Novalis
Heinrich von Ofterdingen
Erster Teil Die Erwartung
Erstes Kapitel
Die Eltern lagen schon und schliefen die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt
vor den klappernden Fenstern sauste der Wind abwechselnd wurde die Stube hell
von dem Schimmer des Mondes Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager und
gedachte des Fremden und seiner Erzählungen Nicht die Schätze sind es die ein
so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben sagte er zu sich selbst
fern ab liegt mir alle Habsucht aber die blaue Blume sehen ich mich zu
erblicken Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn und ich kann nichts anders
dichten und denken So ist mir noch nie zu Mute gewesen es ist als hätt ich
vorhin geträumt oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert denn in
der Welt in der ich sonst lebte wer hätte da sich um Blumen bekümmert und gar
von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab ich damals nie gehört
Wo eigentlich nur der Fremde herkam Keiner von uns hat je einen ähnlichen
Menschen gesehen doch weiß ich nicht warum nur ich von seinen Reden so
ergriffen worden bin die Andern haben ja das Nämliche gehört und Keinem ist so
etwas begegnet Dass ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden
kann Es ist mir oft so entzückend wohl und nur dann wenn ich die Blume nicht
recht gegenwärtig habe befällt mich so ein tiefes inniges Treiben das kann
und wird Keiner verstehen Ich glaubte ich wäre wahnsinnig wenn ich nicht so
klar und hell sähe und dächte mir ist seitdem alles viel bekannter Ich hörte
einst von alten Zeiten reden wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den
Menschen gesprochen hätten Mir ist grade so als wollten sie allaugenblicklich
anfangen und als könnte ich es ihnen ansehen was sie mir sagen wollten Es muss
noch viel Worte geben die ich nicht weiß wüsste ich mehr so könnte ich viel
besser alles begreifen
Sonst tanzte ich gern jetzt denke ich lieber nach der Musik Der Jüngling
verlor sich allmählich in süßen Fantasien und entschlummerte Da träumte ihm
erst von unabsehlichen Fernen und wilden unbekannten Gegenden Er wanderte
über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit wunderliche Tiere sah er er lebte
mit mannichfaltigen Menschen bald im Kriege in wildem Getümmel in stillen
Hütten Er geriet in Gefangenschaft und die schmählichste Not Alle
Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm Er durchlebte ein
unendlich buntes Leben starb und kam wieder liebte bis zur höchsten
Leidenschaft und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt
Endlich gegen Morgen wie draußen die Dämmerung anbrach wurde es stiller in
seiner Seele klarer und bleibender wurden die Bilder Es kam ihm vor als ginge
er in einem dunkeln Walde allein Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne
Netz Bald kam er vor eine Felsenschlucht die bergan stieg Er musste über
bemooste Steine klettern die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte Je
höher er kam desto lichter wurde der Wald Endlich gelangte er zu einer kleinen
Wiese die am Hange des Berges lag Hinter der Wiese erhob sich eine hohe
Klippe an deren Fuß er eine Öefnung erblickte die der Anfang eines in den
Felsen gehauenen Ganges zu sein schien Der Gang führte ihn gemächlich eine
Zeitlang eben fort bis zu einer großen Weitung aus der ihm schon von fern ein
helles Licht entgegen glänzte Wie er hineintrat ward er einen mächtigen Strahl
gewahr der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg und
oben in unzählige Funken zerstäubte die sich unten in einem großen Becken
sammelten der Strahl glänzte wie entzündetes Gold nicht das mindeste Geräusch
war zu hören eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel Er näherte
sich dem Becken das mit unendlichen Farben wogte und zitterte Die Wände der
Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen die nicht heiß sondern kühl war
und an den Wänden nur ein mattes bläuliches Licht von sich warf Er tauchte
seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen Es war als durchdränge ihn
ein geistiger Hauch und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt Ein
unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden er entkleidete sich und
stieg in das Becken Es dünkte ihn als umflösse ihn eine Wolke des Abendrots
eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres mit inniger Wollust
strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen neue niegesehene Bilder
entstanden die auch in einander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden
und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an
ihn Die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen die an dem Jünglinge sich
augenblicklich verkörperten
Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewusst schwamm er gemach
dem leuchtenden Strome nach der aus dem Becken in den Felsen hineinfloss Eine
Art von süßem Schlummer befiel ihn in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten
träumte und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte Er fand sich auf einem
weichen Rasen am Rande einer Quelle die in die Luft hinausquoll und sich darin
zu verzehren schien Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger
Entfernung das Tageslicht das ihn umgab war heller und milder als das
gewöhnliche der Himmel war schwarzblau und völlig rein Was ihn aber mit voller
Macht anzog war eine hohe lichtblaue Blume die zunächst an der Quelle stand
und ihn mit ihren breiten glänzenden Blättern berührte Rund um sie her standen
unzählige Blumen von allen Farben und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft
Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer
Zärtlichkeit Endlich wollte er sich ihr nähern als sie auf einmal sich zu
bewegen und zu verändern anfing die Blätter wurden glänzender und schmiegten
sich an den wachsenden Stengel die Blume neigte sich nach ihm zu und die
Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen in welchem ein zartes
Gesicht schwebte Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung als
ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte und er sich in der elterlichen
Stube fand die schon die Morgensonne vergoldete Er war zu entzückt um
unwillig über diese Störung zu sein vielmehr bot er seiner Mutter freundlich
guten Morgen und erwiderte ihre herzliche Umarmung
Du Langschläfer sagte der Vater wie lange sitze ich schon hier und feile
Ich habe deinetwegen nichts hämmern dürfen die Mutter wollte den lieben Sohn
schlafen lassen Aufs Frühstück habe ich auch warten müssen Klüglich hast du
den Lehrstand erwählt für den wir wachen und arbeiten Indes ein tüchtiger
Gelehrter wie ich mir habe sagen lassen muss auch Nächte zu Hilfe nehmen um
die großen Werke der weisen Vorfahren zu studieren Lieber Vater antwortete
Heinrich werdet nicht unwillig über meinen langen Schlaf den ihr sonst nicht
an mir gewohnt seid Ich schlief erst spät ein und habe viele unruhige Träume
gehabt bis zuletzt ein anmutiger Traum mir erschien den ich lange nicht
vergessen werde und von dem mich dünkt als sei es mehr als bloßer Traum
gewesen Lieber Heinrich sprach die Mutter du hast dich gewiss auf den Rücken
gelegt oder beim Abendsegen fremde Gedanken gehabt Du siehst auch noch ganz
wunderlich aus Iss und trink dass du munter wirst
Die Mutter ging hinaus der Vater arbeitete emsig fort und sagte Träume
sind Schäume mögen auch die hochgelahrten Herren davon denken was sie wollen
und du tust wohl wenn du dein Gemüt von dergleichen unnützen und schädlichen
Betrachtungen abwendest Die Zeiten sind nicht mehr wo zu den Träumen göttliche
Gesichte sich gesellten und wir können und werden es nicht begreifen wie es
jenen auserwählten Männern von denen die Bibel erzählt zu Mute gewesen ist
Damals muss es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben so wie
mit den menschlichen Dingen
In dem Alter der Welt wo wir leben findet der unmittelbare Verkehr mit dem
Himmel nicht mehr Statt Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die
einzigen Quellen durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt so
weit wir sie nötig haben zu Teil wird und statt jener ausdrücklichen
Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger
und wohlgesinnter Männer und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer
Menschen zu uns Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut
und ich habe nie jene großen Taten geglaubt die unsre Geistlichen davon
erzählen Indes mag sich daran erbauen wer will und ich hüte mich wohl
jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen Aber lieber Vater aus welchem
Grunde seid Ihr so den Träumen entgegen deren seltsame Verwandlungen und
leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewisslich rege machen müssen Ist
nicht jeder auch der verworrenste Traum eine sonderliche Erscheinung die auch
ohne noch an göttliche Schickung dabei zu denken ein bedeutsamer Riss in den
geheimnisvollen Vorhang ist der mit tausend Falten in unser Inneres
hereinfällt In den weisesten Büchern findet man unzählige Traumgeschichten von
glaubhaften Menschen und erinnert Euch nur noch des Traums den uns neulich der
ehrwürdige Hofkaplan erzählte und der Euch selbst so merkwürdig vorkam
Aber auch ohne diese Geschichten wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen
Traum hättet wie würdet Ihr nicht erstaunen und Euch die Wunderbarkeit dieser
uns nur alltäglich gewordenen Begebenheit gewiss nicht abstreiten lassen Mich
dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des
Lebens eine freie Erholung der gebundenen Fantasie wo sie alle Bilder des
Lebens durcheinanderwirft und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen
Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht Ohne die Träume würden
wir gewiss früher alt und so kann man den Traum wenn auch nicht als unmittelbar
von oben gegeben doch als eine göttliche Mitgabe einen freundlichen Begleiter
auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten Gewiss ist der Traum den ich
heute Nacht träumte kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen denn ich
fühle es dass er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift und sie in
mächtigem Schwunge forttreibt
Der Vater lächelte freundlich und sagte indem er die Mutter die eben
hereintrat ansah Mutter Heinrich kann die Stunde nicht verleugnen durch die
er in der Welt ist In seinen Reden kocht der feurige wälsche Wein den ich
damals von Rom mitgebracht hatte und der unsern Hochzeitsabend verherrlichte
Damals war ich auch noch ein andrer Kerl Die südliche Luft hatte mich
aufgetaut von Mut und Lust floss ich über und du warst auch ein heißes
köstliches Mädchen Bei Deinem Vater gings damals herrlich zu Spielleute und
Sänger waren weit und breit herzugekommen und lange war in Augsburg keine
lustigere Hochzeit gefeiert worden
Ihr spracht vorhin von Träumen sagte die Mutter weißt du wohl dass du mir
damals auch von einem Traume erzähltest den du in Rom gehabt hattest und der
dich zuerst auf den Gedanken gebracht zu uns nach Augsburg zu kommen und um
mich zu werben Du erinnerst mich eben zur rechten Zeit sagte der Alte ich
habe diesen seltsamen Traum ganz vergessen der mich damals lange genug
beschäftigte aber eben er ist mir ein Beweis dessen was ich von den Träumen
gesagt habe Es ist unmöglich einen geordneteren und helleren zu haben noch
jetzt entsinne ich mich jedes Umstandes ganz genau und doch was hat er
bedeutet Dass ich von dir träumte und mich bald darauf von Sehnsucht ergriffen
fühlte dich zu besitzen war ganz natürlich denn ich kannte dich schon Dein
freundliches holdes Wesen hatte mich gleich anfangs lebhaft gerührt und nur die
Lust nach der Fremde hielt damals meinen Wunsch nach deinem Besitz noch zurück
Um die Zeit des Traums war meine Neugierde schon ziemlich gestillt und nun
konnte die Neigung leichter durchdringen
Erzählt uns doch jenen seltsamen Traum sagte der Sohn Ich war eines
Abends fing der Vater an umhergestreift Der Himmel war rein und der Mond
bekleidete die alten Säulen und Mauern mit seinem bleichen schauerlichen Lichte
Meine Gesellen gingen den Mädchen nach und mich trieb das Heimweh und die Liebe
ins Freie Endlich ward ich durstig und ging ins erste beste Landhaus hinein um
einen Trunk Wein oder Milch zu fordern Ein alter Mann kam heraus der mich wohl
für einen verdächtigen Besuch halten mochte Ich trug ihm mein Anliegen vor und
als er erfuhr dass ich ein Ausländer und ein Deutscher sei lud er mich
freundlich in die Stube und brachte eine Flasche Wein Er hieß mich
niedersetzen und fragte mich nach meinem Gewerbe Die Stube war voll Bücher und
Altertümer Wir gerieten in ein weitläufiges Gespräch er erzählte mir viel
von alten Zeiten von Mahlern Bildhauern und Dichtern Noch nie hatte ich so
davon reden hören Es war mir als sei ich in einer neuen Welt ans Land
gestiegen Er wies mir Siegelsteine und andre alte Kunstarbeiten dann las er
mir mit lebendigem Feuer herrliche Gedichte vor und so vergieng die Zeit wie
ein Augenblick Noch jetzt heitert mein Herz sich auf wenn ich mich des bunten
Gewühls der wunderlichen Gedanken und Empfindungen erinnere die mich in dieser
Nacht erfüllten In den heidnischen Zeiten war er wie zu Hause und sehnte sich
mit unglaublicher Inbrunst in dies graue Altertum zurück Endlich wies er mir
eine Kammer an wo ich den Rest der Nacht zubringen könnte weil es schon zu
spät sei um noch zurückzukehren Ich schlief bald und da dünkte michs ich sei
in meiner Vaterstadt und wanderte aus dem Tore Es war als müsste ich irgend
wohin gehen um etwas zu bestellen doch wusste ich nicht wohin und was ich
verrichten solle Ich ging nach dem Harze mit überaus schnellen Schritten und
wohl war mir als sei es zur Hochzeit Ich hielt mich nicht auf dem Wege
sondern immer feldein durch Tal und Wald und bald kam ich an einen hohen Berg
Als ich oben war sah ich die goldne Aue vor mir und überschaute Thüringen weit
und breit also dass kein Berg in der Nähe umher mir die Aussicht wehrte
Gegenüber lag der Harz mit seinen dunklen Bergen und ich sah unzählige
Schlösser Klöster und Ortschaften Wie mir nun da recht wohl innerlich ward
fiel mir der alte Mann ein bei dem ich schlief und es gedäuchte mir als sei
das vor geraumer Zeit geschehen dass ich bei ihm gewesen sei Bald gewahrte ich
eine Stiege die in den Berg hinein ging und ich machte mich hinunter Nach
langer Zeit kam ich in eine große Höhle da saß ein Greis in einem langen Kleide
vor einem eisernen Tische und schaute unverwandt nach einem wunderschönen
Mädchen die in Marmor gehauen vor ihm stand Sein Bart war durch den eisernen
Tisch gewachsen und bedeckte seine Füße Er sah ernst und freundlich aus und
gemahnte mich wie ein alter Kopf den ich den Abend bei dem Manne gesehen hatte
Ein glänzendes Licht war in der Höhle verbreitet Wie ich so stand und den Greis
ansah klopfte mir plötzlich mein Wirt auf die Schulter nahm mich bei der Hand
und führte mich durch lange Gänge mit sich fort Nach einer Weile sah ich von
weitem eine Dämmerung als wollte das Tageslicht einbrechen Ich eilte darauf
zu und befand mich bald auf einem grünen Plane aber es schien mir alles ganz
anders als in Thüringen Ungeheure Bäume mit großen glänzenden Blättern
verbreiteten weit umher Schatten Die Luft war sehr heiß und doch nicht
drückend Überall Quellen und Blumen und unter allen Blumen gefiel mir Eine
ganz besonders und es kam mir vor als neigten sich die Andern gegen sie
Ach liebster Vater sagt mir doch welche Farbe sie hatte rief der Sohn
mit heftiger Bewegung
Das entsinne ich mich nicht mehr so genau ich mir auch sonst alles
eingeprägt habe
War sie nicht blau
Es kann sein fuhr der Alte fort ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit
Achtung zu geben Soviel weiß ich nur noch dass mir ganz unaussprechlich zu
Mute war und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah Wie ich mich
endlich zu ihm wandte bemerkte ich dass er mich aufmerksam betrachtete und mir
mit inniger Freude zulächelte Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam
erinnere ich mir nicht mehr Ich war wieder oben auf dem Berge Mein Begleiter
stand bei mir und sagte du hast das Wunder der Welt gesehen Es steht bei dir
das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu
werden Nimm wohl in Acht was ich dir sage wenn du am Tage Johannis gegen
Abend wieder hieher kommst und Gott herzlich um das Verständnis dieses Traumes
bittest so wird dir das höchste irdische Loos zu Teil werden dann gib nur
acht auf ein blaues Blümchen was du hier oben finden wirst brich es ab und
überlass dich dann demütig der himmlischen Führung Ich war darauf im Traume
unter den herrlichsten Gestalten und Menschen und unendliche Zeiten gaukelten
mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber Wie gelöst war meine
Zunge und was ich sprach klang wie Musik Darauf ward alles wieder dunkel und
eng und gewöhnlich ich sah deine Mutter mit freundlichem verschämten Blick vor
mir sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen und reichte mir es hin als auf
einmal das Kind zusehends wuchs immer heller und glänzender ward und sich
endlich mit blendendweissen Flügeln über uns erhob uns beide in seinen Arm nahm
und so hoch mit uns flog dass die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem
saubersten Schnitzwerk aussah Dann erinnere ich mir nur dass wieder jene Blume
und der Berg und der Greis vorkamen aber ich erwachte bald darauf und fühlte
mich von heftiger Liebe bewegt Ich nahm Abschied von meinem gastfreien Wirt
der mich bat ihn oft wieder zu besuchen was ich ihm zusagte und auch Wort
gehalten haben würde wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte und
ungestüm nach Augsburg gereist wäre
Zweites Kapitel
Johannis war vorbei die Mutter hatte längst einmal nach Augsburg ins väterliche
Haus kommen und dem Großvater den noch unbekannten lieben Enkel mitbringen
sollen Einige gute Freunde des alten Ofterdingen ein paar Kaufleute mussten in
Handelsgeschäften dahin reisen Da fasste die Mutter den Entschluss bei dieser
Gelegenheit jenen Wunsch auszuführen und es lag ihr dies um so mehr am Herzen
weil sie seit einiger Zeit merkte dass Heinrich weit stiller und in sich
gekehrter war als sonst Sie glaubte er sei missmütig oder krank und eine
weite Reise der Anblick neuer Menschen und Länder und wie sie verstohlen
ahndete die Reize einer jungen Landsmännin würden die trübe Laune ihres Sohnes
vertreiben und wieder einen so teilnehmenden und lebensfrohen Menschen aus ihm
machen wie er sonst gewesen Der Alte willigte in den Plan der Mutter und
Heinrich war über die Massen erfreut in ein Land zu kommen was er schon lange
nach den Erzählungen seiner Mutter und mancher Reisenden wie ein irdisches
Paradies sich gedacht und wohin er oft vergeblich sich gewünscht hatte
Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden Er war nie über die umliegenden
Gegenden seiner Vaterstadt hinausgekommen die Welt war ihm nur aus Erzählungen
bekannt Wenig Bücher waren ihm zu Gesichte gekommen Bei der Hofhaltung des
Landgrafen ging es nach der Sitte der damaligen Zeiten einfach und still zu und
die Pracht und Bequemlichkeit des fürstlichen Lebens dürfte sich schwerlich mit
den Annehmlichkeiten messen die in späteren Zeiten ein bemittelter Privatmann
sich und den Seinigen ohne Verschwendung verschaffen konnte Dafür war aber der
Sinn für die Gerätschaften und Habseeligkeiten die der Mensch zum
mannichfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt desto zarter und
tiefer Sie waren den Menschen werter und merkwürdiger Zog schon das Geheimnis
der Natur und die Entstehung ihrer Körper den ahndenden Geist an so erhöhte die
seltnere Kunst ihrer Bearbeitung die romantische Ferne aus der man sie erhielt
und die Heiligkeit ihres Altertums da sie sorgfältiger bewahrt oft das
Besitztum mehrerer Nachkommenschaften wurden die Neigung zu diesen stummen
Gefährten des Lebens Oft wurden sie zu dem Rang von geweihten Pfändern eines
besonderen Segens und Schicksals erhoben und das Wohl ganzer Reiche und
weitverbreiteter Familien hing an ihrer Erhaltung Eine liebliche Armut
schmückte diese Zeiten mit einer eigentümlichen ernsten und unschuldigen
Einfalt und die sparsam verteilten Kleinodien glänzten desto bedeutender in
dieser Dämmerung und erfüllten ein sinniges Gemüt mit wunderbaren Erwartungen
Wenn es wahr ist dass erst eine geschickte Verteilung von Licht Farbe und
Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart und sich
hier ein neues höheres Auge aufzutun scheint so war damals überall eine
ähnliche Verteilung und Wirtschaftlichkeit wahrzunehmen da hingegen die
neuere wohlhabendere Zeit das einförmige und unbedeutendere Bild eines
allgemeinen Tages darbietet In allen Übergängen scheint wie in einem
Zwischenreiche eine höhere geistliche Macht durchbrechen zu wollen und wie
auf der Oberfläche unseres Wohnplatzes die an unterirdischen und überirdischen
Schätzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden unwirtlichen
Urgebirgen und den unermesslichen Ebenen liegen so hat sich auch zwischen den
rohen Zeiten der Barbarei und dem kunstreichen vielwissenden und begüterten
Weltalter eine tiefsinnige und romantische Zeit niedergelassen die unter
schlichtem Kleide eine höhere Gestalt verbirgt Wer wandelt nicht gern im
Zwielichte wenn die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in höhere
Schatten und Farben zerbricht und also vertiefen wir uns willig in die Jahre
wo Heinrich lebte und jetzt neuen Begebenheiten mit vollem Herzen entgegenging
Er nahm Abschied von seinen Gespielen und seinem Lehrer dem alten weisen
Hofkaplan der Heinrichs fruchtbare Anlagen kannte und ihn mit gerührtem Herzen
und einem stillen Gebete entließ Die Landgräfin war seine Patin er war oft
auf der Wartburg bei ihr gewesen Auch jetzt beurlaubte er sich bei seiner
Beschützerin die ihm gute Lehren und eine goldene Halskette verehrte und mit
freundlichen Äußerungen von ihm schied
In wehmütiger Stimmung verließ Heinrich seinen Vater und seine
Geburtsstadt Es ward ihm jetzt erst deutlich was Trennung sei die
Vorstellungen von der Reise waren nicht von dem sonderbaren Gefühle begleitet
gewesen was er jetzt empfand als zuerst seine bisherige Welt von ihm gerissen
und er wie auf ein fremdes Ufer gespült ward Unendlich ist die jugendliche
Trauer bei dieser ersten Erfahrung der Vergänglichkeit der irdischen Dinge die
dem unerfahrnen Gemüt so notwendig und unentbehrlich so fest verwachsen mit
dem eigentümlichsten Dasein und so unveränderlich wie dieses vorkommen
müssen Eine erste Ankündigung des Todes bleibt die erste Trennung
unvergesslich und wird nachdem sie lange wie ein nächtliches Gesicht den
Menschen beängstigt hat endlich bei abnehmender Freude an den Erscheinungen des
Tages und zunehmender Sehnsucht nach einer bleibenden sichern Welt zu einem
freundlichen Wegweiser und einer tröstenden Bekanntschaft Die Nähe seiner
Mutter tröstete den Jüngling sehr Die alte Welt schien noch nicht ganz
verloren und er umfasste sie mit verdoppelter Innigkeit Es war früh am Tage
als die Reisenden aus den Toren von Eisenach fortritten und die Dämmerung
begünstigte Heinrichs gerührte Stimmung Je heller es ward desto bemerklicher
wurden ihm die neuen unbekannten Gegenden und als auf einer Anhöhe die
verlassene Landschaft von der aufgehenden Sonne auf einmal erleuchtet wurde so
fielen dem überraschten Jüngling alte Melodien seines Innern in den trüben
Wechsel seiner Gedanken ein Er sah sich an der Schwelle der Ferne in die er
oft vergebens von den nahen Bergen geschaut und die er sich mit sonderbaren
Farben ausgemahlt hatte Er war im Begriff sich in ihre blaue Flut zu tauchen
Die Wunderblume stand vor ihm und er sah nach Thüringen welches er jetzt
hinter sich ließ mit der seltsamen Ahndung hinüber als werde er nach langen
Wanderungen von der Weltgegend her nach welcher sie jetzt reisten in sein
Vaterland zurückkommen und als reise er daher diesem eigentlich zu Die
Gesellschaft die anfänglich aus ähnlichen Ursachen still gewesen war fing nach
gerade an aufzuwachen und sich mit allerhand Gesprächen und Erzählungen die
Zeit zu verkürzen Heinrichs Mutter glaubte ihren Sohn aus den Träumereien
reißen zu müssen in denen sie ihn versunken sah und fing an ihm von ihrem
Vaterlande zu erzählen von dem Hause ihres Vaters und dem frölichen Leben in
Schwaben Die Kaufleute stimmten mit ein und bekräftigten die mütterlichen
Erzählungen rühmten die Gastfreiheit des alten Schwaning und konnten nicht
aufhören die schönen Landsmänninnen ihrer Reisegefährtin zu preisen Ihr tut
wohl sagten sie dass ihr euren Sohn dorthin führt Die Sitten eures Vaterlandes
sind milder und gefälliger Die Menschen wissen das Nützliche zu befördern ohne
das Angenehme zu verachten Jedermann sucht seine Bedürfnisse auf eine gesellige
und reitzende Art zu befriedigen Der Kaufmann befindet sich wohl dabei und
wird geehrt Die Künste und Handwerke vermehren und veredeln sich den Fleissigen
dünkt die Arbeit leichter weil sie ihm zu mannichfachen Annehmlichkeiten
verhilft und er indem er eine einförmige Mühe übernimmt sicher ist die
bunten Früchte mannichfacher und belohnender Beschäftigungen dafür
mitzugeniessen Geld Tätigkeit und Waren erzeugen sich gegenseitig und treiben
sich in raschen Kreisen und das Land und die Städte blühen auf Je eifriger der
Erwerbfleiss die Tage benutzt desto ausschliesslicher ist der Abend den
reitzenden Vergnügungen der schönen Künste und des geselligen Umgangs gewidmet
Das Gemüt sehnt sich nach Erholung und Abwechselung und wo sollte es diese auf
eine anständigere und reitzendere Art finden als in der Beschäftigung mit den
freien Spielen und Erzeugnissen seiner edelsten Kraft des bildenden Tiefsinns
Nirgends hört man so anmutige Sänger findet so herrliche Mahler und nirgends
sieht man auf den Tanzsälen leichtere Bewegungen und lieblichere Gestalten Die
Nachbarschaft von Wälschland zeigt sich in dem ungezwungenen Betragen und den
einnehmenden Gesprächen Euer Geschlecht darf die Gesellschaften schmücken und
ohne Furcht vor Nachrede mit holdseligem Bezeigen einen lebhaften Wetteifer
seine Aufmerksamkeit zu fesseln erregen Die raue Ernsthaftigkeit und die
wilde Ausgelassenheit der Männer macht einer milden Lebendigkeit und sanfter
bescheidner Freude Platz und die Liebe wird in tausendfachen Gestalten der
leitende Geist der glücklichen Gesellschaften Weit entfernt dass
Ausschweifungen und unziemende Grundsätze dadurch sollten herbeigelockt werden
scheint es als flöhen die bösen Geister die Nähe der Anmut und gewiss sind in
ganz Deutschland keine unbescholtenere Mädchen und keine treuere Frauen als in
Schwaben
Ja junger Freund in der klaren warmen Luft des südlichen Deutschlands
werdet ihr eure ernste Schüchternheit wohl ablegen die frölichen Mädchen werden
euch wohl geschmeidig und gesprächig machen Schon euer Name als Fremder und
eure nahe Verwandtschaft mit dem alten Schwaning der die Freude jeder frölichen
Gesellschaft ist werden die reitzenden Augen der Mädchen auf sich ziehen und
wenn ihr eurem Großvater folgt so werdet ihr gewiss unsrer Vaterstadt eine
ähnliche Zierde in einer holdseligen Frau mitbringen wie euer Vater Mit
freundlichem Erröten dankte Heinrichs Mutter für das schöne Lob ihres
Vaterlandes und die gute Meinung von ihren Landsmänninnen und der
gedankenvolle Heinrich hatte nicht umhin gekonnt aufmerksam und mit innigem
Wohlgefallen der Schilderung des Landes dessen Anblick ihm bevorstand
zuzuhören Wenn ihr auch fuhren die Kaufleute fort die Kunst eures Vaters
nicht ergreifen und lieber wie wir gehört haben euch mit gelehrten Dingen
befassen wollt so braucht ihr nicht Geistlicher zu werden und Verzicht auf die
schönsten Genüsse dieses Lebens zu leisten Es ist eben schlimm genug dass die
Wissenschaften in den Händen eines so von dem weltlichen Leben abgesonderten
Standes und die Fürsten von so ungeselligen und wahrhaft unerfahrenen Männern
beraten sind In der Einsamkeit in welcher sie nicht selbst Teil an den
Weltgeschäften nehmen müssen ihre Gedanken eine unnütze Wendung erhalten und
können nicht auf die wirklichen Vorfälle passen In Schwaben trefft ihr auch
wahrhaft kluge und erfahrne Männer unter den Layen und ihr mögt nun wählen
welchen Zweig menschlicher Kenntnisse ihr wollt so wird es euch nicht an den
besten Lehrern und Ratgebern fehlen Nach einer Weile sagte Heinrich dem bei
dieser Rede sein Freund der Hofkaplan in den Sinn gekommen war Wenn ich bei
meiner Unkunde von der Beschaffenheit der Welt euch auch eben nicht abfällig
sein kann in dem was ihr von der Unfähigkeit der Geistlichen zu Führung und
Beurteilung weltlicher Angelegenheiten behauptet so ist mirs doch wohl
erlaubt euch an unsern trefflichen Hofkaplan zu erinnern der gewiss ein Muster
eines weisen Mannes ist und dessen Lehren und Ratschläge mir unvergessen sein
werden
Wir ehren erwiederten die Kaufleute diesen trefflichen Mann von ganzem
Herzen aber dennoch können wir nur in sofern eurer Meinung Beifall geben dass
er ein weiser Mann sei wenn ihr von jener Weisheit sprecht die einen Gott
wohlgefälligen Lebenswandel angeht Haltet ihr ihn für eben so weltklug als er
in den Sachen des Heils geübt und unterrichtet ist so erlaubt uns dass wir euch
nicht beistimmen Doch glauben wir dass dadurch der heilige Mann nichts von
seinem verdienten Lobe verliert da er viel zu vertieft in der Kunde der
überirdischen Welt ist als dass er nach Einsicht und Ansehen in irdischen Dingen
streben sollte
Aber sagte Heinrich sollte nicht jene höhere Kunde ebenfalls geschickt
machen recht unparteiisch den Zügel menschlicher Angelegenheiten zu führen
sollte nicht jene kindliche unbefangene Einfalt sicherer den richtigen Weg durch
das Labyrinth der hiesigen Begebenheiten treffen als die durch Rücksicht auf
eigenen Vorteil irregeleitete und gehemmte von der unerschöpflichen Zahl neuer
Zufälle und Verwickelungen geblendete Klugheit Ich weiß nicht aber mich dünkt
ich sähe zwei Wege um zur Wissenschaft der menschlichen Geschichte zu gelangen
Der eine mühsam und unabsehlich mit unzähligen Krümmungen der Weg der
Erfahrung; der andere fast Ein Sprung nur der Weg der innern Betrachtung Der
Wanderer des ersten muss eins aus dem andern in einer langwierigen Rechnung
finden wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache gleich
unmittelbar anschaut und sie in ihrem lebendigen mannichfaltigen Zusammenhange
betrachten und leicht mit allen übrigen wie Figuren auf einer Tafel
vergleichen kann Ihr müsst verzeihen wenn ich wie aus kindischen Träumen vor
euch rede nur das Zutrauen zu eurer Güte und das Andenken meines Lehrers der
den zweiten Weg mir als seinen eignen von weitem gezeigt hat machte mich so
dreist
Wir gestehen Euch gern sagten die gutmütigen Kaufleute dass wir eurem
Gedankengange nicht zu folgen vermögen doch freut es uns dass ihr so warm euch
des trefflichen Lehrers erinnert und seinen Unterricht wohl gefasst zu haben
scheint
Es dünkt uns ihr habt Anlage zum Dichter Ihr sprecht so geläufig von den
Erscheinungen eures Gemüts und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und
passenden Vergleichungen Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren als dem Elemente
der Dichter
Ich weiß nicht sagte Heinrich wie es kommt Schon oft habe ich von
Dichtern und Sängern sprechen gehört und habe noch nie einen gesehen Ja ich
kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen und doch
habe ich eine große Sehnsucht davon zu hören Es ist mir als würde ich manches
besser verstehen was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist Von Gedichten ist oft
erzählt worden aber nie habe ich eins zu sehen bekommen und mein Lehrer hat
nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn Alles was er mir
davon gesagt habe ich nicht deutlich begreifen können Doch meinte er immer es
sei eine edle Kunst der ich mich ganz ergeben würde wenn ich sie einmal kennen
lernte In alten Zeiten sei sie weit gemeiner gewesen und habe jedermann einige
Wissenschaft davon gehabt jedoch Einer vor dem Andern Sie sei noch mit andern
verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen Die Sänger hätte
göttliche Gunst hoch geehrt so dass sie begeistert durch unsichtbaren Umgang
himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können
Die Kaufleute sagten darauf Wir haben uns freilich nie um die Geheimnisse
der Dichter bekümmert wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört Es
mag wohl wahr sein dass eine besondere Gestirnung dazu gehört wenn ein Dichter
zur Welt kommen soll denn es ist gewiss eine recht wunderbare Sache mit dieser
Kunst Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden und lassen sich
weit eher begreifen Bei den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn
wie es zugeht und mit Fleiß und Geduld lässt sich beides lernen Die Töne liegen
schon in den Saiten und es gehört nur eine Fertigkeit dazu diese zu bewegen um
jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken Bei den Bildern ist die Natur die
herrlichste Lehrmeisterin Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren
gibt die Farben das Licht und den Schatten und so kann eine geübte Hand ein
richtiges Auge und die Kenntnis von der Bereitung und Vermischung der Farben
die Natur auf das vollkommenste nachahmen Wie natürlich ist daher auch die
Wirkung dieser Künste das Wohlgefallen an ihren Werken zu begreifen Der
Gesang der Nachtigall das Sausen des Windes und die herrlichen Lichter Farben
und Gestalten gefallen uns weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen und da
unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervorbringt so eingerichtet
sind so muss uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen Die Natur
will selbst auch einen Genuss von ihrer großen Künstlichkeit haben und darum hat
sie sich in Menschen verwandelt wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit
freut das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert und es auf solche
Art allein hervorbringt dass sie es auf mannichfaltigere Weise und zu allen
Zeiten und allen Orten haben und genießen kann Dagegen ist von der Dichtkunst
sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen Auch schafft sie nichts mit
Werkzeugen und Händen das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon denn das
bloße Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst
Es ist alles innerlich und wie jene Künstler die äußern Sinne mit angenehmen
Empfindungen erfüllen so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligtum des
Gemüts mit neuen wunderbaren und gefälligen Gedanken Er weiß jene geheimen
Kräfte in uns nach Belieben zu erregen und gibt uns durch Worte eine
unbekannte herrliche Welt zu vernehmen Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und
künftige Zeiten unzählige Menschen wunderbare Gegenden und die seltsamsten
Begebenheiten in uns herauf und entreißen uns der bekannten Gegenwart Man hört
fremde Worte und weiß doch was sie bedeuten sollen Eine magische Gewalt üben
die Sprüche des Dichters aus auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden
Klängen vor und berauschten die festgebannten Zuhörer
Ihr verwandelt meine Neugierde in heiße Ungeduld sagte Heinrich Ich bitte
euch erzählt mir von allen Sängern die ihr gehört habt Ich kann nicht genug
von diesen besonderen Menschen hören Mir ist auf einmal als hätte ich irgendwo
schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören doch kann ich mich
schlechterdings nichts mehr davon entsinnen Aber mir ist das was ihr sagt so
klar so bekannt und ihr macht mir ein außerordentliches Vergnügen mit euren
schönen Beschreibungen
Wir erinnern uns selbst gern fuhren die Kaufleute fort mancher frohen
Stunden die wir in Welschland Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von
Sängern zugebracht haben und freuen uns dass ihr so lebhaften Anteil an unsern
Reden nehmt Wenn man so in Gebirgen reist spricht es sich mit doppelter
Annehmlichkeit und die Zeit vergeht spielend Vielleicht ergötzt es euch einige
artige Geschichten von Dichtern zu hören die wir auf unsern Reisen erfuhren
Von den Gesängen selbst die wir gehört haben können wir wenig sagen da die
Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedächtnis hindert viel zu behalten
und die unaufhörlichen Handelsgeschäfte manches Andenken auch wieder verwischt
haben
In alten Zeiten muss die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen sein
als heut zu Tage Wirkungen die jetzt kaum noch die Tiere zu bemerken
scheinen und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und genießen
bewegten damals leblose Körper und so war es möglich dass kunstreiche Menschen
allein Dinge möglich machten und Erscheinungen hervorbrachten die uns jetzt
völlig unglaublich und fabelhaft dünken So sollen vor uralten Zeiten in den
Ländern des jetzigen Griechischen Kaisertums wie uns Reisende berichtet die
diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben Dichter
gewesen sein die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime
Leben der Wälder die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt in wüsten
verödeten Gegenden den toten Pflanzensaamen erregt und blühende Gärten
hervorgerufen grausame Tiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und
Sitte gewöhnt sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht
reissende Flüsse in milde Gewässer verwandelt und selbst die todtesten Steine in
regelmäßige tanzende Bewegungen hingerissen haben Sie sollen zugleich Wahrsager
und Priester Gesetzgeber und Ärzte gewesen sein indem selbst die höheren Wesen
durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den
Geheimnissen der Zukunft unterrichtet das Ebenmass und die natürliche
Einrichtung aller Dinge auch die innern Tugenden und Heilkräfte der Zahlen,
Gewächse und aller Kreaturen ihnen offenbart Seitdem sollen wie die Sage
lautet erst die mannichfaltigen Töne und die sonderbaren Sympatien und
Ordnungen in die Natur gekommen sein indem vorher alles wild unordentlich und
feindselig gewesen ist Seltsam ist nur hiebei dass zwar diese schönen Spuren
zum Andenken der Gegenwart jener wohltätigen Menschen geblieben sind aber
entweder ihre Kunst oder jene zarte Gefühligkeit der Natur verloren gegangen
ist In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen dass einer
jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkünstler wiewohl die Musik und Poesie
wohl ziemlich eins sein mögen und vielleicht eben so zusammen gehören wie Mund
und Ohr da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist dass also
dieser Tonkünstler übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte Er war reich an
schönen Kleinodien und köstlichen Dingen die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden
waren Er fand ein Schiff am Ufer und die Leute darin schienen bereitwillig
ihn für den verheissenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren Der Glanz und
die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr dass sie
unter einander verabredeten sich seiner zu bemächtigen ihn ins Meer zu werfen
und nachher seine Habe unter einander zu verteilen Wie sie also mitten im
Meere waren fielen sie über ihn her und sagten ihm dass er sterben müsse weil
sie beschlossen hätten ihn ins Meer zu werfen Er bat sie auf die rührendste
Weise um sein Leben bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an und prophezeite
ihnen großes Unglück wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden Aber weder das
eine noch das andere konnte sie bewegen denn sie fürchteten sich dass er ihre
bösliche Tat einmal verraten möchte Da er sie nun einmal so fest entschlossen
sah bat er sie ihm wenigstens zu erlauben dass er noch vor seinem Ende seinen
Schwanengesang spielen dürfe dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen
Instrumente vor ihren Augen freiwillig ins Meer springen Sie wussten recht
wohl dass wenn sie seinen Zaubergesang hörten ihre Herzen erweicht und sie von
Reue ergriffen werden würden daher nahmen sie sich vor ihm zwar diese letzte
Bitte zu gewähren während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen
dass sie nichts davon vernähmen und so bei ihrem Vorhaben bleiben könnten Dies
geschah Der Sänger stimmte einen herrlichen unendlich rührenden Gesang an Das
ganze Schiff tönte mit die Wellen klangen die Sonne und die Gestirne
erschienen zugleich am Himmel und aus den grünen Fluten tauchten tanzende
Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor Die Schiffer standen feindselig
allein mit festverstopften Ohren und warteten voll Ungeduld auf das Ende des
Liedes Bald war es vorüber Da sprang der Sänger mit heiterer Stirn in den
dunkeln Abgrund hin sein wundertätiges Werkzeug im Arm Er hatte kaum die
glänzenden Wogen berührt so hob sich der breite Rücken eines dankbaren Untiers
unter ihm hervor und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sänger davon Nach
kurzer Zeit hatte es mit ihm die Küste erreicht nach der er hingewollt hatte
und setzte ihn sanft im Schilfe nieder Der Dichter sang seinem Retter ein
frohes Lied und ging dankbar von dannen Nach einiger Zeit ging er einmal am
Ufer des Meers allein und klagte in süßen Tönen über seine verlohrenen
Kleinode die ihm als Erinnerungen glücklicher Stunden und als Zeichen der
Liebe und Dankbarkeit so wert gewesen waren Indem er so sang kam plötzlich
sein alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht und ließ aus seinem Rachen
die geraubten Schätze auf den Sand fallen Die Schiffer hatten nach des Sängers
Sprunge sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu teilen angefangen Bei
dieser Teilung war Streit unter ihnen entstanden und hatte sich in einen
mörderischen Kampf geendigt der den Meisten das Leben gekostet die wenigen
die übrig geblieben hatten allein das Schiff nicht regieren können und es war
bald auf den Strand geraten wo es scheiterte und unterging Sie brachten mit
genauer Not das Leben davon und kamen mit leeren Händen und zerrissenen
Kleidern ans Land und so kehrten durch die Hilfe des dankbaren Meertiers das
die Schätze im Meere aufsuchte dieselben in die Hände ihres alten Besitzers
zurück
Drittes Kapitel
Eine andere Geschichte fuhren die Kaufleute nach einer Pause fort die freilich
nicht so wunderbar und auch aus späteren Zeiten ist wird euch vielleicht doch
gefallen und euch mit den Wirkungen jener wunderbaren Kunst noch bekannter
machen Ein alter König hielt einen glänzenden Hof Weit und breit strömten
Menschen herzu um Teil an der Herrlichkeit seines Lebens zu haben und es
gebrach weder den täglichen Festen an Überfluss köstlicher Waren des Gaumens
noch an Musik prächtigen Verzierungen und Trachten und tausend abwechselnden
Schauspielen und Zeitvertreiben noch endlich an sinnreicher Anordnung an
klugen gefälligen und unterrichteten Männern zur Unterhaltung und Beseelung
der Gespräche und an schöner anmutiger Jugend von beiden Geschlechtern die
die eigentliche Seele reitzender Feste ausmachen Der alte König der sonst ein
strenger und ernster Mann war hatte zwei Neigungen die der wahre Anlass dieser
prächtigen Hofhaltung waren und denen sie ihre schöne Einrichtung zu danken
hatte Eine war die Zärtlichkeit für seine Tochter die ihm als Andenken seiner
früh verstorbenen Gemahlin und als ein unaussprechlich liebenswürdiges Mädchen
unendlich teuer war und für die er gern alle Schätze der Natur und alle Macht
des menschlichen Geistes aufgeboten hätte um ihr einen Himmel auf Erden zu
verschaffen Die Andere war eine wahre Leidenschaft für die Dichtkunst und ihre
Meister Er hatte von Jugend auf die Werke der Dichter mit innigem Vergnügen
gelesen an ihre Sammlung aus allen Sprachen großen Fleiß und große Summen
gewendet und von jeher den Umgang der Sänger über alles geschätzt Von allen
Enden zog er sie an seinen Hof und überhäufte sie mit Ehren Er ward nicht müde
ihren Gesängen zuzuhören und vergaß oft die wichtigsten Angelegenheiten ja die
Bedürfnisse des Lebens über einem neuen hinreissenden Gesange Seine Tochter war
unter Gesängen aufgewachsen und ihre ganze Seele war ein zartes Lied geworden
ein einfacher Ausdruck der Wehmut und Sehnsucht Der wohltätige Einfluss der
beschützten und geehrten Dichter zeigte sich im ganzen Lande besonders aber am
Hofe Man genoss das Leben mit langsamen kleinen Zügen wie einen köstlichen
Trank und mit desto reinerem Wohlbehagen da alle widrige gehässige
Leidenschaften wie Misstöne von der sanften harmonischen Stimmung verscheucht
wurden die in allen Gemütern herrschend war Frieden der Seele und innres
seeliges Anschauen einer selbst geschaffenen glücklichen Welt war das Eigentum
dieser wunderbaren Zeit geworden und die Zwietracht erschien nur in den alten
Sagen der Dichter als eine ehemalige Feindinn der Menschen Es schien als
hätten die Geister des Gesanges ihrem Beschützer kein lieblicheres Zeichen der
Dankbarkeit geben können als seine Tochter die alles besaß was die süßeste
Einbildungskraft nur in der zarten Gestalt eines Mädchens vereinigen konnte
Wenn man sie an den schönen Festen unter einer Schaar reitzender Gespielen im
weißen glänzenden Gewande erblickte wie sie den Wettgesängen der begeisterten
Sänger mit tiefem Lauschen zuhörte und errötend einen duftenden Kranz auf die
Locken des Glücklichen drückte dessen Lied den Preis gewonnen hatte so hielt
man sie für die sichtbare Seele jener herrlichen Kunst die jene Zaubersprüche
