder die frömmsten Betrachtungen enthielten dahin und in allen auf mich
gerichteten Blicken las ich Staunen und Bewunderung Wie war ich darauf
gespannt was die Fürstin wohl sagen werde wie erwartete ich den höchsten
Ausbruch ihres innigsten Wohlgefallens ja es war mir als müsse sie den der
sie schon als Kind in Erstaunen gesetzt jetzt die ihm inwohnende höhere Macht
deutlicher ahnend mit unwillkürlicher Ehrfurcht empfangen Als ich sie sprechen
wollte ließ sie mir sagen dass sie plötzlich von einer Kränklichkeit
überfallen niemanden auch mich nicht sprechen könne Dies war mir um so
verdrießlicher als nach meinem stolzen Wahn die Äbtissin in der höchsten
Begeisterung das Bedürfnis hätte fühlen sollen noch salbungsreiche Worte von
mir zu vernehmen Meine Mutter schien einen heimlichen Gram in sich zu tragen
nach dessen Ursache ich mich nicht unterstand zu forschen weil ein geheimes
Gefühl mir selbst die Schuld davon aufbürdete ohne dass ich mir dies hätte
deutlicher enträtseln können Sie gab mir ein kleines Billett von der Fürstin
das ich erst im Kloster öffnen sollte kaum war ich in meiner Zelle als ich zu
meinem Erstaunen folgendes las
»Du hast mich mein lieber Sohn denn noch will ich Dich so nennen durch die
Rede die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest in die tiefste Betrübnis
gesetzt Deine Worte kommen nicht aus dem andächtigen ganz dem Himmlischen
zugewandten Gemüte Deine Begeisterung war nicht diejenige welche den Frommen
auf Seraphsfittichen emporträgt dass er in heiliger Verzückung das himmlische
Reich zu schauen vermag Ach Der stolze Prunk Deiner Rede Deine sichtliche
Anstrengung nur recht viel Auffallendes Glänzendes zu sagen hat mir bewiesen
dass Du statt die Gemeinde zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu
entzünden nur nach dem Beifall nach der wertlosen Bewunderung der weltlich
gesinnten Menge trachtest Du hast Gefühle geheuchelt die nicht in Deinem
Innern waren ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen und
Bewegungen erkünstelt wie ein eitler Schauspieler alles nur des schnöden
Beifalls wegen Der Geist des Truges ist in Dich gefahren und wird Dich
verderben wenn Du nicht in Dich gehst und der Sünde entsagest Denn Sünde
große Sünde ist Dein Tun und Treiben um so mehr als Du Dich zum frömmsten
Wandel zur Entsagung aller irdischen Torheit im Kloster dem Himmel
verpflichtet Der heilige Bernardus den Du durch Deine trügerische Rede so
schnöde beleidigt möge Dir nach seiner himmlischen Langmut verzeihen ja Dich
erleuchten dass Du den rechten Pfad von dem Du durch den Bösen verlockt
abgewichen wieder findest und er fürbitten könne für das Heil Deiner Seele
Gehab Dich wohl«
Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin und ich erglühte vor
innerem Zorn denn nichts war mir gewisser als dass Leonardus dessen mannigfache
Andeutungen über meine Predigten ebendahin gewiesen hatten die Andächtelei der
Fürstin benutzt und sie gegen mich und mein Rednertalent aufgewiegelt habe Kaum
konnte ich ihn mehr anschauen ohne vor innerlicher Wut zu erheben ja es kamen
mir oft Gedanken ihn zu verderben in den Sinn vor denen ich selbst erschrak
Um so unerträglicher waren mir die Vorwürfe der Äbtissin und des Priors als ich
in der tiefsten Tiefe meiner Seele wohl die Wahrheit derselben fühlte aber
immer fester und fester beharrend in meinem Tun mich stärkend durch Tropfen
Weins aus der geheimnisvollen Flasche fuhr ich fort meine Predigten mit allen
Künsten der Rhetorik auszuschmücken und mein Mienenspiel meine Gestikulationen
sorgfältig zu studieren und so gewann ich des Beifalls der Bewunderung immer
mehr und mehr
Das Morgenlicht brach in farbichten Strahlen durch die bunten Fenster der
Klosterkirche einsam und in tiefe Gedanken versunken saß ich im Beichtstuhl
nur die Tritte des dienenden Laienbruders der die Kirche reinigte hallten
durch das Gewölbe Da rauschte es in meiner Nähe und ich erblickte ein großes
schlankes Frauenzimmer auf fremdartige Weise gekleidet einen Schleier über das
Gesicht gehängt die durch die Seitenpforte hereingetreten sich mir nahte um
zu beichten Sie bewegte sich mit unbeschreiblicher Anmut sie kniete nieder
ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Brust ich fühlte ihren glühenden Atem es war
als umstricke mich ein betäubender Zauber noch ehe sie sprach Wie vermag ich
den ganz eignen ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme zu beschreiben
Jedes ihrer Worte griff in meine Brust als sie bekannte wie sie eine verbotene
Liebe hege die sie schon seit langer Zeit vergebens bekämpfe und dass diese
Liebe um so sündlicher sei als den Geliebten heilige Bande auf ewig fesselten
aber im Wahnsinn hoffnungsloser Verzweiflung habe sie diesen Banden schon
geflucht Sie stockte mit einem Tränenstrom der die Worte beinahe
erstickte brach sie los »Du selbst du selbst Medardus bist es den ich so
unaussprechlich liebe« Wie im tötenden Krampf zuckten alle meine Nerven ich
war außer mir selbst ein nie gekanntes Gefühl zerriss meine Brust sie sehen
sie an mich drücken vergehen vor Wonne und Qual eine Minute dieser Seligkeit
für ewige Marter der Hölle Sie schwieg aber ich hörte sie tief atmen In
einer Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen was ich
gesprochen weiß ich nicht mehr aber ich nahm wahr dass sie schweigend aufstand
und sich entfernte während ich das Tuch fest vor die Augen drückte und wie
erstarrt bewusstlos im Beichtstuhle sitzen blieb
Zum Glück kam niemand mehr in die Kirche ich konnte daher unbemerkt in
meine Zelle entweichen Wie so ganz anders erschien mir jetzt alles wie
töricht wie schal mein ganzes Streben Ich hatte das Gesicht der Unbekannten
nicht gesehen und doch lebte sie in meinem Innern und blickte mich an mit
holdseligen dunkelblauen Augen in denen Tränen perlten die wie mit
verzehrender Glut in meine Seele fielen und die Flamme entzündeten die kein
Gebet keine Bussübung mehr dämpfte Denn diese unternahm ich mich züchtigend
bis aufs Blut mit dem Knotenstrick um der ewigen Verdammnis zu entgehen die
mir drohte da oft jenes Feuer das das fremde Weib in mich geworfen die
sündlichsten Begierden welche sonst mir unbekannt geblieben erregte so dass
ich mich nicht zu retten wusste vor wollüstiger Qual
Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr
herrliches Bild in dem Moment gemalt als sie den Märtyrertod erleidet Es war
meine Geliebte ich erkannte sie ja sogar ihre Kleidung war dem seltsamen Anzug
der Unbekannten völlig gleich Da lag ich stundenlang wie von verderblichem
Wahnsinn befangen niedergeworfen auf den Stufen des Altars und stieß heulende
entsetzliche Töne der Verzweiflung aus dass die Mönche sich entsetzten und scheu
von mir wichen In ruhigeren Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und
ab in duftiger Ferne sah ich sie wandeln sie trat aus den Gebüschen sie stieg
empor aus den Quellen sie schwebte auf blumichter Wiese überall nur sie nur
sie Da verwünschte ich mein Gelübde mein Dasein Hinaus in die Welt wollte
ich und nicht rasten bis ich sie gefunden sie erkaufen mit dem Heil meiner
Seele Es gelang mir endlich wenigstens mich in den Ausbrüchen meines den
Brüdern und dem Prior unerklärlichen Wahnsinns zu mäßigen ich konnte ruhiger
scheinen aber immer tiefer ins Innere hinein zehrte die verderbliche Flamme
Kein Schlaf Keine Ruhe Von ihrem Bilde verfolgt wälzte ich mich auf dem
harten Lager und rief die Heiligen an nicht mich zu retten von dem
verführerischen Gaukelbilde das mich umschwebte nicht meine Seele zu bewahren
vor ewiger Verdammnis nein mir das Weib zu geben meinen Schwur zu lösen
mir Freiheit zu schenken zum sündigen Abfall
Endlich stand es fest in meiner Seele meiner Qual durch die Flucht aus dem
Kloster ein Ende zu machen Denn nur die Befreiung von den Klostergelübden
schien mir nötig zu sein um das Weib in meinen Armen zu sehen und die Begierde
zu stillen die in mir brannte Ich beschloss unkenntlich geworden durch das
Abscheren meines Bartes und weltliche Kleidung so lange in der Stadt
umherzuschweifen bis ich sie gefunden und dachte nicht daran wie schwer ja
wie unmöglich dies vielleicht sein werde ja wie ich vielleicht von allem
Gelde entblößt nicht einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben
können
Der letzte Tag den ich noch im Kloster zubringen wollte war endlich
herangekommen durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige bürgerliche
Kleider erhalten in der nächsten Nacht wollte ich das Kloster verlassen um nie
wieder zurückzukehren Schon war es Abend geworden als der Prior mich ganz
unerwartet zu sich rufen ließ Ich erbebte denn nichts glaubte ich gewisser
als dass er von meinem heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe Leonardus empfing
mich mit ungewöhnlichem Ernst ja mit einer imponierenden Würde vor der ich
unwillkürlich erzittern musste »Bruder Medardus« fing er an »dein unsinniges
Betragen das ich nur für den stärkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation
halte die du seit längerer Zeit vielleicht nicht aus den reinsten Absichten
herbeigeführt hast zerreißt unser ruhiges Beisammensein ja es wirkt zerstörend
auf die Heiterkeit und Gemütlichkeit die ich als das Erzeugnis eines stillen
frommen Lebens bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte Vielleicht ist
aber auch irgend ein feindliches Ereignis das dich betroffen daran schuld Du
hättest bei mir deinem väterlichen Freunde dem du sicher alles vertrauen
konntest Trost gefunden doch du schwiegst und ich mag um so weniger in dich
dringen als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil meiner Ruhe bringen könnte
die ich im heitern Alter über alles schätze Du hast oftmals vorzüglich bei dem
Altar der heiligen Rosalia durch anstössige entsetzliche Reden die dir wie im
Wahnsinn zu entfahren schienen nicht nur den Brüdern sondern auch Fremden die
sich zufällig in der Kirche befanden ein heilloses Ärgernis gegeben ich könnte
dich daher nach der Klosterzucht hart strafen doch will ich dies nicht tun da
vielleicht irgend eine böse Macht der Widersacher selbst dem du nicht
genugsam widerstanden an deiner Verirrung schuld ist und gebe dir nur auf
rüstig zu sein in Busse und Gebet Ich schaue tief in deine Seele Du willst
ins Freie«
Durchdringend schaute Leonardus mich an ich konnte seinen Blick nicht
ertragen schluchzend stürzte ich nieder in den Staub mich bewusst des bösen
Vorhabens »Ich verstehe dich« fuhr Leonardus fort »und glaube selbst dass
besser als die Einsamkeit des Klosters die Welt wenn du sie in Frömmigkeit
durchziehst dich von deiner Verirrung heilen wird Eine Angelegenheit unseres
Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach Rom Ich habe dich dazu
gewählt und schon morgen kannst du mit den nötigen Vollmachten und
Instruktionen versehen deine Reise antreten Um so mehr eignest du dich zur
Ausführung dieses Auftrages als du noch jung rüstig gewandt in Geschäften und
der italienischen Sprache vollkommen mächtig bist Begib dich jetzt in deine
Zelle bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele ich will ein gleiches tun
doch unterlasse alle Kasteiungen die dich nur schwächen und zur Reise
untauglich machen würden Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich hier im
Zimmer«
Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwürdigen
Leonardus ich hatte ihn gehasst aber jetzt durchdrang mich wie ein wonnevoller
Schmerz die Liebe welche mich sonst an ihn gefesselt hatte Ich vergoss heiße
Tränen ich drückte seine Hände an die Lippen Er umarmte mich und es war mir
als wisse er nun meine geheimsten Gedanken und erteile mir die Freiheit dem
Verhängnis nachzugeben das über mich waltend nach minutenlanger Seligkeit
mich vielleicht in ewiges Verderben stürzen konnte
Nun war die Flucht unnötig geworden ich konnte das Kloster verlassen und
ihr ihr ohne die nun keine Ruhe kein Heil für mich hienieden zu finden
rastlos folgen bis ich sie gefunden Die Reise nach Rom die Aufträge dahin
schienen mir nur von Leonardus ersonnen um mich auf schickliche Weise aus dem
Kloster zu entlassen
Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise zu den Rest des
geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche um ihn als bewährtes
Wirkungsmittel zu gebrauchen und setzte die Flasche welche sonst das Elixier
enthielt wieder in die Kiste
Nicht wenig verwundert war ich als ich aus den weitläuftigen Instruktionen
des Priors wahrnahm dass es mit meiner Sendung nach Rom nun wohl seine
Richtigkeit hatte und dass die Angelegenheit welche dort die Gegenwart eines
bevollmächtigten Bruders verlangte gar viel bedeutete und in sich trug Es fiel
mir schwer aufs Herz dass ich gesonnen mit dem ersten Schritt aus dem Kloster
ohne alle Rücksicht mich meiner Freiheit zu überlassen doch der Gedanke an sie
ermutigte mich und ich beschloss meinem Plane treu zu bleiben
Die Brüder versammelten sich und der Abschied von ihnen vorzüglich von dem
Vater Leonardus erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut Endlich schloss sich
die Klosterpforte hinter mir und ich war gerüstet zur weiten Reise im Freien
Zweiter Abschnitt
Der Eintritt in die Welt
In blauen Duft gehüllt lag das Kloster unter mir im Tale der frische
Morgenwind rührte sich und trug die Lüfte durchstreichend die frommen Gesänge
der Brüder zu mir herauf Unwillkürlich stimmte ich ein Die Sonne trat in
flammender Glut hinter der Stadt hervor ihr funkelndes Gold erglänzte in den
Bäumen und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie glühende Diamanten
herab auf tausend bunte Insektlein die sich schwirrend und sumsend erhoben Die
Vögel erwachten und flatterten singend und jubilierend und sich in froher Lust
liebkosend durch den Wald Ein Zug von Bauerburschen und festlich
geschmückter Dirnen kam den Berg herauf »Gelobt sei Jesus Christus« riefen
sie bei mir vorüberwandelnd »In Ewigkeit« antwortete ich und es war mir als
trete ein neues Leben voll Lust und Freiheit mit tausend holdseligen
Erscheinungen auf mich ein Nie war mir so zumute gewesen ich schien mir
selbst ein andrer und wie von neuerweckter Kraft beseelt und begeistert
schritt ich rasch fort durch den Wald den Berg herab Den Bauer der mir jetzt
in den Weg kam frug ich nach dem Orte den meine Reiseroute als den ersten
bezeichnete wo ich übernachten sollte und er beschrieb mir genau einen nähern
von der Heerstraße abweichenden Richtsteig mitten durchs Gebirge Schon war ich
eine ziemliche Strecke einsam fortgewandelt als mir erst der Gedanke an die
Unbekannte und an den phantastischen Plan sie aufzusuchen wiederkam Aber ihr
Bild war wie von fremder unbekannter Macht verwischt so dass ich nur mit Mühe
die bleichen entstellten Züge wiedererkennen konnte je mehr ich trachtete die
Erscheinung im Geiste festzuhalten desto mehr zerrann sie im Nebel Nur mein
ausgelassenes Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen Begebenheit stand
mir noch klar vor Augen Es war mir jetzt selbst unbegreiflich mit welcher
Langmut der Prior das alles ertragen und mich statt der wohlverdienten Strafe in
die Welt geschickt hatte Bald war ich überzeugt dass jene Erscheinung des
unbekannten Weibes nur eine Vision gewesen die Folge gar zu großer Anstrengung
und statt wie ich sonst getan haben würde das verführerische verderbliche
Trugbild der steten Verfolgung des Widersachers zuzuschreiben rechnete ich es
nur der Täuschung der eignen aufgeregten Sinne zu da der Umstand dass die
Fremde ganz wie die heilige Rosalia gekleidet gewesen mir zu beweisen schien
dass das lebhafte Bild jener Heiligen welches ich wirklich wiewohl in
beträchtlicher Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen konnte
großen Anteil daran gehabt habe Tief bewunderte ich die Weisheit des Priors
der das richtige Mittel zu meiner Heilung wählte denn in den Klostermauern
eingeschlossen immer von denselben Gegenständen umgeben immer brütend und
hineinzehrend in das Innere hätte mich jene Vision der die Einsamkeit
glühendere keckere Farben lieh zum Wahnsinn gebracht Immer vertrauter werdend
mit der Idee nur geträumt zu haben konnte ich mich kaum des Lachens über mich
selbst erwehren ja mit einer Frivolität die mir sonst nicht eigen scherzte
ich im Innern über den Gedanken eine Heilige in mich verliebt zu wähnen wobei
ich zugleich daran dachte dass ich ja selbst schon einmal der heilige Antonius
gewesen
Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt zwischen kühn
emporgetürmten schauerlichen Felsenmassen über schmale Stege unter denen
reissende Waldbäche brausten immer öder immer beschwerlicher wurde der Weg Es
war hoher Mittag die Sonne brannte auf mein unbedecktes Haupt ich lechzte vor
Durst aber keine Quelle war in der Nähe und noch immer konnte ich nicht das
Dorf erreichen auf das ich stoßen sollte Ganz entkräftet setzte ich mich auf
ein Felsstück und konnte nicht widerstehen einen Zug aus der Korbflasche zu
tun unerachtet ich das seltsame Getränk so viel nur möglich aufsparen wollte
Neue Kraft durchglühte meine Adern und erfrischt und gestärkt schritt ich
weiter um mein Ziel das nicht mehr fern sein konnte zu erreichen Immer
dichter und dichter wurde der Tannenwald im tiefsten Dickicht rauschte es und
bald darauf wieherte laut ein Pferd das dort angebunden Ich trat einige
Schritte weiter und erstarrte beinahe vor Schreck als ich dicht an einem jähen
entsetzlichen Abgrund stand in den sich zwischen schroffen spitzen Felsen ein
Waldbach zischend und brausend hinabstürzte dessen donnerndes Getöse ich schon
in der Ferne vernommen Dicht dicht an dem Sturz saß auf einem über die Tiefe
hervorragenden Felsenstück ein junger Mann in Uniform der Hut mit dem hohen
Federbusch der Degen ein Portefeuille lagen neben ihm Mit dem ganzen Körper
über den Abgrund hängend schien er eingeschlafen und immer mehr und mehr
herüber zu sinken Sein Sturz war unvermeidlich Ich wagte mich heran indem
ich ihn mit der Hand ergreifen und zurückhalten wollte schrie ich laut »Um
Jesus willen Herr erwacht Um Jesus willen« Sowie ich ihn berührte
fuhr er aus tiefem Schlafe aber in demselben Augenblick stürzte er das
Gleichgewicht verlierend hinab in den Abgrund dass von Felsenspitze zu
Felsenspitze geworfen die zerschmetterten Glieder zusammenkrachten sein
schneidendes Jammergeschrei verhallte in der unermesslichen Tiefe aus der nur
ein dumpfes Gewimmer herauftönte das endlich auch erstarb Leblos vor Schreck
und Entsetzen stand ich da endlich ergriff ich den Hut den Degen das
Portefeuille und wollte mich schnell von dem Unglücksorte entfernen da trat mir
ein junger Mensch aus dem Tannenwalde entgegen wie ein Jäger gekleidet schaute
mir erst starr ins Gesicht und fing dann an ganz übermäßig zu lachen so dass
ein eiskalter Schauer mich durchbebte
»Nun gnädiger Herr Graf« sprach endlich der junge Mensch »die Maskerade
ist in der Tat vollständig und herrlich und wäre die gnädige Frau nicht schon
vorher davon unterrichtet wahrhaftig sie würde den Herzensgeliebten nicht
wiedererkennen Wo haben Sie aber die Uniform hingetan gnädiger Herr« »Die
schleuderte ich hinab in den Abgrund« antwortete es aus mir hohl und dumpf
denn ich war es nicht der diese Worte sprach unwillkürlich entflohen sie
meinen Lippen In mich gekehrt immer in den Abgrund starrend ob der blutige
Leichnam des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde stand ich da Es war
mir als habe ich ihn ermordet noch immer hielt ich den Degen Hut und
Portefeuille krampfhaft fest Da fuhr der junge Mensch fort »Nun gnädiger
Herr reite ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen wo ich mich in dem Hause
dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will Sie werden wohl gleich
herab nach dem Schloss wandeln man wird Sie wohl schon erwarten Hut und Degen
nehme ich mit mir« Ich reichte ihm beides hin »Nun leben Sie wohl Herr
Graf recht viel Glück im Schloss« rief der junge Mensch und verschwand
singend und pfeifend in dem Dickicht Ich hörte dass er das Pferd was dort
angebunden losmachte und mit sich fortführte Als ich mich von meiner Betäubung
erholt und die ganze Begebenheit überdachte musste ich mir wohl eingestehen dass
ich bloß dem Spiel des Zufalls der mich mit einem Ruck in das sonderbarste
Verhältnis geworfen nachgegeben Es war mir klar dass eine große Ähnlichkeit
meiner Gesichtszüge und meiner Gestalt mit der des unglücklichen Grafen den
Jäger getäuscht und der Graf gerade die Verkleidung als Kapuziner gewählt haben
müsse um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schloss zu bestehen Der Tod hatte
ihn ereilt und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben Augenblick an seine
Stelle geschoben Der innere unwiderstehliche Drang in mir wie es jenes
Verhängnis zu wollen schien die Rolle des Grafen fortzuspielen überwog jeden
Zweifel und übertäubte die innere Stimme welche mich des Mordes und des frechen
Frevels bezieh Ich eröffnete das Portefeuille welches ich behalten Briefe
beträchtliche Wechsel fielen mir in die Hand Ich wollte die Papiere einzeln
durchgehen ich wollte die Briefe lesen um mich von den Verhältnissen des
Grafen zu unterrichten aber die innere Unruhe der Flug von tausend und tausend
Ideen die durch meinen Kopf brausten ließ es nicht zu Ich stand nach einigen
Schritten wieder still ich setzte mich auf ein Felsstück ich wollte eine
ruhigere Stimmung erzwingen ich sah die Gefahr so ganz unvorbereitet mich in
den Kreis mir fremder Erscheinungen zu wagen da tönten lustige Hörner durch den
Wald und mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer näher und näher Das Herz
pochte mir in gewaltigen Schlägen mein Atem stockte nun sollte sich mir eine
neue Welt ein neues Leben erschließen Ich bog in einen schmalen Fußsteig
ein der mich einen jähen Abhang hinabführte als ich aus dem Gebüsch trat lag
ein großes schön gebautes Schloss vor mir im Talgrunde Das war der Ort des
Abenteuers welches der Graf zu bestehen im Sinne gehabt und ich ging ihm mutig
entgegen Bald befand ich mich in den Gängen des Parkes welcher das Schloss
umgab in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei Männer wandeln von denen der
eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war Sie kamen mir näher aber ohne mich
gewahr zu werden gingen sie in tiefem Gespräch bei mir vorüber Der
Weltgeistliche war ein Jüngling auf dessen schönem Gesichte die Totenblässe
eines tief nagenden Kummers lag der andere schlicht aber anständig gekleidet
schien ein schon bejahrter Mann Sie setzten sich mir den Rücken zuwendend auf
eine steinerne Bank ich konnte jedes Wort verstehen was sie sprachen
»Hermogen« sagte der Alte »Sie bringen durch ihr starrsinniges Schweigen Ihre
Familie zur Verzweiflung Ihre düstere Schwermut steigt mit jedem Tage Ihre
jugendliche Kraft ist gebrochen die Blüte verwelkt Ihr Entschluss den
geistlichen Stand zu wählen zerstört alle Hoffnungen alle Wünsche Ihres
Vaters Aber willig würde er diese Hoffnung aufgeben wenn ein wahrer innerer
Beruf ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschluss in
Ihnen erzeugt hätte er würde dann nicht dem zu widerstreben wagen was das
Schicksal einmal über ihn verhängt Die plötzliche Änderung Ihres ganzen Wesens
hat indessen nur zu deutlich gezeigt dass irgend ein Ereignis das Sie uns
hartnäckig verschweigen Ihr Inneres auf furchtbare Weise erschüttert hat und
nun zerstörend fortarbeitet Sie waren sonst ein froher unbefangener
lebenslustiger Jüngling Was konnte Sie denn dem Menschlichen so entfremden
dass Sie daran verzweifeln in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke
Seele zu finden sein Sie schweigen Sie starren vor sich hin Sie seufzen
Hermogen Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit ist es Ihnen
aber jetzt unmöglich geworden ihm Ihr Herz zu erschließen so quälen Sie ihn
wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks der auf den für ihn
entsetzlichen Entschluss hindeutet Ich beschwöre Sie Hermogen werfen Sie diese
verhasste Kleidung ab Glauben Sie mir es liegt eine geheimnisvolle Kraft in
diesen äußerlichen Dingen es kann Ihnen nicht missfallen denn ich glaube von
Ihnen ganz verstanden zu werden wenn ich in diesem Augenblick freilich auf
fremdartig scheinende Weise der Schauspieler gedenke die oft wenn sie sich in
das Kostüm geworfen wie von einem fremden Geist sich angeregt fühlen und
leichter in den darzustellenden Charakter eingehen Lassen Sie mich meiner
Natur gemäß heiterer von der Sache sprechen als sich sonst wohl ziemen würde
Meinen Sie denn nicht dass, wenn dieses lange Kleid nicht mehr Ihren Gang zur
düstern Gravität einhemmen würde Sie wieder rasch und froh dahin schreiten ja
laufen springen würden wie sonst Der blinkende Schein der Epauletts die sonst
auf Ihren Schultern prangten würde wieder jugendliche Glut auf diese blassen
Wangen werfen und die klirrenden Sporen würden wie liebliche Musik dem munteren
Rosse ertönen das Ihnen entgegenwieherte vor Lust tanzend und den Nacken
beugend dem geliebten Herrn Auf Baron Herunter mit dem schwarzen Gewande
das Ihnen nicht ansteht Soll Friedrich Ihre Uniform hervorsuchen«
Der Alte stand auf und wollte fortgehen der Jüngling fiel ihm in die Arme
»Ach Sie quälen mich guter Reinhold« rief er mit matter Stimme »Sie quälen
mich unaussprechlich Ach je mehr Sie sich bemühen die Saiten in meinem
Innern anzuschlagen die sonst harmonisch erklangen desto mehr fühle ich wie
des Schicksals eherne Faust mich ergriffen mich erdrückt hat so dass wie in
einer zerbrochenen Laute nur Misstöne in mir wohnen« »So scheint es Ihnen
lieber Baron« fiel der Alte ein »Sie sprechen von einem ungeheueren Schicksal
das Sie ergriffen worin das bestanden verschweigen Sie dem sei aber wie ihm
wolle ein Jüngling so wie Sie mit innerer Kraft mit jugendlichem Feuermute
ausgerüstet muss vermögen sich gegen des Schicksals eherne Faust zu wappnen ja
er muss wie durchstrahlt von einer göttlichen Natur sich über sein Geschick
erheben und so dies höhere Sein in sich selbst erweckend und entzündend sich
emporschwingen über die Qual dieses armseligen Lebens Ich wüsste nicht Baron
welch ein Geschick denn imstande sein sollte dies kräftige innere Wollen zu
zerstören« Hermogen trat einen Schritt zurück und den Alten mit einem
düsteren wie im verhaltenen Zorn glühenden Blicke der etwas Entsetzliches
hatte anstarrend rief er mit dumpfer hohler Stimme »So wisse denn dass ich
selbst das Schicksal bin das mich vernichtet dass ein ungeheures Verbrechen auf
mir lastet ein schändlicher Frevel den ich abbüsse in Elend und Verzweiflung
Darum sei barmherzig und flehe den Vater an dass er mich fortlasse in die
Mauern« »Baron« fiel der Alte ein »Sie sind in einer Stimmung die nur dem
gänzlich zerrütteten Gemüte eigen Sie sollen nicht fort Sie dürfen durchaus
nicht fort In diesen Tagen kommt die Baronesse mit Aurelien die müssen Sie
sehen« Da lachte der Jüngling wie in furchtbarem Hohn und rief mit einer
Stimme die durch mein Inneres dröhnte »Muss ich Muss ich bleiben Ja
wahrhaftig Alter du hast recht ich muss bleiben und meine Busse wird hier
schrecklicher sein als in den dumpfen Mauern« Damit sprang er fort durch das
Gebüsch und ließ den Alten stehen der das gesenkte Haupt in die Hand gestützt
sich ganz dem Schmerz zu überlassen schien »Gelobt sei Jesus Christus« sprach
ich zu ihm hinantretend Er fuhr auf er sah mich ganz verwundert an doch
schien er sich bald auf meine Erscheinung wie auf etwas ihm schon Bekanntes zu
besinnen indem er sprach »Ach gewiss sind Sie es ehrwürdiger Herr dessen
Ankunft uns die Frau Baronesse zum Trost der in Trauer versunkenen Familie schon
vor einiger Zeit ankündigte« Ich bejahte das Reinhold ging bald ganz in die
Heiterkeit über die ihm eigentümlich zu sein schien wir durchwanderten den
schönen Park und kamen endlich in ein dem Schloss ganz nahgelegenes Boskett
vor dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge öffnete Auf seinen Ruf eilte
der Bediente der eben aus dem Portal des Schlosses trat herbei und bald wurde
uns ein gar stattliches Frühstück aufgetragen Während dass wir die gefüllten
Gläser anstiessen schien es mir als betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer
ja als suche er mit Mühe eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen Endlich
brach er los »Mein Gott ehrwürdiger Herr Alles müsste mich trügen wenn Sie
nicht der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in r wären aber wie sollte
das möglich sein und doch Sie sind es Sie sind es gewiss sprechen Sie
doch nur« Als hätte ein Blitz aus heiterer Luft mich getroffen bebte es bei
Reinholds Worten mir durch alle Glieder Ich sah mich entlarvt entdeckt des
Mordes beschuldigt die Verzweiflung gab mir Stärke es ging nun auf Tod und
Leben »Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in r
und mit Auftrag und Vollmacht des Klosters auf einer Reise nach Rom begriffen«
Dies sprach ich mit all der Ruhe und Gelassenheit die ich nur zu erkünsteln
vermochte »So ist es denn vielleicht nur Zufall« sagte Reinhold »dass Sie auf
der Reise vielleicht von der Heerstraße verirrt hier eintrafen oder wie kam
es dass die Frau Baronesse mit Ihnen bekannt wurde und Sie herschickte« Ohne
mich zu besinnen blindlings das nachsprechend was mir eine fremde Stimme im
Innern zuzuflüstern schien sagte ich »Auf der Reise machte ich die
Bekanntschaft des Beichtvaters der Baronesse und dieser empfahl mich den
Auftrag hier im Hause zu vollbringen« »Es ist wahr« fiel Reinhold ein »so
schrieb es ja die Frau Baronesse Nun dem Himmel sei es gedankt der Sie zum
Heil des Hauses diesen Weg führte und dass Sie als ein frommer wackerer Mann es
sich gefallen lassen mit Ihrer Reise zu zögern um hier Gutes zu stiften Ich
war zufällig vor einigen Jahren in r und hörte Ihre salbungsvollen Reden die
Sie in wahrhaft himmlischer Begeisterung von der Kanzel herab hielten Ihrer
Frömmigkeit Ihrem wahren Beruf das Heil verlorner Seelen zu erkämpfen mit
glühendem Eifer Ihrer herrlichen aus innerer Begeisterung hervorströmenden
Rednergabe traue ich zu dass Sie das vollbringen werden was wir alle nicht
vermochten Es ist mir lieb dass ich Sie traf ehe Sie den Baron gesprochen ich
will dies dazu benutzen Sie mit den Verhältnissen der Familie bekannt zu machen
und so aufrichtig zu sein als es Ihnen ehrwürdiger Herr als einem heiligen
Manne den uns der Himmel selbst zum Trost zu schicken scheint wohl schuldig
bin Sie müssen auch ohnedem um Ihren Bemühungen die richtige Tendenz und
gehörige Wirkung zu geben über manches wenigstens Andeutungen erhalten worüber
ich gern schweigen möchte Alles ist übrigens mit nicht gar zu viel Worten
abgetan Mit dem Baron bin ich aufgewachsen die gleiche Stimmung unsrer
Seelen machte uns zu Brüdern und vernichtete die Scheidewand die sonst unsere
Geburt zwischen uns gezogen hätte Ich trennte mich nie von ihm und wurde in
demselben Augenblick als wir unsere akademischen Studien vollendet und er die
Güter seines verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm Intendant
dieser Güter Ich blieb sein innigster Freund und Bruder und als solcher
eingeweiht in die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses Sein Vater hatte
seine Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine Heirat gewünscht
und um so freudiger erfüllte er diesen Willen als er in der ihm bestimmten
Braut ein herrliches von der Natur reich ausgestattetes Wesen fand zu dem er
sich unwiderstehlich hingezogen fühlte Selten kam wohl der Wille der Väter so
vollkommen mit dem Geschick überein das die Kinder in allen nur möglichen
Beziehungen füreinander bestimmt zu haben schien Hermogen und Aurelie waren die
Frucht der glücklichen Ehe Mehrenteils brachten wir den Winter in der
benachbarten Hauptstadt zu als aber bald nach Aureliens Geburt die Baronesse zu
kränkeln anfing blieben wir auch den Sommer über in der Stadt da sie
unausgesetzt des Beistandes geschickter Ärzte bedurfte Sie starb als eben im
herannahenden Frühling ihre scheinbare Besserung den Baron mit den frohsten
Hoffnungen erfüllte Wir flohen auf das Land und nur die Zeit vermochte den
tiefen zerstörenden Gram zu mildern der den Baron ergriffen hatte Hermogen
wuchs zum herrlichen Jüngling heran Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer
Mutter die sorgfältige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und unsere
Freude Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militär und dies zwang den
Baron ihn nach der Hauptstadt zu schicken um dort unter den Augen seines alten
Freundes des Gouverneurs die Laufbahn zu beginnen Erst vor drei Jahren
brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder wie vor alter Zeit zum
erstenmal den ganzen Winter in der Residenz zu teils seinen Sohn wenigstens
einige Zeit hindurch in der Nähe zu haben teils seine Freunde die ihn
unaufhörlich dazu aufgefordert wiederzusehen Allgemeines Aufsehen in der
Hauptstadt erregte damals die Erscheinung der Nichte des Gouverneurs welche aus
der Residenz dahin gekommen Sie war elternlos und hatte sich unter den Schutz
des Oheims begeben wiewohl sie einen besonderen Flügel des Palastes bewohnend
ein eigenes Haus machte und die schöne Welt um sich zu versammeln pflegte Ohne
Euphemien näher zu beschreiben welches um so unnötiger da Sie ehrwürdiger
Herr sie bald selbst sehen werden begnüge ich mich zu sagen dass alles was
sie tat was sie sprach von einer unbeschreiblichen Anmut belebt und so der
Reiz ihrer ausgezeichneten körperlichen Schönheit bis zum Unwiderstehlichen
erhöht wurde Überall wo sie erschien ging ein neues herrliches Leben auf
und man huldigte ihr mit dem glühendsten Enthusiasmus den Unbedeutendsten
Leblosesten wusste sie selbst in sein eigenes Inneres hinein zu entzünden dass er
wie inspiriert sich über die eigne Dürftigkeit erhob und entzückt in den
Genüssen eines höheren Lebens schwelgte die ihm unbekannt gewesen Es fehlte
natürlicherweise nicht an Anbetern die täglich zu der Gottheit mit Inbrunst
flehten man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen dass sie diesen oder
jenen besonders auszeichne vielmehr wusste sie mit schalkhafter Ironie die
ohne zu beleidigen nur wie starkes brennendes Gewürz anregte und reizte alle
mit einem unauflöslichen Bande zu umschlingen dass sie sich festgezaubert in
dem magischen Kreise froh und lustig bewegten Auf den Baron hatte diese Circe
einen wunderbaren Eindruck gemacht Sie bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen
eine Aufmerksamkeit die von kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien in
jedem Gespräch mit ihm zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes Gefühl
wie er es kaum noch bei Weibern gefunden Mit unbeschreiblicher Zartheit suchte
und fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit so vieler Wärme an
dass sie sogar es nicht verschmähte für die kleinsten Bedürfnisse ihres Anzuges
und sonst wie eine Mutter zu sorgen Sie wusste dem blöden unerfahrnen Mädchen in
glänzender Gesellschaft auf eine so feine Art beizustehen dass dieser Beistand
statt bemerkt zu werden nur dazu diente Aureliens natürlichen Verstand und
tiefes richtiges Gefühl so herauszuheben dass man sie bald mit der höchsten
Achtung auszeichnete Der Baron ergoss sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens
Lob und hier traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben dass wir so
ganz verschiedener Meinung waren Gewöhnlich machte ich in jeder Gesellschaft
mehr den stillen aufmerksamen Beobachter als dass ich hätte unmittelbar eingehen
sollen in lebendige Mitteilung und Unterhaltung So hatte ich auch Euphemien
die nur dann und wann nach ihrer Gewohnheit niemanden zu übersehen ein paar
freundliche Worte mit mir gewechselt als eine höchst interessante Erscheinung
recht genau beobachtet Ich musste eingestehen dass sie das schönste herrlichste
Weib von allen war dass aus allem was sie sprach Verstand und Gefühl
hervorleuchtete und doch wurde ich auf ganz unerklärliche Weise von ihr
zurückgestoßen ja ich konnte ein gewisses unheimliches Gefühl nicht
unterdrücken das sich augenblicklich meiner bemächtigte sobald ihr Blick mich
traf oder sie mit mir zu sprechen anfing In ihren Augen brannte oft eine ganz
eigne Glut aus der wenn sie sich unbemerkt glaubte funkelnde Blitze schossen
und es schien ein inneres verderbliches Feuer das nur mühsam überbaut
gewaltsam hervorzustrahlen Nächstdem schwebte oft um ihren sonst weich
geformten Mund eine gehässige Ironie die mich da es oft der grellste Ausdruck
des hämischen Hohns war im Innersten erbeben machte Dass sie oft den Hermogen
der sich wenig oder gar nicht um sie bemühte in dieser Art anblickte machte es
mir gewiss dass manches hinter der schönen Maske verborgen was wohl niemand
ahne Ich konnte dem ungemessenen Lob des Barons freilich nichts entgegensetzen
als meine physiognomischen Bemerkungen die er nicht im mindesten gelten ließ
vielmehr in meinem innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine höchst
merkwürdige Idiosynkrasie fand Er vertraute mir dass Euphemie wahrscheinlich in
die Familie treten werde da er alles anwenden wolle sie künftig mit Hermogen
zu verbinden Dieser trat als wir soeben recht ernstlich über die Angelegenheit
sprachen und ich alle nur mögliche Gründe hervorsuchte meine Meinung über
Euphemien zu rechtfertigen ins Zimmer und der Baron gewohnt in allem schnell
und offen zu handeln machte ihn augenblicklich mit seinen Plänen und Wünschen
rücksichts Euphemiens bekannt Hermogen hörte alles ruhig an was der Baron
darüber und zum Lobe Euphemiens mit dem größten Enthusiasmus sprach Als die
Lobrede geendet antwortete er wie er sich auch nicht im mindesten von
Euphemien angezogen fühle sie niemals lieben könne und daher recht herzlich
bitte den Plan jeder näheren Verbindung mit ihr aufzugeben Der Baron war nicht
wenig bestürzt seinen Lieblingsplan so beim ersten Schritt zertrümmert zu
sehen indessen war er um so weniger bemüht noch mehr in Hermogen zu dringen
als er nicht einmal Euphemiens Gesinnungen hierüber wusste Mit der ihm eignen
Heiterkeit und Gemütlichkeit scherzte er bald über sein unglückliches Bemühen
und meinte dass Hermogen mit mir vielleicht die Idiosynkrasie teile obgleich er
nicht begreife wie in einem schönen interessanten Weibe solch ein
zurückschreckendes Prinzip wohnen könne Sein Verhältnis mit Euphemien blieb
natürlicherweise dasselbe er hatte sich so an sie gewöhnt dass er keinen Tag
zubringen konnte ohne sie zu sehen So kam es denn dass er einmal in ganz
heiterer gemütlicher Laune ihr scherzend sagte wie es nur einen einzigen
Menschen in ihrem Zirkel gebe der nicht in sie verliebt sei nämlich Hermogen
Er habe die Verbindung mit ihr die er der Baron doch so herzlich gewünscht
hartnäckig ausgeschlagen
Euphemie meinte dass es auch wohl noch darauf angekommen sein würde was sie
zu der Verbindung gesagt und dass ihr zwar jedes nähere Verhältnis mit dem Baron
wünschenswert sei aber nicht durch Hermogen der ihr viel zu ernst und launisch
wäre Von der Zeit als dieses Gespräch das mir der Baron gleich wieder
erzählte stattgefunden verdoppelte Euphemie ihre Aufmerksamkeit für den Baron
und Aurelien ja in manchen leisen Andeutungen führte sie den Baron darauf dass
eine Verbindung mit ihm selbst dem Ideal das sie sich nun einmal von einer
glücklichen Ehe mache ganz entspreche Alles was man rücksichts des
Unterschieds der Jahre oder sonst entgegensetzen konnte wusste sie auf die
eindringendste Weise zu widerlegen und mit dem allen ging sie so leise so
fein so geschickt Schritt vor Schritt vorwärts dass der Baron glauben musste
alle die Ideen alle die Wünsche die Euphemie gleichsam nur in sein Inneres
hauchte wären eben in seinem Innern emporgekeimt Kräftiger lebensvoller
Natur wie er war fühlte er sich bald von der glühenden Leidenschaft des
Jünglings ergriffen Ich konnte den wilden Flug nicht mehr aufhalten es war zu
spät Nicht lange dauerte es so war Euphemie zum Erstaunen der Hauptstadt des
Barons Gattin Es war mir als sei nun das bedrohliche grauenhafte Wesen das
mich in der Ferne geängstigt recht in mein Leben getreten und als müsse ich
wachen und auf sorglicher Hut sein für meinen Freund und für mich selbst
Hermogen nahm die Verheiratung seines Vaters mit kalter Gleichgültigkeit
auf Aurelie das liebe ahnungsvolle Kind zerfloss in Tränen
Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge sie kam her und
ich muss gestehen dass ihr Betragen in hoher Liebenswürdigkeit sich so ganz
gleich blieb dass sie mir unwillkürliche Bewunderung abnötigte So verflossen
zwei Jahre in ruhigem ungestörten Lebensgenuss Die beiden Winter brachten wir
in der Hauptstadt zu aber auch hier bewies die Baronesse dem Gemahl so viel
unbegrenzte Ehrfurcht so viel Aufmerksamkeit für seine leisesten Wünsche dass
der giftige Neid verstummen musste und keiner der jungen Herren die sich schon
freien Spielraum für ihre Galanterie bei der Baronesse geträumt hatten sich
auch die kleinste Glosse erlaubte Im letzten Winter mochte ich auch wieder der
einzige sein der ergriffen von der alten kaum verwundenen Idiosynkrasie
wieder arges Misstrauen zu hegen anfing
Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin ein junger schöner
Mann Major bei der Ehrengarde und nur abwechselnd in der Hauptstadt einer der
eifrigsten Verehrer Euphemiens und der einzige den sie oft wie unwillkürlich
hingerissen von dem Eindruck des Moments vor den andern auszeichnete Man
sprach einmal sogar davon dass wohl ein näheres Verhältnis zwischen ihm und
Euphemien stattfinden möge als man es nach dem äußern Anschein vermuten solle
aber das Gerücht verscholl ebenso dumpf als es entstanden Graf Viktorin war
eben den Winter wieder in der Hauptstadt und natürlicherweise in Euphemiens
Zirkeln er schien sich aber nicht im mindesten um sie zu bemühen sondern
vielmehr sie absichtlich zu vermeiden Demunerachtet war es mir oft als
begegneten sich wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten ihre Blicke in
denen inbrünstige Sehnsucht lüsternes glühendes Verlangen wie verzehrendes
Feuer brannte Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glänzende Gesellschaft
versammelt ich stand in ein Fenster gedrückt so dass mich die herabwallende
Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte nur zwei bis drei Schritte vor
mir stand Graf Viktorin Da streifte Euphemie reizender gekleidet als je und in
voller Schönheit strahlend an ihm vorüber er fasste so dass es niemand als
gerade ich bemerken konnte mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm sie
erbebte sichtlich ihr ganz unbeschreiblicher Blick es war die glutvollste
Liebe die nach Genuss dürstende Wollust selbst fiel auf ihn Sie lispelten
einige Worte die ich nicht verstand Euphemie mochte mich erblicken sie wandte
sich schnell um aber ich vernahm deutlich die Worte Wir werden bemerkt
Ich erstarrte vor Erstaunen Schrecken und Schmerz Ach wie soll ich
Ihnen ehrwürdiger Herr denn mein Gefühl beschreiben Denken Sie an meine
Liebe an meine treue Anhänglichkeit mit der ich dem Baron ergeben war an
meine böse Ahnungen die nun erfüllt wurden denn die wenigen Worte hatten es
mir ja ganz erschlossen dass ein geheimes Verhältnis zwischen der Baronesse und
dem Grafen stattfand Ich musste wohl vorderhand schweigen aber die Baronesse
wollte ich bewachen mit Argusaugen und dann bei erlangter Gewissheit ihres
Verbrechens die schändlichen Bande lösen mit denen sie meinen unglücklichen
Freund umstrickt hatte Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen
umsonst ganz umsonst waren meine Bemühungen und es wäre lächerlich gewesen
dem Baron das mitzuteilen was ich gesehen und gehört da die Schlaue Auswege
genug gefunden haben würde mich als einen abgeschmackten törichten
Geisterseher darzustellen
Der Schnee lag noch auf den Bergen als wir im vergangenen Frühling hier
einzogen demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die Berge hinein im
nächsten Dorfe begegne ich einem Bauer der in Gang und Stellung etwas
Fremdartiges hat als er den Kopf umwendet erkenne ich den Grafen Viktorin
aber in demselben Augenblick verschwindet er hinter den Häusern und ist nicht
mehr zu finden Was konnte ihn anders zu der Verkleidung vermocht haben als
das Verständnis mit der Baronesse Eben jetzt weiß ich gewiss dass er sich
wieder hier befindet ich habe seinen Jäger vorüberreiten gesehen unerachtet es
mir unbegreiflich ist dass er die Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht haben
sollte Vor drei Monaten begab es sich dass der Gouverneur heftig erkrankte
und Euphemien zu sehen wünschte sie reiste mit Aurelien augenblicklich dahin
und nur eine Unpässlichkeit hielt den Baron ab sie zu begleiten Nun brach aber
das Unglück und die Trauer ein in unser Haus denn bald schrieb Euphemie dem
Baron wie Hermogen plötzlich von einer oft in wahnsinnige Wut ausbrechenden
Melancholie befallen wie er einsam umherirre sich und sein Geschick verwünsche
und wie alle Bemühungen der Freunde und der Ärzte bis jetzt umsonst gewesen Sie
können denken ehrwürdiger Herr welch einen Eindruck diese Nachricht auf den
Baron machte Der Anblick seines Sohnes würde ihn zu sehr erschüttert haben ich
reiste daher allein nach der Stadt Hermogen war durch starke Mittel die man
angewandt wenigstens von den wilden Ausbrüchen des wütenden Wahnsinns befreit
aber eine stille Melancholie war eingetreten die den Ärzten unheilbar schien
Als er mich sah war er tief bewegt er sagte mir wie ihn ein unglückliches
Verhängnis treibe dem Stande in welchem er sich jetzt befinde auf immer zu
entsagen und nur als Klostergeistlicher könne er seine Seele erretten von
ewiger Verdammnis Ich fand ihn schon in der Tracht wie Sie ehrwürdiger Herr
ihn vorhin gesehen und es gelang mir seines Widerstrebens unerachtet endlich
ihn hieher zu bringen Er ist ruhig aber lässt nicht ab von der einmal gefassten
Idee und alle Bemühungen das Ereignis zu erforschen das ihn in diesen Zustand
versetzt bleiben fruchtlos unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses
vielleicht am ersten auf wirksame Mittel führen könnte ihn zu heilen
Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse wie sie auf Anraten ihres
Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde dessen Umgang und
tröstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf Hermogen wirken
könne da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz religiöse Tendenz genommen
Es freut mich recht innig dass die Wahl Sie ehrwürdiger Herr den ein
glücklicher Zufall in die Hauptstadt führte traf Sie können einer gebeugten
Familie die verlorne Ruhe wiedergeben wenn Sie Ihre Bemühungen die der Herr
segnen möge auf einen doppelten Zweck richten Erforschen Sie Hermogens
entsetzliches Geheimnis seine Brust wird erleichtert sein wenn er sich sei es
auch in heiliger Beichte entdeckt hat und die Kirche wird ihn dem frohen Leben
in der Welt der er angehört wiedergeben statt ihn in den Mauern zu begraben
Aber treten Sie auch der Baronesse näher Sie wissen alles Sie stimmen mir
bei dass meine Bemerkungen von der Art sind dass so wenig sich darauf eine
Anklage gegen die Baronesse bauen lässt doch eine Täuschung ein ungerechter
Verdacht kaum möglich ist Ganz meiner Meinung werden Sie sein wenn Sie
Euphemien sehen und kennen lernen Euphemie ist religiös schon aus Temperament
vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe tief in ihr Herz zu dringen
sie zu erschüttern und zu bessern dass sie den Verrat am Freunde der sie um die
ewige Seligkeit bringt unterlässt Noch muss ich sagen ehrwürdiger Herr dass es
mir in manchen Augenblicken scheint als trage der Baron einen Gram in der
Seele dessen Ursache er mir verschweigt denn außer der Bekümmernis um Hermogen
kämpft er sichtlich mit einem Gedanken der ihn beständig verfolgt Es ist mir
in den Sinn gekommen dass vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die
Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwürdigen Grafen
zeigte als mir Auch meinen Herzensfreund den Baron empfehle ich
ehrwürdiger Herr Ihrer geistlichen Sorge«
Mit diesen Worten schloss Reinhold seine Erzählung die mich auf mannigfache
Weise gefoltert hatte indem die seltsamsten Widersprüche in meinem Innern sich
durchkreuzten Mein eigenes Ich zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls
geworden und in fremdartige Gestalten zerfliessend schwamm ohne Halt wie in
einem Meer all der Ereignisse die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten
Ich konnte mich selbst nicht wiederfinden Offenbar wurde Viktorin durch den
Zufall der meine Hand nicht meinen Willen leitete in den Abgrund gestürzt
Ich trete an seine Stelle aber Reinhold kennt den Pater Medardus den Prediger
im Kapuzinerkloster in r und so bin ich ihm das wirklich was ich bin
Aber das Verhältnis mit der Baronesse welches Viktorin unterhält kommt auf
mein Haupt denn ich bin selbst Viktorin Ich bin das was ich scheine und
scheine das nicht was ich bin mir selbst ein unerklärlich Rätsel bin ich
entzweit mit meinem Ich
Des Sturms in meinem Innern unerachtet gelang es mir die dem Priester
ziemliche Ruhe zu erheucheln und so trat ich vor den Baron Ich fand in ihm
einen bejahrten Mann aber in den erloschenen Zügen lagen noch die Andeutungen
seltener Fülle und Kraft Nicht das Alter sondern der Gram hatte die tiefen
Furchen auf seiner breiten offenen Stirn gezogen und die Locken weiß gefärbt
Unerachtet dessen herrschte noch in allem was er sprach in seinem ganzen
Benehmen eine Heiterkeit und Gemütlichkeit die jeden unwiderstehlich zu ihm
hinziehen musste Als Reinhold mich als den vorstellte dessen Ankunft die
Baronesse angekündigt sah er mich an mit durchdringendem Blick der immer
freundlicher wurde als Reinhold erzählte wie er mich schon vor mehreren Jahren
im Kapuzinerkloster zu r predigen gehört und sich von meiner seltenen
Rednergabe überzeugt hätte Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und
sprach sich zu Reinhold wendend »Ich weiß nicht lieber Reinhold wie so
sonderbar mich die Gesichtszüge des ehrwürdigen Herrn bei dem ersten Anblick
ansprachen sie weckten eine Erinnerung die vergebens strebte deutlich und
lebendig hervorzugehen«
Es war mir als würde er gleich herausbrechen »Es ist ja Graf Viktorin«
denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein und ich
fühlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen höher färben
Ich baute auf Reinhold der mich ja als den Pater Medardus kannte unerachtet
mir das eine Lüge zu sein schien nichts konnte meinen verworrenen Zustand
lösen
Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens Bekanntschaft
machen er war aber nirgends zu finden man hatte ihn nach dem Gebirge wandeln
gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn weil er schon mehrmals tagelang
auf diese Weise entfernt gewesen Den ganzen Tag über blieb ich in Reinholds und
des Barons Gesellschaft und nach und nach fasste ich mich so im Innern dass ich
mich am Abend voll Mut und Kraft fühlte keck all den wunderlichen Ereignissen
entgegenzutreten die meiner zu harren schienen In der einsamen Nacht öffnete
ich das Portefeuille und überzeugte mich ganz davon dass es eben Graf Viktorin
war der zerschmettert im Abgrunde lag doch waren übrigens die an ihn
gerichteten Briefe gleichgültigen Inhalts und kein einziger führte mich nur
auch mit einer Silbe ein in seine nähere Lebensverhältnisse Ohne mich darum
weiter zu kümmern beschloss ich dem mich ganz zu fügen was der Zufall über mich
verhängt haben würde wenn die Baronesse angekommen und mich gesehen Schon
den andern Morgen traf die Baronesse mit Aurelien ganz unerwartet ein Ich sah
beide aus dem Wagen steigen und von dem Baron und Reinhold empfangen in das
Portal des Schlosses gehen Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab von
seltsamen Ahnungen bestürmt nicht lange dauerte es so wurde ich herabgerufen
Die Baronesse trat mir entgegen ein schönes herrliches Weib noch in voller
Blüte Als sie mich erblickte schien sie auf besondere Weise bewegt ihre
Stimme zitterte sie vermochte kaum Worte zu finden Ihre sichtliche
Verlegenheit gab mir Mut ich schaute ihr keck ins Auge und gab ihr nach
Klostersitte den Segen sie erbleichte sie musste sich niederlassen Reinhold
sah mich an ganz froh und zufrieden lächelnd In dem Augenblick öffnete sich
die Türe und der Baron trat mit Aurelien herein
Sowie ich Aurelien erblickte fuhr ein Strahl in meine Brust und entzündete
all die geheimsten Regungen die wonnevollste Sehnsucht das Entzücken der
inbrünstigen Liebe alles was sonst nur gleich einer Ahnung aus weiter Ferne im
Innern erklungen zum regen Leben ja das Leben selbst ging mir nun erst auf
farbicht und glänzend denn alles vorher lag kalt und erstorben in öder Nacht
hinter mir Sie war es selbst sie die ich in jener wundervollen Vision im
Beichtstuhl geschaut Der schwermütige kindlich fromme Blick des dunkelblauen
Auges die weichgeformten Lippen der wie in betender Andacht sanft vorgebeugte
Nacken die hohe schlanke Gestalt nicht Aurelie die heilige Rosalie selbst war
es Sogar der azurblaue Shawl den Aurelie über das dunkelrote Kleid
geschlagen war im phantastischen Faltenwurf ganz dem Gewande ähnlich wie es
die Heilige auf jenem Gemälde und eben die Unbekannte in jener Vision trug
Was war der Baronesse üppige Schönheit gegen Aureliens himmlischen Liebreiz Nur
sie sah ich indem alles um mich verschwunden Meine innere Bewegung konnte den
Umstehenden nicht entgehen »Was ist Ihnen ehrwürdiger Herr« fing der Baron
an »Sie scheinen auf ganz besondere Weise bewegt« Diese Worte brachten mich
zu mir selbst ja ich fühlte in dem Augenblick eine übermenschliche Kraft in mir
emporkeimen einen nie gefühlten Mut alles zu bestehen denn sie musste der
Preis des Kampfes werden
»Wünschen Sie sich Glück Herr Baron« rief ich wie von hoher Begeisterung
plötzlich ergriffen »wünschen Sie sich Glück Eine Heilige wandelt unter uns
in diesen Mauern und bald öffnet sich in segensreicher Klarheit der Himmel und
sie selbst die heilige Rosalia von den heiligen Engeln umgeben spendet Trost
und Seligkeit den Gebeugten die fromm und gläubig sie anflehten Ich höre die
Hymnen verklärter Geister die sich sehnen nach der Heiligen und sie im Gesange
rufend aus glänzenden Wolken herabschweben Ich sehe ihr Haupt strahlend in der
Glorie himmlischer Verklärung emporgehoben nach dem Chor der Heiligen der
ihrem Auge sichtlich Sancta Rosalia ora pro nobis«
Ich sank mit in die Höhe gerichteten Augen auf die Knie die Hände faltend
zum Gebet und alles folgte meinem Beispiel Niemand frug mich weiter man
schrieb den plötzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend einer Inspiration
zu so dass der Baron beschloss wirklich am Altar der heiligen Rosalia in der
Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen Herrlich hatte ich mich auf diese
Weise aus der Verlegenheit gerettet und immer mehr war ich bereit alles zu
wagen denn es galt Aureliens Besitz um den mir selbst mein Leben feil war
Die Baronesse schien in ganz besonderer Stimmung ihre Blicke verfolgten mich
aber sowie ich sie unbefangen anschaute irrten ihre Augen unstet umher Die
Familie war in ein anderes Zimmer getreten ich eilte in den Garten hinab und
schweifte durch die Gänge mit tausend Entschlüssen Ideen Plänen für mein
künftiges Leben im Schloss arbeitend und kämpfend Schon war es Abend worden
da erschien Reinhold und sagte mir dass die Baronesse durchdrungen von meiner
frommen Begeisterung mich auf ihrem Zimmer zu sprechen wünsche
Als ich in das Zimmer der Baronesse trat kam sie mir einige Schritte
entgegen mich bei beiden Ärmen fassend sah sie mir starr ins Auge und rief
»Ist es möglich ist es möglich Bist du Medardus der Kapuzinermönch Aber
die Stimme die Gestalt deine Augen dein Haar Sprich oder ich vergehe in
Angst und Zweifel« »Viktorinus« lispelte ich leise da umschlang sie mich
mit dem wilden Ungestüm unbezähmbarer Wollust ein Glutstrom brauste durch
meine Adern das Blut siedete die Sinne vergingen mir in namenloser Wonne in
wahnsinniger Verzückung aber sündigend war mein ganzes Gemüt nur Aurelien
zugewendet und ihr nur opferte ich in dem Augenblick durch den Bruch des
Gelübdes das Heil meiner Seele
Ja Nur Aurelie lebte in mir mein ganzer Sinn war von ihr erfüllt und doch
ergriff mich ein innerer Schauer wenn ich daran dachte sie wiederzusehen was
doch schon an der Abendtafel geschehen sollte Es war mir als würde mich ihr
frommer Blick heilloser Sünde zeihen und als würde ich entlarvt und vernichtet
in Schmach und Verderben sinken Ebenso konnte ich mich nicht entschließen die
Baronesse gleich nach jenen Momenten wiederzusehen und alles dieses bestimmte
mich eine Andachtsübung vorschützend in meinem Zimmer zu bleiben als man mich
zur Tafel einlud Nur weniger Tage bedurfte es indessen um alle Scheu alle
Befangenheit zu überwinden die Baronesse war die Liebenswürdigkeit selbst und
je enger sich unser Bündnis schloss je reicher an frevelhaften Genüssen es
wurde desto mehr verdoppelte sich ihre Aufmerksamkeit für den Baron Sie
gestand mir dass nur meine Tonsur mein natürlicher Bart sowie mein echt
klösterlicher Gang den ich aber jetzt nicht mehr so strenge als anfangs
beibehalte sie in tausend Ängsten gesetzt habe Ja bei meiner plötzlichen
begeisterten Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe überzeugt worden
irgend ein Irrtum irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin so
schlau entworfenen Plan vereitelt und einen verdammten wirklichen Kapuziner an
die Stelle geschoben Sie bewunderte meine Vorsicht mich wirklich tonsurieren
und mir den Bart wachsen zu lassen ja mich in Gang und Stellung so ganz in
meine Rolle einzustudieren dass sie oft selbst mir recht ins Auge blicken müsse
um nicht in abenteuerliche Zweifel zu geraten
Zuweilen ließ sich Viktorins Jäger als Bauer verkleidet am Ende des Parks
sehen und ich versäumte nicht insgeheim mit ihm zu sprechen und ihn zu
ermahnen sich bereit zu halten um mit mir fliehen zu können wenn vielleicht
ein böser Zufall mich in Gefahr bringen sollte Der Baron und Reinhold schienen
höchlich mit mir zufrieden und drangen in mich ja des tiefsinnigen Hermogen
mich mit aller Kraft die mir zu Gebote stehe anzunehmen Noch war es mir aber
nicht möglich geworden auch nur ein einziges Wort mit ihm zu sprechen denn
sichtlich wich er jeder Gelegenheit aus mit mir allein zu sein und traf er
mich in der Gesellschaft des Barons oder Reinholds so blickte er mich auf so
sonderbare Weise an dass ich in der Tat Mühe hatte nicht in augenscheinliche
Verlegenheit zu geraten Er schien tief in meine Seele zu dringen und meine
geheimste Gedanken zu erspähen Ein unbezwinglicher tiefer Missmut ein
unterdrückter Groll ein nur mit Mühe bezähmter Zorn lag auf seinem bleichen
Gesichte sobald er mich ansichtig wurde Es begab sich dass er mir einmal
als ich eben im Park lustwandelte ganz unerwartet entgegentrat ich hielt dies
für den schicklichen Moment endlich das drückende Verhältnis mit ihm
aufzuklären daher fasste ich ihn schnell bei der Hand als er mir ausweichen
wollte und mein Rednertalent machte es mir möglich so eindringend so
salbungsvoll zu sprechen dass er wirklich aufmerksam zu werden schien und eine
innere Rührung nicht unterdrücken konnte Wir hatten uns auf eine steinerne Bank
am Ende eines Ganges der nach dem Schloss führte niedergelassen Im Reden stieg
meine Begeisterung ich sprach davon dass es sündlich sei wenn der Mensch im
innern Gram sich verzehrend den Trost die Hilfe der Kirche die den Gebeugten
aufrichte verschmähe und so den Zwecken des Lebens wie die höhere Macht sie
ihm gestellt feindlich entgegenstrebe Ja dass selbst der Verbrecher nicht
zweifeln solle an der Gnade des Himmels da dieser Zweifel ihn eben um die
Seligkeit bringe die er entsündigt durch Busse und Frömmigkeit erwerben könne
Ich forderte ihn endlich auf gleich jetzt mir zu beichten und so sein Inneres
wie vor Gott auszuschütten indem ich ihm von jeder Sünde die er begangen
Absolution zusage da stand er auf seine Augenbraunen zogen sich zusammen die
Augen brannten eine glühende Röte überflog sein leichenblasses Gesicht und mit
seltsam gellender Stimme rief er »Bist du denn rein von der Sünde dass du es
wagst wie der Reinste ja wie Gott selbst den du verhöhnest in meine Brust
schauen zu wollen dass du es wagst mir Vergebung der Sünden zuzusagen du der
du selbst vergeblich ringen wirst nach der Entsündigung nach der Seligkeit des
Himmels die sich dir auf ewig verschloss Elender Heuchler bald kommt die
Stunde der Vergeltung und in den Staub getreten wie ein giftiger Wurm zuckst
du im schmachvollen Tode vergebens nach Hilfe nach Erlösung von unnennbarer
Qual ächzend bis du verdirbst in Wahnsinn und Verzweiflung« Er schritt rasch
von dannen ich war zerschmettert vernichtet all meine Fassung mein Mut war
dahin Ich sah Euphemien aus dem Schloss kommen mit Hut und Shawl wie zum
Spaziergange gekleidet bei ihr nur war Trost und Hilfe zu finden ich warf mich
ihr entgegen sie erschrak über mein zerstörtes Wesen sie frug nach der
Ursache, und ich erzählte ihr getreulich den ganzen Auftritt den ich eben mit
dem wahnsinnigen Hermogen gehabt indem ich noch meine Angst meine Besorgnis
dass Hermogen vielleicht durch einen unerklärlichen Zufall unser Geheimnis
verraten hinzusetzte Euphemie schien über alles nicht einmal betroffen sie
lächelte auf so ganz seltsame Weise dass mich ein Schauer ergriff und sagte
»Gehen wir tiefer in den Park denn hier werden wir zu sehr beobachtet und es
könnte auffallen dass der ehrwürdige Pater Medardus so heftig mit mir spricht«
Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten da umschlang mich Euphemie
mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihre heißen glühenden Küsse brannten auf
meinen Lippen »Ruhig Viktorin« sprach Euphemie »ruhig kannst du sein über
das alles was dich so in Angst und Zweifel gestürzt hat es ist mir sogar lieb
dass es so mit Hermogen gekommen denn nun darf und muss ich mit dir über manches
sprechen wovon ich so lange schwieg Du musst eingestehen dass ich mir eine
seltene geistige Herrschaft über alles was mich im Leben umgibt zu erringen
gewusst und ich glaube dass dies dem Weibe leichter ist als Euch Freilich
gehört nichts Geringeres dazu als dass außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen
Reiz der äußern Gestalt den die Natur dem Weibe zu spenden vermag dasjenige
höhere Prinzip in ihr wohne welches eben jenen Reiz mit dem geistigen Vermögen
in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht Es ist das eigne wunderbare
Heraustreten aus sich selbst das die Anschauung des eignen Ichs vom andern
Standpunkte gestattet welches dann als ein sich dem höheren Willen schmiegendes
Mittel erscheint dem Zweck zu dienen den er sich als den höchsten im Leben zu
erringenden gesetzt Gibt es etwas Höheres als das Leben im Leben zu
beherrschen alle seine Erscheinungen seine reichen Genüsse wie im mächtigen
Zauber zu bannen nach der Willkür die dem Herrscher verstattet Du
Viktorin gehörtest von jeher zu den wenigen die mich ganz verstanden auch du
hattest dir den Standpunkt über dein Selbst gestellt und ich verschmähte es
daher nicht, dich wie den königlichen Gemahl auf meinen Thron im höheren Reiche
zu erheben Das Geheimnis erhöhte den Reiz dieses Bundes und unsere scheinbare
Trennung diente nur dazu unserer phantastischen Laune Raum zu geben die wie zu
unserer Ergötzlichkeit mit den untergeordneten Verhältnissen des gemeinen
Alltagslebens spielte Ist nicht unser jetziges Beisammensein das kühnste
Wagstück das im höheren Geiste gedacht der Ohnmacht konventioneller
Beschränktheit spottet Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen das nicht
allein die Kleidung erzeugt ist es mir als unterwerfe sich das Geistige dem
herrschenden es bedingenden Prinzip und wirke so mit wunderbarer Kraft nach
außen selbst das Körperliche anders formend und gestaltend so dass es ganz der
vorgesetzten Bestimmung gemäß erscheint Wie herzlich ich nun bei dieser tief
aus meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle
Beschränktheit verachte indem ich mit ihr spiele weißt du Der Baron ist mir
eine bis zum höchsten Überdruss ekelhaft gewordene Maschine die zu meinem Zweck
verbraucht tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk Reinhold ist zu
beschränkt um von mir beachtet zu werden Aurelie ein gutes Kind wir haben es
nur mit Hermogen zu tun Ich gestand dir schon dass Hermogen als ich ihn zum
ersten Male sah einen wunderbaren Eindruck auf mich machte Ich hielt ihn für
fähig einzugehen in das höhere Leben das ich ihm erschließen wollte und irrte
mich zum erstenmal Es war etwas mir Feindliches in ihm was in stetem regen
Widerspruch sich gegen mich auflehnte ja der Zauber womit ich die andern
unwillkürlich zu umstricken wusste stieß ihn zurück Er blieb kalt düster
verschlossen und reizte indem er mit eigener wunderbarer Kraft mir widerstrebte
meine Empfindlichkeit meine Lust den Kampf zu beginnen in dem er unterliegen
sollte Diesen Kampf hatte ich beschlossen als der Baron mir sagte wie er
Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen dieser sie aber unter jeder
Bedingung abgelehnt habe Wie ein göttlicher Funke durchstrahlte mich in
demselben Moment der Gedanke mich mit dem Baron selbst zu vermählen und so mit
einemmal all die kleinen konventionellen Rücksichten die mich oft einzwängten
auf widrige Weise aus dem Wege zu räumen doch ich habe ja selbst mit dir
Viktorin oft genug über jene Vermählung gesprochen ich widerlegte deine
Zweifel mit der Tat denn es gelang mir den Alten in wenigen Tagen zum albernen
zärtlichen Liebhaber zu machen und er musste das was ich gewollt als die
Erfüllung seines innigsten Wunsches den er laut werden zu lassen kaum gewagt
ansehen Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an
Hermogen die mir nun leichter und befriedigender werden sollte Der Schlag
wurde verschoben um richtiger tötender zu treffen Kennte ich weniger dein
Inneres wüsste ich nicht dass du dich zu der Höhe meiner Ansichten zu erheben
vermagst ich würde Bedenken tragen dir mehr von der Sache zu sagen die nun
einmal geschehen Ich ließ es mir angelegen sein Hermogen recht in seinem
Innern aufzufassen ich erschien in der Hauptstadt düster in mich gekehrt und
bildete so den Kontrast mit Hermogen der in den lebendigen Beschäftigungen des
Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte Die Krankheit des Oheims verbot
alle glänzende Zirkel und selbst den Besuchen meiner nächsten Umgebung wusste
ich auszuweichen Hermogen kam zu mir vielleicht nur um die Pflicht die er
der Mutter schuldig zu erfüllen er fand mich in düstres Nachdenken versunken
und als er befremdet von meiner auffallenden Änderung dringend nach der
Ursache frug gestand ich ihm unter Tränen wie des Barons missliche
Gesundheitsumstände die er nur mühsam verheimliche mich befürchten ließ ihn
bald zu verlieren und wie dieser Gedanke mir schrecklich ja unerträglich sei
Er war erschüttert und als ich nun mit dem Ausdruck des tiefsten Gefühls das
Glück meiner Ehe mit dem Baron schilderte als ich zart und lebendig in die
kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging als ich immer mehr
des Barons herrliches Gemüt sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte so dass
es immer lichter hervortrat wie grenzenlos ich ihn verehre ja wie ich so ganz
in ihm lebe da schien immer mehr seine Verwunderung sein Erstaunen zu steigen
Er kämpfte sichtlich mit sich selbst aber die Macht die jetzt wie mein Ich
selbst in sein Inneres gedrungen siegte über das feindliche Prinzip das sonst
mir widerstrebte mein Triumph war mir gewiss als er schon am andern Abend
wiederkam
Er fand mich einsam noch düstrer noch aufgeregter als gestern ich sprach
von dem Baron und von meiner unaussprechlichen Sehnsucht ihn wiederzusehen
Hermogen war bald nicht mehr derselbe er hing an meinen Blicken und ihr
gefährliches Feuer fiel zündend in sein Inneres Wenn meine Hand in der seinigen
ruhte zuckte diese oft krampfhaft tiefe Seufzer entflohen seiner Brust Ich
hatte die höchste Spitze dieser bewusstlosen Exaltation richtig berechnet Den
Abend als er fallen sollte verschmähte ich selbst jene Künste nicht die so
verbraucht sind und immer wieder so wirkungsvoll erneuert werden Es gelang
Die Folgen waren entsetzlicher als ich sie mir gedacht und doch erhöhten sie
meinen Triumph indem sie meine Macht auf glänzende Weise bewährten Die
Gewalt mit der ich das feindliche Prinzip bekämpfte das wie in seltsamen
Ahnungen in ihm sich sonst aussprach hatte seinen Geist gebrochen er verfiel
in Wahnsinn wie du weißt ohne dass du jedoch bis jetzt die eigentliche Ursache
gekannt haben solltest Es ist etwas Eignes dass Wahnsinnige oft als ständen
sie in näherer Beziehung mit dem Geiste, und gleichsam in ihrem eignen Innern
leichter wiewohl bewusstlos angeregt vom fremden geistigen Prinzip oft das in
uns Verborgene durchschauen und in seltsamen Anklängen aussprechen so dass uns
oft die grauenvolle Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befängt
Es mag daher wohl sein dass zumal in der eignen Beziehung in der du Hermogen
und ich stehen er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir
feindlich ist allein Gefahr für uns ist deshalb nicht im mindesten vorhanden
Bedenke selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen dich offen ins Feld rückte
wenn er es ausspräche Traut nicht dem verkappten Priester wer würde das für
was anderes halten als für eine Idee die der Wahnsinn erzeugte zumal da
Reinhold so gut gewesen ist in dir den Pater Medardus wiederzuerkennen
Indessen bleibt es gewiss dass du nicht mehr wie ich gewollt und gedacht hatte
auf Hermogen wirken kannst Meine Rache ist erfüllt und Hermogen mir nun wie ein
weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar und um so überlästiger als er es
wahrscheinlich für eine Bussübung hält mich zu sehen und daher mit seinen
stieren lebendigtoten Blicken mich verfolgt Er muss fort und ich glaubte dich
dazu benutzen zu können ihn in der Idee ins Kloster zu gehen zu bestärken und
den Baron sowie den ratgebenden Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die
dringendsten Vorstellungen wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloster
begehre geschmeidiger zu machen dass sie in sein Vorhaben willigten Hermogen
ist mir in der Tat höchst zuwider sein Anblick erschüttert mich oft er muss
fort Die einzige Person der er ganz anders erscheint ist Aurelie das
fromme kindische Kind durch sie allein kannst du auf Hermogen wirken und ich
will dafür sorgen dass du in nähere Beziehung mit ihr trittst Findest du einen
schicklichen Zusammenhang der äußern Umstände so kannst du auch Reinholden oder
dem Baron entdecken wie dir Hermogen ein schweres Verbrechen gebeichtet das du
natürlicherweise deiner Pflicht gemäß verschweigen müsstest Doch davon künftig
mehr Nun weißt du alles Viktorin handle und bleibe mein Herrsche mit mir
über die läppische Puppenwelt wie sie sich um uns dreht Das Leben muss uns
seine herrlichsten Genüsse spenden ohne uns in seine Beengteit einzuzwängen«
Wir sahen den Baron in der Entfernung und gingen ihm wie im frommen Gespräch
begriffen entgegen
Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklärung über die Tendenz ihres
Lebens um mich selbst die überwiegende Macht fühlen zu lassen die wie der
Ausfluss höherer Prinzipe mein Inneres beseelte Es war etwas Übermenschliches in
mein Wesen getreten das mich plötzlich auf einen Standpunkt erhob von dem mir
alles in anderm Verhältnis in anderer Farbe als sonst erschien Die
Geistesstärke die Macht über das Leben womit Euphemie prahlte war mir des
bittersten Hohns würdig In dem Augenblick dass die Elende ihr loses unbedachtes
Spiel mit den gefährlichsten Verknüpfungen des Lebens zu treiben wähnte war sie
hingegeben dem Zufall oder dem bösen Verhängnis das meine Hand leitete Es war
nur meine Kraft entflammt von geheimnisvollen Mächten die sie zwingen konnte
im Wahn den für den Freund und Bundesbruder zu halten der nur ihr zum
Verderben die äußere zufällige Bildung jenes Freundes tragend sie wie die
feindliche Macht selbst umkrallte so dass keine Freiheit mehr möglich Euphemie
wurde mir in ihrem eitlen selbstsüchtigen Wahn verächtlich und das Verhältnis
mit ihr um so widriger als Aurelie in meinem Innern lebte und nur sie die
Schuld meiner begangenen Sünden trug wenn ich das was mir jetzt die höchste
Spitze alles irdischen Genusses zu sein schien noch für Sünde gehalten hätte
Ich beschloss von der mir einwohnenden Macht den vollsten Gebrauch zu machen und
so selbst den Zauberstab zu ergreifen um die Kreise zu beschreiben in denen
sich all die Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten Der Baron
und Reinhold wetteiferten miteinander mir das Leben im Schloss recht angenehm
zu machen nicht die leiseste Ahnung von meinem Verhältnis mit Euphemien stieg
in ihnen auf vielmehr äußerte der Baron oft wie in unwillkürlicher
Herzensergiessung dass erst durch mich ihm Euphemie ganz wiedergegeben sei und
dies schien mir die Richtigkeit der Vermutung Reinholds dass irgend ein Zufall
dem Baron wohl die Spur von Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben könne
klar anzudeuten Den Hermogen sah ich selten er vermied mich mit sichtlicher
Angst und Beklemmung welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem
heiligen frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft die das zerrüttete Gemüt
durchschaute zuschrieben Auch Aurelie schien sich absichtlich meinem Blick zu
entziehen sie wich mir aus und wenn ich mit ihr sprach war auch sie ängstlich
und beklommen wie Hermogen Es war mir beinahe gewiss dass der wahnsinnige
Hermogen gegen Aurelie jene schreckliche Ahnungen die mich durchbebten
ausgesprochen indessen schien mir der böse Eindruck zu bekämpfen möglich
Wahrscheinlich auf Veranlassung der Baronesse die mich in näheren Rapport mit
Aurelien setzen wollte um durch sie auf Hermogen zu wirken bat mich der Baron
Aurelien in den höheren Geheimnissen der Religion zu unterrichten So
verschafte mir Euphemie selbst die Mittel das Herrlichste zu erreichen was
mir meine glühende Einbildungskraft in tausend üppigen Bildern vorgemalt Was
war jene Vision in der Kirche anderes als das Versprechen der höheren auf mich
einwirkenden Macht mir die zu geben von deren Besitz allein die Besänftigung
des Sturms zu hoffen der in mir rasend mich wie auf tobenden Wellen
umherwarf Aureliens Anblick ihre Nähe ja die Berührung ihres Kleides setzte
mich in Flammen Des Blutes Glutstrom stieg fühlbar auf in die geheimnisvolle
Werkstatt der Gedanken und so sprach ich von den wundervollen Geheimnissen der
Religion in feurigen Bildern deren tiefere Bedeutung die wollüstige Raserei der
glühendsten verlangenden Liebe war So sollte diese Glut meiner Rede wie in
elektrischen Schlägen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich vergebens
dagegen wappnen Ihr unbewusst sollten die in ihre Seele geworfenen Bilder sich
wunderbar entfalten und glänzender flammender in der tieferen Bedeutung
hervorgehen und diese ihre Brust dann mit den Ahnungen des unbekannten Genusses
erfüllen bis sie sich von unnennbarer Sehnsucht gefoltert und zerrissen
selbst in meine Arme würfe Ich bereitete mich auf die sogenannten Lehrstunden
bei Aurelien sorgsam vor ich wusste den Ausdruck meiner Rede zu steigern
andächtig mit gefalteten Händen mit niedergeschlagenen Augen hörte mir das
