Friederike Helene Unger
Albert und Albertine
Die frühe sich verloren hatten
Die finden sich im Abendschatten
Und eilen Hand in Hand zur Ruh
Erstes Kapitel
Vergebens hatte Albertine am Ufer des Baches Gras und Gesträuch durchsucht
nirgend nirgend war der werte Ring zu finden »Er ist verloren« rief sie
schmerzlich Die Abendsonne rötete ihr Gesicht und ließ eine Träne der
Beängstigung sichtbar werden
Traurig ließ sie sich am Ufer des Baches nieder das zarte Händchen auf ein
Polster von Moos stützend Plötzlich fiel unfern von ihr ein Schuss im Schilf
sie sprang auf Eine männliche Stimme rief voll Entsetzen Herr Jesus und in
dem Augenblick stand ein junger schöner stattlicher Jäger vor Albertinen
Albert hatte an dem Geräusch vernommen dass sich da wo er nur Enten
vermutete etwas viel Besseres in seiner Schusslinie befände Rasch warf er die
Flinte von sich und eilte der Stelle zu
Über alle Beschreibung überraschte ihn die Gegenwart des reizvollen jungen
Mädchens das er dem schlichten anspruchlosen Anzuge nach für ein gewöhnliches
Landmädchen gehalten hätte wenn der edle hohe Anstand der schönen Gestalt und
die Fülle von Geist aus dem dunkelblauen Auge ihn nicht eines andern belehrt
hätte
Im ersten Momente glaubte Albert ein leichtes Gespräch anknüpfen zu können
Jetzt aber schämte er sich so dass er sich nur in Alltagsformeln über den
Schrecken auszubreiten wusste den ihr sein Schuss verursacht haben musste
»So leicht erschrecke ich nicht« antwortete Albertine ganz unbefangen »ich
schieße zum Scherz wohl selbst zuweilen ein Gewehr ab«
Jetzt bückte sie sich und begann von neuem den Ring zu suchen Albert
bückte sich und suchte emsig mit ohne zu wissen was »Was suchen denn Sie«
fragte Albertine lächelnd Albert sah ihr ins Auge und lächelte beschämt Nun
erzählte sie dass sie am frühen Morgen hier mit einer Freundin gewesen sei
Kräuter zu suchen wobei sie einen Ring verloren habe welchen sie erst nachher
vermisste
»Der Ring ist von großem Wert« sagte Albert »Für mich von unsäglichem«
erwiderte Albertine lebhaft »Ein Haargeflecht von ganz so schönem glänzend
blondem Haar als das Ihrige ist umschlingt ihn« Hier zeigte sie mit
kindlicher Unschulds Gebärde auf Alberts volle blonde Locken die seine schöne
weiße Stirn umflossen
Albert errötete Gewiss ein Pfand der Liebe dass sie der Ring so kümmert
dachte er mit einigem Unmute Doch war er zu delicat irgend eine Bemerkung der
Art laut werden zu lassen Der reine Ausdruck ihres unschuldvollen Gemütes
gebot ihm Ehrfurcht Daher keine Frage um Stand und Namen Auch Albertine fragte
nicht danach ihr war es genug er war liebenswürdig und bescheiden auch hatte
der reine Tenor seiner biegsamen Stimme schon leise zu seinem Besten bei ihr
gesprochen Zutraunsvoll legte sie ihren Arm in den seinigen als sie sich
wegbegeben wollte wobei sie ungezwungen äußerte ihrem Onkel der gern
Gesellschaft bei sich sähe würde seine Bekanntschaft sehr angenehm sein
Unterweges sprach Albert von den Vorzügen des Landlebens Albertine drückte
sich mit Wärme über Naturgenuss aus doch gestand sie freimütig das
fortwährende Landleben habe ihr Langeweile gemacht deshalb habe sie ihren
Bruder verlassen und sich zu ihrem Onkel begeben der nur die Sommermonate auf
seinem Landsitze zubringe
Alberten gefiel dies offene Geständnis je seltener es war weil
mehrenteils die entschiedensten Weltfrauen sich für die Stille des Landlebens
zu erklären affectiren die dann freilich ihrer erschlafften Existenz durch
Landluft und Badecur neue Spannung zum Vollgenuss des bunten Weltlebens
verschaffen müssen
Schon schwebte Alberten eine Artigkeit hierüber auf der Zunge doch hielt er
sie zurück als er Albertinen sich über so mancherlei so sinnig und gehaltreich
auslassen hörte er würde sich ihr gegen über mit irgend einer Stutzer
Galanterie unbeschreiblich fade erschienen sein So wie sich ihm mit jedem
ihrer Worte neue Schönheiten ihrer geistvollen Bildung entwickelten wurde sie
ihm interessanter Der lange Weg längs der duftenden Wiese und durch das kleine
Buchenwäldchen dünkte ihm gar zu kurz als sie an Albertinens Wohnort einem
geschmackvollen einladenden Landhause angekommen waren
Zweites Kapitel
Durch einen LaubenGang blühender Akazien wurde Albert in einen elegant
geschmückten Salon eingeführt wo einige Herrn und Damen um einen Teetisch
versammelt saßen Ganz isolirt tronte ein zierlicher Herr aus der Klasse alter
Jünglinge hoch in einem grünattlassenen Armstuhl die geschwollenen Beine weit
über ein elastisches Kissen vor sich hinstreckend Er war Albertinens Onkel der
reiche übersatte Banquier Dämmrig
Als Albertine ihm ihren Begleiter vorstellte lüftete er ein wenig das
seidene Baret vom künstlich nachlässigen Haar und fragte mit grellem nasenden
Ton »wer wen hm hm hat man die Ehre« Albertine blickte verlegen auf
Alberten daran hatte sie warlich noch nicht gedacht Plötzlich flog es ihr
durch die Seele sie könne wohl etwas törichtes begangen haben Befriedigend
war ihr also seine Antwort als er sich Albert von Ulmenhorst nannte Wie er
sagte war er erst kürzlich von seinen Reisen zurück gekommen und bewohne jetzt
sein in der Nachbarschaft gelegenes Gut Ulmengrund
Die süßen Wörtlein von und Reisen durchfuhren den weiblichen Kreis der
bis dahin keine Notiz von dem schönen Jäger genommen hatte wie ein elektrischer
Schlag Zum hohen Verdrusse eines jungen strupfköpfigen Schöngeistes der eben
ein Manuskript vorlesen wollte rief die prima Donna der kleinen Witzbühne mit
geziertem Tone »Albertine wollen Sie uns ihren Fremden nicht auch vorstellen
Mon cher ich prätendire sie sollen uns den fremden Herrn nicht vorenthalten«
Dieser mon cher war der Onkel mit den geschwollenen Beinen
Albertine stellte ihren Begleiter mit der leichten Grazie und dem
unbefangenen Anstand womit sie alles tat der übrigen Gesellschaft vor Albert
wurde durch den Platz neben der prima Donna der Madame Rosamund ausgezeichnet
welches der junge Schwedenkopf gar ungnädig zu vermerken schien denn er schnitt
greuliche Gesichter und warf das Manuskript recht ungezogen auf den Tisch auch
machte er Alberten nur so eben Platz als ob es in einem großen Gedränge gewesen
wäre wie dieser vor ihm vorbei zu seinem Sitze ging dabei erwiderte er dessen
höfliche Verneigung gar nicht und setzte sein Gespräch so laut fort als ob gar
keine Veränderung in der Gesellschaft vorgefallen sei außer dass er jetzt auf
eine unverständige Weise in der Geschwindigkeit einige Invectiven gegen den
Adel einzumischen affectirte nachher Alberten in allem widersprach ohne jedoch
das Gespräch unmittelbar an ihn zu richten denn das wäre ja höflich gewesen
Als eine von den Damen anmerkte es sei ein sonderbarer Zufall welchem die
Gesellschaft die Gegenwart des Herrn von Ulmenhorst verdanke schnitt der
Strupfkopf Alberten die Antwort vor dem Mund weg um zu beweisen dass es
eigentlich gar keinen Zufall gäbe Nachdem er nun eine gute Zeit lang den
Begriff durch ein gar kunstvolles Raisonnement verzerrt und verdüstert hatte
ließ er ab er hatte nun seine Absichten erreicht Alberten um das Gespräch zu
bringen und die hohe Bewunderung der Damen zu verdienen die gar nicht begreifen
konnten wo er in aller Welt nur allen Verstand hernähme Albert an seinem
Teile begriff nicht wie einer zum frohen Geistesgenusse versammelten
Gesellschaft so ein pedantischer Galimatias hingegeben werden dürfe dabei aber
wurde er inne dass er sich in einem ästhetischen Teeklub befände in einer der
WitzTrödelBuden wo alte Ware neu aufgestutzt von Unkundigen angestaunt
wird Er nahm sich vor ein stiller aber desto aufmerksamerer Beobachter zu
sein
Albertine warf es Alberten scherzend vor dass er sie beinahe erschossen
hätte Auch hier warf sich der Rundkopf mit wieherndem Gelächter dazwischen
indem er bemerkte dies gäbe einen schönen Stoff zu einem komischen
Heldengedichte indem es ganz neu sei dass der Ritter seine Dame für eine wilde
Ente ansähe Albertine errötete Albert schwieg indignirt ob dem arroganten
Ton und die Damen begriffen wieder nicht wo ihr Freund all den Witz hernähme
»Wollen Sie uns nicht etwas von ihren Reisen mitteilen mein Herr von
Ulmenhorst« lispelte Frau Rosamund »Das müsste interessant sein« setzte der
Tituskopf Wassermann hinzu Albert antwortete den Damen etwas wobei ihm der
Name Weimar entfiel Alle Weiber fassten dies rasch auf und alle fragten im
Unisono »also haben sie Göte gesehen«
»Er war der Zweck meines dasigen Aufenthalts«
»Oh Oh Göte« wieder im Unisono
»Bitte bitte lieber lieber Herr von Ulmenhorst sagen Sie uns doch recht
viel aber recht recht sehr viel von Papa Göte« zwitscherte das liebe alte
Kind Elisa Dämmrigs Schwester »Wir werden Sie ja näher kennen lernen«
Schon öffnete Albert freundlich die Lippen den Frauen zu willfahren als
Wassermann sich wütig dazwischen stürzte Ein Ungeweihter sollte nie über Göte
sprechen sagte er den er ganz allein nur verstand und begriff Überdem war er
ein Philosoph der alle Dinge wusste alles ergründete und sich nie der
erbärmlichen Krücke der invaliden Menschheit der Erfahrung bediente die ihm
ein Greuel war Nur in dem großen Lazarete geistiger Krüppel brauchte man
diesen traurigen Notbehelf Wollten es die guten Götter sagte er oft ich wäre
taub und blind geboren meine Begriffe über tausend Erscheinungen wären in und
aus mir selber ausgesprochen richtiger als sie es durch die gemeine Einwirkung
der Sinne geworden sind
So gestand er zwar jetzt dass er Göte in seinem ganzen Leben nie anders
als in sehr unvollkommenen Abbildungen gesehen habe indes stehe ihm das Bild
des Verehrten so lebendig aus seinen Werken vor der Seele dass er ihn Zug für
Zug abzucontrefayen im Stande sei Und nun begann der gute Wassermann das Werk
er sprach vom ewigen Schnitte des Gesichts von Mundwinkeln von Lippenöffnung
vom Augenaufschlagen von Nasenflügeln Sie begreifen es meine Damen das echt
gebildete Wesen das rein menschliche muss stets von schöner Form umgeben sein
Aber der rohe Haufen hat keine Ahnung von dem Formellen will nur immer Stoff
und wieder Stoff Sie verstehen mich meine Schönen
Es erscholl ein zweideutiges O ja Albert schüttelte bedenklich den Kopf
und beteuerte auf seine Ehre an dem allen sei keine Sylbe wahr Götes Bild
sei durchaus Zug vor Zug verfehlt Als hier Wassermann rasend schrie Ulmenhorst
müsse sich resigniren und eingestehen Göte sei ihm eine zu hohe unbegreifliche
Erscheinung die sich ihrer Überlegenheit über gemeine Menschen Natur bewusst
wie ein Gott da stehe wurde der zartsinnigen Elise bange sie durchschnitt den
beginnenden Streit mit der Frage ob Albert den großen Dichter der Iphigenie
wohl im Negligee gesehen habe und von welcher Façon er es trage Hier bekam
Wassermann einen schönen Anlass über die kleinliche Neugier der Weiber zu
spotten denn nie ließ er eine Gelegenheit vorbei etwas Verächtliches über das
Geschlecht zu sagen dem er insgeheim mit Heisshunger nachjagte
»Göte« erwiderte Albert als er endlich zum Worte kommen konnte
»erscheint allen die ihn begreifen deren unbefangene Natur in seine schöne
Individualität eingreift im liebenswürdigsten Negligee und nie erscheint er
solchen aufgesteift mit dem ranailleusen Minister Air wie der gute Lavater das
irgendwo sehr sonderbar nennt Diese Seite wendet er nur heterogenen Naturen und
unberufenen Erklärern der seinigen mit gerechtem Selbstgefühl zu«
»Möchte ich mich diesem Edlen entgegen ranken können« lispelte Elisa
»Möchte ich in der seligen Flut des Genusses seiner Freundlichkeit untergehen
können« Frau Rosamund belächelte Elisens Schwärmerei und meinte die Gute werde
die Sehnsuchtsklänge ihrer Seele in Klagliedern grünen lassen müssen
Wassermann schoss während dem grimmige Blicke und schwieg weil ihm eben
nicht etwas recht grobes einfiel
»Unserm Freunde schwebt ein schöner Einfall auf den Lippen« sagte Laurette
schneidend boshaft »heraus damit«
»Um der Götter willen Mademoiselle verschonen Sie mich mit dergleichen
Voraussetzungen Witz nebst seinen Aborten den Einfällen überlassen reelle
Producenten gern den Damen und ihren vielfarbigen Rittern«
»Unser Freund spricht und spielt mit Sonnenstrahlen« entgegnete Frau
Rosamund Ernst und Scherz Witz und Laune hörte sie wie eine Schaar von
Rosen sich in ihm regen
»Oh a propos vom Witz Wo bleibt Antonie Immer bleibt sie uns noch die
Vorlesung ihres Romans schuldig« sagte Elise
»Ihr Bedienter hat jetzt nicht Zeit zum Schreiben er muss die Farben reiben
Antoniens Jugend aufzufrischen« sagte Wassermann im unangenehmsten Tone
»Wie« rief Laurette ihm drohend »haben Sie die platten Erzeugnisse dieser
Schleichhändlerin mit fremden Gedanken dieser Ideen Diebin nicht bis in den
Himmel erhoben«
»Habe ich je ihren Wasch und Kochzeddel bewundert sie sind warlich das
Beste was sie edirt Ich habe irgendwo ihre Ansprüche beleuchtet und ich
verspreche Ihnen mes Dames sie soll uns das Epigramm selbst vorlesen wodurch
ich sie vernichte«
»O schön schön« riefen Antoniens Herzensfreundinnen »Die Närrin muss
endlich auf ihr Nichts reducirt werden Sie hat keinen Funken producirender
Kraft«
»Kraft« schrie Wassermann »was ist Kraft Am Ende doch nichts anders als
eine precäre Anleihe an die Phantasie oder die Magd derselben Warum vergeuden
sie so viel Geistesaufwand an diese pitoyable Erscheinung« »Antoniens
intellectuelle Tendenzen sind die miserabelste Misere der schmutzigste
Nachdruck des unverständigsten Unverstands« setzte die superfeine Frau Rosamund
mit gespjetztem Mäulchen hinzu
»Schön herrlich« rief Wassermann »Das war eine süperbe Skizze zu einem
großen Gedanken«
»Sollte sich wirklich etwas Schönes über die gemeinste Gemeinheit sagen
lassen« meinte Laurette eine zweite Nichte des Bankiers die sich durch ihre
Herzlosigkeit ihren schneidenden absprechenden Ton ihre Unempfänglichkeit für
zartere Weiblichkeit ihr rasches Aufnehmen jeder Verschrobenheit den Beinamen
die Philosophin in diesem Zirkel erworben hatte
So schleppte sich das Gespräch in dem einmal angegebenen Ton über Antonien
die sonst die Seele das Idol dieser Versammlung zu sein schien immer weiter
Albert war nun im Ernste verstummt ihm graute vor diesem Don Lucifer und der
falschen Klike Aber wohl tats ihm im Innersten dass Albertine dem allem ganz
fremd blieb und sich indes mit Aufmerksamkeit um ihren Onkel mühete um den sich
sonst Niemand zu bekümmern schien
Antonie hatte ganz lyrisch mit Rosen bekränzt und mit Gesang den Kreis
der Freunde gleich einer himmlischen Erscheinung plötzlich durchschweben
wollen sie hatte das freundliche sie betreffende Gespräch in einem
anstoßenden Kabinett belauscht und stürzte jetzt ziemlich furienartig heraus
»Ha Schlangen ihr hattet mich umwunden jetzt verletzt euer Gezisch mein Ohr
Unter den Blumen eurer verhassten Reden schlummern Nattern Von nun an scheide
ich von euch aus aber empfinden ja empfinden sollt ihrs Euer Ruf ist dahin
den übernehme ich in den Kot mit ihm und ihr ihr fahret zur Hölle«
So stürzte sie heulend und schimpfend zur Tür hinaus und gab Lauretten
die sich ihr in den Weg stellte einen so kräftigen Stoß dass diese taumelnd
zurück fiel
Rosamunde erklärte sie sei petrificirt Elise behauptete sie sei complett
in einen Fels verwandelt Laurette schickte Antonien ein schallendes Gelächter
nach weil ihr eben die Geistesgegenwart zu etwas recht Boshaftem fehlte
Traurig legte Elise den Lorbeerkranz bei Seite womit sie eben heut Götes
neu angelangte und in dem Versammlungssaal aufgestellte Büste feierlich hatte
krönen wollen sie zwitscherte leise die dazu aus des Dichters Tasso erwählten
Worte als sie den Kranz bis auf weitern Bescheid in den zierlichen Schrein
zurücklegte
»Die war ganz göttlich grob« rief der Herr mit den geschwollenen Beinen
Ihm hatte der Auftritt unsäglich viel Spaß gemacht Er nannte ihn ein
wünschenswertes Intermezzo in einem zum sterben trockenen Drama Auch belachte
der gute Herr die Szene sowohl als seinen schönen Einfall darüber so unmäßig
dass er darob in einen Stickhusten geriet der vor der Hand aller Unterredung
ein Ende machte
Nachher bemerkte Madame Rosamund die den Einfall mit dem Drama und dem
Intermezzo sehr übel empfunden hatte mon cher werde besser tun sich auf sein
Zimmer zu begeben als die Unterhaltung so ungeziemend zu unterbrechen Mon cher
der je und je seinen Witz in platten Ausfällen gegen die Ehe und den Hausstand
ergossen hatte war gut genug erzogen dem Winke einer gebietenden Maitresse
sogleich zu gehorchen Er rief einen Bedienten der ihn wegführte indes er noch
immer beteuerte dieser Auftritt sei die artigste kleine Falschheit die
drolligste Plaisanterie die ihm je vorgekommen sei
Mit allerliebst freundlichem Gesicht folgte Albertine ihrem Onkel und trug
ihm Tabatiere und Arzneiglas nach
»Dem Kinde wird die Zeit unter uns lang« sagte Wassermann Albertinen
bedeutend nachwinkend den andern Weibern die Kour zu machen Im Herzen hielt
er Albertinen weder für ein Kind noch seiner Bemerkung unwert »Es ist
natürlich« entgegnete Rosamunde »Wo soll sies herhaben Das ist vom Lande und
kennt nur seinen Gellert und seinen Haushaltcalender« »Um Verzeihung liebes
Tantchen« gellte Laurette dazwischen die um sichs recht wohl sein zu lassen
vor Rosamunden kroch und sie Tante nennte »um Verzeihung sie hat wirklich
auch die schöne Genoveva und den Kaiser Octavian gelesen ja wahrhaftig das hat
sie« »Lassen sie mir das gute Kind mit Frieden« sagte Elisa gutmütig »es
liegt recht viel in ihr und sie betreibt sehr ernste Studien mit ihrer Madame
Euler«
Albert hatte in diesem Augenblick die Tante recht lieb um des Guten willen
das sie von Albertinen sagte er hoffte jetzt mehr von ihr zu erfahren aber das
Gespräch wendete sich als von einem zu gehaltlosen Gegenstand wieder von ihr
ab und auf literarische Erörterungen die weil sie alle von einem Schlage
waren unserm Albert so wenig zusagten dass er sich empfehlen wollte Das gaben
aber die Damen schlechterdings nicht zu und die Wahrheit zu sagen ließ er sich
auch recht gern erbitten Albertine war ihm in den flüchtigen Augenblicken
seiner Bekanntschaft mit ihr sehr wert geworden Die Feinheit und Grazie ihres
Benehmens war ihm nicht entgangen er wünschte von ihren Verhältnissen zu diesem
seltsamen Geschlechte mehr zu erfahren sie schien ihm keinem unter allen diesen
durch Liebe anzugehören und die natürlichen Bande ziehen nicht stark genug
entgegenstrebende Naturen einander näher zu bringen
Die stürmische Szene mit Antonien hatte alle Fäden der Unterhaltung
zerrissen es war nicht möglich für diesen Abend zu einem erträglichen Ton zu
gelangen und Wassermann raffte hastig und unter mürrischen Äußerungen seine
Hefte zusammen Die Damen waren untröstlich über den Misston der die reine
Harmonie der Gesellschaft gestört hatte und hofften in künftiger Session alles
wieder in Einklang zu bringen Und dann waren sie doch auch wieder so hoch
erfreut dass ihr Kranz durch eine so hoch und hehr blühende Blume an deren
Wohlgeruch sie sich künftig noch erquicken würden erweitert sei nämlich sie
freuten sich dass Albert ein Genosse würde doch machten sie es zur Bedingung
dass Albert in den nächsten Sitzungen etwas von seinen geistigen Erzeugnissen
vorlesen müsse
»O ja tun Sies ja« fügte Wassermann hinzu »vermutlich haben Sie sich
auf Ihren Reisen nach großen Mustern gebildet und in dem was der Mensch der
ein Ganzes ist producirt spricht er sich ganz aus« Diese Rede begleitete er
mit einer unerträglich hämischen Pantomime und einem Lachen das nicht
beleidigender sein konnte
»Ich werde Ihnen etwas vorlesen wenn die Damen es mir vergönnen wollen
übrigens danken Sie es diesen wenn ich Ton und Gebärde bei ihren Reden ungerügt
lasse und diesmal mit dem geziemenden Stillschweigen verachte«
Elise die süße Seele warf sich mit einem »Bitte Bitte Herr von
Ulmenhorst« dazwischen legte ihren Arm in seinen die andern folgten und sie
schlenderten friedlich zum Speisesaal hin
Herr Dämmrig saß schon an der oberen Ecke des Tisches sein restaurirendes
Kraftsüppchen geniessend Albertine war im Gespräch mit einer Dame begriffen die
Albert vorher noch nicht gesehen hatte deren geist und gütevoller Ausdruck auf
einem nicht mehr ganz jungen Gesicht in dem alles sprach was reichlichen
Ersatz für verblühte Jugend gibt ihn aber unbeschreiblich anzog An der
liebevollen Hinneigung zu Albertinen begriff er dass es die Madame Euler sein
müsse mit der die junge Schöne sich im Stillen so ernstaft beschäftigen
sollte
Bei Tische war die Unterhaltung allgemein Albertinen in ein besonderes
Gespräch zu ziehen gelang Alberten diesen Abend weiter nicht und so rückte die
Stunde des Aufbruchs herbei ohne dass er erfuhr ob Albertine ihn genug
auszeichne um sein Wiederkommen zu wünschen Denn als die Hauptacteurs des
literarischen Klubs ihn zur nächsten Session einluden gab sie durchaus kein
Zeichen von Teilnahme doch dünkte ihm in ihrem lieblichen Gesicht sei ein
holdes zustimmendes Lächeln aufgegangen als der Onkel ihm treuherzig sogte »ja
kommen Sie ich bitte recht bald da wollen wir den Andern einen Schmauss von
unsern Reiseabenteuern auftischen Ich bin weit gewesen mein Herr von
Ulmenhorst und habe viel viel gelebt Ecce signum« indem er mit gellendem
Gelächter auf sein verfallenes Postament hinwiess
Albert empfahl sich zögernd immer noch etwas von Albertinen erwartend sie
war aber merklich stiller geworden als ihre unholde Kousine Laurette einigemal
mit schnöden Reden scharf über sie hingefahren war und so musste er endlich wohl
gehen
Unterwegs überdachte er dies artige Abenteuer und tat den kleinsten
Vorfällen desselben Gewalt an irgend etwas wohltuendes für sein Herz heraus zu
grübeln Aber immer war es nichts weiter als dass Albertine seinen Tiras
gestreichelt und da er jetzt gegangen war das Fenster geöffnet hatte ob ihn
noch mit den Augen zu begleiten oder des Mondhellen Abends zu genießen war und
blieb dem angehenden Verliebten die große ihm lange unbeantwortete Frage
Drittes Kapitel
Und Albertine hatte sie nur in den Mond nicht nach dem schönen Jäger gesehen
Wir wissen es nicht und ihrer Freundin mit der sie sich vor Schlafengehen ganz
ruhig unterhielt hat sie nichts davon vertraut So gar kein armes Wörtchen
sollte sie über eine neue interessante Bekanntschaft zu der Freundin ihres
Herzens gesagt haben Da wäre sie ja die einzige junge Dame auf Erden die nicht
Stunden lang Bemerkungen über so etwas mitzuteilen hätte Albertine ließ sich
aber wirklich nichts weiter verlauten als dass Ulmenhorst ein sehr rechtlicher
junger Mann zu sein schiene und durch sein Ausseres vorteilhaft für sich
einnähme Das war es alles guter Albert Deine reizende neue Bekanntschaft
hatte kein Herz und keine Hand mehr zu verschenken wärest du auch der
heilbringende Engel Gabriel gewesen Hand und Herz gehörten ihrem Louis dessen
Gattin sie schon in ihrem siebenzehnten Jahre geworden war Der über Deutschland
losgelassene Krieg hatte ihn seit zwei Jahren von ihrer Seite gerissen und seit
dem die Deutschen Armeen sich Frankreichs Grenzen genähert hatten waren alle
Nachrichten von ihm ausgeblieben sie schwankte zwischen der grausamen
Alternative ob er gefangen oder bei dem Überfall von Bitsch geblieben sei Sie
konnte das tödtende Schweigen nicht erklären Da alle Erkundigungen fruchtlos
blieben musste sie sich beinahe für eine Witwe halten wogegen ihr Gefühl
allmächtig strebte und ihr ganzer jugendlicher Frohsinn nicht Stich hielt
Bei seinem Ausmarsch hatte er Albertinen sein Liebstes auf Erden gebeten
ihrer großen Jugend wegen nicht allein in dem grossstädtischen flutenden Leben
zu bleiben sondern sich zu ihrem Bruder der ein artiges Gut besaß auf das
Land zu begeben In diesen Augenblicken höchster Wehmut hätte Albertine in
einen Aufenthalt bei den Kamtschadalen gewilligt auch erschien es dem jungen
zarten Gemüt so idyllenhaft süß im stillen Hain einsam um den Geliebten zu
trauern An den Winter hatte sie nicht gedacht auch war es ihr in der ersten
bangsten Periode der Trennung köstliche Nahrung ihres Grams allein in den
weiten Fluren umher zu irren und auf Philomelens Klagetöne zu lauschen Wie sich
in der Welt aber alles abnutzt so auch durch zu häufige starke Anspannung der
finstere Gram des jungen achtzehnjährigen Weibes Der Hain wurde ihr zu still
die Fluren zu öde und Philomelens ewiges Klaglied zu eintönig Kurz sie sehnte
sich zu Menschen zurück So fand sie sich halb beschämt dass es so war nach
und nach wieder bei der Gesellschaft ein die ihr dann auch bald gar zu
beschränkt zu einförmig doch gar zu still häuslich erschien
Dem liebenden Bruder entgingen diese Übergänge nicht so leise sie auch
angedeutet wurden Er bemerkte sie um so mehr ungern da seine übellaunige
Gattin das ihrige dazu beitrug Albertinen ihre Lage bei ihm zu verleiden
Überdem hatte Albertine durch den frühen Verlust ihrer Eltern zeitig die
Vorzüge der Unabhängigkeit kennen gelernt sie war ihrer regsamen Natur die
sich nirgends gehemmt fühlen wollte Bedürfnis geworden und jede Beschränkung
dünkte ihr ein Leiden zu sein dem sie sich notgedrungen unterwarf Von ihrer
Ehe hatte sie nur erst das Flatterjahr genossen und noch wenig von dem in der
Natur der Sache gegründeten Übergang des unterwürfigen Liebhabers zum
despotisirenden Eheherrn erfahren in welcher Periode der schöne JugendTraum
des Lebens seinen poetischen Schwung einbüsst und bei einem höchst prosaischen
Erwachen zerflattert Die schöne jugendliche Schwärmerin war durch die frühe
Trennung vom Geliebten auf ihrer Höhe erhalten worden und jetzt war sie durch
eine frostige Häuslichkeit im Sinken begriffen Albertinen war die Vorstellung
eines so entseelenden Zustandes unerträglich deshalb hatte sie in ihrem
Köpfchen einen neuen Lebensplan ausgebrütet
Der Verstellung unfähig erklärte sie ihrem Bruder ganz unverholen dass die
Einförmigkeit des Landlebens und der üble Humor seiner Frau zwei Dinge wären
die durch ihren Verein ihr das Leben verbitterten Sie wünsche zum Onkel in
die Stadt zu ziehen
Ferdinand hatte eine solche Eröffnung längst gefürchtet und doch fühlte er
sich jetzt wie so ganz unvorbereitet er sah die Schwester schweigend und
gerührt fast bis zu Tränen gerührt an Süss schmeichelnd schlang sie ihren Arm
um ihn »Siehst du es nicht gern« fragte sie ihn freundlich ins Auge blickend
»Mir wird die Zeit gar zu lang und deine Louise ist den lieben langen Tag durch
immerfort so knurrig Dich habe ich herzlich lieb und nähme dich gern mit«
»Albertine so entschieden sehe ich dich uns zu verlassen« Sie sah ihn
betroffen und unentschlossen an Ihr kleiner Lebensplan war entworfen und ihr
durch Aussichten und Verhältnisse mancher Art die sie künstlich genug hinein
gewebt hatte lieb geworden Bei dieser Malerei bedient sich der feine weibliche
Sinn gewöhnlich der hellsten Rosenfarbe sich seine Zukunft zu decoriren die
jugendliche Hoffnung leiht ihr glänzendes Grün dazu und ungern gibt die
angeregte Phantasie solche Gebilde auf Und hat nicht selbst das Helldunkel
einer ungewissen Zukunft oft mehr Reiz und Interesse als die gefälligste
Gegenwart
Albertine liebte wie gesagt den Bruder aus Herzensfülle Seine Traurigkeit
ging ihr nahe Ihr Plan war ihr doch aber auch schon gar zu lieb geworden »Ich
möchte bei Dir aber auch in der Stadt sein« wiederholte sie einige Male aus
beklemmter Brust
»Wäre es nur nicht eben bei Onkel Dämmrig liebe Albertine« »O der Onkel
ist bei mancher Schwäche doch gut und bieder und hat mich recht lieb« »Auch
die Madame Rosamunde Wintergrün« »Sieh nur lieber Ferdinand an die habe ich
freilich auch schon gedacht« fiel Albertine rasch ein wobei sie recht weise
aus ihren lieben Äugelchen blickte »Sie ist freilich nicht die Beste und
begegnet dem armen Onkel nicht aufs Beste ist obendrein des Onkels was man
nicht gern sagt aber dafür ist die Seelengute Tante Elise da Und die Kousine
Laurette Laurette Hm mit der will ich mich schon vertragen Zankt sie so
scherze ich und bringe ihre Sarkasmen in Liederchen«
»Möchtest du meiner Louise eine solche Nachgiebigkeit widerfahren lassen
Doch ich will dich nicht in Verlegenheit setzen dein leichter Sinn mahlt dir
jene Lage nur zu reitzend deren bedenkliche und ernste Seite dir zu zeigen mir
Pflicht ist«
Ernst und bedenklich Das war es nun eben wobei unsre junge Freundin gar
nicht gern zu verweilen pflegte »Ich bitte lieber Ferdinand erkläre dich
aber fügte sie leise hinzu schone «
»Louis und der Respekt für dich selbst kann meiner Albertine beides je
gleichgültig werden Jene Weiber welchen du dich zugesellen willst machen von
Seiten der Achtung wenig Ansprüche an die Gesellschaft sie geben und empfangen
wenig Ihre Losung ist sich zu amüsiren das erreichen sie ohne großen Aufwand
von Kräften zu den momentanen Unterhaltungen reichen sie mit ein Paar bon mots
einem Paar gut erzählter Neuigkeiten des Tages aus die sie hundertmal anbringen
können Sie haschen nach allem was ihrem dunklen Triebe sich selber zu
entfliehen entspricht Es ist ihnen alles zu diesem Ziele zu gelangen gut
genug Deine jugendliche Unerfahrenheit werden sie mit hochtönenden Worten von
gesellschaftlicher Toleranz Humanität Selbstständigkeit Verachtung der
öffentlichen Meinung einwiegen deine Achtung für Zucht und Sitte werden sie
eine pedantische veralterte Ansicht der Welt blinde Anhänglichkeit an
conventionelle Formen nennen sie werden dir von der reinen Menschheit der Alten
vorreden zu deren jugendlichem Weltzeitalter wir weder zurückkehren können noch
dürfen«
Albertinen ging es wie es mancher meiner Leserinnen bei Ferdinands Tirade
gehen wird ihr wurde sie zu lang und sie sagte ganz rasch »ach du siehst auch
alles gar zu schwarz lieber Ferdinand ich habe noch wenig von der Welt
gesehen aber ich denke sie mir weder wie ein Elysium noch wie eine Hölle Ich
möchte gern Menschen sehen möchte meiner Jugend mich freuen möchte frei wählen
können da meine Lage mir es gewährt« »O Albertine und das alles kannst du
bei mir nicht Ich fühle du hast Recht aber Louis der dich mir übergab hat
sein vielleicht unglückliches Loos ihn um alle Rechte auf seine Zustimmung zu
deinen Planen gebracht oder meinst du dass er sie billigen würde«
Albertine brach in helle Tränen aus Sie warf sich ihrem Bruder um den Hals
und weinte laut Sie liebte ihren Louis treu und herzlich aber er war doch nun
einmal nicht da Albertine war noch nicht ganz neunzehn Jahr und man sage was
man will Gegenwart und lange Abwesenheit ist so gänzlich zweierlei auch für
den der mehr als achtzehn Sommer sah Ferdinand mochte die nemliche
Reflexion gemacht haben er ertrug überdem nicht leicht eine trübe Miene im
lieblichen Gesicht der Schwester »So wollte ich dein zartes Herz nicht brechen
Du hast meine Einwilligung und meinen Seegen und dann so tröstet mich auch die
Nähe deiner redlichen Freundin Euler die dir alles ersetzen wird was du in uns
aufgiebst« Im Herzen hoffte Ferdinand der Drang im jungen Gemüte sollte sich
wohl legen wenn seine Frau nur erst mit darein spräche
Louise tats bei Tische aber ganz nach ihrer bitteren Weise bei der es
recht merkbar wurde dass sie ihre Schwägerin je eher je lieber los zu werden
wünsche Ferdinand sah leicht dass er einen zwiefachen Kampf gegen geliebte
Personen immer von neuem werde beginnen müssen er resignirte sich also da er
sah dass Widerstand nur mehr reitzen werde
Bei dem nächsten Spatziergange flossen die Geschwister in herzlicher Wehmut
über Die Anstalten der Reise waren wie man denken kann emsig betrieben
worden und in wenig Tagen sollte sie vor sich gehen Ferdinand sprach mit
eindringender Innigkeit über Albertinens künftige Lage und Verhältnisse Seine
Ansicht des grossstädtischen Lebens in dem auch er sich wacker umhergetrieben
hatte war freilich grell aber zum Teil richtig Die Häuser der Großen und
Reichen nannte er Treibhäuser worin die Jugend zur Frühreife gezogen wird und
meist vor der Reife abwelkt und verschrumpft ihm waren sie das Grab zärterer
Weiblichkeit die Zerstörer jugendlicher Tugend Er bat Albertinen sich nicht
so zu einer permanenten öffentlichen Erscheinung herabzuwürdigen dass sie in
ihrem zwanzigsten Jahre nicht etwa schon so ein Alltagsvögelchen sei auf das
jeder bei jeglichem öffentlichen Anlasse sicher rechne zu dessen Ansicht man
Fremde einladen könne weil es gewiss nirgends fehle Im Heiligtum des Hauses
wirkt lebt und liebt das Weib und wo es zu erscheinen würdigt muss es
Ehrfurcht einflößen So denk ich denkt und fühlt dein Louis so wünschen wir
dass unsre Albertine fühlen möge
Albertine verhies alles mit Kuss und Handschlag noch als sie in Wehmut
aufgelösst in den Wagen stieg und Ferdinand ihr nur noch die Worte zuzurufen
vermochte »bleib gesund an Leib und Seele meine Teure«
Die Abwechselungen der Reise besänftigten ihren Schmerz so dass sie in
leidlich heiterer Stimmung bei Onkel Dämmrig ankam
Viertes Kapitel
Der Neugier aller die an Frau Rosamunds Teetisch zu radotiren pflegten in
Ansehung der kleinen Dorf Kousine auf einmal zu gnügen waren sie zu einer
außerordentlichen Session eingeladen worden bei welcher Herrn und Damen in
ihrem besten geistigen und leiblichen Putz erschienen In ihrer Einfachheit
geschmückter als sie alle die AfterGriechinnen trat Albertine mit dem Anstand
einer Grazie aus dem Zeitalter des Praxiteles in ihren Kreis ein
Bescheiden errötend nahm sie ihren Platz unter dieser drolligen
ästhetischen Genossenschaft durch deren hochtönendes Wortgeklingel bei dem
ersten Anklange dieses vielbesaiteten verstimmten Instruments sie sich sogleich
auf immer zurück gestoßen fühlte
Herrn und Damen ließ es sich angelegen sein Albertinens Sinn fürs Große
und Schöne durch allerlei verfängliche Fragen und naseweise Zudringlichkeiten zu
mustern und zu prüfen Nebenher ließ sich Herrn und Frauen jedes in seinem
Sinne auch ganz menschlicher Weise herab ihre körperliche Bildung samt
Kleidung emsig nach gemeiner Weiber Weise zu mustern Aber zu ihrem Leidwesen
entdeckten sie besonders an ersterer durchaus keinen Fehl an ihr
Tante Elise die jetzt eben fünf und vierzig Sommer sah schloss sich
freundlich an das junge Mümchen fragte um ihre Herzensangelegenheiten sprach
viel von ihrem eigenen Herzen das zu ihrem eigenen Unglück zu weich und
hingebend sei sie werde nie in der Liebe glücklich sein Sie wimmerte dass der
Wurm der Zeit die Lust der Seele stäche es sei ein Elend dass die Freude das
Menschenherz so mit Schmerz bestreuen könne Wenn sie so im Ton der Zeit sprach
sah Albertine die Tante mit großen Augen an besser verstand sie es wenn die
gute Verbildete mit dem jungen Gemüte ihr eigenes Jugendleben noch einmal
durchempfinden wollte und ihr aus ihrer WerterPeriode das Schnupftuch zeigte
das noch ungewaschen welke Rosen einhüllend da lag worein sie Werters und
Lottens Leiden so heiße Tränen geweint hatte Auch war sie so glücklich unter
ihren heiligsten Besjetztümern einen Zahnstocher aufzubewahren welchen der
Dichter bei einer Gasterei auf der Tafel hatte liegen lassen und den sie mit
schwerem Gelde von einem Marquer erstanden hatte Die gute Elise sprach den
Namen Göte stets mit heiligem Schauer wie den einer ersten Liebe aus Dies
war beinahe der einzige Berührungspunct zwischen ihr und ihrer Nichte die den
großen Dichter innig kannte und verehrte obschon sie eine sehr verschiedene
Ansicht damit verband
Laurette die dem Onkel Dämmrig als ein Vermächtnis eines im Handel
verunglückten Bruders zugefallen war fuhr über alles insbesondere aber über
diese Grillen ihrer Tante die ihrer rauen Natur gar nicht eingingen mit der
Schneide ihrer bittersten Kritik her Albertine fand sie ihrer Bemerkung wie
sie sagte ganz unwert indes ergrimmte sie doch ganz unphilosophisch im
Geiste als ihr Verehrer Wassermann dem sie auch das Leben gallenbitter machte
