1810_LAArnim_Armut.html




        
                             Ludwig Achim von Arnim
              Armut Reichtum Schuld und Busse der Gräfin Dolores
       Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein
                                    Zueignung
                                 an des Fürsten
                                    Radzivil
                                  Durchlaucht
Dem Schutzgeist bleibt ein treuer Sinn ergeben
Der ihn erhob aus einer dunklen Zeit
Auf lichten Flügeln singend hinzuschweben
In hohem Frieden über leeren Streit
So ward auch mir ein hochgesellig Leben
Wo sich die Worte leicht zum Lied gereiht
Mein Lied und ich wir bleiben treu ergeben
Dem der uns hat durch Melodie geweiht
Die aus dem vollen Herzen einsam weinet
Und wie ein Nordlicht tief bedeutend scheint
 
                                Erste Abteilung
                                     Armut
                                  Erstes Kapitel
             Das fürstliche Schloss und der Palast des Grafen P 
Vor einer kleineren Residenzstadt des südlichen Deutschlands erscheinen dem
Reisenden der die große Heerstraße vom Gebirge herabfährt zwei große
hervorragende Gebäude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung Einem
altertümlich getürmten und geschwärzten von Wassergräben umzogenen Schloss
gegenüber schimmert ein freier leichter heiterer flachgedeckter
italienischer Palast im schönsten Grün eines weiten Gartens so auffallend
vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und großen glänzenden Fenstern als
glücklicher Nebenbuhler als eine neue fröhliche Zeit neben einer verschlossenen
ängstlichen alten dass diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten
Anblicke eingefallen sein mag Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der
fröhlichen Zeit näher bekannt zu werden um mit ihnen in allem Überflusse der
schönen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu
erfreuen verschwindet eben so schnell wie die Furcht vor dem düster
vergitterten Schloss sobald sich die Reisenden beiden Gebäuden hinlänglich
genähert haben um alles einzelne daran zu unterscheiden Das schwarze Schloss
wohlunterhalten und dauerhaft mit seinen vorspringenden spitzen Türmen mit
seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern mit dem großen steinernen Wappen über
dem Tore vor allem mit seinen kleinen bunten Gärtchen in den Turmecken wo
vielleicht schöne Fürstentöchter unter selbst gezognen Blumenlauben die vorüber
wandernden Ritter belauschen dies Ganze macht einem das wunderliche Gefühl das
die Leute romantisch zu nennen pflegen es versetzt uns aus der sonnenklaren
Deutlichkeit des guten täglichen Lebens in eine dämmernde Frühzeit die auch uns
erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und
gedenken ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder
Nacht werden kann. Sind wir von diesem Gefühle durchdrungen so scheint der
kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsäulen mit seinen nackten
Götterbildern die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt
zu sein scheinen wie eine leere fremdartige Zauberei die der Zauberer
aufgegeben nachdem sie Götter und Menschen betört hatte Auch scheint bei
näherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstörenden Elementen
überlassen der Wohlstand der darin lange einheimisch gewesen sein mag hat
sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht um zu verschwinden die
Fenster des unteren Geschosses sind meist eingeschlagen oder mit innern
Fensterladen notdürftig geschlossen das lückenvolle Dach hat große Stücken der
Gesimse losweichen lassen die Laden der Dachfenster schlagen im Winde
nachlässig auf und zu das zierliche eiserne Geländer das den Vorhof schließt
ist des größten Teils seiner vergoldeten Blätter von mutwilliger Hand beraubt
die eisernen Türen liegen ausgehoben daneben vom hohen Grase überwachsen die
Wände sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres
Regiments bezeichnet Der Reisende sieht ärgerlich davon weg und nach dem
Lustgarten der den Palast umschließt und hinter demselben zu einer prachtvollen
Anhöhe sich erhebt Alles grünt da alles singt alles ist wild verwachsen das
Auge unterscheidet nicht ob das halb eingestürzte Haus auf dem Gipfel des
Berges eine absichtliche oder zufällige Ruine neben den amerikanischen
Sträuchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln wahrscheinlich in kindischer
Nachahmung des Feldbaus in den öden großen Baumgängen springen wilde Kaninchen
schnell verschwindend umher sie treiben da ungestört ihren kleinen Bergbau wie
die Vögel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln Arme
halbnackte Kinder wahrscheinlich aus den Nachbarhütten jagen sich in dem
ausgetrockneten Bette des Springbrunnens nachdem sie ihre Ziegen an Pfählen
zwischen den einzelnen Schnörkeln des Buxbaums angebunden haben der auf dem
großen Platze hinter dem Palaste wie eine von der Hand des Schicksals
halbausgewischte bedeutende Schrift den Reisenden lange vergeblich raten lässt
bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklärt es heiße Hektor und
Sophie die Vornamen des Grafen und der Gräfin von P  die dieses Schloss
erbaut Diese Kinder diese Ziegen und ein paar Lämmer die sich
menschenfreundlicher zu jenen halten reinigen den Garten von Kraut und Unkraut
von Blumen und Dornen
    Uns beängstigen schon fürstliche Schlösser die bloß zum Sommeraufentalte
bestimmt den größeren Teil des Jahres mit hellpolierten aber verschlossenen
Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen
da alles Grün umher wacht und rauscht alle Quellen rieseln alle Gänge offen
stehen schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfüllen uns mit
der wehmütigen Ahndung einer unbewusst um uns her geschehenen Völkerwanderung
die uns allein unter Fremden zurückgelassen hat  und was ist diese Wehmut
gegen den Schmerz diese Völkerwanderung wirklich beendigt zu finden was hoch
gestanden tief gestürzt zu finden und die Kleinen wild und höhnend darüber
herfallen zu sehen ohne zu wagen sich gleicher Höhe zu nahen wenn sich
gemeine rohe Armut über die Trümmer fremder Pracht und Bildung triumphierend
lustig macht unwissend an den Kunstdenkmalen zerstört weil die Besitzer nicht
mehr die Kraft haben zu schützen und zu erhalten was sie vom Überflusse
geschaffen hatten  und darum wendete ich mich schmerzlich von einem Kreise
lumpiger Barbarenkinder fort die dort im Lustgarten des gräflichen Palastes an
einem schönen Amor in Marmor der schlafend unter einer Rosenlaube ruhte die
schändliche Art von Geisselung wiederholten die ihnen in roher Erziehung zu
einer scherzhaften Strafe geworden Vergebens war mein Pochen an allen Türen ob
denn keine einzige Seele in dem großen Hause die diesen Frevel den ich
gestört auch bestrafte einsam und immer schneller und ungeduldiger hallte mein
Schritt wie von einer Schildwache die abzulösen vergessen unter den Säulen
des Eingangs dass die Schwalben aus ihren Nestern im Laube der korintischen
Säulen ausflogen vielleicht um zu schauen ob es gewittere Mir war so schwül
zu mute und ich dachte nicht dass in den oberen Zimmern zwei junge Gräfinnen
versteckt wären bei denen mir alles üble Wetter so leicht übergegangen wäre
ich stieg wieder in meinen Wagen und dachte besser dass ein Wetterstrahl alle
Kunstwerke in einem Augenblicke vernichte ein Feind sie entrisse als dass sie
in vielen Jahren vor den Augen der Völker die sie nicht verstehen nicht in
heiliger Sitte bewahren verderben und geschändet werden denn wer das Schöne
zerstört oder dessen Zerstörung duldet kann es nie heiligen und erzeugen wohl
aber selbst der welcher es gar nicht anders als aus sich und der freien Welt
gekannt hat
 
                                Zweites Kapitel
                           Graf P  und die Seinen
Dieser Palast dieser Garten mit Kunstwerken geschmückt die jetzt niemand wert
zu sein schienen und niemand nützten das Werk vieljähriger Anstrengungen eines
leidenschaftlichen Bauverständigen des Grafen P  begründeten den Ruhm
seiner Einsicht und seines Geschmackes sie galten für Weltwunder in der ganzen
Gegend und wären auch in Italien ausgezeichnet worden Der Graf hatte sich mit
vielem Kunstsinne einen der schönsten Pläne Palladios angeeignet und
zugerichtet der Garten ging aus dem französischen zu dem Naturgeschmacke über
Nicht die Schönheit dieses Baues aber seine Größe kränkte den Stolz der
Fürstin deren Neigung zum Grafen in eine Art Eifersucht übergegangen war auf
seine Frau der sie es schon allzu hoch anrechnete dass sie den Grafen in Besitz
genommen Sie fand sich in ihrem alten Schloss zum erstenmal wie im
Gefängnisse seit sie in die hellen Zimmer ihr gegenüber blicken konnte der
Fürst ihr sonst so ganz ergeben war nicht zu einem ähnlichen Schlossbaue zu
bewegen der Graf hatte zu viel Stolz auf sein Werk um sich mäßigen zu können
als die Fürstin es ihm aus Verdruss tadeln wollte er wurde beleidigend und der
Hof wurde ihm verboten nachdem er dreißig Jahre mit dem Fürsten ganz
vertraulich von der Jugendzeit an zusammen gelebt mit ihm auf Reisen manches
Abenteuer bestanden die Fürstin ihm zugeführt hatte Er sagte kein Wort zu
seiner Verteidigung doch ließ er über seine Gartentüre die Worte eines Liedes
eingraben
Freund hüte dich vor Fürsten
Denn Freunde werden sie nie
Magst du auch hungern und dürsten
Für sie
Wollen wir aber ruhiger sein Verhältnis überschauen so entdecken wir dass es
nicht immer reine Freundschaft war die ihn dem Fürsten verbunden die
Freundschaft war ihm nur ein Mittel den Unterschied auszugleichen den die
Geburt zwischen ihnen beiden unabänderlich festgesetzt hatte Doch war sein
Geist unabhängig genug um sich über diese Ungunst leicht hinwegzusetzen welche
gleich die meisten Einwohner der Stadt und der Gegend von ihm entfernte Sein
Einzugsfest in das vollendete Haus war wenig glänzend auch von unangenehmen
Zeichen begleitet Der Erbprinz der mit kindischer Neigung an der jüngeren
Tochter des Grafen Dolores hing war heimlich hinübergeschlichen Dolores
sprang mit ihm die glatten Treppen hinunter der Prinz fiel herab und wurde
blutig halbtot in das Haus seiner fürstlichen Eltern zurück gebracht die den
Bann ihrer Kinder nicht zum Grafen zu gehen darum noch schärften Dieser Bann
kränkte den Grafen sehr tief insbesondre da eben dieser Älteste der fürstlichen
Kinder gegen die Familienart schwarzes Haar wie der Graf zeigte er hatte ihn
immer allen andern vorgezogen Klelia die ältere Tochter des Grafen wollte sich
über diese Trennung tot grämen sie erdachte die abenteuerlichsten Mittel ihre
Verbindung zu erhalten doch die Zeit und andre Gesellschaften ersetzten ihr
allmählich was Dolores in den ersten Tagen schon vergessen hatte
    Der große Bau und noch mehr das Bemühen seinen Palast mit Gesellschaften zu
beleben hatten das Vermögen des Grafen in einer Reihe von Jahren aufgezehrt
während denen Klelia ihr achtzehntes und Dolores ihr sechzehntes Jahr erreichte
weder die Seinen noch die Fremden merkten etwas davon in dem steten Wechsel der
verschiedensten Zerstreuungen Mit heimlichem Neide sahen die Prinzessinnen als
sie eines Abends mit ihrer Fürstinmutter in goldverschnörkeltem Wagen langsam
daher fuhren die Gräfin Dolores auf einem zierlichen englischen Pferde in rotem
Reitkleide von den artigsten Reisenden in mancherlei Uniform umgeben zu einem
Feste im Walde vorüberjagen das sie aus der reichen Jagdmusik erraten hatten
Dolores machte dann wohl spielend die Herren auf den Kutscher mit dem großen
Barte auf die uralten schön geputzten Geschirre der sechs alten glänzenden
dicken Rappen aufmerksam So etwas erzählte sich leicht wieder und erbitterte
aber was bedurften sie der Herrscher die froh sein mussten dass so viel Geld in
ihrer Stadt verzehrt werde Klelia war mildtätig gegen Arme Dolores kannte die
Armut gar nicht sie war ihr eine poetische Person die sie einmal als Maske
darstellte sie erzählte den jungen Herren ganz ernstaft sie sehne sich nach
einem einfacheren Leben und die jungen Herren bewunderten sie Der Graf
ungeachtet er seine Umstände genau übersah lebte in gleicher Sorglosigkeit und
guter Gesundheit den fröhlichen Tagen die jede Altersschwäche noch lange von
ihm ab zu halten schienen mit verkehrter Zuversicht rechnete er auf Umstände
die nicht zu berechnen waren auf den Tod einiger Lehnsverwandten die statt zu
sterben sich verheirateten und Söhne zeugten zuletzt auf die Lotterie Als ihm
zuerst deutlich wurde dass er nicht gut noch einen Monat seinen gewohnten
Aufwand bestreiten könne träumte ihm nachdem er spät zu Bette gekommen seiner
Frau und Kinder Alter als die Zahlen in denen sein Glück begründet Statt
diesen Traum moralisch zu deuten meinte er ihn unmittelbar zu bewähren und
besetzte die drei Zahlen mit einer bedeutenden Summe in allen Lotterien er war
seiner Sache so gewiss meinte es eine so bestimmte himmlische Offenbarung
damit er sein angenehmes Leben fortsetzen könne dass er mehrere Schuldner auf
den Tag bestimmte wo er alle Nachrichten von den Ziehungen erhalten Der Tag
kam schnell heran er öffnete mit Zuversicht die Briefe keine seiner Zahlen war
heraus gekommen Er war leichtsinnig genug über sich selbst zu lachen und ohne
den Seinen etwas von seinen Absichten zu vertrauen nahm er Abschied als wollte
er eine kleine Reise machen um neue Gäste zu holen da die letzten eben
abgereist und so fuhr er ohne Unterbrechung mit dem Reste seines baren Geldes
bis zu einem deutschen Seehafen und schrieb erst in dem Augenblick den Seinen
eine kurze Nachricht von seiner Lage und seinem Entschlusse in die weite Welt zu
gehen als eben ein günstiger Wind einen Ostindienfahrer auf dem er sich
eingeschifft zum Absegeln anblies
 
                                Drittes Kapitel
            Tod der Gräfin P  Armut ihrer Töchter Kriegsvorfälle
Ehe dieser Brief anlangte waren in seinem Schloss manche ängstliche
herzzerreissende Ereignisse Schlag auf Schlag über die armen Unschuldigen
eingebrochen Einige Kaufleute die seinem Vermögen schon lange heimlich
nachgespürt hatten waren mit ihrer verzögerten Zahlung dringend geworden die
Gräfin hatte sie mit Lächeln erst abweisen lassen aber die Leute kamen den
andern Tag gleich wieder und wollten etwas Bestimmtes über die Rückkehr des
Grafen wissen Die Gräfin wurde dabei von einer sonderbaren Angst ergriffen
insbesondre da ihr die längere Abwesenheit ihres Mannes befremdend schien sie
sandte ihm Stafetten nach an mehrere Orte wo sie ihn vermutete die jungen
Gräfinnen befürchteten ihm sei ein Unglück begegnet Klelia betete und Dolores
blieb beinahe einen ganzen Tag im Bette liegen Ein alter Bediente der sie
einst auf den Armen getragen und dem Hauswesen mit großer Treue vorstand
drückte ihnen die Hände und sagte bedeutend sie möchten sich nur fassen es sei
nicht alles wie es sein sollte er habe schon seit einiger Zeit so was bemerkt
wenn er den Herrn rasiert er habe zwar wohl ausgesehen aber das Fleisch sei
doch nicht fest gewesen auch habe er wie im Traume gesessen sicher sei er
krank geworden Der Brief des Grafen löste endlich alle bangen Zweifel und
erhellte wie ein Wetterstrahl den Abgrund vor dem sie standen Die Gräfin hatte
sich bis zu der Zeit bei dem fröhlichen Leben im Wetteifer mit ihren beiden
schönen Töchtern jugendlich frisch erhalten der Graf hatte sie aus mehr als
bloßer Gewohnheit unverändert wie in den ersten Jahren ihrer Ehe geliebt seine
Abwesenheit allein die Sorge für ihn hätte sie unabhängig von den übrigen
Sorgen elend gemacht sie alterte schnell und starb zu ihrem Glücke sehr bald
die Demütigung bei der Fürstin der sie es sonst in allem zuvortun wollte um
einen Indult vergebens nachzusuchen gab ihr den Todesstoss Die liebenswürdigen
beiden Töchter blieben mit ihrer Trauer die sie äußerlich aus Armut nicht
einmal anlegen konnten einsam in dem weiten Schloss zurück ein Leid bekämpfte
das andre und so viel sie geweint hatten als sie ihre erste Kammerjungfern
entlassen und die gewohnten Besuche abweisen mussten so gleichgültig sahen sie
die kostbaren Hausgeräte Betten Silberzeug in öffentlicher Versteigerung den
Meistbietenden zuschlagen Ihr alter Bedienter wütete gegen die harterzige
Schändlichkeit der Kaufleute die durch des Grafen Unterstützung ihren Handel
angefangen durch unverschämten Betrug sich an ihm bereichert und nun wegen
einiger unbedeutender Schulden den Seinen das Letzte entrissen er schwor es
könne ihnen nie wohlgehen aber was half das den Gräfinnen denen es nun recht
ernstlich übel ging Die männlichen Lehen fielen in Administration auch aus dem
Hause wären die armen schönen Kinder vertrieben trotz allen Schmeichelungen
die sie an die harten Schuldner verschwendeten denen es zugesprochen hätte
nicht der Krieg das Städtlein durchzogen der den fürstlichen Hof für immer aus
dem Schloss seiner Vorfahren entfernte und die Grundstücke im Werte so rasch
herabsetzte dass ein Haus von dieser Größe viel mehr Last als Einkommen brachte
darum zögerten die Leute weislich mit der Besitznahme Die Gräfinnen hatten zu
dem Schloss eine so natürliche Neigung sie kannten jedes Winkelchen darin
statt dem Rate des alten Bedienten zu folgen in seinem Häuschen ein Zimmer
anzunehmen zogen sie sich auf ein kleines Stüblein ihrer Kammerjungfern zurück
und kamen nun fremde Soldaten zur Einquartierung so schlossen sie drei und
vierfach alle Türen rings Mehrmals drangen die müden Soldaten mit Gewalt in das
Haus und ließ sich da sie niemand fanden ihr Essen von der Stadt dahin
bringen tranken die Nächte durch lärmten im Hause und die armen geängsteten
Mädchen horchten bange wie sich der wilde Zug ihnen nahe Einmal drang sogar
ein raubgieriger Haufen durch alle Türen bis zu ihnen ein immer glaubt das Volk
versteckte Kostbarkeiten zu entdecken wo es verschlossene Türen findet endlich
traten sie nach aufgehauenen Türen in das Zimmer und fanden die Mädchen knieend
vor einer Mutter Gottes sie hatten einen ganzen Tag nichts gegessen von Furcht
gebleicht sahen sie rührenden Steinbildern gleich der Anblick erschütterte
selbst das rohe Volk Die Soldaten fragten warum sie denn nicht zu ihnen
gekommen wären sie hätten ihnen schon etwas geben wollen und somit warf ihnen
jeder ein paar Geldstücke hin die leichtsinnig erworben und nahmen dafür ein
paar Handküsse auch sagte einer zu der Gräfin Dolores sie sei das schönste
Mädchen das er je erblickt er wolle sie heiraten sie möchte mitkommen Er
gefiel ihr auch recht wohl doch wie er so in sie drang musste er schnell
aufsitzen und auf und davon sie sah ihn nie wieder  Der Krieg entfernte sich
der Mangel wurde um so fühlbarer aller Orten je weniger er sich durch
unbestimmte Hoffnung und gewaltsame Zerstreuungen vergessen machte Manche der
harten Schuldner waren eben so arm wie die Gräfinnen die sich jetzt ohne Scheu
durch Bearbeitung ihres Gartens zu nähren suchten Leider waren nur wenige
Fruchtbäume meist wilde Waldbäume und amerikanische Gesträuche darin gepflanzt
diese Bäume zum Schatten in der Hitze bestimmt mussten ihnen Feuerung geben in
den Gängen zogen sie Kartoffeln ein paar Ziegen die sie sich für Handarbeiten
der Klelia kauften gaben ihnen Milch einige wilde Kaninchen die sie in Fallen
fingen eine geringe Fleischspeise Der alte Bediente der sie verlassen musste
um ihnen nicht lästig zu fallen brachte ihnen allerlei Mundvorrat sie schämten
sich nicht von ihm etwas anzunehmen er hatte ihnen von Jugend auf manches
Leckere das ihnen der Gesundheit wegen vorenthalten wurde heimlich zugesteckt
er brachte auch die artigen Handarbeiten der Klelia ganz heimlich zum Verkauf
Dolores stand meist zu spät auf um in diesen Arbeiten etwas zu leisten auch
hatte sie am Zeichnen und an der Musik so überwiegende Freude dass sie außer den
notwendigen häuslichen Verrichtungen selten etwas anderes vornahm Ihr
Zeichenbuch waren aber die großen weißen Wände im obersten Stockwerke des
Schlosses die sie sehr wunderlich mit allen ihren bekannten Historien in Kohle
und Russ bemalte Zu ihrer Belehrung und Unterhaltung blieb ihnen an Büchern
nichts als was die Schuldner wegen der Altertümlichkeit verschmäht hatten Doch
die Einsamkeit führte sie durch einen Quartanten nach dem andern meist waren es
alte historische Bücher deren altadelige Gesinnung sie immer mehr gegen die
damals allgemein sich regende Ausgleichung aller Stände einnahm und so
entgingen sie der Art neuer frecher Geselligkeit die mit kriegerischer
Sittenlosigkeit gepaart das Leben ärmerer Mädchen des Städtchens erheiterte und
verderbte Der Adel der Gegend war teils entflohen immer im Wahne dem
unvermeidlichen Schicksale zu entgehen teils zu sehr verarmt und in eigenen
Angelegenheiten zu weit verloren um auf ein paar junge Mädchen zu achten die
in Tagen des Glücks jeden Fremden ihnen vorgezogen denn ein Vorzug scheint es
oft selbst da wo nur die Artigkeit obwaltet einem ganz Fremden Gelegenheit zu
geben sich bekannt zu machen Dolores wenn sie Morgens spät aufgestanden war
und zum Stickrahmen ihrer Schwester trat hatte immer einen wunderbaren Traum im
Kopfe der ihr großes Glück versprochen und sie beide belustigte bald war ein
ritterlicher Fürst verwundet in ihr Haus gebracht worden und hatte sich ihr
ehelich verbunden zum Danke wie sorgfältig sie seine Wunden verbunden bald
hatte ihr von einem Baume geträumt im Garten unter welchem ein Schatz liege 
und dann ging sie wohl hin grub eifrig und ließ auch der Schwester keine Ruhe
bis sie ihr geholfen und dann gruben sie bis die Quellen die durchdringend
den Sand nässten auch ihre Hoffnung zu Wasser machten So lebten die beiden
Mädchen jede in ihrer Art in den Tag hinein Klelia betete und arbeitete
Dolores träumte und erlustigte sich ein Tag kam zum andern und endlich
behauptete einer er fange ein neues Jahr an und so wieder und wieder dass sie
schon dreimal seit dem großen Unglücke die Nester aus ihren Gartenhecken
ausgenommen die Vögel groß gezogen und heimlich verkauft hatten aber kein
Fürst kam sich im öden Hause ein Lager zu erflehen selbst die Bettler scheuten
sich vor einem Hause zu singen vor dem das Gras aus allen Steinritzen hoch
aufgewachsen war Dolores sah einmal mit einem wunderlichen Aufwallen die
geputzten Stadtleute Sonntags vorüber ziehen und sagte zu ihrer Schwester »Sieh
einmal das Mädchen welches dort geht ich glaube wenn man ihr ordentliche
Kleider anzöge sie sähe wie unser eins aus«  »Wie unser einer ordentlich«
seufzte die Schwester »ich glaube wir könnten beide in den Röcken allein
ordentlich gekleidet werden die das Mädchen zum Überfluss trägt ihre blanke
Mütze schon gäbe ein paar Kleider«  »Sonderbar« meinte Dolores »die Leute
wissen nichts Rechts zu ihrem Vergnügen mit dem Gelde anzufangen da fallen sie
auf so abenteuerlichen Putz hör ich wollte wir hätten Verwandte unter den
Leuten ich glaube doch sie täten mehr für uns als unsre Lehnsverwandten« 
»Hör Dolores« erwiderte Klelia »da habe ich neulich eine Geschichte in dem
alten Buche von Hugh Schapler gefunden das du immer wegen der alten Sprache
nicht leiden mochtest ich habe mich ganz hinein gelesen und verstehe jetzt fast
alles in den alten Büchern die muss ich dir doch wieder erzählen es ist doch
immer auf eigene Art gewesen wie adlige Menschen der Not begegnet sind und wir
beweisens auch wieder«  »Aber sieh einmal den hübschen Bauerburschen mit der
roten Weste« unterbrach sie Dolores »sieht der nicht unserm Erbprinzen
ähnlich hör Klelia das sage ich dir wenn ich denke dass ich immerdar in so
bäurischer gemeiner Beschäftigung mein Leben zubringen sollte wahrhaftig ich
möchte lieber solch einen Burschen zum Manne haben als gar keinen«  »Schäme
dich« sagte Klelia »auch im Scherze muss man nicht so reden ich hätte nichts
dagegen wenn du dich in einen armen Jüngling den du zufällig kennen lerntest
verliebt hättest ich würde dich bedauern aber nicht verdammen wenn du dieser
Leidenschaft die alte Sitte und Ehre unsres Hauses durch eine Missheirat
aufopfertest aber so im allgemeinen von den Männern vom Heiraten reden das
geziemt keinem ehrlichen Mädchen«  »Ei« sagte Dolores und sang lustig
»Will ich mit schönen Knaben reden
Die neigen sich in Demut gleich
Und merken nicht wie gern ich jedem
Den roten Mund zum Kusse reich
Ach dacht ich oft bei mir so schwer
Ach wenn ich nur nicht Gräfin wär
Wo hast du denn wieder diese Weisheit gelesen du wirst dich noch überstudieren
erzähle nur die alte Geschichte ich hoffe sie wird unterhaltender sein«  Wir
müssen ihr kürzlich nacherzählen teils weil die Geschichte uns erlustigt teils
weil sie zu den beiden Pflegetöchtern in naher Beziehung steht
 
                                Viertes Kapitel
                      Hugh Schapler und sein Vetter Simon
Herr Gernier Schapler Kapet von Geblüt und Stamm ein edler rittermässiger
Mann hatte sich nicht geschämt die Tochter eines reichen Metzgers zu Paris
eine fromme tugendsame und überschöne Jungfrau zu einer ehelichen Gemahlin zu
nehmen Gott der ihn reichlich mit Geld und Gut versehen hat ihm auch einen
jungen Sohn mit dieser seiner Gemahlin beschert an den er beider Kräfte so
wunderbar gewendet ein Kind von außerordentlicher Stärke und adliger Gesinnung
hervor zu bringen Der Vater starb noch ehe dieser Sohn geboren die Mutter
aber in der Geburt Die Verwandten ließ ihn Hugh Hugo taufen er wuchs in
allen ritterlichen Tugenden auf es war kein Turnier im Lande wo er nicht Ehre
eingelegt hätte doch weil er ohne elterliche Zucht geblieben war so schöpfte
er mit dem großen Löffel auf und weil er viel vertragen konnte so verschlemmte
er viel Seine Wirte Schuster Schneider Harnischer Sporer versahen es sich
am wenigsten als Hugh gar nichts mehr im Vermögen hatte sie schlossen immer
noch falsch wer so viel vertäte müsse so viel übrig haben wie noch jetzt
häufig der Fall ist. DOLORES »Auch bei unserm Vater  es ist doch unrecht dass
er gar nicht für uns gesorgt hat warum hat er uns in die Welt gesetzt«  Als
nun diese Schuldleute kamen saß Hugo in großem Unmute einige Tage bei sich
verschlossen und aß Arme Ritter statt der reichen Braten bis ihm endlich
einfiel zu seinem Vetter Simon nach Paris zu reiten der ein reicher Metzger
daselbst und seiner Mutter nächster Blutsverwandter war Also machte sich Hugh
eines Morgens heimlich auf ritt nach Paris und da er vor seines Vetters Haus
kam das mit roten ausgeschnjetzten und aufgeblasenen Braten wie mit einer
köstlichen Tapete behangen war da wurde er bald erkannt und ihm die Türe
geöffnet Hugh aber wollte nicht also hineinreiten sondern stieg ab von seinem
Pferde zog seinen Hut ab und grüßte seinen Vetter ganz demütiglich welcher ihn
mit gleicher Demut bewillkommte und sprach »Lieber Herr und Vetter wie soll
ich das verstehen dass Ihr Euch gegen mich so demütig erzeiget hab ich Euch
doch all mein Tage nie so schlecht gerüstet gesehen so hat auch Euer Vater Herr
Gernier Euch solchem geringen Stande nie zugeführt Ihr wisst wohl wie er oft
mit zwölf gerüsteten Pferden in meinem Hause zu Herberge gelegen er hatte auch
stets die auserlesensten Knechte aus ganz Frankreich deshalb ich mich über Euch
entsetze und besorge es gehe Euch nicht nach Eurem Sinne Darum so kommt in
mein Haus Euer Pferd soll wohl versorgt werden habt Ihr dann ein heimlich
Anliegen dadurch Ihr so betrübt seid wollt mir solches nicht verhalten kann
ich Euch dann mit Leib und Gut behilflich sein so sollt Ihr an mir keinen
Zweifel haben ich will mich hierin nicht sparen noch verdrossen sein« 
    DOLORES »Ja wenn unsre Vettern so gedacht hätten und das war doch nur ein
gemeiner Mann ach Schwester wenn wir doch den Stadtschlächter zu unserm
Blutsverwandten hätten«
     Auf dieses freundliche Erbieten ging Hugh mit seinem Vetter Simon in
sein Haus sein Pferd wurde abgezäumt er zog seinen Harnisch und Rüstung ab
Indem ließ sein Vetter Simon ein herrlich Nachtmahl auftragen frische Würste in
der Suppe Rindermark auf geröstetem Brot Rippenstücke mit Rosinen gefüttert
Brustkern mit Mandeln gefilzt und seine Hausfrau trat dabei vor ganz rot wie
sie eben aus der Küche getreten vom großen Feuer und sagte auch ihre
Verwunderung Herrn Hugh in so schlechter Rüstung zu finden wie sie an seinem
Vater nie gewöhnt gewesen Aber Hugh schwieg darauf still und war fröhlich bis
das Nachtmahl geendet und der Tisch aufgehoben worden da fing Hugh an und
erzählte seinem Vetter alle seine Handlungen wie er in den zwei Jahren seit er
sein Vermögen ohne Vormund verwaltet Haus gehalten und all sein Hab und Gut
vertan auch mehr denn zweitausend Kronen schuldig geworden und weil er von
diesen Schuldnern Tag und Nacht keine Ruhe behalten sei er außer Landes
gereist von ihm einen guten Rat zu holen
    DOLORES »Wo mag jetzt wohl unser Vater sein«
     Da nun sein Vetter Simon dies alles mit großer Verwunderung und
Mitleiden vernommen hatte fing er an mit guten und lieblichen Worten den guten
Hugh zu trösten sprechend »Lieber Herr und Vetter dieser Euer Unfall ist mir
von Herzen leid Ihr solltet Euch aber anders in den Handel geschickt haben und
das Eure nicht also unnütz verprasst haben denn gewonnenes Gut wenn es verloren
geht ist gar schwerlich wieder zu überkommen Ihr solltet auch nicht so milde
im Ausgeben gewesen sein nach den schönen Weibern und böser Gesellschaft müßig
gestanden haben denn jetzund werdet Ihr gewahr dass deren keiner in Eurer Nöten
Euch behilflich sei und könnte er Euer Leben da Gott vor sei mit einem Heller
erretten«
    DOLORES »Gibt uns wohl einer der reichen Engländer oder der fremden
Prinzen die sich in unserm Hause belustigt einen Heller«
    »  Zwar hat Euer lieber Vater auch einen großen Stand geführt er hatte
aber dennoch groß Gut und Geld dabei erspart welches Ihr nun so unnütz vertan
habt«  Ob dieser Strafrede Simons begann Hugh einen Verdruss zu schöpfen hub
an und sprach »Lieber Vetter Simon die Predigt will mir zu lange werden denn
ich bin daran nicht gewohnt sie tut mir weh im Bauche wenn ich den Ostertag
eine hör so hab ich das ganze Jahr daran genug zu verdauen es bedarf auch
nicht viel Strafens denn es ist geschehen so bin ich auch der Predigt wegen
nicht zu Euch gekommen denn vergebens ist es den Stall erst zu beschließen
wenn die Rosse schon heraus sind Aber das ist meine Bitte an Euch dass ich
durch Euren Rat aus dieser Schande käme«  Der fromme Simon wiewohl ihn diese
Rede ein wenig verdross ließ sich doch als ein guter Freund merken und sprach
ganz einfältig »Mein herzlieber Vetter Hugh was ich jetzt in strafweis geredet
habe meine ich von Herzen gut mit Euch dieweil Ihr aber meines getreuen guten
Rates wie Ihr sagt leben wollt so sage ich das bei meiner Treue wenn Ihr mir
folgen wollt will ich Euch aus aller Gefahr und Nöten erretten auf dass noch
ein reicher Mann aus Euch werde«  Auf diese Rede Simons antwortete Hugh
»Lieber Vetter Simon diesen Rat begehr ich von Grund meines Herzens von Euch zu
hören und weiß Euch dafür großen Dank«  »Das will ich Euch meiner Treu nicht
verhalten« sprach Simon »denn ich gönne Euch von Herzen alles Gute mein
lieber Vetter Hugh darum so wäre mein treuer Rat Ihr bliebet diesen Winter bei
mir so wollte ich Euch mein Handwerk lehren und Euch Unterweisung geben wie
Ihr nachmals Eure Hantierung mit Kaufen und Verkaufen anschicken sollt als mit
Ochsen Kälbern Schafen und Schweinen sowohl beim Einkauf wie beim Mästen und
Schlachten inzwischen möget Ihr eine hübsche reiche Jungfrau so man sehen
würde dass Ihr Euch fein in den Handel schicken tätet zu einem ehelichen Weibe
erwerben die Euch bei Euren gesunden Gliedmaßen wohl lieb gewinnen müsste Dann
möget Ihr zuletzt Hantierung mit allerlei Kaufmannschaft anstellen und treiben
so ich dann sehen würde dass Ihr Euch recht und wohl zu solchen Dingen schicket
wollt ich Euch nach meinem Tode zu einem Erben machen aller meiner Hab und
Güter da ich keine Kinder oder nähere Anverwandten habe Ihr dürft Euch des
Handwerks nicht schämen da Eure leibliche Mutter dabei gezogen und geboren
worden«  Hierauf zu antworten besann sich Hugh nicht lange sondern sprach
mit lachendem Munde »Freundlicher lieber Vetter Simon ich bedank mich höchlich
gegen Euch wegen Eures guten und getreuen Rats bin aber nicht ganz willens
demselben nach zu kommen denn zum Metzigen und Schlachten oder zur
Kaufmannschaft habe ich keine Lust weil ich gedenke meines Vaters ritterlicher
Tugend nicht zu vergessen dieweil ich mich von Jugend auf darin geübt habe und
will meinen jungen Leib daran setzen Wie sollt ich allererst jetzt Ochsen und
Schaf schlachten lernen da ich schon Menschen ritterlich darnieder gestreckt
habe womit ich manchem Fürsten dienen kann Ja mir wäre lieber ich hätte vier
gute Hengste im Stalle Sperber Habicht Falken oder Spürhunde als tausend
Ochsen so wäre mir auch lieber ich hörte Trommeln und Pfeifen Lauten und
Geigen Tanzen und Singen denn dass ich sollte die Ochsen Schafe Schweine
Kälber hören brüllen und grunzen«  Auf solche Rede der gute Simon dem Hugh
traurig antwortete »Lieber Vetter Hugh ich meine es gut mit Euch wollt Ihr
meinen Rat annehmen es wird Euch nicht gereuen Jedoch so wollen wir jetzund
solches bis morgen beruhen lassen vielleicht so möchtet Ihr Euch dann eines
andern bedenken wollt jetzund gutes Muts und fröhlich sein«
    Also vertrieben sie ihre Zeit bis man schlafen ging da ward Hugh herrlich
und wohl gelegt den seine jetzige Armut im Schlafe nicht störte vielmehr
schlief er in den halben Tag hinein bis zur Mahlzeit Simon sein Vetter aber
lag die ganze Nacht ungeschlafen denn er ward von seiner Hausfrau recht übel
behandelt die nichts andres besorgte denn dass Hugh seines Vetters Rat folgen
und bei ihr bleiben würde darum sprach sie »Ach lieber Mann was gedenkst du
du willst den Jüngling zu einem Handwerk verordnen der alle seine Tage mit
Fressen und Saufen mit schönen Frauen zu kurzweilen hingebracht in solchen
Dingen sollte er uns bald um alles bringen was wir ererbt und erspart haben
wie er mit seines Vaters Erbe getan hat Darum ist mein Rat du gebest ihm
morgen eine ziemliche Zehrung und lassest ihn fahren auf dass du sein ledig
werdest denn es ist leidlicher einen kleinen Schaden als einen großen
verschmerzen«  Darauf antwortete Simon »Liebe Hausfrau sei zufrieden denn
wahrlich dieses habe ich bei mir selbst vorhin schon überschlagen ich besorg
er folgt meinem Rate und bleibt bei uns was mir sehr leid wäre ich besorge
unser beider Gut würde kein Jahr ausdauern wenn er in seiner Gewohnheit
fortführe«  Darüber ängstete er sich so sehr auch kamen allerlei Fliegen die
sich abwechselnd auf seine Nase setzten und vor seinen Ohren brummten dass es
ihm sehr früh zu tagen schien Es wurde ihm im Bette so unruhig er stieg vor
Tage heraus ging dann nach dem Stalle und fütterte Hughs Pferd so gut er
konnte und wartete mit großem Verlangen wann Hugh aufstehen und ihm Bescheid
geben würde Da es nun schier um Mittag war und man den Imbiss nehmen wollte
erwachte Hugh stand auf pfiff sich ein lustig Liedchen sah nach seinem
Pferde fand auch dass es nach aller Notdurft wohl versehen war da trat er zu
seinem Vetter Simon in Meinung ihm dafür zu danken Da erschrak der gute Simon
so sehr dass er fast in Ohnmacht gefallen wäre denn seine Sorge war immer Hugh
würde bei ihm bleiben woran doch Hugh keinesweges dachte Aber ehe dieser noch
etwas gesagt fiel ihm Simon ins Wort und sprach »Lieber Vetter Hugh da Ihr
mir gestern Abends auf meinen Rat wegen des Handwerks geantwortet Euer Gemüt
stände zu keinem andern Handwerk als Fürsten zu dienen so habe ich diese ganze
Nacht nachgedacht dieweil Ihr dasselbe so lange getrieben so folgt dem nach
kommt in meine Kammer ich will Euch eine gute Zehrung mitteilen von wegen Eurer
Mutter die mir sehr lieb gewesen und die sich noch im Grabe umdrehen würde
wenn sie Eure jetzige Not wüsste«  Da Hugh das hörte wehrte er sich nicht
lange ging behend mit seinem Vetter in die Kammer da zog Simon einen seidenen
Beutel aus dem Tischkasten und sprach »Nehmet hin mein lieber Vetter diese
dreihundert Kronen verzehret sie von meinetwegen«  Wer aber war fröhlicher
als der gute Hugh der seinem Vetter großen Dank sagte desgleichen war auch
Simon mit seiner Hausfrau sehr froh es reute ihnen das Geld nicht das sie ans
Bein gebunden da sie des Gastes los wurden Also säumte sich Hugh nicht lange
wollte der Mahlzeit nicht warten wie sehr ihn sein Vetter anflehete weil er
für ihn einen großen Rinderbraten an den Spieß stecken lassen Hugh sattelte
sein Pferd zog Harnisch Stiefel und Sporen an dankte Vetter und Hausfrau für
Geschenk und Herberge setzte sich auf sein Pferd und ritt auf und davon Der
Vetter Simon stand noch lange mit der Mütze in der Hand in der Türe und sah ihm
nach und schüttelte mit dem Kopfe die Frau aber mit beiden Händen unter ihren
Röcken gähnte und fror und dachte wie ruhig sie die nächste Nacht schlafen
wollte
    DOLORES »Hör wenn du so ausführlich die Begebenheiten des Ritters vorlesen
willst da werden wir heute nicht fertig«
     Hugh ritt nach Hennegau weil dort ein großes Turnier gehalten werden
sollte  nun kommt es gar zu garstig
    DOLORES »Wir sind ja unter uns und wenn du es weißt so kann ichs auch
wohl wissen ich bin so groß wie du ob du gleich zwei Jahre älter bist«
     Aller Orten wo Hugh in den Niederlanden turnierte gewann er Preise und
 gab sich mit den Mädchen ab  und dann musste er flüchten sich durchschlagen 
zehn Söhne sind da von verschiedenen Frauen ihm geboren er bekümmerte sich um
keine sondern zog immer weiter auf Abenteuer das mag noch so adlig sein recht
ist es nicht
    DOLORES »Da hast du wohl recht aber die Kinder werden doch gesagt haben
es sei besser auf schlechte Art zur Welt kommen als gar nicht«
     Nein gewiss nicht Hugh kam nun mit großen Ehren und vieler Beute nach
Paris zu seinem Vetter zurück der sich nicht wenig über seine schönen Pferde
und prächtigen vergoldeten Harnische freute Hugh stieg ab erzählte ihm alle
seine Geschichten worüber sich dessen Hausfrau recht erstaunte und ihn gar sehr
lieb gewann Als das Herr Simon merkte rief er aus »Sankt Dionys Ihr sollt
fürder bei mir wohnen ich will Euch zu lieb einen ehrlich adligen Staat führen
und halten denn ich hab mein Vermögen seit Ihr weg gewesen ziemlich vermehrt
so dass ich Eure Güter einlösen kann So habt Ihr auch viel gute Freunde in dem
Lande die Euch wohl helfen mögen um Eures Vaters willen dass Ihr zu guter
Heirat kommt«
    DOLORES »Den nähme ich schon zum Mann«
    »  Lieber Vetter« sprach Hugh »ich habe Eure Rede wohl vernommen und
danke Euch fast sehr dass Ihr meines Nutzens wegen so getreue Nachgedanken habt
bin aber noch keinesweges gesinnt zu der Ehe zu greifen bedünkt mir noch immer
viel besser einander heimlich lieb zu haben will mein Glück noch erwarten« 
Dem guten Simon war das nicht recht auch nicht seiner Hausfrau die gern Hughs
Hochzeit mit einer reichen Base ausgerichtet hätte
    DOLORES »Jetzt erzähle nur recht schnell mir fällt ein dass ich den Vögeln
kein Futter gegeben«
    Ja sieh der Hugh kam gerade zur rechten Zeit nach Paris wo die Königin
von Frankreich von dem Herzoge von Burgund gar sehr mit Kriegesvolk bedrängt
wurde der sie durchaus heiraten wollte aber sie mochte ihn nicht leiden So
tapfer sich nun Hugh auch hielte und die Stadt verteidigte so wäre er doch bald
verloren gewesen wenn sich nicht die zehn Söhne in Brabant die schon
herangewachsen waren alle aufgemacht hätten nach Paris als sie von ihres
Vaters Bedrängnissen gehört hatten Keiner der Söhne wusste aber vom andern und
so lief jeder seine Straße bis sie endlich nicht weit von Paris alle zusammen
kamen und sich erkannten da verschworen sie sich mit einander und fielen wie
eine Wetterwolke in das ruhige Lager des Herzogs das noch im besten Schlafe
lag Als Hugh diese unerwartete Hilfe wahrgenommen fiel er mit allen Seinen aus
und sie machten eine große Niederlage unter den Burgunden und nahmen den Herzog
gefangen Da erkannte Hugh seine Söhne und küsste sie als Vater und die Königin
gab dem Hugh ihre Hand er war es Hugo Kapet der das größte aller regierenden
Häuser Frankreichs auf den Thron setzte Sein Vetter Simon verwunderte sich über
Hughs besonderes Glück nicht wenig der war auf einmal reicher als er sein
lebelang mit allem Sparen werden konnte Vetter Simon ließ es sich auch
gefallen von ihm zu einem Herzoge gemacht zu werden doch mehr auf Anstiften
seiner Frau denn nach eigenem Begehren
    DOLORES »Eine recht schöne Geschichte Höre Klelie wenn es unser Vater
heimlich auch so machte hör wenn er der Paswan Oglu wäre von dem alle
Zeitungen schreiben und von dem keiner weiß ach wenn das wahr wäre«
    Und bei diesen Worten fielen sie einander mit süßer Freundlichkeit in die
Arme und lachten und weinten zugleich und dachten ihres Vaters und dachten ganz
gewiss der ihnen als Vorbild aller adligen Schönheit und Anständigkeit
vorschwebte müsse irgendwo ein gleiches Glück sich verdienen und da verloren
sie sich in mancherlei Träumen die wir mit einigen Betrachtungen ersetzen
wollen Wir haben den festen Glauben dass die periodische Not ganzer Völker die
unter mancherlei Namen meist unerwartet über sie einbricht ganz notwendig sei
alle eigentümlichen Gesinnungen Bildungen und Richtungen zu prüfen die sich im
Übermute des Glückes entwickelt hatten die zufälligen leeren und störenden
Sonderbarkeiten gehen unter die echte reine aus sich selbst lebende
Eigentümlichkeit wird bewährt gestärkt und ihrer selbst gewiss Die
Auswanderungen aus Frankreich in den ersten Jahren der Staatsumwälzung zeigten
uns einen großen Teil der gebildetsten Bewohner jenes reichen Landes in diesem
Kampfe mit dem täglichen Bedürfnisse die mannigfaltige Art wie sie ihn
bestanden erregte allgemeine Teilnahme viele ahndeten auch lange voraus dass
die Zeit in ihrem festen Schritte auch über Deutschland hingehen und die alten
Verhältnisse zu Glück und Beruhigung mühsam auferbaut niedertreten könnte Wir
sehen hier dieses Bild schon in einer Familie von dem schuldigen auf den
unschuldigen Teil einbrechen die Schuld des Grafen konnte die Seinen des
Überflusses berauben aber das Notwendige hätte ihnen doch nie gefehlt hätte
der Krieg nicht so zerstörend auf der Gegend gelagert In solcher Zeit der Not
ist wenig davon die Rede was das Beste für jeden zu tun sei ihr entgegen zu
wirken sondern hier zeigt sich was jeder nicht lassen kann und erklärt sich
bei jeder Veranlassung Mit Sehnsucht brach Dolores auf Veranlassung jener
Geschichte in Klagen aus dass dem Adel die Heiratslust so ganz vergangen
schiene eine glänzende Heirat sei der höchste Preis einer Frau alle turnierten
darauf »Nicht alle« sagte Klelia beleidigt »lieber wollte ich bis zu meinem
Lebensende von meiner Hände Arbeit leben als eine Heirat suchen«  »Die Arbeit
macht dir gemeine Gesinnungen« fuhr Dolores heraus
 
                                Fünftes Kapitel
                                   Graf Karl
Da trat der alte Bediente wie gewöhnlich in seinem Sonntagsrocke mit derselben
Art zu ihnen ein wie er in Zeiten des Glücks gekommen war sie schmeichelten
und ärgerten ihn nach alter Art Aber statt wie gewöhnlich von ihrem Vater zu
erzählen und von dem vielen Weine den er bei Tische umhergesetzt und
eingeschenkt wie er dem Herrn den Schlossbau einst abgeraten aber dafür beinahe
aus dem Dienste gejagt worden wäre begann er heute seine Reden ganz anders
wohlgefällig geheimnisvoll Erst nach langen Umschweifen von dem Glücke das oft
unverhofft käme brachte er vor dass ein junger Graf wunderlich halb
soldatisch halb abenteuerlich wie alle Studenten gekleidet nicht groß aber
von recht feinen Zügen von dunklen Augen und krausem Haar auf einem Wege den
sonst jedermann dem er nicht notwendig zu vermeiden pflegte über alte Felsen
und Schluchten sich dem gräflichen Lustgarten angeschlichen und über der Mauer
von der die Deckplatten und mancher Stein gestohlen zu seiner großen
Verwunderung vor dem Palaste zwei schöne Mädchen gesehen die er für Königinnen
wegen des edlen Anstandes aller ihrer Bewegungen gehalten hätte nicht ihre
Beschäftigung die Wäsche an der Sonne auszubreiten und zum Bleichen zu
begiessen ihn an seiner Meinung und an seiner Anrede gehindert Der junge Herr
hätte sich ihnen möglichst genähert und hinter einem Haselstrauche versteckt
so lange zugesehen als sie damit beschäftigt gewesen und nachher noch bemerkt
wie sie ihre zahme Dompfaffen aus dem Munde mit etwas Grünem gefüttert Dann
wären sie mit den Vögeln auf der Hand ins Haus getreten und der Herr hätte
sich gewünscht nur eine Stunde so ein Vogel zu sein  »Ei der ist doch nicht
töricht« sagte Dolores ganz trocken  »Nein« sagte der alte Bediente »das
ist so ein alter ehrlicher Wunsch von jedem Liebhaber er möchte immer etwas
andres sein als er wirklich ist um mehr zu gefallen ich war in meiner Jugend
eben so«  Die Mädchen lachten und der Alte erzählte weiter der Graf sei zum
Wirte der drei Weltkugeln gegangen bei dem er eingekehrt habe ihm mit großer
Heimlichkeit sein Geschichtchen erzählt und besonders viel von einer gesprochen
die ihm so besonders in die Augen gefallen und die er gern kennen möchte Die
Mädchen sahen einander an und Klelia sagte ganz ruhig »Das bist du gewiss« 
»Nein Schwester« antwortete Dolores »dich hat er gemeint du hattest heute
das schöne rote Halstuch umgebunden« heimlich aber dachte sie Gewiss bin ichs
die er aufsucht ich hielt die Vögel viel öfter an meinen Mund ich bin voller
meine Züge größer und meine Wangen röter und meine Augen so viel beredter als
meine Locken krauser sind obgleich unsre Haare von gleicher Farbe auch nennen
mich alle Leute schöner Ihr wurde doch dabei so eifersüchtig als stände der
junge Mann zweifelnd zwischen ihnen wie zwischen Tugend und Laster Der alte
Bediente fuhr darauf fort wie der schlaue Wirt der auch noch einige
Anforderungen an das Haus hätte gleich zu ihm geschickt er möchte doch dem
jungen Herrn der sich Graf Karl nannte unter dem Vorwande das schöne Haus zu
besehen zu den schönen Gräfinnen bringen es könne immer was daraus werden der
Mensch denke Gott lenke und dann sei ihnen allen geholfen  Klelia setzte
diesem Vorschlag viele ernste Bedenklichkeiten entgegen es sei ihren
Gewohnheiten ganz unangemessen einem jungen Manne der allen unbekannt
mitwissend seiner Absicht also entgegen zu kommen sie wolle ihn nicht sehen
Dolores erklärte sich heftig gegen diese Hindernisse ihrer angeregten Eitelkeit
sie hätten so viele Männer gesehen was ihnen die Bekanntschaft dieses einen
schaden könnte wenn er ihnen auch nur etwas Neues erzählte so wäre das schon
genug dann fuhr sie auf »Hör Klelia wenn du nicht heiraten wolltest warum
zeigtest du mir wohl neulich den Rand deiner Hand am kleinen Finger dass du eine
Falte dort trägest wenn die Hand gebogen also einen Mann bekämest und sahst
nach meiner Hand und ich hatte anderthalb Falten sieh du hast gerade recht
viele Lust zum Heiraten darum willst du es nicht eingestehen«  Klelia stand
erzürnt über diese Missdeutung eines kleinen spielenden Aberglaubens von ihrem
Stuhle auf und verließ das Zimmer nichts kränkt tiefer als absichtliche
Missdeutung mit dummer Listigkeit vermischt Der alte Bediente stand dabei wie
ein einfältiger Beichtvater neben einem höher gebildeten Beichtkinde das sich
Sünden anrechnet die ihm ganz gleichgültig sind doch gab er der Klelia weil
sie so trotzig weggegangen unrecht und eilte dann den Bitten der Dolores zu
folgen den Besuch nach einer Stunde herbei zu führen Während sich nun Klelia
auf ihre Kammer zum Gebetbuche gesetzt hatte des Streites ganz zu vergessen
ging Dolores rechts und links in großer Eile aus ihren beiderseitigen Kleidern
einen guten Anzug sich zusammen zu stoppeln der glänzend weiß und reinlich
aber freilich von mancher überflüssigen Naht durchkreuzt war als diene er gegen
Behexung Als sie damit fertig war lauerte sie ungeduldig durch die angelegten
Laden auf jeden der die Straße herunter schritt zwischen durch sah sie sich im
Spiegel und sann auf guten Ausdruck des Gesichts und der Rede und dann gedachte
sie lachend wie sie oft Fürsten und Herzöge die ihr als Kind geschmeichelt
kaum eines Blicks gewürdigt Endlich erblickte sie die grüne polnische Mütze auf
den dunklen Haaren die grüne leichte Husarenkleidung mit Gamaschen und
Reiseschuhen die nach dem Vorberichte des Bedienten den bedeutenden Mann
bezeichnen sollte der Bediente begleitete ihn sie wollte ihm wie durch Zufall
auf der Treppe begegnen damit er ihr elendes Stübchen nicht bemerke
 
                                Sechstes Kapitel
                                 Die Studenten
Wir wollen dieses junge Blut das da so fröhlich die Straße herunterschreitet
ungeachtet vorbedeutend eine schwere dunkle Wolke in den zusammengewachsenen
Augenbraunen seiner stark gehügelten Stirne lastet uns im allgemeinen bekannt
machen ehe wir es näher kennen lernen Dass Graf Karl Student sei haben wir
schon von dem Bedienten erfahren aber woran erkennen solche Leute gleich den
Musensohn die nichts von den Musen wissen Das lässt sich schwer erklären Die
Tracht ist es nicht immer viele andre Leute machen sie nach auch ist sie
verschieden in verschiedenen Zeiten es ist mehr die Art wie ihnen die Tracht
steht wie sie um sich schauen und singend ihre Straße wandern Wer nicht selbst
die fröhlichen Züge der Studenten aus dem nördlichen nach dem südlichen
Deutschland bis in die Schweiz und weiter zu den schönen Inseln der
italienischen Seen mitgemacht hat wird doch sicher einmal einer solchen Schar
begegnet sein die mit der frischen Röte ihrer Wangen und der vollen Hoffnung
ihres Herzens schon da ein seliges Land zu entdecken glauben wo die Einwohner
sich gleich gut oder gleich schlecht wie auf der übrigen deutschen Erdfläche
befinden Es tut einem so wohl von andern glücklich gepriesen zu werden um
Güter die im täglichen Gebrauche ihre Beachtung verloren haben jeder macht
gern seine beste Laune zum Gegengeschenke dass der unschuldige Bewunderer selten
ahndet dass jedermann überall der Schuh irgendwo drückt die Grillen irgendwann
ansingen ja dass die luftigste Aussicht von den Bergen den Rauch nicht wegführen
kann der immerdar aus der engen Behausung der Menschen sich mühsam zu erheben
sucht und oft ganz auf sie hinuntergedrückt wird Wie lieb ist die vielwissende
Unwissenheit der lernenden Jahre auch diese Betrachtung könnte ein Student über
die Dinge machen aber im nächsten Augenblicke hätte er sie wieder vergessen
und der Staub auf seinen Schuhen und der Staub der Früchte in ihrer Frische sie
sind einer Art und bezeichnen wie neu sie noch in der Welt sind  sie werden
schon lernen in Kutschen zu fahren viele Meilen an einem Tage aber die Freude
wenige Meilen ganz durch eigene Kraft fusswandernd zurückgelegt zu haben die
kommt ihnen nicht wieder Wegen dieser Fröhlichkeit haben auch die Gastwirte sie
gern warten auf sie wie auf die Schwalben Die Studenten finden ihren
schlechtesten Wein noch immer köstlich genug um bei der Gelegenheit ihrer
Begeisterung ihren Liedchen ihren Spässen freien Lauf zu gönnen während sie
ihre von allen beschauten Naturschönheiten wunden Füße an dem Tische ermüssigen
Selbst die alten Herren die alle andern Tage mit ihrem bestimmten Schoppen sich
stillschweigend begnügten werden diesmal begehrlicher und fahren mit dem
glatten Weine einmal wieder in das mondbeschienene Unterland wo auch sie sich
sehnten nach Unerreichtem jubelten über ein Nichts und ihre Hüte
durchlöcherten als hätten sie den Erbfeind vor sich Wahrlich soll Deutschland
Soldaten bekommen so müssen sie unter einander leben wie die Studenten wenn
sie auch nicht lernen wie sie frei von allem Zwange nur der Ehre untertan
gleich unter einander sicher wird dann der Geschickteste und Mutigste wie zum
Senior so zum Feldherrn sich durchdrängen  Eine der ersten Welterfahrungen
die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben betrifft das
allgemeine Missverhältnis des Geldes zu dem Bedürfnisse so bleibt mancher
lustige Bruder seine Zeche schuldig verspricht zu senden was er doch nicht
hat die kleine Not ist recht gut er lernt entbehren welcher Wirt könnte aber
so hart sein die Jagdtasche worin nichts als etwas Wäsche ein Lieblingsbuch
und einige Tagebücher zur angehenden Schriftstellerei im Ernste
zurückzubehalten ein kleiner Schreck kann nicht schaden Gar mancher macht aber
auch andere Erfahrungen auf solchen Zügen und kehrt nicht so fröhlich heim wie
er ausgegangen er sieht heimschleichend nicht mehr weit vor sich hin die
Wälder rauschen ihm nicht mehr fröhlich die Singvögel scheinen verschwunden und
die Spitzen der Bäume hängen voll Krähen die sich durch die Nebelwolken
aufschwingen alles tropft Bäume und Kleider und seine Augen die immerdar
suchen wovon er sich immer weiter entfernt Sein Leid vergrößert sich mit jeder
Meile wie der Strom an dessen Ufer er herunter schreitet jetzt trägt er schon
manches schwarze Schiff manchen Gedanken den er schwarz auf weiß der verlassenen
Liebe mitteilen muss Und dann gehts an die Arbeit für Amt und Brot die sonst
nur leichte Gewohnheit gewesen er mag nicht warten und sie will auch gern unter
die Haube die er auf der Reise kennen lernte wie die Leute sich ausdrücken
Mit Lust erzählen wir diesen möglichen Fall wie es mit unserm Grafen Karl
einmal gehen könnte der auch mit einer Schar Studenten fussreisend ausgezogen
war aber ganz passt es schon darum nicht weil dem Grafen nicht notwendig war
wenn er heiraten wollte sich dem Joche fremder Dienste zu unterziehen Er besaß
ein artiges Vermögen ungeachtet ihm die vormundschaftliche Verwaltung aus
Klugheit nur sehr wenig für seine Studienzeit auswarf die ihn nach ihren
Absichten allein zum wissenschaftlichen Landwirte vorbilden sollte da die
Verwaltung seiner Landgüter seinem Vermögen und seiner Natur angemessener
schien als Dienste eines Fürsten Er war mit einem Dutzend seiner Landsleute
von der Universität ausgewandert aber die Liebhaberei jedes einzelnen hatte sie
zerstreut einer sammelte Kräuter der andre Steine sein Vergnügen Anhöhen zu
besteigen führte ihn durch den beschwerlichen Bergweg an die Höhe des Gartens
wo er mit der seligen Empfindung des Balboa wie er zuerst das stille Meer
entdeckte die beiden schönen Kinder unter sich erblickte zwei glückliche
Inseln in dem stillen grünen Meere vor ihm Eigentlich wurde er ihnen beiden im
Augenblick so zugezogen wie es nur in diesem Alter und in der waglichen
Stimmung eines begeisterten Fussreisenden möglich der nach einem halben Jahre
in engen Zimmern und dumpfen Hörsälen einmal wieder von Morgen bis Abend unter
dem durchsichtigen blauen Himmelsgewölbe wandelt doch hielt ihn ein Dornstrauch
an seinem Kleide fest als er eben über die Mauer springen wollte Ahndung und
Liebe erscheinen selten getrennt und so nahm er es als eine warnende Ermahnung
der Liebe nicht auf unrechten Wegen in diesen geheiligten Kreis zu dringen und
begnügte sich sie möglich lange und möglich nahe zu beschauen Der Wirt hatte
seine Begierde die Mädchen kennen zu lernen durch seinen Bericht von ihrem
Stande von ihren Schicksalen und ihrer stillen Lebensweise noch vermehrt er
war kein Adelstor wie die meisten seines Standes zu jener Zeit bei denen er
für einen Revolutionär galt aber er kannte das Achtbare der Familiengesinnungen
und Familienehre die sich noch immer in denen Häusern fortpflanzen welche sich
einst den Herrschern gleich geachtet das Gleiche mit seinen eigenen
Verhältnissen war ihm von guter Vorbedeutung Es schwebte ein Wunderbild von
weiblicher Sanfteit Zurückgezogenheit und Freundlichkeit in seinem Kopfe das
ihm in den beiden Gräfinnen zum erstenmal gegenwärtig geworden 
 
                               Siebentes Kapitel
               Graf Karls erster Besuch bei den beiden Gräfinnen
Erst in der Türe ihres Schlosses fiel es ihm heiß ein dass es doch ganz unwürdig
sei mit der erlogenen Kauflust die Begierde nach der Bekanntschaft der Mädchen
zu bemänteln aber es ließ sich nicht ändern die Türe war schon hinter ihm
geschlossen durch die Säulen der Treppe schimmerte schon das rotgestreifte
weiße Kleid der Gräfin Dolores ihre Tritte schallten im Gewölbe Sie trat ihm
beschämt dass er die Mängel ihres Anzuges entdecken möchte mit einigen
unverständlichen Worten entgegen aber ihr reizender Blick machte seine Worte
noch undeutlicher es war ein Schimmer in den hellbraunen Augen der sich nicht
malen lässt und doch kommt viel darauf an jedes zur rechten Zeit zu sehen zu
tun wäre ihm Klelia so begegnet wahrscheinlich hätte er sich ihr eben so
bestimmt ergeben wie er sich jetzt der schöneren prächtigen Schwester eigen
fühlte Der Bediente half beiden indem er weitläuftig von allen
Bequemlichkeiten redete die der untere Speisesaal verberge von der
Wasserleitung worin sonst das Getränk gekühlt worden die aber jetzt verstopft
sei  Die innern Wandverzierungen des Schlosses waren meist architektonisch
entweder in Stein oder in Gips Da der alte Graf viel gute Gemälde besaß so
scheute er sich sie irgendwo mit Fabrikmalerei gewöhnlicher Tapeten zusammen zu
bringen denn beide verlieren dadurch das Mechanische jener verwöhnt das Auge
auch in dem Lebendigen der andern etwas der Art zu sehen und jene wiederum
büßen die Art von Gefälligkeit ein die sie in Abwesenheit eigentlicher
Kunstwerke bewahren Diese Gemälde waren verkauft eben so Sessel und Tische und
alles was zu dem eigentlichen Gebrauche der Menschen gehört auch hatte wohl
die Kriegsfurie hin und wieder ihre Fackel an den Wänden geputzt aber größer
und würdiger sahen offenbar diese edlen architektonischen Verzierungen in dieser
ungehinderten Übersicht aus Der Graf hatte nie etwas so Prächtiges gesehen
ohne alle Kauflust war er eingetreten jetzt aber dachte er sichs als das
höchste Glück in den schönen Verhältnissen dieser Zimmer sein Leben zu führen
unbemerkt hoffte er müsse dies alles Widersprechende Ungleiche in ihm ordnen
noch gestand er sich nicht dass ihm zur Seite auch solche frische Lebensgöttin
von so schönem Verhältnisse wie Dolores gehen müsse ihm war es als sei ihre
Schönheit die Wölbung ihrer Augenbraunen das schöne Verhältnis ihrer Zähne
woran die edelste Säulenordnung zu erläutern nur eine Wirkung von der
Herrlichkeit dieses Baues oder sie selbst sei die Baugöttin so ganz erbaut war
er von ihr von ihrer Rede von jeder ihrer Bewegungen So gingen sie durch die
schönen Geschosse und der Graf mit dem Wunsche die Aussicht ganz zu kennen
stieg noch eine Treppe höher in das oberste Geschoss das sonst den Bedienten
bestimmt gewesen wo aber jetzt die Gräfinnen wohnten und das Dolores mit ihren
Malereien verziert hatte Sehr ungern folgte sie ihm dahin sie wusste sich aber
durchaus auf keinen Entschuldigungsgrund zu besinnen Der Graf bewunderte die
ausnehmende Fertigkeit die schönen sichern Umrisse dieser Bilder Dolores
gestand dass es ein müssiges Spiel von ihr sei Er glaubte nicht dass dies das
Beste sei was sie in der Art machen könnte und so ehrte er sie plötzlich als
das höchste Malergenie das ihm je begegnet er bewunderte von einer Vorstellung
zur andern und so kam er unbemerkt an das Zimmer der Klelia er meinte es auch
leer als er aber jemand darin erblickte so machte er die Türe mit einer
Entschuldigung schnell zu ohne sie zu unterscheiden Gleich wendete er sich zur
Gräfin Dolores die verlegen hinter ihm gestanden weil ihre Schwester sich
nicht ordentlich angezogen nachdem sie ihr das Beste vorweg genommen »Wer war
die Dame«  »Meine Kammerjungfer« sagte die Gräfin und der Bediente brummte
heimlich vor sich dass sie nun sogar ihre Schwester verleugne nachdem sie
selbige um einen Liebhaber betrogen er hatte nämlich die Klelia von Jugend auf
viel lieber auch blieb er hier zurück um Klelien dahin zu bewegen sich
anzuziehen so gut es gehe und in den Garten zu kommen wohin jetzt die Gräfin
am Arme des Grafen eilte Diese beiden gingen nun vor dem grünen Platze vorbei
wo der Graf mit einem Seufzer das Leinenzeug vermisste das ihn morgens in der
Sonne geblendet hatte all der Glanz war zu seiner schönen Führerin
übergegangen Mit manchem Umschweife ungewiss ob er auch nicht beleidige
erzählte er wie er sie schon am Morgen beobachtet sie wurde beschämt dass sie
bei so niedrer Arbeit überrascht worden sie wollte ihm einen Wink geben dass er
schweigen möchte aber er drückte die Hände an seinen Mund So waren sie bis zur
Höhe angestiegen wo eine Laube von Geissblatt die sich über einem Steine
wölbte der einer Bank ganz ähnlich sah die schönste Stelle schien die
scheidende Pracht der Sonne und die tausend Liebesblicke zu begrüßen die sie
dem schönen Tale noch schenkte Der Graf setzte sich auf den Stein »Nicht
doch« rief die Gräfin »wissen Sie denn worauf Sie sitzen« Der Graf sprang
auf und sah in den Stein Noten und ein Lied eingehauen vor der Sonne die er
angeschauet erschien ihm die Schrift grün wie die Schrift des Frühlings die
über der ganzen erstorbnen Erde läuft Mit einiger Beschämung las er laut ab
Mädchen führt dich dein Knabe
In dem letzten Abendscheine
Hier zu meinem stillen Grabe
Und er wagt es nicht alleine
Küss ihn einmal mir zu Ehren
Das sind meine Seelenmessen
Kann ich euch das Küssen lehren
Werd ich nimmermehr vergessen
Neue Melodien kommen
Und verdrängen meine Lieder
Doch so viel ich hab vernommen
Kommt das Küssen immer wieder
Und von diesen Liebesnoten
Die ich liebend hab erfunden
Schallen mir noch bei den Toten
Alle Wiederholungsstunden
Dolores erzählte nun dem Grafen dass ihr Vater hier einen lustigen tiefsinnigen
Musiker begraben der lange Zeit sein Freund und Vertrauter gewesen und den Weg
zu diesem schönen Platze zuerst gefunden und geebnet habe Der Graf sang mit
seiner angenehmen Stimme die einfache wohlige Melodie dieses Liedes der letzte
Abendschein schwankte vor seinen trunknen Augen über der Ebene und sah in die
Tiefen der Berge er sah ihr so sicher in die Augen und sie konnte sie nicht von
ihm wenden es war der gefälligste Mann der ihr seit langer Zeit erschienen
sie sah in ihm den Glanz ihrer Geburt wieder hervorgehen sie hörte wieder die
rollenden Kutschen vor ihrer Türe sah in den Fenstern des Schlosses die vom
Abendhimmel widerschienen alles wie ehemals von Wachskerzen erleuchtet in den
Büschen schienen ihr Musikchöre versteckt und sie verweigerte ihm nicht den
keuschen Kuss den er auf ihre Lippen drückte Wir eilen denn unter einfachen
Verhältnissen gleicht sich alles in der Welt und jeglicher hat hinlänglich
Gefühl in seiner Brust und wär er noch so arm um sich lebendiger in solche
Stunde hinein zu denken als es die Worte ihm vorsagen können Nach diesem Kusse
schien dem Grafen alles was er noch sagen könnte so leer und nüchtern dass er
mit einem zweiten Kusse von der Errötenden Abschied nahm und auf und davon über
Hecken und Mauer ins Gebirge eilte seines frohen Herzens selbst bewusst zu
werden das ihn so mächtig anregte Aber statt ganz fröhlich zu werden wurde er
immer wehmütiger und es rief in ihm bis er es auswendig wusste
Sie gab was mich verarmet
Mir scheidend ihren Mund
Sie hat sich mein erbarmet
Ach Gott wem tu ichs kund
Ich kanns nicht in mir lassen
Es sprenget meine Brust
Es kanns die Welt nicht fassen
Was mir allein bewusst
Wie mir der Abend rötet
Noch niemand wissen muss
Ach hätt sie mich getötet
Im ersten ersten Kuss
Von Schmerzen könnt ich ruhen
Im Jubel vieles tun
In schweren Reiseschuhen
Tanz ich so töricht nun
Wirklich hatte er in sich jubelnd eine glatte Buche umfasst und tanzte um sie
her weil er niemand fand mit dem er tanzen konnte und lachte dann Allmählich
sammelte sich der Taumel aller einzelnen Gefühle die in ihm aufgeregt endlich
wurde er so gewiss in sich dass Liebe und Gegenliebe zwei Gotteiten die so
lange getrennt über den Erdboden einander suchend umherirrten sich in ihnen
beiden so vollkommen begegnet und begrüßt hätten dass sie wohl nie wieder von
einander lassen würden in Zeit und Ewigkeit Als er nach Hause kam wollte er
noch spät sein Tagebuch schreiben aber er wusste nicht auszudrücken was ihm
begegnet schlafen konnte er auch nicht ob er sich gleich endlich niederlegte
und so sang er der Nachtigall zu und dem rauschenden Strome die mit einander
wetteiferten
Mir ist zu licht zum Schlafen
Der Tag bricht in die Nacht
Die Seele ruht im Hafen
Ich bin so froh verwacht
Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus
Was ists dass ich mich quäle
Ob sie auch fand ein Haus
Sie hat es wohl gefunden
Auf ihren Lippen schön
O welche selge Stunden
Wie ist mir so geschehen
Was soll ich nun noch sehen
Ach alles ist in ihr
Was fühlen was erflehen
Es ward ja alles mir
Ich habe was zu sinnen
Ich hab was mich beglückt
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzückt
 
                                 Achtes Kapitel
                 Graf Karl verlobt sich mit der Gräfin Dolores
Am andern Morgen wurde alles fest unter ihnen besprochen sie verstanden
einander dass sie verlobt wären und wussten nicht wie er hatte keinen Ring bei
sich sonst wäre auch diese Förmlichkeit beobachtet worden von der Universität
wollte er einen zierlichen Goldring senden er nahm das Maß an ihrem schönen
Finger mit einem seiner Haare Klelia trat darauf ein der Graf fasste eine
ungemeine Achtung gegen sie bei ihrem ersten Anblicke die Höhe ihrer Gestalt
und Stirne ihr feiner Mund ihr klares Auge geboten jedem Achtung sie nahte
sich ihm vertraulich tadelte zwar die große Eile in der Verbindung mit ihrer
Schwester aber so wohlwollend dass beide sie dafür küssen mussten Der Graf dem
noch von Jugend an eine gewisse allegorische Mythologie anhing glaubte in ihr
die Freundschaft zu entdecken wie er in der Schwester die Liebe gefunden gewiss
war es so wenig sie sich vordrängte so milde schützte ihr reicher ernster
Geist die beiden Liebenden gegen den langweiligen Überdruss der den
zurückhaltenden Brautstand bei allen Äußerungen von Glück in manchen Stunden
doch ganz fatal macht Wir wollen uns nun einige Wochen denken wie wir sie
entweder selbst erlebt oder aus dem Berichte glücklicher Seelen oder aus
Büchern kennen gelernt von Liebe umwunden von der wohlwollenden Freundschaft
der guten Klelia belebt die mit Muttersorgfalt sie beide bewachte und sich an
ihnen erfreute und den Grafen vor allen Männern ehrte und bewunderte Dolores
glaubte dass sie den Grafen liebe alle ihre Hoffnungen waren ja auf ihn
gesetzt auch war es unvermeidlich dass er nicht bei näherer Bekanntschaft
gewonnen hätte seine Liebe zu ihr konnte sich nicht mehren und nicht mindern
es war Liebe und so brachte er unbemerkt die ganzen Ferien in dem geliebten
Kreise der guten Stadt zu die ihm sein eigentliches Vaterland zu sein schien
die ferne Schweiz mit ihren Wasserfällen Eismeeren heiligen Freiheitstempeln
und unsterblichen Schlachtfeldern lag ihm außer seiner Welt Zuweilen warf er es
sich vor dass er die ganzen Tage bei den Mädchen mit Nichtstun zubringe auch
fürchtete er ihnen überflüssig zu werden aber dann baten sie ihn jeden Abend
dass er am Morgen doch ja recht früh wiederkommen möchte bald wollten sie eine
Stunde auf der Gitarre bald im Spanischen bei ihm nehmen Die sorgfältige
Erziehung seiner Mutter hatte alle Fertigkeiten und Kenntnisse der gebildetsten
Stände in ihm gesammelt durch das Vergnügen dies Erlernte so schönen Wesen
mitzuteilen erhielt es in ihm selbst eine schönere Gestalt und Anordnung er
lernte seinen Vorrat kennen und brauchen er gewann vielleicht eben so viel
durch seine Liebschaft als andre Studenten durch ihre Liebeleien verlieren
Klelia gab ihm den Mut ohne Scheu religiös zu sein den er unter bornierten
Bigotten und bei frechen Spöttern verloren er wagte es ohne Scheu seinen
Glauben an Geheimnisse des höheren Lebens und an deren sinnliche Offenbarung zu
bekennen er wusste dass sie ihn verstand und würdigte das merkte er aber auch
dass diese Gesinnungen seiner Dolores abschreckend waren Seine Betrachtung
darüber glich diesen Unterschied bald aus er meinte es die höchste Unschuld
Gott und die Welt alles in sich zu fühlen und zu ehren ohne es von sich zu
trennen  so leicht weiß sich ein Liebender von dem zu überreden was er nicht
anders wissen will Die Beendigung ihres Bildes das er immer neu anfing und nie
zu seiner völligen Befriedigung enden konnte da sie ihr Gesicht um noch
schöner noch lebhafter zu erscheinen ganz unnütz bewegte und veränderte hielt
ihn noch über seine Ferienzeit in der Stadt zurück es waren so schöne Stunden
wo er ihr so oft in die Augen sah Auch sie unternahm es ihn zu zeichnen aber
die Geduld fehlte ihr es wurde eine Karikatur Um ihren Fehler zu verstecken
hatte sie nämlich allmählich alles übertrieben er wunderte sich über sich
selbst dass er so aussehe in ihren Augen wir aber müssen bekennen dass wir
jungen Mädchen die Karikaturen zu zeichnen geneigt sind einen Hexenprozess
machen würden es geht nicht mit rechten Dingen zu und ist uns in der innersten
Seele verhasst was kann denn ein Mädchen noch menschlich erhalten wenn ihr die
menschliche Schönheit nicht einmal heilig ist die überall selten nun noch
durch den unauslöschlichen Eindruck echter Zerrbilder bei jeder Wiederbegegnung
des misshandelten Unglücklichen aus den letzten Schlupfwinkeln immer mehr
verschwindet Bald trägt er vor unsrer Einbildungskraft wirklich alle die
erschrecklichen Ecken und Verdrehungen  bei Gott nur ein verzweifelnder
Politiker der das Wohl des ganzen Staats in Gefahr sieht darf so frech das
Ebenbild Gottes im einzelnen Menschen verhunzen als wir solches in England
sehen Klelia sagte der Dolores das oft wenn sie ihr so allerlei unschuldige
Leute die ihr irgendwo begegnet vorlegte diese aber meinte man dürfe das
nicht so ernstaft nehmen und es erkenne doch jeder den Scherz
    Inzwischen war in der innern Haushaltung des Schlosses einige Veränderung
durch die Freigebigkeit des Grafen hervorgebracht Er hatte sich nicht ohne
weitläuftige Überlegung und Abwägung verschiedener anderer Gelegenheiten die
beiden armen schönen Kinder zu unterstützen endlich eines Abends mit
niedergeschlagenen Augen an seinen Wirt gewendet  der ihm die erste
Bekanntschaft im Schloss erworben ihm auch die drückende Armut dort
beschrieben hatte  und ihm bei unverbrüchlicher Verschwiegenheit zwei Dritteile
seines Reisegeldes eingehändigt sie den Gräfinnen als eine heimliche alte
Schuld die ihr Vater in seinen Büchern einzutragen vergessen ohne Nennung des
Schuldners zu übermachen Der Wirt übernahm den Auftrag sehr gern aber er
schenkte nach seiner Art reinen Wein ein auch hätte es allzu unnatürlich ihm
gelassen wenn er der dringendste aller Schuldner dieses Geld das offenbar
der Masse anheim fiel den Kindern überliefert hätte Klelia entschied durchaus
dass sie dies Geld nicht annehmen könnten es sei erniedrigend von einem jungen
Manne der wahrscheinlich selbst keinen Überfluss großer Reichtümer besitze eine
so bedeutende Summe anzunehmen es könne ihn zum Schuldenmachen verleiten
überhaupt verstimme es das gute Verhältnis in welchem sie bisher mit ihm
gestanden Dolores warf ihr einen falschen Hochmut vor sie möchte denken wie
sie noch am Morgen in ihrem Bette um eine Unterstützung gebetet dass sie ohne
Schande vor der Welt und vor den Augen ihres Freundes bestehen könnten das
Fasten müsse auch endlich ihrer Gesundheit schaden das beweise schon die
krampfhafte Ohnmacht in die sie neulich verfallen genug sie nehme das Geld zu
ihrem Besten an sie wolle als Schwester für sie sorgen  und somit nahm sie
den Geldbeutel und der Wirt der sich eine Freude gedacht hatte um an die Decke
zu springen schüttelte den Kopf und ging und dachte in sich mit armer Leute
Hochmut wischt sich der Teufel den Mund
    Klelia ehrte die gute Absicht in ihrer Schwester ob ihr gleich die ganze
Sache nicht recht schien wie sehr verwunderte sie sich aber als sie bald den
größten Teil der Summe von ihrer Schwester für allerlei Putz ausgegeben sah Sie
erinnerte aber Dolores wurde böse sie möchte bedenken dass des Grafen Liebe zu
ihr diese Summe ins Haus geführt darum wolle sie auch ihm zur Liebe sie
verwenden Klelia erinnerte umsonst so wäre es doch besser ihn zu bewirten ihm
selbst den Aufenthalt in der Stadt weniger kostspielig zu machen wenn sie es
für ihn verwenden wolle Aber Dolores meinte sie könnten es doch nicht
standesgemäss einrichten dazu fehle ihnen Gerät und Dienerschaft und sie ließ
sich überhaupt nicht viel einreden wo sie etwas beschlossen hatte Sie
schmückte sich und die Zimmer dann auch die Schwester schaffte auch mancherlei
Leckereien denen sie lange hatte entsagen müssen ihr gewöhnliches Leben aber
ging in voriger Kärglichkeit fort Der Graf glaubte seine List glücklich
ausgeführt Dolores begrüßte ihn wie sonst ganz unbefangen nur Klelie war etwas
verlegen er dachte in sich sollte das wohl Stolz sein nun sie für einige Zeit
in bessere Umstände gekommen wohl hat mich die Mutter oft vor dem Stolze
frommer Menschen gewarnt ich muss sie selbst bei Gelegenheit davor warnen Es
sei uns hier vergönnt die Jugend ernstlich gegen Menschen voll böser Erfahrung
zu verwarnen damit sie selbst Erfahrungen macht statt sich jede Lebensaussicht
durch gefärbte Gläser zu entstellen fürchte jeden der sich so zum Mittelpunkte
der ganzen Welt macht dass er zu sagen wagt »so sind die Weiber so sind die
Männer in Tugenden in Lastern« weil der kleine Kreis seines Lebens sie ihm
öfter so dargestellt hat die Beobachtung die in ihm erloschen und
ausgestorben sieht durch die Fügung seiner Kristallinse die das Unglück
verknöchert hat die ewig fortstrebende durch alle Geschlechter sich
fortbildende Welt in Winkel und Abschnitte geteilt ehre und höre ihn es wird
dich weiser machen und aufmerksamer aber beobachte überall erst selbst denn
dasselbe kommt nie wieder in der Welt nicht in Tugenden nicht in Lastern
jener steht im Traume über der Welt und ist tief unter ihr und baut sich sein
Grab du aber liebe Jugend sollst wachen und schaffen und dir ein Haus bauen
aus Rosen und es mit Lilien decken solange dir Rosen und Lilien blühen
 
                                Neuntes Kapitel
               Graf Karl in Armut Rückreise nach der Universität
Als der Graf bemerkte dass der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache so
fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig mädchenhaft dass er sich
allerhand gute Gelegenheiten ersann ihr Geschenke der Art zu übermachen bald
kam eine arme Krämerin die so etwas zum Verkauf bringen musste zu geringem
Preise bald hatte er um sie zu erschrecken eine Puppe schön ausgeputzt dann
war es Jahrmarkt Klelien schenkte er einige Dichterwerke auch manches Gedicht
von ihm selber die freilich wie ein allzu heftig schäumendes Getränk den Becher
mehr mit feinem glänzenden Schaume als mit erquickender Flüssigkeit füllten
aber von ihr doch sinniger aufgefasst wurden als von der Schwester der er sie
viel zu schlecht glaubte Mit solchen Ausgaben ging das zurückbehaltene Dritteil
seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf so fand er sich eines Tages als er einen
kleinen Ring für Dolores erkaufen wollte ohne Geld das fiel ihm so schwer aufs
Herz mitten in seinem leichten Taumel er war so fremd in solchen
Angelegenheiten dass er sich oft in der ersten Verwirrung wünschte von irgend
einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden Ohne diese Geldnot wäre er
schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen aber einige reiche Landsleute die
durchreisend zu seiner Universität von seinem Umgange mit ein paar armen Mädchen
hörten verpflichteten ihn indem sie ihm Geld vorstreckten einen Sitz in ihrem
Wagen anzunehmen Wir wollen uns nicht mit der Erzählung seines Abschiedes den
eignen Schmerz aufrühren der immer noch unter der Asche von tausend genommenen
Abschieden glimmt ich schweige von der sinnreichen Art wie er sein Angedenken
und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im Hause und im Garten zu
befestigen suchte seiner Dolores war er so gewiss aber der Boden auf dem er
mit ihr so froh gewandelt hatte sich belebt war sein Vertrauter geworden da
nur wollte er leben der sollte einst auch seine Asche empfangen Sonderbar
sonderbar wie der Gedanken von Tod sich in ihm dem frischen blühenden Jüngling
so oft den Liebesgedanken beimischte aber der Gedanke liegt sehr nahe bei dem
höchsten Glücke das wir zu erschwingen vermögen Klelia hatte noch so manche
freundschaftliche Aufmerksamkeit und Dolores war liebreicher als je oft glaubte
er der Abschied sei unmöglich und da war er schon geschehen und es regnete vor
seinen Augen er konnte das Haus kaum sehen vor dem er stand und nun ists
vorbei seh dich noch einmal um fasse alles recht ins Auge und nun fort Was
soll ich von seiner Sehnsucht von der Öde sagen die ihn in der rauschenden
jungen Gesellschaft umgab jeder wollte etwas von der Universität wissen und er
hatte sie ganz bei den Gräfinnen vergessen Überall sah er Beziehungen auf sie
an jedem Mauerwerk war eine Ähnlichkeit mit etwas im Schloss aber laut musste
er weinen bei einem kleinen Mädchen das verkleinert ihm ihre Ähnlichkeit
darstellte ohne dass er eigentlich im ersten Augenblicke erraten konnte was ihm
bei dem Kinde einfiele er beschenkte es reichlich nach seines Alters Wünschen
Überall schlugen die Uhren erinnernd was jetzt in dem gleichförmigen Gange des
kleinen Haushalts der beiden Mädchen geschehe überall hingen
Haushaltungskalender die ihm vorrechneten dass wieder ein Tag ihm verloren
überall sah er Menschen die sie nicht kannten Gegenden die sie nicht gesehen
 Zu seiner Zerstreuung ließ er sich überall mit den Menschen in Gespräch ein
einmal mit dem Gärtnerburschen eines großen fürstlichen Gartens Der Bursche
lachte über seinen Obergärtner der fluchend vorbei lief und sagte »Der macht
sich jetzt in der heißen Sonne ein Geschäft um nicht zu Hause einzutreffen da
würde ihm die Frau ein Gesicht machen«  »Warum denn ist sie so böse« fragte
der Graf  »Wie es kommt« meinte der Bursche »jetzt ist der Fürst bei ihr
nicht wahr Sie merken wohl was die Glocke geschlagen unser einer vom Hofe
darf davon nicht viel reden«  Der Graf schimpfte über die Nichtswürdigkeit des
Obergärtners »Es ist sonst ein braver Mann« sagte der Bursche »aber die Frau
taugt nichts und er liebt sie allzu sehr schon zweimal ist er in alle Welt
gelaufen um den Jammer nicht mit anzusehen er findet überall Brot aber dann
kommt er immer wieder und bittet es ihr ab und kann nicht von ihr lassen es
ist als wenn sie ihm was angetan hätte«  Die Geschichte durchschauerte den
Grafen so eigen als liefe der Tod über sein künftiges Grab In der nächsten
Station blieb er zurück von seiner jugendlichen Gesellschaft schrieb an seine
Dolores alles Zärtliche alles Besorgliche was er unterwegs gedacht nur diese
Geschichte verschwieg er dagegen setzte er einen ernsten Brief mit seines
Namens Unterschrift an den Fürsten auf worin er ihm sein Unrecht grell vormalte
und mit den Worten schloss »Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet«  Eine
Stunde nachdem er beide Briefe auf die Post gegeben und kühler nachdachte
schämte er sich des letzteren an den Fürsten gar sehr er drückte die Augen zu
wurde rot musste vor sich lächeln so oft er an die Verwunderung an das Spotten
dachte was vielleicht aus diesem Briefe folge lange Zeit konnte ihn sogar der
Name des Fürsten rot machen insbesondre wenn er dachte wie sonderbar sich ein
andrer Mensch dieses Rotwerden deuten könnte Diese Beschämung etwas dem
Weltlaufe so Ungefüges und wahrscheinlich ganz Unnützes vollbracht zu haben
zerstreute ihn etwas auf der Fortsetzung seiner Reise seine Schritte
beschleunigten sich um der Beschämung zu entgehen während ihn die Liebe bei
jedem zurück hielt Spät Abends sehr ermüdet kam er nach der Universität auf
sein kaltes Zimmer zurück die Aufwärterin war nicht zu Hause er bekam von
einem neu angekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich wie er es
verlassen sogar sein Kaffeegerät stand noch wie er davon zur Reisegesellschaft
abgerufen worden aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und draußen so
kalt Hastig schritt er im Zimmer auf und ab nahm alles in die Hände legte
alles wieder hin bald wollte er ausgehen um alte Freunde zu besuchen um sich
den Lectionscatalogus zu holen bald wollte er noch einen Brief schreiben aber
es wurde aus allem nichts denn aus der Ferne aus dem nächsten Gasthause
schallte ihm die reizende Einförmigkeit einer Tanzmusik bald glaubte er darin
verständige Worte zu hören und musste gegen seinen Willen immerfort mit singen
»Ich hab sie ich halt sie ich lasse sie nicht« Endlich kam die Magd freute
sich weitläuftig seiner Ankunft sprach von angekommenen Briefen und brachte aus
ihrem Busen einen hervor der eben abgegeben worden der Graf fuhr darauf los
es war der erste Brief seiner Dolores auch einer von Klelien er konnte ihn
nicht gleich lesen Er fing mit dem letzteren an dann folgte unter Herzpochen
der erste der liebste er konnte bis zum Morgen nicht einschlafen Alle ihre
gegenseitigen Briefe sind durch einen Zufall den wir später erzählen verbrannt
worden sie beschäftigten ihn so ernstlich wie Staatsangelegenheiten und kam
irgendwo Feuer aus so war immer sein erster Gedanke wo er die geliebten Briefe
ganz sicher wissen möchte Diese viel geküssten Briefe seiner Dolores stellten
recht lebendig manche kleine Begebenheiten dar die sich in der Stadt
ereigneten sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergnügen sich kalt
wie eine Götterstatue über der jauchzenden Volksmenge zu denken Klelia hatte
einige Ängstlichkeit in ihren Briefen sie enthielten manche quälende
Betrachtung über den eignen Seelenzustand ihre Strenge vergrößerte ihre Fehler
ihre Freundschaft da sie der Liebe noch ermangelte nahm ohne ihr Wissen alle
Ausdrücke feuriger Leidenschaft an  Der Graf fühlte zuweilen dass sie ihm
beide nicht schrieben was ihm das Wichtigste die kleinen Verhältnisse ihres
täglichen Lebens wohin sie gebeten worden was sie da gesprochen lauter Dinge
die ihm dringend notwendig waren um jeden Augenblick ihrer mit
Wahrscheinlichkeit bewusst zu werden und so blieb er immer bei den nächsten
Tagen nach seiner Abreise stehen wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten
Er selbst merkte nicht dass er eben so wenig treffe was sie von ihm wissen
wollten was ihm begegnete schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzählt
zu werden auch waren seine sterndrehenden Phantasien halb in Versen meist mit
flüchtiger Feder so eng geschrieben dass oft keine der Schwestern sie heraus zu
buchstabieren vermochte Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude
er aber lebte in beider Briefen lebte darin so schöne selige Stunden sie waren
ihm die höchste Belohnung für jede Arbeit es schien ihm verdienstlich wie bei
manchen älteren Religionsbüchern ausdrücklich gesagt wird sie oft durchzulesen
der Briefbote war sein bester Freund er ahndete sein Kommen Der Winter verging
ihm langsam und schnell langsam in der Erwartung schnell wenn er überlegte
dass schon wieder ein Monat überwunden lange vorher ehe der Frühling die Vögel
um die Erde führt sang ihm der Dompfaffe den ihm Dolores in schöner Stunde
geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mütze fortgetragen hatte die
wunderbare Melodie des Liedes
Liebend um geliebt zu werden
Reis ich um die grüne Erde
Ach wo wird der Blick mich finden
Der mich bindet
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich um geliebt zu werden
 
                                Zweite Abteilung
                                    Reichtum
                                  Erstes Kapitel
       Geschichte der beiden Gräfinnen in der Abwesenheit des Grafen Karl
                           Klelia reist nach Sizilien
Das Schloss und die übrigen Lebensverhältnisse unsrer beiden armen Gräfinnen
hatten sich während dieses Winters durch die Freigebigkeit des Grafen der ihnen
auf dem bekannten Wege durch den Gastwirt beinahe seinen ganzen Wechsel sendete
und nur das Notdürftigste für sich behielt bedeutend bequemt und verschönert
Gegen die Bitten der eingezogenen Klelia hatte Dolores ein paar Zimmer des
besten Stockwerkes in Ordnung gebracht zwar möglichst sparsam mit
altertümlichem Zimmergeräte aus dem fürstlichen Schloss das eben versteigert
wurde aber doch anständig genug um wieder Gäste zu empfangen Sie fühlte seit
den sechs Wochen deren sie in des Grafen Gesellschaft froh geworden ein
Bedürfnis der Geselligkeit sie erneute die alten Bekanntschaften mit den
vornehmen Stadtbewohnern da fand sie manchen jungen Mann recht schön
angewachsen dem sie schon als Kind geneigt gewesen diese mochte sie nicht
vermeiden und ihre Gläubiger ließ sich nicht abweisen und so fanden sich oft
unerwartet die Zimmer ganz voll sie aber war der schöne Mittelpunkt aller
dieser Bemühungen Klelia war wohl auch schön zu nennen aber der ganze Ernst
ihrer Erscheinung rückte sie über die Ansprüche des größeren Haufens hinaus
keiner wagte sich ihr mit einer leeren Schmeichelei oder mit einem bloßen
Flickworte der Unterhaltung zu nähern darum fand sie mancher zu kalt zu
gescheit und wenig unterhaltend Dolores stellte gern jede Sonderbarkeit recht
grell aus sie fühlte sich erleichtert wo sie dem allgemeinen Sinne für das
Passende und Gefällige auf eine ungemeine Art getrotzt hatte die Männer kannten
ihren Vorteil über jedes Mädchen der Art sie musste ihnen viel ärgere
Sonderbarkeiten durchgehen lassen beides war der frommen Klelia verhasst ja sie
würde die Gesellschaften vielleicht ganz gemieden haben wenn ihre Gegenwart der
Schwester nicht wohltätig gewesen wäre um die verschiedenartigen Menschen in
Zaum zu halten Diese verschiedenartigen neuen Eindrücke welche die
Gesellschaft auf die Gräfin Dolores machte verdrängten den Grafen immer mehr
aus ihren herrschenden Gedanken ihre Briefe zeigten davon keine Spur die Feder
führte sie unbewusst immer wieder in die alte Gegend zurück und dem Grafen war
alles herrlich was ihn daran erinnerte Ihr Gefühl schlug überhaupt hell und
laut an nach der Art wie es berührt wurde aber der Nachklang dieser Glocke ging
in den nächsten Schlag des Hammers über und vermischte sich damit die
Zärtlichkeit die der Graf in ihr erweckt hatte überraschte sie jetzt in der
Nähe jedes liebenswürdigen Mannes nun fühlte sie sich freilich so an ihn
gebunden dass sie dies zu keiner eigentlichen Äußerung kommen ließ aber junge
Leute in unseren Tagen verstehen sich schon auf Blicke und also machte sie
ihnen wenigstens falsche Hoffnungen und des Grafen Bild verschwand allmählich
so weit dass sie ihre Karikatur aufsuchen musste um sich seiner zu erinnern
Eine schöne fromme Seele ist wie das Tüchlein der heiligen Veronika auf welchem
das Bild des Geliebten ohne Malerkunst in ewiger Treue abgedrückt bleibt alles
ist ihr reine Erinnerung von ihm unverschönert denn das bedarf er nicht
unverhässlicht denn das leidet sie nicht dagegen erscheint eine leichte
Weltseele als ein Spiegel der freilich alles Nahe das Schöne und Hässliche mit
einer Lebendigkeit fasst dass es ganz davon aufgenommen scheint aber nur das
Sichtbare berührt sie jenseit eines schmalen Gebürges liegt ihr schon eine
Ferne die sie nicht verbinden kann und über alles Vergangene fährt auslöschend
eine Sündflut her Wie treu bewahrte Klelia ihre Freundschaft zu dem Grafen
während ihn Dolores tagelang in ihren Umgebungen vergaß und wie töricht legte
sich der Graf der Meinung seiner Mutter eingedenk dass nie bloße Freundschaft
zwischen verschiedenen Geschlechtern gefunden werde jene Äußerungen warmer
Freundschaft als eine unselige Liebe aus die sich selbst nicht verstände und
die er bekämpfen müsse Diese kalten Briefe wirkten vielleicht mehr als die
äußerlichen Vorteile und die Rücksichten auf ihre Gesundheit sie zur Annahme
eines Vorschlags zu bestimmen, der sie ihrer Schwester und dem Grafen auf
längere Zeit entriss Eine ihrer Basen die würdige Frau eines SchweizerObersten
in Sizilien war von ihrem Manne zu einer schnellen Abreise dahin bestimmt da
ihre Kinder gestorben so wünschte er ein paar seiner ärmeren Anverwandten sich
zu gewöhnen und in sein Haus zu nehmen um ihnen den Mitgenuss seiner
reichlichen Einnahmen und seines angenehmen Hauses zu schenken wenn er ihnen
gleich kein bedeutendes Vermögen hinterlassen könne Sie machte den beiden
Gräfinnen den Vorschlag ihr Glück in jenen entfernten schöneren Klimaten zu
versuchen Wir wissen was Klelia zu der Annahme dieses Vorschlages bestimmte
auch die schmerzliche Erinnerung an ihre Eltern und das Unerträgliche von
fremden Wohltaten zu leben hatten Anteil an dem Entschlusse wie sehr erstaunte
sie aber als Dolores ganz rücksichtslos sich auch für die Mitreise erklärte
Das Fremdartige des Unternehmens reizte sie dass sie viele und viele von ihr
sprechen würden der blaue Himmel die Musik der Karneval endlich die
Kunstdenkmale an denen sie ihr Malertalent ausbilden wollte der ganze
Feststaat den tausend Beschreibungen um den Namen Italia gelegt haben das
alles rauschte vor ihr über und die vernünftigen Vorstellungen der Schwester
eine nahe vorteilhafte Heirat mit einem geliebten Manne der bloßen Neugierde
nicht aufzuopfern genügten ihr nicht davon abzustehen die Obristin musste ihr
nachdem sie die Umstände erfahren den Platz in ihrem Wagen ausdrücklich
versagen Wir die wir den Ausgang kennen wünschen sie wäre dem Winke ihrer
Natur gefolgt der Natur, die sich in ihrer Sehnsucht und Laune selten
ungestraft widersprechen lässt denn sie allein weiß was sie will wir aber
wollen was wir nicht wissen
    Klelia reiste mit schwerem Herzen aus dem väterlichen Hause Dolores hatte
ihre Ermahnungen nicht anhören wollen sie ließ ihr ein schriftliches
Vermächtnis das diese zerstreut und weinend über ihr Schicksal wohl durchlas
aber in keiner Hinsicht beachtete Statt der Erinnerung zu folgen allen den
Gesellschaften zu entsagen die ihrem künftigen Leben meist ganz unangemessen
suchte sie sich vielmehr für alle entbehrte italienische Luft zu entschädigen
Die Stadtbälle die sie sonst aus gemeinsamem Stolze wie ihre Schwester
verschmäht hatte wurden ihr ganz notwendig sie wollte sich eben so in Kleidern
auszeichnen wie sie durch Schönheit hervor leuchtete und so verschwendete sie
sehr schnell was der Graf sich abgespart und was die Obristin ihr verehrt
hatte Auch ihre Lust am Reiten kam ihr wieder sie wusste wie verhasst dies dem
Grafen an Frauen war der darin einen besonderen Trotz gegen die öffentliche
Meinung ahndete die an kleineren Orten Deutschlands gewöhnlich hinter den
Reiterinnen herlacht und jeden kleinen Unglücksfall mit Spott wiederholt und
vergrößert Natürlich schrieb sie ihm nichts von dem allen sie suchte die
einsamen Stunden eines allgemeinen Überdrusses auf wo die Sehnsucht nach seinem
vetraulichern Umgang ihr wiederkehrte um ihm so schmachtend so süsstraurend zu
schreiben wie eine Braut des Himmels es war das gar keine absichtliche
Verstellung sie hätte aber wahrlich keine andre Zeit dazu finden können und in
den Stunden war es ihr Ernst Eins unterscheidet das reine Gemüt und das große
Talent die Einheit seines ganzen Daseins mannigfaltig wie Gottes Welt Das
kleinliche Gemüt ist gleich dem besten Menschenwerke aus widersprechenden
Stücken zusammengesetzt unter denen manches herrlich sein kann aber es muss aus
dem Zusammenhange herausgerissen sein um ganz gewürdigt zu werden
 
                                Zweites Kapitel
        Graf Karls Rückkehr zur Gräfin Dolores Missvergnügen und Streit
Unserm befreundeten Grafen gaben endlich die Osterferien volle Freiheit zu
seiner Braut hinzuwandern jeden Tag hatte er bis dahin an seiner Türe
ausgestrichen alles war voraus eingepackt geordnet der Abschied war genommen
und einsam wie ein Pilger nach heiligen Orten voll Gedanken fromm und rein in
denselben alten an der Sonne verschossenen grünen Husarenkleidern schritt er
eifrig über Berg und Tal ohne Umsehens schweigend in sich dem hohen Ziele
seiner Wallfahrt zu Und wie er sich dem näherte immer höher schlug ihm sein
Herz und als er wieder auf dem Felsen saß wo er sie zuerst belauscht wie sie
Linnen begossen weicher kann kein König sitzen der lange vertrieben seinen
Thron fest und unbesetzt wiederfindet Die Sonne stand ihm im Abendscheine
gerade gegenüber sie blendete ihn und erweckte vor seinen Augen eine Welt von
Blumen wie es kaum die Morgensonne vermag endlich konnte er hinuntersehen wo
ihn das Linnen sonst geblendet er wischte sich die Augen so viele springende
Funken erschienen vor ihm Endlich unterschied er Dolores wie sie mit
verbundenen Augen zwischen einer Zahl junger Herren und Mädchen ein Haschen
spielte Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehörte es nicht
zu ihr wie er sie gekannt wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise
in ihren Briefen dargestellt hatte sie hatte sich in einen Edelmut und
Heiligkeit verwegen hinein geschrieben die sie nun jeden Augenblick ableugnen
musste die Briefe waren kein Schattenriss von ihr sondern eine abgestreifte
glänzende Haut von der sie sich gern zu gewissen Zeiten befreite um dann um so
gelenkiger in ihrer eigentlichen Natur sich zu bewegen Das alles bemerkte der
Graf mit einem tiefen Ingrimm den er noch nie in sich gespürt fluchte als sie
einen jungen Mann erhaschte der sich lange wehrte bis sie die Binde sich von
den Augen gerissen und ihn erkannt hatte Nun kniete der junge Mann vor ihr
nieder und sie verband ihm die Augen und spielte dann so artig mit den Händen
vor ihm herum ihn zu prüfen ob er sehen könne bis er die eine Hand ergriff
und einen Kuss darauf drückte nun sprang der Malm gleichgültig auf und das Spiel
begann in der bekannten Art Der Graf dachte wie dankbar er für solche Gunst
würde gewesen sein und da träumte er sich so hinein dass seine Neigung die
Eifersucht bald niedergekämpft hatte Jetzt wurde sie wieder gefangen und
augenverbunden er freute sich an ihren zierlichen Bewegungen und als er sich
an der Mauer möglichst genähert hatte lief sie einmal wild suchend so schnell
nach der Gegend dass der Luftstrom das feine weiße Kleid so dicht anwehete dass
der ganze Umriss ihres schönen Wuchses deutlicher als er ihn je gesehen ihm
entgegentrat welche Fülle im schönsten Ebenmasse Jetzt hielt er sich nicht
mehr er sprang über die Mauer und mischte sich unter die laufende Menge der es
nicht befremdlich war noch durch einen Gast vermehrt zu werden
    Der Graf nahm sich absichtlich so ungeschickt dass Dolores ihn fing wie war
sie überrascht als sie heissatmend ihre Binde lüftete ihren Geliebten zu sehen
aber leider wie verändert Das ärmliche eingezogene strengfleissige Leben hatte
ihm wohl etwas von der Frische genommen in der er das erstemal erschien und
die Liebe die in ihm verschlossen und die Sonne in der er selig träumend
ihrer gedenkend oft stundenlang gelegen hatten ihn gebräunt mehr aber
entstellten ihn in ihren Augen die verschossenen Kleider die schmutzige Wäsche
und vor allem die Vergleichung mit gar vielen schöneren größeren Männern die
sie unterdessen kennen gelernt und die ihn zum Teil in der Gesellschaft
neugierig umstanden Damals in ihrer Einsamkeit war er ihr als der Schönste
erschienen so hatte sie ihn allen ihren neuen Bekannten beschrieben damals
hatte sie ihm rücksichtslos weil niemand sie störte jede Liebkosung gewährt
jetzt wäre ihre große Vertraulichkeit leicht ein Gegenstand übler Nachrede für
die Mädchen der Gesellschaft geworden das alles wirkte auf sie ohne dass sie es
einzeln deutlich dachte so froh sie erst aufjauchzte bei seinem Anblicke so
folgte gleich eine verwundernde Stille Der Graf wollte sie küssen sie kam ihm
etwas mit dem Munde entgegen dann zog sie ihn wieder zurück der Kuss kam
zustande aber wie ein Wappenabdruck wenn das Siegellack schon kalt geworden
genug die Wonne die er in ihrem ersten Gruße erwartete die fand er nicht Das
machte ihn nachdenkend statt der tausend Dinge die sich ihr vorher mitteilen
wollten fiel ihm jetzt kaum ein unbedeutendes Wort ein zum herzlichen Gruße
Die Lebhaftigkeit der Dolores suchte das auszugleichen und zu vergüten sie
neckte alle sie neckte ihn und suchte sich vor ihrem Geliebten in der ganzen
Pracht ihrer neuen geselligen Ausbildung zu entfalten die bei Mädchen des
Alters häufiger als bei Männern in eine Art unbändigen Geschwätzes übergeht Es
war ein böser Streich den ihr die Eitelkeit spielte dem Grafen schien es ein
entsetzliches Geschrei ohne allen Sinn und Geschick ein dummdreistes Zudecken
der Verlegenheit mit Verlegenheit unzierlich leer und absprechend es schien
ihm all und jeder fände darin seine Stelle nur er nicht mit seiner Gesinnung
mit seinem Ernst mit seiner Laune  und nun schmerzte ihn die Abwesenheit der
guten Klelia doppelt die sicher alle schreiende Farben dieses Bildes in einen
milden Schatten gestellt hätte Gern wäre er mit Dolores einige Augenblicke
allein gewesen aber sie gab keine Gelegenheit dazu und da die Gäste keine Lust
bezeigten sich seinetwegen zu beurlauben so entfernte er sich ihretwegen
indem er eine Ermüdung nach langer Reise vorschützte Dolores glaubte daran und
merkte nichts von seinem Unmute sie horchte was jeder von ihm sagen würde und
lobte ihn allen mit vieler Beredsamkeit bis einer ihr so heimlich schmeichelnd
sagte »Ich weiß nicht ob Sie schöner oder gütiger sind aber das weiß ich Ihr
Geist setzt alles durch macht die Stummen geistreich gestehen Sies nur Sie
selbst können nicht blind sein«  Sie lächelte und die Unterredung war aus die
Gesellschaft ging aus einander und einer sprach heimgehend zum andern »Schade
hätte das hübsche Mädchen Geld so brauchte sie den ungeschliffenen Grafen nicht
zu heiraten lieben kann sie ihn unmöglich ich habs ihr wohl angemerkt« 
»Nun da gibts gute Zeit für uns junge Leute« meinte scherzend ein alter
Hagestolz
    Graf Karl sah die Gesellschaft die Straße herunter bei sich vorüber gehen
er hatte sich eine Wohnung in der Nähe der Gräfin gemietet er würfelte mit
seinen Gedanken in Gedanken ihm war es einerlei ob er etwas oder nichts
geworfen in dieser Gesinnung sind die folgenden Verse damals von ihm ins
Tagebuch geschrieben
Da steh ich an meinem Fenster
Und sehe doch nicht heraus
Da gehen so viel Gespenster
Die tauschten mein Liebchen mir aus
Das sind so geistreiche Männer
Die sprachen mit Liebchen so tief
Bis sie von allem die Kenner
Was in der Seele noch schlief
Das haben sie aufgewecket
Noch eh es recht wachen konnt
Und haben sich mit genecket
Als wenn der Mondschein sich sonnt
Die Seel ist ihr ausgetauschet
Sie war mir ja sonst so lieb
Wo nun ihr Geschrei mir rauschet
Da mein ich es werde so trüb
Ich hatte so fromm sie verlassen
Als trostlos ins Städtlein ich ging
Sie tät noch so heimlich da spassen
Ich musste ihr messen den Ring
Zwar lang musst im Städtlein ich warten
Bis ich ein Ringlein ihr fand
Der Feinen und der Vielzarten
Das passte an ihre Hand
Da bin ich auf Freunde gestoßen
Und sagt es doch keinem nicht
Warum die Tränen mir flossen
Froh über mein Angesicht
Und will es auch keinem hier sagen
Warum ich nun traurig und stumm
Denn alle Worte versagen
Wo alles geht so dumm
Denn wie ich zurückgekommen
Da saßen so viele beim Schmaus
Die hatte sie aufgenommen
Mir blieb da kein Plätzchen im Haus
Da fehlt es an Schüssel und Teller
Zwar gab sie das Beste mir gern
Doch waren die andern viel schneller
Es sorgten für sich nur die Herrn
Sie hatten sich selber geladen
Und rühmten sie alle so sehr
Das muss ihr wahrlich noch schaden
Dass sie so vorlaut wär
Sie hat den einen geschlagen
Er wusste gar nicht warum
Den andern auf Händen getragen
Ich saß da betreten und stumm
Da hat mich der eine betrogen
Gar heimlich um meinen Ring
Ihn auf ein Bändlein gezogen
Im Kreise er da ging
Ich kann wohl beten und singen
Doch weiß ich nicht für was
Vor Ärger möchte ich springen
Wenn das noch heißt ein Spaß
Was steh ich und sinn über andre
Und bin nicht recht bei mir
Viel lieber geh ich und wandre
Viel tausend Meilen von hier
Viel tausend Meilen und weiter
Geh über und unter im Meer
Drin steht eine Himmelsleiter
Ach wer nur im Himmel erst wär
Kaum hatte er diese Worte geschrieben so übte die Ermüdung ihr Recht er warf
sich unausgezogen auf den Sessel am offenen Fenster und betrat die ersten Stufen
der Himmelsleiter auf denen sich der Mensch ohne zu schwindeln erhalten kann
Frische Jugend reich an Hoffen wie der Frühling an blauen Blumen jeder Morgen
weckt neue für die abgeblühten am Abend deren Stelle kaum mehr zu finden
unzählige Knospen warten noch ungeduldig auf ihre Entfaltung Am Morgen der ihn
aus schönem Traume zum schöneren Leben erweckte war des jungen Mannes Gram von
der Brust die am offenen Fenster voll Tau hing bald mit diesem hinweggesonnt
der Wind trieb das Zimmer voll Blüten aus dem Schlossgarten her die Ebene von
den einzelnen Baumreihen der abgeteilten Gärten durchschnitten wo jeder Zweig
ihm altbekannt hallte vom alten Jubel er schalt seinen Argwohn der ihm den
Genuss der ersten Freude getrübt hatte eine Torheit eine Krankheit eilte
hinunter im vorbei rauschenden Fluße sich rein zu baden und aus zu frieren
Als er so im Fluße gegen den Strom sich zu erhalten strebte sah er ferne in
dem gräflichen Schloss ein Fenster sich öffnen es war Dolores die er wohl
zwischen den Gesträuchen durch aber sie nicht ihn erkennen konnte wie Tantalus
spannte er die Arme nach ihr aus und dachte mit seliger Zuversicht Du siehst
mich nicht du schönster Apfel der ganzen Flur und meine Hände können dich nicht
erreichen und doch bist du mein bald mein und ich bin bei dir wohl mir dass
ich nicht bin wie die Erle und wie die wilde Rose neben mir die auch ihre Ärme
zu dir ausstrecken ich kann wandeln über Berg und Tal durch Luft und Wasser
und bald bin ich bei dir und du reichst mir die Hand  Wir wollen nicht
lächeln dass ein Mensch sich einmal freut ein Mensch zu sein verfluchen es doch
so viele und verleugnen es  Er zog sich zierlich an Weste und Pantalons von
rot und weiß gestreiftem Sommerzeuge eine rund geschnitten Jacke von leichtem
grünen Tuche so trat er in das Zimmer der Gräfin die ihn in einem gegen die
gestrige Pracht allzu sehr vernachlässigten durchgestossenen Morgenanzuge von
dem fatalen Zeuge das Sanspeine genannt wird empfing doch ganz die alte in
Liebenswürdigkeit und Zutraulichkeit Mit vieler Laune spottete sie über einen
großen Teil der Gesellschaft die ihr nur zur Zerstreuung wegen der Abwesenheit
ihrer Schwester dienen sollte Der Graf deckte nun ein Paket auf wonach sie
neugierig geblickt hatte oben auf lag der Verlobungsring den er ihr aus der
Nachlassenschaft seiner Mutter verehrte die zwölf Apostel jeder mit seinem
Zeichen bildeten in halberhabener Silberarbeit den Reifen in ihrem Kreise
glänzte in Golde Christus in einem Strahlenscheine hoch erhaben in seinen
Händen Kelch und Brot alles von sehr schöner Arbeit aber freilich nicht im
neuesten Stile er übergab ihn ihr als das liebste Geschenk unter allem was er
je besessen sie tat zwar ihm zur Liebe als wenn er ihr lieb sei doch dachte
sie mit Ärger daran dass sie ihn in Gesellschaft nicht würde tragen können
steckte ihn aber an und bewahrte ihn Dann übergab er ihr eine ganze Reihe der
zierlichsten Nonnenarbeiten die er in einem Kloster am Wege mit großer Freude
erkauft hatte es waren teils fein gemalte Heilige auf zerstochenem Papiere ein
kleines elfenbeinernes Tabernakel Marienbilder aus seidenen Läppchen
zusammengesetzt geweihte Rosenkränze eine Menge kindlich zierlicher
kirchlicher Pracht Auch hierüber musste sie sich aus Anstand freuen sie hatte
aber etwas viel Angenehmeres allerlei neuen Putz erwartet auch wusste sie
nichts mit diesen artigen Kleinigkeiten anzufangen zu denen sie weder Andacht
noch Spiellust fühlte sie konnte sich nicht zufrieden geben über den gewaltigen
Fleiß der auf so was Unnützes verwendet und schon diese Äußerung war ihm
unangenehm der ganz gerecht den Fleiß hochachtete der so unbedeutende Stoffe
zu beleben vermocht hatte Dolores hatte aber während des einen Winters
regelmässiger Stadtvergnügungen sehr viel von der innern Freudigkeit vergessen
die aus sich selbst und geringen Anlässen schöpft zu einer Klaviermusik hätte
sie nicht mehr tanzen können um sie anzuregen gehörte wenigstens eine
Gesellschaft von zehnen die alle auf sie achteten und wenigstens die Gegenwart
eines Menschen der ihr ganz unbekannt und dessen Aufmerksamkeit sie an sich
ziehen wollte Wie unglaublich nutzt die tägliche Mittelstufe der Gesellschaft
die stets sich beachtet um nicht in Lust oder Schmerz abzuirren die selbst
überlassene Freude auf mit Hamlet möchten wir jungen Mädchen die wir darin
erblicken zurufen »Geht in ein Nonnenkloster  statt an den Spieltisch zu
gehen« Schon darum reizen uns die Landfräulein die nur auf wenige Wochen in
die Stadt kommen weil sie wie die Beurlaubten unter den Soldaten vor den steten
Diensttuern eine große Munterkeit bewahren auch gewinnen die meisten Menschen
durch Reisen in sehr verschieden gebildete Länder bloß darum ein gewisses
poetisches Wesen weil ihnen der Unwert vieler Verhältnisse unwiderlegbar
einleuchtend geworden ihr eigenes Vaterland überrascht sie mit manchem was sie
sonst übersehen und verachtet Diese Betrachtungen geben wir als Leichenrede
jener artigen Sächelchen die der Graf zum Geschenke brachte und ein paar Tage
darauf die Heiligen mit Schnurrbärten und Schönpflästerchen schrecklich bemalt
bei Dolores antraf die von dieser Arbeit ausruhend sich vor Lachen nicht zu
lassen wusste Ihre Gleichgültigkeit dagegen hatte ihn gekränkt aber dieser
Missbrauch war nicht zu ertragen er zerriss alles mit großer Wut und warf es zum
Fenster hinaus sie lachte immer mehr und schlug scherzend mit dem Rosenkranze
auf ihn »Ich glaube der Teufel lacht aus dir« sagte er zuletzt das Schweigen
hätte ihm das Herz abgestoßen er flog aus dem Zimmer fort nach Hause da setzte
er sich nieder und überdachte was er getan wie ein Missetäter der bald seine
Strafe erwartet und sich selbst dafür überliefert Aber die Heiligkeit der
Wahrheit durchzuckte ihn auf einmal auch sein höchstes Glück wollte er keiner
Lüge danken nicht auf Schmeicheleien sich erborgen er fühlte sein Recht und
wollte es ihr in einer leichten Allegorie deutlicher machen und dazu schrieb
und übersandte er ihr die beigefügte kleine Erzählung
                               Das Heidenmädchen
Der Sohn des Himmels und der Erde
Sah aus der Weihnacht Abendrot
Ein schönes Kind bei einer Herde
Und keiner da Geschenke bot
Der Glaube war noch nicht gedrungen
Zu diesen spät erschaffnen Aun
Denn von den Felsen ganz umschlungen
Konnt wenig Sonne überschaun
Doch freut die Kleine sich am Lichte
Das neu durch Felsenschatten strahlt
Sie hat so gar ein lieb Gesichte
Ein edles Blut die Wangen malt
Sie muss im Lichte zierlich springen
So glatt und weich schien ihr das Grün
Und zu dem holden Echo singen
Der Herr will sie zum Glauben ziehen
Es sprengt der Herr mit Strahlenzügen
Die Ziegen ihr weit auf den Fels
Sie klettert sorgsam nach den Ziegen
Er zeigt den Weg im Blick des Hells
Hin über die bemoosten Platten
Sie wagt sich schaut ein andres Land
Da will ihr Herz vor Schreck ermatten
Denn alles scheint vor ihr in Brand
Da stehen tausend kleine Tische
Mit bunten Lichtern rings besteckt
Und Brot und Wein steht im Gemische
Schön Messgewand die Tische deckt
Und statt der Puppen heilge Bilder
Bewohnen dieses Paradies
Und Kinder ziehen sanft und milder
Und sehen wie dies so herrlich ließ
Das Mädchen siehts und meint ihr eigen
Was ihr kein andrer wehren will
Doch bald sich viele Knaben zeigen
Die bitten drum in Demut still
Der eine will ihr Händchen küssen
Dem wirft sie Äpfel ins Gesicht
Der will sie schön mit Reden grüßen
Dem hält sie in den Mund das Licht
Doch einer kommt mit Witz zu streiten
Da nimmt sie alle heilgen Bild
Beginnt sie närrisch umzukleiden
Verliert sie dann im Spiele wild
Was so viel tausend Engel säten
Zerstört das Kind aus Unverstand
Worum viel fromme Kinder beten
Geschenk des Herren ist ihr Tand
Da kam der Herr zu ihr gegangen
Als armes Kindlein angetan
Und tät nach etwas nur verlangen
Was sie verworfen und vertan
Da fand sie leer die reichen Tische
Die Lichter waren fast verbrannt
Es dampften schon die Buxbaumbüsche 
Noch fand sie was was sie nicht kannt
Es war die Rute die verguldet
Mit leeren Nüssen ausgeziert
Die gibt sie ihm so unverschuldet
Dem Herren dem sie nicht gebührt
Es nimmt der Herr die goldne Rute
Und zeigt sich wie er einst erschien
Gegeisselt dass vom roten Blute
Auf Erden rote Rosen blühn
Sein Haupt hängt schwach er kanns nicht tragen
Sein Blick ist jammervoll gesenkt
Er spricht »So willst auch du mich schlagen
Die ich so reichlich hab beschenkt«
Was sie verworfen und zertreten
Sieht sie mit andern Augen an
Des Herrn Geschenk in den Geräten
Zeigt sich im einfach tiefen Plan
Im Wein im Brot sein Angedenken
Und seiner Mutter heilig Bild
Sie muss den Blick zur Erde senken
Manch heilig Bild dort auf sie schilt
Sie schauet rings zu ihren Füßen
Sein kunstreich Werk das sie zertrat
Zusammen hätte bleiben müssen
Des Spieles Lust der ernste Rat
Des Buxbaums Flechtwerk war die Kirche
Der glatte Fels war der Altar
Doch öde steht nun das Gebirge
Die Kirche ist verbrannt sogar
Das Kind will nach den Gaben langen
Und sammeln was es erst verwarf 
Da wacht es auf und sieht mit Bangen
Sich ganz verschneiet kalt und scharf
Es kommt ein Tag doch ohne Klarheit
Die Kälte mit Entsetzen spricht
Was du versäumet ist die Wahrheit
Was du verspielet ist das Licht
Diese allegorische Dichtung wurde der Gräfin treulich überliefert aber sie
verstand kein Wort davon sie las es von hinten rückwärts es war ihr
unbegreiflich denn beinahe hatte sie den Vorfall mit den kleinen
Heiligenbildern über eine Komödie ganz vergessen die sie aufführen wollte Es
ist mit den Dichtungen überhaupt das Eigene dass viele Mädchen wie mit einem
scharfen Striche von dem Verständnisse gewisser Arten ganz abgesondert sind
ganz insbesondre von allen die ihrem Wesen und ihrer Natur zu nahe rücken um
in ihrer Bedeutung ihnen erfreulich zu werden Schmeicheleien verstehen sie
dagegen in dem allerbarockesten unverständigsten Wortgepolter und Bosheiten
gegen Bekannte ebenfalls am meisten scheuen sie sich vor wirklich ernstaftem
Ernst und scherzhaftem Spaß weil beide durch die oberflächliche Schminke ihres
gewohnten Lebens hindurch brechen Nach langem Lesen brachte sie endlich heraus
der Graf halte sich für unsern Herrn Jesus weil sie mit dem Kinde bezeichnet
sei dass jede Dichtung etwas für sich Bestehendes sei wenn sie auch Beziehungen
auf ein gewisses Ereignis habe das war ihr nie in den Sinn gekommen Sie lachte
der ganzen Sache und ließ sie auf sich beruhen sie wartete auf den Grafen um
sich über ihn aufzuhalten er kam nicht da er keine Antwort erhalten Sie
wartete mit Ungeduld zuletzt ärgerte sie sich über ihn er machte dass sie eine
Gesellschaft versäumte wohin sie mit ihm gehen sollte zuletzt fielen ihr
allerlei Reden einer sehr fatalen Stadtmamsell ein die ihr von dem alten Knecht
Ruprecht der sich nirgend mehr sehen lässt nämlich von der Tyrannei der Männer
viel erzählt hatte und wie man sie erziehen müsse Sie empfand bald Mitleiden
mit ihrem eigenen Unglücke weinte über ihr Schicksal das sie einem so harten
Manne verbunden endlich erschien sie sich selbst als Heldin sie wolle sich
zeigen in ihrer Stärke sie wolle ihre Nachgiebigkeit unterdrücken was solle in
der Ehe erst daraus werden wenn es schon so schwer im Brautstande begonnen
Also entwickelte sich der hochmütige Eigensinn das törichte Vertrauen zu sich
an welchen sie endlich zu Grunde gehen musste Der Graf war indessen viel
unglücklicher als seine Beleidigerin oft glaubte er ihr zu viel getan zu haben
immer wartete er auf eine Nachricht von ihr langsam schlich ihm der erste Tag
dahin und hätte ihn sein Wirt der ihn für krank hielt nicht ungefragt mit
Essen versorgt er hätte gehungert Den zweiten Tag reifte sein Entschluss auf
und davon zu ziehen aber wohin sollte er es schien ihm die Sonne nur hier
hier nur konnte er atmen Der Krieg fiel ihm wohl als Zerstreuung ein wie so
manchem Unglücklichen aber er kannte ihn aus der Nähe was er eigentlich sei
keine immerwährende Folge kühner Unternehmungen großer Begebenheiten mächtiger
Taten ungeheurer Kräfte das ist ein Traum aus Dichtern er ist reizend In
Wahrheit ist aber der Krieg wie er jetzt geführt wird ein langweiliges Warten
auf etwas das nie erscheint denn am Ende ist die Schlacht selbst nur ein
Abwarten dass der andre davon laufen mag und dieses traurige Warten in der
nüchternsten Gesellschaft in der kleinlichsten Schererei bei den rohesten
Schandtaten unter den größten Ekelhaftigkeiten und Krankheiten würde es nicht
eine unermessliche Zeit in ihm gelassen haben seinem Kummer nachzuhängen Das
ganze Kriegswesen kann nur durch einen unwiderstehlichen Trieb nach Auszeichnung
belebt und geheiligt werden darum haben wir auch immer bemerkt dass alle die
ohne Zwang aus einem bloß wohlwollenden Triebe sich darin einliessen unglücklich
und ungeschickt waren nicht das Schwert soll die Welt belehren denn wer das
Schwert zieht der soll durch das Schwert umkommen Am dritten Tage kam ihm der
Gedanke wenn er mit Dolores auch nicht glücklich leben könne so wolle er doch
für ihr Glück leben ihre Sehnsucht nach dem Vater entlockte ihr wahrhaft
Tränen sie hatte ihm erzählt dass ein Gerücht erschollen er sei in Ostindien
er beschloss ihn aufzusuchen und zurück zu bringen Gleich schrieb er die nötigen
Briefe an die Vormünder deren Verwaltung bald zu Ende lief Die Briefe waren
noch nicht gesiegelt als der alte ehemalige Bediente der Gräfin mit einem
besorgten Gesichte zu ihm ins Zimmer trat er grüßte ihn in ihrem Namen wozu er
keinen Auftrag hatte und fragte ihn ob er krank sei er sehe wirklich blass
aus seine Gräfin sei seinetwegen in großen Sorgen gewesen es habe ihr nichts
geschmeckt sie habe immer geweint Der Schmerz rollte dem Grafen wie ein
Mühlstein vom Herzen Tränen der Freude fielen neben Tränen der Verzweiflung auf
seine Hand und sein eigenes Auge das sie geweint konnte sie nicht
unterscheiden ihm war alles vergessen er gab sich von allem die Schuld seinem
törichten Ausdeuten einer unbedeutenden Ungeschicklichkeit  wie konnte er
Vorsicht bewahren der noch nie eine Erfahrung gemacht sondern seine Klugheit
meist auf den Erfahrungen anderer gestützt hatte
 
                                Drittes Kapitel
                         Versöhnung beider und Hochzeit
Die Briefe waren schnell zerrissen er eilte die geliebte Dolores wieder zu
begrüßen er glaubte sie werde ihm einige Worte der Entschuldigung sagen aber
sie lächelte als er eintrat und sie lächelte so schön dass er über die schöne
Bosheit entzückend hätte verzweifeln mögen Er wollte sich ihr erklären aber
sie mied die Gelegenheit sie zog ihn auf über seine Lust ein Jesus zu werden
wie sie es nannte aber so artig dass er nicht böse werden konnte ernstaft
warf sie ihm seinen plötzlichen Unwillen vor scherzend verzieh sie ihm er
umfasste sie und seufzte und doch ward ihm dabei so wohl dass er sein Schicksal
dem ihren ergab und dieser Tag entschied ihre künftige Herrschaft über sein
besseres Selbst Ihre eigene Unruhe lähmte seine eigene Tätigkeit seine eignen
Beschäftigungen sie beschäftigte ihn mit ihrem Nichts und seine höhere
Bestimmung sein Streben nach Reinheit und Vollendung in allem was er trieb
ward ihr ein Scherz müßiger Stunden und wurde er einmal ernstlich böse so
brauchte sie nur an eine Reise nach Sizilien vor ihrer Verheiratung zu denken
um ihn zu besänftigen Ihr frischer Reiz ihre unendliche Anmut selbst in allem
dem was sie gegen seine Gesinnung tat vermochten noch jedes aufsteigende
Missverhältnis wie junge Zweige zur Laube zusammen zu beugen die Versöhnung war
immer noch reicher als der Streit und jede neue Vertraulichkeit weckte noch
immer heftigere Neugierde aber je stärker diese äußere Gewalt sie jetzt noch
zusammenhält desto mächtiger wird alles aus einander sprengen wenn sich diese
innere Verschiedenheit erst ganz kennen gelernt Dolores liebte wirklich manches
in dem Grafen aber sie konnte keinen Menschen im ganzen lieben mit allen
Eigentümlichkeiten sich selbst etwa ausgenommen Er verehrte und pflegte ihre
Besonderkeiten mit solcher Liebe dass er sich häufig überredete ihre Fehler und
Unarten seien auch verkappte ihr eigentümliche Trefflichkeiten er schätzte
Fehler die sie bei einer freundlichen Vorstellung gern abgelegt hätte und die
eigentlich nur von irgendeiner Gesellschafterin angenommen seit ihr guter Engel
Klelia sie nicht mehr bewachte So schien sie zuweilen leidenschaftlich zu
spielen eigentlich nur um eine leere Stunde zu töten der Graf aber überredete
sich nachdem er sie ganz ohne Eitelkeit gegen alle Arme freigebig gefunden
darin eben zeige sich ihr höherer Charakter dass sie gern ihr Glück versuche
sie fühle sich dem Schutze der höheren Mächte näher Oft übte sie böse Nachrede
bloß weil andern das gefiel er achtete es als eine besondere Stärke der
Beobachtung, als eine besondere Reinheit in ihr die nichts Böses in ihrer Nähe
litte War er einmal streitig mit ihr so gedachte er des alten Sprichworts Was
sich liebt das neckt sich kurz es gibt ein Labyrinth von Gedanken wie er in
sich alles an ihr als gut und weislich auszulegen bemüht war Mitten in diesen
Kometenbahnen der Liebe rückte das planetarische Jahr zu seinem Ende das seine
Minderjährigkeit beschlossen hatte er verzieh den Vormündern wegen ihres guten
Willens wo sie ihm geschadet hatten und übernahm selbst die Verwaltung seiner
Güter Lange genug von eigennützigen Verwaltern nach der Strenge des Gesetzes
bewirtschaftet fanden seine Leute in ihm eine väterliche Unterstützung zu allem
Guten der Schulen nahm er sich selbst an von der künftigen Zeit hoffte er
alles darum wollte er sie selbst unterrichten wenigstens zuweilen zur Aufsicht
seiner Schullehrer da ward nicht soviel darauf gesehen ob die Bursche
schreiben konnten aber das Andenken deutscher Ehre heiliger und großer
Menschen das ward in ihr Herz geschrieben Nach diesen ersten Einrichtungen zu
denen auch die Verzierung seines Landschlosses gehörte kehrte er zu Dolores
zurück beladen mit einer prachtvollen Aussteuer Erst war es sein Plan sie auf
sein altes Stammschloss zu führen um dort die Hochzeit zu feiern aber sie wusste
ihn so rührend an ihr erstes Erkennen zu erinnern dass er von den Summen die
während der Vormundschaft gesammelt worden ihren väterlichen Palast sich zum
Eigentum kaufte er bekam ihn wohlfeil von den Schuldnern obgleich teurer als
sie ihn jedem andern würden gelassen haben Der unerwartete Todesfall eines
reichen Lehnsvetters setzte den Grafen in den Besitz eines großen Vermögens
indem er seine Güter in angenehmer Nähe um das Dreifache vermehrte Schnell
richtete er sich reche artig ein eine große Hochzeit weihete das herrliche Haus
zu beider Glücke ein wie sie hofften wie ihnen von allen Gästen vorausgesagt
wurde die in einem artigen Schäferspiele die Geschichte des Grafen und der
Gräfin wie er sie oft erzählt hatte darstellten Was sie beide dabei fühlten
was sie in ihrem Herzen gelobten was ihnen blieb für ein Glück nachdem die
Gesellschaft auseinander gegangen können wir weder ermessen noch beschreiben
sie waren beide sorgenlos und jung und hatten lange des Tages und der Nacht
geharret
 