fromme Kind zu aber nicht eine Bewegung nicht ein leiser Seufzer verrieten
irgend eine tiefere Wirkung meiner Worte Meine Bemühungen brachten mich nicht
weiter statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzünden das sie der
Verführung preisgeben sollte wurde nur qualvoller und verzehrender die Glut
die in meinem Innern brannte Rasend vor Schmerz und Wollust brütete ich über
Pläne zu Aureliens Verderben und indem ich Euphemien Wonne und Entzücken
heuchelte keimte ein glühender Hass in meiner Seele empor der im seltsamen
Widerspruch meinem Betragen bei der Baronesse etwas Wildes Entsetzliches gab
vor dem sie selbst erbebte Fern von ihr war jede Spur des Geheimnisses das
in meiner Brust verborgen und unwillkürlich musste sie der Herrschaft Raum
geben die ich immer mehr und mehr über sie mir anzumassen anfing Oft kam es
mir in den Sinn durch einen wohlberechneten Gewaltstreich dem Aurelie erliegen
sollte meine Qual zu enden aber sowie ich Aurelien erblickte war es mir als
stehe ein Engel neben ihr sie schirmend und schützend und Trotz bietend der
Macht des Feindes Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder in dem mein böser
Vorsatz erkaltete Endlich fiel ich darauf mit ihr zu beten denn im Gebet
strömt feuriger die Glut der Andacht und die geheimsten Regungen werden wach
und erheben sich wie auf brausenden Wellen und strecken ihre Polypenarme aus um
das Unbekannte zu fahen das die unnennbare Sehnsucht stillen soll von der die
Brust zerrissen Dann mag das Irdische sich wie Himmlisches verkündend keck
dem aufgeregten Gemüt entgegentreten und im höchsten Genuss schon hienieden die
Erfüllung des Überschwenglichen verheißen die bewusstlose Leidenschaft wird
getäuscht und das Streben nach dem Heiligen Überirdischen wird gebrochen in
dem namenlosen nie gekannten Entzücken irdischer Begierde Selbst darin dass
sie von mir verfasste Gebete nachsprechen sollte glaubte ich Vorteile für meine
verräterische Absichten zu finden Es war dem so Denn neben mir knieend
mit zum Himmel gewandtem Blick meine Gebete nachsprechend färbten höher sich
ihre Wangen und ihr Busen wallte auf und nieder Da nahm ich wie im Eifer des
Gebets ihre Hände und drückte sie an meine Brust ich war ihr so nahe dass ich
die Wärme ihres Körpers fühlte ihre losgelösten Locken hingen über meine
Schulter ich war außer mir vor rasender Begierde ich umschlang sie mit wildem
Verlangen schon brannten meine Küsse auf ihrem Munde auf ihrem Busen da wand
sie sich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen ich hatte nicht
Kraft sie zu halten es war als strahle ein Blitz herab mich zerschmetternd
Sie entfloh rasch in das Nebenzimmer die Türe öffnete sich und Hermogen
zeigte sich in derselben er blieb stehen mich mit dem furchtbaren
entsetzlichen Blick des wilden Wahnsinns anstarrend Da raffte ich alle meine
Kraft zusammen ich trat keck auf ihn zu und rief mit trotziger gebietender
Stimme »Was willst du hier Hebe dich weg Wahnsinniger« Aber Hermogen
streckte mir die rechte Hand entgegen und sprach dumpf und schaurig »Ich wollte
mit dir kämpfen aber ich habe kein Schwert und du bist der Mord denn
Blutstropfen quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte«
Er verschwand die Türe heftig zuschlagend und ließ mich allein knirschend
vor Wut über mich selbst der ich mich hatte hinreißen lassen von der Gewalt des
Moments so dass nun der Verrat mir Verderben drohte Niemand ließ sich sehen
ich hatte Zeit genug mich ganz zu ermannen und der mir inwohnende Geist gab
mir bald die Anschläge ein jeder üblen Folge des bösen Beginnens auszuweichen
Sobald es tunlich war eilte ich zu Euphemien und mit keckem Übermut
erzählte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien Euphemie schien die Sache
nicht so leicht zu nehmen als ich es gewünscht hatte und es war mir
begreiflich dass ihrer gerühmten Geistesstärke ihrer hohen Ansicht der Dinge
unerachtet wohl kleinliche Eifersucht in ihr wohnen sie aber überdem noch
befürchten könne dass Aurelie über mich klagen so der Nimbus meiner Heiligkeit
verlöschen und unser Geheimnis in Gefahr geraten werde aus einer mir selbst
unerklärlichen Scheu verschwieg ich Hermogens Hinzutreten und seine
entsetzlichen mich durchbohrenden Worte
Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien mich seltsamlich
anstarrend in tiefes Nachdenken versunken
»Solltest du nicht Viktorin« sprach sie endlich »erraten welche
herrliche Gedanken meines Geistes würdig mich durchströmen Aber du kannst
es nicht doch rüttle frisch die Schwingen um dem kühnen Fluge zu folgen den
ich zu beginnen bereit bin Dass du der du mit voller Herrschaft über alle
Erscheinungen des Lebens schweben solltest nicht neben einem leidlich schönen
Mädchen knien kannst ohne sie zu umarmen und zu küssen nimmt mich wunder so
wenig ich dir das Verlangen verarge das in dir aufstieg So wie ich Aurelien
kenne wird sie voller Scham über die Begebenheit schweigen und sich höchstens
nur unter irgend einem Vorwande deinem zu leidenschaftlichen Unterrichte
entziehen Ich befürchte daher nicht im mindesten die verdrießlichen Folgen die
dein Leichtsinn deine ungezähmte Begierde hätte herbeiführen können Ich
hasse sie nicht diese Aurelie aber ihre Anspruchlosigkeit ihr stilles
Frommtun hinter dem sich ein unleidlicher Stolz versteckt ärgert mich Nie
habe ich unerachtet ich es nicht verschmähte mit ihr zu spielen ihr Zutrauen
gewinnen können sie blieb scheu und verschlossen Diese Abgeneigteit sich mir
zu schmiegen ja diese stolze Art mir auszuweichen erregt in mir die
widrigsten Gefühle Es ist ein sublimer Gedanke die Blume die auf den Prunk
ihrer glänzenden Farben so stolz tut gebrochen und dahin welken zu sehen Ich
gönne es dir diesen sublimen Gedanken auszuführen und es soll nicht an Mitteln
fehlen den Zweck leicht und sicher zu erreichen Auf Hermogens Haupt soll die
Schuld fallen und ihn vernichten« Euphemie sprach noch mehr über ihren Plan
und wurde mir mit jedem Worte verhasster denn nur das gemeine verbrecherische
Weib sah ich in ihr und so sehr ich nach Aureliens Verderben dürstete da ich
nur dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe die meine
Brust zerfleischte hoffen konnte so war mir doch Euphemiens Mitwirkung
verächtlich Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erstaunen ihren Anschlag von
der Hand indem ich im Innern fest entschlossen war das durch eigne Macht zu
vollführen wozu Euphemie mir ihre Beihilfe aufdringen wollte
So wie die Baronesse es vermutet blieb Aurelie in ihrem Zimmer sich mit
einer Unpässlichkeit entschuldigend und so sich meinem Unterricht für die
nächsten Tage entziehend Hermogen war wider seine Gewohnheit jetzt viel in der
Gesellschaft Reinholds und des Barons er schien weniger in sich gekehrt aber
wilder zorniger Man hörte ihn oft laut und nachdrücklich sprechen und ich
bemerkte dass er mich mit Blicken des verhaltenen Grimms ansah so oft der
Zufall mich ihm in den Weg führte das Betragen des Barons und Reinholds
veränderte sich in einigen Tagen auf ganz seltsame Weise Ohne im Äusserlichen im
mindesten von der Aufmerksamkeit und Hochachtung die sie mir sonst bezeigt
nachzulassen schien es als wenn sie gedrückt von einem wunderbaren ahnenden
Gefühl nicht jenen gemütlichen Ton finden konnten der sonst unsre Unterhaltung
belebte Alles was sie mit mir sprachen war so gezwungen so frostig dass ich
mich ernstlich mühen musste von allerlei Vermutungen ergriffen wenigstens
unbefangen zu scheinen
Euphemiens Blicke die ich immer richtig zu deuten wusste sagten mir dass
irgend etwas vorgegangen wovon sie sich besonders aufgeregt fühlte doch war es
den ganzen Tag unmöglich uns unbemerkt zu sprechen
In tiefer Nacht als alles im Schloss längst schlief öffnete sich eine
Tapetentüre in meinem Zimmer die ich selbst noch nicht bemerkt und Euphemie
trat herein mit einem zerstörten Wesen wie ich sie noch niemals gesehen
»Viktorin« sprach sie »es droht uns Verrat Hermogen der wahnsinnige Hermogen
ist es der durch seltsame Ahnungen auf die Spur geleitet unser Geheimnis
entdeckt hat In allerlei Andeutungen die gleich schauerlichen entsetzlichen
Sprüchen einer dunklen Macht die über uns waltet lauten hat er dem Baron
einen Verdacht eingeflößt der ohne deutlich ausgesprochen zu sein mich doch
auf quälende Weise verfolgt Wer du bist dass unter diesem heiligen Kleide
Graf Viktorin verborgen das scheint Hermogen durchaus verschlossen geblieben
dagegen behauptet er aller Verrat alle Arglist alles Verderben das über uns
einbrechen werde ruhe in dir ja wie der Widersacher selbst sei der Mönch in
das Haus getreten der von teuflischer Macht beseelt verdammten Verrat brüte
Es kann so nicht bleiben ich bin es müde diesen Zwang zu tragen den mir der
kindische Alte auferlegt der nun mit kränkelnder Eifersucht wie es scheint
ängstlich meine Schritte bewachen wird Ich will dies Spielzeug das mir
langweilig worden wegwerfen und du Viktorin wirst dich um so williger meinem
Begehren fügen als du auf einmal selbst der Gefahr entgehst endlich ertappt zu
werden und so das geniale Verhältnis das unser Geist ausbrütete in eine
gemeine verbrauchte Mummerei in eine abgeschmackte Ehestandsgeschichte
herabsinken zu sehen
Der lästige Alte muss fort und wie das am besten ins Werk zu richten ist
darüber lass uns zu Rate gehen höre aber erst meine Meinung Du weißt dass der
Baron jeden Morgen wenn Reinhold beschäftigt allein hinausgeht in das Gebirge
um sich an den Gegenden nach seiner Art zu erlaben Schleiche dich früher
hinaus und suche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen Nicht weit von hier gibt
es eine wilde schauerliche Felsengruppe wenn man sie erstiegen gähnt dem
Wandrer auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund entgegen dort ist
oben über den Abgrund herüberragend der sogenannte Teufelssitz Man fabelt dass
giftige Dünste aus dem Abgrunde steigen die den der vermessen hinabschaut um
zu erforschen was drunten verborgen betäuben und rettungslos in den Tod
hinabziehen Der Baron dieses Märchen verlachend stand schon oft auf jenem
Felsstück über dem Abgrund um die Aussicht die sich dort öffnet zu genießen
Es wird leicht sein ihn selbst darauf zu bringen dass er dich an die
gefährliche Stelle führt steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein so
erlöst uns ein kräftiger Stoß deiner Faust auf immer von dem ohnmächtigen
Narren« »Nein nimmermehr« schrie ich heftig »ich kenne den entsetzlichen
Abgrund ich kenne den Sitz des Teufels nimmermehr Fort mit dir und dem
Frevel den du mir zumutest« Da sprang Euphemie auf wilde Glut entflammte
ihren Blick ihr Gesicht war verzerrt von der wütenden Leidenschaft die in ihr
tobte »Elender Schwächling« rief sie »du wagst es in dumpfer Feigheit dem zu
widerstreben was ich beschloss Du willst dich lieber dem schmachvollen Joche
schmiegen als mit mir herrschen Aber du bist in meiner Hand vergebens
entwindest du dich der Macht die dich gefesselt hält zu meinen Füßen Du
vollziehst meinen Auftrag morgen darf der dessen Anblick mich peinigt nicht
mehr leben«
Indem Euphemie die Worte sprach durchdrang mich die tiefste Verachtung
ihrer armseligen Prahlerei und im bitteren Hohn lachte ich ihr gellend entgegen
dass sie erbebte und die Totenblässe der Angst und des tiefen Grauens ihr Gesicht
überflog »Wahnsinnige« rief ich »die du glaubst über das Leben zu
herrschen die du glaubst mit seinen Erscheinungen zu spielen habe acht dass
dies Spielzeug nicht in deiner Hand zur schneidenden Waffe wird die dich tötet
Wisse Elende dass ich den du in deinem ohnmächtigen Wahn zu beherrschen
glaubst dich wie das Verhängnis selbst in meiner Macht festgekettet halte dein
frevelhaftes Spiel ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten Raubtiers im
Käfig Wisse Elende dass dein Buhle zerschmettert in jenem Abgrunde liegt und
dass du statt seiner den Geist der Rache selbst umarmtest Geh und verzweifle«
Euphemie wankte im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff zu Boden zu
sinken ich fasste sie und drückte sie durch die Tapetentüre den Gang hinab
Der Gedanke stieg in mir darf sie zu töten ich unterließ es ohne mich dessen
bewusst zu sein denn im ersten Augenblick als ich die Tapetentüre schloss
glaubte ich die Tat vollbracht zu haben Ich hörte einen durchdringenden
Schrei und Türen zuschlagen
Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt der mich dem
gewöhnlichen menschlichen Tun ganz entrückte jetzt musste Schlag auf Schlag
folgen und mich selbst als den bösen Geist der Rache verkündend musste ich das
Ungeheuere vollbringen Euphemiens Untergang war beschlossen und der
glühendste Hass sollte mit der höchsten Inbrunst der Liebe sich vermählend mir
den Genuss gewähren der nun noch dem übermenschlichen mir inwohnenden Geiste
würdig In dem Augenblick dass Euphemie untergegangen sollte Aurelie mein
werden
Ich erstaunte über Euphemiens innere Kraft die es ihr möglich machte den
andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen Sie sprach selbst darüber dass sie
vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und dann heftig an Krämpfen
gelitten der Baron schien sehr teilnehmend Reinholds Blicke waren zweifelhaft
und misstrauisch Aurelie blieb auf ihrem Zimmer und je weniger es mir gelang
sie zu sehen desto rasender tobte die Wut in meinem Innern Euphemie lud mich
ein auf bekanntem Wege in ihr Zimmer zu schleichen wenn alles im Schloss
ruhig geworden Mit Entzücken vernahm ich das denn der Augenblick der
Erfüllung ihres bösen Verhängnisses war gekommen Ein kleines spitzes Messer
das ich schon von Jugend auf bei mir trug und mit dem ich geschickt in Holz zu
schneiden wusste verbarg ich in meiner Kutte und so zum Morde entschlossen
ging ich zu ihr »Ich glaube« fing sie an »wir haben beide gestern schwere
ängstliche Träume gehabt es kam viel von Abgründen darin vor doch das ist nun
vorbei« Sie gab sich darauf wie gewöhnlich meinen frevelnden Liebkosungen
hin ich war erfüllt von entsetzlichem teuflischen Hohn indem ich nur die Lust
empfand die mir der Missbrauch ihrer eignen Schändlichkeit erregte Als sie in
meinen Armen lag entfiel mir das Messer sie schauerte zusammen wie von
Todesangst ergriffen ich hob das Messer rasch auf den Mord noch verschiebend
der mir selbst andere Waffen in die Hände gab Euphemie hatte italienischen
Wein und eingemachte Früchte auf den Tisch stellen lassen »Wie so ganz plump
und verbraucht« dachte ich verwechselte geschickt die Gläser und genoss nur
scheinbar die mir dargebotenen Früchte die ich in meinen weiten Ärmel fallen
ließ Ich hatte zwei drei Gläser von dem Wein aber aus dem Glase das Euphemie
für sich hingestellt getrunken als sie vorgab Geräusch im Schloss zu hören
und mich bat sie schnell zu verlassen Nach ihrer Absicht sollte ich auf
meinem Zimmer enden Ich schlich durch die langen schwach erhellten Korridore
ich kam bei Aureliens Zimmer vorüber wie festgebannt blieb ich stehen Ich
sah sie es war als schwebe sie daher mich voll Liebe anblickend wie in jener
Vision und mir winkend dass ich ihr folgen sollte Die Türe wich durch den
Druck meiner Hand ich stand im Zimmer nur angelehnt war die Türe des
Kabinetts eine schwüle Luft wallte mir entgegen meine Liebesglut stärker
entzündend mich betäubend kaum konnte ich atmen Aus dem Kabinett quollen
die tiefen angstvollen Seufzer der vielleicht von Verrat und Mord Träumenden
ich hörte sie im Schlafe beten »Zur Tat zur Tat was zauderst du der
Augenblick entflieht« so trieb mich die unbekannte Macht in meinem Innern
Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett getan da schrie es hinter mir
»Verruchter Mordbruder Nun gehörst du mein« und ich fühlte mich mit
Riesenkraft von hinten festgepackt Es war Hermogen ich wand mich alle meine
Stärke aufbietend endlich von ihm los und wollte mich fortdrängen aber von
neuem packte er mich hinterwärts und zerfleischte meinen Nacken mit wütenden
Bissen Vergebens rang ich unsinnig vor Schmerz und Wut lange mit ihm
endlich zwang ihn ein kräftiger Stoß von mir abzulassen und als er von neuem
über mich herfiel da zog ich mein Messer zwei Stiche und er sank röchelnd zu
Boden dass es dumpf im Korridor widerhallte Bis heraus aus dem Zimmer hatten
wir uns gedrängt im Kampfe der Verzweiflung
Sowie Hermogen gefallen rannte ich in wilder Wut die Treppe herab da
riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloss »Mord Mord« Lichter
schweiften hin und her und die Tritte der Herbeieilenden schallten durch die
langen Gänge die Angst verwirrte mich ich war auf entlegene Seitentreppen
geraten Immer lauter immer heller wurde es im Schloss immer näher und
näher erscholl es grässlich »Mord Mord« Ich unterschied die Stimme des Barons
und Reinholds welche heftig mit den Bedienten sprachen Wohin fliehen wohin
mich verbergen Noch vor wenigen Augenblicken als ich Euphemien mit demselben
Messer ermorden wollte mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen tötete war es
mir als könne ich mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand vertrauend auf
meine Macht keck hinaustreten da keiner von scheuer Furcht ergriffen es
wagen würde mich aufzuhalten jetzt war ich selbst von tödlicher Angst
befangen Endlich endlich war ich auf der Haupttreppe der Tumult hatte sich
nach den Zimmern der Baronesse gezogen es wurde ruhiger in drei gewaltigen
Sprüngen war ich hinab nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt Da gellte
ein durchdringender Schrei durch die Gänge dem ähnlich den ich in voriger
Nacht gehört »Sie ist tot gemordet durch das Gift das sie mir bereitet«
sprach ich dumpf in mich hinein Aber nun strömte es wieder hell aus Euphemiens
Zimmern Aurelie schrie angstvoll um Hilfe Aufs neue erscholl es grässlich
»Mord Mord« Sie brachten Hermogens Leichnam »Eilt nach dem Mörder« hört
ich Reinhold rufen Da lachte ich grimmig auf dass es durch den Saal durch die
Gänge dröhnte und rief mit schrecklicher Stimme »Wahnwitzige wollt ihr das
Verhängnis fahen das die frevelnden Sünder gerichtet« Sie horchten auf der
Zug blieb wie festgebannt auf der Treppe stehen Nicht fliehen wollt ich
mehr ja ihnen entgegenschreiten die Rache Gottes an den Frevlern in
donnernden Worten verkündend Aber des grässlichen Anblicks vor mir vor
mir stand Viktorins blutige Gestalt nicht ich er hatte die Worte gesprochen
Das Entsetzen sträubte mein Haar ich stürzte in wahnsinniger Angst heraus
durch den Park Bald war ich im Freien da hörte ich Pferdegetrappel hinter
mir und indem ich meine letzte Kraft zusammennahm um der Verfolgung zu
entgehen fiel ich über eine Baumwurzel strauchelnd zu Boden Bald standen die
Pferde bei mir Es war Viktorins Jäger »Um Jesus willen gnädiger Herr« fing
er an »was ist im Schloss vorgefallen man schreit Mord Schon ist das Dorf im
Aufruhr Nun was es auch sein mag ein guter Geist hat es mir eingegeben
aufzupacken und aus dem Städtchen hieher zu reiten es ist alles im Felleisen
auf Ihrem Pferde gnädiger Herr denn wir werden uns doch wohl trennen müssen
vorderhand es ist gewiss recht was Gefährliches geschehen nicht wahr« Ich
raffte mich auf und mich aufs Pferd schwingend bedeutete ich den Jäger in das
Städtchen zurückzureiten und dort meine Befehle zu erwarten Sobald er sich in
der Finsternis entfernt hatte stieg ich wieder vom Pferde und leitete es
behutsam in den dicken Tannenwald hinein der sich vor mir ausbreitete
Dritter Abschnitt
Die Abenteuer der Reise
Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finsteren Tannenwald brachen befand
ich mich an einem frisch und hell über glatte Kieselsteine dahinströmenden Bach
Das Pferd welches ich mühsam durch das Dickicht geleitet stand ruhig neben
mir und ich hatte nichts Angelegentlicheres zu tun als das Felleisen womit es
bepackt war zu untersuchen Wäsche Kleidungsstücke ein mit Gold
wohlgefüllter Beutel fielen mir in die Hände Ich beschloss mich sogleich
umzukleiden mit Hilfe der kleinen Schere und des Kamms den ich in einem
Besteck gefunden verschnitt ich den Bart und brachte die Haare so gut es gehen
wollte in Ordnung Ich warf die Kutte ab in welcher ich noch das kleine
verhängnisvolle Messer Viktorins Portefeuille sowie die Korbflasche mit dem
Rest des Teufelselixiers vorfand und bald stand ich da in weltlicher Kleidung
mit der Reisemütze auf dem Kopf so dass ich mich selbst als mir der Bach mein
Bild heraufspiegelte kaum wieder erkannte Bald war ich am Ausgange des Waldes
und der in der Ferne aufsteigende Dampf sowie das helle Glockengeläute das zu
mir herübertönte ließ mich ein Dorf in der Nähe vermuten Kaum hatte ich die
Anhöhe vor mir erreicht als ein freundliches schönes Tal sich öffnete in dem
ein großes Dorf lag Ich schlug den breiten Weg ein der sich hinabschlängelte
und sobald der Abhang weniger steil wurde schwang ich mich aufs Pferd um
soviel möglich mich an das mir ganz fremde Reiten zu gewöhnen Die Kutte hatte
ich in einen hohlen Baum verborgen und mit ihr all die feindseligen
Erscheinungen auf dem Schloss in dem finsteren Wald gebannt denn ich fühlte
mich froh und mutig und es war mir als habe nur meine überreizte Phantasie mir
Viktorins blutige grässliche Gestalt gezeigt und als wären die letzten Worte die
ich den mich Verfolgenden entgegenrief wie in hoher Begeisterung unbewusst aus
meinem Innern hervorgegangen und hätten die wahre geheime Beziehung des Zufalls
der mich auf das Schloss brachte und das was ich dort begann herbeiführte
deutlich ausgesprochen Wie das waltende Verhängnis selbst trat ich ein den
boshaften Frevel strafend und den Sünder in dem ihm bereiteten Untergange
entsündigend Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie sonst in mir und ich
konnte nicht an sie denken ohne meine Brust beengt ja physisch einen nagenden
Schmerz in meinem Innern zu fühlen Doch war es mir als müsse ich sie
vielleicht in fernen Landen wiedersehen ja als müsse sie wie von
unwiderstehlichem Drange hingerissen von unauflöslichen Banden an mich
gekettet mein werden
Ich bemerkte dass die Leute welche mir begegneten still standen und mir
verwundert nachsahen ja dass der Wirt im Dorfe vor Erstaunen über meinen Anblick
kaum Worte finden konnte welches mich nicht wenig ängstigte Während dass ich
mein Frühstück verzehrte und mein Pferd gefüttert wurde versammelten sich
mehrere Bauern in der Wirtsstube die mit scheuen Blicken mich anschielend
miteinander flüsterten Immer mehr drängte sich das Volk zu und mich dicht
umringend gafften sie mich an mit dummem Erstaunen Ich bemühte mich ruhig und
unbefangen zu bleiben und rief mit lauter Stimme den Wirt dem ich befahl mein
Pferd satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen Er ging zweideutig
lächelnd hinaus und kam bald darauf mit einem langen Mann zurück der mit
finstrer Amtsmiene und komischer Gravität auf mich zuschritt Er fasste mich
scharf ins Auge ich erwiderte den Blick indem ich aufstand und mich dicht vor
ihn stellte Das schien ihn etwas außer Fassung zu setzen indem er sich scheu
nach den versammelten Bauern umsah »Nun was ist es« rief ich »Ihr scheint
mir etwas sagen zu wollen« Da räusperte sich der ernsthafte Mann und sprach
indem er sich bemühte in den Ton seiner Stimme recht viel Gewichtiges zu legen
»Herr Ihr kommt nicht eher von hinnen bis Ihr Uns dem Richter hier am Orte
umständlich gesagt wer Ihr seid mit allen Qualitäten was Geburt Stand und
Würde anbelangt auch woher Ihr gekommen und wohin Ihr zu reisen gedenkt nach
allen Qualitäten der Lage des Ortes des Namens Provinz und Stadt und was
weiter zu bemerken und über das alles müsst Ihr Uns dem Richter einen Pass
vorzeigen geschrieben und unterschieben untersiegelt nach allen Qualitäten
wie es recht ist und gebräuchlich« Ich hatte noch gar nicht daran gedacht
dass es nötig sei irgend einen Namen anzunehmen und noch weniger war mir
eingefallen dass das Sonderbare Fremde meines Äußeren welches durch die
Kleidung der sich mein mönchischer Anstand nicht fügen wollte sowie durch die
Spuren des übelverschnittenen Bartes erzeugt wurde mich jeden Augenblick in
die Verlegenheit setzen würde über meine Person ausgeforscht zu werden Die
Frage des Dorfrichters kam mir daher so unerwartet dass ich vergebens sann ihm
irgend eine befriedigende Antwort zu geben Ich entschloss mich zu versuchen
was entschiedene Keckheit bewirken würde und sagte mit fester Stimme »Wer ich
bin habe ich Ursache zu verschweigen und deshalb trachtet Ihr vergeblich
meinen Pass zu sehen übrigens hütet Euch eine Person von Stande mit Eueren
läppischen Weitläuftigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten« »Hoho« rief
der Dorfrichter indem er eine große Dose hervorzog in die als er schnupfte
fünf Hände der hinter ihm stehenden Gerichtsschöppen hineingriffen gewaltige
Prisen herausholend »hoho nur nicht so barsch gnädigster Herr Ihre
Exzellenz wird sich gefallen lassen müssen Uns dem Richter Rede zu stehen und
den Pass zu zeigen denn nun gerade herausgesagt hier im Gebirge gibt es seit
einiger Zeit allerlei verdächtige Gestalten die dann und wann aus dem Walde
gucken und wieder verschwinden wie der Gottseibeiuns selbst aber es ist
verfluchtes Diebs und Raubgesindel die den Reisenden auflauern und allerlei
Schaden anrichten durch Mord und Brand und Ihr mein gnädigster Herr seht in
der Tat so absonderlich aus dass Ihr ganz dem Bilde ähnlich seid das die
hochlöbliche Landesregierung von einem großen Räuber und Hauptspitzbuben
geschrieben und beschrieben nach allen Qualitäten an Uns den Richter
geschickt hat Also nur ohne alle weitere Umstände und zeremonische Worte den
Pass oder in den Turm« Ich sah dass mit dem Mann so nichts auszurichten war
ich schickte mich daher an zu einem andern Versuch »Gestrenger Herr Richter«
sprach ich »wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet dass ich mit Euch allein
sprechen dürfte so wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklären und im
Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimnis offenbaren das mich in dem
Aufzuge der Euch so auffallend dünkt herführt« »Ha ha Geheimnisse
offenbaren« sprach der Richter »ich merke schon was das sein wird nun geht
nur hinaus ihr Leute bewacht die Türe und das Fenster und lasst niemanden
hinein und heraus« Als wir allein waren fing ich an »Ihr seht in mir Herr
Richter einen unglücklichen Flüchtling dem es endlich durch seine Freunde
glückte einem schmachvollen Gefängnis und der Gefahr auf ewig ins Kloster
gesperrt zu werden zu entgehen Erlasst mir die näheren Umstände meiner
Geschichte die das Gewebe von Ränken und Bosheiten einer rachsüchtigen Familie
ist Die Liebe zu einem Mädchen niederen Standes war die Ursache meiner Leiden
In dem langen Gefängnis war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die
Tonsur geben lassen wie Ihrs bemerken könnt sowie ich auch in dem
Gefängnisse in dem ich schmachtete in eine Mönchskutte gekleidet gehen musste
Erst nach meiner Flucht hier im Walde durfte ich mich umkleiden weil man mich
sonst ereilt haben würde Ihr merkt nun selbst woher das Auffallende in meinem
Äußeren rührt das mich bei Euch in solch bösen Verdacht gesetzt hat Einen Pass
kann ich Euch wie Ihr seht nun nicht vorzeigen aber für die Wahrheit meiner
Behauptungen habe ich gewisse Gründe die Ihr wohl für richtig anerkennen
werdet« Mit diesen Worten zog ich den Geldbeutel hervor legte drei blanke
Dukaten auf den Tisch und der gravitätische Ernst des Herrn Richters verzog
sich zum schmunzelnden Lächeln »Eure Gründe mein Herr« sagte er »sind gewiss
einleuchtend genug aber nehmt es nicht übel mein Herr es fehlt Ihnen noch
eine gewisse überzeugende Gleichheit nach allen Qualitäten Wenn Ihr wollt dass
ich das Ungerade für gerade nehmen soll so müssen Eure Gründe auch so
beschaffen sein« Ich verstand den Schelm und legte noch einen Dukaten hinzu
»Nun sehe ich« sprach der Richter »dass ich Euch mit meinem Verdacht unrecht
getan habe reist nur weiter aber schlagt wie Ihr es wohl gewohnt sein möget
hübsch die Nebenwege ein haltet Euch von der Heerstraße ab bis Ihr Euch des
verdächtigen Äußeren ganz entledigt« Er öffnete die Tür nun weit und rief laut
der versammelten Menge entgegen »Der Herr da drinnen ist ein vornehmer Herr
nach allen Qualitäten er hat sich Uns dem Richter in einer geheimen Audienz
entdeckt er reist inkognito das heißt unbekannterweise und dass ihr alle
davon nichts zu wissen und zu vernehmen braucht ihr Schlingel Nun
glückliche Reise gnädger Herr« Die Bauern zogen ehrfurchtsvoll schweigend
die Mützen ab als ich mich auf das Pferd schwang Rasch wollte ich durch das
Tor sprengen aber das Pferd fing an sich zu bäumen meine Unwissenheit meine
Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir jedes Mittel es von der Stelle zu
bringen im Kreise drehte es sich mit mir herum und warf mich endlich unter dem
schallenden Gelächter der Bauern dem herbeieilenden Richter und dem Wirte in die
Arme »Das ist ein böses Pferd« sagte der Richter mit unterdrücktem Lachen
»Ein böses Pferd« wiederholte ich mir den Staub abklopfend Sie halfen mir
wieder herauf aber von neuem bäumte sich schnaubend und prustend das Pferd
durchaus war es nicht durch das Tor zu bringen Da rief ein alter Bauer »Ei
seht doch da sitzt ja das Zeterweib die alte Liese an dem Tor und lässt den
gnädigen Herrn nicht fort aus Schabernack weil er ihr keinen Groschen
gegeben« Nun erst fiel mir ein altes zerlumptes Bettelweib ins Auge die
dicht am Torwege niedergekauert saß und mich mit wahnsinnigen Blicken anlachte
»Will die Zeterhexe gleich aus dem Weg« schrie der Richter aber die Alte
kreischte »Der Blutbruder hat mir keinen Groschen gegeben seht ihr nicht den
toten Menschen vor mir liegen Über den kann der Blutbruder nicht wegspringen
der tote Mensch richtet sich auf aber ich drücke ihn nieder wenn mir der
Blutbruder einen Groschen gibt« Der Richter hatte das Pferd bei dem Zügel
ergriffen und wollte es ohne auf das wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten
durch das Tor ziehen vergeblich war indessen alle Anstrengung und die Alte
schrie grässlich dazwischen »Blutbruder Blutbruder gib mir Groschen gib mir
Groschen« Da griff ich in die Tasche und warf ihr Geld in den Schoss und
jubelnd und jauchzend sprang die Alte auf in die Lüfte und schrie »Seht die
schönen Groschen die mir der Blutbruder gegeben seht die schönen Groschen«
Aber mein Pferd wieherte laut und kurbettierte von dem Richter losgelassen
durch das Tor »Nun geht es gar schön und herrlich mit dem Reiten gnädiger
Herr nach allen Qualitäten« sagte der Richter und die Bauern die mir bis
vors Tor nachgelaufen lachten noch einmal über die Massen als sie mich unter
den Sprüngen des munteren Pferdes so auf und nieder fliegen sahen und riefen
»Seht doch seht doch der reitet wie ein Kapuziner«
Der ganze Vorfall im Dorfe vorzüglich die verhängnisvollen Worte des
wahnsinnigen Weibes hatten mich nicht wenig aufgeregt Die vornehmsten
Maßregeln die ich jetzt zu ergreifen hatte schienen mir bei der ersten
Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Äußeren zu verbannen und mir irgend
einen Namen zu geben mit dem ich mich ganz unbemerkt in die Masse der Menschen
eindrängen könne Das Leben lag vor mir wie ein finstres undurchschauliches
Verhängnis was konnte ich anders tun als mich in meiner Verbannung ganz den
Wellen des Stroms überlassen der mich unaufhaltsam dahinriss Alle Faden die
mich sonst an bestimmte Lebensverhältnisse banden waren zerschnitten und daher
kein Halt für mich zu finden Immer lebendiger und lebendiger wurde die
Heerstraße und alles kündigte schon in der Ferne die reiche lebhafte
Handelsstadt an der ich mich jetzt näherte In wenigen Tagen lag sie mir vor
Augen ohne gefragt ja ohne einmal eben genau betrachtet zu werden ritt ich in
die Vorstadt hinein Ein großes Haus mit hellen Spiegelfenstern über dessen
Türe ein goldner geflügelter Löwe prangte fiel mir in die Augen Eine Menge
Menschen wogte hinein und hinaus Wagen kamen und fuhren ab aus den unteren
Zimmern schallte mir Gelächter und Gläserklang entgegen Kaum hielt ich an der
Türe als geschäftig der Hausknecht herbeisprang mein Pferd bei dem Zügel
ergriff und es als ich abgestiegen hineinführte Der zierlich gekleidete
Kellner kam mit dem klappernden Schlüsselbunde und schritt mir voran die Treppe
herauf als wir uns im zweiten Stock befanden sah er mich noch einmal flüchtig
an und führte mich dann noch eine Treppe höher wo er mir ein mässiges Zimmer
öffnete und mich dann höflich frug was ich vorderhand beföhle um zwei Uhr
würde gespeist im Saal No 10 erster Stock usw »Bringen Sie mir eine
Flasche Wein« Das war in der Tat das erste Wort das ich der dienstfertigen
Geschäftigkeit dieser Leute einschieben konnte
Kaum war ich allein als es klopfte und ein Gesicht zur Türe hereinsah das
einer komischen Maske glich wie ich sie wohl ehemals gesehen Eine spitze rote
Nase ein paar kleine funkelnde Augen ein langes Kinn und dazu ein aufgetürmtes
gepudertes Toupet das wie ich nachher wahrnahm ganz unvermuteterweise hinten
in einen Titus ausging ein großes Jabot ein brennend rotes Gilet unter dem
zwei starke Uhrketten hervorhingen Pantalons ein Frack der manchmal zu enge
dann aber auch wieder zu weit war kurz mit Konsequenz überall nicht passte So
schritt die Figur in der Krümmung des Bücklings der in der Türe begonnen
herein Hut Schere und Kamm in der Hand sprechend »Ich bin der Friseur des
Hauses und biete meine Dienste meine unmassgeblichen Dienste gehorsamst an«
Die kleine winddürre Figur hatte so etwas Possierliches dass ich das Lachen kaum
unterdrücken konnte Doch war mir der Mann willkommen und ich stand nicht an
ihn zu fragen ob er sich getraue meine durch die lange Reise und noch dazu
durch übles Verschneiden ganz in Verwirrung geratene Haare in Ordnung zu
bringen Er sah meinen Kopf mit kunstrichterlichen Augen an und sprach indem er
die rechte Hand graziös gekrümmt mit ausgespreizten Fingern auf die rechte
Brust legte »In Ordnung bringen O Gott Pietro Belcampo du den die
schnöden Neider schlechtweg Peter Schönfeld nennen wie den göttlichen
Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo Punto Jakob Stich du wirst verkannt
Aber stellst du nicht selbst dein Licht unter den Scheffel statt es leuchten zu
lassen vor der Welt Sollte der Bau dieser Hand sollte der Funke des Genies
der aus diesem Auge strahlt und wie ein lieblich Morgenrot die Nase färbt im
Vorbeistreifen sollte dein ganzes Wesen nicht dem ersten Blick des Kenners
verraten dass der Geist dir einwohnt der nach dem Ideal strebt In Ordnung
bringen ein kaltes Wort mein Herr«
Ich bat den wunderlichen kleinen Mann sich nicht so zu ereifern indem ich
seiner Geschicklichkeit alles zutraue »Geschicklichkeit« fuhr er in seinem
Eifer fort »was ist Geschicklichkeit Wer war geschickt Jener der das Maß
nahm nach fünf Augenlängen und dann springend dreißig Ellen weit in den Graben
stürzte Jener der ein Linsenkorn auf zwanzig Schritte weit durch ein
Nähnadelöhr schleuderte Jener der fünf Zentner an den Degen hing und so ihn
an der Nasenspitze balancierte sechs Stunden sechs Minuten sechs Sekunden und
einen Augenblick Ha was ist Geschicklichkeit Sie ist fremd dem Pietro
Belcampo den die Kunst die heilige durchdringt Die Kunst mein Herr die
Kunst Meine Phantasie irrt in dem wunderbaren Lockenbau in dem künstlichen
Gefüge das der Zephirhauch in Wellenzirkeln baut und zerstört Da schafft sie
und wirkt und arbeitet Ha es ist was Göttliches um die Kunst denn die
Kunst mein Herr ist eigentlich nicht sowohl die Kunst von der man soviel
spricht sondern sie entsteht vielmehr erst aus dem allen was man die Kunst
heißt Sie verstehen mich mein Herr denn Sie scheinen mir ein denkender
Kopf wie ich aus dem Löckchen schließe das sich rechter Hand über Dero
verehrte Stirn gelegt« Ich versicherte dass ich ihn vollkommen verstände und
indem mich die ganz originelle Narrheit des Kleinen höchlich ergötzte beschloss
ich seine gerühmte Kunst in Anspruch nehmend seinen Eifer seinen Patos nicht
im mindesten zu unterbrechen »Was gedenken Sie denn« sagte ich »aus meinen
verworrenen Haaren herauszubringen« »Alles was Sie wollen« erwiderte der
Kleine »soll Pietro Belcampo des Künstlers Rat aber etwas vermögen so lassen
Sie mich erst in den gehörigen Weiten Breiten und Längen Ihr wertes Haupt Ihre
ganze Gestalt Ihren Gang Ihre Mienen Ihr Gebärdenspiel betrachten dann werde
ich sagen ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum Romantischen zum Heroischen
Großen Erhabenen zum Naiven zum Idyllischen zum Spöttischen zum
Humoristischen hinneigen dann werde ich die Geister des Karacalla des Titus
Karls des Großen Heinrich des Vierten Gustav Adolfs oder Virgils Tassos
Boccaccios heraufbeschwören Von ihnen beseelt zucken die Muskeln meiner
Finger und unter der sonoren zwitschernden Schere geht das Meisterstück hervor
Ich werde es sein mein Herr der Ihre Charakteristik wie sie sich aussprechen
soll im Leben vollendet Aber jetzt bitte ich die Stube einigemal auf und ab
zu schreiten ich will beobachten bemerken anschauen ich bitte«
Dem wunderlichen Mann musste ich mich wohl fügen ich schritt daher wie er
gewollt die Stube auf und ab indem ich mir alle Mühe gab den gewissen
mönchischen Anstand den keiner ganz abzulegen vermag ist es auch noch so lange
her dass er das Kloster verlassen zu verbergen Der Kleine betrachtete mich
aufmerksam dann aber fing er an um mich her zu trippeln er seufzte und
ächzte er zog sein Schnupftuch hervor und wischte sich die Schweißtropfen von
der Stirne Endlich stand er still und ich frug ihn ob er nun mit sich einig
worden wie er mein Haar behandeln müsse Da seufzte er und sprach »Ach mein
Herr was ist denn das Sie haben sich nicht ihrem natürlichen Wesen
überlassen es war ein Zwang in dieser Bewegung ein Kampf streitender Naturen
Noch ein paar Schritte mein Herr« Ich schlug es ihm rund ab mich noch
einmal zur Schau zu stellen indem ich erklärte dass, wenn er nun sich nicht
entschließen könne mein Haar zu verschneiden ich darauf verzichten müsse
seine Kunst in Anspruch zu nehmen »Begrabe dich Pietro« rief der Kleine in
vollem Eifer »denn du wirst verkannt in dieser Welt wo keine Treue keine
Aufrichtigkeit mehr zu finden Aber Sie sollen doch meinen Blick der in die
Tiefe schaut bewundern ja den Genius in mir verehren mein Herr Vergebens
suchte ich lange all das Widersprechende was in Ihrem ganzen Wesen in Ihren
Bewegungen liegt zusammenzufügen Es liegt in Ihrem Gange etwas das auf einen
Geistlichen hindeutet Ex profundis clamavi ad the Domine Oremus Et in omnia
saecula saeculorum Amen« Diese Worte sang der Kleine mit heisrer quäkender
Stimme indem er mit treuster Wahrheit Stellung und Gebärde der Mönche
nachahmte Er drehte sich wie vor dem Altar er kniete und stand wieder auf
aber nun nahm er einen stolzen trotzigen Anstand an er runzelte die Stirn er
riss die Augen auf und sprach »Mein ist die Welt Ich bin reicher klüger
verständiger als ihr alle ihr Maulwürfe beugt euch vor mir Sehen Sie mein
Herr« sagte der Kleine »das sind die Hauptingredienzien Ihres äußern
Anstandes und wenn Sie es wünschen so will ich Ihre Züge Ihre Gestalt Ihre
Sinnesart beachtend etwas Karacalla Abälard und Boccaz zusammengiessen und so
in der Glut Form und Gestalt bildend den wunderbaren antikromantischen Bau
äterischer Locken und Löckchen beginnen« Es lag so viel Wahres in der
Bemerkung des Kleinen dass ich es für geraten hielt ihm zu gestehen wie ich in
der Tat geistlich gewesen und schon die Tonsur erhalten die ich jetzt soviel
möglich zu verstecken wünsche
Unter seltsamen Sprüngen Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete der
Kleine mein Haar Bald sah er finster und mürrisch aus bald lächelte er bald
stand er in atletischer Stellung bald erhob er sich auf den Fußspitzen kurz
es war mir kaum möglich nicht noch mehr zu lachen als schon wider meinen
Willen geschah Endlich war er fertig und ich bat ihn noch ehe er in die
Worte ausbrechen konnte die ihm schon auf der Zunge schwebten mir jemanden
heraufzuschicken der sich ebenso wie er des Hauptaars meines verwirrten
Barts annehmen könnte Da lächelte er ganz seltsam schlich auf den Zehen zur
Stubentüre und verschloss sie Dann trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und
sprach »Goldene Zeit als noch Bart und Haupthaar in einer Lockenfülle sich zum
Schmuck des Mannes ergoss und die süße Sorge eines Künstlers war Aber du bist
dahin Der Mann hat seine schönste Zierde verworfen und eine schändliche
Klasse hat sich hingegeben den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die
Haut zu vertilgen O ihr schnöden schmählichen Bartkratzer und Bartputzer
wetzt nur eure Messer auf schwarzen mit übelriechendem Öl getränkten Riemen zum
Hohn der Kunst schwingt eure betroddelten Beutel klappert mit euren Becken und
schaumt die Seife heißes gefährliches Wasser umherspritzend fragt im frechen
Frevel eure Patienten ob sie über den Daumen oder über den Löffel rasiert sein
wollen Es gibt Pietros die eurem schnöden Gewerbe entgegenarbeiten und sich
erniedrigend zu eurem schmachvollen Treiben die Bärte auszurotten noch das zu
retten suchen was sich über die Wellen der Zeit erhebt Was sind die tausendmal
variierten Backenbärte in lieblichen Windungen und Krümmungen bald sich sanft
schmiegend der Linie des sanften Ovals bald traurig niedersinkend in des Halses
Vertiefung bald keck emporstrebend über die Mundwinkel heraus bald bescheiden
sich einengend in schmaler Linie bald sich auseinanderbreitend in kühnem
Lockenschwunge was sind sie anders als die Erfindung unserer Kunst in der
sich das hohe Streben nach dem Schönen nach dem Heiligen entfaltet Ha Pietro
zeige welcher Geist dir einwohnt ja was du für die Kunst zu unternehmen
bereit bist indem du herabsteigst zum unleidlichen Geschäft der Bartkratzer«
Unter diesen Worten hatte der Kleine ein vollständiges Barbierzeug hervorgezogen
und fing an mich mit leichter geübter Hand von meinem Barte zu befreien
Wirklich ging ich aus seinen Händen ganz anders gestaltet hervor und es
bedurfte nur noch anderer weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke um mich
der Gefahr zu entziehen wenigstens durch mein Äußeres eine mir gefährliche
Aufmerksamkeit zu erregen Der Kleine stand in inniger Zufriedenheit mich
anlächelnd da Ich sagte ihm dass ich ganz unbekannt in der Stadt wäre und dass
es mir angenehm sein würde mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu können
Ich drückte ihm für seine Bemühung und um ihn aufzumuntern meinen Kommissionär
zu machen einen Dukaten in die Hand Er war wie verklärt er beäugelte den
Dukaten in der flachen Hand »Wertester Gönner und Mäzen« fing er an »ich habe
mich nicht in Ihnen betrogen der Geist leitete meine Hand und im Adlerflug des
Backenbarts sind Ihre hohe Gesinnungen rein ausgesprochen Ich habe einen
Freund einen Damon einen Orest der das am Körper vollendet was ich am Haupt
begonnen mit demselben tiefen Sinn mit demselben Genie Sie merken mein Herr
dass es ein Kostümkünstler ist denn so nenne ich ihn statt des gewöhnlichen
trivialen Ausdrucks Schneider Er verliert sich gern in das Ideelle und so
hat er Formen und Gestalten in der Phantasie bildend ein Magazin der
verschiedensten Kleidungsstücke angelegt Sie erblicken den modernen Elegant in
allen möglichen Nuancen wie er bald keck und kühn alles überleuchtend bald
in sich versunken nichts beachtend bald naiv tändelnd bald ironisch witzig
übellaunigt schwermütig bizarr ausgelassen zierlich burschikos erscheinen
will Der Jüngling der sich zum erstenmal einen Rock machen lassen ohne
einengenden Rat der Mama oder des Hofmeisters der Vierziger der sich pudern
muss des weißen Haars wegen der lebenslustige Alte der Gelehrte wie er sich in
der Welt bewegt der reiche Kaufmann der wohlhabende Bürger alles hängt in
meines Damons Laden vor Ihren Augen in wenigen Augenblicken sollen sich die
Meisterstücke meines Freundes Ihrem Blick entfalten« Er hüpfte schnell von
dannen und erschien bald mit einem großen starken anständig gekleideten Manne
wieder der gerade den Gegensatz des Kleinen machte sowohl im Äußeren als in
seinem ganzen Wesen und den er mir doch eben als seinen Damon vorstellte
Damon maß mich mit den Augen und suchte dann selbst aus dem Paket das ihm ein
Bursche nachgetragen Kleidungsstücke heraus die den Wünschen welche ich ihm
eröffnet ganz entsprachen Ja erst in der Folge habe ich den feinen Takt des
Kostümkünstlers wie ihn der Kleine preziös nannte eingesehen der in dem Sinn
durchaus nicht aufzufallen sondern unbemerkt und doch beim Bemerktwerden
geachtet ohne Neugierde über Stand Gewerbe usw zu erregen zu wandeln so
richtig wählte Es ist in der Tat schwer sich so zu kleiden dass der gewisse
allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung man treibe dies oder
jenes Gewerbe nicht aufkommen lässt ja dass niemand daran denkt darauf zu
sinnen Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur durch das Negative bedingt und
läuft ungefähr darauf hinaus was man das gebildete Benehmen heißt das auch
mehr im Unterlassen als im Tun liegt Der Kleine ergoss sich noch in allerlei
sonderbaren grotesken Redensarten ja da ihm vielleicht wenige so williges Ohr
verliehen als ich schien er überglücklich sein Licht recht leuchten lassen zu
können Damon ein ernster und wie mir schien verständiger Mann schnitt ihm
aber plötzlich die Rede ab indem er ihn bei der Schulter fasste und sprach
»Schönfeld du bist heute wieder einmal recht im Zuge tolles Zeug zu schwatzen
ich wette dass dem Herrn schon die Ohren wehe tun von all dem Unsinn den du
vorbringst« Belcampo ließ traurig sein Haupt sinken aber dann ergriff er
schnell den bestaubten Hut und rief laut indem er zur Türe hinaussprang »So
werd ich prostituiert von meinen besten Freunden« Damon sagte indem er sich
mir empfahl »Es ist ein Hasenfuß ganz eigener Art dieser Schönfeld Das viele
Lesen hat ihn halb verrückt gemacht aber sonst ein gutmütiger Mensch und in
seinem Metier geschickt weshalb ich ihn leiden mag denn leistet man recht viel
wenigstens in einer Sache so kann man sonst wohl etwas weniges über die Schnur
hauen« Als ich allein war fing ich vor dem großen Spiegel der im Zimmer
aufgehängt war eine förmliche Übung im Gehen an Der kleine Friseur hatte mir
einen richtigen Fingerzeig gegeben Den Mönchen ist eine gewisse schwerfällige
ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen die durch die lange Kleidung welche
die Schritte hemmt und durch das Streben sich schnell zu bewegen wie es der
Kultus erfordert hervorgebracht wird Ebenso liegt in dem zurückgebeugten
Körper und in dem Tragen der Arme die niemals herunterhängen dürfen da der
Mönch die Hände wenn er sie nicht faltet in die weiten Ärmel der Kutte steckt
etwas so Charakteristisches das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht Ich
versuchte dies alles abzulegen um jede Spur meines Standes zu verwischen Nur
darin fand ich Trost für mein Gemüt dass ich mein ganzes Leben als ausgelebt
möcht ich sagen als überstanden ansah und nun in ein neues Sein so eintrat
als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt von der überbaut selbst die
Erinnerung ehemaliger Existenz immer schwächer und schwächer werdend endlich
ganz unterginge Das Gewühl der Menschen der fortdauernde Lärm des Gewerbes
das sich auf den Straßen rührte alles war mir neu und ganz dazu geeignet die
heitre Stimmung zu erhalten in die mich der komische Kleine versetzt In meiner
neuen anständigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel
und jede Scheu verschwand als ich wahrnahm dass mich niemand bemerkte ja dass
mein nächster Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab mich anzuschauen als ich
mich neben ihn setzte In der Fremdenliste hatte ich meiner Befreiung durch den
Prior gedenkend mich Leonhard genannt und für einen Privatmann ausgegeben der
zu seinem Vergnügen reise Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele
geben und um so weniger veranlasste ich weitere Nachfrage Es war mir ein
eigenes Vergnügen die Straßen zu durchstreichen und mich an dem Anblick der
reichen Kaufladen der ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen Abends
besuchte ich die öffentlichen Spaziergänge wo mich oft meine Abgeschiedenheit
mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bitteren Empfindungen erfüllte
Von niemanden gekannt zu sein in niemandes Brust die leiseste Ahnung vermuten
zu können wer ich sei welch ein wunderbares merkwürdiges Spiel des Zufalls
mich hieher geworfen ja was ich alles in mir selbst verschliesse so wohltätig
es mir in meinem Verhältnis sein musste hatte doch für mich etwas wahrhaft
Schauerliches indem ich mir selbst dann vorkam wie ein abgeschiedener Geist
der noch auf Erden wandle da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst
gestorben Dachte ich daran wie ehemals den berühmten Kanzelredner alles
freundlich und ehrfurchtsvoll grüßte wie alles nach seiner Unterhaltung ja
nach ein paar Worten von ihm geizte so ergriff mich bitterer Unmut Aber jener
Kanzelredner war der Mönch Medardus der ist gestorben und begraben in den
Abgründen des Gebirges ich bin es nicht denn ich lebe ja mir ist erst jetzt
das Leben neu aufgegangen das mir seine Genüsse bietet So war es mir wenn
Träume mir die Begebenheiten im Schloss wiederholten als wären sie einem
anderen nicht mir geschehen dieser andere war doch wieder der Kapuziner aber
nicht ich selbst Nur der Gedanke an Aurelien verknüpfte noch mein voriges Sein
mit dem jetzigen aber wie ein tiefer nie zu verwindender Schmerz tötete er oft
die Lust die mir aufgegangen und ich wurde dann plötzlich herausgerissen aus
den bunten Kreisen womit mich immer mehr das Leben umfing Ich unterließ
nicht die vielen öffentlichen Häuser zu besuchen in denen man trank spielte
udm und vorzüglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb
geworden in dem sich des guten Weins wegen jeden Abend eine zahlreiche
Gesellschaft versammelte An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer
dieselben Personen ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich Es gelang mir
den Männern die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten näher zu treten
indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein trank
endlich irgend eine interessante literarische Notiz nach der sie vergebens
suchten mitteilte und so einen Platz am Tische erhielt den sie mir um so
lieber einräumten als ihnen mein Vortrag sowie meine mannigfachen Kenntnisse
die ich täglich mehr eindringend in all die Zweige der Wissenschaft, die mir
bisher unbekannt bleiben mussten erweiterte zusagten So erwarb ich mir eine
Bekanntschaft die mir wohl tat und mich immer mehr und mehr an das Leben in
der Welt gewöhnend wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heiterer ich
schliff all die rauen Ecken ab die mir von meiner vorigen Lebensweise übrig
geblieben Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft die ich
besuchte viel von einem fremden Maler der angekommen und eine Ausstellung
seiner Gemälde veranstaltet habe alle außer mir hatten die Gemälde schon
gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr dass ich mich entschloss auch
hinzugehen Der Maler war nicht zugegen als ich in den Saal trat doch machte
ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meister der fremden Gemälde die der
Maler zugleich mit den seinigen ausgestellt Es waren herrliche Stücke
mehrenteils Originale berühmter Meister deren Anblick mich entzückte Bei
manchen Bildern die der Alte flüchtige großen Freskogemälden entnommene Kopien
nannte dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frühsten Jugend auf
Immer deutlicher und deutlicher immer lebendiger erglühten sie in regen Farben
Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde So erkannte ich auch bei einer
heiligen Familie in Josephs Zügen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers der
mir den wunderbaren Knaben brachte Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang
mich aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren als mein Blick
auf ein lebensgrosses Porträt fiel in dem ich die Fürstin meine Pflegemutter
erkannte Sie war herrlich und mit jener im höchsten Sinn aufgefassten
Ähnlichkeit wie Van Dyck seine Porträts malte in der Tracht wie sie in der
Prozession am Bernardustage vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte gemalt
Der Maler hatte gerade den Moment ergriffen als sie nach vollendetem Gebet sich
anschickt aus ihrem Zimmer zu treten um die Prozession zu beginnen auf welche
das versammelte Volk in der Kirche die sich in der Perspektive des
Hintergrundes öffnet erwartungsvoll harrt In dem Blick der herrlichen Frau lag
ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts ach es war als schien
sie Vergebung für den frevelnden frechen Sünder zu erflehen der sich gewaltsam
von ihrem Mutterherzen losgerissen und dieser Sünder war ja ich selbst
Gefühle die mir längst fremd worden durchströmten meine Brust eine
unaussprechliche Sehnsucht riss mich fort ich war wieder bei dem guten Pfarrer
im Dorfe des Zisterzienserklosters ein muntrer unbefangener froher Knabe vor
Lust jauchzend weil der Bernardustag gekommen Ich sah sie »Bist du recht
fromm und gut gewesen Franziskus« frug sie mit der Stimme deren vollen Klang
die Liebe dämpfte dass sie weich und lieblich zu mir herübertönte »Bist du
recht fromm und gut gewesen« Ach was konnte ich ihr antworten Frevel auf
Frevel habe ich gehäuft dem Bruch des Gelübdes folgte der Mord Von Gram und
Reue zerfleischt sank ich halb ohnmächtig auf die Knie Tränen entstürzten
meinen Augen Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig »Was
ist Ihnen was ist Ihnen mein Herr« »Das Bild der Äbtissin ist meiner eines
grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich« sagte ich dumpf in mich hinein
und suchte indem ich aufstand so viel Fassung als möglich zu gewinnen »Kommen
Sie mein Herr« sagte der Alte »solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft man
darf sie vermeiden es ist noch ein Porträt hier welches mein Herr für sein
bestes hält Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet wir
haben es verhängt damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz
eingetrockneten Farben verderbe« Der Alte stellte mich sorglich in das
gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg Es war Aurelie Mich
ergriff ein Entsetzen das ich kaum zu bekämpfen vermochte Aber ich erkannte
die Nähe des Feindes der mich in die wogende Flut der ich kaum entronnen
gewaltsam hineindrängen mich vernichten wollte und mir kam der Mut wieder
mich aufzulehnen gegen das Ungetüm das in geheimnisvollem Dunkel auf mich
einstürmte
Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize die aus dem in regem
Leben glühenden Bilde hervorstrahlten Der kindliche milde Blick des frommen
Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders anzuklagen aber jedes Gefühl
der Reue erstarb in dem bitteren feindlichen Hohn der in meinem Innern
aufkeimend mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen
Leben Nur das peinigte mich dass in jener verhängnisvollen Nacht auf dem
Schloss Aurelie nicht mein geworden Hermogens Erscheinung vereitelte das
Unternehmen aber er büsste mit dem Tode Aurelie lebt und das ist genug der
Hoffnung Raum zu geben sie zu besitzen Ja es ist gewiss dass sie noch mein
wird denn das Verhängnis waltet dem sie nicht entgehen kann und bin ich nicht
selbst dieses Verhängnis
So ermutigte ich mich zum Frevel indem ich das Bild anstarrte Der Alte
schien über mich verwundert Er kramte viel Worte aus über Zeichnung Ton
Kolorit ich hörte ihn nicht Der Gedanke an Aurelie die Hoffnung die nur
aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen erfüllte mich so ganz und gar dass
ich forteilte ohne nach dem fremden Maler zu fragen und so vielleicht näher zu
erforschen was für eine Bewandtnis es mit den Gemälden haben könne die wie in
einem Zyklus Andeutungen über mein ganzes Leben enthielten Um Aureliens
Besitz war ich entschlossen alles zu wagen ja es war mir als ob ich selbst
über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend niemals zu
fürchten und daher auch niemals zu wagen haben könne Ich brütete über allerlei
Pläne und Entwürfe meinem Ziele näher zu kommen vorzüglich glaubte ich nun
von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde Beziehung zu
erforschen die mir zu wissen als Vorbereitung zu meinem Zweck nötig sein
konnte Ich hatte nämlich nichts Geringeres im Sinn als in meiner jetzigen
neuen Gestalt auf das Schloss zurückzukehren und das schien mir nicht einmal ein
sonderlich kühnes Wagstück zu sein Am Abend ging ich in jene Gesellschaft es
war mir darum zu tun der immer steigenden Spannung meines Geistes dem
ungezähmten Arbeiten meiner aufgeregten Phantasie Schranken zu setzen
Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich von dem
seltenen Ausdruck den er seinen Porträts zu geben wüsste es war mir möglich in
dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz des Ausdrucks der nur der
Reflex der höhnenden Ironie war die in meinem Innern wie verzehrendes Feuer
brannte die unnennbaren Reize die über Aureliens frommes engelschönes Gesicht
verbreitet zu schildern Einer sagte dass er den Maler den die Vollendung
mehrerer Porträts die er angefangen noch am Orte festhielt und der ein
interessanter herrlicher Künstler wiewohl schon ziemlich bejahrt sei morgen
abends in die Gesellschaft mitbringen wolle
Von seltsamen Gefühlen von unbekannten Ahnungen bestürmt ging ich den
andern Abend später als gewöhnlich in die Gesellschaft der Fremde saß mit mir
zugekehrtem Rücken am Tische Als ich mich setzte als ich ihn erblickte da
starrten mir die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten entgegen der am
Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand und mich mit Angst und Entsetzen
erfüllte Er sah mich lange an mit tiefem Ernst aber die Stimmung in der ich
mich befand seitdem ich Aureliens Bild geschaut hatte gab mir Mut und Kraft
diesen Blick zu ertragen Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten und es
galt den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen Ich beschloss den Angriff
abzuwarten aber dann ihn mit den Waffen auf deren Stärke ich bauen konnte
zurückzuschlagen Der Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten sondern
setzte den Blick wieder von mir abwendend das Kunstgespräch fort in dem er
begriffen gewesen als ich eintrat Man kam auf seine Gemälde und lobte
vorzüglich Aureliens Porträt Jemand behauptete dass das Bild unerachtet es
sich auf den ersten Blick als Porträt ausspreche doch als Studie dienen und zu
irgend einer Heiligen benutzt werden könne Man frug nach meinem Urteil da
ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in Worten dargestellt
und unwillkürlich fuhr es mir heraus dass ich die heilige Rosalia mir nicht wohl
anders denken könne als ebenso wie das Porträt der Unbekannten Der Maler
schien meine Worte kaum zu bemerken indem er sogleich einfiel »In der Tat ist
jenes Frauenzimmer die das Porträt getreulich darstellt eine fromme Heilige
die im Kampfe sich zum Himmlischen erhebt Ich habe sie gemalt als sie von dem
entsetzlichsten Jammer ergriffen doch in der Religion Trost und von dem ewigen
Verhängnis das über den Wolken tront Hilfe hoffte und den Ausdruck dieser
Hoffnung die nur in dem Gemüt wohnen kann das sich über das Irdische hoch
erhebt habe ich dem Bilde zu geben gesucht« Man verlor sich in andere
Gespräche der Wein der heute dem fremden Maler zu Ehren in bessrer Sorte und
reichlicher getrunken wurde als sonst erheiterte die Gemüter Jeder wusste
irgend etwas Ergötzliches zu erzählen und wiewohl der Fremde nur im Innern zu
lachen und dies innere Lachen sich nur im Auge abzuspiegeln schien so wusste er
doch oft nur durch ein paar hineingeworfene kräftige Worte das Ganze in
besonderem Schwunge zu erhalten Konnte ich auch so oft mich der Fremde ins
Auge fasste ein unheimliches grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken so überwand
ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung von der ich erst
ergriffen als ich den Fremden erblickte Ich erzählte von dem possierlichen
Belcampo den alle kannten und wusste zu ihrer Freude seine phantastische
Hasenfüssigkeit recht ins grelle Licht zu stellen so dass ein recht gemütlicher
dicker Kaufmann der mir gegenüber zu sitzen pflegte mit vor Lachen tränenden
Augen versicherte das sei seit langer Zeit der vergnügteste Abend den er
erlebe Als das Lachen endlich zu verstummen anfing frug der Fremde plötzlich
»Haben Sie schon den Teufel gesehen meine Herren« Man hielt die Frage für
die Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein dass man noch
nicht die Ehre gehabt da fuhr der Fremde fort »Nun es hätte wenig gefehlt so
wäre ich zu der Ehre gekommen und zwar auf dem Schloss des Barons F im
Gebirge« Ich erbebte aber die andern riefen lachend »Nur weiter weiter«
»Sie kennen« nahm der Fremde wieder das Wort »wohl alle wahrscheinlich wenn
Sie die Reise durch das Gebirge machten jene wilde schauerliche Gegend in der
wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt
sich ihm ein tiefer schwarzer Abgrund öffnet Es ist der sogenannte
Teufelsgrund und oben ragt ein Felsenstück hervor welches den sogenannten
Teufelssitz bildet Man spricht davon dass der Graf Viktorin mit bösen
Anschlägen im Kopfe eben auf diesem Felsen saß als plötzlich der Teufel
erschien und weil er beschlossen Viktorins ihm wohlgefällige Anschläge selbst
auszuführen den Grafen in den Abgrund schleuderte Der Teufel erschien sodann
als Kapuziner auf dem Schloss des Barons und nachdem er seine Lust mit der
Baronesse gehabt schickte er sie zur Hölle sowie er auch den wahnsinnigen Sohn
des Barons der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte sondern laut
verkündete Es ist der Teufel erwürgte wodurch denn aber eine fromme Seele aus
dem Verderben errettet wurde das der arglistige Teufel beschlossen Nachher
verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise und man sagt er sei feige
geflohn vor Viktorin der aus seinem Grabe blutig emporgestiegen Dem sei nun
allem wie ihm wolle so kann ich Sie doch davon versichern dass die Baronesse
an Gift umkam Hermogen meuchlings ermordet wurde der Baron kurz darauf vor
Gram starb und Aurelie eben die fromme Heilige die ich in der Zeit als das
Entsetzliche geschehen auf dem Schloss malte als verlassene Waise in ein
fernes Land und zwar in ein Zisterzienserkloster flüchtete dessen Äbtissin
ihrem Vater befreundet war Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner
Galerie gesehen Doch das alles wird Ihnen dieser Herr er wies nach mir viel
umständlicher und besser erzählen können da er während der ganzen Begebenheit
auf dem Schloss zugegen war« Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich
gerichtet entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme »Ei mein
Herr was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten mit Ihren
Morderzählungen zu schaffen Sie verkennen mich Sie verkennen mich in der Tat
und ich bitte mich ganz aus dem Spiel zu lassen« Bei dem Aufruhr in meinem
Innern wurde es mir schwer genug meinen Worten noch diesen Anstrich von
Gleichgültigkeit zu geben die Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers
sowie meine leidenschaftliche Unruhe die ich zu verbergen mich vergebens
bemühte war nur zu sichtlich Die heitre Stimmung verschwand und die Gäste
nun sich erinnernd wie ich allen gänzlich fremd mich so nach und nach dazu
gefunden sahen mich mit misstrauischen argwöhnischen Blicken an
Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren
lebendigtoten Augen wie damals in der Kapuzinerkirche Er sprach kein Wort er
schien starr und leblos aber sein gespenstischer Anblick sträubte mein Haar
kalte Tropfen standen auf der Stirn und von Entsetzen gewaltig erfasst erbebten
alle Fibern »Hebe dich weg« schrie ich außer mir »du bist selbst der Satan
du bist der frevelnde Mord aber über mich hast du keine Macht«
Alles erhob sich von den Sitzen »Was ist das was ist das« rief es
durcheinander aus dem Saale drängten sich das Spiel verlassend die Menschen
hinein von dem fürchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt »Ein Betrunkener
ein Wahnsinniger Bringt ihn fort bringt ihn fort« riefen mehrere Aber der
fremde Maler stand unbeweglich mich anstarrend Unsinnig vor Wut und
Verzweiflung riss ich das Messer womit ich Hermogen getötet und das ich stets
bei mir zu tragen pflegte aus der Seitentasche und stürzte mich auf den Maler
aber ein Schlag warf mich nieder und der Maler lachte im fürchterlichen Hohn
dass es im Zimmer widerhallte »Bruder Medardus Bruder Medardus falsch ist dein
Spiel geh und verzweifle in Reue und Scham« Ich fühlte mich von den Gästen
angepackt da ermannte ich mich und wie ein wütender Stier drängte und stieß
ich gegen die Menge dass mehrere zur Erde stürzten und ich mir den Weg zur Türe
bahnte Rasch eilte ich durch den Korridor da öffnete sich eine kleine
Seitentüre ich wurde in ein finstres Zimmer hineingezogen ich widerstrebte
nicht weil die Menschen schon hinter mir herbrausten Als der Schwarm vorüber
führte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof und dann durch das
Hintergebäude auf die Straße Bei dem hellen Schein der Laterne erkannte ich in
meinem Retter den possierlichen Belcampo »Dieselben scheinen« fing er an
»einige Fatalität mit dem fremden Maler zu haben ich trank im Nebenzimmer ein
Gläschen als der Lärm anging und beschloss da mir die Gelegenheit des Hauses
bekannt Sie zu retten denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalität schuld«
»Wie ist das möglich« frug ich voll Erstaunen »Wer gebietet dem Moment wer
widerstrebt den Hingebungen des höheren Geistes« fuhr der Kleine voll Patos
fort »Als ich Ihr Haupthaar arrangierte Verehrter entzündeten sich in mir
comme à lordinaire die sublimsten Ideen ich überließ mich dem wilden Ausbruch
ungeregelter Phantasie und darüber vergaß ich nicht allein die Locke des Zorns
auf dem Hauptwirbel gehörig zur weichen Runde abzuglätten sondern ließ auch
sogar siebenundzwanzig Haare der Angst und des Entsetzens über der Stirne
stehen diese richteten sich auf bei den starren Blicken des Malers der
eigentlich ein Revenant ist und neigten sich ächzend gegen die Locke des Zorns
die zischend und knisternd auseinanderfuhr Ich habe alles geschaut da zogen
Sie von Wut entbrannt ein Messer Verehrter an dem schon diverse Blutstropfen
hingen aber es war ein eitles Bemühen dem Orkus den zuzusenden der dem Orkus
schon gehörte denn dieser Maler ist Ahasverus der ewige Jude oder Bertram de
Bornis oder Mephistopheles oder Benvenuto Cellini oder der heilige Peter kurz
ein schnöder Revenant und durch nichts anders zu bannen als durch ein glühendes
Lockeneisen welches die Idee krümmt welche eigentlich er ist oder durch
schickliches Frisieren der Gedanken die er einsaugen muss um die Idee zu
nähren mit elektrischen Kämmen Sie sehen Verehrter dass mir dem Künstler
und Phantasten von Profession dergleichen Dinge wahre Pomade sind welches
Sprichwort aus meiner Kunst entnommen weit bedeutender ist als man wohl
glaubt sobald nur die Pomade echtes Nelkenöl enthält« Das tolle Geschwätz des
Kleinen der unterdessen mit mir durch die Straßen rannte hatte in dem
Augenblick für mich etwas Grauenhaftes und wenn ich dann und wann seine
skurrile Sprünge sein komisches Gesicht bemerkte musste ich wie im
konvulsivischen Krampf laut auflachen Endlich waren wir in meinem Zimmer
Belcampo half mir packen bald war alles zur Reise bereit ich drückte dem
Kleinen mehrere Dukaten in die Hand er sprang hoch auf vor Freude und rief
laut »Heisa nun habe ich ehrenwertes Geld lauter flimmerndes Gold mit
Herzblut getränkt gleissend und rote Strahlen spielend Das ist ein Einfall und
noch dazu ein lustiger mein Herr weiter nichts«
Den Zusatz mochte ihm mein Befremden über seinen Ausruf entlocken er bat
sich es aus der Locke des Zorns noch die gehörige Ründe geben die Haare des
Entsetzens kürzer schneiden und ein Löckchen Liebe zum Andenken mitnehmen zu
dürfen Ich ließ ihn gewähren und er vollbrachte alles unter den
possierlichsten Gebärden und Grimassen Zuletzt ergriff er das Messer welches
ich beim Umkleiden auf den Tisch gelegt und stach damit indem er eine
Fechterstellung annahm in die Luft hinein »Ich töte ihren Widersacher« rief
er »und da er eine bloße Idee ist muss er getötet werden können durch eine Idee
und erstirbt demnach an dieser der meinigen die ich um die Expression zu
verstärken mit schicklichen Leibesbewegungen begleite Apage Satanas apage
apage Ahasverus allezvousen Nun das wäre getan« sagte er das Messer
weglegend tief atmend und sich die Stirne trocknend wie einer der sich
tüchtig angegriffen um eine schwere Arbeit zu vollbringen Rasch wollte ich das
Messer verbergen und fuhr damit in den Ärmel als trüge ich noch die
Mönchskutte welches der Kleine bemerkte und ganz schlau belächelte Indem blies
der Postillon vor dem Hause da veränderte Belcampo plötzlich Ton und Stellung
er holte ein kleines Schnupftuch hervor tat als wische er sich die Tränen aus
den Augen bückte sich einmal über das andere ganz ehrerbietig küsste mir die
Hand und den Rock und flehte »Zwei Messen für meine Großmutter die an einer
Indigestion vier Messen für meinen Vater der an unwillkürlichem Fasten starb
ehrwürdiger Herr Aber für mich jede Woche eine wenn ich gestorben
Vorderhand Ablass für meine vielen Sünden Ach ehrwürdiger Herr es steckt ein
infamer sündlicher Kerl in meinem Innern und spricht Peter Schönfeld sei kein
Affe und glaube dass du bist sondern ich bin eigentlich du heiße Belcampo und
bin eine geniale Idee und wenn du das nicht glaubst so stoße ich dich nieder
mit einem spitzigen haarscharfen Gedanken Dieser feindliche Mensch Belcampo
genannt Ehrwürdiger begeht alle mögliche Laster unter andern zweifelt er oft
an der Gegenwart betrinkt sich sehr schlägt um sich und treibt Unzucht mit
schönen jungfräulichen Gedanken dieser Belcampo hat mich den Peter Schönfeld
ganz verwirrt und konfuse gemacht dass ich oft ungebührlich springe und die
Farbe der Unschuld schände indem ich singend in dulci jubilo mit weissseidenen
Strümpfen in den Dr setze Vergebung für beide Pietro Belcampo und Peter
Schönfeld« Er kniete vor mir nieder und tat als schluchze er heftig Die
Narrheit des Menschen wurde mir lästig »Seien Sie doch vernünftig« rief ich
ihm zu der Kellner trat herein um mein Gepäck zu holen Belcampo sprang auf
und wieder in seinen lustigen Humor zurückkommend half er indem er in einem
fort schwatzte dem Kellner das herbeibringen was ich noch in der Eile
verlangte »Der Kerl ist ein ausgemachter Hasenfuß man darf sich mit ihm nicht
viel einlassen« rief der Kellner indem er die Wagentüre zuschlug Belcampo
schwenkte den Hut und rief »Bis zum letzten Hauch meines Lebens« als ich mit
bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte
Als der Morgen zu dämmern anfing lag die Stadt schon weit hinter mir und
die Gestalt des furchtbaren entsetzlichen Menschen der wie ein
unerforschliches Geheimnis mich grauenvoll umfing war verschwunden Die Frage
der Postmeister »Wohin« rückte es immer wieder aufs neue mir vor wie ich nun
jeder Verbindung im Leben abtrünnig worden und den wogenden Wellen des Zufalls
preisgegeben umherstreiche Aber hatte nicht eine unwiderstehliche Macht mich
gewaltsam herausgerissen aus allem was mir sonst befreundet nur damit der mir
inwohnende Geist in ungehemmter Kraft seine Schwingen rüstig entfalte und rege
Rastlos durchstrich ich das herrliche Land nirgends fand ich Ruhe es trieb
mich unaufhaltsam fort immer weiter hinab in den Süden ich war ohne daran zu
denken bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen die mir Leonardus
bezeichnet und so wirkte der Stoß mit dem er mich in die Welt getrieben wie
mit magischer Gewalt fort in gerader Richtung
In einer finsteren Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald der sich bis über
die nächste Station ausdehnen sollte wie mir der Postmeister gesagt und deshalb
geraten hatte bei ihm den Morgen abzuwarten welches ich um nur so rasch als
möglich ein Ziel zu erreichen das mir selbst ein Geheimnis war ausschlug
Schon als ich abfuhr leuchteten Blitze in der Ferne aber bald zogen schwärzer
und schwärzer die Wolken herauf die der Sturm zusammengeballt hatte und
brausend vor sich her jagte der Donner hallte furchtbar im tausendstimmigen
Echo wieder und rote Blitze durchkreuzten den Horizont soweit das Auge
reichte die hohen Tannen krachten bis in die Wurzel erschüttert der Regen goss
in Strömen herab Jeden Augenblick liefen wir Gefahr von den Bäumen erschlagen
zu werden die Pferde bäumten sich scheu geworden durch das Leuchten der
Blitze bald konnten wir kaum noch fort endlich wurde der Wagen so hart
umgeschleudert dass das Hinterrad zerbrach So mussten wir nun auf der Stelle
bleiben und warten bis das Gewitter nachließ und der Mond durch die Wolken
brach Jetzt bemerkte der Postillon dass er in der Finsternis ganz von der
Straße abgekommen und in einen Waldweg geraten sei es war kein andres Mittel
als diesen Weg so gut es gehen wollte zu verfolgen und so vielleicht mit
Tagesanbruch in ein Dorf zu kommen Der Wagen wurde mit einem Baumast gestützt
und so ging es Schritt vor Schritt fort Bald bemerkte ich der ich voranging
in der Ferne den Schimmer eines Lichts und glaubte Hundegebell zu vernehmen ich
hatte mich nicht getäuscht denn kaum waren wir einige Minuten länger gegangen
als ich ganz deutlich Hunde anschlagen hörte Wir kamen an ein ansehnliches
Haus das in einem großen mit einer Mauer umschlossenen Hofe stand Der
Postillon klopfte an die Pforte die Hunde sprangen tobend und bellend herbei
aber im Hause selbst blieb alles stille und tot bis der Postillon sein Horn
erschallen ließ da wurde im oberen Stock das Fenster aus dem mir das Licht
entgegenschimmerte geöffnet und eine tiefe raue Stimme rief herab »Christian
Christian« »Ja gestrenger Herr« antwortete es unten »Da klopft und bläst
es« fuhr die Stimme von oben fort »an unserm Tor und die Hunde sind ganz des
Teufels Nehm er einmal die Laterne und die Büchse No 3 und sehe er zu was es
gibt« Bald darauf hörten wir wie Christian die Hunde ablockte und sahen ihn
endlich mit der Laterne kommen Der Postillon meinte es sei kein Zweifel wie
er gleich als der Wald begonnen statt geradeaus zu fahren seitwärts
eingebogen sein müsse da wir bei der Försterwohnung wären die von der letzten
Station eine Stunde rechts abliege Als wir dem Christian den Zufall der uns
betroffen geklagt öffnete er sogleich beide Flügel des Tors und half den Wagen
hinein Die beschwichtigten Hunde schwänzelten und schnüffelten um uns her und
der Mann der sich nicht vom Fenster entfernt rief unaufhörlich herab »Was da
was da Was für eine Karawane« ohne dass Christian oder einer von uns Bescheid
gegeben Endlich trat ich während Christian Pferde und Wagen unterbrachte ins
Haus das Christian geöffnet und es kam mir ein großer starker Mann mit
sonneverbranntem Gesicht den großen Hut mit grünem Federbusch auf dem Kopf
übrigens im Hemde nur die Pantoffeln an die Füße gesteckt mit dem bloßen
Hirschfänger in der Hand entgegen indem er mir barsch entgegenrief »Woher des
Landes Was turbiert man die Leute in der Nacht das ist hier kein Wirtshaus
keine Poststation Hier wohnt der Revierförster und das bin ich Christian