beschworen hätten und hörte auf sich über die Entzückungen und Melodien der
Dichter zu wundern
Mitten in diesem irdischen Paradiese schien jedoch ein geheimnisvolles
Schicksal zu schweben Die einzige Sorge der Bewohner dieser Gegenden betraf die
Vermählung der aufblühenden Prinzessin von der die Fortdauer dieser seligen
Zeiten und das Verhängnis des ganzen Landes abhing Der König ward immer älter
Ihm selbst schien diese Sorge lebhaft am Herzen zu liegen und doch zeigte sich
keine Aussicht zu einer Vermählung für sie die allen Wünschen angemessen
gewesen wäre Die heilige Ehrfurcht für das königliche Haus erlaubte keinem
Untertan an die Möglichkeit zu denken die Prinzessin zu besitzen Man
betrachtete sie wie ein überirdisches Wesen und alle Prinzen aus andern
Ländern die sich mit Ansprüchen auf sie am Hofe gezeigt hatten schienen so
tief unter ihr zu sein dass kein Mensch auf den Einfall kam die Prinzessin oder
der König werde die Augen auf einen unter ihnen richten Das Gefühl des
Abstandes hatte sie auch allmählich alle verscheucht und das ausgesprengte
Gerücht des ausschweifenden Stolzes dieser königlichen Familie schien Andern
alle Lust zu benehmen sich ebenfalls gedemütigt zu sehen Ganz ungegründet war
auch dieses Gerücht nicht Der König war bei aller Milde beinah unwillkürlich
in ein Gefühl der Erhabenheit geraten was ihm jeden Gedanken an die Verbindung
seiner Tochter mit einem Manne von niedrigerem Stande und dunklerer Herkunft
unmöglich oder unerträglich machte Ihr hoher einziger Wert hatte jenes Gefühl
in ihm immer mehr bestätigt Er war aus einer uralten Morgenländischen
Königsfamilie entsprossen Seine Gemahlin war der letzte Zweig der
Nachkommenschaft des berühmten Helden Rustan gewesen Seine Dichter hatten ihm
unaufhörlich von seiner Verwandtschafft mit den ehemaligen übermenschlichen
Beherrschern der Welt vorgesungen und in dem Zauberspiegel ihrer Kunst war ihm
der Abstand seiner Herkunft von dem Ursprunge der andern Menschen die
Herrlichkeit seines Stammes noch heller erschienen so dass es ihn dünkte nur
durch die edlere Klasse der Dichter mit dem übrigen Menschengeschlechte
zusammenzuhängen Vergebens sah er sich mit voller Sehnsucht nach einem zweiten
Rustan um indem er fühlte dass das Herz seiner aufblühenden Tochter der
Zustand seines Reichs und sein zunehmendes Alter ihre Vermählung in aller
Absicht sehr wünschenswert machten
Nicht weit von der Hauptstadt lebte auf einem abgelegenen Landgute ein alter
Mann der sich ausschließlich mit der Erziehung seines einzigen Sohnes
beschäftigte und nebenher den Landleuten in wichtigen Krankheiten Rat
erteilte Der junge Mensch war ernst und ergab sich einzig der Wissenschaft der
Natur, in welcher ihn sein Vater von Kindheit auf unterrichtete Aus fernen
Gegenden war der Alte vor mehreren Jahren in dies friedliche und blühende Land
gezogen und begnügte sich den wohltätigen Frieden den der König um sich
verbreitete in der Stille zu genießen Er benutzte sie die Kräfte der Natur zu
erforschen und diese hinreissenden Kenntnisse seinem Sohne mitzuteilen der
viel Sinn dafür verriet und dessen tiefem Gemüt die Natur bereitwillig ihre
Geheimnisse anvertraute Die Gestalt des jungen Menschen schien gewöhnlich und
unbedeutend wenn man nicht einen höheren Sinn für die geheimere Bildung seines
edlen Gesichts und die ungewöhnliche Klarheit seiner Augen mitbrachte Je länger
man ihn ansah desto anziehender ward er und man konnte sich kaum wieder von
ihm trennen wenn man seine sanfte eindringende Stimme und seine anmutige Gabe
zu sprechen hörte Eines Tages hatte die Prinzessin deren Lustgärten an den
Wald stießen der das Landgut des Alten in einem kleinen Tale verbarg sich
allein zu Pferde in den Wald begeben um desto ungestörter ihren Fantasien
nachhängen und einige schöne Gesänge sich wiederhohlen zu können Die Frische
des hohen Waldes lockte sie immer tiefer in seine Schatten und so kam sie
endlich an das Landgut wo der Alte mit seinem Sohne lebte Es kam ihr die Lust
an Milch zu trinken sie stieg ab band ihr Pferd an einen Baum und trat in
das Haus um sich einen Trunk Milch auszubitten Der Sohn war gegenwärtig und
erschrak beinah über diese zauberhafte Erscheinung eines majestätischen
weiblichen Wesens das mit allen Reizen der Jugend und Schönheit geschmückt und
von einer unbeschreiblich anziehenden Durchsichtigkeit der zartesten
unschuldigsten und edelsten Seele beinah vergöttlicht wurde Während er eilte
ihre wie Geistergesang tönende Bitte zu erfüllen trat ihr der Alte mit
bescheidner Ehrfurcht entgegen und lud sie ein an dem einfachen Herde der
mitten im Hause stand und auf welchem eine leichte blaue Flamme ohne Geräusch
emporspielte Platz zu nehmen Es fiel ihr gleich beim Eintritt der mit
tausend seltenen Sachen gezierte Hausraum die Ordnung und Reinlichkeit des
Ganzen und eine seltsame Heiligkeit des Ortes auf deren Eindruck noch durch
den schlicht gekleideten ehrwürdigen Greis und den bescheidenen Anstand des
Sohnes erhöhet wurde Der Alte hielt sie gleich für eine zum Hof gehörige
Person wozu ihre kostbare Tracht und ihr edles Betragen ihm Anlass genug gab
Während der Abwesenheit des Sohnes befragte sie ihn um einige Merkwürdigkeiten
die ihr vorzüglich in die Augen fielen worunter besonders einige alte
sonderbare Bilder waren die neben ihrem Sitze auf dem Heerde standen und er
war bereitwillig sie auf eine anmutige Art damit bekannt zu machen Der Sohn
kam bald mit einem Kruge voll frischer Milch zurück und reichte ihr denselben
mit ungekünsteltem und ehrfurchtsvollem Wesen Nach einigen anziehenden
Gesprächen mit beiden dankte sie auf die lieblichste Weise für die freundliche
Bewirtung bat errötend den Alten um die Erlaubnis wieder kommen und seine
lehrreichen Gespräche über die vielen wunderbaren Sachen genießen zu dürfen und
ritt zurück ohne ihren Stand verraten zu haben da sie merkte dass Vater und
Sohn sie nicht kannten Ohnerachtet die Hauptstadt so nahe lag hatten beide in
ihre Forschungen vertieft das Gewühl der Menschen zu vermeiden gesucht und es
war dem Jüngling nie eine Lust angekommen den Festen des Hofes beizuwohnen
besonders da er seinen Vater höchstens auf eine Stunde zu verlassen pflegte um
zuweilen im Walde nach Schmetterlingen Käfern und Pflanzen umher zu gehen und
die Eingebungen des stillen Naturgeistes durch den Einfluss seiner
mannichfaltigen äußeren Lieblichkeiten zu vernehmen Dem Alten der Prinzessin
und dem Jüngling war die einfache Begebenheit des Tages gleich wichtig Der Alte
hatte leicht den neuen tiefen Eindruck bemerkt den die Unbekannte auf seinen
Sohn machte Er kannte diesen genug um zu wissen dass jeder tiefe Eindruck bei
ihm ein lebenslänglicher sein würde Seine Jugend und die Natur seines Herzens
mussten die erste Empfindung dieser Art zur unüberwindlichen Neigung machen Der
Alte hatte lange eine solche Begebenheit herannahen sehen Die hohe
Liebenswürdigkeit der Erscheinung flößte ihm unwillkürlich eine innige
Teilnahme ein und sein zuversichtliches Gemüt entfernte alle Besorgnisse über
die Entwickelung dieses sonderbaren Zufalls Die Prinzessin hatte sich nie in
einem ähnlichen Zustande befunden wie der war in welchem sie langsam nach
Hause ritt Es konnte vor der einzigen helldunklen wunderbar beweglichen
Empfindung einer neuen Welt kein eigentlicher Gedanke in ihr entstehen Ein
magischer Schleier dehnte sich in weiten Falten um ihr klares Bewusstsein Es war
ihr als würde sie sich wenn er aufgeschlagen würde in einer überirdischen
Welt befinden Die Erinnerung an die Dichtkunst die bisher ihre ganze Seele
beschäftigt hatte war zu einem fernen Gesange geworden der ihren seltsam
lieblichen Traum mit den ehemaligen Zeiten verband Wie sie zurück in den
Pallast kam erschrak sie beinah über seine Pracht und sein buntes Leben noch
mehr aber bei der Bewillkommung ihres Vaters dessen Gesicht zum erstenmale in
ihrem Leben eine scheue Ehrfurcht in ihr erregte Es schien ihr eine
unabänderliche Notwendigkeit nichts von ihrem Abenteuer zu erwähnen Man war
ihre schwärmerische Ernsthaftigkeit ihren in Fantasieen und tiefes Sinnen
verlorenen Blick schon zu gewohnt um etwas Außerordentliches darin zu bemerken
Es war ihr jetzt nicht mehr so lieblich zu Mute sie schien sich unter lauter
Fremden und eine sonderbare Bänglichkeit begleitete sie bis an den Abend wo
das frohe Lied eines Dichters der die Hoffnung pries und von den Wundern des
Glaubens an die Erfüllung unsrer Wünsche mit hinreissender Begeisterung sang sie
mit süßem Trost erfüllte und in die angenehmsten Träume wiegte Der Jüngling
hatte sich gleich nach ihrem Abschiede in den Wald verloren An der Seite des
Weges war er in Gebüschen bis an die Pforten des Gartens ihr gefolgt und dann
auf dem Wege zurückgegangen Wie er so ging sah er vor seinen Füßen einen
hellen Glanz Er bückte sich danach und hob einen dunkelroten Stein auf der
auf einer Seite außerordentlich funkelte und auf der Andern eingegrabene
unverständliche Chiffern zeigte Er erkannte ihn für einen kostbaren Karfunkel
und glaubte ihn in der Mitte des Halsbandes an der Unbekannten bemerkt zu haben
Er eilte mit beflügelten Schritten nach Hause als wäre sie noch dort und
brachte den Stein seinem Vater Sie wurden einig dass der Sohn den andern Morgen
auf den Weg zurückgehn und warten sollte ob der Stein gesucht würde wo er ihn
dann zurückgeben könnte sonst wollten sie ihn bis zu einem zweiten Besuche der
Unbekannten aufheben um ihr selbst ihn zu überreichen Der Jüngling betrachtete
fast die ganze Nacht den Karfunkel und fühlte gegen Morgen ein unwiderstehliches
Verlangen einige Worte auf den Zettel zu schreiben in welchen er den Stein
einwickelte Er wusste selbst nicht genau was er sich bei den Worten dachte die
er hinschrieb
Es ist dem Stein ein rätselhaftes Zeichen
Tief eingegraben in sein glühend Blut
Er ist mit einem Herzen zu vergleichen
In dem das Bild der Unbekannten ruht
Man sieht um jenen tausend Funken streichen
Um dieses woget eine lichte Flut
In jenem liegt des Glanzes Licht begraben
Wird dieses auch das Herz des Herzens haben
Kaum dass der Morgen anbrach so begab er sich schon auf den Weg und eilte der
Pforte des Gartens zu
Unterdessen hatte die Prinzessin Abends beim Auskleiden den teuren Stein in
ihrem Halsbande vermisst der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein
Talisman war dessen Besitz ihr die Freiheit ihrer Person sicherte indem sie
damit nie in fremde Gewalt ohne ihren Willen geraten konnte
Dieser Verlust befremdete sie mehr als dass er sie erschreckt hätte Sie
erinnerte sich ihn gestern bei dem Spazierritt noch gehabt zu haben und
glaubte fest dass er entweder im Hause des Alten oder auf dem Rückwege im Walde
verloren gegangen sein müsse der Weg war ihr noch in frischem Andenken und so
beschloss sie gleich früh den Stein aufzusuchen und ward bei diesem Gedanken so
heiter dass es fast das Ansehen gewann als sei sie gar nicht unzufrieden mit dem
Verluste weil er Anlass gäbe jenen Weg sogleich noch einmal zu machen Mit dem
Tage ging sie durch den Garten nach dem Walde und weil sie eilfertiger ging als
gewöhnlich so fand sie es ganz natürlich dass ihr das Herz lebhaft schlug und
ihr die Brust beklomm Die Sonne fing eben an die Wipfel der alten Bäume zu
vergolden die sich mit sanftem Flüstern bewegten als wollten sie sich
gegenseitig aus nächtlichen Gesichtern erwecken um die Sonne gemeinschaftlich
zu begrüßen als die Prinzessin durch ein fernes Geräusch veranlasst den Weg
hinunter und den Jüngling auf sich zueilen sah der in demselben Augenblick
ebenfalls sie bemerkte
Wie angefesselt blieb er eine Weile stehen und blickte unverwandt sie an
gleichsam um sich zu überzeugen dass ihre Erscheinung wirklich und keine
Täuschung sei Sie begrüßten sich mit einem zurückgehaltenen Ausdruck von
Freude als hätten sie sich schon lange gekannt und geliebt Noch ehe die
Prinzessin die Ursache ihres frühen Spazierganges ihm entdecken konnte
überreichte er ihr mit Erröten und Herzklopfen den Stein in dem beschriebenen
Zettel Es war als ahndete die Prinzessin den Inhalt der Zeilen Sie nahm ihn
stillschweigend mit zitternder Hand und hing ihm zur Belohnung für seinen
glücklichen Fund beinah unwillkürlich eine goldne Kette um die sie um den Hals
trug Beschämt kniete er vor ihr und konnte da sie sich nach seinem Vater
erkundigte einige Zeit keine Worte finden Sie sagte ihm halbleise und mit
niedergeschlagenen Augen dass sie bald wieder zu ihnen kommen und die Zusage
des Vaters sie mit seinen Seltenheiten bekannt zu machen mit vieler Freude
benutzen würde Sie dankte dem Jünglinge noch einmal mit ungewöhnlicher
Innigkeit und ging hierauf langsam ohne sich umzusehen zurück Der Jüngling
konnte kein Wort vorbringen Er neigte sich ehrfurchtsvoll und sah ihr lange
nach bis sie hinter den Bäumen verschwand Nach dieser Zeit vergingen wenig
Tage bis zu ihrem zweiten Besuche dem bald mehrere folgten Der Jüngling ward
unvermerkt ihr Begleiter bei diesen Spaziergängen Er holte sie zu bestimmten
Stunden am Garten ab und brachte sie dahin zurück Sie beobachtete ein
unverbrüchliches Stillschweigen über ihren Stand so zutraulich sie auch sonst
gegen ihren Begleiter wurde dem bald kein Gedanke in ihrer himmlischen Seele
verborgen blieb Es war als flößte ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine
geheime Furcht ein Der Jüngling gab ihr ebenfalls seine ganze Seele Vater und
Sohn hielten sie für ein vornehmes Mädchen vom Hofe Sie hing an dem Alten mit
der Zärtlichkeit einer Tochter Ihre Liebkosungen gegen ihn waren die
entzückenden Vorboten ihrer Zärtlichkeit gegen den Jüngling Sie ward bald
einheimisch in dem wunderbaren Hause und wenn sie dem Alten und dem Sohne der
zu ihren Füßen saß auf ihrer Laute reitzende Lieder mit einer überirdischen
Stimme vorsang und letzteren in dieser lieblichen Kunst unterrichtete so
erfuhr sie dagegen von seinen begeisterten Lippen die Enträtselung der überall
verbreiteten Naturgeheimnisse Er lehrte ihr wie durch wundervolle Sympatie
die Welt entstanden sei und die Gestirne sich zu melodischen Reigen vereinigt
hätten Die Geschichte der Vorwelt ging durch seine heiligen Erzählungen in
ihrem Gemüt auf und wie entzückt war sie wenn ihr Schüler in der Fülle
seiner Eingebungen die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die
wundervollsten Gesänge ausbrach Eines Tages wo ein besonders kühner Schwung
sich seiner Seele in ihrer Gesellschaft bemächtigt hatte und die mächtige Liebe
auf dem Rückwege ihre jungfräuliche Zurückhaltung mehr als gewöhnlich überwand
so dass sie beide ohne selbst zu wissen wie einander in die Arme sanken und der
erste glühende Kuss sie auf ewig zusammenschmelzte fing mit einbrechender
Dämmerung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der Bäume plötzlich zu toben an
Drohende Wetterwolken zogen mit tiefem nächtlichen Dunkel über sie her Er eilte
sie in Sicherheit vor dem fürchterlichen Ungewitter und den brechenden Bäumen zu
bringen aber er verfehlte in der Nacht und voll Angst wegen seiner Geliebten
den Weg und geriet immer tiefer in den Wald hinein Seine Angst wuchs wie er
seinen Irrtum bemerkte Die Prinzessin dachte an das Schrecken des Königs und
des Hofes eine unnennbare Ängstlichkeit fuhr zuweilen wie ein zerstörender
Strahl durch ihre Seele und nur die Stimme ihres Geliebten der ihr
unaufhörlich Trost zusprach gab ihr Mut und Zutrauen zurück und erleichterte
ihre beklommne Brust Der Sturm wütete fort alle Bemühungen den Weg zu finden
waren vergeblich und sie priesen sich beide glücklich bei der Erleuchtung
eines Blitzes eine nahe Höhle an dem steilen Abhang eines waldigen Hügels zu
entdecken wo sie eine sichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewitters zu
finden hoften und eine Ruhestätte für ihre erschöpften Kräfte Das Glück
begünstigte ihre Wünsche Die Höhle war trocken und mit reinlichem Moose
bewachsen Der Jüngling zündete schnell ein Feuer von Reisern und Moos an woran
sie sich trocknen konnten und die beiden Liebenden sahen sich nun auf eine
wunderbare Weise von der Welt entfernt aus einem gefahrvollen Zustande
gerettet und auf einem bequemen warmen Lager allein nebeneinander
Ein wilder Mandelstrauch hing mit Früchten beladen in die Höhle hinein und
ein nahes Rieseln ließ sie frisches Wasser zur Stillung ihres Durstes finden
Die Laute hatte der Jüngling mitgenommen und sie gewährte ihnen jetzt eine
aufheiternde und beruhigende Unterhaltung bei dem knisternden Feuer Eine höhere
Macht schien den Knoten schneller lösen zu wollen und brachte sie unter
sonderbaren Umständen in diese romantische Lage Die Unschuld ihrer Herzen die
zauberhafte Stimmung ihrer Gemüter und die verbundene unwiderstehliche Macht
ihrer süßen Leidenschaft und ihrer Jugend ließ sie bald die Welt und ihre
Verhältnisse vergessen und wiegte sie unter dem Brautgesange des Sturms und den
Hochzeitfackeln der Blitze in den süßesten Rausch ein der je ein sterbliches
Paar beseligt haben mag Der Anbruch des lichten blauen Morgens war für sie das
Erwachen in einer neuen seligen Welt Ein Strom heißer Tränen der jedoch bald
aus den Augen der Prinzessin hervorbrach verriet ihrem Geliebten die
erwachenden tausendfachen Bekümmernisse ihres Herzens Er war in dieser Nacht um
mehrere Jahre älter aus einem Jünglinge zum Manne geworden Mit
überschwenglicher Begeisterung tröstete er seine Geliebte erinnerte sie an die
Heiligkeit der wahrhaften Liebe und an den hohen Glauben den sie einflösse und
bat sie die heiterste Zukunft von dem Schutzgeist ihres Herzens mit Zuversicht
zu erwarten Die Prinzessin fühlte die Wahrheit seines Trostes und entdeckte
ihm sie sei die Tochter des Königs und nur bange wegen des Stolzes und der
Bekümmernisse ihres Vaters Nach langen reiflichen Überlegungen wurden sie über
die zu fassende Entschließung einig und der Jüngling machte sich sofort auf den
Weg um seinen Vater aufzusuchen und diesen mit ihrem Plane bekannt zu machen
Er versprach in kurzen wieder bei ihr zu sein und verließ sie beruhigt und in
süßen Vorstellungen der künftigen Entwicklung dieser Begebenheiten Der Jüngling
hatte bald seines Vaters Wohnung erreicht und der Alte war sehr erfreut ihn
unverletzt ankommen zu sehen Er erfuhr nun die Geschichte und den Plan der
Liebenden und bezeigte sich nach einigem Nachdenken bereitwillig ihn zu
unterstützen Sein Haus lag ziemlich versteckt und hatte einige unterirdische
Zimmer die nicht leicht aufzufinden waren Hier sollte die Wohnung der
Prinzessin sein Sie ward also in der Dämmerung abgeholt und mit tiefer Rührung
von dem Alten empfangen Sie weinte nachher oft in der Einsamkeit wenn sie
ihres traurigen Vaters gedachte doch verbarg sie ihren Kummer vor ihrem
Geliebten und sagte es nur dem Alten der sie freundlich tröstete und ihr die
nahe Rückkehr zu ihrem Vater vorstellte
Unterdes war man am Hofe in große Bestürzung geraten als Abends die
Prinzessin vermisst wurde Der König war ganz außer sich und schickte überall
Leute aus sie zu suchen Kein Mensch wusste sich ihr Verschwinden zu erklären
Keinem kam ein heimliches Liebesverständniss in die Gedanken und so ahndete man
keine Entführung da ohnedies kein Mensch weiter fehlte Auch nicht zu der
entferntesten Vermutung war Grund da Die ausgeschickten Boten kamen
unverrichteter Sache zurück und der König fiel in tiefe Traurigkeit Nur wenn
Abends seine Sänger vor ihn kamen und schöne Lieder mitbrachten war es als
ließe sich die alte Freude wieder vor ihm blicken seine Tochter dünkte ihm nah
und er schöpfte Hoffnung sie bald wieder zu sehen War er aber wieder allein so
zerriss es ihm von neuem das Herz und er weinte laut Dann gedachte er bei sich
selbst Was hilft mir nun alle die Herrlichkeit und meine hohe Geburt Nun bin
ich doch elender als die andern Menschen Meine Tochter kann mir nichts
ersetzen Ohne sie sind auch die Gesänge nichts als leere Worte und Blendwerk
Sie war der Zauber der ihnen Leben und Freude Macht und Gestalt gab Wollt
ich doch lieber ich wäre der geringste meiner Diener Dann hätte ich meine
Tochter noch auch wohl einen Eydam dazu und Enkel die mir auf den Knieen
säßen dann wäre ich ein anderer König als jetzt Es ist nicht die Krone und
das Reich was einen König macht Es ist jenes volle überfliessende Gefühl der
Glückseligkeit der Sättigung mit irdischen Gütern jenes Gefühl der
überschwänglichen Gnüge So werd ich nun für meinen Übermut bestraft Der
Verlust meiner Gattin hat mich noch nicht genug erschüttert Nun hab ich auch
ein grenzenloses Elend So klagte der König in den Stunden der heißesten
Sehnsucht Zuweilen brach auch seine alte Strenge und sein Stolz wieder hervor
Er zürnte über seine Klagen wie ein König wollte er dulden und schweigen Er
meinte dann er leide mehr als alle Anderen und gehöre ein großer Schmerz zum
Königtum aber wenn es dann dämmerte und er in die Zimmer seiner Tochter trat
und sah ihre Kleider hängen und ihre kleineren Habseligkeiten stehen als habe
sie eben das Zimmer verlassen so vergaß er seine Vorsätze gebehrdete sich wie
ein trübseliger Mensch und rief seine geringsten Diener um Mitleid an Die
ganze Stadt und das ganze Land weinten und klagten von ganzem Herzen mit ihm
Sonderlich war es dass eine Sage umherging die Prinzessin lebe noch und werde
bald mit einem Gemahl wiederkommen Kein Mensch wusste woher die Sage kam aber
alles hing sich mit frohem Glauben daran und sah mit ungeduldiger Erwartung
ihrer baldigen Wiederkunft entgegen So vergingen mehrere Monden bis das
Frühjahr wieder herankam Was gilts sagten einige in wunderlichem Mute nun
kommt auch die Prinzessin wieder Selbst der König ward heiterer und
hoffnungsvoller Die Sage dünkte ihm wie die Verheißung einer gütigen Macht Die
ehemaligen Feste fingen wieder an und es schien zum völligen Aufblühen der
alten Herrlichkeit nur noch die Prinzessin zu fehlen Eines Abends da es gerade
jährig wurde dass sie verschwand war der ganze Hof im Garten versammelt Die
Luft war warm und heiter ein leiser Wind tönte nur oben in den alten Wipfeln
wie die Ankündigung eines fernen fröhlichen Zuges Ein mächtiger Springquell
stieg zwischen den vielen Fackeln mit zahllosen Lichtern hinauf in die
Dunkelheit der tönenden Wipfel und begleitete mit melodischem Plätschern die
mannichfaltigen Gesänge die unter den Bäumen hervorklangen Der König saß auf
einem köstlichen Teppich und um ihn her war der Hof in festlichen Kleidern
versammelt Eine zahlreiche Menge erfüllte den Garten und umgab das prachtvolle
Schauspiel Der König saß eben in tiefen Gedanken Das Bild seiner verlorenen
Tochter stand mit ungewöhnlicher Klarheit vor ihm er gedachte der glücklichen
Tage die um diese Zeit im vergangenen Jahre ein plötzliches Ende nahmen Eine
heiße Sehnsucht übermannte ihn und es flossen häufige Tränen von seinen
ehrwürdigen Wangen doch empfand er eine ungewöhnliche Heiterkeit Es dünkte ihm
das traurige Jahr nur ein schwerer Traum zu sein und er hob die Augen auf
gleichsam um ihre hohe heilige entzückende Gestalt unter den Menschen und den
Bäumen aufzusuchen Eben hatten die Dichter geendigt und eine tiefe Stille
schien das Zeichen der allgemeinen Rührung zu sein denn die Dichter hatten die
Freuden des Wiedersehns den Frühling und die Zukunft besungen wie sie die
Hoffnung zu schmücken pflegt
Plötzlich wurde die Stille durch leise Laute einer unbekannten schönen
Stimme unterbrochen die von einer uralten Eiche herzukommen schienen Alle
Blicke richteten sich dahin und man sah einen Jüngling in einfacher aber
fremder Tracht stehen der eine Laute im Arm hielt und ruhig in seinem Gesange
fortfuhr indem er jedoch wie der König seinen Blick nach ihm wandte eine
tiefe Verbeugung machte Die Stimme war außerordentlich schön und der Gesang
trug ein fremdes wunderbares Gepräge Er handelte von dem Ursprunge der Welt
von der Entstehung der Gestirne der Pflanzen Tiere und Menschen von der
allmächtigen Sympatie der Natur, von der uralten goldenen Zeit und ihren
Beherrscherinnen der Liebe und Poesie von der Erscheinung des Hasses und der
Barbarei und ihren Kämpfen mit jenen wohltätigen Göttinnen und endlich von dem
zukünftigen Triumph der letztern dem Ende der Trübsale der Verjüngung der
Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeitalters Die alten Dichter
traten selbst von Begeisterung hingerissen während des Gesanges näher um den
seltsamen Fremdling her Ein niegefühltes Entzücken ergriff die Zuschauer und
der König selbst fühlte sich wie auf einem Strom des Himmels weggetragen Ein
solcher Gesang war nie vernommen worden und Alle glaubten ein himmlisches
Wesen sei unter ihnen erschienen besonders da der Jüngling unterm Singen immer
schöner immer herrlicher und seine Stimme immer gewaltiger zu werden schien
Die Luft spielte mit seinen goldenen Locken Die Laute schien sich unter seinen
Händen zu beseelen und sein Blick schien trunken in eine geheimere Welt hinüber
zu schauen Auch die Kinderunschuld und Einfalt seines Gesichts schien allen
übernatürlich Nun war der herrliche Gesang geendigt Die bejahrten Dichter
drückten den Jüngling mit Freudentränen an ihre Brust Ein stilles inniges
Jauchzen ging durch die Versammlung Der König kam gerührt auf ihn zu Der
Jüngling warf sich ihm bescheiden zu Füßen Der König hob ihn auf umarmte ihn
herzlich und hieß ihn sich eine Gabe ausbitten Da bat er mit glühenden Wangen
den König noch ein Lied gnädig anzuhören und dann über seine Bitte zu
entscheiden Der König trat einige Schritte zurück und der Fremdling fing an
Der Sänger geht auf rauen Pfaden
Zerreisst in Dornen sein Gewand
Er muss durch Fluss und Sümpfe baden
Und keins reicht hilfreich ihm die Hand
Einsam und pfadlos fließt in Klagen
Jetzt über sein ermattet Herz
Er kann die Laute kaum noch tragen
Ihn übermannt ein tiefer Schmerz
Ein traurig Loos ward mir beschieden
Ich irre ganz verlassen hier
Ich brachte Allen Lust und Frieden
Doch keiner teilte sie mit mir
Es wird ein jeder seiner Habe
Und seines Lebens froh durch mich
Doch weisen sie mit karger Gabe
Des Herzens Forderung von sich
Man lässt mich ruhig Abschied nehmen
Wie man den Frühling wandern sieht
Es wird sich keiner um ihn grämen
Wenn er betrübt von dannen zieht
Verlangend sehen sie nach den Früchten
Und wissen nicht dass er sie sät
Ich kann den Himmel für sie dichten
Doch meiner denkt nicht Ein Gebet
Ich fühle dankbar Zaubermächte
An diese Lippen festgebannt
O knüpfte nur an meine Rechte
Sich auch der Liebe Zauberband
Es kümmert keine sich des Armen
Der dürftig aus der Ferne kam
Welch Herz wird Sein sich noch erbarmen
Und lösen seinen tiefen Gram
Er sinkt im hohen Grase nieder
Und schläft mit nassen Wangen ein
Da schwebt der hohe Geist der Lieder
In die beklemmte Brust hinein
Vergiss anjetzt was du gelitten
In Kurzem schwindet deine Last
Was du umsonst gesucht in Hütten
Das wirst du finden im Palast
Du nahst dem höchsten Erdenlohne
Bald endigt der verschlungne Lauf
Der Myrtenkranz wird eine Krone
Dir setzt die treuste Hand sie auf
Ein Herz voll Einklang ist berufen
Zur Glorie um einen Thron
Der Dichter steigt auf rauen Stufen
Hinan und wird des Königs Sohn
So weit war er in seinem Gesange gekommen und ein sonderbares Erstaunen hatte
sich der Versammlung bemächtigt als während dieser Strophen ein alter Mann mit
einer verschleierten weiblichen Gestalt von edlem Wuchse die ein wunderschönes
Kind auf dem Arme trug das freundlich in der fremden Versammlung umhersah und
lächelnd nach dem blitzenden Diadem des Königs die kleinen Händchen streckte
zum Vorschein kamen und sich hinter den Sänger stellten aber das Staunen
wuchs als plötzlich aus den Gipfeln der alten Bäume der Lieblingsadler des
Königs den er immer um sich hatte mit einer goldenen Stirnbinde die er aus
seinen Zimmern entwandt haben musste herabflog und sich auf das Haupt des
Jünglings niederließ so dass die Binde sich um seine Locken schlug Der
Fremdling erschrak einen Augenblick der Adler flog an die Seite des Königs und
ließ die Binde zurück Der Jüngling reichte sie dem Kinde das danach
verlangte ließ sich auf ein Knie gegen den König nieder und fuhr in seinem
Gesange mit bewegter Stimme fort
Der Sänger fährt aus schönen Träumen
Mit froher Ungeduld empor
Er wandelt unter hohen Bäumen
Zu des Pallastes ehrnem Tor
Die Mauern sind wie Stahl geschliffen
Doch sie erklimmt sein Lied geschwind
Es steigt von Lieb und Weh ergriffen
Zu ihm hinab des Königs Kind
Die Liebe drückt sie fest zusammen
Der Klang der Panzer treibt sie fort
Sie lodern auf in süßen Flammen
Im nächtlich stillen Zufluchtsort
Sie halten furchtsam sich verborgen
Weil sie der Zorn des Königs schreckt
Und werden nun von jedem Morgen
Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt
Der Sänger spricht mit sanften Klängen
Der neuen Mutter Hoffnung ein
Da tritt gelockt von den Gesängen
Der König in die Kluft hinein
Die Tochter reicht in goldnen Locken
Den Enkel von der Brust ihm hin
Sie sinken reuig und erschrocken
Und mild zergeht sein strenger Sinn
Der Liebe weicht und dem Gesange
Auch auf dem Thron ein Vaterherz
Und wandelt bald in süßem Drange
Zu ewger Lust den tiefen Schmerz
Die Liebe gibt was sie entrissen
Mit reichem Wucher bald zurück
Und unter den Versöhnungsküssen
Entfaltet sich ein himmlisch Glück
Geist des Gesangs komm du hernieder
Und steh auch jetzt der Liebe bei
Bring die verlorne Tochter wieder
Dass ihr der König Vater sei
Dass er mit Freuden sie umschliesset
Und seines Enkels sich erbarmt
Und wenn das Herz ihm überfliesset
Den Sänger auch als Sohn umarmt
Der Jüngling hob mit bebender Hand bei diesen Worten die sanft in den dunklen
Gängen verhallten den Schleier Die Prinzessin fiel mit einem Strom von Tränen
zu den Füßen des Königs und hielt ihm das schöne Kind hin Der Sänger kniete
mit gebeugtem Haupte an ihrer Seite Eine ängstliche Stille schien jeden Atem
festzuhalten Der König war einige Augenblicke sprachlos und ernst dann zog er
die Prinzessin an seine Brust drückte sie lange fest an sich und weinte laut
Er hob nun auch den Jüngling zu sich auf und umschloss ihn mit herzlicher
Zärtlichkeit Ein helles Jauchzen flog durch die Versammlung die sich dicht
zudrängte Der König nahm das Kind und reichte es mit rührender Andacht gen
Himmel dann begrüßte er freundlich den Alten Unendliche Freudentränen
flossen In Gesänge brachen die Dichter aus und der Abend ward ein heiliger
Vorabend dem ganzen Lande dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war Kein
Mensch weiß wo das Land hingekommen ist Nur in Sagen heißt es dass Atlantis
von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sei
Viertes Kapitel
Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt Der Weg war
fest und trocken die Witterung erquickend und heiter und die Gegenden durch
die sie kamen fruchtbar bewohnt und mannichfaltig Der furchtbare Thüringer
Wald lag im Rücken die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht waren überall
mit den Leuten bekannt und erfuhren die gastfreiste Aufnahme Sie vermieden die
abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden und nahmen wenn sie ja
gezwungen waren solche zu durchreisen ein hinlängliches Geleite mit Einige
Besitzer benachbarter Bergschlösser standen mit den Kaufleuten in gutem
Vernehmen Sie wurden besucht und bei ihnen nachgefragt ob sie Bestellungen
nach Augsburg zu machen hätten Eine freundliche Bewirtung ward ihnen zu Teil
und die Frauen und Töchter drängten sich mit herzlicher Neugier um die
Fremdlinge Heinrichs Mutter gewann sie bald durch ihre gutmütige
Bereitwilligkeit und Teilnahme Man war erfreut eine Frau aus der Residenzstadt
zu sehen die eben so willig die Neuigkeiten der Mode als die Zubereitung
einiger schmackhafter Schüsseln mitteilte Der junge Ofterdingen ward von
Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden
Betragens gepriesen und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden
Gestalt die wie das einfache Wort eines Unbekannten war das man fast überhört
bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr
auftut und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze
dichtverschlungener Blätter zeigt so dass man es nie vergisst nicht müde wird es
zu wiederholen und einen unversieglichen immer gegenwärtigen Schatz daran hat
Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten und ahndet und ahndet bis es
auf einmal klar wird dass es ein Bewohner der höheren Welt gewesen sei Die
Kaufleute erhielten eine große Menge Bestellungen und man trennte sich
gegenseitig mit herzlichen Wünschen einander bald wieder zu sehen Auf einem
dieser Schlösser wo sie gegen Abend hinkamen ging es frölich zu Der Herr des
Schlosses war ein alter Kriegsmann der die Musse des Friedens und die
Einsamkeit seines Aufenthalt mit öfteren Gelagen feierte und unterbrach und
außer dem Kriegsgetümmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte als den
gefüllten Becher
Er empfing die Ankommenden mit brüderlicher Herzlichkeit mitten unter
lärmenden Genossen Die Mutter ward zur Hausfrau geführt Die Kaufleute und
Heinrich mussten sich an die lustige Tafel setzen wo der Becher tapfer
umherging Heinrichen ward auf vieles Bitten in Rücksicht seiner Jugend das
jedesmalige Bescheidtun erlassen dagegen die Kaufleute sich nicht faul finden
sondern sich den alten Frankenwein tapfer schmecken ließ Das Gespräch lief
über ehmalige Kriegsabenteuer hin Heinrich hörte mit großer Aufmerksamkeit den
neuen Erzählungen zu Die Ritter sprachen vom heiligen Lande von den Wundern
des heiligen Grabes von den Abenteuern ihres Zuges und ihrer Seefahrt von
den Sarazenen in deren Gewalt einige geraten gewesen waren und dem frölichen
und wunderbaren Leben im Felde und im Lager Sie äußerten mit großer
Lebhaftigkeit ihren Unwillen jene himmlische Geburtsstätte der Christenheit noch
im frevelhaften Besitz der Ungläubigkeit zu wissen Sie erhoben die großen
Helden die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres unermüdliches Bezeigen
gegen dieses ruchlose Volk erworben hätten Der Schlossherr zeigte das kostbare
Schwert was er einem Anführer derselben mit eigener Hand abgenommen nachdem er
sein Kastell erobert ihn getötet und seine Frau und Kinder zu Gefangenen
gemacht welches ihm der Kayser in seinem Wappen zu führen vergönnet hatte Alle
besahen das prächtige Schwert auch Heinrich nahm es in seine Hand und fühlte
sich von einer kriegerischen Begeisterung ergriffen Er küsste es mit
inbrünstiger Andacht Die Ritter freuten sich über seinen Anteil Der Alte
umarmte ihn und munterte ihn auf auch seine Hand auf ewig der Befreiung des
heiligen Grabes zu widmen und das wundertätige Kreuz auf seine Schultern
befestigen zu lassen Er war überrascht und seine Hand schien sich nicht von
dem Schwerdte losmachen zu können Besinne dich mein Sohn rief der alte
Ritter Ein neuer Kreuzzug ist vor der Tür Der Kayser selbst wird unsere
Schaaren in das Morgenland führen Durch ganz Europa schallt von neuem der Ruf
des Kreuzes und heldenmütige Andacht regt sich aller Orten Wer weiß ob wir
nicht übers Jahr in der großen welterrlichen Stadt Jerusalem als frohe Sieger
bei einander sitzen und uns bei vaterländischem Wein an unsere Heimat
erinnern Du kannst auch bei mir ein morgenländisches Mädgen sehen Sie dünken
uns Abendländern gar anmutig und wenn du das Schwert gut zu führen verstehst
so kann es dir an schönen Gefangenen nicht fehlen Die Ritter sangen mit lauter
Stimme den Kreuzgesang der damals in ganz Europa gesungen wurde
Das Grab steht unter wilden Heiden
Das Grab worin der Heiland lag
Muss Frevel und Verspottung leiden
Und wird enteiligt jeden Tag
Es klagt heraus mit dumpfer Stimme
Wer rettet mich von diesem Grimme
Wo bleiben seine Heldenjünger
Verschwunden ist die Christenheit
Wer ist des Glaubens Wiederbringer
Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit
Wer bricht die schimpflichsten der Ketten
Und wird das heilge Grab erretten
Gewaltig geht auf Land und Meeren
In tiefer Nacht ein heilger Sturm
Die trägen Schläfen aufzustören
Umbraust er Lager Stadt und Turm
Ein Klaggeschrei um alle Zinnen
Auf träge Christen zieht von hinnen
Es lassen Engel aller Orten
Mit ernstem Antlitz stumm sich sehen
Und Pilger sieht man vor den Pforten
Mit kummervollen Wangen stehen
Sie klagen mit den bängsten Tönen
Die Grausamkeit der Sarazenen
Es bricht ein Morgen rot und trübe
Im weiten Land der Christen an
Der Schmerz der Wehmut und der Liebe
Verkündet sich bei Jedermann
Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerdte
Und zieht entflammt von seinem Heerde
Ein Feuereifer tobt im Heere
Das Grab des Heilands zu befrein
Sie eilen frölich nach dem Meere
Um bald auf heilgem Grund zu sein
Auch Kinder kommen noch gelaufen
Und mehren den geweihten Haufen
Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere
Und alte Helden stehen voran
Des Paradieses selge Türe
Wird frommen Kriegern aufgetan
Ein jeder will das Glück genießen
Sein Blut für Christus zu vergießen
Zum Kampf ihr Christen Gottes Schaaren
Ziehn mit in das gelobte Land
Bald wird der Heiden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand
Wir waschen bald in frohem Mute
Das heilige Grab mit Heidenblute
Die heilge Jungfrau schwebt getragen
Von Engeln ob der wilden Schlacht
Wo jeder den das Schwert geschlagen
In ihrem Mutterarm erwacht
Sie neigt sich mit verklärter Wange
Herunter zu dem Waffenklange
Hinüber zu der heilgen Stätte
Des Grabes dumpfe Stimme tönt
Bald wird mit Sieg und mit Gebete
Die Schuld der Christenheit versöhnt
Das Reich der Heiden wird sich enden
Ist erst das Grab in unsern Händen
Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr das Grab kam ihm wie eine bleiche edle
jugendliche Gestalt vor die auf einem großen Stein mitten unter wildem Pöbel
säße und auf eine entsetzliche Weise gemisshandelt würde als wenn sie mit
kummervollen Gesichte nach einem Kreuze blicke was im Hintergrunde mit lichten
Zügen schimmerte und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich
vervielfältigte
Seine Mutter schickt eben herüber um ihn zu holen und der Hausfrau des
Ritters vorzustellen Die Ritter waren in ihr Gelag und ihre Vorstellungen des
bevorstehenden Zuges vertieft und bemerkten nicht dass Heinrich sich entfernte
Er fand seine Mutter in traulichem Gespräch mit der alten gutmütigen Frau des
Schlosses die ihn freundlich bewillkommte Der Abend war heiter die Sonne
begann sich zu neigen und Heinrich der sich nach Einsamkeit sehnte und von
der goldenen Ferne gelockt wurde die durch die engen tiefen Bogenfenster in
das düstere Gemach hineintrat erhielt leicht die Erlaubnis sich außerhalb des
Schlosses besehen zu dürfen Er eilte ins Freie sein ganzes Gemüt war rege er
sah von der Höhe des alten Felsen zunächst in das waldige Tal durch das ein
Bach herunterstürzte und einige Mühlen trieb deren Geräusch man kaum aus der
gewaltigen Tiefe vernehmen konnte und dann in eine unabsehliche Ferne von
Bergen Wäldern und Niederungen und seine innere Unruhe wurde besänftigt Das
kriegerische Getümmel verlor sich und es blieb nur eine klare bilderreiche
Sehnsucht zurück Er fühlte dass ihm eine Laute mangelte so wenig er auch
wusste wie sie eigentlich gebaut sei und welche Wirkung sie hervorbringe Das
heitere Schauspiel des herrlichen Abends wiegte ihn in sanfte Fantasieen die
Blume seines Herzens ließ sich zuweilen wie ein Wetterleuchten in ihm sehen
Er schweifte durch das wilde Gebüsch und kletterte über bemooste Felsenstücke
als auf einmal aus einer nahen Tiefe ein zarter eindringender Gesang einer
weiblichen Stimme von wunderbaren Tönen begleitet erwachte Es war ihm gewiss
dass es eine Laute sei er blieb verwunderungsvoll stehen und hörte in
gebrochner deutscher Aussprache folgendes Lied
Bricht das matte Herz noch immer
Unter fremdem Himmel nicht
Kommt der Hoffnung bleicher Schimmer
Immer mir noch zu Gesicht
Kann ich wohl noch Rückkehr wähnen
Stromweis stürzen meine Tränen
Bis mein Herz in Kummer bricht
Könnt ich dir die Myrten zeigen
Und der Zeder dunkles Haar
Führen dich zum frohen Reigen
Der geschwisterlichen Schaar
Sähst du im gestickten Kleide
Stolz im köstlichen Geschmeide
Deine Freundin wie sie war
Edle Jünglinge verneigen
Sich mit heißem Blick vor ihr
Zärtliche Gesänge steigen
Mit dem Abendstern zu mir
Dem Geliebten darf man trauen
Ewge Lieb und Treu den Frauen
Ist der Männer Losung hier
Hier wo um krystallne Quellen
Liebend sich der Himmel legt
Und mit heißen Balsamwellen
Um den Hayn zusammenschlägt
Der in seinen Lustgebieten
Unter Früchten unter Blüten
Tausend bunte Sänger hegt
Fern sind jene Jugendträume
Abwärts liegt das Vaterland
Längst gefällt sind jene Bäume
Und das alte Schloss verbrannt
Fürchterlich wie Meereswogen
Kam ein raues Heer gezogen
Und das Paradies verschwand
Fürchterliche Gluten flossen
In die blaue Luft empor
Und es drang auf stolzen Rossen
Eine wilde Schaar ins Tor
Säbel klirrten unsre Brüder
Unser Vater kam nicht wieder
Und man riss uns wild hervor
Meine Augen wurden trübe
Fernes mütterliches Land
Ach sie bleiben dir voll Liebe
Und voll Sehnsucht zugewandt
Wäre nicht dies Kind vorhanden
Längst hätt ich des Lebens Banden
Aufgelöst mit kühner Hand
Heinrich hörte das Schluchzen eines Kindes und eine tröstende Stimme Er stieg
tiefer durch das Gebüsch hinab und fand ein bleiches abgehärmtes Mädchen unter
einer alten Eiche sitzen Ein schönes Kind hing weinend an ihrem Halse auch
ihre Tränen flossen und eine Laute lag neben ihr auf dem Rasen Sie erschrack
ein wenig als sie den fremden Jüngling erblickte der mit wehmütigem Gesicht
sich ihr näherte
Ihr habt wohl meinen Gesang gehört sagte sie freundlich Euer Gesicht dünkt
mir bekannt lasst mich besinnen Mein Gedächtnis ist schwach geworden aber
euer Anblick erweckt in mir eine sonderbare Erinnerung aus frohen Zeiten O mir
ist als glicht ihr einem meiner Brüder der noch vor unserm Unglück von uns
schied und nach Persien zu einem berühmten Dichter zog Vielleicht lebt er
noch und besingt traurig das Unglück seiner Geschwister Wüsst ich nur noch
einige seiner herrlichen Lieder die er uns hinterließ Er war edel und
zärtlich und kannte kein größeres Glück als seine Laute Das Kind war ein
Mädchen von zehn bis zwölf Jahren das den fremden Jüngling aufmerksam
betrachtete und sich fest an den Busen der unglücklichen Zulima schmiegte
Heinrichs Herz war von Mitleid durchdrungen er tröstete die Sängerin mit
freundlichen Worten und bat sie ihm umständlicher ihre Geschichte zu erzählen
Sie schien es nicht ungern zu tun Heinrich setzte sich ihr gegenüber und
vernahm ihre von häufigen Tränen unterbrochne Erzählung Vorzüglich hielt sie
sich bei dem Lobe ihrer Landsleute und ihres Vaterlandes auf Sie schilderte den
Edelmut derselben und ihre reine starke Empfänglichkeit für die Poesie des
Lebens und die wunderbare geheimnisvolle Anmut der Natur. Sie beschrieb die
romantischen Schönheiten der fruchtbaren Arabischen Gegenden die wie glückliche
Inseln in unwegsamen Sandwüsteneien lägen wie Zufluchtsstätte der Bedrängten
und Ruhebedürftigen wie Kolonien des Paradieses voll frischer Quellen die
über dichten Rasen und funkelnde Steine durch alte ehrwürdige Haine rieselten
voll bunter Vögel mit melodischen Kehlen und anziehend durch mannichfaltige
Überbleibsel ehemaliger denkwürdiger Zeiten Ihr würdet mit Verwunderung sagte
sie die buntfarbigen hellen seltsamen Züge und Bilder auf den alten
Steinplatten sehen Sie scheinen so bekannt und nicht ohne Ursach so wohl
erhalten zu sein Man sinnt und sinnt einzelne Bedeutungen ahnt man und wird
um so begieriger den tiefsinnigen Zusammenhang dieser uralten Schrift zu
erraten Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewöhnliches Nachdenken
und wenn man auch ohne den gewünschten Fund von dannen geht so hat man doch
tausend merkwürdige Entdeckungen in sich selbst gemacht die dem Leben einen
neuen Glanz und dem Gemüt eine lange belohnende Beschäftigung geben Das Leben
auf einem längst bewohnten und ehemals schon durch Fleiß Tätigkeit und Neigung
verherrlichten Boden hat einen besonderen Reiz Die Natur scheint dort
menschlicher und verständlicher geworden eine dunkle Erinnerung unter der
durchsichtigen Gegenwart wirft die Bilder der Welt mit scharfen Umrissen zurück
und so genießt man eine doppelte Welt die eben dadurch das Schwere und
Gewaltsame verliert und die zauberische Dichtung und Fabel unserer Sinne wird
Wer weiß ob nicht auch ein unbegreiflicher Einfluss der ehemaligen jetzt
unsichtbaren Bewohner mit ins Spiel kommt und vielleicht ist es dieser dunkle
Zug der die Menschen aus neuen Gegenden sobald eine gewisse Zeit ihres
Erwachens kommt mit so zerstörender Ungeduld nach der alten Heimat ihres
Geschlechts treibt und sie Gut und Blut an den Besitz dieser Länder zu wagen
anregt Nach einer Pause fuhr sie fort Glaubt ja nicht was man euch von den
Grausamkeiten meiner Landsleute erzählt hat Nirgends wurden Gefangene
großmütiger behandelt und auch eure Pilger nach Jerusalem wurden mit
Gastfreundschaft aufgenommen nur dass sie selten derselben wert waren Die
Meisten waren nichtsnutzige böse Menschen die ihre Wallfahrten mit
Bubenstücken bezeichneten und dadurch freilich oft gerechter Rache in die Hände
fielen Wie ruhig hatten die Christen das heilige Grab besuchen können ohne
nötig zu haben einen fürchterlichen unnützen Krieg anzufangen der alles
erbittert unendliches Elend verbreitet und auf immer das Morgenland von Europa
getrennt hat Was lag an dem Namen des Besitzers Unsere Fürsten ehrten
andachtsvoll das Grab eures Heiligen den auch wir für einen göttlichen Profeten
halten und wie schön hätte sein heiliges Grab die Wiege eines glücklichen
Einverständnisses der Anlass ewiger wohltätiger Bündnisse werden können!