                                Viertes Kapitel
                    Der Graf und die Gräfin reisen aufs Land
                     Der hässliche Baron und die tolle Ilse
Der Drang des Grafen zu seiner eigentlichen Tätigkeit und einige arkadische
Träume der Gräfin auch ihr Wunsch sich den zahlreichen Untertanen recht
prachtvoll und wohltätig zu zeigen beschleunigten die Abreise der Neuvermählten
aufs Land nach dem Stammschlosse des Grafen Ihr Empfang war herzlich froh
Ehrenpforten und Blumen waren nicht gespart und das Schloss und die Gärten alles
gefiel der Gräfin ungemein weil es ihr alles noch so neu war Dieses Anknüpfen
mit tausend neuen Bekannten schützte sie wohl einen Monat gegen die Langeweile
die sie später doch empfand nachdem sie in der Art der meisten jungen Frauen
und adligen Mädchen Beschäftigungen mit Künsten wie Malerei Musik unter großen
Anstalten dazu aufgegeben hatte Sie nahm an allen Beschäftigungen und Freuden
des Landlebens einen spielenden aber eben darum unerquicklichen Anteil der ihr
den Drang das Beschwerliche darin das Wachen die Mühe die böse Witterung
ganz unerträglich machte Mit den Nachbaren hatte sie sich durch ihre städtische
Art bald entzweit sie wollte durchaus spät essen und keinen Tabaksrauch
erdulden sie sprach über Dinge scherzend ab die den Leuten sehr ernstaft
waren verachtete anderes was jenen feierlich verehrungswürdig sie hatte die
rechte Art nicht mit diesen starren eigentümlich im eignen Hause und kleinen
Leben gebildeten Seelen zu sprechen sie hatte in diesem neuen Kreise kein
Gefühl wo sie anstieß und wo sie gefiel und so verschloss sie sich mit
verkehrter Freimütigkeit sehr bald die schwache Quelle der Unterhaltung welche
sie mit Familien des Landadels der Pächter und Prediger verbinden konnte Nur
ein furchtbar von den Pocken zerrissener Nachbar ein Baron der früher in
fremden Kriegsdiensten gestanden hielt es mit seiner allgemeinen Grobheit
vollkommen gegen sie aus ihre Unterhaltung war ein Austausch von Beleidigungen
besonders war sein vergebliches Freien ein Lieblingsgegenstand ihres Spottes
Der Baron schoss schon seit vielen Jahren Reiher um seiner Braut einen recht
vollen Busch zum Kopfschmucke zu überreichen und ließ alle Jahr eine gewisse
Zahl Gänse zur besseren Füllung des Brautbettes einschlachten Aber der Busch
hätte fast schon einen schwachen Kopf niedergedrückt und das Bette erreichte
beinahe den Balken und noch immer hatte er keine willige Schöne finden können
so verschrieen war er wie ein Blaubart wegen der Grausamkeit mit der er seine
erste Frau ohne geistlichen Trost hatte sterben lassen indem er ihr immer
zugeschworen sie sei gar nicht krank Mit gleicher Grausamkeit verfuhr er gegen
seine Bauern hetzte sie mit Hunden ließ den trägen Mägden Flachs um die Finger
binden und anzünden und schon dadurch war er dem Grafen verhasst Wie nun jede
Unterhaltung die in ihrem Scherze über die wohlgezogenen würdigen Grenzen
welche die Schicklichkeit der geselligen Freude gesteckt hat hinaus springt
leicht überschlagen kann so ergings auch eines Morgens zwischen dem Baron und
der Gräfin er sagte ihr so harte Worte nahm so bösen Abschied von ihr dass der
Graf bei seiner Heimkunft sie einsam weinend auf ihrem Ruhebette ausgestreckt
fand Sie klagte ihm ihr Ärgernis und ehe sie ihn noch aufforderte sie an dem
Baron zu rächen war ihr Ingrimm schon so gedoppelt zu ihm übergegangen dass er
es kaum über sich gewinnen konnte sie auszuhören Vielhundertmal hatte er
demonstriert dass der Zweikampf so wie er in Deutschland nur zwischen gewissen
Ständen eingeführt eine elende Taschenspielerei mit der Ehre sei während ihn
die zahlreichen Klassen des Volkes für etwas Schändliches halten da sei kein
Gottesgericht wie in der ältesten Zeit keine allgemein geglaubte Ehrenreinigung
dabei und in seinem unbestimmten Verhältnisse zu den Landesgesetzen und Sitten
die ihn bald geböten bald verböten stelle er ein trauriges Zeichen jener
Unbestimmteit aller Einrichtungen dar die gerade so wesentliche edelste
höchste Beziehungen im Volk wie die Ehre ohne allgemeine durchgeführte
Gesinnungen willkürlich misshandelten brauchten und unterdrückten Das war seine
Betrachtung aber mit dem Augenblicke der Leidenschaft fasste ihn die gewohnte
Gesinnung seines Standes an dem Baron ist nichts verloren dachte er noch
obenein die Bauern werden von einem schlechten Herren befreit niemand mag ihn
leiden das waren die jetzigen Betrachtungen mit denen er seine
Kuchenreiterschen Pistolen in die Halftern steckte sich auf seinen schwarzen
Hengst schwang und kaum mehr hörte dass ihm die Gräfin zurief er möchte ihrer
gedenken so werde er ihn nicht verfehlen Er ritt keine halbe Stunde da stand
er vor dem Baron und machte ihm mit der Art angenommener Kaltblütigkeit die in
solchen Verhältnissen geachtet wird seinen gefährlichen Antrag Der Baron war
aber längst über dergleichen Verhältnisse hinaus er lachte den Grafen an ob er
ihn denn für wahnsinnig halte sich auf so etwas einzulassen da er noch tausend
andern Spaß haben könne und ihm selbst die schimpflichste Abbitte nichts koste
Wirklich rief er in großer Ruhe seine Schreiber hinein und diktierte einem eine
so beschämende demütige Abbitte unterschrieb und besiegelte sie war nachher so
lustig wie vorher dass der Graf der von dem Mute des Barons manche Proben
wusste die er in fremden Diensten abgelegt hatte über eine Natur staunte die
aus dem ganzen Ehrenkreise seiner Zeit seines Volkes ohne große Begebenheiten
bloß durch sich selbst heraus gerissen worden mit Schrecken dachte er dass eine
Revolution gerade notwendig solche Menschen an ihrer Spitze tragen müsse und
mancher jugendliche Umwälzungsplan den er mit dem gärenden Moste der Zeit
getränkt hatte verschwand vor seinen Augen in dem einen bedeutenden
Augenblicke nur der Ruchlose fängt eine neue Welt an in sich das Gute war
ewig das Bestehende soll gut gedeutet werden sagt ein tiefer Denker1 dem
folgt Deutschland in seiner Entwickelung Es wurde ihm so wohl indem er rasch
fortreitend dieser ruhig fortschreitenden Bildung des geliebten Vaterlandes
gedachte er sah schon bis zur Hütte herunter alles in behaglicher
selbständiger Freiheit dass schon das schöne Verhältnis im unbedeutendsten Baue
das Wohlgefällige im ärmlichsten Anzuge es dartaten ein höheres Leben habe sich
bis zu allen äußersten Punkten verbreitet es dringe die Blütezeit hervor auf
welche die Dichter schon lange vergebens hoffen Wurde ihm aber recht wohl und
freudig so schwebte ihm jedesmal unwillkürlich seine Frau vor die jetzt in
höchster Blüte ihrer Schönheit alles erstaunte und bezwang er pflegte sich dann
ein lautes Glückauf zu rufen Diesmal spornte er mit lustigem Eifer sein Pferd
sah mehr nach den Wipfeln der Bäume die über ihm rauschten und taumelten als
nach dem Wege der unter ihm hallte Er glaubte noch auf dem rechten Fusspfade zu
sein und an der Furt die er gut kannte als er seinen Hengst heftig in den
Fluss spornte vor dem er scheute Kaum war er drin so merkte er dass dies eine
andre sehr tiefe heftig strudelnde Stelle sei sein Pferd wollte er nicht
verlassen und konnte es auch nicht das Wasser hatte ihm die Bügel angedrückt
es schwamm schlecht und versank immer tiefer Endlich zeigte sich am Ufer ein
neugieriges schwach wieherndes Pferd gleich war sein Hengst von neuer Kraft
durchdrungen arbeitete sich empor und ohne Unterlass ans Land von wo sich das
grasende Pferd im plumpen Umschwenken ungeschickt in des Waldes Dickicht
flüchtete Diese Lebensrettung durch die Zuneigung der beiden Pferde so
zufällig sie sein mochte hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht es tat
ihm so leid dieses Ungeschick des grasenden Pferdes dessen dumme Flucht es
eines guten Futters beraubte das er ihm im Schloss zudachte er wollte es
dahin treiben aber es war ihm nicht beizukommen also drehte er sein Pferd
nicht ohne Widerstand nach seinem Schloss um jagte immer schneller je näher
und als er endlich die Waldhörner seines Jägers hörte und das Tüchlein seiner
Frau ihm winkte da ging es in vollem Laufe in den Torweg und im Schwunge vom
Pferde mit klirrendem Sporne die Treppen hinauf zu Dolores  »Du lebst und er
ist tot« rief sie ihm entgegen »sehnlich habe ich dich erwartet«  »Wir leben
beide« antwortete der Graf lächelnd »wie du vom Tode eines Menschen redest
und weinst doch über einen Nietnagel Er ist tot und nicht tot wie du es nennen
willst im bessern Sinne ist er es schon lange  deine Ehre habe ich in der
Tasche sieh da sie ist ganz nass geworden aber nicht verlöscht und nicht
zerrieben«  Der Gräfin war es eigentlich nicht ganz recht dass ihr Beleidiger
nicht umgekommen wir werden die Gründe nachher erfahren doch verbarg sie das
unter Liebkosungen sie erzählte dem Grafen so viel Schönes wie sie den Tag bei
einer Einsiedlerin zugebracht habe »Wo wohnt die« fragte der Graf neugierig
Die Gräfin zeigte weithin nach einer Ecke des Waldes und erzählte dann wie
ihre Kammerjungfer Rosalie sie dahin geführt sie habe ein artig Hüttchen
gefunden mit Rasen ganz bedeckt mit zwei kleinen Fenstern und einer Türe
versehen vor welchem ein verbranntes Mädchen von auffallend nach einer Seite
zusammengezogenen Zügen und listigen Blicken einige Töpfe ausgewaschen die ihr
zugerufen »Woher du glänzende Schönheit im weißen Kleide mit dem schmutzigen
Saume«  »Das Mädchen ist wohl toll« fragte der Graf  »Keinesweges«
antwortete Dolores »sie ist ungemein gescheit aber sie ist zu gescheit zu
witzig für Bauersleute sie hat über Vater und Mutter und Bruder und Bräutigam
so viel Spott ergossen der aber wahr ist bis sie endlich von ihren Eltern nach
dem Stadttollhause gebracht worden Dort kam sie unter städtische Leute und
redete allen so zu Dank dass sie mit dem Zeugnisse eines völlig gesunden
Verstandes zurückging aber gleich wie sie wieder zu ihrem Vater kam redete sie
so böse Worte darüber dass er seinen einen Strumpf verkehrt angezogen dass weder
er noch irgend einer im Dorfe sie aufnehmen wollte Sie ging trotzig aus dem
Dorfe wie sie sagte weil die Dummheit sich immer so breit setze dass für die
Klugheit kein Platz übrig sei Ihr Bräutigam der vergebens getrachtet hatte
sie bei seinen Verwandten unterzubringen ward traurig über dieses Ereignis und
bot ihr sein Haus an sie sollte drin schon jetzt als seine Frau schalten und
walten Sie aber fragte ihn kalt Da soll ich wohl kochen und backen und brauen
für alle Sommers auf dem Felde arbeiten Winters spinnen mit Schmerzen Kinder
gebären und die kleinen schmutzigen Tiere säugen und waschen und wickeln Ich
bin Euch recht gut aber daraus wird nichts ich will eine Jungfer bleiben und
mir mit Botenlaufen meinen Unterhalt verdienen da hör ich alle Tage was Neues
und brauch keinem Rechenschaft abzulegen Da hat ihr der Bräutigam mit Tränen
die Hütte gebaut und ist mit Tränen von ihr geschieden«  »Abscheulich« rief
der Graf »die muss eine Hexe werden die ist es schon«  »Ei nicht doch« sagte
die Gräfin »du sollst sie gleich sehen sie sieht nicht hässlich aus hat klare
Augen und lieber Mann ich habe sie zu meiner zweiten Kammerjungfer gemacht du
musst sie schon ertragen lernen«  »Liebes Kind« antwortete der Graf »du
weißt dein Wille ist der meine aber gedenk daran dass es eine schlechte
Aufmunterung für brave Mädchen ist wenn so ein freches verwogenes Weibsbild ihr
Glück macht nirgend muss das Geld mit mehrerer Schonung und Billigkeit wieder
verteilt werden als da wo es im mühsamen Gewerbe gewonnen wird manche
Verschwendung ist uns in der Stadt erlaubt wo keiner weiß mit welcher
Anstrengung es zu kleinen Hauszinsen gesammelt worden und es fällt doch den
armen Leuten auf zwei Mädchen bei dir müßig zu sehen die nur eines bei meiner
Mutter gewohnt waren aber wie viel mehr so ein nichtsnutziges Mädchen in dem
Staate zu sehen nach welchem die Besten umsonst trachten«  Die Frau
schmeichelte und der Mann schwieg »Wie du nun bist« sagte sie »da habe ich
den ganzen Tag allein gesessen du lässt mich ganz allein und habe in Angst
geschauet aus dem Fenster ob du kämest habe dazwischen vor dem Spiegel mit mir
getanzt bis es dunkel wurde und du gönnst mir nicht die kleine Unterhaltung
mit dem wunderlichen Mädchen mit der Ilse«  »Ach ist das die Ilse« sagte der
Graf »mit der habe ich oft auch Spaß gehabt sie hatte schon als Kind eine
unverschämte Art zu antworten Wenn sie dir gefällt behalt sie mir muss sie
aber aus dem Wege gehen das sage ihr«  So endete sich das Gespräch in
welchem der Graf tausend neue Beweise von der Liebe und Ergebenheit seiner Frau
zu entdecken meinte die Wahrheit ist dass dieses verschmitzte Mädchen die
tolle Ilse die Gräfin mit ihrem Geschwätze ganz umstrickt hatte sie
schmeichelte ihr so geschickt kniete vor ihr betete sie an er zählte so viele
fatale Geschichten aus der Gegend von heimlichen Liebeshändeln und Abenteuern
dass dieser Tag der vergnügteste gewesen den die Gräfin auf dem Lande zugebracht
hatte der Graf und sein Zweikampf war ihr dabei fast entfallen als ihr Ilse
sagte dass er über das Feld jage und sie ihm entgegen winkte Der Graf stand am
nächsten Morgen früh auf und noch voll von den Gefühlen des vorigen Tages
dachte er sich ganz in die Stimmung seiner Frau da saß er still lächelnd und
redete vor sich wie sie gestern in seiner Abwesenheit wohl hätte träumen
können Es ist so süß sich etwas Liebes und Freundliches aus der Seele eines
andern zu denken dem wir ergeben wir versichern uns seiner in uns und so
dachte er wie sie in allen schönen Nachgedanken über Augenblicke die ihm wert
nach seiner Art in träumender Unterhaltung sich befunden wie sie plötzlich
erfreut in der Meinung er komme den Zusammenhang des Gedankens vergesse und
nicht wieder auf die Vorstellung kommen könne die sie so innerlich erfüllt
hatte und wie sie da so sehnlich ausrufe
                                  Sie zu Hause
Was füllte mein träumendes Herze
Vergessener Schein
Schwer trifft sich ein liebendes Herze
So ledig allein
Die Schatten sind niedergezogen
Ich ahndet es nicht
Die schönen Geschichten verflogen
Mein Wundergesicht
Wie Abend die Seen erreget
Mit fröhlichem Hauch
So nur ein Gedanke beweget
Bewegte mich auch
Ich sinne und suche und springe
So hin und zurück
Und locke zum Käfig ihn singe
Blick einmal zurück
Nicht mehr in dem Spiegel ich sehe
Mein lieblich Gestalt
Und wende mich abwärts und flöhe
Gern tief in den Wald
Wie wirds ach im Walde so helle
Am Himmel am Himmel so klar
Es kehret zurück der Geselle
Und alles und alles wird wahr
Er nach Hause eilend sang darauf als spornte er in die Gitarre mit raschen
Griffen
Mein Auge treu
Mein Ohr so wach
Die Liebe neu
Vieltausendfach
Was siehst du fern
Was siehst du gern
Auf Wäldern hoch
Das weiße Schloss
Und rascher flog
Mein schwarzes Ross
Die Brust so heiß
Beschäumt sich weiß
Mein Auge treu
Mein Ohr so wach
Die Liebe neu
Vieltausendfach
Was hörst du fern
Was ist dein Stern
Das Tüchlein winkt
Das Waldhorn schallt
Die Sonne sinkt
Mein Herz hoch wallt
Das Tor weit auf
Durchhallt im Lauf
 
                                Fünftes Kapitel
            Kommerzienrat Nudelhuber und der Prinzenhofmeister Kirre
Der Graf musizierte die Lieder und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte
ging er nach dem Schlafzimmer seine Frau damit zu erwecken Verwundert hörte er
da eine Unterredung mit einem Manne an der Stimme die schnarrend und laut
erkannte er den Baron Er trat hinein und sah dass seine Frau am Fenster stand
ganz wie sie aus dem Bette gesprungen der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und
zitterte in ihrem leichten Nachtäubchen als sie den Grafen bemerkte winkte
sie ihm näher zu treten er sah aus dem Fenster den hässlichen Baron in einem
Armensünderhemde mit unbedecktem Haupte wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und
dessen Geliebten doch fehlte hier der Schnee »Wie können Sie sich
unterstehen« rief der Graf »wieder mein Haus zu betreten«  »Darum bin ich
auch auf dem Hofe geblieben« antwortete der Baron  Ein ganz unerwarteter
Einfall der einem Zorne begegnet setzt oft in Verlegenheit nimmt die
Besonnenheit gut darauf zu antworten aber der Zorn gestattet nicht das
Schweigen und so antwortet man leicht das Dummste »Ich habe keinen Hof«
antwortete der Graf »und hätte ich einen so wären Sie der letzte den ich
darauf anstellte«  Kaltblütig erwiderte der Baron »Wenn Sie keinen Hof haben
so ist dies auch nicht Ihr Hof worauf ich stehe und Sie können mich also nicht
verweisen«  Die Gräfin legte sich ins Mittel küsste ihren Mann und sagte der
Baron hätte ihr demütige Abbitte getan er wolle sich ganz bessern nur möchten
sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstoßen  »Wenn es meine Frau wünscht«
sagte der Graf »so kommen Sie herauf mir sind Sie nicht hinderlicher als
viele andre Menschen erst aber ziehen Sie sich anständig an«  Der Baron ließ
sein Hemde fallen und stand da in gewöhnlicher Kleidung und sagte »Ich komme
gleich zieht Euch nur erst ruhig an ich habe noch ein paar Bekannte zu Euch
geladen die werden Euch sehr wohl gefallen es sind gerade Menschen wie ich
etwas geradezu aber ehrlich und können lustige Historien erzählen ich will
heut alles wieder gut machen«  »Das schwör ich Euch« rief noch der Graf
»führt Ihr Euch heute nicht ganz gut auf so endet es nicht gut«  Die Gräfin
freute sich auf die neue Unterhaltung
    Nach zwei Stunden kam der hässliche Baron mit seinen beiden Freunden so
beliebte er sie wenigstens zu nennen der eine ein knochiger alter Mann mit
dickem zwischen den Schultern eingezogenen Kopfe hatte die dauerhafteste
Kleidung an seinem Körper hängen streifig geschnittenen grünen Plüsch zu Rock
und Weste schwarzen Plüsch zu Hosen Stiefelmanschetten und Schmierstiefel
sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spasshaftigkeit Der andre sah durchaus
bedenklich über seine lange schmale Nase ein altes hofmässiges Kleid ein
schlechter stählerner Degen Schuhe mit großen Schnallen ein Haarbeutel
zeigten den früheren Bewohner einer großen Stadt Der Baron stellte jenen als
den Kommerzienrat Nudelhuber berühmten Maler und Bilderhändler aus der Schweiz
diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor jener war gleich vertraut griff
nach den Händen zum Küssen machte es sich bequem dieser belächelte sehr fein
seine Ungeschicklichkeit wollte ihn auch verspotten wovon aber jener so wenig
merkte als ein großer Metzgerhund wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen
will ganz zufällig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jämmerlich mit
plumpen Einfällen über seinen leichten Anzug  Der Baron fragte die Gräfin als
die Unterhaltung beim Frühstücke etwas stockte »Nun wie gefallen Ihnen meine
Freunde sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich Gleich müssen sie aber
auch ihre Kunststücke machen hört« sprach er zu den beiden »damit sie hier
wissen was an euch erzählt einmal die Geschichten wo ich so lachen musste  ja
nicht Eure ganze Lebensgeschichte da könnt ihr nie ein Ende finden Fang du an
Prinzenhofmeister lass alle deine feinen Hofgeschichten weg wie du jedem
scharfe Antworten gegeben wir wollen nichts wissen als die unglückliche
Affäre wie der Erbprinz dir abhanden gekommen«  »Welcher Erbprinz« fragte
die Gräfin  »Euer ehemaliger gnädiger Herr« antwortete der Baron  Die
Gräfin sagte »Daran nehme ich Anteil er ist mir aus früheren Jahren noch sehr
wert fast möchte ich sagen wir waren in einander verliebt so wie Kinder es
sind«
 
                                Sechstes Kapitel
                             Der verlorene Erbprinz
Hierauf begann der Prinzenhofmeister mit verschränkten Beinen ruhig sitzend
seine wohlüberlegte Erzählung
    »Da ich nach dem freundschaftlichen Wunsche des lieben Barons von allen
frühern Ereignissen schweigen soll die meiner Führung des mir anvertrauten
jungen hoffnungsvollen Erbprinzen alle Ehre machten und bloß von dem
schmerzlichen Tage reden muss der alle meine guten Lehren vernichtete so kann
ich es mir zur Genugtuung wenigstens nicht versagen die Grundsätze zu
entwickeln denen ich in der Erziehung gefolgt bin und denen ich auch auf der
Reise treu geblieben welche die Erziehung des Prinzen beendigen sollte«
    »Nicht so breit und steif« sagte der Baron »reden Sie wie gewöhnlich
sonst werden Sie nimmermehr fertig kurz will ich erzählen Sie reisten mit dem
Erbprinzen nach Hause und auf einem Seitenwege kamen Sie an einen See «
    DER PRINZENHOFMEISTER »Sehr gut gesagt Ich ritt mit meinem Erbprinzen ganz
allein durch einen tiefen Hohlweg die Baumwurzeln hingen über uns in der Luft
der Weg war frisch aufgerissen der Boden noch nass aber der Regensturz hatte
sich in einem Bache verlaufen der uns an das Ufer eines großen Sees brachte
das so weit man sehen konnte nichts als Wacholderbeersträuche hervorbrachte Wir
fanden ein kleines Haus und dabei eine Fähre der Fährmann der aus dem Hause
trat fragte uns ob wir nach der Festung übersetzen wollten die wir jetzt wie
eine Perle auf einem großen blauen Türkis in der Mitte des Sees liegen sahen
Wir nahmen das Erbieten mit Vergnügen an wir bemerkten wohl dass wir auf unserm
Ritt durch die vielen kleinen Fürstentümer in das Gebiet eines gewissen Grafen
geraten dessen Sonderbarkeiten damals allgemein beredet wurden So war auch
diese Festung lange der allgemeinen Unterhaltung preis gegeben sie ist ein
kostbares Werk auf einer durch eingesenkte Steinmassen an einer flachen Stelle
in der Mitte des Sees regelmäßig erbaueten eckigen Insel von gehauenen Steinen
nach den strengsten Regeln der Kunst befestigt Bomben vom Ufer konnten fast
nicht bis zu ihr hin und selbst dagegen war sie sehr ordentlich kasemattiert
Der Fährmann erzählte uns auf dem Wege dass die Besatzung aus einer Kompanie der
ältesten Invaliden bestehe da aber diesen bejahrten alten Männern das Wachen
unmöglich geworden seien die verrufensten Lustdirnen der Stadt aufgegriffen in
rote Husarenmontur gesteckt und nach der Festung zur Besserung geschickt worden
wo sie exerziert mit den Invaliden abwechselnd den Dienst täten Um ihr
Entlaufen zu hindern seien alle Fahrzeuge diese eine Fähre ausgenommen
versenkt aus Mangel an Liebhabern wären die meisten zu guten Töchtern geworden
und liebkosten die alten Männer wie Lot von seinen Töchtern geliebkost worden
Wir waren auf diese Garnison ungemein neugierig Bei unsrer Ankunft nach
mehreren Signalen des Fährmanns wurde das Tor geöffnet wo uns die Kuriosa die
Rittmeisterin dieser unberittenen Husarinnen mit dem schönsten militärischen
Anstande nach Namen und Charakter fragte ihres Feuers Fülle glühte in ihren
vorstechenden schwarzen Augen Herr Kamerad sagte sie zum Erbprinzen der
Uniform trug nichts Neues vom Kriege wenn uns der Teufel nur einmal von dem
verfluchten Gamaschendienste frei machen wollte meinetwegen möchte er mich
holen  Ich war allzusehr in Erstaunen auch etwas ermüdet um den Eindruck zu
bemerken den die Rittmeisterin auf den Erbprinzen gemacht hatte leider lernte
ich diesen erst aus der Wirkung kennen als es zu spät war Wie erstaunte ich
als am Morgen der Erbprinz die Rittmeisterin und die Fähre vermisst wurden und
der Kommandant der Festung mit sehr groben Schimpfreden mir erzählte der
Erbprinz müsse den Fährmann mit Gelde gewonnen haben ihn und die Rittmeisterin
ohne seine Erlaubnis überzusetzen sie hatte in der Nacht die Torwache und so
wurde ihr diese Kühnheit erleichtert Erst später habe ich erfahren dass der
Fährmann nachdem er die Fähre versenkt mit beiden nach Frankreich geflüchtet
ist wo mein lieber Prinz noch jetzt mit tausend anderm liederlichen Gesindel
ganz unbemerkt hauset Ich weine eine Träne seinem Schicksale ich bin dadurch
um meine Versorgung gekommen bin landesflüchtig geworden doch in den nächsten
Tagen drängte mich damals noch nähere Not Erst wurden dem Fährmann alle Signale
gemacht bis man sich überzeugte seine Hütte sei ganz leer da verwandelten
sich diese Signale in Notschüsse welche die Hirten in der öden Gegend für
Freudenschüsse hielten wegen irgend einer Feierlichkeit Nun lernten wir erst
unsre Not kennen daran der Prinz bei seiner unbesonnenen Flucht wahrscheinlich
ganz und gar nicht gedacht hatte die Festung hatte sonst monatlich nach der
nächsten Stadt gesendet um ihre Vorräte zu empfangen der Monat war im
Ablaufen Wir hatten trotz der kleinen Portionen auf die wir zurück gesetzt
wurden bald nichts mehr zu leben die Festung war von dem Wasser im strengsten
Sinne blockiert und wir weinten oft dass wir keinen Feind hatten dem wir uns
ergeben konnten Ich wollte angeln und richtete mir dazu eine Haarnadel als
Angelhaken ein die ich spitz angeschliffen die Schnur nahm ich von dem Besatze
eines Kleides Da aber die Festung ganz aus Stein gebaut war und aus
Reinlichkeit keine Erde darauf geduldet wurde so war kein Regenwurm zu finden
An Saat und Ernte war also durchaus dort nicht zu denken etwas Kressensamen
wurde über das Bild des Landesherrn gesäet das aus schlechtem Gips geformt war
aber der Kommandant aß sie alle in einer Nacht auf Mäuse und Ratten waren nie
auf die Insel gekommen und die Vögel hatten längst eine Scheu vor den roten
Husaren die wie Vogelscheuchen an allen Ecken der Festung auf der Wache
standen Ich hatte in meinem Reisesacke Gessners Ersten Schiffer ich ergötzte
mich an der Erfindung und suchte nach Holz sie nachzumachen aber da es Sommer
war so hatte die Garnison nichts als Wacholderreiser zum Kochen die Gebäude
waren alle ohne Dach über der Wölbung mit flachen Steinen gedeckt ein paar
Tische ein paar Tonnen zehn Invalidenbeine waren alles Holzgeschirr daraus
wäre es auch dem feurigsten Liebhaber unmöglich gewesen ein Schiff zu bauen
zum Überschwimmen war aber die Entfernung zu groß Unter solchen vergeblichen
Rettungsversuchen nahte der Schreckenstag wo nach der sparsamen Aufzehrung
aller Lebensmittel durch das Los entschieden werden sollte wer sein Leben zum
Unterhalt der andern hergeben müsse Die Invaliden behaupteten kühn sie hätten
ihr Leben so oft gewagt sie wären alt ein ehrenvoller Tod für alle käme ihnen
zu Die Husarinnen im Gegenteil behaupteten sie könnten keinen Invaliden
verzehren teils aus Zartgefühl teils auch darum weil so einer allzu zähe und
knöcherig meist auch kraftlos sei Der Kommandant wies endlich auf mich weil
meine Nachlässigkeit der Grund des ganzen Unglücks gewesen alle stimmten ein
ich sagte aber dass so bereit ich zu der Aufopferung wäre so notwendig fände
ich es nach meinem Gewissen meinem Landesfürsten einen untertänigen Bericht
über meine Erziehungsmetode und über die Fortschritte des Erbprinzen zu machen
 Fort ist er riefen die Leute fort mit dir  Wahrscheinlich wäre es mir
schlimm ergangen wenn ich mir nicht in der Angst noch Erlaubnis erbeten hätte
noch einmal nach allen Seiten zu sehen ob nirgends Hilfe der Kommandant könne
inzwischen sein Messer wetzen Wie ich noch kaum die vierte Weltgegend
überschaut hatte verkündigte ein Schuss vom Ufer die Anwesenheit von Menschen
Gleich signalierten wir uns Bald sahen wir viele Menschen am andern Ufer mit
der Verfertigung eines großen Flosses beschäftigt  Wie kann ich die Freude
unsrer armen Hungerleider schildern und meine eigne dass ich noch nicht verzehrt
worden Nach den Monturen schienen es keine Freunde sie waren pomeranzenfarbig
gekleidet auch machten sie viele Vorsichtsanstalten warfen Batterien auf und
fingen an uns zu bombardieren Da sie aber mit der Pulverladung knauserten und
es überhaupt zu breit war so fielen die Bomben in großer Entfernung vor uns
schon ins Wasser weshalb unsre Husarinnen sie Plumphechte nannten Wir steckten
an allen Ecken weiße Fahnen aus die aus den Schnupftüchern der Garnison
zusammengeschneidert waren in die Mitte hatten wir um unsern Hunger
anzuzeigen ein Brot gemalt Diesen Flecken in den Fahnen sahen unsere Belagerer
für Löcher an wo ihre Kugeln durchgeschlagen in der guten Absicht uns recht
demütig zur Unterhandlung zu machen und überhaupt einen bestimmten Effekt hervor
zu bringen dass es doch hieße wir hätten uns hitzig gewehrt aber ihr Heldenmut
habe uns doch endlich bezwungen fuhren sie noch ein paar Stunden im
regelmäßigen Schießen fort und verloren wohl funfzig Mann durch das Springen
ihres erhitzen Geschützes Die rotgeschwänzten Bomben durchzogen die Luft die
Kugeln sausten ohne unsern Schaden und es wäre ein prächtiges Schauspiel
gewesen hätten wir nicht so arg dabei hungern müssen doch wurden einige
erschossene Fische an die Festung getrieben die wenigstens für den Moment uns
erfrischten Abends endlich begab sich die ganze feindliche Macht die stärker
an Geschütz als an Menschen war aufs Floss Es waren nämlich
Reichsexekutionstruppen und der Fürst dem die Exekution gegen den sonderbaren
Grafen aufgetragen war hielt sich nichts als Artillerie weil er diese für die
furchtbarste Waffe hielt vor jedem seiner Zimmer standen zwei Achtpfünder und
eine halbe Batterie reitender Artillerie hatte alle Nacht die Wache vor seinem
Schlafzimmer Was er nicht hatte konnte er nicht senden er sendete seinen
Artilleriepark in das Wacholderbeerland und dies war der schnelle glorreiche
Effekt des ersten Unternehmens sie hatten mit Zwischenräumen nur achtundvierzig
Stunden geschossen und wir waren schon zur Übergabe der Hauptfestung des Landes
genötigt aber freilich hatte die Wasserblockade schon drei Wochen an uns
gezehrt Das bewaffnete Floss näherte sich mit aller Vorsicht und brennenden
Lunten ob sie gleich wegen der Schwere kein Geschütz hatten darauf setzen
dürfen Mit welcher Sehnsucht schlug unser Herz jedem Ruderschlage entgegen der
schönste Tanz war uns der ernste Marsch den die Hautboisten auf dem Flosse
spielten und die Musik war stark besetzt denn jeder Soldat war auch Hautboist
Das Schiff war nahe die Nacht dunkel da öffneten unsre Husarinnen mit solchem
Heisshunger das Tor und ließ die Brücke nieder dass die Feinde auf den Argwohn
verfielen wir wollten einen Ausfall machen sie hielten ihr Schiff an und
wollten umkehren Da fühlte ich noch so viel Kraft in mir ihnen durch ein
Sprachrohr entgegen zu rufen sie möchten um Gottes Barmherzigkeit willen die
Festung einnehmen oder wir schössen sie alle nieder Die kanonierenden
Reichsexekutionstruppen nahmen als Generalsalve einen Schnaps dessen Geruch uns
Tränen der Sehnsucht ins Auge lockte dann entschlossen sie sich zu dem
Wagestücke die Festung einzunehmen doch machten sie es sprachröhrlich sich zur
Bedingung so viele von ihnen in die Festung stiegen doppelt so viele sollten
von der Besatzung ins Schiff hinausspringen Ich war keiner der letzten jede
Husarin nahm einen Invaliden auf den Arm und so waren wir bald alle in dem
Schiffe als noch nicht die Hälfte der Feinde in der Festung waren wiederum
fürchteten sie Betrug und als die Frösche jenseit der Festung anfingen zu
quaken meinten sie dass ihre eingelassenen Brüder ermordet würden Endlich war
das schwierige Geschäft beendigt sie lachten uns aus als sie oben waren und
schworen eine so vollendete Festung hätten sie eine Ewigkeit verteidigen
wollen da machten wir uns über ihren im Flosse zurückgelassenen Proviant her und
sprachen auch wieder kein Wort die Kinnbacken knarrten aber als wenn Knaster
geschnitten würde endlich bekamen sie Argwohn über dieses Wesen bei uns auch
weil wir nicht fortruderten und droheten uns in den Grund zu bohren wir
wussten am besten dass wir das bisschen Pulver der Festung zu Signalschüssen und
als Salz an den Speisen verbraucht hatten also fuhren wir nach unsrer
Bequemlichkeit ans Ufer wo wir uns aller zurückgelassenen Kanonen Munitionen
und Pferde des Feindes bemächtigten dessen hungerndes Angstgeschrei wir jetzt
schon vernahmen In einem kleinen Tagemarsche kam unser kleines Korps in die
Hauptstadt des Grafen der von allen den Ereignissen noch gar nichts erfahren
hatte da er eben mit der Ausführung eines seiner Lieblingsgedanken beschäftigt
war sein Reich mit gemalten Soldaten die zwischen Fuchsfallen verteilt die
Schlachtlinien bilden zu verteidigen Gleich eilte er mit seinen gemalten
Soldaten und dem dazu gehörigen adligen Offizierkorps dahin seine Festung
wieder zu erobern unserm Korps wurden aber wegen der Übergabe alle Feldzeichen
abgeschnitten Nachdem aber das Kriegegericht die Schnupftücher untersucht
hatte ob sie in der Tasche gebrannt und die Stücken des darauf gemalten Brotes
fand das die Notfahne bezeichnet hatte die aus Schnupftüchern zusammengenäht
worden und sie für Brandflecken erklärte da wurden wir alle mit einer
Ehrenerklärung dem Gerichte entlassen Der Fürst traf die besten Anstalten zur
Belagerung der Festung das Land wurde rings vermessen eine Parallele nach der
andern eröffnet und so laut die Belagerten die ersten Tage geschrien so still
wurden sie nachher Der Fürst schickte Nachts einen sichern Spion herüber und
der erzählte die Festung sei ganz leer wirklich hatten die Exekutionstruppen
in der Hungersnot ein Unternehmen exekutiert das selbst in der alten Welt wo
Troja so lange belagert wurde Erstaunen erregt hätte Nach dem Geschrei der
Frösche entdeckten sie einen seichten Strich des Sees wo sie ohne weiter als
bis an die Kniee nass zu werden glücklich ans Land und bald in ihre Heimat
kamen Da ihr Fürst den Verlust der metallenen Kanonen nicht so schnell ersetzen
konnte so ließ er hölzerne machen woraus statt der Kartätschen mit Erbsen
geschossen wurde man merkte im Effekte auf der Parade keinen Unterschied und
so ist die wesentlichste militärische Verbesserung im Lande einem bloßen Zufalle
zuzuschreiben Fast hätte ich vergessen dass ich mich nach meinem Erbprinzen
ganz ergebenst erkundigt vergebens ließ ich ihn in allen Zeitungen zitieren
ihm solle sein Fehler verziehen sein und er solle ungestört regieren er blieb
fort und ich musste ohne Versorgung mit einer großen Nase abziehen«
    »Ja die Nase sehen wir« sagte der Baron »nun wie gefällt Ihnen der
Wetterkerl«
    Die Gräfin rühmte ihn und dankte dem Baron ihr die Bekanntschaft eines so
ausgezeichneten Prinzenhofmeisters verschafft zu haben sie machte noch allerlei
neugierige Fragen über die Montur der Husarinnen die dem Grafen missfielen
Solches Missfallen über seine Frau drückte sich aber nie geradezu aus sondern es
warf sich auf eine Nebensache er fand es sehr unrecht in einer Zeit wie die
jetzige die vom Soldatenwesen ganz zerfleischt so leichtsinnig darüber zu
reden aber ganz verrucht sei es von einem Hofmeister über den Verlust eines so
hoffnungsvollen Prinzen den er doch mit veranlasst in so spasshaften
Übertreibungen reden zu wollen
    »Lieber Karl« rief die Gräfin »kannst du dich denn nie in die höhere
Ansicht des Lebens versetzen wo alles Scherz wird« Der Graf antwortete sehr
ernst »Nein nimmermehr selbst dir zu Gefallen nicht«  »Vergessen wir das«
meinte der Baron zwischentretend »Spaß muss sein sagt Eulenspiegel gefällt
Euch jener nicht ganz so denkt dass er mir gar langweilig ist da ich ihn zum
hundertstenmal höre aber hier ist noch ein andrer viel knolligerer Spassmacher
Herr Kommerzienrat Er hat lange genug die Butterbrote mit Fleisch aufgetürmt
nun ist Er dran erzähl Er einmal Seine Geschichte von der Prinzessin Wenda«
 
                               Siebentes Kapitel
                  Geschichte der verlorenen Erbprinzessin Wenda
Nudelhuber begann im Biedermannstone »Ich bin ein guter ehrlicher Schweizer
und Sie sind lauter liebe liebe Leute ich kann lange denken und weiß viel zu
erzählen aber ein Glas Wein muss ich mir ausbitten wir ehrlichen Schweizer
müssen unsern Wein haben sonst wird uns das Maul trocken Nun ja ich soll
Ihnen von der Prinzessin Wenda erzählen Als ich mit meinem kleinen Bilderkram
nach Warschau zur Messe gekommen so warteten alle auf den Einzug der
siegreichen Polacken Es war ein heißer Sommer das Bier war alles sauer
geworden weil die Polen keine Korkpfropfen sondern ein Stücklein Lehm auf die
Flasche stecken Lauter liebe Leute ausgenommen was das Bier das Ungeziefer
und die Höflichkeit angeht Um Gottes willen durfte ich mich bei der Prinzess
Kasimire und bei der Prinzess Torixene nicht sehen lassen sie hätten mich sonst
nicht wieder losgelassen ich kenne das schon an Höfen da kommt man des Morgens
zum Frühstück und muss zum Mittag bleiben und nach Tische spricht man so lange
mit den kleinen Prinzen dass sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach
Hause schicken können und so schlägt man den ganzen Tag um nichts und wieder
nichts um die Ohren Ich musste mich aber alle die Tage recht an die Arbeit
halten meine Bilder noch einmal zu firnissen die Polen lieben das und schlagen
alle Tage ein Weisses vom Ei über jedes Gemälde was sie haben dass es nach ein
paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht Auch musste ich meinen
Kirschgeist auspacken mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei
einem Glase zu Stande das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen ich
aber werde niemals besoffen ich habe einen ausgepichten Magen
    Es war gut Wetter zum Einzuge viele Kaufleute hatten ihre Buden
geschlossen um selbst zu sehen ich dachte vom Sehen wird einem der Magen
nicht voll packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus aber die
verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten
scheckigen glänzenden Papierheiligen umsonst aus dass ich wenig verkaufte«
    Die Gräfin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte »Hör nur der Herr
Kommerzienrat hält auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen weißt du noch
wie du so böse warst als ich den Heiligen Schnurrbärte gemacht nicht wahr
jetzt siehst du doch ein dass du unrecht hattest«  Es gibt ein ganz fatales
Gedächtnis das zur unrechten Zeit meine ich es gibt eine dumme Listigkeit die
zur unrechten Zeit verstehe ich Der Graf erschrak in sich wie sie so
leichtsinnig an eine Zeit denken und erinnern könne die ihm so schwer zu
erleben geworden der bittere Ärger trat ihm auf die Zunge er nahm sich zusammen
und sagte eilig zur Türe hinauslaufend »Lassen Sie sich nicht stören ich
komme nicht sobald wieder«  Die Gräfin bemerkte gar nichts und bat den
Kommerzienrat fortzufahren
    »  Ja es sind verfluchte bunte Bilder die von den Nonnen bei mir auf
der Fabrik können sie nicht gut nachgemacht werden und das gemeine Volk mag sie
gerne wenn nur ein Nonnenkloster wieder aufgehoben wird ich kaufe mir zu der
Arbeit ein Dutzend Nonnen Als ich so müßig meine Bilder abstaubte wurde auf
der Brücke von dem dicken Opferpriester ein Hammel abgeschlachtet wovon er das
Herz in die Weichsel unter allerlei Singsang weit wegschmiss Darauf trat die
schöne Prinzessin Wenda zu ihm hin und rief Die Götter haben den Polacken zu
viel Gnade erwiesen um ihnen bloß mit Schlachtvieh und Räucherkerzen zu danken
ich will mich selber ihnen opfern um alle Landesnot zu endigen Bei diesen
Worten sprang sie an die Spitze der Planke  denn in Polen haben die Brücken
keine Geländer es sind schwimmende Planken die an einander gebunden  und dann
stürzte sie sich mit den Worten in die Weichsel Empfange mich das Meer als ein
reines Opfer  Alles war wie erstarrt und vernarrt ich hielt es für eine bloße
Komödie so sah es aus aber viele sprangen nach sie zu retten konnten sie
aber nicht mehr erreichen Ich dachte das sind Narren und sah recht genau
nach was aus der Prinzess werden möchte die immer noch an ihrem weißen Kleide
zu erkennen war das auf dem Wasser herumwirbelte es war ein schönes Weibsbild
sie hat mir aber nie für einen Groschen abgekauft darum dachte ich hol sie der
Teufel Da sah ich wie sie vom Strome in einen Aalfang getrieben wurde da
verschwand sie ich dachte nun ist die auch  aber ich hatte mich geirrt wie
alle andern Der Aalfang gehörte den Priestern und endigte sich in einen
meilenlangen Sack von schlesischer Leinwand der im Tempel des Obergottes alle
gefangenen Aale und auch die tote Prinzessin absetzte allwo der Oberpriester
sie wieder in seinem Bürgerrettungsapparate zum Leben brachte Das sah ich nicht
voraus denn damals hielten wir sie alle für tot Viele die ihr
nachgeschwommen waren entweder ersoffen oder wurden doch für tot ans Land
gebracht und da hielt ich ihnen vor ob sie denn ganz unvernünftig gewesen
wären sich in solchen reißenden Strom zu werfen da doch das Wasser überall
keine Balken hat Was gibt es doch für Narren in der Welt will sie ersaufen
was geht es euch an was habt ihr davon  Aber das Volk wurde böse auf mich
denn ein Narr macht viele Narren und da Prügel nicht gut schmecken so nahm ich
meine Beine unteren Arm und kam zu meiner Bude Nun denken Sie sich meinen
Schreck da finde ich dass mir die Leute wohl die Hälfte von meinem kleinen Kram
weggestohlen hatten was so vorne ausgelegen  Spitzbubenvolk rief ich und
raufte mir meine paar Haare aus das läuft das schwimmt ein Weibsbild zu
retten das sein Leben los sein will und mir nimmts die Bilder die ich nicht
umsonst weggeben mag Wie ich meine salzigen Tränen so weine da kommt die
Prinzess Kasimire leichenblass vorbei gefahren sie sieht mich und ruft mir zu
ich wäre ein guter alter Mann ich sollte nicht verzweifeln wegen der
Prinzessin ich möchte bedenken dass ich zu Hause Kinder hätte sie würde meine
herzliche Teilnahme an ihrer Familie nun und nimmermehr vergessen  Ja hat
sich was Teilnahme um die ersoffene Prinzessin hätte mir einer meine Bilder
wiedergebracht so hätte meinetwegen die Prinzessin Kasimire mit Kutsch und
Pferden in die Weichsel ihr nachfahren können das dachte ich wohl bei mir aber
ich sagte es nicht Sie müssen es mir auch nicht übel nehmen es weiß kein
Mensch wie sauer es einem armen ehrlichen Schweizer in den grausamen
Gebirgnissen wird sich einen Groschen Geld zu verdienen Als ich so in
Verzweifelung meine Hände rang gab mir Gott einen herrlichen Einfall ich
sollte nun alles übrige doppelt so teuer verkaufen so wäre mein Schaden gut
gemacht Das tröstete mich und es mussten auch gleich ein paar Leute so viel
bezahlen warum waren sie solche Narren wenn man Narren zu Markte schickt so
lösen die Krämer Geld nun mein Gott jeder Mensch will doch leben und kein
Mensch lebt von der Luft Es war unterdessen spät geworden ich packte ein Mein
Magen hing mir so schief ich ging Abends zur Tafelzeit hin nach dem Schloss
der Prinzess Kasimire um mich für ihren Trost zu bedanken Das ganze Schloss war
in Bestürzung ich fand nur einen Lakaien im Vorzimmer der Prinzessin der mir
dreist versicherte die Prinzessin wolle mit der Prinzess Torixene allein sein
er dürfe niemand einlassen  Hat nichts auf sich erwiderte ich und schob ihn
unversehens bei Seite mich wird sie schon sprechen ich muss sie sprechen 
Freilich musste ich sie auch noch sprechen ich hatte ihr eine betrübte Madonna
mit dem Dolche im Herzen und einen St Sebastian der wie ein Stachelschwein
voll Pfeile steckte mitgebracht sie liebt solch Zeug und sollte es mir gut
bezahlen Nun müssen Sie sich nicht wundern dass die Polacken Christum und dabei
alle die heidnischen Satans Jupiter Apollo und wie sie alle heißen anbeten
das ist bei den Polacken nicht anders das Volk frisst Ihnen alles unter
einander die beste Schüssel bei dem Landvolke ist immer Sauerkohl mit
brennenden Talglichtern darin ein verfluchtes Fressen Ja wo blieb ich doch
stehen  also trat ich zur Prinzessin herein und wie ich herein trat fragte
mich die Prinzessin verwundert Mein lieber Kommerzienrat war niemand im
Vorzimmer der Ihnen gesagt hat wir wollten allein sein  Hat nichts zu sagen
antwortete ich inkommodieren Sie sich gar nicht um mich alten Mann genieren
Sie sich gar nicht in Redensarten ich habe denn doch mehr gesehen in der Welt
ich habe zwar heute viel verloren  und dabei dachte ich an meine Bilder und
weinte bitterlich dass mir die Tränen piperlings die Backen herunterliefen 
Die Prinzessin weinte mit und wollte mich trösten sie sagte dass sie eben der
Prinzess Torixene die geheime Geschichte der unglücklichen Wenda habe erzählen
wollen  Ich bat sie möchte immer erzählen wenn es auch mich nicht
unterhielte so hätte ich alter ehrlicher Schweizer genug in meinem alten Kopfe
zu denken was wohl bedacht sein müsse auch könnte ich mir die Zeit wohl
vertreiben wenn sie mir etwas zu essen vorsetzen wollte ich hätte im
Vorbeigehen in der Küche noch eine gute gespickte angeschnittene Kälberkeule
liegen sehen von dem Tee knurre es mir im Leibe ich wäre ihn nicht gewohnt und
dabei die Rührung mir würde ganz miserabel wenigstens möchten sie mir ein paar
Eidotter hineinrühren Sie wusste schon alles was mir gut schmeckte stand auch
wirklich von ihrem Teezeuge auf und musste mitten in ihrer Betrübnis einen
gnädig lächelnden Blick auf mich werfen ich aber fuhr fort und sagte Ich kann
nicht begreifen was die vornehmen Leute von dem Tee haben es ist schlabbrig
Zeug macht keinen satt und froh und kostet doch auch viel bei jetziger Zeit
Wie sie nun aufgestanden war setzte ich mich auf das atlassene kleine Sopha wo
sie gesessen hatte und die Prinzessin Torixene meinte sie würden dann nicht
Platz behalten Sein Sie ohne Sorge antwortete ich wir rücken hübsch zusammen
ich alter Schweizer mag gerne Abends ein bisschen einnicken und da ist es mir
hier schon begegnet dass ich mit dem Stuhle umgeschlagen bin und das macht
Ihnen nur Schreck wenn erzählt wird  Die Prinzessin brachte ihre Hunde mit
was die Köter mich anbellten und beschnüffelten weil ich den Morgen einen
Hering in der Tasche gehabt hatte die führten sich recht schlecht auf Ich
fragte die Prinzessin wie sie das leiden könne ich wäre doch ein Mensch und
wollte mir so was nicht unterstehen  Nun Gott sei gelobt da wird die Suppe
hereingetragen es sind doch liebe liebe Leute die Herren Bediente dass sie so
was nicht auf dem Wege halb auffressen ich würde es sicher so machen«
 
                                 Achtes Kapitel
                                 Prediger Frank
      Gespräch über die bürgerlichen und religiösen Verhältnisse der Liebe
Wirklich war der Tisch gedeckt worden und die Suppe aufgetragen die Gräfin
bezeugte dem Baron ihre ausgezeichnete Zufriedenheit und der Graf trat mit einem
fremden Geistlichen herein als er ihr eben die Hand küsste Der Graf war nicht
eifersüchtig aber diese Vertraulichkeit mit dem nichtswürdigen Menschen war ihm
verhasst er stellte ihr sehr ernstaft den Fremden als den Prediger Frank aus
der Nachbarschaft vor ein evangelischer Geistlicher der um die Landwirtschaft
der Gegend große Verdienste hatte der als ein guter Erzähler in der Gegend
bekannt war und den der Graf diesmal als Gegengift gegen die beiden lächerlichen
Personen der Gräfin geholt hatte Die Gräfin begrüßte ihn kalt und wendete sich
gleich wieder zu dem Baron und zu seinen Gesellen und sagte ihnen Artigkeiten
Der Graf nahm den Baron beiseite und sagte ihm ergrimmend er möchte sich doch
gefälligst im Augenblicke gleich und ohne Säumnis mit seinen beiden Gesellen
fortscheren Der Baron wiederholte das ganz laut zur Gräfin und sagte »Nun
sehen Sie wie er ist ich glaube wenn ich nicht gleich ginge schmiss er mich
die Treppe hinunter kann ich mich wohl bei gesunder Vernunft dem
Herunterschmeissen aussetzen das kostete mir wenigstens ein paar Taler an Salben
und Pflastern viel lieber bezahle ich mein Mittagsessen in der Dorfschenke
nach Tische kommen wir wieder Um euer Essen ist es mir gar nicht zu tun aber
ihr seid Leute mit denen sich ein vernünftig Wort reden lässt ihr seid gerade
wie ich hab ich nicht recht wir passen allein zu einander in der ganzen
Gegend«  Ohne eine Antwort abzuwarten lief er zwischen seinen beiden Stelzen
so ragte er über beide hinaus ohne einen Gruß aus dem Zimmer
    Die Gräfin machte dem Grafen ohne sich vor dem Fremden zurück zu halten
eine Menge Vorwürfe wie er ihr aus Grillen den einzigen Umgang auf dem Lande
verdränge der ihr erträglich sei er sollte doch einmal die hochgepriesenen
adligen Wirtinnen der Nachbarschaft betrachten wie feist dumm oder mager
zänkisch sie alle in dem elendesten Lebenskreise sich herumtummelten Der Graf
antwortete nicht aber ihn kränkte es tief dass sie mit solchem Hochmute sich
über einen würdigen häuslichen Kreis hinaussetze dessen ernste Pflichten zu
erfüllen sie weder Mut noch Geschick habe dessen Unterhaltung zu verstehen ihr
Kenntnis alles einzelnen ländlicher Haushaltung abgehe Der Fremde war ernst und
wenig beredt er sprach einiges mit dem Grafen von der Universitätszeit die ihm
noch mit jugendlichem Reize vorschwebte und fragte nach einem Studenten Hollin
der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben  Der Graf sagte ihm
dass er selbst dabei gegenwärtig gewesen und gar lange in tiefe Betrübnis dadurch
versetzt worden sei ob er ihm gleich nicht näher bekannt gewesen von einem
seiner Freunde der wahnsinnig im Kloster gestorben habe er dessen Papiere
erhalten die er noch wie ein Heiligtum bewahre  Der Prediger bat um die
Mitteilung denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen Manne  Die
Gräfin fragte neugierig nach der Geschichte  DER GRAF »Sie ist sehr lang
nach Tische will ich sie ausführlich aus den Papieren erzählen die in meinem
Zimmer liegen kurz gesagt sein Unglück war Folge der Eifersucht und ich habe
mir seit der Zeit zugeschworen nie eifersüchtig zu sein«  DIE GRÄFIN »Das ist
nicht artig keine Leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die
Eifersucht«  DER PREDIGER »Bei einem Liebhaber geb ich es zu bei einem Manne
ist es aber sehr schmerzlich«  DER GRAF »  Mehr aber war Hollins Schicksal
durch ein Hinaussetzen über bürgerliche und religiöse Verhältnisse in der Liebe
zerrüttet«  DIE GRÄFIN »Bürgerliche Verhältnisse in der Liebe«  DER
PREDIGER »Steht nicht in der Bibel Gott ist die Liebe und wer in der Liebe
lebt der lebt in Gott«  DER GRAF »Ich kenne und ehre den Sinn in welchem
dir liebe Dolores die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden
ist sie hat ohne Anstoß unser Glück begründet aber lieber Herr Prediger
Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen«  DER PREDIGER »Sie
bestreiten eine Hauptstütze meines Systems das Durchdringen der göttlichen
Liebe in der menschlichen.«  DER GRAF »Nicht gegen die Möglichkeit dieses
Durchdringens streite ich aber nur das eine weiß ich gewiss dass dieses
Göttliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist die
täuschend das himmlische Feuer nachzuahmen weiß besonders in unsrer Zeit« 
DIE GRÄFIN »Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht so beleidigst du mich
hast du das an andern gefunden so kann ich eifersüchtig werden und warum bist
du böse auf unsere Zeit leben wir nicht alle darin«  DER GRAF »Sei nicht
eifersüchtig auf die Toten sie sind nicht zu beneiden so lange uns das Leben
grünt ich habe dir so oft gesagt dass ich wenig selbst erfahren und das meiste
der Offenherzigkeit andrer danke Auch bin ich nicht frech unsre Zeit schlimmer
zu nennen als jede andre aber das weiß ich sie trägt der Vorzeit schwere
Sünde und diese abzubüssen ist ihr hohes Verdienst«   DER PREDIGER »Und eben
darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben aber leider vertraut sie ihr nicht«
 DIE GRÄFIN »Wie kann sie ihr auch vertrauen da gleich drei Leute die hier
beisammen so verschieden von ihr denken«  Aus den Betrachtungen die nun von
allen Seiten eintrafen setzen wir hier eine Übersicht zusammen
                         Von der Liebe in unserer Zeit
Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe denn sie ist ihrer selbst ungewiss
    Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen als seine Zeit und achtet
sich groß sich ihr zu entziehen
    Aber keiner vermag es seiner Zeit zu entfliehen wie noch keiner seine
Mutter verleugnen konnte ehe er geboren
    Was bleibt dem stolzen einsamen Flüchtling zwischen Himmel und Erde bleibt
er sich selbst
    Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen Mit den
Gesängen seines Übermutes erhält der Jüngling die Blumen eines empfundenen
Frühlings aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glückes verwelken
    Was ist fest in dir dauernd ruhig
    Der Freude Schmerz der Hoffnung Sehnen ermüden endlich doch in dem
abwechselnden Tanze deiner Träume wenn die Musik noch lange nachklingt
    Was bleibt dir müde Seele wo ist der Glanz der Augen die Fülle der
Gedanken die nahe Freude die Hoffnung der Ferne
    Dir bleibt Entsagung Erinnerung aber du selbst bleibst dir nicht
    Darum sind alle Gebüsche die mit uns groß wurden ihr vertrauter Schatten
von girrenden Tauben durchflattert dem verständigen Manne nicht deswegen allein
heilig weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind der holde
Traum will ihm wieder kehren und er möchte den Glanz des Frühlings in der
drückenden Glut des Sommers wieder erkennen Er fühlt wohl So ist der Frühling
und so ist er auch nicht  Und erwacht ihm im schönen Herbste der Fruchtbaum
dessen Frucht er schon genossen zu neuer Blüte und spinnt der blinkende Reif
ihn noch blütenreicher ein dann fühlt er wohl in Augenblicken der Tod sei die
reichste Blüte denn er sei gewiss sei Frühling Sommer Herbst aus ihm komme
alles
    Wenn dich der eingewurzelte Baum so trösten konnte du einsamer Mensch
warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual zum Vorwurf fürchte dich
selber sonst hast du nichts zu fürchten denn es ist nicht gut dass der Mensch
allein sei Die Lilie erhebt ihr hohes weißes Haupt aber des Menschen Haupt
das unter ihr ruht erhebt sich nicht wieder jede Lilie scheint aber der
andern gleich die im vorigen Jahre abblühte ist es gleich eine andere denn
sie deuten auf einander und leben durch einander fort so der fromme Mensch der
in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt treu seinen Vätern in Tat
und Glauben er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Blüten zu
verstecken
    Vertraue deinem Volke in der Liebe und im Tode das ist der Glaube das wird
zur Tat
    Wer seines Volkes Glauben im Glücke leichtsinnig vergisst in der Not
verlässt den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glücke
verloren gehen lassen
    Hat unsre Zeit hat unser Volk einen Glauben wehe ihnen wenn sie keinen
haben aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebräuche Da steht
geschrieben die Ehe soll ehrlich gehalten werden die Übertreter richtet Gott
und schlägt sie in ihrer Blüte darnieder dass sie nicht Frucht bringen des
Verderbens Sage keiner dass ihn Gott versuche dass er allein sei wo zweie in
seinem Namen versammelt sind da ist er mitten unter ihnen Ein jeglicher wird
versucht wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird danach wenn die Lust
empfangen hat gebieret sie die Sünde die Sünde aber wenn sie vollendet ist
gebieret sie den Tod
    Irret nicht lieben Brüder
Frank der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte fuhr fort
»Sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem Stande entschuldigen
ich lehrte schon an der Schule als Sie Herr Graf auf die Universität kamen
wenigstens zwölf Jahre sind wir unterschieden« »Doch sind Sie noch unverändert
jugendlich in Farbe und Bewegung ich würde Sie für jünger halten« meinte der
Graf  »Bei uns regelmäßig Beschäftigten greifen die Lebensalter nicht voraus
in einander« meinte der Prediger »meist nach bestimmten Perioden die auch
wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind treten wir die großen Stufen
hinunter durch gleiche Ordnung hört manches Mühsame auf beschwerlich zu sein
wir kennen auf dem Lande wenig Anstrengungen die alle unsre Kräfte forderten
und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen die den gewohnten
Verkehr stören dort eine Menge unerklärlicher Krankheiten und Sterbefälle
finden ja ich muss gestehen dass selbst die Einführung der Wechselwirtschaft in
unserer Gegend an der ich eifrig arbeite manchen alten Landwirt dahingerafft
hat mich beruhigt dabei dass er in seinem Berufe gestorben«  Die Gräfin
machte ihm Vorwürfe darüber ob es wohl eines Menschenlebens wert sei dass etwas
gehackte Früchte mehr gebaut worden er lehnte dies ab indem er bewies dass
eben dadurch viel mehr Menschen künftig gut leben könnten Der Tisch wurde
inzwischen aufgehoben der Graf führte seine Frau und seinen Freund in eine
angenehme Weinlaube hinter dem Schloss die als ein großes grünes Dach von
wenigen Säulen unterstützt an welchen der Weinstock aufrankte ein eigenes
Sommerhaus bildete in welches die Sonne durch die zackigen Blätter gar angenehm
auf die kleinen Trauben blickte Bequeme Sitze Birkwasser Rheinwein und Zucker
wurde von den Bedienten gebracht der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend
umher einzelne Denkmale und erzählte deren Geschichte Die Gräfin trat mit
Berichtigungen dazwischen sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen
gelernt als der Graf ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen
hatte Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn nicht länger die Erzählung
vorzuentalten die er bei Tische versprochen Der Graf entfernte sich einige
Augenblicke dann kam er mit einem großen Paket von mancherlei Papieren zurück
ehe er diese geordnet füllte der Prediger die Stille mit einer patetischen
Anrede die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien
    PREDIGER »Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze wie goldene
Luftschlösser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer und
meine Augen gehen unter in dem Glanze Aber hier von der Höhe eines freien
reichen altritterlichen Schlosses darf ich schon zu euch hinblicken ihr
goldenen Berge auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen jede ihr
Eigenes dabei denkend in sich alles scheint mir hier so nahe an der Seite des
Musenfreundes an der Seite der Schönheit Wie glänzet der Rossquell in den
Abendstrahlen es wiehert das Flügelross « Wirklich wieherte in diesem
Augenblicke des Grafen Rappe der in der grünen Koppel alle Anstrengungen des
vorigen Tages vergessen hatte »Nur ein Trunk alter Lust nur ein Jubelgesang
alter Stimmung und ich bin wieder derselbe dem die Zeit wie ein Vogel in
höchster heller Luftöhe mit gleichen Flügeln schwebend stille zu stehen
schien Dieses Glas trinke ich dir zu Mutter aller Musen Erinnerung du
wunderbare Schicksalsgöttin alles inneren Lebens aller Gedanken denn wer die
Töchter gewinnen will der muss es mit der Mutter halten Wie so ganz gegenwärtig
wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H wie zeichnete er sich als
Redner der Studenten bei dem glänzenden Morgenfeste aus das von der Universität
in dem Botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Königs und der
schönen Königin gegeben wurde sein Anstand seine tiefe Stimme das männlich
Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer für ihn ein auch die hohen
Herrschaften dankten ihm gnädig Jedermann musste ihm gut sein so gar kein böser
Hinterhalt war hinter seinen Augen möglich die so lebendig mitsprachen dass
seine Seele wie in einem Glashause dachte wo jedermann zuschauen konnte ohne
dass er etwas davon ahndete Darum sahen die Mädchen meist nieder wenn er sie
anblickte und die älteren Frauen in ungefährlichen Jahren lachten ihm alle
freundlich entgegen er hatte sein Teil erwählt er gab wenig auf sie acht und
mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen die
farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen saßen die sie geboren
und mit ihnen an den hohen Bäumen noch zu schweben schienen Auch mich ergriff
der allgemeine Verkehr auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen Jubel
der sich immer nach dem Hofe drängte und von ihm zurück strömte Der König
fragte mit Weisheit nach den Bedürfnissen der Stadt und der Universität rühmte
das zarte Ehrgefühl die gute freie Lebensart der Studenten ihre Begeisterung
für Kunst Wissenschaft und Vaterland Die Früchte des Landes und die fremden
Früchte des Gartens Ananas Melonen und Feigen wetteiferten in Fülle Süße und
Saftigkeit der Wein wurde reichlich geschenkt dass selbst der Boden von seinem
Opfer duftete doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Jünglinge und
Mädchen deren Chöre abwechselnd die Luft einander zuschmeichelnd sie mit
Wollust erfüllten In diesem Jubel sah ich Hollin zum letztenmal der Hof zog
fort und die Stadt schien mir ausgestorben alle junge Leute hatten sich in die
zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste was sie gesagt wie sie sich
getragen wiederholten wir einander«
    Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht und er begann
die Geschichte ohne alle Umständlichkeit indem er ihr gleich einen Titel gab
 
                                Neuntes Kapitel
                               Hollins Liebeleben
2
»Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule gewannen einander
sogleich lieb und veranlassten dadurch dass ihnen der Rektor ein
gemeinschaftliches Zimmer anwies das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der
Universität mit einander bewohnten Jener war dem letzteren an Alter Vermögen
und Talent überlegen diese Überlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen
Riss durch ihre Freundschaft Sie versuchten sich mit einander in allem was das
Schulleben mit sich führt sie präparierten sich miteinander brateten heimlich
einander Kartoffeln schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern Schulen
hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug in welchem sie
abwechselnd Kömodie und Kaffeehaus besuchten sie waren auf der ganzen Schule
unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt Odoardo der früher schlimme Jahre
bei seinem armen Vater zugebracht hatte welcher Doktor in G war hatte mehr
Bewusstsein dadurch mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen war dadurch eine Art
wohltätiger Hofmeister Hollins der ihn von tausend Unbesonnenheiten
zurückhielt in allem übrigen lebten sie so in einander über dass die Lehrer
Mühe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden Die Vormünder schickten Hollin
nach H der Vater berief Odoardo nach G beides war ihren vereinigten
Bemühungen unabänderlich weil jeder vom andern die Abänderung erwartet hatte
sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fühlten doch erst nachher was sie
an einander verloren hatten Als sie von einander Abschied nahmen sagte
Odoardo Dies ist ein Augenblick wo wir uns trennen vielleicht kommt ein
Augenblick wo wir uns wiedersehen gewiss aber einer wo wir uns hinlegen und
nicht wieder aufstehen und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten
Briefe und an manches andre Traurige wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis
auf die Namen die sie in ihre Bänke eingeschnitten bald vernichtet sein werde
dabei erinnerte er sich wie er als Kind fest geglaubt er werde ewig leben bis
sein liebster Spielkamerad ein Hund sich in der Morgensonne aufgestreckt
still geworden und gestorben sei  von der Universität schrieb er nichts Ganz
anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universität Himmel
welch ein Gefühl als ich die ersten Spitzen der Türme und immer mehr endlich
die ganze herrliche Freistatt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah Noch
ist er nicht verhallt in mir der innere Ruf nach Freiheit der mich als Kind
schon zum kühnen Spiele auftrieb Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und
Freiheit Keime Blüten Vogelbrut selbst die stummen Fische verlassen im
Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen über seine Fläche
hin Und wir frei aufgerichtet zur Mittagssonne die wir unsre Erde in Luft und
Wasser umkreisen und durchstreifen dürfen sollten die Fülle der schwellenden
Kraft und Freude im trägen Kleinmute des Bürgerlebens eindämmen Der Wagen
schien mir unerträglich langsam fortzuschleichen wie die Zeit auf unsern
Schulbänken Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert
bewillkommte uns zutraulich ohne uns zu kennen lud uns gastfrei zum Mahle ein
und verbrüderte sich mit uns verbrüdert uns nicht alle menschliche Gestalt ist
nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen alles
liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen  Im nächsten Briefe erzählte er
seinem Freunde dass er in eine Landsmannschaft aufgenommen einer der besten
Fechter geworden sei dass er sich bemühe ihnen dagegen seinen Sinn für alles
Tiefe in der Philosophie mitzuteilen Warnend schreibt Odoardo von seiner
Universität Mir ist alles hier unerträglich einförmig bis auf die
untergeschobenen auswendig gelernten Einfälle Ein paar lächerliche Namen ein
Dutzend Scherze über Dinge des täglichen Gebrauchs dieselbe Manier arme Leute
zu beleidigen die sie nicht fürchten viel Erzählungen ehemaliger Tapferkeit
und nachahmenden Mut aus Furcht vor der Schande das hab ich schon entdeckt Wer
nicht platt ist wird aberwitzig genannt wer Poesie liebt ein Kraftgenie wer
einen andern als den hergebrachten Spaß treibt von dem heißt es er wolle etwas
vorstellen In den Gesellschaften ist stummes eitles Hofmachen alles in
ernsthafter Wichtigkeit haben sie dann etwas Wein genossen so werden sie grob
nach ihrer Art genialisch und sagen den Frauen Unanständigkeiten diese fliegen
verstört auf und werden von ihren Beleidigern nach Hause geführt Dann gibts
Schlägereien selbst zwischen Freunden die einander alles verziehen haben zum
Glück kommt selten was dabei heraus Von dem unsinnigen Lernen sage ich kein
Wort die meisten tun nichts als Heftschreiben
    Hollin hatte sich mit solcher Lust in die Studentenwirtschaft geworfen dass
ihm sehr bald ein Vorsteheramt seiner Landsmannschaft übergeben wurde Eine
große Streitigkeit zwischen Landsmannschaften und Orden entzweite damals die
Universität er nahm heftig die Partei der ersteren weil er darin wenigstens
keinen solchen Trennungsgrund wie in den Orden fand die notwendig weil alle
daran teilnehmen konnten im ewigen Kampfe unter einander bleiben mussten Alles
sollte durch einen Zweikampf zwischen beiden Parteien ausgeglichen werden er
wollte für alle fechten das erfüllte ihn mit Freude nur das Unbestimmte des
Kampfes bewegte ihn hätte er sich bestimmt einen Arm einen Fuß abhauen lassen
dürfen es wäre ihm lieber gewesen Er kam früh auf das Dorf wo gekämpft werden
sollte Freunde und Feinde unterhielten sich wie gewöhnlich von Nebensachen ganz
frei Vor allen gewann er einen gewissen Lenardo aus G ganz ungemein lieb der
aus Hang zur Unabhängigkeit von seinem Vater der ihn dort einschränken wollte
ohne Abschied nach H abgereist war Offen ohne Zweck lustig aus Bedürfnis und
darum dem Weine dem Spiele den Mädchen ergeben fleißig zum Scherz mutig ohne
es zu wissen nie Beleidiger fast immer Versöhner beim Weine mit allen
Gutfreund mit keinem insbesondere hatte er so viel Bekanntschaften gestiftet
so viel Brüderschaften getrunken so viel Trennungen erfahren dass er in jedem
neuen Bekannten zehn alte wieder begrüßte und wiederfand ohne es zu wissen Er
war immer der einzige ohne Stammbuch der sich in allen Stammbüchern fand immer
von Memorabilien umgeben der aber keine einzige behielt dem die vergangene
Zeit ganz vergangen Witz hörte er gern von andern um Gelegenheit zum Lachen zu
haben er selbst hatte den Witz nur im Trunke rasch im Wetten aber selten
glücklich weil er wenig genau hörte glücklich im Spiele gewann er doch
selten weil er nur im Unglücke wagte leichten Weibern sehr willkommen war er
doch selten geneigt den Umständen einer etwas vornehmeren Verbindung sich zu
unterziehen die schnellere Entscheidung bei den unteren Klassen machte ihm mehr
Genuss in den Künsten zeigte er stets ein vorwiegendes dramatisches Talent So
ist er noch jetzt und so war er denn er gehört zu den unveränderlichsten
Menschen unversehrt ob er gleich zehn verschiedene Weine an einem Abende
aufeinander setzt Dies wurde sein Gegner sie umarmten sich erst dann schlugen
sie sich Lenardo wurde sehr bald schwer in den Leib verwundet Hollin hätte
sich in seinen Hieber stürzen mögen doch der Wunsch seinem Freunde zu helfen
trieb ihn zu Pferde nach der Stadt einen Wundarzt zu holen dem Mediziner der
gegenwärtig fehlte es an Geschick er hatte mit seinem Bindezeuge bloß
figuriert Als dieser ankam und den Verwundeten der an einem Ofen halb gebraten
und halb erstarrt lag von dem drückenden Verbande der Schnupftücher befreit
hatte und mit der Sonde auf und nieder fuhr in der Wunde da hing Hollin wie
ein loser Stein über dem Abgrunde endlich hielt ihn die Hoffnung fest und die
Hoffnung ließ ihn nicht zu Schanden werden die edlen Teile im Innern waren
unverletzt Ohne Ermüdung wachte er in den kalten Nächten bei dem Freunde und
der Zufall machte ihn bald mit allen Lebensverhältnissen Lenardos bekannt Er
musste an dessen Schwester Marie schreiben sie möchte sein böses Verhältnis mit
dem Vater ausgleichen dabei rühmte er ihm die Schwester als unendlich liebevoll
und gut Hollin hatte einen jugendlichen Hochmut gegen die Weiber aus Mangel an
Umgang mit ihnen hielt er sie kaum für Menschen insbesondre hatte er gegen alle
moderne Sitten derselben aus einigen Darstellungen in Komödien neuerer Zeit
einen bestimmten Abscheu was er von Liebe wusste war nur im allgemeinen
empfunden nie bei einer einzelnen entdeckt Lenardo sprach mit ihm ob er ein
Mädchen heiraten sollte die ihm recht gut sei und viel Geld habe er wäre dann
auf einmal aus seiner Schuldenlast Hollin fand das frevelhaft behauptete wenn
es überhaupt eine Ehe geben dürfe so müsse sie das Band zweier Liebenden sein
der Liebe gehöre jede Hingebung und alle äußeren Verhältnisse müssten vor ihr
verschwinden ein Hingeben ohne Liebe sei Unzucht wer mit dem Feuer der
Haushaltung die Liebesfackel anzünden wolle der werde darin wie im höllischen
Feuer verbrennen und nur aus dieser Unnatur die häufig sogar aus Pflicht
getrieben würde entstehe alle sinnlose Ausschweifung der Männer und die feile
Liebe« 
»Da hat er einmal nicht ganz recht« rief die Gräfin eifrig  »Sie haben
recht« entgegnete der Prediger »ich leugne was er von dem Hinaussetzen der
Liebe über äußere Verhältnisse sagt insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus
versetzen kann«  »Das meinte ich nicht« antwortete die Gräfin »aber mir sind
viele Beispiele bekannt dass Ehen bloß der Ausstattung wegen gestiftet wurden
die sehr glücklich ausschlugen das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden«
»So etwas muss man nicht sehen« brummte der Graf vor sich
    »  Lenardo genas und Hollin zog sich von dem großen Studentenhaufen zu
seinen Büchern zurück der Wunsch andre zu bilden misslang ihm fast gänzlich
denn er wollte alles in der Natur übereilen Einsam durchstrich er zum erstenmal
die schnell aufgrünende Frühlingsbühne schwelgte an jedem neu grünen Blatte und
im Laufe der krummen Fusswege kam er über eine Brücke auf eine Insel im Gefühle
der Einsamkeit ließ er sich einen kleinen Geiger kommen setzte sich in eine
Laube und knackte Nüsse die meist hohl waren sein Herz war voll Lenardo
schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf er werde gleich seine Schwester
zu ihm führen die heute angekommen sein Vater sei versöhnt Hollins Brief habe
das ganze Haus entzückt alle wären begierig ihn kennen zu lernen Er sprang
fort ohne Hollins Antwort zu hören der ihm versicherte er könne in dem
Augenblicke mit keinem Weibe reden Hollin warf aus Verdruss Tisch und Bank um
ließ den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht Bald kam
Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Mädchen Lenardo erklärte ihnen
lachend den wunderlichen Hass seines Freundes gegen alle Weiber beide schienen
dadurch etwas beleidigt Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und für seinen
Hass und für seine Ruhe sah er zu viel beide verschwanden im Augenblicke Was
hätte er jetzt dafür gegeben mit Marien sprechen zu dürfen aber er hatte sie
beleidigt was hätte er ihr sagen können ihr Bild schwebte ihm noch deutlich
vor als sie lange fort war und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum
und meinte wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster
dunkelte da stehe sie und da meinte er etwas zu sehen  Lenardo reiste den
nächsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort nach seiner Weise hatte
er vergessen irgend jemand davon zu sprechen niemand wusste wohin Hollin
ärgerte diese Nachlässigkeit denn er konnte nicht Ruhe finden bis er die
Beleidigung gut gemacht der er selbst diese stille Abreise fälschlich
zuschrieb er entschloss sich zur Zerstreuung den Harz zu Fuße zu durchstreichen
und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Höhen in den großen Ansichten der
Natur sich selbst mehr zu vergessen Eines Tages kehrte er in Goslar spät abends
ein die Altertümlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt er ging durch die
engen Gassen von fliessendem Wasser durchschnitten vor dem Ratause voll bunter
Schnitzwerke vor der alten Kirche mit wunderbaren Bildern geziert vorbei ihm
ward ein so wohltuendes Gefühl durch alle Adern gegossen als kehre er nach
abgebüssten Sünden von einem Kreuzzuge heim als werde ihm morgen des Glückes
Sonne einmal wieder scheinen Im Gasthofe fand er einen trüben Brief von
Odoardo Werters Leiden waren dem in die Hände gefallen und fühlte er auch
nicht das zerstörende sich selbst wiederkäuende Ungeheuer in der Welt so
fühlte er doch bedrängt von lästiger ärztlicher Praxis die er für seinen Vater
übernommen hatte eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung ein törichtes
ermüdendes Spiel aller Naturerscheinungen eine ewige Wiederkehr der Jahre
derselben Blüten derselben Menschen ihrer Verhältnisse weswegen man in alle
Ewigkeit hin in demselben Sinne aus derselben Apokalypse prophezeien könne Wir
müssen so laufen schrieb er damit die Schuhe ausgetreten werden und sind sie
ausgetreten so sind sie zerrissen und die neuen drücken wieder die
Unendlichkeit steht lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir können
ihr Angesicht nicht erblicken Und denke ich Deiner Freundschaft sieh da füllt
sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir in welchem
noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte mit klarem Wasser nachdem die
Schleusen erschlossen sind Wie ist alles so voll und so leer so freundlich und
traurig zugleich alles Tag in Nacht Im Lichte der Freundschaft glänzt die
Spitze unsres Hauptes in Klarheit aber die Augen trauren schon in der dunkelen
Nacht Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen die wenigen welche
ihr Inneres austauschen und Freude zeugen sie treibt der starke Bogen des
Schicksals in alle vier Weltteile Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile
erreichen ein Ziel Gibt es ein Ziel Könnte ich diese Welt der Bewegung nur aus
mir los werden  alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer
Gräfin von der erzählt worden wie sie ruhig zu Bette gegangen und in
Selbstverbrennung vernichtet ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung
in ein Aschenhäufchen verwandelt wiedergefunden sei  Hollin antwortete gleich
seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung Dein Brief war
Selbstmord Glaub mir nur dies die meisten Menschen sind Selbstmörder und Du
gehörst zu den vielen die es verachten ihr Leben durch einen mächtigen
Giftbecher zu enden aber das Gift gierig in tausend schönen Lebensblumen
aufsuchen und einsaugen Und ist nicht das letzte unwillkürliche Ringen nach
Leben der Todeskampf das letzte Aufatmen der Todesseufzer ein eigentlicher
Abscheu der Natur, das Verdammungsurteil des Selbstmörders Uns leitet das
elende Zeitalter zum Selbstmorde die meisten folgen und fallen darin wenn sie
auch nicht Hand an sich legen lass uns mutig und kräftig dem Strome der Zeit
entgegen schwimmen wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt
der stirbt für die Freiheit und lebt in ihr Bist Du aber wahnsinnig in trüben
Stunden und kannst nicht anders und musst so denken wie Werter so lass Dich
anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche weniger anstrengende Dir
mehr angemessene Tätigkeit als jene ist zu welcher Dich Dein Vater bestimmt
auf dass Dir die müßige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde die Dir nicht
taugt und nie getaugt hat
    Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestört
das regte ihn an allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen es klingelte im
Nebenzimmer er hörte eine weibliche Stimme seine Lust an Abenteuern erwachte
er trat an die Türe und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme Was
beliebt  Eine alte Weiberstimme antwortete ihm Bitt Er doch den Herrn im
Nebenzimmer dass er seine Nachtmusik bis morgen verspart wenn wir fort sind 
Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spaß aber wie wurde er erschreckt als
er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn hörte es war Maria
Lenardo mit ihrer Mutter gewesen Beide waren ganz früh mit dem Vater dem
Brocken zugewandert Kaum war der Kellner fort so sprang er in sich wütend und
tief gekränkt in das Nebenzimmer alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu
sammeln sie musste ganz ihm zunächst geschlafen haben durch ein dünnes Brett
geschieden denn das andere Bett war nach der Gewohnheit älterer Leute hoch
aufgestapelt mit Kissen Er konnte es nicht lassen er stürzte sich in das
glückliche Bett das sie umschlossen es war noch erwärmt und der Duft der
Gesundheit erfüllte es ganz und immer tiefer drängte er sich in das Federbett
es schlägt über ihm zusammen er sinkt in Wohlsein unter Als er sich
zusammengerafft sich angezogen hatte eilte er der Gesellschaft mit solcher
Eile nach dass er sie in drei Stunden schweisstriefend erreichte er wollte sich
erst als Fremdling ihnen vorstellen um kein Vorurteil für sich und gegen sich
zu erregen In der schönen Gegend ließ er sich aber so frei aus dass sein
Geheimnis bald seinen Lippen entfiel von Marien recht zart aufgenommen und mit
einem Kranze für alles Verdienst zurückgegeben wurde was er sich um ihren
Bruder erworben Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte für die Haushaltung
aller und Marie schenkte mit sorgsamen freundlichen fragenden Blicken den Tee
ein der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau die nichts davon verstand
Hollin ging mit Marien über Tal und Höhe so selig dass er über die schöne Gegend
kein Wort sagen konnte Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause
an das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen woraus ihnen aber Lenardo mit
vollem Glase entgegentrat Er neckte Schwester und Freund der Vater stellte
sich auch jung mit ihm um sich vor seiner Frau auszuzeichnen Lenardo brachte
eine Zahl steifer Gesellen herein die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und
Bein auf den Felsen gebrochen hatten alle wusste er in Tätigkeit zu bringen sie
mussten mit seiner Schwester tanzen auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf
ihren schönen Rücken Dann forderte Lenardo Hollin auf seine Schwester zur Ruhe
zu magnetisieren das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment und Hollin
musste sich anschicken mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nähe der
Geliebten in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der
magnetischen Bewegung über alle Schönheit zwischen Berührung und Nichtberührung
hinzuschweben der qualvollste Genuss in der ganzen Welt fast wie aller Umgang
zwischen Braut und Bräutigam die zu vertraut sind um sich Gewöhnliches zu
sagen und sich nicht mehr erlauben dürfen Einer meiner Freunde klagte mir einst
in solchem Zustande dass ihm von dem ewigen Lächeln dabei die Lippen wehe täten
Hollin lief gleich darauf ins Freie während der Rat das Einschlafen der Tochter
wissenschaftlich erklärte er ging und stolperte über die Hexenaltäre und als er
zurückkam stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem Munde gegen die Scheiben des
Fensters gelehnt zu tief in sich versenkt um zu bemerken wie er still einen
Kuss auf dieselbe Scheibe von außen drückte Nachher stieg er zu den Studenten
auf den Turm und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch  Am Morgen früh
auf sah er Städte Hügel Ströme im Frühscheine durch das Wolkenmeer leise
vordringen sah die Grundsteine vieler Häuser rings wo jetzt alles unbewohnt
nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist und er dachte sich ein Volk das
diese große Natur und ihre Beschwerden in täglicher Gewohnheit gebraucht und
fragte sich ob wohl alle Künste zu dieser Herrschaft über die Natur wieder
hinführen könnten Ein scharfes Wehen am Himmel verkündete ihm die Nähe der
Sonne er nahte sich dem Hause und Maria trat mit einem Brockenstrausse hinaus
Er glaubte das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben
vorausgesehen zu haben er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete
unbewusst Sie berührte seine Stirne mit ihrer Hand er sprang freudig auf die
Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort dass eine Welt in der
Reinheit erster Schöpfung vor ihnen lag und als sie sich vom Glanze abwandten
und hinter sich blickten da sahen sie sich selbst in ungeheurer Größe auf den
Wolken dass sie in sich tief erschauderten Der Rat und die Studenten die beim
Kaffee den Sonnenaufgang versäumt hatten kamen dazu und freuten sich über die
Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes wovon sie alle gehört hatten
Lenardo spielte eine lächerliche Tragödienszene als Schattenspiel in den Wolken
 Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird so scheint es nötig ihre
frühere Geschichte zu charakterisieren Nie gab es ein ergebneres Mädchen der
Ausdruck lässt sich durch keinen andern erklären sie setzte sich allen nach und
wo sie liebte wusste sie nichts Höheres als ganz demütig zu dienen den
leisesten Wünschen des Geliebten ohne Überlegung und Rücksicht entgegen zu
kommen Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen sie werde noch viel Not
erleben mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter Bruder und Vater so
streitig jene drei unter einander waren jedem tat sie einzeln wohl
schmeichelte und half jedem waren sie beisammen dann ging ihre Verlegenheit
an die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte Unserm Hollin
fühlte sie sich eigen noch ehe sie ihn gesehen und seit der Zeit war ihr
stetes Bemühen ihm das zu beweisen doch lange vergeblich da seine
Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte Aber sie
reisten jetzt weiter mit einander, waren oft allein durchkrochen die Bielshöhle
zusammen und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben
alles war abgemacht doch musste alles geheim gehalten werden weil Hollin ohne
Amt in den Augen des Vaters für keinen Freier gelten konnte Bald sollte auch
der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe
werden denn die Liebe hat höhere Geheimnisse Maria verweilte einige Zeit mit
ihren Eltern bei Freunden in der Nähe von Blankenburg um Marien desto
ungestörter allein zu sehen nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich
in der Nähe in einer öden Försterhütte unter dem angenommenen Namen eines
bekannten Malers und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief
träumte er die ganze Nacht er liege verkehrt in seinem Bette Maria ging oft
allein aus dies fiel niemand auf an einem der schönsten Morgen traf sie mit
dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Rosstrappe sie gestützt auf ihn er
umschlungen von ihr so strichen sie in leisem Geflüster durch das dichte
Buchengebüsch es war Sonntag und niemand begegnete ihnen Auf einmal wurde es
hell über ihnen sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann
auf der Spitze der Granitwand die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben
und Blühen freier Natur im eingeschlossenen grünen Tale von Wasserfällen
durchschnitten und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen von welchem das
dumpfe gleiche Stoßen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte Und
sie gedachten mit Rührung der schönen Königstochter die von einem verhassten
Freier verfolgt ihr Ross mutig über den Abgrund spornte und ihm entkam Noch war
der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen der Regen hatte den Eindruck erfüllt
und Maria ließ eine Träne dabei fallen auch sie erwartete bei ihrer Rückkehr
ein verhasster reicher Freier und sie fühlte nicht Kraft in sich den Bitten von
Vater und Mutter zu widerstehen Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer
der in den festen Schranken bürgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schönes Leben
aufzehren wollte Zu uns deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen die
tiefe Klarheit des Tals das dichte Grün die Stimmen der Vögel in ihrer
Sicherheit ergebt euch der Natur mit aller ihrer Schönheit in allen ihren
Schrecken hier unten lieget die goldne Krone der schönen Königstochter die ihr
im raschen Sprunge vom Haupte fiel euch ists bestimmt sie zu finden die lange
aufgegeben ist Ich steige hinab sagte Hollin und will da einsam mein Leben
beschließen wenn du mir nicht folgst Maria  Und so stieg er rasch voran und
bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten so
kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach Und wie sie unten ins Tal kamen
da schien ihnen alle Welt anders sie glaubten sich im Paradiese und die
einzigen Menschen auf Erden sie lagerten sich unter einer Laube wo ein Reh
aufgesprungen war die Schranken des Lebens öffneten sich er fand und raubte
die Myrtenkrone der ewige Bund wurde geschlossen Sie waren eins aber dieses
Einssein war ihr alles sie hatten die Welt vergessen auf der sie so sanft
ruhten den Himmel der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz
über ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte Mit Anstrengung aller Kraft
brachte Hollin die Halbohnmächtige nach Hause Der Liebe Leben währt ewig rief
er ihr scheidend sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer
verzögerten Rückkehr angeben Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zurück so lange
die guten Tage dauern wollten und doch kam endlich der schwere letzte Tag wo
Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem
bürgerlichen Unterkommen Als Hollin nun nach der Universität zurückkehrte war
es Nacht einzelne Lichtfenster blickten im Tale die Türme sahen finster über
die dunkle Häusermasse hinaus das Wasser unter ihm glänzte und rauschte über
das Wehr Gesang schallte an einer Seite im ganzen herrschte tiefe Ruhe und
keiner dachte seiner Und da grauete ihm wie er dachte dass andre noch Lust am
Leben bewahren könnten die nicht lebten wie er er fragte sich womit er dies
Glück vor allen andern verdiene Alles schwieg umher auch zwei Nachtigallen
die bis dahin wetteifernd geschlagen ihm war als hätten sie sich tot gesungen
weil nichts ihr Glück ganz sagen und verkünden könne  Bald eilte er von der
Universität nach der Hauptstadt die bürgerliche Ordnung die er erst kühn
gebrochen suchte er jetzt auf um darin Schutz Unterhalt und Ruhe für sein
Glück zu finden Er gefiel allgemein seine Kenntnisse waren eben so gründlich
als mitteilbar der Strom der Gesellschaft erfasste ihn von allen Seiten und er
spielte mit jeder Welle denn alles war ihm neu und er trauete jeder
    Sie erinnern sich dass eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel
begleitete wo Hollin sie so unhöflich abgewiesen hatte dieses Mädchen deren
Namen ich verschweige die hässlich und boshaft dennoch das Vertrauen von Marien
gewonnen hatte hielt sich in der Hauptstadt auf und wurde von Marien erwählt
den geheimen Briefwechsel zu bestellen Sie hasste Hollin seit jenem Tage und
nun hörte sie in dem gemeinen Stadtgeschwätze wie er verschiedene sehr
verdächtige Frauen besuche wie er mit verschiedenen Mädchen versprochen sei
darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zurück und berichtete ihr alles so
bedenklich dass Maria sich nicht trauete wieder zu schreiben Hollin ohne
allen bösen Willen und Absicht in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig
mit seiner Marie beschäftigt konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen
Mariens Freundin leugnete ihm alle Aufträge ab Briefe an sie zu bestellen
Endlich schrieb er an Odoardo er möchte ihm doch von Marien Nachricht geben
Odoardo suchte mit großer Feinheit Bekanntschaft fand nie eine gute
Gelegenheit mit Vorsicht sich zu erklären und konnte ihm weiter nichts
schreiben als was die Stadt wusste dass die Heirat Mariens mit dem reichen
Kaufmanne rückgängig geworden dabei warnte er seinen Freund keiner flüchtig
feurigen Gewalt eines Frühlingsaugenblickes über seine ganze Zukunft die Zügel
zu geben Maria sei kein Weib für ihn sein umfassender Geist würde ihres
kleinen häuslichen Kreises bald überdrüssig sein die Schönheit werde bei einer
gewissen Geistesbeschränkung undenklich verhasst  Hollin lachte des Briefes er
kannte seine Marie besser aber der Brief verschloss ihn gegen den Freund sein
Urteil schien ihm hochmütig ließ er aber seine Empfindlichkeit aus so konnte
jener das Geheimnis erraten das er ihm mit Mühe verbarg Er schob seinen Brief
auf bis eine Krankheit die er rettend bei einer großen Feuersbrunst sich
zugezogen ihn längere Zeit dazu unfähig machte Kaum war er so weit genesen so
schrieb er in erster Freude dem Freunde die Versündigung an Marien verwies er
ihm mit wenigen Worten dann erzählte er ihm seine Krankheit ausführlich
insbesondre einen schweren Traum der ihn sehr gequält Bald sah ich viele
Erscheinungen umher schreibt er Maria in einem schwarzen Kleide eine
Königskrone auf dem Haupte trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf
meine Stirn Du warfest Dich schmerzlich bei mir nieder es standen viele alte
Krieger umher man trug mich fort die Leichenfrau war mit mir beschäftigt ich
sah mich selbst wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag Da
schoss es mir urplötzlich in den Sinn aber ich sähe ja das alles wie könne ich
tot sein ich schauderte vor dem Gedanken lebend begraben zu werden ich wollte
den Trauernden umher mein Leben kund tun Aber keinen Arm konnte ich heben mein
Mund war geschlossen nur mit den starren Augen blickte ich um Schonung von
Euch zu fordern Da kam Marie und drückte auch diese Augen mir zu und ließ eine
Träne darauf fallen Ich fühlte ihren Schmerz und den meinen sie zu verlassen
ich konnte Euch und mich nicht mehr retten der Sargdeckel wurde zugeschlagen
die Träger hoben mich die Schüler sangen Ach wie herrlich ach wie labend ist
nach einem heißen Tage solch ein schöner kühler Abend das Geläut der Glocken
klang durch und das Weinen der Lieben die mich begleiteten Da sammelte ich
meine letzte Kraft Euch ein Zeichen meines Lebens zu geben und erwachte zum
Genesen  Mariens Freundin war unterdessen beschäftigt gewesen ihr jede Stunde
zu verkümmern von ihr erfuhr sie er sei durch Ausschweifungen gefährlich
krank eine sehr verrufene Frau pflege sein Dieser Pflege es ist wahr dankte
er sein Leben aber diese Pflege war bloß Folge jener Güte die fast das einzige
Löbliche ist wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird der
herrliche Mann tat ihr leid ob sie ihn gleich nie näher gekannt hatte Sie
wissen noch nicht in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestoßen
auch in allen andern Verhältnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin
unglücklich wurde Sie wissen nicht was Marie sich und der ganzen Welt gern
verheimlicht hätte dass sie in wenig Monaten von den Folgen jener schönen
Besuche im einsamen Gebirge entbunden werden sollte die jetzt ihr Inneres
doppelt zerrissen Lenardo quälte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen er
hatte die eben erschienene Maria Stuart Schillers so lieb gewonnen und den Vater
ganz auf seine Seite gebracht dass dieses Trauerspiel zu einem Geburtstage der
Mutter in ihrem Hause aufgeführt werden solle und dass Maria die Hauptrolle
übernehmen müsse Er schrieb an Hollin dass er ihm auf dem Krankenlager nach der
Verwundung versprochen ihm einmal einen Dienst zu leisten insofern er seinen
Kräften angemessen nun sei niemand in G der den Mortimer machen könne und
niemand in der Welt der ihn besser machen könne als Hollin er möchte sich also
dazu einfinden Hollin kam die Einladung sehr gelegen er war denselben Morgen
als Bergrat angestellt worden er konnte jetzt bei dem Besitze von dem eignen
Vermögen eine Frau ernähren gleich schrieb er an Lenardo er komme gewiss aber
erst am Tage der Aufführung er müsse ganz geheim halten wer die Rolle
übernommen er selbst könne sie leicht in den Proben spielen und für die Kleider
wolle er selbst sorgen  Seinem Odoardo meldete er seine Versorgung und seine
Ankunft und bat ihn Marien davon zu benachrichtigen den letzteren Brief legte
er in jenen  Lenardo war zu erfreut über das Gelingen seines Planes um den
Brief an seinen Freund richtig zu bestellen erst am Morgen der Aufführung fand
er ihn in einer Tasche und gab ihn dem Odoardo der den Leicester im Stücke
recht brav probierte Odoardo fand in seinem Briefe einen andern an Maria
eingeschlossen er fand keine Gelegenheit ihn während der Probe abzugeben und
wollte ihr nachher einen Besuch machen
    Hollin hatte unterdessen die Reise mit unglaublicher Ungeduld zurückgelegt
er kam in der Nacht in einem Wirtshause zu G an Hier am Ziele seiner Wünsche
scheint ihn die erste Unentschlossenheit angewandelt zu haben die erste
Besorgnis über Mariens Schweigen das er bis dahin der strengen Bewachung der
Ihren zugeschrieben hatte man fand in seinem Taschenbuche aufgeschrieben
Maria als mein Arm zuerst Dich umfing spielte die Natur zu unserm Tanz eine
fröhliche Weise Blumen sprossten unter Deinem Tritte die Vögel liebkosten Dich
mit süßen Klängen Die Blumen sind verblüht die Vögel hinweggezogen der kalte
Herbstwind kräuselt mit dürrem Laube den Staub des Bodens Noch in eben dem
Tanze bebt pocht mein Herz bei dem leisesten Anhauche Deiner Erinnerung sein
Frühling ist nicht entschwunden nicht seine Blüten Bist Du es noch
Hochgeliebte die wie ehemals meiner wartet süße Liebe hättest Du nur ein Wort
zur Antwort mir geschrieben nur ein Angedenken jener Zeit ein Tannensträusschen
mir gesandt ich wäre nicht einsam allein so nahe Dir doch ich war ja immer Dir
nahe und selbst Dein Schweigen war mir lieb
    Nach Endigung der Probe ging Marie auf ihr Zimmer und fand einen Brief von
der boshaften Freundin die ihr Hollins Anstellung und seine nahe Abreise
anzeigte man glaube er hole sich eine Frau aus der Gegend wer aber diese
Glückliche sei bei den vielen denen er Hof gemacht sei schwer zu bestimmen
Mariens erste Empfindung war das sei gelogen aber dann ergriff sie eine Angst
Rache härtete sie mit aller Heftigkeit der gemisshandelten Liebe wollte sie ihm
schreiben sie wollte aller Welt ihre Liebe und ihre Schande bekennen In dem
Augenblicke trat Hollin herein der sich bei einem Untermieter im Hause ein
Zimmer schon frühmorgens zu verschaffen gewusst hatte  er sieht sie und stürzt
sprachlos in ihre Arme Sie dreht sich in einem Gemische aus Zorn und Liebe von
ihm weg sie drückt ihn sanft von sich In diesem Wegwenden fühlt er unschuldig
die Qual der Verdammten von denen Gott sein Angesicht gekehrt halb erstickt
ruft er Maria du wendest dich von mir bist nicht mehr ganz mein Nur ein
Wort ein Blick bei aller Liebe die uns einte bei aller heilgen Treue du
bist mein  Treue Liebe rief sie das ist vorbei ganz vorbei wie hast du
mich so berauben können um beide und sie nachher der Welt Preis gegeben fort
deine Nähe quält mich mehr als ewige Entfernung von dir wie warst du anders
sonst wie war alles anders  Was sollte er sagen es gibt Augenblicke wo man
glaubt die Welt habe eine andre Sprache gelernt oder man habe die eigne
vergessen er stammelte unzusammenhängende Worte von Angedenken und Seligkeit
sie sagte mit den ersten Tränen die sich in ihren Augen gesammelt hatten Wohl
bleibt mir ein Angedenken unsrer Liebe der Schmerz  Jetzt hörte sie im Gange
vor der Türe einige laute Fußtritte sie rief Um meiner Ruhe willen fort fort
mein Vater kommt Sie drängte Hollin mit Angst mehr aus einer unwillkürlichen
Scheu als aus Überlegung nach der Türe  Elende sagte er leise im Abgehen und
ging nach dem Zimmer im Unterstocke in einem wunderbar schmerzlich träumenden
Zustande wie ein Opfertier das der Schlag der es niederstrecken sollte nur
betäubt hatte So saß er auf einem Stuhle betäubt und einsam während Odoardo
denn der war es sich vorsichtig dem Zimmer Mariens genähert und im dunklen
Gange den nach der andern Seite eilenden Freund nicht erkannt hatte Die
mitgebrachten Briefe und Nachrichten erweckten in ihr eine Freude an die sie
nicht glauben wollte Sie musste ihm ganz laut den Schluss von Hollins Briefe
lesen Dir bringe ich dasselbe liebende Herz zurück welches in den herrlichsten
Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfüllte das Deine Liebe mir gewonnen
Maria die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfüllt mich ganz bald
liebes Lebenswunder werde ich Dich umfangen Dich küssen im fremden Namen aber
Dich nicht mein nennen Du wirst mich zurückstossen Sei nur recht hart
zurückstossend weiches Herz verbirg Dich im Königsschmucke Du Schönste ohne
Schmuck und Kleid damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der
gedoppelten Liebe der Kunst und der Natur, allen zur Schau an mich reiße Du
verstehst mich noch nicht Herzenskündige Odoardo wird Dir alles alles
erklären ich kann jetzt nicht die Hand bebt mir von Lust In neun Tagen bin
ich bei Dir eine Ringmauer umfasst uns aber nicht ein Bett Fräulein Lenardo
bist Du und ich Herr Hollin die Lichter sind angezündet der Vorhang rauscht
auf warum trauerst Du Maria Stuart hat Dir die Liebe nichts verraten kein
Traum keine Ahndung Dich umstrahlet der Retter ist Dir nah wie freudig will
er für Dich sterben wie selig mit Dir leben Wie soll ich meinen Augen trauen
der harte böse Neffe Paulets der Mortimer ist mein Hollin Eilende Wolken
Segler der Lüfte wer mit euch wanderte mit euch schiffte
    Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt wozu er sonst
nach seiner rückhaltenden Art schwerlich gelangt wäre Maria erzählte ihm jetzt
welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen erzählte ihm
von des Freundes Ankunft Odoardo freudig dieser Ankunft schwor ihr bei allen
Heiligen die bösen Gerüchte seien falsche Verleumdung alles sei Missverständnis
und lasse sich leicht heben er eile Hollin aufzusuchen um ihn zu versöhnen
Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange
Eingekerkerten bei der Rückkehr an die freie Luft Atem und Besinnung sie fiel
sprachlos und bewusstlos in Odoardos Arme In diesem Augenblicke eröffnete
Hollin der sich noch zu einem Versuche entschlossen alles Rätselhafte in der
Geschichte aufzuklären ganz leise die Türe Odoardo war ängstlich beschäftigt
seine schöne Bürde zu ermuntern er achtete nicht des Geräusches Hollin
starrte wandte sich um eilte fort und ließ die Türe offen deren frischer
Luftstrom die Ohnmächtige erweckte Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe
Hollins zu bringen wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen so
wahr so unschuldig schrieb dass sie innig von seiner Treue überzeugt wurde
ihre Freude war das letzte Aufleben die Esslust eines Todkranken Dann eilte
Odoardo in alle Wirtshäuser seinen Freund aufzusuchen wo er wohnte war er
unter fremden Namen aufgeschrieben und wie wir wissen hatte er schon seit dem
Morgen das Wirtshaus verlassen Odoardo ahndete ein Unglück aber er durchstrich
die Stadt vergebens er begegnete Hollin nirgends
    Hollin scheint indessen weit umher gewesen zu sein sich an den
verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen wo er sich schreibend zu
sammeln bemüht war was sollte er tun Die überall abgerissene Schrift in seinem
Taschenbuch zeigte dass er nirgends mit sich abschließen konnte Wahrscheinlich
nachdem er die Litanei in einer Kirche gehört schrieb er hinein Kyrie eleison
Christe eleison ich habe euch vergeben Halleluja dem Allerbarmer er hat die
fressende Wut eingedämmt  Buhlerin wie Du so leichtsinnig mit mir fromme alte
Sitte gebrochen so leicht wurde es Dir auch mit andern wie Du Deine Eltern
betrogst so betrogst Du mich  Musste ich Dich so wiederfinden Odoardo
liebster Freund ärgster Feind in den schändlichen Armen Odoardo Du bist
unschuldig eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel Noch einmal will
ich sie sehen sie umarmen dann fort fort über Land und Meer
Die Zeit der Aufführung kam heran die Zuhörer sammelten sich Maria ohne
Argwohn kleidete sich fröhlich an Odoardo vermied es ihr seine Besorgnisse
mitzuteilen Es begann eine rührende Symphonie als Hollin unbemerkt im Dunkel
in sein gemietetes Zimmer zurückkam und ohne Beihilfe andrer seine
Teaterkleider anlegte Wahrscheinlich während dieser Musik schrieb er zu seiner
Beruhigung in die Schreibtafel   Was es für Töne sein mögen die aus dem
Innern hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens übertönen Nicht von
außen kommen sie mir es ist die Trauermusik vor einem Toten Zuerst der
Posaunenklang in welchem die großen Orgelgeister erwachen wie sie allmächtig
die Kirchenwände erschüttern dass die Betglocke leise anschlägt In diesen
lustwandeln Oboen und Klarinetten es schallen munter Geigen und Zimbeln
dazwischen Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im
Gesange empor getragen aber der Atem geht ihr aus Wie du so einsam trauerst
Maria Mutter Gottes um den verratenen Sohn kann denn dein Sohn nicht mehr
trauern dass du ihn geboren Warum durchbricht so selten der Strahl des
Auferstandenen diese dunklen Fenster  Es ist tiefe Nacht übers ganze Land
ausgegossen  Da muss ich in der Finsternis an die blöden Augen schlagen ich
sehe dann funkelndes Morgenlicht  Sieh wie die Mauern erbeben Strahlen auf
und nieder schweben Kindlein mit goldnen Flüglein auf der Leiter
herniedersteigen die Himmelsscharen sich freundlich beugen Luft Luft es
öffnet sich jede Gruft Mariens Auge die Himmelsbläue durchbricht freudig
Erbeben seliges Leben ewiges Licht
    Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten
umgeblickt ob Hollin nicht komme und als der Vorhang aufging selbst ein Kleid
angelegt das der Rolle bestimmt war
    Maria rührte durch ihr Elend als Stuart ungemein sie war so ruhig war so
gewiss dass Hollin seine Rolle spielen werde und wirklich trat er unerwartet zu
dem Auftritte heraus wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte
Unser Freund durch die Schönheit seines kräftigen Baues durch den
vorteilhaften alten Anzug gehoben erregte allgemeines Aufsehen das Rollen
seiner Augen wurde als erste Teaterverwirrung aufgenommen man machte ihm mit
Händeklatschen Mut und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre um den Dank
für seinen Scherz in Empfang zu nehmen Auch Maria war bei seinem Anblicken
selig erstaunt doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit um ihre Rolle
auszuspielen Mit überirdischer Heiligkeit sprach er die Rede von der hohen
Wirkung des großen Kirchenfestes Hollin schien nur gekommen Marien noch
einmal zum letztenmal zu sehen und nun sah er sie in aller Schönheit in allem
Glanze mit dem ganzen Zauber der Kunst er fühlte erst jetzt alles Treffende
seiner Rolle auf sich er glaubte eine höhere Macht in diesem wunderbaren
Zufalle und überließ sich ihrer bösen Gewalt  Am Schluße seines Auftrittes
verschwand er Odoardo wollte ihm nach aber Lenardo stellte sich vor ihn und
hinderte es weil Hollin ihm geschrieben er bäte sich aus ihn während der
Vorstellung gegen alle Anreden zu schützen er habe die Rolle so schnell
gelernt dass er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen müsse  In dieser
Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben
So ruhig heilig traurig konntest Du vor mir erscheinen Maria meinen Blick
ertragen  Du spielst im Leben auch zur Schau  Mir ward in Deinem Blick so
weh und bang die Engel und die Teufel alle sie schienen von Dir loszulassen
mich zu umdrängen mich zu fassen die Liebe und die Rache rangen auf die
Allmacht riss mich fort Soll durch den Tod sich Liebe lohnen muss Liebe in dem
Tode wohnen  Die Sterne gehen in ewger Nacht sie drängen unaufhaltsam fort
sie schweben in einem engen Raume das Leben kämpft und erlöscht im Leben bald
ist die Bühne voll es freuen alle sich des vielen Glänzens die eine Bahn von
Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen sie wollen alle sich ersticken 
verzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz der seine Bahn an ihre Bahn
geknüpft Wohl dann bin ich kein Held ich sterbe doch als Held ich opfre
mich weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag Auf ewig soll ich von euch
scheiden Noch einmal will ich ihn den Saum des strahlenden Gewandes küssen
das Deinen Mond Maria blau umflattert noch einmal streb ich mich dem Ring
der Kette anzuschließen die mich so lange hat umschlossen Der Ring zerspringt
es klingt der laute Beifallsjubel der künstlerischen Freunde Verzweiflung packt
mich Wut reißt geisselnd mich durch Meeresflut Ha Kunst du hast gesiegt Jetzt
wirft mich Nordwind auf die öde Felsenspitze gefesselt lieg ich und kann nichts
erfassen es schimmern über mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all
ist fern Noch liebevoll geb ich den wolkigen Gestalten Namen schliess
Freundschaftsbündnis mit den dunklen Armen deren schwarzer Ring durch alle
Winde standhaft kämpft da mein ich schon ich find ihn wieder den verlorenen
Ring ich fass nach ihm mit beiden Armen da schleudert er des Blitzstrahls
zackig rollende Schlangen auf mich herab Ich leb nicht mehr da hallts im
Widerhall der Felsen Soll durch den Tod die Liebe lohnen wird Liebe in dem
Tode wohnen «
»Das verstehe ich nicht« unterbrach die Gräfin den Erzähler Den Grafen musste
heut alles ärgern auch das fühllose Unterbrechen der Erzählung »Es ist ja so
klar er zeigt durch den verhängnisvollen schwarzen Gewitterring die neue
unechte Verbindung an die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt
wird
 Sie erinnern sich wohl dass Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen
glücklichen aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat den Odoardo spielte
Leicester wünscht Maria zu retten doch ohne eigne Aufopferung er hat den
Mortimer in Verdacht dass er gegen Marien kundschafte Mortimer gegen ihn eine
Unterredung voll gegenseitigen Misstrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit
ausführen Odoardo wurde beklommen und wusste nicht warum wäre er festeren
Entschlusses gewesen er hätte Hollin aufgesucht als er eben in seinem Zimmer
geschrieben Gott segne euch mit allem was ihr liebt erleuchte euch nimmer
dass ihr eure Fehler nicht seht behüte euch vor jeder Erinnerung an mich in alle
Ewigkeit
    Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schönheit
Maria übertraf alle Erwartung Nach der unseligen Unterredung mit Elisabet
trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf er schien mit dem Leben zu ringen als
er ausrief
Was ist mir alles Leben gegen dich
Und meine Liebe Eh ich dir entsage
Eh nahe sich das Ende aller Tage
Maria rief wie aus eigener Seele Gott welche Sprache Herr und welche Blicke 
Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zurück stieß es ist unwiderstehlich wahr
und reizend gewesen Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel der sie beide
trennte in die Kulissen Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die
schreckliche Wahrheit solcher Darstellung Alle waren beklommen es schien etwas
Grausenvolles sich zu entwickeln keiner wagte es zum Nachbar zu sprechen
allen klopfte das Herz Maria fühlte sich so heiter in ihrer Rolle weil sie
dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden In der
Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse
vorstehen dass niemand mit ihm reden konnte Nun kam die Unterredung zwischen
ihm und Leicester der schreckliche Verrat des letzteren sein Edelmut zog
unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin Mit welcher Verachtung
wendete sich Hollin zu der Wache die ihn fesseln will Was willst du feiler
Sklav der Tyrannei ich spotte deiner ich bin frei Wie geschickt erwehrte er
sich der Eindringenden und rief dann Geliebte nicht erretten kann ich dich so
will ich dir ein männlich Beispiel geben Maria Heilge bitt für mich und nimm
mich zu dir in dein himmlisch Leben  Bei diesen Worten durchsticht sich
Mortimer mit dem Dolche  Laut riefen alle Beifall riefen Bravo da ruft einer
aus der Wache der ihn aufheben will Jesus er zuckt fürchterlich und ist voll
Blut Entsetzen überfällt alle lähmt alle nur Maria in dem glücklichen Wahne
alles sei nur Täuschung wagt es hinzublicken Hollin winkte ihr sich zu nähern
und sagte fest Meine Augenblicke sind wenige täuschende Kunst hat mich
hingerafft Odoardo wird für dich sorgen bleibe ihm treu  Odoardo hielt den
Dolch fest den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reißen wollte er sah als
geschickter Chirurge dass er dann im Augenblicke sterbe wer will seinen Schmerz
als Freund dabei fühlen fast fürchten wir uns vor der Stärke des eignen
Mitgefühles Maria erwachte aus der ersten Betäubung die sie neben ihm
hingestreckt sie beschwor ihn für sie für sein Kind unter ihrem Herzen zu
leben die Wunde schien nicht gefährlich es entwickelte sich der ganze
schreckliche Irrtum der ihn verwirrt hatte seine Liebe und Freundschaft
kehrten aus der Ewigkeit zurück wohin er sie schon verbannt hatte Er ließ den
Vorhang niederziehen ließ alle Fremden entfernen flehete bei Mariens Vater um
Verzeihung dass er die heiligen Rechte bürgerlicher Ordnung und göttlicher
Einsetzung leichtsinnig gebrochen er wollte sich ihrer guten Folgen für Marie
und ihr Kind nach seinem Tode noch erfreuen ihnen sein Vermögen sichern Ein
Geistlicher mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit trauete ihn mit der
bewusstlosen Maria durch die einfachen Worte Was Gott zusammenfügt soll der
Mensch nicht trennen  Amen sagten alle Hollin rief aber Ich habe es doch
getan Odoardo edler Freund sorge für sie  der Liebe Leben  ewig Bei diesen
Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde das Blut strömte heftig sein Kopf
sank nieder er war tot
    Marie drückte ihm in der schrecklichen Fühllosigkeit des unsäglichen
Schmerzes die Augen zu Odoardo musste sie gewaltsam von der Leiche wegreissen Er
grub seinem Freunde ein Grab außerhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande Maria
starb eine Woche später in der frühzeitigen Geburt mit dem Kinde zugleich Auch
sie begrub er außer der Kirchhofsmauer neben ihm und das Kind zwischen ihnen
und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe Nachdem er alles was er
liebte begraben ging er in ein Kloster Sein böses Schicksal ging nicht mit
ihm ein er verlor Gedächtnis und Erinnerung wurde froh wie ein Kind und las
oft lächelnd die Briefe seines Freundes als sei es ihm eine fremde Geschichte«
    Bei den letzten Worten dieser Erzählung des Grafen stand der Prediger auf
entfernte sich langsam indem er einen offenen Gang hinunterschritt Die Gräfin
sah ihm nach lachte und fragte »Er ist es doch wohl nicht gar selber dieser
Odoardo«  »Ehre den Schmerz« antwortete der Graf  »Ich weiß nicht wie du
mir heute vorkommst« meinte die Gräfin »ganz anders wie sonst ich bin meiner
Natur gemäß lustig hasse alle elende Sentimentalität es tut mir leid dass Herr
Hollin gestorben könnte ich ihn retten so tät ichs aber den schönen
Nachmittag soll er mir nicht verleiden«  Der Graf ging dem Prediger nach und
brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefasst zurück Die Gräfin fragte ihn da er
den Ehestand so lebhaft verteidige so müsse er wahrscheinlich recht glücklich
verheiratet sein  »Ich bin nicht verheiratet« antwortete er »aber ich bin
versprochen muss aber noch sechs Jahre auf meine Vermählung warten und wer
weiß ob dann noch etwas daraus wird Mein Leben ist sonderbar aber
vorwurfsfrei ein Kind von zehn Jahren das Kind eines armen Handwerkers
gewann als ich noch Hofmeister war meine ganze Zuneigung noch weiß sie nichts
davon sie ehrt mich als Wohltäter und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich
oft demütig zum Handkusse während es mein ganzes Wesen beherrscht Ich bin
meiner selbst gewaltig ich bin gewiss dass ich dem lieben Mädchen nichts von
meinem Wohlwollen entziehe sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit
erwählen ihre Neigung mag sie frei erklären nie soll ein Vorwurf von mir sie
bestimmen in dieser Überzeugung trage ich keine Scheu meine Leidenschaft zu
bekennen nur ihre Verheimlichung gegen andre würde sie zum Verbrechen machen«
 »Aber lieber Herr Prediger ist es Ihnen nicht drückend so lange ganz allein
zu wirtschaften die Hoffnung auf Kinder so weit hinaus zu setzen« fragte der
Graf  »Mein werter Graf von meinem Pfarrhause seh ich die Wohnung eines
katholischen Pfarrers Ihres Predigers der Mann hat für sein ganzes Leben all
den Freuden entsagen können um seinem heiligen Willen zu folgen und ich könnte
nicht einmal sechs Jahre aufopfern der Mensch kann sehr viel was unsrem
weichlichen Zeitalter unmöglich scheint der Krieg hat gar manchem diese
Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien die sich jetzt so allgemein
verbreitet führt denselben Beweis für die mögliche Aufopferung aller Kräfte zu
einem heilig verpflichteten Dienste Kinder fehlen mir nicht ich habe deren
viele ohne die gute Sitte zu verletzen mir ist eine wunderbare Kraft
verliehen die mir ganz bewusst ist; wo ich glückliche Ehen sehe die der Kinder
ermangeln da blicke ich die Frauen an und erfülle sie mit guter Hoffnung diese
Wirkung ist in mir ohne alle sündliche Neigung ja meist mir ganz unbewusst
geschieht diese geistige Durchdringung Lachen Sie nicht gnädige Gräfin wer
weiß ob Sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen müssen«  Der Graf fand den
Scherz nicht ganz angenehm die Gräfin dagegen ließ sich in lustige
Betrachtungen über die wunderlichen Verwandtschaften ein die aus solchen
geistigen Blicken entständen sie erklärte Leidenschaften und Freundschaften
die oft eben so plötzlich als überraschend sind aus solcher geistigen
Verwandtschaft Der Prediger gab ihr recht und fügte noch hinzu dass gerade
darin das tief Ergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren und
dieses Wunsches liege der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht ihn
retten zu können wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln dass in so seltenen
Fällen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht in den meisten
Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz
geschieden und sucht sich nur in Täuschungen zu verbinden  »Sie scheinen
viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben erzählen Sie uns noch etwas
davon wenn ich so ins lässige Zuhören gekommen da mag ich den ganzen Abend
nicht mehr reden auch schloss Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernstaft Sie
müssen es durch etwas Lustiges aus Ihrem eignen Leben wieder gut machen«
 
                                Zehntes Kapitel
                  Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank
»Der Wunsch einer schönen Gräfin ist einem armen Landprediger Befehl« sagte
Frank setzte sich und erzählte recht lebhaft nach einer Pause  »Ganz
flüchtig muss ich Ihnen den Umriss meines früheren Lebens zeichnen Sie werden
sich meine Eigentümlichkeit in ein paar Vorfällen daraus besser erklären Mein
Vater war Landprediger meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne
Beherrscherin des Hauses welches sie an mir ihrem einzigen Kinde bis an ihr
Lebensende bewährte Mein Vater starb nachdem er mich durch guten Unterricht
zur Universität wohl vorbereitet hatte diesen einzigen Einfluss auf mich
gestattete ihm meine Mutter sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der
Gegend umher begleiten immer fürchtete sie ich möchte verführt werden Noch
ist es mir unerklärlich was ich unter dem Worte verführen mir gedacht habe es
schauderte mir aber dabei und davor als wäre es ein Spiessen und Brandmarken zu
gleicher Zeit Mein Vater starb als ich zur Universität abgehen wollte und
meine Mutter die bis dahin nicht über ihren Garten hinausgekommen und immer mit
verbundenem Kopfe umher geschlichen war entschloss sich aus Sorge vor meiner
Verführung sich reisefertig zu machen und mich dahin zu begleiten ich hatte
keine Vermutung welches Aufsehen das auf der Universität machen könnte ich
meinte das sei der regelmäßige Gebrauch und war daher nicht wenig überrascht
als ich das unglaubliche Schreien hinter mir her hörte da meine Mutter mich bis
an die Türe des Kollegiums brachte und mich wieder von da abholte Nichts konnte
sie von dieser Lieblingsidee mich zu begleiten abbringen als die Furcht dass
ich mich deswegen mit einigen der alten Spottvögel schlagen müsse deswegen
allein blieb sie zu Hause doch ihre Leidenschaft zu mir verwandelte sich in dem
einsamen Warten in der Besorgnis um mich in Wahnsinn oft warf sie sich Nachts
über mein Bette ob ich auch nicht heimlich ausgegangen sei In solchem Kummer
verging sie wie ein Schatten und ließ mich nach einem halben Jahre ganz selbst
überlassen auf einer der lustigsten Universitäten Doch konnte erst allmählich
meinem Wesen jene Rückhaltung genommen werden ich tat alles dazu besuchte
Fechtboden und Gesellschaften nur vor dem Verführen blieb mir der eingeprägte
Schauder der mich jedesmal ergriff so oft ich aus einer gewöhnlichen
jugendlichen Eitelkeit mir vornahm mit meinen Kameraden gleiche Schuld zu
übernehmen Ich bin fest überzeugt wenn ein Mensch unter drei Augenblicken nur
zweie tugendhaft ist so kann er ein Heiliger werden denn alles Laster hat eine
eigene Umständlichkeit dass die beiden tugendhaften Augenblicke notwendig
zwischentreten müssen Sie haben mich gekannt Herr Graf ich war in allen
übrigen Verhältnissen ein ganz fertiger Student«  »Viel mehr als ich« sagte
der Graf   »Eine Verbindung mit einem Frauenzimmer schien mir indessen ganz
notwendig zu meiner Ausbildung ich wollte also gleich mein Glück bei der Frau
eines Professors versuchen weil es die einzige angesehene Frau in der Stadt
mit der ich bekannt geworden und die für leichtsinnig ausgeschrien war Es
schwärmte damals ein wunderlicher Glücksritter umher der für Männer und Frauen
eine sehr lächerliche Verbindung stiftete weil keiner recht wusste warum oder
wozu sie dienen sollte ein paar symbolische Zeichen machten das ganze
Geheimnis an unserm Orte förderte er physikalische Versuche aller Art
insbesondre die sogenannte Phantasmagorie wodurch in einem dunklen Zimmer
allerlei Gegenstände vermöge einer sehr vollkommenen Zauberlaterne in
überraschender Abwechselung dargestellt wurden Ich benutzte schüchtern diese
Gelegenheit vollkommener Dunkelheit wo meine Verlegenheit nicht sichtbar wurde
ihr Zärtlichkeiten zu sagen ließ meine Hand leise in die ihre gleiten und sie
hielt sie fest ich war ganz sicher dass mir hier ein leichter Sieg bereitet
sei Überlegen Sie auch ob ich so ganz falsch schloss denn unter den acht
Kindern die diese Niobe in einer durchdachten physischen Erziehung schön und
kräftig aufzog wurden dreie fremden Vätern zugeschrieben der Mann selbst war
dessen nicht in Abrede er sagte ehe seine Praxis so ausgebreitet worden habe
er seiner Frau leben können jetzt müsse er sein Glück dem größeren
Wirkungskreise aufopfern und seiner Frau die Freiheit lassen Ich besuchte sie
den andern Tag sie drückte mir wieder freundlich die Hand und ich begann ihr
einige Zärtlichkeiten zu sagen Sie wusste auf halbem Wege was ich wollte sagte
es mir und versicherte dabei so gut ich ihr gefiele denn sie hätte mich lieb
wie ihren eigenen Sohn das könne sie mir nicht zu Gefallen tun Sie erklärte
mir dass ihre Liebe nur dem ausgezeichneten ausgebildetsten Geiste gehöre denn
wie sie ihren Kindern Fülle der Gesundheit geben könne so sollten sie vom Malme
den vollkommensten Geist erhalten darauf nannte sie die Väter ihrer drei
jüngsten Kinder ich erstaunte die Namen dreier ausgezeichneter Männer zu hören
denen sie zum Teil weit nachgereist war um zu ihrer Bekanntschaft zu gelangen
Sie schwor mir dass keiner darunter so schön so reizend ihr gewesen wäre als
ich aber ihre ganze Seele hätte an ihnen gehangen ich sollte mich erst in
irgend einem herrlichen Talente ausgezeichnet bewähren dann möchte ich zu ihr
heimkehren und sie werde mir zu Füßen fallen Dieses ganz offene Geständnis
löste alle Verlegenheit die mich drückte und indem es eine Neugierde bezwang
erweckte es die andre von einer so besonderen Frau mehr zu vernehmen die eine
ganz ausgearbeitete Metaphysik ohne alles literarische Geschrei mit sich
herumtrug Jedes Chor fuhr sie fort das sich selbst überlassen bleibt lässt
unmerklich den Ton sinken der bloße Antrieb die physische Neigung im Menschen
wirkt eben so zum Schlechteren ohne eine höhere Gesinnung können ganze Nationen
darin verdummen und Kriege sind eben darum den Völkern notwendig weil erst in
der Not den meisten Menschen die Talente groß und liebenswert erscheinen Mir
ist die Ehrfurcht gegen Geistesherrlichkeit gegeben dass ich ohne Zwang ganz
frei von je mich den Talenten ergeben seinem umfassenden Geiste dankt es mein
Mann dass ich ihn erwählte ich schwöre Ihnen es ist einzig die Schuld der
Mutter die von der gewöhnlichen Rasse gesunde Dümmlinge in die Welt setzt
welche ohne Idee des Höheren geboren auch in den gewöhnlichsten Verhältnissen
des Lebens vor jeder Götternatur verschwinden sicher hat sie sich durch einen
unwürdigen Mann täuschen lassen und Liebe genannt was bloße Tierheit in ihr
war Liebe ist ein höchst gemissbrauchter Ausdruck die Liebe ist ganz geistig
und die tiefste Demut vor einer andern Natur ihr Organ ist die Sinnlichkeit
mehr nichts und nun fragen Sie sich selbst ob Sie der Sie noch zu gar keiner
Eigentümlichkeit in sich gelangt noch prunken mit Scheinwissen und Kleidern
noch nicht wissen was Sie wollen und von keiner Begeisterung getrieben sind
ob Sie es wohl eigentlich wagen durften einer Frau wie mir Liebesanträge zu
machen Acht Wochenbetten habe ich als Heldin bestanden und das ist wahrlich so
viel als acht Hauptschlachten wenigstens nähere ich mich demselben mit den
Empfindungen eines Helden ich höre die Trompeten der Kampf ist schwer und
schmerzlich aber das Höchste was ich tun kann Wie aber der Krieg nicht des
Kriegers wegen so ist auch die Geburt nicht der Geburt wegen nicht dass sich
das Gleiche vom Gleichen entwickele da wäre unser Leben unwürdig aber das
Höhere soll erreicht werden  junger Mann fühlen Sie davon etwas in sich das
Verachten Ihrer Zeit hilft Ihnen nicht durch erst müssen Sie diese Zeit
verstehen Wahrlich meine Kinder werden mich weit übertreffen  Bei diesen
Worten stand sie auf küsste mich als wollte sie mich an ihre Brust legen und
sagte Ich muss in meine Holländerei ich muss mein Kind stillen Kommen Sie bald
wieder ich möchte Sie einer Freundin empfehlen da Sie bald von der Universität
abgehen wo Sie als Lehrer ihrer Nichten wahre Weltweisheit und
Lebensphilosophie in dem Umgange der gebildetsten Menschen lernen könnten  Ich
kam sehr nachdenklich nach Hause In der ganzen Stadt ging bald das
leichtsinnige Gerede ich sei der glückliche Liebhaber der Frau so wenig ist an
den meisten ähnlichen Gerüchten unter Studenten und alle gingen dem Fusssteige
den ich gemacht hatte nach wie es auch den Studenten eigen und hatten so
wenig davon als ich den sie beneideten Nach einem Jahre ihres entfernten
freundschaftlichen Umganges sehnte ich mich von ihr und von meinen griechischen
Philosophen fort ich war zwei Jahre beschäftigt gewesen alle Knoten zu lösen
welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschürzt
haben und fand am Ende dass ihr ganzes künstliches Netz worin sie so manchen
Fisch gefangen nichts als ein ganz ordinärer Bindfaden sei«
    »Nun nun« sagte der Graf »das beste Gemälde ist ja in allzu großer Nähe
betrachtet nichts als eine Sammlung von bunten Flecken«
    »Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin die Gräfin
Limonie näher kennen sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft
gestiftet einander alles was sie berührte frei zu bekennen Doch schien es
als wenn die Gräfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedürfnis sich
mitzuteilen fühlte immer enthielten die Briefe trübe Klagen über unerreichte
unmögliche Wünsche immer Dank für den mächtigen Trost den ihr die Freundin
verliehen Es soll gewisse Menschen geben bei deren Anblick die Wahnsinnigen
wenn auch nicht vernünftig doch stille werden es gibt andre die über jede
andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben es gehört dazu eine gewisse
Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte die sich auch reichlich
zwischen den beiden Frauen fand Mit dem schönsten Empfehlungsbriefe meiner
Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien als ich von der
Universität abging meine Reise zu der Gräfin Limonie an die sich auf ihrem
Gute welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Städten gelegen während des
Sommers aufhielt Ich war zu Pferde und allein als ich mich dem Gute näherte
ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern der Dünger am Wege abladete wo
der Weg zur Gräfin ginge Der Mann sah mich an und sagte Wollen Sie selbst zu
meiner Schwester  Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine
Frage  Hören Sie fuhr er fort da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat
ziehen Sie sich ganz um oder sie spricht nicht mit Ihnen der Geruch von
Pferden macht ihr Krämpfe ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen
es ist eine Närrin aber sie ist nun einmal so  Ich dankte ihm befremdet für
die Warnung er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schlosshof ging zog ich
mich seinem Rate gemäß im Wirtshause ganz um Dort erfuhr ich dass der Bruder
alle Güter der Gräfin verwalte und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und
verspottet werde Ich begab mich zu ihr Der Türsteher nahm bei aller
Höflichkeit doch eine sehr umständliche Untersuchung mit mir vor ich gab ihm
das Empfehlungsschreiben der Professorin ab worauf mich der Mann in ein recht
artiges Zimmer führte bis das Schreiben gelesen Dies schien kaum vollendet so
führte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles
Zimmer und erbat sich meine Befehle was ich zu meiner Erfrischung bedürfe Ich
verbat mir alles es dauerte aber nicht lange so wurden mancherlei
Erfrischungen Schokolade Kuchen Wein gebracht die Türen blieben halb
geöffnet und es schien mir deutlich dass ich aus der Ferne von allerlei Leuten
beobachtet werde Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Gräfin mit
vielen verbindlichen Grüssen von ihr ich wurde eingeladen wenn ich nicht mehr
ermüdet von der Reise oder sonst durch keine Kränklichkeit verstimmt wäre nach
dem Gesellschaftssaale zu kommen wo ich mehrere Verwandte der Gräfin versammelt
finden würde sie selbst könne erst am Abend sichtbar werden weil sie gestern
ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wäre Ich erkundigte mich
mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens ich konnte aber nichts
erfahren Die Gesellschaft fand ich recht lustig sobald sie die Gräfin vergaß
kaum wurde ihrer aber erwähnt so nahm jedes eine ernsthafte Miene an wie
einer der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen
gepfiffen es wurde von ihr von ihrem Schrecken von ihrer Güte gegen den
Unglücklichen gesprochen ich verstand nichts davon und man wollte es mir auch
nicht aufklären Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Gräfin gebracht
ich zuletzt Das Zimmer war durch eine dünne Florwand in zwei Hälften geteilt
ich trat diesseits ein sie lag jenseits geschmückt mit kunstreichem Kopfaufsatz
auf einem langen Schäferstuhle ihre Füße waren mit einer Spitzendecke
zugedeckt Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite doch
brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor der sich in einem
brennenden Bogen niedersenkte es war Spiekwasser das künstlich durch die
Flamme gedrückt also brannte und duftete Sie sagte mir dass ihre Scham es den
Tag notwendig gemacht hätte sich von der Gesellschaft zu trennen ich möchte
die Scheidewand von Flor verzeihen ich wäre ihr sonst so ganz willkommen wie
der kühlende Hauch des Abends sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu
hören die so viel so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten  Ich
Unglücklicher der den rechten Ton noch nicht treffen konnte sagte ihr zur
Berichtigung die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die
Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen  Gräfin Ja daran
erkenne ich meine Freundin an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung
um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen es ist eine starke Frau aber
dieser Kampf mit ihren Gefühlen muss sie doch endlich erschöpfen  Ich merkte
jetzt dass sie durchaus bedauert sein müsse und sagte Es ist ein Kampf mit dem
Schicksale und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand freilich
so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite Ich weiß nicht wo ich die
Phrase gelesen sie kam mir nicht aus dem Herzen zog aber die ganze
Aufmerksamkeit der Gräfin auf sich  Gräfin Wahr sehr wahr und besonders bei
dem Kampfe der Jugend mit dem Tode die welkende Kinderblüte es ist ein so
rührender Anblick wie das Veilchen am Wege das der müde Wanderer niedertritt
ihre Klage wie die letzten Töne einer ablaufenden Flötenuhr der langsam der
Atem ausgeht wer möchte so eine kleine Leidende nicht wie eine Äterwolke zum
Himmel heben zu Gott blicken seufzen und fragen muss die Schönheit die
Unschuld die Frömmigkeit schon so früh leiden  Ich konnte mich nicht
enthalten in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der
Professorskinder an ihr bestialisches Schreien an die Birkenruten die hinter
jedem Spiegel steckten zu denken sagte aber mit niedergeschlagenen Augen In
den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede Sei es nun
dass es Täuschung oder hatte ich mich unwillkürlich selbst gerührt oder war es
ein Nervenzusammenhang etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle oder ein
naher Schnupfen genug es lief mir eine Träne die Backen herunter  Gräfin Ich
sehe in Ihrem Auge etwas Schöneres glänzen als Diamant bei diesen Worten
drückte sie und der Florvorhang rollte auf Sehen Sie in meinen Augen den
Widerschein vergessen Sie dieses Augenblicks nicht eine reine Träne badet uns
von allem Staube der Welt rein  Ich Tränen sind ein Himmelstau den Psyche
mit ihren Flügeln aus dem Kelche der Blumen schüttelt  Gräfin Das sind schöne
Tränen aber es gibt auch trostlose wie die Tropfen der Aloe bitter Tränen
wie ich sie heut vergossen es verschwimmt die Welt darein  Ich Und sind die
Tränen umsonst ist keine Rettung möglich  Gräfin Ich weiß ich werde es mit
der Zeit verwinden aber warum bin ich Schwächste ausersehen alles Unglück der
Welt zu tragen Mein werter Freund es sind nicht die Hammerschläge des
Schicksals nein die Nadelstiche die immer wiederkehren woran ich verzweifeln
möchte  Ich Blicken Sie empor der Himmel tröstet alle Tiefbetrübten 
Gräfin Weh meine Nerven Lydia lass den Farbenbogen drehen der Schwindel kommt
mir sonst  Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke
dem Regenbogen sehr ähnlich die Gräfin stützte sich matt auf und ich wollte
gehen  Gräfin Ach Sie wollen mich verlassen Sie können das Leiden nicht
sehen  Ich Ich fürchtete nur zu belästigen  Gräfin Aber dass Sie dieses
fürchten wie kam das darüber müssen wir uns noch explizieren morgen werden
wir uns sicher besser verstehen gute Nacht mein neuer Freund ich fühle mich
noch sehr schwach von dem Schrecken  Ich wollte mich entfernen die Gräfin
rief mich zurück Vielleicht erleichtert mich die Musik Sie spielen Fortepiano
schreibt meine Freundin ich will Ihnen etwas vorspielen es ist nichts aber
die Art wie ichs vortrage ist mir eigen  Die Gräfin setzte sich zum
Fortepiano präludierte mühsam langsam bald aber gleiteten ihre schönen Hände
mit großer Schnelligkeit und unermüdlich über das Elfenbein ich stand in
tiefer Bewunderung und küsste am Schluße nachdem sie wohl zwei Stunden mit
außerordentlicher Kraft gespielt hatte die Hände das einzige was mir an der
Frau ganz verständlich war Beim Nachtessen wo ich zuletzt mit der
Gesellschafterin allein blieb nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen
waren um die Gräfin in den Schlaf zu lesen fand ich dass der ernste Ton in
dieser ältlichen Mamsell nur angenommen sie trank gern ihr Glas und lachte dann
über die Gräfin Hier wagte ich es über den Schrecken mich zu erkundigen der
die Gräfin heute so zerrüttet hätte Die Mamsell lachte sie sagte es wäre kein
weiteres Unglück als dass der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die
Wand gebohrt hätte um die Gräfin im Badezimmer zu sehen heute habe sie
plötzlich ein glänzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt wo gerade ein
heller Sonnenstrahl hingeschienen sie sei in dem Quergang aus dem Bade
gestiegen und habe selbst beschämt wegen ihrer Blöße den verzückt
hinstarrenden Kammerdiener gefunden der sich ihr zu Füßen geworfen und eine
unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschützt habe die ihn schon seit Jahren
verzehre sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen
worden den Menschen den sie für immer verbannen möchte dessen Auge ihr ein
steter Verräter seiner unverschämten Neugierde sei um sich zu dulden Ich musste
über die Mordgeschichte herzlich lachen und trank ein Glas übers andre die
Mamsell schenkte auch nichts der Flasche die Ermüdung der Reise wirkte nach
kurz ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh die
Lichter waren abgebrannt die Mamsell lag mit der Nase in ihrer großen
Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak über die Reste
des Desserts geblasen Ich schlich mich leise auf mein Zimmer später hörte ich
dass Mamsell wegen ihrer Ohnmacht von der Gräfin herzlich bedauert wurde Ich
hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht
gleich wieder in die Sprache der Gräfin versetzen die mir gewaltige
Beschreibungen von einem Sturmwinde machte der Nachts vor dem Fenster wie ein
Riese vorüber gerannt und die Nacht verfolgt habe bis sie ihre Sternenkrone
fallen lassen da sei die Sonne aufgegangen und die Beschämte habe sich mit ihm
in eine Höhle unbewusst geflüchtet Dergleichen poetische Prosa war mir noch
nicht ganz geläufig und ich meinte in mir das möchte wohl jenes schreckliche
Schnarchen der Mamsell gewesen sein das allen Tabak über den Tisch geblasen Da
die Gräfin sah dass ich nicht antwortete so beschloss sie sich mit mir zu
explizieren sie explizierte zwei Stunden ich wusste nicht was zu meiner großen
Qual diente es gewiss denn es war schönes Wetter aus Ärgernis küsste ich sie
das sollte wieder expliziert werden Ich armer Unglücklicher war nahe daran
mich aus dem Fenster zu stürzen Sie erzählte mir nun so vieles was ihr eigen
sei dass mir die ganze Welt uneigentlich vorkam das Eigenste war aber dass sie
eine unwiderstehliche Schwachheit für mich seit dem ersten Abende gefühlt hätte
die mir aber ganz unbekannt blieb weil ich in ihrer Nähe immer in meine
lächerliche Rolle verfallen musste Um nicht zu weitläuftig zu werden will ich
statt einer ausführlichen Erzählung der einzelnen Angriffe und Ausfälle nur die
Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen das sie mit großer
Aufrichtigkeit ihrer Freundin der Professorin jede Woche überschickte und das
ich nachher zu lesen bekam als ich aus Überdruss über das langweilige Leben zur
Universität zurück kehrte Eines Tages schrieb sie Meine Schwachheit für ihn
ist leider nur zu gewiss ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nähe gestern
las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen und er
schlief ein wie ist er so ganz in meiner Gewalt Bald darauf Wehe mir die
Jahreszeit die Einsamkeit alles erleichtert ihm seine Kühnheit ich wollte
einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen aber meine Blicke verraten ihm meine
Schwäche was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen und doch ohne dieses
Herz was wären wir Einige Tage später Seltene Tugend eines Jünglings seines
Alters seiner Schönheit in unsrer Zeit er vertraute mir heute dass er noch
nichts vom Glücke der Liebe wisse ich gab ihm einen Kuss dass er ihm ein Siegel
der Tugend werde wehe mir wenn ich ihm die Ruhe raube dem Armen der so früh
schon seine Eltern verloren hat Zuletzt schrieb sie Noch ein Tag wie dieser in
der Sommerlaube und ich bin verloren morgen schreibe ich Dir vielleicht Es ist
geschehen ich atme kaum  ich denke nicht voll Schlaf und Traum ist mein
Gesicht Nun gute Nacht nun guten Tag ich bin verwacht nichts mehr vermag 
    Ist das Journal über ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des
englischen Kapitäns über sein brennendes Schiff den er von Stunde zu Stunde ans
Land schickt bis er mit dem letzten aufgeflogen Doch dazu ließ es meine
qualvolle Langeweile nicht kommen von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts
vernommen denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin sie recht
strenge in ihre verrückte Art und Weise zu zwingen Ganz zermartert von allen
Explikationen des vorigen Tages zog ich frühmorgens an jenem bedenklichen Tage
meine Stiefel an und ritt davon nachdem ich einen Brief zurückgelassen worin
ich allerlei verblümte Worte von der Macht des Frühlings gesagt hatte der mich
zu ihr und von ihr zöge ohne die Seelengrösse zu haben die ihren Flug erhebe
hätte ich doch den Wunsch ihr zu folgen und so sei ich in ihrer Nähe wie ein
sterblicher Mensch an einer Göttertafel  Sie nahm das alles in ihrer Manier
auf als fliehe ich sie um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in
Gefahr zu setzen sie hielt mich für einen der größten Tugendhelden So schrieb
sie an meine Professorin und ich kühlte meine Eigenliebe als ich bei ihr über
die große Freundin spotten konnte Das sei für heute genug«
    Wirklich war es auch dem Grafen überflüssig genug Er hatte während der
letzten Erzählung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen dass er
ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien der nach seiner Frauen
Unschuld strebte als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes
vorschwatzte Als er allein war mit seiner Frau drückte er diesen Widerwillen
ohne Rückhalt aus sie begriff ihn gar nicht sie hatte die Erzählung ganz
unterhaltend gefunden »Nun« sagte der Graf »das muss wohl von seinem
verruchten Anblicken gekommen sein allerwärts sah ja seine böse Lust und seine
Eitelkeit hervor und dabei wette ich die Hälfte ist nicht so wahr das hat er
sich alles weis gemacht um in sein armseliges Leben doch irgend eine
Begebenheit einzuflicken um doch auch sich ein Gefühl zu machen lügt er sich
die Haut voll So lange er von andern erzählte war er erträglich kaum sprach
er von sich da war mirs als wenn man einen berühmten Poeten von Angesicht
sieht man glaubt nicht dass er so gemein aussehen könne Und der verruchte
Blick die Idee ist mir ganz verhasst ich habe ihn erst allmählich deswegen
angesehen ich dachte erst später darüber nach Wenn du niederkommst in neun
Monaten so erkenne ich das Kind nicht an und den verruchten Pfaffen lass ich
als einen Zauberer verbrennen«
                                Elftes Kapitel
                Großer Streit zwischen dem Grafen und der Gräfin
Es war allerdings etwas Scherz in dem Eifer aber der Graf fühlte doch wirklich
so eine Art wunderlicher Eifersucht gegen diesen geistigen Verführer ungefähr
so wie mancher einfache Mann gegen die gelehrten Bekannten seiner gelehrten
Frau Die Gräfin versicherte ihm sie halte ihn für hypochondrisch krank den
ganzen Tag habe er nichts getrieben als ihr jedes Vergnügen abzudisputieren
und jetzt wäre er sogar eifersüchtig auf einen Mann dessen breites glänzendes
Gesicht sie gar nicht ansehen möchte ob denn nicht jeden Tag schönere Männer in
zierlicher Uniform bei ihnen durchmarschierten  Der Vorwurf krank zu sein
brachte den Grafen ganz auf der sich von Kopf bis zu Fuß kerngesund fühlte der
Ärger wollte sich Luft machen »Siehst du« fiel er ein »ob ich nicht recht
habe eifersüchtig zu sein also siehst du doch nach schönen Männern und eine
züchtige Frau muss eigentlich gar nicht wissen ob ein andrer Mann als der ihre
schön ist auch nach Uniformen siehst du es ist merkwürdig wie ein paar bunte
Farben ein paar Tressen alle Weiber bestechen derselbe Mensch in Uniform ist
ihnen nicht mehr derselbe«  »Du bist unerträglich« sagte die Gräfin »wenn
Leute von so schlechten Sitten von so törichtem Argwohn wie du in der Uniform
wären wir Frauen würden sie schon zu unterscheiden und zu meiden wissen« 
»Ich will dir zuvorkommen« sagte der Graf sprang fort in sein Zimmer und die
Gräfin weinte stille vor sich ihr beleidigendes Wort war ihr leid denn es war
ihr erster großer Streit aber sie war zu stolz um ein besserndes Wort
nachzurufen Der Graf war aufs Feld gelaufen und die Gräfin aß allein zu Nacht
und ließ die tolle Ilse dann zu sich kommen die ihr lächerliche Geschichten
erzählte wie sie einmal einen Schäfer der mit seinem Mädchen in einem
Schäferwägelchen geschlafen vom Berge herab in einen kleinen Teich habe rollen
lassen dass die beiden notgedrungen in ein kühles Bad hätten gehen müssen und
Tausende dieses Schlages die sie an der Schnur hatte sie musste die Gräfin ins
Schlafzimmer begleiten als es spät wurde und der Graf noch immer nicht
heimkehrte
    Der Graf hatte in seinem Ärger allerlei Geschäfte gemacht auch manchen
Arbeiter sehr unverdient gescholten Er wollte es nicht sich selbst gestehen
die vielversprechende Ehestandsglückseligkeit die nach seiner Überzeugung alle
Unruhe aus seinem Herzen tilgen sollte fand sich doch in gewissen Stunden
unwirksam auch sie war kein fest bestehender Zustand sondern musste immer neu
wiedergewonnen werden er sah ein dass wohl manches in seiner Frau zu
berichtigen sei was er längst für ausgemacht in ihr gehalten dagegen fand er
aber auch für manche ihrer Äußerungen eine bessere Deutung Ganz verzeihen
konnte er doch ihre letzte Beleidigung nicht als er spät nach Hause kam wollte
er sich deswegen nicht gleich zu ihr begeben sicher meinte er sie würde ihn
aufsuchen nachdem sie ihm vom Meiden gesprochen Er wartete aber sie kam
nicht ungeachtet er noch Licht im Schlafzimmer sah wäre er dahin gegangen so
wäre er vielleicht heftig gegen sie geworden Er blieb also zum ersten Male von
ihr weg streckte sich auf sein Sopha deckte den Mantel über sich hin und
schlief erst spät ein
 