ist ein Esel dass er das Tor geöffnet« Ich erzählte ganz kleinmütig meinen
Unfall und dass nur die Not uns hier hineingetrieben da wurde der Mann
geschmeidiger er sagte »Nun freilich das Unwetter war gar heftig aber der
Postillon ist doch ein Schlingel dass er falsch fuhr und den Wagen zerbrach
Solch ein Kerl muss mit verbundenen Augen im Walde fahren können er muss darin zu
Hause sein wie unsereins« Er führte mich herauf und indem er den
Hirschfänger aus der Hand legte den Hut abnahm und den Rock überwarf bat er
seinen rauen Empfang nicht übel zu deuten da er hier in der abgelegenen
Wohnung um so mehr auf der Hut sein müsse als wohl öfters allerlei liederlich
Gesindel den Wald durchstreife und er vorzüglich mit den sogenannten
Freischützen die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet beinahe in offener
Fehde liege »Aber« fuhr er fort »die Spitzbuben können mir nichts anhaben
denn mit der Hilfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich und im Glauben
und Vertrauen auf ihn und auf mein gut Gewehr biete ich ihnen Trotz«
Unwillkürlich schob ich wie ich es noch oft aus alter Gewohnheit nicht lassen
konnte einige salbungsvolle Worte über die Kraft des Vertrauens auf Gott ein
und der Förster erheiterte sich immer mehr und mehr Meiner Protestationen
unerachtet weckte er seine Frau eine betagte aber muntere rührige Matrone die
wiewohl aus dem Schlafe gestört doch freundlich den Gast bewillkommte und auf
des Mannes Geheiß sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing Der Postillion
sollte so hatte es ihm der Förster als Strafe aufgegeben noch in derselben
Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zurück von der er gekommen
und ich von ihm dem Förster nach meinem Belieben auf die nächste Station
gebracht werden Ich ließ mir das um so eher gefallen als mir selbst wenigstens
eine kurze Ruhe nötig schien Ich äußerte deshalb dem Förster dass ich wohl bis
zum Mittag des folgenden Tages dazubleiben wünsche um mich ganz von der
Ermüdung zu erholen die mir das beständige unaufhörliche Fahren mehrere Tage
hindurch verursacht »Wenn ich Ihnen raten soll mein Herr« erwiderte der
Förster »so bleiben Sie morgen den ganzen Tag über hier und warten Sie bis
übermorgen da bringt Sie mein ältester Sohn den ich in die fürstliche Residenz
schicke selbst bis auf die nächste Station« Auch damit war ich zufrieden
indem ich die Einsamkeit des Orts rühmte die mich wunderbar anziehe »Nun mein
Herr« sagte der Förster »einsam ist es hier wohl gar nicht Sie müssten denn so
nach den gewöhnlichen Begriffen der Städter jede Wohnung einsam nennen die im
Walde liegt unerachtet es denn doch sehr darauf ankommt wer sich darin
aufhält Ja wenn hier in diesem alten Jagdschloss noch so ein griesgramiger
alter Herr wohnte wie ehemals der sich in seinen vier Mauern einschloss und
keine Lust hatte an Wald und Jagd da möchte es wohl ein einsamer Aufenthalt
sein aber seitdem er tot ist und der gnädige Landesfürst das Gebäude zur
Försterwohnung einrichten lassen da ist es hier recht lebendig worden Sie sind
doch wohl so ein Städter mein Herr der nichts weiß von Wald und Jagdlust da
können Sie sichs denn nicht denken was wir Jägersleute für ein herrlich
freudig Leben führen Ich mit meinen Jägerburschen mache nur eine Familie aus
ja Sie mögen das nun kurios finden oder nicht ich rechne meine klugen
anstelligen Hunde auch dazu die verstehen mich und passen auf mein Wort auf
meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode Sehen Sie wohl wie mein Waldmann
da mich so verständig anschaut weil er weiß dass ich von ihm rede Nun Herr
gibt es beinahe immer was im Walde zu tun da ist denn nun abends ein
Vorbereiten und Wirtschaften und sowie der Morgen graut bin ich aus den Federn
und trete heraus ein lustig Jägerstückchen auf meinem Horn blasend Da rüttelt
und rappelt sich alles aus dem Schlafe die Hunde schlagen an sie jauchzen vor
Mut und Jagdbegier Die Bursche werfen sich schnell in die Kleider Jagdtasch
umgeworfen Gewehr über der Schulter treten sie hinein in die Stube wo meine
Alte das Jägerfrühstück bereitet und nun gehts heraus in Jubel und Lust Wir
kommen hin an die Stellen wo das Wild verborgen da nimmt jeder vom andern
entfernt einzeln seinen Platz die Hunde schleichen den Kopf geduckt zur Erde
und schnüffeln und spüren und schauen den Jäger an wie mit klugen menschlichen
Augen und der Jäger steht kaum atmend mit gespanntem Hahn regungslos wie
eingewurzelt auf der Stelle Und wenn nun das Wild herausspringt aus dem
Dickicht und die Schüsse knallen und die Hunde stürzen hintendrein ei Herr da
klopft einem das Herz und man ist ein ganz andrer Mensch Und jedesmal ist
solch ein Ausziehen zur Jagd was neues denn immer kommt was ganz Besonderes
vor was noch nicht dagewesen Schon dadurch dass das Wild sich in die Zeiten
teilt so dass nun dies dann jenes sich zeigt wird das Ding so herrlich dass
kein Mensch auf Erden es satt haben kann Aber Herr auch der Wald schon an und
vor sich selbst der Wald ist ja so lustig und lebendig dass ich mich niemals
einsam fühle Da kenne ich jedes Plätzchen und jeden Baum und es ist mir
wahrhaftig so als wenn jeder Baum der unter meinen Augen aufgewachsen und nun
seine blanken regen Wipfel in die Lüfte streckt mich auch kennen und lieb haben
müsste weil ich ihn gehegt und gepflegt ja ich glaube ordentlich wenn es
manchmal so wunderbar rauscht und flüstert als spräche es zu mir mit ganz
eignen Stimmen und das wäre eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner
Allmacht und ein Gebet wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag
Kurz ein rechtschaffener frommer Jägersmann führt ein gar lustig herrlich
Leben denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten schönen Freiheit
geblieben wie die Menschen so recht in der Natur lebten und von all dem
Geschwänzel und Geziere nichts wussten womit sie sich in ihren gemauerten
Kerkern quälen so dass sie auch ganz entfremdet sind all den herrlichen Dingen
die Gott um sie hergestellt hat damit sie sich daran erbauen und ergötzen
sollen wie es sonst die Freien taten die mit der ganzen Natur in Liebe und
Freundschaft lebten wie man es in den alten Geschichten lieset«
Alles das sagte der alte Förster mit einem Ton und Ausdruck dass man wohl
überzeugt sein musste wie er es tief in der Brust fühle und ich beneidete ihn
in der Tat um sein glückliches Leben um seine im Innersten tiefbegründete
ruhige Gemütsstimmung die der meinigen so unähnlich war
Im andern Teil des wie ich jetzt wahrnahm ziemlich weitläuftigen Gebäudes
wies mir der Alte ein kleines nett aufgeputztes Gemach an in welchem ich meine
Sachen bereits vorfand und verließ mich indem er versicherte dass mich der
frühe Lärm im Hause nicht wecken würde da ich mich von der übrigen
Hausgenossenschaft ganz abgesondert befinde und daher so lange ruhen könne als
ich wolle nur erst wenn ich hinabrufe würde man mir das Frühstück bringen
ich aber ihn den Alten erst beim Mittagsessen wiedersehen da er früh mit den
Burschen in den Wald ziehe und vor Mittag nicht heimkehre Ich warf mich auf das
Lager und fiel ermüdet wie ich war bald in tiefen Schlaf aber es folterte
mich ein entsetzliches Traumbild Auf ganz wunderbare Weise fing der Traum mit
dem Bewusstsein des Schlafs an ich sagte mir nämlich selbst »Nun das ist
herrlich dass ich gleich eingeschlafen bin und so fest und ruhig schlummere das
wird mich von der Ermüdung ganz erlaben nur muss ich ja nicht die Augen öffnen«
Aber demunerachtet war es mir als könne ich das nicht unterlassen und doch
wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen da ging die Türe auf und eine
dunkle Gestalt trat hinein die ich zu meinem Entsetzen als mich selbst im
Kapuzinerhabit mit Bart und Tonsur erkannte Die Gestalt kam näher und näher an
mein Bett ich war regungslos und jeder Laut den ich herauszupressen suchte
erstickte in dem Starrkrampf der mich ergriffen Jetzt setzte sich die Gestalt
auf mein Bett und grinsete mich höhnisch an »Du musst jetzt mit mir kommen«
sprach die Gestalt »wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne die
ein lustig Brautlied spielt weil der Uhu Hochzeit macht Dort wollen wir ringen
miteinander und wer den andern herabstösst ist König und darf Blut trinken«
Ich fühlte wie die Gestalt mich packte und in die Höhe zog da gab mir die
Verzweiflung meine Kraft wieder »Du bist nicht ich du bist der Teufel« schrie
ich auf und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht aber es
war als bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Höhlen und die
Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton In dem Augenblick erwachte
ich wie von einem plötzlichen Ruck emporgeschüttelt Aber das Gelächter dauerte
fort im Zimmer Ich fuhr in die Höhe der Morgen brach in lichten Strahlen durch
das Fenster und ich sah vor dem Tisch den Rücken mir zugewendet eine Gestalt
im Kapuzinerhabit stehen Ich erstarrte vor Schreck der grauenhafte Traum
trat ins Leben Der Kapuziner stöberte unter den Sachen die auf dem Tische
lagen Jetzt wandte er sich und mir kam aller Mut wieder als ich ein fremdes
Gesicht mit schwarzem verwildertem Barte erblickte aus dessen Augen der
gedankenlose Wahnsinn lachte gewisse Züge erinnerten entfernt an Hermogen
Ich beschloss abzuwarten was der Unbekannte beginnen werde und nur irgend einer
schädlichen Unternehmung Einhalt zu tun Mein Stilett lag neben mir ich war
deshalb und schon meiner körperlichen Leibesstärke wegen auf die ich bauen
konnte auch ohne weitere Hilfe des Fremden mächtig Er schien mit meinen Sachen
wie ein Kind zu spielen vorzüglich hatte er Freude an dem roten Portefeuille
das er hin und her gegen das Fenster wandte und dabei auf seltsame Weise in die
Höhe sprang Endlich fand er die Korbflasche mit dem Rest des geheimnisvollen
Weins er öffnete sie und roch daran da bebte es ihm durch alle Glieder er
stieß einen Schrei aus der dumpf und grauenvoll im Zimmer wiederklang Eine
helle Glocke im Hause schlug drei Uhr da heulte er wie von entsetzlicher Qual
ergriffen aber dann brach er wieder aus in das schneidende Gelächter wie ich
es im Traum gehört er schwenkte sich in wilden Sprüngen er trank aus der
Flasche und rannte dann sie von sich schleudernd zur Türe hinaus Ich stand
schnell auf und lief ihm nach aber er war mir schon aus dem Gesichte ich hörte
ihn die entfernte Treppe hinabpoltern und einen dumpfen Schlag wie von einer
hart zugeworfenen Türe Ich verriegelte mein Zimmer um eines zweiten Besuchs
überhoben zu sein und warf mich aufs neue ins Bette Zu erschöpft war ich nun
um nicht bald wieder einzuschlafen erquickt und gestärkt erwachte ich als
schon die Sonne ins Gemach hineinfunkelte Der Förster war wie er es gesagt
hatte mit seinen Söhnen und den Jägerburschen in den Wald gezogen ein
blühendes freundliches Mädchen des Försters jüngere Tochter brachte mir das
Frühstück während die ältere mit der Mutter in der Küche beschäftigt war Das
Mädchen wusste gar lieblich zu erzählen wie sie hier alle Tage froh und
friedlich zusammen lebten und nur manchmal es Tumult von vielen Menschen gäbe
wenn der Fürst im Revier jage und dann manchmal im Hause übernachte So
schlichen ein paar Stunden hin da war es Mittag und lustiger Jubel und
Hörnerklang verkündeten den Förster der mit seinen vier Söhnen herrlichen
blühenden Jünglingen von denen der jüngste kaum fünfzehn Jahr alt sein mochte
und drei Jägerburschen heimkehrte Er frug wie ich denn geschlafen und ob
mich nicht der frühe Lärm vor der Zeit geweckt habe ich mochte ihm das
überstandene Abenteuer nicht erzählen denn die lebendige Erscheinung des
grauenhaften Mönchs hatte sich so fest an das Traumbild gereiht dass ich kaum zu
unterscheiden vermochte wo der Traum übergegangen sei ins wirkliche Leben
Der Tisch war gedeckt die Suppe dampfte der Alte zog sein Käppchen ab um das
Gebet zu halten da ging die Türe auf und der Kapuziner den ich in der Nacht
gesehen trat hinein Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte verschwunden aber er
hatte ein düstres störrisches Ansehen »Sein Sie willkommen ehrwürdiger Herr«
rief ihm der Alte entgegen »sprechen Sie das Gratias und speisen Sie dann mit
uns« Da blickte er um sich mit zornfunkelnden Augen und schrie mit
fürchterlicher Stimme »Der Satan soll dich zerreißen mit deinem ehrwürdigen
Herrn und deinem verfluchten Beten hast du mich nicht hergelockt damit ich der
dreizehnte sein soll und du mich umbringen lassen kannst von dem fremden Mörder
Hast du mich nicht in diese Kutte gesteckt damit niemand den Grafen deinen
Herrn und Gebieter erkennen soll Aber hüte dich Verfluchter vor meinem
Zorn« Damit ergriff der Mönch einen schweren Krug der auf dem Tische stand
und schleuderte ihn nach dem Alten der nur durch eine geschickte Wendung dem
Wurf auswich der ihm den Kopf zerschmettert hätte Der Krug flog gegen die Wand
und zerbrach in tausend Scherben Aber in dem Augenblick packten die
Jägerbursche den Rasenden und hielten ihn fest »Was« rief der Förster »du
verruchter gotteslästerlicher Mensch du wagst es hier wieder mit deinem
rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten du wagst es mir der ich dich
aus viehischem Zustande aus der ewigen Verderbnis errettet aufs neue nach dem
Leben zu trachten Fort mit dir in den Turm« Der Mönch fiel auf die Knie
er flehte heulend um Erbarmen aber der Alte sagte »Du musst in den Turm und
darfst nicht eher wieder hieher kommen bis ich weiß dass du dem Satan entsagt
hast der dich verblendet sonst musst du sterben« Da schrie der Mönch auf wie
im trostlosen Jammer der Todesnot aber die Jägerbursche brachten ihn fort und
berichteten wiederkehrend dass der Mönch ruhiger geworden sobald er in das
Turmgemach getreten Christian der ihn bewache habe übrigens erzählt dass der
Mönch die ganze Nacht über in den Gängen des Hauses herumgepoltert und
vorzüglich nach Tagesanbruch geschrien habe »Gib mir noch mehr von deinem Wein
und ich will mich dir ganz ergeben mehr Wein mehr Wein« Es habe dem Christian
übrigens wirklich geschienen als taumle der Mönch wie betrunken unerachtet er
nicht begriffen wie der Mönch an irgend ein starkes berauschendes Getränk
gekommen sein könne Nun nahm ich nicht länger Anstand das überstandene
Abenteuer zu erzählen wobei ich nicht vergaß der ausgeleerten Korbflasche zu
gedenken »Ei das ist schlimm« sagte der Förster »doch Sie scheinen mir ein
mutiger frommer Mann ein anderer hätte des Todes sein können vor Schreck« Ich
bat ihn mir näher zu sagen was es mit dem wahnsinnigen Mönch für eine
Bewandtnis habe »Ach« erwiderte der Alte »das ist eine lange abenteuerliche
Geschichte so was taugt nicht beim Essen Schlimm genug schon dass uns der
garstige Mensch eben als wir was uns Gott beschert froh und freudig genießen
wollten mit seinem freveligen Beginnen so gestört hat aber nun wollen wir auch
gleich an den Tisch« Damit zog er sein Mützchen ab sprach andächtig und fromm
das Gratias und unter lustigen frohen Gesprächen verzehrten wir das ländliche
kräftig und schmackhaft zubereitete Mahl Dem Gast zu Ehren ließ der Alte guten
Wein heraufbringen den er mir nach patriarchalischer Sitte aus einem schönen
Pokal zutrank Der Tisch war indessen abgeräumt die Jägerbursche nahmen ein
paar Hörner von der Wand und bliesen ein Jägerlied Bei der zweiten
Wiederholung fielen die Mädchen singend ein und mit ihnen wiederholten die
Försterssöhne im Chor die Schlussstrophe Meine Brust erweiterte sich auf
wunderbare Weise seit langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen
als unter diesen einfachen frommen Menschen Es wurden mehrere gemütliche
wohltönende Lieder gesungen bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf »Es leben
alle braven Männer die das edle Weidwerk ehren« sein Glas leerte wir stimmten
alle ein und so war das frohe Mahl das mir zu Ehren durch Wein und Gesang
verherrlicht wurde beschlossen
Der Alte sprach zu mir »Nun mein Herr schlafe ich ein halbes Stündchen
aber dann gehen wir in den Wald und ich erzähle es Ihnen wie der Mönch in mein
Haus gekommen und was ich sonst von ihm weiß Bis dahin tritt die Dämmerung ein
dann gehen wir auf den Anstand da es wie mir Franz sagt Hühner gibt Auch Sie
sollen ein gutes Gewehr erhalten und Ihr Glück versuchen« Die Sache war mir
neu da ich als Seminarist zwar manchmal nach der Scheibe aber nie nach Wild
geschossen ich nahm daher des Försters Anerbieten an der höchlich darüber
erfreut schien und mir mit treuherziger Gutmütigkeit in aller Eil noch vor dem
Schlaf den er zu tun gedachte die ersten unentbehrlichsten Grundsätze der
Schiesskunst beizubringen suchte
Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerüstet und so zog ich mit dem
Förster in den Wald der die Geschichte von dem seltsamen Mönch in folgender Art
anfing
»Künftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her als meine Bursche im Walde
oft ein entsetzliches Heulen vernahmen das so wenig Menschliches es auch
hatte doch wie Franz mein jüngst angenommener Lehrling meinte von einem
Menschen herrühren mochte Franz war dazu bestimmt von dem heulenden Ungetüm
geneckt zu werden denn wenn er auf den Anstand ging so verscheuchte das
Heulen welches sich dicht bei ihm hören ließ die Tiere und er sah zuletzt
wenn er auf ein Tier anlegen wollte ein borstiges unkenntliches Wesen aus dem
Gebüsch springen das seinen Schuss vereitelte Franz hatte den Kopf voll von all
den spukhaften Jägerlegenden die ihm sein Vater ein alter Jäger erzählt und
er war geneigt das Wesen für den Satan selbst zu halten der ihm das
Weidhandwerk verleiden oder ihn sonst verlocken wolle Die anderen Bursche
selbst meine Söhne denen auch das Ungetüm aufgestoßen pflichteten ihm endlich
bei und umso mehr war mir daran gelegen dem Dinge näher auf die Spur zu
kommen als ich es für eine List der Freischützen hielt meine Jäger vom Anstand
wegzuschrecken Ich befahl deshalb meinen Söhnen und den Burschen die
Gestalt falls sie sich wieder zeigen sollte anzurufen und falls sie nicht
stehen oder Bescheid geben sollte nach Jägerrecht ohne weiteres nach ihr zu
schießen Den Franz traf es wieder der erste zu sein dem das Ungetüm auf dem
Anstand in den Weg trat Er rief ihm zu das Gewehr anlegend die Gestalt sprang
ins Gebüsch Franz wollte hinterdrein knallen aber der Schuss versagte und nun
lief er voll Angst und Schrecken zu den andern die von ihm entfernt standen
überzeugt dass es der Satan sei der ihm zum Trutz das Wild verscheuche und sein
Gewehr verzaubere denn in der Tat traf er seitdem ihn das Ungetüm verfolgte
kein Tier so gut er sonst geschossen Das Gerücht von dem Spuk im Walde
verbreitete sich und man erzählte schon im Dorfe wie der Satan dem Franz in
den Weg getreten und ihm Freikugeln angeboten und noch anderes tolles Zeug
mehr Ich beschloss dem Unwesen ein Ende zu machen und das Ungetüm das mir
selbst noch niemals aufgestoßen auf den Stätten wo es sich zu zeigen pflegte
zu verfolgen Lange wollte es mir nicht glücken endlich als ich an einem
neblichten Novemberabend gerade da wo Franz das Ungetüm zuerst erblickt auf
dem Anstand war rauschte es mir ganz nahe im Gebüsch ich legte leise das
Gewehr an ein Tier vermutend aber eine grässliche Gestalt mit rotfunkelnden
Augen und schwarzen borstigen Haaren mit Lumpen behangen brach hervor Das
Ungetüm stierte mich an indem es entsetzliche heulende Töne außstieß Herr
es war ein Anblick der dem Beherztesten Furcht einjagen könnte ja mir war es
als stehe wirklich der Satan vor mir und ich fühlte wie mir der Angstschweiß
ausbrach Aber im kräftigen Gebet das ich mit starker Stimme sprach ermutigte
ich mich ganz Sowie ich betete und den Namen Jesus Christus aussprach heulte
wütender das Ungetüm und brach endlich in entsetzliche gotteslästerliche
Verwünschungen aus Da rief ich Du verfluchter bübischer Kerl halt ein mit
deinen gotteslästerlichen Reden und gib dich gefangen oder ich schieße dich
nieder Da fiel der Mensch wimmernd zu Boden und bat um Erbarmen Meine Bursche
kamen herbei wir packten den Menschen und führten ihn nach Hause wo ich ihn in
den Turm bei dem Nebengebäude einsperren ließ und den nächsten Morgen den
Vorfall der Obrigkeit anzeigen wollte Er fiel sowie er in den Turm kam in
einen ohnmächtigen Zustand Als ich den andern Morgen zu ihm ging saß er auf
dem Strohlager das ich ihm bereiten lassen und weinte heftig Er fiel mir zu
Füßen und flehte mich an dass ich mit ihm Erbarmen haben solle schon seit
mehreren Wochen habe er im Walde gelebt und nichts gegessen als Kräuter und
wildes Obst er sei ein armer Kapuziner aus einem weit entlegenen Kloster und
aus dem Gefängnisse in das man ihn wahnsinnshalber gesperrt entsprungen Der
Mensch war in der Tat in einem erbarmungswürdigen Zustande ich hatte Mitleiden
mit ihm und ließ ihm Speise und Wein zur Stärkung reichen worauf er sich
sichtlich erholte Er bat mich auf das eindringendste ihn nur einige Tage im
Hause zu dulden und ihm ein neues Ordenshabit zu verschaffen er wolle dann
selbst nach dem Kloster zurückwandeln Ich erfüllte seinen Wunsch und sein
Wahnsinn schien wirklich nachzulassen da die Paroxysmen minder heftig und
seltener wurden In den Ausbrüchen der Raserei stieß er entsetzliche Reden aus
und ich bemerkte dass er wenn ich ihn deshalb hart anredete und mit dem Tode
drohte in einen Zustand innerer Zerknirschung überging indem er sich kasteite
ja sogar Gott und die Heiligen anrief ihn von der Höllenqual zu befreien Er
schien sich dann für den heiligen Antonius zu halten sowie er in der Raserei
immer tobte er sei Graf und gebietender Herr und er wolle uns alle ermorden
lassen wenn seine Diener kämen In den lichten Zwischenräumen bat er mich um
Gottes willen ihn nicht zu verstoßen weil er fühle dass nur sein Aufenthalt bei
mir ihn heilen könne Nur ein einziges Mal gab es noch einen harten Auftritt mit
ihm und zwar als der Fürst hier eben im Revier gejagt und bei mir übernachtet
hatte Der Mönch war nachdem er den Fürsten mit seiner glänzenden Umgebung
gesehen ganz verändert Er blieb störrisch und verschlossen er entfernte sich
schnell wenn wir beteten es zuckte ihm durch alle Glieder wenn er nur ein
andächtiges Wort hörte und dabei schaute er meine Tochter Anne mit solchen
lüsternen Blicken an dass ich beschloss ihn fortzubringen um allerlei Unfug zu
verhüten In der Nacht vorher als ich den Morgen meinen Plan ausführen wollte
weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem Gange ich sprang aus dem Bette
und lief schnell mit angezündetem Licht nach dem Gemach wo meine Töchter
schliefen Der Mönch war aus dem Turm wo ich ihn allnächtlich eingeschlossen
gebrochen und in viehischer Brunst nach dem Gemach meiner Töchter gerannt
dessen Türe er mit einem Fußtritt sprengte Zum Glück hatte den Franz ein
unausstehlicher Durst aus der Kammer wo die Bursche schlafen hinausgetrieben
und er wollte gerade nach der Küche gehen um sich Wasser zu schöpfen als er
den Mönch über den Gang poltern hörte Er lief herbei und packte ihn gerade in
dem Augenblick als er die Türe einstiess von hinten her aber der Junge war zu
schwach den Rasenden zu bändigen sie balgten sich unter dem Geschrei der
erwachten Mädchen in der Türe und ich kam gerade in dem Augenblick herzu als
der Mönch den Burschen zu Boden geworfen und ihn meuchlerisch bei der Kehle
gepackt hatte Ohne mich zu besinnen fasste ich den Mönch und riss ihn von
Franzen weg aber plötzlich noch weiß ich nicht wie das zugegangen blinkte
ein Messer in des Mönchs Faust er stieß nach mir aber Franz der sich
aufgerafft fiel ihm in den Arm und mir der ich nun wohl ein starker Mann bin
gelang es bald den Rasenden so fest an die Mauer zu drücken dass ihm schier der
Atem ausgehen wollte Die Bursche waren ob dem Lärm alle wach worden und
herbeigelaufen wir banden den Mönch und schmissen ihn in den Turm ich holte
aber meine Hetzpeitsche herbei und zählte ihm zur Abmahnung von künftigen
Untaten ähnlicher Art einige kräftige Hiebe auf so dass er ganz erbärmlich
ächzte und wimmerte aber ich sprach Du Bösewicht das ist noch viel zu wenig
für deine Schändlichkeit dass du meine Tochter verführen wollen und mir nach dem
Leben getrachtet eigentlich solltest du sterben Er heulte vor Angst und
Entsetzen denn die Furcht vor dem Tode schien ihn ganz zu vernichten Den
andern Morgen war es nicht möglich ihn fortzubringen denn er lag totenähnlich
in gänzlicher Abspannung da und flößte mir wahres Mitleiden ein Ich ließ ihm in
einem bessern Gemach ein gutes Bette bereiten und meine Alte pflegte seiner
indem sie ihm stärkende Suppen kochte und aus unserer Hausapoteke das reichte
was ihm dienlich schien Meine Alte hat die gute Gewohnheit wenn sie einsam
sitzt oft ein andächtig Lied anzustimmen aber wenn es ihr recht wohl ums Herz
sein soll muss meine Anne mit ihrer hellen Stimme ihr solch ein Lied vorsingen
Das geschah nun auch vor dem Bette des Kranken Da seufzte er oft tief und
sah meine Alte und die Anne mit recht wehmütigen Blicken an oft flossen ihm die
Tränen über die Wangen Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger als wolle
er sich kreuzigen aber das gelang nicht die Hand fiel kraftlos nieder dann
stieß er auch manchmal leise Töne aus als wolle er in den Gesang einstimmen
Endlich fing er an zusehends zu genesen jetzt schlug er oft das Kreuz nach
Sitte der Mönche und betete leise Aber ganz unvermutet fing er einmal an
lateinische Lieder zu singen die meiner Alten und der Anne unerachtet sie die
Worte nicht verstanden mit ihren ganz wunderbaren heiligen Tönen bis ins
Innerste drangen so dass sie nicht genug sagen konnten wie der Kranke sie
erbaue Der Mönch war so weit hergestellt dass er aufstehen und im Hause
umherwandeln konnte aber sein Aussehen sein Wesen war ganz verändert Die
Augen blickten sanft statt dass sonst ein gar böses Feuer in ihnen funkelte er
schritt ganz nach Klostersitte leise und andächtig mit gefaltenen Händen umher
jede Spur des Wahnsinns war verschwunden Er genoss nichts als Gemüse Brot und
Wasser und nur selten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin bringen dass er
sich an meinen Tisch setzte und etwas von den Speisen genoss sowie einen kleinen
Schluck Wein trank Dann sprach er das Gratias und ergötzte uns mit seinen
Reden die er so wohl zu stellen wusste wie nicht leicht einer Oft ging er im
Walde einsam spazieren so kam es denn dass ich ihm einmal begegnete und ohne
gerade viel zu denken frug ob er nicht nun bald in sein Kloster zurückkehren
werde Er schien sehr bewegt er fasste meine Hand und sprach Mein Freund ich
habe dir das Heil meiner Seele zu danken du hast mich errettet von der ewigen
Verderbnis noch kann ich nicht von dir scheiden lass mich bei dir sein Ach
habe Mitleid mit mir den der Satan verlockt hat und der unwiederbringlich
verloren war wenn ihn der Heilige zu dem er flehte in angstvollen Stunden
nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht hätte Sie fanden mich fuhr der
Mönch nach einigem Stillschweigen fort in einem ganz entarteten Zustande und
ahnden auch jetzt gewiss nicht dass ich einst ein von der Natur reich
ausgestatteter Jüngling war den nur eine schwärmerische Neigung zur Einsamkeit
und zu den tiefsinnigsten Studien ins Kloster brachte Meine Brüder liebten mich
alle ausnehmend und ich lebte so froh als es nur in dem Kloster geschehen
kann Durch Frömmigkeit und musterhaftes Betragen schwang ich mich empor man
sah in mir schon den künftigen Prior Es begab sich dass einer der Brüder von
weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster verschiedene Reliquien die er sich auf
dem Wege zu verschaffen gewusst mitbrachte Unter diesen befand sich eine
verschlossene Flasche die der heilige Antonius dem Teufel der darin ein
verführerisches Elixier bewahrte abgenommen haben sollte Auch diese Reliquie
wurde sorgfältig aufbewahrt unerachtet mir die Sache ganz gegen den Geist der
Andacht den die wahren Reliquien einflößen sollen und überhaupt ganz
abgeschmackt zu sein schien Aber eine unbeschreibliche Lüsternheit bemächtigte
sich meiner das zu erforschen was wohl eigentlich in der Flasche enthalten Es
gelang mir sie beiseite zu schaffen ich öffnete sie und fand ein herrlich
duftendes süß schmeckendes starkes Getränk darin das ich bis auf den letzten
Tropfen genoss Wie nun mein ganzer Sinn sich änderte wie ich einen brennenden
Durst nach der Lust der Welt empfand wie das Laster in verführerischer
Gestalt mir als des Lebens höchste Spitze erschien das alles mag ich nicht
sagen kurz mein Leben wurde eine Reihe schändlicher Verbrechen so dass als
ich meiner teuflischen Lust unerachtet verraten wurde mich der Prior zum ewigen
Gefängnis verurteilte Als ich schon mehrere Wochen in dem dumpfen feuchten
Kerker zugebracht hatte verfluchte ich mich und mein Dasein ich lästerte Gott
und die Heiligen da trat im glühend roten Scheine der Satan zu mir und sprach
dass, wenn ich meine Seele ganz dem Höchsten abwenden und ihm dienen wolle er
mich befreien werde Heulend stürzte ich auf die Knie und rief Es ist kein
Gott dem ich diene du bist mein Herr und aus deinen Gluten strömt die Lust
des Lebens Da brauste es in den Lüften wie eine Windsbraut und die Mauern
dröhnten wie vom Erdbeben erschüttert ein schneidender Ton pfiff durch den
Kerker die Eisenstäbe des Fensters fielen zerbröckelt herab und ich stand von
unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert im Klosterhofe Der Mond schien hell
durch die Wolken und in seinen Strahlen erglänzte das Standbild des heiligen
Antonius das mitten im Hofe bei einem Springbrunnen aufgerichtet war Eine
unbeschreibliche Angst zerriss mein Herz ich warf mich zerknirscht nieder vor
dem Heiligen ich schwor dem Bösen ab und flehte um Erbarmen aber da zogen
schwarze Wolken herauf und aufs neue brauste der Orkan durch die Luft mir
vergingen die Sinne, und ich fand mich erst im Walde wieder in dem ich
wahnsinnig vor Hunger und Verzweiflung umhertobte und aus dem Sie mich
erretteten So erzählte der Mönch und seine Geschichte machte auf mich solch
einen tiefen Eindruck dass ich nach vielen Jahren noch so wie heute imstande
sein werde alles Wort für Wort zu wiederholen Seit der Zeit hat sich der Mönch
so fromm so gutmütig betragen dass wir ihn alle lieb gewannen und um so
unbegreiflicher ist es mir wie in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue
ausbrechen können«
»Wissen Sie denn gar nicht« fiel ich dem Förster ins Wort »aus welchem
Kapuzinerkloster der Unglückliche entsprungen ist« »Er hat mir es
verschwiegen« erwiderte der Förster »und ich mag um so weniger danach fragen
als es mir beinahe gewiss ist dass es wohl derselbe Unglückliche sein mag der
unlängst das Gespräch des Hofes war unerachtet man seine Nähe nicht vermutete
und ich auch meine Vermutung zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei Hofe
laut werden lassen mochte« »Aber ich darf sie wohl erfahren« versetzte ich
»da ich ein Fremder bin und noch überdies mit Hand und Mund versprechen will
gewissenhaft zu schweigen« »Sie müssen wissen« sprach der Förster weiter
»dass die Schwester unserer Fürstin Äbtissin des Zisterzienserklosters in
ist Diese hatte sich des Sohnes einer armen Frau deren Mann mit unserm Hofe in
gewissen geheimnisvollen Beziehungen gestanden haben soll angenommen und ihn
aufziehen lassen Aus Neigung wurde er Kapuziner und als Kanzelredner weit und
breit bekannt Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den Pflegling
und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust Er soll durch den Missbrauch
einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem Kloster dessen Zierde er so
lange war verbannt worden sein Alles dieses weiß ich aus einem Gespräch des
fürstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom Hofe das ich vor einiger Zeit
anhörte Sie erwähnten einiger sehr merkwürdiger Umstände die mir jedoch weil
ich all die Geschichten nicht von Grund aus kenne unverständlich geblieben und
wieder entfallen sind Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus dem
Klostergefängnis auf andere Weise soll sie nämlich durch den Satan geschehen
sein so halte ich dies doch für eine Einbildung die ihm noch vom Wahnsinn
zurückblieb und meine dass der Mönch kein anderer als eben der Bruder Medardus
ist den die Äbtissin zum geistlichen Stande erziehen ließ und den der Teufel
zu allerlei Sünden verlockte bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei
strafte«
Als der Förster den Namen Medardus nannte durchbebte mich ein innerer
Schauer ja die ganze Erzählung hatte mich wie mit tödlichen Stichen die mein
Innerstes trafen gepeinigt Nur zu sehr war ich überzeugt dass der Mönch die
Wahrheit gesprochen da nur eben ein solches Getränk der Hölle das er lüstern
genossen ihn aufs neue in verruchten gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt
hatte Aber ich selbst war herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen
geheimnisvollen Macht die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt so
dass ich der ich frei zu sein glaubte mich nur innerhalb des Käfichts bewegte
in den ich rettungslos gesperrt worden Die guten Lehren des frommen Cyrillus
die ich unbeachtet ließ die Erscheinung des Grafen und seines leichtsinnigen
Hofmeisters alles kam mir in den Sinn Ich wusste nun woher die plötzliche
Gärung im Innern die Änderung meines Gemüts entstanden ich schämte mich meines
freveligen Beginnens und diese Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe
Reue und Zerknirschung die ich in wahrhafter Busse hätte empfinden sollen So
war ich in tiefes Nachdenken versunken und hörte kaum auf den Alten der nun
wieder auf die Jägerei gekommen mir manchen Strauss schilderte den er mit den
bösen Freischützen gehabt Die Dämmerung war eingebrochen und wir standen vor
dem Gebüsch in dem die Hühner liegen sollten der Förster stellte mich auf
meinen Platz schärfte mir ein weder zu sprechen noch sonst mich viel zu regen
und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu lauschen Die Jäger schlichen leise
auf ihre Plätze und ich stand einsam in der Dunkelheit die immer mehr zunahm
Da traten Gestalten aus meinem Leben hervor im düstern Walde Ich sah meine
Mutter die Äbtissin sie schauten mich an mit strafenden Blicken Euphemie
rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht und starrte mich an mit ihren
schwarzen glühenden Augen sie erhob ihre blutigen Hände mir drohend ach es
waren Blutstropfen Hermogens Todeswunde entquollen ich schrie auf Da
schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag ich schoss blindlings in die Luft
und zwei Hühner stürzten getroffen herab »Bravo« rief der unfern von mir
stehende Jägerbursche indem er das dritte herabschoss Schüsse knallten jetzt
ringsumher und die Jäger versammelten sich jeder seine Beute herbeitragend
Der Jägerbursche erzählte nicht ohne listige Seitenblicke auf mich wie ich
ganz laut aufgeschrien da die Hühner dicht über meinem Kopf weggestrichen als
hätte ich großen Schreck und dann ohne einmal recht anzulegen blindlings
drunter geschossen und doch zwei Hühner getroffen ja es sei in der Finsternis
ihm vorgekommen als hätte ich das Gewehr ganz nach anderer Richtung
hingehalten und doch wären die Hühner gestürzt Der alte Förster lachte laut
auf dass ich so über die Hühner erschrocken sei und mich nur gewehrt habe mit
Drunterschiessen »Übrigens mein Herr« fuhr er fort »will ich hoffen dass
Sie ein ehrlicher frommer Weidmann und kein Freijäger sind der es mit dem Bösen
hält und hinschiessen kann wo er will ohne das zu fehlen was er zu treffen
willens« Dieser gewiss unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes und
selbst mein glücklicher Schuss in jener aufgeregten entsetzlichen Stimmung den
doch nur der Zufall herbeigeführt erfüllte mich mit Grauen Mit meinem Selbst
mehr als jemals entzweit wurde ich mir selbst zweideutig und ein inneres
Grausen umfing mein eigenes Wesen mit zerstörender Kraft
Als wir ins Haus zurückkamen berichtete Christian dass der Mönch sich im
Turm ganz ruhig verhalten kein einziges Wort gesprochen und auch keine Nahrung
zu sich genommen habe »Ich kann ihn nun nicht länger bei mir behalten« sprach
der Förster »denn wer steht mir dafür dass sein wie es scheint unheilbarer
Wahnsinn nach langer Zeit nicht aufs neue ausbricht und er irgend ein
entsetzliches Unheil hier im Hause anrichtet er muss morgen in aller Frühe mit
Christian und Franz nach der Stadt mein Bericht über den ganzen Vorgang ist
längst fertig und da mag er denn in die Irrenanstalt gebracht werden«
Als ich in meinem Gemach allein war stand mir Hermogens Gestalt vor Augen
und wenn ich sie fassen wollte mit schärferem Blick wandelte sie sich um in den
wahnsinnigen Mönch Beide flossen in meinem Gemüt in eins zusammen und bildeten
so die Warnung der höheren Macht die ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm Ich
stieß an die Korbflasche die noch auf dem Boden lag der Mönch hatte sie bis
auf den letzten Tropfen ausgeleert und so war ich jeder neuen Versuchung davon
zu genießen enthoben aber auch selbst die Flasche aus der noch ein starker
berauschender Duft strömte schleuderte ich fort durch das offene Fenster über
die Hofmauer weg um so jede mögliche Wirkung des verhängnisvollen Elixiers zu
vernichten Nach und nach wurde ich ruhiger ja der Gedanke ermutigte mich
dass ich auf jeden Fall in geistiger Hinsicht erhaben sein müsse über jenen
Mönch den das dem meinigen gleiche Getränk in wilden Wahnsinn stürzte Ich
fühlte wie dies entsetzliche Verhängnis bei mir vorübergestreift ja dass der
alte Förster den Mönch eben für den unglücklichen Medardus für mich selbst
hielt war mir ein Fingerzeig der höheren heiligen Macht die mich noch nicht
sinken lassen wollte in das trostlose Elend Schien nicht der Wahnsinn der
überall sich mir in den Weg stellte nur allein vermögend mein Inneres zu
durchblicken und immer dringender vor dem bösen Geiste zu warnen der mir wie
ich glaubte sichtbarlich in der Gestalt des bedrohlichen gespenstischen Malers
erschienen
Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz Die Schwester meiner
Pflegemutter die wie ich mich besann der Äbtissin ganz ähnlich war da ich
ihr Bild öfters gesehen sollte mich wieder zurückführen in das fromme
schuldlose Leben wie es ehemals mir blühte denn dazu bedurfte es in meiner
jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen Dem
Zufall wollte ich es überlassen mich in ihre Nähe zu bringen
Kaum war es Tag worden als ich des Försters Stimme im Hofe vernahm früh
sollte ich mit dem Sohne abreisen ich warf mich daher schnell in die Kleider
Als ich herabkam stand ein Leiterwagen mit Strohsitzen zum Abfahren bereit vor
der Haustür man brachte den Mönch der mit totenbleichem und verstörtem Gesicht
sich geduldig führen ließ Er antwortete auf keine Frage er wollte nichts
genießen kaum schien er die Menschen um sich zu gewahren Man hob ihn auf den
Wagen und band ihn mit Stricken fest da sein Zustand allerdings bedenklich
schien und man vor dem plötzlichen Ausbruch einer innern verhaltenen Wut
keinesweges sicher war Als man seine Ärme festschnürte verzog sich sein
Gesicht krampfhaft und er ächzte leise Sein Zustand durchbohrte mein Herz er
war mir verwandt worden ja nur seinem Verderben verdankte ich vielleicht meine
Rettung Christian und ein Jägerbursche setzten sich neben ihm in den Wagen
Erst im Fortfahren fiel sein Blick auf mich und er wurde plötzlich von tiefem
Staunen ergriffen als der Wagen sich schon entfernte wir waren ihm bis vor die
Mauer gefolgt blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf mich gerichtet
»Sehen Sie« sagte der alte Förster »wie er Sie so scharf ins Auge fasst ich
glaube dass Ihre Gegenwart im Speisezimmer die er nicht vermutete auch viel zu
seinem rasenden Beginnen beigetragen hat denn selbst in seiner guten Periode
blieb er ungemein scheu und hatte immer den Argwohn dass ein Fremder kommen und
ihn töten würde Vor dem Tode hat er nämlich eine ganz ungemessene Furcht und
durch die Drohung ihn gleich erschießen zu lassen habe ich oft den Ausbrüchen
seiner Raserei widerstanden«
Mir war wohl und leicht dass der Mönch dessen Erscheinung mein eigenes Ich
in verzerrten grässlichen Zügen reflektierte entfernt worden Ich freute mich
auf die Residenz denn es war mir als solle dort die Last des schweren finsteren
Verhängnisses die mich niederdrückt mir entnommen werden ja als würde ich
mich dort erkräftigt der bösen Macht die mein Leben befangen entreißen
können Als das Frühstück verzehrt fuhr der saubre mit raschen Pferden
bespannte Reisewagen des Försters vor Kaum gelang es mir der Frau für die
Gastlichkeit mit der ich aufgenommen etwas Geld sowie den beiden bildhübschen
Töchtern einige Galanteriewaren die ich zufällig bei mir trug aufzudringen
Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied als sei ich längst im Hause
bekannt gewesen der Alte scherzte noch viel über mein Jägertalent Heiter und
froh fuhr ich von dannen
Vierter Abschnitt
Das Leben am fürstlichen Hofe
Die Residenz des Fürsten bildete gerade den Gegensatz zu der Handelsstadt die
ich verlassen Im Umfange bedeutend kleiner war sie regelmässiger und schöner
gebaut aber ziemlich menschenleer Mehrere Straßen worin Alleen gepflanzt
schienen mehr Anlagen eines Parks zu sein als zur Stadt zu gehören alles
bewegte sich still und feierlich selten von dem rasselnden Geräusch eines
Wagens unterbrochen Selbst in der Kleidung und in dem Anstande der Einwohner
bis auf den gemeinen Mann herrschte eine gewisse Zierlichkeit ein Streben
äußere Bildung zu zeigen
Der fürstliche Palast war nichts weniger als groß auch nicht im großen Stil
erbaut aber rücksichts der Eleganz der richtigen Verhältnisse eines der
schönsten Gebäude die ich jemals gesehen an ihn schloss sich ein anmutiger
Park den der liberale Fürst den Einwohnern zum Spaziergange geöffnet
Man sagte mir in dem Gasthause wo ich eingekehrt dass die fürstliche
Familie gewöhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege und dass
viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versäumten den gütigen Landesherrn zu
sehen Ich eilte um die bestimmte Stunde in den Park der Fürst trat mit seiner
Gemahlin und einer geringen Umgebung aus dem Schloss Ach bald sah ich
nichts mehr als die Fürstin sie die meiner Pflegemutter so ähnlich war
Dieselbe Hoheit dieselbe Anmut in jeder ihrer Bewegungen derselbe geistvolle
Blick des Auges dieselbe freie Stirne das himmlische Lächeln Nur schien sie
mir im Wuchse voller und jünger als die Äbtissin Sie redete liebreich mit
mehreren Frauenzimmern die sich eben in der Allee befanden während der Fürst
mit einem ernsten Mann im interessanten eifrigen Gespräch begriffen schien
Die Kleidung das Benehmen der fürstlichen Familie ihre Umgebung alles griff
ein in den Ton des Ganzen Man sah wohl wie die anständige Haltung in einer
gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit in der sich die Residenz erhielt
von dem Hofe ausging Zufällig stand ich bei einem aufgeweckten Mann der mir
auf alle mögliche Fragen Bescheid gab und manche muntere Anmerkung einzuflechten
wusste Als die fürstliche Familie vorüber war schlug er mir vor einen Gang
durch den Park zu machen und mir dem Fremden die geschmackvollen Anlagen zu
zeigen welche überall in demselben anzutreffen das war mir nun ganz recht und
ich fand in der Tat dass überall der Geist der Anmut und des geregelten
Geschmacks verbreitet wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten Gebäuden das
Streben nach der antiken Form die nur die grandiosesten Verhältnisse duldet
den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben schien Antike Säulen deren
Kapitäler ein großer Mann beinahe mit der Hand erreicht sind wohl ziemlich
lächerlich Ebenso gab es in entgegengesetzter Art im andern Teil des Parks ein
paar gotische Gebäude die sich in ihrer Kleinheit gar zu kleinlich ausnahmen
Ich glaube dass das Nachahmen gotischer Formen beinahe noch gefährlicher ist als
jenes Streben nach dem Antiken Denn ist es auch allerdings richtig dass kleine
Kapellen dem Baumeister der rücksichts der Größe des Gebäudes und der darauf zu
verwendenden Kosten eingeschränkt ist Anlass genug geben in jenem Stil zu
bauen so möchte es doch wohl mit den Spitzbogen bizarren Säulen Schnörkeln
die man dieser oder jener Kirche nachahmt nicht getan sein da nur der
Baumeister etwas Wahrhaftiges in der Art leisten wird der sich von dem tiefen
Sinn wie er in den alten Meistern wohnte welche das willkürlich ja das
heterogen Scheinende so herrlich zu einem sinnigen bedeutungsvollen Ganzen zu
verbinden wussten beseelt fühlt Es ist mit einem Wort der seltene Sinn für
das Romantische der den gotischen Baumeister leiten muss da hier von dem
Schulgerechten an das er sich bei der antiken Form halten kann nicht die Rede
ist Ich äußerte alles dieses meinem Begleiter er stimmte mir vollkommen bei
und suchte nur für jene Kleinigkeiten darin eine Entschuldigung dass die in
einem Park nötige Abwechslung und selbst das Bedürfnis hie und da Gebäude als
Zufluchtsort bei plötzlich einbrechendem Unwetter oder auch nur zur Erholung
zum Ausruhen zu finden beinahe von selbst jene Missgriffe herbeiführe Die
einfachsten anspruchslosesten Gartenhäuser Strohdächer auf Baumstämme
gestützt und in anmutige Gebüsche versteckt die eben jenen angedeuteten Zweck
erreichten meinte ich dagegen wären mir lieber als alle jene Tempelchen und
Kapellchen und sollte denn nun einmal gezimmert und gemauert werden so stehe
dem geistreichen Baumeister der rücksichts des Umfanges und der Kosten
beschränkt sei wohl ein Stil zu Gebote der sich zum antiken oder zum
gotischen hinneigend ohne kleinliche Nachahmerei ohne Anspruch das grandiose
alte Muster zu erreichen nur das Anmutige den dem Gemüte des Beschauers
wohltuenden Eindruck bezwecke
»Ich bin ganz Ihrer Meinung« erwiderte mein Begleiter »indessen rühren
alle diese Gebäude ja die Anlage des ganzen Parks von dem Fürsten selbst her
und dieser Umstand beschwichtigt wenigstens bei uns Einheimischen jeden Tadel
Der Fürst ist der beste Mensch den es auf der Welt geben kann von jeher hat
er den wahrhaft landesväterlichen Grundsatz dass die Untertanen nicht
seinetwegen da wären er vielmehr der Untertanen wegen da sei recht an den Tag
gelegt Die Freiheit alles zu äußern was man denkt die Geringfügigkeit der
Abgaben und der daraus entspringende niedrige Preis aller Lebensbedürfnisse das
gänzliche Zurücktreten der Polizei die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch
Schranken setzt und weit entfernt ist den einheimischen Bürger sowie den
Fremden mit gehässigem Amtseifer zu quälen die Entfernung alles soldatischen
Unwesens die gemütliche Ruhe womit Geschäfte Gewerbe getrieben werden alles
das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Ländchen erfreulich machen Ich wette
dass man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat und der
Gastwirt keinesweges wie in andern Städten in der ersten Viertelstunde mit dem
großen Buche unterm Arm feierlich angerückt ist worin man genötigt wird seinen
eignen Steckbrief mit stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln Kurz
die ganze Einrichtung unseres kleinen Staats in dem die wahre Lebensweisheit
herrscht geht von unserm herrlichen Fürsten aus da vorher die Menschen wie
man mir gesagt hat durch albernen Pedantismus eines Hofes der die Ausgabe des
benachbarten großen Hofes in Taschenformat war gequält wurden Der Fürst liebt
Künste und Wissenschaft daher ist ihm jeder geschickte Künstler jeder
geistreiche Gelehrte willkommen und der Grad seines Wissens nur ist die
Ahnenprobe die die Fähigkeit bestimmt in der nächsten Umgebung des Fürsten
erscheinen zu dürfen Aber eben in die Kunst und Wissenschaft des vielseitig
gebildeten Fürsten hat sich etwas von dem Pedantismus geschlichen der ihn bei
seiner Erziehung einzwängte und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an
irgend eine Form ausspricht Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit
ängstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor und jede geringe
Abweichung von dem aufgestellten Muster das er mühsam aus allen nur möglichen
antiquarischen Werken herausgesucht konnte ihn ebenso ängstigen als wenn
dieses oder jenes dem verjüngten Maßstab den ihm die beengten Verhältnisse
aufdrangen sich durchaus nicht fügen wollte Durch eben das Anhängen an diese
oder jene Form die er liebgewonnen leidet auch unser Theater das von der
einmal bestimmten Manier der sich die heterogensten Elemente fügen müssen
nicht abweicht Der Fürst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen die aber
gewiss niemals irgend jemandem zu nahe treten Als der Park angelegt wurde war
er leidenschaftlicher Baumeister und Gärtner dann begeisterte ihn der Schwung
den seit einiger Zeit die Musik genommen und dieser Begeisterung verdanken wir
die Einrichtung einer ganz vorzüglichen Kapelle Dann beschäftigte ihn die
Malerei in der er selbst das Ungewöhnliche leistet Selbst bei den täglichen
Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt Sonst wurde viel getanzt
jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Pharobank gehalten und der Fürst ohne im
mindesten eigentlicher Spieler zu sein ergötzt sich an den sonderbaren
Verknüpfungen des Zufalls doch bedarf es nur irgend eines Impulses um wieder
etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen Dieser schnelle Wechsel der
Neigungen hat dem guten Fürsten den Vorwurf zugezogen dass ihm diejenige Tiefe
des Geistes fehle in der sich wie in einem klaren sonnenhellen See das
farbenreiche Bild des Lebens unverändert spiegelt meiner Meinung nach tut man
ihm aber unrecht da eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt
diesem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft
nachzuhängen ohne dass darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur
vernachlässigt werden sollte Daher kommt es dass Sie diesen Park so wohl
erhalten sehen dass unsere Kapelle unser Theater fortdauernd auf alle mögliche
Weise unterstützt und gehoben dass die Gemäldesammlung nach Kräften bereichert
wird Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft so ist das wohl
ein heitres Spiel im Leben das jeder dem regsamen Fürsten zur Erholung vom
ernsten oft mühevollen Geschäft recht herzlich gönnen mag«
Wir gingen eben bei ganz herrlichen mit tiefem malerischem Sinn gruppierten
Gebüschen und Bäumen vorüber ich äußerte meine Bewunderung und mein Begleiter
sagte »Alle diese Anlagen diese Pflanzungen diese Blumengruppen sind das Werk
der vortrefflichen Fürstin Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin und
außerdem die Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft Sie finden daher
ausländische Bäume seltene Blumen und Pflanzen aber nicht wie zur Schau
ausgestellt sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien
verteilt als wären sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden
entsprossen Die Fürstin äußerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein
unbeholfen gemeisselten Götter und Göttinnen Najaden und Dryaden wovon sonst
der Park wimmelte Diese Standbilder sind deshalb verbannt worden und Sie
finden nur noch einige gute Kopien nach der Antike die der Fürst gewisser ihm
teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten wollte die aber die Fürstin so
geschickt mit zartem Sinn des Fürsten innerste Willensmeinung ergreifend
aufstellen zu lassen wusste dass sie auf jeden dem auch die geheimeren
Beziehungen fremd sind ganz wunderbar wirken«
Es war später Abend geworden wir verließen den Park mein Begleiter nahm
die Einladung an mit mir im Gasthofe zu speisen und gab sich endlich als den
Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen
Ich äußerte ihm als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden meinen
herzlichen Wunsch der fürstlichen Familie näher zu treten und er versicherte
dass nichts leichter sei als dieses da jeder gebildete geistreiche Fremde im
Zirkel des Hofes willkommen wäre Ich dürfe nur dem Hofmarschall den Besuch
machen und ihn bitten mich dem Fürsten vorzustellen Diese diplomatische Art
zum Fürsten zu gelangen gefiel mir um so weniger als ich kaum hoffen konnte
gewissen lästigen Fragen des Hofmarschalls über das »Woher« über Stand und
Charakter zu entgehen ich beschloss daher dem Zufall zu vertrauen der mir
vielleicht den kürzeren Weg zeigen würde und das traf auch in der Tat bald ein
Als ich nämlich eines Morgens in dem zur Stunde gerade ganz menschenleeren Park
lustwandelte begegnete mir der Fürst in einem schlichten Oberrock Ich grüßte
ihn als sei er mir gänzlich unbekannt er blieb stehen und eröffnete das
Gespräch mit der Frage ob ich fremd hier sei Ich bejahte es mit dem Zusatz
wie ich vor ein paar Tagen angekommen und bloß durchreisen wollen die Reize des
Orts und vorzüglich die Gemütlichkeit und Ruhe die hier überall herrsche
hätten mich aber vermocht zu verweilen Ganz unabhängig bloß der Wissenschaft
und der Kunst lebend wäre ich gesonnen recht lange hier zu bleiben da mich
die ganze Umgebung auf höchste Weise anspreche und anziehe Dem Fürsten schien
das zu gefallen und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu
zeigen Ich hütete mich zu verraten dass ich das alles schon gesehen sondern
ließ mich durch alle Grotten Tempel gotische Kapellen Pavillons führen und
hörte geduldig die weitschweifigen Kommentare an die der Fürst von jeder Anlage
gab Überall nannte er die Muster nach welchen gearbeitet worden machte mich
auf die genaue Ausführung der gestellten Aufgaben aufmerksam und verbreitete
sich überhaupt über die eigentliche Tendenz die bei der ganzen Einrichtung
dieses Parks zum Grunde gelegen und die bei jedem Park vorwalten sollte Er frug
nach meiner Meinung ich rühmte die Anmut des Orts die üppige herrliche
Vegetation unterließ aber auch nicht rücksichts der Gebäude mich ebenso wie
gegen den GalerieInspektor zu äußern Er hörte mich aufmerksam an er schien
manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen indessen schnitt er jede
weitere Diskussion über diesen Gegenstand durch die Äußerung ab dass ich zwar in
ideeller Hinsicht recht haben könne indessen mir die Kenntnis des Praktischen
und der wahren Art der Ausführung fürs Leben abzugehen scheine Das Gespräch
wandte sich zur Kunst ich bewies mich als guter Kenner der Malerei und als
praktischer Tonkünstler ich wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile die
geistreich und präzis seine innere Überzeugung aussprachen aber auch wahrnehmen
ließ dass seine Kunstbildung zwar bei weitem die übertraf wie sie die Großen
gemeinhin zu erhalten pflegen indessen doch viel zu oberflächlich war um nur
die Tiefe zu ahnen aus der dem wahren Künstler die herrliche Kunst aufgeht und
in ihm den göttlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen entzündet Meine
Widersprüche meine Ansichten galten ihm nur als Beweis meines Dilettantismus
der gewöhnlich nicht von der wahren praktischen Einsicht erleuchtet werde Er
belehrte mich über die wahren Tendenzen der Malerei und der Musik über die
Bedingnisse des Gemäldes der Oper Ich erfuhr viel von Kolorit Draperie
Pyramidalgruppen von ernster und komischer Musik von Szenen für die
Primadonna von Chören vom Effekt vom Helldunkel der Beleuchtung usw Ich
hörte alles an ohne den Fürsten der sich in dieser Unterhaltung recht zu
gefallen schien zu unterbrechen Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit
der schnellen Frage »Spielen Sie Pharo« Ich verneinte es »Das ist ein
herrliches Spiel« fuhr er fort »in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel
für geistreiche Männer Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus oder besser
man stellt sich auf einen Standpunkt von dem man die sonderbaren
Verschlingungen und Verknüpfungen die die geheime Macht welche wir Zufall
nennen mit unsichtbarem Faden spinnt zu erblicken imstande ist Gewinn und
Verlust sind die beiden Angeln auf denen sich die geheimnisvolle Maschine
bewegt die wir angestossen und die nun der ihr einwohnende Geist nach Willkür
forttreibt Das Spiel müssen Sie lernen ich will selbst Ihr Lehrmeister
sein« Ich versicherte bis jetzt nicht viel Lust zu einem Spiel in mir zu
spüren das wie mir oft versichert worden höchst gefährlich und verderblich
sein solle Der Fürst lächelte und fuhr mich mit seinen lebhaften klaren
Augen scharf anblickend fort »Ei das sind kindische Seelen die das
behaupten aber am Ende halten Sie mich wohl für einen Spieler der Sie ins Garn
locken will Ich bin der Fürst gefällt es Ihnen hier in der Residenz so
bleiben Sie hier und besuchen Sie meinen Zirkel in dem wir manchmal Pharo
spielen ohne dass ich zugebe dass sich irgend jemand durch das Spiel derangiere
unerachtet das Spiel bedeutend sein muss um zu interessieren denn der Zufall
ist träge sobald ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird« Schon im Begriff mich
zu verlassen kehrte der Fürst sich noch zu mir und frug »Mit wem habe ich aber
gesprochen« Ich erwiderte dass ich Leonard heiße und als Gelehrter
privatisiere ich sei übrigens keinesweges von Adel und dürfe vielleicht daher
von der mir angebotenen Gnade im Hofzirkel zu erscheinen keinen Gebrauch
machen »Was Adel was Adel« rief der Fürst heftig »Sie sind wie ich mich
überzeugt habe ein sehr unterrichteter geistreicher Mann Die Wissenschaft
adelt Sie und macht Sie fähig in meiner Umgebung zu erscheinen Adieu Herr
Leonard auf Wiedersehen« So war denn mein Wunsch früher und leichter als
ich es mir gedacht hatte erfüllt Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an
einem Hofe erscheinen ja in gewisser Art selbst am Hofe leben und mir gingen
all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen Ränken Intrigen der Höfe
wie sie sinnreiche Roman und Komödienschreiber aushecken durch den Kopf Nach
Aussage dieser Leute musste der Fürst von Bösewichtern aller Art umgeben und
verblendet insonderheit aber der Hofmarschall ein ahnenstolzer abgeschmackter
Pinsel der erste Minister ein ränkevoller habsüchtiger Bösewicht die
Kammerjunker müssen aber lockere Menschen und Mädchenverführer sein Jedes
Gesicht ist kunstmässig in freundliche Falten gelegt aber im Herzen Lug und
Trug sie schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit sie bücken und krümmen
sich aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind und sucht ihm hinterlistig
ein Bein zu stellen dass er rettungslos umschlägt und der Hintermann in seine
Stelle tritt bis ihm ein gleiches widerfährt Die Hofdamen sind hässlich stolz
ränkevoll dabei verliebt und stellen Netze und Sprenkeln vor denen man sich zu
hüten hat wie vor dem Feuer So stand das Bild eines Hofes in meiner Seele
als ich im Seminar so viel davon gelesen es war mir immer als treibe der
Teufel da recht ungestört sein Spiel und unerachtet mir Leonardus manches von
Höfen an denen er sonst gewesen erzählte was zu meinen Begriffen davon
durchaus nicht passen wollte so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem
Höfischen zurück die noch jetzt da ich im Begriff stand einen Hof zu sehen
ihre Wirkung äußerte Mein Verlangen der Fürstin näher zu treten ja eine
innere Stimme die mir unaufhörlich wie in dunklen Worten zurief dass hier mein
Geschick sich bestimmen werde trieben mich unwiderstehlich fort und um die
bestimmte Stunde befand ich mich nicht ohne innere Beklemmung im fürstlichen
Vorsaal
Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichsund Handelsstadt hatte mir
dazu gedient all das Ungelenke Steife Eckichte meines Betragens das mir
sonst noch vom Klosterleben anklebte ganz abzuschleifen Mein von Natur
geschmeidiger vorzüglich wohlgebauter Körper gewöhnte sich leicht an die
ungezwungene freie Bewegung die dem Weltmann eigen Die Blässe die den jungen
Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt war aus meinem Gesicht verschwunden
ich befand mich in den Jahren der höchsten Kraft die meine Wangen rötete und
aus meinen Augen blitzte meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes
Überbleibsel der Tonsur Zu dem allen kam dass ich eine feine zierliche
schwarze Kleidung im neuesten Geschmack trug die ich aus der Handelsstadt
mitgebracht und so konnte es nicht fehlen dass meine Erscheinung angenehm auf
die schon Versammelten wirken musste wie sie es durch ihr zuvorkommendes
Betragen das sich in den Schranken der höchsten Feinheit haltend nicht
zudringlich wurde bewiesen So wie nach meiner aus Romanen und Komödien
gezogenen Theorie der Fürst als er mit mir im Parke sprach bei den Worten
»Ich bin der Fürst« eigentlich den Oberrock rasch aufknöpfen und mir einen
großen Stern entgegenblitzen lassen musste so sollten auch all die Herren die
den Fürsten umgaben in gestickten Röcken steifen Frisuren usw einhergehen
und ich war nicht wenig verwundert nur einfache geschmackvolle Anzüge zu
bemerken Ich nahm wahr dass mein Begriff vom Leben am Hofe wohl überhaupt ein
kindisches Vorurteil sein könne meine Befangenheit verlor sich und ganz
ermutigte mich der Fürst der mit den Worten auf mich zutrat »Sieh da Herr
Leonard« und dann über meinen strengen kunstrichterlichen Blick scherzte mit
dem ich seinen Park gemustert Die Flügeltüren öffneten sich und die Fürstin
trat in den Konversationssaal nur von zwei Hofdamen begleitet Wie erbebte ich
bei ihrem Anblick im Innersten wie war sie nun beim Schein der Lichter meiner
Pflegemutter noch ähnlicher als sonst Die Damen umringten sie man stellte
mich vor sie sah mich an mit einem Blick der Erstaunen eine innere Bewegung
verriet sie lispelte einige Worte die ich nicht verstand und kehrte sich dann
zu einer alten Dame der sie etwas leise sagte worüber diese unruhig wurde und
mich scharf anblickte Alles dieses geschah in einem Moment Jetzt teilte sich
die Gesellschaft in kleinere und größere Gruppen lebhafte Gespräche begannen
es herrschte ein freier ungezwungener Ton und doch fühlte man es dass man sich
im Zirkel des Hofes in der Nähe des Fürsten befand ohne dass dies Gefühl nur im
mindesten gedrückt hätte Kaum eine einzige Figur fand ich die in das Bild des
Hofes wie ich ihn mir sonst dachte gepasst haben sollte Der Hofmarschall war
ein alter lebenslustiger aufgeweckter Mann die Kammerjunker muntere Jünglinge
die nicht im mindesten danach aussahen als führten sie Böses im Schilde Die
beiden Hofdamen schienen Schwestern sie waren sehr jung und ebenso unbedeutend
zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt Vorzüglich war es ein kleiner Mann mit
aufgestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen schwarz gekleidet den langen
Stahldegen an der Seite der indem er sich mit unglaublicher Schnelle durch die
Gesellschaft wand und schlängelte und bald hier bald dort war nirgends
weilend keinem Rede stehend hundert witzige sarkastische Einfälle wie
Feuerfunken umhersprühte überall reges Leben entzündete Es war des Fürsten
Leibarzt Die alte Dame mit der die Fürstin gesprochen hatte unbemerkt mich
so geschickt zu umkreisen gewusst dass ich ehe ich mirs versah mit ihr allein
im Fenster stand Sie ließ sich alsbald in ein Gespräch mit mir ein das so
schlau sie es anfing bald den einzigen Zweck verriet mich über meine
Lebensverhältnisse auszufragen Ich war auf dergleichen vorbereitet und
überzeugt dass die einfachste anspruchloseste Erzählung in solchen Fällen die
unschädlichste und gefahrloseste ist schränkte ich mich darauf ein ihr zu
sagen dass ich ehemals Theologie studiert jetzt aber nachdem ich den reichen
Vater beerbt aus Lust und Liebe reise Meinen Geburtsort verlegte ich nach dem
polnischen Preußen und gab ihm einen solchen barbarischen Zähne und Zunge
zerbrechenden Namen der der alten Dame das Ohr verletzte und ihr jede Lust
benahm noch einmal zu fragen »Ei ei« sagte die alte Dame »Sie haben ein
Gesicht mein Herr das hier gewisse traurige Erinnerungen wecken könnte und
sind vielleicht mehr als Sie scheinen wollen da Ihr Anstand keinesweges auf
einen Studenten der Theologie deutet«
Nachdem Erfrischungen gereicht worden ging es in den Saal wo der
Pharotisch in Bereitschaft stand Der Hofmarschall machte den Bankier doch
stand er wie man mir sagte mit dem Fürsten in der Art im Verein dass er allen
Gewinn behielt der Fürst ihm aber jeden Verlust insofern er den Fonds der Bank
schwächte ersetzte Die Herren versammelten sich um den Tisch bis auf den
Leibarzt der durchaus niemals spielte sondern bei den Damen blieb die an dem
Spiel keinen Anteil nahmen Der Fürst rief mich zu sich ich musste neben ihm
stehen und er wählte meine Karten nachdem er mir in kurzen Worten das
Mechanische des Spiels erklärt Dem Fürsten schlugen alle Karten um und auch
ich befand mich so genau ich den Rat des Fürsten befolgte fortwährend im
Verlust der bedeutend wurde da ein Louisdor als niedrigster Point galt Meine
Kasse war ziemlich auf der Neige und schon oft hatte ich gesonnen wie es gehen
würde wenn die letzten Louisdors ausgegeben um so mehr war mir das Spiel
welches mich auf einmal arm machen konnte fatal Eine neue Taille begann und
ich bat den Fürsten mich nun ganz mir selbst zu überlassen da es scheine als
wenn ich als ein ausgemacht unglücklicher Spieler ihn auch in Verlust brächte
Der Fürst meinte lächelnd dass ich noch vielleicht meinen Verlust hätte
einbringen können wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers fortgefahren
indessen wolle er nun sehen wie ich mich benehmen würde da ich mir so viel
zutraue Ich zog aus meinen Karten ohne sie anzusehen blindlings eine
heraus es war die Dame Wohl mag es lächerlich zu sagen sein dass ich in
diesem blassen leblosen Kartengesicht Aureliens Züge zu entdecken glaubte Ich
starrte das Blatt an kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen der Zuruf
des Bankiers ob das Spiel gemacht sei riss mich aus der Betäubung Ohne mich zu
besinnen zog ich die letzten fünf Louisdors die ich noch bei mir trug aus der
Tasche und setzte sie auf die Dame Sie gewann nun setzte ich immer fort und
fort auf die Dame und immer höher sowie der Gewinn stieg Jedesmal wenn ich
wieder die Dame setzte riefen die Spieler »Nein es ist unmöglich jetzt muss
die Dame untreu werden« und alle Karten der übrigen Spieler schlugen um »Das
ist mirakulos das ist unerhört« erscholl es von allen Seiten indem ich still
und in mich gekehrt ganz mein Gemüt Aurelien zugewendet kaum das Gold achtete
das mir der Bankier einmal übers andere zuschob Kurz in den vier letzten
Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich die Taschen voll Gold Es
waren an zweitausend Louisdors die mir das Glück durch die Dame zuzugeteilt
und unerachtet ich nun aller Verlegenheit enthoben so konnte ich mich doch
eines innern unheimlichen Gefühls nicht erwehren Auf wunderbare Art fand
ich einen geheimen Zusammenhang zwischen dem glücklichen Schuss aufs Geratewohl
der neulich die Hühner herabwarf und zwischen meinem heutigen Glück Es wurde
mir klar dass nicht ich sondern die fremde Macht die in mein Wesen getreten
alles das Ungewöhnliche bewirke und ich nur das willenlose Werkzeug sei dessen
sich jene Macht bediene zu mir unbekannten Zwecken Die Erkenntnis dieses
Zwiespalts der mein Inneres feindselig trennte gab mir aber Trost indem sie
mir das allmähliche Aufkeimen eigener Kraft die bald stärker und stärker
werdend dem Feinde widerstehen und ihn bekämpfen werde verkündete Das ewige
Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts anderes sein als ein verruchtes
Verlocken zum bösen Beginnen und eben dieser frevelige Missbrauch des frommen
lieben Bildes erfüllte mich mit Grausen und Abscheu
In der düstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park als mir
der Fürst der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte entgegentrat »Nun
Herr Leonard« rief er »wie finden Sie mein Pharospiel Was sagen Sie von der
Laune des Zufalls der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und das Gold zuwarf
Sie hatten glücklicherweise die Karte Favorite getroffen aber so blindlings
dürfen Sie selbst der Karte Favorite nicht immer vertrauen« Er verbreitete
sich weitläuftig über den Begriff der Karte Favorite gab mir die
wohlersonnensten Regeln wie man dem Zufall in die Hand spielen müsse und
schloss mit der Äußerung dass ich nun mein Glück im Spiel wohl eifrigst verfolgen
werde Ich versicherte dagegen freimütig dass es mein fester Vorsatz sei nie
mehr eine Karte anzurühren Der Fürst sah mich verwundert an »Eben mein
gestriges wunderbares Glück« fuhr ich fort »hat diesen Entschluss erzeugt denn
alles das was ich sonst von dem Gefährlichen ja Verderblichen dieses Spiels
gehört ist dadurch bewährt worden Es lag für mich etwas Entsetzliches darin
dass indem die gleichgültige Karte die ich blindlings zog in mir eine
schmerzhafte herzzerreissende Erinnerung weckte ich von einer unbekannten Macht
ergriffen wurde die das Glück des Spiels den losen Geldgewinn mir zuwarf als
entsprösse es aus meinem eignen Innern als wenn ich selbst jenes Wesen
denkend das aus der leblosen Karte mir mit glühenden Farben entgegenstrahlte
dem Zufall gebieten könne seine geheimsten Verschlingungen erkennend« »Ich
verstehe Sie« unterbrach mich der Fürst »Sie liebten unglücklich die Karte
rief das Bild der verlorenen Geliebten in Ihre Seele zurück obgleich mich das
mit Ihrer Erlaubnis possierlich anspricht wenn ich mir das breite blasse
komische Kartengesicht der Koeurdame die Ihnen in die Hand fiel lebhaft
imaginiere Doch Sie dachten nun einmal an die Geliebte und sie war Ihnen im
Spiel treuer und wohltuender als vielleicht im Leben aber was darin
Entsetzliches Schreckbares liegen soll kann ich durchaus nicht begreifen
vielmehr muss es ja erfreulich sein dass Ihnen das Glück wohlwollte Überhaupt
ist Ihnen denn nun einmal die ominöse Verknüpfung des Spielglücks mit Ihrer
Geliebten so unheimlich so trägt nicht das Spiel die Schuld sondern nur Ihre
individuelle Stimmung« »Mag das sein gnädigster Herr« erwiderte ich »aber
ich fühle nur zu lebhaft dass es nicht sowohl die Gefahr ist durch bedeutenden
Verlust in die übelste Lage zu geraten welche dieses Spiel so verderblich
macht sondern vielmehr die Kühnheit geradezu wie in offener Fehde es mit der
geheimen Macht aufzunehmen die aus dem Dunkel glänzend hervortritt und uns wie
ein verführerisches Trugbild in eine Region verlockt in der sie uns höhnend
ergreift und zermalmt Eben dieser Kampf mit jener Macht scheint das anziehende
Wagestück zu sein das der Mensch seiner Kraft kindisch vertrauend so gern
unternimmt und das er einmal begonnen beständig ja noch im Todeskampfe den
Sieg hoffend nicht mehr lassen kann. Daher kommt meines Bedünkens die
wahnsinnige Leidenschaft der Pharospieler und die innere Zerrüttung des Geistes,
die der bloße Geldverlust nicht nach sich zu ziehen vermag und die sie zerstört
Aber auch schon in untergeordneter Hinsicht kann selbst dieser Verlust auch den
leidenschaftlosen Spieler in den noch nicht jenes feindselige Prinzip
gedrungen in tausend Unannehmlichkeiten ja in offenbare Not stürzen da er
doch nur durch die Umstände veranlasst spielte Ich darf es gestehen
gnädigster Herr dass ich selbst gestern im Begriff stand meine ganze Reisekasse
gesprengt zu sehen« »Das hätte ich erfahren« fiel der Fürst rasch ein »und
Ihnen den Verlust dreidoppelt ersetzt denn ich will nicht dass sich jemand
meines Vergnügens wegen ruiniere überhaupt kann das bei mir nicht geschehen da
ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den Augen lasse« »Aber eben diese
Einschränkung gnädigster Herr« erwiderte ich »hebt wieder die Freiheit des
Spiels auf und setzt selbst jenen besonderen Verknüpfungen des Zufalls
Schranken deren Betrachtung Ihnen gnädigster Herr das Spiel so interessant
macht Aber wird nicht auch dieser oder jener den die Leidenschaft des Spiels
unwiderstehlich ergriffen Mittel finden zu seinem eignen Verderben der
Aufsicht zu entgehen und so ein Missverhältnis in sein Leben bringen das ihn
zerstört Verzeihen Sie meine Freimütigkeit gnädigster Herr Ich glaube
überdem dass jede Einschränkung der Freiheit sollte diese auch gemissbraucht
werden drückend ja als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend
unausstehlich ist« »Sie sind nun einmal wie es scheint überall nicht meiner
Meinung Herr Leonard« fuhr der Fürst auf und entfernte sich rasch indem er
mir ein leichtes »Adieu« zuwarf Kaum wusste ich selbst wie ich dazu gekommen
mich so offenherzig zu äußern ja ich hatte niemals unerachtet ich in der
Handelsstadt oft an bedeutenden Banken als Zuschauer stand genug über das Spiel
nachgedacht um meine Überzeugung im Innern so zu ordnen wie sie mir jetzt
unwillkürlich von den Lippen floss Es tat mir leid die Gnade des Fürsten
verscherzt und das Recht verloren zu haben im Zirkel des Hofes erscheinen und
der Fürstin näher treten zu dürfen Ich hatte mich indessen geirrt denn noch
denselben Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert und der Fürst
sagte im Vorbeistreifen mit freundlichem Humor zu mir »Guten Abend Herr
Leonard gebe der Himmel dass meine Kapelle heute Ehre einlegt und meine Musik
Ihnen besser gefällt als mein Park«
Die Musik war in der Tat recht artig es ging alles präzis indessen schien
mir die Wahl der Stücke nicht glücklich indem eins die Wirkung des andern
vernichtete und vorzüglich erregte mir eine lange Szene die mir wie nach einer
aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien herzliche Langeweile Ich hütete
mich wohl meine wahre innere Meinung zu äußern und hatte um so klüger daran
getan als man mir in der Folge sagte dass eben jene lange Szene eine
Komposition des Fürsten gewesen
Ohne Bedenken fand ich mich in dem nächsten Zirkel des Hofes ein und wollte
selbst am Pharospiel teilnehmen um den Fürsten ganz mit mir auszusöhnen aber
nicht wenig erstaunte ich als ich keine Bank erblickte vielmehr sich einige
gewöhnliche Spieltische formten und unter den übrigen Herren und Damen die sich
im Zirkel um den Fürsten setzten eine lebhafte geistreiche Unterhaltung begann
Dieser oder jener wusste manches Ergötzliche zu erzählen ja Anekdoten mit
scharfer Spitze wurden nicht verschmäht meine Rednergabe kam mir zustatten und
es waren Andeutungen aus meinem eignen Leben die ich unter der Hülle
romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wusste So erwarb ich mir
die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels der Fürst liebte aber mehr das
Heitre Humoristische und darin übertraf niemand den Leibarzt der in tausend
possierlichen Einfällen und Wendungen unerschöpflich war
Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin dass oft dieser oder jener
etwas aufgeschrieben hatte das er in der Gesellschaft vorlas und so kam es
denn dass das Ganze bald das Ansehen eines wohlorganisierten
literarischästhetischen Vereins erhielt in dem der Fürst präsidierte und in
welchem jeder das Fach ergriff welches ihm am mehrsten zusagte Einmal hatte
ein Gelehrter der ein trefflicher tiefdenkender Physiker war uns mit neuen
interessanten Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft überrascht und so sehr
dies den Teil der Gesellschaft ansprach der wissenschaftlich genug war den
Vortrag des Professors zu fassen so sehr langweilte sich der Teil dem das
alles fremd und unbekannt blieb Selbst der Fürst schien sich nicht sonderlich
in die Ideen des Professors zu finden und auf den Schluss mit herzlicher
Sehnsucht zu warten Endlich hatte der Professor geendet der Leibarzt war
vorzüglich erfreut und brach aus in Lob und Bewunderung indem er hinzufügte