Der Abend war unter ihren Gesprächen herbeigekommen Es fing an Nacht zu
werden und der Mond hob sich aus dem feuchten Walde mit beruhigendem Glanze
herauf Sie stiegen langsam nach dem Schloss Heinrich war voll Gedanken die
kriegerische Begeisterung war gänzlich verschwunden Er merkte eine wunderliche
Verwirrung in der Welt der Mond zeigte ihm das Bild eines tröstenden Zuschauers
und erhob ihn über die Unebenheiten der Erdoberfläche die in der Höhe so
unbeträchtlich erschienen so wild und unersteiglich sie auch dem Wanderer
vorkamen Zulima ging still neben ihm her und führte das Kind Heinrich trug
die Laute Er suchte die sinkende Hoffnung seiner Begleiterinn ihr Vaterland
dereinst wieder zu sehen zu beleben indem er innerlich einen heftigen Beruf
fühlte ihr Retter zu sein ohne zu wissen auf welche Art es geschehen könne
Eine besondere Kraft schien in seinen einfachen Worten zu liegen denn Zulima
empfand eine ungewohnte Beruhigung und dankte ihm für seine Zusprache auf die
rührendste Weise Die Ritter waren noch bei ihren Bechern und die Mutter in
häuslichen Gesprächen Heinrich hatte keine Lust in den lärmenden Saal
zurückzugehn Er fühlte sich müde und begab sich bald mit seiner Mutter in das
angewiesene Schlafgemach Er erzählte ihr vor dem Schlafengehn was ihm begegnet
sei und schlief bald zu unterhaltenden Träumen ein Die Kaufleute hatten sich
auch zeitig fortbegeben und waren früh wieder munter Die Ritter lagen in
tiefer Ruhe als sie abreisten die Hausfrau aber nahm zärtlichen Abschied
Zulima hatte wenig geschlafen eine innere Freude hatte sie wach erhalten sie
erschien beim Abschiede und bediente die Reisenden demütig und emsig Als sie
Abschied nahmen brachte sie mit vielen Tränen ihre Laute zu Heinrich und bat
mit rührender Stimme sie zu Zulimas Andenken mitzunehmen Es war meines Bruders
Laute sagte sie der sie mir beim Abschied schenkte es ist das einzige
Besitztum was ich gerettet habe Sie schien euch gestern zu gefallen und ihr
lasst mir ein unschätzbares Geschenk zurück süße Hoffnung Nehmt dieses geringe
Zeichen meiner Dankbarkeit und lasst es ein Pfand eures Andenkens an die arme
Zulima sein Wir werden uns gewiss wiedersehen und dann bin ich vielleicht
glücklicher Heinrich weinte er weigerte sich diese ihr so unentbehrliche
Laute anzunehmen gebt mir sagte er das goldene Band mit den unbekannten
Buchstaben aus euren Haaren wenn es nicht ein Andenken eurer Eltern oder
Geschwister ist und nehmt dagegen einen Schleier an den mir meine Mutter gern
abtreten wird Sie wich endlich seinem Zureden und gab ihm das Band indem sie
sagte Es ist mein Name in den Buchstaben meiner Muttersprache den ich in
bessern Zeiten selbst in dieses Band gestickt habe Betrachtet es gern und
denkt dass es eine lange kummervolle Zeit meine Haare festgehalten hat und mit
seiner Besitzerin verbleicht ist Heinrichs Mutter zog den Schleier heraus und
reichte ihr ihn hin indem sie sie an sich zog und weinend umarmte
Fünftes Kapitel
Nach einigen Tagereisen kamen sie an ein Dorf am Fuße einiger spitzen Hügel
die von tiefen Schluchten unterbrochen waren Die Gegend war übrigens fruchtbar
und angenehm ungeachtet die Rücken der Hügel ein todtes abschreckendes Ansehen
hatten Das Wirtshaus war reinlich die Leute bereitwillig und eine Menge
Menschen teils Reisende teils bloße Trinkgäste saßen in der Stube und
unterhielten sich von allerhand Dingen
Unsre Reisenden gesellten sich zu ihnen und mischten sich in die Gespräche
Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war vorzüglich auf einen alten Mann
gerichtet der in fremder Tracht an einem Tische saß und freundlich die
neugierigen Fragen beantwortete die an ihn geschahen Er kam aus fremden
Landen hatte sich heute früh die Gegend umher genau betrachtet und erzählte
nun von seinem Gewerbe und seinen heutigen Entdeckungen Die Leute nannten ihn
einen Schatzgräber Er sprach aber sehr bescheiden von seinen Kenntnissen und
seiner Macht doch trugen seine Erzählungen das Gepräge der Seltsamkeit und
Neuheit Er erzählte dass er aus Böhmen gebürtig sei Von Jugend auf habe er
eine heftige Neugierde gehabt zu wissen was in den Bergen verborgen sein müsse
wo das Wasser in den Quellen herkomme und wo das Gold und Silber und die
köstlichen Steine gefunden würden die den Menschen so unwiderstehlich an sich
zögen Er habe in der nahen Klosterkirche oft diese festen Lichter an den
Bildern und Reliquien betrachtet und nur gewünscht dass sie zu ihm reden
könnten um ihm von ihrer geheimnisvollen Herkunft zu erzählen Er habe wohl
zuweilen gehört dass sie aus weit entlegenen Ländern kämen doch habe er immer
gedacht warum es nicht auch in diesen Gegenden solche Schätze und Kleinodien
geben könne Die Berge seien doch nicht umsonst so weit im Umfange und erhaben
und so fest verwahrt auch habe es ihm verdünkt wie wenn er zuweilen auf den
Gebirgen glänzende und flimmernde Steine gefunden hätte Er sei fleißig in den
Felsenritzen und Höhlen umhergeklettert und habe sich mit unaussprechlichem
Vergnügen in diesen uralten Hallen und Gewölben umgesehn Endlich sei ihm
einmal ein Reisender begegnet der zu ihm gesagt er müsse ein Bergmann werden
da könne er die Befriedigung seiner Neugier finden In Böhmen gäbe es Bergwerke
Er solle nur immer an dem Fluße hinuntergehn nach zehn bis zwölf Tagen werde
er in Eula sein und dort dürfe er nur sprechen dass er gern ein Bergmann werden
wolle Er habe sich dies nicht zweimal sagen lassen und sich gleich den andern
Tag auf den Weg gemacht Nach einem beschwerlichen Gange von mehreren Tagen
fuhr er fort kam ich nach Eula Ich kann euch nicht sagen wie herrlich mir zu
Mute ward als ich von einem Hügel die Haufen von Steinen erblickte die mit
grünen Gebüschen durchwachsen waren auf denen breterne Hütten standen und als
ich aus dem Tal unten die Rauchwolken über den Wald heraufziehn sah Ein fernes
Getöse vermehrte meine Erwartungen und mit unglaublicher Neugierde und voll
stiller Andacht stand ich bald auf einem solchen Haufen den man Halde nennt
vor den dunklen Tiefen die im Innern der Hütten steil in den Berg
hineinführten Ich eilte nach dem Tale und begegnete bald einigen
schwarzgekleideten Männern mit Lampen die ich nicht mit Unecht für Bergleute
hielt und mit schüchterner Ängstlichkeit ihnen mein Anliegen vortrug Sie
hörten mich freundlich an und sagten mir dass ich nur hinunter nach den
Schmelzhütten gehen und nach dem Steiger fragen sollte welcher den Anführer und
Meister unter ihnen vorstellt dieser werde mir Bescheid geben ob ich
angenommen werden möge Sie meinten dass ich meinen Wunsch wohl erreichen würde
und lehrten mich den üblichen Gruß »Glück auf« womit ich den Steiger anreden
sollte Voll fröhlicher Erwartungen setzte ich meinen Weg fort und konnte nicht
aufhören den neuen bedeutungsvollen Gruß mir beständig zu wiederholen Ich fand
einen alten ehrwürdigen Mann der mich mit vieler Freundlichkeit empfing und
nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt und ihm meine große Lust seine
seltene geheimnisvolle Kunst zu erlernen bezeugt hatte bereitwillig versprach
mir meinen Wunsch zu gewähren Ich schien ihm zu gefallen und er behielt mich
in seinem Hause Den Augenblick konnte ich kaum erwarten wo ich in die Grube
fahren und mich in der reitzenden Tracht sehen würde Noch denselben Abend
brachte er mir ein Grubenkleid und erklärte mir den Gebrauch einiger Werkzeuge
die in einer Kammer aufbewahrt waren
Abends kamen Bergleute zu ihm und ich verfehlte kein Wort von ihren
Gesprächen so unverständlich und fremd mir sowohl die Sprache als der größte
Teil des Inhalts ihrer Erzählungen vorkam Das Wenige jedoch was ich zu
begreifen glaubte erhöhte die Lebhaftigkeit meiner Neugierde und beschäftigte
mich des Nachts in seltsamen Träumen Ich erwachte bei Zeiten und fand mich bei
meinem neuen Wirte ein bei dem sich allmählich die Bergleute versammelten um
seine Verordnungen zu vernehmen Eine Nebenstube war zu einer kleinen Kapelle
vorgerichtet Ein Mönch erschien und las eine Messe nachher sprach er ein
feierliches Gebet worin er den Himmel anrief die Bergleute in seine heilige
Obhut zu nehmen sie bei ihren gefährlichen Arbeiten zu unterstützen vor
Anfechtungen und Tücken böser Geister sie zu schützen und ihnen reiche Anbrüche
zu bescheeren Ich hatte nie mit mehr Inbrunst gebetet und nie die hohe
Bedeutung der Messe lebhafter empfunden Meine künftigen Genossen kamen mir wie
unterirdische Helden vor die tausend Gefahren zu überwinden hätten aber auch
ein beneidenswertes Glück an ihren wunderbaren Kenntnissen besässen und in dem
ernsten stillen Umgange mit den uralten Felsensöhnen der Natur, in ihren
dunkeln wunderbaren Kammern zum Empfängnis himmlischer Gaben und zur freudigen
Erhebung über die Welt und ihre Bedrängnisse ausgerüstet würden Der Steiger gab
mir nach geendigtem Gottesdienst eine Lampe und ein kleines hölzernes Krucifix
und ging mit mir nach dem Schachte wie wir die schroffen Eingänge in die
unterirdischen Gebäude zu nennen pflegen Er lehrte mich die Art des
Hinabsteigens machte mich mit den notwendigen Vorsichtigkeitsregeln so wie
mit den Namen der mannichfaltigen Gegenstände und Teile bekannt Er fuhr
voraus und schurrte auf dem runden Balken hinunter indem er sich mit der einen
Hand an einem Seil anhielt das in einem Knoten an einer Seitenstange
fortglitschte und mit der andern die brennende Lampe trug ich folgte seinem
Beispiel und wir gelangten so mit ziemlicher Schnelle bald in eine
beträchtliche Tiefe Mir war seltsam feierlich zu Mute und das vordere Licht
funkelte wie ein glücklicher Stern der mir den Weg zu den verborgenen
Schatzkammern der Natur zeigte Wir kamen unten in einen Irrgarten von Gängen
und mein freundlicher Meister ward nicht müde meine neugierigen Fragen zu
beantworten und mich über seine Kunst zu unterrichten Das Rauschen des
Wassers die Entfernung von der bewohnten Oberfläche die Dunkelheit und
Verschlungenheit der Gänge und das entfernte Geräusch der arbeitenden Bergleute
ergötzte mich ungemein und ich fühlte nun mit Freuden mich im vollen Besitz
dessen was von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen war Es lässt sich auch
diese volle Befriedigung eines angeborenen Wunsches diese wundersame Freude an
Dingen die ein näheres Verhältnis zu unserm geheimen Dasein haben mögen zu
Beschäftigungen für die man von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist
nicht erklären und beschreiben Vielleicht dass sie jedem Andern gemein
unbedeutend und abschreckend vorgekommen wären aber mir scheinen sie so
unentbehrlich zu sein wie die Luft der Brust und die Speise dem Magen Mein
alter Meister freute sich über meine innige Lust und verhieß mir dass ich bei
diesem Fleiße und dieser Aufmerksamkeit es weit bringen und ein tüchtiger
Bergmann werden würde Mit welcher Andacht sah ich zum erstenmal in meinem Leben
am sechzehnten März vor nunmehr fünf und vierzig Jahren den König der Metalle
in zarten Blättchen zwischen den Spalten des Gesteins Es kam mir vor als sei
er hier wie in festen Gefängnissen eingesperrt und glänze freundlich dem
Bergmann entgegen der mit soviel Gefahren und Mühseligkeiten sich den Weg zu
ihm durch die starken Mauern gebrochen um ihn an das Licht des Tages zu
fördern damit er an königlichen Kronen und Gefässen und an heiligen Reliquien zu
Ehren gelangen und in geachteten und wohlverwahrten Münzen mit Bildnissen
geziert die Welt beherrschen und leiten möge Von der Zeit an blieb ich in
Eula und stieg allmählich bis zum Häuer welches der eigentliche Bergmann ist
der die Arbeiten auf dem Gestein betreibt nachdem ich anfänglich bei der
Ausförderung der losgehauenen Stufen in Körben angestellt gewesen war
Der alte Bergmann ruhte ein wenig von seiner Erzählung aus und trank indem
ihm seine aufmerksamen Zuhörer ein fröliches Glückauf zubrachten Heinrichen
erfreuten die Reden des alten Mannes ungemein und er war sehr geneigt noch mehr
von ihm zu hören
Die Zuhörer unterhielten sich von den Gefahren und Seltsamkeiten des
Bergbaus und erzählten wunderbare Sagen über die der Alte oft lächelte und
freundlich ihre sonderbaren Vorstellungen zu berichtigen bemüht war
Nach einer Weile sagte Heinrich Ihr mögt seitdem viel seltsame Dinge gesehen
und erfahren haben hoffentlich hat euch nie eure gewählte Lebensart gereut
Wärt ihr nicht so gefällig und erzähltet uns wie es euch seit dem ergangen und
auf welcher Reise ihr jetzt begriffen seid Es scheint als hättet ihr euch
weiter in der Welt umgesehn und gewiss darf ich vermuten dass ihr jetzt mehr
als einen gemeinen Bergmann vorstellt Es ist mir selber lieb sagte der Alte
mich der verflossenen Zeiten zu erinnern in denen ich Anlässe finde mich der
göttlichen Barmherzigkeit und Güte zu erfreun Das Geschick hat mich durch ein
frohes und heitres Leben geführt und es ist kein Tag vorübergegangen an
welchem ich mich nicht mit dankbarem Herzen zur Ruhe gelegt hätte Ich bin immer
glücklich in meinen Verrichtungen gewesen und unser aller Vater im Himmel hat
mich vor dem Bösen behütet und in Ehren grau werden lassen Nächst ihm habe ich
alles meinem alten Meister zu verdanken der nun lange zu seinen Vätern
versammelt ist und an den ich nie ohne Tränen denken kann Er war ein Mann aus
der alten Zeit nach dem Herzen Gottes Mit tiefen Einsichten war er begabt und
doch kindlich und demütig in seinem Tun Durch ihn ist das Bergwerk in großen
Flor gekommen und hat dem Herzoge von Böhmen zu ungeheuren Schätzen verholfen
Die ganze Gegend ist dadurch bevölkert und wohlhabend und ein blühendes Land
geworden Alle Bergleute verehrten ihren Vater in ihm und so lange Eula steht
wird auch sein Name mit Rührung und Dankbarkeit genannt werden. Er war seiner
Geburt nach ein Lausitzer und hieß Werner Seine einzige Tochter war noch ein
Kind wie ich zu ihm ins Haus kam Meine Ämsigkeit meine Treue und meine
leidenschaftliche Anhänglichkeit an ihn gewannen mir seine Liebe mit jedem Tage
mehr Er gab mir seinen Namen und machte mich zu seinem Sohne Das kleine
Mädchen ward nach gerade ein wackres muntres Geschöpf deren Gesicht so
freundlich glatt und weiß war wie ihr Gemüt Der Alte sagte mir oft wenn er
sah dass sie mir zugetan war dass ich gern mit ihr schäkerte und kein Auge von
den ihrigen verwandte die so blau und offen wie der Himmel waren und wie die
Krystalle glänzten wenn ich ein rechtlicher Bergmann werden würde wolle er sie
mir nicht versagen und er hielt Wort Den Tag wie ich Häuer wurde legte er
seine Hände auf uns und segnete uns als Braut und Bräutigam ein und wenige
Wochen darauf führte ich sie als meine Frau auf meine Kammer Denselben Tag hieb
ich in der Frühschicht noch als Lehrhäuer eben wie die Sonne oben aufging eine
reiche Ader an Der Herzog schickte mir eine goldene Kette mit seinem Bildnis
auf einer großen Münze und versprach mir den Dienst meines Schwiegervaters Wie
glücklich war ich als ich sie am Hochzeittage meiner Braut um den Hals hängen
konnte und Aller Augen auf sie gerichtet waren Unser alter Vater erlebte
noch einige muntere Enkel und die Anbrüche seines Herbstes waren reicher als er
gedacht hatte Er konnte mit Freudigkeit seine Schicht beschließen und aus der
dunkeln Grube dieser Welt fahren um in Frieden auszuruhen und den großen
Lohntag zu erwarten Herr sagte der Alte indem er sich zu Heinrichen wandte
und einige Tränen aus den Augen trocknete der Bergbau muss von Gott gesegnet
werden denn es gibt keine Kunst die ihre Teilhaber glücklicher und edler
machte die mehr den Glauben an eine himmlische Weisheit und Fügung erweckte
und die Unschuld und Kindlichkeit des Herzens reiner erhielte als der Bergbau
Arm wird der Bergmann geboren und arm geht er wieder dahin Er begnügt sich zu
wissen wo die metallischen Mächte gefunden werden und sie zu Tage zu fördern
aber ihr blendender Glanz vermag nichts über sein lautres Herz Unentzündet von
gefährlichem Wahnsinn freut er sich mehr über ihre wunderlichen Bildungen und
die Seltsamkeiten ihrer Herkunft und ihrer Wohnungen als über ihren alles
verheissenden Besitz Sie haben für ihn keinen Reiz mehr wenn sie Waren
geworden sind und er sucht sie lieber unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten
in den Vesten der Erde als dass er ihrem Rufe in die Welt folgen und auf der
Oberfläche des Bodens durch täuschende hinterlistige Künste nach ihnen trachten
sollte Jene Mühseeligkeiten erhalten sein Herz frisch und seinen Sinn wacker
er genießt seinen kärglichen Lohn mit inniglichem Danke und steigt jeden Tag
mit verjüngter Lebensfreude aus den dunkeln Grüften seines Berufs Nur Er kennt
die Reize des Lichts und der Ruhe die Wohltätigkeit der freien Luft und
Aussicht um sich her nur ihm schmeckt Trank und Speise recht erquicklich und
andächtig wie der Leib des Herrn und mit welchem liebevollen und empfänglichen
Gemüt tritt er nicht unter seines Gleichen oder herzt seine Frau und Kinder
und ergötzt sich dankbar an der schönen Gabe des traulichen Gesprächs
Sein einsames Geschäft sondert ihn vom Tage und dem Umgange mit Menschen
einen großen Teil seines Lebens ab Er gewöhnt sich nicht zu einer stumpfen
Gleichgültigkeit gegen diese überirdischen tiefsinnigen Dinge und behält die
kindliche Stimmung in der ihm alles mit seinem eigentümlichsten Geiste und in
seiner ursprünglichen bunten Wunderbarkeit erscheint Die Natur will nicht der
ausschliessliche Besitz eines Einzigen sein Als Eigentum verwandelt sie sich in
ein böses Gift was die Ruhe verscheucht und die verderbliche Lust alles in
diesen Kreis des Besitzers zu ziehen mit einem Gefolge von unendlichen Sorgen
und wilden Leidenschaften herbeilockt So untergräbt sie heimlich den Grund des
Eigentümers und begräbt ihn bald in den einbrechenden Abgrund um aus Hand in
Hand zu gehen und so ihre Neigung Allen anzugehören allmählich zu
befriedigen
Wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame Bergmann in seinen tiefen
Einöden entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages und einzig von Wissbegier
und Liebe zur Eintracht beseelt Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger
Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie und fühlt immer erneuert die
gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen Sein Beruf
lehrt ihn unermüdliche Geduld und lässt nicht zu dass sich seine Aufmerksamkeit
in unnütze Gedanken zerstreue Er hat mit einer wunderlichen harten und
unbiegsamen Macht zu tun die nur durch hartnäckigen Fleiß und beständige
Wachsamkeit zu überwinden ist Aber welches köstliche Gewächs blüht ihm auch in
diesen schauerlichen Tiefen das wahrhafte Vertrauen zu seinem himmlischen
Vater dessen Hand und Vorsorge ihm alle Tage in unverkennbaren Zeichen sichtbar
wird Wie unzähliche mal habe ich nicht vor Ort gesessen und bei dem Schein
meiner Lampe das schichte Krucifix mit der innigsten Andacht betrachtet da habe
ich erst den heiligen Sinn dieses rätselhaften Bildnisses recht gefasst und den
edelsten Gang meines Herzens erschürft der mir eine ewige Ausbeute gewährt hat
Der Alte fuhr nach einer Weile fort und sagte Wahrhaftig das muss ein
göttlicher Mann gewesen sein der den Menschen zuerst die edle Kunst des
Bergbaus gelehrt und in dem Schoss der Felsen dieses ernste Sinnbild des
menschlichen Lebens verborgen hat Hier ist der Gang mächtig und gebräch aber
arm dort drückt ihn der Felsen in eine armselige unbedeutende Kluft zusammen
und gerade hier brechen die edelsten Geschicke ein Andre Gänge verunedlen ihn
bis sich ein verwandter Gang freundlich mit ihm schaart und seinen Wert
unendlich erhöht Oft zerschlägt er sich vor dem Bergmann in tausend Trümmern
aber der Geduldige lässt sich nicht schrecken er verfolgt ruhig seinen Weg und
sieht seinen Eifer belohnt indem er ihn bald wieder in neuer Mächtigkeit und
Höflichkeit ausrichtet Oft lockt ihn ein betrügliches Trum aus der wahren
Richtung aber bald erkennt er den falschen Weg und bricht mit Gewalt
querfeldein bis er den wahren erzführenden Gang wiedergefunden hat Wie bekannt
wird hier nicht der Bergmann mit allen Launen des Zufalls wie sicher aber auch
dass Eifer und Beständigkeit die einzigen untrüglichen Mittel sind sie zu
bemeistern und die von ihnen hartnäckig verteidigten Schätze zu heben
Es fehlt euch gewiss nicht sagte Heinrich an ermunternden Liedern Ich
sollte meinen dass euch euer Beruf unwillkürlich zu Gesängen begeistern und die
Musik eine willkommne Begleiterin der Bergleute sein müsste
Da habt ihr wahr gesprochen erwiderte der Alte Gesang und Ziterspiel
gehört zum Leben des Bergmanns und kein Stand kann mit mehr Vergnügen die Reize
derselben genießen als der unsrige Musik und Tanz sind eigentliche Freuden des
Bergmanns sie sind wie ein fröliches Gebet und die Erinnerungen und Hoffnungen
desselben helfen die mühsame Arbeit erleichtern und die lange Einsamkeit kürzen
Wenn es euch gefällt so will ich euch gleich einen Gesang zum Besten geben
der fleißig in meiner Jugend gesungen wurde
Der ist der Herr der Erde
Wer ihre Tiefen misst
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoss vergisst
Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt gellt
Er ist mit ihr verbündet
Und inniglich vertraut
Und wird von ihr entzündet
Als wär sie seine Braut
Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiß und Plage
Sie lässt ihm keine Ruh
Die mächtigen Geschichten
Der längst verflossnen Zeit
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit
Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht
Und in die Nacht der Klüfte
Strahlt ihm ein ewges Licht
Er trift auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand
Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf
Und alle Felsenschlösser
Tun ihre Schätz ihm auf
Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus
Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm
Doch frägt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm
Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld
Er bleibt auf den Gebirgen
Der frohe Herr der Welt
Heinrichen gefiel das Lied ungemein und er bat den Alten ihm noch eins
mitzuteilen Der Alte war auch gleich bereit und sagte Ich weiß noch ein
wunderliches Lied was wir selbst nicht wissen wo es her ist
Es brachte es ein reisender Bergmann mit der weit herkam und ein
sonderlicher Rutengänger war Das Lied fand großen Beifall weil es so
seltsamlich klang beinah so dunkel und unverständlich wie die Musik selbst
aber eben darum auch so unbegreiflich anzog und im wachenden Zustande wie ein
Traum unterhielt
Ich kenne wo ein festes Schloss
Ein stiller König wohnt darinnen
Mit einem wunderlichen Tross
Doch steigt er nie auf seine Zinnen
Verborgen ist sein Lustgemach
Und unsichtbare Wächter lauschen
Nur wohlbekannte Quellen rauschen
Zu ihm herab vom bunten Dach
Was ihre hellen Augen sahen
In der Gestirne weiten Sälen
Das sagen sie ihm treulich an
Und können sich nicht satt erzählen
Er badet sich in ihrer Flut
Wäscht sauber seine zarten Glieder
Und seine Stralen blinken wieder
Aus seiner Mutter weißem Blut
Sein Schloss ist alt und wunderbar
Es sank herab aus tiefen Meeren
Stand fest und steht noch immerdar
Die Flucht zum Himmel zu verwehren
Von innen schlingt ein heimlich Band
Sich um des Reiches Untertanen
Und Wolken wehn wie Siegesfahnen
Herunter von der Felsenwand
Ein unermessliches Geschlecht
Umgibt die festverschlossenen Pforten
Ein jeder spielt den treuen Knecht
Und ruft den Herrn mit süßen Worten
Sie fühlen sich durch ihn beglückt
Und ahnden nicht dass sie gefangen
Berauscht von trüglichem Verlangen
Weiß keiner wo der Schuh ihn drückt
Nur Wenige sind schlau und wach
Und dürsten nicht nach seinen Gaben
Sie trachten unablässig nach
Das alte Schloss zu untergraben
Der Heimlichkeit urmächtgen Bann
Kann nur die Hand der Einsicht lösen
Gelingts das Innere zu entblössen
So bricht der Tag der Freiheit an
Dem Fleiß ist keine Wand zu fest
Dem Mut kein Abgrund unzugänglich
Wer sich auf Herz und Hand verlässt
Spürt nach dem König unbedenklich
Aus seinen Kammern holt er ihn
Vertreibt die Geister durch die Geister
Macht sich der wilden Fluten Meister
Und heißt sie selbst heraus sich ziehen
Je mehr er nun zum Vorschein kommt
Und wild umher sich treibt auf Erden
Je mehr wird seine Macht gedämmt
Je mehr die Zahl der Freien werden
Am Ende wird von Banden los
Das Meer die leere Burg durchdringen
Und trägt auf weichen grünen Schwingen
Zurück uns in der Heimat Schoss
Es dünkte Heinrichen wie der Alte geendigt hatte als habe er das Lied schon
irgend wo gehört Er ließ es sich wiederholen und schrieb es sich auf Der Alte
ging nachher hinaus und die Kaufleute sprachen unterdessen mit den andern Gästen
über die Vorteile des Bergbaues und seine Mühseligkeiten Einer sagte der Alte
ist gewiss nicht umsonst hier Er ist heute zwischen den Hügeln umhergeklettert
und hat gewiss gute Anzeichen gefunden Wir wollen ihn doch fragen wenn er
wieder herein kommt Wisst ihr wohl sagte ein Andrer dass wir ihn bitten
könnten eine Quelle für unser Dorf zu suchen Das Wasser ist weit und ein
guter Brunnen wäre uns sehr willkommen Mir fällt ein sagte ein dritter dass
ich ihn fragen möchte oder er einen von meinen Söhnen mit sich nehmen will der
mir schon das ganze Haus voll Steine getragen hat Der Junge wird gewiss ein
tüchtiger Bergmann und der Alte scheint ein guter Mann zu sein der wird schon
was Rechtes aus ihm ziehen Die Kaufleute redeten ob sie vielleicht durch den
Bergmann ein vorteilhaftes Verkehr mit Böhmen anspinnen und Metalle daher zu
guten Preisen erhalten möchten Der Alte trat wieder in die Stube und alle
wünschten seine Bekanntschaft zu benutzen Er fing an und sagte Wie dumpf und
ängstlich ist es doch hier in der engen Stube Der Mond steht draußen in voller
Herrlichkeit und ich hätte große Lust noch einen Spaziergang zu machen Ich
habe heute bei Tage einige merkwürdige Höhlen hier in der Nähe gesehen
Vielleicht entschließen sich Einige mitzugehn und wenn wir nur Licht mitnehmen
so werden wir ohne Schwierigkeiten uns darin umsehn können
Den Leuten aus dem Dorfe waren diese Höhlen schon bekannt aber bis jetzt
hatte keiner gewagt hineinzusteigen vielmehr trugen sie sich mit fürchterlichen
Sagen von Drachen und andern Untieren die darin hausen sollten Einige
wollten sie selbst gesehen haben und behaupteten dass man Knochen an ihrem
Eingange von geraubten und verzehrten Menschen und Tieren fände Einige andre
vermeinten dass ein Geist dieselben bewohne wie sie denn einigemal aus der
Ferne eine seltsame menschliche Gestalt gesehen auch zur Nachtzeit Gesänge da
herüber gehört haben wollten
Der Alte schien ihnen keinen großen Glauben beizumessen und versicherte
lachend dass sie unter dem Schutze eines Bergmanns getrost mitgehn könnten
indem die Ungeheuer sich vor ihm scheuen müssten ein singender Geist aber gewiss
ein wohltätiges Wesen sei Die Neugier machte viele beherzt genug seinen
Vorschlag einzugehn auch Heinrich wünschte ihn zu begleiten und seine Mutter
gab endlich auf das Zureden und Versprechen des Alten genaue Acht auf Heinrichs
Sicherheit zu haben seinen Bitten nach Die Kaufleute waren eben so
entschlossen Es wurden lange Kienspäne zu Fackeln zusammengeholt ein Teil der
Gesellschaft versah sich noch zum Überfluss mit Leitern Stangen Stricken und
allerhand Verteidigungswerkzeugen und so begann endlich die Wallfahrt nach den
nahen Hügeln Der Alte ging mit Heinrich und den Kaufleuten voran Jener Bauer
hatte seinen wissbegierigen Sohn herbeigeholt der voller Freude sich einer
Fackel bemächtigte und den Weg zu den Höhlen zeigte Der Abend war heiter und
warm Der Mond stand in mildem Glanze über den Hügeln und ließ wunderliche
Träume in allen Kreaturen aufsteigen Selbst wie ein Traum der Sonne lag er
über der in sich gekehrten Traumwelt und führte die in unzählige Grenzen
geteilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zurück wo jeder Keim noch für sich
schlummerte und einsam und unberührt sich vergeblich sehnte die dunkle Fülle
seines unermesslichen Daseins zu entfalten In Heinrichs Gemüt spiegelte sich
das Märchen des Abends Es war ihm als ruhte die Welt aufgeschlossen in ihm
und zeigte ihm wie einem Gastfreunde alle ihre Schätze und verborgenen
Lieblichkeiten Ihm dünkte die große einfache Erscheinung um ihn so
verständlich Die Natur schien ihm nur deswegen so unbegreiflich weil sie das
Nächste und Traulichste mit einer solchen Verschwendung von mannichfachen
Ausdrücken um den Menschen her türmte Die Worte des Alten hatten eine
versteckte Tapetentür in ihm geöffnet Er sah sein kleines Wohnzimmer dicht an
einen erhabenen Münster gebaut aus dessen steinernem Boden die ernste Vorwelt
emporstieg während von der Kuppel die klare fröliche Zukunft in goldnen
Engelskindern ihr singend entgegenschwebte Gewaltige Klänge bebten in den
silbernen Gesang und zu den weiten Toren traten alle Kreaturen herein von
denen jede ihre innere Natur in einer einfachen Bitte und in einer
eigentümlichen Mundart vernehmlich aussprach Wie wunderte er sich dass ihm
diese klare seinem Dasein schon unentbehrliche Ansicht so lange fremd geblieben
war Nun übersah er auf einmal alle seine Verhältnisse mit der weiten Welt um
ihn her fühlte was er durch sie geworden und was sie ihm werden würde und
begrif alle die seltsamen Vorstellungen und Anregungen die er schon oft in
ihrem Anschauen gespürt hatte Die Erzählung der Kaufleute von dem Jünglinge
der die Natur so emsig betrachtete und der Eydam des Königs wurde kam ihm
wieder zu Gedanken und tausend andere Erinnerungen seines Lebens knüpften sich
von selbst an einen zauberischen Faden Während der Zeit dass Heinrich seinen
Betrachtungen nachhing hatte sich die Gesellschaft der Höhle genähert Der
Eingang war niedrig und der Alte nahm eine Fackel und kletterte über einige
Steine zuerst hinein Ein ziemlich fühlbarer Luftstrom kam ihm entgegen und der
Alte versicherte dass sie getrost folgen könnten Die Furchtsamsten gingen
zuletzt und hielten ihre Waffen in Bereitschaft Heinrich und die Kaufleute
waren hinter dem Alten und der Knabe wanderte munter an seiner Seite Der Weg
lief anfänglich in einem ziemlich schmalen Gange welcher sich aber bald in eine
sehr weite und hohe Höhle endigte die der Fackelglanz nicht völlig zu
erleuchten vermocht doch sah man im Hintergrunde einige Öffnungen sich in die
Felsenwand verlieren Der Boden war weich und ziemlich eben die Wände so wie
die Decke waren ebenfalls nicht rau und unregelmäßig aber was die
Aufmerksamkeit Aller vorzüglich beschäftigte war die unzählige Menge von
Knochen und Zähnen die den Boden bedeckten Viele waren völlig erhalten an
andern sah man Spuren der Verwesung und die welche aus den Wänden hin und
wieder hervorragten schienen steinartig geworden zu sein Die Meisten waren von
ungewöhnlicher Größe und Stärke Der Alte freute sich über diese Überbleibsel
einer uralten Zeit nur den Bauern war nicht wohl dabei zu Mute denn sie
hielten sie für deutliche Spuren naher Raubtiere so überzeugend ihnen auch der
Alte die Zeichen eines undenklichen Altertums daran aufwies und sie fragte ob
sie je etwas von Verwüstungen unter ihren Heerden und vom Raube benachbarter
Menschen gespürt hätten und ob sie jene Knochen für Knochen bekannter Tiere
oder Menschen halten könnten Der Alte wollte nun weiter in den Berg aber die
Bauern fanden für ratsam sich vor die Höhle zurückzuziehn und dort seine
Rückkunft abzuwarten Heinrich die Kaufleute und der Knabe blieben bei dem
Alten und versahen sich mit Stricken und Fackeln Sie gelangten bald in eine
zweite Höhle wobei der Alte nicht vergaß den Gang aus dem sie hereingekommen
waren durch eine Figur von Knochen die er davor hinlegte zu bezeichnen Die
Höhle glich der vorigen und war eben so reich an tierischen Resten Heinrichen
war schauerlich und wunderbar zu Mute es gemahnte ihn als wandle er durch die
Vorhöfe des innern Erdenpalastes Himmel und Leben lag ihm auf einmal weit
entfernt und diese dunkeln weiten Hallen schienen zu einem unterirdischen
seltsamen Reiche zu gehören Wie dachte er bei sich selbst wäre es möglich
dass unter unsern Füßen eine eigene Welt in einem ungeheueren Leben sich bewegte
dass unerhörte Geburten in den Vesten der Erde ihr Wesen trieben die das innere
Feuer des dunkeln Schoosses zu riesenmässigen und geistesgewaltigen Gestalten
auftriebe Könnten dereinst diese schauerlichen Fremden von der eindringenden
Kälte hervorgetrieben unter uns erscheinen während vielleicht zu gleicher Zeit
himmlische Gäste lebendige redende Kräfte der Gestirne über unsern Häuptern
sichtbar würden Sind diese Knochen Überreste ihrer Wanderungen nach der
Oberfläche oder Zeichen einer Flucht in die Tiefe
Auf einmal rief der Alte die Andern herbei und zeigte ihnen eine ziemlich
frische Menschenspur auf dem Boden Mehrere konnten sie nicht finden und so
glaubte der Alte ohne fürchten zu müssen auf Räuber zu stoßen der Spur
nachgehen zu können Sie waren eben im Begriff dies auszuführen als auf einmal
wie unter ihren Füßen aus einer fernen Tiefe ein ziemlich vernehmlicher Gesang
anfing Sie erstaunten nicht wenig doch horchten sie genau auf
Gern verweil ich noch im Tale
Lächelnd in der tiefen Nacht
Denn der Liebe volle Schaale
Wird mir täglich dargebracht
Ihre heilgen Tropfen heben
Meine Seele hoch empor
Und ich steh in diesem Leben
Trunken an des Himmels Tor
Eingewiegt in seelges Schauen
Ängstigt mein Gemüt kein Schmerz
O die Königin der Frauen
Gibt mir ihr getreues Herz
Bangverweinte Jahre haben
Diesen schlechten Ton verklärt
Und ein Bild ihm eingegraben
Das ihm Ewigkeit gewährt
Jene lange Zahl von Tagen
Dünkt mir nur ein Augenblick
Werd ich einst von hier getragen
Schau ich dankbar noch zurück
Alle waren auf das angenehmste überrascht und wünschten sehnlichst den Sänger
zu entdecken
Nach einigem Suchen trafen sie in einem Winkel der rechten Seitenwand einen
abwärts gesenkten Gang in welchen die Fußstapfen zu führen schienen Bald
dünkte es ihnen eine Hellung zu bemerken die stärker wurde je näher sie
kamen Es tat sich ein neues Gewölbe von noch größerem Umfange als die
vorherigen auf in dessen Hintergrunde sie bei einer Lampe eine menschliche
Gestalt sitzen sahen die vor sich auf einer steinernen Platte ein großes Buch
liegen hatte in welchem sie zu lesen schien
Sie drehte sich nach ihnen zu stand auf und ging ihnen entgegen Es war ein
Mann dessen Alter man nicht erraten konnte Er sah weder alt noch jung aus
keine Spuren der Zeit bemerkte man an ihm als schlichte silberne Haare die auf
der Stirn gescheitelt waren In seinen Augen lag eine unaussprechliche
Heiterkeit als sähe er von einem hellen Berge in einen unendlichen Frühling
hinein Er hatte Sohlen an die Füße gebunden und schien keine andere Kleidung
zu haben als einen weiten Mantel der um ihn hergeschlungen war und seine edle
große Gestalt noch mehr heraus hob Über ihre unvermutete Ankunft schien er
nicht im mindesten verwundert wie ein Bekannter begrüßte er sie Es war als
empfing er erwartete Gäste in seinem Wohnhause Es ist doch schön dass ihr mich
besucht sagte er Ihr seid die ersten Freunde die ich hier sehe so lange ich
auch schon hier wohne Scheint es doch als finge man an unser großes
wunderbares Haus genauer zu betrachten Der Alte erwiderte Wir haben nicht
vermutet einen so freundlichen Wirt hier zu finden Von wilden Tieren und
Geistern war uns erzählt und nun sehen wir uns auf das anmutigste getäuscht
Wenn wir euch in eurer Andacht und in euren tiefsinnigen Betrachtungen gestört
haben so verzeiht es unserer Neugierde Könnte eine Betrachtung erfreulicher
sein sagte der Unbekannte als die froher uns zusagender Menschengesichter
Haltet mich nicht für einen Menschenfeind weil ihr mich in dieser Einöde
trefft Ich habe die Welt nicht geflohen sondern ich habe nur eine Ruhestätte
gesucht wo ich ungestört meinen Betrachtungen nachhängen könnte Hat euch
euer Entschluss nie gereut und kommen nicht zuweilen Stunden wo euch bange wird
und euer Herz nach einer Menschenstimme verlangt Jetzt nicht mehr Es war
eine Zeit in meiner Jugend wo eine heiße Schwärmerei mich veranlasste
Einsiedler zu werden Dunkle Ahndungen beschäftigten meine jugendliche Fantasie
Ich hoffte volle Nahrung meines Herzens in der Einsamkeit zu finden
Unerschöpflich dünkte mir die Quelle meines innern Lebens Aber ich merkte bald
dass man eine Fülle von Erfahrungen dahin mitbringen muss dass ein junges Herz
nicht allein sein kann ja dass der Mensch erst durch vielfachen Umgang mit
seinem Geschlecht eine gewisse Selbstständigkeit erlangt
Ich glaube selbst erwiderte der Alte dass es einen gewissen natürlichen
Beruf zu jeder Lebensart gibt und vielleicht dass die Erfahrungen eines
zunehmenden Alters von selbst auf eine Zurückziehung aus der menschlichen
Gesellschaft führen Scheint es doch als sei dieselbe der Tätigkeit sowohl
zum Gewinnst als zur Erhaltung gewidmet Eine große Hoffnung ein