                                Zwölftes Kapitel
        Versöhnung Lorenz der Edelknabe und Rosalie die Kammerjungfer
Der Graf erwachte beim ersten Morgenschimmer Alles ruhte noch im Schloss doch
hörte er allerlei Stimmen auf dem Hofe leise schlich er sich ans Fenster und
horchte durch die sacht geöffnete Fensterspalte Er sah Dolores im Fenster so
reizend so wunderbar reizend wie sie im Morgenschein ganz eigentümlich rot
schimmerte sie sprach mit einem armen Edelknaben der seit einiger Zeit zur
feineren Aufwartung der Gräfin vom Grafen angenommen worden und mit ihrem
älteren Kammerfräulein Rosalie und bald erklärte es sich dass die Gräfin beider
Liebschaft belauscht habe während jene ihr Bad bereitet hatten erst schalt sie
ein wenig ihre Sorglosigkeit und fragte sie wovon sie leben wollten dann ohne
ihre Antwort abzuwarten warf sie einen Geldbeutel ihnen zu befahl ihnen
gleich am Tage ihre Hochzeit zu machen und seufzte zu ihnen mit einer schönen
Träne »Seid glücklicher als ich« Dieser Ausruf der schönen Frau durchschnitt
des Grafen Herz Warum war sie nicht glücklich sie vermisste ihn einige Stunden
Trennung von ihm machten sie unglücklich Nein er hielt sich nicht er eilte in
das Zimmer seiner Frau und statt ihr zu verzeihen bat er sie tausendmal um
Verzeihung Sie war nicht eigentlich böse nicht hart nicht grausam und ihre
Versöhnung war so leicht so schön dass beide den ganzen Tag nicht von einander
lassen wollten wie an ihrem ersten Vermählungstage Doch sie mussten sich
trennen um Bestellungen zum Feste der beiden jungen Leute zu machen der Graf
nahm alle Verantwortung wegen des versäumten dreimaligen Aufgebots auf sich er
sendete drei seiner Kutschen in die nächste Landstadt wo ein paar Dutzend
adliger Fräuleins in einem protestantischen Stifte versammelt waren er war
gewiss dass ein Dutzend kommen würde und versprach sich im voraus vielen Scherz
von ihrem altjüngferlichen Wesen Dann ließ er den Hofdielen und mit
Blumengewinden behängen und ordnete ein kleines Spiel an wozu er die Worte und
Musik mit der ihm eignen Leichtigkeit gab
 
                              Dreizehntes Kapitel
                      Hochzeit des Lorenz und der Rosalie
Die Glocken läuteten schon als alles kaum angeordnet war und die drei Wagen
voll Stiftsfräuleins und die Bauern im besten Sonntagsstaate anlangten Jetzt
sah er erst wie hübsch Rosalie von der Gräfin aufgeputzt war hier neben den
alten steifen grossgenaseten höckrigen Stiftsfräuleins schien das leichte Kind
im weißen Atlaskleide mit Rosabändern mit ihrer schönen Myrtenkrone wie aus
einem überirdischen Geschlechte herabgestiegen und als hätten jene ihr boshaft
die Flügel abgeschnitten um sie unter sich zu bewahren und doch verschwand sie
wieder so ganz neben Dolores dass er ihr ohne allen bösen Willen auf ein
auszuübendes Herrenrecht einen Kuss geben konnte Auch Lorenz der arme
Edelknabe nahm sich in seiner Jägertracht recht gut aus so frisch frei
sicher als hätte er diese Gunst lange vorausgesehen das war ihm noch von dem
Glücke seines Standes geblieben als ihm der Krieg Eltern und Vermögen
entrissen Sein Zwillingsbruder Otto der schon längere Zeit Jäger auf einem
entfernten Vorwerke des Grafen geworden traf kurz vor dem Beginn der
Feierlichkeiten ein er schien sehr verstört und sprach mit seinem Bruder ganz
heimlich dann ging er zu dem Grafen und sagte ihm dass er Soldat geworden und
daher seinen Dienst verlassen müsse der Graf drang darauf die Ursache zu
wissen aber er beschwor dass er sie nicht angeben könne er sei unschuldig
daran Wolf der Schreiber erklärte dem Grafen nachher dass Rosalie erst diesem
älteren Bruder Hoffnung auf ihre Hand gemacht so wie sie es ihm auch schon
getan habe er wolle aber kein Narr sein davon zu gehen wer wüsste was ihm
noch für Glück würde Der Graf ermahnte ihn zum Bessern und benutzte beide
Charaktere für den Schluss eines Gesanges den er zur Nacht eingerichtet hatte 
Wir wollen uns nicht mit der Beschreibung des feierlichen Zuges nach der Kirche
aufhalten die zwölf Fräulein gingen mit einer Andacht der Braut nach als
könnte es hier wohl noch nach dem alten Gebrauche der Hochzeiten gehen der
hundert künftige bei einer wirklichen verspricht Die Rede des Geistlichen war
wohl gedacht und ermahnte sie zur Treue gegen ihre Gutsherrschaft der sie ihr
Glück dankten dann fuhr er fort »Belehret einander denn ihr werdet künftig im
Walde er war zum Förster ernannt einsam leben Du Mann schlage nicht hiebei
schob er dem Bräutigam die Faust in die Rocktasche du Weib schmähe nicht
dabei legte er ihren Finger in ihren Mund denk dass ein Höherer dich sonst auf
den Mund schlägt Betrachtet oft den Ehering an euerem Finger er verklagt euch
wenn ihr aufhöret einander zu lieben3« Auf dem Rückwege schallte allen ein
frohes Lied das der Graf zu Hochzeiten eingeführt es wurden Blumen gestreut
und das ganze Fest wurde mit einem sehr kunstreichen Volkstanze der Gegend
eröffnet der vom Walzer ausgehend und wieder dahin zurückkehrend die wachsende
Zärtlichkeit zwischen den Paaren auf tausend Arten durch Bewegung und Gesang
ausdrückte dann traten zweie hervor die wie Braut und Bräutigam gekleidet
waren der Graf selbst aber erzählte vortretend wo ihr mimisches Spiel nicht
ganz zu verstehen war
Der Graf
Ei du lustiger Edelknecht
Wie spricht die Welt von dir so schlecht
Du machst dir gar nicht viel daraus
Du trittst zu Liebchens Tür hinaus
Von ihr noch alles düftet
Dein Wämslein ist gelüftet
O du seliger Edelknecht
Nun ist dir alles eben recht
Hier ist die Welt dir weit genug
Hier ist dein Bett dir eng genug
Vor ihrer Tür darnieder
Du streckst die müden Glieder
O du schläfriger Edelknecht
Du bettest dich nicht gerne schlecht
Dein Himmelbett ist der Sternensaal
Die Himmelsleiter im Erdental
Steht auf der Türe Stufen
Hörst Liebchen im Traume rufen
Ei du schnarchender Edelknecht
Dein Schlaf ist heute gar nicht schlecht
Du liegest kaum und schnarchest laut
Dass alle Knöpfe dir springen auf
Die flatternden Fledermäuse
Erzittern auf ihrer Reise
Ei du lässiger Edelknecht
Ei das ist wahrlich gar unrecht
Dass dir der Schlaf noch immer gefällt
Da früh sich die Gräfin ein Bad bestellt
Heut musst du das Bad bezahlen
Die Gräfin ist böse zumalen
Und du listiges Jungfräulein
Spät wachst du mit klaren Äugelein
So rötlich dein lieb Angesicht
Wie eine Rose die eben aufbricht
Du öffnest erst die Türe
Als ich schon lange die Sonne auf Dächern
All überall auf glänzendem Wagen spüre
Das Jungfräulein
Ich fühl mich umwinden
Von eilenden Winden
Aus träumender Nacht
Mir alles erwacht
O Lautenschlag
Du Liebesschlag
Schlags nicht in den Wind
Komm Amor süß Kind
Dir will ichs verkünden
Du sollst uns verbinden
Der Graf
Ei du heimliches Jungfräulein
Was flog von deinem Hütelein
Jetzt scheint es blass gleich wie der Mond
Der Morgens noch am Himmel wohnt
Wars Amor Wars die Taube
Schütz deinen Kranz vorm Raube
Das Jungfräulein
O Sonnenschein helle
Du trittst auf die Schwelle
Aus träumender Nacht
Aus Wolken erwacht
O frommes Glück
Der Liebe Blick
Was zeigest du mir
Er ruht an der Tür
Die Hand unterm Haupte
Im Tuch das er raubte
Ei du schelmischer Edelknecht
Hier hast du wohl geschlafen schlecht
Komm fülle das Marmorbad
Komm trete das Wasserrad
Wir wollen das Bad schnell füllen
Am tiefen Brunnen im stillen
Der Edelknecht
O ich seliger Edelknecht
Den Liebchen und Sonne erwecken recht
Kaum kann ich sehen so lichterloh
Glänzt es in meine Augen froh
Wie dien ich doch so willig
Die Herrschaft ist so billig
Der Graf
Ich höre die Bronnen
Mit spiegelnden Sonnen
Im ruhenden Hof
Die Fenster im Schloss
Sind alle noch zu
In Liebesruh
Am Giebel so fein
Manch Stimmelein klein
Die beiden das Becken
Erfüllen mit Necken
Mit Blumen sies streuen
Die Gräfin zu freuen
Die Gräfin nicht schlief
Sahs alles und rief
»Die Morgenstund
Hat Gold im Mund
Schau Knabe herauf
Fang alles dir auf
Bestelle dir Geigen
Tanz hochzeitlich Reigen
Nun Jüngferlein spröde
So macht es doch jede
Verstelle dich nicht
Und zeig dein Gesicht
Nun küsset euch
Nur beide gleich
Denn durft es geschehen
Eh ich es gesehen
So küsst euch nur tüchtig
Da ich euch ansichtig«
Wie soll ichs beschreiben
Es glänzen die Scheiben
Vom frohen Gesicht
Der Gräfin die spricht
Sie küssen sich oft
Es hallet der Hof
Sie drücken die Händ
Und finden kein End
Und können nur danken
In selgen Gedanken
O du seliger Edelknecht
Nun geht nicht aus dein schön Geschlecht
Vom Abend bis zum Morgen früh
Zur Hochzeit wird getanzet glüh
Was hast du von dem Tanze
Der Edelknecht
Die liebe Zeit vom Kranze
 
                              Vierzehntes Kapitel
  Geschichte der Fräulein Lila der Fräulein Mirrha und der Fräulein Walpurgis
Hier endete sich das Spiel mit einem zärtlichen Kusse den die Gräfin ihrem
Manne gab und er fühlte sich so reichlich für allen kleinen Kummer des vorigen
Tages entschädigt auch die Stiftsfräulein sahen mit Rührung ein Glück dessen
Hoffnung ihnen so ferne lag und konnten nicht lassen es zu rühmen Kaum hatte
der Graf und seine Gesellschaft die ersten Ehrentänze gemacht so hielt auch
seine Dienerschaft und sodann das ganze Dorf mit Braut und Bräutigam einen
schnell abwechselnden Umtanz an dessen Schluße nach alter ländlicher
Gewohnheit eine Verkleidung ausgeführt wurde Die tolle Ilse kam in geistlicher
Kleidung eine Perücke von ausgeblasenen Eiern auf dem Kopfe eine lächerliche
Maske vor dem Gesichte und versicherte das neue Ehepaar sei noch nicht
ordentlich und vollständig getraut Alle stellten sich erschrocken und die
Neuverheirateten mussten demütig um eine vollständige Trauung bitten die Maske
erfüllte nach vielen Umständen warum man sich nicht gleich an sie gewendet
diese Bitte das Trauungszeremoniell wurde lächerlich parodiert einigen
unanständigen Liedern folgte eine lange Rede voll Zoten die von allen herzlich
belacht wurden weil jeder sie seit Jahren kannte des Grafen zierliches Spiel
war aus dem Gedächtnisse aller verwischt Nach dem Ende des Spiels sagte der
katholische Geistliche dass er nun schon zwanzig Jahre vergebens daran arbeite
diesen anstössigen Spaß abzubringen aber jede Hochzeit vermehre ihn mit neuen
Einfällen die ernstaftesten gesittetsten Leute des Dorfes beständen eben so
sehr auf die Beibehaltung als das junge lustige Volk Der Graf dachte darüber
nach und sah dass die Leute nicht unsittlicher nach dem Spasse als vorher
aussahen da fuhr es so aus ihm heraus er wusste selbst nicht ob er an das
glauben sollte was er sprach »Der rohe und meist der unschuldigste Mensch lässt
seinen Scherz gemeinhin über die Verhältnisse der Geschlechter aus weil sie ihm
am deutlichsten und wichtigsten unter allen sind uns sind andre Verhältnisse
der Staat die Gesetzeder Krieg wichtig geworden wir reißen damit im
fröhlichen Augenblicke unsre Zoten und wer weiß welche die besten sind eine
gute Zote erfordert auch ihr Talent ich wüsste keine zu machen sie hält Leib
und Seele zusammen  überhaupt worüber man einmal mitgelacht hat das sollte
man nicht mehr verdammen dürfen«  Der Geistliche war sehr beschämt denn er
hatte wirklich von ganzem Herzen gelacht der Graf lenkte wieder ein »Freilich
das Ehrenwerte der Religion der bessere Scherz die feinere Unterhaltung muss
darüber nicht zu Grunde gehen insbesondre muss man bedenken dass die Zote ihrem
Grund und Boden leibeigen ist und daher nicht in die Welt eingeführt werden
kann, ohne eine Ungerechtigkeit gegen die edle Unterhaltung zu begehen«  Der
Geistliche bejahte das und der Graf führte seine Gesellschaft von Damen nach der
Weinlaube wo ein Tisch mit Zuckerwerk Erfrischungen Weinen und Früchten jeder
Art für sie gedeckt stand dort brachte er sie unbemerkt auf Erzählungen von
ihrem Stifte und dessen innern Verhältnissen endlich eröffnete er ihnen
geradezu sie wären seit einigen Tagen im Schloss in ein so allgemeines
Geschichterzählen gekommen dass er sich durchaus wenigstens ein paar
Lebensgeschichten von ihnen erbitten müsse Die armen Fräuleins zierten sich
gewaltig eine wollte der andern die Last aufbürden es wurde aber nichts
daraus bis eine anfing von der andern zu erzählen da erschienen nun viel
alltägliche Historien von Stiefeltern die ihnen den Aufenthalt im Hause
verleidet von Vätern die erschossen worden nur ein paar finden wir des
Aufzeichnens wert Fräulein Lila warf der Fräulein Mirrha vor sie könnte
glücklich verheiratet sein wenn sie nicht die Stunden des Verlöbnisses versäumt
hätte wie sie noch jetzt alle Tage zum Essen zu spät käme und von der Äbtissin
in Strafe genommen würde ja selbst zu dieser Fahrt zu welcher sich alle
gefreut sie eine halbe Stunde habe warten lassen  Mirrha leugnete das nicht
»aber« fuhr sie fort »ich kann es nicht lassen und glaubt ihr dass ich nur mit
Aufopferung dieser Gewohnheit eine glückliche Ehe hätte erreichen können
wahrhaftig sie wäre mir so unerreichlich geblieben wie der Himmel auf Erden
Von meiner ersten Kindheit hatte ich diese Gewohnheit wenn es nicht gerade Zeit
war zum Aufstehen so machte ich mir noch ein andres Geschäft spielte strickte
im Bette erst wenn die Glocke schlug wo ich in der Lehrstunde sein sollte
konnte ich zu dem Entschlusse kommen aufzuspringen dann eilte ich mit der
größten Hast verwarf darüber Kamm oder Fingerhut und musste suchen während des
Suchens geriet ich auf etwas das mich unterhielt ein Buch zum Beispiel fing
halb angezogen an darin zu lesen bis mich heftige Verweise von meinem Zimmer
trieben wohin ich sicher wieder ein paarmal umkehren musste weil ich immer das
Notwendigste vergessen hatte Als ich verliebt war da nahm dieses Übel zehnfach
zu in jedem Geschäfte fiel mir zehnerlei von meinem Bräutigam ein was er mir
gerühmt hatte ein Kleid eine Arbeit ich musste es besehen oder eine Stelle
aus seinen Briefen die musste ich nachlesen von einem las ich zum andern bis
zum ersten und dieses unglückselige Lesen war es was mich eine Stunde lang in
meinem Zimmer zurückhielt während alle zur Verlobung feierlich versammelt
waren Niemand glaubte mich auf meinem Zimmer weil ich schon unten gewesen war
meine Mutter rief mit großer Sorge im Garten umher ich war aber in meinen
Briefen so vertieft dass ich es nicht hörte Mein Bräutigam war zu argwöhnisch
um dieses Ausbleiben einem Zufalle zuzuschreiben er ritt fort und reiste in der
Stunde noch in die weite Welt um seinen Schmerz und die Lächerlichkeit für
andre zu vergessen die durch dieses öffentliche Verschmähen auf ihm haftete Er
hat mir viel Tränen gekostet und du Lila hättest mich nicht daran erinnern
sollen während du selbst auf keine klügere Art um deine drei Freier gekommen
bist«  Wir drangen in sie zu erzählen Fräulein Lila mochte ihr zuwinken so
viel sie wollte  Mirrha fuhr auch ruhig fort »Es ist ja gar kein Vorwurf für
dich liebe Lila du hattest dich bloß von unsern Modedichtern anführen lassen
die alle Liebe über einen Kamm scheren und weil sie wahrscheinlich nie selbst
eigentümliche sondern nur eingebildete Liebe erfahren alle ihre Kopien nach
einem Paar ganz einzelner Originale machen die aller Welt durch den Zufall
besonders kund geworden Da meinen sie die erste Liebe müsse plötzlich beim
ersten Anblicke auflodern keine Ruhe lassen keinem Zweifel Raum geben es soll
keinen Augenblick geben wo man weniger verliebt sei wo ein anderer einem in
die Augen fiele wo man einem andern gefallen möchte Sehen Sie solch ein
strenges Liebessystem beherrschte Lila sehr brav war sie entschlossen niemand
zu heiraten den sie nicht liebe aber dass sie ihn nun gerade so lieben wollte
das war zu viel immer glaubte sie wo ihr jemand wohlgefallen ihr sei der
große Wurf gelungen und traurig fühlte sie wieder im nächsten Monate dass sie
immer noch nicht genug liebe und so entließ sie einen Freier nach dem andern
denn unter uns gesagt sie war wunderschön und eigentlich jedermann in sie
verliebt«  Lila klatschte strafend den vollen Rücken der Erzählenden und
sagte »Neulich als ich mich im Spiegel betrachtete da fand ich dass Augen
Mund Kinn und Backen noch nicht hässlich aber die le nez die le nez ich weiß
nicht wie mir die Nase so besonders hervorgewachsen als sähe sie sich immer
weiter in der Welt um doch habe ich das schon öfters bei alten Jungfern
bemerkt die Nase wächst ihnen zu einer ungeheuren Größe« Wir lachten alle über
das gutmütige Mädchen die so heiter über sich selbst spotten konnte nur eine
blasse Fräulein Walpurgis blieb ungerührt Der Graf bat sie um ihre Geschichte
wenn es ihr nicht schmerzhaft sei »Keinesweges« antwortete sie »allzu
bekannt um sie in meinem Herzen zu verschließen teile ich sie gern meinen
Bekannten mit dass sie mir um so leichter gewisse unangenehme Minuten verzeihen
Ich war in früheren Jahren sehr heiter leichtsinnig und mutwillig in keinen
Menschen selbst in die welche ich liebte ging ich tief genug ein um ihre
heimlicheren oft wesentlichsten Charakterzüge kennen zu lernen So war ich auch
einem jungen Edelmann verlobt und herzlich in ihn verliebt ohne dass ich
glaubte was er mir sagte könne ernsthafter bedeutender sein als was ich ihm
zu sagen hätte ich schwatzte froh in alles hinein und bemerkte nicht wie er
verlegen wurde wenn ich oft querfeldein über die wichtigsten Gegenstände über
Politik über Kunstwerke meine Worte auslaufen ließ es bedeutete mir gar
nichts denn ich hatte damals ein solches Bedürfnis zu reden dass ich oft allein
mit den Wänden konversierte Worum er mich gebeten vergaß ich eben so
leichtsinnig wie alles das worin er mich belehrte und das hatte ihn endlich
zu dem Entschlusse gebracht mich auf die Probe zu stellen Er sagte mir eines
Tages als Abends ein kleiner Ball in der Stadt gehalten werden sollte er müsse
den Tag verreisen ich möchte ihm etwas versprechen woran er sähe dass ich ihn
liebte ich möchte ihm versprechen den Abend nicht auf dem Balle zu tanzen Ich
lachte über das leichte Versprechen der Tanz war gar nicht meine Leidenschaft
und der Bälle so viele dass dieses Ausruhen gar keine Entsagung zu nennen ich
versprach es bei meiner Liebe und gab ihm die Hand darauf Abends auf dem Balle
dachte ich der ganzen Geschichte nicht mehr zwar war es mir als hielte mich
bei einer Aufforderung eine geheime Hand dass ich abschlagen sollte aber ich
hatte einmal zugesagt und als mir nachher mein Versprechen einfiel fürchtete
ich lächerlich und beleidigend zugleich bei meinem Tänzer zu werden der in der
ganzen Stadt mit seinem Urteile galt Ohne Sorge tanzte ich meinen schottischen
Tanz herunter als ich unten außer Atem anlange steht mein Bräutigam mit ganz
verwirrtem Auge vor mir frägt mich ob ich ihn sehe ob ich ihn kenne ob ich
mich meines Versprechens erinnere das ich eben gebrochen ob mir je zu trauen
sei nachdem ich in erster Liebe ihn getäuscht Dann versicherte er mir ich
sähe ihn zum letztenmal und in Gegenwart der ganzen Gesellschaft schwöre er mir
er wolle seiner Ehre verlustig sein wenn er sich mir je nähere wenn er je die
Verbindung mit mir wieder anknüpfe von der er sich so viel Seligkeit
versprochen  Bei diesen Worten stürzte er zur Türe hinaus und ich ohnmächtig
und in Krämpfen auf den Boden nieder Noch jetzt nach so vielen Jahren
empfinde ich ohne zu wissen was die Glocke sei gegen diese Zeit eine
Traurigkeit dass ich mich von den Menschen wegwende«  Sie stand bei diesen
Worten auf und ging den Gang hinunter  Jeder äußerte nun seine Meinung über
das Verfahren des Bräutigams die Gräfin nannte ihn einen grausamen Barbaren
von dem sich jede Frau nachher hätte zurückziehen sollen Der Graf schwor er
hätte es sicher in gleichem Verhältnisse ganz eben so gemacht wer ein solches
Versprechen vergessen könne den müsse man wieder vergessen können die Gräfin
widerstritt ihm das nannte dies Vergessen eine Kleinigkeit ja es hätte selbst
nichts zu bedeuten wenn sie mit Absicht ein so törichtes Versprechen gebrochen
hätte und so gerieten der Graf und die Gräfin in einen lebhaften Streit mit
einander. Eine kleine runde Stiftsdame die eine Störung des ganzen Festes von
diesem Streite befürchtete legte sich auf einmal mit ihrer metallenen Stimme so
laut dazwischen und versprach eine so lustige Erzählung dass niemand mehr der
traurigen Geschichte denken sollte Alle baten eifrig um die Geschichte und sie
begann recht fröhlich zu improvisieren
 
                              Funfzehntes Kapitel
                          Geschichte des Mohrenjungen
Pripert war ein mächtger Herzog
Von dem großen Volk der Pirpen
Sass auf einem hohen Schloss
Bei dem dunklen Karpfenteiche
Wo die braunen Frösche hüpfen
Seine Schwester hieß Fikette
Fidibus sein schlankes Weibchen
Als die Schwester in den Jahren
Wo sie könnte sich vermählen
Denn verliebt war sie schon lange
Fordert er von seinen Ständen
Ihre Ausstattung ganz schleunig
Samt und Seide wie gewöhnlich
Und die Stände bringen beides
Doch nachdem er es befühlet
Scheint ihm beides also köstlich
Dass er es gern selbst behielte
Um sich einen neuen Schlafrock
Statt des alten der zerrissen
Zu der Kour daraus zu schneidern
Und die schöne junge Schwester
Sendet er nun als Äbtissin
Nach dem großen Fräuleinstifte
Dass sie es nicht fordern könne
»Samt und Seide sind jetzt teuer«
Sagte ihr der gute Bruder
»Kommen gar viel fremde Prinzen
Wie es bei der Werbung möglich
Geht mehr Hafer Weissbrot Kuchen
Auf an einem einzgen Tage
Als du isst im ganzen Jahre
Auch die alten Livereien
Sind dann nötig umzuwenden
Mancher Knopf geht da verloren
Mancher Flecken kommt beim Essen
Darum ist es mehr geraten
Dass du bleibest unvermählet«
Traurig fährt Prinzess Fikette
Nach dem alten Fräuleinstifte
Doch gedenkt sie da zu finden
Holde liebliche Freundinnen
Denen sie sich kann vertrauen
Ach was findet sie für alte
Ausgedürrte ausgeschriene
Gelbe Tabaksschnupferinnen
Die im ewigen Gezänke
Ihr das Blau im Aug abstreiten
Alle fluchten wie die Landsknecht
Kommen stets zu spät zum Singen
Keine wollte Brot anschneiden
Keine das Gebet hersagen
Wenn sie dann in ihren Nöten
Zu dem tapfern Stiftshauptmann
Hat gesendet ihre Diener
Da begann erst recht die Fehde
Und der Hauptmann war noch fröhlich
Wenn er ohne Nägelmale
Zu der Tür hinaus geflüchtet
Sicher fand er Reihen Zähne
In dem Rocke fest verbissen
Ziegenhaarige Perücken
Lappen Flor in seinen Händen
Ach es sind zu alte Sünder
Um sich jemals noch zu bessern
Zählt zusammen ihre Jahre
Steigen sie zu vielen Tausend
Bis zu Medern und Assyrern
Und Metusalem dagegen
Ist ein elend junges Bürschchen
Also war der Stamm beschaffen
Also war ihr reines Leben
Denn unheilger ist wohl nimmer
Auf der Erd ein Stift gewesen
Und geplagter war auch keines
»Sagt was spotten denn die Männer
Über uns die alten Jungfern
Also frech von allen Seiten
Ist es nicht die Schuld der Männer
Unser Wille war es nimmer«
Also seufzte manches Fräulein
Das recht tückisch war genecket
Wenn die Knaben aus dem Städtchen
Mit den flinken Blaseröhren
Ihren Kater niederschossen
Der zum Nachbarhaus geschlichen
Auf den Dächern kühnlich irrte
Gab es Schnee so standen morgens
Weiße Männer vor dem Fenster
Jeder Baum der in der Nähe
Ward bezeichnet mit Skandalen
Und die Früchte weggestohlen
Und für so viel stete Leiden
Was war die Entschädigung
Keine reichen Nadelgelder
Keine Leckerein beim Schmause
Gleiche Kost an jedem Tage
Täglich Ziegenfleisch und Erbsen
Damit war das Stift dotieret 
Schwere Kost für alte Magen
Darum suchte jedes Fräulein
Ihre mächtgen Portionen
Heimlich solchen zu verkaufen
Die dafür was Leckres brachten
Darum schlichen viele Leute
Abends durch des Stiftes Garten
Um zu tauschen um zu kaufen
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen
Heimlich dass doch die Äbtissin
Nichts von dem Erwerbe wisse
Arme arme Fürstentochter
Die in ihren frühen Jahren
Mit so manchem schönen Pagen
Ein Versteckens oft gespielt
Und nach ihrem frohen Sinne
Sie genecket und geküsset
Ach noch denkt sie an den einen
Der so oft am gläsern Wagen
Neben ihrem Sitz gehangen
Und mit seiner heißen Liebe
Ihr das Spiegelglas behauchte
Bis er ihr darin verschwunden
Ach er ist nicht ganz verschwunden
Seit er ist herangewachsen
Reitet er nach der Parade
Täglich bei dem Stift vorüber
Als ein prächtiger Dragoner
Mit dem Degen an der Seite
Mit der Feder auf dem Hute
Mit den schönen blanken Stiefeln
Mit der weißen Kraus am Hemde
Mit der hohen schwarzen Binde
Mit dem Rock Vergissmeinnicht
Mit den Wangen Milch und Blut
Mit dem schwarzen Knebelbarte
Kommt geritten sie begrüssend
Seinem Pferd hat er gelehret
Sich zu bäumen und zu wiehern
Dass der Puder weit aufflieget
Hat er ab den Hut genommen 
Also weicht er von dem Stifte
Wie ein schönes Wolkenbild
Alle Nächte denkt sie seiner
Wenn das Dunkel Frieden stiftet
Und kein Blick sie mehr belauschet
Wenn sie wandelt in dem Garten
Süßes Schmachten in dem Herzen
Holde Töne auf den Lippen
Denen sie sich gern vertrauet
Weil sie nicht als Zeugen dienen
Sondern alsogleich versinken
Wie der Traum der sie geschaffen
Leise singt sie ihre Lieder
Wie die Quellen zu den Veilchen
Und im Hauche dieser Veilchen
Scheint der Liebling ihr zu nahen
Mit dem Degen mit dem Hute
Mit der Krause mit den Spornen
Mit dem Zopfe mit dem Puder
Und mit ausgespannten Armen
Wie mit Segeln zu dem Hafen
Stürzt sie in den Arm des Teuren
Und da sind es leere Lüfte
Eine Hand die fasst die andre
Traurig singt sie leise flüsternd
                              Gesang der Äbtissin
Soll ichs mir wie Strahlen denken
Wie die Veilchen ferne düften
Und den Lüften
Doch die nahe Wollust schenken
Will der Wind sie zu mir lenken
Muss ich denken
Meiner Lieb in allen Sinnen
Träumend ihn in Liebe grüßen
Ihn zu küssen
Mein ich und mich einzuspinnen
In des Vielgeliebten Armen
Süss Erwarmen
Seine Lippen Hyazinten
In dem frischen runden Schnitte
Und die Mitte
Ist ein Kelch den zu ergründen
Tausend schöne Worte dienen
Welch Erkühnen
Alle möchte ich ergreifen
Ihn zu finden unter allen
Ich muss fallen
In ein wüstes leeres Schweifen
Wiederum ein Jahr vergangen
Im Verlangen
Etwas muss der Mensch doch lieben
Süsser Duft du musst vor allen
Mich umwallen
Flieh die Blumen die betrüben
Weil von jenes Frühlings Scherzen
Zeugen schwärzen
Süsser Duft nimm mein Vertrauen
Denn zu hart sind die Gespielen
Den Gefühlen
Dass sie nie die Liebe schauen
Lieblos sich dem Himmel geben
Ist ihr Leben
Alles hab ich dir gegeben
Schönes fernes Bild im Herzen
Lust und Schmerzen
Nahe endlich nimm mein Leben 
Wie die Reben niederhängen
In den Gängen
Die ich sonst um feste Bäume
Mit der eignen Hand geschlungen
Ach umschlungen
Hab ich oft o süße Träume
Diesen Baum der dir geweihet
Tief erfreut 
Also sang die Frau Äbtissin
Glaubt den dunklen Stamm zu fassen
Den sie dem Geliebten weihte
Doch von ihrer Glut getäuschet
Hat sie einen Mann umfasset
Der da heimlich sich gestellt
Als ob er ein Baum gewesen
Dass sie ihn nicht möchte sehen
Und sie meint sie täte Wunder
Und belebte liebend Bäume
Das ist Schwärmerei nicht Sünde
Denn sie war sonst sehr moralisch
Doch zu groß ist dieses Wunder
Für die liebekranke Seele
Ist der Baum zum Menschen worden
Kann sie ihm doch nicht entziehen
Was ihm schon als Baum so eigen
Ihrer Liebe schönen Glauben
Und so sehen wir hier wieder
Dass die Phantasie verbunden
Mit der Wahrheit falschem Bilde
Sei wie Pulver in der Bombe
Die von Unschuld aufgelesen
Wie alt Eisen in das Feuer
Wird geworfen und zersprenget
Schuld und Unschuld falsche Wahrheit
Wahre Phantasie und falsche
Dass der Mann kein Baum gewesen
Muss sie endlich doch wohl glauben
Dass es aber der Geliebte
Prächtig glänzende Offzierer
Dem wie Milch und Blut die Wangen
Glaubt sie mit demselben Glauben
Traurig und verlangend schmachtet
Die Prinzessin nach zwei Monden
Müde ärgerlich sie fühlet
Sich in ihrem Stift verschlossen
Und in ihrem Innern treibet
Was wohl nicht verschlossen bleibt
Kühnheit haben schwangre Frauen
Und Entschluss in den Gefahren
Die Prinzessin setzt sich nieder
An den Schrank von bunten Masern
Schneidet eine Pfauenfeder
Schreibt dem Herzog ihrem Bruder
                           Die Äbtissin an den Herzog
Bruder Du hast mich verschlossen
In dem alten Fräuleinstifte
Um die Ausstattung zu sparen
Samt und Hafer und das Weissbrot
Von den Ständen mir geschenket
Sieh zur Strafe von dem Himmel
Bist Du ohne Kind geblieben
Das er mir zur Straf bescheret
Doch es stammt von einem Helden
Also wirds ein Held auch werden
Darum seid geneigt dem Rate
Den ich Euch in Demut gebe
Euer Reich fällt heim den Fremden
Und mein armes Kind muss sterben
Und ich geh in Schand verloren
Wenn Ihr diesem Rat nicht folgt
Nicht mein Kind in Schuld empfangen
Mild zu Eurem Kind annehmet
Eure Frau die Herzoginne
Muss sich stellen guter Hoffnung
Und ich komme dann im Schloss
Heimlich nieder Gott wird helfen
Und mein Kindlein wird getragen
Heimlich zu der Herzoginne
Als ob sie es hätt geboren
Denkt darüber nach in Liebe
Und dann seid Ihr überzeuget
Fühlet recht den Willen Gottes
Wie er Böses gut hier mache
So verzeihet der Äbtissin
Als der Herzog dies gelesen
Schloss er sich in seinem Zimmer
Ein mit Ärzten und mit Räten
Und nach dreien schweren Tagen
Wo sie ohne Schlaf verhandelt
Ist der kühne Plan gebilligt
Und mit ihnen angeordnet
Wie er leichtlich auszuführen
In dem Schloss wo er tronet
Nach dem AstronomenTurme
In der Mitt vom Karpfenteiche
Tragen sie den Thron den weichen
Als Geburtsstuhl ihn zu richten
Aus dem astronomischen Werkzeug
Wird die Zange bald geschmiedet
Und im Spiegelteleskope
Sei die Wiege für das Kindlein
Als dies alles angeordnet
Setzt er sich zum Tisch von Pappe
Der mit Goldpapier bezogen
Schreibt mit einer Kasuarfeder
                           Der Herzog an die Äbtissin
Pripert Magnus Herzog aller
Groß und kleinen Karpfenteiche
Euch entbietet Gruß und Gnade 
Schwester seid Ihr ganz des Teufels
Doch es sei Euch dies verziehen
Möchte Euch nicht gern erschrecken
Könnte Eurer Frucht sonst schaden
Euer Vorschlag ist genehmigt
Wegen Eurer klugen Listen
Und Ihr sollt ins Kindbett kommen
Auf dem AstronomenTurme
Heimlich reist Ihr zur Hauptstadt
Als ob Ihr zum Bade reistet
Wegen eines innern Übels
Von der schlechten Kost im Stifte
Schreiben ist nicht meine Sache
Sprechen lässt sich alles besser
Ich bin wohl affektionieret
Also hat sie ungesäumet
Sich zur Reise angeschicket
Und die Fräuleins alle möchten
Mit ihr ziehen nach dem Bade
Doch sie lässt sie all zurücke
Nächtlich kommt sie nach dem Schloss
Wird vom Leibarzt hingeführet
Nach dem hohen Schmerzensturme
Ach wie viele mussge Stunden
Sind ihr nun von tausend Uhren
Die im ganzen Hause ticken
Vorgerechnet wo sie müßig
Legt im Schoss die schönen Hände
Und sie will Kalender machen
Schauet kalkuliert und rechnet
Mit den Ärzten ganze Tage
Während sie so eng verschlossen
Trägt die Herzogin die Zeichen
Ihrer guten Hoffnung mühsam
Wird begrüßt von allen Ständen
Die nach dem Gelusten fragen
Was sie wünsche was sie fordre
Äpfel indiansche Nester
Marzipan und Pfeffernüsse
Alles wird herbeigeschaffet
Alle Edlen sind in Sorgen
Alle Landeskirchen beten
Um die glückliche Befreiung
Doch die Herzogin viel lieber
Wär befreit von dem Panzer
Den die Ärzte ihr bereitet
Ihr den schlanken Wuchs verstellend
Denn sie war so zart gewachsen
Wie ihr Name es bezeichnet
Wie ein Fidibus für Pfeifen
Schien sie sonst im weißen Kleide
Mit den kranken roten Wangen
Stolz ging jetzt der dicke Herzog
Auf und nieder in dem Schloss
Strich sich seine goldne Weste
Meinte dass ein jeder sehe
Nun auf ihn weil bald ein Kindlein
Würde auch nach ihm genannt
Denn nach allen Glückwünschungen
Meinte er sich wirklich Vater
Sprach von nichts als von der Ehre
Von der Würde eines Vaters
Von der Mühe es zu werden
Gnädig ließ er sich die Hände
Küssen von der Herzoginne
Tat als wenn er Vater wäre
Aller Kinder in dem Reiche
Endlich naht der Tag der Freude
Alle Telegraphen spielen
Kanonier mit brennenden Lunten
Und der Herzog wie ein Putahn
Kullernd in dem ganzen Hause
Und die Herzogin verlegen
Und die Ärzte ängstlich laufend
Dass man ihren Weg nicht sehe
Nach dem Astronomenturme
Und die alten Fraun vom Hofe
Sehr erbittert dass man ihnen
Allen Zutritt hat verschlossen
Jede hat ein volles Dutzend
Lieblicher Historien
Aus dem Rauch dazu genommen
Und nun müssen sie einander
In der Kürze alles sagen
Weil es kalt ist auf den Treppen 
Der Effekt ist ganz verloren
Endlich seht das große Zeichen
In den tiefen nächtgen Stunden
Und der Marschall mit dem Schnupftuch
Winket zweimal aus dem Fenster
Von den Fackeln wohlbeleuchtet
Also ist ein Prinz geboren
Und die Kanoniere schießen
Dass die Scheiben aus den Fenstern
Menschen aus den Türen fliegen
Und es gibt ein frohes Jauchzen
Dass die Frösche in dem Teiche
Nicht alleine nächtlich singen
Als das Wappen eingebrennet
Unserm Prinzen an den Hüften
Dass man ihn nicht mög vertauschen
Merkt man eine eigne Farbe
In der Haut die schwer zu nennen
Doch das ist gar oft an Kindern
Die erst neu zur Welt gekommen
Eins ist grün das andre bläulich
Das vergeht in wenig Wochen
Als die Glückwünschung empfangen
Und die Taufe ist verrichtet
Und noch vierzehn Tage später
Dauert unsers Herzogs Freude
Doch da wird der Prinz viel schwärzer
Als des Herzogs Tintenfinger
Den er braucht zum Unterzeichnen
Und der Herzog sieht mit Schrecken
Dass es sei ein Mohrenjunge
Was noch keiner von den Ärzten
Hat gewagt ihm zu verkünden
Und der Herzog will verzweifeln
Beisset sich auf seinen Finger
Und der schmecket gar nach Tinte
Und die Herzogin erbosset
Dass ihr guter Ruf könnt leiden
Wütet ein auf die Prinzessin 
Doch es muss verheimlicht werden
Traurend wird des Trones Erbe
Bei dem Volke tot gesaget
Und ein Affe wird geschlachtet
Von den beiden flinken Ärzten
Wohlrasiert und angezogen
Mit dem Myrtenkranz und Degen
In ein kleines Sarg geleget
Schwach beleuchtet ausgestellet
Und mit großem Leichenzuge
Beigesetzt in der Kapelle
Ach du Ärmste der Prinzessen
Wie viel Schimpf musst du ertragen
Heimlich wirst du ausgekiffen
Von der bösen Herzoginne
Und du sehnst dich nach dem Stifte
Kinderlos bleibt so der Herzog
Doch genügte ihm am Ruhme
Dass ein Kind von ihm entsprossen
Nur zum Schein hat er gescholten
Die Äbtissin dass sie frevelnd
Sich mit Heiden abgegeben
Sie beschwört die eigne Unschuld
Will doch nicht den Vater nennen
Weil sie ihn nicht hat gesehen
Weil sein Leben ihr noch teuer
Hat ers Kind gleich angeschwärzet
Sie erzählt nur wie im Garten
Sich belebte jener Nussbaum
Meint dass sie sich hab versehen
An der Nacht die gar zu dunkel
Oder dass, wie grüne Schale
Von den Nüssen schwärzt die Finger
So auch dieses Kind des Nussbaums
Sei in seiner Haut geschwärzet
Und man hätt es schwefeln sollen
Doch das ist nun viel zu späte 
Als sie ganz gesund zur Reise
Kehrt sie heim zum Fräuleinstifte
Alle Lieb ist ihr vergangen
Seit sie Sternenkunst getrieben
Und sie hält sich zu den andern
Schwätzend spielend zankend putzend
Bei dem Landvolk aufgezogen
Unbewusst woher er stamme
Wächst der kleine Mohrenjunge
Und durch seine Wundergaben
Alle Nachbarn fast erschrecket
Während noch die andern Kinder
Mit ihm spielen ihres Gleichen
Wer gestohlen konnt er wissen
Wer zu Nachte umgegangen
Wer vom Morgen abgepflüget
Welcher Schneider in die Hölle
Hat gepeitschet große Lappen
Welche Kühe würden kalben
Welche Tauben sich verfliegen
Alles wußt er zu erraten
Und der Kuckuck war vor allen
Ihm gewogen mit dem Rufen
Wie ein rechtes Meereswunder
Wurde dieser schwarze Flecken
In der Ehre der Prinzessin
Rings im Lande vorgezeiget
Also kam er auch zum Stifte
Machte schamrot alle Fräuleins
Dass sie ihn ermorden wollten
Doch er bittet eh er sterbe
Dass ihn höre die Äbtissin
Ganz allein in ihrem Zimmer
Was sie endlich ihm gewähret
Ahndend dass es sei ihr Knabe
Und da zeigt er ihr sein Wappen
Das ihm eingebrannt so frühe
Und zu löschen ist vergessen
Er begrüsset sie als Mutter
Und sie frägt ihn freundlich küssend
Trotz der aufgeworfnen Lippen
»Da du alles kannst erraten
Sage mir wer war dein Vater
War es nicht der Herr Offzierer
Der so oft vorbei geritten
Mit den Wangen rötlich weisslich«
Und der Knabe spricht mit Lächeln
»Nimmer nein es war ein Pauker
Cipripor das war sein Name
Bei dem Regiment Dragoner
Wovon jener war der Oberst
Sicher habt Ihr ihn gesehen
War ein Mohr ein schwarzer Teufel
Und der Teufel war im Vater
Als er Euch in schönem Dunkel
Überraschte und besiegte
Also teuflisch sind die Kräfte
Die er mir damit verliehen
Doch weil Ihr in reiner Unschuld
Seid gefallen von dem Guten
Nur von Einbildung befangen
Wohl so sind mir alle Kräfte
Nun zum Guten hingewendet« 
Nun erzählt er ihr ausführlich
Wie der Vater wenn es dunkel
In des Stiftes Garten kommen
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen
Von den Fräuleins einzuhandeln
Was zu reichlich war dotieret
Und so hab ihn da Frau Mutter
In dem Wahnsinn alter Liebe
Schmachtend ihn im Kuss umfangen
Hab geglaubt es sei der Oberst
Das sei gar nicht zu verwundern
War doch seine Stimm nicht schwärzer
Als von allen andern Männern
Trug er doch so gut den Degen
Und die Feder auf dem Hute
Schwere Stiefeln Klapperspornen
Und die Binde und die Krause
Wie der schönste Stabsoffzierer
Die Moral ist nun gewesen
Dieser kleine Mohrenjunge
Der mit recht beredter Zunge
Jetzt geschützt von der Äbtissin
Trat zu ihren alten Fräulein
Und mit rechtem scharfen Besen
Aus den Winkeln der Gemüter
Hat gefeget weltlich Leben
Die Äbtissin schickt ihn heimlich
Zu dem Herzog der gealtert
Jetzt nun gar nichts denken konnte
Sondern alles unterschriebe
Seine besten Freund ließ hängen
Wenn nur zu der rechten Stunde
Ihm das Mittagsmahl bereitet
Und der Herzog lässt ihn kommen
Frägt ihn lächelnd was er könne
Ob er auf dem Seile tanze
Oder Kartenkünste mache
Ob er unverbrennlich wäre
Alles dreies macht der Knabe
Und der Herzog wählt ihn gnädig
Sich zum ersten Staatsminister
Und will gerne mit ihm reden
Von der wahren Staatsverfassung
Wie ein Buch spricht da der Knabe
Doch der Herzog hat noch nimmer
Acht gegeben was gesprochen
Und der Knabe kann auch singen
Nun verstehet ihn der Herzog
Aber ich verschweig dies Liedchen
Denn es riechet gar zu mystisch
Es beweiset die Verwandlung
In dem Kopf des alten Herzogs
Weil er sei der Stein der Weisen
Der Metalle kann verwandeln
Dass zum Chaos alles kehre
Als der Herzog dies vernommen
Wird ihm bange und beklommen
Sieht wie schon in den Gedanken
Alles Runde sich verwandelt
Und die Krone ihm als Mühlrad
Und als Suppendeckel scheint
Während viele listge Feinde
Nach der einen Krone trachten
Die auf seinem Haupte wackelt
Klüglich nimmt er an den Jungen
Sich zum Hof und Staatspropheten
Dass er ihm die Krone halte
Der nun alles weiß was künftig
Bringt die Welt gar bald zum Ende
Und so endet mein Gedicht
Die ungemeine fast männliche Lebhaftigkeit und Freimütigkeit der kleinen runden
Dame hatte alle Zuhörer überrascht fast schien sie der kleine Mulatte selbst zu
werden Prediger Frank warf heimlich die Frage auf Woher es komme dass niemand
einen Anstoß an der Erzählung genommen habe während sie eine andre Frau in
gemischter Gesellschaft schwerlich nacherzählen könne  »Das kommt von der
lauten metallenen Stimme unsrer Freundin was sich so laut sagen lässt ist
sicher sehr unschuldig gemeint« sagte der Graf eben so laut »was in der Welt
geschehen ist auch wieder zu erzählen nur in der rechten Art denn wenn sich
Gott nicht geschämt hat es zu dulden warum wir«  Die kleine Runde statt
sich darauf einzulassen machte allerlei Tierstimmen so geschickt nach dass
mehrere erschraken überhaupt wusste sie ihr Wesen mehr durch
Unerschütterlichkeit als durch Witz zu behaupten und die andern mussten sich
drein finden Fräulein Walpurgis die sich schon während der Geschichte des
Mohrenknaben wieder bei der Gesellschaft eingefunden hatte suchte diese
luxurierende Lustigkeit in der sich ihre Freundin leicht übernehmen konnte wie
eine Parze abzuschneiden sie zog aus einer weissatlassenen mit Zypressen und
Urnen gestickten Brieftasche ein Paket Papiere heraus und sagte Man sollte
nicht allein die Übel protestantischer Stifter rügen wo die Ehelosigkeit
freilich kein Verdienst sei auch die katholische Zeit ihres Klosters habe andre
Nachteile gehabt das allzu hohe Anrechnen dieses Zustandes habe zu leerem Stolz
auf eine vorgebliche Heiligung geführt wo sogar krankhafte Zustände für
Heiligung gegolten  Der katholische Geistliche gab ihr darin recht und machte
die Nonnen aller Art lächerlich Frank verteidigte sie  Der Graf sagte »Ich
glaube die Religionssysteme tauschen sich aus«  Fräulein Walpurgis erzählte
nun dass sie alte Briefe in ihrem Kloster gefunden welche eine Mohrin angingen
die von einem frommen Einsiedler bekehrt eine Nonne geworden wäre und einen
recht grellen Gegensatz zu jener Mohrengeschichte darstellten Der Graf nahm die
Papiere und wollte sie vorlesen aber der Prediger Frank fiel schon nach dem
ersten Briefe der Sammlung sehr laut ein indem er seine ganze Aufmerksamkeit
auf die heilige Gewalt richtete die ein Mann auf ein Mädchen ausüben könnte
das selbst noch keine Anlage zur Heiligkeit habe und erzählte darüber viele
Beispiele von Lavater den er gekannt hatte er führte diese Wirkung auf eine
allgemeine Regel zurück möglichst viel und eigentümlich auf andre zu wirken um
ihnen alle Zeit zur Gegenwirkung abzuschneiden wenigstens die Besonnenheit
dazu nun sei aber nichts eigentümlicher im Menschen als die heilge Äußerung
also beschäftige und verwirre diese andre Leute am meisten sie habe immer die
Wirkung eines Einfalls und lasse am wenigsten einen Plan im Betragen
durchscheinen der jedem Mädchen besonders verhasst wäre  Der katholische
Geistliche der sich Xaver nannte bewunderte den Scharfsinn Franks er
versicherte ihm dass er wohl einhundert Kunstgriffe aller Art wisse um die
Leute der Religion zu unterwerfen und während er ihren innern Glauben schärfe
schaffe er allmählich wenn auch nur alle fünf Jahre etwas von den alten
törichten Glaubenslehren weg  »Aber« fragte der Graf ernstaft »ist denn
unsre Religion die so viel auf Erden gewirkt größtenteils nur eine Sammlung
alter Torheiten« Die beiden Prediger entwickelten im Wettstreite ihrer
Menschlichkeiten so viele Mysterien dass die kleine runde Stiftsdame das Zeichen
gab zu einem allgemeinen Gelächter das immer stärker anwuchs trotz aller List
des einen trotz aller Menschen und Weiberkenntnis des andern
 
                              Sechzehntes Kapitel
                   Schluss von Lorenzos und Rosaliens Hochzeit
Zum Glück für die beiden Priester begann der große Kranztanz der die vornehmere
Gesellschaft wieder mit in die Schranken des Tanzbodens rief der Graf behielt
mit Erlaubnis der Fräulein die Briefe wir werden ihrer nicht vergessen Der
Tanz begann mit aller seiner Fackelnpracht Die Braut musste mit allen Männern
der Bräutigam mit allen Frauen in der Runde tanzen bis sie beide zusammentrafen
und mit einander verschwanden Der Graf hatte für diesen Augenblick einen neuen
Gesang veranstaltet in welchem die Gräfin die Braut spielte die beiden andern
Stimmen aber von den eingeübten Dorfknaben gesungen wurden
Die Braut
Viel schwächer ich mich fühle
Da mir so nah die Freud
Als da ich fern dem Ziele
In Leid und Bitterkeit
Nacht der Nächte süß und bittere Zeiten
Bald wird seinen Arm der Liebste um mich breiten
Die Jungfrau vergehet
Die Frau dann erstehet
Der Name des Herrn sei gelobt
Der Myrtenkranz so lose
Mir schon im Haare spielt
O Liebesbecher Rose
Wie mich dein Duft hier kühlt
Lieb ist stärker als der Tod erfunden
Wie ein Lamm zum Opfer bin ich bunden
Mein Hemdlein spielt im Winde
Er ruft mir Kind geschwinde
Der Name des Herrn sei gelobt
Viel schwächer ich mich fühle
Da mir so nah die Lust
Als da ich fern dem Ziele
Ans Sterben denken musst
Nackt bin ich in diese Welt gekommen
Nackt werd ich auch wieder aufgenommen
Der Herr hats gegeben
Der Herr hats genommen
Der Name des Herrn sei gelobt Amen
Alle Gäste
Ein Engel wird dir decken
Die blauen Äugelein
Ein Engel überstrecken
Sich um die Ohren dein
Niemand keiner wird dich mehr erblicken
Löscht die Lichter Finden ist der Lieb Beglücken
Der Geist ist gegeben
Er mehret das Leben
Der Wille des Herrn soll geschehen
Chor der Schlechten die links fortgehen
Ich kann sie nicht mehr stören
So wird es dennoch wahr
Dort gehen die Brunnenröhren
Im hellen Mondschein klar
Ich muss gehen von der reichen Quelle
Trocknen Mundes Wermut an der Stelle
Wie ist mir so wüste
Vom wilden Gelüste
Sie denkt wohl nicht was in mir tobt
Enteilt ihr Flitterwochen
Ist erste Lieb vorbei
Will ich ans Türlein pochen
Dann bin ich frech und frei
Liebeszauber ist dann schon verschwunden
Und sie fühlt vom Ehring sich gebunden
Der Mann wird dann schelten
Da werd ich was gelten
Im Namen des Teufels es geht
Die Frommen die rechts fortgehen
Ich liebte sie so stille
Wie Gott die Welt geliebt
Doch es war nicht sein Wille
Dass sie mich wieder liebt
Ewig bleib ich dennoch ihr so eigen
Gott dir solls mein einsam Leben zeigen
Er muss es wohl wissen
Was besser wir missen
Er wusste allein wie sie mir lieb
Wie Gold ins Meer versenket
Wird in Verschwiegenheit
Die Liebe abgelenket
Von ihrem trüben Leid
Meine Liebe muss sie nimmer wissen
Dass sie nimmermehr mich kann vermissen
Ihr Los ist geworfen
Und ich bin verworfen
Sie liebt ihn mein Unglück trag ich fern
Bald bet ich in der Klause
In der Waldeinsamkeit
Herr schenke ihrem Hause
Ach all die Seligkeit
Die ich hoffend hatte mir ersonnen
Sei mein Beten ganz für sie gewonnen
Die Menschen sie denken
Und Gott wird sie lenken
Der Name des Herrn sei gelobt
Der Gesang war kaum geendigt so begannen die beiden Geistlichen einige Späße
über einzelne Verse des Gesanges den sie für einen Scherz des Grafen hielten
und keinesweges für seinen besten Ernst wie es doch wirklich war Die Gräfin
nahm das etwas übel da sie selbst dabei tätig gewesen sie sagte dem Grafen
leise so ungesittete Leute wären doch wert vom Hofe hinunter geworfen zu
werden da sie überdies gar nicht eingeladen wären Der Graf hatte einen
ähnlichen Entschluss in sich verbissen und es bedurfte nur dieses Anstoßes zum
Hervorbrechen seiner Hitze ohne weitere Erklärung nahm er die beiden
Geistlichen beim Kragen und schleppte sie mit großer Heftigkeit durch die
Menschenmenge die es für einen neuen Tanz hielt in den Hof und ließ die
Verwunderten dort mit der Weisung stehen nicht eher wieder seine Schwelle zu
betreten bis Geschäfte ihre Gegenwart notwendig machten Nach dieser Anwendung
seines Hausrechts war er plötzlich ganz abgekühlt die beiden Menschen taten ihm
leid sie hatten es nicht schlimm gemeint und er war durch diesen unbesonnenen
Entschluss vielleicht für immer ihrer nachbarlichen Gesellschaft beraubt Als die
Gesellschaft sich entfernt hatte fand ihn Dolores wie er in großem Ärger das
Hochzeitgedicht zerriss und zertrat »Um ein paar einfältige Verse« rief er
»habe ich einen Zusammenhang mit der Geistlichkeit gestört der mir zur Bildung
meiner Leute so wesentlich sieh liebe Frau es ist das schönste Geschäft der
Frauen eine törichte Leidenschaft zu bändigen und zu beschränken künftig giesse
kein Öl ins Feuer«  Sie nahm diese Ermahnung mit einiger Empfindlichkeit auf
weil sie zum Sprechen allzu ermüdet war sie war schon eingeschlafen als ihr
der Graf eine gute Nacht bot und der Tag endete ihm weniger heiter als dessen
Aufgang erwarten ließ  Ist es nicht eben so im großen Leben der Natur, in der
Witterung wie könnte unser kleineres Leben sich davon los opfern und frei
beten doch wünschten wir dass eine glückliche Ehe dies vermöchte und wenn dies
unmöglich dass sie wenigstens in ihrer Dauer und Festigkeit und übrigen
Glückseligkeit dadurch nicht gestört werden könnte Wir sagen mit Waller den
wir bald näher kennen lernen zum Schluße dieses Hochzeittages
Eine glückliche Ehe vergleich ich dem Pendel der Uhren
 Der aus verschiednem Metall schön im Verhältnis gefügt
 Wenn es im Innern auch spannt im ewigen Wechsel der Wärme
 Nimmer von außen es zeigt nimmer verwirret die Uhr
 Blinkend erscheint er im Anfang und rostig gedunkelt im Alter
 Doch sein Inneres vereint gleiche Vertraulichkeit stets
 
                              Siebzehntes Kapitel
       Geschichte des Einsiedlers und der Mohrin Nachrichten von Klelia
Am anderen Morgen war die Gräfin recht betrübt dass ihr Rosalie fehlte die jede
ihrer kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten kannte jeden Wink verstand
erst jetzt lernte sie die ausgezeichnete Fügsamkeit und Beflissenheit des
Mädchens kennen da ihr Ilse alle wesentlichsten Dienste ganz ungeschickt
leistete Sie flüchtete sich aus ihren ungeschickten Händen ganz verdrießlich
zum Grafen der bei der Durchsicht einer weitläuftigen Baurechnung der neuen
Dorfkirche die nun bald beendigt war alle seine Aufmerksamkeit gefesselt
hielt legte sich auf seine Schulter spielte in seinen Haaren und erzählte ihm
mit einem weinerlichen Tone wie es doch so böse um das Heiraten der Mädchen
wäre kaum wäre ein Mädchen brauchbar so würde es in eine ganz fremde
Beschäftigung dadurch gebracht wenn doch alle Dienste so könnten eingerichtet
werden dass die Leute sich dabei verheiraten könnten  Der Graf sagte immer
kein Wort und rechnete fort  Die Gräfin sah ins Buch und las »Drei Schock
Lattnägel Hohlsteine« lachte und sagte »Ich glaube du wirst noch ein
Baumeister hör du tust dir noch Schaden in der glatten Stirne die ich so gern
küsse und das leide ich nicht«  dabei küsste sie ihm einen Kranz um die Stirn
und dieses Entgegenkommen war bei ihr so selten dass der Graf die ganze
verwickelte Rechnung zur Seite schob ungeachtet er sich fest vorgenommen hatte
sie noch denselben Tag zu beendigen die Gräfin auf seinen Schoss setzte und sie
herzlich küsste  Die Gräfin aber sprang auf und rief »Ich glaube es ist das
einzige Vergnügen was du mir zu machen weißt dass du mich küssest sonst ehe
wir verheiratet waren brachtest du alle Tage etwas zum Vorlesen ja das war
gute Zeit jetzt bist du entweder in Geschäften oder du denkst an Geschäfte
ich glaube dass ich künftig dein Schreiber werden muss wenn ich etwas von dir
hören und sehen will«  »Du hast recht liebe Frau« antwortete der Graf »aber
wahrhaftig ich kann oft nicht anders ich wollte ich hätte mich nicht in so
vielerlei Arbeit eingelassen was ich aber einmal unternommen daran setze ich
Ehre und Leben«  DOLORES »Und ich setze alle meine Liebkosungen alle meine
Bosheit heute daran dass du nicht zum Schreiben kommst lies mir etwas vor« 
GRAF »Ich habe nichts«  DOLORES »Da sind ja noch die Briefe die dir
Fräulein Walpurgis gegeben«  GRAF »Die werden dich nicht unterhalten sie
sind zu ernstaft«  DOLORES »Immer zu ich bin heute auch sehr ernstaft« 
Der Graf las ihr jene Briefe wie folgt vor
   Briefe eines wandernden Einsiedlers und einer Mohrin welche Nonne wurde4
                        1 Der Einsiedler an die Mohrin
Das edle Saitenspiel des heiligen Geistes der Prophet David war einstmals
ertrunken in der Stille des göttlichen Schauens und sprach das edle Wörtlein
»Mir ist gut dass ich Gott anhange« O wohl mir gutes Kind was mein Mund Dir
oft begreiflich gesagt hat als ich bei Dir war das rufet zu Dir mein Herz Wer
Gott anhängt wird ein Geist mit Gott und verschwimmet in das Einige ein das
ist das Allerbeste und dies begehrte der Widerglanz des ewigen Lichtes an dem
letzten Nachtmahle das er hielte mit den Jüngern heiliger Vater ich begehr
dass sie eins mit uns sind als ich und du eins sind Und welche also mit der
Allheit in Einigkeit worden sind, alle ihre Sinne kommen dann in solche
Eingezogenheit und ihr Verständnis ist ein Schauen der reinen Wahrheit in der
Sonne des ewigen Geistes Ach hebe auf Dein Auge sehe was freut sich jetzund
Berg und Tal Laub und Gras wie lachet jetzt die schöne Heide Alles wegen der
klaren Sonne zu der Laub und Gras und jedes Kindes Auge blickt und trachtet
Ach darum mein Kind erschwinge Dich in die wilde stille Wüste der Gottheit und
Dir wird wohl sein wisse dass ein starkes Gemüt mit Gott einen schwachen Leib
überwinden kann Wer aber der schönen Rosen Auge haben will der muss ihre
natürliche Art erwarten in Gemach und Ungemach bis der fröhliche Tag kommen da
er sie in spielender Wonne fröhlich genießen wird nach aller Herzenslust Darum
sei geduldig meine Tochter wenn die Heiligung Deines neuen Lebens im Kloster
Dich noch nicht ganz erschließen kann wenn Deine Stunden des Gebets noch leer
an Freuden sind jetzt ist noch Wintertag in Deiner Seele aber Du ahndest doch
oft schon den Frühling
                        2 Die Mohrin an den Einsiedler
Ich danke Euch für Euer Schreiben so weit ich es verstehe doch auch was ich
nicht verstehe tröstet mich wie damals Euer Angesicht als ich noch traurig es
anblicken durfte Heiliger Vater Ich bin erst vierzehn Tage von Euch entfernt
und meine es wäre eine Ewigkeit  Ich werde Euch wohl nie wiedersehen denn
Ihr wandelt mit Trost über den ganzen Erdboden ich aber bleibe einsam in meiner
Zelle  Wie war ich so hilflos ob Ihr gleich mit einem Segen von mir
geschieden die Schwestern sahen mich alle so neugierig an und befühlten meine
Hand ob die schwarze Farbe darauf säße oder darunter meine Seele umzog dann
Nachts ein so trübes Licht dass ich nicht schlafen konnte sondern an das
Fenster ging und mich über den Mond verwunderte wie er so helle durch die
Linden schimmerte die Linden schienen ihm entgegen zu rauschen und ich fühlte
mich umfasst von der kranken Schwester Terese die auch nicht schlafen konnte
und immer Nachts durch alle Zellen schlich und wusste alles wo die Nachtfalter
im Mondenlichte flatterten und wo die Nachtigall sänge Sie ist so gut beinahe
so gut wie Ihr und klagt nur immer dass sie mich nicht genug lieben kann Die
andern Novizen denken alle noch weit hinaus in die Welt und wissen alle was da
geschieht wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprächen über das was
außer dem Kloster ist Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern wie unser
Herr Gott im Himmel Oft denken wir wie gerne wir mit Euch lehren möchten und
könnten wir nicht lehren die Heiden so könnten wir doch Eure Füße salben für
Euch sorgen aber wofür braucht Ihr zu sorgen da Ihr so wenig bedürft und Gott
mit Euch ist Ihr sorgt für uns und alle Welt Alle Heiligen denken wir uns wie
Euch und die jungen Heiligen wie der heilige Sebastian gefallen uns nicht da
Ihr alt seid Euer weißer Bart ist das Ruhekissen aller Andacht wie war mir die
Sandwüste so paradiesisch als ich auf Eurem Barte ruhen durfte als Ihr
besorgtet für mein Leben kein Obdach wäre mir da etwas wert gewesen so stark
auch das Unwetter ich hörte Euer Herz schlagen ich fühlte Euren Atem wie Tau
an meiner Brust ich war Euch so nahe Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt ich
denke mir rote und grüne Länder wo Ihr durchgehet ich liebe Euch wie meinen
Himmel und liebe den Himmel wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Güte O
möge Euch für die Treue an mir Maria die Mutter Gottes ihr Kindlein eine
Stunde in die Arme geben dass es Euch anlächle in der Wüste Mich segnet Euer
Andenken
                        3 Der Einsiedler an die Mohrin
Da der König David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht da begann
er zu alten da begann er zu kalten und das sahen seine getreuen Diener und
die zogen durch alles Land und suchten ihm eine züchtige Jungfrau und führten
sie zu ihm dass sie ihn wärmete mit ihrer Andacht und also ward er wieder jung
und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn Siehe so hast Du mir getan und
ich bin gestärkt durch Dich in die Welt gezogen siehe so tue vielen und
andern die noch mehr Deiner bedürfen als ich Es sind jetzund viele Menschen
die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar erzürnet aber
sie sind laulicht lieblos und gnadenleer geworden schließe Dich an sie zu
erwärmen die Kalten und Reif wird herabfliessen in Tränen und die Flur wird
heller und grüner sein denn jemals Ein liebendes Herz spricht zu tausend
andern es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne dass die kalten
Herzen inne werden der göttlichen Herrlichkeit  Auch mir Du geliebtes Kind
fehlt viel da ich Dich nicht bei mir sehe der volle Mond ist gebrochen die
frohe Sonne erloschen der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden ach und
die heiße Sommerwärme vom kalten Reife verdrängt doch manche Rose die sich dem
Himmelstau lange verschlossen geht im kalten Reife auf also diente ich jetzt
schon mancher andern frommen Seele  Verzweifele nicht an Deiner Heiligung
höre nur treu die Stimme des geliebten Jesus denn seine Stimme ist süß und sein
Angesicht lieblich Ich bitte die ewige Wahrheit dass sie in Deinem Herzen
haushalte und alles Unreine kräftiglich darausstosse das je darinnen sich
gesetzet Wie wäre es aber möglich dass alles Getümmel das zwanzig Jahre an
einem Orte sich gesammelt in wenigen Tagen ausgestoßen sei Es muss noch manches
wandelbare Wetter in Dir aufstehen ehe die bleibende Heiterkeit sich darin
setzt Darum lässt Christus sein Antlitz leuchten über Dir dass Du sehen
mögest wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen
                        4 Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater Euer Brief hat mich gestärkt dass ich zur großen Verlobung bin
tüchtig geworden Ich habe mein Gelübde getan ich konnte kein Haar mir
abschneiden lassen wie die andern denn mein Haar ist nie aufgegangen das die
heiße Sonne frühzeitig versengt hatte und mein Herz ist trocken geblieben Ich
habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher ich habe nicht geweinet wie
die andern den Tag nachher als die Tür zuschlug und ich in die dunkle Zelle
eingeführt wurde Ich fühlte mich nicht verändert nicht heiliger nicht
frommer und schreibe das der Trockenheit meines fremden Himmels zu Ihr seid
mein Führer Ihr hörtet mich als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang das
ich nicht verstand das ich bloß so nachsingen lernte meiner Mutter ehe ich
geraubt wurde Da tratet Ihr herein und fürchtetet nicht das Gespötte nicht die
Drohungen der wilden Seeräuber Ihr riefet laut »Hier ist noch eine arme Seele
die gerettet werden kann, denn sie wendet sich zu Gott«  Und Gott gab Euren
Worten die Kraft und erschreckte die Männer und ich folgte wie ein junges
Kindlein der Mutter ich war einer großen Sünde recht nahe und wusste es nicht
nun ich es weiß habe ich Euch erst danken lernen Ihr habt mich an den Himmel
abgegeben aber ich wage nicht hinaufzusehen Seht hinauf und betet für mich
                        5 Der Einsiedler an die Mohrin
Die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch die Turteltaube lässt
sich hören in unserm Lande Mit welchen Freuden meinst Du dass sich der Herr in
den schönen Weingärten ergeht ach ihr jungen schönen Weinstöcke des himmlischen
Vaters ihr schönen holdseligen Turteltäubelein des göttlichen Gemahls gedenket
wie lange Zeit ihr seid wüste gelegen wie manchen schönen Tag müßig  O wehe
des kalten Windes unnützer Worte Mein frommes Kind was soll ich mehr
schreiben Es freut sich mein Herz über Dein angefangenes heiliges Leben ehe
Du aber erstarket bist musst Du Dich umzäunen als ein junges Bäumelein gegen
das grasende Vieh So schaue in Dich statt der andern Tun und Lassen zu
vergleichen warte der himmlischen Harfen die im Gemüte wie die Vögel der
Luft unsichtbar dem in sich Verlornen klingen Auch sollst du gewarnet sein so
die schönen Weingärten aufblühen dass auch dann die Bremen und leidigen Käfer
beginnen zu stürmen und wo der böse Geist mit sich selber nicht kann zukommen
gegen einen frommen Menschen da lässt er ihn reizen von seinem Gesinde mit
bitteren Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide
Und darum mein junges Kind mein zartes auserwähltes Kind stehe fest in Gott
denn er lässt Dich nicht
                        6 Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater Ich bin demütig und meine Freude ist allen zu dienen und doch
werde ich verschmähet Wie können sie mich verachten da Ihr mich gewürdigt habt
der Lehre Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fähnlein zu tragen
mit dem Bilde Mariens geschmücket aber die weißen Schwestern rissen mir die
Fahne aus der Hand und ich  wie eine Aussätzige musste ich hinterher allein
gehen denn auch Terese hatte sich da einer anderen gesellt Und ich konnte vor
Scham nicht rot werden dass sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit
sähen ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstoßen Heiliger Vater wie
bedarf ich so sehr Eures Trostes dass ich auch hier nicht tauge wo ich meinte
selig zu werden ich muss weinen um andrer Leute Stolz ist das nicht Hochmut
Ich habe an Euch und an den himmlischen Bräutigam zu denken und denke immer
meiner Mitschwestern und zwinge mich wohl für sie zu beten aber mein Herz
wird vom Zorne überwältigt umsonst geissle ich mein Fleisch  ich hatte einen
schlimmen Herren auf der Insel  es ist zu gewohnt der Schläge und fühlt sie
nicht mehr Hörte ich nur ein Wort von Euch heiliger Vater so würde ich ruhig
sein
                        7 Der Einsiedler an die Mohrin
Die Töchter Jerusalems hatten ein Angaffen dass König Salomos auserwählte Frau
schwarz war und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste Da
antwortete sie ihnen jugendlich »Ich bin schwarz aber gar schön wie die
Teppiche im Tempel«  Liebe schwarze Tochter mir ist lieber eine gnadenreiche
Schwarze denn der Schein einer gnadenlosen Weißen wer sich auf der himmlischen
Heide ermaiet hat der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand Mein
Kind mein Kind werden Dir auch meine Worte was helfen da Dein Auge voll
Wasser Dein Herz voll Zornes ist Lieber Gott es ist so leicht zu sprechen und
raten es tut aber gar wehe ein Gegenwärtiges zu empfinden Ach mein Kind ich
muss Dir eines erzählen dass Du Deines Leides vergessest Siehe es geschahe
einmal da war ich in großen verschmäheten Leiden da saß ich in meiner Zelle
und sah einen Hund der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein
Gebetbuch und warf es nieder und biss darein und spielte damit Also liebes
Kind war ich in der Brüder Mund Das Gebetbuch lässt sich behandeln wie es der
Hund will aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Käppelein
neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste höre an diese edle
Trutznachtigall meines Bruders Spee das irdische Geschrei muss dieser
himmlischen Stimme schweigen die Dich immerdar mahnt Hast Du ein Herz wie das
meine so schwinge Dich auf durch Nebel und check  Mein Kind wir sind
nicht allein die Verschmähten die Verstossenen in der Welt die Mehrzahl des
himmlischen Hofes war es einst viel mehr gedenke der vielen Märtyrer Sind wir
den Leuten unnütz Das Weidenholz ist auch unnütz man schnitzet aber nach
dessen Absterben heilige Bildnisse daraus die man werter hält als Zedernholz
                        8 Die Mohrin an den Einsiedler
Heiliger Vater Ihr wandelt wie die seligen Engel unermüdet weiter und beglücket
wunderbar alle Menschen bei denen Ihr zusprechet seht aber nicht zurück auf
die welche beglückt sind durch Euch Es ist auch christliche Milde den frommen
Dank anzuhören und den Lohn seiner Taten zu empfangen  Mir ist der Friede
geworden ja es scheint Gottes Auge über mir zu weilen und mich mit einem Meere
lichter Wolken zu erfüllen kein Unfall störet mich mehr und die Schwelle über
die ich erst gefallen wird mir zu einer Altarstufe der ich den Anstoß danke
um mich darauf höher zu erheben Ich bin ungeschickt es Euch zu sagen mag auch
meine Seligkeit nicht sträflich unterbrechen mit Nachsinnen mir ist oft als
wenn ich flöge wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein ja der Himmel
ist mir offen und das neue Jerusalem wenn ich daran gedenke Die ungläubigen
Schwestern spotten über meine Gesichte weil mein Angesicht schwarz ist aber
mich schmerzt das nicht mehr ich weiß dass ich Ihn habe je mehr ich ruhe je
mehr ich begreife je länger ich schweige je mehr Wunder ich wirke in Seiner
Macht je mehr Seine Lust wächset je größer meine Hochzeit je minniglicher wir
uns ansehen je ungerner wir uns scheiden je mehr Er mir gibt je mehr ich
verzehre je mehr ich leuchte je mehr Lob wird Gott zubereitet
    Ich war oft so entzückt in seliger Anschauung des Bräutigams dass ich das
Geläute der Metten nicht hörte Sie schickten mir den frommen Abt um mich
ermahnen zu lassen und ich sagete ihm was ich sehe Und ihm ward wie einer
schwebenden Taube und er kniete vor mir Heiliger Vater kommt zu mir es
wandelt mich oft eine Furcht an vor meiner Seligkeit und Vollkommenheit als
wenn ich damit nicht leben könnte auf Erden als wäre ich schon im Himmel wie
eine rote Abendwolke die alle Gesichter der Menschen rötet Schon kommen
Bedrängte aus ferner Gegend die von mir gehört haben und wollen nur dass ich
die Hand auf sie lege und ich lebe so selig in meiner Klause dass mir die Welt
rings ganz dunkel und öde erscheint Ich werde von einer inneren Kraft getrieben
wie ein Samenkorn und wage nicht umzuschauen ob ich Raum habe meine Blätter
zum Himmel zu treiben Ich sehe die Säulen an unserer heiligen Kirche und
traure dass ihre Knospen nicht blühen wenn sich meine Blüte erhebt da wird die
Kirche daran hängen wie ein Stein der an den Baum gehangen worden ihn nieder
zu drücken aber der Baum hebt endlich mit Frühlingskräften den Stein und der
Stein drückt ihn nicht mehr nieder Kommt zu mir heiliger Vater und vereinigt
Euch mit mir wie soll ich mich halten gegen die Wunder Ich will Euch dafür mit
aller meiner Kraft und Seligkeit erfüllen
                        9 Der Einsiedler an die Mohrin
Liebe Tochter Sässe ein Mensch vor einem Keller an einem sommerlichen Tage
schön bedeckt mit des gelaubten Waldes grünem Staate mit der Blumen heller
Schönheit trüge in seiner Hand einen Zyperwein in dem durchleuchtenden Glase
und tränkete sich damit nach des Herzens Begierde und ein anderer Mensch säße
auf der dürren Heide unter einer rauen Wacholderstaude und läse Beeren ab dass
er kranke Menschen gesund machte entböte jener diesem wie er sollte tanzen er
spräche »Der mag wohl trunken sein mir ist ganz anders zumut« wir sind
ungleich geführet mein Kind das mag ich eigentlich zu Dir sprechen von der
Botschaft die Du mir getan wie eine Fackel entbrennet sei in Deinem Herzen und
die Liebe Wunder in Dir wirke Mein Kind es steht eine große Freude auf in
meinem Herzen dass sich der Liebliche so lieblich erzeiget und dass er Dir gibt
zu empfinden was er nur wenigen verleiht doch merke liebes Kind ein Mensch
der nie zu dem Weine kam dem ist der Wein empfindlicher als dem der schon oft
getrunken und gedenke dass Dir also geschehen sei von der klaren süßen Liebe
der ewigen Weisheit die Dich nun kräftig hat umfangen Oder ich meine auch dass
Gott Dich reize weil er Dich bald von hinnen nehmen will in den grundlosen
Brunnen woraus Du ein seliges Tröpflein versuchet Nehme daher wahr Deiner
leiblichen Kräfte dass Du nicht verzehret werdest vom allzu heftigen Streben
nach dieser Seligkeit Es mag sich auch fügen dass Du vielleicht bald auf ein
Geringes gesetzet wirst denn nach langer Hitze und Dürre leuchten die Wetter
prächtig und tränken die Gefilde mit Himmelsduft aber dann ist es oft lange
kalt Fülle in Demut Deine Zisterne und versäume nie darüber Dein Gebet so wird
es Dir nie an einem Labetrunk fehlen den Du mit allen teilen musst die da
dursten Liebe Tochter versäume keinen andern in Deiner Frömmigkeit indem Du
Deine Frömmigkeit und Dein Glück mir anrühmest Ich wohne hier in der Wüste an
einer sanften Quelle die immerdar in Tropfen fliesset und habe ich ein
Stündlein mit ausgestreckter Hand gesessen so hat sich so viel des Trankes
darin gesammelt als mir gut tut im Alter Liebe Tochter es dursten so viele in
der Welt unter schwerer Arbeit nach einer himmlischen Labung danke es Gott
durch solchen segenreichen Zuspruch dass Du nicht wie eine Ehefrau mit Not und
Sehnsucht wegen Mann und Kind geplagt bist sondern dass Dein Sehnen schon
Seligkeit und ihre Erfüllung der Himmel sei
Dolores meinte am Schluße dieser Briefe Klelia hätte auch solche Heilige
werden können, wenn sie in der alten Zeit gelebt hätte sie sprachen von ihr
wie es käme dass sie seit der ersten Nachricht von ihrer glücklichen Ankunft in
Palermo noch gar keine Nachrichten erhalten hätten Wie es sich aber oft so
sonderbar mit ersehnten Briefen trifft so kam der Briefbote während dieser
Unterhaltung mit einem dicken Briefe zurück den Dolores sogleich aus der
Aufschrift erkannte »Sieh Karl ein Brief von Klelien den les ich zuerst
nachher sollst du ihn lesen« So setzte sie sich still hin und der Graf las
immer die umgeschlagenen Blätter laut ab »  Der Obrist unser Onkel hält
alle Abend von neun bis ein Uhr eine Pharaobank da kommen alle Offiziere des
Regiments und die reichsten Leute der Stadt zusammen und ich muss sie
unterhalten ich Unglückliche der vom Schlafe oft die Augen zusinken und dabei
muss ich sehen dass sie ihn im Herzen verachten wenn sie es gleich nicht kund
werden lassen Zwar hege ich das feste Zutrauen zum Onkel dass er ehrlich
spielt aber ist es nicht schon ein Betrug Bank zu machen wenn man voraus weiß
dass nach den Vorteilen die das Spiel erlaubt und wegen der Unbesonnenheit der
meisten Spieler die Bank immer gewinnen muss Ich sagte das meinem Onkel aber
er wurde sehr heftig und schwor dass er doch unmöglich ohne Gewinn seine Pacht
an den Staat bezahlen und sein Vermögen in die Bank stecken könne « Hier
schlug Dolores um und der Graf las auf der andern Seite »  Die Nonnen sind
mein Trost mit ihnen lerne ich viele schöne Handarbeiten da sticken wir
zusammen ein herrliches Messgewand das Rosaliens Kapelle auf dem Berge geschenkt
werden soll es ist aus kleinen Blumen zusammen gestickt und jede der
Schwestern kann sticken welche Blume sie liebt doch immer dass es sich wohl
ordne Ich sticke lauter deutsche Vergissmeinnicht die sie hier nicht achten
und bei jeder denk ich immer ganz allein an einen von euch oder an unsern alten
Bedienten und lasse manche Träne hineinfallen und wo es einen Flecken macht
da sticke ich eine Perle drauf damit die Schwestern nicht böse werden «
Wiederum wendete Dolores das Blatt und der Graf las »  Neulich konnte ich es
doch nicht lassen einen jungen Mann zu warnen der in törichter Hitze seinen
Satz immer verdoppelte aber was halfs jedermann lachte über mich der junge
Mensch spielte nun aus Eitelkeit noch wilder und bildete sich ein ich sei in
ihn verliebt Jetzt lauert er mir aller Orten auf so dass mich seine törichte
Leidenschaft oft zu Hause hält denn er soll kühn sein und es gibt hier wenig
öffentliche Sicherheit Mein Onkel gab mir einen derben Verweis wofür mich
freilich die Tante so freundlich trösten wollte lieben Freunde sie ist gut
sehr gut ich verstehe mich aber nicht mit ihr ich suche die Stille sie
wünschte in ihrem Hause beständige Neckereien Herumlaufen Tanz « Dolores
drehte wieder das Blatt der Graf las »  So prachtvoll hier alles sein mag
unser liebes Deutschland vergesse ich darüber doch niemals oft wenn ich lange
nicht daran gedacht habe da fällt es mir so schwer aufs Herz oft weiß ich
nicht einmal wobei es mir so einfällt Neulich aber war ich ganz trostlos da
komme ich in unsere Küche wo ich doch schon oft gewesen und sehe so zufällig
in dem knisternden Feuer der grünen Ölbaumäste eine schöne Figur in der eisernen
gegossenen Platte die im Hintergrunde des Herdes aufgerichtet steht zwar war
sie sehr verrostet aber ich konnte doch noch deutlich sehen wie sie aus einem
Füllhorne Blumen fallen lässt Unter der Platte standen nun mehrere lateinische
Buchstaben die ich zusammenbuchstabiere und immer nicht verstehen kann weil
ich auf etwas Lateinisches oder Italienisches rate endlich spreche ich es ganz
aus seht da heißt es Frühling unser lieber deutscher Frühling mit aller
seiner Wunderbarkeit wie er aus dem Schnee hervortritt kann mich nie so
verwundert so gerührt haben als diese arme Frühlingsgöttin die vielleicht seit
hundert Jahren hieher verbannt von niemand verstanden worden wer wird mich
hier finden der mich versteht da ich keine Blumen ausstreue wie jene Ich habe
nicht geruht bis ich die eiserne Platte in meinem Zimmer aufgestellt habe «
    »Die arme Klelia« rief der Graf »wir müssen ihr gleich schreiben sie muss
zu uns ziehen wer wird sie aber hieher begleiten Ich begreife nicht Dolores
wie du sie damals hast können wegreisen lassen sie gehört so notwendig zu
unserm Glücke wir haben uns doch zuweilen gestritten und einander erzürnt
sieh das wäre gar nicht möglich geworden in ihrer Nähe sie ist ein Engel bei
dessen Anblicke einem alle Heftigkeit und Bosheit vergeht«  »Es ist gut dass
sie nicht hier ist« sagte die Gräfin »so wie du jetzt gesinnt bist würdest du
sie sicher mir vorziehen sie störte dich niemals widerspräche dir nie was du
tätest und sagtest wäre ihr immer recht ich bin dir zu aufrichtig zu
freimütig«  »Liebes Kind wie du das wieder nimmst« rief der Graf und fing
schon seinen Brief an Klelien an »es ist mir gerade das Teuerste an dir dass du
so fest begründet so sicher in dir lebst um alle fremde Gesinnung zu
verschmähen um von niemand etwas anzunehmen um « doch da war er schon so
vertieft in seinen Einladungsbrief an Klelien dass Dolores ohne dass er es
merkte das Zimmer verlassen hatte während er noch immer einzelne Worte zu ihr
redete Er schrieb gewöhnlich emsig und schnell und da er nach einiger Zeit
jemand neben sich atmen hörte so glaubte er mit Wahrscheinlichkeit es sei
Dolores die ungeduldig über sein langes Schreiben ihm über die Schulter sehe
Da der Brief gleich zu Ende ging das heißt das Blatt das so gebietend über die
Länge der Gedanken entscheidet so wollte er sie festhalten und sie zugleich
beschäftigen indem er nach ihrer Hand griff Wirklich fasste er auch eine Hand
und drückte sie und seine Hand wurde zärtlich wieder gedrückt zugleich fühlte
er einen heftigen Kuss der auf der Oberfläche der Hand haftete Das war gegen
die Art der Gräfin er sah sich um und fand die tolle Ilse die ihm Hut und
Stock brachte die er gestern im Zimmer der Gräfin vergessen hatte und ihn mit
dieser demütigen Gunst gar rührend anblickte Der Graf war in Verlegenheit
seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle
Standesverhältnisse auf sie küsste ihm noch einmal die Hand und drückte sie an
ihre Brust deren Pochen er fühlte er konnte ihr noch kein Wort sagen sondern
klopfte ihr mit den Händen die Backen und murmelte so etwas »Sie ist ein gutes
Kind« Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf und fragte
»Haben der liebe gnädige Herr was zu befehlen«  »Nichts liebes Kind« sagte
er und doch brauchte er Licht um seinen Brief zu siegeln Sie verließ jetzt
das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung und er ging verwundert auf und ab wie
eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht über ihn habe ausüben können er
konnte dem Mädchen nicht mehr Böses nachsagen wie er bisher getan jede
Zuneigung auch die unerwiderte hat in einem guten Gemüte etwas
Verpflichtendes und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht Die tolle
Ilse war wirklich in den Grafen verliebt wie gemeiniglich alle Dorfmädchen in
einen schönen Gutsherrn sein Einfluss ist ihnen deutlicher als in den Städten
die ganze Macht eines Fürsten er ist ihnen auch in guter Art viel überlegener
selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas
Ehrenvolles und die Kinder die daraus hervorgehen werden mit einem Stolze wie
junge Halbgötter angesehen mehr als eheliche Kinder geschmückt und begünstigt
Es ist ihnen ein geheimer Stolz wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen
kommen und an den Kasten treten wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen mit
manchem bunten Silberbande zu prunken das sie noch wohl an die Mütze stecken
könnten solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt und wüssten sich nur
die neidischen Mitmägde recht verständlich zu machen sie bezahlten gern eben so
teuer aber eben in dieser Unverständlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf
dem Lande Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten dass sie die Verschiedenheit der
Stände wenn auch nicht aufhebt doch sittlich unabhängiger von einander macht
so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen
 
                              Achtzehntes Kapitel
                             Adel Der Gerichtstag
Solche Reihen gleicher Tage von außen still voll abwechselnder innerer
Bewegung überspringen wir denn das Glück lehrt nicht es ist ein Geheimnis
Selbst einen schönen guten Morgen wo der Graf die Nachricht von seiner Frau
erhielt dass sie sich von mehreren Nachbarinnen überzeugen lasse sie sei in
gesegneten Umständen wollen wir ungefeiert lassen Doch waren sie beinahe über
den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden da die Gräfin einige
Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten die sie besonders achtete in ihre Familie
einführen wollte und der Graf unabänderlich darauf bestand dass man in einer
Zeit die so wenig Bestehendes hervorbringe das Angeerbte durchaus bewahren
müsse wo es nicht dagegen anstiesse denn es ruhe Segen darauf In diesem
Gespräche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht die beiden
gleich unangenehm war weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den
Zeitungen verschloss Die Gräfin ohne irgend stolz aristokratisch zu sein hatte
doch ihre früheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse
von Leuten zugebracht die sich damals in Deutschland bildete welche blind an
eine notwendige Rückkehr derselben Verhältnisse glaubte die lange ihnen bequem
gewesen Der Graf der erst auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht
gewonnen hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen weil ihm
manches Bestehende in dem Unterrichte verhasst geworden insbesondre war es aber
sein Lieblingsplan alles Gute und Ehrenvolle was sich in den adligen Häusern
nach seiner Meinung entwickelt habe allgemein zu machen alle Welt zu adeln
Beides stritt notwendig gegen einander dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke
auf Du und Du mit aller Welt zu sein der Gräfin war jede Vertraulichkeit
niederer Klassen unerträglich und die tolle Ilse wusste schon dadurch sich ihr
einzuschmeicheln dass sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen durch ein
schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte Diese Gesinnung kam erst bei
dieser Veranlassung zur Sprache weil der Graf seine Meinungen über die
allgemeineren Begebenheiten in deren Kreis er nicht eingreifen konnte nur bei
einem bedeutenden Anlasse aussagte Als ihm die Gräfin heftig widerstritt
glaubte er sie verstehe ihn nicht ganz wollte sich aber mündlich darüber nicht
weiter einlassen sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch das er im Hause
gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben was dem ganzen Hause
begegnete neben der frohen Hoffnung auf ein Kind
Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort
Nur im Herzen ist der Ort
Wo der Adel tritt in Schranken
Wenn die Tugend in den Nöten
Hellaut rufet mit Drommeten
In den Schranken stehen die Ahnen
Wenn der Zweifel Kampf beginnt
Wie aus Fels die Quelle rinnt
Frischend ihre Geister mahnen
Geister werden zu Gedanken
Halten fest wo alle wanken
Geister sind in jedem Hause
Wecken aus dem Schlaf den Mut
Also rinnt das edle Blut
Geistig wie der Wein beim Schmause
Dass vereinet die getrennet
Eine Lieb in allen brennet
Immer mit dem größten Masse
Misst des Hauses Geist das Kind
Und das Kind sich dehnt geschwind
Will sich zeigen von der Rasse
Was ihm Herrliches bescheret
Zeigt sich höher sicher währet
Nicht die Geister zu vertreiben
Steht des Volkes Geist jetzt auf
Nein dass jedem freier Lauf
Jedem Haus ein Geist soll bleiben
Nein dass adlig all auf Erden
Muss der Adel Bürger werden
Sie wollte ihm diese Grundsätze, die sie für anstößig erklärte widerlegen aber
es war das erstemal dass er mit Ernst an die Schranken erinnerte die einer Frau
zugemessen Sie war überrascht davon aber nicht überzeugt besah einige
Augenblicke ihre schönen Nägel die so angenehm rötlich glänzten und auf deren
jedem ein aufgehender Mond zu schauen war dann sagte sie spottend »Du bist
heute wohl so ernstaft weil du Gerichtstag halten lässt Hör Karl einen
Gefallen musst du mir tun siehst du wohl die alte Frau die dort mit einem
zugebundnen Teller um das Schloss schleicht es ist eine gute Alte sie heißt die
Petschen und hat eine böse Schwiegertochter die schlägt sie jetzt nachdem sie
dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat«  »Woher weißt du das«
fragte der Graf  »Von meiner Ilse« antwortete die Gräfin »die arme Frau
bringt ihr für mich kleine Birnen zum Geschenk sie hat mich so lieb«  »Ich
will aufmerksam zuhören« meinte der Graf »aber in die Aussprüche mische ich
mich nicht ich suche die Leute zu deutlicher Erklärung zu bringen und ihnen
Gerichtskosten zu ersparen alles übrige ist dem Gerichtshalter überlassen der
mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist Überhaupt hasse ich dies
Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Fürsten die Gerichte müssen im ganzen
Lande von den tätigen Gewalten unabhängig sein ganz auf freier Wahl beruhen und
wo Richter nicht genügten müssten Geschworene zu Hilfe kommen nur dadurch würde
eine nationale Gesetzgebung entstehen die alles Fremde alle unnütze
Weitläuftigkeit und drückende Kosten aufhöbe Ich schwöre dir dass mich oft
wenn ich für einige elende Zeilen die eine ganz überflüssige Formalität
enthielten ein paar Taler zahlen musste eine Wut packte das Tintfass dem
Justizkommissar in die Zähne zu schlagen oder dass ich jeden Augenblick wartete
ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen würde
Wenn ich das so fühle wie viel schärfer schmerzt solche Ausgabe die Ärmeren
die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht für dieses Geld
arbeiten mussten Dazu kommt noch dass bei den vielen fremden Worten bei der
Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt
wie eine Art Zauberspiel wo der Zufall entscheidet wogegen sie sich listig
verkriechen5 Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben können der
große Saal gestattet jedermann den Zutritt durch Schranken sind die Zuhörer von
den Klagenden getrennt mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann der
freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht aber das eine fühl ich
sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung es ist sehr
schwer sich alles Rechtsentusiasmus zu erwehren so wie du für die Alte
moralisch eingenommen bist so bin ichs für andre Heute kommt ein wunderlicher
Fall vor Ein Schneider hat von einem Mädchen das seine Hand ausgeschlagen
schlecht gesprochen das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache die
Eltern ärgern sich darüber holen eine Stiefelbürste und gehen beide in das Haus
des Schneiders stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor dass er mit seinem
Munde den guten Ruf des Mädchens befleckt sie versichern ihm er habe einen
unreinen Mund sie müssten ihn erst putzen und fahren mit den schmutzigen
Stiefelbürsten nachdem er sich mit dem Bügeleisen vergebens gewehrt hatte ihm
in den Mund dass ihm die Nase blutet«  »Nun da geschah ihm recht« sagte die
Gräfin  »Ich fühle das auch« fuhr der Graf fort »und doch müssen sie
bestraft werden die Art wie sie ihn straften war widerrechtlich« Der Graf
wurde jetzt abgerufen der Hof stand schon gedrängt voller Leute die sich hier
vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch ärger verhetzten viele redeten
vor sich manche waren bleich der Entscheidung harrend der große Gerichtsdiener
schritt mit Wichtigkeit umher und erteilte bedeutsam seinen Rat während er den
Gefängnisturm lüftete und die alten Gerichtswerkzeuge spanischen Mantel
hölzerne Fiedel und Halseisen ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden sonnte
und zum Schauder aller ausstellte jeder Bediente des Schlosses erschien den
Leuten als eine mächtige Protektion er wurde beiseite genommen von dem
streitigen Fall unterrichtet die Hände gedrückt und ein Schnaps zugetrunken
nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze
Protektion war vernichtet  Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau die
ihm von der Gräfin empfohlen sie kam mit vielen Höflichkeitsbezeugungen ihr
Sohn ein kleiner magerer Leineweber und eine sehr rüstige Schwiegertochter
traten ihr entgegen Es sei uns hier vergönnt die Leser mit einem sehr
traurigen Familienverhältnisse bekannt zu machen das unter den ärmeren Klassen
auf dem Lande häufig hervortritt wo ein kleines Eigentum Haus und Garten
selten geeignet ist mehr als eine Familie zu erhalten Die Eltern welche zur
Arbeit zu schwach werden nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten
Kinder zu sich sie bedingen sich ein Dritteil der Gartenfrüchte einen Sitz auf
der Ofenbank und andre ähnliche Vorteile So lange wenig Kinder in der
aufgenommenen Familie sind geht alles in gutem Frieden die Alten halten zwar
meist sehr strenge auf ihre Forderungen aber sie dienen auch mit allem Fleiße
in der Wirtschaft mehren sich aber die Kinder dann überwiegt die Liebe zu
ihnen die Liebe zu den Eltern und ihr Tod wird oft ganz laut gewünscht dies
war auch das Verhältnis zwischen der Alten und ihren Kindern Die Alte wollte
gern ihre Abtretung an den Sohn aufheben sie glaubte sich durch ein Geschenk an
Frühbirnen das sie der Gräfin durch die tolle Ilse einhändigen ließ
einzuschmeicheln und durch dies Einschmeicheln ihren Zweck zu erreichen auf
dem Lande erscheint eine Kammerjungfer wie eine Oberhofmeisterin an großen
Höfen Ihr Dritteil an den Birnen wollte sie nicht gern allein zu diesem
Geschenke anstrengen als daher das Birnenschütteln und Teilen nach manchem
Probieren auf einen Sonntag angeordnet war schlich sie sich früh Morgens als
sich die jungen Leute noch im Bette erfreuten auf den Baum und schüttelte und
pflückte nach ihres Herzens Lust die sich in der Arbeit mehrte Die junge Frau
sagt endlich etwas das die Alte einem schreienden Kinde tun soll sie erhält
keine böse Antwort verwundert sich und sieht dass die Mutter schon aufgestanden
sei gleich weiß sie worauf das gehe auch sie hatte gestern den Baum mit
Sehnsucht angesehen sie springt heraus und findet die Alte wie sie auf dem
Birnbaume wütet Das gab Schimpfreden aber die Alte war so erbittert auf die
Birnen dass sie gar nicht vom Baume herunter zu bringen war bis die
Schwiegertochter sie wie eine Katze oder wie ein Eichhorn herunterschüttelte
und sie unten am Boden wie ein näschiges Kind abstrafte Da beide unrecht
hatten die Alte als Diebin die Tochter wegen der zugefügten Misshandlungen so
wurden sie nach heftigem Gestreite beide auf ein paar Stunden ins Gefängnis
gebracht der arme Leineweber wollte aus Achtung gegen Mutter und Frau dabei
verzweifeln und ließ sich zu ihrer Unterhaltung mit einsperren  Als der Graf
seiner Frau diesen Schluss lachend meldete fühlte sie sich doch gekränkt »Ich
finde es gar nicht zum Lachen« sagte sie »wenn meine Vorsprache dir so gar
nichts gilt die Leute werden mir künftig alle Achtung versagen«  Der Graf sah
ärgerlich zum Fenster hinaus
 
                              Neunzehntes Kapitel
             Der Dichter Waller und seine Frau Traugott und Alonso
Er hatte kaum ein paar Minuten hinausgeblickt als er seine Frau auf eine Gruppe
aufmerksam machte die den hohen Weg vorüber unter den palmenartigen Weiden wie
ein Schattenspiel fortschritt Ein wohlgekleideter Mann führte ein Pferd auf
welchem eine Frau in Betten eingepackt saß zwei Kinder ritten auf großen
langgehörnten Ziegen nebenher Unsre beiden Zuschauer eilten herunter die Leute
näher zu betrachten und sie wurden von dem Manne der in einem sehr
ausgearbeiteten faltigen verbrannten haarichten Gesichte viel Geist verriet
angeredet Er klagte dass seine Frau der diese Lustreise zur Gesundheit
empfohlen immer kränker würde zugleich bat er um ein Unterkommen Der Graf
erbot ihm alle seine Dienste und führte selbst das Pferd nach einem
Gartenhause wo die Kranke keine Stufen zu steigen brauchte und doch aller
Annehmlichkeit der Gegend genoss Als sie sich auf dem Sopha eingerichtet erhob
sie den Schleier und zeigte ein so reizend sterbendes Gesicht etwa in der Art
wie wir auf einigen altdeutschen Bildern von der sterbenden Maria sehen sie
sprach wenig aber dieses Wenige beschäftigte sich nach dem ersten Danke ganz
mit Sorge für Mann und Kinder dass sie die Zeit nicht ihretwegen versäumen
möchten sie möchten ihre gewöhnten Arbeiten vornehmen Nachdem dieses
wenigstens von den Kindern geschehen und beide einige landschaftliche Skizzen
auszuzeichnen begonnen hatten redete sie erst die Wirte an und versicherte
ihnen mit einer Art innerer Zufriedenheit dass ihre Milde diesmal wohl
angewendet sei da ihr Haus durch die Gegenwart des großen Waller gesegnet
werde den als ihren Mann zu nennen ihr höchster Stolz sei Jetzt begannen
allerlei Komplimente der Graf mochte nicht sagen dass er seine meisten Gedichte
für falsche Münze halte welche die Eitelkeit mancherlei tönenden Worten
ausgeprägt hatte die Gräfin mochte nicht eingestehen wie hoch sie ihn verehre
Waller entwickelte dabei in hoher Vollendung seine Manier das Ernste spaßhaft
das Spasshafte ernst zu nehmen durch Sonderbarkeit zu verwirren seine
Vortrefflichkeiten als zu leicht auszuwerfen und war bald so laut als er
vorher einsilbig gewesen Seine Frau durfte ihrer Brust wegen wenig reden sie
legte zu ihrer Unterhaltung eine Rötelzeichnung von der Aussicht an die alle
umgab bald ging ein Knabe hinaus eine der Ziegen zu melken und brachte ihr
die Milch die sie mit Lust austrank dann gab sie beiden Kindern dem Traugott
und dem Alonso die Freiheit umherzulaufen Ohne eines Menschen zu achten immer
mit einander beschäftigt holten die Knaben mancherlei Spielzeug aus den Taschen
und begannen im Schloss ein Durchsuchen ein Umklettern wie eine Diebesbande
oder wie ein paar neu angekaufte Hofhunde die Leute des Grafen wollten es ihnen
wehren er aber gönnte ihnen dieses Vergnügen was ihm sehr natürlich in jedem
Kinde vorkam aber wunderbar insofern sie sich ihm ganz unbesorgt überließen
als wäre die Welt ihre Küche und Garten plünderten sie durch wie die Affen nur
in dem Bedürfnisse des Augenblicks ohne der Zukunft zu achten Etwas von allen
Tieren hatten sie auch wirklich in ihrer Bildung und in der Art ihrer Bewegung
vielerlei Fertigkeit wenig Überlegung Ihr Vater sagte mit Recht »Es sind
Menschen wie die künftige Zeit sie brauchen kann mit jeder Not vertraut in
Arbeit und Mühe und jeder Witterung abgehärtet« Da Frau Waller Ruhe bedurfte
so ließ sich Waller mit seinen neuen Bekannten in ein Gespräch ein wusste so
schnell in alle Besonderheiten des Hauses einzudringen und sich darin zu fügen
dass er in einer Stunde mehr Herr darin zu sein schien als der Graf Für die
Vertraulichkeiten die er ihnen entlockt hatte forderten sie gleiche
Vertraulichkeit von ihm und er sprach mit einer Art Überhebung von sich seine
Frau sei früher an einen reichen Kaufmann verheiratet gewesen er habe sich in
dem Geldmangel worin er sich seit seiner Jugend befunden auch an dieses Haus
gewendet und sei wegen seiner Spasshaftigkeit Tischgenosse geworden Die Frau
die älter als er habe sich in ihn verliebt und um sie nicht unglücklich zu
machen ungeachtet sie ihm immer fatal gewesen habe er drein willigen müssen
dass sie sich scheiden lassen und ihn geheiratet Wir wollen hier seine lange
Erzählung zusammen ziehen Waller war des Herumstreifens müde er beredete sein
Frau ihr Haus in der Stadt zu verkaufen um ganz der Kunst in einem abgelegenen
Landhause zu leben das ihn einmal auf einer Reise in der Mitte eines
Tannenwaldes entzückt hatte Sie willigte in alles seit ihrer Scheidung lebte
sie ganz ihrem Manne und der Malerei er reiste in die romantische Gegend
kaufte das Haus sehr teuer weil eine Familie die dort geboren und groß
gezogen nicht aus gleichem Sinn an der Natur, sondern aus Gewohnheit sich nur
großer Vorteile wegen davon trennen mochte In wenigen Tagen richtete er sich
alles nach seinem Geschmacke ein sonnte die angekommenen Betten stellte
Blumentöpfe in die Fenster wand eine Ehrenpforte an der Türe aus Birken mit
Bärenklau und Feldblumen setzte sich in den Garten und schrieb dieser
Ehrenpforte eine Inschrift
Hier fielen Druck und Sorgen
Von eines Menschen Herz
Er kann euch wieder borgen
Von seinem eignen Scherz
Nur einmal Herr der Erde
Nur einmal Herr der Luft
Dann weichet die Beschwerde
Dann füllet sich die Kluft
Die offenen Augen tragen
Wohin der Fuß mich trägt
Bis zu dem Sonnenwagen
Der hoch am Himmel wegt
Nach einem andern Wagen
Horcht hier im Sand sein Ohr
Der soll die Freundin tragen
Durchs hohe Gartentor
Er sonnte still im Garten
Die Betten ganz allein
Er musste lange warten
Sie tritt ins Haus herein
Und an der Ehrenpforte
Vielbuntem Bogenzug
Liest sie die frohen Worte
Die Eine mir genug
Er hatte es sich aber bloß eingebildet dass sie gekommen sie war durch ein
gebrochenes Rad auf dem Wege aufgehalten er wurde immer ungeduldiger hatte für
alles gesorgt nur nicht fürs Essen er musste sich mit Brot und Milch begnügen
aus Ärger warf er endlich die Ehrenpforte zusammen fegte die Blumen aus den
Zimmern und empfing die Frau die dazu ankam mit heftigen Vorwürfen wie sie
ihm jedes Vergnügen verderbe Sie suchte ihn zu beschwichtigen und er ward
wieder vergnügt Am anderen Morgen wollte er eine gewaltige Arbeit machen zu
der er sich lange einen recht schönen Tag gewünscht wirklich war das Wetter
hell er ging auf sein Studierzimmer aber es wollte ihm nichts gelingen er war
zerstreut ein paar welsche Hähne die sich im Hofe bissen zogen alle
Aufmerksamkeit an sich dann sah er einer dicken Magd zu die im Garten
arbeitete dann wurde es ihm zu heiß Es ward Mittag und er hatte nichts getan
und fand darüber alle Lieblingsspeisen schlecht die ihm seine Frau zubereitet
hatte Jeder Tag hatte seine eigne wunderbare Geschichte insbesondre seit er
sich darauf legte die Natur recht zu genießen da zog er seine Frau halbe
Nächte durch nebelbelegte Wiesen und kühle Waldungen herum den Sonnenaufgang zu
sehen und gemeiniglich ehe es dazu kam musste einer von ihnen aus irgend einer
Unbequemlichkeit nach Hause gehen und sie hatten nichts als Schnupfen und Fieber
davon gehabt Wallern war es ganz erstaunungswürdig dass er die Natur ganz
anders gefunden als er sie beschrieben aber die Landleute entsprachen noch
weniger seinen Erwartungen seine ländlichen Gedichte verstand keiner sie
hatten alle den »Eulenspiegel« viel lieber Diese Erfahrungen machte er im
Sommer aber im Winter hatte er noch viel mehr zu lernen vergebens schrieb er
an alle Bekannte der ganzen Gegend dass sie ihn besuchen möchten keiner mochte
die gefährlichen Wege in Schneewetter machen der Unmut darüber erzeugte manches
Lied unter andern auch dieses
                                  Winterunruhe
Ich räume auf für Gäste
Sie hält mich auf dem Neste
Die Wege sind beschneit
Und keiner kommt so weit
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh
O wäre früher ich geboren oder später du«
Ich sitz bei ihr sie spinnet
Mein Herz in mir es sinnet
Es treibt mich durch den Wald
Wie ist der Wald so kalt
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh
O wäre früher ich geboren oder später du«
Die Tanne sagt vom Schmause
Mich brausend jagt nach Hause
Zu Hause bei dem Herd
Da werd ich so beschwert
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh
O wäre früher ich geboren oder später du«
In ihrem Haar ich spiele
Der Träume Schar ich fühle
In ihrer Locken Nacht
Doch bald bin ich erwacht
»Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh
O wäre früher ich geboren oder später du«
»Lieben Leute« rief hier Waller aus »hätte meine Frau nicht ein Kind bekommen
den Alonso ich wäre aus Langeweile toll geworden da bekam ich doch was zu
sprechen mit all dem närrischen Volke von Ärzten und Weisemüttern Das hielt
doch auch nicht länger vor als bis zum Frühling da sagte ich dass ich auf die
Leipziger Messe gehen müsse um ein Manuskript zu verkaufen und lief über Berg
und Tal als wenn ich gehetzt würde Denkt euch in Leipzig sitze ich in guter
Ruhe bei Mainoni und esse Stengelrosinen und Knackmandeln da bringt mir der
Bursche aus der Buchhandlung einen poetischen Brief von meiner Frau
Der Liebe Furcht ist Fackel meiner Liebe
Die meinen Traum mit Strahlen Nachts erfreut
Damit mich nicht die Einsamkeit betrübe
Mir Sterne auf die dunkle Erde streut
Und meiner Liebe Flamme höher treibt
Dass Dir ein Zeichen bleibt
In Liebesfurcht ich seh die Wolken jagen
Dort überem Mond dass er zu wanken scheint
Wohin wohin will euch der Sturmwind tragen
Zu meinem Lieben der es treulich meint
Der Blume Blätter werf ich in den Wind
Er bringt sie Dir geschwind
Der Liebe Furcht durchbebet mich so sachte
Zu schauen ob mein Kind noch atmen kann
Es sah mich an und drehte sich und lachte
Ich sah es schon wie Dich wenn es ein Mann
So schauet aus der Liebe ödem Haus
Ein frommer Geist voraus
Wird Liebe Furcht so lass die Furcht mich lieben
Und liebe mich dieweil ich furchtsam bin
So kann die Furcht die Liebe nie betrüben
Und Furcht und Liebe haben gleichen Sinn
Es wächst die Furcht der Liebe zum Gewinn
In Deiner Liebe Sinn
Fragen Sie sich selbst ob ich länger von ihr bleiben konnte nach solcher
Einladung denken Sie sich mir zu Liebe hatte die liebe Frau die ersten Verse
in ihrem Leben gemacht Ich trat denselben Tag noch meinen Rückmarsch an mein
Buch wurde nicht fertig gedruckt
    Damals hab ich eine schöne Zeit mit ihr gelebt leider dass uns die
allergemeinste Ursache bald in Verlegenheit setzte Ich hatte ein Landgut
gekauft und war kein Landwirt und meine Frau verstand bei dem besten Willen
eben so wenig davon ich hatte viel bezahlt verzehrte noch mehr und nahm nichts
ein die Summe gezogen musste ich den Hof meinen Schuldnern überlassen und in
die Stadt ziehen Da jubelte mein ganzes Herz meine Frau war aber betrübt sie
machte mir so rührende Vorstellungen dass ich ihr zuschwor recht fleißig zu
werden sie selbst fing an Kupferstiche zu meinen Gedichten recht artig zu
radieren und die waren meist schon fertig wenn das Gedicht erst zur Hälfte
gelangte Dann weckte sie mich immer früh auf hatte schon mein Zimmer geheizt
mir Kaffee gekocht und da sollte ich nun arbeiten das war eine Sache zum
Einschlafen in meinem Ärger über diese Behandlung und doch im Gefühle wie es
nicht anders gehen könne schrieb ich eine Elegie vom Weber den ich vorstellte
und von der Spinnerin die meine Frau bezeichnet welche ich Ihnen mit der
rechten Betonung vorlesen will macht sie Ihnen Langeweile so ist es meine
Schuld«
 