dass dem tiefen Wissenschaftlichen wohl zur Erheiterung des Gemüts etwas folgen
könne das nun eben auf nichts weiter Anspruch mache als auf Erreichung dieses
Zwecks Die Schwächlichen die die Macht der ihnen fremden Wissenschaft
gebeugt hatte richteten sich auf und selbst des Fürsten Gesicht überflog ein
Lächeln welches bewies wie sehr ihm die Rückkehr ins Alltagsleben wohltat
»Sie wissen gnädigster Herr« hob der Leibarzt an indem er sich zum
Fürsten wandte »dass ich auf meinen Reisen nicht unterließ all die lustigen
Vorfälle wie sie das Leben durchkreuzen vorzüglich aber die possierlichen
Originale die mir aufstiessen treu in meinem Reisejournal zu bewahren und eben
aus diesem Journal bin ich im Begriff etwas mitzuteilen das ohne sonderlich
bedeutend zu sein doch mir ergötzlich scheint Auf meiner vorjährigen Reise
kam ich in später Nacht in das schöne große Dorf vier Stunden von B ich
entschloss mich in den stattlichen Gasthof einzukehren wo mich ein freundlicher
aufgeweckter Wirt empfing Ermüdet ja zerschlagen von der weiten Reise warf
ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette um recht auszuschlafen aber es
mochte eben eins geschlagen haben als mich eine Flöte die dicht neben mir
geblasen wurde weckte In meinem Leben hatt ich solch ein Blasen nicht gehört
Der Mensch musste ungeheure Lungen haben denn mit einem schneidenden
durchdringenden Ton der den Charakter des Instruments ganz vernichtete blies
er immer dieselbe Passage hintereinander fort so dass man sich nichts
Abscheulicheres Unsinnigeres denken konnte Ich schimpfte und fluchte auf den
verdammten tollen Musikanten der mir den Schlaf raubte und die Ohren zerriss
aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort bis ich endlich einen
dumpfen Schlag vernahm als würde etwas gegen die Wand geschleudert worauf es
still blieb und ich ruhig fortschlafen konnte
Am Morgen hörte ich ein starkes Gezänk unten im Hause Ich unterschied die
Stimme des Wirts und eines Mannes der unaufhörlich schrie Verdammt sei Ihr
Haus wäre ich nie über die Schwelle getreten Der Teufel hat mich in Ihr Haus
geführt wo man nichts trinken nichts genießen kann alles ist infam schlecht
und hundemässig teuer Da haben Sie Ihr Geld Adieu Sie sehen mich nicht wieder
in Ihrer vermaladeiten Kneipe Damit sprang ein kleiner winddürrer Mann in
einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Perücke auf die er einen grauen
Hut ganz schief und martialisch gestülpt schnell zum Hause heraus und lief nach
dem Stalle aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich steifen Gaule in
schwerfälligem Galopp zum Hofe hinausreiten sah
Natürlicherweise hielt ich ihn für einen Fremden der sich mit dem Wirte
entzweit habe und nun abgereiset sei eben deshalb nahm es mich nicht wenig
wunder als ich mittags da ich mich in der Wirtsstube befand dieselbe komische
kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perücke welche des Morgens hinausritt
eintreten und ohne Umstände an dem gedeckten Tisch Platz nehmen sah Es war das
hässlichste und dabei possierlichste Gesicht das mir jemals aufstiess In dem
ganzen Wesen des Mannes lag so etwas drollig Ernstes dass man ihn betrachtend
sich kaum des Lachens enthalten konnte Wir aßen miteinander und ein wortkarges
Gespräch schlich zwischen mir und dem Wirt hin ohne dass der Fremde der
gewaltig aß daran Anteil nehmen wollte Offenbar war es wie ich nachher
einsah Bosheit des Wirts dass er das Gespräch geschickt auf nationelle
Eigentümlichkeiten lenkte und mich geradezu frug ob ich wohl schon Irländer
kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse Allerdings
erwiderte ich indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls durch den Kopf
ging Ich erzählte von jenem Irländer der als man ihn frug warum er den
Strumpf verkehrt angezogen ganz treuherzig antwortete Auf der rechten Seite
ist ein Loch Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irländers in den
Sinn der mit einem jähzornigen Schotten zusammen in einem Bette schlief und den
bloßen Fuß unter der Decke hervorgestreckt hatte Nun bemerkte dies ein
Engländer der im Zimmer befindlich und schnallte flugs dem Irländer den Sporn
an den Fuß den er von seinem Stiefel heruntergenommen Der Irländer zog
schlafend den Fuß wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten
der darüber aufwachte und dem Irländer eine tüchtige Ohrfeige gab Darauf
entspann sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gespräch Was Teufel ficht dich
an warum schlägst du mich Weil du mich mit deinem Sporn geritzt hast Wie
ist das möglich da ich mit bloßen Füßen bei dir im Bette liege Und doch ist
es so sieh nur her Gott verdamm mich du hast recht hat der verfluchte Kerl
von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen und den Sporn sitzen lassen Der
Wirt brach in ein unmässiges Gelächter aus aber der Fremde der eben mit dem
Essen fertig worden und ein großes Glas Bier heruntergestürzt hatte sah mich
ernst an und sprach Sie haben ganz recht die Irländer machen oft dergleichen
Bulls aber es liegt keinesweges an dem Volke das regsam und geistreich ist,
vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft die einen mit dergleichen
Tollheiten wie mit einem Schnupfen befällt denn mein Herr ich selbst bin zwar
ein Engländer aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb jener
verdammten Krankheit der Bulls unterworfen Der Wirt lachte noch stärker und
ich musste unwillkürlich einstimmen denn sehr ergötzlich war es doch dass der
Irländer nur von Bulls sprechend gleich selbst einen ganz vortrefflichen zum
besten gab Der Fremde weit entfernt durch unser Gelächter beleidigt zu
werden riss die Augen weit auf legte die Finger an die Nase und sprach In
England sind die Irländer das starke Gewürz das der Gesellschaft hinzugefügt
wird um sie schmackhaft zu machen Ich selbst bin in dem einzigen Stück dem
Falstaff ähnlich dass ich oft nicht allein selbst witzig bin sondern auch den
Witz anderer erwecke was in dieser nüchternen Zeit kein geringes Verdienst ist
Sollten Sie denken dass in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft
dergleichen regt bloß auf meinen Anlass Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt er
greift sein dürftig Kapital von guten Einfällen durchaus nicht an sondern leiht
hie und da in Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen er zeigt
ist er dieser Zinsen nicht versichert wie eben jetzt höchstens den Einband
seines Hauptbuchs und der ist sein unmässiges Lachen denn in dies Lachen hat er
seinen Witz eingewickelt Gott befohlen meine Herrn Damit schritt der
originelle Mann zur Türe hinaus und ich bat den Wirt sofort um Auskunft über
ihn Dieser Irländer sagte der Wirt der Ewson heißt und deswegen ein Engländer
sein will weil sein Stammbaum in England wurzelt ist erst seit kurzer Zeit
hier es werden nun gerade zweiundzwanzig Jahre sein Ich hatte als ein junger
Mensch den Gasthof gekauft und hielt Hochzeit als Herr Ewson der auch noch ein
Jüngling war aber schon damals eine fuchsrote Perücke einen grauen Hut und
einen kaffeebraunen Rock von demselben Schnitt wie heute trug auf der Rückreise
nach seinem Vaterlande begriffen hier vorbeikam und durch die Tanzmusik die
lustig erschallte hereingelockt wurde Er schwur dass man nur auf dem Schiffe
zu tanzen verstehe wo er es seit seiner Kindheit erlernt und führte um dies
zu beweisen indem er auf grässliche Weise dazu zwischen den Zähnen pfiff einen
Hornpipe aus wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuß dermaßen
verrenkte dass er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen musste Seit
der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen Mit seinen Eigenheiten habe ich
meine liebe Not jeden Tag seit den vielen Jahren zankt er mit mir er schmält
auf die Lebensart er wirft mir vor dass ich ihn überteure dass er ohne
Roastbeef und Porter nicht länger leben könne packt sein Felleisen setzt seine
drei Perücken auf eine über die andere nimmt von mir Abschied und reitet auf
seinem alten Gaule davon Das ist aber nur sein Spazierritt denn mittags kommt
er wieder zum andern Tore herein setzt sich wie Sie heute gesehen haben ruhig
an den Tisch und isst von den ungeniessbaren Speisen für drei Mann Jedes Jahr
erhält er einen starken Wechsel dann sagt er mir ganz wehmütig Lebewohl er
nennt mich seinen besten Freund und vergisst Tränen wobei mir auch die Tränen
über die Backen laufen aber vor unterdrücktem Lachen Nachdem er noch lebens
und sterbenshalber seinen letzten Willen aufgesetzt und wie er sagt meiner
ältesten Tochter sein Vermögen vermacht hat reitet er ganz langsam und betrübt
nach der Stadt Den dritten oder höchstens vierten Tag ist er aber wieder hier
und bringt zwei kaffeebraune Röcke drei fuchsrote Perücken eine gleissender wie
die andere sechs Hemden einen neuen grauen Hut und andere Bedürfnisse seines
Anzuges meiner ältesten Tochter seiner Lieblingin aber ein Tütchen Zuckerwerk
mit wie einem Kinde unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden Er
denkt dann weder an seinen Aufenthalt in der Stadt noch an die Heimreise Seine
Zeche berichtigt er jeden Abend und das Geld für das Frühstück wirft er mir
jeden Morgen zornig hin wenn er wegreitet um nicht wiederzukommen Sonst ist
er der gutmütigste Mensch von der Welt er beschenkt meine Kinder bei jeder
Gelegenheit er tut den Armen im Dorfe wohl nur den Prediger kann er nicht
leiden weil er wie Herr Ewson es von dem Schulmeister erfuhr einmal ein
Goldstück das Ewson in die Armenbüchse geworfen eingewechselt und lauter
Kupferpfennige dafür gegeben hat Seit der Zeit weicht er ihm überall aus und
geht niemals in die Kirche weshalb der Prediger ihn für einen Ateisten
ausschreit Wie gesagt habe ich aber oft meine liebe Not mit ihm weil er
jähzornig ist und ganz tolle Einfälle hat Erst gestern hörte ich als ich nach
Hause kam schon von weitem ein heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme
Als ich ins Haus trat fand ich ihn im stärksten Zank mit der Hausmagd
begriffen Er hatte wie es im Zorn immer geschieht bereits seine Perücke
weggeschleudert und stand im kahlen Kopf ohne Rock in Hemdärmeln dicht vor der
Magd der er ein großes Buch unter die Nase hielt und stark schreiend und
fluchend mit dem Finger hineinwies Die Magd hatte die Hände in die Seiten
gestemmt und schrie er möge andere zu seinen Streichen brauchen er sei ein
schlechter Mensch der an nichts glaube usw Mit Mühe gelang es mir die
Streitenden auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen Herr
Ewson hatte verlangt die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum Briefsiegeln
die Magd verstand ihn anfangs gar nicht zuletzt fiel ihr ein dass das Oblate
sei was bei dem Abendmahl gebraucht werde und meinte Herr Ewson wolle mit der
Hostie verruchtes Gespötte treiben weil der Herr Pfarrer ohnedies gesagt dass
er ein Gottesleugner sei Sie widersetzte sich daher und Herr Ewson der da
glaubte nur nicht richtig ausgesprochen zu haben und nicht verstanden zu sein
holte sofort sein englischdeutsches Wörterbuch und demonstrierte daraus der
Bauermagd die kein Wort lesen konnte was er haben wolle wobei er zuletzt
nichts als englisch sprach welches die Magd für das sinnverwirrende Gewäsche
des Teufels hielt Nur mein Dazwischentreten verhinderte die Prügelei in der
Herr Ewson vielleicht den Kürzeren gezogen
Ich unterbrach den Wirt in der Erzählung von dem drolligen Manne indem ich
frug ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen der mich in der Nacht durch
sein grässliches Flötenblasen so gestört und geärgert habe Ach mein Herr fuhr
der Wirt fort das ist nun auch eine von Herr Ewsons Eigenheiten womit er mir
beinahe die Gäste verscheucht Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt
hieher der Junge bläst eine herrliche Flöte und übte hier fleißig sein
Instrument Da fiel es Herrn Ewson ein dass er ehemals auch Flöte geblasen und
ließ nicht nach bis ihm Fritz seine Flöte und ein Konzert das er mitgebracht
hatte für schweres Geld verkaufte
Nun fing Herr Ewson der gar keinen Sinn für Musik gar keinen Takt hat mit
dem größten Eifer an das Konzert zu blasen Er kam aber nur bis zum zweiten
Solo des ersten Allegros da stieß ihm eine Passage auf die er nicht
herausbringen konnte und diese einzige Passage bläst er nun seit den drei
Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander bis er im höchsten Zorn erst
die Flöte und dann die Perücke an die Wand schleudert Da dies nun wenige Flöten
lange aushalten so braucht er gar oft neue und hat jetzt gewöhnlich drei bis
vier im Gange Ist nur ein Schräubchen zerbrochen oder eine Klappe schadhaft so
wirft er sie mit einem Gott verdamm mich nur in England macht man Instrumente
die was taugen durchs Fenster Ganz erschrecklich ist es dass ihn diese
Passion der Flötenbläserei oft nachts überfällt und er dann meine Gäste aus dem
tiefsten Schlafe dudelt Sollten Sie aber glauben dass hier im Amtshause sich
beinahe ebenso lange als Herr Ewson bei mir ist ein englischer Doktor aufhält
der Green heißt und mit Herrn Ewson darin sympatisiert dass er ebenso
originell ebenso voll sonderbaren Humors ist Sie zanken sich unaufhörlich
und können doch nicht ohne einander leben Es fällt mir eben ein dass Herr Ewson
auf heute Abend einen Punsch bei mir bestellt hat zu dem er den Amtmann und den
Doktor Green eingeladen Wollen Sie es sich mein Herr gefallen lassen noch
bis morgen früh hier zu verweilen so können Sie heute abend bei mir das
possierlichste Kleeblatt sehen das sich nur zusammenfinden kann
Sie stellen sich es vor gnädigster Herr dass ich mir den Aufschub der Reise
gern gefallen ließ weil ich hoffte den Herrn Ewson in seiner Glorie zu sehen
Er trat sowie es Abend worden ins Zimmer und war artig genug mich zu dem
Punsch einzuladen indem er hinzusetzte wie es ihm nur leid täte mich mit dem
nichtswürdigen Getränk das man hier Punsch nenne bewirten zu müssen nur in
England trinke man Punsch und da er nächstens dahin zurückkehren werde hoffe
er käme ich jemals nach England mir es beweisen zu können dass er es verstehe
das köstliche Getränk zu bereiten Ich wusste was ich davon zu denken hatte
Bald darauf traten auch die eingeladenen Gäste ein Der Amtmann war ein kleines
kugelrundes höchst freundliches Männlein mit vergnügt blickenden Augen und
einem roten Näschen der Doktor Green ein robuster Mann von mittleren Jahren mit
einem auffallenden Nationalgesicht modern aber nachlässig gekleidet Brill
auf der Nase Hut auf dem Kopfe Gebt mir Sekt dass meine Augen rot werden
rief er pathetisch indem er auf den Wirt zuschritt und ihn bei der Brust
packend heftig schüttelte Halunkischer Kambyses sprich wo sind die
Prinzessinnen Nach Kaffee riechts und nicht nach Trank der Götter Lass ab
von mir o Held weg mit der starken Faust zermalmst im Zorne mir die Rippen
rief der Wirt keuchend Nicht eher feiger Schwächling fuhr der Doktor fort
bis süßer Dampf des Punsches Sinn umnebelnd Nase kitzelt nicht eher lass ich
dich du ganz unwerter Wirt Aber nun schoss Ewson grimmig auf den Doktor los
und schalt Unwürdger Green Grün solls dir werden vor den Augen ja greinen
sollst du gramerfüllt wenn du nicht ablässt von schmachvoller Tat Nun dacht
ich würde Zank und Tumult losbrechen aber der Doktor sagte So will ich
feiger Ohnmacht spottend ruhig sein und harrn des Göttertranks den du
bereitet würdger Ewson Er ließ den Wirt los der eiligst davonsprang
setzte sich mit einer Katos Miene an den Tisch ergriff die gestopfte Pfeife und
blies große Dampfwolken von sich. Ist das nicht als wäre man im Theater
sagte der freundliche Amtmann zu mir aber der Doktor der sonst kein teutsches
Buch in die Hand nimmt fand zufällig Schlegels Shakespeare bei mir und seit
der Zeit spielt er nach seinem Ausdruck uralte bekannte Melodien auf einem
fremden Instrumente Sie werden bemerkt haben dass sogar der Wirt rhytmisch
spricht der Doktor hat ihn sozusagen eingejambt Der Wirt brachte den
dampfenden Punschnapf und unerachtet Ewson und Green schwuren er sei kaum
trinkbar so stürzten sie doch ein großes Glas nach dem andern hinab Wir
führten ein leidlich Gespräch Green blieb wortkarg nur dann und wann gab er
auf komische Weise die Opposition behauptend etwas von sich So sprach zB
der Amtmann von dem Theater in der Stadt und ich versicherte der erste Held
spiele vortrefflich Das kann ich nicht finden fiel sogleich der Doktor ein
Glauben Sie nicht dass hätte der Mann sechsmal besser gespielt er des Beifalls
viel würdger sein würde Ich musste das notgedrungen zugeben und meinte nur dass
dies sechsmal besser Spielen dem Schauspieler not tue der die zärtlichen Väter
ganz erbärmlich tragiere Das kann ich nicht finden sagte Green wieder der
Mann gibt alles was er in sich trägt Kann er dafür dass seine Tendenz sich zum
Schlechten hinneigt Er hat es aber im Schlechten zu rühmlicher Vollkommenheit
gebracht man muss ihn deshalb loben Der Amtmann saß mit seinem Talent die
beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfällen und Meinungen in ihrer Mitte wie
das exzitierende Prinzip und so ging es fort bis der starke Punsch zu wirken
anfing Da wurde Ewson ausgelassen lustig er sang mit krächzender Stimme
Nationallieder er warf Perücke und Rock durchs Fenster in den Hof und fing an
mit den sonderbarsten Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen dass man sich
vor Lachen hätte ausschütten mögen Der Doktor blieb ernstaft hatte aber die
seltsamsten Visionen Er sah den Punschnapf für eine Bassgeige an und wollte
durchaus darauf herumstreichen mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend
wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten Der
Amtmann war immer stiller und stiller geworden am Ende stolperte er in eine
Ecke des Zimmers wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing Ich verstand
den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache seines tiefen Schmerzes
Ach ach brach er schluchzend los der Prinz Eugen war doch ein großer
Feldherr und dieser heldenmütige Fürst musste sterben Ach ach und damit
weinte er heftiger dass ihm die hellen Tränen über die Backen liefen Ich
versuchte ihn über den Verlust dieses wackeren Prinzen des längst vergangenen
Jahrhunderts möglichst zu trösten aber es war vergebens Der Doktor Green hatte
indessen eine große Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhörlich gegen das
offene Fenster Er hatte nichts geringeres im Sinn als den Mond zu putzen
der hell hineinschien Ewson sprang und schrie als wäre er besessen von tausend
Teufeln bis endlich der Hausknecht des hellen Mondscheins unerachtet mit
einer großen Laterne in das Zimmer trat und laut rief Da bin ich meine Herren
nun kanns fortgehen Der Doktor stellte sich dicht vor ihm hin und sprach ihm
die Dampfwolken ins Gesicht blasend Willkommen Freund Bist du der Squenz der
Mondschein trägt und Hund und Dornbusch Ich habe dich geputzt Halunke darum
scheinst du hell Gut Nacht denn viel des schnöden Safts hab ich getrunken
gut Nacht mein werter Wirt gut Nacht mein Pylades Ewson schwur dass kein
Mensch zu Hause gehen solle ohne den Hals zu brechen aber niemand achtete
darauf vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen den Amtmann
der noch immer über den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte unter den andern
Arm und so wackelten sie über die Straße fort nach dem Amtshause Mit Mühe
brachten wir den närrischen Ewson in sein Zimmer wo er noch die halbe Nacht auf
der Flöte tobte so dass ich kein Auge zutun und mich erst im Wagen schlafend
von dem tollen Abend im Gasthause erholen konnte«
Die Erzählung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelächter als man es
wohl sonst im Zirkel eines Hofes hören mag unterbrochen Der Fürst schien sich
sehr ergötzt zu haben »Nur eine Figur« sagte er zum Leibarzt »haben Sie in
dem Gemälde zu sehr in den Hintergrund gestellt und das ist Ihre eigne denn
ich wette dass Ihr zuzeiten etwas boshafter Humor den närrischen Ewson sowie den
patetischen Doktor zu tausend tollen Ausschweifungen verleitet hat und dass Sie
eigentlich das exzitierende Prinzip waren für das Sie den lamentablen Amtmann
ausgeben« »Ich versichere gnädigster Herr« erwiderte der Leibarzt »dass
dieser aus seltener Narrheit komponierte Klub so in sich abgeründet war dass
alles Fremde nur dissoniert hätte Um in dem musikalischen Gleichnis zu bleiben
waren die drei Menschen der reine Dreiklang jeder verschieden im Ton aber
harmonisch mitklingend der Wirt sprang hinzu wie eine Septime« Auf diese
Weise wurde noch manches hin und hergesprochen bis sich wie gewöhnlich die
fürstliche Familie in ihre Zimmer zurückzog und die Gesellschaft in der
gemütlichsten Laune auseinanderging Ich bewegte mich heiter und lebenslustig
in einer neuen Welt Je mehr ich in den ruhigen gemütlichen Gang des Lebens in
der Residenz und am Hofe eingriff je mehr man mir einen Platz einräumte den
ich mit Ehre und Beifall behaupten konnte desto weniger dachte ich an die
Vergangenheit sowie daran dass mein hiesiges Verhältnis sich jemals ändern
könne Der Fürst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu finden und aus
verschiedenen flüchtigen Andeutungen konnte ich schließen dass er mich auf diese
oder jene Weise in seiner Umgebung festzustellen wünschte Nicht zu leugnen war
es dass eine gewisse Gleichförmigkeit der Ausbildung ja eine gewisse
angenommene gleiche Manier in allem wissenschaftlichen und künstlerischen
Treiben die sich vom Hofe aus über die ganze Residenz verbreitete manchem
geistreichen und an unbedingte Freiheit gewöhnten Mann den Aufenthalt daselbst
bald verleidet hätte indessen kam mir so oft auch die Beschränkung welche die
Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte lästig wurde das frühere Gewöhnen an
eine bestimmte Form die wenigstens das Äußere regelt dabei sehr zustatten
Mein Klosterleben war es das hier freilich unmerklicherweise noch auf mich
wirkte So sehr mich der Fürst auszeichnete so sehr ich mich bemühte die
Aufmerksamkeit der Fürstin auf mich zu ziehen so blieb diese doch kalt und
verschlossen Ja meine Gegenwart schien sie oft auf besondere Weise zu
beunruhigen und nur mit Mühe erhielt sie es über sich mir wie den andern ein
paar freundliche Worte zuzuwerfen Bei den Damen die sie umgaben war ich
glücklicher mein Äußeres schien einen günstigen Eindruck gemacht zu haben und
indem ich mich oft in ihren Kreisen bewegte gelang es mir bald diejenige
wunderliche Weltbildung zu erhalten welche man Galanterie nennt und die in
nichts anderm besteht als die äußere körperliche Geschmeidigkeit vermöge der
man immer da wo man steht oder geht hinzupassen scheint auch in die
Unterhaltung zu übertragen Es ist die sonderbare Gabe über nichts mit
bedeutenden Worten zu schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu
erregen von dem wie es entstanden sie sich selbst nicht Rechenschaft geben
können Dass diese höhere und eigentliche Galanterie sich nicht mit plumpen
Schmeicheleien abgeben kann fließt aus dem Gesagten wiewohl in jenem
interessanten Geschwätz das wie ein Hymnus der Angebeteten erklingt eben das
gänzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt so dass ihr eigenes Selbst ihnen klar
zu werden scheint und sie sich in dem Reflex ihres eignen Ichs mit Wohlgefallen
spiegeln Wer hätte nun noch den Mönch in mir erkennen sollen Der einzige
mir gefährliche Ort war vielleicht nur noch die Kirche in welcher es mir schwer
wurde jene klösterliche Andachtsübungen die ein besonderer Rhythmus ein
besonderer Takt auszeichnet zu vermeiden
Der Leibarzt war der einzige der das Gepräge womit alles wie gleiche Münze
ausgestempelt war nicht angenommen hatte und dies zog mich zu ihm hin so wie
er sich deshalb an mich anschloss weil ich wie er recht gut wusste anfangs die
Opposition gebildet und meine freimütigen Äußerungen die dem für kecke Wahrheit
empfänglichen Fürsten eindrangen das verhasste Pharospiel mit einemmal verbannt
hatten
So kam es denn dass wir oft zusammen waren und bald über Wissenschaft und
Kunst bald über das Leben wie es sich vor uns ausbreitete sprachen Der
Leibarzt verehrte ebenso hoch die Fürstin als ich und versicherte dass nur sie
es sei die manche Abgeschmackteit des Fürsten abwende und diejenige sonderbare
Art Langeweile welche ihn auf der Oberfläche hin und hertreibe dadurch zu
verscheuchen wisse dass sie ihm oft ganz unvermerkt ein unschädliches Spielzeug
in die Hände gebe Ich unterließ nicht bei dieser Gelegenheit mich zu beklagen
dass ich ohne den Grund erforschen zu können der Fürstin durch meine Gegenwart
oft ein unausstehliches Missbehagen zu erregen scheine Der Leibarzt stand sofort
auf und holte da wir uns gerade in seinem Zimmer befanden ein kleines
Miniaturbild aus dem Schreibepult welches er mir mit der Weisung es recht
genau zu betrachten in die Hände gab Ich tat es und erstaunte nicht wenig als
ich in den Zügen des Mannes den das Bild darstellte ganz die meinigen
erkannte Nur der Änderung der Frisur und der Kleidung die nach verjährter Mode
gemalt war nur der Hinzufügung meines starken Backenbarts dem Meisterstück
Belcampos bedurfte es um das Bild ganz zu meinem Porträt zu machen Ich
äußerte dies unverhohlen dem Leibarzt »Und eben diese Ähnlichkeit« sagte er
»ist es welche die Fürstin erschreckt und beunruhigt so oft Sie in ihre Nähe
kommen denn Ihr Gesicht erneuert das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit
die vor mehreren Jahren den Hof traf wie ein zerstörender Schlag Der vorige
Leibarzt der vor einigen Jahren starb und dessen Zögling in der Wissenschaft
ich bin vertraute mir jenen Vorgang in der fürstlichen Familie und gab mir
zugleich das Bild welches den ehemaligen Günstling des Fürsten Francesko
darstellt und zugleich wie Sie sehen rücksichts der Malerei ein wahres
Meisterstück ist Es rührt von dem wunderlichen fremden Maler her der sich
damals am Hofe befand und eben in jener Tragödie die Hauptrolle spielte« Bei
der Betrachtung des Bildes regten sich gewisse verworrene Ahnungen in mir die
ich vergebens trachtete klar aufzufassen Jene Begebenheit schien mir ein
Geheimnis erschließen zu wollen in das ich selbst verflochten war und um so
mehr drang ich in den Leibarzt mir das zu vertrauen welches zu erfahren mich
die zufällige Ähnlichkeit mit Francesko zu berechtigen scheine »Freilich«
sagte der Leibarzt »muss dieser höchst merkwürdige Umstand Ihre Neugierde nicht
wenig aufregen und so ungern ich eigentlich von jener Begebenheit sprechen mag
über die noch jetzt für mich wenigstens ein geheimnisvoller Schleier liegt
den ich auch weiter gar nicht lüften will so sollen Sie doch alles erfahren
was ich davon weiß Viele Jahre sind vergangen und die Hauptpersonen von der
Bühne abgetreten nur die Erinnerung ist es welche feindselig wirkt Ich bitte
gegen niemanden von dem was Sie erfuhren etwas zu äußern« Ich versprach das
und der Arzt fing in folgender Art seine Erzählung an
»Eben zu der Zeit als unser Fürst sich vermählte kam sein Bruder in
Gesellschaft eines Mannes den er Francesko nannte unerachtet man wusste dass er
ein Deutscher war sowie eines Malers von weiten Reisen zurück Der Prinz war
einer der schönsten Männer die man gesehen und schon deshalb stach er vor
unserm Fürsten hervor hätte er ihn auch nicht an Lebensfülle und geistiger
Kraft übertroffen Er machte auf die junge Fürstin die damals bis zur
Ausgelassenheit lebhaft und der der Fürst viel zu formell viel zu kalt war
einen seltenen Eindruck und ebenso fand sich der Prinz von der jungen
bildschönen Gemahlin seines Bruders angezogen Ohne an ein strafbares Verhältnis
zu denken mussten sie der unwiderstehlichen Gewalt nachgeben die ihr inneres
Leben nur wie wechselseitig sich entzündend bedingte und so die Flamme nähren
die ihr Wesen in eins verschmolz Francesko allein war es der in jeder
Hinsicht seinem Freunde an die Seite gesetzt werden konnte und so wie der Prinz
auf die Gemahlin seines Bruders so wirkte Francesko auf die ältere Schwester
der Fürstin Francesko wurde sein Glück bald gewahr benutzte es mit
durchdachter Schlauheit und die Neigung der Prinzessin wuchs bald zur
heftigsten brennendsten Liebe Der Fürst war von der Tugend seiner Gemahlin zu
sehr überzeugt um nicht alle hämische Zwischenträgerei zu verachten wiewohl
ihn das gespannte Verhältnis mit dem Bruder drückte und nur dem Francesko den
er seines seltenen Geistes seiner lebensklugen Umsicht halber lieb gewonnen war
es möglich ihn in gewissen Gleichmut zu erhalten Der Fürst wollte ihn zu den
ersten Hofstellen befördern Francesko begnügte sich aber mit den geheimen
Vorrechten des ersten Günstlings und mit der Liebe der Prinzessin In diesen
Verhältnissen bewegte sich der Hof so gut es gehen wollte aber nur die vier
durch geheime Bande verknüpften Personen waren glücklich in dem Eldorado der
Liebe das sie sich gebildet und das anderen verschlossen Wohl mochte es der
Fürst ohne dass man es wusste veranstaltet haben dass mit vielem Pomp eine
italienische Prinzessin am Hofe erschien die früher dem Prinzen als Gemahlin
zugedacht war und der er als er auf der Reise sich am Hofe ihres Vaters
befand sichtliche Zuneigung bewiesen hatte Sie soll ausnehmend schön und
überhaupt die Grazie die Anmut selbst gewesen sein und dies spricht auch das
herrliche Porträt aus was Sie noch auf der Galerie sehen können Ihre Gegenwart
belebte den in düstere Langeweile versunkenen Hof sie überstrahlte alles selbst
die Fürstin und ihre Schwester nicht ausgenommen Franceskos Betragen änderte
sich bald nach der Ankunft der Italienerin auf eine ganz auffallende Weise es
war als zehre ein geheimer Gram an seiner Lebensblüte er wurde mürrisch
verschlossen er vernachlässigte seine fürstliche Geliebte Der Prinz war ebenso
tiefsinnig geworden er fühlte sich von Regungen ergriffen denen er nicht zu
widerstehen vermochte Der Fürstin stieß die Ankunft der Italienerin einen Dolch
ins Herz Für die zur Schwärmerei geneigte Prinzessin war nun mit Franceskos
Liebe alles Lebensglück entflohen und so waren die vier Glücklichen
Beneidenswerten in Gram und Betrübnis versenkt Der Prinz erholte sich zuerst
indem er bei der strengen Tugend seiner Schwägerin den Lockungen des schönen
verführerischen Weibes nicht widerstehen konnte Jenes kindliche recht aus dem
tiefsten Innern entsprossene Verhältnis mit der Fürstin ging unter in der
namenlosen Lust die ihm die Italienerin verhieß und so kam es denn dass er
bald aufs neue in den alten Fesseln lag denen er seit nicht lange her sich
entwunden Je mehr der Prinz dieser Liebe nachhing desto auffallender wurde
Franceskos Betragen den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe sah sondern
der einsam umherschwärmte und oft wochenlang von der Residenz abwesend war
Dagegen ließ sich der wunderliche menschenscheue Maler mehr sehen als sonst und
arbeitete vorzüglich gern in dem Atelier das ihm die Italienerin in ihrem Hause
einrichten lassen Er malte sie mehrmals mit einem Ausdruck ohnegleichen der
Fürstin schien er abhold er wollte sie durchaus nicht malen dagegen vollendete
er das Porträt der Prinzessin ohne dass sie ihm ein einziges Mal gesessen auf
das ähnlichste und herrlichste Die Italienerin bewies diesem Maler so viel
Aufmerksamkeit und er dagegen begegnete ihr mit solcher vertraulicher
Galanterie dass der Prinz eifersüchtig wurde und dem Maler als er ihn einmal im
Atelier arbeitend antraf und er fest den Blick auf den Kopf der Italienerin
den er wieder hingezaubert gerichtet sein Eintreten gar nicht zu bemerken
schien rund heraussagte er möge ihm den Gefallen tun und hier nicht mehr
arbeiten sondern sich ein anderes Atelier suchen Der Maler schnickte gelassen
den Pinsel aus und nahm schweigend das Bild von der Staffelei Im höchsten
Unmute riss es der Prinz ihm aus der Hand mit der Äußerung es sei so herrlich
getroffen dass er es besitzen müsse Der Maler immer ruhig und gelassen
bleibend bat nur zu erlauben dass er das Bild mit ein paar Zügen vollende Der
Prinz stellte das Bild wieder auf die Staffelei nach ein paar Minuten gab der
Maler es ihm zurück und lachte hell auf als der Prinz über das grässlich
verzerrte Gesicht erschrak zu dem das Porträt geworden Nun ging der Maler
langsam aus dem Saal aber nah an der Türe kehrte er um sah den Prinzen an mit
ernstem durchdringendem Blick und sprach dumpf und feierlich Nun bist du
verloren
Dies geschah als die Italienerin schon für des Prinzen Braut erklärt war
und in wenigen Tagen die feierliche Vermählung vor sich gehen sollte Des Malers
Betragen achtete der Prinz um so weniger als er in dem allgemeinen Ruf stand
zuweilen von einiger Tollheit heimgesucht zu werden Er saß wie man erzählte
nun wieder in seinem kleinen Zimmer und starrte tagelang eine große aufgespannte
Leinwand an indem er versicherte wie er eben jetzt an ganz herrlichen Gemälden
arbeite so vergaß er den Hof und wurde von diesem wieder vergessen
Die Vermählung des Prinzen mit der Italienerin ging in dem Palast des
Fürsten auf das feierlichste vor sich die Fürstin hatte sich in ihr Geschick
gefügt und einer zwecklosen nie zu befriedigenden Neigung entsagt die
Prinzessin war wie verklärt denn ihr geliebter Francesko war wieder erschienen
blühender lebensfroher als je Der Prinz sollte mit seiner Gemahlin den Flügel
des Schlosses beziehen den der Fürst erst zu dem Behuf einrichten lassen Bei
diesem Bau war er recht in seinem Wirkungskreise man sah ihn nicht anders als
von Architekten Malern Tapezierern umgeben in großen Büchern blätternd und
Plane Risse Skizzen vor sich ausbreitend die er zum Teil selbst gemacht und
die mitunter schlecht genug geraten waren Weder der Prinz noch seine Braut
durften früher etwas von der inneren Einrichtung sehen bis am späten Abend des
Vermählungstages an dem sie von dem Fürsten in einem langen feierlichen Zuge
durch die in der Tat mit geschmackvoller Pracht dekorierten Zimmer geleitet
wurden und ein Ball in einem herrlichen Saal der einem blühenden Garten glich
das Fest beschloss In der Nacht entstand in dem Flügel des Prinzen ein dumpfer
Lärm aber lauter und lauter wurde das Getöse bis es den Fürsten selbst
aufweckte Unglückahnend sprang er auf eilte von der Wache begleitet nach dem
entfernten Flügel und trat in den breiten Korridor als eben der Prinz gebracht
wurde den man vor der Türe des Brautgemachs durch einen Messerstich in den
Hals ermordet gefunden Man kann sich das Entsetzen des Fürsten der Prinzessin
Verzweiflung die tiefe herzzerreissende Trauer der Fürstin denken Als der
Fürst ruhiger worden fing er an der Möglichkeit, wie der Mord geschehen wie
der Mörder durch die überall mit Wachen besetzten Korridore habe entfliehen
können nachzuspähen alle Schlupfwinkel wurden durchsucht aber vergebens Der
Page der den Prinzen bedient erzählte wie er seinen Herrn der von banger
Ahnung ergriffen sehr unruhig gewesen und lange in seinem Kabinett auf und ab
gangen sei endlich entkleidet und mit dem Armleuchter in der Hand bis an das
Vorzimmer des Brautgemachs geleuchtet habe Der Prinz hätte ihm den Leuchter aus
der Hand genommen und ihn zurückgeschickt kaum sei er aber aus dem Zimmer
gewesen als er einen dumpfen Schrei einen Schlag und das Klirren des fallenden
Armleuchters gehört Gleich sei er zurückgerannt und habe bei dem Schein eines
Lichts das noch auf der Erde fortgebrannt den Prinzen vor der Türe des
Brautgemachs und neben ihm ein kleines blutiges Messer liegen gesehen nun aber
gleich Lärm gemacht Nach der Erzählung der Gemahlin des unglücklichen Prinzen
war er gleich nachdem sie die Kammerfrauen entfernt hastig ohne Licht in das
Zimmer getreten hatte alle Lichter schnell ausgelöscht war wohl eine halbe
Stunde bei ihr geblieben und hatte sich dann wieder entfernt erst einige
Minuten darauf geschah der Mord Als man sich in Vermutungen wer der Mörder
sein könne erschöpfte als es durchaus kein einziges Mittel mehr gab dem Täter
auf die Spur zu kommen da trat eine Kammerfrau der Prinzessin auf die in einem
Nebenzimmer dessen Türe geöffnet war jenen verfänglichen Auftritt des Prinzen
mit dem Maler bemerkt hatte den erzählte sie nun mit allen Umständen Niemand
zweifelte dass der Maler sich auf unbegreifliche Weise in den Palast zu
schleichen gewusst und den Prinzen ermordet habe Der Maler sollte im Augenblick
verhaftet werden schon seit zwei Tagen war er aber aus dem Hause verschwunden
niemand wusste wohin und alle Nachforschungen blieben vergebens Der Hof war in
die tiefste Trauer versenkt die die ganze Residenz mit ihm teilte und es war
nur Francesko der wieder unausgesetzt bei Hofe erscheinend in dem kleinen
Familienzirkel manchen Sonnenblick aus den trüben Wolken hervorzuzaubern wusste
Die Prinzessin fühlte sich schwanger und da es klar zu sein schien dass der
Mörder des Gemahls die ähnliche Gestalt zum verruchten Betruge gemissbraucht
begab sie sich auf ein entferntes Schloss des Fürsten damit die Niederkunft
verschwiegen bliebe und so die Frucht eines höllischen Frevels wenigstens nicht
vor der Welt der der Leichtsinn der Diener die Ereignisse der Brautnacht
verraten den unglücklichen Gemahl schände
Franceskos Verhältnis mit der Schwester der Fürstin wurde in dieser
Trauerzeit immer fester und inniger und ebensosehr verstärkte sich die
Freundschaft des fürstlichen Paars für ihn Der Fürst war längst in Franceskos
Geheimnis eingeweiht er konnte bald nicht länger dem Andringen der Fürstin und
der Prinzessin widerstehen und willigte in Franceskos heimliche Vermählung mit
der Prinzessin Francesko sollte sich im Dienst eines fremden Hofes zu einem
hohen militärischen Grad aufschwingen und dann die öffentliche Kundmachung
seiner Ehe mit der Prinzessin erfolgen An jenem Hofe war das damals bei den
Verbindungen des Fürsten mit ihm möglich
Der Tag der Verbindung erschien der Fürst mit seiner Gemahlin sowie zwei
vertraute Männer des Hofes mein Vorgänger war einer von ihnen waren die
einzigen die der Trauung in der kleinen Kapelle im fürstlichen Palast beiwohnen
sollten Ein einziger Page in das Geheimnis eingeweiht bewachte die Türe
Das Paar stand vor dem Altar der Beichtiger des Fürsten ein alter
ehrwürdiger Priester begann das Formular nachdem er ein stilles Amt gehalten
Da erblasste Francesko und mit stieren auf den Eckpfeiler beim Hochaltar
gerichteten Augen rief er mit dumpfer Stimme Was willst du von mir An den
Eckpfeiler gelehnt stand der Maler in fremder seltsamer Tracht den violetten
Mantel um die Schulter geschlagen und durchbohrte Francesko mit dem
gespenstischen Blick seiner hohlen schwarzen Augen Die Prinzessin war der
Ohnmacht nahe alles erbebte vom Entsetzen ergriffen nur der Priester blieb
ruhig und sprach zu Francesko Warum erschreckt dich die Gestalt dieses Mannes
wenn dein Gewissen rein ist Da raffte sich Francesko auf der noch gekniet und
stürzte mit einem kleinen Messer in der Hand auf den Maler aber noch ehe er ihn
erreicht sank er mit einem dumpfen Geheul ohnmächtig nieder und der Maler
verschwand hinter dem Pfeiler Da erwachten alle wie aus einer Betäubung man
eilte Francesko zu Hilfe er lag totenähnlich da Um alles Aufsehen zu
vermeiden wurde er von den beiden vertrauten Männern in die Zimmer des Fürsten
getragen Als er aus der Ohnmacht erwachte verlangte er heftig dass man ihn
entlasse in seine Wohnung ohne eine einzige Frage des Fürsten über den
geheimnisvollen Vorgang in der Kirche zu beantworten Den andern Morgen war
Francesko aus der Residenz mit den Kostbarkeiten die ihm die Gunst des Prinzen
und des Fürsten zugewendet entflohen Der Fürst unterließ nichts um dem
Geheimnisse dem gespenstischen Erscheinen des Malers auf die Spur zu kommen
Die Kapelle hatte nur zwei Eingänge von denen einer aus den inneren Zimmern des
Palastes nach den Logen neben dem Hochaltar der andere hingegen aus dem breiten
Hauptkorridor in das Schiff der Kapelle führte Diesen Eingang hatte der Page
bewacht damit kein Neugieriger sich nahe der andere war verschlossen
unbegreiflich blieb es daher wie der Maler in der Kapelle erscheinen und wieder
verschwinden können Das Messer welches Francesko gegen den Maler gezückt
behielt er ohnmächtig werdend wie im Starrkrampf in der Hand und der Page
derselbe der an dem unglücklichen Vermählungsabende den Prinzen entkleidete
und der nun die Türe der Kapelle bewachte behauptete es sei dasselbe gewesen
was damals neben dem Prinzen gelegen da es seiner silbernen blinkenden Schale
wegen sehr ins Auge falle Nicht lange nach diesen geheimnisvollen
Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzessin an eben dem Tage da
Franceskos Vermählung vor sich gehen sollte hatte sie einen Sohn geboren und
war bald nach der Entbindung gestorben Der Fürst betrauerte ihren Verlust
wiewohl das Geheimnis der Brautnacht schwer auf ihr lag und in gewisser Art
einen vielleicht ungerechten Verdacht gegen sie selbst erweckte Der Sohn die
Frucht einer freveligen verruchten Tat wurde in entfernten Landen unter dem
Namen des Grafen Viktorin erzogen Die Prinzessin ich meine die Schwester der
Fürstin im Innersten zerrissen von den schrecklichen Begebenheiten die in so
kurzer Zeit auf sie eindrangen wählte das Kloster Sie ist wie es Ihnen
bekannt sein wird Äbtissin des ZisterzienserKlosters in Ganz wunderbar
und geheimnisvoll sich beziehend auf jene Begebenheiten an unserm Hofe ist nun
aber ein Ereignis das sich unlängst auf dem Schloss des Barons F zutrug und
diese Familie so wie damals unsern Hof auseinander warf Die Äbtissin hatte
nämlich gerührt von dem Elende einer armen Frau die mit einem kleinen Kinde
auf der Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins Kloster einkehrte ihren«
Hier unterbrach ein Besuch die Erzählung des Leibarztes und es gelang mir
den Sturm der in mir wogte zu verbergen Klar stand es vor meiner Seele
Francesko war mein Vater er hatte den Prinzen mit demselben Messer ermordet
mit dem ich Hermogen tötete Ich beschloss in einigen Tagen nach Italien
abzureisen und so endlich aus dem Kreise zu treten in den mich die böse
feindliche Macht gebannt hatte Denselben Abend erschien ich im Zirkel des
Hofes man erzählte viel von einem herrlichen bildschönen Fräulein die als
Hofdame in der Umgebung der Fürstin heute zum erstenmal erscheinen werde da sie
erst gestern angekommen
Die Flügeltüren öffneten sich die Fürstin trat herein mit ihr die Fremde
Ich erkannte Aurelien
Zweiter Teil
Erster Abschnitt
Der Wendepunkt
In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare in tiefster Brust bewahrte
Geheimnis der Liebe auf Wer du auch sein magst der du künftig diese Blätter
liesest rufe dir jene höchste Sonnenzeit zurück schaue noch einmal das holde
Frauenbild das der Geist der Liebe selbst dir entgegentrat Da glaubtest du
ja nur in ihr dich dein höheres Sein zu erkennen Weißt du noch wie die
rauschenden Quellen die flüsternden Büsche wie der kosende Abendwind von ihr
von deiner Liebe so vernehmlich zu dir sprachen Siehst du es noch wie die
Blumen dich mit hellen freundlichen Augen anblickten Gruß und Kuss von ihr
bringend Und sie kam sie wollte dein sein ganz und gar Du umfingst sie voll
glühenden Verlangens und wolltest losgelöset von der Erde auflodern in
inbrünstiger Sehnsucht Aber das Mysterium blieb unerfüllt eine finstre Macht
zog stark und gewaltig dich zur Erde nieder als du dich aufschwingen wolltest
mit ihr zu dem fernen Jenseits das dir verheißen Noch ehe du zu hoffen
wagtest hattest du sie verloren alle Stimmen alle Töne waren verklungen und
nur die hoffnungslose Klage des Einsamen ächzte grauenvoll durch die düstere
Einöde Du Fremder Unbekannter Hat dich je solch namenloser Schmerz
zermalmt so stimme ein in den trostlosen Jammer des ergrauten Mönchs der in
finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend das harte Lager mit
blutigen Tränen netzt dessen bange Todesseufzer in stiller Nacht durch die
düstren Klostergänge hallen Aber auch du du mir im Innern Verwandter auch du
glaubst es dass der Liebe höchste Seligkeit die Erfüllung des Geheimnisses im
Tode aufgeht So verkünden es uns die dunklen weissagenden Stimmen die aus
jener keinem irdischen Maßstab messlichen Urzeit zu uns herübertönen und wie in
den Mysterien die die Säuglinge der Natur feierten ist uns ja auch der Tod das
Weihfest der Liebe
Ein Blitz fuhr durch mein Inneres mein Atem stockte die Pulse schlugen
krampfhaft zuckte das Herz zerspringen wollte die Brust Hin zu ihr hin zu
ihr sie an mich reißen in toller Liebeswut »Was widerstrebst du Unselige
der Macht die dich unauflöslich an mich gekettet Bist du nicht mein mein
immerdar« Doch besser wie damals als ich Aurelien zum erstenmal im Schloss
des Barons erblickte hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft
Überdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet und so gelang es mir im
Kreise gleichgültiger Menschen mich zu drehen und zu wenden ohne dass irgend
einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hätte welches mir unerträglich
gewesen sein würde da ich nur sie sehen hören denken wollte
Man sage nicht dass das einfache Hauskleid das wahrhaft schöne Mädchen am
besten ziere der Putz der Weiber übt einen geheimnisvollen Zauber dem wir
nicht leicht widerstehen können In ihrer tiefsten Natur mag es liegen dass im
Putz recht aus ihrem Innern heraus sich alles schimmernder und schöner
entfaltet wie Blumen nur dann vollendet sich darstellen wenn sie in üppiger
Fülle in bunten glänzenden Farben aufgebrochen Als du die Geliebte zum
erstenmal geschmückt sahst fröstelte da nicht ein unerklärlich Gefühl dir durch
Nerv und Adern Sie kam dir so fremd vor aber selbst das gab ihr einen
unnennbaren Reiz Wie durchbebten dich Wonne und namenlose Lüsternheit wenn du
verstohlen ihre Hand drücken konntest Aurelien hatte ich nie anders als im
einfachen Hauskleide gesehen heute erschien sie der Hofsitte gemäß in vollem
Schmuck Wie schön sie war Wie fühlte ich mich bei ihrem Anblick von
unnennbarem Entzücken von süßer Wollust durchschauert Aber da wurde der
Geist des Bösen mächtig in mir und erhob seine Stimme der ich williges Ohr
lieh »Siehst du es nun wohl Medardus« so flüsterte es mir zu »siehst du es
nun wohl wie du dem Geschick gebietest wie der Zufall dir untergeordnet nur
die Faden geschickt verschlingt die du selbst gesponnen« Es gab in dem
Zirkel des Hofes Frauen die für vollendet schön geachtet werden konnten aber
vor Aureliens das Gemüt tief ergreifendem Liebreiz verblasste alles wie in
unscheinbarer Farbe Eine eigne Begeisterung regte die Trägsten auf selbst den
älteren Männern riss der Faden gewöhnlicher Hofkonversation wo es nur auf Wörter
ankommt denen von außen her einiger Sinn anfliegt jählings ab und es war
lustig wie jeder mit sichtlicher Qual danach rang in Wort und Miene recht
sonntagsmässig vor der Fremden zu erscheinen Aurelie nahm diese Huldigungen mit
niedergeschlagenen Augen in holder Anmut hoch errötend auf aber als nun der
Fürst die älteren Männer um sich sammelte und mancher bildschöne Jüngling sich
schüchtern mit freundlichen Worten Aurelien nahte wurde sie sichtlich heiterer
und unbefangener Vorzüglich gelang es einem Major von der Leibgarde ihre
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen so dass sie bald in lebhaftem Gespräch
begriffen schienen Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber
Er wusste mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel Sinn und Geist
aufzuregen und zu umstricken Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang
erlauschend ließ er schnell wie ein geschickter Spieler alle verwandte Akkorde
nach Willkür vibrieren so dass die Getäuschte in den fremden Tönen nur ihre
eigne innere Musik zu hören glaubte Ich stand nicht fern von Aurelien sie
schien mich nicht zu bemerken ich wollte hin zu ihr aber wie mit eisernen
Banden gefesselt vermochte ich nicht mich von der Stelle zu rühren Noch
einmal den Major scharf anblickend war es mir plötzlich als stehe Viktorin bei
Aurelien Da lachte ich auf im grimmigen Hohn »Hei Hei Du Verruchter hast
du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet dass du in toller Brunst trachten
magst nach der Buhlin des Mönchs«
Ich weiß nicht ob ich diese Worte wirklich sprach aber ich hörte mich
selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum als der alte Hofmarschall
sanft meine Hand fassend frug »Worüber erfreuen Sie sich so lieber Herr
Leonard« Eiskalt durchbebte es mich
Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill der mich ebenso frug
als er bei der Einkleidung mein freveliges Lächeln bemerkte Kaum vermochte
ich etwas Unzusammenhängendes herzustammeln Ich fühlte es dass Aurelie nicht
mehr in meiner Nähe war doch wagte ich es nicht aufzublicken ich rannte fort
durch die erleuchteten Säle Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich
erschienen sein denn ich bemerkte wie mir alles scheu auswich als ich die
breite Haupttreppe mehr herabsprang als herabstieg
Ich mied den Hof denn Aurelien ohne Gefahr mein tiefstes Geheimnis zu
verraten wiederzusehen schien mir unmöglich Einsam lief ich durch Flur und
Wald nur sie denkend nur sie schauend Fester und fester wurde meine
Überzeugung dass ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das meinige verschlungen
habe und dass das was mir manchmal als sündhafter Frevel erschienen nur die
Erfüllung eines ewigen unabänderlichen Ratschlusses sei So mich ermutigend
lachte ich der Gefahr die mir dann drohen könnte wenn Aurelie in mir Hermogens
Mörder erkennen sollte Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich
Wie erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge die in eitlem Wahn sich um
die bemühten die so ganz und gar mein eigen worden dass ihr leisester
Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien Was sind mir diese
Grafen diese Freiherren diese Kammerherren diese Offiziere in ihren bunten
Röcken in ihrem blinkenden Golde ihren schimmernden Orden anders als
ohnmächtige geschmückte Insektlein die ich wird mir das Volk lästig mit
kräftiger Faust zermalme In der Kutte will ich unter sie treten Aurelien
bräutlich geschmückt in meinen Armen und diese stolze feindliche Fürstin soll
selbst das Hochzeitslager bereiten dem siegenden Mönch den sie verachtet In
solchen Gedanken arbeitend rief ich oft laut Aureliens Namen und lachte und
heulte wie ein Wahnsinniger Aber bald legte sich der Sturm Ich wurde ruhiger
und fähig darüber Entschlüsse zu fassen wie ich nun mich Aurelien nähern
wollte Eben schlich ich eines Tages durch den Park nachsinnend ob es ratsam
sei die Abendgesellschaft zu besuchen die der Fürst ansagen lassen als man
von hinten her auf meine Schulter klopfte Ich wandte mich um der Leibarzt
stand vor mir »Erlauben Sie mir Ihren werten Puls« fing er sogleich an und
griff starr mir ins Auge blickend nach meinem Arm »Was bedeutet das« frug
ich erstaunt »Nicht viel« fuhr er fort »es soll hier still und heimlich
einige Tollheit umherschleichen die die Menschen recht banditenmässig überfällt
und ihnen eins versetzt dass sie leicht aufkreischen müssen klingt das auch
zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen Indessen kann alles auch nur ein Phantasma
oder jener tolle Teufel nur ein gelindes Fieber mit steigender Hitze sein darum
erlauben Sie Ihren werten Puls Liebster« »Ich versichre Sie mein Herr dass
ich von dem allen kein Wort verstehe« So fiel ich ein aber der Leibarzt hatte
meinen Arm gefasst und zählte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick eins
zwei drei Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft ich drang in ihn
mir doch nur zu sagen was er eigentlich wolle »Sie wissen also nicht werter
Herr Leonard dass Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und Bestürzung gesetzt
haben Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an Krämpfen und der
KonsistorialPräsident versäumt die wichtigsten Sessionen weil es Ihnen beliebt
hat über seine podagrischen Füße wegzurennen so dass er im Lehnstuhl sitzend
noch über mannigfache Stiche beträchtlich brüllt Das geschah nämlich als
Sie wie von einiger Tollheit heimgesucht aus dem Saale stürzten nachdem sie
ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten dass allen ein Grausen ankam und
sich die Haare sträubten« In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall
und meinte dass ich mich nun wohl erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu
haben um so weniger könne das aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein
als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt hätte worüber ich mich so
erfreue »Ei Ei« fuhr der Leibarzt fort »das will nichts bedeuten der
Hofmarschall ist solch ein homo impavidus der sich aus dem Teufel selbst nichts
macht Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza obgleich erwähnter
KonsistorialPräsident wirklich meinte der Teufel habe aus Ihnen mein Teurer
auf seine Weise gelächelt und unsere schöne Aurelie von solchem Grausen und
Entsetzen ergriffen wurde dass alle Bemühungen der Herrschaft sie zu beruhigen
vergebens blieben und sie bald die Gesellschaft verlassen musste zur
Verzweiflung sämtlicher Herren denen sichtlich das Liebesfeuer aus den
exaltierten Toupets dampfte In dem Augenblick als Sie werter Herr Leonard so
lieblich lachten soll Aurelie mit schneidendem in das Herz dringenden Ton
Hermogen gerufen haben Ei Ei was mag das bedeuten Das könnten Sie
vielleicht wissen Sie sind überhaupt ein lieber lustiger kluger Mann Herr
Leonard und es ist mir nicht unlieb dass ich Ihnen Franceskos merkwürdige
Geschichte anvertraut habe das muss recht lehrreich für Sie werden« Immerfort
hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen »Ich weiß«
sagte ich mich ziemlich unsanft losmachend »ich weiß Ihre wunderliche Reden
nicht zu deuten mein Herr aber ich muss gestehen dass als ich Aurelien von den
geschmückten Herren umlagert sah denen wie Sie witzig bemerken das
Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte mir eine sehr bittere Erinnerung
aus meinem früheren Leben durch die Seele fuhr und dass ich von recht grimmigem
Hohn über mancher Menschen töricht Treiben ergriffen unwillkürlich hell
auflachen musste Es tut mir leid dass ich ohne es zu wollen so viel Unheil
angerichtet habe und ich büsse dafür indem ich mich selbst auf einige Zeit vom
Hofe verbanne Mag mir die Fürstin mag mir Aurelie verzeihen« »Ei mein lieber
Herr Leonard« versetzte der Leibarzt »man hat ja wohl wunderliche
Anwandlungen denen man leicht widersteht wenn man sonst nur reinen Herzens
ist« »Wer darf sich dessen rühmen hienieden« frug ich dumpf in mich hinein
Der Leibarzt änderte plötzlich Blick und Ton »Sie scheinen mir« sprach er
milde und ernst »Sie scheinen mir aber doch wirklich krank Sie sehen blass
und verstört aus Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rötlicher
Glut Ihr Puls geht fieberhaft Ihre Sprache klingt dumpf soll ich Ihnen
etwas aufschreiben« »Gift« sprach ich kaum vernehmbar »Ho ho« rief der
Leibarzt »steht es so mit Ihnen Nun nun statt des Gifts das niederschlagende
Mittel zerstreuender Gesellschaft Es kann aber auch sein dass Wunderlich
ist es aber doch vielleicht « »Ich bitte Sie mein Herr« rief ich ganz
erzürnt »ich bitte Sie mich nicht mit abgebrochenen unverständlichen Reden zu
quälen sondern lieber geradezu alles« »Halt« unterbrach mich der
Leibarzt »halt es gibt die wunderlichsten Täuschungen mein Herr Leonard
beinahe ists mir gewiss dass man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese
gebaut hat die vielleicht in wenigen Minuten in nichts zerfällt Dort kommt die
Fürstin mit Aurelien nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen entschuldigen
Sie Ihr Betragen Eigentlich mein Gott eigentlich haben Sie ja auch nur
gelacht freilich auf etwas wunderliche Weise wer kann aber dafür dass
schwachnervige Personen darüber erschrecken Adieu«
Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon Die Fürstin kam
mit Aurelien den Gang herab Ich erbebte Mit aller Gewalt raffte ich mich
zusammen Ich fühlte nach des Leibarztes geheimnisvollen Reden dass es nun galt
mich auf der Stelle zu behaupten Keck trat ich den Kommenden entgegen Als
Aurelie mich ins Auge fasste sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen
ich wollte hinzu mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort laut
um Hilfe rufend Wie von Furien und Teufeln gepeitscht rannte ich fort durch
den Park Ich schloss mich in meine Wohnung ein und warf mich vor Wut und
Verzweiflung knirschend aufs Lager Der Abend kam die Nacht brach ein da
hörte ich die Haustüre aufschließen mehrere Stimmen murmelten und flüsterten
durcheinander es wankte und tappte die Treppe herauf endlich pochte man an
meine Türe und befahl mir im Namen der Obrigkeit aufzumachen Ohne deutliches
Bewusstsein was mir drohen könne glaubte ich zu fühlen dass ich nun verloren
sei Rettung durch Flucht so dachte ich und riss das Fenster auf Ich
erblickte Bewaffnete vor dem Hause von denen mich einer sogleich bemerkte
»Wohin« rief er mir zu und in dem Augenblick wurde die Türe meines
Schlafzimmers gesprengt Mehrere Männer traten herein bei dem Leuchten der
Laterne die einer von ihnen trug erkannte ich sie für Polizeisoldaten Man
zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts mich zu verhaften vor jeder
Widerstand wäre töricht gewesen Man warf mich in den Wagen der vor dem Hause
hielt und als ich an den Ort der meine Bestimmung schien angekommen frug
wo ich mich befände so erhielt ich zur Antwort »In den Gefängnissen der oberen
Burg« Ich wusste dass man hier gefährliche Verbrecher während des Prozesses
einsperre Nicht lange dauerte es so wurde mein Bette gebracht und der
Gefangenwärter frug mich ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wünsche
Ich verneinte das und blieb endlich allein Die lange nachhallenden Tritte und
das Auf und Zuschliessen vieler Türen ließ mich wahrnehmen dass ich mich in
einem der innersten Gefängnisse auf der Burg befand Auf mir selbst
unerklärliche Weise war ich während der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden ja
in einer Art Sinnesbetäubung erblickte ich alle Bilder die mir vorübergingen
nur in blassen halberloschenen Farben Ich erlag nicht dem Schlaf sondern
einer Gedanken und Phantasie lähmenden Ohnmacht Als ich am hellen Morgen
erwachte kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen was geschehen und wo
ich hingebracht worden Die gewölbte ganz zellenartige Kammer wo ich lag
hätte mir kaum ein Gefängnis geschienen wenn nicht das kleine Fenster stark mit
Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht gewesen wäre dass ich es nicht
einmal mit ausgestreckter Hand erreichen viel weniger hinausschauen konnte Nur
wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam hinein mich wandelte die Lust an die
Umgebungen meines Aufenthaltes zu erforschen ich rückte daher mein Bette heran
und stellte den Tisch darauf Eben wollte ich hinaufklettern als der
Gefangenwärter hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien Er frug
mich was ich da mache ich erwiderte dass ich nur hinausschauen wollen
schweigend trug er Tisch Bette und den Stuhl fort und schloss mich sogleich
wieder ein Nicht eine Stunde hatte es gedauert als er von zwei anderen
Männern begleitet wieder erschien und mich durch lange Gänge treppauf treppab
führte bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat wo mich der
Kriminalrichter erwartete Ihm zur Seite saß ein junger Mann dem er in der
Folge alles was ich auf die an mich gerichtete Fragen erwidert hatte laut in
die Feder diktierte Meinen ehemaligen Verhältnissen bei Hofe und der
allgemeinen Achtung die ich in der Tat so lange genossen hatte mochte ich die
höfliche Art danken mit der man mich behandelte wiewohl ich auch die
Überzeugung darauf baute dass nur Vermutungen die hauptsächlich auf Aureliens
ahnendes Gefühl beruhen konnten meine Verhaftung veranlasst hatten Der Richter
forderte mich auf meine bisherigen Lebensverhältnisse genau anzugeben ich bat
ihn mir erst die Ursache meiner plötzlichen Verhaftung zu sagen er erwiderte
dass ich über das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug
vernommen werden solle Jetzt komme es nur darauf an meinen ganzen Lebenslauf
bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen und er müsse mich
daran erinnern dass es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen würde auch
dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspüren weshalb ich denn ja der
strengsten Wahrheit treu bleiben möge Diese Ermahnung die der Richter ein
kleiner dürrer Mann mit fuchsroten Haaren mit heiserer lächerlich quäkender
Stimme mir hielt indem er die grauen Augen weit aufriß fiel auf einen
fruchtbaren Boden denn ich erinnerte mich nun dass ich in meiner Erzählung den
Faden genau so aufgreifen und fortspinnen müsse wie ich ihn angelegt als ich
bei Hofe meinen Namen und Geburtsort angab Auch war es wohl nötig alles
Auffallende vermeidend meinen Lebenslauf ins Alltägliche aber weit Entfernte
Ungewisse zu spielen so dass die weitern Nachforschungen dadurch auf jeden Fall
weit aussehend und schwierig werden mussten In dem Augenblick kam mir auch ein
junger Pole ins Gedächtnis mit dem ich auf dem Seminar in B studierte ich
beschloss seine einfachen Lebensumstände mir anzueignen So gerüstet begann ich
in folgender Art »Es mag wohl sein dass man mich eines schweren Verbrechens
beschuldigt ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen
Stadt gelebt und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen
verübt worden für dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen Teilnehmer ich
sein könnte Es muss also ein Fremder sein der mich eines in früherer Zeit
begangenen Verbrechens anklagt und da ich mich von aller Schuld völlig rein
fühle so hat vielleicht nur eine unglückliche Ähnlichkeit die Vermutung meiner
Schuld erregt um so härter finde ich es aber dass man mich leerer Vermutungen
und vorgefasster Meinungen wegen dem überführten Verbrecher gleich in ein
strenges Kriminalgefängnis sperrt Warum stellt man mich nicht meinem
leichtsinnigen vielleicht boshaften Ankläger unter die Augen Gewiss ist es
am Ende ein alberner Tor der« »Gemach gemach Herr Leonard« quäkte der
Richter »menagieren Sie sich Sie könnten sonst garstig anstossen gegen hohe
Personen und die fremde Person die Sie mein Herr Leonard oder Herr er
biss sich schnell in die Lippen erkannt hat ist auch weder leichtsinnig noch
albern sondern Nun und dann haben wir gute Nachrichten aus der« Er
nannte die Gegend wo die Güter des Barons F lagen und alles klärte sich
dadurch mir deutlich auf Entschieden war es dass Aurelie in mir den Mönch
erkannt hatte der ihren Bruder ermordete Dieser Mönch war ja aber Medardus
der berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B Als diesen hatte ihn
Reinhold erkannt und so hatte er sich auch selbst kund getan Dass Francesko der
Vater jenes Medardus war wusste die Äbtissin und so musste meine Ähnlichkeit mit
ihm die der Fürstin gleich anfangs so unheimlich worden die Vermutungen
welche die Fürstin und die Äbtissin vielleicht schon brieflich unter sich
angeregt hatten beinahe zur Gewissheit erheben Möglich war es auch dass
Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in B eingeholt worden dass man
meine Spur genau verfolgt und so die Identität meiner Person mit dem Mönch
Medardus festgestellt hatte Alles dieses überdachte ich schnell und sah die
Gefahr meiner Lage Der Richter schwatzte noch fort und dies brachte mir
Vorteil denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte Name des
polnischen Städtchens ein das ich der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort
genannt hatte Kaum endete daher der Richter seinen Sermon mit der barschen
Äußerung dass ich nun ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle
als ich anfing »Ich heiße eigentlich Leonard Krczynski und bin der einzige Sohn
eines Edelmanns der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo
aufhielt« »Wie was« rief der Richter indem er sich vergebens bemühte
meinen sowie den Namen meines angeblichen Geburtsortes nachzusprechen Der
Protokollführer wusste gar nicht wie er die Wörter aufschreiben sollte ich
musste beide Namen selbst einrücken und fuhr dann fort »Sie bemerken mein Herr
wie schwer es der deutschen Zunge wird meine konsonantenreichen Namen
nachzusprechen und darin liegt die Ursache, warum ich ihn sowie ich nach
Deutschland kam wegwarf und mich bloß nach meinem Vornamen Leonard nannte
Übrigens kann keines Menschen Lebenslauf einfacher sein als der meinige Mein
Vater selbst ziemlich unterrichtet billigte meinen entschiedenen Hang zu den
Wissenschaften und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm verwandten
Geistlichen Stanislaw Krczynski schicken als er starb Niemand bekümmerte sich
um mich ich verkaufte die kleine Habe zog einige Schulden ein und begab mich
wirklich mit dem ganzen mir von meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach
Krakau wo ich einige Jahre unter meines Verwandten Aufsicht studierte Dann
ging ich nach Danzig und nach Königsberg Endlich trieb es mich wie mit
unwiderstehlicher Gewalt eine Reise nach dem Süden zu machen ich hoffte mich
mit dem Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung
bei irgend einer Universität zu finden doch wäre es mir hier beinahe schlimm
ergangen wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Pharobank des Fürsten mich
in den Stand gesetzt hätte hier noch ganz gemächlich zu verweilen und dann wie
ich es im Sinn hatte meine Reise nach Italien fortzusetzen Irgend etwas
Ausgezeichnetes das wert wäre erzählt zu werden hat sich in meinem Leben gar
nicht zugetragen Doch muss ich wohl noch erwähnen dass es mir leicht gewesen
sein würde die Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen wenn
nicht ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte worin
mein Pass meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich waren
die jenem Zweck gedient hätten« Der Richter fuhr sichtlich auf er sah mich
scharf an und frug mit beinahe spöttischem Ton welcher Zufall mich denn
ausserstande gesetzt hätte mich wie es verlangt werden müsste zu legitimieren
»Vor mehreren Monaten« so erzählte ich »befand ich mich auf dem Wege hieher im
Gebirge Die anmutige Jahreszeit sowie die herrliche romantische Gegend
bestimmten mich den Weg zu Fuße zu machen Ermüdet saß ich eines Tages in dem
Wirtshause eines kleinen Dörfchens ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen
und ein Blättchen aus meiner Brieftasche genommen um irgend etwas das mir
eingefallen aufzuzeichnen die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische Bald
darauf kam ein Reiter dahergesprengt dessen sonderbare Kleidung und
verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte Er trat ins Zimmer forderte
einen Trunk und setzte sich finster und scheu mich anblickend mir gegenüber an
den Tisch Der Mann war mir unheimlich ich trat daher ins Freie hinaus Bald
darauf kam auch der Reiter bezahlte den Wirt und sprengte mich flüchtig
grüßend davon Ich stand im Begriff weiter zu gehen als ich mich der
Brieftasche erinnerte die ich in der Stube auf dem Tische liegen lassen ich
ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz Erst des andern Tages als
ich die Brieftasche hervorzog entdeckte ich dass es nicht die meinige war
sondern dass sie wahrscheinlich dem Fremden gehörte der gewiss aus Irrtum die
meinige eingesteckt hatte Nur einige mir unverständliche Notizen und mehrere an
einen Grafen Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin Diese Brieftasche
nebst dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden in der meinigen hatte
ich wie gesagt meinen Pass meine Reiseroute und wie mir jetzt eben einfällt
sogar meinen Taufschein um das alles bin ich durch jene Verwechslung gekommen«
Der Richter ließ sich den Fremden dessen ich erwähnt von Kopf bis zu Fuß
beschreiben und ich ermangelte nicht die Figur mit aller nur möglichen
Eigentümlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf
der Flucht aus dem Schloss des Barons F geschickt zusammenzufügen Nicht
aufhören konnte der Richter mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheit
auszufragen und indem ich alles befriedigend beantwortete ründete sich das
Bild davon so in meinem Innern dass ich selbst daran glaubte und keine Gefahr
lief mich in Widersprüche zu verwickeln Mit Recht konnte ich es übrigens wohl
für einen glücklichen Gedanken halten wenn ich den Besitz jener an den Grafen
Viktorin gerichteten Briefe die in der Tat sich noch im Portefeuille befanden
rechtfertigend zugleich eine fingierte Person einzuflechten suchte die
künftig je nachdem die Umstände darauf hindeuteten den entflohenen Medardus
oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte dabei fiel mir ein dass vielleicht
unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden die über Viktorins Plan als
Mönch im Schloss zu erscheinen Aufschluss gaben und dass dies aufs neue den
eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren könne Meine Phantasie
arbeitete fort indem der Richter mich frug und es entwickelten sich mir immer
neue Mittel mich vor jeder Entdeckung zu sichern so dass ich auf das Ärgste
gefasst zu sein glaubte Ich erwartete nun da über mein Leben im allgemeinen
alles genug erörtert schien dass der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen
näher kommen würde es war aber dem nicht so vielmehr frug er warum ich habe
aus dem Gefängnis entfliehen wollen Ich versicherte dass mir dies nicht in
den Sinn gekommen sei Das Zeugnis des Gefangenwärters der mich an das Fenster
hinaufkletternd angetroffen schien aber wider mich zu sprechen Der Richter
drohte mir dass ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle Ich
wurde in den Kerker zurückgeführt Man hatte mir das Bette genommen und ein
Strohlager auf dem Boden bereitet der Tisch war festgeschraubt statt des
Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank Es vergingen drei Tage ohne dass man
weiter nach mir frug ich sah nur das mürrische Gesicht eines alten Knechts der
mir das Essen brachte und abends die Lampe ansteckte Da ließ die gespannte
Stimmung nach in der es mir war als stehe ich im lustigen Kampf auf Leben und
Tod den ich wie ein wackerer Streiter ausfechten werde Ich fiel in ein trübes
düstres Hinbrüten alles schien mir gleichgültig selbst Aureliens Bild war
verschwunden Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf aber nur um stärker
von dem unheimlichen krankhaften Gefühl befangen zu werden das die Einsamkeit
die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte und dem ich nicht zu widerstehen vermochte
Ich konnte nicht mehr schlafen In den wunderlichen Reflexen die der düstere
flackernde Schein der Lampe an Wände und Decke warf grinsten mich allerlei
verzerrte Gesichter an ich löschte die Lampe aus ich barg mich in die
Strohkissen aber grässlicher tönte dann das dumpfe Stöhnen das Kettengerassel
der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht Oft war es mir als höre
ich Euphemiens Viktorins Todesröcheln »Bin ich denn schuld an eurem
Verderben Wart ihr es nicht selbst Verruchte die ihr euch hingabt meinem
rächenden Arm« So schrie ich laut auf aber dann ging ein langer tief
ausatmender Todesseufzer durch die Gewölbe und in wilder Verzweiflung heulte
ich »Du bist es Hermogen Nah ist die Rache Keine Rettung mehr« In
der neunten Nacht mochte es sein als ich halb ohnmächtig von Grauen und
Entsetzen auf dem kalten Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag Da vernahm
ich deutlich unter mir ein leises abgemessenes Klopfen Ich horchte auf das
Klopfen dauerte fort und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor
Ich sprang auf und warf mich auf das Strohlager aber immerfort klopfte es und
lachte und stöhnte dazwischen Endlich rief es leise leise aber wie mit
hässlicher heiserer stammelnder Stimme hintereinander fort »Medardus
Medardus« Ein Eisstrom goss sich mir durch die Glieder Ich ermannte mich
und rief »Wer da Wer ist da« Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und
klopfte und stammelte heiser »Medardus Medardus« Ich raffte mich auf
vom Lager »Wer du auch bist der du hier tollen Spuk treibst stell dich her
sichtbarlich vor meine Augen dass ich dich schauen mag oder höre auf mit deinem
wüsten Lachen und Klopfen« So rief ich in die dicke Finsternis hinein aber
recht unter meinen Füßen klopfte es stärker und stammelte »Hihihi hihihi
Brüderlein Brüderlein Medardus ich bin da bin da mamach
auf auf wir wollen in den WaWald gehen Wald gehen« Jetzt tönte die
Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt ich hatte sie schon sonst gehört
doch nicht wie mich es dünkte so abgebrochen und so stammelnd Ja mit
Entsetzen glaubte ich meinen eignen Sprachton zu vernehmen Unwillkürlich als
wollte ich versuchen ob es dem so sei stammelte ich nach »Medardus
Medardus« Da lachte es wieder aber höhnisch und grimmig und rief
»Brüderlein Brüderlein hast du du mimich erkannt erkannt
mamach auf wir wowollen in den WaWald in den Wald« »Armer
Wahnsinniger« so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus »armer
Wahnsinniger nicht aufmachen kann ich dir nicht heraus mit dir in den schönen
Wald in die herrliche freie Frühlingsluft die draußen wehen mag eingesperrt
im dumpfen düstern Kerker bin ich wie du« Da ächzte es im trostlosen Jammer
und immer leiser und unvernehmlicher wurde das Klopfen bis es endlich ganz
schwieg der Morgen brach durch das Fenster die Schlösser rasselten und der
Kerkermeister den ich die ganze Zeit über nicht gesehen trat herein »Man
hat« fing er an »in dieser Nacht allerlei Lärm in Ihrem Zimmer gehört und
lautes Sprechen Wie ist es damit« »Ich habe die Gewohnheit« erwiderte ich
so ruhig als es mir nur möglich war »laut und stark im Schlafe zu reden und
führte ich auch im Wachen Selbstgespräche so glaube ich dass mir dies wohl
erlaubt sein wird« »Wahrscheinlich« fuhr der Kerkermeister fort »ist Ihnen
bekannt worden dass jeder Versuch zu entfliehen jedes Einverständnis mit den
Mitgefangenen hart geahndet wird« Ich beteuerte nichts dergleichen hätte ich
vor Ein paar Stunden nachher führte man mich hinauf zum Kriminalgericht
Nicht der Richter der mich zuerst vernommen sondern ein anderer ziemlich
junger Mann dem ich auf den ersten Blick anmerkte dass er dem vorigen an
Gewandtheit und eindringenden Sinn weit überlegen sein müsse trat freundlich
auf mich zu und lud mich zum Sitzen ein Noch steht er mir gar lebendig vor
Augen Er war für seine Jahre ziemlich untersetzt sein Kopf beinahe haarlos er
trug eine Brille In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit dass
ich wohl fühlte gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte Verbrecher ihm
schwer widerstehen können Seine Fragen warf er leicht beinahe im
Konversationston hin aber sie waren überdacht und so präzis gestellt dass nur
bestimmte Antworten erfolgen konnten »Ich muss Sie zuvörderst fragen« so fing
er an »ob alles das was Sie über Ihren Lebenslauf angegeben haben wirklich
gegründet ist oder ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener
Umstand einfiel den Sie noch erwähnen wollen«
»Ich habe alles gesagt was ich über mein einfaches Leben zu sagen wusste«
»Haben Sie nie mit Geistlichen mit Mönchen Umgang gepflogen«
»Ja in Krakau Danzig Frauenburg Königsberg Am letztern Orte mit