gemeinschaftlicher Zweck treibt sie mit Macht und Kinder und Alte scheinen
nicht dazu zu gehören Unbehülflichkeit und Unwissenheit schließen die Ersten
davon aus während die letztern jene Hoffnung erfüllt jenen Zweck erreicht
sehen und nun nicht mehr von ihnen in den Kreise jener Gesellschaft
verflochten in sich selbst zurückkehren und genug zu tun finden sich auf
eine höhere Gemeinschaft würdig vorzubereiten Indes scheinen bei euch noch
besondere Ursachen statt gefunden zu haben euch so gänzlich von den Menschen
abzusondern und Verzicht auf alle Bequemlichkeiten der Gesellschaft zu leisten
Mich dünkt dass die Spannung eures Gemüts doch oft nachlassen und euch dann
unbehaglich zu Mute werden müsste
Ich fühlte das wohl indes habe ich es glücklich durch eine strenge
Regelmäßigkeit meines Lebens zu vermeiden gewusst dabei suche ich mich durch
Bewegung gesund zu erhalten und dann hat es keine Not Jeden Tag gehe ich
mehrere Stunden herum und genieße den Tag und die Luft soviel ich kann Sonst
halte ich mich in diesen Hallen auf und beschäftige mich zu gewissen Stunden
mit Korbflechten und Schnitzen Für meine Waren tausche ich mir in entlegenen
Ortschaften Lebensmittel ein Bücher hab ich mir mitgebracht und so vergeht die
Zeit wie ein Augenblick In jenen Gegenden habe ich einige Bekannte die um
meinen Aufenthalt wissen und von denen ich erfahre was in der Welt geschieht
Diese werden mich begraben wenn ich tot bin und meine Bücher zu sich nehmen
Er führte sie näher an seinen Sitz der nahe an der Höhlenwand war Sie
sahen mehrere Bücher auf der Erde liegen auch eine Zither und an der Wand hing
eine völlige Rüstung die ziemlich kostbar zu sein schien Der Tisch bestand aus
fünf großen steinernen Platten die wie ein Kasten zusammengesetzt waren Auf
der obersten lagen eine männliche und weibliche Figur in Lebensgröße eingehauen
die einen Kranz von Lilien und Rosen angefasst hatten an den Seiten stand
Friedrich und Marie von Hohenzollern
kehrten auf dieser Stelle in ihr Vaterland zurück
Der Einsiedler fragte seine Gäste nach ihrem Vaterlande und wie sie in diese
Gegenden gekommen wären Er war sehr freundlich und offen und verriet eine
große Bekanntschaft mit der Welt Der Alte sagte Ich sehe ihr seid ein
Kriegsmann gewesen die Rüstung verrät euch Die Gefahren und Wechsel des
Krieges der hohe poetische Geist der ein Kriegsheer begleitet rissen mich aus
meiner jugendlichen Einsamkeit und bestimmten die Schicksale meines Lebens
Vielleicht dass das lange Getümmel die unzähligen Begebenheiten denen ich
beiwohnte mir den Sinn für die Einsamkeit noch mehr geöffnet haben die
zahllosen Erinnerungen sind eine unterhaltende Gesellschaft und dies um so
mehr je veränderter der Blick ist mit dem wir sie überschauen und der nun
erst ihren wahren Zusammenhang den Tiefsinn ihrer Folge und die Bedeutung
ihrer Erscheinungen entdeckt Der eigentliche Sinn für die Geschichten der
Menschen entwickelt sich erst spät und mehr unter den stillen Einflüssen der
Erinnerung als unter den gewaltsameren Eindrücken der Gegenwart Die nächsten
Ereignisse scheinen nur locker verknüpft aber sie sympatisieren desto
wunderbarer mit entfernteren und nur dann wenn man im Stande ist eine lange
Reihe zu übersehn und weder alles buchstäblich zu nehmen noch auch mit
mutwilligen Träumen die eigenliche Ordnung zu verwirren bemerkt man die
geheime Verkettung des Ehemaligen und Künftigen und lernt die Geschichte aus
Hoffnung und Erinnerung zusammensetzen Indes nur dem welchem die ganze Vorzeit
gegenwärtig ist mag es gelingen die einfache Regel der Geschichte zu
entdecken Wir kommen nur zu unvollständigen und beschwerlichen Formeln und
können froh sein nur für uns selbst eine brauchbare Vorschrift zu finden die
uns hinlängliche Aufschlüsse über unser eigenes kurzes Leben verschafft Ich
darf aber wohl sagen dass jede sorgfältige Betrachtung der Schicksale des Lebens
einen tiefen unerschöpflichen Genuss gewährt und unter allen Gedanken uns am
meisten über die irdischen Übel erhebt Die Jugend liest die Geschichte nur aus
Neugier wie ein unterhaltendes Märchen dem reiferen Alter wird sie eine
himmlische tröstende und erbauende Freundin die ihn durch ihre weisen
Gespräche sanft zu einer höheren umfassenderen Laufbahn vorbereitet und mit
der unbekannten Welt ihn in fasslichen Bildern bekannt macht Die Kirche ist das
Wohnhaus der Geschichte und der stille Hof ihr sinnbildlicher Blumengarten Von
der Geschichte sollten nur alte gottesfürchtige Leute schreiben deren
Geschichte selbst zu Ende ist und die nichts mehr zu hoffen haben als die
Verpflanzung in den Garten Nicht finster und trübe wird ihre Beschreibung sein
vielmehr wird ein Strahl aus der Kuppel alles in der richtigsten und schönsten
Erleuchtung zeigen und heiliger Geist wird über diesen seltsam bewegten
Gewässern schweben
Wie wahr und einleuchtend ist eure Rede setzte der Alte hinzu Man sollte
gewiss mehr Fleiß darauf wenden das Wissenswürdige seiner Zeit treulich
aufzuzeichnen und es als ein andächtiges Vermächtnis den künftigen Menschen zu
hinterlassen Es gibt tausend entferntere Dinge denen Sorgfalt und Mühe
gewidmet wird und gerade um das Nächste und Wichtigste um die Schicksale
unsers eigenen Lebens unserer Angehörigen unsers Geschlechts deren leise
Planmässigkeit wir in den Gedanken einer Vorsehung aufgefasst haben bekümmern wir
uns so wenig und lassen sorglos alle Spuren in unserm Gedächtnisse verwischen
Wie Heiligtümer wird eine weisere Nachkommenschaft jede Nachricht die von den
Begebenheiten der Vergangenheit handelt aufsuchen und selbst das Leben eines
Einzelnen unbedeutenden Mannes wird ihr nicht gleichgültig sein da gewiss sich
das große Leben seiner Zeitgenossenschaft darin mehr oder weniger spiegelt
Es ist nur so schlimm sagte der Graf von Hohenzollern dass selbst die
Wenigen die sich der Aufzeichnungen der Taten und Vorfälle ihrer Zeit
unterzogen nicht über ihr Geschäft nachdachten und ihren Beobachtungen keine
Vollständigkeit und Ordnung zu geben suchten sondern nur aufs Geratewohl bei
der Auswahl und Sammlung ihrer Nachrichten verfuhren Ein jeder wird leicht an
sich bemerken dass er nur dasjenige deutlich und vollkommen beschreiben kann
was er genau kennt dessen Teile dessen Entstehung und Folge dessen Zweck und
Gebrauch ihm gegenwärtig sind denn sonst wird keine Beschreibung sondern ein
verwirrtes Gemisch von unvollständigen Bemerkungen entstehn Man lasse ein Kind
eine Maschine einen Landmann ein Schiff beschreiben und gewiss wird kein Mensch
aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schöpfen können und so ist es
mit den meisten Geschichtschreibern die vielleicht fertig genug im Erzählen und
bis zum Überdruss weitschweifig sind aber doch gerade das Wissenswürdigste
vergessen dasjenige was erst die Geschichte zur Geschichte macht und die
mancherlei Zufälle zu einem angenehmen und lehrreichen Ganzen verbindet Wenn
ich das alles recht bedenke so scheint es mir als wenn ein Geschichtschreiber
notwendig auch ein Dichter sein müsste denn nur die Dichter mögen sich auf jene
Kunst Begebenheiten schicklich zu verknüpfen verstehen In ihren Erzählungen
und Fabeln habe ich mit stillem Vergnügen ihr zartes Gefühl für den
geheimnisvollen Geist des Lebens bemerkt Es ist mehr Wahrheit in ihren
Märchen als in gelehrten Chroniken Sind auch ihre Personen und deren
Schicksale erfunden so ist doch der Sinn in dem sie erfunden sind wahrhaft
und natürlich Es ist für unsern Genuss und unsere Belehrung gewissermaßen
einerlei ob die Personen in deren Schicksalen wir den unsrigen nachspüren
wirklich einmal lebten oder nicht Wir verlangen nach der Anschauung der großen
einfachen Seele der Zeiterscheinungen und finden wir diesen Wunsch gewährt so
kümmern wir uns nicht um die zufällige Existenz ihrer äußern Figuren
Auch ich bin den Dichtern sagte der Alte von jeher deshalb zugetan
gewesen Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie
geworden Es dünkte mich sie müssten befreundet mit den scharfen Geistern des
Lichtes sein die alle Naturen durchdringen und sondern und einen
eigentümlichen zartgefärbten Schleier über jede verbreiten Meine eigene Natur
fühlte ich bei ihren Liedern leicht entfaltet und es war als könnte sie sich
nun freier bewegen ihrer Geselligkeit und ihres Verlangens froh werden mit
stiller Lust ihre Glieder gegen einander schwingen und tausenderlei anmutige
Wirkungen hervorrufen
Wart ihr so glücklich in eurer Gegend einige Dichter zu haben fragte der
Einsiedler
Es haben sich wohl zuweilen einige bei uns eingefunden aber sie schienen
Gefallen am Reisen zu finden und so hielten sie sich meist nicht lange auf
Indes habe ich auf meinen Wanderungen nach Illyrien nach Sachsen und
Schwedenland nicht selten welche gefunden deren Andenken mich immer erfreuen
wird
So seid ihr ja weit umhergekommen und müsst viele denkwürdige Dinge erlebt
haben
Unsere Kunst macht es fast nötig dass man sich weit auf dem Erdboden
umsieht und es ist als triebe den Bergmann ein unterirdisches Feuer umher Ein
Berg schickt ihn dem andern Er wird nie mit Sehen fertig und hat seine ganze
Lebenszeit an jener wunderlichen Baukunst zu lernen die unsern Fußboden so
seltsam gegründet und ausgetäfelt hat Unsere Kunst ist uralt und weit
verbreitet Sie mag wohl aus Morgen mit der Sonne wie unser Geschlecht nach
Abend gewandert sein und von der Mitte nach den Enden zu Sie hat überall mit
andern Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt und da immer das Bedürfnis den
menschlichen Geist zu klugen Erfindungen gerejetzt so kann der Bergmann überall
seine Einsichten und seine Geschicklichkeit vermehren und mit nützlichen
Erfahrungen seine Heimat bereichern
Ihr seid beinah verkehrte Astrologen sagte der Einsiedler Wenn diese den
Himmel unverwandt betrachten und seine unermesslichen Räume durchirren so wendet
ihr euren Blick auf den Erdboden und erforscht seinen Bau Jene studieren die
Kräfte und Einflüsse der Gestirne und ihr untersucht die Kräfte der Felsen und
Berge und die mannichfaltigen Wirkungen der Erd und Steinschichten Jenen ist
der Himmel das Buch der Zukunft während euch die Erde Denkmale der Urwelt
zeigt
Es ist dieser Zusammenhang nicht ohne Bedeutung sagte der Alte lächelnd
Die leuchtenden Profeten spielen vielleicht eine Hauptrolle in jener alten
Geschichte des wunderlichen Erdbaus Man wird vielleicht sie aus ihren Werken
und ihre Werke aus ihnen mit der Zeit besser kennen und erklären lernen
Vielleicht zeigen die großen Gebirgsketten die Spuren ihrer ehemaligen Straßen
und hatten selbst Lust sich auf ihre eigene Hand zu nähren und ihren eigenen
Gang am Himmel zu gehen Manche hoben sich kühn genug um auch Sterne zu werden
und müssen nun dafür die schöne grüne Bekleidung der niedrigern Gegenden
entbehren Sie haben dafür nichts erhalten als dass sie ihren Vätern das Wetter
machen helfen und Profeten für das tiefere Land sind das sie bald schützen
bald mit Ungewittern überschwemmen
Seitdem ich in dieser Höhle wohne fuhr der Einsiedler fort habe ich mehr
über die alte Zeit nachdenken gelernt Es ist unbeschreiblich was diese
Betrachtung anzieht und ich kann mir die Liebe vorstellen die ein Bergmann für
sein Handwerk hegen muss Wenn ich die seltsamen alten Knochen ansehe die hier
in so gewaltiger Menge versammelt sind wenn ich mir die wilde Zeit denke wo
diese fremdartigen ungeheuren Tiere in dichten Schaaren sich in diese Höhlen
hereindrängten von Furcht und Angst vielleicht getrieben und hier ihren Tod
fanden wenn ich dann wieder bis zu den Zeiten hinaufsteige wo diese Höhlen
zusammenwuchsen und ungeheure Fluten das Land bedeckten so komme ich mir selbst
wie ein Traum der Zukunft wie ein Kind des ewigen Friedens vor Wie ruhig und
friedfertig wie mild und klar ist gegen diese gewaltsamen riesenmässigen
Zeiten die heutige Natur und das furchtbarste Gewitter das entsetzlichste
Erdbeben in unsern Tagen ist nur ein schwacher Nachhall jener grausenvollen
Geburtswehen Vielleicht dass auch die Pflanzen und Tierwelt ja die damaligen
Menschen selbst wenn es auf einzelnen Eylanden in diesem Ozean welche gab
eine andere festere und rauhere Bauart hatten wenigstens dürfte man die alten
Sagen von einem Riesenvolke dann keiner Erdichtungen zeihen
Es ist erfreulich sagte der Alte jene allmählige Beruhigung der Natur zu
bemerken Ein immer innigeres Einverständnis eine friedlichere Gemeinschaft
eine gegenseitige Unterstützung und Belebung scheint sich allmählich gebildet
zu haben und wir können immer besseren Zeiten entgegensehn Es wäre vielleicht
möglich dass hin und wieder noch alter Sauerteig gährte und noch einige heftige
Erschütterungen erfolgten indes sieht man doch das allmächtige Streben nach
freier einträchtiger Verfassung und in diesem Geiste wird jede Erschütterung
vorübergehen und dem großen Ziele näher führen Mag es sein dass die Natur nicht
mehr so fruchtbar ist dass heut zu Tage keine Metalle und Edelsteine keine
Felsen und Berge mehr entstehn dass Pflanzen und Tiere nicht mehr zu so
erstaunlichen Größen und Kräften aufquellen je mehr sich ihre erzeugende Kraft
erschöpft hat desto mehr haben ihre bildenden veredelnden und geselligen
Kräfte zugenommen ihr Gemüt ist empfänglicher und zarter ihre Fantasie
mannichfaltiger und sinnbildlicher ihre Hand leichter und kunstreicher
geworden Sie nähert sich dem Menschen und wenn sie ehmals ein wildgebährender
Fels war so ist sie jetzt eine stille treibende Pflanze eine stumme
menschliche Künstlerinn Wozu wäre auch eine Vermehrung jener Schätze nötig
deren Überfluss auf undenkliche Zeiten ausreicht Wie klein ist der Raum den ich
durchwandert bin und welche mächtige Vorräte habe ich nicht gleich auf den
ersten Blick gefunden deren Benutzung der Nachwelt überlassen bleibt Welche
Reichtümer verschließen nicht die Gebirge nach Norden welche günstige Anzeigen
fand ich nicht in meinem Vaterlande überall in Ungarn am Fuße der
Karpatischen Gebirge und in den Felsentälern von Tyrol Östreich und Bayern
Ich könnte ein reicher Mann sein wenn ich das hätte mit mir nehmen können was
ich nur aufzuheben nur abzuschlagen brauchte An manchen Orten sah ich mich
wie in einem Zaubergarten Was ich ansah war von köstlichen Metallen und auf
das kunstreichste gebildet In den zierlichen Locken und Ästen des Silbers
hingen glänzende rubinrote durchsichtige Früchte und die schweren Bäumchen
standen auf krystallenem Grunde der ganz unnachahmlich ausgearbeitet war Man
traute kaum seinen Sinnen an diesen wunderbaren Orten und ward nicht müde diese
reizenden Wildnisse zu durchstreifen und sich an ihren Kleinodien zu ergötzen
Auch auf meiner jetzigen Reise habe ich viele Merkwürdigkeiten gesehen und gewiss
ist in andern Ländern die Erde eben so ergiebig und verschwenderisch
Wenn man sagte der Unbekannte die Schätze bedenkt die im Orient zu Hause
sind so ist daran kein Zweifel und ist das ferne Indien Afrika und Spanien
nicht schon im Altertum durch Reichtümer seines Bodens bekannt gewesen Als
Kriegsmann gibt man freilich nicht so genau auf die Adern und Klüfte der Berge
acht indes habe ich doch zuweilen meine Betrachtungen über diese glänzenden
Streifen gehabt die wie seltsame Knospen auf eine unerwartete Blüte und Frucht
deuten Wie hätte ich damals denken können wenn ich froh über das Licht des
Tages an diesen dunkeln Behausungen vorbeizog dass ich noch im Schoss eines
Berges mein Leben beschließen würde Meine Liebe trug mich stolz über den
Erdboden und in ihrer Umarmung hoffte ich in späten Jahren zu entschlafen Der
Krieg endigte und ich zog nach Hause voll froher Erwartungen eines
erquicklichen Herbstes Aber der Geist des Krieges schien der Geist meines
Glücks zu sein Meine Marie hatte mir zwei Kinder im Orient geboren Sie waren
die Freude unsers Lebens Die Seefahrt und die rauhere Abend ländische Luft
zerstörte ihre Blüte Ich begrub sie wenig Tage nach meiner Ankunft in
Europa Kummervoll führte ich meine trostlose Gattin nach meiner Heimat Ein
stiller Gram mochte den Faden ihres Lebens mürbe gemacht haben Auf einer Reise
die ich bald darauf unternehmen musste auf der sie mich wie immer begleitete
verschied sie sanft und plötzlich in meinen Armen Es war hier nahe bei wo
unsere irdische Wallfahrt zu Ende ging Mein Entschluss war im Augenblicke reif
Ich fand was ich nie erwartet hatte eine göttliche Erleuchtung kam über mich
und seit dem Tage da ich sie hier selbst begrub nahm eine himmlische Hand
allen Kummer von meinem Herzen Das Grabmal habe ich nachher errichten lassen
Oft scheint eine Begebenheit sich zu endigen wenn sie erst eigentlich beginnt
und dies hat bei meinem Leben statt gefunden Gott verleihe euch allen ein
seliges Alter und ein so ruhiges Gemüt wie mir
Heinrich und die Kaufleute hatten aufmerksam dem Gespräche zugehört und der
Erstere fühlte besonders neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Innern
Manche Worte manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub in seinen
Schoss und rückten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Höhe
der Welt Wie lange Jahre lagen die eben vergangenen Stunden hinter ihm und er
glaubte nie anders gedacht und empfunden zu haben
Der Einsiedler zeigte ihnen seine Bücher Es waren alte Historien und
Gedichte Heinrich blätterte in den großen schöngemahlten Schriften die kurzen
Zeilen der Verse die Überschriften einzelne Stellen und die sauberen Bilder
die hier und da wie verkörperte Worte zum Vorschein kamen um die
Einbildungskraft des Lesers zu unterstützen reizten mächtig seine Neugierde
Der Einsiedler bemerkte seine innere Lust und erklärte ihm die sonderbaren
Vorstellungen. Die mannichfaltigsten Lebensscenen waren abgebildet Kämpfe
Leichenbegängnisse Hochzeitfeierlichkeiten Schiffbrüche Höhlen und Paläste
Könige Helden Priester alte und junge Leute Menschen in fremden Trachten
und seltsame Tiere kamen in verschiedenen Abwechselungen und Verbindungen vor
Heinrich konnte sich nicht satt sehen und hätte nichts mehr gewünscht als bei
dem Einsiedler der ihn unwiderstehlich anzog zu bleiben und von ihm über
diese Bücher unterrichtet zu werden Der Alte fragte unterdes ob es noch mehr
Höhlen gäbe und der Einsiedler sagte ihm dass noch einige sehr große in der
Nähe lägen wohin er ihn begleiten wollte Der Alte war dazu bereit und der
Einsiedler der die Freude merkte die Heinrich an seinen Büchern hatte
veranlasste ihn zurückzubleiben und sich während dieser Zeit weiter unter
denselben umzusehn Heinrich blieb mit Freuden bei den Büchern und dankte ihm
innig für seine Erlaubnis Er blätterte mit unendlicher Lust umher Endlich fiel
ihm ein Buch in die Hände das in einer fremden Sprache geschrieben war die ihm
einige Ähnlichkeit mit der Lateinischen und Italienischen zu haben schien Er
hätte sehnlichst gewünscht die Sprache zu kennen denn das Buch gefiel ihm
vorzüglich ohne dass er eine Sylbe davon verstand Es hatte keinen Titel doch
fand er noch beim Suchen einige Bilder Sie dünkten ihm ganz wunderbar bekannt
und wie er recht zusah entdeckte er seine eigene Gestalt ziemlich kenntlich
unter den Figuren Er erschrack und glaubte zu träumen aber beim wiederhohlten
Ansehen konnte er nicht mehr an der vollkommenen Ähnlichkeit zweifeln Er traute
kaum seinen Sinnen als er bald auf einem Bilde die Höhle den Einsiedler und
den Alten neben sich entdeckte Allmählich fand er auf den andern Bildern die
Morgenländerinn seine Eltern den Landgrafen und die Landgräfinn von Thüringen
seinen Freund den Hofkaplan und manche Andere seiner Bekannten doch waren ihre
Kleidungen verändert und schienen aus einer andern Zeit zu sein Eine große
Menge Figuren wusste er nicht zu nennen doch däuchten sie ihm bekannt Er sah
sein Ebenbild in verschiedenen Lagen Gegen das Ende kam er sich größer und
edler vor Die Guitarre ruhte in seinen Armen und die Landgräfinn reichte ihm
einen Kranz Er sah sich am kayserlichen Hofe zu Schiffe in tauter Umarmung
mit einem schlanken lieblichen Mädchen in einem Kampfe mit wildaussehenden
Männern und in freundlichen Gesprächen mit Sarazenen und Mohren Ein Mann von
ernstem Ansehen kam häufig in seiner Gesellschaft vor Er fühlte tiefe Ehrfurcht
vor dieser hohen Gestalt und war froh sich Arm in Arm mit ihm zu sehen Die
letzten Bilder waren dunkel und unverständlich doch überraschten ihn einige
Gestalten seines Traumes mit dem innigsten Entzücken der Schluss des Buches
schien zu fehlen Heinrich war sehr bekümmert und wünschte nichts sehnlicher
als das Buch lesen zu können und vollständig zu besitzen Er betrachtete die
Bilder zu wiederholten Malen und war bestürzt wie er die Gesellschaft
zurückkommen hörte Eine wunderliche Schaam befiel ihn Er getraute sich nicht
seine Entdeckung merken zu lassen machte das Buch zu und fragte den Einsiedler
nur obenhin nach dem Titel und der Sprache desselben wo er denn erfuhr dass es
in provenzalischer Sprache geschrieben sei Es ist lange dass ich es gelesen
habe sagte der Einsiedler Ich kann mich nicht genau mehr des Inhalts
entsinnen Soviel ich weiß ist es ein Roman von den wunderbaren Schicksalen
eines Dichters worin die Dichtkunst in ihren mannichfachen Verhältnissen
dargestellt und gepriesen wird Der Schuss fehlt an dieser Handschrift die ich
aus Jerusalem mitgebracht habe wo ich sie in der Verlassenschaft eines Freundes
fand und zu seinem Andenken aufhob
Sie nahmen nun von einander Abschied und Heinrich war bis zu Tränen
gerührt Die Höhle war ihm so merkwürdig der Einsiedler so lieb geworden
Alle umarmten diesen herzlich und er selbst schien sie lieb gewonnen zu
haben Heinrich glaubte zu bemerken dass er ihn mit einem freundlichen
durchdringenden Blick ansehe Seine Abschiedsworte gegen ihn waren sonderbar
bedeutend Er schien von seiner Entdeckung zu wissen und darauf anzuspielen Bis
zum Eingang der Höhlen begleitete er sie nachdem er sie und besonders den
Knaben gebeten hatte nichts von ihm gegen die Bauern zu erwähnen weil er sonst
ihren Zudringlichkeiten ausgesetzt sein würde
Sie versprachen es alle Wie sie von ihm schieden und sich seinem Gebet
empfahlen sagte er Wie lange wird es währen so sehen wir uns wieder und
werden über unsere heutigen Reden lächeln Ein himmlischer Tag wird uns umgeben
und wir werden uns freuen dass wir einander in diesen Tälern der Prüfung
freundlich begrüßten und von gleichen Gesinnungen und Ahndungen beseelt waren
Sie sind die Engel die uns hier sicher geleiten Wenn euer Auge fest am Himmel
haftet so werdet ihr nie den Weg zu eurer Heimat verlieren Sie trennten
sich mit stiller Andacht fanden bald ihre zaghaften Gefährten und erreichten
unter allerlei Erzählungen in Kurzem das Dorf wo Heinrichs Mutter die in
Sorgen gewesen war sie mit tausend Freuden empfing
Sechstes Kapitel
Menschen die zum Handeln zur Geschäftigkeit geboren sind können nicht früh
genug alles selbst betrachten und beleben Sie müssen überall selbst Hand
anlegen und viele Verhältnisse durchlaufen ihr Gemüt gegen die Eindrücke einer
neuen Lage gegen die Zerstreuungen vieler und mannichfaltiger Gegenstände
gewissermaßen abhärten und sich gewöhnen selbst im Drange großer Begebenheiten
den Faden ihres Zwecks festzuhalten und ihn gewandt hindurchzuführen Sie
dürfen nicht den Einladungen einer stillen Betrachtung nachgeben Ihre Seele
darf keine in sich gekehrte Zuschauerin sie muss unablässig nach außen
gerichtet und eine emsige schnell entscheidende Dienerinn des Verstandes sein
Sie sind Helden und um sie her drängen sich die Begebenheiten die geleitet und
gelöst sein wollen Alle Zufälle werden zu Geschichten unter ihrem Einfluss und
ihr Leben ist eine ununterbrochene Kette merkwürdiger und glänzender
verwickelter und seltsamer Ereignisse
Anders ist es mit jenen ruhigen unbekannten Menschen deren Welt ihr Gemüt
deren Tätigkeit die Betrachtung deren Leben ein leises Bilden ihrer innern
Kräfte ist Keine Unruhe treibt sie nach außen Ein stiller Besitz genügt ihnen
und das unermessliche Schauspiel außer ihnen rejetzt sie nicht selbst darin
aufzutreten sondern kommt ihnen bedeutend und wunderbar genug vor um seiner
Betrachtung ihre Musse zu widmen Verlangen nach dem Geiste desselben hält sie in
der Ferne und er ist es der sie zu der geheimnisvollen Rolle des Gemüts in
dieser menschlichen Welt bestimmte während jene die äußeren Gliedmaßen und
Sinne und die ausgehenden Kräfte derselben vorstellen
Große und vielfache Begebenheiten würden sie stören Ein einfaches Leben ist
ihr Loos und nur aus Erzählungen und Schriften müssen sie mit dem reichen
Inhalt und den zahllosen Erscheinungen der Welt bekannt werden Nur selten darf
im Verlauf ihres Lebens ein Vorfall sie auf einige Zeit in seine raschen Wirbel
mit hereinziehn um durch einige Erfahrungen sie von der Lage und dem Charakter
der handelnden Menschen genauer zu unterrichten Dagegen wird ihr empfindlicher
Sinn schon genug von nahen unbedeutenden Erscheinungen beschäftigt die ihm jene
große Welt verjüngt darstellen und sie werden keinen Schritt tun ohne die
überraschendsten Entdeckungen in sich selbst über das Wesen und die Bedeutung
derselben zu machen Es sind die Dichter diese seltenen Zugmenschen die
zuweilen durch unsere Wohnsitze wandeln und überall den alten ehrwürdigen
Dienst der Menschheit und ihrer ersten Götter der Gestirne des Frühlings der
Liebe des Glücks der Fruchtbarkeit der Gesundheit und des Frohsinns
erneuern sie die schon hier im Besitz der himmlischen Ruhe sind und von
keinen törichten Begierden umhergetrieben nur den Duft der irdischen Früchte
einatmen ohne sie zu verzehren und dann unwiderruflich an die Unterwelt
gekettet zu sein Freie Gäste sind sie deren goldener Fuß nur leise auftritt
und deren Gegenwart in Allen unwillkürlich die Flügel ausbreitet Ein Dichter
lässt sich wie ein guter König frohen und klaren Gesichtern nach aufsuchen und
er ist es der allein den Namen eines Weisen mit Recht führt Wenn man ihn mit
dem Helden vergleicht so findet man dass die Gesänge der Dichter nicht selten
den Heldenmut in jugendlichen Herzen erweckt Heldentaten aber wohl nie den
Geist der Poesie in ein neues Gemüt gerufen haben
Heinrich war von Natur zum Dichter geboren Mannichfaltige Zufälle schienen
sich zu seiner Bildung zu vereinigen und noch hatte nichts seine innere
Regsamkeit gestört Alles was er sah und hörte schien nur neue Riegel in ihm
wegzuschieben und neue Fenster ihm zu öffnen Er sah die Welt in ihren großen
und abwechselnden Verhältnissen vor sich liegen Noch war sie aber stumm und
ihre Seele das Gespräch noch nicht erwacht Schon nahte sich ein Dichter ein
liebliches Mädchen an der Hand um durch Laute der Muttersprache und durch
Berührung eines süßen zärtlichen Mundes die blöden Lippen aufzuschließen und
den einfachen Accord in unendliche Melodien zu entfalten
Diese Reise war nun geendigt Es war gegen Abend als unsere Reisenden
wohlbehalten und frölich in der weltberühmten Stadt Augsburg anlangten und
voller Erwartung durch die hohen Gassen nach dem ansehnlichen Hause des alten
Schwaning ritten
Heinrichen war schon die Gegend sehr reitzend vorgekommen Das lebhafte
Getümmel der Stadt und die großen steinernen Häuser befremdeten ihn angenehm
Er freute sich inniglich über seinen künftigen Aufenthalt Seine Mutter war sehr
vergnügt nach der langen mühseligen Reise sich hier in ihrer geliebten
Vaterstadt zu sehen bald ihren Vater und ihre alten Bekannten wieder zu
umarmen ihren Heinrich ihnen vorstellen und einmal alle Sorgen des Hauswesens
bei den traulichen Erinnerungen ihrer Jugend ruhig vergessen zu können Die
Kaufleute hofften sich bei den dortigen Lustbarkeiten für die Unbequemlichkeiten
des Weges zu entschädigen und einträgliche Geschäfte zu machen
Das Haus des alten Schwaning fanden sie erleuchtet und eine lustige Musik
tönte ihnen entgegen Was gilts sagten die Kaufleute euer Großvater gibt ein
fröhliches Fest Wir kommen wie gerufen Wie wird er über die ungeladenen Gäste
erstaunen Er lässt es sich wohl nicht träumen dass das wahre Fest nun erst
angehn wird Heinrich fühlte sich verlegen und seine Mutter war nur wegen ihres
Anzugs in Sorgen Sie stiegen ab die Kaufleute blieben bei den Pferden und
Heinrich und seine Mutter traten in das prächtige Haus Unten war kein
Hausgenosse zu sehen Sie mussten die breite Wendeltreppe hinauf Einige Diener
liefen vorüber die sie baten dem alten Schwaning die Ankunft einiger Fremden
anzusagen die ihn zu sprechen wünschten Die Diener machten anfangs einige
Schwierigkeiten die Reisenden sahen nicht zum Besten aus doch meldeten sie es
dem Herrn des Hauses Der alte Schwaning kam heraus Er kannte sie nicht gleich
und fragte nach ihrem Namen und Anliegen Heinrichs Mutter weinte und fiel ihm
um den Hals Kennt Ihr Eure Tochter nicht mehr rief sie weinend Ich bringe
euch meinen Sohn Der alte Vater war äußerst gerührt Er drückte sie lange an
seine Brust Heinrich sank auf ein Knie und küsste ihm zärtlich die Hand Er hob
ihn zu sich und hielt Mutter und Sohn umarmt Geschwind herein sagte
Schwaning ich habe lauter Freunde und Bekannte bei mir die sich herzlich mit
mir freuen werden Heinrichs Mutter schien einige Zweifel zu haben Sie hatte
keine Zeit sich zu besinnen Der Vater führte beide in den hohen erleuchteten
Saal Da bringe ich meine Tochter und meinen Enkel aus Eisenach rief Schwaning
in das frohe Getümmel glänzend gekleideter Menschen Alle Augen kehrten sich
nach der Tür alles lief herzu die Musik schwieg und die beiden Reisenden
standen verwirrt und geblendet in ihren staubigen Kleidern mitten in der bunten
Schaar Tausend freudige Ausrufungen gingen von Mund zu Mund Alte Bekannte
drängten sich um die Mutter Es gab unzählige Fragen Jedes wollte zuerst
gekannt und bewillkommet sein Während der ältere Teil der Gesellschaft sich
mit der Mutter beschäftigte heftete sich die Aufmerksamkeit des jüngeren Teils
auf den fremden Jüngling der mit gesenktem Blick da stand und nicht das Herz
hatte die unbekannten Gesichter wieder zu betrachten Sein Großvater machte ihn
mit der Gesellschaft bekannt und erkundigte sich nach seinem Vater und den
Vorfällen ihrer Reise
Die Mutter gedachte der Kaufleute die unten aus Gefälligkeit bei den
Pferden geblieben waren Sie sagte es ihrem Vater welcher sogleich hinunter
schickte und sie einladen ließ heraufzukommen Die Pferde wurden in die Ställe
gebracht und die Kaufleute erschienen
Schwaning dankte ihnen herzlich für die freundschaftliche Geleitung seiner
Tochter Sie waren mit vielen Anwesenden bekannt und begrüßten sich freundlich
mit ihnen Die Mutter wünschte sich reinlich ankleiden zu dürfen Schwaning nahm
sie auf sein Zimmer und Heinrich folgte ihnen in gleicher Absicht
Unter der Gesellschaft war Heinrichen ein Mann aufgefallen den er in jenem
Buche oft an seiner Seite gesehen zu haben glaubte Sein edles Ansehen zeichnete
ihn vor allen aus Ein heiterer Ernst war der Geist seines Gesichts eine offene
schön gewölbte Stirn große schwarze durchdringende und feste Augen ein
schalkhafter Zug um den frölichen Mund und durchaus klare männliche
Verhältnisse machten es bedeutend und anziehend Er war stark gebaut seine
Bewegungen waren ruhig und ausdrucksvoll und wo er stand schien er ewig stehen
zu wollen Heinrich fragte seinen Großvater nach ihm Es ist mir lieb sagte der
Alte dass du ihn gleich bemerkt hast Es ist mein trefflicher Freund Klingsohr
der Dichter Auf seine Bekanntschaft und Freundschaft kannst du stolzer sein
als auf die des Kaysers Aber wie stehts mit deinem Herzen Er hat eine schöne
Tochter vielleicht dass sie den Vater bei dir aussticht Es sollte mich wundern
wenn du sie nicht gesehen hättest Heinrich errötete Ich war zerstreut lieber
Großvater Die Gesellschaft war zahlreich und ich betrachtete nur euren Freund
Man merkt es dass du aus Norden kommst erwiderte Schwaning Wir wollen dich
hier schon auftauen Du sollst schon lernen nach hübschen Augen sehen
Sie waren nun fertig und begaben sich zurück in den Saal wo indes die
Zurüstungen zum Abendessen gemacht worden waren Der alte Schwaning führte
Heinrichen und Klingsohr zu und erzählte ihm dass Heinrich ihn gleich bemerkt
und den lebhaftesten Wunsch habe mit ihm bekannt zu sein
Heinrich war beschämt Klingsohr redete freundlich zu ihm von seinem
Vaterlande und seiner Reise Es lag soviel Zutrauliches in seiner Stimme dass
Heinrich bald ein Herz fasste und sich freimütig mit ihm unterhielt Nach
einiger Zeit kam Schwaning wieder zu ihnen und brachte die schöne Matilde
Nehmt euch meines schüchternen Enkels freundlich an und verzeiht es ihm dass er
eher euren Vater als euch gesehen hat Eure glänzenden Augen werden schon die
schlummernde Jugend in ihm wecken In seinem Vaterland kommt der Frühling spät
Heinrich und Matilde wurden rot Sie sahen sich einander mit Verwunderung
an Sie fragte ihn mit kaum hörbaren leisen Worten Ob er gern tanze Eben als
er die Frage bejahte fing eine fröliche Tanzmusik an Er bot ihr schweigend
seine Hand sie gab ihm die ihrige und sie mischten sich in die Reihe der
walzenden Paare Schwaning und Klingsohr sahen zu Die Mutter und die Kaufleute
freuten sich über Heinrichs Behendigkeit und seine liebliche Tänzerinn Die
Mutter hatte genug mit ihren Jugendfreundinnen zu sprechen die ihr zu einem so
wohlgebildeten und so hoffnungsvollen Sohn Glück wünschten Klingsohr sagte zu
Schwaning Euer Enkel hat ein anziehendes Gesicht Es zeigt ein klares und
umfassendes Gemüt und seine Stimme kommt tief aus dem Herzen Ich hoffe
erwiderte Schwaning dass er euer gelehriger Schüler sein wird Mich däucht er
ist zum Dichter geboren Euer Geist komme über ihn Er sieht seinem Vater
ähnlich nur scheint er weniger heftig und eigensinnig Jener war in seiner
Jugend voll glücklicher Anlagen Eine gewisse Freisinnigkeit fehlte ihm Es
hätte mehr aus ihm werden können, als ein fleißiger und fertiger Künstler
Heinrich wünschte den Tanz nie zu endigen Mit innigem Wohlgefallen ruhte sein
Auge auf den Rosen seiner Tänzerinn Ihr unschuldiges Auge vermied ihn nicht
Sie schien der Geist ihres Vaters in der lieblichsten Verkleidung Aus ihren
großen ruhigen Augen sprach ewige Jugend Auf einem lichtimmelblauen Grunde lag
der milde Glanz der braunen Sterne Stirn und Nase senkten sich zierlich um sie
her Eine nach der aufgehenden Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht und von dem
schlanken weißen Halse schlängelten sich blaue Adern in reizenden Windungen um
die zarten Wangen Ihre Stimme war wie ein fernes Echo und das braune lockige
Köpfchen schien über der leichten Gestalt nur zu schweben
Die Schüsseln kamen herein und der Tanz war aus Die älteren Leute setzten
sich auf die Eine Seite und die jüngeren nahmen die Andere ein
Heinrich blieb bei Mathilden Eine junge Verwandte setzte sich zu seiner
Linken und Klingsohr saß ihm gerade gegenüber So wenig Matilde sprach so
gesprächig war Veronika seine andere Nachbarin Sie tat gleich mit ihm
vertraut und machte ihn in kurzem mit allen Anwesenden bekannt Heinrich
verhörte manches Er war noch bei seiner Tänzerin und hätte sich gern öfters
rechts gewandt Klingsohr machte ihrem Plaudern ein Ende Er fragte ihn nach dem
Bande mit sonderbaren Figuren was Heinrich an seinem Leibrock befestigt hatte
Heinrich erzählte von der Morgenländerin mit vieler Rührung Matilde weinte
und Heinrich konnte nun seine Tränen kaum verbergen Er geriet darüber mit ihr
ins Gespräch Alle unterhielten sich Veronika lachte und scherzte mit ihren
Bekannten Matilde erzählte ihm von Ungarn wo ihr Vater sich oft aufhielt und
von dem Leben in Augsburg Alle waren vergnügt Die Musik verscheuchte die
Zurückhaltung und reizte alle Neigungen zu einem munteren Spiel Blumenkörbe
dufteten in voller Pracht auf dem Tische und der Wein schlich zwischen den
Schüsseln und Blumen umher schüttelte seine goldnen Flügel und stellte bunte
Tapeten zwischen die Welt und die Gäste Heinrich begriff erst jetzt was ein
Fest sei Tausend frohe Geister schienen ihm um den Tisch zu gaukeln und in
stiller Sympatie mit den frölichen Menschen von ihren Freuden zu leben und mit
ihren Genüssen sich zu berauschen Der Lebensgenuss stand wie ein klingender Baum
voll goldener Früchte vor ihm Das Übel ließ sich nicht sehen und es dünkte ihm
unmöglich dass je die menschliche Neigung von diesem Baume zu der gefährlichen
Frucht des Erkenntnisses zu dem Baume des Krieges sich gewendet haben sollte
Er verstand nun den Wein und die Speisen Sie schmeckten ihm überaus köstlich
Ein himmlisches Öl würzte sie ihm und aus dem Becher funkelte die Herrlichkeit
des irdischen Lebens Einige Mädchen brachten dem alten Schwaning einen frischen
Kranz Er setzte ihn auf küsste sie und sagte Auch unserm Freund Klingsohr
müsst ihr einen bringen wir wollen beide zum Dank euch ein paar neue Lieder
lehren Das meinige sollt ihr gleich haben Er gab der Musik ein Zeichen und
sang mit lauter Stimme
Sind wir nicht geplagte Wesen?