                              Zwanzigstes Kapitel
                          Der Weber und die Spinnerin
Als ich Geselle noch war und webte geschäftig beim Meister
Sprang ich für Augenblickslohn oft zu der Tochter hinein
Immer fand ich die Braut beim schnurrenden spinnenden Rädchen
Ungeduldig einmal schwieg ich tückisch in mir
Doch sie fragte mich nicht da brach ich das Schweigen erglühend
»Wahrlich die Göttin tat recht als sie Arachnen bestraft
Denn nur Eitelkeit ists zu lieben und andres zu schaffen
Als das zierliche Werk dessen Rädchen das Herz«
»Ungeschickter« sie sagt ganz ruhig beschaut sie den Faden
»Stören die Hände dich je die beschäftigt im Werk
Höre den ruhigen Takt das Ungeordnete gleichend
Und das Auge es weiß was dir erlaubt sei dabei« 
Wohl ich nützte auch gleich die zart mir gegebne Erlaubnis
Und ich gab ihr den Kuss doch nur den Backen er traf
»Ach« so seufzte ich dann »kein duldendes Weibchen ich wollte
Sondern das harrend gelauscht mich im Kommen umschließt«
»Bläulich blühet der Flachs« entgegnet sie »Hoffnung der Liebe
Dass ein bräutliches Bett wachse in Blumen darauf
Doch die Blume sie täuschet es fallen die bläulichen Blätter
Und der Faden erwächst unter der Blume versteckt
Tief gebücket wir ziehen ihn aus zum Brechen und Spinnen
Ehe die Blumen so hell stehen im Laken gewebt
Nun verzweifelst du schon noch ehe dir Arbeit geworden
Und schon mürrisch du bist eh noch gesponnen der Flachs« 
Und es brach ihr der Faden da bat ich sie flehend um Gnade
Spann nun selber da an wo ihr gebrochen das Herz
Grob ward der Faden ich glaub es doch hält er länger und länger
Und sie zeigte mir ihn streifig im Laken verwebt
Als ich zum eigenen Herd mir holte mein liebliches Bräutlein
Und das Bette so weiß stand in dem Zimmer bereit
Seit nun die webende Zeit uns einte priesterlich segnend
Was die liebende Brust früher gesegnet in sich
Da vergaß ich so oft den Faden vergaß auch die Lehre
Denn das Eigenste ist was sich am leichtsten vergisst
Heute vergaß ich ihn ganz als zürnend ich aufsprang vom Bette
Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau
Die den Mund nur verschließt beim ersten Krähen der Hähne
Um zu sagen die Stund die mich zum Webstuhl verbannt
»War es schimpflich dem Gott« so rief ich »zu spinnen beim Weibe
Ich ertrüg es so gern denn ich säh dich dabei
Doch so muss ich zum Webstuhl zu schauen die seidenen Faden
Und du selber du spinnst mich wie den Seidenwurm ein
Förderst dies flüchtige Rädchen vom Morgen bis wieder zum Abend
Wäre dies Rädchen entzwei würde die Liebe mir neu
Kurzweil wird dir zu lang die lustgen Gesellen mir werden
Alle jetzunder so fremd fremd wird der kühlende Wein
Früh muss ich weben und spät noch was du gesponnen geschäftig
Müssig ins Aug dir zu schaun wär mir ein süßer Geschäft
Wozu hilft mir das Geld du sammelst sorgsam den Kindern
Ich bin ein dienender Greif der die Schätze bewacht«
Wütend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs Fenster es schmettern
Doch der Faden wie Gold glänzte im Morgenlicht hell
Und die Kinder sie beteten laut im Bettchen zusammen
Was der Ältste gesagt spricht ihm der Jüngere nach
Und ich horchte er sprach »Du Kleiner falte die Hände
Mutter das tägliche Brot Vater gib es auch heut«
Und sie reichte den beiden ein Brötchen mit Butter bestrichen
Das sie am Abend sich selbst hatte vom Munde gespart
»O du goldene Frau« so rief ich »dauernd in Elend
Ja du spinnest in Gold Fäden zum Leben mir fest
Zeit die vergangen mir sonst in die Launen die lässt mir Gewebe
Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes Schiff
Jegliches mehrt sich bei dir als ruhte ein göttlicher Segen
Wo du helfend mir nahst wo du tröstend mir hilfst
Unsere Enkel dereinst sie sollen erstaunen des Werkes
Das in gemeinsamem Fleiß wir zusammen vollbracht«
Mit Sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umständen ob er wirklichen
Mangel leide und erbot ihm seine Hilfe Waller versicherte ihm er lebe recht
gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine Hilfe noch
ansprechen nachher berichtete er dass seine Frau nach dieser Elegie sich
entschlossen habe ihn auf den Fussreisen zu begleiten die er schon lange zur
Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt doch diese Märsche hätten
statt ihr vorteilhaft zu sein wie er erst gehofft ihre schwache Brust
vernichtet endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen müssen und fürchte
sehr dass sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt in
die Hölle fahren werde denn selig könne sie aus Mangel an wahrer Religiösität
nimmermehr werden aber das sei auch eben ihr Verdienst dass sie für sich
bestehen könne ohne Gott wenn sie nur einen Mann hätte  Ehe sich noch irgend
jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte hatte er
sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum Allerfremdartigsten
hingeworfen er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen die mit
wenigen lächerlichen Übergangstönen die verschieden lautendsten Worte aus einer
Wurzel ableiten der Zuhörer wusste nie ob er einem mehr gab oder mehr nahm er
suchte nämlich seinen eignen Verstand jedem aufzudringen indem er jedem den
eignen nahm oder verkümmerte Unsern beiden Landleuten denen niemand leicht
widersprach war diese Methode ein wahres Fest sie hetzten ihn immer mehr
mussten über alles lachen er schüttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einfälle
und Geschichten an einem Abende aus die ihm sonst Monate vorgehalten Es ist
eigentlich ein Überfluss davon unter den Deutschen aber es fehlen ihnen die
Menschen wie Waller die unter Franzosen so häufig sind die einen Einfall der
Mühe wert halten zu bewahren oder das Geschick haben ihn gut nachzuerzählen
überhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Trägheit und Besorgnis zu wenig
gesprochen Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt so sagte er »Eitelkeit
ist die Tugend der Kindheit viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht
aber ich mag es gern sein Von Mädchen wird nie Wahrheit gefordert darum werden
ihnen bedeutende Staatsämter versagt doch findet sich von je unter ihnen viel
Wahrsagerei ich halts mit den Mädchen und gebe die Wahrheit gerne für die
Wahrsagerei wär ich nicht eitel um zu loben wäre ich wahr so fragte ich
euch ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein aber die Liebe lässt
sich nicht einbilden wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen
ist dass man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen
könne ihr schwindelt einander aber täglich von ewiger Treue vor ihr werdet
euch auch wie Schwindelnde aus bloßer Furcht zu fallen sich übers Geländer
stürzen über die Treue stürzen Sie machen ein finster Gesicht lieber Graf
das ist noch recht dass es Ihnen wenigstens ernst ist die meisten würden über
meine Gotteslästerung lachen Ob ich wirklich gotteslästerlich bin Nein das
ist unmöglich ein gotteslästerlicher Mensch kann nichts Gutes denken der
Gedanke ist ein Prüfstein der Menschen das Tun ist selten zu durchschauen es
wird wie ein Gedärme durchschlungen das Herz schlägt drein und gehört doch
nicht dazu auch kann niemand bei Taten sehen was er hervorbringt denn er wird
selbst erst darin wie ein Vogel der sich durchs Ei pickt weil ihm das Fressen
fehlt und statt des Fressens aufs Licht trifft das ihm statt ins Maul in die
Augen fällt«  In diesem Gange einer Springmaus die bloß darum ungeheure Sätze
machen muss weil ihr die Vorderfüsse zu kurz und die Hinterfüsse zu lang
geschaffen kam der Abend und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen Er ging
hin aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt er
wütete und tobte dass sie ein paar Äpfel die ihm auf der Reise von einer Dame
verehrt worden den Kindern übergeben die Kinder versteckten sich hinter der
Mutter und was diese zu schwach war zu sagen das schrien sie mit der
unerzogensten Stimme Die Gräfin wollte alles versöhnen aber Waller sagte ihr
sachte in die Ohren er sei weiter gar nicht aufgebracht doch halte er es für
notwendig seine Meinung durchzuführen auch wäre dies eine gute Übung für die
Kinder Und dann riss er sich wieder in den Haaren und rief »Wer einmal das
Zutrauen gebrochen ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet wo sind da
Grenzen es ist so arg als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden«  Die
gute kranke Frau Waller weinte still vor sich und Waller wendete sich sachte
zur Gräfin um »Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes Sie ist
wunderschön«  Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so
traulich so herzlich bat so schön um Verzeihung dass sie gerne alles verzieh
und mehr  Den Grafen verdross doch diese widrige Gefühlsfabrik er schwor dem
Dichter seine Gedichte würden nichts schlechter sein wenn er statt mit
lebenden Menschen mit bloß gedachten dergleichen Geschichten aufführte Dies
rührte Waller zu Tränen »Freund Sie treffen mein tiefstes Innere ja ich fühle
es keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich Ihnen dies bekenne ist es zum
Teil Lüge denn ich will etwas anderes damit mir ihr Mitleiden statt des
Zutrauens zusichern das ich verloren«  Der Graf versicherte umsonst dass wenn
man sich so einer Betrachtung über die Wahrheit überlasse immer notwendig ein
Stück fehlen müsse nämlich das betrachtende es würde dann immer nur zur
Wahrheit einer dritten Person die uns nichts angeht nimmer unsre eigne Waller
schien durch diesen Scharfsinn überrascht und weil er selten lobte so war sein
Lob schmeichelhaft
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
                     Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien
So verging der erste Tag spät in der Nacht brachte Waller sein großes
idyllisches Gedicht in Hexametern »Die Heimkehr des Schäfers aus Spanien« 
»Die Idyllendichter« sagte er »sind zum Spott geworden an der ökonomischen
Ausbildung des Menschengeschlechts ich will ihnen durch ein genaues Anschliessen
an die höchste Ökonomie ein neues Interesse geben hier durch die Berührung mit
der Verbesserung der Schafzucht durch spanische Merinos Die Schäferwelt ist uns
so wenig untergegangen als die Kreuzzüge sie lebt nicht bloß in ein paar
Schriftlein die uns ein großes Schicksal übrig gelassen es leben alle Zeiten
in unsrer ganzen Ausbildung in dem Gedränge des Mannigfaltigen noch fort das
unsre Zeit bezeichnet Dies hat mich oft getröstet wo ich mich einsam mit einem
paar tausend Sternen in der dunkeln stürmischen Nacht betrauerte nachdem die
Kriegsfurie mir helle Augen vorgehalten hatte die mehr blenden als erleuchten
und ich fühle dies noch jetzt umgeben von den Zerschmetterten so lange ich
mich selbst stark und gesund fühle Nur die Übeltat der Schwäche ist unheilbar
die sich aufgibt weil ein andrer ihr nie ganz helfen kann den sie nun darum
hasst alle anderen Versehen unserm Volke zu schulmeisterlich vorrechnen ist
eben so anmassend als leer viele haben sich geopfert und die übrigen werden
durch sie leben Wenn einer im glühenden Abendrot das Volk versammelte und
schritte auf Stelzen über dasselbe einher und versicherte den Leuten er sei
unser Herr Gott und die Leute glaubten nicht daran und könnten nicht zum
Entschlusse kommen ihren Kopf wegzuziehen freilich da würde er ihn manchem
einschlagen indem er über alle hinfiele machen sie ihm aber Platz so geht er
die wenigen Schritte die er auf Stelzen zu gehen hat ruhig fort und muss dann
doch herunter und ist dann ein Mensch wie alle nur hafte keiner an der
Erdscholle wo er geboren lieber werfe er damit auf ihn Völker müssen wandern
müssen steigen und sinken In der Tätigkeit schweigt der Jammer und der Jammer
ist das ärgste Übel Darum hasse ich alle politischen Laubfrösche die sich
prophetisch schreiend verkriechen wenn ein Ungewitter naht und sich das als
Weisheit anrechnen jene ewigen gleich falschen Drehorgeln die auf allen Messen
klagen Wer den Finger hebt zur wirklichen Hilfe ist mehr wert Jene aber sind
ganz des Teufels die ihr Zeitalter in eine philosophische Abteilung schrauben
und es nachher durch und durch verdammen Achten wollen wir um so höher was in
uns was in der Zeit die Probe bestanden denn die Probe war hart«
    Bei diesen Worten fiel der Graf Wallern um den Hals und drückte ihm beide
Hände
    Waller fuhr mit neuem Eifer fort »Eine spanische Schafherde die in vielen
Jahren aus einem Paare aufgebracht ist das mühsam den weiten Weg geführt wurde
hat einen größeren Einfluss auf die Zukunft als eine gewonnene Schlacht die
doch nie in ihren Folgen ersetzen kann was die Menge gemordeter Menschen hätte
schaffen können Überhaupt ist alles Zerstören ganz leer und unbedeutend aber
das Schaffen ist des Höchsten Werk auch gibt es kein herrlicheres Gefühl als
dieses Schaffen und Erfinden sei es in Taten oder in Gedanken es ist ein
heiliges Ehebett mit der ganzen Welt In heiliger Ehe lebe ich mit jedem meiner
Werke wir lernen von einander, und es ergreift mich ehe ich zu einem die Feder
ansetze oder ehe ich zum Vorlesen desselben übergehe eine Furcht ob es auch
die rechte Zeit ob meine Wahl auch glücklich sei und so versäume ich leicht
die Zeit «
    Wirklich erinnerte auch die Gräfin gähnend dass es spät sei
    »  wirklich ist es auch heute zu spät der schönen Gräfin noch meine
SchäferOdyssee vorzulesen Der schöne gewogene Takt meiner Hexameter brächte
sie ganz zum Schlafe es sind die besten die je in deutscher Sprache verfasst
worden Ich habe ein eigenes Ohr dafür selbst Voss hat mir längst den Preis
zuerkannt kraft sechzig destillierter Eierschnäpse bin ich hinter das Geheimnis
dieses Pfiffes gekommen Sie glauben nicht wie unterhaltend die Reise des
Schäfers durch Spanien Frankreich und Deutschland wie lächerlich er alles in
seiner Einfalt fasst wie wunderlich er sein Haus wiederfindet wo unterdessen
der Feind gehaust«  Mit diesen Worten ging er zur Türe blickte aber noch
einmal mit seinen verdrehten Augen zurück und sagte »Ein Glas Punsch hätte ich
gerne getrunken«  »Lieber Waller« antwortete der Graf »warum sagten Sie das
nicht zur gehörigen Zeit jetzt schlafen alle meine Leute«  »Nun es schadet
auch nichts weiter« rief er und ging fort Der Graf konnte sich doch nicht
enthalten auszurufen als er bedachte wie viel der Mensch so bedeutsam
geallerleit und doch so gar nichts gegeben dieser sei eigentlich kein Phantast
sondern ein Faselant der mit einer ganzen Möbelkammer alter Phantasien herum
hausiere
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
             Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches Verlöbnis
Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt Waller hatte seine
Frau als er sie zum Frühstücke erwecken wollte tot gefunden und lag seitdem
in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette Der Graf scheute sich
erst seinem tiefen Schmerze zu begegnen nur die Zeit vermag für jeden
wirklichen Verlust zu trösten bald wurde er aber von den schönen Elegien
angezogen die den Lippen des Unglücklichen entströmten da fehlte keine Silbe
in den Versen trotz der schreckenvollen Erscheinungen die sie ausdrückten
Leicht ließ er sich überreden was er vorher durchaus nicht zugeben wollte dass
der entseelte Körper in ein andres Zimmer gebracht würde nachdem der Graf ihm
versichert dass die Ausdünstung der Toten die Lebenden nachzöge Noch bestrich
er dreimal eine Warze über seinem Auge mit der kalten Hand der Toten dass sie
ihm noch einen Liebesdienst erweise dann überließ er sie den fremden Gewalten
und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nächsten evangelischen
Geistlichen zu sich Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses
getragen denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen Die Kinder blieben in
fürchterlichem Weinen bei dem Grafen der in die angefangene Zeichnung der
Gegend schaute die halb von der Verstorbenen ausgewischt war die Semmelkrumen
lagen noch umher Es war ihm heilig dieses Bild als der letzte Lichtfunken
eines schönen Malertalentes er ließ alles an derselben Stelle liegen und
führte die beiden Kinder in seinen Garten Nichts war im Stande sie zu trösten
der Strom der Tränen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuüben kein
Geschenk sie zu erfreuen endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu
einer Angelbank zu führen Dies Geschäft war ihnen ganz neu das Suchen der
Regenwürmer das Aufstecken das Warten auf die Bewegung des schwimmenden
Federkieles zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar dass sie
ausgelassen lustig wurden  wie leicht trösten sich Kinder um ihre Eltern In
dieser Beschäftigung erhielt er sie den Vormittag dann ging er mit ihnen
zurück ohne dass sich ihre gute Laune gemindert hätte Der Graf trat in das
Zimmer wo Waller auf dem Bette lag der Prediger Frank und drei schöne
Landmädchen die Töchter eines sehr reichen Amtmanns in der Nähe standen umher
und hörten mit Tränen seinen Schwärmereien zu Waller begrüßte die drei Mädchen
in recht anmutigen Versen als die drei Grazien die gekommen wären ihn für den
Verlust der Geliebten zu trösten Sehr lebendig malte er sein verlorenes Glück
beschrieb seine künftige Einsamkeit seine verlassenen Kinder dann glaubte er
die Stimme seiner verstorbenen Frau zu hören er wiederholte schauerlich ihre
einzelnen gebrochenen Worte die ihm geboten die Hand der Schönsten von den
drei Mädchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken sie könne sie
würde ihn trösten ihr zeichnete er ein reizendes Künstlerleben vor Der Graf
glaubte es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem Tode der Frau
gewesen um so mehr staunte er als die drei Mädchen ganz bleich das Zimmer
verließen und die Erwählte den Grafen ängstlich bat als er sie zum Hause hinaus
begleitete er möchte ihm den Ring zustellen und ihm sagen dass sie ihn sehr
hochachte dass sie ihn aber unmöglich heiraten könne denn dazu gehöre doch
mehr dass sie von je seit er in diesem Hause gewohnt seine unglückliche Frau
bedauert die er mit seinem Unsinn zu Tode gequält und dass sie jedem Mädchen
von einer Heirat mit ihm abraten würde Mit diesen Worten verließen die
entschlossenen Landmädchen das Haus und der Prediger Frank der neben dem Grafen
stand lachte aus vollem Halse »Ich bin in Geschäften hier Herr Graf« sagte
er »also nicht gegen Ihren Befehl aber ich hätte nicht erwartet mein Geschäft
so reichlich bezahlt zu sehen«  Der Graf bat ihn um Entschuldigung jener
Beleidigungen am Hochzeitabend die sein beleidigter Dichterstolz aus ihm
gesprochen »Heute« fuhr Frank fort »sollen Sie noch ganz andre Erfahrungen
über den Dichtercharakter machen bringen Sie nur in aller Ruhe Herrn Waller den
Gruß der Mädchen«  Der Graf trat ein und berichtete mit möglicher Vorsorge in
vollkommener Treue Waller schien wie aus einem Traume zu erwachen er fragte
die anwesende Gräfin was er getan er verwunderte sich als ihm die Verlobung
erzählt wurde lächelte sagte es sei eine schöne milde Täuschung seiner Sinne
gewesen sprang frisch und gesund vom Bette und schrieb laut lesend
Willst du nicht den Ring bewahren
Den die Freundin lange trug
Der geschmückt mit ihren Haaren
Nahmst du ihn aus bloßem Trug
Schickest ihn mit klaren Sinnen
Und mit ernstem Wort zurück
Kann ich mich doch nicht besinnen
Was ich dacht in deinem Blick
Tröstend ist es mir gewesen
Was ich damals zu dir sprach
Denn ich bin davon genesen
Und ich war vorher so schwach
Warum willst du nicht behalten
Was ich gern im Traum verlor
Kann ich doch nichts fester halten
Denn ich bin und bleib ein Tor
Nimm statt eines beide Ringe
Dass ich nicht mein Unglück seh
Halt mich nicht so ganz geringe
Dass ich dich mit List umgeh
Alles Glück hab ich empfunden
Mit der Liebsten schwand es hin
Immer bluten meine Wunden
Bis ich ganz verblutet bin
Glück soll dir die Hände bieten
Unglück brächte meine Hand
Denn gefallen sind die Blüten
Und ich bin vom Schmerz verbrannt
Diesem Briefe legte er beide Trauringe bei und bat den Grafen dringend sie
fortzusenden dann legte er sich wieder aufs Bette und schnarchte so lächerlich
dass alle sich auf die Lippen beißen und das Zimmer verlassen mussten
Im Vorzimmer fing sich eine lange Untersuchung über den wunderlichen Menschen
an Den Grafen hatte diese Geschichte von ihm zurückgeschreckt die Gräfin fand
darin viel Rührendes und Prediger Frank hatte sie schon zu seiner
Menschenkenntnis anatomiert und alles Fehlerhafte sauber eingeschlagen um es in
dem ewigen Spiritus seines unverwüstlichen Gedächtnisses aufzubewahren  FRANK
»Ich glaube wir lesen die ganze Geschichte bald gedruckt ein Dichter von der
Art wie Waller erlebt selten etwas wovon sein Buchhändler nicht auch Vorteil
oder Schaden hätte« GRÄFIN »Ich fürchte immer noch er tut sich ein Leides an
sein Zustand war nicht natürlich er war heftig und schrecklich mehr als ein
Mensch ertragen mag« FRANK »Haben Sie nicht sein Gesicht gesehen wie viel
wunderliche Falten auf der Backe über den Augen ich kenne Wallern in einer
Tragödie die er liest macht er zehnfach ärgere Gesichter noch als er heute um
seine Frau angelegt ob er gleich mit jedem der ins Zimmer trat noch eine
Falte aufzog noch ein Stück Holz in sein Trauerfeuer legte« GRAF »Sie haben
recht das ist mir ganz verhasst dass er mit keinem ein dauerndes wahres
Verhältnis ungestört durch die Gegenwart anderer bewahrt aber während er noch
vertraulich mitteilend mit einem im Augenblicke sprach ward dieselbe Sache ihm
gleich zum Spotte wenn zB meine Frau hereintrat« FRANK »Sehen Sie Herr
Graf das ist eine Eigentümlichkeit des Künstlercharakters vieles Traurige und
Lustige Ernst und Spaß wie eine Schimäre zusammen zu denken Die Frauen sind
zufrieden wenn man ihnen nur etwas zu tun macht sie mit Hilfe und Mitleid
anstrengt« GRÄFIN »Nicht zu allgemein« FRANK »Das Pflegen eines
ausgezeichneten Menschen der sich leidend stellt setzt die Frauen in eine
gewisse Autorität gegen ihn« GRÄFIN »Ich kann keinen Kranken pflegen und wär
er mein eigener Mann Nicht wahr Karl das hast du erfahren als du ein paar
Tage nicht wohl warst Schon die eingeschlossene Zimmerluft ist mir verhasst«
GRAF »Du hast recht Ich mag mich auch von keiner Frau pflegen lassen« FRANK
»Und doch waren Sie so allseitig um den großen Dichter beschäftigt es ist
unglaublich wie ein großer Name wirkt denn aufrichtig gesprochen haben Sie
etwas anders von ihm vernommen als Unsinn« GRAF »Nein mein Herr Prediger
viel Schönes hat er uns vorgetragen aber freilich in einer Art die sich unter
einander vernichtet wie jene zwei Löwen die sich so lange bissen dass endlich
nichts als die beiden Schwänze übrig blieben« FRANK »Sehr wahr und das ist
wieder Künstlercharakter dieses Hetzen in sich dieses ewige Kritisieren das
in aller Berührung mit der Welt durchaus tötet und nie belebt jedes Spiel
verdirbt jeden frohen Gesang ängstiget ob er auch an seiner Stelle So wirkt
die frische Literatur wie die frischen Zeitungen gar böse auf die Augen ein
junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit einer ganzen Gesellschaft alle
eigenen gewohnten Straßen der Fröhlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen
sogenannter Laune Phantasie Humors Witzes und Genies zu verleiden indem er
sich wie ein Fallsüchtiger quer drein legt« GRAF »Da müssen wir ja die
Künstler absondern von aller Gesellschaft wie der ägyptische König die dreißig
Kinder in eine Wüste verpflanzte damit sie die Ursprache erfänden« FRANK »Ja
wohl lieber Graf wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht die
Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen Tonkünstler leicht taub werden
und mit diesen Krankheiten alle die anstecken die in ihren Werkstätten hausen
so teilen die Dichter ihren Dichtersparren gar leicht den Menschen mit die sie
sich zu ihrer Werkstatt erlesen und dazu ersehen sie in ihrer Torheit die ganze
Welt und denken nicht daran dass ihnen nachher keine Leser übrig bleiben«
GRÄFIN »Sie wissen ich sage meine Meinung Sie sind ein Verstandesmensch Sie
wissen nicht was Begeisterung sei wie ein Mensch darin im Augenblick über alle
erhaben die Welt überschaut wo sie uns verschlossen mit Bergen und Wolken muss
er da nicht hart sein gegen die welche ihn nicht verstehen und seiner Gaben
sich nicht erfreuen« FRANK »Haben Sie nie Verse gemacht oder sonst in Worten
etwas dargestellt« GRÄFIN »Nein ich wagte es nie die Worte waren mir immer
entfernter als Musik und Zeichnung« FRANK »Nun kann ich es mir erklären wie
Sie Dichter für so ganz besondere Menschen halten Erst in eigener Übung lernt man
bei aller Kunst das Übereinstimmende augenblicklicher Eingebung mit jahrelangem
Streben erkennen wie die Körper nur flüssig auf einander wirken so bedarf das
Geisterreich einer vieljährigen lösenden Wärme ehe es seine edlen Metalle in
einem Geiste niederschlägt und frisch kristallisiert in einem Augenblicke allen
zur Bewunderung herstellt Ob einer unter Büchern oder auf einsamer Heide oder
in sich verschlossen unter einer Menschenmenge dieser Sehnsucht seines ganzen
Herzens nachhängt das kommt auf eins dieses sind die wahren Dichter jene
aber die wie Waller auf halbem Wege stehen bleiben möchten ohne eine
Sehnsucht nach dem Herrlichsten diese heilige Gabe immerdar empfangen und so
wird jede Torheit die ihnen durch den Kopf geht als eine heilige Gabe von
ihnen geachtet und ausgeschrieen Die Welt tauscht diese Torheit mit andrer
Torheit ein so ist es ein ewiges Rühren und Erquicken zwischen der
mittelmäßigen Welt und den mittelmäßigen Dichtern« GRÄFIN »Denken Sie auch
was Sie mir darin sagen« FRANK »Ich darf es sagen denn Sie denken eigentlich
höher und tiefer aber Ihr guter Glaube Ihr wohlwollen nimmt Ihnen das ruhige
Urteil über Waller«
    Die Gräfin stellte sich ärgerlicher als sie war sie ging zu Waller der
gewaltig nieste und etwas zu essen begehrte Der Schlaf schien den Mann
verwandelt zu haben während er mit großer Begierde aß und trank ließ er schon
seiner ganzen Lustigkeit den Zügel Die Kinder mussten ihm ein Puppenspiel
bringen das er von einem Freunde dem Puppenspieler Rubald zum Geschenke
erhalten hatte nachdem dieser wieder in den Krieg gezogen »Ein großer
wunderlicher Kerl« so beschrieb ihn Waller »in allen Weltteilen hatte er schon
gefochten und mit Puppen gespielt er zeigte mir einmal seine Brust da war jede
Schlacht und jedes neue Puppenspiel mit Pulver einpunktiert die er mitgemacht
keinen andern Orden hatte er bewahrt Ein Hufeisen trug er wie einen Ringkragen
um den Hals das hatte er dem Hinterfuss vom Pferde seines eignen fliehenden
Feldherren um ihn aufzuhalten abgerissen und war dabei mehrere Schritte weit
halb tot fortgeschleift worden Er hatte einen törichten Hass gegen die Juden
vergebens stellte ich ihm oft vor dass sich die Juden in unsrer Zeit in jeder
Tugend in jedem Talente bewährt hätten noch sein letztes Stück war zum Teil
gegen eine reiche Judenfamilie gerichtet die sich in der Art wie sonst reiche
adlige Häuser in einer Residenzstadt gegen den verarmten Fürsten aufgelehnt
hatte nachdem sie durch Lieferungen schnell reich geworden«  Alle baten er
möchte das Stück geben denn nach aller Beschreibung ginge es auf ihren
ehemaligen Fürsten den in seiner Residenz gleiches Schicksal betroffen Waller
hatte das ganze Stück und war bereit es aufzuführen Sein Theater wurde hinter
einer Türe aufgeschlagen jeder half dabei was er konnte und die meisten
standen dabei im Wege Am Abend als Licht angezündet wurde war der
geheimnisvolle Vorhang schon vorgezogen und Waller in seinem Zimmer versteckt
Nach einer kurzen Musik die er mit Händen und Füßen und dem Mundwaldhorne
klapperte und brummte erhob sich der Vorhang und die Zuschauer sahen den
großen Kopf des Waller der das Theater fast füllte durch Schminke und Schwärze
lächerlich charakterisiert
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
      Übersicht der Tragikomödie von dem Fürstenhause und der Judenfamilie
                            Prolog des Dichterkopfes
Was ist für Freude noch bei großen Bühnen
Da ist nichts Lustges mehr kein wild Erkühnen
Auch ich war einst dabei hab mitgemacht
Und hab in Jahren nicht dabei gelacht
Die guten alten Spieler werden schwach
Und ach das junge Volk wächst schwächlich nach
Was kann die Welt für Lust an Kindern haben
Es dankt das Publikum für künftige Gaben
Will Fertges sehen was sich erst bilden soll
Das mache kein Geschrei sonst heißt es toll
Den Kindern springt die Quint wie ichs gehört
Das Publikum ward ganz von Hass betört
Es pocht es lärmt und keiner schien mehr recht
Es flohn die Schauspielleut aus dem Gefecht
Da nahm ich nun mein Tuch macht einen Knoten
Und hab ein Kinderspiel dem Volk geboten
Und wackelte damit und ließ es tanzen
Ich ward vergnügt und es gefiel im ganzen
Ich nahm das Buch recht wie ein Kind in Lehre
Als obs das Publikum das edle wäre
Und fragt es aus wie es uns möchte haben
Da sprachs so viel von hohen Künstlergaben
Doch wußt es nicht wo die zu Kaufe waren
Da musste ich es billig drin belehren
»Die Kunst ist frei sie brauchet viel Theater
Das eine bild das Kind dies zeig den Vater
Wenn jenes reif da tret es hier erst ein
Doch weil für jetzt dies Schauspielhaus allein
So müsst ihr auch den Schülern gnädig sein«
Auf dieses Wort folgt Klatschen allgemein
Ei dachte ich und konnt es gar nicht fassen
Dies Schnupftuch kann jetzt mehr als Künstler spassen
Die Künstler sind zum Spaß zu vornehm worden
Und doch nicht groß genug zum tragschen Morden
Ich ging davon und machte kleine Puppen
Viel hatt ich nicht zu brocken in die Suppen
Doch essen auch nicht viel die kleinen Leut
Sie sind zu jeder Rolle stets bereit
Um Kleider ist kein Streit auch nicht um Tugend
Auch nicht um Liebhaber auch nicht um Jugend
Sie sind so alt wie ich sie eben brauch
Die weissgenasten häng ich in den Rauch
Mein Kopf füllt mein Theater ganz allein
Sind meine Menschen gegen mich nur klein
So bin ich darum wahrlich groß zu nennen
Kann sie verbinden und sie trennen
Nach Eigensinn und nach Verstand
Und bin ein rechter Gott in diesem Land
Weiß ich nichts mehr aus meinem Kopf zu sagen
So brauchen sie nur tüchtig sich zu schlagen
Und weil mein Kasperl trefflich Tritte gibt
So schweigt Kritik und ich bin stets beliebt
Ein jeder lacht ein jeder gibt sein Geld
Jetzt ist mein Kasperl hier der größte Held
Kasperl kuckt bei diesen Worten neugierig in ein Fenster wo eine ansehnliche
Judenfamilie unter versetzten Sachen bei einem Gewitter kauert Sie glauben der
Messias komme worüber die Tochter Rachel hochmütig lächelt aber nun springt
Kasperl herein alle erschrecken und die ohnmächtige Tochter bittet um ein
Zuckererbschen aus dem silbernen Büchschen Kasperl gibt ihr einen Nasenstüber
und gibt sich für den Messias aus Der Jude frägt woran er ihn dafür erkennen
soll Kasperl gibt ihm Tritte wegen seines Unglaubens der alten Jüdin einen Kuss
und so glauben alle an ihn Er wird ungemein mit Räucherungen geehrt nimmt
ihnen aber das Opferfleisch vor der Nase weg und sagt ihnen das sei also die
neue Mode im Himmel Nachdem er gut gegessen will er zu Bette der alten Jüdin
sagt er heimlich er wolle sie heiraten und dem jungen Mädchen gleichfalls Sie
geben ihm ein großes Bette da erschrickt er über die Decke worauf das
fürstliche Wappen gestickt er ruft alle herein wie sie dazu gekommen Sie
sagen das müsse er in seiner Allwissenheit auch wohl wissen dass sie es im
Versatz hätten Er sagt dass er nur der Ordnung wegen gefragt und schickt sie
wieder fort Nun hebt er einen Judenschlafrock auf dessen Saum mit Cymbeln
besetzt ist er fängt die Cymbeln an zu bewegen alle laufen zusammen und fragen
nach der Neuigkeit Er sagt ihnen es sei bloß der Wachsamkeit wegen sie gehen
ärgerlich ab Nun besieht er seine Leibwäsche die er ausgezogen und die voll
Löcher und zieht ein Judenhemde an das voll Flicken den Schlafrock mit den
Cymbeln drüber und so geht er fort aus dem Fenster um seinen Herrn den
Prinzen von Mesopotamien zu bedienen dem er im Gasthofe Quartier machen
sollte Die beiden Jüdinnen Mutter und Tochter kommen jetzt herein und wollen
zum Messias und eine hält die andre dafür der alte Jude hat sie aber vermisst
und kommt mit Licht da erkennen sie sich und der alte Jude meint der Messias
wäre wegen ihrer Unkeuschheit davon gegangen sie aber sagen er sei vor ihnen
gen Himmel gefahren der Jude wird böse und will sie schlagen wird aber
jämmerlich von ihnen am Barte gezaust So schließt der erste Akt und der zweite
beginnt indem eine Lerche nachgeahmt wird Es ist Morgen des Fürsten Schloss
auf dem Berge wird von der Oberhofmeisterin Gretel ausgefegt sie will dabei
allerlei geistliche Lieder singen doch fällt ihr immer der verlaufene liebe
Mann Kasperl ein dann schimpft sie auf ihren schweren Dienst und erzählt von
ihren Erziehungsgrundsätzen wie sie die beiden Prinzessinnen Spassine und
Ernestine klug gemacht Spassine und Ernestine kommen gelaufen jene bringt einen
Apfel worin ein Gesicht geschnitten und frägt sie wem es gleiche Gretel
fängt an zu weinen so sehe ihr lieber verlaufener Mann Kasperl aus Nun lassen
sie sich von ihr den Mann beschreiben sie erzählt unter andern dass er vom
Reiten auf Abenteuer schöne krumme Beine gehabt seine Nase dabei als
Meilenzeiger die Augenbraunen als Regenschirm gebraucht habe Hierauf kommt der
Fürst mit Jagdzeuge beladen von der Jagd zurück er hat einen Zaunkönig
geschossen und der soll zum Mittagessen gebraten werden dann macht er sich
bequem und examiniert seine Kinder was sie gelernt und getan »Nun liebe
Ernestine« sagt er »du hast was auf deinem Gewissen bekenn es nur du bist so
still heute Wie Du fängst bitterlich an zu weinen hab ich dich mit dem Kamm
gerissen Sieh ich muss mit weinen und das kostet mir mehr als dir« ERNESTINE
»Weinen Sie nicht lieber Vater ich will alles sagen aber Sie müssen mich nicht
so anblicken« FÜRST »Sprich nur liebes Kind ach Gott gib mir Kraft was werde
ich hören müssen« ERNESTINE »Ich war in den Garten hinuntergesprungen ganz
traurig bin ich zurückgeschlichen« FÜRST »Du armes Kind« ERNESTINE »Weil er
weggegangen« FÜRST »Je wer denn« ERNESTINE »Ei nun der Bettler dem ich den
Kuss gegeben« FÜRST »Ein Bettler Ist denn mein Bettlermandat nicht
angeschlagen« ERNESTINE »Lieber Vater ich hatte gar nichts ihm zu geben Sie
wissen ja und es war so ein schöner junger Mann den ich ohne Trost nicht
weglassen durfte da fragt ich ob ihm ein Kuss nicht zu wenig wäre  und da
sagte der gute Mensch er sei ihm nicht zu wenig und da gab ich ihm doch zwei
und den dritten nahm er sich und den vierten gab ich ihm obenein und den
fünften in den Handel und den sechsten weil ungerade Zahlen nicht gedeihen und
« FÜRST »Der Bettler muss dir was angetan haben« ERNESTINE »Er hat mir was
abgenommen meine Ruhe aller Orten suche ich ihn und singe Wo suchen dich
Herzliebster meine Gedanken Es findet dich nirgends mein Blick dein Bild
bleibt vor mir im Schwanken wies Glück O du mein einziges Glück dir nach
meine Seufzer rufen Dir nach die Seufzer grüßen mein Mund folgt nach dem Kuss
den deine Lippen küssen und deine Küsse sind Luft der Wind kann sie nicht
wegnehmen er müsste sich ja schämen dass er mir alles nähm das wär ja
unverschämt« FÜRST »Ach was ist das für ein Unglück das Armut will ich doch
gar nicht mehr in meinem Lande dulden es soll alles Armut freien Abzug zum
Nachbar haben« SPASSINE »Vater da müssten wir und Sie ja auch zum Lande
heraus« FÜRST »Schweig in Regierungssachen musst du dich nicht mischen ihr
macht mir heute vielen Kummer Ernestine blase die Gedanken weg heute kommt
dein Bräutigam der Prinz von Mesopotamien schlag Federball das vertreibt dir
die bösen Gedanken« ERNESTINE »Ich kann nichts anders denken als ihn ich
kann niemand anders heiraten als ihn den Prinzen kann ich nicht lieben«
FÜRST »Ei was lieben darauf kommts beim Heiraten nicht an das Heiraten ist
eine Sache für sich deine Mutter selig war mir ganz abscheulich ich habe sie
doch geheiratet« ERNESTINE »Lieber Vater ich kann ihn nicht nehmen ich würde
eine Lust bekommen ihn umzubringen« SPASSINE »Lieber Vater wenn die
Schwester den Prinzen nicht haben will geben Sie ihn mir ich möchte gar zu
gerne heiraten« FÜRST »Ei meine Tochter so was müsst ihr gar nicht sagen wenn
das unten bei den reichen Juden bekannt würde die ließ es in ihre Zeitungen
und Journale einrücken Frau Gretel sag Sie mir doch was hat Sie den Kindern
für Sachen in den Kopf gesetzt merk ich so was von Ihr so geb ich Ihr eine
Backpfeife dass es Ihr noch lange vor den Ohren summen soll«  Frau Gretel
setzt hierauf ihre Pestalozzische und VakzinationsErziehungsmetode
auseinander der Fürst will die alte Methode verteidigen sie zieht aber den
Pantoffel aus und weiset ihn zur Ruhe  Während dieses pädagogischen Gefechtes
tritt Kasperl in den Kleidern seines Herren der ausgeblieben mit einigen
Reden die seinen Spaß erklären herein und gibt sich für den Prinzen von
Mesopotamien aus Gleich erkennt er seine Gretel sie hat aber zu viel Respekt
gegen ihn und seufzt vor sich dass es schade sei ihr Kasperl habe doch nie so
was Vornehmes an sich gehabt Der Fürst und die Töchter sind sehr verlegen doch
fasst sich Spassine und gibt die Schlägerei für ein Pantoffelspiel aus der Fürst
bezeugt auch sein Vergnügen an dem schönen Spiele und sucht seine blutende Nase
zu verstecken Kasperl dankt für dergleichen Spiel und schlägt ihm dafür das
große Essspiel vor Als ihm dies nicht gewährt werden kann, weil der Zaunkönig
noch nicht gebraten so soll er inzwischen raten welches seine Braut Spassine
macht ihm viele Artigkeiten und Ernestine weiset ihn sehr hart ab er bestimmt
sich also aus Respekt gegen das Pantoffelspiel für Spassine die ihm auch von dem
Fürsten für seine Braut angegeben wird  Der Fürst will darauf seinem Eidam das
Reich vom hohen Turme zeigen und Kasperl frägt ob auch kein starker Wind dass
er etwa über die Grenze geweht werden könnte  Ernestine bleibt allein zurück
und stellt sehr tiefsinnige Betrachtungen in ganz philosophischer Sprache über
die fürstlichen Heiraten an die alle Fürstenhäuser verderben indem sie aus
Naturen nie in Leidenschaft die falsche Richtung wegschaffen die sie auch in
sich gefühlt habe ehe sie geliebt nur in der Liebe sei Wahrheit Volkssinn
der sich allem anschliesse alles verstehe selbst den Bettler Sie setzt sich
nieder und weint  Der wahre Prinz der am Morgen als Bettler verkleidet ihr
die Küsse abgenommen tritt in anständiger Tracht herein und bemerkt sie nicht
Er erzählt von seinen Absichten eine Heirat aus Liebe zu stiften und wie er so
ganz seeleneigen dem armen Mädchen geworden das in diesem Schloss diene und
ihm nichts als ein paar Küsse habe geben können der Prinzessin wolle er
entsagen die ihm bestimmt dies arme Mädchen aber aufsuchen  »so recht
vertraut haarklein ihr aufzuzählen was mir so taglang so nächtelang tät
fehlen Vertrauen ewiges in Lieb gebunden im armen Mädchen hab ichs nun
gefunden die Krone will ich ihr zu Füßen legen kommt Kuss dem Kuss der Blick
dem Blick entgegen und dass dies alles sei kein Augenblick wie jener Kuss der
noch mein ganzes Glück nein die Gewohnheit aller meiner Stunden durch heilges
Band auf Leben und Tod gebunden«  Indem er so deklamiert ist er mit seiner
Hand der Prinzessin so nahe gekommen dass er ihr ins Gesicht schlägt sie
schreit auf eine Szene des freudigen Wiedererkennens und der Verzweifelung sie
beleidigt zu haben Doch sie vergibt ihm mit vielen dicken Küssen Die Szene
verwandelt sich in das Esszimmer des Fürsten der sehr böse ist dass seine
Tochter alle auf sich warten lässt Kasperl frisst heimlich alle Schüsseln aus
und sagt immer das habe nichts auf sich sie könnten immer noch warten Endlich
wird Spassine nach der Schwester geschickt und kommt mit der Nachricht wieder
dass sie in den Armen eines fremden Ritters liege Der Fürst fordert Kasperl auf
die Ehre seines Hauses dem er nun bald verbunden mit dem Schwerte zu
verteidigen Kasperl will nicht weil er kein Blut sehen könne er verflucht die
törichten adeligen Sitten Alle dringen in ihn mit Gabel und Messer dass er ihre
Ehre verteidige endlich zieht er sein hölzernes Schwert als aber der Prinz mit
Ernestine hereintritt wird er gleich rückgängig und fällt ihm zu Füßen Der
Prinz reißt ihm seine Kleider ab und nun erscheint er in dem jüdischen
Schlafrock dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist Gretel erkennt ihn und wird
unmäßig böse und zärtlich gegen diesen ihren verlaufenen Mann Sie machen
einander schöne Vertraulichkeit ihre Kinder haben alle öffentliche Stellen am
Pranger bekommen endlich fangen sie sich an zu schlagen und die Cymbeln
klingeln so laut dass die ganze Judenfamilie erscheint ihren Messias und ihren
Schlafrock aufzusuchen Sie wollen ihn mit Gewalt der Gretel entreißen und der
Fürst der nun durch den fremden reichen Schwiegersohn Mut gewonnen bestraft
sie für diesen frevelhaften Eingriff in eine glückliche Ehe mit dem Verluste der
Schuld für das verpfändete fürstliche Ehrenbette Die Juden bringen mit
Lamentieren das große Bette aufs Theater der Fürst segnet die liebenden
Verlobten Kasperl schlägt an seinen Cymbelnrock und die ganze Judenschaft muss
tanzen
Die Zuschauer hatten alle des Stücks herzlich gelacht besonders die Kinder nur
die beiden Söhne Wallers hatten oft während des Stücks bitterlich geweint und
als sie um die Ursache befragt wurden sagten sie dass sie die Reden der
Ernestine so oft von der Mutter hersagen gehört Der Graf gewann die beiden
Kinder sehr lieb so auffallend ihm im Anfange ihr wildes neugieriges
aufspürendes und nachahmendes Wesen geschienen so bedeutsam wurden ihm jetzt
manche ihrer Fragen Die Gräfin teilte diese Neigung nicht seit sie selbst an
den ersten Beschwerden der Schwangerschaft litt und ihre sonst unzerstörbare
Gesundheit geschwächt fühlte sogar fürchtete einen ihrer schönen Zähne
einzubüssen hasste sie alle Kinder und schwor ihrem Manne im Übelbefinden ihres
Magens womit sich dieser Tag schloss nie wolle sie mehr als dies eine Kind
haben das ihr schon so viel Not bereite
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
                           Traugotts erste Erinnerung
Gleich am andern Morgen als Waller noch schlief fand der Graf die beiden
Knaben schon mit Angeln beschäftigt sie wiesen ihm mit Jubel einen kleinen
Fisch Hier erfuhr der Graf dass nur der jüngere Knabe Alonso Wallers Sohn sei
der andere Traugott war ein Kind erster Ehe die Mutter hatte sich aber durch
keine Gewalt von ihm trennen lassen Alonso hatte die Nacht geträumt die Mutter
sei vom Himmel herunter gestiegen und habe in ihre schwarz seidene Schürze die
sie gewöhnlich zu tragen pflegte den Traugott eingewickelt und mit sich
geführt Der Traum setzte den Grafen in Verwunderung da beide Kinder eben kein
träumerisches Ansehen hatten doch schien Traugott den Tag viel stiller als
sonst er musste ihm etwas aus seiner früheren Geschichte erzählen Weil er nun
noch nie danach gefragt war so lag alles sehr bunt unter einander wie die
Umgebung es ihm zurück rief Viel sprach er von einem Wasser worin er einmal
gelegen der Bruder sagte aber das sei nicht wahr man habe ihnen bloß erzählt
der Storch hätte sie aus dem Wasser geholt davon käme die Geschichte Traugott
ließ es sich nicht abstreiten er sagte dass er ganz allein gewesen und dass ihn
ein unbekannter Mann herausgezogen Dann erzählte er viel von einem kleinen
Fürchtegott mit dem er als Kind gespielt der sei älter gewesen und habe immer
alles im Spiele so schön einzurichten gewusst dass er noch jetzt die Paläste
nicht beschreiben könne die jener aus Bausteinen und ausgeschnjetztem Papiere
mit einem durchscheinenden Lichte hervorgebracht habe er werde nie wieder die
künstliche Pracht sehen er habe so viel Ehrfurcht vor ihm gehabt dass er jeden
Schlag von ihm als eine Gnade angenommen und sich Gott nicht anders als wie
seinen Fürchtegott gedacht habe ihm habe er alles geschenkt was er bekommen an
Geld und Früchten ungeachtet er bei dem Anblicke eines Apfels schon ein
begehrliches Zucken im Munde verspürt Diesem Fürchtegott hätte er auch seine
Kleider gegeben und als das der Vater wahrnahm hätte jener nicht mehr zu ihm
gedurft und da habe er sich tot hungern wollen Nachdem er einen Tag gehungert
sei er morgens früh aufgewacht er hätte den Druck einer Hand gespürt die ihn
erweckt hätte aber nichts Lebendes um sich gesehen als den hellen
Morgenschimmer der in der leeren Luft mit unzähligem Staube Ball geschlagen
Sein Blut habe gewallt sein Herz gepocht sein Auge sei geblendet gewesen und
er hätte geglaubt sich zu sehen ganz elend wie die Leute ihm aus Mitleid
seinen Fürchtegott zugeführt hätten Nachher habe er nichts vor seinen Augen
gesehen als eine feste grüne Wolke im roten Felde dann sei die Wolke rot und
das Feld grün geworden Unwiderstehlich habe es ihn in den Schlossgarten gezogen
der Vater habe noch geschlafen das Schloss sei ganz still gewesen und er habe
niemand auf den Treppen gesehen als ein paar weiße Mäuse Vor dem Schloss habe
er unter zwei himmelhohen Linden gestanden die mit weißen Blüten und summenden
Bienenschwärmen bedeckt gewesen Die Bienen hätten sich endlich davor gesammelt
wie eine braune Wolke und langsam tief ihren Zug weiter in den Garten genommen
er aber sei ihnen nachgefolgt wo ihm sonst nie erlaubt hinzugehen weil er von
vielem freien Gewässer durchschnitten Er sei ihnen erst zagend gefolgt aber
der Schmerz der kleinen Steine an den Sohlen habe ihn endlich entschlossen
gemacht So kam er zwischen eine Reihe weißer Menschen in weißen Kleidern ohne
Augen die unbeweglich blieben auf seinen Gruß nicht dankten dann zwischen
Bäume die schmal und breit wie eine Mauer auf eine weite Aussicht geführt
hätten aber plötzlich habe er seinen Kopf gegen Bretter gestoßen und statt der
Aussicht nichts als bunte Flecken vor sich gesehen »Es muss eine sonderbare
Kunst sein« sagte Traugott hier »die etwas macht das zugleich ist und nicht
ist oder ist etwa alle Kunst also«  Die Bienen hatte er über diesen Anstoß
und über diese Aussicht ganz aus den Augen verloren er sah aber seitwärts ein
schwarzes Schild das von vielen Ärmen getragen wurde da fand er in der Mitte
einen großen Stein umgeworfen und einen wunderlichen duftenden Haufen von
trockenen Kiennadeln worauf viele Ameisen liefen die er wohl kannte Da huckte
er sich nieder doch mit großer Vorsicht dass ihm keine ankrieche sah dann zu
wohin sie so eifrig liefen konnte aber nichts finden warum sie also beweglich
da rührte er in den Haufen um ihnen doch eine Ursache zur Unruhe zu geben Weil
ihnen nun die Decke ihres Hauses fehlte hatte er Mitleiden mit ihnen und warf
eine Menge trockner Nadeln die in der Nähe unter einem Baume lagen darauf Die
Ameisen brachten sie schnell in Ordnung und nun wurde er dem Völkchen so gut
dass er einen Strohhalm in die Mitte hineinsteckte auf dass sie sich in der
Gegend umsehen könnten Gleich stiegen viele hinan und wie eine oben trieb sie
wieder eine andre hinunter er aber wollte dass eine bleiben sollte und warf
mit Erde drein und da wurden alle böse und hatten ihn heimlich beschlichen und
kniffen ihn so unleidlich dass er davon lief immer blind zu bis er in einem
kühlen Wasser stand mitten unter Wasserlilien und aus jeder Wasserlilie sah
Fürchtegott heraus aber so wie er dazu kam war er wieder fort und saß auf
einer weiter weg und lachte über ihn Über ihm rief aber ein alter Mann mit
einem glühenden Gesichte aus einer grauen Wolke in die er ein Loch gerissen
und da verschwand Fürchtegott der alte Mann rief immer fort »Traue Gott
fürchte Gott und scheue niemand«  Bei diesen Worten hob ihn eine Hand aus dem
Wasser und er lief frierend von Nässe in die Sonne damit die Mutter nicht sähe
dass er im Wasser gewesen Und da schien es ihm in der Sonne als ob er selber
anfinge zu leuchten und lebte draußen außer sich auf allen Blumen die er
ansehe auf allen bunten Steinen die vor ihm glänzten und das alles sah
künstlicher aus als alles was Fürchtegott ihm gebaut und Fürchtegott war ihm
auf immer ganz gleichgültig und als er in der Sonne trocken geworden ging er
zurück ins Schloss wo noch alles schlief legte sich in sein Bett frühstückte
mit den andern und sagte lange niemand davon
    Die Historie hatte den Grafen wunderlich ergriffen er war an manche kleine
Begebenheit seiner eigenen Jugend dabei erinnert worden er ging zu Waller und
fragte ihn der noch im Bette lag wozu er den Knaben bestimme Waller sagte
dass er ihn dem rechten Vater wieder zustellen wollte so wie er seinen eignen
Sohn den Amtmannstöchtern überlasse die den Tag vorher die wunderliche
Geschichte mit ihm gehabt Der Graf bat ihn den Knaben doch diesen Sommer bei
ihm zu lassen er scheine sich bei der Landwirtschaft zu gefallen   »Es ist
ein Allerweltsjunge« sagte Waller »recht gerne behalten Sie ihn der gibt
sich mit allem ab Sie sollten einmal sehen ganze Pakete Gedichte Tragödien
schmiert er zusammen und ich kann Ihnen versichern dass ich manches darunter zu
meinem Gebrauche bearbeitet habe denn alles hat freilich etwas sehr Unreifes
Abgerissenes«  Die Annahme des Knaben war aber mit der Zustimmung Wallers noch
nicht ausgemacht die Gräfin war sehr dagegen sie scheute die kleine Mühe der
Oberaufsicht doch nach mancher Zärtlichkeit des Grafen gab sie endlich zögernd
nach
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                Waller und die tolle Ilse Abenteuer einer Nacht
Waller hatte unterdessen sich mit den sämtlichen Hausbewohnern bekannt gemacht
und mit der tollen Ilse ein besondres Verständnis eröffnet Ihr Wesen war ihm
neu und gehörte in die Reihe seiner inneren Abbildungen er schien sie
unbegreiflich zu reizen durch die zierliche Art von Hofmachen die ihr von
Knechten und Jägern und andern Hofleuten noch nicht geboten Waller trieb so
etwas mit großer Hitze als müsste mit der untergehenden Sonne alles beendigt
sein und wirklich brachte der sie auch in wenig Tagen so weit dass sie ihm eine
nächtliche Zusammenkunft gestatten wollte insofern er eine schwere Gartenleiter
an ihr Giebelfenster legen könnte Jede Stunde hatte er aufgeschrieben wie weit
seine Liebschaft gediehen bei dieser Aufforderung stand ein Seufzer und die
Worte »Das ist unmöglich die Leiter rücke ich kaum von der Stelle viel
weniger kann ich sie aufheben und anlegen« Nach vielem Umhersinnen kam er auf
den Prediger Frank der ihm ein weltlustiger Vogel geschienen dass er ihm diesen
kleinen Dienst leisten sollte Gleich ging er hinüber zu ihm und Frank wusste
sich gleich zu fassen ging in alles ein und versprach sich davon recht vielen
Spaß Heimlich machte er den Grafen mit seinem Auftrage bekannt und verabredete
sich mit ihm Abends gegen zwölfe stellte er sich vor Wallers Zimmer ein der
ungeduldig schreibend seiner wartete Er war vom Kopfe bis zu den Zehen
bewaffnet im Stiefel hatte er einen Dolch versteckt in jeder Rocktasche eine
Doppelpistole sein Testament legte er versiegelt auf den Tisch küsste ein
Gemälde seiner Frau ergriff seine Gitarre und ging in höchster Spannung
stillschweigend voraus unserm Frank den Weg zu zeigen Die Nacht war dunkel
der dunkle Baumgarten nur durch sein Rauschen von dem stillen Himmel zu
unterscheiden Bei dem unerwarteten Aufschrecken eines Vogels rief er einmal
»Haben Sie was gesagt« Und als ihm ein Käfer gegen die Backen flog »Wie war
das gemeint«  Alles ward still bis auf ein paar Frösche die sich im Teiche
bei einer Serenade verspätet hatten und selbst diese gaben ihm Argwohn dass er
Lust bekam seine Pistolen in das Wasser abzufeuern Der Graf und die Gräfin
saßen in einer Laube versteckt und lauerten auf Ilsens Fenster das erleuchtet
war und durch zwei vorgesetzte kleine Pillenbäume anzeigte dass sie ungestört
des Liebhabers warte Der Graf sang leise vor sich
Lustig ist die Ilse
Wenn ich sag ich willse
Lustig ist meine Ilse nicht
Wenn ich sag ich will sie nicht
Welche sonderbare Lust liegt darin einen andern in seiner Liebschaft zu
belauern  Waller zog die Leiter mit des riesenhaften Predigers Hilfe glücklich
heran lehnte sie an die Mauer und sang ganz schwach ohne Begleitung der
Gitarre
Es schlug die Uhr
Die Nacht war tief
Und alles schlief
Gott Amor nur
Erwacht
Und lacht
Und keinen stört
Denn die ihn kennt
Von Liebe brennt
Und ihn schon hört
Beglückt
Entzückt
Ilse gab ihr Zeichen ein dreimaliges Klatschen der Hand Waller stieg hinauf
wobei seine Gitarre zuweilen gegen die Leiter klapperte und Ilse bei dem ersten
Erscheinen die Äußerung entlockte ob er etwa ein Kästchen mit Geschenken bei
sich trage Doch hatte er wirklich ein artiges seidnes Halstuch seiner Frau in
der Tasche das er ihr sehr zierlich überreichte Frank und der Graf waren ihm
inzwischen nachgestiegen und sahen durch das Fenster doch unbemerkt von den
beiden Liebenden um bei jeder Unordnung zwischen zu treten Diese Vorsicht war
unnötig Ilse hatte eine eigene Art ihre Zärtlichkeit auszudrücken sie lachte
die Leute an spottete über sie und ärgerte sich dann wenn sie nicht verstanden
wurde Wallern dagegen sobald er sich erhitzte fielen eine Menge schöner
Lieder ein die er auf allerlei Gedankenbilder verfertigt hatte da brauchte er
oft nur blaue in braune Augen zu verwandeln um alles passrecht zu finden Das
Feuer dieser Lieder durchdrang Ilsen die tiefe Stimme das leidenschaftliche
Wesen Wallers die Zaubereien der Nacht ringsum ergriffen ihr wunderliches
Gemüt sie kniete vor ihm und drückte seine Beine an ihr Herz Aber statt ihre
Umarmung zu erwidern verschlang sich sein Lied immer künstlicher immer neue
Reichtümer seines Innern erschlossen sich ihm immer mehr Personen traten auf in
seinem Wechselgesange über ihre Schönheit das nahm kein Ende die kalte
Nachtluft wehte durch das halboffene Fenster herein und Ilse kalt wie Eis in
ihrer leichten Bedeckung nahm einen Mantel um und setzte sich ihm gegenüber um
zu warten bis das verfluchte Gesinge endlich ein Ende nähme Nun schloss er sein
unendliches Lied während dessen dem Grafen auf den schmalen Leitersprossen die
Füße fast erlahmten mit den Worten
Die leichten Töne
Sie werden mir schwer
So macht das Schöne 
Hier fiel sie ein
Herzen so leer
Ihre Finger brennen
Mein Herz wird kalt
Wir müssen uns trennen
Sonst werd ich bald alt 
Gleich fiel er ein
Die Finger brennen
Mein Herz so brennt
Die Saiten zerklingen
Mein Herz zerspringt
Sie hielt den Mantel auf um die Stücken seines Herzens aufzufangen er aber war
entzückt über ihr Einfallen er hatte gar nicht geglaubt dass sie auch Verse
machen könne Er vergaß darüber seine ganze Liebesangelegenheit und erzählte
Ilsen von nichts als von einigen Liebesliedern vor den Fenstern die er in sehr
glücklichen Nächten gedichtet Sie machte ihm den Vorschlag ob er die nicht vor
dem Fenster singen wollte sie würden sich dort viel besser als in der engen
Kammer ausnehmen Er war gleich bereit und der Graf und Frank hatten kaum Zeit
von der Leiter zu kommen als er schon hinunterkletterte und gleich unten auf
seiner Gitarre vorspielte und dann mit begeisterter Stimme einfiel
Sieh der Morgen scheidet laulich
Was am Abend lieb und traulich
Nur in meinem Herzen wallen
Noch der Liebe volle Gluten
Meine Sehnsucht muss erschallen
Wie ein Sturz der wilden Fluten
Ob er jemals wird vernommen
Ob ihn Liebchen je erhöre
Rastlos ist er fort geschwommen
Trostlos nach dem hoffnungsleeren Meere
Ilse sang oben dass es wohl der Graf aber nicht der begeisterte Sänger hörte
Ach was gibt es für Liebhaber
Seht bei jedem ist ein Aber
Doch vor allem muss ich lachen
Meines ewgen Musikanten
Ewig will er Flammen fachen
Die mich doch schon lange brannten
Und wenn mir das Herz will springen
Von den zärtlichsten Gefühlen
Tut er nichts als klingen singen
Und mit zärtlichen Gefühlen spielen
Waller hatte unterdessen ruhig fortgesungen
Nein die Liebe ist zu luftig
Zwischen Erd und Himmel duftig
Lohnt sie Schmetterling im Garten
In den Zimmern in den Betten
Lohnet sie wohl nie die Zarten
Leget sie wohl nur in Ketten
Aber in der Zither Klängen
Fühl des Herzens süßes Leben
Fühl des Busens zartes Drängen
Und des nahen Atems schwebend Leben
Hierauf antwortete die tolle Ilse ganz laut
Wär ich deine Zitersaite
Fühlte ich wohl manche Freude
Doch was kannst du mir gewähren
Willst du immer dich nur hören
Hör ich würde mich verzehren
Würde ich dich nimmer stören
Hör wer irgend eifersüchtig
Und vor jedem Mann erschrocken
Dem wärst du zum Wächter tüchtig
Hört an deinem Hals der Glocke Locken
Bei diesen Worten schlug sie das Fenster zu vergebens stieg Waller wieder die
Leiter hinauf und sang ihr vergebens als sie ihn gegen die Scheiben gelehnt
auslachte
Mein Liebchen hinterm Pillenbaum
Versteckt ihr liebreich Angesicht
Mit ihren beiden Händen
So meinte sie sie säh mich nicht
Und sieht mich durch die Finger kaum
Und trüg mich doch gern auf beiden Händen
Aber er täuschte sich sie sah ihn an machte ihm ein Kompliment putzte das
Licht aus und er musste ganz missmütig die Leiter herabsteigen Ohne an Frank zu
denken ging er im Dunkel ärgerlich vor sich hin und machte einzelne rasche
Griffe auf seiner Gitarre er war mit sich beschäftigt wie er dies verkehrte
Abenteuer sich selbst am vorteilhaftesten erzählen könne so geriet er in die
Nähe einer Windmühle die der Müller eben zur vorzeitigen Tagesarbeit in dem
frischen Winde losliess Der erste Flügel der sich ihm nahete schlug ihm die
Gitarre aus der Hand in tausend Stücke vielleicht hätte er wie Don Quichote
seine Pistolen gegen diesen unbekannten Feind gebraucht wenn nicht das Klappern
im Innern ihm sogleich mit dessen Beschaffenheit und guter Position bekannt
gemacht hätte Vielmehr sang er jetzt unter Begleitung der sausenden feindlichen
Flügel jammervoll kläglich hinblickend nach Ilsens Fenster
Wenn ich zurück im Fenster wäre
Ja wäre
Hier unten zieht Wind und Regen
Mach auf mach auf und sprich den Segen
Bin draußen bei der Windmühl
Wo der Müller mahlt
Wenn der Wind geht
Ach wär ich heut nur klug gewesen
Gewesen
Ich hätte dich in Arm genommen
So ständ ich nicht so ganz verklommen
Hier draußen bei der Windmühl
Wo der Müller mahlt
Wenn der Wind geht
Wenn ich in deinem Herzen stände
Elende
Du würdest nicht das Licht ausmachen
Und durch die Fensterladen lachen
Und mich hier stehen lassen
Wo die Zither springt
Und die Zähne klappern
Bei diesen Worten die der volle aufgehende Mond hell beschien nahten sich
Frank der Graf und die Gräfin mit unwiderstehlichem Lachen dem frierenden
Dichter Er wollte sich erst böse stellen aber das Lachen war ansteckend er
geriet in den Lachkrampf hinein und so ganz hinein dass er flehentlich um
Schonung bat die Tränen liefen häufiger aus seinen Augen wie bei dem größten
Unglücke er hielt sich den Leib und der Müller kuckte neugierig mit weißer
Mütze zu seinem Fensterchen auf sie herab »Jetzt hat der Müller das meiste in
der Mühle« sagte Waller und lachte wieder »denn sein Kopf ist doch weniger
als sein übriger Körper« Der Müller fing an darüber zu lachen die Hunde
schlugen an in der Gegend die Bauern meinten es wären vielleicht Diebe
irgendwo eingebrochen und standen auf da ward in vielen Häusern Licht
angeschlagen die Kinder erwachten und schrien aber unsre Gesellschaft lachte
noch immer fort Unerwartet hörten sie ein Schreien mehrerer Stimmen vom
Schloss her »Diebe Diebe haltet sie« Gleich darauf fielen ein paar Schüsse
verwundert sahen sich unsre lustigen Leute an Frank sagte dass Waller
Doppelpistolen in der Tasche trage der Graf entriss ihm eine und eilte voran der
Gegend zu woher das Geschrei gekommen Er begegnete dreien Männern grün
gekleidet die zu entkommen suchten sie hatten durch ihre gezogenen
Hirschfänger ein paar verfolgende Bediente in einige Entfernung gehalten Der
Graf trat unter sie und drohte sie zu erschießen wenn sie nicht gleich ihre
Hirschfänger und Pistolen wegwürfen Der unerwartete sehr entschiedene Feind
stürzte ihren letzten Mut sie warfen ihre Waffen von sich und der eine der drei
Männer machte sich als der hässliche Baron namenkundig und ward dafür erkannt
seine Begleiter waren der Prinzenhofmeister und der Schweizer Der Baron gebot
seinen Begleitern Stillschweigen und erflehete demütig vom Grafen eine geheime
Unterhaltung Frank und Waller die inzwischen mit Bedienten und Knechten des
Schlosses helfend herbei geeilt widerrieten ihm sehr dieses Zutrauen doch der
Graf entschied sich nach seiner Art ihn anzuhören  Der Baron ging funfzig
Schritte mit ihm fort dort fiel er vor dem Grafen auf die Kniee bat ihn um
Schonung wegen der beiden armen Leute die er fast gewaltsam zu diesem
Unternehmen gebracht eine wütende Leidenschaft zur Gräfin habe ihn seit ihrem
ersten Anblicke gefoltert aber auch ihn habe er immer geliebt Als er neulich
die Gräfin beleidigt das sei Folge dieser Leidenschaft gewesen die sie niemals
in ihm erkannt niemals aufgemuntert der Schmerz habe ihm die harten Worte
erpresst er habe nicht von ihr lassen können sei wiedergekehrt zu ihr doch als
ihn der Graf neulich so hart fortgewiesen da habe er beschlossen die Gräfin
durch gewaltsame Entführung sich anzueignen Die tolle Ilse habe ihn von allem
benachrichtiget sie habe durch Behorchen gewusst dass der Graf um ihren
Liebeshandel mit Waller wisse dass er dabei gegenwärtig sein würde dass dann in
jedem Falle was sich auch ereigne alle Aufmerksamkeit von dem anderen Flügel
des Schlosses wo die Gräfin schliefe abgeleitet sei Unmöglich hätte sie und
er vermuten können dass die Gräfin bei ihren Umständen in so kalter Nacht ein
solches Abenteuer mit anzuschauen Lust haben könne er habe sie in ihrem
Schlafzimmer allein geglaubt und sei von der andern Seite mit seinen beiden
Leuten durch ein von Ilsen offen gelassenes Fenster eingestiegen habe aber
alles leer gefunden und sei auf dem Rückzuge von einem erwachten Bedienten
entdeckt und verfolgt worden Der Graf segnete während dieser Erzählung die
der Baron viel gestörter und umständlicher ablegte den Vorwitz und die
Unvorsichtigkeit seiner Frau der ihn eigentlich gekränkt hatte bei dem
wunderlichen Abenteuer selbst gegenwärtig sein zu wollen sie hatte dadurch
ahndend viel Not erspart  Nach kurzem bald entschiednen Nachdenken antwortete
er dem Baron bestimmt dass er nur in dem einen Falle ihm die gerichtliche Strafe
seines Bruchs der öffentlichen Sicherheit schenke wenn er sein künftiges Leben
ganz dem öffentlichen Wohle widmete er kenne ihn dass er sich als Offizier in
fremden Diensten ausgezeichnet er möchte daher jetzt beim Wiederausbrechen des
Krieges die deutsche Sache mit seinem Blut verteidigen Der Baron schwor ihm
diese Strafe sei so schön dass sie fast eine Wohltat zu nennen er führe doch in
der Einsamkeit des Landes ein unerträglich langweiliges Leben und eine tätige
Änderung sei ihm wegen seiner törichten Leidenschaft dringend notwendig  »Nun
wohl« sagte der Graf »Sie sind zu Hause in meiner Gewalt wie hier denn mein
Begleiter der Prediger Frank hat Sie erkannt gehen Sie nach Hause mit den
Ihren und kommen Sie zum Mittag zu mir wo ich Ihnen einige Briefe an einen
General meiner Bekanntschaft mitgeben will«
    Frank und Waller waren höchlich verwundert als die beiden andern Gefangenen
vom Grafen losgemacht und ohne Strafe fortgesendet wurden alle drei entfernten
sich stummeilig als würden sie noch verfolgt Der Graf sprach kein Wort
darüber als dass er alles bloß für ein verletztes Jagdrecht ausgab einem Jäger
gab er heimlich Befehl das Zimmer der tollen Ilse zu bewachen Man drang nicht
weiter mit Fragen in ihn selbst die Gräfin beruhigte sich denn alle waren so
müde so erschöpft von den verschiedenen Gemütsbewegungen dass der Schlaf in
seine Rechte eintrat die er bis zum Mittage behauptete Merkwürdig war es dem
Grafen als er sich angekleidet hatte und nach der tollen Ilse fragte sie
nirgend entdecken zu können ungeachtet der Jäger sehr gute Wache gehalten Das
listige Geschöpf hatte gleich in der Nacht an dem ganzen Verlaufe der Geschichte
bemerkt dass sie wahrscheinlich verraten sei und war noch während der Unruhe
entwichen wahrscheinlich die Liebesleiter hinuntersteigend dicht neben denen
Leuten vorbei die alle mit den Gefangenen ganz beschäftigt waren Nachher besah
er die Art wie der Baron in das Schloss gekommen wo Ilse ein Fenster statt es
zu schließen bloß angelegt hatte Nun wollte er auch die Doppelpistole
versuchen die ihm drohend so gute Dienste geleistet aber wie verwunderte er
sich als das Pulver ohne Schuss von beiden Pfannen brannte ungeachtet sie sehr
stark geladen Er zog den Schuss aus und fand dass Waller in seiner gewohnten
Unordnung die eigentlich verbunden mit Verhören Übersehen und einer
grenzenlosen Unbescheidenheit das Fundament seines Witzes ausmachte die
Papierpfropfen vor das Pulver eingeladen Und mit dieser unbrauchbaren Ladung
hatte er drei wohlbewaffnete Männer gefangen So geht es aber im kleinen wie im
großen Kriege Zutrauen und Unternehmung besiegen meist überlegene Zahl und
Waffen
    Als die Gräfin aufgestanden war erzählte er ihr ausführlich das ganze
Bekenntnis des Barons bewunderte ihre geheime Vorahndung die sie mit in den
Garten getrieben und machte sie fast stolz mit den reichen Artigkeiten wozu
seine Liebe nur Gelegenheiten suchte um sich ganz ungemessen über sie zu
ergießen »Glaub mir nur immer« sagte sie »wo ich auf etwas bestehe habe ich
sicher meinen geheimen Grund so wusste ich recht gut dass mich der Baron liebte
jede Frau weiß das einem Manne abzusehen so kannte ich recht gut seinen
gefährlichen Charakter und drang damals so ernstaft in dich seiner im
Zweikampfe nicht zu schonen Noch immer fürchte ich dass er zum Mittagessen
entweder nicht erscheint oder eine geheime Bosheit ausführt«
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
      Der hässliche Baron Nudelhuber Kirre und Waller ziehen in den Krieg
Es schlug und läutete zum Mittagsessen und es fuhr ein Reisewagen ins Schloss
aus welchem der Baron in alter Uniform mit seinen beiden lächerlichen Begleitern
ausstieg auch Waller wurde sichtbar doch mit geborstenen Lippen die ihm das
Lachen nicht erlaubten und zu gleicher Zeit sprengte Frank auf seinem
Filialklepper herbei Als die ganze sonderbare Gesellschaft beisammen bat der
Baron noch einmal den Grafen und die Gräfin wegen seines Frevels um Verzeihung
wobei die lächerlichen Begleiter schweigend die Gebärden nachahmten er zeigte
ihnen in der bereits angetretenen Reise die Erfüllung seines Versprechens zu
einem tätigen Leben überzugehen Alle verziehen doch wurden ihm manche Fragen
noch über seine sonderbare Bildung vorgelegt »Von meiner hässlichen Bildung«
sagte er »kommt alles Liebe zu erwecken schien mir von frühester Kindheit
unmöglich weil mich die eigene Mutter mit Abscheu anlachte mit meinem Grinsen
Possen trieb und mich dann im Ekel von sich warf Ich suchte also den Leuten
bedeutend zu werden indem ich mich in aller andern Art nur nicht im Guten
auszuzeichnen suchte unzählige Schläge und Kränkungen machten mich noch härter
und trotziger und was anfangs nur ein willkürlicher Versuch war mich geltend
zu machen das wurde bald meine andre Natur und meine einzige Hätte ich ein
glattes Gesicht behalten wie der Graf ich glaube auch dass ich zu allem
Grossmütigen aufgelegt gewesen und geblieben wäre und punktierte tatowierte
bemalte und kerbte man sich hier wie bei den Wilden so hätte ich ausgesehen wie
alle andern und wäre auch ein edler Mensch die Schönheit macht aber alles
Unglück der Welt«  Dieser widrige Mensch entzückte Wallern vielleicht mochte
auch die Kränkung der vorigen Nacht vom Grafen heimlich beobachtet zu sein
nachwirken genug er beschloss den Baron zu begleiten der mit rechtem Behagen
seine Sammlung noch um eine wunderliche Menschenspezies vermehrte Waller
sendete gleich seinen Sohn Alonso mit einem freundlichen Briefe an die
Amtmannstöchter beschwor sie bei der Liebe die sie zu seiner Frau getragen
bei der reinen Segnung die ihnen aus dem Himmel dieses reinen Engels
herabstrahlen werde der Erziehung dieses Kindes alle Sorgfalt zu weihen es sei
gut geartet und werde ihnen im Gedeihen reichlich lohnen Traugott überließ er
dem Grafen doch wagte er ihm nicht mündlich Ermahnungen zu geben sie hätten
sonst allesamt in den Lachkrampf wie in der Nacht bei der Mühle zurückfallen
können Nun suchte er sich im Hause zusammen was er auf der Reise brauchen
könnte statt des Weibersattels seiner Frau legte er dem Pferde einen Sattel des
Grafen auf packte aber alle seine Sachen in Tücher gebunden nicht auf das
Pferd sondern in den Wagen des Barons die beiden Ziegen verkaufte er dem
Grafen der sie ihm vielfach teurer bezahlte als sie wert waren Nachher setzte
er sich zuerst in den Wagen und ließ sein Reitpferd anbinden darüber vergaß er
den Abschied der Baron schied mit der ersten Rührung seines Lebens und setzte
sich still neben ihn der Schweizer folgte ihm mit der Versicherung es wären
doch liebe liebe Leute der Graf habe ihm ein paar Kupferstiche gut bezahlt
Wie erschrak aber der gute Malm als er seinen Sitz mit den Sachen Wallers
besetzt fand ohne Anfrage warf er alles zum Wagen hinaus Waller fiel über ihn
her aber jener drückte ihn als der Stärkere zusammen der Prinzenhofmeister
stieg ein mit einem feinen spottenden Blicke über dies Ereignis der Baron rief
»Fahr zu« und in wenigen Augenblicken waren sie entrollt und der Staub senkte
sich stille hinter ihnen Die sogenannten Sachen des Dichters bestanden aber
eigentlich nur in einer Masse einzelner Papiere in Tücher gebunden wie alte
Wäsche die Tücher hatten sich gelöst und die Blätter flogen im Winde umher Der
Graf schickte alle seine Leute auf diese Schmetterlingsjagd sie zu erfassen
aber dieser Ephemeren waren zu viele und eine so innere Flüchtigkeit in allen
dass immer zehne wieder entflogen während eines dieser Papiere eingefangen
wurde Noch am andern Morgen fanden die Dorfkinder am Rande des Baches einzelne
Blätter in denen der Geistliche die herrlichsten Sapphischen Oden und große
Stücke aus einem kleinen epischen Gedichte über das Weltmeer entdeckte und
dieser brachte den Grafen der gerade den Knopf der neuerbauten Kirche aufsetzen
wollte auf den Gedanken neben tausend besseren Denkmälern auch alle diese
Papiere in der großen kupfernen Kugel dicht verlötet in die höheren Regionen
erheben zu lassen dass sie als ein Zeugnis der kommenden Welt dienten wie weit
es unsre Zeit gebracht habe
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
                                   Kirchweihe
Eine feierliche Kirchweihe mit allen den geheimnisvollen Gebräuchen die der
katholische Glaube gestattet den Räucherungen Weihungen und Austreibungen
welche eine ganze Nacht bei verschlossenen Türen in ihr festgesetzt werden
beschäftigte sehr verschieden von der vorhergehenden die nächste Nacht da
dann der Morgen die Kirche mit Grün und Blumen herrlich geschmückt von
Weihrauch duftend von unzähligen Lampen erhellt der Geistliche das
Allerheiligste in der Hand der staunend niederstürzenden Menge eröffnete
Nachher hallten die Chöre des Grafen einen abwechselnden Gesang der bei jedem
Kirchweihfeste in alle Zeit so weit des Menschen Wille reicht wiederholt
werden sollte Die Gräfin fand diese Gebräuche sehr abgeschmackt ob sie gleich
davon ergriffen wurde der Graf der an der Anordnung mit wahrer Liebe
gearbeitet konnte ihr nichts antworten als dass alle Speisen nicht mehr
schmeckten wenn man ihrer genugsam gegessen wer sie aber genossen solle
dankbar sein dem Geber aller Dinge denn so stehe im Vaterunser
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
                                   Die Ernte
Die Ernte die bei schönem trockenen Wetter glücklich angefangen wurde
beschäftigte den Grafen mehrere Wochen ausschließlich er selbst war gern den
ersten Tag eine Stunde lang Vormäher seine Kraft und seine Kenntnis und seine
Wertschätzung des Geschäftes öffentlich zu beweisen »Wie überfällt mich so
liebe vieljährige Erinnerung« sagte er »denk ich der Ernte wie ich als Kind
schon die schweren Garben zusammen zu tragen suchte und sie doch hinter mir
herzog wie ich dann alles mit durchspielend mich zu dem Bierfasse setzte und
einen Schluck des Getränkes jauchzend leerte und mir ein kleines Mädchen
aufsuchte dass sie mir einen Strauss mit Silberband schenkte dass auch ich
geschmückt wie jeder Mäher einherziehen könnte wie ich dann so früh aufwachte
so gerne ich sonst schlief Wahrlich die Kindheit aller Menschen gehört aufs
Land kein Mensch sollte seine früheren Jahre in der Stadtmauer zubringen« So
rief der Graf einmal heimkehrend seiner Dolores zu der die Anstrengung bei
diesen sogenannten Freuden so verhasst war dass sie nicht gern den Ernteleuten
begegnete und sie spottend Feldscherer nannte diesmal kam hinzu dass der Graf
sehr beschmutzt heimkehrte auch in der Ermüdung dies wenig bemerkte oder
verbesserte dazu endlich die Hitze welche Tage und Nächte mit Feuer und
schreckhaften Gewittern füllte genug diese hocherwünschte Zeit war ihr zum
Verzweifeln verhasst und sie antwortete ihm statt der Beistimmung mit der Bitte
sich zu waschen und umzukleiden es wäre sonst in seiner Nähe nicht auszuhalten
 Der Graf besah Hände und Stiefeln und fand dass sie recht hatte aber die
Erinnerung kam so wunderbar in seine Erinnerungen eingekeilt dass er sich eines
kleinen Ausrufs »Wie gehört das hierher« nicht erwehren konnte Überhaupt sei
jedermann vorsichtig in einem geliebten Umgange gegen irgend etwas einen Ekel
auszudrücken ist es auch etwas Vorübergehendes was weggeschafft werden kann,
es ist doch eine Störung im Vertrauen einem geliebten Wesen auch nur für einen
Moment ekelhaft gewesen zu sein Darum ehre ich auch die Gesinnung mancher
Mütter die ihren Widerwillen gegen manche unvermeidliche Unreinlichkeiten der
Kinder mit einer freundlichen Ergebung ja selbst mit einer Art Ehrgefühl
dulden als sei diese Duldung eine reizende Pflicht Was aber den Grafen mehr
als jene eigne Kränkung beunruhigte war der Widerwille seiner Dolores dem
kleinen Traugott der nach dem Tode der Mutter immer kränkelte beizustehen
keine Viertelstunde konnte sie es in seinem Krankenzimmer aushalten und doch
hatte das schöne Kind wie dies häufig gefunden wird durch diese krankhafte
eine ernste Beziehung auf sich eine vorreife sehr überraschende Geistesbildung
erhalten so dass man oft glaubte es spreche nach wo es tief aus sich gedacht
hatte Der Kleine litt an einem unregelmässigen kalten Fieber trat nun der Frost
ein so suchte er die sonnigen Stellen sich auf wo er ihn ungestört überstehen
konnte Der Graf hatte vergebens seine Frau gebeten sie möchte doch hindern
dass der Knabe sich nicht auf feuchte Erde lege sondern ihm eine Matratze oder
einen Stuhl nachtragen lassen die Gräfin vergaß es sich darum zu bekümmern
und der Kleine mochte niemand bemühen Er schlich ganz heimlich fort und da ihn
niemand auf dem Kirchhofe suchte und der Rasen dort voll Blumen aller Art und
sehr weich war so hatte er dort schon mehrmals sein Fieberlager gehalten als
er auch einmal zufällig auf dem Grabe seiner Mutter einschlief Nun träumte ihm
wunderbar während der Fieberhitze dass er nach einer Blume greife die er für
herrlich halte weil sie in Gelb glühete dass er sie nach kindischer Art essen
wolle denn so versuchen die Kinder alles was ihnen gefällt dass aber die
Mutter ganz wie er sie in den letzten Stunden gesehen die Blume ihm entreisse
und er darüber weine Er wachte von diesem Weinen auf und sah dass er in seinen
Händen eine gelbliche Blume trug die er in der Fieberschwärmerei abgepflückt
Aus Verwunderung darüber brachte er sie nach Hause und zeigte sie dem Grafen
der eben von der Aufsicht über die Ernte heimkehrte Der Graf erkannte sie bei
den ersten Blicken für Belladonna und riss sie ängstlich dem Kleinen weg mit der
Frage ob er auch noch nicht davon genossen sie sei sehr giftig heiße Schöne
Frau nur den tollen Hundsbiss heile sie zuweilen Der Kleine wurde verwundert
und noch blässer als er war und der Graf meinte schon dass seine Besorgnis
leider gegründet als er ihm sehr feierlich seinen Fehler bekannte gegen sein
Verbot auf dem feuchten Erdboden geschlafen zu haben und dann erzählte er ihm
den wunderbaren Traum auf der Mutter Grabe und meinte ganz fest die Mutter lebe
noch Der Graf nahm den Kleinen mit Liebe in seine Arme und trug ihn
schmeichelnd auf sein Zimmer es war ihm wie bei etwas Wunderbarem zu Mute wo
niemand weiß was zu tun wo jeder staunt unwissend wohin es deute denn wo so
verschlossene Wege sich öffnen warum soll der Mensch da die gewöhnlichen des
Lebens weiter gehen Seit diesem Tage bemerkte er an dem Kleinen ein eigenes
Vergnügen den Leuten im Hause das Zukünftige zu sagen er ließ sich die Hände
zeigen und wusste ihnen so ins Herz zu reden dass sie vor ihm erbebten Auch die
Gräfin hielt ihm die Hand einmal hin aber der Kleine hatte mit dem Kopfe
geschüttelt und nichts sprechen wollen Kleine Begebenheiten trafen wirklich ein
und der Glaube an ihn vermehrte sich im Dorfe so gewaltig dass selbst des Grafen
Ansehen wenn er auch den Willen dazu gehabt den Zulauf nicht gehemmt hätte
Unsre Bücher schweigen von dem geheimen Volksglauben weil die lesenden Stände
ihn aufgegeben haben die nichtlesenden wissen von Tomasius nichts und es
vergeht ihnen kaum eine merkwürdige Zeit ohne geglaubte außerordentliche
Einwirkung der höheren Kräfte und Erscheinungen die den Dichtern als eine
unterhaltende Täuschung verziehen werden deren sich aber die Historiker
ungetreu allen ihren Grundsätzen über die Benutzung der Quellen immerdar noch
schämen Ich erzähle wie ich die Geschichte empfangen einzig besorgt sie
nicht zu entstellen Alonso der Bruder des kleinen Traugott kam von Zeit zu
Zeit seinen Bruder zu besuchen aber ihr sonstiges Spiel hatte sich in einen
Austausch von Zärtlichkeit und Ehrfurcht aufgelöst Alonso wagte es nicht mehr
mit ihm zu spielen und Traugott führte ihn mit Tränen an seiner Mutter Grab wo
er ihm von einer Blume erzählte die nicht giftig wäre und doch gelb zu der die
Sonne wie ein Staub täglich neu fliege und falle sie schwimme wie eine
Wasserlilie auf dem Meere Wenn Alonso nun fragte woher er das wisse so sagte
Traugott die Mutter habe es ihm gesagt Und wenn er ihn fragte ob er wohl ein
Verlangen nach der Blume habe »Ei Gott nein« antwortete er »zu der bin ich
noch lange nicht reif vor der müsste ich ganz und gar vergehen«
    Der Prediger Frank interessierte sich lebhaft für Traugott er wollte ihn
immer beobachten aber der Kleine verschloss sich vor ihm wie das Nolimetangere
vor jeder unkeuschen Berührung ja seine Nähe machte dem Kleinen physischen
Schmerz Der Arzt des Fräuleinstifts der berühmteste der Gegend kam einen Tag
um den andern aß bei dem Grafen ging einen Augenblick zu Traugott fühlte den
Puls besah die Zunge und versicherte er sei sehr zufrieden es werde bald
ganz gut werden  Eines Tages sagte der Knabe er werde seinen Vater bald
sehen und wirklich kam Waller den Nachmittag aufs Schloss geritten und brachte
der Gräfin einen prächtigen mit einem Helmgefässe in Bronze verzierten
Kürassierdegen den der hässliche Baron in einem der ersten Gefechte erbeutet
Seine Beschreibungen von der Armee waren sehr lächerlich er hielt sie für eine
große Fuchtelmaschine und erzählte wie der Schweizer vor den Gefechten so herum
schleiche und heimlich seine heiligen Bilder mit Segenssprüchen zu hohen Preisen
absetze und wie der Prinzenhofmeister nach der Schlacht unter dem Schutze des
Barons eine große Pharaobank aufgeschlagen um den Rest des Geldes an sich zu
reißen Alle Taschen hatte er mit lustigen Soldatenliedern gefüllt und im Lager
hatte er ein großes Puppenspiel gehalten worin er sich über alle kommandierende
Feldherren unter veränderten Namen aufgehalten »Keine Art von Menschen« rief
er »hat mehr Sinn für echt lebendige Kunst als gemeine Soldaten keine so wenig
Sinn und Urteil als Offiziere ihr bisschen Taktik und ihre steifstellige Ehre
und ihr schiefer Hut hindern sie einem Spaß gerade in die Augen zu sehen sie
möchten gern recht vornehm fühlen und da schämen sie sich mit den Soldaten zu
lachen wo sie es nicht kommandiert haben«  Nach seinen Kindern hatte er
weiter kein Verlangen aber wohl nach seinen Werken die damals so schnöde aus
dem Wagen geworfen Welcher Schrecken als ihm der Graf den hohen Turmknopf als
ihren gegenwärtigen Ehrensitz zeigte und ihn fragte ob er Lust hätte sich da
hinaufziehen zu lassen um die Kugel aufzumachen und nachzusuchen Er warf sich
schwindelnd an die Erde und glaubte schon oben zu stehen so stark trieb ihn die
Versuchung dahin er schwor dass er hinauf müsse und koste es ihm das Leben
Vergebens stellte ihm der Graf die künftige Unsterblichkeit vor wenn nach
mehreren Jahrhunderten der Kirchenknopf eröffnet würde vielleicht bliebe er
dann allein noch übrig von allen Dichtern er wollte den Ruhm in seiner Zeit und
es musste alles angeordnet werden um die Kugel wieder zu eröffnen Sehr
beschäftigt mit diesem Gedanken bat er sich zu seiner Stärkung ein neues
Getränk aus das allen im Schloss noch gänzlich unbekannt war er nannte es
einen Brenner und bereitete es selbst In eine große breite nicht allzu tiefe
Porzellanschale goss er mehrere Flaschen Rum und drückte ein paar Zitronen
hinein dann legte er zwei Degen quer über und auf die Degen große Stücken
Zucker nun bat er die Gräfin die Flüssigkeit mit einem seiner Gedichte
anzuzünden Als die Flamme blau aufloderte löschte er die Lichter aus und bald
erschienen die Menschen umher wie Geister nämlich so wie Geister gewöhnlich
gedacht werden farbelos und unbestimmt Waller durchkreuzte die Luft mit
fürchterlichen Beschwörungen und schrieb Charaktere auf den Boden jetzt
flammte das rötlich gelbe Feuer des Zuckers auf und indem die Gräfin schauderte
 sagte Waller dass alles beendigt und die Loge geschlossen sei zündete die
Lichter wieder an blies das geistige Feuer aus und schenkte rings die Gläser
voll Alle schworen dies Getränk sei die höchste Erfindung keiner kannte
dessen mächtig berauschende Kraft auch die Gräfin trank ihr Glas eigentlich
mehr als ihr gut war Es ist ungemein reizend eine schöne Frau sich selber
unbewusst von fremder irdischer Kraft höher belebt zu sehen nur die reine
Begeisterung von oben kann noch lieblichere Bewegung und Deutung in ein Gesicht
bringen Der Graf konnte sich nicht satt sehen an der Geliebten kein Schauspiel
hatte ihn je so angezogen als diese schöne Beweglichkeit der Glanz der Augen
das Hingeben des ganzen Wesens Da Waller bemerkte dass niemand seiner achte
stimmte er ein lautes Soldatenlied an das er kürzlich auf den Brenner gesungen
hatte
Der Mantel ist mein lustig Haus
Drin ist gewölbt ein Keller
Da gibt es manchen schönen Schmaus
Da geht es stets herein heraus
Und kostet keinen Heller
Ein Ofen ist in diesem Haus
Das ist die Tabakspfeife
Die macht mir Wölklein weiß und kraus
Es scheint recht wie ein Blumenstrauß
Weg ists wenn ich nach greife
Der Brenner ist des Teufels Kost
Mit Feuer ich ihn locke
Und für den einzigen Höllentrost
Er alle Feinde niederstosst
Zu Dutzend und im Schocke
Mein Pferdchen das mit Sprüngen trabt
Hab ich durch ihn erbeutet
Wie es mir nun das Herze labt
Als hätt ich es zum Thron gehabt
Wenn es die Mähne breitet
Es ist ein großer Federkrieg
In aller Welt entstanden
Die hohe Feder wallt zum Sieg
So weit mein Schwert reicht alles liegt
Als wüchs es auf dem Sande
Wir sitzen ab im Städtlein drin
Die Bürgermädchen schauen
Die erste fass ich an das Kinn
Die zweite sieht dass ich es bin
Und tut mich lieblich hauen
Ich lass mir ein klein Zettelein
Von ihrem Ratsherrn schmieren
Dafür lässt mich ein jeder ein
Und bringt mir gleich den Krug mit Wein
Ich und mein Pferd regieren
Das Mädchen führt uns in den Stall
Im Stall da ist es dunkel
Da leuchtet dann ihr Aug zumal
Wie Sonne über Berg und Tal
Mit lieblichem Gefunkel
Das schöne Kind klatscht mir mein Pferd
Möcht ihm zu fressen geben
»Nur glühe Kohlen frisst mein Pferd
Die Augen dein die sind der Herd
Dir ist es ganz ergeben«
Wer das Kommissbrot hat erdacht
Das war ein guter Reiter
Das steht uns frei bei Tag und Nacht
Mein Pferdchen es auch nicht veracht
Es macht uns fest und heiter
Während dieses wilden Liedes das Waller mit allerlei Gebärden akkompagnierte
war der Gräfin deren Blut sehr bewegt war so angst geworden vor ihm dass sie
sich furchtsam an den Grafen drückte und endlich fort lief der Graf ihr
nachging und so blieb Waller ganz allein und trank ruhig bis zum letzten
Tropfen alles rein aus Dann seufzte er und ging zu dem Bette des kranken
Traugott aber statt dessen Leiden mit Liebe und Trost zu mildern klagte er ihm
sein Unglück mit den Papieren Der Kleine fasste ihn an und sagte dass er alles
lesen könne was im Kirchenknopfe liege Waller schimpfte ihn aus aber er fing
an herzusagen und sagte dem Vater ganze Stücke die er niemals vorgelesen
hatte Waller nahm diese geheimnisvolle Verbindung ganz ohne Nachdenken auf
holte Papier und Feder und ließ sich alles wieder diktieren wovon er keine
Abschrift genommen hatte bildete am Morgen als alles fertig war der Gräfin
ein er sei in der Nacht als Nachtwandler hinaufgestiegen und habe die Papiere
die ihm wert abgeschrieben und so ritt er ohne Abschied oder Dank von dem
Kleinen fort in die weite Welt Die Gräfin die nachher von Traugott den
Zusammenhang erfuhr erklärte sich alles aus einem glücklichen Gedächtnisse des
Kindes das dem Vater sonst zugehört wenn er seine Verse laut nachskandierte
wie das immer seine Gewohnheit war
    Eine Stunde hatte Waller in dem Zimmer seiner verstorbenen Frau zugebracht
das der Graf wie wir wissen unverändert gelassen wie sie an einer kleinen
Staffelei in Rötel die Gegend halb aufgezeichnet hatte so lag noch die
Zeichnung der Rötel selbst die Semmelkrumen mit denen sie einiges
ausgerieben Wir erinnern dies weil es zum Verständnisse eines Liedes
notwendig das der Graf und die Gräfin einige Tage nach dieser letzten Abreise
Wallers von ihm in eine Glasscheibe mit einem Demanten eingekratzt fanden
Lichte Streifen von dem Himmel
Leicht zur Erde niederwallen
Will das Licht die Saiten stimmen
Will ein Regen niederfallen
Eilend ist meine Streiferei
Wo das Paradies wohl sei
Viele dichte Dornenhecken
Sollen es der Welt verschließen
Tausend Vögel drinnen stecken
Tausend Bäche rauschend fließen
Eilend ist meine Streiferei
Wo das Paradies wohl sei
Wie viel tausend rote Blicke
In dem grünen Klee hier winken
Winkt ihr mir zu meinem Glücke
Blumen die im Grün ertrinken
Endet hier meine Streiferei
Wo das Paradies wohl sei
Zwei Kaninchen auf zwei Beinen
Sitzen da an einem Blatte
Während sies zu fressen scheinen
Sie sich recht geküsset hatten
Liebet ihr euch im Ehestand
Nehmet mich auf in dem selgen Land
»Mit den Kaninchen sind wir gemeint« sagte die Gräfin
Freundlich mich die beiden laden
Doch sie beide mein vergessen
Und was könnt ich ihnen schaden
Wäre ich auch zu vermessen
Gnädig sind wohl die Grafen hier
Aber die Liebe ward nicht mir
Seht der Wind kommt wie verschlafen
Der der Erde Teppich kehrt
Will den Staub zusammen raffen
Und sich gar an mich nicht kehrt
Höflich ist nicht die Dienerei
Wenns das Paradies auch sei
»Da bekommen deine Mägde auch ihr Teil« sagte der Graf
Von dem höchsten Apfelbaume
Schüttelt Wind die Früchte alle
Weckt ein Kindlein aus dem Traume
Mit der harten Früchte Falle
Wärest du mein die Streiferei
Wäre voll Geschrei dabei
»Da hat Traugott wieder im Grase gelegen« sagte der Graf
Dieses Kind das sollt ich kennen
Auch der Bäume Schattenrisse
Doch die Regenstreifen rennen
Herz und Himmel sind zerrissen
Traurig wird meine Streiferei
Wo das Paradies wohl sei
Kindlein bist du hier alleine
»Ganz alleine mutterselig«
Und was willst du damit meinen
Ist die schöne Mutter selig
Seit die Menschen sind verstört
Ist das Paradies betört
Eine Ziege kommt gesprungen
Aus dem Euter Milch verlieret
Ist vom Blumenkranz umschlungen
Und sie frisst ihn der sie zieret
Traurig ist meine Streiferei
Wo das Paradies wohl sei
»Die Ziege hast du ihm teuer genug bezahlt« sagte die Gräfin
Diese Wiesen diese Gänge
Wandelt ich in Liebchens Schatten
Durch des Morgens schöne Klänge
In dem zärtlichen Ermatten
Und wie ist es mir bewährt
Auch das war der Müh nicht wert
Langeweile gähnt in Blumen
Nichts zum Trinken nichts zum Schmause
Von dem Zeichnen Semmelkrumen
In dem bunten Frühlingshause
Ach und ich weiß es nun aufs Haar
Wo das Paradies einst war
Offen stehen die Paradiese
Und ich stehe drin verlassen
Ewigkeit die sie verhiessen
Würd ich ohne Kunst doch hassen
Ach und ich fühl es nun bewährt
Dieses war der Müh nicht wert
Wie mit geflügelten Heuschrecken ziehend
Über die dürr zerfressenen Halme
Zieh ich mit dem Heere glühend
Dass ich die Wurzeln des Grüns zermalme
Such ich in ewger Streiferei
Wo das Ende der Welt wohl sei
»Sollte man nicht glauben er wär in der größten Verzweifelung über den Verlust
seiner Frau und hätte sich deswegen zur Armee begeben wenn wir nicht alles
ganz anders wüssten wir müssten dran glauben« sagte der Graf  »Aber was will
er mit der unhöflichen Aufnahme sagen« fragte die Gräfin »Liebe Dolores«
antwortete der Graf »das kann wahr sein wo die Frau sich um nichts bekümmert
werden Bediente leicht unhöflich mir ist es wie jedem Manne unerträglich mich
um so etwas zu kümmern«  »Ich will schon Ordnung stiften« meinte die Gräfin
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
                            Erntefest Traugotts Tod
Das Erntefest das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig
begangen wurde lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab
der sich den Tag besonders wohl fühlte man ging in die Kirche von da auf den
Tanzplatz und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermisst sie suchten
ihn überall immer ängstlicher je später es wurde und ihr Rufen zog auch den
Grafen in diese Nachforschungen Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den
Gottesacker und er fand den kleinen Traugott auf dem Grabe der Mutter fröhlich
lächelnd eingeschlafen  er fand ihn tot Die fröhliche Ernte schloss mit der
Todessichel welche die schönste Blüte niedergemähet hatte sie schloss wie das
Jahr das schon seinen kalten Totenwagen über die Stoppeln hinüberstürmen ließ
 das Erntefest ist das wehmütigste des ganzen Jahres ein Scheideruf an alles
was uns am Jahre freut und würde es nicht vertanzt es müsste verweint werden
Der Graf konnte bei dem feierlich großen Leichenzuge kaum ausdauern erst lange
nachher vermochte er die Beängstigung zu überwinden mit der ihn ein Lied
verfolgte das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen wir warnen
fröhliche Herzen dagegen
Es sonnte sich ein kranker Knabe
Auf seiner armen Mutter Gruft
Da fasset ihn der Ahndung Gabe
Er wittert einer Blume Duft
Die ferne schwebet in dem Meere
Weit an dem Ende aller Welt
In die aus hoher luftger Leere
Die Sonne wie ein Same fällt
Es glüht auf seiner blassen Wange
Nun eine Röte wunderbar
Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange
Es wird sein Auge ihm so klar
Es glänzt auf seinem stillen Herzen
Ein Regenbogen wie ein Strauss
Der hat verkündet seine Schmerzen
Hoch in des Himmels selgem Haus
Dem Himmel hat er ihn verbunden
Zeigt ihm das offene Himmelstor
Er schauet nun in Schmerzensstunden
Was Lust ihm nie gezeigt zuvor
Wie kann er nun die Welt verschmerzen
Ihm ist verschwunden aller Graus
Sein Herz gebrochen einst in Schmerzen
Sieht froh die Witterung voraus
Er sieht voraus die Liebestage
Wo Hand in Hand sich gern ergeht
Manch Mädchen zeigt die Hand zur Frage
Weil er die Linien jetzt versteht
Des Knaben Ruf ist weit erschollen
Denn jeder frägt nach Witterung
Die Alten weil sie ernten wollen
Und weil sich lieben die noch jung
Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen
Da nimmt die Mutter seine Hand
Da sieht er all was ihm vergangen
Und keine Zukunft er drin fand
O Liebe wo du gegenwärtig
Da ist das eigne Leben aus
Die Seele ist dann reisefertig
Du trägst sie in ein andres Haus
»O Muttererde lass dich grüßen
Du trugst mich treu in stiller Qual
Lass deine kühlen Lippen küssen
Hast andre Kinder ohne Zahl
Doch ich gehör dem Vaterlande
Dem Vater in dem Himmelreich
Es lösen sich die alten Bande
Zum letztenmal die Hand mir reich«
Er kann sich selber nicht begreifen
Es wird ihm wohl so auf einmal
Da sieht er dann die Engel schweifen
Auf seines Tränenbogens Strahl
Wie sie die bunten Flügel schlagen
Dass jede Farbe klingt im Glanz
Er fühlt von ihnen sich getragen
Den Fuß bewegt in ihrem Tanz
Was ihm das Herz sonst abgestoßen
Das singt er jetzt mit kaltem Blut
Sein Blut hat sich in Lieb ergossen
Und keine Furcht beschränkt den Mut
Wo sich das Auge sonst geschlossen
Da hebt es nun den Blick von hier
Er ruft »Der Himmel ist erschlossen
Ich fürchte mich nicht mehr vor mir«
Da ruft er wonnig allen Lieben
»Es kommt ein Tag wies keinen gab
Die Ernte dürft ihr nicht verschieben
Die Liebe greift zum Wanderstab«
Er ruft »Brich an du Tag der Sage
Der ewges Wetter mir verspricht«
Sein Herz schläft ein  am jüngsten Tage
Erwacht es rein zum Weltgericht
 
                              Dreissigstes Kapitel
                    Überdruss der Gräfin gegen das Landleben
Wir wollen uns nicht wehmütiger machen mit dem Wiedererzählen der Totenfeier des
Kleinen der die vereinte Teilnahme des Grafen und der Gemeine eine
Feierlichkeit schenkte das letzte Geschenk mir wird bei diesem traurigen
Einhalte des frohen Laufes ländlicher Freuden als erblinde ich plötzlich
manches nahe fröhlich Sichtbare verschwindet mir und selbst der Anblick der
schönen Gräfin der mich so oft erquickt lässt eine leere Sehnsucht in mir
zurück Sie selbst fühlte diese Öde wohl am schwersten und viel länger schon
denn eigentlich nahm sie keinen eigenen Anteil an den Erzählungen anderer die
uns unterhalten haben sie kam meist dabei auf fremde Gedanken an die Stadt und
ihre Bekannte dort An den Beschäftigungen des Grafen fand sie noch weniger
Geschmack ihre Umstände widerrieten ihr das Reiten und die Jagd an denen sie
Gefallen fand und die einzige Gesellschaft die ihr behaglich die des Barons
und der tollen Ilse war ihr verloren Doch lässt sich alles bei schönem Wetter
und im frischen Grün ertragen wenn aber die Blätter gelben abfallen und am
Boden rauschen die starren Herbstblumen mit ihren geruchlosen Blättern
vorscheinen der Sämann im Nebel ernst über den schwarzen Acker schreitet Ach
warum haben wir den ziehenden Vögeln so oft nachzurufen und sie bleiben doch
nicht statt ihres freundlichen Morgengrusses aus heiterer Höhe statt ihres
Abendrauschens in den dichten Kastanien vor dem Schloss tönt Morgens und
Abends ein rastloses Sausen der Luft die vergebens ein Winterlager sucht und
Fenster und Türen dicht gegen sich verschlossen findet Hat eine junge lebendige
Frau dieses Sausen einen Tag angehört auf hochgelegenen Schlössern den Schlag
der Axt in den Wäldern vernommen und die hochbelaubten Häupter niederstürzen
sehen  in die Nebel zwischen den Bergen dann stundenlang hingeblickt ohne
eigene Beschäftigung einsam körperlich leidend und kommt dann der lange Abend
bei einem rauchenden Kamine und kommt der langersehnte Briefbote und sie liest
da Briefe aus der Stadt die von unzähligen Lustbarkeiten unterbrochen sind
aber immer das Verlangen aller Jugendfreundinnen wiederholen dass sie
zurückkehren möchte es kann doch eine trübe Stunde ihr machen wo sie ihres
jungfräulichen Standes mit Sehnsucht denkt ihrer goldnen Freiheit des leichten
Tanzes der unbestimmten Hoffnung die weit über alles bestehende Glück hinaus
ihre nährenden luftsaugenden Zweige treibt
    Und so saß einst die Gräfin in Tränen beim Kamine und die Lichter waren
ungeputzt heruntergebrannt als der Graf voll Ärger über einen Wassersturz der
eine seiner schönsten Gartenanlagen zerstört hatte ins Zimmer trat um bei ihr
Trost zu suchen Auch er hatte noch nicht die dem Landwirte vor allen andern
Menschenklassen notwendige Gelassenheit gewonnen die auf jeden Verlust gefasst
an tausend Anker ihre Wünsche legt ein Verlust in Nebensachen konnte ihm ein
ganzes Unternehmen verhasst machen und für diesen Herbst gab er diesmal wegen
des einen Unfalls alle Pflanzungen im Garten auf zu denen schon alle Gruben
ausgegraben waren So im Aufgeben lang gehegter Wünsche trat er zu seiner Frau
sie wollte ihm erst die Ursache ihrer Tränen nicht entdecken aber das war nur
scheinbar sie war entschlossen noch den Abend alle ihre Anklagen gegen das Land
ausströmen zu lassen und so entwickelte sich eine Fülle von Missvergnügen und
Übelbefinden über den Grafen dass er mit den nächsten Tagen aus sorglicher Liebe
für Frau und Kind heim zu kehren beschloss Nie wurde ihm eine Äußerung
zärtlicher belohnt
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
                             Abschied vom Landleben
Die nächsten Tage gehörten dem Abschiednehmen in der Gegend Die Gräfin heiterer
gestimmt und gewiss dass sie die Leute so bald nicht wiedersehe war ihnen so
verbindlich dass keiner begreifen konnte wie er ihr je etwas übel genommen
»Ich habe es immer gesagt« sprach einer zum andern »sie ist so übel nicht
aber noch jung es fehlt ihr nur noch an guter Lebensart«  Sie selbst fand
sich von der Behaglichkeit in dem Innern mancher dieser verachteten Familien
sehr überrascht sie bewährten hier ein Leben und eine Erfindsamkeit es
auszuschmücken die sie ihnen nie zugetraut jede Arbeit war ein Familienfest
Merkwürdig war ihr vor allen die Frau eines entfernten Anverwandten des Grafen
die mit allen Kenntnissen der besten Erziehung mit bedeutendem Vermögen und
ausgezeichneter Schönheit bloß aus Gewohnheit weil sie mit ihm auferzogen
worden sich dem sehr beschränkten aber gutmütigen Manne hingegeben hatte und
durchaus nichts in der Welt versäumt zu haben meinte sah jemand beide einzeln
so schien es unbegreiflich waren sie beisammen so konnte es nicht anders sein
Eine gutmütige Natur ist immer sehr reich in allen Verhältnissen zu andern je
vertraulicher sie werden während die höchsten Talente mit der Härte die ihnen
beigesellt zu sein pflegt in dieser Vertraulichkeit in dieser Gewöhnlichkeit
ermüden langeweilen und durch das Widerspiel des Streits sich zu erhalten und
zu bewähren streben Nichts ist törichter als eine Heirat um eines
ausgezeichneten Talentes willen eigentlich der schändlichste Eigennutz was der
Welt gehört möchte man sich zueignen dabei der furchtbarste Aberwitz den
Geist im Körper sich anzueignen und doch ist dies eine der gewöhnlichsten
Verirrungen unsrer Gedanken und keine bestraft sich so schnell Selbst das
Beste was der Mund spricht der uns singend entzückt und an sich gerissen hat
scheint uns gegen die Glut jener Kunstübung die von der Natur zur Freude vieler
geschaffen in vielen Jahren sich ausgebildet hat etwas sehr Ungenügendes Aber
wer den Umgang einer Schauspielerin aus Bewunderung einer ihrer Darstellungen
sucht findet sich immer schmerzlich getäuscht wenn auch die Frau viel besser
als ihre Rolle sein sollte Die Lehre ist alt aber die Welt wird ewig wieder
jung dieselben Empfindungen Schauspiele über die wir hinaus sind gefallen
der Jugend immer wieder wie sie uns einst gefielen so wollen wir sie denn auch
gegen dieselben Fehler gewarnt haben denen auch wir uns unterworfen fühlten
Welche Qual in einem geliebten Wesen ewig etwas Hohes zu ahnden was sich in
jedem Augenblicke verleugnet  Die Gräfin verließ das Haus dieses Anverwandten
mit einem Vorwurfe gegen ihren Mann den er eigentlich nicht verdiente sie
sagte ihm dass er sie doch nicht so liebe wie dieser Mann seine Frau der ihr
die Kinder nachtrug und die Küche bestellte aber der Vorwurf war nicht
ernstlich gemeint Besonderen Spaß machte beiden die Haushaltung eines wohl
genährten Vetters der sein ganzes Dorf zum Range seiner Familie erhoben und von
jedem Kinde Vaterchen genannt wurde diese Art patriarchalischer Verhältnisse
machte ihnen einige Stellen des Alten Testamentes deutlich die unsren Sitten
sonst ganz unverständlich scheinen »Lieber Karl« sagte die Gräfin zu ihrem
Manne »wärst du wie dieser auf ein paar Gedanken und viel Essen und viele
Weiber gerichtet und von Jugend an im Stalle und bei den Knechten erzogen
könntest du jeder Magd Unarten sagen jeden Schmutz ertragen und belachen da
könntest du auf dem Lande auch glücklich sein aber deine Ausbildung dein
Lebensmut werden dich dort stets unbefriedigt lassen«  Dolores zeigte hierin
so wenig es sonst ihre Sache dass sie da wo ihr etwas am Herzen lag wirklich
recht tief beobachten konnte es lag viel Wahres in ihrer Bemerkung und der Graf
musste es fühlen dass der Übergang vom Lande zur Stadt sehr leicht das
Entgegengesetzte aber sehr schwer sei zeigt dies doch die Geschichte aller
Nationen  Auch das Fräuleinstift besuchten sie noch aus Neugierde das alte
Hausgeräte die vielen Sonderbarkeiten der einzelnen ledigen Leute gaben so
viel zu lachen dass sie beinahe die dienstfertige Gunst aller verscherzt hätten
doch das Angedenken des schönen Hochzeitfestes hielt sie zurück sich darüber zu
äußern alte Jungfern rechnen sehr weit in die Zukunft und es dachten jene die
dort gewesen sie hätten sich angenehm beredt gezeigt um wieder eingeladen zu
werden im künftigen Jahre und die andern von den Beschreibungen entzückt
hofften dass auch sie im nächsten Jahre die Reihe treffen könnte
    Die Neuvermählten in dem entfernten Forst wurden ebenfalls nicht vergessen
aber wie erstaunten sie die Hochzeitschuhe so schnell vertragen zu finden Die
Frau hatte nachlässig ihre Haare um den Kopf hängen ihr Mann war auf der Jagd
sie schüttete mancherlei Klagen der Eifersucht aus wegen der vielen Weiber die
sich Holz in dem Forst lasen sie küsste der Gräfin mit Tränen den Rock dass sie
nicht mehr bei ihr sei klagte dass ihr Mann so oft schelte Der Graf fand aber
dass der Förster dabei nicht ganz unrecht haben mochte das Mädchen ungewohnt
der ländlichen Arbeiten immer nur mit Putzmachen und Ankleiden der Gräfin
beschäftigt hatte in dem artigen neuen Hause eine fürchterliche Unordnung
einreissen lassen Die Gräfin bedauerte sie der Graf aber ermahnte sie ernstlich
mit demselben Augenblicke gleich Hand daran zulegen in ihrem Hause Ordnung und
Reinlichkeit zu stiften Wirklich entschloss sie sich mit Mühe dazu und der Graf
verließ sie mitten in der Reinigung ihrer Milchkammer in der alle Milch schon
verdorben war
    Den Prediger Frank fanden sie in einem sehr angenehmen kleinen Hause Als
ein wahrscheinlich noch lange Unverheirateter hatte er sich außer seiner
Landwirtschaft und Baumzucht die er im großen übte auch alle Künste einer
guten Hausmutter angeeignet Er kochte sehr gut und trat seinen Gästen mit einer
Küchenschürze entgegen da sie über sein Kochen gelacht hatten so mussten sie
auch Proben davon prüfen und sie gestanden ein dass sie nie so gute
Krammetsvögel gegessen Nachher führte er die Gräfin auf Verlangen in seinen
Dohnenstrich im Garten und sie war überrascht einen gefangenen Vogel nach dem
andern aus der Haarschlinge zu ziehen und ihn triumphierend in die Jagdtasche
des Predigers zu werfen Als sie nachher ihren guten Fang dem Grafen zeigen
wollte da fand sich leider nur ein Vogel denn der gewandte Mann hatte immer
vorauslaufend und den Weg weisend denselben Vogel in alle Schlingen gehängt Der
Graf behauptete man könne auf diesen Vogel den Ausdruck einer Zeitung über
gewisse Kriegsberichte nach denen nur immer ein Mann gefangen von neuem
anwenden der bewusste Mann hier der bewusste Vogel sei wieder gefangen Beim
Abschiede schien der Prediger recht ernstlich betrübt schwor ihnen dass er die
schönsten Stunden des ganzen Sommers bei ihnen zugebracht habe nun sei er ganz
einsam rings um ihn wären lauter Leute zu deren Fassung er sich herabspannen
müsste niemand der seine Geistestätigkeit anspannte als Gott mit dem er im
beständigen Glaubensstreit lebe weil er so ganz anders denke als er lehre und
lehren müsse Er brachte zum Abschiede eine Flasche alten Stachelbeerweins denn
seine Gegend war dem Weinstocke nicht geeignet dabei erzählte er dass die
Akzise die alle Industrie des Landes störe ihn zwingen wolle ausländische
Weine zu trinken weil sie über das Einziehen ihrer Steuern dabei in
Verlegenheit komme Nachdem sein Wein Beifall erhalten fing er an von seiner
kleinen Geliebten behaglich zu erzählen das Kind habe ihn neulich gefragt wer
denn Amor sei von dem sie in einem Gedichte gelesen Er habe geantwortet ein
kleiner Mann mit Flügeln der sehr gefährlich Darauf habe sie ihm versichert
wenn er nur klein wäre da wollte sie ihn wohl zwingen wäre er aber groß so
groß wie er da könnte sie sich nicht wehren Er fand in dem Scherze etwas
Vielbedeutendes wer konnte ihm diesen hoffenden Sinn stören alle schieden von
einander in gegenseitiger Zufriedenheit
    Ganz verschieden davon war der Abschied von dem Geistlichen des Dorfes der
Streit mit dem Grafen noch mehr die mancherlei eigenen vom Grafen ersonnenen
Verschönerungen des heiligen Dienstes hatten seine ganze Eifersucht erregt
mancherlei Einkommen das er durch die Gunst des Grafen bezog hinderte ihn
diese Empfindlichkeit offen zu zeigen es waren aber so einzelne Ausrufungen in
denen sie sich Luft machte So sagte er wohl »Der Herr Graf werden uns so viel
Neues mitbringen dass wir die alte Religion ganz darüber vergessen zwar bin ich
der Meinung dass wenigstens alle zehn Jahre etwas von dem alten Sauerteige
weggeschafft werden müsse jedes Übereilen ist aber gefährlich«  Der Graf
fragte ihn erstaunt wie er auch nur einen Tag etwas dulden könne das er in
heiliger Überzeugung für alten Sauerteig halte ob das der Sinn der Märtyrer
sei die in der Bekennung ihres Glaubens selbst gestorben Der Mann kam in
Verlegenheit rühmte den Herren Grafen wie er so hübsch spreche und weiter
hatte es keine Folge als sie beide gegen einander zu erbittern
    Am Abende vor der Abreise als der Graf im Hause hin und her lief um
mancherlei Anordnungen selbst zu machen die seiner Dolores zu lästig waren und
die doch den Bedienten nicht überlassen werden konnten klappte er auch alle
einzelne Schränke auf um nach vergessenen Sachen zu forschen In dieser
Vorsicht kam er auch an den Schrank des kleinen Traugott den er noch voll von
seinem Spielzeuge fand er beschaute mit einem eignen Gefühle diese Lust eines
Toten Einem Kinde sollte man alles Spielzeug in den Sarg legen es macht die
Lebenden sehr traurig Alles trug den eigentümlichen Geist des Knaben seine
frühere Geschicklichkeit alles zu durchsuchen und sich zuzueignen und die
spätere Sinnigkeit seines ganzen Wesens auf dem kleinen Wagen lagen in strenger
Ordnung alle Art Sonderbarkeiten Steine die wie Brot oder wie Pflaumen
aussahen viele wunderliche Puppen die er zu seinen Stücken sich ausgeschnitten
und bekleidet hatte und tausend andre Dinge die der Graf nie bei ihm bemerkt
hatte Einen kleinen Schrank von Nussbaumholz mit Schlössern und vielen Kästchen
die der Graf in seiner eignen Jugend sehr wert gehalten hatte fand er dort mit
Verwunderung der Knabe musste ihn auf dem Boden irgendwo entdeckt haben
Eingedenk der eignen Art wie er jedes Kästchen zu einem besonderen festen
Gebrauche eingeweiht hatte zog er jedes heraus und sah mit Erstaunen eine
Sammlung von Angedenken jedes mit kurzer Inschrift bezeichnet und alle diese
Angedenken waren kleine Geschenke des Grafen manches Weggeworfene woran er
sich kaum erinnern konnte das aber Traugott in seiner Zuneigung sorgsam bewahrt
hatte Mit dem Angelhaken den er ihm damals zum Troste nach dem Tode der Mutter
geschenkt begann die Sammlung in kindischen Reimen stand dabei beschrieben
wie er seine Liebe damit gefangen Dann fand er Haare die er ihm einmal im
Scherz aus seinem Kamme zum Angedenken verehrt in ein Netz zusammengeknotet in
ähnlichen Versen stand dabei »In diesem Netze von Haaren tu ich seine Liebe
bewahren« dann fand er Kirschkerne die er ihm einmal gegeben sie aus dem
Zimmer zu werfen dabei stand geschrieben »Die Kerne küsste sein schöner Mund
davon sind sie so glatt und rund« ferner eine trockene Kornblume dabei stand
geschrieben »Diese Blume der Graf heut niedertrat mit mir er nicht gesprochen
hat ich stürzt mich in das Wasser hinein sollt so ein Tag noch wieder sein«
ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender auf welchem ein Tag unterstrichen
war daneben stand mit Bleistift »Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet weil ich
dem Grafen dreimal begegnet« endlich ein Kranz mit der Inschrift »Den gab mir
der Graf am frühen Morgen ich sollt ihn an die Gräfin besorgen und gestern hat
er mich fortgeschickt als sie ihn so zärtlich angeblickt es tät mir so weh
als ich ihn gebracht die Gräfin hat den Kranz nicht geacht sie hat ihn im
Vorsaal liegen lassen da tät ich armer Junge ihn fassen und heb ihn auf in
Ewigkeit da bin ich von meinem Grafen nicht weit«  Hier konnte der Graf nicht
weiter lesen Tränen überliefen seine Wangen er hatte dem Kleinen alles Gute
getan hätte er aber diese heimliche Zuneigung diese phantastische Leidenschaft
gewusst wie hätte er ihn oft mit Zuspruch mit kleiner Gabe erfreuen können und
nun war es zu spät  Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten
Schatz selbst ein und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen mancher
Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm über aber seine Wehmut
erstickte sie alle und diese ist das schönste Denkmal der tatenlos
verschwundenen Jugend
    Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen mancherlei kleine Geschäfte
nahmen dem Abschiede einen Teil des Schmerzlichen doch bleibt es immer
Gewohnheit in solcher Trennung von einer wenn gleich nicht ausgezeichneten
doch unter besonderen Verhältnissen verlebten Zeit mehr zu fürchten als zu
erwarten »Ob ich je diese Seen diese Wälder wieder sehe« fragte Dolores ganz
wehmütig den Grafen »die Glocken läuten zur Frühmesse jetzt beten alle
Menschen und wir reisen was bedeutet mir das Gewiss sterbe ich im Kindbette und
werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du führst eine andre in
diese Zimmer ein als deine Frau«  »Nimmermehr du Einziggeliebte« rief der
Graf »mit dir lebt ewig mein ganzes Leben ob du sichtbar bei mir bist wie bei
unsrer Ankunft der Frühling in jenem Walde den er mit grünem Kranze bedeckt
hatte oder ob ich entlaubt stehe wie er einsam in Regen und Wind ruhig
traurend werde ich an deinem Grabe dann eines höheren Frühlings warten  da
wird dich Traugott mir entgegenführen  in Zeit und Ewigkeit bleibst du mir
unverloren Doch wozu so traurige Gedanken«  Der Gräfin schauderte jetzt vor
dem Gedanken des Todes den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte ihr war zu
Mute wie der leichtsinnigen Furcht welche Mittags unter vielen Menschen andre
mit Gespenstergeschichten erschreckt die sie einsam in der Mitternacht gern
vergessen möchte
 
                                Dritte Abteilung
                                     Schuld
                                  Erstes Kapitel
Rückkehr des Grafen Karl und der Gräfin Dolores nach der Stadt Wochenbett Taufe
Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgültig meinen Weg wanderte
um mein verhageltes Feld zu besehen und von einem Hügel zum andern blickte und
so bedachte wie bald ich auf dem andern und dann auf dem dritten und dann 
und dann vor dir stehen könnte du treue Seele zu der ich am liebsten spreche
unter allen in der ganzen Welt und der ich am wenigsten zu sagen habe weil du
mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest da
wurde mir allmählich so freudig dass ich rings umher alles mit anderem Auge
ansah als lernte ich jetzt erst sehen und müsste jetzt nachgeniessen was ich den
Tag über in Gleichgültigkeit Ärger und ferner Träumerei versäumt und übersehen
hatte Ich griff nach dem Steine den ich neben mir zur Wegebesserung mit
frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand und erkannte ihn als einen
gültigen Zeugen größerer Weltbegebenheiten als die ich erlebt hatte ich nahm
einen Grashalm auf der zum Futter abgemäht am Wege verloren gegangen zu
meinen Füßen lag und fand in ihm einen Zeugen des Frühlings der uns beide
beglückte und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe die ich
untergegangen wähnte O wie selten wird uns die Gegenwart Mitten in meiner
Freude tönte meine Klage über verlorene Zeit
Für die Liebe zu zart
Für die Gedanken zu schnelle
Eilest du Gegenwart
Nahende fliehende Welle
Alles sich spiegelt in dir
Dir nach sehen wir sehnend von hier
Stürzten uns gerne dir nach
Dich erreichet kein Ach
Dich erreicht nur die Lust
Strebend dir nach in der schwimmenden Brust
Dich erreicht sie im Meer
Ach wer dort nur erst wär
Wo viel tausend der Wellen
Sich in der Sonne gesellig erhellen
Das Leben ist uns ewig offen dass wir uns schauend mit seiner Allgegenwart
erfüllen aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht wie mancher
große Mann gähnend einem Kinde im Lichte steht bei dem Festaufzuge der das
Kind entzückt hätte könnten wir uns nur überzeugen dass nichts alt und nichts
neu in der Welt nichts abgetan sei und nichts erschöpft  In diesen Gedanken
sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir vorüber aus dem einen lachten
und winkten mir neckend viel fröhliche Mädchen und trieben den Kutscher dass er
schnell fahre im anderen der sehr bestäubt war saß ein ernsthaftes und doch
jugendliches Paar ein junger Mann und eine wunderschöne Frau ohne Betrübnis
schienen sie doch beide ganz in sich versunken und sprachen nicht mit einander,
und dankten auch nicht meinem Gruße O Bilder der Ausreise und der Rückreise
dachte ich bei diesen beiden Wagen jene wie von einem Luftballe am hellsten
Tage zu Regionen ewiger Sehnsucht getragen sehen unter sich die ganze Welt
offen liegen diese wie verwundete Gefangene mögen die bekannte Gegend nicht
wiedersehen die sie kürzlich in Siegeshoffnung fröhlich durchzogen
Den Grafen und die Gräfin verließen wir auf ihrer Rückreise nach der Stadt das
gleichmäßige Stoßen des Wagens erweckte in der bekannten Gegend in dem erregten
Zustande wie sich beide neben einander fanden sehr verschiedene Nachgedanken
und schläferte ihre Unterredung mit einander ein Die Gräfin erfasste am Schluße
dieser Nachgedanken eine innige Überzeugung dass kein Landleben ihr Beruf sei
dass es allen ihren geselligen Talenten und Neigungen entgegengesetzt im
folgenden Jahre auch wegen der Erziehung des erwarteten Kindes notwendig
abgekürzt werden müsse Der Graf in seinem Nachdenken erschrak fast dass er von
den Arbeiten die er sich auf der Hinfahrt zu beendigen vorgenommen hatte nur
den kleinsten Teil angefangen und dagegen von tausend Nebensachen zerstreut
worden sei Er bemerkte mit einiger Kränkung dass die fehlende Mitwürkung seiner
Frau ihm einen wirklichen Mangel in aller Ausführung gelassen den er durch
keinen Besoldeten zu ersetzen vermocht er nahm sich vor sie ernstlich zur
Landwirtschaft zu ermahnen und sie heimlich zu derselben zu führen Hier
verwunderte er sich als er sich selbst auf einem klugen krummen Wege
überraschte und fand dass er in dem Laufe seiner Beschäftigungen von der geraden
treuherzigen Überredung zum Gebrauche mancher Vorteile Listen und Klugheiten
übergegangen sei doch mehr im Verhältnisse zu seinen Leuten als zu seiner
Frau So wusste er schon recht gut dass Leuten von geringer Bildung nichts so
stark als das Gedächtnis imponiert und in Betrügereien schüchtert so fasste er
deswegen oft unbedeutende Kleinigkeiten auf um den Leuten bei Gelegenheit als
ein allwissendes Gewissen zu erscheinen so wusste er sein Vertrauen oft
scheinbar einem Menschen zu schenken um ihn kennen zu lernen so wusste er die
Feindschaften der Leute nach seinem Willen zu benutzen kurz er fand mit großem
Erstaunen dass seiner Einbildung ganz entgegen die Bauern in die eignen edlen
Gesinnungen hinüber zu überzeugen und zu erziehen sie ihn in ihrer Klugheit und
Umschauung erzogen hatten Diese Klugheit und Umschauung sind auch Himmelsgaben
wenn gleich unter allen die geringsten die sich am rohen Menschen zuerst
entwickeln und darum von höher Gebildeten wie das Gedächtnis leicht zu sehr
verachtet werden  Der Graf sollte sie künftig nur mehr brauchen Nachdem sich
beide so wüste und müde in sich gedacht hatten fielen sie einander in die Arme
und küssten sich um ihr Gähnen zu verstecken niemand sollte sich einen solchen
Kuss der Gewohnheit und der Langeweile erlauben er nimmt allen lebendigen
Küssen die folgen ihre überzeugende Kraft Darüber dachten beide nicht nach
beide lebten so wie sie sich der Stadt näherten allmählich ganz hinüber und
kaum waren sie angekommen so erfüllte die Freude des alten Bedienten der die
Aufsicht über Haus und Garten geführt hatte seine gesammelten Schätze an
Früchten des Gartens die er alle in die Zimmer trug der Andrang aller
Bekannten die Licht darin gesehen hatten das ganze Haus Jeder bemühte sich in
der kürzesten Zeit alles Geschehene zu erzählen das liebe Geheimnis der Gräfin
war gleich entdeckt und es drängten sich viele Frauen mit klugen Mienen an sie
ihr Belehrung zu geben in diesen neuen Umständen Den Grafen ärgerte etwas dies
Geschwätz dies Heimlichtun das alle folgende Tage fortdauerte er überraschte
seine Frau sehr bald auf manchem Satze der ihm in ihrem Munde ganz fremd klang
er konnte nicht begreifen wie sie daran Vergnügen finden könnte zu hören wie
jene gesäugt wie diese voraus wisse ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei doch
sein Mitleid mit den Beschwerlichkeiten ihres Zustandes unterdrückte jeden
Tadel Lächelnd dachte er seines Ärgers über den Prediger Frank und dessen
zeugende Blicke weil wirklich übereinstimmend mit dessen erstem Besuche der
Ursprung des geliebten Kindes gesetzt werden konnte das ihm unsichtbar entgegen
pochte wie ein neues Herz und dem er mit Ungeduld entgegensah Dem Prediger
schrieb der Graf wirklich einen scherzhaften eifersüchtigen Brief deswegen den
Frank in gleicher Gesinnung recht artig beantwortete und mit Leidwesen die Öde
in dem Schloss des Grafen beschrieb
    Die Zeit der befürchteten und gehofften Niederkunft nahete mit dem Eintritt
der stärksten Kälte mit Geschmack hatte er das Wochenzimmer verziert ein
schönes altes Bild das Christuskind auf dem Stroh in der Krippe das mit beiden
Händen lächelnd nach den Engeln greift die in der Luft schweben verzierte die
Hauptwand Die Freundinnen waren arbeitsam eine große Zahl zierlich gestrickter
Mützen gestickter Kleiderchen und gestickten Wiegenzeuges zusammen zu bringen
Mitten in diesen Anordnungen überkam eine schnelle und leichte Geburt die
Gräfin Der Graf war ein paar Stunden in notwendigen Geschäften abwesend
gewesen doch behauptete er einen durchdringenden Schrei in seinen Ohren gehört
zu haben weswegen er mit Besorgnis nach Hause geeilt sei die aber von dem
Anblicke des wohlgebildeten kleinen schreienden Buben der reinlich auf einer
Decke liegend von allen Hausgenossen angestaunt wurde zum höchsten Jubel
überging Die Gräfin sagte ihm leise sie würde um keinen Preis der Welt je
wieder in die Wochen kommen doch die andern Frauen erklärten gleich dass diese
Redensart eben nicht im strengen Sinne zu nehmen vielmehr als ein Eid anzusehen
sei den die Gefahr erpresste der also gerichtlich ungültig werde So rot und
blau sein Kind angelaufen war so vermischt alle Züge doch schien es ihm
wunderschön er konnte es nicht begreifen wie es seine Frau zur Erhaltung ihrer
Schönheit einer Amme übergeben mochte doch jetzt konnte er ihr in nichts mehr
widerstreiten nachdem sie seinetwegen so viel Schmerzen ertragen Da sich
Dolores bald ganz wohl befand so wurde die Taufe beschleunigt dies war immer
des Grafen heiligstes Sakrament es hing mit seiner ganzen Ansicht von der
Weltentstehung zusammen Er wendete die höchste Vorsicht in der Wahl der
Gevattern an und ließ im Namen Kleliens ein eben eingesegnetes sehr schönes
Mädchen dem Kleinen die hülfegelobende Hand auflegen Doch verdarb ihm der
Geistliche der seine Aufklärung in einer langweiligen Vorrede beweisen wollte
die ganze Herrlichkeit der heiligen Handlung Der Kleine wurde Karl genannt
Seine Frau konnte sich in das übrige Zeremoniell der Wöchnerinnen noch weniger
finden sie war zu gesund um sich auf ihr Bette zu setzen
 
                                Zweites Kapitel
                 Kleliens Verheiratung an den Herzog von A 
Vierzehn Tage nachher traf Kleliens Danksagungsbrief für die angewiesene
Ehrenstelle ein sie wollte sich nach allen Kräften des Kindes annehmen
zugleich enthielt der Brief die unerwartete Nachricht wie sie einem spanischen
Herzoge von A  der auch in Sizilien große Güter besitze in Palermo vermählt
worden Sie erzählte wie sie einander bei einer Wasserfahrt begegnet wie er in
der Katedralkirche an ihrer Seite geknieet so fromm und bescheiden seine Liebe
ihr kund getan sie rühmte gleich hoch seine Frömmigkeit und seine Talente die
in seiner Schönheit einen herrlichen Tempel gefunden sie erzählte wie er ganz
Europa durchreist um den sittlichen Zustand aller Nationen kennen zu lernen
wie er auch ihren Vater gekannt und lieb gewonnen habe und ihre Muttersprache
geläufig rede  Dolores seufzte in sich bei diesem Briefe gewiss dachte sie
wäre ich meinem Wunsch mitzureisen gefolgt er hätte mich vorgezogen die weite
große Welt stände mir dann offen schon das Spanische in der Geschichte wäre ihr
willkommen gewesen aber dieser Glanz eines unermesslich reichen herzoglichen
Hauses in alter und neuer Welt gleich begütert gleich berühmt eines Mannes
der in den ersten Stellen seines Hofes Zutrauen genossen neben dem anständigen
aber mittelmäßigen Geschicke eines wohlhabenden Grafen dessen höchster Ehrgeiz
es war seinen Bauerknaben auf die kürzeste Art etwas Geschichte und Lesen zu
lehren den Mädchen Kochen und allen eine gesundere und frohere Art zu leben
der das Hofgehen für einen harten Frondienst hielt dieser Untergang von Licht
zu Schatten blendete ihre Augen dass sie übergingen Sie blieb den Abend ganz
ärgerlich der Graf aber der so kleine Empfindlichkeiten schon in ihr als
Vorboten großer Zärtlichkeit kennen gelernt hatte nahm es wieder lachend auf
und belohnte es mit der Zärtlichkeit die sein ganzes Wesen noch immer wie am
ersten Tage ihrer Bekanntschaft bei jeder Berührung ihrer weichen durchsichtigen
Hand belebte Den andern Tag entschädigte sich die Gräfin wenigstens damit bei
ihren Bekannten dass sie erzählte von ihrem Schwager von seinem Reichtume
seiner Pracht dass er ihr eigentlich bestimmt gewesen dass sie sich aber
glücklich schätze nicht in so fremde Gegenden wandern zu müssen
    Ein anderer Brief von Klelien voll treuer lebendiger Beschreibungen ihrer
Güter der Sizilianer ihrer Feste ihrer Lebensweise enthielt auch die
Nachricht wie der Herzog sie in Angelegenheiten seines Hofes verlassen die
Trennung hatte sie krank gemacht seitdem sie genesen ging sie täglich nach dem
Garten eines hochliegenden Nonnenklosters um über das Meer zu sehen wo ihr
Mann gefahren und eine Schar Mädchen zu unterrichten die sie auf den Gütern
auserwählt um sie am Tage der Rückkehr ihres Mannes auszustatten »das alles«
schrieb sie »kommt nicht aus mir sondern ist Nachahmung meines lieben
Schwagers dessen Freundschaft mich noch hier zu manchem Guten aufmuntert
worauf ich sonst nicht verfallen wäre« Der Brief beschämte etwas die Gräfin
die immer auf des Grafen Beschäftigungen mit einem eignen geistreichen Hochmute
hingeblickt sie war ihm den Tag außerordentlich gewogen und wie liebreich sie
sein konnte wenn sie es wollte das wissen alle Engel die ihr dann aus den
Augen blickten
 
                                Drittes Kapitel
                               Der Marchese D 
So abwechselnd wirkte die Schwester mit ihren Briefen mit ihrem Schicksale auf
unser Haus ein paar Monate darauf wurde der Marchese D  ein Vetter des
Herzogs von A  bei der Gräfin angemeldet der ihr neue Nachrichten von ihrer
Schwester zu bringen versprach Sie fand in ihm den gewandtesten
liebenswürdigsten Mann sie konnte ihn mit niemand vergleichen alles an ihm
schien eigentümlich er hätte auch ohne Reise so werden müssen aber er war
gereist und redete die meisten Sprachen Europens Er brachte ihr die Nachricht
dass ihr Schwager eilig an einen nordischen Hof gesendet worden um ganz
inkognito Angelegenheiten von größter Wichtigkeit abzumachen erlaube es seine
Zeit so würde er auf seiner Rückkehr sie besuchen ihre Schwester sei
inzwischen aufs Land gezogen um eine große öde doch sehr fruchtbare Strecke
Landes mit einem neuen Dorfe zu bevölkern sie habe sich aus England viel
Ackergerät kommen lassen und gelte in der ganzen Gegend für eine milde Heilige
von der niemand ohne Unterstützung und Trost gegangen Der Marchese erbot sich
alle Briefe die sie ihr übermachen wollte durch eine Adresse die in Italien
ihm eröffnet viel schneller als bisher dahin zu fördern sie nahm das
Anerbieten mit Vergnügen an und beschrieb mit großem Anteile in einem
versiegelten Briefe den sie ihm für die Schwester übergab die Freude an dem
liebenswürdigen Verwandten sie schätze sie glücklich wenn der Herzog diesem
Vetter auch nur nach gewöhnlicher Familienähnlichkeit sich nähere Mit vielem
Stolz zeigte ihn die Gräfin ihren Bekannten dem Grafen wusste er sich durch ein
gefälliges Anschmiegen an seine Ideen eben so wert zu machen der Graf meinte
sie schon in ganz Spanien realisiert und arbeitete Tage lang ihm alles recht
klar und deutlich aufzuschreiben was er von allem in jenem Himmelsstriche für
anwendbar halte Schon darum war er es sehr zufrieden als die Gräfin den
widersträubenden Marchese fast zwang in ihr Haus zu ziehen so konnte er mit ihm
kürzlich diese Vorschläge durchgehen und sich über Lokalverhältnisse
unterrichten Der Marchese kannte alles ja er vertraute dem Grafen unter dem
Siegel der Verschwiegenheit dass er von einer Gesellschaft an deren Spitze der
Friedensfürst stehe abgesendet worden alle Kultur der andern europäischen
Staaten unbemerkt in das Land zu bringen so dass die schweren Ketten des
Vorurteils und der Gewohnheit unbemerkt nicht gebrochen sondern verrostet von
sich selbst zerfallen würden Bald kam die Zeit wo Graf Karl mit den Seinen
wieder aufs Land ziehen wollte der Marchese konnte sich wegen seiner geheimen
diplomatischen Verrichtungen nicht von der Stadt entfernen und die Gräfin des
Landlebens schon im voraus überdrüssig täglich geschmeichelt durch neue Feste
des Marchese der sinnreich auch das Unbedeutendste geltend machen konnte das
Geld nie sparte das Ausländische erhob ohne das Inländische herabzusetzen
einen Fandango mit einem Walzer schloss spanische Trachten den Frauen
schneiderte und anpasste und Deutsch von ihnen lernte die Gräfin konnte sich
nicht losreißen von ihm und eine kleine Kränklichkeit ihres Kindes gab den
Grund die Entfernung von einem geschickten Stadtarzte zu bedauern Der Graf
kannte zu genau den melancholischen Zug den die meisten Schlösser des Landadels
tragen eingeprägt durch die Einsamkeit welche notwendig aus der verschiedenen
Bildung des Landvolkes hervorgeht ja es war der eigentliche Geist seines
Strebens durch eine bessere Erziehung der Landjugend und selbst durch deren
Rückwürkung auf die Eltern den echten Fortschritt der Zeit allgemein zu machen
und also die verschiedenen Stände in einen natürlichen Austausch ihrer Gedanken
in gleicher Sprache wieder gesellig einander zu nähern wie noch vor funfzig
Jahren in vielen Gegenden Deutschlands Herren und Diener an einem Tische mit
einander aßen und außer der Beschäftigung keinen Unterschied an einander
kannten Die Freude und die Gesundheit von Frau und Kind lagen ihm näher als
seine eigenen Wünsche er sah sie in der Stadt so heiter wie er sie noch nie
gekannt Er selbst bat sie in der belebten Stadt wo sich alles nach
geschlossenem Frieden neu begrüßte noch einige Wochen zurückzubleiben auch
wollte er sie dann durch einen neuen Garten den er in einem Walde entworfen
überraschen sie nahm diesen Vorschlag mit Weigerung an sprach von ihrer
Pflicht bei ihm zu bleiben aber er drang aus Liebe darauf und so entfernte er
sich von ihr seit ihrer Verheiratung zum ersten Male auf längere Zeit Auch
Liebe tut oft zu viel auch sie kann irren
 
                                Viertes Kapitel
                        Der Graf reist allein aufs Land
Welche schöne Ewigkeit lebt in einer treuen Seele als er allein auf seinem Gute
seine Arbeit beschleunigte nach wilden Vögeln jagte nach Adlern Falken und
Geiern die seine Singvögel störten ihm war so alles noch gegenwärtig wie er
als Knabe bei solcher Jagd sich erfreut wie es ihn so unwiderstehlich über die
Berge getrieben wie er die Falken an die Türe seines Gärtchens angenagelt
hatte und sich als einen Beschützer der Unschuld und des Rechts geträumt Wie
er dann befriedigt die Schätze der dunkelen Erde aufgewühlt sie ruhig besät und
bepflanzt habe feurig in der Lust seiner Kraft welche den Spaten Stoß auf Stoß
durch den tückischen Bau der Regenwürmer trieb dass er wie ein Schlangentöter
unter dem ringelnden Gewürme stand Und neben diesem ersten Heldentume stand
noch so fest in tiefer Seele die ganze Gegenwärtigkeit erster hoffender Liebe
wie ihm Dolores als Student bei jedem Glockenklange vorgeschwebt der Genuss
hatte ihm nichts geraubt er hatte nur dadurch an Erinnerungen gewonnen kein
Augenblick war ihm leer und was ihn quälte war allein dass nicht gleich alles
fertig war Wege Baumgänge Denkmale die er im Geiste schon deutlich sah dass
er mit Händen nicht greifen konnte die Geliebte die so deutlich ihm
vorschwebte In solcher Stimmung wo die Idee sich nicht mit der Idee begnügen
will sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht schweifte er jagend über den
Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen die ein
untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte Dort grub er in einem
Hünengrabe nach dem Nachlasse eines Helden von dem er endlich nichts mehr fand
und kennen lernte als die Asche in einem zerbrochenen Kruge dabei eine
Streitaxt silberne Armringe und wenige erbeutete Münzen neben ihm einen
Aschenkrug dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schönstes und
Liebstes was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen bezeichnete rings die
Tränensammler leer und ausgetrocknet  sehr rührend noch ein Zeichen der Liebe
und guten Zusammenlebens aus Zeiten und Völkern von denen wir wie von
untergegangenen Tiergeschlechtern nur riesenhafte Knochen haben und die doch
vielleicht unsre Voreltern waren Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen
vergessenen Denkmälern statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureissen und
in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositäten zu verschütten zeichnete er
alles treulich ab stellte es dann wieder in die alte Ordnung ummauerte es mit
einer anständigen einfachen Architektur dass der Schatz jedem der sich dem
eisernen Gitter näherte sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die
Hinfälligkeit des größten Einzelnen ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes
Darum sei es der Helden größte Sorge Heldenkinder zu erziehen Väterlich
voreilend dachte er dann wie er seinen Sohn Karl unter großen unternehmenden
Menschen wolle aufwachsen lassen mehr dem Beispiele als der Lehre trauend wie
er sich in allem versuchen solle um sein Eigenes zu finden wie er des Jahres
und der Tage Abwechselung in steter Abhärtung vergessen lernen sollte Und von
solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemüts
das leicht halb von einem halb von dem andern erfüllt sein kann wieder zur
Mutter über zu seiner Frau von der er nun schon ein paar Wochen fern war und
das ganze Heldentum das sich vor seinen Augen aus den Knöcheln Funken schlug
schmolz in ein weiches Sehnen nach Genuss zusammen die Helden hatten ihm kein
Ehrenlied abstreiten können aber die wirkliche Sehnsucht entlockte ihm ein
Liebesliedchen das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete
»Was jagt mich
So matt und müde
Ich such Dich
In meinem Liede
Ich such Dich
In meinem Jagen
Hier muss ich
Die Buchen fragen
Die Frage
Im Widerhalle
Wird Klage
Dass Laub schon falle
Es falle
Weil es ermattet
Es walle
Wenn es Dir schattet
Das Windspiel
Mit Deinem Bande
Vergisst Spiel
Und spürt im Sande
Es legt sich
Mit seinem Munde
Es hört Dich
Verliert die Kunde
Es weint dann
Wie Kinder weinen
Und gräbt dann
Mit seinen Beinen
Begräbt sich
Im tiefen Sande
Begrabt mich
Im Heldenlande
In weichen Armen
In stillem Kuss
Zu lang mir Armen
Fehlt der Genuss
Begrab mich
Und meine Lieder
Bald komm ich
Und hol Dich wieder
An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal geküsst in vierzehn Tagen bin ich
sicher bei Dir Könnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein sicher siehst
Du es recht freundlich an Du strahlender Augapfel im dunklen Laube«  Also
schloss sich dieser Brief
 
                                Fünftes Kapitel
    Die Gräfin Dolores mit dem Marchese D  Politik Alchemie Verführung
Die Gräfin verlor den Grafen in der immer veränderten Gesellschaft des
Marchese bald aus den Gedanken mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde
zum Schreibtische klagte über seine Abwesenheit erzählte von ihrem Kinde
solch ein Wisch von einem Briefe krumm und schief geschrieben mit Kaffee und
Tinte befleckt konnte doch den Grafen selig machen es schien ihm so
vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen
sondern so wie im gewohnten Morgengrüssen auch wohl dazwischen einmal zu gähnen
Inzwischen nahm die Gräfin ihre Gedanken oder vielmehr sie fand sie und mehr
als sie sonst hatte zusammen sobald der Marchese zu ihr eintrat ihr Zimmer
aufräumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte Da wir nicht
Lust haben die Geschichte jedes Tages ausführlich vorzutragen weil die gemeine
Bosheit manches daraus erlernen könnte so wollen wir das Betragen des Marchese
durch einige frühere Beobachtungen über ihn deutlicher zu machen suchen bald
möchte er sonst gar zu befremdend erscheinen Aufgewachsen in der verderbten
großen Welt von Madrid mit einer Klugheit die ihn selbständig machte wo andre
noch angeführt werden suchte er ihren Genuss nicht in der rohen Art die blind
zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschöpft als befriedigt nein er wollte das
Herrlichste alles mit ganzer Kraft genießen dies meinte er das herrlichste
Leben die Mittel waren ihm Nebensachen sein Talent hatte ihm die meisten
entweder eigen gemacht oder unterworfen Ohne lange Beratung mit sich fast
unbewusst traf er stets ob er sich einem Manne von Bedeutung oder einer schönen
Frau mehr durch Lob oder Tadel nähere mehr durch allgemeine praktische
Gesinnung oder durch Sonderbarkeit ob er besser imponierte oder sich belehren
lassen müsse ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene gewiss war er
besonders Frauen bald so nahe bekannt als irgend ein anderer und gemeinhin
viel vertrauter sie sagten ihm was sie guten Bekannten lange verschwiegen
hatten sie gefehlt so zeigte er sich noch fehlerhafter er zeigte ihnen so
viele Häkchen so viele Berührungen seiner reichen Natur dass eines sicher
fassen musste hatte er aber nur einen Ton erkämpft so ließ er ihn nicht mehr
verstummen bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen nicht eher ließ
er nach Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er
sich selbst ganz leicht die quälende Tätigkeit seines Daseins fand ihr Ziel es
tat ihm leid wo es endlich öde und traurig ausging aber er konnte nicht anders
und er fühlte dass er auch in seiner Natur genug gelitten und erduldet er
gönnte auch andern ihre Prüfung Von einem Don Juan war er schon dadurch
unterschieden dass er keinesweges bloß sinnlich war mit all und jedem Weibe nur
mit den sinnlichen war er sinnlich noch eifriger konnte er mit
strengmoralischen sein Leben durchgehen und bessern mit einer Religiösen
beten Hätte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt er hätte sich durch des
Teufels Großmutter vom Teufel los geschwatzt Dass ihn Dolores sinnlich reizte
brauchen wir nicht zu erinnern beten und träumen war ihre Sache nicht aber sie
war die stolzeste prächtigste Sinnlichkeit die je über die Erde geblickt als
wäre sie ganz zu ihrem Genuße geschaffen Er sah bald dass Glanz Artigkeit
Schönheit sie nicht bezwinge sie war zu stolz sie musste gedemütigt werden das
war aber bei ihr nicht leicht Er ließ einige Tücken gegen ein paar lockere
Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgültigen
Gesellschaftsspiele die sie für immer aus der Gesellschaft entfernten das
brachte manche gegen ihn auf auch Dolores die an ihrem Umgange Geschmack
gefunden sie machte ihm Vorwürfe er stellte sich so wütend dass ihr vor ihm
angst wurde das war kein Schauspiel nein er fühlte es ganz so als würde die
Gräfin durch solchen Umgang entweiht etwas das der Graf auch gefühlt aber
immer nur leise angedeutet hatte doch dachte sie heimlich dabei dass ihrem
Manne es eigentlich gebührt hätte so zu handeln
    Mit seinem Scharfsinne fasste er auch bald die schwache Seite der Gräfin von
der er sich ihr schnell unabhängig von dem Reize seines Umganges wichtig und
unentbehrlich machen könne Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische
Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Gräfin aufblitzen und seine Härte
sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschliessen ein Unrecht in
einer Zeit die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat dass
sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit
mehr herabgewürdigt wird Im elterlichen Hause war die Gräfin schon als Kind
ganz an das Gegenteil gewöhnt worden Frauen wurden zu mancher geheimen
Verhandlung gebraucht öfter als Schiedsrichter über streitige Fälle sie
erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift und der
Marchese überbrachte ihr deren bald viele sehr verbotene schwer zu erlangende
mit unter sogar Manuskripte die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte Jede
Heimlichkeit führt zu einer andern und verpflichtet zu manchem was nicht voraus
zu sehen Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung Überbringung und
Versteckung dieser politischen Gefährlichkeiten einen geheimen Gang aus der
sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Gräfin offen stand wenn er ohne die
Vorzimmer zu durchlaufen sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte Sie gab
ihm den Schlüssel ohne alle Nachgedanken welches bedeutende Zeichen sie ihm
damit schenke  Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansätzen Zweifeln an
Verschwiegenheit rätselhaften Andeutungen welche alle Neugierde der Gräfin
spannten erklärte er ihr dass er sie fähig glaube einen ausgezeichneten
politischen Einfluss zu gewinnen Sie verbarg ihre ungemeine Freude über diese
Äußerung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes ob eine Frau nach ihren
Verhältnissen dazu tauge  »Das ist Torheit« rief der Marchese heftig »wären
Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des nötigen Schreibens zu bringen ich
halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung für viel geschickter zu solchen
Verhandlungen« Und nach diesen Worten überströmte er sie mit Erzählungen von
französischen Frauen die ihre Zeit geleitet Er schloss mit den Worten »Diese
Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte während alle die guten Mütter
wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird, von ihren
eignen Kindern schon vergessen werden Sie sehen es gibt eine höhere und eine
gemeine Tugend die letztere kann jene nicht erkennen sie ist über ihre
Fassung wohl aber jene diese und darum glauben Sie wegen jener Äußerung nicht
dass ich mütterliche Tugenden verachte die Sie Gräfin so schön und liebreich
ausüben aber es gibt freilich etwas Höheres«  Die Gräfin drängte sich
ungeduldig dieses Höhere kennen zu lernen sie wünschte die Geschichten jener
Frauen zu lesen und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwürdigen
Memoiren die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit
die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten so lebendig
entwickeln dass eine gewöhnliche Untreue in der Ehe aus Zuneigung fast wie
eine himmlische Tugend erscheint Während die Gräfin Nacht und Tag ganz heimlich
in diesen Büchern las die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertraut hatte
rückte er mit seinen politischen Absichten näher er erbat sich von ihr
Kundschaft über einige fürstliche Häuser die sie kannte was sie ihm flüchtig
gesagt stellte er mit großer Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen
Darstellung zusammen und er las es ihr spät Abends vor so dass sie über sich
selbst erstaunte was er aus ihr bilde chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit
großer Sorgfalt bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien Unglaublich
hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt sie zitterte es zu verlieren und hätte
es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben Auch dazu gab
der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die
Gelegenheit er sprach von ihrem Talente das Geheimste zu beobachten von ihrer
Darstellung mit einer Zuversicht als wären diese Gaben allgemein anerkannt Der
Gräfin Zimmer schmückte sich jetzt mit französischer Gelehrsamkeit sie lebte
sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und
suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen und für den
Marchese zu benutzen so dass es bald in der Stadt hieß sie sei die rechte Hand
des spanischen Gesandten Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse die er
ihr verbarg und nach denen sie strebte auch hielt er sich noch immer zurück
eine Art Herzensverständnis mit ihr zu eröffnen sie aber hatte den geheimen
Wunsch dass er ihr seine Liebe erklären möchte die sie recht wohl in ihm
erkannte dass sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen würde dessen war sie
gewiss aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen oder durch
Äußerungen ihren politischen Gesellschaftsruhm stürzen Er durchschaute sie und
tat noch immer voller Rücksichten da er ihr Streben bemerkte vor ihm als ganz
rein zu erscheinen er glaubte immer noch dass selbst die Furcht vor ihrem
politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe als eine wunderschöne
Frau könnte sie nach einigen Tränen darüber lachen er musste sie ganz demütigen
dass sie sich sogar als lasterhaft erscheine und dass es ihm ganz überlassen sei
sie gesellschaftlich zu vernichten Sie ganz zu demütigen bot ihm der Zufall
den er oft schon belauert die dienstfertige Hand  Die Gräfin wollte einen
Ball besuchen sie trat in ein Zimmer voll großer Spiegel in dessen Ecke er
sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte sie bemerkte ihn
nicht machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmütige einige recht
freundliche Gesichter dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst
»Heute bin ich unwiderstehlich heute wird sich der Marchese doch vor mir
demütigen müssen heute will ich ihn warten lassen ehe ich ihm die Hand biete
Halt« sagte sie weiter »hier auf der rechten Backe noch etwas Schminke  nun
soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden  Wenn der Marchese wüsste dass
ich mich schminkte ich wäre verloren dann wüsste es alle Welt  Und mein Mann
was würde der sagen dem ich so heilig versprochen keine Schminke aufzulegen
solch Versprechen kann aber nicht gelten« 
    Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der
Erschreckten leicht und liebenswürdig geschickt zu Füßen und sagte spottend
»Ja wohl muss es der hochmütige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen damit
alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen Sie verderben sich sonst wahrhaftig die
schöne Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen
denken Sie gar nicht« Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied das der
Graf ihr einmal zärtlich warnend verfertigt hatte als er das erste
Schminktöpfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden der Graf hatte es ihm
gegeben indem er ihm versichert dass sich die Gräfin seit der Zeit gar nicht
mehr schminke weil sie es ihm damals heilig versprochen Hier dies Lied
Siehst du in den hohen Spiegel
Deine Locken gleich zu ringeln
Scheint ein Bübchen das hat Flügel
Dich mit Blumen zu umzingeln
Dann erscheinen in dem Spiegel
Noch der holden Mädchen drei
Binden dieses Knaben Flügel
Anmut bindet Lieb und Treu
Willst du freundlich gern sie sehen
Bleiben freundlich sie ergeben
Willst du dich nur spiegelnd sehen
Mögen sie wohl frei verschweben
Klage nicht dass Schönheit fliehet
Schneller flieht das Irrlicht dann
Bind es nicht durch Kunst es glühet
Was uns wärmt auch brennen kann
Sonnenstrahl wie warm und helle
Kannst die Wange bald versengen 
Ei wer siehts im Tanz so schnelle
Alle Farben da sich drängen
Amor schwingt die Fackel helle
Sieht so listig auf den Grund
Sieht so leicht die falsche Stelle
Schminke küsset nicht sein Mund
Wer sich Amor kann verstecken
Kann auch nimmer selig lieben
Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken
Kann das Kindlein hart betrüben
Sei auch Lieb durch Schönheit flüchtig
Wir entfliehen ja mit ihr
Blühe Wein und trage tüchtig
Schönre Kinder bleiben hier
Statt des einen Amor viele
Viele Amors ohne Flügel
Kränzen Grazien im Spiele
Und du siehst doch ohne Spiegel
Siehst du deine Schönheit wieder
In den Kindern die einst dein
Schlage nicht die Augen nieder
Ach wie schön so schön zu sein
Tausendmal verfluchte die Gräfin in sich dieses Lied aber der Marchese schenkte
ihr keinen Vers immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut sie kannte seine
Tücke seine Kunst in lächerlicher Übertreibung Zum erstenmal glaubte sie etwas
ganz Unverbesserliches getan zu haben und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg
wurde ihr eiskalt und die Gedanken vergingen ihr Noch ein Vers und sie hätte
in Ohnmacht vor ihm gelegen jetzt brach ein Tränenstrom aus ihren Augen sie
war artig und schwach wie ein Kind dem man über eine Kleinigkeit zum Spaß harte
Vorwürfe gemacht hat und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben Das war
so ihre Art sie fühlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Höhe dass
sie nichts dawider hatte als ihr der Marchese die Tränen von den Wangen küsste
sie wollte ihn gar nicht loslassen »schweigen schweigen« rief sie
schluchzend er versprach es ihr mehrmals und ohne dass weiter zwischen ihnen
etwas gesprochen wurde hauchte sie sich in die Hände um die Tränen zu
verwischen und die Augen zu erfrischen der Marchese führte sie an den Wagen So
viel Gewalt sie sich antat sie konnte nicht ihre gewöhnliche Lustigkeit auf dem
Balle erreichen und ihr die sonst Nächte durchtanzte und am Morgen so klar wie
ein Falke aus den Augen sah fielen sie diesen Abend bald zu und sie eilte nach
Hause in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu
finden wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen der ihr noch jeden
Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb Noch am Morgen war sie ganz
zerknirscht nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemüt so in seiner Gewalt gehabt
weil sie nie eigentlich geliebt hatte sie fühlte etwas Neues zwischen sich und
dem Marchese entstehen das sie nach allen Beschreibungen der Bücher für die
wahre Liebe halten musste sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle
Verhältnisse vor dem ihr grauete und das sie reizte weil es den Keim zur
Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte Ihr Mann war ihr durch das
Lied ganz verhasst durch eine häufige Missdeutung des Gefühls glaubte sie in ihm
die wahre Ursache ihrer Beschämung bald kam es ihr vor als habe er sie boshaft
dem Marchese ganz überlassen wollen sie fand es plötzlich ein himmelschreiendes
Unrecht von ihm eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuss zurück zu
lassen  Missverständnisse sind die Blüten des Bösen nur die Guten verstehen
sich mit Guten zum Guten ganz und immer Dem Marchese war nichts entgangen
seine gewonnene Überlegenheit ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus
Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn nicht aus verschiedener
Ansicht widersprochen denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begründete
Kenntnis an so musste ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht
brechen die Folge davon war dass sie von ihm lernen wollte Nun umspann er sie
leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften höherer Philosophie
Astrologie und Geisterbeschwörung er kannte von allem nur das was auf das
Gemüt wirkt und das Urteil beschränkt und so führte er sie bald in eine neue
Welt unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag so
verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schönen Eindrucke den seine
Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte
    Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister ihre Art sie zu denken und zu
zitieren einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten
sprachen vom Fegefeuer und forderten Gebete von den Ihren späterhin wurden sie
wissenschaftlicher und forderten zu ihrer Beschwörung große Kenntnisse
Anschaffung seltener chemischer Bereitungen und in diesem Sinne wirken noch
immer die Rosenkreuzer Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der
Rosenkreuzer angeeignet um sie vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als
eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemüter auszustrecken Er zeigte
der Gräfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe
ausgezeichneter Männer der Zeit die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der
Geister und der höheren geistigen Weltregierung ansahen sie staunte über die
Gewalt die er über alle ausübte und in diesem Sinne wurden ihr selbst
unbedeutende Äußerungen von ihm bedeutend manches Zeichen das er willkürlich
machte hatte ihr einen tieferen Sinn Oft brachte er ihr ohne ihr Wissen
magnetisierte Blumensträusse die sie mit einander in eine Berührung setzten dass
sie in ihrem Innern was er wollte anschauen musste Eines Abends las er ihr aus
einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor das er sich selbst
zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben
wollen
    »An einem Abend vor dem Ostertage saß ich an einem Tische wo ich der vielen
großen Geheimnisse dachte deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen
lassen Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlämmlein ein ungesäuert
unbeflecktes Küchlein in meinem Herzen zubereiten wollen kommt ein grausamer
Sturm daher dass ich nicht anders meinte denn es werde der Berg darin mein
Häuslein gegraben von großer Gewalt zerspringen müssen Da mir aber solches an
dem Teufel nicht fremd war fasste ich einen Mut und blieb in meiner
Betrachtung bis mich jemand an den Rücken anrührte davon ich so erschrocken
blieb dass ich nicht umzusehen wagte Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen
wurde so sah ich mich um da stand ein schönes herrliches Weib deren Kleid
ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war In der
rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune auf welcher ein Name gestochen
den ich wohl lesen konnte der aber zu verstehen unmöglich in der linken Hand
hatte sie eine große Menge von Briefen die sie in alle Länder trug Einen
dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch breitete dann ihre rauschenden blauen
Flügel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster Als ich dies
Brieflein in Demut öffnete da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde
geschrieben
Heut heut heut
Ist des Königs Hochzeit «
Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt dass der Marchese nicht
weiter lesen konnte die Gräfin hatte sich ängstlich mit ihrem Stuhle zu ihm
gerückt die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten
umherzugehen der Marchese schaute mit einem großen Blicke empor erhob die
Hände und schien eine Erscheinung demütig zu begrüßen er sprach aber sie hörte
nichts er deutete auf sie als wenn jetzt etwas über ihr schwebe und ängstlich
fragte ihn die Gräfin was er sehe Er sagte dass er die Mutter Gottes sehe die
sie an ihn drücke und einen Kranz von Rosen mit den Worten über sie halte Folge
mir nach Dolores drückte sich erschrocken an ihn und meinte sie werde an ihn
gedrückt sie fühlte seinen Atem und meinte es sei der göttliche Atem und
rief »Ich fühle sie ich fühle ihren Atem er ist heiß wie der Orient und wie
die Liebe einer Mutter«  Bei diesen Worten rief er »Und ich bin ihr Sohn«
und stürzte in einem krampfhaften Zucken über die Gräfin hin Schon oft hatte er
ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mytus gesprochen sie schien
bewusstlos bei diesen Worten »Ja du bist du Gewaltigster du Heiligster in der
Schwäche menschlicher Natur mir in die Hand gegeben«  »Und du bist meine ewige
Braut« seufzte er  Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf sein Atem
ward stille der hülflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefürchteten
Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Gräfin sie rieb ihn mit
wohlriechendem Öl das in einem kleinen Fläschchen um ihren Hals hing sie
lüftete seine Binde seine Weste seine schöne männliche südliche Bildung trat
hervor wie eine ausgegrabene Antike wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen
Reiz enthüllt sie konnte ihn nicht erwecken und musste ihn so lange anstaunen
Zu schellen wagte sie nicht es war sehr spät und er war durch den geheimen
Gang zu ihr gelangt In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich
in der Höhe des Zimmers umher wie ein fortziehender Schatten auch der Marchese
hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor
dem Tiere das er nicht leiden konnte wieder zur Besinnung Die Gräfin war so
freudig über sein Erwachen sie hätte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert
aber das wollte er nicht er wollte nicht überraschen keine Vorwürfe hören
statt die Stimmung den Ort die neue Vertraulichkeit zu benutzen ließ er die
erweckten Begierden in ihr fortwuchern hieb mit seinem Degen die Fledermaus
nieder und verließ das Zimmer mit einem ernsten Kusse
    Ich möchte statt zu erzählen hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die
Unglückliche zu erwecken suchen aber es ist doch zu spät
    Den Sieg über ihre Treue und über ihr Glück setzte der Marchese nur bis zum
nächsten Abende hinaus wo er ihr Zimmer mit unzähligen Blumen geschmückt und
gegen alle Fledermäuse geschlossen hatte Die Wurzeln waren alle untergraben er
wusste wohin der Baum fallen musste und so schwelgte er alle seine jetzigen und
künftigen Früchte an einem Abende auf es war so schön dass er sich heilig
schwor zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden um diesen Eindruck
sich nicht zu verderben  O du angebetete Schönheit wie bist du gefallen von
deiner Höhe wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr
vor dir
 
                                Sechstes Kapitel
                       Rückkehr des Grafen nach der Stadt
Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zurück um sie aufs Land
mitzunehmen um ihr im Jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen Sei es dass er
durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger
Durchschauendes in seinen gewöhnlichen Blick aufgenommen oder war sie von der
Furcht getäuscht er möchte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen genug sie
suchte ihre Verlegenheit hinter einer stürmischen Zärtlichkeit zu bergen welche
sonst ihre Art nicht war die immer mehr erwartete als entgegenkam Es war ihm
etwas Störendes etwas Frevelndes in ihr er gedachte mit einem ruhigern
Urteile das er jetzt in dem Verhältnis zu ihr gewonnen an die gleiche
Empfindung die ihn damals bei seiner ersten Rückkehr von der Universität
befangen es muss doch etwas andres in ihr sein dachte er was ich nicht
geliebt nicht gekannt habe doch schwieg er davon er fühlte noch zuviel
Zärtlichkeit gegen sie als dass der Gedanke ihm lange Stand gehalten Er
forderte sie zur Abreise aufs Land auf aber mit tausend schönen Worten wusste
sie ihm zu erklären dass es ihre Gesundheit noch nicht zulasse auch schienen
ihre Wangen jetzt wirklich blässer seit sie die Schminke der Beschämung jenes
Abends eingedenk aufgegeben hatte Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit
seine verdorbene Freude die Gräfin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der
Gesellschaft des Marchese fortzusetzen aber zu ihrer tiefen Kränkung zog es
dieser vor einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten
 