den Weltgeistlichen die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt
waren«
»Sie haben früher nicht erwähnt dass Sie auch in Frauenburg gewesen sind«
»Weil ich es nicht der Mühe wert hielt eines kurzen wie mich dünkt
achttägigen Aufenthalts dort auf der Reise von Danzig nach Königsberg zu
erwähnen«
»Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren«
Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache und zwar in echt
polnischem Dialekt jedoch ebenfalls ganz leichthin Ich wurde in der Tat einen
Augenblick verwirrt raffte mich jedoch zusammen besann mich auf das wenige
Polnische was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar gelernt hatte und
antwortete
»Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo«
»Wie hieß dieses Gut«
»Krcziniewo das Stammgut meiner Familie«
»Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich aus
Aufrichtig gesagt in ziemlich deutschem Dialekt Wie kommt das«
»Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als Deutsch Ja selbst schon in
Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen die das Polnische von mir erlernen
wollten unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewöhnt haben wie man leicht
provinzielle Aussprache annimmt und die bessere eigentümliche darüber vergisst«
Der Richter blickte mich an ein leises Lächeln flog über sein Gesicht dann
wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas Ich
unterschied deutlich die Worte »Sichtlich in Verlegenheit« und wollte mich eben
noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen als der Richter frug
»Waren Sie niemals in B«
»Niemals«
»Der Weg von Königsberg hieher kann Sie über den Ort geführt haben«
»Ich habe eine andere Straße eingeschlagen«
»Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B kennen gelernt«
»Nein«
Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise einen
Befehl Bald darauf öffnete sich die Türe und wie durchbebten mich Schreck und
Entsetzen als ich den Pater Cyrillus eintreten sah Der Richter frug
»Kennen Sie diesen Mann«
»Nein ich habe ihn früher niemals gesehen«
Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich dann trat er näher er
schlug die Hände zusammen und rief laut indem Tränen ihm aus den Augen
gewaltsam hervorquollen »Medardus Bruder Medardus um Christus willen wie
muss ich dich wiederfinden im Verbrechen teuflisch frevelnd Bruder Medardus
gehe in dich bekenne bereue Gottes Langmut ist unendlich« Der Richter
schien mit Cyrillus Rede unzufrieden er unterbrach ihn mit der Frage
»Erkennen Sie diesen Mann für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in
B«
»So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit« erwiderte Cyrillus »so kann ich
nicht anders glauben als dass dieser Mann trägt er auch weltliche Kleidung
jener Medardus ist der im Kapuzinerkloster zu B unter meinen Augen Noviz war
und die Weihe empfing Doch hat Medardus das rote Zeichen eines Kreuzes an der
linken Seite des Halses und wenn dieser Mann« »Sie bemerken« unterbrach der
Richter den Mönch sich zu mir wendend »dass man Sie für den Kapuziner Medardus
aus dem Kloster in B hält und dass man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen
halber angeklagt hat Sind Sie nicht dieser Mönch so wird es Ihnen leicht
werden dies dazutun eben dass jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse
trägt welches Sie sind Ihre Angaben richtig nicht haben können gibt Ihnen
die beste Gelegenheit dazu Entblössen Sie Ihren Hals« »Es bedarf dessen
nicht« erwiderte ich gefasst »ein besonderes Verhängnis scheint mir die
treueste Ähnlichkeit mit jenem angeklagten mir gänzlich unbekannten Mönch
Medardus gegeben zu haben denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der
linken Seite des Halses« Es war dem wirklich so jene Verwundung am Halse
die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte hatte eine rote kreuzförmige
Narbe hinterlassen die die Zeit nicht vertilgen konnte »Entblössen Sie Ihren
Hals« wiederholte der Richter Ich tat es da schrie Cyrillus laut »Heilige
Mutter Gottes es ist es es ist das rote Kreuzzeichen Medardus Ach
Bruder Medardus hast du denn ganz entsagt dem ewigen Heil« Weinend und halb
ohnmächtig sank er in einen Stuhl »Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses
ehrwürdigen Geistlichen« frug der Richter In dem Augenblick durchfuhr es mich
wie eine Blitzesflamme alle Verzagteit die mich zu übermannen drohte war von
mir gewichen ach es war der Widersacher selbst der mir zuflüsterte »Was
vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist Soll
Aurelie denn nicht dein werden« Ich fuhr heraus beinahe in wildem höhnendem
Trotz »Dieser Mönch da der ohnmächtig im Stuhle liegt ist ein
schwachsinniger blöder Greis der in toller Einbildung mich für irgend einen
verlaufenen Kapuziner seines Klosters hält von dem ich vielleicht eine
flüchtige Ähnlichkeit trage« Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung
geblieben ohne Blick und Ton zu ändern zum erstenmal verzog sich nun sein
Gesicht zum finsteren durchbohrenden Ernst er stand auf und blickte mir scharf
ins Auge Ich muss gestehen selbst das Funkeln seiner Gläser hatte für mich
etwas Unerträgliches Entsetzliches ich konnte nicht weiter reden von innerer
verzweifelnder Wut grimmig erfasst die geballte Faust vor der Stirn schrie ich
laut auf »Aurelie« »Was soll das was bedeutet der Name« frug der Richter
heftig »Ein dunkles Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode« sagte ich
dumpf »aber ich bin unschuldig gewiss ich bin ganz unschuldig entlassen
Sie mich haben Sie Mitleiden ich fühle es dass Wahnsinn mir durch Nerv und
Adern zu toben beginnt entlassen Sie mich« Der Richter wieder ganz ruhig
geworden diktierte dem Protokollführer vieles was ich nicht verstand endlich
las er mir eine Verhandlung vor worin alles was er gefragt und was ich
geantwortet sowie was sich mit Cyrillus zugetragen hatte verzeichnet war Ich
musste meinen Namen unterschreiben dann forderte mich der Richter auf irgend
etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen ich tat es Der Richter nahm das
deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus der sich unterdessen wieder erholt
hatte mit der Frage in die Hände »Haben diese Schriftzüge Ähnlichkeit mit der
Hand die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb« »Es ist ganz genau seine Hand
bis auf die kleinsten Eigentümlichkeiten« erwiderte Cyrillus und wandte sich
wieder zu mir Er wollte sprechen ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe Der
Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch dann
stand er auf trat dicht vor mir hin und sagte mit sehr ernstem entscheidendem
Ton »Sie sind kein Pole Diese Schrift ist durchaus unrichtig voller
grammatischer und ortographischer Fehler Kein Nationalpole schreibt so wäre
er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet als Sie es sind«
»Ich bin in Krcziniewo geboren folglich allerdings ein Pole Selbst aber in
dem Fall dass ich es nicht wäre dass geheimnisvolle Umstände mich zwängen Stand
und Namen zu verleugnen so würde ich deshalb doch nicht der Kapuziner Medardus
sein dürfen der aus dem Kloster in B wie ich glauben muss entsprang«
»Ach Bruder Medardus« fiel Cyrillus ein »schickte dich unser ehrwürdiger
Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und Frömmigkeit nach Rom
Bruder Medardus um Christus willen verleugne nicht länger auf gottlose Weise
den heiligen Stand dem du entronnen«
»Ich bitte Sie uns nicht zu unterbrechen« sagte der Richter und fuhr dann
sich zu mir wendend fort
»Ich muss Ihnen bemerklich machen wie die unverdächtige Aussage dieses
ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt dass Sie wirklich der
Medardus sind für den man Sie hält Nicht verhehlen mag ich auch dass man Ihnen
mehrere Personen entgegenstellen wird die Sie für jenen Mönch unzweifelhaft
erkannt haben Unter diesen Personen befindet sich eine die Sie treffen die
Vermutungen ein schwer fürchten müssen Ja selbst unter Ihren eigenen Sachen
hat sich manches gefunden was den Verdacht wider Sie unterstützt Endlich
werden bald die Nachrichten über Ihre vorgebliche Familienumstände eingehen um
die man die Gerichte in Posen ersucht hat Alles dieses sage ich Ihnen offener
als es mein Amt gebietet damit Sie sich überzeugen wie wenig ich auf irgend
einen Kunstgriff rechne Sie haben jene Vermutungen Grund zum Geständnis der
Wahrheit zu bringen Bereiten Sie sich vor wie Sie wollen sind Sie wirklich
jener angeklagte Medardus so glauben Sie dass der Blick des Richters die
tiefste Verhüllung bald durchdringen wird Sie werden dann auch selbst sehr
genau wissen welcher Verbrechen man Sie anklagt Sollten Sie dagegen wirklich
der Leonard von Krczynski sein für den Sie sich ausgeben und ein besonderes
Spiel der Natur Sie selbst rücksichts besonderer Abzeichen jenem Medardus
ähnlich gemacht haben so werden Sie selbst leicht Mittel finden dies klar
nachzuweisen Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande schon
deshalb brach ich die Verhandlung ab indessen wollte ich Ihnen zugleich auch
Raum geben zum reiflichen Nachdenken Nach dem was heute geschehen kann es
Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen«
»Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch Sie sehen in mir den
verlaufenen Mönch Medardus« So frug ich der Richter sagte mit einer leichten
Verbeugung »Adieu Herr von Krczynski« und man brachte mich in den Kerker
zurück
Die Worte des Richters durchbohrten mein Inneres wie glühende Stacheln
Alles was ich vorgegeben kam mir seicht und abgeschmackt vor Dass die Person
der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu fürchten haben sollte
Aurelie sein musste war nur zu klar Wie sollt ich das ertragen Ich dachte
nach was unter meinen Sachen wohl verdächtig sein könne da fiel es mir schwer
aufs Herz dass ich noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schloss des
Barons von F einen Ring mit Euphemiens Namen besaß sowie dass Viktorins
Felleisen das ich auf meiner Flucht mit mir genommen noch mit dem
Kapuzinerstrick zugeschnürt war Ich hielt mich für verloren Verzweifelnd
rannte ich den Kerker auf und ab Da war es als flüsterte als zischte es mir
in die Ohren »Du Tor was verzagst du denkst du nicht an Viktorin« Laut
rief ich »Ha nicht verloren gewonnen ist das Spiel« Es arbeitete und kochte
in meinem Innern Schon früher hatte ich daran gedacht dass unter Euphemiens
Papieren sich wohl etwas gefunden haben müsse was auf Viktorins Erscheinen auf
dem Schloss als Mönch hindeute Darauf mich stützend wollte ich auf irgend
eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin ja selbst mit dem Medardus für den
man mich hielt vorgeben jenes Abenteuer auf dem Schloss das so fürchterlich
endete als von Hörensagen erzählen und mich selbst meine Ähnlichkeit mit jenen
beiden auf unschädliche Weise geschickt hinein verflechten Der kleinste
Umstand musste reiflich erwogen werden aufzuschreiben beschloss ich daher den
Roman der mich retten sollte Man bewilligte mir die Schreibmaterialien die
ich forderte um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand meines Lebens
zu erörtern Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die Nacht hinein im Schreiben
erhitzte sich meine Phantasie alles formte sich wie eine geründete Dichtung
und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Lügen womit ich dem
Richter die Wahrheit zu verschleiern hoffte
Die Burgglocke hatte zwölfe geschlagen als sich wieder leise und entfernt
das Pochen vernehmen ließ das mich gestern so verstört hatte Ich wollte
darauf nicht achten aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlägen und
dabei fing es wieder an dazwischen zu lachen und zu ächzen Stark auf dem
Tisch schlagend rief ich laut »Still ihr da drunten« und glaubte mich so von
dem Grauen das mich befing zu ermutigen aber da lachte es gellend und
schneidend durch das Gewölbe und stammelte »Brüderlein Brüderlein zu
dir herauf herauf mamach auf mach auf« Nun begann es dicht neben
mir im Fußboden zu schaben zu rasseln und zu kratzen und immer wieder lachte
es und ächzte stärker und immer stärker wurde das Geräusch das Rasseln das
Kratzen dazwischen dumpf dröhnende Schläge wie das Fallen schwerer Massen
Ich war aufgestanden mit der Lampe in der Hand Da rührte es sich unter meinem
Fuß ich schritt weiter und sah wie an der Stelle wo ich gestanden sich ein
Stein des Pflasters losbröckelte Ich erfasste ihn und hob ihn mit leichter Mühe
vollends heraus Ein düstrer Schein brach durch die Öffnung ein nackter Arm mit
einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen Von tiefem
Entsetzen durchschauert bebte ich zurück Da stammelte es von unten herauf
»Brüderlein Brüderlein Medardus ist dada herauf nimm nimm
brich brich in den WaWald in den Wald« Schnell dachte ich Flucht
und Rettung alles Grauen überwunden ergriff ich das Messer das die Hand mir
willig ließ und fing an den Mörtel zwischen den Steinen des Fussbodens emsig
wegzubrechen Der der unten war drückte wacker herauf Vier fünf Steine lagen
zur Seite weggeschleudert da erhob sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die
Hüften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns
grinsendem entsetzlichem Gelächter Der volle Schein der Lampe fiel auf das
Gesicht ich erkannte mich selbst mir vergingen die Sinne. Ein
empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht Hell war
es um mich her der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir
Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das Gewölbe Man war beschäftigt
mich in Fesseln zu schmieden Außer den Hand und Fussschellen wurde ich
mittelst eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Kette an die Mauer
gefesselt »Nun wird es der Herr wohl bleiben lassen an das Durchbrechen zu
denken« sagte der Kerkermeister »Was hat denn der Kerl eigentlich getan«
frug ein Schmiedeknecht »Ei« erwiderte der Kerkermeister »weißt du denn das
nicht Jost die ganze Stadt ist ja davon voll s ist ein verfluchter
Kapuziner der drei Menschen ermordet hat Sie habens schon ganz heraus In
wenigen Tagen haben wir große Gala da werden die Räder spielen« Ich hörte
nichts mehr denn aufs neue entschwanden mir Sinn und Gedanken Nur mühsam
erholte ich mich aus der Betäubung finster blieb es endlich brachen einige
matte Streiflichter des Tages herein in das niedrige kaum sechs Fuß hohe
Gewölbe in das wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm man mich aus meinem
vorigen Kerker gebracht hatte Mich dürstete ich griff nach dem Wasserkruge
der neben mir stand feucht und kalt schlüpfte es mir durch die Hand ich sah
eine aufgedunsene scheussliche Kröte schwerfällig davonhüpfen Voll Ekel und
Abscheu ließ ich den Krug fahren »Aurelie« stöhnte ich auf in dem Gefühl des
namenlosen Elends das nun über mich hereingebrochen »Und darum das armselige
Leugnen und Lügen vor Gericht alle gleissnerischen Künste des teuflischen
Heuchlers darum um ein zerrissenes qualvolles Leben einige Stunden länger
zu fristen Was willst du Wahnsinniger Aurelien besitzen die nur durch ein
unerhörtes Verbrechen dein werden konnte Denn immerdar lügst du auch der
Welt deine Unschuld vor würde sie in dir Hermogens verruchten Mörder erkennen
und dich tief verabscheuen Elender wahnwitziger Tor wo sind nun deine
hochfliegenden Pläne der Glaube an deine überirdische Macht womit du das
Schicksal selbst nach Willkür zu lenken wähntest nicht zu töten vermagst du den
Wurm der an deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt schmachvoll verderben
wirst du in trostlosem Jammer wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner
schont« So laut klagend warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem
Augenblick einen Druck auf der Brust der von einem harten Körper in der
Busentasche meiner Weste herzurühren schien Ich fasste hinein und zog ein
kleines Messer hervor Nie hatte ich so lange ich im Kerker war ein Messer bei
mir getragen es musste daher dasselbe sein das mir mein gespenstisches Ebenbild
herauf gereicht hatte Mühsam stand ich auf und hielt das Messer in den stärker
hereinbrechenden Lichtstrahl Ich erblickte das silberne blinkende Heft
Unerforschliches Verhängnis es war dasselbe Messer womit ich Hermogen getötet
und das ich seit einigen Wochen vermisst hatte Aber nun ging plötzlich in meinem
Innern wunderbar leuchtend Trost und Rettung von der Schmach auf Die
unbegreifliche Art wie ich das Messer erhalten war mir ein Fingerzeig der
ewigen Macht wie ich meine Verbrechen büßen wie ich im Tode Aurelien versöhnen
solle Wie ein göttlicher Strahl im reinen Feuer durchglühte mich nun die Liebe
zu Aurelien jede sündliche Begierde war von mir gewichen Es war mir als sähe
ich sie selbst wie damals als sie am Beichtstuhl in der Kirche des
Kapuzinerklosters erschien »Wohl liebe ich dich Medardus aber du verstandest
mich nicht meine Liebe ist der Tod« so umsäuselte und umflüsterte mich
Aureliens Stimme und fest stand mein Entschluss dem Richter frei die
merkwürdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen und dann mir den Tod zu
geben
Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen als ich sonst
zu erhalten pflegte sowie eine Flasche Wein »Vom Fürsten so befohlen«
sprach er indem er den Tisch den ihm sein Knecht nachtrug deckte und die
Kette die mich an die Wand fesselte losschloss Ich bat ihn dem Richter zu
sagen dass ich vernommen zu werden wünsche weil ich vieles zu eröffnen hätte
was mir schwer auf dem Herzen liege Er versprach meinen Auftrag auszurichten
indessen wartete ich vergebens dass man mich zum Verhör abholen solle niemand
ließ sich mehr sehen bis der Knecht als es schon ganz finster worden
hereintrat und die am Gewölbe hängende Lampe anzündete In meinem Innern war ich
ruhiger als jemals doch fühlte ich mich sehr erschöpft und versank bald in
tiefen Schlaf Da wurde ich in einen langen düstern gewölbten Saal geführt in
dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte die
der Wand entlang auf hohen Stühlen saßen Vor ihnen an einem mit blutroter
Decke behangenen Tisch saß der Richter und neben ihm ein Dominikaner im
Ordenshabit »Du bist jetzt« sprach der Richter mit feierlich erhabener Stimme
»dem geistlichen Gericht übergeben da du verstockter freveliger Mönch
vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast Franziskus mit dem
Klosternamen Medardus genannt sprich welcher Verbrechen bist du beziehen
worden« Ich wollte alles was ich je Sündhaftes und Freveliges begangen
offen eingestehen aber zu meinem Entsetzen war das was ich sprach durchaus
nicht das was ich dachte und sagen wollte Statt des ernsten reuigen
Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte unzusammenhängende Reden Da sagte
der Dominikaner riesengross vor mir dastehend und mit grässlich funkelndem Blick
mich durchbohrend »Auf die Folter mit dir du halsstarriger verstockter
Mönch« Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre
langen Arme nach mir aus und riefen in heiseren grausigem Einklang »Auf die
Folter mit ihm« Ich riss das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen aber
der Arm fuhr unwillkürlich herauf ich traf den Hals und am Zeichen des Kreuzes
sprang die Klinge wie in Glasscherben ohne mich zu verwunden Da ergriffen mich
die Henkersknechte und stießen mich hinab in ein tiefes unterirdisches Gewölbe
Der Dominikaner und der Richter stiegen mir nach Noch einmal forderte mich
dieser auf zu gestehen Nochmals strengte ich mich an aber in tollem Zwiespalt
stand Rede und Gedanke Reuevoll zerknirscht von tiefer Schmach bekannte ich
im Innern alles abgeschmackt verwirrt sinnlos war was der Mund außstieß
Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus schnürten
mir beide Arme über den Rücken zusammen und hinaufgewunden fühlte ich wie die
ausgedehnten Gelenke knackend zerbröckeln wollten In heillosem wütendem
Schmerz schrie ich laut auf und erwachte Der Schmerz an den Händen und Füßen
dauerte fort er rührte von den schweren Ketten her die ich trug doch empfand
ich noch außerdem einen Druck über den Augen die ich nicht aufzuschlagen
vermochte Endlich war es als würde plötzlich eine Last mir von der Stirn
genommen ich richtete mich schnell empor ein Dominikanermönch stand vor meinem
Strohlager Mein Traum trat in das Leben eiskalt rieselte es mir durch die
Adern Unbeweglich wie eine Bildsäule mit übereinander geschlagenen Armen stand
der Mönch da und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen Ich erkannte
den grässlichen Maler und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück
Vielleicht war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne Ich
ermannte mich ich richtete mich auf aber unbeweglich stand der Mönch und
starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen Da schrie ich in wahnsinniger
Verzweiflung »Entsetzlicher Mensch hebe dich weg Nein Kein Mensch
du bist der Widersacher selbst der mich stürzen will in ewige Verderbnis
hebe dich weg Verruchter hebe dich weg« »Armer kurzsichtiger Tor ich bin
nicht der der dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden
der dich abwendig machen will dem heiligen Werk zu dem dich die ewige Macht
berief Medardus armer kurzsichtiger Tor schreckbar grauenvoll bin ich
dir erschienen wenn du über dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig
gaukeltest Ich warnte dich aber du hast mich nicht verstanden Auf nähere
dich mir« Der Mönch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen
herzzerschneidendsten Klage sein Blick mir sonst so fürchterlich war sanft
und milde worden Mensch du bist der Widersacher selbst der mich weicher die
Form seines Gesichts Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes
wie ein Gesandter der ewigen Macht mich aufzurichten mich zu trösten im
endlosen Elend erschien mir der sonst so schreckliche Maler Ich stand auf
vom Lager ich trat ihm nahe es war kein Phantom ich berührte sein Kleid ich
kniete unwillkürlich nieder er legte die Hand auf mein Haupt wie mich segnend
Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf Ach ich war in dem
heiligen Walde ja es war derselbe Platz wo in früher Kindheit der
fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte Ich wollte
fortschreiten ich wollte hinein in die Kirche die ich dicht vor mir erblickte
Dort sollte ich so war es mir büssend und bereuend Ablass erhalten von schwerer
Sünde Aber ich blieb regungslos mein eigenes Ich konnte ich nicht erschauen
nicht erfassen Da sprach eine dumpfe hohle Stimme »Der Gedanke ist die Tat«
Die Träume verschwebten es war der Maler der jene Worte gesprochen
»Unbegreifliches Wesen warst du es denn selbst an jenem unglücklichen Morgen
in der Kapuzinerkirche zu B in der Reichsstadt und nun« »Halt ein«
unterbrach mich der Maler »ich war es der überall dir nahe war um dich zu
retten von Verderben und Schmach aber dein Sinn blieb verschlossen Das Werk
zu dem du erkoren musst du vollbringen zu deinem eignen Heil« »Ach« rief ich
voll Verzweiflung »warum hieltst du nicht meinen Arm zurück als ich in
verruchtem Frevel jenen Jüngling« »Das war mir nicht vergönnt« fiel der
Maler ein »frage nicht weiter vermessen ist es vorgreifen zu wollen dem was
die ewige Macht beschlossen Medardus du gehst deinem Ziel entgegen
morgen« Ich erbebte in eiskaltem Schauer denn ich glaubte den Maler ganz zu
verstehen Er wusste und billigte den beschlossenen Selbstmord Der Maler wankte
mit leisem Tritt nach der Tür des Kerkers »Wann wann sehe ich dich wieder«
»Am Ziele« rief er sich noch einmal nach mir umwendend feierlich und stark
dass das Gewölbe dröhnte »Also morgen« Leise drehte sich die Türe in den
Angeln der Maler war verschwunden
Sowie der helle Tag nur angebrochen erschien der Kerkermeister mit seinen
Knechten die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen ablösten Ich solle
bald zum Verhör hinaufgeführt werden hieß es Tief in mich gekehrt mit dem
Gedanken des nahen Todes vertraut schritt ich hinauf in den Gerichtssaal mein
Bekenntnis hatte ich im Innern so geordnet dass ich dem Richter eine kurze aber
den kleinsten Umstand mit aufgreifende Erzählung zu machen hoffte Der Richter
kam mir schnell entgegen ich musste höchst entstellt aussehen denn bei meinem
Anblick verzog sich schnell das freudige Lächeln das erst auf seinem Gesicht
schwebte zur Miene des tiefsten Mitleids Er fasste meine beiden Hände und schob
mich sanft in seinen Lehnstuhl Dann mich starr anschauend sagte er langsam und
feierlich »Herr von Krczynski ich habe Ihnen Frohes zu verkünden Sie sind
frei Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten niedergeschlagen worden Man
hat Sie mit einer andern Person verwechselt woran Ihre ganz unglaubliche
Ähnlichkeit mit dieser Person schuld ist Klar ganz klar ist Ihre
Schuldlosigkeit dargetan Sie sind frei« Es schwirrte und sauste und
drehte sich alles um mich her Des Richters Gestalt blinkte hundertfach
vervielfältigt durch den düstern Nebel alles schwand in dicker Finsternis
Ich fühlte endlich dass man mir die Stirne mit starkem Wasser rieb und erholte
mich aus dem ohnmachtähnlichen Zustande in den ich versunken Der Richter las
mir ein kurzes Protokoll vor welches sagte dass er mir die Niederschlagung des
Prozesses bekannt gemacht und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt habe Ich
unterschrieb schweigend keines Wortes war ich mächtig Ein unbeschreibliches
mich im Innersten vernichtendes Gefühl ließ keine Freude aufkommen Sowie mich
der Richter mit recht in das Herz dringender Gutmütigkeit anblickte war es mir
als müsse ich nun da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte
allen verruchten Frevel den ich begangen frei gestehen und dann mir das Messer
in das Herz stoßen Ich wollte reden der Richter schien meine Entfernung zu
wünschen Ich ging nach der Türe da kam er mir nach und sagte leise »Nun habe
ich aufgehört Richter zu sein von dem ersten Augenblick als ich Sie sah
interessierten Sie mich auf das höchste So sehr wie Sie werden dies selbst
zugeben müssen der Schein wider Sie war so wünschte ich doch gleich dass Sie
in der Tat nicht der abscheuliche verbrecherische Mönch sein möchten für den
man Sie hielt Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen Sie sind kein Pole Sie
sind nicht in Kwiecziczewo geboren Sie heißen nicht Leonard von Krczynski«
Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich »Nein« »Und auch kein Geistlicher«
frug der Richter weiter indem er die Augen niederschlug wahrscheinlich um mir
den Blick des Inquisitors zu ersparen Es wallte auf in meinem Innern »So
hören Sie denn« fuhr ich heraus »Still« unterbrach mich der Richter »was
ich gleich anfangs geglaubt und noch glaube bestätigt sich Ich sehe dass hier
rätselhafte Umstände walten und dass Sie selbst mit gewissen Personen des Hofes
in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind Es ist nicht mehr
meines Berufs tiefer einzudringen und ich würde es für unziemlichen Vorwitz
halten Ihnen irgend etwas über Ihre Person über Ihre wahrscheinlich ganz eigne
Lebensverhältnisse entlocken zu wollen Doch wie wäre es wenn Sie sich
losreissend von allem Ihrer Ruhe Bedrohlichem den Ort verließen Nach dem was
geschehen kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun« Sowie der
Richter dieses sprach war es als flöhen alle finstre Schatten die sich
drückend über mich gelegt hatten schnell von hinnen Das Leben war
wiedergewonnen und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glühend in mir
auf Aurelie sie dachte ich wieder und ich sollte jetzt fort von dem Orte
fort von ihr Tief seufzte ich auf »Und sie verlassen« Der Richter blickte
mich im höchsten Erstaunen an und sagte dann schnell »Ach jetzt glaube ich
klar zu sehen Der Himmel gebe Herr Leonard dass eine sehr schlimme Ahnung die
mir eben jetzt recht deutlich wird nicht in Erfüllung gehen möge« Alles
hatte sich in meinem Innern anders gestaltet Hin war alle Reue und wohl mochte
es beinahe frevelnde Frechheit sein dass ich den Richter mit erheuchelter Ruhe
frug »Und Sie halten mich doch für schuldig« »Erlauben Sie mein Herr«
erwiderte der Richter sehr ernst »dass ich meine Überzeugungen die doch nur auf
ein reges Gefühl gestützt scheinen für mich behalte Es ist ausgemittelt nach
bester Form und Weise dass Sie nicht der Mönch Medardus sein können da eben
dieser Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill der sich durch Ihre
ganz genaue Ähnlichkeit täuschen ließ anerkannt wurde ja auch selbst gar nicht
leugnet dass er jener Kapuziner sei Damit ist nun alles geschehen was
geschehen konnte um Sie von jedem Verdacht zu reinigen und um so mehr muss ich
glauben dass Sie sich frei von jeder Schuld fühlen« Ein Gerichtsdiener rief
in diesem Augenblick den Richter ab und so wurde ein Gespräch unterbrochen als
es eben begann mich zu peinigen
Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder wie ich es
verlassen Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen in ein Paket gesiegelt
lagen sie auf meinem Schreibtische nur Viktorins Brieftasche Euphemiens Ring
und den Kapuzinerstrick vermisste ich meine Vermutungen im Gefängnisse waren
daher richtig Nicht lange dauerte es so erschien ein fürstlicher Diener der
mit einem Handbillet des Fürsten mir eine goldene mit kostbaren Steinen
besetzte Dose überreichte »Es ist Ihnen übel mitgespielt worden Herr von
Krczynski« schrieb der Fürst »aber weder ich noch meine Gerichte sind schuld
daran Sie sind einem sehr bösen Menschen auf ganz unglaubliche Weise ähnlich
alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklärt ich sende Ihnen ein Zeichen
meines Wohlwollens und hoffe Sie bald zu sehen« Des Fürsten Gnade war mir
ebenso gleichgültig als sein Geschenk eine düstere Traurigkeit die geisttötend
mein Inneres durchschlich war die Folge des strengen Gefängnisses ich fühlte
dass mir körperlich aufgeholfen werden müsse und lieb war es mir daher als der
Leibarzt erschien Das Ärztliche war bald besprochen »Ist es nicht« fing nun
der Leibarzt an »eine besondere Fügung des Schicksals dass eben in dem
Augenblick als man davon überzeugt zu sein glaubt dass Sie jener abscheuliche
Mönch sind der in der Familie des Barons von F so viel Unheil anrichtete
dieser Mönch wirklich erscheint und Sie von jedem Verdacht rettet«
»Ich muss versichern dass ich von den näheren Umständen die meine Befreiung
bewirkten nicht unterrichtet bin nur im allgemeinen sagte mir der Richter dass
der Kapuziner Medardus dem man nachspürte und für den man mich hielt sich hier
eingefunden habe«
»Nicht eingefunden hat er sich sondern hergebracht ist er worden
festgebunden auf einem Wagen und seltsamerweise zu derselben Zeit als Sie
hergekommen waren Eben fällt mir ein dass als ich Ihnen einst jene wunderbaren
Ereignisse erzählen wollte die sich vor einiger Zeit an unserm Hofe zutrugen
ich gerade dann unterbrochen wurde als ich auf den feindlichen Medardus
Franceskos Sohn und auf seine verruchte Tat im Schloss des Barons von F
gekommen war Ich nehme den Faden der Begebenheit da wieder auf wo er damals
abriss Die Schwester unserer Fürstin wie Sie wissen Äbtissin im
Zisterzienserkloster zu B nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde
auf die von der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte«
»Die Frau war Franceskos Witwe und der Knabe eben der Medardus«
»Ganz recht aber wie kommen Sie dazu dies zu wissen«
»Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstände des
Kapuziners Medardus bekannt worden Bis zu dem Augenblick als er aus dem Schloss
des Barons von F entfloh bin ich von dem was sich dort zutrug genau
unterrichtet«
»Aber wie von wem«
»Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt«
»Sie scherzen«
»Keinesweges Es ist mir wirklich so als hätte ich träumend die Geschichte
eines Unglücklichen gehört der ein Spielwerk dunkler Mächte hin und her
geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben wurde In dem tzer
Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon irre gefahren ich kam in
das Försterhaus und dort«
»Ha ich verstehe alles dort trafen Sie den Mönch an«
»So ist es er war aber wahnsinnig«
»Er scheint es nicht mehr zu sein Schon damals hatte er lichte Stunden und
vertraute Ihnen alles«
»Nicht geradezu In der Nacht trat er von meiner Ankunft im Försterhause
nicht unterrichtet in mein Zimmer Ich mit der treuen beispiellosen
Ähnlichkeit war ihm furchtbar Er hielt mich für seinen Doppeltgänger dessen
Erscheinung ihm den Tod verkünde Er stammelte stotterte Bekenntnisse her
unwillkürlich übermannte mich von der Reise ermüdet der Schlaf es war mir
als spreche der Mönch nun ruhig und gefasst weiter und ich weiß in der Tat jetzt
nicht wo und wie der Traum eintrat Es dünkt mich dass der Mönch behauptete
nicht er habe Euphemien und Hermogen getötet sondern beider Mörder sei der Graf
Viktorin«
»Sonderbar höchst sonderbar aber warum verschwiegen Sie das alles dem
Richter«
»Wie konnte ich hoffen dass der Richter auch nur einiges Gewicht auf eine
Erzählung legen werde die ihm ganz abenteuerlich klingen musste Darf denn
überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare glauben«
»Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen dass man Sie mit dem
wahnsinnigen Mönch verwechsle und diesen als den Kapuziner Medardus bezeichnen
sollen«
»Freilich und zwar nachdem mich ein alter blöder Greis ich glaube er
heißt Cyrillus durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte Es ist mir
nicht eingefallen dass der wahnsinnige Mönch eben der Medardus und das
Verbrechen das er mir bekannte Gegenstand des jetzigen Prozesses sein könne
Aber wie mir der Förster sagte hatte er ihm niemals seinen Namen genannt wie
kam man zur Entdeckung«
»Auf die einfachste Weise Der Mönch hatte sich wie Sie wissen einige Zeit
bei dem Förster aufgehalten er schien geheilt aber aufs neue brach der
Wahnsinn so verderblich aus dass der Förster sich genötigt sah ihn hierher zu
schaffen wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde Dort saß er Tag und Nacht
mit starrem Blick ohne Regung wie eine Bildsäule Er sprach kein Wort und
musste gefüttert werden da er keine Hand bewegte Verschiedene Mittel ihn aus
der Starrsucht zu wecken blieben fruchtlos zu den stärksten durfte man nicht
schreiten ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu stürzen Vor einigen Tagen
kommt des Försters ältester Sohn nach der Stadt er geht in das Irrenhaus um
den Mönch wieder zu sehen Ganz erfüllt von dem trostlosen Zustande des
Unglücklichen tritt er aus dem Hause als eben der Pater Cyrillus aus dem
Kapuzinerkloster in B vorüberschreitet Den redet er an und bittet ihn den
unglücklichen hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen da ihm Zuspruch
eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam sein könne Als Cyrillus den
Mönch erblickt fährt er entsetzt zurück Heilige Mutter Gottes Medardus
unglückseliger Medardus So ruft Cyrillus und in dem Augenblick beleben sich
die starren Augen des Mönchs Er steht auf und fällt mit einem dumpfen Schrei
kraftlos zu Boden Cyrillus mit den übrigen die bei dem Ereignis zugegen
waren geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles an Der
Richter dem die Untersuchung wider Sie übertragen begibt sich mit Cyrillus
nach dem Irrenhause man findet den Mönch sehr matt aber frei von allem
Wahnsinn Er gesteht ein dass er der Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in
B sei Cyrillus versicherte seinerseits dass Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit
Medardus ihn getäuscht habe Nun bemerke er wohl wie Herr Leonard sich in
Sprache Blick Gang und Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus den er
nun vor sich sehe unterscheide Man entdeckte auch das bedeutende
Kreuzeszeichen an der linken Seite des Halses von dem in Ihrem Prozess so viel
Aufhebens gemacht worden ist. Nun wird der Mönch über die Begebenheiten aus dem
Schloss des Barons von F befragt Ich bin ein abscheulicher verruchter
Verbrecher sagt er mit matter kaum vernehmbarer Stimme ich bereue tief was
ich getan Ach ich ließ mich um mein Selbst um meine unsterbliche Seele
betrügen Man habe Mitleiden man lasse mir Zeit alles alles will
ich gestehen Der Fürst unterrichtet befiehlt sofort den Prozess wider Sie
aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen Das ist die Geschichte Ihrer
Befreiung Der Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis gebracht worden«
»Und hat alles gestanden Hat er Euphemien Hermogen ermordet wie ist es
mit dem Grafen Viktorin«
»Soviel wie ich weiß fängt der eigentliche Kriminalprozess wider den Mönch
erst heute an Was aber den Grafen Viktorin betrifft so scheint es als wenn
nun einmal alles was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserm Hofe in
Verbindung steht dunkel und unbegreiflich bleiben müsse«
»Wie die Ereignisse auf dem Schloss des Barons von F aber mit jener
Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen sehe ich in der Tat nicht ein«
»Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen als die
Begebenheit«
»Ich verstehe Sie nicht«
»Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe die dem Prinzen
den Tod brachte«
»Allerdings«
»Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden dass Francesko verbrecherisch
die Italienerin liebte dass er es war der vor dem Prinzen in die Brautkammer
schlich und den Prinzen niederstiess Viktorin ist die Frucht jener freveligen
Untat Er und Medardus sind Söhne eines Vaters Spurlos ist Viktorin
verschwunden alles Nachforschen blieb vergebens«
»Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund Fluch dem wahnsinnigen
Brudermörder«
Leise leise ließ sich in dem Augenblick als ich heftig diese Worte
außstieß jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hören
Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen welches mich ergriff Der Arzt
schien so wenig das Klopfen als meinen innern Kampf zu bemerken Er fuhr fort
»Was Hat der Mönch Ihnen gestanden dass auch Viktorin durch seine Hand
fiel«
»Ja Wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen halte
ich damit Viktorins Verschwinden zusammen dass sich die Sache wirklich so
verhält Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder« Stärker klopfte es und stöhnte
und ächzte ein feines Lachen das durch die Stube pfiff klang wie Medardus
Medardus hi hi hi hilf Der Arzt ohne das zu bemerken fuhr fort
»Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen Er
ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt So viel ist gewiss dass
Euphemie die Tochter«
Mit einem entsetzlichen Schlage dass die Angeln zusammenkrachten sprang die
Tür auf ein schneidendes Gelächter gellte herein »Ho ho ho ho
Brüderlein« schrie ich wahnsinnig auf »hoho hieher frisch frisch wenn
du kämpfen willst mit mir der Uhu macht Hochzeit nun wollen wir auf das Dach
steigen und ringen miteinander und wer den andern herabstösst ist König und
darf Blut trinken« Der Leibarzt fasste mich in die Arme und rief »Was ist
das was ist das Sie sind krank in der Tat gefährlich krank Fort fort zu
Bette« Aber ich starrte nach der offenen Türe ob mein scheusslicher
Doppeltgänger nicht hereintreten werde doch ich erschaute nichts und erholte
mich bald von dem wilden Entsetzen das mich gepackt hatte mit eiskalten
Krallen Der Leibarzt bestand darauf dass ich kränker sei als ich selbst wohl
glauben möge und schob alles auf den Kerker und die Gemütsbewegung die mir
überhaupt der Prozess verursacht haben müsse Ich brauchte seine Mittel aber
mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei dass das Klopfen sich
nicht mehr hören ließ der furchtbare Doppeltgänger mich daher ganz verlassen zu
haben schien
Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und
freundlich in mein Zimmer süße Blumendüfte strömten durch das Fenster hinaus
ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen und des Arztes Verbot nicht achtend
lief ich fort in den Park Da begrüßten Bäume und Büsche rauschend und
flüsternd den von der Todeskrankheit Genesenen Ich atmete auf wie aus langem
schwerem Traum erwacht und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare
Worte die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel in das fröhliche Sumsen
und Schwirren bunter Insekten
Ja ein schwerer Traum dünkte mir nicht nur die letztvergangene Zeit
sondern mein ganzes Leben seitdem ich das Kloster verlassen als ich mich in
einem von dunklen Platanen beschatteten Gange befand Ich war im Garten der
Kapuziner zu B Aus dem fernen Gebüsch ragte schon das hohe Kreuz hervor an dem
ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte um Kraft aller Versuchung zu
widerstehen Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein wo ich hinwallen
müsse um in den Staub niedergeworfen zu bereuen und zu büßen den Frevel
sündhafter Träume die mir der Satan vorgegaukelt und ich schritt fort mit
gefalteten emporgehobenen Händen den Blick nach dem Kreuz gerichtet Stärker
und stärker zog der Luftstrom ich glaubte die Hymnen der Brüder zu vernehmen
aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge die der Wind durch die Bäume
sausend geweckt hatte und der meinen Atem fortriss so dass ich bald erschöpft
stillstehen ja mich an einen nahen Baum festhalten musste um nicht nieder zu
sinken Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz
ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort aber nur bis an den
Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen alle Glieder lähmte
plötzlich tödliche Ermattung wie ein schwacher Greis ließ ich langsam mich
nieder und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepresste Brust zu erleichtern
Es rauschte im Gange dicht neben mir Aurelie Sowie der Gedanke mich
durchblitzte stand sie vor mir Tränen inbrünstiger Wehmut quollen aus den
Himmelsaugen aber durch die Tränen funkelte ein zündender Strahl es war der
unbeschreibliche Ausdruck der glühendsten Sehnsucht der Aurelien fremd schien
Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl das
ich oft in süßen Träumen sah »Können Sie mir jemals verzeihen« lispelte
Aurelie Da stürzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzücken vor ihr hin ich
ergriff ihre Hände »Aurelie Aurelie für dich Marter Tod« Ich
fühlte mich sanft emporgehoben Aurelie sank an meine Brust ich schwelgte in
glühenden Küssen Aufgeschreckt durch ein nahes Geräusch wand sie sich endlich
los aus meinen Armen ich durfte sie nicht zurückhalten »Erfüllt ist all mein
Sehnen und Hoffen« sprach sie leise und in dem Augenblick sah ich die Fürstin
den Gang heraufkommen Ich trat hinein in das Gebüsch und wurde nun gewahr dass
ich wunderlicherweise einen dürren grauen Stamm für ein Kruzifix gehalten
Ich fühlte keine Ermattung mehr Aureliens Küsse durchglühten mich mit neuer
Lebenskraft es war mir als sei jetzt hell und herrlich das Geheimnis meines
Seins aufgegangen Ach es war das wunderbare Geheimnis der Liebe das sich nun
erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen Ich stand auf dem höchsten
Punkt des Lebens abwärts musste es sich wenden damit ein Geschick erfüllt
werde das die höhere Macht beschlossen Diese Zeit war es die mich wie ein
Traum aus dem Himmel umfing als ich das aufzuzeichnen begann was sich nach
Aureliens Wiedersehen mit mir begab Dich Fremden Unbekannten der du einst
diese Blätter lesen wirst bat ich du solltest jene höchste Sonnenzeit deines
eigenen Lebens zurückrufen dann würdest du den trostlosen Jammer des in Reue
und Busse ergrauten Mönchs verstehen und einstimmen in seine Klagen Noch einmal
bitte ich dich jetzt lass jene Zeit im Innern dir aufgehen und nicht darf ich
dann dirs sagen wie Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklärte wie
reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff wie
mich den göttlich Begeisterten die Freudigkeit des Himmels erfüllte Kein
finstrer Gedanke ging durch meine Seele Aureliens Liebe hatte mich entsündigt
ja auf wunderbare Weise keimte in mir die feste Überzeugung auf dass nicht ich
jener ruchlose Frevler auf dem Schloss des Barons von F war der Euphemien
Hermogen erschlug sondern dass der wahnsinnige Mönch den ich im Försterhause
traf die Tat begangen Alles was ich dem Leibarzt gestand schien mir nicht
Lüge sondern der wahre geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein der mir selbst
unbegreiflich blieb Der Fürst hatte mich empfangen wie einen Freund den man
verloren glaubt und wiederfindet dies gab natürlicherweise den Ton an in den
alle einstimmen mussten nur die Fürstin war sie auch milder als sonst blieb
ernst und zurückhaltend
Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin ihre Liebe war
ihr keine Schuld die sie der Welt verbergen musste und ebensowenig vermochte
ich auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen in dem allein ich nur lebte
Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien niemand sprach darüber weil man in
des Fürsten Blicken las dass er unsre Liebe wo nicht begünstigen doch
stillschweigend dulden wolle So kam es dass ich zwanglos Aurelien öfter
manchmal auch wohl ohne Zeugen sah Ich schloss sie in meine Arme sie
erwiderte meine Küsse aber es fühlend wie sie erbebte in jungfräulicher Scheu
konnte ich nicht Raum geben der sündlichen Begierde jeder frevelige Gedanke
erstarb in dem Schauer der durch mein Inneres glitt Sie schien keine Gefahr zu
ahnen wirklich gab es für sie keine denn oft wenn sie im einsamen Zimmer
neben mir saß wenn mächtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte wenn wilder die
Liebesglut in mir aufflammen wollte blickte sie mich an so unbeschreiblich
milde und keusch dass es mir war als vergönne es der Himmel dem büssenden
Sünder schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen Ja nicht Aurelie die
heilige Rosalia selbst war es und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut »O
du fromme hohe Heilige darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen«
Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer milder Stimme »Ach keine
hohe Heilige bin ich aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr«
Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen sie war mit der Fürstin auf
ein nahe gelegenes Lustschloss gegangen Ich ertrug es nicht länger ich rannte
hin Am späten Abend angekommen traf ich im Garten auf eine Kammerfrau die
mir Aureliens Zimmer nachwies Leise leise öffnete ich die Tür ich trat
hinein eine schwüle Luft ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir
sinnebetäubend entgegen Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume Ist
das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schloss des Barons wo ich Sowie ich dies
dachte war es als erhöbe sich hinter mir eine finstre Gestalt und
»Hermogen« rief es in meinem Innern Entsetzt rannte ich vorwärts nur
angelehnt war die Türe des Kabinetts Aurelie kniete den Rücken mir zugekehrt
vor einem Tabourett auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag Voll scheuer Angst
blickte ich unwillkürlich zurück ich schaute nichts da rief ich im höchsten
Entzücken »Aurelie Aurelie« Sie wandte sich schnell um aber noch ehe sie
aufgestanden lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen »Leonard mein
Geliebter« lispelte sie leise Da kochte und gärte in meinem Innern rasende
Begier wildes sündiges Verlangen Sie hing kraftlos in meinen Armen die
genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen Locken über meine
Schultern der jugendliche Busen quoll hervor sie ächzte dumpf ich kannte
mich selbst nicht mehr Ich riss sie empor sie schien erkräftigt eine fremde
Glut brannte in ihrem Auge feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse Da
rauschte es hinter uns wie starker mächtiger Flügelschlag ein schneidender
Ton wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen gellte durch das Zimmer
»Hermogen« schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen Von wildem
Entsetzen erfasst rannte ich fort Im Flur trat mir die Fürstin von einem
Spaziergange heimkehrend entgegen Sie blickte mich ernst und stolz an indem
sie sprach »Es ist mir in der Tat sehr befremdlich Sie hier zu sehen Herr
Leonard« Meine Verstörteit im Augenblick bemeisternd antwortete ich in
beinahe bestimmterem Ton als es ziemlich sein mochte dass man oft gegen große
Anregungen vergebens ankämpfe und dass oft das unschicklich Scheinende für das
Schicklichste gelten könne Als ich durch die finstre Nacht der Residenz
zueilte war es mir als liefe jemand neben mir her und als flüstere eine
Stimme »I Imm Immer bin ich bei di dir Brü Brüderlein
Brüderlein Medardus« Blickte ich um mich her so merkte ich wohl dass das
Phantom des Doppeltgängers nur in meiner Phantasie spuke aber nicht los konnte
ich das entsetzliche Bild werden ja es war mir endlich als müsse ich mit ihm
sprechen und ihm erzählen dass ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe
schrecken lassen von dem tollen Hermogen die heilige Rosalia sollte denn nun
bald mein ganz mein sein denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe
erhalten Da lachte und stöhnte mein Doppeltgänger wie er sonst getan und
stotterte »Aber schn schnell schnell« »Gedulde dich nur« sprach ich
wieder »gedulde dich nur mein Junge Alles wird gut werden Den Hermogen habe
ich nur nicht gut getroffen er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse wie wir
beide aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig« »Hi hi
hi tri triff gut triff gut« So verflüsterte des Doppeltgängers
Stimme im Sausen des Morgenwindes der von dem Feuerpurpur herstrich welches
aufbrannte im Osten
Eben war ich in meiner Wohnung angekommen als ich zum Fürsten beschieden
wurde Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen »In der Tat Herr Leonard«
fing er an »Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben nicht
verhehlen kann ichs Ihnen dass mein Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft
geworden ist Ich möchte Sie nicht verlieren ich möchte Sie glücklich sehen
Überdem ist man Ihnen für das was Sie gelitten haben alle nur mögliche
Entschädigung zu gewähren schuldig Wissen Sie wohl Herr Leonard wer Ihren
bösen Prozess einzig und allein veranlasste wer Sie anklagte«
»Nein gnädigster Herr«
»Baronesse Aurelie Sie erstaunen Ja ja Baronesse Aurelie mein Herr
Leonard die hat Sie er lachte laut auf die hat Sie für einen Kapuziner
gehalten Nun bei Gott sind Sie ein Kapuziner so sind Sie der
liebenswürdigste den je ein menschliches Auge sah Sagen Sie aufrichtig Herr
Leonard sind Sie wirklich so ein Stück von Klostergeistlichen«
»Gnädigster Herr ich weiß nicht welch ein böses Verhängnis mich immer zu
dem Mönch machen will der«
»Nun nun ich bin kein Inquisitor fatal wärs doch wenn ein
geistliches Gelübde Sie bände Zur Sache möchten Sie nicht für das Unheil
das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte Rache nehmen«
»In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde
Himmelsbild aufkommen«
»Sie lieben Aurelien«
Dies frug der Fürst mir ernst und scharf ins Auge blickend Ich schwieg
indem ich die Hand auf die Brust legte Der Fürst fuhr weiter fort
»Ich weiß es Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick als sie mit
der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat Sie werden wieder geliebt
und zwar mit einem Feuer das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut hätte Sie
lebt nur in Ihnen die Fürstin hat mir alles gesagt Glauben Sie wohl dass nach
Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen verzweifelten Stimmung
überließ die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte Aurelie
hielt Sie damals für den Mörder ihres Bruders um so unerklärlicher war uns ihr
Schmerz Schon damals wurden Sie geliebt Nun Herr Leonard oder vielmehr Herr
von Krczynski Sie sind von Adel ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art die
Ihnen angenehm sein soll Sie heiraten Aurelien In einigen Tagen feiern wir
die Verlobung ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten« Stumm
von den widersprechendsten Gefühlen zerrissen stand ich da »Adieu Herr
Leonard« rief der Fürst und verschwand mir freundlich zuwinkend aus dem
Zimmer
Aurelie mein Weib Das Weib eines verbrecherischen Mönchs Nein so wollen
es die dunklen Mächte nicht mag auch über die Arme verhängt sein was da will
Dieser Gedanke erhob sich in mir siegend über alles was sich dagegen
auflehnen mochte Irgend ein Entschluss das fühlte ich musste auf der Stelle
gefasst werden aber vergebens sann ich auf Mittel mich schmerzlos von Aurelien
zu trennen Der Gedanke sie nicht wieder zu sehen war mir unerträglich aber
dass sie mein Weib werden sollte das erfüllte mich mit einem mir selbst
unerklärlichen Abscheu Deutlich ging in mir die Ahnung auf dass, wenn der
verbrecherische Mönch vor dem Altar des Herrn stehen werde um mit heiligen
Gelübden freveliges Spiel zu treiben jenes fremden Malers Gestalt aber nicht
milde tröstend wie im Gefängnis sondern Rache und Verderben furchtbar
verkündend wie bei Franceskos Trauung erscheinen und mich stürzen werde in
namenlose Schmach in zeitliches ewiges Elend Aber dann vernahm ich tief im
Innern eine dunkle Stimme »Und doch muss Aurelie dein sein Schwachsinniger Tor
wie gedenkst du zu ändern das was über euch verhängt ist« Und dann rief es
wiederum »Nieder nieder wirf dich in den Staub Verblendeter du frevelst
Nie kann sie dein werden es ist die heilige Rosalia selbst die du zu umfangen
gedenkst in irdischer Liebe« So im Zwiespalt grauser Mächte hin und her
getrieben vermochte ich nicht zu denken nicht zu ahnen was ich tun müsse um
dem Verderben zu entrinnen das mir überall zu drohen schien Vorüber war jene
begeisterte Stimmung in der mein ganzes Leben mein verhängnisvoller Aufenthalt
auf dem Schloss des Barons von F mir nur ein schwerer Traum schien In düstrer
Verzagteit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und Verbrecher Alles was
ich dem Richter dem Leibarzt gesagt war nun nichts als alberne schlecht
erfundene Lüge nicht eine innere Stimme hatte gesprochen wie ich sonst mich
selbst überreden wollte
Tief in mich gekehrt nichts außer mir bemerkend und vernehmend schlich ich
über die Straße Der laute Zuruf des Kutschers das Gerassel des Wagens weckte
mich schnell sprang ich zur Seite Der Wagen der Fürstin rollte vorüber der
Leibarzt bückte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu ich folgte
ihm nach seiner Wohnung Er sprang heraus und zog mich mit den Worten »Eben
komme ich von Aurelien ich habe Ihnen manches zu sagen« herauf in sein Zimmer
»Ei ei« fing er an »Sie Heftiger Unbesonnener was haben Sie angefangen
Aurelien sind Sie erschienen plötzlich wie ein Gespenst und das arme
nervenschwache Wesen ist darüber erkrankt« Der Arzt bemerkte mein Erbleichen
»Nun nun« fuhr er fort »arg ist es eben nicht sie geht wieder im Garten umher
und kehrt morgen mit der Fürstin nach der Residenz zurück Von Ihnen lieber
Leonard sprach Aurelie viel sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie wieder zu
sehen und sich zu entschuldigen Sie glaubt Ihnen albern und töricht erschienen
zu sein«
Ich wusste dachte ich daran was auf dem Lustschlosse vorgegangen Aureliens
Äußerung nicht zu deuten
Der Arzt schien von dem was der Fürst mit mir im Sinn hatte unterrichtet
er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen und mittelst seiner hellen
Lebendigkeit die alles um ihn her ergriff gelang es ihm bald mich aus der
düstern Stimmung zu reißen so dass unser Gespräch sich heiter wandte Er
beschrieb noch einmal wie er Aurelien getroffen die dem Kinde gleich das
sich nicht vom schweren Traum erholen kann mit halb geschlossenen in Tränen
lächelnden Augen auf dem Ruhbette das Köpfchen in die Hand gestützt gelegen
und ihm ihre krankhafte Visionen geklagt habe Er wiederholte ihre Worte die
durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des schüchternen Mädchens nachahmend
und wusste indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte das anmutige
Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben dass es gar heiter und
lebendig vor mir aufging Dazu kam dass er im Kontrast die gravitätische Fürstin
hinstellte welches mich nicht wenig ergötzte »Haben Sie wohl gedacht« fing er
endlich an »haben Sie wohl gedacht als Sie in die Residenz einzogen dass Ihnen
so viel Wunderliches hier geschehen würde Erst das tolle Missverständnis das
Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte und dann das wahrhaft
beneidenswerte Glück das Ihnen der fürstliche Freund bereitet«
»Ich muss in der Tat gestehen dass gleich anfangs der freundliche Empfang des
Fürsten mir wohl tat doch fühle ich wie sehr ich jetzt in seiner in aller
Achtung bei Hofe gestiegen bin das habe ich gewiss meinem erlittenen Unrecht zu
verdanken«
»Nicht sowohl dem als einem andern ganz kleinen Umstande den Sie wohl
erraten können«
»Keinesweges«
»Zwar nennt man Sie weil Sie es so wollen schlechtweg Herr Leonard wie
vorher jeder weiß aber jetzt dass Sie von Adel sind da die Nachrichten die
man aus Posen erhalten hat Ihre Angaben bestätigten«
»Wie kann das aber auf den Fürsten auf die Achtung die ich im Zirkel des
Hofes genieße von Einfluss sein Als mich der Fürst kennen lernte und mich
einlud im Zirkel des Hofes zu erscheinen wandte ich ein dass ich nur von
bürgerlicher Abkunft sei da sagte mir der Fürst dass die Wissenschaft mich adle
und fähig mache in seiner Umgebung zu erscheinen«
»Er hält es wirklich so kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für Wissenschaft
und Kunst Sie werden im Zirkel des Hofes manchen bürgerlichen Gelehrten und
Künstler bemerkt haben aber die Feinfühlenden unter diesen denen Leichtigkeit
des innern Seins abgeht die sich nicht in heiterer Ironie auf den hohen
Standpunkt stellen können der sie über das Ganze erhebt sieht man nur selten
sie bleiben auch wohl ganz aus Bei dem besten Willen sich recht vorurteilsfrei
zu zeigen mischt sich in das Betragen des Adligen gegen den Bürger ein gewisses
Etwas das wie Herablassung Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht das
leidet kein Mann der im gerechten Stolz wohl fühlt wie in adliger Gesellschaft
oft nur er es ist der sich herablassen und dulden muss das geistig Gemeine und
Abgeschmackte Sie sind selbst von Adel Herr Leonard aber wie ich höre ganz
geistlich und wissenschaftlich erzogen Daher mag es kommen dass Sie der erste
Adlige sind an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter Adligen auch jetzt
nichts Adliges im schlimmen Sinn genommen verspürt habe Sie könnten glauben
ich spräche da als Bürgerlicher vorgefasste Meinungen aus oder mir sei
persönlich etwas begegnet das ein Vorurteil erweckt habe dem ist aber nicht
so Ich gehöre nun einmal zu einer der Klassen die ausnahmsweise nicht bloß
toleriert sondern wirklich gehegt und gepflegt werden Ärzte und Beichtväter
sind regierende Herren Herrscher über Leib und Seele mithin allemal von gutem
Adel Sollten denn auch nicht Indigestion und ewige Verdammnis den Kourfähigsten
etwas weniges inkommodieren können Von Beichtvätern gilt das aber nur bei den
katholischen Die protestantischen Prediger wenigstens auf dem Lande sind nur
Hausoffizianten die nachdem sie der gnädigen Herrschaft das Gewissen gerührt
am untersten Ende des Tisches sich in Demut an Braten und Wein erlaben Mag es
schwer sein ein eingewurzeltes Vorurteil abzulegen aber es fehlt auch
meistenteils an gutem Willen da mancher Adliger ahnen mag dass nur als solcher
er eine Stellung im Leben behaupten könne zu der ihm sonst nichts in der Welt
ein Recht gibt Der Ahnen und Adelstolz ist in unserer alles immer mehr
vergeistigenden Zeit eine höchst seltsame beinahe lächerliche Erscheinung
Vom Rittertum von Krieg und Waffen ausgehend bildet sich eine Kaste die
ausschließlich die andern Stände schützt und das subordinierte Verhältnis des
Beschützten gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst Mag der Gelehrte
seine Wissenschaft der Künstler seine Kunst der Handwerker der Kaufmann sein
Gewerbe rühmen siehe sagt der Ritter da kommt ein ungebärdiger Feind dem
ihr des Krieges Unerfahrne nicht zu widerstehen vermöget aber ich
Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin und was mein
Spiel was meine Freude ist rettet euer Leben euer Hab und Gut Doch immer
mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde immer mehr treibt und schafft der
Geist, und immer mehr enthüllt sich seine alles überwältigende Kraft Bald wird
man gewahr dass eine starke Faust ein Harnisch ein mächtig geschwungenes
Schwert nicht hinreichen das zu besiegen was der Geist will selbst Krieg und
Waffenübung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit Jeder wird immer
mehr und mehr auf sich selbst gestellt aus seinem innern geistigen Vermögen muss
er das schöpfen womit er gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden
äußern Glanz sich der Welt geltend machen muss Auf das entgegengesetzte Prinzip
stützt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz der nur in dem Satz
seinen Grund findet Meine Voreltern waren Helden also bin ich dito ein Held
Je höher das hinaufgeht desto besser denn kann man das leicht absehen wo
einem Großpapa der Heldensinn kommen und ihm der Adel verliehen worden so traut
man dem wie allem Wunderbaren das zu nahe liegt nicht recht Alles bezieht
sich wieder auf Heldenmut und körperliche Kraft Starke robuste Eltern haben
wenigstens in der Regel eben dergleichen Kinder und ebenso vererbt sich
kriegerischer Sinn und Mut Die Ritterkaste rein zu erhalten war daher wohl
Erfordernis jener alten Ritterzeit und kein geringes Verdienst für ein
altstämmiges Fräulein einen Junker zu gebären zu dem die arme bürgerliche Welt
flehte Bitte friss uns nicht sondern schütze uns vor andern Junkern mit dem
geistigen Vermögen ist es nicht so Sehr weise Väter erzielen oft dumme
Söhnchen und es möchte eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das
psychische untergeschoben hat rücksichts des Beweises angeerbten Adels
ängstlicher sein von Leibniz abzustammen als von Amadis von Gallien oder sonst
einem uralten Ritter der Tafelrunde In der einmal bestimmten Richtung schreitet
der Geist der Zeit vorwärts und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert
sich merklich daher denn auch wohl jenes taktlose aus Anerkennung des
Verdienstes und widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und
dem Staat hoch geltende Bürgerliche das Erzeugnis eines dunkeln verzagten
Gefühls sein mag in dem sie ahnen dass vor den Augen der Weisen der veraltete
Tand längst verjährter Zeit abfällt und die lächerliche Blöße sich ihnen frei
darstellt
Dank sei es dem Himmel viele Adlige Männer und Frauen erkennen den Geist
der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu der Lebenshöhe die ihnen
Wissenschaft und Kunst darbieten diese werden die wahren Geisterbanner jenes
Unholds sein«
Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt Niemals
war es mir eingefallen über den Adel und über sein Verhältnis zum Bürger zu
reflektieren Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen dass ich ehedem eben zu der
zweiten Klasse gehört hatte die nach seiner Behauptung der Stolz des Adels
nicht trifft War ich denn nicht in den vornehmsten adeligen Häusern zu B der
hochgeachtete hochverehrte Beichtiger Weiter nachsinnend erkannte ich wie
ich selbst aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte indem aus dem Namen
Kwiecziczewo den ich jener alten Dame bei Hofe nannte mein Adel entsprang und
so dem Fürsten der Gedanke einkam mich mit Aurelien zu vermählen
Die Fürstin war zurückgekommen Ich eilte zu Aurelien Sie empfing mich mit
holder jungfräulicher Verschämteit ich schloss sie in meine Arme und glaubte in
dem Augenblick daran dass sie mein Weib werden könne Aurelie war weicher
hingebender als sonst Ihr Auge hing voll Tränen und der Ton in dem sie
sprach war wehmütige Bitte so wie wenn im Gemüt des schmollenden Kindes sich
der Zorn bricht in dem es gesündigt Ich durfte an meinen Besuch im
Lustschloss der Fürstin denken lebhaft drang ich darauf alles zu erfahren ich
beschwor Aurelien mir zu vertrauen was sie damals so erschrecken konnte Sie
schwieg sie schlug die Augen nieder aber sowie mich selbst der Gedanke meines
grässlichen Doppeltgängers stärker erfasste schrie ich auf »Aurelie um aller
Heiligen willen welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns« Sie sah
mich voll Verwunderung an immer starrer und starrer wurde ihr Blick dann
sprang sie plötzlich auf als wolle sie fliehen doch blieb sie und schluchzte
beide Hände vor die Augen gedrückt »Nein nein nein er ist es ja nicht«
Ich erfasste sie sanft erschöpft ließ sie sich nieder »Wer wer ist es nicht«
frug ich heftig wohl alles ahnend was in ihrem Innern sich entfalten mochte
»Ach mein Freund mein Geliebter« sprach sie leise und wehmütig »würdest du
mich nicht für eine wahnsinnige Schwärmerin halten wenn ich alles alles
dir sagen sollte was mich immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten
Liebe Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben er stellte sich mit
seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns als ich dich zum ersten Male sah wie
mit kalten Todesschwingen wehte er mich an als du so plötzlich eintratst in
mein Zimmer auf dem Lustschloss der Fürstin Wisse so wie du damals kniete
einst neben mir ein verruchter Mönch und wollte heiliges Gebet missbrauchen zum
grässlichen Frevel Er wurde als er wie ein wildes Tier listig auf seine Beute
lauernd mich umschlich der Mörder meines Bruders Ach und du deine Züge
deine Sprache jenes Bild lass mich schweigen o lass mich schweigen«
Aurelie bog sich zurück in halb liegender Stellung lehnte sie den Kopf auf die
Hand gestützt in die Ecke des Sofas üppiger traten die schwellenden Umrisse
des jugendlichen Körpers hervor Ich stand vor ihr das lüsterne Auge schwelgte
in dem unendlichen Liebreiz aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn der
in mir rief »Du Unglückselige du dem Satan Erkaufte bist du ihm denn
entflohen dem Mönch der dich im Gebet zur Sünde verlockte Nun bist du seine
Braut seine Braut« In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien die ein
Himmelsstrahl zu entzünden schien als dem Gefängnis dem Tode entronnen ich
sie im Park wiedersah aus meinem Innern verschwunden und der Gedanke dass ihr
Verderben meines Lebens glänzendster Lichtpunkt sein könne erfüllte mich ganz
und gar Man rief Aurelien zur Fürstin Klar wurde es mir dass Aureliens Leben
gewisse mir noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse und doch
fand ich keinen Weg dies zu erfahren da Aurelie alles Bittens unerachtet jene
einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte Der Zufall enthüllte
mir das was sie zu verschweigen gedachte Eines Tages befand ich mich im
Zimmer des Hofbeamten dem es oblag alle Privatbriefe des Fürsten und der dem
Hofe Angehörigen zur Post zu befördern Er war eben abwesend als Aureliens
Mädchen mit einem starken Briefe hineintrat und ihn auf den Tisch zu den
übrigen die schon dort befindlich legte Ein flüchtiger Blick überzeugte mich
dass die Aufschrift an die Äbtissin der Fürstin Schwester von Aureliens Hand
war Die Ahnung alles noch nicht Erforschte sei darin enthalten durchflog mich
mit Blitzschnelle noch ehe der Beamte zurückgekehrt war ich fort mit dem
Briefe Aureliens
Du Mönch oder im weltlichen Treiben Befangener der du aus meinem Leben
Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest lies die Blätter die ich hier
einschalte lies die Geständnisse des frommen reinen Mädchens von den bitteren
Tränen des reuigen hoffnungslosen Sünders benetzt Möge das fromme Gemüt dir
aufgehen wie leuchtender Trost in der Zeit der Sünde und des Frevels
Aurelie an die Äbtissin
des ZisterzienserNonnenklosters zu
Meine teure gute Mutter Mit welchen Worten soll ich Dirs denn verkünden dass
Dein Kind glücklich ist dass endlich die grause Gestalt die wie ein
schrecklich drohendes Gespenst alle Blüten abstreifend alle Hoffnungen
zerstörend in mein Leben trat gebannt wurde durch der Liebe göttlichen Zauber
Aber nun fällt es mir recht schwer aufs Herz dass, wenn du meines unglücklichen
Bruders meines Vaters den der Gram tötete gedachtest und mich aufrichtetest
in meinem trostlosen Jammer dass ich dann dir nicht wie in heiliger Beichte
mein Inneres ganz aufschloss Doch ich vermag ja auch nun erst das düstere
Geheimnis auszusprechen das tief in meiner Brust verborgen lag Es ist als
wenn eine böse unheimliche Macht mir mein höchstes Lebensglück recht trügerisch
wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte Ich sollte wie auf einem wogenden
Meer hin und her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen Doch der
Himmel half wie durch ein Wunder in dem Augenblick als ich im Begriff stand
unnennbar elend zu werden Ich muss zurückgehen in meine frühe Kinderzeit um
alles alles zu sagen denn schon damals wurde der Keim in mein Inneres gelegt
der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte Erst drei oder vier Jahre
war ich alt als ich einst in der schönsten Frühlingszeit im Garten unseres
Schlosses mit Hermogen spielte Wir pflückten allerlei Blumen und Hermogen
sonst eben nicht dazu aufgelegt ließ es sich gefallen mir Kränze zu flechten
in die ich mich putzte »Nun wollen wir zur Mutter gehen« sprach ich als ich
mich über und über mit Blumen behängt hatte da sprang aber Hermogen hastig auf
und rief mit wilder Stimme »Lass uns nur hier bleiben klein Ding die Mutter
ist im blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel« Ich wusste gar nicht was
er damit sagen wollte aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich
an jämmerlich zu weinen »Dumme Schwester was heulst du« rief Hermogen
»Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel er tut ihr nichts« Ich fürchtete mich
vor Hermogen weil er so finster vor sich hinblickte so rau sprach und
schwieg stille Die Mutter war damals schon sehr kränklich sie wurde oft von
fürchterlichen Krämpfen ergriffen die in einen todähnlichen Zustand übergingen
Wir ich und Hermogen wurden dann fortgebracht Ich hörte nicht auf zu klagen
aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein »Der Teufel hats ihr angetan« So
wurde in meinem kindischen Gemüt der Gedanke erweckt die Mutter habe
Gemeinschaft mit einem bösen hässlichen Gespenst denn anders dachte ich mir
nicht den Teufel da ich mit den Lehren der Kirche noch unbekannt war Eines
Tages hatte man mich allein gelassen mir wurde ganz unheimlich zumute und vor
Schreck vermochte ich nicht zu fliehen als ich wahrnahm dass ich eben in dem
blauen Kabinett mich befand wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem
Teufel sprechen sollte Die Türe ging auf die Mutter trat leichenblass herein
und vor eine leere Wand hin Sie rief mit dumpfer tief klagender Stimme
»Francesko Francesko« Da rauschte und regte es sich hinter der Wand sie schob
sich auseinander und das lebensgrosse Bild eines schönen in einem violetten
Mantel wunderbar gekleideten Mannes wurde sichtbar Die Gestalt das Gesicht
dieses Mannes machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich ich jauchzte auf
vor Freude die Mutter umblickend wurde nun erst mich gewahr und rief heftig
»Was willst du hier Aurelie wer hat dich hieher gebracht« Die Mutter
sonst so sanft und gütig war erzürnter als ich sie je gesehen Ich glaubte
daran schuld zu sein »Ach« stammelte ich unter vielen Tränen »sie haben mich
hier allein gelassen ich wollte ja nicht hier bleiben« Aber als ich wahrnahm
dass das Bild verschwunden da rief ich »Ach das schöne Bild wo ist das schöne
Bild« Die Mutter hob mich in die Höhe küsste und herzte mich und sprach »Du
bist mein gutes liebes Kind aber das Bild darf niemand sehen auch ist es nun
auf immer fort« Niemand vertraute ich was mir widerfahren nur zu Hermogen
sprach ich einmal »Höre die Mutter spricht nicht mit dem Teufel sondern mit
einem schönen Mann aber der ist nur ein Bild und springt aus der Wand wenn
Mutter ihn ruft« Da sah Hermogen starr vor sich hin und murmelte »Der Teufel
kann aussehen wie er will sagt der Herr Pater aber der Mutter tut er doch
nichts« Mich überfiel ein Grauen und ich bat Hermogen flehentlich doch ja
nicht wieder von dem Teufel zu sprechen Wir gingen nach der Hauptstadt das
Bild verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann nicht wieder
lebendig als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land zurückgekehrt
waren Der Flügel des Schlosses in welchem jenes blaue Kabinett gelegen blieb
unbewohnt es waren die Zimmer meiner Mutter die der Vater nicht betreten
konnte ohne die schmerzlichsten Erinnerungen in sich aufzuregen Eine Reparatur
des Gebäudes machte es endlich nötig die Zimmer zu öffnen ich trat in das
blaue Kabinett als die Arbeiter eben beschäftigt waren den Fußboden
aufzureissen Sowie einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob
rauschte es hinter der Wand sie schob sich auseinander und das lebensgrosse
Bild des Unbekannten wurde sichtbar Man entdeckte die Feder im Fußboden
welche angedrückt eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte die ein
Feld des Tafelwerks womit die Wand bekleidet auseinanderschob Nun gedachte
ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre meine Mutter stand wieder vor
mir ich vergoss heiße Tränen aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von dem
fremden herrlichen Mann der mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute Man
hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet was sich zugetragen er trat
herein als ich noch vor dem Bilde stand Nur einen Blick hatte er darauf
geworfen als er von Entsetzen ergriffen stehen blieb und dumpf in sich
hineinmurmelte »Francesko Francesko« Darauf wandte er sich rasch zu den
Arbeitern und befahl mit starker Stimme »Man breche sogleich das Bild aus der
Wand rolle es auf und übergebe es Reinhold« Es war mir als solle ich den
schönen herrlichen Mann der in seinem wunderbaren Gewande mir wie ein hoher
Geisterfürst vorkam niemals wiedersehen und doch hielt mich eine
unüberwindliche Scheu zurück den Vater zu bitten das Bild ja nicht vernichten
zu lassen In wenigen Tagen verschwand jedoch der Eindruck den der Auftritt mit
dem Bilde auf mich gemacht hatte spurlos aus meinem Innern Ich war schon
vierzehn Jahre alt worden und noch ein wildes unbesonnenes Ding so dass ich
sonderbar genug gegen den ernsten feierlichen Hermogen abstach und der Vater oft
sagte dass, wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene ich ein recht
ausgelassener Knabe sei Das sollte sich bald ändern Hermogen fing an mit
Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben Er lebte nur in Kampf und
Schlacht seine ganze Seele war davon erfüllt und da es eben Krieg geben
sollte lag er dem Vater an ihn nur gleich Dienste nehmen zu lassen Mich
überfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklärliche Stimmung die ich
nicht zu deuten wusste und die bald mein ganzes Wesen verstörte Ein seltsames
Übelbefinden schien aus der Seele zu kommen und alle Lebenspulse gewaltsam zu
ergreifen Ich war oft der Ohnmacht nahe dann kamen allerlei wunderliche Bilder
und Träume und es war mir als solle ich einen glänzenden Himmel voll Seligkeit
und Wonne erschauen und könne nur wie ein schlaftrunknes Kind die Augen nicht
öffnen Ohne zu wissen warum konnte ich oft bis zum Tode betrübt oft