Albertine eine ganz artige kleine Erscheinung hieß
Onkel Dämmrig das Oberhaupt dieser curiosen Sippschaft amüsirte sich
vortrefflich mit dem verschrobenen Zeuge wie er diese allerneuste Kultur zu
nennen pflegte Er selbst war auf der Stufe der Bildung die er in seinen
jüngeren Jahren erreicht hatte stehen geblieben und hielt steif und fest sowohl
an dem wirklich Schönen jener Periode an dem jungen Tage der zu der Zeit über
Deutschland aufgegangen war als auch an der unglücklichen Mischung deutscher
Kunst und gallischen Witzes Wenn er darüber sprach sagte er oft zum großen
Skandal seiner Gesellschaft den Anfang eines alten Kirchenlieds »Der Tag der
ist vergangen die Nacht ist vor der Tür Die Sonne ist untergegangen in den
Wasserfluten der neueren Poesie Kinder jenes erste war der ächte Wein dieses
ist der Koffent« »Das verstehen Sie nicht mon cher« sagte dann Frau Rosamund
»Sie sollten sich doch endlich resigniren dass es Dinge gibt welche Sie nicht
begreifen« und so ließ er sich gewöhnlich bedeuten und lenkte wieder ein
Onkel Dämmrig war im Ganzen kein schlimmer Mann und bei weitem besser als
er scheinen wollte denn es kam ihm vornehm und über alle Massen galant vor so
als die wahre verknöcherte Sinnlichkeit zum Beispiel für andere dazustehen Er
war ein Reichgeborener Als ein solcher hatte er seine Kindheit und Jugend
verlebt als ein solcher war er auf Reisen gegangen Empfehlungsschreiben nach
London Paris und Wien benutzend als ein solcher hatte er sich endlich in
seiner Vaterstadt niedergelassen einen Teil seiner besten Jahre
durchgeschwärmt bis ihn die Welt frühe auf ihre große Invalidenliste eintrug
Jetzt glaubte er eine gewisse Höhe des Lebens erreicht zu haben von welcher
er erfahrungsreich mit großer Beruhigung in die verlebten Jahre zurücksehen
könnte denn er hatte ja wirklich nicht alles das Böse getan wozu ihn sein
Reichtum und großer Wirkungskreis aufzufodern geschienen hatte Nie hatte er
den goldenen Regen bei den Danaen gespart und waren durch seine Sorglosigkeit
die lebendigen Folgen seiner Unordnungen der Dürftigkeit und Schande Preis
gegeben so gab er ja doch auch viele Taler an die öffentlichen Armenanstalten
wovon auch sie ihre Spende erhalten konnten überdem beschenkte er ja seiner
Schwester und Brüder Kinder mit allerlei entbehrlichen Kleinigkeiten
Als ihn die Welt nun allmählig verließ und die Tage eintraten von welchen
es heiß »sie gefallen uns nicht« als Gicht und Podagra den raschen Lauf seiner
Füße hemmten wurde es ihm erinnerlich dass er in seiner Jugend die Religion als
ein Spezifikum in Leiden hatte anpreisen hören er machte also einige schwache
Versuche sie aus der Rüstkammer seines Gedächtnisses hervorzusuchen Er nahm
eine Bibel zur Hand freute sich dass der fromme David beinahe eben so tolle
Streiche gemacht hatte als er selbst las von der keuschen Susanna und der
schönen Königin Ester und vertiefte sich endlich so in das hohe Lied dass er
sich gar weltlich dabei gesinnt fühlte und vor der Hand das Bekehrungswerk noch
einmal wieder zur Seite legte
Waren dergleichen Anfälle überstanden so existirte der 48jährige Greis ganz
heiter in der Erinnerung abgeschiedener Freuden Besonders hatte er sein eigenes
Vergnügen wenn Wassermann den Damen seines Hauses über die Hetären der Griechen
demonstrirte und was das für ein herrliches Leben gewesen sei als noch nicht
die kleinlichen Gesetze eines kleinlichen Anstandes eingeführt waren die
leider Gottes auch bei den gebildetsten Frauen nur noch zu viel gälten Da
erinnerte sich dann unser Dämmrig recht lebendig an Phillis und Doris und
Lalage und Chloe die er in seinem goldnen Frühling recht elegisch bewundert
hatte seine alten Frequenzen machten ihm jetzt noch recht herzliche Freude
Stärker als alles andere mahnte ihn an seine Jugendsünden Madame Rosamund
Wintergrün In einer seiner bussfertigen Perioden hatte sich ihm die Vorstellung
häuslicher Freuden und weiblicher Umgebung aufgedrungen Heiraten Alles nur
das nicht eine so kalte langweilige Episode in sein Freudenleben schieben
nein das ging nicht Aber eine Herzensfreundin die es mit der Ehre und dem
ganzen weiblichen Plunder von gutem Namen und Wohlstand nicht gar zu genau
nimmt so eine besaß er schon in Rosamund einer der gewandtesten und
leichtfüssigsten Schülerinnen Terpsychorens bei der großen Oper Auch sie hatte
so reinen Moment der Zerknirschung zu überstehen indem eine ihrer bedeutendsten
Freundschaften in der Auflösung war Zwar verachtete sie die in Absicht des
Ranges sehr verwöhnt war von ganzem Herzen den bürgerlichen Amanten doch waren
ihre Aussichten in diesen Herbsttagen ihres Lebens zu trübe als dass sie nicht
ein freudiges Ja gesagt hätte als er das Anerbieten tat sie zur
unumschränkten Besitzerin seines üppigsten Wohlstandes zu machen Weil sie es
aber Ehren halber für ihren guten Namen bedenklich fand bei ihm zu wohnen
entschloss er sich ihr seine Schwestern Elise und Laurette als Ehrenretterinnen
zur Seite leben zu lassen
Rosamund war des Herrschens über eine Schaar demütiger Verehrer allzu
gewohnt als dass sie nicht sogleich versucht haben sollte sich ihrer weiblichen
Umgebung ganz zu bemächtigen Mit Elisen diesem süßen geschmeidigen Wesen
gelang es ihr sehr leicht schwerer machte Laurette ihr den Sieg Doch erlag
auch diese endlich dem feinen Gifte der Schmeichelei und dem steten Lobpreisen
ihrer erhabenen Geistesqualitäten so dass endlich dieses Kleeblatt so
ungleichartiger Naturen gleichsam in einander verwuchs und ein seltsames Ganzes
darstellte das mit vereintem Treiben jedoch jedes sein besonderes Interesse
der Eitelkeit durchsetzte
Das Wohlleben und die Eleganz worin sie einen guten Geschmack zu legen
verstanden zog bald ein leichtes Völkchen um sie zusammen das so eben gut
genug war sie zu amüsiren und auch wieder nicht gut genug sich an dem etwas
schwankenden Rufe seiner Gönnerinnen zu stoßen wie es denn überhaupt zum
AmüsementsSystem der schönen Welt gehört in Absicht der Sittlichkeit alles fünf
gerade sein zu lassen Die trefflichsten Weiber werden dann nur erst bemerkt und
vorgezogen wenn sie einen notablen dummen Streich gemacht haben
Diese Kotterie wurde bald ein Zirkel und zwar anmasslich ein ästetischer
weil einige junge Schöngeisterei treibende Herren hier ihre Schwungkraft übten
ehe sie sich in höhere Regionen wagten
Wir haben unsre junge Freundin in diesen Kreis eingeführt gesehen und
müssen sie uns nun betroffen und mit gesenktem Blicke da sitzend denken Ihr
reines ihr frommes Herz ihr wahrhaft jungfräulicher Sinn dem hier nichts
zusagte fand gleich bei ihrem Eintritte nur zu viel Anlass den raschen kecken
Schritt zu bereuen den sie getan hatte Von allen Seiten wurde sie mit Fragen
bestürmt für welche sie keine Antworten hatte oder sie zu geben zu bescheiden
war Tante Elise die überall dem Drange ihrer GötesExistenz nicht
widerstehen konnte fragte ganz zart und liebend ob die liebe Nieçe diesen Gott
unter den Dichtern wohl kenne »Sie sind seltsam Tante« rief Laurette
dazwischen »Ansprüche der Art an unsere Verwandtin zu machen sie hat auf ihrem
Dorfe wohl schwerlich andere Poesie als aus dem Gesangbuche der lieben Gemeine
kennen gelernt Diese Menschen ach Gott sie dauern mich sie müssen sich
an die trivialsten Trivialitäten halten Diese rohen Naturkinder und was
gibts gemeineres als die rohe Natur mit der sie sich ganz umgeben um in
ihrer Platteit unterzugehen Manches ließe man in der Natur freilich so
hingehen in so fern nämlich ihre Kenntnis die Grundlage höherer Geisteskultur
wird aber gestehen Sie Tante gibt es zum Beispiel etwas Gemeineres als
dieses ewig einförmige Zirkeltreiben der Jahreszeiten Was ist in diesen
gemeiner als der Winter Wo ist ein krasserer Begriff als ein Gewitter
Sieht man nicht hier schon offenbar dass die Welt nur ein erster Versuch von
einem Etwas ist das es nicht besser zu machen verstand«
»Ganz anders wäre sie geraten hätten wir sie zusammengeknetet« rief ein
junger Herr Lauretten persiflirend »Freilich« entgegnete sie ganz
feierlich »denn es ist weder Philosophie noch Geschmack in dem Dinge«
»Gott sei mir gnädig« seufzte Albertine »Sie rezensiren den Schöpfer«
Indes wurde sie bald durch Rosamunden in ihren stillen Betrachtungen gestört
die zu viel Lebensart hatte um in Gesellschaft zu beleidigen daher nahm sie
den Faden des Gesprächs wieder auf und fragte Albertinen sehr freundlich ob
sie wohl etwas von dem Dichter von welchem eben die Rede gewesen sei gelesen
habe »Ich weiß nicht ob ich sagen darf alles aber sehr viel las ich von
ihm ehe ich zu meinem Bruder aufs Land ging Meine liebe Kousine scheint nicht
zu wissen dass ich nur den kleinsten Teil meines Lebens auf dem Dorfe lebte
und dass auch da mein Bruder und viele der Nachbarn schätzbare Bibliotheken
besitzen aus welchen zu schöpfen mir erlaubt war«
»Liebes Kind das Lesen allein tuts nicht« sagte hier Laurette boshaft
»Verstandest du auch was du lasest möchte ich hier wie Paulus den Kämmerer
fragen«
Wassermann schlug eine helle Lacht auf und rief »O pfui pfui wie kann
Jemand der Anspruch auf Geschmack macht aus der Bibel citiren Pfui
Mademoiselle wie können Sie uns das tun«
»Persiflirend ists erlaubt« entgegnete Laurette »Ach Gott ach Gott«
seufzte Albertine Ihr liebes Herz erlag in Wehmut
Tante Elise fühlte fein genug sich in Albertinens Verlegenheit versetzen zu
können Sie machte sich also an sie und indem sie das arme Kind vom allgemeinen
Gespräch abzog drang sie in sie sich zu erklären welches von Götes
göttlichen Erzeugnissen sie vorziehe in welcher seiner herrlichen Schöpfungen
sie sich ganz heimisch fühle Aus Albertinens Antworten fand sichs bald dass
sie mehr als einheimisch in diesen Schöpfungen war dass ihr Sinn sie mit
Geschmack und Geist durchdringe ob sie gleich den großen und liebenswürdigen
Dichter nie zum Aushängeschilde ihrer Kultur missbrauchte
Fünftes Kapitel
Albertinens leichter Sinn und trefliches Herz ließ freilich ihre Missbilligung
nie in Bitterkeit übergehen War aber die Verstimmung zu unleidlich so
flüchtete sie zu ihrer Freundin Euler Neben so vielen verzerrten Physiognomien
wird es uns wohl tun die Bekanntschaft dieser angenehmen Frau zu machen
Henriette war die einzige Tochter einer angesehenen bürgerlichen Familie
Mit ihres Vaters Tode sank sie von ihrem Wohlstande der sich nur auf ein hohes
Gehalt gegründet hatte so merklich herab und der ganze Mückenschwarm der
Tischfreunde die der Sonnenschein des Glücks herbeigezogen hatte verschwand
plötzlich Henriettens Mutter überlebte ihren Unfall nicht lange und die
liebenswürdige Waise wurde zu einer alten abgelebten Verwandtin gegeben die
sich um ihre Pflegebefohlne gar nicht bekümmerte wenn diese sich ihre elende
Kost durch den angestrengtesten Fleiß wohl verdient hatte
Zur Zeit des Wohlstandes war die im elterlichen Hause schön aufblühende
Henriette der Gegenstand mancher flüchtigen Verehrung gewesen Wenn diese
Schmetterlinge aber inne wurden dass sich ihnen die keusch geschlossene Blüte
nicht üppig hinneigte so flatterten sie von dannen denn nie wird eine sittsame
Schönheit welche die laute Bemerkung vermeidet zur unglücklichen Ehre die
Schönheit des Tages zu werden gelangen Sie hatte aber zu wenig Vermögen als
dass ihr heller gebildeter Verstand und ihre erworbenen Talente ihr einen
beständigen Verehrer hätten gewinnen können
Indem dieses nicht geschah wurden Henriettens heisseste Wünsche erfüllt Sie
hatte die Liebe ihres schönen Herzens einem Jünglinge zugewendet der in der
Tat auch so wie wir ihn gekannt haben ihre innigste Zuneigung zu verdienen
schien Seine Armut hatte ihn zu einer Schreiberstelle bei Henriettens Vater
herabgewürdigt Man sagt körperliche Vorzüge pflegten junge Männer eben so
eitel zu machen wie junge Mädchen Wenigstens war dies der Fall mit unserm Karl
Euler der seiner Schönheit mit aller Sorgsamkeit einer vollendeten Kokette
pflegte Diese Frivolität entging Henrietten um so mehr da sie Karln nur immer
in dem Verhältnisse eines Untergeordneten sah da denn das Mitleiden dieser
schönen Seele den Weg zur Liebe bahnte
Nicht so entging Henriette dem gefährlichen Spiele seiner brennenden
schwarzen Augen worin er vor seinem Spiegel ein Meister geworden war Henriette
beging den für ihr ganzes Leben entscheidenden Fehler dieser unwürdigen
Koketterie des Jünglings nicht jene kalte Würde entgegen zu setzen womit sie so
glücklich alle Geckerei aus ihrer Nähe verscheucht hatte Der arme junge Mensch
könnte es für Verachtung halten dachte sie Aber kein anderer wars als der
Bube Amor der ihr diese kleine Heuchelei eingab Karl spürte jedem Schlage
ihres Herzens jedem ihrer unterdrückten Seufzer nach und wenn er seine
unwiderstehlichen Reize mit in Anschlag brachte schien ihm Widerstand selbst
bei einer Henriette unmöglich Leider hatte er nur zu richtig geschlossen
Henriette gestand nach einigem jungfräulichen Weigern dass sie ihn allen Männern
vorziehe und verhieß was auch sein oder ihr Loos sein möge die Seinige zu
werden
Als nach ihrer Eltern Tode sie so zu sagen sich selbst überlassen war
würde sie gern den feierlichen Bund geschlossen haben denn obschon Karl nur vom
Abschreiben lebte wandte sie doch jetzt ihr Talent die Malerei zum Broderwerb
an und da sie durch den Meister dem sie seine Kunst ablernte viel
Bestellungen nach Russland und Polen hatte und in der Landschafts und Blumen
Malerei immer bedeutendere Fortschritte machte so glaubte sie einen genügsamen
Haushalt versorgen zu können
So rechnete die 18jährige Henriette Der 22jährige Karl hingegen so
»Henriette ist die Gutmütigkeit selbst sie wird sich nicht weigern das was
sie zu einer Haushaltung zureichend hält zu anderm Endzwecke herzugeben Ich
will ehe ich eine so ernsthafte Verbindung eingehe meiner Jugend genießen«
Und so genoss der unwürdige Jüngling und verschwendete auf eine Weise worüber
sein guter Engel weinte das mühsam erworbene Geld der Geliebten die es als
nötigen Aufwand bei Bewerbung um irgend eine Stelle angewendet glaubte indes
er sie unter dem Vorwande hinhielt keine Stelle sei ihrer wert
Es verging ein Jahr nach dem andern unter diesen schwankenden Aussichten auf
künftige Versorgung für Henrietten und immer noch verlor sie den Glauben an
Karln nicht so bedeutende Winke sie von vielen Seiten her erhielt Dass er ihrer
Hand auszuweichen nicht versorgt sein wollte fiel der treusten Seele auf
Gottes Erde nicht ein Und hatte sie irgend eine bekümmernde Nachricht über sein
geheimes Verhalten gehört so glaubte ihr zartes Gemüt ihm für den momentanen
Eindruck den es auf sie gemacht hatte Ersatz schuldig zu sein sie entzog sich
irgend ein notwendiges Bedürfrass denn andere befriedigte sie nicht ihm eine
Freude durch irgend ein kleines Geschenk zu machen welches er gewöhnlich kalt
annahm und oft noch an demselben Abend irgend einer Unwürdigen einen
freundlichen Blick abzugewinnen zum Opfer darbrachte
Karl hatte von Henriettens Fleiß so geschwelgt und seiner Jugend so
reichlich genossen dass er endlich auf die Hefen gekommen war Er erkrankte und
fühlte jetzt mit Schrecken dass er einer treuen Pflege bedürfe die er nicht
verdiente Henriette weigerte sich keinen Augenblick ihm zu gewähren was sie
für ihre heiligste Pflicht hielt Sie betrat die Schwelle des Krankenzimmers mit
dem Geistlichen zugleich der ihre Hand in die brennende Hand des
SchwindsüchtigKranken legte und sie für die wenigen Tage seines Lebens mit ihm
verband
Wenige Tage vor seinem Hinscheiden beging er die wie er es dafür hielt
pflichtmässige Grausamkeit an der Armen ihr ein vollständiges Bekenntnis aller
seiner Treulosigkeiten gegen sie abzulegen Sie gab die Zusage ihrer herzlichen
Verzeihung unter Strömen von Tränen Nach einigen Tagen starb er und ihr Gram
war gemässigter als er vielleicht ohne dies unglückliche Bekenntnis gewesen sein
würde
Aber jetzt erst wurde die unerträglichste Bürde des Kummers über ihr Herz
hingewälzt Zu ehrlich um irgend Einem Unrecht zu tun übernahm sie das
Schuldenregister des Verstorbenen mit Aufopferung ihrer ganzen Haabe zu tilgen
Bei diesem Anlasse sah sie Briefschaften und Rechnungen durch die ihr ein
schreckliches Licht über die Verirrungen des Verstorbenen gaben Sie war das
Spiel des Mannes gewesen dem sie so viel hingegeben hatte und nie hatte er es
erfahren dass sie zwei sehr annehmliche Partien nach ihrer Eltern Tode
seinetwegen ausgeschlagen hatte Aber ihr wahrhaft religiöser Sinn entbrannte
nicht über die Vergehen des Einzelnen doch härmte sie sich über die allgemeine
Gebrechlichkeit der sogar eine Natur wie die ihres Karls unterliegen musste
Allem zu genügen und allen Recht widerfahren zu lassen arbeitete sie jetzt
strenger als je Ihre Arbeiten erhielten durch ihre individuelle Lage einen
sehr anziehenden Charakter der die zarteren Saiten menschlichen Gefühls höchst
lieblich berührte Um diese Zeit wurde Albertine ihre Schülerin und ihre
Freundin Der Unterschied der Jahre hinderte nicht den Einklang dieser
gleichartigen Naturen Die ältere Freundin bewunderte neidlos die sich schön
entfaltenden Geistesblüten der jüngeren und die jüngere erndtete freudig die
reiferen Geistesfrüchte der älteren ein
Dies war das Herz zu dem Albertine sich flüchtete wenn das Missfallen an
ihrer Umgebung ihrem Frohsinn gefährlich zu werden drohte »Ach Henriette«
seufzte dann Albertine »Diese Menschen sind erbärmlich verschroben« fiel ihr
Madame Euler ins Wort »und halten sich obenein für eminente Naturen die uns
armen Menschen Pöbel unbegreiflich sind Aber wir wollen sie schon
begreifen und dann sollen sie uns eine lustige Stunde machen«
Sechstes Kapitel
Die schönen Sommertage waren dahin und schon erinnerte die frühere Dämmerung
und der nebelartige Tau der sich Abends auf die Fluren senkte dass der Herbst
nahe sei und die Familie zur Stadt zurück kehren werde
Albert war indessen um kein Haar breit weiter mit Albertinen gekommen Sie
war sich immer gleich offen ehrlich ohne Kunst und eben dies war die
Ursache, dass es ihm schien als sei ihr mit Liebe die gern kleine Schleifwege
einschlägt und in mysteriösen Lauben weilt gar nicht beizukommen Ihr Tun und
Treiben war so kindlich offen und doch so klug dass Albert sich in ihrer Nähe
wie durch tiefe Ehrfurcht gebunden fühlte denn auch er war grad und bieder
seine Bescheidenheit war wirkliche Bescheidenheit nicht Linksheit oder
Blödigkeit die jungen Männern ohne Gewandheit und Talent zum geselligen Leben
so oft den Ruf der Bescheidenheit zu Wege bringen
Albertinens Umgang nicht zu entbehren hatte er es sich gefallen lassen ein
Mitglied des ridicülen Klubs zu sein wobei ihm aber nicht lange gestattet war
eine müßige Rolle zu übernehmen Ein jeder sollte etwas vorzulesen bringen und
Wassermann bestand mit so stark vorblickendem hämischen Triumph Albert solle
eigne Arbeit produziren dass dieser sich endlich etwas finster und drohend
entschloss folgendes Märchen der Gesellschaft zum Besten zu geben
Prinzessin Gräcula
Ein Märchen
In dem weiten Gebiete der Phantasie lag ein großes großes Königreich welches
noch kein Reisender entdeckt kein Geometer ausgemessen und kein Geograph
beschrieben hat
Über dieses herrschte ein König der im Kleinen sehr groß und im Großen sehr
klein war kurz ganz so ein moralischer Krüppel als hätten ihn schon
Jahrtausende hindurch die Geschichtschreiber unter gehabt Dieser König hatte
eine Gemahlin und wie es in allen Märchen der Welt Sitte ist hatte dieses
königliche Paar denn auch keine Kinder Doch ging der König darin von der alten
Sitte ab dass er sich ganz und gar nichts daraus machte Unserm Fricando hätte
das Mühe gemacht und die armseligen 24 Stündchen Ruhe die er sich täglich von
seinen Regierungssorgen abstahl verbittert Außer vom Gesottenen und
Gebratenen nahm er von wenig Dingen Notiz Die Natur hatte für ihn nur in so
fern Schönheit als er sie sich wie eine weite wohl versehene Speisekammer
vorstellte Seine Handbibliotek woraus sein Hofzwerg ihm vorlas bestand aus
eitlen Verdauungsbüchern nämlich Vademecums und Parodien travestirten
Trauerspielen und Münchhausiaden So war unser erzgute Fricando
Ganz ein Anderes wars mit seiner Königin der schönen Sentimentale Sie
nahm von allem was war und nicht war Notiz und lebte und webte in
Kunstgenüssen Mahler Zeichner und Künstler aller Art wimmelten so chaotisch in
ihrem Schloss dass sie oft einander den Weg verrannten Und Musik ja Musik
tönte aus allen Gemächern sogar am heimlichen eine Aeolsharfe Die schöne
Sentimentale bekümmerte sich um alles was in ihrem weiten Reiche vorging sie
ennuyirte sich tötlich erfuhr sie nicht gleich alles Dem nun vorzubeugen war
ihr Schloss nach allen Richtungen hin mit Telegraphen umgeben und ein ganzes
Heer Aeronauten stand auf ihren Wink bereit ihr das Neueste vom Neuen
zuzuführen
Einst erwachte nach einer kurzen sechsstündigen Sieste unser Fricando sehr
heiter Sentimentale die unter andern auch eine Altertumsforscherin war und
das Alte gern so dicht als möglich an das Neue schob war eben in der wichtigen
Untersuchung vertieft ob der Knauel den Ariadne dem Teseus aus dem Labyrinth
zu kommen gab Seide Baumwolle oder Zwirn gewesen sei als sie durch ein
unmässiges Gelächter des teuren Gemahls gestört wurde »Ha ha ha ha «
»Nun« »Und noch einmal ha ha ha ha Das sollten Sie lesen Madame Königin
es ist verteufelt amüsant« »Also wohl ein Kochbuch weil es Euer Majestät so
treflich vorkommt« »Nicht so anzüglich wenn ich bitten darf schöne Frau
Königin Es heißt lies doch noch einmal den Titel Zwerg« Der kleine Unhold
las »Der Grobian« eine Zeitschrift
»Sie haben keine Idee Madame was die Kerls sich göttlich herunterreissen
Eine Maliçe ein Ingrimm ein Hämischsein kein Lazaroni hunzt den andern so
aus wie dieses Geschlecht einander tut Wessen Grobheit mich am meisten
amüsirt der hat für mich den Sieg errungen«
Sentimentale warf das Näschen auf Den König verdross dass sie so wenig in
seinen Geschmack einging und er setzte hinzu »in Ihrer philosophischen
Hexensprache stehts freilich nicht Aber so sind Sie immer Was mir schmeckt
davorekelt Ihnen es muss erst alles vergriecht werden solls Ihnen mundrecht
sein Ihr guten Götter und Feen was soll ich denn noch anfangen Sie zufrieden
zu stellen Haben wir nicht die besten Köche Ist unsre Konditorei nicht im
besten Stande Tönt nicht bis zum übel werden Musik um uns her Haben Sie
nicht in jeder Minute Gelegenheit sich zu Tode zu tanzen«
Fricando sank nach dieser langen Rede erschöpft ins weiche Polster zurück
so lange er lebte hatte er noch nicht so lange haranguirt Mit großer Würde
antwortete die Königin »Was das alles für einfältige Reden sind Schicken Sie
erst den garstigen Zwerg fort dann will ich hören ob sie capabel sind Raison
anzunehmen«
Fricando expedirte seinen armen kleinen Lector mit einem Fußtritt wie so
mancher treue Diener expedirt wird der das Unglück hat hässlich zu sein und der
Gebieterin seines Herrn zu missfallen
Jetzt stand Sentimentale auf und schritt mit königlichem Anstande das Zimmer
umher wobei sie schmerzvoll und höchst pathetisch in die merkwürdigen Worte
ausbrach »Ich ennuyire mich Ich ennuyire mich Ich ennuyire mich«
»Potz Wetter wie können Sie so dumm reden« erwiderte nun seiner Seits
Fricando mit nicht minder hohem Anstande »Haben Sie nicht Hoffräulein so
jung wie sie von der Mutter kommen Faseln Ihre Kämmerlinge nicht so
schnakisch wie nur irgend welche unterm Monde Was soll ich tun das vertrakte
Wort nicht mehr zu hören«
»Machen Sie dass es anders ist Doch ein Wort wie tausend Ich tue einen
Vorschlag den Sie gewähren müssen An der Grenze unsers Königreichs wo der
schöne Strom der Freude die Zuckerbergwerke bespült in der Gegend wo Euer
Majestät eingemachte Pomeranzen und gebrannte Mandeln wachsen wohnt in einer
Grotte der Marzipangebirge der Genius Frivolo Er ist Priester eines Orakels
das soll er befragen warum mir eben mir die Schmach der Kinderlosigkeit wurde
Denn das ists das sollen Sie wissen Kinder will und muss ich haben und sollte
ich gleich der königlichen Ananas nur eine Frucht bringen und dann welken so
will ich die Seufzer meines Volks um einen Erben mir nicht länger durch meine
Telegraphen zurufen lassen Jede Zofe jedes Hoffräulein bekommt richtig seine
Erben und ich allein soll meinen Dienerinnen zurückstehen Noch kam so höre
ich kein einsames Weib vom Frivolo einsam zurück Dahin dahin o mein
Geliebter lass uns ziehen« fügte sie schmeichelnd hinzu
Fricando schmunzelte und sagte ganz gutmütig »Wie heißt der Kerl Hat er
einen guten Mundkoch«
Sentimentale hatte nun gewonnen Dreimal durchküsste sie Etagenweise des
Königs dreifaches Kinn und erzählte recht redselig alle die schönen Waren her
die in jenen Gegenden zu haben wären »Nun so reisen wir« sagte Fricando
gähnend »Wenns mir weiter keine Mühe macht und der Weg durch kein Hungerland
führt bin ich von der Partie«
Schon wollte die Königin ihre Befehle zur Abreise erteilen als dem König
noch ein Bedenken aufstiess »Hören Sie doch Frau Sentimentale was solls denn
sein wenn der Kerl der Hexenmeister wie Sie da sagen Rat schafft Ein
Prinzchen oder Prinzesschen«
»Einen Erben« antwortete die Königin halb verdrießlich
»Nun nun machen Sie mir darum nicht gleich so ein KirieleisonsGesicht
Obschon ich an meinem Teile gleich gern bliebe wie ich bin denn die
Vaterschaft habe ich all mein Tage gehört macht nur Plage so dächte ich doch
die Prinzesschen wären auch ganz schnurrige Dingerchen besonders wenn so ein
Mäuschen gut kochen lernt«
»Kochen Regieren wollen Sie sagen«
»Meinetwegen auch regieren Ich habe in einer Druckschrift gelesen dass die
Damen gewiss und wahrhaftig oft recht erschrecklichprächtig regieren können Da
kam auch drin vor von einer Kaiserin von England und einer Kurfürstin von
Russland«
Sentimentale wendete sich von ihm und machte ihre ReiseAnstalten Hundert
Wagen wurden mit Bayonner Schinken Böhmischen FasanenPasteten aus Frankreich
und Leckereien aller Art beladen damit der gute Herr auf der weiten Reise
keinen Abgang der Kräfte verspüren sollte Dann wurden wieder andere hundert
Wagen mit Ober und UnterZofen nebst Toilettbedürfnissen aller Art für die
Königin befrachtet denn Frivolo war ein Elegant und wusste immer um ein Haar um
die neusten Moden
Auf der Reise war unserm Fricando so wohl wenn er sein Gefolge übersah dass
ihm oft das Wasser in dem Mund zusammenrann In solchen Augenblicken umarmte er
seine Gemahlin und versicherte sie sei ihm so schön wie der niedlichste
Ortolan und so köstlich wie die beste Hollsteinsche Auster
Frivolo hatte durch seinen Boten über und unter der Erde Nachricht von der
Reise des königlichen Paars erhalten Der schöne Genius war galant Frivolo fand
in Spalten und Klüften Kollationen von Geistern bereitet und Sentimentale
überall Spiegel die ihr ihre graziöse Gestalt schön verklärt wieder gaben
Frivolo hätte sich erschöpfen müssen wenn bei einem Genius so etwas möglich
wäre ob der überschwenglich guten Aufnahme Sentimentale sonnte sich Tage
hindurch unermüdet an dem Glanz seiner schönen Augen indes der gute Fricando
Tage lang auf den Knien um das Orakel herumrutschte etwas zu erhalten das ihm
der Gott der Hahnreischaft schon gewährt hatte
Da die poetische Periode in der Liebe gewöhnlich die ist, welche der des
höchsten Überdrusses vorangeht und Frivolo jetzt begann Sentimentalen mit
Sonnetten worin sogar ihre Hüneraugen gefeiert wurden zu überschwemmen
verspürte sie dass es nun wohl Zeit sei abzureisen Frivolo wünschte von Herzen
glückliche Reise und der ehrliche Fricando versicherte treuherzig es habe ihm
lange nicht so gut geschmeckt er werde dem wackeren Mundkoch seinen
FasanenOrden erteilen Und damit hopp hopp knarr knarr auf und davon
Jetzt gings wieder über Berg und Tal über Tal und Berg bis sie in einen
dunkeln dunkeln schaurigen Wald kamen Da begab sichs dass der arme König
durchaus zu Bette verlangte er litt an Indigestion In dem wilden Walde war
nun wie jedermann sich leicht vorstellt weder an Bette noch an Sopha außer
denen von Moos welche die Dichter sehen gar nicht zu gedenken Also war alles
in großer Bestürzung denn Seine Majestät gnarrten unablässig »ich will zu
Bette ich will zu Bette« Wie groß war aber auch die Freude als sie ein Licht
durch das Dickicht schimmern sahen Sogleich wurde darauf los gesteuert Das
Lichtlein schien sich bald zu entfernen bald ganz verschwunden zu sein Endlich
und endlich durch Dornen und Hecken hatten sies erreicht als es eben ganz
erlosch Sie befanden sich vor einer kleinen Hütte worin dem Anscheine nach
kaum der königliche Bauch Raum haben würde Als nun der königliche
OberHofAnpocher die Türe der Hütte männiglich mit Faust und Fuß bearbeitet
hatte rief eine heisere weibliche Stimme »Gleich gleich Man kann doch so
nicht vor den Leuten erscheinen« Drauf gings von Neuem klopp klopp dass
der Wald wiederhallte und inwendig auf Pantoffeln klapp klapp dass allen Zeit
und Weile lang wurde Nach langem klopp klopp und klapp klapp erschien
endlich an der geöffneten Türe eine Alte wie sie noch keines Menschen Auge je
gesehen hatte Aus hundertjährigen Furchen blitzten Augen wie Brillanten
Strenge und Milde schienen sich ewig um den Alleinbesitz dieser stark
ausgesprochenen Züge gestritten zu haben Und so ridicül ihr imponirender Ton
gegen ihren bettelhaften Aufzug abstach hatte keiner sogar die Pagen nicht
den Mut darüber zu lachen
Sie zog bei dem dürftigen Schimmer einer erlöschenden Lampe König und
Königin ziemlich unmanierlich herein den übrigen warf sie trotzig die Türe vor
der Nase zu Vergeblich suchte Fricandos Blick in dem engen Raum einen Sopha
nur ein ledernes hartes Ruhebett das sein Seculum zurückgelegt hatte war
vorhanden Er strekte seinen gemarterten Leichnam darauf hin dass die Stützen
der alten Hütte krachten
Jetzt gings mit der Alten wieder von Neuem los klipp klipp klapp klapp
darauf Tür heraus Tür herein Das Feuer war bald zusammengeschürt
unverständliche Worte über den Kessel gemurmelt und ein herzstärkendes Süppchen
für den König ein niedlich Ragout von Kolibris für die Königin stand auf dem
wackelnden runden Tischgen vor ihnen
»Hm Hm vom großen GeckenKönig vom eitlen Frivolo kommt ihr also zu mir
schöne Dame Wer mich zuerst gesehen hat sieht ihn nicht wer mich zuletzt
sieht sieht mich zu spät Nun das Orakel war euch günstig wie ich vernahm
Möge die Reise euch nicht gereuen«
»Was wisst ihr von mir« sagte Sentimentale die sich eines geheimen Schauers
vor dem grausenhaften Weibe nicht erwehrte »Wer bist du Weib das mich kennt
das mein Inneres durchblickt Hexe oder Kobold Sag wer bist du«
»Ich bin die erstgebohrne Tochter der Zeit die Erfahrung,« antwortete die
Alte ganz ruhig »Sinnlos taumelt die junge Welt an mir vorüber ihren Sümpfen
zu Die neue Weisheit die auf den Dächern predigt verstösst mich der Stolz
will ohne mich daher schreiten So entwich ich in meine Einöde bis ein durch
meine geheime Anhänger erleuchtetes Geschlecht mich wieder in meine Rechte
einsetzen wird«
»Nun denn du Eltermutter aller klugen Weiber du Erstgeborne der Zeit sage
mir wenn ich nun einen Erben erhalte«
»Frivolo« entgegnete die Alte »Frivolo hat«
»Bitte bitte untertänig« schmeichelte Sentimentale ängstlich auf
Fricando blickend Der schnarchte aber schon dass es im tiefen Walde
wiederhallte »Bitte um meines Kindes Zukunft«
»Deine Tochter wird wunderschön wunderklug sein Machst du sie aber nicht
auch wundergut so wirst du das Orakel das zu deinen Wünschen Ja sprach in
die Tiefen des Orkus wünschen«
»Wie fang ichs an« fragte die Königin verlegen »dass sie wundergut wird«
»Sei es selbst«
»Gut Aber schreib mir mein Verhalten vor«
»Lass sie nicht sich in den Irrgarten der Sophisten verirren Bewahre ihren
Fuß vor den Rosengebüschen der Wollust Hüte dass die Perle des schäumenden
Bechers ihre Lippen nicht berühre Ich komme zu Gevatter so wie du mich siehst
kann ich mich gar schmuck herausputzen«
Indes schrieb die Königin den Spruch der Alten in ihr Souvenir nur wenn sie
diese um nähere Erklärung bat war sie stumm wie das Grab
Als nun das Königspaar wieder daheim war erhob sich im Lande ein Tun und
Treiben als sollte eine Welt geschaffen werden dabei gabs gar wunderliche
Reden wie es unter eleganten und uneleganten Damen nun so der Brauch ist
einige der Erstern wussten sogar für gewiss das Orakel habe der Königin einen
leibhaften Affen zum Tronerben gewährt
Fricando freute sich wie ein Kind auf den schönen Gevatterschmauss Recht
Landesväterlich versprach er dem Jean Hagel eine Kocagna wie noch kein
Feenkönig sie gegeben hatte Über die Crater der Vulcane welche Sentimentale um
des geisterhebenden Anblicks willen mit in ihre Parks gezogen hatte wurden
Holz zu ersparen große SuppenKessel und PunschBowlen gemacht dass das Volk
sich vollauf labe indes Sentimentale die feinern und geistigern Genüsse für den
beau monde besorgte wobei unter andern ein See von SaffranEssenz war woraus
große PrahmSpritzen dem Publikum unaufhörlich diesen beliebten Wohlgeruch
altrömischer Nasen zuführte welches freilich die artigen Transparente der
äterischen ChemiseTrägerinnen nicht gnädig vermerkten und den Antiquar in die
Hölle wünschten welcher den Nasen diesen Schmauss zubereitete
Unter solchen Zurüstungen kam Zeit und Stunde herbei die kleine Infantin
stellte sich richtig ein Der erste Schrei welchen das Wunderkind in die Welt
hinein schrie setzte das Bonnen und Ammenheer in Exstase »Haben Sies gehört
All ihr Götter hörten Sies Musik kam aus der kleinen Kehle So wahr ich
lebe eine Kantilene von Mozart« rief die Hebamme Alles kam überein sie habe
in Musik geschrien Die Nachricht ging von Mund zu Mund jeder nannte den
Komponisten den er kannte bis denn in den Vorstädten eine Arie aus der
DonauNymphe daraus wurde Die Königin glaubte das Wunder denn die Schmeichelei
hatte es gehört Doch gabs in der Stadt auch alte Damen die danach späheten
ob der neugeborne Affe auch sehr grimmig sei
Und jetzt gings an ein Gevatterbitten Alle Papierfabrikanten im ganzen
weiten Reiche brachten kaum so viel Papier zusammen als der geplagte Papa zu
Gevatterbriefen verbrauchte
Aber was wahr ist nie hatte noch zuvor die Sonne einen so festlichen Tag
wie diesen beschienen Aus hoher Luft aus tiefen Klüften kams auf Tauben
Sperbern Adlern und Kranichen mit Mäusen Ratten und Maulwürfen angeritten und
angefahren Silphen Genien Gnomen und Feen prunkten in bunten Schaaren und
glänzenden Reihen um unsre Königstochter her der zierliche Frivolo mitten unter
ihnen Keiner fehlte noch als die Waldmutter die denn auch in groteskem
Aufzuge erschien
Als nun die Firmelung vor sich gehen sollte sah der Bonze sich verlegen
nach dem Namengeber um »Poularde soll sie heißen« rief Fricando dass es durch
die große Versammlung dreimal wiederhallte darob eine junge Fee so hell
aufquickte dass schier die ganze Zeremonie ins Komische herüber gespielt worden
wäre »O nein nein nicht Poularde« zwitscherte Sentimentale aus ihren
äterischen Bettumhängen heraus »Gräcula soll sie heißen so will ich« Die
junge Fee lachte wieder aber nicht so laut und Fricando gab sich wie er
gewöhnlich nach einem solchen Spruch zu tun pflegte
»Nun so weihe denn dein Kind schon durch den Namen zur Torheit des
Zeitalters ein meinetwegen« sprach die alte Waldmutter »Jetzt opfert eure
Gaben ihr Andern da du luftiges Gesindel und ihr wampigten Unholde unter der
Erde ihr GnomenPöbel nahet euch ich muss von dannen«
»Einmal her und Einmal hin
Fort zur schönen Königin«
Sie naheten Alle und Gräcula wurde mit allem beschenkt was die Schönheit
glänzend machen und den Verstand erweitern kann doch keine dachte an der Gaben
schönste an ein schönes weibliches Herz an ein Gemüt das die Schönheit