                               Siebentes Kapitel
  Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut Unterhaltung von unseliger
                           Liebe zu verlorenen Mädchen
Der Graf nahm zärtlichen Abschied von seiner Frau Der Marchese drückte der
Gräfin zum Abschiede spottend das Schminkdöschen in die Hand das ihm zum
Andenken jenes Balles geblieben Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrücken
sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha Es kamen ein paar
ältere Frauen zum Besuche die Unterredung schlich gähnend durch die
Neuigkeiten endlich fing die eine an »Ich merke doch immer mehr dass uns etwas
fehlt«  »Aber was ist es« fragte die andere  »Verstellen Sie sich nicht«
antwortete jene »Liebhaber fehlen uns es war doch eine schöne Zeit wo stete
Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten und ich finde in nichts dafür
einen Ersatz«  Dolores wurde glühend rot bei diesen Worten zum Glücke war es
Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken
    Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern die er ihm
von Frauen aller Art erzählte selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er
ihm mit geringen Veränderungen so ruhig vor als hätte er sie unfern den Säulen
des Herkules erzählen hören Der Graf schwor darauf dass ein so ehrvergessenes
Weib nie einen ehrlichen Mann betrügen könne  »Es ist eine wunderliche Sache
um die Abirrungen ehelicher Liebe« meinte der Marchese »ich weiß wirklich
nicht wenn ich der Mann gewesen wäre und den Handel entdeckt hätte  wer kann
einen schwachen Augenblick hart bestrafen«  »Beim Himmel« rief der Graf
»hart nennen Sie das das nennen Sie einen schwachen Augenblick der die starken
Bande langer Gewohnheit geschworner Treue alter Liebe vernichtet das ist eine
fürchterliche Stärke im Menschen die das nur vermag die muss vernichtet werden
oder die Welt bestände nicht mehr Gott bewahre mich vor dem Falle aber ich
hätte es nicht lassen können die beiden umzubringen«  »Sie können recht
haben« sagte der Marchese ruhig »die Gewohnheit über dergleichen unselige
Vorgänge in der Welt gleichgültig reden zu hören gibt auch der Beurteilung
dieselbe Gleichgültigkeit die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen
Ereignisse wo es mich beträfe verleugnen möchte Wenn Sie aber lieber Graf
bestimmt so denken so verwundert es mich wie Sie Ihre Frau so in der Fülle
aller Reizungen allein zurücklassen können sie mag eine sehr vollkommene
sittsame Frau sein lieber Graf sie ist doch auch nur eine Frau in Spanien
dürfte das kein Ehemann wagen«  »Wir Deutsche« meinte der Graf ungestört
»wir sind entweder anders oder denken darüber anders wir schenken einer Frau
mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen meine Frau betrachte ich wie mich
selbst nicht als aus einer besonderen Rasse schwächerer Wesen ich bin gewiss so
wenig ich ihr eine fremdartige böse Neigung verschweigen würde so wenig würde
sie ungewarnt meine Ehre mein ganzes Glück verraten«  So endigte sich diese
merkwürdige Unterredung in welcher die übermächtige Klugheit so arm neben dem
reichen zutraulichen Glauben erscheint und der Glauben in so schwerer Prüfung
neben der Bosheit doch ließ sie in dem Gefühle des Grafen verbunden mit dem
Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin eine gewisse Besorglichkeit zurück
die er gern einem eignen Übelbefinden zuschreiben wollte Man irrt aber eben so
oft wenn man jeden ungewöhnlichen geistigen Zustand einem körperlichen Leiden
zuschreibt als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele
einer Sehnsucht herleiten möchte wie es den Frauen häufig eigen  Die beiden
Reisenden wendeten bald ihr Gespräch auf die Liebe der Graf in dem schönen
frommen Sinne der dem glücklichen Neulinge eigen er war als Vater noch
unschuldiger als manches Kind Der Marchese überschüttete ihn mit einem kalten
Stürzbade der wunderbarsten Geschichten welche Lust und Not einem gebildeten
barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben dabei flossen ihm die Geschichten zum
Munde hinaus als spülte er ihn sich aus und würde er reiner Auch die
Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung und so ein geriebener
Himmelsstürmer lässt sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten
vergleichen die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen ihr
Geruch vergiftet alle während sie sich wohlbefinden Der Graf fühlte dabei eine
wunderliche Neigung in sich auch die Welt so kennen gelernt zu haben in allen
ihren Tiefen und Höhen sein Leben kam ihm so arm vor er hätte ihm auch gerne
etwas erzählt aber mit Staunen bemerkte er dass er diese Seite geselliger
Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe Der Graf immer aufrichtig
und wahr sagte dem Marchese »Sie haben nicht umsonst gelebt Sie haben einen
reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt den ich
mit leerem Bedauern angesehen habe dass er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr
zusammenfliessen könne Ich versichere Ihnen es gab eine Zeit wo ich
öffentliche Mädchen gar nicht für Menschen gehalten habe sondern für eine Art
Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen für eine Art schändlicher Götzen aus
dem alten Heidentume denen Menschen geopfert würden Erst auf der Universität
lernte ich an einem Mädchen das mir gegenüber wohnte wie alles so gewöhnlich
menschlich mehr nachlässig als böse zugehe Sie war erst sehr ordentlich
sparsam und fleißig half fleißig den Eltern die einen kleinen Handel trieben
Die Mutter starb der Vater war alt er hatte kein Ansehen über sie und sie
musste ihn zum Teil ernähren darum schwieg er zu allem was sie tat Bald
bemerkte ich dass sie ein schönes Tuch bald auch ein besseres Kleid trüge bald
saß sie am Fenster und beschäftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei ich
dachte die Leute hätten eine Erbschaft getan Endlich saß sie aber ganz müßig
an ihrem Fenster das halb mit Blumentöpfen verbaut war ihre Backen sahen mir
so unnatürlich rot aus sie winkte mir aber das Mädchen mit dem ich eine
kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte dass sie in
hundert Jahren nichts davon erraten hätte war mir im Augenblicke so verhasst
dass ich ihr den Rücken zukehrte Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht
ins Fenster womit ich sie zu bekehren meinte«  DER MARCHESE »Sagen Sie es
doch her wenn Sie es noch wissen die Geschichte hat etwas so Unschuldiges das
mich ungemein reizt«  DER GRAF »Aus der Zeit vergisst man nichts«
                               Die arme Schönheit
Mir gegenüber das schöne Kind
Strickte sonst fleißig ums liebe Brot
Barfuss doch lief sie bei Regen und Wind
Schwarz war ihr Kopftuch ihr Röckchen war rot
Wenn ich sie grüßte dankte sie schön
Und ich mocht gern ins Auge ihr sehen
Mir gegenüber sitzt nun das Kind
Müssig am Fenster dass jeder sie schaut
Hat sich gelocket die Haare geschwind
Putzt sich in Seide wie eine Braut
Wenn ich sie sehe winket sie mir
Wenn du sie grüssest winket sie dir
Hör gegenüber du armes Kind
Schande macht reich und die Schönheit ist arm
Schande die tauscht mit der Schönheit geschwind
Dass sich doch Gott nur der Schönheit erbarm
Siehst du zum Himmel Gott sieht dich nicht
Sieht kein geschminketes Angesicht
DER MARCHESE »Schön und was für Erfolg hatte das Lied«  DER GRAF »Sie
erriet mich sie kam zu mir sie klagte mir ihre Not so rührend dass bloßer
Geldmangel sie erst bezwungen dass ihr erster Liebhaber sie verlassen ich griff
in meinen Geldbeutel und gab ihr gerührt alles was ich hatte darüber wurde sie
wieder so gerührt ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und
ich gestehe Ihnen dass ich sehr nahe war meine erste Erfahrung zu machen als
ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte dass sie gleich eintretend mein
Zimmer verschlossen hatte Diese Absicht brachte mich auf ich verwies es ihr
hart Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend«
    DER MARCHESE »Da sind Sie wohlfeil weggekommen in der Geschichte ist so
viel Gutmütigkeit dass Sie ein paar Dutzend Weiber damit verführen könnten Es
fiel mir dabei eine Geschichte ein die ich beinahe wörtlich auswendig weiß
Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen Dem armen Chevalier
Grieux ging es schlimmer mit einer ähnlichen Bekanntschaft Es ist vortrefflich
dort erzählt wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger
Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht keiner hat Zeit ihm
Bescheid zu sagen Ein Häscher den er an dem Bandelier und an der Muskete dafür
erkennt sagt ihm kalt Es sei gar nichts er transportiere ein Dutzend
Freudenmädchen nach Havre von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten
Eine ist sehr hübsch und das macht die Leute neugierig In dem Augenblicke kommt
ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen
Armen Das sei nicht auszuhalten das arme Kind zu sehen  Neugierig steigt der
Verfasser vom Pferde geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mädchen von
denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen wie sie ein Frühstück
einnehmen Eine aber aß nicht und hatte sich halb abgewendet doch leuchtete
ihre Schönheit durch das schmutzige Zeug das sie bedeckte Er frägt einen
Häscher nach dem Mädchen Ich hab sie aus dem Zuchtause abgeholt antwortete
der wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden sie ist aber
eigensinnig stumm ich habe einige Schonung gegen sie da sie doch von besserer
Art scheint als die andern Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen
können er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehört zu weinen es
muss ihr Bruder oder ihr Liebhaber sein Der Reisende sah nach dem Winkel wo
der junge Mensch saß ein Bild der Trauer einfach gekleidet aber voll Anstand
in Haltung und Bewegung Entschuldigen Sie meine Neugierde sagte der Reisende
ich höre dass Sie jenes schöne Mädchen kennen das so wenig ihr Schicksal
verdient zu haben scheint  Er sagte ehrlich dass er darüber keine Auskunft
geben könne ohne sich selbst zu erkennen zu geben dies aber erlaube ihm die
Ehre seiner Familie nicht Nur das eine könne er nicht leugnen was auch die
boshaften Häscher recht gut wüssten dass er sie liebe alles versucht habe sie
zu retten Bitten List und Gewalt alles vergebens und so sei er entschlossen
ihr in die neue Welt zu folgen Das Abscheulichste aber ist fuhr er fort dass
diese schändlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen seit ich all mein Geld
ihnen gegeben um nur einige Augenblicke in der Nähe der Geliebten zu sitzen
nähere ich mich jetzt so stoßen sie mich mit den Kolben zurück sehen Sie diese
Beulen
    So ruhig er diesen Bericht abstattete so fielen ihm doch dabei einige
Tränen aus den Augen Der Reisende drückte ihm in stiller Teilnahme vier
Louisdor in die Hand wendete sich dann zu dem Oberhäscher nahm ihn bei Seite
und machte ihm Vorwürfe über seine Fühllosigkeit Er schien beschämt und sagte
verlegen Es ist ja gar nicht darum dass er nicht mit dem Mädchen sprechen soll
dass wir ihn zurückgestoßen aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu
lästig er muss unsre Unbequemlichkeit bezahlen das ist natürlich  Wie hoch
rechnet Ihr diese fragte der Reisende  Zwei Louisdor für die ganze Reise
sagte der Häscher unverschämt  Gut sagte der Reisende da sind sie stört Ihr
aber die beiden ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen  So
verließ der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglücklicher
verirrter Liebe denn um alles kurz zu überschauen dieses öffentliche Mädchen
so schön als leichtsinnig hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in
die Welt so ganz gefesselt ihn zehnfach mit seinem Wissen doch ohne seinen
Willen für Lust und Gewinn verraten ihn aus einem reichen Wohlstande
herzlicher Frömmigkeit in Elend und Laster und Schande gestürzt er konnte
doch nicht von ihr lassen«  DER GRAF »Die Geschichte ist furchtbar und so
wahr dass mir in tiefster Seele schaudert welchen Gefahren haben Sie sich in
der Welt ausgesetzt es gehört auch dazu eigne Heldentugend das alles mit Ihrer
Überlegenheit zu bestehen bei Gott ich bewundre Sie ich fühle in mir nicht
die Stärke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten lassen Sie sich nun mit
meiner Welt genügen Hier lieber Marchese hier wo alle Wege und Felder ein
fröhlicher Ansehen gewinnen hier wird mir fröhlich ums Herz werden Sie es
auch geben Sie mir die Hand Sie sind mein Freund hier ist die Grenze meiner
Besitzung sei Ihr Eingang ein Glückszeichen«  Der Marchese bewunderte als
Kenner die Gartenkunst des Grafen dieses geniale Benutzen des zufälligen
Gegebenen um große landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln
daraus hervorgehen zu lassen nichts war leerer Zierat in den Gärten keine
Tempel mit Altären auf denen niemals geopfert wird das Vergnügen der ganzen
Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt jede Laune fand ihren willkommenen
Gang und Ruheplatz Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald der Graf machte den
Marchese aufmerksam welche Menge von Bäumen Gesträuchen und Blumen fremder
Gegend die sich aber uns klimatisieren bis in die entferntesten Punkte von ihm
gepflanzt und gesäet wären die nun notwendig ihre Art wie die Perle ins Meer
fallend in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege bis an die fernsten
Küsten fortpflanzen müssten »Alles andre« sagte er »kann bei einiger
Nachlässigkeit künftiger Besitzer schnell untergehn dies allein ist nur durch
ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten die unser Klima ganz abändern« Voll
Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schönen Bestreben kehrte der
Marchese nach der Stadt noch von niemand fühlte sich der Graf so ganz
verstanden mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum
Abschiede Er gab ihm einen zärtlichen Brief zur Bestellung an seine Frau worin
er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl der ganze
übrige Tag blieb ihm trübe
 
                                 Achtes Kapitel
 Des Grafen schwerer Traum Warnungsbrief Verzweiflung an der Liebe und Flucht
In derselben Nacht träumte dem Grafen ein wunderbarer Traum der ihm die Gräfin
in fürchterlicher Untreue darstellte dass er beim Erwachen auf sie schimpfte
und sich erst allmählich zu erinnern vermochte was ihn so gewaltig aufgebracht
Als er zum Fenster hinaussah am Sonnenscheine die trüben Gedanken aus den Augen
zu wischen da hörte er unten einen kleinen Buben der ein bekanntes
Abschiedslied so hinsang ohne zu wissen was er gesungen er sang es so aus
Nichtstuerei
Jetzunder geht mir mein Trauern an
Die Zeit ist leider kommen
Die mir vorm Jahr die Liebste war
Die ist mir jetzt genommen
Mein Herz ist von lauter Eisen und Stahl
Dazu von Edelsteinen
Ach wenn doch das mein Schatzliebchen erführ
Es würde trauern und weinen
Es trauert mit mir die Sonne der Mond
Dazu die hellen Sterne
Die haben den lebenden schwebenden
Garten an dem Himmel
Wollte Gott dass ich gestorben wär
In meinen jungen Jahren
So wär mir all mein Lebetag
Keine größere Freude widerfahren
Es ist nicht hier ein kühler Brunn
Der mir mein Herz tät laben
Ein kühler Brunn zu aller Stund
Der fließt aus meinem Herzen
Der Graf musste heftig weinen zum Weinen war er überhaupt leicht gebracht wenn
er allein oder mit Vertrauten war vor fremden Menschen fand er sich nie zu
Tränen gerührt Nachher fielen ihm einzelne Stücke seines Traumes ein der ihm
bald mit dem Liede wunderlich genug zusammenschmolz er schrieb es zu seiner
Zerstreuung auf und diese undeutliche Erzählung wird seinen Zustand deutlicher
darstellen als wir es in unsrer Art zu tun vermöchten
                                 Der böse Traum
SIE
Mein Karl was soll ich heut anziehn
Dass ich ins Auge dir falle
Soll ich in schimmerndem Rosa blühn
Ich ging so gern zum Balle
ICH
Es kleidet sich schwarz ein ganzes Jahr
Die Zeit ist schwarz gekommen
Die mir die Liebste noch gestern war
Ist schlecht mir vorgekommen
SIE
Du schauest mich an und sprichst mit dir
Als wär ich nicht zugegen
Nun sieh der Zimmermann ließ die Tür
Der lauten Grillen wegen
ICH
Die Grillen versingen sich die Nacht
Doch ich muss immer träumen
Es ist nun Morgen ich bin verwacht
Was soll mich nun aufräumen
Mein Herz ist so voll von Höllenqual
Wie von dem Bild dem deinen
Ach könnt ich doch alles nur einmal
Die Augen mir ausweinen
Es trauern mit mir die Blumen all
Die dir zum Kranze gebrochen
Die rissest du mit in den Sündenfall
Die hatten mich zerstochen
Es trauert mit mir die Sonne der Mond
Dazu die hellen Sterne
Was hoch da lebend und schwebend wohnt
Das zieht fort zur Ferne
Sie blühen im himmlischen Gartenland
Das steht auf Feuersäulen
Der Regen der spület hinweg mein Land
Ach könnt er mich so zerteilen
Mein Garten aus blinder Lieb war erbaut
Auf einem schwarzen Sumpfe
Und der ich lebend und schwebend vertraut
Die ist als Irrlicht versunken
Vergiftet ist der Spiegelbrunn
Der labte meine Schmerzen
Ein kühler Brunn zu aller Stund
Der fließt aus meinem Herzen
SIE
So sag doch an so sprich doch aus
Was hat dich so betrübet
Es steht noch alles wie gestern im Haus
Wie hast du mich gestern geliebt
ICH
Verliebet und fröhlich schlief ich hier ein
Und traurig bin ich erwachet
Die Liebe scheint mir nun ein Schein
Sie hat mich im Traume verlachet
Im Traume da sahst du mich recht an
Mit allen Liebesgewalten
Ich stürzte nieder ich freute mich dran
Doch du schienst dich zu halten
Du gabst mir die Hand und sahst mich an
Dann musstest du dich drehen
Du sagtest »Da steht der Jedermann
Den muss ich auch noch sehen«
Den Jedermann sahst du so freundlich an
Wie du mir nie erschienen
O fände ich nur den glücklichen Mann
Ich legte ihn nieder im Grünen
Wollt Gott dass früh ich gestorben wär
In meinen jungen Jahren
So hätt ich an Liebe so hätt ich an Ehr
Nie solchen Schmerz erfahren
Hier musste er vor Schmerz abbrechen was sie ihm geantwortet hatte war ihm zu
unerhört er ritt aus und malte sich tausend Arten ihrer Untreue vor Als er
nach Hause kam fand er einen Brief des alten Bedienten der ungeachtet seiner
Schwäche sich die Oberaufsicht im Hause und das Berichten an den Herrn nicht
nehmen ließ Nach mehreren Nachrichten ermahnte ihn der alte Mann aus einem
gewissen innern Antriebe es sei nicht recht dass er seine Frau so lange habe
allein gelassen er kenne ihre Art von Kindheit sie wolle immer geführt sein
und weil sie das fühle tue sie stolz und herrisch wer wisse was daraus
entstehen könne Diese Worte so wie die Warnung des Marchese auf dem Wege die
ihm erst jetzt auffiel schienen dem Grafen in seiner Stimmung ganz überzeugend
dass ein Unrecht geschehen sei er aber wagte es nicht zu wissen Jetzt erinnerte
er sich auch dass ihm im Traume ein gewaltiger wilder Mann erschienen der jene
Waffen und Armringe getragen die er in dem Denkmale des Riesensteines gefunden
und aufgestellt hatte der habe ihm mit dem Schwerte gewinkt in alle Welt zu
gehen Sein Entschluss war bald gefasst an seiner Liebe verzweifelnd wollte er
nichts als weit von dem Orte fort Er ordnete flüchtig das Notwendigste im
Hause sagte niemand wohin er reise und fuhr ohne Bedienten in einem leichten
Wagen mit Postpferden nach der nächsten Station Auf dem Wege nahm er manchmal
in seinen Gedanken zärtlichen Abschied von ihr es war ihm als ob eine fremde
Gewalt sie von einander risse und wie an einer Wetterscheide sein Schiff nach
Westen und das ihre nach Osten getrieben würde Wir hassen alle schauderhaften
Bilder die das Gemüt trostlos verwirren wir halten es gefährlich sogar den
Menschen unnötig mit zerrissenem Herzen auszustellen um die Mitmenschen zu
rühren oder ihn neugierig zu beobachten wir unterdrücken gern das meiste was
uns aus jener Zeit von ihm übrig geblieben nur einige Stationen seiner Reise
heben wir aus um seinen Ideengang zur Verbindung der Geschichte uns zu
versinnlichen sie rühren uns bei aller Nachlässigkeit ungemein denn es ist
Sprache eines tiefgekränkten Herzens
                                       1
Über Stock über Stein drein drein ohne Bewusstsein knackts brichts
wirfts um ich sitze stumm meiner Blicke einzige Sprache ist ewiges Wachen
ein nordischer Tag ohne Nacht in hallender rastloser Jagd
    Der Schweissfuchs trabt der Braune hinkt das Sattelpferd springt  ein
Heimchen noch singt Halt still wie mirs das Herz erlabt
    Der Schwager sagt »Wir sind gleich da wir sind gleich da«  Das Postorn
klagt »Die Hände riss ich auseinander die Herzen zerreiss ich elende und wandre
hin und zurück dies ist Geschick« Berge ihr hemmenden neblig beklemmenden
Berge ihr trennenden abendlich brennenden seid mir nun nah und wir sind nah
und wir sind da
                                       2
Die müden Pferde ausgespannt werden matt und dürr zum Einbrechen bleiben sie
stehen lassen die Fliegen stechen in den Brunnen sie sehen Verlassen steht
der Wagen es wehet
    Und von den spielenden Lüften bleibt kühlender Schauer der Trauer des
harrenden starrenden greisenden Reisenden
    Und sinken die Winde so ruht geschwinde alles umher öde und schwer wenig
Bewegliches lauter Alltägliches alles ist gleich hier ein paar Blasen im
Teich heften den Blick an ihr Geschick Luftbälle der Unterwelt an der Sonne
zerschellt dort trockener Blätter Geflügel hier schmilzt der Schnee vom Hügel
und rieselt zu nähren die Zähren Brand Brand Ich trink ihn aus meiner Hand
Er fliesset zum Munde da schreiet die Wunde des Herzens zum Himmel  sie
schliesset sich nimmer  Das Herz das bewegliche urleidend klägliche
nimmermehr rastende ewig nun fastende still sich verzehrende nimmer sich
leerende lässt sich der heiligen Stille enthüllen
                                       3
Wie bin ich zur Küste des Meeres gekommen allhier oder kam das Meer zu mir 
Ich seh mich im Spiegel des Meeres an ein jeder über sich selbst wohl lachen
kann ich meinte das Glück mir lächle zurück Wie Stossvögel drüber die Sorgen
viel trüber sie dringen hernieder und weichen nicht wieder Die Narben und
Falten sich zeigen und halten selbst von den Toten nicht scheiden doch spurlos
sind Freuden ein gleitender Strahl hin übers zerrissene Felsental
                                       4
Licht von Orient wiederkehrend ach wie bist du so betörend es verlöscht dein
erster Strahl einen Augenblick die Qual Blut so röter kehrst du wieder und je
feuriger je trüber
    O du heller Orient den keiner so kennt wie ich hast du schon vergessen
mich Wer sitzt an meiner Stelle auf der Schwelle erwartend das Frühgetön das
scharfe Wehn umflattert von Fledermäusen umkrochen von Ameisen und doch schien
mirs schön wie dies Land von den Höhen  Wer lang genug darinnen haust der
weiß wo es graust
                                       5
Warum muss ich fliehen woher sie alle ziehen die strahlenden die malenden die
luftig zerstreuten im Leuchten erfreuten Blicke der Liebe  Des Unbedeutenden
Macht hat keiner gedacht und des Bedeutenden Blick ist voller Tück Was riss mich
fort Was hielt mich dort Mich hielt ein Blick sie hat ihn abgewendet vom
Glück Nun reißen vier Stricke am Wagen gespannet mich weg von dem Glücke ich
hab mich ermannet Den Wagen sie ziehen die Steine erglühen wär einer
gerissen ich hätte halten müssen Warum reißt mein Schmerz doch nie und
schreiet nur immer »Flieh« Mit wem red ich wer kennt mich wer sind wir 
Ich und die Luft hier
    Der Lüfte lieb Wort der Vogel zieht fort wer war der erste im Flug ihn
treffe mein Fluch Die Luft zieht ihm nach und ich seufze mein einsam Ach
Niemand hört mich Keiner stört mich und die sind mir jetzt Gesellschaft meine
ganze irdische Freundschaft
    Sie liebt einen andern und ich muss wandern
    »Herr da liegt eine Leiche am Weg«
    Schwager fahr stille weg er musste auch wandern mit den andern auch du
geliebter Feind musst wandern mit den andern wenn gleich dein Leib geheiligt
ist seit sie dich hat geküsst
                                       6
Der hat das Ende der Welt erreicht der von der Liebsten weicht Dem ihre Stimme
fehlt in Freud und Grimme O Erde nenne sie mir Du schweigest vor dir bist
frostig verschlossen und ich bin verdrossen Ach meine Lieb war mehr als ich
denn sie bezwang mich Ach meine Liebe ist nun für immer aus sie fand kein
Haus
    Wie ein verspätet Kind ausgeschlossen in Regen und Wind der Regen läuft ihm
übers Angesicht es steht vor dem Hause dicht es möchte noch klopfen an und es
nicht wagen kann Wenn vieles ich nicht sagen will so sag ich nichts und
schweige still  Ich bin kein Kind mir übers Gesicht wehte scharf der Wind
dass mir der Bart aufging die Jugend verging ich hab sie nicht genossen die
süßen Gedanken sind alle zu nichts zerflossen
                                       7
Ich wandle weiter voraus vor des Wagens dunkles Haus ich seh ihn nicht ich hör
ihn klirren mit den Geschirren und wie das Schicksal folgt er mir nach Hier
steh ich am Bach im kleinen Haus geht die Mühle mit Braus Der Bach verrinnt
der Stein zerreibt und keiner gewinnt und keiner bleibt
    Ich schwanke zwischen Bäumen da will mir träumen als führ ich in dem
schwarzen Meer in dunkler Nacht daher im schwarzen Meer die Masten sie ziehen
ohne Rasten kein Schiffer will mehr grüßen die tiefe Still wird büßen den
Leuchtturm versenkt schon der Sturm Die Segel herunter es geht bald bunter
Ich bin auch einer der Euren ihr müsst nicht feiern Die Segel hernieder ihr
Brüder Nun tragt mich ihr Füße durch Regengüsse Die bestimmten erklimmten
Wolken am Waldhang sich senken es tropft mir das Haar so klar Wer kann
nachdenken  Wir machen im Dunkel große Augen und keiner kann sie brauchen Ihr
Wirbel im Meere ihr füllet die Leere ihr Augen Leuchttürme Eingänge der
andern Welt neulebend möchte hinaus der Held ihr seligen Erinnerungen ich leb
in euch und bin von euch durchdrungen ihr lieben Augen der Geliebten wie kann
das taugen dem Betrübten ihr habt mir Meer und Sturm und Himmel verschlungen
und durchdrungen
                                       8
Müde sink ich in die Kniee soll ich beten weil ich glühe viele Tropfen fallen
kühl keine Tränen kein Gefühl Dieser Schritt ist nun der letzte und ich sink
der Selbstgehetzte der sich selber hat gejaget selbst zerrissen nicht
geklaget und die keusche Jagdgöttin sinkt in Strahlen auf mich hin
                                       9
Meine Mütze voll von Trauben Nüsse die am Boden rollen Pfirsichen rötlich
weich in Wolle frischen meinen schwachen Glauben und ich denk an andre Zonen
wo die dunklen Menschen wohnen wo ein Goldlack Mädchenblicke schwarze Locken
ohne Tücke Stille wirds in meinem Herzen und im Hirne wird es wach Liebe
süße Liebesschmerzen lasset ihr doch endlich nach Und die Fluten die
zerstörten lassen mich den Tiefbetörten hier im Grünen einsam stehen Ach wie
ist mir doch geschehen Ach wo war ich doch so lange kühlend wehet ein Vergessen
und mir wird nun endlich bange dass ich gar nichts hab besessen Hab ich
einstmals doch gesessen meinem Glücke in dem Schoss und hier sitz ich nackt und
bloß Neun Monat lag ich im Mutterschoss und hab ihn mit Weinen verlassen so
ließ mich die Liebe nackt und bloß am Berge in Nebelmassen die Schwalben
streifen nur daran wie um das Grab des Geliebten sie hören mich singen und
wissen nicht wo und kreuzen durch die Lüfte und verlieren sich im Klaren
                                      10
Mögen alle Gläser springen alle Lippen davor erblassen ja ich will die
Wahrheit singen muss ich auch die Wahrheit hassen Warum die Schönheit so
flüchtig ist das will ich euch verkünden sie ist ein Gift das um sich frisst
die Augen davon erblinden Warum die Liebe so töricht ist das will ich euch
verkünden weil sie mit aller ihrer List sich selbst nicht kann ergründen o
wohl uns dass so viel Schönheit tot dass wir sie nicht brauchen zu lieben o weh
uns dass in der Tränennot mehr Glück als in der Überlegung Könnt ich von meinen
Augen noch eine Träne erpressen könnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit
vergessen
In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe
scheint er nach den letzteren Bruchstücken einige fröhlichere Gegenden südlicher
durchstrichen vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen
neue Überlegung gewonnen zu haben Gewiss ist es er erhielt es endlich über
sich mit Klugheit Überzeugung zu suchen erst jetzt gestand er sich dass er
eigentlich doch nur Verdacht nicht Gewissheit habe dass Dolores in irgend einer
neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei und nicht
ohne Widerwillen wendete er sich rückwärts
 
                                Neuntes Kapitel
 Der wunderbare Doktor das unsichtbare Mädchen und der Flötenspieler Lenardo
                                   und Divina
So zweifelnd in sich obgleich entschlossen zurückzureisen kam er an dem Abende
eines heißen Tages nach H  Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause so fragte
ihn schon ein geschäftiger Lohnbedienter ob er nicht den berühmten Doktor zu
besuchen käme Erst jetzt erinnerte sich der Graf dass er unbemerkt in die
Atmosphäre eines Wundermannes geraten der allen Menschen genug auf zu raten
gegeben seit beinahe funfzig Jahren ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle
Rätsel und Wunder gänzlich verwirft  Kann er mir auch nicht helfen dachte er
in sich so bin ich doch dort ein Rätsel unter Rätseln er ließ sich nach seinem
Hause führen Er musste durch viele Gassen gehen endlich traf er am
Zusammenstossen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus worin jedes
Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand die aber alle von innen durch
Malerei undurchsichtig gemacht waren Der Bediente klopfte an die Türe dreimal
ein Mann in schwarzen feinen Kleidern in einer wunderlich festen weißen Perücke
aus Glas gesponnen mit breiter Stirn mit tiefen grauen freundlichen Augen
alle Finger voll prächtiger Ringe fragte nach dem Anliegen der Lohnbediente
antwortete »Untertäniger Diener Herr Doktor ein fremder vornehmer Herr
wünschen Ihnen die Aufwartung zu machen« Bei den Worten zog sich der Bediente
mit einer tiefen Verbeugung zurück der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich
hineinzutreten nachdem dies geschehen schloss er die Türe hinter ihm mit sieben
Schlössern Der Graf war in Verlegenheit ihm recht eigentlich zu sagen warum
er gekommen er hatte es aber auch weiter nicht nötig der Doktor entschuldigte
sich dass er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen müsse den er wegen
eines dringenden Geschäfts er sei Stadtausrufer in acht Tagen von der
Lungensucht kurieren müsse er möchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an
den Merkwürdigkeiten die im Hause ständen nachher wolle er ihm noch einiges in
den verschlossenen Zimmern zeigen das der Mühe wohl wert sei Der Doktor wandte
sich freundlich von ihm ging zum Hause hinaus und verschloss die Haustüre hinter
sich Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer über ihm hingen an
der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren in denen die
Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete der ganze Spiegel steckte voll
lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen denen der Doktor geholfen auf
der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale und die Stunden drehten
sich schön gebildet als Mädchen daran umher Die Uhr rückte zum Schlagen in
sich da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner
harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne ein metallener Vogel
der auf der Urne zu schlafen schien regte seine Flügel und sang ein Abendlied
durch alle Zimmer zuckten Drähte die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge
Geklingel Rauschen und Singen in Bewegung setzten Nun war es ganz still aber
das Knochengerippe war noch nicht verschwunden es rückte an einer
Rechenmaschine die neben ihm auf einem Tische stand die Räder schnarrten
ängstlich in dem runden Kasten endlich wurde es still und das Gerippe
verschwand Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl
sechsundzwanzig es war sein Alter und er lachte über den Zufall doch wurde es
ihm ängstlich in dem schwarzen Zimmer es war die Zeit des Zwielichtes wo die
Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann
Er trat in das nächste Zimmer da trat er sich selbst tief erschreckend
entgegen doch er hatte zuviel gelitten um durch so etwas seine Fassung zu
verlieren er sah bald dass ein elender Hohlspiegel die ganze Überraschung
gemacht hatte Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors voll wunderbaren
aber ganz elenden Gerätes Kaffee und Zucker stand da unter Töpfen voll
brennender Farben blauen und roten Karmins statt eines Bettes lag da eine
Strohmatte mit einem Bündel wohlriechender Kräuter zum Kopfkissen Er schritt
weiter und kam in die Küche da stand ein kleines Töpfchen mit einer Milchsuppe
das war übergekocht und halbverbrannt sonst war der Herd voll Retorten der
abenteuerlichsten alten Gestaltung in denen allerlei Dämpfe wie Schatten von
kleinen Menschen überdampften Hier wurde ihm sehr öde und einsam und was alle
die künstlichen Maschinen nicht vermocht hatten er schauderte und eine
namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen der wie
der letzte auf der Erde sich in seinen Träumen verliert und verwildert an Hölle
und Himmel zugleich anstösst und nicht hinein dringen kann Er wollte ins Freie
und trat in den Garten da saß an der Haustüre ein magerer nackter afrikanischer
Hund auf seinen Hinterfüssen und wie er ihn niedersenkte gleich setzte er sich
wieder in die beschwerliche Stellung zwei ekelhafte Katzen schlichen unter
kleinen alten halbverdorrten halbbeschnittenen Bäumen umher als gingen sie
spazieren ließ sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen bis
eine riesenhafte Kröte aus einer gemauerten Höhle kam da setzten sie sich
stille um sie her und fingen an zu spinnen Mit Abscheu sah der Graf dies
widrige Abrichten unglaublich wozu ein Mensch kommen kann auch der
gelehrteste in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit ihm war es als sähe
er sich schon so getrennt von allem Schönen wenn er von seiner Dolores
getrennt dem Sonderbaren ganz hingegeben Er trat aus dem schmalen Garten in
ein großes Gartenhaus das gegen den Sinn des übrigen Hauses wo alles über und
auf einander gehäuft und gelegt war mit seinen reinen grüngemalten Wänden
abstach in der Mitte hing über einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten
aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen Der Kasten hing an einem dünnen
Drahte auf der einen Seite stand eine lebensgrosse Figur die eine Flöte in
Händen trug auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine
metallene Ente Noch peinigte ihn das Gefühl ganz fremde und einsam in der
Gewalt fühlloser Maschinen zu sein die von dem Menschen geschaffen leicht die
Obergewalt über ihn bekommen könnten er sagte trotzig laut »Spiel
Flötenspieler wenn du was kannst«  Der Flötenspieler setzte die Flöte
sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem aber sehr künstliche
Konzerte wobei die Ente im Wasser fröhlich rauschte und von den Körnern die an
der Seite lagen mit großer Begierde frass Der Graf schloss beide Augen mit
seinen Händen und rief verwundert »Wer hört hier wer lässt sich hören bin ich
närrisch oder ist alles nicht wahr« Eine zarte weibliche Stimme antwortete
ihm »Närrisch sind wir alle ich kann dich hören du kannst mich hören«  Der
Graf sah auf »Wer bist du«  »Das unsichtbare Mädchen« antwortete jetzt die
Stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens  GRAF »Wie kommst du hierher
die Zeitungen erzählen ja dass du in London eben viel Aufsehen machst«  SIE
»Es gibt der unsichtbaren Mädchen viele mich hält hier die Liebe fest«  GRAF
»Liebe zu einem Unsichtbaren oder kannst du sehen«  SIE »Ich sehe mehr als
ihr alle und liebe mehr als ihr alle ich liebe den Flötenspieler«  GRAF
»Liebt er dich wieder«  SIE »Ach nein er liebt mich nicht seitdem ich
verlangte er solle mich ganz lieben doch was geht dich das an«  GRAF
»Liebes Kind es geht mich sehr nahe an denn ich wollte auch einmal in meinem
Leben ganz geliebt sein«  SIE »Unglücklicher und der Mond hat doch zwei
Seiten und eine die du nie sehen kannst«  GRAF »Warum hast du das nicht
früher eingesehen«  SIE »Weil ich früher nicht unglücklich war«  GRAF
»Seit wann bist du unglücklich«  SIE »Seit ich in diese Stadt gekommen und
der Flötenspieler in den Büchern des Alten gelesen hat da hat er tagelang
nächtelang gelesen und beschworen und hat mein vergessen da er mir doch
geschworen hatte mich nie zu vergessen endlich schlief er ein und ich sah dass
er schwer träumte der Schweiß lief ihm über die Stirne da nahm ich seine
Bücher und warf sie alle ins Feuer da wachte er zornig auf und schalt sehr und
will nicht eher wieder mit mir reden bis ich die Bücher ihm wiedergeschaft
habe«  GRAF »Wie kommts dass du mir dies alles vertraut ich hab es nicht zu
wissen verlangt werd ich es auch verdienen sagst du es jedem«  SIE »Du bist
der erste dem ich es gesagt denn du siehst wahrhaft unglücklich aus als wäre
dir die Saat deiner Liebe ganz verhagelt und du hättest keine mehr«  GRAF
»Sag an Flötenspieler ist alles so wahr wie mir das liebe Mädchen gesagt« 
SIE »Er spricht niemals zuweilen singt er aber wenn er recht betrübt er
setzt an hör zu er wird singen und er singt so schön so schön«  Der
Flötenspieler setzte wirklich die Flöte an blies und sang abwechselnd folgendes
Lied
Flammenruh nach Weisheit streben
Senkt den Jünger tief in Schlaf
Und es glüht sein innres Leben
Als wenn Blitz die Tanne traf
Festlich statt der schwarzen Krone
Trägt sie einen Flammenkranz
Weihrauch träufelt von dem Throne
Halme wirbeln rings im Tanz
Sonst da dräuten ihm die Bilder
Schrecklich rot und blau gemalt
Und die Zeichen noch viel wilder
Und das Tier in Flaschen schalt
An den tausend Messingscheiben
Wo das Blei am Faden hängt
Musst er sich erst müde treiben
Eh der Schlaf ihn süß umfängt
Liebchen kommt nun ihn zu küssen
Aber er vernimmt sie nicht
Himmlisch mild die Sterne grüßen
Und er steht in vollem Licht
Und sie setzt sich ihm zu Füßen
Und umfasset seine Knie
Sollt sie ihn nicht wecken müssen
Er erwachet sonst wohl nie
Leise kam sie erst geschlichen
Doch nun schreit sie ihm ins Ohr
Und der Schlaf ist nicht gewichen
Es ist ein verschlossnes Tor
Und sie nimmt die Bücher alle
Die ihn magisch tief versenkt
Hat die mächtgen Geister alle
In des Ofens Glut gesenkt
Und der Ofen wollt sich wundern
Schüttelt mit dem alten Kopf
Und aus allen alten Plundern
Stieg so mancher grüne Knopf
Wüst im Kopfe wild zum Schelten
Wacht er auf und schaut sie an
Die gern alles will entgelten
Wenn sie ihn nur retten kann
Aber er mit wilden Tritten
Stösset Liebchen an die Erd
Hört nicht auf ihre Bitten
Sieht die Glut nur auf dem Herd
»O ihr Zeichen ihr verbrennet
Nun ihr sie mir zugeführt
Ach woran wird nun erkennet
Ob die rechte ich erspürt
Wärst du Mädchen mir ganz eigen
Wie ein Mädchen lieben muss
Ganz geduldig dich zu zeigen
Wär gewesen dein Genuss
Wär ich Mädchen dir ganz eigen
Nimmer zweifelte ich mehr
Sondern müsst die Kniee beugen
Und mein Herz wär mir nicht schwer
Herrschen nicht und auch nicht dienen
Zweifel war mein Weltgeschick
Nur beschwören nicht verdienen
Lässt sich jedes Götterglück
Weibervorwitz wer beschwört dich
Da es selbst nicht lieben kann
Denn die Liebste selbst sie stört mich
Da ich war in ihrem Bann«
Ehe noch der Flötenspieler sein wunderliches Lied ausgesungen hatte war der
Doktor schon herein getreten und hatte seine große Laute zusammengesetzt aus
Ebenholz und Elfenbeinstreifen hervorgeholt und mit eingestimmt am Schluße
sagte er »Diesen elenden Gassenhauer habe ich noch auf der Walze gefunden
vorige Nacht habe ich aber eine große Sonate ausgearbeitet und auf eine neue
Walze gesetzt Sie sollen hören dass die Maschine noch mehr kann«  Bei diesen
Worten eröffnete er die Figur und wo der Graf einen Menschen versteckt gemeint
hatte waren nichts als sehr verwickelte Messingräder im Fussgestelle war die
Walze eingesteckt die alles trieb Der Doktor schob eine andre ein und ein
sehr künstliches Spiel überraschte den Grafen Der Doktor mit großer Kraft
sprang über einen Stuhl hinaus und rief »Kommen Sie das sind Kleinigkeiten
Sie sollen mehr sehen«  »Ich komme wieder« sagte der Graf zu dem unsichtbaren
Mädchen »wie soll ich dich nennen in meinen Gedanken«  »Arnika Montana«
sagte sie leise  Nun führte der Alte den Grafen in seine verschlossenen
Zimmer und zeigte Wunder an Wunder aber nichts wirkte mehr auf ihn er fühlte
eine Art Schrecken wie der Alte da unter verzauberten Menschen mit seinen
Spässen lebe die er über alles ergoss so sagte er als ihm der Graf den Hund
zeigte der noch immer auf den Hinterfüssen saß »Abgelöst mein Tierchen wärst
du gemalt hätte es dir keine Mühe gemacht«  Die Rechenmaschine erklärte er
ihm umständlich auch die Bewegung des Totengerippes als aber der Graf so als
müßigen Einfall sagte »Gut dass die Rechenmaschine im Kopfe nicht so schnurrt
und rasselt das wäre in einem Handelskomtore nicht auszuhalten«  da ward der
Alte auf einmal ernst faltete die Hände und beschwor ihn bei allem Heiligen
solche schreckliche Gedanken der Philosophen über die Seele nicht zu glauben
das wären die Vergifter der Jugend  »Und« fuhr er fort »was haben sie davon
ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie ich kaufe sie noch heute
alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus was bei mir liegt«  Bei diesen
Worten schlug er die Türe eines Schrankes auf hob einen gestrichenen Scheffel
voll Gold heraus und ließ es daraus in die übrige Menge niederfallen  Der Graf
kam verwundert nach seinem Wirtshause zurück erst hier entdeckte er was ihn
bei der Arnika Montana so verweilt hatte es war eine Ähnlichkeit in der Stimme
mit seiner Dolores die ihn liebenswürdiger als je in der Nacht umschwebte
doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers der ihm wie der Doktor
erschien
    Am andern Morgen hörte er im Wirtszimmer über den Doktor reden der eine
erklärte ihn für einen Narren für einen Prahlhans den er auf einem fahlen
Pferde attrappiert habe Er habe ihm nämlich einen Umschlag von einer
chinesischen Tusche sauber geplättet so dass es wie ein Blatt aus einem Buche
ausgesehen vorgezeigt da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen habe er
ihm dies Blatt gezeigt und gefragt was es besage Mit großer Dreistigkeit habe
jener ihm versichert es sei ein Stück aus einem chinesischen Romane und es
sogleich übersetzt Lachend habe er ihm darauf gesagt es sei aber ein bloßer
Umschlag vom Tusch Ohne in Verwirrung zu geraten versicherte hierauf der
Doktor die Chineser pflegten um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu
verbreiten die gewöhnlichsten Bedürfnisse darin einzuwickeln  Der andre
gestand vieles zu versicherte aber dass er dessen ungeachtet einer der
wohltätigsten Ärzte sei ohne Eigennutz und fast immer glücklich besonders bei
gemeinen Leuten die alle an ihn glaubten wahr sei es dass er zwar mit seinen
Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei dass er aber
alles bis dahin um so genauer kenne Der Graf fragte hierauf nach dem
unsichtbaren Mädchen das sich bei ihm hören lasse  »Ja« sagte einer »damit
hat er unsrer Stadt große Freude gemacht die wurde hier stark besucht und
keiner konnte das Wunder begreifen da kaufte er die ganze Geschichte von dem
Herzoge der sie herumführte niemand weiß für wieviel und zeigte uns nachher
wie alles durch eine Röhre im Fußboden veranstaltet werde die aus dem
Nebenzimmer wo das Mädchen verborgen durch das Gitter in die Trompete blase
dass der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine Nun sitzt ihm das
Mädchen und ihr Bruder auf dem Halse vielleicht beerben sie ihn«  »Wird man
leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen Ich wär doch neugierig
sie kennen zu lernen« fragte der Graf  »Sehr leicht« rief einer »man muss
sich nur notleidend anstellen das Mädchen tut gerne Gutes schön ist sie aber
nicht wie ich erst dachte Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors es ist
das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt«  Der Graf wollte eben
aufstehen und zu der Unbekannten eilen als ein Fremder ziemlich erhitzt ins
Zimmer trat der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich und im
Hereintreten Hut und Perücke in den Winkel warf  »Lenardo« riefen ihm alle
entgegen auch der Graf ihn gleich erkannte »hast du nichts mehr zu trinken auf
deiner Pfarre kommst du wieder Brüderchen«  Wir erinnern uns seiner aus
Hollins Geschichte dessen Untergang er ohne Absicht veranlasst oder der ihn
vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand
    »Prost ihr Herren« sagte Lenardo »guten Tag lieber Graf ein andermal
umarm ich euch jetzt bin ich zu heiß ja mit meiner Pfarre ist es aus bestellt
mir doch meinen Schneider Herr Wirt er soll mir einen Burschenrock machen« 
»Was heißt denn das« fragte einer »bringst du deine Frau auch mit auf
Universitäten da werd ich dein Stubenkamerad«  »Sprecht mir nicht von der«
sagte Lenardo »mit der wars nichts zum Glück waren wir noch nicht
verheiratet«  »Erzählt doch Alter« riefen viele  LENARDO »Was soll ich
erzählen es ist vorbei die Divina habt ihr doch noch hier gesehen ein schönes
Weibsbild das war meine Braut Ich lernte sie im Städtchen kennen als ich
meinen Hafer verkaufte der Hafer stach mich ich verliebte mich ich überredete
sie und entführte sie dem prächtigen Herzoge Das ging alles gut ich brachte
sie in mein Pfarrhaus gab sie für eine Verwandte aus die ich heiraten würde
und die ich vorläufig zur Führung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen Ihr
habt mich nie verliebt gesehen«  »O ja alle Tage« sagte einer  »Diesmal«
fuhr er fort »war ich ganz anders verliebt ich wagte meine Schöne nicht anders
als mit Handschuhen anzufassen denkt euch ich machte Verse es bekam mir nicht
sonderlich sie wurde aber ganz krank dabei Ihr wisst vielleicht nicht dass sie
ochsendumm war«  »Wer sollte das nicht wissen« sagte einer »mich hat sie
gefragt ob die Brotkrümeln nicht ausgesät würden um wieder Brot zu bekommen«
 LENARDO »Das sieht ihr ganz ähnlich Nun wurde sie krank ich verzweifle
hole unsern Kreisdoktor Traupel der Mann fühlt den Puls berührt die Haut
verhält den Atem dass ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und
dann bläst er langsam als bliese er am Lotrohre mir entgegen meine Braut habe
die Wassersucht doch hoffe er sie zu kurieren Denkt euch meine Wut ich spare
kein Geld alle zwei Tage lasse ich ihn holen aber das hilft nicht die Jungfer
Braut wird immer stärker ich hole ihr alle Tage Gesellschaft die Prediger in
der Nähe die mir so viel Kaffee und Bier austrinken dass mir die Haare ausgehen
möchten«  Der Graf wollte sich hier fort schleichen aber Lenardo rief ihm
nach »Wart doch Graf jetzt kommt das Beste Wir sitzen einmal ich zwei
Prediger ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen meine Braut
schien so beängstiget als wenn sie jeden Augenblick ersticken müsste Sollte ihr
das Punktieren nicht helfen fragte ich wieder den verfluchten Traupel er
antwortete mir sehr bedeutsam Sie sprechen vom Helfen der Arzt ist nur zum
Erkennen und Erleichtern des Übels gesetzt erleichtern kann ich sie wohl durch
Punktieren aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann
ihr geholfen werden Hört nur die beiden Ausdrücke brachten mich ganz von
Sinnen ich dachte mir er würde sie wie einen Handschuh umkehren um sie in
Ordnung zu bringen vielleicht machtens auch die auf dem Ofen langsam
schmorenden Krankensuppen genug es ging alles mit mir um und die Tränen
stürzten mir aus den Augen«  »Das hätte ich sehen mögen wie du geweint hast«
riefen viele  LENARDO »Wahrhaftig ich weinte drei Bauerweiber habens auch
noch gesehen die mit ihren zehnfachen Röcken in die Stube wackelten mir vom
Kindtaufschmause etwas zu verehren Die gaben auch ihren guten Rat sprachen von
einem Scharfrichter der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht
gebe Traupel ergrimmte über den Quacksalber der seine wenigen Mittel ohne
richtige Erkenntnis der Krankheit austeile  Wie er so demonstrierte wurden
wir durch ein ängstliches Geschrei der Kranken erschreckt ich glaubte sie
ersticke hielt mir beide Ohren zu laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und
drücke den Kopf endlich gegen die Wand Die Zeit wird mir lang in dieser
Stellung ich sehe mich um denkt euch da hat sich alles verändert die
Prediger lachen der Arzt ist ganz still die Frauen sind alle am Bette
beschäftigt Was ist fragte ich In dem Augenblicke hör ich vom Bette her ein
kleines Kind schreien ich springe hin da liegt das kleine Unwesen meine Braut
war sehr glücklich entbunden«  Alle lachten laut auf  LENARDO »Ja ihr habt
wohlfeil lachen mir kostete der Spaß meine Pfarre alle Leute wiesen mit
Fingern auf mich der Skandal war zu groß auch war ich schon vorher durch mein
Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen was halfs dass ich mich für
unschuldig erklärte denkt euch das Mädchen war so ochsendumm sie hatte von
ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt sonst wär es ja leicht zu
verheimlichen gewesen das Kind war vom Herzoge
    In meiner Gutmütigkeit verzeih ich ihr alles aber nun denkt euch noch den
Spektakel in meinem Hause Ich sollte alles tun das Kind wiegen die Mutter
aufwarten das war auf Ehre ein Leben ich wette darauf ein andrer hätte sich
nicht so genommen An einem schönen Tage schickte der verteufelte Herzog an
den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben seinen Kammerdiener in
einer Kutsche da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt Nach ihrer Abreise
war mir meine Kabache ganz verhasst ich vermöbelte alles was ich noch hatte
schrieb ans Konsistorium dass ich noch studieren müsse da ich jetzt fühle meine
Unwissenheit Nun bin ich so fidel wie vorher habe meinen halbjährigen Wechsel
will noch einmal Exegese hören der Herr Vater wird weiter sorgen bin ja sein
einzig Kind seit meiner lieben Schwester Tode«  Der Graf wollte wieder
fortgehen  LENARDO »Wohin Graf«  GRAF »Zum unsichtbaren Mädchen« 
LENARDO »Gut sag ihr doch wie es ihrer Schwester ergangen meine Braut war
ihre Schwester oder sonst so was ich habe nie recht nachgefragt sie waren
lange zusammen bei den spanischen Reitern«  GRAF »Ich werde alles bestellen«
Er wollte »Prost« sagen aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge
kleben
    Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Mädchen und wurde leicht eingelassen ein
schlankes aber kränklich blasses Mädchen empfing ihn so dass er erst bei ihrer
schönen Stimme sie für dieselbe erkannte die ihn unsichtbar gerührt hatte Sie
war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bücher um sich liegen
Der Graf erklärte ihr sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben das
ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflößt habe er würde es sich für ein Glück
achten es zu erleichtern Arnika antwortete dass er ihr in nichts in gar
nichts helfen könne sie wolle ihm ihr Schicksal da sie allein wären ganz
erzählen um ihn davon zu überzeugen Wir wollen es in möglicher Kürze
zusammenziehen
    Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters der seine
meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat sie selbst ist unter dem Namen
Angelique allgemein bewundert worden doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit
als wegen ihrer Schönheit welche Divina einer andern Reiterin viel reichlicher
geschenkt war Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Mädchens der
Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Mühe dabei veranlassten
ihn seine Pferde und Gesellschaft abzudanken Arnika musste bei ihrem Witze und
ihrer schönen Stimme mit den Zuschauern reden Divina die sehr dumm war und
eine raue männliche Stimme in ihrem weichen Munde verschloss spielte die schöne
Stumme und zog durch ihre Schönheit vielleicht so viele Zuschauer herbei als
jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit Ein Sizilianer der Herzog von D 
kaufte durchreisend die beiden Mädchen und den Apparat vom Vater und trieb damit
seine Späße einen großen Hof auf allerlei Art zu necken In einigen Tagen des
Müssiggangs machte er Divina sich ganz ergeben er wusste dass er sie verführen
konnte zur Verführung war sie ihm noch zu einfältig  Bei dieser Stelle
unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen woher er den Karneol an
seinem Finger habe der Herzog habe ihn damals getragen dies habe ihre große
Offenherzigkeit veranlasst und ihren Wunsch sich ganz zu erklären
    Der Graf sagte dass der Herzog sein Schwager sei den er aber nach den
Briefen von dessen Frau für einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann
halte der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter dem Marchese P   Sie
erzählte darauf mit Achselzucken dass sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln
müsse  Sie gestand dass der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht wenn
nicht der Eintritt Florios des Flötenspielers auf einmal ihre ganze
Leidenschaft ergriffen und bestimmt hätte Er ist der Sohn eines reichen
Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern die Maschine zu
sehen Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht enthalten
zu ihm so artig so witzig zu reden wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden
ganz verlernt Florio wurde ganz von ihrer Stimme ergriffen gleich darauf trat
Divina herein und ihre Schönheit ergriff ihn mit gleicher Stärke er konnte
nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm beide wären eins ein und dieselbe
weil die stumme Schönheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam wenn der
unsichtbare Verstand zu reden aufgehört hatte  »Mein werter Freund«
unterbrach sich hier Arnika »warum müssen sich doch oft Geist und Körper deren
Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich im Leben so oft
getrennt sehen und nach einander schmachten mit welcher Sehnsucht betrachtete
ich oft die schönen Züge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein ich hätte
gern aufgehört geistreich zu sein hätte ich recht schön dadurch werden
können.«  Der Graf sagte ihr ernstaft dass er es für frevelhaft halte bei
einer angenehmen Bildung nach Schönheit zu verlangen denn mit gleichem Rechte
würde dann die Schönheit nach Dauer streben und überhaupt der einzelne nach
allem  »Sie haben recht« antwortete Arnika »aber ich habe wohl ein Recht zu
vermissen wodurch ich so viel verloren und dann musste ich es sagen wenn ich
Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte das er mir leise in die silberne
Trompete des Glaskästchens an einem schönen Frühlingsabende sang und das so
laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug als schiffte es
darauf in die goldene Abendruhe Das Lied entrollte seinem Selbstgespräche er
wusste nichts davon nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina
gesessen ohne es zu wagen Liebe zu gestehen ungeachtet er mit dem festen
Entschlusse dazu angekommen
                               Die Uhr der Liebe
Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit
Auf der Zunge brennen
Lieb und Heimlichkeit
Soll ich ihr bekennen
Was im Herzen brennt
Und wie soll ich nennen
Was sie noch nicht kennt
Herz sei doch zufrieden
Sie still anzusehen
Würden wir geschieden
Müsstest du vergehen
Schweige noch hienieden
Ward es nicht so schön
Dass in selgem Frieden
Zweie sich ansehen
Die Wonne meines Gefühls überschwenglich wie nimmer wieder musste sich Luft
machen ich sang ihm leise durch die Trompete zu immer in dem Wahne mir allein
sei seiner Liebe Feuer gewonnen
Wie die Stunden schleichen
Fern von ihm verbracht
Gib ein einzig Zeichen
Sternenhelle Nacht
Gib ein einzig Zeichen
Ob er wieder liebt
Frühling will verstreichen
Und kein Zeichen gibt
Und die Sterne lachen
Mich zum Hohne an
Und der Mondennachen
Mir nicht helfen kann
Ruhlos treibt der Nachen
Durch die Sterne hin
Herz auch du musst wachen
Schlafen wär Gewinn
Herz du könntest träumen
Eine Fahrt so schön
Sähst zu selgen Räumen
In der Nacht Getön
Nachtigall auf Bäumen
Dich versteh ich nun
Willst das Feld nicht räumen
Kannst darin nicht ruhen«
Kaum hörte Florio diese leisen Verse der Arnika zu Ende rief er seine Liebe so
laut aus dass sie schaudernd davor erschreckte und ohne sich halten zu können
aus dem Nebenzimmer wo sie immer verborgen gewesen in die Versammlung und um
den Hals Florios stürzte wo sie halbohnmächtig liegen blieb Florio taumelte
es war die Stimme die er liebte aber nicht die Gestalt nicht Divina und wäre
sie schöner gewesen es war nicht Divina aber nur einmal kann dem Menschen
diese Fülle der Liebe werden er konnte sich ihr nicht offenbaren in diesen
heiligen Augenblicken gänzlicher Hingebung er hätte sie getötet Aber nur
diesen Abend konnte sich ihr scharfer Blick täuschen sich ganz geliebt zu
glauben er wollte sie ganz lieben der stille Zwang in ihm wurde zu einem
festen Eigensinne ja zum Wahnsinne ihr nie einzustehen was sie bald lebendig
fühlte Der Schmerz über diese harte Scheidung des Schicksals vielleicht auch
schon früher die Veränderung ihrer anstrengenden Lebensweise als Kunstreiterin
mit dem eingezognen Stubensitzen als unsichtbares Mädchen nagten an der Rose
ihrer Wangen Der Herzog besorgt um sie wollte sie in andre Luft führen
Florio reiste ihnen nach und flehte so lange bis der Herzog ihm erlaubte mit
zwei Maschinen die er erfunden einer fressenden Ente und einem scheinbaren
Flötenspieler der den Grafen den Abend getäuscht hatte während Florio selbst
im Nebenzimmer die Flöte blies den wunderlichen Zug zu vermehren Der Herzog
aber der sich von diesen sonderbaren Verhältnissen ein eigenes Vergnügen
erwartet hatte fand jetzt nur langweiliges Sehnen in der Gesellschaft Die
dumme Divina fing an den Florio ebenfalls lieb zu gewinnen so kam ihr die
Sprache aber welche Sprache welche Gesinnungen Florio rieb sich die Ohren ob
es ihm drinnen nur brause als sie ihm zärtlich zusprach und so verschwand das
was ihn zweifelnd zwischen beide gestellt die Schönheit schien ihm eine falsche
Schminke doch ließ sich ihre Lust nicht übertragen Er selbst klagte seiner
Arnika dieses Vergehen der Schönheit vor ihm in einigen rührenden Worten
Ich liebte sie
Verschlossen war sie stille
Und ihrer Schönheit Fülle
Versiegte nie
Der Blume gleich
Glaubt ich die Welt verstecket
Wo nie ein Ton erwecket
Ihr Herz wie reich
Du liebe Zeit
Da fängt sie an zu sprechen
Will mir das Herze brechen
Ach wie sie schreit
Ich fühl mich arm
Nun sie sich reicher fühlet
Wie ist mein Herz erkühlet
Was einst so warm
So sang Florio oft und schwor seiner Arnika eine ungeteilte Liebe Den Grafen
ärgerte das Lied er wusste erst nicht warum ihm fiel glühend heiß in den Sinn
dass er bei ähnlicher Veranlassung als er Dolores wiedergesehen von einem
gleichen Eindrucke ergriffen worden sei und dann fiel ihm ein was ihm selbst
alles fehle und er seufzte »Die Menschen sind nur schön und herrlich und
vollkommen in den Gedanken andrer darum sei unser Streben in andern gut zu
leben« Mit hastigen Schritten ging er auf und nieder setzte sich an ein
kleines Klavier und sang mit beengter Stimme
Wenig Töne sind verliehen
Meinem Herzen
Viele Schmerzen
Drin verglühen
O Vogelsang
Der wildentbrannten Weisen
Ich muss dich höher preisen
Nun ich so bang
Was da bleibt unverleidet
Find ich immer
Immer nimmer
Was verliebet und verscheidet
Schöne Töne
»Sie sind unglücklich mein werter Herr« sagte Arnika und er beugte sich
nieder weinte und ihre Hände deckten ihn und ihm ward wieder einmal ganz wohl
und leicht »Können Sie mir Ihren Schmerz vertrauen« fragte sie »ich weiß mit
Schmerzen umzugehen«  »Nein« antwortete der Graf sehr milde und sie erzählte
weiter
    Die Hoffnungen der guten Arnika ihren Florio nun ganz und ungeteilt zu
besitzen erfüllten sich nicht die eine Hälfte seiner Liebe war untergegangen
an ihrem Gegenstande aber nicht in sich und er füllte diese Neigung zu
wunderbarer Schönheit mit wunderbaren Spekulationen über die fremdartigsten
entlegensten göttlichmenschlichen Verhältnisse Der Herzog der mit Mystik
Geisterbeschwörung und Alchemie nur spielte führte sein ernstes Nachdenken
hinein er brachte ihn auf der Reise zu dem wunderbaren Doktor dessen
Hausgenossen sie beide geblieben nachdem es ihm unmöglich geworden sich von
dessen Sammlungen und magischen Büchern zu trennen Der Herzog hatte sie beide
dem Doktor übergeben weil seine Langeweile in ihrer Gesellschaft erwachte
diese Höllenpein die ihn wie einen Verfluchten durch die Welt trieb Divina
hatte er mit sich genommen die von Florios Verschmähung tief gekränkt worden
Hier ereignete es sich dass Arnika in der Furcht Florio möchte über die Bücher
seinen Verstand verlieren während seines Schlafes sie alle verbrannt hatte
seitdem sprach er nie mehr sondern sang und war der festen Überzeugung dass er
bei dem Alten so lange zur Maschine geworden sei bis er die Bücher
wiedergeschaft gewiss war es der Alte machte große Forderungen dafür an beide
um sich dadurch länger ihre Merkwürdigkeit zu erhalten
    Der Graf erbot sich vergebens mit anständigem Wohlwollen diese Schuld zu
übernehmen Arnika antwortete ihm immer verbindlich »Sie können uns nicht
helfen Gott allein kann uns helfen ich bin meinem Schicksale unterworfen und
Florio hat auch recht in sich wo wir wären würde uns das Unabänderliche in
unserm Verhältnisse drücken ihn zerstreuen hier Studien mich die Einsamkeit
ich sammle die schönen Blitze seiner Empfindung die ihm das Jugendland
erhellen mich sammeln einige fromme Bücher die mir ganz genügen Der Alte
flüchtet sich zu uns wenn er in den wunderlichen Kreisen seiner Maschinen und
Versuche sich verwirrt und sie ihm übermächtig werden ich kenne hier viele
Unglückliche die meines Trostes bedürfen denen ich in ihrer Sprache zu reden
weiß die Welt ist so reich und prächtig für jeden der sie fassen kann«  Der
Graf erzählte ihr jetzt das Schicksal der Divina mit Lenardo sie weinte
darüber und sagte »Gott wird ihr verzeihen sie ist so sehr dumm«
    Der Graf fragte sie »Warum wollen Sie mich nicht trösten warum kommen Sie
nicht mit mir«  Sie antwortete »Sie werden noch viel überstehen vieles
wobei ich Ihnen nicht helfen kann und wo mein Trost von Ihnen nicht gehört
werden würde Sie haben einen schönen Grund in Ihrem Herzen dort sind auch Ihre
Fehler denken Sie immer daran dass eines Augenblicks Fehler Jahre voll guter
Taten zertrümmern kann je höher eine Tanne je mehr Samen unter ihr
aufgegangen je mehr junge Bäume kann sie niederstürzen zerschmettern Hüte
dich du grünes Holz«  Der Graf fand sich von Ahndungen umlagert wieder
drückte er seinen Kopf in ihre Hände sie segnete ihn ein und seine Tränen
flossen sie hingen ihm so lose in den Augen wie die Wolken am Frühlingshimmel
wenn es einmal ins Regnen kommt und wieder fand er einen Trost als wenn er
gleich nach Hause wandern und alles ertragen könnte was ihm begegnen möchte
    Der Alte trat jetzt herein und machte mit altfränkischen Redensarten und
Spässen der Arnika seinen Hof er hatte alle Taschen voller Kunststücke Karten
Würfel Becher kleine Puppen Trichter und Beutel der ganze wunderliche
Apparat mit dem gute Taschenspieler aus so wenigem so viel machen dass der
höchste Verstand selbst bei der besten Einsicht davon doch über ein
erfindsames Gewerbe staunet das ohne Ehre literarische Verbindung Akademien
und Prämien doch zu einem so hohen Grade von Vollendung zu einer Masse
sinnreicher Erfindungen und zu so reicher geselliger Belustigung gediehen dass
ich es für einen Hauptteil der Erziehung halten möchte Unserm Grafen war es
aber in diesem Augenblicke gründlich verhasst der furchtbare Zauberer schien ihm
heute einer der elendesten Narren die es nicht einmal auf eigne Rechnung
sondern für andere sind Der Alte erzählte dass er den Tag schon acht Kollegia
gelesen der Graf fragte ihn erstaunt über die Menge wie viele er denn den
ganzen Tag lese und wie viel Stunden er schlafe Der Alte wurde rot vor
Beschämung und sagte er müsse gestehen dass er seit einiger Zeit träge
geworden er schlafe drei Stunden und lese zwölf Stunden Kollegia sonst habe er
achtzehn Stunden gelesen
    DER GRAF »Mein Himmel empfanden Sie denn gar keine üble Folgen davon ein
solcher Tag würde mich töten«
    DER ALTE »Freilich ohne Verjüngungsbalsam geht das nicht mein
allerschönster Herr auch muss ich Ihnen sagen etwas schadete es mir auch die
Zunge wurde mir dünner und hätte leicht zu dünn werden können
    DER GRAF »Wie ist aber der Verjüngungsbalsam«
    DER ALTE »Von dem muss ich Ihnen eine schnakische Geschichte erzählen von
dem hat einer meiner Kranken neulich gegen meine Vorschrift zu viel genommen da
wurde er zum Schrecken aller ein ganz junges Kind in einer Nacht hatte aber
seinen ganzen Verstand behalten da nun kluge Kinder nicht lange leben musste
ich ihn wieder mit großer Anstrengung zu einem mittleren Alter zurückbringen« 
Der Graf wollte eben ganz böse losbrechen als Arnika zwischen trat und dem
Doktor im Namen der Alten dankte die von allen Ärzten aufgegeben durch ihn
ihr vollkommenes Gesicht wieder erhalten es sei sehr rührend gewesen wie sie
ihre Kinder und all ihr Eigentum wieder befühlt ob es auch das rechte sei und
sich über alles Neuangeschafte verwundert habe Gut gut dachte der Graf gibt
er nur einem Menschen das Gesicht wirklich wieder so mag er den übrigen
immerhin ein wenig Staub in die Augen streuen Bald führte ihn der Alte in die
verschlossenen Zimmer wiederum fand er das Elendeste neben dem Herrlichsten
ausgestellt jenes sagte er dann sei das Beste er hätte gar nicht
aufzuschneiden gebraucht um zu verwundern er hielt es aber doch noch für
nötig Er zeigte die herrlichsten anatomischen Präparate das war ihm aber nicht
genug er zog auch den Strumpf von seiner Wade und zeigte eine Lücke im
Fleische nun holte er ein kostbares Glas mit angeschliffenen
Vergrösserungsgläsern sehr pathetisch aus dem Schranke und versicherte von
diesem Ausgeschnittenen habe er diese einfache schlechtin nicht weiter zu
zerteilende Urmuskelfaser geschnitten Der Graf sah in das Glas konnte aber
nichts davon bemerken
    DER ALTE »Es gehört dazu ein gewisser Stand der Sonne man sieht es im
ganzen Jahre nur einmal als ich die Faser präpariert hatte konnte ich in
finstrer Nacht die Hamburger Zeitung lesen so ausnehmend waren meine Augen
geschärft die Jupiterstrabanten sah ich ohne Teleskop«  In bunter
Mannigfaltigkeit ging er von da zu den Gemälden über hier verriet sich der Graf
allzubald als Kenner statt zu prahlen suchte ihn der Doktor über manches
auszuforschen und fragte nach dem Meister Hier in schöner Kunst schien ihm
aller Sinn abzugehen was er sagte waren gelernte Formeln in den lateinischen
Distichen die er an jedes geschrieben ehrte er oft das Schlechteste über das
Beste Von diesen lateinischen Distichen machte er dem Grafen auf jeden
beliebigen Gegenstand in fünf Minuten drei sie waren in der Silbenmessung
tadellos aber meist ganz leer Nun gings in die Gewehrkammer da zeigte er im
Winkel ein angefangenes Instrument das nach seiner Aussage von einem Schüler in
der letzten Stunde seiner Logik erfunden worden wo jeder in gesetzter Zeit alles
erfinden könne was er wolle da habe dieser darauf spekuliert dreimal dreißig
Türken mit einem Schusse zu erlegen Das Gewehr dazu sei auch wohl erfunden
aber die Mechaniker hätten es nicht ausführen können  »Mein Gott denken Sie
noch an den Türken den Erbfeind« fragte der Graf erstaunt »gegen die ist mein
Vater erschossen worden«  Das freute den Alten zu hören er wusste von neuerer
Zeit gar nichts des Vaters wegen verehrte er dem Sohne zwei altdeutsche Büchsen
mit Radschlössern sehr schön gearbeitet und ausgelegt vergebens weigerte sich
der Graf sie anzunehmen er ließ sie ihm heimlich ins Wirtshaus senden
    Wir verweilen mit Absicht bei dem Bilde des alten Doktors denn es ist uns
so tiefbedeutend als Sinnbild des meisten Lebens der Graf unter wirklichen
Umständen die sein ganzes Glück vernichten kaum erwacht aus Träumen die ihn
dem gramvollsten Wahnsinne nahe brachten und leider nur zu wahr sind, vergisst
hier seine Lage bei dem abenteuerlichsten Spielzeuge ohne eigentliche
Teilnahme bloß aus Artigkeit zuhorchend greife jeder in seine Erinnerung
hinein wie viel Tage er auf gleiche Art versäumt habe ob nicht das Lesen
dieses Buches selbst so gut es gemeint ist für viele welche ernste Tat ruft
ein müssiges unvergnügliches Spiel sei darum seid gewarnt ihr Leser die Tage
vergehen schneller als die Nächte endlich kommt eine Nacht die keinen andern
Tag kennt als die Erinnerungen vergesst auch nicht über das abenteuerliche
Spielzeug dieses Lebens das ernste Werk des Zukünftigen Dem Grafen mochte auch
so etwas einfallen er brach plötzlich die Unterhaltung ab und wollte sich
beurlauben da sagte ihm der Alte freundlich »Sie haben sicher viel von meinem
Diamanten gehört dem größten in der ganzen Welt den alle Welt sehen will den
ich aber nur selten zeigen kann weil er abwechselnd in den drei Hauptbanken der
Welt ist die jede eine eigne Schildwache darauf hält«  Der Graf versicherte
er sei gar kein Kenner von Diamanten der Doktor aber ohne sich abhalten zu
lassen sprang rasch wie ein Kind ins Nebenzimmer und kam nach einigen Minuten
zurück Erst holte er ernstaft ein paar kleine Papierchen heraus und zerriss
sie noch feiner dann zeigte er einen kleinen unförmlichen Quarz strich damit
einmal über seinen Rock doch die elektrische Anziehung wollte sich an den
Papierchen nicht zeigen dann griff er in die Hosentasche holte einen Stein
heraus der allerdings in seiner eingedrückten kuglichten Form und in der Farbe
gar viel von einem rohen Diamanten hatte der aber auch ein Quarz sein konnte
strich mit seiner schönsten Seite über den Rock und sogleich zeigte sich eine
Anziehung ein Anhängen aller kleinen Papiere Ohne ein Wort zu sprechen nahm
er eine Feile mit der er über den letzteren Stein mehrmal hinfuhr er zeigte
die Seite derselben die an allen Feilen von Anfang an platt ist und sagte
»Sehen Sie die Zähne sind alle abgebrochen« wirklich lag auf dem Steine etwas
gländender metallischer Staub der noch zum Teil in der Feile steckte und der
von der Bewegung nicht losgerieben sondern abgefallen war  Dieser
absichtliche Betrug war dem Grafen zu arg aber der Doktor fuhr gleich fort dass
der Neid der Fürsten seinen Diamanten als falsch verschrieen ihm wäre dies
einerlei ihm genügte dass er von seiner Echteit überzeugt sei er zeige ihn
oft im ganzen Jahre niemand neulich habe er seinem Fürsten die Türe gewiesen
weil er ihn nicht anerkennen wollen »Mein wertgeschätzter Herr« fuhr er fort
»alles andre was ich besitze das können Sie mir immerhin verachten nehmen
ich kann es ersetzen dieser Stein ist aber meine Geliebte meine Einzige meine
Freude der ich durch unauflösliche Bande verbunden bin wie sie aus Liebe zu
mir aus Ostindien auf dem Landwege hierher gewandert weil ich allein sie
bezahlen konnte der Könige und Kaiser zu arm waren diese Liebe diese
unwandelbare Treue haben mich ihr ewig zu eigen gemacht in ihren Blicken lebe
ich drücke ich sie in meiner Hand ist mir alles so sicher so gewiss woran ich
zweifle ewiges Leben und Glaube dies ist der Stein worauf ich meine Kirche
erbaut habe und wenn ich dem leichtsinnigen Schauer wirklich ein falsches
Wunder damit zeigte wäre es mir mehr zu verdenken als den Priestern aller
Nationen als den Liebabern unter allen Ich weiß dass sie echte wahre
Liebeswunder an mir tut alle irdische Begierde an mir befriedigt damit ich den
höheren Geistern ruhig leben kann und wäre sie aller Welt falsch wäre sie mir
ungetreu in meinem Glauben wäre sie ewig rein Sehen Sie diese Höhlung im
Steine hier habe ich sie mit dem Brennspiegel einmal versucht und sie
entzündete sich hellicht7 meinem Fürsten hätte ich sie überlassen nach meinem
Tode und seine Krone hätte ewig über der Erde wie ein Sternbild gestanden er
hat sie aber verachtet und seine Krone wird fallen und keiner wird sie
aufheben Ich werde alt ich will sterben und weiß meines Lebens Ende ganz
einsam will ich dann die Nacht noch bei meiner Geliebten schlafen und kommt die
erste Morgensonne so wirft der Brennspiegel der meinem Bette gegenübersteht
seinen Brennpunkt mir ans Herz und auf die Geliebte die an ihm ruht und wir
verbrennen beide zusammen beide zugleich und mischen uns verbunden mit der
großen Gedankenwelt«
    Der Alte war bei diesen Worten sehr feierlich geworden er redete in halben
Worten mit sich und gab dem Grafen mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen
dem der Graf sehr gern gehorchte ihm war seine ganze Seele voll innern Vorwurfs
über die treulose Zweifelsucht seiner Liebe zum schönsten Wesen das je atmend
zwei liebliche weiße Hügel bewegt an die je anspielend der Wind je näher je
schöneren Leib Hüften und Schenkel gezeichnet In dem Augenblicke und ohne Rast
beschloss er mit Kurierpferden fortzueilen Ehe die Pferde kamen und angespannt
wurde schrieb er ein paar Zeilen an seine neue Freundin an das unsichtbare
Mädchen Arnika Montana die wir der Vollständigkeit wegen hier beifügen
                              Herzenserleichterung
Schwere harte scharfe Stunden
Sich wie Kiesel an mir runden
In des Lebens Wellenschlag
Und ich fühl was ich vermag
Fromme Freundin ich durft weinen
Durft auf deinen Händen weinen
Und gedeckt von deinen Händen
Konnte Schwachheit mich nicht schänden
Regentropfen höhlen Steine
Was ich tief verschlossen meine
Höhlet meines Unglücks Stein
Füllt ihn bald mit Freudenwein
Freundin nimm vom Freudenweine
Komm zu mir du heilge reine
Und beselige mein Mahl
Bin ich frei von aller Qual
Fühlend kannst du an mich glauben
Was mir lieb nicht spottend rauben
Was ich aus der Seele sprach
Klingt dir aus der Seele nach
Fromme Freundin aller Reinen
Du kannst trösten du kannst weinen
Wenn du mich auch nicht verstehst
Alles dir im Geist erhöhst
Florio war gerade aus seinem chemischen Arbeitszimmer zu Arnika gekommen und
hatte ihr dunkel vorgesungen es sei ein Mann bei ihm gewesen der dem Herzoge
nach dem Leben trachte und das sei ihm lieb weil er ihn hasse da trat der
Diener des Grafen herein und brachte ihr seinen Abschiedsbrief
 
                                Zehntes Kapitel
                     Der Marchese D  verlässt die Gräfin
Zu lange für meine Zuneigung zur Gräfin Dolores habe ich den Grafen durch eine
fremde Welt begleiten müssen mir wird gleich so wohl da ich wieder zu ihr
umkehren darf ungeachtet sich wieder manches Betrübte ereignet hat  Der
Marchese war von dem Gute des Grafen mit einem so auffallenden Lärmen und
Lobpreisen desselben zurückgekommen dass die Gräfin darüber erstaunte was sie
meist kaum angesehen öfter verspottet hier in dem Leben der Worte, das sie
besser als die eigentliche Anschauung von vielen Dingen kannte zu solcher
Wichtigkeit ansteigen zu sehen Dieser neue Reiz übertrug sich in ihrer Art
Unmittelbarkeit an den Marchese es war ihr zu Mute als wenn der alles das ihr
zu Ehren angelegt habe sie sah ihn mit so wunderlich angenehmen Blicken an die
nur ihr eigen worüber nur der Marchese lächeln konnte der unterdessen eine
andre Bekanntschaft in der Gegend gemacht hatte und mit ihr brechen wollte Je
mehr er sich von ihr wandte je weniger Politik er ihr vertraute doch immer mit
dem Anscheine eines Mannes der sich viel versagt desto unwiderstehlicher war
es ihrem Eigensinne ihn nicht mit Zärtlichkeit zu verfolgen unter allerlei
leichtem Vorwand drängte sie sich an ihn schlug mit ihren Stricknadeln auf
seine Hand ließ eine Schleife an ihrem Ärmel zubinden der Marchese erzählte
ihr als wär es von einem Dritten sie hätte ungemein zärtliche Augen und
schmachtende Blicke eigentlich mehr als einer verheirateten Frau gezieme Sie
versicherte ihm noch immer scherzend das habe ihre Mutter schon früh an ihr
getadelt sie wisse aber nichts davon und dabei erzählte sie so artig ein
Duett halb singend halb sprechend das damals als sie dies zum erstenmal
ihrem Manne erzählt von ihm darauf gedichtet worden sei
MUTTER
Mädchen lass die schmachtend süßen Blicke
Mach die Augen nicht so klein
Denn zu ihrem schmerzlichsten Geschicke
Alle Männer sehen hinein
Jeder meint dass er gemeinet wäre
TOCHTER
Lass sie doch so eitel sein
MUTTER
Nein es schadet endlich deiner Ehre
Meide wenigstens den Schein
TOCHTER
Mutter sprich wie soll ich denn nun lassen
Was mir angeboren ist
Wenn ich auch mit niemand möchte spassen
Bebt mir doch die Wang von List
MUTTER
Nein das ist kein Blick der bloß zum Lachen
Du verwirrest jedermann
Willst du einen wirklich glücklich machen
Sieh allein auf einen Mann
Mädchen nicht bei stillen edlen Frauen
Kannst du solches Auge sehen
Einige so ruhig vor sich schauen
Andre gar verschämet gehen
TOCHTER
Meine Augen flüchtig sich bewegen
Müde von dem Stillestehn
Keinen Ausdruck mag ich drinnen hegen
Gleich hinaus muss er da gehen
Mutter sprich von wem die Deutungsaugen
Gern geb ich sie dem zurück
Denn zum Glücke sie wohl nimmer taugen
Und ich fürchte meinen Blick
MUTTER
Tochter könntest du den Vater finden
Diesen Flüchtling ohne Ruh
Gern vergäb ich alle seine Sünden
Und vergäb dir auch dazu
TOCHTER
Lass mich einsam dass ich keinem schade
Denke still bei mir an ihn
Und erfleh für ihn des Himmels Gnade
Und so will ich fromm verblühn
Alte Jungfer will ich bei dir werden
Blühen unter Schnee und Eis
Denn kein Jüngling den ich sah auf Erden
Hat verstanden meine Weis
MUTTER
Wie ein Vogel der im Fluge träumte
Sinket auf des Sees Flut
Siehst du bald im Spiegel die versäumte
Aufgeschreckte Liebesglut
Dass der Jugend goldne Zeit verrinne
Lieblos über Lieb hinaus
Sieh hinaus was dir dein Aug gewinne
Obs ein Hüttchen obs ein Haus
»Und darüber können Sie lachen« fragte der Marchese »jeder andre dürfte dabei
lachen nur Sie nicht die von dem Manne so zärtlich gewarnt worden den Sie
nicht verdienen«  Die Gräfin rief ihm erbleichend in einem Übergang vom
Staunen zur Wut »Und Sie können mir das sagen«  Der Marchese wollte sanft
einlenken aber wer die tiefe Kränkung einer Frau kennt die sich hart behandelt
fühlt von einem dem sie sich liebevoll hingegeben und die Angst eines Gemüts
das sich der Wahrheit noch nicht lange verschlossen und wo hinein sie
sonnenhell plötzlich aus einer Gegend scheint woher sie nie etwas davon
geahndet der kann sich die fieberhafte Hitze erklären die abwechselnd das
Leben des Marchese in Gefahr setzte und ihm dann wieder demütig schmeichelte
denn selbst seine spielende Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewussten
Schuld Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft mäßigen Der Marchese
ging von ihr mit dem Entschlusse den andern Morgen abzureisen sie wünschte ihm
alles Unglück auf den Weg das er über ihr Haus gebracht dass er vom höchsten
Felsen stürze wie die Verräter in Rom Wir ziehen einen Schleier über sie denn
es gibt Grenzen wo der Zorn auch des schönsten Weibes aufhört schön zu sein
Der Marchese war solcher Szenen gewohnt er machte alle Anstalten zur Reise und
hatte sich auf sein Lager gestreckt und schlief schon aber die Gräfin ließ
tausend Leidenschaften nicht ruhen sie musste auf sie musste dem verhassten
Geliebten noch einmal alles sagen was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen Sie
schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke der ihr unbemerkt über die Hand
geflossen der Marchese erschrak er fürchtete die Gewalt ihrer Rache nicht
aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen doch er irrte sich
zweifach ohne eine Begierde ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette
ihm alles das noch einmal vorzuhalten was er schon so oft gehört wie er jede
Treue ihr und ihrem Manne gebrochen jede Liebe unnatürlich betrogen und
verletzt jede Rache jeden Hass teuflisch in ihr geweckt So sprach sie im
ewgen Einerlei dass ihm wie ihm noch nie geschehen fast alle Gedanken
wahnsinnig vergingen er hätte sie umgebracht wenn nicht der wiederkehrende Tag
sie in ihr Zimmer zurückgeführt hätte Der Marchese stand gleich auf und reiste
ab um alles Aufsehen zu vermeiden schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der
Stadt die sein Bedauern ausdrückten dem Befehl seines Hofes der ihn so
plötzlich entfernte folgen zu müssen Die Gräfin war zu heftig bewegt um sich
krank zu stellen sie veranstaltete einen Ball und überließ sich dem Tanze so
ganz dass wenn sie einen Tänzer gefunden der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt
gewesen sie wahrscheinlich nicht den nächsten Morgen erlebt hätte wo sie nun
wie zerschlagen matt und erschöpft die Ärzte kommen ließ welche die ganze
Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben wogegen sie schon so oft vergebens
gewarnt worden »In jedem Ballsaal« meinte der eine »sollte auf Befehl der
Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein die an Auszehrung und
Lungensucht krank liegen ferner Abbildungen in Wachs von der Zartheit der
Lungen« Wie roh dieses Völkchen meist den Menschen nimmt ist nicht alles Leben
ohne Freude die drückendste Krankheit und darum ist die arme Gräfin schwer
krank ungeachtet die Ärzte ihre völlige Besserung versichern sie kann nicht
aus den Augen sehen und ist doch nicht blind sie hört niemand und ist doch
nicht taub sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm In diesem
Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklärlichen Abreise des Grafen vom
Landschlosse zwar war dies nichts Ungewöhnliches selten erklärte er sich über
kleine Geschäfte die ihn irgend wohin beriefen diesmal wurde sie doch dadurch
erschreckt sie wusste nicht warum es war ihr aber als könnte er ihre Schuld
wissen ja gegen Bekannte gegen Diener selbst war sie ungewöhnlich nachsichtig
immer in dieser einen Furcht bei allem was rasch durch die Zimmer ging
erschrak sie sich selbst konnte sie nicht begreifen weder wie sie jetzt sei
noch wie sie dazu gekommen Der Mangel an Nachrichten von ihrem Manne machte sie
seinetwegen bange sie träumte von Zweikämpfen und sah ihn oft blutend vor sich
stehen wie er sein Blut ihr mit Vorwürfen ins Gesicht sprützte langsam
vergingen ihr die Tage und schwer die Nächte
 
                                Elftes Kapitel
                         Heimkehr des Grafen zur Gräfin
Etwas über vier Wochen waren vergangen als der Graf fast erschöpft mit einem
Mute den er sich in einer Flasche Wein angetrunken spät Abends in das Zimmer
seiner Frau trat er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem Kinde wie sie neben
der Wiege stand und sich über den Schlaf freute dem es so ganz überlassen Ihr
freudiges Aufrufen bei seinem Anblicke war ungeheuchelt Bald saß der Graf neben
ihr alle Sorge war plötzlich ihm benommen auch sie wurde fröhlich sein
Gesicht schien nur zuweilen von dem wunderlichen innern Kampfe noch nachbewegt
wie ein großes Meer nach dem Ungewitter wenn schon lange heller Himmel darüber
ruht Ihr blickte die Hoffnung dass alles Unglück vergessen werde aus den
Augen doch so sparsam wie das Grün auf einer Wiese die ein Strom in einem
unseligen Durchbruche versandet hat die schöne alte Liebe ist nicht
untergegangen aber sie liegt tief unten ganz verdeckt von der Schuld und nur
wenig Leben kann daraus hervorschiessen In ihrem Anblicke ward ihm immer wohler
kaum hielt er sich ihr nicht spottend seinen wie er jetzt sicher meinte
törichten Argwohn aufzudecken ziemlich unverständlich brachte er wenigstens das
auf dem Wege ausgesonnene Märchen vor wie ihn ein alter Familienprozess zu einem
ganz geheimen Nachsuchen in einem großen Archive gezwungen Sie gab nicht
Achtung darauf und glaubte alles sie war so zärtlich gegen ihn um ihm
reichlich zu vergüten was sie ihm von dieser Zärtlichkeit entwendet und der
Graf ergab sich ihr so von ganzem Herzen
    Am andern Morgen fragte er den alten Bedienten mit einer scheinbar
gleichgültigen Miene was er denn mit seiner Warnung damals hätte sagen wollen
Der Alte sagte ganz offen der Marchese habe ihm etwas Verdächtiges gehabt und
die Gräfin er kenne sie von Jugend auf sei leichtsinnig es tue nicht gut wo
zwei solche Leute mit einander in einem Hause wohnten Der Graf musste ihn
belächeln Mit dem Marchese bin ich ganz sicher der hat mich selbst gewarnt so
dachte er in sich es ist ein edler Mann der Sinn für alles Edle hat  Als
seine Frau aufgestanden ging er zu ihr und erzählte ihr offenherzig die ganze
Geschichte das Befremdende in ihr das er jetzt gar nicht mehr finde den
wunderlichen Traum mit dem Jedermann und die Warnung doch sagte er nicht von
wem sie ihm gekommen Die Gräfin verzieh ihm seinen Argwohn mit einem heimlichen
Erröten vor sich selbst und wie tief sie jetzt unter ihm stehe sie erkannte
seinen Genius mit Schaudern der ihn so gründlich gewarnt hatte Ist es ein
Glück dass die lichte Stirne des Menschen so vieles verschließen kann und der
Mund so viel sagen wovon nichts darinnen Des Grafen Glück war es die
Bestürzung ihrer Schuld wurde wie es ihr Mund aussagte zur Empörung über so
unwürdigen Argwohn der Graf fiel auf seine Kniee nieder der Kopf glühete ihr
sie glaubte den Marchese vor dem Fenster zu sehen wie er spottend zwei Finger
gleich einem Geweihe über ihn erhob und ihr ein buntes Tuch zeige das er an
jenem Abende ihr entrissen sie weinte in Zorn und Verlegenheit der Marchese
verschwand sie drückte ihren Mann herzlich an sich
    Als der Graf wieder auf sein Zimmer gekommen fiel ihm die bestaubte Gitarre
in die Hand er fand sie wenig verstimmt nachlässig ging er im Zimmer auf und
nieder dachte wie er in die Welt so verloren hineingeirrt und sie war doch
sein ganz sein seine ganze Seele schwebte in den Worten »so warst du nicht
verloren so warst du dennoch mein« die von Tausenden vielleicht ausgesprochen
doch nie so wie in ihm zu Musik wurden und diesen wiederkehrenden Tönen gab er
immer neue Worte so erfand er ein Lied das er den ganzen Tag halblaut sich
vorsingen musste
So bist du nicht verloren
So warst du dennoch mein
So bin ich nicht verloren
So bin ich wieder dein
Ich ging in mir verloren
Weit in die Welt hinein
Ich ging mit tausend Toren
Und fand mich ganz allein
Ich hatt den Weg verloren
In tiefer Nacht allein
Da klangs mir vor den Ohren
Im Aug ward Dämmerschein
Es klang Was du verloren
Das ist der Glaub allein
Die Liebe treu beschworen
Die wird auch ewig sein
So stand ich vor den Toren
Und ging zu Liebchen ein
Da hat sie neu beschworen
Dass sie doch einzig mein
Ich bin zum Glück geboren
Und war in schwerer Pein
Die Lieb hat mich erkoren
Aus einer Welt allein
Ich bin wie neugeboren
Von allem Leben rein
Und was mir angeboren
Ist alles alles dein
Also hatte die Liebe in ihm allerlei ausgegoren um ganz zur Weinklarheit zu
gelangen aber auch in der Gräfin ruhte sie nicht zum Bessern zu wirken wenn
sie auch nicht das Beste erreichen konnte Die Gräfin nahm sich ernstlich vor
ganz gut zu werden und die erste Äußerung dieses Entschlusses zeigte sich in
der Entfernung alles des Halbguts woraus bis dahin ihre Gesellschaften
bestanden eigentlich schämte sie sich das Volk in der entstandenen
Vertraulichkeit zu ihr dem Grafen vorzustellen auch ihre politischen
Schreibereien verbrannte sie Die alten Freunde des Hauses traten darauf wieder
in ihre Rechte und es war ein Nachsommer des Glücks in dieser Erhellung ihrer
Schönheit durch die Güte  dem nichts fehlte als die Dauer
 
                                Zwölftes Kapitel
                             Bekenntnis der Gräfin
Es ist ein Schreckliches in der Natur, dass sie unbekümmert um die Gesinnungen
der Menschen ihre Rechte übt und aus der Schande wie aus der Tugend ihr ewiges
Fortleben zieht Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen leben ein gleiches
Leben wie die Kinder der treuen Unschuld wehe aber der armen Unschuld die aus
solcher Schuld hervorgehend wie ein rächender Engel zwischen die Eltern tritt
Die Gräfin musste sich nach drei Monaten eingestehen dass sie wiederum Mutter
werden würde ihr Bewusstsein sagte strafend dass es eine Frucht ihrer Sünde sei
der Graf ohne Verdacht des Bösen freute sich herzlich des neuen Segens
Sorgfalt für das Wohlsein seiner Frau beschäftigte ihn ganz und wenn sie
zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise
eines gefährlichen Sprunges zu enthalten errötete so schrieb er es immer auf
die Art von Scheu die jungen Frauen gegen ihre Männer so wohl lässt als wenn
sie gleichsam fürchteten ihre Vertraulichkeiten möchten an den Tag kommen
Mancher innere Vorwurf beängstigte sie und ihr Zustand selbst indem er sie
beängstete und beschränkte zwang sie zur Betrachtung oft schwebte das
Geheimnis auf ihrer Zunge vielleicht wäre alles durch ein offenes Geständnis
gebessert worden aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses
unmöglich der jeder Tag neue Angedenken unumschränkter Verehrung brachte es
schien ihr sogar eine sträfliche Grausamkeit ihrem glücklichen Manne den geheim
ernstvollen von der Natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in
die Welt nach ihrem bösen Glauben zu enthüllen und das Kind nicht auf Rosen
sondern von Schlangen umwunden zu zeigen Dieses war eines Abends das letzte
Resultat ihrer Betrachtung sie wolle schweigen da kam ihr Mann und sprach mit
ihr scherzend ob es ein Knabe oder ein Mädchen würde und sie legte ihm die
Karten es wurde ein Knabe Nun dachte sie wie er heißen solle der Graf
meinte Johannes dem Marchese zu Ehren »wie mag es wohl kommen« sagte der
Graf »dass keine Nachricht von ihm kommt er ist wie verschollen ich fürchte
fast für ihn«  Die Gräfin beruhigte ihn und sie gingen zu Bette sie schlief
unbesorgt ein und dachte nicht daran dass ihre eigne Zunge ihr ungetreu
verraten könnte was auf ihrem Herzen lastete und was unter ihrem Herzen ruhte
So ists aber mit der eignen Verkehrtheit des Traumwesens und sie hatte ohne
es zu wissen denn ihr Mann mochte nicht darüber klagen wie oft sie ihn damit
aus dem Schlafe gestört die Schwäche in fieberhafter Wallung des Blutes woran
sie jetzt oft litt laut und vernehmlich im Schlafe zu reden nachdem sie mit
den Zähnen einigemal geknirscht hatte Aufmerksam auf jeden ihrer Wünsche
meinte der Graf erst seine Frau verlange etwas und horchte ihr zu bald merkte
er dass sie wieder im Schlaf rede und wollte sich auf das andre Ohr legen als
ihn einige Worte aufmerksam machten und immer aufmerksamer Wohl der Welt dass
es finster war und dass keiner die steigende Verzweiflung seines Angesichts
gesehen hat als sie in einem ausführlichen schmerzlichen oft von Schluchzen
unterbrochenen Gespräche ihrem Manne die schwere Schuld die Schuld seines
Freundes des Marchese bekannte und alles wahr machte was ihm in der letzten
Zeit wie leere Traumbilder voller Verstandesverwirrung erschienen Gern hätte er
sich für wahnsinnig in dieser Stunde gehalten aber er fühlte den Bettpfosten
worauf er sich hielt sah die bekannten Fensterritzen durch welche das Licht
sanft einschlich und mehr als alles er hörte sich selber aus ihrem Munde in
dem wahrhaften Dialoge der nur dem Traume und halbverrückten Dichtern eigen
seine eigne Art zu antworten in Stimme und Gefühl das sie nicht nachsprach
sondern was er in sich verschloss aus ihrem Munde heraus schreien er hörte wie
er mitleidig zweifelnd sie zu überreden suche das sei alles nur Täuschung im
Traume von ihr sie aber erinnerte ihn an ein goldnes Halshand aus einer goldnen
elastischen Schlange das sie noch bei seiner Rückkehr getragen ein Geschenk
des Marchese worauf der Unglückstag eingestochen Nun hörte er aus ihrem Munde
wie er raste wie der Tod so schön sicher vor ihm stehe es wurde ihm dabei als
lebte er wirklich ganz in ihr wie er in seinen ersten Worten von ihr in erster
Liebe von ihr gesagt hatte »Ich hauchte meine Seele im ersten Kusse aus« Da
sprach sie aus seinem Munde mitleidiger zu sich er wolle ihr alles vergeben
aber warnend sang sie ihm ein Lied das damals viel gesungen wurde
Mich reut die Schmink der falsche Fleiß
Der mich vom Mann gewendet
Die Sonne schien ich baut aufs Eis
So war ich ganz verblendet
Nun wird es heiß fort zieht das Eis
Und meine goldnen Schlösser
Wie ruft es doch im Fluße leis
Da drunten wär es besser
Und wie sie in das Wasser fällt
So wird sie festgehalten
Der Mann dem sie noch wohlgefällt
Fasst ihres Schleiers Falten
»Lass mir den Schleier halt mich nicht
Lass still mich nunter ziehen
Denn mein verstörtes Angesicht
Das kann von Scham nur blühen«
Der Strom ist stark sein Arm zu schwach
Er will sie doch erfassen
Ihn zieht verlorne Liebe nach
Er wollte sie nicht verlassen
Kaum hörte er das noch und schon stürzte er hinaus auf sein Zimmer legte die
Stirn gegen die Mauer druckte die Augen ein er fühlte sich in einem Gewebe von
Ahndungen die alle wahr geworden dass ihm sein Leben und die Welt zu einem
Chaos verschwamm Geister gingen bei ihm aus und ein sein Hirn war wie der
Blocksberg in der Mainacht Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm
zu weinen ihr Mitleid schmerzte ihn und er schloss die Laden der Fenster Bald
setzte er sich und saß im Finsteren sinnend die ganze Nacht der Unglücklichen
wollte er schonen aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht er hätte
sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben können und wäre es gleich ein
Gesalbter des Herrn gewesen der so nichtswürdig mit dem Glücke seines Lebens
sich einen schönen Abend gemacht Seine Vorstellungen verwirrten sich allmählich
und verwandelten sich er verschloss sich als die ersten Bewegungen im Hause des
Tages gleiche Geschäfte ankündigten die Mägde lachend die Treppe
hinunterstiegen um Feuer zu machen die Bedienten anfingen Kleider
auszuklopfen er hörte das alles wie ehemals in ihm nur war alles aus Häufig
schloss er sich früh ein um zu arbeiten durch eine Klappe die er zu diesem
Behufe eingerichtet wurden ihm Frühstück und angekommene Briefe
hineingeschoben Lässig sah er darüber hin was sich heute durch die Klappe zu
ihm rückte doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel einen Brief zu
eröffnen der an ihn wie alle ihre Briefe gerichtet war Sie erzählte mit
einer heiligen Freude ihr Glück den geliebten Herzog wieder zu besitzen zwar
sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend aber sie hoffe bei
dem ruhigen ländlichen Aufenthalte an ihrer Seite der jetzt das einzige Ziel
seiner Wünsche geworden ihn bald genesen zu sehen Weiter erzählte sie
umständlich dass er von einer Wahrsagerin Arnika Montana gewarnt worden
Sizilien nicht zu verlassen weil ein Unüberwindlicher nach seinem Leben
trachte worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe um sich eine
himmlische zu erflehen Nun da sie ihres Aufenthalts gewiss und von Geschäften
fast über ihre Kräfte angestrengt werde ladete sie zum Schluss ihn und seine
Frau als ihre nächsten Blutsfreunde recht dringend ein sie auf den Trümmern
einer großen alten Welt in einer blühenden neuen zu besuchen insbesondere da
ihr Mann der Herzog unter dem Namen eines Marchese D  ihrer beider Beifall
gehabt wie er ihr erzählt habe auch viele Verbindlichkeiten für die genossene
Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre
    Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf über diese wunderbaren
Nachrichten über die Tiefe der Bosheit über die List durch Übernahme der
Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle möglichen
Entdeckungen zu hemmen aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das
heitre Glück das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin aus
besseren Tagen über ihn den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte und sich so
warm mit der Kälte mischte in der er erstarrt war dass ihm beide Pistolen aus
der Hand fielen die eine die er gegen seinen Beleidiger die andre die er
nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte Es schrie in ihm laut auf um
dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen wer vermag ihr den Mann zu
rauben an dem ihr bescheidnes heiliges Glück wie ihre Seele am Glauben Christi
hängt Diese Erhebung über sich selbst gab ihm einen Plan eine Überlegung eine
Sicherheit die ihm sonst nicht eigen es war ihm als stände er sich selbst wie
ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege den er entweder sprengen oder
abtragen müsse um Aussicht zu gewinnen Wir wissen alles und können als
Vertraute seinen Entschluss in Wahrheit berichten den meisten schien Zufall was
Absicht in ihm gewesen
 
                              Dreizehntes Kapitel
                               Das Königsschiessen
Als er noch so nachsinnend auf und nieder das Zimmer mit heftigen Schritten
durchmass und die Briefe seiner ersten Liebeszeit die er sorgfältig bewahrt
hatte verbrannte da verkündigten draußen drei Kanonenschüsse den Anfang des
großen Königsschiessens Der Graf der ein Freund dieser Belustigung und einer
der sichersten Schützen war erinnerte sich dass alle auf seine Ankunft warten
würden auch die Gräfin die eine Vorliebe für alle männliche Ergötzlichkeiten
hegte hatte versprochen sich späterhin einzufinden Er brachte die beiden
altdeutschen Büchsen die ihm vom Doktor aufgezwungen waren und die übrigen
Schiessgerätschaften nach seiner Gewohnheit selbst zusammen und in Ordnung
klingelte und ließ sich das grüne Schützenkleid geben worin er das grüne
Husarenkleid verwandelt hatte in welchem er seine Frau zuerst erblickt und das
er trotz seiner verschossenen Farbe noch immer sorgsam bewahren ließ Ehe er
noch das Haus verlassen ließ ihm die Gräfin sagen sie würde bald nachkommen
sie habe schlecht geschlafen und sich dadurch in ihrem Anzuge verspätet Sie sah
ihn erst im bunten Gewühle des Schützenplatzes wieder wo an diesem Tage nach
einer Scheibe geschossen wurde deren Mitte ein brennendes Herz bezeichnete
Witzige Köpfe wollen bemerkt haben dass der alte Schütze Amor bei solchen
Königsschiessen häufiger und sicherer treffe als die jungen Schützen in ihren
neuen steifen Uniformen in denen noch die Tuchlagen nicht ausgetragen fast
sollte man jenes wenigstens aus dem Drängen der Menge aus dem Gekreisch der
Mägde schließen aus den einzelnen Paaren die weit in das Getreide abirren aus
dem steten Durste der an tausend Krügen klappt denn die Liebe macht durstig
und tapfer und daher schließt sich auch gewöhnlich das Fest mit einigen
Raufereien Gewiss ists der uralte Trommelschläger in der uralten Bortenmontur
hatte an dem Tage wenig zu trommeln einige Ehrenschüsse von gelehrten
Magistratspersonen fielen sogar in das Hausdach des Bezeichners wahrscheinlich
weil sie aus einem Versehen das den Gelehrten und Regierungen eigen ihm die
Schuld des Nichttreffens aller ihrer wohltätigen Gedanken zuschrieben und ihn
warnend an seine Schuldigkeit erinnern wollten Ein alter Invalide im roten
Rocke der wie ein dünner Kometenschweif drohend an dem hellen Sterne der
blanken Zinnbude hing schüttelte mit dem Kopfe dabei drehte sein Glücksrad und
rief »Auf gut Glück« Die Würfel klapperten und die am längsten sich
zurückgehalten waren nun am hitzigsten darauf Seht da ein Knabe gewann einen
großen Grenadier von Pfefferkuchen der auch in einem Augenblicke von drei
andern zerrissen war Mitten durch den Zank drangen andre mit bunten Fahnen wie
frische Truppen und die Waldteufel brummten wie das schwere Geschütz Den
ganzen streitigen Haufen trieb ein Polizeidiener als Schlachtengott mit wenigen
Ohrfeigen aus einander es endete heute doch gar nichts lustig  Es wurde
später und die Musik und die Tabakswolken zogen in die oberen Säle des
Schiesshauses die Leute waren es müde den schlechten Schützen zuzusehen  Der
Graf hatte sich den letzten Schuss ausgemacht er tat den besten das Herz war in
der innersten Mitte durchgebohrt der Bezeichner warf seinen Hut in die Luft und
sich auf die Kniee der Trommelschläger wirbelte die Scheibe wurde von den
Kronbedienten beschaut sie gaben den Kanonieren das Zeichen alles Volk drängte
sich herbei und jubelte der Graf wurde gekrönt und für den Augenblick war er
wirklich der anerkannteste König der ganzen Welt Nachdem er die Krone abgelegt
und den Ehrentrunk getan hatte trat er zu seiner Frau die ihren Beifall in
ihrer Art zu erkennen gab indem sie ihm trotzig versicherte »Hätte ich
mitschiessen dürfen du wärst sicher nicht König geworden aber so lasst ihr
Herren uns nicht dazu«  Der Graf antwortete neckend »Ich glaube du hast
nicht den Mut ein Gewehr loszudrücken wenn es auch nicht geladen«  »Das
möchte ich versuchen« sagte sie ganz keck  »Du hast noch keine altdeutsche
Büchse abgedrückt« sagte er  Er nahm seine zweite Büchse die dort liegen
geblieben ungebraucht spannte den Hahn stach sie und gab sie seiner Frau zum
Losdrücken in die Hände während er vorne die Schwere der Büchse mit Hand und
Brust unterstützte Lachend hielt er die Büchse lachend drückte sie ab
krachend blitzte der Schuss auf dass ihr das Gewehr zur Erde entsank der Graf
stürzte zu Boden Im ersten Augenblick war es nur der Schreck des Knalles der
sie und die Umstehenden betäubt hatte als sie aber den Grafen in seinem Blute
erblickte stürzte sie nieder und wurde sinnlos nach Hause getragen
 
                                Vierte Abteilung
                                      Busse
                                  Erstes Kapitel
                         Des Grafen Genesung Wallfahrt
Wenn ein heiterer Erzähler zur Unterhaltung seiner Zuhörer schauerliche
Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht indem er alle dem
Tode opfert mit deren Fortleben er nichts anzufangen weiß so übt er zwar darin
das Recht der Zeit die ihre Welt welche sie geboren zu höherer Umwandlung
wieder vernichtet aber nicht ihre mütterliche Liebe und nie erreicht er ihren
hohen Sinn mit welchem die wahren Begebenheiten die meisten Dichtungen
überragen Der kühne Mensch in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat
ist oft jenem leichtsinnigen Erzähler im eigenen Leben gleich er entzückt sich
mit einem Gedanken und verliert sich daran vergebens warnt ihn seine gute
Mutter die Zeit dass er sich selbst nicht gehöre sondern ihr so lange er noch
unmündig sei Der Kühne möchte sich und ihr voreilen und sie muss ihn gehen
lassen mit abgewendetem Gesichte auf dem eigenen Wege leider fällt er bald und
kann sich nicht helfen und jammert noch gibt sie ihn nicht auf sie steht ihm
bei und betrachtet ernst ob ihn die Reue noch bessern könne da es die Liebe
nicht vermochte Gewiss die reuige Busse kann viel sie ist die wirksamste Kraft
in den großen Begebenheiten wie in den kleineren des häuslichen Kreises ihre
Wiedererzeugung bald unbewusst hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten
der Zeitalter geheilt so verschieden sie immer erscheinen mochte Bald war die
Busse ein zerknirschendes Betrachten ein Selbstquälen bald ein tätiges
Vernichten des eignen falschen Strebens in einem Handeln nach entgegengesetzter
Richtung keine Busse darf die andre verachten jene scheint mehr der geistigen
Sünde geeignet diese geziemt der tätigen ausgeführten Lastertat Die eine Busse
ist die höchste Kraft und Auszeichnung des Menschen Die Natur hat es ihm
versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu ergänzen aber sie gab
ihm dafür diese Kraft geistiger Wiederergänzung und selbst die Tiere wie sie
sich ihm nähern verlieren jene Eigenschaft ihres Körpers um dieser geistigen
sich zu nähern die vom Menschen gezähmten mächtigsten Tiere wünschen und
erfreuen sich der Busse wo sie ein Unrecht getan sie wissen es weder schön noch
gut noch heilig zu machen sie wollen Strafe Auch der Mensch unterziehe sich
willig der Strafe wo die Busse ihn nicht ganz erneuen kann die Strafe ist die
Ergänzung der Busse
    Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam
ergriffen als die Gräfin doch waren die meisten allzusehr in ihren trägen
Betrachtungen gestört um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich Hilfe zu
leisten vielmehr verdarb die Menge der durch Türen und Fenster eindringenden
Menschen die Luft so schnell dass der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte
mit seinem Sohne den blutigen Körper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen
Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug ihn dem leeren Mitleid und
der widrigen Neugierde zu entziehen Hier konnte ihm der Stadtwundarzt der auch
Mitglied der Schützengilde war ungestört die Kleider öffnen und die Wunde
untersuchen Gegen seine Erwartung fand er dass die Kugel an einer Ribbe die
sie streifend zerschlagen abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe
auch fanden jetzt die Schützen die Kugel in der Wand des Schiesssaales
eingeschlagen welches im ersten Schrecken übersehen worden die weibliche
Furchtsamkeit der Gräfin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrücken den Lauf von
der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet Sobald diese
gebrochene Ribbe ausgebogen und einige Stärkungsmittel ihm eingeflößt waren
atmete der Graf wieder auf er dachte in einem anderen Leben und sah sich
wieder in dem verhassten bekannten Kreise in demselben Leben das ihm schon
unerträglich gewesen noch mit der Last einer schweren Wunde auf das
Krankenlager gestreckt Der Wundarzt wollte es nicht wagen ihn noch den Abend
nach dem Schloss bringen zu lassen und so musste er über sich den
ununterbrochenem Jubel der tanzenden Menge hören die gleich befriedigt als er
am Leben gefunden seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwärmte Die
Nachricht von seinem Leben von der wahrscheinlichen Gefahrenlosigkeit seiner
Wunde gab der Gräfin das Leben wieder erschöpft wie sie war ließ sie es doch
nicht zu ihm zu eilen und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen die nur Liebe
gewähren kann Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem
bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein Dieser letzten
Gemütserschütterung schien es zu bedürfen die eitle Hülle die sie lange gegen
ihn verschlossen ganz zu durchbrechen hörte sie doch die ungeheuchelte
Anhänglichkeit aller Diener an ihn so wahr so unverstellt Nicht seine
dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen wenige
Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu genügen Sie scheute keinen
beschwerlichen Dienst selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen
Seite lernte sie ertragen  noch wusste sie nicht dass ihre Schuld ihm diese
Wunde geschlagen aber schon die bloße zufällige Ursache derselben gewesen zu
sein war ihr unerträglich Die dauerhafte Gesundheit des Grafen füllte den
wilden Riss in seinem schön vollendeten Bau schneller als der Wundarzt
erwartete wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf
sein Schloss getragen werden hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau
Mühsam versteckte sie ihm den fürchterlichen Eindruck den Abscheu gegen den
Herzog der mit so überlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt
und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte wäre der Graf nicht
krank gewesen sie hätte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufenthalt in
abgeschiedner Gegend von ihm erfleht
    Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne Wirkung vorüber
gegangen die Pflege seines Körpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren
Bau dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt wie die Schmerzen mit den
Stunden kamen und dem Einflusse ferner Kräuter wichen Es war ihm als hätte er
eine ungeheure Schandtat getan und frevelnd um eine Schickung Gottes
abzulenken statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen dieses heilige Werk
Gottes sein Ebenbild zerstört In der Fieberhitze glaubte er sich der
schändliche Judas der sich selbst umgebracht nachdem er den Herren verraten
und der Wundarzt konnte nicht begreifen wie sein Zustand sich wieder so
plötzlich verschlimmerte besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle von
dem er immer spreche Auch diesen Kampf überstand er er trug zwar noch einen
Verband und durfte nicht von seinem Lager aber er war schon so gut wie
hergestellt da saß seine Frau am Bette als er einen Brief erhielt den er
rasch öffnete und nachdenklich las er schwieg den ganzen übrigen Tag Die
Gräfin vor sich selbst neben ihm sinnend befestigte sich immer mehr in dem
Entschlusse ihm ihre Schuld ganz zu bekennen sie glaubte ihn jetzt stark
genug diesen Schmerz zu ertragen Nach einigen Schaudern warf sie sich
plötzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder verhüllte ihr Gesicht und
schluchzte »Ach weh mir armen Sünderin es schnürt mir den Hals zu ich kann
nicht sprechen«  »Was ist dir« fragte der Graf erschrocken  »Tue mit mir
wie du willst« schluchzte sie »ich habe mich schwer an dir versündigt« weiter
konnte sie nichts vorbringen Der Graf fuhr mit einer Hand über ihre Wangen und
bemühte sich an einem Arme sie aufzurichten aber vergebens endlich sagte er
ihr gefasst »Hör mich wenigstens jetzt an bemühe dich mich zu hören Auch ich
habe dir zu beichten was du gesündigt weiß ich was ich getan sollst du
hören Du hast die Treue gegen mich gebrochen ich wollte dich zu meiner
Mörderin machen es war kein Zufall dass meine Büchse geladen war Gott weiß es
allein und ich es sollte meine Rache sein dass ich durch dich so wie für meine
Ehre gestorben ich dachte verblendet mir etwas Großes darin und der Frevel
verbarg sich meinem Verstande Des Himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen
abgeleitet aber stark angeklopft dass es sich bessere der Herr vergibt mir
meine Schuld wie ich vergebe meinen Schuldnern tue desgleichen Nicht unsre
Rache aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen der den
Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden
Lies diesen Brief deiner Schwester welch ein frommes Glück ihr der Verruchte
gestattet in ihrer Nähe wird alles gut  wir dürfen diese Ruhe nicht stören
Nur eins fehlt ihrem Glücke Kinder sieh du bekommst ein Kind das uns zum
Fluch geworden wäre lass es ihr Segen sein sie fleht mich an ich hatte ihr
deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkündet sie fleht um
eins meiner Kinder dass sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung
schenke  lass dieses Kind das noch unter deinem Herzen sich regt zu seinem
rechten Vater kehren deine Schwester wird es schützen gegen ihn Wir aber
wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben das fordert dein guter
Name  wir wollen zusammen leben als trennten verschiedene Zeitalter unsre
Liebe oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes in Freundschaft in
gegenseitigen Wohltaten und Diensten  ohne Reue so vergnügt es sein kann Uns
ist viel Gnade geschehen wachen wir über uns«
    Nach diesen Worten die er langsam ausgesprochen hatte sich die Gräfin
ihrer niederdrückenden Beschämung ermeistert dass sie seine Hand küssen und
vernehmlich sagen konnte »Du bist allzu großmütig du edles Herz das ich
leichtsinnig verspielet selbst deine Großmut rechnest du dir als Schuld an wie
soll ich vor Gott bestehen lass mich einsam in einem Kloster meine Schuld büßen
vielleicht können die Jahre uns wieder ausgleichen Gott vergebe dem Herzoge
ich kann ihm nicht vergeben vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in
Reue«  Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer der Graf stand gegen
das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf aber er fühlte einen großen Schmerz
er klingelte und der alte Bediente kam  »Hör« sagte er »geh zu meiner Frau
sei nicht neugierig sei verschwiegen vielleicht erfährst du einmal alles
jetzt hüte sie vor Unglück ermahne sie zu allem Guten du hast ihr Zutrauen«
    Der Alte wusste nicht was er sagen sollte doch meinte er dass schon lange
nicht alles gewesen wie es sein sollte Er ging zu seiner gnädigen Frau musste
aber vor der Türe warten sie hatte sich eingeschlossen Nach einigen Minuten
gab sie ihm einen Brief heraus an ihren Mann und so mehrere bis zum Abend 
Briefe so zerreissend jammervoll wie kein Schuldloser sie schreiben kann der
Graf antwortete ihr ernst aber trostreich Den folgenden Tag war sie so
ermattet dass sie im Bette blieb aber den Alten zu sich hereinrief sie war
sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen er war es von Jugend an gewohnt
jetzt kränkte es ihn tief seine Gräfin so in sich zerknirscht zu finden dass
sie ihm wie einem Gerechten dessen Urteil sie fürchtete lange Entschuldigungen
vorausmachte Sie konnte es nicht lassen ihm ihre Geschichte unter vielen
Tränen zu erzählen sie musste einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit
war sie völlig gewiss Der Alte ärgerte sich innerlich dass er alles das mit
seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert er tröstete sie nach seiner
Art recht gut Am Schluße ihrer Beichte sagte sie »Ist Gott gerecht dass er
dem frommen Manne meinem Grafen ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner
frommen Schwester einen so lasterhaften Mann«  »Liebe gnädige Frau wer so
gefehlt hat soll Gott nicht verurteilen mir fällt eine alte Erzählung bei
diesem Vorfalle ein die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt
wenigstens vertreibt sie Ihnen die böse Zeit  Als unser Herr Christus mit
Petrus noch auf Erden wandelte kam er einst an eine Wegscheide da wussten alle
beide nicht welches ihre Straße denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis
Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein
damit ihn die Menschen verstehen könnten Nun stand aber ein Baum allda unter
dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt Der Herr fragte ihn
freundlich nach dem Wege gen Jericho der träge Bauer antwortete ihm aber kein
Wort sondern stopfte sich das Maul immer voller und aß fort als stände niemand
vor ihm Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen
Weltgegenden hinausgesehen hatten da kam eine Magd gelaufen von weiter die
Sichel in der Hand die Schürze halb voll von Gras die hatte ihre
Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt und fragte wohin sie gedächten und geleitete
sie weit hinaus auf den rechten Weg von dem sie abgeirret waren dann lief sie
eilig zurück nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld und hörte
nicht einmal auf ihren Dank Da sprach Petrus Meister die Guttat zu belohnen
musst du ihr einen wackeren Mann bescheren Da sprach der Herr Der faule Knecht
der dort im Schatten saß und zu träge zum Sprechen war der wird ihr Mann Und
als sich Petrus darüber verwunderte sprach unser Herr weiter Der Mann würde
gänzlich verderben ohne eine fromme gute Frau die Frau aber würde sich zu viel
einbilden auf ihren Fleiß auf ihr Geschick denn Eitelkeit tritt der Tugend in
die Fußstapfen also schließt Gott ungleiche Ehen auf dass eines helfe des
andern Bürde tragen und also sie beide bleiben in Ehren«
    Diese Erzählung die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt
hatte schien die Gräfin ernstlich zu beruhigen Als ihr Mann nach ein paar
Stunden sich zu ihr hatte führen lassen erklärte sie ihm mit festerer Stimme
sie habe keinen eignen Willen mehr sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz er
möge ihr gebieten Vergebens suchte er sie zu stärken sie war innerlich in sich
wie gebrochen und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf Oft wünschte er sich
tot um diesem zwangvollen Verhältnisse entnommen zu sein denn selbst seinen
Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen aber das Leben hört
selten auf unsre Bitten nur gewaltsam lässt es sich regieren hemmen und
erwecken und wem ist dazu ein Recht gegeben Bald genas er völlig und
durchstrich wieder dieses Schloss diesen Garten wo jede Stelle mit seinem
Glücke mit seinem Unglücke bezeichnet war und alles das musste er verschweigen
Wem solch ein Verhältnis nie begegnet der hat es doch sicher in unsrer Zeit
allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt dass Leute aus
Rücksichten gerade von allem dem womit ihre Seele einzig beschäftigt kein
Wort sprechen durften so ungefähr saßen der Graf und die Gräfin häufig einander
gegenüber und blickten seitwärts um einander nicht abzusehen was sie einander
nicht sagen mochten Sein Wunsch wäre eine Reise gewesen weit in die Fremde
aber seine Frau ließ sich nicht gerne sehen jeder Besuch war ihr eine Qual sie
vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben Wunderbar wie
viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder die mit Jubel in der Welt aufgenommen
sein würden gehen in einem geringen zufälligen Schrecken unter und dieses
fluchbelastete Kind das auf einem Tränenstrome in die Welt schwimmen sollte
hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten Ein neuer Brief
von Klelien drückte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus sie schrieb so
rührend von ihrem Glücke von ihrem Manne der ihr der Brennpunkt aller
Tugenden aller Frömmigkeiten war und nun sah sie mit großem Bedauern rings um
sich wie so alles was der Herzog und sie auf den Gütern schaffe einst in
fremder Hand wieder untergehen werde da der Lieblingswunsch ihres Mannes
unerfüllt bleibe dass sie ihm Kinder schenke Sie fragte sich um welcher Sünde
willen Gott ihren Leib verschlossen ja sie wünschte sich den Tod um ihrem
Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewähren zu lassen  Diese
Frömmigkeit des Herzogs die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint
täten wir unrecht ganz zu bezweifeln auch die Anlage zur Frömmigkeit war in
ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt aber freilich nicht lange
die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores die er bei ihr las hatten ihn
damals zu ihr hingezogen seitdem bemächtigte sich seiner eine abergläubische
Furcht er hatte die Laster überlebt jetzt war es nicht bloß Sinn für
Frömmigkeit die ihn an die Wallfahrtsörter Siziliens zu allen Geistlichen
trieb er schwindelte in die Frömmigkeit hinein die seiner Frau eigen es war
ihm ein neuer Reiz den er aber immer neu steigern musste die Religion ward ihm
eine neue Art Opium seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern
konnte So lebte der Sünder wahrlich nicht unglücklicher als der Graf den wir
doch zu den Bessern rechnen müssen die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung
und das Laster endigt früher und geht unter während die dauernde Tugend mit
allen Hindernissen ihrer Entwickelung kämpft Das unnatürliche Verhältnis des
Grafen zu seiner Frau das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war musste
sein Inneres ausleeren es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal
die Freiheit sich nach anderen Richtungen auszubreiten seine Geschäfte die er
sonst mit Lust getrieben kosteten ihm unsäglich viel Mühe und Überwindung er
suchte sich Liebhabereien anzugewöhnen um dadurch beschäftigt zu sein schaffte
kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel wollte ein Buch über Staatskunst
schreiben das er lange entworfen und wusste nicht was er schreiben sollte mit
dem Glücke waren ihm alle Gedanken verschwunden Als er einmal so in seinem
Zimmer umhergeschwankt sich hundert Federn geschnitten und mit keiner
geschrieben hundert Bücher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte da fand
er sich so verwirrt so öde so matt und krank dass er beten wollte und nicht
zusammenhängend sprechen konnte keine Träne wollte ihn erquicken Draußen tobte
ein Marktgewühl auf der Straße in ihm war alles so stille er setzte sich
nieder und schrieb »Erkenne Herr der du die Welt gefüllt hast diese Leere
meines Herzens diese Leere meiner Gedanken befreie mich von Qual und Angst
nirgends halte ich mich nichts hält mich ich schwanke und muss vergehen stärke
mich Herr wo ich mich suche da finde ich mich nicht wo ich dich suche Herr
da fühle ich nichts mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht
vergessen mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir
ein Schrecken Ich fühle mich dass ich nie so traurig war wie in diesem
Augenblicke was mich betrübt ist keine Tat kein Gedanke kein Wort vergebens
bemühe ich mich es zu sagen was ich gedacht versteckt sich mir was ich
gefühlt ist mir verloren ich muss alles ewig von vorne beginnen ich kann nicht
schwärmen mit den Fröhlichen nicht tätig sein mit den Tätigen nicht ruhen mit
den Trägen das Überflüssige zu tun verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir
der Mut was mich anregt ist eine schmerzliche Spannung meist lähmt mich eine
klägliche Erschlaffung noch denke ich dass ich ein Zutrauen zu dir habe Herr
aber ich fühle nicht deine belebende Kraft«  In diesem Augenblicke erweckten
ihn die Glocken der Kirche er gedachte wie viel er seit früh an Gott gehangen
und wie ihm doch alles Glück verloren es wurde ihm in tiefster Seele als gebe
es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt als sei alles vergebens »Da
läuft« sagte er vor sich »das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle
Ewigkeit und meint darin etwas Gutes zu tun es ist doch alles vergebens und
umsonst auch ich will einmal mitlaufen will auch einmal beichten will doch
sehen was mir die Dummheit raten wird die dort an Gottes Stelle sitzt«
    Wir werden es häufig bemerken in unsrer Zeit dass Menschen der gebildeten
Stände die sich lange sehr religiös glauben doch eigentlich die Religion nur
als ein Gedachtes als ein Nachdenken über die Welt bewahren nicht als ein
Notwendiges Eingebornes Anerzognes nicht als einen Glauben es gab für die
meisten eine Zeit wo sie viel dachten und der Religion vergaßen ihr
Spekulieren über Religion hält selten gegen die Not und gegen das Glück aus
beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung ihren eigentlichen Glauben In
einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche er sah mit
Verachtung wie die Menschen so demütig aus den Beichtstühlen heraustraten doch
setzte er sich selbst müde in einen derselben der im trüben Dunkel einer
Kapelle stand und wartete bis der Geistliche der nach der andern Seite eine
Beichte hörte das Ohr nach seiner Seite legen würde Er hatte sich erst
vorgenommen seine Sünde den Versuch sich selbst zu ermorden oder vielmehr sich
ermorden zu lassen nur ganz allgemein anzudeuten so dass der Geistliche doch
keinesweges ihn gleich erraten könnte Wie sich dieser zu ihm wendete sah er
auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten aus deren
betränten Augen auch sein Schmerz floss erst schien es ihm Dolores dann glaubte
er sicher sie wäre es nicht gewesen Bei diesem Anblicke wurde ihm der
Beichtstuhl ganz vertraulich er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig wie
ein Verstorbener und der Beichtvater der beider Verhältnis zu durchschauen
schien gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf Nichts auf der
Welt war seiner Stimmung so angemessen gleich tat er dem Geistlichen der Pater
Martin hieß den Vorschlag mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern er
verspreche ihm reichliche Belohnung Pater Martin willigte fröhlich ein er
sagte dass er schon lange seinem Bruder der dort mit wenigen im Kloster
zurückgeblieben einen Wein zu kosten versprochen habe Der Graf schickte nach
Hause und ließ melden dass er ein paar Tage ausbleibe und so machte er sich mit
dem Geistlichen auf den Weg den er eben so furchtsam und verlegen betrat wie
er sonst keck darauf einher geschritten Die Unterhaltung mit dem einfältigen
Pater Martin war ihm bald quälend er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete
so vor sich hin aber allmählich ward ihm wohl in der einförmigen Wortfolge bei
der er bald an nichts dachte als was Anfang und Ende sei ganze Züge von
Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein das Gleichmässige trug
ihn Bald fühlte er wie einfach das Menschenherz bei jeder Wiederkehr des
Gebetes ward es ihm immer heiliger rührender sein Auge blickte umher nach der
untergehenden Sonne und so kam er heiter in einem Wirtshause an das einsam
zwischen großen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete Die größere
Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus um für Speise und Trank nach Lust und
Geld zu sorgen Wallfahrten sind die Badereisen der Ärmeren sie arbeiten halbe
Jahre um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und übersinnlichem Genuße sich
zu erfrischen Der Graf war wenig geneigt zu beidem er blieb vor der Türe
sitzen Bruder Martin musste zwar aus Höflichkeit bei ihm bleiben aber er
bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustüre einen Becher
Wein Nicht lange so erschien mit einem zinnernen Becher der voll Wein ein
großes schlankes aber sehr ernstes Mädchen ob es der Sternenschein war der
ihre Backen bleichte dem Grafen schien sie ungemein blass Bruder Martin mochte
auch diese Blässe bemerken und sie schminken wollen er umfasste sie und hätte
sie in allen Ehren geküsst wenn ihr nicht sträubend der Becher mit dem Weine
entfallen wäre Das war kein Spaß er ließ sie los und sah traurig in den leeren
Becher in dessen Neige sich die Sterne spiegelten Der Graf hatte sich in der
Stille ganz in ihn hinein gelebt und fand darin einen besonderen Trost der
eigenen Leiden dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurück dass
er in der Seele seines Begleiters dichtete
                        Ein Trinklied beim Sternenklang
Liebe Hand dich darf ich drücken
Bringst mir einen Becher Wein
Und die holden Sterne blicken
In den Becher froh hinein
Zweifelnd bin ich im Entzücken
Trink ich erst den duftgen Wein
Soll ein Kuss mich erst beglücken
Beides beides ist nun mein
Ratet mir treulich liebliche Sterne
Grüße euch alle nahe und ferne
Fliehst du schon vor meinem Blicke
Und verschüttest meinen Wein
Führt mein Ruf dich nicht zurücke
Ach so bist du doch nicht mein
Heisse Liebe deine Tücke
Lässt mich schmerzlich hier allein
Als ich meinem stillen Glücke
Wollte froh entgegen schrein
Feurige Zungen sind da erklungen
Aber mein Liebchen ist mir entsprungen
Wandelt weiter kalte Sterne
Spiegelnd im vergossnen Wein
Suchet ihr doch stets die Ferne
Nah und ferne nichts ist mein
Nur der Tropfen den ich hege
Löset meines Herzens Klang
Schweigend geht ihr eure Wege
Euren stillen gleichen Gang
Als ich noch hoffte seid ihr erklungen
Jetzt wie so stille feurige Zungen
Allmählich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst übergegangen er
wurde sehr traurig und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen als der
Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt ein ehrwürdiger Greis
mit weißen Haaren sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte  »Herr Ihr seid nicht
recht vergnügt wie die andern« sagte der Alte »Ihr habt aber noch lange zeit
vergnügt zu werden ich aber bin traurig und alt und werde wohl nie wieder
lustig«  »Habt Ihr Schaden gelitten in Eurer Wirtschaft« fragte der Graf 
»Nicht so eigentlich« antwortete jener »mein Vermögen ist nicht groß aber ich
habe mehr als ich brauche und doch bin ich ganz arm  seit ich meine Tochter
verloren«  Graf »Ist sie schon lange tot«  Wirt »Sie lebt noch Ihr habt
sie auch wohl vorher gesehen aber sie scheidet so ab sie ist schändlich
betrogen worden es ist eine traurige Geschichte und Ihr werdet sie schon noch
erfahren Seht nur da drüben den Nachbar Walter der da seine Schafe in die
Hürde treibt dem war sie bestimmt ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit
den Schafen seines Vaters zusammen getrieben und dachte gewiss unsre Kinder
würden sich heiraten Es hat nicht sein sollen«  Bei diesen Worten führte er
den Grafen in ein Oberzimmer das er für ihn und für den Geistlichen abgesondert
eingerichtet hatte und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung Die schöne
blasse Hippolita trat sehr beschämt ein aber der Graf machte ihr Mut er fragte
nicht nach ihren Begebenheiten und sprach ihr doch trostreich zu sie eilte so
viel das übrige Geschäft im Hause erlaubte in das Zimmer zurück Der Geistliche
hatte bald durch Nachfrage bei den Gästen ausgemittelt was es eigentlich mit
diesem Mädchen für eine Bewandtnis habe Ein Oberst der dort im Quartier
gelegen hatte während der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche
mit ihr trauen lassen war den Morgen nach der Hochzeit ohne ihr davon zu
sagen abgereist und hatte die Nachricht zurückgelassen dass er in seinem Lande
schon verheiratet sei diese zweite Ehe also ungültig werde Ihr Kind war in der
Geburt gestorben In der ganzen Gegend der sie sonst als ein stolzes Muster
bekannt gewesen wurde sie seitdem verachtet und verspottet Dem Grafen tat
diese Erzählung um so weher je weniger er irgend einen guten Ausweg für das
arme Kind entdecken konnte doch war ihm zu Mute als gehöre sie durch ihr
Unglück zu seiner eigenen Familie Sehr früh machte er sich den folgenden Morgen
auf doch war das Mädchen schon auf und brachte das Frühstück der Graf bot ihr
ein ansehnliches Geschenk aber sie schlug es aus Nach einem herzlichen
Abschiede von Vater und Tochter eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft
und bemerkte erst nach einer Viertelstunde dass er den ihm vom Pater übergebenen
Rosenkranz vergessen hatte Der Rosenkranz war aus Loreto und der Pater
untröstlich gleich eilte der Graf zurück sprang ins Haus nach seiner Kammer
und war sehr verwundert darin singen zu hören Es war die Tochter er horchte
sie sang ihr Unglück er trat ein fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand und
beredete sie mit ihm nach der wundertätigen Mutter Gottes zu wandern was auch
ihrem Vater sehr lieb war Der Pater war hoch erfreut als er den Grafen mit der
schönen Tochter und mit dem Rosenkranze zurückkehren sah er betete eifrig auf
dem Wege die Pilgerin stimmte ein und der Graf folgte Der lange Weg war ihnen
unbemerkt geschwunden als die heiligen Bilder die Nähe des Wallfahrtortes
bezeichneten bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel das rings um
der alten Kirche wogte wo man Kerzen einkaufte und in die weihrauchduftende
hellerleuchtete Kirche trug Hippolitens Schönheit wirkte da so mächtig dass ihr
jeder Platz machte als sie nach dem Chore aufstieg wo sie als Sängerin ihre
Stelle verdiente Sie sang wunderschön alle sahen auf sie ein paar schöne
Knaben hielten ihr die Noten ein paar andere bekränzten sie mit Rosen und
blauen Trauben ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidenen Bande es war
ein sehr schöner Anblick wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen
Gegenden ganz gewöhnlich sind Der Graf selbst beschrieb diese Verehrung und
öffentliche Beruhigung die sie nach so mancher unverdienten Beschimpfung hier
erhielt in den folgenden leichten Versen
                                   Hippolita
SIE singt in der Kammer
Nur einen Tag mir dauert
Der Ehrenblume Pracht
Das hab ich lang betrauert
Sie haben mich verlacht
Warum so kurz die Freude
Warum so lang das Leid
Bei meinem Hochzeitkleide
Liegt jetzt mein Trauerkleid
Hier war ein herrlich Wesen
Von Reitern schön und kühn
Und der mich hat erlesen
Vor allen täte ziehen
Sie folgten ihm doch alle
Wenn er vor ihnen ritt
Bei dem Trompetenschalle
Lief auch mein Blut so mit
Ich fuhr in hohem Wagen
Mein Herr der führte ihn
Die Rappen wiehernd jagten
So hell die Sonne schien
Ich sah noch fern die Hütte
Zum Himmel stieg ihr Rauch
Aus ihrer stillen Mitte
Ich zog verflog nun auch
Die Kirche frisch gestreuet
Mit buntem krausen Sand
Vom leisen Tritte schreiet
Ich reiche ihm die Hand
»Nicht Mutter weint gebeuget
Der Ring ist golden ganz«
Doch sie den Goldschaum zeigt
Auf manchem Sterbekranz
Der Priester trat zurücke
Mein Mann mich hielt so lieb
Mich grüßten alle Blicke
Das Blut zur Wange trieb
Mein Glück wer kann es fassen
Es fasste mich so fest
Und hat mich doch verlassen
Mich so verlassen lässt
Ich träumte keine Sorgen
Mein Aug der Sonne lacht
Wo bliebst du Lieber im Morgen
Eh ich noch war erwacht
Wo bliebst du Lieber im Morgen
Es hat dich keiner gesehen
Mein Kind blieb mir verborgen
Ich sah es nicht in den Wehn
Ich sitze zwischen Seen
In meiner Eltern Haus
Muss dienen und muss gehen
Mit Pilgern ein und aus
Viel Knaben Mitleid haben
Mit meiner Traurigkeit
Ihr Trost könnt mich wohl laben
Ach blieben sie nur heut
Muss selber ihnen reichen
Den Pilgerstab und Hut
Die Hand ich möchte reichen
Dem der so traurig tut
Doch könnte er wohl meinen
Ich liebte ihn wohl gar
So aber muss ich weinen
Das ganze ganze Jahr
                                   Ein Pilger
Die Pilgersleut vergaßen
Den Rosenkranz im Haus
Sie kamen wieder saßen
Bei diesem Ohrenschmaus
So schön sie hörten singen
Der Wirtin Töchterlein
Ganz heimlich zu ihr gingen
Wohl in das Kämmerlein
Sie gaben ihr die Hände
Und nahmen sie auch mit
Dass sie zur Wallfahrt wende
Den hohen edelen Schritt
Zu jenen heilgen Gipfeln
Die Gottes Lieb erbaut
Wo in der Bäume Wipfeln
Ihr Schmerzensbilder schaut
Da fand sie leer ihr Leiden
Sie fand ihr Herz so voll
Sang da zu aller Freuden
Dass hoch die Kirch erscholl
Viel Knaben knieten nieder
Die Noten halten ihr
Sie dienen ihr wie Brüder
Und wie die Engel schier
Darum viel Pilger glauben
Cäcilien zu sehen
Mit Ros und blauen Trauben
Sie da umwinden schön
Ein Lämmlein zu ihr führen
An einem roten Band
Mit hohen Kerzen zieren
Der Kirche dunkle Wand
Da fühlet sie ein Wehen
Die Taube fliegt zu ihr
Mit tiefster Ehrfurcht sehen
Die Lästrer auf zu ihr
Mit hellen Blicken schauet
Der Mutter Gottes Bild
Wer sich ihr ganz vertrauet
Dem zeigt sie sich mild
Der Graf konnte wohl den milden Blick dieses Gnadenbildes rühmen auch er hatte
ihn erfahren eine grüne Insel stieg ihm empor aus dem schwarzen Meere das ihn
umwogte er glaubte ein ganz vertrautes Herz gefunden zu haben die Gedanken
schwanden ihm Sein Begleiter war längst zu seinem Bruder gegangen hatte sich
der guten Klosterkost erfreut die Zeit beseufzt und die heiligen Bilder
austeilen helfen der Graf aber ging aus einer Kapelle in die andere jede
schien ihm so wohnlich für den jetzigen Zustand seines Herzens Es wurde dunkler
und die bunten Glasfenster brannten nur noch in wenigen Strahlen die auf ein
Bild der heiligen Maria Magdalena fielen wie sie die Perlenschnüre zerreißt
und ihre Tränen immer neue Perlen um sie säen Er trat hinzu und berührte mit
seinem Fuße einen Menschen den er nicht bemerkt hatte er bat sanft um
Entschuldigung Es war eine Frau die ausgestreckt vor dem Bilde lag aber da
sie unbeweglich liegen blieb auch kein Atemzug zu hören war die ungewöhnliche
Lage ihn auch etwas besorgt machte so beschaute er sie näher sie schien tot
oder ohnmächtig er hob sie mit Mühe empor in einen Betstuhl und derselbe
Strahl der ihm vorher die büssende Magdalena beschienen zeigte ihm jetzt die
geliebte Dolores tot oder ohnmächtig  Bleibt der Atem lange ewig aus  Ihre
Schuld war ihm bei diesem schmerzlichen Zweifel so ganz verschwunden
verschwunden die traurige Zeit so still lag sie in seinen Armen wie in seinem
ersten Glücke Taumelnd in Überraschung und Verzweiflung trug er sie nach dem
Weihkessel und besprengte sie mit dem geheiligten Wasser und wie die ersten
tropfen ihre Schläfe benetzten da regte sich ihr Haupt sie schlug die Augen
auf aber sie erkannte ihn nicht Wiederum fielen ihr die Augen zu aber ein
neuer segnender Regen erschloss sie wieder sie blickte um sich und erkannte den
Grafen der sie jetzt mit Küssen bedeckte  die ersten seit jener furchtbaren
Nacht Kaum konnte sie begreifen wo sie sei was ihr geschehen aber in seinen
Liebkosungen in seinen Tränen überkam ihr wieder Besinnung und Erinnerung
»Ach wir Unglücklichen« seufzte sie aus tiefem Herzen Allmählich entlockte
ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen auch sie hatte bei dem
Pater Martin gebeichtet auch ihr hatte er zur Busse eine Wallfahrt anbefohlen
und sie des Gehens ungewohnt beschwert von ihrem Zustande hatte sich in der
Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht ihre Kräfte waren ganz erschöpft
als sie die Kirche erreicht in deren kühlem Schoße sie das Bewusstsein ihrer
Leiden verloren hatte Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt und er dachte
nur an ihre strenge Busse an ihre schmerzliche Reue die tiefe Berührung mit
einer höheren Welt die Tausende an sich zieht die hier alle von einander
getrennt sind hob die harte Eisrinde unter welcher der Strom ihrer Gefühle
noch schmachtete nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend selbst nicht in
der glücklichen Zeit wie an diesem Abende er fühlte ein herrliches Ziel seiner
Aufopferung dies geliebte Wesen das sich ihm jetzt so ganz ergab zu der
Vollendung hinzubilden wie er in erster Liebe sie sich geträumt hatte Traulich
wanderte er mit ihr zurück und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte
und sie mit seinen törichten Reden störte da fühlte er tief dass aus dem
Menschen wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt eine höhere Zunge
spricht keine Vorstellung hatte der gute Mensch wie sein Rat zu einer
Wallfahrt sie beide so gnädig einander zugeführt hatte Nicht jeder Tag konnte
so erfreulich enden wie dieser aber der Zustand beider ward doch erträglich
Wunderbar schien es inzwischen der Gräfin als sie in der heiligen Zeit von neun
Monden die nach den Berechnungen der Mütter die glückliche Lebensverborgenheit
des Menschen begrenzen als sie über diese neun Monate hinaus seit jenem
unseligen Abende die Last ihrer Sünde tragen musste
 