ausgelassen fröhlich sein Bei dem geringsten Anlass stürzten mir die Tränen aus
den Augen eine unerklärliche Sehnsucht stieg oft bis zu körperlichem Schmerz
so dass alle Glieder krampfhaft zuckten Der Vater bemerkte meinen Zustand
schrieb ihn überreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes der allerlei
Mittel verordnete die ohne Wirkung blieben Ich weiß selbst nicht wie es kam
urplötzlich erschien mir das vergessene Bild jenes unbekannten Mannes so
lebhaft dass es mir war als stehe es vor mir Blicke des Mitleids auf mich
gerichtet »Ach soll ich denn sterben was ist es das mich so
unaussprechlich quält« So rief ich dem Traumbilde entgegen da lächelte der
Unbekannte und antwortete »Du liebst mich Aurelie das ist deine Qual aber
kannst du die Gelübde des Gottgeweihten brechen« Zu meinem Erstaunen wurde
ich nun gewahr dass der Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug Ich
raffte mich mit aller Gewalt auf um nur aus dem träumerischen Zustande zu
erwachen Es gelang mir Fest war ich überzeugt dass jener Mönch nur ein loses
trügerisches Spiel meiner Einbildung gewesen und doch ahnte ich nur zu
deutlich dass das Geheimnis der Liebe sich mir erschlossen hatte Ja ich
liebte den Unbekannten mit aller Stärke des erwachten Gefühls mit aller
Leidenschaft und Inbrunst deren das jugendliche Herz fähig In jenen
Augenblicken träumerischen Hinbrütens als ich den Unbekannten zu sehen glaubte
schien mein Übelbefinden den höchsten Punkt erreicht zu haben ich wurde
zusehends wohler indem meine Nervenschwäche nachließ und nur das stete starre
Festalten jenes Bildes die phantastische Liebe zu einem Wesen das nur in mir
lebte gab mir das Ansehen einer Träumerin Ich war für alles verstummt ich saß
in der Gesellschaft ohne mich zu regen und indem ich mit meinem Ideal
beschäftigt nicht darauf achtete was man sprach gab ich oft verkehrte
Antworten so dass man mich für ein einfältig Ding achten mochte In meines
Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf dem Tische liegen ich schlug es
auf es war ein aus dem Englischen übersetzter Roman »Der Mönch« Mit
eiskaltem Schauer durchbebte mich der Gedanke dass der unbekannte Geliebte ein
Mönch sei Nie hatte ich geahnt dass die Liebe zu einem Gottgeweihten sündlich
sein könne nun kamen mir plötzlich die Worte des Traumbildes ein »Kannst du
die Gelübde des Gottgeweihten brechen« und nun erst verwundeten sie mit
schwerem Gewicht in mein Inneres fallend mich tief Es war mir als könne jenes
Buch mir manchen Aufschluss geben Ich nahm es mit mir ich fing an zu lesen die
wunderbare Geschichte riss mich hin aber als der erste Mord geschehen als immer
verruchter der grässliche Mönch frevelt als er endlich ins Bündnis tritt mit dem
Bösen da ergriff mich namenloses Entsetzen denn ich gedachte jener Worte
Hermogens »Die Mutter spricht mit dem Teufel« Nun glaubte ich so wie jener
Mönch im Roman sei der Unbekannte ein dem Bösen Verkaufter der mich verlocken
wolle Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mönch der in mir
lebte Nun erst wusste ich dass es frevelhafte Liebe gebe mein Abscheu dagegen
kämpfte mit dem Gefühl das meine Brust erfüllte und dieser Kampf machte mich
auf eigne Weise reizbar Oft bemeisterte sich meiner in der Nähe eines Mannes
ein unheimliches Gefühl weil es mir plötzlich war als sei es der Mönch der
nun mich erfassen und fortreißen werde ins Verderben Reinhold kam von einer
Reise zurück und erzählte viel von einem Kapuziner Medardus der als
Kanzelredner weit und breit berühmt sei und den er selbst in r mit
Verwunderung gehört habe Ich dachte an den Mönch im Roman und es überfiel mich
eine seltsame Ahnung dass das geliebte und gefürchtete Traumbild jener Medardus
sein könne Der Gedanke war mir schrecklich selbst wusste ich nicht warum und
mein Zustand wurde in der Tat peinlicher und verstörter als ich es zu ertragen
vermochte Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Träumen Aber vergebens
suchte ich das Bild des Mönchs aus meinem Innern zu verbannen ich unglückliches
Kind konnte nicht widerstehen der sündigen Liebe zu dem Gottgeweihten Ein
Geistlicher besuchte einst wie er es wohl manchmal zu tun pflegte den Vater
Er ließ sich weitläuftig über die mannigfachen Versuchungen des Teufels aus und
mancher Funke fiel in meine Seele indem der Geistliche den trostlosen Zustand
des jungen Gemüts beschrieb in das sich der Böse den Weg bahnen wolle und worin
er nur schwaches Widerstreben fände Mein Vater fügte manches hinzu als ob er
von mir rede Nur unbegrenzte Zuversicht sagte endlich der Geistliche nur
unwandelbares Vertrauen nicht sowohl zu befreundeten Menschen als zur Religion
und ihren Dienern könne Rettung bringen Dies merkwürdige Gespräch bestimmte
mich den Trost der Kirche zu suchen und meine Brust durch reuiges Geständnis in
heiliger Beichte zu erleichtern Am frühen Morgen des andern Tages wollte ich
da wir uns eben in der Residenz befanden in die dicht neben unserm Hause
gelegene Klosterkirche gehen Es war eine qualvolle entsetzliche Nacht die ich
zu überstehen hatte Abscheuliche frevelige Bilder wie ich sie nie gesehen
nie gedacht umgaukelten mich aber dann mitten drunter stand der Mönch da mir
die Hand wie zur Rettung bietend und rief »Sprich es nur aus dass du mich
liebst und frei bist du aller Not« Da musst ich unwillkürlich rufen »Ja
Medardus ich liebe dich« und verschwunden waren die Geister der Hölle
Endlich stand ich auf kleidete mich an und ging nach der Klosterkirche
Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten Fenster ein
Laienbruder reinigte die Gänge Unfern der Seitenpforte wo ich hineingetreten
stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar dort hielt ich ein kurzes Gebet
und schritt dann auf den Beichtstuhl zu in dem ich einen Mönch erblickte Hilf
heiliger Himmel es war Medardus Kein Zweifel blieb übrig eine höhere Macht
sagte es mir Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Liebe aber ich fühlte dass
nur standhafter Mut mich retten könne Ich beichtete ihm selbst meine sündliche
Liebe zu dem Gottgeweihten ja mehr als das Ewiger Gott in dem Augenblicke
war es mir als hätte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen
Banden die den Geliebten fesselten geflucht und auch das beichtete ich »Du
selbst du selbst Medardus bist es den ich so unaussprechlich liebe« Das
waren die letzten Worte die ich zu sprechen vermochte aber nun floss lindernder
Trost der Kirche wie des Himmels Balsam von den Lippen des Mönchs der mir
plötzlich nicht mehr Medardus schien Bald darauf nahm mich ein alter
ehrwürdiger Pilger in seine Arme und führte mich langsamen Schrittes durch die
Gänge der Kirche zur Hauptpforte hinaus Er sprach hochheilige herrliche Worte
aber ich musste entschlummern wie ein unter sanften süßen Tönen eingewiegtes
Kind Ich verlor das Bewusstsein. Als ich erwachte lag ich angekleidet auf dem
Sofa meines Zimmers »Gott und den Heiligen Lob und Dank die Krisis ist
vorüber sie erholt sich« rief eine Stimme Es war der Arzt der diese Worte zu
meinem Vater sprach Man sagte mir dass man mich des Morgens in einem
erstarrten todähnlichen Zustande gefunden und einen Nervenschlag befürchtet
habe Du siehst meine liebe fromme Mutter dass meine Beichte bei dem Mönch
Medardus nur ein lebhafter Traum in einem überreizten Zustande war aber die
heilige Rosalia zu der ich oft flehte und deren Bildnis ich ja auch im Traum
anrief hat mir wohl alles so erscheinen lassen damit ich errettet werden möge
aus den Schlingen die mir der arglistige Böse gelegt Verschwunden war aus
meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Mönchsgewand Ich
erholte mich ganz und trat nun erst heiter und unbefangen in das Leben ein
Aber gerechter Gott noch einmal sollte mich jener verhasste Mönch auf
entsetzliche Weise bis zum Tode treffen Für eben jenen Medardus dem ich im
Traum gebeichtet erkannte ich augenblicklich den Mönch der sich auf unserm
Schloss eingefunden »Das ist der Teufel mit dem die Mutter gesprochen hüte
dich hüte dich er stellt dir nach« so rief der unglückliche Hermogen immer
in mich hinein Ach es hätte dieser Warnung nicht bedurft Von dem ersten
Moment an als mich der Mönch mit vor freveliger Begier funkelnden Augen
anblickte und dann in geheuchelter Verzückung die heilige Rosalia anrief war er
mir unheimlich und entsetzlich Du weißt alles Fürchterliche was sich darauf
begab meine gute liebe Mutter Ach aber muss ich es nicht Dir auch gestehen
dass der Mönch mir desto gefährlicher war als sich tief in meinem Innersten ein
Gefühl regte dem gleich als zuerst der Gedanke der Sünde in mir entstand und
als ich ankämpfen musste gegen die Verlockung des Bösen Es gab Augenblicke in
denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden des Mönchs traute ja in
denen es mir war als strahle aus seinem Innern der Funke des Himmels der mich
zur reinen überirdischen Liebe entzünden könne Aber dann wusste er mit
verruchter List selbst in begeisterter Andacht eine Glut anzufachen die aus
der Hölle kam Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die
Heiligen zu denen ich inbrünstig flehte den Bruder Denke Dir liebe Mutter
mein Entsetzen als hier bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen
ein Mann auf mich zutrat den ich auf den ersten Blick für den Mönch Medardus zu
erkennen glaubte unerachtet er weltlich gekleidet ging Ich wurde ohnmächtig
als ich ihn sah In den Armen der Fürstin erwacht rief ich laut »Er ist es er
ist es der Mörder meines Bruders« »Ja er ist es« sprach die Fürstin »der
verkappte Mönch Medardus der dem Kloster entsprang die auffallende Ähnlichkeit
mit seinem Vater Francesko« Hilf heiliger Himmel indem ich diesen Namen
schreibe rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder Jenes Bild meiner
Mutter war Francesko das trügerische Mönchsgebilde das mich quälte hatte
ganz seine Züge Medardus ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem
wunderbaren Traum der Beichte Medardus ist Franceskos Sohn Franz den Du
meine gute Mutter so fromm erziehen ließest und der in Sünde und Frevel geriet
Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesko dass sie sein Bild
heimlich aufbewahrte und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seligen Zeit
zu überlassen schien Wie kam es dass in diesem Bilde Hermogen den Teufel sah
und dass es den Grund legte zu meiner sonderbaren Verirrung Ich versinke in
Ahnungen und Zweifel Heiliger Gott bin ich denn entronnen der bösen Macht
die mich umstrickt hielt Nein ich kann nicht weiter schreiben mir ist als
würd ich von dunkler Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte mir
freundlich den Weg zeigend den ich wandeln soll
Einige Tage später
Nein Keine finstere Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage verdüstern die
mir aufgegangen sind Der ehrwürdige Pater Cyrillus hat Dir meine teure Mutter
wie ich weiß schon ausführlich berichtet welch eine schlimme Wendung der
Prozess Leonards nahm den meine Übereilung den bösen Kriminalgerichten in die
Hände gab Dass der wirkliche Medardus eingefangen wurde dass sein vielleicht
verstellter Wahnsinn bald ganz nachließ dass er seine Freveltaten eingestand
dass er seine gerechte Strafe erwartet und doch nicht weiter denn nur zu sehr
würde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers der als Knabe Dir so teuer
war Dein Herz verwunden Der merkwürdige Prozess war das einzige Gespräch bei
Hofe Man hielt Leonard für einen verschmitzten hartnäckigen Verbrecher weil
er alles leugnete Gott im Himmel Dolchstiche waren mir manche Reden denn
auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir »Er ist unschuldig und das wird
klar werden wie der Tag« Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm gestehen
musste ich es mir selbst dass mir sein Bild rief ich es mir wieder zurück
Regungen erweckte die ich nicht missdeuten konnte Ja ich liebte ihn schon
unaussprechlich als er der Welt noch ein freveliger Verbrecher schien Ein
Wunder musste ihn und mich retten denn ich starb sowie Leonard durch die Hand
des Henkers fiel Er ist schuldlos er liebt mich und bald ist er ganz mein So
geht eine dunkle Ahnung aus frühen Kindesjahren die mir eine feindliche Macht
arglistig zu vertrüben suchte herrlich herrlich auf in regen wonnigem Leben O
gib mir gib dem Geliebten Deinen Segen Du fromme Mutter Ach könnte Dein
glückliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem Herzen
Leonard gleicht ganz jenem Francesko nur scheint er größer auch unterscheidet
ihn ein gewisser charakteristischer Zug der seiner Nation eigen Du weißt dass
er ein Pole ist von Francesko und dem Mönch Medardus sehr merklich Albern war
es wohl überhaupt den geistreichen gewandten herrlichen Leonard auch nur
einen Augenblick für einen entlaufenen Mönch anzusehen Aber so stark ist noch
der fürchterliche Eindruck jener grässlichen Szenen auf unserm Schloss dass oft
tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem strahlenden
Auge das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht mich unwillkürliches Grausen
befällt und ich Gefahr laufe durch mein kindisches Wesen den Geliebten zu
verletzen Mir ist als würde erst des Priesters Segen die finstere Gestalten
bannen die noch jetzt recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben
werfen Schliesse mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet meine teure
Mutter Der Fürst wünscht dass die Vermählung bald vor sich gehe den Tag
schreibe ich Dir damit Du Deines Kindes gedenken mögest in ihres Lebens
feierlicher verhängnisvoller Stunde etc
Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter Es war als wenn der Geist des
Himmels der daraus hervorleuchtete in mein Inneres dringe und vor seinem
reinen Strahl alle sündliche frevelige Glut verlösche Bei Aureliens Anblick
überfiel mich heilige Scheu ich wagte es nicht mehr sie stürmisch zu
liebkosen wie sonst Aurelie bemerkte mein verändertes Betragen ich gestand
ihr reuig den Raub des Briefes an die Äbtissin ich entschuldigte ihn mit einem
unerklärlichen Drange dem ich wie der Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht
nicht widerstehen können ich behauptete dass eben jene höhere auf mich
einwirkende Macht mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen um mir
zu zeigen wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluss sei »Ja du
frommes Himmelskind« sprach ich »auch mir ging einst ein wunderbarer Traum
auf in dem du mir deine Liebe gestandest aber ich war ein unglücklicher vom
Geschick zermalmter Mönch dessen Brust tausend Qualen der Hölle zerrissen
Dich dich liebte ich mit namenloser Inbrunst doch Frevel doppelter
verruchter Frevel war meine Liebe denn ich war ja ein Mönch und du die heilige
Rosalia« Erschrocken fuhr Aurelie auf »Um Gott« sprach sie »um Gott es geht
ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben ach Leonard lass uns
nie an dem Schleier rühren der es umhüllt wer weiß was Grauenvolles
Entsetzliches dahinter verborgen Lass uns fromm sein und fest aneinander halten
in treuer Liebe so widerstehen wir der dunkeln Macht deren Geister uns
vielleicht feindlich bedrohen Dass du meinen Brief lasest das musste so sein
ach ich selbst hätte dir alles erschließen sollen kein Geheimnis darf unter
uns walten Und doch ist es mir als kämpftest du mit manchem was früher recht
verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die Lippen
zu bringen vor unrechter Scheu Sei aufrichtig Leonard Ach wie wird ein
freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern und heller unsere Liebe
strahlen« Wohl fühlte ich bei diesen Worten Aureliens recht marternd wie der
Geist des Truges in mir wohne und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das
fromme Kind recht frevelig getäuscht und dies Gefühl regte sich stärker und
stärker auf in wunderbarer Weise ich musste Aurelien alles alles entdecken und
doch ihre Liebe gewinnen »Aurelie du meine Heilige die mich rettet von«
In dem Augenblick trat die Fürstin herein ihr Anblick warf mich plötzlich
zurück in die Hölle voll Hohn und Gedanken des Verderbens Sie musste mich jetzt
dulden ich blieb und stellte mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr
entgegen Überhaupt war ich nur frei von allen bösen Gedanken wenn ich mit
Aurelien allein mich befand dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels
auf Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit Aurelien In einer
Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir ich wollte ihre Hand ergreifen und
wurde gewahr dass es nur Duft sei der sich gestaltet »Weshalb diese alberne
Täuschung« rief ich erzürnt da flossen helle Tränen aus meiner Mutter Augen
die wurden aber zu silbernen hellblinkenden Sternen aus denen leuchtende
Tropfen fielen und um mein Haupt kreisten als wollten sie einen Heiligenschein
bilden doch immer zerriss eine schwarze fürchterliche Faust den Kreis »Du den
ich rein von jeder Untat geboren« sprach meine Mutter mit sanfter Stimme »ist
denn deine Kraft gebrochen dass du nicht zu widerstehen vermagst den
Verlockungen des Satans Jetzt kann ich erst dein Inneres durchschauen denn
mir ist die Last des Irdischen entnommen Erhebe dich Franziskus ich will
dich schmücken mit Bändern und Blumen denn es ist der Tag des heiligen
Bernardus gekommen und du sollst wieder ein frommer Knabe sein« Da war es
mir als müsse ich wie sonst einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen aber
entsetzlich tobte es dazwischen mein Gesang wurde ein wildes Geheul und
schwarze Schleier rauschten herab zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter
Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der
Straße Er trat freundlich auf mich zu »Wissen Sie schon« fing er an »dass der
Prozess des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden Das Urteil, das ihm
höchst wahrscheinlich den Tod zuerkannt hätte sollte schon abgefasst werden als
er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte Das Kriminalgericht erhielt nämlich
die Nachricht von dem Tode seiner Mutter ich machte es ihm bekannt da lachte
er wild auf und rief mit einer Stimme die selbst dem standhaftesten Gemüt
Entsetzen erregen konnte Ha ha ha die Prinzessin von er nannte die
Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fürsten ist längst gestorben Es ist
jetzt eine neue ärztliche Untersuchung verfügt man glaubt jedoch dass der
Wahnsinn des Mönchs verstellt sei« Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes
meiner Mutter sagen sie war mir in demselben Moment als sie starb erschienen
und tief eindringend in Sinn und Gemüt war nun auch die nur zu sehr vergessene
Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele die mein werden
sollte Milder und weicher geworden schien ich nun erst Aureliens Liebe ganz zu
verstehen ich mochte sie wie eine mich beschirmende Heilige kaum verlassen und
mein düsteres Geheimnis wurde indem sie nicht mehr deshalb in mich drang nun
ein mir selbst unerforschliches von höheren Mächten verhängtes Ereignis Der
von dem Fürsten bestimmte Tag der Vermählung war gekommen Aurelie wollte in
erster Frühe vor dem Altar der heiligen Rosalia in der nahegelegenen
Klosterkirche getraut sein Wachend und nach langer Zeit zum erstenmal
inbrünstig betend brachte ich die Nacht zu Ach ich Verblendeter fühlte nicht
dass das Gebet womit ich mich zur Sünde rüstete höllischer Frevel sei Als
ich zu Aurelien eintrat kam sie mir weiß gekleidet und mit duftenden Rosen
geschmückt in holder Engelsschönheit entgegen Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck
hatte etwas sonderbar Altertümliches eine dunkle Erinnerung ging in mir auf
aber von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt als plötzlich lebhaft das
Bild des Altars an dem wir getraut werden sollten mir vor Augen stand Das
Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor und gerade so wie Aurelie
war sie gekleidet Schwer wurde es mir den grausigen Eindruck den dies auf
mich machte zu verbergen Aurelie gab mir mit einem Blick aus dem ein ganzer
Himmel voll Liebe und Seligkeit strahlte die Hand ich zog sie an meine Brust
und mit dem Kuss des reinsten Entzückens durchdrang mich aufs neue das deutliche
Gefühl dass nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne Ein fürstlicher
Bedienter meldete dass die Herrschaft bereit sei uns zu empfangen Aurelie zog
schnell die Handschuhe an ich nahm ihren Arm da bemerkte das Kammermädchen
dass das Haar in Unordnung gekommen sei sie sprang fort um Nadeln zu holen Wir
warteten an der Türe der Aufenthalt schien Aurelien unangenehm In dem
Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch auf der Straße hohle Stimmen riefen
durcheinander und das dröhnende Gerassel eines schweren langsam rollenden
Wagens ließ sich vernehmen Ich eilte ans Fenster Da stand eben vor dem
Palast der vom Henkersknecht geführte Leiterwagen auf dem der Mönch rückwärts
saß vor ihm ein Kapuziner laut und eifrig mit ihm betend Er war entstellt von
der Blässe der Todesangst und dem struppigen Bart doch waren die Züge des
grässlichen Doppeltgängers mir nur zu kenntlich Sowie der Wagen
augenblicklich gehemmt durch die andrängende Volksmasse wieder fortrollte warf
er den stieren entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte
und heulte herauf »Bräutigam Bräutigam komm komm aufs Dach aufs
Dach da wollen wir ringen miteinander und wer den andern herabstösst ist
König und darf Blut trinken« Ich schrie auf »Entsetzlicher Mensch was
willst du was willst du von mir« Aurelie umfasste mich mit beiden Armen
sie riss mich mit Gewalt vom Fenster rufend »Um Gott und der heiligen Jungfrau
willen Sie führen den Medardus den Mörder meines Bruders zum Tode
Leonard Leonard« Da wurden die Geister der Hölle in mir wach und bäumten
sich auf mit der Gewalt die ihnen verliehen über den frevelnden verruchten
Sünder Ich erfasste Aurelien mit grimmer Wut dass sie zusammenzuckte »Ha ha
ha Wahnsinniges töriges Weib ich ich dein Buhle dein Bräutigam bin
der Medardus bin deines Bruders Mörder du Braut des Mönchs willst
Verderben herabwinseln über deinen Bräutigam Ho ho ho ich bin König ich
trinke dein Blut« Das Mordmesser riss ich heraus ich stieß nach Aurelien
die ich zu Boden fallen lassen ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand
Ich stürzte die Treppen hinab durch das Volk hin zum Wagen ich riss den Mönch
herab und warf ihn zu Boden da wurde ich festgepackt wütend stieß ich mit dem
Messer um mich herum ich wurde frei ich sprang fort man drang auf mich
ein ich fühlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet aber das Messer
in der rechten Hand und mit der linken kräftige Faustschläge austeilend
arbeitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks die ich mit einem
fürchterlichen Satz übersprang »Mord Mord Haltet haltet den Mörder«
riefen Stimmen hinter mir her ich hörte es rasseln man wollte das
verschlossene Tor des Parks sprengen unaufhaltsam rannte ich fort Ich kam an
den breiten Graben der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte
ein mächtiger Sprung ich war hinüber und immer fort und fort rannte ich durch
den Wald bis ich erschöpft unter einem Baume niedersank Es war schon finstre
Nacht worden als ich wie aus tiefer Betäubung erwachte Nur der Gedanke zu
fliehen wie ein gehetztes Tier stand fest in meiner Seele Ich stand auf aber
kaum war ich einige Schritte fort als aus dem Gebüsch hervorrauschend ein
Mensch auf meinen Rücken sprang und mich mit den Armen umhalste Vergebens
versuchte ich ihn abzuschütteln ich warf mich nieder ich drückte mich
hinterrücks an die Bäume alles umsonst Der Mensch kicherte und lachte
höhnisch da brach der Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen und das
totenbleiche grässliche Gesicht des Mönchs des vermeintlichen Medardus des
Doppeltgängers starrte mich an mit dem grässlichen Blick wie von dem Wagen
herauf »Hi hi hi Brüderlein Brüderlein immer immer bin ich bei
dir lasse dich nicht lasse dich nicht Kann nicht lau laufen
wie du musst mich tra tragen Komme vom Ga Galgen haben mich rä
rädern wollen hi hi« So lachte und heulte das grause Gespenst indem ich
von wildem Entsetzen gekräftigt hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange
eingeschnürter Tiger Ich raste gegen Baum und Felsstücke um ihn wo nicht
zu töten doch wenigstens hart zu verwunden dass er mich zu lassen genötigt sein
sollte Dann lachte er stärker und mich nur traf jäher Schmerz ich versuchte
seine unter meinem Kinn festgeknoteten Hände loszuwinden aber die Gurgel
einzudrücken drohte mir des Ungetümes Gewalt Endlich nach tollem Rasen fiel
er plötzlich herab aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt als er von
neuem auf meinem Rücken saß kichernd und lachend und jene entsetzliche Worte
stammelnd Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut aufs neue befreit aufs
neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst Es ist mir nicht möglich
deutlich anzugeben wie lange ich von dem Doppeltgänger verfolgt durch finstre
Wälder floh es ist mir so als müsse das Monate hindurch ohne dass ich Speise
und Trank genoss gedauert haben Nur eines lichten Augenblicks erinnere ich mich
lebhaft nach welchem ich in gänzlich bewusstlosen Zustand verfiel Eben war es
mir geglückt meinen Doppeltgänger abzuwerfen als ein heller Sonnenstrahl und
mit ihm ein holdes anmutiges Tönen den Wald durchdrang Ich unterschied eine
Klosterglocke die zur Frühmette läutete »Du hast Aurelie ermordet« Der
Gedanke erfasste mich mit des Todes eiskalten Armen und ich sank bewusstlos
nieder
Zweiter Abschnitt
Die Busse
Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres Dann fühlte ich es in allen Adern
seltsam arbeiten und prickeln dies Gefühl wurde zu Gedanken doch war mein Ich
hundertfach zerteilt Jeder Teil hatte im eignen Regen eigenes Bewusstsein des
Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern die wie untreue Vasallen sich
nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft Nun fingen die Gedanken der
einzelnen Teile an sich zu drehen wie leuchtende Punkte immer schneller und
schneller so dass sie einen Feuerkreis bildeten der wurde kleiner sowie die
Schnelligkeit wuchs dass er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien
Aus der schossen rotglühende Strahlen und bewegten sich im farbichten
Flammenspiel »Das sind meine Glieder die sich regen jetzt erwache ich« So
dachte ich deutlich aber in dem Augenblick durchzuckte mich ein jäher Schmerz
helle Glockentöne schlugen an mein Ohr »Fliehen weiter fort weiter fort«
rief ich laut wollte mich schnell aufraffen fiel aber entkräftet zurück Jetzt
erst vermochte ich die Augen zu öffnen Die Glockentöne dauerten fort ich
glaubte noch im Walde zu sein aber wie erstaunte ich als ich die Gegenstände
rings umher als ich mich selbst betrachtete In dem Ordenshabit der Kapuziner
lag ich in einem hohen einfachen Zimmer auf einer wohlgepolsterten Matratze
ausgestreckt Ein paar Rohrstühle ein kleiner Tisch und ein ärmliches Bett
waren die einzigen Gegenstände die sich noch im Zimmer befanden Es wurde mir
klar dass mein bewusstloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben und dass ich in
demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein musste das
Kranke aufnehme Vielleicht war meine Kleidung zerrissen und man gab mir
vorläufig eine Kutte Der Gefahr so schien es mir war ich entronnen Diese
Vorstellungen beruhigten mich ganz und ich beschloss abzuwarten was sich weiter
zutragen würde da ich voraussetzen konnte dass man bald nach dem Kranken sehen
würde Ich fühlte mich sehr matt sonst aber ganz schmerzlos Nur einige Minuten
hatte ich so zum vollkommenen Bewusstsein erwacht gelegen als ich Tritte
vernahm die sich wie auf einem langen Gange näherten Man schloss meine Türe
auf und ich erblickte zwei Männer von denen einer bürgerlich gekleidet war
der andere aber den Ordenshabit der Barmherzigen Brüder trug Sie traten
schweigend auf mich zu der bürgerlich Gekleidete sah mir scharf in die Augen
und schien sehr verwundert »Ich bin wieder zu mir selbst gekommen mein Herr«
fing ich mit matter Stimme an »dem Himmel sei es gedankt der mich zum Leben
erweckt hat wo befinde ich mich aber wie bin ich hergekommen« Ohne mir zu
antworten wandte sich der bürgerlich Gekleidete zu dem Geistlichen und sprach
auf italienisch »Das ist in der Tat erstaunenswürdig der Blick ist ganz
geändert die Sprache rein nur matt es muss eine besondere Krisis eingetreten
sein« »Mir scheint« erwiderte der Geistliche »mir scheint als wenn die
Heilung nicht mehr zweifelhaft sein könne« »Das kommt« fuhr der bürgerlich
Gekleidete fort »das kommt darauf an wie er sich in den nächsten Tagen hält
Verstehen Sie nicht so viel deutsch um mit ihm zu sprechen« »Leider nein«
antwortete der Geistliche »Ich verstehe und spreche italienisch« fiel ich
ein »sagen Sie mir wo bin ich wie bin ich hergekommen« Der bürgerlich
Gekleidete wie ich wohl merken konnte ein Arzt schien freudig verwundert
»Ah« rief er aus »ah das ist gut Ihr befindet Euch ehrwürdiger Herr an
einem Orte wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt Ihr wurdet
vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht Ihr wart sehr
krank aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der
Genesung zu befinden Haben wir das Glück Euch ganz zu heilen so könnt Ihr
ruhig Eure Straße fortwandeln denn wie ich höre wollt Ihr nach Rom« »Bin
ich denn« frug ich weiter »in der Kleidung die ich trage zu Euch gekommen«
»Freilich« erwiderte der Arzt »aber lasst das Fragen beunruhigt Euch nur
nicht alles sollt Ihr erfahren die Sorge für Eure Gesundheit ist jetzt das
vornehmlichste« Er fasste meinen Puls der Geistliche hatte unterdessen eine
Tasse herbeigebracht die er mir darreichte »Trinkt« sprach der Arzt »und
sagt mir dann wofür Ihr das Getränk haltet« »Es ist« erwiderte ich nachdem
ich getrunken »es ist eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe« Der Arzt
lächelte zufrieden und rief dem Geistlichen zu »Gut sehr gut« Beide
verließen mich Nun war meine Vermutung wie ich glaubte richtig Ich befand
mich in einem öffentlichen Krankenhause Man pflegte mich mit stärkenden
Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei so dass ich nach drei Tagen imstande war
aufzustehen Der Geistliche öffnete ein Fenster eine warme herrliche Luft wie
ich sie nie geatmet strömte herein ein Garten schloss sich an das Gebäude
herrliche fremde Bäume grünten und blühten Weinlaub rankte sich üppig an der
Mauer empor vor allem aber war mir der dunkelblaue duftige Himmel eine
Erscheinung aus ferner Zauberwelt »Wo bin ich denn« rief ich voll Entzücken
aus »haben mich die Heiligen gewürdigt in einem Himmelslande zu wohnen« Der
Geistliche lächelte wohlbehaglich indem er sprach »Ihr seid in Italien mein
Bruder in Italien« Meine Verwunderung wuchs bis zum höchsten Grade ich
drang in den Geistlichen mir genau die Umstände meines Eintritts in dies Haus
zu sagen er wies mich an den Doktor Der sagte mir endlich dass vor drei
Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe mich
aufzunehmen ich befände mich nämlich in einem Krankenhause das von
Barmherzigen Brüdern verwaltet werde Sowie ich mich mehr und mehr erkräftigte
bemerkte ich dass beide der Arzt und der Geistliche sich in mannigfache
Gespräche mit mir einliessen und mir vorzüglich Gelegenheit gaben lange
hintereinander zu erzählen Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den
verschiedensten Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu und der Arzt
lag mir an manches niederzuschreiben welches er dann in meiner Gegenwart las
und sehr zufrieden schien Doch fiel es mir oft seltsamlich auf dass er statt
meine Arbeit selbst zu loben immer nur sagte »In der Tat das geht gut
ich habe mich nicht getäuscht wunderbar wunderbar« Ich durfte nun zu
gewissen Stunden in den Garten hinab wo ich manchmal grausig entstellte
totenblasse bis zum Geripp ausgetrocknete Menschen von Barmherzigen Brüdern
geleitet erblickte Einmal begegnete mir als ich schon im Begriff stand in
das Haus zurückzukehren ein langer hagerer Mann in einem seltsamen erdgelben
Mantel der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt und nach jedem
Schritt machte er einen possierlichen Sprung und pfiff dazu mit durchdringender
Stimme Erstaunt blieb ich stehen doch der Geistliche der mich begleitete zog
mich schnell fort indem er sprach »Kommt kommt lieber Bruder Medardus das
ist nichts für Euch« »Um Gott« rief ich aus »woher wisst Ihr meinen Namen«
Die Heftigkeit womit ich diese Worte außstieß schien meinen Begleiter zu
beunruhigen »Ei« sprach er »wie sollen wir denn Euren Namen nicht wissen Der
Mann der Euch herbrachte nannte ihn ja ausdrücklich und Ihr seid eingetragen
in die Register des Hauses Medardus Bruder des Kapuzinerklosters zu B«
Eiskalt bebte es mir durch die Glieder Aber mochte der Unbekannte der mich in
das Krankenhaus gebracht hatte sein wer er wollte mochte er eingeweiht sein
in mein entsetzliches Geheimnis er konnte nicht Böses wollen denn er hatte ja
freundlich für mich gesorgt und ich war ja frei
Ich lag im offenen Fenster und atmete in vollen Zügen die herrliche warme
Luft ein die durch Mark und Adern strömend neues Leben in mir entzündete als
ich eine kleine dürre Figur ein spitzes Hütchen auf dem Kopfe und in einen
ärmlichen erblichenen Überrock gekleidet den Hauptgang nach dem Hause herauf
mehr hüpfen und trippeln als gehen sah Als er mich erblickte schwenkte er den
Hut in der Luft und warf mir Kusshändchen zu Das Männlein hatte etwas Bekanntes
doch konnte ich die Gesichtszüge nicht deutlich erkennen und er verschwand
unter den Bäumen ehe ich mit mir einig worden wer es wohl sein möge Doch
nicht lange dauerte es so klopfte es an meine Türe ich öffnete und dieselbe
Figur die ich im Garten gesehen trat herein »Schönfeld« rief ich voll
Verwunderung »Schönfeld wie kommen Sie her um des Himmels willen« Es war
jener närrische Friseur aus der Handelsstadt der mich damals rettete aus großer
Gefahr »Ach ach ach« seufzte er indem sich sein Gesicht auf komische Weise
weinerlich verzog »wie soll ich denn herkommen ehrwürdiger Herr wie soll ich
denn herkommen anders als geworfen geschleudert von dem bösen Verhängnis das
alle Genies verfolgt Eines Mordes wegen musste ich fliehen« »Eines Mordes
wegen« unterbrach ich ihn heftig »Ja eines Mordes wegen« fuhr er fort
»ich hatte im Zorn den linken Backenbart des jüngsten Kommerzienrates in der
Stadt getötet und dem rechten gefährliche Wunden beigebracht« »Ich bitte
Sie« unterbrach ich ihn aufs neue »lassen Sie die Possen sein Sie einmal
vernünftig und erzählen Sie im Zusammenhange oder verlassen Sie mich« »Ei
lieber Bruder Medardus« fing er plötzlich sehr ernst an »du willst mich
fortschicken nun du genesen und musstest mich doch in deiner Nähe leiden als
du krank dalagst und ich dein Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief«
»Was heißt das« rief ich bestürzt aus »wie kommen Sie auf den Namen Medardus«
»Schauen Sie« sprach er lächelnd »den rechten Zipfel Ihrer Kutte gefälligst
an« Ich tat es und erstarrte vor Schreck und Erstaunen denn ich fand dass der
Name Medardus hineingenäht war sowie mich bei genauerer Untersuchung
untrügliche Kennzeichen wahrnehmen ließ dass ich ganz unbezweifelt dieselbe
Kutte trug die ich auf der Flucht aus dem Schloss des Barons von F in einem
hohlen Baum verborgen hatte Schönfeld bemerkte meine innere Bewegung er
lächelte ganz seltsam den Zeigefinger an die Nase gelegt sich auf den
Fußspitzen erhebend schaute er mir ins Auge ich blieb sprachlos da fing er
leise und bedächtig an »Ew Ehrwürden wundern sich merklich über das schöne
Kleid das Ihnen angelegt worden es scheint Ihnen überall wunderbar anzustehn
und zu passen besser als jenes nussbraune Kleid mit schnöden besponnenen
Knöpfen das mein ernsthafter vernünftiger Damon Ihnen anlegte Ich ich
der verkannte verbannte Pietro Belcampo war es der Eure Blöße deckte mit
diesem Kleide Bruder Medardus Ihr wart nicht im sonderlichsten Zustande denn
als Überrock Spenzer englischen Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne
Haut und an schickliche Frisur war nicht zu denken da Ihr eingreifend in
meine Kunst Euren Karakalla mit dem zehnzahnichten Kamm der Euch an die Fauste
gewachsen selbst besorgtet« »Lasst die Narrheiten« fuhr ich auf »lasst die
Narrheiten Schönfeld« »Pietro Belcampo heiße ich« unterbrach er mich in
vollem Zorne »ja Pietro Belcampo hier in Italien und du magst es nur wissen
Medardus ich selbst ich selbst bin die Narrheit die ist überall hinter dir
her um deiner Vernunft beizustehen und du magst es nun einsehen oder nicht in
der Narrheit findest du nur dein Heil denn deine Vernunft ist ein höchst
miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten sie taumelt hin und her
wie ein gebrechliches Kind und muss mit der Narrheit in Kompanie treten die
hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden nach der Heimat das ist das
Tollhaus da sind wir beide richtig angelangt mein Brüderchen Medardus« Ich
schauderte zusammen ich dachte an die Gestalten die ich gesehen an den
springenden Mann im erdgelben Mantel und konnte nicht zweifeln dass Schönfeld
in seinem Wahnsinn mir die Wahrheit sagte »Ja mein Brüderchen Medardus« fuhr
Schönfeld mit erhobener Stimme und heftig gestikulierend fort »ja mein liebes
Brüderchen Die Narrheit erscheint auf Erden wie die wahre Geisterkönigin Die
Vernunft ist nur ein träger Stattalter der sich nie darum kümmert was außer
den Grenzen des Reichs vorgeht der nur aus Langeweile auf dem Paradeplatz die
Soldaten exerzieren lässt die können nachher keinen ordentlichen Schuss tun wenn
der Feind eindringt von außen Aber die Narrheit die wahre Königin des Volks
zieht ein mit Pauken und Trompeten hussa hussa hinter ihr her Jubel Jubel
Die Vasallen erheben sich von den Plätzen wo sie die Vernunft einsperrte und
wollen nicht mehr stehen sitzen und liegen wie der pedantische Hofmeister es
will der sieht die Nummern durch und spricht Seht die Narrheit hat mir meine
besten Eleven entrückt fortgerückt verrückt ja sie sind verrückt worden
Das ist ein Wortspiel Brüderlein Medardus ein Wortspiel ist ein glühendes
Lockeneisen in der Hand der Narrheit womit sie Gedanken krümmt« »Noch
einmal« fiel ich dem albernen Schönfeld in die Rede »noch einmal bitte ich
Euch das unsinnige Geschwätz zu lassen wenn Ihr es vermöget und mir zu sagen
wie Ihr hergekommen seid und was Ihr von mir und von dem Kleide wisst das ich
trage« Ich hatte ihn mit diesen Worten bei den Händen gefasst und in einen
Stuhl gedrückt Er schien sich zu besinnen indem er die Augen niederschlug und
tief Atem schöpfte »Ich habe Ihnen« fing er dann mit leiser matter Stimme an
»ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet ich war es ja der Ihrer
Flucht aus der Handelsstadt behilflich war ich war es wiederum der Sie
herbrachte« »Aber um Gott um der Heiligen willen wo fanden Sie mich« So
rief ich laut aus indem ich ihn losliess doch in dem Augenblick sprang er auf
und schrie mit funkelnden Augen »Ei Bruder Medardus hätt ich dich nicht
klein und schwach wie ich bin auf meinen Schultern fortgeschleppt du lägest
mit zerschmetterten Gliedern auf dem Rade« Ich erbebte wie vernichtet sank
ich in den Stuhl die Türe öffnete sich und hastig trat der mich pflegende
Geistliche herein »Wie kommt Ihr hieher wer hat Euch erlaubt dies Zimmer zu
betreten« So fuhr er auf Belcampo los dem stürzten aber die Tränen aus den
Augen und er sprach mit flehender Stimme »Ach mein ehrwürdiger Herr nicht
länger konnte ich dem Drange widerstehen meinen Freund zu sprechen den ich
dringender Todesgefahr entrissen« Ich ermannte mich »Sagt mir mein lieber
Bruder« sprach ich zu dem Geistlichen »hat mich dieser Mann wirklich
hergebracht« Er stockte »Ich weiß jetzt wo ich mich befinde« fuhr ich
fort »ich kann vermuten dass ich im schrecklichsten Zustande war den es gibt
aber Ihr merkt dass ich vollkommen genesen und so darf ich wohl nun alles
erfahren was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte weil man mich
für reizbar hielt« »So ist es in der Tat« antwortete der Geistliche »dieser
Mann brachte Euch es mögen ungefähr drei bis viertehalb Monate her sein in
unsere Anstalt Er hatte Euch wie er erzählte für tot in dem Walde der vier
Meilen von hier dassche von unserm Gebiet scheidet gefunden und Euch für den
ihm früher bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B erkannt der
auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam wo er sonst wohnte Ihr befandet
Euch in einem vollkommen apatischen Zustande Ihr gingt wenn man Euch führte
Ihr bliebt stehen wenn man Euch losliess Ihr setztet Ihr legtet Euch nieder
wenn man Euch die Richtung gab Speise und Trank musste man Euch einflößen Nur
dumpfe unverständliche Laute vermochtet Ihr auszustossen Euer Blick schien ohne
alle Sehkraft Belcampo verließ Euch nicht sondern war Euer treuer Wärter Nach
vier Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei man war genötigt Euch in
eins der dazu bestimmten abgelegenen Gemächer zu bringen Ihr wart dem wilden
Tier gleich doch nicht näher mag ich Euch einen Zustand schildern dessen
Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein würde Nach vier Wochen kehrte
plötzlich jener apatische Zustand wieder der in eine vollkommene Starrsucht
überging aus der Ihr genesen erwachtet« Schönfeld hatte sich während dieser
Erzählung des Geistlichen gesetzt und wie in tiefes Nachdenken versunken den
Kopf in die Hand gestützt »Ja« fing er an »ich weiß recht gut dass ich
zuweilen ein aberwitziger Narr bin aber die Luft im Tollhause vernünftigen
Leuten verderblich hat gar gut auf mich gewirkt Ich fange an über mich selbst
zu räsonieren und das ist kein übles Zeichen Existiere ich überhaupt nur durch
mein eigenes Bewusstsein so kommt es nur darauf an dass dies Bewusstsein dem
Bewussten die Hanswurstjacke ausziehe und ich selbst stehe da als solider
Gentleman O Gott ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor sich
selbst ein gesetzter Hasenfuß Hasenfüssigkeit schützt vor allem Wahnsinn und
ich kann Euch versichern ehrwürdiger Herr dass ich auch bei Nordnordwest einen
Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu unterscheiden vermag« »Ist dem
wirklich so« sprach ich »so beweisen Sie es dadurch dass Sie mir ruhig den
Hergang der Sache erzählen wie Sie mich fanden und wie Sie mich herbrachten«
»Das will ich tun« erwiderte Schönfeld »unerachtet der geistliche Herr hier
ein gar besorgliches Gesicht schneidet erlaube aber Bruder Medardus dass ich
dich als meinen Schützling mit dem vertraulichen Du anrede Der fremde Maler
war den andern Morgen nachdem du in der Nacht entflohen auch mit seiner
Gemäldesammlung auf unbegreifliche Weise verschwunden So sehr die Sache
überhaupt anfangs Aufsehen erregt hatte so bald war sie doch im Strome neuer
Begebenheiten untergegangen Nur als der Mord auf dem Schloss des Barons F
bekannt wurde als diesche Gerichte durch Steckbriefe den Mönch Medardus aus
dem Kapuzinerkloster zu B verfolgten da erinnerte man sich daran dass der
Maler die ganze Geschichte im Weinhause erzählt und in dir den Bruder Medardus
erkannt hatte Der Wirt des Hotels wo du gewohnt hattest bestätigte die
Vermutung dass ich deiner Flucht förderlich gewesen war Man wurde auf mich
aufmerksam man wollte mich ins Gefängnis setzen Leicht war mir der Entschluss
dem elenden Leben das schon längst mich zu Boden gedrückt hatte zu entfliehen
Ich beschloss nach Italien zu gehen wo es Abbates und Frisuren gibt Auf meinem
Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fürsten von Man sprach von
deiner Vermählung mit Aurelien und von der Hinrichtung des Mönchs Medardus Ich
sah auch diesen Mönch Nun dem sei wie ihm wolle ich halte dich nun einmal
für den wahren Medardus Ich stellte mich dir in den Weg du bemerktest mich
nicht und ich verließ die Residenz um meine Straße weiter zu verfolgen Nach
langer Reise rüstete ich mich einst in frühster Morgendämmerung den Wald zu
durchwandern der in düstrer Schwärze vor mir lag Eben brachen die ersten
Strahlen der Morgensonne hervor als es in dem dicken Gebüsch rauschte und ein
Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart aber in zierlicher Kleidung bei mir
vorübersprang Sein Blick war wild und verstört im Augenblick war er mir aus
dem Gesicht verschwunden Ich schritt weiter fort doch wie entsetzte ich mich
als ich dicht vor mir eine nackte menschliche Figur ausgestreckt auf dem Boden
erblickte Ich glaubte es sei ein Mord geschehen und der Fliehende sei der
Mörder Ich bückte mich herab zu dem Nackten erkannte dich und wurde gewahr
dass du leise atmetest Dicht bei dir lag die Mönchskutte die du jetzt trägst
mit vieler Mühe kleidete ich dich darin und schleppte dich weiter fort Endlich
erwachtest du aus tiefer Ohnmacht du bliebst aber in dem Zustande wie ihn dir
der ehrwürdige Herr hier erst beschrieben Es kostete keine geringe Anstrengung
dich fortzuschaffen und so kam es dass ich erst am Abende eine Schenke
erreichte die mitten im Walde liegt Wie schlaftrunken ließ ich dich auf einem
Rasenplatze zurück und ging hinein um Speise und Trank zu holen In der Schenke
saßen sche Dragoner die sollten wie die Wirtin sagte einem Mönch bis an
die Grenze nachspüren der auf unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen
sei als er schwerer Verbrechen halber in hätte hingerichtet werden sollen
Ein Geheimnis war es mir wie du aus der Residenz in den Wald kamst aber die
Überzeugung du seist eben der Medardus den man suche hieß mich alle Sorgfalt
anwenden dich der Gefahr in der du mir zu schweben schienst zu entreißen
Durch Schleichwege schaffte ich dich fort über die Grenze und kam endlich mit
dir in dies Haus wo man dich und auch mich aufnahm da ich erklärte mich von
dir nicht trennen zu wollen Hier warst du sicher denn in keiner Art hätte man
den aufgenommenen Kranken fremden Gerichten ausgeliefert Mit deinen fünf Sinnen
war es nicht sonderlich bestellt als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich
pflegte Auch die Bewegung deiner Gliedmaßen war nicht zu rühmen Noverre und
Vestris hätten dich tief verachtet denn dein Kopf hing auf die Brust und
wollte man dich gerade aufrichten so stülptest du um wie ein missratner Kegel
Auch mit der Rednergabe ging es höchst traurig denn du warst verdammt einsilbig
und sagtest in aufgeräumten Stunden nur Hu hu und Me me woraus dein
Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen und beinahe zu glauben beides
sei dir untreu worden und vagabundiere auf seine eigene Hand oder seinen eignen
Fuß Endlich wurdest du mit einemmal überaus lustig du sprangst hoch in die
Lüfte brülltest vor lauter Entzücken und rissest dir die Kutte vom Leibe um
frei zu sein von jeder naturbeschränkenden Fessel dein Appetit« »Halten Sie
ein Schönfeld« unterbrach ich den entsetzlichen Witzling »halten Sie ein Man
hat mich schon von dem fürchterlichen Zustande in den ich versunken
unterrichtet Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herrn Dank sei es
der Fürsprache der Gebenedeiten und der Heiligen dass ich errettet worden bin«
»Ei ehrwürdiger Herr« fuhr Schönfeld fort »was haben Sie denn nun davon
ich meine von der besonderen Geistesfunktion die man Bewusstsein nennt und die
nichts anders ist als die verfluchte Tätigkeit eines verdammten Toreinnehmers
Akziseoffizianten Oberkontrollassistenten der sein heilloses Kontor im
Oberstübchen aufgeschlagen hat und zu aller Ware die hinaus will sagt Hei
hei die Ausfuhr ist verboten im Lande im Lande bleibts Die schönsten
Juwelen werden wie schnöde Saatkörner in die Erde gesteckt und was
emporschiesst sind höchstens Runkelrüben aus denen die Praxis mit tausend
Zentner schwerem Gewicht eine Viertelunze übelschmeckenden Zucker presst Hei
hei und doch sollte jene Ausfuhr einen Handelsverkehr begründen mit der
herrlichen Gottesstadt da droben wo alles stolz und herrlich ist Gott im
Himmel Herr Allen meinen teuer erkauften Puder à la Maréchal oder à la
Pompadour oder à la reine de Golconde hätte ich in den Fluss geworfen wo er am
tiefsten ist hätte ich nur wenigstens durch TransitoHandel ein Quentlein
Sonnenstäubchen von dorther bekommen können um die Perücken höchst gebildeter
Professoren und Schulkollegen zu pudern zuvörderst aber meine eigne Was sage
ich hätte mein Damon Ihnen ehrwürdigster aller ehrwürdigen Mönche statt des
flohfarbnen Fracks einen Sonnenmatin umhängen können in dem die reichen
übermütigen Bürger der Gottesstadt zu Stuhle gehen wahrhaftig es wäre was
Anstand und Würde betrifft alles anders gekommen aber so hielt Sie die Welt
für einen gemeinen glebae adscriptus und den Teufel für Ihren Cousin germain«
Schönfeld war aufgestanden und ging oder hüpfte vielmehr stark gestikulierend
und tolle Gesichter schneidend von einer Ecke des Zimmers zur andern Er war im
vollen Zuge wie gewöhnlich sich in der Narrheit durch die Narrheit zu
entzünden ich fasste ihn daher bei beiden Händen und sprach »Willst du dich
denn durchaus statt meiner hier einbürgern Ist es dir denn nicht möglich nach
einer Minute verständigen Ernstes das Possenhafte zu lassen« Er lächelte auf
seltsame Weise und sagte »Ist wirklich alles so albern was ich spreche wenn
mir der Geist kommt« »Das ist ja eben das Unglück« erwiderte ich »dass deinen
Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt aber du vertrödelst und verbrämst
alles mit solch buntem Zeuge dass ein guter in echter Farbe gehaltener Gedanke
lächerlich und unscheinbar wird wie ein mit scheckigen Fetzen behängtes Kleid
Du kannst wie ein Betrunkener nicht auf gerader Schnur gehen du springst
hinüber und herüber deine Richtung ist schief« »Was ist Richtung«
unterbrach mich Schönfeld leise und fortlächelnd mit bittersüsser Miene »Was ist
Richtung ehrwürdiger Kapuziner Richtung setzt ein Ziel voraus nach dem wir
unsere Richtung nehmen Sind Sie Ihres Zieles gewiss teurer Mönch fürchten
Sie nicht dass Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen statt dessen
aber im Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu viel Spirituöses genossen und
nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei Ziele sehen ohne zu wissen welches
das rechte Überdem Kapuziner vergib es meinem Stande dass ich das
Possenhafte als eine angenehme Beimischung spanischen Pfeffer zum Blumenkohl
in mir trage Ohne das ist ein Haarkünstler eine erbärmliche Figur ein
armseliger Dummkopf der das Privilegium in der Tasche trägt ohne es zu nutzen
zu seiner Lust und Freude« Der Geistliche hatte bald mich bald den
grimassierenden Schönfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet er verstand da wir
deutsch sprachen kein Wort jetzt unterbrach er unser Gespräch »Verzeihet
meine Herren wenn es meine Pflicht heischt eine Unterredung zu enden die euch
beiden unmöglich wohl tun kann Ihr seid mein Bruder noch zu sehr geschwächt
um von Dingen, die wahrscheinlich aus Eurem frühern Leben schmerzhafte
Erinnerungen aufregen so anhaltend fortzusprechen Ihr könnt ja nach und nach
von Eurem Freunde alles erfahren denn wenn Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt
verlasset so wird Euch doch wohl Euer Freund weiter geleiten Zudem habt Ihr
er wandte sich zu Schönfeld eine Art des Vortrags die ganz dazu geeignet ist
alles das wovon Ihr sprecht dem Zuhörer lebendig vor Augen zu bringen In
Deutschland muss man Euch für toll halten und selbst bei uns würdet Ihr für
einen guten Buffone gelten Ihr könnt auf dem komischen Theater Euer Glück
machen« Schönfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an dann
erhob er sich auf den Fußspitzen schlug die Hände über den Kopf zusammen und
rief auf italienisch »Geisterstimme Schicksalsstimme du hast aus dem
Munde dieses ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen Belcampo Belcampo so
konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen es ist entschieden« Damit
sprang er zur Türe hinaus Den andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein
»Du bist mein lieber Bruder Medardus« sprach er »nunmehr ganz genesen du
bedarfst meines Beistandes nicht mehr ich ziehe fort wohin mich mein innerster
Beruf leitet Lebe wohl doch erlaube dass ich zum letztenmal meine Kunst
die mir nun wie ein schnödes Gewerbe vorkommt an dir übe« Er zog Messer
Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften
Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung Der Mensch war mir trotz der
Treue die er mir bewiesen unheimlich worden ich war froh als er geschieden
Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei ziemlich aufgeholfen meine Farbe war
frischer worden und durch immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte
wieder Ich war überzeugt eine Fussreise aushalten zu können und verließ ein
Haus das dem Geisteskranken wohltätig dem Gesunden aber unheimlich und
grauenvoll sein musste Man hatte mir die Absicht untergeschoben nach Rom zu
pilgern ich beschloss dieses wirklich zu tun und so wandelte ich fort auf der
Straße die als dorthin führend mir bezeichnet worden war Unerachtet mein Geist
vollkommen genesen war ich mir doch selbst eines gefühllosen Zustandes bewusst
der über jedes im Innern aufkeimende Bild einen düstern Flor warf so dass alles
farblos grau in grau erschien Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen
beschäftigte mich die Sorge für den Augenblick ganz und gar Ich sah in die
Ferne um den Ort zu erspähen wo ich würde einsprechen können um mir Speise
oder Nachtquartier zu erbetteln und war recht innig froh wenn Andächtige
meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefüllt hatten wofür ich meine Gebete
mechanisch herplapperte Ich war selbst im Geist zum gewöhnlichen stupiden
Bettelmönch herabgesunken So kam ich endlich an das große Kapuzinerkloster
das wenige Stunden von Rom nur von Wirtschaftsgebäuden umgeben einzeln
daliegt Dort musste man den Ordensbruder aufnehmen und ich gedachte mich in
voller Gemächlichkeit recht auszupflegen Ich gab vor dass nachdem das Kloster
in Deutschland worin ich mich sonst befand aufgehoben worden ich
fortgepilgert sei und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten
wünsche Mit der Freundlichkeit die den italienischen Mönchen eigen bewirtete
man mich reichlich und der Prior erklärte dass insofern mich nicht vielleicht
die Erfüllung eines Gelübdes weiter zu pilgern nötige ich als Fremder so lange
im Kloster bleiben könne als es mir anstehen würde Es war Vesperzeit die
Mönche gingen in den Chor und ich trat in die Kirche Der kühne herrliche Bau
des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung aber mein zur Erde
gebeugter Geist konnte sich nicht erheben wie es sonst geschah seit der Zeit
als ich ein kaum erwachtes Kind die Kirche der heiligen Linde geschaut hatte
Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet schritt ich durch die
Seitengänge die Altargemälde betrachtend welche wie gewöhnlich die Martyrien
der Heiligen denen sie geweiht darstellten Endlich trat ich in eine
Seitenkapelle deren Altar von den durch die bunten Fensterscheiben brechenden
Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde Ich wollte das Gemälde betrachten ich
stieg die Stufen hinauf Die heilige Rosalia das verhängnisvolle Altarblatt
meines Klosters Ach Aurelien erblickte ich Mein ganzes Leben meine
tausendfachen Frevel meine Missetaten Hermogens Aureliens Mord alles
alles nur ein entsetzlicher Gedanke und der durchfuhr wie ein spitzes glühendes
Eisen mein Gehirn Meine Brust Adern und Fibern zerrissen im wilden Schmerz
der grausamsten Folter Kein lindernder Tod Ich warf mich nieder ich
zerriss in rasender Verzweiflung mein Gewand ich heulte auf im trostlosen
Jammer dass es weit in der Kirche nachhallte »Ich bin verflucht ich bin
verflucht Keine Gnade kein Trost mehr hier und dort Zur Hölle zur
Hölle ewige Verdammnis über mich verruchten Sünder beschlossen« Man hob
mich auf die Mönche waren in der Kapelle vor mir stand der Prior ein hoher
ehrwürdiger Greis Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst er fasste
meine Hände und es war als halte ein Heiliger von himmlischem Mitleid
erfüllt den Verlornen in den Lüften über dem Flammenpfuhl fest in den er
hinabstürzen wollte »Du bist krank mein Bruder« sprach der Prior »wir wollen
dich in das Kloster bringen da magst du dich erholen« Ich küsste seine Hände
sein Kleid ich konnte nicht sprechen nur tiefe angstvolle Seufzer verrieten
den fürchterlichen zerrissenen Zustand meiner Seele Man führte mich in das
Refektorium auf einen Wink des Priors entfernten sich die Mönche ich blieb mit
ihm allein »Du scheinst mein Bruder« fing er an »von schwerer Sünde
belastet denn nur die tiefste trostloseste Reue über eine entsetzliche Tat
kann sich so gebärden Doch groß ist die Langmut des Herrn stark und kräftig
ist die Fürsprache der Heiligen fasse Vertrauen du sollst mir beichten und
es wird dir wenn du büssest Trost der Kirche werden« In dem Augenblick schien
es mir als sei der Prior jener alte Pilger aus der heiligen Linde und nur der
sei das einzige Wesen auf der ganzen weiten Erde dem ich mein Leben voller
Sünde und Frevel offenbaren müsse Noch war ich keines Wortes mächtig ich warf
mich vor dem Greise nieder in den Staub »Ich gehe in die Kapelle des Klosters«
sprach er mit feierlichem Ton und schritt von dannen Ich war gefasst ich
eilte ihm nach er saß im Beichtstuhl und ich tat augenblicklich wozu mich der
Geist unwiderstehlich trieb ich beichtete alles alles Schrecklich war die
Busse die mir der Prior auflegte Verstossen von der Kirche wie ein Aussätziger
verbannt aus den Versammlungen der Brüder lag ich in den Totengewölben des
Klosters mein Leben kärglich fristend durch unschmackhafte in Wasser gekochte
Kräuter mich geisselnd und peinigend mit Marterinstrumenten die die
sinnreichste Grausamkeit erfunden und meine Stimme erhebend nur zur eigenen
Anklage zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle deren Flammen schon
in mir loderten Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann wenn der Schmerz in
hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die Natur erlag bis
der Schlaf sie wie ein ohnmächtiges Kind schützend mit seinen Armen umfing dann
stiegen feindliche Traumbilder empor die mir neue Todesmarter bereiteten
Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise Ich sah Euphemien wie
sie in üppiger Schönheit mir nahte aber laut schrie ich auf »Was willst du von
mir Verruchte Nein die Hölle hat keinen Teil an mir« Da schlug sie ihr
Gewand auseinander und die Schauer der Verdammnis ergriffen mich Zum Gerippe
eingedorrt war ihr Leib aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen
durcheinander und streckten ihre Häupter ihre rotglühenden Zungen mir entgegen
»Lass ab von mir Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust sie
wollen sich mästen von meinem Herzblut aber dann sterbe ich dann sterbe
ich der Tod entreisst mich deiner Rache« So schrie ich auf da heulte die
Gestalt »Meine Schlangen können sich nähren von deinem Herzblut aber das
fühlst du nicht denn das ist nicht deine Qual deine Qual ist in dir und tötet
dich nicht denn du lebst in ihr Deine Qual ist der Gedanke des Frevels und
der ist ewig« Der blutende Hermogen stieg auf aber vor ihm floh Euphemie
und er rauschte vorüber auf die Halswunde deutend die die Gestalt des Kreuzes
hatte Ich wollte beten da begann ein sinnverwirrendes Flüstern und Rauschen
Menschen die ich sonst gesehen erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet
Köpfe krochen mit Heuschreckenbeinen die ihnen an die Ohren gewachsen umher
und lachten mich hämisch an seltsames Geflügel Raben mit Menschengesichtern
rauschten in der Luft Ich erkannte den Konzertmeister aus B mit seiner
Schwester die drehte sich in wildem Walzer und der Bruder spielte dazu auf
aber auf der eigenen Brust streichend die zur Geige worden Belcampo mit
einem hässlichen Eidechsengesicht auf einem ekelhaften geflügelten Wurm sitzend
fuhr auf mich ein er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem glühendem Kamm
aber es gelang ihm nicht Toller und toller wird das Gewirre seltsamer
abenteuerlicher werden die Gestalten von der kleinsten Ameise mit tanzenden
Menschenfüsschen bis zum langgedehnten Rossgerippe mit funkelnden Augen dessen
Haut zur Schabracke worden auf der ein Reuter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt
Ein bodenloser Becher ist sein Leibharnisch ein umgestülpter Trichter sein
Helm Der Spaß der Hölle ist emporgestiegen Ich höre mich lachen aber dies
Lachen zerschneidet die Brust und brennender wird der Schmerz und heftiger
bluten alle Wunden Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor das Gesindel
weicht sie tritt auf mich zu Ach es ist Aurelie »Ich lebe und bin nun
ganz dein« spricht die Gestalt Da wird der Frevel in mir wach Rasend vor
wilder Begier umschlinge ich sie mit meinen Armen Alle Ohnmacht ist von mir
gewichen aber da legt es sich glühend an meine Brust raue Borsten zerkratzen
meine Augen und der Satan lacht gellend auf »Nun bist du ganz mein« Mit dem
Schrei des Entsetzens erwache ich und bald fließt mein Blut in Strömen von den
Hieben der Stachelpeitsche mit der ich mich in trostloser Verzweiflung
züchtige Denn selbst die Frevel des Traums jeder sündliche Gedanke fordert
doppelte Busse Endlich war die Zeit die der Prior zur strengsten Busse
bestimmt hatte verstrichen und ich stieg empor aus dem Totengewölbe um in dem
Kloster selbst aber in abgesonderter Zelle entfernt von den Brüdern die nun
mir auferlegten Bussübungen vorzunehmen Dann immer in geringeren Graden der
Busse wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Brüder erlaubt
Doch mir selbst genügte nicht diese letzte Art der Busse die nur in täglicher
gewöhnlicher Geisselung bestehen sollte Ich wies standhaft jede bessere Kost
zurück die man mir reichen wollte ganze Tage lag ich ausgestreckt auf dem
kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen Rosalia und marterte mich in
einsamer Zelle selbst auf die grausamste Weise denn durch äußere Qualen
gedachte ich die innere grässliche Marter zu übertäuben Es war vergebens immer
kehrten jene Gestalten von dem Gedanken erzeugt wieder und dem Satan selbst
war ich preisgegeben dass er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde Meine
strenge Busse die unerhörte Weise wie ich sie vollzog erregte die
Aufmerksamkeit der Mönche Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu und
ich hörte es sogar unter ihnen flüstern »Das ist ein Heiliger« Dies Wort war
mir entsetzlich denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen grässlichen
Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B als ich dem mich anstarrenden Maler in
vermessenem Wahnsinn entgegenrief »Ich bin der heilige Antonius« Die letzte
von dem Prior bestimmte Zeit der Busse war endlich auch verflossen ohne dass ich
davon abliess mich zu martern unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen
schien Meine Augen waren erloschen mein wunder Körper ein blutendes Gerippe
und es kam dahin dass, wenn ich stundenlang am Boden gelegen ich ohne Hilfe
anderer nicht aufzustehen vermochte Der Prior ließ mich in sein Sprachzimmer
bringen »Fühlst du mein Bruder« fing er an »durch die strenge Busse dein
Inneres erleichtert Ist Trost des Himmels dir worden« »Nein ehrwürdiger
Herr« erwiderte ich in dumpfer Verzweiflung »Indem ich dir« fuhr der Prior
mit erhöhter Stimme fort »indem ich dir mein Bruder da du mir eine Reihe
entsetzlicher Taten gebeichtet hattest die strengste Busse auflegte genügte ich
den Gesetzen der Kirche welche wollen dass der Übeltäter den der Arm der
Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine
Verbrechen bekannte auch durch äußere Handlungen die Wahrheit seiner Reue kund
tue Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden und doch das Fleisch
peinigen damit die irdische Marter jede teuflische Lust der Untaten aufwäge
Doch glaube ich und mir stimmen berühmte Kirchenlehrer bei dass die
entsetzlichsten Qualen die sich der Büssende zufügt dem Gewicht seiner Sünden
auch nicht ein Quentlein entnehmen sobald er darauf seine Zuversicht stützt und
der Gnade des Ewigen deshalb sich würdig dünkt Keiner menschlichen Vernunft
erforschlich ist es wie der Ewige unsere Taten misst verloren ist der der ist
er auch von wirklichem Frevel rein vermessen glaubt den Himmel zu erstürmen
durch äußeres Frommtun und der Büssende welcher nach der Bussübung seinen Frevel
vertilgt glaubt beweiset dass seine innere Reue nicht wahrhaft ist Du lieber
Bruder Medardus empfindest noch keine Tröstung das beweiset die Wahrhaftigkeit
deiner Reue unterlasse jetzt ich will es alle Geisselungen nimm bessere
Speise zu dir und fliehe nicht mehr den Umgang der Brüder Wisse dass dein
geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen besser
bekannt worden als dir selbst Ein Verhängnis dem du nicht entrinnen
konntest gab dem Satan Macht über dich und indem du freveltest warst du nur
sein Werkzeug Wähne aber nicht dass du deshalb weniger sündig vor den Augen des
Herrn erschienest denn dir war die Kraft gegeben im rüstigen Kampf den Satan
zu bezwingen In wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse und widerstrebt dem
Guten aber ohne diesen Kampf gäb es keine Tugend denn diese ist nur der Sieg
des guten Prinzips über das böse sowie aus dem umgekehrten die Sünde
entspringt Wisse fürs erste dass du dich eines Verbrechens anklagst welches
du nur im Willen vollbrachtest Aurelie lebt in wildem Wahnsinn verletztest
du dich selbst das Blut deiner eigenen Wunde war es was über deine Hand
floss Aurelie lebt ich weiß es«
Ich stürzte auf die Knie ich hob meine Hände betend empor tiefe Seufzer
entflohen der Brust Tränen quollen aus den Augen »Wisse ferner« fuhr der
Prior fort »dass jener alte fremde Maler von dem du in der Beichte gesprochen
schon so lange als ich denken kann zuweilen unser Kloster besucht hat und
vielleicht bald wieder eintreffen wird Er hat ein Buch mir in Verwahrung
gegeben welches verschiedene Zeichnungen vorzüglich aber eine Geschichte
enthält der er jedesmal wenn er bei uns einsprach einige Zeilen zusetzte
Er hat mir nicht verboten das Buch jemanden in die Hände zu geben und um so
mehr will ich es dir anvertrauen als dies meine heiligste Pflicht ist Den
Zusammenhang deiner eignen seltsamen Schicksale die dich bald in eine höhere
Welt wunderbarer Visionen bald in das gemeinste Leben versetzten wirst du
erfahren Man sagt das Wunderbare sei von der Erde verschwunden ich glaube
nicht daran Die Wunder sind geblieben denn wenn wir selbst das Wunderbarste
von dem wir täglich umgeben deshalb nicht mehr so nennen wollen weil wir einer
Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben so
fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen das all unsre Klugheit zuschanden
macht und an das wir weil wir es nicht zu erfassen vermögen in stumpfsinniger
Verstockteit nicht glauben Hartnäckig leugnen wir dem innern Auge deshalb die
Erscheinung ab weil sie zu durchsichtig war um sich auf der rauen Fläche des
äußern Auges abzuspiegeln Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den
außerordentlichen Erscheinungen die jeder erlauerten Regel spotten ich bin
zweifelhaft ob seine körperliche Erscheinung das ist was wir wahr nennen So
viel ist gewiss dass niemand die gewöhnlichen Funktionen des Lebens bei ihm
bemerkt hat Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen unerachtet im
Buch worin er nur zu lesen schien jedesmal wenn er bei uns gewesen mehr
Blätter als vorher beschrieben waren Seltsam ist es auch dass mir alles im
Buche nur verworrenes Gekritzel undeutliche Skizze eines phantastischen Malers
zu sein schien und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde als du mein lieber
Bruder Medardus mir gebeichtet hattest Nicht näher darf ich mich darüber
auslassen was ich rücksichts des Malers ahne und glaube Du selbst wirst es
erraten oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun Gehe
erkräftige dich und fühlst du dich wie ich glaube dass es in wenigen Tagen
geschehen wird im Geiste aufgerichtet so erhältst du von mir des fremden
Malers wunderbares Buch«
Ich tat nach dem Willen des Priors ich aß mit den Brüdern ich unterließ
die Kasteiungen und beschränkte mich auf inbrünstiges Gebet an den Altären der
Heiligen Blutete auch meine Herzenswunde fort wurde auch nicht milder der
Schmerz der aus dem Innern heraus mich durchbohrte so verließen mich doch die
entsetzlichen Traumbilder und oft wenn ich zum Tode matt auf dem harten
Lager schlaflos lag umwehte es mich wie mit Engelsfittichen und ich sah die
holde Gestalt der lebenden Aurelie die himmlisches Mitleiden im Auge voll
Tränen sich über mich hinbeugte Sie streckte die Hand wie mich beschirmend
aus über mein Haupt da senkten sich meine Augenlider und ein sanfter
erquickender Schlummer goss neue Lebenskraft in meine Adern Als der Prior
bemerkte dass mein Geist wieder einige Spannung gewonnen gab er mir des Malers
Buch und ermahnte mich es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen Ich schlug es
auf und das erste was mir ins Auge fiel waren die in Umrissen angedeuteten
und dann in Licht und Schatten ausgeführten Zeichnungen der FreskoGemälde in
der heiligen Linde Nicht das mindeste Erstaunen nicht die mindeste Begierde
schnell das Rätsel zu lösen regte sich in mir auf Nein Es gab kein Rätsel
für mich längst wusste ich ja alles was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden
Das was der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner kaum lesbarer
bunt gefärbter Schrift zusammengetragen hatte waren meine Träume meine
Ahnungen nur deutlich bestimmt in scharfen Zügen dargestellt wie ich es
niemals zu tun vermochte
Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers
Bruder Medardus fährt hier ohne sich weiter auf das was er im Malerbuche fand
einzulassen in seiner Erzählung fort wie er Abschied nahm von dem in seine
Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Brüdern und wie er nach
Rom pilgerte und überall in Sankt Peter in St Sebastian und Laurenz in St
Giovanni a Laterano in Sankta Maria Maggiore usw an allen Altären kniete und
betete wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte und endlich in einen
Geruch der Heiligkeit kam der ihn da er jetzt wirklich ein reuiger Sünder
worden und wohl fühlte dass er nichts mehr alt das sei von Rom vertrieb Wir
ich meine dich und mich mein günstiger Leser wissen aber viel zu wenig
Deutliches von den Ahnungen und Träumen des Bruders Medardus als dass wir ohne
zu lesen was der Maler aufgeschrieben auch nur im mindesten das Band
zusammenzuknüpfen vermöchten welches die verworren anseinander laufenden Fäden
der Geschichte des Medardus wie in einen Knoten einigt Ein besseres Gleichnis
übrigens ist es dass uns der Fokus fehlt aus dem die verschiedenen bunten
Strahlen brachen Das Manuskript des seligen Kapuziners war in altes vergelbtes
Pergament eingeschlagen und dies Pergament mit kleiner beinahe unleserlicher
Schrift beschrieben die da sich darin eine ganz seltsame Hand kund tat meine
Neugierde nicht wenig reizte Nach vieler Mühe gelang es mir Buchstaben und
Worte zu entziffern und wie erstaunte ich als es mir klar wurde dass es jene
im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei von der Medardus spricht Im alten
Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben
Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rau und dumpf wie ein gesprungenes
Glas doch war es nötig zum Verständnis des Ganzen hier die Übersetzung
einzuschalten dies tue ich nachdem ich nur noch folgendes wehmütigst bemerkt
Die fürstliche Familie aus der jener oft genannte Francesko abstammte lebt
noch in Italien und ebenso leben noch die Nachkömmlinge des Fürsten in dessen
Residenz sich Medardus aufhielt Unmöglich war es daher die Namen zu nennen
und unbehilflicher ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt als
derjenige der dir günstiger Leser dies Buch in die Hände gibt wenn er Namen
erdenken soll da wo schon wirkliche und zwar schön und romantisch tönende
vorhanden sind, wie es hier der Fall war Bezeichneter Herausgeber gedachte sich
sehr gut mit dem der Fürst der Baron usw herauszuhelfen nun aber der alte
Maler die geheimnisvollen verwickeltsten Familienverhältnisse ins klare stellt
sieht er wohl ein dass er mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag ganz
verständlich zu werden Er müsste den einfachen ChronikenChoral des Malers mit
allerlei Erklärungen und Zurechtweisungen wie mit krausen Figuren verschnörkeln
und verbrämen Ich trete in die Person des Herausgebers und bitte dich
günstiger Leser du wollest ehe du weiter liesest folgendes dir gütigst
merken Kamillo Fürst von P tritt als Stammvater der Familie auf aus der
Francesko des Medardus Vater stammt Theodor Fürst von W ist der Vater des
Fürsten Alexander von W an dessen Hofe sich Medardus aufhielt Sein Bruder
Albert Fürst von W vermählte sich mit der italienischen Prinzessin Giazinta
B Die Familie des Barons F im Gebirge ist bekannt und nur zu bemerken dass
die Baronesse von F aus Italien abstammte denn sie war die Tochter des Grafen
Pietro S eines Sohnes des Grafen Filippo S Alles wird sich lieber Leser nun
klärlich dartun wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behältst
Es folgt nunmehr statt der Fortsetzung der Geschichte
das Pergamentblatt des alten Malers
Und es begab sich dass die Republik Genua hart bedrängt von den
algierischen Korsaren sich an den großen Seehelden Kamillo Fürsten von P
wandte dass er mit vier wohl ausgerüsteten und bemannten Galeonen einen
Streifzug gegen die verwegenen Räuber unternehmen möge Kamillo nach ruhmvollen
Taten dürstend schrieb sofort an seinen ältesten Sohn Francesko dass er kommen
möge in des Vaters Abwesenheit das Land zu regieren Francesko übte in Leonardo
da Vincis Schule die Malerei und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz
und gar bemächtigt dass er nichts anders denken konnte Daher hielt er auch die
Kunst höher als alle Ehre und Pracht auf Erden und alles übrige Tun und Treiben
der Menschen erschien ihm als ein klägliches Bemühen um eitlen Tand Er konnte
von der Kunst und von dem Meister der schon hoch in den Jahren war nicht
lassen und schrieb daher dem Vater zurück dass er wohl den Pinsel aber nicht
den Zepter zu führen verstehe und bei Leonardo bleiben wolle Da war der alte
stolze Fürst Kamillo hoch erzürnt schalt den Sohn einen unwürdigen Toren und
schickte vertraute Diener ab die den Sohn zurückbringen sollten Als nun aber
Francesko standhaft verweigerte zurückzukehren als er erklärte dass ein Fürst
von allem Glanz des Trons umstrahlt ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen
einen tüchtigen Maler und dass die größten Kriegestaten nur ein grausames
irdisches Spiel wären dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung
des ihm inwohnenden göttlichen Geistes sei da ergrimmte der Seeheld Kamillo und
schwur dass er den Francesko verstoßen und seinem jüngeren Bruder Zenobio die
Nachfolge zusichern wolle Francesko war damit gar zufrieden ja er trat in
einer Urkunde seinem jüngeren Bruder die Nachfolge auf den fürstlichen Thron mit
aller Form und Feierlichkeit ab und so begab es sich dass als der alte Fürst
Kamillo in einem harten blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren
hatte Zenobio zur Regierung kam Francesko dagegen seinen fürstlichen Stand
und Namen verleugnend ein Maler wurde und von einem kleinen Jahrgehalt den ihm
der regierende Bruder ausgesetzt kümmerlich genug lebte Francesko war sonst
ein stolzer übermütiger Jüngling gewesen nur der alte Leonardo zähmte seinen
wilden Sinn und als Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte wurde er
Leonardos frommer treuer Sohn Er half dem Alten manch wichtiges großes Werk
vollenden und es geschah dass der Schüler sich hinaufschwingend zu der Höhe
des Meisters berühmt wurde und manches Altarblatt für Kirchen und Klöster malen
musste Der alte Leonardo stand ihm treulich bei mit Rat und Tat bis er denn
endlich im hohen Alter starb Da brach wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer
in dem Jüngling Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor Er hielt sich für
den größten Maler seiner Zeit und die erreichte Kunstvollkommenheit mit seinem
Stande paarend nannte er sich selbst den fürstlichen Maler Von dem alten
Leonardo sprach er verächtlich und schuf abweichend von dem frommen einfachen
Stil sich eine neue Manier die mit der Üppigkeit der Gestalten und dem
prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge verblendete deren übertriebene
Lobsprüche ihn immer eitler und übermütiger machten Es geschah dass er zu Rom
unter wilde ausschweifende Jünglinge geriet und wie er nun in allem der erste
und vorzüglichste zu sein begehrte so war er bald im wilden Sturm des Lasters
der rüstigste Segler Ganz von der falschen trügerischen Pracht des Heidentums
verführt bildeten die Jünglinge an deren Spitze Francesko stand einen
geheimen Bund in dem sie das Christentum auf frevelige Weise verspottend die
Gebräuche der alten Griechen nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte
sündhafte Feste feierten Es waren Maler aber noch mehr Bildhauer unter ihnen
die wollten nur von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles was
neue Künstler von dem heiligen Christentum entzündet zur Glorie desselben
erfunden und herrlich ausgeführt hatten Francesko malte in unheiliger
Begeisterung viele Bilder aus der lügenhaften Fabelwelt Keiner als er vermochte
die buhlerische Üppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen
indem er von lebenden Modellen die Karnation von den alten Marmorbildern aber
Form und Bildung entnahm Statt wie sonst in den Kirchen und Klöstern sich an
den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen und sie mit
künstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres zeichnete er emsig die
Gestalten der lügnerischen Heidengötter nach Von keiner Gestalt war er aber so
ganz und gar durchdrungen als von einem berühmten Venusbilde das er stets in
Gedanken trug Das Jahrgehalt was Zenobio dem Bruder ausgesetzt hatte blieb
einmal länger als gewöhnlich aus und so kam es dass Francesko bei seinem wilden
Leben das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte und das er doch nicht lassen
wollte in arge Geldnot geriet Da gedachte er dass vor langer Zeit ihm ein
Kapuzinerkloster aufgetragen hatte für einen hohen Preis das Bild der heiligen
Rosalia zu malen und er beschloss das Werk das er aus Abscheu gegen alle
christliche Heiligen nicht unternehmen wollte nun schnell zu vollenden um das
Geld zu erhalten Er gedachte die Heilige nackt und in Form und Bildung des
Gesichts jenem Venusbilde gleich darzustellen Der Entwurf geriet über die Massen
wohl und die freveligen Jünglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall
den frommen Mönchen statt der christlichen Heiligen ein heidnisches Götzenbild
in die Kirche zu stellen Aber wie Francesko zu malen begann siehe da
gestaltete sich alles anders als er es in Sinn und Gedanken getragen und ein
mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden Lüge der ihn beherrscht
hatte Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche fing an aus düstern
Nebeln hervor zu dämmern aber als wie von scheuer Angst das Heilige zu
verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu erliegen ergriffen wagte
Francesko nicht das Gesicht zu vollenden und um den nackt gezeichneten Körper
legten in anmutigen Falten sich züchtige Gewänder ein dunkelrotes Kleid und ein
azurblauer Mantel Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler
Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht ohne weiter zu bestimmen,
ob dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des Malers
sein solle und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte des Blatts die
Gestalt der Heiligen entworfen aber nun malte er vom Geiste getrieben
allerlei Figuren rings umher die sich wunderbarlich zusammenfügten um das
Martyrium der Heiligen darzustellen Francesko war in sein Bild ganz und gar
versunken oder vielmehr das Bild war selbst der mächtige Geist worden der ihn
mit starken Armen umfasste und emporhielt über das frevelige Weltleben das er
bisher getrieben Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen
und das wurde ihm zu einer höllischen Qual die wie mit spitzen Stacheln in sein
inneres Gemüt bohrte Er gedachte nicht mehr des Venusbildes wohl aber war es
ihm als sähe er den alten Meister Leonardo der ihn anblickte mit kläglicher
Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich sprach »Ach ich wollte dir wohl
helfen aber ich darf es nicht du musst erst entsagen allem sündhaften Streben
und in tiefer Reue und Demut die Fürbitte der Heiligen erflehen gegen die du
gefrevelt hast« Die Jünglinge welche Francesko so lange geflohen suchten
ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn wie einen ohnmächtigen Kranken
ausgestreckt auf seinem Lager liegen Da aber Francesko ihnen seine Not klagte
wie er als habe ein böser Geist seine Kraft gebrochen nicht das Bild der
heiligen Rosalia fertig zu machen vermöge da lachten sie alle auf und sprachen
»Ei mein Bruder wie bist du denn mit einemmal so krank worden Lasst uns dem
Äskulap und der freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen damit jener Schwache
dort genese« Es wurde Syrakuser Wein gebracht womit die Jünglinge die
Trinkschalen füllten und vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Göttern
Libationen darbringend ausgossen Aber als sie dann wacker zu zechen begannen
und dem Francesko Wein darboten da wollte dieser nicht trinken und nicht
teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder unerachtet sie Frau Venus hochleben
ließ Da sprach einer unter ihnen »Der törichte Maler da ist wohl wirklich in
seinen Gedanken und Gliedmaßen krank und ich muss nur einen Doktor herbeiholen«
Er warf seinen Mantel um steckte seinen Stossdegen an und schritt zur Türe
hinaus Es hatte aber nur wenige Augenblicke gedauert als er wieder hereintrat
und sagte »Ei seht doch nur ich bin ja selbst schon der Arzt der jenen
Siechling dort heilen will« Der Jüngling der gewiss einem alten Arzt in Gang
und Stellung recht ähnlich zu sein begehrte trippelte mit gekrümmten Knien
einher und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten
verzogen so dass er anzusehen war wie ein alter recht hässlicher Mann und die
Jünglinge sehr lachten und riefen »Ei seht doch was der Doktor für gelehrte
Gesichter zu schneiden vermag« Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko
und sprach mit rauer Stimme und verhöhnendem Ton »Ei du armer Geselle ich
muss dich wohl aufrichten aus trübseliger Ohnmacht Ei du erbärmlicher
Geselle wie siehst du doch so blass und krank aus der Frau Venus wirst du so
nicht gefallen Kann sein dass Donna Rosalia sich deiner annehmen wird wenn
du gesundet Du ohnmächtiger Geselle nippe von meiner Wunderarzenei Da du
Heilige malen willst wird dich mein Trank wohl zu erkräftigen vermögen es ist
Wein aus dem Keller des heiligen Antonius« Der angebliche Doktor hatte eine
Flasche unter dem Mantel hervorgezogen die er jetzt öffnete Es stieg ein
seltsamlicher Duft aus der Flasche der die Jünglinge betäubte so dass sie wie
von Schläfrigkeit übernommen in die Sessel sanken und die Augen schlossen Aber
Francesko riss in wilder Wut verhöhnt zu sein als ein ohnmächtiger Schwächling
die Flasche dem Doktor aus den Händen und trank in vollen Zügen »Wohl bekomm
dirs« rief der Jüngling der nun wieder sein jugendliches Gesicht und seinen
kräftigen Gang angenommen hatte Dann rief er die andern Jünglinge aus dem
Schlafe auf worin sie versunken und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab
So wie der Berg Vesuv in wildem Brausen verzehrende Flammen aussprüht so tobte
es jetzt in Feuerströmen heraus aus Franceskos Innern Alle heidnische
Geschichten die er jemals gemalt sah er vor Augen als ob sie lebendig worden
und er rief mit gewaltiger Stimme »Auch du musst kommen meine geliebte Göttin
du musst leben und mein sein oder ich weihe mich den unterirdischen Göttern« Da
erblickte er Frau Venus dicht vor dem Bilde stehend und ihm freundlich
zuwinkend Er sprang auf von seinem Lager und begann an dem Kopfe der heiligen
Rosalia zu malen weil er nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich
abzukonterfeien gedachte Es war ihm so als könne der feste Wille nicht
gebieten der Hand denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln in denen der
Kopf der heiligen Rosalia eingehüllt war und strich unwillkürlich an den
Häuptern der barbarischen Männer von denen sie umgeben Und doch kam das
himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein und blickte
den Francesko plötzlich mit solchen lebendig strahlenden Augen an dass er wie
von einem herabfahrenden Blitze tödlich getroffen zu Boden stürzte Als er
wieder nur etwas weniges seiner Sinnen mächtig worden richtete er sich mühsam
in die Höhe er wagte jedoch nicht nach dem Bilde das ihm so schrecklich
worden hinzublicken sondern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische auf
dem des Doktors Weinflasche stand aus der er einen tüchtigen Zug tat Da war
Francesko wieder ganz erkräftigt er schaute nach seinem Bilde es stand bis
auf den letzten Pinselstrich vollendet vor ihm und nicht das Antlitz der
heiligen Rosalia sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit üppigem
Liebesblicke an In demselben Augenblick wurde Francesko von wilden freveligen
Trieben entzündet Er heulte vor wahnsinniger Begier er gedachte des
heidnischen Bildhauers Pygmalion dessen Geschichte er gemalt und flehte so wie
er zur Frau Venus dass sie seinem Bilde Leben einhauchen möge Bald war es ihm
auch als finge das Bild an sich zu regen doch als er es in seine Arme fassen
wollte sah er wohl dass es tote Leinewand geblieben Dann zerraufte er sein
Haar und gebärdete sich wie einer der von dem Satan besessen Schon zwei Tage
und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben am dritten Tag als er wie eine
erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand ging die Türe seines Gemachs auf und
es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen Gewändern Er drehte sich um und
erblickte ein Weib das er für das Original seines Bildes erkannte Es wären ihm
schier die Sinne vergangen als er das Bild welches er aus seinen innersten
Gedanken nach einem Marmorbilde erschaffen nun lebendig vor sich in aller nur
erdenklichen Schönheit erblickte und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an
wenn er das Gemälde ansah das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden
Weibes erschien Es geschah ihm dasjenige was die wunderbarliche Erscheinung
eines Geistes zu bewirken pflegt die Zunge war ihm gebunden und er fiel
lautlos vor der Fremden auf die Kniee und hob die Hände wie anbetend zu ihr
empor Das fremde Weib richtete ihn aber lächelnd auf und sagte ihm dass sie ihn
schon damals als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen als
ein kleines Mädchen oftmals gesehen und eine unsägliche Liebe zu ihm gefasst
habe Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach Rom
gewandert um ihn wiederzufinden da eine in ihrem Innern ertönende Stimme ihr
gesagt habe dass er sie sehr liebe und sie aus lauter Sehnsucht und Begierde
abkonterfeit habe was denn wie sie jetzt sehe auch wirklich wahr sei
Francesko merkte nun dass ein geheimnisvolles Seelenverständnis mit dem fremden
Weibe obgewaltet und dass dieses Verständnis das wunderbare Bild und seine
wahnsinnige Liebe zu demselben geschaffen hatte Er umarmte das Weib voll
inbrünstiger Liebe und wollte sie sogleich nach der Kirche führen damit ein
Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde Dafür schien
sich das Weib aber zu entsetzen und sie sprach »Ei mein geliebter Francesko
bist du denn nicht ein wackerer Künstler der sich nicht fesseln lässt von den
Banden der christlichen Kirche Bist du nicht mit Leib und Seele dem freudigen
frischen Altertum und seinen dem Leben freundlichen Göttern zugewandt Was geht
unser Bündnis die traurigen Priester an die in düstern Hallen ihr Leben in
hoffnungsloser Klage verjammern Lass uns heiter und hell das Fest unserer Liebe
feiern« Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verführt und so geschah
es dass er mit den von sündigem freveligem Leichtsinn befangenen Jünglingen
die sich seine Freunde nannten noch an demselben Abende sein Hochzeitsfest mit
dem fremden Weibe nach heidnischen Gebräuchen beging Es fand sich dass das Weib
eine Kiste mit Kleinodien und barem Gelde mitgebracht hatte und Francesko lebte
mit ihr in sündlichen Genüssen schwelgend und seiner Kunst entsagend lange
Zeit hindurch Das Weib fühlte sich schwanger und blühte nun erst immer
herrlicher und herrlicher in leuchtender Schönheit auf sie schien ganz und gar
das erweckte Venusbild und Francesko vermochte kaum die üppige Lust seines
Lebens zu ertragen Ein dumpfes angstvolles Stöhnen weckte in einer Nacht den
Francesko aus dem Schlafe als er erschrocken aufsprang und mit der Leuchte in
der Hand nach seinem Weibe sah hatte sie ihm ein Knäblein geboren Schnell
mussten die Diener eilen um Wehmutter und Arzt herbeizurufen Francesko nahm das
Kind von dem Schoße der Mutter aber in demselben Augenblick stieß das Weib
einen entsetzlichen durchdringenden Schrei aus und krümmte sich wie von
gewaltigen Fäusten gepackt zusammen Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin ihr
folgte der Arzt als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten schauderten
sie entsetzt zurück denn das Weib war zum Tode erstarrt Hals und Brust durch
blaue garstige Flecke verunstaltet und statt des jungen schönen Gesichts
erblickten sie ein grässlich verzerrtes runzliges Gesicht mit offenen
herausstarrenden Augen Auf das Geschrei das die beiden Weiber erhoben liefen
die Nachbarsleute hinzu man hatte von jeher von dem fremden Weibe allerlei
Seltsames gesprochen die üppige Lebensart die sie mit Francesko führte war
allen ein Greuel gewesen und es stand daran dass man ihr sündhaftes
Beisammensein ohne priesterliche Einsegnung den geistlichen Gerichten anzeigen
wollte Nun als sie die grässlich entstellte Tote sahen war es allen gewiss dass
sie im Bündnis mit dem Teufel gelebt der sich jetzt ihrer bemächtigt habe Ihre
Schönheit war nur ein lügnerisches Trugbild verdammter Zauberei gewesen Alle
Leute die gekommen flohen erschreckt von dannen keiner mochte die Tote
anrühren Francesko wusste nun wohl mit wem er es zu tun gehabt hatte und es
bemächtigte sich seiner eine entsetzliche Angst Alle seine Frevel standen ihm
vor Augen und das Strafgericht des Herrn begann schon hier auf Erden da die
Flammen der Hölle in seinem Innern aufloderten
Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit den Häschern
und wollte den Francesko verhaften da erwachte aber sein Mut und stolzer Sinn
er ergriff seinen Stossdegen machte sich Platz und entrann Eine gute Strecke
von Rom fand er eine Höhle in die er sich ermüdet und ermattet verbarg Ohne
sich dessen deutlich bewusst zu sein hatte er das neugeborne Knäblein in den
Mantel gewickelt und mit sich genommen Voll wilden Ingrimms wollte er das von
dem teuflischen Weibe ihm geborene Kind an den Steinen zerschmettern aber indem
er es in die Höhe hob stieß es klägliche bittende Töne aus und es wandelte ihn
tiefes Mitleid an er legte das Knäblein auf weiches Moos und tröpfelte ihm den
Saft einer Pommeranze ein die er bei sich getragen Francesko hatte gleich
einem büssenden Einsiedler mehrere Wochen in der Höhle zugebracht und sich
abwendend von dem sündlichen Frevel in dem er gelebt inbrünstig zu den
Heiligen gebetet Aber vor allen andern rief er die von ihm schwer beleidigte
Rosalia an dass sie vor dem Throne des Herrn seine Fürsprecherin sein möge
Eines Abends lag Francesko in der Wildnis betend auf den Knien und schaute in
die Sonne welche sich tauchte in das Meer das in Westen seine roten
Flammenwellen emporschlug Aber sowie die Flammen verblassten im grauen
Abendnebel gewahrte Francesko in den Lüften einen leuchtenden Rosenschimmer
der sich bald zu gestalten begann Von Engeln umgeben sah Francesko die heilige
Rosalia wie sie auf einer Wolke kniete und ein sanftes Säuseln und Rauschen
sprach die Worte »Herr vergib dem Menschen der in seiner Schwachheit und
Ohnmacht nicht zu widerstehen vermochte den Lockungen des Satans« Da zuckten
Blitze durch den Rosenschimmer und ein dumpfer Donner ging dröhnend durch das
Gewölbe des Himmels »Welcher sündige Mensch hat gleich diesem gefrevelt Nicht
Gnade nicht Ruhe im Grabe soll er finden solange der Stamm den sein
Verbrechen erzeugte fortwuchert in freveliger Sünde« Francesko sank nieder
in den Staub denn er wusste wohl dass nun sein Urteil gesprochen und ein
entsetzliches Verhängnis ihn trostlos umhertreiben werde Er floh ohne des
Knäbleins in der Höhle zu gedenken von dannen und lebte da er nicht mehr zu
malen vermochte im tiefen jammervollen Elend Manchmal kam es ihm in den Sinn
als müsse er zur Glorie der christlichen Religion herrliche Gemälde ausführen
und er dachte große Stücke in der Zeichnung und Färbung aus die die heiligen
Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten aber wie
konnte er solche Malerei beginnen da er keinen Skudo besaß um Leinwand und
Farben zu kaufen und nur von dürftigen Almosen an den Kirchentüren gespendet
sein qualvolles Leben durchbrachte Da begab es sich dass als er einst in einer
Kirche die leere Wand anstarrend in Gedanken malte zwei in Schleier gehüllte
Frauen auf ihn zutraten von denen eine mit holder Engelsstimme sprach »In dem
fernen Preußen ist der Jungfrau Maria da wo die Engel des Herrn ihr Bildnis
auf einen Lindenbaum niedersetzten eine Kirche erbaut worden die noch des
Schmuckes der Malerei entbehrt Ziehe hin die Ausübung deiner Kunst sei dir
heilige Andacht und deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit himmlischem
Trost« Als Francesko aufblickte zu den Frauen gewahrte er wie sie in
sanftleuchtenden Strahlen zerflossen und ein Lilien und Rosenduft die Kirche
durchströmte Nun wusste Francesko wer die Frauen waren und wollte den andern
Morgen seine Pilgerfahrt beginnen Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn
nach vielem Mühen ein Diener Zenobios auf der ihm ein zweijähriges Gehalt
auszahlte und ihn einlud an den Hof seines Herrn Doch nur eine geringe Summe
behielt Francesko das übrige teilte er aus an die Armen und machte sich auf
nach dem fernen Preußen Der Weg führte ihn über Rom und er kam in das nicht
ferne davon gelegene Kapuzinerkloster für welches er die heilige Rosalia gemalt
hatte Er sah auch das Bild in den Altar eingefugt doch bemerkte er bei näherer
Betrachtung dass es nur ein Kopie seines Gemäldes war Das Original hatten wie
er erfuhr die Mönche nicht behalten mögen wegen der sonderbaren Gerüchte die
man von dem entflohenen Maler verbreitete aus dessen Nachlass sie das Bild
bekommen sondern dasselbe nach genommener Kopie an das Kapuzinerkloster in B
verkauft Nach beschwerlicher Pilgerfahrt langte Francesko in dem Kloster der
heiligen Linde in Ostpreussen an und erfüllte den Befehl den ihm die heilige
Jungfrau selbst gegeben Er malte die Kirche so wunderbarlich aus dass er wohl
einsah wie der Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne Trost des Himmels floss
in seine Seele
Es begab sich dass der Graf Filippo S auf der Jagd in einer abgelegenen wilden
Gegend von einem bösen Unwetter überfallen wurde Der Sturm heulte durch die
Klüfte der Regen goss in Strömen herab als solle in einer neuen Sündflut Mensch
und Tier untergehen da fand Graf Filippo eine Höhle in die er sich samt seinem
Pferde das er mühsam hineinzog rettete Schwarzes Gewölk hatte sich über den
ganzen Horizont gelegt daher war es zumal in der Höhle so finster dass Graf
Filippo nichts unterscheiden und nicht entdecken konnte was dicht neben ihm so
raschle und rausche Er war voll Bangigkeit dass wohl ein wildes Tier in der
Höhle verborgen sein könne und zog sein Schwert um jeden Angriff abzuwehren
Als aber das Unwetter vorüber und die Sonnenstrahlen in die Höhle fielen
gewahrte er zu seinem Erstaunen dass neben ihm auf einem Blätterlager ein
nacktes Knäblein lag und ihn mit hellen funkelnden Augen anschaute Neben ihm
stand ein Becher von Elfenbein in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen
duftenden Weines fand die das Knäblein begierig einsog Der Graf ließ sein Horn
ertönen nach und nach sammelten sich seine Leute die hierhin dorthin
geflüchtet waren und man wartete auf des Grafen Befehl ob sich nicht
derjenige der das Kind in die Höhle gelegt einfinden würde es abzuholen Als
nun aber die Nacht einzubrechen begann da sprach der Graf Filippo »Ich kann
das Knäblein nicht hilflos liegen lassen sondern will es mit mir nehmen und
dass ich dies getan überall bekannt machen lassen damit es die Eltern oder
sonst einer der es in die Höhle legte von mir abfordern kann« Es geschah so
aber Wochen Monate und Jahre vergingen ohne dass sich jemand gemeldet hätte
Der Graf hatte dem Fündling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen
Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Jüngling
den der Graf seiner seltenen Gaben wegen wie seinen Sohn liebte und ihm da er
kinderlos war sein ganzes Vermögen zuzuwenden gedachte Schon fünfundzwanzig
Jahre war Francesko alt worden als der Graf Filippo in törichter Liebe zu einem
armen bildschönen Fräulein entbrannte und sie heiratete unerachtet sie
blutjung er aber schon sehr hoch in Jahren war Francesko wurde alsbald von
sündhafter Begier nach dem Besitze der Gräfin erfasst und unerachtet sie gar
fromm und tugendhaft war und nicht die geschworene Treue verletzen wollte
gelang es ihm doch endlich nach hartem Kampfe sie durch teuflische Künste zu
verstricken so dass sie sich der freveligen Lust überließ und er seinen
Wohltäter mit schwarzem Undank und Verrat lohnte Die beiden Kinder Graf Pietro
und Gräfin Angiola die der greise Filippo in vollem Entzücken der Vaterfreude
an sein Herz drückte waren die Früchte des Frevels der ihm sowie der Welt auf
ewig verborgen blieb
Von innerem Geiste getrieben trat ich zu meinem Bruder Zenobio und sprach »Ich
habe dem Throne entsagt und selbst dann wenn du kinderlos vor mir sterben
solltest will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in stiller Andacht
die Kunst übend hinbringen Doch nicht fremdem Staat soll unser Ländlein anheim
fallen Jener Francesko den der Graf Filippo S erzogen ist mein Sohn Ich war
es der auf wilder Flucht ihn in der Höhle zurückließ wo ihn der Graf fand Auf
dem elfenbeinernen Becher der bei ihm stand ist unser Wappen geschnitzt doch
noch mehr als das schützt des Jünglings Bildung die ihn als aus unserer Familie
abstammend getreulich bezeichnet vor jedem Irrtum Nimm mein Bruder Zenobio
den Jüngling als deinen Sohn auf und er sei dein Nachfolger« Zenobios
Zweifel ob der Jüngling Francesko in rechtmässiger Ehe erzeugt sei wurden durch
die von dem Papst sanktionierte Adoptionsurkunde die ich auswirkte gehoben
und so geschah es dass meines Sohnes sündhaftes ehebrecherisches Leben endete
und er bald in rechtmässiger Ehe einen Sohn erzeugte den er Paolo Francesko
nannte Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf verbrecherische Weise
Doch kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel sühnen Ich stand vor ihm wie
das Strafgericht des Herrn denn sein Innerstes lag vor mir offen und klar und
was der Welt verborgen das sagte mir der Geist, der mächtig und mächtiger wird
in mir und mich emporhebt über den brausenden Wellen des Lebens dass ich
hinabzuschauen vermag in die Tiefe ohne dass dieser Blick mich hinabzieht zum
Tode
Franceskos Entfernung brachte der Gräfin S den Tod denn nun erst erwachte sie
zum Bewusstsein der Sünde und nicht überstehen konnte sie den Kampf der Liebe
zum Verbrecher und der Reue über das was sie begangen Graf Filippo wurde
neunzig Jahr alt dann starb er als ein kindischer Greis Sein vermeintlicher
Sohn Pietro zog mit seiner Schwester Angiola an den Hof Franceskos der dem
Zenobio gefolgt war Durch glänzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit
Vittoria Fürstin von M gefeiert als aber Pietro die Braut in voller
Schönheit erblickte wurde er in heftiger Liebe entzündet und ohne der Gefahr
zu achten bewarb er sich um Vittorias Gunst Doch Paolo Franceskos Blicken
entging Pietros Bestreben da er selbst in seine Schwester Angiola heftig
entbrannt war die all sein Bemühen kalt zurückwies Vittoria entfernte sich von
dem Hofe um wie sie vorgab noch vor ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein
heiliges Gelübde zu erfüllen Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zurück
die Hochzeit sollte vor sich gehen und gleich nach derselben wollte Graf Pietro
mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zurückkehren Paolo
Franceskos Liebe zur Angiola war durch ihr stetes standhaftes Widerstreben
immer mehr entflammt worden und artete jetzt aus in die wütende Begier des
wilden Tieres die er nur durch den Gedanken des Genusses zu bezähmen vermochte
So geschah es dass er durch den schändlichsten Verrat am Hochzeitstage ehe er
in die Brautkammer ging Angiola in ihrem Schlafzimmer überfiel und ohne dass
sie zur Besinnung kam denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen seine
frevelige Lust befriedigte Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe
gebracht wurde da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo Francesko
ein was er begangen Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte Pietro den Verräter
niederstossen aber gelähmt sank sein Arm nieder da er daran dachte dass seine
Rache der Tat vorangegangen Die kleine Giazinta Fürstin von B allgemein für
die Tochter der Schwester Vittorias geltend war die Frucht des geheimen
Verständnisses das Pietro mit Paolo Franceskos Braut unterhalten hatte Pietro
ging mit Angiola nach Deutschland wo sie einen Sohn gebar den man Franz nannte
und sorgfältig erziehen ließ Die schuldlose Angiola tröstete sich endlich über
den entsetzlichen Frevel und blühte wieder auf in gar herrlicher Anmut und
Schönheit So kam es dass der Fürst Theodor von W eine gar heftige Liebe zu ihr
fasste die sie aus tiefer Seele erwiderte Sie wurde in kurzer Zeit seine
Gemahlin und Graf Pietro vermählte sich zu gleicher Zeit mit einem deutschen
Fräulein mit der er eine Tochter erzeugte so wie Angiola dem Fürsten zwei
Söhne gebar Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Gewissen fühlen
und doch versank sie oft in düsteres Nachdenken wenn ihr wie ein böser Traum
Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn kam ja es war ihr oft so zumute als
sei selbst die bewusstlos begangene Sünde strafbar und würde gerächt werden an
ihr und ihren Nachkommen Selbst die Beichte und vollständige Absolution konnte
sie nicht beruhigen Wie eine himmlische Eingebung kam ihr nach langer Qual der
Gedanke dass sie alles ihrem Gemahl entdecken müsse Unerachtet sie wohl sich
des schweren Kampfes versah den ihr das Geständnis des von dem Bösewicht Paolo
Francesko verübten Frevels kosten würde so gelobte sie sich doch feierlich den
schweren Schritt zu wagen und sie hielt was sie gelobt hatte Mit Entsetzen
vernahm Fürst Theodor die verruchte Tat sein Inneres wurde heftig erschüttert
und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen Gemahlin bedrohlich zu
werden So geschah es dass sie einige Monate auf einem entfernten Schloss
zubrachte während der Zeit bekämpfte der Fürst die bitteren Empfindungen die
ihn quälten und es kam so weit dass er nicht allein versöhnt der Gemahlin die
Hand bot sondern auch ohne dass sie es wusste für Franzens Erziehung sorgte
Nach dem Tode des Fürsten und seiner Gemahlin wusste nur Graf Pietro und der
junge Fürst Alexander von W um das Geheimnis von Franzens Geburt Keiner der
Nachkömmlinge des Malers wurde jenem Francesko den Graf Filippo erzog so ganz
und gar ähnlich an Geist und Bildung als dieser Franz Ein wunderbarer Jüngling
vom höheren Geiste belebt feurig und rasch in Gedanken und Tat Mag des Vaters
mag des Ahnherrn Sünde nicht auf ihm lasten mag er widerstehen den bösen
Verlockungen des Satans Ehe Fürst Theodor starb reisten seine beiden Söhne
Alexander und Johann nach dem schönen Welschland doch nicht sowohl offenbare
Uneinigkeit als verschiedene Neigung verschiedenes Streben war die Ursache, dass
die beiden Brüder sich in Rom trennten Alexander kam an Paolo Franceskos Hof
und fasste solche Liebe zu Paolos jüngster mit Vittoria erzeugten Tochter dass er
sich ihr zu vermählen gedachte Fürst Theodor wies indessen mit einem Abscheu
der dem Fürsten Alexander unerklärlich war die Verbindung zurück und so kam
es dass erst nach Theodors Tode Fürst Alexander sich mit Paolo Franceskos
Tochter vermählte Prinz Johann hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz
kennen gelernt und fand an dem Jünglinge dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er
nicht ahnte solches Behagen dass er sich nicht mehr von ihm trennen mochte
Franz war die Ursache, dass der Prinz statt heimzukehren nach der Residenz des
Bruders nach Italien zurückging Das ewige unerforschliche Verhältnis wollte
es dass beide Prinz Johann und Franz Vittorias und Pietros Tochter Giazinta
sahen und beide in heftiger Liebe zu ihr entbrannten Das Verbrechen keimt
wer vermag zu widerstehen den dunkeln Mächten
Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich aber durch die
Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich errettet vom ewigen
Verderben und es ist mir vergönnt die Qualen der Verdammnis zu erdulden hier
auf Erden bis der verbrecherische Stamm verdorret ist und keine Früchte mehr
trägt Über geistige Kräfte gebietend drückt mich die Last des Irdischen
nieder und das Geheimnis der düstern Zukunft ahnend blendet mich der
trügerische Farbenglanz des Lebens und das blöde Auge verwirrt sich in
zerfliessenden Bildern ohne dass es die wahre innere Gestaltung zu erkennen
vermag Ich erblicke oft den Faden den die dunkle Macht sich auflehnend
gegen das Heil meiner Seele fortspinnt und glaube töricht ihn erfassen ihn
zerreißen zu können Aber dulden soll ich und gläubig und fromm in fortwährender
reuiger Busse die Marter ertragen die mir auferlegt worden um meine Missetaten
zu sühnen Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht aber der
Satan ist geschäftig dem Franz das Verderben zu bereiten dem er nicht entgehen
wird Franz kam mit dem Prinzen an den Ort wo sich Graf Pietro mit seiner
Gemahlin und seiner Tochter Aurelie die eben fünfzehn Jahr alt worden
aufhielt So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder Begier
entbrannte als er Angiola sah so loderte das Feuer verbotener Lust auf in dem
Sohn als er das holde Kind Aurelie erblickte Durch allerlei teuflische Künste
der Verführung wusste er die fromme kaum erblühte Aurelie zu umstricken dass sie
mit ganzer Seele ihm sich ergab und sie hatte gesündigt ehe der Gedanke der
Sünde aufgegangen in ihrem Innern Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben
konnte da warf er sich wie voll Verzweiflung über das was er begangen der
Mutter zu Füßen und gestand alles Graf Pietro unerachtet selbst in Sünde und
Frevel befangen hätte Franz und Aurelie ermordet Die Mutter ließ den Franz
ihren gerechten Zorn fühlen indem sie ihn mit der Drohung die verruchte Tat
dem Grafen Pietro zu entdecken auf immer aus ihren und der verführten Tochter
Augen verbannte Es gelang der Gräfin die Tochter den Augen des Grafen Pietro
zu entziehen und sie gebar an entfernten Orten ein Töchterlein Aber Franz
konnte nicht lassen von Aurelien er erfuhr ihren Aufenthalt eilte hin und trat
in das Zimmer als eben die Gräfin verlassen vom Hausgesinde neben dem Bette
der Tochter saß und das Töchterlein das erst acht Tage alt worden auf dem
Schoße hielt Die Gräfin stand voller Schreck und Entsetzen über den
unvermuteten Anblick des Bösewichts auf und gebot ihm das Zimmer zu verlassen
»Fort fort sonst bist du verloren Graf Pietro weiß was du Verruchter
begonnen« So rief sie um dem Franz Furcht einzujagen und drängte ihn nach der
Türe da übermannte den Franz wilde teuflische Wut er riss der Gräfin das Kind
vom Arme versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust dass sie rücklings
niederstürzte und rannte fort Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte war
die Mutter nicht mehr am Leben die tiefe Kopfwunde sie war auf einen mit Eisen
beschlagenen Kasten gestürzt hatte sie getötet Franz hatte im Sinn das Kind
zu ermorden er wickelte es in Tücher lief am finsteren Abend die Treppe hinab
und wollte eben zum Hause hinaus als er ein dumpfes Wimmern vernahm das aus
einem Zimmer des Erdgeschosses zu kommen schien Unwillkürlich blieb er stehen
horchte und schlich endlich jenem Zimmer näher In dem Augenblick trat eine
Frau welche er für die Kinderwärterin der Baronesse S in deren Hause er
wohnte erkannte unter kläglichem Jammern heraus Franz frug weshalb sie sich
so gebärde »Ach Herr« sagte die Frau »mein Unglück ist gewiss soeben saß die
kleine Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte aber mit einemmal lässt
sie das Köpfchen sinken und ist tot Blaue Flecken hat sie auf der Stirn und
so wird man mir Schuld geben dass ich sie habe fallen lassen« Schnell trat
Franz hinein und als er das tote Kind erblickte gewahrte er wie das
Verhängnis das Leben seines Kindes wollte denn es war mit der toten Euphemie
auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet Die Wärterin vielleicht
nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes als sie vorgab und bestochen durch
Franzens reichliches Geschenk ließ sich den Tausch gefallen Franz wickelte nun
das tote Kind in die Tücher und warf es in den Strom Aureliens Kind wurde als
die Tochter der Baronesse von S Euphemie mit Namen erzogen und der Welt
blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen Die Unselige wurde nicht durch das
Sakrament der heiligen Taufe in den Schoss der Kirche aufgenommen denn getauft
war schon das Kind dessen Tod ihr Leben erhielt Aurelie hat sich nach mehreren
Jahren mit dem Baron von F vermählt zwei Kinder Hermogen und Aurelie sind
die Frucht dieser Vermählung
Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergönnt dass als der Prinz mit
Francesko so nannte er den Franz auf italienische Weise nach der Residenzstadt
des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte ich zu ihnen treten und mitziehen
durfte Mit kräftigem Arm wollte ich den schwankenden Francesko erfassen wenn
er sich dem Abgrunde nahte der sich vor ihm aufgetan Törichtes Beginnen des
ohnmächtigen Sünders der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn
Francesko ermordete den Bruder nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt
Franceskos Sohn ist der unselige Knabe den der Fürst unter dem Namen des Grafen
Viktorin erziehen lässt Der Mörder Francesko gedachte sich zu vermählen mit der
frommen Schwester der Fürstin aber ich vermochte dem Frevel vorzubeugen in dem
Augenblick als er begangen werden sollte an heiliger Stätte
Wohl bedurfte es des tiefen Elends in das Franz versank nachdem er gefoltert
von dem Gedanken nie abzubüssender Sünde entflohen um ihn zur Reue zu wenden
Von Gram und Krankheit gebeugt kam er auf der Flucht zu einem Landmann der ihn
freundlich aufnahm Des Landmanns Tochter eine fromme stille Jungfrau fasste
wunderbare Liebe zu dem Fremden und pflegte ihn sorglich So geschah es dass
als Francesko genesen er der Jungfrau Liebe erwiderte und sie wurden durch das
heilige Sakrament der Ehe vereinigt Es gelang ihm durch seine Klugheit und
Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlass reichlich
zu vermehren so dass er viel irdischen Wohlstand genoss Aber unsicher und eitel
ist das Glück des mit Gott nicht versöhnten Sünders Franz sank zurück in die
bitterste Armut und tötend war sein Elend denn er fühlte wie Geist und Körper
hinschwanden in kränkelnder Siechheit Sein Leben wurde eine fortwährende
Bussübung Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des Trostes Er soll
pilgern nach der heiligen Linde und dort wird ihm die Geburt eines Sohnes die
Gnade des Herrn verkünden
In dem Walde der das Kloster zur heiligen Linde umschließt trat ich zu der
bedrängten Mutter als sie über dem neugebornen vaterlosen Knäblein weinte und
erquickte sie mit Worten des Trostes
Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf dem Kinde das geboren wird in dem
segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten Oftmals begibt es sich dass das
Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem kindischen Gemüt den
Funken der Liebe entzündet
Die Mutter hat in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen Franz geben
lassen Wirst du es denn sein Franziskus der an heiliger Stätte geboren
durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn entsündigt und ihm Ruhe
schafft im Grabe Fern von der Welt und ihren verführerischen Lockungen soll
der Knabe sich ganz dem Himmlischen zuwenden Er soll geistlich werden So hat
es der heilige Mann der wunderbaren Trost in meine Seele goss der Mutter
verkündet und es mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein die mich mit
wundervoller Klarheit erleuchtet so dass ich in meinem Innern das lebendige Bild
der Zukunft zu erschauen vermeine
Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finsteren Macht die
auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe Er fällt doch ein göttlich Weib
erhebt über sein Haupt die Siegeskrone Es ist die heilige Rosalia selbst die
ihn errettet So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergönnt will ich dem
Knaben dem Jünglinge dem Manne nahe sein und ihn schützen wie es die mir
verliehene Kraft vermag Er wird sein wie
Anmerkung des Herausgebers
Hier wird günstiger Leser die halb erloschene Schrift des alten Malers so
undeutlich dass weiter etwas zu entziffern ganz unmöglich ist Wir kehren zu dem
Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus zurück
Dritter Abschnitt
Die Rückkehr in das Kloster
Es war so weit gekommen dass überall wo ich mich in den Straßen von Rom blicken
ließ einzelne aus dem Volk still standen und in gebeugter demütiger Stellung
um meinen Segen baten Mocht es sein dass meine strenge Bussübungen die ich
fortsetzte schon Aufsehen erregten aber gewiss war es dass meine fremdartige
wunderliche Erscheinung den lebhaften phantastischen Römern bald zu einer
Legende werden musste und dass sie mich vielleicht ohne dass ich es ahnte zu dem
Helden irgend eines frommen Märchens erhoben hatten Oft weckten mich bange
Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung in die ich auf
den Stufen des Altars liegend versunken und ich bemerkte dann wie rings um
mich her Andächtige knieten und meine Fürbitte zu erflehen schienen So wie in
jenem Kapuzinerkloster hörte ich hinter mir rufen il Santo und schmerzhafte
Dolchstiche fuhren durch meine Brust Ich wollte Rom verlassen doch wie
erschrak ich als der Prior des Klosters in dem ich mich aufhielt mir
ankündigte dass der Papst mich hätte zu sich gebieten lassen Düstre Ahnungen
stiegen in mir auf dass vielleicht aufs neue die böse Macht in feindlichen
Verkettungen mich festzubannen trachte indessen fasste ich Mut und ging zur
bestimmten Stunde nach dem Vatikan Der Papst ein wohlgebildeter Mann noch in
den Jahren der vollen Kraft empfing mich auf einem reich verzierten Lehnstuhl
sitzend Zwei wunderschöne geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit
Eiswasser und durchfächelten das Zimmer mit Reiherbüschen um da der Tag
überheiss war die Kühle zu erhalten Demütig trat ich auf ihn zu und machte die
gewöhnliche Kniebeugung Er sah mich scharf an der Blick hatte aber etwas
Gutmütiges und statt des strengen Ernstes der sonst wie ich aus der Ferne
wahrzunehmen geglaubt auf seinem Gesicht ruhte ging ein sanftes Lächeln durch
alle Züge Er frug woher ich käme was mich nach Rom gebracht kurz das
Gewöhnlichste über meine persönliche Verhältnisse und stand dann auf indem er
sprach »Ich ließ Euch rufen weil man mir von Eurer seltenen Frömmigkeit
erzählt Warum Mönch Medardus treibst du deine Andachtsübungen öffentlich
vor dem Volk in den besuchtesten Kirchen Gedenkst du zu erscheinen als ein
Heiliger des Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel so greife
in deine Brust und forsche wohl wie der innerste Gedanke beschaffen der dich
so zu handeln treibt Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir seinem
Stattalter so nimmst du bald ein schmähliches Ende Mönch Medardus« Diese
Worte sprach der Papst mit starker durchdringender Stimme und wie treffende
Blitze funkelte es aus seinen Augen Nach langer Zeit zum erstenmal fühlte ich
mich nicht der Sünde schuldig der ich angeklagt wurde und so musste es wohl
kommen dass ich nicht allein meine Fassung behielt sondern auch von dem
Gedanken dass meine Busse aus wahrer innerer Zerknirschung hervorgegangen
erhoben wurde und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte »Ihr hochheiliger
Stattalter des Herrn wohl ist Euch die Kraft verliehen in mein Inneres zu
schauen wohl mögt Ihr es wissen dass zentnerschwer mich die unsägliche Last
meiner Sünden zu Boden drückt aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue
erkennen Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei fern von mir jede
ehrgeizige Absicht das Volk zu täuschen auf verruchte Weise Vergönnt es dem
büssenden Mönche o hochheiliger Herr dass er in kurzen Worten sein
verbrecherisches Leben aber auch das was er in der tiefsten Reue und
Zerknirschung begonnen Euch entülle« So fing ich an und erzählte nun ohne
Namen zu nennen und so gedrängt als möglich meinen ganzen Lebenslauf
Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst Er setzte sich in den Lehnstuhl
und stützte den Kopf in die Hand er sah zur Erde nieder dann fuhr er plötzlich
in die Höhe die Hände übereinander geschlagen und mit dem rechten Fuß
ausschreitend als wolle er auf mich zutreten starrte er mich an mit glühenden
Augen Als ich geendet setzte er sich aufs neue »Eure Geschichte Mönch
Medardus« fing er an »ist die verwunderlichste die ich jemals vernommen
Glaubt Ihr an die offenbare sichtliche Einwirkung einer bösen Macht die die
Kirche Teufel nennt« Ich wollte antworten der Papst fuhr fort »Glaubt Ihr
dass der Wein den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket Euch zu den
Freveln trieb die Ihr beginget« »Wie ein von giftigen Dünsten geschwängertes
Wasser gab er Kraft dem bösen Keim der in mir ruhte dass er fortzuwuchern
vermochte« Als ich dies erwidert schwieg der Papst einige Augenblicke dann
fuhr er mit ernstem in sich gekehrtem Blick fort »Wie wenn die Natur die
Regel des körperlichen Organism auch im geistigen befolgte dass gleicher Keim
nur Gleiches zu gebären vermag Wenn Neigung und Wollen wie die Kraft
die im Kern verschlossen des hervorschiessenden Baumes Blätter wieder grün färbt
sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern alle Willkür aufhebend Es gibt
Familien von Mördern von Räubern Das wäre die Erbsünde des frevelhaften
Geschlechts ewiger durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch« »Muss der vom
Sünder Geborne wieder sündigen vermöge des vererbten Organism dann gibt es
keine Sünde« so unterbrach ich den Papst »Doch« sprach er »der ewige Geist
schuf einen Riesen der jenes blinde Tier das in uns wütet zu bändigen und in
Fesseln zu schlagen vermag Bewusstsein heißt dieser Riese aus dessen Kampf mit
dem Tier sich die Spontaneität erzeugt Des Riesen Sieg ist die Tugend der Sieg
des Tieres die Sünde« Der Papst schwieg einige Augenblicke dann heiterte sein
Blick sich auf und er sprach mit sanfter Stimme »Glaubt Ihr Mönch Medardus
dass es für den Stattalter des Herrn schicklich sei mit Euch über Tugend und
Sünde zu vernünfteln« »Ihr habt hochheiliger Herr« erwiderte ich »Euren
Diener gewürdigt Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen und
wohl mag es Euch ziemen über den Kampf zu sprechen den Ihr längst herrlich
und glorreich siegend geendet« »Du hast eine gute Meinung von mir Bruder
Medardus« sprach der Papst »oder glaubst du dass die Tiara der Lorbeer sei
der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet« »Es ist« sprach ich
»wohl etwas Großes König sein und herrschen über ein Volk So im Leben
hochgestellt mag alles rings umher näher zusammengerückt in jedem Verhältnis
kommensurabler erscheinen und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare
Kraft des Überschauens entwickeln die wie eine höhere Weihe sich kundtut im
geborenen Fürsten« »Du meinst« fiel der Papst ein »dass selbst den Fürsten
die schwach an Verstande und Willen doch eine gewisse wunderliche Sagazität
beiwohne die füglich für Weisheit geltend der Menge zu imponieren vermag Aber
wie gehört das hieher« »Ich wollte« fuhr ich fort »von der Weihe der
Fürsten reden deren Reich von dieser Welt ist und dann von der heiligen
göttlichen Weihe des Stattalters des Herrn Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet
der Geist des Herrn die im Konklave verschlossenen hohen Priester Getrennt in
einzelnen Gemächern frommer Betrachtung hingegeben befruchtet der Strahl des
Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemüt und ein Name erschallt wie
ein die ewige Macht lobpreisenden Hymnus von den begeisterten Lippen Nur kund
getan in irdischer Sprache wird der Beschluss der ewigen Macht die sich ihren
würdigen Stattalter auf Erden erkor und so hochheiliger Herr ist Eure Krone
im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn des Herrn der Welten verkündend
in der Tat der Lorbeer der Euch als Helden und Sieger darstellt Nicht von
dieser Welt ist Euer Reich und doch seid Ihr berufen zu herrschen über alle
Reiche dieser Erde die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne
des Herrn Das weltliche Reich das Euch beschieden ist nur Euer in
himmlischer Pracht blühender Thron« »Das gibst du zu« unterbrach mich der
Papst »das gibst du zu Bruder Medardus dass ich Ursache habe mit diesem mir
beschiedenen Thron zufrieden zu sein Wohl ist meine blühende Oma geschmückt mit
himmlischer Pracht das wirst du auch wohl fühlen Bruder Medardus hast du
deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen Doch das glaub ich
nicht Du bist ein wackerer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen Wir
werden uns merk ich näher verständigen Bleibe hier In einigen Tagen
bist du vielleicht Prior und später könnt ich dich wohl gar zu meinem
Beichtvater erwählen Gehe gebärde dich weniger närrisch in den Kirchen
zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf der Kalender ist
vollzählig Gehe« Des Papstes letzte Worte verwunderten mich ebenso wie sein
ganzes Betragen überhaupt das ganz dem Bilde widersprach wie es sonst von dem
Höchsten der christlichen Gemeinde dem die Macht gegeben zu binden und zu
lösen in meinem Innern aufgegangen war Es war mir nicht zweifelhaft dass er
alles was ich von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen für eine
leere listige Schmeichelei gehalten hatte Er ging von der Idee aus dass ich
mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen und dass ich da er mir aus besonderen
Gründen den Weg dazu versperren musste nun gesonnen war mir auf andere Weise
Ansehen und Einfluss zu verschaffen Auf dieses wollte er wieder aus besonderen
mir unbekannten Gründen eingehen
Ich beschloss ohne daran zu denken dass ich ja ehe der Papst mich rufen
ließ Rom hatte verlassen wollen meine Andachtsübungen fortzusetzen Doch nur
zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt um wie sonst mein Gemüt ganz dem
Himmlischen zuwenden zu können Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein
früheres Leben erblasst war das Bild meiner Sünden und nur das Glänzende der
Laufbahn die ich als Liebling eines Fürsten begonnen als Beichtiger des
Papstes fortsetzen und wer weiß auf welcher Höhe enden werde stand grell
leuchtend vor meines Geistes Augen So kam es dass ich nicht weil es der Papst
verboten sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen einstellte und statt
dessen in den Straßen von Rom umherschlenderte Als ich eines Tages über den
spanischen Platz ging war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers
versammelt Ich vernahm Pulcinells komisches Gequäke und das wiehernde Gelächter
der Menge Der erste Akt war geendet man bereitete sich auf den zweiten vor
Die kleine Decke flog auf der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem
Sack voll Kieselsteinen Unter possierlichen Bewegungen versprach er dass
nunmehr der ungeschlachte Riese Goliat ganz gewiss erschlagen und Israel
errettet werden solle Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hören Der
Riese Goliat stieg empor mit einem ungeheueren Kopfe Wie erstaunte ich als
ich auf den ersten Blick in dem Goliatskopf den närrischen Belcampo erkannte
Dicht unter dem Kopf hatte er mittelst einer besonderen Vorrichtung einen kleinen
Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht seine eigenen Schultern und Arme
aber durch eine Draperie versteckt die wie Goliats breit gefalteter Mantel
anzusehen war Goliat hielt mit den seltsamsten Grimassen und groteskem
Schütteln des Zwergleibes eine stolze Rede die David nur zuweilen durch ein
feines Kickern unterbrach Das Volk lachte unmäßig und ich selbst wunderlich
angesprochen von der neuen fabelhaften Erscheinung Belcampos ließ mich
fortreißen und brach aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen
Lust Ach wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der
innern herzzerreissenden Qual Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange
Disputation voraus und David bewies überaus künstlich und gelehrt warum er den
furchtbaren Gegner totschmeissen müsse und werde Belcampo ließ alle Muskeln
seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen und dabei schlugen die
Riesenärmchen nach dem kleiner als kleinen David der geschickt unterzuducken
wusste und dann hie und da ja selbst aus Goliats eigener Mantelfalte zum
Vorschein kam Endlich flog der Kiesel an Goliats Haupt er sank hin und die
Decke fiel Ich lachte immer mehr durch Belcampos tollen Genius gereizt
überlaut da klopfte jemand leise auf meine Schulter Ein Abbate stand neben
mir »Es freut mich« fing er an »dass Ihr mein ehrwürdiger Herr nicht die
Lust am Irdischen verloren habt Beinahe traute ich Euch nachdem ich Eure
merkwürdige Andachtsübungen gesehen nicht mehr zu dass Ihr über solche
Torheiten zu lachen vermöchtet« Es war mir so als der Abbate dieses sprach
als müsste ich mich meiner Lustigkeit schämen und unwillkürlich sprach ich was
ich gleich darauf schwer bereute gesprochen zu haben »Glaubt mir mein Herr
Abbate« sagte ich »dass dem der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein
rüstiger Schwimmer war nie die Kraft gebricht aus dunkler Flut aufzutauchen
und mutig sein Haupt zu erheben« Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an
»Ei« sprach er »wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgeführt Ich
glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar und bewundere Euch aus tiefstem Grunde
meiner Seele«
»Ich weiß nicht mein Herr wie ein armer büssender Mönch Eure Bewunderung zu
erregen vermochte«
»Vortrefflich Ehrwürdigster Ihr fallt zurück in Eure Rolle Ihr seid
des Papstes Liebling«
»Dem hochheiligen Stattalter des Herrn hat es gefallen mich seines Blicks
zu würdigen Ich habe ihn verehrt im Staube wie es der Würde die ihm die
ewige Macht verlieh als sie himmlisch reine Tugend bewährt fand in seinem
Innern geziemt«
»Nun du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten du wirst
tapfer tun was deines Amtes ist Aber glaube mir der jetzige Stattalter des
Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den Sechsten und da magst du
dich vielleicht doch verrechnet haben Doch spiele deine Rolle ausgespielt
ist bald was munter und lustig begann Lebt wohl mein sehr ehrwürdiger
Herr«
Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen erstarrt blieb ich
stehen Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen Bemerkungen über den
Papst zusammen so musste es mir wohl klar aufgehen dass er keinesweges der nach
dem Kampf mit dem Tier gekrönte Sieger war für den ich ihn gehalten und ebenso
musste ich auf entsetzliche Weise mich überzeugen dass wenigstens dem
eingeweihten Teil des Publikums meine Busse als ein heuchlerisches Bestreben
erschienen war mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen Verwundet bis
tief in das Innerste kehrte ich in mein Kloster zurück und betete inbrünstig in
der einsamen Kirche Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich erkannte
bald die Versuchung der finsteren Macht die mich aufs neue zu verstricken
getrachtet hatte aber auch zugleich meine sündige Schwachheit und die Strafe
des Himmels Nur schnelle Flucht konnte mich retten und ich beschloss mit dem
frühesten Morgen mich auf den Weg zu machen Schon war beinahe die Nacht
eingebrochen als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde Bald darauf
trat der Bruder Pförtner in meine Zelle und berichtete dass ein seltsam
gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen Ich ging nach dem
Sprachzimmer es war Belcampo der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang
bei beiden Armen mich packte und mich schnell in einen Winkel zog »Medardus«
fing er leise und eilig an »Medardus du magst es nun anstellen wie du willst
um dich zu verderben die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln des
Westwindes Südwindes oder auch SüdSüdwest oder sonst und packt dich ragt
auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde und zieht dich
herauf O Medardus erkenne das erkenne was Freundschaft ist erkenne was
Liebe vermag glaube an David und Jonathan liebster Kapuziner« »Ich habe Sie
als Goliat bewundert« fiel ich dem Schwätzer in die Rede »aber sagen Sie mir
schnell worauf es ankommt was Sie zu mir hertreibt« »Was mich hertreibt«
sprach Belcampo »was mich hertreibt Wahnsinnige Liebe zu einem Kapuziner
dem ich einst den Kopf zurechtsetzte der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten
der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants der nachdem er was weniges
gemordet hatte die Schönste der Welt heiraten wollte bürgerlicheroder
vielmehr adligerweise« »Halt ein« rief ich »halt ein du grauenhafter Narr
Gebüsst habe ich schwer was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen« »O
Herr« fuhr Belcampo fort »noch ist die Stelle so empfindlich wo Euch die
feindliche Macht tiefe Wunden schlug Ei so ist Eure Heilung noch nicht
vollbracht Nun ich will sanft und ruhig sein wie ein frommes Kind ich will
mich bezähmen ich will nicht mehr springen weder körperlich noch geistig und
Euch geliebter Kapuziner bloß sagen dass ich Euch hauptsächlich Eurer sublimen
Tollheit halber so zärtlich liebe und da es überhaupt nützlich ist dass jedes
tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden als nur immer möglich so
rette ich dich aus jeder Todesgefahr in die du mutwilligerweise dich begibst
In meinem Puppenkasten habe ich ein Gespräch belauscht das dich betrifft Der
Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters und zu seinem
Beichtiger erheben Fliehe schnell schnell fort von Rom denn Dolche lauern auf
dich Ich kenne den Bravo der dich ins Himmelreich spedieren soll Du bist dem
Dominikaner der jetzt des Papstes Beichtiger ist und seinem Anhange im Wege
Morgen darfst du nicht mehr hier sein« Diese neue Begebenheit konnte ich gar
gut mit den Äußerungen des unbekannten Abbates zusammenräumen so betroffen war
ich dass ich kaum bemerkte wie der possierliche Belcampo mich ein Mal über das
andere an das Herz drückte und endlich mit seinen gewöhnlichen seltsamen
Grimassen und Sprüngen Abschied nahm
Mitternacht mochte vorüber sein als ich die äußere Pforte des Klosters
öffnen und einen Wagen dumpf über das Pflaster des Hofes hereinrollen hörte
Bald darauf kam es den Gang herauf man klopfte an meine Zelle ich öffnete und
erblickte den Pater Guardian dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel
folgte »Bruder Medardus« sprach der Guardian »ein Sterbender verlangt in der
Todesnot Euren geistlichen Zuspruch und die letzte Ölung Tut was Eures Amtes
ist und folgt diesem Mann der Euch dort hinführen wird wo man Eurer bedarf«
Mich überlief ein kalter Schauer die Ahnung dass man mich zum Tode führen
wolle regte sich in mir auf doch durfte ich mich nicht weigern und folgte
daher dem Vermummten der den Schlag des Wagens öffnete und mich nötigte
einzusteigen Im Wagen fand ich zwei Männer die mich in ihre Mitte nahmen Ich
frug wo man mich hinführen wolle wer gerade von mir Zuspruch und letzte
Ölung verlange Keine Antwort In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere
Straßen Ich glaubte an dem Klange wahrzunehmen dass wir schon außerhalb Rom
waren doch bald vernahm ich deutlich dass wir durch ein Tor und dann wieder
durch gepflasterte Straßen fuhren Endlich hielt der Wagen und schnell wurden
mir die Hände gebunden und eine dicke Kappe fiel über mein Gesicht »Euch soll
nichts Böses widerfahren« sprach eine raue Stimme »nur schweigen müsst Ihr
über alles was Ihr sehen und hören werdet sonst ist Euer augenblicklicher Tod
gewiss« Man hob mich aus dem Wagen Schlösser klirrten und ein Tor dröhnte
auf in schweren ungefügigen Angeln Man führte mich durch lange Gänge und
endlich Treppen hinab tiefer und tiefer Der Schall der Tritte überzeugte
mich dass wir uns in Gewölben befanden deren Bestimmung der durchdringende
Totengeruch verriet Endlich stand man still die Hände wurden mir losgebunden
die Kappe mir vom Kopfe gezogen Ich befand mich in einem geräumigen von einer
Ampel schwach beleuchteten Gewölbe ein schwarz vermummter Mann wahrscheinlich
derselbe der mich hergeführt hatte stand neben mir rings umher saßen auf
niedrigen Bänken Dominikanermönche Der grauenhafte Traum den ich einst in dem
Kerker träumte kam mir in den Sinn ich hielt meinen qualvollen Tod für gewiss
doch blieb ich gefasst und betete inbrünstig im stillen nicht um Rettung
sondern um ein seliges Ende Nach einigen Minuten düstern ahnungsvollen
Schweigens trat einer der Mönche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme »Wir
haben einen Eurer Ordensbrüder gerichtet Medardus das Urteil soll vollstreckt
werden Von Euch einem heiligen Manne erwartet er Absolution und Zuspruch im
Tode Geht und tut was Eures Amts ist« Der Vermummte welcher neben mir
stand fasste mich unter den Arm und führte mich weiter fort durch einen engen
Gang in ein kleines Gewölbe Hier lag in einem Winkel auf dem Strohlager ein
bleiches abgezehrtes mit Lumpen behängtes Geripp Der Vermummte setzte die
Lampe die er mitgebracht auf dem steinernen Tisch in die Mitte des Gewölbes
und entfernte sich Ich nahte mich dem Gefangenen er drehte sich mühsam nach
mir um ich erstarrte als ich die ehrwürdigen Züge des frommen Cyrillus
erkannte Ein himmlisches verklärtes Lächeln überflog sein Gesicht »So haben
mich« fing er mit matter Stimme an »die entsetzlichen Diener der Hölle welche
hier hausen doch nicht getäuscht Durch sie erfuhr ich dass du mein lieber
Bruder Medardus dich in Rom befändest und als ich mich so sehnte nach dir
weil ich großes Unrecht an dir verübt habe da versprachen sie mir sie wollten
dich zu mir führen in der Todesstunde Die ist nun wohl gekommen und sie haben
Wort gehalten« Ich kniete nieder bei dem frommen ehrwürdigen Greis ich
beschwor ihn mir nur vor allen Dingen zu sagen wie es möglich gewesen sei ihn
einzukerkern ihn zum Tode zu verdammen »Mein lieber Bruder Medardus« sprach
Cyrill »erst nachdem ich reuig bekannt wie sündlich ich aus Irrtum an dir
gehandelt erst wenn du mich mit Gott versöhnt darf ich von meinem Elende von
meinem irdischen Untergange zu dir reden Du weißt dass ich und mit mir unser
Kloster dich für den verruchtesten Sünder gehalten die ungeheuersten Frevel
hattest du so glaubten wir auf dein Haupt geladen und ausgestoßen hatten wir
dich aus aller Gemeinschaft Und doch war es nur ein verhängnisvoller
Augenblick in dem der Teufel dir die Schlinge über den Hals warf und dich
fortriss von der heiligen Stätte in das sündliche Weltleben Dich um deinen
Namen um dein Kleid um deine Gestalt betrügend beging ein teuflischer
Heuchler jene Untaten die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mörders
zugezogen hätten Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart dass du
zwar leichtsinnig sündigtest indem dein Trachten darauf ausging dein Gelübde
zu brechen dass du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln Kehre zurück
in unser Kloster Leonardus die Brüder werden dich den verloren Geglaubten
mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen O Medardus« Der Greis von Schwäche
übermannt sank in eine tiefe Ohnmacht Ich widerstand der Spannung die seine
Worte welche eine neue wunderbare Begebenheit zu verkünden schienen in mir
erregt hatten und nur an ihn an das Heil seiner Seele denkend suchte ich von
allen andern Hilfsmitteln entblößt ihn dadurch ins Leben zurückzurufen dass ich
langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich eine in
unsern Klöstern übliche Art Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken Cyrillus
erholte sich bald und beichtete mir er der Fromme dem freveligen Sünder
Aber es war als würde indem ich den Greis dessen höchste Vergehen nur in
Zweifel bestanden die ihm hie und da aufgestoßen absolvierte von der hohen
ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir entzündet und als sei ich nur das
Werkzeug das körpergewordene Organ dessen sich jene Macht bediene um schon
hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden Cyrillus
hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach »O mein Bruder Medardus
wie haben mich deine Worte erquickt Froh gehe ich dem Tode entgegen den mir
verruchte Bösewichter bereitet Ich falle ein Opfer der grässlichsten Falschheit
und Sünde die den Thron des dreifach Gekrönten umgibt« Ich vernahm dumpfe
Tritte die näher und näher kamen die Schlüssel rasselten im Schloss der Türe
Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor erfasste meine Hand und rief mir ins Ohr
»Kehre in unser Kloster zurück Leonardus ist von allem unterrichtet er weiß
wie ich sterbe beschwöre ihn über meinen Tod zu schweigen Wie bald hätte
mich ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt Lebe wohl mein Bruder Bete
für das Heil meiner Seele Ich werde bei euch sein wenn ihr im Kloster mein
Totenamt haltet Gelobe mir dass du hier über alles was du erfahren schweigen
willst denn du führst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser Kloster
in tausend schlimme Händel« Ich tat es Vermummte waren hereingetreten sie
hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn der vor Mattigkeit nicht
fortzuschreiten vermochte durch den Gang nach dem Gewölbe in dem ich früher
gewesen Auf den Wink der Vermummten war ich gefolgt die Dominikaner hatten
einen Kreis geschlossen in den man den Greis brachte und auf ein Häufchen Erde
das man in der Mitte aufgeschüttet niederknien hieß Man hatte ihm ein Kruzifix
in die Hand gegeben Ich war weil ich es meines Amts hielt mit in den Kreis
getreten und betete laut Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm und zog mich
beiseite In dem Augenblick sah ich in der Hand eines Vermummten der
hinterwärts in den Kreis getreten ein Schwert blitzen und Cyrillus blutiges
Haupt rollte zu meinen Füßen hin Ich sank bewusstlos nieder Als ich wieder zu
mir selbst kam befand ich mich in einem kleinen zellenartigen Zimmer Ein
Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit hämischem Lächeln »Ihr seid wohl
recht erschrocken mein Bruder und solltet doch billig Euch erfreuen da Ihr
mit eignen Augen ein schönes Martyrium angeschaut habt So muss man ja wohl es
nennen wenn ein Bruder aus Eurem Kloster den verdienten Tod empfängt denn Ihr
seid wohl alle samt und sonders Heilige« »Nicht Heilige sind wir« sprach
ich »aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet Entlasst
mich ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit Der Geist des Verklärten
wird mir nahe sein wenn ich fallen sollte in die Hände verruchter Mörder«
»Ich zweifle gar nicht« sprach der Dominikaner »dass der selige Bruder Cyrillus
Euch in dergleichen Fällen beizustehen imstande sein wird wollt aber doch
lieber Bruder seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen Schwer hatte
sich Cyrillus versündigt an dem Stattalter des Herrn und dieser selbst war es
der seinen Tod befahl Doch er muss Euch ja wohl alles gebeichtet haben unnütz
ist es daher mit Euch darüber zu sprechen nehmt lieber dieses zur Stärkung und
Erfrischung Ihr seht ganz blass und verstört aus« Mit diesen Worten reichte mir
der Dominikaner einen kristallenen Pokal in dem ein dunkelroter stark
duftender Wein schäumte Ich weiß nicht welche Ahnung mich durchblitzte als
ich den Pokal an den Mund brachte Doch war es gewiss dass ich denselben Wein
roch den mir einst Euphemie in jener verhängnisvollen Nacht kredenzte und
unwillkürlich ohne deutlichen Gedanken goss ich ihn aus in den linken Ärmel
meines Habits indem ich wie von der Ampel geblendet die linke Hand vor die
Augen hielt »Wohl bekomm es Euch« rief der Dominikaner indem er mich schnell
zur Türe hinausschob Man warf mich in den Wagen der zu meiner Verwunderung
leer war und zog mit mir von dannen Die Schrecken der Nacht die geistige
Anspannung der tiefe Schmerz über den unglücklichen Cyrill warfen mich in einen
betäubten Zustand so dass ich mich ohne zu widerstehen hingab als man mich
aus dem Wagen herausriss und ziemlich unsanft auf den Boden fallen ließ Der
Morgen brach an und ich sah mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen
dessen Glocke ich als ich mich aufgerichtet hatte anzog Der Pförtner erschrak
über mein bleiches verstörtes Ansehen und mochte dem Prior die Art wie ich
zurückgekommen gemeldet haben denn gleich nach der Frühmesse trat dieser mit
besorglichem Blick in meine Zelle Auf sein Fragen erwiderte ich nur im
allgemeinen dass der Tod dessen den ich absolvieren müssen zu grässlich gewesen
sei um mich nicht im Innersten aufzuregen aber bald konnte ich vor dem
wütenden Schmerz den ich am linken Arme empfand nicht weiter reden ich schrie
laut auf Der Wundarzt des Klosters kam man riss mir den fest am Fleisch
klebenden Ärmel herab und fand den ganzen Arm wie von einer ätzenden Materie
zerfleischt und zerfressen »Ich habe Wein trinken sollen ich habe ihn in
den Ärmel gegossen« stöhnte ich ohnmächtig von der entsetzlichen Qual
»Ätzendes Gift war in dem Weine« rief der Wundarzt und eilte Mittel
anzuwenden die wenigstens bald den wütenden Schmerz linderten Es gelang der
Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege die mir der Prior
angedeihen ließ den Arm der erst abgenommen werden sollte zu retten aber bis
auf den Knochen dorrte das Fleisch ein und alle Kraft der Bewegung hatte der
feindliche Schierlingstrank gebrochen »Ich sehe nur zu deutlich« sprach der
Prior »was es mit jener Begebenheit die Euch um Euren Arm brachte für eine
Bewandtnis hat Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus unserm Kloster und aus
Rom auf unbegreifliche Weise und auch Ihr lieber Bruder Medardus werdet auf
dieselbe Weise verloren gehen wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset Auf
verschiedene verdächtige Weise erkundigte man sich nach Euch während der Zeit
als Ihr krank lagt und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der
frommgesinnten Brüder möget Ihr es verdanken dass Euch der Mord nicht bis in
Eure Zelle verfolgte So wie Ihr überhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein
scheint den überall verhängnisvolle Bande umschlingen so seid Ihr auch seit
der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewiss wider Euren Willen viel zu
merkwürdig geworden als dass es gewissen Personen nicht wünschenswert sein
sollte Euch aus dem Wege zu räumen Kehrt zurück in Euer Vaterland in Euer
Kloster Friede sei mit Euch«
Ich fühlte wohl dass solange ich mich in Rom befände mein Leben in steter
Gefahr bleiben müsse aber zu dem peinigenden Andenken an alle begangene Frevel
das die strengste Busse nicht zu vertilgen vermocht hatte gesellte sich der
körperliche empfindliche Schmerz des abwelkenden Armes und so achtete ich ein
qualvolles sieches Dasein nicht das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod
wie eine drückende Bürde fahren lassen konnte Immer mehr gewöhnte ich mich an
den Gedanken eines gewaltsamen Todes zu sterben und er erschien mir bald sogar
als ein glorreiches durch meine strenge Busse erworbenes Märtyrertum Ich sah
mich selbst wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt und wie eine
finstere Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte Das Volk versammelte
sich um den blutigen Leichnam »Medardus der fromme büssende Medardus ist
ermordet« So rief man durch die Straßen und dichter und dichter drängten
sich die Menschen laut wehklagend um den Entseelten Weiber knieten nieder
und trockneten mit weißen Tüchern die Wunde aus der das Blut hervorquoll Da
sieht eine das Kreuz an meinem Halse laut schreit sie auf »Er ist ein
Märtyrer ein Heiliger seht hier das Zeichen des Herrn das er am Halse
trägt« da wirft sich alles auf die Knie Glücklich der den Körper des
Heiligen berühren der nur sein Gewand erfassen kann Schnell ist eine Bahre
gebracht der Körper hinaufgelegt mit Blumen bekränzt und im Triumphzuge unter
lautem Gesang und Gebet tragen ihn Jünglinge nach St Peter So arbeitete
meine Phantasie ein Gemälde aus das meine Verherrlichung hienieden mit
lebendigen Farben darstellte und nicht gedenkend nicht ahnend wie der böse
Geist des sündlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken trachte beschloss
ich nach meiner völligen Genesung in Rom zu bleiben meine bisherige
Lebensweise fortzusetzen und so entweder glorreich zu sterben oder durch den
Papst meinen Feinden entrissen emporzusteigen zu hohen Würden der Kirche
Meine starke lebenskräftige Natur ließ mich endlich den namenlosen Schmerz
ertragen und widerstand der Einwirkung des höllischen Safts der von außen her
mein Inneres zerrütten wollte Der Arzt versprach meine baldige Herstellung und
in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirierens das dem
Einschlafen vorherzugehen pflegt fieberhafte Anfälle die mit kalten Schauern
und fliegender Hitze wechselten Gerade in diesen Augenblicken war es als ich
ganz erfüllt von dem Bilde meines Martyriums mich selbst wie es schon oft
geschehen durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute Doch statt dass
ich mich sonst gewöhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von
einer Menge Volks die meine Heiligsprechung verbreitete umgeben sah lag ich
einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B Statt des Blutes quoll ein
ekelhafter farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde und eine Stimme
sprach »Ist das Blut vom Märtyrer vergossen Doch ich will das unreine Wasser
klären und färben und dann wird das Feuer welches über das Licht gesiegt ihn
krönen« Ich war es der dies gesprochen als ich mich aber von meinem toten
Selbst getrennt fühlte merkte ich wohl dass ich der wesenlose Gedanke meines
Ichs sei und bald erkannte ich mich als das im Äther schwimmende Rot Ich
schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen ich wollte einziehn durch das
Tor goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg aber Blitze durchkreuzten
gleich im Feuer auflodernden Schlangen das Gewölbe des Himmels und ich sank
herab ein feuchter farbloser Nebel »Ich ich« sprach der Gedanke »ich bin
es der Eure Blumen Euer Blut färbt Blumen und Blut sind Euer
Hochzeitschmuck den ich bereite« Sowie ich tiefer und tiefer niederfiel
erblickte ich die Leiche mit weit aufklaffender Wunde in der Brust aus der
jenes unreine Wasser in Strömen floss Mein Hauch sollte das Wasser umwandeln in
Blut doch geschah es nicht die Leiche richtete sich auf und starrte mich an
mit hohlen grässlichen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft
»Verblendeter törichter Gedanke kein Kampf zwischen Licht und Feuer aber das
Licht ist die Feuertaufe durch das Rot das du zu vergiften trachtest« Die
Leiche sank nieder alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Häupter
Menschen bleichen Gespenstern ähnlich warfen sich zur Erde und ein
tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lüfte »O Herr Herr ist so
unermesslich die Last unsrer Sünde dass du Macht gibst dem Feinde unseres Blutes
Sühnopfer zu ertöten« Stärker und stärker wie des Meeres brausende Welle
schwoll die Klage Der Gedanke wollte zerstäuben in dem gewaltigen Ton des
trostlosen Jammers da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag
emporgerissen aus dem Traum Die Turmglocke des Klosters schlug zwölfe ein
blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle »Die Toten
richten sich auf aus den Gräbern und halten Gottesdienst« So sprach es in
meinem Innern und ich begann zu beten Da vernahm ich ein leises Klopfen Ich
glaubte irgend ein Mönch wolle zu mir herein aber mit tiefem Entsetzen hörte
ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen
Doppeltgängers und es rief neckend und höhnend »Brüderchen Brüderchen
Nun bin ich wieder bei dir die Wunde blutet die Wunde blutet rot
rot Komm mit mir Brüderchen Medardus Komm mit mir« Ich wollte
aufspringen vom Lager aber das Grausen hatte seine Eisdecke über mich geworfen
und jede Bewegung die ich versuchte wurde zum innern Krampf der die Muskeln
zerschnitt Nur der Gedanke blieb und war inbrünstiges Gebet dass ich errettet
werden möge von den dunklen Mächten die aus der offenen Höllenpforte auf mich
eindrangen Es geschah dass ich mein Gebet nur im Innern gedacht laut und
vernehmlich hörte wie es Herr wurde über das Klopfen und Kichern und
unheimliche Geschwätz des furchtbaren Doppeltgängers aber zuletzt sich verlor
in ein seltsames Summen wie wenn der Südwind Schwärme feindlicher Insekten
geweckt hat die giftige Saugrüssel ansetzen an die blühende Saat Zu jener
trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen und meine Seele frug »Ist das
nicht der weissagende Traum der sich auf deine blutende Wunde heilend und
tröstend legen will« In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des
Abendrots durch den düstern farblosen Nebel aber in ihm erhob sich eine hohe