einzig schön macht das den Verstand einzig zur schönen Gabe erhöht Gräcula
wird tanzen ehe sie gehen kann Sentimentale wird die süße Schmeichelei zur
Wärterin ihres Kindes machen wird mich verachten Gräcula wird in bunten
mäandrischen Kreisen den Tanz des Lebens frühe beginnen und über ihre eigene
Füße fallen Und jetzt adieu«
Dreimal her und dreimal hin
Fort von dir du Königin
Eil ich meinem Walde zu
Fürder stört nicht meine Ruh
So die Waldfrau und polternd und scheltend fuhr sie von dannen
»Die alte Närrin« sagte Frivolo süß lächelnd »Die alte Närrin«
wiederholte das gefällige Echo der Hofleute »die alte Närrin« bis es sich
leise verhallend bei der äußersten Schildwacht verlor die ihr noch den
Gewehrkolben trotzig aufstossend den Refrain nachschickte Im Herzen hielt
Sentimentale die Waldmutter gar nicht für so eine Närrin als sie sich jetzt den
Schein davon gab sie beruhigte sich aber leicht wie das alle Sentimentalen so
in der Art haben und dachte ich will den Rousseau studieren und den Kampe zum
Not und Hülfsbüchlein wird mir auch noch die Frau le Prince de Beaumont zur
Hand gehen da solls ja wohl werden Überdem wird uns Großen ja alles so leicht
in die Hände gespielt wir werden ja doch mit so geringem Kraftaufwande
vortreffliche Wesen dass es sich keines so großen Aufhebens darüber verlohnt
Erzogen werden hieß bei Sentimentalen erschrecklich viel fremde Begriffe
auffassen lassen Gräculas Wiege wurde gleich in den ersten Wochen mit
Künstlern und Gelehrten aller Art umgeben denn sie dachte je früher je
besser Dem jungen tierisch stieren Auge wurden Antiken und Gemmen in Menge
vorgehalten dass der Kunstsinn sich frühe bilden solle Andere declamirten
Gedichte über des Püppchen Wiege hin so dass, wenn die Elegie schwieg die
Pindarische Ode herrasselte Wieder Andere disputirten über spitzfindige
philosophische Sätze wobei sich die Kleine immer besonders unruhig gebärdete
und mit den Füßchen strampelte woraus die Herren schlossen dass sie mit dem
Zeitalter fortschreiten wolle
Sentimentale starb vor Ungeduld nach den ersten Sprachlauten des
Wunderkindes An einem schönen Morgen stürzten einige Dutzend Bonnen und deren
Gehülfinnen mit der freudigen Nachricht atemlos herein die Prinzessin habe
Worte gesprochen »Worte Ihr Närrinnen was für Worte« »Das ists eben Ach
ach gnä dig ste Kö ni gin frei lich ists das eben«
stotterte die Älteste der Bonnen noch außer Atem hervor Da kams heraus es
wären fremde Worte wie Zauberformeln gewesen »Ich habs immer gesagt es wäre
nicht gut sich mit Hexen und Hexenmeistern abzugeben« meinte die alte
Gouvernante »Ich wills selbst hören« sagte die Königin und erhob sich
würdevoll nach der Kinderstube
Gräcula gestikulirte mit den Händchen wie ein Professor und rief
Mütterchen lustig entgegen »Mama ich nicht ich« und nun folgte ein ganzes
schwerfälliges Heer der Wörter, worüber zuletzt an ihrer Wiege gestritten war
Überwältigt vom Entzücken sank Sentimentale in eine leichte zwölfstündige
Ohnmacht Als sie die Augen wieder aufschlug war ihr Erstes dass sie den
Sekretär rief »O Musje Sekretär sei er so gut und mache er einen Aufsatz
aber so recht was man einen Aufsatz nennt und melde ers aller Welt in aller
Welt Avisen dass meine Prinzessin schon ein Inbegriff der tiefsten Gelehrsamkeit
ist Aber wie gesagt so recht was man einen Aufsatz nennen möchte Aber hört
er Musje Sekretär Keine Schmeichelei die verbitte ich mir die Wahrheit ist
Wunders genug«
Und der gescheute Sekretär stieß so kräftig in die Trompete dass es bald im
Lande wie im Auslande zu einem allgemeinen Schreiben und Dichten kam Die
Postpferde erlagen unter der Last der Ballen die sie nach der Residenz
schleppten und die Kinderstube der kleinen Gräcula musste erweitert werden alle
die Oden und Dedicationen zu fassen welche von höchst aufrichtigen Bewunderern
der einjährigen Beschützerin der Wissenschaften und Freundin der Wahrheit in
untertänigster Devotion vor höchstdero Wiege gelegt wurden
Zu der Zeit aber gab es einen erschrecklich gelehrten Professor der den
Leuten das Cranium betastete und dann auf ein Haar wusste wozu sie sich in der
Welt geschickt haben würden so dass mancher der bei funfzig Jahren zu dem
Volke gesprochen hatte bei Gelegenheit der Betastung erfuhr dass er seinen
Anlagen nach ein Schneider hätte werden müssen Anderen die beim Herrschen
ergraut waren tastete er ein Kutschertalent heraus und so mehr Diesen
Wundermann berief Sentimentale an ihren Hof und befahl dass er das kleine
Köpfchen ihrer Tochter befühlen und beschauen müsse doch wurde ihm leise
bedeutet es werde hoffentlich alles so sein dass Ihr Majestät Frau
Sentimentale nur Freude und Wonne nebst lieblichem Wesen die Fülle davon haben
werde
Der Professor aber war ein Mann ohne alle Hofsitte ging gerade mit der
Sprache heraus und sagte seine Resultate so keck dahin als wäre weder Pension
noch Titel zu verlieren gewesen »Gräcula« so sprach er »hat viel leere
Fächer worin sie allerlei fremde Ware lassen kann Mit dem Selbstdenken
siehts so so aus aber eine richtige Nachbeterin kann sie werden denn die
Gedächtnisskammer ist so räumig und groß als zu dem Judicio nur eine kleine
LumpenSpelunke angewiesen ist Aber nun noch etwas sie wird sich den Lichtern
der Welt darin gleich stellen dass sie mit dem Kopfe fühlt und alles durch den
Verstand abtut Wegen Herzensangelegenheiten kann man ganz sicher sein denn wo
andern Mädchen das Herzchen pickert liegt ein felsenharter Kieselstein«
Hier rief die ganze Akademie die bei dem Experimente hatte zugegen sein
müssen
Hoch und gelehrt
Sie ist es wert
Dass sie als eine Säule steh
In nostro docto corpore
Nach diesem wuchs Gräcula ganz gewaltig an Schönheit und Geist zur Freude der
Mutter mehr als des Vaters der es sehr übel nahm wenn das Töchterchen sich
den Kopf zerbrach zu welcher Kategorie der Wesen Papa wohl gehöre und ihm
endlich wohl gar im Pflanzenreich seinen Platz anwiess
Im Vertrauen gesagt riss auch der Mama ins Geheim oft die Geduld über die
widerliche Selbstständigkeit des Mädchens aus und sie verwies ihr oft die
empörenden Raisonnements womit sie sich schon über alle kindliche Verhältnisse
hinaus zu schwatzen verstand Und wenn sie die Weisheitsmänner die den
Unterricht der Prinzessin über sich hatten deshalb zur Rede stellte bekam sie
zur Antwort »es sei zwar wahr Gräcula habe eine sehr kecke Ansicht der Dinge;
es würde doch aber übel getan sein einer solchen Genialität den Spielraum zu
beschränken u d m«
»Was hat die alte Waldnärrin wohl mit ihrem Sibillinischen Wortkram
gewollt« fragte sich Sentimentale zuweilen Die Rosen mögen blühen der Becher
mag perlenden Schaum aufsprudeln ein Wesen das so wie Gräcula allen
Erscheinungen der Sinnenwelt Hohn spricht ist bewahrt genug Ein Kiesel wo das
Herz sein soll« »Aber sie hat Sinne und sehr rasches Blut« antwortete eine
Stimme die Sentimentale sogleich für die der Waldmutter erkannte die in dem
Augenblicke vor ihr stand »Sentimentale« sprach sie »deine Tochter ist
jetzt fünfzehn Jahre Sie steht am Scheidewege Lass dich erbitten mach mich zu
ihrer Gouvernante An der Hand der Erfahrung kann sie nicht straucheln«
»Was soll mir die alte Krücke« sagte Gräcula die eben ins Zimmer trat
»Ich hoffe Madame Sie trauen es Ihrer Tochter zu dass sie durch sich selbst
etwas sein könne« Die Alte hob ihr elfenbeinernes Stäbchen und sagte
bedeutend »Gräcula die Rosen blühen der Becher lockt das Blut ist heiß Du
tanzest am Scheidewege hüte dich allein zu stehen« »Ich falle gewiss nicht
gute Madame« sagte die Prinzessin hofmässig Und die Alte sagte nun zürnend
»Wehe dir und abermal Wehe wenn du nach diesem mein Antlitz sehen wirst
Schrecklich wird dirs sein Lebt wohl Gewarnt seid ihr«
Sentimentalens weiches Gemüt konnte sich über diese Erscheinung lange nicht
zufrieden geben Sie fing an die Tochter zu hüten »Sparen Sie die Mühe«
sagte diese »Ich kann das Gängeln nicht leiden Auch der Eltern Marionette mag
ich nicht sein Ein selbstständiges Wesen muss von allem sich berühren lassen
ohne etwas in sich aufzunehmen Keiner muss seine Individualität um taube Nüsse
aufgeben« So betete sie ihren Lehrern nach
An einem Abend wo bei der Königin ein großer literarischer Zirkel sich
einfinden sollte verirrte sich Gräcula in dem Park über den kategorischen
Imperativ grübelnd und einen Satz den sie irgendwo gelesen hatte auswendig
lernend weil er noch diesen Abend als selbst erfunden vorgeführt werden sollte
Sie hatte sich so weit vom Schloss entfernt dass sie nicht die sinkende Sonne
die goldnen Zinnen röten und in die kristallnen Dachfenster glänzen sah zu
ihren Füßen vernahm sie ein leises Rauschen und Zischen Es kam von einer
kleinen bunten wunderschönen Schlange die sich in allerlei künstlichen
Schlingungen zu ihren Füßen bewegte vorwärts glitt wenn sie ging und still
lag wenn sie stehen blieb Gräcula verfolgte dies Spiel so lange Zeit dass die
Dämmerung darüber eintrat Sie wollte zurück aber wie seltsam wurde sie
überrascht als die kleine Schlange sich so kräftig um ihren Fuß wand dass sie
ihn nicht von der Stelle zu bewegen vermochte und rings um sie her sich hohe
blühende Rosenhecken zogen sie dicht einzuschliessen »Das sind gewiss die Wunder
des elfenbeinernen Stäbchens der Alten« sagte die Prinzessin fest und schritt
vorwärts denn die Schlange schoss von ihrem Fuß ab einer Rosenlaube zu wohin
Gräcula ihr folgte
»Folge der Verführerin nicht« erscholls aus der Luft sie betrügt dich Da
die Stimme der Erfahrung leicht zu erkennen war so antwortete die Prinzessin
mit edlem Trotze »Ich gehe und will siegen« »Gefahr meiden ist sicherer
als sie suchen« entgegnete die Stimme »Nur der Krüppel bedarf der Krücke«
sagte die Prinzessin und ging
Jetzt trat aus einer Laube geflochten von Rosen und Mirten ein Mädchen
von überirdischer Schönheit Ihre üppigen Locken hielt ein Kranz von Tuberosen
und Granaten Um den vollen Busen und die entblößten Schultern schwebte ein
durchsichtiger Schleier Ihre Miene war lachend und einladend Freundlich
reichte sie der jungen Philosophin die Hand und sprach »Komm herein zu mir
schöne Königstochter Lass uns freundlich kosen Was vergeudest du die goldene
Zeit der Jugend die nie wiederkehrt mit alten Perückenstöcken und
unverständlichem Geschwätz Träume wenn du nicht anders kannst aber träume
froh Willst du Weisheit Raisonnement Sieh hier hier ist wie es deinem Alter
zusteht es ist meine Lebensphilosophie« Ein Buch lag vor dem Mädchen
aufgeschlagen es hieß das Paradies der Liebe »Hier lerne leben und genießen«
Gräcula trat spröde zurück und gab dem Mädchen ihre kälteste philosophische
Prunkmiene zum Besten Das Mädchen lachte und sprach »Das kenne ich Du wirst
mir nicht entgehen Deine Stunde ist da Sei ein Mädchen schöne Königstochter
Begehe nicht den schwersten Raub an dir selbst Betrüge dich nicht länger um
deine Jugend gib den austrocknenden Plunder auf«
»Noch einmal wer bist du wildes ungezähmtes Mädchen Deine Gegenwart
flösst mir unbekannte Schauer ein Woher kommt das Wer bist du«
»Die Mutter und die Zwillingsschwester des Menschengeschlechts Die große
Natur gehört zur Hälfte mir Ich gebahr alle mit jedem Mutterkinde säugte ich
den mütterlichen Busen Mässig genossen segne ich meine Verehrer die Unmässigen
lohne ich wie weiland Circe ihre Liebhaber und überlasse sie meiner jüngeren
Schwester die auch meine Tochter ist«
»Aber wer bist du Wer ist diese seltsame Schwester«
»Ich bin die Wollust meine Schwester die Üppigkeit«
»Nun denn so hebe dich von mir Sollten meine intellektuellen Kräfte«
»Still Still Diese Wörter machen mir Kopfweh Ziere dich nicht Püppchen
Komm hier und trink von meinem Wein Diesen Becher der sich immer wieder
schäumend füllt schickt dir Frivolo Er blieb sein Patengeschenk dir
schuldig«
Ein kleiner Bacchus gestalteter Genius reichte Gräcula den vollen Becher
hin Sie nippte nippte wie eine Braut im Beisein des Bräutigams Voluptas trank
und reichte ihr den Becher schäkernd wieder hin Gräcula trank nun auch wurde
aber nur redselig nicht fröhlich und die schwerfälligen Sentenzen lössten sich
jetzt wie Marmorblöcke vom Felsen aus ihrem Gehirn los Voluptas lachte und
sagte »Ists mir doch als wohnte ich einem Magisterschmause bei Rolle mir
deine schweren Sentenzen nicht übern Hals sie erdrücken mich Ich will dir ein
Liedchen singen Höre« Und die Wollust sang ein Lied wie die Wollust es nur zu
singen weiß Es regte die geheimsten Triebe der Sinnlichkeit auf Gräcula
errötete ward aber immer freier und freier denn in all dem Plunder womit sie
den Kopf vollgepfropft hatte fand sie kein Granchen Kraft den Anregungen ihrer
Sinnlichkeit zu widerstreben Der ganze Maximenkram war kalt an dem Kiesel in
ihrer Brust vorüber gestreift
Auf diese erste Zusammenkunft folgten viele andere und aus keiner kam sie
ungeahndet zurück Ihre Lehrer welchen diese Veränderung nicht entgehen konnte
griffen zum Teil in ihren Busen und sagten seufzend »Gräcula ist worden wie
unser Einer Die hohe hehre Philosophie ist ihr ein Spiel des Witzes eine
bloße Verstandesübung durch welche sie sich zu jeder ihrer Unordnungen
beschönigende Motive anzulügen weiß«
Endlich wurde Voluptas ihrer immer noch pedantischen Schülerin müde und
überließ sie dem Umgange ihrer jüngeren Schwester Nun sprachen beide dem
berauschenden Becher fleißig zu und die Prinzessin sank aller weiblichen Würde
vergessend sich groß in der Verachtung der guten Meinung anderer achtend in
die Arme des schönen Tänzers Salto
Des Zwangs den ihr Stand ihr auferlegte müde beschloss sie mit ihrem
Liebhaber in ein fernes Land zu entfliehen Ja aber ihre Ehre Ha was
ist Ehre Ein leerer Schall eine eingebildete Existenz in fremder Meinung eine
konventionelle Übereinkunft pedantischer Menschen Die Hottentotten die
Feuerländer die Neuseeländer alle haben ihre eigene Ehre welches ist nun
die rechte Wer darf den schwankenden Begriff fixiren Vater und Mutter werden
sich grämen Hui das ist nun wieder so ein Begriff zum Zerlegen Nur dem großen
Haufen imponirt er Mein Vater ists der König ists ein Anderer Was weiß
ich Die Mutter Je nun bei allem Respekt glaube ich doch schwerlich dass sie
sich eben mein Individuum dachte als ich wurde Ich kam weil sie es nicht
hindern konnte soll ichs ihr danken Und ist was wir kindliche Liebe nennen
etwas anders als die süße Gewohnheit neben einander zu existieren Würde ich
nicht eben das für jeden mit dem ich lebte fühlen Aber die Eltern taten
mir Gutes sie erzogen mich Gut gut das tun sie ihren Hündchen und Hünerchen
auch und meine Erziehung waren sie ihrer Ehre schuldig Also was hielte mich
zurück Fort fort Einen Schritt ins weite Leben hineingewagt ich will
meine Selbsteit dokumentiren und damit auf und davon Ohne Reue ohne
wehmütigen Rückblick ließ sie den armen Fricando und die gute breiweiche
Sentimentale in den Armen des süßesten Schlafes zurück
Als dem armen Fricando beim Erwachen die Trauernachricht wie ein Säftchen
beigebracht wurde entfiel das bonbon der erstarrenden Lippe und er erseufzte
so schwer dass die lodernde Flamme im Kamin davon erlosch Sentimentale überließ
sich dem lautesten Jammer worein alles stimmen sollte Die Theater wurden
geschlossen die Marionetten still an die Wand gelehnt die
SaffranEssenzSprützen versiegten und damit alles die Farbe der Melancholie
trüge ließ sie ein Edikt ausgehen dass Jedermann schwarzen Kaffee trinken
sollte Alle Töne der Freude schwiegen und nur die durch ihre Seufzer bewegte
Aeolsharfe gab ihr sympatetisch das Echo ihrer Klagen zurück
Indes irrte ohne bestimmten Zweck das flüchtige Paar über Berg und Tal
Gräcula fühlte zum Erstenmal etwas von der Beklommenheit der schönen Vaestula
als sie mit dem rotköpfigen Unhold in einer Tonne steckte Salto war am Geiste
ein vollständiger Pervonte In einer schauerlichen Monddämmerung kamen sie durch
einen dicken Wald wo sie weder Weg noch Steg fanden Salto war höchst mürrisch
und plagte seine Schöne mit den bittersten Vorwürfen dass er sich ihretwegen
hier unter den wilden Tieren herumtreiben müsse da er sanft und süß in seinem
Eiderdunenbette sich wiegen könnte Voll innigen Missmuts befahl Gräcula vor
einer Hütte zu halten die dem Scheine nach irgend einem treuherzigen Köhler
gehörte allein die Waldmutter trat heraus Der Mond bedämmerte so eben nur die
schauerliche Gestalt sie kennbar zu machen
»Gräcula kommt vermutlich sich eine Krücke auf ihrem schlüpfrigen Wege zu
bestellen So werde und sei denn was du durch dich selbst werden konntest ein
törichter Affe« Sie schwang indem sie sprach eine Gerte dass es durch die
Luft pfiff und krik krik krak krak bei Gräcula und krik krik krak krak
bei Salto so wahr ich lebe er ein Affe sie eine Meerkatze
Ihr schöner bequemer Reisewagen verschwand und statt dessen hob sie ein
plumper hölzerner Kasten in die Luft wo er von den Wolken ganz gemächlich über
Seen und Felsen daher geschaukelt wurde
»Mon Dieu was ist das« rief Salto »Oh Dio« die Prinzessin Der Kasten
war dunkel sie fühlten dass etwas mit ihnen vorgegangen war doch eigentlich
was errieten sie nicht nur an Epigrammen über die Alte fehlte es nicht
Endlich fiel ein Strahl der Morgendämmerung durch eine Öffnung des Kastens »
Grand Dieu« schrie Salto voll Entsetzen »ich weiß gar nicht Madame wie Sie
mir vorkommen Man sollte beinahe denken es will so scheinen als ob« »Nun
Affe was ists« rief Gräcula wütend Das war das rechte Wort »Ein Affe aber
auf Ehre ein recht completter tüchtiger Affe«
»Ich rase ich will zur Furie werden ich will sie dich alle alle
zerreißen« »Gemach Madame gemach Was soll ich nun erst nicht alles tun
Sie Sie sind glücklich weil Sie als eine Philosophin auch hierüber sich
beruhigen werden aber ich pauvre diable que je suis« »Ach ich habe den
Henker von der Philosophie! Wer ist der Narr der prätendirt dass sie ins
innere Leben eingreife wenn sie meiner Schönheit nicht Bewunderer verschafft
Nie habe ich mich ihrer anders bedient« antwortete Gräcula »Aber mich
verlangt wie das enden wird«
Sie waren dem Ende ihrer Reise nahe Der Kasten ließ sich auf ein schönes
grünendes Eiland nieder Salto sprang leicht wie immer zuerst aus dem
Futteral und meinte er fühle sich ganz wenig verwandelt ihm sei wie immer
Gräcula trat langgeschwänzt und melancholisch daher Ein heller Wasserquell
zeigte ihr sogleich ihr scheussliches Bild worüber sie laut aufkreischte Aber
eine Stimme rief »Verzweifle nicht Siehe Beobachte Lerne Jeder Grad von
Veredlung und Selbsterkenntnis wird dir zugerechnet«
Traurig und einsam setzte sich unser Ungeheuerchen auf einen Baum und
betrachtete still die langgeschwänzte possierliche Kameradschaft die sich nach
und nach versammelte und worunter sich Salto schon ganz einheimisch fühlte
Gräcula hing den Kopf und dachte ganz ernstlich nach das Resultat war der
Entschluss der bewillkommenden Stimme zu folgen zu lernen und still zu
beobachten Froh bemerkte sie dass schon dieser Entschluss ihr frommte denn aus
einer scheußlichen Meerkatze wurde sie ein zierliches Äffchen niedlich
geschmeidig und das artigste DosenGesichtchen Die Stimme rief »Wohl dir
Babiole du siehst ich halte Wort«
Vom heißen Hunger getrieben sah sich Babiole nach Nahrung um Ein
Mandelbaum bot ihr seine Frucht und zum Dessert reichte ihr die süße Orange ein
anderer In dem Schatten dieser Bäume barg sich Babiole ahnungsvoll ihr
Schicksal erwartend als aus einem gegenüber stehenden Baume eine männliche
Stimme sang
Wo tanzt sie nun ein Labyrinth Wo füllt
Ihr Lied den Hain welch glückliches Gewässer
Wird schöner durch ihr Bild
»Ha wieder ein Wunder Ein altfränkisches unästetisches Tier das noch dem
Kleist singt« sprach sie laut »Welche Silbertöne umsäuseln mein Ohr Töne noch
einmal süße Harmonie dass ich dich finde« sagte die Stimme die gesungen
hatte Babiole sprang hervor und ihr entgegen ein schlanker Elegant vom
drolligen Geschlechte
»Warst du ein Mensch Sprich habe ich Unglücksgefährten« »Seit ich Sie
sehe Schönste Ihres Geschlechts fühle ich kein Unglück mehr« sagte der
Fremde wobei er sich graziös seine Sitzschwülen rieb »Ob ich ein Mensch war
weiß ich so recht eigentlich nicht denn die Meinungen waren darüber geteilt
und die Pluralität nannte mich immer einen Affen«
»Wer warst du als Mensch«
»Ein Elegant untertänigst aufzuwarten Mein Beruf war mein Gesicht an
allen öffentlichen Orten spazieren zu führen die Damen zu lorgniren sie in
Gesellschaft zu unterhalten den Schoosshündchen Bisquit mitzubringen das
Modejournal immer zuerst in die Gesellschaft einzuführen alle neuen Broschüren
aufzustöbern die Schauspiel Affichen zu präsentiren beim Tee mit zu lästern
und das Stichblatt zu sein woran die Damen ihren Witz übten Ich vertrug auch
en galant homme ihre Grobheiten Sonst erinnere ich mich nicht etwas getan zu
haben«
»Solche Dinger sah ich viel am Hofe meiner Eltern Sei mein Führer ich bin
hier fremd«
Unser Papillon ließ sich das nicht zweimal sagen und trat sein
Kammerherrngeschäft sogleich an indem er beteuerte mit dem Locale vollkommen
bekannt zu sein
»Wie kamst du aber zu deiner Verwandlung Herr Ritter«
»Ich ich war so ein kleiner loser Vogel hatte mich ein wenig sarkastisch
über eine kleine niedliche Hexe von Fee amüsirt und dafür beschenkte sie meine
zierlichen Glieder mit diesem braunen Frack jusquà revoir«
»Gut So lass uns denn gehen Zeige mir die Wunder dieses Orts Ich will
alles sehen«
»Haben meine Gnädigste Dero Flacon zur Hand wenn bei dem Anblick der
bevorsteht die Nerven leiden sollten«
»Du siehst man trägt hier a lantique keine Taschen wo sollte das Flaçon
herkommen Doch sei unbekümmert Nerven kannte ich nie war immer fest und
kalt wie Erz«
Jetzt sprangen sie leicht über eine Dornenhecke die einen großen Raum
einem Kirchhofe ähnlich einschloss Vor ihnen lag ein Verhack von umgestürzten
Monumenten an welchen die Namen großer Männer noch lesbar waren Hohläugige
bleiche Gestalten die Kinder der Furien mit dem Neide erzeugt vertrieben ihre
Zeit damit dass sie diese Denkmäler mit Schlangen geisselten und den giftigen
Geifer ihrer Lippen darüber hinsprudelten Weiter hin waren Hiänen und Schakals
in Menge welche in die Gräber wühlten und dann die Toten zu verschlingen
schienen
»Was treiben jene da« fragte Babiole
»Als Menschen machten sie die Geschichte« sagte Pappillon »Hier fahren sie
fort große Menschen klein zu machen diesem den Kopf jenem das Herz zu nehmen
Manchen haben sie schon so beputzt und beschnippert dass er aus einem Riesen
der er seinem Zeitalter war ein wahrhafter Pygmäe geworden ist«
»Cest tout comme chez nous« sagte Babiole »Lass uns weiter gehen Der
Modergeruch ekelt mich an lass uns zu jenem Feuer eilen mich friert« »Ah
pour ca daran werden Sie sich nicht erwärmen meine Gnädigste Das sind nur
Johanniswürmchen verwandelte Dichter und Schöngeister Freilich machen sie
einen fürchterlichen Spectakel und immerfort Anstalt mit ihren Leuchten alle
große Dichter der Nation zu verzehren Aber endlich müssen sie es doch jenem
gelben zähnefletschenden Weibe dort überlassen die sich glaube ich Madame
Kritik nennt Aber die hat auch Zähne die Die vorigen Jahrhunderte hat sie
schon hintergeschlungen jetzt macht sie sich ans gegenwärtige Bon appetit
Madame« rief er ihr zu fasste Babioles Händchen und huy von Zweig zu Zweig
nach einem schönen Raum von Orange Mirten und Granaten beschattet wo sie eine
große bunte Versammlung antrafen
Pappillon wusste alles kannte alles lästerte apologisirte nach Laune
hatte überhaupt nur ganz wenig von seiner Natur eingebüßt Er sprang unter den
Haufen nannte sie alle bei Namen küsste Händchen Pfötchen Krallchen was es
zu küssen gab und präsentirte seine neue Bekanntschaft
Babiole ward bald inne dass hier Freiheit und Gleichheit war denn keiner
nahm Notiz von ihrem Range Ihr Sauersehen hielt keinen in Respekt Sie stürmten
mit Fragen auf sie ein ob der neue Musenalmanach schon erschienen wäre welche
Philosophie jetzt die neuste Mode sei ob der vierte Teil der DonauNymphe
schon gegeben worden ob die kurzen Taillen und langen Schleppen noch Mode
wären ob Wallenstein noch nicht travestirt sei usw Babiole war ganz
betäubt und wusste nicht Antworten zu finden überdem war sie auch dadurch
zerstreut worden dass sie unter den Fragenden manche ihrer Hofdamen zu erkennen
glaubte
»Hier sind bekannte Stimmen« sagte sie »ich bitte belehren Sie mich ob
ich sie kenne« Eine gravitätische Elster nahte sich und nach vielen unnützen
Worten kams heraus dass sie die Ehre gehabt habe der Prinzessin Gräcula erste
Kammerfrau zu sein Zwei kleine zierliche Papchens erklärten sich als Hofdamen
der Prinzessin Das übrige war ein buntes Gemisch wie die Feen die oft die
reizenden Sterblichen beneiden sie sich aus ihren Zirkeln ausgelesen hatten
doch fand Babiole immer mehr dass sie sich en pays de connoissançe befände fing
an ihres Elendes zu vergessen und die neue Situation amüsant zu finden
Suchen die mehrsten Weiber wohl mehr
Nach vollendetem Fragen schritt man zu der Tagesordnung das heißt zum
Lästern denn dieses war ein Klubb den sie den sympatetischen nannten Zuerst
wurden die abwesenden Mitglieder der Gesellschaft vorgenommen ihr Äußeres ihr
Inneres Voraussetzungen galten für Fakta kurz es ging ganz so dass Babiole
sich an ihrer Mutter Hof versetzt wähnte Nachher kam es an den Menschen den
sie eine ernsthafte Bestie nannten er betriebe hieß es seine Spielereien so
feierlich Endlich war auch dieser Quell der Unterhaltung versiegt und Papillon
brachte in Vorschlag dass sie als ein Spiel des Witzes jedes die Geschichte
seiner Verwandlung erzählen solle Einige fanden dass es amüsiren würde und
stimmten ihm bei Ein artiges Äffchen hub an zu sagen die seinige sei sehr
kurz Auf dem letzten Ball habe sie freilich ein wenig stark in einer
HoppsAnglaise einem hübschen jungen Offizier zu minaudirt und habe dabei einen
Hopps gemacht der sie in dieser Gestalt nach diesem Eilande unter diese
Gesellschaft versetzt habe« »Die Götter wissen es wie bösartig diese Feen
sind« nahm eine alte dicke Mopshündin das Wort »Eben als ich meinen 60sten
Lenz erlebte dichtete ich ein Lied an meinen Daphnis und siehe da während dem
Dichten verkürzten sich meine Finger kurz wie Sie mich hier sehen kam ich
die Feder noch in der Hand in diese noble Kompagnie die mich mit dem Namen
Amourette begrüßte« »Ja ja« miaute eine fette rote Katze »traue Einer
den Feen Ich habe bloß so ein wenig meinen Scherz mit der Schöngeisterei
getrieben Eigentlich wusste und verstand ich blutwenig aber ich trieb doch
einen ganz einträglichen Schleichhandel mit den Urteilen und Kritiken Anderer
Ich half manche literarische Maliçe in Kours bringen und ließ mirs oft bei
Wind und Wetter Nacht und Nebel nicht verdrießen um einen erhaschten boshaften
Einfall auszubringen oder eine Feindschaft anzuzetteln von Haus zu Haus bis
in die fernsten Vorstädte zu laufen Von einem solchen Gange wurde ich in dies
rote Pelzchen das kaum ein Schanzlooperchen zu nennen ist gehüllt nebst
meinem Gatten diesem fetten Kater der hier neben mir schnarcht auf einem
vertrakten Fuhrwerk durch die Luft hierher spedirt«
So kettete sich Erzählung an Erzählung Geschwätz an Geschwätz bis zuletzt
die Gesellschaft einstimmig sagte es sei nun an Babiole ihre
Verwandlungsgeschichte zu erzählen Babiole wurde nachdenkend und ernst
plötzlich ermannte sie sich erzählte ihre Begebenheiten ohne sich im mindesten
zu schonen dabei gab sie zu erkennen sie vermute mit Grund aus einigen ihr
einst unbekannten Regungen der Kiesel in ihrer Brust sei mit ihrem Menschsein
verschwunden sie glaube jetzt wirklich ein wahres fleischernes warmes
weiches Herz in sich zu verspüren denn wenn sie ihrer Eltern gedenke fühle sie
immer ein Wallen wovon ihr Auge nass würde
Indem erscholls »Es lebe Frivolo und die Frivolität Es lebe der große
Frivolo« Da sprang hüpfte kroch flog schwirrte alles im bunten Gewirre
durch einander Er erschien mit graziösen Verneigungen bemerkte in der
Geschwindigkeit alle einzelne Schönheiten der anwesenden Damen das Porte bras
dieser die sanfte Lippenöffnung jener die Grazie womit diese ihren langen
Schweif jene die fatalen Sitzschwülen verbarg Bei dem allen suchte sein Blick
durch die Menge noch Etwas Babiole war es Er fand sie drückte sie zärtlich an
sein Herz »Deine Feindin ist schier versöhnt teure Gräcula Dein offenes
Geständnis in dieser Gesellschaft ist ihr ein wichtiger Schritt zu deiner
Veredlung Noch eine kurze Prüfung und du hast überwunden Ich komme nicht
allein Deine königlichen Eltern sind mit mir Ihr Gram um dich eignete sie
bald meine Untertanen auf diesem Eilande zu werden«
Babiole fiel ihren Eltern zu Füßen und umarmte sie mit einer Fülle des
Gefühls wobei an keinen Kiesel mehr zu denken war Er war an dem sanften Feuer
der gesunden Vernunft das an die Stelle jener Philosopheme getreten war
zerflossen und das Herz weil es ihr jetzt oft ziemlich schwer war aus dem
Kopfe an seine rechte Stelle herabgesunken
Keuchend sagte der arme Fricando der auch zu einer Umarmung
heranwatschelte »Da sehen wirs nun Frau Sentimentale was bei dem leidigen
gelehrten Wesen herauskommt Affen werden wir leibhafte Affen Und das wollte
ich mir wohl noch gefallen lassen wären nur die verwünschten Knackmandeln
nicht die einem Unverdaulichkeit zuziehen Dies Geschlecht versteht sich
verteufelt schlecht auf die Küche«
Das Königspaar war also nicht verwandelt Ach der gute Fricando hatte durch
Dickleibigkeit in der Tat nur noch sehr wenig Menschliches an sich so dass es
kaum lohnte das wenige noch zu verwandeln Und Sentimentale Je nun ob die
Fee den Schwächen der Mutterliebe eine solche Nachsicht angedeihen ließ oder ob
es alte Freundschaft war genug sie war bis jetzt noch Sentimentale geblieben
Jetzt erschien die Fee Erfahrung in einem Aufzuge der aus den Rüstkammern
aller Völker zusammengebracht schien Als Dekan der löblichen Feenschaft war
das Richteramt ihr geworden Frivolos Departement war ein ihr untergeordnetes
»Schädlicher Genius« sprach die Alte »verschwinde herrsche hinfort nur über
alte Jungfern und Hagestolze Durch den Beschluss höherer Geister ist dir der
Vorzug ewiger Jugend genommen Führe dein geschniegeltes Figürchen unter
sterblichen Damen zur Schau umher und werde so ein eitler verspotteter alter
Jüngling«
Wenigen gab sie menschliche Gestalt zurück die meisten schob sie tiefer in
die Tierheit hinein weil sie wie fast in jeder Strafanstalt nicht gebessert
sondern sich verschlimmert hatten Zu Fricando sprach sie »Verlass den Thron
auf dem es sich zu hart und zu unbequem sitzt und vertausche ihn mit einem
weichen Grossvaterstuhl der schon längst in einem reichen Kloster seine Arme
nach dir ausbreitet Schlummere vegetire dort als Prior und erwarte da dein
seliges Ende bei Gänseleber und KarpfenzungenPasteten Der beste Mundkoch ist
dir zugegeben«
»Sentimentale die liebliche Gestalt eines Täubchens wird dir nicht zuwider
sein Nur eine kurze Zeit und euer aller Schicksal ist gelösst«
»Noch einer Prüfung bist du unterworfen Prinzessin unter welcher deine
Anlagen sich still und groß entwickeln mögen Ich versetze dich als
Marmorgebilde in den Prunksaal des elterlichen Pallastes Bei menschlicher
Sprachfähigkeit verdamme ich dich zu beharrlichem Schweigen Höre Dulde
Schweige Ein einziger Laut verwandelt dich in kalten Marmor der du zu sein
scheinst«
Ein Donnerschlag beschloss die Szene Die darauf repräsentirt hatten
grunzten grinzten bellten miauten von dannen wohin ihnen ihre Natur ihre
Bestimmung anwiess
Gräcula stand nun gebildet in karrarischem Marmor schön wie die Venus von
Medici im großen Saale des elterlichen Pallastes Sentimentale setzte sich
wehmütiggurrend auf der Tochter kalten Busen Ach ihr war er nie wärmer
gewesen
Schaaren von Kennern und Neugierigen drängten sich um die neue wundervolle
Erscheinung von der Niemand begriff woher sie gekommen sei Nur der
Hofmarschall gab schlau zu verstehen er wisse es wohl denn er habe sie aus dem
Herkulanum für 100000 Zechinen erhatten die ihm der Tresorier auch ganz
treuherzig wieder erstattete
In den ersten Tagen der Ausstellung übte sich bloß die Kritik der Kenner am
Ebenmaass und der Streit war zu entscheiden ob das schöne Weib wirklich antik
oder untergeschoben sei
An einem schönen Morgen machte eine Erkerbewohnerin des Schlosses eine
uralte Charteke von Hofschranze die Entdeckung die schöne Marmorfrau sei der
verschollnen Prinzessin auf ein Haar ähnlich Diese Nachricht trieb eine
unerhörte Menge Kenner und Kennerinnen zusammen und jetzt erst begann die große
Prüfungsstunde der Weiblichkeit Aber es hieß hören dulden schweigen Die
Prinzessin bestand
»Wie« sagte eine Kennerin »diese vollendete Schönheit wäre die Unholdin
Gräcula Diese zierlich gerundeten Arme Jener reichten ja die Hände bis an
der Ferse Und dieser Mund hold sich öffnend wie eine zarte Rosenknospe Der
Prinzessin Mund war wie in Afrika geformt Ihre ganze Natur war Sauerstoff«
»Ja« sagte eine Matrone das ist wahr unausstehlich war sie Wohl dem
Lande dass sie den faux pas machte«
»In der Nasenspitze finde ich doch etwas von ihrer Bosheit von der albernen
Anmaassung mit der sie als ein eminentes Wesen über alles hinwegtrat«
»Das war nur für die Welt« sagte ein Stutzer »unter vier Augen ich
versichre auf Ehre war sie nichts weniger als spröde«
»Sie soll von Zwillingen entbunden sein« sagte eine paussbackigte Rätin
»Allerliebste Buben ich versichere Sie sind bei einer Muhme von der Muhme
meiner Kammerfrau in Kost« antwortete das Weib eines Oberpriesters
»Wer war an Allem Schuld als die gelehrte Närrin ihre Mutter die durchaus
ein kleines Wunder haben wollte Zu der Zeit ihrer Geburt raunte man sich
seltsame Dinge zu« sagte wieder Einer
Das Täubchen ächzete leise und schlug die Flügel einigemal wie wenn sie
die Arme zum Himmel ausbreiten wollte um Sühne des Vergangenen herabzuflehen
Die Prinzessin litt unsäglich Sie hörte sich schmähen schändlich
verleumden ihre wirklichen und angedichteten Fehler aufs Bitterste herrechnen
Die Operation war schmerzlich aber sie bewirkte eine gründliche Kur Sie hörte
duldete und schwieg
Jetzt nahte sich ihr eine junge Dame die sie oft ihren ganzen Übermut
hatte fühlen lassen weil sie diese schlichte unverkünstelte Natur für
Beschränkung hielt »Was werd ich nun hören« sagte sich die Prinzessin Ihr
Herz schlug fast hörbar unter dem Marmor
»Gewiss meine Damen« sagte Eliante »Sie tadeln die Prinzessin höchst
unbillig Sie war wo möglich schöner noch als dies Marmorgebilde Sie war
meine Freundin nie so gern ich die ihrige geworden wäre Denn hinter jener
unglücklichen Verbildung welche die Folge einer schiefen Ansicht ihrer Mutter
war schlummerten hundert schöne Anlagen Ich an meinem Teile habe sie nimmer
gehasst so tief sie mich auch kränkte«
»Sie haben recht Eliante« sagte ein stattlicher Herr »die arme Prinzessin
wurde zu viel erzogen Die schwerfälligste Schmeichelei umgab schon ihre Wiege
Sie hat nie durch die Gelehrsamkeit bis zum Menschen durchdringen können«
Das Täubchen bewegte immerfort die Flügel und gurrte Man fand es
auffallend dass das Sinnbild treuer Liebe auf dem kalten Marmor hause
So vergingen der Prinzessin Tage und Wochen und die Fee ließ sich immer
noch nicht weder sehen noch hören Fast erlag sie unter der Last unerhörter
Schmähungen Was die Großen so selten glauben hörte sie jetzt mit eignen Ohren
dass dem Publiko keine einzige ihrer noch so geheim gehaltenen Handlungen
entgehet dass ihre Schiefheiten scharf bemerkt das Gute aber nur entstellt und
im verjüngten Maassstabe erwähnt wird
Der Strom verlief sich endlich man fand es gar nicht mehr amüsant in die
Ausstellung zu gehen denn endlich trafen sich immer dieselben Gesichter wieder