                                Zweites Kapitel
               Niederkunft der Gräfin Tod des Herzogs von A 
Noch drei Monate vergingen als sie in der Nacht von einem schönen blonden
Knaben entbunden wurde der zu ihrer Verwunderung des Grafen Züge und ein
dunkeles Mal auf seinem Herzen trug das der Familie des Grafen eigen von allen
als das sichere Zeichen einer reinen Geburt angesehen wurde Kaum wollte sie es
sich ungeachtet aller dieser Zeichen eingestehen dass ihre Schuld wenigstens
ohne einen lebendigen wachsenden Vorwurf geblieben freudig bewies es ihr der
Graf mit zärtlicher Beredsamkeit dass sie endlich nachgeben musste aber sich
noch immer wie aus einem schweren Traum erwacht fühlte und immer noch nicht
glauben konnte dass es ein bloßer Traum gewesen Jetzt war ihr verziehen vom
Grafen innig und vollkommen seit dies sein Kind das entweihte Heiligtum
keuscher Liebe wieder geweiht hatte  Kaum waren die bedenklichen Zeiten des
Wochenbettes vorüber so gestand ihr der Graf dass seine Liebe durch dieses Kind
ihr von neuem auf ewig zugeeignet nur dieses Schloss und sein Landgut wo er mit
ihr die ersten Zeiten reiner Zärtlichkeit gefeiert und ihre Schuld betrauert
würde ihrer beider Gefühlen ein ewiger Vorwurf bleiben mit Christus wolle er
freilich zu jedem sagen der sie verdammen wolle wer sich unschuldig fühlt der
werfe den ersten Stein auf sie aber diese Steine die sie in seligen
Augenblicken mit mancher sinnvollen Inschrift bezeichnet sie waren schon
drohend gegen das neue Glück gerichtet das sich endlich nach treu überstandner
Prüfung in wiedergewonnener Reinheit entwickeln müsse Sie fühlte ganz wie er
und hätte auch in jedes andre gewilligt was seine Ruhe gefördert hätte sie sah
ein wie viel mehr er aufgebe in dieser Trennung wovon er nichts erwähne lange
Arbeiten und alle schönen Lebensplane in der Jugend empfangen vom Manne
ausgeboren in schönen wohltätigen Einrichtungen eigentlich alles was außer
ihr ihm je wert gewesen  und hätte sie nicht schon so lange Reue ertragen
gelernt der Augenblick hätte sie vernichtet »Aber wohin gedenkst du« fragte
sie in Verwirrung  »Zu deiner Schwester« antwortete der Graf »lies diesen
trostlosen schwarz gesiegelten Brief worin sie den schnellen Tod des Herzogs
uns anzeigt der wahrscheinlich von der Verwandlung seiner ganzen Lebensweise
dahin gerafft worden sie schreibt es seiner Heiligung zu Er lässt sie im
Besitze eines unermesslichen Vermögens kinderlos zurück  Ernstlich fleht sie
uns an zu ihr hinzureisen gern möchte sie unsere Kinder zu Erben einsetzen und
erziehen sie müssen unter ihren Händen mit ihrem Segen gedeihen«  Der Stolz
der Gräfin erwachte hier zum letztenmal »Lieber Karl« sagte sie »aber wie
soll ich Schuldige vor der Frommen erscheinen«  »Wie vor Gott« antwortete der
Graf »gestehe ihr deine Schuld und ihre Liebe versöhnt dich mit dir selbst« 
 
                                Drittes Kapitel
       Abreise des Grafen und der Gräfin mit ihren Kindern nach Sizilien
Nach dieser Unterredung wurde rüstig zur Ausführung des Unternehmens
geschritten
    Es ist der Vorzug eigener sinnvoller Tätigkeit die rechtschaffenen Männer
leicht zu unterscheiden und sich anzueignen auch der Graf hatte zweie der Art
zur Verwaltung seiner Güter bald auserwählt die seinen Kindern sie einst
überliefern sollten er nahm für immer von ihnen Abschied Das Schloss in der
Stadt sollte unverändert aber unbewohnt bleiben nur die Zeit sonst niemand
sollte daran ein Recht ausüben Von seiner Dienerschaft sollte ihn allein der
alte Bediente begleiten doch sorgte er für alle  O des ewigen Abschieds von
einer stark durchlebten Gegend in Glück und Unglück Unschuld und Schuld
tausendmal sterben wir in uns außer uns das sei uns Zuversicht wenn wir
wirklich die Augen zudrücken oder zum letztenmal in das Licht starren das hier
unten das höchste droben das tiefste ist So scheiden unsre beiden geliebten
Pflegekinder auch hier von einem alten Leben nur wissen sie nicht ob die neue
Welt zu der sie eilen ihnen die kleinste Freude gewährt die sie hier
genossen Ihrem Sinne war das Neue schon darum lieb weil es das Alte
verlöschte und wohl ist Italien noch eine neue Welt für jeden Reisenden der
schon das übrige Europa durchschritten wieviel mehr für sie die nur einen so
kleinen Teil erst gesehen doppelt für sie bei so gereiztem Gemüte Sie sah nun
das Land zu dem sie einst von mächtiger Eitelkeit hingetrieben mit dem reinen
Blicke einer größeren Erfahrung die alle Eitelkeit in ihr vernichtet er zog
nun in das Land wohin er als Student mit pochendem Herzen schon getrachtet
aber das er von Liebe zurückgehalten in Freude und Leid ganz vergessen hatte
als ein Student höherer Art denn das sind alle wahren Reisenden Von vielem
hatte er Kenntnis gewonnen für alles Sinn wie mannigfaltig war da ihre
Mitteilung Nach einem Monate glaubten sie schon durch Jahre von den verhassten
Begebenheiten geschieden zu sein
 
                                Viertes Kapitel
 Ankunft bei der Herzogin von A  Neue Lebensweise Dolores die gute Mutter
Ungeduldig wandle ich mit ihnen über Berg und Tal selbst Rom bei dessen bloßem
Namen sonst schon meine Gedanken weilen genügt mir nicht ich möchte sie sicher
in den Armen der herrlichen Schwester wissen sie einführen in den neuen Kreis
ihres neuen Lebens Wie ein Feenschloss von Demanten winkte Palermo entgegen das
von dem Feste der heiligen Rosalie jauchzte Es war später Abend als sie
landeten aber die himmelhohe Statue der Heiligen die ihnen schon im Meer
entgegen spiegelte empfing noch ihr Gebet um Glück und beruhigte sie Jetzt
fahren sie vor den Palast der Herzogin auf dem größten ihrer Landgüter drei
Meilen von Palermo die Herzogin weiß nichts von ihrer Ankunft sie sind ihren
eignen Briefen vorgeeilt sie eilen die prachtvollen marmornen Säulentreppen
hinauf durch reich bekleidete Bedienten hindurch die sie anstaunen und fragen
aber sie eilen ungeduldig weiter in ein Zimmer wo die Herzogin sie empfängt
Welche Überraschung einfach traurend steht die Herzogin da unter einer Zahl
schöner Kinder die ihre Schreibebücher vorzeigen aber wie hat sich Klelia
entwickelt sie die sonst von niemand bemerkt wurde steht in ihrer Mitte mit
einer sanften Würde die im ersten Augenblick selbst ihren alten Freund selbst
ihre Schwester zurückschreckt Aber wie selig überrascht umfasst sie beide und
die Kinder lächeln froh bei ihrem Anblick als wenn ein Engel im Schlafe mit
ihnen spielte Wir sind alle gerührt es geht nun alles recht gut wie leicht
wird es der Gräfin ihr alles zu beichten schmerzlich ist es der Herzogin das
Andenken des Herzogs das ihr so teuer war so ganz in sich auslöschen zu
müssen aber die Wahrheit ist ihr Leben und die Kinder füllen ihre Gedanken nun
wahrhafter und schöner Alle gewinnen bald einen festen Lebenskreis und
Bestimmung vor allen findet der Graf in der ökonomischen Verwaltung die der
Herzogin bisher am lästigsten gewesen ein schönes Feld seinen wohltätigen
Geist über Tausende auszubreiten der sich bis dahin in der Anordnung weniger
Menschen begnügen musste er findet ein dankbares Volk unter dem ein
verständiges Wohlwollen von oben her noch so selten gewirkt dass beinahe noch
alles zu tun übrig war In dem Rausche des Wiedersehens ist der alte Bediente
nicht übersehen worden die Herzogin hat ihn wie einen Vater geküsst er hatte
auch wahrlich mehr für sie getan als ihr leiblicher Vater Ohne in seinem
Wirkungskreise steigen zu wollen blieb er wie immer der Oberaufseher des
Hauses nur die Kinder muss ihm die Gräfin Dolores von Zeit zu Zeit anvertrauen
sonst ist er böse sorglich führt er sie in den Gärten umher sucht ihnen die
reifsten Früchte und neckt sich mit ihnen und wird mit ihnen zum Kinde auch
wissen sie mit keinem so gut zu spielen wie mit ihm keiner weiß sie so leicht
zu beschwichtigen wenn sie weinen schreien sie treten oft auf ihm herum und
tun ihm wehe aber er beklagt sich nicht er sieht auf ihre blonde Locken wie
in einen glodnen Kelch in ihre blauen Augen wie in den Himmel
    So hätten wir es denn mit den übrigen abgetan und wir könnten nun ruhig über
einige Jahre hinblicken um Dolores die uns so viel Schmerzen und Klelien die
uns so viel Freude gemacht in der Dauer ihrer Verhältnisse zu prüfen Klelie
hatte anfangs alle Mühe einzelne störende Rückfälle ihrer Schwester in eine
zerknirschende Reue zum Guten zu lenken doch gelang es ihrem klugen Bemühen
indem sie ihr eine Beschäftigung gab die ihrer Sinnesart angenehm aber aus
Gewohnheit zu lange von ihr vernachlässigt worden war Sonst sah sie ihre Kinder
nur wenn sie wachten reinlich angezogen waren und der Kinderstube entlassen
wurden höchstens trat sie zuweilen herein sich an ihrem Schlaf zu ergötzen
Klelie machte es ihr so eindringlich dass eine Frau nie etwas Größeres tun
könne als wenn sie mit liebevoller geduldiger Sorge die ersten hülflosen Zeiten
ihrer Kinder bewache wenigstens nichts Erfreulicheres Segenvolleres »Wie
gern« rief sie »gäbe ich alle meine Beschäftigungen so lieb sie mir sein
mögen darum hin eigne Kinder versorgen zu können denn das ist von der Natur
eingeboren nur eigne Kinder verstehen wir ganz was ihnen fehlt was sie
wollen und dieses Verständnis kann kein guter Wille keine reichliche Bezahlung
in der Dienerschaft erzeugen Darum ist jeder Mensch zu beklagen den seine
Mutter nicht grossgezogen denn ihm fehlte sehr viel Liebe«  Kaum hatte Dolores
den ersten Widerwillen überwunden den die Unreinlichkeit und das Geschwätz der
Kinderstuben häufig gibt so fand sie erst wie vielem sie ihre Kinder unbesorgt
ausgesetzt was sie selbst für widrig hielt sie besserte alles mit Ernst und
Einsicht schaffte sich bessere Mägde an die sie jetzt erst kennen lernte so
wie die Kinder die schon früh manche Eigentümlichkeit zeigten Die Kinder
lohnten ihr durch Gedeihen und jeder Kreis des heiligen Jahres mehrte ihre Zahl
was Kindisches in ihr uns töricht gewesen das wurde in den Kindern ausgeboren
deren Sinnesart sie aus der Tiefe ihrer eignen Brust verstand und besser zu
lenken wusste als ihr von der eignen nachsichtigen Mutter geschehen Es war eine
schöne Busse diese Mutterliebe
 
                                Fünftes Kapitel
 Der Herzogin Weisheit Mut und Güte Tod des alten Bedienten Nachrichten von
  Waller Geschichte des Prediger Frank und des Fräulein Leona Schicksal des
                             Lorenz und der Rosalie
Klelia tat nur einzelne Blicke in dies Frühlingsreich ihrer Schwester erst wenn
die Kinder älter wurden beschäftigte sie sich mit ihrem Unterrichte Salicetti
ein großer sizilianischer Bildhauer verfertigte eine artige Gruppe zum
Geburtstage des Grafen in Marmor Klelia und Dolores standen neben einander
Dolores niedersehend auf ein Kind das an ihrer Brust sog und das sie mit
beiden Armen hielt Klelia blickte zum Himmel und erhob deutend die eine Hand
dahin in der andern Hand hielt sie ein Buch worin die beiden älteren Kinder
der Dolores mit gefalteten Händen lasen Klelia war nicht untätig geworden
ungeachtet sie viel betete und der Graf einen großen Teil ihrer Geschäfte
übernommen hatte sie war nicht bloß Quelle der Reichtümer was jeder
wohlwollenden Seele so leicht wird sondern sie wusste mit Anstrengung diese
reiche Quelle zum Besten aller selbst zu lenken Nicht bloß der
Mädchenunterricht den sie erst nur in frommer Nachbildung des Grafen
unternommen hatte beschäftigte ihre Gedanken sie wollte auch Erwachsene
erziehen durch streng ausgeübtes Recht welches damals in Sizilien fast
durchaus der List der Gewalt und Bestechung gewichen war Schon vor des Grafen
Ankunft und in der Abwesenheit ihres Gemahls hatte sie mit männlichem Mute eine
Schar tapferer Männer um sich versammelt die nicht bloß Söldlinge sondern die
mit heiligem Eifer für die Aufrechtaltung des Rechts und des heiligen
angeborenen Gütereigentumes begeistert waren diese sendete sie gegen die Räuber
die trotzig gegen die schwache Regierung des Landes alle Straßen und die
friedliche Nacht der Hütten unsicher machten während die Paläste sich durch
Geld von ihren Einfällen loskauften Sie selbst führte einst zu Pferde mit dem
Kreuze in der Hand das auch auf ihren weißen Mantel genäht war ihre brave
Schar gegen eine öde Gebürgsgegend wo sich die räuberische Menge gegen sie
versammelt hatte Das Gefecht war lange zweifelhaft der Widerhall des Schiessens
im Felsentale das Gebell der großen Räuberhunde nichts schreckte sie zurück
von beiden Seiten war gleicher Mut dort der Teufel bei ihr Gott Da ritt sie
kühnlich als ihr Hauptmann gefallen in die Mitte des Getümmels und winkte mit
dem Kreuze Ruhe von dem wunderbaren Anblicke wie versteinert sanken die Räuber
nieder auf ihre Kniee nieder vor dem Gnadenbilde gegen das sie lange
gestritten die fromme Frau ruhig in ihrem Gott erschien ihnen wie eine
Heilige wie die Mutter Gottes die jammernd neben dem gekreuzigten Sohne steht
und sie wollten nicht die Kriegsknechte sein die den Gekreuzigten verspottet
Es ist ein großes Werk in einem Volke die sinnliche allgemeine
Vergegenwärtigung einer hohen Begebenheit oft in der höchsten Abirrung des
Lasters tritt sie bei einem geringen Zeichen richtend und belehrend mitten aus
den brausenden Leidenschaften hervor Die Herzogin segnete die Räuber für diese
Zeichen der Reue und vergab ihnen ihre Lastertaten wenn sie sich wahrhaft
bekehrten und aus Verrätern in Schützer des Rechts verwandelt ihr verfallenes
Leben in würdigem Dienste beschließen wollten Balsamo der Anführer schwor ihr
dies am Kreuze im Namen aller er blieb ihr mit den meisten treu und seiner
Bekanntschaft mit den Räuberschlichen dankte bald der größte Teil von Sizilien
vollständige Ruhe und Sicherheit Dieses Ereignis hatte Klelia nie dem Grafen
geschrieben das litt ihre Bescheidenheit nicht kaum konnte er diesen hohen Mut
begreifen wenn er die stille sanfte Frau anblickte Doch lernte er sie bald in
der kühnen Größe ihrer Seele und in der Schärfe ihres Verstandes noch auf viel
andere Art kennen
    Sie hatte sich zur Aufrechtaltung des Rechts mit dessen Studien selbst
ernstlich beschäftigt was ihr durch frühere Liebhaberei an lateinischer Sprache
erleichtert worden Rechtsgelehrte verliehen ihr bald den Ehrentitel als Doktor
die Regierung das Amt eines Königlichen Oberrichters In diesem Amte saß sie bei
den Gerichtstagen und störte mit gewandtem Verstande wo überwiegende List und
Parteilichkeit das Unrecht begünstigten ihr Ansehen wirkte bald so mächtig dass
Entfernte selbst ihre Angelegenheiten vor dieses Gericht brachten Es verdient
bemerkt zu werden dass sie häufig einen Ausspruch tat dessen Gründe sie nicht
selbst gleich in Worten entwickeln konnte der aber für alle so überzeugend war
dass die Gründe von den Gelehrten bald entdeckt wurden  Strenge Ordnung in
ihrer Lebensweise machten es ihr möglich außer diesen Geschäften noch
hinlänglich den Ihren zu leben um ihre Gesinnung in allen fortzupflanzen Ein
Tagebuch das sie an jedem Morgen von vorhergehendem Tage in aller Kürze
verfasste diente ihr zur Aufmunterung und Warnung selten bemerkte sie darin
etwas über sich und was ihr besonders und eigen was die meisten Tagebücher
gewöhnlich füllt oft ist es nur ein kurzes Gebet um Gnade und Erleuchtung oder
um Kraft wo ihr etwas zu schwer erschien zuweilen bedauerte sie etwas
Versäumtes meist sind es kurze Nachrichten von bedeutenden Ereignissen in ihrem
Ländchen Wir heben einige Tage aus als Belege
    Den 1sten Mai Algierische Seeräuber landeten bei Lido während der Hochzeit
des Bauers Zampiero sie drangen in die Häuser und raubten Gut und Kinder Das
Geschrei kam in die Kirche wo alle Bauern versammelt alle waren zweifelhaft
was zu tun da ergriff der geistliche Herr Anatonio den Kelch der von starkem
Silber als Geschenk von mir der Kirche verehrt worden und jeder Bauer nahm was
er von Stühlen und Bänken in der Kirche abreißen konnte und so gingen sie auf
die Räuber los die sorglos plündernd im Dorfe zerstreuet waren Der geistliche
Herr traf zuerst mit einem vornehmen Türken zusammen den er mit dem Kelche so
gewaltsam in die Schläfe schmetterte dass er nicht wieder aufgestanden so sind
noch acht andre auf dem Platze geblieben fünfe tot und dreie schwer verwundet
von den Unsern aber ist nur der Geistliche getötet und sechse verwundet bis der
Graf mit der Schlosswache war herbeigeeilt und die Räuber zurücktrieb dass sich
nur wenige einschiffen konnten sie auch die weggetriebenen Kinder und alles
Geraubte zurücklassen mussten Gott erhalte uns den edlen Grafen  Gnädiger
Gott der du diesmal ein so großes Wunder getan um deines heiligen Dienstes
willen und einen deiner Diener zum Zeichen als Märtyrer angenommen gib mir
Kraft unsere christliche Küste ohne Blutvergießen durch Wachsamkeit zu
schützen gib mir Kraft dass ich diese schwere Angelegenheit dir ordentlich
ausdenken und ins Werk stellen möge und verzeihe mir gnädiglich um deines
lieben Sohnes und seiner geliebten Mutter willen wenn ich zu lange saumselig
war im Nachdenken wie deine heilige Gemeinde zu schützen
    Den 2ten Juli Habe Dank gnädiger Gott der neue Wachtturm bei Lido hat drei
Raubschiffe vom Landen abgeschreckt
    Den 28sten August Mein kleiner Neffe Johannes hat den ersten Backzahn
bekommen möge er seine Zähne nie missbrauchen dass ihm Gott seine Zähne erhalte
wie er sie ihm gnädiglich verliehen
    Den 8ten Sept Rico und seine junge Frau die ich ausgestattet habe
vertragen sich nicht und sie schienen sich doch zu lieben wohl ist es mit meine
Schuld dass ich sie so schnell zusammengeführt wie oft verderben wir Gottes
Wege durch unsre Ungeduld schnell darauf zu fahren und ich gedenke oft dabei
unsers edlen Grafen der neulich sagte dass er die meisten Fehler in seinem
Leben begangen weil er einen kleinen Plan den er in einer Begebenheit
entdeckt für den Plan Gottes gehalten und ihn darum ohne Klugheit zu fördern
gesucht hätte wo es dann oft ganz anders ergangen was er auch für recht und
besser und würdiger dem Plane Gottes erkannt hätte so sei ihm auch damals das
Zusammentreffen des Scheibenschiessens mit seiner Verzweifelung als ein Plan
Gottes erschienen da doch Gott alles nachher viel gnädiger und ganz anders
gelenkt Wohl mag er recht haben wenn er sagt »Nur in der Vergangenheit
erkennt der Verstand den Weltplan was aber die Gegenwart fordert was zur
Zukunft emporstrebt das entbehrt noch des Sonnenlichts oder es ist davon
geblendet jeder aber mag recht und klug handeln nach allen seinen Kräften und
Gott wird ihm gewiss seine Gedanken leihen«
    Den 2ten Januar Ich bin sehr traurig unser alter Bedienter unser zweiter
Vater ist gestorben ohne Schmerz wie er eben mit den Kindern spielte die ihn
anstiessen und meinten er stelle sich tot wie er oft mit ihnen gespielt Gewiss
wird er selig denn wer verdiente es mehr doch das ist Menschenweisheit ich
will für ihn beten
    Den 2ten Februar Heute vertraute mir meine Schwester Dolores die wieder
Gott sei gelobt in gesegneten Leibesumständen sich befindet ihr lieber Mann
der Graf Karl sei ihr Erlöser und Welteiland denn er habe sie von schwerer
Schuld befreit indem er sein Blut für sie vergossen Gnädiger Gott das ist
wohl noch eine Folge ihrer Sündenschuld dass sie in solchen sträflichen Wahnsinn
verfallen da sie sonst so vernünftig und gut in allem ist Ich habe ihr alles
vorgestellt wie kein einzelner Mensch seinen Erlöser besonders habe sondern
dass einer für alle gestorben der in jedem Frommen seine Gnadenwirkung übt Sie
schien sich zu bekehren und weinte zuletzt dass sie nicht ganz lassen könne von
ihrem Glauben heiliger Gott nimm ihr doch noch diesen Irrwahn ehe sie zu dem
gefährlichen Werke der Geburt gezeitiget an welchem schon manche Frau
hingestorben oder denke dass sie nichts dafür kann aus Schwäche ihrer Gedanken
vielleicht ist sie von dem langen Wachen bei dem kranken kleinen Karl etwas
tiefsinnig geworden
    Den 3ten Juni Ich war krank und habe große Schmerzen erlitten und keiner
hat es erfahren Gottlob nun bin ich hergestellt und tue wieder meine Geschäfte
ohne Zwang mit Freuden und schnellem Erfolg
Diese Bruchstücke indem sie uns das schöne innere Bild Kleliens in Umrissen
geben enthüllen uns auch in beiläufiger Übersicht die ruhigen dauernden
Verhältnisse der drei Menschen die wir mit Zuneigung durch manche
Lebensverwandlung begleitet haben Ereignisse bei denen wir den Untergang aller
voraussahn haben sich zu aller Frommen und Besserung geschlossen dies ist
aber ein wahrer christlicher Sinn der den Menschen um einer Schuld willen noch
nicht aufgibt der den Menschen nicht sterben lässt in der Sünde Wir sehen
Dolores deren Frevel alle zu vernichten drohte mit dem Grafen und Klelien
ausgesöhnt alle dreie in einem angemessenen tätigen Leben Klelien in
vielfacher Anwendung ihres frommen Verstandes den Grafen in der Ausführung
seiner wohltätigen Absichten und Dolores durch ihre mütterliche Liebe aller
Welteitelkeit entzogen durch der Kinder schuldlose Liebe aller schuldigen Lust
entsühnt und liebevoller selbst gebildet in der mütterlichen Pflege ihrer
schönen Kinder deren reicher Segen sich bis zu der Ankunft der Fürstin bis zu
der heiligen Zahl Zwölfe ohne ein bedeutendes Missgeschick vermehrte Doch
preise sich keiner glücklich vor dem Ende seiner Tage  eingedenk dieser Regel
wollen wir uns nach denen umschauen die in der Berührung mit dem gräflichen
Hause uns merkwürdig waren von denen dem Grafen durch seine Verbindungen mit
Deutschland allmählich mancherlei Berichte kamen
    Seiner frommen Arnika Montana schrieb er oft ihre Antworten lauteten immer
gleich der wunderliche Doktor Florio und sie selbst lebten wie Maschinen
unabänderlich in demselben Gange Takte und Wirksamkeit  Der hässliche Baron
hatte sich im Kriege ausgezeichnet das Erheben zu einer bedeutenden Stelle
hatte seinen Stolz erweckt und dieser seinen bösen Willen unterdrückt seine
beiden komischen Begleiter waren in angemessenen Stellen untergebracht  Waller
hatte sich schon wieder ein paarmal verlobt und einmal verheiratet sein Talent
erlosch fast ganz in literarischen Streitigkeiten da er lange Zeit nur sich
gekannt nur seine Arbeiten gelesen hatte so konnte er es nicht ertragen als
er bei andern auch andre Gedichte fand alle diese Gedichte meinte er wären
gegen ihn gerichtet er schimpfte dagegen aber leider blieben seine
Streitschriften ungelesen und so versank er in eine lächerliche literarische
Melancholie drückte seinen Bekannten die Hände und seufzte »Was soll aus
unsrer Literatur noch werden« Wollte sich einer einen Spaß machen so trug er
ihm einen literarischen Zwist vor der entweder gar nicht vorhanden war oder aus
Gottscheds Zeit gleich verfasste Waller eine plumpe schmutzige Schrift dagegen
ließ sie drucken und dann war er in großer Verlegenheit den Leuten zu erklären
was er eigentlich damit gewollt habe
    Mannigfaltig entwickelte sich das Schicksal des Prediger Frank wir wollen
es teils nach seinen eignen Briefen die er aus alter Anhänglichkeit dem Grafen
geschrieben teils aus eigener Bekanntschaft mit ihm und mit den Seinen
wiedererzählen Wir erinnern uns dass er über viele Glaubensmeinungen und
Auslegungen von dem Hergebrachten in seiner Kirche abwich lange Zeit machte er
daraus ein Geheimnis endlich aber war er durch das Studium der Kantischen
Moralphilosophie zu einem Abscheu gegen jede Art der Lüge gebracht worden Aus
dieser Wahrheitsliebe suchte er seine Meinung von Jesus den er bloß als
Menschen ausgezeichnet wissen wollte eben so auffallend durchzusetzen als
seine Meinung von der Predigerkleidung die ganz zufällig und sogar gegen den
Willen Luthers sich von einem gewöhnlichen bescheidenen Bürgerkleide auszeichne
weswegen er seine nächste Predigt über Jesus als Menschen in einem blauen
Bauerrocke wie ihn die Reicheren tragen und mit abgeschnittenen Haaren hielt
Diese Geschichte machte Aufsehen aber die Milde der Regierung und der langsame
Gang aller ihrer Verhandlungen zögerten mit der Untersuchung Unterdessen trat
seine kleine geliebte Amalie in die Jahre wo das Heiraten erlaubt ist ihre
Erzieherin schrieb ihm er möchte jetzt kommen um dies Mädchen näher zu kennen
und zu prüfen die ganz nach seinen Grundsätzen gebildet worden Er blieb einen
Monat in der Stadt Amalie hatte viel kindliche Anhänglichkeit für ihren
Wohltäter sie hatte ihm so oft dankbar die Hand geküsst sie war noch immer in
dem schönen Traume der noch keinen Unterschied zwischen Neigungen zu machen
weiß keinen eignen Willen zulässt und schlug mit Freuden ein als er ihr seine
Hand antrug Nachdem er diese Zusage empfangen eilte er aufs Land seine Zimmer
selbst recht angenehm zu malen und die nötigen Einrichtungen wie sie seinem
künftigen Haushalte angemessen zu treffen in drei Monaten sollte die Hochzeit
gefeiert werden In dieser Zeit traf der Gutsherr seines Dorfs ein alter
General der seinen Abschied genommen mit seiner Tochter Leona dort ein um in
Ruhe die letzten Tage seines Lebens durch Landluft zu erfrischen ein herrlicher
Mann dessen ganzes Leben fast Entsagen und Selbstüberwinden bezeichnete in
gleichem Sinne hatte er die Tochter erzogen was ihr lieb das entriss er ihr
und so war sie nur in allem dem was sie mit Überlegung wollte entschieden
aber unwandelbar in solchem Entschlusse Frank musste ihr einigen
Sprachunterricht geben sie und ihr Vater fassten eine unbegrenzte Achtung gegen
ihn sie wünschten ihm von ganzem Herzen Glück als er zum Brautolen in die
Stadt abreiste Er kam spät Abends unerwartet zu Amalien sie trat mit einem
Lichte herein in dem Vierteljahre sehr verschönert gewandter durch den
geselligen Umgang zu dem er sie aufgemuntert hatte Sie erschrak als sie ihn
erblickte es erkältete sie der Gedanke dass sie diesem Manne in wenig Tagen
sich ganz aufopfern sollte der ihr immer als Vater erschienen sie konnte sich
kaum den nötigsten Ausdruck von Anhänglichkeit geben dankbar vor ihm zu knieen
war ihr einziger Wunsch und das litt er nicht Frank nahm dieses Erschrecken
erst für Freude bald aber musste er sich gestehen es habe etwas Fremdartiges
fast wie ein Zurückschaudern das er als ein Liebling aller Weiber sich lange
nicht eingestehen wollte Er bat sich darüber schriftlich eine Erklärung von ihr
aus wenn eine andre Zuneigung sie gefesselt sie möchte es nicht verhehlen er
bliebe ihr stets ein treuer Vater Die Antwort halb mit Tränen vermischt
erklärte ihm mit Umschweifen wie sie ihm tausendfache kindliche Verehrung
weihe aber vor dem Heiraten erschrecke sie doch ohne eine andre Liebe zu
hegen  Frank war zu fest um zu verzweifeln er versicherte ihr noch einmal
schriftlich seine dauernde väterliche Liebe und setzte sich auf den ersten
Postwagen der eben angespannt war und in der Nähe seines Dorfs vorbei fuhr
dort stieg er aus und ging dahin zu Fuß Als sein Dorf vor ihm lag setzte er
sich hinter einen Steinhaufen und schämte sich seines Unglücks er hätte ewige
Zeiten da sitzen können wäre nicht Leona die mit ihrer Flinte über das Feld
kam zu ihm getreten Ihr Blick erkannte dass ihm ein Unglück geschehen er
berichtete ihr alles so kalt als beträfe es einen andern zuletzt sagte er wie
er sich krank fühle Gesundheit ist wie das Geld wir fühlen erst ihren Wert
wann wir sie missen und das Geld ist wie die Gesundheit die im ruhigen Verkehr
der ganzen Organisation in dem beschwerdelosen Empfangen und Zurückgeben sich
zeigt Aber beides sollte ihm fehlen denn Leona wusste was er erst erfahren
sollte dass er wegen seiner abirrenden Meinungen und Tracht seines Amtes
entsetzt und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verdammt worden Leona fühlte
tief das schwere Unrecht das ihm von so verschiedenen Seiten geschehen sie
wusste dass er einer der nützlichsten moralischen Lehrer einer der besten
Ökonomen der ganzen Gegend war ob er gleich wie so wenige mehr Prediger zu
nennen sei sein Fehler war die Offenherzigkeit mit der er bekannt hatte was
die andern vorsichtig stolz für sich bewahrten sie wünschte ihn entschädigen
zu können sie glaubte sich dazu bestimmt Sie sagte ihm jene Nachricht seiner
Absetzung ihren Entschluss ihm alles zu vergüten verschwieg sie ihm Es
erschütterte ihn gewaltsam sie geleitete ihn nach dem Pfarrhause Mit tiefer
Trauer hörte er ein Paar kleine Goldgänschen pfeifen als einzigen lebenden
Rückstand von der Fülle des Sommers in den lombardischen Pappeln vor seinem
Hause die jetzt eher für Besen anzusehen welche die Flur abgefegt hatten so
glatt lag der Schnee und blinkte Vielleicht pfeifen nur die Vögel um sich den
Todesschlaf abzuwehren dachte Frank und richtete sein Haupt zum Himmel da
erinnerten ihn die rosichten Wolkenberge an seine fröhlichen Reisen in der
Schweiz er glaubte springende Gemsen auf den Spitzen zu sehen und weidende
Herden im Tale und den glücklichen Hirten der seiner alten Freiheit ein Lied
sang »Freiheit« sagte er der stützenden Leona »Freiheit will ich suchen und
Recht und Wahrheit das alles finde ich in Paris und auch meinen Lebensunterhalt
durch Sprachunterricht dort werden wir bald keine Prediger mehr brauchen die
Religion der Vernunft findet ihre Priester in jedem Hausvater aber bei uns in
Deutschland wird der Streit zwischen Licht und Finsternis am langwierigsten
sein ich gehe hin wo er geendet Die Revolution wird wie die Pocken Europa
durchlaufen wer keine Impfung leiden will geht drauf«  Leona war ergriffen
von diesen Aussichten der Zukunft ihr Verstand verlangte nach dem Mittelpunkte
der Politik Europens ihr fester Wille dem edlen Freunde alles zu vergüten was
er ungerecht verloren sprach sich laut aus Frank hatte schon früher eine
unbegrenzte Achtung gegen das Fräulein aber er sah auch alle Hindernisse die
ihrem Plane ihn zu begleiten sich entgegenstellten und er zeigte sie ihr
ausführlich Der Gedanke an den Widerspruch der Ihren befestigte sie noch mehr
in ihrem Entschlusse sie schwor wenn er es auch nicht erlaube sie würde ihn
doch begleiten  Leona eilte zu ihrem Vater ihm alles zu erklären bei dem
hatte es keine Schwierigkeit er hatte sich lange geärgert dass in keinem seiner
Kinder ein außerordentliches Unternehmen stecke Frank hatte unterdessen mit
tiefem Gram alle Fackeln und Doppelflöten beschaut mit denen er mühsam sein
Hochzeitzimmer bemalt hatte sein Gram ging in der fernen Aussicht auf Bald
hatte er abgeschlossen mit allen seinen Verhältnissen sich einen Reisewagen und
ein paar Pferde angeschafft Leona setzte sich fröhlich auf der alte General
und die ganze Gemeine begleiteten ihn mit vieler Herzlichkeit an die Grenze und
versicherten ob er es ihnen gleich auszureden suchte sie wollten seinem
Nachfolger das Leben schon sauer genug machen Frank erwartete wie er mit Leona
in Frankreich angekommen dass sie ihn veranlassen werde ihre eheliche
Verbindung bei den Gerichten nach dortiger Sitte zu stiften aber sie schien
nichts zu verlangen als seine Magd zu sein Sie waren schon einige Zeit mit
einander in Paris und die Schrecknisse der Revolution wüteten um sie her als er
ihr den Vorschlag machte was ihre Liebe zu ihm so lange gewünscht doch endlich
zu erfüllen Sie versicherte ihn ihrer völligen Ergebenheit sein Wille sei der
ihre und er beschloss die Heirat Die gewaltsamen Begebenheiten die rings
stürmten nahmen ihnen die Aufmerksamkeit auf das Nahe was sie selbst betraf
alle ihre Leidenschaften strebten nach außen und sie vermissten nichts in sich
Frank stand unerschütterlich da wie ein Denkstein auf dem alles notiert wurde
viele sammelten sich um ihn her alle die reisenden guten Seelen die an
Frankreich ganz und gar nicht aber unablässig an die Menschheit und die Welt
dachten auch er gehörte zu dieser Zahl die sich Europa in ihrem Kopfe zu einem
schönen humanen Ganzen zusammengefabelt hatten wie die Geographen sonst eine
spinnende Jungfrau darin erblickten die kein anderer unbefangener Mensch
wahrnehmen kann Sein Lieblingsgedanke war die allgemeine Aufhebung aller
öffentlichen Anstalten für den Gottesdienst der künftig ganz und gar dem
Gewissen des einzelnen Bürgers überlassen bleiben sollte und nichts kränkte ihn
so tief als da das Entgegengesetzte die feierliche Wiedereinsetzung aller
Religionsparteien und ihrer öffentlichen Gebräuche der kurzen Aufhebung folgte
Leona war indessen ihren eignen Weg gegangen zwei Kinder die sie ihm geboren
hatten das Gefühl den Sinn für jedes Große und Tiefe in der Welt geweckt ihr
Ernst milderte sich im Kinderspiele und sie sah mit tiefer Rührung die
Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes Sie war wie eine Neubekehrte so
eifrig so strenge sie glaubte es ihre Pflicht ihren Mann zu bekehren als sie
die entgegengesetzte Wirkung auf ihn bemerkte Frank ergrimmte was erst nur
ruhiger Widerspruch gewesen war allmählich zur Leidenschaft geworden er konnte
ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden hören er beschwor sie bei ihrer
Liebe zu ihm alle dem Zeuge zu entsagen bei dieser Liebe der sie so viel
geopfert denn bei dieser Gesinnung könne er nicht mit ihr leben und seine
Kinder wären in Gefahr von ihr verderbt zu werden Sie schwor ihm dass sie ihm
alles aufzuopfern bereit sei nur nicht die Seligkeit sie schwor ihm zu dass
sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht sondern aus Eifer für das Rechte
für die Wahrheit verleugnete er aber die Wahrheit das Recht indem er die
Religion lästre so fühle sie sich frei von jedem Opfer  Frank war dabei
zumute als ginge er zwischen Himmel und Tod zwischen ihrer Kälte und ihrer
edlen Geistigkeit sein Entschluss war gefasst er hatte sich so viele Jahre in
ihr getäuscht eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt er wollte keinen
Augenblick länger mit ihr zusammenleben Er ließ ihr alles nur die Kinder nahm
er ihr fort er kränkte sie tief denn an den beiden Söhnen hing ihr Herz aber
um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben der den Lohn
aller Schmerzen dieses Lebens in einem zukünftigen verspricht Sie glich sich
allmählich mit Bekannten aus die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte
sie suchte sich in alles Neue zu fügen aber man merkte sehr bald die früher
gewöhnte Form sie erschien dann wie eine Gartenhecke der eine veränderte
Gartenkunst die Freiheit gegeben hat nach allen Seiten zu wachsen die aber
leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden lässt wo der Gärtner sie
viele Jahre beschnitten eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie Frank
ungeachtet er ärmlich von Sprachstunden lebte verschmähte doch strenge jede
ihrer Unterstützungen sahen ihn die Leute auf den Straßen so flüsterten sie
einander zu »das ist auch noch einer von den Jakobinern« so struppig erschien
sein Haar sein Rock schmutzig und zerstossen Machten ihm Bekannte darüber
Vorwürfe so lachte er gleichgültig und antwortete »Wer so etwas erlebt hat
der sollte es nie aus seinem Gedächtnisse verwischen lassen sonst wäre er ein
Spiel jeder fremden Laune Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen
wer aber nach etwas gestrebt der soll sich der Zeichen seiner Mühe der
Schwielen und Narben nicht schämen der Mensch kann nichts Besseres tun als alt
werden und der Jugend seine Bekenntnisse auf den Weg geben«  Fragte man ihn
nach seiner Frau so fuhr er fort »Nur eins lässt sich nicht lehren und nicht
lernen die Liebe wer um das Glück ihrer ersten reinen unschuldigen Wahrheit
betrogen der sucht überall vergebens sein Geschmack ist nicht rein seine
Galle mischt Bitterkeit in das Süsseste In der Liebe ist jeder Anfänger Meister
sie hört auf wie die Kunst mit der Schule Die Natur will viel mit dem Menschen
der Mensch auch der umfassendste will wenig mit sich und was er will kann er
selten«  Fragten sie ihn womit er sich innerlich beschäftige so antwortete
er »Mit der Philosophie, ich habe sie völlig ausgedacht ich kann es mit meinen
Papieren beweisen dass alles was darüber erscheint nur ein Glied meines
Systems ist«  Baten sie ihn um sein System so klopfte er den Leuten auf die
Schulter und sprach »Versuchts einmal eure Freude eure Schmerzen alles euch
so zu durchdenken dass euch nichts mehr störe dann will ich euch in die Lehre
nehmen«  Manche Deutsche besuchten ihn erzählten von großen politischen
Unternehmungen da rief er einmal »Ihr seid mir ein wunderliches kleines
Geschlecht ihr möchtet gern etwas Gutes getan haben aber nichts tun wahrlich
wenn es so leicht wäre etwas Großes zu vollbringen ich wäre auch ein großer
Mann geworden und könnte es noch jetzt sein«  Seine Leona betete oft mit
Inbrunst wenn sie ihn wiedergesehen »Herr Gott nimm ihn zu dir denn er lebt
ja nicht mehr« Sie konnte endlich den Gedanken nicht ertragen ihre beiden
Söhne im Unglauben bei ihm aufwachsen zu sehen sie raubte sie ihm heimlich und
brachte sie in einer entfernten Schule unter Gleich erriet er wer ihm dies
getan bezeigete aber keinen Unwillen da sie nicht bei ihr geblieben »bleiben
sie nur mit vielen zusammen« meinte er »so ist es ihre Schuld wenn sie
verkehrt werden« Bald nachher begegnete sie ihm Sonntags seine Stirne war
gerunzelt er schien seit langer Zeit zum erstenmal etwas empfunden zu haben
Sie glaubte er käme aus der in der Nähe liegenden Kirche  Er bekräftigte ihr
das  LEONA »Haben Sie sich endlich dem Glauben ergeben«  FRANK »Der
Glauben hat mir meine halbe Vernunft genommen indem er mir meine Uhr
ausgezogen sie war meine halbe Vernunft mein Prediger sie hielt mich in
Ordnung«  LEONA »Aber was machten Sie in der Kirche wenn die Uhr Sie
beherrscht«  FRANK »Ich sah mir die lächerlichen Gesichter der Leute an
deren ich mich noch aus den Vernunfttempeln erinnerte sie haben aber seitdem
das Stehlen gelernt als sich alle niederwarfen um das Allerheiligste zu
schauen hatte einer der Gläubigen meine unheilige Uhr zum Glauben gezogen Ich
rief es ist gestohlen und wäre dafür von meinen Dieben beinahe noch arretiert
worden«  LEONA »Beten Sie künftig statt sich umzusehen nach schlechten
Menschen und niemand wird so frech sein Sie zu bestehlen«  FRANK »Ich will
beten dass Sie nicht zu klug und ich nicht zu dumm werde«  LEONA »Kommen Sie
zurück in die Kirche demütigen Sie sich vor dem Bilde des Gekreuzigten« 
FRANK »Kommen Sie ins Museum erheben Sie sich vor Apollos Bilde es haben
wahrlich schönere Hymnen davor geklungen als Ihre Gemeine singt sagen Sie den
Gläubigen dass in der Oper viel besser gesungen wird«  LEONA »Sind Sie jetzt
ein Heide das ist mir neu«  FRANK »Sie sind jetzt eine Katolikin das hätte
Sie selbst sonst verwundert«  LEONA »Ich habe Gnade gefunden suchen Sie
Gnade«  FRANK »Es kann kein Mensch aus seiner Haut heraus meine Ungnädige
und jeder ist der Schönste in seiner Haut des Menschen Wille ist sein
Himmelreich aber der ist unabhängig vom Zufalle Mein Streben ein Loyola zu
werden wenn ich mich auf Ihre Ermahnung dazu entschlösse und wenn ich auch
zwanzig Nachtwachen vor dem Bilde der Maria aushielte würde eben so leer sein
und zu nichts führen als wenn ich witzig wie Voltaire eine neue Pucelle über
die Neureligiösen Frankreichs schreiben wollte oder einen Tyrsus vor der
Statue des Bacchus schwänge«  LEONA »Es muss aber Ihre Schuld sein wenn Sie
bei aller Wahrheitsliebe die Sie mir immerdar zu einem ehrwürdigen Freunde
macht von Gott so verlassen bleiben«  FRANK »Nein es ist nicht meine
Schuld es ist die Schuld meiner Mutter wie mir noch gestern ein Schüler Galls
erklärt hat sehen Sie da hat sie mir mit einem segnenden Kusse eine Vertiefung
oben ins Haupt gedrückt wo das teosophische Organ als ein Hügel saß sehen Sie
wohl die Stelle denn mein Scheitel ist kahl Und noch eins wollte ich Ihnen
berichten ich habe keine von allen in Kirchen oder Tempeln verehrte Religion
aber ich habe doch eine und wir wollen einmal uns wieder fragen ob es nicht
die allgemeine wird Merken Sie wohl auf ich habe politische Gesinnung
Enthusiasmus Glauben diese Religion zählt schon viele Märtyrer Sie kennen
mich ich lüge nie auch ich werde als Republikaner fallen«  LEONA »Gott
bewahre Sie davor was wollen Sie in der Welt wirken der Sie nicht mehr zu der
Welt gehören gehen Sie in eine Wüste vielleicht wird Ihnen da die Gnade« 
Frank und Leona blieben getrennt
    So wunderbaren Missverständnissen sind oft die besonnensten verständigsten
Menschen unterworfen Wir dürfen sie nicht immer den mannigfaltigen
Lebensverhältnissen der gebildeten Klassen zuschreiben gleich werden wir ein
Beispiel in der unteren Klasse finden das uns schon aus der gewohnten
Neugierde gern von einem Menschen zu hören den wir in einer Glückszeit gesehen
haben willkommen ist Lorenz und Rosalie deren Hochzeit wir beiwohnten die
wir nachher in einigem Missvergnügen mit einander verließen hatten sich wieder
ganz ausgesöhnt nachdem Rosalie dem Rate des Grafen folgsam ihrem Hauswesen
ordentlich vorstand was aber beiden sehr leid tat sie hatten nach mehreren
Jahren ihrer Ehe keine Kinder Rosalie betete zu allen Heiligen machte Gelübde
und brauchte alterkömmliche Mittel des Wolff endlich ward sie von einem Kinde
entbunden Lorenz jubelte aber nach wenigen Tagen wurde er finster die Leute
sagten er hätte allerlei Zauberwesen in dem Kasten seiner Frau gefunden genug
er behandelte sie seit der Zeit grausam und hart er schimpfte und schlug sie
öffentlich und sie litt das ohne darauf zu antworten Ein Kantor der Gegend
der die Geschichte zu wissen behauptete verfasste ein Lied worin die beiden
Zwillingsbrüder Otto und Lorenz als Ost und West bezeichnet sind wir überlassen
es dem guten Glauben die Wahrheit davon durch Feuerprobe zu beweisen
                       Die Hexe Luft und die beiden Jäger
Ost und West die Zwillingssöhne
Buhlten um ein Jungfräulein
Ähnlich klangen ihre Töne
Vor der Schönen Fensterlein
Luft hieß ihre leichte Schöne
Federn trug sie auf dem Haupt
Dass sie ewge Myrte kröne
Ist ihr Fenster myrtumlaubt
Lange steht sie so im Glanze
Ihr sind beide einerlei
Sie verwechselt beid im Tanze
Also ähnlich sind die zwei
Und so weit wird es noch kommen
Dass sie stiftet Bruderzwist
Ihren Zweifeln zu entkommen
Denket sie auf eine List
Einen Mann den muss ich haben
Denkt das arme Jungferlein
Der mir kann das Herz erlaben
Denn ich bin nicht gern allein
Zweifelnd denkt sie an die Künste
Die ihr Mutter Feuer lehrt
Macht am Freitag Weihrauchdünste
Kocht den Zaubertrank am Herd
Deckt dann vor dem Bett ein Tischlein
Setzt zwei blanke Teller drauf
Und zwei Gläser und zwei Fischlein
Gleich als käm ein Gast ins Haus
»Wer dann zu dir kommt von allen«
Hat die Mutter ihr gesagt
»Ist der Stärkste im Gefallen
Und der sei dir zugesagt
Der sei deiner Liebe Meister
Mächtig deiner Schönheit Kraft
Denn es wollen stets die Geister
Dass das Mächtigste sich schafft«
Es ist Nacht die beiden Lauten
Klingen vor dem Fensterlein
Und dann schaut sie ihren Trauten
Schweigend tritt er zu ihr ein
Ob es Ost obs West gewesen
Denket sie vergebens nun
Gleicher waren nie zwei Wesen
Dieser Zweifel will nicht ruhen
Spricht er nicht er kann doch sehen
Wie sie ihn zum Tische winkt
Und sie fühlt des Atems Wehen
Wie er aus dem Becher trinkt
Wie ers Tüchlein wohlgefalten
Nimmt vom blanken Teller ab
Lässt die Speisen doch erkalten
Und verschmähet ihre Gab
Dennoch muss sie nun empfangen
Eh er sie ins Bette führt
Eine Gabe ohn Verlangen
Die als Zeichen ihr gebührt
Abgebrannt sind beide Lichter
Und der Freund sitzt noch bei ihr
Macht so drohende Gesichter
Dass sie flieht zur Kammertür
Er das Messer aus dem Gürtel
Ziehet und ganz stille sitzt
Und der Mond aus seinem Viertel
Schauet wie es herrlich blitzt
Nein sie wagt es nicht zu nehmen
Wie ihr vorgeschrieben ist
Sei es Schrecken sei es Schämen
Sie verwünschet jetzt die List
Sie entschlüpfet in die Kammer
Er das Messer wirft nach ihr
Als er flieht mit schwerem Jammer
Steckt das Messer in der Tür
Morgens kommen beide Brüder
Sie zu grüßen doch dem West
Fehlt das Messer seine Lieder
Klagen ein gestörtes Fest
Das im Traume ihn gequälet
Und vergangen ist zu nichts
Weil sich alles hat verfehlet
In dem Schrecken des Gesichts
Tröstend gibt sie ihm die Hände
Küsset ihm die müde Brust
Und es drehen sich die Wände
Bald in hoher Hochzeitlust
Doch kein Kind will ihn erfreuen
Und er wünschet es so sehr
Bis sie sich mit Zaubereien
Setzt in schrecklichen Verkehr
Könnte sies voraus nur wissen
Irrwisch heißt des Zaubers Kind
In dem Kindbett muss sie büßen
Ihres Zaubers schwere Sünd
In ein Tuch das Kind zu schlagen
Tritt der Mann zum Schrank der Frau
Hat ihn eilig eingeschlagen
Und es liegt da viel zur Schau
Alles was sie ihm verborgen
Doch er schauet nicht danach
Reisset nur in großen Sorgen
Weiche Tücher aus dem Fach
Sieht das Messer draus entfallen
Das sie heimlich drin bewahrt
Das in jener Nacht voll Qualen
Er verlor durch Zaubers Art
Jener Traum der ihm vergessen
Denn der Zauber ist vorbei
Tritt ins Leben wie besessen
Fühlt er sich durch Zauberei
Alles glaubt er schon erlebet
Was ihm jetzo erst geschieht
Und die Qual ihn neu umschwebet
Die ihn jene Nacht durchglüht
»Also du bist es gewesen
Die mich jene Nacht geplagt
Dass ich nie vom Schreck genesen
O das sei hier Gott geklagt
Hast du mich voraus gequälet
Lang im schweren Liebesdienst
Straf ich dich nun wir vermählet
Und ich zahl wie dus verdienst
Hab ich auch nicht wollen speisen
Von der Fische Zauberei
Ist gehärtet doch dies Eisen
In dem Trank und macht mich frei«
Ihre Brust will er durchstechen
Doch das Kindlein schreit hellaut
Und die kleinen Augen sprechen
Haben sich rings umgeschaut
Blinde Wut ist ihm verschwunden
Aber nicht der harte Zorn
Als des Herzens Riss verwunden
Schmerzt im Fleische ihm der Dorn
Wenn sie weint bei seinen Schlägen
Zeigt er ihr das Messer nur
Spricht dann »Ohne Lieb kein Segen
Und du bist die ärgste «
Kamen so fremdartige Erzählungen in das ruhige Schloss und die älteren Kinder des
Grafen verwunderten sich darüber und fragten den alten Bedienten als er noch
lebte da pflegte er ihnen eine schöne alte Fabel zu erzählen die wir hier wo
wir mit allen früheren Verhältnissen abschließen als den Sinn unseres Buches
nacherzählen
                            Die Schule der Erfahrung
Ein Sperling hatte vier Jungen in einem Schwalbenneste Wie sie nun flügge
waren stießen böse Buben das Nest ein sie kamen aber alle im Windsbraus davon
Nun war dem Alten leid weil seine Söhne in die Welt kommen dass er sie nicht
zuvor gegen allerlei Gefahr verwarnet und ihnen gute Lehren dafür gesagt habe
 Auf dem Herbste kamen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen allda traf
der Alte seine vier Jungen die führt er mit Freuden zu sich heim und sprach
»Ach meine lieben Söhne was habt ihr mir den Sommer über für Sorge gemacht
dieweil ihr ohne meine Lehre von mir weg in den Wind gekommen hört meine Worte
und folgt eurem Vater und seht euch wohl vor kleine Vögel haben große
Gefährlichkeiten auszustehen«  Darauf fragte er den Ältesten wo er sich den
Sommer über aufgehalten und wie er sich ernährt habe
    »Ich habe mich in den Gärten gehalten« antwortete der Älteste »Raupen und
Würmer gesucht bis die Kirschen reif wurden«
    »Ach mein Sohn« sagte der Vater »die Schnabelweide ist nicht bös aber es
ist große Gefahr dabei darum habe fortin deiner wohl acht und sonderlich wenn
Leute in den Gärten umhergehen die lange grüne Stangen tragen so inwendig hohl
sind und oben ein Löchlein haben«  »Ja mein Vater besonders wenn dann ein
grünes Blatt vors Löchlein mit Wachs geklebt wäre da sieht man es kaum und es
trifft doch«  »Wo hast du das gesehen«  »In eines Kaufmanns Garten« sagte
der Junge
    »O mein Sohn« sprach der Vater »Kaufleute geschwinde Leute bist du bei
diesen Weltkindern gewesen so hast du Weltgescheitigkeit genug gerlernt siehe
und brauchs nur recht und wohl und traue dir nicht zu viel«
    Darauf befragte er den andern »Wo hast du dein Wesen gehabt«
    »Zu Hofe« sprach der Sohn
    »Sperlinge dienen nicht an Höfen« sprach der Vater »wo viel Geld Samt
Seiden Wehr und Harnisch aber wenig zu essen viel Sperber Kauzen und Falken
sind die dich fressen halt du dich zum Rossstall da man den Hafer schwingt
oder da man drischet da kann dirs Glück mit gutem Frieden auch dein täglich
Körnlein bescheren«
    »Ja Vater« sprach der Sohn »wenn aber die Stallbuben ihre Schlingen und
Sprengsel im Stroh aufstellen da bleibt auch mancher hängen«
    »Wo hast du das gesehen« fragte der Alte
    »Zu Hof bei den Rossbuben«
    »O mein Sohn Hofbuben böse Buben bist du zu Hof bei den Dienern gewesen
und hast da keine Federn gelassen so hast du ziemlich gerlernt du wirst dich
in der Welt wohl wissen durchzufressen doch siehe dich um die Wölfe fressen
auch oft die gescheiten Hunde«
    Der Vater nahm den dritten auch vor sich »Wo hast du dein Heil versucht«
    »Auf den Fahrwegen und Landstraßen hab ich bisweilen ein Körnlein oder
Brotkrümlein angetroffen«
    »Dies ist ja« sagte der Vater »eine feine Nahrung aber merk gleichwohl
auf sonderlich wenn sich einer bücket und einen Stein aufheben will da ist dir
nicht lange zu bleiben«  »Wahr ists« sagte der Sohn »wenn aber einer zuvor
einen Handstein im Busen oder Tasche trägt«
    »Wo hast du dies gesehen«
    »Bei den Bergleuten lieber Vater wenn sie ausfahren dann führen sie
gemeiniglich Handsteine bei sich«
    »Bergleute Werkleute« rief der Vater »anschlägige Leute bist du um
Bergburschen gewesen so hast du was gesehen und erfahren fahr hin und nimm
deiner Sache gleichwohl gut acht Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobalt
niedergeschmissen«
    Endlich kam der Vater an den jüngsten Sohn »Du mein lieber Geckennestle du
warst allzeit der albernste und schwächste bleib du bei mir auf dem wüsten
Bauerhofe den die Feinde abgebrannt haben die Welt hat viele grobe und böse
Vögel die krumme Schnäbel und lange Krallen haben und nur auf arme Vöglein
lauern und sie verschlucken halt dich zu mir und lies die Spinnen und Raupen
hier von Baum und Haus hier ist kein Blaserohr keine Schlinge kein Steinwurf
und keine Fuhrmannspeitsche zu fürchten hier haben wir beide so eben genug für
uns und so bleibst du lange zufrieden«
    »Du mein lieber Vater« antwortete der jüngste Sohn »wer sich nähret ohne
anderer Leute Schaden der kommt lange hin und kein Sperber Habicht Aar oder
Weihe wird ihm schaden wenn er zumal sich und seinen ehrlichen Namen Gott alle
Abend und Morgen treulich befiehlt welcher aller Wald und Dorfvöglein Schöpfer
und Erhalter ist der auch der jungen Raben Geschrei und Gebet hört ohne seinen
Willen fällt auch kein Sperling auf die Erde«
    »Wo hast du das gelernt«
    Darauf antwortete der Sohn »Als mich der große Windsbraus von dir weg riss
kam ich in eine Kirche da speist ich im Sommer die Fliegen und Mücken die den
frommen Leuten um die Ohren summen und las die Spinnen von den Fenstern die
ihnen das Licht mit ihren staubigen Netzen verhalten dann hörte ich diese
Sprüche predigen da hat mich der Vater aller Wesen den Sommer über ernähret
und vor allen grimmigen Vögeln behütet«
    »Traun mein lieber Sohn fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und
Fliegen aufräumen und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre so wirst du
wohl und unverletzt bleiben und wenn die ganze Welt voll wilder und tückischer
Vögel wäre Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache schweigt leidet wartet
braucht Glimpf und Klugheit Mut und Ergebung Ernst und Güte bewahrt Glauben
und Gewissen rein dem will Gott Schutz und Helfer sein«
 
                                Sechstes Kapitel
           Ritter Brülar Die Päpstin Johanna Johannes Deutschland
Der gute alte Bediente blieb so lange er lebte der Schutzgeist dieser Kinder
die alle wie es in kräftigen Familien gewöhnlich in großer Eigentümlichkeit
in wechselnder Leidenschaft und Feindschaft zu einander eine kleine Welt in
sich begründeten Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes
der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet
hatte er war durch jenes Ereignis beiden Eltern was sie sich nicht eingestehen
wollten eine unangenehme Erinnerung geworden sie ließ es ihn nie fühlen
aber Kinder fühlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht
sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden Wenn die Gräfin von allen
andern Kindern sich umklettern ließ und ihnen die Freude machte zu sagen jetzt
tue es ihr hier oder da weh und die Kinder eifrig streichelten gleich endete
sie das Spiel wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte ich
führe nur den einen Fall an aber es gab unzählige dieser Art während in allen
bedeutenderen ein völlig gerechtes gleiches Verhältnis zwischen den Kindern
beobachtet wurde Wir wissen der alte Bediente starb der Graf war nach allen
Seiten beschäftigt und die älteren Kinder in einem Alter von acht und sieben
Jahren bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen
Aufsicht eines männlichen ernsten Unterrichts Der Krieg hatte die Wege nach
Deutschland gesperrt es musste daher ein Fremder gewählt werden man schwankte
zwischen verschiedenen Sizilianern endlich machte auf dem Schloss ein
französischer Ausgewanderter der Ritter Brülar durch Empfehlung der Obristin
aus Palermo seine Aufwartung und erbot sich zum Hofmeister Die Obristin wusste
nichts von den Leuten als was sie ihr von sich erzählten und wie sie sich ihr
gefällig zu machen wussten durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung Lustig
war der Ritter nur in seinem Äußeren aber das unterschied sie nicht sein
Inneres war von der Zeit fürchterlich zerrissen die ihn mit Anlagen
Kenntnissen und Geschicklichkeiten welche zu den ersten Stellen führen konnten
plötzlich arm gemacht und in Länder verbannt hatte deren Sprache er nicht
einmal hören vielweniger lernen mochte von deren Treiben er gar keinen Begriff
hatte und sie darum in sich verspottete während er sich der Leute durch
Artigkeit zu bemächtigen wusste Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer
Seele an man lobte sie aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgeführt
obgleich manche den Schein davon annahmen aus Überdruss und um davon zu leben
überließ er sich der Bekanntschaft reicher Frauen doch eben der Überdruss und
endlich die Erschöpfung trieben ihn auch hievon zurück er wollte ein Philosoph
sein und heißen und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt
seines politischen Elements Da er nirgend seine Gedanken in Ausübung bringen
konnte was er den Fürsten und Regierungen sehr übel deutete so machte er sich
unabhängig von allen bestehenden Staaten eine eigene politische Einwirkung und
Verbindung Völker hatte er nie geachtet nur Systeme und Grundsätze er
vertraute sich so wenig wie möglich er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen
zum Glücke hinbetrügen Seine Pläne waren weit aussehend zuerst musste er den
Menschen die Künste verleiden damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben
und dem blinden Wirken zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen
Gleichgesinnten kritische Blätter die jedem aufstrebenden Talente dreist in die
Augen sagen mussten es vermöge nichts es sei überhaupt jetzt die Zeit nicht für
Kunst insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen Zu seinen
entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu
entführen auch war ihm das schon mit mehreren gelungen die er in einem
sardinischen Kloster untergebracht hatte Wir können nur aus Gerüchten über
diese seine Verhandlungen sprechen seine Sache ist in der Untersuchung wegen
der vielen bedeutenden Menschen die darin verwickelt waren ganz unterdrückt
worden wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete
Haus des Grafen Er wusste den Grafen durch seinen Ernst durch seinen Anstand
und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen er focht herrlich war der beste
Schwimmer ritt wie ein Zentaur durch seine Art des Absprechens das meistens
aus tieferer Kenntnis zu kommen schien imponierte er ihm sogar Dem Grafen
waren die leeren Hilfsmittel des Streits ganz unbekannt er konnte sich nicht
denken dass ein Mensch über etwas reden könne ohne das Streben zu haben es
recht eigentlich zu erfassen oder um darüber aus innerer Lustigkeit zu scherzen
wo er daher den Brülar nicht begriff da dachte er sich eine höhere Verbindung
in ihn hinein Brülar wurde als Hofmeister der älteren Kinder angenommen Vater
und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschränkte Folgsamkeit gegen ihren
Führer Diese Ermahnung war überflüssig in jedem edlen Gemüte ist eine
Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen die leicht gefährlich werden kann;
wirklich war der Ritter in allem was sie verstanden ausgezeichnet beide
überließen sich ihm ganz insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke
auch er zeichnete den Kleinen durch Härte und Güte aus Es wurde ihm zuweilen
ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht dass sich dieses Kind gar nicht mehr
um sie bekümmere aber eigentlich war es beiden lieb denn sie waren durch diese
von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins überhoben als liebten sie ihn den
andern Kindern gleich Klelia hatte ihr Bedenken dagegen aber sie sah die
ausgezeichneten Fortschritte des Kindes das mit liebevoller Anstrengung aller
Kräfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen älteren auch seinem
Bruder überlegen war und sie teilte mit allen im Schloss die Achtung gegen den
Ritter der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tätigkeit den
Kindern anzugehören schien Er war ungefähr ein Jahr im Schloss als die
Herzogin mit den Ihren zu einer großen Tragödie eingeladen wurde die in der
Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der
Mönche aufgeführt werden sollte Brülar machte erst einige Einwendungen ob man
Kinder in solche törichte ungeregelte Possen bringen könne aber die Gräfin
verlangte es und er gab nach wollte aber selbst wegen eines heftigen
Kopfschmerzes nicht mitgehen Die Fahrt war fröhlich die vornehmen Gäste wurden
von dem Prior und den ältesten Mönchen des Klosters mit großer Behaglichkeit
empfangen eine nahrhafte Bewirtung ein reichliches Trinken war ihnen bereitet
Niemand weiß so zu genießen wie die Mönche das Essen und Trinken treiben sie
wie eine heilige Pflicht Bald nachher wurden sie in einen großen Esssaal
gebracht wo das Theater aufgeschlagen war sie erhielten eigene abgesonderte
Sitze die Volksmenge lärmte unter ihnen die Kinder hatten noch nie etwas der
Art gesehen und meinten das sei schon die Komödie Der Prior entschuldigte
sich dass sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stück des Metastasio zu
spielen nicht hätte durchgesetzt werden können, weil das Volk nach alter
Gewohnheit durchaus die »Päpstin Johanna« verlangt habe der Graf versicherte
das sei ihm auch viel lieber Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte
musikalische Vorbelustigung das Volk sang mit endlich ging der Vorhang auf
Der Teufel in grimmigster Gestalt schwarz mit rotem Mantel mit dem
Pferdefusse der Hahnenfeder erscheint in einer wüsten Gegend und beklagt sich
schmerzlich was ihm durch den Papst für Abbruch geschehe er wird dabei von
Oferus unterbrochen der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Mächtigsten zu
dienen entschlossen sei und der Heidenkönig dem er bis dahin gedient sich vor
dem Teufel gefürchtet habe Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an er will ihn
gleich gegen Rom und gegen den Papst führen da müssen sie aber bei einem Kreuze
vorbei das will der Teufel umgehen Oferus merkts aber und der Teufel gesteht
seine Furcht gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf und will diesem
Mächtigeren dienen Vergebens ruft der Teufel »Den du da siehst der ist von
Stein da ist nicht Geist da ist nicht Bein den hat ein Steinmetz
ausgemeisselt mit roter Farbe ist er gegeisselt« Oferus antwortete ihm »Wie
mächtig ist der Herre mild dass er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel
kann erschrecken das muss den Glauben mir erwecken«  Nach diesen Worten
verlässt er ihn und der Teufel beschliesst seinen Plan gegen des Kindes Mutter
Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzuführen er spricht »Durch
eine andere Jungfrau die ganz mein will ich verdunkeln jenes Trones Schein
Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz er kennt mich nicht darum ist er
mir treu ein Mädchen auf als wärs ein Knabe ganz dass sichs am Wissen leer
und eitel freu Durch eitles Wissen steigt sie auf den Thron auf dem einst
Petrus auch gesessen schon und spricht dem alten Christen Hohn und achtet
nicht auf Gottes Straf und Lehr und jenes Papsttum das in Schimpf vergangen
wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen dies Kind soll sein der
Antichrist der alles zwingt mit seiner List und die ihn hassen selbst
verführt nach seiner Pfeif die Welt regiert dass sie vergehet im Verderben so
will ich für die Hölle werben«  Hierauf erzählt er dass er in Mainz ein
Mädchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz es
sei dieses das Kind eines Mönchs und einer Nonne die mit einander gesündigt
hätten um ungeheuer büßen zu dürfen er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines
großen italienischen Philologen Chrysoloras dem Unterrichte eine feste Richtung
zum Bösen zu geben Das Theater verändert sich in einen Garten mit einem
Lustause er tritt leise in den Garten wo Johanna so hieß das Mädchen mit
einer sehr schweren Arbeit beschäftigt war die biblische Schöpfungsgeschichte
in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule deren
erster Lehrer Spiegelglanz ist zu erzählen und aufzuschmücken Nun hatte sie
den Tag über in der Bibel mit großer Freude gelesen und nicht davon kommen
können jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert aber weder die Feder
noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angerührt die ihr Spiegelglanz als
sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte noch konnte sie sich entschließen
in dem Reimwörterbuche und in der Poetik zu lesen die Spiegelglanz ihr
besonders empfohlen hatte Das gefiel dem Teufel gar nicht er beschloss durch
die Stimmen aller in der Sommerluft schwärmenden singenden rauschenden Wesen
die kleine Johanna von der Arbeit zu rufen die eben wieder aus dem Psalter nach
der Schöpfungsgeschichte zurück geblättert hatte ihre Arbeit endlich ganz
ernstlich zu beginnen  Wir wollen hier ihr ganzes Selbstgespräch mitteilen
                          Gartenhaus mit offenen Türen
      Johanna an einem Tische mit Büchern und Schriften liest und schreibt
                        abwechselnd dann liest sie vor
Und Gott sprach »Es werde Licht« und es ward Licht 
                             Die Blumen im Fenster
Wir welken im Licht
Begiesst du uns nicht
Wir schließen uns bald
Es dunkelt im Wald
Johanna liest weiter Und Gott sprach »Es sammle sich das Wasser unter dem
Himmel an abgesondertem Orte dass man das Trockne sehe« Und Gott sehe dass es
gut war
                          Der Röhrbrunnen vor der Türe
Ich laufe über
Komm her du Lieber
Und schöpf mich aus
Sonst lauf ich ins Haus
Johanna liest weiter Und Gott macht die Tier auf Erden ein jeglichs nach
seiner Art und das Vieh nach seiner Art und allerlei Gewürm auf Erden nach
seiner Art Und Gott sah dass es gut war
                       Der Vogel auf dem Baume am Fenster
Hör wie die Raupen
Fressen im Laub
Mussts nicht erlauben
Strafe den Raub
Liebliches Kind
Hilf mir geschwind
Johanna liest weiter Und Gott sprach »Lasst uns Menschen machen ein Bild
das uns gleich sei die da herrschen über die Fische im Meer und über die ganze
Erde und über alles Gewürm das auf Erden kreucht«
                           Die Fliege auf dem Tische
Hör ich deinen Kopf so brummen
Oder muss ich selbst so summen
Trank vom allerbesten Wein
Schlief beim letzten Tropfen ein
Setz mich nun auf deine Nase
Dass ich höre wie sie blase
Johanna schlägt ungeduldig nach der Fliege und liest weiter Und Gott der Herr
macht den Menschen aus dem Erdenkloss und er blies ihm ein den lebendigen Odem
in seine Nase Und also ward der Mensch eine lebendige Seele
                   Die Mücken die zum Fenster hinausfliegen
Hab dich umflogen
Blutiges Feuer
Glänzt mir im Leibe
Das ich beim Schreiben
Dir ausgesogen
Tieferes Feuer
Glänzet im Abend
Tanz ich im Glanze
Vergeht es so labend
Johanna kratzt sich an Händen und Füßen dann lieset sie weiter Und Gott der
Herr pflanzet einen Garten in Eden und setzt den Menschen drein Und Gott der
Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume lustig anzusehen und gut zu
essen und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum des Erkenntnisses
vom Guten und Bösen
                            Der Baum vor dem Fenster
Über deinem Haupte
Schweben die Sorgen
Über meinem belaubten
Haupte wie Morgen
Glänzet der Abend
Kühlend und labend
Schwebet der Vogel
Rauschet der Wind
Liebliches Kind
Steige geschwind
Mir auf die Äste
Die ich im Weste
Neige und zeige
Zeig dir ein Nest
Halte dich fest
Steige hinein
Alles ist dein
Zeige dir Früchte
Glühend im Lichte
Kühlend im Mund
Saftig und rund
Aller der Tage
Arbeit und Plage
Himmlischer Lohn
Gibt dir mein Thron
Herrlich ist wohnen
Hier in den Kronen
Johanna sieht ihn lange an und liest weiter Und Gott der Herr gebot dem
Menschen und sprach »Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten aber von
dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen denn welches
Tages du davon issest wirst du des Todes sterben«
         Ein Schmetterling der durch die Fensterscheiben fliegen will
Was gähnst du wieder
Und streckst die Glieder
Springe mir nach
Heiter und wach
Noch nimmermehr
Kam ich hieher
Kann nicht heraus
Hier aus dem Haus
Habe kein Bangen
Lasse mich fangen
Lass mich am Kranz
Spielen im Glanz
                                    Johanna
Das ist ein Totenvogel gar
Den such ich schon ein ganzes Jahr
Er soll mich doch nicht stören
Ich will ihn gar nicht hören
Ich bin zwar von der Arbeit müd
Doch stören soll mich noch kein Lied
                                 Marienwürmchen
Sieben Punkte trag ich schwer
Mach doch einen Punkt daher
Dass die Arbeit schließe
Bring dir viele Grüße
Von den Nachbarskindern
Die sind viel geschwinder
Die sind alle fertig
Deiner schon gewärtig
Hast du viel geschrieben
Kann ja gar nichts finden
Sag wo ists geblieben
Kann das so verschwinden
                                    Johanna
Hört mir nur einmal zu ihr Tierlein lasst das Singen
Ich fühls die Arbeit wird mir endlich doch gelingen
Ich war so ganz in Lust und Sonnenglanz versunken
Vor meinem frohen Blick gestalteten sich Funken
In wunderbar Gespräch hört ich die Lichtgestalten
O könnt ich euch nur fest zu meiner Arbeit halten
Ein schönes Bild so schnell im schöneren untergeht
Kaum weiß ich wo ich bin wo mir der Kopf jetzt steht
Könnt ich bei einer Arbeit nur beständig bleiben
Doch andres wird mir lieb und andres soll ich treiben
Nun jetzt bleib ich dabei bis ich zum Schluss gelange
Dass ich ein Prämium aus Meisters Hand empfange
Der Titel ist gemalt und das Papier gefalten
Mag nun der liebe Gott mit meinem Geiste walten
Dass all sein Schöpfungswerk in sieben Tag verrichtet
An diesem Abend noch in Worten sei berichtet
Ein jedes Kraut genannt die Vögel all beschrieben
Der ganze Frühling zeigt wo Lücken sind geblieben
Im Alten Testament das will ich alles fassen
Und eh nicht alles drein nicht von der Arbeit lassen
Wie dumm nun geht das Licht da ich es eben brauche
Ich las mich schon ganz trüb als obs im Zimmer rauche
So spielt der letzte Strahl und strahlt im Sonnenstaube
Und draußen wehts so kühl in meiner Bohnenlaube
Die Vögel betten sich lautrauschend in den Hecken
Wo mag mein Eichhörnlein wohl jetzo wieder stecken
Heida ihr Tauben bunt kommt ihr vom Feld zurücke
Ich öffne euer Haus  nun fliegt ihr fort aus Tücke
Ins Freie will ich auch zu fleißig tut kein gut
Ein kluges Kind stirbt jung ich kühle meinen Mut
Der Wiesenplan steht voll von schöner gelber Blume
Die hau ich all herab zu meinem ewgen Ruhme
Als wärs die Heidenbrut im Turban farbig schön
Sie sollen sich gestreckt vor Christi Kreuze sehen
Das sei zuerst geschmückt mit frischem Blumenkranz
Gewisslich macht es Freud dem guten Spiegelglanz
Im frischen Abendwind verspring ich dann die Füße
Und dann der stillen Nacht zur Arbeit ganz genieße
Als sie nun gefunden dass es ihr mit den Alexandrinern ziemlich leicht ginge
sprang sie noch leichter zur Türe hinaus pflückte aus allen Blumenbeeten die
schön geordnet da standen vorsichtig heraus dass keines leerer schien vielmehr
seine neuen Knospen freier und wechselnder zum Licht ausstreckte Der Kranz war
schnell geflochten und das Christusbild bekränzt sie wollte ein kindisches Lied
auf ihn anfangen »Christus meine Puppe segne heut die Suppe« als sie über
sich selbst lustig auf einen Baum kletterte und lachte und die Äste küsste die
voll Kirschen hingen und die aß sie langsam und knipste die Kerne zu dem
heiligen Bilde wobei sie sagte »Bist du von Stein so kannst du auch Steine
essen« Der Teufel freute sich darüber sehr und funkelte ihr alle versteckten
Kirschen entgegen Sie hatte aber genug und stieg herunter und machte aus allen
Kirschstengeln Knoten und aus den Knoten einen Kranz den sie Christus aufsetzte
zum großen Ärger des Teufels denn er sah dass alles in ihr ganz unschuldiges
Kinderspiel sei weder gut noch böse und dass er ihr also noch nichts anhaben
könne Gleich darauf verglich sie alle Früchte im Garten nach ihren Farben nach
ihren Kernen nach ihrer Haut Staub und Wolle Geschmack und Geruch und machte
sich daraus allerlei Kameraden von verschiednem Charakter wobei sie einen
besonderen Hass gegen die schwarzen Aalbeeren und eine Art heiliger Scheu gegen
die reine Frische der Erdbeeren empfand das missfiel dem Teufel wieder der die
Aalbeeren in seinem Wappen führt Bald fand sie an einem Pflaumenbaume die
durchsichtige weissgelbe Kugel des ergossenen Harzes sie hielt es für einen
großen Schatz und gedachte des Paradiesbaumes woraus nach der Lehre des
Spiegelglanz das Bdellium der Bernstein geflossen Ein blaues und ein grünes
Seejüngferlein die da auf einigen Stauden flatterten entzogen sie allen andern
Gedanken sie hatte nie so schlanke farbige Leiber so zierliche schimmernde
Flügel gesehen es erwachte in ihr eine Sehnsucht danach als wenn es ihre Seele
wäre die ihr entflattern wollte und wirklich haben diese Tiere einen besonderen
Anflug geistigen Daseins Sie sah ihren Lehrer gar nicht der inzwischen mit
seinem Buche in den Garten geschritten Endlich fing sie beide und brachte sie
ihm triumphierend
SPIEGELGLANZ Woher so schnell du sahst mich kaum liefst immer zu als wie im
    Traum
    Johanna aber sprachlos vor Freude zeigte ihm die beiden Tiere die sie an
    den Flügeln hielt und mit den Beinen gegen einander spielen ließ
SPIEGELGLANZ Zwei Seejüngferlein sind ein rechter Dreck geh mach sie tot und
    wirf sie weg
JOHANNA Die können wohl so lieblich singen dass alle Leut ins Wasser springen
    hast du mir nicht davon erzählt wie der Ulysses ward gequält
SPIEGELGLANZ Die waren wie Jungfern du dumme Gans und hatten nur hinten den
    Fischschwanz
JOHANNA Dir will ich sie alle beide schenken es ist mir das Liebste ohne
    Bedenken du musst sie nur zusammen bewahren und ja ihr Futter nicht
    ersparen
SPIEGELGLANZ Ich lass sie frei ich lass sie los sie kommen wohl wieder wenn
    sie groß
JOHANNA Nein was mir lieb das lass ich nicht Ihr stosst sie fort das Herz mir
    bricht Ihr werdet mich wohl auch frei lassen und in der weiten Welt
    verlassen da weine ich mir die Augen aus das ist nun heut mein
    Abendschmaus
SPIEGELGLANZ Du bist ein Kind sieh Heidelbeeren die ich im Wald für dich
    gelesen lass doch dein Weinen sieh die Zähren die fallen drauf das ist
    ein Wesen um solche große Wasserfliege Warst du denn fleißig zeige her
    ich seh ja nichts als krumme Züge auf dem Papiere kreuz und quer
JOHANNA Ich wollte eben recht anfangen da war die Sonne mir vergangen
SPIEGELGLANZ Du Schlingel muss ich so was sehen so wirst du nun mit Schand
    bestehen Wozu nun meine Mühsamkeit mit der ich dich gebracht so weit dass
    du nun selber kannst was tun statt dessen magst du lieber ruhen
    Herumlottern Faulenzen Spielen das ist so Wasser auf deiner Mühlen
JOHANNA Nein lieber Herr ich war so fleißig ich machte Pläne mir wohl
    dreißig für jeden Tag des Monats einen doch heut allein vollführt ich
    keinen weil hier ein ewiges Singen war von einer Käfer und Fliegenschar
    von rauschenden Brunnen knisternden Dielen ei da verging mir Schreiben und
    Spielen
SPIEGELGLANZ Du wirst zuweilen ganz unvernünftig ja sag was soll aus dir
    werden nun künftig denn kannst du zum Studieren nicht taugen so muss ich
    dich zur Aufwartung brauchen
JOHANNA Dir wart ich auf so herzlich gerne dirs an den Augen abseh von ferne
    was dir bequem und was dir lieb ach lieber Meister dich nicht betrüb ich
    will mich vor fremden Gedanken hüten es geht nur nicht hier bei Früchten
    und Blüten hier ist mir als lebt ich ganz da drinnen und kann mich niemals
    in mir besinnen dass ich die Feder wirklich führ bin nirgends weniger als
    in mir
SPIEGELGLANZ Sollst künftig im Zimmer verschlossen bleiben ich dachte dir
    fröhlich die Zeit zu vertreiben doch seh ich du bist nur für den Zwang
JOHANNA Ach lieber Herr du machst mich bang von meinen Balsaminen zu lassen
    wahrhaftig da kann ich gar nicht spassen von meinen Erbsen die ich gesät
    nun eben alles so wohl gerät von meinen Bohnen die um die Stangen mit
    leichtem Grün sich fröhlich schlingen und erst so schwach aus der Erde
    drangen dass ich sie aus der Hülse tät zwingen
SPIEGELGLANZ Fort mit den Kasten die schütte ich aus Ei das verdirbt mir ja
    das Haus zieht Feuchtigkeit in die Fenstermauer
JOHANNA Ach Gott nie hatte ich größere Trauer Dir hätt ich die Bohnen und die
    Schoten einst alle zum Geburtstag geboten
SPIEGELGLANZ Zum Teufel mach mir den Kopf nicht heiß dass ich dich heut nicht
    schlage und schmeiss das ist ein Heulen ein Lamentieren mit jedem Quark
    ein Mitleid spüren da ist kein Winkel dir zu klein es muss dir zu was noch
    brauchbar sein ich glaube du hättest die ganze Welt mit lauter Spielzeug
    vollgestellt Ich will doch endlich auch aufräumen was klebt mir denn hier
    an beiden Däumen
JOHANNA Das hatte ich dir zum Geschenke bestimmt nun wirfst du es in den
    Garten ergrimmt es ist Bdellium vom Paradies von einem Baum ichs heut
    abstiess
SPIEGELGLANZ So soll dich ja der Teufel holen wenn du mich aufziehst mit
    solchen Sachen ich muss mir die Finger schmutzig machen dir muss ich einmal
    die Hände besohlen
    Als diese Strafe eben vollstreckt werden sollte trat der Teufel als ein
    berühmter griechischer Professor Chrysolor herein verwundert steht er still
    und lächelt »Zucht bringt Frucht« Er grüßte den ergrimmten
    selbsterhjetzten Lehrer mit spottender Sanftmut es freute ihn dass alles
    Böse in ihm so rasch wie Unkraut aufwachse er hatte ihn unterwegs in
    anderer Gestalt schon geärgert indem er ihn der doch alles zu wissen
    vermeinte einer Unwissenheit gezeiht was eigentlich die ganze Veranlassung
    seines Ärgers über die kindische Spielerei war die er selbst oft
    unterstützt und mitgemacht hatte Der Teufel begrüßte ihn feierlich sprach
    von seinem großen Rufe in der Metrik der sich selbst bis Athen ausbreite
    wo er jetzt das Richtmass aller Poeten abgebe und das Vorbild aller
    Erzieher Nun erzählte er ihm von seinem Knaben wie er den im fünften Jahre
    schon so weit gebracht dass er den ganzen Plato vorwärts und rückwärts
    auswendig gewusst die Verszahl jedes Homerischen Verses angeben konnte und
    wie dieses Wunderkind jetzt schon seit einem Jahre nicht mehr schliefe von
    Zuckerwasser sich nährte und von der Unsterblichkeit der Seele rede
    Spiegelglanz hörte ihm verwundert zu mit heimlicher Tücke sah er auf die
    arme Johanna sagte ihm aber dagegen dass er den tiefsinnigen Erklärer des
    Aristoteles beim ersten Blicke in ihm erkannt
DER TEUFEL Doch diesem Kind so muss ich meinen wird alles dies ein Geringes
    nur scheinen in eigener Erziehung da zeigt sich der Meister da löset und
    richtet er alle Geister in wie viel Sprachen darf ich fragen kannst du
    mir das Vaterunser sagen
SPIEGELGLANZ Mein göttlicher Freund verschonen Sie heut der Knabe ist heut gar
    sehr zerstreut
JOHANNA Nein lieber Herr ich bete gern es hilft mir dabei etwas von fern
SPIEGELGLANZ Wie werd ich beschämt wie rett ich den Schein in einer Sprache
    weiß sie es allein 
Aber ein Engel kam über das Kind und sagte wie sie da andächtig betete das
    Vaterunser in allen Sprachen her dass Spiegelglanz sich über das
    heimtückische Kind ärgerte wie es ihm das bisher verschwiegen und der
    Teufel staunte wohlwissend eine höhere Kraft wirke darin
DER TEUFEL Du bist ein Wunderkind fürwahr o sag mir wie viel zählst du Jahr
JOHANNA Ich bin acht Jahr erst kürzlich gewesen und seit dem vierten kann ich
    schreiben und lesen kann deklinieren und konjugieren und weiß was alle
    Verba regieren
DER TEUFEL So sag mir von welchem Geschlecht du bist
JOHANNA Ich bin ja kein Wort das ist Hinterlist
DER TEUFEL Die Frage wirst du gar bald verstehen
SPIEGELGLANZ O lassen Sie uns zum Dome gehen viel Altertümer da drinnen
    stehen Ich möchte schier in Angst vergehen
    Doch der Teufel entschuldigte sich und eilte fort Spiegelglanz begleitete
    ihn vors Tor sie unterhielten sich von der Erziehung zum Gelehrten und der
    Teufel brachte ihm alle Grundsätze bei die Kinder durch erweckte Eitelkeit
    Neid Habsucht zu schnellem Fortschritte zu bringen Spiegelglanz kehrte
    heim küsste seine Schülerin mit wütender Zärtlichkeit ihr heimliches Lernen
    hatte alle seine Erwartungen übertroffen Er machte ihr kleine Geschenke
    Kleider Zeuge und versprach ihr wenn sie in ihrem Fleiße fortfahren wolle
    so machte er ihr die Preisaufgabe jene Erzählung der Weltschöpfung in
    Alexandrinern die er zum Wettstreite für den Platz in der Schule aufgegeben
    hatte Johanna sprang fröhlich darüber in den Garten da dachte sie aber
    wie sie rot werden müsste wenn sie nun den Preis und den ersten Platz
    erhielte und sich schämen sie sah wie jede Pflanze ihr Blatt ihre Frucht
    bewahrte ohne mit der schöneren zu tauschen und schämte sich vor allen
    Unschlüssig ging sie im Garten umher Sie wollte einmal zurückkehren und
    alles aufsagen und selbst arbeiten da sang ihr aber der Teufel als Kuckuck
    vor
Meine Eier
Leg ich in andrer Nest
Bin nun freier
Säss sonst wie andre fest
Die sie brüten aus
Sitzen still zu Haus
Alle Kinder rufen mir
Kuckuck Kuckuck ich bin hier
    Sie rief ihm nach es war finster die Zeit war vorbei Spiegelglanz gab ihr
    seine Arbeit zum Abschreiben Die Schüler kamen den andern Tag in höchster
    Erwartung zusammen da war kein Pochen kein Stoßen alles horchte jeder
    hoffte der Erste zu werden jeder hätte sein Leben darum gewagt Johanna
    die Johannes in der Schule hieß von der keiner es erwartet erhielt
    einmütig den Preis keiner hatte das Silbenmass so vollkommen beobachtet Mit
    Weinen nahm sie den Preis an der von allen beneidet wurde  es war der
    Preis ihrer Seele
Nach diesen Szenen bat der kleine Johannes seinen Vater er möchte doch mit ihm
herausgehen ihm sei nicht wohl der Vater erfüllte seine Bitte ließ ihm etwas
Wein reichen und kam mit ihm zurück Das Stück ging seinen Gang fort den wir
nur ganz kurz berühren wollen Als Johanna in der Schule weit heraufgekommen
entwickelt sich ihr Stolz und ihre Eitelkeit immer mehr sie hat kraft dieser
Antriebe auch wirklich so viel gelernt dass sie ohne ihren Lehrer allen
überlegen ist und jetzt will sie sich auch von seiner lästigen Oberherrschaft
frei machen Spiegelglanz der das bemerkt entdeckt ihr nun was sie bisher in
der Absonderung ihres Lebens nicht gewusst hat dass sie ein Weib sei mache er
dies bekannt so werde sie schimpflich aus der Schule verstoßen sie muss sich
ihm ganz ergeben der sie jetzt nicht bloß zu seiner Ehre sondern auch zum
künftigen Genuße aufzieht Sie gehen zusammen nach Athen wo mancherlei
Abenteuer sich ereignen endlich auch nach Rom wo sie alles mit ihren Lehren in
Staunen versetzt und das Ziel ihrer Wünsche den päpstlichen Stuhl besteigt
Jetzt meint der Teufel alles gewonnen aber er verspielt durch seinen eignen
Diener Spiegelglanz der jetzt wo Johanna in Ruhm und Glanz stolziert sie zu
seinem wollüstigen Willen leicht beredet Sie weiß nichts davon dass sie ein
Kind trage aber ein Besessener verkündet es ihr in großer Herzensangst betet
sie zur Mutter Maria und diese schickt ihr einen Engel mit dem Troste wenn sie
durch den Schimpf einer öffentlichen Geburt ihren Stolz abbüssen würde so sollte
sie so wie ihr Kind gleich sterben aber der ewigen Verdammnis entgehen Sie
ergibt sich darein vergebens warnt sie Spiegelglanz sie könne es leicht
verbergen sie will beschimpft sein sie geht in feierlicher Prozession bei dem
Kolisseum vorüber und wird von einem Kinde entbunden der Teufel dreht ihr und
dem Kinde aus Ärger den Hals um Ein wahrer Papst wird hierauf mit mehr Vorsicht
gewählt
Jedermann wird eingestehen dass es eine italienische und besondere sizilische
Naivität fordert um solch ein Stück öffentlich in einem Kloster zu geben die
Gräfin war nicht sehr zufrieden damit es hatte eine schmerzliche Saite in ihr
berührt den Grafen an seinen lieben Traugott wieder erinnert und erregte eine
Menge neugieriger Fragen der Kinder Während sich alle zur Abfahrt anschickten
zog der kleine Johannes den Vater wieder beiseite und dieser führte ihn in den
Garten weil er glaubte dass er irgend eine körperliche Beschwerde habe hier
verfiel aber das Kind in ein fürchterliches Weinen und Schluchzen das es nicht
zu Worte kommen ließ Endlich zog der Kleine ein paar Tüten heraus und übergab
sie dem verwunderten Vater der darin Kaffeebohnen und Zucker entdeckte Als die
ersten gebrochenen Worte erlöst waren da wurde der Zusammenhang dieser
Geschichte bald klar Brülar hatte den Kleinen überredet er sei zu einer großen
Tat bestimmt und von seinen Eltern nicht geliebt ihm müsse er folgen er liebe
ihn allein er wisse allein seinen Mut er wolle mit ihm aus Sizilien fliehen
Während der Komödie solle er sich hinausschleichen er werde seiner vor dem
Kloster warten Wirklich hatte der Kleine sich mit dem Bedürfnisse das ihm am
wohlschmeckendsten versehen und so glaubte er sich reisefertig doch in dem
Spiegelglanz glaubte er plötzlich ein wahres Abbild von Brülar zu erkennen er
fing ihn an zu fürchten und zu hassen und hatte endlich in dem Bekenntnisse der
Päpstin eine himmlische Weisung geglaubt alles dem Vater zu bekennen  Der
Graf hatte Verstand genug die Sache gegen das Kind nicht mit Härte zu
beurteilen vielmehr drückte er ihn zärtlich an sich wie einen verlorenen Sohn
und gebot ihm nur den Abend sich zu beruhigen morgen solle alles mit der Mutter
ausgeglichen werden zu der er ihn nachdem er ihm Augen und Nase gewischt
zurückführte Der Graf ging darauf mit einigen seiner Leute an den von Brülar
bestimmten Platz sie fanden ihn er merkte dass er verraten sei und wehrte
sich wie ein Verzweifelter Der Graf wollte ihn schonen aber im blinden Fechten
warf sich der Unglückliche in den Degen eines Bedienten Er endete als ein
tapferer Mann wie er sich immer gezeigt hatte nach seinem Tode entwickelte
sich aus einlaufenden Briefen die allgemeine Verbreitung seines Unternehmens Am
nächsten Morgen nach dieser Begebenheit führte der Graf den zitternden Johannes
zur Gräfin erzählte ihr wie sich der arme Kleine von ihnen für ungeliebt
gehalten und empfahl ihn ihrer Liebe indem er sein kindisches Unternehmen
erzählte und verzieh Die Gräfin wurde sehr gerührt der mögliche Verlust
erweckte ihre Zärtlichkeit zu dem Kleinen dem sie und ihr Mann jetzt alle die
Liebe zuwandten die seine zärtliche Natur forderte Der Graf sagte bei dieser
Veranlassung sehr ernst zu seiner Frau »Unsrer Kinder wegen müssen wir nach
Deutschland zurück die beste Privaterziehung kann nicht ersetzen was Kinder
durch den Mangel einer öffentlichen Schule verlieren« 
    Dolores blickte ihn schmerzlich an aber sie sagte nichts dagegen Auch er
fühlte es wie schmerzlich es ihm sein müsse nach so vielen glücklichen Jahren
von denen sich fast nichts sagen ließ als was er rings geschaffen zur Freude
anderer und was er gelernt in eigener steigender Bildung was ihm geboren und
durch Erziehung noch mehr angeeignet alles ein Leben ohne Hemmung unbekümmert
über kleine unvermeidliche Beschwerden nach solchen Jahren zu den empörendsten
Erinnerungen zurückzukehren Dennoch bot sich ihm wenige Tage darauf eine nähere
Veranlassung zur Rückreise die ihn fast bestimmt hätte Ein Prinz mit dem er
studiert hatte und der schon damals mit der Fülle seines ernsten zutraulichen
Charakters sich ihm angeschlossen war zur Regierung gelangt und forderte ihn
ganz unerwartet auf ihm beizustehn mit seinem Rate alle äußern Verhältnisse
Titel und Gehalt solle er sich selbst bestimmen Seiner Dolores mochte er von
dem Briefe nichts sagen der ihn sehr heftig bewegte und in den heißesten
Nachmittagsstunden wach erhielt wo er sonst mit allen Bewohnern Siziliens zu
ruhen pflegte Er wollte an den Fürsten schreiben aber trotz der verschlossenen
Fenster und der Zuglöcher war es ihm in der Hitze fast unmöglich einen Brief
der so viel Rücksichten beobachten und ausfragen musste zu beendigen ganz
ungeduldig einem Elemente weichen zu müssen stand er auf und sah in den
Nebenzimmern umher er wollte sich zerstreuen Da lagen aber Frau und Kinder
wie von einer Pest niedergestreckt er ging in die Vorzimmer und fand die Diener
alle in tiefem Schlaf wie Tote ausgestreckt Da er seit Jahren nicht in dieser
Stunde aufgewacht war und umhergegangen so hatte ihm diese tyrannische
Herrschaft der Wärme über den Menschen etwas besonders Schreckliches »Was ist
unsre Kälte« seufzte er »gegen diese unabwendbare Not Wenn die Flüsse bei uns
starren da fließt der Geist fröhlicher durch Stirn und Auge und funkelt heller
wie die Sterne unsre Wälder der kühle Spielplatz des Sommers erwärmen den
Winter welch Leben regt sich in diesen Stunden auf allen Feldern Deutschlands
der Erntewagen jagt die Sicheln klingen die Binderinnen umspannen die Garben
alles singt Hier sind selbst die Vögel wie ausgestorben da ihre Laubdächer
fast verdorret sind nirgends ist frischendes Grün des Bodens niemand kann sein
Eigentum bewahren die Herrschaft über die Tiere ist verloren die arbeitsamsten
Tiere vermögen nichts mehr kein Pferd wird aus dem Stalle gezogen sie träumen
an der Krippe und mögen nicht fressen kein Schornstein raucht gastlich wie
eine schwere Busse ist diese Mittagsstunde des Südens wo die kalten Schlangen
aus den Sümpfen hervorkriechen und sich züngelnd an die Sonne legen giftige
Mücken in der Sonne spielen die grässlichen Ungeheuer des Meers den stinkenden
Leib an den Strand legen und der Ätna seinen Aschenregen über die Insel atmet
dass die Trauben aufspringen und ihr Blut am Boden versprützen«  Er stieg bei
dieser Erinnerung ganz allein in seinen Keller herunter um sich dort zu kühlen
aber selbst dahin war die Wärme gedrungen er entsiegelte eine Flasche echten
Rüdesheimer und nun ward ihm erst wieder leicht dass er singen konnte
Grüner Wald im deutschen Lande
Könnte ich dich wiedersehen
Wiederfühlen dein kühles Wehen
Ohne Schande
Rhein du bringst das Gold im Sande
Spiegelst Sonne an die Trauben
Füll den Becher mit altem Glauben
Bis zum Rande
Wein du kühlest mich im Brande
Wie die feuerroten Rosen
Die mit kühlenden Lippen kosen
Meine Schande
Rosen die mit kühlem Bande
Hier die heiße Stirne kränzen
Stächen mich bei den heitern Tänzen
Deutscher Lande
Deutsches Blut zerreiss die Bande
Deutsche Berge stehen feste
Und der Adler entsteigt dem Neste
Ohne Schande
Er sprang auf er wollte nach Deutschland reisen  Es gibt wohl in allen
Menschen solche Augenblicke wo sie sich weit über alles Erlebte Gewohnte
Geprüfte und Erkannte hinaussetzen möchten wären sie Götter deren Wille gleich
Tat würde wie möchte da der Beste erscheinen das aber unterscheidet den Guten
vom Bösen dass jener seinen bösen Willen nicht zur Tat werden lässt Der Graf
fühlte bald dass er seine Dolores zu einer so weiten Reise nicht verlassen
könnte ohne sie tief zu kränken sie mitzunehmen das schien wegen der
Empfindlichkeit die sie bei jeder Erinnerung aus Deutschland traurig machte
unmöglich die Freundschaft zur Herzogin ihre Liebe zu den Kindern hatte auch
ihre Rechte durch alle diese Verhältnisse glaubte sich der Graf verpflichtet
der Wirksamkeit in Deutschland für jetzt noch zu entsagen und alles Wohltätige
was er für sein Vaterland träumte andern und der Zukunft überlassen zu müssen
 so unendlich sind die Folgen des Guten des Bösen
    Jener Tag im Kloster der den kleinen Johannes seines furchtbaren Lehrers
beraubt hatte während er ihm die Liebe seiner Eltern schenkte hatte sehr tief
auf ihn gewirkt sein ganzes Wesen entwickelte sich vorzeitig schnell und
leidenschaftlich er schloss sich an alle Menschen mit einer Innigkeit die sich
in der Berührung mit gewöhnlicher Kälte leicht in Hass umsetzte Keinem war er so
ganz und unveränderlich ergeben wie der Mutter er geizte nach ihren Blicken
lauerte auf ihre Wünsche und verstand ihre Gedanken tagelang ließ er kleine
Geschenke der Mutter nicht aus den Händen und bedeckte sie mit unzähligen
Küssen Den andern Kindern war dieses Wesen bloß lächerlich sie neckten ihn auf
alle Art damit doch die Herzogin sah viele Leiden aus dieser
Leidenschaftlichkeit voraus und suchte vergebens sie zu mäßigen ein böses Wort
der Mutter konnte ihn auf Tage zu allem Lernen unfähig machen ein günstiger
Blick spannte ihn zu so großer Anstrengung dass er in wenigen Stunden alle
übertraf für Tanz und Musik zeigte er besonders glückliche Anlage Diese frühe
Heftigkeit diese Anstrengungen bewegten ihn zu gewaltsam eine ängstliche
Besorglichkeit bemächtigte sich seiner oft mitten in der größten Kühnheit auf
den höchsten Bäumen die er zum Staunen aller erkletterte beengte ihn dann eine
Angst dass er mit Tränen bat ihn herunterheben zu lassen von seinen Büchern
von seinen Schreibereien nahm er jeden Tag feierlichen Abschied als sähe er sie
nicht wieder während er die wunderlichsten Abhärtungen an seinem Körper
versuchte bebte er vor einem Ohrenklingen als sei es eine furchtbar nahende
Krankheit Das alles war ein Gegenstand des Spottes der Geschwister und dieser
Spott entfremdete sie von ihm einsam baute er sich eine Art Festung in die er
niemand einließ eine Schwester ausgenommen und von wo aus er allen
Vergnügungen der Geschwister zusah zu denen er wenn es ihm einfiel mit
gewaltigem Eifer eintrat Der Graf meinte ihn zum Soldaten bestimmt und ließ
ihm diese frühzeitige Beschäftigung mit Befestigungen und militärischen
Schriftstellern aber der Himmel hatte ihn milder gelenkt Eines Morgens wurde
er vergebens zum Frühstücke gerufen der Graf ging endlich mit dem Vorsatze ihn
zu strafen nach der Festung und fand ihn nicht aber statt seiner einen Brief
der durchnässt von Tränen und sehr undeutlich geschrieben dem Erschrockenen die
Nachricht brachte dass der Knabe in das Kloster des heiligen Laurentius
geflüchtet sei wo jene Komödie ihn damals zu seinem Besten geführt er habe
sich auf einer großen Sünde überrascht zu deren Busse er dort als Novizius ein
geistliches Leben anfangen wolle Der Graf ritt zornig zu dem Abte des Klosters
und fragte ihn wie er es wagen könne ein Kind ohne Wissen der Eltern
aufzunehmen Hier unterrichtete ihn der Abt dass er nach seiner Pflicht niemand
abweisen dürfe der sich in den Schutz der Kirche flüchte am wenigsten aber
einen reuigen Sünder der sein Heil in ihrem Schoße suche  »Aber welche Sünde
kann der Kleine getan haben von dem wir nie andres als Liebe erfuhren« 
»Diese Liebe« sagte der Abt »ist sein Verderben durch ein heiliges Buch ist
sein Gewissen geschärft er bekennt sich sträflicher Leidenschaft zur eignen
Mutter schuldig er ehrt sie über Gott«  Vergebens wandte der Graf ein dass
diese kindische Grille eher ein Wahnsinn als eine Schuld zu nennen er ging zu
dem Kleinen der aber schon das Gelübde des Stillschweigens angenommen im
Gebete versenkt vor dem heiligen Laurentius lag er hörte ihn aber er
antwortete nicht Der Graf hoffte dass die Zeit ihn am besten heilen würde und
überließ ihn einige Zeit dem strengen Leben Nach vierzehn Tagen kam er wieder
und ermahnte ihn zur Rückkehr ins väterliche Haus der Kleine hatte Erlaubnis zu
sprechen und beantwortete diesen Zuspruch mit einer abschreckenden Darstellung
aller Sorgen der Welt Als der Graf von den Sorgen seiner Mutter um ihn sprach
da wendete er sich ab und betete mit unzähligen Tränen Der Graf war so tief
gerührt dass er ihn gewaltsam dem Kloster entreißen wollte aber der Abt
erinnerte ihn feierlich warum er ihn seiner Bestimmung gewaltsam entreißen
wolle um ihn vielleicht der Schuld hinzugeben »jede Schuld« sagte er »ist
eine verfehlte Bestimmung« Der Graf dachte hier unwillkürlich an Dolores und
an den Wallfahrtort und ließ dem Kleinen noch längere Bedenkzeit Aber die
Zuversicht zu dem neuen Leben wuchs immer mehr in ihm er war ein Vorbild aller
im Kloster sein Wesen erinnerte den Grafen an Traugott er glaubte seine
religiöse Gesinnung sei eine Vorahndung des Todes und nahm schmerzlichern
Abschied bei jedem neuen Besuche Die zurückgelassenen Papiere des Johannes
sammelte er sorgfältig und schrieb traurig einige Worte der Erinnerung darauf
Hatte nicht der frische Morgen
Dich in seinem Arm gewiegt
Haben dich die müden Sorgen
Vor dem Abend schon besiegt
Hatte nicht die Sonnenhelle
Dich mit ihrem Strahl umspielt
Müde liegst du an der Schwelle
Einer Nacht die alle kühlt
Hatten nicht des Muts Gedanken
Dich zum heitern Tanz geführt
Mussten deine Tritte wanken
Als dein Herz da tief gerührt
Hatten nicht die frohen Töne
Deine Stirne kühl umkränzt
Ach wo ist nun alles Schöne
Wo dein Blick der uns umglänzt
Hatte nicht die erste Liebe
Dich mit süßem Wort geweckt
Ach bald ists die letzte Liebe
Die mit Erde dich bedeckt
So heftig der Graf und die Gräfin von diesem Ereignisse erst zerrissen waren so
mild wusste Klelia sie beide auf die Gnade aufmerksam zu machen ein geliebtes
Kind in so heiliger Bestimmung zu verlieren Johannes starb auch nicht vielmehr
wuchs er kräftig auf in seinem strengen Leben und viel Segen kommt von ihm in
künftigen Tagen der Leiden über das ganze Haus nachdem er vorreif in
körperlicher und geistiger Entwickelung vielleicht auch in Hinsicht seines
Standes frühzeitig die Priesterwürde erhalten
 
                               Siebentes Kapitel
Rückkehr des alten Grafen P  mit seiner ostindischen Familie nach dem Palaste
                                 in Deutschland
Erinnern wir uns noch einmal dass der Graf das Schloss seines Schwiegervaters
des Grafen P  als ein verschlossenes Denkmal seiner früheren Zeit seines
Glücks und Unglücks unbewohnt zurückgelassen hatte aber für dessen Erhaltung
sorgen ließ jährlich erhielt er Nachricht was unvermeidliche Zufälle im
Schloss oder Garten verändert aber wie alles mit Einsichten gebaut so schien
alles durch die Zeit zu gewinnen und kleine Beschädigungen waren ohne große
Kosten ergänzt Ein seltsames Toben das in gewissen Nächten das Schloss
erfüllte die Erleuchtung die dann in mehreren Zimmern bemerkt wurde gaben zu
wunderlichen Gerüchten Anlass man sprach von dem Geiste des alten Grafen der da
umginge und wie in alter Zeit in Festlichkeiten schwelge Keiner wagte es ohne
Auftrag die Sache zu untersuchen auch dieses wurde dem Grafen berichtet der
aber unter dem hellen sizilischen Himmel die Dunst und Nebelgestalten des
Nordens wenig beachtete seinen Schwiegervater hatte er wegen des Leichtsinns
mit welchem er die Seinen verlassen nie leiden können sein Geist war ihm ganz
gleichgültig Ungefähr zehn Jahre nach dem Auszuge des Grafen in derselben
Nacht die vor elf Jahren den Treubruch der Gräfin verhüllte kam ihr Vater
der alte Graf P  mit vier großen sechsspännigen Kutschen über die Heerstraße
die Anhöhe herunter gefahren von welcher die beiden Schlösser und die alte
Stadt so herrlich zu übersehen Er fuhr mit einer ostindischen Frau und zwei
Kindern die sie ihm in Ostindien geboren in einem Wagen seine dort erworbenen
Schätze und seine Dienerschaft folgte in den drei andern Er hatte seinen Namen
verändert und galt für einen Engländer von den Seinen hatte er nichts
erfahren nicht einmal ob seine Frau und Kinder noch lebten die Sehnsucht nach
seinem Schloss von dem er seiner Moham der neuen Frau täglich vorerzählte
trieb ihn einzig in diese Gegend zurück Von der Anhöhe sah er viele Zimmer
seines Schlosses hellerleuchtet erst jetzt gedachte er ernstlich in seinem
leichtsinnigen Gemüte wie er seine neue Frau seiner ersten vorstellen solle
die beide nichts von einander wussten wenn diese vielleicht noch am Leben sei
Die Geschichte des Herrn von Gleichen der seiner Frau aus den Kreuzzügen
heimkehrend eine Sarazenin zuführte die ihn aus Liebe von der Sklaverei
befreit und dafür aus Dankbarkeit von der ersten Frau als Mitgenossin ihres
Ehebettes anerkannt wurde diese Geschichte die seinem Leichtsinne bis dahin
als genugtuend für alle Fälle vorgeschwebt hatte wollte ihn nicht ganz
beruhigen Er ließ langsam fahren und stieg mit Herzklopfen vor dem Schloss
aus dem Wagen und trat in das Schloss das offen stand und wo ihn eine
prachtvolle Dienerschaft empfing Er fragte ob die Gräfin P  noch zu
sprechen wäre die Diener sahen ihn verwundert an und fragten ihn ob er nicht
wisse dass sie schon seit neun Jahren mit dem Herzoge von A  verheiratet
wäre sie würden ihn anmelden Er nannte sich Moham und sagte dass er
Bestellungen von einem alten Freunde des Hauses brächte Sobald dieses
ausgerichtet wurde er zu der Frau vom Hause geführt er fand sie wenig
verändert nur etwas blässer sie kannte ihn nicht was nicht zu verwundern da
er sehr gealtert und vom heißen Klima fast dunkelbraun gebrannt worden er sagte
ihr dass ihr voriger Mann noch lebe und dass er von ihm gesendet sei das Schloss
nach dem Masse seiner jetzigen Reichtümer zu verschönern Die Herzogin erwiderte
ihm dass er kein Recht auf das Schloss behalten dass sie es von seinen Schuldnern
erkauft und selbst nachdem sie den Leichtsinnigen in allen öffentlichen
Blättern vorgefordert einem andern Manne dem spanischen Herzoge von A 
vermählt sei Der Graf verriet sich nicht so unangenehm ihm der Verlust seines
Schlosses war so lieb war ihm der Verlust seiner Frau die ihm gar nicht mehr
liebenswürdig erschien er sagte dass er alles ihrem ersten Gemahl berichten
wolle doch glaube er durch das unumschränkte Zutrauen desselben wohl berechtigt
zu sein um ein Nachtlager für sich und die Seinen zu bitten Die Frau vom Hause
bewilligte es ihm gern und stellte ihm den Herzog ihren Gemahl vor der eben
mit großer Pracht ins Zimmer getreten war Der Herzog überhäufte ihn mit
Artigkeiten und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen der darüber in einer
ängstlichen Verlegenheit war die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder
verschleiert man setzte sich zu Tische man aß und trank prachtvoll und der
Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit
den Hof dass diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung
gab Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht als der Tisch
aufgehoben wurde und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande
beurlaubte dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Gräfin
Dolores und er wurde so heftig bewegt zitterte so gewaltsam die Haare
sträubten sich ihm empor er flog zur Türe hinaus ohne Abschied und nahm das
letzte Licht mit sich fort Der alte Graf fühlte bei seinem Anblicke eine Reue
einen innern Vorwurf den er nie möglich geglaubt er wagte nicht an seine
Tochter Dolores zu denken und wusste nicht warum Frau und Kinder drängten sich
ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn und sie warteten alle ängstlich
aber vergebens dass die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht würden wie
es die Schicklichkeit forderte Plötzlich erhellte sich indessen das Zimmer von
außen ihre eigenen Leute und viele Bürger der Stadt durchrannten mit
Feuergeschrei die Vorsäle und kamen nun zu ihnen mit halben Worten erfuhren
sie jetzt dass das Schloss mit dem Glockenschlage zwölfe an vier Ecken habe
angefangen zu brennen mit Mühe konnte der Graf sich und die Seinen und seine
reichen Wagen retten von denen schon einer abgepackt worden seine ostindischen
Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen und waren ihm mehr Last
als Hilfe Nachdem er alles und alle im freien Felde geborgen und die Bürger
hörte wie sie so nachlässig zum Löschen gingen weil sie meinten das sei
Gottes Finger der vor dem Einzuge ihres Fürsten noch das hochmütige Schloss des
Grafen habe demütigen wollen dass er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern
bekomme auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen da
kam er auf den Glauben das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen So bitter
ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war so herrlich sich die schönen
Verhältnisse des Gebäudes mit scheidender Sehnsucht in dem Feuer verklärten so
hatte er der alles aufgeben alles vergessen konnte auch darüber sich bald
gefasst er zündete seinen Zigaro an einem heruntergestürzten brennenden Balken
an und ließ sich mit einigen müßigen Zuschauern in Unterredung ein Er fragte
zuerst nach dem Herzoge von A  der ihm ganz unbekannt sei sie verwunderten
sich alle dass er den nicht kenne der habe die junge Gräfin Klelia geheiratet
sei aber nun schon lange tot und der brave Graf Karl der an Gräfin Dolores
vermählt sei mit ihr zur Witwe hingezogen keiner wisse recht warum doch sage
man der alte Graf P  sei so oft im Schloss umgegangen und habe so viel
Tumult nach seiner Art gemacht dass sie es nicht aushalten können gewiss wäre
es dass nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im Schloss hätte
aushalten können  Der Graf war nicht wenig erstaunt sich als ein Gespenst in
seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen er fragte mit einigem Herzklopfen
ob man nicht wisse wo der alte Graf geblieben  »Der hochmütige üppige Narr«
antwortete ein Bürger »nachdem er unserm Fürsten mit Bauen und Fresserei alles
gebrannte Herzleid angetan musste schuldenhalber davon laufen ließ Frau und
Kinder im Stich und die Frau starb bald aus Gram«  Jetzt wusste er genug von
dem Schicksale der Seinen er drehte sich um und das Gewissen zog eine tiefe
Furche über seine Erinnerungen wie der Ackermann über eine verfluchte und
zerstörte Stadt Er musste fort er wollte dieselbe Straße zurück aber seine
Pferde die er den vorigen Tag sehr angestrengt bedurften der Ruhe um nichts
Übles mehr von sich zu hören gab er sich für einen alten Freund des Grafen P
 aus der ihn hätte besuchen wollen  »Den Schelm« sagte der Wirt wo er
abgetreten »wollt Ihr besuchen Herr Da müsstet Ihr weit fahren und hoch
steigen der ist in Amsterdam an den höchsten Galgen gegangen«  »Bewahre
Gott« sagte der Graf  »Ich schwöre es Euch bei Seel und Seligkeit«
antwortete der Wirt »ein holländischer Kaufmann der ihn gar wohl kannte hat
ihn hängen sehen weil er in Holland falsche Wechsel gemacht und darüber Streit
mit dem Erbstattalter bekommen«  Der Graf beschleunigte ungeduldig seine
Abreise der Wirt konnte es nicht begreifen dass er um den alten Spitzbuben den
Grafen so weit gefahren und nicht einen Tag bleiben wolle um den prächtigen
Einzug ihres Fürsten zu sehen der nach so vielen Jahren des Elendes wieder
zurückkehre den sie auf Händen in die Stadt tragen würden »ja daran erkennt
man gleich den Herren Engländer« versicherte der Wirt  Der Graf sah tief
gekränkt zum Fenster hinaus nach der Brandstätte viel Rauch aber wenig Flamme
stieg mehr auf Mehrere Mauern waren halb eingestürzt sie waren nicht dauerhaft
gebaut die übrigen besonders an den Zuglöchern der Fenster sehr geschwärzt Das
altertümliche fürstliche Schloss trat glänzend hervor im Morgenrot der Wächter
blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an es schien noch
Jahrhunderte zu überschauen und des Grafen luftiges Gebäude das so lange darauf
zu spotten schien lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig
abbittend vor einer alten dauerhaften wiederkehrenden bescheidenern  Der
Graf konnte das alles nicht länger ertragen ihm war zu Mute als erginge über
ihn das Totengericht der ägyptischen Könige er sah zu ob sich seine Leute
etwas erholt hätten und befragte sie wie es ihnen im Schloss ergangen Ihre
verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus dass sie von einer Dienerschaft
die sehr prächtig gewesen sehr gut aufgenommen worden dass sich aber auf
wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt und sie
gleich darauf das Feuer bemerkt auch niemand von den Dienern wiedergesehen
hätten Der Graf gebot ihnen zu schweigen fragte noch wann denn der Fürst
ankäme der Wirt sagte um Mittag da ließ er anspannen um ihn zu vermeiden
 
                                 Achtes Kapitel
     Der alte Graf P  begegnet dem Fürsten der in sein Land zurückkehrt
Als sie den Berg hinauffuhren und der Graf in tiefen Gedanken sich noch einmal
nach seiner ganz vergangenen ganz untergegangenen Zeit umblickte wurde er durch
einen heftigen Stoß erweckt sein Kutscher war sehr ungeschickt mit einem
anderen Wagen zusammengefahren der Postillon wollte mit Schlägen über ihn her
fallen aber eine gebietende Stimme im Wagen gebot ihm Frieden und er gehorchte
im Augenblicke auch der Graf gebot seinem Kutscher lieber zu helfen statt zu
zanken Die beiden Stimmen erkannten sich in der Stimme liegt die dauerndste
Eigentümlichkeit des Menschen als sie sich ansahen denn Wagen stand an Wagen
waren sie einander wieder ganz fremd es war aber in der Stimme etwas das die
tiefste Vergangenheit die fröhlichste Jugend in ihnen erweckte Der alte Graf
stieg aus dem Wagen der andre Reisende gleichfalls »heiliger Gott« schrie der
andre auf »welch ein Unglück kein Wort weiß ich davon das schöne Schloss des
Grafen ist abgebrannt gut dass er das nicht erlebt hat«  Der Graf erkannte an
diesem kurz ausgesprochenen »gut« seinen alten Freund und späteren Feind den
Fürsten so mitleidig hatte er ihn nie gedacht nie so alt er war in seinen
Gedanken noch immer der rasche Jäger der über Felsengeklüfte den Kühnsten
voraushetzte  »Ach mein gnädiger Fürst die Jahre haben mich unkenntlich
gemacht die Sonne meine Haut und das Feuer meine Fehler verbrannt es ist alles
anders geworden alles durchs Feuer gegangen mein gnädiger Fürst mir ist alles
verloren und vergessen nur die frühe Vertraulichkeit in der wir der Welt Lust
und Freuden durchstrichen fleht zu Ihnen um Nachsicht um ein mildes Verzeihen
späterer Irrungen erlauben Sie dass ich Ihre Hand küsse«  Der Fürst sah ihn
mit großen Augen an wie ein altes teures Bildnis welches nach einander viele
ungeschickte Hände so wie die Zeit entstellend übergemalt er konnte kein Wort
sagen und ließ sich unbewusst die Hand küssen nachher umarmte er ihn dann
weinte er und die Zunge war ihm gelöst und strömte über in alter
Vertraulichkeit »Sieh ich wollte allen schmerzlichen Erinnerungen eines
festlichen Einzuges entgehen wollte einsam nach dem Schloss zurückkehren denn
wie stimmte der Jubel meines guten Völkchens zu meiner Trauer Frau und Kinder
von mir entzweit zu wissen sieh nur und da kommst du so lebhaft und rufst mir
dies und tausend andres mit lebendiger Stimme wieder auf meine Frau war dir
sehr gut sie spricht noch oft von dir einmal war ich sogar eifersüchtig auf
dich«  Und so wechselten beide mit Anklängen alter Zeiten neuer Schmerzen
die Wagen waren längst auseinander gehoben aber ihre Hände ließ nicht von
einander; endlich zwang sich der Graf zum Abschiednehmen »Torheit« rief der
Fürst »du bist jetzt in meiner Gewalt in meines Herzens Bannmeile dich lasse
ich jetzt und nimmer von mir wir haben einander bis an unser Lebensende zu
erzählen du hast Frau und Kinder ich habe keine und verlange Ersatz vom
Schicksale Ich könnte nicht ruhig sterben wenn mich kein Freund begleitete
hast du zum Bauen nicht mehr Lust und Zeit so ziehe zu mir mein Schloss ist
ganz leer«  Der Graf gestand ihm dass sich eine Geisterfurcht seit der Nacht
seiner bemächtigt habe sonst triebe ihn nichts fort er wäre ja bloß darum des
weiten Weges gekommen um sich hier wieder anzusiedeln dabei erzählte er ihm
seinen wunderbaren Empfang im Schloss  Der Fürst sah tiefsinnig vor sich hin
und schrieb mit dem Stocke einige Züge in den Boden »Ich kann die Gespenster
bannen denn sieh ich bin auch ein Gespenst ein Gespenst das nur noch von dem
träumenden Genuße früherer Tage von seinen Gewohnheiten lebt«  »Wer ist dann
mehr Gespenst als ich« rief der Graf »einem fremden Weltteile klimatisiert
machte ich aus Nacht Tag aus Tag Nacht nun wohlan so wollen wir es mit unsern
unruhigen Brüdern der Mitternacht aufnehmen«   Er winkte seinem Wagen und sie
kehrten alle um er selbst ging Hand in Hand mit dem Fürsten zum Schloss Auf
dem Wege fragte den Fürsten eine ausgestellte Wache ob er nichts von ihrem
Fürsten unterwegs gehört ob er noch eintreffe Der Fürst zog seinen
Geldbeutel gab ihm ein Goldstück und fragte ihn wer darauf abgebildet 
»Unser gnädiger Fürst« antwortete die Schildwache  »Nun so behalts« sagte
der Fürst »damit du ihn wiederkennst wenn er kommt«  Die Schildwache dankte
verwundert und versicherte seinen Landesherrn wollte er schon erkennen der
hätte bei ihm Gevatter gestanden Der Fürst und der Graf gingen nachdenklich an
das Schlosstor es war verschlossen sie klopften an der Türsteher fragte »Wer
da«  »Dein Fürst Alter« rief der Fürst  »Ach ja der gnädige Fürst«
weinte der Alte öffnete die Türe und umfasste seine Kniee  »Der kennt mich
noch weil er blind ist« sagte der Fürst weggewandt zu dem Grafen  Sie
durchwanderten nun die alten Zimmer die ihnen jetzt festlich dünkten die ihnen
sonst mit ihrer alten Pracht lächerlich gewesen der Graf stellte dem Fürsten
seine Frau und Kinder vor der sich in ihre fremde Art leicht zu finden wusste
sie mussten alle auf dem Schloss wohnen Unterdessen hatte sich die Nachricht
von des Fürsten Ankunft in der Stadt verbreitet die festlichen Anstalten die
bekannten weissgekleideten Mädchen die zitternd eine Rede abquälen die Blumen
die Kanonenschüsse die er vermeiden wollte nichts wurde ihm geschenkt doch
von dem überraschenden Jubel von allen Seiten angezündet brannte das ganze
kunstreiche Feuerwerk in rascher Unordnung vor ihm ab so dass er in der
Gesellschaft des alten Freundes alles mitzugeniessen vermochte
    Festlicher füllte sich bald das Schloss nach des Grafen Anordnung mit
morgenländischen Teppichen und Tänzen die weichlichen Belustigungen jener
lebensreichen Gegenden erfrischten das austrocknende Alter des Fürsten der Graf
verwandte mit Freuden einen Teil der erworbenen Schätze zu seinem Dienste und
diente ihm gern auch in allen ernsteren Verhältnissen mit seiner reichen
Welterfahrung Seinen Töchtern in Sizilien sendete er prachtvolle
morgenländische Geschenke doch wusste er nicht was er ihnen dabei schreiben
sollte noch weniger verstand er ihre Briefe Vater und Töchter hatten sich ganz
von einander abgelebt jedem war eine andre neue Zeit geworden doch dankte er
dem Weltgeiste den er in Indien verehren gelernt dass er für seine Töchter im
ewig ruhigen Verstande gesorgt nachdem Vater und Mutter sie verlassen die Welt
sie aufgegeben die Armut sie bekämpft und die Schuld sie bestritten hatte Die
Trümmer seines alten Schlosses ließ er zu seiner Erinnerung unverändert stehen
Reisende versichern dass das Lebendige Frische in dem Zerstörten Marmorsäulen
die halb zu Kalk verbrannt bunte Wandmalerei halb geschwärzt einen
eigentümlichen Eindruck von Vergänglichkeit gewähre der manchem schwermütigen
der Gegenwart überdrüssigen Gemüte so willkommen ist
    Mehrere Monate waren schon im verbundenen Hauswesen des Fürsten und des
alten Grafen fröhlich vollendet während jener noch immer aus Rücksicht der er
sich so oft in seinem Leben unterworfen hatte den Freund zu fragen mied wie er
zu der schönen Frau und zu den großen Schätzen in Indien gelangt sei ob Glück
oder Fleiß sie ihm zugewendet lange glaubte er dass irgendein Geheimnis darauf
ruhe Der Graf gehörte aber zu der Art Leuten die aus Bequemlichkeit gern
voraussetzen was ihnen begegnet sei müsse jeder wissen ganz zufällig kam es
eines Nachmittags wo er sich über die Frau die von manchen indischen
Gewohnheiten besonders von der Verschleierung durchaus nicht ablassen wollte
geärgert hatte dass er zum Fürsten sprach als sie hinausgegangen »Ich kann
nicht strenge gegen sie sein teils weil es mein Wohlleben stören würde teils
weil ich dieser ihrer besonderen Natur zu viel verdanke«  »Was dankst du ihr«
fragte der Fürst aufhorchend  GRAF P »Sie selbst und alle Reichtümer habe
ich das nie erzählt«  FÜRST »Nimmermehr«  GRAF P »So wollen wir uns dazu
ganz bequem setzen ich will den Vorgang kurz erzählen doch ist genug Stoff zu
einem langen Schauspiele darin Auf der Reise nach Ostindien wurde ich mit einem
Deutschen der sich Thomas nannte mehr durch die Sprache als durch
Übereinstimmung in Art und Bildung genau bekannt er war ganz roh und wollte
sich im Soldatenstande emporschwingen er war eben so leicht zu befriedigen mit
seinem Schicksale als ich damals noch ungenügsam war ich beleidigte ihn oft
mit meinem Hochmute In Ostindien verlor ich ihn aus den Augen Ich lebte hoch
so lange mein Geld dauerte nachher bemühte ich mich vergebens nach guter
Anstellung ich handelte aber die Leute dort waren verschlagener als ich bald
hatte ich nichts weder Waren noch Geld Den Europäern mochte ich nicht dienen
ich lief zu den Völkerschaften des innern Landes die zwar den Engländern
Steuern entrichten doch ihrer näheren Aufsicht entzogen sind Mir wurde manche
sonderbare Begebenheit doch war mir das fremdartigste Ereignis als ich meinen
Schiffskameraden Thomas auf dem Nabobstrone von Tipan fand die schöne Moham
war seine Frau und die eigentliche Herrscherin des Landes seine Prahlereien von
der Kenntnis europäischer Kriegskunst hatten ihn zu dieser Würde erhoben Ich
trat in seine Dienste und hoffte wenigstens Minister zu werden aber statt
dessen machte er mich zum Entenfänger mit einem Schwimmgürtel angetan den Kopf
in einem großen ausgehöhlten Wasserkürbis versteckt in welchem ein paar Löcher
für die Augen geschnitten musste ich den Fluss hinunterschwimmen bald setzten
sich wilde Enten auf den Kürbis diese zog ich mit der Hand schnell
hervorlangend unters Wasser so brachte ich manches Dutzend nach Hause Alle
vier Wochen fiel es dem strengen Herrscher ein mich zu sich kommen zu lassen
um Deutsch zu reden bei welcher Gelegenheit er mir meinen sonstigen Hochmut oft
vorrückte Die Schönheit des Landes der Überfluss an edlen Lebensmitteln macht
in jenen Gegenden manche Beschwerde erträglich der Umgang mit einigen Büssern
die am Ufer meines Flusses wie Biber sich angebaut hatten machte mir diesen
Zustand sogar angenehm ich lernte von ihnen die Sanskritsprache während ich
vom Entenfange ausruhete«  »Wunderbar« unterbrach ihn hier der Fürst
»wunderbar ist dieser Zug aller Deutschen in unserer Zeit nach dem Indischen
wie die Kirchen alle mit ihren Altären nach Osten zu gerichtet sind und daher
oft gegen die Dörfer zu denen sie gehören schief liegen so denken alle an
Indien und lassen ihr Vaterland liegen wie es will«  GRAF »Wer kann wissen
was uns daher noch kommt Ich lebte wohl ein Jahr in jener Schule ich fühle
wie wenig ich noch begriffen und bin doch dankbar für die Aufklärungen des
höheren Lebens Damals störte mich ein unerwartetes Ereignis in meinen
Forschungen Thomas hatte allmählich alle Arten seiner Pracht vor mir
ausgebreitet ich hatte alles kraft meiner sanskritanischen Weisheit verachtet
endlich sagte er mir er habe doch etwas das über alle Weisheit erhaben das
Höchste der Welt sei seine schöne Frau die müsse ich einmal ganz ohne Schleier
sehen Vergebens stellte ich ihm vor dass mir dies nach den Landesgesetzen bei
Lebensstrafe nicht erlaubt sei ich erzählte vom Gyges wie er den Kandaulus
wegen einer ähnlichen Prahlerei nachdem die Frau diese Beschauung bemerkt auf
ihren Befehl habe umbringen müssen er verstand aber Beispiele nur immer als
sonderbare Geschichten unterhielt sich damit wandte sie aber weiter gar nicht
auf sich an Ich musste mich auf seinen Befehl in ein Nebenzimmer bei seinem Bade
verstecken und sollte durch die geöffnete Türe hineinblicken während er die
Augen seiner Moham mit einem neuen Bilde das an der andern Seite des
Badezimmers befestigt von mir abwenden wollte In dem Zimmer wo ich versteckt
war legte er seine fürstlichen Kleider Binde und Schwert ab Ich ging
wahrhaftig ohne bösen Willen in das Zimmer aber die Schönheit der Moham die
sich vor meinen Augen allmählich entschleierte aber aus Züchtigkeit selbst in
der Einsamkeit mit ihrem Manne in einem feinen Badehemde verhüllet blieb gab
mir solche Verachtung gegen Thomas dass ich sein fürstliches Kleid seine Binde
und Schwert leise anlegte während beide im Bade lustig plätscherten plötzlich
in das Badezimmer trat und dem Thomas befahl mein abgelegtes Fischerkleid
anzuziehen und sich augenblicklich auf meinen Fluss zu begeben um mir für diesen
Abend noch ein Dutzend wilder Enten zu bringen Thomas wollte Einwendungen
machen aber er sah es meinem Schwerte an dass ich zum Spasse zu ernstaft
gestimmt sei er musste das Kleid anziehen Draußen wollte er die Wachen zu
seinem Schutze befehlen da sie ihn aber in der Tracht mit mir verwechselten und
strengen Befehl erhalten hatten mich bei der geringsten Widersetzlichkeit hart
zu züchtigen und aus dem Schloss zu werfen so geschah dies auch ihm Ich war
indessen mit der ohnmächtigen Moham beschäftigt ich brachte sie zum Leben und
durch meine Kenntnis heiliger Sprüche aus dem Sanskrit zum vollen Vertrauen zu
mir Noch denselben Abend erklärte sie mich zum Nabob und Thomas brachte zu
unserm Vermählungsfeste ein Dutzend gefangener Enten der Einfaltspinsel war
bald mit seinem neuen Stande ganz zufrieden Einige Jahre regierte ich nach
Herzenslust da nahm uns die Ostindische Kompagnie die Herrschaft Mit unsern
Schätzen schifften wir nach Europa das Glück versöhnte mich mit Ihnen mein
Fürst«
                                Neuntes Kapitel
   Der alte Graf P  wird Minister Tod des Fürsten Regierung der Fürstin
Wir wollen den alten Grafen von jetzt wo er bald mit dem Grafen Karl in eine
nähere Berührung kommt durch seinen Dienst und Ehrentitel als Minister
unterscheiden er hatte die Stelle eines ersten Ministers nach vielen dringenden
Bitten des Fürsten angenommen Leichtsinn hinderte ihn nicht mehr in dem
ordentlichen Gebrauche seines hohen Talents für das Geschäftsleben er widmete
sich ihm ganz Nur ein Jahr dauerte dieses schöne Zusammenleben und
Zusammenwirken des Fürsten mit dem Grafen da wurde jener durch einen
unerwarteten Schlagfluß hinweggerafft und die Fürstin übernahm die Verwaltung
ihres Landes im Namen ihres blödsinnigen Sohnes der in gemeiner Ausschweifung
Frankreich durchschwärmte Der Minister beschloss erst sich ganz zurückzuziehen
er bezog ein angenehmes Nebenhaus bei seinem verbrannten Palaste und erwartete
nicht dass ihn die Fürstin rufen würde Aber kaum hatte sie die Feierlichkeiten
ihres Einzugs überstanden und die Auseinandersetzung seiner Geschäftsführung
durchlesen als sie mit dem ihr eigenen Scharfsinne sein großes Talent so ganz
erkannte dass sie sich zu der Aufopferung aller Empfindlichkeiten entschloss und
so dringend ihn zu sich forderte dass er ihrer Einladung nicht widerstehen
konnte Er war sehr überrascht sie so durchaus in ihrer ganzen Schönheit
erhalten zu finden als wäre diese Zeit nur ein schlimmer Tag der vor vierzehn
Jahren verlebten sie wusste ihre alte Vertraulichkeit so ganz herzustellen dass
er alle Geschäfte gern übernahm und mit Hilfe ihres Geistes zu noch größerer
allgemeiner Zufriedenheit fortführen konnte Er hätte sich von neuem in sie
verliebt aber sie mied diese Berührung auch genügte es ihm bald nach den
Geschäften dem Hofe ganz zu leben Wirklich war auch ein liebenswürdigerer Hof
kaum denkbar Die Fürstin hatte in der langen Entfernung von ihrem Lande durch
ihren in Künsten gebildetern Sinn Leben und Freude kennen gelernt sie
unterschied jetzt mit Sicherheit den Kreis ihres eigenen Lebens von dem
öffentlichen den ihr ein großes Schicksal anvertraut hatte und so störten
beide einander niemals Nie erschien eine Fürstin wo sie in einem öffentlichen
Geschäfte begriffen mit mehr Ansehen und Glanz sie zog es vor manches was
sonst nur unter wenigen Augen verhandelt wird der Menge darzustellen die
Bestallung zu Ämtern der letzte Vortrag und die Beratung über neue
Einrichtungen die Belohnung öffentlicher Verdienste mit Ehrenzeichen waren neue
Feierlichkeiten an denen sich die Erwachsenen freuten und welche die Kinder
begeisterten ihr Kunstsinn wusste durch Anordnung mit unendlich geringem
Kostenaufwande die größten Wirkungen hervorzubringen  Wer etwas Rechtes will
kann mit wenigem unendlich viel leisten die ausgezeichneten Männer dienten ihr
mehr für Ehre als für Lohn und mehr für die Annehmlichkeit ihres täglichen
Umgangs als für die Ehre In den Gedanken der entfernten Menge schwebte ein
Bild von der Glückseligkeit des Hoflebens das leider so selten in der Nähe
gefunden wird das aber doch wohl verdiente einmal wieder dargestellt zu werden
wie es in der Ritterzeit wirklich vorhanden war und dem sich der Hof der
Fürstin wenigstens näherte Allem Glanze aller Etikette wurde in der
eigentlichen öffentlichen Angelegenheit genügt das Vergnügen des Hofes und
seine Geselligkeit aber keinesweges dazu gerechnet waren die Stände dort streng
nach hergebrachten erworbenen Rechten und Ehren unterschieden hier galt nur das
gesellige Talent und das Verhältnis zur Gesellschaft durch Freundschaft und
Wohlwollen hier war die Fürstin ganz menschlich ganz eigentümlich sich selbst
überlassen ihrer individuellen Neigung und Gunst Doch fiel es keinem bei ihr
ein Begünstigungen des geselligen Umgangs auf öffentliche Verhältnisse zu
übertragen wie wäre es möglich gewesen die heitre schöne Fürstin zu der jeder
in seinem täglichen Kleide in Stiefeln ohne Umstände Abends den Eintritt
begehren durfte mit jener ernsten glänzenden Fürstin zu verwechseln wie sie in
Geschäften erschien wo jedes Wort bedacht jede Annäherung abgemessen jede
Amtskleidung bestimmt war wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine
Bestimmung erhielt Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend die
alten Frauen verwunderten sich ungemein ihre Fürstin mit Unadligen tanzen zu
sehen Auf ihre Vorstellungen antwortete die Fürstin »Wenn ich tanze muss ich
doch Krone und Zepter ablegen es würde sonst sehr lächerlich lassen ich tanze
mit dem am liebsten der am besten tanzt sollte es nach dem Range gehen so
müsste ich meinen alten General ins Grab oder den Minister auf eine Woche zu
allen Geschäften unbrauchbar tanzen«  Die Annehmlichkeit des Hofes die stete
Erneuerung die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem
Herrlichen was in den geselligen Kreis eintrat und dem öffentlichen Verkehr
verbunden nutzte vernichtete bald den ersten Widerspruch Eine Reise an diesen
Hof war für die umliegenden kleinen Höfe die höchste Belustigung manche
mieteten in der kleinen Residenzstadt Häuser und bauten sich an ein
künstliches Bad das dort angelegt war musste zum Vorwande dieser Reisen dienen
ein lebendiges Schauspiel nicht bloß von Besoldeten sondern auch von
Liebhabern getrieben zog andere Fremde herbei in kurzer Zeit waren die
Verheerungen des Krieges ganz vergessen das ganze Städtchen wohlhabender als
je Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt die sonst viele Jahre
vergeblich aufgemuntert worden ja es zeigte sich bald ein eigentümlich heiterer
mitteilender Geist unter allen Bewohnern eine reiche allgemeinere Sprache durch
alle Klassen ein freies schöneres Ansehen das sie von allen Nachbaren
unterschied Die älteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr
Wissen und Wollen selbst verwandelt kamen dann wohl selbst zur Fürstin und
fragten sie wie es möglich gewesen dass sie und der ganze Hof sich sonst an
langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln gequält sich mit dem Minister
über sein großes Haus entzweit mit der alten fürstlichen Tante wegen eines zu
späten Eintreffens bei der Kour erzürnt hätten  Die Fürstin musste dann über
sich selbst lachen sie konnte sich selbst nicht begreifen und bat den Minister
scherzend er möchte sich doch jetzt wieder ein recht schönes Haus bauen es
würde ihr keinen Ärger mehr machen  Wie glücklich könnten kleinere Staaten
sein wenn es keine größeren gäbe
    Doch traten jetzt über Europa größere Staatsbewegungen ein die eben so die
vieljährigen Bemühungen kleinerer Fürsten durch eine bloß zufällige
Zwischenwendung verstörten wie die Haushaltungen einzelner Menschen Die
Fürstin fühlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach
ihrem Völkchen bei den eindringenden kolossalen Massen eine feste Richtung zu
geben eben so unwürdig schien es aber ihrer festen Natur sich und die Ihren
jeder neuen übermächtigen Willkür hinzugeben sie meinte den Geschäften entsagen
zu müssen die sie nicht mehr mit Lust und Überzeugung verwalten konnte Der
Minister musste aus Freundschaft zu ihr alle Geschäfte allein übernehmen nur in
ganz bedeutenden Fällen wollte sie zugezogen sein In dieser teilnehmenden Ruhe
gewann der Gram über manche vereitelte wohltätige Absicht solchen Einfluss auf
ihren unter Geschäften sonst unveränderlichen Geist dass alle ihre Umgebungen in
der Sorge für ihr Leben jede andre vergaßen und sich beeiferten durch allerlei
sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen Aber bald sind
diese Mittel erschöpft wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet die
Fürstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer die schauerlichsten Lieder waren
die einzigen die sie anhören mochte und sie selbst die sonst nur Scherze zu
den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war vertiefte sich jetzt in
allerlei Dichtungen denen die meisten welche nicht ihre Art und die Beziehung
näher kannten heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten die um so
gefährlicher sei da sie ansteckend wäre und schon in der Stadt eine Menge
junger Leute ergriffen habe Wir wissen was es mit dieser Verdammung der
meisten Leute zu sagen hat die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand
nehmen dass es ihnen Zeit koste es auszulesen und nun sogar zum Begreifen einer
nicht alltäglichen Idee aufgefordert werden Eines Tages fiel auch dem Minister
eines ihrer Lieder in die Hände das ihn sehr nachdenkend machte und woraus wir
ein paar Strophen hier mitteilen wollen
                                   Luftfahrt
Dein Haupt leg nach Morgen
So fliehen die Sorgen
Und schimmernde Träume
Zu kommen nicht säumen
Durchstrahlen die Locken
Von Luft umwallt
Von Vöglein schallt
Ein himmlisches Locken
                                       1
»Es tragen dich Flügel
Vom schwellenden Hügel
Und alles ist offen
Du schauest betroffen
Unendliche Bläue
Voll Freundlichkeit
Voll Zärtlichkeit
Die Erde im Maie
Hoch über dem Blauen
Da hast du zu schauen
Der Sterne Gestalten
In Kreisen da walten
Erst wandelt mit Schrecken
Der Löwe wild
Die Jungfrau mild
Will zärtlich dich necken
Von Sternen strahlt nieder
Was kräftig und bieder
Es doppeln die Heere
Sich spiegelnd im Meere
Sie schreiten sie ziehen
Voll Göttlichkeit
Zum höchsten Streit
Die Schwerter erglühen
Nach Ruhme sie werben
Und können nicht sterben
Im ewgen Gesunden
Verschwinden die Wunden
Sie wünschen sich wieder
Die Sterblichkeit
Zur Menschlichkeit
Sie sinken hernieder
In ganzen Geschlechtern
Von stattlichen Fechtern
Verbluten die Götter
Wie tosende Wetter
Die Erde versinket
In Blutes Flut
Des Mutes Glut
In Jammer ertrinket«
                                       2
»Die Blumen dich wecken
Die erst dich bedecken
Mit fröhlichem Regen
Sich alle bewegen
Gebadet im Taue
Gestählt die Brust
Mit neuer Lust
Nun Mensch dich schaue
Was trittst du auf Sklaven
Gleich glühenden Laven
Sie scheinen zu kriechen
Verzehrend doch siegen
Was willst du dich kränzen
Mit Bruderblut
Nein tue gut
Die Sonne lass glänzen
Wie willst du entscheiden
Was dunkel bei beiden
Steh dir nicht im Lichten
Ein andrer wird richten
Dir singet der Hirte
O Lorbeerblatt
Wie bist du platt
Wie zierlich ist Myrte
Ich grüß euch ihr Myrten
Ach Freunde wir irrten
Uns waren die Welten
Zu enge zum Schelten
Die Ecke der Laube
Voll Düsterkeit
Ist überweit
Der girrenden Taube
Ihr fröhlichen Seelen
Euch will ich erwählen
Die über das Leben
Mit Flügeln entschweben
Ich möcht euch erdrücken
Mit süßem Kuss 
Ich will ich muss
Ich kann euch beglücken«
 