Ist nicht unser Loos betrübt
Nur zu Zwang und Not erlesen
In Verstellung nur geübt
Dürfen selbst nicht unsre Klagen
Sich aus unserm Busen wagen
Allem was die Eltern sprechen
Widerspricht das volle Herz
Die verbotne Frucht zu brechen
Fühlen wir der Sehnsucht Schmerz
Möchten gern die süßen Knaben
Fest an unserm Herzen haben
Wäre dies zu denken Sünde
Zollfrei sind Gedanken doch
Was bleibt einem armen Kinde
Außer süßen Träumen noch
Will man sie auch gern verbannen
Nimmer ziehen sie von dannen
Wenn wir auch des Abends beten
Schreckt uns doch die Einsamkeit
Und zu unsern Küssen treten
Sehnsucht und Gefälligkeit
Könnten wir wohl widerstreben
Alles Alles hinzugeben
Unsere Reize zu verhüllen
Schreibt die strenge Mutter vor
Ach was hilft der gute Willen
Quellen sie nicht selbst empor
Bei der Sehnsucht innrem Beben
Muss das beste Band sich geben
Jede Neigung zu verschließen
Hart und kalt zu sein wie Stein
Schöne Augen nicht zu grüßen
Fleissig und allein zu sein
Keiner Bitte nachzugeben
Heißt das wohl ein Jugendleben
Groß sind eines Mädchens Plagen
Ihre Brust ist krank und wund
Und zum Lohn für stille Klagen
Küsst sie noch ein welker Mund
Wird denn nie das Blatt sich wenden
Und das Reich der Alten enden
Die alten Leute und die Jünglinge lachten Die Mädchen erröteten und lächelten
abwärts Unter tausend Neckereien wurde ein zweiter Kranz geholt und
Klingsohren aufgesetzt Sie baten aber inständigst um keinen so leichtfertigen
Gesang Nein sagte Klingsohr ich werde mich wohl hüten so frevelhaft von euren
Geheimnissen zu reden Sagt selbst was ihr für ein Lied haben wollt Nur nichts
von Liebe riefen die Mädchen ein Weinlied wenn es euch ansteht Klingsohr
sang
Auf grünen Bergen wird geboren
Der Gott der uns den Himmel bringt
Die Sonne hat ihn sich erkohren
Dass sie mit Flammen ihn durchdringt
Er wird im Lenz mit Lust empfangen
Der zarte Schoss quillt still empor
Und wenn des Herbstes Früchte prangen
Springt auch das goldne Kind hervor
Sie legen ihn in enge Wiegen
Ins unterirdische Geschoss
Er träumt von Festen und von Siegen
Und baut sich manches luftge Schloss
Es nahe keiner seiner Kammer
Wenn er sich ungeduldig drängt
Und jedes Band und jede Klammer
Mit jugendlichen Kräften sprengt
Denn unsichtbare Wächter stellen
So lang er träumt sich um ihn her
Und wer betritt die heilgen Schwellen
Den trift ihr luftumwundner Speer
So wie die Schwingen sich entfalten
Lässt er die lichten Augen sehen
Lässt ruhig seine Priester schalten
Und kommt heraus wenn sie ihm flehn
Aus seiner Wiege dunklem Schoss
Erscheint er in Krystallgewand
Verschwiegener Eintracht volle Rose
Trägt er bedeutend in der Hand
Und überall um ihn versammeln
Sich seine Jünger hocherfreut
Und tausend frohe Zungen stammeln
Ihm ihre Lieb und Dankbarkeit
Er sprützt in ungezählten Strahlen
Sein innres Leben in die Welt
Die Liebe nippt aus seinen Schalen
Und bleibt ihm ewig zugesellt
Er nahm als Geist der goldnen Zeiten
Von jeher sich des Dichters an
Der immer seine Lieblichkeiten
In trunknen Liedern aufgetan
Er gab ihm seine Treu zu ehren
Ein Recht auf jeden hübschen Mund
Und dass es keine darf ihm wehren
Macht Gott durch ihn es allen kund
Ein schöner Profet riefen die Mädchen Schwaning freute sich herzlich Sie
machten noch einige Einwendungen aber es half nichts Sie mussten ihm die süßen
Lippen hinreichen Heinrich schämte sich nur vor seiner ernsten Nachbarin sonst
hätte er sich laut über das Vorrecht der Dichter gefreut Veronika war unter den
Kranzträgerinnen Sie kam frölich zurück und sagte zu Heinrich Nicht wahr es
ist hübsch wenn man ein Dichter ist Heinrich getraute sich nicht diese Frage
zu benutzen Der Übermut der Freude und der Ernst der ersten Liebe kämpften in
seinem Gemüt Die reizende Veronika scherzte mit den Andern und so gewann er
Zeit den ersten etwas zu dämpfen Matilde erzählte ihm dass sie die Guitarre
spiele Ach sagte Heinrich von euch möchte ich sie lernen Ich habe mich lange
danach gesehnt Mein Vater hat mich unterrichtet Er spielt sie
unvergleichlich sagte sie errötend Ich glaube doch erwiderte Heinrich
dass ich sie schneller bei euch lerne Wie freue ich mich euren Gesang zu hören
Stellt euch nur nicht zu viel vor O sagte Heinrich was sollte ich nicht
erwarten können da eure bloße Rede schon Gesang ist und eure Gestalt eine
himmlische Musik verkündigt
Matilde schwieg Ihr Vater fing ein Gespräch mit ihm an in welchem
Heinrich mit der lebhaftesten Begeisterung sprach Die Nächsten wunderten sich
über des Jünglings Beredsamkeit über die Fülle seiner bildlichen Gedanken
Matilde sah ihn mit stiller Aufmerksamkeit an Sie schien sich über seine Reden
zu freuen die sein Gesicht mit den sprechendsten Mienen noch mehr erklärte
Seine Augen glänzten ungewöhnlich Er sah sich zuweilen nach Mathilden um die
über den Ausdruck seines Gesichts erstaunte Im Feuer des Gesprächs ergriff er
unvermerkt ihre Hand und sie konnte nicht umhin manches was er sagte mit
einem leisen Druck zu bestätigen Klingsohr wusste seinen Enthusiasmus zu
unterhalten und lockte allmählich seine ganze Seele auf die Lippen Endlich
stand alles auf Alles schwärmte durch einander Heinrich war an Mathildens
Seite geblieben Sie standen unbemerkt abwärts Er hielt ihre Hand und küsste sie
zärtlich Sie ließ sie ihm und blickte ihn mit unbeschreiblicher Freundlichkeit
an Er konnte sich nicht halten neigte sich zu ihr und küsste ihre Lippen Sie
war überrascht und erwiderte unwillkürlich seinen heißen Kuss Gute Matilde
lieber Heinrich das war alles was sie einander sagen konnten Sie drückte
seine Hand und ging unter die Andern Heinrich stand wie im Himmel Seine
Mutter kam auf ihn zu Er ließ seine ganze Zärtlichkeit an ihr aus Sie sagte
Ist es nicht gut dass wir nach Augsburg gereist sind Nicht wahr es gefällt
dir Liebe Mutter sagte Heinrich so habe ich mir es doch nicht vorgestellt Es
ist ganz herrlich
Der Rest des Abends verging in unendlicher Fröhlichkeit Die Alten spielten
plauderten und sahen den Tänzen zu Die Musik wogte wie ein Lustmeer im Saale
und hob die berauschte Jugend
Heinrich fühlte die entzückenden Weissagungen der ersten Lust und Liebe
zugleich Auch Matilde ließ sich willig von den schmeichelnden Wellen tragen
und verbarg ihr zärtliches Zutrauen ihre aufkeimende Neigung zu ihm nur hinter
einem leichten Flor Der alte Schwaning bemerkte das kommende Verständnis und
neckte beide
Klingsohr hatte Heinrichen lieb gewonnen und freute sich seiner
Zärtlichkeit Die andern Jünglinge und Mädchen hatten es bald bemerkt Sie zogen
die ernste Matilde mit dem jungen Thüringer auf und verhehlten nicht dass es
ihnen lieb sei Mathildens Aufmerksamkeit nicht mehr bei ihren Herzensgeschäften
scheuen zu dürfen
Es war tief in der Nacht als die Gesellschaft auseinanderging Das erste
und einzige Fest meines Lebens sagte Heinrich zu sich selbst als er allein
war und seine Mutter sich ermüdet zur Ruhe gelegt hatte Ist mir nicht zu Mute
wie in jenem Traume beim Anblick der blauen Blume Welcher sonderbare
Zusammenhang ist zwischen Mathilden und dieser Blume Jenes Gesicht das aus dem
Kelche sich mir entgegenneigte es war Mathildens himmlisches Gesicht und nun
erinnere ich mich auch es in jenem Buche gesehen zu haben Aber warum hat es
dort mein Herz nicht so bewegt O sie ist der sichtbare Geist des Gesanges
eine würdige Tochter ihres Vaters Sie wird mich in Musik auflösen Sie wird
meine innerste Seele die Hüterin meines heiligen Feuers sein Welche Ewigkeit
von Treue fühle ich in mir Ich ward nur geboren um sie zu verehren um ihr
ewig zu dienen um sie zu denken und zu empfinden Gehört nicht ein eigenes
ungeteiltes Dasein zu ihrer Anschauung und Anbetung und bin ich der
Glückliche dessen Wesen das Echo der Spiegel des ihrigen sein darf Es war
kein Zufall dass ich sie am Ende meiner Reise sah dass ein seliges Fest den
höchsten Augenblick meines Lebens umgab Es konnte nicht anders sein macht ihre
Gegenwart nicht alles festlich
Er trat ans Fenster Das Chor der Gestirne stand am dunkeln Himmel und im
Morgen kündigte ein weißer Schein den kommenden Tag an
Mit vollem Entzücken rief Heinrich aus Euch ihr ewigen Gestirne ihr
stillen Wandrer euch rufe ich zu Zeugen meines heiligen Schwurs an Für
Mathilden will ich leben und ewige Treue soll mein Herz an das ihrige knüpfen
Auch mir bricht der Morgen eines ewigen Tages an Die Nacht ist vorüber Ich
zünde der aufgehenden Sonne mich selbst zum nieverglühenden Opfer an
Heinrich war erhitzt und nur spät gegen Morgen schlief er ein In
wunderliche Träume flossen die Gedanken seiner Seele zusammen Ein tiefer blauer
Strom schimmerte aus der grünen Ebene herauf Auf der glatten Fläche schwamm ein
Kahn Matilde saß und ruderte Sie war mit Kränzen geschmückt sang ein
einfaches Lied und sah nach ihm mit süßer Wehmut herüber Seine Brust war
beklommen Er wusste nicht warum Der Himmel war heiter die Flut ruhig Ihr
himmlisches Gesicht spiegelte sich in den Wellen Auf einmal fing der Kahn an
sich umzudrehen Er rief ihr ängstlich zu Sie lächelte und legte das Ruder in
den Kahn der sich immerwährend drehte Eine ungeheure Bangigkeit ergriff ihn
Er stürzte sich in den Strom aber er konnte nicht fort das Wasser trug ihn
Sie winkte sie schien ihm etwas sagen zu wollen der Kahn schöpfte schon
Wasser doch lächelte sie mit einer unsäglichen Innigkeit und sah heiter in den
Wirbel hinein Auf einmal zog es sie hinunter Eine leise Luft strich über den
Strom der eben so ruhig und glänzend floss wie vorher Die entsetzliche Angst
raubte ihm das Bewusstsein. Das Herz schlug nicht mehr Er kam erst zu sich als
er sich auf trocknem Boden fühlte Er mochte weit geschwommen sein Es war eine
fremde Gegend Er wusste nicht wie ihm geschehen war Sein Gemüt war
verschwunden Gedankenlos ging er tiefer ins Land Entsetzlich matt fühlte er
sich Eine kleine Quelle kam aus einem Hügel sie tönte wie lauter Glocken Mit
der Hand schöpfte er einige Tropfen und netzte seine dürren Lippen Wie ein
banger Traum lag die schreckliche Begebenheit hinter ihm Immer weiter und
weiter ging er Blumen und Bäume redeten ihn an Ihm wurde so wohl und
heimatlich zu Sinne Da hörte er jenes einfache Lied wieder Er lief den Tönen
nach Auf einmal hielt ihn jemand am Gewande zurück Lieber Heinrich rief eine
bekannte Stimme Er sah sich um und Matilde schloss ihn in ihre Arme Warum
liefst du vor mir liebes Herz sagte sie tiefatmend Kaum konnte ich dich
einholen Heinrich weinte Er drückte sie an sich Wo ist der Strom rief er
mit Tränen Siehst du nicht seine blauen Wellen über uns Er sah hinauf und
der blaue Strom floss leise über ihrem Haupte Wo sind wir liebe Matilde Bei
unsern Eltern Bleiben wir zusammen Ewig versetzte sie indem sie ihre
Lippen an die seinigen drückte und ihn so umschloss dass sie nicht wieder von
ihm konnte Sie sagte ihm ein wunderbares geheimes Wort in den Mund was sein
ganzes Wesen durchklang Er wollte es wiederholen als sein Großvater rief und
er aufwachte Er hätte sein Leben darum geben mögen das Wort noch zu wissen
Siebentes Kapitel
Klingsohr stand vor seinem Bette und bot ihm freundlich guten Morgen Er ward
munter und fiel Klingsohr um den Hals Das gilt euch nicht sagte Schwaning
Heinrich lächelte und verbarg sein Erröten an den Wangen seiner Mutter
Habt ihr Lust mit mir vor der Stadt auf einer schönen Anhöhe zu frühstücken
sagte Klingsohr Der herrliche Morgen wird euch erfrischen Kleidet euch an
Matilde wartet schon auf uns
Heinrich dankte mit tausend Freuden für diese willkommene Einladung In
einem Augenblick war er fertig und küsste Klingsohr mit vieler Inbrunst die
Hand
Sie gingen zu Mathilden die in ihrem einfachen Morgenkleide wunderlieblich
aussah und ihn freundlich grüßte Sie hatte schon das Frühstück in ein Körbchen
gepackt das sie an den Einen Arm hing und die andere Hand unbefangen
Heinrichen reichte Klingsohr folgte ihnen und so wandelten sie durch die
Stadt die schon voller Lebendigkeit war nach einem kleinen Hügel am Fluße wo
sich unter einigen hohen Bäumen eine weite und volle Aussicht öffnete
Habe ich doch schon oft rief Heinrich aus mich an dem Aufgang der bunten
Natur an der friedlichen Nachbarschaft ihres mannichfaltigen Eigentums
ergötzt aber eine so schöpferische und gediegene Heiterkeit hat mich noch nie
erfüllt wie heute Jene Fernen sind mir so nah und die reiche Landschaft ist
mir wie eine innere Fantasie Wie veränderlich ist die Natur so unwandelbar
auch ihre Oberfläche zu sein scheint Wie anders ist sie wenn ein Engel wenn
ein kräftigerer Geist neben uns ist als wenn ein Notleidender vor uns klagt
oder ein Bauer uns erzählt wie ungünstig die Witterung ihm sei und wie nötig
er düstere Regentage für seine Saat brauche Euch teuerster Meister bin ich
dieses Vergnügen schuldig ja dieses Vergnügen denn es gibt kein anderes Wort
was wahrhafter den Zustand meines Herzens ausdrückte Freude Lust und Entzücken
sind nur die Glieder des Vergnügens das sie zu einem höheren Leben verknüpft Er
drückte Mathildens Hand an sein Herz und versank mit einem feurigen Blick in
ihr mildes empfängliches Auge
Die Natur versetzte Klingsohr ist für unser Gemüt was ein Körper für das
Licht ist Er hält es zurück er bricht es in eigentümliche Farben er zündet
auf seiner Oberfläche oder in seinem Innern ein Licht an das wenn es seiner
Dunkelheit gleich kommt ihn klar und durchsichtig macht wenn es sie überwiegt
von ihm ausgeht um andere Körper zu erleuchten Aber selbst der dunkelste
Körper kann durch Wasser Feuer und Luft dahin gebracht werden dass er hell und
glänzend wird
Ich verstehe euch lieber Meister Die Menschen sind Krystalle für unser
Gemüt Sie sind die durchsichtige Natur Liebe Matilde ich möchte euch einen
köstlichen lautern Sapphir nennen Ihr seid klar und durchsichtig wie der
Himmel ihr erleuchtet mit dem mildesten Lichte Aber sagt mir lieber Meister
ob ich recht habe mich dünkt dass man gerade wenn man am innigsten mit der
Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen könnte und möchte
Wie man das nimmt versetzte Klingsohr ein anderes ist es mit der Natur für
unsern Genuss und unser Gemüt ein anderes mit der Natur für unsern Verstand
für das leitende Vermögen unserer Weltkräfte Man muss sich wohl hüten nicht
eins über das andere zu vergessen Es gibt viele die nur die Eine Seite kennen
und die andere geringschätzen Aber beide kann man vereinigen und man wird sich
wohl dabei befinden Schade dass so wenige darauf denken sich in ihrem Innern
frei und geschickt bewegen zu können und durch eine gehörige Trennung sich den
zweckmässigsten und natürlichsten Gebrauch ihrer Gemütskräfte zu sichern
Gewöhnlich hindert eine die andere und so entsteht allmälich eine unbehülfliche
Trägheit dass wenn nun solche Menschen einmal mit gesammten Kräften aufstehen
wollen eine gewaltige Verwirrung und Streit beginnt und alles über einander
ungeschickt herstolpert Ich kann euch nicht genug anrühmen euren Verstand
euren natürlichen Trieb zu wissen wie alles sich begibt und untereinander nach
Gesetzen der Folge zusammenhängt mit Fleiß und Mühe zu unterstützen Nichts ist
dem Dichter unentbehrlicher als Einsicht in die Natur jedes Geschäfts
Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen und Gegenwart des
Geistes, nach Zeit und Umständen die schicklichsten zu wählen Begeisterung
ohne Verstand ist unnütz und gefährlich und der Dichter wird wenig Wunder tun
können wenn er selbst über Wunder erstaunt
Ist aber dem Dichter nicht ein inniger Glaube an die menschliche Regierung
des Schicksals unentbehrlich
Unentbehrlich allerdings weil er sich das Schicksal nicht anders vorstellen
kann wenn er reiflich darüber nachdenkt aber wie entfernt ist diese heitere
Gewissheit von jener ängstlichen Ungewissheit von jener blinden Furcht des
Aberglaubens Und so ist auch die kühle belebende Wärme eines dichterischen
Gemüts gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines kränklichen Herzens
Diese ist arm betäubend und vorübergehend jene sondert alle Gestalten rein ab
begünstigt die Ausbildung der mannichfaltigsten Verhältnisse und ist ewig durch
sich selbst Der junge Dichter kann nicht kühl nicht besonnen genug sein Zur
wahren melodischen Gesprächigkeit gehört ein weiter aufmerksamer und ruhiger
Sinn Es wird ein verworrnes Geschwätz wenn ein reissender Sturm in der Brust
tobt und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflöst
Nochmals wiederhole ich das ächte Gemüt ist wie das Licht eben so ruhig und
empfindlich eben so elastisch und durchdringlich eben so mächtig und eben so
unmerklich wirksam als dieses köstliche Element das auf alle Gegenstände sich
mit feiner Abgemessenheit verteilt und sie alle in reizender Mannichfaltigkeit
erscheinen lässt Der Dichter ist reiner Stahl eben so empfindlich wie ein
zerbrechlicher Glasfaden und eben so hart wie ein ungeschmeidiger Kiesel
Ich habe das schon zuweilen gefühlt sagte Heinrich dass ich in den
innigsten Minuten weniger lebendig war als zu andern Zeiten wo ich frei
umhergehn und alle Beschäftigungen mit Lust treiben konnte Ein geistiges
scharfes Wesen durchdrang mich dann und ich durfte jeden Sinn nach Gefallen
brauchen jeden Gedanken wie einen wirklichen Körper umwenden und von allen
Seiten betrachten Ich stand mit stillem Anteil an der Werkstatt meines Vaters
und freute mich wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen
konnte Geschicklichkeit hat einen ganz besonderen stärkenden Reiz und es ist
wahr ihr Bewusstsein verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genuss als
jenes überfliessende Gefühl einer unbegreiflichen überschwenglichen
Herrlichkeit
Glaubt nicht sagte Klingsohr dass ich das letztere tadle aber es muss von
selbst kommen und nicht gesucht werden Seine sparsame Erscheinung ist
wohltätig öfterer wird sie ermüdend und schwächend Man kann nicht schnell
genug sich aus der süßen Betäubung reißen die es hinterlässt und zu einer
regelmäßigen und mühsamen Beschäftigung zurückkehren Es ist wie mit den
anmutigen Morgenträumen aus deren einschläferndem Wirbel man nur mit Gewalt
sich herausziehen kann wenn man nicht in immer drückendere Müdigkeit geraten
und so in krankhafter Erschöpfung nachher den ganzen Tag hinschleppen will
Die Poesie will vorzüglich fuhr Klingsohr fort als strenge Kunst getrieben
werden Als bloßer Genuss hört sie auf Poesie zu sein Ein Dichter muss nicht den
ganzen Tag müßig umherlaufen und auf Bilder und Gefühle Jagd machen Das ist
ganz der verkehrte Weg Ein reines offenes Gemüt Gewandtheit im Nachdenken
und Betrachten und Geschicklichkeit alle seine Fähigkeiten in eine gegenseitig
belebende Tätigkeit zu versetzen und darin zu erhalten das sind die
Erfordernisse unserer Kunst Wenn ihr euch mir überlassen wollt so soll kein
Tag euch vergehen wo ihr nicht eure Kenntnisse bereichert und einige nützliche
Einsichten erlangt habt Die Stadt ist reich an Künstlern aller Art Es gibt
einige erfahrne Staatsmänner einige gebildete Kaufleute hier Man kann ohne
große Umstände mit allen Ständen mit allen Gewerben mit allen Verhältnissen
und Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft sich bekannt machen Ich will
euch mit Freuden in dem Handwerksmässigen unserer Kunst unterrichten und die
merkwürdigsten Schriften mit euch lesen Ihr könnt Mathildens Lehrstunden
teilen und sie wird euch gern die Guitarre spielen lehren Jede Beschäftigung
wird die übrigen vorbereiten und wenn ihr so euren Tag gut angelegt habt so
werden euch das Gespräch und die Freuden des gesellschaftlichen Abends und die
Ansichten der schönen Landschaft umher mit den heitersten Genüssen immer wieder
überraschen
Welches herrliche Leben schließt ihr mir auf liebster Meister Unter eurer
Leitung werde ich erst merken welches edle Ziel vor mir steht und wie ich es
nur durch euren Rat zu erreichen hoffen darf
Klingsohr umarmte ihn zärtlich Matilde brachte ihnen das Frühstück und
Heinrich fragte sie mit zärtlicher Stimme ob sie ihn gern zum Begleiter ihres
Unterrichts und zum Schüler annehmen wollte Ich werde wohl ewig euer Schüler
bleiben sagte er indem sich Klingsohr nach einer anderen Seite wandte Sie
neigte sich unmerklich zu ihm hin Er umschlang sie und küsste den weichen Mund
des errötenden Mädchens Nur sanft bog sie sich von ihm weg doch reichte sie
ihm mit der kindlichsten Anmut eine Rose die sie am Busen trug Sie machte
sich mit ihrem Körbchen zu tun Heinrich sah ihr mit stillem Entzücken nach
küsste die Rose heftete sie an seine Brust und ging an Klingsohrs Seite der
nach der Stadt hinüber sah
Wo seid ihr hergekommen fragte Klingsohr Über jenen Hügel herunter
erwiderte Heinrich In jene Ferne verliert sich unser Weg Ihr müsst schöne
Gegenden gesehen haben Fast ununterbrochen sind wir durch reizende
Landschaften gereist Auch Eure Vaterstadt hat wohl eine anmutige Lage
Die Gegend ist abwechselnd genug doch ist sie noch wild und ein großer Fluss
fehlt ihr Die Ströme sind die Augen einer Landschaft Die Erzählung eurer
Reise sagte Klingsohr hat mir gestern Abend eine angenehme Unterhaltung
gewährt Ich habe wohl gemerkt dass der Geist der Dichtkunst euer freundlicher
Begleiter ist Eure Gefährten sind unbemerkt seine Stimmen geworden In der Nähe
des Dichters bricht die Poesie überall aus Das Land der Poesie das romantische
Morgenland hat euch mit seiner süßen Wehmut begrüßt der Krieg hat euch in
seiner wilden Herrlichkeit angeredet und die Natur und Geschichte sind euch
unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet
Ihr vergesst das Beste lieber Meister die himmlische Erscheinung der Liebe
Es hängt nur von euch ab diese Erscheinung mir auf ewig festzuhalten Was
meinst du rief Klingsohr indem er sich zu Mathilden wandte die eben auf ihn
zukam Hast du Lust Heinrichs unzertrennliche Gefährtinn zu sein Wo du bleibst
bleibe ich auch Matilde erschrak sie flog in die Arme ihres Vaters Heinrich
zitterte in unendlicher Freude Wird er mich denn ewig geleiten wollen lieber
Vater Frage ihn selbst sagte Klingsohr gerührt Sie sah Heinrichen mit der
innigsten Zärtlichkeit an Meine Ewigkeit ist ja dein Werk rief Heinrich indem
ihm die Tränen über die blühenden Wangen stürzten Sie umschlangen sich
zugleich Klingsohr fasste sie in seine Arme Meine Kinder rief er seid
einander treu bis in den Tod Liebe und Treue werden euer Leben zur ewigen
Poesie machen
Achtes Kapitel
Nachmittags führte Klingsohr seinen neuen Sohn an dessen Glück seine Mutter und
Großvater den zärtlichsten Anteil nahmen und Mathilden wie seinen Schutzgeist
verehrten in seine Stube und machte ihn mit den Büchern bekannt Sie sprachen
nachher von Poesie Ich weiß nicht sagte Klingsohr warum man es für Poesie
nach gemeiner Weise hält wenn man die Natur für einen Poeten ausgibt Sie ist
es nicht zu allen Zeiten Es ist in ihr wie in dem Menschen ein
entgegengesetztes Wesen die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefühllosigkeit und
Trägheit die einen rastlosen Streit mit der Poesie führen Er wäre ein schöner
Stoff zu einem Gedicht dieser gewaltige Kampf Manche Länder und Zeiten
scheinen wie die meisten Menschen ganz unter der Botmässigkeit dieser Feindinn
der Poesie zu stehen dagegen in andern die Poesie einheimisch und überall
sichtbar ist Für den Geschichtschreiber sind die Zeiten dieses Kampfes äußerst
merkwürdig ihre Darstellung ein reizendes und belohnendes Geschäft Es sind
gewöhnlich die Geburtszeiten der Dichter Der Widersacherinn ist nichts
unangenehmer als dass sie der Poesie gegenüber selbst zu einer poetischen Person
wird und nicht selten in der Hitze die Waffen mit ihr tauscht und von ihrem
eigenen heimtückischen Geschosse heftig getroffen wird dahingegen die Wunden
der Poesie die sie von ihren eigenen Waffen erhält leicht heilen und sie nur
noch reitzender und gewaltiger machen
Der Krieg überhaupt sagte Heinrich scheint mir eine poetische Wirkung Die
Leute glauben sich für irgend einen armseligen Besitz schlagen zu müssen und
merken nicht dass sie der romantische Geist aufregt um die unnützen
Schlechtigkeiten durch sich selbst zu vernichten Sie führen die Waffen für die
Sache der Poesie und beide Heere folgen Einer unsichtbaren Fahne
Im Kriege versetzte Klingsohr regt sich das Urgewässer Neue Weltteile
sollen entstehen neue Geschlechter sollen aus der großen Auflösung anschiessen
Der wahre Krieg ist der Religionskrieg der geht gerade zu auf Untergang und
der Wahnsinn der Menschen erscheint in seiner völligen Gestalt Viele Kriege
besonders die vom Nationalhass entspringen gehören in diese Klasse mit und sie
sind ächte Dichtungen Hier sind die wahren Helden zu Hause die das edelste
Gegenbild der Dichter nichts anders als unwillkürlich von Poesie
durchdrungene Weltkräfte sind Ein Dichter der zugleich Held wäre ist schon
ein göttlicher Gesandter aber seiner Darstellung ist unsere Poesie nicht
gewachsen
Wie versteht ihr das lieber Vater sagte Heinrich Kann ein Gegenstand zu
überschwänglich für die Poesie sein
Allerdings Nur kann man im Grunde nicht sagen für die Poesie sondern nur
für unsere irdischen Mittel und Werkzeuge Wenn es schon für einen einzelnen
Dichter nur ein eigentümliches Gebiet gibt innerhalb dessen er bleiben muss
um nicht alle Haltung und den Atem zu verlieren so gibt es auch für die ganze
Summe menschlicher Kräfte eine bestimmte Grenze der Darstellbarkeit über welche
hinaus die Darstellung die nötige Dichtigkeit und Gestaltung nicht behalten
kann und in ein leeres täuschendes Unding sich verliert Besonders als Lehrling
kann man nicht genug sich vor diesen Ausschweifungen hüten da eine lebhafte
Fantasie nur gar zu gern nach den Grenzen sich begibt und übermütig das
Unsinnliche Übermässige zu ergreifen und auszusprechen sucht Reifere Erfahrung
lehrt erst jene Unverhältnissmässigkeit der Gegenstände zu vermeiden und die
Aufspürung des Einfachsten und Höchsten der Weltweisheit zu überlassen Der
ältere Dichter steigt nicht höher als er es gerade nötig hat um seinen
mannichfaltigen Vorrat in eine leichtfassliche Ordnung zu stellen und hütet
sich wohl die Mannichfaltigkeit zu verlassen die ihm Stoff genug und auch die
nötigen Vergleichspunkte darbietet Ich möchte fast sagen das Chaos muss in
jeder Dichtung durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern Den Reichtum
der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung fasslich und anmutig
dagegen auch das bloße Ebenmaass die unangenehme Dürre einer Zahlenfigur hat Die
beste Poesie liegt uns ganz nahe und ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht
selten ihr liebster Stoff Für den Dichter ist die Poesie an beschränkte
Werkzeuge gebunden und eben dadurch wird sie zur Kunst Die Sprache überhaupt
hat ihren bestimmten Kreis Noch enger ist der Umfang einer besonderen
Volkssprache Durch Übung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen
Er weiß was er mit ihr leisten kann genau und wird keinen törichten Versuch
machen sie über ihre Kräfte anzuspannen Nur selten wird er alle ihre Kräfte in
Einen Punkt zusammen drängen denn sonst wird er ermüdend und vernichtet selbst
die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftäusserung Auf seltsame Sprünge
richtet sie nur ein Gaukler kein Dichter ab Überhaupt können die Dichter nicht
genug von den Musikern und Mahlern lernen In diesen Künsten wird es recht
auffallend wie nötig es ist wirtschaftlich mit den Hülfsmitteln der Kunst
umzugehn und wie viel auf geschickte Verhältnisse ankommt Dagegen könnten
freilich jene Künstler auch von uns die poetische Unabhängigkeit und den innern
Geist jeder Dichtung und Erfindung jedes ächten Kunstwerks überhaupt dankbar
annehmen Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer sein
beides nach der Art und Weise unserer Kunst Der Stoff ist nicht der Zweck der
Kunst aber die Ausführung ist es Du wirst selbst sehen welche Gesänge dir am
besten geraten gewiss die deren Gegenstände dir am geläufigsten und
gegenwärtigsten sind. Daher kann man sagen dass die Poesie ganz auf Erfahrung
beruht Ich weiß selbst dass mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu
entfernt und zu unbekannt sein konnte den ich nicht am liebsten besungen hätte
Was wurde es ein leeres armseliges Wortgeräusch ohne einen Funken wahrer
Poesie Daher ist auch ein Märchen eine sehr schwierige Aufgabe und selten
wird ein junger Dichter sie gut lösen
Ich möchte gern eins von dir hören sagte Heinrich Die wenigen die ich
gehört habe haben mich unbeschreiblich ergötzt so unbedeutend sie auch sein
mochten
Ich will heute Abend deinen Wunsch befriedigen Es ist mir Eins erinnerlich
was ich noch in ziemlich jungen Jahren machte wovon es auch noch deutliche
Spuren an sich trägt indes wird es dich vielleicht desto lehrreicher
unterhalten und dich an manches erinnern was ich dir gesagt habe
Die Sprache sagte Heinrich ist wirklich eine kleine Welt in Zeichen und
Tönen Wie der Mensch sie beherrscht so möchte er gern die große Welt
beherrschen und sich frei darin ausdrücken können Und eben in dieser Freude
das was außer der Welt ist in ihr zu offenbaren das tun zu können was
eigentlich der ursprüngliche Trieb unsers Daseins ist liegt der Ursprung der
Poesie
Es ist recht übel sagte Klingsohr dass die Poesie einen besonderen Namen
hat und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen Es ist gar nichts
besonderes Es ist die eigentümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes
Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute Eben trat Matilde
ins Zimmer als Klingsohr noch sagte Man betrachte nur die Liebe Nirgends
wird wohl die Notwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar als
in ihr Die Liebe ist stumm nur die Poesie kann für sie sprechen Oder die
Liebe ist selbst nichts als die höchste Naturpoesie Doch ich will dir nicht
Dinge sagen die du besser weißt als ich
Du bist ja der Vater der Liebe sagte Heinrich indem er Mathilden
umschlang und beide seine Hand küssten
Klingsohr umarmte sie und ging hinaus Liebe Matilde sagte Heinrich nach
einem langen Kusse es ist mir wie ein Traum dass du mein bist aber noch
wunderbarer ist mir es dass du es nicht immer gewesen bist Mich dünkt sagte
Matilde ich kennte dich seit undenklichen Zeiten Kannst du mich denn
lieben Ich weiß nicht was Liebe ist aber das kann ich dir sagen dass mir
ist als finge ich erst jetzt zu leben an und dass ich dir so gut bin dass ich
gleich für dich sterben wollte Meine Matilde erst jetzt fühle ich was es
heißt unsterblich zu sein Lieber Heinrich wie unendlich gut bist du welcher
herrliche Geist spricht aus dir Ich bin ein armes unbedeutendes Mädchen Wie
du mich tief beschämst bin ich doch nur durch dich was ich bin Ohne dich wäre
ich nichts Was ist ein Geist ohne Himmel und du bist der Himmel der mich
trägt und erhält Welches selige Geschöpf wäre ich wenn du so treu wärst wie
mein Vater Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt Mein Vater weint fast
alle Tage noch um sie Ich verdiene es nicht aber möchte ich glücklicher
sein als er Ich lebte gern recht lange an deiner Seite lieber Heinrich Ich
werde durch dich gewiss viel besser Ach Matilde auch der Tod wird uns nicht
trennen Nein Heinrich wo ich bin wirst du sein Ja wo du bist Matilde
werd ich ewig sein Ich begreife nichts von der Ewigkeit aber ich dächte
das müsste die Ewigkeit sein was ich empfinde wenn ich an dich denke Ja
Matilde wir sind ewig weil wir uns lieben Du glaubst nicht Lieber wie
inbrünstig ich heute früh wie wir nach Hause kamen vor dem Bilde der
himmlischen Mutter niederkniete wie unsäglich ich zu ihr gebetet habe Ich
glaubte in Tränen zu zerfließen Es kam mir vor als lächelte sie mir zu Nun
weiß ich erst was Dankbarkeit ist O Geliebte der Himmel hat dich mir zur
Verehrung gegeben Ich bete dich an Du bist die Heilige die meine Wünsche zu
Gott bringt durch die er sich mir offenbart durch die er mir die Fülle seiner
Liebe kund tut Was ist die Religion als ein unendliches Einverständnis eine
ewige Vereinigung liebender Herzen Wo zwei versammelt sind ist er ja unter
ihnen Ich habe ewig an dir zu atmen meine Brust wird nie aufhören dich in
sich zu ziehen Du bist die göttliche Herrlichkeit das ewige Leben in der
lieblichsten Hülle Ach Heinrich du weißt das Schicksal der Rosen wirst du
auch die welken Lippen die bleichen Wangen mit Zärtlichkeit an deine Lippen
drücken Werden die Spuren des Alters nicht die Spuren der vorübergegangenen
Liebe sein O könntest du durch meine Augen in mein Gemüt sehen aber du
liebst mich und so glaubst du mir auch Ich begreife das nicht was man von der
Vergänglichkeit der Reitze sagt O sie sind unverwelklich Was mich so
unzertrennlich zu dir zieht was ein ewiges Verlangen in mir geweckt hat das
ist nicht aus dieser Zeit Könntest du nur sehen wie du mir erscheinst welches
wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir überall entgegen leuchtet du
würdest kein Alter fürchten Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses
Bildes Die irdischen Kräfte ringen und quellen um es festzuhalten aber die
Natur ist noch unreif das Bild ist ein ewiges Urbild ein Teil der unbekannten
heiligen Welt Ich verstehe dich lieber Heinrich denn ich sehe etwas
Ähnliches wenn ich dich anschaue Ja Matilde die höhere Welt ist uns näher
als wir gewöhnlich denken Schon hier leben wir in ihr und wir erblicken sie
auf das Innigste mit der irdischen Natur verwebt Du wirst mir noch viel
herrliche Sachen offenbaren Geliebtester O Matilde von dir allein kommt
mir die Gabe der Weissagung Alles ist ja dein was ich habe deine Liebe wird
mich in die Heiligtümer des Lebens in das Allerheiligste des Gemüts führen
du wirst mich zu den höchsten Anschauungen begeistern Wer weiß ob unsre Liebe
nicht dereinst noch zu Flammenfittichen wird die uns aufheben und uns in unsre
himmlische Heimat tragen ehe das Alter und der Tod uns erreichen Ist es nicht
schon ein Wunder dass du mein bist dass ich dich in meinen Armen halte dass du
mich liebst und ewig mein sein willst Auch mir ist jetzt alles glaublich und
ich fühle ja so deutlich eine stille Flamme in mir lodern wer weiß ob sie uns
nicht verklärt und die irdischen Banden allmählich auflöst Sage mir nur
Heinrich ob du auch schon das grenzenlose Vertrauen zu mir hast was ich zu dir
habe Noch nie hab ich so etwas gefühlt selbst nicht gegen meinen Vater den
ich doch so unendlich liebe Liebe Matilde es peinigt mich ordentlich dass
ich dir nicht alles auf einmal sagen dass ich dir nicht gleich mein ganzes Herz
auf einmal hingeben kann Es ist auch zum erstenmal in meinem Leben dass ich
ganz offen bin Keinen Gedanken keine Empfindung kann ich vor dir mehr geheim
haben du musst alles wissen Mein ganzes Wesen soll sich mit dem deinigen
vermischen Nur die grenzenloseste Hingebung kann meiner Liebe genügen In ihr
besteht sie ja Sie ist ja ein geheimnisvolles Zusammenfliessen unsers geheimsten
und eigentümlichsten Daseins Heinrich so können sich noch nie zwei Menschen
geliebt haben Ich kanns nicht glauben Es gab ja noch keine Matilde Auch
keinen Heinrich Ach schwör es mir noch einmal dass du ewig mein bist die
Liebe ist eine endlose Wiederholung Ja Heinrich ich schwöre ewig dein zu
sein bei der unsichtbaren Gegenwart meiner guten Mutter Ich schwöre ewig
dein zu sein Matilde so wahr die Liebe die Gegenwart Gottes bei uns ist Eine
lange Umarmung unzählige Küsse besiegelten den ewigen Bund des seligen Paars
Neuntes Kapitel
Abends waren einige Gäste da der Großvater trank die Gesundheit des jungen
Brautpaars und versprach bald ein schönes Hochzeitfest auszurichten Was hilft
das lange Zaudern sagte der Alte Frühe Hochzeiten lange Liebe Ich habe immer
gesehen dass Ehen die früh geschlossen wurden am glücklichsten waren In
späteren Jahren ist gar keine solche Andacht mehr im Ehestande als in der
Jugend Eine gemeinschaftlich genossne Jugend ist ein unzerreissliches Band Die
Erinnerung ist der sicherste Grund der Liebe Nach Tische kamen mehrere
Heinrich bat seinen neuen Vater um die Erfüllung seines Versprechens Klingsohr