Überdem war in der Stadt ein Hundeteater eröffnet wohin die schöne Welt ihre
ihr so lästige Zeit zu töten ging
Alle Pfeile der Schmähsucht waren nun auf die arme steinerne Dame
verschossen und sie hatte in edler Selbstüberwindung verharrt keinen Seufzer
gespendet kein Ach kein Oh vernehmen lassen Die Fee erschien
Sophia1 deine Klugheit macht dich fortan dieses Namens womit ich dich
beehre wert Sophia du hast nun in kurzer Frist ein Leben voll Erfahrung
gewonnen Gehe hervor und benutze sie redlich«
Ein Donner endete die Metamorphose Sophia ging wie ein stralender Stern
hinter einer Wolke aus ihrer Marmorhülle hervor Die Duegnen und Zofen quikten
vor Schreck und die Hofdamen lagen reihenweise in Ohnmacht wobei keine an
Attitüde oder Faltenwurf gedacht hatte denn es kamen wirklich ganz curiose
Stellungen zum Vorschein Die Höflinge waren sich mechanisch verbeugend
erstarrt mit krummen Rücken stehen geblieben und erwarteten ihr Urteil
Sophia war nun ihre Königin und sagte statt zu strafen allen Huld und
Gnade zu nur die Schmeichelei lag unter dem strengsten Bannfluche Die Lehre
die sie bekommen hatte wirkte bis aufs Mark bei ihr
Eliante wurde ihre teuerste Freundin und der stattliche Herr der mit
Elianten gesprochen hatte ihr Ratgeber und Führer Doch blieb die Waldmutter
immer die erste Instanz
Lange noch blieb Sentimentale eine Taube weil sie sich selbst unter dieser
zarten Gestalt gefiel und die ewigen Liebkosungen ihr wohl taten Nur nach und
nach bequemte sie sich wieder zur menschlichen Gestalt doch behielt sie am
längsten die Flügel Ihr zu Ehren trugen nun alle Damen Chemisen à la
Sentimentale von welchen sie sich bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz
haben befreien können sie bedienen sich ihrer wie man sagt zum rastlosen
Umherflattern Das soll aber auch das Einzige sein was sie von der TaubenNatur
sich angeeignet haben
Die Waldmutter freute sich nun ihres Werkes und brachte viel Zeit an diesem
Hofe zu wo sie das Amt eines geheimen Archivarius verwaltete »Du musst dich
vermählen« sagte sie einst zu Sophien »Ich habe gewählt Mutter Er ist es
wert« Bescheiden errötend reichte Sophia dem Sohne ihres alten Freundes und
Ratgebers einem Edlen des Landes die Hand und so machte sie an der Hand der
Erfahrung, der Weisheit und Freundschaft ihre Staaten zu den glücklichsten
welche je die Sonne beschien
Siebentes Kapitel
Wir haben diese Kleinigkeit die Albert der Kritik des Klubbs zum Besten gab in
einer unabgebrochenen Folge hergesetzt Er selbst las sie in drei Abenden
Onkel Dämmrig amüsirte es trefflich er rieb oft während des Lesens die
Hände und rief »Köstlich Deliziös Da habt ihrs« Die Damen hingegen sahen
oft betroffen und etwas einfältig aus Aber Wassermann warf sich mit Wut
darüber her und kunstrichterte ohne Schonung Weil nun dieser Kleinigkeit gar
kein Wert beigelegt wird wiederholen wir hier nicht Wassermanns Kritik da sie
ohnehin ihren Richtern samt den Wassermännern und Vadiussen nicht entgehen
wird Vadius der Allgefällige wusste freilich nicht so recht nach welchem
Winde er den Mantel drehen müsse indes ließ Albert sie machen und antwortete
bloß der Tante Elisa als sie ihn freundlich fragte »Aber mein Herr von
Ulmenhorst es scheint in der Tat als wären Sie der weiblichen höheren Kultur
sehr abhold« »Der unzweckmässigen und verschrobenen von ganzem Herzen denn
nie geschah der ächten Bildung so viel Abbruch als durch diese Überhaupt gebe
ich für die ganze weibliche Verstandesbildung keine Priese Tabak wenn sie ein
Spiel der Eitelkeit ist und nicht Karakterbildung wird«
Laurette maulte Albertine sah unbefangen drein und bemerkte es auch nicht
dass Albert ihr bei seiner letzten Äußerung einen wohlgefälligen Blick
zugeschickt hatte
Albertine war eines häuslichen Geschäfts wegen abgerufen worden die
Unterredung hatte indes eine andere Richtung genommen Es war viel wahres und
halb wahres über den schönen Trieb der Menschheit die Freundschaft gesagt
worden Albert bewies aus seinen eignen Erfahrungen das Dasein dieses schönsten
Zuges und Beweises menschlichen Tugendsinnes und sprach über seine früheren
Verhältnisse zu einem Freunde den er leider nun in dem Kriege verloren habe
»Lindenhain« sagte er »war das Muster junger Männer« Albertine trat eben
bei diesen Worten wieder herein sie hörte den Namen schlich leise näher und
lauschte »Durch seltsames Zusammentreffen von Umständen wurden wir getrennt
hörten lange nichts von einander; doch wenn ich nach meinem Herzen sprechen
soll ohne uns deshalb einander minder wert geworden zu sein Ich reiste aus
ihn aufzusuchen und wenn auch nur als Volontair an seiner Seite zu fechten als
mir schon die unglückliche Nachricht entgegen kam er sei bei Bitsch geblieben«
Albertine sank mit einem dumpfen Schrei hinter Albert ohnmächtig zur Erde Sie
hatte so eben aus seinem Munde die Bestätigung vernommen ihr Louis der von
Lindenhain hieß sei nicht mehr
Albert war bestürzt obschon er nicht ahnte dass er den Zufall veranlasst
habe Der höchste teilnehmende Schmerz ergriff ihn aber als Laurette ihm mit
der größten Ruhe sagte »Sie werden sich schlecht bei meiner Kousine empfohlen
haben Herr von Ulmenhorst Der Lindenhain dessen Tod Sie bestätigen ist ihr
Gemahl«
Von diesen Worten wurde Albert wie von einem Schlage getroffen Er blieb mit
starren auf Lauretten gerichteten Augen wie angewurzelt stehen sprach keine
Silbe stürzte dann den Frauenzimmern nach die Albertinen in ihr Zimmer
brachten kehrte an der Schwelle plötzlich um schlug sich vor die Stirn und
eilte ohne Hut durch eine unwegsame Straße in der Dunkelheit eines
Herbstabends nach seinem Gute zurück wo er erst lange nach Mitternacht
verstört ankam und sich in den Kleidern aufs Bette warf
Seinem vertrautesten Freunde hat er nachher gestanden dass selbst in dem
Moment der höchsten Überraschung und Bestürzung die Hoffnung einen Strahl in
sein Herz geworfen und ihm Albertinens Besitz tief im Hintergrunde seiner Ahnung
hingezaubert habe ob er gleich das Auge davon als von einer Versündigung an
seinem verunglückten Freunde schnell weggezogen habe
Tante Elisa hatte sich indessen mit der gutmütigsten Teilnahme die Pflege
ihrer Nichte angelegen sein lassen um welche Madame Rosamunde sich nur
Wohlstandes halber Laurette aber gar nicht bekümmerte obschon diese jetzt ganz
treffliche Sachen über Humanität Freundschaft und Verwandtenliebe zu sagen
wusste welchen aber ihr Wassermann nur halbes Ohr lieh denn sein kaltes Gemüt
war eben damit beschäftigt die Zinsen von Albertinens Kapital samt den
Vorteilen zu berechnen die der Besitz einer so hübschen Frau einem Manne wohl
verschaffen könne Onkel Dämmrigs Mitleiden ging gewöhnlich in Verdruss und üble
Laune über weil er immer in seiner Art von Frohleben gestört zu werden
besorgte
Albertine verfiel in ein hitziges Nervenfieber in dessen guten Intervallen
sie zu ihrem Bruder gebracht zu werden verlangte indes man es für ratsamer
fand sie der bessern Hilfe wegen in die Stadt zu bringen wohin ihr die ganze
Familie bald folgte weil das abfallende Laub und die bereiften Morgenfluren den
nahen Winter verkündeten
Auch Albert verließ sein Gut das ihm ohne Albertinens Nähe ein Exil zu
sein dünkte So emsig er auch jeden Tag mehrere Male Nachrichten von ihr sich
geben ließ zögerte doch seine Delikatesse sich ihr auch da es schon
schicklich gewesen wäre vorzustellen Er kannte die Zärtlichkeit ihres Gemüts
das aber dennoch sich selber gelassen jeder Einwirkung der Vernunft und einer
gesetzten Fassung empfänglich war
Wassermann den alle zarteren Verhältnisse des Lebens leere Form und leidige
Konvenienz dünkten dachte jetzt auch Nun was ists denn Der erste Besitzer
ist tot Warum sollte ich seinen Nachlass nicht sobald als möglich erstehen Mit
diesem Vorsatze im Herzen begann er Lauretten der er fast erlaubt hatte ihn
nach ihrer Weise zu lieben schnöde und äußerst grob zu begegnen Er widersprach
ihr ehe er noch ihre Meinung recht wusste glaubte um recht verständlich zu
sein ihr oft im Beisein eines Dritten ihre Neigung zu ihm vorrücken zu müssen
und äußerte mit höchster Unzarteit dass er sie nicht erwidern wolle
In eben diesem Grade unfein waren seine ZuneigungsÄußerungen gegen
Albertinen die ihm wie er glaubte nicht entgehen könne Oft polterte er mit
schweren schmutzigen Stiefeln durch ihr Vorzimmer bis zu ihrem Bette hin
störte ihren seltenen heilsamen Schlummer um ihr den Vorzug seiner Teilnahme
angedeihen zu lassen und nie verließ er sie ohne sie auf die Ehre aufmerksam
gemacht zu haben welche er ihr durch seine Aufmerksamkeit zu erweisen glaubte
Dieser Albertinen so unwillkommnen und von ihr unaufgeforderten Liebe
wegen entstand ein Missverhältnis im Ganzen das Albertinen in seinen Folgen
sehr bedeutend wurde und das sie bald ausgetrieben haben würde hätte Tante
Elisens fortdauernde Liebe und der vertraute Umgang mit ihrer Euler ihm nicht
das Gleichgewicht gehalten
Achtes Kapitel
Jetzt da Albertine wieder außer Gefahr war und kleine Gesellschaften in ihrem
eignen Zimmer anzunehmen anfing wagte auch Albert einst um Zulassung bei
denselben zu bitten Albertine gewährte es ihm mit sichtbarer Bewegung und als
er erschien brach ihr Schmerz zum Erstenmale in einen Strom von Tränen aus
Denn bis dahin hatte sie zum Schrecken ihrer Freundinnen in ein dumpfes
tränenloses Schweigen hingebrütet ohne der Ursache ihres Grams im mindesten zu
erwähnen
Die Wehmut überwältigte sie so dass sie ihr Gesicht in ein Tuch
verbergend das Zimmer wankend verließ Albert blieb betroffen zurück und war
schon im Begriffe sich ebenfalls zurückzuziehen als Madame Euler erschien und
ihn in Albertinens Namen zu ihr zu kommen einlud
Albertine wollte ihn etwas fragen es erstarb ihr aber auf der bebenden
Lippe und so gut Albert es erriet so wagte er doch nicht es zu beantworten
Sie weinte so schmerzlich dass Albert dessen männliches Herz leicht in anderer
Gefühle einging nichts zu sagen vermochte als »hassen Sie mich nicht dass ich
der Trauerbote war« »Wie sollte ich den hassen der ihm wert war«
erwiderte Albertine »Sie haben also die schreckliche Gewissheit« setzte sie
mit zitternder Stimme hinzu »Leider sah ich den werten Namen in der
Todtenliste des Regimentes nach dem unglücklichen Überfall Seine teuren
Überreste setzte er leiser hinzu sind Preussischer Seits nicht gefunden weil
die grässliche Verwirrung und die Dunkelheit der Nacht jede Art von gewöhnlicher
Procedur untunlich machte« Albertinens Brust hob sich konvulsivisch bei
dieser lebhaften Vorstellung ihres Verlustes und sie winkte Alberten mit der
Hand sich zu entfernen Nach einer langen Zeit erschien sie auf ihre Freundin
gestützt bei der Gesellschaft Wassermann der Albertinen auf gewisse Weise
schon als sein Besitztum ansah fuhr Alberten sehr ungeziemend an dass er es
gewagt habe den eingewiegten Schmerz zu wecken und Albertinen legte er mit
seiner eigentümlichen Disgrazie die Hand auf ihren schönen Arm wobei er ihr
mit seinem harten herzund klanglosen Tone sagte »Hin ist hin und tot ist
tot spare die vergebne Not« Albertine antwortete sanft »Ich bitte mein
Herr lassen Sie mir meinen Gram und bedenken Sie dass wir mit einander nichts
gemein haben Unsere Naturen sind sich durchaus fremd«
Wassermann zog ergrimmt die Hand zurück mit der er ihr seinem Gefühle
nach schon zu viel Ehre erzeigt hatte und sein Zorn schwoll um so mehr da
Laurette in ein hämisches Gelächter ausbrach welchem sie um doch auch
Albertinen eins abzugeben hinzusetzte »Es leben die Prüden«
Albert war wie überall die Liebe in feinen Gemütern leise und still
waltet schüchtern sich dem Gegenstande derselben zu nähern und richtete
beinahe immer das Gespräch an Tante Elise Laurette oder lieber noch an Madame
Euler Das hielten nun die beiden Ersten für nichts anders als entstehende
Liebe zu ihnen An einem schönen Morgen fanden sie sich bei Albertinen ein und
Tante Elise erklärte nach manchem Räuspern und viel mädchenhafter Ziererei die
als Frühlingsblüte reizend als Herbstspätling aber widrig ist sie wisse sich
bei dieser neuen Liebe des guten Alberts nicht zu verhalten da sie nach der
Untreue ihres letzten Geliebten dem falschen Gott ganz zu entsagen öffentlich
gelobt habe Indes sei der Albert so lieb so zärtlich so schön2 »wie ein
blühender Mond Der süße Ton des lieblichen Mundes wenn er Worte voll
Sehnsuchtsklänge aushauchte drehete sich in ihm wie Räder in den Flüssen und
sie leugne nicht dann wende sich ihre Sehnsucht um die Schaufeln«
»Nie hätte ich mir eine solche auffallende Selbsttäuschung bei so langer
Erfahrung als möglich gedacht« äußerte Laurette schneidend »Tante« sagte
sie »ich fürchte sehr auch diesen werden Sie auf die lange Liste ihrer
Ungetreuen setzen müssen Sagt Ihnen denn Ihr guter Verstand nicht wen er nur
meinen kann« »Nun und wen denn« fragte Tante ziemlich beleidigt
»Erklären Sie sich Mademoiselle« Laurette erhob sich und machte Tanten in
der Nähe eines Spiegels der ihr ihre ganze Gestalt zeigte einen tiefen
spöttischen Knicks »Ich denke es hängt nur von mir ab wie bald Sie erfahren
sollen wer von uns Beiden Gebieterin in Ulmenwalde wird« Tante wusste in der
Geschwindigkeit nichts Besseres zu sagen als »So so« und Albertine sagte
freundlich »welcher das gute Loos auch falle werde ich mich herzlich freuen«
»Ja« sagte wieder die liebe alberne Elise die durch Albertinens
Freundlichkeit entwaffnet wurde »und wenn ich mir wieder das Göttliche denke
was dem Menschen werden könnte im Genuss freier Liebe die kein Gesetz über sich
anerkennen dürfte als das allgemeine unverletzlicher Schönheit die mit der
Liebe Eins ist Möchte man nicht an einer Menschheit verzweifeln die sich
selbst so drückende Fesseln schmiedete« »Liebe Tante« fragte Albertine die
eben Laurettens beissenden Spott fürchtete »kam diese Tirade nun wohl aus Ihrem
eigenen sanften Sinn und Ihrem strengen sittlichen Gefühle«
Elise gestand dass sie den Gedanken weil er sie auf den ersten Anklang
frappirte einem jungen ziemlich excentrischen Dichter gestohlen hätte
»Meine liebe gute Tante muss nicht stehlen sie ist reich genug an eigenem
Vermögen« antwortete Albertine schmeichelnd und so wurden durch die
Liebenswürdigkeit des einen Gemüts die beiden andern wieder freundlicher
gestimmt
Neuntes Kapitel
Wenn der Schmerz beginnt sich häufiger mit seinem Gegenstande zu beschäftigen
wenn er wagt ihn ins Auge zu fassen und ihn so zu sagen von allen Seiten
berührt und sich von ihm berühren lässt so verteilt er sich bald in kleinere
Ableitungen und die Masse wird vermindert Albertine beschäftigte sich seit
sie bestimmter von ihrem Verluste wusste ganz mit demselben Sie stellte sich
jede mögliche Art der Todesquaal die Greuel jener Nacht alles was sie über
diese grausenhafte Szene gehört hatte vor bis sie mit der Vorstellung vertraut
wurde dass der Schmerz seinen bittersten Stachel abstumpfte Bald kam sie nicht
mehr ungerufen vor ihre Seele und es wurde schon Vorsatz sich in jenen
Seelenzustand von Zeit zu Zeit zu versetzen Ihn einigermaßen fest zu halten und
bleibend zu machen entwarf sie eine Zeichnung zu einem Gemälde wobei sie
freilich immer noch herzlich weinte aber doch idealisirte die Phantasie schon
mehr als tiefer schneidender Schmerz es zu gestatten pflegt Und warum sollte
es auch nicht so sein Warum sollte die kaum neunzehnjährige Albertine an dieser
wohltätigen Einrichtung der Natur nicht auch Teil nehmen Wehe dem armen
Menschengeschlechte müsste es ein Leben hindurch Leid um die Gestorbenen tragen
Albertine vergaß nicht aber sie verschmerzte endlich was zu ändern nicht
in menschlicher Macht stand Onkel Dämmrig der seiner eignen Behaglichkeit
wegen keinen Traurigen um sich leiden mochte bestand darauf sie müsse sich
zerstreuen Sie erschien also wieder in dem Kreis der Hausfreunde und besuchte
auch zuweilen wieder öffentliche Orter So wenig die sittsame Schönheit der
höchst reizenden Albertine sonst war bemerkt worden weil sie es nicht sein
wollte so viel Aufsehen machte jetzt die interessante junge Wittwe weil sie
mit einem Hause in Verbindung stand das viel Tischfreuden und Genuss mancher Art
spendete Wer auf Ton Anspruch machte stand Albertinen im Schauspiele
lorgnirend gegenüber stieß mit dem Ellenbogen um sich und rannte im Gedränge
alles überen Haufen beim Ausgange auf sie zu warten um dann an der table dhôte
von ihr wie von einer Bekanntschaft zu sprechen
Anfänglich bemerkte Albertine von dem Allen nichts aber die wohlerfahrne
Madame Rosamund fasste desto sicherer alle die Vorteile auf die in solchen
Fällen dem abnehmenden Lichte einer Frau die schon zu lange schön gewesen ist
durch die Allianz mit dem zunehmenden Lichte einer aufblühenden Schönheit zu
Teil werden Unter dem Vorwand Albertinen zu zerstreuen führte sie die gute
unbefangene Seele überall ein und so gelang es ihr sich nach und nach ein
Gefolge von jungen Herren zu bilden wobei sie ihren Zweck sich zu amüsiren und
noch eine Art von Aufsehen zu machen vollkommen erreichte
Wir müssten der Wahrheit zu nahe treten wenn wir behaupteten Albertine habe
sich sogleich in dieser ungewohnten Art zu sein gefallen An stille ernste
Unterhaltung gewöhnt fand sie dies Umherwandern unsäglich fade und froh eilte
sie zu dem gehaltreichen Umgang ihrer Euler und Alberts der sich ihr aufs
Bescheidenste näherte zurück
»Gefällt Ihnen denn Keiner von allen den jungen Männern die sich wie Sie
es doch wohl bemerken müssen an Sie drängen« fragte einst Rosamunde »Nein
kein Einziger Die Ernstaften haben einen unleidlichen Anstrich von
Pedanterie und treiben das literarische Wesen ordentlich fabrikenmässig und die
andern deren Munterkeit mich allenfalls noch unterhält sind so flach laufen
so ohne Unterschied jedem Weibe nach dass es mich vielmehr beleidigt von ihnen
bemerkt zu werden weil ich ihre Aufmerksamkeit mit dem elendesten WeiberPöbel
teile« »Mit dieser Delicatesse wird Albertine ziemlich allein bleiben Im
geselligen Leben muss man tolerant sein oder sich in eine Kartause
verschließen« »Keines von beiden Madame Ich denke ich hoffe es gibt
einen Mittelweg« »Albertine ich kenne die Welt ich habe in ihr und mit ihr
gelebt ich habe immer gefunden dass um froh zu leben man es nicht zu genau
nehmen müsse Jedes Blümchen das an unserm Wege aufspriesst muss man pflücken«
»Jedes teure Madame Auch die giftigen« »Aus diesen bereitet man
Arzeneien Aber ich sehe dass Sie meine gute Absicht Sie in ein froheres
genussreicheres Leben einzuführen wenig erkennen werden Ich werde Sie wieder
Ihrer Euler und dem steifen Landjunker Ulmenhorst lassen müssen« Albertinen
tat dieser Stich auf ihre Freunde unsäglich wehe doch wollte ihre
Gutmütigkeit auch Rosamunden beweisen sie sei nicht unerkenntlich Sie ging
aber hierin viel zu weit indem sie sagte »Ich bin Ihre Madame machen Sie mit
mir was Sie wollen Sie sollen mich nicht undankbar finden« Indem gedachte
sie ihres Bruders Der Mut sank ihr und die Unterredung endete damit dass
Rosamunde ihre Zusage für diesen Abend zu einer Gesellschaft erhielt die über
alle Beschreibung glänzend sein sollte
Zehntes Kapitel
»Das ist ein süperber Anzug Albertine werden Sie den anlegen« fragte die
einfache Euler die freilich ihre Toilette sehr beschränken musste »Es ist mein
Anzug für diesen Abend Der Onkel und die Rosamunde bestanden auf dieser
Eleganz« antwortete Albertine etwas verlegen »Ach es ist immer ein gutes
Zeichen wenn junge Wittwen so angelegentlich ihre Toilette besorgen«
erwiderte Madame Euler »O nicht diese Sprache meine Henriette Bin ich
denn nicht mehr Ihre Albertine« indem sie sich an Henriettens Busen warf
»Ach Albertine wenn der Strudel Sie fassen sollte Wenn dieses herzige innige
Wesen in jene kalte Herzlosigkeit der Welt sich verlöre Wenn Lindenhains Wittwe
einen solchen Missgriff täte« »Nein Henriette das ist zu viel Noch hat
kein unwürdiger Gedanke sein teures Bild in mir entweiht« Albertine setzte
sich wehmütig an ihre Arbeit und retouchirte einiges an dem seinem Andenken
gewidmeten Gemälde Sie vertiefte sich so dass sie erinnert werden musste sich
zu der Abendfete zu schmücken
Die Gesellschaft in die Rosamunde sie einführte war in der Tat glänzend
Das heißt sie war äußerlich im höchsten Grade elegant Albertine erkannte
Männer vom ersten Range zwar einigermaßen travestirt doch hielt sie das in
ihrer Unerfahrenheit für gewohnte Sitte Indes schienen wieder die Damen nicht
jener höheren Klasse anzugehören Obwohl sehr geschmückt hörte sie in manchem
aufgehaschten Fragmente eines Gespräches so gewöhnliche Ausdrücke als ob sie
vielmehr den ganz untersten Klassen entronnen wären Sie waren teils
Rosamundens ehemalige Gefährtinnen teils die Hausfreundinnen jener
travestirten großen Herren die sichs einmal mit ihrem Unterstabe wohl sein
ließ Rosamunde durchkreuzte den großen Saal in allen Richtungen küsste und
kosete mit der alten Kameradschaft und sprach zu jedem mit großem Gepränge
Albertinens Namen von Lindenhain aus wogegen die junge schöne Wittwe manch
artiges Kompliment eintauschte
Albertine war nie verlegen aber die Ahndung in was für einer Gesellschaft
sie sich befände und ein unwillkührlicher Gedanke an ihren Bruder gaben ihrem
Betragen eine liebenswürdige Zurückhaltung die allerdings unter diesen Weibern
eine ganz fremde Erscheinung war Sie verließen den Saal und gingen in ein
Nebenzimmer wo Hazardspiele gespielt wurden Rosamunde war eine
leidenschaftliche Spielerin sie trat an einen Pharaotisch und überließ
Albertinen der Unterhaltung eines jungen Herrn von Stande der bei einer
schönen interessanten Figur alle Künste der Verführung im höchsten Grade
besonders die gefährliche Schmiegsamkeit besaß sich in jeden fremden Charakter
leicht einzufügen Albertine befand sich bei seiner leichten anmutigen
Unterhaltung sehr wohl er hatte Länder und Menschen gesehen und von beiden das
Interessanteste aufgefasst welches wie ein sanft rinnender Bach von seinen
Lippen floss Albertine wurde nicht müde ihm zuzuhören und was sollen wirs
leugnen ihn zu sehen so dass Mitternacht vorbei war als sie den Abend kaum
begonnen zu haben meinte
»Ich bitte nur auf ein Wort« rief Rosamunde Albertinen zu und trat
verstört zu ihr »Ich habe heut entschiedenes Unglück haben Sie eine Börse bei
sich« Albertine gab ihr acht Louisdor und die Spielerin eilte damit zu den
raubgierigen Geiern zurück die in sehr kurzer Frist die acht Louisdor in ihren
Händen hatten Rosamunde rief Albertinen noch einmal auf die Seite Der Baron
Weissensee eben der der Albertinen so angenehm unterhalten hatte bemerkte
schnell die Verlegenheit der Dame und präsentirte ihr mit der feinsten Art seine
volle Börse Rosamunde wollte Umstände machen er bat aber so viel davon
anzunehmen als sie eben brauche bekümmerte sich auch nicht darum wie viel sie
nahm Auch dieses liberale und galante Benehmen verfehlte seine Wirkung bei
unserer jungen Freundin nicht Mit diesem Gelde spielte Rosamunde sehr
glücklich und in einigen Stunden lag ein hoher Klumpen Gold vor ihr Sie
verließ endlich den Spieltisch um drei Uhr Morgens und Albertine bemerkte dass
sie dem Baron nur zehn Goldstücke zurück gab da sie genau gesehen hatte dass
sie sich deren zwanzig zugezählt hatte Albertinen gab sie ungeachtet sie so
sehr viel gewonnen hatte keinen Schilling zurück worüber diese sehr betroffen
war denn es war beinahe ihre ganze kleine Barschaft die sie ihr hingegeben
hatte
Der Baron Weissensee führte die Damen zu ihrem Wagen und erhielt leicht die
Erlaubnis ihnen in ihrem Hause aufwarten zu dürfen die er denn so gut
benutzte dass er nicht nur der tägliche Besuch war sondern bald zu den nähern
Hausfreunden gerechnet wurde wogegen Albertine wenigstens nichts einwendete
Als Albertine in ihrer Wohnung ankam sah sie bei Elisen noch Licht und
hörte als sie vor ihrer Türe vorüber musste laut sprechen Aus Besorgnis es
könne der Tante etwas zugestoßen sein trat sie zu ihr hinein und wurde durch
den nymphenhaften Aufzug unsrer alten Jungfer seltsam überrascht die mit einem
Blumenkranz auf dem fliegenden Haare in einem ganz romantischen Kostüme
umherwanderte ein Gedicht was sie so eben gemacht hatte sich laut vor zu
deklamiren Die Gegenwart der Nichte schien sie zwar anfangs verlegen zu machen
besonders da diese ihr Erstaunen nicht recht zu verbergen wusste aber bald
gewann die Dichterwut wieder die Oberhand und sie machte Albertinen zur
Vertrauten ihrer so schüchternen Muse
Elise hatte von Kindesbeinen an so viel Verse gelesen und auswendig gelernt
dass ihr endlich kleine Mondscheinliederchen ganz artig gelangen worin sie es
denn freilich an Maienblütenregen Monddämmerung und Rosenknöspchen nicht
fehlen ließ Albertine wurde an den blonden wallenden Locken bald inne wem dies
Gedicht gesungen sei
»Sie würden den jungen Mann unsäglich eitel machen liebe Tante wenn er je
etwas davon erführe« »Ei mein liebes Kind er weiß alles Unter Liebenden
muss nichts geheim bleiben Sehen Sie da indem sie an ihren Schreibetisch trat
die Früchte meiner durchwachten Nächte« Sie zeigte ein starkes Heft Gedichte
vor die Albert alle schon nach und nach erhalten hatte Albertine wusste jetzt
selbst nicht mehr was sie denken sollte und fragte ganz bescheiden »und was
hat er hierauf geantwortet« »Ja wenn ich sagen soll eigentlich nichts nur
gedankt hat der bescheidene Jüngling für die Mitteilung und mein Talent
gepriesen« Albertine schwieg hielt es jedoch für Pflicht der Tante in der
Folge den Wahn schonend zu benehmen als sie die Gute so überselig sah konnte
sie es nicht über ihr Herz bringen ihr wehe zu tun Sie ging jetzt zur Ruhe
und riet der Tante Sappho ein Gleiches zu tun
Elftes Kapitel
Sobald es bei Albertinen Tag wurde welches heut eben nicht früh geschah kam
Madame Euler zu erfahren wie es mit der glänzenden Gesellschaft abgelaufen
sei »Nun Albertine war der Abend die Nacht die sie durchwachten all der
Anstrengung des Aufwandes wert« Albertine gab ehrlich von allem Bescheid
auch von der angenehmen neuen Bekanntschaft mit dem Baron Weissensee »Sie waren
fürcht ich in keiner gar zu ehrenvollen Versammlung und dieser Name Weissensee
bringt mir einen dieses Namens ins Gedächtnis der nach den Briefen die ich in
Eulers Nachlass fand zu den ausgelassensten Wüstlingen gehört welche diese
große Stadt aufzuweisen hat« »Nun das kann dieser nicht sein er ist der
feinste liebenswürdigste Mensch den ich noch je sah« Jetzt ließ sich
Albertine ganz entusiastisch zu seinem Lobe aus wozu Henriette schalkhaft
lächelnd immer »dass dich« sagte und endlich »Nun wenn er so ist kann er
freilich der aus den Briefen nicht sein Wir werden ja sehen«
Indem wurde Ulmenhorst gemeldet Albertine machte Gott weiß warum ein
sauersüsses Gesichtchen als wärs ihr eben nicht ganz recht Wir wollen indes
nicht glauben dass ihr Selbstgefühl ihr einen Vorwurf gemacht habe als der
Vertraute ihres Grams um den beweinten Gatten vor ihr erscheinen sollte
Albert kam mit einem Auftrag der ihn einigermaßen verlegen machte Er hatte
bei seinem Bankier eine Summe von zweihundert Louisdor für Albertine von
Lindenhain die über Lyon für sie ohne Brief oder weitern Bescheid angekommen
war angetroffen Sie war von der Municipalität einem großen Hause in Paris
übermacht und durch dieses hierher gekommen Das Päckchen war von Lindenhains
Hand überschrieben und mit seinem Wappen gesiegelt So emsig übrigens Albertine
in dem Umschlage nach irgend einer weitern Bezeichnung suchte fand sich nichts
vor das von Lindenhains Leben gezeigt hätte und so nahm sie es unter tausend
Tränen als das Vermächtnis des Sterbenden und gewiss in der Gefangenschaft
Gestorbenen an
Henriette suchte geschickt das Gespräch abzuleiten Albertinens Zartheit zu
schonen und machte dagegen ihren gestrigen Abend zum Gegenstand der
Unterredung Albert beobachtete ein beharrliches Stillschweigen und hielt
beides Tadel und Beifall zurück »Kennen Sie einen Baron Weissensee« fuhr sie
fort mit einem leichten Seitenblick auf Albertinen die merklich errötete
»Ich kenne ihn« antwortete Albert einsilbig »Unsre Freundin findet ihn
scharmant« setzte Henriette scherzend hinzu »ist ers« Albert verdüsterte
sich merklich um so mehr als er Albertinens bedeutende Verlegenheit bemerkte
Darauf antwortete er kalt »Wenn Frau von Lindenhain ihn mit ihrem Beifall
beehrt kann es der den ich kenne der ein unbekannter Avanturier ist nicht
sein« Albert brach hiermit das Gespräch ab und empfahl sich ziemlich ernstaft
»Der Ulmenhorst ist ein ausgemacht wackerer junger Mann« sagte Henriette
»Ich weiß wohl was ich wünsche« »Nun und was denn« »Dass Albertine seinen
Wert fühlen und ihn mit ihrer Hand lohnen möchte« »Wie Er liebt ja Tante
Elisen« »Tante Elisen Gott erbarme sich Ich weiß es besser Nichte
Albertinen liebt er« »Er hat mir doch nie etwas davon gesagt« »Männer
seiner Art sagen nichts sie haben eine eigene Sprache sie hat freilich keine
Worte ist aber doch höchst verständlich und ausdrucksvoll«
In diesem Augenblick als Albertine eben antworten wollte und auf eine
unangenehme Art verlegen zu sein schien kam Rosamundens Zofe und ladete
Albertinen zu ihrer Dame ein indem der Herr von gestern Abend seine Aufwartung
mache »Es ist ein allerliebster junger Herr« flüsterte das Ding im Herausgehen
Albertinen zu
Henriette bemerkte mit wirklicher Bekümmernis den Eindruck den diese
Botschaft auf ihre Freundin machte und als diese nicht zu wissen schien wie
sie geschwind ihre Toilette ordnen sollte ohne Anlass zu den kleinen Neckereien
der vertrauten Freundschaft zu geben trat Henriette gutmütig hinzu reichte
ihr eine feine Spitzenhaube und legte mit einem sanften Kuss einen Schawl um ihre
Schultern reichte ihr dann die Hand und sagte »Adieu auf Wiedersehen«
»Nicht doch Henriette Sie müssen ihn kennen lernen« So schlenderten sie
beide Hand in Hand in das Visitenzimmer
»Sie sehen ich bin nicht neidisch liebe Lindenhain« rief ihr Rosamunde
entgegen und schien dabei sich etwas damit zu wissen dass sie der Schönheit und
Jugend huldigte »Ei Madame Euler wie kommt man denn einmal zu der Ehre Sie
ihrer Einsamkeit zu entlocken Herr Baron eine berühmte Künstlerin« Die Dame
wollte aus Eitelkeit ihrer ganzen Umgebung eine vollwichtige Bedeutung geben
Madame Euler lehnte das berühmt bescheiden ab aber durch den Ausruf
Künstlerin gewann das Gespräch eine interessante Wendung wobei der Baron sehr
einsichts und geschmackvoll über die Kunst sprach Henriette schien sehr
zufrieden mit ihm zu sein und sagte nachher Albertinen »ist er was er
scheint so ist Ihre kleine Parteilichkeit vollkommen gerechtfertigt Indes
fürchte ich mich vor der erstaunlichen Regsamkeit seiner Muskeln Bemerken Sie
doch das ewige Spiel derselben das seiner Bildung nicht fünf Minuten nach
einander denselben Ausdruck lässt Im Ganzen ist er mir auch zu glatt zu hell
polirt als dass er nicht harter Natur sein sollte«
Albertine schwieg fand aber im Herzen an dem Urteile ihrer Freundin viel
auszusetzen seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihrer kleinen Eitelkeit sehr da
er nachdem er die Welt so durchkreuzt und gesehen hatte sie dennoch
auszeichnete Sie verglich ihn beinahe ohne es zu wollen mit Alberten den sie
ein wenig dem Hintergrunde zuschob so wie beinahe ohne ihr Zutun unter ihrem
Krayon des Barons Gestalt auf den Vordergrund hervorging als sie eine Idee
ausführen wollte worin er eigentlich gar nicht eingriff
Zwölftes Kapitel
Bei dem Abendtisch fand sich der ganze Zirkel der Hausfreunde ein wozu nun auch
der Baron Weissensee gehörte Wassermann war toll und böse über diesen neuen
Aristokraten wie er ohne Umstände jeden Adlichen nannte der ihm um so mehr
zuwider war weil er einen neuen gefährlichen Rival bei Albertinen in ihm
ahnte Auch war seine Grobheit gegen den Baron ganz unbegränzt und wo dieser
nur den Mund auftat war er bereit ihm aufs beleidigendste zu widersprechen
Traf es sich nun zum Unglück dass Albert mit dem Baron einerlei Meinung war so
schrie Wassermann über den Esprit de Korps dieser Kaste über Despotisirung der
Meinungen usw Bei dieser Wendung des Gespräches war Niemanden wohl und alle
waren froh als es zu Tische ging
Vorher nahm noch Albert einen Augenblick wahr Albertinen leise zu sagen
der Baron Weissensee sei der nemliche von dem er wisse und sei aller
Wahrscheinlichkeit nach ein Avanturier ein entlassener Schauspieler und gehöre
jetzt zu einer Spielerklicke Es sei ihm heilige Pflicht der Freundschaft ihr
dieses zu sagen Albertine dankte ihm etwas kalt und nicht ganz mit der
Unbefangenheit mit der sie sonst alles tat Albert zog sich bescheiden zurück
Über Tische wurde unter Mancherlei auch die Weltbürgerschaft ein Gegenstand
des Gesprächs Wassermann erklärte sich wütend dafür und meinte in Fällen wo
es aufs Wohl der Menschheit ankäme könne man seinen Kreis nicht weit genug
ziehen Albert behauptete dies sei Bequemlichkeitstrieb weil der Anforderungen
für die Ferne wenige wären In der Nähe und in engen Kreisen zu wirken sei
sicherer als seinen Wohltätigkeitstrieb nach Amerika oder sonst in die Ferne
zu schicken Die nähern Ansprüche der Verwandtschaft nach diesen die der
Mitbürgerschaft zu erfüllen sei verdienstlicher und fände dann ein großer
vielumfassender Geist einen ferneren Wirkungskreis in seiner Sphäre zu ziehen
möglich so wäre dies freilich etwas Großes könne aber nie allgemeine Tugend
werden »Wie« schrie Wassermann »Sie wollten nicht mit Leib und Gut für die
armen bedrängten Neger wirken Mit meinem Leben möcht ichs« »Ich vor der
Hand nicht« sagte Albert ruhig »noch habe ich zu viel Pflichten gegen meine
Gutsuntertanen und gegen viele andre meiner Mitbürger auszuüben« Wassermann
überschrie ihn und trieb es so arg dass man hätte meinen sollen er werde noch
diese Nacht unter Seegel gehen die Schwarzen zu befreien
Indem erscholls im Hause »Feuer Feuer« Die Türen des Speisesaales
wurden aufgerissen und die Domestiken stürzten totenbleich mit der Nachricht
herein es brenne im Hinterhause der Stall stehe in lichten Flammen
Alle sprangen von ihren Sitzen auf und eilten heraus Nur der einzige
Wassermann blieb ruhig sitzen trank sein Glas Champagner aus stürzte sich noch
eines ein trank in der Geschwindigkeit einige vollstehende Gläser aus packte
von den DessertTellern die Macaronen und süßen Orangen ein suchte seinen Hut
nahm noch ganz ruhig ein Buch zu sich welches er liegen sah las eine Recension
mit allem Bedacht und verschwand ohne sich nach dem schauerlichen Auftritt in
dem befreundeten Hause umzusehen ganz gelassen wahrscheinlich um von den
Negern zu träumen
Jetzt war ein Jeder nach seinem Charakter geschäftig Albert war sogleich
hingeeilt die Pferde aus dem brennenden Stall zu ziehen Albertine war durch
den erstickenden Rauch in die Kutscherwohnung gedrungen riss die schlafenden
Kinder aus den Betten und den Käfigt mit dem kleinen Zeisig vom Nagel alles
Lebende zu retten Albert der die Pferde seinen Bedienten übergeben hatte war
ihr nachgeeilt sie winkte ihm mit der Hand nach einer Stiege die nach oben
führte hin Albert flog herauf obgleich die Flammen schon über ihm
zusammenschlugen und brachte bald glücklich eine arme alte kranke Frau auf
seinen starken Armen getragen Viele der Herren schleppten Wasser der Baron
aber stand von ferne und bot Geld über Geld wer retten hilfe Dämmrig trippelte
oben in seinem Reviere umher und gab zweckwidrige Befehle die zum Glück Niemand
befolgte Elise sank aus einer Ohnmacht in die andere und declamirte zwischen
durch das Lied vom braven Manne von Bürger in den Lärmen hinein Laurette
schimpfte auf den mechanten Pöbel der einen solchen Aufstand im Hause
angerichtet habe und der nicht wert sei dass er gerettet werde Frau Rosamunde
war an ihrem Teile sehr zweckmäßige für sich tätig denn sie packte mit ihrer