                                Zehntes Kapitel
      Der Kammerjunker die Mamsell der Primaner müssen Italien besingen
Der Minister schüttelte mit dem Kopfe nachdem er das Lied gelesen »Sonderbar«
sagte er »dass sich der Unsinn so leicht behält während ich das Sinnvollste
gleich vergesse ich weiß das ganze Wortgequäle beim ersten Lesen auswendig
zwar verstehe ich wohl was es sagen will sie erhebt sich aus dem Drucke der
Zeit in die höheren Regionen und gewinnt dort Kraft um zu einem heiligen
Kriege zurückzukehren das Kriegerische erscheint ihr dann leer und die Liebe
beglückend aber warum ist das nicht kurz vorgetragen wie ich es eben getan
habe und darin finde ich einen Hauptmoment der Schwermut zu dem Nächsten erst
durch die entferntesten Umschweife gelangen zu können da muss sich die Rede bald
zwischen mehreren Personen bald durch wunderliche Reime zerspalten ein
verständiger Mensch bleibt lieber sich selbst eins und ganz«  Zufällig machte
ihm in dieser Stunde ein Kammerjunker die Aufwartung der mit seinen Versen dem
ganzen Hof genug zu lesen gab er sagte ihm dass er fürchtete die würdige
Fürstin möchte in unheilbare Schwermut versinken weil sie sich ewig bemühe in
dem unendlich tiefen Strudel der Zeit den Grund zu sehen sie müsse ernstaft
beraten werden Luft und Lebensweise zu verwandeln von ihren Gewohnheiten
freudigen und traurigen gleich weit entrückt und da wäre Italien ihr wohl
besonders anzuraten dies Land vermöchte allein die Verwandlung und entschädige
für alles Mögliche selbst für manches Unmögliche die poetischen Gemüter 
Lächelnd sah er hier den Kammerjunker an und fuhr nach einer Pause langsam
fort »Mignons herrlicher Gesang wäre vielleicht das Wirksamste sie dazu
anzumahnen aber sie kennt ihn lange und zu einem neuen Entschlusse gehört eine
neue Einwirkung schon habe ich mit meinem Rate vorgearbeitet doch hat sie
nicht gern wenn ihr ein andrer mit einer Erfindung über sich zuvor eilt können
Sie vielleicht durch ein angemessenes Spiel diesen Reisegedanken in ihr
festsetzen«  Der junge Mann fand sich durch den Auftrag geehrt insbesondere
freute er sich dass er seiner Sehnsucht nach Italien in der Art der meisten
jungen Leute schon heimlich in Worten Luft gemacht hatte also keiner
pflichtmässigen Ausarbeitung dazu bedurfte er versprach am Abend ein Gedicht
seiner Erfindung ihm zu überbringen und es mit einer geschickten jungen Tänzerin
aufzuführen  Er hielt Wort war aber befremdet bei dem Minister einen
Nebenbuhler in der Verskunst einen Primaner der Stadtschule zu finden dessen
Fischkopf sehr wunderlich zu seinen feurigen Gedichten aussah leicht entlockte
er ihm durch Fragen dass er in gleichen Aufträgen wie er selbst sich dort
eingefunden habe »Der Minister kann es doch nicht lassen« sagte er in sich
»wo er die Kunst zu beschützen scheint geschieht es doch nur um die Künstler
zu verspotten mich mit dem fischköpfigen Burschen in einen Wettstreit zu
bringen Hätte ich das vorausgewusst wenigstens hätte ich meine letzten Strophen
mehr auszufeilen gesucht«  Mit angenehmer freier Beweglichkeit trat bald auch
eine Mamsell in etwas schmutziger hängender weichfaltiger Kleidung herein
wenig verwachsen aber um so künstlicher bemüht dies wenige zu verstecken ihr
Gesicht hätte angenehm sein können wäre es nicht beim Sprechen in Gefahr
gewesen von dem großen Munde verschluckt zu werden Die ministerielle
Anerkennung ihres Dichtertalents hatte sie heute außer Fassung gesetzt sie
platzte gleich mit ihrem Auftrage heraus ohne zu ahnden dass sie zwei
Mitbewerber ihres Ruhmes dort vorgefunden Sehr unbefangen bat sie der
Kammerjunker die liebliche Eingebung ihrer Muse vorzulesen die Mamsell ließ
sich auch nicht lange bitten
Lieg ich in der Freundin Armen
Weine und nicht weiß warum
Sie ist traurig ich bin stumm
Bis die Lippen mir erwarmen
Ach dann schwebt es auf der Zunge
Wäre ich doch nur ein Junge
Wäre ich doch nur ein Junge
Gingen wir in weite Welt
Treulich wären wir gesellt
Hielten uns noch fest umschlungen
Wenn sich an der Welten Ende
Mein Italien einst fände
Wenn ich mein Italien fände
Höhlten wir ein kleines Haus
Uns in Herkulanum aus
Wo die schön bemalten Wände
Wie die Schwalben in dem Sande
Bauten wir uns an im Lande
Bauten wir uns an im Lande
Steckten manches Flügelkind
In das Körbchen schnell geschwind
Und verkauftens ohne Schande
Leutchen wer kauft Liebesgötter
Ach es ist so liebreich Wetter
Ach es ist so liebreich Wetter
Kauft ihr Mädchen jung und schön
Eine kommt sie anzusehen
Spricht »Das sind die Liebesgötter«
Ei bewahre das sind Tauben
Eine nur gehört zum Glauben
Eine die gehört zum Glauben
Doch die Liebe alle braucht
Und zum Boten jede taugt
Lässt sich nicht ihr Brieflein rauben
Als wo sie den Liebsten wittert
Der sie oft mit Zucker füttert
»Sehr richtig« sagte der Kammerjunker »die orientalischen Liebestauben müssen
mit Zuckerkandis gefüttert werden«  »Sie haben das Gedicht nach dem alten
Gemälde verfertigt wo eine Frau Liebesgötter wie Tauben an den Flügeln zum
Verkauf aus dem Korbe hebt und vorzeigt« meinte neidisch der Fischkopf  »Es
ist ganz eigen mir« sagte sie »alles wird bei mir zum Bilde und jedes Bild zum
Gedichte«  »Ei« sagte der Minister mit seinem tiefen Basse zwischenredend
nachdem er lange an der offenen Seitentüre gestanden »dass Ihnen Ihr Gedicht nur
nicht zur Wahrheit wird und Sie mein schönes Kind zum Jungen oder Ihre
Nachtigallen die ich heute noch bewundert habe zu lauter kleinen Kindern« 
»Immerhin« antwortete sie »ich habe mir stets Kinder gewünscht wenn ich nur
nicht deswegen zu heiraten brauchte ich bin bei meiner Schwester an
Kindergeschwätz so gewöhnt dass ich es jetzt sehr vermisse in jeder flüsternden
Welle glaub ichs zu hören«  Der Primaner raunte hier dem Kammerjunker
ziemlich ungeschliffen ins Ohr »Hat sie uns wohl je so was Schönes hören
lassen sie setzt sich dem Minister zu Ehren auf ihr Paradepferd«  »Es ist
etwas unsicher« antwortete der Kammerjunker »denn Wasser hat keine Balken« 
Der Minister sagte unterdessen mit einer Miene die wenigstens eine
Liebeserklärung andeutete »Zur Kinderzucht gehört sehr viel lästige
Reinlichkeit wie zur Liebe«  Ohne alle Verlegenheit antwortete sie die
Mutter hätte kein Herz die nicht selbst den Schmutz ihrer Kinder lieb hätte 
MINISTER »Sie haben wohl viel Kinder«  MAMSELL »Außer meinen poetischen nur
meine Tauben deren Eier ich oft an meinem Busen ausbrüte«  Bei diesen Worten
tat der Minister als wenn er sie väterlich umarmen wollte drückte sie aber so
fest an sich dass die Eier die sie an ihrem Busen gerade ausbrütete krachend
zerplatzten Lachend über den goldnen Strom der ihrem Herzen entquoll stand
rings die poetische Gesellschaft und dachte über die Ursache nach Mamsell
vergab dem Minister für den vollwichtigen Kuss den betlehemitischen Kindermord
Sie reinigte sich sehr leicht und das Gespräch wendete sich natürlich wieder zu
den verschiedenen Sehnsuchten nach Italien Der Kammerjunker hatte zwar etwas
mehr Zutrauen gewonnen zu seinem Gedichte seit diesem Rührei doch fürchtete er
noch den Fischköpfigen Der Primaner musste voran lesen er tat es mit zitternder
Heftigkeit unterdrückt vorschreiend
                                   Ausbildung
Das Kind
Sternlein des Abends am Leuchtturm der Höhen
Willst du im Kreise ewig uns drehen
Keiner erblickt wo du gegangen
Warum von Abend nach Morgen verlangen
Lieber in Blitzen möcht ich erblinden
Als in den tauenden Wolken verschwinden
Hinter den Wolken harrend zu stehen
Ist nur ein langsam verzweifelnd Vergehen
Der Abendstern
Kindlein ich leuchte dir nicht alleine
Komm in des Südens himmlische reine
Immer verklärte verklärende Lüfte
Nimmer bestehn da umnebelnde Düfte
Sonnendurchstrahlet müssen sie sinken
Schöner in glühenden Früchten zu winken
Bilden sie weichlich das Bette der Sonne
Immer sich opfernd sich ehrend in Wonne
Ich nur bestehe den Menschen zum Zeichen
Flügel den Armen unfühlbar zu reichen
Wert ist das Glück nur der menschlichen Mühe
Genius bin ich der ahndenden Frühe
Will sich der Wärme feuriger Regen
Abends und Morgens auf Ferne hinlegen
Warum verschmachten danach und erfrieren
Lass dich zur goldenen Ferne hinführen
Schuldlose Herzen trauen der Ferne
Nimmer veralten ihnen die Sterne
Warnen heut lächeln dann morgen auch wieder
Abend und Morgen sind himmlische Brüder
Ja ich komm wieder Schwankt dann der Boden
Fangen die Netze des Dunkels den Oden
Siehe nach mir denn wisse mein Flügel
Wecket dich auf an dem Römischen Hügel
Das Kind
Ja das ist Roma selber die Trümmer
Fügen sich wieder zum herrlichen Schimmer
Lasst die Erde taumelnd nur schwanken
Trägt sie mein Glück doch und meine Gedanken
Schimmern die Tempel bei Kirchen so dichte
Himmlische Wüste umschliesset sie lichte
Langsam die Tiber Sehnsucht im Blicke
Fliesst sie zum Meere und wünscht sich zurücke
Bin ich geworden bin ich vollkommen
Gestern ein Kindlein bang und beklommen
Heut in Italien findet mein Sehnen
Endlich des Busens hochherrliches Dehnen
Ist dies die Heimat Ist dies die Fremde
Wie ist es kommen dass ich mich grämte
Schwimmen die Äpfel nicht golden im Bache
Wenn ich erinnernd und hoffend erwache
Wisst wo die fröhlichen Mädchen noch hausen
Nimmer die Stürme des Nordens einbrausen
Merkt dass Italien die schwimmende Insel
Fliehend das stürmische Menschengewinsel
Lachet ihr Mädchen seht sie weilet
Nicht mit dem Morgenrot wieder zerteilt
Alle Erinnrung im Schilfe da rauschet
Alles Ersinnen im Atem sich tauschet
Seht auf tausend hellströmenden Wellen
Herrliche Freunde zu uns sich gesellen
Und in dem blumigen Meere der Wiesen
Lasst die Stimmen tauchen und fließen
Saget was sind das für heilge neun Schwestern
Ferne auf Sternen erblickt ich sie gestern
Kommen mit Masken und Flöten und Leiern
Jeglichen Morgen Italiens zu feiern
Der Morgenstern
Musensohn kennest du noch nicht die Musen
Fühlst du nicht Liebe zu ihnen im Busen
Fühlst du nicht Pochen im innersten Herzen
Und auf den Lippen ein zärtliches Scherzen
Nur im Genuße kannst du dich bilden
Und nur die Armut macht den Wilden
Alles ist nahe was zu erstreben
Was unerreichbar lass es verschweben
Nach einigem pflichtmässigen Lobe sprach der Minister »Nicht wahr mein junger
Freund Sie suchen eine Gelegenheit nach Italien zu reisen sie meinen da soll
auf einmal das Dichten ganz anders gehen da soll kein Reim fehlen keine Silbe
zu lang sein Ich glaube Sie irren sich darin der Dichter muss mit seiner
Nation in seiner Sprache leben denn wenn er auch vollendeter in sich würde so
fehlte ihm doch das Organ der Mitteilung«  DER PRIMANER »Sollte der Dichter
wegen seines Geschicks von der übrigen Welt ausgeschlossen sein er wäre sehr zu
bedauern und sein Volk könnte ihm nie etwas sein wenn er über eine schönere
Natur dessen eigentümliche Herrlichkeit vergässe Nimmermehr als ich von meiner
ersten Fussreise aus dem Entzücken über die nie ersehenen Berge zurückkam da
rief es doch tief in mir die Natur ist doch überall nur schlecht gegen das
göttliche Menschengeschlecht  doch wenn Ihre Exzellenz befehlen«  »Nun nun«
sagte der Minister »ich will Ihre Anschauung nicht stören ich habe darin
nichts zu befehlen ich danke für Ihre Bemühung das Gedicht soll besorgt
werden«  Bei diesen Worten entließ er ihn der arme Primaner wie gerne wäre
er geblieben um noch die Wirkung seines Gedichts zu sehen die Mamsell blieb
ungeachtet sie auch entlassen war und der Minister nahm sie und den
Kammerjunker an dem Arm mit beiden zur Fürstin zu fahren »Ich bin kein Kenner
von Gedichten werter Freund« sagte der Minister »ich achte nur auf eine
Stimme darüber auf die allgemeine wer die gewinnt hat meine Achtung ob er
darum gut zu nennen liegt außer meinem Kreise mir ist alle Poesie zu nichts
gut doch bei der Fürstin tragen Sie dort Ihr Gedicht nach bester
Geschicklichkeit vor«  »Liebenswürdiger Barbar« sagte die Mamsell 
MINISTER »Ich habe keinen Grund mich zu verstellen nehme ich es doch auch
keinem andern übel der sich nach einem glücklichern einfachern bestimmtern
Ausdruck in Gesetzen und Anordnungen nicht mit gleichem Eifer wie ich bestrebt
warum gäbe es wohl Dachshunde und Windhunde wenn wir die Windhunde zum
Dachsgraben uns abzurichten bemühten«  Unter solchen Gesprächen donnerten sie
in den Schlosshof hinein die hohen Treppen die weiten kühlen Säle wurden
gemächlich von dem Minister durchschritten er hatte etwas Spöttisches wenn er
die Lakaien so aufgeputzt an den Türen sah gleichsam als wüsste er etwas mehr
von der Sache und das unterschied ihn besonders von dem Kammerjunker dem alles
noch immer den ersten Eindruck von feierlicher Beklommenheit machte Die Mamsell
fing aus Verlegenheit ein unglaubliches Schwatzen zu treiben an alles was sie
je gesagt drängte sich zu dieser Hauptbegebenheit und wollte auch mit am Hofe
erscheinen Die Flügel öffneten sich die Fürstin stand vorleuchtend in einem
sehr glänzenden Kreise zweier reisenden Fürstinnen der Minister hatte nichts
von deren Ankunft gehört er dachte die Fürstin bloß in Gesellschaft der Ihren
zu treffen Doch ohne eine Miene zu verziehen stellte er die Dichterin trotz
ihrer schwarzen Schleppe und losen Kleidung mit Eiergelb gestickt der Fürstin
vor und entschuldigte diese Uniform mit seiner Ungeschicklichkeit indem er die
Geschichte erzählte es wurde mit so guter Art gelacht dass die Mamsell ihr
fürchterliches Schwatzen glücklich fortsetzen konnte Man bewunderte ihren
Verstand und lachte man hörte das Gedicht und lachte kurz die ältesten
Hofleute wussten sich keines so lustigen Abends zu erinnern Unterdessen hatte
der Kammerjunker auch seine Anstalten zur Darstellung seiner italienischen
Sehnsucht gemacht ein junges sehr schönes kleines Mädchen war italienisch
angezogen er selbst wie ein Künstler alter Zeit er hatte Meissel und ähnliches
Gerät in der Hand sie schlief unter einem Tamburin auf einem bunten Beutel der
die ganze Hauswirtschaft zu enthalten schien sein dabei abgesungenes Lied wird
alles was sie aufführten näher erklären
                             Die Tamburinschlägerin
Wie Fliegen summt herum mein Sinn
Und wiegt sich leicht auf Halmen
Als wollt er sie zermalmen
Und Lachen spielt mir übers Kinn
Ich tat als zög ich fort von ihr
Den Hut beschatten Rosen
So trat ich zu der Losen
Und sprach »Ich ziehe fort von hier
Mich zieht mich treibt ich weiß nicht was
In allen meinen Adern
Ich fühl ein stockend Hadern
Ha fühlt den Puls die Wangen blass
Nach Welschland schweift mein feiner Sinn
Ich bin von Luft getragen
Die Wolken ziehen den Wagen
Es rollet laut mein Sinn darin
Hinab hinab im Tränenstrom
Zerfliessen meine Augen
Was können sie mir taugen
Wenn sie nicht sehen das hohe Rom«
Sie sah mich an aus losem Schlaf
Misst mich mit großen Augen
Muss in die Händchen hauchen
Um klar zu sehen was mich betraf
Dann springt sie von der Rasenbank
Gar leicht auf meinen Rücken
Ich will mich boshaft bücken
Doch sie mir nicht vom Rücken sank
Sie singt mit hellem hellem Ton
»So wandern wir nun alle
Im hellen Morgenschalle
Zu unsres Papstes goldnem Thron
Ich küsse sein Pantöffelein
Er bittet mich um Küsse
Damit er sicher wisse
Ob ich auch eine Christin rein
Wohlauf wohlan mein Pegasus
Ich will dich schön umfassen
Sollst mich nicht fallen lassen
Nach Rom ich heut noch reiten muss
Es flieget neben uns die Welt
Die Wälder untertauchen
Von Flammen bunt sie rauchen
Als wär es heut für uns bestellt«
Sie singet wie das Morgenblau
Aus allen tausend Orten
Sie weiß von keinen Worten
Doch spricht zu ihr die bunte Au
Uns hebt aus Süd ein süßer Duft
Verspielt in ihren Haaren
Und aller Träume Scharen
Sie kommen mit der neuen Luft
Der Wald ist frei der Abend mein
Leg dich ins Gras ganz schnelle
Ein Brünnlein rieselt helle
Der Mond sieht sich so froh darein
Sie legt das Köpfchen in die Hand
Den bunten Beutel unter
Das Tamburin gar munter
Ist Helm dem Schelm mit Schellenrand
Hoch aus der Schellen hellem Blitz
Sich drängt der Locken Fülle
Der Blumen heilge Stille
Bewacht sie auf dem selgen Sitz
Da ist da ist Italia
Ich fühl im Marmorbilde
Die Wangen weich und milde
Mein Liebchen ist Italia
 
                                Elftes Kapitel
       Abreise der Fürstin nach Italien Der Primaner wird ihr Schreiber
Die kleine Tänzerin die das Gedicht so artig mit schöner Bewegung und Stellung
begleitete hatte auch dessen Wirkung bestimmt vielleicht wäre es sonst wie
alle übrigen vorgelesen und vergessen worden Der Minister bemerkte die
allgemeine Heiterkeit die es verbreitet hatte und sagte dem Kammerjunker einen
sehr wohlbestimmten Dank Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung dass die
beiden reisenden Fürstinnen ihr Herz über Italien ausschütteten sie kannten es
und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden so weit es Frauen
vergönnt genossen sie beschrieben die Luft so ungemein hell die Jahreszeiten
so sanft verschmolzen in einander die Peterskirche so glänzend den Vesuv so
sprühend sie ermunterten die Fürstin so beredt zur Reise der Minister fügte so
wohl gedachte Gründe hinzu erzählte von seinen beiden Töchtern in der schönsten
Gegend Siziliens die es sich zur Pflicht machen würden die Fürstin zu
erheitern dass der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt
wurde Den Regierenden ist es so leicht über die gewöhnlichen
Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen dass sie in solchen
Plänen gewöhnlich viel bestimmter auf die Ausführung rechnen können so wurde
Tag und Stunde der Rückkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu
eingeladen Mancherlei Hoffnungen und Kabalen der Hofleute wer die Fürstin
begleiten sollte zerschnitt sie indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft nur
wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschloss um sich ganz in die fremde
Welt einlassen zu müssen Den fischköpfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des
Ministers als Schreiber in ihre Dienste dem Kammerjunker und der Mamsell
schenkte sie Ringe für ihre Bemühung beide schienen nicht sehr zufrieden
Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die nötigen Vollmachten
Anordnungen und Pläne einzuhändigen die Schreiber hatten eine angestrengte
Nacht Als die Bürger ihre Laden öffneten rollte die Fürstin in einem leichten
Reisewagen durch die Gassen ihre Kammerfrau neben ihr ein Jäger und der
Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze der zugleich den Koffer
sicherte sie selbst hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen
anbringen lassen Viele verdrießliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem Schloss
nach die armen Leute die eben zur Arbeit gingen beneideten das Glück jener
ruhig vor der Tür stehen zu können wer ist mit seinem Verhältnisse ganz
zufrieden Niemand als ein Narr denn einen Weisen der das sagen könnte hat
noch niemand gefunden
    Wir wünschten die Fürstin hätte vor dem Antritte ihrer Reise eine
Unterredung gehört die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem
Heimkehrenden belauscht habe
 
                                   Reisefluch
Der Heimkehrende
Ach was treibt der Erde Söhne
Sich zu suchen ferne Leiden
Grüssen uns die schönsten Töne
Klagen sie ihr schnelles Scheiden
Und es schliesset eine Stille
Unsrer Hoffnung reiche Fülle
Der Ausreisende
In der Fremde stehen Tische
Jungfrauen schwingen Rosenketten
Lieblich wehet da die Frische
Und wer möcht sich da nicht betten
Und wer bliebe wohl zu Hause
Von dem festlich hohen Schmause
Der Heimkehrende
All ihr Wandrer bleibt zu Hause
Denn ihr sucht was nicht zu finden
Denn die Rose welkt beim Schmause
Und die Dornen euch umwinden
Und zerreißt ihr nicht die andern
Müsst ihr selbst zerrissen wandern
Der Ausreisende
Dennoch treibts mich zu den Bergen
Aus der gleichen breiten Fläche
Mich der Sonne zu verbergen
Und zu sehen den Quell der Bäche
Und den Demant aufzufinden
Der so selten in den Gründen
Der Heimkehrende
Dort erstarrt der Liebe Atem
Demant wird die flüssige Quelle
Meinst du dann du hasts erraten
Wo des Demantauses Schwelle
Kommst vom Berge mit dem Eise
Es zerschmilzt in Tränen leise
Möge der Leser mit diesem Gefühle die Sinnbilder beschauen welche beide Titel
dieses Buches bezeichnen
    Die Reiseansichten der Fürstin würden vielleicht mehr Reiz haben als diese
ernsten Betrachtungen sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern
auf Tronen sehr selten und immer nur das Notwendigste sie sah mit Lust und
Aufmerksamkeit aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft nur ein Gespräch
konnte sie zur Ausführlichkeit bringen Von ihrem ersten Eintritte in Italien
hatte sie den beiden Fürstinnen etwas Schriftliches versprochen der Brief wurde
aber sehr kurz sie erklärte darin dass es eben das Herrlichste an ganz Italien
sei dass sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse die
Reisebeschreiber jenes Landes die man bis dahin als sehr lebendig bewundert
selbst die Dichter scheinen dort ganz töricht entweder zerfallen ihre Worte in
lauter Flittern die aufeinander gehäuft sind und keinen Überblick gestatten
oder sie werden so steif und ärmlich als hätten sie statt des Landes eine
plastische Landkarte wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt
werden vor Augen gehabt »Nur eure mündliche Erzählungen von schöner Wärme
belebt fallen mir hier zuweilen ein« So schloss ihr Brief Je mehr sie der
göttlich verjüngenden Milde des Landes genoss desto wunderlicher drängte sie das
Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele in der das Vorübergehende einen
Widerschein gebe sie wünschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der
Töchter des Grafen zu finden darum eilte sie nach Sizilien ungeachtet der
Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte sein Tagebuch
forderte beinahe schon einen Beiwagen Es ist unmöglich ergebener zu sein als
ihr dieser gute Junge anhing jedes freundliche Wort das sie ihm schenkte
lebte eine Ewigkeit in seinem Gedächtnisse ihr reicher Geist wirkte ohne
Absicht auf seine Ausbildung doch müssen wir eingestehen dass sie ihrem Alter
zum Trotz so wohlerhalten frisch war dass auch ihre Schönheit einigen Einfluss
auf ihn haben mochte
 
                                Zwölftes Kapitel
           Ankunft der Fürstin und ihres Schreibers bei der Herzogin
Die Fürstin überraschte die Herzogin in der Mitte ihrer Beschäftigungen und
fand sich dadurch etwas beleidigt dass sie in der regelmäßigen Ordnung ihres
Lebens sich durch ihre Ankunft in nichts stören ließ vielmehr in ihrer
Gegenwart eine Menge harrender Leute abfertigte »Nein« sagte die Fürstin in
sich »so kalt anteillos bloß mit dem Allgemeinen beschäftigt soll meine
Freundin nicht sein« und ließ sich zu der Gräfin führen Die Gräfin empfing sie
sehr lebendig freute sich ihrer dauernden Unveränderlichkeit die Fürstin
meinte schon ihre ideelle Freundschaft auf ewig geknüpft zu haben aber die
Kinder schrien und tobten immer dazwischen und die Gräfin verließ sie um keinen
Preis Sie wollte mit ihr über Musik und Kunstwerke sprechen aber das wenige
was Dolores sonst davon gewusst hatte sie über das Abc lernender Kinder ganz
vergessen Die Fürstin langeweilte sich Endlich trat der Graf herein
heimkehrend von einer kleinen kriegerischen Unternehmung gegen Raubgesindel
frisch und fröhlich wenn gleich über zwölf Jahre älter als zu der Zeit wo er
Dolores gewonnen aber durch die neuen lebendigen Tätigkeiten reichlich
ausgebildet gewandter beredter mitteilender und unternehmender Die Fürstin
fühlte eine besondere Angst bei seinem Anblicke niemand war ihr je so herrlich
erschienen und dabei fühlte sie den Wunsch ihm recht zu gefallen ihr
fürstlicher Stolz verließ sie ganz Die Bilder von Freundinnen verwandelten sich
in einen Freund sie fand das ihrer ganzen Natur angemessener die sich nie mit
den Weibern zu längerem Umgange einlassen konnte an Liebe dachte sie nicht
entfernt Der Graf hatte eine Freude von ihr über politische Ereignisse das
wahre Gediegene zu hören ihre Urteile über Kunstwerke stimmten mit seinem
Gefühle und er sagte es ihr offen dass sie seinen häuslichen Kreis durch ihre
Gegenwart hoch beglücken werde Die Gräfin freute sich über den Beifall den ihr
Mann der Fürstin schenkte sie kannte ihn dass er nie schmeichle und dass er
gegen manche Frauen sehr strenge gewesen die ihr recht wohl gefallen Die
Fürstin schloss sich jetzt der Gräfin und den Kindern viel mehr an sie wusste
selbst nicht warum die Kinder hatten alle zu ihr ein mächtiges Zutrauen und
erzählten ihr kleine Märchen von denen Sizilien sehr voll ist Der Graf brachte
sizilianische Sänger von denen die Fürstin mit geübtem Ohre manches erlernte
Der erste Vormittag verging so schnell  wie die nächsten Tage wo die Fürstin
sich in einem Flügel des Schlosses vollkommen eingerichtet hatte
    Der Schreiber ärgerte sich über dieses ruhige Leben im Schloss mehr aber
weil ihn die Fürstin über den Grafen ganz vergessen zu haben schien sein
Tagebuch sah sie nicht weiter an auch war hier weniger Eigentümliches zu
bemerken weil der Graf und die Herzogin manches Deutsche hieher übertragen
hatten Die Gräfin und die Herzogin genossen erst recht des Umgangs vom Grafen
seit die Fürstin in ihrer Mitte wohnte beide gaben ihm sonst nur im praktischen
Geschäfte Gelegenheit seine Talente zu entwickeln seine Freude an Künsten
aller Art verschloss er bisher unwillkürlich in sich weil er seinen Geschmack
den Gesellschaften nie aufdrang sondern fast immer die Unterhaltung nach der
Sinnesart der andern einzurichten bemüht war Eifersüchtig konnte die Gräfin auf
die Fürstin nicht werden denn sie ehrte sie wie eine Mutter die sie auch sein
konnte auch hatte sie ein unwandelbares Zutrauen zu der Liebe ihres Mannes
Einem Manne der so offen mit sich umging wie der Graf war es keinen Augenblick
verborgen dass er eine lebendige Freundschaft zur Fürstin fühle gewohnt mit
sich zu rechten fragte er sich ob das Liebe sei und da dachte er an Dolores
und fand sein Verhältnis zu ihr so ganz ungestört seine Neigung ganz
ungeschwächt er fand dass ihm die Fürstin eine geistige Unterhaltung gewähre
die er nie bei Dolores gefunden und nie bei ihr vermisst habe
    Die arme Fürstin allein fühlte ihre weibliche Natur erwachen Sie hatte wohl
eigentlich nie geliebt der Zufall hatte ihre Hand verschenkt und ihre
Schwachheit wurde nachher von gewandten Männern wie der Minister überlistet
sie war noch so ganz unberührt in ihrem Wesen und es tat ihr so wohl mit ihrem
ganzen Wesen zu lieben Kaum konnte sie sich eines Tages halten als sie den
Grafen auf einem Sofa in der Hitze eingeschlafen fand ihm nicht um den Hals zu
fallen Sie hielt sich denn sie war immer in ihrer Gewalt doch sie war auch
jetzt ganz entschlossen ihrer Leidenschaft zu gewähren doch also dass der Graf
dadurch in keiner Art von seiner Frau getrennt würde sie hielt sich und ihn für
hinlänglich ihr überlegen um jede Verbindung ihr leicht zu verstecken Alles
sehr wohl überlegt nur war eins nicht berechnet dass es einem Weibe sehr schwer
wird ihre Absichten einem Manne kund zu tun der keine ähnliche hat und dass
die Liebe endlich über jede Überlegung hinaus steigen muss weil eine hohe Natur
sich am wenigsten so künstlichen Verhältnissen unterwerfen kann Oft war sie
ganz nahe ihm alles zu bekennen denn sie meinte er verstehe sie schon da
ergriff er plötzlich etwas so Fremdes sprach so leidenschaftlich davon dass sie
es ihm bestreiten musste Nach solchen Streitigkeiten sagte er ihr einmal »Es
ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe dass uns
in dieser alle kleinen Uneinigkeiten verhasst sind während uns dort selbst der
Streit willkommen ist weil er uns zu einem gemeinschaftlich Höheren zwingt die
Liebe ist in sich zufrieden die Freundschaft will immer mehr«
    Der Fürstin kamen solche Betrachtungen sehr ungelegen sie suchte auf
mancherlei Art dem Grafen ihren Sinn für vertraulichere Verhältnisse dazutun
den er ihr einmal ganz abgesprochen hatte Sie dichtete einen Morgengruß den
sie ihm an einem schönen Morgen vorsang er musste dabei eine Stimme übernehmen
                                   Morgengruß
SIE
Wonne Wonne still in Schauern
Dich umfangen frische Luft
Sinnend auf die Strahlen lauern
Spielend durch den Morgenduft
ER
Sonne Sonne dich belauern
Glühendrot im Morgenduft
SIE
Atmen Atmen nahend Leben
Wellen in dem Ährenstrom
Wie des Morgensterns Erheben
Sich verliert im blauen Dom
ER
Wie der Lerche laut Erheben
Sich verliert im blauen Dom
SIE
Flügel Flügel der Gedanken
Heben mich zur Sonnenpracht
Wie die Ströme silbern ranken
Aus der Berge Mondennacht
ER
Enge sind des Mondes Schranken
Weit o weit die Sonne lacht
SIE
Blumen Blumen stille Wesen
Fülle winkt im tiefen Grund
Ihr zu Flammen auserlesen
Sinkt auf seinen roten Mund
ER
Nieder müde Blüten tauen
Einen Strauss von ihrer Brust
Durch die Gluten sie zu schauen
Wirft der Liebe Sonnenlust
SIE
Atmen Atmen nahes Leben
Bebend Herz im Blumenstaat
Wie zwei Schmetterlinge schweben
Mund auf Mund gelebet hat
ER
Wonne Wonne still in Schauern
Dich umfangen hell Gesicht
Sonne Sonne soll es dauern
Wie mein Auge taucht in Licht
Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch ganz mit der Dichtung und dem
Gesange beschäftigt lernte er alles ganz eifrig und kaum hatte er beide
Stimmen sich einstudiert so beurlaubte er sich um das Lied seiner Frau
vorzusingen und die Fürstin stieß mit dem Fuße gegen den Boden Dolores fand es
ungemein reizend ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn Die
Fürstin sah ärgerlich nach dem Ätna als der Graf so lange ausblieb Ihre
Gedanken gönnten ihr alle die Zärtlichkeiten die er ihr versagte und sie fuhr
wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf als der Schreiber ihr das Tagebuch
vorzulegen ins Zimmer trat Sie fertigte ihn schnell ab setzte sich an ihren
Tisch und schrieb einen Nachtgruss so feurig als hätte sie die schönste Nacht
verlebt und doch in einer Melancholie getränkt als wär es die letzte
                                   Nachtgruss
ER
O deinem Atemzuge
Horche ich feiernd leis
Er hebet mich im Fluge
Über den Erdenkreis
SIE
Dein Atem sanft im Schlafe
Tönt in die Saiten ein
Du sprichst aus mir im Schlafe
Worte sie sind nicht mein
O lieblich waches Schlafen
Einzige einige Ruh
In der Gedanken Hafen
Singe ich höre zu
ER
Der Alp der mich gedrücket
Fliehet vor deinem Klang
Sein Ross mich fern anblicket
Hörst du den Hufschlag bang
Du hörst mein Herz nun schlagen
Bebt nicht die Erd entzückt
Sie soll dem Himmel sagen
Wie sie so hoch beglückt
SIE
Du hauchest kühles Feuer
Nieder in meine Ruh
Viel tönt mein Busen freier
Schlafe und träume du
Ich schweb in deinen Träumen
Schon in dem Morgenrot
Und säusle in den Bäumen
Mitten im Feuertod
ER
Ja wie ein wilder Leue
Nächtlich im Walde brüllt
Bewachet er die Treue
Die ihm den Schmerz gestillt
So ruf ich an die Erde
Die mir mein Haus verschlang
Dass sie am heilgen Herde
Uns dann zugleich umfang
SIE
Nein stürz mich in den Becher
Glühend noch raucht der Berg
Und trink du schöner Zecher
Alles was ich verberg
ER
Ach all was birgt dein Auge
Alles was birgt dein Herz
Ich würde Himmel saugen
Mitten im schönsten Schmerz
BEIDE
Nein dieser Stunde Feuer
Nimmer o nimmer vergeht
Nein dieser Töne Feier
Nimmer o nimmer verweht
Wir leben ohn Besinnen
Sind wir wohl außer uns
Die Tropfen Tau schon rinnen
Auf uns und über uns
Wir ruhen auf Silbersaiten
Regend die Melodien
Tanzend die Elfen schreiten
Übers erwachende Grün
Nachmittags zeigte sie dem Grafen diesen Doppelgesang aber ihm gefielen nur
einzelne Strophen das Austrinken des Vulkans in den sich die Geliebte
gestürzt das behauptete er sei ganz ein nordisches Bild über Maß und
Möglichkeit sie ließ es sich nicht ausreden Sonderbar war es dass in diesen
Tagen eine Erderschütterung gespürt wurde dass schon die Bewohner der Paläste zu
den Bewohnern der Hütten flohen doch hatte sie in der Gegend keine andre
Einwirkung gehabt als bei dem Gartenhause der Herzogin eine warme Quelle zum
Vordringen zu bringen Durch diesen Umstand und durch die Lage des Gartenhauses
welches die Aussicht über das Meer hatte wurde die Fürstin veranlasst es sich
zur Wohnung zu erbitten gerne gewährten ihr alle diesen Wunsch und sie wusste
bald durch herrliche Verzierung des Hauses und des Gartens sich dafür dankbar zu
bezeigen Sie beschäftigte alle Arten von Künstlern dabei und der Graf nahm so
eifrigen Anteil an allem dem dass die Herzogin mit Sorge manche Vernachlässigung
ihrer eignen Angelegenheiten bemerkte Sie konnte ihm darüber nichts sagen denn
was er tat war guter Wille und Aufopferung von seiner Seite aber gewiss hätte
er sich einige Zeit von seinem Dekorieren des Landhauses abgemüssigt wenn er in
dem Tagebuche der Herzogin gelesen hätte »  Über tausend Bäume sind durch
die Vergessenheit des Grafen der die nötigen Arbeiter nicht herbeigeschaft
vor dem Einpflanzen verdorrt Lieber Gott wenn er nur die Hälfte der
Sonnenstrahlen auf sich nehmen sollte die darum ein ganzes Jahr länger auf die
armen Wanderer und Pilger fallen er müsste ja verschmachten darum verzeihe es
ihm gnädiger Gott«  Der Graf wiegte sich in einen schönen Traum steter
geistiger Mitteilung Kunstübung was ihm alles in dem Umgange der Fürstin
werden sollte den Schreiber hatte er auch sehr lieb gewonnen er fand hinter
mancher Schulverdrehteit viel Talent und Bemühung der schönsten Art er führte
die Fürstin und ihn mit unermüdlichem Eifer in seine reichen Sammlungen von
Antiken und Abgüssen von Musikalien und Naturprodukten und bemerkte nicht
dessen Eifersucht gegen ihn wegen der Neigung der Fürstin die ihm oft sehr
wunderbar mit spielte So zerschmiss er einmal einen schönen Antinous im
Vorzimmer als der Graf mit der Fürstin lange allein gesessen und als sie von
dem Falle erschreckt heraustraten entschuldigte er demütig seine
Ungeschicklichkeit so dass niemand einen Argwohn hatte
    Eines Morgens fand die Fürstin den Grafen in ihrem Vorzimmer der ihr die
Gegend mit allen neuen Anlagen abzeichnete er hatte ein eigentümliches Talent
alles auf den ersten Blick richtig und treu zu fassen und änderte daher selten
an der ersten Skizze Die Fürstin zeichnete schöner aber sie dichtete in die
meisten Gegenden eine Menge Verschönerungen hinein Auch hier nahm sie spielend
einen Bleistift lehnte sich auf ihn und zeichnete am Vordergrunde auf den
Grafen gelehnt eine Ulme trieb den Stamm aus der Erde und setzte leicht die
Umrisse aber die Äste ließ sie hervorgehen wie kühne Leidenschaften die das
Geblüt zu Laub heraustreiben da entstand das Dunkel wo im Durchschauen des
ersten und zweiten Laubes kein Blatt mehr zu erkennen das Dunkel wo die Vögel
nisten Sie arbeitete so eifrig dass ihr der eigne Atem wie der hoffnungsreiche
Ostwind vorkam der die leichten Zweige hebt und fallen lässt dass die Schatten
lustig auf dem Boden spielen und da war ihr als harrte sie des Grafen unter
dem Baume und er säße in dessen dunkler Krone und lasse ihr neckend allerlei
Blätter in den Busen fallen und sie täte als ob sie ihn nicht merke Von dem
allen stand nichts da der Baum war kaum angelegt und der Graf der gerade an
dieser Stelle arbeiten wollte wischte ihn eilfertig mit dem elastischen Harze
aus und sie musste zusehen wie er zerstört wurde der alle ihre Zärtlichkeit
trug Der unglücklichen Frau wurde fast ohnmächtig der Baum war ihr lieb
gewesen wie ein Erstling der Liebe hundert Bäume konnten an der Stelle wieder
gezeichnet werden aber kein Baum wie dieser der alle ihre Lust verbarg »Was
weiß ich denn von ihm« dachte die Fürstin »wenn er so gar nichts von mir weiß
dass er unbewusst das Liebste mir zerstören kann bis auf die letzten
widerstrebenden tiefsten Züge die sich noch jammernd an das Papier legten es
ist mein Geblüt was noch in dem Stamme treibt«  In diesem Augenblicke noch
ehe die Lücke wieder vollgezeichnet rief Dolores den Grafen er eilte fort und
die Fürstin setzte sich eifrig an seine Stelle und malte ihren lieben kleinen
Baum wieder an die Stelle und viel schöner und reicher an umschlingendem
Weinlaube ausgestattet dann setzte sie sich an ihren Flügel phantasierte wild
umher und sang endlich mit entschlossener Stimme
Nur was ich liebe das ist mein
Und kann nur immer meiner werden
Du weißt von nichts du lässt mich ganz allein
Was ich in dir geliebt das bleibt doch mein
Gehört dem Flügel dieser Ton
Den meine Finger traurig weckten
Nein du bist mein dir selber recht zum Hohn
Was ich in dir erweckt gehört mir schon
Dein Haus ist mein denn ach von dir
Umschliesst es so viel schöne Kinder
Ist mein die Perle so gehört auch mir
Die Schale deines Leibes schöne Zier
Ich geb die Seele du bist mein
Du schöner Teufel musst mir dienen
Hast mich verführt mit schönem Augenschein
Sei alles falsch und leer du bist doch mein
Vielleicht war es in derselben Stunde während die Fürstin so heftig zu ihrem
Flügel sang wo der Schreiber den der Graf ein paarmal um ihn zu witzigen
etwas scharf angesprochen als er sich gar zu weise gemacht nachdem er die
ersten Wallungen seines Zornes überwunden hatte mit einem beruhigenden Blicke
seine Arbeiten betrachtete und sich mit stillen Bitten an seinen Genius wendete
sicher ist es er machte an jenem Tage das folgende
                                     Sonett
Mein Genius du hast mir viel verliehen
Du kannst was nie geahndet mir erschließen
Wenn deine Blicke flüchtig mich begrüßen
Durch dich gedeiht mir jegliches Bemühen
O könnt ich dich mit meinem Arm umschließen
Dass du dich nimmer könntest mir entziehen
Dass meine Wangen nie von Scham erglühen
Verlässt mich Witz wo andrer Witze fließen
Schaff mich gewiss und fest in allen meinen Kräften
Dass sie dem Augenblicke willig dienen
So bin ich tüchtig jeglichen Geschäften
Gleich fern von Furcht und Frechheit in den Mienen
Lass mich die Blicke frei auf andre heften
Und aller Neid soll schwinden im Erkühnen
Wir überlassen es dem Urteile der Leser ob sie lieber so wüten möchten wie
jene oder so ruhig überlegen wie dieser Diese Überlegung dieses ewige
Betrachten in dem sich sein ganzes Wesen verlor während es sich recht tief zu
erfassen meinte war in seiner frühesten Zeit begründet Er war einer der
geschicktesten Schüler seiner Stadt zwar von armen Eltern aber überall durch
Fleiß ausgezeichnet Einem Lehrer seiner Schule war er besonders anvertraut und
strebte mit unaufhaltsamer Leidenschaft diesem seinem Muster in allem sowohl in
Kenntnissen als im Äußeren gleich zu werden in diesem Streben hatte er dessen
ganze Bibliothek durchgelesen einige Bücher ausgenommen die jener in einem
besonderen Schranke aufbewahrte und mit denen er sich zuweilen halbe Tage
verschloss Viele Monate hatte er gesonnen wie er zu diesem Schatze gelangen
könnte in halbem Fieber durch die Furcht entdeckt zu werden und von der Höhe
allgemeiner Liebe und Ehre zur Schadenfreude aller herabgestürzt zu werden
versuchte er nacheinander alle Schlüssel die er sich verschaffen konnte
Endlich an einem heißen Nachmittage wo er sich wegen einer Arbeit vom Ausgehen
losgebeten hatte gelang es ihm mit einem Schlüssel den ihm ein Dieb bei seiner
Arretierung zugeworfen hatte den geheimnisvollen Schrank zu öffnen mit
klopfendem Herzen durchblätterte er ein kleines Büchlein das einzige was darin
enthalten war Es war das dem Meursius untergeschobene Buch von der Eleganz der
lateinischen Sprache und wie es erst der Verdruss kein Buch über geheimnisvolle
Wissenschaften zu finden aus seiner Hand geworfen so hob er es bald wieder aus
allgemeiner Neugierde auf und der sinnliche Brand der Lust in dem Buche der
sich im tiefsten Verderben der Zeiten zu kühlen suchte erweckte eine Seite in
ihm die bis dahin tief geschlummert hatte Er las sich heiß an dem Buche dass
ihm der Atem verging ganz gegenwärtig umschwebten ihn alle schändlichen Lüste
verwilderter Naturen fast mit Gewalt musste er sich losreißen als der Lehrer
kam der bald mit Verwunderung sein fremdes Wesen bemerkte Mit Lügen wusste er
sich durchzuhelfen Lüge wurde sein ganzes Leben zu andern Da er weder reich
noch schön war so konnte er seine erweckten Begierden schwer befriedigen da er
den Ruhm des Fleißes und der Geschicklichkeit über alles liebte konnte er auch
nicht so viel Zeit jenen Gedanken die ihn innerlich ergötzten hingeben ja er
machte sich schmerzliche Vorwürfe darüber kaufte jeden sündigen Augenblick mit
Stunden des Fleißes strafte sich für jeden Gedanken so kam er zu jenem ewigen
Bewusstsein das ihn in jeder selbst überlassenen Minute schreckhaft aufquälte
für sein innerliches Leben hatte er keinen Freund mehr er schämte sich dessen
Je tiefer wir in uns versinken
Je näher dringen wir zur Hölle
Bald fühlen wir des Glutstroms Welle
Und müssen bald darin vertrinken
Er zehrt das Fleisch von unserm Leibe
Und öde wirds im Zeitvertreibe
In uns ist Tod
Die Welt ist Gott
O Mensch lass nicht vom Menschen los
Ist deine Sünde noch so groß
Meid nur die Sehnsucht nach den Sünden
So kannst du noch viel Gnade finden
Wer hat die Gnade noch ermessen
Es kann der Mensch so viel vergessen
 
                              Dreizehntes Kapitel
     Der Besuch der Obristin Die Fürstin besteigt mit dem Grafen den Ätna
     Nächtliche Verwechselung Die Meerfahrt Der Prinz von Palagonien Die
                    Mineraliensammlung Johannes und Hyolda
In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin die sie nach Sizilien
geführt hatte sehr angenehm überrascht Diese heitre alte Frau die sich mit
einem gewissen Stolze als die Schöpferin alles Glücks dieses Hauses ehren ließ
trat auch gewissermaßen herrschend darin auf da selbst die Herzogin aus
Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschäftigungen aussetzte Die
Obristin hasste das Schulehalten das Bessern ihr war alles so ganz recht wie
es in der Welt gegangen und wie es geht keine Lustbarkeit war ihr burlesk
genug immer fügte sie noch etwas als höchste Spitze hinzu und ihr kleidete
manches was einer jüngeren Frau nicht verziehen worden wäre »Was sind das für
junge Leute« rief sie kurz nach ihrem Eintritte »das lacht nicht das springt
nicht das tanzt nicht als ich in eurem Alter war ritt ich noch die
Treppengeländer herunter« Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des
Spottes weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen
und jetzt in manchen fremden Gedanken über ihren Mann vertieft manches
überhörte wenigstens zu keiner Ausführung brachte Sie hetzte alle ihre Kinder
gegen sie auf dass sie ihr keinen Augenblick Ruhe ließ und wollte sich dann
über die Not der guten Mutter allen helfen zu wollen halb krank lachen Die
Fürstin merkte bald ihre Laune und obgleich viel betrübter in sich hatte sie
doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft über sich gewonnen so etwas
mit dem heißen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken sie
entzückte die Obristin die sie Mutter nannte indem sie ihren Willen immer
vollständig ausführte Da wurden alle die alten Pfänderspiele durchgespielt
welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte ihre Hauptfreude war ein
großes Küssen zu veranlassen bald musste einer in den Brunnen fallen bald
unzählige Sterne zählen Zu solchem Sternzählen brachte sie auch nicht ohne
Absicht um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergötzen den
Grafen und die Fürstin zusammen aber sie dachte nicht welche Flammen und
welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Fürstin damit entzündete noch
nicht zufrieden mit diesem Spasse brachte sie auch den Schreiber mit der Fürstin
zusammen indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen Der arme Junge
wurde so rot von diesen Küssen dass ihn die Obristin den ganzen Abend damit
neckte er sei in seine Herrschaft verliebt er hatte sich auf seiner Reise
wirklich sehr verschönert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus Bis
in die Nacht musste gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von
einigen zusammennähen lassen und frühmorgens war sie sicher schon zuerst auf
und erweckte alle die Schläfer mit irgend einem Schrecknisse Sie hatte in sich
ganz unverändert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt die sonst die
deutschen Schlösser durchtobte die sich alles erlaubte und alles vergab und
ein fröhliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog die
jetzt meist als Erzähler oder Vorleser die eigentümliche Tätigkeit der andern
einschlafen lassen Sie hatte eine gewisse Härte in ihrer Art zu reden war aber
gegen alle Leidende sehr hilfreich wo sich andre aus Ekel wegwendeten da stand
sie mit Klugheit und Ergebung bei so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit
ihres alten Mannes aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich ihm
schrieb sie alle Tage in Knittelversen was vorgegangen und machte so eine Art
lächerliche Zeitung wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu
liefern Die Geschichte des Pfänderspiels schloss sie mit den Worten
Die Frau Fürstin und der Herr Graf
Zählten die Sterne bis es zutraf
Die Frau Fürstin fands immer noch nicht richtig
Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig
Es schien ihr das Zählen gar sehr zu gefallen
Da ließ ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen
Gar viele viele Ellen tief
Dass er gar erbärmlich rief
Sie musste mühsam hinaus ihn ziehen
Dass beiden von der Arbeit die Backen recht glühen
Seit diesem Sternenzählen kränkelte die Fürstin ihre wachsende Neigung zum
Grafen und seine Unverständigkeit die nicht zu erraten kränkten sie tief Die
Obristin schrieb dies Übelbefinden dem sitzenden Leben zu und ermahnte sie eine
Fussreise nach dem Ätna zu machen der Graf könne sie begleiten während sie noch
ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetöchtern zubringen wolle
sie wisse nicht ob sie je wieder bei ihnen sein werde da ihr Alter ihre
Munterkeit mit überlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen könne Der Graf
ergriff diesen Vorschlag mit Lust die Fürstin war bereit und so zog er mit ihr
und dem Schreiber am nächsten Morgen aus Wer kennt Siziliens Reize nicht alle
Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschöpfen sich in Lob es ist der
Lustgarten Europens dessen vereinte Säfte darin zu den wunderbarsten Bäumen und
Blumen treiben der von Szylla und Charybdis gegen äußere Feinde bewacht nur in
seinem Innern einen jetzt fast beschwichtigten einst aber furchtbar tobenden
und zerstörenden Feind den Ätna trägt der unzähligmal die friedlichen Ölbäume
mit seinen Feuerströmen bedeckt hat während der Schnee in den Klüften seines
Wipfels die Bewohner gegen die heiße Sonne kühlt Abwechselnd zeigt die Insel
die Spuren der ungeheueren Bevölkerung früherer Zeit die großen Stadtmauern
laufen durch öde Feldmarken in den Überresten eines Theaters liegt zu weilen
der ganze Rest einer Stadt der es ehemals zum vorübergehenden Vergnügen erbaut
war dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstörung dass er die Kühnheit
eines Volkes bewundert das sich mitten darin anzubauen wagt und während der
Arbeit die so oft vergebens gewesen wie bei einem Spiele alles absingt was
andre Völker träge langsam und verdrossen sprechen Die Sitten die
Gewohnheiten die Beschränkungen der andern Welt erscheinen da wo alles nach
schnellem Genuße strebt fast lächerlich und so fühlte heimlich auch die
Fürstin den Zwang der sie von dem Grafen trennte als ein junger Pater ihr in
einem Kloster erzählte wie leichtsinnig solche Übertretungen der Treue da
abgebeichtet und für das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben würden Der Graf
und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen
Nachforschungen über einige alte Inschriften in dem Kloster beschäftigt aus
denen die Fürstin die sich wieder ins Freie sehnte sie nur mit Mühe herausriss
Sie machten diese Reise in kleinen Tagemärschen zu Fuß ihre Diener blieben in
bestimmter Entfernung von ihnen um nur im Notfalle ihnen nützlich zu werden in
jedem Wirtshause wo sie aber verweilen wollten war alles Bequeme und
Erquickende im Überfluss voraus angeordnet der Graf hatte sich in einen Zauberer
verwandelt der auf jeden Wink der Fürstin einen gedeckten Tisch ein Ruhebett
herbeischaffen konnte Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit
einander bekannt als jahrelanger Umgang es ist deswegen die Gewohnheit der
Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz
einsam mit einander zu fahren um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnügen
auch alle die störenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen die sich
sonst wohl verbergen und späterhin zu ungelegener Zeit hervortreten Wie oft
bedauerte die Fürstin dass sie den Schreiber mitgenommen es lag ihr in den
wenigen Tagen ein langes Leben überall behinderte er ihre Äußerungen dass sie
dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde Sie schlief
ungeachtet der Ermüdung wenig und nie sehr fest die Träume hielten immer noch
einen Laden auf wo das Weltlicht störend in die alles vergessende Dunkelheit
einblickte besonders früh war sie an dem Morgen auf wo sie auf den ersten
Anhöhen des Ätna geschlafen hatten Es schauderte ihr als sie den fröhlich
bebauten Bergrücken verließen um durch ein Aschenmeer zu dringen über welchem
die Raubvögel wild seufzten sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit
bei ihrem Alter das schon manches Haar ihr grau gefärbt hatte darin zu
erkennen und hinter sich in dem fröhlichen Grafen das reichbebaute Land sie
blieb lange stille Einige Wolken lagerten sich um sie her es wurde kalt aber
ihre Neigung glühte mit dem Fieber das in ihr begann sie ließ sich fast von
dem Grafen tragen so lehnte sie sich an ihn Zufällig und sehr natürlich
erzählte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis als er mit großer
Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den »Bekenntnissen« des heiligen
Augustinus mit überraschender Rührung die Worte aufgeschlagen habe »Die
Menschen gehen hin die Höhen der Berge die Wellen des Meeres die gewaltigen
Ströme den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern und
verlassen sich selbst«  Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die
Fürstin sie wollte sich nicht verlassen so schwor sie in sich und doch konnte
sie nicht vom Grafen lassen der Kopf ging ihr herum Sie war so erschöpft als
sie durch die Schneegegend in die Nähe des Kraters kamen dass sie einige
Stärkungsmittel nehmen musste nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven
abzuschlagen drängte sie sich mit vieler Kühnheit immer weiter vor durch die
schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden bei den rauchenden
Schornsteinen vorbei nach dem Krater Der Graf rief ihr zu sie möchte sich
doch in acht nehmen und sprang ihr nach sie aber fragte ihn heftig
vorschreitend »Sind Sie mein Freund mein bester Freund«  Der Graf begriff
sie nicht er glaubte das starke Getränk habe sie in der dünnen Luft berauscht
sprang ganz zu ihr hin hielt sie heftig und sagte bestürzt »Und Sie glauben
nicht an mich«  Die Fürstin suchte sich loszureißen und flehete »Lassen Sie
mich mit der Überzeugung einziger Freund will ich unten bei den erschlagenen
Himmelsstürmern Ruhe suchen«  In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich
herabzustürzen aber der Graf hielt sie kräftig und gefasst trug sie fort und
sagte »Gut dass ich dabei war das ist ganz die Art des Schwindels wie ich
gehört habe aus Furcht vor dem Fallen stürzen sich die Schwindelnden meist
hinab«  Die Fürstin ließ sich jetzt ruhig hinunterführen es war nur eine
Anwandlung in ihr gewesen diese Sterbelust die sich wieder ganz in
Zärtlichkeiten gegen den Grafen auflöste der sie davon errettet ausströmend in
stillen Blicken zu ihm Sie kamen spät und sehr ermüdet nach einem Wirtshause am
Fuße des Berges wo alles auf sie wartete der Schreiber war ganz verschlossen
der Graf noch immer verwundert die Fürstin fing an leichtsinnig beredter zu
werden seit dem gefährlichen Ereignisse über das sie spottete So verging das
Abendessen wobei sehr stark getrunken wurde denn der Wein war vortrefflich und
allesamt sehr durstig geworden alle glühten von der scharfen Luft die sie
durchstrichen hatten Der Schreiber verließ zuerst die Gesellschaft um nicht
durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken Bald stand auch die
Fürstin auf sie wankte von Müdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie
bis vor ihr Schlafzimmer Im Vorbeigehen sagte der Wirt »Hier Herr Graf ist Ihr
Zimmer«  Die Fürstin drückte dem Grafen die Hand zum Nachtgrusse er drückte
ihre Hand freundlich wieder sie sang »Nein dieses Tages Feuer nimmer o nimmer
vergeht« Der Graf fiel ein »Nein dieser Töne Feier nimmer o nimmer verweht«
So schieden sie Der Graf ging in sein Zimmer fand aber dass sich der Schreiber
aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei ohne
Verdruss machte er die Türe leise zu und nahm dessen schlechteres Zimmer und
Bett ein es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend
    Die Fürstin befand sich von der Anstrengung von dem Wachen von der
Gemütsbewegung in einem fieberhaften Zustande sie legte sich mit dem Vorsatze
ins Bett alles zu verschlafen aber sie konnte es nicht aushalten es quälte
sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe was der Graf jetzt von dem
Vorfalle denken möchte Sie musste dem Grafen alles erklären sie schlich in sein
Zimmer das ihr vom Wirte bezeichnet war In der Dunkelheit konnte sie es nicht
bemerken dass sie ihn verfehlt hatte der den sie traf beschwichtigte so bald
ihren Mund sie fühlte sich so ganz beglückt und sie ließ ihr Bild in einer
goldnen Fassung dem Freunde zurück dass er seines Traumes Gewissheit erkenne
    Am andern Morgen war sie sehr heiter sie empfing den Grafen so vertraulich
dass dieser meinte alles ängstlich Gezwungene was ihn in den letzten Tagen an
ihr geängstet sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen Der
Schreiber der sonst immer zuerst von allen wach war und im Hause anordnete
kam diesmal später zum Vorschein und entschuldigte sich damit dass er vor den
Wanzen nicht ruhig habe schlafen können der Graf vermied es ihm seine
Zimmerwechselung vorzuhalten um ihn nicht noch mehr zu beschämen da er schon
jetzt wegen der Verspätung sehr verlegen erschien Die Rückreise wurde nach dem
Wunsche der Fürstin sehr eilfertig im Wagen gemacht der ausgezeichnete Punkt
der Ätna der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte
war nun erstiegen sie hatte ihr Ziel erreicht Befremdend war es ihr während
dieser Rückreise den Grafen ganz unverändert in jedem Blicke in jedem Worte wie
den Tag vorher zu finden während sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh
erloschen zeigte ununterbrochen war er beschäftigt alles zu ordnen was er
seiner Frau an mancherlei Merkwürdigkeiten zusammengesucht hatte
    Der Graf und die Fürstin wurden auf dem Schloss mit vielen Küssen
empfangen die Obristin war schon verreist hatte aber noch ein Blatt
Knittelverse für die Reisenden zurückgelassen
    Merkwürdig ist es dass weder jetzt noch früher die Herzogin irgend etwas von
der Leidenschaft der Fürstin bemerkte teils war sie zuviel beschäftigt teils
zu unbekannt mit den verschiedenen Äußerungen der Liebe Dem Blicke der Gräfin
war diese Leidenschaft der Fürstin für ihren Mann nicht entgangen aber ihr
Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar sie glaubte es eine notwendige Busse für ihre
frühere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu dürfen was er auch
tun mochte sie war nicht berechtigt ihm Vorwürfe zu machen Mit hoher
Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual als sie beide der Versuchung einer
Reise sich so unbesorgt aussetzen sah sie verschwieg es als sie den Äußerungen
der Fürstin zu entahnden meinte dass sie mit ihrem Manne in enger
Vertraulichkeit lebe Gebet war ihr Trost sie mochte nicht beichten was ihrem
Manne nachteilig und damit ihr Beten nicht auffallend sein könnte den alles
bemerkenden Kindern so gewöhnte sie sich ein stilles Gebet an das keinem
hörbar keinem sichtbar durch die gewöhnlichen Beschäftigungen nicht gestört
wurde wobei sie sich nur zuweilen vertiefte als habe sie geschlafen Während
dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu
hören der sie ängstlich gerufen sie ging verwundert nach dem Vorsaale woher
der Ton zu kommen schien und sah eins ihrer Kinder die kleine Magdalena die
sich über ein Treppengeländer übergelehnt hatte und im Herabstürzen zu sein
schien Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mühe und von
diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht dass Gott sie nicht
verlasse dass ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde
    Doch erschütterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemüt Bei
einer Meerfahrt die der Graf zu Ehren der Fürstin auf purpurnen Böten mit
Musik besetzt von vergoldeten Rudern getrieben an einem sonnigen stillen Tage
veranstaltet hatte wo sich jedes in Erzählungen vergangener Geschichten
ausliess zeigte der Graf der Fürstin den Ring der Apostel in deren Mitte
Christus den Dolores noch immer an ihrem Finger trug Die Fürstin erbat ihn
sich Dolores verwunderte sich dass er diesmal von ihrem Finger ließ da er
sonst nur sehr schwer abzustreifen war Die Fürstin glaubte in dem Ringe einen
besonderen Talisman für die Treue des Grafen zu erkennen sie wünschte ihn
vernichtet und gleich begünstigte ein Zufall ihren Wunsch ein paar Kinder
traten lebhaft nach einer Seite das Boot schwankte die Fürstin schrie auf und
der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer Die Gräfin war untröstlich aber der
Graf der den Unfall nicht minder tief empfand hatte mehr Gewalt über sich er
wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwürfe kränken er bat seine Frau
sehr zärtlich dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen da ihnen so
viel größere übrig blieben Diese scheinbare Gleichgültigkeit deutete Dolores
auf ein Erkalten seiner Liebe so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang
ihrer glücklichen Ehe aber in stiller Busse sagte sie davon kein Wort nur mit
heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden das durch ein
zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu lösen war O der späten unausbleiblichen
Strafe aller Schuld
    Diese Fahrt welche ein paar Tage dauerte war mitten in der höchsten Lust
durch eine Verbindung aller Naturschönheit mit dem glücklichsten Himmel und
seinen günstigsten Winden und schönsten Festen voll trauriger Zeichen für die
besorgte Dolores  Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta die
Fürstin der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen und erhoben
plötzlich ein verabredetes Getöse welches die Tauben aus ihren Nestern
aufschreckte die in einer dichten leichten Wolke über ihnen schwebten jetzt
wurde Feuer unter sie gegeben und es stürzten eine Menge tot und verwundet
herab die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser und die Jagd wiederholte
sich Die Gräfin konnte kein Vergnügen stören sie sah wie lebhaft die Jäger auf
jeden Schuss sich freuten aber immer rief es in ihr was wird aus den Jungen im
Neste sie schwieg aber und sah ins klare Wasser das durch die eigentümliche
Beleuchtung der Höhle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen ließ als wäre
es zu einer hellen Luft geworden in der die Barke schwebte da sah sie die
wandernden Züge der geselligen kleinen Fische ihr blitzschnelles Drehen das
drehende Fortbewegen der Seesterne der Medusen sternartiges formloses Nichts
wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen halb in Moosen versteckt
größere Krabben trugen die kleineren mütterlich auf ihren Armen in Sicherheit
wenn zuweilen Delphinen an die Oberfläche rauschten Aus dieser fremden Welt
die für das Schrecken der umgebenden entschädigen wollte drangen plötzlich
Sirenen hervor schöne schwimmende Mädchen die gar anmutig eine Einladung
absangen
Auf der Erde ist es schwül
In den Wassern ist es kühl
Sonne Mond und alle Sterne
Stürzen sich hinein so gerne
Denn im Wasser wirds so klar
Wies auf Erden traurig war
Ruhig schlaft ihr bei uns ein
In der Wasser grünem Schein
Hört keine Kinder schrein
Fühlet keine Liebespein
Liebet ohne Eifersucht
Findet alles was ihr sucht
Was verloren in dem Meer
Stehet da im Haus umher
Alter Zeiten Schätz und Kunst
Brauchet ihr durch unsre Gunst
Jeder Sturm bringt neue Gäst
Zu dem ewgen Freudenfest
Wenn wir tanzen in dem Kreis
Wirbelt sich die Welle weiß
Wenn wir unten lustig sind
Stürmet über uns der Wind
Stürmt in unsrer Haare Glanz
Und das kühlet in dem Tanz
Diese Fischermädchen denn das waren diese Sirenen hatte der wunderliche Prinz
von Palagonien abgerichtet gleichwie er sein ganzes Ländchen zu den
abenteuerlichsten Effekten anordnete die aber meist alle eine so gereizte
Stimmung forderten wie sie Dolores in diesen Tagen hegte um nicht ihre ganze
Wirkung zu verfehlen  Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern
beschimpft und bekriegt worden dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht
aufs Land die mit den Schwimmgürteln und Federkleidern eben so lächerlich als
beschwerlich ausfiel Unsre Reisenden fügten sich aber ganz ernstaft in diese
Launen des wunderlichen Prinzen sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet sie
wollten sein abenteuerliches Schloss beschauen und taten gegen die Sirenen als
wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurück zögen Dieser Landungsplatz
gehörte schon zum Garten des Prinzen sie sahen niemand bereit sie zu führen
aber aus einigen Bäumen die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren so dass die
krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand befahl ihnen eine Göttin den Weg
nach dem Schloss einzuschlagen Das Schloss dieses Prinzen ist allzu bekannt um
es weitläuftiger zu beschreiben es hat unermessliche Summen gekostet um alles
hervorzubringen was gegen den Geschmack gegen die Bequemlichkeit gegen jede
Art Kunstsinn verstösst Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten
Krümmung kein Fenster dem andern gleich die schiefe Türe die von der Mitte
des Hauses wenig absteht ist von den ekelhaftesten in Marmor gehauenen
Schimären umgeben erst da bemerkt man dass die ganze Mauer mit solchen Unwesen
ordnungslos überzogen ist Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den
schönen heiligen Bildern großer Meister womit der Fußboden belegt ist wogegen
die Wände mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen alle
Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stücken sehr beschwerlich zusammengelötet
und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen
Muscheln Ordensbänder und Dokumente mit großen Wappen bedeckt die prächtigen
Stühle haben alle nur zwei Beine und die Tische liegen alle umgekehrt Das
kostbare aber in seiner Vermischung ganz ungeniessbare Frühstück war in einem
künstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet der freilich nie den Pferden
eingeräumt worden die herrlichsten Majolikagefässe als Krippen die künstlichen
Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schloss aus Hier
ließ sich die Reisenden zum Ausruhen nieder wenn sie gleich von den Speisen
nichts anrühren mochten weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken alle
unterhielten sich über die Veranlassung eine Grille die einen andern Menschen
auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können mit solchem Aufwande über
sein ganzes Leben auszubreiten Die Fürstin glaubte er hätte sich durch diese
Wunderlichkeiten auszeichnen wollen was ihm auf dem gewohnten Wege andrer
Menschen vielleicht nicht gelungen es gehe ihm nicht ärger als gar manchem
Dichter manchem Fürsten Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu
entdecken er glaubte dass ein Mensch allmählich in solcher heimlichen Lust
alles Ekelhafte sich zu denken weil es niemand in seiner Äußerung leiden würde
zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne »wunderten wir
uns doch oft« sagte er »über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen
ganz Ungleichartigen die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast
erschrecken aber keiner lässt sich träumen welche geistige Zwischenglieder sie
ganz natürlich verbinden es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken
und nichts muss heiliger gehalten werden manche Sünder erscheinen da schuldlos
gegen die scheinbar guten und frommen Seelen so entzieht ihnen auch der Heilige
Geist ihre Kunstgaben nicht während jene in sich aussterben und verarmen« 
Diese Äußerung des Grafen ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden zog die
Gräfin sich zu Gemüte sie glaubte die Fürstin deren frühere Verbindung mit
ihrem Vater und anderen sie kannte als jene öffentliche Sünderin zu erkennen
und sich in der heimlichen wieder zu finden wie sie durch ihre Kinder von aller
Äußerung ehemaliger Kunstanlage abgehalten wie jene ihren ganzen Stolz in die
Ausbildung ihres Talents gesetzt das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung
mit den Äußerungen des Grafen über die Austeilung des Heiligen Geistes sie
wollte ihre Tränen zurückhalten aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung
an sich in ihrem Innern zusammengepresst störte den ruhigen Zusammenhang des
Äußeren mit dem Inneren sie sank in einer Ohnmacht nieder Der Graf schrieb es
der ungewohnten Fahrt zu und trug sie in den Garten Erst nach einer
Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes unter
seinen Küssen und Tränen die kühlend auf ihre Schläfe gefallen die
Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche Sie wusste nicht wie ihr
geschehen es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste noch einmal so
selig denn der Graf war ihr so viel teurer es schien ihr dasselbe und ein
andres Leben alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem
wunderlichen Schloss beschworen Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin
auf die Rückfahrt den Kindern tat es sehr leid sie erzählten ohne Aufhören von
dem Schloss die Reise endete heiterer und traulicher als das Ereignis mit dem
Ringe erwarten ließ Wer vermag es Ahndungen zu deuten
    Am Abende nach ihrer Rückkehr wo in Gegenwart eines Mönchs aus dem nahen
Franziskanerkloster von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und
verschieden gemutmasst wurde erregte er mit der Versicherung alle Rätsel lösen
zu wollen die allgemeine Aufmerksamkeit »Habt ihr nie« sagte er »von dem
alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehört Peter von
Stauffenberg war der letzte und schönste seines Geschlechts im deutschen Lande
von ihm stammen die Prinzen von Palagonien«
    Die Fürstin fiel hier ein und erinnerte dass freilich der echte männliche
Stamm aus gültiger Ehe entsprossen in Deutschland erloschen sei dass aber eine
Tochter Sigelindens die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie
geboren sei also wahrscheinlich ein Kind das er von einer Meerfahrt
mitgebracht die Stammutter ihres Hauses wäre  Der Mönch meinte sie würde in
Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen
die Fürstin aber versicherte dass sie genug blödsinnige Vettern in ihrem Hause
besäße und der Mönch fuhr in seiner Geschichte fort »Sie werden vielleicht
nicht wissen hohe Fürstin wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran
zweifeln was die allgemeine Sage von diesem schönen Stauffenberge erzählt der
in aller Welt herum reiste seine Schönheit und sein Geschick und ritterliche
Tugend zu zeigen ich will seine Geschichte ganz kurz erzählen Kein Mann konnte
ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen den Frauen war er eben so
gefährlich aber allen ihren Blicken Sendungen und Verführungen blieb er
verschlossen als hätte die Natur alle seine Lust zum Schrecken zur Gewalt
aufgezehrt dass der Liebe nichts geblieben Als sich aber einst die Tochter des
Kaisers Otto Helena mit Namen bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte
der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie öffentlich ausschlug da musste er
bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen was ihn im ehelosen Stande halte Der
Ritter von Stauffenberg bekannte dass er mit einer schönen Meerfeie seit Jahren
verheiratet sei deren Name Nixe nachher allgemein für die Geister der Wasser
gebraucht worden ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet
den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben als sie ihm
Liebe und Schutz gegen alle Fährlichkeit seines Lebens zugesagt hätte Wann er
es wünsche und er allein sei erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das
erstemal herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren sie wäre dann gefällig
seinem Willen als einer ehelichen Frau gezieme und habe ihm ein Mädchen
Sigelinde geboren in allem öffentlichen Verkehre und was er denke und dichte
erscheine sie dagegen nie aber sie flüstere ihm oft wo er in Not sei guten
Ratschlag ein und habe ihm erst den Morgen zugerufen sich stumm zu stellen
was er aber aus Ritterpflicht unterlassen Die Geistlichkeit erklärte die
Meerfeie für einen Teufel dem der Ritter entsagen müsse nach seiner
ritterlichen Ehre und der Kaiser schwor dass er zum offenen Zeugnisse dieser
Entsagung seine schöne Tochter Helena die aus Liebe zu ihm sterbe sogleich
heiraten müsse Der Ritter versicherte dass die Meerfeie ihm heilig
zugeschworen er müsse nach dreien Tagen hinsterben nachdem er die Treue zu ihr
gebrochen aber die Ritter riefen einmütig dass solche Furcht vor dem Teufel
keinem Ritter gezieme der Leib und Leben dem Werke Gottes geweihet Der Ritter
fühlte sich überwiesen die Verlobung mit Helena wurde gleich vollbracht noch
eine Nacht erbat er sich vor der festlichen Verheiratung Als er allein war da
wünschte er zu sich die geliebte Frau sie erschien aber ihr fröhliches Auge
war in Tränen erloschen nicht bloß ihr Haar ihr ganzes Kleid war genässt sie
konnte kein Wort sprechen als sie den Ritter an sich drückte Ach weh dass ich
zu Ruhm gekommen dass mich ein fürstlich Weib genommen so rief der Ritter und
die Meerfeie schluchzte dass er ihr nicht mehr gefolgt sei in dreien Tagen da
sei er tot und sie verfalle in der Liebe Bann Die drei Tage solle er fröhlich
genießen am dritten Tage wolle sie ihm zeigen den Fuß auf den er sie zuerst
geküsst dass jedermann ihn sehen könne zum Zeichen dass sie kein Hirngespinst
sei Und da umfingen sie sich zum letzten Mal und da sagte er Ach Sterben ist
nun mein Gewinn weil ich nimmermehr bei dir bin Schon klang es im Schloss von
der verhassten Hochzeitfeier sie verschwand Lärmen und Pracht Wein und
Liebkosungen machten ihn bald der Drohung wie eines Traums vergessen Die
Vermählung geschah feierlich der alte Kaiser begrüßte die Neuvermählten am
folgenden Morgen wie sie Arm in Arm von Freuden müde an einander eingeschlafen
waren und brachte ihnen kostbare Mäntel und Rüstung fand aber die ganze Decke
des Bettes mit so kostbaren Perlen gestickt dass seine Geschenke davor ganz
ärmlich erschienen Diese Perlen waren die Tränen der verlassenen Meerfeie und
der Ritter erkannte sie wohl beim Erwachen wo aber kein Ausweg zu finden da
schreitet der Mutige vorwärts und so verging auch der zweite Hochzeittag in
Lust und am andern Morgen fand er die Decke so reich mit Perlen besetzt dass
sie ihn fast erdrückte Am dritten Hochzeittage endlich als eben die Gäste
scheiden wollten da durchstiess etwas die Decke über der das Brautbett
gestanden dem Ritter entfiel der hohe Pokal er und alle Anwesenden erblickten
einen wunderschönen Weiberfuss wie ihn Helena wohl nicht zeigen konnte so schön
sie übrigens war Allmählich befiederte sich das schöne Bein  bald drang eine
Seemöwe an der Stelle ins Zimmer die es mit Jammergeschrei umkreiste und sich
dann durch das offene Fenster in den Rheinstrom stürzte der immerdar nach dem
Meere läuft Der Ritter erkrankte während dieses Gesichts alles floh nur seine
Helena blieb bei ihm und wartete seiner bis er den Geist aufgegeben Sie bauete
ihm ein Denkmal sein schönes Bild wie er von den Fluten fortgerissen mit
seinem Ritterschwerte das da wurzelt und grünt von der Erde festgehalten wird
An diesem Denkmale wurde sie mit dem Beistande einer fremden Frau von einem
Knaben entbunden den sie nach dem Vater nannte die unbekannte schöne Frau
brachte ihr statt einen Dank zu verlangen mit vielen Tränen ein Töchterlein
von zwei Jahren Sigelinde und bekannte ihr dass es des Ritters Tochter von ihr
sei und da verschwand sie als ein Vogel und versank unten im Rhein Helena
hatte also zwei Kinder ihres Ritters die sie in frommer Liebe erzog die aber
beide früh eine mächtige Lust zu einander zeigten dass sie beide trennen musste
Den Knaben nahm der Kaiser nach Sizilien und gab ihm dort den Titel eines
Prinzen von Palagonien die Tochter wurde bald darauf Eurem edlen Ahnherren
vermählt«  »War Euer Geschlecht mit Glück gesegnet« fragte der Mönch die
Fürstin zum Schluße Die Fürstin errötete und sprach »Vor allen war es
glücklich bis ich bin eingetreten mein entarteter Sohn der sich einem wilden
Leben ergab verleugnete den Segen seines Hauses«  Der Mönch fuhr fort »Ganz
anders erging es dem männlichen Stamme dieses Hauses in Sizilien sein Unglück
ist ein Irrgarten jede Ehe war mit Mord bezeichnet es ist keiner in dem Hause
der nicht entweder sich oder einen der Seinen umgebracht hat Dem jetzigen
Prinzen der durch frühes Unglück seine Eltern verloren dem Letzten seines
Hauses wurde in einer ängstlichen Erziehung eine so gewaltige Scheu vor den
Menschen vor jedem Unternehmen beigebracht dass er nie zu etwas kam sobald er
etwas dabei tun sollte und nie etwas annehmen mochte was ein andrer für ihn
tat so verzögerte er in gewaltsamer Anstrengung seines Geistes jedes
Unternehmen bis es unmöglich auszuführen war War eine Stelle eben besetzt so
wünschte er sie sich die er vorher ausgeschlagen Er liebte und wurde geliebt
aber er konnte sich zu keinem Worte entschließen dieses auszudrücken seine
Geliebte starb aus Gram darüber ihre nachgelassenen Worte der Liebe zerrissen
sein Herz Er beschloss in sich seinen unglücklichen Stamm zu vertilgen der nur
Unglück erfahren und Unglück gebracht hatte In stiller Verzweiflung zog er sich
von allen Menschen zurück aber seine Schönheit sein Verstand zogen manche zu
ihm sein Reichtum brachte ihm vielen Zuspruch so beschloss er mit seinem
Reichtume etwas zu begründen das die Leute von seiner Schönheit abschreckte
indem es ihm den Ruf des Wahnsinns gebe so entstand der berufene Palast der
wohl eine Menge Neugierige für ein paar Stunden herbeizieht aber sie alle sehr
bald ermüdet und zurück weist Als die Maurer diesen Palast bis zu der Höhe
aufgerichtet hatten dass er vom Meere gesehen werden konnte da haben sie eines
Morgens eine weibliche schöne Gestalt auf einer Klippe sitzen sehen die mit
grünen Augen auf den Bau geblickt während sie ihr nasses Haar mit den Fingern
durchzogen ihr Haupt wurde dabei von Meervögeln mit klagendem Geschrei
umkreiset Als sie verwundert zu ihr hingeblickt ist sie untergetaucht Ob der
Prinz dieses Meerweib gekannt lässt sich nicht bestimmen er habe sich nicht
verwundert und gleich gesagt ob es nicht sechs Uhr Morgens gewesen welches sie
alle bejaht Nach einiger Zeit hat der Prinz ein paar Fischermädchen die gut
schwimmen konnten im Singen unterrichten lassen dass sie nahe bei dem
Landungsplatze die Fremden als Sirenen begrüßen Es ist ein Gerede unter den
Menschen dass er einen nächtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe wenigstens
schifft er sich oft Nachts ganz allein selbst wenn es stürmt in einem Boote
ein fährt auf die Höhe und kommt erst nach Sonnenaufgang zurück ich weiß
nichts davon aber ein Schiffer der ihm dies Boot in Ordnung hält sagte in der
Beichte dass er einst zwei schöne Perlen darin gefunden die er sich zugeeignet
und für tausend Zechinen verkauft habe Andre sagen es sei die Sibylle von
Marsalla mit der er zu tun habe gewiss ist dort der einzige Ort wo er sich am
Abende vor dem Johannisfeste in der bekannten Grotte einfindet von dem
wunderbaren Wasser trinkt und in die schallende Höhle wunderbare fremde Worte
ruft die ihm eben so wunderbar beantwortet werden Viele Menschen die von
Wundern nichts halten sagen dass er in geheimer Verbindung stehe mit der
berufenen Tuneser Seeräuberkönigin Onanide die alle Monat ihm einen Besuch
ablegen soll gewiss ist dass an einem Tage im Monat welchen der Mondenlauf
bestimmt sein Schloss nächtlich erleuchtet ist aber keiner seiner Leute darf
bleiben er lässt sie hinaus und zieht selbst die Zugbrücken auf Nach jeder
solchen Nacht schickt er in der ganzen Gegend Geschenke aus meist fremde
Sachen die hier nie gesehen die niemand brauchen kann So sendete er im
vorigen Monate große schöne Schränke in unser Kloster Wir öffneten sie mit
großer Neugierde aber denken Sie sich was wir in den Schiebekasten fanden
Felsstücke sauber eingepackt auf Baumwolle gelegt kein einziger kostbarer
Stein war darunter«  »Das wird eine Mineraliensammlung sein« sagte der Graf
»die wäre mir willkommen ich habe gerade darin am meisten nachzuholen und
nachzulernen«  Der Mönch versicherte dass ihm diese Sammlung gegen irgend ein
Geschenk das zum Kirchendienste taugte gern überlassen werde der Graf wurde
darüber sehr heiter und fast ungeduldig sie zu besitzen Die Fürstin äußerte
dass die wunderbare geahndete Verbindung des Prinzen vielleicht eine Muse sei
ein gänzliches Ergeben an Studien denn dies Geschenk sei gar zu
wissenschaftlich für eine Meerfeie oder für eine Seeräuberin  »Nein« sagte
die Gräfin die alles Allegorische hasste was ihr eine geglaubte Wirklichkeit
entrückte »es ist gewiss eine Meerfeie welche ihrem Freunde von den
untergegangenen Schiffen alles Herrliche verehrt«  Darüber verloren sich die
andern in Wünschen nach diesen untergegangenen Schätzen einer wollte Michael
Angelos Zeichnungen zum Danke ein andrer Hamiltons Vasen die Fürstin aber
meinte wenn ihr niemand wiederschaffen könne was an Kunstwerken in Feuer
aufgegangen von der Erde verschüttet sei so möchte das Wasser immer seinen
Teil behalten manches solle nun einmal der Welt verloren gehen Gleich den
folgenden Tag fuhr der Graf mit einem schönen Altarbilde nach dem Kloster das
ihm ein junger Maler Grimm aus Deutschland zurückgelassen hatte es stellte die
Einsetzung des Abendmahles dar die Köpfe der Apostel waren meist Gesichter
seiner Bekannten im Schloss Die Mönche waren sehr erfreut über den Tausch und
der Graf ließ den Wagen voll Schränke wie im Triumphe mit Musik zu sich
einfahren Die Fürstin die alles ergriff was ihm Vergnügen machte bat es sich
aus dass die Sammlung in ihrem Hause aufgestellt werde der Schreiber welcher
gute Kenntnisse von den neueren mineralogischen Systemen hatte solle sie in
seinem Zimmer durchsehen und ordnen Der Graf willfahrte ihr und lebte in der
Sammlung vertieft halbe Tage in ihrer Nähe Lächeln musste er als er auch in
dieser Sammlung die Besorglichkeit des Prinzen vorscheinen sah die giftigen
Metallkalke waren alle schon im Äußeren des Schiebkastens mit dem Zeichen des
Totenkopfes und der Knochen aller leichtsinnigen Neugierde die sie unvorsichtig
abreiben könnte verwarnt
    Nach einiger Zeit wurde von Anselmo dem Mönche der die fabelhafte
Geschichte des Prinzen nach sizilianischer abergläubischer Art vorgetragen
hatte die Nachricht gebracht der Prinz wünsche die Fürstin zu sprechen er
hätte ihr etwas Geheimes zu eröffnen Die Fürstin schlug es ihm aber für immer
ab seit sie sich in so heimliche Verbindung verstrickt hatte mied sie alle
heimliche wahrsagende Menschen Kartenleger Zigeunerinnen selbst die
Sibyllenhöhle bei Marsalla Bald darauf glaubte man den Prinzen in der Nähe
verkleidet gesehen zu haben der Graf wollte ihn deswegen besuchen er verschob
es aber so lange bis es zu spät war  Der Prinz schickte ihm nach einiger Zeit
einen schön gemalten Stammbaum der seine Verwandtschaft mit der Fürstin bewies
 Der Graf hörte zuweilen bei der Fürstin ein wunderliches ängstliches Geräusch
 wohl dem der im Bösen die geheime Warnung versteht ihr schien es ein leerer
Schrecken Einmal stand die Gräfin dicht hinter ihr sie hatte nichts kommen
hören weil sie über des Grafen Schulter lag der vor den Mineralien saß und
ordnete kleine Zettel anklebte und im Anschauen verloren war Die Fürstin
schrie auf sie meinte es wäre wieder jenes Geräusch das sie umgebe und der
Graf strafte zärtlich seine Frau wie sie so erschrecken könne wirklich ist das
Leisegehen eine Art Falschheit oder Bosheit aber die Gräfin war laut
aufgetreten der Graf war nur in den Mineralien die Fürstin in ihm vertieft
Aber ist es nicht bedeutend wenn uns zufällig das Bekannte durch seine
unerwartete geliebte Nähe erschreckt Die Gräfin hing diesem Gedanken nach ihr
war als hätte sie etwas sehr Ähnliches was sie dort erblickt in früherer Zeit
gelesen sie suchte unter ihren längst vergessenen deutschen Büchern nach und
fand im vierzigsten Teile von Wallers sämtlichen Schriften folgende
Versuchungsgeschichte bei seinen mineralogischen Wanderungen die wir als eine
Darstellung Italiens hier auch wohl dulden mögen wenn sie gleich unsre
Geschichte unterbricht Was ist uns denn in einer Geschichte wichtig doch wohl
nicht wie sie auf einer wunderlichen Bahn Menschen aus der Wiege ins Grab
zieht nein die ewige Berührung in allem wodurch jede Begebenheit zu unserer
eigenen wird in uns fortlebt ein ewiges Zeugnis dass alles Leben aus Einem
stamme und zu Einem wiederkehre Warum sind doch die Leser meist so ungeduldig
warum muss ich hier Ereignis auf Ereignis zusammendrängen und von der liebevollen
Erziehung der Kinder wie Dolores und Klelia sie ihnen geben muss ich ganz
schweigen um mich nicht in unendlicher Betrachtung zu verlieren Überschlagt
nicht diese lehrreichen Verse
                 Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland
Genua seh ich im Geist so oft die unendlichen Wellen
Halten den Himmel im Arm halten die taumelnde Welt
Seh ich die klingenden Höhlen des nordischen Mohrenbasaltes
Glaub ich die Erde gestützt auf den Armen der Höll
Dann dann sehne ich mich in deine hellschimmernde Arme
Weisser carrarischer Stein kühlend die schwülige Luft
Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen
Keiner staunet dich an jedem bist du vertraut
Sage Vertraulichkeit mir du innere treu mir gehegte
Was zum Norden mich trieb ach und du schweigest beschämt
Meine Begleiter die rufen sich Geister des Fingal im Echo
Und ich denke mich fern hin nach südlichem Land
Liege am Felsen gestreckt mit zierlich gebundenem Tagbuch
Und verlange vom Geist dass er was Gutes bescher
Fingal das klinget schon wieder so hell mir wird doch so trübe
Frierend wähn ich mich alt Jugend verlorene Zeit
Dreht sich die Achse der Welt Wie führt mich Petrarka zu Fingal
War es doch gestern ich mein dass ich nach Genua kam
Ja dort sah ich zuerst das Meer das nun mehr mir grauet
Weil es vom Vaterland mich von den Freunden mich trennt
Damals von der Bocchetta herab in des Frührots Gewühle
Sah ich die Hoffnung darauf weichlich im schwebenden Bett
Nicht am Anker gelehnt nein sorgenlos schlummernd sie dreht sich
Dass die Schifflein so weiß flogen wie Federn davon
Lässig band sich vor mir die Göttin das goldene Strumpfband
Zweifelnd dass frühe so hoch steige der lüsterne Mensch
Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie lebte und schwebte
Wie ein Flämmelein hin über die spiegelnde Welt
»Fiametta« ich rief mir schaudert sie fasste mich selber
Ja ein Mädchen mich fasst lächelnd ins Auge mir sieht
»Ich bins« sagte sie peitschend den buntgepuschelten Esel
Dass aus dem ledernen Sack schwitzte der rötliche Wein
»Esel du kennst schon den Weg zum Markte der glänzenden Hauptstadt
Mit Laternen zur Nacht stiegest du gestern erst hier
Lieber was willst du« sie fragt »du riefest mich eben bei Namen«
Wenn sie nicht Blicke verstand Worte die wußt ich noch nicht
Der Beschämung sich freuend sie strich mir die triefenden Haare
Tau und Mühe zugleich hatten die Stirne genetzt
Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln
Um zu suchen mein Glück und sie wollte mir wohl
Als sie den Stein erblickt den sorglich in Wissenschaftsliebe
Auf den Händen ich trug dass der Anbruch nicht leid
Rötlicher Feldspat es war mit köstlich großen Kristallen
Wie er nirgends als dort schmücket den alten Granit
Ei da lachte sie laut und riss mir den Stein aus den Händen
Warf ihn über den Weg dass er zum Meere hinrollt
Und dann spielte sie Ball sich freuend meiner Verwirrung
Mit der Granate die schnell kehrte zu ihr aus der Luft
Nicht der schrecklichen eine die rings viel Häuser zerschmettert
Doch die feurige Frucht mystisch als Apfel bekannt
Und ich sprach ihr in Zeichen so zärtlich ich immer vermochte
Küsste die innere Hand warf dann mein Küsslein ihr zu
Und sie verstand mich doch wohl O Einverständnis der Völker
Das aus Babylons Bau blieb der zerstreueten Welt
Suchte doch jeder den Sack beim brennenden Turm und fragte
Also blieb auch dies Wort »Sack« all den Sprachen gesamt 
Ob der Esel auch eilte so schnell mit dem Sacke hernieder
Doch die Liebe versteht jegliche Zeichen geschwind
Die sie niemals gebraucht im Blick in guter Gebärde
Sei es in südlicher Glut sei es auf nordischem Eis
Folgend dem trabenden Esel sie blickte sich um so gelenkig
Die Granate entfiel und ich ergriff sie geschickt
»Kühle vielliebliche Frucht einst Göttern und Menschen verderblich
Wohl du fielest auch mir zauder ich wo ich gehofft«
Doch ich zögerte noch gedenkend an Helena traurend
An Proserpina dann beide erscheinen mir eins
Mit der Eva da wollt ich die Frucht verscharren der Zukunft
Dass nur dies Heute was mein bleibe vom Frevel befreit
Dass ich dem Zufall vermag zu treiben die Kerne in Äste
Dass ich dem Zufall befehl dass er die Blüte verweht
Aber da mocht ich nicht wühlen im Boden voll zierlicher Kräuter
Jegliches Moos noch so zart drängte sich üppig zum Tag
Zweiflend ging ich so hin sie schwand mir da stand ich am Meere
Fern mich weckte ihr Ruf dass ich nicht stürze hinein
»Nein zu seicht ist die Küste sie würde nicht bergen den Apfel
Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick«
Also kam ich zum Meere und sah die Fischer am Fischzug
Springend durch kommende Well ziehend ein bräunliches Netz
Rot die Mützen erschienen wie Kämme von tauchenden Hähnen
Fischer in Mänteln ganz braun schrien als jagten sie die
Andere stießen halbnackt ins Meer die schwarze Felucke
Trugen die Leute hinein die nach Genua ziehen
Ach da entschwand mir die Schöne hinter den grünenden Bergen
Zweiflender stand ich nun da alle dort gingen zu Schiff
Auch mich trugen sie hin ich dacht nur des Apfels des Bösen
Und des unendlichen Meers das mich zum erstenmal trug
Wie sie enthoben das Schiff begann bei dem Schwanken und Schweben
Dass mir das Herz in der Brust recht wie vom Heimweh zerfloss
Durch die fließenden Felsen erscholl dann ein liebliches Singen
Ich verstopfte das Ohr war vor Sirenen gewarnt
Bald belehrte ich mich es sang ein Weiblein im Schiffe
Das im Mantel gehüllt deckte vier Knaben zugleich
Wechselnd die Hände bewegt sie im Takt wie Flügel der Windmühl
Und als Zigeunerin singt wie sie Maria begrüßt
Sagt die Geschick ihr voraus des heiligen Kinds das sie anblickt
Als es im Kripplein noch lag Öchslein und Eslein es sahen
Zeigt ihr den himmlischen Stern dem Hirten und Könige folgen
Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn
Auch das bittere Leiden den Tod des Weltenerlösers
Hebt er den Stein von der Gruft von der Erde den Leib 
Alles Verderben mir schwand ich sah das Böse versöhnet
Statt zur Tiefe des Meers warf ich den Kindern die Frucht
Die begierig zugleich all griffen und fingen sie doch nicht
Denn sie fiel in den Schoss der sie alle gebar
»Engel versöhnt ihr das Herz das tief arbeitende böse
O so versöhnt auch die Frucht und vernichtet sie so«
Dankend die Mutter sie nahm hellsingend sie öffnet die Schale
Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern
Wie im Neste die Vöglein also im Mantel die Kinder
Sperren die Schnäbel schon auf ehe ihr Futter noch nah
Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter
Und die Mutter verteilt gleich die kühlende Frucht
Doch da tobte herab ein Sturm aus schwarzem Gewölke
Weil es den Teufel verdross dass ich die Frucht ihm entwandt
Wälze dich schäumendes Meer ich habe die Frucht dir entzogen
Nichts vermagst du allhier schaue die Engel bei mir
Stürze die Wellen auf Wellen erhebe dich höher und höher
Du erreichest uns nicht höher treibst du uns nur
Schon vorbei dem brandenden Leuchtturm schützt uns George
Der in sicherem Port zähmet den Drachen sogleich 
Liebliche Ruhe des Hafens nach wildem Gesause der Stürme
Dann erst sieht man ein wie es auf Erden so schön
Wie von Neugier ergriffen so heben sich übereinander
Grüssend der Straßen so viel drüber erhebt sich Gebirg
Höher noch Heldengetürm da wachet der Festungen Reihe
Schützet uns gegen den Nord und wir schweben im Süd
Ei wie ists Ich glaubte zu schauen und werde beschauet
Amphiteater erscheint hier die Erde gesamt
Spiel ich ein Schauspiel euch vor ihr bunten Türken und Mohren
Dass ihr so laufet und schreit an dem Zirkus umher
Kommen von Troja wir heim am Ufer die Frauen und Kinder
Kennen den Vater nicht mehr freuen sich seiner denn doch
Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle
Aber sie kennen mich bald bald erkenne ich sie
»Fingal« und »Fingal« da riefs schon muss ich erwachen in Schottland
Bin ich noch immer kein Held bin ich noch immer im Traum
Muss heimkehren zur Erdhütt keinen der Menschen versteh ich
Muss mir schlachten ein Lamm rösten das lebende Stück
Mehl von Hafer so rauch mir backen zum Brote im Pfännchen
Und des wilden Getränks nehmen viel tüchtige Schluck
Wanderer Mond ach du schreitest die stumpfen Berge hinunter
Nimmer du brauchest ein Haus dich zu stärken mit Wein
Alle die Wolken sie tränken dich froh mit schimmernden Säften
Ja dein Überfluss fällt tauend zur Erde herab
Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Gräser und Seen
Denn im wechselnden Schein du dich selber erfreust
Siehe mein Leiden o Mond durch deine gerundete Scheibe
Schmutzig ist Speise und Trank was ich mir wünsche das fehlt
Die Gräfin las diese Verse mehrmals und gewann dadurch mehr Zutrauen zu dem
Grafen in seinem Verhältnisse zur Fürstin Wieviel edler ist er als Waller
dachte sie zum erstenmal fühlte sie auch ein Bewusstsein als sei ihr Fehler in
ihren Kindern abgebüsst Heiliger Gott was hast du den Dichtern für Kraft
verliehen in der Welt
    Der folgende Tag war der dreizehnte Geburtstag des frommen Johannes Dolores
wurde in der Erinnerung jener früheren Zeit wieder sehr gerührt noch mehr aber
durch die Abwesenheit dieses Sohnes der sein Kloster in dem letzten Jahre nicht
verlassen durfte sie betete lange in der Schlosskapelle und es schien ihr als
wenn ihre Bitte ihn zu sehen gewährt werden müsste Wirklich trat Johannes mit
zweien Ordensgeistlichen kurz nach ihrer Zurückkunft ins Zimmer in den Kreis
ihrer Kinder die beschäftigt waren ihm die gewohnten Geburtstagsgeschenke
prächtige Blumensträusse mit schönen Bändern Zeichnungen Verse einzupacken um
ihm alles nach dem Kloster zu senden Alle liefen mit Jubel auf ihn zu
besonders eine Schwester Hyolda mit der er sonst eine besondere Vertraulichkeit
gehalten aber den ersten Kuss schon verhinderte die Verwunderung wie er sich
verändert habe Er war nicht gewachsen hatte aber in dem letzten Jahre seiner
Abwesenheit seine männliche Bildung ganz beendigt der Kirchendienst und die
Frömmigkeit hatten die starre Heftigkeit in ihm vernichtet er drückte niemand
mehr an sein Herz dass er aufschrie und stieß keinen von sich dass er weinte
mit einer anständigen Güte die den Geschwistern als Kälte erschien begrüßte er
alle Hyolda war untröstlich sie weinte dass er sie nicht mehr liebe und
verließ rasch das Zimmer Johannes fragte nach dem Vater der war aber schon
sehr früh in Geschäften ausgeritten Die Ordensgeistlichen hatten unterdessen
der Mutter erzählt dass Johannes durch seine frühe Reife in Kenntnissen Sitte
und Heiligkeit heute die Priesterweihe sich erworben habe sie war entzückt über
die Gnade des Himmels die ihr ein so wunderbares Kind verliehen sie
schlichtete den Streit der Geschwister über ihn indem sie allen anbefahl ihn
als ein geheiligtes Mitglied des Ordens mit ihren kindischen Grillen zu
verschonen Keines von den Kindern wusste recht zu begreifen wie der Johannes
den sie alle so genau zu kennen glaubten nun plötzlich etwas anderes geworden
er suchte ihnen alles in Liebe und Güte deutlich zu machen fand aber noch
weniger Berührungen wie sonst wenig Mitteilung mit ihnen machte sich deswegen
von ihnen los und schlich in den Garten zu seinen ehemaligen Anlagen Mit Wehmut
fühlte er da dass sie alle wie ein fremdes Werk wie eine ferne Zeit vor ihm
lagen und kam in solchen Gedanken an den Fluss Skamander der den herzoglichen
Garten durchschneidet indem er sich über Felsen herabstürzt Er setzte sich ans
Ufer und hörte an dem entgegengesetzten eine schöne Stimme die ein Duett
zwischen zwei Diskantstimmen Mutter und Tochter worin er sonst die eine der
Mutter häufig mit Hyolda gesungen mit wunderbarem Ausdrucke einsam anstimmte
DIE STIMME
Waldge Hügel grüne Auen
Frühlingsheimat heimlich Glück
Freude endlich euch zu schauen
Freude strahlet ihr zurück
Mit dem schönen Tenor den er bekommen und im Kirchendienste ausgebildet hatte
sang er seine Gegenstrophe
Sieh wie dein befriedigt Lächeln
Ziehet überen grünen Wald
Und die Winde dich umfächeln
Alles dir entgegen schallt
Jetzt schrie die Sängerin auf und trat am andern Ufer aus dem Gebüsche hervor
es war Hyolda sie erkannte ihn jetzt grüßte und sang weiter
Wie der Frühling wieder waltet
Neugestaltet ist mein Glück
ER antwortend
Weiße Blüte sich entfaltet
Hell in deiner Unschuld Blick
HYOLDA
Unschuld findet hier den Frieden
JOHANNES
Frieden finden hier die Müden
HYOLDA
Alle Wasser sanken nieder
In der warmen stillen Flur
Ewge Feinde wurden Brüder
In der himmlischen Natur
JOHANNES
Keiner kann sich mehr begreifen
Was ihn hielt in Stahl so fest
Nun sie leicht durch Wälder schweifen
Baut die Taub im Helm ihr Nest
HYOLDA
Als wenn gar nichts wär geschehen
Sieht das neue Grün uns an
JOHANNES
Pfauen stolz die Farben drehen
Sehen die bunten Nelken an
HYOLDA
Diesen Baum hab ich gepflanzet
Diese Blumen rings gesät
JOHANNES
Die der Schmetterling umtanzet
Und den Duft zum Himmel weht
HYOLDA
Unvergänglich ist Vertrauen
JOHANNES
Sehnsucht kennen nur die Frauen
HYOLDA
Blätter dringen zu dem Himmel
Worte dringen aus dem Mund
Selge Fülle froh Gewimmel
Grün ist Hoffnung Freude bunt
JOHANNES
Wie die Farben nieder sinken
Von dem Himmel tagelang
Alle Wesen froh sie trinken
Hoffnung such ich oben bang
HYOLDA
Und ich muss hier niedersinken
Hier an meiner Rasenbank
Betend zu dem Himmel winken
Bleibt der Vater denn noch lang
JOHANNES
Alte Priester heilge Bäume
Alte Freunde bleibt ihr stumm
HYOLDA
Hörst du nicht der Vögel Träume
Und der Bienen summ summ summ
JOHANNES
Nein der Vater müsste kommen
Dass mich freute der Gesang
Bienenfleiss wär mir willkommen
Dass der Tag mir nicht so lang
HYOLDA
Mach uns beide nicht beklommen
Frühlingsluft macht schon so bang
BEIDE
Wie in den gewohnten Orten
Mir des Vaters Bild noch weilt
Also mein ich dass von dorten
Er schon grüßend zu uns eilt
Süße Täuschung schnell verschwunden
Hast uns doch mit Lust umwunden
HYOLDA
Süße Täuschung wie im Bache
Ich dein Bild verdoppelt sah
JOHANNES
Schwimmend Auge wache wache
Wenn der Vater mir bald nah
HYOLDA
Wenn es doch recht bald geschähe
Sag es Kuckuck in dem Wald
BEIDE
Kuckuck rufend in der Nähe
Wie von Vaters Stimme schallt
Schmerzen wußt ich zu ertragen
Aber diese Freude nicht
Frühling hilf mir Freuden tragen
Dass mein Herz davon nicht bricht
Wirklich hatte sich der Graf an der Seite des Johannes leise herangeschlichen
und Kuckuck gerufen er umarmte ihn bei diesen Worten und drückte ihn an sein
Herz Alle Kinder liebten ihn wunderbar er war zu gleicher Zeit ihres gleichen
und ihnen so überlegen ging in alle ihre Freuden ein und wusste alle zu einer
Hauptwirkung zu führen mit stummer Freude küsste er den lang entbehrten Sohn
Wir müssen uns von einer leidenschaftlichen Bewegung der zärtlichen Hyolda jetzt
nicht erschrecken lassen sie hielt sich nicht am andern Ufer sie sank in den
Strom um zu Vater und Bruder zu gelangen sie konnte nicht schwimmen aber ihre
Sehnsucht und der Strom trugen sie dienend an eine tiefere Stelle aufs Land als
der Vater der es zu spät bemerkte sich eben ins Wasser stürzen wollte sie
heraus zu heben Es war in dem ganzen Ereignis zu viel Schönes zu viel Glück
er konnte ihr keinen Vorwurf machen Nachdem sich alle dreie ihrer Vereinigung
herzlich gefreut hatten so schickte er Hyolda fort um die Kleider zu wechseln
er selbst ging mit Johannes zu der Fürstin die mit ihrer Würde ihrer
Annehmlichkeit diesen Sohn so wie die andern Kinder für sich einnahm ihn auch
durch das Geschenk einer herrlichen Madonna hoch beglückte Er sprach gern mit
ihr und doch sehnte er sich nach dem Kloster zurück was ihn erfreute schien
ihm ein vergänglicher Rausch gegen jene feste Ruhe seiner Seele die ihn dort
erfüllte Jetzt wurde er zur Herzogin gerufen die von einer Fahrt
zurückgekommen ihn mit Liebe empfing mit Andacht hörte und aus innerster Seele
zu ihm sprach Sie gab ihm in dieser einsamen Stunde seine Erhebung über die
Ereignisse der Welt zurück sie sprachen mit einander viel Herrliches über die
Stufen der geistigen Erhebung und über geistige Führung sie verstanden einander
ganz und darum kann es einem anderen ohne Enteiligung nicht mitgeteilt werden
Glücklich die Seele die ihr Bestimmtes gefunden Am Schluße ihres einsamen
Gespräches wünschte Klelia dass Johannes ihr eine Messe in ihrer Schlosskapelle
lesen möchte Er tat nach ihrem Wunsche sie selbst spielte die prächtige Orgel
deren unerwarteter mächtiger Ton alle Bewohner des Schlosses auch Dolores dahin
zog Johannes las mit hohem Sinne und Anstande nie war eine Mutter seliger als
Dolores kein Vater glücklicher als Karl aber wie schmerzlich war der Abschied
als Johannes nun wieder für ein Jahr scheiden musste  »Wir sehen uns wieder
wer weiß wie« rief ihm die Gräfin nach Johannes ging ernst und ohne Umschauen
aus der Türe Der Schreiber begleitete ihn und seine beiden Ordensgeistlichen
weiter als alle andern Johannes erzählte ihm unbefangen den ganzen Tag
verweilte mit Rührung bei dem Vorfalle mit der Schwester den dieser begierig
ergriff um daraus eine Geschichte zu bilden wie er sie in seinem weltlichen
Sinne lieber erlebt hätte Wir wollen sie den Weltleuten zu Gefallen mitteilen
                                Getrennte Liebe
Zwei schöne liebe Kinder
Die hatten sich so lieb
Dass eines dem andern im Winter
Mit Singen die Zeit vertrieb
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hört ihr immer den Doppelschall
Der Winter bauet Brücken
Sie beide hat vereint
Und jedes mit frohem Entzücken
Die Brücke nun ewig meint
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Wohnten die Eltern getrennt im Tal
Der Frühling ist gekommen
Das Eis will nun aufgehn
Da werden sie beide beklommen
Die laulichen Winde wehn
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Stürzen die Bäche mit wildem Schall
Was hilft der helle Bogen
Womit der Fall entzückt
Von ihnen so liebreich erzogen
Zum erstenmal bunt geschmückt
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hört sie klagen getrennt im Tal
Die Vögel über fliegen
Die Kinder traurig stehen
Und müssen sich einsam begnügen
Einander von fern zu sehen
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall
Sie möchten zusammen mit Singen
So wie der Vögel Brut
Den himmlischen Frühling verbringen
Das Scheiden so wehe tut
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Sehen sie sich endlich zum letztenmal
Der Knabe kriegt zur Freude
Ein Röckchen wie ein Mann
Das Mädchen ein Kleidchen von Seide
Nun geht die Schule an
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Gehen sie zum Kloster bei Glockenschall
Sie sahen sich lang nicht wieder
Sie kannten sich nicht mehr
Das Mädchen mit vollem Mieder
Der Knabe ein Mönch schon wär
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kamen und riefen sie sich im Tal
Das Mädchen ruft so helle
Der Knabe singt so tief
Verstehen sich endlich doch schnelle
Als alles im Hause schlief
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Springen im Mondschein die Fische all
Froh in der nächtgen Frische
Sie kühlen sich im Fluss
Sie können nicht schwimmen wie Fische
Und suchen sich doch zum Kuss
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Reissen die Strudel sie fort mit Schall
Die Eltern hören singen
Und schaun aus hohem Haus
Zwei Schwäne im Sternenschein ringen
Zum Dampfe des Falls hinaus
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hören sie Echo mit lautem Schall
Die Schwäne herrlich sangen
Ihr letztes schönstes Lied
Und leuchtende Wölkchen hangen
Manch Engelein nieder sieht
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Schwebet wie Blüte ein süßer Schall
Der Mond sieht aus dem Bette
Des glatten Falls empor
Die Nacht mit der Blumenkette
Erhebet zu sich dies Chor
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Grünt es von Tränen nun überall
                              Vierzehntes Kapitel
                       Der Minister reist nach Sizilien
Der Schreiber immer besorgter das Geheimnis jener Nacht möchte verraten
werden hatte inzwischen gleich nach der Rückkehr vom Ätna einen Brief an den
Minister über die Leidenschaft der Fürstin zu seinem Schwiegersohne geschrieben
der Brief war durchaus wahr ohne Übertreibung So wenig der Minister die Untreue
bei Männern für etwas Bedeutendes hielt so war sie ihm doch unangenehm an
seinem Schwiegersohne er wollte ihn nicht gerne an der Stelle sehen wo er
selbst einst gestanden Die bestimmte Zeit zur Rückkehr der Fürstin war längst
verstrichen und mehrere politische Ereignisse machten diese doch notwendig
schon mehrmals hatte er ihr deswegen geschrieben aber sie antwortete
entschlossen sie würde es vorziehen die vormundschaftliche Verwaltung für den
ausschweifenden Erbprinzen ganz niederzulegen Durch den Brief des Schreibers
überzeugte er sich dass dieser Entschluss ernstlich begründet sei  so sollte er
mehrjährige Bemühung für des Landes Wohl in einer Zeit die alle seine
Stetigkeit und alles Talent der Fürstin forderte einer gleichgültigen fremden
Verwaltung überlassen  Die Trennung von den Seinen von seiner Moham und ihren
Kindern war ihm sehr unangenehm aber ein Staatsmann unterzieht sich dem
Schwersten er musste sich endlich selbst zu einer Reise nach Italien
entschließen nicht um nach eigener Lust sich von vieljähriger Arbeit dort
auszuruhen sondern um wie ein hartes geistliches Gericht ein paar liebende
Seelen aus einem unbekannten Verwandtschaftsgrunde von einander zu reißen Zu
seiner Aufheiterung nahm er den Kammerjunker und die Mamsell mit sich beide
waren in höchster Freude dass sie Italien sehen sollten und er verdarb sie
ihnen nie Rührend war es wie der alte Geschäftsmann allmählich ohne sein
Wissen auftaute je weiter er nach Süden vordrang zwar handelten seine Briefe
meist von Geschäften doch verlängerte sich die Nachschrift an seine Freunde bei
jedem Briefe Hier zur Probe nur eine
    »Lieben Freunde Ich schreibe aus Komo dem Geburtsorte der neueren
elektrischen Physik doch kann ich mich nicht entschließen zu dem berühmten
Volta zu gehen so fest hält mich das Marktgewühl an meine Fenster gelehnt die
verschleierten Frauen mit ihren Mägden erwecken meine ganze Neugierde Ihr
werdet fragen ob ich wohl und gesund bin zu solchen Fragen bleibt aber hier
keine Zeit jeden Augenblick gibts etwas Neues und selbst so alte Bekanntinnen
wie die Sonne und Sterne glänzen hier wie in erster Jugend Ich kann Euch meine
Verwunderung über den ersten hohen Feigenbaum im Freien nicht ausdrücken als
ich gen Chiavenna auf meinem Maultiere vom Gebirge herabritt hinter mir ein
Gewitter um mich alles so schwül Kammerjunker und Mamsell sehr schmachtend
gegen einander und der Baum so frisch grossblättrig ich musste stille bei ihm
halten und mir ein paar Blätter davon auf meinen Hut stecken Die Bauart der
Stadt die unter mir lag die flachen Dächer das gute Verhältnis zwischen Länge
und Breite der Häuser zwischen Fenstern und Türen ein Marienbild in der Mauer
das sich durch seine guten Umrisse und Farben von der bloßen mechanischen
Heiligenmalerei unsrer katholischen Länder unterschied machten mir einen so
behaglichen Eindruck von einem reiferen gebildetern Lande dass ich alle Ermüdung
vergaß die ich aus der alten Welt mitgebracht und recht frisch die spinnenden
feinen länglichten Weiber vor allen Haustüren beschaute deren feurige
aufmerksame auszeichnende Blicke und laute Stimmen sie gleich von allen
Nachbarinnen jenseit der Alpen unterscheiden Ähnlichkeit haben sie darin mit
den Ostindierinnen nur ist in Italien alles frei offen und erklärt was sich
dort hinter tausend Schleiern verbirgt Die Eifersucht der Italiener ist ein
altes Märchen es gibt Eifersüchtige wie allenthalben die Männer sind meist
widrige schmutzige Eseltreiber Köche Faulenzer eine niedrige List entstellt
meist ihre schönen Züge Das erste Wirtshaus war so durchsichtig weil alle
Türen und Fenster offen standen dass ich glaubte in einem Lager zu sein wo die
Hütten nur für einen Monat erbaut so war auch die Kost gute Sachen schnell und
schlecht bereitet Auf dem Komersee sorgte eine hübsche runde Frau die ich aus
Gefälligkeit in mein Fahrzeug aufgenommen hatte sehr artig für uns Sie wollte
mein Alter nicht glauben versicherte mir heimlich dass ihr noch nie ein so
stattlicher Herr wie ich vorgekommen ich möchte sie doch in Komo besuchen Sagt
meiner Frau dass ich nicht untreu geworden bin Ein paar Schifferbuben Pietro
und Battista sangen ununterbrochen beim Rudern der alte Schiffer besserte
zuweilen wo sie falsch gesungen wie verschieden von uns wo der Alte sicher
den Jungen das Singen bald gelegt hätte Ja lieben Freunde wir haben viel
Kritik aber sonst nicht viel was der Mühe des Lebens wert wäre und unsre
meiste Erziehung besteht doch bloß in einem Entwöhnen von der Freude Angesicht
dieses gebt dem Hofmeister meiner Kinder den Auftrag alles was noch volksmässig
gesungen wird mit ihnen durchzusingen so haben sie doch etwas woran sie sich
in vergnügten einsamen Stunden halten können Mir fehlt so etwas meine beiden
Reisegefährten schmachten schmollen oder schreiben«
                              Funfzehntes Kapitel
             Unterhaltung der Reisenden in den Pontinischen Sümpfen
Die eine charakteristische Ansicht von Italien mag genügen zu dem Schluße des
Briefes müssen wir aber bemerken dass er den beiden zum Schreiben gar mancherlei
Veranlassung gab Er hatte die Methode, mit Fähigkeiten aller Art die
Klingenprobe zu machen etwas von ihnen zu fordern was gewöhnlich nicht
gefordert werden kann, um ihren Umfang und ihre Dauer ganz zu kennen So sollten
sie ihm im Wagen fertige Tragödien schreiben besonders gab er ihnen dazu einen
Stoff der ganz sonderbar war und den sie gleich ausführten Er setzte eine
Fürstin nach Italien die sich in einen schönen griechischen Schiffsknaben
verliebt hätte und die von ihrem Minister in ihr Land zurückgerufen wurde Der
Kammerjunker lachte erstaunlich wenn er sich den fischköpfigen Primaner dies
tölpelhafte Ungeheuer als einen solchen Liebling dachte »Beim Werke« sagte
der Minister »nehmen Sie darauf Rücksicht dass in ihm erste in ihr letzte
Liebe wirkt dass sie in einer Masse von Verhältnissen höherer Art gelebt hat
wovon der Grieche nichts versteht so dass ein großer Teil ihrer Bildung brach
liegen musste der auch seinen Umgang sucht diesen wollen viele unverschämte
geldgierige Künstler ausfüllen dies letztere muss Ihnen lustige Szenen geben« 
So entstand sehr schnell die folgende kleine Tragikomödie vom
                                     Hylas
 Ausgang eines bedeckten Säulenganges nach dem Meere auf der andern Seite ein
               hoher Felsen mit Gängen Blumen Grotten verziert
                                       1
DER MUSIKER Das halt ich nicht aus Sie laufen immerzu und sagen gar kein Wort
DER MALER Sie sehen sich nicht um das ist viel schlimmer
DER MUSIKER Wer hat den Strachino zuerst gesehen Wer fand den Bäckerladen
DER MALER Was wollen Sie aber mit dem Zeuge mit Käse und Brot Die Fürstin
    riechts am Ende
DER MUSIKER Ich stelle mich immer unter den Wind es soll Ihnen noch gut
    schmecken nach allem dem süßen Zeuge was man hier bekommt der Magen wird
    einem ganz hohl davon der Mensch muss aber einen Kern haben um zu wachsen
    wie kein Getreide vom bloßen Regen wächst
DER MALER Ich bin noch nicht hier gewesen geben Sie ein Stück her
DER MUSIKER Warten Sie doch da bringt ein Kammerdiener Sorbetti das zuerst
    der Käse löst die Dissonanz auf
DER MALER Das wird schön lauten Sagen Sie greift man hier so gerade zu
DER MUSIKER Nun sehen Sie wie ichs mache Mein lieber Herr Kammerdiener wie
    gehts mit Ihrer Flöte Sie haben da Eis geben Sie mir davon
DER KAMMERDIENER Mit meiner Flöte steht es schlecht Herr Kapellmeister ich
    habe zuviel darauf geblasen die Klappe will nicht mehr halten und da geht
    mir die Luft immer zu früh heraus
DER MUSIKER Noch ein Glas Eis wenn ich bitten darf auch eins für meinen
    Freund Es ist jetzt heiße Zeit ich rate Ihnen sehr da kein
    Instrumentenmacher in der Nähe lassen Sie die Flöte jetzt ruhig liegen sie
    ist bloß ausgetrocknet wie der Röhrbrunnen vor der Villa ich wette darauf
    im Herbste akkompagnieren Sie wieder
DER KAMMERDIENER Nein seit der Grieche bei uns ist werde ich nicht mehr zum
    Konzerte verlangt der bläst Ihnen wie ein Blasebalg und wird niemals müde
    und hat einen feineren Ansatz
DER MUSIKER Noch ein Glas Eis wenn ich Sie nicht bemühe Freund essen Sie
    doch ich fand es lange nicht so gut gerieben ein wahres Meisterstück Ein
    außerordentlicher ein verfluchter Herr der Grieche Er tut mir auch
    Schaden die Fürstin nimmt zwei Singestunden weniger
DER MALER Ist er denn ein Freund von der Kunst
DER KAMMERDIENER Was ist denn das die Kunst
DER MALER Die Kunst ja sehen Sie die Kunst ist nun eben die Kunst Ich bitte
    um ein Glas Eis es tut doch gut in solcher warmen Zeit  Ja wo blieb ich
    stehen die Kunst müssen Sie wissen die Kunst bei einer Fürstin ich setze
    ein Beispiel an mir ich bin ein Maler
DER KAMMERDIENER Wenn nun die Fürstin allerlei Schildereien kauft so ist sie
    eine Kunstfreundin
DER MALER Sie wissen es schon der eine muss es machen und der andere bezahlen
    Ich habe nun eine ganze Reihe Landschaften von vier Zoll Breite und drei
    Zoll Höhe bis fünf Fuß Breite und vier Fuß Höhe ist wohl im Schloss noch
    eine leere Wand wo sie sich gut machen würden es soll Ihr Schade nicht
    sein hier ist meine Taxe just wie mit den Spiegeln für jeden Quadratzoll
    mehr ein Taler Noch ein Glas Eis damit mir nicht eine Seite schwerer
    wird als die andere
DER MUSIKER Was kommentieren Sie denn jeden ihrer Bissen sehen Sie ich nehm
    ein Glas und schmeiss es in das Meer dass auch die Fische mitgeniessen nicht
    wahr Herr Kammerdiener hier geht alles ganz ins Große
DER KAMMERDIENER Es ist doch schad ums Glas denn schmiss man Sie zum Haus
    hinaus so wärs doch schad um Ihren Rock Es ist nur beispielweis
DER MUSIKER Ja wir verstehen uns alter Freund Seht noch ein neuer Gast der
    Bildhauer mit dem Buckel Wo seid Ihr denn so lang geblieben Packenträger
    Ihr habt nicht mitgekonnt wir gingen doch zu gleicher Zeit aus
DER BILDHAUER Das nennt ihr Kraft den Weg mit schnellen Schritten so kurz zu
    treten dass er gar nichts ist Was ist denn jetzt das Beschwerliche Die
    Sonne Und ich bin so viel länger in der Sonne geblieben also habe ich viel
    mehr Beschwerliches ertragen als ihr die ihr vorzeitige Geburten halbgare
    Erdenklösse seid und seht mich an ich spring euch noch überen Stock als
    käme ich eben aus dem Bette und vor dem Dorfe hab ich erst eben eine
    hübsche Grasschneiderin beim Kopf genommen vorige Nacht war ich bei der
    Marquise und heute morgen hab ich einen Zentner Marmor zur Bewegung
    abgeschlagen
DER MALER Ein rechter Michelangelo drück nur einmal wenn du bei Kräften bist
    aufs Überbein an deinem Rücken vielleicht vergeht es noch du bist noch
    jung
DER BILDHAUER Ich weiß nicht was du hast mit meinem Buckel ich habe mich erst
    heute noch im Spiegel angesehen ganz nackt es ist bloß der Unterschied
    zwischen rechter und linker Seite die ihr bei Stieren auch bemerkt Du bist
    auch der einzige Mensch der das findet ich frage dich du jämmerlicher
    Musikant ich bin nicht gerade schön gewachsen aber 
DER MUSIKER Nicht gerade ist so viel wie ungerade und das muss wahr sein
DER BILDHAUER Herr Ihr seid ein Esel
DER MALER Leids nicht steck ihn unter den Tisch wir wollen ihm Tritte geben
DER BILDHAUER Ich schlag euer Hirn gegen die Mauer wie ein faul Ei wer
    wagts
DER KAMMERDIENER Ihr Rekel könnt ihr denn nicht Frieden halten wenn ihr
    Geschäfte machen wollt es ist ja euer eigener Vorteil
DER BILDHAUER Ich bin zu unmäßig im Zorn verzeiht ihr Freunde meine
    Leidenschaften bringen mich ums Leben Wie gefällt meine neue
    Alabasterlampe Luna wie sie den Endymion küsst
DER DICHTER eintretend
O dieses Meeres süße Füße
Wie kühlen sie der Nymphen leichte Füße
Sie laufen nach
Um mit der Well zu spielen
Doch ach
Sie müssen sich umwunden fühlen
Demütig schmeichelnd scheint die Liebe erst
Gebietend ist sie wenn du sie erhörst
DER MUSIKER
Willkommen werter Freund ich will gleich musizieren
Womit Sie eben jetzt die Ohren mir berühren
Sie sind im schönsten Kreis von einem Kunstvereine
Was fehlt uns noch jetzt die Fürstin ganz alleine
DER DICHTER
O heilger Tag der mich an diese Schwelle
In seinem heitern Laufe bringt
Und wie ein Bach so irrt ich in der Helle
Bis jede Welle an der Schwelle klingt
Da endet mir des Himmels öde Leere
Ich fühle
Mich wiederklingend endlos in dem Meere
Und Einklang in dem ewigen Gewühle
O welches Leben ist mir nun beschieden
Seit ich mein neblig Vaterland gemieden
DER MUSIKER
Hier ist das Land der Kunst doch ist es etwas heiß
Beliebt es Ihnen auch ich nehme ein Glas Eis
DER DICHTER
O welches fromme Haus
Hier stößt mich keiner aus
O welche milde Hand
Hat Labung mir gesandt
Ich armer Knab ging aus
Mit einem Blütenstrauss
Und wollt ein wenig sehen
Woher die Lüfte wehn
Die milde zu uns dringen
Dass alle Kehlen singen
O Haus voll sanfter Luft
O Haus voll reichem Duft
Auch Früchte find ich hier
An deiner offenen Tür
Hier streckt ihr Riesenhaupt
Melone aus der Erde
O wär es mir erlaubt
Zu folgen der Gebärde
Sie will gegessen sein
Doch nimmer ganz allein
Gebt Zucker hohe Götter
Und lachet nicht ihr Spötter
Zuviel ist dieses all
Dass ich es einsam fühlte
Geniesst mit mir einmal
Was meinen Durst erkühlte
Ach wären auch die Meinen hier
Das wär viel lieber mir
DER MUSIKER
Sie haben recht mein Freund wenn mans bei uns nur wüsste
Sie kriegten all danach ein mächtiges Gelüste
Versuchen wir einmal es möchte uns wohl glücken
Gebacknes Obst von hier nach Deutschland auszuschicken
DER DICHTER
Nichts von Gebackenem
Schnöder Gedanke
Schaue der Ründung
Himmlischen Bogen
Schaue die sanft verwachsene Spalte
Schaue dies wollige
Schützende Kleid
Schaue den duftenden
Farbigen Staub
Fühle die Kühle
O Aprikose
Sage wer wagte
Je dich zu backen
Der dich gesehen
Schwellend im Glanze
Irdischer Jugend
DER MUSIKER
Sie haben vielen Sinn doch ist er viel zu weich
Es wird kein Hebebaum aus einem schlanken Zweig
Der Künstler sei was hart will er die Welt besingen
Denn da muss vielerlei 
DER BILDHAUER
 über die Klinge springen
    Herr Sie haben keinen Mannesmuskel Sie haben Froschschenkel Ihre Lieder
    passen fürs Wasser ein ewges Einerlei von Weinerlichkeit
DER DICHTER
Du von der Natur
Schändlich Gezeichneter
Sage mir nur
Mich den bezeichneten
Himmlischen Adler
Wagst du zu höhnen
Heute ich prange
Irdischem Schönen
Morgen entreißen mich
Götter zu sich
DER KAMMERDIENER Durchlaucht die Fürstin bedauert sehr dass sie die Herren
    heute nicht sprechen kann sie wäre dringend beschäftigt
DER MUSIKER Gelt mit dem schönen Griechen lieber Herzensfreund den Menschen
    müssen wir los sein  legen Sie ihr doch morgen meine Sonate wieder auf das
    Klavierpult die ich ihr dediziert habe und geben Sie ihr doch so vor sich
    zu verstehen eine goldne Dose wäre das wenigste was sie mir geben könnte
    es soll Ihr Schade nicht sein
DER MALER Nun vergessen Sie nicht Herzensfreund sehen Sie doch an den Wänden
    herum wo noch Platz ist ich male für alle Arten Lichter auch da wo keins
    ist
DER BILDHAUER Da die Fürstin nichts gegen die Lampe sagen lässt so nehme ich
    an dass sie dieselbe nehme und das Geld schaffen Sie mir bald lieber
    Bester
DER MALER Hört Kapellmeisterchen holt doch einmal Euren Käse und Brot heraus
    ich hab zu viel von dem süßen Zeuge in den Hals laufen lassen
DER DICHTER
Geniesst der holden Gunst
In milder Luft zu schweben
So wird die reine Kunst
Auf euren Lippen leben
DER KAMMERDIENER
Das Volk wird nie satt
DER MUSIKER
Die Kunst geht nach Brot
                                    Alle ab
                                       2
HYLAS tritt mit einer Mandoline auf und singt
Wie so schwer vom Herzensgrunde
Reissen sich die Worte los
Hängen dann noch fest am Munde
Küssen mich fast atemlos
Und die Augen gehen mir über
Von der hohen Töne Fieber
Ausgestossen von dem Munde
Flüchten sie in fremde Welt
Ist es auch die rechte Stunde
Wo ein jeder Ton gefällt
Vor der bang geschlossnen Pforte
Schweigen scheu der Liebe Worte
DER DICHTER an der Gartenmauer singt
Worte rufen nach Gedanken
Die Gespielen blieben heim
Die spielordnend loben zanken
Da begegnen sie dem Reim
Dass er sie in Reih und Glieder
Ordne zu dem Spiel der Lieder
Und dem Reim folgt der Gedanken
Beide sind ein liebend Paar
Beid auf schmalem Stege schwanken
Sich umschlingen in Gefahr
Weinlaub so umschlingt die Bäume
Dass es sie mit Glanz besäume
HYLAS
Hoffend tauch ich in das Grüne
Singend in das Himmelblau
Und die ganze Frühlingsbühne
Sagt von dir du schöne Frau
Könnt ichs so geläufig sagen
Würd ich nicht nach Liedern fragen
Muss ich nicht bedenklich werden
Folg ich dir mit dem Getön
Ziehet kalter Wind auf Erden
Und ich hör nur sein Gestöhn
Rings die Wärme seh ich zittern
Und die Ferne hell gewittern
DIE FÜRSTIN in der Ferne
Wär am Himmel sichre Helle
Himmelglatt der Erde Rand
Aber an des Himmels Schwelle
Ist gezähntes Felsenland
Und der Regen tritt entgegen
Will sich zwischen uns noch legen
Himmels Fensterscheiben brechen
Und die Laden donnern an
Da ich wollt vertraulich sprechen
Uns die Sonne ganz zerrann
Ach ich meine im Zerstören
Warnend einen Geist zu hören
HYLAS
Klimm mit mir zu jenen Höhen
Und ich sag von Liebe dir
Ach wie ist mir nun geschehen
Nun das Meer tief unter mir
Hör die Steinlein drinnen schallen
Die von meinen Tritten fallen
O so fallen leicht vom Herzen
Meine Wort ins Freudenmeer
Und es scheinen meine Schmerzen
Wie die Worte mir so leer
Halt mich fest und lieb mich wieder
Sieh ich stürze sonst hernieder
DIE FÜRSTIN
Hier lass uns weilen auf dem Rasensitze
Denn schöneren Blick gewährt wohl nie die Welt
Wie schwingt sich alles auf in Lust und Klang
Nur du bist stumm mein süßer süßer Freund
HYLAS
Ich sehe in ein tiefes grünes Wasser
In tiefe blaue Luft in blendend Feuer
Und bin ich nicht ein Stein muss ich vergehen
Sieh doch jetzt ist die Luft schon wieder blau
Ich bin noch finster wie sie eben schien
Auch bricht die Nacht bald über uns herein
FÜRSTIN
So sprichst du immer anders als erwartet
Warum kannst du nicht artig schwatzen so wie ich
Was in die Hand mir fällt wird mir zum Spiel
In jedem Blatt schenk ich dir neu ein Herz
In jeden Stengel schling ich Liebesknoten
Ich bring ihn dir du schweigst und lässt ihn fallen
HYLAS
Du gibst zu viel und sollt ichs all bewahren
Ach ich erläge unter Dankes Last
Hab ichs dir nicht gesagt als wir zum ersten Male
Vertraulichkeit mit unsern Lippen tauschten
Sind meine Augen dir nicht klar wie Glas
Ins Innere des Herzens mir zu lesen
Durch meine Zunge lässt es sich nicht aus
Und nur wie Funken aus dem Stein geschlagen
Entwickelt sich ein kurzer Schein wer den
Nicht fängt in Flammen höher auf zu lodern
Der kennt ihn nicht dem bin ich tot
Und wie in einem Sarg in mir verschlossen
FÜRSTIN
Verkenne nicht mein sorgliches Nachfragen
Die Lieb spricht gern ein überflüssig Wort
Damit sie nicht was irgend not versäume 
Nicht ich bedarf der steten Rede Spiel
Es sagt mir dein lieber Blick so viel
Wenn meine Hand dir Stirn und Wang berühret
Es sagt mir mehr als je ein Mund gesagt
Wenn ich dein Herz lebendger schlagend spüre
O welches Lied kann hüpfen also leicht
Nein nicht um mich brich dieses lange Schweigen
Mit dem du oft an meinen Blicken haftest
Nur ich ich fürchte du bemerkst an mir
Was dir missfällt was du mir gern verschwiegest
HYLAS
So kommt ihr her aus eures Nordens Wüste
Den lieblichsten Genuss missgönnt die Furcht
Die sonst um euch in der Natur gelauschet
Bis sie den Weg zu eurer Seele fand
Wie ihr sonst schwindelnd auf den Bergen standet
So steht ihr fürchtend auf der Liebe Wipfel
Es mögen Flammen aus dem Wipfel steigen
Die Länder beben in dem innern Grund
Hier lasse schwinden alles eigne Leben
Von einem Leben das uns all durchdringt
Das heftig unsern Atem hier bewegt
Und mit dem Mond der dort dem Meer entsteigt
In einer Nacht für Millionen lebt
Bewahren lässt sich nichts und viel genießen
Mir lasse ganz des Busens Freude scheinen
Und was dir noch von alter Sorge bleibt
Das schreibe all an alte Freund nach Haus
In jene Gegend wo sie immer sorgen
FÜRSTIN
Ach wohl bekenn ich mich der Sünde schuldig
Mit Wahn den keimenden Genuss zu stören
Doch ist er nicht so leer mein schöner Knabe
Auf meinen Wangen prangt nicht mehr die Frische
Mit der du gern in jeder Frucht dich siehst
Mit allen Lüften fühlst und dich bewegst
Und was in mir geschieht ist fast geendet
Sieh morgens nur dein Angesicht im Wasser
Es wird bewegt von wechselndem Verlangen
Es wird bewegt wie von der Luft das Feld
Und es vergeht kein Tag wo du nicht lernest
Wo du nicht wächst zum größeren Manne auf
O sag in diesem Blick was sagtest du
O sag was dachtest du im Augenblicke
HYLAS
Beim Zeus ich dachte nicht ich sah dich an
Wie von der Lampen Schimmer du erhellt
Die einen neuen Tag in Nächten schaffen
Und hab ich mehr gedacht ich weiß nichts mehr
Beim Zeus du denkst dir gar zu viel in mir
An deiner Seite denk ich nur an dich
FÜRSTIN
O schweig es war der lieblichste Gedanke
Du willst mit neuer Lust mich überraschen
O dass du mir so was verbergen kannst
Dass ich nicht ganz in dir mich kann verlieren
Nicht kann mit deinen dunklen Augen sehen
Mit deinen Pulsen nicht die Zeit mir messen
Bewache mich dass ich die Brust dir nicht
Zerreiss mein Schicksal dir im Herzen lesend
Wie jene Deuter in der alten Zeit
Die schönsten Menschen opferten um dann
Aus ihrem Innern Künftges zu vernehmen
Dann wär ich ja mit meinem Schicksal fertig
HYLAS
Du lässt mir gar nichts übrig dir zu sagen
Denn wie das Meer Italien umspannt
So sanft so wild so schrecklich und so lieblich
So regst du jeden Sinn in dem Gemüte
Und gibst ihm gleich ein ewig deutlich Wort
Was kann ich mehr noch als dein Nachklang sein
Und Bessres immer als dein Widerhall
FÜRSTIN
Was ich dir gebe bring ich dir zurück
Ich habs von dir du nichts von mir empfangen
Denn wie die Biene alle Blüten regt
Die an der Erde träge duftend liegen
Mit ihrem Atem nicht mit ihren Flügeln
So regen auch wenn du die Arme um mich legest
Sich alle frohen Blüten wieder auf
HYLAS
Und wie ich jetzt so an mein Herz dich drücke
Da fühl ich in dem Augenblicke wieder
Was ich oft überhört wenn du gesprochen
Du weißt ich habe manchen alten Traum
Der mich nicht lässt hab ich ihn gleich verlassen
FÜRSTIN
Ich sitz dir stets zur Beichte leg den Mund
Dir immer an das Ohr dir zu bekennen
Was in mir vorgeht nun bekenn mir auch
Was ist es für ein Traum der dich bewegt
Der dich aus meinen Liebesnetzen zieht
Und an den wesenlosen Himmel mahnt
Dem ich dich schöner Vogel hab geraubet
Ein nutzlos Mühen hast du so verloren
Sieh wie die Vögel steigen um zu fallen
In meiner Liebe steigst du immerdar
HYLAS
Du bist mir Vaterland und Freiheit alles
Was ich verloren und  was ich gehofft
Und füttre ich die Tauben und die Schwäne
Mir sind sie lieb weil du zu ihnen lächelst
Nach keinem Ausflug mehr verlangt mein Herz
Denn gar ein wunderbares geistges Leben
Seh ich in deinen Künsten überschweben
Ach wär ich doch ein Bild von deiner Hand
Verachte meine kleinen Künste nicht
Der Himmel treibt die Gärtnerei mit mir
FÜRSTIN
Der Himmel will dir wohl er denkt wie ich
Du weißt es ja ich freu mich jeder Blume
Die du mir sorglich aufgezogen hast
Und ihre Kränze sind lebendger doch
Als alles was mein Pinsel dir kann zaubern
Erfreu dich deines Werks weil ichs bewundre
Und rühmen keine andre deinen Garten
Gedenk ich leb darin die schönsten Stunden
O sieh die Malven die du einst geflochten
Zum Zelte mir wo wir so traulich schliefen
Sieh wie die Sonne heut daran gewelkt
Gewiss sie schmachten heut nach frischem Regen
Ich muss vergelten wie sie mir getan
So will ich sie auch heute noch erquicken
HYLAS
Sie sind so schöner Mühe doch nicht wert
FÜRSTIN
Ich bitte dich o lass mir diese Sorgen
Denn eine Sorge muss ich immer haben
Wie du mir oftmals liebend vorgeworfen
HYLAS
So seh ich dir hier unterm Kirschbaum zu
Und jeder deiner Schritte scheint mir Tanz
Und Anmut schwebt in jeglicher Bewegung
Ein schöner Demantstrom entrinnt der Hand
Im Lampenschimmer düftets rings so frisch
FÜRSTIN singt während des Begiessens der Blumen
Der Himmel ist oft hell kann dann bald weinen
Deckt seine klaren Augen zu
Die auch verhüllet noch zu trauren scheinen
So glänzest du so scheinest du
So traure du so sei verlassen trübe
Ja regne Tränen ohne Zahl
Wenn wandelbar einst unsre Liebe
Denn solches Glück besorgt den Fall
In wunderbar geflochtner stummer Liebe
Ist so besorglich schon die Qual
Dass sie so gern zur Totenfeier hübe
Den frohsten Blick zum Sternensaal
Du stiller Winter wehest schon vom Himmel
Ihr weißen Wolken ewger Schnee
Ihr zieht schon vor die Sterne mit Getümmel
Der Mond stürzt weinend in die See
Hier blüht der Garten Lilien deine Wangen
Mit Tausendschönen mischen sich
Wo keusche Rosen schwankend überhangen
Schwül ist die Luft für mich und dich
HYLAS singt halb träumend
Der Kirschbaum blüht ich sitze da im stillen
Die Blüte sinkt und mag die Lippen füllen
Auch sinkt der Mond schon in der Erde Schoss
Und schien so munter schien so rot und groß
Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen
Und leidens nicht sie weiter anzuschauen
           Die Fürstin verliert sich unter Blumen Hylas schläft ein
 