sagte zu der Gesellschaft Ich habe heute Heinrichen versprochen ein Märchen zu
erzählen Wenn ihr es zufrieden seid so bin ich bereit Das ist ein kluger
Einfall von Heinrich sagte Schwaning Ihr habt lange nichts von euch hören
lassen Alle setzten sich um das lodernde Feuer im Kamin Heinrich saß dicht bei
Mathilden und schlang seinen Arm um sie Klingsohr begann
Die lange Nacht war eben angegangen Der alte Held schlug an seinen Schild
dass es weit umher in den öden Gassen der Stadt erklang Er wiederholte das
Zeichen dreimal Da fingen die hohen bunten Fenster des Pallastes an von innen
heraus helle zu werden und ihre Figuren bewegten sich Sie bewegten sich
lebhafter je stärker das rötliche Licht ward das die Gassen zu erleuchten
begann Auch sah man allmählich die gewaltigen Säulen und Mauern selbst sich
erhellen Endlich standen sie im reinsten milchblauen Schimmer und spielten
mit den sanftesten Farben Die ganze Gegend ward nun sichtbar und der
Wiederschein der Figuren das Getümmel der Spieße der Schwerdter der Schilder
und der Helme die sich nach hier und da erscheinenden Kronen von allen Seiten
neigten und endlich wie diese verschwanden und einem schlichten grünen Kranze
Platz machten um diesen her einen weiten Kreis schlossen alles dies spiegelte
sich in dem starren Meere das den Berg umgab auf dem die Stadt lag und auch
der ferne hohe Berggürtel der sich rund um das Meer herzog ward bis in die
Mitte mit einem milden Abglanz überzogen Man konnte nichts deutlich
unterscheiden doch hörte man ein wunderliches Getöse herüber wie aus einer
fernen ungeheuren Werkstatt Die Stadt erschien dagegen hell und klar Ihre
glatten durchsichtigen Mauern warfen die schönen Strahlen zurück und das
vortreffliche Ebenmaass der edle Styl aller Gebäude und ihre schöne
Zusammenordnung kam zum Vorschein Vor allen Fenstern standen zierliche Gefäße
von Ton voll der mannichfaltigsten Eis und Schneeblumen die auf das
anmutigste funkelten
Am herrlichsten nahm sich auf dem großen Platze vor dem Pallaste der Garten
aus der aus Metallbäumen und Krystallpflanzen bestand und mit bunten
Edelsteinblüten und Früchten übersäet war Die Mannichfaltigkeit und
Zierlichkeit der Gestalten und die Lebhaftigkeit der Lichter und Farben
gewährten das herrlichste Schauspiel dessen Pracht durch einen hohen
Springquell in der Mitte des Gartens der zu Eis erstarrt war vollendet wurde
Der alte Held ging vor den Toren des Pallastes langsam vorüber Eine Stimme
rief seinen Namen im Innern Er lehnte sich an das Tor das mit einem sanften
Klange sich öffnete und trat in den Saal Seinen Schild hielt er vor die Augen
Hast du noch nichts entdeckt sagte die schöne Tochter Arcturs mit klagender
Stimme Sie lag an seidenen Polstern auf einem Throne der von einem großen
Schwefelkrystall künstlich erbaut war und einige Mädchen rieben ämsig ihre
zarten Glieder die wie aus Milch und Purpur zusammengeflossen schienen Nach
allen Seiten strömte unter den Händen der Mädchen das reizende Licht von ihr
aus was den Pallast so wundersam erleuchtete Ein duftender Wind wehte im
Saale Der Held schwieg Lass mich deinen Schild berühren sagte sie sanft Er
näherte sich dem Throne und betrat den köstlichen Teppich Sie ergriff seine
Hand drückte sie mit Zärtlichkeit an ihren himmlischen Busen und rührte seinen
Schild an Seine Rüstung klang und eine durchdringende Kraft beseelte seinen
Körper Seine Augen blitzten und das Herz pochte hörbar an den Panzer Die
schöne Freia schien heiterer und das Licht ward brennender das von ihr
ausströmte Der König kommt rief ein prächtiger Vogel der im Hintergrunde des
Trones saß Die Dienerinnen legten eine himmelblaue Decke über die Prinzessin
die sie bis über den Busen bedeckte Der Held senkte seinen Schild und sah nach
der Kuppel hinauf zu welcher zwei breite Treppen von beiden Seiten des Saals
sich hinauf schlangen Eine leise Musik ging dem Könige voran der bald mit
einem zahlreichen Gefolge in der Kuppel erschien und herunter kam
Der schöne Vogel entfaltete seine glänzenden Schwingen bewegte sie sanft
und sang wie mit tausend Stimmen dem Könige entgegen
Nicht lange wird der schöne Fremde säumen
Die Wärme naht die Ewigkeit beginnt
Die Königin erwacht aus langen Träumen
Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt
Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen
Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt
In Freias Schoss wird sich die Welt entzünden
Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden
Der König umarmte seine Tochter mit Zärtlichkeit Die Geister der Gestirne
stellten sich um den Thron und der Held nahm in der Reihe seinen Platz ein
Eine unzählige Menge Sterne füllten den Saal in zierlichen Gruppen Die
Dienerinnen brachten einen Tisch und ein Kästchen worin eine Menge Blätter
lagen auf denen heilige tiefsinnige Zeichen standen die aus lauter
Sternbildern zusammengesetzt waren Der König küsste ehrfurchtsvoll diese
Blätter mischte sie sorgfältig untereinander und reichte seiner Tochter einige
zu Die andern behielt er für sich Die Prinzessin zog sie nach der Reihe heraus
und legte sie auf den Tisch dann betrachtete der König die seinigen genau und
wählte mit vielem Nachdenken ehe er eins dazu hinlegte Zuweilen schien er
gezwungen zu sein dies oder jenes Blatt zu wählen Oft aber sah man ihm die
Freude an wenn er durch ein gutgetroffenes Blatt eine schöne Harmonie der
Zeichen und Figuren legen konnte
Wie das Spiel anfing sah man an allen Umstehenden Zeichen der lebhaftesten
Teilnahme und die sonderbarsten Mienen und Gebehrden gleichsam als hätte
jeder ein unsichtbares Werkzeug in Händen womit er eifrig arbeite Zugleich
ließ sich eine sanfte aber tief bewegende Musik in der Luft hören die von den
im Saale sich wunderlich durcheinander schlingenden Sternen und den übrigen
sonderbaren Bewegungen zu entstehen schien Die Sterne schwangen sich bald
langsam bald schnell in beständig veränderten Linien umher und bildeten nach
dem Gange der Musik die Figuren der Blätter auf das kunstreichste nach Die
Musik wechselte wie die Bilder auf dem Tische unaufhörlich und so wunderlich
und hart auch die Übergänge nicht selten waren so schien doch nur Ein einfaches
Thema das Ganze zu verbinden Mit einer unglaublichen Leichtigkeit flogen die
Sterne den Bildern nach Sie waren bald alle in Einer großen Verschlingung bald
wieder in einzelne Haufen schön geordnet bald zerstäubte der lange Zug wie ein
Strahl in unzählige Funken bald kam durch immer wachsende kleinere Kreise und
Muster wieder Eine große überraschende Figur zum Vorschein Die bunten
Gestalten in den Fenstern blieben während dieser Zeit ruhig stehen Der Vogel
bewegte unaufhörlich die Hülle seiner kostbaren Federn auf die mannichfaltigste
Weise Der alte Held hatte bisher auch sein unsichtbares Geschäft ämsig
betrieben als auf einmal der König voll Freuden ausrief Es wird alles gut
Eisen wirf du dein Schwert in die Welt dass sie erfahren wo der Friede ruht
Der Held riss das Schwert von der Hüfte stellte es mit der Spitze gen Himmel
dann ergriff er es und warf es aus dem geöffneten Fenster über die Stadt und das
Eismeer Wie ein Komet flog es durch die Luft und schien an dem Berggürtel mit
hellem Klange zu zersplittern denn es fiel in lauter Funken herunter
Zu der Zeit lag der schöne Knabe Eros in seiner Wiege und schlummerte sanft
während Ginnistan seine Amme die Wiege schaukelte und seiner Milchschwester
Fabel die Brust reichte Ihr buntes Halstuch hatte sie über die Wiege
ausgebreitet dass die hellbrennende Lampe die der Schreiber vor sich stehen
hatte das Kind mit ihrem Scheine nicht beunruhigen möchte Der Schreiber
schrieb unverdrossen sah sich nur zuweilen mürrisch nach den Kindern um und
schnitt der Amme finstere Gesichter die ihn gutmütig anlächelte und schwieg
Der Vater der Kinder ging immer ein und aus indem er jedesmal die Kinder
betrachtete und Ginnistan freundlich begrüßte Er hatte unaufhörlich dem
Schreiber etwas zu sagen Dieser vernahm ihn genau und wenn er es aufgezeichnet
hatte reichte er die Blätter einer edlen göttergleichen Frau hin die sich an
einen Altar lehnte auf welchem eine dunkle Schaale mit klarem Wasser stand in
welches sie mit heiterem Lächeln blickte Sie tauchte die Blätter jedesmal
hinein und wenn sie beim Herausziehn gewahr wurde dass einige Schriften stehen
geblieben und glänzend geworden war so gab sie das Blatt dem Schreiber zurück
der es in ein großes Buch heftete und oft verdrießlich zu sein schien wenn
seine Mühe vergeblich gewesen und alles ausgelöscht war Die Frau wandte sich zu
Zeiten gegen Ginnistan und die Kinder tauchte den Finger in die Schaale und
sprützte einige Tropfen auf sie hin die sobald sie die Amme das Kind oder
die Wiege berührten in einen blauen Dunst zerrannen der tausend seltsame
Bilder zeigte und beständig um sie herzog und sich veränderte Traf einer davon
zufällig auf den Schreiber so fielen eine Menge Zahlen und geometrische Figuren
nieder die er mit vieler Ämsigkeit auf einen Faden zog und sich zum Zierrat
um den mageren Hals hing Die Mutter des Knaben die wie die Anmut und
Lieblichkeit selbst aussah kam oft herein Sie schien beständig beschäftigt
und trug immer irgend ein Stück Hausgeräte mit sich hinaus bemerkte es der
argwöhnische und mit spähenden Blicken sie verfolgende Schreiber so begann er
eine lange Strafrede auf die aber kein Mensch achtete Alle schienen seiner
unnützen Widerreden gewohnt Die Mutter gab auf einige Augenblicke der kleinen
Fabel die Brust aber bald ward sie wieder abgerufen und dann nahm Ginnistan
das Kind zurück das an ihr lieber zu trinken schien Auf einmal brachte der
Vater ein zartes eisernes Stäbchen herein das er im Hofe gefunden hatte Der
Schreiber besah es und drehte es mit vieler Lebhaftigkeit herum und brachte
bald heraus dass es sich von selbst in der Mitte an einem Faden aufgehängt
nach Norden drehe Ginnistan nahm es auch in die Hand bog es drückte es
hauchte es an und hatte ihm bald die Gestalt einer Schlange gegeben die sich
nun plötzlich in den Schwanz biss Der Schreiber ward bald des Betrachtens
überdrüssig Er schrieb alles genau auf und war sehr weitläuftig über den
Nutzen den dieser Fund gewähren könne Wie ärgerlich war er aber als sein
ganzes Schreibwerk die Probe nicht bestand und das Papier weiß aus der Schaale
hervorkam Die Amme spielte fort Zuweilen berührte sie die Wiege damit da fing
der Knabe an wach zu werden schlug die Decke zurück hielt die eine Hand gegen
das Licht und langte mit der Andern nach der Schlange Wie er sie erhielt
sprang er rüstig dass Ginnistan erschrak und der Schreiber beinah vor Entsetzen
vom Stuhle fiel aus der Wiege stand nur von seinen langen goldernen Haaren
bedeckt im Zimmer und betrachtete mit unaussprechlicher Freude das Kleinod
das sich in seinen Händen nach Norden ausstreckte und ihn heftig im Innern zu
bewegen schien Zusehends wuchs er
Sophie sagte er mit rührender Stimme zu der Frau lass mich aus der Schaale
trinken Sie reichte sie ihm ohne Anstand und er konnte nicht aufhören zu
trinken indem die Schaale sich immer voll zu erhalten schien Endlich gab er
sie zurück indem er die edle Frau innig umarmte Er herzte Ginnistan und bat
sie um das bunte Tuch das er sich anständig um die Hüften band Die kleine
Fabel nahm er auf den Arm Sie schien unendliches Wohlgefallen an ihm zu haben
und fing zu plaudern an Ginnistan machte sich viel um ihn zu schaffen Sie sah
äußerst reizend und leichtfertig aus und drückte ihn mit der Innigkeit einer
Braut an sich Sie zog ihn mit heimlichen Worten nach der Kammertür aber
Sophie winkte ernstaft und deutete nach der Schlange da kam die Mutter herein
auf die er sogleich zuflog und sie mit heißen Tränen bewillkommte Der
Schreiber war ingrimmig fortgegangen Der Vater trat herein und wie er Mutter
und Sohn in stiller Umarmung sah trat er hinter ihren Rücken zur reitzenden
Ginnistan und liebkoste ihr Sophie stieg die Treppe hinauf Die kleine Fabel
nahm die Feder des Schreibers und fing zu schreiben an Mutter und Sohn
vertieften sich in ein leises Gespräch und der Vater schlich sich mit Ginnistan
in die Kammer um sich von den Geschäften des Tags in ihren Armen zu erholen
Nach geraumer Zeit kam Sophie zurück Der Schreiber trat herein Der Vater kam
aus der Kammer und ging an seine Geschäfte Ginnistan kam mit glühenden Wangen
zurück Der Schreiber jagte die kleine Fabel mit vielen Schmähungen von seinem
Sitze und hatte einige Zeit nötig seine Sachen in Ordnung zu bringen Er
reichte Sophien die von Fabel vollgeschriebenen Blätter um sie rein zurück zu
erhalten geriet aber bald in den äußersten Unwillen wie Sophie die Schrift
völlig glänzend und unversehrt aus der Schaale zog und sie ihm hinlegte Fabel
schmiegte sich an ihre Mutter die sie an die Brust nahm und das Zimmer
aufputzte die Fenster öffnete frische Luft hereinliess und Zubereitungen zu
einem köstlichen Mahle machte Man sah durch die Fenster die herrlichsten
Aussichten und einen heitern Himmel über die Erde gespannt Auf dem Hofe war der
Vater in voller Tätigkeit Wenn er müde war sah er hinauf ans Fenster wo
Ginnistan stand und ihm allerhand Näschereien herunterwarf Die Mutter und der
Sohn gingen hinaus um überall zu helfen und den gefassten Entschluss
vorzubereiten Der Schreiber rührte die Feder und machte immer eine Fratze
wenn er genötigt war Ginnistan um etwas zu fragen die ein sehr gutes
Gedächtnis hatte und alles behielt was sich zutrug Eros kam bald in schöner
Rüstung um die das bunte Tuch wie eine Schärpe gebunden war zurück und bat
Sophie um Rat wann und wie er seine Reise antreten solle Der Schreiber war
vorlaut und wollte gleich mit einem ausführlichen Reiseplan dienen aber seine
Vorschläge wurden überhört Du kannst sogleich reisen Ginnistan mag dich
begleiten sagte Sophie sie weiß mit den Wegen Bescheid und ist überall gut
bekannt Sie wird die Gestalt deiner Mutter annehmen um dich nicht in
Versuchung zu führen Findest du den König so denke an mich dann komme ich um
dir zu helfen
Ginnistan tauschte ihre Gestalt mit der Mutter worüber der Vater sehr
vergnügt zu sein schien der Schreiber freute sich dass die beiden fortgingen
besonders da ihm Ginnistan ihr Taschenbuch zum Abschiede schenkte worin die
Chronik des Hauses umständlich aufgezeichnet war nur blieb ihm die kleine Fabel
ein Dorn im Auge und er hätte um seiner Ruhe und Zufriedenheit willen nichts
mehr gewünscht als dass auch sie unter der Zahl der Abreisenden sein möchte
Sophie segnete die Niederknieenden ein und gab ihnen ein Gefäß voll Wasser aus
der Schaale mit die Mutter war sehr bekümmert Die kleine Fabel wäre gern
mitgegangen und der Vater war zu sehr außer dem Hause beschäftigt als dass er
lebhaften Anteil hätte nehmen sollen Es war Nacht wie sie abreisten und der
Mond stand hoch am Himmel Lieber Eros sagte Ginnistan wir müssen eilen dass
wir zu meinem Vater kommen der mich lange nicht gesehen und so sehnsuchtsvoll
mich überall auf der Erde gesucht hat Siehst du wohl sein bleiches abgehärmtes
Gesicht Dein Zeugnis wird mich ihm in der fremden Gestalt kenntlich machen
Die Liebe ging auf dunkler Bahn
Vom Monde nur erblickt
Das Schattenreich war aufgetan
Und seltsam aufgeschmückt
Ein blauer Dunst umschwebte sie
Mit einem goldnen Rand
Und eilig zog die Fantasie
Sie über Strom und Land
Es hob sich ihre volle Brust
In wunderbarem Mut
Ein Vorgefühl der künftgen Lust
Besprach die wilde Glut
Die Sehnsucht klagt und wußt es nicht
Dass Liebe näher kam
Und tiefer grub in ihr Gesicht
Sich hoffnungsloser Gram
Die kleine Schlange blieb getreu
Sie wies nach Norden hin
Und beide folgten sorgenfrei
Der schönen Führerin
Die Liebe ging durch Wüstenein
Und durch der Wolken Land
Trat in den Hof des Mondes ein
Die Tochter an der Hand
Er saß auf seinem Silbertron
Allein mit seinem Harm
Da hört er seines Kindes Ton
Und sank in ihren Arm
Eros stand gerührt bei den zärtlichen Umarmungen Endlich sammelte sich der alte
erschütterte Mann und bewillkommte seinen Gast Er ergriff sein großes Horn und
stieß mit voller Macht hinein Ein gewaltiger Ruf dröhnte durch die uralte Burg
Die spitzen Türme mit ihren glänzenden Knöpfen und die tiefen schwarzen Dächer
schwankten Die Burg stand still denn sie war auf das Gebirge jenseits des
Meers gekommen Von allen Seiten strömten seine Diener herzu deren seltsame
Gestalten und Trachten Ginnistan unendlich ergötzten und den tapfern Eros nicht
erschreckten Erstere grüßte ihre alten Bekannten und alle erschienen vor ihr
mit neuer Stärke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen Der ungestüme
Geist der Flut folgte der sanften Ebbe Die alten Orkane legten sich an die
klopfende Brust der heißen leidenschaftlichen Erdbeben Die zärtlichen
Regenschauer sahen sich nach dem bunten Bogen um der von der Sonne die ihn
mehr anzieht entfernt bleich da stand Der raue Donner schalt über die
Torheiten der Blitze hinter den unzähligen Wolken hervor die mit tausend
Reizen dastanden und die feurigen Jünglinge lockten Die beiden lieblichen
Schwestern Morgen und Abend freuten sich vorzüglich über die beiden
Ankömmlinge Sie weinten sanfte Tränen in ihren Umarmungen Unbeschreiblich war
der Anblick dieses wunderlichen Hofstaats Der alte König konnte sich an seiner
Tochter nicht satt sehen Sie fühlte sich zehnfach glücklich in ihrer
väterlichen Burg und ward nicht müde die bekannten Wunder und Seltenheiten zu
beschauen Ihre Freude war ganz unbeschreiblich als ihr der König den Schlüssel
zur Schatzkammer und die Erlaubnis gab ein Schauspiel für Eros darin zu
veranstalten das ihn so lange unterhalten könnte bis das Zeichen des Aufbruchs
gegeben würde Die Schatzkammer war ein großer Garten dessen Mannichfaltigkeit
und Reichtum alle Beschreibung übertraf Zwischen den ungeheuren Wetterbäumen
lagen unzählige Luftschlösser von überraschender Bauart eins immer köstlicher
als das Andere Große Heerden von Schäfchen mit silberweisser goldner und
rosenfarbner Wolle irrten umher und die sonderbarsten Tiere belebten den Hayn
Merkwürdige Bilder standen hie und da und die festlichen Aufzüge die seltsamen
Wagen die überall zum Vorschein kamen beschäftigten die Aufmerksamkeit
unaufhörlich Die Beete standen voll der buntesten Blumen Die Gebäude waren
gehäuft voll von Waffen aller Art voll der schönsten Teppiche Tapeten
Vorhänge Trinkgeschirre und aller Arten von Geräten und Werkzeugen in
unübersehlichen Reihen Auf einer Anhöhe erblickten sie ein romantisches Land
das mit Städten und Burgen mit Tempeln und Begräbnissen übersäet war und alle
Anmut bewohnter Ebenen mit den furchtbaren Reizen der Einöde und schroffer
Felsengegenden vereinigte Die schönsten Farben waren in den glücklichsten
Mischungen Die Bergspitzen glänzten wie Lustfeuer in ihren Eis und
Schneehüllen Die Ebene lachte im frischesten Grün Die Ferne schmückte sich mit
allen Veränderungen von Blau und aus der Dunkelheit des Meeres wehten unzählige
bunte Wimpel von zahlreichen Flotten Hier sah man einen Schiffbruch im
Hintergrunde und vorne ein ländliches fröliches Mahl von Landleuten dort den
schrecklich schönen Ausbruch eines Vulkans die Verwüstungen des Erdbebens und
im Vordergrunde ein liebendes Paar unter schattenden Bäumen in den süßesten
Liebkosungen Abwärts eine fürchterliche Schlacht und unter ihr ein Theater
voll der lächerlichsten Masken Nach einer andern Seite im Vordergrunde einen
jugendlichen Leichnam auf der Baare die ein trostloser Geliebter festhielt und
die weinenden Eltern daneben im Hintergrunde eine liebliche Mutter mit dem
Kinde an der Brust und Engel sitzend zu ihren Füßen und aus den Zweigen über
ihrem Haupte herunterblickend Die Szenen verwandelten sich unaufhörlich und
flossen endlich in eine große geheimnisvolle Vorstellung zusammen Himmel und
Erde waren in vollem Aufruhr Alle Schrecken waren losgebrochen Eine gewaltige
Stimme rief zu den Waffen Ein entsetzliches Heer von Todtengerippen mit
schwarzen Fahnen kam wie ein Sturm von dunkeln Bergen herunter und griff das
Leben an das mit seinen jugendlichen Schaaren in der hellen Ebene in munteren
Festen begriffen war und sich keines Angriffs versah Es entstand ein
entsetzliches Getümmel die Erde zitterte der Sturm brauste und die Nacht ward
von fürchterlichen Meteoren erleuchtet Mit unerhörten Grausamkeiten zerriss das
Heer der Gespenster die zarten Glieder der Lebendigen Ein Scheiterhaufen
türmte sich empor und unter dem grausenvollsten Geheul wurden die Kinder des
Lebens von den Flammen verzehrt Plötzlich brach aus dem dunklen Aschenhaufen
ein milchblauer Strom nach allen Seiten aus Die Gespenster wollten die Flucht
ergreifen aber die Flut wuchs zusehends und verschlang die scheusliche Brut
Bald waren alle Schrecken vertilgt Himmel und Erde flossen in süße Musik
zusammen Eine wunderschöne Blume schwamm glänzend auf den sanften Wogen Ein
glänzender Bogen schloss sich über die Flut auf welchem göttliche Gestalten auf
prächtigen Tronen nach beiden Seiten herunter saßen Sophie saß zu oberst
die Schaale in der Hand neben einem herrlichen Manne mit einem Eichenkranze um
die Locken und einer Friedenspalme statt des Szepters in der Rechten Ein
Lilienblatt bog sich über den Kelch der schwimmenden Blume die kleine Fabel saß
auf demselben und sang zur Harfe die süßesten Lieder In dem Kelche lag Eros
selbst über ein schönes schlummerndes Mädchen hergebeugt die ihn fest
umschlungen hielt Eine kleinere Blüte schloss sich um beide her so dass sie von
den Hüften an in Eine Blume verwandelt zu sein schienen
Eros dankte Ginnistan mit tausend Entzücken Er umarmte sie zärtlich und
sie erwiderte seine Liebkosungen Ermüdet von der Beschwerde des Weges und den
mannichfaltigen Gegenständen die er gesehen hatte sehnte er sich nach
Bequemlichkeit und Ruhe Ginnistan die sich von dem schönen Jüngling lebhaft
angezogen fühlte hütete sich wohl des Trankes zu erwähnen den Sophie ihm
mitgegeben hatte Sie führte ihn zu einem abgelegenen Bade zog ihm die Rüstung
aus und zog selbst ein Nachtkleid an in welchem sie fremd und verführerisch
aussah Eros tauchte sich in die gefährlichen Wellen und stieg berauscht wieder
heraus Ginnistan trocknete ihn und rieb seine starken von Jugendkraft
gespannten Glieder Er gedachte mit glühender Sehnsucht seiner Geliebten und
umfasste in süßem Wahne die reitzende Ginnistan Unbesorgt überließ er sich
seiner ungestümen Zärtlichkeit und schlummerte endlich nach den wollüstigsten
Genüssen an dem reizenden Busen seiner Begleiterin ein
Unterdessen war zu Hause eine traurige Veränderung vorgegangen Der
Schreiber hatte das Gesinde in eine gefährliche Verschwörung verwickelt Sein
feindseliges Gemüt hatte längst Gelegenheit gesucht sich des Hausregiments zu
bemächtigen und sein Joch abzuschütteln Er hatte sie gefunden Zuerst
bemächtigte sich sein Anhang der Mutter die in eiserne Bande gelegt wurde Der
Vater ward bei Wasser und Brod ebenfalls hingesetzt Die kleine Fabel hörte den
Lärm im Zimmer Sie verkroch sich hinter dem Altare und wie sie bemerkte dass
eine Tür an seiner Rückseite verborgen war so öffnete sie dieselbe mit vieler
Behendigkeit und fand dass eine Treppe in ihm hinunterging Sie zog die Tür
nach sich und stieg im Dunkeln die Treppe hinunter Der Schreiber stürzte mit
Ungestüm herein um sich an der kleinen Fabel zu rächen und Sophien gefangen zu
nehmen Beide waren nicht zu finden Die Schaale fehlte auch und in seinem
Grimme zerschlug er den Altar in tausend Stücke ohne jedoch die heimliche
Treppe zu entdecken
Die kleine Fabel stieg geraume Zeit Endlich kam sie auf einen freien Platz
hinaus der rund herum mit einer prächtigen Kolonnade geziert und durch ein
großes Tor geschlossen war Alle Figuren waren hier dunkel Die Luft war wie
ein ungeheurer Schatten am Himmel stand ein schwarzer strahlender Körper Man
konnte alles auf das deutlichste unterscheiden weil jede Figur einen andern
Anstrich von Schwarz zeigte und einen lichten Schein hinter sich warf Licht
und Schatten schienen hier ihre Rollen vertauscht zu haben Fabel freute sich in
einer neuen Welt zu sein Sie besah alles mit kindlicher Neugierde Endlich kam
sie an das Tor vor welchem auf einem massiven Postument eine schöne Sphinx
lag
Was suchst du sagte die Sphinx mein Eigentum erwiderte Fabel Wo
kommst du her Aus alten Zeiten Du bist noch ein Kind Und werde ewig ein
Kind sein Wer wird dir beistehn Ich stehe für mich Wo sind die
Schwestern fragte Fabel Überall und nirgends gab die Sphinx zur Antwort
Kennst du mich noch nicht Wo ist die Liebe In der Einbildung Und
Sophie Die Sphinx murmelte unvernehmlich vor sich hin und rauschte mit den
Flügeln Sophie und Liebe rief triumphierend Fabel und ging durch das Tor Sie
trat in die ungeheure Höhle und ging frölich auf die alten Schwestern zu die
bei der kärglichen Nacht einer schwarzbrennenden Lampe ihr wunderliches Geschäft
trieben Sie taten nicht als ob sie den kleinen Gast bemerkten der mit
artigen Liebkosungen sich geschäftig um sie erzeigte Endlich krächzte die eine
mit rauen Worten und scheelem Gesicht Was willst du hier Müssiggängerin wer
hat dich eingelassen Dein kindisches Hüpfen bewegt die stille Flamme Das Öl
verbrennt unnützer Weise Kannst du dich nicht hinsetzen und etwas vornehmen
Schöne Base sagte Fabel am Müssiggehn ist mir nichts gelegen Ich musste recht
über eure Türhüterin lachen Sie hätte mich gern an die Brust genommen aber
sie musste zu viel gegessen haben sie konnte nicht aufstehn Lasst mich vor der
Tür sitzen und gebt mir etwas zu spinnen denn hier kann ich nicht gut sehen
und wenn ich spinne muss ich singen und plaudern dürfen und das könnte euch in
euren ernstaften Gedanken stören Hinaus sollst du nicht aber in der
Nebenkammer bricht ein Strahl der Oberwelt durch die Felsritzen da magst du
spinnen wenn du so geschickt bist hier liegen ungeheure Haufen von alten
Enden die drehe zusammen aber hüte dich wenn du saumselig spinnst oder der
Faden reißt so schlingen sich die Fäden um dich her und ersticken dich Die
Alte lachte hämisch und spann Fabel raffte einen Arm voll Fäden zusammen nahm
Wocken und Spindel und hüpfte singend in die Kammer Sie sah durch die Öffnung
hinaus und erblickte das Sternbild des Phönixes Froh über das glückliche
Zeichen fing sie an lustig zu spinnen ließ die Kammertür ein wenig offen und
sang halbleise
Erwacht in euren Zellen
Ihr Kinder alter Zeit
Lasst eure Ruhestellen
Der Morgen ist nicht weit
Ich spinne eure Fäden
In Einen Faden ein
Aus ist die Zeit der Fehden
Ein Leben sollt ihr sein
Ein jeder lebt in Allen
Und All in Jedem auch
Ein Herz wird in euch wallen
Von Einem Lebenshauch
Noch seid ihr nichts als Seele
Nur Traum und Zauberei
Geht furchtbar in die Höhle
Und neckt die heilge Drei
Die Spindel schwang sich mit unglaublicher Behendigkeit zwischen den kleinen
Füßen während sie mit beiden Händen den zarten Faden drehte Unter dem Liede
wurden unzählige Lichterchen sichtbar die aus der Türspalte schlüpften und
durch die Höhle in scheuslichen Larven sich verbreiteten Die Alten hatten
während der Zeit immer mürrisch fortgesponnen und auf das Jammergeschrei der
kleinen Fabel gewartet aber wie entsetzten sie sich als auf einmal eine
erschreckliche Nase über ihre Schultern guckte und wie sie sich umsahn die
ganze Höhle voll der grässlichsten Figuren war die tausenderlei Unfug trieben
Sie fuhren in einander heulten mit fürchterlicher Stimme und wären vor
Schrecken zu Stein geworden wenn nicht in diesem Augenblicke der Schreiber in
die Höhle getreten wäre und eine Alraunwurzel bei sich gehabt hätte Die
Lichterchen verkrochen sich in die Felsklüfte und die Höhle wurde ganz hell
weil die schwarze Lampe in der Verwirrung umgefallen und ausgelöscht war Die
Alten waren froh wie sie den Schreiber kommen hörten aber voll Ingrimms gegen
die kleine Fabel Sie riefen sie heraus schnarchten sie fürchterlich an und
verboten ihr fortzuspinnen Der Schreiber schmunzelte höhnisch weil er die
kleine Fabel nun in seiner Gewalt zu haben glaubte und sagte Es ist gut dass du
hier bist und zur Arbeit angehalten werden kannst Ich hoffe dass es an
Züchtigungen nicht fehlen soll Dein guter Geist hat dich hergeführt Ich
wünsche dir langes Leben und viel Vergnügen Ich danke dir für deinen guten
Willen sagte Fabel man sieht dir jetzt die gute Zeit an dir fehlt nur noch
das Stundenglas und die Hippe so siehst du ganz wie der Bruder meiner schönen
Basen aus Wenn du Gänsespulen brauchst so zupfe ihnen nur eine Handvoll zarten
Pflaum aus den Wangen Der Schreiber schien Miene zu machen über sie
herzufallen Sie lächelte und sagte Wenn dir dein schöner Haarwuchs und dein
geistreiches Auge lieb sind so nimm dich in Acht bedenke meine Nägel du hast
nicht viel mehr zu verlieren Er wandte sich mit verbissner Wut zu den Alten
die sich die Augen wischten und nach ihren Wocken umhertappten Sie konnten
nichts finden da die Lampe ausgelöscht war und ergossen sich in Schimpfreden
gegen Fabel Lasst sie doch gehen sprach er tückisch dass sie euch Taranteln
fange zur Bereitung eures Öls Ich wollte euch zu eurem Troste sagen dass Eros
ohne Rast umherfliegt und eure Scheere fleißig beschäftigen wird Seine Mutter
die euch so oft zwang die Fäden länger zu spinnen wird morgen ein Raub der
Flammen Er kitzelte sich um zu lachen Wie er sah dass Fabel einige Tränen
bei dieser Nachricht vergoss gab ein Stück von der Wurzel der Alten und ging
naserümpfend von dannen Die Schwestern hießen der Fabel mit zorniger Stimme
Taranteln suchen ungeachtet sie noch Öl vorrätig hatten und Fabel eilte
fort Sie tat als öffne sie das Tor warf es ungestüm wieder zu und schlich
sich leise nach dem Hintergrunde der Höhle wo eine Leiter herunter hing Sie
kletterte schnell hinauf und kam bald vor eine Falltür die sich in Arkturs
Gemach öffnete
Der König saß umringt von seinen Räten als Fabel erschien Die nördliche Krone
zierte sein Haupt Die Lilie hielt er mit der Linken die Wage in der Rechten
Der Adler und Löwe saßen zu seinen Füßen Monarch sagte die Fabel indem sie
sich ehrfurchtsvoll vor ihm neigte Heil deinem festgegründeten Throne frohe
Botschaft deinem verwundeten Herzen baldige Rückkehr der Weisheit Ewiges
Erwachen dem Frieden Ruhe der rastlosen Liebe Verklärung des Herzens Leben
dem Altertum und Gestalt der Zukunft Der König berührte ihre offene Stirn mit
der Lilie Was du bittest sei dir gewährt Dreimal werde ich bitten wenn ich
zum viertenmale komme so ist die Liebe vor der Tür Jetzt gib mir die Leier
Eridanus bringe sie her rief der König Rauschend strömte Eridanus von der
Decke und Fabel zog die Leier aus seinen blinkenden Fluten Fabel tat einige
weissagende Griffe der König ließ ihr den Becher reichen aus dem sie nippte und
mit vielen Danksagungen hinweg eilte Sie glitt in reizenden Bogenschwüngen über
das Eismeer indem sie fröliche Musik aus den Saiten lockte
Das Eis gab unter ihren Tritten die herrlichsten Töne von sich Der Felsen
der Trauer hielt sie für Stimmen seiner suchenden rückkehrenden Kinder und
antwortete in einem tausendfachen Echo
Fabel hatte bald das Gestade erreicht Sie begegnete ihrer Mutter die
abgezehrt und bleich aussah schlank und ernst geworden war und in edlen Zügen
die Spuren eines hoffnungslosen Grams und rührender Treue verriet
Was ist aus dir geworden liebe Mutter sagte Fabel du scheinst mir
gänzlich verändert ohne inneres Anzeichen hätt ich dich nicht erkannt Ich
hoffte mich an deiner Brust einmal wieder zu erquicken ich habe lange nach dir
geschmachtet Ginnistan liebkoste sie zärtlich und sah heiter und freundlich
aus Ich dachte es gleich sagte sie dass dich der Schreiber nicht würde
gefangen haben Dein Anblick erfrischt mich Es geht mir schlimm und knapp
genug aber ich tröste mich bald Vielleicht habe ich einen Augenblick Ruhe
Eros ist in der Nähe und wenn er dich sieht und du ihm vorplauderst verweilt
er vielleicht einige Zeit Indes kannst du dich an meine Brust legen ich will
dir geben was ich habe Sie nahm die Kleine auf den Schoss reichte ihr die
Brust und fuhr fort indem sie lächelnd auf die Kleine hinunter sah die es
sich gut schmecken ließ Ich bin selbst Ursach dass Eros so wild und unbeständig
geworden ist Aber mich reut es dennoch nicht denn jene Stunden die ich in
seinen Armen zubrachte haben mich zur Unsterblichen gemacht Ich glaubte unter
seinen feurigen Liebkosungen zu zerschmelzen Wie ein himmlischer Räuber schien
er mich grausam vernichten und stolz über sein bebendes Opfer triumphiren zu
wollen Wir erwachten spät aus dem verbotenen Rausche in einem sonderbar
vertauschten Zustande Lange silberweisse Flügel bedeckten seine weißen
Schultern und die reitzende Fülle und Biegung seiner Gestalt Die Kraft die
ihn so plötzlich aus einem Knaben zum Jünglinge quellend getrieben schien sich
ganz in die glänzenden Schwingen gezogen zu haben und er war wieder zum Knaben
geworden Die stille Glut seines Gesichts war in das tändelnde Feuer eines
Irrlichts der heilige Ernst in verstellte Schalkheit die bedeutende Ruhe in
kindische Unstätigkeit der edle Anstand in drollige Beweglichkeit verwandelt
Ich fühlte mich von einer ernstaften Leidenschaft unwiderstehlich zu dem
mutwilligen Knaben gezogen und empfand schmerzlich seinen lächelnden Hohn und
seine Gleichgültigkeit gegen meine rührendsten Bitten Ich sah meine Gestalt
verändert Meine sorglose Heiterkeit war verschwunden und hatte einer traurigen
Bekümmernis einer zärtlichen Schüchternheit Platz gemacht Ich hättte mich
mit Eros vor allen Augen verbergen mögen Ich hatte nicht das Herz in seine
beleidigenden Augen zu sehen und fühlte mich entsetzlich beschämt und
erniedrigt Ich hatte keinen andern Gedanken als ihn und hätte mein Leben
hingegeben um ihn von seinen Unarten zu befreien Ich musste ihn anbeten so
tief er auch alle meine Empfindungen kränkte
Seit der Zeit wo er sich aufmachte und mir entfloh so rührend ich auch mit
den heißesten Tränen ihn beschwor bei mir zu bleiben bin ich ihm überall
gefolgt Er scheint es ordentlich darauf anzulegen mich zu necken Kaum habe
ich ihn erreicht so fliegt er tückisch weiter Sein Bogen richtet überall
Verwüstungen an Ich habe nichts zu tun als die Unglücklichen zu trösten und
habe doch selbst Trost nötig Ihre Stimmen die mich rufen zeigen mir seinen
Weg und ihre wehmütigen Klagen wenn ich sie wieder verlassen muss gehen mir
tief zu Herzen Der Schreiber verfolgt uns mit entsetzlicher Wut und rächt
sich an den armen Getroffenen Die Frucht jener geheimnisvollen Nacht waren
eine zahlreiche Menge wunderlicher Kinder die ihrem Großvater ähnlich sehen und
nach ihm genannt sind Geflügelt wie ihr Vater begleiten sie ihn beständig und
plagen die Armen die sein Pfeil trifft Doch da kommt der fröliche Zug Ich muss
fort lebe wohl süßes Kind Seine Nähe erregt meine Leidenschaft Sei
glücklich in deinem Vorhaben Eros zog weiter ohne Ginnistan die auf ihn
zueilte einen zärtlichen Blick zu gönnen Aber zu Fabel wandte er sich
freundlich und seine kleinen Begleiter tanzten fröhlich um sie her Fabel
freute sich ihren Milchbruder wieder zu sehen und sang zu ihrer Leier ein
munteres Lied Eros schien sich besinnen zu wollen und ließ den Bogen fallen
Die Kleinen entschliefen auf dem Rasen Ginnistan konnte ihn fassen und er litt
ihre zärtlichen Liebkosungen Endlich fing Eros auch an zu nicken schmiegte
sich an Ginnistans Schoss und schlummerte ein indem er seine Flügel über sie
ausbreitete Unendlich froh war die müde Ginnistan und verwandte kein Auge von
dem holden Schläfer Während des Gesanges waren von allen Seiten Taranteln zum
Vorschein gekommen die über die Grashalme ein glänzendes Netz zogen und
lebhaft nach dem Takte sich an ihren Fäden bewegten Fabel tröstete nun ihre
Mutter und versprach ihr baldige Hilfe Vom Felsen tönte der sanfte Wiederhall
der Musik und wiegte die Schläfer ein Ginnistan sprengte aus dem
wohlverwahrten Gefäß einige Tropfen in die Luft und die anmutigsten Träume
fielen auf sie nieder Fabel nahm das Gefäß mit und setzte ihre Reise fort Ihre
Saiten ruhten nicht und die Taranteln folgten auf schnellgesponnenen Fäden den