Kammerjungfer alles von Kostbarkeiten was sie nur ansichtig wurde zusammen
um im Fall das Feuer weiter um sich griffe damit abziehen zu können
Erst als alles vorüber war und die Gesellschaft sich gegen Morgen zu einem
Frühstück zusammen fand bemerkte Albertine dass sie den einen Arm sehr
beschädigt habe Albert ohne ein Wort zu sagen verschwand und kam nach einer
Viertelstunde mit einer Brandsalbe zurück die sogleich mit Erfolg angewendet
wurde indes der Baron diese Zeit mit fruchtlosem Bedauern und hundert kleinen
Artigkeiten vertändelt hatte die wir müssen es leider zur Steuer der Wahrheit
sagen Albertinen so wohl taten als kaum nachher das erprobte Mittel das der
redliche Albert herbeigeschaft hatte
»Und wo hat denn unser Kosmopolit Ende genommen« fragte Onkel Dämmrig
Ein jeder sagte seine Vermutungen und übte seinen Witz nur Laurette die ihren
Mann um so besser kannte als sie sich ihm in seinen ökonomischen
Angelegenheiten zur Vertrauten aufgedrängt hatte behauptete er habe seine
weissseidnen Strümpfe und die Prunkweste nicht Preis geben wollen und so
verhielt sichs wirklich Denn als er Mittags vom Onkel Dämmrig geneckt wurde
stieß ers in der Ärgerniss heraus dass dieses Mal in der Tat die neuen Strümpfe
und die schöne Weste den edlen Kosmopoliten untätig erhalten hatten Albertinen
machte er ernste Vorwürfe dass sie sich um nichts und wieder nichts in
Ungelegenheit gestürzt hätte »Um nichts und wieder nichts Ich habe zwei
liebe Kleinen gerettet und das wie Sie sehen um einen sehr geringen Preis«
»Wer weiß auch noch ob es ein Glück für die Welt und selbst für die Kinder ist
dass sie am Leben erhalten sind Der ungebildete Mensch steht nur eine Stufe über
dem Tier und es ist nicht recht wenn der nützlichere der gebildete sich für
das Untergeordnete wagt sich der Welt zu erhalten ist die höhere Pflicht«
»Abscheulich« sagte Albertine und wendete sich indignirt von ihm »Und die
lieben Neger« fragte Onkel Dämmrig der nicht leicht eine Neckerei fahren ließ
»Wassermann Wassermann mich dünkt ihr System ist lahm und hinkt auch«
Unser Magister tat was er immer tat wenn er sich in die Enge getrieben
fühlte er wurde grob »Gewisse Leute« schrie er »sollten sich doch endlich
resigniren und gestehen dass sie vieles nicht begreifen und in das Wesen
höherer Naturen nicht einzugehen vermögen« Übrigens hatte der Weltbürger sich
mit keiner Sylbe nach dem traurigen Vorfall erkundigt wie das doch wohl ein
ganz Fremder getan haben würde
Dreizehntes Kapitel
Wenn in den längeren Abenden Madame Rosamunde mit Albertinen und Lauretten die
sie scherzweise ihre Hofdamen nannte außer dem Hause ihr Wesen hatte pflegte
Onkel Dämmrig zuweilen mit Schwester Elisen im Brette irgend eines der
kinderleichten Spiele die den Kopf nicht angreifen zu spielen Sie machte
jetzt bei ihrer belle passion für Albert die Zerstreute so dass der Bruder das
Spielen satt hatte und eine Unterredung anfing von der wir jetzt Folgendes
erfahren haben
»Ich denke immer ehe wirs uns versehen führt der Ulmenhorst uns Nichte
Albertinen davon« »Wie so« »Weil er rasend in sie geschossen ist«
»Meinst du Ich könnte dir die Sache ganz anders erklären« »Wie das
Schwester« »Ulmenhorst hat sein Herz einer ganz Andern zugewendet« »Das
wäre Also nicht Albertinen« »Nein Davon bin ich überzeugt« »Ich sage dir
aber ich verstehe mich auf solche Affairen er ist sterblich in sie verliebt«
»Possen Das ist ein bloßer sinnreicher Schleier den er einer weit
ernstlichern Leidenschaft leihet« »Nun so möchte ich doch wissen in wen er
hier außer diesem allerliebsten Weibchen verliebt sein könnte« »Du möchtest
es gern wissen« »Freilich« »In mich« »In dich« »In Niemand anders«
»Potz über die alte Närrin« »Herr Bruder« Elise war allemal wenn sie
Herr oder bei Frauenzimmern ein Ehrenwort hinzusetzte auf dem höchsten Grad
ihrer Empfindlichkeit und weiter verstieg sich die gute arme Tante in den
Regionen des Zornes auch nie Also »Herr Bruder was soll der beleidigende
Ausruf Man ist doch noch nicht veraltert und manche Jugend würde auf dieses
Auge sie ließ es lieblich schmachten und diesen Teint eitel sein Und
Doormann Emmerich Rotfelss und Feldhain möchten doch wohl den Beweis liefern
dass andere Leute nicht so geringe von der Macht dieser Reize denken als der
gütige Herr Bruder« »Diese Leute wären in dich verliebt« »Ja ganz
unsterblich« »Und haben es dir gesagt« »So verwegen war keiner aber die
Liebe hat eine stumme Sprache« »Sie lassen sich aber von keinem Auge im Hause
sehen« »Dank sei es ihrer diskreten Leidenschaft« »Und der Rotfelss
vollends macht sich über dich lustig wo er nur weiß und kann« »Ha Wer kennt
nicht die Rasereien der Eifersucht« »Emmerich und Feldhain haben Weiber
genommen« »Ach der Depit fehlgeschlagener Hoffnung« »Schwester du bist
rein toll« »Herr Bruder Sie sind sehr unartig« Elise packte ihr
Arbeitskörbchen zusammen begab sich unmutig auf ihr Zimmer und seit diesem
Abend blieben die Partieen im Damenbrette auf lange Zeit ausgesetzt
Mit dem Tod im Herzen wie sie sagte wartete sie auf Albertinens
Zuhausekunft und wie sie den leisen Fußtritt dieser Lieben über sich hörte
ging sie ihr Herzeleid zu klagen Aber wie vernichtet wurde sie als Albertine
ihr wehmütig antwortete »Ach der Onkel wird wohl mehr denn zu recht haben
lesen Sie diesen Brief liebe Tante« Elise vermochte es kaum doch fasste sie
mit zitternder Hand das Blatt und las mit von Tränen verdunkeltem Blicke
»An Albertine von Lindenhain
Seit dem glücklichen Augenblick der mich in Ihre Nähe brachte
liebenswürdigste Freundin habe ich Sie keinen Augenblick aus meinem Herzen
gelassen Ich wusste nicht dass Sie meinem Freunde gehörten unter der einfachen
Benennung Albertine wodurch Ihre Gesellschaft Sie bezeichnete ahnte ich nicht
die Gattin eines Mannes von Stande Ich schwieg weil ich Ihre Achtung
verdienen Ihre Zuneigung gewinnen wollte ehe ich ein Geständnis wagte das ich
jetzt mit der schweren Besorgnis Ihnen zu missfallen ablege Verehrteste
Freundin es hat mir oft besonders in den letzten Zeiten geschienen als
bemerkten Sie meine innige Verehrung meine so herzliche Zuneigung wenigstens
nicht so wohlgefällig als das Glück meines Lebens es heischt und deshalb bitte
ich jetzt um Ihre teure Hand um Ihre Liebe mit einem Grade von
Schüchternheit die kein redlicher Mann je fühlen sollte Albertine verwirft
mich Ihr Herz als unwürdig der Nachfolger des Liebenswürdigsten der Männer zu
sein so geben Sie mir es wenigstens nicht in harten Worten zu erkennen und
verweisen mich dann nicht aus dem Kreise Ihrer Freunde
Meine äußern Glücksumstände sind nicht unwert Ihnen angeboten zu werden
und ich darf es Ihrem schönen Herzen wenn es das Glück des meinen will
vorschlagen über Ihr künftiges ansehnliches Vermögen zu Gunsten irgend einer
von Ihnen geliebten Person zu disponiren Das meinige ist durch die Erbschaft
einer Tante zu einer mir beinahe lästigen Stärke angewachsen
Albertine Sie kennen mich ich werde nicht den Tod suchen verwerfen Sie
mich Aber durch Ihr Nein scheitert jeder frohe LebensPlan verdüstert sich
meine ganze Zukunft Denn Sie sind die Erste die ich liebe und ich fühle dass
dieses Herz nie einer Andern gehören kann Ewig
Ihr
Albert von Ulmenhorst«
Als die arme Elise vor lauter Wehmut dazu kommen konnte fragte sie mit
gebrochener Stimme »Und haben Sie schon einen Entschluss gefasst Nichte«
Albertine sagte sie sei ihrem Gefühle nach erst so kurze Zeit Wittwe dass
sie selbst Wohlstandes wegen noch an keine zweite Ehe denken könne überdem
sei sie ja noch so jung und denke ihre Unabhängigkeit noch angenehm zu genießen
»Ach« seufzte Elise tief »er liebt Sie darum um nichts desto weniger der
Falsche O Gott ich habe ihn so treu so einzig geliebt Ich habe ihm mit der
ganzen Kraft meines Gemütes gehuldigt Albertine Sie sind meine bitterste
Feindin Sie rauben ihn mir« »Liebe Tante ich bin unschuldig bin weiß es
Gott ganz unschuldig denn ich suche seine Liebe nicht« Elise ging
schmerzlich weinend von ihr
Am andern Morgen fuhr Elise nachdem sie viel geräumt und gewirtschaftet
hatte mit ihrer Kammerjungfer aus Mittags wurde sie vergebens erwartet so den
Abend und da sie die Nacht ausblieb suchte man in ihrem Zimmer nach ob sie
vielleicht eine Weisung hinterlassen habe wo sie hingekommen sei Auf ihrem
Arbeitstische lag folgender offener Zettel
»Ihr alle habt mir das Herz gebrochen Mein unfreundlicher Bruder und meine
gute schuldlose Nichte am meisten Ich kann hinfort nicht mehr unter euch
wallen Ich gehe hin wo mir nur wohl sein kann Keiner trage Sorge um die
verstossene Elise denn sie wird selig selig überselig sein Künftig mehr
Elise Dämmrig«
Keiner entzifferte diesen rätselhaften Brief außer Albert der zu diskret war
der zärtlichen Elegie die er zum Abschiede erhalten hatte zu erwähnen Die
Familie war höchst bestürzt Frau Rosamunde hatte wirklich eine und eine halbe
Ohnmacht zu Stande gebracht Albertine die sich alle Schuld beilegte war
untröstlich und wenn der Onkel Dämmrig unter Tränen die er hinter einem
läppischen Lachen zu verbergen glaubte ausrief »Wo nur in aller Welt ma soeur
oder auch welches bei ihm gleichgeltende Ausdrücke waren die alte Närrin
Ende genommen haben muss« sagte Laurette immer mit angenommener Traurigkeit
»Wer weiß in welchem Wasser die liegt Mein Trost ist dass sie den neunten Tag
dann doch wieder zum Vorschein kommt wie man sagt« Indes musterte sie in der
Stille den Nachlass der armen Tante worunter sie manches fand was ihrer
Habsucht schmeichelte
Erst nach vierzehn Tagen als sie alle Vermutungen erschöpft hatten
erhielten sie folgendes Schreiben
»Der Jammer hatte mein Herz gebrochen denn Er füllte meine ganze Seele Ihr
hattet mich getötet Jetzt bin ich zum seligen Leben hervorgesprosst Ich bin in
dem Himmel in der Nähe der Götter die meine Seele anbetete Ja Albertine du
Einzige die du mich begreifst ich sah ihn ich sprach ihn Denke dir diese
Seeligkeit des Himmels ich sprach ihn Ewigkeiten möcht ich so ihn sehen
Ewigkeiten da wie angewurzelt stehen Wie ich mich ihm entgegenrankte dem
hehren Dichter der Iphigenia Wie da alles andere vor meiner Seele schwand
Jetzt Albertine du geliebte Verwandtin meiner Seele genieße des Vorzuges von
dem Goldlockigen geliebt zu werden unbeneidet noch einmal ich bin in dem
Himmel in meinem Weimar Lebt wohl
Elise Dämmrig«
Jetzt ward allen wieder wohl als sie nur wussten wo die gute Schwärmerin
hingekommen war obschon die arme Albertine in die Erde sinken zu müssen
glaubte als der Onkel den Brief ohne alle Schonung in aller Gegenwart laut
vorlas wobei er lachte dass er hätte ersticken mögen und von Zeit zu Zeit
Albertinen und Alberten mit dem undelikaten Ausruf »Ha Ha da kommts heraus«
ansah Durch dieses Ereignis wurde Albertine bewogen früher als sie es wohl
sonst getan hätte Alberten ein Körbchen zu flechten das so zart so fein so
mit Blumen umwunden war wie es der feine weibliche Takt nur immer ersinnen
konnte Ihr Herz ihr jetzt leider eingenommenes Herz wollte den Liebhaber
entfernen und sich den Freund erhalten ein Plan der achtungswerten Weibern
sehr sicher zu gelingen pflegt und auch hier gelang
Vierzehntes Kapitel
Albert hatte sich mehr Stärke zugetraut als er wirklich besaß Albertinens
Antwort versenkte ihn in stillen Gram der endlich in ein gefährliches Fieber
überging In den Paroxismen rief er Albertinen und den Tod ihn zu retten aus
dem Abgrund worein er versinke Die redliche Euler hielt sich verpflichtet da
es ihm in seiner bloß verdungenen Hausgenossenschaft durchaus an einer zarten
pflegenden Hand fehlte sich über die Regeln eines ängstlichen Wohlstandes
hinauszusetzen und sich in sein Haus zu begeben Durch sie erhielt Albertine
alle Stunden Nachricht von seinem Befinden denn bei allem was wir an
Albertinen missbilligen könnten hatte sie immer noch nicht den Sinn für einen
Freund wie Albert ihr war eingebüßt wenn gleich ein flüchtiger Übergang von
Frivolität sie jetzt einigermaßen gefangen hielt
Ein Ereignis das nicht zu den glücklichen gehörte veränderte während
Alberts Krankheit gänzlich das Innere des Dämmrigschen Hauses Der Herr
Prinzipal hatte nach einer vieljährigen Gewohnheit sein ganzes Handelsgeschäft
seinen Buchhaltern überlassen wovon einige an Aufwand es ihm beinahe gleich
taten weil sie aber der Rosamunde ungeheure Zahlungen leisteten sich ihrer
kräftigsten Protection zu erfreuen hatten Jetzt brach was man einen
vollständigen Bankerutt nennen möchte über das Haus ein ohne dass der sorglose
Herr Dämmrig die fernste Ahnung einer solchen Katastrophe gehabt hätte Nachdem
die ersten unmässigen Regungen seines unmännlichen Schmerzes vorüber waren ließ
er seine Hausgenossen zusammenkommen und erklärte ihnen was geschehen war und
nun fürder geschehen müsse nämlich eine totale Reform der eingeführten
Lebensweise Rosamunde sagte nachdem sie in der Geschwindigkeit verschiedene
Ohnmachten abgetan hatte sie werde nun nicht mit ihm Misere schmelzen nachdem
sie ihm ihre schönste Jugend aufgeopfert habe welche sie doch im Vorbeigehen
gesagt baare zwei und vierzig Jahre mit aller Anstrengung einer tapfern
Koulissenheldin genossen hatte und was das Misere schmelzen betrifft hatte sie
auch diesem mit großer Klugheit vorgebeugt indem sie sich ein beträchtliches
Kapital ohne die kostbaren Juwelen welche sie besaß von ihm gerichtlich hatte
schenken lassen Indes erklärte sie doch grossmütiglich sie wolle vor der Hand
im Hause bleiben so lange als man es ihnen selbst noch gestatten werde
setzte sie trocken hinzu
»Elise hat das Beste erwählt sie hat sich vor dem Sturm gerettet« sagte
Dämmrig gerührt »aber ihr meine Nichten wie wird es euch armen Kindern
ergehen Du meine Philosophin wirst in deiner Vernunft Gründe gegen das
Ungemach finden« »Sein Sie unbekümmert Onkel Noch nie darbte der Verstand;
es wäre traurig wenn die höhere Ausbildung zu nichts weiter führte Ich bin
nicht gemacht um verlassen zu werden die ersten Häuser stehen mir offen und
die besten Köpfe finden sich durch meinen Umgang geehrt« sagte sie stolz und
entfernte sich die Tränen verbergend welche die Aussicht in eine
beschränktere Lage ihrem verzärtelten Sinne entlockte
»Und du Albertine meine Gute wirst du den armen Onkel nun verlassen
wollen« »Nein mein teurer guter Onkel Ich genoss Ihre Großmut und teile
von nun an jedes Schicksal mit Ihnen Nimmer nimmer verlasse ich den
Pflegebedürftigen und was die Vorsehung mir zugeteilt hat teile ich ehrlich
mit Ihnen« »Dass sich der Himmel erbarme armes Albertinchen« indem er die
Hände verzweifelnd zusammen schlug »du weißt nicht alles du Arme du bist mit
zu Grunde gerichtet Dein Vormund gab mir dein Kapital zu Acht Procent und
ach ich bin ein unglücklicher Mensch Aber Albertine nenne mich einen
Schurken wenn ich nicht den letzten Bissen mit dir teile«
Albertine war wirklich etwas betäubt indes nachdem sie die Hände gefaltet
und andächtig in die Wolken geblickt hatte warf sie sich ihrem Onkel mit treuer
Herzensergiessung an die Brust und bat er möchte nur für sich sorgen sie traue
auf die Güte Gottes der sie nicht verlassen werde Sie wolle ihren teuren
Verwandten nun und immer nicht verlassen
In einem Briefe meldete sie ihrer Euler was sich zugetragen und was sie
beschlossen hatte Henriette gab ihr ohne Vorwurf zu verstehen wie gut es
gewesen wäre wenn sie Alberten angenommen hätte jetzt verbiete es freilich
ihre Ehre ihn anzunehmen Sie bot ihr auf jeden Fall ihr Haus an billigte aber
doch sehr das Zartgefühl womit sie sich ihrem Onkel geweiht hatte
Die Reformen im Dämmrigschen Hause gingen so schnell von statten dass die
Tischfreunde nicht einmal Zeit hatten sich nach und nach mit Anstand zurück zu
ziehen sondern urplötzlich abbrachen und so zu sagen mit dem Pariser Koch
zugleich abzogen Noch einmal trank Wassermann einen einsamen einfachen Tee
mit der Familie wobei ihn Laurette nach ihrer Weise in der Stille fragte wann
er denn nun um Albertinen anhalten werde jetzt sei er doch eines Mitbewerbers
los welches er bloß mit einem »Ich habe warlich keine Eil« beantwortete
Deutlicher erklärte er sich in einem Lachen welches nur seinem Gesichte
gehörte und auch von Laurettens eigenem Lachen beantwortet wurde
Auffallend verschieden war das Benehmen der beiden Hausfreunde Ulmenhorst
und Weissensee Jener dessen erster Ausgang nach seiner Genesung zu dem
befreundeten Hause gerichtet wurde begegnete Albertinen jetzt mit einer
delikaten Zurückhaltung die er mehr auf ihren Verlust als seine Verwerfung
bezog und in die ihr eigenes zartes Gemüt leichter einging als in die
zunehmende Galanterie und lebhaftere Annäherung des Barons worin die kleine
Weiblichkeit des guten Kindes erhöhete Leidenschaft sah und nichts von der
Undelikatesse ahnte die ihre verschlimmerte Lage zu benutzen strebte
Das eitle Gemüt Rosamundens ertrug nicht lange die erfolgte Stille des
Hauses worin Frivolität und frivoler Genuss die stete Losung gewesen war Der
literarische Klub brachte außer Verspottung und Ridicules wenig ein sie ließ
ihn eingehen und etablirte eine förmliche Pharaobank in ihrem Zimmer wobei
Albertine ohne es in ihrer Unschuld zu ahnen die Lockung war Außer einigen
Spielern von Profession waren verschiedene alternde Damen aus der alten
Kameradschaft ein abgesetzter Hofmarschall ein getaufter Jude zwei oder drei
junge Edelleute und der Baron Weissensee die tägliche Genossenschaft Die erste
Zeit ging Albertine bloß ab und zu ihren Onkel mit allerlei kleinen
Bedürfnissen deren er unendliche hatte zu versorgen denn nie rührte Laurette
auch nur eine Hand ihm einen Trunk Wasser zu reichen Nach und nach weilte
Albertine längere Zeiten als Zuschauerin weigerte sich aber immer noch
standhaft Teilnehmerin zu werden bis endlich einmal der Baron der ganz
unleidenschaftlich sich bloß dem geselligen Zeitvertreibe zu leihen schien und
Rosamunde es von ihr erhielten dass sie mit pointirte Sie gewann pointirte
noch einmal und gewann wieder Aufgemuntert durch diesen Erfolg war sie jetzt
fast jeden Abend von der Partie bei der Laurette anfing eine wichtige Rolle zu
spielen indem sie mit unausgesetztem Glücke spielte Auch die arme Albertine
wurde immer tiefer verwickelt und das um so leichter da der Baron ihr nicht
von der Seite wich immer zwischendurch auf das Spiel und dessen Unmoralität
loszog es indes billigte wenn Albertine so wie er selbst tat auch diese
Lebenserfahrung erwarb um dann das Ganze wie ein schmutziges Gewand abstreifen
zu können
O der unwürdigen Ränke durch welche die unschuldigste und reinste ihres
Geschlechts ins Garn gelockt werden sollte Die SpielerFlitterwochen gingen
für Albertinen bald vorüber Der bisherige Gewinn samt den zweihundert
Louisdor die Albert ihr eingehändigt hatte gehörten im kurzen der Räuberbande
am grünen Tische und die unglückliche Albertine geriet in Verlegenheiten
wovon wir bald Bericht erstatten wollen
Funfzehntes Kapitel
Wassermann hatte mit der ihm beiwohnenden Rohheit des Gemüts dem Hause worin
er so manche frohe Stunde verlebt hatte entsagt sobald der gewohnte Wohlstand
daraus gewichen war Albertine die liebenswürdige Albertine ohne Vermögen war
ihm nur ein gewöhnlicher Gegenstand seiner ungeordneten Sinnlichkeit dem aber
nachzustellen zu mühsam war Indes hatte er doch einmal den Vorsatz gefasst
durch eine Heirat reich zu werden welches ihm die bequemste Art schien denn
sich in die Mühle des Staats einspannen zu lassen wodurch er das Leben des
Geschäftsmannes bezeichnete dazu erschien er sich zu eminent Er schaute unter
den Töchtern des Landes umher und siehe es fand sich keine die würdig gewesen
wäre die Frau des Magister Wassermann zu werden
Indes erschien ihm während des phantasiereichen Zustandes zwischen Schlaf
und Wachen wo der unglücklich Liebende die Geliebte äterisch umarmt der
Dichter den Stoff zu Sonnetten und der Philosoph oft zu seinen Systemen auffasst
Antonie die junge Wittwe mit reinen 30000 Talern Er rieb den Schlaf aus den
Augen über rechnete seine unermesslichen Verdienste seinen gelehrten Ruf was
dieser ihm noch in der Folge einbringen werde wie die Potenzen sich drängen
würden ihn an sich zu ziehen und er beschloss Antonien zu sich zu erheben
Ein feindseliger Genius der seinen Spaß mit unserm Magister zu haben
schien wollte dass an eben diesem Morgen in eben demselben Zustand zwischen
Schlaf und Wachen Wassermann Antonien in den gehässigsten Farben erschien
Immer noch hatte die an ihrer empfindlichsten Stelle tief gekränkte Antonie
Rache in ihrem Herzen gekocht An den Weibern nahm sie sie überall wo nur Dampf
aus einer Teemaschine aufbrodelte auch war es ihr wirklich gelungen
Rosamundens Gesellschaft lächerlich zu machen sie in einem öffentlichen Blatte
als eine solche bezeichnen zu lassen und derselben einige frisch angekommene
Schöngeister zu entführen so dass der schöne Kranz zerstiebte Aber für
Wassermann bereitete sie eine empfindlichere und vollständigere Rache
Als sie ihren literarischen Anhang stark genug hielt veranstaltete sie
durch denselben eine äußerst harte und beissende Recension eines der
Wassermannschen Werke worauf er wie sie wusste den höchsten Wert setzte weil
er wie er sagte sich ganz darin ausgesprochen hatte und als das schöne Werk
der Finsternis an den Tag gefördert war schickte sie es von einem hämischen
Briefe begleitet an den unglücklichen Magister ab Dies geschah an eben dem
Vormittage an dem er ihr die Ehre seiner Bewerbung angedeihen zu lassen
beschlossen hatte Als sein Knabe mit Gruß und Brief von Madame Spürhauss
hereinkam riss er ihm den Brief aus der Hand und rief triumphierend »Ha sie
kommt mir zuvor Sie kommt mir zuvor Ich dachts sie kann mich nicht
vergessen Ich war meiner zu gewiss Und bin ich denn nicht Wassermann«
Wer schildert den Schreck die Wut des Magisters als er den Brief und die
bezeichnete Stelle die ihn betraf gelesen hatte Der rasende Roland müsste
ein bloßer Stümper in tollen Gebärden gegen unsern Wassermann gewesen sein Er
zertrümmerte die wenigen Habseligkeiten die er besaß und trieb es so toll dass
sein Knabe in der Angst zum Arzte lief der ihn im hef tigsten Fieber fand
welches sich in einigen Tagen als ein hitziges Gallenfieber zeigte Im
Dämmrigschen Hause erfuhr man seinen Zustand und Albertine war sogleich bereit
ihm auf die zarteste und schonendste Weise alle Arten von Erleichterung zukommen
zu lassen welches auch der edle Albert tat ohne dass der Kranke je erfuhr von
woher ihm so reichlicher Beistand gekommen war
Sechszehntes Kapitel
Albertine war indessen durch die niedrigen Künste ihrer Gesellschafter gänzlich
umstrickt welches selbst durch die edle Unbefangenheit ihres Gemüts gefördert
wurde Ihre liebende Seele widerstand nicht den Schmeicheleien derer von
welchen sie nur kalte Zurücksetzung gewohnt war Henriette hatte oft vor sie
diesem Zustande gewaltsam zu entreißen und an ihren Bruder zu schreiben Dieser
war aber einer Angelegenheit wegen außer Landes und Albert widerriet immer
jede heftige Maassregel weil er vielleicht zu sehr auf die Rückkehr eines
tugendhaften Gemütes rechnete ohne daran zu denken dass es einem weiblichen
und dazu verirrten Gemüt an Energie zur Rückkehr gebricht In der Tat wurde
sie durch Verlegenheiten die er nicht wissen konnte am meisten aber durch eine
geheime Zuneigung zu dem Verführer zu sehr erschwert
Albertine geriet durch anhaltenden Verlust in Geldverlegenheiten wobei sie
das wieder gewinnen als die einzige Ressourçe ansah da diese aber immer
abgeredetermassen fehlschlug beging sie die erste Unbesonnenheit sich ihrer
Kammerjungfer zum Verkauf einiger Pretiosen zu bedienen Da der Verkauf so über
Erwarten gut von Statten ging fuhr sie damit fort bis sie in der Tat nichts
mehr zu verkaufen hatte und in wirkliche Schuldennot geriet
Tief in sich versenkt saß sie da grämte sich und gedachte wehmütig der
Zeit ihrer Reinheit als sie noch mit offenem Auge jedem Blicke begegnen durfte
Jetzt war sie der Willkür einer verächtlichen Rotte überlassen ihrem Onkel
dem sie sich aufgeopfert zu haben glaubte nützte sie eigentlich zu nichts Ihre
edleren Freunde hatte sie diese letzte Zeit her vernachlässiget und nie hätte
sie es gewagt sich ihrer Henriette von der sie so manche freundliche Warnung
bekommen hatte zu entdecken als diese ungerufen ins Zimmer trat Albertine
stürzte ihr mit heißen Tränen in die Arme
»Liebste Albertine Sie sind nicht glücklich« »O nein nein ihre
Albertine ist tief tief gesunken Sie kann nicht mehr glücklich sein« »Armes
Kind Was ist Ihnen begegnet Sprechen Sie« Albertine vermochte es nicht
Tränen erstickten ihre Stimme Sie gab Henrietten einen Zettel der eine grobe
Mahnung um zweihundert Taler mit Androhung des Arrestes enthielt Albertine
verbarg ihr Gesicht in die Sophakissen indes die Freundin las
Henriette sprach keine Sylbe wischte die Tränen ab und entfernte sich
»Henriette Henriette« rief Albertine ihr mit schwacher Stimme nach »wenn auch
du mich verlässest Ach ich hab es verdient wohl hab ichs verdient wenn
die Vortreffliche mit Abscheu von mir weicht« Indem kam Henriette mit
beruhigender Freundlichkeit zurück »Endlich ist mirs vergönnt« sagte sie
»die Schuld der Freundschaft abzutragen Hier meine Albertine diese Summe
die eben zureicht Sie zufrieden zu stellen ersparte ich ich darf sagen von
meinem Überflusse Denn ich entbehrte nichts ich darbte mir nichts ab Nun Was
wirds Warum dies Zögern« »O ewig ewig müssten diese Augen beschämt am
Boden haften unterfinge ich mich in den Früchten des redlichsten Fleißes der
edelsten Genügsamkeit zu schwelgen Nein Henriette« sagte Albertine mit
trocknem brennendem Auge und einer heftigen krampfhaften Bewegung »nein
Henriette ehe verwese diese Hand im Gefängnisse ehe sie sich zu diesem
Altarraub ausstreckt O meine Freundin« setzte sie wehmütig hinzu »weiß
ichs denn nicht wie Sie arbeiten wie Sie sich die erlaubtesten Genüsse
versagen wie edel Sie entbehren Und ich Unwürdige sollte Aber nie nie
vergesse ich dieses Augenblicks in dem ich mich von Ihnen verstoßen wähnte«
Als Henriette sah dass die wärmste Beredsamkeit der Freundschaft nicht
zureichte Albertinens Festigkeit über diesen Punkt zu besiegen ließ sie ab
und sagte bekümmert »Nun dann weil Sie durchaus das Herz betrüben wollen aus
dem ich Ihnen dieses mir Entbehrliche anbot so werden Sie sich doch nicht
weigern dieses zurück zu nehmen« Und hier breitete die Gute alle Kleinodien
über den Tisch hin die Albertine nach und nach verkauft hatte »Ich war die
Käuferin Verzeihen Sie der sorgsamen Freundschaft die kleine List deren sie
sich um zu ihrem Zwecke zu kommen bediente«
»Das ist zu viel Henriette« rief Albertine mit einem Erstaunen in welches
sich einiger Unwille zu mischen schien »das ist zu viel Das kommt nicht von
Ihnen allein So für mich zu wirken vermögen Sie nicht allein Henriette Die
Hand eines Dritten ist hier im Spiele und ich kann ich darf was so reichlich
bezahlt wurde nie zurücknehmen O in welchen Abgrund von Schande und
Verwirrung sehe ich mich verloren O mein Leichtsinn Mein Leichtsinn« »Wie
kann meine Freundin einem solchen Opfer einen so unermesslichen Wert beilegen
Weiß ichs denn nicht aus vielfacher Erfahrung dass mir in ähnlichem Falle eben
das von ihr widerfahren würde Bin ich nicht längst daran gewöhnt nur das
Notwendige zu haben ich gab aber das Entbehrliche« »Ach Henriette jedes
Wort durchbohrt mich« Hier schwieg sie Ein Tränenstrom hemmte ihre Rede
Indes legte Henriette ohne sich abhalten zu lassen die Juwelen in Albertinens
Toilette umarmte ihre Freundin ernst und schweigend nahete sich der Türe
kehrte noch einmal wieder drückte sie gerührt an ihr Herz und entfernte sich
dann schnell
Siebenzehntes Kapitel
»Albertine Albertine Sehen und hören Sie denn nicht« rief Rosamunde
Albertinen zu die ihren Eintritt aus einem SeitenKabinet gar nicht bemerkt
hatte und immer noch mit nachstrebenden Händen die Augen starr auf die Türe
heftete aus der Henriette verschwand »Albertine Sie sind in einer seltsamen
Bewegung Was ist Ihnen« »Wie Madame Sie wissen nicht dass ich verhaftet
werden soll wenn ich zweihundert Taler nicht bezahle die ich durch das
heillose Spiel wozu Sie mich verleiteten schuldig geworden bin«
»Undankbare ich habe es erwartet Dass Sie kindisch wagten ist das meine
Schuld Aber ich verzeihe Ihrem Unmute diesen Ausfall erzählen Sie mir doch
es wird ja so schlimm nicht sein Sie haben ja Juwelen es werden sich ja
Freunde finden bei welchen Sie sie verpfänden oder verkaufen können Lassen Sie
einmal sehen« Sie hatte nämlich die ganze Szene zwischen Henrietten und
Albertinen belauscht Albertine holte vertrauensvoll ihren Schatz Rosamunde
wog taxirte besah tadelte alles Die Perlen waren nicht rund die Uhr nicht
modern die Diamanten nicht von reinem Wasser die Ketten nur Kronengold »indes
zweihundert Taler kommen zur Not heraus Ich gebe sie Ihnen Nota bene damit
ist dann zugleich die kleine Schuld von ehemals quittirt Sie quittiren es mir«
Der Leser wird sich erinnern dass Rosamunde acht Louisdor von Albertinen
borgte Albertine ging alles ein der Handel kam ihr vortrefflich und Rosamunde
höchst großmütig vor »Nun müssen Sie mir aber« sprach diese »auch einen
Gefallen tun Ich habe keine Partie zur Maskerade für diesen Abend und möchte
für mein Leben gern hin Laurette ist enrhumirt Sie müssen mit ich nehme
keinen refus an« »Wie Madame mit diesem zermalmten Herzen mit diesem
wunden Gefühl meiner Strafwürdigkeit« »O Himmel wie Sie einen ennuyiren
können Die Sache ist ja vorbei und damit gut Geben Sie doch einmal diese
veralterte Sentimentalität auf sie steht einem zwanzigjährigen Gesicht wie
einem Jünglinge die AlongenPerüke des Ältervaters Albertine sein Sie dieses
eine Mal nur gefällig Der Baron führt mich und der alte Hofmarschall Sie daran
könnte die prüdeste Duegna nichts auszusetzen haben Jetzt kann ich mich nicht
darüber erklären aber gewiss spreche ich dort ohne Zwang einen gewissen Großen
der unsern guten Onkel aus seinen Verdrießlichkeiten ziehen kann« »Jetzt
Madame legen Sie mir als Verbindlichkeit auf was ich als Gefälligkeit ungern
eingegangen wäre denn in der Tat mein Gemüt ist sonderbar erschüttert und
sehr ernst gestimmt« »Eh tant mieux ma chere so verjubeln Sie die Grillen
Nun genug sie gehen in einer Stunde schicke ich Ihnen das Maskenkleid Addio
cara« Sie hüpfte wie ein junges Mädchen davon und ließ Albertinen ganz
betäubt zurück
Nach einer Stunde kamen wirklich ein zierliches Maskenkleid und zweihundert
Taler in Sechsern Albertine packte ihre Juwelen zusammen und schrieb die
Quittung die den heillosesten Betrug der Habsucht bestätigte
Jetzt wollte sie diese Scheidemünze in Gold umsetzen lassen denn die Schuld
war in Gold zu bezahlen als ihre Kammerjungfer mit einem Billet von dem bösen
Schuldner erschien der ihr für gute Bezahlung dankte die er durch einen Herrn
erhalten hatte und wogegen er ihr ihren Schuldschein zurück schickte Lisette
fragte den Burschen aus und nach dessen Beschreibung war der Herr kein anderer
als der Baron Weissensee gewesen wie denn Lisette jetzt gestand er habe durch
sie selbst heute früh da er ihrer Dame habe aufwarten wollen ihre Verlegenheit
erfahren als er darauf bestanden hatte die Ursache der Tränen welche diese
treue Dienerin vergoss zu erfahren Albertinens Delikatesse sträubte sich zwar
gegen die Vorstellung, dass sie einem jungen Mann eine Geldverbindlichkeit habe
indes ganz in der Tiefe ihres Herzens wusste sie ihm für eine so warme
Teilnahme Dank und überdem stand es ja jetzt in ihrer Gewalt die Schuld
sogleich zu tilgen
Achtzehntes Kapitel
Wir haben unsern alten Bekannten Wassermann in dem Paroxismus eines
Gallenfiebers verlassen Auch in diesem Zustand verließ ihn sein Genius nicht
und der Arzt welchen sein Knabe geholt hatte wusste gar nicht mit was für
einer Gattung Menschen er es zu tun hätte Wenn der Kranke immer durch Wir
sprach glaubte er es sei ein Verrückter der sich für irgend eine große Potenz
halte bis endlich einmal der fürchterliche Spruch ohe jam satis sich aus dem
Ideenwirrwarr hervortat Jetzt wurde es ihm klar wer der Kranke sei und er
ging ihm nun tüchtig mit Brechmitteln zu Leibe die Galle von ihm zu schaffen
Doch blieb so stark die Mittel anschlugen immer noch hinreichend zur künftigen
Konsumtion übrig Als der Kranke außer Gefahr aber noch zu matt zum Schreiben
war dictirte er seinem Arzte einen Brief an Antonien den dieser pour la
rarité du fait wirklich niederschrieb er war das Urbild des beleidigten
Autorstolzes und der plattesten Grobheit Ferner wendete er seine wieder
erlangten Geisteskräfte sogleich zu einer Antikritik an dergleichen die
literarische Marktelfersprache ebenfalls noch nicht aufzuweisen hatte
Als er sich so Luft gemacht fühlte er sich um ein Großes erleichtert und
die volle Genesung ging nun schnell von statten Der Arzt war als er ihn
bezahlen wollte schon von unbekannter Hand sehr reichlich belohnt worden Das
kümmerte nun den Magister weiter nicht und er gab sich keinen Augenblick die
Mühe seinen unbekannten Wohltäter auszuforschen Die Sache war geschehen nun
gut Dankbarkeit gehörte nach ihm zu den Schwächlichkeiten invalider Gemüter
der Geber schafft sich selbst Vergnügen indem er gibt er findet sich in dem
Gefühle dass er verpflichten kann edel und groß soll man ihm das danken
Wir die wir eine andere Ansicht dafür haben sind neugieriger gewesen und
haben erfahren dass der edle Ulmenhorst eine so reichliche Spende gemacht hatte
Nachdem er völlig genesen war wachte seine ganze Wut wieder in ihm auf
und es schien ihm unmöglich ferner unter diesem literarischen Sodomsgeschlecht
zu haufen Er schied von dannen und würde keinem Menschen die Ehre erzeigt
haben Kunde von sich zu geben hätte er nicht gehofft aus den Trümmern des
Dämmrigschen Wohlstandes könne sich noch für ihn ein Reisegeräte und manches zu
seinem Gebrauche vorfinden lassen welches denn auch geschah Der ehrliche
Dämmrig gab lachend weil der Anblick des gelben Gerippes worein Wassermann
verwandelt war ihn unendlich amüsirte alles was er an Reisebedürfnissen
hatte und fand das Schlottern seiner weiten Kleider auf dem dürren Leibe des
Magisters höchst belustigend Als man ihn fragte wohin er ginge antwortete er
»nach dem einzigen Ort wo es eigentlich nur Menschen gibt wo man sie nicht
wie hier mit Leuchten suchen muss« Das hieß er ging dahin wo Elise ihren
Himmel gefunden hatte
Mit dieser gab er sich denn auch zusammen denn sie hatte ein artiges
unabhängiges Vermögen und war der gute Wille selbst Jetzt schmähete und
lästerte er trotz der gallenreichsten alten Jungfer In der Dämmrigschen
Familie erwartete man mit jedem Posttag die Nachricht ihrer ehelichen
Verbindung
Neunzehntes Kapitel
Albertine trieb sich ohne allen frohen Genuss unter den wogenden Masken umher
Ihr Herz hob sich in den langsamen Pulsen innerer Trauer unter dem bunten
Gewande der Freude in ihr Auge traten unwillkürliche Tränen als der Klang der
Saiten in ihr Ohr drang Der Anblick des Barons weckte ihre ganze
Empfindlichkeit über das Vergangene und sie glaubte nicht ohne Affectation
einen Punkt unberührt lassen zu können der ihr zwischen verschiedenen
Geschlechtern eine nicht anständige Vertraulichkeit schien Ihre Verwirrung ließ
den Baron nur ahnen was sie sagen wollte er lehnte mit Feinheit und Grazie den
Dank ab der ihm freilich auch nicht gebührte denn Albert war der der die
Schuld in möglichster Eil und Verschwiegenheit getilgt hatte indes wusste
Weissensee sich schnell zu orientiren und ließ es sich aus gewissen Ursachen
gern gefallen für Albertinens Beschützer gehalten zu werden ohne dass es ihm
einen Heller kostete
Unter dem Gedränge bemerkte Albertine eine KosakenMaske von der sie nicht