                                       3
DER KANZLER tritt durch die Gartentüre ein
Dies ist der Fürstin Schloss ich habs erkannt
Nach dem Gemälde das sie uns gesendet
Doch kaum erreicht hat ihrer Maler Kunst
Den Reichtum dieser wunderbaren Gegend
Die weit umher in nächtlicher Beleuchtung glänzet
Als sei ein ewger Tag rings um sie her
Wie fühl ich mich so weich in diesem Land
Als würd ich erst in meinem Alter reif
Und grausam soll ich sie dem Land entreißen
Ich werde alt ich wünsche auch Genuss
Wie lange soll mich noch die öde Arbeit halten
Die in sich selber ungeheuer wächst
Da meiner Kräfte Schnellkraft sich verlieret
Dass ich sie nur im steten Kampf mag zähmen
Wo find ich Ruhe bei geliebten Wesen
Und meine Fürstin hat sie hier gefunden
Ich hab nicht Weib nicht Kinder weh mir Armen
Und für die Liebe bin ich nun zu alt
Ja Mond so geht es in der Welt dem Jüngling
Versprachst du viel und so läuft alles ab
                                Er sieht Hylas
Welch schöner Jüngling ruht hier unterm Kirschbaum
An diesem Bild der Fürstin das ihn ziert
Erkenn ich ihn es ist der schöne Grieche
Der ihre Neigung so allmächtig fesselt
Nie sah ich Schönheit in so wilder Stärke
Dir solls nicht fehlen schlafe ruhig fort
Ich reiße dich aus der Geliebten Armen
Die eher deine Mutter könnte sein
Ich führ als Vater dich ins junge Leben
Du bist geschickt zum Kriege wie zur Liebe
Ich fühl an dir ein väterlich Gefallen
Und muss ich dir auch heute wehe tun
Ich kann es bald als Vater dir vergüten
Wer weiß ob du dich viel darum bekümmerst
Denn aufwärts klimmt die Neigung gar zu selten
Dass sie dich liebt ich kann es wohl begreifen
Doch deine Neigung kann nicht dauernd sein
Ich löse schnell was sich bald selbst vernichtet 
Die Fürstin kommt jetzt träge Überlegung
Jetzt weiche mach der Überredung Platz
Sie ist verändert unsre Fürstin hier
Hat gar nichts mehr vom alten Herrschertritte
Der schnell und fest uns oftmals glauben machte
Es käm ein fremder Held durchs Nebenzimmer
 
                                       4
                            Der Kanzler die Fürstin
FÜRSTIN
Wie Täuscht mich nicht der Lampen farbger Schimmer
Sie sind es Freund mein treuer vielbewährter
Die Stütze unsres Landes bester Kanzler
Woher so unerwartet Um so freudger
Begrüss ich Sie Sie reicht ihm die Hand zum Küssen
KANZLER
Wohl mir die schöne Hand
Errat ich nun nicht mehr aus bloßen Zeichen
Die der Gedanken hohen Lauf mir sagen
Ich fasse sie und möchte nie sie lassen
Bis ich des Staates Zügel drein gelegt
Denn ihr allein ist folgsam jene Menge
Die mit mir durchgeht trotzig widerstrebend
Vom Diener dulden Diener selten Strenge
FÜRSTIN
O legen Sie die weisen Sprüche ab
Es steckt noch kalte Luft in allen Falten
Hier lüften Sie sich bei dem Meeresrauschen
Worin die Sterne spielend niederwallen
Hier wird die Nacht zum allerfrohsten Tage
KANZLER
Ach könnten wir das ganze Land herschwemmen
Wie eine neue Insel und ein Volk
Von Glücklichen in leichter Lust regieren
FÜRSTIN
Regieren Sie ich bin ein schwaches Weib
Hab nicht der Männer Sinn nicht ihre Kraft
Sie Freund Sie machens besser jetzt als ich
Als ich es je vermocht ein jeder rühmt Sie
KANZLER
Gedenken Sie der letzten Briefe nicht
FÜRSTIN
Wohl ja doch las ich nur den Schluss davon
Dass alle noch gesund sind die mir lieb
KANZLER
Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe
FÜRSTIN
Ich weiß seit lang Sie machen alles recht
KANZLER
Wohl mir dass ich zur rechten Zeit noch bringe
So wichtige bedeutungsschwere Nachricht
Ihr Bruder gnädge Fürstin hat ganz trotzig
Sich einen Kreis von Abenteurern kühn
Gesammelt die guten Bürger hängen noch
An ihrer Fürstin doch sie fordern schnell
Die Gegenwart die alles kann vereinen
Die Frevler ohne Blutvergießen schreckt
Die allen Guten gibt das Zutraun wieder
FÜRSTIN
Sie wähnen nun ich würd ganz eilig kommen
Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern
Wo keiner hat den Mut für mich zu streiten
KANZLER
Ich habs gewagt ich bin verhöhnt verwundet
FÜRSTIN
Ich nehme Sie von allen immer aus
Doch eben weil Sie da so einzeln stehen
So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert
Und ists was wert ich bin zu schwach zum Schützen
Ich kenne Sie fest wie ein Eichenbaum
Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr
So schwank ich in den Lüften hin und her
Ich mag nichts machen in der Welt denn was
Geschieht das macht sich selbst und wird nicht schwer
KANZLER
Nein ich versteh Sie nicht Sie sind verwandelt
Bei Gott es gibt auf Erden Ihrer zweie
Die eine war des Vaters Ebenbild
Es sprach sein Geist durch ihren heilgen Mund
Die Klugheit früh entwickelt an der Größe
Die Weisheit an der Tätigkeit gekeimt
Die Güte in Erfahrung schön gereift
Das sind Sie nun nicht mehr wer kanns erklären
FÜRSTIN führt ihn zu dem schlafenden Hylas
Hier sehen Sie die Weisheit die mich blendet
Die Güte die mich hat so schön gereift
Und meine Klugheit ist ihn zu bewahren
Vor dessen Schönheit tausend Throne sinken
Wenn die geschlossnen Augen mich beherrschen
Wo nähm ich Macht wenn sie sich öffneten
Um scheidend mich zum letztenmal zu grüßen
KANZLER
Ja ich bekenn es dieser Tausch ist hart
Und dieser Jüngling wert des schönsten Trons
FÜRSTIN
Des Herzens wert zu gut für jeden Thron
Für ihn ist das Entsagen jedes Trons
Nicht schwerer zu vollbringen als zu sprechen
Ich kenne was ich meinen Reichsgesetzen
Was ich als erstes Beispiel schuldig bin
Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen
Sie führte mich so schnell von alter Weisheit
Es waltet über jedes Volk ein Schicksal
Ich überlass mein trostlos Volk dem seinen
Mein Schicksal ist die Liebe nun allein
KANZLER
Ich war nicht vorbereitet gnädge Fürstin
Dass Ihr Entschluss so überlegt und fest
FÜRSTIN
Er ist gefasst nach langer Überlegung
In meinem Zimmer lieget die Entsagung
Nur wenig wünsch ich aus des Vaters Schätzen
Ein mäßig Jahrgehalt und wird mir dies
Verweigert  arm in diesen Armen ist
Auch Reichtum  viele möchten mit mir tauschen
KANZLER
Was meine Rede mir im Mund erstarrt
Beweget tiefer noch mein ganz Gemüte
Ich war bereitet auf ein schwer Geschäft
Doch abgeschlossen alles hier zu finden
Vorüber alles alles wohl bedacht
Wie ich es nimmermehr erleben möchte
Vieljährge Arbeit in den Wind zu streuen
O Fürstin schweigen denn Millionen Stimmen
In Ihrem Herzen die in diesem Drucke
Der unnatürlich gegen sich ergrimmten Zeit
Viel Tausend Seufzer täglich nächtlich senden
Ach dieser Strom der Luft der uns umhaucht
Und aus dem Norden strömt ist schwer beladen
Mit tausendfacher Not die jene drängt
Er klagt es leise seiner Hoffnung Fürstin
Der Schöpferin von allem unserm Glücke
Soll dieses ganze Glück in Torheit sinken
Denn also wills des Bruders wahner Sinn
FÜRSTIN
Sie quälen mich ich überzeug mich nicht
Mein Volk vergess ich nie im treuen Herzen
Doch weil ich schwach darum vermag ich nichts
Es liegt mir nah der holde Schläfer näher
Ich bin ein schwaches Weib ich bin nicht mehr
Wie ich wohl einstmals war eh ich ihn sah
Was ich geschaffen würd ich jetzo stören
Was mir im Glück geriet verdürbe Unglück
Ich bin viel törichter als je mein Bruder
Und dieser Knabe ist mir Gott und Welt
Ihm opfere ich mich und auch mein Volk
KANZLER
Der tätge Mensch vergisst so viel
Und jeder Tag macht neu die tätge Seele
FÜRSTIN
Das Weib vergisst so viel und doch nicht alles
Das Vaterland die Eltern und die Freunde
Vergisst das Weib und folgt ihrem Mann
Doch fort von hier  es regt sich der Geliebte
Nie darf er wissen was wir hier gesprochen
                          Sie gehen mit einander fort
                                       5
HYLAS richtet sich auf
»Nie darf er wissen was wir hier gesprochen«
Und welcher Gott gab es im Schlaf mir ein
Der Gott der gibts den Seinen in dem Schlaf
Ich stamme auch aus dem Geschlecht der Götter
Träum aus du arme Seele träume aus
Damit du klar erwachst vom trüben Denken
Hier stand der ernste Mann mit finstrer Stirn
Er sprach mit tiefer Stimm ein ernstes Wort
»Dem Knaben opferst du dein ganzes Volk«
Und ruhig sprach da meine Fürstin drauf
»Ihm opfere ich mich und auch mein Volk«
Was dringt in meine Adern welche Scham
In meine Sehnen welche Heldenstärke
In alle Sinne welche ewge Klarheit
Mein ganzer Wille wird nun zum Entschluss
Schon steh ich jenseit dieses wüsten Lebens
Weit über euch ihr niederen Erdengötter
Da ruh ich in der Schicksalsgöttin Armen
Ich sollt mir opfern sehen so reine Größe
Und nichts gewinnen als ein schwelgend Leben
Ich hasse euch ihr unglückselgen Götter
Die ihr das rote Blut in tausend Bächen
An den Altären müsst fließen sehen
Des Mitleids Qualen könnt ihr nimmer stillen
Euch opfern nie dem Schicksal ewger Liebe
Ich fühls jetzt wird im Kopfe mir so licht
Dem neuen Tage strahle ich entgegen
Der aus den Fluten sich so kräftig dränget
Nein ich gehör nicht mehr dem neuen Tage
Er zwingt mich nicht zu glauben an sein Licht
Das nur ein Gegenschein von meiner Liebe
Bald werf ich mich der Sonne froh entgegen
Damit ich selbst der weiten Welt erscheine 
Noch einmal denk ich alles Glücks allhier
Seit mich die Fürstin in die Arme nahm
Da fiel des Glückes Tau so reichlich mir
So unersättlich ich darin auch schwelgte
Ich frage nicht ob es auch dauern könne
Wär es das Glück wenn Zeit zum Umschaun bliebe
Es reißt uns an den Haaren in die Höh
Und lässt uns dann in öde Tiefen fallen
Wie Steine unter meinen Tritten fallen
Und schallen in dem bodenlosen Meer
Lebt wohl ihr Blumen die ich lieben lehrte
Hier unter euch da sah ich sie verschwinden
In meines Abschieds trüber Dunkelheit
Bald wird es Tag von einem neuen Lichte
Und werd ich Licht wenn ich dem Meer entsteige
So fall ich hier in ihre holden Augen
Ihr Tauben meiner Liebe sanfte Boten
Ich glaub mit euch zu fliegen übers Meer
Ich seh ins ewig Ruhelose freudig
Das steigend fällt und fallend steigt
O nimm mich auf ich bin wie du
   Er stürzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Meer dem die Sonne entsteigt
                                       6
                          Die Fürstin und der Kanzler
FÜRSTIN
Sie kennen mich dass ich nie mehr gesagt
Als ich vollführen kann ich kenne Sie
Dass Sie nicht wiederholen mögen was
Vergebens bleibt Mein Schluss bleibt immer fest
Dem Throne zu entsagen ist mir leicht
Von Ihnen wird der Abschied schwer mein Freund
KANZLER
Mich hält ich weiß nicht welche Hoffnung fest
Dass sich Ihr harter Sinn noch lässt erweichen
Umsonst gewirkt zu haben ist so schwer
Uns beide trifft das wenn es dabei bleibt
FÜRSTIN
Ich hab gelebt seit ich nicht mehr gewirkt
Versuchen Sie in gleichem Sinn zu leben
Dann frag ich Sie ob Sie nicht gern entsagen
KANZLER
Ich bin zu alt zu einem neuen Leben
Es lässt sich Liebe nicht so leicht erwerben
Was nicht erworben lässt sich nicht bewahren
FÜRSTIN
Ich bin auch älter als mein schöner Hylas
Ich sterbe früher weil ich älter bin
So überlebt mich herrlich meine Liebe
O Hylas komm nach solchen ernsten Worten
Bedarf ich deiner Töne leichtes Spiel
Und deiner Züge viel bedeutend Bild
KANZLER
Ich höre an dem Meere Klagetöne
FÜRSTIN
Es ist so mancher Unglücksfall am Meer
Mein Hylas komm Er hat ein zart Gemüt
Und vor der Trauer muss ich ihn bewahren
Er ist so klar so froh wie jene Sonne
Die aus den Wellen hellgebadet steigt
                                       7
            Die Künstler tragen die Leiche des Hylas nach dem Hause
DER DICHTER
Setzet nieder eure Bürde
Schweigt im ernsten Trauerhaus
Wohl geziemt sich Ernst und Würde
Wo die Schönheit lischt in Graus
Wo die Wärme ist verschwunden
Kommt der öde Winterschlaf
Alle Stärke ist geschwunden
Alle Glieder sinken schlaff
FÜRSTIN
Keinen Toten kann ich sehen
Helfen kann ich ihm doch nicht
Kann zur Hilfe was geschehen
Sorgt dass ja nichts hier gebricht
Gern will ich ihm Obdach schenken
Bis die Erde ihn verschließt
Doch mit anderen Geschenken
Wär ich lieber heut begrüßt
DICHTER
Sehnlich wirst du nach ihm sehen
Und in den erblassten Zügen
Les auf einmal alles Wehe
Kenne wieder dein Vergnügen
FÜRSTIN
Sagt wer ist es denn gewesen
Dass ihr mich wollt zu ihm ziehen
DICHTER
Ach das schönste aller Wesen
Selbst der Tod ist in ihm Blühen
FÜRSTIN
Wehe wehe Hylas Hylas
Ach das ist mein Hylas nicht
Denn er hört nicht Hylas Hylas
Blass ist auch sein Angesicht
Kalt die Lippen und gebrochen
Ist der Augen Feuerschein
Tausend Tränen in den Locken
Ach er ist nun nicht mehr mein
KANZLER
Ist kein Mittel ihn zu retten
DICHTER
Alles ist umsonst versucht
Ach wer kann das Leben retten
Das vor sich in eigener Flucht
Denn die Arme ausgebreitet
Stürzte er sich selbst ins Meer
FÜRSTIN
Welcher Gott hat ihn geleitet
Und verwundet mich so schwer
KANZLER
Fürstin seht des Schicksals Willen
Dem der schöne Knabe fiel
FÜRSTIN
Sterbend muss ich so erfüllen
Was für meine Kraft zu viel
KANZLER
Traurend konntest du beglücken
Schöner Gott der hier verbannt
Mochtest oft zum Himmel blicken
Heimwärts hast du dich gewandt
Fallet alle vor ihm nieder
Seine Seele strahlt im Meer
Gebt den Staub dem Staube wieder
Dieser Leib war ihm zu schwer
Ihm zum Tempel sei geweihet
Dieses Schlosses weiter Raum
Dass die schöne Kunst erneuet
Was im Leben flüchtger Traum
FÜRSTIN
Führe mich du weise Stärke
Ich gehorche deinem Rat
Tränen sind nun meine Werke
Jammer meine einzge Tat
DIE SCHWALBEN
Wir versuchen die jungen Flügel
An dem grünenden Grabeshügel
Schlagen mit schwarzem Flügel die Luft
Streifen vorüber im Morgenduft
Singen einander mit fröhlichem Munde
Unser Leben das misst nicht die Stunde
Einmal erscheinet ein Morgenrot
Weht in der Asche leuchtet im Tod
Netzet die Flügel im Meeresschaume
Und wir erwecken euch alle vom Traume
                                       8
              Fürstin Kanzler ziehen fort Die Künstler bleiben
DICHTER
Wie die Fürstin es befohlen
Sorget für ein Trauerfest
MUSIKER
Meine Zeit ist nicht gestohlen
Sorgen Sie erst für das Best
BILDHAUER Wie konnten Sie so dumm sein und die Fürstin so fortgehen lassen
    ohne ihr einen Überschlag der Kosten zu machen wenn wir dem neuen Gotte
    einen Tempel wirklich erbauen sollen
DICHTER
Meine Tränen wer kann sie bezahlen
Meine Worte ach wer kann sie hemmen
MUSIKER
Meine Noten lass ich mir bezahlen
Also werden Sie sich auch bequemen
KAMMERDIENER Die Fürstin hat mir die Vollmacht gegeben alles Notwendige zu dem
    Denkmale zu berichtigen
BILDHAUER Was ist nun für Not Viktoria es lebe ich wollte sagen es sterbe
    der Herr Hylas
MUSIKER Pereat
MALER Dreimal tief
DICHTER
Alle andern ziehen lachend
Von dir fort du schöner Gott
Böse Zeit wo Schönheit Spott
Mich begeistre bei dir wachend
Dass ich wieder neubelebe
Dieses Herz das ganz gestillt
Oder dass ich toderfüllt
Mit dir zu dem Äther schwebe
Während der Vorlesung waren die Reisenden in den schlimmsten Teil der
Pontinischen Sümpfe gefahren ferne brauste das Seewasser durch den Felsenrachen
ins Meer zurück aber es stand noch überall in kleinen Lachen von farbiger
Schlangenhaut überzogen bleiche Menschen beschäftigten sich mit der
Strassenbesserung und erinnerten die Reisenden sich nicht dem Schlafe zu
überlassen weil er tödlich und doch umflog der Schlaf hier so unablässig mit
seinen Nachtfaltern das Haupt dass jeder mit stetem Bewegen sich dagegen zu
verteidigen bemüht war Der Minister aber versicherte wenn die Poesie sie nicht
einmal gegen den Schlaf sichern könne so wäre sie zu gar nichts wert und damit
wurde dem Kammerjunker aufgetragen noch etwas mitzuteilen etwa eine
Geschichte worin die Verschiedenheit des Alters in Freundschaft Hass Liebe
recht wunderlich zwischenträte  Der Kammerjunker versicherte dass er nach
einer sonderbaren Bergwerksgeschichte eine eben so sonderbare Ballade
geschrieben die er hersagen könne
                       Des ersten Bergmanns ewige Jugend
Ein Knabe lacht sich an im Bronnen
Hält Festtagskuchen in der Hand
Er hatte lange nachgesonnen
Was drunten für ein neues Land
Gar lange hatte er gesonnen
Wie drunten sei der Quelle Lauf
So grub er endlich einen Bronnen
Und rufet still in sich »Glück auf«
Ihm ist sein Kopf voll Fröhlichkeiten
Von selber lacht der schöne Mund
Er weiß nicht was es kann bedeuten
Doch tut sich ihm so vieles kund
Er hört fern den Tanz erschallen
Er ist zum Tanzen noch zu jung
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar
Doch anders will es ihm noch deuchten
Als eine Frau sich stellt dar
Da weichen alle bunten Wellen
Sie schauet küsst sein spiegelnd Bild
Er sieht sie wo er sich mag stellen
Auch ist sie gar kein Spiegelbild
»Ich hab nicht Fest nicht Festes Kuchen
Bin in den Tiefen lang verbannt«
So spricht sie möchte ihn versuchen
Er reicht ein Stück ihr mit der Hand
Er kann es gar kein Wunder nennen
Viel wunderbarer ist ihm heut
In seinem Kopf viel Lichter brennen
Und ihn umfängt ganz neue Freud
Von seiner Schule dumpfem Zimmer
Von seiner Eltern Scheltwort frei
Umfliesset ihn ein selger Schimmer
Und alles ist ihm einerlei
Sie fasst die Hand dem Knaben schaudert
Sie zieht stark der Knabe lacht
Kein Augenblick sein Mut verzaudert
Er zieht mit seiner ganzen Macht
Und hat sie kräftig überrungen
Die Königin der dunklen Welt
Sie fürchtet harte Misshandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld
»Mag nicht Rubin nicht Goldgeflimmer«
Der starke Knabe schmeichelnd spricht
»Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht«
»So komm zur Kühlung mit hinunter«
Die Königin ihm schmeichelnd sagt
»Da unten blüht die Hoffnung bunter
Wo bleichend sich das Grün versagt
Dort zeige ich dir große Schätze
Die reich den lieben Eltern hin
Die streichen da nach dem Gesetze
Wie ich dir streiche übers Kinn«
So rührt sie seiner Sehnsucht Saiten
Die Sehnsucht nach der Unterwelt
Gar schöne Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzelt
Gar freudig klettert er hinunter
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold
In Flammen spielt Kristall da munter
Der Knabe spielt in Minnesold
Er ist so gar ein wackerer Hauer
Mit wilder Kühnheit angetan
Hat um sein Leben keine Trauer
Macht in den Tiefen neue Bahn
Und bringt dann die goldnen Stufen
Von seiner Köngin Kammertür
Als ihn die Eltern lange rufen
Zu seinen Eltern kühn herfür
Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr
Viel Schlösser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer
Er muss in strenger Arbeit geben
Worin sie prunken ohne Not
Einst hört er oben festlich Leben
Den trocknen Kuchen man ihm bot
Da kann die Köngin ihn nicht halten
Mit irdisch kaltem Todesarm
Denn in dem Knaben aufwärts wallten
So Licht als Liebe herzlich warm
Er tritt zum Schloss zum frohen Feste
Die Eltern staunen ihn da an
Es blickt zu ihm der Jungfraun Beste
Es fasst ihr Blick den schönen Mann
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwählt
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze
Er hat die Küsse nicht gezählt
Da sind die Brüder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich
Die alle haben ihn gebeten
Dass er doch von dem Feste weich
Da hat er trotzig ausgerufen
»Ich will auch einmal lustig sein
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein«
Da hat er einen Ring genommen
Vom Gold wie es noch keiner fand
Den hat die Jungfrau angenommen
Als er ihn steckt an ihre Hand
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine
Hat manches Glas hinein gestürzt
Spät schwankt er fort und ganz alleine
Manch liebreich Bild die Zeit verkürzt
Die Lieb ist aus das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Königin
Er hat die Türe eingestossen
Und steigt so nach Gewohnheit hin
Die Eifersüchtge hört ihn rufen
Sie leuchtet nicht er stürzt herab
Er fand zur Kammer nicht die Stufen
So findet er nun dort sein Grab
Nun seufzt sie wie er schön gewesen
Und legt ihn in ein Grab von Gold
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen
Das ist ihr letzter Minnesold
Die Eltern haben ihn vergessen
Da er nicht kommt zum Licht zurück
Und andre Kinder unterdessen
Erwühlen neu der Erde Glück
Und bringen andre schöne Gaben
An Silber Kupfer Eisen Blei
Doch mit dem Gold was er gegraben
Damit scheint es nun ganz vorbei
Die Jungfrau lebt nur in Tränen
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf
Und meint in ihrer Hoffnung Wähnen
Ihr steh das Glück noch einmal auf
Glück auf nach funfzig sauren Jahren
Ein kühner Durchschlag wird gemacht
Die Köngin kämpfet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht
Sie hat gestellt viel böse Wetter
Die um des Lieblings Grabmal stehen
Doch Klugheit wird der Kühnen Retter
Sie lassen die Maschinen gehen
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Händen kaltes Gold
So hat er sterbend noch umwunden
Die Königin die ihm einst hold
Zur Luft ihn tragend alle fragen
»Weiß keiner wer der Knabe war
Ein schöner Bursche zum Beklagen
Gar viele rafft hinweg das Jahr
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Schoss zurück
Denn selbst die flüchtigen Farben walten
Noch auf der Wangen frohem Glück
Es sind noch weich die starken Sehnen
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit
Er kostete wohl viele Tränen
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit«
Die Jungfrau war tief alt geworden
Seit jenem Fest wo sie ihn sah
Spät trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah
Sie kommt gar mühsam hergegangen
Gestützt auf einem Krückenstab
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen
Dass sie den Bräutgam wieder hab
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen
Als schliefe er nach schöner Lust
Gern weckte sie ihn mit Verlangen
Hier stürzt sie auf die stille Brust
Da fühlt sie nicht das Herz mehr schlagen
Die Männer sehen verwundert zu
»Was will die Hexe mit dem Knaben
Sie sollt ihm gönnen seine Ruh
Das wär doch gar ein schlimm Erwachen
Wenn er erwachte frisch gesund
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und hätte keinen Zahn im Mund«
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren
An dieser neuen Himmelsluft
Die Farbe will nicht länger harren
Die treu bewahrt der Köngin Gruft
Hier ist die Jugend dort die Liebe
Doch sind sie beide nicht vereint
Die schöne Jugend scheint so müde
Die alte Liebe trostlos weint
Was hülf es ihr wenn er nun lebte
Und wäre nun ein alter Greis
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte
Wie jetzt zu dieses Toten Preis
Wie eine Statue er da scheint
Von einem lang vergessenen Gott
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott
Es mag der Fürst sie nimmer scheiden
Er schenket ihr den Leichnam mild
Verlassne möchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und ähnlich Bild
Da sitzet sie nun vor dem Bilde
Die Hände sanft gefalten sind
Und sieht es an und lächelt milde
Und spricht »Du liebes liebes Kind
Kaum haben solche alte Frauen
Wie ich noch solche Kinder schön
Als meinen Enkel muss ich schauen
Den ich als Bräutgam einst gesehen«
Der Minister bezeigte bei dieser Erzählung eine ihm ungewöhnliche Rührung seine
Gesellschafter befragten ihn um den Grund er gab ihnen ganz unbestimmte
Antworten Endlich redete der Kammerjunker zu der Dichterin ganz leise sie aber
schüttelte mit dem Kopfe und sagte »Es geht nicht«  »Frei heraus« rief der
Minister »ich denke wir sind auf der Reise genugsam mit einander bekannt
geworden um die Scheu alter Verhältnisse aufzugeben ein Reisewagen muss
allmählich zu einem Körper alle Reisenden verbinden so dass jeder seine gemässen
Funktionen verrichtet ich will wetten Ihr habt einmal irgend einen Scherz auf
mich gemacht«  »Da Sie es erraten« antwortete die Dichterin »so kann ich es
Ihnen nicht verschweigen liebwerter Landesvater es ist ein kleines
Gedankenspiel was ich nach allerlei Gerüchten über Ihr Verhältnis zur Fürstin
freilich unter veränderten Nebenumständen und selbst mit mancher Verwandlung
die mir in der Arbeit gut dünkte damals darstellte als Sie sich mit ihr nach
dem Tode des Fürsten versöhnten«  »Nun seht Kinder wie unglücklich ein
Minister ist« sagte der Minister »selbst das Nächste was um ihn her
geschieht erfährt er nicht und soll das Entfernteste im Lande kennen und
beurteilen wahrhaftig ich glaube die einzige Art brauchbare Minister einem
Lande zu verschaffen ist die jährliche Ernennung derselben wenn auch nicht
immer die Geschicktesten oben an kommen so sind sie doch stets wohl bekannt
und eingewohnt in den Verhältnissen des Landes das mag auch wohl das
eigentliche Förderungsmittel der Freistaaten gewesen sein und in unsern
Reichsstädten kam noch hinzu dass keiner dieser Angestellten so mit Geschäften
überhäuft war um andrem Lebensverkehr und bürgerlicher Nahrung zu entsagen
seht jetzt kann ich mitten unter Poeten nicht einmal aus meinen Amtsberichten
herauskommen schämt Euch nicht und tragt schnell Eure Sachen vor«  Nach
einigen Umschweifen nach mehreren Küssen welche die Dichterin auf die rauen
Backen des Ministers in ihrer kindischen Art gedrückt hatte holte sie aus ihrer
dick angeschwollenen schwarzen Brieftasche vor der ein geheimes Zahlenschloss
lag ein kleines Spiel heraus das wir als Darstellung eines wunderlichen
ehelichen Verhältnisses hier am rechten Orte finden
 
                                    Der Ring
                               Ein Gedankenspiel
                    Gartenplatz vor einem Landhause Morgen
                                       1
MUTTER
Hab Dank für deinen guten Morgengruß
Geliebte Sonne in den schwülen Lüften
Von dir allein kommt mir noch Liebesgruss
Von dir allein mag ich ihn gern verstehen
Dich klares Licht versteht die ganze Welt
Die rätselhafte Welt die trübe dunkle
Es ahndet schon der Schlaf dein froh Erhellen
Und atmet deine ersten Strahlen ein
Und säumet sein Gewand mit hellen Träumen
Und zieht dann schnell die dunkle Hand hinweg
Die er noch über die Geschenke breitet
Der neuen Welt die aus dem Osten strahlet
Zum heitern Morgen dringt ein schnell Erwachen
                      Sie beschaut die Blumenbeete umher
Die Blumen stehen frisch die Luft ist schwül
Der Luft verzeih ichs dass sie sich so drängt
Den neuen Segen taumelnd zu empfangen
Und zittert doch davor in süßer Lust
Das ist das Fürchterlichste was wir lieben
Ach warum lieben wir was furchtbar ist
         Sie setzt sich auf eine Bank und lehnt das Haupt auf die Hand
So bin ich kaum erwacht schon wieder müde
Wo endet Schlaf Wann geht auf das Sehen
Wie wird es Tag Wann löschen aus die Sterne
Was grünt zuerst wo steigt der erste Klang
Unendlich tief ist Schlaf unendlich weit der Morgen
Ich schlaf im Wachen und ich wach im Schlafe
So ist das Gestern auch zum Heut geworden
Dem Auge fern dem Geiste gegenwärtig
Hier saß ich gestern abend schrieb im Sande
Und fuhr erschrocken auf was ich geschrieben
Das weiß ich hatt ich nimmermehr gewollt
Was da mein Stäbchen spielend hingezeichnet
Der Morgenwind hats sorglich ausgewehet
Weils unvereinbar ist mit meiner Ruhe
                             Sie sieht zum Himmel
Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau
Der trübe Dunst wird Licht im Sonnenauge
Der Sonne Malerblick weiß alles zu verschmelzen
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen
In träger Nacht die Geisterwelt zu malen
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schöne
Unendlich ward ein Frühling allen Sinnen
Die Tage sind jetzt liebliche Geschwister
Die jüngeren stets dem Mutterherzen lieber
Sie sprechen nach was jene älteren fragen
Sie haben noch was Süsseres zu sagen
Ein schöner Morgen ist des Frühlings Frühling
Es wacht da alles auf was je gelebt
Und wärs im tiefsten Herzen fest verschlossen
                            Sie geht unruhig umher
O Sonne Mutter zahllos lieber Kinder
Warum bin Mutter ich und ohne Kind
O Sonne einen Augenblick zum Beten
Du willst es nicht die Augen gehen mir über
      Sie hat in Gedanken Blumen gebrochen und sie ins Gesicht gedrückt
Wie verlieren sich die Blätter
Wunderbar in Flammenlicht
Drinnen haucht ein kühlend Wetter
Drück ich sie ins Angesicht
Alle die Blumen sind ohne Harm
Nur die rote Rose nicht
Sie sticht
Sticht wie die liebe Sonne so warm
Mai ist ohne die Rose nur arm
Mai ist ohne die Rose nur Qual 
Ihr stillen Gründe du einsam Tal
      Sie vertieft sich allmählich abgehend mit dem Gesange in den Garten
                                       2
                                 Vater und Kind
 beide in Kriegskleidern das Kind sieht sich um und lässt den Vater oft allein
          dass er vor sich sprechen kann ohne von ihm gehört zu werden
VATER
So ist des Unglücks und der Klugheit Fluch
Dass sie uns unterwerfen leerer Furcht
Wie schaudernd hemmt der Boden meine Eile
Ein Schritt ein Druck der Hand ein Wort wie leicht
Wie schwer wenn unser Schicksal daran hänget
Der Überraschung Wunder sind die größten
KIND
Es wird so schwül wir gehen doch nicht weiter
VATER
Nein lieber Sohn  Wir sind schon allzu weit 
Vielleicht zu weit um leicht zurück zu kehren
Zum Ufer wallt vom Ufer sinkt die Woge
Was zog mich her was weist mich nun zurück
Mich stößt zurück was lange mich gezogen
O sie war schön ich find für sie kein Bild
Nach ihr möcht ich die ganze Welt mir bilden
Die ohne sie ein wüstes Chaos blieb
Ich soll sie wiedersehen wie meine Jugend
Wie rätselhaft was unsre Jugend füllt
Und wie so deutlich was das Alter schwächt
Es will vergüten was die Jugend fehlte
Ach Jugend macht die Jugend einzig gut
O meine Jugend wie bist du entschwunden
In steter Arbeit wie ein trüber Nebel
Der unter sich das frohe Grün ertötet
Er will es nicht doch so ist seine Liebe
                               Nach einer Pause
Es ist zu viel Die tiefe Not ich trug
Und schwindle da mich trägt ein neues Glück
Ein bessrer Lebensmut und reiner Wille
Ich steh im Vaterland vor meiner Schwelle
Hier eingewiegt als Knabe eingespielet
Mit Todesmut als Jüngling eingeschworen
Mit Liebesglut auf ewig eingebrannt
Wo Liebe noch mich eingewurzelt hält
Der ersten Liebe gleich durchwachsne Rosen
Dies ewge Band aus Lust und Schmerz gewoben
Wie wird mir hier so wohl und auch so weh
Ha wo das Herz der Liebe Haus erbaut
Da haust es ewig lässt sich nimmer bannen
Hier lebte ich und war ich fern und ferner
Hier wachte ich an dieser heilgen Schwelle
Wie Traum bewacht der heilgen Unschuld Schlaf
Und träumend kehr ich heim zu Jugendfreuden
Sags frei heraus mein Mund was lang gedacht
Sich doch in des Gehirnes Falten decket
Was meine Jugend füllt war unerschöpflich
Doch nun ich alt da seh ich bald den Grund
Und halt zusammen was ich sonst verschwendet
Gesteh dir alles ein mein fester Sinn
Dort steht noch das alte Storchennest
Hoch überen Schornstein künstlich frei erhöht
Das unserm Hause ehlich Glück sollt bringen
Jetzt bringt es mir so manche Nachgedanken
Es ist dasselbe Nest ists auch der Storch
Ist nicht der alte Storch noch müd und ferne
Ein jüngerer hat ihm das Nest geraubet
Was hülfs dem Storch wenn er das Nest nun findet
Und findet es erwärmt von andrer Lust
Und fänd ers kalt und könnt es nicht erwärmen
O welche Glut ist noch in meinem Mute
Und doch ich fühl mich kalt indem ich glühe
Denn zu viel Möglichkeiten sind in mir
KIND
Du sprichst vor dir und schauest dich nicht um
Es ist mir hier als wär ich hier zu Hause
Hier find ich Milch und Frucht darf ich wohl essen
VATER
Geniess mit Freuden Milch und Frucht sind dein
Und wunderlich erschöpft ein nächtlich Wandern 
Wo hat mich Frucht von müheschweren Jahren
Wo hat die Milch der Hoffnung mich erquickt
Wo hat die Freude mich zum Tanz beflügelt
Was ist Gesundheit eines öden Sinnes
Nur in dem Kind allein wie es sich nährt
Bewusstlos in die Welt so herzhaft fühlt
Da hol ich nach was ich versäumte trotzend
Ich seh ihm gerne zu wie er sich macht
Und wie er reift sich selber zu erkennen
Ich hatte viel in diesem edlen Kinde
Ein lebend Bild von der verlassenen Frau
Ich bin ihr nah es will mir ganz genügen
Mich fühlen ganz und froh ich kanns nicht fassen
Mir ists als wär ich für mein Glück zu schwach
Was hilft ein volles Mahl im Hungertode
Der Eltern Segen Liebesterbenden
KIND
Du klagst ja Vater kann ich dir nicht helfen
VATER
Ich klage nicht ich freue mich nur anders
Wer sich nicht arm stellt kriegt vom Glücke nichts
Ganz heimlich sammle ich den Schatz der Not
Doch helfen kannst du mir Bist du noch müde
KIND
Ich bin bereit ich springe ja schon weiter
VATER
Wo willst du hin Hast du es schon vernommen
KIND
Ich dacht wir müssten eilend weiter ziehen
VATER
Noch nicht was willst du denn schon fort von hier
Wie sollte das mir gar ein Zeichen sein
Hör zu du sollst mir etwas Wertes holen
Du siehst den duftbelegten Wiesenplan
Die Sonne atmet in die Welt so warm
Das helle Meer läuft zitternd himmelan
Und scheint mit dem Himmel schon zu leben
Und ferne heben sich die Wolkenfelsen
Als wollten sie sogleich darauf gewittern
Bist du nicht bang allein dahin zu gehen
KIND
In freier Luft hab ich mich nie gefürchtet
VATER
Kömmst du hinaus nun über jene Wiesen
So geh zum vögelklingenden Gehölze
Dann findest du dich bald am weißen Felsen
Der jähe wie vom Meer zurückgeschreckt
Halb zweifelnd ob er sich hinein soll stürzen
Das Ende einer Welt bezeichnen mag
Zerstörung nagt darin in Wind und Wettern
KIND
Du warst wohl lange hier dass du den Ort
Mir also deutlich stellest vor die Augen
Als hätt ich ihn in alter Zeit gesehen
VATER
Wohl war ich hier Jetzt höre mit Bedacht
Auf diesem Abhang steht ein Myrtenstrauch
Erst war er klein nun ist er sicher groß
Den reiße aus mit allen seinen Wurzeln
Denn unten liegt ein Schatz den bringe mir
KIND
Kaum halt ich mich Ich hob schon manchen Schatz
Der in der Erde neidisch war versteckt
VATER
Viel alte Scherben die du heilig ehrtest
KIND
Du weißt es nicht wie ich sie angesehen
VATER
So halte heilig was du dort gefunden
Du Leichtsinn weißt doch noch den Ort zu finden
KIND
Wohl weiß ich Wiese Busch den Fels die Myrte
VATER
Du kannst nicht fehlen ferne wirst du hören
Ein schwärmerisch entsetzlich Klagen von den Vögeln
Die schwarzen baden sich im Meer um weiß zu werden
Die weißen baden sich darin um sich zu schwärzen
Vergebens schwarz wird schwärzer weiß wird weißer
Die höre ja nicht an sieh auch nicht nieder
Der Boden wölbt sich dass du überem Meere
Ganz ohne Rettung hoch zu schweben scheinest
Und von dem Luftstrom eingezogen wirst
Da siehe ja nicht hin verricht dein Wesen
Denn mit geheimer Sehnsucht füllet sich das Herz
Der Jugend nach des Meeres blauen Hügeln
Und jede Welle glänzt im Waffenschmuck besonnet
Den jungen Führer huldgend zu begrüßen
KIND
O Vater wo du bist da ist mein Hoffen
VATER
Recht gut mein Kind doch hör mich jetzt auch aus
KIND
Ich weiß schon alles alles bring ich dir Ab
VATER
Fort ist er Wie er leicht den Boden rührt
Es ist als wär er nicht von dieser Welt
Und noch so kindisch ist sein ganzes Wesen
Doch immer wie in einem andern Sinn
Der Blumenstrauß von seiner Hand gebrochen
Er ordnet sich geheimnisvoll in Farben
Recht wie ein Regenbogen andrer Art
Darob die Leute staunend sich erfreuen
Und wissen nicht was sie so tief entzückt
Ich will es nicht und muss ihn oftmals kränken
Er sagt es nicht und darum muss er leiden
Mich treibts zu oft das Schmerzliche zu fühlen
Das Bittere zu sagen weil das Stumme
Das Stumpfe mich viel bitterer quälen kann
So fühl ich mich ganz hingerissen jetzt
Ganz lebhaft jener Vögel Ton zu denken
Viel widriger als irgend Scharren Reissen
Es ist der Misslaut der zum Leben worden
Verruchte Wollust Lachen nicht kein Klagen
Jetzt musst du weichen du verruchter Misslaut
                        Er geht unruhig auf und nieder
Wie alle Lebensalter in mir schwanken
Und keines kann sich meiner ganz bemeistern
Ein Kindskopf bin ich oft mit weißen Haaren
Als ich mein Schwert am Hochzeittag begraben
Dort unterm Myrtenbaum beim Vogelschreien
Da freute meine Jugend dieses Schrecken
Denn das vollendete zum Mann mein Wesen
Was mich zur sicheren Gestalt umflossen
Der Lebensquell den rings die Welt ergossen
Hat mich umsteinet dass ich so viel Fremdes
Bewusstlos wie mein Eignes brauchen muss
Es ist der harte Stein der mich umschlossen
Wenn ich bewusstlos einem wehe tue
Denn wo ichs weiß da mag ichs gern vergüten
Hier muss ich viel vergüten und entschuldgen
Und wenig kann ich ihr zum Troste sagen
Wird sie dies wenige auch wohl beachten
Sie wirds Sie wird entschuldgen mich und deuten
In ihrer Sehnsucht werd ich schuldlos sein
O wie sie mich geliebt so liebt doch keine
Wer kommt da Pochst du nicht mein ahndend Herz
Du fühlst wohl nicht genug bist du so tot
Was hast du dich denn taglang so gestellt
Als wenn nichts Schönres dir begegnen könne
Sinds dreizehn Jahre dass ich sie nicht sah
Mir ist wie gestern Langsam gehen die Stunden
Wenn unser Leben fiebernd stille steht
Und doch vergesslich wie der Glocken Töne
Wenn Lust sie nicht zu Melodieen band
Ein Augenblick umschloss die Ewigkeit
Und dreizehn Jahre werden Augenblicke
Wer sieht der Flur wohl an vergangne Jahre
Wenn sie den Frühling noch am Busen trägt
Entgegen entgegen mit offener Brust
Mit klopfendem Herzen der nahenden Lust Hält inne
Nein so bezwingen soll mich selbst die Freude nicht
Erst hör ich was sie mit sich selber spricht
                                       3
MUTTER kommt langsam ohne den Vater zu merken
Woher der wunderbare Knabe war
Er grüßte mich und eilte dann vorbei
Ach Mutterherz ach wär doch so dein Sohn
Und ich war so betäubt vom Angedenken
Dass ich mit keinem Wort ihn hergeladen
Was trieb mich heute auch zum Myrtenstrauche
Da war es geistig und erinnernd voll
Von schmerzlich wandernden Gedankenreihen
Als zög vor mir ein Trauerchor vorüber
Da war es wo ich mit dem Manne stand
Wo er in töricht leerer Eifersucht
Dass ich vor ihm eh ich ihn jemals kannte
Schon einen Jüngling herzlich angeblicket
Sein Schwert ergriff und mir den Arm verletzte
Den ich zum Schutze ängstlich vorgehalten
Wohl seh ich noch die fast verwachsne Narbe
Als da mein Blut fiel rot auf weißen Stein
Ergriff ich einen Myrtenstrauch zur Stütze
Und flehete vom Himmel mein vergessend
Ein Kind so rot wie Blut so weiß wie Schnee
Dass meines Mannes Liebe wieder mein 
Mir ward Gewährung doch die Eifersucht
Des harten Mannes raubte es sogleich
Es ist gestorben lieget dort begraben
Ob er es umgebracht ich glaubs gewiss
Aus mancher Rede zweifelhaftem Sinne
Auch mit dem Kind wollt er die Lieb nicht teilen
Ach auch die Liebe wird im Schlechten schlecht
Und mit Entsetzen schied ich mich vom Manne
Verzweifelnd ging er in die Welt hinein
                           Sie geht zu ihrem Tische
Ein Wandrer hat das Frühstück mir verzehrt
Er ahndete dass mir heut weh ums Herz
Da steht ein Fremdling ists der wohl gewesen
Es ist nicht recht doch litt er sicher Not
Hör Wanderer du scheinest zu erwarten
Dass ohne Bitten ich dir geben soll
Weil du schon nahmst auch ohne anzufragen
VATER vor sich
Sie kennt mich nicht ihr himmlischen Naturen
So hat auch Gott die eigne Welt vergessen
Und dieser Gruß war sicher nicht der rechte
Dem Elend steht das Unglückshaus sonst offen
Ha ich will zeigen dass ich Herr im Hause
Laut Ja wohl wir sind nur Wanderer auf Erden
MUTTER
Wie sprachest du im Augenblick mit mir
Wie muss ich doch dabei so weithin denken
Du kommst zur guten Stunde willst du bitten
So bitte was dir gründlich könnte helfen
Bedarfst du eines Kleides bitte frei
Ein gutes Mahl ist obenein bereit
VATER
Ich bitte viel ich bitte dich zurück
Die Stimme kanntest du verkenn mich nicht
MUTTER
Wie ist mir nehmt ihr Büsche hier Gestalt
Ist dies ein Seegesicht aus leerem Dunst
O Gott kann ich die Stunde überleben
Bist du der Geist des zornig wilden Mannes
VATER
Begegne auch dem Geiste liebevoll
MUTTER
O nein du bist es nicht dein Zorn schlägt Falten
In deiner Stirn du dürftest ja nicht zürnen
VATER
Die Falten die der Zorn sonst stürmte
Vorübereilend auf der glatten Stirn
Die pflügte später ein des Irrtums Gram
Dass Weisheit legt darin den reichen Samen
MUTTER
O Weisheit sprich wer soll dich denn nun ernten
Da du so viele Jahr zum Säen brauchst
VATER
So nimm mich hin du reiche Erntegöttin
Und heb die Garbe auf zur vollen Brust
MUTTER
Du rührest mich wie bist du alt geworden
Und suchest nun was du so lang verschmähet
VATER
Nun bring ich dir die Liebe ungeteilt
Die einst so reich auch mehreren genügte
O fänd ich deine Lieb auch ungeteilt
MUTTER
Du sprachst von Weisheit erst und nun von Liebe
VATER
Ich glaub an beide möchte sie vereinen
So wird mir die vergessne Freude wieder
MUTTER
Nicht unsrer frohen Tage kann ich denken
VATER
Ach ohne sie wär mein Gedächtnis Nacht
MUTTER
Und doch bist du im Überdruss geschieden
Kein lebend Band ist zwischen uns geblieben
VATER
Vielleicht war dies des Himmels klügster Segen
Der uns das Kind in der Geburt entriss
Denn damals waren wir noch unvereinbar
Und Feuer würd in ihm mit Wasser zischen
Und was das Schlimmre sei das würd sich zeigen
MUTTER
Lass uns wie dus gewollt geschieden bleiben
VATER
Ich kann nicht was ich will ich will nur was
Ich kann  wir sind gesetzlich nie geschieden
MUTTER
Bereitet bin ich nicht so ernst zu reden
In weicher Lässigkeit lebt ich die Zeit
Mein Anwalt wird dir leichtre Auskunft geben
Ich sage dir ich lass mir nicht gebieten
Wie ich es einst als kindsches Mädchen litt
VATER
Sei unbesorgt ich lernte mich nun beugen
Und beugen oder brechen muss das Herz
MUTTER
Ich sage dir ich hab mich sehr verändert
Mein ganzes Innre hat sich selbst befestigt
Seit ich mich keinem Menschen hingegeben
VATER
Ich bin so sanft dass ich dich fast bewundre
MUTTER
Doch ist der Trotz dir ins Gesicht geschrieben
Mit deiner Augen ungelöschtem Feuer
Wer Schiffbruch litt der trauet nicht dem Meere
VATER
Der Kluge fährt am liebsten mit dem Strome
MUTTER
Wie lebtest du sei dies für mich ein Zeichen
VATER
Ein traurig Zeichen denn ich lebte traurig
MUTTER
Dich zu verstehen von dir verstanden werden
Es wär mir wert du würdest dann mich ehren
VATER
Es ist zu hart dass du die Ehre forderst
Du hättest sonst den Stolz wohl nicht gehabt
Ich hätte dir den Stolz sonst nicht verziehen
Und du erhöhst den Preis des Buchs Sibylle
In welchem meine Liebe eingetragen
Nachdem du immer mehr davon verbrannt
MUTTER
Nach alter Art wirst du unheimlich Freund
VATER
Erst mache heimisch mich in diesen Wänden
Ich sehe dieses Haus so wohl erhalten
Kein Stein ist unersetzt vom Dach gefallen
Das ist doch sonst der Frauen Sache nicht
MUTTER
Wie schweifet deine Rede also fern
VATER
Weil mich die Nähe lässt so unbequem
Ist hier ein Hausfreund dem ich Gruß muss bringen
Der meine Stelle hat bisher verwaltet
MUTTER
Ich wünschte jede Sorg wär so zu lösen
Du hast von aller Lieb mich abgeschreckt
Auch litt dies nicht die Unabhängigkeit
Du warst der einzige dem ich einst traute
VATER
Vertraue noch lass uns das Glück versuchen
Ob es in diesem Haus sich wieder finde
MUTTER
Vertrauen lässt sich tauschen nicht versuchen
VATER
So tausch erst aus den Argwohn mit der Hoffnung
Lass uns wie Fremde erst hier wieder hausen
Die nur Geselligkeit zusammenknüpft
MUTTER
Die je sich nah die werden sich nicht fremd
VATER
O erstes Wort das schön wie deine Lippen
Bald wird es heiter um uns sein
Wo deine Augen hellend hingewendet
MUTTER
Mein lieber Freund versprich dir nicht zu viel
VATER
Dem Schönsten sammelt sich das Schöne gern
Vor deinem Tempel sinkt der Unruh Fluch
Die mich wie Furien umhergetrieben
Und diese Bäume scheinen mir die Schlangen
Die sich schon schlummernd an die Tür gelegt
MUTTER
Du fabelst ja wie in der alten Zeit
VATER
Die Tauben schweben girrend noch zum Giebel
Dann auf die Linde die uns auch gewiegt
Das Meer rauscht noch mit seinem blauen Wasser
Doch eine nur ist aus dem Meer gestiegen
Ihr hab ich in der Luft ein Schloss gebaut
Und find sie nun im eignen Hause wieder
O dieser schönen Menschlichkeit in Göttern
Du lächelst meiner künstlich feinen Rede
Ach wie so modisch neu ist mir die Freude
MUTTER
Du hast kein freundliches Geschick erfahren
Doch ist dein Ruhm so groß dein Einfluss würdig
Dass viele Frauen mir den Glanz beneiden
Den mir dein Name aller Orten leiht
Doch seh ich dich ich kann es nicht begreifen
Wie du Millionen Menschen führen magst
VATER
Ich wirkte auswärts um mir zu entfliehen
Regieren war das Schwerste nicht im Leben
Die eigene Befriedgung fehlte mir
Ach wem das Beste fehlt dem fehlts an allem
MUTTER
Du sprichst wohl herzlich  doch du bist ein Staatsmann
VATER
Ein guter Staatsmann sei das Herz vom Staate
Das gleich verteilt das Leben allen Gliedern
Und selber in der sichern Mitte tronet
MUTTER
So warst du in Geschäften gut zu Hause
Was willst du nun in dieser stillen Hütte
VATER
Nein ich war nirgends nirgends mehr zu Hause
Selbst der Geschäfte Reiz schwand meinem Sehnen
Das Neue konnte mir nur reizend scheinen
Die goldene Alltäglichkeit war nichts
An mich wollt sich Gewohnheit nicht gewöhnen
Was mir gewöhnlich ward schien mir zuwider
MUTTER
Bald würde dich bei mir dasselbe quälen
Der Überdruss wie einst in ferner Zeit
VATER
Warum ist mir denn jenes blaue Zimmer
In dem wir schliefen stets noch in Gedanken
Das wir mit manchem Spielzeug angeordnet
Mit mancher Inschrift manchem kleinen Bild
Das rätselhaft den Fremden uns verständlich
So dass wir stets geheime Sprache führten
Oft wähnte ich im fernen Land erwachend
Vom Traum getäuscht ich läg in deinem Zimmer
Ich läg an deiner Seite holde Frau
MUTTER
O sieh an dieser Glut in meinen Wangen
Ob ich die gute Zeit nicht ganz gefühlt
VATER
Was ich seitdem bewohnt sind wilde Höhlen
So ganz verhasst durch einsam wache Nächte
Ich mochte sie nicht schmücken und nicht ordnen
Dass ich nicht außen fänd was in mir fehlte
Erinnerung lag fern und unerreichlich
Und Reue folgte mir dass ichs verscherzt
Was meines wahren Lebens Ernst und Sinn
Für wen ich sorgte wußt ich nicht zu sagen
Und was ich tat das war voraus mir Sorge
Ich hatte Furcht und sollte Zutraun wecken
Verantwortung ruht schwer auf dem Gesandten
Doch schwerer auf dem waltenden Minister
Vertrauen darf ihn nimmer unterstützen
Er muss es brauchen aber nimmer teilen
MUTTER
Er muss es brauchen aber nimmer teilen
Und die Gewohnheit sollte dir nicht bleiben
VATER
O lehr mich nicht noch an mir selber zweifeln
Ich musste vieles tun was ich nicht glaubte
Ja kommt man heim mit Orden goldnen Dosen
Da scheint es leicht das schelmische Geschäft
Im ruhgen Land ein innrer Feind zu sein
Als Schlange musst Geliebte ich belauschen
Der Liebe Schein auch zwischen drängend nehmen
Der Freundschaft hingegebne Worte nutzen
Was ich für mich beim Himmel nie getan
Gesellschaft die ich hasste musst ich wählen
Und die gemütlich mir kaum heimlich sehen
Ein Kartenspiel aus bloßer Ehre suchen
Die Nacht vergähnen Morgen zu verlieren
Und reden wo ich lieber schweigen mochte
So wurden bessere Menschen selbst zu Schatten
Die der Erscheinung regelrechte Stunden halten
Sonst ließ sich nichts von ihnen weiter fordern
Und bin ich nicht im Innern ausgestorben
So wars die Lieb zu dir die mich erhielt
MUTTER
O leugne nicht da ichs dir leicht verzeihe
Ich kenne dich und deiner Treue Sinn
VATER
Du weißt es liebes Weib dir log ich nie
Bedürfnis Lust die habe ich befriedigt
Doch dir blieb stets getreu mein liebend Herz
Es schweigt das Herz in jenen höheren Kreisen
Und bleibt sich selber einzige Gesellschaft
Der Staat allein schließt da des Umgangs Band
Für ihn ertrug ich selbst Beleidigung
Damit nicht Streit zur Unzeit ihn verflechte
Und dieser Staat oft konnt er mich nicht schützen
Und was das Liebste musste ich ihm opfern
MUTTER
O Gott wie elend müssen sein die Völker
Dass solche Schande nur ihr Leben fristet
VATER
Verwirf nicht rasch was du so wenig kennst
Denn du verwirfst auch mich noch wirk ich drin
Wenn gleich mit traurig plagenden Gedanken
Was gibt dir Sicherheit und Wohlstand hier
Da rings Verheerung Mord und Brand bei andern Völker
Aufopfrung ist was wert Würd mir wie Menschen
Wie andern Menschen wohl nur einmal wohl
Ich hätte nicht die Kraft mich los zu reißen
Ich bliebe ruhig ließ der Welt den Lauf
Auch meine Unruh muss dem Staate dienen
MUTTER
Hat nicht die Welt den Lauf nach Gottes Willen
Ich kanns nicht sagen was ich innen fühle
Und weiß doch auch gewiss ich habe recht
Nicht Menschenklugheit gibt der Welt den Frieden
Ihr müsst begeistert sein es kommt von oben
Von außen kommt doch nur Vergänglichkeit
VATER
Ha du gehörest auch zu jener mystschen Welt
Die ich in Musenalmanachen merkte
Mein Kind was Völker bildet und beherrscht
Ist nicht was unbestimmt der Mund kaum lallet
Und wärs das Herrlichste es ist nicht unser
Es spricht zur Zukunft erst und bildet sie
Die gegenwärtge Not will gegenwärtge Kraft
Die ganz gemeine die in jedem wohnet
Sie zu ergreifen ist des Herrschers Geist
Und sie zu lenken dient des Staatsmanns Klugheit
Ist Menschenklugheit denn nicht Gottes Gabe
Wie sind Sie doch so altklug hier geworden
Weil Sie allein drum widersprach auch niemand
Wo blieb das Schweigen hört ich doch so gern
Die lieben Worte Ich versteh es nicht
MUTTER
Und wie so kalt wie steinern werden Sie
Wie hatt ich sonst von Ihrem Geiste Meinung
Und sprach schon nach was ich noch kaum vernommen
Und jetzt verstehen Sie mich gar kein Wort
VATER
Ach die sich lieben müssen sich verstehen
Ist dieses nicht mein Arm die Stimme mein
Ich bin derselbe aber Sie sind anders
Bei Gott ich übte doch die höchste Sanftmut
Was half es mir ich fand nur Widerspruch
Kann Mund zum Mund sich finden wo die Worte
Wie Pfeile sich in dunkler Nacht durchkreuzen
Nicht lieben streiten lässt sich nur darin
MUTTER
So wollen wir mit Vorsicht weiter reden
Und klug vermeiden wo uns Meinung scheidet
VATER
Soll Mann und Frau nicht eine Seele sein
Die schlimmste Scheidung ist die Scheidung der Gedanken
Im Staatsamt bin ich klug da brauch ich Vorsicht
Hier such ich offene Arme offenen Sinn
MUTTER
Jetzt suchen Sie was Sie verschmähet haben
VATER
Lass dir erklären wie es damals kam
Dass ich so leicht von dir mich trennen konnte
Ha deine Liebe trieb mich aus zur Tat
Wie köstliche Musik zu einem Tanze
Worin Musik und Takt dem Ohr verschwindet
Ich hab gewirkt mit allen meinen Kräften
Doch Sie Sie haben sich in der Musik
Vertieft die stets aus Ihnen strömt mit Lust
Sie waren ach zu lang mit sich allein
Vernehmen auch kein Wort was ich hier sage
Sie sind in eines schweren Zaubers Bann
Der Eigensinn hat Sie so fest umschlungen
Sie sind die Meine nicht Sie sind nun seine Frau
MUTTER
Es ist vorbei ja ganz vorbei auf immer
Es war doch alles nichts ich merkt es gleich
Ich bin aus Ihrer Sklaverei ich lieb Sie nicht
Aus meinen Augen fort Sie tun mir weh
Es ist der letzte Kummer den ich leide
VATER
Ja wohl vorbei ja ganz vorbei auf immer
Ich war getäuscht von dieser lieben Hülle
Bewahrte lang die falsche Münze auf
Nun ich sie brauchen will da seh ich erst
Der goldne Überzug zerrieb sich schon
Ich sehe klar dass ich damit betrogen
Und den geliebten Schatz muss ich verwerfen
Soll ich vernichten was mich so getäuschet
Und werf ich ihn mit rascher Hand ins Meer
Ich könnte später an der Falschheit zweifeln
Nein ich bewahr Sie mich zu überzeugen
Wie hoch mein Glauben überem Leben stand
MUTTER
Wie stimmen Ihre Reden schlecht zusammen
Ei wie geziemt sich das bei ihrer Klugheit
Die mir vorher so ganz ergeben sprach
VATER
Das war mein Spott ich wollte Sie versuchen
In unserm Alter ist die Liebe Spott
MUTTER
Das wollte ich so überwiesen ganz
So ganz beschämt sollt einst ein Staatsmann
Vor mir vor einem Weib in Torheit stehen
Sie glaubten einen Augenblick mich zärtlich
Ihr Angedenken ist in mir verflucht
Getäuscht zu sein ist Ihre höchste Strafe
So hören Sie mich jetzt Sie sind getäuscht 
Ihr holden Blumen ach verzeiht den Zorn
Ich fühl mich schlecht in diesem Augenblicke
Doch ists der letzte den ich so verbringe
Und wie der Schall der Worte schnell verrauscht
Verzeih es Luft du bist schon allzu schwül
Gewittervoll dass ich kaum atmen kann
Und bin ich schuldig treffe mich der Blitz
Jetzt hören Sie die letzten Worte an
Was Ihre Absicht war an diesem Tage
Die Sie so weit zu mir hieher geführt
Ich weiß es nicht ich kann es nicht erraten
Es ist vergebens jegliches Bemühen
Und mit dem Ring den ich vom Finger nehme
Und werf ihn in die freie weite Welt
Ist jedes Band gelöst was noch Erinnerung hielt
Wir sind geschieden und es sei für immer
VATER
Wir sind geschieden und es sei für immer
Vertrauend baut sich an der Mensch in Jahren
Ein kleines Haus zu seines Alters Schutze
Die Erde bebt zerstörts im Augenblick
Auf seinen kahlen Scheitel fällt der Regen
Doch auch die Sonnenstrahlen die ihn wärmen
Ich fühl mich ruhig ich verliere nichts
Nur der ist frei den nichts auf Erden hält
                                       4
KIND kommt mit einem Schwerte und einem Myrtenzweige und findet den
weggeworfenen Ring
O Vater sieh den schönen Ring recht an
Ich fand ihn in dem Lilienkelche schweben
Es ist ein Schlänglein das in Schwanz sich beißt
Ein roter Stein blitzt herrlich aus den Augen
Ach dass am Ring kein Anfang und kein Ende
Sonst würd das schöne Tier wohl auch noch gehen
So kunstreich ist es durch und durch gebildet
Und scheint aus ganz lebendgem Gold gedreht
Du siehst so heftig Vater und du sprichst kein Wort
Du schiltst doch nicht dass ich so lang geblieben
Es war kein Schatz am Myrtenstrauch zu finden
Ich fand dies Schwert dort darf ichs tragen
Ich will das Feindliche der Welt bestreiten
Ach Vater sag wer ist denn diese Frau
Die schöne Frau wenn sie nur liebreich wäre
MUTTER
Ist dies Ihr Kind so sind Sie zu beneiden
Es ist zu liebreich nein Sie sind nur Pfleger
VATER leise zur Mutter
Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern
Wär dies nun unser Kind das früh verstorbene
MUTTER
Sie wagen es an jenen Mord zu denken
VATER
Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern
Ich meine fast der Knab hat Ihre Augen
MUTTER
Wer denkt an alle Schicklichkeit der Welt
Wenn hier ein Abgrund dort ein offener Arm
Ich rufe dich Natur gib Helferarme
Bewahre mir was du mir hast verliehen
Ist dies mein Kind was ich gestorben glaubte
Das Sie aus Eifersucht mir früh entrissen
Und mir so bald als tot verweigerten
KIND
Ach ja ich bins ich bin gewiss dein Kind
Ach wüsst ich eine Mutter nur zu lieben
VATER
Sie leben hier so unabhängig jetzt
Was brauchen Sie noch andrer Menschen Liebe
MUTTER
O gib Gewissheit mir ob es mein Kind
Ich bin dir dann auf ewig untertänig
VATER vor sich
Wo soll das hin wer kann die Folgen sehen
Der Ärger hob die Überlegung auf
MUTTER
Gewissheit sieh ich knie vor dir schon lange
Du schweigest still den Blick von mir gewandt
O sprich sonst stürz ich mich in dieses Schwert
Das mich schon früh in deinem Hass verwundet
VATER
Es ist dein Sohn ich wollte ihn dir bringen
Und mit euch leben in Vertraulichkeit
Jetzt ist das aus erfreu dich dieses Knaben
Doch wandern wir noch heute fort von hier
KIND
O liebe Mutter liebe süße Mutter
Dich hab ich gleich erkannt wie ich dich sah
MUTTER
O lieber Knabe meiner Liebe Lust
Ich ahndete sogleich du seist mein Sohn
KIND
Ach Mutter wie wird dich der Vater lieben
Er hat so oft die Arme ausgebreitet
Bang über mir nach dir o Mutter seufzend
VATER
Das ist vorbei das ist nun ganz vorbei
Jetzt macht euch fertig nehmt den schweren Abschied
KIND
Ach lieber Vater bleib doch immer hier
Ich kann nicht fort von meiner lieben Mutter
MUTTER
O lasse mir mein Kind nur wenig Stunden
Ich lieb dich ja in ihm ich kann nicht mehr
VATER vor sich
Es rühret mich ihr Flehen tief im Innern
So muss mir denn das Schmerzlichste geschehen
Muss ohne Liebe sehen die Vielgeliebte
Und alter Lieb Erinnerung stets in ihr
Wie des Gewissens ewig wacher Zuruf
MUTTER
Kannst du nicht bleiben so verlässt mich Gott
Und wie ein Unrecht scheint mir mein Unglück
KIND
Ach Mutter ist denn Gott nicht unter uns
Wir sind ja drei so sind wir die Gemeine
Wie sprichst du so nein Gott verlässt uns nie
Wenn wir uns lieben in der ewgen Liebe
MUTTER
O hör dein Kind wie es so herrlich spricht
Der Kinder Stimme ist oft Gottes Wille
VATER
Ich folg der Stimm es ist bedacht es sei
Es muss das Schmerzlichste von mir geschehen
Ich opfere mein eigenes Leben auf
Wir leben nun für dieses Kind zusammen
Nimm du die linke Hand ich nehm die rechte
Auf dass er lerne lieben und auch fechten
KIND
O Vater wenn ich nur genug dich liebe
O Mutter wenn ich nur für dich kann fechten
VATER
Es trägt mich des Entschlusses eigne Kraft
Mit Übermacht hat Gott den Stolz bezwungen
MUTTER
Vergebens ist das Scheuen vor dem Leben
Was menschlich ist dem sei der Mensch ergeben
O teurer Freund ich tat dir heute Unrecht
Du wolltest mir heut wohltun mit dem Kinde
Ich folg dir ganz es kommen andre Zeiten
Im Herzen dieses Kindes schlägt das meine
Und deine Klugheit wache über beide
VATER
Sei dieses liebe Kind uns selbst ein Lehrer
Wo uns die alte Zeit mit Zorn ergreift
Gefühl und Klugheit muss sich immer beugen
Vor einer Zukunft die sie selbst erst zeugen
KIND
Ihr sagt euch da so ernste ernste Worte
Und mich vergesst ihr hier wohl zwischen euch
Ich geb euch alles was ich hier besitze
Da hast du Mutter diese Myrtenkrone
Da hast du Vater das verlorne Schwert
O lass mir nur den Ring den vielgeliebten
VATER und MUTTER
Du bist der Ring von zweien Vielbetrübten
Die neu verbunden die sich einstmals liebten
VATER
Wir sind auf ewig wiederum verbunden
MUTTER
Dein Wille ist der meine nun auch immer
VATER
Wohl dem der einmal nur geliebt im Leben
Das Schicksal will ihm goldne Hochzeit geben
Mich drückt das Gold es zittern meine Hände
Doch fühle ich dass nie das Leben ende
KIND
So küsse doch den lieben Vater Mutter
VATER
Ich küsse dich das Kind befiehlt es mir
MUTTER
Ach was der Ernst und die Vernunft geschieden
Ein Kinderspiel auf dieser Welt hienieden
KIND
Hörst du fern im Dorfe singen
Luft und Düfte zu uns dringen
Aus der tiefen Himmelsstimme
MUTTER
Ach zu uns im ernsten Grimme
VATER
Wie so oft war uns zum Spotte
Unsrer Diener SonntagsSchmücken
KIND
Ach so hört doch zu dem Gotte
Der in seligem Entzücken
VATER
Wehe nun ist eine Stille
MUTTER
Aber dem versöhnten Freunde
Tönt nun höher Gottes Wille
Aus der himmlischen Gemeinde
KIND
Führt mich wo die Glocken schlagen
VATER
Das Gewissen anzusagen
KIND
Wo die Freuden alle klingen
Musst du hin mich heute bringen
VATER
Ach wie kühlend in der Hitze
Haben wir denn dort auch Sitze
MUTTER
Gittersitze wir da haben
Wo die Eltern sind begraben
VATER
Denk wie Sonntags sie versöhnten
Wann sie sich entzweiet hatten
Und wir beide wir verhöhnten
Oft die Lieb der alten Gatten
MUTTER
Und sie blieben so in Frieden
Und wir waren lang geschieden
Eilen wir zur Kirche wieder
KIND
Gott der spricht zu uns durch Lieder
Alle Stimmen er vereinet
MUTTER
Einsam hab ich lang geweinet
VATER
In der Kirche klingt die Freude
Eilen wir aus allem Leide
Und die leidend Gott gefunden
Zeigen sich da Gott verbunden
VATER und MUTTER
Seit wir in dem Sohn verbunden
Haben wir auch Gott gefunden
Und kein Mensch darf uns mehr scheiden
Uns die Gott geprüft in Leiden
Der Minister war während der Vorlesung sehr nachdenklich geworden beim Schluße
fuhr er heraus »Sagt wie könnt ihr so manches wissen was gerade so in meinem
Innern gesprochen bei einer allgemeinen Verfälschung der Geschichte die mir
deutlich beweist dass ihr nichts davon gewusst sondern nur herum geraten habt«
 »Das Menschliche« antwortete der Kammerjunker »woran wir einander kennen und
verstehen ist in jeder Brust das Historische wissen nur wenige« 
»Wahrhaftig« meinte der Minister »ich fange an noch ehe wir aus den Sümpfen
kommen eure Poesie zu glauben wir sind durch Lebensalter geschieden wir
verstehen uns erst allmählich«
    Meinen Lesern mit denen ich mich auf der gemeinschaftlichen Reise durch
diese Geschichte allmählich auch verständigt habe wird es nicht entgangen sein
wie das Dichten insbesondre aber das dramatische in das Leben der einzelnen
Menschen eingreife Wir sahen dies in der Geschichte Hollins des kleinen
Johannes und in den beiden eben mitgeteilten Schauspielen möge uns dies ein
Bild werden wie ein echtes Volksspiel auf das ganze Leben eines ganzen Volkes
einwirken könnte nur darum weil unser Schauspiel unserm Volke seinem Streben
und Glauben meist so entfernt ist geht es der Menge so gleichgültig vorüber
und wird mit dem Augenblicke vergessen wer sich dem Volke anschliesst empfängt
dessen Geist und Erfindung
    Ein kleines Abenteuer störte bald unsre Gesellschaft in ihrer gewöhnlichen
Unterhaltung Sie erhielten einige Stationen von Rom wegen mehrerer an
Reisenden verübten Räubereien einen Husaren zur Bedeckung der dem Minister und
seinen Begleitern sehr auffiel dem Minister rief er seine eigne Jugend
vollständig zurück die anderen bemerkten wenigstens eine auffallende
Ähnlichkeit zwischen beiden Sie ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein es war
ein Deutscher der schon lange in französischen Diensten aber weder sein
angeblicher Name Frohreich noch der angegebene Geburtsort Kamin waren der
Gesellschaft bekannt Er sprach viel über seinen Dienst und versicherte dass
wenn er gleich nur Gemeiner wäre so könne er doch wohl bei guter Gelegenheit
Marschall werden und die ganze Armee wie er Lust hätte rechts und links vor
sich vorbei marschieren lassen auch könnte er sich nicht über Langeweile
beklagen hätten sie nichts mit dem Feinde zu tun so gäb es desto mehr Streit
mit den Kameraden erst gestern habe er eine zusammen gehauen  dabei rieb er
sich ganz vergnügt die Hände »Heute« fuhr er fort »gibts gewiss noch was mit
den Räubern ich sah schon vorher so etwas schleichen an dieser Stelle wurde
vor acht Tagen der Schirrmeister einer Post erschossen«  Diese Betrachtung
machte die Gesellschaft aufmerksamer Nach einiger Zeit rief der Postillion
einige unverständliche Worte es war sehr finster er jagte schnell die Mamsell
drückte sich mit klopfendem Herzen an den Minister  In dem Augenblicke hielt
der Wagen der Kammerjunker griff nach den Pistolen der Minister fragte »Wer
da«  »Wir sind auf der Station« antwortete der Husar der zugleich mit
mächtigen Stößen gegen die Tür eines Hauses die Ankunft der Reisenden
verkündigte Der Wirt machte fluchend auf die Reisenden traten in ein
Küchenzimmer voll Husaren sie wünschten zu essen und der Wirt versprach gleich
ein vollständiges Nachtessen Er nahm zu diesem Behuf ein paar Lebern von einem
Haken herunter hackte kochte briet in ihrer Gegenwart seine Frau sah ganz
bequem zu und befahl nur zuweilen was er dabei nicht vergessen sollte In
einer Stunde hatte er ein vollständiges Mahl bereitet Lebersuppe gekochte
Leber Leberbraten es schmeckte den Hungrigen recht gut Der Husar wurde mit
zum Essen genötigt seine Kameraden fingen an darüber zu reden dass er nicht
bei ihnen geblieben der Husar antwortete beleidigend und einer von jenen die
viel getrunken hatten forderte ihn Alles das verhandelte sich so heftig wie
es bei Soldaten geschieht unsre Gesellschaft die einmal Partei für den jungen
Mann genommen war so besorgt um ihn dass sie das Essen stehen ließ Endlich
sprach der Minister bloß um den Streit abzulenken indem er unter die
Streitenden trat »Nehmt Vernunft an warum sollte er nicht mit mir essen es
ist mein Sohn«  »Wenn das ist« sagte der Heftigste »so nehmt nicht übel was
ich gesprochen Ihr hättet das früher sagen sollen ein Vater der muss geehrt
werden sonst aber muss einem Husaren die Kameradschaft über alles gehen«  Es
wurde augenblicklich Ruhe alle tranken die Gesundheit des Vaters und der Husar
setzte sich zum Minister sah ihn ernstaft an und sprach deutsch »Wenn ich
nun wirklich Ihr Sohn wäre«  »Fast meine ich es selbst« antwortete der
Minister  DER HUSAR »Ich war nicht immer was ich jetzt bin und habe viel
vergessen aber Ihren Namen den ich vorher hörte habe ich doch behalten warum
sind Sie nach Italien gekommen Sie hatten sich in Deutschland ein kleines
Italien erbaut«  Der Husar erzählte einen Umstand nach dem andern endlich die
Geschichte wie er wäre bei der Einweihung des Palastes die Treppe
heruntergefallen so dass der Minister mit den Worten »bei Gott der Erbprinz«
ihm um den Hals fiel  »Still« sagte der Husar »ich bins hier aber kein
Wort davon wüssten es meine Kameraden da wäre ich von allen geschoren wie ich
schon jetzt als Ausländer viel auszustehen habe sprechen wir nicht zu viel in
unsrer Sprache sie möchten Argwohn gegen mich bekommen«  Der Minister suchte
ihn zu bereden ihn zur Mutter nach Sizilien zu begleiten Der Erbprinz
versicherte aber er könne nicht von diesem Leben lassen endlich wüsste doch
keiner wozu es ihn führen könne in einer Zeit wo jeder von unten auf gedient
haben müsse um oben fest zu stehen  Hier unterbrach der Eintritt einer braun
gebrannten Marketenderin die ein Fässchen auf dem Rücken trug die Unterredung
alle schrien ihr entgegen sie wies alle mit derben Worten von sich dem
Husaren warf sie sich um den Hals und biss ihm in die Backe dass er hellaut
aufschrie sie sprach mit ihm abwechselnd deutsch französisch und italienisch
rühmte ihn in sehr freien Worten dabei aß sie stark von dem stehen gebliebenen
Abendessen »Hör Furiosa« sagte der Erbprinz »soll ich dir das Genick brechen
du isst den Herren alles vor der Nase weg« Sie fluchte und ging hinaus Der
Husar sagte »Ich fürchte mich vor keinem Menschen in der Welt aber die fürchte
ich sie ist seelengut was sie verdient das gibt sie mir Schläge sind ihr
ganz recht machte ich aber Miene von ihr zu ziehen ich wäre meines Lebens
nicht sicher« Jetzt kam sie wieder ins Zimmer und die Husaren sangen ihr ein
Lied von Mademoiselle Pumpernelle worüber sie alle ausschimpfte und von guten
Sitten und Leuten von Stande sprach der Minister hatte unterdessen nach seiner
Zeche gefragt und da ihn der Wirt für seine Lebermahlzeit mehr als für das
köstlichste Mittagsmahl bezahlen lassen wollte so schimpfte sich der Erbprinz
mit ihm herum Es war ein gewaltiges Lärmen der Minister zahlte aus Überdruss
der Erbprinz und Furiosa begleiteten ihn an den Wagen wo der Minister noch
einmal jenem den Vorschlag wiederholte den Abschied zu nehmen und ihm nach
Sizilien zu folgen und ihm eine volle Börse einhändigte Furiosa fing darüber
an zu schimpfen der Erbprinz wurde böse und schlug wild auf sie ein  mitten
in dieser wunderlichen Liebesverwirrung entrollte der Wagen mit unsern
Reisenden Sie kamen glücklich nach Rom und wollten sich eben recht umsehen
als ein neuer Brief des Schreibers den Minister die Reise zu beschleunigen
nötigte Schon früher hatte er dem Grafen seine Ankunft angezeigt mit der
Bitte weder den Seinen noch der Fürstin etwas davon bekannt zu machen bis er
einen zweiten Brief von ihm erhalten
 
                              Sechzehntes Kapitel
                             Schluss der Geschichte
Wunderbares Nachdenken ewges Schaffen du unsichtbare Sonne in der die Taten
reifen die Begebenheiten in ewigem Wechsel von Frühling zu Frühling
fortschreiten allgegenwärtiger Strahl der übers Meer und in die Tiefen
leuchtet während er die Höhen zugleich vergoldet wo ist dein Sitz und deine
Quelle Dieser sterbliche Körper ist dein Zeichen und ein göttliches Zeichen
aber was herrlich im allgemeinen Leben das denkt alles in Gott alle
herrlichen Gedanken sind Strahlen seiner Liebe Gottsöhne vom Heiligen Geiste
empfangen so mannigfaltig hat sich verkündet der Herr allen Zeiten allen
Völkern wie die Wärme durchdringt er die kalte Welt und regt sie an zu neuer
Verbindung Wehe dem der sich diesem göttlichen Strahle verschließt und in
eigener Lust sich der allgemeinen Liebe verschließt immer enger ziehen sich die
Schranken seiner Gedanken er glaubt die Welt zu gewinnen und verliert sich
selbst alles entfremdet sich ihm er versteht keine gute Seele und keine gute
Seele versteht ihn mehr und seine Liebe und sein Hass und seine Taten und sein
Leben alles ist scheinbar und nichtig Ein Tag innerer Versündigung kann den
Menschen um ein halbes Jahrhundert an Geist Erkenntnis und Durchdringung alles
Lebendigen schwächen und veralten  wie der Schäfer in alter Erzählung von
bösen Geistern in einer Zauberhöhle festgehalten heimkehrt und nur einen Tag
versäumt zu haben meint aber die Welt die Jahrhunderte fortgerückt ist weder
kennt noch versteht auch sein Haus nicht wiederfinden kann so geschieht auch
dem Sünder darum hütet euch vor dem ersten Falle die ihr das Licht und die
Anschauung der Welt liebt
Seit jener unseligen Nacht am Ätna in der die Fürstin sich ihrer Leidenschaft
die sie vorher noch zu bekämpfen strebte ganz hingegeben war ihr der Geist in
allen seinen Kreisen verwirrt und verfälscht mit keiner Seele konnte sie sich
eigentlich verständigen in allen Wesen irrte sie sich In Kleliens Gesellschaft
ergriff sie eine wunderliche Beklemmung sie hasste sie deswegen heimlich und
wusste sich den Grund nicht anzugeben Gegen Dolores empfand sie ein eigenes
Mitleiden das sie sich nicht gestehen wollte deswegen machte sie sich oft
unter mancherlei Vorwand von der Gesellschaft los Der Graf hatte allmählich
durch ein tieferes Eindringen in die Künste ein gewisses sinnendes Wesen
bekommen das ihn der Fürstin noch reizender darstellte ihn aber noch viel mehr
verhinderte die Leidenschaft die sie für ihn gefasst und der sie nachhing zu
bemerken er meinte in der Achtung die er gegen sie hegte dies sei die höchste
ideale Freundschaft die je ein Weib erfasst Sie glaubte in jener Sinnigkeit
seines Wesens die bei dem ernsten Ausdrucke seines Gesichtes bei dem
Schwärmerischen seiner Augen einen eigentümlichen Ausdruck hatte eine Trauer
über seine gegenwärtigen Verhältnisse zu entdecken ja sie deutete diese und die
schöne Aufmerksamkeit mit der er jeden ihrer Wünsche zu befriedigen suchte als
eine liebevolle Erinnerung jener Nacht von der er nur aus Rücksicht für ihr
Zartgefühl nicht zu sprechen wagte Der Graf war nie so heiter in sich gewesen
als in dieser Zeit nie so voll in Gedanken nie so fertig und reich in allen
seinen Tätigkeiten was er unternahm gelang und Klelie hatte sich nicht mehr zu
beklagen dass er seine gemeinnützigen Arbeiten über eigne Ausbildung versäume
Die Fürstin gab ihm mit ihrer Empfänglichkeit für jede Kunst mit ihrem freien
Urteile alles das was er je in seiner Nähe vermisst hatte sein Leben hatte
etwas himmlisch Vollendetes wie es auf Erden nur kurze Zeit dauert und meist in
seiner höchsten Erwartung gestört wird Vielleicht mochte sich auch die Fürstin
in ihrer Wahrnehmung über eine gewisse Traurigkeit in ihm nicht ganz irren sie
irrte sich nur in der Ursache. Es ist die Natur vieler Menschen wenn sie sich
recht wohl fühlen blass zu erscheinen während sich eine Kränklichkeit durch
eine scheinbar blühende Farbe verkündet so zeigte auch wohl der Graf in den
Stunden seines höchsten geistigen Wohlseins und schöner Erfindsamkeit eine
sanfte sinnige Trauer die in dem Sonnenglanze des Glücks den Augen so wohltuend
erscheint wie die dunklere Farbe alles Grüns in den heißen Sommermonaten diese
träumerische Fülle einer Brust in der nichts widersprechend weil alle
abwechselnden Schwingungen der Freude zu einem gleichen neuen Tone verschwingen
erschloss eine wunderbare Landschaft die freilich auf unserm Erdboden unmöglich
wo die Lage der Felsen gegen einander einem gewissen Gesetze gehorchet die aber
auf einem anderen Planeten wohl denkbar wäre und gönnt die Zeit Dauer so
erscheint sie bald in den wunderbaren Taten bald in den wunderbaren
Kunstdarstellungen sichtbar und erfreulich für viele  Unserm Grafen sollte
diese Dauer nicht werden  Die Besorgnisse der Gräfin Dolores waren durch
manche Zufälligkeiten die einem besorgten Gemüte niemals fehlen sehr
gesteigert worden der Graf der allerlei Arbeiten mit frischer Liebe umarmte
hatte sie in der letzten Zeit seltener und flüchtiger besucht bei der Fürstin
dagegen hatte er sich oft lange verweilt weil diese an allen den Arbeiten den
lebendigsten und gebildetsten Anteil nahm mit ihrem Urteile aufmerksamer
machte mit ihrem verständigen Beifalle ermunterte Dolores hatte in dieser Zeit
oft an ihren Johannes denken müssen es tat ihr weh dass er alle Belustigungen
der andern Kinder ihre kleinen Reisen nicht mitgeniessen durfte sie glaubte
sich verpflichtet und tat es so gern ihm recht oft schriftliche Nachricht von
den Seinen nach dem Kloster zu schicken die Gesinnung des Sohnes hatte diesem
Briefwechsel bald eine sehr ernste religiöse Gesinnung mitgeteilt Heimlich trug
sie sich schon lange mit einem Plane den ihr Klelie vergebens auszureden
suchte ihrem Johannes in Rom die Erlaubnis zu schaffen aus dem Kloster in den
ritterlichen heiligen Johanniterorden überzugehen dem Grafen war dieser Plan
sehr angenehm aber sie wusste nicht wie sie es dem Sohne auf eine recht
reizende Art darstellen könnte Ihr letzter Brief an ihn trug es ihm endlich
ausführlich vor wie viel Glück noch in der Welttätigkeit warte wie leicht er
noch dazu gelangen könne er schloss sich mit den Worten »Lieber Sohn wenn ich
Deines Vaters tiefe unerschöpfliche Heiterkeit betrachte diese Unendlichkeit
die sich seinem Gemüte in jedem Kreise erschliesst und wohltuend zu allen
spricht und soll dies alles nicht achten und nur für das Glück für die
Heiligung jenseit des Grabes ihm einen Aufenthalt wünschen und erflehen sieh
da stehen meine Gedanken stille ich kann nicht glauben dass diese Erde einer
edlen Seele je ein bloßes Jammertal werden könne ich kann dieses Leben nicht
jenem aufopfern Denk ich aller Tätigkeit die Dein Vater auf dieses Leben
verwendet so vieler Erfolge die ihm geworden so vieler die ich mit Zutrauen
erwarte denk ich meines eignen Herzens und meiner ganzen Sinnesart die er in
zärtlicher Liebe ohne Härte ohne Zwang gebessert hat es ist mir unmöglich zu
sagen dies alles sei eitel und nichtig und ich hätte eigentlich alle meine
Gedanken auf Gott zu richten und seiner zu vergessen Dieser Tätigkeit für andre
bist Du durch das Klosterleben für immer entzogen Du siehst die Menschen selten
und nur in ihrem tiefsten Kummer im Aufhören ihres Lebens usw« Erst am
vierzehnten Juli es war der Tag ihrer alten Schuld an welchem sie immer früh
aufstand um lange beten zu können erhielt sie die Antwort ihres Johannes er
lehnte das Anerbieten ab nicht weil er sein jetziges Leben für löblicher halte
sondern weil es ihm notwendig ihm Bestimmung sei übrigens erklärte er sich
ganz frei dass er ihre Gesinnung über das Glück und die Tätigkeit dieses Lebens
teile dass diese Meinungen von der Eitelkeit und Nichtigkeit dieser Welt
Missverständnisse wären dass unser Glaube eine Religion des Lebens weder der
Freude noch des Jammers einzeln und abgesondert sei dass ihn dies vor allen
auszeichne die entweder die Not der Welt hinter Lügen zu verstecken suchten
oder den armen Menschen in seinem Jammer und Not und Schwachheit mit hämischer
List anfielen um ihn sich zuzueignen dass aber die letzte Art leider auch
manchen so genannten christlichen Lehrer verführe Er schloss mit den Worten »Du
siehst liebe Mutter dass ich mit dem reinsten Ausdrucke meines Glaubens mich nur
wenigen in meinem Kloster verständigen kann nie werde ich darum streiten denn
Christus der aller Welt und allen Völkern in so verschiedener Gestalt
erschienen allen als Hingebung und Aufopferung aus Liebe warum sollte der uns
im Kloster die wir aus verschiedenen Völkern Ständen und Bildungen
zusammengekommen in der Betrachtung gleich sein in unsern Herzen fühlt er sich
gleich«
    Dieser Brief hatte die Mutter ungemein getröstet welche Freude ist es einer
Mutter von ihrem Sohne belehrt zu werden sie dankte dem Himmel in ihrer Kammer
für die gnädige Führung ihres Lebens und segnete ihre Kinder die vor dem
Fenster sich auf einem Platze herumtummelten Mitten in dieser Freude
überraschte sie der quälende Gedanke warum der Graf sie den Morgen nicht
besucht habe und während sie noch darüber nachsann sah sie ihn mit der
Gitarre eilig nach dem Gartenhause der Fürstin gehen sie erschrak und wollte es
sich nicht gestehen warum auch ihrer Schwester gestand sie es nicht die zu ihr
ins Zimmer trat und sie in Tränen fand doch hatte diese geliebte Schwester bald
die Freude sie mit mancher Erzählung von glücklichen Einfällen der Kinder zu
einer heitern Laune über zu führen So wenig Klelia sonst sprach so
unerschöpflich war sie jedem Traurenden etwas mitzuteilen was ihn beruhigen
oder zerstreuen konnte Als die Herzogin sie verlassen blickte Dolores noch
einmal ein schönes Christusbild an das den kleinen Altar erfüllte sie schlug
die Bibel auf und wurde mit ihren Augen zufällig auf den Spruch geführt den
Christus zu dem armen Sünder sagte »Wahrlich ich sage dir heute wirst du mit
mir im Paradiese sein«  Sie ging zu ihren Kindern und zu ihren
Beschäftigungen aber sie konnte den Spruch nicht vergessen immer stand das
Bild vor ihr milde doch schmerzlich zu ihr sprechend »Wahrlich ich sage dir
heute wirst du mit mir im Paradiese sein«
    Der Graf hatte diesen Morgen seine Frau nicht vergessen er wollte sie mit
einem angenehmen Geschenke überraschen und der Goldarbeiter in Palermo hatte es
nicht beendigt es war ein breiter Goldring auf welchem die zwölf
Planetenzeichen mit Perlen eingelegt waren er sollte zum Ersatz des verlorenen
Verlobungsringes dienen und in dem Bilde des ewig sich verjüngenden Jahrs die
ewig sich verjüngende Liebe darstellen Ungeduldig hatte er am Morgen darauf
gewartet endlich ging er um mit seiner Ungeduld nicht allein zu sein zur
Fürstin auch wollte er dort musizieren Er wusste überdies dass er seine Frau an
diesem Tage noch angenehmer überraschen würde und fürchtete sich in dieser
Stimmung ihr das ganze Geheimnis die nahe Ankunft ihres Vaters zu verraten von
dessen Reise er den Tag vorher die erste Nachricht bekommen und von dem er mit
Bestimmtheit Briefe in Palermo erwartete Diese Gedanken machten seine
Unterhaltung mit der Fürstin sehr einsilbig sie setzte ihm nach ihrer
Gewohnheit feine Früchte und edlen Wein vor diesmal Christitränenwein in einem
sehr alten Familienbecher der aus einem Jaspis geschnitten das Haupt der Medusa
darstellte an der die Schlangen als Handhabe geringelt waren sie hatte immer
eine Freude daran ihn essen zu sehen weil er alles mit voller Empfindung
genoss Er ließ diesmal den Becher stehen versuchte eine Melodie auf der
Gitarre die in seinem Kopfe wogte und immer rührender und anziehender unter
seinen Fingern sich gestaltete Die Fürstin saß auf einem breiten Sessel im
Fenster bald sah sie ihn an bald stützte sie sich auf ihren Arm und hörte ihn
wie aus weiter Ferne Wiederum missdeutete sie das Trauernde seiner Melodie sie
glaubte darin eine verhaltene Sehnsucht ausgedrückt er soll nicht mehr leiden
dachte sie zu lange dauert seine Qual er ist zu bescheiden zu fordern was er
meiner Geburt und Bestimmung unangemessen glauben könnte ich selbst will den
Hauptschritt tun und herrscht er dann über mein Land wie er über mich herrscht
was kümmerts ihn ob er den Titel eines Fürsten tragen darf er ist ein
Zauberspruch der mächtiger wirkt je heimlicher er ist gehalten O Stolz meiner
Ahnen o Stolz meiner Liebe jener möchte ihn beherrschen und dieser sich ewig
ihm unterwerfen  Während dieses Selbstgespräch die Fürstin tief in sich
beschäftigte war der Graf mit seiner Melodie fertig geworden er sang den
rührenden Schluss einer Reihe von Romanzen die das Leben eines unglücklichen
Kaisers besingen Die Fürstin blickte jetzt wieder auf ihn und der Gesang
rauschte an ihrem Ohre wie die Wellen an der Wand eines Schiffes neben einem
Schlafenden der von seiner Heimat träumend die Sichel durchs Korn die Bäche
durch Blumen die Hirsche durchs Laub die Jugend im Tanz rauschen hört bis der
Sturm ihn erweckt Es wird uns schwer auszudrücken wie es ihr so einzeln ins
Herz tönte als der Graf sang
Der Kaiser flieht vertrieben
Flieht das eigne Land
Das Heer ist aufgerieben
Fliehend seine Schand
Nur die sind ihm geblieben
Die er oft verkannt
Denn streng sind die uns lieben
Not hat Lieb erkannt
Er grüßt die alten Tage
Seiner Jugendzeit
Vergisst der Zeiten Plage
In Vertraulichkeit
Die Fürstin hatte von dieser Strophe nichts vernommen als das liebe Wort
Vertraulichkeit Der Graf sang weiter
Zum Fluss ist er gekommen
Findet keine Brück
Da wird sein Herz beklommen
Er kann nicht zurück
Da kommt ein Schiff mit Netzen
»Schiffer nimm zum Lohn
Willst du uns übersetzen
Meine goldne Kron«
Der Schiffer hat genommen
Seine goldne Kron
Doch eh er über kommen
War der Feind dort schon
Die Fürstin dachte in sich Könnte ich ihm nur meine goldne Krone aufsetzen wie
leicht würde mir
                                    Der Graf
»So lieb dir ist dein Leben
Fahr zurück ans Land
Den Schifflohn will ich geben
Mit der eignen Hand«
Der Kaiser droht zu schlagen
Mit dem goldnen Stab
Doch schnell zurückgetragen
Ihn dem Schiffer gab
Jetzt sah er wie die Feinde
Ihn am Ufer sehen
An Freundes Busen weinte
Wollte schier vergehen
Die Fürstin seufzte »An seinem Busen zu weinen an seinem Herzen zu vergehen
wie selig«
                                    Der Graf
»Ich hab nichts mehr zu geben
Als den Mantel mein
Der gibt mir Not im Leben
Bald auch Todespein
War meiner Not Beglücken
Eurer Tage Preis
Den Purpur reißt in Stücken
Geb ihn allen preis«
Er fasst soviel er konnte
Jeder riss sein Stück
Es auf dem Herzen sonnte
Wie ein Stern im Glück
Die Fürstin dachte Nein nicht mit einem Zeichen soll er sich begnügen ganz
will ich ihn einhüllen in meinem Purpur er hat für uns beide Platz dass ich den
Liebling ganz allein mit mir verbinde ihn aller Welt verstecke
                                    Der Graf
Die Stücke heften alle
Auf die Kleider fest
Und vor dem Feind mit Schalle
Halten Ordensfest
Dann stellen sie sich alle
Rings zum Kaiser treu
Dass er von einem Walle
Rings geschützet sei
Der Purpurstern kann blitzen
Wärmt auch wohl das Herz
Kann nicht als Harnisch schützen
Vor der Pfeile Erz
»Ja er muss Sie schützen« rief die Fürstin unerwartet laut Der Graf sagte
lächelnd »ich zweifle« und sang weiter
»Jetzt flieht« befiehlt der Kaiser
»Flieht ich sterb allein«
Sie rufen all zum Kaiser
»Das soll nimmer sein
Der Purpur ist zerrissen
Aus ist nun dein Reich
Vor Gott wir stehen müssen
Bald mit dir zugleich
Wir wollen hier vergehen
Froh des ewgen Muts
Aus unserm Blut erstehen
Rächer deines Bluts«
Die Fürstin hörte jetzt auf die Geschichte und der Graf sang den Schluss
Die Feinde sehen sie blicken
Sehen die Sterne hell
Und ihre Pfeile drücken
In die Herzen schnell
Nach aller Edlen Falle
Fällt der Kaiser auch
Sein Segen über alle
Ist sein letzter Hauch
Die blutgen Purpurstücke
Halten frisch die Farb
Der Feind ist groß im Glücke
Nicht den Schmuck verdarb
Der Graf wollte weitersingen als die Schlossglocke eilfe schlug nun war die
Zeit vorbei wo er den Ring noch erwarten konnte er warf die Gitarre fort und
sagte der Fürstin dass er nach Palermo reiten müsse wo er mit dem Paketboote
Briefe von großer Wichtigkeit erwarte die der Fürstin Freude machen würden
doch bät er sie seiner Frau nichts davon zu sagen  Die Fürstin war überrascht
von diesem Geheimnisse das sie der Frau verbergen sollte ihr war es in dem
Augenblicke ganz gewiss dass ihn dieselben Scheidungspläne von seiner Frau
beschäftigten worüber sie den ganzen Morgen nachgedacht sie wurde rot sie
fragte nach dem Geheimnisse er versagte es ihr aber mit wenigen Worten bei
denen er so bedeutend aussah dass sie ihre Deutung als unfehlbar betrachtete
Wir wissen die beiden Ursachen seiner kleinen Reise der Ring und die erwarteten
näheren Nachrichten von der Ankunft seines Schwiegervaters die er allen geheim
halten sollte Der Graf eilte mit einem leichten Handkusse fort und die Fürstin
sah ihm mit dem wunderlichsten Gefühle nach als er nach flüchtiger Begrüßung
seiner Frau den blendend hellen Weg hinunterritt Sie zählte an den
Blumenblättern ab ob sie sich der Herzogin oder der Gräfin erklären sollte
ihrer Tätigkeit war dieser unerklärte Zustand der drückendste Bestimmtheit in
allem war nicht bloß ihr Grundsatz sondern auch ihre Art Die Herzogin war ihr
zu ernst zu ehrwürdig sie überlegte mit pochendem Herzen noch einmal alles und
ging dann zur Gräfin Die Gräfin war nicht allein die Kinder hatten allerlei
heftige Streitigkeiten die sie zu schlichten suchte es waren der liebreichen
Hyolda allerlei Papiere entrissen die sie heimlich bewahrt hatte erst war sie
darüber sehr böse gewesen endlich musste sie selbst lachen Die Fürstin wartete
mit Ungeduld auf den Augenblick wo die Kinder entlassen würden aber die
Herzogin kam früher es begann ein Gespräch über neue Zeitungen die sie
mitbrachte inzwischen wurde der Mittagstisch angezeigt wo einige reisende
Fremde die Gesellschaft mit den besten Anekdoten aus ihrem Vaterlande erfreuten
die Fürstin konnte aus Ungeduld nichts essen Als alle entlassen waren fand
sich die Fürstin endlich mit der Gräfin allein um die Nachmittagsruhe zu
halten sie brachte zitternd die ersten Worte heraus und bat die Gräfin die
Türen verriegeln zu lassen weil sie ihr eine merkwürdige Geschichte aus ihrer
Familie vertrauen wolle Die Gräfin erfüllte ihre Bitte Die Fürstin entwarf nun
mit der ganzen Gewalt ihrer Rede ein Gemälde ihres Zustandes und wie sie in des
Grafen Seele zu lesen glaubte wie er zu ihr gezogen werde und seiner Frau doch
nicht entsagen könne Sie wollte eigentlich die wahren Menschen noch nicht
erkennbar machen aber ihre Heftigkeit hatte alles so deutlich gemacht dass die
Gräfin die sich in ihrer Seele schämte mit niedergeschlagenen Augen ihr
versicherte sie erkenne alle die sie ihr beschrieben leider möchte alles wahr
sein es wäre ein schmerzliches Geschick denn sie wäre innig überzeugt wenn
ein Mann auf Erden ganz schuldlos sei so wäre es der Graf auch vertraue sie
ihm ganz er werde das heilige Sakrament der Ehe gegen eine wilde Leidenschaft
verteidigen  aber Trennung sei notwendig und so lieb ihr die Fürstin  sie
flehe in ihr die Freundin die Mutter an Sizilien bald zu verlassen
    Eine so freie Hingebung und Offenherzigkeit hatte die Fürstin nicht
erwartet sie fuhr verlegen in ihrer Erzählung fort und gestand ihr stammelnd
dass diese Rettung diese Warnung zu spät sie ging in heftiger Bewegung im
Zimmer auf und nieder und bekannte in gebrochenen Worten wie nahe sie sich seit
jener Nacht am Ätna dem Grafen verbunden glaube sie sei mit ihm eins und
unzertrennlich er selbst sei bedacht heute diese Verbindung zwischen ihnen
öffentlich zu begründen das sei die Ursache seiner Abreise nach Palermo deren
Geheimhaltung er ihr anbefohlen »Warum wäre er auch nicht mein« rief die
Fürstin mit Begeisterung »bin ich doch ganz sein«  Die Gräfin erblasste bei
diesen Worten sie litt schon seit einiger Zeit an Ohnmachten in süßer
Vergessenheit ihres Schmerzes sank sie in die Arme der Fürstin Jetzt stieg das
Mitleid wieder heiß in die Gedanken der Fürstin es kam ihr der Gedanke wie
dieselbe Frau die Mittags so fröhlich im Kreise der Ihren gesessen jetzt
bleich und tot in ihren Armen liege sie fürchtete sich davor dass der Graf
eintreten möchte alle Aufmerksamkeiten und Liebkosungen mit denen er so oft in
ihrer Gegenwart seine Frau erfreut hatte fielen ihr ein und sie wurde auf
einmal an der Leidenschaft irre die sie in ihm vorausgesetzt hatte  die
menschliche Betrachtung drängt auch in ihrer höchsten Verirrung noch in
Augenblicken und gegen den bösen Willen zur Wahrheit und Gerechtigkeit
Angstvoll drückte sie die Ohnmächtige an ihre Brust die mit Schauder an ihrem
Busen erwachte sich matt erhob ihre Hände faltete und rief »Gott du bist
gerecht«  Der Fürstin klang dieser Ausruf in der Seele wie ein Freudengeschrei
wider es ist doch alles wahr und noch viel mehr es wird mir alles noch
werden Glück und Freude so sagte sie in sich hier ist ein Geheimnis das mich
beglückt sie drang in die schwache Gräfin ihr alles zu enthüllen sie wisse
alles sagte sie Gott sei gerecht so müsse es kommen wenn es gleich
schmerzlich  Die Gräfin meinte der Graf habe der Fürstin jenes Geheimnis
ihre alte Schuld mit dem Herzoge verraten es tat ihr wehe aber sie verzieh es
ihm sie musste sprechen die Welt lag auf ihrer Brust und so erzählte sie mit
vielen Tränen wie sich damals alles zu ihrem Verderben gefügt habe sie
berichtete ihr alles was sie bis dahin niemand als ihrem Manne ihrer
Schwester dem alten Diener und ihrem Beichtvater bekannt hatte  Die Fürstin
war so verwundert von diesem Bekenntnisse wie ein Räuber der vor Gericht sich
überzeugt es sei sein Eigentum gewesen was er entwendet die wilde Heftigkeit
verschwand ihr sie konnte sich in Ruhe erklären mit klarem Blicke schien sie
noch zu schützen was sie zerstören konnte sie rührte sich selbst mit ihrer
Milde indem sie der Gräfin versicherte des Himmels Wille sei deutlich er
strafe Gleiches mit Gleichem sie solle sich geduldig fügen den Mann
abzutreten den sie doch nie ganz glücklich machen könne der hinter
Liebkosungen bisher den inneren Vorwurf versteckt habe der unvermeidlich bei
jeder Erinnerung früherer Zeit ihn belasten müsse »Ich allein« rief die
Fürstin »verstehe ihn ganz ich allein kann ihm ein neues Leben und einen
angemessenen Wirkungskreis geben in seinem Lande unter seinem Volke wohin er
sich so oft zurückgewünscht«  »Freilich« sagte Dolores »mag er sich oft nach
Deutschland zurücksehnen er verschwieg es mir aus Schonung weil er es
meinetwegen meidet doch hat er auch mir diesen Wunsch zur Rückkehr entdeckt
als ihm ein guter Fürst einen großen Wirkungskreis versprach ich konnte den
Gedanken nicht ertragen«  Die Fürstin ergriff dieses Wort »Ich gebe ihm einen
Wirkungskreis im Vaterlande worin ihm alles Vergangene schwindet und meine
Liebe schenk ich ihm obenein mein Land wird alle seine Tätigkeit fordern und
dankbar anerkennen er soll ein Vorbild werden deutscher Fürsten und wie ein
Gott in der entarteten Zeit auftreten sein ganzes Leben seine ganze Ausbildung
führen ihn dahin mit mir erfüllt er seine unbewusste höhere Bestimmung« 
Gedenken wir der hohen fast abergläubisch vergötternden Verehrung der Gräfin
gegen ihren Mann des herrschenden Ansehens der Fürstin ihrer überzeugenden
Stimme diese Worte erweckten den ganzen Edelmut der Gräfin der jetzt als ein
neuer Feind gegen ihre Liebe und gegen das Zutrauen zu ihrer Liebe auftrat
schmerzlich sah sie das Bild des Grafen an das an der einen Wand des Zimmers
hing »Gib mir ein Zeichen« betete sie zu dem Bilde »was dein Wille ist zu
wem wendest du deine lieben Blicke«  »Zu mir zu mir« rief die Fürstin »mich
sieht er an mit der ganzen Freundlichkeit und Hingebung wie am Ätna«  Die
Gräfin wandte sich von dem Bilde denn zum erstenmal kam ihr eine Bitterkeit
gegen den Geliebten in die Seele sie erklärte mit gebrochener Stimme Sie wolle
dem Grafen entsagen wenn es sein Wille sei  Jetzt glaubte die Fürstin alles
gewonnen sie hätte mit ihrem halben Leben der Gräfin den Schmerz dieses
Entschlusses lindern mögen sie selbst wollte alles schriftlich aufsetzen um
nichts zu übereilen und um ihr schmerzliche Mühe zu ersparen die Gräfin ließ
alles geschehen es drehte sich um sie die Welt in schrecklicher Verwirrung und
sie stürzte in fürchterlichen Krämpfen nieder als eben die Fürstin das Zimmer
verlassen wollte Die Fürstin war erschrocken und wagte sich nicht zu ihr sie
glaubte sie sterbend und dachte Wenn sie stirbt ist alle Not und Verwirrung
aus  Und dann war ihr der Gedanke ein Vorwurf sie betete zum erstenmal seit
vielen Jahren aber sie wusste nicht zu wem »Lass mich nicht grausam werden in
meinem Herzen lass sie leben«  So schwebend zwischen der Gräfin und der Türe
stand sie wohl ein paar Minuten ehe sie die Türe entriegelte und die
Kammerfrau zum Beistande für die Gräfin herbei rief Alles eilte der Gräfin zu
Hilfe niemand dachte die Fürstin als Ursache dieser Zufälle die sie in der
letzten Zeit mehrmals aber freilich unendlich schwächer gehabt hatte Die
Fürstin fand ihre Hilfe überflüssig es schien ihr notwendig die Entsagung
schriftlich unterzeichnet dem Grafen bei seiner Rückkehr vorzulegen sie eilte
nach ihrem Gartenhause alles aufzuschreiben um das wiederkehrende Bewusstsein
der Gräfin zur Unterzeichnung dieser Entsagung schnell benutzen zu können Die
Fürstin erscheint uns vielleicht in diesem Augenblicke unnatürlich hart doch
hing diese Härte in ihr mit ihren schönsten Kräften zusammen die sie sonst zur
Beglückung ihres Landes so wohltätig entwickelt hatte wo sie handelte war sie
mit festem Entschlusse auf alle Fälle gefasst mit ihrem Gemüte mit allen
äußeren Eindrücken hatte sie dann abgerechnet ihr Wille war ihr der Mittelpunkt
der Welt und sie glich in solchem Falle einem tüchtigen Wundarzte der gar
nicht das Geschrei des Unglücklichen hört wo es des schmerzhaften Schnittes
bedarf sondern mit allen Kräften zum schnellen Ende der Qual arbeitet Indem
sie hastig nach ihrem Gartenhause schritt trat ein wunderschöner Mann
anständig gekleidet hinter einem Pinienbaume hervor und erkundigte sich ob
wohl die Fürstin zu sprechen Ungeachtet der Mann ihr auffiel wollte sie dem
Geschäfte doch keine Zeit versäumen und sagte flüchtig dass sie erst spät
Abends von einer Reise zurück erwartet werde der Mann zog sich ängstlich mit
vielen Entschuldigungen seiner dreisten Anrede in den Garten zurück Die Fürstin
eilte nach ihrem Zimmer und suchte ihr Schreibzeug konnte es aber nicht
finden da der Graf es den Abend vorher zum Skizzieren einer Aussicht
mitgenommen und im Garten hatte stehen lassen Sie rief dem Schreiber der auf
die Jagd gegangen vergebens sie brauchte ihn nie zu dieser Zeit und doch ward
sie jetzt sehr böse dass er ausgegangen sie musste sich selbst Schreibegeräte in
dessen Zimmer suchen welches er wegen der Mineraliensammlung die darin
aufgestellt immer offen lassen musste In Gedanken suchte sie schon die besten
Ausdrücke für die Entsagung der Gräfin dass ihre Großmut nicht neue Liebe in dem
Grafen erweckte als sie sich nach Tinte und Feder umsah sie ward sehr
ungeduldig als sie nichts fand denn der junge Mann verschloss alles das Seine
mit einer Ordnung als sollte er sterben In ihrer heftigen Art versuchte sie an
dem verschlossenen Schreibepulte ob es nicht zu eröffnen sei Sie setzte die
Spitze des Mineralienhammers in die Klappe und da das Holz in der gewaltigen
Hitze eingetrocknet war so mochte die Klappe leicht aufspringen Ungeduldig
griff sie nach Papier Feder und Tintefass sie fand alles und wollte die Klappe
eben zulehnen als eine Masse aufgeschichteter Papiere denen sie die Unterlage
genommen herausfiel Aufgebracht über die Nachlässigkeit des jungen Menschen
der ihr so viele unnütze Mühe gemacht griff sie in die Masse und drückte sie
hinein als ihr etwas unnatürlich Kaltes die Finger berührte sie sah hin und
fand dass jenes Bildnis in Gold gefasst das sie in jener Nacht dem beglückten
Freunde zurückgelassen wieder in ihre Hände gefallen sei Erst glaubte sie
einen Diebstahl zu entdecken aber wie sie die Papiere in wilder Hast durchlas
deren jedes eine Feier jener Nacht ein Lobpreisen des beglückenden Zufalls und
der täuschenden Dunkelheit war da stand in einem Augenblicke die ganze Wahrheit
vor ihr sie durchdrang das Unselige der Begebenheit und der wilde Geist der
ihre Seele lange von fern umlagert und immer enger bedrängt hatte zog als
Herrscher ein und stellte sich triumphierend auf die höchste Zinne Mitten in
dem Ekel gegen den Missbrauch ihres Leibes und ihrer zutraulichen Seele der ihr
Inneres empörte fühlte sie deutlich wie sie jede Äußerung des Grafen so falsch
gedeutet wie nun alles seine Reden sein Betragen einen verständigen
Zusammenhang gewinne was ihr bisher rätselhaft geschienen nur der Abschied am
Morgen blieb ihr fremd aber sie fühlte wohl dass auch etwas Unbedeutendes
hinter dem kleinen Geheimnisse für seine Frau verborgen sein könnte sie fühlte
den Grafen seiner Frau unauflöslich verbunden auf ewig von sich getrennt Ihre
letzte Liebe erlosch ohne Tränen in der Wut in der Rache die jetzt ihre ganze
Seele geisselte Ruhig glaubte sie zu überlegen und sie war außer sich ihre
Augen rollten umher und suchten nach Waffen aber alles war da so friedlich von
wissenschaftlichen Sammlungen umstellt Die Sonne strahlte ihre grimmigen
Glutpfeile ins Zimmer und machte sie immer geduldloser So blickte sie umher
und bemerkte mit starrer Freude auf einer der Schubladen voll Mineralien den
Totenkopf gemalt der wie wir uns erinnern den Leichtsinnigen gegen eine Menge
giftiger Metallkalke warnen sollte Begierig griff sie danach und fand sich so
reich als dieser Schatz in ihren Händen sie eilte damit auf ihr Zimmer Da
stand noch der edle Tränenwein in dem Becher eingeschenkt wie ihn der Graf am
Morgen ungeleert hatte stehen lassen und sie mischte den edlen Sonnenwein der
zu dem Dienste des Herrn bestimmt war mit den Schrecken der Unterwelt welche
Habsucht und Neugierde der Menschen töricht ans Licht fördert An den strengen
Vater der ihr den Becher geschenkt dachte sie jetzt bis an ihr Ende seine
Natur trat jetzt in ihr ganz hervor ihr Entschluss war gefasst er hätte eben so
gehandelt denn so war der Sinn seiner Gerechtigkeit in der sie ihre Rache
erdachte
Der Schreiber war mit seiner Jagdflinte weit umher geirrt er war kein
eigentlicher Jäger er hatte erst unter der Anleitung des Grafen seine Flinte
laden und abschiessen gelernt und begnügte sich damit kleine Vögel die zum
Auffliegen nicht Lust hatten zu beschleichen und meist zu verfehlen An dem
Tage geschah es ihm dass er einer Nachtigall von Baum zu Baum nachfolgte bis er
sie zum Schuss gebracht hatte da ergriff ihn ein wunderliches Mitleid er setzte
das Gewehr ab die Nachtigall schlug freudig und er sang
Sing Vöglein das den Zweig bewacht
Ich leg nicht an zum Schießen
Du singest mir von guter Nacht
Du musst mein Liebchen grüßen
O könnt ich mich so singen aus
Sie müsst es einmal hören
Sing Nachtigall hier ohne Graus
Ich will dich nicht mehr stören
So weich wie deine Federlein
Bin ich von süßen Wehen
Ich gehe in den Wald hinein
Mag doch kein Blut mehr sehen
Ein Tränlein auf das Pulver fällt
Und löschet alles Feuer
Dir Nachtigall bin ich gesellt
Und traure in der Feier
Nun dachte er wie es ihm noch so wunderbar gehen könnte die Gegend war so
fremd wohin er sich verirrt hatte dass ihm viele Märchen seiner Jugend
einfielen von Elfenköniginnen die sich bei schönen Mondscheinnächten in
Jünglinge verliebten und sie zu sich hinaufzogen das waren aber alles Ritter
kein Schreiber war darunter Hier fiel ihm Eginhard Karls des Großen Schreiber
ein wie den des Kaisers Tochter auf den eignen Schultern durch den Schnee
getragen In angenehmen Träumen verlor er sich über den Kreis der
Wahrscheinlichkeit, er sah sich an der Seite der Fürstin als Herrscher des
Landes ließ alle seine Liebhabereien mitregieren sammelte Säle voll alter
Marmorinschriften voll alter Handschriften ein kleiner schwarzer Hirtenknabe
erweckte ihn indem er sich zu ihm setzte mit seinen Ziegen viel zu reden
hatte und zuletzt ein heitres Lied sehr spöttisch sang
Es war ein alter König
Der hat ne schöne Magd
Da freut er sich nicht wenig
Weil sie ihm wohl behagt
Er lässt die Ritter laden
Zu seinem Hochzeitfest
»Es wird dir wahrlich schaden«
Spricht einer seiner Gäst
Da sprechen sie gleich alle
»Wir bleiben dir nicht treu
Wenn du uns aus dem Stalle
Die Köngin holst herbei«
Er nimmt vom Haupt die Krone
Er sieht sie schweigend noch an
Und wirft sie von dem Throne
Auf n ersten besten Mann
Und ruft »Wer sie gefangen
Der soll mein König sein
Ich hab nicht mehr Verlangen
Zu herrschen ledig allein
Es mag ein jeder werden
Was ich gewesen bin
Dieweil ich nun auf Erden
Erst lustig worden bin«
Auf den die Kron gefallen
Dem schlug sie ein das Hirn
Das war der eine von allen
Der mit der frechen Stirn
Ja wem die Kronen fallen
Dem fällt ein schweres Los
Doch vielen sie gefallen
So wird er sie bald los
Der Schreiber wusste nicht warum ihn das einfache Lied so ängstigte es war ihm
so ein eigener Doppelsinn darin der ihn in seiner Träumerei störte er konnte
sich selbst als einen Herrscher nicht mehr denken er hörte es nicht ganz aus
sondern stand auf der kleine Hirtenbube rief ihm ein sizilianisches Sprichwort
nach »Zum Hängen kommst du immer noch früh genug« Es dunkelte schon etwas und
da er den Weg nicht genau wusste so ängstigte er sich sehr ab ehe er in die
Nähe des Schlosses kam und trat außer Atem und mit klopfendem Herzen in das
Zimmer der Fürstin die ihn gleich bei seinem Eintritte in das Gartenhaus zu
sich geklingelt hatte Wie er so eintrat fielen die Sonnenstrahlen hell auf
sie sie sah sehr ernst aus und zeigte ihm schweigend jenes Bild das ihn
verraten Erschrocken stürzt er ihr zu Füßen und umfasst ihre Kniee sie hebt
ihn auf und spricht »Ich hatte dir viel Gutes getan dir und den Deinen du
hast mich betrogen du hast meine Gunst nicht ritterlich gewonnen sondern wie
ein Dieb aber die Liebe verzeiht der Liebe alles du hast mich dir unterworfen
der du mein Untertan warst schwöre mir neue Treue denn jene alte hast du
gebrochen schwöre mir bei diesem Becher den ich mit dir treulich teilen will
ewige Treue im Tode«  Er schwört ihr ohne Besinnung bei Seele und Seligkeit
sie leert die Hälfte des Bechers und gibt ihm den Rest er leert ihn ohne zu
ahnden ohne zu schmecken welches Verderben er enthalte Als er ihn geleert
hat glaubt er mit einer Umarmung seines Glückes sich versichern zu dürfen die
Fürstin stößt ihn zurück ehe er noch seine Verwunderung zu äußern vermag
bedrängen ihn innerlich heftige Schmerzen und werfen ihn nieder »Jetzt komme
in meine Arme Verräter« ruft die Fürstin die ihren Zorn nicht länger
zurückhalten kann »wendest du dich von mir willst mich kriechend im Staube
verehren wie die Schlange hast du wieder genossen was dich verdirbt wie du
meiner Schönheit Freude genossen hast in jener Nacht die dich am Tage verdirbt
keinen Tag siehst du mehr dies sind die letzten Strahlen die mir deine
hässliche Gestalt zeigen und mein Abscheu gegen dich hat keine Grenzen« Der
Schreiber ruft bange um Hilfe aber erst als er mit raschem Schmerze dem
Ausgange des Lebens nahet tritt jemand zu ihnen ein eben der schöne Fremde
den die Fürstin von sich gewiesen hatte alle Leute des Schlosses waren mit der
kranken Gräfin beschäftigt »Wer Sie auch sind« sagte die Fürstin zu ihm
»dieses Unglück ist nicht abzuwenden hören Sie aufmerksam zu damit Sie den
Nachbleibenden die uns verlassen haben alles berichten können« Ängstlich
steht der Fremde bei den Leidenden und kann zu keinem Entschlusse kommen ob er
sie verlassen solle um Hilfe zu suchen er hört die Erzählung der Fürstin und
seufzt »Ach so ist mein Traum doch eingetroffen so war zu spät die Warnung«
Wir werden diesen Fremden später näher kennen lernen ihm verdanken wir die
meisten Nachrichten von dieser Geschichte
    Die Gräfin hatte inzwischen unglaublich gelitten der Leibarzt der Herzogin
gab wenig Hoffnung bei diesem unerklärlichen Zustande jedermann wünschte und
fürchtete die Ankunft des Grafen die Herzogin sah von Zeit zu Zeit nach der
Landstraße und betete mit Ungeduld dass er doch endlich zurückkäme endlich
sieht sie Staub es kommt ein Reiter aber auch eine Kutsche und sie bedauert
die Fremden die zu solchem Jammer ankommen Fröhlich jagt der Graf neben dem
Wagen her der den Minister mit seinen Begleitern in ungeduldiger heiterer
Erwartung zum Schloss führt der Minister hatte seine Reise so beschleunigt
dass er selbst seinem Briefe zuvorgeeilt war Auf dem Wege der in der Nähe des
Gartenhauses vorbei führt hört der Graf das Jammergeschrei der beiden
Sterbenden er springt vom Pferde der Minister aus dem Wagen der Fremde ruft
aus dem Fenster ihm entgegen er möchte eilen ein großes Unglück sei geschehen
Ehe er ins Haus getreten flehet ihn einer seiner herbeigeeilten Bedienten an
er möchte zu seiner sterbenden Frau eilen das Blut läuft ihm in schrecklicher
Verwirrung durcheinander aber der Gedanke an seine Frau führt ihn unbewusst nach
dem Schloss während er dem Minister winkt nach dem Gartenhause zu gehen Der
Minister eilt die Treppe hinauf von dem Fremden geführt er weiß nicht was
seiner wartet als er ins Zimmer tritt findet er die Fürstin seine verehrte
Freundin und Beherrscherin sehr entstellt auf dem Sopha liegen ihr zu Füßen
den Schreiber der sich in letzter Todesverzweiflung noch an sie angeschlossen
Der Minister wirft sich bei der Fürstin nieder und frägt abgewandt »Was ist
geschehen wie ist zu helfen«  Die Fürstin erkennt ihn gleich und sagt »Sie
hier mein alter Freund mir ist nicht zu helfen war der Graf nicht vor der
Türe ich glaubte seine Stimme zu hören«  Der Minister antwortete ihr dass
der Graf eben hätte eintreten wollen als er zu seiner sterbenden Gattin gerufen
worden  Das Gesicht der Fürstin verzieht sich schmerzlich sie seufzt »Der
Graf will mich nicht sehen ich soll ihn nicht mehr sehen und die Gräfin stirbt
Armer Vater das ist mein Werk aber nicht mein Wille Ich kann nicht mehr
aufstehen der Mensch unten hält mich gern möchte ich die Gräfin um Verzeihung
anflehen«  Der Minister versucht den Schreiber fort zu schieben aber
vergebens ihn hatte die zerstörende Neige des Giftes die er begierig
eingeschluckt schnell erstarrt Die Fürstin blickt hin und sagt »Ist er tot
Wie konnte er so wenig Gift vertragen und so große Schuld übernehmen  ihr
letzten Zeugen meiner Leiden ich bitt euch sagts aller Welt ich habe ihn
vergiftet eingedenk des Vaters strenger Gerechtigkeit und seines hohen Stolzes
ihm schwor ich auf dem Totenbette des Hauses Ehre heilig zu bewahren ich habs
getan Der schnöde Sklave hatte trüglich meinen Leib zu seiner Lust missbraucht«
 Zuckungen unterbrechen ihre Rede sie stammelt mit Abscheu wie sich alles
ereignet ihre Zuhörer sind von dem Schrecknisse festgehalten und gelähmt nur
der Kammerjunker eilt nach dem Schloss den Arzt zu rufen Endlich unterbricht
der Minister ihre Erzählung und bittet sie daran zu denken wie bald sie werde
stehen vor Gottes Angesicht wo der arme Schreiber da mit ihr erscheine wo alle
Menschen gleich dem Minister war der Glaube seiner Kindheit in diesem
Schrecknisse wieder erschienen  »Gottes Angesicht« ruft sie mit letzter
Kraft »wird er nie sehen er hat geschändet den Leib Gottes dessen Ebenbild
auch ich war« 
    Dieses waren ihre letzten Worte fast ohne Reue hart und wild
ausgesprochen wie zu einem hoffnungslosen Kampfe in welchem sie doch die gute
Sache auf ihrer Seite glaubte so starrte sie dem Tode entgegen der Arzt kam zu
spät Ihre letzten jammernden Ausrufungen wollen wir nicht aufzeichnen sie
gehörten ihr wohl nicht mehr sie sind der bloße Schrei der allgemeinen
menschlichen Natur die sich von dem gewohnten Lebenskreise mit Mühe trennt Der
Minister überließ sich nicht gern seinem Gefühle er vermied es aus einem
gewissen Grundsatze der Selbsterhaltung jetzt wo es ihn überraschte konnte er
es nicht ertragen die vordrängenden Tränen durchzuckten ihn schmerzlich er
wendete sich von der Sterbenden die der Fremde in seinen Arm genommen der sich
ihr als ein ferner Anverwandter aus unglücklichem Stamme als der Prinz von
Palagonien angab ihm danken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte
er ist der unglücklichste und edelste Mensch den die Erde getragen
Der Minister trat ins Schloss wo alle in dumpfer Betäubung umherschlichen
horchten keiner ihn fragte zu wem er wolle wo keiner seine Fragen
beantwortete er irrte umher und traf endlich auf die Herzogin die er fragte
wo seine Töchter zu finden wären Die Herzogin küsste ihm die Hand und sagte
»Mein teurer Vater wie müssen wir uns wiedersehen Gehen Sie nicht weiter im
nächsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores die ich vor wenigen
Stunden gesund verlassen sie ringt mit fürchterlichen unerklärlichen Träumen
die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann Ich habe
mich einen Augenblick entfernt denn meine ganze Seele ist zerrissen und selbst
dem himmlischen Troste ist mein erschüttertes Herz geschlossen«  Bei diesen
Worten sank sie schluchzend in des Vaters Arme
Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschloss noch alle da kam der geistliche
Sohn Johannes den eine Botschaft aus dem Schloss hinberufen und trat an
seiner Mutter Bett Bei seinem Anblicke kam ihr die Klarheit des Geistes wieder
O dieser schönen letzten Klarheit sie war so ganz bei sich als sollte sie noch
eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben die sie so bald verlassen sollte
die sie aber wohl noch als ein allgegenwärtiger liebevoller Schutzgeist umwohnen
mag Die ersten Äußerungen ihres erwachten Bewusstseins waren Großmut und
Aufopferung sie sagte dem Grafen dass sie nach ihrem Tode keine Frau wüsste die
ihm tröstlicher sein könnte die ihm und ihren Kindern mehr zugetan wäre als
die Fürstin Deutschland würde ihn freudig empfangen Der Graf hielt diese
Äußerung noch für bewusstlose Schwärmerei und bat alle umher von dem Tode der
unseligen Fürstin zu schweigen die Gräfin aber hatte dies vernommen und
erfragte allmählich die traurige Begebenheit sie betrauerte der Fürstin Leiden
und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls Das Geheimnis seiner
Reise der Planetenring den er ihr zum Ersatz des verlorenen Verlobungsringes an
den Finger steckte durchdrang sie mit dem Vergnügen ihres ganzen Lebens es war
ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schön
wie in den ersten Stunden seiner Liebe Nie fühlte sie sich ihm so nahe ihre
Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid wie ihr Körper sie fühlte sich
durch ihre Busse ihrem Manne und der Welt versöhnt sie scheute sich nicht eine
Ewigkeit zu bleiben wie sie in den Augenblicken geworden und ein Rückblick in
das veränderliche sterbliche Leben machte ihr Schmerz Noch gedachte sie ihres
Vaters mit Sehnsucht und auch dieser Wunsch war ihr durch seine Nähe schnell
gewährt Sie fühlte sich sehr schwach und begehrte die letzte Ölung aus den
Händen ihres Sohnes Johannes der sie ihr mit Würde und Heiligung erteilte die
Fackeln erhellten das stille Zimmer in welchem nur das Schluchzen ihrer Lieben
zuweilen die fromme Segnung unterbrach draußen hatte Sturm die Himmelsfackeln
ausgelöscht und die Schiffe wurden entmastet vorübergetrieben Dolores betete
mit Erhebung und segnete die Ihren sie gedachte der am Morgen aufgefundenen
Worte Christi »Wahrlich ich sage dir heute wirst du mit mir im Paradiese
sein« da füllte ein Blutstrom den betenden Mund ihr Tod war kein Kampf mehr
wie ihr Leben sondern der Anfang des Friedens Sie starb den vierzehnten Juli
an demselben Tage in derselben Mitternachtstunde in welcher sie vor vierzehn
Jahren die heilige Treue gegen Gott und ihren Mann gebrochen
    Ewige Gerechtigkeit warum musste sie sterben Dass dir schaudre Mensch vor
der Gewalt der göttlichen Leidenschaft der allmächtigen Liebe welche von der
Jugend so oft in törichtem Leichtsinne aufgesucht und ausgefordert wird  dass
dir nicht graue vor dem Tode sterblicher Mensch denn er ist dir gewiss dass du
gedenkest in ihm deines Lebens und dessen unerschöpflich reicher Erfahrung Der
Zukunft gehört alle Welterfahrung möge keinem ihre gute Lehre zu spät kommen
wer sich nicht verschließt dem ist sie nicht verschlossen in ihr lebt alles
Vergangene ein vollkommenes Leben Der Mensch steht aufgerichtet in der Welt
dass er sich umschaue mit offenen Augen oft will er sich begnügen mit seinem
Kreise aber die Not treibt ihn gewaltsam auf die Höhen die seinen Blick erst
beschränkten da strahlt ihm das Licht der Welt sie liegt unter ihm die dunkle
Erde scheint leuchtend oben umschließt ihn das ewige Blau Zu dem Lichte möchte
der Mensch dann aufsteigen da beweist ihm die irdische Schwere schwindelnd in
ihm ihre letzte Macht Er fühlt dass sie ihn stürzen kann und er betet zu
allem was ihn erhoben dass es ihn nicht zuschanden werden lasse Da scheidet
sich sein Wesen das Blut aus tiefem irdischen Triebe aufwallend zur höheren
reinen Luft füllt den betenden dürstenden Mund der Mensch stürzt nieder sein
Göttliches steigt empor  dies ist der Tod auf den Höhen der Welt so
beschreiben ihn die Reisenden die hohe Berge besteigen
Der Graf die Herzogin die Kinder niemand wollte von der Sterbenden weichen
Johannes stand allen bei mit heiliger Kraft als die Verzweiflung über den
unglücklichen Verlust sie beim Leichenbegängnisse ergriff Die Nachricht ihres
Todes verbreitete sich durch die Sterbeglocke der Schlosskapelle durch die ganze
Insel die Glocken läuteten wie bei einem Erdbeben alle fromme Seelen beteten
für sie viele dankbar für empfangene Wohltaten
Dem Grafen blieb nach dem unendlichen Verluste viel seine Trauer und zwölf
schöne Kinder seiner Dolores Abbilder im Spiegel Gottes und eine liebende
Mutter für alle die Herzogin Die Welt wünschte bald wegen der Kinder die
Vermählung des Grafen mit der Herzogin aber es ziemte nicht dem Schmerze
beider nicht der Gewohnheit ihres Lebens auch bedurften sie keiner anderen
Vertraulichkeit miteinander ihr Sinn und ihr Herz waren im Denken wie im
Handeln eins Nachdem Johannes die erste trübe Zeit dem Grafen mit Andacht
geheiligt hatte trat der Fremde den wir als Prinzen von Palagonien kennen
lernten zu ihm es war das erste Unternehmen des unentschlossenen Prinzen als
er ihm seine Freundschaft so offen so gutmütig antrug dass der Graf sich ihm
ganz erschlossen fühlte Die beiden unglücklichen Freunde erheiterten einander
mit der Erzählung ihrer Schicksale der ruhigere Prinz mäßigte die heftigen
Ausbrüche des Schmerzes im Grafen die rastlose Tätigkeit des Grafen zerstreute
den von aller Welt zurückgezognen Prinzen durch wiederkehrende Berührung mit
derselben Oft glaubte der Graf seine Dolores habe ihm aus dem Himmel diesen
edlen Freund zugesendet er schien ihm eine einsame Insel die aus einem wilden
Meere das ihm alles entrissen hervorgegangen ihn freundlich aufgenommen und
erhalten hatte Lange verweilte der Minister bei der frommen Herzogin Der
Anblick seiner sterbenden Dolores hatte ihn tief gerührt aber die Erinnerung
war ihm nicht fürchterlich dagegen ließ ihm das Andenken an die Fürstin in
Träumen keine Ruhe oft erschien sie ihm auf einem glühenden Throne und flehte
ihn an dass er für sie beten möge Er lebte vom Troste der Herzogin und konnte
sich lange nicht zur Abreise entschließen Der Kammerjunker musste in Aufträgen
von ihm den Erbprinzen aufsuchen die Erzählung des furchtbaren Ereignisses
wirkte auf den leichtsinnigen jungen Mann er entschloss sich von dem gewohnten
Leben abzugehen Seine Kameraden staunten und frohlockten über seine Verwandlung
in einen Fürsten jeder hoffte durch ihn seinen Vorteil nur Furiosa die sich
durchaus in seine neuen Gesellschaften nicht finden konnte verließ ihn
Der Leichnam seiner Mutter der Fürstin wurde in einem halben Jahre von den
morgenländischen Balsamen womit ihn die Ärzte gegen Verwesung schützten
hinlänglich durchdrungen um die warme Luft ertragen zu können Die Sorge für
diese geehrten Überbleibsel verpflichtete den Minister endlich zur Abreise nach
Deutschland der Abschied von seiner Tochter von seinen Enkeln wurde ihm sehr
schwer Er selbst setzte sich in den Wagen der den Sarg verschloss und von
allen Kirchen traurig bewillkommt wurde Die Dichterin folgte ihm in einem
anderen Wagen sorgsam beschäftigt mit seiner Pflege er erkannte es denn er
war weich und milde geworden durch die harten Stöße des Geschicks Als sie so
durch die Pontinischen Sümpfe zogen gedachte sie mit Leidwesen wie die
Wahrheit alles Schauerliche ihrer Dichtung vom Hylas übertroffen Nachdem die
Fürstin in der Gruft ihrer Väter beigesetzt worden traf der Erbprinz in der
Hauptstadt ein er wusste von dem Lande nichts hatte aber Kenntnis der Zeit er
überließ die meisten Geschäfte dem Minister der aus Liebe zu ihm und zum Lande
alles wieder übernommen hatte
Tage und Nächte voll Sehnsucht nach dem stillen Lande das alles Verlorne
wiederzugeben verspricht vergingen dem Grafen leichter seit ihm sein Freund
der Prinz den Gedanken eines Denkmales auf die geliebte Dolores mitgeteilt
hatte Unablässig betrieb er die Arbeit sie beschäftigte die geschicktesten
Bildhauer und ehe ein Jahr vergangen erblickten die Seefahrer mit frommem
Danke die übergrosse Bildsäule der Gräfin wie sie mit der einen aufgehobenen
Hand warnend mit der andern ausgestreckten segnend von ihren zwölf Kindern
umringt auf der Spitze einer gefährlichen Klippenreihe die bis dahin der
Untergang mancher Hoffnung und manches Lebens geworden milde aus dem Himmel
herableuchtend ihnen erscheint Ihre Augen und ihre gräfliche Krone und die
Augen und Kronen ihrer Kinder werden jede Nacht durch eine kunstreiche
Einrichtung wie ein neues wunderbares Sternbild erleuchtet das noch hell
glänzt während alle am Himmel hinter Wolken erloschen die Seeleute nennen
diesen Leuchtturm »Das heilige Feuer der Gräfin« oder auch »Das heilige Feuer
der Mutter«
So oft der Graf dieses Denkmal beschaute musste er des Verlobungsringes
gedenken welcher in der Meerfahrt verloren gegangen mit wunderbarer Sehnsucht
wünschte er ihn zurück der Ring hatte ihn an das Meer gebannt tagelang stand
er traurend am Ufer und suchte nach ihm im Sande Vergebens waren alle
versprochenen Belohnungen den Ring aus der Tiefe zu hohen die Stelle wo er
hinein gefallen war unergründlich Was keinem anderen möglich gelang dem
Freunde der Prinz brachte ihn an einem heiteren Morgen freudig unserem Grafen
zurück wie er ihn erhalten bleibt ein Geheimnis
    Alle Liebe die der Graf mit diesem Ringe der Verstorbenen geschenkt hatte
wandte er nun zu dem ewigen göttlichen Vorbilde aller Leidenden den dieser Ring
in dem Kreise der Apostel darstellte auch fühlte er sich durch den Anblick
desselben wieder erfrischt das Leben zu ertragen und es in allen seinen übrigen
Wirkungskreisen zu vollenden er fühlte sich gestärkt bei dem Rufe seines
bedrängten Vaterlandes sich von dem Grabe seiner Dolores loszureißen den
Deutschen mit Rat und Tat in Treue und Wahrheit bis an sein Lebensende zu
dienen ihm folgten seine Söhne mit jugendlicher Kraft
 
                                    Fußnoten
1 Hölderlin siehe TröstEinsamkeit S 73
2 Dieselbe Geschichte in Briefen ist erschienen Göttingen 1802 in diesem
erzählenden Auszuge habe ich erhalten was noch belehrend schien
3 Die ganze Trauungsrede ist zu finden in dem braven Buche von Sailer An
Heggelins Freunde München Lentner 1803
4 Viele einzelne Äußerungen dieser Briefe finden sich in einer schönen alten
Sammlung christlicher Ermahnungen die ich in einem Pergamentkodex besitze
5 Vgl Anhang zum ersten Bande des »Wunderhorns« S 438
6 Chymische Hochzeit Christiani Rosenkranz Strassburg 1616
7 Für Unkundige wird bemerkt dass echte Diamanten vor dem Brennspiegel
verbrennen Quarze dagegen bestehen