bezaubernden Tönen
Sie sah bald von weitem die hohe Flamme des Scheiterhaufens die über den
grünen Wald emporstieg Traurig sah sie gen Himmel und freute sich wie sie
Sophieens blauen Schleier erblickte der wallend über der Erde schwebte und auf
ewig die ungeheure Gruft bedeckte Die Sonne stand feuerrot vor Zorn am Himmel
die gewaltige Flamme sog an ihrem geraubten Lichte und so heftig sie es auch an
sich zu halten schien so ward sie doch immer bleicher und fleckiger Die Flamme
ward weißer und mächtiger je fahler die Sonne ward Sie sog das Licht immer
stärker in sich und bald war die Glorie um das Gestirn des Tages verzehrt und
nur als eine matte glänzende Scheibe stand es noch da indem jede neue Regung
des Neides und der Wut den Ausbruch der entfliehenden Lichtwellen vermehrte
Endlich war nichts von der Sonne mehr übrig als eine schwarze ausgebrannte
Schlacke die herunter ins Meer fiel Die Flamme war über allen Ausdruck
glänzend geworden Der Scheiterhaufen war verzehrt Sie hob sich langsam in die
Höhe und zog nach Norden Fabel trat in den Hof der verödet aussah das Haus
war unterdes verfallen Dornsträuche wuchsen in den Ritzen der Fenstergesimse
und Ungeziefer aller Art kribbelte auf den zerbrochenen Stiegen Sie hörte im
Zimmer einen entsetzlichen Lärm der Schreiber und seine Gesellen hatten sich an
dem Flammentode der Mutter geweidet waren aber gewaltig erschrocken wie sie
den Untergang der Sonne wahrgenommen hatten
Sie hatten sich vergeblich angestrengt die Flamme zu löschen und waren bei
dieser Gelegenheit nicht ohne Beschädigungen geblieben Der Schmerz und die
Angst presste ihnen entsetzliche Verwünschungen und Klagen aus Sie erschraken
noch mehr als Fabel ins Zimmer trat und stürmten mit wütendem Geschrei auf
sie ein um an ihr den Grimm auszulassen Fabel schlüpfte hinter die Wiege und
ihre Verfolger traten ungestüm in das Gewebe der Taranteln die sich durch
unzählige Bisse an ihnen rächten Der ganze Haufen fing nun toll an zu tanzen
wozu Fabel ein lustiges Lied spielte Mit vielem Lachen über ihre possierlichen
Fratzen ging sie auf die Trümmer des Altars zu und räumte sie weg um die
verborgene Treppe zu finden auf der sie mit ihrem Tarantelgefolge hinunter
stieg Die Sphinx fragte Was kommt plötzlicher als der Blitz Die Rache
sagte Fabel Was ist am vergänglichsten Unrechter Besitz Wer kennt die
Welt Wer sich selbst kennt Was ist das ewige Geheimnis Die Liebe Bei
wem ruht es Bei Sophieen Die Sphinx krümmte sich kläglich und Fabel trat in
die Höhle
Hier bringe ich euch Taranteln sagte sie zu den Alten die ihre Lampe
wieder angezündet hatten und sehr ämsig arbeiteten Sie erschraken und die eine
lief mit der Scheere auf sie zu um sie zu erstechen Unversehens trat sie auf
eine Tarantel und diese stach sie in den Fuß Sie schrie erbärmlich Die andern
wollten ihr zu Hilfe kommen und wurden ebenfalls von den erzürnten Taranteln
gestochen Sie konnten sich nun nicht an Fabel vergreifen und sprangen wild
umher Spinn uns gleich riefen sie grimmig der Kleinen zu leichte
Tanzkleider Wir können uns in den steifen Röcken nicht rühren und vergehen fast
vor Hitze aber mit Spinnensaft musst du den Faden einweichen dass er nicht
reißt und wirke Blumen hinein die im Feuer gewachsen sind sonst bist du des
Todes Recht gern sagte Fabel und ging in die Nebenkammer
Ich will euch drei tüchtige Fliegen verschaffen sagte sie zu den
Kreuzspinnen die ihre luftigen Gewebe rund um an der Decke und den Wänden
angeheftet hatten aber ihr müsst mir gleich drei hübsche leichte Kleider
spinnen Die Blumen die hinein gewirkt werden sollen will ich auch gleich
bringen Die Kreuzspinnen waren bereit und fingen rasch zu weben an Fabel
schlich sich zur Leiter und begab sich zu Arktur Monarch sagte sie die Bösen
tanzen die Guten ruhen Ist die Flamme angekommen Sie ist angekommen sagte
der König Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt Meine Gattin zeigt sich
von weitem Meine Feindinn ist versenkt Alles fängt zu leben an Noch darf ich
mich nicht sehen lassen denn allein bin ich nicht König Bitte was du willst
Ich brauche sagte Fabel Blumen die im Feuer gewachsen sind Ich weiß du hast
einen geschickten Gärtner der sie zu ziehen versteht Zink rief der König
gib uns Blumen Der Blumengärtner trat aus der Reihe holte einen Topf voll
Feuer und säete glänzenden Samenstaub hinein Es währte nicht lange so flogen
die Blumen empor Fabel sammelte sie in ihre Schürze und machte sich auf den
Rückweg Die Spinnen waren fleißig gewesen und es fehlte nichts mehr als das
Anheften der Blumen welches sie sogleich mit vielem Geschmack und Behendigkeit
begannen Fabel hütete sich wohl die Enden abzureissen die noch an den
Weberinnen hingen
Sie trug die Kleider den ermüdeten Tänzerinnen hin die triefend von Schweiß
umgesunken waren und sich einige Augenblicke von der ungewohnten Anstrengung
erholten Mit vieler Geschicklichkeit entkleidete sie die hageren Schönheiten
die es an Schmähungen der kleinen Dienerin nicht fehlen ließ und zog ihnen
die neuen Kleider an die sehr niedlich gemacht waren und vortrefflich passten
Sie pries während dieses Geschäftes die Reize und den liebenswürdigen Charakter
ihrer Gebieterinnen und die Alten schienen ordentlich erfreut über die
Schmeicheleien und die Zierlichkeit des Anzuges Sie hatten sich unterdes
erholt und fingen von neuer Tanzlust beseelt wieder an sich munter
umherzudrehen indem sie heimtückisch der Kleinen langes Leben und große
Belohnungen versprachen Fabel ging in die Kammer zurück und sagte zu den
Kreuzspinnen Ihr könnt nun die Fliegen getrost verzehren die ich in eure Weben
gebracht habe Die Spinnen waren so schon ungeduldig über das hin und
herreissen da die Enden noch in ihnen waren und die Alten so toll umhersprangen
sie rannten also hinaus und fielen über die Tänzerinnen her diese wollten sich
mit der Scheere verteidigen aber Fabel hatte sie in aller Stille mitgenommen
Sie unterlagen also ihren hungrigen Handwerksgenossen die lange keine so
köstlichen Bissen geschmeckt hatten und sie bis auf das Mark aussaugten Fabel
sah durch die Felsenkluft hinaus und erblickte den Perseus mit dem großen
eisernen Schilde Die Scheere flog von selbst dem Schilde zu und Fabel bat ihn
Eros Flügel damit zu verschneiden und dann mit seinem Schilde die Schwestern zu
verewigen und das große Werk zu vollenden
Sie verließ nun das unterirdische Reich und stieg frölich zu Arkturs
Pallaste
Der Flachs ist versponnen Das Leblose ist wieder entseelt Das Lebendige
wird regieren und das Leblose bilden und gebrauchen Das Innere wird offenbart
und das Äussre verborgen Der Vorhang wird sich bald heben und das Schauspiel
seinen Anfang nehmen Noch einmal bitte ich dann spinne ich Tage der Ewigkeit
Glückliches Kind sagte der gerührte Monarch du bist unsre Befreierin Ich
bin nichts als Sophiens Pate sagte die Kleine Erlaube dass Turmalin der
Blumengärtner und Gold mich begleiten Die Asche meiner Pflegemutter muss ich
sammeln und der alte Träger muss wieder aufstehn dass die Erde wieder schwebe
und nicht auf dem Chaos liege
Der König rief allen Dreien und befahl ihnen die Kleine zu begleiten Die
Stadt war hell und auf den Straßen war ein lebhaftes Verkehr Das Meer brach
sich brausend an der hohlen Klippe und Fabel fuhr auf des Königs Wagen mit
ihren Begleitern hinüber Turmalin sammelte sorgfältig die auffliegende Asche
Sie gingen rund um die Erde bis sie an den alten Riesen kamen an dessen
Schultern sie hinunter klimmten Er schien vom Schlage gelähmt und konnte kein
Glied rühren Gold legte ihm eine Münze in den Mund und der Blumengärtner schob
eine Schüssel unter seine Lenden Fabel berührte ihm die Augen und goss das
Gefäß auf seiner Stirn aus So wie das Wasser über das Auge in den Mund und
herunter über ihn in die Schüssel floss zuckte ein Blitz des Lebens ihm in allen
Muskeln Er schlug die Augen auf und hob sich rüstig empor Fabel sprang zu
ihren Begleitern auf die steigende Erde und bot ihm freundlich guten Morgen
Bist du wieder da liebliches Kind sagte der Alte habe ich doch immer von dir
geträumt Ich dachte immer du würdest erscheinen ehe mir die Erde und die
Augen zu schwer würden Ich habe wohl lange geschlafen Die Erde ist wieder
leicht wie sie es immer den Guten war sagte Fabel Die alten Zeiten kehren
zurück In Kurzem bist du wieder unter alten Bekannten Ich will dir fröliche
Tage spinnen und an einem Gehülfen soll es auch nicht fehlen damit du zuweilen
an unsern Freuden Teil nehmen und im Arm einer Freundin Jugend und Stärke
einatmen kannst Wo sind unsere alten Gastfreundinnen die Hesperiden An
Sophiens Seite Bald wird ihr Garten wieder blühen und die goldne Frucht
duften Sie gehen umher und sammeln die schmachtenden Pflanzen
Fabel entfernte sich und eilte dem Hause zu Es war zu völligen Ruinen
geworden Epheu umzog die Mauern Hohe Büsche beschatteten den ehmaligen Hof
und weiches Moos polsterte die alten Stiegen Sie trat ins Zimmer Sophie stand
am Altar der wieder aufgebaut war Eros lag zu ihren Füßen in voller Rüstung
ernster und edler als jemals Ein prächtiger Kronleuchter hing von der Decke
Mit bunten Steinen war der Fußboden ausgelegt und zeigte einen großen Kreis um
den Altar her der aus lauter edlen bedeutungsvollen Figuren bestand Ginnistan
bog sich über ein Ruhebett worauf der Vater in tiefem Schlummer zu liegen
schien und weinte Ihre blühende Anmut war durch einen Zug von Andacht und
Liebe unendlich erhöht Fabel reichte die Urne worin die Asche gesammelt war
der heiligen Sophie die sie zärtlich umarmte
Liebliches Kind sagte sie dein Eifer und deine Treue haben dir einen Platz
unter den ewigen Sternen erworben Du hast das Unsterbliche in dir gewählt Der
Phönix gehört dir Du wirst die Seele unsers Lebens sein Jetzt wecke den
Bräutigam auf Der Herold ruft und Eros soll Freia suchen und aufwecken
Fabel freute sich unbeschreiblich bei diesen Worten Sie rief ihren
Begleitern Gold und Zink und nahte sich dem Ruhebette Ginnistan sah
erwartungsvoll ihrem Beginnen zu Gold schmolz die Münze und füllte das
Behältnis worin der Vater lag mit einer glänzenden Flut Zink schlang um
Ginnistans Busen eine Kette Der Körper schwamm auf den zitternden Wellen Bücke
dich liebe Mutter sagte Fabel und lege die Hand auf das Herz des Geliebten
Ginnistan bückte sich Sie sah ihr vielfaches Bild Die Kette berührte die
Flut ihre Hand sein Herz er erwachte und zog die entzückte Braut an seine
Brust Das Metall gerann und ward ein heller Spiegel Der Vater erhob sich
seine Augen blitzten und so schön und bedeutend auch seine Gestalt war so
schien doch sein ganzer Körper eine feine unendlich bewegliche Flüssigkeit zu
sein die jeden Eindruck in den mannigfaltigsten und reitzendsten Bewegungen
verriet
Das glückliche Paar näherte sich Sophien die Worte der Weihe über sie
aussprach und sie ermahnte den Spiegel fleißig zu Rate zu ziehen der alles in
seiner wahren Gestalt zurückwerfe jedes Blendwerk vernichte und ewig das
ursprüngliche Bild festalte Sie ergriff nun die Urne und schüttete die Asche
in die Schaale auf dem Altar Ein sanftes Brausen verkündigte die Auflösung und
ein leiser Wind wehte in den Gewändern und Locken der Umstehenden
Sophie reichte die Schaale dem Eros und dieser den Andern Alle kosteten den
göttlichen Trank und vernahmen die freundliche Begrüßung der Mutter in ihrem
Innern mit unsäglicher Freude Sie war jedem gegenwärtig und ihre
geheimnisvolle Anwesenheit schien alle zu verklären
Die Erwartung war erfüllt und übertroffen Alle merkten was ihnen gefehlt
habe und das Zimmer war ein Aufenthalt der Seligen geworden Sophie sagte das
große Geheimnis ist allen offenbart und bleibt ewig unergründlich Aus
Schmerzen wird die neue Welt geboren und in Tränen wird die Asche zum Trank
des ewigen Lebens aufgelöst In jedem wohnt die himmlische Mutter um jedes Kind
ewig zu gebären Fühlt ihr die süße Geburt im Klopfen eurer Brust
Sie goss in den Altar den Rest aus der Schaale hinunter Die Erde bebte in
ihren Tiefen Sophie sagte Eros eile mit deiner Schwester zu deiner Geliebten
Bald seht ihr mich wieder
Fabel und Eros gingen mit ihrer Begleitung schnell hinweg Es war ein
mächtiger Frühling über die Erde verbreitet Alles hob und regte sich Die Erde
schwebte näher unter dem Schleier Der Mond und die Wolken zogen mit frölichem
Getümmel nach Norden Die Königsburg strahlte mit herrlichem Glanze über das
Meer und auf ihren Zinnen stand der König in voller Pracht mit seinem Gefolge
Überall erblickten sie Staubwirbel in denen sich bekannte Gestalten zu bilden
schienen Sie begegneten zahlreichen Schaaren von Jünglingen und Mädchen die
nach der Burg strömten und sie mit Jauchzen bewillkommten Auf manchen Hügeln
saß ein glückliches eben erwachtes Paar in lang entbehrter Umarmung hielt die
neue Welt für einen Traum und konnte nicht aufhören sich von der schönen
Wahrheit zu überzeugen
Die Blumen und Bäume wuchsen und grünten mit Macht Alles schien beseelt
Alles sprach und sang Fabel grüßte überall alte Bekannte Die Tiere nahten
sich mit freundlichen Grüssen den erwachten Menschen Die Pflanzen bewirteten
sie mit Früchten und Düften und schmückten sie auf das Zierlichste Kein Stein
lag mehr auf einer Menschenbrust und alle Lasten waren in sich selbst zu einem
festen Fußboden zusammengesunken Sie kamen an das Meer Ein Fahrzeug von
geschliffenem Stahl lag am Ufer festgebunden Sie traten hinein und lösten das
Tau Die Spitze richtete sich nach Norden und das Fahrzeug durchschnitt wie im
Fluge die buhlenden Wellen Lispelndes Schilf hielt seinen Ungestüm auf und es
stieß leise an das Ufer Sie eilten die breiten Treppen hinan Die Liebe
wunderte sich über die königliche Stadt und ihre Reichtümer Im Hofe sprang der
lebendiggewordne Quell der Hain bewegte sich mit den süßesten Tönen und ein
wunderbares Leben schien in seinen heißen Stämmen und Blättern in seinen
funkelnden Blumen und Früchten zu quellen und zu treiben Der alte Held empfing
sie an den Toren des Pallastes Ehrwürdiger Alter sagte Fabel Eros bedarf
dein Schwert Gold hat ihm eine Kette gegeben die mit einem Ende in das Meer
hinunter reicht und mit dem andern um seine Brust geschlungen ist Fasse sie
mit mir an und führe uns in den Saal wo die Prinzessin ruht Eros nahm aus der
Hand des Alten das Schwert setzte den Knopf auf seine Brust und neigte die
Spitze vorwärts Die Flügeltüren des Saals flogen auf und Eros nahte sich
entzückt der schlummernden Freia Plötzlich geschah ein gewaltiger Schlag Ein
heller Funken fuhr von der Prinzessin nach dem Schwerdte das Schwert und die
Kette leuchteten der Held hielt die kleine Fabel die beinah umgesunken wäre
Eros Helmbusch wallte empor Wirf das Schwert weg rief Fabel und erwecke
deine Geliebte Eros ließ das Schwert fallen flog auf die Prinzessin zu und
küsste feurig ihre süßen Lippen Sie schlug ihre großen dunkeln Augen auf und
erkannte den Geliebten Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund
Von der Kuppel herunter kam der König mit Sophien an der Hand Die Gestirne
und die Geister der Natur folgten in glänzenden Reihen Ein unaussprechlich
heiterer Tag erfüllte den Saal den Pallast die Stadt und den Himmel Eine
zahllose Menge ergoss sich in den weiten königlichen Saal und sah mit stiller
Andacht die Liebenden vor dem Könige und der Königin knieen die sie feierlich
segneten Der König nahm sein Diadem vom Haupte und band es um Eros goldene
Locken Der alte Held zog ihm die Rüstung ab und der König warf seinen Mantel
um ihn her Dann gab er ihm die Lilie in die linke Hand und Sophie knüpfte ein
köstliches Armband um die verschlungenen Hände der Liebenden indem sie zugleich
ihre Krone auf Freias braune Haare setzte
Heil unsern alten Beherrschern rief das Volk Sie haben immer unter uns
gewohnt und wir haben sie nicht erkannt Heil uns Sie werden uns ewig
beherrschen Segnet uns auch Sophie sagte zu der neuen Königin Wirf du das
Armband eures Bundes in die Luft dass das Volk und die Welt euch verbunden
bleiben Das Armband zerfloss in der Luft und bald sah man lichte Ringe um jedes
Haupt und ein glänzendes Band zog sich über die Stadt und das Meer und die
Erde die ein ewiges Fest des Frühlings feierte Perseus trat herein und trug
eine Spindel und ein Körbchen Er brachte dem neuen Könige das Körbchen Hier
sagte er sind die Reste deiner Feinde Eine steinerne Platte mit schwarzen und
weißen Feldern lag darin und daneben eine Menge Figuren von Alabaster und
schwarzem Marmor Es ist ein Schachspiel sagte Sophie aller Krieg ist auf
diese Platte und in diese Figuren gebannt Es ist ein Denkmal der alten trüben
Zeit Perseus wandte sich zu Fabeln und gab ihr die Spindel In deinen Händen
wird diese Spindel uns ewig erfreuen und aus dir selbst wirst du uns einen
goldnen unzerreisslichen Faden spinnen Der Phönix flog mit melodischem Geräusch
zu ihren Füßen spreizte seine Fittiche vor ihr aus auf die sie sich setzte
und schwebte mit ihr über den Thron ohne sich wieder niederzulassen Sie sang
ein himmlisches Lied und fing zu spinnen an indem der Faden aus ihrer Brust
sich hervorzuwinden schien Das Volk geriet in neues Entzücken und aller Augen
hingen an dem lieblichen Kinde Ein neues Jauchzen kam von der Tür her Der
alte Mond kam mit seinem wunderlichen Hofstaat herein und hinter ihm trug das
Volk Ginnistan und ihren Bräutigam wie im Triumph einher
Sie waren mit Blumenkränzen umwunden die königliche Familie empfing sie mit
der herzlichsten Zärtlichkeit und das neue Königspaar rief sie zu seinen
Stattaltern auf Erden aus
Gönnet mir sagte der Mond das Reich der Parzen dessen seltsame Gebäude
eben auf dem Hofe des Pallastes aus der Erde gestiegen sind Ich will euch mit
Schauspielen darin ergötzen wozu die kleine Fabel mir behilflich sein wird
Der König willigte in die Bitte die kleine Fabel nickte freundlich und das
Volk freute sich auf den seltsamen unterhaltenden Zeitvertreib Die Hesperiden
ließ zur Tronbesteigung Glück wünschen und um Schutz in ihren Gärten bitten
Der König ließ sie bewillkommen und so folgten sich unzählige fröliche
Botschaften Unterdessen hatte sich unmerklich der Thron verwandelt und war
ein prächtiges Hochzeitbett geworden über dessen Himmel der Phönix mit der
kleinen Fabel schwebte Drei Karyatiden aus dunkelm Porphyr trugen es hinten
und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt Der König umarmte seine
errötende Geliebte und das Volk folgte dem Beispiel des Königs und liebkoste
sich unter einander Man hörte nichts als zärtliche Namen und ein Kussgeflüster
Endlich sagte Sophie Die Mutter ist unter uns ihre Gegenwart wird uns ewig
beglücken Folgt uns in unsere Wohnung in dem Tempel dort werden wir ewig
wohnen und das Geheimnis der Welt bewahren Die Fabel spann ämsig und sang mit
lauter Stimme
Gegründet ist das Reich der Ewigkeit
In Lieb und Frieden endigt sich der Streit
Vorüber ging der lange Traum der Schmerzen
Sophie ist ewig Priesterin der Herzen
Zweiter Teil Die Erfüllung
Das Kloster oder der Vorhof
Astralis
An einen Sommermorgen ward ich jung
Da fühlt ich meines eignen Lebens Puls
Zum erstenmal und wie die Liebe sich
In tiefere Entzückungen verlor
Erwacht ich immer mehr und das Verlangen
Nach innigerer gänzlicher Vermischung
Ward dringender mit jedem Augenblick
Wollust ist meines Daseins Zeugungskraft
Ich bin der Mittelpunkt der heilge Quell
Aus welchem jede Sehnsucht stürmisch fließt
Wohin sich jede Sehnsucht mannichfach
Gebrochen wieder still zusammen zieht
Ihr kennt mich nicht und saht mich werden
Wart ihr nicht Zeugen wie ich noch
Nachtwandler mich zum ersten Male traf
An jenem frohen Abend Flog euch nicht
Ein süßer Schauer der Entzündung an
Versunken lag ich ganz in Honigkelchen
Ich duftete die Blume schwankte still
In goldner Morgenluft Ein innres Quellen
War ich ein sanftes Ringen alles floss
Durch mich und über mich und hob mich leise
Da sank das erste Stäubchen in die Narbe
Denkt an den Kuss nach aufgehobnen Tisch
Ich quoll in meine eigne Flut zurück
Es war ein Blitz nun konnt ich schon mich regen
Die zarten Fäden und den Kelch bewegen
Schnell schossen wie ich selber mich begann
Zu irrdischen Sinnen die Gedanken an
Noch war ich blind doch schwankten lichte Sterne
Durch meines Wesens wunderbare Ferne
Nichts war noch nah ich fand mich nur von weiten
Ein Anklang alter so wie künftger Zeiten
Aus Wehmut Lieb und Ahndungen entsprungen
War der Besinnung Wachstum nur ein Flug
Und wie die Wollust Flammen in mir schlug
Ward ich zugleich vom höchsten Weh durchdrungen
Die Welt lag blühend um den hellen Hügel
Die Worte des Profeten wurden Flügel
Nicht einzeln mehr nur Heinrich und Matilde
Vereinten Beide sich zu Einem Bilde
Ich hob mich nun gen Himmel neugebohren
Vollendet war das irrdische Geschick
Im seligen Verklärungsaugenblick
Es hatte nun die Zeit ihr Recht verloren
Und forderte was sie geliehn zurück
Es bricht die neue Welt herein
Und verdunkelt den hellsten Sonnenschein
Man sieht nun aus bemoossten Trümmern
Eine wunderseltsame Zukunft schimmern
Und was vordem alltäglich war
Scheint jetzo fremd und wunderbar
Eins in allem und alles im Einen
Gottes Bild auf Kräutern und Steinen
Gottes Geist in Menschen und Tieren
Dies muss man sich zu Gemüte führen
Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit
Hier Zukunft in der Vergangenheit
Der Liebe Reich ist aufgetan
Die Fabel fängt zu spinnen an
Das Urspiel jeder Natur beginnt
Auf kräftige Worte jedes sinnt
Und so das große Weltgemüt
Überall sich regt und unendlich blüht
Alles muss in einander greifen
Eins durch das Andre gedeihn und reifen
Jedes in Allen dar sich stellt
Indem es sich mit ihnen vermischet
Und gierig in ihre Tiefen fällt
Sein eigentümliches Wesen erfrischet
Und tausend neue Gedanken erhält
Die Welt wird Traum der Traum wird Welt
Und was man geglaubt es sei geschehen
Kann man von weiten erst kommen sehen
Frei soll die Fantasie erst schalten
Nach ihrem Gefallen die Fäden verweben
Hier manches verschleiern dort manches entfalten
Und endlich in magischen Dunst verschweben
Wehmut und Wollust Tod und Leben
Sind hier in innigster Sympatie
Wer sich der höchsten Lieb ergeben
Genest von ihren Wunden nie
Schmerzhaft muss jenes Band zerreißen
Was sich ums innere Auge zieht
Einmal das treuste Herz verwaisen
Eh es der trüben Welt entflieht
Der Leib wird aufgelöst in Tränen
Zum weiten Grabe wird die Welt
In das verzehrt von bangen Sehnen
Das Herz als Asche niederfällt
Auf dem schmalen Fusssteige der ins Gebürg hinauflief ging ein Pilgrimm in
tiefen Gedanken Mittag war vorbei Ein starker Wind sauste durch die blaue
Luft Seine dumpfen mannichfaltigen Stimmen verloren sich wie sie kamen War
er vielleicht durch die Gegenden der Kindheit geflogen Oder durch andre redende
Länder Es waren Stimmen deren Echo nach im Innersten klang und dennoch schien
sie der Pilgrimm nicht zu kennen Er hatte nun das Gebürg erreicht wo er das
Ziel seiner Reise zu finden hoffte hoffte Er hoffte gar nichts mehr Die
entsetzliche Angst und dann die trockne Kälte der gleichgültigsten Verzweiflung
trieben ihn die wilden Schrecknisse des Gebürgs aufzusuchen Der mühselige Gang
beruhigte das zerstörende Spiel der innern Gewalten Er war matt aber still
Noch sah er nichts was um ihn her sich allmälich gehäuft hatte als er sich auf
einen Stein setzte und den Blick rückwärts wandte Es dünkte ihm als träume er
jetzt oder habe er geträumt Eine unübersehliche Herrlichkeit schien sich vor ihm
aufzutun Bald flossen seine Tränen indem sein Inneres plötzlich brach Er
wollte sich in die Ferne verweinen dass auch keine Spur seines Daseins übrig
bliebe Unter dem heftigen Schluchzen schien er zu sich selbst zu kommen die
weiche heitre Luft durchdrang ihn seinen Sinnen ward die Welt wieder
gegenwärtig und alte Gedanken fingen tröstlich zu reden an
Dort lag Augsburg mit seinen Türmen Fern am Gesichtskreis blinkte der Spiegel
des furchtbaren geheimnisvollen Stroms Der ungeheure Wald bog sich mit
tröstlichen Ernst zu dem Wanderer das gezackte Gebürg ruhte so bedeutend über
der Ebene und beide schienen zu sagen Eile nur Strom du entfliehst uns nicht
Ich will dir folgen mit geflügelten Schiffen Ich will dich brechen und halten
und dich verschlucken in meinen Schoos Vertraue du uns Pilgrimm es ist auch
unser Feind den wir selbst erzeugten Lass ihn eilen mit seinem Raub er
entflieht uns nicht
Der arme Pilgrimm gedachte der alten Zeiten und ihrer unsäglichen Entzückungen
Aber wie matt gingen diese köstlichen Errinnerungen vorüber Der breite Hut
verdeckte ein jugendliches Gesicht Es war bleich wie eine Nachtblume In
Tränen hatte sich der Balsamsaft des jungen Lebens in tiefe Seufzer sein
schwellender Hauch verwandelt In ein fahles Aschgrau waren alle seine Farben
verschossen
Seitwärts am Gehänge schien ihm ein Mönch unter einem alten Eichbaum zu knieen
Sollte das der alte Hofkaplan sein so dachte er bei sich ohne große
Verwunderung Der Mönch kam ihm größer und ungestalter vor je näher er zu ihm
trat Er bemerkte nun seinen Irrtum denn es war ein einzelner Felsen über den
sich der Baum herbog Stillgerührt fasste er den Stein in seine Arme und drückte
ihn lautweinend an seine Brust Ach dass doch jetzt deine Reden sich bewährten
und die heilge Mutter ein Zeichen an mir täte Bin ich doch so ganz elend und
verlassen Wohnt in meiner Wüste kein Heiliger der mir sein Gebet liehe Bete
du teurer Vater jetzt in diesem Augenblick für mich
Wie er so bei sich dachte fing der Baum an zu zittern Dumpf dröhnte der
Felsen und wie aus tiefer unterirrdischer Ferne erhoben sich einige klare
Stimmchen und sangen
Ihr Herz war voller Freuden
Von Freuden sie nur wußt
Sie wußt von keinem Leiden
Druckts Kindelein an ihr Brust
Sie küsst ihm seine Wangen
Sie küsst es mannichfalt
Mit Liebe ward sie umfangen
Durch Kindleins schöne Gestalt
Die Stimmchen schienen mit unendlicher Lust zu singen Sie wiederholten den Vers
einigemal Es ward alles wieder ruhig und nun hörte der erstaunte Pilger dass
jemand aus dem Baume sagte
Wenn du ein Lied zu meinen Ehren auf deiner Laute spielen wirst so wird ein
armes Mädchen herfürkommen Nimm sie mit und lass sie nicht von dir Gedenke
meiner wenn du zum Kayser kommst Ich habe mir diese Stätte ausersehn um mit
meinem Kindlein hier zu wohnen Lass mir ein starkes warmes Haus hier bauen
Mein Kindlein hat den Tod überwunden Härme dich nicht Ich bin bei dir Du
wirst noch eine Weile auf Erden bleiben aber das Mädchen wird dich trösten bis
du auch stirbst und zu unsern Freuden eingehst Es ist Mathildens Stimme rief
der Pilger und fiel auf seine Kniee um zu beten Da drang durch die Äste ein
langer Strahl zu seinen Augen und er sah durch den Strahl in eine ferne kleine
wundersame Herrlichkeit hinein welche nicht zu beschreiben noch kunstreich mit
Farben nachzubilden möglich gewesen wäre Es waren überaus feine Figuren und die
innigste Lust und Freude ja eine himmlische Glückseligkeit war darin überall
zu schauen sogar dass die leblosen Gefäße das Säulwerk die Teppiche
Zierraten kurzum alles was zu sehen war nicht gemacht sondern wie ein
vollsaftiges Kraut aus eigener Lustbegierde also gewachsen und zusammengekommen
zu sein schien Es waren die schönsten menschlichen Gestalten die dazwischen
umhergiengen und sich über die Maassen freundlich und holdselig gegen einander
erzeigten Ganz vorn stand die Geliebte des Pilgers und hatt es das Ansehen als
wolle sie mit ihm sprechen Doch war nichts zu hören und betrachtete der Pilger
nur mit tiefer Sehnsucht ihre anmutigen Züge und wie sie so freundlich und
lächelnd ihm zuwinkte und die Hand auf ihre linke Brust legte Der Anblick war
unendlich tröstend und erquickend und der Pilger lag noch lang in seliger
Entzückung als die Erscheinung wieder hinweggenommen war Der heilige Strahl
hatte alle Schmerzen und Bekümmernisse aus seinem Herzen gesogen so dass sein
Gemüt wieder rein und leicht und sein Geist wieder frei und fröhlich war wie
vordem Nichts war übriggeblieben als ein stilles inniges Sehnen und ein
wehmütiger Klang im Aller Innersten Aber die wilden Qualen der Einsamkeit die
herbe Pein eines unsäglichen Verlustes die trübe entsezliche Leere die
irrdische Ohnmacht war gewichen und der Pigrimm sah sich wieder in einer
vollen bedeutsamen Welt Stimme und Sprache waren wieder lebendig bei ihm
geworden und es dünkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender als
ehemals so dass ihm der Tod wie eine höhere Offenbarung des Lebens erschien
und er sein eigenes schnellvorübergehendes Dasein mit kindlicher heiterer
Rührung betrachtete Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm berührt und
einen innigen Verein geschlossen Er stand weit außer der Gegenwart und die Welt
ward ihm erst teuer wie er sie verloren hatte und sich nur als Fremdling in
ihr fand der ihre weiten bunten Säle noch eine kurze Weile durchwandern
sollte Es war Abend geworden und die Erde lag vor ihm wie ein altes liebes
Wohnhaus was er nach langer Entfernung verlassen wiederfände Tausend
Errinnerungen wurden ihm gegenwärtig Jeder Stein jeder Baum jede Anhöhe
wollte wiedergekannt sein Jedes war das Merkmal einer alten Geschichte
Der Pilger ergriff seine Laute und sang
1
Liebeszähren Liebesflammen
Fliesst zusammen
Heiligt diese Wunderstätten
Wo der Himmel mir erschienen
Schwärmt um diesen Baum wie Bienen
In unzähligen Gebeten
2
Er hat froh sie aufgenommen
Als sie kommen
Sie geschüzt vor Ungewittern
Sie wird einst in ihrem Garten
Ihn begiessen und ihn warten
Wunder tun mit seinen Splittern
3
Auch der Felsen ist gesunken
Freudentrunken
Zu der selgen Mutter Füßen
Ist die Andacht auch in Steinen
Sollte da der Mensch nicht weinen
Und sein Blut für sie vergießen
4
Die Bedrängten müssen ziehen
Und hier knieen
Alle werden hier genesen
Keiner wird fortan noch klagen
Alle werden fröhlich sagen
Einst sind wir betrübt gewesen
5
Ernste Mauern werden stehen
Auf den Höhen
In den Tälern wird man rufen
Wenn die schwersten Zeiten kommen
Keinem sei das Herz beklommen
Nur hinan zu jenen Stufen
6
Gottes Mutter und Geliebte
Der Betrübte
Wandelt nun verklärt von hinnen
Ewge Güte ewge Milde
O ich weiß du bist Matilde
Und das Ziel von meinen Sinnen
7
Ohne mein verwegnes Fragen
Wirst mir sagen
Wenn ich zu dir soll gelangen
Gern will ich in tausend Weisen
Noch der Erde Wunder preisen
Bis du kommst mich zu umfangen
8
Alte Wunder künftige Zeiten
Seltsamkeiten
Weichet nie aus meinem Herzen
Unvergesslich sei die Stelle
Wo des Lichtes heilge Quelle
Weggespült den Traum der Schmerzen
Unter seinem Gesang war er nichts gewahr worden Wie er aber aufsah stand ein
junges Mädchen nah bei ihm am Felsen die ihn freundlich wie einen alten
Bekannten grüßte und ihn einlud mit zu ihrer Wohnung zu gehen wo sie ihm schon
ein Abendessen zubereitet habe Er schloss sie zärtlich in seinen Arm Ihr ganzes
Wesen und Tun war ihm befreundet Sie bat ihn noch einige Augenblicke zu
verziehn trat unter den Baum sah mit einem unaussprechlichen Lächeln hinauf
und schüttete aus ihrer Schürze viele Rosen auf das Gras Sie kniete still
daneben stand aber bald wieder auf und führte den Pilger fort Wer hat dir von
mir gesagt frug der Pilgrimm Unsre Mutter Wer ist deine Mutter Die Mutter
Gottes Seit wann bist du hier Seitdem ich aus dem Grabe gekommen bin Warst du
schon einmal gestorben Wie könnt ich denn leben Lebst du hier ganz allein
Ein alter Mann ist zu Hause doch kenn ich noch viele die gelebt haben Hast du
Lust bei mir zu bleiben Ich habe dich ja lieb Woher kennst du mich O von
alten Zeiten auch erzählte mir meine ehmalige Mutter zeiter immer von dir
Hast du noch eine Mutter Ja aber es ist eigentlich dieselbe Wie hieß sie
Maria Wer war dein Vater Der Graf von Hohenzollern Den kenn ich auch Wohl
musst du ihn kennen denn er ist auch dein Vater Ich habe ja meinen Vater in
Eysenach Du hast mehr Eltern Wo gehen wir denn hin Immer nach Hause
Sie waren jetzt auf einen geräumigen Platz im Holze gekommen auf welchen
einige verfallne Türme hinter tiefen Gräben standen Junges Gebüsch schlang
sich um die alten Mauern wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines
Greises Man sah in die Unermesslichkeit der Zeiten und erblickte die weitesten
Geschichten in kleine glänzende Minuten zusammengezogen wenn man die grauen
Steine die blitzähnlichen Risse und die hohen schaurigen Gestalten
betrachtete So zeigt uns der Himmel unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet
und wie milchfarbne Schimmer so unschuldig wie die Wangen eines Kindes die
fernsten Heere seiner schweren ungeheuren Welten Sie gingen durch ein altes
Torweg und der Pilger war nicht wenig erstaunt als er sich nun von lauter
seltenen Gewächsen umringt und die Reitze des anmutigsten Gartens unter diesen
Trümmern versteckt sah Ein kleines steinernes Häuschen von neuer Bauart mit
großen hellen Fenstern lag dahinter Dort stand ein alter Mann hinter den
breitblättrigen Stauden und band die schwanken Zweige an Stäbchen Den Pilgrimm
führte seine Begleiterinn zu ihm und sagte Hier ist Heinrich nach den du mich
oft gefragt hast
Wie sich der Alte zu ihm wandte glaubte Heinrich den Bergmann vor sich zu
sehen Du siehst den Arzt Sylvester sagte das Mädchen Sylvester freute sich ihn
zu sehen und sprach Es ist eine geraume Zeit her dass ich deinen Vater eben so
jung bei mir sah Ich ließ es mir damals angelegen sein ihn mit den Schätzen
der Vorwelt mit der kostbaren Hinterlassenschaft einer zu früh abgeschiedenen
Welt bekannt zu machen Ich bemerkte in ihm die Anzeichen eines großen
Bildkünstlers Sein Auge regte sich voll Lust ein wahres Auge ein schaffendes
Werckzeug zu werden Sein Gesicht zeugte von innrer Festigkeit und ausdauernden
Fleis Aber die gegenwärtige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bei ihm
geschlagen Er wollte nicht Achtung geben auf den Ruf seiner eigensten Natur
Die trübe Strenge seines vaterländischen Himmels hatte die zarten Spitzen der
edelsten Pflanze in ihn verdorben Er ward ein geschickter Handwerker und die
Begeisterung ist ihm zur Torheit geworden Wohl versezte Heinrich hab ich in
ihm oft mit Schmerzen einen stillen Missmut bemerkt Er arbeitet unaufhörlich
aus Gewohnheit und nicht aus innrer Lust Es scheint ihm etwas zu fehlen was
die friedliche Stille seines Lebens die Bequemlichkeiten seines Auskommens die
Freude sich geehrt und geliebt von seinen Mitbürgern zu sehen und in allen
Stadtangelegenheiten zu Rate gezogen zu werden ihm nicht ersetzen kann Seine
Bekannten halten ihn für sehr glücklich aber sie wissen nicht wie lebenssatt
er ist wie leer ihm oft die Welt vorkommt wie sehnlich er sich hinwegwünscht
und wie er nicht aus Erwerblust sondern um diese Stimmung zu verscheuchen so
fleißig arbeitet
Was mich am Meisten wundert versezte Sylvester dass er eure Erziehung ganz
in den Händen eurer Mutter gelassen hat und sorgfältig sich gehütet in eure
Entwicklung sich zu mischen oder euch zu irgend einem bestimmten Stande
anzuhalten Ihr habt von Glück zu sagen dass ihr habt aufwachsen dürfen ohne
von euren Eltern die mindeste Beschränkung zu leiden denn die Meisten Menschen
sind nur Überbleibsel eines vollen Gastmahls das Menschen von verschiedenen
Appetit und Geschmack geplündert haben
Ich weis selbst nicht erwiderte Heinrich was Erziehung heißt wenn es
nicht das Leben und die Sinnesweise meiner Eltern ist oder der Unterricht
meines Lehrers des Hofkaplans Mein Vater scheint mir bei aller seiner kühlen
und durchaus festen Denkungsart die ihn alle Verhältnisse wie ein Stück Metall
und eine künstliche Arbeit ansehen lässt doch unwillkürlich und ohne es daher
selbst zu wissen eine stille Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen
unbegreiflichen und höheren Erscheinungen zu haben und daher das Aufblühen eines
Kindes mit demütiger Selbstverleugnung zu betrachten Ein Geist ist hier
geschäftig der frisch aus der unendlichen Quelle kommt und dieses Gefühl der
Überlegenheit eines Kindes in den allerhöchsten Dingen der unwiderstehliche