nur immer verfolgt sondern auch scharf beobachtet schien Sie redete ihn einige
Male an seiner los zu werden aber er antwortete nicht schüttelte den Kopf und
legte seufzend die Hände auf seine Brust welches ihrem Begleiter dem
Hofmarschall Anlass zu manchem schaalen Scherze gab an welchem unsre Freundin
wenig Geschmack fand Endlich drängte sich der Kosak noch einmal an sie und
sagte mit verstellter doch leiser Stimme »Weile nicht zu spät hier schöne
Maske Ein Sturm bricht über dich ein« Albertine wurde empfindlich sehnte
sich hinweg und machte sich auf ihre Gesellschaft zu suchen
Indessen gingen in Albertinens Wohnung wunderliche Dinge vor die wir der
Ordnung gemäß berichten wollen
Albertine hatte nicht sobald das Haus verlassen als sich ihr Zöfchen
Lisette an ihre Arbeit begab die zu einem Geschenk für den charmanten Monsieur
George des Barons Kammerdiener bestimmt war Schauerlich heulte der Wind durch
die Kamine der großen jetzt leeren Gemächer Unserm Lisettchen wurde es gar
unheimlich ums Herz sie fing an Riegel zu zuschieben und Schlösser zu
verwahren setzte sich wieder ans Tischchen und lauschte gar ängstlich nach
der Türe hin als plötzlich ein Gepolter entstand und eine kräftige Hand
anklopfte »Wer ist da« wimmerte Lisettchen »Gut Freund« antwortete die
Stimme von außen »Ich mache Niemand auf der sich nicht nennt« »Lisette
muss mir aufmachen auch wenn ich mich nicht zu nennen für gut finde« »Herr
Jemine wie wissen Sie denn meinen Namen« »Weil ich gut Freund bin« »Herr
Je ich muss doch einmal sehen« Lisette machte auf da war sie aber eben so
klug Denn den Herrn im Reisekleide der sich ziemlich keck und herrisch betrug
kannte sie gar nicht Dass er aber unklug sei nahm sie für ausgemacht an denn
er sah zwar sehr schön aber verwildert aus sprach nicht näherte sich
Albertinens Bette streckte die Hand bedeutend danach hin küsste die Decke riss
einen ihrer Handschuhe vom Tisch und küsste ihn ungestüm trat an die Staffelei
betrachtete das Gemälde worauf der Gemahl sterbend abgebildet war und weinte
laut Lisette hatte sich vor dem großen wilden Mann hinter die Stühle geflüchtet
und antwortete ganz schüchtern als er nicht mit donnernder sondern sehr
affectvoller Sprache fragte »ihre Dame ist also hab ich denn recht
verstanden auf dem Ball« »Auf dem Ball« wiederholte er einige Male und
immer weicher »O Gott wie feierlich versprach sies mir und hier hier in
diesem verfluchten Treibjagen nach Lust« In diesem Affect entfiel dem Fremden
ein Handschuh und Lisette sah mit Entsetzen dass er in dem Handschuh keine Hand
hatte und schrie wie Zeter Mordio »Herr Jesu Sie sind doch nicht unser
seliger gnädiger Herr« »Selig wahrhaftig nicht in diesem Augenblick
Schweige sie« »Ach nein ich will lieber den alten Herrn wecken mir grauts
mit dem Herrn allein« »Nicht von der Stelle sag ich ihr Wer ich auch sei
ich muss ihre Dame sprechen Ich bringe ihr Nachrichten die ihr wichtig sein
müssen« Indes hatte sich Lisette den wilden Mann etwas besser besehen und
fand sein Antlitz sehr menschlich ja sogar schön und vollends wenn er sprach
und die schönen Augen so auf einen richtete und dann seine Gestalt die schlank
und doch kräftig und sein Anstand der so herrisch und doch auch wieder so
milde so ungezwungen edel war Genug Lisetten verging das Grausen so gut
dass sie gar redselig wurde und dem Fremden viel von ihrer Herrschaft erzählte
die wohl die schönste Dame in der Stadt sei der es aber auch nicht an Verehrern
fehle Den Baron Ulmenhorst habe sie abgewiesen nun aber werde sie sich
ehestens mit einem prächtigen jungen Herrn vermählen der so reich als
großmütig sei Er habe heut noch ein Stückchen gemacht darum die Damen ihm
gewiss gut sein müssen Ihre Dame sei zwar eine recht gute Wirtin aber die
Gelder wollten doch nicht immer zureichen und da habe der allerliebste Baron
ihr aus der Not geholfen und so charmant dass sie nicht einmal davon gewusst
hätte »Schlange du lügst« rief der Fremde entrüstet »Du lästerst einen
Engel Sprichst du noch eine Sylbe du bist des Todes« »Herr Je man weiß
doch auch gar nicht wie man mit dem Herrn daran ist« Jetzt hielt sie ihn
wieder für rein toll und da sie viel von Albertinens Bruder gehört hatte hielt
sie den Herrn dafür verließ das Gemach nachdem sie frische Lichter hingestellt
hatte und den Fremden an Albertinens Bette sitzend in tiefe Betrachtungen
versenkt
Zwanzigstes Kapitel
Albertine fand die Partie an der Hand des Hofmarschalls der immer witzig sein
wollte diesen Abend so langweilig dass sie ihre Gesellschaft aufsuchte die
denn auch sogleich willig war das Haus zu verlassen weil es durch aus ennuyant
sei sie auch den großen Herrn nicht angetroffen habe Schon waren sie dem
Ausgange nahe als Rosa munde sich plötzlich wendete »Da ist er« rief sie
»Ich muss zurück dazu muss ich Sie haben Herr Hofmarschall Herr Baron Sie
führen indes die Frau von Lindenhain nach Hause und Sie Albertine sind so
gut mich in meinem Zimmer mit dem Tee zu erwarten«
Albertine fand nichts Bedenkliches darin dem Baron ihren Arm zu geben
Indem aber diese Auswechselung geschah streifte der Kosake dicht an ihr vorüber
und machte eine missbilligende Bewegung mit der Hand die Weissensee nicht
bemerkte Dem Kosaken warf sein Diener einen braunen Mantel um gab ihm
Pistolen die er am Gürtel befestigte und nun bestieg derselbe wie es
Albertinen vorkam indem sie in die Kutsche stieg ein Pferd worauf er schnell
von dannen eilte
Als sie sich mit dem Baron allein im Wagen befand nahm er plötzlich ein
Betragen an wie sie es bei ihm noch nie gesehen hatte Vertraut umschlang er
ihren zarten Leib und sprach von Leidenschaft und Liebe indem er ihr einen Kuss
zu rauben strebte Angstvoll entwand sie sich ihm und versuchte den
Kutschenschlag zu öffnen da bemerkte sie dass sie in einer ihr unbekannten
Gegend der Stadt sei und eben über eine Brücke fuhr die zu einer entlegenen
Vorstadt führte »Wo sind wir Wo bringen Sie mich hin Baron Hier ists nicht
richtig« »Es ist alles ganz richtig meine Geliebte Ich führe Sie ins
Paradies der Liebe ein Sie streben vergebens sich los zu machen Der Kutscher
hat seine Anweisungen« Albertine benahm sich hier mit der ganzen Würde der
Tugend sie tobte sie schmähte nicht sie schwieg mit dem vollen Gewichte der
Verachtung ihr Herz war gebrochen doch sagte sie ganz ruhig »Ich hielt Sie
für einen ehrlichen Mann der keines Bubenstückes fähig sei ich stehe unter dem
Schutz der Gesetze und fürchte Sie nicht so verlassen ich in diesem
schrecklichen Moment scheine ahne ich die unausbleibliche Erlösung« »Die
Liebe begeht keine Bubenstücke und kennt keine Gesetze Sie sind mein« Der
Wagen hielt vor einem kleinen einsamen Häuschen Ein altes Weib erschien auf
ein Zeichen mit einem Lichte an der Türe Albertine weigerte sich
auszusteigen der Baron wollte sie mit starkem Arme fassen als er selbst von
einem stärkeren gefasst wurde
»Was hast du vor Nichtswürdiger« rief eine Stimme Albertine erkannte an
dem Scheine des Lichtes den Kosaken und in diesem ihren Erretter Albert »Wer
bist du dass du es wagst mich auf meinem Wege zu verfolgen« »Der Freund
dieser Dame die du jetzt in dieser Höle des Verderbens vernichten willst«
»O dass ich keinen Degen habe« »Sei ruhig ich schlage mich nicht mit
Nichtswürdigen aber die Gesetze sollen dich schlagen da du so vieler Untaten
überwiesen bist Diese bricht dir und deiner Rotte den Hals«
Albertine hörte bebend diesem seltsamen Gespräche zu das sich damit
endigte dass die im Hinterhalt lauernden Polizeidiener hervortraten und den
überführten Verbrecher in ihre Obhut nahmen
Jetzt gab Albert sein Pferd seinem Diener und stieg zu Albertinen in den
Wagen »Verzeihen Sie mir meine arme auf den Tod erschreckte Freundin Ich
konnte Ihnen diese Szene nicht ersparen denn ohne diese Überführung seiner
Nichtswürdigkeit konnt ich mich seiner nicht bemächtigen Keiner weiß wer Sie
sind Ihre Ehre ist ungefährdet Erst heute erfuhr ich mit Gewissheit seinen
wahren Stand und ich habe Anstalten getroffen dass er morgen schon über die
Grenze gebracht wird«
Albertine war starr und stumm vor Schreck und Beschämung Sie weinte still
Die letzte Periode ihres Lebens stand schwarz vor ihr und schnitt scharf die
vorigen goldenen Tage ihrer reinen Unbefangenheit von der Gegenwart ab »Ich
darfs Ihnen Edelster der Freunde nicht verhehlen dass ich diesem Elenden
unglücklicherweise Geldverbindlichkeiten habe« Albert erschrak wurde aber
sehr beruhigt als sie ihm erklärt wurden da er denn bekennen musste dass er der
Unbekannte der ihre Schuld getilgt habe gewesen sei indem er Madame Eulers
Aufträge ausgerichtet habe Albertine rief mit gefalteten empor gehobenen
Händen »O ihr einzigen einzigen edelsten Freunde verdien ich euch«
Albert ließ bei Madame Euler halten aus Delicatesse dass Albertine sich
erst am Herzen dieser auserlesenen Freundin erholen möchte ehe sie in ihrem
Hause erschiene Henriette stand da mit offenen Armen ihre Albertine
aufzunehmen aber Albertine lag ehe sie es hindern konnte stumm weinend zu
ihren Füßen »Wollen Sie Ihre Albertine Ihre arme verirrte Albertine wieder
annehmen« »Jetzt haben Sie es versucht meine einzige Liebe wie sichs
schutzlos leben lässt Albertine meine immer gute Albertine begeben Sie sich
unter den Schutz eines Mannes dieses Mannes Albert möcht ich sagen dürfen
dieses Kleinod sei dein« Albert lag zu Albertinens Füßen sein Blick sprach
flehete Albertine reichte ihm die Hand und verhieß ihm ihre Liebe Henriette
sprach gerührt den Segen zu diesem schönen Bunde durch den alle glücklich
werden sollten
Unter diesen Ereignissen war die Nacht beinahe vergangen Albertine wünschte
in ihre Wohnung zurück zu kehren und Henriette die sich in dieser einzigen
Situation nicht von ihr trennen konnte wünschte sie zu begleiten Sie kamen
alle drei bei Albertinen an
Die Begierde mit der seltsamen Neuigkeit heraus zu platzen hatte Lisetten
dieses Mal wundersam munter erhalten »Ach Herr Je« begann sie »hier ist recht
was kurioses passiert« Albertine die irgend eine Beziehung auf ihre eigne
Geschichte ahnte stieß das Mädchen leise zurück und wollte in ihr
Schlafzimmer »Aber so warten Sie doch gnädige Frau Da ist ja Einer drin
der nicht recht klug ist Er ist Gott verzeih mirs ganz gewiss Euer Gnaden
gnädiger Herr Bruder so wie ich mir den vorstelle«
Albertine vernahm nicht sobald das Wort Bruder als sie rasch ins Zimmer
flog und der Gestalt die sie bei den trübe brennenden Kerzen leicht für die
ihres Bruders halten konnte in die Arme Albert und Henriette waren ihr auf dem
Fuße gefolgt die schöne Szene des Wiedersehens mit zu feiern
Lindenhain vermochte nicht zu sprechen die Freude tödtete die Worte
Langsam rollte die männliche Träne die Wange herab Endlich kam ein »O meine
Albertine« in gebrochenen bebenden Accenten hervor Albertine vernahm den Laut
der Stimme richtete den Blick auf das Antlitz des vermeinten Bruders riss sich
mit einem Schrei des Entsetzens aus seinen Armen und stürzte an Henriettens
Busen »Es ist Louis Louis« ächzete sie matt und bebend »Mein Strafgericht
beginnt« Louis er war es wirklich blieb den zu Albertinens Umarmung
ausgebreiteten Armen schweigend mit auf sie gerichtetem Blicke stehen Endlich
sagte er langsam und dumpf »was ist mit dieser dass sie sich des
Wiederkehrenden nicht freut Weiß sie es denn schon dass ich ein Krüppel bin
Freilich ist die Hand die ich zum Unterpfand der Treue gab verloren Aber sie
sie gab freiwillig die Hand die noch mein ist«
Er sprach mit sich selbst Albert und Henriette blieben stumm Albertinens
Brust hob sich krampfhaft sie wagte keinen Blick auf den für sie Erstandenen
»Sind Sie es Baron Weissensee der mir dieses himmlische Herz stahl«
»Lindenhain was darf den Mann so fassungslos machen dass er seine ältesten
besten Freunde nicht erkennt Dass er seines Ulmenhorsts vergisst«
»Ulmenhorst O Gott Ja er ists er ists« als er ihn beleuchtet hatte »Aber
verzeihe wenn dieser Anblick diese schrecklichen Vermutungen mich für diesen
Moment ganz hinnehmen O Albertine jeder Vorwurf löst sich ja in Liebe auf
Komm Sei wieder mein« Albertine blickte einen Augenblick nach ihm hin und
verbarg schnell wieder das Angesicht an der Freundin Busen »O der strafende
Blick Dieses verruchte Kleid« ihr Maskenkleid lispelte sie Henrietten zu
»Albertine bin ich dir denn nun schrecklich Hat eine neue Liebe dich so
ganz hingenommen Siehe Albertine betteln muss ich um deine Liebe betteln um
mein Eigentum Ein armer verstümmelter Mensch darf nicht fordern Siehe hier
wie sie deinen Ludwig zugerichtet haben« der rechte Arm war bis an den
Ellenbogen abgenommen »und hier diese zerfleischte Brust Mag dies ein junges
rasches Weib von mir abwenden aber so die erste Freude verbittern o o das
ist sehr hart«
Albertinens Zartgefühl malte ihr ihre Vergehen mit schwärzeren Farben als
sie es verdiente Wir wissen dass sie in Alberten nur den edlen Mann den treuen
Freund achtete und wissen es gewiss dass nur ein Wohlgefallen an der
Unterhaltung des Weissensee und eine Auszeichnung desselben vor den andern
Männern die sie sah alles war was sie sich vorzuwerfen hatte Und sie hat es
feierlich beteuert dass sie keinen Mann auf Erden dem lebenden Lindenhain je
vorgezogen haben würde wie sie sein Andenken auch heilig in der Tiefe ihrer
Brust ehrte und wert hielt
Als Albertine Lindenhains Wunden sah als sie vernahm wie er sich einen
Krüppel nannte hielt sich ihr Herz nicht länger Der Verdacht sie verlasse ihn
deshalb war ihr unerträglich Ehe er die Worte noch ganz vollendet hatte lag
sie in seinen Armen Ihr Herz ergoss sich nun in vollen segnenden Strömen in
der vollständigen Erweichung in der sie war würde sie sich aller Arten von
Vergehen allenfalls auch Verbrechen wie unsere Kirchenagenden uns so
treuherzig zu tun zwingen schuldig bekannt haben hätte die vorsichtigere
Henriette nicht den Strom gehemmt indem sie die alte Freundin sich auch von
Lindenhain bemerken ließ
Jetzt da die ersten tumultuarischen Bewegungen der von beiden Teilen
gereizten Empfindsamkeit sich legten und der Gang des Gesprächs ruhiger daher
floss wurde auch Lindenhain aufgefordert von seinem Benehmen Rechenschaft zu
geben und Ulmenhorst warf es ihm vor dass alles was er vielleicht missbilligen
zu müssen glauben könne nur durch sein störriges Schweigen wodurch er die
Nachricht von seinem Tode bestätigt habe veranlasst sei Lindenhain gab ihm
Recht und sagte »Nur diese Liebe hier hat ein Recht mich zur Rechenschaft zu
ziehen Sie wird viel zu verzeihen haben aber kein Wort davon heute Morgen
erscheint meine Rechtfertigung«
Alle waren einstimmig dafür dass man diese erste Zusammenkunft durch den
Schlaf abbrechen müsse sich zu einer zweiten stärkend zu bereiten Besonders
war die arme Albertine auf so mancherlei Weise angegriffen und erschüttert
worden dass wir ihr die Ruhe nach so erschöpfenden Auftritten gern gönnen
Henriette blieb im Wohnzimmer auf dem Sopha und Albert versprach sich gleich
früh Morgens wieder einzustellen
Ein und zwanzigstes Kapitel
Niemand war mehr erstaunt über das was sich in seinem Hause in der Nacht
zugetragen und er so ganz verschlafen hatte als Onkel Dämmrig obschon er das
was ihn eigentlich anging erst noch erfahren sollte und wir selbst es noch
nicht wissen Über den schnurrigen Spaß mit dem toten Mann der am Ende wies
heraus kam nicht tot war wollte er sich immer zu Tode lachen »Ja ja«
wiederholte er beim Frühstück hundertmal »ja ja Neveu die luftigen Kerle
Ulmenhorst und Weissensee hätten Ihnen Ihr Albertinchen bald weggekapert aber
sie hat sich gehalten wie der leibhafte Paswan Oglu hahaha Nun hört Kinder
das gibt nun auf Ehre eine recht scharmante Ehe en quatre mit der Henriette
oder Euler wie sie da heißt Ei ei dass Tante Elise das nicht erlebte« So
ging das in einem fort Denn der arme Onkel war politisch er wollte nicht gern
das Gespräch über gewisse andere Dinge aufkommen lassen deren Erwähnung er
mehr als den Tod scheute als da waren sein ehrlicher Bankerutt Albertinens
verlornes Vermögen und was der odiösen Dinge mehr waren Er hätte sich aber
getrost alles Kopfbrechen hierüber ersparen können denn Lindenhain war bereits
aufs Zureichendste durch Albertinens Schwägerin die gute Luise unterrichtet
die es ihm in ihrer beliebten schwarzen Kunst gearbeitet mit den kleinsten
Umständen mitgeteilt hatte wovon er sich aber aus Schonung nichts merken ließ
Es stand indes da oben geschrieben dass Onkels guter Humor getrübt werden
sollte So wie der Trost kommt auch oft die Unlust aus Winkeln her wo man sie
nicht vermutet Ein unholder Polizeibeamter war der Freudenstörer Madame
Rosamunde sollte wegen eines ihrer artigen launigen Einfälle arretirt werden
sie und ihre Gesellschaft hatten sich den kleinen Spaß gemacht einen jungen
Ausländer von der verführerischen Last einer reichen Erbschaft zu befreien
indem sie ihn wie es in der Kunstsprache heißt ausgeschält hatten Weissensee
hatte in der Hoffnung sich durchzustehlen seine edle Beschützerin verraten
mit der er nun die Reise ins Ausland angetreten hatte Die kluge Rosamunde war
nicht wieder über Dämmrigs Schwelle gekommen sondern war vom Balle gleich der
nächsten Gränzstadt zugeeilt Ihre Zofe hatte für diesen Fall längst ihre
Anweisungen Auf den verabredeten Wink hatte sie sich eilig mit den
Kostbarkeiten ihrer Gebieterin auf den Weg gemacht in der Geschwindigkeit
verfehlte sie aber des rechten woran freilich Monsieur George Weissensees
Kammerdiener Schuld sein mochte der als ein Fremder die rechten Wege nicht
alle in dem Kopf haben konnte Die Herrschaft ging durch Sachsen nach Frankfurt
am Main zur Messe und die Dienerschaft kam auf dem allernächsten Wege in
Hamburg wohlbehalten an wo Minette lange untröstlich weinte denn Monsieur
George war mit Wechseln und Juwelen gleich in den ersten Tagen verschwunden
In Laurettens Natur lag etwas wodurch sie sich unwiderstehlich angereizt
fühlte Hiobsposten zu überbringen auch diese brachte sie dem Onkel ohne alle
Schonung im dürren Tone eines Gerichtsdieners der sein Amt tut Der arme Mann
entfärbte sich sank zurück und als er in sein Zimmer geschafft war fand
sichs dass er vom Schlage gerührt war Doch hielt der Arzt den Zufall für
diesen Augenblick nicht tötlich
Indes Albertine mit der herzlichsten Gutmütigkeit um ihren Verwandten
bemüht war und sich kaum abmüssigte zuweilen ihr niedliches Amorköpfchen in die
Türe herein zu stecken ihrem Louis zu zuwinken oder ihm einen Kuss zu zuwerfen
war Laurette ihrer Seits bemüht die Freuden des Wiedersehens zwischen den
beiden zu verbittern Sie gab Lindenhain mancherlei Winke über Albertinens
Aufführung und ihre Verhältnisse zu den Männern ihrer Bekanntschaft aber nie
gab es eine untreuere Übersetzung nie ein boshafteres Unterschlagen des Textes
als in dieser höllischen Erzählung der Lindenhain ganz ruhig zuhörte
Als sie geendigt war entgegnete er sehr kalt »Ihr Gemälde hat viel
Schatten Kousine Indes habe ich es von Ihrer Hand so erwartet Mein Weib
meine engelgute Albertine hat gleich in den ersten Stunden unserer
Wiedervereinigung ihre ganze Beichte mit der Offenheit die keine Zweifel
gestattet bei mir abgelegt und ich habe sie mit der vollsten Zustimmung meiner
Vernunft absolvirt Gebe Gott dass sie meiner Beichte eben das könne angedeihen
lassen«
»Die ist klug gewesen wahrhaftig« tief Laurette indem ein gallichtes Rot
ihre dickhäutige Wange überzog »Die Dummen haben doch immer eine eigene
Schlauheit ihr Interesse wahrzunehmen«
Albertine hatte in der Tat aus dem edelsten Antriebe ihres ehrlichen
Gemüts ihrem Manne jegliches ihrer Verhältnisse erzählt so ohne alle
Selbstschonung als es bei Menschen möglich ist Mit der größten Naivetät
schilderte sie ihre aufgeregte Eitelkeit und den flüchtigen Reiz den Weissensee
dadurch für sie gehabt hatte sie gestand dass sie Ulmenhorst allen Männern
vorgezogen haben würde hätte das gütige Schicksal ihr nicht den Gatten wieder
zugeführt »Aber« setzte sie strafend hinzu »warum musste ich eine Wittwe
heißen Warum gab mein Louis zu dass ich mich selbst dafür halten musste«
Lindenhain lauschte mit brennender Wange und tränentrübem Auge der
banglichen Erzählung bei der er oft unwillkürlich seine Stirne rieb »Ach
Albertine« rief er endlich als sie schon einige Zeit schwieg »Albertine du
bist ein Engel In diesem Hause der Üppigkeit und des Wohllebens hast du die
Feuerprobe bestanden Wohl dir und wohl mir dass der edle Albert der Mann war
Ach Albertine möchte ich dir nicht strafbarer erscheinen möchten meine
Bekenntnisse das Engelsherz nicht von mir wenden Dir war ich ein Todter mir
lebte meine Albertine lebte mir in allen ihren Reizen in der Ausübung teuer
verheissner Treue«
»Was hast du mir zu beichten Ich fürchte mich zu hören« sagte Albertine
ihm unruhig ins Auge schauend »Du wirfst einen Pfeil in meine Seele der meine
Freuden tötet«
»Du sollst alles hören ihr alle der ganze Kreis der Freunde sollt hören
ihr sollt zu Gericht über mich sitzen und ich will ehrlich sein wie du es
gewesen bist«
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Viele Tage waren verstrichen wo die Familie einzig mit der Krankheit des alten
Herrn beschäftigt war der sich nach gerade wieder erholte die Bübin Rosamunde
wie er sie nun selbst nannte bei allen Teufeln wünschte sich seiner Befreiung
von dem unleidlichen Joche freute und den Kreis seiner Freunde die er nun erst
recht unterscheiden lernte um sein Bette versammelt zu sehen wünschte
Dass dieses letztere geschah veranstaltete Lindenhain selbst denn ihm
verlangte nach gerade sich der Bürde seines Herzens zu entledigen da die
Entwickelung so nahe vor der Türe sein musste von der auch wir noch nichts
ahnen Er hatte Ulmenhorst Madame Euler Laurette die nicht übergangen werden
durfte vor des Onkels Bette beschieden der bald selbst Anlass gab das Gespräch
einzuleiten indem er sagte der Herr Neveu sei doch nun schon so lange hier
und man hätte noch nichts von seinen Schicksalen und Kriegestaten erfahren und
wie er von den Toten auferstanden sei »Es war hohe Zeit Herr dass Sie sich
wieder einfanden sonst hätte es mit der jungen Wittwe leicht eine Hochzeit
geben können« Dies sagte er lose auf Albert blickend der dadurch dass ihn
Lindenhain ungestüm an seine Brust drückte aus einer Verlegenheit kam um in
eine andere überzugehen denn ganz verstand er Lindenhains Umarmung nicht da er
von Albertinens Geständnisse nichts wusste
»Ja« fuhr der Onkel fort »erzählen Sie doch vom Kriege ich höre für
mein Leben gern davon Ich war schon ein großer Bengel als Mama selige immer
noch dafür hielt ich werde wohl dem Kalbfelle folgen Erstlich weil ich so
eine Art von einem kleinen Taugenichts war und dann weil ich als ein beinahe
großer Mensch noch immer mit bleiernen Soldaten spielte mir Festungen von
Marzipan baute und sie dann mit stürmender Hand einnahm Ich gedenke immer noch
eines tausend Spasses« Albertine fiel schlau genug ein als sie den Onkel
Anstalt machen hörte eine schon hundertmal erzählte Kinderei wieder
aufzuwärmen »Lieber Onkel der Arzt befiehlt Sie sollen sich durchaus
schonen« Denn Albertinens Herz klopfte hoch vor ängstlicher Erwartung was
Louis zu erzählen habe und darum mochte sie den Alten den sie sonst mit der
größten Gefälligkeit radotiren ließ diesmal nicht anhören
»Meine Kriegstaten« begann Lindenhain »wenn der Diensteifer der
Subalternen je diesen Namen verdient haben hiermit auf seinen abgenommenen
Arm deutend ihr Ende erreicht Aber leicht wurde es mir nicht dieses
Ehrenzeichen zu verdienen Der merkwürdige Tag an welchem ich zum einhändigen
Bettler wurde verdient eine Schilderung die ich meinem beschränkten Talent
nicht zutrauen darf«
Laurette fasste das Wort Bettler auf und brachte auf ihre Weise zur
Erörterung was so lange zu erwähnen von allen Seiten vermieden wurde nämlich
den Verlust von Albertinens Vermögen »Wussten Sie das damals schon« fragte sie
schneidend »Nein« sagte Lindenhain halb scherzend »es gab da keine
Lauretten Wenn diese Vorstellung aber irgend einem guten Gemüte kränkend ist
dann kann ich die tröstende Nachricht geben dass das Schicksal mir und meiner
Albertine mehr als zehnfachen Ersatz in der Erbschaft meiner alten Tante der
Gräfin Bodenheim deren Universalerbe ich bin gegeben hat«
Alle stürmten nun glückwünschend auf ihn ein Ulmenhorst sagte herzlich und
anspruchslos »Auch ohne diese Erbschaft warst du noch reich du hattest
Albertinen und deinen Albert der für euch alle reich genug ist« Laurette
konnte nicht aufhören Albertinens unerhörtes Glück zu preisen und ganz leise
doch so dass Albertine es deutlich vernehmen musste setzte sie noch den
Gellertschen Spruch hinzu »Für Gürgen ist mir gar nicht bange der kommt gewiss
durch seine Dummheit fort«
Jetzt ersuchten alle Lindenhain möchte ihnen die Art seiner Gefangennehmung
erzählen Und Lindenhain begann
»Sie werden sich erinnern dass unsre vortrefflichen Truppen und mit ihnen
das Regiment zu welchem ich gehörte sich durch Mühseligkeiten vielfacher Art
und die äußersten Anstrengungen um ruhige Winterquartiere wohl verdient gemacht
hatten Indes war eine schwere Winterkampagne vorauszusehen Die raue
Witterung gegen welche uns weder Zelte noch Hütten mehr Schutz gaben und die
ernstlicheren Anstalten der Feinde zum Angriff machten die Lage unserer Armee
immer bedenklicher und unsern Wunsch uns durch irgend etwas Entscheidendes
herauszureissen immer heißer Nie hatten bejahrte Krieger mehr guten Willen und
mehr wahren Heldensinn gesehen als da ein Detaschement von 1600 Mann aus
verschiedenen Bataillons ausgehoben wurde und Befehl erhielt sich bei Nusweiler
zu versammeln«
»Friedrichs und des edlen Braunschweigers Geist ruhte auf der auserlesenen
Schaar die von ihrer Bestimmung nichts wusste so wie auf den Zurückbleibenden
die sich laut darüber beklagten dass sie ihre tapfern Kameraden den Weg zur Ehre
allein antreten sähen«
»Ohne ans Sentimentale zu streifen darf ich sagen dass die ganze Szene
sich ganz zum RomantischSchauerlichen eignete Voll des entschlossensten
Heldenmutes der sich nicht in rohe wilde Flüche sondern in ruhigen Vorsatz
das Äußerste zu tun ausliess schritt mit kühnen wiederhallenden Tritten die
edle Schaar vorwärts Das soldatischfreundliche Lebewohl des Bruders oder
Vetters das ihnen die Zurückbleibenden nachriefen hatte ihren Mut mehr
angefeuert als erweicht Es sollte ein schwerer Kampf mit dem eisernen
Schicksale beginnen Jeder ahnte es keiner wusste bestimmt was ihrer harrte
Es war eine feierliche Nacht in der der TodesEngel eine reiche Erndte hielt
Sie war herbstischkalt Leichte Wolken streiften über dem aufgeklärten Himmel
und machten dass der Mond den Kriegeszug nur dämmernd beleuchtete und die weiße
Binde die jeder der Unsrigen am Arme trug sichtbar werden ließ«
»In feierlicher furchtbarer Stille näherten sich unsere Detaschements der
Bergfestung Bitsch umgingen sie und kamen auf der Strassburger Straße eben um
Mitternacht bei dem bedeckten Gange an Unbesorgt pfiff sich die Schildwache an
den ersten Pallisaden ihr ça ira und schien nicht an die Möglichkeit eines
feindlichen Besuchs zu denken Man hörte unten ihr gewöhnliches sentinelle
prennez garde à Vous und beides diente zur Richtschnur«
»In schauerlichem Schweigen kletterte nun die Kolonne den Berg hinan Die
Schildwache gewahrte den Feind erst als er nur noch zwanzig Schritte von ihr
entfernt war und rief zweimal ihr qui vit worauf sie die Antwort republique
francaise erhielt Als sie ihren Irrtum einsah warf sie das Gewehr hin und
lief davon Wir überstiegen die Pallisaden und eilten dem bedeckten Gange zu«
»Jetzt wurde in der Stadt Lärmen nachdem zwei Posten Feuer gegeben hatten
Ein schrecklicher Tumult verbreitete sich allenthalben erscholl aux armes aux
armes de ce coté citoyens içi Kamerades«
»So glücklich der erste Angriff geschehen war so viel unübersteigliche
Hindernisse setzten sich ihm jetzt entgegen Wir fanden eine wütende Gegenwehr
Handgranaten Steine Balken Kugeln und gehacktes Eisen unterhielten einen
unaufhörlichen mörderischen Regen auf die andringenden Preußen«
»Ewig unvergesslich in Preußens Annalen wird die Unerschrockenheit bleiben
womit die vortrefflichen Truppen dem Tode der in so vielerlei Gestalt unter
ihnen wütete trotzten Der Hinterste drängte den Vordersten vorwärts
vorwärts war der ununterbrochene Ruf der Tapfern Während dieses mörderischen
Gefechtes wo die Gefahr der Verteidigung in gar keinem Vergleiche mit der des
Angriffs stand waren zwei Tore gesprengt worden In dem engen Gange konnten
nur drei Mann in Fronte stehen Waren diese getötet oder blessirt so eilten
von hinten andere herbei ihren Platz zu ersetzen Der Sterbende ward unter die
Füße getreten und seines Ächzens durfte nicht geachtet werden wenn gleich der
Freund oder Bruder darin erkannt wurde Die Blessirten die noch gehen konnten
drängten sich an den Wänden bis hinten hin zurück wo sie fortgeschaft wurden«
»In der Dunkelheit und dem Tumulte waren Äxte Brecheisen und alle
erforderlichen Instrumente verloren gegangen die sie führten waren getötet
oder verwundet die Dunkelheit ließ nichts erkennen ein wildes
Durcheinanderrufen machte die Szene grässlich Am dritten Tore standen wir nun
und alle Anstrengung es zu sprengen war vergebens Vergebens floss das Blut der
unerschrockenen Preußen Nach vierstündigem Kampfe der die Kräfte der
menschlichen Natur zu übersteigen schien folgte freilich Ermattung aber kein
Schatten von Mutlosigkeit entweihete den unbefleckten Heldeneifer der nun schon
sehr zusammen geschmolzenen hochherzigen Preußen davon jeder mit dem Blute
seines Kameraden oder von eigenem bespritzt war«
»Mein Herz blutete dass so edle so unerhörte Anstrengung nicht mit Erfolg
gekrönt wurde Des Augenblickes wo ich aufhörte tätig mitzuwirken bin ich
mir nicht deutlich bewusst denn indem mein Arm zerschmettert wurde traf mich
ein Steinwurf am Kopfe Ich sank und wurde wahrscheinlich mit den Füßen der
vorwärts Drängenden bis in eine Vertiefung der Mauer des Ganges gestoßen und
unter einen Haufen Todter geschoben«
»Hatten Sie kein eau de Kologne bei sich Herr Neveu« fragte Onkel Dämmrig
ganz naiv »Nein« sagte Lindenhain kurzweg »Das ist Schade in dergleichen
Fällen ist es höchst bewährt Stosse oder quetsche ich mich gleich eau de
Kologne zur Hand und geheilt bin ich«
»Unter freiem Himmel auf einem rüttelnden Wagen voll schwer Verwundeter
kam ich wieder zur schmerzlichsten Besinnung Albertine als ich sank dacht
ich dein als ich jetzt wieder auflebte warst du Liebe mein erster Gedanke
Albertine legte hier ihr Haupt auf seine Schulter und schluchzte hörbar Ich
war ein Gefangener mein Körper verstümmelt und Bitsch war nicht genommen Für
den Erfolg war mein Leben mir nicht zu teuer aber nun o Gott«
»Beschwert von einem schwer Verwundeten der im Sterben lag musste ich in
der unbequemsten Stellung liegen Der Wagen eilte unaufhaltsam vorwärts meine
Schmerzen überwältigten mich in Bouquenon wurde ich als ein dem Tode
Geweihter bei Seite gelegt ein Mitgefangener leicht blessirter Landsmann
bemerkte mein leises Atmen und sorgte dafür dass ich untergebracht wurde«
»Dieses geschah nun glücklicherweise in dem Hause eines geschickten
Wundarztes der selbst Krankheits wegen die Französische Armee auf einige Zeit
hatte verlassen müssen Er untersuchte meine Wunden Der Arm bis an den
Ellenbogen war ohne Rettung verloren Unerschüttert hörte ich diese Nachricht
die mich dienstunfähig machte nicht denn selbst in der Dumpfheit des Sinnes
hatte ich Plane und Dispositionen gedacht wie Preußen an dem Feinde Rache
nehmen und ich mitwirken könne Als er die Quetschung an meinem Kopf untersucht
hatte machte er Anstalt zu trepaniren und erklärte ohne diese Operation sei
ich verloren ob ihm meine Rettung durch sie ebenfalls auch ungewiss sei«
»O mein Vater so lassen Sie ihn ohne den Schmerz sterben ich will ihn
pflegen ich will ihn retten überlassen Sie ihn mir mein Vater er soll
genesen«« rief mit Wärme eine weibliche Stimme und meinem Lager näherte sich
ein schönes junges Frauenzimmer Sie legte ihre Hand an meine kranke Stirn und
bemühte sich mir durch leises Streichen wohl zu tun«
Hier hob Albertine den Kopf von Lindenhains Schulter und blickte ernstaft
und verlegen vor sich hin Onkel Dämmrig machte ein loses Gesicht und murmelte
ein bedenkliches »ha ha«
Lindenhain fuhr fort »»Adelaide was soll das«« sagte der Vater »»Wie
kommst du kleiner Naseweiss zu dieser Vorschnelligkeit«« »»Aber mein Vater
Sie versprechen ja seine Besserung nicht wozu den Greuel einer solchen
Operation Unter den nämlichen Bedingungen will ich ihm wohl tun Sie wollen
ihn tot plagen Nein nein Er ist mein««
Der Vater gab lächelnd nach Er war jetzt selbst abgeneigt sich mit meinem
Arm zu schaffen zu machen bis alle Anzeigen eine schnelle Operation notwendig
machten Ein hitziges Fieber war die Folge davon wobei meine Kopfwunde sich
sehr übel befand Das schöne Mädchen hielt indes Wort sie verließ ihren Kranken
nicht Und nie hätte ich der französischen Lebhaftigkeit so viel Ausdauer
zugetraut als dieses treffliche Mädchen hier bewiess Sie bestand jede Probe
Nächte hindurch ließ sie mein krankes Haupt an ihrer Brust ruhen ohne sich in
den beschwerlichsten Stellungen auch nur zu rühren Ihre sanfte Hand kühlte
meine brennende Schläfe sie verband mit der herzlichsten Sorgsamkeit meine
Kopfwunde die sich unter ihrer Aufsicht sehr gut anliess wie der Vater
wohlgefällig bemerkte Ich weiß Albertine du kannst nicht böse werden dass ich
diesem guten Mädchen von Herzen dankbar war und aufrichtiges Wohlwollen für sie
empfand«
»O nein ich bin es ja auch nicht« sagte Albertine etwas kalt Doch
schwankte ihr Ton Laurette lachte ihr unverwandt ins Gesicht Der Onkel
schnitt Gesichter nach seiner Weise die spaßhaft sein sollten
»Als mein Zustand erträglicher wurde brachte Adelaide ihre Harfe in mein
Zimmer Sie durchschwebte die Saiten so leise und lieblich dass die Melodie
äterisch dahin lispelte wie von einer Aeolsharfe Ihr Gesang war rein und
kunstlos«
»Sobald ich aufrecht sitzen konnte verlangte ich Schreibmaterialien um
dir meine Albertine Nachricht von deinem armen Invaliden zu geben Adelaide
brachte sie mir mit einem so trüben Gesichtchen als ich bei ihr noch nicht
gesehen hatte Hier meine Albertine wird deine ganze Großmut aufgefordert
werden ich schrieb ich schrieb oft und meine Briefe sind nicht zu dir
gekommen Das Geheimnis wird sich enthüllen«
Albertine antwortete wenig und unverständlich Sie machte sich mit dem Tee
den eben der Bediente gebracht hatte zu schaffen Es war sichtbar dass sie
litte
»So wie meine Genesung fortrückte« fuhr Lindenhain fort »vermied
Adelaide ganz unaffectirt allein in meinem Zimmer zu bleiben Eine ältliche
Gouvernante die mit ihr dem Hauswesen vorstand war immer zugegen Adelaide las
uns vor oder spielte und sang oder beschäftigte sich mit irgend einer
Handarbeit Sie war immer gleich freundlich und sorgsam doch hatte sie offenbar
etwas auf dem Herzen das bei ihrer sonstigen Offenheit sie drückte Einst als
sie mir den Tee reichte blieb sie wie zerstreut in meiner Nähe stehen und
spielte mit einem Stückchen Papier welches sie absichtslos in den Fingern zu
rollen schien Als sie mich verließ sank das Papier aus ihrer Hand auf meinen
Tisch und sie entfernte sich merklich errötend Es war beschrieben Meine
Neugier wurde rege Ich las Es enthielt folgende Worte Ich habe von einem
Ihrer Landsleute gehört dass Sie verheiratet sind Ist das wahr Adelaide«
Albertine die bis jetzt wieder emsig strickte stand auf dem Onkel etwas
zu reichen so dass sie der Gesellschaft den Rücken zuwandte
»Adelaide kam diesen Tag erst zur Abendsuppe mit ihrem Vater und der