Gestalt Es war Christus aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts
und wiedergegeben war der Erde das Rot und der Menschen Jammer wurde ein
jauchzender Hymnus denn das Rot war die Gnade des Herrn die über ihnen
aufgegangen Nur Medardus Blut floss noch farblos aus der Wunde und er flehte
inbrünstig »Soll auf der ganzen weiten Erde ich ich allein nur trostlos der
ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben« Da regte es sich in den
Büschen eine Rose von himmlischer Glut hoch gefärbt streckte ihr Haupt empor
und schaute den Medardus an mit englisch mildem Lächeln und süßer Duft umfing
ihn und der Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Frühlingsäters
»Nicht das Feuer hat gesiegt kein Kampf zwischen Licht und Feuer Feuer ist
das Wort das den Sündigen erleuchtet« Es war als hätte die Rose diese Worte
gesprochen aber die Rose war ein holdes Frauenbild In weißem Gewande Rosen
in das dunkle Haar geflochten trat sie mir entgegen »Aurelie« schrie ich
auf aus dem Traume erwachend ein wunderbarer Rosengeruch erfüllte die Zelle
und für Täuschung meiner aufgeregten Sinne musst ich es wohl halten als ich
deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte wie sie mich mit ernsten
Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens die in die Zelle fielen
zu verduften schien Nun erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine
sündige Schwachheit Ich eilte herab und betete inbrünstig am Altar der heiligen
Rosalia Keine Kasteiung keine Busse im Sinn des Klosters aber als die
Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabschoss war ich schon mehrere Stunden
von Rom entfernt Nicht nur Cyrillus Mahnung sondern eine innere
unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat trieb mich fort auf demselben Pfade
den ich bis nach Rom durchwandert Ohne es zu wollen hatte ich indem ich
meinem Beruf entfliehen wollte den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior
Leonardus bestimmten Ziel genommen
Ich vermied die Residenz des Fürsten nicht weil ich fürchtete erkannt zu
werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hände zu fallen aber wie konnte
ich ohne herzzerreissende Erinnerung den Ort betreten wo ich in frevelnder
Verkehrtheit nach einem irdischen Glück zu trachten mich vermass dem ich
Gottgeweihter ja entsagt hatte ach wo ich dem ewigen reinen Geist der Liebe
abgewandt für des Lebens höchsten Lichtpunkt in dem das Sinnliche und
Übersinnliche in einer Flamme auflodert den Moment der Befriedigung des
irdischen Triebes nahm wo mir die rege Fülle des Lebens genährt von seinem
eigenen üppigen Reichtum als das Prinzip erschien das sich kräftig auflehnen
müsse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen das ich nur unnatürliche
Selbstverleugnung nennen konnte Aber noch mehr tief im Innern fühlte ich
trotz der Erkräftigung die mir durch unsträflichen Wandel durch anhaltende
schwere Busse werden sollte die Ohnmacht einen Kampf glorreich zu bestehen zu
dem mich jene dunkle grauenvolle Macht deren Einwirkung ich nur zu oft zu
schreckbar gefühlt unversehends aufreizen könne Aurelien wiedersehen
vielleicht in voller Anmut und Schönheit prangend Konnt ich das ertragen
ohne übermannt zu werden von dem Geist des Bösen der wohl noch mit den Flammen
der Hölle mein Blut aufkochte dass es zischend und gärend durch die Adern
strömte Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt aber wie oft regten sich
dabei Gefühle in meinem Innersten deren Sündhaftigkeit ich erkannte und mit
aller Kraft des Willens vernichtete Nur in dem Bewusstsein alles dessen woraus
die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging und dem Gefühl meiner
Ohnmacht die mich den Kampf vermeiden hieß glaubte ich die Wahrhaftigkeit
meiner Busse zu erkennen und tröstend war die Überzeugung dass wenigstens der
höllische Geist des Stolzes die Vermessenheit es aufzunehmen mit den dunklen
Mächten mich verlassen habe Bald war ich im Gebirge und eines Morgens tauchte
aus dem Nebel des vor mir liegenden Tals ein Schloss auf das ich näher
schreitend wohl erkannte Ich war auf dem Gute des Barons von F Die Anlagen
des Parks waren verwildert die Gänge verwachsen und mit Unkraut bedeckt auf
dem sonst so schönen Rasenplatz vor dem Schloss weidete in dem hohen Grase
Vieh die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen der Aufgang
verfallen Keine menschliche Seele ließ sich blicken Stumm und starr stand
ich da in grauenvoller Einsamkeit Ein leises Stöhnen drang aus einem noch
ziemlich erhaltenen Boskett und ich wurde einen alten eisgrauen Mann gewahr
der in dem Boskett saß und mich unerachtet ich ihm nahe genug war nicht
wahrzunehmen schien Als ich mich noch mehr näherte vernahm ich die Worte »Tot
tot sind sie alle die ich liebte Ach Aurelie Aurelie auch du die
letzte tot tot für diese Welt« Ich erkannte den alten Reinhold
eingewurzelt blieb ich stehen »Aurelie tot Nein nein du irrst Alter die
hat die ewige Macht beschützt vor dem Messer des freveligen Mörders« So
sprach ich da fuhr der Alte wie vom Blitz getroffen zusammen und rief laut
»Wer ist hier wer ist hier Leopold Leopold« Ein Knabe sprang herbei
als er mich erblickte neigte er sich tief und grüßte »Laudetur Jesus
Christus« »In omina saecula saeculorum« erwiderte ich da raffte der Alte
sich auf und rief noch stärker »Wer ist hier wer ist hier« Nun sah ich
dass der Alte blind war »Ein ehrwürdiger Herr« sprach der Knabe »ein
Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier« Da war es als erfasse den Alten
tiefes Grauen und Entsetzen und er schrie »Fort fort Knabe führe mich
fort hinein hinein verschliess die Türen Peter soll Wache halten fort
fort hinein« Der Alte nahm alle Kraft zusammen die ihm geblieben um vor mir
zu fliehen wie vor dem reißenden Tier Verwundert erschrocken sah mich der
Knabe an doch der Alte statt sich von ihm führen zu lassen riss ihn fort und
bald waren sie durch die Türe verschwunden die wie ich hörte fest
verschlossen wurde Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner höchsten
Frevel die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich
wiedergestalteten und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht Ermüdet
setzte ich mich an den Fuß eines Baumes in das Moos nieder unweit davon war ein
kleiner Hügel aufgeschüttet auf welchem ein Kreuz stand Als ich aus dem
Schlaf in dem ich vor Ermattung gesunken erwachte saß ein alter Bauer neben
mir der alsbald da er mich ermuntert sah ehrerbietig seine Mütze abzog und im
Ton der vollsten ehrlichsten Gutmütigkeit sprach »Ei Ihr seid wohl weit her
gewandert ehrwürdiger Herr und recht müde geworden denn sonst wäret Ihr hier
an dem schauerlichen Plätzchen nicht in solch tiefen Schlaf gesunken Oder Ihr
wisst vielleicht gar nicht was es mit diesem Orte hier für eine Bewandtnis
hat« Ich versicherte dass ich als fremder von Italien hereinwandernder
Pilger durchaus nicht von dem was hier vorgefallen unterrichtet sei »Es
geht« sprach der Bauer »Euch und Eure Ordensbrüder ganz besonders an und ich
muss gestehen als ich Euch so sanft schlafend fand setzte ich mich her um jede
etwanige Gefahr von Euch abzuwenden Vor mehreren Jahren soll hier ein Kapuziner
ermordet worden sein So viel ist gewiss dass ein Kapuziner zu der Zeit durch
unser Dorf kam und nachdem er übernachtet dem Gebirge zuwanderte An demselben
Tage ging mein Nachbar den tiefen Talweg unterhalb des Teufelsgrundes hinab und
hörte mit einemmal ein fernes durchdringendes Geschrei welches ganz
absonderlich in den Lüften verklang Er will sogar was mir aber unmöglich
scheint eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund stürzen gesehen
haben So viel ist gewiss dass wir alle im Dorfe ohne zu wissen warum
glaubten der Kapuziner könne wohl herabgestürzt sein und dass mehrere von uns
hingingen und soweit es nur möglich war ohne das Leben aufs Spiel zu setzen
hinabstiegen um wenigstens die Leiche des unglücklichen Menschen zu finden Wir
konnten aber nichts entdecken und lachten den Nachbar tüchtig aus als er
einmal in der mondhellen Nacht auf dem Talwege heimkehrend ganz voll
Todesschrecken einen nackten Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen
gesehen haben Das war nun pure Einbildung aber später erfuhr man denn wohl
dass der Kapuziner Gott weiß warum hier von einem vornehmen Mann ermordet und
der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei Hier auf diesem Fleck
muss der Mord geschehen sein davon bin ich überzeugt denn seht einmal
ehrwürdiger Herr hier sitze ich einst und schaue so in Gedanken da den hohlen
Baum neben uns an Mit einemmal ist es mir als hinge ein Stück dunkelbraunes
Tuch zur Spalte heraus Ich springe auf ich gehe hin und ziehe einen ganz neuen
Kapuzinerhabit heraus An dem einen Ärmel klebte etwas Blut und in einem Zipfel
war der Name Medardus hineingezeichnet Ich dachte arm wie ich bin ein gutes
Werk zu tun wenn ich den Habit verkaufe und für das daraus gelöste Geld dem
armen ehrwürdigen Herrn der hier ermordet ohne sich zum Tode vorzubereiten und
seine Rechnung zu machen Messen lesen ließe So geschah es denn dass ich das
Kleid nach der Stadt trug aber kein Trödler wollte es kaufen und ein
Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte endlich kam ein Mann seiner Kleidung
nach wars wohl ein Jäger oder ein Förster der sagte er brauche gerade solch
einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund reichlich Nun ließ ich von
unserm Herrn Pfarrer eine tüchtige Messe lesen und setzte da im Teufelsgrunde
kein Kreuz anzubringen hier eins hin zum Zeichen des schmählichen Todes des
Herrn Kapuziners Aber der selige Herr muss etwas viel über die Schnur gehauen
haben denn er soll hier noch zuweilen herumspuken und so hat des Herrn
Pfarrers Messe nicht viel geholfen Darum bitte ich Euch ehrwürdiger Herr seid
Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise so haltet ein Amt für das Heil der Seele
Eures Ordensbruders Medardus Versprecht mir das« »Ihr seid im Irrtum mein
guter Freund« sprach ich »der Kapuziner Medardus der vor mehreren Jahren auf
der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog ist nicht ermordet Noch bedarf es
keiner Seelenmesse für ihn er lebt und kann noch arbeiten für sein ewiges Heil
Ich bin selbst dieser Medardus« Mit diesen Worten schlug ich meine Kutte
auseinander und zeigte ihm den in den Zipfel gestickten Namen Medardus Kaum
hatte der Bauer den Namen erblickt als er erbleichte und mich voll Entsetzen
anstarrte Dann sprang er jählings auf und lief laut schreiend in den Wald
hinein Es war klar dass er mich für das umgehende Gespenst des ermordeten
Medardus hielt und vergeblich würde mein Bestreben gewesen sein ihm den Irrtum
zu benehmen Die Abgeschiedenheit die Stille des Orts nur von dem dumpfen
Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen war auch ganz dazu geeignet
grauenvolle Bilder aufzuregen ich dachte an meinen grässlichen Doppeltgänger
und angesteckt von dem Entsetzen des Bauers fühlte ich mich im Innersten
erbeben da es mir war als würde er aus diesem aus jenem finsteren Busch
hervortreten Mich ermannend schritt ich weiter fort und erst dann als mich
die grausige Idee des Gespenstes meines Ichs für das mich der Bauer gehalten
verlassen dachte ich daran dass mir nun ja erklärt worden sei wie der
wahnsinnige Mönch zu dem Kapuzinerrock gekommen den er mir auf der Flucht
zurückließ und den ich unbezweifelt für den meinigen erkannte Der Förster bei
dem er sich aufhielt und den er um ein neues Kleid angesprochen hatte ihn in
der Stadt von dem Bauer gekauft Wie die verhängnisvolle Begebenheit am
Teufelsgrunde auf merkwürdige Weise verstümmelt worden das fiel tief in meine
Seele denn ich sah wohl wie alle Umstände sich vereinigen mussten um jene
unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizuführen Sehr wichtig schien
mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision und ich sah mit Zuversicht noch
deutlicherer Aufklärung entgegen ohne zu ahnen wo und wie ich sie erhalten
würde
Endlich nach rastloser Wanderung mehrere Wochen hindurch nahte ich mich
der Heimat mit klopfendem Herzen sah ich die Türme des Zisterzienser
Nonnenklosters vor mir aufsteigen Ich kam in das Dorf auf den freien Platz vor
der Klosterkirche Ein Hymnus von Männerstimmen gesungen klang aus der Ferne
herüber Ein Kreuz wurde sichtbar Mönche paarweise wie in Prozession
fortschreitend hinter ihm Ach ich erkannte meine Ordensbrüder den greisen
Leonardus von einem jungen mir unbekannten Bruder geführt an ihrer Spitze
Ohne mich zu bemerken schritten sie singend bei mir vorüber und hinein durch
die geöffnete Klosterpforte Bald darauf zogen auf gleiche Weise die Dominikaner
und Franziskaner aus B herbei fest verschlossene Kutschen fuhren hinein in den
Klosterhof es waren die Klaren Nonnen aus B Alles ließ mich wahrnehmen dass
irgend ein außerordentliches Fest gefeiert werden solle Die Kirchentüren
standen weit offen ich trat hinein und bemerkte wie alles sorgfältig gekehrt
und gesäubert wurde Man schmückte den Hochaltar und die Nebenaltäre mit
Blumengewinden und ein Kirchendiener sprach viel von frisch aufgeblühten Rosen
die durchaus morgen in aller Frühe herbeigeschaft werden müssten weil die Frau
Äbtissin ausdrücklich befohlen habe dass mit Rosen der Hochaltar verziert werden
solle Entschlossen nun gleich zu den Brüdern zu treten ging ich nachdem
ich mich durch kräftiges Gebet gestärkt in das Kloster und frug nach dem Prior
Leonardus die Pförtnerin führte mich in einen Saal Leonardus saß im Lehnstuhl
von den Brüdern umgeben laut weinend im Innersten zerknirscht keines Wortes
mächtig stürzte ich zu seinen Füßen »Medardus« schrie er auf und ein
dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Brüder »Medardus Bruder Medardus
ist endlich wieder da« Man hob mich auf die Brüder drückten mich an ihre
Brust »Dank den himmlischen Mächten dass du errettet bist aus den Schlingen der
arglistigen Welt aber erzähle erzähle mein Bruder« so riefen die Mönche
durcheinander Der Prior erhob sich und auf seinen Wink folgte ich ihm in das
Zimmer welches ihm gewöhnlich bei dem Besuch des Klosters zum Aufenthalt
diente »Medardus« fing er an »du hast auf frevelige Weise dein Gelübde
gebrochen du hast indem du anstatt die dir gegebenen Aufträge auszurichten
schändlich entflohst das Kloster auf die unwürdigste Weise betrogen
Einmauern könnte ich dich lassen wollte ich verfahren nach der Strenge des
Klostergesetzes« »Richtet mich mein ehrwürdiger Vater« erwiderte ich
»richtet mich wie das Gesetz es will ach mit Freuden werfe ich die Bürde
eines elenden qualvollen Lebens ab Ich fühl es wohl dass die strengste Busse
der ich mich unterwarf mir keinen Trost hienieden geben konnte« »Ermanne
dich« fuhr Leonardus fort »der Prior hat mit dir gesprochen jetzt kann der
Freund der Vater mit dir reden Auf wunderbare Weise bist du errettet worden
vom Tode der dir in Rom drohte Nur Cyrillus fiel als Opfer« »Ihr wisst
also« frug ich voll Staunen »Alles« erwiderte der Prior »ich weiß dass du
dem Armen beistandest in der letzten Todesnot und dass man dich mit dem
vergifteten Wein den man dir zum Labetrunk darbot zu ermorden gedachte
Wahrscheinlich hast du bewacht von den Argusaugen der Mönche doch Gelegenheit
gefunden den Wein ganz zu verschütten denn trankst du nur einen Tropfen so
warst du hin in Zeit von zehn Minuten« »O schaut her« rief ich und zeigte
den Ärmel der Kutte aufstreifend dem Prior meinen bis auf den Knochen
eingeschrumpften Arm indem ich erzählte wie ich Böses ahnend den Wein in den
Ärmel gegossen Leonardus schauerte zurück vor dem hässlichen Anblick des
mumienartigen Gliedes und sprach dumpf in sich hinein »Gebüsst hast du der du
freveltest auf jedigliche Weise aber Cyrillus du frommer Greis« Ich sagte
dem Prior dass mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen
Cyrillus unbekannt geblieben »Vielleicht« sprach der Prior »hattest du
dasselbe Schicksal wenn du wie Cyrillus als Bevollmächtigter unseres Klosters
auftratst Du weißt dass die Ansprüche unsers Klosters Einkünfte des Kardinals
die er auf unrechtmässige Weise zieht vernichten dies war die Ursache,
warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater den er bis jetzt angefeindet
plötzlich Freundschaft schloss und so sich in dem Dominikaner einen kräftigen
Gegner gewann den er dem Cyrillus entgegenstellen konnte Der schlaue Mönch
fand bald die Art aus wie Cyrill gestürzt werden konnte Er führte ihn selbst
ein bei dem Papst und wusste diesem den fremden Kapuziner so darzustellen dass
der Papst ihn wie eine merkwürdige Erscheinung bei sich aufnahm und Cyrillus in
die Reihe der Geistlichen trat von denen er umgeben Cyrillus musste nun bald
gewahr werden wie der Stattalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser
Welt und ihren Lüsten suche und finde wie er einer heuchlerischen Brut zum
Spielwerk diene die ihn trotz des kräftigen Geistes der sonst ihm einwohnte
den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wusste zwischen Himmel und
Hölle herumwerfe Der fromme Mann das war vorauszusehen nahm großes Ärgernis
daran und fühlte sich berufen durch feurige Reden wie der Geist sie ihm
eingab den Papst im Innersten zu erschüttern und seinen Geist von dem Irdischen
abzulenken Der Papst wie verweichlichte Gemüter pflegen wurde in der Tat von
des frommen Greises Worten ergriffen und eben in diesem erregten Zustande wurde
es dem Dominikaner leicht auf geschickte Weise nach und nach den Schlag
vorzubereiten der den armen Cyrillus treffen sollte Er berichtete dem Papst
dass es auf nichts Geringeres abgesehen sei als auf eine heimliche Verschwörung
die ihn der Kirche als unwürdig der dreifachen Krone darstellen sollte Cyrillus
habe den Auftrag ihn dahin zu bringen dass er irgend eine öffentliche Bussübung
vornehme welche dann als Signal des förmlichen unter den Kardinälen gärenden
Aufstandes dienen würde Jetzt fand der Papst in den salbungsvollen Reden
unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus der Alte wurde ihm tief
verhasst und um nur irgend einen auffallenden Schritt zu vermeiden litt er ihn
noch in seiner Nähe Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand zu dem Papst
ohne Zeugen zu sprechen sagte er geradezu dass der der den Lüsten der Welt
nicht ganz entsage der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel führe ein
unwürdiger Stattalter des Herrn und der Kirche eine Schmach und Verdammnis
bringende Last sei von der sie sich befreien müsse Bald darauf und zwar
nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Papstes treten gesehen fand man
das Eiswasser welches der Papst zu trinken pflegte vergiftet Dass Cyrillus
unschuldig war darf ich dir der du den frommen Greis gekannt hast nicht
versichern Doch überzeugt war der Papst von seiner Schuld und der Befehl den
fremden Mönch bei den Dominikanern heimlich hinzurichten die Folge davon Du
warst in Rom eine auffallende Erscheinung die Art wie du dich gegen den Papst
äussertest vorzüglich die Erzählung deines Lebenslaufs ließ ihn eine gewisse
geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden er glaubte sich mit dir zu
einem höheren Standpunkt erheben und in sündhaftem Vernünfteln über alle Tugend
und Religion recht erlaben und erkräftigen zu können um wie ich wohl sagen
mag mit rechter Begeisterung für die Sünde zu sündigen Deine Bussübungen waren
ihm nur ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben zum höheren Zweck zu
gelangen Er bewunderte dich und sonnte sich in den glänzenden lobpreisenden
Reden die du ihm hieltst So kam es dass du ehe der Dominikaner es ahnte dich
erhobst und der Rotte gefährlicher wurdest als es Cyrillus jemals werden
konnte Du merkst Medardus dass ich von deinem Beginnen in Rom genau
unterrichtet bin dass ich jedes Wort weiß welches du mit dem Papst sprachst
und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles wenn ich dir sage dass das
Kloster in der Nähe Sr Heiligkeit einen Freund hat der mir genau alles
berichtete Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest war er nahe
genug um jedes Wort zu verstehen Als du in dem Kapuzinerkloster dessen
Prior mir nahe verwandt ist deine strenge Bussübungen begannst hielt ich deine
Reue für echt Es war auch wohl dem so aber in Rom erfasste dich der böse Geist
des sündhaften Hochmuts dem du bei uns erlagst aufs neue Warum klagtest du
dich gegen den Papst Verbrechen an die du niemals begingst Warst du denn
jemals auf dem Schloss des Barons von F« »Ach mein ehrwürdiger Vater«
rief ich von innerem Schmerz zermalmt »das war ja der Ort meiner
entsetzlichsten Frevel Das ist aber die härteste Strafe der ewigen
unerforschlichen Macht dass ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von
der Sünde die ich in wahnsinniger Verblendung beging Auch Euch mein
ehrwürdiger Vater bin ich ein sündiger Heuchler« »In der Tat« fuhr der
Prior fort »bin ich jetzt da ich dich sehe und spreche beinahe überzeugt dass
du nach deiner Busse der Lüge nicht mehr fähig warst dann aber waltet noch ein
mir bis jetzt unerklärliches Geheimnis ob Bald nach deiner Flucht aus der
Residenz der Himmel wollte den Frevel nicht den du zu begehen im Begriff
standest er errettete die fromme Aurelie bald nach deiner Flucht sage ich
und nachdem der Mönch den selbst Cyrillus für dich hielt wie durch ein Wunder
sich gerettet hatte wurde es bekannt dass nicht du sondern der als Kapuziner
verkappte Graf Viktorin auf dem Schloss des Barons gewesen war Briefe die
sich in Euphemiens Nachlass fanden hatten dies zwar schon früher kundgetan man
hielt aber Euphemien selbst für getäuscht da Reinhold versicherte er habe dich
zu genau gekannt um selbst bei deiner treuesten Ähnlichkeit mit Viktorin
getäuscht zu werden Euphemiens Verblendung blieb unbegreiflich Da erschien
plötzlich der Reitknecht des Grafen und erzählte wie der Graf der seit Monaten
im Gebirge einsam gelebt und sich den Bart wachsen lassen ihm in dem Walde und
zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde plötzlich als Kapuziner gekleidet
erschienen sei Obgleich er nicht gewusst wo der Graf die Kleider hergenommen
so sei ihm doch die Verkleidung weiter nicht aufgefallen da er von dem
Anschlage des Grafen im Schloss des Barons in Mönchshabit zu erscheinen
denselben ein ganzes Jahr zu tragen und so auch wohl noch höhere Dinge
auszuführen unterrichtet gewesen Geahnt habe er wohl wo der Graf zum
Kapuzinerrock gekommen sei da er den Tag vorher gesagt wie er einen Kapuziner
im Dorfe gesehen und von ihm wandere er durch den Wald seinen Rock auf diese
oder jene Weise zu bekommen hoffe Gesehen habe er den Kapuziner nicht wohl
aber einen Schrei gehört bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde
ermordeten Kapuziner die Rede gewesen Zu genau habe er seinen Herrn gekannt zu
viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schloss gesprochen als dass hier eine
Verwechselung stattfinden könne Diese Aussage des Reitknechts entkräftete
Reinholds Meinung und nur Viktorins gänzliches Verschwinden blieb
unbegreiflich Die Fürstin stellte die Hypothese auf dass der vorgebliche Herr
von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewesen sei und stützte
sich auf seine merkwürdige ganz auffallende Ähnlichkeit mit Francesko an
dessen Schuld längst niemand zweifelte sowie auf die Motion die ihr jedesmal
sein Anblick verursacht habe Viele traten ihr bei und wollten im Grunde
genommen viel gräflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben den man
lächerrlicherweise für einen verkappten Mönch gehalten Die Erzählung des
Försters von dem wahnsinnigen Mönch der im Walde hausete und zuletzt von ihm
aufgenommen wurde fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Untat Viktorins
sobald man nur einige Umstände als wahr voraussetzte Ein Bruder des Klosters
in dem Medardus gewesen hatte den wahnsinnigen Mönch ausdrücklich für den
Medardus erkannt er musste es also wohl sein Viktorin hatte ihn in den Abgrund
gestürzt durch irgend einen Zufall der gar nicht unerhört sein durfte wurde
er errettet Aus der Betäubung erwacht aber schwer am Kopfe verwundet gelang
es ihm aus dem Grabe heraufzukriechen Der Schmerz der Wunde Hunger und Durst
machten ihn wahnsinnig rasend So lief er durch das Gebirge vielleicht von
einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeist und mit Lumpen behangen bis er
in die Gegend der Försterwohnung kam Zwei Dinge bleiben hier aber unerklärbar
nämlich wie Medardus eine solche Strecke aus dem Gebirge laufen konnte ohne
angehalten zu werden und wie er selbst in den von Ärzten bezeugten
Augenblicken des vollkommensten ruhigsten Bewusstseins sich zu Untaten bekennen
konnte die er nie begangen Die welche die Wahrscheinlichkeit jenes
Zusammenhangs der Sache verteidigten bemerkten dass man ja von den Schicksalen
des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts wisse es sei ja
möglich dass sein Wahnsinn erst ausgebrochen als er auf der Pilgerreise in der
Gegend der Försterwohnung sich befand Was aber das Zugeständnis der Verbrechen
deren er beschuldigt belange so sei eben daraus abzunehmen dass er niemals
geheilt gewesen sondern anscheinend bei Verstande doch immer wahnsinnig
geblieben wäre Dass er die ihm angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen
dieser Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet Der Kriminalrichter auf
dessen Sagazität man sehr baute sprach als man ihn um seine Meinung frug Der
vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf der Graf
Viktorin gewiss nicht aber unschuldig auch keinesweges der Mönch blieb
wahnsinnig und unzurechnungsfähig in jedem Fall deshalb das Kriminalgericht
auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmassregel erkennen konnte Dieses
Urteil durfte der Fürst nicht hören denn er war es allein der tief ergriffen
von den Freveln auf dem Schloss des Barons jene von dem Kriminalgericht in
Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts umwandelte Wie
aber alles in diesem elenden vergänglichen Leben sei es Begebenheit oder Tat
noch so ungeheuer im ersten Augenblick erscheinend sehr bald Glanz und Farbe
verliert so geschah es auch dass das was in der Residenz und vorzüglich am
Hofe Schauer und Entsetzen erregt hatte herabsank bis zur ärgerlichen
Klatscherei Jene Hypothese dass Aureliens entflohener Bräutigam Graf Viktorin
gewesen brachte die Geschichte der Italienerin in frisches Andenken selbst die
früher nicht Unterrichteten wurden von denen die nun nicht mehr schweigen zu
dürfen glaubten aufgeklärt und jeder der den Medardus gesehen fand es
natürlich dass seine Gesichtszüge vollkommen denen des Grafen Viktorin glichen
da sie Söhne eines Vaters waren Der Leibarzt war überzeugt dass die Sache sich
so verhalten musste und sprach zum Fürsten Wir wollen froh sein gnädigster
Herr dass beide unheimliche Gesellen fort sind und es bei der ersten vergeblich
gebliebenen Verfolgung bewenden lassen Dieser Meinung trat der Fürst aus dem
Grunde seines Herzens bei denn er fühlte wohl wie der doppelte Medardus ihn
von einem Missgriff zum andern verleitet hatte Die Sache wird geheimnisvoll
bleiben sagte der Fürst wir wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen den ein
wunderbares Geschick wohltätig darüber geworfen hat Nur Aurelie«
»Aurelie« unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit »um Gott mein ehrwürdiger
Vater sagt mir wie ward es mit Aurelien« »Ei Bruder Medardus« sprach der
Prior sanft lächelnd »noch ist das gefährliche Feuer in deinem Innern nicht
verdampft noch lodert die Flamme empor bei leiser Berührung So bist du
noch nicht frei von den sündlichen Trieben denen du dich hingabst Und ich
soll der Wahrheit deiner Busse trauen ich soll überzeugt sein dass der Geist der
Lüge dich ganz verlassen Wisse Medardus dass ich deine Reue für wahrhaft nur
dann anerkennen würde wenn du jene Frevel deren du dich anklagst wirklich
begingst Denn nur in diesem Fall könnt ich glauben dass jene Untaten so dein
Inneres zerrütteten dass du meiner Lehren alles dessen was ich dir über
äußere und innere Busse sagte uneingedenk wie der Schiffbrüchige nach dem
leichten unsicheren Brett nach jenen trügerischen Mitteln dein Verbrechen zu
sühnen haschtest die dich nicht allein einem verworfenen Papst sondern jedem
wahrhaft frommen Mann als einen eitlen Gaukler erscheinen ließ Sage
Medardus war deine Andacht deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos
wenn du Aurelien gedenken musstest« Ich schlug im Innern vernichtet die
Augen nieder »Du bist aufrichtig Medardus« fuhr der Prior fort »dein
Schweigen sagt mir alles Ich wusste mit der vollsten Überzeugung dass du es
warst der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns spielte und die
Baronesse Aurelie heiraten wollte Ich hatte den Weg den du genommen ziemlich
genau verfolgt ein seltsamer Mensch er nannte sich den Haarkünstler Belcampo
den du zuletzt in Rom sahst gab mir Nachrichten ich war überzeugt dass du auf
verruchte Weise Hermogen und Euphemien mordetest und um so grässlicher war es
mir dass du Aurelien so in Teufelsbanden verstricken wolltest Ich hätte dich
verderben können doch weit entfernt mich zum Rächeramt erkoren zu glauben
überließ ich dich und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels Du bist
erhalten worden auf wunderbare Weise und schon dieses überzeugt mich dass dein
irdischer Untergang noch nicht beschlossen war Höre welches besonderen
Umstandes halber ich später glauben musste dass es in der Tat Graf Viktorin war
der als Kapuziner auf dem Schloss des Barons von F erschien Nicht gar zu
lange ist es her als Bruder Sebastianus der Pförtner durch ein Ächzen und
Stöhnen das den Seufzern eines Sterbenden glich geweckt wurde Der Morgen war
schon angebrochen er stand auf öffnete die Klosterpforte und fand einen
Menschen der dicht vor derselben halb erstarrt vor Kälte lag und mühsam die
Worte herausbrachte er sei Medardus der aus unserm Kloster entflohene Mönch
Sebastianus meldete mir ganz erschrocken was sich unten zugetragen ich stieg
mit den Brüdern hinab wir brachten den ohnmächtigen Mann in das Refektorium
Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes glaubten wir doch
deine Züge zu erkennen und mehrere meinten dass wohl nur die veränderte Tracht
den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle Er hatte Bart und Tonsur
dazu aber eine weltliche Kleidung die zwar ganz verdorben und zerrissen war
der man aber noch die ursprüngliche Zierlichkeit ansah Er trug seidene
Strümpfe auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle eine weiße Atlasweste«
»Einen kastanienbraunen Rock von dem feinsten Tuch« fiel ich ein »zierlich
genähte Wäsche einen einfachen goldenen Ring am Finger« »Allerdings«
sprach Leonardus erstaunt »aber wie kannst du« »Ach es war ja der Anzug
wie ich ihn an jenem verhängnisvollen Hochzeittage trug« Der Doppeltgänger
stand mir vor Augen Nein es war nicht der wesenlose entsetzliche Teufel des
Wahnsinns der hinter mir herrannte der wie ein mich bis ins Innerste
zerfleischendes Untier aufhockte auf meinen Schultern es war der entflohene
wahnsinnige Mönch der mich verfolgte der endlich als ich in tiefer Ohnmacht
dalag meine Kleider nahm und mir die Kutte überwarf Er war es der an der
Klosterpforte lag mich mich selbst auf schauderhafte Weise darstellend Ich
bat den Prior nur fortzufahren in seiner Erzählung da die Ahnung der Wahrheit
wie es sich mit mir auf die wunderbarste geheimnisvollste Weise zugetragen in
mir aufdämmere »Nicht lange dauerte es« erzählte der Prior weiter »als sich
bei dem Manne die deutlichsten unzweifelhaftesten Spuren des unheilbaren
Wahnsinns zeigten und unerachtet wie gesagt die Züge seines Gesichts den
deinigen auf das genaueste glichen unerachtet er fortwährend rief Ich bin
Medardus der entlaufene Mönch ich will Busse tun bei euch so war doch bald
jeder von uns überzeugt dass es fixe Idee des Fremden sei sich für dich zu
halten Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an wir führten ihn in die Kirche
er musste die gewöhnlichen Andachtsübungen vornehmen und wie er dies zu tun sich
bemühte merkten wir bald dass er niemals in einem Kloster gewesen sein könne
Es musste mir wohl die Idee kommen Wie wenn dies der aus der Residenz
entsprungene Mönch wie wenn dieser Mönch Viktorin wäre Die Geschichte die
der Wahnsinnige ehemals dem Förster aufgetischt hatte war mir bekannt worden
indessen fand ich dass alle Umstände das Auffinden und Austrinken des
Teufelselixiers die Vision in dem Kerker kurz der ganze Aufenthalt im Kloster
wohl die durch deine auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualität
erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein könne Merkwürdig war es in
dieser Hinsicht dass der Mönch in bösen Augenblicken immer geschrien hatte er
sei Graf und gebietender Herr Ich beschloss den fremden Mann der Irrenanstalt
zu St Getreu zu übergeben weil ich hoffen durfte dass wäre Wiederherstellung
möglich sie gewiss dem Direktor jener Anstalt einem in jede Abnormität des
menschlichen Organismus tief eindringenden genialen Arzte gelingen werde Des
Fremden Genesen musste das geheimnisvolle Spiel der unbekannten Mächte wenigstens
zum Teil enthüllen Es kam nicht dazu In der dritten Nacht weckte mich die
Glocke die wie du weißt angezogen wird sobald jemand im Krankenzimmer meines
Beistandes bedarf Ich trat hinein man sagte mir der Fremde habe eifrig nach
mir verlangt und es scheine als habe ihn der Wahnsinn gänzlich verlassen
wahrscheinlich wolle er beichten denn er sei so schwach dass er die Nacht wohl
nicht überleben werde Verzeiht fing der Fremde an als ich ihm mit frommen
Worten zugesprochen verzeiht ehrwürdiger Herr dass ich Euch täuschen zu wollen
mich vermass Ich bin nicht der Mönch Medardus der Eurem Kloster entfloh Den
Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch Fürst sollte er heißen denn aus
fürstlichem Hause ist er entsprossen und ich rate Euch dies zu beachten da
sonst mein Zorn Euch treffen könnte Sei er auch Fürst erwiderte ich so wäre
dies in unsern Mauern und in seiner jetzigen Lage ohne alle Bedeutung und es
schiene mir besser zu sein wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut
erwarte was die ewige Macht über ihn verhängt habe Er sah mich starr an ihm
schienen die Sinne zu vergehen man gab ihm stärkende Tropfen er erholte sich
bald und sprach Es ist mir so als müsse ich bald sterben und vorher mein Herz
erleichtern Ihr habt Macht über mich denn so sehr Ihr Euch auch verstellen
möget merke ich doch wohl dass Ihr der heilige Antonius seid und am besten
wisst was für Unheil Eure Elixiere angerichtet Ich hatte wohl Großes im
Sinne als ich beschloss mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit großem
Barte und brauner Kutte Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging war es als
träten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und verpuppten sich zu
einem körperlichen Wesen das recht graulich doch mein Ich war Dies zweite Ich
hatte grimmige Kraft und schleuderte mich als aus dem schwarzen Gestein des
tiefen Abgrundes zwischen sprudelndem schäumigen Gewässer die Prinzessin
schneeweiß hervortrat hinab Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und
wusch meine Wunden aus dass ich bald keinen Schmerz mehr fühlte Mönch war ich
nun freilich geworden aber das Ich meiner Gedanken war stärker und trieb mich
dass ich die Prinzessin die mich errettet und die ich sehr liebte samt ihrem
Bruder ermorden musste Man warf mich in den Kerker aber Ihr wisst selbst
heiliger Antonius auf welche Weise Ihr nachdem ich Euren verfluchten Trank
gesoffen mich entführtet durch die Lüfte Der grüne Waldkönig nahm mich
schlecht auf unerachtet er doch meine Fürstlichkeit kannte das Ich meiner
Gedanken erschien bei ihm und rückte mir allerlei Hässliches vor und wollte weil
wir doch alles zusammen getan in Gemeinschaft mit mir bleiben Das geschah
auch aber bald als wir davonliefen weil man uns den Kopf abschlagen wollte
haben wir uns doch entzweit Als das lächerliche Ich indessen immer und ewig
genährt sein wollte von meinem Gedanken schmiss ich es nieder prügelte es derb
ab und nahm ihm seinen Rock So weit waren die Reden des Unglücklichen
einigermaßen verständlich dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewäsch
des höchsten Wahnsinns Eine Stunde später als das Frühamt eingeläutet wurde
fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf und sank wie es uns
schien tot nieder Ich ließ ihn nach der Totenkammer bringen er sollte in
unserm Garten an geweihter Stätte begraben werden du kannst dir aber wohl unser
Erstaunen unsern Schreck denken als die Leiche da wir sie hinaustragen und
einsargen wollten spurlos verschwunden war Alles Nachforschen blieb vergebens
und ich musste darauf verzichten jemals Näheres Verständlicheres über den
rätselhaften Zusammenhang der Begebenheiten in die du mit dem Grafen verwickelt
wurdest zu erfahren Indessen hielt ich alle mir über die Vorfälle im Schloss
bekannt gewordenen Umstände mit jenen verworrenen durch Wahnsinn entstellten
Reden zusammen so konnte ich kaum daran zweifeln dass der Verstorbene wirklich
Graf Viktorin war Er hatte wie der Reitknecht andeutete irgend einen
pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und ihm das Kleid genommen um seinen
Anschlag im Schloss des Barons auszuführen Wie er vielleicht es gar nicht im
Sinn hatte endete der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens
Vielleicht war er schon wahnsinnig wie Reinhold es behauptet oder er wurde es
dann auf der Flucht gequält von Gewissensbissen Das Kleid welches er trug
und die Ermordung des Mönchs gestaltete sich in ihm zur fixen Idee dass er
wirklich ein Mönch und sein Ich zerspaltet sei in zwei sich feindliche Wesen
Nur die Periode von der Flucht aus dem Schloss bis zur Ankunft bei dem Förster
bleibt dunkel sowie es unerklärlich ist wie sich die Erzählung von seinem
Aufenthalt im Kloster und der Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete
Dass äußere Motive stattfinden mussten leidet gar keinen Zweifel aber höchst
merkwürdig ist es dass diese Erzählung dein Schicksal wiewohl verstümmelt
darstellt Nur die Zeit der Ankunft des Mönchs bei dem Förster wie dieser sie
angibt will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages wann Viktorin aus dem
Schloss entfloh zusammenstimmen Nach der Behauptung des Försters musste sich
der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen nachdem er auf
dem Schloss des Barons angekommen« »Haltet ein« unterbrach ich den Prior
»haltet ein mein ehrwürdiger Vater jede Hoffnung der Last meiner Sünden
unerachtet nach der Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu
erringen soll aus meiner Seele schwinden in trostloser Verzweiflung mich
selbst und mein Leben verfluchend will ich sterben wenn ich nicht in tiefster
Reue und Zerknirschung Euch alles was sich mit mir begab seitdem ich das
Kloster verließ getreulich offenbaren will wie ich es in heiliger Beichte
tat« Der Prior geriet in das höchste Erstaunen als ich ihm nun mein ganzes
Leben mit aller nur möglichen Umständlichkeit enthüllte »Ich muss dir
glauben« sprach der Prior als ich geendet »ich muss dir glauben Bruder
Medardus denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich als du redetest Wer
vermag das Geheimnis zu enthüllen das die geistige Verwandtschaft zweier
Brüder Söhne eines verbrecherischen Vaters und selbst in Verbrechen befangen
bildete Es ist gewiss dass Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus
dem Abgrunde in den du ihn stürztest dass er der wahnsinnige Mönch war den der
Förster aufnahm der dich als dein Doppeltgänger verfolgte und hier im Kloster
starb Er diente der dunkeln Macht die in dein Leben eingriff nur zum Spiel
nicht dein Genosse war er nur das untergeordnete Wesen welches dir in den Weg
gestellt wurde damit das lichte Ziel das sich dir vielleicht auftun konnte
deinem Blick verhüllt bleibe Ach Bruder Medardus noch geht der Teufel rastlos
auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar Wer hat dieses
oder jenes seiner höllischen Getränke nicht einmal schmackhaft gefunden aber
das ist der Wille des Himmels dass der Mensch der bösen Wirkung des
augenblicklichen Leichtsinns sich bewusst werde und aus diesem klaren Bewusstsein
die Kraft schöpfe ihr zu widerstehen Darin offenbart sich die Macht des Herrn
dass so wie das Leben der Natur durch das Gift das sittlich gute Prinzip in ihr
erst durch das Böse bedingt wird Ich darf zu dir so sprechen Medardus da
ich weiß dass du mich nicht missverstehest Gehe jetzt zu den Brüdern«
In dem Augenblick erfasste mich wie ein jäher alle Nerven und Pulse
durchzuckender Schmerz die Sehnsucht der höchsten Liebe »Aurelie ach
Aurelie« rief ich laut Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton »Du
hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in dem Kloster
bemerkt Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den Klosternamen
Rosalia« Erstarrt lautlos blieb ich vor dem Prior stehen »Gehe zu den
Brüdern« rief er beinahe zornig und ohne deutliches Bewusstsein stieg ich hinab
in das Refektorium wo die Brüder versammelt waren Man bestürmte mich aufs neue
mit Fragen aber nicht fähig war ich auch nur ein einziges Wort über mein Leben
zu sagen alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir und nur
Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen Unter dem Vorwande einer
Andachtsübung verließ ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle die an dem
äußersten Ende des weitläuftigen Klostergartens lag Hier wollte ich beten aber
das kleinste Geräusch das linde Säuseln des Laubganges riss mich empor aus
frommer Betrachtung »Sie ist es sie kommt ich werde sie wiedersehen« so
rief es in mir und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken Es war mir als
höre ich ein leises Gespräch Ich raffte mich auf ich trat aus der Kapelle und
siehe langsamen Schrittes nicht fern von mir wandelten zwei Nonnen in ihrer
Mitte eine Novize Ach es war gewiss Aurelie mich überfiel ein krampfhaftes
Zittern mein Atem stockte ich wollte vorschreiten aber keines Schrittes
mächtig sank ich zu Boden Die Nonnen mit ihnen die Novize verschwanden im
Gebüsch Welch ein Tag welch eine Nacht Immer nur Aurelie und Aurelie
kein anderes Bild kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern
Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen verkündigten die Glocken
des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens und bald darauf versammelten
sich die Brüder in einem großen Saal die Äbtissin trat von zwei Schwestern
begleitet herein Unbeschreiblich ist das Gefühl das mich durchdrang als
ich die wiedersah die meinen Vater so innig liebte und unerachtet er durch
Freveltaten ein Bündnis das ihm das höchste Erdenglück erwerben musste
gewaltsam zerriss doch die Neigung die ihr Glück zerstört hatte auf den Sohn
übertrug Zur Tugend zur Frömmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen aber dem
Vater gleich häufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der
frommen Pflegemutter die in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters
Verderbnis finden wollte Niedergesenkten Hauptes den Blick zur Erde
gerichtet hörte ich die kurze Rede an worin die Äbtissin nochmals der
versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte und sie
aufforderte eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes
damit der Erbfeind nicht Macht haben möge sinneverwirrendes Spiel zu treiben
zur Qual der frommen Jungfrau »Schwer« sprach die Äbtissin »schwer waren die
Prüfungen die die Jungfrau zu überstehen hatte Der Feind wollte sie verlocken
zum Bösen und alles was die List der Hölle vermag wandte er an sie zu
betören dass sie ohne Böses zu ahnen sündige und dann aus dem Traum
erwachend untergehe in Schmach und Verzweiflung Doch die ewige Macht
beschützte das Himmelskind und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen
ihr verderblich zu nahen ihr Sieg über ihn wird desto glorreicher sein Betet
betet meine Brüder nicht darum dass die Christusbraut nicht wanke denn fest
und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn sondern dass kein
irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche Eine Bangigkeit hat sich
meines Gemüts bemächtigt der ich nicht zu widerstehen vermag«
Es war klar dass die Äbtissin mich mich allein den Teufel der Versuchung
nannte dass sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug, dass sie
vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte Das Gefühl
der Wahrheit meiner Reue meiner Busse der Überzeugung dass mein Sinn geändert
worden richtete mich empor Die Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes
tief im Innersten gekränkt regte sich in mir jener bittere verhöhnende Hass
wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt und statt
dass ich ehe die Äbtissin jene Worte sprach mich hätte vor ihr niederwerfen
mögen in den Staub wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen
»Warst du denn immer solch ein überirdisches Weib dass die Lust der Erde dir
nicht aufging Als du meinen Vater sahst verwahrtest du denn immer dich so
dass der Gedanke der Sünde nicht Raum fand Ei sage doch ob selbst dann
als schon die Inful und der Stab dich schmückten in unbewachten Augenblicken
meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte Was
empfandest du denn Stolze als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drücktest
und den Namen des Verlorenen war er gleich ein freveliger Sünder so
schmerzvoll riefst Hast du jemals gekämpft mit der dunklen Macht wie ich
Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen wenn kein harter Kampf vorherging
Fühlst du dich selbst so stark dass du den verachtest der dem mächtigsten
Feinde erlag und sich dennoch erhob in tiefer Reue und Busse« Die plötzliche
Änderung meiner Gedanken die Umwandlung des Büssenden in den der stolz auf den
bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben muss selbst im
Äußeren sichtlich gewesen sein Denn der neben mir stehende Bruder frug »Was ist
dir Medardus warum wirfst du solche sonderbare zürnende Blicke auf die
hochheilige Frau« »Ja« erwiderte ich halblaut »wohl mag es eine hochheilige
Frau sein denn sie stand immer so hoch dass das Profane sie nicht erreichen
konnte doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche sondern wie
eine heidnische Priesterin vor die sich bereitet mit gezücktem Messer das
Menschenopfer zu vollbringen« Ich weiß selbst nicht wie ich dazu kam die
letzten Worte die außer meiner Ideenreihe lagen zu sprechen aber mit ihnen
drängten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander die nur im Entsetzlichsten
sich zu einen schienen Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen sie
sollte wie ich durch ein Gelübde das mir jetzt nur die Ausgeburt des
religiösen Wahnsinns schien dem Irdischen entsagen So wie ehemals als ich
dem Satan verkauft in Sünde und Frevel den höchsten strahlendsten Lichtpunkt
des Lebens zu schauen wähnte dachte ich jetzt daran dass beide ich und
Aurelie im Leben sei es auch nur durch den einzigen Moment des höchsten
irdischen Genusses vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte
sterben müssten Ja wie ein grässlicher Unhold wie der Satan selbst ging der
Gedanke des Mordes mir durch die Seele Ach ich Verblendeter gewahrte nicht
dass in dem Moment als ich der Äbtissin Worte auf mich deutete ich preisgegeben
war der vielleicht härtesten Prüfung dass der Satan Macht bekommen über mich und
mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten das ich noch begangen Der Bruder
zu dem ich gesprochen sah mich erschrocken an »Um Jesus und der heiligen
Jungfrau willen was sagt Ihr da« so sprach er ich schaute nach der Äbtissin
die im Begriff stand den Saal zu verlassen ihr Blick fiel auf mich
totenbleich starrte sie mich an sie wankte die Nonnen mussten sie unterstützen
Es war mir als lisple sie die Worte »O all ihr Heiligen meine Ahnung« Bald
darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen Schon läuteten aufs neue alle
Glocken des Klosters und dazwischen tönten die donnernden Töne der Orgel die
Weihgesänge der im Chor versammelten Schwestern durch die Lüfte als der Prior
wieder in den Saal trat Nun begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in
feierlichem Zuge nach der Kirche die von Menschen beinahe so überfüllt war als
sonst am Tage des heiligen Bernardus An einer Seite des mit duftenden Rosen
geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit angebracht der
Tribüne gegenüber auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts
welches er selbst hielt ausführte Leonardus rief mich an seine Seite und ich
bemerkte dass er ängstlich auf mich wachte die kleinste Bewegung erregte seine
Aufmerksamkeit er hielt mich an fortwährend aus meinem Brevier zu beten Die
Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter
eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar der entscheidende Augenblick
kam aus dem Innern des Klosters durch die Gittertüre hinter dem Altar führten
die Zisterzienser Nonnen Aurelien herbei Ein Geflüster rauschte durch die
Menge als sie sichtbar worden die Orgel schwieg und der einfache Hymnus der
Nonnen erklang in wunderbaren tief ins Innerste dringenden Akkorden Noch hatte
ich keinen Blick aufgeschlagen von einer furchtbaren Angst ergriffen zuckte
ich krampfhaft zusammen so dass mein Brevier zur Erde fiel Ich bückte mich
danach es aufzuheben aber ein plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen
Sitz herabgestürzt wenn Leonardus mich nicht fasste und festhielt »Was ist dir
Medardus« sprach der Prior leise »du befindest dich in seltsamer Bewegung
widerstehe dem bösen Feinde der dich treibt« Ich fasste mich mit aller Gewalt
zusammen ich schaute auf und erblickte Aurelien vor dem Hochaltar knieend O
Herr des Himmels in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je Sie war
bräutlich ach ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage da sie mein werden
sollte gekleidet Blühende Myrten und Rosen im künstlich geflochtenen Haar Die
Andacht das Feierliche des Moments hatte ihre Wangen höher gefärbt und in dem
zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust Was waren
jene Augenblicke als ich Aurelien zum erstenmal als ich sie am Hofe des
Fürsten sah gegen dieses Wiedersehen Rasender als jemals flammte in mir die
Glut der Liebe der wilden Begier auf »O Gott o all ihr Heiligen lasst
mich nicht wahnsinnig werden nur nicht wahnsinnig rettet mich rettet mich
von dieser Pein der Hölle Nur nicht wahnsinnig lasst mich werden denn das
Entsetzliche muss ich sonst tun und meine Seele preisgeben der ewigen
Verdammnis« So betete ich im Innern denn ich fühlte wie immer mehr und mehr
der böse Geist über mich Herr werden wollte Es war mir als habe Aurelie teil
an dem Frevel den ich nur beging als sei das Gelübde das sie zu leisten
gedachte in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur vor dem Altar des Herrn
mein zu sein Nicht die Christusbraut des Mönchs der sein Gelübde brach
verbrecherisches Weib sah ich in ihr Sie mit aller Inbrunst der wütenden
Begier umarmen und dann ihr den Tod geben der Gedanke erfasste mich
unwiderstehlich Der böse Geist trieb mich wilder und wilder schon wollte ich
schreien »Haltet ein verblendete Toren Nicht die von irdischem Triebe reine
Jungfrau die Braut des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut« mich
hinabstürzen unter die Nonnen sie herausreissen ich fasste in die Kutte ich
suchte nach dem Messer da war die Zeremonie so weit gediehen dass Aurelie
anfing das Gelübde zu sprechen Als ich ihre Stimme hörte war es als bräche
milder Mondesglanz durch die schwarzen von wildem Sturm gejagten Wetterwolken
Licht wurde es in mir und ich erkannte den bösen Geist dem ich mit aller
Gewalt widerstand Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft und im heißen
Kampf wurde ich bald Sieger Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels
jede Regung der irdischen Begier Aurelie war die fromme Himmelsbraut deren
Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis Ihr Gelübde war
mein Trost meine Hoffnung und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf
Leonardus den ich nun erst wieder bemerkte schien die Änderung in meinem
Innern wahrzunehmen denn mit sanfter Stimme sprach er »Du hast dem Feinde
widerstanden mein Sohn Das war wohl die letzte schwere Prüfung die dir die
ewige Macht auferlegt«
Das Gelübde war gesprochen während eines Wechselgesanges den die Klaren
Schwestern anstimmten wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen Schon hatte
man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten schon stand man im Begriff
die herabwallenden Locken abzuschneiden als ein Getümmel in der Kirche entstand
ich sah wie die Menschen auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden
näher und näher wirbelte der Tumult Mit rasender Gebärde mit wildem
entsetzlichen Blick drängte sich ein halbnackter Mensch die Lumpen eines
Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib alles um sich her mit geballten Fäusten
niederstossend durch die Menge Ich erkannte meinen grässlichen Doppeltgänger
aber in demselben Moment als ich Entsetzliches ahnend hinabspringen und mich
ihm entgegenwerfen wollte hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie die den
Platz des Hochaltars einschloss übersprungen Die Nonnen stäubten schreiend
auseinander die Äbtissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen »Ha
ha ha « kreischte der Rasende mit gellender Stimme »wollt ihr mir die
Prinzessin rauben Ha ha ha Die Prinzessin ist mein Bräutchen mein
Bräutchen« und damit riss er Aurelien empor und stieß ihr das Messer das er
hochgeschwungen in der Hand hielt bis an das Heft in die Brust dass des Blutes
Springquell hoch emporsprjetzte »Juchhe Juch Juch nun hab ich mein
Bräutchen nun hab ich die Prinzessin gewonnen« So schrie der Rasende auf und
sprang hinter den Hochaltar durch die Gittertüre fort in die Klostergänge Voll
Entsetzen kreischten die Nonnen auf »Mord Mord am Altar des Herrn« schrie
das Volk nach dem Hochaltar stürmend »Besetzt die Ausgänge des Klosters dass
der Mörder nicht entkomme« rief Leonardus mit lauter Stimme und das Volk
stürzte hinaus und wer von den Mönchen rüstig war ergriff die im Winkel
stehenden Prozessionsstäbe und setzte dem Unhold nach durch die Gänge des
Klosters Alles war die Tat eines Augenblicks bald kniete ich neben Aurelien
die Nonnen hatten mit weißen Tüchern die Wunde so gut es gehen wollte
verbunden und standen der ohnmächtigen Äbtissin bei Eine starke Stimme sprach
neben mir »Sancta Rosalia ora pro nobis« und alle die noch in der Kirche
geblieben riefen laut »Ein Mirakel ein Mirakel ja sie ist eine Märtyrin
Sancta Rosalia ora pro nobis« Ich schaute auf Der alte Maler stand neben
mir aber ernst und mild so wie er mir im Kerker erschien Kein irdischer
Schmerz über Aureliens Tod kein Entsetzen über die Erscheinung des Malers
konnte mich fassen denn in meiner Seele dämmerte es auf wie nun die
rätselhaften Schlingen die die dunkle Macht geknüpft sich lösten
»Mirakel Mirakel« schrie das Volk immerfort »seht ihr wohl den alten Mann
im violetten Mantel Der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen ich
habe es gesehen ich auch ich auch « riefen mehrere Stimmen durcheinander
und nun stürzte alles auf die Knie nieder und das verworrene Getümmel
verbrauste und ging über in ein von heftigem Schluchzen und Weinen
unterbrochenes Gemurmel des Gebets Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht und
sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen gewaltigen Schmerzes
»Aurelie mein Kind meine fromme Tochter ewiger Gott es ist dein
Ratschluss« Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre
herbeigebracht Als man Aurelien hinaufhob seufzte sie tief und schlug die
Augen auf Der Maler stand hinter ihrem Haupte auf das er seine Hand gelegt Er
war anzusehen wie ein mächtiger Heiliger und alle selbst die Äbtissin
schienen von wunderbarer scheuer Ehrfurcht durchdrungen Ich kniete beinahe
dicht an der Seite der Bahre Aureliens Blick fiel auf mich da erfasste mich
tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum Keines Wortes
mächtig war es nur ein dumpfer Schrei den ich außstieß Da sprach Aurelie
sanft und leise »Was klagest du über die welche von der ewigen Macht des
Himmels gewürdigt wurde von der Erde zu scheiden in dem Augenblick als sie die
Nichtigkeit alles Irdischen erkannt als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich
der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfüllte« Ich war aufgestanden
ich war dicht an die Bahre getreten »Aurelie« sprach ich »heilige Jungfrau
Nur einen einzigen Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen
sonst muss ich vergehen in meine Seele mein innerstes Gemüt zerrüttenden
verderbenden Zweifeln Aurelie verachtest du den Frevler der wie der böse
Feind selbst in dein Leben trat Ach schwer hat er gebüßt aber er weiß es
wohl dass alle Busse seiner Sünden Maß nicht mindert Aurelie bist du versöhnt
im Tode« Wie von Engelsfittichen berührt lächelte Aurelie und schloss die
Augen »O Heiland der Welt heilige Jungfrau so bleibe ich zurück ohne
Trost der Verzweiflung hingegeben O Rettung Rettung von höllischem
Verderben« So betete ich inbrünstig da schlug Aurelie noch einmal die Augen
auf und sprach »Medardus nachgegeben hast du der bösen Macht Aber blieb ich
denn rein von der Sünde als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner
verbrecherischen Liebe Ein besonderer Ratschluss des Ewigen hatte uns
bestimmt schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen und so
vereinigte uns das Band der Liebe die nur über den Sternen tront und die
nichts gemein hat mit irdischer Lust Aber dem listigen Feinde gelang es die
tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen ja uns auf entsetzliche Weise zu
verlocken dass wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise Ach
war ich es denn nicht die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl aber statt
den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzünden die höllische Glut der Lust
in dir entflammte welche du da sie dich verzehren wollte durch Verbrechen zu
löschen gedachtest Fasse Mut Medardus Der wahnsinnige Tor den der böse Feind
verlockt hat zu glauben er sei du und müsse vollbringen was du begonnen war
das Werkzeug des Himmels durch das sein Ratschluss vollendet wurde Fasse Mut
Medardus bald bald« Aurelie die das letzte schon mit geschlossenen Augen
und hörbarer Anstrengung gesprochen wurde ohnmächtig doch der Tod konnte sie
noch nicht erfassen »Hat sie Euch gebeichtet ehrwürdiger Herr Hat sie Euch
gebeichtet« so frugen mich neugierig die Nonnen »Mit nichten« erwiderte ich
»nicht ich sie hat meine Seele mit himmlischen Trost erfüllt« »Wohl dir
Medardus bald ist deine Prüfungszeit beendet und wohl mir dann« Es war der
Maler der diese Worte sprach Ich trat auf ihn zu »So verlasst mich nicht
wunderbarer Mann« Ich weiß selbst nicht wie meine Sinne indem ich weiter
sprechen wollte auf seltsame Weise betäubt worden ich geriet in einen Zustand
zwischen Wachen und Träumen aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien
erweckte Ich sah den Maler nicht mehr Bauern Bürgersleute Soldaten waren
in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus dass ihnen erlaubt werden solle
das ganze Kloster zu durchsuchen um den Mörder Aureliens der noch im Kloster
sein müsse aufzufinden Die Äbtissin mit Recht Unordnungen befürchtend
verweigerte dies aber ihres Ansehens unerachtet vermochte sie nicht die
erhitzen Gemüter zu beschwichtigen Man warf ihr vor dass sie aus kleinlicher
Furcht den Mörder verhehle weil er ein Mönch sei und immer heftiger tobend
schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen Da bestieg Leonardus
die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen kräftigen Worten über die Entweihung
heiliger Stätten dass der Mörder keinesweges ein Mönch sondern ein Wahnsinniger
sei den er im Kloster zur Pflege aufgenommen den er als er tot geschienen im
Ordenshabit nach der Totenkammer bringen lassen der aber aus dem todähnlichen
Zustande erwacht und entsprungen sei Wäre er noch im Kloster so würden es ihm
die getroffenen Maßregeln unmöglich machen zu entspringen Das Volk beruhigte
sich und verlangte nur dass Aurelie nicht durch die Gänge sondern über den Hof
in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht werden solle Dies geschah
Die verschüchterten Nonnen hoben die Bahre auf die man mit Rosen bekränzt
hatte Auch Aurelie war wie vorher mit Myrten und Rosen geschmückt Dicht
hinter der Bahre über welche vier Nonnen den Baldachin trugen schritt die
Äbtissin von zwei Nonnen unterstützt die übrigen folgten mit den Klaren
Schwestern dann die Brüder der verschiedenen Orden ihnen schloss sich das Volk
an und so bewegte sich der Zug durch die Kirche Die Schwester welche die
Orgel spielte musste sich auf den Chor begeben haben denn sowie der Zug in der
Mitte der Kirche war ertönten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltöne vom Chor
herab Aber siehe da richtete sich Aurelie langsam auf und erhob die Hände
betend zum Himmel und aufs neue stürzte alles Volk auf die Knie nieder und
rief »Sancta Rosalia ora pro nobis« So wurde das wahr was ich als ich
Aurelien zum erstenmal sah in satanischer Verblendung nur frevelig heuchelnd
verkündet
Als die Nonnen in dem unteren Saal des Klosters die Bahre niedersetzten als
Schwestern und Brüder betend im Kreis umherstanden sank Aurelie mit einem
tiefen Seufzer der Äbtissin die neben ihr kniete in die Arme Sie war tot
Das Volk wich nicht von der Klosterpforte und als nun die Glocken den irdischen
Untergang der frommen Jungfrau verkündeten brach alles aus in Schluchzen und
Jammergeschrei Viele taten das Gelübde bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf
zu bleiben und erst nach denselben in die Heimat zurückzufahren während der
Zeit aber strenge zu fasten Das Gerücht von der entsetzlichen Untat und von dem
Martyrium der Braut des Himmels verbreitete sich schnell und so geschah es dass
Aureliens Exequien die nach vier Tagen begangen wurden einem hohen die
Verklärung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen Denn schon tages vorher
war die Wiese vor dem Kloster wie sonst am Bernardustage mit Menschen bedeckt
die sich auf den Boden lagernd den Morgen erwarteten Nur statt des frohen
Getümmels hörte man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln Von Mund zu Mund
ging die Erzählung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche und brach
einmal eine laute Stimme hervor so geschah es in Verwünschungen des Mörders
der spurlos verschwunden blieb
Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese vier
Tage die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte als die
lange strenge Busse im Kapuzinerkloster bei Rom Aureliens letzte Worte hatten
mir das Geheimnis meiner Sünden erschlossen und ich erkannte dass ich
ausgerüstet mit aller Kraft der Tugend und Frömmigkeit doch wie ein mutloser
Feigling dem Satan der den verbrecherischen Stamm zu hegen trachtete dass er
fort und fort gedeihe nicht zu widerstehen vermochte Gering war der Keim des
Bösen in mir als ich des Konzertmeisters Schwester sah als der frevelige Stolz
in mir erwachte aber da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Hände das
mein Blut wie ein verdammtes Gift in Gärung setzte Nicht achtete ich des
unbekannten Malers des Priors der Äbtissin ernste Mahnung Aureliens
Erscheinung am Beichtstuhl vollendete den Verbrecher Wie eine physische
Krankheit von jenem Gift erzeugt brach die Sünde hervor Wie konnte der dem
Satan Ergebene das Band erkennen das die Macht des Himmels als Symbol der
ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen Schadenfroh fesselte mich der
Satan an einen Verruchten in dessen Sein mein Ich eindringen so wie er geistig
auf mich einwirken musste Seinen scheinbaren Tod vielleicht das leere Blendwerk
des Teufels musste ich mir zuschreiben Die Tat machte mich vertraut mit dem
Gedanken des Mordes der dem teuflischen Trug folgte So war der in verruchter
Sünde erzeugte Bruder das vom Teufel beseelte Prinzip das mich in die
abscheulichsten Frevel stürzte und mich mit den grässlichsten Qualen umhertrieb
Bis dahin als Aurelie nach dem Ratschluss der ewigen Macht ihr Gelübde sprach
war mein Inneres nicht rein von der Sünde bis dahin hatte der Feind Macht über
mich aber die wunderbare innere Ruhe die wie von oben herabstrahlende
Heiterkeit die über mich kam als Aurelie die letzten Worte gesprochen
überzeugte mich dass Aureliens Tod die Verheißung der Sühne sei Als in dem
feierlichen Requiem der Chor die Worte sang »Konfutatis maledictis flammis
acribus addictis« fühlte ich mich erheben aber bei dem »Voca me cum
benedictis« war es mir als sähe ich in himmlischer Sonnenklarheit Aurelien wie
sie erst auf mich niederblickte und dann ihr von einem strahlenden Sternenringe
umgebenes Haupt zum höchsten Wesen erhob um für das ewige Heil meiner Seele zu
bitten »Oro supplex et acclinis cor contritum quasi cinis« Nieder sank ich
in den Staub aber wie wenig glich mein inneres Gefühl mein demütiges Flehen
jener leidenschaftlichen Zerknirschung jenen grausamen wilden Bussübungen im
Kapuzinerkloster Erst jetzt war mein Geist fähig das Wahre von dem Falschen zu
unterscheiden und bei diesem klaren Bewusstsein musste jede neue Prüfung des
Feindes wirkungslos bleiben Nicht Aureliens Tod sondern nur die als grässlich
und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten Augenblicken
so tief erschüttert aber wie bald erkannte ich dass die Gunst der ewigen Macht
sie das Höchste bestehen ließ Das Martyrium der geprüften entsündigten
Christusbraut War sie denn für mich untergegangen Nein jetzt erst nachdem
sie der Erde voller Qual entrückt wurde sie mir der reine Strahl der ewigen
Liebe der in meiner Brust aufglühte Ja Aureliens Tod war das Weihfest jener
Liebe die wie Aurelie sprach nur über den Sternen tront und nichts gemein
hat mit dem Irdischen Diese Gedanken erhoben mich über mein irdisches Selbst
und so waren wohl jene Tage im Zisterzienserkloster die wahrhaft seligsten
meines Lebens
Nach der Exportation welche am folgenden Morgen stattfand wollte Leonardus
mit den Brüdern nach der Stadt zurückkehren die Äbtissin ließ mich als schon
der Zug beginnen sollte zu sich rufen Ich fand sie allein in ihrem Zimmer sie
war in der höchsten Bewegung die Tränen stürzten ihr aus den Augen »Alles
alles weiß ich jetzt mein Sohn Medardus Ja ich nenne dich so wieder denn
überstanden hast du die Prüfungen die über dich Unglücklichen
Bedauernswürdigen ergingen Ach Medardus nur sie nur sie die am Throne
Gottes unsere Fürsprecherin sein mag ist rein von der Sünde Stand ich nicht am
Rande des Abgrundes als ich von dem Gedanken an irdische Lust erfüllt dem
Mörder mich verkaufen wollte Und doch Sohn Medardus verbrecherische
Tränen hab ich geweint in einsamer Zelle deines Vaters gedenkend Gehe Sohn
Medardus Jeder Zweifel dass ich vielleicht zu mir selbst anzurechnenden Schuld
in dir den freveligsten Sünder erzog ist aus meiner Seele verschwunden«
Leonardus der gewiss der Äbtissin alles enthüllt hatte was ihr aus meinem
Leben noch unbekannt geblieben bewies mir durch sein Betragen dass auch er mir
verziehen und dem Höchsten anheimgestellt hatte wie ich vor seinem Richterstuhl
bestehen werde Die alte Ordnung des Klosters war geblieben und ich trat in die
Reihe der Brüder ein wie sonst Leonardus sprach eines Tages zu mir »Ich möchte
dir Bruder Medardus wohl noch eine Bussübung aufgeben« Demütig frug ich worin
sie bestehen solle »Du magst« erwiderte der Prior »die Geschichte deines
Lebens genau aufschreiben Keinen der merkwürdigen Vorfälle auch selbst der
unbedeutenderen vorzüglich nichts was dir im bunten Weltleben widerfuhr
darfst du auslassen Die Phantasie wird dich wirklich in die Welt zurückführen
du wirst alles Grauenvolle Possenhafte Schauerliche und Lustige noch einmal
fühlen ja es ist möglich dass du im Moment Aurelien anders nicht als die Nonne
Rosalia die das Märtyrium bestand erblickst aber hat der Geist des Bösen dich
ganz verlassen hast du dich ganz vom Irdischen abgewendet so wirst du wie ein
höheres Prinzip über alles schweben und so wird jener Eindruck keine Spur
hinterlassen« Ich tat wie der Prior geboten Ach wohl geschah es so wie er
es ausgesprochen Schmerz und Wonne Grauen und Lust Entsetzen und Entzücken
stürmten in meinem Innern als ich mein Leben schrieb Du der du einst diese
Blätter liesest ich sprach zu dir von der Liebe höchster Sonnenzeit als
Aureliens Bild mir im regen Leben aufging Es gibt Höheres als irdische Lust
die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen blödsinnigen Menschen
und das ist jene höchste Sonnenzeit wenn fern von dem Gedanken freveliger
Begier die Geliebte wie ein Himmelsstrahl alles Höhere alles was aus dem
Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf den armen Menschen in deiner Brust
entzündet Dieser Gedanke hat mich erquickt wenn bei der Erinnerung an die
herrlichsten Momente die mir die Welt gab heiße Tränen den Augen entstürzten
und alle längst verharrschte Wunden aufs neue bluteten
Ich weiß dass vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird den
sündigen Mönch zu quälen aber standhaft ja mit inbrünstiger Sehnsucht erwarte
ich den Augenblick der mich der Erde entrückt denn es ist der Augenblick der
Erfüllung alles dessen was mir Aurelie ach die heilige Rosalia selbst im
Tode verheißen Bitte bitte für mich o heilige Jungfrau in der dunklen
Stunde dass die Macht der Hölle der ich so oft erlegen nicht mich bezwinge und
hinabreisse in den Pfuhl ewiger Verderbnis
Nachtrag des Paters Spiridion
Bibliotekar des Kapuzinerklosters zu B
In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17 hat sich viel
Wunderbares in unserm Kloster ereignet Es mochte wohl um Mitternacht sein als
ich in der neben der meinigen liegenden Zelle des Bruders Medardus ein seltsames
Kichern und Lachen und währenddessen ein dumpfes klägliches Ächzen vernahm Mir
war es als höre ich deutlich von einer sehr hässlichen widerwärtigen Stimme die
Worte sprechen »Komm mit mir Brüderchen Medardus wir wollen die Braut
suchen« Ich stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben da überfiel
mich aber ein besonderes Grauen so dass ich wie von dem Frost eines Fiebers ganz
gewaltig durch alle Glieder geschüttelt wurde ich ging demnach statt in des
Medardus Zelle zum Prior Leonardus weckte ihn nicht ohne Mühe und erzählte
ihm was ich vernommen Der Prior erschrak sehr sprang auf und sagte ich solle
geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann zum Bruder Medardus
begeben Ich tat wie mir geheißen zündete die Kerzen an der Lampe des
Muttergottesbildes auf dem Gange an und wir stiegen die Treppe hinauf So sehr
wir aber auch horchen mochten die abscheuliche Stimme die ich vernommen ließ
sich nicht wieder hören Statt dessen hörten wir leise liebliche Glockenklänge
und es war so als verbreite sich ein feiner Rosenduft Wir traten näher da
öffnete sich die Türe der Zelle und ein wunderlicher großer Mann mit weißem
krausen Bart in einem violetten Mantel schritt heraus ich war sehr
erschrocken denn ich wusste wohl dass der Mann ein drohendes Gespenst sein
musste da die Klosterpforten fest verschlossen waren mithin kein Fremder
eindringen konnte aber Leonardus schaute ihn keck an jedoch ohne ein Wort zu
sagen »Die Stunde der Erfüllung ist nicht mehr fern« sprach die Gestalt sehr
dumpf und feierlich und verschwand in dem dunklen Gang so dass meine Bangigkeit
noch stärker wurde und ich schier hätte die Kerze aus der zitternden Hand fallen
lassen mögen Aber der Prior der ob seiner Frömmigkeit und Stärke im Glauben
nach Gespenstern nicht viel frägt fasste mich beim Arm und sagte »Nun wollen
wir in die Zelle des Bruders Medardus treten« Das geschah denn auch Wir fanden
den Bruder der schon seit einiger Zeit sehr schwach worden im Sterben der Tod
hatte ihm die Zunge gebunden er röchelte nur noch was weniges Leonardus blieb
bei ihm und ich weckte die Brüder indem ich die Glocke stark anzog und mit
lauter Stimme rief »Steht auf steht auf Der Bruder Medardus liegt im
Tode« Sie standen auch wirklich auf so dass nicht ein einziger fehlte als wir
mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben Alle auch ich
der ich dem Grauen endlich widerstanden überließen uns vieler Betrübnis Wir
trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der Klosterkirche und setzten
ihn vor dem Hochaltar nieder Da erholte er sich zu unserm Erstaunen und fing an
zu sprechen so dass Leonardus selbst sogleich nach vollendeter Beichte und
Absolution die letzte Ölung vornahm Nachher begaben wir uns während Leonardus
unten blieb und immerfort mit dem Bruder Medardus redete in den Chor und sangen
die gewöhnlichen Totengesänge für das Heil der Seele des sterbenden Bruders
Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag nämlich am fünften September
des Jahres 17 mittags zwölfe schlug verschied Bruder Medardus in des Priors
Armen Wir bemerkten dass es Tag und Stunde war in der voriges Jahr die Nonne
Rosalia auf entsetzliche Weise gleich nachdem sie das Gelübde abgelegt
ermordet wurde Bei dem Requiem und der Exportation hat sich noch folgendes
ereignet Bei dem Requiem nämlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft
und wir bemerkten dass an dem schönen Bilde der heiligen Rosalia das von einem
sehr alten unbekannten italienischen Maler verfertigt sein soll und das unser
Kloster von den Kapuzinern in der Gegend von Rom für erkleckliches Geld
erkaufte so dass sie nur eine Kopie des Bildes behielten ein Strauss der
schönsten in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war Der Bruder
Pförtner sagte dass am frühen Morgen ein zerlumpter sehr elend aussehender
Bettler von uns unbemerkt hinaufgestiegen und den Strauss an das Bild geheftet
habe Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein und drängte sich unter
die Brüder Wir wollten ihn zurückweisen als aber der Prior Leonardus ihn
scharf angeblickt hatte befahl er ihn unter uns zu leiden Er nahm ihn als
Laienbruder im Kloster auf wir nannten ihn Bruder Peter da er im Leben Peter
Schönfeld geheißen und gönnten ihm den stolzen Namen weil er überaus still und
gutmütig war wenig sprach und nur zuweilen sehr possierlich lachte welches da
es gar nichts Sündliches hatte uns sehr ergötzte Der Prior Leonardus sprach
einmal des Peters Licht sei im Dampf der Narrheit verlöscht in die sich in
seinem Innern die Ironie des Lebens umgestaltet Wir verstanden alle nicht was
der gelehrte Leonardus damit sagen wollte merkten aber wohl dass er mit dem
Laienbruder Peter längst bekannt sein müsse So habe ich den Blättern die des
Bruders Medardi Leben enthalten sollen die ich aber nicht gelesen die Umstände
seines Todes sehr genau und nicht ohne Mühe ad majorem dei gloriam hinzugefügt
Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder Medardus der Herr des Himmels lasse
ihn dereinst fröhlich auferstehen und nehme ihn auf in den Chor heiliger Männer
da er sehr fromm gestorben