Gedanke einer nähern Führung dieses unschuldigen Wesens das jetzt im Begriff
steht eine so bedenkliche Laufbahn anzutreten bei seinen nähern Schritten das
Gepräge einer wunderbaren Welt was noch keine irrdische Flut unkenntlich
gemacht hat und endlich die Sympatie der Selbst Errinnerung jener fabelhaften
Zeiten wo die Welt uns heller freundlicher und seltsamer dünkte und der Geist
der Weissagung fast sichtbar uns begleitete alles dies hat meinem Vater gewiss
zu der andächtigsten und bescheidensten Behandlung vermocht
Lass uns hieher auf die Rasenbank unter die Blumen setzen unterbrach ihn der
Alte Zyane wird uns rufen wenn unser Abendessen bereit ist und wenn ich euch
bitten darf so fahrt fort mir von eurem frühern Leben etwas zu erzählen Wir
Alten hören am liebsten von den Kinderjahren reden und es dünkt mich als liesst
ihr mich den Duft einer Blume einziehn den ich seit meiner Kindheit nicht
wieder eingeatmet hätte Nur sagt mir noch vorher wie euch meine Einsiedelei
und mein Garten gefällt denn diese Blumen sind meine Freundinnen Mein Herz ist
in diesen Garten Ihr seht nichts was mich nicht liebt und von mir nicht
zärtlich geliebt wird Ich bin hier mitten unter meinen Kindern und komme mir
vor wie ein alter Baum aus dessen Wurzeln diese muntere Jugend ausgeschlagen
sei
Glücklicher Vater sagte Heinrich euer Garten ist die Welt Ruinen sind die
Mütter dieser blühenden Kinder Die bunte lebendige Schöpfung zieht ihre
Nahrung aus den Trümmern vergangner Zeiten Aber musste die Mutter sterben dass
die Kinder gedeihen können und bleibt der Vater zu ewigen Tränen allein an
ihrem Grabe sitzen
Sylvester reichte dem schluchzenden Jünglinge die Hand und stand auf um
ihm ein eben aufgeblühtes Vergissmeinnicht zu holen das er an einem
Zypressenzweig band und ihm brachte Wunderlich rührte der Abendwind die Wipfel
der Kiefern die jenseits den Ruinen standen Ihr dumpfes Brausen tönte herüber
Heinrich verbarg sein Gesicht in Tränen an dem Halse des guten Sylvester und
wie er sich wieder erhob trat eben der Abendstern in voller Glorie über den
Wald herüber
Nach einiger Stille fing Sylvester an Ich möcht euch wohl in Eysenach
unter euren Gespielen gesehen haben Eure Eltern die vortreffliche Landgräfin
die biederen Nachbarn eures Vaters und der alte Hofkaplan machen eine schöne
Gesellschaft aus Ihre Gespräche müssen frühzeitig auf euch gewürkt haben
besonders da ihr das einzige Kind wart Auch stell ich mir die Gegend äußerst
anmutig und bedeutsam vor
Ich lerne versezte Heinrich meine Gegend erst recht kennen seit ich weg
bin und viele andre Gegenden gesehen habe Jede Pflanze jeder Baum jeder Hügel
und Berg hat seinen besonderen Gesichtskreis seine eigentümliche Gegend Sie
gehört zu ihm und sein Bau seine ganze Beschaffenheit wird durch sie erklärt
Nur das Tier und der Mensch können zu allen Gegenden kommen Alle Gegenden sind
die Ihrigen So machen alle zusammen eine große Weltgegend einen unendlichen
Gesichtskreis aus dessen Einfluss auf den Menschen und das Tier eben so
sichtbar ist wie der Einfluss der engeren Umgebung auf die Pflanze Daher
Menschen die viel gereisst sind Zugvögel und Raubtiere unter den Übrigen sich
durch besonderen Verstand und andre wunderbare Gaben und Arten auszeichnen Doch
gibt es auch gewiss mehr oder weniger Fähigkeit unter ihnen von diesen
Weltkreisen und ihrem mannichfaltigen Inhalt und Ordnung gerührt und gebildet
zu werden Auch fehlt bei den Menschen wohl manchen die nötige Aufmerksamkeit
und Gelassenheit um den Wechsel der Gegenstände und ihre Zusammenstellung erst
gehörig zu betrachten und dann darüber nachzudenken und die nötigen
Vergleichungen anzustellen Oft fühl ich jetzt wie mein Vaterland meine frühsten
Gedanken mit unvergänglichen Farben angehaucht hat und sein Bild eine seltsame
Andeutung meines Gemüts geworden ist die ich immer mehr errate je tiefer ich
einsehe dass Schicksal und Gemüt Namen Eines Begriffs sind Auf mich sagte
Sylvester hat freilich die lebendige Natur die regsame Überkleidung der Gegend
immer am meisten gewirkt Ich bin nicht müde geworden besonders die verschiedene
Pflanzennatur auf das sorgfältigste zu betrachten Die Gewächse sind so die
unmittelbarste Sprache des Bodens Jedes neue Blatt jede sonderbare Blume ist
irgend ein Geheimnis was sich hervordrängt und das weil es sich vor Liebe und
Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann eine stumme ruhige Pflanze
wird Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume ist es da nicht als wäre
alles umher verklärt und hielten sich die kleinen befiederten Töne am liebsten
in ihrer Nähe auf Man möchte für Freuden weinen und abgesondert von der Welt
nur seine Hände und Füße in die Erde stecken um Wurzeln zu treiben und nie
diese glückliche Nachbarschaft zu verlassen Über die ganze trockne Welt ist
dieser grüne geheimnisvolle Teppich der Liebe gezogen Mit jedem Frühjahr wird
er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der
Blumenstraus des Orients Ewig wird er lesen und ich nicht satt lesen und
täglich neue Bedeutungen neue entzückendere Offenbarungen der liebenden Natur
gewahr werden Dieser unendliche Genuss ist der geheime Reitz den die Begehung
der Erdfläche für mich hat indem mir jede Gegend andre Rätsel löst und mich
immer mehr erraten lässt woher der Weg komme und wohin er gehe
Ja sagte Heinrich wir haben von Kinderjahren angefangen zu reden und von
der Erziehung weil wir in euren Garten waren und die eigentliche Offenbarung
der Kindheit die unschuldige Blumenwelt unmercklich in unser Gedächtnis und
auf unsre Lippen die Errinnerung der alten Blumenschaft brachte Mein Vater ist
auch ein großer Freund des Gartenlebens und die glücklichsten Stunden seines
Lebens bringt er unter den Blumen zu Dies hat auch gewiss seinen Sinn für die
Kinder so offen erhalten da Blumen die Ebenbilder der Kinder sind Den vollen
Reichtum des unendlichen Lebens die gewaltigen Mächte der späteren Zeit die
Herrlichkeit des Weltendes und die goldne Zukunft aller Dinge sehen wir hier noch
innig in einander geschlungen aber doch auf das deutlichste und klarste in
zarter Verjüngung Schon treibt die allmächtige Liebe aber sie zündet noch
nicht Es ist keine verzehrende Flamme es ist ein zerrinnender Duft und so
innig die Vereinigung der zärtlichen Seelen auch ist so ist sie doch von keiner
Heftigen Bewegung und keiner fressenden Wut begleitet wie bei den Tieren
So ist die Kindheit in der Tiefe zunächst an der Erde da hingegen die Wolken
vielleicht die Erscheinungen der zweiten höheren Kindheit des wiedergefundnen
Paradieses sind und darum so woltätig auf die Erstere heruntertauen
Es ist gewiss etwas sehr geheimnisvolles in den Wolken sagte Sylvester und
eine gewisse Bewölkung hat oft einen ganz wunderbaren Einfluss auf uns Sie ziehen
und wollen uns mit ihrem kühlen Schatten auf und davon nehmen und wenn ihre
Bildung lieblich und bunt wie ein ausgehauchter Wunsch unsers Innern ist so
ist auch ihre Klarheit das herrliche Licht was dann auf Erden herrscht wie
die Vorbedeutung einer unbekannten unsäglichen Herrlichkeit Aber es gibt auch
düstere und ernste und entsezliche Umwölkungen in denen alle Schreken der alten
Nacht zu drohen scheinen Nie scheint sich der Himmel wieder aufheitern zu
wollen das heitre Blau ist vertilgt und ein fahles Kupferrot auf schwarzgrauen
Grunde weckt Grauen und Angst in jeder Brust Wenn dann die verderblichen
Strahlen herunterzucken und mit höhnischen Gelächter die schmetternden
Donnerschläge hinterdrein fallen so werden wir bis ins Innerste beängstigt und
wenn in uns dann nicht das erhabene Gefühl unsrer sittlichen Obermacht entsteht
so glauben wir den Schrecknissen der Hölle der Gewalt böser Geister überliefert
zu sein
Es sind Nachhalle der alten unmenschlichen Natur aber auch weckende Stimmen
der höheren Natur, des himmlischen Gewissens in uns Das Sterbliche dröhnt in
seinen Grundvesten aber das Unsterbliche fängt heller zu leuchten an und
erkennt sich selbst
Wann wird es doch sagte Heinrich gar keiner Schrecken keiner Schmerzen
keiner Not und keines Übels mehr im Weltall bedürfen
Wenn es nur Eine Kraft gibt die Kraft des Gewissens Wenn die Natur
züchtig und sittlich geworden ist Es gibt nur Eine Ursache des Übels die
allgemeine Schwäche und diese Schwäche ist nichts als geringe sittliche
Empfänglichkeit und Mangel an Reitz der Freiheit
Macht mir doch die Natur des Gewissens begreiflich
Wenn ich das könnte so wär ich Gott denn indem man das Gewissen begreift
entsteht es Könnt ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen
Etwas Persönliches lässt sich nicht bestimmt abfragen
Wie viel weniger also das Geheimnis der höchsten Unteilbarkeit Lässt sich
Musik dem Tauben erklären
Also wäre der Sinn ein Anteil an der neuen durch ihn eröffneten Welt
selbst Man verstünde die Sache nur wenn man sie hätte
Das Weltall zerfällt in unendliche immer von größeren Welten wieder befasste
Welten Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich
zu allen Welten Aber alles hat seine Zeit und seine Weise Nur die Person des
Weltalls vermag das Verhältnis unsrer Welt einzusehn Es ist schwer zu sagen ob
wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Körpers wirklich unsre Welt mit
neuen Welten unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren können oder ob jeder
Zuwachs unsrer Erkenntnis jede neu erworbene Fähigkeit nur zur Ausbildung
unsers gegenwärtigen Weltsinns zu rechnen ist
Vielleicht ist beides Eins sagte Heinrich Ich weiß nur so viel dass für
mich die Fabel Gesamtwerckzeug meiner gegenwärtigen Welt ist Selbst das
Gewissen diese Sinn und Weltenerzeugende Macht dieser Keim aller
Persönlichkeit erscheint mir wie der Geist des Weltgedichts wie der Zufall
der ewigen romantischen Zusammenkunft des unendlich veränderlichen
Gesamtlebens
Werter Pilger versezte Sylvester das Gewissen erscheint in jeder ernsten
Vollendung in jeder gebildeten Wahrheit Jede durch Nachdenken zu einem
Weltbild ausgearbeitete Neigung und Fertigkeit wird zu einer Erscheinung zu
einer Verwandlung des Gewissens Alle Bildung führt zu dem was man nicht
anders wie Freiheit nennen kann ohnerachtet damit nicht ein bloßer Begrif
sondern der schaffende Grund alles Daseins bezeichnet werden soll Diese
Freiheit ist Meisterschaft Der Meister übt freie Gewalt nach Absicht und in
bestimmter und überdachter Folge aus Die Gegenstände seiner Kunst sind sein
und stehen in seinem Belieben und er wird von ihnen nicht gefesselt oder gehemmt
Und gerade diese allumfassende Freiheit Meisterschaft oder Herrschaft ist das
Wesen, der Trieb des Gewissens In ihm offenbart sich die heilige
Eigentümlichkeit das unmittelbare Schaffen der Persönlichkeit und jede
Handlung des Meisters ist zugleich Kundwerdung der hohen einfachen
unverwickelten Welt Gottes Wort
Also ist auch das was ehemals wie mich däucht Tugendlehre genannt wurde
nur die Religion als Wissenschaft die sogenannte Theologie im eigentlichsten
Sinn Nur eine Gesetzordnung die sich zur Gottesverehrung verhält wie die
Natur zu Gott Ein Wortbau eine Gedankenfolge die die Oberwelt bezeichnet
vorstellt und sie auf einer gewissen Stufe der Bildung vertritt Die Religion
für das Vermögen der Einsicht und des Urteils der Richtspruch das Gesetz der
Auflösung und Bestimmung aller möglichen Verhältnisse eines persönlichen Wesens
Allerdings ist das Gewissen sagte Sylvester der eingeborne Mittler jedes
Menschen Es vertritt die Stelle Gottes auf Erden und ist daher so Vielen das
höchste und letzte Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft die man
Tugend oder Sittenlehre nannte von der reinen Gestalt dieses erhabenen
weitumfassenden persönlichen Gedankens Das Gewissen ist der Menschen eigenstes
Wesen in voller Verklärung der himmlische Urmensch Es ist nicht dies und
jenes es gebietet nicht in allgemeinen Sprüchen es besteht nicht aus einzelnen
Tugenden Es gibt nur Eine Tugend den reinen ernsten Willen der im
Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschließt und wählt In
lebendiger eigentümlicher Unteilbarkeit bewohnt es und beseelt es das
zärtliche Sinnbild des menschlichen Körpers und vermag alle geistigen
Gliedmaassen in die wahrhafteste Tätigkeit zu versetzen
O trefflicher Vater unterbrach ihn Heinrich mit welcher Freude erfüllt
mich das Licht was aus euren Worten ausgeht Also ist der wahre Geist der Fabel
eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend und der eigentliche Zweck
der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des höchsten eigentümlichsten
Daseins Eine überraschende Selbsteit ist zwischen einem wahrhaften Liede und
einer edelen Handlung Das müßige Gewissen in einer glatten nicht widerstehenden
Welt wird zum fesselnden Gespräch zur alleserzählenden Fabel In den Fluren
und Hallen dieser Urwelt lebt der Dichter und die Tugend ist der Geist seiner
irrdischen Bewegungen und Einflüsse Sowie diese die unmittelbar wirkende
Gottheit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der höheren Welt ist
so ist es auch die Fabel Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner
Begeisterung oder wenn auch er einen höheren überirrdischen Sinn hat höheren
Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demut überlassen Auch in
ihm redet die höhere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Sprüchen in
erfreulichere bekanntere Welten Wie sich die Religion zur Tugend verhält so
die Begeisterung zur Fabellehre und wenn in heiligen Schriften die Geschichten
der Offenbarung aufbehalten sind so bildet in den Fabellehren das Leben einer
höheren Welt sich in wunderbarentstandnen Dichtungen auf mannichfache Weise ab
Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den
verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen und die Bibel und
die Fabellehre sind SternBilder Eines Umlaufs
Ihr redet völlig wahr sagte Sylvester und nun wird es euch wohl
begreiflich sein dass die ganze Natur nur durch den Geist der Tugend besteht und
immer beständiger werden soll Er ist das allzündende allbelebende Licht
innerhalb der irrdischen Umfassung Vom Sternhimmel diesem erhabenen Dom des
Steinreichs bis zu dem krausen Teppich einer bunten Wiese wird alles durch ihn
erhalten durch ihn mit uns verknüpft und uns verständlich gemacht und durch
ihn die unbekannte Bahn der unendlichen Naturgeschichte bis zur Verklärung
fortgeleitet
Ja und ihr habt vorher so schön für mich die Tugend an die Religion
angeschlossen Alles was die Erfahrung und die irrdische Wircksamkeit begreift
macht den Bezirk des Gewissens aus welches diese Welt mit höheren Welten
verbindet Bei höheren Sinnen entsteht Religion und was vorher unbegreifliche
Notwendigkeit unserer innersten Natur schien ein Allgesetz ohne bestimmten
Inhalt wird nun zu einer wunderbaren einheimischen unendlich mannichfaltigen
und durchaus befriedigenden Welt zu einer unbegreiflich innigen Gemeinschaft
aller Seligen in Gott und zur vernehmlichen vergötternden Gegenwart des
allerpersönlichsten Wesens oder seines Willens seiner Liebe in unserm tiefsten
Selbst
Die Unschuld eures Herzens macht euch zum Profeten erwiderte Sylvester
Euch wird alles verständlich werden und die Welt und ihre Geschichte verwandelt
sich euch in die heilige Schrift sowie ihr an der heiligen Schrift das große
Beispiel habt wie in einfachen Worten und Geschichten das Weltall offenbart
werden kann; wenn auch nicht gerade zu doch mittelbar durch Anregung und
Erweckung höherer Sinne
Mich hat die Beschäftigung mit der Natur dahin geführt wohin euch die Lust
und Begeisterung der Sprache gebracht hat Kunst und Geschichte hat mich die
Natur kennen gelehrt Meine Eltern wohnten in Sizilien unweit dem weltberühmten
Berge Aetna Ein bequemes Haus von vormaliger Bauart welches verdeckt von
uralten Kastanienbäumen dicht an den felsigen Ufern des Meers die Zierde eines
mit mannichfaltigen Gewächsen besezten Gartens ausmachte war ihre Wohnung In
der Nähe lagen viele Hütten in denen sich Fischer Hirten und Winzer
aufhielten Unsre Kammern und Keller waren mit allem was das Leben erhält und
erhöht reichlich versehn und unser Hausgeräte ward durch wohlerdachte Arbeit
auch den verborgenen Sinnen angenehm Es fehlte auch sonst nicht an
mannichfaltigen Gegenständen deren Betrachtung und Gebrauch das Gemüt über das
gewöhnliche Leben und seine Bedürfnisse erhoben und es zu einem angemessenern
Zustande vorzubereiten ihm den lautern Genuss seiner vollen eigentümlichen
Natur zu versprechen und zu gewähren schienen Man sah steinerne Menschen
Bilder mit Geschichten bemahlte Gefäße kleinere Steine mit den deutlichsten
Figuren und andre Gerätschaften mehr die aus andern und erfreulicheren Zeiten
zurückgeblieben sein mochten Auch lagen in Fächern übereinander viele
Pergamentrollen auf denen in langen Reihen Buchstaben die Kenntnisse und
Gesinnungen die Geschichten und Gedichte jener Vergangenheit in anmutigen und
künstlichen Ausdrücken bewahrt standen Der Ruf meines Vaters den er sich als
ein geschickter Sterndeuter zuwege brachte zog ihm zahlreiche Anfragen und
Besuche selbst aus entlegenern Ländern zu und da das Vorwissen der Zukunft
den Menschen eine sehr seltene und köstliche Gabe dünkt so glaubten sie ihre
Mitteilungen gut belohnen zu müssen so dass mein Vater durch die erhaltnen
Geschenke in den Stand gesezt wurde die Kosten seiner bequemen und genussreichen
Lebensart hinreichend bestreiten zu können
Tiecks Bericht über die Fortsetzung
Weiter ist der Verfasser nicht in Ausarbeitung dieses zweiten Teils gekommen
Diesen nannte er die Erfüllung so wie den ersten Erwartung weil hier alles
aufgelöst und erfüllt werden sollte was jener hatte ahnden lassen Es war die
Absicht des Dichters nach Vollendung des Ofterdingen noch sechs Romane zu
schreiben in denen er seine Ansichten der Physik des bürgerlichen Lebens der
Handlung der Geschichte der Politik und der Liebe so wie im Ofterdingen der
Poesie niederlegen wollte Ohne mein Erinnern wird der unterrichtete Leser sehen
dass der Verfasser sich in diesem Gedichte nicht genau an die Zeit oder an die
Person jenes bekannten Minnesängers gebunden hat obgleich alles an ihn und sein
Zeitalter erinnern soll Nicht nur für die Freunde des Verfassers sondern für
die Kunst selbst, ist es ein unersetzlicher Verlust dass er diesen Roman nicht
hat beendigen können dessen Originalität und große Absicht sich im zweiten
Teile noch mehr als im ersten würde gezeigt haben Denn es war ihm nicht darum
zu tun diese oder jene Begebenheit darzustellen eine Seite der Poesie
aufzufassen und sie durch Figuren und Geschichten zu erklären sondern er
wollte wie auch schon im letzten Kapitel des ersten Teils bestimmt angedeutet
ist das eigentliche Wesen der Poesie aussprechen und ihre innerste Absicht
erklären Darum verwandelt sich Natur Historie der Krieg und das bürgerliche
Leben mit seinen gewöhnlichsten Vorfällen in Poesie weil diese der Geist ist
der alle Dinge belebt
Ich will den Versuch machen so viel es mir aus Gesprächen mit meinem
Freunde erinnerlich ist und so viel ich aus seinen hinterlassenen Papieren
ersehen kann dem Leser einen Begriff von dem Plan und dem Inhalte des zweiten
Teiles dieses Werkes zu verschaffen
Dem Dichter welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen hat
erscheint nichts wiedersprechend und fremd ihm sind die Rätsel gelöst durch
die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknüpfen die Wunder
verschwinden und alles verwandelt sich in Wunder so ist dieses Buch gedichtet
und besonders findet der Leser in dem Märchen welches den ersten Teil
beschliesst die kühnsten Verknüpfungen hier sind alle Unterschiede aufgehoben
durch welche Zeitalter von ein ander getrennt erscheinen und eine Welt der
andern als feindselig begegnet Durch dieses Märchen wollte sich der Dichter
hauptsächlich den Übergang zum zweiten Teile machen in welchem die Geschichte
unaufhörlich aus dem Gewöhnlichsten in das Wundervollste überschweift und sich
beides gegenseitig erklärt und ergänzt der Geist, welcher den Prolog in Versen
hält sollte nach jedem Kapitel wiederkehren und diese Stimmung diese
wunderbare Ansicht der Dinge fortsetzen Durch dieses Mittel blieb die
unsichtbare Welt mit dieser sichtbaren in ewiger Verknüpfung Dieser sprechende
Geist ist die Poesie selber aber zugleich der siderische Mensch der mit der
Umarmung Heinrichs und Mathildens geboren ist In folgendem Gedichte welches
seine Stelle im Ofterdingen finden sollte hat der Verfasser auf die leichteste
Weise den innern Geist seiner Bücher ausgedrückt
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort
Der Gärtner welchen Heinrich spricht ist derselbe alte Mann der schon einmal
Ofterdingens Vater aufgenommen hatte das junge Mädchen welche Cyane heißt ist
nicht sein Kind sondern die Tochter des Grafen von Hohenzollern sie ist aus
dem Morgenlande gekommen zwar früh aber doch kann sie sich ihrer Heimat
erinnern sie hat lange in Gebirgen in welchen sie von ihrer verstorbenen
Mutter erzogen ist ein wunderliches Leben geführt einen Bruder hat sie früh
verloren einmal ist sie selbst in einem Grabgewölbe dem Tode sehr nahe
gewesen aber hier hat sie ein alter Arzt auf eine seltsame Weise vom Tode
errettet Sie ist heiter und freundlich und mit dem Wunderbaren sehr vertraut
Sie erzählt dem Dichter seine eigene Geschichte als wenn sie dieselbe einst von
ihrer Mutter so gehört hätte Sie schickt ihn nach einem entlegenen Kloster
dessen Mönche als eine Art von Geisterkolonie erscheinen alles ist hier wie
eine mystische magische Loge Sie sind die Priester des heiligen Feuers in
jungen Gemütern Er hört den fernen Gesang der Brüder in der Kirche selbst hat
er eine Vision Mit einem alten Mönch spricht Heinrich über Tod und Magie er
hat Ahndungen vom Tode und dem Stein der Weisen er besucht den Klostergarten
und den Kirchhof über den leztern findet sich folgendes Gedicht
Lobt doch unsre stillen Feste
Unsre Gärten unsre Zimmer
Das bequeme Hausgeräte
Unser Hab und Gut
Täglich kommen neue Gäste
Diese früh die andern späte
Auf den weiten Heerden immer
Lodert neue LebensGlut
Tausend zierliche Gefäße
Einst betaut mit tausend Tränen
Goldne Ringe Sporen Schwerdter
Sind in unserm Schatz
Viel Kleinodien und Juwelen
Wissen wir in dunkeln Hölen
Keiner kann den Reichtum zählen
Zählt er auch ohn Unterlass
Kinder der Vergangenheiten
Helden aus den grauen Zeiten
Der Gestirne Riesengeister
Wunderlich gesellt
Holde Frauen ernste Meister
Kinder und verlebte Greise
Sitzen hier in Einem Kreise
Wohnen in der alten Welt
Keiner wird sich je beschweren
Keiner wünschen fort zu gehen
Wer an unsern vollen Tischen
Einmal fröhlich saß
Klagen sind nicht mehr zu hören
Keine Wunder mehr zu sehen
Keine Tränen abzuwischen
Ewig läuft das Stundenglas
Tiefgerührt von heilger Güte
Und versenkt in selges Schauen
Steht der Himmel im Gemüte
Wolkenloses Blau
Lange fliegende Gewande
Tragen uns durch Frühlingsauen
Und es weht in diesem Lande
Nie ein Lüftchen kalt und rau
Süsser Reitz der Mitternächte
Stiller Kreis geheimer Mächte
Wollust rätselhafter Spiele
Wir nur kennen euch
Wir nur sind am hohen Ziele
Bald in Strom uns zu ergießen
Dann in Tropfen zu zerfließen
Und zu nippen auch zugleich
Uns ward erst die Liebe Leben
Innig wie die Elemente
Mischen wir des Daseins Fluten
Brausend Herz mit Herz
Lüstern scheiden sich die Fluten
Denn der Kampf der Elemente
Ist der Liebe höchstes Leben
Und des Herzens eigenes Herz
Leiser Wünsche süßes Plaudern
Hören wir allein und schauen
Immerdar in selge Augen
Schmecken nichts als Mund und Kuss
Alles was wir nur berühren
Wird zu heißen Balsamfrüchten
Wird zu weichen zarten Brüsten
Opfern kühner Lust
Immer wächst und blüht Verlangen
Am Geliebten festzuhangen
Ihn im Innern zu empfangen
Einst mit ihm zu sein
Seinem Durste nicht zu wehren
Sich im Wechsel zu verzehren
Von einander sich zu nähren
Von einander nur allein
So in Lieb und hoher Wollust
Sind wir immerdar versunken
Seit der wilde trübe Funken
Jener Welt erlosch
Seit der Hügel sich geschlossen
Und der Scheiterhaufen sprühte
Und dem schauernden Gemüte
Nun das Erdgesicht zerfloss
Zauber der Erinnerungen
Heilger Wehmut süße Schauer
Haben innig uns durchklungen
Kühlen unsre Glut
Wunden gibts die ewig schmerzen
Eine göttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen
Löst uns auf in Eine Flut
Und in dieser Flut ergießen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens
Tief in Gott hinein
Und aus seinem Herzen fließen
Wir zurück zu unserm Kreise
Und der Geist des höchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein
Schüttelt eure goldnen Ketten
Mit Smaragden und Rubinen
Und die blanken sauberen Spangen
Blitz und Klang zugleich
Aus des feuchten Abgrunds Betten
Aus den Gräbern und Ruinen
Himmelsrosen auf den Wangen
Schwebt ins bunte Fabelreich
Könnten doch die Menschen wissen
Unsre künftigen Genossen
Dass bei allen ihren Freuden
Wir geschäftig sind
Jauchzend würden sie verscheiden
Gern das bleiche Dasein missen
O die Zeit ist bald verflossen
Kommt Geliebte doch geschwind
Helft uns nur den Erdgeist binden
Lernt den Sinn des Todes fassen
Und das Wort des Lebens finden
Einmal kehrt euch um
Die Macht muss bald verschwinden
Dein erborgtes Licht verlassen
Werden dich in kurzem binden
Erdgeist deine Zeit ist um
Dieses Gedicht war vielleicht wiederum ein Prolog zu einem zweiten Kapitel
Jetzt sollte sich eine ganz neue Periode des Werkes eröffnen aus dem stillsten
Tode sollte sich das höchste Leben hervortun er hat unter Toten gelebt und
selbst mit ihnen gesprochen das Buch sollte fast dramatisch werden und der
epische Ton gleichsam nur die einzelnen Szenen verknüpfen und leicht erklären
Heinrich befindet sich plötzlich in dem unruhigen Italien das von Kriegen
zerrüttet wird er sieht sich als Feldherr an der Spitze eines Heeres Alle
Elemente des Krieges spielen in poetischen Farben er überfällt mit einem
flüchtigen Haufen eine feindliche Stadt hier erscheint als Episode die Liebe
eines vornehmen Pisaners zu einem Florentinischen Mädchen Kriegslieder »Ein
großer Krieg wie ein Zweikampf durchaus edel philosophisch human Geist der
alten Chevalerie Ritterspiel Geist der bacchischen Wehmut Die Menschen
müssen sich selbst untereinander töten das ist edler als durch das Schicksal
fallen Sie suchen den Tod Ehre Ruhm ist des Kriegers Lust und Leben Im
Tode und als Schatten lebt der Krieger Todeslust ist Kriegergeist Auf Erden
ist der Krieg zu Hause Krieg muss auf Erden sein« In Pisa findet Heinrich den
Sohn des Kaisers Friedrich des Zweiten der sein vertrauter Freund wird Auch
nach Loretto kommt er Mehrere Lieder sollten hier folgen
Von einem Sturm wird der Dichter nach Griechenland verschlagen Die alte
Welt mit ihren Helden und Kunstschätzen erfüllt sein Gemüt Er spricht mit
einem Griechen über die Moral Alles wird ihm aus jener Zeit gegenwärtig er
lernt die alten Bilder und die alte Geschichte verstehen Gespräche über die
griechischen Staatsverfassungen über Mythologie
Nachdem Heinrich die Heldenzeit und das Altertum hat verstehen lernen
kommt er nach dem Morgenlande nach welchem sich von Kindheit auf seine
Sehnsucht gerichtet hatte Er besucht Jerusalem er lernt orientalische Gedichte
kennen Seltsame Begebenheiten mit den Ungläubigen halten ihn in einsamen
Gegenden zurück er findet die Familie des morgenländischen Mädchens s den
IT die dortige Lebensweise einiger nomadischen Stämme Persische Märchen
Erinnerungen aus der ältesten Welt Immer sollte das Buch unter den
verschiedensten Begebenheiten denselben FarbenCharakter behalten und an die
blaue Blume erinnern durchaus sollten zugleich die entferntesten und
verschiedenartigsten Sagen verknüpft werden Griechische orientalische
biblische und christliche mit Erinnerungen und Andeutungen der Indischen wie
der nordischen Mythologie Die Kreuzzüge Das Seeleben Heinrich geht nach Rom
Die Zeit der Römischen Geschichte
Mit Erfahrungen gesättigt kehrt Heinrich nach Deutschland zurück Er findet
seinen Großvater einen tiefsinnigen Charakter Klingsohr ist in seiner
Gesellschaft Abendgespräche mit den beiden
Heinrich begibt sich an den Hof Friedrichs er lernt den Kaiser persönlich
kennen Der Hof sollte eine sehr würdige Erscheinung machen die Darstellung der
besten größten und wunderbarsten Menschen aus der ganzen Welt versammelt deren
Mittelpunkt der Kaiser selbst ist. Hier erscheint die größte Pracht und die
wahre große Welt Deutscher Charakter und Deutsche Geschichte werden deutlich
gemacht Heinrich spricht mit dem Kaiser über Regierung über Kaisertum dunkle
Reden von Amerika und OstIndien Die Gesinnungen eines Fürsten Mystischer
Kaiser Das Buch de tribus impostoribus
Nachdem nun Heinrich auf eine neue und größere Weise als im ersten Teile
in der Erwartung wiederum die Natur Leben und Tod Krieg Morgenland
Geschichte und Poesie erlebt und erfahren hat kehrt er wie in eine alte Heimat
in sein Gemüt zurück Aus dem Verständnis der Welt und seiner selbst entsteht
der Trieb zur Verklärung die wunderbarste Mährchenwelt tritt nun ganz nahe
weil das Herz ihrem Verständnis völlig geöffnet ist
In der Manessischen Sammlung der Minnesinger finden wir einen ziemlich
unverständlichen Wettgesang des Heinrich von Ofterdingen und Klingsohr mit
andern Dichtern statt dieses Kampfspieles wollte der Verfasser einen andern
seltsamen poetischen Streit darstellen den Kampf des guten und bösen Prinzips
in Gesängen der Religion und Irreligion die unsichtbare Welt der sichtbaren
entgegen gestellt »In bacchischer Trunkenheit wetten die Dichter aus
Enthusiasmus um den Tod« Wissenschaften werden poetisirt auch die Mathematik
streitet mit Indianische Pflanzen werden besungen Indische Mythologie in neuer
Verklärung
Dieses ist der letzte Akt Heinrichs auf Erden der Übergang zu seiner eignen
Verklärung Dieses ist die Auflösung des ganzen Werks die Erfüllung des
Mährchens welches den ersten Teil beschliesst Auf die übernatürlichste und
zugleich natürlichste Weise wird alles erklärt und vollendet die Scheidewand
zwischen Fabel und Wahrheit zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist
eingefallen Glauben Fantasie Poesie schließen die innerste Welt auf
Heinrich kommt in Sophieens Land in eine Natur wie sie sein könnte in
eine allegorische nachdem er mit Klingsohr über einige sonderbare Zeichen und
Ahndungen gesprochen hat Diese erwachen hauptsächlich bei einem alten Liede
welches er zufällig singen hört in welchem ein tiefes Wasser an einer
verborgenen Stelle beschrieben wird Durch diesen Gesang erwachen
längstvergessene Erinnerungen er geht nach dem Wasser und findet einen kleinen
goldenen Schlüssel welchen ihm vor Zeiten ein Rabe geraubt hatte und den er
niemals hatte wiederfinden können Diesen Schlüssel hatte ihm bald nach
Mathildens Tode ein alter Mann gegeben mit dem Bedeuten er solle ihn zum
Kaiser bringen der würde ihm sagen was damit zu tun sei Heinrich geht zum
Kaiser welcher hocherfreut ist und ihm eine alte Urkunde gibt in welcher
geschrieben steht dass der Kaiser sie einem Manne zum lesen geben sollte
welcher ihm einst einen goldenen Schlüssel zufällig bringen würde dieser Mann
würde an einem verborgenen Orte ein altes talismanisches Kleinod einen
Karfunkel zur Krone finden zu welchem die Stelle noch leer gelassen sei Der
Ort selbst ist auch im Pergament beschrieben Nach dieser Beschreibung macht
sich Heinrich auf den Weg nach einem Berge er trifft unterwegs den Fremden der
ihm und seinen Eltern zuerst von der blauen Blume erzählt hatte er spricht mit
ihm über die Offenbarung Er geht in den Berg hinein und Cyane folgt ihm
treulich nach
Bald kommt er in jenes wunderbare Land in welchem Luft und Wasser Blumen
und Tiere von ganz verschiedener Art sind als in unsrer irdischen Natur
Zugleich verwandelt sich das Gedicht stellenweise in ein Schauspiel »Menschen
Tiere Pflanzen Steine und Gestirne Elemente Töne Farben kommen zusammen
wie Eine Familie handeln und sprechen wie Ein Geschlecht« »Blumen und Tiere
sprechen über den Menschen« »Die Mährchenwelt wird ganz sichtbar die
wirkliche Welt selbst wird wie ein Märchen angesehen« Er findet die blaue
Blume es ist Matilde die schläft und den Karfunkel hat ein kleines Mädchen
sein und Mathildens Kind sitzt bei einem Sarge und verjüngt ihn »Dieses
Kind ist die Urwelt die goldne Zeit am Ende« »Hier ist die christliche
Religion mit der heidnischen ausgesöhnt die Geschichte des Orpheus der Psyche
und andere werden besungen«
Heinrich pflückt die blaue Blume und erlöst Mathilden von ihrem Zauber
aber sie geht ihm wieder verloren er erstarrt im Schmerz und wird ein Stein
»Edda die blaue Blume die Morgenländerinn Matilde opfert sich an dem
Steine er verwandelt sich in einen klingenden Baum Cyane haut den Baum um und
verbrennt sich mit ihm er wird ein goldner Widder Edda Matilde muss ihn
opfern er wird wieder ein Mensch Während dieser Verwandlungen hat er allerlei
wunderliche Gespräche«
Er ist glücklich mit Mathilden die zugleich die Morgenländerinn und Cyane
ist Das froheste Fest des Gemüts wird gefeiert Alles vorhergehende war Tod
Letzter Traum und Erwachen »Klingsohr kommt wieder als König von Atlantis
Heinrichs Mutter ist Fantasie der Vater ist der Sinn Schwaning ist der Mond
der Bergmann ist der Antiquar auch zugleich das Eisen Kaiser Friedrich ist
Arktur Auch der Graf von Hohenzollern und die Kaufleute kommen wieder« Alles
fließt in eine Allegorie zusammen Cyane bringt dem Kaiser den Stein aber
Heinrich ist nun selbst der Dichter aus jenem Märchen welches ihm vordem die
Kaufleute erzählten
Das selige Land leidet nur noch von einer Bezauberung indem es dem Wechsel
der Jahreszeiten unterworfen ist Heinrich zerstört das Sonnenreich Mit einem
großen Gedicht wovon nur der Anfang aufgeschrieben ist sollte das ganze Werk
beschlossen werden
Die Vermählung der Jahrszeiten
Tief in Gedanken stand der neue Monarch Er gedachte
Jetzt des nächtlichen Traums und der Erzählungen auch
Als er zu erst von der himmlischen Blume gehört und getroffen
Still von der Weissagung mächtige Liebe gefühlt
Noch dünkt ihm er höre die tiefeindringende Stimme
Eben verliesse der Gast erst den geselligen Kreis
Flüchtige Schimmer des Mondes erhellten die klappernden Fenster
Und in des Jünglings Brust tobe verzehrende Glut
Edda sagte der König was ist des liebenden Herzens
Innigster Wunsch was ist ihm der unsäglichste Schmerz
Sag es wir wollen ihm helfen die Macht ist unser und herrlich
Werde die Zeit nun du wieder den Himmel beglückst
Wären die Zeiten nicht so ungesellig verbände
Zukunft mit Gegenwart und mit Vergangenheit sich
Schlösse Frühling sich an den Herbst und Sommer an Winter
Wäre zu spielenden Ernst Jugend mit Alter gepaart
Dann mein süßer Gemahl versiegte die Quelle der Schmerzen
Aller Empfindungen Wunsch wäre dem Herzen gewährt
Also die Königin freudig umschlang sie der schöne Geliebte
Ausgesprochen hast du warlich ein himmlisches Wort
Was schon längst auf den Lippen der tiefer fühlenden schwebte
Aber den deinigen erst rein und gedeihlich entklang
Führe man schnell den Wagen herbei wir holen sie selber
Erstlich die Zeiten des Jahrs dann auch des Menschengeschlechts
Sie fahren zur Sonne und hohlen zuerst den Tag dann zur Nacht dann nach
Norden um den Winter alsdann nach Süden um den Sommer zu finden von Osten
bringen sie den Frühling von Westen den Herbst Dann eilen sie zur Jugend dann
zum Alter zur Vergangenheit wie zur Zukunft
Dieses ist was ich dem Leser aus meinen Erinnerungen und aus einzelnen
Worten und Winken in den Papieren meines Freundes habe geben können Die
Ausarbeitung dieser großen Aufgabe würde ein bleibendes Denkmal einer neuen
Poesie gewesen sein Ich habe in dieser Anzeige lieber trocken und kurz sein
wollen als in die Gefahr geraten von meiner Fantasie etwas hinzuzusetzen
Vielleicht rührt manchen Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie
mich der nicht mit einer andächtigern Wehmut ein Stückchen von einem
zertrümmerten Bilde des Raphael oder Korreggio betrachten würde
L T