Gouvernante ins Zimmer Sie war verlegen und wich meiner Nähe wie meinem
Gespräch aus Ich hatte sehr bald Anlass Adelaidens Frage zu beantworten indem
der Vater von dem Glücke sprach das er an der Seite seiner verstorbenen Gattin
genossen hatte Da nannte ich dich meine Albertine und ein Strom des reinsten
Gefühls deines Wertes meine Liebe ergoss sich von meinen Lippen«
Albertine umarmte hier Lindenhain doch schien es mehr Ehrenhalber als aus
dem Herzen zu sein Laurette fragte gespannt »Nun Und Ihre Adelaide«
»Adelaide schien von der Wärme meiner Schilderung ergriffen Sie lächelte
und wechselte die Farbe bei den rührenden Situationen flossen ihre schönen
Augen über Sie wünschte sich deine Freundschaft meine Albertine«
»Hm Ich möchte sie wohl kennen« sagte Albertine nachlässig
»Sie ist deiner Freundschaft wert Albertine Sie erhielt dir deinen
Gatten ihre Pflege und Aufsicht hat alles getan«
»Meinen Gatten erhielt sie mir aber auch sein Herz« Es musste heraus
Albertine hielt sich nicht länger Sie brach in Tränen aus die sie gern
verborgen und dem Hohne der Kousine nicht ausgesetzt hätte Alle waren verlegen
und Lindenhain sagte schmerzlich »ich darf nicht fortfahren Albertine wenn
schon dies dich so erschüttert Was ich noch zu sagen habe setzt mich dann in
die äußerste Verlegenheit«
»Sieh nicht auf mich ich bin ein albernes Ding Es wird sich geben Zeige
mir deine Achtung durch Wahrhaftigkeit«
»Nach diesem Gespräche fand ich Adelaidens Benehmen offener herzlicher
zutraulicher und fast möcht ichs schwesterlich nennen Sie sprach viel von
meinem Vaterlande von meiner Albertine von dem Kummer unserer Trennung Sie
beschäftigte sich oft so unbefangen um mich her als ob ich gar nicht zugegen
gewesen wäre Doch sah ich sie im Ganzen seltener da ich schon im Stande war
selbst wieder für meine Unterhaltung zu sorgen Ich vermisste ihre Gesellschaft
denn die unschuldsvolle sich selbst unbewusste Seele des Mädchens war mir sehr
wert geworden«
»Es war mir gar nicht gleichgültig als wir von unsern Wunden hergestellte
Gefangene tiefer in Frankreich hinein geschafft wurden So sehr sonst meine
Wünsche mich ins südliche Frankreich versetzt hatten so ungern ging ich jetzt
dahin ab Dem commissair ordonateur stellte ich vor dass meine Dienstunfähigkeit
mich nicht länger zum Kriegsgefangenen qualifizire er gab mir aber den
vielleicht schmeichelhaft sein sollenden Bescheid der Arm mache nicht allein
den Feind gefährlich der Kopf wärs Er wusste wohl nicht dass die Unsrigen erst
zur öffentlichen Wirksamkeit gelangen wenn sie schon wieder ergrauen«
»Auf einem ziemlich anständigen Fuhrwerke traten wir unsere Reise nach der
Gegend von Toulouse an«
»Und Ihr Abschied von Adelaiden« unterbrach ihn hier der Onkel »Ich bin
ganz verliebt in das allerliebste Mädchen«
»War herzlich und meiner Seits von Dankbarkeit überfliessend Wie hätte ich
anders gekonnt« fuhr Lindenhain fort »Noch aus Bouquenon schrieb ich einen
langen umständlichen Brief an dich meine Albertine dem ich die kleine Summe
beifügte die mir wie durch ein Wunder erhalten war Da ich in die
Todtenlisten des Regiments eingetragen war so darf ich mich nicht wundern wenn
Ihr meine Teuren weiter keine Schritte tatet etwas von mir zu erfahren«
»Adelaide hatte sich viele Tage emsig mit meiner Reiseanstalt beschäftigt
Wie hatte das edle Mädchen für Alles gesorgt Was die sorgsamste Aufmerksamkeit
auf alle kleine Bedürfnisse nur ersinnen kann fand ich hier bei einander In
einer kleinen bonbonniere fand ich zwanzig Louisdor und diesen Ring von ihrem
Haar mit dem Zettelchen pour la charmante Albertine Hier meine Albertine
ist er trag ihn diesem würdigen Mädchen zum Andenken«
Alle machten jetzt große Augen als Lindenhain den Ring hervorzog und ihn
der sich halb weigernden Albertine an das Fingerchen schob »Das ist ein stark
Stück das« sagte Onkel die Hände reibend Albertine auf die aller Augen
teils boshaft neugierig teils mitleidig teilnehmend gerichtet waren sprang
auf umarmte ihren Gatten weinend und sagte unter Schluchzen »Dein edles
Zutrauen mein Louis reißt mich hin du erhebst mich über mich selbst Wie
ehrst du mich Vergieb den Kampf in meinem Innern Ich habe gesiegt ja ich
hoffe ich habe gesiegt«
Kein Auge blieb trocken Selbst Lauretten entwischte ein unwillkürliches
»recht brav« Doch wollte Ulmenhorst das Wort Drama nachtönen gehört haben
»Trage diesen Ring zum Zeichen dieser Stunde meine gute edle Albertine
Mein Glaube an dich hat mich nicht getäuscht Doch ich eile zum Schluss meiner
Erzäh lung«
»Mein neuer Aufenthalt war an sich viel reizender und gab meinen
Beobachtungen reichen Stoff Doch fehlte mir ein verwandtes Herz wenn ich es
mit einem Worte sagen soll eine Deutsche Natur nach der ich mich nun schon mit
aller Kraft sehnte Der geringste unserer Landsleute interessierte mich deshalb
innigst ich habe Denkarten unter ihnen getroffen die den gebildetsten Ständen
Ehre machen würden auch bemerkte ich mit Vergnügen dass ihre Gradheit ihre
ehrliche Treuherzigkeit ihr Fleiß von den Landesbewohnern auszeichnend bemerkt
wurden
Einst kam ich von einem Spaziergange zu Hause da hieß es ein junger
schöner Knabe habe nach mir gefragt er sei um meiner zu warten in die nahe
Kirche eingetreten Wer konnte hier nach mir fragen Nach einer halben Stunde
erschien wirklich ein sauber gekleideter Knabe in Bediententracht in dem ich
beim ersten Anklang seiner Sprache Adelaiden erkannte«
»Nun nun den Braten merkt ich« sprach der Onkel Alle andere schwiegen
betroffen
»Um Gotteswillen« rief das Mädchen »denken Sie nicht unrecht von mir
Stoßen Sie mich nicht aus Ich bin eine Waise bin emigrirt und würde hilflos
ohne ihren Schutz umher irren müssen« Ich stand versteinert und auf Ehre
kann ich bezeugen dass ich nichts weniger als erfreut war Sie bemerkte es und
erzählte mir schnell dass bald nach meiner Abreise ihr armer Vater angeklagt
ins Gefängnis geschleppt und schnell guillotinirt worden sei weil er durch
seine Teilnahme an den Preußen verdächtig geworden wär Ihr habe ein ähnliches
Schicksal gedroht sie habe sich daher diese Kleidung zu verschaffen gewusst und
sei mit einer Dame hierher gekommen Jetzt wolle sie mein Bedienter sein sie
habe von einer Auswechselung der Gefangenen gehört sie müsse nun doch fort und
wolle bei mir und Albertinen leben«
»Sie ist dir ganz nahe Albertine Wirst du sie willst du sie aufnehmen
Dein Bruder der Treffliche der mich aufzusuchen reiste führt sie dir zu«
»Erstehen wir das große Himmelbette des Grafen von Gleichen« sagte der
Onkel lachend »Das gibt eben so eine Geschichte Auf meine Ehre«
Albertinens Gemüt hatte sich aber nun einmal einen Schwung gegeben sie
blieb sich gleich und sagte edelmütig sie solle ihr willkommen sein Doch
schien ihr der Ausweg nicht missfällig als ihre kluge Freundin Euler sagte dass
die Vorsehung wohl vielleicht ihrer Einsamkeit eine Gefährtin in Adelaiden
bestimmt habe Alle auch Lindenhain stimmte diesem Gedanken von Herzen bei
außer Laurette die sich höhnisch lächelnd auf die Lippen biss
Jede Erwartung führt etwas Bängliches mit sich Es ist Albertinen nicht zu
verdenken wenn sie diese Nacht wenig schlief und sich ihrer nur zu geschäftigen
Phantasie überließ Doch konnte sie weder in ihres Gatten noch in des wackeren
französischen Mädchens Betragen etwas Sträfliches ergrübeln und da sie denn
nichts eingebüßt zu haben hoffte erschien sie sich in ihrer eigenen Größe um so
wohlgefälliger
Ganz frühe schon weckte sie ihren Louis ihm das Geheimnis der
ausgebliebenen Briefe abzufragen denn sie hatte einen dunklen Argwohn gefasst
Adelaide könne sie unterschlagen haben Ungern gestand ihr Louis ihre eigene
Schwägerin ihres Bruders Frau habe das Falsum begangen sie los zu werden und
sie mit ihrem Bruder zu entzweien Sie hatte gehofft Albertine werde als eine
unabhängige Wittwe recht viel dumme Streiche machen und in Not und Verwirrung
geraten Die Briefe waren jederzeit unter der brüderlichen Addresse gekommen
da hatte Frau Louise stets schlau gewusst sie auf die Seite zu bringen indem
sie das Briefgeschäft in der nächsten Stadt durch ihre Boten besorgen ließ und
was vermag nicht ein listiges Weib das seines Gatten unumschränktes Vertrauen
usurpirt eines Gatten dessen Seele rein von Betrug am wenigsten die Schlange
ahnt die er an seinem Herzen erwärmt
Drei und zwanzigstes Kapitel
Die durchwachte und durchphantasierte Nacht gab unserer Freundin ein etwas
kränkliches Ansehen welches ihren Gatten um so mehr in Verlegenheit setzte da
der guten Albertine wahrscheinlich heute ein kampfvoller Tag Adelaidens
Ankunft bevorstand Albertine gestand dass ihr Herz sie wisse nicht bestimmt
weshalb heute unruhiger als noch sonst je klopfe »Ist sie sehr schön« fragte
sie beim Frühstück nachdem sie eine Zeit lang in Gedanken gesessen hatte
»Mehr als schön sie ist hübsch« sagte Lindenhain »Die Schönheit in so fern
sie auf Regeln beruht ist oft kalt Hübsche Weiber gefallen immer Du meine
Albertine bist schön nach allen Erfordernissen der Kunst und zugleich auch
hübsch durch den Geist der so annehmlich aus jedem deiner von ihm belebten
Züge spricht« Albertine seufzte ohne zu antworten lächelte ihm du bout des
Levres zu und sprang bei jedem schwer daher rollenden Wagen ans Fester Louis
bemerkte diese innere Unruhe der Geliebten nicht ohne Bekümmernis
Was oft in Fällen der Art begegnet geschah auch hier Albertine hatte nach
ängstlichem Lauschen und Harren und immer gespannter Aufmerksamkeit nach außen
hin den rechten Augenblick doch versäumt Die Türe ihres Zimmers ging rasch
und weit auf und plötzlich herein traten der Bruder und seine schöne
Begleiterin und dahin war Albertinens Fassung
Die Wahrheit zu sagen war in diesem seltsam entscheidenden Momente selbst
Lindenhains festes männliches Herz nicht ganz in seinem Gleichgewichte Wäre
Albertine nicht so ganz mit sich selbst beschäftigt gewesen würde ihr das
Schwankende und Ungewisse in ihres Gatten Benehmen nicht entgangen sein die
ganze Szene bekam dadurch einen Anstrich von Steifheit und Zwang welcher der
Unbefangensten unter allen Adelaiden schmerzlich auffiel ihre schönen Augen
füllten sich mit Tränen sie reichte ihrem Freunde die Hand und sagte mit
unwiderstehlichem Ausdruck »O mein Gott ich bin hier nicht willkommen
Albertine nimmt mich nicht auf«
Albertinens vortreffliches Herz fühlte sich schnell in die Lage des
verlassenen Mädchens hinein deren Tränen bis in ihr weiches Gemüt lebendig
eindrangen Mit unverkennbarer Gutmütigkeit drückte sie Adelaiden an ihre Brust
und hieß sie von Herzen willkommen »Die freudige Überraschung macht Ihren
Freund stumm« sagte sie und zog Lindenhain zur Umarmung herbei Er hatte sich
indes gefasst umarmte Adelaiden mit brüderlicher Herzlichkeit und segnete sein
Geschick dass diese wirklich erste Umarmung des schönen Mädchens in Gegenwart
und auf Geheiß seiner Gattin geschah
Adelaide war keine der gemeinen Französischen Schönheiten die dem
sinnlichen Mann durch dreisten Blick und ein impertinentes Näschen gefallen Sie
hatte bei sehr sprechenden schönen Augen regelmäßige Züge eine schöne Farbe
schöne Zähne eine gefallende Mittelgestalt die wenn nicht engelschön doch
höchst elegant und graziös war Albertine hatte das alles im ersten Augenblick
weg und kam sich bei der Vergleichung die sie in der Geschwindigkeit
anstellte ganz bescheidentlich wie gar nichts wie ein kleines Landputchen vor
Adelaide fühlte den untersuchenden Blick Albertinens mit einiger Verlegenheit
und ihn von sich abzuwenden reichte sie ihr die Hand und fragte »Sie weisen
mich also nicht von sich schöne Frau Sie wollen meine Beschützerin sein«
Lindenhain hatte weiß Gott warum gar keinen Mut sich in das Gespräch
mit einzulassen er saß zerstreut da und als Albertine mit der Antwort zu
zögern schien trat eilig der Bruder dazwischen und gab in seiner Schwester
Seele die bindendsten Zusicherungen welchen Albertine gleich ohne Zwang und
unbedingt zustimmte
Aber keiner fand die neue Hausgenossin so sehr nach seinem Geschmack als
Onkel Dämmrig Er suchte in der Eile den ganzen Vorrat seines veralterten
Französischen zusammen sich in den galantesten Floskeln du bon vieux tems mit
ihr zu unterhalten wobei er die Nasentöne recht nationell zu accentuiren nicht
vergaß Es war eine Freude zu sehen wie jung er wurde wie er die Ohren spitzte
und sich zusammen nahm
Adelaide war die Höflichkeit und Gefälligkeit selbst sie lieh sich allem
und allen Nur in Lauretten schien ihr sonst so biegsamer Sinn nicht eingehen zu
können Laurette gab ihr zweideutige Seitenblicke und an Seitenhieben ließ sie
es auch nicht fehlen Durch sie wurde die Konversation genirt weil sie durchaus
ihr fehlerhaftes Französisch unter dem Vorwand nicht wollte hören lassen dass
sie eine Deutsche es lächerlich finde mitten in Deutschland Französisch zu
sprechen es sei höflicher wenn die fremd angekommenen sich bequemten Adelaide
tats mit leichter Art und lachte dann selbst über ihr gebrochnes Deutsch
Laurette beschwerte sich über die Unzulänglichkeit des weiblichen Umgangs
für gebildete Geister »Die Weiber im Allgemeinen« sprach sie »haben eine so
erbärmliche kleine Ansicht der Welt werden so breit über Dinge die der
Gebildetere liegen oder ganz fallen lässt sind entweder zu gespannt oder
vegetiren in der traurigsten Schlaffheit wie soll man mit ihnen auskommen«
Adelaide nahm die Partie ihres Geschlechts und behauptete es sei
demselben nicht zu verargen wenn seine Ansicht der Welt und ihrer Verhältnisse
nicht die Kraft und Eindringlichkeit des männlichen Blicks habe »Bedenken Sie
doch Mademoiselle in welchem Licht uns die Welt erscheinen muss da unser Geist
nur zu den infiniment petits gebildet wird und wie jedes rechtliche Weib das
seinem Gatten oder seiner Familie nützlich werden will sich zu den unedelsten
Details des Hauswesens verstehen muss Wer so sehen muss der wird doch gewiss
zuletzt ein moralischer Myops«
Laurette hatte wie alle dickhäutige und erdfahle Weiber tun jedes feinere
Kolorit im Verdachte des Schminkens sie ließ es sich auf unfeine Art merken
dass sie die Fremde für geschminkt hielt Adelaide antwortete ganz unbeleidigt
»Und warum nicht Mademoiselle Hätte die Natur mir von der Seite einen Mangel
gelassen würde ich ihm ohne Bedenken nachhelfen weil ich es für Weibespflicht
halte meine Erscheinung so hübsch als möglich sein zu lassen und weil ich das
Rotauflegen in so fern es der Gesundheit unschädlich gemacht wird für nicht
sträflicher halte als jedes andere Mittel wodurch wir den Sinnen schmeicheln
wollen Erlaubte ich mir aber je eine moralische Schminke wollte ich mehr
scheinen als sein ich würde meinen Beschützern nie wieder in die gütigen Augen
blicken können Legen Sie äußerlich immer ein wenig auf Mademoiselle es würde
Ihnen recht gut kleiden«
Unter dergleichen und andern noch erheiterndern Gesprächen wurde Onkel ganz
begeistert und fing wirklich schon an der Gesellschaft in entferntere Zimmer
nachzuschurren Adelaide und Ferdinand von Rehtal Albertinens Bruder hatten
allen neues rascheres Leben mitgeteilt nur Albert allein schien nicht ganz
zwangfrei Unbeobachtet war er still und düster und in seiner Seele schien
etwas zu arbeiten das die Zeit erst daraus loswinden sollte
Vier und zwanzigstes Kapitel
Lindenhain machte zuerst die Bemerkung dass es Zeit werde an einen bestimmten
Lebensplan zu denken und er schlug Albertinen vor sie wollten mit dem kleinen
Kreis der Freunde gemeinschaftlich darüber zu Rate gehen »Aber wie ists mir
denn Albert hat sich ja in einigen Tagen nicht sehen lassen er wird doch nicht
krank sein« Die Weiber begreifen mit ihrem richtigen Takte sehr schnell
Albertine fühlte dass etwas vor sei wobei sie einbüßen würden Sie redete
Lindenhain zu Albert um sein Ausbleiben zu befragen
»Wo steckst du Albert Stelle dich ein du sollst der Konferenz beiwohnen die
wir halten wollen unsern gemeinschaftlichen Lebensplan zu entwerfen denn dass
unser Bleiben nicht hier ist und sein kann weißt du Wir wollen fort Dich
aber der Du uns unentbehrlich bist nicht zurücklassen Siehe zu wie Du das
einrichtest Es hoffet auf Dich und harret Dein
der Deine
Lindenhain«
An Lindenhain
»O dass Du so gut bist dass Albertine so gut ist dass ihr alle so vortrefflich
seid und ich doch einen Lebensplan entwerfen muss der mich weit aus Eurem
Kreise rückt
Höre mich an Lindenhain zürne mir nicht und gib mir Freundesrat Durch
Henrietten weiß ich dass Albertine Dir alle Folgen Deines vermeinten Todes
mitgeteilt hat Ich lernte sie kennen und hielt sie für ein Mädchen der
Familie bei der sie lebte Mein Loos war mit dem ersten Worte das sie sprach
geworfen Sie wird Dirs gesagt haben dass mein Betragen ihr die Geheimnisse
meines Herzens auch nicht von fern ahnen ließ Es war nachher als ich in ihr
Deine Wittwe erkannte nicht strafbar sie zu lieben Strafbar aber wäre es die
Gattin meines Freundes zu lieben und würd ich müsst ich das nicht wenn ich
mit jedem Tage neue Blüten dieses trefflichen Geistes dieser herrlichen Natur
sich vor mir entwickeln sähe Lindenhain ich war berechtigt zu hoffen sie war
die Meine erschienst Du nicht Fühlst Du die Glut zu der diese Hoffnung meine
Liebe anfachte Freilich habe ich sie tief in mein innerstes Herz
zurückgedrängt aber wird sie in jeder Minute sich nicht vordrängen wollen Soll
ich den Kampf in jeder Minute neu beginnen müssen Werde ich in jedem
Augenblick indes so viel Liebenswürdigkeit vor mir her waltet die Kraft haben
meine Gefühle mit Erfolg zu bekämpfen Ich kenne mich selbst nicht genug ich
weiß nicht was noch aus mir werden kann, darum lass mich Euch fliehen
wenigstens auf einige Jahre weil ich Eurer Achtung noch wert bin während es
noch in meiner Gewalt steht im kurzen würde es vielleicht nicht mehr Wer
aufhören könnte Albertinen zu lieben hat nie die Liebe gekannt Gehab Dich
wohl
Dein
Albert«
»An Albert«
»Sei nicht wunderlich du Guter Ich weiß alles und eben weil ich alles weiß
musst Du sollst Du bleiben Ich kenne Dich und kenne Albertinen und eben weil
ich Euch Beide kenne sollst Du und musst Du bleiben und mit uns leben wie
immer Ich sage Dir so wenig das den Verliebten eingeht durch täglichen
Gebrauch stumpft sich der Stachel ab den die Abwesenheit und die über die
Verliebten waltende Phantasie bis zum Unleidlichen schärft Ich sage Dir bleib
bei uns Du bist keines schlechten Streiches fähig und Albertine eben so wenig
Die feine Grenzlinie welche ihr feiner Sinn zwischen dem Gatten und dem Freunde
zieht wird Dir einleuchten und Dich streng in Deinen Gränzen beschränken
Albertinens unverhaltene Äußerung ihrer herzlichen Zuneigung zu Deinem Freunde
wird Dir keinen Augenblick der Verirrung gestatten Wenn Albertinens lieblicher
Reiz Dich entzückt wirst Du daneben auch ihre kleinen Fehler bemerken sie ist
ein lieber Engel der bestimmt ist meinem Leben Glanz zu geben und Klarheit
aber sie ist auch ein Weib Dessen wird Dich der tägliche Umgang belehren
Albert so wie ich Euch kenne wäre es Neid erbärmliche Missgunst wenn ich das
schöne freundliche Verhältnis darin ihr ohne mich standet zerreißen sollte
Lerne Dich selbst kennen und schätzen Du bist nicht der der in der Flucht
seine Sicherheit suchen müsste Denke Dir meinen Freund so wie ich ihn mir
denke Unzerreissbar sei der Bund der Freundschaft mit Deinem
Lindenhain«
Albert gab sich nur nach langem Kampfe Er wollte immer nicht zugeben dass die
Abwesenheit der Liebe günstiger als das Beieinanderleben sei Madame Euler
sagte als sie gefragt wurde lächelnd so viel sie davon erfahren glaubte sie
der Hauptmann habe Recht
Jetzt machten die Freunde ernstliche Anstalt über einen haltbaren
Lebensplan übereinzukommen und bald kam Folgendes zu Stande
Ulmenhorst bezog sein Gut Lindenhain kaufte eins in der Nachbarschaft und
erstand zugleich den Landsitz welchen der Onkel in seinem Wohlstande besessen
hatte worauf er ihn auch wieder einsetzte Madame Euler an die Adelaide sich
unzertrennlich gekettet hatte wohnte mit derselben in einem sehr eleganten
Pavillon auf Lindenhains Gute und Rehtal der sich von seiner Frau schied die
er wegen des schlechten Streiches mit den untergeschlagenen Briefen nicht
wieder an seiner Seite leiden konnte so viel Albertine die Strafbare auch
entschuldigte und für sie bat verkaufte sein Gut und wohnte bei Ulmenhorst Da
war denn immer Einer in und durch den Andern glücklich und nur Laurette säete
zuweilen Unkraut unter den Weizen
Onkel Dämmrig fand den Plan so deliziös lebte wieder von Neuem auf und
verjüngte sich ganz so an dem reinen Feuer aus Adelaidens Augen dass er oft in
der Freude seines aufgewärmten Herzens sein altes »Damötas war schon lange
Zeit« mit heiserer Stimme anstimmte und sich freute wenn er es den Damen nach
dreierlei Kompositionen mit altväterischen Manieren verbrämt vorsingen konnte
Musik Malerei worin auch nun Albertine anfing vortrefflich zu werden
ernste Wissenschaft leichter Scherz kleine dramatische Übungen
landwirtschaftliches Treiben gaben dem ohne den Umgang der Musen so einförmig
häuslichen Landleben Mannichfaltigkeit und reichen Genuss Eintracht pflanzte
überall die Friedenspalmen hin und selbst Laurettens Geist schien unter der
Milde dieses Himmels von seiner Schärfe zu verlieren obschon dem ungeachtet
Onkel sie oft seinen Pfahl im Fleisch und den Klotz an seinen Beinen nannte und
von Herzen wünschte dass ein von Gott und allen Weibern Verlassener sich doch
erbarmen und sie ihm abnehmen möchte Ob irgend eine Hoffnung dazu für ihn und
die arme Hartsinnige grünte werden wir im folgenden Kapitel erfahren
Fünf und zwanzigstes Kapitel
»Sagen Sie mir doch Ulmenhorst was ists dass Sie jetzt so häufig verstimmt
scheinen und oft mitten im frohen Gespräch sich einer eigensinnigen Laune
überlassen die uns Ihre Unterhaltung verkümmert« fragte Henriette Albert
errötete legte seine Hand sanft auf ihre Schulter »Morgen sollen Sies
erfahren wenn Sie mir helfen wollen« »Wenn ich kann gern« Und das Gespräch
war abgebrochen
Henriette hatte ganz andere Besorgnisse und fühlte sich erleichterten
Herzens als sie folgendes Billet gelesen hatte
»Leiser berührt die weibliche Hand wunde Herzen leihen Sie mir die Ihrige
meine Freundin eines zurückzudrängen das sich unaufgefordert zu mir hinneigt
Nie gab ich Lauretten Anlass mich für Ihren Liebhaber zu halten nie fühlte ich
für diese niedrigste aller Weiber das wäre sie mir auch ohne die Nähe ihrer
englischen Kousine Und dennoch macht sie Anstalt mich mit stürmender Hand zu
erobern Ich verschweige wie weit sie aller weiblichen Delikatesse trotzend
sich vergaß Das macht mich bei ihrem Eintritte still weil ich mich in ihrer
Seele schäme Ihrer Zartheit meine Freundin traue ich es zu dass Sie den
verirrten Sinn sanft zurückführen werden Zu hart wärs mit männlicher mit
meiner Hand Überdem hat sie sich meiner leisen Zurechtweisungen nicht achtend
mir nur frecher entgegen geworfen Ungern würde ich Sie indessen dem Spotte des
Onkels und der Verachtung Anderer ausgesetzt sehen Sie ist ein Weib
Albertinens Verwandte und muss geschont werden Nach meinem Gefühle darf ein Mann
die Fehler nicht strafen die er veranlasst Leben Sie wohl Von Ihnen hofft
seine Befreiung
Ihr
Albert von Ulmenhorst«
Henriettens Verlegenheit war groß nicht geringer Albertinens als sie folgenden
Brief von der verschollenen Tante Elise erhielt
»Bitte bitte sei nicht böse Nichte Albertinchen wenn ich unter den Wellen
seligen Genusses die über mir zusammen schlugen eurer zu vergessen schien
Atemlos in Wonne gelösst schwebt mein Geist dem Deinen wieder entgegen und
fleht um Einklangsseligkeit Du Einzige gewährst sie mir
Den Bruder grüße mit dem Kuss der Liebe Nichte Lauretten sage ach Gott
die Arme wie wird ihr Herz in dem Ozean der Kränkung sich nach einem
errettenden Felsen sehnen Die Arme Sage ihr weil es doch einmal gesagt
werden muss es ginge unmöglich an dass Doctor nicht mehr Magister Doctor
Wassermann sie heiraten könne wie sie gern will weil er mich schon
geheiratet hat Die Musen schlossen den ewigen Bund Ach was ist die Liebe für
ein süßes Ding Die Welt nennt mich alt Alt Was ist das nun Die Hülle das
Kleid wird alt der Geist blüht in ewig schöner jugendlicher Form Wer nicht
alt werden will wird es nicht Ich gestehe freilich dass mein Wassermann nicht
ganz das Ideal meiner Vorstellungen ist Sein ernster Sinn verschmäht die
leichten Blüten des meinigen oft windet er mir einen Kranz von Wermut wo ich
Rosen brechen möchte öfterer führt er mich unter Lauben von Cypressen und
lehnt meine Leier an die TränenWeiden der herben Vorwürfe mehr nennt er mich
eine unerschaffene Ceder auf Libanon denn eine Rose im einsamen Tale aber
dennoch verehre ich den Teuren grenzenlos Ich beuge mich vor seinem stärkeren
Geist und neige mich wie das zarte Schilf im Sturme
Begeistert durch die Nähe des Empyräum streben unsre Geister hinanwärts
hinanwärts Mein Bertram arbeitet im Vertrauen seis gesagt an einem großen
epischen Trauerspiel von wie vielen Akten das wissen die Götter Den Stoff
gibt die christliche Myte das Weltgericht Sie begreifen Nichte wie reich
wie wenig er dem Übelstande der Lokalität ausgesetzt ist Von Adam bis auf den
Säugling dieser letzten Stunden passt alles hinein Den Chorus geben die zur
Rechten und die zur Linken stehenden den diese letztern als Böcke natürlich
nur mäkkern Sie werden tüchtig herunter gemacht vom Richter und das gibt die
Entwickelung Denn sehen Sie Nichtchen sonst erführe man ja gar nicht warum
die ganze Szene veranstaltet ist Die Schäfchen zur Rechten tanzen ein
Schlussballet zu dem Chorus und somit gut
Sagen Sie es aber Niemand es soll überraschen will Bertram Auch Eurer
Elise Geist producirt und ersetzt die leibliche Descendenz Nichtchen ich ich
schwärme einen Roman wie meine reiche Phantasie ihn mir hinzaubert Wir waren
bis jetzt in dem Wahn meine Liebe das Wesen des Romans wäre Natur und treues
Sittengemälde O ganz und gar nicht Richardson und der erzgemeine Fielding
sollten jetzt einmal aufstehen und lernen Ihren abgeschmackten Dictionen sieht
mans gleich beim ersten Blick an dass ihre Verfasser Engländer sind in England
schrieben und von Engländern gelesen sein wollten Das ist nun eben unrecht Es
muss alles rein idealisch rein poetisch sein Lieber muss man Schränke und
Kommoden redend einführen ehe mans den Personen anmerkt wer sie sind und was
sie wollen Und dann so muss auch die Moral nicht so Fuderweise darin
aufgestapelt liegen Dadurch entsteht dann die reine Menschheit Ich sage dir
Nichtchen die wenigen Figuren die ich zu meinem Roman brauche sollen so zu
sagen wie die Figuren im Puppenspiel zwischen Himmel und Erde schweben an
einem unsichtbaren Drat und ihrem Tun und Lassen soll keiner abmerken ob sie
in jene oder diese Region gehören Da vermeide ich dann die gemeine
Natürlichkeit und weiche dem platten konventionellen Leben aus
Lebe wohl Tröste Laurettchen Sage ihr sie soll sich an dem Duft meines
Glücks erlaben und schreiben schreiben es füllt Küche und Keller Lebe wohl
Die Deinige im Rosenduft der Freude
Elise Wassermann«
Albertinens Bestürzung über diesen Brief und ihre Verlegenheit in Ansehung ihrer
Kousine entging Lindenhain nicht Seine Neugier wurde dadurch erregt und sie
konnte ihm die Mitteilung nicht versagen »Missverstanden Tante abermals
missverstanden« rief er »O ihr ehrwürdigen erhabenen Geister wie werdet ihr
verstanden und von Kleinmeistern und Pfuschern gehudelt Bittet für uns«
Laurettens unglückliche Konstellation wollte einmal ihre Demütigung Ein
dritter Brief an sie selbst kam an
»Mademoiselle
Dero Anfrage nach Lessing siehe Minna von Barnhelm ob ich keine Frau Vadius
brauche ist so echt komisch so wahrhaftig naiv dass wir meine verlobte Frau
Braut Madame Antonie Spürhauss und ich sie nicht genug haben bewundern und
belachen können Nein meine Geschätzte ich brauche keine Frau Vadius sintemal
mich der Himmel schon mit einer versorgt hat die so jung als schön so reich
als klug ist Der wegwerfende Stolz mit dem Sie sonst dem armen Secretär Vadius
begegneten wird Ihnen nicht weiter zugerechnet so wenig wie der coup de
desespoir womit die alternde Jungfer Brandbriefe ausschickt Meine Antonie ist
in dem Fall einer Kammerjungfer zu bedürfen fühlten Sie sich geschickt zu
dieser Stelle so soll sie Ihnen unverhalten sein Das Vergangene sei vergessen
Mit dem gutmütigsten Ernst bietet Ihnen zu Ihrem redlichen Unterkommen die Hand
Ihr
Cyprian Vadius«
Laurette war braun vor Ärger sie kochte Wut und drohte eine fürchterliche
Explosion die denn auch bald erfolgte und sich über die häuslichen friedlichen
Fluren verderbend ergoss Wie alle gemeine Gemüter fand sie in allem außer sich
die Schuld nur in sich selbst ahnte sie sie nicht Sie war nicht klug genug
die derbe Weisung in sich selbst zu verarbeiten so sehr die Freundinnen es
zurück zu treiben sich bemühten ward sie nicht ruhig bis alle Hausgenossen
selbst die geringste Dienstmagd mit in ihren Unmut stimmten und den Verbrecher
mit entehrenden Namen nannten
Wie sollten die Freundinnen es wagen ihr von den beiden andern Briefen
Kunde zu geben
»Schwester Lieschen hat also den Wassermann wirklich geheiratet« sagte
Onkel über Tische »Ja« sagte Albertine verlegen »Dass sich Gott erbarme«
rief Laurette keck »Da muss die gute Tante recht heiratslustig gewesen sein
Man lege ihre Jahre mir noch zweimal zu ich möchte den pedantischen Narren
nicht An ihm liegt es nicht dass ich Tanten nicht zuvorgekommen bin« Dämmrig
rückte auf dem Stuhl hier hin dort hin räusperte sich und fing an »Nichte es
will doch verlauten« Albertine erschrak gab Adelaiden einen Wink und dieser
liebe Schalk brachte dem Onkel seinen alten Spruch ce que nous aimons zu in
den er sogleich einstimmte Die Stimmung wurde nun heiterer das Gewitter verzog
sich und Laurette war für dieses mal losgelassen
Sechs und zwanzigstes Kapitel
»Was für mich denn nirgend vorhanden ist, sollen die Andern auch nicht haben«
sprach Laurette und Satanas lächelte in seiner Hölle und der freundliche
Horizont über den Häuptern der Lieben mit deren Schicksal wir uns beschäftigen
schien sich schon ob dem unglückschwangern Vorsatz zu schwärzen
Laurette hielt Wort Überall zurückgewiesen wo sie unterzukommen suchte im
Gefühl ihrer Verächtlichkeit warf sie wo sie nur Brennstoff ahnte die Funken
des Argwohns und der Zwietracht die in ihrem Busen einen Heerd hatten
bedächtig hinein und bliess und schürte bis alles in lichten Flammen stand
Im ganzen Kreise nannte man die Familie Lindenhain und Ulmenhorst die
Glücklichen oder auch die Guten und jedem schiens Gewinn in ihre Mitte
eingelassen zu werden Lange hießen sie noch so für jeden nicht Vertrauten als
längst schon die Stützen jedes häuslichen Glücks Liebe und Zutrauen zu wanken
anfingen Schmerzvoll ist die Erwähnung einer wiederholt bestätigten Erfahrung
dass es unter dem Monde nichts Beständiges gibt
Als der Krieg Albertinen von ihrem Gatten schied hatte sie wie wir schon
wissen nur das rosenfarbene schöne erste Jahr der Ehe mit ihm durchlebt Beide
hatten sich nur im schönsten Lichte im lachendsten Kolorit gesehen dessen
Interesse durch die schwankende Aussicht einer bevorstehenden Trennung durch den
Krieg immer neu belebt wurde Sie kannten im Grunde einander sehr wenig und nur
in dem Lichte worin Liebende sich sehen das heißt im allerromantischsten
Lindenhain hatte in dem Hause gewohnt worin Albertine mit ihrer kränklichen
Mutter der Frau von Rehtal Dämmrigs jüngster Schwester sehr eingezogen
lebte Kaum dass sie den Aufenthalt des schönen Jünglings den sie nur im
Vorbeigehen durch die Jalousien gesehen hatte in ihrer Nähe ahnte Er hingegen
hatte die umgebende Gegend genau rekognoscirt und nicht sobald erfahren dass
eine leibhafte Liebesgöttin hier neben dem trübseligen Memento mori einer
kranken Mutter trone so ließ er sich bei den Damen melden
Er wurde sehr goutirt und um irgend ein Band anzuknüpfen schlug der junge
Offizier einen Kommerztractat vor der eine Auswechselung geistiger Ware
betraf da beide Teile Besitzer guter Bibliotheken waren und überdem
Lindenhain alles Neuste woran die Damen ziemlich arm waren herbeizuschaffen
versprach Der junge Nachbar frachtete in Ermangelung der Domestiken sein
Waarenschifflein immer selbst in den Hafen und genoss seines Lohnes in dem
schönen Erröten der süßen Albertine die dem schönen Büchermann die Zufuhr
immer selbst abnahm
Um diese Zeit nahm eben Albertine Stunden in der Zeichen und Malerkunst bei
ihrer Henriette Da traf es sich immer ganz besonders dass Lindenhain eben aus
irgend einem Kollegium kam wenn Albertinens Stunde aus war und da sie in einem
Hause wohnten so war nichts natürlicher als dass sie des Weges zusammen gingen
Albertine sagte das unverholen ihrer Mutter und die Mutter die keine Prüde
war lächelte und sagte »Der Lindenhain wäre mir schon eben recht dass er auch
ein Offizier ist« »Und warum keinen Offizier Mutter Gibt es außer diesem
einen Stand in welchem der natürliche Charakter und eine bestimmte Denkungsart
am meisten beibehalten werden kann? Kann der Soldat nicht so frei so gerade so
kühn verbleiben als die Natur den Mann gemacht hat«
»Wo haben Sie diese Philosophie her mein Fräulein« sagte die freundliche
Mutter »Hast du so ernstlich über den Nachbar nachgedacht Ich leugne dir
nicht dass der Stand in meinen Augen große Vorzüge hat aber sieh nur wie viel
Wittwen macht nicht der böse Krieg Wie viel Wittwen von lebenden Männern Denn
das was du sagest gibt dem Ein anderes Städtchen ein anderes Mädchen seine
volle Kraft« »Ach Mutterchen der Nachbar vereint in sich die Vorzüge seines
Standes mit der Kultur der friedlicheren Klasse« »Nun Albertine wenn er
käme es wäre mir nicht zuwider aber ein Unglück dass diese edle Klasse nur
erst Brod bekommt wenn sie es nicht mehr beißen kann« Albertine sagte
lustig »Mags« und hüpfte froh so viel schon bei der Mutter gewonnen zu
haben an ihre Arbeit
Und es geschah wie sie gewünscht hatten Nach einem kurzen Urlaub wo
Lindenhain die Erbschaft seines Vaters übernommen hatte erschien er mit einer
offenen ungekünstelten Bewerbung um die schöne Nachbarin und erhielt ohne
Ziererei und Bitte um Bedenkzeit ein herzliches Ja
Die verwelkliche Rosenkette umschlang Beide sie taumelten in ihrem süßen
Duft dahin Die gute Mutter starb bald nachher und ihr ansehnliches Vermögen
das wie wir wissen leider bei ihrem Bruder stand machte Albertinen auch von
dieser Seite zu einer sehr guten Partie
Nach einem im seligsten Genuße verlebten Jahre bekam das Regiment Ordre
zum Aufbruch Das junge Paar war untröstlich Albertine zog wie wir wissen zu
ihrem Bruder und ihr Gatte in den Krieg der wir können es nicht leugnen bei
weitem mehr sein Element war als die Mirtenlauben von Paphos Als seine
Albertine wie es ihm schien in Sicherheit war zog er mit hoch aufklopfendem
Herzen und den hell lodernden Flammen der Kriegslust seinen Fahnen nach
Sieben und zwanzigstes Kapitel
Man sage was man will der Krieg zu Wasser oder zu Lande verwildert die
Naturen gibt dem Hange zum unstäten Leben Nahrung erhält in steter Spannung
und befriedigt nur durch große entscheidende Katastrophen nur das Große und
Riesenmässige genügt den Mitwirkenden Dass Lindenhain der von der Natur so ganz
zum Soldaten geeignet war sich eine Zeit lang in der ländlichen Stille in
friedlicher Tätigkeit in zweier lieblichen Weiber Mitte gefiel war mehr der
Neuheit und Seltenheit wegen als dass es seinem innern Geschmack zugesagt hätte
Bald wurde es ihm zu enge er schnappte nach Luft ihm war nur wohl wenn er des
Tages ein paar Pferde müde geritten hatte und endlich wars auch Albertinen
wohl so herzlich sie ihn liebte wenn sich das liebe Ungetüm vom Hause
entfernte
Angefeuert durch das Beispiel der Freundinnen ergab sich Albertine jetzt
mehr als je den Künsten es freute dann Lindenhain wohl wenn unter ihrem
Pinsel etwas Meisterhaftes entstand aber er schalt doch auch wenn etwas
Wirtschaftliches versäumt oder aufgeschoben war Er bedachte nicht dass es in
der Natur der Dinge liegt und dass es unbillig ist vom Weibe zu fordern was
der seltene Mann nur vermag allem zu genügen Würde sich weibliches Talent im
Wettstreite mit dem männlichen nicht ungehemmter entwickeln müsste sich das Weib
nicht zugleich hundert zeitversplitternden Arbeiten hingeben Und die Hand aufs
Herz ihr Künstlerinnen und schriftstellerischen Weiber wenn ihr den Pinsel
aus der Hand legt wenn euch eben ein Reim oder lebhaftes Bild auf der Zunge
schwebt geht ihr dann mit eben so lebhaftem Interesse in die Küche oder an den
Wäschschrank als ihr euch an euren Schreibetisch oder an die Staffelei setzt
Ich sage nein und der Mann der es von euch fordert dass die
Geistesunterhaltung untergeordnet bleiben soll ist ein unbilliger Wer wird
wenn er Nectar haben kann noch gern sauren Landwein trinken Aber das Weib das
im Gefühl ihrer Pflicht und Würde eines tut und das andere nicht lässt ist das
beste
Albertine hatte nie in einem größeren Kreise gewirkt sie musste sich erst
hineinstudiren Die Erfahrung macht die Wirtin und jene wird oft mit Schaden
erst erlangt Dadurch wurde sie unmutig es wurde ihr schwer mancher
Kleinigkeit die es in ihren Beziehungen freilich nicht ist Interesse
abzugewinnen und Lindenhains Vorwürfe verleideten ihr das Ganze Das versäuerte
die Masse um so mehr da Laurette gewöhnlich bei den Vorwürfen die Albertine
oft indelicat genug im Beisein mehrerer erhielt laut lachte oder bejahend
einstimmte
Bei der kränkelnden Mutter hatte Albertine eigentlich sehr wenig gelebt und
ihre Phantasie hatte sich durch Lesen und in sich selbst eine Welt gebildet die
nur wenig Ähnlichkeit mit der wirklichen hatte So hatte sie Freundschaft Liebe
und Ehe kennen lernen und so war sie untröstlich dass besonders die Ehe ihrem
Ideale aus Dichtern und Romanen geschöpft so wenig entsprach
Lindenhain war wir haben es schon selbst gestanden durch den Krieg in
etwas verwildert doch schrieb Albertine diesem mehr auf die Rechnung als
darauf gehörte und auf die des zum Ehemann gewordenen Liebhabers zu wenig Der
Genuss des zur Gewohnheit gewordenen Guten kam auch nicht in Anschlag Es kam
Mislaut in die schöne Harmonie des Ganzen Albertine härmte sich im Stillen
Adelaidens liebenswürdige Munterkeit wehrte dem Unwesen eine lange Zeit aber
endlich wurde auch sie mit angesteckt Sie warf Lindenhain bald scherzhaft bald
ernstlich seine ehemännische Laune vor Sie sagte zuweilen drollig »Kapitaine
Kapitaine Ich habe Ihre Kopfwunde schlecht geheilt Sie phantasiren noch« Da
kam es denn zu Erörterungen zu Mitteilungen von allen Teilen und es konnte
Albertinen nicht angenehm sein dass eben Adelaide das Depot der beiderseitigen
Beschwerden wurde Als Schiedsrichterin war sie viel zu schön und zu jung
Für Lauretten waren diese Verhältnisse wahrer Genuss Sie lebte wie von neuem
auf und wusste bald Albertinen auf Lindenhains Vertrauen zu Adelaiden bald
Lindenhain auf Albertinens erheiterte Laune wenn Albert zugegen war geschickt
aufmerksam zu machen Lindenhain war nicht eifersüchtig aber der oft Betrogene
war misstrauisch auch misstrauisch gegen seine Albertine gegen Albert gegen den
besten Menschen und dies war ein Zug in seinem Charakter den Albertine noch
nicht kannte den er nie Anlass gehabt hatte gegen sie zu entwickeln und den er
selbst nicht kannte als er Alberts Entfernung hintertrieb Maß sich Lindenhain
mit Albert so fiel ihm sein fehlender Arm schmerzlich aufs Herz Maß sich
Albertine mit Adelaiden so sah sie in sich die gewohnte Ehefrau bei der alles
Pflicht und Schuldigkeit wie bei jener alles freier Antrieb und Edelsinn war
Noch waren aller Herzen rein aber was sollte in der Folge daraus werden
Was daraus werden musste Ein verstimmtes Instrument das nur noch Misslaute
von sich gab Henriette die es lange nicht hatte bemerken wollen mischte sich
endlich von Albertinen aufgefordert darein Sie redete Lindenhain ans Herz
der ihr eine kecke Antwort gab und unter andern sagte »er wisse sich zu
bescheiden ein Krüppel könne freilich nicht viel Ansprüche machen er fände es
endlich nicht unnatürlich wenn ein schönes junges Weib einen bildschönen Mann
dessen Gattin sie ohnehin hätte werden wollen vorzöge«
»Lindenhain nehmen Sie mir es nicht übel jetzt sind Sie gemein Eifersucht
würde ich der Liebe verzeihen aber Misstrauen in die edelsten Menschen pfui
schämen Sie sich Und wer dürfte es Albertinen verdenken wenn sie des ewig
vorwerfenden zurechtweisenden Umganges der die Arme zur Marionette herabsetzt
überdrüssig sich in der Gegenwart eines sanfteren heitern geistreichen
Freundes erheitert fühlte Wenn dies in ihrem Betragen nicht sichtbar würde
müsste sie eine Heuchlerin sein«
Lindenhain schwieg schien in sich zu gehen und versprach sich zu bessern
Bald flüsterte Satan Laurette ihm zu sie hat dich verklagt das war unrecht
Und es blieb wie es war Oft wenn er Albertinen mit gesenktem Kopfe wie ein
dahinwelkendes Maienblümchen sah und überdachte mit wie edlem Zutrauen sie
sein Verhältnis zu Adelaiden aufgenommen hatte ward er innig erweicht drückte
sie ungestüm an sein Herz und gelobte sich den reinen Engel ganz glücklich zu
machen
Bald aber gewannen wieder die Miseren des häuslichen Lebens so wie sein
Hauptlaster die böse Laune die Oberhand die durch das immerwährende
schmerzliche Entbehren seines Armes geschärft wurde Die arme Albertine wurde
für alles was im Hause misslang auch für Zufälligkeiten verantwortlich
gemacht und Onkel Dämmrig dem die Dissonanzen schmerzlich im Herzen
wiederhallten weil er Albertinen sehr liebte sagte oft halb scherzend halb
traurig »Heut kriegt die arme Albertine gewiss wieder Schelte der Barometer
steht auf Regen«
Albertine hatte drei kleine Narben am Kinn deren Dasein sie und die Ihrigen
bei jeder PockenEpidemie beruhigten sie glaubten dass sie sie in früher
Kindheit gehabt habe Die Pocken wüteten im Dorfe und Albertine ging unbesorgt
in allen Hütten umher ihre Hilfe zu verteilen Sie erkrankte ob der
Mühwaltung wie man glaubte aber sie hatte sich Blattern und zwar von der
giftigsten Art geholt Schrecken und Jammer überfiel die Ihrigen keiner wich
von ihrem Lager selbst der kränkliche Onkel trippelte an ihr Bett hin und
bejammerte das entstellte Engelsbild Lindenhains Feuerseele schlug jetzt durch
die Gefahr der Leidenden angefacht in helle Flammen auf Nie glaubte er sie
inniger geliebt nie ihre sanfte Duldsamkeit mehr bewundert zu haben In der
Hitze der Trübsal gelobte er mehr zu halten als er seiner Natur nach vermochte
Albertine reichte ihm freundlich die Hand und gab vor sich an einem Blick auf
eine glücklichere Zukunft zu laben an den sie längst nicht mehr glaubte
Aber wer begreift wer schildert Adelaidens Edelmut Die schmerzliche Lage
der jungen Frau wenn sie nun aller Schönheit beraubt entstellt von diesem
Lager aufstände entging ihrem schnellen richtigen Blicke nicht Sie sollte
schön und ihre beschützende großmütige Freundin eines so einnehmenden Vorzugs
beraubt sein Lindenhain sollte einen Vorwand gegen die arme Albertine haben
Das ertrug das edle Mädchen nicht sie wollte mit ihr zugleich hässlich werden
wollte keinen Vorzug an sich dulden wollte auch die Blattern haben die sie
noch nicht gehabt zu haben glaubte Sie lehnte ihr Gesicht an Albertinens aß
von ihrem Bissen trank aus ihrem Becher und was auch eingewendet werden
mochte schlief an ihrer Seite Nie gab es eine Wärterin wie diese nie wurde
ein Kranker gepflegt wie Albertine
Aber das Gift teilte sich ihr nicht mit Sie bekam einen unschädlichen
Ausschlag und das war alles Ihre erhaltene Schönheit und die Verehrung und
Liebe Aller waren der gerechte Lohn ihres Edelsinns und ihrer unerhörten
Aufopferung
Acht und zwanzigstes Kapitel
Albertinens Leben war zwar gerettet aber wer fasst den Jammer sie blieb des
Lichtes ihrer Augen ihrer wunderschönen blauen Augen beraubt Der
unwiederbringliche Verlust ihrer Schönheit wurde gegen dieses schwere Unglück
kaum bemerkt In dem Frühling ihrer Tage in dem Rosengarten ihres Lebens umgab
das schreckliche Dunkel der Blindheit den Sinn durch den uns der Anblick der
Wunder in Gottes schöner Natur einen Strahl dauernder Freude und höherer Andacht
in die Seele sendet So lange noch ein Schimmer von Hoffnung war ergab sie sich
still den Fügungen der Ärzte Als nun aber die immer wiederholten neuen Versuche
alle täuschten überließ sie sich einem stillen Gram der um so rührender war
da sie ihn in sich verschloss und er ihren zarten Körperbau sichtlich angriff
An dem bebenden Ton ihrer Lieben vernahm sie die zurückgehaltene Wehmut
derselben Lindenhains Schmerz äußerte sich wie seine Natur es wollte mit
Ungestüm und meist im Style des Vorwurfes »Wärst du nicht in jene unglücklichen
Hütten gegangen das Unglück wäre nicht geschehen Was gingen dich jene Kinder
an« Das drückte dann die arme Albertine ganz darnieder sie suchte seine
Hand bedeckte sie demütig mit Küssen und bat ihm ihr Unglück ab Ernst und
besonnen schlug sie ihm die Scheidung vor da sie den Zweck des Hausstandes
nicht mehr erfüllen könne und nun im Dunkeln wandeln müsse »weil ich meinen
Lieben nur Leiden statt der gehofften Freuden geben kann« setzte sie
schmerzlich hinzu »Ach mein Teurer nur ein stilles Winkelchen räume mir ein
die Zeit wird auch mir den Frieden geben der so unverkennbar das Erbteil aller
des Lichts Beraubten ist Du bist zu jung und lebenslustig als dass es recht
sein könne dein Dasein an das einer armen Unglücklichen zu ketten und ihre
Last mit zu schleppen«
Dergleichen Auftritte die nur zu oft in der ersten Zeit vorkamen
überwältigten dann des Mannes Herz seine Tränen flossen und mit von Schmerz
aufgelöstem Herzen stürzte er hinaus ins Freie ritt zwecklos umher und kehrte
düster und schweigend dann erst zurück wenn seinem Pferde die Kräfte ihn
weiter zu tragen entgingen
Wenn er dann Albertinens Klagetöne am Fortepiano vernahm indem sie ein
Lied das sie selbst über ihren Zustand gedichtet und componirt hatte mit dem
himmelsüssen Ausdruck inniger Schwermut sang oder wenn er sie beim raschen
Eintritte ins Zimmer mit zum Himmel gebreiteten Armen betend fand so regte
sich der wütendste Schmerz von neuem Er drückte sie an seine hochklopfende
Brust und doch schauderte seine sinnliche Natur bei der Annäherung des armen
kleinen Ungeheuers zusammen In seiner Brust war das Mitleiden kein milder
Trieb es war Leidenschaft ungestüme zerstörende Leidenschaft die seine Kraft
zermalmte und sich in sich selbst aufrieb
Rührender noch war der Anblick wenn die Unglückliche sich bestrebte ihrem
Hauswesen wie in gesunden Tagen vorzustehen und ehe der Mechanismus der
Gewohnheit ihren Bewegungen zu Hilfe kam tappend umher irrte und oft ganz
entgegengesetzte Richtungen nahm Als einst bei einem solchen Anlasse Lindenhain
selbst in Laurettens Augen Tränen sah stürzte er auf sie zu und umarmte sie
heftig Laurette aber schämte sich ihrer Rührung und behauptete es sei ihr nur
Staub ins Auge geflogen
Albertine gewöhnte sich allmählich an ihre Lage und trug mit frommer
Resignation was nicht mehr zu ändern war Überdem hatte sie die glückliche
Gemütsanlage an allen ihren Lebenszuständen sich die beste Seite aufzusuchen
und sie sich anzueignen Sie litt jetzt nur noch in ihren Freunden in ihrem
Gatten Sie entwarf sich einen neuen ihrem Zustande angemessenen Lebensplan
Adelaide hatte ihr Unterricht auf der Harfe gegeben ihr glückliches Talent
hatte dieses ihr Lieblingsinstrument sich bald zu eigen gemacht Sie wechselte
mit Musik und Handarbeiten die sie zur Bewunderung fertig machte Henriette
oder Adelaide lasen ihr vor oder sie überließ sich ihren eigenen Betrachtungen
auch gewann sie bald die Fertigkeit leserlich zu schreiben und nie war ihre
Phantasie reger und blühender gewesen als da ihr die äußern Eindrücke versagt
waren
An schönen Tagen saß sie in den Lauben ihres Gartens und übersah mit den
Augen ihres Geistes die ihr bekannte schöne Gegend Sie hatte in guten Tagen
einen Schatz von Ideen und Kenntnissen gesammelt mit dem sie nun in ihren
Leidenstagen wucherte und diese versüsste
Wie ihr Freund Albert an ihr Teil nehmen musste sagt uns die vergangene
Zeit Schon war er im Begriff gewesen die Gegend zu verlassen weil er aus
einigen Winken die Henriette ihm ohne es beinahe zu wollen gab geschlossen
hatte Lindenhain habe sich selbst nicht genug gekannt als er seinen Vorsatz
Albertinen nicht mehr zu sehen ihm ausredete Als aber das Unglück über seine
Freunde ausbrach wich jede andere Rücksicht denn nun war alles anders und
jetzt war es ihm Pflicht der Leidenden alles zu werden was er ihr seiner
redlichen Überzeugung nach sein durfte
Wenn sie so im traulichen Zirkel um sie saßen und er auf ihre Rede lauschte
wenn ihr heiterer Sinn und ihr heißes Gefühl für alles Edle und Große wie ein
himmlischer Trost in seiner Seele aufging dann bemerkte er nicht dass ihre
Gestalt verändert war dann war sie ihm schön wie in den ersten Wonnetagen
seiner Bekanntschaft mit ihr dann sah er nicht die tiefgenarbte Wange den
verzogenen Mund den dicken roten Kreis um das ehemals so schöne Auge aus dem
ihm der ganze Himmel gelacht hatte
Ganz anders wirkte der nemliche Anblick auf Lindenhain Nie warf er den
Blick auf Albertinen dass er nicht zusammen schauderte sich ihr zu nähern
kostete ihm Überwindung nur was von schönen Lippen kam fand er geistreich Die
Schärfe des Schmerzes stumpfte sich freilich mit der Zeit ab ging aber in
Verdruss und Abneigung gegen den Aufenthalt in seinem Hause über Die Eifersucht
stachelte ihn jetzt nicht mehr und es war ihm eben recht wenn Albert und der
ganze Zirkel um Albertinen versammelt war weil er sie dann unterhalten wusste
und seine Gegenwart um so entbehrlicher war Er wurde ein Jäger und zwar so
leidenschaftlich wie er alles in sich aufnahm Oft kam er erst heim wenn die
Andern den Abendtisch schon verlassen hatten oder er blieb auch Nächte aus
worauf dann die sanfte Albertine nichts weiter als seufzend sagte »Ach ich
kann es ihm ja nicht verdenken«
Adelaidens zarter herrlicher Sinn glänzte in seinem strahlendsten Lichte
Ihre Lage war delikat und ihr Verhältnis zur Familie forderte eine feine
Behandlung In ihrem offenen unbefangenen Betragen gegen Lindenhain veränderte
sie nichts es blieb sich gleich Gleichwohl hatte sie ihn unsäglich geliebt und
war zu einiger Erwiderung berechtigt Jetzt hatte sie der Hilfe bedürftigen
Albertine alles zugewendet was ihr schönes Herz zu geben hatte und mehr noch
als kalte Principien gab ihr ihre schöne Natur ein was sie dieser da
Finsternis ihr Auge deckte jetzt sein musste
Nur ungern verstattete man dem Onkel Zutritt zu Albertinen er weinte laut
wie ein Kind und drückte sich so klagend über ihren Zustand aus dass ihr Gemüt
aus seinem Gleichgewicht kam und wenn sie ihn zu trösten bemüht war oft laut
in seinen Schmerz einstimmte
Neun und zwanzigstes Kapitel
Die trübe Szene ein wenig zu erheitern wollen wir einen Vorfall berichten der
alle in Verwunderung einige in Freude andere in Verdruss versetzte
An einem schönen Morgen kam ein ärmliches Fuhrwerk von lebensmüden Pferden
gezogen vor das Schloss Aus Decken und Mänteln wickelte sich eine weibliche
Gestalt heraus die verschleiert wie sie war von Niemand sogleich erkannt
wurde Gerührt warf sie sich Albertinen in die Arme die sogleich am holden
Lispeln an dem warmen poetischen Ausruf Tante Elisen erkannte Die Gute weinte
Albertinens Unglück die heißesten Tränen und dann ging ihre Bewunderung wieder
bis zur Anbetung als sie Albertinens himmlische Resignation sah Durch
Henrietten erfuhr sie Adelaidens Geschichte und auch diese umfasste sie mit
einer hohen Begeisterung die der Vergötterung nahe kam
Ihre eigne Geschichte machte alle traurig nur ein Gesicht verzog sich zum
Hohn Wer in dem Kreis der Guten das sein konnte erraten wir nur zu leicht
»Waren Sie denn nicht mit ihm verheiratet liebe Tante« fragte Albertine
»Was man so recht eigentlich verheiratet nennen möchte« antwortete Elise
»waren wir nie Wie möchte die Liebe dies erdrückende Joch tragen Kein
Priester sprach den Seegen kein Ringewechseln bestätigte den Bund der Liebe
Lasen Sie nie das Paradies der Liebe mon Neveu« fragte sie Lindenhain »O ja
doch ja« antwortete dieser lachend »ich fange an zu merken«
»Nun« fuhr Elise fort »muss die Liebe wie sie im Menschen das Höchste
und Lieblichste die schönste Blüte des Lebens ist so auch das Freieste unter
der Sonne sein Keine Liebe gedeiht im Treibhause der Ehe Warum trüge der Gott
der Liebe Flügel als zum Flattern
Dass er sich im Flattern übe
Darum darum trägt er sie
Wer mag ihn festhalten Und wie wohltätig ist die Trennung wo er nicht mehr
weilt«
Nach einigem Weigern und mit sehr milderndem Ausdrucke kam es heraus dass
die gute gar zu majorenne Elise über ihr Vermögen zu Gunsten ihres
flatterhaften Amors Wassermann disponirt habe Seine Sinnlichkeit das Streben
nach heimlichen Genüssen und eine affectirte Geringschätzung jeder ökonomischen
Rücksicht bei großer Geldgier hatte ihn in Verlegenheiten gesetzt aus welchen
er sich durch Elisens Gutmütigkeit zu ziehen hoffte als Antonie ihn abwies
Elise gab bis es an die letzte Obligation und ihre ziemlich kostbaren Juwelen
kam mit diesen im Koffer hatte er sich von ihr entfernt sie wusste nicht ob
zur großen Nation hin oder nach dem andern Freihafen für Leute seiner Art nach
Amerika sie wusste nicht wo er nun eigentlich die helle Leuchte seines Geistes
werde aufgehen lassen So viel wusste sie dass sie arm verachtet und ausgelacht
zu den ihrigen zurück geflüchtet sei aber reich beladen mit den Erzeugnissen
Wassermannischen Geistes womit sie nun einen Buchhändler zu beglücken und sich
ein reichliches Auskommen zu verschaffen gedachte
Dämmrig accompagnirte ihre Erzählung mit einem leisen Gemurmel zwischen
Gesang und Rede welches ihr höchst anstößig war »Und sein Drama von Schafen
und Böcken« fragte Dämmrig »Erscheint« »Und dein übermenschlicher Roman
worin nichts natürlich zugeht wo eine Komode die prima Donna ist«
»Erscheint« »Spotte nur spotte Einen Schrank einen Klotz kann man immer
noch vernünftiger als einen alten Ritter worein ihr so verliebt seid redend
einführen Im weiten Reiche der Phantasie in ihren Schöpfungen ist alles Leben
Das heilige Dichterfeuer belebt Steine und versetzt wie der Glaube Berge«
Dreissigstes Kapitel
Lindenhains Vermögenszustand reichte für den Aufwand eines noch so vergrösserten
Familienzirkels zu und großmütig wie er war kümmerte es ihn wenig ob das
Kapital durch zurückgelegte Zinsen vergrößert wurde Elise war überdem allen von
Herzen willkommen sie war eine so gute Art von einer Närrin dass so leicht kein
Spott über sie laut wurde Albertine hatte nun eine neue liebevolle Seele mehr
um sich die das Vorleseramt ausschließend übernahm Sie fühlte was sie
vortrug und ihr angenehmes Organ fügte sich in alle Modulationen des Ausdrucks
leicht ein
So gestaltete sich eine Form der Geselligkeit für den liebenden Kreis der
immer mehr an Festigkeit gewann Obgleich für jeden besondere Wohnungen bestimmt
waren schloss sich doch der Kreis immer um Albertinen der in ihrer Dunkelheit
jeder gern die hülfreiche Hand reichen wollte Henriette hatte sich eine Zeit
her auf die Porträtmalerei worin sie sehr glücklich war gelegt aber auf die
Länge verdross es sie ein glückliches Talent bloß im Dienst der Eitelkeit zu
verwenden und die Vorwürfe derer die ihres Lebens Frühling in verschönter
Gestalt hingezaubert haben wollten wenn der Herbstwind schon über die kahlen
Scheitel wehte wurden ihr zum Ekel Sie gab also das Porträtmalen wieder auf
und da sie überdem schon ein hübsches Kapital erworben hatte so schränkte sie
sich bloß auf einzelne größere Sachen ein die sie den Kabinetten der Freunde
zum Andenken bestimmte
Albertine wurde ihres Zustandes immer gewohnter und vergaß beinahe des
bessern Lindenhains Launen sah sie als natürliche Folge ihrer Lage an und
ertrug sie still ohne Widerrede Denn selten sprach er mit ihr dass er nicht
ohne es selbst zu wollen ihr etwas Unangenehmes sagte Er verfiel oft in einen
wirklichen SergeantenTon der beim Befehlen zugleich drohend den Stock aufhebt
Dann seufzte sie still und dachte er liebt mich nicht mehr Wer weiß wie
entsetzlich ich auch aussehe Sie waren es insgesamt nun schon gewohnt dass er
in ihrer Mitte fehlte und Albertine war froh wenn sie nur wenn auch spät
seine Stimme wieder hörte
An einem düstern DezemberAbend saßen sie um ein schönes freundliches
Kaminfeuer versammelt Draußen stürmte es mit Schnee und Regen Schon einigemal
war Albertine vergebens der Türe zugeeilt was sie in ihrer Trübsal doch nie
unterließ weil der anschlagende Haushund die Ankunft seines Herrn zu melden
schien Zweimal hatte sie sich mit einem banglichen »Nein er ist es noch
nicht« wieder zu ihrem Sitz begeben als der Jäger verstört ins Zimmer trat
und Albert etwas zuflüsterte worauf dieser erschrocken aufstand und eilig das
Zimmer verließ
Blinde hören sehr scharf »Was ists mit dem Grauschimmel Mein Mann pflegt
ihn zu reiten« und schon irrte sie zur Türe hinaus Unter den Domestiken war
ein confuses Durcheinanderlaufen und so erfuhr sie der Grauschimmel sei allein
zu Hause gekommen Sattel und Zeug sei nass und in Unordnung Albert hatte ihn
schnell wieder bestiegen und war schon fort alle männliche Domestiken waren
ihm mit Fackeln und Leuchten gefolgt In dem Forst bei dem Förster fanden sie
ihn nicht Sie streiften in allen Richtungen durch die Gegend aber nirgend
fanden sie eine Spur
Welche schreckliche Nacht Albertine zubrachte wäre vermessen beschreiben zu
wollen
Mit kräftiger Stimme rief Albert durch den Wald den Namen des Freundes es
blieb todtenstill nur der Widerhall antwortete Gegen Morgen kam er in eine
entferntere wenig gangbare Gegend es war ein See mit einem Kranz von Hügeln
umgeben Auch hier rief er den Namen da schlug Perdrix Lindenhains
Lieblingshund an und kam von dem See her auf ihn zugestürzt Eine
fürchterliche Ahndung was geschehen sein könne flog Albert durch die Seele Er
folgte der Weisung des treuen Hundes und o des Jammers Lindenhain lag tot
in dem See Vom jähesten Abhang des Hügels herunter war er vom stolpernden
Pferde gestürzt der entsetzliche Sturm hatte ihm den weiten Mantel so
unglücklich um den Kopf gewickelt dass er der arme Einhändige sich nicht hatte
befreien können Tief mit dem Kopf war er ins Moor gesunken und so war der
vollblütige Mann schnell am Schlage gestorben
Hier ruhe die Feder die schon zu viel Leiden schilderte Dem Jammer Raum zu
lassen bleibe eine Lücke in dieser Geschichte die das Trauerjahr in sich fasst
das Albertinen ein wirkliches ernstliches Trauerjahr wurde
Ein und dreissigstes Kapitel
Albertine hatte den langen trüben Winter hindurch einem verzehrenden
Nervenfieber fast unterlegen Was Liebe was Freundschaft vermag gewährten ihr
die seltenen Freundinnen Das zarte Gemüt der Leidenden untergrub seinen
Frieden durch unverdiente Vorwürfe es habe nicht genug geliebt und dadurch den
Gatten von sich entfernt dessen Bild jetzt in unumwölkter Klarheit in
Albertinens Seele lebte Alle seine kleinen Unarten und üblen Gewohnheiten waren
ihr mit in die Gruft gesenkt seine Tugenden nur seine Großmut sein
männlicher Sinn seine frühere Liebe sein Feuereifer fürs Edle und Schöne der
gebildete Geist die warme Vaterlandsliebe standen in edler Schöne hoch
emporstrebend um das Grab das seine Fehler deckte »Mein Unglück meine darauf
entstandene düstere Stimmung entfernten ihn und darum o Gott darum war sein
Ende so unglücklich darum ging er in der Kraft der Jahre zu Grunde O ich habe
nicht genug geliebt O dass ich mit ihm stürbe« rief sie oft verzweifelnd aus
»Selten meine Albertine verdienen wir den Vorwurf dass wir zu wenig
lieben« sagte Adelaide tröstend »Ach wir lieben viel zu viel kommen den
Männern mit viel zu viel ermüdender Liebe entgegen Mit viel zu viel Liebe
tragen wir ihre Unarten O wären sie unsrer nicht so bis zum Übermaß gewiss die
Geschlechtsverhältnisse würden selbst noch in der Ehe zarter und pikanter sein
Die Launen einer Ungetreuen die Bizarrerien einer Maitresse fesseln das
grillenhafte Wesen des Mannes stärker als die ausharrendste Liebe der Gattin
Nein Albertine ihre Freunde ihr innigstes Bewusstsein geben Ihnen das Zeugnis
dass Sie nicht zu wenig liebten Auch wäre es schrecklich wenn unserm
MenschenElende noch die Verantwortlichkeit für alle zufälligen Folgen unsrer
Worte und Handlungen aufgebürdet würde«
Der Frühling kam in aller seiner Glorie herbei Albertine saß in ihrer Laube
am Rosengeländer und wagte zum Erstenmale wieder ihre Seele auf den Schwingen
schwermütiger Harmonie zu erheben Sie hielt es beinahe für Versündigung an dem
Verstorbenen sich erheitern zu wollen nur Klagetöne hauchten ihre Lippen in
die Harfe oder das Klavier
Albert war ihr Führer ihr Begleiter Die Liebe die er gewaltsam in sich
zurückgedrängt hatte erhob sich jetzt ungebunden von Pflicht allgewaltig
wieder in seiner Seele die reinste die geistigste Doch hielt er schonend der
Traurenden auch die leiseste Äußerung zurück
Einst kam er frühe zur ungewöhnlichen Stunde »Albertine meine Freundin«
rief er in den Vorsaal worin sie eben war hinein »ich bin sehr glücklich
gewesen An dem Ufer des Baches wo mein Glück mich zuerst zu Ihnen führte warf
ich mich ermüdet an eben der Stelle hin eine kleine Blumenpflanzung die ich
dort anlegte zu besehen Mein alter Tiras der mich an dem glücklichsten Tage
meines Lebens auch begleitete grub sich neben mir ein Lager in das Moos Da
sah ich da fand ich raten Sie einmal was« »Trüffeln oder Pilze« sagte
Albertine heiter »Nein meine Teure den Ring der dazumal der Gegenstand
ihres Spatzierganges war Albertine er ist in jedem Bezuge ein teures teures
Andenken« Albertine streckte die Hand hastig danach aus »Ach ich kann ihn
nicht sehen« sagte sie schmerzlich »ich werde fühlen ob er es ist«
»Albertine dieser Augenblick sei mir der feierlichste und heiligste meines
Lebens Mir sind Sie noch ganz so schön als Sie es mir in den ersten
Blütetagen meiner Bekanntschaft waren aber noch unendlich liebenswürdiger
erscheinen Sie mir durch die Schönheiten Ihres Gemüts das ich in jener Zeit
nur ahnte Albertine Sie bedürfen eines Führers eines Beschützers in den
mancherlei Verhältnissen Ihrer Lage Und darf ich mahnen an jene Zeit als Sie
Wittwe zu sein wähnten was Sie dem Überglücklichen zudachten Albertine ich
liefere den Ring nicht aus er werde denn ein Verlobungsring«
Albertine schwieg betroffen häufige Tränen drangen aus den geschlossenen
Augen Sie kannte Alberts feste ruhige Besonnenheit es war gewiss nicht der
Enthusiasmus des Mitleidens der ihn bestimmte aber dem teuren Andenken des im
Grabe Ruhenden tut es Abbruch sagte ihr Zartgefühl Albert fühlte sich in das
Herz dessen innerste Regungen er kannte hinein und begegnete fein und
schonend den Einwürfen die sie nicht sagte Henriettens Dazwischenkunft
entschied für Alberten Albertine war in Liebe und Dankbarkeit aufgelöst als
der schöne Bund der Vernunft und Liebe an dem Altare ihrer eigenen Kirche
umgeben von ihren Lieben rührend und feierlich geschlossen wurde
Zwei und dreissigstes Kapitel
Der Tag sollte im stillen Kreise der Freundschaft zugebracht werden Henriette
und Adelaide feierten ihn durch Gesang den die eine gedichtet die andere
componirt hatte Albertine setzte sich ans Fortepiano und überraschte alle
durch einen Gesang der aller Herzen in Tränen auflöste Er war Todtenfeier und
Brautweihe im rührendsten Verein Sie hatte ihn in der Stille der Nacht vor
ihrem Vermählungstage gedichtet und ihr glückliches Talent hatte schnell die
rechten Töne dazu gefunden
Der Tag sollte aber noch in mehrerer Rücksicht mit Ereignissen bezeichnet
werden Die stille Feier wurde durch die Ankunft zweier Fremden unterbrochen
die sich als der Baron und die Baronin Rotensee melden ließ Sie sollten
nicht angenommen werden waren aber schon in Vorsaal eingetreten Albert ging
ihnen entgegen und führte bald zum Schrecken aller wen anders als die Frau
Rosamund und den Baron Weissensee herein
Mit edler Unverschämtheit näherte sie sich ihrem beleidigten alten Freunde
der kein Wort zu sagen wusste und das Haupt tief auf die Brust herabsenkte als
sei er der Beleidiger »Sie haben es mir wahrscheinlich gedankt dass ich Sie von
einer lästigen Hausgenossin befreite Mein Gemahl der Baron ist im Stande
Ihnen jeden mir zu Gunsten gemachten Aufwand zu ersetzen Aber ich sehe Sie
alle versammelt nur Ihre Albertine fehlt« »Hier hier« sagte Dämmrig aus
seiner Verlegenheit hervortretend und Albertinen bei der Hand fassend »Gott im
Himmel« Rosamund wäre beinah einmal im Ernste ohnmächtig geworden sie drückte
die Arme heiß weinend an ihr Herz Albertine erkannte des Barons Stimme fasste
seine beinahe vor Schrecken erstarrte Hand und sagte sanft »Sehen Sie mich doch
jetzt recht an Herr Baron Dies einzige sei meine Rache« Der Baron trat
erbleichend zurück und schob fast mechanisch den Hut vor die Augen Albert war
zu glücklich um einen verjährten Streit aufzufrischen und zu gastfrei jemand
unter seinem Dache zu beleidigen um so weniger da die Fremden sagten sie
gingen in einer Stunde weiter und Petersburg sei das Ziel ihrer Reise wo sie
sich mit ihrem Vermögen niederzulassen gedächten Die Wahrheit war dass sich das
Hochfreiherrliche Paar auf der dortigen Bühne engagirt hatte
»Mademoiselle sind noch unversagt« fragte Rosamunde sich an Lauretten
wendend Ergrimmt erwiderte diese zu Aller Erstaunen »Es ist heute mein
Verlobungstag und hier ist mein Verlobter« indem sie den Herrn Pastor Ehrich
der die Trauung verrichtet hatte bis mitten ins Zimmer zog Der zögernde
hocherrötende Mann stammelte unvernehmlich ein Kompliment an seinen Gutsherrn
das eine Bewerbung um die Kousine vorstellen sollte der aber der Braut in
dieser desperaten Situation kräftig nachhalf Die Hand der Dame wurde dem
notgedrungenen Bräutigam unverweigerlich zugestanden und der Onkel dem die
gute Laune zurückgekommen war sang in seinem gewöhnlichen heisern Falsett
»So werd ich armer Erdenkloss
Mit Ehren meine Nichte los«
Laurette nahm die Glückwünsche an der Bräutigam der nicht wusste wie ihm
geschehen war erwiderte sie mit stillen Bücklingen und niedergeschlagenem
Auge und wenn ein Laut aus seinem Munde kam war er so weinerlich dass jeder
der die Dame kannte sich den Zusammenhang der Sache lebhaft dachte
Damit wir nicht nötig haben die schon zu häufig vorkommende Laurette
wieder einzuführen sei sie hiermit abgefertigt Sie freiete und ließ sich
freien war ihrem Manne der ihre Keckheit ganz treuherzig für Verstand hielt
eine wahre Megäre ihren Stieftöchtern denn der Mann war Wittwer alles was
Wahrheit und Dichtung je von Stiefmüttern gesagt hat und ihrem Gesinde ein
Schrecken Die Geburt eines Kindes kostete ihr das Leben Sie starb unbedauert
und über ihre Gruft weht der Wind in Nesseln und Dornen die keine Freundeshand
davon hinwegpflückt
Drei und dreissigstes Kapitel
Fried und Freude wohnte mit den Edelen Keiner gewahrte dass die von der alles
Glück ausging selbst des schönsten beraubt war Alberts unablässiges Streben
war einen Kreis von immer jungen Freuden um seine Teure zu ziehen so dass sie
ihres Unglücks vergessend ganz in seiner Liebe lebte die nicht vulkanischer
Natur sondern ein ewiges ruhiges Feuer wie jenes das allen Dingen Leben und
Gedeihen gibt war Ihren Nachbarn auch den ferneren sich mitzuteilen
stifteten sie einige Feste die sie Volksfeste nannten woran alles auch der
Hüttenbewohner auf der Güterbesitzer Kosten Teil nahm ZB wenn der erste
Schnee fiel wenn das erste Gewitter war wenn die Bäume blühten die Heut die
Kornerndte dann war den Sonntag Tanz und Bier und Braten im Herrschaftshause
für die Gemeine und Tee und Musik für die Herrschaft Den Tee nannten sie die
WasserFeten der aber freilich mit allem verbrämt wurde was der Wohlstand
zulässt
Als sie eines Tages im traulichen Zirkel versammelt saßen forderte Albert
den Onkel und die Tante auf ihm etwas aus den Kinderjahren seiner lieben
Albertine zu erzählen Beide begannen zugleich und jeder bestritt die Erzählung
des andern und berichtigte sie nach seiner Weise bis Elise ihrem Bruder mit
komischem Zorn ein an ihrem Busen abgewelktes Blümchen an den Kopf warf denn
auch im Zorne war sie zart und sie die Erzählung allein über sich zu nehmen
verlangte »Albertine« sagte sie »war uns allen ein kleiner vom Himmel
gesandter Engel aber schon als Knöspchen war sie einst dem Welken nahe eine
ruchlose Amme die ganz ungesund war die arme Albertine musste mit dem
unseligen Geschöpfe zugleich mediciniren und dann ohne die natürliche Nahrung
der Kinder aufgezogen werden«
Albert sprang mit ungewöhnlichem Feuer von seinem Sitze umarmte plötzlich
die Tante mit dem Ausruf »Vortrefflichste Tante ist das wahr Wissen Sie das
gewiss« Elise erschrak zum Erblassen und beteuerte die Wahteit ihrer
Erzählung die dann auch Dämmrig bestätigte Nun verlangte sie den Grund zu
Alberts Freude zu erfahren »Wie« rief er wie außer sich »dann ist ja noch
Hoffnung freudige Hoffnung für meine Geliebte Ein Mädchen meiner Familie
befand sich im nämlichen Fall und wurde im drei und zwanzigsten Jahre von ihrer
Blindheit hergestellt Fort fort zum Arzte der dies Wunder bewirkte«
Albertine hoffte nicht aber sie ergab sich allem was der sorgsame
liebevolle Gatte beschloss Sie reisten zum Arzt er sah untersuchte und
verzweifelte nicht Die Schuldlose die Reinste unterwarf sich einer Behandlung
wie das sich selbst bestrafende Laster sie erfährt und in vierzehn Wochen o
des schönen Lohnes ihrer frommen Resignation sah sie den ersten
Lichtschimmer wieder Still betend begrüßte sie das ihr wieder auflebende
Licht Laut jubelnd trat Albert vor sie als sie zuerst wieder sein Antlitz
dämmernd erblickte In einem halben Jahre kam sie sehend aus zwei recht schönen
gestärkten Augen zurück Ihr Dank ihre Freude als sie an den Busen der
Freundinnen sank grenzte an Verzückung sie erlag beinahe der Stärke ihres
Gefühls Zögernd aber und bänglich nahte sie sich dem Spiegel den scheuen Blick
kaum auf ihre Gestalt wagend
Albert gab es nicht zu dass sie irgend etwas über ihre so sehr veränderte
Bildung sagte er küsste allen Harm von der Lippe hinweg Nur Freude und wieder
Freude und überall Freude sollte die Losung sein
Der Arzt wurde fast königlich belohnt Henriette wurde bald nachher die
glückliche Gattin von Albertinens Bruder der von der seinigen ihrer
Unredlichkeit wegen sich hatte scheiden lassen und blieb so im Kreise der
Guten ein teures Mitglied desselben
Adelaide fand sich durchaus so im schönen Gefühle ihrer Tugenden glücklich
dass sie in ihrer Lage nichts zu verändern wünschte Das schöne jugendliche
Mädchen schlug jede Verbindung aus sie gestand jetzt dass ihre erste und
einzige Liebe mit Lindenhain begraben sei Albertinens Kinder zu bilden die
lieblich wie junge Sprösslinge an den Wasserbächen emporblühten war ihr ernstes
und liebstes Geschäft Albertine pries sich oft selig dass sie durch kein
Vorurteil die schöne Emigrantin von sich entfernt hatte selig dass sie durch
Trübsal die ihr als sie da war nicht Freude zu sein dünkte zu den schönsten
Freuden des Lebens eingegangen war Und endlich sagen wir Selig sind die
wie diese reines Herzens sind denn auch sie werden den Kelch reiner Freuden
schmecken
Fußnoten
1 Die Weisheit
2 Sind Ausdrücke die irgendwo ein Dichter brauchte